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Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V., Hechingerstr.

203, 72072 Tübingen

IMI-Analyse 2004/038, ISSN 1611-213X


Hechingerstr. 203

Die Blaupause für Europas Kriege der Zukunft: 72072 Tübingen

Das European Defence Paper Tel 07071/ 49154


Fax 07071/ 49159
imi@imi-online.de
von Jürgen Wagner www.imi-online.de
08.12.2004

7.000 Soldaten umfasst die sogenannte ALTHEA- besseren Welt" einigte man sich erstmalig auf ein
Mission, die im Dezember 2004 die Führung des gemeinsames Strategiepapier. Auf dessen Grund-
Militäreinsatzes in Bosnien von der NATO über- lage wurde nun mit dem European Defence Paper
nahm. ALTHEA symbolisiert damit nach den auf Anweisung der EU-Regierungen eine weitere
bereits 2003 erfolgten Einsätzen auf dem Balkan Ausplanung künftiger EU-Kriege vorgenommen.
(Mazedonien) und in Afrika (Kongo) den - vorläu-
figen - Höhepunkt der Militarisierung der Ge- Die Zukunft europäischer Kriege: Das European
meinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU Defence Paper
(GASP). Über drei zentrale Dokumente wird diese Unter dem vollen Titel "Europäische Verteidi-
Militarisierung vorbereitet, legitimiert und weiter- gung: Ein Vorschlag für ein Weißbuch",2 veröf-
entwickelt: Während sich Europa mit seiner Ver- fentlicht vom Institute for Security Studies (ISS),
fassung endgültig von dem Projekt einer Zivil- dem wichtigsten EU-eigenen Think Tank, präsen-
macht verabschiedet, benennt die Europäische tierte eine hochrangig besetzte Expertengruppe
Sicherheitsstrategie Interessen, Bedrohungen und verschiedene militärische Einsatzoptionen, zu
Ambitionen mit denen europäische Militäreinsätze denen die EU ab 2010 in der Lage sein soll. Die-
künftig legitimiert werden sollen. Das "European ser Horrorkatalog wird allenthalben als Blaupause
Defence Paper" schließlich präzisiert den Zusam- für die weitere Entwicklung der europäischen
menhang zwischen EU-Interessen und künftigen Militärpolitik betrachtet und verdient deshalb
EU-Kriegen und entwirft hierfür konkrete größte Aufmerksamkeit.
Einsatzszenarien. Mehrere Aspekte sind an dem Dokument bemer-
kenswert. Vor allem zu nennen sind hierbei die
Der verfassungsrechtliche Abschied von der "Zi- Offenheit mit der der Zusammenhang zwischen
vilmacht EU" europäischen Interessen und aus ihnen abgeleite-
Geht es nach den Staat- und Regierungschefs der ten militärischen Einsatzoptionen benannt wird;
EU soll die von ihnen am 29. Oktober das Interesse an einer militärischen Absicherung
unterzeichnete Verfassung so schnell wie möglich der neoliberalen Weltwirtschaftsordnung; Präven-
ratifiziert werden. Falls es dazu kommen sollte ist tivkriege die nicht einmal vor nuklearen Einsatz-
spätestens dann das Projekt "Zivilmacht EU" optionen halt machen; die starke Betonung militä-
endgültig gescheitert, wie die friedens- bzw. risch für die Absicherung von Handels- und Roh-
militärpolitischen Bereiche der Verfassung zeigen. stoffströmen sorgen zu müssen; sowie das konkur-
Besonders problematisch sind die Festschreibung renzielle Verhältnis zu den Vereinigten Staaten.
weltweiter EU-Kampfeinsätze, eine explizite Für diese Interessenskomplexe entwirft das De-
Aufrüstungsverpflichtung und die Aushebelung fence Paper schließlich konkrete Einsatzszenarien
des Parlamentsvorbehalts hinsichtlich künftiger verbunden mit einer Analyse, welche Kapazitäten
Entscheidungen über EU-Interventionen.1 Durch derzeit noch fehlen, um diese Kriege künftig "er-
die im Dezember 2003 einvernehmlich folgreich" führen zu können.
verabschiedete Europäische Sicherheitsstrategie
(besser bekannt als "Solana-Papier") mit dem viel
versprechenden aber grob irreführenden Titel "Ein
sicheres Europa in einer besseren Welt" einigte
1
Die Rückkehr des Interessensbegriff Armutskonflikte unter Kontrolle zu halten, anstatt
Während man es lange Zeit eher vermied deutlich diese Ausbeutungspolitik zu beenden: "Die Globa-
europäische Interessen zu benennen, die gegebe- lisierung schafft auch Spannungen und Konflikte.
nenfalls auch militärisch gewahrt werden müssen, Ökonomische Krisen, versagende Regierungen,
lässt dass Defence Paper diesbezüglich jegliche ethnische Gewalt und religiöse Feindschaften
Zurückhaltung vermissen: "Die Union ist ein stra- werden durch den Graben zwischen den Besitzen-
tegischer Akteur mit Werten und Interessen die es den und den Habenichtsen verstärkt. Diese Trenn-
zu schützen und zu verbreiten gilt." (S. 13) Das linien kreuzen das alte geopolitische System, das
Papier unterscheidet dabei zwischen "Werteinte- auf Territorien und Souveränität basiert." (S. 16)
ressen" und "vitalen Interessen", aus diesen Inte- Eigentlich kann aus dieser Feststellung nur ein
ressen leitet es "Missionen" ab, die deren militäri- Schluss gezogen werden: Dass die Beendigung
schen Schutz beinhalten. der neoliberalen Ausbeutungspolitik die beste und
einzig vernünftige Sicherheitsstrategie darstellt.
Europas "Werteinteresse": Die militärische Absi- Da Europas Herrschende hierzu aus offensichtli-
cherung neoliberaler Globalisierung chen Gründen nicht bereits sind, werden militäri-
Dass Globalisierung und neoliberale Weltwirt- sche "Missionen" künftig alltäglich werden, um
schaftsordnung für Europas Strategen ein und Armutskonflikte, die diese Weltwirtschaftsord-
dasselbe sind, wird aus den entsprechenden Pas- nung gefährden könnten wortwörtlich zu bekämp-
sagen von Verfassung und Sicherheitsstrategie fen.4
ebenso deutlich, wie das Bestreben für die militä- Explizit benennt das Defence Paper bspws. den
rische Ausweitung und Absicherung dieser Ord- "Zusammenbruch staatlicher Strukturen in Afrika"
nung zu garantieren.3 als direkte Gefahr für Europa. (S. 20) Folgerichtig
Dieses Ziel wird im Defence Paper als "Werteinte- soll künftig die "superschnelle Einsatztruppe", wie
resse" definiert, das nur wenig verschleiert die Frankreichs Verteidigungsministerin Michèle Al-
Einhaltung "universell akzeptierter Normen und liot-Marie die neuen 1.500 Mann starken EU-
Werte" beinhalte. Generell strebe europäische Schlachtgruppen (battlegroups) nennt, „vor allem
Außenpolitik "die Stärkung einer regelbasierten in Afrika“ - aber natürlich nicht ausschließlich
internationalen Ordnung" (S. 13) an. Dabei wird dort, eingesetzt werden können.5
die Absicherung der neoliberalen Weltwirt-
schaftsordnung explizit zu einer militärischen Europas Imperium
Aufgabe erhoben, indem als "Missionen" folgende Im Defence Paper findet sich auch eine offensicht-
Maßnahmen genannt werden: "Stabilitätsexport lichen Anspielung auf die Schriften Robert Coo-
zur Sicherung und Stärkung fundamentaler Nor- pers, Javier Solanas rechter Hand. Genauso wie
men und Freiheiten; humanitäre Hilfe; Friedens- Cooper, der Europas regelbasierten Postmoder-
erhaltung; friedenschaffende Maßnahmen" (S. nismus feiert, frägt sich auch das ISS-Papier, ob
13). "der Postmodernismus in einer Region wirklich
funktionieren kann" (S. 21) und kommt natürlich
Werteinteresse Mission zu dem Schluss, man könne es sich nicht leisten,
Internationaler Friede und Stabilitätsexport zur Siche- dass Staaten sich außerhalb der Spielregeln der
Sicherheit rung und Stärkung interna- neoliberalen Weltwirtschaftsordnung bewegen.
tionalen Rechts Länder, die es an Demokratie und freien Märkten
Universell akzeptierte Stabilitätsexport zur Siche- vermissen lassen, würden automatisch zu "fehlge-
Normen und Werte rung und Stärkung funda- schlagenen Staaten, was den Terrorismus, Prolife-
mentaler Normen und
ration und manchmal beides befördert." (S. 26)
Freiheiten; humanitäre
Hilfe; Friedenserhaltung; Tatsächlich ist es die vom Neoliberalismus ausge-
friedenschaffende Maß- löste Verarmung, die die Hauptursache für das
nahmen Ausbrechen von gewaltsamen Konflikten in der
Quelle: European Defence Paper, S. 13 Dritten Welt ist, wie selbst die Weltbank inzwi-
schen einräumt.6 Trotzdem - oder besser deswe-
Interessant und wesentlich ist, dass der Zusam- gen - plädiert Cooper dennoch für den "freiwilli-
menhang zwischen neoliberaler Globalisierung, gen Imperialismus der globalen Ökonomie. Er
Verarmung weiter Teile der Welt und daraus re- wird normalerweise von einem internationalen
sultierender Konflikte explizit anerkannt wird. Konsortium durch internationale Finanzinstitutio-
Umso vielsagender ist es, dass man ausschließlich nen wie IWF und Weltbank ausgeübt."7
besorgt ist, militärisch den Dampfkessel dieser

2
Da eine Ablehnung der neoliberalen Weltwirt- dieren, also in der Fläche Ordnung herzustellen,
schaftsordnung aus Sicht der EU-Strategen letzt- und den Rest zu exkludieren. Es steht aber außer
lich zu einer Zunahme von Terrorismus und Proli- Frage, dass an diesen neuen 'imperialen Barbaren-
feration führt, spricht sich Cooper dafür aus, die grenzen' der Krieg endemisch wird, nämlich in
Segnungen des "Imperialismus der globalen Öko- Form von Pazifizierungskrieg aus dem Zentrum in
nomie" auch denjenigen zu teil werden zu lassen, die Peripherie hinein und in Form von Verwüs-
die seine Begeisterung hierfür aus verständlichen tungskrieg aus der Peripherie ins Zentrum." Die
Gründen nicht teilen, zur Not mit nicht ganz so Frage, "ob Europa überhaupt die Möglichkeit hat,
freiwilligen militärische Mitteln. So wird aus der dem Zwang zur Imperialität zu entgehen," - in
Verbreitung des neoliberalen Systems ein sicher- Anlehnung an das Defence Paper, die Frage ob
heitspolitisches Interesse erster Priorität: "Das Ziel "Postmodernismus in einer Region wirklich funk-
ist die Entstehung eines 'Rings von Freunden' in tionieren kann", beantwortet sich mit solchen
Osteuropa und dem Mittelmeer, aneinander ge- Analysen natürlich wie von selbst: "Irgendwann
bunden über gleiche Werte, offene Märkte und muss - und wird - Schluss mit der Erweiterung zu
Grenzen." (S. 24) Bedingungen der Vollintegration sein. [...] Dann
Dies erinnert nicht von ungefähr an Herfried entstehen an den Grenzen Europas jene Gefälle-
Münkler, seines Zeichens "Vater" der Theorie der strukturen, die typisch sind für imperiale Macht-
neuen Kriege und einer der prominentesten deut- formen. Deshalb werden wir lernen müssen, die
schen Politikwissenschaftler. Für Münkler bedingt Kategorie des Imperiums in Zukunft [...] vielmehr
das weltumspannende segensreiche neoliberale als eine alternative Ordnungskategorie des Politi-
System, dass den "Systemadministratoren" ähn- schen, nämlich als Alternative zur Form des Terri-
lich der Polizei im Inland ein legitimes Gewalt- torialstaates" zu denken.10 Letztlich spricht Münk-
monopol in Form ihres Militärs zukommt, um den ler damit lediglich offen aus, was implizit in der
"Sturz ins Chaos", von dem eine direkte Gefahr europäischen Verfassung, der Sicherheitsstrategie
für Europas Sicherheit ausgehe, zu verhindern.8 und im Defence Paper angelegt ist. Neben diesem
Für ihn dienen militärische Interventionen nicht eher allgemeineren Interesse an der Absicherung
mehr egoistischen einzelstaatlichen Interessen, des neoliberalen Weltwirtschaftsmodells, kommt
sondern dem "Gemeinwohl": Krieg wird zu einer das ISS-Papier aber auch auf handfestere Interes-
Frage der inneren Sicherheit umdefiniert. In die- sen zu sprechen.
sem Zusammenhang wundert es dann auch nicht
mehr weiter, wenn Imperialismus und die aber- Öl und Handel als vitale Interessen
witzige Idee eines Europäischen Imperiums plötz- Spätestens, wenn in einem europäischen Doku-
lich eine positive Konnotation erhalten: "Im Ge- ment der Begriff des "vitalen Interesses" (S. 13.)
folge der ökonomischen Imperialismustheorien auftaucht, der wie in amerikanischen Strategiepa-
haben wir uns daran gewöhnt, Imperien mit Un- pieren anzeigt, dass bei deren Bedrohung militäri-
terdrückung und Ausbeutung zu identifizieren. sche Einsätze selbstverständlich sind, sollten die
Genauso lassen sich Imperien aber auch als Frie- Alarmglocken läuten. Als ein solches "vitales In-
densgaranten, Aufseher über politische und kultu- teresse" benennt das Defence Paper die "ökonomi-
relle Werte und Absicherer großräumiger Han- sche Überlebensfähigkeit". Die hierfür erforderli-
delsbeziehungen und Wirtschaftsstrukturen be- che "Mission" sei der "Stabilitätsexport zum
greifen."9 Schutz von Handelsrouten und dem Fluss von
Da es im Inland wie im Ausland natürlich Verlie- Rohstoffen." (S. 13)
rer dieser Ordnung gibt plädiert Münkler folge-
richtig für "die Herstellung von imperialer Ord- Vitales Interesse Mission
nung zwecks Absicherung von Wohlstandszonen Die Integrität der Mit-Heimatverteidigung und
an den Rändern. In diesem Modell gibt es zentrale gliedsstaaten Konsequenzmanagement
Regionen, die müssen inkludiert, also territorial Ökonomische Überle- Stabilitätsexport zum Schutz
kontrolliert werden - das ist zum Beispiel die bensfähigkleit von Handelsrouten und dem
Golfregion." Offen wird von ihm eine Interventi- Fluss von Rohstoffen
Soziale und politische Die Bekämpfung organisier-
onspolitik Marke "The West Against the Rest"
Sicherheit ter Kriminalität und Stabili-
propagiert: "Der Zwang zu einer zunehmenden tätsexport zur Verhinderung
Politik der Intervention ist auch die Reaktion auf massiver Flüchtlingsströme
die Konsequenzen der Globalisierung an der Peri- Quelle: European Defence Paper, S. 13 (Hervorhebung JW)
pherie. Es bleibt die Frage, ob es gelingt, die zent-
ralen Bereiche in die Wohlstandszonen zu inklu-

3
Da man keinesfalls auf die militärische Wahrung Hervorhebung JW) Wie die hieraus abgeleiteten
seiner vitalen Interessen verzichten möchte, visiert Einsatzszenarien verdeutlichen - hierzu später
auch das Defence Paper eine Präventivkriegsstra- mehr - will man mit allen notfalls auch militäri-
tegie an. schen Mitteln sicherstellen, dass ein ölreiches
Land seine Ressourcen im Sinne Europas verwen-
Europäische Präventivkriege und das Ende der det. Dies bedeutet folgerichtig präventiv zu ver-
Abschreckung hindern, dass ein Land über die Fähigkeit verfügt
In Anlehnung an die amerikanische Nuklearstra- mittels Massenvernichtungsmittel ein solches Ein-
tegie, kommt auch das Defence Paper zu dem greifen abzuschrecken. Selbst die nukleare Option
Ergebnis, Terroristen könnten nicht abgeschreckt, wird dabei offengehalten.
also über die Drohung mit massiver Vergeltung
von einem Angriff abgehalten werden. "Klassi- Der "implizite" Atomkrieg
sche Abschreckung ist irrelevant gegen solche "Die Vorstellung eines nuklearen Angriffskrieges
Gruppen", weshalb "präemptive Operationen ent- ist jetzt auch auf europäischer Ebene verankert
weder mit polizeilichen oder militärischen Kräften worden. Lothar Rühl, ehemaliger Staatssekretär
gegen eine Gruppe und sein Netzwerk" notwendi- im deutschen Verteidigungsministerium und Mit-
ge Einsatzoptionen seien (S. 17). Mit dem autor des 'European Defence Paper', stellt zufrie-
erwähnten Netzwerk trägt das Papier dem offen- den fest, dass das Thema 'Präemption/Prävention'
sichtlichen Umstand Rechnung, dass solche Ope- in dem Dokument zwar vorwiegend unter dem
rationen notgedrungen in einem bestimmten Staat Aspekt von Kriegseinsätzen mit konventionellen
in dem terroristische Gruppen vermutet werden Streitkräften und operativen Spezialkräften be-
stattfinden müssen und übernimmt damit praktisch handelt wird. 'Immerhin' werde aber die Möglich-
die amerikanische Präventivkriegsstrategie. keit erwähnt, britische und französische Nuklear-
Während es im Falle von terroristischen Gruppen streitkräfte 'explizit oder implizit' einzubeziehen.12
zumindest umstritten ist, ob sie sich tatsächlich Im Papier selber heißt es bezüglich künftiger EU-
unter keinen Umständen abschrecken lassen, trifft Kriegseinsätze: "Wir haben es nicht vermieden
dies ganz sicher nicht für sogeannnte Schurken- Szenarien zu präsentieren, in welchen die nationa-
staaten zu. Bekanntlich ist deren oberstes Ziel der len Nuklearstreitkräfte europäischer Mitgliedstaa-
Erhalt ihrer staatlichen Integrität. Gerade hierin ten (Großbritannien und Frankreich) entweder
liegt die Ursache, weshalb viele von ihnen versu- explizit oder implizit in die Planung mit einfließen
chen an Massenvernichtungsmittel zu gelangen, könnten." (S. 68) Da Massenvernichtungsmittel,
da sie verständlicherweise bestrebt sind, sich vor die in tief verbunkerten Zielen lagern mit konven-
den teils recht unverhohlenen Interventionsdro- tionellen Mitteln nicht zu zerstören sind, ist nukle-
hungen und Ankündigungen militärischer Re- are Prävention bereits Bestandteil der nationalen
gimewechsel zu schützen.11 Doktrinen beider europäischer Atommächte.13
Dennoch kommt das ISS-Papier zu folgender Be- Dass in den konkreten Szenarien die nukleare
drohungsanalyse: "Als erstes besteht die Gefahr, Option nicht explizit erwähnt wird, dürfte eher
dass Pjöngjang eine ballistische Rakete mit 10.000 dem zu erwartenden Aufschrei innerhalb Europas
Kilometern Reichweite entwickeln könnte, die denn etwaiger moralischer Bedenken geschuldet
Europa direkt treffen könnte."(S. 18) Als ob Kim sein. Obwohl auch in dieser Frage eine weitge-
Jong Il keine anderen Sorgen hätte, als aus dem hende Überschneidung mit US-amerikanischen
Nichts heraus Europa anzugreifen und damit sein Strategiepapieren besteht, kommt im ISS-Papier
Schicksal endgültig zu besiegeln. Trotzdem müs- dennoch auch recht offen das konkurrenzielle
sen solche Szenarien herhalten, um das eigentliche Verhältnis zwischen Washington und Brüssel zur
Interesse zu verschleiern. Denn nicht das Versa- Sprache.
gen des Prinzips der Abschreckung ist das Prob-
lem, sondern, dass sie funktioniert, wie das De- Ami-bashing
fence Paper recht offen zugibt: "eine Nuklearisie- Das Defence Paper ist ein weiterer Schritt auf
rung des höchst instabilen Mittleren Ostens hätte Europas Weg "eine Supermacht auf dem europäi-
direkte Konsequenzen für Europa...Manche mö- schen Kontinent, ebenbürtig mit den Vereinigten
gen argumentieren, dass diese Proliferationsrisi- Staaten," zu werden, wie der ehemalige EU-
ken keine direkte militärische Gefahr für die Uni- Kommissar Romano Prodi das Hauptziel der Uni-
on als solche darstellen, aber da 50 Prozent des on formulierte.14 Das ISS-Papier konstatiert aller-
europäischen Energiebedarfs aus dieser Region dings nüchtern, dass Washington alles andere als
kommt, sind sie eine direkte Bedrohung." (S. 18f. gewillt ist, dies zuzulassen: "Die Arbeitshypothese

4
der Nationalen Sicherheitsstrategie unterstreicht scher Strukturen und/oder deren Massenvernich-
Amerikas unanfechtbare weltweite Vorherrschaft. tungsmittel führen zu können. Zwar ist in dem
Aber diese beispiellose Hegemonialposition ... Dokument permanent von nicht-staatlichen Akteu-
muss aufrechterhalten werden, um andere Staaten ren die Rede, selbstverständlich beinhalten solche
davon abzuhalten die amerikanische Machtfülle Einsätze aber immer - wie auch das im Papier
herauszufordern ... Keinem Staat wird es erlaubt, benannte Vorbild, Enduring Freedom in Afghanis-
mit den USA gleichzuziehen." (S. 30) tan zeigt - einen Angriff auf die Länder, die be-
Da dies offensichtlich mit den europäischen Präfe- schuldigt werden Terroristen zu beherbergen. Für
renzen kollidiert, folgt im Defence Paper eine diese Einsätze benötige man etwa 5.000 Soldaten,
ganze Litanei harscher Vorwürfe: Die USA hätten wobei ein weltweites Operationsgebiet vorgesehen
"revisionistische Ambitionen", sie verfolgten ei- ist. Nach einem solchen Einsatz müsse wahr-
nen "manichäischen Ansatz", geprägt von einer scheinlich eine friedenserhaltende Operation
"ideologischen Perspektive" sowie "missionari- durchgeführt werden. Defizite bestünden vor al-
schem Eifer" der "Krieg als Lösung der neuen lem in den Bereichen schnelle Verlegefähigkeit
Sicherheitsprobleme" betrachtet. (S. 35 Hervorhe- und Satellitenaufklärung, die es zu schließen gel-
bung im Original) Zwar treffen diese Beschuldi- te.(S. 87-93)
gungen weitgehend zu, aus dem Munde derjeni- 4. Heimatschutz
gen, die sich bspws. 1999 beim Überfall auf Ju- Europäisches Militär soll zur Verteidigung vor
goslawien noch prächtig mit den USA verstanden, terroristischen Angriffen innerhalb des EU-
wirft dieser neue kritische Ansatz Fragen nach Gebietes eingesetzt werden können. (S. 93-98)
dessen eigentlicher Motivation auf. Umso mehr, Dies soll wohl auch die Option eröffnen innereu-
da von den fünf im Defence Paper anvisierten ropäischen Unruhen, wie sie von Seiten des Mili-
Einsatzmöglichkeiten künftig vier unter alleiniger tärs vor allem hinsichtlich der massiven Verar-
europäischer Führung, also vollständig unabhän- mung der neuen EU-Mitglieder in Osteuropa be-
gig von Washington durchführbar sein sollen. fürchtet werden, gegebenenfalls militärisch zu
Dies ist ein deutliches Zeichen, dass man bestrebt begegnen.15
ist, notfalls auch gegen den Willen der USA eige- 5. Regionalkriege zur Verteidigung
ne Interessen wahrnehmen zu können. europäischer Interessen
Jegliche Masken werden im letzten Szenario
Die Praxis künftiger EU-Kriege fallengelassen: "Künftige regionale Kriege könn-
Aus den zuvor beschriebenen Interessen leitet das ten europäische Interessen tangieren ... indem
Papier folgende fünf Einsatzszenarien ab, zu de- europäische Sicherheit und Wohlstand direkt be-
nen europäisches Militär künftig in der Lage sein droht werden. Bspws. durch die Unterbrechung
soll: der Ölversorgung und/oder einer massiven Erhö-
hung der Energiekosten, [oder] der Störung der
1. Friedenserhaltene Einsätze Handels- und Warenströme." (S. 81) Konkret wird
Das Papier geht nach dem Vorbild des KFOR- folgendes offensichtlich an den Golfkrieg 1991,
Einsatzes im Kosovo von der Notwendigkeit aus, der auch offen als Vorbild benannt wird, erinnern-
30.000 Soldaten drei Jahre lang in einem Land zu de Szenario beschrieben: "In einem Land x, das an
stationieren, das bis zu 2.000 Kilometer um Brüs- den indischen Ozean grenzt haben anti-westliche
sel entfernt liegt. Die erforderlichen Kapazitäten Kräfte die Macht erlangt und benutzen Öl als
hierfür seinen bereits vorhanden. (S. 71-76) Waffe, vertreiben Westler und greifen westliche
2. Humanitäre Interventionen Interessen an."(S. 83) Ziel sei es "das besetzte
Im Falle angeblicher oder tatsächlicher humanitä- Gebiet zu befreien und die Kontrolle über einige
rer Katastrophen will man künftig mit 10.000 Sol- der Ölinstallationen, Pipelines und Häfen des
daten im Umkreis von 5.000 Kilometern um Brüs- Landes x zu erhalten." (S. 83)
sel Einsätze ein Jahr lang durchführen können. So Während alle vorherigen Szenarien von der EU
gut wie alle Fähigkeiten für derartige Interventio- entweder im Alleingang oder als alleinige Füh-
nen für die Bosnien und Ruanda als Vorbilder rungskraft bewältigt werden sollen, scheint letzte-
genannt werden, seien bereits vorhanden. (S. 76- res dann doch noch eine Nummer zu groß, da das
80) Defence Paper betont, ein solcher bis zu 4.500
3. Präventive Verhinderung eines Kilometer von Brüssel entfernter Einsatz könne
Angriffs mit Massenvernichtungsmitteln auf absehbare Zeit nur im Verbund mit den USA
Das Defence Paper betont die Notwendigkeit, bewältigt werden. Trotzdem zeigt die im Papier
künftig Präventivkriege zur Zerstörung terroristi- festgelegte Zielgröße einer europäischen Beteili-

5
gung mit 60.000 Soldaten an einer insgesamt
5
250.000 Truppen umfassenden Interventionsar- Lühr Henken: EU: Weichenstellungen zur Supermacht?
mee, dass man über eine stärkere Beteiligung auch Sicherheitsstrategie – Verfassung – „Battlegroups“, IMI-
größere Mitspracherechte anstrebt - die völlige Analyse 2004/035; Siehe auch THE BATTLEGROUPS
CONCEPT, Geopowers.com 10.2.2004,
Bedeutungslosigkeit mit der Washington europäi- http://www.geopowers.com/Allianzen/EU/akt_eu/RRF_B
sche bzw. deutsche und französische Interessen GConcept.pdf
während der letzten US-amerikanisch geführten 6
Vgl. World Bank, Breaking the Conflict Trap: Civil War
Kriege behandelte, ist keineswegs in Vergessen- and Development Policy, Oxford 2003; Siehe auch die
heit geraten und soll sich nicht nochmals wieder- Analyse von Michael Dauderstädt, Leiter der Internatio-
holen. nalen Politikanalyse der SPD-nahen Friedrich-Ebert-
Stiftung in Bonn, der zu dem Ergebnis kommt, dass der
Neoliberalismus bestenfalls keine positiven Effekte für
Ressourcen für den militärischen Leviathan EU die betroffenen Staaten der Dritten Welt zeitigte (Expor-
Auf Grundlage dieser Einsatzszenarien kommt das ting Stability to a Wider Europe: From a Flawed Union to
Defence Paper zu dem Ergebnis, dass zwischen Failing States, Internationale Politikanalyse - Europäische
150.000 und 200.000 Soldaten so schnell wie Politik, Oktober 2004).
7
möglich permanent für Auslandseinsätze verfüg- Siehe ausführlich zu Coopers Ausführungen und der
bar sein müssen. (S. 67) Der Abschied vom Kon- Europäischen Sicherheitsstrategie Wagner: Partner oder
Gegner, S. 12ff.
zept der Zivilmacht EU und der Landesverteidi- 8
Siehe vor allem Herfried Münkler: Angriff als beste
gung als einziger Aufgabe des Militärs spiegelt Verteidigung? Sicherheitsdoktrinen in der asymmetri-
sich auch in dem Ziel wieder langfristig 50% aller schen Konstellation, in: IPG, 3/2004, S. 22-37, insbeson-
europäischen Truppen für Kriegseinsätze abzustel- dere S. 23.
9
len.(S. 125) Herfried Münkler: Das imperiale Europa, in: Die Welt,
Natürlich muss für derart ambitionierte Groß- 29.10.04.
10
machtbestrebungen auch kräftig investiert werden. Alte Hegemonie und Neue Kriege: Herfried Münkler
und Dieter Senghaass im Streitgespräch, in: Blätter für
Defizite sehen die Autoren des Weißbuchs vor deutsche und internationale Politik, 5/04, S. 539-552, S.
allem hinsichtlich mangelhaft vorhandener Trans- 549f.
portkapazitäten und weltraumgestützter Aufklä- 11
Vgl. Jeffrey Record: Nuclear Deterrence, Preventive
rungsfähigkeiten. Insgesamt taxieren sie den In- War, and Counterproliferation, CATO Policy Analysis
vestitionsbedarf auf zusätzlich mindestens 40 no. 519, July 8, 2004, S. 1.
12
Mrd. Euro um die anvisierten Kriege führen zu Atomkrieg, Informationen zur deutschen Außenpolitik,
können.(S. 118) In dem Maße wie die Autoren des 11.10.2004, http://www.german-foreign-
policy.com/de/news/article/1097359200.php
Weißbuchs sich optimistisch äußern, die gesteck- 13
Bruno Tertrais: Nuclear policy: France stands alone, in:
ten Ziele in kürzester Zeit erreichen zu können, Bulletin for the Atomic Scientists, Volume 60, No. 4, pp.
sollte einem tatsächlich Angst und Bange werden 48-55; Hoon Suggests U.K. Nukes Will Counter WMD,
vor diesem militärischen Leviathan, den Europas BASIC Press Release, 20 March 2002.
14
Strategen derzeit aufbauen. Kupchan, Charles, The End of the American Era, New
York 2002, S. 155; Ähnlich äußert sich auch der französi-
sche Außenminister Barnier: "Frankreich will ‚ein Bünd-
Endnoten
nis zwischen Amerika und Europa“ schaffen, das auf
1
„zwei gleichgewichtigen Pfeilern ruht.’" (Henken: EU:
Vgl. zu den militärischen Aspekten der EU-Verfassung Weichenstellungen).
Tobias Pflüger: Vertragliche Militarisierung oder Warum 15
Vgl. hierzu Hannes Hofbauer: Osterweiterung: Vom
der EU-Verfassungsvertrag friedensgefährdend ist, in: Drang nach Osten zur peripheren EU-Integration, Wien
AUSDRUCK - Das IMI-Magazin (Dezember 2004). 2003, S. 204ff.
2
European Defence Paper: A Proposal for A White Paper,
Institute for Security Studies, Paris, May 2004. Alle fol-
genden Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf die-
sen Text. Jürgen Wagner ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied
3
Vgl. Jürgen Wagner: Partner oder Gegner? Die Militari- der Tübinger Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.
sierung der Europäischen Union und die Auswirkungen
auf die transatlantischen Beziehungen, IMI-Studie
2004/01, Tübingen, Februar 2004; Siehe auch Ulrich
Duchrow: Der Gott der EU-Verfassung, in: Zeitschrift für
IMI-Spendenkonto:
Entwicklungspolitik, Heft 5/6/2004.
4
Vgl. Claudia Haydt/Tobias Pflüger/Jürgen Wagner: Kreissparkasse Tübingen
Globalisierung und Krieg, AttacBasisText 5, Hamburg
BLZ 641 500 20
2003.
Konto 166 28 32