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Debatte Argumente

Pro und Contra Wählen ab 16


Das Wahlalter ist nichts Unveränderbares. "Sollen Teenager wählen?", fragte 1966 die "Zeit" und bezweifelte,
dass "ein 18-Jähriger die Wahlreife besitzt". Für Bundeskanzler Willy Brandt war die Herabsetzung des
Wahlalters ein Teil seines Programms "Mehr Demokratie wagen". Seit 1970 dürfen Jugendliche ab 18 wählen.

Ausgangslage

Nach aktuellen Studien gibt ein Drittel der Jugendlichen an, in ihrer Freizeit "oft" für soziale oder gesellschaftliche
Zwecke aktiv zu sein und weitere 42 Prozent engagieren sich zumindest "gelegentlich" in diesem Bereich. Auf der
anderen Seite bezeichnen sich nach der 16. Shell‐Jugendstudie (2010) nur 40 Prozent der Befragten zwischen
15 und 25 Jahren als "politisch interessiert". Zentrale Einflussgrößen auf das politische Interesse sind neben Alter
und Geschlecht vor allem auch Bildung und Herkunftsschicht. Je höher der Bildungsgrad, desto höher ist das
Interesse, sich stärker politisch zu beteiligen.
Nach anderen Studien halten weniger als 40 Prozent der Teilnehmenden zwischen 16 und 29 Jahren Politiker
und Parteien für glaubwürdig und über 60 Prozent der 16 bis 23jährigen fühlen sich von der Politik nicht ernst
genommen. Diese Ablehnung und das geringe Interesse gegenüber institutionalisierter Politik korrespondiert mit
nur sporadisch vorhandenem Wissen über Politik. Politisches Interesse äußert sich meist in anderen Formen und
wird von vielen Jugendlichen auch nicht als solches verstanden.

Die Diskussion über die Vor- und Nachteile des Wahlrechts ab 16 ist nicht auf die Parteien in Baden-Württemberg
beschränkt. Auch in anderen Bundesländern, in der Wissenschaft und in der Bevölkerung ist das Thema
umstritten, selbst die jetzt wahlberechtigten Jugendlichen sind skeptisch.

Pro (Argumente der Befürworter)

Die Befürworter der Reform sind grundsätzlich davon überzeugt, dass 16-Jährige schon die nötige persönliche
Reife, das politische Wissen und Interesse haben, um eine Wahlentscheidung treffen zu können. Sie sehen
keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Alter einer Person und ihrer politischer Bildung bzw. ihrem
Verantwortungsbewusstsein. Stattdessen würden Bildung und das Interesse an Politik Menschen zu mündigen
Wählern machen.

Durch das Wahlrecht würden die Jugendlichen nun ein echtes Mitbestimmungsrecht erhalten und so ihre Zukunft
selbst mitgestalten können. Immerhin seinen die meisten politischen Entscheidungen sehr weitreichend und zum
Teil irreversibel. Ohne die Absenkung des Wahlalters müssen Jugendliche in ihrem Erwachsenenleben die
Konsequenzen von Entscheidungen tragen, an denen sie nicht teilhaben konnten.

Bei diesem Argument wird häufig auf die demografische Entwicklung in der heutigen Gesellschaft verwiesen.
Dadurch, dass unsere Gesellschaft im Durchschnitt immer älter wird, verlagern sich Entscheidungen über die
Zukunft unserer Gesellschaft verstärkt auf ältere Menschen. Insofern kann die Absenkung des Wahlalters als eine
Gegenmaßnahme zu dieser Entwicklung gewertet werden.
Ein weiteres Argument für ein niedrigeres Wahlalter ist, dass auch Jugendliche, z.B. als Auszubildende, Steuern
zahlen müssen, und deshalb auch mitentscheiden sollten, was mit dem Geld passiert.

Das Recht der Jugendlichen zu wählen würde sich außerdem positiv auf die Politik auswirken. Politiker würden
die Jugendlichen als potenzielle Wähler verstärkt ernst nehmen und deshalb die Interessen der Jugendlichen
besser vertreten.

Eine Absenkung des Wahlalters wäre auch eine gute Chance für die politische Bildung innerhalb und außerhalb
der Schule, da Jugendliche dann über Politik und Wahlen reden könnten, wenn sie von ihrem Wahlrecht auch
tatsächlich Gebrauch machen können.

Vor allem aber geht es den Befürwortern um die Wirkung des Wahlrechts auf die Jugendlichen selber. Sie
argumentieren, dass die Wahlberechtigung bei Jugendlichen zu einer höheren Identifikation mit der Demokratie
und zur stärkeren Teilnahme am politischen Leben führen würde. Somit soll die Absenkung des Wahlalters ein
Weg sein, die Politikverdrossenheit zu stoppen. Auch weil die Politik gezwungen sei, sich stärker um die
Jugendlichen zu bemühen und sie für den demokratischen Staat zu gewinnen.

Contra (Argumente der Kritiker)

Die Gegner der Absenkung des Wahlalters führen Argumente aus verschiedenen Bereichen an. Grundsätzlich
sprechen manche Kritiker Jugendlichen mit 16 die notwendige Reife für das Wählen ab. Sie sind davon
überzeugt, dass Jugendliche nicht über jenes Ausmaß an Einsichtigkeit und Verantwortungsbewusstsein
verfügen, das für eine Wahlentscheidung notwendig sei. Überdies seien Jugendliche leichter zu manipulieren und
könnten von anderen, wie Eltern, Vorbildern oder Altersgenossen, in ihrer Wahlentscheidung beeinflusst werden.

Die Schule bereitet die Jugendlichen bisher unzulänglich auf eine Absenkung des Wahlalters vor, die Lehrpläne
sind nicht darauf abgestimmt. Auch wird darauf verwiesen, dass Jugendliche aufgrund ihres geringen Alters noch
nicht in der Lage seien, die komplexen Zusammenhänge der politischen Arbeit zu verstehen und es ihnen an
politischem Basiswissen mangele.

Als besonders problematisch erscheint dabei, dass Jugendliche vermehrt zu Extrempositionen neigen und
deshalb eher für Parteien mit extremen oder populistischen Positionen stimmen, was zu einer Radikalisierung des
politischen Systems führen könne.

Juristisch argumentieren die Kritiker, dass zwischen dem Wahlalter und der Volljährigkeit ein innerer
Zusammenhang bestehe. Mit der Volljährigkeit erhalte man sowohl Bürgerrechte, z.B. das Wahlrecht, als auch
Bürgerpflichten. Mit der Senkung Wahlalters würde das Wahlrecht nicht mehr mit entsprechenden Pflichten
korrespondiert - ein "halbes" Wahlrecht für unter 18-Jährige also. Minderjährige dürften dann zwar schon wählen,
seien aber noch nicht voll strafmündig usw. Allerdings gibt es in Deutschland die Trennung von Rechten und
Pflichten häufiger. So ist eine volle Strafmündigkeit erst mit 21 Jahren gegeben oder der Führerschein der Klasse
2 darf erst mit 21 Jahren erworben werden. Doch die Kritiker fürchten, dass durch die Entkoppelung des
Wahlrechts von der Volljährigkeit, die Festlegung des Wahlalters völlig willkürlich werde.
Politisch wird argumentiert, dass Jugendliche sich nicht für Politik interessieren würden, was sich durch die
Absenkung des Wahlalters nicht ändern werde. Stattdessen führe die Senkung des Wahlrechts zu einem
Rückgang der Wahlbeteiligung, wodurch die Legitimation von Wahlen untergraben werde.

Ein spezieller Kritikpunkt bezieht sich auf die Herabsetzung des Wahlalters nur auf kommunaler Ebene. Dadurch
könne der Eindruck entstehen, dass es sich bei der Kommunalwahl um eine Wahl minderer Qualität und
Bedeutung handele.

Die Bertelmann-Stiftung wirbt für eine Senkung des Wahlalters, doch die Mehrheit der
Deutschen lehnt das ab. Auch in der Redaktion gibt es unterschiedliche Meinungen.

Pro

Wolfgang Blieffert: Reif für das Wahlrecht

Drei Argumente für ein generelles Wahlrecht schon mit 16 Jahren:

1. Die Pubertät ist im Lebenslauf junger Menschen heute nach vorn gerückt, Jungen
und Mädchen sind früher sozial reif, sie können und müssen selbstständig
Entscheidungen über Bildungsweg und Lebensgestaltung treffen.

2. Entgegen allen Klischees von einer imInternet rumhängenden Jugend sind viele
junge Menschen heute interessiert und engagiert, sie machen als Schüler
Auslandsjahre, sie mischen mit, sei es in der Freiwilligen Feuerwehr oder bei
Umweltinitiativen.

3. Ihnen das generelle Wahlrecht mit 16 zu geben, ist ein Angebot, die Zukunft
unseres Landes mitzugestalten, vor allem bei Entscheidungen, die kommende
Generationen nachhaltig beeinflussen.

Möglich ist natürlich, dass die Wahlbeteiligung der 16- und 17-Jährigen
unterdurchschnittlich bleibt. Möglich auch, dass sie Parteien präferieren, die den
Älteren nicht zusagen. Das ist aber nicht der Punkt. Es geht vielmehr um den Versuch,
mehr Demokratie zu wagen.

Kontra:

Zwei Jahre zu früh

Mit 16 darf man in Deutschland noch nicht eigenständig Autofahren, man darf ohne
Begleitung nur bis Mitternacht ausgehen, auch das Strafrecht geht mit 16-Jährigen
milder um. Die Grenze von 18 Jahren hat sich in vielen Bereichen bewährt. Erst mit
dem 18. Geburtstag ist man volljährig und darf wählen.
Denn mit dem Wahlrecht ist eine großeVerantwortung verbunden. Schule und
Bildungspolitik können aber nicht gewährleisten, dass jeder 16-Jährige eine
eigenständige Wahlentscheidung treffen kann. Zu viele Jugendliche verstehen
politische Zusammenhänge und komplexe Probleme nicht, oder haben null Bock auf
die Politik, wie sie sich heute oft darstellt.

Sicher gibt es Ausnahmen: Für die, die sich schon vor ihrem 18. Geburtstag
mitmischen wollen, gibt es in Jugendverbänden und Schülervertretungen unzählige
Möglichkeiten. Das Wohl unserer Gesellschaft hängt jedenfalls nicht davon ab, dass
man zwei Jahre früher wählen kann.

Wählen mit 16 - ja oder


nein?
Am Freitag diskutiert der Bundestag, ob das Wahlalter
auf 16 Jahre heruntergesetzt werden soll. Die Frage
spaltet das Parlament. Deshalb haben wir mit zwei
Politikerinnen gesprochen, die dazu gegensätzlicher
Meinung sind.

1996 durften bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen zum ersten Mal 16-Jährige ihre
Stimme abgeben. Inzwischen dürfen sie das in sieben weiteren Bundesländern und
Stadtstaaten: in Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-
Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Bei Landtagswahlen gilt das Wahlalter
ab 16 in Bremen, Brandenburg und Hamburg.

Aber das Thema spaltet noch immer das Parlament: Grüne und SPD sind dafür -
Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat das kürzlich bei einem Auftritt in Dresden wieder klar
gemacht. Die FDP sympathisiert verhalten mit der Idee. Die CDU hingegen sträubt sich
dagegen. Am Freitag diskutiert der Bundestag darüber, ob bei Bundestags- und Europawahlen
das Wahlalter auf 16 Jahre heruntergesetzt werden soll.

Wir haben zwei Politikerinnen mit unterschiedlicher Meinung dieselben Fragen gestellt:
Was spricht für ein Wahlrecht ab 16?

Ingrid Hönlinger (Grüne): Uns geht es um zwei Dinge. Einmal um die jungen Leute selbst:
1970 wurde das Wahlalter von 21 auf 18 heruntergesetzt. Heute können wir uns das gar nicht
mehr vorstellen. Junge Leute sind heute früher bereit, politische Verantwortung zu
übernehmen und zu wählen. Sie machen mit 17 ihr Abitur oder starten nach der zehnten
Klasse ins Berufsleben, da sollen sie auch wählen dürfen. Zum anderen geht es uns um die
Inhalte. Wer wählt, entscheidet, welche Politik gemacht wird. Und die Wähler tragen auch die
Konsequenzen der Entscheidung; die jüngeren Menschen sogar länger als die älteren. Themen
wie "Was können wir gegen Jugendarbeitslosigkeit machen?" entscheiden über die Zukunft
der Jugendlichen. Es ist nur richtig, wenn sie auch mitbestimmen können.

Und was spricht dagegen?

Astrid Wallmann (CDU): Eine Wahl setzt einen bestimmten Reifegrad voraus, den ein 16-
Jähriger nicht unbedingt erfüllt. Mit 16 darf man in Deutschland noch nicht eigenständig
Autofahren, man darf ohne Begleitung nur bis Mitternacht ausgehen, das Strafrecht behandelt
16-Jährige anders, bestimmte Verträge darf man erst abschließen, wenn man 18 Jahre alt ist.
Die Altersgrenze von 18 Jahren hat sich in vielen Bereichen bewährt. Wenn das Wahlalter auf
16 Jahre gesenkt wird, müssen die Schulen und die Bildungspolitik gewährleisten, dass die
Schüler genug Informationen haben, um wählen zu gehen.
Ingrid Hönlinger: Die Kritiker sagen gerne, dass 16-Jährige noch nicht richtig politisch
informiert sind. Das empfinde ich anders. Ich war neulich in einer zehnten Klasse und hatte
durchaus den Eindruck, dass sich die Schüler mit Politik beschäftigen. Schulen leisten eine
gute politische Bildungsarbeit. Schüler sind deshalb auch bereit und in der Lage, eine
Wahlentscheidung zu treffen. Man wird nicht 18 und ist automatisch politisch interessiert.

Oft wird das "Familienwahlrecht", das Eltern zusätzliche Stimmen für ihre Kinder geben
würde, als Alternative zum Wahlrecht ab 16 vorgeschlagen. Ist das wirklich eine Alternative?

Ingrid Hönlinger: Ich bin für eine individuelle Ausübung des Wahlrechts. Ich finde es nicht
sinnvoll, wenn Eltern an Stelle ihrer Kinder wählen. Eine Stimme pro Person ab 16 spiegelt
die Vorstellungen der wahlberechtigten Bevölkerung gut wider.
Astrid Wallmann: Das Wahlrecht ist eine höchst persönliche Angelegenheit. Natürlich könnte
man als Eltern für sein Kind abstimmen. Man weiß aber nicht, wie das Kind das eigentlich
sieht. Aus diesem Grund lehne ich das Familienwahlrecht ab.

In der Shell-Jugendstudie waren nicht einmal 25 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen
zwölf und 25 für ein Wahlrecht ab 16. Wollen 16- und 17-Jährige überhaupt wählen?

Astrid Wallmann: Solche Umfragen zeigen, dass das Interesse zu wählen gar nicht so groß ist,
ich habe auch selten Jugendliche sagen hören: "Ich würde gerne wählen!" Ich kenne eher das
Problem, junge Leute für Politik zu interessieren. Wissenslücken über Politik ziehen sich aber
durch alle Altersstufen, das merkt man zum Beispiel bei Straßenumfragen, wenn die Leute
gefragt werden: Kennen Sie diesen Politiker?
Ingrid Hönlinger: Wenn ich mit Jüngeren über das Wählen mit 16 spreche, nehme ich auch
Unsicherheit wahr. Viele fragen sich: Können wir schon Verantwortung übernehmen? Ich
finde, wir müssen sie in der Schule und in der Familie dazu ermutigen: für mehr Zukunft,
mehr Einmischen, das fördert die Demokratie.

Kann ein Herabsetzen des Wahlalters 16- und 17-Jährige wirklich für Politik begeistern?

Astrid Wallmann: Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Wir wissen ja nicht, wie viele
wirklich von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen.
Ingrid Hönlinger: Es wird viel über Politikverdrossenheit gesprochen. Ein starkes Mittel
dagegen ist eine frühe demokratische Bildung: schon in der Kindertagesstätte und im
Kindergarten, in der Schule und an der Uni. Ich war vor kurzem in meiner Heimatstadt
Ludwigsburg an einer Grund- und Hauptschule zu Besuch, um über meine Arbeit zu
sprechen. Montagmorgens ist da immer Schulparlament. Alle Schüler diskutieren und
stimmen über schulinterne Angelegenheiten ab. Dazu gehört zum Beispiel, wie der Schulhof
gestaltet wird. Man könnte meinen, dass sich nur die älteren Schüler ins Gespräch mit einer
Politikerin einbringen, aber auch die Grundschüler haben sich gemeldet und Fragen gestellt.
Kinder und Jugendliche sind bereit, sich zu beteiligen. Dann sind auch demokratische
Plattformen, wie zum Beispiel die Juniorwahl, erfolgreich.


Gute Frage: Ab wann ist man alt genug um zu wählen?

Frau Wallmann, was antworten Sie, wenn jemand sagt, die CDU ist gegen das Wahlrecht ab
16, weil junge Leute eher nicht die Union wählen?
Das stimmt nicht. Die Junge Union ist die größte parteipolitische Jugendorganisation Europas
und Deutschlands, so unbeliebt können wir nicht sein.

Und Frau Hönlinger, wenn jemand sagt, die Grünen wollen das Wahlrecht herabsetzen, weil
sie wissen, dass junge Leute tendenziell Grün wählen?
Bei uns Grünen sind viele junge Leute engagiert. Sie gestalten unsere politische
Meinungsbildung mit und damit auch unsere politischen Inhalte. Dazu gehört zum Beispiel
die Forderung nach einem aktiven Wahlrecht ab 16 Jahren. Wenn unsere grüne Politik junge
Leute überzeugt, dann freuen wir uns natürlich darüber, wenn sie uns auch wählen.

Was lernt man von den Bundesländern, in denen das Wahlrecht ab 16 auf Kommunal- oder
Landesebene eingeführt ist?

Ingrid Hönlinger: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass junge Leute nicht, wie befürchtet,
extreme Positionen befürworten. Sie wählen im Durchschnitt wie die Wähler ab 18. Wenn
sich das Wählen ab 16 erst einmal durchgesetzt hat, könnte das auch die Wahlbeteiligung
stärken.
Astrid Wallmann: Ich bin der Meinung, dass das Wohl dieser Gesellschaft nicht davon
abhängt, ob man zwei Jahre früher wählen geht. Es gibt sicher Jugendliche, die das mit 16
können - aber nicht alle.

Wie stehen Sie zum Wahlrecht ab 16 speziell auf Bundesebene?

Astrid Wallmann: Ich finde, man kann nicht argumentieren: Auf Kommunal- und
Landesebene dürfen 16- und 17-Jährige wählen, auf Bundesebene nicht. Diese Unterschiede
ergeben sich, weil die Länder von unterschiedlichen Parteien regiert werden. Meiner Meinung
nach müssten einheitliche Altersgrenzen gelten. Wahlentscheidung ist Wahlentscheidung. Die
maßgebende Frage ist: Kann ich eine fundierte Wahlentscheidung treffen? Die Grenze von 18
Jahren hat sich in vielen Bereichen bewährt, sie ist ein Konsens. Sonst könnte man auch ein
Wahlrecht ab 17 oder 15 Jahren diskutieren.
Ingrid Hönlinger: Die Gesetze unterscheiden sich in ihren Auswirkungen. Auf kommunaler
Ebene erleben die Jugendlichen Politik direkt vor Ort, zum Beispiel in der Entscheidung, ob
ein Radweg gebaut wird. Landesgesetze wirken innerhalb eines Bundeslandes, aber auch sie
greifen direkt in die Lebenssituation von Jugendlichen ein. Kultur- und Bildungspolitik ist
Ländersache. Auch Regelungen auf Bundesebene haben Auswirkungen auf Jugendliche. Dazu
würde zum Beispiel das Wahlalter ab 16 gehören. In Österreich darf man schon ab 16 an allen
Wahlen teilnehmen und es gibt keine Probleme damit. Das ist auch nur logisch. Jedes Gesetz
gestaltet Zukunft und bestimmt dadurch die Lebenswelt junger Menschen mit.

Seit mittlerweile fast vierzig Jahren darf in Deutschland ab 18 Jahren gewählt werden. Vorher gab es
das Wahlrecht erst ab 21 Jahren, was Willy Brandt jedoch änderte. Jetzt gibt es wieder eine
Diskussion, ob das Wahlrecht erneut gesenkt werden sollte, diesmal auf 16 Jahre.
Das Wahlrecht mit 16 hat einige Nachteile, da es ein Verständnisproblem zwischen Politikern und
Jugendlichen gibt. Diese verstehen die Politikerreden oft schlechter als schon volljährige und somit
wahlberechtigte Bürger, wie eine Studie zur politischen Bildung zeigt. So fassen die Minderjährigen
manches falsch auf und ziehen verkehrte Schlüsse, was auch zu einer falschen Entscheidung bei der
Wahl führen kann. Ohne ein richtiges Politikverständnis ist keine Wahl ab 16 sinnvoll.
Diese Verständniskluft wäre sicherlich geringer, wenn wichtige Kompetenzen wie die nötige Reife
und ein ausgeprägtes Politikwissen mehr vorhanden wären. Da hier jedoch oft ein großes Defizit
besteht ist das ein weiterer wichtiger Aspekt gegen eine Wahl ab 16. Bei einem Wissenstest konnten
nur knapp 30 Prozent der Neuntklässler die Fragen richtig beantworten wogegen es bei den 18-
Jährigen fast doppelt so viele richtige Antworten gab. So merkt man, dass diese zwei Jahre für die
Entwicklung und die Aneignung von politischem Wissen sehr wichtig sind.
[…]
Andererseits erzieht ein früheres aktives Wahlrecht auch zur früheren Selbstständigkeit, was stark für
die Herabsetzung des Alters sprechen würde. Die 16- Jährigen müssen sich informieren und sich
bereits jetzt eine eigene politische Meinung bilden. Diese Bildung der eigenen Meinung ist eine gute
Übung für das spätere Berufsleben […]
Auch das Interesse und die Begeisterung für Politik werden deutlich gesteigert, wie man am Beispiel
Bremen sieht. Besonders die von Schülern organisierten politischen Veranstaltungen sind meist sehr
gut besucht. Die Wahl mit 16 ist ein Ansporn politische Veranstaltungen schon früh zu besuchen,
wodurch beispielsweise mehr junge Mitglieder in Parteien eintreten und vertreten somit auch die
Meinungen und Ansichten der jüngeren Leute. Das weckt wiederum Interesse bei gleichaltrigen und
motiviert andere junge Menschen sich aktiv in die Politik einzubringen.
Daraus ergibt sich ein weiterer überzeugender Grund, warum es ein Wahlrecht schon mit 16 geben
sollte, denn so gibt es eine Mitbestimmungsmöglichkeit schon ab jugendlichem Alter. Viele
Heranwachsende möchten aktiv in die Politik und folglich auch in die Festsetzung der
Rahmenbedingungen für ihr Leben mit einbezogen werden. Das funktioniert nur, indem sie auch eine
Möglichkeit haben zu wählen. In einigen Ortschaften gibt es schon Gesprächsrunden in die auch
Jugendliche aktiv einbezogen werden um auch ihre Interessen zu vertreten. Durch eine Wahlstimme
würde dieses Angebot noch vergrößert werden.
Letztendlich kann man zwar durchaus einige negative Aspekte anbringen, wobei die positiven
eindeutig überwiegen, da auch Jugendlichen dieses Angebot offen stehen sollte. Ein Kompromiss
wäre eine Wahlerlaubnis ab 16, jedoch nur auf Kommunalebene. So würden die Jugendlichen
einerseits noch nicht zu große Entscheidungen fällen müssen, die sie noch nicht überblicken können,
andererseits jedoch sich langsam an die Politik annähern können.
Die Diskussion über dieses schwierige Thema wird sicherlich noch einige Zeit dauern, da die
Entscheidung nicht leicht ist, und ein großer Schritt gemacht werden würde. Ob 16-Jährige wirklich
den an sie gestellten Anforderungen gerecht werden können um an einer Wahl teilzunehmen, wird
sich nur durch ausprobieren herausstellen.
Klarnamenpflicht soz.Netzwerke
"Viele gute Gründe für Pseudonyme"

Immer mehr Hass bei facebook und Twitter: Die Nutzer überschlagen sich mit Drohungen
und Beleidigungen - oft unter Pseudonym. Eine aktuelle Umfrage hat ergeben, dass 60
Prozent der Deutschen eine Klarnamenpflicht gut finden.

Pro und Contra Klarnamenpflicht - Kann das Verbot von Pseudonymen den Hass im Netz
verringern?

Sie sehen die aktuelle Umfrage und die Zahl ihrer Befürworter kritisch?

Wenn man sich die Altersverteilung genau anschaut, findet man heraus, dass 81 Prozent der
über 59-Jährigen eine Klarnamenpflicht befürworten, aber 59 Prozent der 18- bis 29-Jährigen
dagegen sind. Genau diejenigen, die davon betroffen werden, sagen mit großer Mehrheit,
Klarnamenpflicht bringe nicht so viel und habe eher viele schädigende Gründe für ein
Onlineleben.

Das Argument, Klarnamen würden helfen gegen Hass im Netz vorzugehen, wiegt auf
den ersten Blick doch schwer. Was spricht trotzdem gegen diese Klarnamen?

Wird Hass im Netz trotz Klarnamen nicht ausreichend verfolgt?

Das Argument, mit einer Klarnamenpflicht würde es weniger Hass im Netz geben, kommt vor
allen Dingen von denjenigen, die sich im Netz nicht wirklich aufhalten. Vor allen Dingen
haben wir diese große Hassdebatte durch Plattformen wie facebook bekommen. Wenn man
sich auf facebook diese Hasskommentare anschaut, stellt man fest, sehr häufig werden diese
unter Klarnamen gepostet.

Das Problem sind nicht unbedingt diese Pseudonyme. Das Problem ist, dass schon jetzt gegen
viele, im Klarnamen gepostete, volksverhetzende Äußerungen nicht vorgegangen wird. Hier
sollte man ansetzen. Wenn man heutzutage Postings bei der Polizei meldet, die eindeutig
volksverhetzend sind, die eindeutig unter Klarnamen gepostet wurden, gibt es kaum Erfolge
bei der Rechtsdurchsetzung - obwohl alles da ist.

Wäre es eine Lösung, dass man Menschen, die einen Grund für ein Pseudonym haben -
zum Beispiel, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzen, oder weil sie sich gegen
Rechtsradikalismus engagieren - das gestattet und anderen eben nicht?

Juristische Grenzen im Netz


Das bringt nichts. Entweder muss man es allen gestatten oder keinem. Ich finde, wir sollten es
allen gestatten. Es gibt viele gute Gründe für Pseudonyme und gegen eine Klarnamenpflicht.

Nehmen wir zum Beispiel die jungen Menschen, die mit großer Mehrheit gesagt haben, sie
sind gegen eine Klarnamenpflicht. Junge Menschen äußern heute ihre Meinung im
öffentlichen Raum, im Internet und werden möglicherweise morgen oder in zehn Jahren mit
dieser Meinung konfrontiert.

Stellen Sie sich vor, die über 59-Jährigen, die mit großer Mehrheit diese Klarnamenpflicht
fordern, deren Äußerungen 1968 oder bei den Studentenunruhen, würden heute noch im Netz
sichtbar sein. Ganz viele von denen hätten doch keine Karriere mehr machen können und
wären heute wahrscheinlich auch deswegen gegen eine Klarnamenpflicht. Wir haben das
Phänomen, dass das Internet diese Flüchtigkeit des Augenblicks, den wir alle gewöhnt waren
im realen analogen Raum, nicht mehr hat - wenn man auf einer Veranstaltung sein Gesicht
und seine Meinung gezeigt hat.

Im Netz gilt aber, dass, wenn Sie sich dort hinstellen, ihre Meinung äußern, das
möglicherweise in 30 Jahren noch gegen Sie verwendet werden kann.

Das Netz will dich, wirklich


Zwischen Klarnamenpflicht und dem Recht, sich einen Diskursraum zu verschaffen – auf die
Frage nach der wahren Online-Identität gibt es keine einfache Antwort.

Im Internet gibt es keine Anonymität, lautete die Botschaft einer Kampagne gegen das illegale
Kopieren von Filmen.

Lustig war es auf dieser neuen Spielwiese, dem Internet, Mitte der neunziger Jahre.
Ab in den Chat und losflunkern. Als „DirkDiggler27“ ließ sich „Jenny19“
geschmeidiger umwerben als unter dem eigenen Namen. Es ging nicht nur um
Namen: Dirk Diggler fuhr Ferrari statt Fahrrad, schaute in seiner Freizeit seinem
Bankkonto beim Wachsen zu und nicht dem Gras. Man hat etwas dicker
aufgetragen, damals, einfach weil es möglich war. Und gehofft, dass sich hinter
„Jenny19“ nicht der Gemüsehändler aus dem dritten Stockwerk verbirgt.

Klassische Chatrooms gibt es immer noch, auch wenn sie heute einen wesentlich
geringeren Teil der Netzkultur ausmachen. Sie sind vielfach aufgegangen in sozialen
Netzwerken, Messengern und Smartphone-Applikationen wie WhatsApp.
Erwachsene Nutzer sind heute abgebrühter, Plattformen für Kinder finanzieren ganze
Abteilungen, um unerwünschte Besucher mit falschen Identitäten fernzuhalten. Was
sich seit den Zeiten der unbekümmerten Maskerade vor allem verändert hat, ist das
Internet selbst. Das Netz ist keine Spielwiese mehr. Menschen werden in die Zange
genommen: Geheimdienste und soziale Netzwerke, die Nutzerdaten monetarisieren,
haben die wahren Identitäten der Webnutzer zur Währung gemacht. Forderungen
nach Klarnamen in Foren oder gar beim Surfen generell trüben gleichzeitig die
Aussichten für digitale Versteckspiele.

Der deutsche Presserat fordert neuerdings, dass Beiträge in Onlineforen wie


Leserbriefe behandelt werden, womit sie deutlich aufwendiger und zügiger geprüft
werden müssten. Da deren schiere Masse bei Diskussionen über emotional
aufgeladene Themen – beispielsweise das neue Buch von Thilo Sarrazin – für kaum
eine Onlinezeitung beherrschbar wäre, rückt die Klarnamenpflicht wieder in den
Fokus. Unter dem eigenen Namen hetzt es sich nun einmal weniger unbeschwert, so
die Annahme. Als der Tagesspiegel vor gut einer Woche über die Pläne des
Presserats berichtete, entbrannte unter dem Artikel eine turbulente Diskussion. Viele
Leser waren sich einig: Unter ihrem richtigen Namen kommentieren sie lieber nicht
mehr.

Die Idee, dass die Freiheit des Wortes nur für den gelten sollte, der mit seinem
Namen zu diesem Wort steht, ist rechtlich wie auch moralisch nachvollziehbar – und
dennoch fatal. Zunächst einmal ist das Netz ein grenzenloser Raum. Wer früher am
Tresen unter Freunden seine Enttäuschung über den sozialen Kahlschlag durch die
SPD beklagt hat, wird sich diese Kritik im Internet unter seinem Namen zweimal
überlegen, wenn sein Chef Sozialdemokrat ist. Außerdem ist das Internet ein
zeitloser Raum. Es mag gerechter Spott sein, den deutschen Atomausstieg mit
wohlwollenden Zitaten von Kanzlerin Merkel zur Atomkraft zu unterlegen. Dennoch
müssen Menschen ein Recht auf Meinungsänderung haben. Das Internet vergisst
nicht.

Menschen verstecken sich hinter der Anonymität, sagen die


Klarnamen-Verfechter

Die Klarnamenpflicht ist ein Schritt auf dem Weg zu einem Netz, das nur die wahre
Identität akzeptiert. Ein Zitat der früheren Facebook-Marketingchefin Randi
Zuckerberg lautet: „Ich denke, es sollte keine Anonymität im Internet geben.
Menschen verstecken sich hinter der Anonymität und denken, sie können alles
sagen.“ Von ihrem Bruder, Facebook-Chef Mark Zuckerberg, sind ähnliche Ansichten
überliefert. Klarnamen sind bei der wichtigsten Kommunikationsplattform im Netz im
Grunde erwünscht. Angesichts des Geschäftsmodells von Facebook, das die
wirklichen Identitäten seiner Nutzer braucht, da sie seine finanzielle Urquelle sind,
verwundert diese Einstellung nicht. Doch auch der langjährige Google-Chef und
Berater von US-Präsident Obama, Eric Schmidt, hält Anonymität im Netz für
„gefährlich“.

Dabei muss nicht erst das Beispiel des vernetzten Oppositionskämpfers aus
Damaskus bemüht werden, um die Notwendigkeit von schützenden Netzidentitäten
zu begründen. Gesellschaftlich marginalisierte Gruppen, die im öffentlichen Diskurs
höchstens als Streitgegenstand auftreten, können sich durch Verschleierung ihres
wahren Ichs Diskursraum verschaffen. Die als „Lady Bitch Ray“ bekannt gewordene
Sprachwissenschaftlerin Reyhan Sahin untersucht deshalb Onlineidentitäten von
jungen Musliminnen in Deutschland. „Natürlich können sie im Netz Sachen sagen,
die sie sonst nicht sagen würden“, sagt Sahin.

Als Gegenbeispiel werden terroristische Netzwerke oder auch Einzeltäter wie der
rechtsradikale norwegische Massenmörder Anders Breivik herangezogen. Bevor er
77 Menschen tötete, hetzte Breivik unter einem Pseudonym in Netzforen. Der
damalige Innenminister Friedrich forderte das Ende der Anonymität im Internet.
Später rückte er wieder von dieser Position ab. Wohl auch deshalb, weil die
Behörden neben der Ermittlung von IP-Adressen – die einzelne Computer im Netz
identifizierbar machen – bei schweren Straftaten weitere Methoden wie den
„virtuellen Fingerabdruck“ haben, um einzelne Netznutzer zu identifizieren.

In der Netzwelt ist die wahre Identität schnell ermittelt

In der transparenten Netzwelt liegt die wahre Identität dennoch weithin ausgebreitet
zu Füßen der eigenen Umwelt. Oder, wie es die Autorin Maike Gosch in ihrem Blog
schreibt: „Das Netz saugt wie ein Magnet alle verstreuten Späne der Identitätsspuren
und Geschichten zusammen, und nun steht man mit heruntergelassener Hose vor
der Öffentlichkeit.“ Das zeitweilig zum Netzkult gewordene ChatRoulette verbindet
als weiterentwickelte Form des Textchats zufällig zwei Nutzer, die ihre Webkamera
laufen lassen. Der jähe Fall von ChatRoulette dürfte vor allem an vielen
offenherzigen Nutzern liegen, die dem Gegenüber lieber ihre Genitalien statt ihre
Ansichten präsentierten. Von einem „Identitätsmarkt“ im Netz spricht die
Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel. Stand in der analogen Arbeitswelt das
Arbeits-Ich in Konkurrenz mit anderen, ist es mittlerweile die gesamte Identität.
Theoretisch ist niemand verpflichtet, sein wahres Ich auszubreiten. Doch je mehr
Menschen es tun, desto fester zementiert sich diese Erwartung gerade in netzaffinen
Branchen. Ihr Leben ist nicht auf Facebook nachzulesen? Haben Sie etwas zu
verbergen?

Laut einer Studie der Humboldt-Universität empfinden über ein Drittel der befragten
Nutzer nach dem Verweilen auf Facebook vornehmlich negative Gefühle wie
Frustration. Wesentlicher Grund dafür ist Neid, vor allem auf Reisen und Erlebnisse
anderer. Verweigert sich das deutsche Wetter einmal mehr der Anpassung an die
Jahreszeit, wird immer jemand gerade Strandbilder aus Bali posten, wenn nur
genügend Friends vorhanden sind. Der kalifornische Cyberprophet Jaron Lanier
fordert in „Wem gehört die Zukunft?“, dass Netzkonzerne für Nutzerdaten bezahlen.
Das vor wenigen Wochen erschienene Buch enthält auch Ideen zur staatlich
geregelten Onlineidentität in einer Netzwelt nach Facebook. Wesentlich unschuldiger
kommt da das deutsche E-Government-Gesetz daher, das allen Bürgern die
Möglichkeit eröffnen soll, verwaltungsbezogene Vorgänge durch eine elektronische,
gesicherte Identifikation zu ermöglichen. Die Erschaffung eines eindeutig einer
realen Person zugeordneten Netz-Ichs ist also möglich. Nur die einzige mögliche
Onlineidentität darf es nicht sein.

KLARNAMENPFLICHT

Facebook kann deutsche Nutzer aus dem Sozialen Netzwerk werfen, wenn sie sich
mit Fantasienamen anmelden. Eine Beschwerde des Landeszentrums für
Datenschutz (ULD) in Schleswig-Holstein gegen diese Reglung – die jedoch nicht
zwangsläufig angewendet wird – hatte das Oberverwaltungsgericht im April 2013
abgewiesen. Die Datenschutzbehörde hatte auf die deutsche Rechtsprechung
(Telemediengesetz) verwiesen und von Facebook gefordert, dass Nutzer sich auch
mit Pseudonymen anmelden können. Auf Facebook, das seinen technischen Sitz in
Irland hat, ist das deutsche Datenschutzrecht jedoch nicht anwendbar.

Unter Pseudonym mit immer neuen Avatar-Socken über der Nase digitale
Brandsätze werfen? Für einen meinungsbildenden Diskurs braucht niemand eine
Hasskappe. Bild: dpa

PRO

Es ist eine teils absurde Debatte um die Anonymität, die wir gerade erleben.
Ausgelöst von den Diskussionen nach dem Doppelattentat von Oslo lesen wir
Forderungen, die vor allem ein Ziel haben: das, was wir im Internet tun,
nachvollziehbar zu machen, uns haftbar machen zu können. Das klingt für viele
zuerst einmal nicht verkehrt: Ist nicht die Anonymität im Internet ein großes Übel?
Kann da nicht jeder einfach tun und lassen, was er möchte? Darf das sein?
Anzeige

Als im späten 18. Jahrhundert drei Männer für die repräsentative, republikanische
Demokratie eine bis heute noch in vielen Aspekten gültige Streitschrift verfassten, da
veröffentlichten sie diese unter Pseudonym. Publius war der gemeinsame Name,
unter dem Alexander Hamilton, John Jay und James Madison die Debatte um die
US-Verfassung und den Nationalstaat befeuerten. Waren sie nicht, genau
genommen, für ihre Leser anonym? Wer hätte den Weg zu ihnen wirklich
zurückverfolgen können? Die Geschichte ist voller Menschen, die unter "falschem"
Namen - was ist ein richtiger? - agiert haben. Die wenigsten waren schlimme Finger,
einer wurde sogar Bürgermeister Westberlins und Bundeskanzler. Wir akzeptieren
Namen, nehmen sie als gegeben hin.

Die Autoren
taz-Redakteur und Autor lernt den Diskurs des Netzes seit drei Jahren als Blogger
auf pisaversteher.de und @ciffi kennen.

ist freier Journalist, Mitglied der "Digitalen Gesellschaft", arbeitete zuvor u. a. für die
Verbraucherzentrale und Zeit.de.

Anonymität ist dabei der Standard, mit dem wir uns bewegen. Auf der Straße tragen
wir kein Namensschild. Wer in Gorleben, Stuttgart oder an anderen Orten
demonstriert, ist anonym in der Masse unterwegs. Wenn wir zu einer
Diskussionsveranstaltung gehen, müsen wir uns in der Regel nicht ausweisen. Und
wenn wir einen Leserbrief an eine Zeitung schreiben, kann die andere Seite nicht
nachvollziehen, ob es uns wirklich gibt. Natürlich gibt es immer wieder Möglichkeiten,
unsere grundsätzliche Unbekanntheit aufzuheben. Nur: wie viele jener Menschen,
mit denen Sie täglich interagieren, konfrontieren Sie mit Ihrer sogenannten Identität?
Dieser Text entsteht im Café. Wie absurd wäre doch die Vorstellung: "Guten Morgen,
mein Name ist Falk Lüke und ich hätte gern einen Kaffee." - "Guten Morgen, ich bin
Friedbert Frühstück, hast du sonst noch einen Wunsch?" Es ist die Natur von
Anonymität: Sie ist ein Gedankenkonstrukt und praktisch nur relativ. Mit genügend
Informationen über einen Akteur ließe sie sich immer aufheben, in der Praxis ist sie
eher eine Pseudonymität.

Das Unbehagen gegenüber der "anonymen Masse" im Internet, die sich in Teilen
unflätig benimmt, ist nur zum Teil der Anonymität geschuldet. Für die soziale
Interaktion ist es irrelevant, ob wir mit Michaela Müller oder I. Gitt diskutieren. Primär
ist es eine Diskussion um Verhaltensregeln, Normen und Anstand. Manche wissen
sich schlicht nicht zu benehmen.

Der Anlass der Forderungen des Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich war,


dass man kaum nachvollziehen könne, mit wem Anders Behring Breivik
kommuniziert hatte und von wem er sich beeinflussen ließ. Einer der Autoren, von
denen Breivik offenbar beeinflusst zu sein glaubte, lüftete nach der Tat sein
Geheimnis: Der rechte Blogger "Fjordman" war von Breiviks Taten so entsetzt, dass
es ihm wichtig wurde, sich unter echtem Namen davon zu distanzieren. FALK LÜKE

CONTRA
Mein Verfolger ist eine multiple Persönlichkeit. Er löscht bei Wikipedia in einem
Artikel alle neuen Textteile, er radiert sämtliche Fußnoten aus. Als Anonymus. Wenig
später meldet er sich auf der taz-Kommentarspalte als fristian chrüller - und erzählt
Märchen. Er loggt sich auch bei Twitter mit Maske ein. Ich bin keine einsame
Celebrity. Ich habe keine Angst vor meinem Verfolger. Aber er nervt.

Mein Verfolger ist ein Kind, ein Kind der Anonymität im Netz. Er findet witzig, was wir
in der Schülerzeitung machten: Lehrer anonym derblecken. Aber er ist eben nicht 14,
sondern ein erwachsener Mann, wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Uni. Dennoch
benimmt er sich wie ein Teenie in London. Nur dass er sich keinen Kapuzenpulli über
die Stirn hängt, sondern mit immer neuen Avatar-Socken über der Nase digitale
Brandsätze wirft, ein smart stalker. "Ich schreibe anonym", sagt er unschuldig, "da
Argumente unterschiedlich wahrgenommen werden, je nachdem, von wem sie
kommen, und ich meine Argumente im Raum nicht deshalb abgetan wissen will, weil
ich … in die Reformpädagogik-Ecke gehöre."

Kein Mensch muss als inkontinenter Anonymus durchs Internet streifen, um die
Wirkung seiner "Argumente im Raum" zu beschnuppern. Auf einer öffentlichen
Veranstaltung würde er doch hinstehen müssen ("Hallo, ich bin der Axel") - und
Gesicht zeigen. Das ist eine durch und durch gute Idee. Das Netz braucht keine
Anonymität, allenfalls sehr ausnahmsweise. Nicht nur für die bürgerliche Gesellschaft
ist das konstitutiv, auch der Diskurs in Parlamenten, Versammlungen und zu Tisch,
kennt kein anderes Prinzip: Zu "ich spreche" gehört notwendig das Ich. Wieso sollte
diese Ratio der Aufklärung für das Netz nicht gelten?

Kein Missverständnis. Ich möchte meinem Inkognito-Follower nicht den


Bundesinnenminister auf den Hals hetzen. Und ich will auch kein Gesetz. Aber man
wird wohl im superaufgeklärten Diskursraum Netz einen demokratischen Kodex
erwarten können - Ausnahmen inklusive. Ein Forum von Betroffenen sexueller
Gewalt etwa, wie das legendäre Misalla-Blog im Jahr 2010 eines war, muss
geradezu mit Pseudonymen arbeiten. Offensichtlich ist auch, dass man Supermächte
wie China, Exxon oder die Deutsche Bank nicht mit Angabe von Name und Adresse
wirksam wird ärgern können.

Die stets so hochgehaltene Mündigkeit der Netzcommunity aber wird sich an der
Frage beweisen, ob sie eine politische Netiquette für den Diskurs in Social Media,
Blogs und Foren zustande bringt. Das ist schwerer, als sich über seltsame
Vorschläge eines Innenministers zu belustigen, wie es sich Blogger gerade leicht
machen. Aber es muss sein.

Für einen meinungsbildenden Diskurs braucht niemand Ku-Klux-Klan-Haube,


Hasskappe oder Burka. Anonymität muss selbstverständlich auch in der
Informationsgesellschaft möglich sein. Aber da, wo Öffentlichkeit entsteht, ist es aus
mit Inkognito. Politik ohne Gesicht, wie soll das gehen? Jede Theorie ubiquitärer
allezeit kollaborativer Kommunikation hat als Mittel und Zweck - die Individualität. In
der Masse zählt nur das unbedingt Originelle. Anonyme Originalität ist ein
Widerspruch in sich. Also: Gesicht zeigen.

Mehrheit der jungen Menschen ist gegen Klarnamenpflicht


von Markus Beckedahl am 20. Juli 2016, 11:56 in Datenschutz / 21 Kommentare
Eine Mehrheit der jungen Menschen ist gegen Klarnamenpflicht. Das hat eine Umfrage des
Stern rausgefunden. Eine Mehrheit der über 59-jährigen befürwortet hingegen etwas,
wovon diese meist nicht betroffen sind.

Einen „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Moment gibt es auch in der Debatte um eine
Klarnamenpflicht im Netz. Alle paar Monate poppt sie wieder auf. Der Stern hat vergangene
Woche nach dem symbolischen Aktionstag des BKA gegen Teilnehmer einer geschlossenen
Facebookgruppe 1.006 Personen durch das Forsa-Institut befragen lassen, was diese zu einer
Rechtsdurchsetzung sagen und wie sie es mit der Klarnamenpflicht halten.

89 Prozent der Befragten begrüßen es, wenn Strafverfolgungsbehörden „gegen die Verfasser
von Hass- und Hetzbeiträgen im Internet vorgehen“. Ungeklärt ist, ob in der Fragestellung klar
nach Straftatbeständen wie Volksverhetzung gefragt wurde oder lediglich nach dem im
deutschen Recht undefinierten, aber häufig von der Meinungsfreiheit gedeckten „Hate-Speech“.

Soweit so gut. Es wurde aber auch explizit nach der Klarnamenpflicht gefragt. 60 Prozent der
Befragten unterstützen laut Stern.de „den Zwang zur Angabe des echten Namens bei der
Anmeldung in Internet-Foren oder -Netzwerken“. Interessant ist die Altersverteilung: 81 Prozent
der über 59-jährigen wollen diese. 58 Prozent der 18- bis 29-jährigen lehnen diese ab.

Man kann auch sagen: Diejenigen, die wissen, worum es geht und selbst im Netz aktiv sind,
lehnen eine Klarnamenpflicht aus guten Gründen ab. Ältere Mitbürger, die das Netz und soziale
Medien vor allem aus Zeitschriften wie dem Stern kennen, wollen etwas, was sie nicht richtig
verstehen.

Es gibt viele gute Gründe gegen eine Klarnamenspflicht:

 Eine Klarnamenpflicht ändert nichts an der Debattenkultur. Diese ist erst so schlecht
geworden, als Facebook (ein „in der Regel“-Klarnamen-Netzwerk) groß wurde. Man
braucht sich nur Facebook-Seiten aus dem Pegida- oder AfD-Umfeld anschauen und
sieht dort, dass die meisten Meinungsbeiträge unter Realnamen erfolgen.
 Im Kampf gegen „Hate-Speech“ (whatever it is) bringt Klarnamenpflicht auch nicht viel
mehr, da heute schon nicht ausreichend gegen alle illegalen Postings unter Klarnamen
vorgegangen wird. Ausnahmen an symbolischen Aktionstagen bestätigen die Regel.
 Im Gegensatz zur Flüchtigkeit des „realen Lebens“ samt Orts und Zeitabhängigkeit bleibt
im Netz vieles stehen. Junge Menschen wissen das und nutzen deswegen häufig
Pseudonyme. Über 59-jährige haben in der Regel nichts mehr in ihrem Berufsleben zu
befürchten, wenn sie in zehn Jahren für heutige Äußerungen im Netz zur Verantwortung
gezogen werden.
 Eine Realnamenpflicht im Netz wird dazu führen, dass viele nicht mehr ihre Meinung
offen sagen. Diese Chilling-Effects schränken gesellschaftliche Debatten ein. Bei einer
Klarnamenpflicht hat jeder zu befürchten, dass z. B. sein Arbeitgeber seine politischen
Einstellungen kennt.
 Von der Einschränkung der Meinungsfreiheit durch Klarnamenpflicht sind insbesondere
Minderheiten betroffen.

Weitere gute Gründe liefert ein Gastbeitrag von Jillian York (EFF): Gute Gründe für
Pseudonymität – und gegen eine Klarnamenpflicht.

Grundsätzlich muss man sich auch fragen: Was haben denn die Razzien gegen eine
geschlossene Nutzergruppe auf Facebook mit einer Klarnamenpflicht zu tun, wie Stern es durch
die Umfrage suggeriert?

Soziale Netzwerke: 60 Prozent der Deutschen für Klarnamen-


Pflicht

Diese Forsa-Umfrage hat es in sich: 89 Prozent begrüßen es, wenn gegen


Hass- und Hetzbeiträge vorgegangen wird, 69 Prozent der Deutschen würden
den Netzwerk-Betreiber über Hasspostings informieren, 51 Prozent würden
dies gar der Polizei melden und 60 Prozent würden sich gerne zur Angabe des
echten Namens zwingen lassen. – Das Stasisystem hat die BRD damals
erfolgreich okkupiert und die Umerziehung fand fruchtbaren Boden.

Von Redaktion/dts

Neun von zehn Bundesbürgern (89 Prozent) begrüßen es, dass die
Strafverfolgungsbehörden gegen die Verfasser von Hass- und Hetzbeiträgen im
Internet vorgehen. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Forsa"
für das Hamburger Magazin "Stern". Am ersten bundesweiten Einsatztag zur
Bekämpfung von Hasskriminalität im Internet hatte die Polizei am Mittwoch
vergangener Woche in 14 Bundesländern die Wohnungen von rund 60
Beschuldigten durchsucht.

Ihnen wird unter anderem Volksverhetzung vorgeworfen, weil sie fremdenfeindliche


und antisemitische Hass- und Hetzkommentare im sozialen Netzwerk Facebook
verbreitet haben sollen. Lediglich sieben Prozent finden das nicht richtig – darunter
dreißig Prozent der AfD-Anhänger. Weil sich die Autoren solcher Beiträge häufig
hinter Pseudonymen verstecken, unterstützt eine Mehrheit von 60 Prozent der
Befragten den Zwang zur Angabe des echten Namens bei der Anmeldung in
Internet-Foren oder -Netzwerken.

Gegen eine solche Klarnamen-Pflicht sprechen sich 34 Prozent aus. Vor allem die
Jüngeren – darunter 58 Prozent der 18- bis 29-Jährigen – lehnen sie ab. Gefragt,
was sie tun würden, wenn sie im Netz auf solche Hass- und Hetz-Kommentare
stoßen, gaben 69 Prozent an, den jeweiligen Netzwerk-Betreiber informieren zu
wollen. 51 Prozent würden hetzerische Postings bei der Polizei anzeigen und 31
Prozent wahrscheinlich gar nichts machen. Das Institut befragte am 14. und 15. Juli
2016 dazu 1006 Bundesbürger.

Piercings Mindestalter
Piercen und Tätowieren gilt rechtlich gesehen als mutwillige Körperverletzung, die nur
deshalb straffrei bleibt, weil die betreffende Person in den Eingriff einwilligt. Ab wann ist es
Jugendlichen erlaubt, ihre Körper mit einem Tattoo oder Piercing "verschönern" zu lassen?
Das Jugendschutzgesetz in Deutschland gibt dazu keine klaren Regeln vor.

Derzeit gibt es für Tätowierungen und Piercings in Deutschland keine gesetzliche Altersgrenze. Das liegt
daran, dass man nicht genau sagen kann, ab welchem Alter ein Jugendlicher die Folgen der "mutwilligen
Körperverletzung" abschätzen kann - nämlich dass zum Beispiel geweitete Ohrlöcher nicht wieder
zuwachsen oder dass ein Tattoo nur mit großem Aufwand und auf eigene Kosten wieder entfernt werden
kann. Diese Risiken und Langzeitfolgen einschätzen zu können, hängt vom Alter und von der individuellen
Reife des Jugendlichen ab.

Auch die verbreitete Praxis, Jugendliche ab einem bestimmten Alter zu tätowieren, wenn sie eine
Einwilligungserklärung der Eltern vorlegen oder von ihnen begleitet werden, hat keine sichere rechtliche
Grundlage. "Relevant ist nicht das Alter, sondern die geistige Reife des Jugendlichen selbst. Verfügt dieser
über die nötige Verstandesreife, kann er die Einwilligung selbst erklären. Das aber kann der Tätowierer
nicht prüfen", erklärt Rechtsanwalt Urban Slamal vom Bundesverband Tattoo e.V, der sich auf die
juristischen Aspekte des Tätowierens spezialisiert hat

Ob die Eltern im Falle einer verstandesunmündigen Jugendlichen wirksam einwilligen können, ist rechtlich
nicht abschließend geklärt. Eine Einwilligungserklärung der Eltern bewahrt den Tätowierer nur vor
späterem Ärger mit diesen.

Das sagen die Berufsverbände


Die Berufsverbände haben sich unterschiedliche Regelungen auferlegt. Die Europäische Vereinigung für
professionelle Piercings (EAPP) spricht sich gegen Eingriffe bei Jugendlichen unter 14 Jahren aus. "Das
lehnen wir grundsätzlich ab", sagt die EAPP-Vorsitzende Martina Lehnhoff. Bei älteren Jugendlichen
werde die Zustimmung beider Elternteile gefordert. Diese müssten auch beim Vorgespräch anwesend
sein, wo sie über die Risiken, die Pflege sowie die Nachsorge aufgeklärt würden.

Der Bundesverband der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte (BVJ) sieht hingegen keine
Notwendigkeit für eine Altersgrenze. "Wir können den Erziehungsberechtigten ihre Verantwortung nicht
abnehmen", sagt BVJ-Geschäftsführer Joachim Dünkelmann. Die Empfehlung des Verbandes lautet, bei
unter 16-Jährigen die Einwilligung und Anwesenheit eines Erziehungsberechtigten zu fordern. Bei
Jugendlichen ab 16 Jahren ist nach Ansicht des BVJ eine schriftliche Einverständniserklärung ausreichend.

"Ich rate davon ab, Minderjährige zu tätowieren. Damit ist man auf der sicheren Seite", sagt Rechtsanwalt
Slamal. Auch der Verein Deutsche Organisierte Tätowierer (DOT) lehnt Tätowierungen für Jugendliche
unter 18 Jahren ab.
Jugendliche über mögliche Risiken von Tattoos und Piercings aufklären
Kunden müssen grundsätzlich vor dem Piercen oder Tätowieren über die sachgerechte Nachbehandlung
und mögliche Risiken wie Allergien, Entzündungen und Narbenbildung informiert werden.

Schadensersatzpflichtig wird Piercing als Körperverletzung übrigens dann, wenn das Studio unsauber und
dilettantisch arbeitet und es zu Folgeproblemen wie Entzündungen oder Narben kommt. Jugendliche
sollten sehr vorsichtig sein in der Auswahl des Studios und sich über die hygienischen Vorschriften
informieren.

Kinderärzte fordern Verbot von Tätowierungen und


Piercings

Ein Glitzersteinchen im Bauchnabel, ein Ring in der Nase, ein Geweih über dem Po: Vor
allem Jugendliche zieht es in Tattoo- und Piercingstudios. Doch der Grat zwischen
Körperkunst und Körperverletzung ist schmal, warnen Kinderärzte – und fordern ein
Verbot für unter 18-Jährige.

Frankfurt am Main – Deutschlands Kinderärzte fordern ein gesetzliches Verbot von


Tätowierungen und Piercings bei Minderjährigen. Bis zu 20 Prozent dieser Eingriffe
führten zu Komplikationen, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und
Jugendärzte, Wolfram Hartmann, der «Frankfurter Rundschau».
Es sei «nicht akzeptabel», dass fast die Hälfte der Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren
und rund ein Viertel der Jungen «aus einer Laune heraus oder aus Gruppendruck» ihre
Gesundheit aufs Spiel setzen.
Auch sei es rücksichtslos, dass Eltern sogar Kleinkindern im Alter von unter drei Jahren
Nasen-Piercings verpassen ließen. «Hier geht es um Eingriffe am gesunden Körper, für
die es keinerlei medizinische Notwendigkeit gibt», sagte Hartmann.
Bei den vermeintlichen Verschönerungen in oft nicht kontrollierten Studios komme es
vielfach zu schwerwiegenden Folgen, die von bakteriellen Entzündungen bis hin zu
Hepatitis reichen könnten.
Minderjährige könnten «ihr Bedürfnis nach Anders-Sein auch anders ausleben als durch
eine Verletzung», betonte der Kinderarzt. Schätzungen zufolge sind zehn Prozent der
Tätowierten und Gepiercten jünger als 20 Jahre. Ein Fünftel der 9- bis 14-Jährigen
wünscht sich, anders auszusehen.
Im Deutschen Bundestag fand eine Anhörung zum Thema Missbräuche bei
Schönheitsoperationen statt. Union und SPD pochen auf schärfere Vorgaben und
Kontrollen.
Bereits 2003 hatte die EU-Kommission Bedarf gesehen, Formen der sogenannten Body
Modification zu regeln – allerdings ohne dass bislang eine Entscheidung gefallen wäre.
Immerhin muss Piercing-Schmuck nach einer EU-Verordnung aus nickelfreiem Stahl sein.
Bei den Tattoo-Farben hat man sich nicht auf eine Negativliste für Tätowierungspigmente
einigen können, wie sie ursprünglich vorgeschlagen worden war.