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Georg Simmel:

Philosophie des Geldes

Klaus Kraemer

Simmel, Georg. 1989. Philosophie des Geldes. Frankfurt/M.: Suhrkamp (Band 6 der Georg Sim-
mel-Gesamtausgabe, hrsg. von David F. Frisby und Klaus Christian Köhnke) (1. Aufl.: Leipzig:
Duncker & Humblot 1900).
Simmel, Georg. 1978. The Philosophy of Money. New York: Routledge (third enlarged edition,
edited by David Frisby: London: Routledge 2004).
Simmel, Georg. 1987. Philosophie de lʼargent. Paris: P.U.F.

Georg Simmel gehört neben Max Weber und Ferdinand Tönnies zur Gründergeneration der
Soziologie in Deutschland. Der Wirtschaftssoziologie gilt Simmel als wegweisender Pionier
einer Soziologie des Geldes. In einem seiner Hauptwerke, der Philosophie des Geldes von
1900 (vgl. zur Rezeptionsgeschichte Frisby 2004; zum zeitgeschichtlichen Kontext Poggi
1993), sichtet Simmel in außergewöhnlich breiter Weise historische, kulturphilosophische und
ökonomische Wissensbestände seiner Zeit, um auf dieser Grundlage die gesellschaftlichen
Voraussetzungen und Folgen der modernen Geldwirtschaft nachzuzeichnen. Bereits in der
„Vorrede“ der Philosophie des Geldes unterstreicht Simmel (S. 11), dass die moderne Geld-
wirtschaft „keineswegs nur eine nationalökonomische Tatsache“ sei. Vielmehr wirft Simmel
die Frage auf, welche Bedeutung die „geschichtliche Erscheinung des Geldes“ für „die Praxis
den Dingen gegenüber und den Gegenseitigkeitsverhältnissen der Menschen“ habe und wie
sich der Tausch von Gütern gegen Geld auf die „innere Welt“, auf das „Lebensgefühl der In-
dividuen“, auf die „Verkettung ihrer Schicksale“, und damit auf die „allgemeine Kultur“ (alle
Zitate 1989, S. 19) auswirke. Von der Analyse des Geldes erhofft sich Simmel nichts Geringe-
res als die Grundstrukturen der modernen Gesellschaft herauszuarbeiten, die praktischen und
ideellen Verhältnisse des modernen Individuums zur Welt. Für Simmel ist Geld weit mehr als
eine reine ökonomische Erfindung, um den Tausch von Gütern zu erleichtern oder eine kom-
plexe arbeitsteilige Produktion zu ermöglichen. Geld ist immer schon „Mittel, Material oder
Beispiel für die Darstellung der Beziehungen, die zwischen den äußerlichsten, realistischsten,
zufälligsten Erscheinungen und den ideellsten Potenzen des Daseins, den tiefsten Strömun-
gen des Einzellebens und der Geschichte bestehen“ (1989, S. 12). Methodisch zielen Simmels
kulturphilosophische, historische und soziologisch-formale Analysen des Geldes vor allem
darauf ab, „dem historischen Materialismus ein Stockwerk unterzubauen“ (1989, S. 13).

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 65


K. Kraemer und F. Brugger (Hrsg.), Schlüsselwerke der
Wirtschaftssoziologie, Wirtschaft + Gesellschaft,
DOI 10.1007/978-3-658-08184-3_5
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1 Rekonstruktion der zentralen Inhalte

Simmel beginnt seine Erörterungen in der Philosophie des Geldes (S. 23ff.) mit werttheo-
retischen Reflexionen, die er erkenntnistheoretisch begründet. Ausgangspunkt ist zunächst
die erkenntnistheoretische Kritik der Annahme, es gäbe ewig gültige, objektiv bestimm-
bare absolute (ökonomische) Werte. Für Simmel geht der Wert eines Objektes nicht aus
einer dinglichen Eigenschaft hervor. Dieser sei nicht vor dem Tausch bekannt. Er sei das
Ergebnis einer relativen Wertung durch das „Subjekt“ (S. 28). D.h. erst im Prozess des Be-
wertens werden Werte konstituiert. Werte entspringen allerdings nicht der freien Willkür
der Subjekte. Vielmehr vollzieht sich für Simmel jede Wertung in der Spannung oder
Überwindung der Spannung von „Distanz“ (quantitative Knappheit eines Objektes) und
„Begehren“ (eines Objekts durch Subjekte).
Simmels Wertrelativismus steht quer zu allen Versuchen, die Wertproblematik objekti-
vistisch zu lösen. Dies ist zunächst gegen alle Varianten der Arbeitswerttheorie von David
Ricardo bis Karl Marx gerichtet, menschliche Arbeitsleistungen zur Bestimmung eines
objektiven Wertmaßstabes von Arbeitsprodukten heranziehen: Der „Wert der Arbeit mißt
sich nicht an ihrem Quantum“ (S. 585). Die Wertung der Arbeit erfolgt erst im Tausch,
also wenn die Arbeitsprodukte auf Märkten auch tatsächlich nachgefragt werden. Sim-
mel knüpft an die subjektive Werttheorie (Grenznutzenlehre) an, rückt aber nicht die –
mutmaßlich erwartete oder immer schon vorhandene – „Brauchbarkeit“ oder „Nützlich-
keit“ eines Gutes in den Mittelpunkt, sondern seine „Begehrtheit“ (S. 75). Den Begriffen
„Brauchbarkeit“, „Nützlichkeit“ oder auch „Bedürfnisse“ haftet Simmel zufolge zu viel
Objektives an; und zwar in dem Sinne als ob allgemein gültige – oder sogar quantifizier-
bare – Aussagen darüber möglich wären, worin denn genau der gestiftete oder erwarte-
te Brauchbarkeitsnutzen besteht. Schließlich kann der Nutzen eines Gutes für jeden ein
anderer sein. Stattdessen zieht er den Begriff des „Begehrens“ vor, da dieser, wie Flotow
(1995, S. 94) betont, „ungebundener, freier, beliebiger“ sei und mit ihm die psychisch-so-
ziale „Aktivität“ wirtschaftlicher Akteure, z.B. die der Käufer, besser unterstrichen wer-
den könne. Die potentielle funktionale „Brauchbarkeit“ eines Gutes ist für Simmel nicht
per se ökonomisch wertstiftend, sondern erst das aktive „Begehren“ nach diesem. Nicht
alles potentiell Brauchbare wird nämlich auch tatsächlich nachgefragt. Ein Gut muss zu-
nächst knapp, also selten sein. Entscheidend ist nun: Erst wenn ein knappes Gut auch von
Subjekten begehrt ist, wird es nachgefragt. Das Begehren ist also eine unabdingbare Vo-
raussetzung dafür, dass einem Gut ein Wert zugeschrieben wird. Hieraus folgert Simmel,
dass erst in Tauschakten ökonomische Werte hervorgebracht werden.
Mit der Überlegung, dass die subjektive Begehrtheit eines Gutes wertbestimmend sei,
wendet sich Simmel nicht nur gegen objektivistische Werttheorien, sondern ebenso gegen
bestimmte Grundannahmen der subjektiven Werttheorie der Neoklassik. Hierbei sind
zwei Argumente leitend: Zum einen basiere die Vorstellung von subjektiven „Nutzen-
erwartungen“ auf einer mehr oder weniger problematischen Rationalitätsannahme. Für
Simmel ist das „Begehren“ objektiv nicht messbar. Auch werde im Tauschakt ein Gut
nicht im Sinne einer streng rationalen Abwägung bewertet. Zum anderen weist Simmel die
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Allgemeingültigkeit der Theorie des abnehmenden Grenznutzens zurück. Gültig sei sie
allenfalls, um die elementare Nachfrage nach Nahrung und Kleidung zu erklären. Proble-
matisch sei die Grenznutzentheorie hingegen, wenn man die Nachfrage nach Luxusgütern
erklären will. Andere Kulturgüter würden zwischen beiden Polen liegen. In jedem Falle
könne die Höhe des Preises nicht aus einem „Grenznutzen“ ausgeleitet werden.
Neben werttheoretischen Reflexionen geht Simmel in der Philosophie des Geldes der
Frage nach, was modernes Geld eigentlich ist, welche historischen Formen es im Prozess
der Herausbildung der Geldwirtschaft aus naturalwirtschaftlichen Verhältnissen ange-
nommen hat, an welche geistig-psychischen und gesellschaftlich-institutionellen Voraus-
setzungen die Verwendung des modernen Geldes gebunden ist und welche soziologischen
Makrotrends in modernen Gesellschaften mit der Geldverwendung verbunden sind.
Beginnen wir mit der übergreifenden Frage, die Simmel in der Philosophie des Geldes
aufwirft: Was ist das Besondere des modernen Geldes? Für Simmel ist modernes Geld
„reines Zeichengeld“ (S. 193), das durch keinerlei Substanzwerte wie Edelmetalle (Gold)
gedeckt ist. Simmel skizziert den Prozess der „Symbolwerdung“ (S. 170) des Geldes an-
hand zahlreicher kulturhistorischer Beispiele als Abfolge von drei Phasen. In der ersten
Phase handelt es sich solange um „wertkonkretes Geld“ (S. 170), wie seine Substanz, der
dingliche Wertträger – etwa Vieh, Salz, Baumwolle oder Felle – als wertvoll angesehen
wird. Die zweite Phase, die für Simmel den Übergang vom konkreten Substanzgeld zum
reinen Zeichengeld einläutet, ist durch „Schmuckgeld“ (S. 170) wie Gold oder Silber ge-
kennzeichnet, das den Höhepunkt und Abschluss der Phase des Substanzgeldes bildet.
In der dritten Phase setzt sich schließlich das reine Zeichengeld als „bloße Idee“ durch,
welche sich „an irgendein vertretendes Symbol knüpft“ (S. 165). Dieses Zeichengeld ist
substanzlos in dem Sinne, dass es keinen qualitativen Eigenwert besitzt. Es ist aber so-
lange wertvoll, wie es Wertrelationen von Gütern darstellt, also Warenwerte ins Verhält-
nis zueinander setzt und als allgemeines Tauschmittel akzeptiert wird. Zeichengeld zeigt
den relativen Wert von begehrten Gütern an. Dadurch ist es zugleich „absolutes Mittel“
(S. 305). Absolut ist dieses Mittel für Simmel aufgrund der „absoluten Unbestimmtheit
seiner Verwendung“ (S. 414). D.h. modernes Geld kann für beliebige Tauschzwecke ver-
wendet werden. Seine Zweckverwendung ist in einem absoluten Sinne offen.
Simmel zeichnet diese weit ausgreifende Verwendbarkeit des modernen Geldes sowohl
auf sozialer (1), sachlicher (2), räumlicher (3) und zeitlicher (4) Ebene nach: (1) In sozialer
Hinsicht kann Geld höchst indifferent benutzt werden. Geldgeschäfte können mit jeder
und jedem abgeschlossen werden; ganz gleich, in welcher sozialen Lage sich die Tausch-
partner befinden, welche „ständischen“ Lebensstile bevorzugt werden oder welcher eth-
nischen, nationalen und religiösen Glaubensgemeinschaft sie sich zugehörig fühlen. Auch
ist zwischen Marktakteuren ein Wertekonsens, der über basale Marktnormen hinausgeht,
nicht erforderlich. (2) Die absolute Verwendbarkeit des Geldes zeigt sich für Simmel auch
in sachlicher Hinsicht. Wenn man von den Refugien legal nicht marktfähiger Objekte
absieht, zu denen etwa politische Ämter, akademische Titel oder Gerichtsurteile gehören,
kann mit Geld so ziemlich alles zu Marktpreisen erworben werden. Geld symbolisiert
ein Leistungsversprechen für beliebige Zwecke und offeriert – in den Grenzen des ver-
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fügbaren Budgets – Eigentumschancen über buchstäblich alle Dinge, die auf Märkten
angeboten werden. Geld ist hierfür „bloß Mittel“ (S. 276). Mit dieser Formulierung spielt
Simmel auf die „reine Potentialität“ (S. 276) des Geldes an. Diese zeigt sich auch darin,
dass nicht nur Güter erworben werden können, die in der Gegenwart produziert worden
sind, sondern auch jene, die erst noch in der Zukunft erfunden werden müssen. (3) Die
absolute Verwendbarkeit des Geldes zeigt sich auch auf der räumlichen Ebene. Nichts
ist so mobil wie Geld. Es kann an beliebige Personen weitergegeben und gegen beliebige
Güter getauscht werden. Zugleich kann es von Ort zu Ort und von Region zu Region trans-
feriert werden, ohne dass irgendwelche nennenswerten Raumwiderstände zu überwinden
wären. (4) Und schließlich erstreckt sich die absolute Verwendbarkeit des Geldes auch auf
die zeitliche Dimension. Seine Nutzbarkeit ist nicht an bestimmte Termine oder Fristen
gebunden. Unter der Voraussetzung geringer Inflation kann Geld gespeichert und erst zu
einem späteren Zeitpunkt eingelöst werden. Das schafft soziale Sicherheiten vor den Un-
wägbarkeiten der Zukunft. Durch die Aufnahme von Krediten ist zudem ein zeitlicher
Vorgriff auf zukünftige Geldeinkünfte möglich.
Für Simmel erweitert modernes Geld die sozialen, sachlichen, zeitlichen und räum-
lichen Handlungshorizonte in beispielloser Weise. Das hat weitreichende Folgen für wirt-
schaftliche Prozesse und soziale Ordnungen. Die Auswirkungen des modernen Geldes
auf ökonomische Beziehungen beschreibt Simmel als fortschreitende Arbeitsteilung und
„Erleichterung des Verkehrs“, als „Mobilisierung der Werte“ und „Beschleunigung ihrer
Zirkulation“ sowie als „Kondensierung“ (alle Zitate S. 229) wirtschaftlicher Vorgänge.
Simmel besonderes Interesse gilt allerdings weitaus mehr den „Formen der Vergesell-
schaftung“ (1992), die mit der modernen Geldwirtschaft einhergehen. Vor allem fragt
er danach, wie sich eine verallgemeinerte Geldwirtschaft auf soziale Differenzierungs-
prozesse, auf die moderne Lebensführung und den „Stil des Lebens“ (S. 591ff.) auswirkt.
Die moderne Geldwirtschaft ermöglicht zuallererst eine „Individualisierung und Vergrö-
ßerung des sozialen Kreises“ (S. 470). Wirtschaftliche Akteure werden in die Lage ver-
setzt, beliebige Güter mit beliebigen Akteuren an beliebigen Orten gegen nichts als Geld
tauschen zu können. Sie sind nicht mehr gezwungen, Güter in kleinräumig überschau-
baren und sozial beengten Verhältnissen auszutauschen, in denen überdies die Modali-
täten des Gütertausches durch traditionale Konventionen festgelegt sind. Die „sozialen
Kreise“ der Akteure dehnen sich aus. Sie werden größer, vielfältiger bzw. heterogener
und dadurch auch individueller. An einer Fülle von Beispielen aus der europäischen Wirt-
schafts- und Sozialgeschichte zeichnet Simmel den Prozess der Herauslösung von Geld-
Ware-Beziehungen aus herrschaftlich-personalen Abhängigkeiten und sozialmoralischen
Verpflichtungen nach, die in vormodernen, ständisch strukturierten Sozialordnungen noch
allgegenwärtig sind.
Dieser Übergang zur modernen Geldwirtschaft wird als doppelte Versachlichung be-
schrieben: Versachlicht werden soziale Beziehungen, wenn sich Geld „zwischen Mensch
und Mensch“ (S. 665) schiebt. Es kommt, so Simmel, in Geld-Ware- Beziehungen nicht
mehr auf die persönliche Färbung der Akteure oder die besonderen sozialen Umstände
des Tauschgeschäfts an, sondern darauf, inwiefern die Waren- und Geldbesitzer die an
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sie adressierten reich sachlich-ökonomischen Erwartungen des Kaufens bzw. Verkaufens


erfüllen. Versachlicht werden allerdings nicht nur die sozialen Beziehungen zwischen
wirtschaftlichen Akteuren. Simmel hebt hervor, dass auch die Beziehungen zur Welt der
Dinge und Artefakte in dem Maße versachlicht werden, wie sich das Geld „zwischen
Mensch und Ware“ (S. 665) schiebt.
Im Gegensatz zu zahlreichen kulturkritischen Autoren des ausgehenden 19. und be-
ginnenden 20. Jahrhunderts beklagt Simmel diesen Prozess der Versachlichung in der
Philosophie des Geldes nicht einseitig als kulturelle Verarmung. Für ihn können die ge-
sellschaftlichen Wirkungen der modernen Geldwirtschaft nur als wechselseitiges Steige-
rungsverhältnis gedeutet werden (vgl. S. 403f.): Simmel hegt keine Zweifel, dass die über
Geldzahlungen vermittelten sozialen Beziehungen entpersonalisiert, versachlicht und da-
mit objektiviert werden. In der modernen Geldwirtschaft komme es lediglich darauf an,
die vertraglich vereinbarten Leistungen zu erfüllen. Hingegen könne die Persönlichkeit
des Käufers bzw. Verkäufers – oder auch dessen soziale Herkunft und Stellung – vollstän-
dig ausgeblendet werden. Mit der universellen Verwendung des modernen Geldes werde
paradoxerweise zugleich aber auch das Gegenteil von Entpersonalisierung möglich, näm-
lich die Individualisierung der Person. In der Philosophie des Geldes wird besonders ein-
drücklich Geld als Vehikel der „individuellen Freiheit“ (S. 375ff.) beschrieben. Mit der
Übergabe von Ware und Geld seien nämlich keine weiteren Verpflichtungen moralischer,
gemeinschaftlicher oder herrschaftlicher Natur verbunden. Die soziale Beziehung zwi-
schen Käufer und Verkäufer sei allenfalls eine temporäre, die mit dem Abschluss eines
Geschäftsvorgangs ende. Diese „eigentümliche Parallelbewegung“ (S. 403) von Versach-
lichung einerseits und Individualisierung andererseits gehe mit einem Wandel der For-
men von Abhängigkeit einher. Dauerhafte persönliche Abhängigkeitsbeziehungen, wie sie
etwa in der Guts- und Grundherrschaft bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa noch
anzutreffen waren, aber auch traditionale Subsistenz- und Hauswirtschaften kennzeich-
nen, verschwinden mit der Verallgemeinerung der Geldwirtschaft. Hingegen dominieren
existentielle sachliche Abhängigkeiten der (individualisierten) Einzelnen von der Leis-
tungserbringung potentiell unendlich vieler anderer Wirtschaftsakteure. Selbst die „ele-
mentaren Notwendigkeiten“ (S. 395) wie Nahrung, Kleidung und Wohnung können nicht
autark, sondern nur mittels einer funktionierenden Geldwirtschaft befriedigt werden. Vor
diesem Hintergrund interpretiert Simmel modernes Geld als „substanzgewordene[r] Sozi-
alfunktion[en]“ (S. 209). Der Geld-Ware-Tausch bringe aus dem „bloßen Nebeneinander
der Individuen ihre innerliche Verknüpfung zustande“ (S. 209). Die Geldwirtschaft be-
wirkt nach Simmel also nicht eine insulare Vereinzelung oder Atomisierung, sondern eine
Vergesellschaftung der Individuen.
Für Simmel ist der Aufstieg der modernen Geldwirtschaft zugleich mit einer grund-
legenden Umwälzung der Eigentums- und Statusordnung verbunden. Geld repräsentiere
eine historisch einzigartige „Steigerung“ (S. 413) von Eigentumschancen. Im Falle des
privaten Sacheigentums kann ein ganz spezielles Eigentumsobjekt exklusiv genutzt wer-
den. Demgegenüber bedeutet „Eigentum an Geld die Möglichkeit der Nutznießung un-
bestimmt vieler Sachen“ (S. 413). Nach Simmel relativiert das Geld die für vormoderne
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Sozialordnungen so maßgebliche Statusbedeutung des Eigentums an Dingen bzw. „Land“.


Geld fungiert fortan als abstrakter Eigentumstitel, der die Institution des Sach- und Grund-
eigentums transzendiert. Der Sach- oder Grundeigentümer stößt rasch an die physischen
„Schranken des Besitzens“ (S. 441). Hingegen kann der Geldbesitzer vom Eigentum zu-
rechenbarer Objekte abstrahieren, ohne zugleich auf potentielle Eigentumschancen ver-
zichten zu müssen. Hierin sieht Simmel das eigentümliche „Herrschaftsgefühl“ (S. 441)
begründet, das dem Geldbesitzer gewährt wird. Und an anderer Stelle heißt es, dass der
Geldbesitz „Haben und Sein gegeneinander verselbständigt“ (S. 428).
Neben dieser herausragenden Bedeutung des Geldes für die Eigentums- und Statusord-
nung verweist Simmel u.a. noch auf eine weitere Besonderheit, die allerdings erst wirksam
werden kann, sofern ein Geldbesitzer über relevantes Geldvermögen verfügt, das nicht
für konsumtive Zwecke benötigt wird. Geld kann für einfache Tauschzwecke verwendet
werden. Mit Geld kann aber auch spekuliert werden. Zwar werden in der Philosophie des
Geldes soziale Ungleichheiten in der modernen Geldwirtschaft nicht eigens thematisiert.
Auch unterscheidet Simmel nicht systematisch zwischen Geld und Kapital. Gleichwohl
gibt sich Simmel keinen Illusionen hin, dass die von ihm beschriebene Potentialität des
Geldes nur der vermögende Geldbesitzer wirklich ausschöpfen kann. Es fängt damit an,
dass „der Reiche nicht nur durch das wirkt, was er tut, sondern auch durch das, was er
tun könnte“ (S. 276). Entscheidend ist für Simmel vor allen Dingen, dass der Vermögende
nicht einfach nur mehr Möglichkeiten hat, hier und heute mehr zu kaufen oder für morgen
mehr zu sparen. Dies alles sind lediglich quantitative Vorteile gegenüber Nichtvermö-
genden. Der qualitative Unterschied besteht darin, dass der Vermögende ein Vielfaches
dessen, was durchschnittliche Geldbesitzer sparen können, so anlegen kann, dass die spe-
kulativen Veranlagungserträge wie etwa Dividenden oder Kursgewinne an den Börsen
als Hebel wirken. Simmel hat diesen Effekt als „Superadditum des Reichtums“ (S. 276
u. S. 343) beschrieben. Insofern nimmt auch nicht der Grenznutzen des Geldes mit der
Menge ab, in der es zur Verfügung steht, sondern zu.

2 Theoretischer Kontext

Simmels Soziologie ist – in der frühen und mit gewissen Abstrichen in der mittleren
Werkphase (vgl. im Überblick Junge 2009) – ein Plädoyer gegen substantialistische Auf-
fassungen von Gesellschaft. In dem Aufsatz Über sociale Differenzierung von 1890 in-
sistiert er darauf, dass Gesellschaft „kein einheitlich feststehender, sondern ein gradu-
eller Begriff“ (1989 [1890], S. 131) sei, der von allen mythischen Vorstellungen befreit
werden müsse. Nach Simmel kommt der Soziologie die Aufgabe zu, ausgehend von den
einzelnen Bestandteilen des jeweiligen Untersuchungsfeldes, die sozialen Beziehungen
und Wechselwirkungen und damit die „Formen der Vergesellschaftung“ (1992 [1908]) in
ihrer relationalen Bedeutsamkeit zu analysieren. Auch in der erstmals 1900 erschienenen
Philosophie des Geldes bildet dieser Relativismus den erkenntnistheoretischen Anker-
punkt. Geld ist für Simmel das Symbol des Relativismus schlechthin, es bringe als „real
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wirksamer Träger“ wie als „abspiegelndes Symbol“ (S. 716) den relativistischen Charakter
der menschlichen Existenz zum Ausdruck: „Je mehr das Leben der Gesellschaft ein geld-
wirtschaftliches wird, desto wirksamer und deutlicher prägt sich […] der relativistische
Charakter des Seins aus, da das Geld nichts anderes ist, als die in einem Sondergebilde
verkörperte Relativität der wirtschaftlichen Gegenstände“ (S. 716).
Im ersten „analytischen Teil“ (S. 23ff.) der Philosophie des Geldes geht Simmel der
wertphilosophischen Frage nach, was ökonomische Werte eigentlich sind und beant-
wortet diese in Abgrenzung zu objektivistischen Arbeitswerttheorien wertrelativistisch.
Wie dargelegt geht dieser Wertrelativismus so weit, dass die Rationalitätsannahme der
subjektiven Werttheorie ebenfalls in Zweifel gezogen wird. Im zweiten „synthetischen
Teil“ (S. 375ff.) wendet sich Simmel der Frage nach den über moderne Geldbeziehungen
gestifteten sozialen Wechselwirkungen auf Kultur, Individuum und Gesellschaft zu und
beschreibt die zuweilen paradox anmutenden Freiheits- und Abhängigkeitswirkungen,
die Distanzierungs- und Individualisierungswirkungen sowie die Unbegrenztheits- und
Beschleunigungseffekte des Geldes auf die moderne Lebensführung (vgl. zusammenfas-
send Flotow 1995, S. 138ff.).1 Hierbei demonstriert Simmel, dass dem Geld eine weit über
das im engeren Sinne Ökonomische hinausweisende Bedeutung für den sozialen Wandel
zukommt. Für ihn ist das moderne „Symbolgeld“ sogar ein zentraler Schlüssel, um den
Prozess der sozialen Differenzierung in modernen Gesellschaften erklären zu können.
Auch für die Wirtschaftssoziologie ist die Philosophie des Geldes ein epochales Werk.
Mit Simmel lässt sich nämlich zeigen, dass sich eine Beziehung zwischen wirtschaftlichen
Akteuren, etwa die zwischen Käufer und Verkäufer, soziologisch nicht darin erschöpft,
sondern immer schon auf eine triadische Beziehung verweist, die zwischen den betreffen-
den Austauschenden und einem Dritten gestiftet werden muss, wenn nicht die Erwartung
enttäuscht werden soll, dass das im Tauschakt verwendete Geld auch für nachfolgende
wirtschaftliche Vorgänge benutzbar ist. Die klassische Antwort auf das soziologische
Problem, warum wirtschaftliche Akteure eigentlich bereit sind, gute Ware gegen reines
Zeichengeld hinzugeben, geht auf Simmel zurück. In der Philosophie des Geldes heißt es,
dass zwischen Käufer und Verkäufer eine „dritte Instanz“ tritt. Darunter versteht Simmel
„die soziale Gesamtheit, die für das Geld einen entsprechenden Realwert zur Verfügung
stellt“. Und weiter wird ausgeführt, dass „alles Geld nur eine Anweisung auf die Gesell-
schaft ist; sie erscheint gleichsam als ein Wechsel, in dem der Name des Bezogenen nicht
ausgefüllt ist“ (alle Zitate S. 213). Diese „soziale Gesamtheit“ wird durch den modernen
Staat bzw. der Geld „emittierenden Regierung“ (S. 215) repräsentiert. Ein funktionieren-
der Geldverkehr ist für Simmel an die Existenz einer Zentralinstanz (Staat) gebunden,

1 Werkgeschichtlich verortet Flotow (1995, S. 11ff.) die Philosophie des Geldes zwischen der re-
lativistischen Ausrichtung des Frühwerks und der Kulturkritik des Spätwerks. Simmel (S. 621)
diagnostiziert eine durch die moderne Geldwirtschaft vorangetriebene, historisch beispiello-
se quantitative und qualitative Erweiterung der „objektiven Kultur“, der er einen Verlust an
„subjektiver Kultur“ gegenüber stellt. In der Philosophie des Geldes wird dieser Prozess noch
ambivalent gedeutet. Erst in seinem Spätwerk avanciert Simmel zu einem Kritiker des „Mam-
monismus“.
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die die jeweilige Währung als legales Zahlungsmittel garantiert. Es muss allerdings noch
etwas anderes hinzukommen, damit reines Zeichengeld auch tatsächlich als Zahlungsmit-
tel akzeptiert wird: „Vertrauen zu dem Wirtschaftskreise“ (S. 215). Mit dem Begriff des
„Vertrauens“ bringt Simmel zum Ausdruck, dass wirtschaftliche Akteure Geld im Tausch
gegen Waren nur deswegen akzeptieren, weil sie eine problemlose Weiterverwendung in
zukünftigen Tauschakten unterstellen. Diese Unterstellung wird auch durch die in der
Vergangenheit tausendfach gemachte Erfahrung genährt, dass Geld gegen gute Waren ge-
tauscht werden kann. Diese auf zukünftige Tauschakte projizierte Erwartung ist allerdings
nur dann wahrscheinlich, wenn die Akteure mehr oder weniger Zutrauen in die Leistungs-
fähigkeit eines „Wirtschaftskreises“ haben. Simmel zeigt zudem, dass das Geldvertrauen
auch auf dem „Glaube[n]“ beruht, dass das Geld zum „gleichen Wert wieder auszugeben“
(S. 215), also wertbeständig ist. Angesichts der beschränkten kognitiven Aufnahmefähig-
keit des Menschen sei die Vorstellung von wertstabilem Geld eine „praktisch notwendige
Fiktion“ (S. 234), die nicht nur das alltägliche ökonomische Bewusstsein, sondern auch
das Handeln auf Märkten dominiere.
Die von Simmel in den Blick genommenen nicht-ökonomischen Grundlagen des Gel-
des werden in ökonomischen Geldtheorien allenfalls beiläufig erwähnt, im Regelfall aber
ignoriert. So wird in der Tauschtheorie des Geldes, die in den Wirtschaftswissenschaf-
ten vorherrschend ist und auf Carl Menger (1900) und Ludwig von Mises (1924 [1912])
zurückgeht, Geld lediglich als neutrales Tauschmittel beschrieben, das den Gütertausch
technisch ermöglicht. Die ökonomische Tauschtheorie des Geldes weist Simmel als un-
zureichend zurück. Mit der Vorstellung vom Geld als neutrales Tauschmittel, das den
Güteraustausch in einer arbeitsteiligen Ökonomie in effizienter Weise organisiere, werde
vollständig ausgeblendet, dass Geld keineswegs nur für harmlose Zwecke des Gütertau-
sches genutzt werde. Modernes Geld erschöpfe sich nicht in Funktionen, die den Tausch
von Gütern möglich machen. Es sei „absolutes Mittel“, das um seiner selbst willen begehrt
werde. Damit sei es zum Endzweck des wirtschaftlichen Handelns aufgestiegen. Auch
wenn Simmel theoretisch ganz anders argumentiert als Marx im Kapital (1983), so sind
doch Gemeinsamkeiten bei der Beschreibung des Geldes als selbstzweckhaftes, selbstre-
ferentielles Gebilde unübersehbar. Während Marx den Prozess den kapitalistischen Wirt-
schaftens auf die berühmte Formel G-W-G’ bringt, spricht Simmel (S. 134) vom Geld als
die „substanzgewordene Relativität“, um das sich alles wirtschaftliche Handeln dreht.
Für Simmel stellt der „doppelte Glaube“ (S. 216) an eine funktionierende staatliche
und ökonomische Ordnung eine unabdingbare soziologische Voraussetzung dafür dar,
dass Geld in wirtschaftlichen Transaktionen auch tatsächlich verwendet wird. Neben
institutionellen (Zentralinstanz als Garant des Symbolgeldes) und sozialen (Vertrauen)
Voraussetzungen moderner Geldordnungen führt Simmel zugleich geistig-kulturelle Ein-
flussfaktoren an, ohne die der historisch langwierige Übergang vom Substanzgeld zum
reinen Symbolgeld nur sehr unvollständig nachvollzogen werden kann. Eingangs ist er-
wähnt worden, dass seine Methodologie sich auch von materialistischen Erklärungsan-
geboten abgrenzt. In der Philosophie des Geldes geht es Simmel darum, psychische und
kulturelle Faktoren stets in Wechselwirkung mit den ökonomischen Verhältnissen zu
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denken. Unterschiedliche Faktoren werden angeführt, um die Herausbildung des moder-


nen Zeichengeldes besser verstehen zu können: Zu nennen ist erstens die Erosion des in
der naturalwirtschaftlichen Epoche noch vorherrschenden „substanziell-absolutistischen
Weltbild[es]“ (S. 132); zweitens die „Steigerung der intellektuellen, abstrahierenden Fä-
higkeiten“ (S. 171), um von Qualitäten absehen und reine Quantitäten erfassen zu kön-
nen; drittens die Ausprägung eines spezifischen „ökonomischen Bewußtseins“ (S. 354),
damit etwas exklusiv nach dem Prinzip der rechnenden Rationalität wahrgenommen und
bewertet werden kann; viertens die Überwindung kulturell tradierter Sättigungsgrenzen
(„Schrankenlosigkeit des Begehrens“ nach Geld, S. 327); und schließlich fünftens die
„maximale Zuspitzung und Ausbreitung“ des „Verlangens“ nach Geld zu einem „Religiös-
Absoluten“ bzw. zum „Endzweck des Daseins“ (S. 304).
Ein letzter Aspekt ist anzusprechen. Wie weiter oben gezeigt stellt Geld für Simmel
keine absoluten Wertgrößen, sondern lediglich Wertrelationen dar (Geld als Zeichen des
relativen Werts, vgl. S. 139ff.). Zugleich schränkt Simmel jedoch ein, dass in der wirt-
schaftlichen Praxis Geld kaum als etwas verwendet werde, mit dem die Tauschakteure
Warenwerte in ein Verhältnis zueinander setzen. Die Tauschakteure könnten grundsätz-
lich gar nicht angeben, ob der jeweilige Preis für ein Gut die aggregierte Nachfrage nach
diesem Gut im Verhältnis zur aggregierten Nachfrage nach allen anderen Gütern aus-
drückt. In der Praxis würden wirtschaftliche Akteure nicht mit relativen, sondern nur
mit absoluten Preisen rechnen (S. 233ff.). Sie würden so handeln, als ob Geld einen ab-
soluten Preis hat. Auf Grundlage dieser Überlegung kritisiert Simmel die ökonomische
Quantitätstheorie, die einen kausalen Zusammenhang des Preisniveaus der Waren von der
Geldmenge annimmt. Simmel formuliert zwei Einwände: Erstens seien Preise nicht in
dem Maße elastisch, wie es den tatsächlichen Schwankungen von Angebot und Nachfrage
eigentlich entsprechen müsste (S. 190ff.). Und zweitens würde eine Steigerung der Geld-
menge nicht zwingend die Preise proportional in die Höhe treiben, sondern ökonomische
Aktivitäten stimulieren und den Warenumsatz steigern (S. 190 u. S. 697ff.), worauf später
Joseph Schumpeter und John M. Keynes insistiert haben (vgl. Paul 2012, S. 124ff.).

3 Diskussion und Kritik

Die ungebrochene Bedeutung der Philosophie des Geldes für die Soziologie besteht darin,
dass Simmel das moderne Geld zum Ausgangspunkt seiner Analyse der modernen Kultur
und Gesellschaft macht. Die für die Gründergeneration der Soziologie in Deutschland und
Frankreich noch selbstverständliche Überlegung, Gesellschaft nicht ohne Wirtschaft und
Wirtschaft nicht ohne Gesellschaft zu denken, findet zwar in der zeitgenössischen Sozio-
logie keine ungeteilte Zustimmung. Gleichwohl erscheint es aktueller denn je, Geld als
Forschungsfeld für die Kultur- und Sozialwissenschaften zu beanspruchen. Für die Sozio-
logie bietet die Philosophie des Geldes einen breiten Zugang zur Analyse des Geldes, die
weit über den Untersuchungsradius einer auf Märkte und Unternehmen fokussierten „neu-
en“ Wirtschaftssoziologie hinausgeht. Selbst nach inzwischen viel mehr als 100 Jahren
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liefert Simmels Studie reichhaltiges Anschauungsmaterial, wie die soziologische Frage


nach dem Geld mit allgemeinen soziologischen Fragen zu sozialen Ordnungsbildungen
und zum sozialen Wandel verknüpft werden kann, auch und gerade in gesellschaftstheore-
tischer Absicht. Dies betrifft insbesondere seine Überlegungen zum Prozess der sozialen
Differenzierung und Individualisierung, zur Umwälzung von Status- und Machtordnun-
gen durch die moderne Geldwirtschaft oder auch zum Geld als Treiber für Wachstums-
und Beschleunigungsprozesse. Auch für die Wirtschaftssoziologie besitzt die Philosophie
des Geldes den Status einer klassischen Studie. Zeigt doch Simmel, was alles sichtbar
gemacht werden kann, wenn man das Geld nicht den ökonomischen Wissenschaften über-
lässt. Schon die Frage, was ökonomische Werte eigentlich sind, ist ökonomisch gar nicht
zu beantworten. Dies gilt vor allem für die Frage nach dem Geld. Hier kann Simmel
zeigen, dass Geld weit mehr ist als ein neutrales Tauschmittel. Auch heutzutage gehen
von der Philosophie des Geldes noch wichtige Impulse für die soziologische Analyse des
Geldes und die Frage nach den sozialen Grundlagen monetärer Ordnungen aus (Ingham
2004; Carruthers 2005; Carruthers und Ariovich 2010; Ganßmann 2013). Abschließend
werden aus der Fülle der Themenfelder drei exemplarisch ausgewählt, die für die wirt-
schaftssoziologische Rezeption der Philosophie des Geldes von Belang sind.
Erstens: In den letzten Jahren sind einige Debattenbeiträge erschienen, in denen das ge-
sellschaftstheoretische Potential der (älteren und neueren) Wirtschaftssoziologie sondiert
wird (Schimank 2009; Beckert 2009; Deutschmann 2011). Vor allem für Uwe Schimank
bietet die Geldkonzeption Simmels einen wichtigen theoretischen Bezugsrahmen. Aus-
gangspunkt seiner Überlegungen ist Luhmanns Theorie der funktionalen Differenzierung
(1997, 595ff.). Das Problem dieser Theorie bestehe darin, dass die übergreifende Bedeu-
tung der kapitalistischen Ökonomie für die Reproduktion und den Wandel zeitgenössi-
scher Gesellschaften kategorial ausgeschlossen werde. Vor allem werde die Abhängigkeit
nicht-ökonomischer „Teilsysteme“ (Wohlfahrtsstaat, Bildung, Kultur, Kunst etc.) von der
Zahlungsbereitschaft bzw. -fähigkeit der Ökonomie unterschätzt. Auch könne in diesen
Teilsystemen eine – je nach Nähe oder Ferne zur Ökonomie abgestufte – Übernahme be-
triebsökonomischer Steuerungsinstrumente und Rationalitätskriterien beobachtet werden
(New Public Management). Einen wichtigen theoretischen Schlüssel zur Erklärung sol-
cher Prozesse sieht Schimank in der Simmelʼschen Konzeption des Geldes als „absolutes
Mittel“, das aufgrund seiner universellen Verwendbarkeit einen „Totalzugriff“ (Schimank
2009, S. 332) auf das Geschehen in allen anderen Teilsystemen erlaube. Sozialtheorien
(vgl. Parsons 1967, S. 355ff.; Luhmann 1997, S. 316ff.), die Geld als „symbolisch generali-
siertes Kommunikationsmedium“ konzipieren und es mit anderen „Kommunikationsme-
dien“ wie Macht, Liebe oder Wahrheit auf eine Stufe stellen, übergehen diese von Simmel
eindringlich beschriebene universelle Potentialität des Geldes. Für Christoph Deutsch-
mann (2011) bildet die Simmelʼsche These von der Potentialität des Geldes – in Form des
Geldkapitals und neben dem kreativen Potential freier Arbeit sowie der sozialen Auf-
wärtsmobilität – den theoretischen Schlüssel, um die beispiellose Wachstumsdynamik des
modernen Kapitalismus erklären zu können.
Georg Simmel: Philosophie des Geldes 75

Zweitens: Der von Simmel (S. 214ff.) angenommene enge Zusammenhang von Geld
und Vertrauen ist in der Soziologie (vgl. Parsons 1967, S. 307ff.; Luhmann 1973, S. 55;
Heinemann 1993) vielfach aufgegriffen worden. Über allgemeine Annahmen zum Geld-
vertrauen ist die soziologische Forschung allerdings nicht hinausgekommen. Empirische
Analysen zum Geldvertrauen fehlen ebenso wie genauere Untersuchungen zu seiner Ero-
sion unter Bedingungen von Wirtschafts- oder Finanzkrisen. Ungeklärt ist, inwiefern
Wissen über Geld (Geldwissen) und Vertrauen in Geld (Geldvertrauen) den Umgang mit
Geld (Geldverwendung) beeinflussen. Gibt es Geldverwendungen, die weniger als andere
auf Vertrauen angewiesen sind? Hängt die alltägliche Verwendung des Geldes tatsächlich
von so etwas wie „Vertrauen“ ab? Oder stellt sich die Vertrauensfrage überhaupt nicht in
der von Simmel postulierten Weise, weil seine Verwendung in einer komplexen, arbeits-
teiligen Ordnung alternativlos ist. Sollte man dann nicht besser von der Unumgänglichkeit
sprechen, Geld benutzen zu müssen? (Kraemer 2015) Auch ist das Verhältnis von Ver-
trauen und Misstrauen kaum geklärt. Mit der Vertrauensthese geht jedenfalls die nicht
unproblematische Annahme einher, dass Misstrauen eine destabilisierende Wirkung auf
monetäre Ordnungen haben muss. Misstrauen ist allerdings nicht nur ein Problem, son-
dern auch eine alternative Option, etwa in Geld- und Kreditgeschäften, mit unklaren Zu-
kunftserwartungen umzugehen (vgl. Luhmann 1973, S. 78; Vobruba 2012, S. 63ff.).
Drittens: Bei der Frage, warum wirtschaftliche Akteure bereit sind, gute Waren gegen
ein abstraktes, substanzloses Zeichen hinzugeben, komme, so Simmel (S. 216), „noch ein
weiteres schwer beschreibendes Moment hinzu, das am reinsten in dem religiösen Glau-
ben verkörpert ist“. An anderer Stelle der Philosophie des Geldes spricht Simmel vom
modernen Geld als einer „Gottesvorstellung“ (S. 305). Im Gottesgedanken würden „alle
Mannigfaltigkeiten und Gegensätze der Welt […] zur Einheit gelangen. […] Unzweifelhaft
haben die Empfindungen, die das Geld erregt, auf diesem Gebiete eine psychologische
Ähnlichkeit mit diesen. Indem das Geld immer mehr zum absolut zureichenden Ausdruck
und Äquivalent aller Werte wird, erhebt es sich in abstrakter Höhe über die ganze weite
Mannigfaltigkeit der Objekte, es wird zu dem Zentrum, in dem die entgegengesetztes-
ten, fremdesten, fernsten Dinge ihr Gemeinsames finden“ (S. 305). Simmel beschreibt
damit modernes Geld als absolutes, allmächtiges Mittel mit buchstäblich göttlichen Qua-
litäten. Ist doch so gut wie nichts denkbar, was mit Geld nicht zu bewirken wäre. Diese
Überlegungen hat Christoph Deutschmann (1999, 2002) aufgegriffen und argumentiert,
dass Geld in modernen kapitalistischen Gesellschaften genau jene Funktion erfülle, die
Niklas Luhmann der Religion zuschreibe, nämlich das Unbestimmbare bestimmbar zu
machen („Gott“). In mehrerlei Hinsicht seien Formähnlichkeiten zwischen Geld und Re-
ligion festzustellen: erstens in der Nicht-Beobachtbarkeit des religiösen Glaubens wie des
monetären „Vertrauens“, zweitens in der Unendlichkeit des Verweisungszusammenhangs
religiöser wie monetärer Symbole; drittens in der Nicht-Unterscheidbarkeit zwischen dem
Zeichen und dem Bezeichneten; und damit zusammenhängend viertens darin, dass das
Zeichen an die Stelle der Sache tritt. Diese Ähnlichkeitsthese von Geld und Religion, die
der klassischen Säkularisierungsthese diametral gegenüber steht, ist kontrovers diskutiert
worden (vgl. Paul 2012, S. 205ff.).
76 Klaus Kraemer

Viertens: Viviana A. Zelizer (1994, 2011) hat sich der Frage zugewandt, wie Geld im
Alltag kulturell verwendet wird. In Abgrenzung zur soziologischen Klassik, explizit auch
gegenüber Simmel, interpretiert Zelizer Geld nicht als homogenisierendes, rein quantita-
tives, kulturell indifferentes Mittel zur Abwicklung von „sachlichen“ Tauschtransaktio-
nen auf Märkten, hinter dem alle sozialen „Qualitäten“ verschwinden würden. Vielmehr
thematisiert sie die vielfältigen praktischen und symbolischen Verwendungsweisen des
Geldes im Alltag der Akteure, wobei sie sich insbesondere jenen zuwendet, die nicht auf
Märkten, sondern in gemeinschaftlichen Beziehungen anzutreffen sind. Damit will Ze-
lizer (2011, S. 345ff.) das gesamte Spektrum der sozialen und kulturellen Bedeutungen
in den Blick nehmen, wenn Geld gezahlt, geliehen, geteilt, geschenkt, aufgehoben oder
gespart wird (special monies). Aus ihren kultursoziologischen Befunden zieht Zelizer die
Schlussfolgerung, dass Geld soziale Beziehungen keineswegs – im Simmelʼschen Sinne –
versachlicht. Vielmehr insistiert Zelizer darauf, dass Geld immer auch verwendet wird,
um soziale Normen zu bekräftigen, gemeinsam geteilte Wertvorstellungen symbolisch
auszudrücken oder gemeinschaftliche Bindungen zu festigen. Nigel Dodd (2014, S. 271)
hat diese Überlegungen zu einer soziologischen Neubestimmung des Geldes aufgegriffen
und für eine „theory of moneyʼs qualities“ plädiert, die die „modernistische“ Vorstellung
von Geld als ausschließlich homogenes, quantifizierendes Mittel zugunsten einer plura-
listischen, kulturell offenen Konzeptionalisierung von Geld aufgibt (vgl. hierzu kritisch
Kraemer und Nessel 2015, S. 15ff.). Dann könnten, so Dodd (2014, S. 313ff.), nicht nur
staatliche Währungen geldsoziologisch in den Blick genommen werden, sondern insbe-
sondere auch nicht-staatliche, „alternative“ Formen des Geldes (z.B. Local Exchange Tra-
ding Systems bzw. Tauschringe; digitale Zahlungssysteme wie Bitcoin), denen er emanzi-
patorische, gemeinschaftsbildende Potentiale zuschreibt.

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