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3 Hefte 1 Heft
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Rosenzweig & Schwarz, Hamburg

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Hausmitteilung Februar 2017

GESCHICHTE

Das Weltreich, das Mohammeds Anhänger eroberten, war größer


als das Römische Imperium. In seiner Blütezeit war es sagen-
haft reich, bildungshungrig, militärisch eine Supermacht.
Nachdem Muslime im 8. Jahrhundert Spanien unterworfen
hatten, trafen islamische und christliche Kultur direkt aufei-
nander, rieben sich in Kampf und Abgrenzung, lernten von-
einander bei Handel und Wissensaustausch. Dieses Heft zeich-
net die 1300-jährige gemeinsame Geschichte nach, von den
Mauren als den ersten Muslimen auf dem Kontinent bis zu
denen im heutigen Europa – allein in Russland leben an die
15 Millionen Muslime. Ein Zeugnis dieser bewegten Historie
besichtigte SPIEGEL-Autor Wolfgang Höbel in Córdoba: Das
zentrale Gebetshaus der andalusischen Stadt heißt „Moschee-
Kathedrale“, ein cordobesischer Kalif machte seine Metropole Röhlig im Hof der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo
einst zu einem zweiten Mekka (Seite 24).

1909 ging die erste Konzession für Erdöl im Mittleren Osten an


die Anglo-Persian Oil Company, 1927 begannen westliche Fir-
men, Öl im Irak zu fördern, 1938 stiegen die USA in Saudi-
Arabien ins Geschäft ein. Der Hunger nach dem Rohstoff und
nach Einfluss ließ die Eliten alle Werte vergessen. Ein trauriger
Höhepunkt ist das falsche Spiel des walisischen Offiziers Tho-
mas Edward Lawrence, berühmt als „Lawrence von Arabien“,
der den Stämmen der Wüste das Blaue vom Himmel versprach,
während Franzosen und Briten deren Land klammheimlich
unter sich aufteilten (Seite 102). Auch die britische Ankündi-
gung, Europas drangsalierten Juden eine „Heimstätte“ in Pa-
lästina – dem heutigen Israel – zu geben, hatte dramatische
Folgen für die Menschen vor Ort. Bis heute sind die Beziehun-
gen zwischen arabischer und westlicher Welt dadurch belastet
(Seite 120). Warum er trotzdem noch große Hoffnung in den
Austausch zwischen Islam und Europa setzt, erklärte der Köl-
ner Nahostexperte Loay Mudhoon den Heftverantwortlichen,
Annette Bruhns und Dietmar Pieper: Europas Muslime sollten,
so Mudhoon, in einem „fruchtbaren Prozess der gegenseitigen
Höbel im Orangenhof in Córdoba Zumutung“ den Islam neu definieren (Seite 130).

Nach der Blütezeit des Islam stieg dieser keinesfalls ab, wie
der Bremer Professor Alexander Flores erläutert (Seite 74).
Sondern es war Europa, dessen Stern unaufhaltsam zu steigen
begann, bis die christliche Machtsphäre weit über seine Gren-
zen hinausreichte. Diese Expansion rechtfertigten europäische
Eroberer gern mit ihrem Missionsauftrag. Zu den Opfern der
neuen „Christen zuerst“-Ideologie gehörten neben den Juden
ausgerechnet Spaniens einstige Mauren (Seite 68). Der erste
Imperialist, der direkt in Ägypten und damit in muslimisches
Territorium einfiel, war Napoleon Bonaparte. Marc Röhlig,
der in Kairo studiert hat, beschreibt, wie die französische
Fremdherrschaft das Land umkrempelte (Seite 84). „Napoleon
konnte sich zwar nur drei Jahre lang halten“, sagt Röhlig, Re-
dakteur des Onlineportals bento. „Aber danach war nichts
mehr wie zuvor.“ Der Wettlauf um die hegemoniale Vormacht
im Nahen und Mittleren Osten war eingeläutet. Bruhns, Mudhoon, Pieper

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 3
Inhalt

24 56
Die Hauptkirche der spanischen Stadt Córdoba war Der andalusische Philosoph Averroes gehörte zu den
jahrhundertelang Moschee. Ihre Geschichte ist auch großen geistigen Autoritäten des Mittelalters, weil er der
die vom Aufstieg und Fall der Mauren. christlichen Welt die Lehren des Aristoteles erschloss.

Innenansicht der Moschee-Kathedrale Muslimischer Universalgelehrter Averroes (1126 bis 1198)

6 Bildseiten 36 Experten fürs Auge Aufstieg Europas


Moscheen und Muslime Die Araber machten sich die
60 Weltkrieg um Zimt und
in Deutschland antike Heilkunst zu eigen –
Nelken
und überlieferten sie Europa
Blütezeit des Islam Die globale Konkurrenz
40 Blutrausch im Heiligen islamischer und christlicher
16 Als Araber die Welt Land Handelsnationen
eroberten 1099 überfielen die ersten
Die Anhänger Mohammeds 66 Das Machtspiel der
Kreuzritter Jerusalem
stiegen zur Weltmacht auf Queen
46 „Tiere des Kampfes“ Englands Königin Elizabeth I.
21 Die Schlacht bei Tours Dokument: Christen aus Sicht bemühte sich um muslimische
und Poitiers eines muslimischen Ritters Verbündete
Legende & Wahrheit:
Karl Martells Sieg 732 47 „Im höchsten Maß 68 „Haus voller Schlangen“
22 Weihrauch gegen betrunken“ 1609 wies Spanien die
Die Wolgabulgaren bekehrten Nachkommen der Mauren aus –
Pelze
sich freiwillig zum Islam viele fanden den Tod
Analyse: Was hat Karl der
Große mit dem Islam zu tun? 50 Sprachgenie und 74 „Der Tigris färbte sich
24 Mekka in Spanien Sterndeuter blau“
Auf den Spuren des Ein schottischer Gelehrter über- Gespräch: Alexander Flores
legendären al-Andalus setzte am Kaiserhof arabisches über die Gründe für den
Wissen ins Lateinische Aufstieg der Alten Welt und den
33 Andalusische Minne Niedergang des Morgenlands
Dokument: Gedichte der 55 Kaiser Friedrich II.
Kalifentochter Wallada und Legende & Wahrheit: 78 Agenten des Teufels
ihres Verehrers Ibn Saidun Wie tolerant war der Staufer? Antitürkische Propaganda auf
den ersten Flugblättern
34 Piratennest in den 56 Der Kommentator
Bergen Der maurische Gelehrte 80 Retter aus Polen
Ein Bild: Muslime an der Averroes war ein Großer der Ein Bild: 1683 besiegte Jan III.
mittelalterlichen Côte d’Azur europäischen Philosophie Sobieski die Osmanen vor Wien

4 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
88 112
„Ex oriente lux“ – aus dem Osten kommt das Licht, Aufgewachsen im Harem und jung verheiratet, begehrte
hieß ein romantisches Leitmotiv im 19. Jahrhundert. eine ägyptische Feministin gegen die Traditionen auf
Maler und Dichter schwärmten für den Orient. und legte 1923 ihren Schleier ab.

„Das Bad“, Gemälde von Jean-Léon Gérôme (um 1880) Verschleierte Ägypterin, 1930

82 „Ich glaubte zu träumen“ Konflikte der Moderne 130 „Da tobt auch ein
Auf abenteuerlichen Wegen
102 Der Wüstenpakt Klassenkampf“
gelangten die Märchen aus Gespräch: Loay Mudhoon
Als „Lawrence von Arabien“
„Tausendundeiner Nacht“ nach über die Folgen des
gegen Deutschland und
Paris Imperialismus in Nahost und
die Osmanen mobil machte
das Versagen arabischer Eliten
84 Die Vermessung Ägyptens 112 Schulen statt Schleier
Napoleons dreijährige 136 Von Admiral bis Zucker
Ägyptens Frauenbewegung
Herrschaft über Arabisch-deutsche Wörter
blickte lange auf Europa
die osmanische Provinz
krempelte das Land um 115 Die verhüllte Frau 3 Hausmitteilung; 99 Bildcredits;
Legende & Wahrheit: Gebietet
88 Kiffen im arabischen 137 Buchempfehlungen / Impressum;
der Koran den Schleier?
Salon 138 Vorschau
Als der Orient keine macht- 116 Kalifen-Rochade am
politische Bedrohung mehr Bosporus
war, kam er in europäischen Wie Atatürk die Religion für
Metropolen in Mode seine Zwecke nutzte

96 Das Joch der Religion 120 Zionismus und „Nakba“


Der erstaunlich aktuelle Essay: Warum die Gründung
Gelehrtenstreit zwischen dem Israels eine Katastrophe
Franzosen Renan und dem für viele Araber war
Antikolonialisten Afghani 122 Zwischen Moskau
100 Kaffee, ein und Mekka
Muslime gehören seit vielen
muslimisches Getränk? Titelbild: Der Graf von Tripolis nimmt 1124
Jahrhunderten zu Russland
Legende & Wahrheit: die Kapitulation der Stadt Tyros entgegen.
Gemälde von A.-F. Caminade, 1840
Zwar stammte der Mokka 126 Um den Preis des
aus dem Jemen – eigenen Lebens
doch war er vielen Imamen Der Islam und die
suspekt Selbstmordattentäter Kontakt: info@spiegel-geschichte.de

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 5
Als eine faszinierende, aber auch fremd und gefährlich
erscheinende Welt hat „der Orient“ seit Langem einen festen Platz
in der deutschen Wirklichkeit.

ISLAM IN
DEUTSCHLAND

DRESDEN
Vor der Silhouette mit der Kuppel Bürogebäude. Yenidze (eigentlich
der Frauenkirche und dem Turm der Yenice) ist der türkische Name eines
Hofkirche erhebt sich die „Tabak- griechischen Tabakanbaugebiets,
moschee“. Sie wurde 1909 als das früher einmal zum Osmanischen
Zigarettenfabrik fertiggestellt und Reich gehörte. Das vermeintliche
dient heute als Veranstaltungs- und Minarett fungierte als Schornstein.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 7
Islam in Deutschland

8 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
SCHLESIEN BRANDENBURG
Ende 1943 werden muslimische Bei Wünsdorf südlich von Berlin rich-
Freiwillige aus Bosnien und der Herze- tet das deutsche Militär im Ersten
gowina als Mitglieder der späteren Weltkrieg das „Halbmondlager“ für
Waffen-SS-Division „Handschar“ in muslimische Kriegsgefangene ein.
Neuhammer, dem heute polnischen 1915 wird dort aus Balken und
Swietoszow, ausgebildet. Brettern eine Moschee gebaut.

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Islam in Deutschland

BERLIN
Im persisch-indischen Stil wird von Wilmersdorfer Moschee aus
1924 bis 1928 im Stadtteil Wilmers- Mitteln der Alliierten sowie Spenden
dorf die Ahmadiyya-Moschee erbaut, wieder hergerichtet. Die Aufnahme
das älteste islamische Gebetshaus rechts datiert von 1963 und zeigt
in Deutschland, das bis heute be- Gläubige während des Opferfests,
steht. Nach starken Beschädigungen dem höchsten islamischen
im Zweiten Weltkrieg wurde die Feiertag.

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Islam in Deutschland

HAMBURG DÜSSELDORF
Auf dem Dach eines Mietshauses Auf dem Flughafen kommen am
aus Backstein steht ein Muezzin und 27. November 1961 die ersten
ruft zum Gebet (Mai 1961). Er trägt türkischen Bergleute an, die sich für
eine Karakulmütze, eine traditionelle ein Jahr zur Arbeit in deutschen
Kopfbedeckung in Süd- und Zentral- Zechen verpflichtet haben – Anfang
asien, etwa in Afghanistan. einer langen Migrationsgeschichte.

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Islam in Deutschland

BERLIN
Als 2014 diese Aufnahme von drei
muslimischen Frauen entsteht, leben
in Deutschland rund drei Millionen
Menschen, die türkische Wurzeln
haben. Mehr als die Hälfte von ihnen
sind deutsche Staatsbürger.

14 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Blütezeit des Islam Die Expansion

Im 7. Jahrhundert begann ein erstaunlicher Siegeszug: Bald war das


Reich der Muslime größer als das Römische Imperium zu seinen besten Zeiten.

Als Araber die Welt


eroberten

Von Mischa Meier und Steffen Patzold

E
twa 120 Kilometer südöstlich bische Verbände als Alliierte zu gewin- scheinlich zunächst mit unterschiedlichen
von Damaskus, in Namara, nen. Damit setzten sie Prozesse in Gang, paganen Gottheiten in Verbindung stand.
wurde im Jahr 328 der Araber- die für die Araber – die Bewohner der In diesem lebhaften Ort, den der Stamm
führer Imru al-Kais bestattet. Arabischen Halbinsel bis nach Norden in der Kuraisch beherrschte, wurde wahr-
Berühmt geworden ist er durch seine die syrische Wüste und darüber hinaus – scheinlich um 570 Mohammed geboren.
Grabinschrift. Sie stellt nicht nur das frü- einschneidende Folgen hatten: Neue Hie- Sein Vater Abdallah starb früh. Der spä-
heste schriftliche Dokument in arabi- rarchien bildeten sich heraus, der Wett- tere Prophet wuchs bei einer Amme und
scher Sprache dar, sondern feiert den bewerb unter erfolgreichen Führungs- seinem Onkel auf.
Verstorbenen als „König aller Araber“. figuren verstärkte sich. Wie schon seit
Lange wurde über die Deutung dieses dem 3. Jahrhundert setzten sich Men- Die Zeiten waren schwierig. Der „letzte
Textes gestritten: Zeigt sich hier so etwas schen in Bewegung, neue Gemeinschaf- große Krieg der Antike“, ausgefochten
wie ein arabisches Gemeinschaftsbe- ten bildeten sich heraus. Ganz ähnliche Anfang des 7. Jahrhunderts zwischen By-
wusstsein – gar die Basis für das spätere Prozesse spielten sich gleichzeitig überall zantinern und Sasaniden, hatte beide
Wirken Mohammeds? jenseits der Grenzen Ostroms ab – ver- Konkurrenten an den Rand des Ab-
Inzwischen überwiegt die Skepsis. einfachend oft als „Völkerwanderung“ grunds geführt. Die Bevölkerung war zu-
Imru al-Kais repräsentierte nicht alle Ara- bezeichnet. dem durch mehrere Pestepidemien und
ber, sondern unter vielen Gruppen eine, Die Bevölkerung der Arabischen Halb- Naturkatastrophen stark dezimiert wor-
die besonders selbstbewusst aufzutreten insel gliederte sich in der Antike in Clans den. Endzeiterwartungen hatten in Ost-
vermochte. Kais’ Krieger hatten sich zu- und Stämme – Verwandtschaftsgruppen rom bereits das 6. Jahrhundert geprägt
nächst in den Dienst der persischen Sa- häufig konstruierten Charakters, die mit- und ergriffen immer mehr Menschen,
saniden gestellt, jenes Großreichs, das einander rivalisierten und sich vielfach nicht zuletzt auch Teile der Juden. Vielen
über 400 Jahre lang, bis etwa 640, große in wechselnden Koalitionen bekämpften. genügten nicht mehr die diesseitsorien-
Gebiete des heutigen Nahen Ostens kon- Dienst für eines der Großreiche sicherte tierten paganen Kulte, die auf der Arabi-
trollierte. Dann aber waren sie zu den ihnen Prestige und Reichtum. So hatte schen Halbinsel praktiziert wurden. Mo-
Kaisern des römischen Reichs übergelau- sich den Persern schon seit dem aus- notheistische Religionen wie das Juden-
fen – vielleicht im Zusammenhang mit gehenden 3. Jahrhundert ein von den und Christentum fanden auch unter den
der Annahme des Christentums. Nasriden beherrschter Verband im heu- Arabern zahlreiche Anhänger; andere,
So stehen Imru al-Kais und seine Leu- tigen Irak an die Seite gestellt, während wie die sogar im Koran erwähnten Hani-
te weniger für eine frühe gesamtarabi- die Römer im 6. Jahrhundert vornehm- fen, befanden sich auf der Suche nach ei-
sche Identität als vielmehr für die Dyna- lich auf die Dschafniden setzten, Herr- nem eigenen, gleichfalls abrahamitisch
mik, die zwei Großreiche durch ihre Kon- scher einer Konföderation aus Südara- geprägten Monotheismus.
kurrenz in den dazwischenliegenden bien, die in den Norden vordrangen und In dieser Welt erfuhr Mohammed sei-
„Puffergesellschaften“ auslösten. Um ihre ihrerseits das Christentum annahmen. ne ersten Offenbarungen und begann, un-
Grenzen zu sichern und den jeweiligen Viele arabische Stämme lebten an- ter dem Eindruck der nahenden Endzeit,
Gegner in Schach zu halten, strebten By- fangs zumindest teilweise als Nomaden; einen strikten Monotheismus mit der Per-
zantiner ebenso wie Perser danach, ara- ihre Kontakte zu den Großreichen be- spektive eines ewigen Lebens zu predi-
schleunigten nun die Sesshaftwerdung. gen. Auf die mekkanische Bevölkerung
In Mekka im Westen der Arabischen wirkte dies zunächst befremdlich, wahr-
In der „Kamelschlacht“ bei Basra 656 zog Halbinsel, der „Hedschas“, wohnten sess- scheinlich sah man auch die etablierten
das Heer von Mohammeds Witwe Aischa
gegen die Truppen des Konkurrenten hafte Araber. Den Ort prägten Kaufleute Stammesstrukturen gefährdet. So sahen
Ali, Ahnherr der Schiiten (Buch-Illustration, sowie die Kultstätte, die heute mit der sich Mohammed und seine Anhänger im
Mirza Muhammed Rafi Bazil, 1808). Kaaba identifiziert wird und die wahr- Jahr 622 gezwungen, die Stadt zu verlas-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 17
Blütezeit des Islam Die Expansion

sen. Diese Flucht ging als „Hidschra“ in gang seines Amts auf Umar (Kalif bis 644) entgegenzutreten. Dass man ihre ersten
die Geschichte ein – mit ihr beginnt die konfliktfrei erfolgte. Streifzüge zunächst nicht als Bedrohung
islamische Zeitrechnung. Allerdings hatten die militärischen Er- wahrnahm – Plünderungszüge stellten
In Jathrib, dem späteren Medina, fand folge nun eine Eigendynamik gewonnen: in der Region kein Novum dar – und
Mohammeds Schar eine neue Heimat. Spektakuläre Siege eröffneten die Per- bei den entscheidenden Aufeinandertref-
Die mekkanischen Auswanderer und ihre spektive, zusätzliche Beute zu gewinnen. fen dann militärisch versagte, tat ein
Helfer bildeten hier eine neue Gemein- Heerführer und Soldaten wollten sich Übriges.
schaft. Etwa zwei Jahre später zogen sie auszeichnen, und jenen, die für die Sache
gegen die Mekkaner in den Kampf – im Medinas fielen, winkte das Paradies. Es Der Zusammenbruch der byzantinischen
Kontext der üblichen Stammeskonflikte erschien jetzt jedenfalls nicht mehr not- Verteidigung wird typischerweise mit der
sicherlich kein allzu spektakulärer Vor- wendig, die Krieger eigens für den Kampf Schlacht am Jarmuk, dem größten Ne-
gang. Neu war freilich, dass die Medinen- zu motivieren, wie es noch in den medi- benfluss des Jordan, im Jahr 636 in Zu-
ser sich als religiös gefasste „Stammes“- nensischen Suren des Koran zu lesen ist. sammenhang gebracht. Dass die ansässi-
Gemeinschaft verstanden. Allzu oft sind diese martialischen Verse ge Bevölkerung die arabischen Krieger
Nach dem Sieg über die Mekkaner aus ihrem historischen Zusammenhang als Befreier vom Joch der oströmischen
stellte sich das Problem, diese in die Ge- herausgelöst und als zeitlos gültige Ge- Herrschaft begrüßt habe, ist ein häufig
meinschaft, die „Umma“, zu integrieren. waltaufrufe missverstanden worden. Sie zu lesender Gemeinplatz, der aber auf
Die Rivalität zwischen Medinensern und beziehen sich auf den Kampf gegen Mek- einer problematischen Quellenbasis be-
Mekkanern sowie die Kompromisse, die ka, danach auf die Unterwerfung und ruht. Unbestritten ist, dass viele mit der
Mohammed zur Friedensstif- Vereinigung der arabischen Zentralregierung unzufrieden waren,
tung einging, sollten noch lan- Die Eroberer Stämme, und dies im Kontext dass Eliten sich neu orientierten und ge-
ge scharfes Konfliktpotenzial von aus Byzanz importierten rade auch religiöse Differenzen aufgrund
bergen. Zu Lebzeiten des Pro- verzichteten Ideologien eines „heiligen des umstrittenen religionspolitischen Kur-
pheten ließen sich die Span- auf Zwangs- Krieges“. ses des byzantinischen Kaiser Herakleios
nungen durch seine besondere bekehrungen Ob die arabische Expan- († 641) vorherrschten. Ob man die Erobe-
Autorität und weitere Kriegs- sion tatsächlich ein zentral ge- rer deshalb überall mit offenen Armen
züge mit dem Ziel einer Eini- und Mission, steuerter Vorgang war, lässt empfangen hat, ist eine andere Frage.
gung der arabischen Stämme fällig wurde sich vor diesem Hintergrund Vor allem die Bevölkerungsverluste auf-
entschärfen; die dabei in Aus- lediglich eine jedenfalls trefflich diskutieren. grund der Pest dürften sich weitaus stär-
sicht stehende Beute ließ die Nicht ohne Grund werden ker auf den Ausgang der Eroberungszüge
Gemeinschaft anwachsen und Kopfsteuer. Umar in der Überlieferung ausgewirkt haben. Mancherorts gab es
vergrößerte allmählich ihr Ein- Zweifel zugeschrieben, ob es schlichtweg keine widerstandsfähige Be-
flussgebiet. Doch im Jahr 632 verstarb tatsächlich notwendig sei, den islami- völkerung mehr.
Mohammed, ohne Regelungen für seine schen Machtbereich bis nach Ägypten Hinzu kam die enorme Motivation,
Nachfolge getroffen zu haben. auszudehnen. Denn mit der Expansion mit der die Muslime vordrangen. Die
Die Gemeinschaft stand vor einer wuchsen die Probleme einer zentralen neue Religion hatte ihnen erstmals einen
Zerreißprobe. Verschiedene Gruppen son- Kontrolle. Andererseits aber soll bereits ideologischen Rahmen geschaffen, um
derten sich nach dem Tod des Propheten Mohammed eine Eroberung Palästinas, das kleinteilige Stammesdenken zu über-
ab und zettelten blutige Auseinanderset- des Gelobten Landes, angestrebt haben. winden und erfolgreich so etwas wie eine
zungen an. Die verbliebenen Getreuen Große Teile des Nahen Ostens fielen arabische Politik zu betreiben. Die Er-
unter Mohammeds Nachfolger Abu Bakr den Arabern indes regelrecht zu. Er- oberer übten zunächst auch keinerlei re-
blieben aber militärisch erfolgreich. schöpft von den Kriegen und Katastro- ligiösen Druck aus und verzichteten auf
Rasch konnten sie, insbesondere durch phen der zurückliegenden Jahrzehnte, Zwangsbekehrungen und Mission; fällig
die Unterstützung der inzwischen bekehr- fehlten den Großreichen der Byzantiner wurde lediglich eine Kopfsteuer für die
ten Mekkaner, die gesamte Arabische und Sasaniden schlicht die materiellen Andersgläubigen. Das erleichterte es den
Halbinsel unter ihre Kontrolle bringen, und wohl auch humanen Ressourcen, etablierten Eliten im Sasanidenreich, sich
sodass nach Abu Bakrs Tod 634 der Über- um den vordringenden Arabern wirksam in ihren Dienst zu stellen. So war es den

622 10. Oktober 680 711 756 bis 1031

Blüte der
islamischen
Welt

In Medina wird Religions- Nach dem Auszug aus Die Niederlage der Schiiten Der muslimische Berber Die Umajjaden, die bis 750
stifter Mohammed zum Mekka, der sogenannten in der Schlacht bei Kerbela Tarik Bin Sijad besiegt die die Kalifen von Damaskus
Begründer eines Weltreichs, Hidschra, steigt Mohammed (heute Irak) gegen die sunni- Westgoten in Südspanien gestellt haben, herrschen
das bald bis nach Europa in Medina zum geachteten tischen Umajjaden vertieft und beginnt, die Iberische weiter in Spanien, ab 929
ausgreift. Staatsmann auf. die Gegnerschaft. Halbinsel zu erobern. als Kalifen von Córdoba.

18 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Genealogie der Anfangszeit: Der Prophet
Mohammed im Kreis seiner Nachfolger, der
vier „rechtgeleiteten Kalifen“: Abu Bakr,
Umar, Uthman und Ali (Türkische Miniatur,
16. Jahrhundert)

Eroberer bezeichnenderweise vor allem


in Regionen jenseits der Großreiche: in
den zentralasiatischen Handelsstädten
um das heutige Taschkent und bei den
nordafrikanischen Berbern. Ob dies da-
mit zusammenhängt, dass diese Grup-
pen unter den neuen Herren gegenüber
den bisherigen Verhältnissen nichts zu
gewinnen hatten oder schlicht gerade
aufgrund ihrer Unabhängigkeit von den
Großreichen besser aufgestellt waren, ist
umstritten.
Im Jahr 711 schließlich griffen Heere
von Arabern und Berbern in westgoti-
sche Thronstreitigkeiten ein und began-
nen mit der Eroberung der Iberischen
Halbinsel. Roderich, der König der West-
goten, fiel in einer Schlacht am Fluss Gua-
dalete schon 711. Bis zum Jahr 719 war
dann Barcelona im Norden erobert.
Als ihr politisches Zentrum wählten
die Eroberer nicht den alten westgoti-
schen Königssitz Toledo, sondern Córdo-
ba. Von diesem Machtzentrum aus zogen
Araber und Berber in den folgenden Jahr-
zehnten immer wieder zum Plündern
über die Pyrenäen. 719/20 nahmen sie
Narbonne ein, bald danach auch Tou-
louse. Andere militärische Operationen
Arabern auch möglich, die Verwaltung lagerungen zu verkraften, zuletzt 717/18. führten nach Bordeaux, Poitiers, in die
der eroberten Gebiete zunächst einfach Sämtliche Ostprovinzen südlich von Provence. Nicht etwa, wie oft zu lesen,
zu übernehmen. Kleinasien gingen verloren, darunter in einer einzigen Entscheidungsschlacht
Das persische Großreich brach unter auch das wohlhabende Ägypten. Alexan- „bei Tours und Poitiers“ im Jahr 732, son-
der Wucht des arabischen Ansturms zu- dria fiel 642, nach kurzer Rückeroberung dern in einem langen Prozess, der das
sammen: Der letzte sasanidische Herr- endgültig 646. gesamte 8. Jahrhundert hindurch fortdau-
scher wurde 651 auf der Flucht ermordet. erte, sollte sich die Grenze zum Franken-
Byzanz konnte sich dagegen behaupten, Danach begann der Vormarsch der Ara- reich in Gallien stabilisieren (siehe Seite
wenngleich unter erheblichen Verlusten: ber entlang der nordafrikanischen Mit- 21). Erst an der Wende zum 9. Jahrhun-
Kleinasien wurde über zwei Jahrhunder- telmeerküste nach Westen; Karthago dert konnte die neue fränkische Herr-
te hin zum dauerhaften Kriegsschau- vermochte sich bis 697/98 zu behaupten. scherdynastie der Karolinger dann Bar-
platz, Konstantinopel hatte mehrere Be- Auf ernsthaften Widerstand trafen die celona erobern und im heutigen Katalo-

1031 bis 1235 1085 9. bis 11. Jahrhundert 1096 bis 1291 1333 bis 1391

Al-Andalus zerfällt in Klein- Die sogenannte Wieder- Palermo fällt 831 an Araber; Christliche Heere erobern in Unter den Nasriden Jusuf I.
staaten, Taifas. Ab 1085 eroberung Spaniens durch die letzte Stadt in Sizilien Kreuzzügen Jerusalem und und Muhammad V. werden
einen es gegen die Christen Christen, die „Reconquista“, wird 965 muslimisch. Von benachbarte Gebiete, bis die erhaltenen Gebäude der
zu Hilfe gerufene Almoravi- feiert mit der Einnahme 1061 bis 1091 erobern mit Akkon die letzte Bastion Alhambra von Granada
den, dann Almohaden. Toledos einen großen Sieg. Normannen die Insel. an die Mamluken fällt. erbaut.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 19
Blütezeit des Islam Die Expansion

Paris Die neue Weltmacht Ausbreitung des Islam von 622 bis 750 n. Chr.
Tours Eroberungen
Poitiers
Narbonne 622 bis 632
Konstantinopel bis 661
ANDALUSIEN Rom bis 750

SA
Córdoba SA
Karthago NI Byzantinisches
DE Reich um 700
Athen NR
SYRIEN E IC
Mittelmeer H Frankenreich
MAGHREB Alexan- Bagdad um 600
dria
Jeru- Schlacht am Grenze des
salem Jarmuk 636 Byzantinischen
LIBYEN Reichs beim
Tode Justinians
ÄGYPTEN 565
Medina
ARABIEN
Mekka

Arabisches Meer

nien eine Grenzzone errichten, die soge- ge religiöse Großgruppe innerhalb des Is- geleitet von Iman: „Glaube“), was als of-
nannte Spanische Mark. lam entwickelte: die Schiiten. feneres Konzept gedeutet wurde und An-
Auf der Iberischen Halbinsel aber Muawijas Zentralisierungsmaßnah- lass zur Vermutung gab, der Islam sei
blieb der Islam mehrere Jahrhunderte men wurden von Abd al-Malik, der sich zunächst eine endzeitlich aufgeladene
hindurch ein bedeutender Teil der euro- in der zweiten Fitna durchgesetzt hatte, Variante eines allgemeinen abrahamiti-
päischen Geschichte. fortgeführt und verschärft. Jetzt setzte schen Monotheismus gewesen.
Die eruptiven Erfolge der arabischen auch ein Prozess der forcierten Islamisie- Wann die Abgrenzung gegenüber den
Expansion setzten indes auch im Inneren rung des Reiches ein, und erst seitdem anderen Buchreligionen schärfer wurde,
aggressive Kräfte frei, die sich in zwei taucht das Wort Kalif (chalifa, „Stellver- ist tatsächlich nur schwer bestimmbar.
Bürgerkriegen während der 650er und treter“) als Chalifat Allah („Stellvertreter Immerhin belegen datierbare Handschrif-
680er Jahre, der sogenannten ersten und Gottes“) in offiziellen Dokumenten auf – tenfunde inzwischen eindeutig, dass der
zweiten Fitna, entluden. Die Ermordung die ersten Nachfolger Mohammeds sollen Koran ein Produkt des 7. Jahrhunderts
des Umar-Nachfolgers Uthman 656 hatte sich lediglich als Stellvertreter des Pro- ist – und damit auch tatsächlich wich-
die Umma gespalten; zahlrei- pheten gesehen haben. Sie tigste Quelle für Leben und Wirken
che ehemalige Gefährten des Als Kalif führten den Titel Amir al-Mu- Mohammeds.
Propheten verweigerten dem minin („Gebieter der Gläubi- Der Koran aber ist, auch dies wurde
neuen Kalifen Ali die Gefolg- verlegte gen“). Auch Abd al-Malik ge- in den letzten Jahren zunehmend klarer,
schaft, darunter Mohammeds Muawija das hörte den Umajjaden an, ei- in einem spezifischen arabischen Milieu
Lieblingsfrau Aischa. Zentrum nem Klan der mekkanischen mit seiner tribalen Organisation anzusie-
Aus den nachfolgenden Kuraisch. Diese erste Kalifen- deln, ein Milieu, das ganz selbstverständ-
Konflikten ging Muawija, ein des Reichs dynastie wurde dann um 750 lich zahlreiche Einflüsse der beiden an-
Sohn des medinensischen Ku- von Medina durch die Abbasiden abgelöst. deren monotheistischen Buchreligionen
raisch-Anführers, der einst nach aufgenommen hat. Das bedeutet freilich
den Widerstand gegen Mo- Lange ist darüber diskutiert nicht, dass man für den Koran einen
hammed angeführt hatte, sieg- Damaskus. worden, ab wann es überhaupt kryptochristlichen Hintergrund anneh-
reich hervor. Muawija hatte möglich ist, von einem ausge- men müsste – auch wenn byzantinische
unter Uthman als Statthalter von Syrien bildeten Islam zu sprechen, ab wann auch Gelehrte im Islam zunächst eine christli-
gedient und verlegte als Kalif das Zen- die Muslime selbst sich klar vom Christen- che Häresie sahen. Als Offenbarungs-
trum des Reichs von Medina nach Da- tum abgrenzten. Die These, dass der Islam buch aber stellt der Koran ein genuines
maskus. sich erst in einem langen Prozess bis zum Produkt der Spätantike dar. ■
Er war der erste Umajjade und begann 9. Jahrhundert herausgebildet habe, findet
mit der Neuorganisation und Zentralisie- auch heute noch Vertreter. Denn im Koran
Der Althistoriker Mischa Meier und der Mediävist
rung des Reichs. Die Partei des Konkur- werden die Anhänger des Propheten nicht Steffen Patzold lehren und forschen an der Univer-
renten Ali, die „Schiat Ali“, erfuhr in nur als Muslime (von Islam: „Unterwer- sität Tübingen. Gemeinsam haben sie das Buch ge-
den folgenden Jahrzehnten eine religiöse fung“, „Hingabe“) bezeichnet, sondern schrieben: „410 – ein Kampf um Rom“, Klett-Cotta;
Aufladung, aus der sich eine eigenständi- vor allem auch als Gläubige (Muminin, ab- 259 Seiten; 19,95 Euro.

20 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Legende und Wahrheit

Eudos Brief und die Überlieferung der


Nachricht im Geschichtsbuch der Päpste,
welche hohe Bedeutung man damals die-
Wie der Sieg Karl Martells im ser Schlacht beimaß. Weitere Kämpfe hat
Jahr 732 mythisch überhöht wurde Eudos Sieg ebenso wenig verhindert wie
derjenige Karls bei Poitiers.
Karl Martell (zu
Pferde) in der
Schon 736 und 739 rückte Karl Martell
wieder persönlich aus gegen Araber und
Die Schlacht bei Tours Schlacht bei Poitiers
(Ausschnitt aus
Gemälde von Charles
Berber, die diesmal in der Provence ope-
rierten. Die Araber bewahrten auch da-
und Poitiers de Steuben, 1837)
nach noch lange in einem Küstenstreifen
Südfrankreichs ihre Herrschaft. Nar-
bonne wurde erst 759 von Karls Sohn
Pippin zurückerobert. So bildete die
Schlacht bei Poitiers 732 nur eine Etappe:
Sie war weder der spektakulärste noch
der letzte fränkische Sieg über Heere
von Arabern und Berbern nördlich
der Pyrenäen.

Schließlich ein dritter Punkt:

N
icht viele Ereignisse Zeitgenossen schilderten die
des Mittelalters zäh- Kämpfe zwischen Karl, Eudo,
len heute noch Arabern und Berbern gar
zur Allgemeinbil- nicht als religiösen Grund-
dung. Karl Martells Sieg „bei satzkonflikt zwischen Chris-
Tours und Poitiers“ 732 ge- ten und Muslimen. Tatsäch-
hört zweifellos dazu. In po- lich verbündete sich Eudo
pulären Geschichtsdarstel- sogar nach seinem Sieg
lungen gilt die Schlacht 721 mit dem muslimischen
als der Schlüsselmoment, Berberfürsten Uthman Bin
in dem der fränkische Naisa, bekannt als Munusa,
Hausmeier „das christliche und gab ihm seine Tochter
Abendland“ gegen „den Is- zur Frau. Und die Kämpfe
lam“ verteidigt habe. Richtig in den 730er Jahren wurden
daran ist immerhin: Karl hat gerade auch dadurch aus-
damals einen Sieg gegen ein gelöst, dass sich Munusa 731
Heer von Arabern und Ber- mit Abd al-Rahman überwarf.
bern erfochten. Statt eines Kriegs zwischen
Alles andere ist falsch. Christen und Muslimen oder gar
Zunächst der Ort der Schlacht: eines Plans des Kalifats, ganz Gal-
Es ist unklar, wo genau die Heere lien zu erobern, sehen wir also Kon-
aufeinandertrafen. Zeitnahe Quellen flikte zwischen Magnaten beiderseits
nennen zwar Tours als Ziel des arabi- der Pyrenäen – und einzelne Plünde-
schen Heerführers Abd al-Rahman. Sie lo- rungszüge über das Gebirge hinweg.
kalisieren den Kampf aber nur „ad Pectavis“ Zu einem historischen Sieg über die
(also „bei Poitiers“), nicht dagegen „bei Tours“, das et- „Sarazenen“, die geplant hätten, Gallien
wa hundert Kilometer weiter nördlich liegt. Von einer Schlacht zu besetzen, ist die Schlacht von 732 erst
bei „Tours und Poitiers“ kann deshalb keine Rede sein. im Rückblick geworden: Diese Deutung
Viel wichtiger ist ein zweiter Punkt: Karls Sieg hatte militä- ist zuerst in den späten 820er Jahren be-
risch keine besondere Bedeutung. Tatsächlich sehen wir in legt, in Einhards Biografie Karls des Gro-
den 720er und 730er Jahren eine Serie von Schlachten – Kämp- Zu einem ßen. Der Höfling Einhard aber hatte gute
fe, die schon vor 732 anfingen und danach noch lange fortdau- historischen Gründe für seine Interpretation: Er woll-
ern sollten. Weit mehr Aufsehen etwa hatte bei Zeitgenossen Sieg über die te die Leistung Karl Martells und seiner
ein Kampf im Jahr 721 erregt: Nachdem es einem Heer von Nachfahren überhöhen, die im Jahr 751
Arabern gelungen war, die Stadt Narbonne in Südfrankreich „Sarazenen“ in einem Staatsstreich die Merowinger
einzunehmen, belagerten sie Toulouse. Doch Herzog Eudo ist die aus dem Königtum verdrängt hatten. Wir
von Aquitanien konnte die Belagerung aufbrechen und die Schlacht erst sollten Einhards späten politischen Legi-
Gegner in die Flucht schlagen. In einem Bericht an Papst timationsversuch nicht der heutigen Deu-
Gregor II. bezifferte er – mit wenig Realismus und umso mehr im Rückblick tung jener Schlacht vor fast 1300 Jahren
Selbstbewusstsein – die Verluste der Araber auf 375 000 Mann. geworden. zugrunde legen.
Die Zahl war maßlos übertrieben; sie zeigt aber ebenso wie Mischa Meier, Steffen Patzold

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 21
Essay

Wie stichhaltig ist die berühmte These des Belgiers Henri Pirenne,
dass es Karl den Großen ohne Mohammed nicht gegeben hätte?
Eine Analyse der Tübinger Historiker Mischa Meier und Steffen Patzold

WEIHRAUCH GEGEN
PELZE

Goldfund mit abbasidischen Dinaren,


zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts, aus dem norwegischen Hon
(Historisches Museum, Oslo)

as bedeuteten der Islam, die arabische Ex- Beispiel die Bevölkerung der Stadt Rom versorgt wor-
W pansion und die Entstehung eines musli-
mischen Großreichs für die Geschichte
Europas? Darüber hat die Geschichtswis-
den war. Nach der arabischen Expansion sei dies nicht
mehr möglich gewesen – mit dramatischen Folgen: Aus
Pirennes Sicht kam mit dem Fernhandel nämlich auch
senschaft intensiv diskutiert. Der belgische Historiker die Goldwährung in Europa zum Erliegen. Die alten
Henri Pirenne vertrat ab den Zwanzigerjahren sogar Strukturen seien abgelöst worden durch eine weniger
die berühmt gewordene These, erst die Expansion des entwickelte, weniger leistungsfähige und kleinräumige
Islam im 7. Jahrhundert habe die Antike beendet und Wirtschaft, die auf Ackerbau beruht habe. Anstelle
eine neue Epoche eingeläutet – und nicht schon die so- der römischen Goldwährung seien nur noch Silber-
genannte Völkerwanderung des 4. bis 6. Jahrhunderts. münzen geprägt worden. Und im Handel orientierte
Pirenne (1862 bis 1935) argumentierte ökonomisch: sich Europa nach Norden um: Nicht das Mittelmeer,
Die Expansion habe tief greifende wirtschaftliche Fol- sondern die Nord- und Ostsee waren nun die wichtigen
gen gezeitigt. Das Mittelmeer konnte ihm zufolge nicht Handelszonen, die von neuen Handelsorten wie
länger jenen zentralen Handelsraum abgeben, den es Haithabu beim heutigen Schleswig und Dorestad in
für die römische Welt gebildet hatte. Die Provinzen Friesland aus erschlossen wurden.
im nördlichen Afrika, zumal Ägypten, waren die Korn- Aber damit nicht genug: Pirenne meinte, die arabi-
kammern des Imperiums gewesen, von denen aus zum sche Expansion habe sich auch stark auf die Kultur

22 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
ausgewirkt – besonders auf die Bildung und den Ge- cher Münzen nachweisen, besonders dicht in den Rand-
brauch der Schrift. In der römischen Welt war Papyrus zonen, insgesamt aber breit gestreut und oft eindrucks-
ein wichtiger und zugleich günstiger Beschreibstoff für voll rasch nach ihrer Prägung. Doch nicht nur dies
Texte aller Art; er wurde in Ägypten gehandelt und spricht für einen regen Handel zwischen der islami-
gelangte aus Afrika nach Europa. Pirenne sah den früh- schen Welt im Süden und Osten und der lateinisch-
mittelalterlichen Wechsel vom Papyrus zum wesentlich christlichen Welt im Norden und Westen. Wir kennen
teureren Pergament – also zu bearbeiteter Tierhaut – mehrere Hundert Reisende zwischen diesen Welten,
als eine weitere Folge der islamischen Expansion mit sehen einen weiträumigen Austausch von Reliquien,
weitreichenden Konsequenzen für die alltägliche Nut- wissen um die Präsenz von Gewürzen aus dem Osten,
zung der Schrift und für die Textkultur in Europa. zudem von Seide und Weihrauch für die Liturgie. Im
Das Reich der Karolinger im 8. und 9. Jahrhundert Gegenzug bot Europa, und hier zumal
hatte seine Schwerpunkte in Gebieten, die aus einer der Nordosten, Pelze, Waffen und vor al-
römischen Perspektive tatsächlich eher randständig lem Sklaven als Waren für den Fernhan-
Im frühen
waren: im Nordosten Galliens und in Germanien. Aus del an. Mittelalter
Pirennes Sicht konnte das Karolingerreich seinen his- Kurzum: Die weiträumigen Handels- gelangten
torischen Stellenwert überhaupt erst dadurch erlangen, beziehungen über das Mittelmeer blie-
dass im Zuge der arabischen Expansion das Mittelmeer ben auch nach dem 7. Jahrhundert be-
mehr als
seine Funktion als Handels- und Kommunikationsraum stehen, Güter und Menschen zirkulierten 80 000 Mün-
verloren hatte. Zugespitzt lautet daher Pirennes These: in beeindruckender Dichte zwischen der zen aus dem
Erst Mohammeds Werk hat einen Karl den Großen christlichen und der islamischen Welt.
möglich gemacht – und das europäische Mittelalter Der Wechsel vom Papyrus zum Perga-
Orient nach
hervorgebracht. ment war wohl eher eine Folge neuer Skandinavien.
Handelsrouten in Europa selbst, nämlich
enri Pirenne kommt zweifellos das Verdienst einer Verlagerung von der Rhône auf die Rheinschiene.
H zu, die Debatte über den epochalen Wandel
von der römischen Welt der Antike zum mit-
telalterlichen Europa befruchtet zu haben,
In Italien dagegen wurde Papyrus bezeichnenderweise
noch lange als Beschreibstoff verwendet, in der päpst-
lichen Kanzlei sogar bis ins 11. Jahrhundert hinein. An-
indem er nicht mehr von politischen und militärischen dere wirtschaftliche Entwicklungen dagegen hatten
Ereignissen her dachte, sondern einen ökonomischen schon lange vor Mohammeds Wirken begonnen: So
Prozess wirksam sah. Zugleich hat er das Miteinander ging der Seehandel über das Mittelmeer schon im 6.
von Christentum und Islam als konstituierenden Faktor Jahrhundert deutlich zurück; und auch das Ende der
der Geschichte Europas berücksichtigt. In einem ent- Goldwährung im Westen datiert tatsächlich ein Jahr-
scheidenden Punkt allerdings hat Pirenne sich schlicht hundert früher, als es Pirenne angenommen hatte.
geirrt: Anders als er meinte, bedeutete die arabische Wichtig bleiben Pirennes Arbeiten trotz alledem:
Expansion keineswegs das Ende des Fernhandels über Seine Kernthese ist heute zwar nicht mehr zu halten.
das Mittelmeer hinweg. Die jüngere Forschung hat ein- Aber gerade die kritische Auseinandersetzung mit
drucksvoll gezeigt, wie intensiv die Handelsbeziehun- Pirennes Argumenten hat seine Perspektive in ihrer
gen zwischen der arabischen Welt und Mittel- und Bedeutung im Grunde nur noch weiter bekräftigt: Is-
Westeuropa auch im 8. und 9. Jahrhundert blieben. lam und Christentum standen eben nicht unverbunden
Eine wichtige Quellengrundlage dafür bilden Münz- nebeneinander. Ganz im Gegenteil: Die engen Bezie-
funde: Vom 7. bis zum 10. Jahrhundert gelangten mehr hungen und Kontakte zwischen Muslimen und Chris-
als 80 000 Münzen aus dem Orient nach Skandinavien; ten haben die Geschichte und Kultur Europas im Mittel-
auch im Karolingerreich lassen sich mehr als 600 sol- alter geprägt. ■

und 100 Liter Wasser benötigte, war ein schickt, die drei Jahre später reich be-
Dickhäuter-Diplomatie Geschenk des Kalifen Harun al-Raschid schenkt zurückkehrte. Ob die Herrscher
Seit tausend Jahren hatte kein Elefant für Karl den Großen. Abu al-Abbas hieß mit ihrer Diplomatie über Tausende von
mehr die Alpen überquert, seit dem das Tier, nach dem Gründer der Abbasi- Kilometern hinweg konkrete Pläne
Feldzug des karthagischen Heerführers den-Dynastie, die ein weit größeres verfolgten, lässt sich aus den Quellen
Hannibal im 3. Jahrhundert v. Chr. ge- Reich beherrschte als der kurz zuvor nicht entnehmen. Das wenige, was
gen die Römer. Aber dann war es wie- zum Kaiser gekrönte König der Franken. bekannt ist, stammt aus fränkischen
der so weit: Nach einer Reise von Bag- In Abu al-Abbas verkörperte sich auf Chroniken. In der arabischen Überliefe-
dad über Nordafrika, mit dem Schiff vor- spektakuläre Weise die Machtpolitik rung findet sich kein Wort darüber.
bei an Sardinien und Korsika bis Nord- rund ums Mittelmeer. Abbasiden und Abu al-Abbas lebte viel bestaunt
italien und weiter über die Alpen, ge- Franken bezeugten einander ihre Ver- acht Jahre im Norden. Dann starb er
langte eins der riesigen Tiere am 20. bundenheit – ein Signal an ihre Konkur- während eines Kriegszugs gegen maro-
Juli 802 nach Aachen. Damit endete renten, die Kaiser von Byzanz und die dierende Normannen, denen er wohl
eine der aufwendigsten diplomatischen umajjadischen Emire von Córdoba. Angst einjagen sollte. Wahrscheinliche
Missionen der Geschichte. Denn der Schon Karls Vater Pippin hatte 765 Todesursache: Maul- und Klauen-
Elefant, der täglich drei Zentner Futter eine Gesandtschaft nach Bagdad ge- seuche. Dietmar Pieper

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 23
Blütezeit des Islam Andalusien

Córdoba war unter muslimischer Herrschaft eine Dank Ferdinand III., den die katholi-
sche Kirche als Heiligen verehrt, sind
prachtvolle Weltstadt, von deren Glanz noch heute große Teile der „Mezquita“, so das spa-
die Moschee-Kathedrale zeugt. Doch das friedliche nische Wort für Moschee, erhalten ge-
Miteinander der Kulturen währte nicht lange. blieben. Der Legende nach hat der König
nach seinem Einzug in Córdoba ange-
sichts der Schönheit des Bauwerks spon-

Mekka in Spanien tan beschlossen, die Moschee stehen zu


lassen – und das, obwohl er als eifriger
Frömmler und keineswegs als toleranter
Feingeist galt. Weil Ferdinand offenbar
einen Moment der Erleuchtung hatte,
können die Besucher in Córdoba bis
heute durch einen Wald aus römischen
Säulen unter rotweißen Doppelbögen
spazieren und das raffinierte Lichtspiel
in diesem einzigartigen Gebetshaus be-
wundern.
Geweiht ist das Gebäude seit dem
Jahr 1236 allerdings wieder dem Chris-
tentum. Bald nach Ferdinands Sieg be-
gann man damit, in den Wandnischen
des Gebäudes diverse Kapellen einzu-
richten. In der Kapelle der heiligen Te-
resa hängt heute das um 1710 entstande-
ne Gemälde des Malers Antonio Palomi-
no, das Ferdinand III. in würdevoller, ge-
radezu idyllischer Siegerpose nach dem
Einzug in Córdoba zeigt: Auf einem gol-
denen Teller lässt sich der König die bei-
den Stadtschlüssel von Córdoba vom bis
dahin herrschenden muslimischen Fürs-
ten Ibn Hud übergeben; der Unterlegene
trägt einen prächtigen roten Umhang
und einen riesigen Turban auf dem
Haupt.
Die Mezquita von Córdoba, im Jahr
1984 von der Unesco zum Weltkulturer-
be deklariert, ist ein seit vielen Jahrhun-
derten bewundertes Symbol für den
Kunstsinn, die Glaubenskraft und die po-
litische Macht, mit denen die Mauren
einst in Europa regierten. Dem heutigen
Besucher verschafft der Anblick des Ge-
bäudes aber schon aus der Ferne auch
eine Ahnung davon, mit welcher Gewalt
Von Wolfgang Höbel hier weltliche und metaphysische Kämp-
fe ausgetragen wurden.

D
er König trägt weiße Strumpfhosen, einen goldglän- König Ferdinand III. Denn fast 300 Jahre nach dem Be-
zenden Panzer und einen Heiligenschein ums voll- wird als Eroberer in schluss des heiligen Ferdinand, das Haus
bärtige Haupt, in seinem Rücken glüht der Himmel Córdoba empfangen nicht zu zertrümmern, führte ein christ-
(Gemälde von Antonio
rot, um ihn herum erstarren Freund und Feind mit Palomino in der
licher Fanatiker dann doch einen grobia-
züchtig gesenkten Blicken. Jeder Besucher, der Córdobas be- Moschee-Kathedrale). nischen Schlag aus. Ein Bischof namens
rühmtestes Bauwerk betritt, kann dort in einer Nische ein Ge- Don Alonso Manrique begann im Jahr

mälde jenes Mannes bewundern, der das Gebäude im Jahr 1523 – gegen den zornigen Protest des
Einer Anordnung
1236 gerettet hat: König Ferdinand III. von Kastilien und León. Stadtrats von Córdoba – damit, einen
Ferdinands ist es zu
Er war damals 37 Jahre alt und eroberte die Stadt Córdoba verdanken, dass die im sogenannten plataresken Stil der spa-
nach mehr als fünf Jahrhunderten muslimischer Herrschaft für Schönheit des nischen Renaissance erdachten, später
die Christen – aber er verbot seinen Mitstreitern, die Moschee Gebäudes mit seinen barock ausgeschmückten Kirchenbau
kaputt zu schlagen, wie sie es zuvor mit den Moscheen anderer prachtvollen Säulen- mitten in die Moschee hineinzubauen:
gängen erhalten blieb.
Städte getan hatten, damit auf den Trümmern eine Kirche ge- So ragt nun über den fein gestaffelten
baut werden konnte. Ziegeldächern der Moschee ein Protzbau

24 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Blütezeit des Islam Andalusien

auf, der den Namen „Kathedrale der Empfängnis unserer Lie- berberische Feldherr Tarik Bin Sijad die
ben Frau“ trägt. Meerenge von Gibraltar und schlug die
Seine stärkste Wirkung hat dieses roh implantierte Chris- Krieger des christlichen Westgotenkönigs
tengotteshaus nicht, wenn man das Kirchenschiff betritt: Da Roderich. Damit begann die Herrschaft
ist man höchstens leicht verdutzt. Inmitten des klug austarier- islamischer Fürsten über spanische Ge-
ten Lichtwunders, das unter den heute noch 856 unangetaste- biete, die erst 1492 mit der Vertreibung
ten Säulen (vor dem Einbau der Kathedrale waren es 1013 des „Boabdil“ genannten Emirs Muham-
Säulen) und Hufeisenbögen der alten Moschee wirkt, tut sich mad XII. aus Granada und dem Sieg der
plötzlich ein hoch aufragender Riesenraum auf, in den nahezu christlichen „Reconquista“ (Wiedererobe-
ungehindert das Sonnenlicht hereinflutet. Erst wenn man die rung) endete.
Mezquita von außen betrachtet, etwa von der über den Fluss Córdoba wurde gleich im Jahr 711 von
Guadalquivir führenden Römerbrücke aus, zeigt der Kathe- den Fremden eingenommen. Die Herr-
dralbau seine maximale Wucht. Seine Strebepfeiler, Giebel schaft der Muslime begann mit einiger
und Dächer ragen aus dem Dach der Moschee, als sei ein Me- Sprachverwirrung. Die Eroberer nannten
teor in das Gebäude der Mauren gestürzt. ihre europäischen Besitztümer „al-An-
Schon Karl V., spanischer König und römisch-deutscher dalus“, was nach Meinung vieler Histo-
Kaiser, der den Bau erlaubt hatte, bemerkte offenbar die Grob- riker so viel wie „Land der Wandalen“
heit der Zwangschristianisierer: Als der Habsburger die Ka- bedeutet – in den Jahrhunderten zuvor
thedrale besichtigte, soll er gesagt haben: „Ihr habt etwas zer- waren Menschen vom Volksstamm der
stört, was einmalig in der Welt war, um etwas an seiner Stelle längst wieder aus Spanien abgewander-
zu errichten, was man überall sehen kann.“ ten Wandalen von Europa aus nach
Nordafrika auf Beutezug gegangen. Die

D
ie Mezquita ist trotz dieses historischen Frevels bis Eroberten nannten die Araber und Ber-
heute ein idealer Ort für jeden, der neugierig die ber „Moros“, was auf das lateinische
Spuren begreifen will, die viele Jahre muslimischer Mitten in die Moschee Wort „Mauri“ zurückgeht und ursprüng-
Herrschaft in Spanien hinterlassen haben. Insgesamt pflanzten die Spanier lich nur die Berber bezeichnete.
im 16. Jh. eine
währte diese Herrschaft fast acht Jahrhunderte. Im Jahr 711, Die Festigung ihrer Macht fiel den
Kathedrale – gegen
ein Menschenalter nach dem Tod des Propheten Mohammed, den Protest des Stadt- neuen maurischen Herrschern leicht,
überquerte der für den arabischen Kalifen Walid I. kämpfende rats von Córdoba. weil sie sich in vielen südspanischen
Städten als erstaunlich milde Machtha-
ber erwiesen. Die Stadt Córdoba stellten
sie zu Beginn ihrer Herrschaft sogar für
einige Zeit unter jüdische Aufsicht. An-
ders als die verjagten Westgoten verlang-
ten die Mauren nur bescheidene Ab-
gaben und gewährten Juden und Christen
religiöse Freiheit gegen Steuerzahlungen.
„Christen und Juden, heißt es, sind Dhim-
mis, Schutzbefohlene“, beschreibt der
französische Historiker André Clot die
Grundeinstellung der Eroberer. So uner-
bittlich und grausam sie gefangene feind-
liche Krieger behandelten, die sie zu Tau-
senden nach Nordafrika und Bagdad ver-
schleppten – mit den Bewohnern der er-
oberten Städte Südspaniens gingen die
Mauren sehr viel großmütiger um als
zuvor die Goten. So konnten die neuen
muslimischen Herren ihre Macht in Spa-
nien festigen und auch jenseits der Pyre-
näen auf Beutezug gehen, obwohl sie zu-
nächst nur über eine eher begrenzte An-
zahl von einigen Zehntausend Kriegern
geboten.
Zu einem eigenständigen muslimi-
schen Reich stieg al-Andalus Mitte des
achten Jahrhunderts auf, als die Umajja-
den dort eine unabhängige Herrschaft
etablierten. Im Jahr 750 kam es in Da-
maskus zu einem Umsturz. Das Ge-
schlecht der Abbasiden erhob sich gegen
die bis dahin herrschenden Umajjaden
und tötete fast alle Angehörigen der
Herrscherfamilie – nur der 19-jährige
Umajjaden-Prinz Abd al-Rahman soll Tarik Bin Sijad fing das Bauwerk stammten aus der abgerissenen Basilika, die meis-
dem Massaker entkommen sein. Er 711 an, die Iberische ten aus römischen Tempeln und Palästen. Rätselhaft ist, warum
Halbinsel unter
schlug sich dann, so der Gründungs- Abd al-Rahman I. sein neues Gebetshaus mit einer auffälligen
muslimische Herr-
mythos der neuen Umajjaden-Dynastie, schaft zu bringen Abweichung errichten ließ: Die Mauer der Kibla, in der der
nach Westen durch und eroberte als (kolorierte Lithografie, Koran aufbewahrt wird, ist in der Mezquita von Córdoba aus
25-Jähriger im Jahr 756 die Macht in al- 1847). unbekannten Gründen nicht gen Mekka ausgerichtet, sondern
Andalus. nach Süden – woran auch spätere Umbauten mit einer Ver-
Als Abd al-Rahman I. machte er Cór- schiebung der Kibla-Mauer nichts änderten.
doba zur Hauptstadt von al-Andalus und
ließ sich zum Emir erheben. Er rang alle ast alle Besucher betreten heute die Mezquita durch
muslimischen Konkurrenten nieder und
sorgte für eine Zeit der Ruhe und des
Wohlstands. Die abbasidischen Herr-
F ein Tor im Winkel des sogenannten Orangenhofs. Zu
Zeiten des Emirats waren die heute verschlossenen
Torbögen zwischen dem Hof und der Moschee offen,
scher in Damaskus, die im Jahr 762 ihren sodass die Gläubigen frei zwischen Hof und Gebetsraum hin-
Hauptsitz nach Bagdad verlagerten, lie- und herwandeln konnten. Der Glockenturm am Rand des Hofs
ßen die Umajjaden in Córdoba in den steht an jener Stelle, an der einst ein prachtvolles, über 30
folgenden anderthalb Jahrhunderten ge- Meter hohes Minarett aufragte, dessen Überreste im Glocken-
währen, auch weil sie selbst in familiäre turm verbaut sind. Zwischen den Orangenbäumen ragen auch
und innerarabische Konflikte verstrickt ein paar Zypressen auf – und einige mächtige Palmen. Der
waren. Legende nach war es Abd al-Rahman I., der die vorher in
Abd al-Rahman I. begann 785 mit dem Südspanien weithin unbekannte Palmenpflanze im 8. Jahrhun-
Bau der Moschee. Er kaufte den Christen dert in sein Reich importierte, wovon eines seiner Gedichte
von Córdoba eine dem heiligen Vinzenz zeugt. „Fern im Westen, fern vom Palmenland / Pflanzte ich
geweihte Kirche aus der Zeit der West- mir einen Palmenbaum“, heißt es darin, „Weit entfernt vom
goten ab, ließ sie abreißen und errichtete heimatlichen Strand / Leben wir in einem neuen Raum.“
auf dem Grundstück eine Moschee mit Tatsächlich wuchs Córdoba unter den Nachfolgern des dich-
zunächst elf Schiffen. Einige Säulen für tenden Emirs zu einer Großstadt. Von 833 an wurde die Mo-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 27
Blütezeit des Islam Andalusien

schee zum ersten Mal erweitert, von die Wand bedeckte, / Erhub
962 an zum zweiten Mal und 987 zum sich jetzt, in freundlicher Ver-
dritten Mal. Nach diesem letzten An- schlingung, / Der Tier- und
bau, zur Zeit des nicht sehr kunstsin- Blumenbilder bunte Fülle;/
nigen Gewaltherrschers Mansur, bot Wo sonst nur lärmte Tambu-
das Gebäude Platz für 40 000 Betende. rin und Zimbel, / Erhob sich
Neben Konstantinopel und Bagdad jetzt, beim Klingen der Chi-
war Córdoba gegen Ende des 10. Jahr- tarre, / Der Wehmutsang, die
hunderts eine der größten Städte der schmelzende Romanze; / Wo
Welt. Vermutlich lebten dort eine hal- sonst der finstre Herr, mit
be Million Menschen, nach arabischen strengem Blick, / Die bange
Quellen sogar eine Million. Aber leb- Sklavin trieb zum Liebesfron,
ten sie auch friedlich zusammen? / Erhub das Weib jetzund sein
Haupt als Herrin, / Und mil-

C
harakteristisch für das mit- derte, mit zarter Hand, die
telalterliche Spanien sei es Roheit / Der alten Maurensit-
gewesen, „dass zwischen ten und Gebräuche, / Und
Christen, Juden und Musli- Schönes blühte, wo die Schön-
men ein instabiles Verhältnis herrschte, heit herrschte.“
das sich in Konflikten entladen konnte, In einer schmalen Gasse im
aber auch für Kooperationen offen Stadtviertel Judería findet
war“, schreibt der Historiker Michael sich heute Córdobas einzige
Borgolte. „Ein wirklicher Ausgleich Synagoge. Sie steht unweit
oder eine einheitliche Kultur, nach der des Denkmals für den Rabbi,
sie alle strebten, war aufgrund ihrer Arzt und Gelehrten Maimoni-
dogmatischen Religiosität zwar unmög- des, hebräisch Mosche ben
lich, aber es dürfte gerade das Wech- Maimon, der vermutlich 1135
selspiel von Inklusion und Exklusion gewesen sein, das die be- Mit Abd al-Rahman III. in Córdoba geboren wurde. Damals gab
sondere kulturelle Dynamik ausgemacht hat.“ begann die es mehr als drei Dutzend Synagogen in
glanzvollste Zeit der
Tatsächlich waren die über fünf Jahrhunderte muslimischer Muslime von Córdoba
der Stadt.
Herrschaft in Córdoba geprägt von fast pausenlosen Kämpfen. (kolorierter Stich, Im gegenüberliegenden Haus ist ein
Die Emire mussten sich zur Wehr setzen gegen muslimische 19. Jh.). privates jüdisches Museum unterge-
Widersacher aus Nordafrika und Südspanien, gegen Christen bracht, in dessen Vitrinen mittelalterli-
und Wikinger, die Piratenzüge bis weit hinauf ins Flusstal des che Schmuckstücke, Gürtelschnallen und
Guadalquivir unternahmen. Sie selbst gingen immer wieder Halsketten die Fertigkeiten der jüdischen
auf Raubzüge nach Nordspanien und Südfrankreich; und sie Handwerker belegen. Auf Schautafeln
mussten regelmäßig Aufstände und Widerstandsaktionen in wird das Leben von Maimonides und an-
der Bevölkerung der Hauptstadt niederringen. So rief im 9. deren jüdischen Gelehrten dokumentiert
Jahrhundert ein christlicher Hassprediger namens Eulogius und an die massenhafte Ermordung von
die Einwohner von Córdoba zu opferbereiten Attacken gegen Juden in Córdoba 1011 und Granada 1066
den Islam auf. Es kam zu einer „wahrhaftigen Märtyrerepide- erinnert, die beiden ersten Pogrome auf
mie“, wie Clot berichtet, weil Christen den Propheten Mo- europäischem Boden: Bei den Attacken
hammed öffentlich beleidigten und Muslime attackierten; in christlicher und muslimischer Stadt-
der Regel wurden die christlichen Glaubensfanatiker sozusa- bewohner starben in Córdoba mehrere
gen wunschgemäß mit dem (Märtyrer-) Tod bestraft. Hundert Menschen, beim Massenmord
Das schöne Bild vom friedvollen Multikulturalismus in al- an den Juden von Granada wurden rund
Andalus, für den auf Spanisch der Begriff „Convivencia“ ge- 3000 Menschen massakriert.
prägt wurde, entstand zu großen Teilen erst durch die Dichter Diese Pogrome waren freilich Ausnah-
und Denker späterer Epochen: Sie verklärten die muslimischen men in den Jahrhunderten eines oft
Herrschaftsjahre zu einem goldenen Zeitalter des Handels, halbwegs harmonischen interreligiösen
des Wissensaustauschs und der Kunst. Unter den Romantikern Mit- und Nebeneinanders – doch wie
des frühen 19. Jahrhunderts, darunter der Deutsche Friedrich lange währten diese überhaupt? Am süd-
de la Motte Fouqué („Der Zauberring“, 1812) und der Ameri- lichen Ende der stolzen Römerbrücke,
kaner Washington Irving („Tales of the Alhambra“, 1832), wur- die in den Sommermonaten Abertausen-
de ein Schwärmergeist kultiviert, der den Schönheitssinn, die de Touristen passieren, steht ein mächti-
Kunstfertigkeit und die Weltoffenheit der Mauren feierte. Der ger Turm, der Torre de la Calahorra. Er
junge deutsche Dichter Heinrich Heine, Nachkomme von aus bestand ursprünglich aus zwei zu mauri-
Spanien stammenden Juden, beschrieb in seinem Theaterstück scher Zeit errichteten Türmen und wur-
„Almansor“ hymnisch das für Muslime wie Juden und Christen de im 14. Jahrhundert von den Christen
paradiesische Leben in al-Andalus: „In den Prachtgebäuden zu einer Art Festung ausgebaut. Im Turm
Cordovas / Da wehte jetzt ein reinrer Lebensgeist, / Als in ist heute das von einer Stiftung finan-
des Orients dumpfigen Haremen. / Wo sonst nur grobe Schrift zierte „Museum des lebendigen al-

28 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Andalus“ untergebracht, das auch als tiver Wallfahrtsort zu Mekka dienen durfte: eine Entscheidung,
„Museum der drei Kulturen“ beworben die der Stadt riesige Besucherströme bescherte und sie unge-
wird. Mit einer Filmshow, sprechenden heuer aufwertete. Illustrationen des damaligen Stadtlebens in
Figuren und Alltagsgegenständen wird der Torre de la Calahorra zeigen, dass die Straßen der Stadt
die Epoche einer harmonischen Koexis- nachts von Laternen beleuchtet waren. Gesprochen wurde
tenz von Muslimen, Juden und Christen Arabisch, das sich vom geschriebenen Hocharabisch allerdings
im Córdoba des 10. Jahrhunderts be- stark unterschied, und ein vom geschriebenen Latein gleich-
schworen, ein weltstädtisch-offenes Kli- falls weit entferntes Altspanisch sowie Hebräisch.
ma, mit dem es im Jahr 1236 endgültig
vorbei war. Der Triumph des Christen- ie Stadtgesellschaft war klar gegliedert und doch
königs Ferdinand III. über die Muslime
machte die Stadt, in der zuvor Reisende
aus halb Europa zu Gast waren, schnell
D durchlässig. Neben der arabisch-berberischen Herr-
schaftsschicht gab es eine große Gruppe von zum
Islam übergetretenen Christen, die mit dem Namen
zu einer Provinzstadt unter vielen. „Musalimun“ bezeichnet wurden. Ihre Nachfahren wurden
Als glanzvollste Epoche Córdobas gilt „Muwalladun“ genannt – es sind zwar wiederholt Aufstände
die Zeit zwischen der Ausrufung des Ka- der Muwalladun in Córdoba dokumentiert, sie hatten aber
lifats durch Abd al-Rahman III. im Jahr nach Ansicht von Historikern ökonomische und keineswegs
929 bis zum Tod seines Sohnes Hakam religiöse Motive. Weil die muslimischen Herrscher keine
II. im Jahr 976 – eine Ära relativen Frie- Missionierung betrieben, blieb auch die Gruppe von Christen,
dens, großen Reichtums und kulturellen die nicht zum Islam konvertierten, groß; für sie fand man
Aufschwungs. Für die Wirtschaftsmacht später die Bezeichnung „Mozaraber“. Die jüdischen Bewoh-
Córdobas sorgte der offenbar sagenhaft ner Córdobas, unter denen viele Händler waren, hatten zu
üppige Ertrag der Felder und Plantagen Beginn der arabischen Herrschaft die neuen Machthaber aus-
um die Stadt, die mit einem raffinierten, drücklich begrüßt und waren vor Nachstellungen weitgehend
von den Römern übernommenen und sicher. Anders als in fast allen Ländern des damaligen Europa
von den Arabern verfeinerten Bewässe- Kunstvolle Ornamente besaßen sie die gleichen Rechte wie die anderen Bürger der
schmücken das im
rungssystem bewirtschaftet wurden. Der historischen Stil
Stadt.
selbst erkorene Kalif bestimmte, dass erbaute „Hammam Al Als besonders getreue Gefolgsleute der umajjadischen Ka-
Córdoba frommen Muslimen als alterna- Ándalus“ in Córdoba. lifen bewährten sich die Sklaven, die man „Sakaliba“ nannte.
Blütezeit des Islam Andalusien

Anders als die christlichen Goten, die für ihre Brutalität ge- Haare und eher nordeuropäische Ge-
genüber den von ihnen Versklavten berüchtigt gewesen waren, sichtszüge. Mit der Ausrufung des Kali-
behandelten die muslimischen Machthaber die meisten ihrer fats von Córdoba sagte er sich endgültig
Sklaven einigermaßen rücksichtsvoll. Sakaliba ist das mittel- von der Kalifen-Dynastie der Abbasiden
alterliche arabische Wort für Menschen aus Osteuropa, für Sla- in Bagdad los, die er „schuldig des
wen. Viele der Sakaliba waren aber germanischen oder frän- Raubs“ nannte und „Trägerin eines an-
kischen Ursprungs und wurden von meist jüdischen Händlern gemaßten Titels“. Nachfolger des Pro-
vermutlich auf dem Sklavenmarkt in Verdun erworben; andere pheten Mohammed, das war nur er.
kamen im Verlauf kriegerischer Beutezüge als Gefangene nach

I
Córdoba. n den insgesamt 49 Jahren seiner
Nach damals geltendem muslimischem Recht konnten sich Herrschaft als Emir und Kalif ent-
Sklaven durch Arbeit freikaufen und bei schlechter Behand- wickelte Abd al-Rahman III. eine
lung sogar vor einem Gericht ihre Herrn anklagen. Am Hof prächtige Hofhaltung. Er begann
und in den Truppen, die weitgehend aus Söldnern bestanden, 936 mit dem Bau eines neuen Palasts
bewährten sich die Sklaven unter Kalif Abd al-Rahman III. samt Höflingsstadt vor den Toren Córdo-
und dessen Sohn: Die oft im Kindesalter nach al-Andalus bas. Für die Errichtung der Residenzstadt
verschleppten Männer waren ihren Herrschern meist loyal Medina azahara wurden aus Karthago al-
ergeben. Am Hof errangen sie wichtige Posten. So gelangten lein mehr als tausend Säulen herange-
die Sakaliba, deren Zahl im Córdoba des 10. Jahrhunderts, schafft und Tausende von Arbeitern ein-
so heißt es, 3750 betrug, zu erstaunlicher Macht. Unter man- gesetzt. Die Baukosten sollen jährlich ein
chen Einheimischen führte das freilich zu Unmut gegen- Drittel der gesamten Staatseinnahmen
über den Sklaven, der sich im 11. Jahrhundert in Aufständen betragen haben. Der Hof des Kalifen
entlud. pflegte Kontakte zu vielen christlichen
Abd al-Rahman III., der von der Nachwelt den Beinamen Herrschern wie etwa Otto dem Großen,
„der Große“ erhielt und sich 929 selbst zum Kalifen ernannte, der im Jahr 953 um Hilfe gegen die von
war ein schon äußerlich höchst außergewöhnlicher muslimi- Im christlichen Teil al-Andalus aus an den Küsten seines
scher Herrscher. Seine Mutter war eine fränkische Sklavin, der Moschee- Herrschaftsgebiets einfallenden Piraten
Kathedrale deutet
sein arabischer Vater war von dessem eigenem Vater, dem nichts auf die
bat – unter den Raubzügen der norman-
Emir Abdallah, als angeblicher oder tatsächlicher Feind des islamischen nischen Wikinger litten sowohl die Mus-
Throns hingerichtet worden. Abd al-Rahman III. hatte blonde Ursprünge hin. lime in Andalusien wie die Christen an
den Küsten der Provence und tenstadt Santiago de Compostela
Italiens. dem Erdboden gleichmachen
Der byzantinische Kaiser ließ, und sprach sich schließlich
Konstantin Prophyrogennetos selbst die Königswürde zu. Lei-
sandte dem Kalifen die „Ma- der erwies sich Mansur, der bis
teria medica“, eine illustrierte 1002 regierte, als Feind des Geis-
Handschrift des Pharmakolo- tes und des kulturellen Aus-
gen Dioskurides, als Geschenk. tauschs. Weil er seine Unbeliebt-
Dem Austausch von Wissen in heit beim Volk mindern wollte,
Philosophie, Heilkunde, Ma- gerierte er sich trotz eines aus-
thematik und Astronomie schweifenden Lebenswandels als
dienten in Córdoba über 80 Glaubenseiferer. Bei einer Bü-
Schulen und mehr als ein Dut- cherverbrennung ließ er Hunder-
zend öffentliche Bibliotheken. te, wenn nicht Tausende, von sei-
Einige goldene Jahrzehnte nen Vorgängern aus aller Welt
lang war das Kalifat der Umaj- zusammengekaufte Werke der
jaden der intellektuelle Mittel- Wissenschaft und der Dichtkunst
punkt Europas. in Brunnen werfen und anzün-
In den späten Jahren der den, weil sie angeblich den Islam
Regentschaft von Abd al-Rah- beleidigten.
man dem Großen und wäh- Nach Mansurs Tod brach das
rend der Herrschaft seines Kalifat von Córdoba im 11. Jahr-
Sohnes Hakam II. war Córdo- hundert auseinander. Es zerfiel
ba weitgehend unbehelligt in Kleinkönigreiche, sogenannte
von kriegerischen Bedrohun- Taifas. Deren Herrscher paktier-
gen. Mehr noch als sein Vater ten mal mit christlichen, mal mit
demonstrierte Hakam II. eine muslimischen Nachbarn und ver-
phänomenale Neugier und strickten sich in endlose Klein-
Sammelleidenschaft: Von fast kriege. Im Jahre 1085 eroberte
überall in der damals bekann- eine christliche Streitmacht die
ten Welt ließ der Kalif Bücher Stadt Toledo, die einstige Haupt-
in arabischer, persischer, stadt des untergegangenen West-
griechischer und lateinischer gotenreiches. Bald darauf riefen
Sprache zusammenkaufen und die Taifen-Kleinkönige die glau-
nach Córdoba schaffen; für bensstrengen nordafrikanischen
die Erweiterung seines Bü- Almoraviden als Mitstreiter ins
cherschatzes gründete er ein Land – und büßten bald ihre Rei-
Komitee aus arabischen und che an die Verbündeten ein. Die
christlichen Gelehrten und Almoraviden und das sie 1147
Übersetzern. Berühmt ist Hakam II. Mansur machte sich ablösende gleichfalls nordafrikanische Herrschergeschlecht
auch dafür, dass er einen Männerharem selbst zum König. der Almohaden hielten zwar viele Jahre lang den Christen
Nach seinem Tod
unterhielt (der Koran tolerierte, zumin- stand. Ihre Hofhaltung aber war glanzlos, ihr Kunstsinn un-
zerfiel das Kalifat
dest nach Meinung der Religionsgelehr- (Gemälde von terentwickelt.
ten der damaligen Zeit, die Homosexua- Francisco de Zurbarán,
lität). Zudem förderte der Kalif Dichter rst nach der Eroberung Córdobas durch den Christen

E
17. Jh.).
und Musiker, die eine lange nachwirken- Ferdinand III. im Jahr 1236 kam es in zwei spanischen
de Tradition begründeten, von der der Städten noch einmal zu Jahrzehnten einer strahlen-
deutsche Sprachwissenschaftler Georg den Convivencia, eines weitgehend konfliktfreien Mit-
Bossong schwärmerisch schreibt: „Isla- einanders der drei Buchreligionen. Im Toledo des 13. Jahrhun-
mische, christliche und jüdische Autoren derts huldigte der Sohn des heiligen Ferdinand, Alfons X., ge-
schufen in al-Andalus eine Dichtung, die nannt „der Weise“, dem Geist der Toleranz, eröffnete eine
zum Schönsten der Weltliteratur gehört.“ Übersetzerschule und lud Dichter und Denker aus ganz Europa
Als Hakam II. im Jahr 976 starb, hatte ein. Und in Granada, später dem letzten von den Christen
Córdoba keinen Thronanwärter. Hakams eroberten Vorposten der Muslime in Europa, errichteten die
einziger Sohn Hischam war beim Tod Emire aus dem Geschlecht der Nasriden von Mitte des 13. Jahr-
des Vaters erst elf Jahre alt. Das Macht- hunderts an ein zwar politisch machtloses, aber von Gelehrten,
vakuum nutzte ein Höfling namens Man- Baumeistern und Künstlern aus vielen Teilen der damals be-
sur, der als sogenannter Hajib eigentlich kannten Welt bewundertes und besuchtes Fürstentum, das
nur eine Art Kämmerer war. Er ließ den durch den Bau der Alhambra das stolzeste Denkmal muslimi-
Kalifensohn viele Jahre lang einfach weg- scher Herrschaft in Spanien schuf.
sperren, bewies sich als begabter Feld- Es ist eine böse Ironie, dass jener Beschluss, der aus Spanien
herr, der zum Beispiel die stolze Chris- auf Jahrhunderte hin ein Land der nicht bloß religiösen, son-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 31
dern auch geistigen und ethnischen In- Die in Stein Eine Ahnung, welche Verarmung die Vertreibung aller
toleranz machte, ausgerechnet unter gearbeitete Kalligrafie Nichtkatholiken bedeutete, ereilt den Córdoba-Besucher aus-
in der Alhambra von
dem Namen „Alhambra-Edikt“ in die gerechnet in einem der auffälligsten modernen Gebäude der
Granada ist ein
Geschichtsbücher fand. Die sogenannten Meisterwerk heutigen Stadt. Das Haus steht an der Südmauer der Mezquita
Katholischen Könige Isabella von Kasti- islamischer und ist ein monumentales Touristen-Empfangszentrum, das
lien und Ferdinand II. von Aragon ver- Kunstfertigkeit. die lokalen Politiker 2014 für die vielen Tausend Besucher
fügten darin kurz nach der Eroberung bauen ließen, die jedes Jahr in die Stadt strömen. Es ist ein
Granadas im März 1492 die Vertreibung klug proportionierter rechteckiger Klotz mit einer tief ange-
aller Juden aus Spanien. Wer bleiben setzten frontalen Fensterfront, nach einem Entwurf des Ar-
wollte, dem blieb nur, sich taufen zu las- chitekten Juan Cuenca Montilla. Die hellbraune Klinkerfassade
sen; viele von denen, die sich taufen lie- des Baus fügt sich grandios ins Stadtbild, stolz verweist die
ßen, wurde trotzdem von der Inquisition Schrift am Eingang auf die Aufnahme der Mezquita Córdobas
verdächtigt, weiter dem jüdischen Glau- ins Unesco-Weltkulturerbe.
ben anzuhängen, und gnadenlos verfolgt. Sobald man das Haus betritt, ist man verblüfft: Im Inneren
1502 mussten dann auch alle Muslime zu des Empfangszentrums herrscht fast völlige Leere. In einer
„Morisken“ genannten Christen konver- Ecke im Erdgeschoss geben zwei städtische Bedienstete Besu-
tieren, deren Nachfahren dann im Jahr chern Auskunft, vereinzelt hängen fotografierte Stadtansichten
1609 wie zuvor die Juden ausgewiesen an den Wänden, im Keller ist ein Stück restaurierte Stadtmauer
wurden (siehe Seite 68). unter Glas zu sehen. Ansonsten aber ist die riesige Halle ge-
nauso leer und verlassen wie die Ausstellungsräume im Keller
360°-FOTO:
olitisch und religiös war Spa- und der Saal im ersten Stock. Es ist, als wolle der Architekt

P nien dadurch geeint; die kultu-


relle Verarmung infolge dieser
Vertreibungspolitik prägte das
Ein Blick in die
Mezquita mit seinen großen kahlen Räumen die Besucher Córdobas aus
aller Welt auf eine Leerstelle, einen Verlust, ein Verschwinden
hinweisen; auf etwas Fehlendes, das das Leben in der Stadt
Land nach Meinung vieler Historiker und bis heute bestimmt. Die großartige Vermischung verschiedener
Intellektueller bis ins 20. Jahrhundert. Welten, die einmal den Zauber der bewunderten Stadt Cór-
Ein „Land der Engstirnigkeit und des doba ausmachten, findet seit Jahrhunderten nicht mehr statt
spiegel.de/
Fremdenhasses“ nennt der spanische sg012017cordoba – und der andalusische Baumeister Cuenca hat diesem Verlust
Schriftsteller Juan Goytisolo, der in Mar- oder in der App mit seinem Haus ein tolles Denkmal gesetzt.
rakesch lebt, sein Heimatland. DER SPIEGEL wolfgang.hoebel@spiegel.de

32 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Dokument

Andalusische Minne

Die Kalifentochter Wallada (1001 bis 1091) und


der cordobesische Wesir Ibn Saidun (1003 bis 1070)
lebten ihre Liebe in Versform aus.

Wallada an Ibn Saidun: O die Entsagenden verwirrt


Bei tiefer Finsternis erwarte Und den Verführten schuldlos
mich! macht:
Ich fand: Geheimnis birgt Die Sonn’ bist du, die sich
die Nacht zumeist; verbirgt
Wenn Sonne fühlt’, was ich Dem Aug’, entrückt in
für dich, nicht schien sie. Wolkennacht!
Der Mond ging nimmer auf, Nicht stärker bricht durch
kein Stern mehr reist’. Himmelsdunst
Der Mond in seiner hehren
Fülle
Ibn Saidun an Wallada: Als wie dein Angesicht
Wie manche Nacht erstrahlt
hindurch wir Verdeckt von deines Schleiers
Tranken Wein, Hülle.
Bis in die Nacht sich drängte
Frührotschein
Und Morgensterne Wallada an Ibn Saidun:
scheuchten Würdest du zur Hälft’
Finstern Schatten, empfinden,
Und Nacht-Gestirne Flucht Was an Liebe uns umschlingt:
Ergriffen hatten. Nimmer hättest du umworben
Wie schwelgten wir im Eine Magd, die ich gedingt!
Vollsten Hochgenuss! Von dem Zweig, der
Nicht Sorge uns bedrängte Durch’s Leben winden? fruchtbeladen,
Noch Verdruss. Doch was ich scheut’, dem kam Schwangst du dich auf dürren Ast:
Und hätt’ noch länger sich Geschick zuvor. Statt der Herrin gleich dem Monde
Gedehnt die Nacht, Ich seh’ die Nächt’, doch nicht Sklavin du erkoren hast!
Dann hätten wir noch mehr in Die Trennung schwinden –
Lust verbracht – Geduld für’s Joch der Sehnsucht
Doch ach – für Nächte, wo sich Ich verlor! Ibn Saidun an Wallada:
Liebe eint, Mög’ Gott die Stätte deines O sie, die kaum den Liebenden beachtet,
Nur allzufrüh die Morgen- Weilens tränken, des Freundes Rat mit Argwohn stets
Sonne scheint! Ihr dauernd Ströme Seines betrachtet,
Segens schenken! Doch Spähern über uns Gehorsam schenkt,
dieweil wir achtlos davon abgelenkt:
Wallada an Ibn Saidun: Preis’ Gott, da Er mir zeigte deutlich klar,
Bleibt uns nach Trennung nicht Ibn Saidun an Wallada: dass was du sagtest, nichts als Lüge war,
Ein Weg noch offen? Wann kann ich mein Geheimnis künden Noch eh Zerstreuung hatt’ den Sieg
Soll stets, wer liebet, über’s Dir, meiner Ruhe – meiner Pein? errungen
Schicksal klagen? Wann kann an meines Briefes Statt und Liebesnachspiel unsre Lieb’
Als wir uns trafen, war ich Die Zunge sein Erklärer sein? bezwungen.
Kalt und frostig – Gott weiß, dass ich dich ganz erfülle,
Und nun des Nachts mich Wie du in mir bist ganz erfunden,
Sehnsuchtsfeuer plagen! Dass keine Speise mir kann schmecken Aus dem Arabischen übersetzt von Karl Emil
Wollt ich nicht einsam mich Und nimmer ein Getränke munden. Schabinger von Schowingen (1877 bis 1967)

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 33
Ein Bild und seine Geschichte

Piratennest in
den Bergen
Von Annette Bruhns

E ine islamische Enklave an der Côte


d’Azur – allein die Vorstellung schien
Historikern lange so ungeheuerlich,
dass sie noch 1965 von einem Gelehrten des
Institut de France als „kategorisch zu vernei-
nend“ verworfen wurde. Dabei sind die Quel-
len sich einig: Ab dem 10. Jahrhundert taucht
„Fraxinetum“ (arabisch: Farachschanit) oder
„Dschabal al-Kilal“ („Berg der Gipfel“) in la-
teinischen und arabischen Quellen als Name
einer muslimisch dominierten Region auf, die
sich „zwei Tagesreisen“ weit zwischen Mar-
seilles und Nizza ausdehnte. Ihr Zentrum dürf-
te beim heutigen Dorf La Garde-Freinet gele-
gen haben, in den Bergen der Provence.
Weniger klar ist, woher die ersten Siedler
um 880 gekommen sind. Als „sarazenische Pi-
raten“ beschrieb sie Liutprand (920 bis 972),
der Bischof von Cremona. Im Schutz der Nacht
seien 20 mit Degen bewaffnete Männer an den
Strand gesegelt und hätten ein höher gelegenes
Herrenhaus überfallen. In den folgenden Jahr-
zehnten, so Liutprand und der Mönch Flo-
doard, hätten die Sarazenen aus ihrem gebir-
gigen Hinterhalt heraus Städte wie Fréjus, An-
tibes und Nizza verwüstet, Klöster geplündert
und den Frankreich-Italien-Handel behindert.
Doch war Fraxinetum wirklich nur ein Pira-
tennest? Arabische Quellen wie das „Buch vom
Bild der Erde“ von Mohammed Abu al-Kasim
Bin Haukal (920 bis 988) schwärmen von sei-
nem landwirtschaftlichen Reichtum mit „weit-
räumiger Bewässerung“. Auch Liutprand wuss-
te, dass die Siedler unter mächtigem Schutz
standen – sie leisteten Abd al-Rahman III.,
dem Umajjaden-Herrscher im andalusischen
Córdoba, Tribut. Womöglich wickelte das isla-
mische Andalus über das ideal gelegene Fraxi-
netum den transalpinen Handel mit Europa ab.
Wie zu alten Zeiten leben Menschen im Mas-
sif des Maures um La Garde-Freinet vom Ertrag
ihrer Korkeichen. Chronisten zufolge waren es
just die Muslime, von denen die Franken lern-
ten, wie man die Bäume am besten für die Ern-
te schält. Im Jahr 975 war es mit der Kolonie
vorbei, ihre Bewohner versteckten sich in den
Wäldern, bevor fränkische Truppen die letzten
von ihnen vertrieben. Der Name des Dorfs Ra-
matuelle zeugt noch von ihrem Glauben: „Rah-
matullah“ bedeutet „Gnade Gottes“.

► Fort oberhalb von La Garde-Freinet, Provence

35
Blütezeit des Islam Medizin

Früh machte sich die islamische Kultur die Heilkunde der Antike zu eigen.
Später profitierten die Europäer von der Neugier persischer und arabischer Ärzte.

Experten fürs Auge

Wie die alten


Griechen hielten die
Araber Blutschröpfen
für eine heilende
Therapie
(Buch-Illustration).

Von Martin U. Müller

A
bgekochter Kamel-Urin sollte tenbewohner gingen kaum über grobe als Fortschritt gelten. Und doch eröffnete
wundersame Wirkungen ent- Vorstellungen der Funktionen von Herz, der neue Glaube einen neuen Zugang zu
falten, Königsblut gegen Toll- Leber oder Milz hinaus. In der Annahme, ärztlichem Wissen: Die islamisierten Ara-
wut helfen. Und die Kauterisa- Fieber könne nur ein Mensch bekommen, ber und Beduinen eroberten bis zur Mitte
tion erst: Egal ob Kopfschmerzen, Geis- pflegten Beduinen zehnmal wie ein Esel des 7. Jahrhunderts Syrien, Persien und
teskrankheiten oder offene Wunden – „Iah“ zu rufen. So könne man das Fieber Ägypten, Kernländer antiker Hochkultu-
eine Behandlung mit dem Brenneisen glauben machen, man sei Tier statt ren. Sie kamen dabei auch erstmals mit
galt als empfehlenswert gegen nahezu je- Mensch. Wer von einer Schlange gebis- Ärzten in Berührung, welche die grie-
des Leiden. Die Heilkunde der altarabi- sen wurde, sollte über Nacht mit dem chische hippokratisch-galenische Medizin
schen Beduinen ließ viele Kranke grau- Schmuck von Frauen klappern. vertraten. Ihre Schriften blieben den In-
sam im Stich, sie war eine primitive Haus- Auch der Koran brachte in Sachen vasoren zunächst verschlossen, sie ver-
mittel-Medizin, die auf Magie und Aber- Heilkunde keine große Hilfe: Ärzte oder standen die Sprache nicht. Erst unter der
glaube basierte. Medizin werden so gut wie nirgends er- Dynastie der Abbasiden-Kalifen (750 bis
Ausgebildete Ärzte gab es nicht, und wähnt. Immerhin kann das Verbot von 1258) kam es zu einer Welle von Über-
die anatomischen Kenntnisse der Wüs- Schweinefleisch aus hygienischer Sicht setzungen.

36 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Den geistigen Boden bereiteten die des arabischen Übersetzers wurden da-
wegen ihrer Loyalität am Hof geschätz- raus für die Lehre taugliche Texte. Im la-
ten Syrer. Die griechische Medizin war teinischen Westen waren zu dieser Zeit
die beste verfügbare, und seit dem 6. die meisten Autoren der antiken Medizin
Jahrhundert waren Übersetzungen bei gerade einmal mit Namen bekannt.
den christlichen Syrern verbreitet. Weni- Später wagten die ersten auch Kritik
ger bedeutend waren Texte aus der indi- am Œuvre der Griechen, etwa der Arzt
schen Medizin. Abd al-Latif al-Bagdadi. Sein Name ist
mit zwei Entdeckungen verbunden: Wäh-
Es war die Zeit rasanter Fortschritte; rend einer Hungersnot, die Ägypten in
der Arabist Manfred Ullmann, der in Tü- den Jahren 1200 und 1201 quälte, sah er
bingen forschte, sieht in der Überset- unzählige menschliche Skelette, von de-
zungsbewegung eine kulturgeschichtliche nen Überlebende das Fleisch gekratzt
Entwicklung, „deren Bedeutung und Aus- hatten. Galen hatte wie andere antike
wirkungen nicht leicht überschätzt wer- Ärzte kaum eine so gute Gelegenheit ge-
den können“. Ullmann ist Autor des 1970 habt, die menschliche Anatomie zu stu-
veröffentlichten und bis heute maßgebli- dieren. Bagdadi inspizierte einen Haufen
chen Handbuchs „Die Medizin im Islam“, Gebeine unweit von Kairo und stellte
folglich stützt sich dieser Beitrag auf sei- fest, dass der Unterkiefer aus einem
ne Forschungen. Stück bestand und nicht, wie von Galen
Die Beduinen sahen sich mit einer angenommen, aus zwei Teilen. Ebenfalls
Heilkunde konfrontiert, die über mehr beschrieb er, dass das Kreuzbein aus ei-
als tausend Jahre ausreifen konnte. Die nem einzigen Knochen gebaut sei, wäh-
Grundlagen der griechischen Medizin wa- rend die alten Meister von sechs verschie-
ren mit dem Wissen der damaligen Zeit denen Knochen ausgegangen waren. Die
unanfechtbar. Die Eroberer mussten den Wahrheit liegt dazwischen. Anatomisch
Kosmos dieser Kenntnisse schlicht akzep- findet eine Verschmelzung der Wirbel-
tieren. körperanteile im Kindesalter statt.
Es war die Medizin des Hippokrates Auch mit der antiken Annahme, Blut
(um 460 bis um 370 v. Chr.), Vater der bewege sich ausschließlich in einer Bahn
Heilkunst und Hauptautor des Corpus und zentrifugal, brach ein muslimischer
Hippocraticum, einer Sammlung von Arzt. Der Syrer Ibn al-Nafis beschrieb in
etwa 60 überlieferten Schriften zu Diäte- einem Kommentar den kleinen Blutkreis-
tik, Anatomie bis hin zur Gynäkologie. lauf; freilich noch ohne die grundlegende
Auch der berühmte Arzt Galen (um 13o Idee eines Blutkreislaufes zu erfassen.
bis vermutlich 199 n. Chr.) beeinflusste Arabist Ullmann schätzt die Leistung
die Medizin der entstehenden islami- von Ibn al-Nafis dennoch als „sehr hoch“
schen Kultur. Der Mann aus Pergamon ein. Denn die Medizin seiner Zeit musste
knüpfte an die hippokratische Viersäfte- ohne Naturwissenschaft auskommen; Le-
lehre an, wonach die Lebensträger aus bensvorgänge oder Krankheiten konnten
gelber und schwarzer Galle sowie Blut weder biologisch noch chemisch, noch
und Schleim bestehen. Als Faustregel physikalisch gedeutet werden. Es fehlte
galt: Sind die Säfte im Gleichgewicht, ist an der Einsicht, dass Unerklärliches nicht
der Körper gesund. gleich übernatürlich sein musste. Die Ent-
Der Einfluss der Griechen in der Me- schlüsselung der Rätsel des Lebens ba-
dizin war so ungeheuer groß, dass die sierte auf Beobachtungen und Schlussfol-
Araber praktisch alles von ihnen über- gerungen; eine strukturierte Forschung,
nahmen. Einige ihrer Übersetzer mach- die angebliche Tatsachen zur Überprü-
ten sich dabei einen Namen, etwa der fung möglich macht, war als empirische
christliche Arzt Hunain Bin Ishak (um Methode noch unbekannt.
808 bis um 873 n. Chr.), der mehr als hun-
dert Schriften von Hippokrates, Galen Die bedeutendsten Leistungen brachten
und anderen Ärzten im vom Kalifen ge- die Araber in der Augenheilkunde her-
förderten „Haus der Weisheit“ in Bagdad vor. Es gibt umfängliche Spezialliteratur,
ins Arabische übertrug. Hunain steht die auch gut erhalten geblieben und von
stellvertretend für Gelehrte, die vor der Medizinhistorikern ausgewertet worden
Mammutaufgabe standen, die Texte so- ist. Theorien, Fachbegriffe und die Ana-
wohl zu übersetzen als auch für deren tomie sind dabei selbstverständlich den
Verständnis durch eigene Kommentare Griechen entlehnt; weil manche der
zu sorgen. Galens Werk war sehr umfang- Blutkreislauf und Muskeln des Menschen,
griechischen Originale verloren gingen,
reich, aber auch ziemlich chaotisch struk- aus „Mansurs Anatomie“ des Persers gehören einige arabische Manuskripte
turiert. Erst durch die ordnende Hand Mansur Bin Iljas (1370 bis 1423) zu den ältesten augenheilkundlichen Ab-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 37
Blütezeit des Islam Medizin

handlungen der Welt. Ihnen ist es zu ver- bung hinaus ist freilich wenig überliefert. Städten. Dort wurden Ärzte ausgebildet –
danken, dass die beste griechische Be- Therapeutisch setzte man wohl eher auf nicht unbedingt viele, aber mehr als an-
schreibung einer Star-Operation – die Magie: So sollte ein gesundes Kamel mit derswo im Mittelalter.
des Antyllos aus dem 2. Jahrhundert – dem Brenneisen malträtiert werden, Die islamische Kultur brachte „bedeu-
überhaupt noch vorhanden ist. wenn in einer Herde Räude kursierte. tende Mediziner, zum Teil geniale Män-
Der Arzt Ahmed al-Tabari beschrieb Einige Bereiche ließ die arabische Me- ner“ (Ullmann) hervor; dennoch gab es
im 10. Jahrhundert bis dahin Unbekann- dizinwelt fast außen vor, etwa die Zahn- auch eine Gegenbewegung zur galeni-
tes, etwa die Schneeblendung oder aber heilkunde. In der Arzneimittellehre er- schen Medizin. Zwar galt letztere als are-
die Helladaptation von Menschen nach schienen zwar viele Werke, doch wohl ligiös und damit im Sinne der Scharia ei-
längerem Aufenthalt in finsteren Gewöl- nirgendwo wurde so viel untereinander gentlich unproblematisch. Trotzdem ent-
ben. Eines der bedeutendsten Werke der abgeschrieben. Zudem erwies es sich als wickelte sich in islamisch-orthodoxen
Augenheilkunde des gesamten Mittel- schwierig, die aus dem Griechischen über- Kreisen eine reichlich eigenwillige Heil-
alters verfasste zu Beginn des lieferten Pflanzennamen rich- kunde, medizinhistorisch verbucht als
11. Jahrhunderts der in Bag- tig zuzuordnen und eine eige- „prophetische Medizin“. Weil die Lehren
dad praktizierende Arzt Saraf Der Syrer ne Nomenklatur zu bauen. Mohammeds zur Heilkunde äußerst un-
ad-Din Ali Ibn Issa – es sollte Ammar Auch in der Gynäkologie ergiebig waren, fußte die „prophetische
700 Jahre Bestand haben. Ibn erfand im waren die Leistungen über- Medizin“ vor allem auf gefälschten Ha-
Issa, latinisiert als „Jesus Ha- schaubar. Um Krankheiten dithen, also angeblichen Überlieferungen
lus“, empfahl bei länger dau- 11. Jahrhun- der weiblichen Genitale soll- oder Aussprüchen des Propheten. Medi-
ernden, schmerzhaften Au- dert eine ten sich Hebammen und „wei- zingeschichtlich war das natürlich ein
genoperationen eine Narkose. metallische se Frauen“ kümmern; eine Rückschritt: Aberglaube wurde auf eine
Konkret sollte dafür Mohnsi- theoretische Medizinausbil- religiöse Ebene gehievt und in den Rang
rup, Mandragora und Opium Hohlnadel zur dung besaßen Letztere nicht. einer „Wissenschaft“ erhoben. In der Be-
verwendet werden. Faszinie- Operation des Teilweise fanden Behandlun- völkerung war diese Medizin durchaus
rend auch die Beschreibungen Grünen Stars. gen auch unter ärztlicher Auf- beliebt: Die Autorität des Propheten war
des in Mossul geborenen Au- sicht statt. So empfahl etwa schließlich höher als die eines Heiden
genspezialisten Ammar Bin der christliche Arzt Ibn al- wie Galen.
Ali al-Mausili: Er erfand im 11. Jahr- Kuff, Eingriffe an der Vagina durch eine
hundert eine metallische Hohlnadel, mit kluge, erfahrene Hebamme ausführen zu Die „prophetische Medizin“, selten von
deren Hilfe der Grüne Star – eine Augen- lassen. Wenn das nicht gelinge, könne Ärzten betrieben, konnte sich nicht dau-
erkrankung – operiert werden konnte. die Operation auch von einem Chirurgen erhaft durchsetzen. Ein großer Teil der
Viele Werke der arabischen Medizin durchgeführt werden, vorausgesetzt, die- ausgebildeten Ärzte, die im Nahen Osten
beschäftigen sich mit Hygiene im weites- ser sei erfahren und keusch und habe ei- wirkten, waren ohnehin Christen oder
ten Sinn: Bäder, Leibesübungen, Schlaf, nen untadeligen Lebenswandel vorzuwei- Juden, die für dogmatische Rücksichtnah-
das Essen oder die Entleerung. In spe- sen. Ein anderer Autor verbot Ärzten, me auf den Propheten nichts übrig hatten.
zieller Literatur über den Verkauf von die Geschlechtsorgane der Frau zu be- Die Mediziner prägten sogar eine Be-
Sklaven wurde die körperliche und cha- rühren, und empfahl, sich bei Untersu- rufsethik, auch sie stand ganz im Zeichen
rakterliche Tauglichkeit von Sklaven the- chungen eines Spiegels zu bedienen. der griechischen Medizin. So gehörte die
matisiert. Der materielle Reichtum der islami- Überwachung der Ärzte zu den Pflichten
Auch der Sexualität widmeten sich schen Herrschaftszentren ermöglichte des Gewerbeaufsehers; er war es, der den
fast alle bedeutenden arabischen Ärzte. den Bau von Hospitälern in größeren Medizinern den hippokratischen Eid ab-
In den Schriften sind die Übergänge von verlangte. Ausgelöst durch einen spekta-
medizinischer Erkenntnis zu Erotik oft kulären Todesfall im Jahr 931 wurden in
fließend. Zahllose Rezepte für Aphrodi- Bagdad alle praktizierenden Ärzte über-
siaka sind überliefert. Erörtert wurde prüft. Der Überlieferung nach wurde da-
auch die Frage, was passiert, wenn es bei auch jede Menge Ignoranz und Ho-
nicht zum Sex kommt: Das konnte, so kuspokus aufgedeckt. In Bagdad, Kairo
die Lehrmeinung, zu einer Geistesstö- oder Damaskus durften nur zertifizierte
rung führen: der Liebeskrankheit. Sogar Ärzte ihren Beruf ausüben – andernorts
über Probleme beim Geschlechtsverkehr, indes, etwa in Aleppo, gab es keine sol-
Therapien gegen Impotenz oder über che Regelung.
Empfängnisverhütung schrieben die Ge- Will man ein Resümee wagen über
lehrten. den Beitrag von Ärzten der frühen isla-
mischen Kultur für die medizinische Fort-
Ein wichtiger Zweig der Heilkunde galt schrittsgeschichte, ist die Antwort kom-
den Tieren. Viele Wüstenbewohner wa- plex. „Wir sprechen von der ‚Medizin im
ren Tierzüchter und mussten sich folglich Islam‘ und nicht von ,islamischer Medi-
mit der Veterinärmedizin befassen. Für zin‘“, erklärt Karl-Heinz Leven, Arzt und
Kamelkrankheiten existieren unzählige Lehrstuhlinhaber für Geschichte der Me-
arabische Bezeichnungen, für Höckerent- dizin an der Universität Erlangen. Formal
zündung ebenso wie für Eutervertrock- Universalgelehrter Avicenna und inhaltlich war die Heilkunde der grie-
nung. Über die reine Krankheitsbeschrei- (französisches Gemälde um 1600) chischen Medizin entlehnt, von den Ara-

38 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Die Arztvisite in einer Miniatur
bern indes „schöpferisch ausgestaltet, aus Avicennas „Kanon der Medizin“ Medizin“ bekannt. Es war eines der Stan-
praktisch angewendet“ und in dieser Aus- (Handschrift, Bologna, 15. Jh.) dardwerke der Zeit – heute gilt es als
prägung, so Leven, „attraktiv geworden eine der wichtigsten Systematisierungen
für den lateinischen Westen in Europa“. menden Übersetzungstätigkeit, die me- der damaligen Medizin. Sogar spezielle
Tragende Figur des Wissenstransfers dizinische Schriften vom Arabischen ins Fachbücher veröffentlichte Avicenna:
in den Westen war Constantinus Africa- Lateinische übertrug. Er übersetzte unter gern in Form von Lernversen, die zwar
nus („Konstantin der Afrikaner“), der dem Titel „Pantegni“ das Werk eines per- wenig poetischen Reiz besaßen, aber
Anfang des 11. Jahrhunderts im heutigen sischen Mediziners. Dabei gab er sich beim Einpauken der Inhalte halfen. In ei-
Tunesien geboren wurde. Er studierte selbst als Autor aus. Heute würde man nem Werk über Herzkrankheiten erklär-
Medizin in Bagdad und kam wohl viel das Vorgehen als Plagiieren bezeichnen, te Avicenna sogar den Einfluss von Freu-
herum, laut den spärlichen Überlieferun- doch im Hochmittelalter war es der Auf- de oder Zorn auf die Herztätigkeit.
gen bis nach Indien. Als der Welten- takt zu einer kulturellen Revolution, weil Persisch-arabische Medizinbücher, ins
bummler schließlich nach Nordafrika zu- das alte Werk seine Wirkmächtigkeit in Lateinische übersetzt, wurden zur Grund-
rückkehrte, hatte er großen Erfolg als Me- ganz Europa entfaltete. lagenlektüre an den nach und nach
diziner. So großen, dass ihn mancher Kol- Einer der wohl produktivsten Schrei- entstehenden medizinischen Fakultäten
lege neidvoll der Zauberei bezichtigte. ber während der Blütezeit der Islami- der europäischen Universitäten. Der Ok-
Bald musste er um sein Leben fürch- schen Welt war Ibn Sina, latinisiert Avi- zident hat es den Orientalen zu verdan-
ten und wurde zum Flüchtling. Mit einem cenna. Geboren um 980 im heutigen Us- ken, dass weite Teile der in der Spät-
Schiff erreichte der Arzt Süditalien und bekistan, studierte der Universalgelehrte antike verloren gegangenen Erkenntnis-
gelangte schließlich in die Hafenstadt Sa- neben der Medizin auch Philosophie und se der Griechen in den Westen gelang-
lerno. Als Laienbruder des Benediktiner- reiste viel. Sein Ruhm als Arzt gründet ten – auch wenn es inhaltlich darin oft
ordens wurde Constantinus wichtiger vor allem auf einem fünfbändigen Kom- nicht viel Neues gab.
Vertreter der im 11. Jahrhundert aufkom- pendium, schlicht als „Der Kanon der martin.mueller@spiegel.de

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 39
Ritter des Johanniterordens
um 1140

Ritter des Templerordens


um 1160

Ritter des Deutschen Ordens


um 1200
(alle drei Zeichnungen von
Karol Schauer)

40 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Blütezeit des Islam Kreuzzüge

Die christliche Welt bejubelte im Mittelalter die Eroberung Jerusalems.


Doch aus muslimischer Sicht waren die rund 200 Jahre währenden Kreuzzüge nur
ein Moment im langen Kampf der Kulturen um das Mittelmeer.

Blutrausch im Heiligen Land

Von Michael Sontheimer

D
er Sturm auf Jerusalem begann in Kairo residierender Kalif große Teile diesem erhabenen Ort ein heiliges Le-
in der Morgendämmerung des Nordafrikas und des heutigen Syriens be- ben zu führen.“
14. Juli 1099. In der Nacht hat- herrschte. Die Fatimiden, die ihre Ab- Die Angaben zur Zahl der getöteten
ten der fränkische Herzog stammung von Mohammeds Tochter ab- Bewohner Jerusalems reichen von 3000
Gottfried von Bouillon und seine Männer leiteten, hatten Jerusalem erst ein Jahr bis 70 000 – heute schätzt man, dass rund
ihren Belagerungsturm um einen halben zuvor den türkischen Seldschuken ent- 10 000 Muslime und Juden ihr Leben ver-
Kilometer nach Osten verschoben. rissen, sunnitischen Muslimen. Der Stadt- loren.
Die Heilige Stadt dreier Religionen kommandant Jerusalems, ein Ägypter, In den christlichen Quellen finden sich
war von einer rund 15 Meter hohen und befehligte mehrere Tausend Mann. sehr viel mehr und viel genauere Beschrei-
3 Meter dicken Mauer geschützt; neben Am nächsten Morgen – dem 44. Tag bungen des Gemetzels, bei dem „unsere
den fünf Stadttoren erhoben sich rechts der Belagerung – rollten die Angreifer Männer bis zu den Knöcheln im Blut der
und links mächtige Türme. Seit 637 einen 20 Meter hohen Belagerungsturm Feinde wateten“, wie ein Chronist es aus-
herrschten hier Muslime. an die Hauptmauer, von dem herab sie drückte. Eine andere lateinische Quelle
Im November 1095 hatte Papst Urban dann die Verteidiger auf der tiefer gele- besagt, dass „sogar die Soldaten, die am
II. auf der Synode von Clermont die Chris- genen Stadtmauer beschossen, mit Pfei- Töten beteiligt waren, kaum die Dämpfe
tenheit dazu aufgerufen, die „Heiden“ aus len, Steinen und Brandsätzen. Nachdem aushielten, die von dem warmen Blut auf-
Jerusalem zu vertreiben. Drei Jahre hatten die ersten Christen mit Sturmleitern die stiegen. Die Kreuzfahrer durchstreiften
die Kreuzfahrer gebraucht, um die mehr Mauer erklommen hatten, flohen die die Stadt nach Beute und schlachteten
als 3000 Kilometer über Land und See bis Muslime in Panik. wahllos Männer, Frauen und Kinder ab,
nach Jerusalem zurückzulegen. Muslime und Juden“.
Jetzt hatten sie die Stadt umzingelt Über die Eroberung Jerusalems durch die Als die Christen am Abend vom Mor-
und wollten endlich den Muslimen die Kreuzfahrer sind von muslimischer Sei- den müde waren, versammelten sie sich
Grabeskirche entreißen – das im vierten te nur zwei Berichte bekannt. Der ira- und hielten eine Messe ab. „Sie sangen
Jahrhundert auf Geheiß von Kaiser Kon- kische Historiker Ibn al-Kalanisi schrieb dem Herrn ein neues Lied mit lauter, ju-
stantin errichtete größte Heiligtum der gut 50 Jahre später: „Manche der Leute belnder Stimme“, heißt es in einer Chro-
Christen. flohen zu dem Turm des David, und vie- nik, „sie brachten Opfer und flehten zum
Mit allen Kräften rammten die Angrei- le wurden getötet. Die Juden versam- Herrn und besuchten voll Freude den hei-
fer einen eisenbeschlagenen Sturmbock melten sich in der Synagoge, und die ligen Ort, nach dem sie sich schon so lan-
in den äußeren zweiten Stadtring. Die Franken brannten diese über ihren Köp- ge gesehnt hatten.“
muslimischen Verteidiger gossen von fen nieder.“ Außerdem „zerstörten die Am nächsten Tag schlachteten sie wei-
oben herab brennendes Pech, Wachs und Franken die Schreine und das Grab von ter. Am dritten Tag der Eroberung be-
Schwefel. Die Belagerer boten an die Abraham“. Der Historiker Ibn al-Athir schlossen die christlichen Fürsten, alle
15 000 Soldaten auf, davon 1300 Ritter. aus Mossul schrieb rund hundert Jahre Bewohner Jerusalems, auch die Juden,
Zwölf Stunden nach dem Beginn des An- nach der Eroberung: „In der Aksa-Mo- umzubringen – um sich ihren Besitz an-
griffs, noch vor Einsetzen der Dunkelheit, schee töteten die Franken mehr als zueignen. Es handelte sich um religiös le-
gelang es Gottfried und seinen Leuten, 70 000, eine große Zahl von ihnen Ima- gitimierten Raubmord.
die eigentliche Stadtmauer zu erreichen. me, gläubige Gelehrte, rechtschaffene Generationen christlicher Theologen
Verteidigt wurde Jerusalem von den Männer und Asketen, Muslime, die ihre hatte es bedurft, um in der ursprünglich
Fatimiden, ismaelitischen Schiiten, deren Heimatländer verlassen hatten, um an pazifistischen Religion das alte römische

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 41
Blütezeit des Islam Kreuzzüge

London Die ersten Kreuzzüge


Köln Routen der christlichen Krieger
Atlantischer
Ozean Paris

Wien
Clermont

Toulouse Genua Venedig Belgrad


Schwarzes
Marseille Meer
Lissabon
Rom
Konstantinopel
Córdoba

EDESSEA

Sizilien
1. Kreuzzug von 1096–1099 ANTIOCHIA
Raimund v. Toulouse, Gottfried v. Boullion u. a.
TRIPOLIS
2. Kreuzzug von 1147–1149
König Konrad III., König Ludwig VII. Damaskus
3. Kreuzzug von 1189–1192 Mittelmeer Akkon
Kaiser Friedrich I. Barbarossa, König Philipp II., Jerusalem
König Richard I. Löwenherz
JERUSALEM
Kreuzfahrerstaaten um 1135
Kairo

Konzept des „gerechten Krieges“ zu ver- sorgen. In der Christenchronik „Gesta lichen Vorräte mit sich. Diese Schlacht
ankern. Der Papst hatte den Kreuzfah- Francorum“ („Taten der Franken“) heißt wurde am 12. August ausgetragen, kraft
rern die Vergebung aller Sünden verspro- es: „Sie veranlassten, dass sämtliche Sara- der Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
chen. zenenleichen aufgrund des furchtbaren dem Ruhm und Ehre sei, jetzt und im-
Dschihad, Heiliger Krieg, war Musli- Gestanks aus der Stadt hinausgeschafft merdar, bis ans Ende der Welt. Möge jede
men nicht fremd. Der Koran verwendet würden, denn fast die ganze Stadt war Seele ,Amen‘ sagen.“
den Begriff in unterschiedlichen Bedeu- übersät mit ihren toten Leibern. Somit Gottfried von Bouillon ließ sich als
tungen. Sie reichen vom Gebot, im schleiften die überlebenden Sarazenen die „advocatus sancti sepulcri“ segnen, als
Dienst des Glaubens das eigene Ego zu Toten vor die Tore hinaus und schichteten „Verteidiger des Heiligen Grabes“. Ein
überwinden, bis zum kriegerischen Auf- sie zu Stößen auf so hoch wie Häuser. Kei- Katholik wurde zum Patriarchen von Je-
ruf. Viele Gelehrte beider Religionen wa- ner hat jemals ein solches Abschlachten rusalem ernannt und ließ als erste Amts-
ren darin einig, dass die jeweils Anders- von Heiden gesehen oder je da- handlung die Geistlichen der
gläubigen minderwertige Falschgläubige von gehört, denn sie wurden „Unsere Leute Christen aus dem Osten, also
seien, die zu töten unter Umständen kei- auf Scheiterhaufen verbrannt, Armenier, Kopten, Jakobiten
ne Sünde darstelle, ja sogar die Tore zum die Pyramiden glichen, und kochten die und Nestorianer, aus der Gra-
Paradies öffnen könne. Schon vor der keiner außer Gott allein weiß, erwachsenen beskirche vertreiben.
Schlacht um Jerusalem hatte auch auf wie viele es waren.“ Heiden in Die meisten Kreuzfahrer
muslimischer Seite ein religiöser Propa- machten sich nun auf die lan-
gandakrieg begonnen. Dort hatten Mus- Das Schlachten ging nach der Kesseln und ge Reise nach Hause. Gott-
lime Christenkreuze an den Stadtmauern Eroberung von Jerusalem bald zogen die fried blieb mit 300 Rittern und
herabgelassen, um diese zu bespucken weiter, denn ein Heer der Fa- Kinder auf 2000 Fußsoldaten in Jerusalem
oder auf sie zu urinieren. timiden marschierte auf die zurück – wo er ein Jahr nach
Vermutlich war den Bewohnern Jeru- Heilige Stadt zu, um die Fran- Spieße.“ der Eroberung der Stadt starb
salems zu Ohren gekommen, dass weiter ken wieder zu vertreiben. Mit und in der Grabeskirche bei-
im Süden, in Maara (heute West-Syrien), 20 000 Mann war die muslimische Streit- gesetzt wurde. Ein Jahr vor ihm schon
halb verhungerte Kreuzfahrer zu Kanni- macht doppelt so stark wie die der Chris- war Papst Urban II. gestorben, derjenige,
balen geworden waren. In einer christ- ten. Denen gelang es allerdings, mit ei- der den Kreuzzug angestiftet hatte.
lichen Quelle heißt es dazu, dass „unsere nem Überraschungsangriff die Muslime Im christlichen Westen wurde der ers-
Leute die erwachsenen Heiden in Kesseln in die Flucht zu schlagen. te Kreuzzug zum „wohl am häufigsten
kochten und die Kinder auf Spieße zogen Über diesen zweiten Triumph berich- beschriebenen Ereignis des Mittelalters“,
und sie geröstet aßen“. tet die „Gesta Francorum“: „Danach ka- so der britische Experte Thomas As-
Nach der Eroberung Jerusalems muss- men die Unseren freudestrahlend nach bridge. Die „Gesta Francorum“, ein kurz
ten die Sieger viele Tausend Leichen ent- Jerusalem zurück und führten alle mög- nach der Eroberung Jerusalems von ei-

42 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Gottfried von Bouillon dankt Gott nach
nem italienischen Adligen auf Latein ver- der Eroberung Jerusalems 1099 geschlossen hätten, wären die Kreuzfah-
fasstes Heldenepos, war die Grundlage (Gemälde von Émile Signol, um 1850). rer nie bis nach Jerusalem gekommen.
zahlreicher Texte über den Heiligen Doch nach dem Motto „Der Feind mei-
Krieg im Nahen Osten. Das vorherrschen- bereit, es den Männern in Genick und nes Feindes ist mein Freund“ verbünde-
de christliche Narrativ besagte, dass nicht Schädel zu stoßen.“ Vereinzelt forderten ten sich muslimische Herrscher immer
die Anstrengungen der Kreuzfahrer, son- islamische Gelehrte die Solidarität und wieder mit den christlichen Heeren, um
dern das Wirken des allmächtigen Gottes Einheit aller Muslime gegen die Invaso- mit deren Hilfe muslimische Rivalen aus-
den Sieg ermöglicht habe. ren, doch ihre Appelle verhallten. zuschalten.
Wie aber erlebten die Muslime den Zu dem Zeitpunkt, an dem die Kreuz- In den vier von Kreuzfahrern erober-
Vorstoß der Kreuzfahrer so tief hinein fahrer Jerusalem eroberten, spannte sich ten Kleinstaaten – neben dem Königreich
in ihren Machtbereich? Die Antwort ist die islamische Welt von Zentralasien und Jerusalem das Fürstentum Antiochia und
erstaunlich. Das Echo der Eroberung Nordindien bis nach Spanien. Die wich- die Grafschaften Edessa und Tripolis –
Jerusalems in der islamischen Welt blieb tigsten Machtzentren waren Kairo, von konnten Muslime für gewöhnlich weiter
schwach und verhalten. Erst viele Jahr- wo aus die schiitischen Fatimiden vor- ihrem Glauben nachgehen. Manche be-
zehnte nach den dramatischen Ereignis- wiegend über Sunniten herrschten, Bag- vorzugten sogar die christlichen Herren,
sen schilderten die beiden bereits ge- dad, die Hauptstadt der sunnitischen weil diese nicht so hohe Steuern erhoben
nannten Chronisten das Geschehen in Seldschuken, eines aus dem Osten einge- und eine gewisse Rechtssicherheit ge-
knapper, sachlicher Form. Dabei nennen wanderten Turkvolkes, und Córdoba, die währleisteten.
sie die Eindringlinge generell „farang“, Hauptstadt von al-Andalus. Für die aller-
„Franken“ – auch wenn sich den Kreuz- meisten Muslime dieser Großreiche war Weder christliche noch muslimische
fahrern, die zunächst größtenteils aus Jerusalem eine weit entfernte Stadt, die Chronisten kannten damals den Begriff
dem heutigen Frankreich stammten, nur in der Religion eine Rolle spielt, eine „Kreuzzug“. Er begann sich erst im 13.
bald viele Italiener, Spanier, Deutsche, kleinere allerdings als Mekka und Medi- Jahrhundert langsam durchzusetzen. Zu-
Engländer und andere Europäer an- na. Der britische Historiker Niall Christie vor sprach man von einer „bewaffneten
schlossen. urteilt: „Für die Bewohner der islami- Pilgerfahrt“. Muslimische Historiker be-
Nur wenige Dichter, wie der Perser schen Welt insgesamt war die Wirkung griffen die Eroberung des Heiligen Lan-
Muzaffar al-Abiwardi, der 1113 starb, der Kreuzzüge ziemlich begrenzt.“ des als Fortsetzung der Angriffe von Eu-
stellten die Kreuzzüge als das dar, was Die Welt der Muslime war in zahlrei- ropäern gegen Muslime. Ibn al-Athir, der
sie für die Betroffenen waren: eine Heim- che Herrschaftsgebiete aufgespalten, in bedeutendste muslimische Historiker des
suchung, eine, so al-Abiwardi, „Zeit der denen ethnische Diversität, dynastische Hochmittelalters, führte die Macht der
Katastrophen“. Der Schriftsteller wich Interessen und religiöse Differenzen für Europäer auf ihre Rückeroberung Tole-
dem Grauen nicht aus: „Und der Ungläu- ständige Machtkämpfe und Kriege sorg- dos und einiger anderer bis dato musli-
bige hält das blanke Schwert in der Hand, ten. Wenn sich alle Muslime zusammen- mischer Städte Spaniens im Jahr 1085 zu-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 43
Massaker in der Jerusalemer Aksa-Moschee während des ersten Kreuzzugs
(Buchillustration aus dem 14. Jahrhundert)

44
Blütezeit des Islam Kreuzzüge

rück; „dann verleibten sie sich die Insel Doch den Patriarchen von Jerusalem ließ Bagdad dann die Mongolen, die mit bru-
Sizilien ein, setzten an die Küste Afrikas Saladin samt der Schätze aus dem Heili- taler Kriegsführung zeitweilig das größte
über, wo sie einiges Land zurückerober- gen Grab ziehen. Reich der bisherigen Menschheitsge-
ten, und marschierten in Syrien ein“. Dem Sultan, der in anderen Fällen mit schichte errichtet hatten. Erst 1291 – Bag-
Aus muslimischer Sicht war nicht der größter Brutalität gegen muslimische dad war inzwischen von den Mongolen
Aufruf Papst Urbans II. die Ursache des Glaubensbrüder vorgegangen war, brach- verwüstet worden – sah der Sultan der
ersten Kreuzzuges, sondern das epochale te sein maßvolles Vorgehen in Europa Mamluken in Ägypten die Möglichkeit
imperiale Ringen zwischen islamischer Ruhm und Ehre ein. In seiner „Göttlichen zum Schlag gegen die schwer befestigte
und christlicher Welt um die Vorherr- Komödie“ platzierte Dante Saladin ne- christliche Stadt Akkon, den letzten gro-
schaft rund um das Mittelmeer. ben anderen heidnischen Helden wie So- ßer Stützpunkt der Christen im Heiligen
Die Lage der Kreuzfahrerstaaten in- krates und Cäsar als „rechtschaffene See- Land. Nach wochenlanger Belagerung er-
mitten der muslimischen Sphäre war in le“ im Limbus, dem ersten Kreis der Höl- tönten im Morgengrauen des 18. Mai die
diesem Kampf der Kulturen so isoliert le. Noch mal 400 Jahre später lobte der Trommeln zum Angriff; am Mittag weh-
und exponiert, dass es nur eine Frage der Aufklärer Voltaire den Sultan: „Wenige ten die Fahnen des Sultans über dem
Zeit war, bis die Muslime die Christen unserer christlichen Fürsten haben je die- größten Teil der Stadt. Die Mamluken
wieder vertreiben konnten. Sultan Sala- sen Großmut besessen.“ schlachteten Tausende christliche Bewoh-
din, ein ebenso geschickter wie ruchloser Um Jerusalem wieder den Muslimen ner ab.
militärischer Führer, unternahm den ers- zu entreißen, brach Friedrich Barbarossa, Jerusalem war schon 1244 wieder mus-
ten Versuch, die Kreuzfahrerstaaten zu Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, limisch geworden und sollte es viele Jahr-
vernichten. nach Südosten auf, doch er starb schon hunderte lang bleiben – bis die Briten es
unterwegs, in der heutigen Türkei. Der im Dezember 1917 den Osmanen abnah-
Saladin – ein geborener Kurde – erkämpf- englische König Richard Löwenherz ge- men. Alles in allem nehmen sich die
te sich zunächst ein Reich, das sich von langte bis ins Heilige Land und konnte Kreuzzüge nur als kurze Episode fragiler
Ägypten bis ins heutige Syrien erstreckte. dort das Gros der fränkischen Besitzun- christlicher Herrschaft in einer ansonsten
Im Jahr 1187 konnte er dann die Kreuz- gen vor Saladin retten. Zu diesem Zwe- islamischen Welt aus – für diese relativ
ritter unter Führung des Jerusalemer Kö- cke ließ er etwa 3000 muslimische Ge- bedeutungslos.
nigs Guido von Lusignan in eine Entschei- fangene massakrieren: Männer, Frauen Dennoch beruft sich eine Minderheit
dungsschlacht locken. Die Christen ver- und Kinder. Jerusalem zurückzuerobern von radikalen Muslimen seit den damali-
ließen die schützenden Mauern der Hei- aber gelang auch Löwenherz nicht. gen Kämpfen auf den „Heiligen Krieg“
ligen Stadt, um ihren von Muslimen be- Friedrich II. hingegen, der gegen die Christen. Heutige
lagerten Glaubensbrüdern zu Hilfe zu ei- des Arabischen kundige Enkel Dschihadisten ziehen diese
len. Saladin aber lauerte mit einem Heer Barbarossas, konnte Jerusa- fragwürdige Parallele bis in
von 40 000 Mann den Christen auf, die lem 1229 erneut einnehmen – die Gegenwart.
nur halb so viele Soldaten hatten. Er und zwar kampflos. Da musli- Osama Bin Laden und al-
schnitt die Gegner von den Wasserquel- mische Rivalen sich gerade Qaida beispielsweise riefen
len ab, setzte das Buschland in Brand heftig bekriegten, überließ der 1998 zum „Heiligen Krieg ge-
und schlug sie bei Hattin, unweit des Sees Sultan in Kairo Friedrich II. gen Juden und Kreuzfahrer“
Genezareth, vernichtend. König Guido die Heilige Stadt; allerdings auf. Aber auch ihre Gegner
fiel in seine Hände, ebenso das „Wahre nicht ohne sicherzustellen, reagierten mit gewagten histo-
Heilige Kreuz“, die wertvollste christli- dass die muslimischen Heilig- Sultan Saladin (1138 rischen Vergleichen. US-Präsi-
che Reliquie. tümer wie der Felsendom bis 1193), Herrscher dent George W. Bush propa-
von Ägypten und Sy-
Gut drei Monate später, im Oktober nicht zerstört oder in Kirchen rien, erobert 1187 das gierte nach den Angriffen auf
1187, eroberte Saladin schließlich Jerusa- verwandelt würden. Ein zu- christliche Jerusalem New York und Washington
lem zurück. Seine übermächtigen Trup- kunftsweisender Kompromiss, (Ölbild, um 1570). vom 11. September 2001 einen
pen hatten bereits die Mauern unterhöhlt, der sowohl dem Kaiser als „Kreuzzug“ gegen den musli-
als der christliche Stadtkommandant Ba- auch dem Sultan heftige Kritik im jeweils mischen Terrorismus – und blies zum Ein-
lian von Ibelin dem Angreifer in seiner eigenen Lager einbrachte. Nachdem marsch in Afghanistan.
Not damit drohte, mehrere Tausend mus- Friedrich II. sich die Krone des König- Über den Fall der Stadt Akkon, des
limische Gefangene töten zu lassen und reichs Jerusalem aufgesetzt hatte, reiste letzten Vorpostens der Kreuzfahrer im
muslimische Heiligtümer wie den Felsen- er bald wieder nach Europa ab. Jahr 1291, schrieb der 1242 in Damaskus
dom und die Aksa-Moschee zu zerstören, Gern ignorieren die auf die Kreuzzüge geborene Historiker al-Junani, der Ver-
falls die Christen nicht freies Geleit für fixierten europäischen Historiker, dass in lust sei der „gerechte Lohn der Franken“
ihren Abzug erhielten. den mehr als zwei Jahrhunderte währen- für ihr brutales Vorgehen bei der Erobe-
Saladin willigte ein. Statt ein Massaker den Kämpfen in und um das Heilige Land rung der Stadt gewesen. Die Christen hät-
zu befehlen, wie es die „bewaffneten Pil- Muslime und Franken anderswo gleich- ten vor dem Sturm den muslimischen Be-
ger“ fast hundert Jahre zuvor angerichtet zeitig Handel trieben und friedlich zu- wohnern eine Amnestie zugesagt, aber
hatten, ließ der Sultan die allermeisten sammenlebten – wenngleich das Wissen nach ihrem Sieg ihr Wort gebrochen. Die
Christen gegen Lösegeld frei. Zwar klet- über Kultur und Religion des anderen re- Moral für den muslimischen Historiker
terten ein paar Soldaten Saladins auf den lativ gering blieb. lautete: „So hat Gott den Ungläubigen
Felsendom und schlugen das Kreuzzei- Eine viel gefährlichere Bedrohung als vergolten, was sie den Muslimen angetan
chen unter dem Gejohle von „Allahu ak- die Kreuzfahrer waren für die muslimi- haben.“
bar“ („Gott ist groß“) ihrer Mitkämpfer. schen Herrscher in Kairo, Damaskus und michael.sontheimer@spiegel.de

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 45
Dokument

„T i e r e d e s K a m p f e s “

Der syrische Ritter Usama Bin Munkid über die Kreuzfahrer –


als seltsame Freunde und barbarische Ärzte

P reis dem Schöpfer aller Dinge! Wenn jemand von


den Franken [Europäern] berichtet, kann er nur Al-
lah den Erhabenen preisen und segnen, denn er
Da kam ein fränkischer Arzt und sprach zu ihnen:
„Der da kann sie nicht heilen!“ Den Ritter fragte er: „Was
ist dir lieber: mit einem Bein zu leben oder mit zwei Bei-
sieht in ihnen Tiere, die nur die Tugend der Tapferkeit nen zu sterben?“„Ich möchte lieber mit einem Bein le-
und des Kampfes kennen, wie auch Tiere, die die Tugend ben“, antwortete jener.
der Kraft und des Duldens haben. Ich werde einiges von „Dann bringt mir einen starken Ritter und ein scharfes
ihrem Tun und ihrem seltsamen Verstand erzählen. Beil!“ befahl der Frankenarzt. Ritter und Beil wurden ge-
Im Heer des Königs Fulk [Fulko V.] war ein angesehe- holt. Ich war anwesend. Der Arzt legte das Bein des Rit-
ner fränkischer Ritter, der gerade erst aus seinem Land ters auf einen Hackklotz und gebot dem Ritter, es mit ei-
gekommen war, um die Pilgerfahrt durchzuführen und nem Schlag abzuhauen. Ich sah, wie er zuschlug. Doch
dann zurückzukehren. Er war mir vertraut und wurde wurde der Fuß nicht mit einem einzigen Schlag abge-
mein Gefährte, sodass er mich „Bruder“ nannte. Zwi- trennt. Der Ritter schlug also noch einmal zu. Da floss
schen uns bestand Liebe und Freundschaft. Als er sich das Knochenmark heraus, und der kranke Ritter starb
über das Meer in sein Land begeben wollte, sagte er zu auf der Stelle.
mir: „Mein Bruder! Ich ziehe in mein Land zurück. Ich Danach schaute sich jener Arzt die Frau an. „Diese
möchte, dass du deinen Sohn mit mir in mein Land Frau hat einen Teufel im Kopf, der sie liebt. Schneidet
schickst, damit er die Ritter sieht und Verstand und Rit- ihr Haar ab!“ Sie taten es. Die Frau aber aß wieder ihre
terlichkeit erlernt. Wenn er dann zurückkehrt, wird er üblichen Speisen mit viel Knoblauch und Senf. So nahm
das Muster eines verständigen Mannes sein.“ ihre Austrocknung zu. Der Arzt meinte nun: „Der Teufel
Mein Ohr erreichten da Worte, wie sie aus dem Kopf steckt in ihrem Kopf!“ Er nahm ein Rasiermesser, schnitt
eines Verständigen nicht kommen können. Wenn nämlich in ihren Kopf ein Kreuz ein und zog dort die Haut ab, so-
mein Sohn gefangen genommen würde, könnte ihm die dass der Schädelknochen zutage trat. Dann rieb er ihn
Gefangenschaft nichts Schlimmeres bringen, als in das mit Salz ein. Die Frau starb sofort.
Land der Franken gebracht zu werden. Ich antwortete
also: „Bei deinem Leben! Genau das habe ich im Sinn Der Dichter und Diplomat Usama Bin Munkid (1095 bis 1188) stammte
gehabt. Doch ein Hindernis sehe ich darin, dass seine aus einer syrischen Adelsfamilie.
Großmutter ihn so liebt und ihn selbst mit mir nicht zie-
hen lässt, ohne mir den Eid abverlangt zu haben, dass
ich ihn zurückbringe.“
„Und deine Mutter lebt noch?“
„Ja!“
„Dann darfst du nicht zuwiderhandeln!“

*
Ihre Heilkunst ist gar seltsam. Das zeigt auch die folgende
Geschichte: Der Herr von Munaitira [im nördlichen Liba-
non] schrieb an meinen Onkel und bat ihn, einen Arzt
zu schicken, der einige kranke Gefährten von ihm heilen
sollte. Mein Onkel schickte ihm einen christlichen Arzt
namens Tabit. Zehn Tage war dieser Tabit fort. Dann
kehrte er zurück. Wir fragten ihn: „Wie hast du die Kran-
ken nur so schnell heilen können?“ Da erzählte Tabit:
Man brachte mir einen Ritter, an dessen Fuß ein Ge-
schwür aufgegangen war, und eine Frau, die an Austrock-
nung litt. Ich machte dem Ritter einen Breiumschlag, so-
dass sich das Geschwür öffnete und er geheilt wurde. Der
Frau verordnete ich eine Diät und machte ihr Tempera-
ment feucht.

46 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Blütezeit des Islam Osteuropa

Als einziges sesshaftes Volk in Europa bekehrten sich die Wolgabulgaren im 10. Jahrhundert
freiwillig zum Islam. Später gab es auch unter den Ungarn viele Muslime.

„Im höchsten Maß betrunken“


Von Michael Borgolte

Schon die altrussische Chronik nennt

I
n Europa konnten sich keine heid- die Freude am Trinken als nationalen auch an den Südflanken des Kontinents
nischen politischen Führungen Charakterzug („Bojarenhochzeit“ von markierten die Siege ihrer Heerführer
Konstantin Makowski, 1883).
mehr behaupten, seitdem sich die nicht unbedingt Wendepunkte ohne Wie-
monotheistischen Religionen eta- derkehr. Die Eroberungen der Araber und
bliert hatten – Judentum, Christentum schen Kulte beiseitezuschieben; die Mus- Berber gingen in Italien im 12. Jahrhun-
und Islam. Sowohl die alteingesessenen lime sind aber so spät von Vorderasien dert und in Spanien im 15. Jahrhundert
wie die zugewanderten Völker mussten nach Europa vorgestoßen, dass sie sich wieder verloren, während die erfolgrei-
sich unter dem Druck ihrer Nachbarn für zumeist gegen die erfolgreichen älteren chen Kriegszüge der türkischen Osmanen
eine der drei Religionen entscheiden. Das Schwesterreligionen Geltung verschaffen den Südosten bis heute religiös und poli-
Mittelalter war die Zeit, in der sich die mussten. In Spanien, Unteritalien und auf tisch umgeformt haben.
Dreiheit dieser Glaubensrichtungen und dem Balkan setzten sie sich gewaltsam ge- Auf andere Weise als am Mittelmeer
Kultpraktiken ausbildete, eine Dreiheit, gen christliche Herrschaften durch, ohne verbreitete sich der Islam im Osten
die Europa und sogar die ganze alte Welt aber, wie es christliche Könige gewöhnlich Europas, und das hat Folgen bis hinein
westlich von Indien bis in die jüngste Zeit bei ihren Reichsbildungen taten, die Be- in die Gegenwart.
geprägt hat. kehrung des ganzen Volkes der „Ungläu- Die Araber hatten hier während ihrer
Juden und Christen hatten es recht bigen“ zu erzwingen. Ins Herz Europas frühen Expansionsphase nur bescheidene
leicht gehabt, die älteren, oft polytheisti- ist der Islam niemals vorgedrungen, und Erfolge erzielt. Die turksprachigen Völ-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 47
Blütezeit des Islam Osteuropa

ker, die aus Innerasien nach Westen


drängten, stellten eine nachhaltige He- Wolgabulgaren 500 km

rausforderung dar. Zwischen dem Amur und ihre Nachbarn


tief im asiatischen Osten und der Wolga Gebiete in ihrer jeweils

Ur
hatte sich schon vor Mohammeds Zeit

al
größten Ausdehnung
ein türkisches Großreich gebildet, deren
berittene Krieger byzantinische wie spä-

a
m
ter die muslimischen Zeitgenossen beein-

Ka
Kasan
druckten, ja ängstigten. Wer durfte die Nowgorod
Region beherrschen? Diese Frage musste Ostsee Wol
ga
entweder militärisch beantwortet wer- WOLGABULGAREN
7. Jahrhundert
den – oder aber durch die Unterwerfung KIEWER RUS
der Gegner unter den eigenen Glauben. BALTEN
10. Jahrhundert

a
Schon Mitte des 7. Jahrhunderts grif-

lg
Wo
fen die Araber das Turkvolk der Chasa-
ren an und nutzten einen bedeutenden POLEN
Sieg 737 zur Zwangsbekehrung der frem-
den Asiaten; wie erfolgreich die Islami- Wo
lga
sierung des noch heidnischen Volkes Kiew
Saksin
wirklich war, ist allerdings ungewiss: Der
Chasaren-Herrscher, der Khagan, und sei- CHASAREN
Ka

ne Anführer entschieden sich am Ende


rp

9. Jahrhundert
at

für das Judentum. Die Chasaren hatten UNGARN Kaspisches


en

sich in Dagestan am Kaukasus festgesetzt; Kaukasus


Meer
dem Khagan könnten auch einige Stäm-
me der Ungarn unterworfen gewesen Schwarzes Meer
sein.

Das erste turksprachige Volk, das sich BYZANTINISCHES REICH


dann tatsächlich zum Islam bekehrte, war
ein Nachbarvolk der Chasaren: die Bul-
garen an der mittleren Wolga. Wann und Osten Europas. Noch nicht für eine mo- mit Weibern Buhlerei treiben. Moham-
weshalb sie sich dort angesiedelt hatten, notheistische Religion gewonnen war ins- med wird einem jeden 70 schöne Frauen
ist umstritten. Wie alle ursprünglich no- besondere das slawische Reich der Rus geben; er wird eine schöne aussuchen,
madisierenden Verbände waren auch die zwischen den Balten an der Ostsee und und die Schönheit aller wird er auf die
„Wolgabulgaren“ ethnisch gemischt. Ob- den Karpaten. Es stand unter der Füh- eine legen, und die wird ihm seine Frau
wohl ihr König mit seinem Gefolge noch rung von Wikingern aus Schweden. 965 sein. Wladimir aber liebte die Weiber und
im 10. Jahrhundert in Zelten wohnte, bil- hatte ein russischer Fürst die Chasaren viel Buhlerei, und er hörte sie mit Ver-
deten Städte, darunter Kasan an der Wol- angegriffen und ihr Reich zerstört. Sein gnügen an. Aber dies war ihm unlieb: Be-
ga, offenkundig die Zentren des Reiches. Nachfolger Wladimir von Nowgorod und schneidung der Glieder und Nichtessen
Die Chasaren, die mit dem Kalifat von Kiew erstrebte eine politische Konsoli- von Schweinefleisch, Verzicht auf Trinken
Bagdad Handel trieben, bezogen die Wol- dierung, und er plante, um die ethnische ganz und gar, indem er sagte: Den Rus’
gabulgaren darin ein, die auf diese Weise Vielfalt seiner Untertanen zu bündeln, ist das Trinken Freude, wir können ohne
in Berührung mit dem Islam kamen. Für die Annahme einer neuen Religion für das nicht sein.“
ihre Glaubensentscheidung dürfte aber alle. Bevor er dem Christentum orthodo- Zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert
auch die Opposition zu den Chasaren xer Prägung den Zuschlag gab, sollen die haben sich auch an vielen Orten der Do-
eine wichtige Rolle gespielt haben, denn Wolgabulgaren versucht haben, Wladi- nauregion muslimische Gemeinschaften
mit der Zeit übte deren jüdischer Khagan mir für den Islam zu gewinnen. gebildet, ohne dass eine regelrechte Mis-
eine harte Herrschaft über die Nachbarn Dass es dem Russenfürsten dabei nicht sionspolitik fassbar wäre. Neben Kämp-
aus. 921 oder 922 sandte der Kalif Gesand- um theologische Erwägungen ging, schil- fern zu Pferde beziehungsweise Wander-
te an den bulgarischen König, die diesen dert die altrussische Chronik: „Es kamen hirten waren die Muslime wohl vor allem
samt seinem Volk für den Islam gewan- Bulgaren von mohammedanischem Glau- Händler, die – wie es auch bei den Ara-
nen. Diese freiwillige Bekehrung eines ben, die sagten: Du bist ein weiser und bern der Fall war – teilweise zugleich Ge-
weitgehend sesshaften Volkes auf euro- kluger Fürst, doch das Gesetz kennst du lehrte gewesen sein mochten.
päischem Boden war ein Novum, und sie nicht. So glaube an unser Gesetz, und Die turkstämmigen Teile der Ungarn
blieb ein Sonderfall. Ein zeitgenössischer verneige dich vor Mohammed. Und Wla- haben den Islam offenbar erst auf ihren
muslimischer Beobachter berichtete, dass dimir sagte: Wie ist euer Glaube? Sie aber Migrationen oder in Europa selbst adap-
die Bulgaren bald schon Moscheen und sagten: Wir glauben an Gott. Mohammed tiert; als sich die Herrscher des Landes
Koranschulen unterhielten. aber lehrt uns, indem er sagt: die gehei- Ende des 10. Jahrhunderts dem katholi-
Die geografische Lage verschaffte den men Glieder beschneiden und kein schen Christentum zuwandten, blieb Un-
Wolgabulgaren eine Schlüsselstellung bei Schweinefleisch essen, keinen Wein trin- garn multiethnisch und multireligiös ge-
der weiteren Verbreitung des Koran im ken, nach dem Tode aber, hat er gesagt, prägt. Wie zahlreich die Muslime gewe-

48 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
sen sind, ist nur schwer zu ermessen. Ein senschaft, bis sie das Erbe rechtmäßig zu schen Leistungen der Muslime für den un-
Autor des 12. Jahrhunderts spricht von verteilen begannen. Sie haben das Frei- garischen König. Ihn sollen sie gegen den
einer unzählbaren Menge, ein anderer tagsgebet früher nicht gekannt und nun „byzantinischen König“, den oströmischen
von 30 größeren muslimischen Dörfern. erlernen sie dieses und auch die Predigt. Kaiser Manuel I. Komnenos, unterstützt
In die Lebensumstände dieser Minder- Ich habe zu ihnen gesagt: ‚Der Prophet haben. Abu Hamid deklarierte die Ausei-
heit im christlichen Königreich eröffnet sagte: Das Freitagsgebet ist die Pilgerfahrt nandersetzung zweier christlicher Reiche
ein arabischer Reisebericht aufregende der Armen; wer die Pilgerfahrt nicht un- sogar als „heiligen Krieg“. Auch aufseiten
Einblicke. Der Autor Abu Hamid al-Ghar- ternehmen kann, indessen bei der Predigt der Byzantiner haben, seinem Bericht zu-
nati, um 1080 geboren im spanischen Gra- anwesend ist, dem werden die Verdienste folge, Muslime gekämpft, und zwar Turk-
nada, hielt sich zeit seines Lebens in Afri- der Pilgerfahrt zugute geschrieben.‘ Bei menen aus Konya in Kleinasien. Diese
ka, Asien und Osteuropa auf. Die Statio- ihnen sind mehr als zehntausend Orte, aber sollen dies nur gegen Geld, also als
nen seines Aufenthalts sprechen dafür, auf denen man heute das Freitagsgebet, Söldner, getan haben, und der – im Krieg
ihn als Kaufmann zu identifizieren, sein öffentlich oder geheim, verrichtet, weil unterlegene – Kaiser sei mit ihnen unzu-
Selbstzeugnis weist ihn eher als Theolo- dieses Land ausgedehnt ist.“ frieden gewesen. Die ungarischen Musli-
gen oder Prediger aus. Zuerst begab er me hingegen seien ihrem Herrn deutlich
sich in die Stadt Saksin am Wolgadelta Wenn Abu Hamid nicht übertreibt, hatte nützlicher gewesen, deshalb habe man ihn
nahe dem Kaspischen Meer, die er dem er auch direkten Zugang zum ungarischen darauf hingewiesen, dass er nicht gut da-
„Land der Muslime“ oder „Land der Tür- König Géza II.; in einem Streitgespräch ran tue, Muslime seines Reiches zum
ken“ zuordnete. Tatsächlich trafen sich will er den christlichen Herrscher von ab- Christentum zu zwingen. Das habe Kaiser
hier Händler aus der gesamten muslimi- weichenden Rechtsvorschriften der Mus- Manuel eingeleuchtet: „Ich werde keinen
schen Welt, insbesondere aus dem Kalifat lime überzeugt haben, vom Alkoholver- Muslim mehr zu meiner Religion zwingen.
im Süden, aber auch aus der westlichen bot ebenso wie von der Vielehe: „Die Ge- Ich werde ihnen die Moscheen bauen, und
Region des Mittelmeers; schon seit der setzmäßigkeit der Muslime ist nicht wie sie werden für mich kämpfen.“
Zeit der Chasaren waren von Saksin die die Gesetzmäßigkeit der Christen. Der Als im 13. Jahrhundert die Mongolen
Handelswege nach dem Fernen Osten ei- Christ trinkt Wein anstatt Wasser nach nach Europa und Vorderasien vorstießen,
nerseits, zur Hauptstadt der Bulgaren an- dem Essen und wird nicht betrunken; dies fielen ihnen unter anderem die Reiche
dererseits weitergelaufen. Auch Abu Ha- vermehrt seine Kraft. Der Muslim, wel- der Wolgabulgaren (1236/1237) und der
mid wählte diese Straße und zog dann cher den Wein trinkt, wird aber im höchs- Russen (1237/1257) zum Opfer; daher ge-
weiter gen „Land der Slawen“, also zu ten Maß betrunken, die Vernunft verlässt rieten auch die Muslime in Ungarn unter
den Rus, um sich zwischen 1150 und 1153 ihn, und er wird ein Narr: Er treibt Ehe- Druck und wurden vertrieben. Die Hoff-
von dort nach Ungarn zu be- bruch, tötet und fällt vom nungen, die sich die Christen auf eine
geben. „Ich werde Glauben ab. Was die Sklavin- Bekehrung der „Tataren“ zu ihrer Religi-
Hier lebten, wie er feststell- nen und Frauen betrifft, ist on machten, wurden enttäuscht; noch in
te, zwei Gruppen von Musli- ihnen die den Muslimen die Vielehe er- derselben Zeit oder etwas später nahmen
men. Die einen, „Nachkom- Moscheen laubt wegen der Leidenschaft deren Khane und Ilchane den Islam an.
men der Choresmier“, die bauen, und ihrer Veranlagung.“ Als letztes großes Volk Europas muss-
demnach aus Zentralasien Das schwerwiegendste Ar- ten sich die Litauer zwischen den Reli-
stammten, lebten ihre Religion sie werden gument des Andalusiers war, gionen entscheiden. Gegen den Herr-
im Verborgenen, denn sie „die- für mich dass die muslimischen Gesetze scher der „Goldenen Horde“, der die be-
nen dem Könige, öffentlich kämpfen.“ die Schlagkraft des ungari- nachbarten Russen kontrollierte, gelang
sind sie Christen und verheim- schen Heeres sicherten, in de- ihnen 1363 ein militärischer Sieg, und we-
lichen ihren Islam“; die ande- nen schließlich auch Muslime – nig später nahmen sie nach langem Hin
ren, die er „Maghrebiner“ nennt, bekann- die „Maghrebiner“ – dienten. Denn Al- und Her den Katholizismus an – die Re-
ten sich hingegen offen zum Islam und koholgenuss führe zum leichtsinnigen ligion ihrer polnischen Nachbarn im Wes-
leisteten dem Herrscher nur Kriegsdienst. Verkauf der Waffen und Pferde, sodass ten. Im litauischen Großfürstentum wa-
Diesen Glaubensbrüdern, die wohl eher der König die Täter am Ende töten, schla- ren die Christen Neulinge, denn hier leb-
zu Turkvölkern gehörten und nicht Mus- gen, verbannen oder aber auf eigene Kos- ten abgesehen von Heiden bereits Juden
lime aus Nordafrika waren, widmete Abu ten neu ausstatten müsste; Vielweiberei und Muslime, darunter viele Zwangsver-
Hamid seine ganze Aufmerksamkeit. Of- hingegen diene der Vermehrung von Söh- triebene. Während die Polen ihre musli-
fenbar hatten sie so lange unter Christen nen und damit der Heeresstärke. Der Kö- mischen Untertanen zur Annahme des
isoliert von anderen Muslimen gelebt, dass nig, beeindruckt von diesen Worten, habe Christentums zwangen, duldeten die Li-
sie der Reisende aus Andalusien erst wie- erwidert: „Höret diesen Scheich, er ist tauer die Ihrigen. 1397 dekretierte der li-
der mit den Geboten und Riten ihrer Re- vernünftig. Nehmt als Gattinnen, wen ihr tauische Herrscher Witold ihre Duldung
ligion vertraut machen musste: wollt, und widersprecht ihm nicht!“ Der sogar „auf ewige Zeiten“. Tatsächlich le-
„Ich belehrte sie über einiges aus der Ausgang des Disputes war Abu Hamid ben bis heute in Litauen rund 25 000 Mus-
Wissenschaft und gab einigen von ihnen indes kaum geheuer: „Dieser König steht lime weithin tatarischer Herkunft. ■
Unterricht im Arabischen. Ich bemühte im Widerspruch zu den (katholischen)
mich mit ihnen in der Wiederherstellung Priestern und hält Konkubinen für er-
Michael Borgolte war bis September 2016 Professor
und Wiederholung von Gebetsvorschrif- laubt. Er liebt die Muslime.“ für mittelalterliche Geschichte an der Berliner Hum-
ten und anderen religiösen Pflichten. Ich Immerhin belegt der Reisende aus Gra- boldt-Universität und leitet zurzeit ein Projekt des
erklärte ihnen in Kurzem die Wallfahrt nada, der damals schon zwei Jahrzehnte European Research Council: „Foundations in medie-
und die Wissenschaft über die Hinterlas- in Osteuropa gelebt hatte, die militäri- val societies. Cross-cultural comparisons“.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 49
Blütezeit des Islam Geistiger Austausch

Michael Scotus, der „Magier“, erschloss dem lateinischen


Europa arabisches Wissen. Der Lebensweg des gelehrten
Briten führte über Toledo in Spanien an den kaiserlichen
Hof auf Sizilien.

Sprachgenie und
Sterndeuter

Von Olaf B. Rader

I
n den achten Kreis der Hölle mit halte in Oxford
ihm! Dort soll er leiden für sein und Paris, wo er
frevelhaftes Tun. Dort, wo lügen- gründlich den Bil-
hafte Wahrsager und böse Zaube- dungskanon sei-
rer mit verdrehten Köpfen und verrenk- ner Zeit in sich
ten Gliedmaßen zwischen Pfründenscha- aufgenommen ha-
cherern und hinterlistigen Betrügern ben dürfte.
schmachten. Dann kam die
So hatte es sich zumindest Dante Ali- wichtigste Wende in
ghieri für seine „Göttliche Komödie“ aus- seinem Leben: Micha-
gedacht. Abgründe der Qualen waren ge- el ging nach Toledo,
nau das Richtige für den Magier Michael das zu dieser Zeit eines
Scotus, den man in Italien auch „Il Merlino der bedeutendsten Über-
di Sicilia“, den Merlin Siziliens, nannte. setzerzentren für arabi-
Heute allerdings weiß man, dass der sche Wissenschaftstraktate
große Florentiner Dichter zählebigen Ver- geworden war. In günstiger
leumdungen aufsaß. Michele Scotto, wie Nähe zur islamischen Kultur ar-
er bei Dante heißt, war kein übler beiteten Spezialisten um Gerhard
Schwarzkünstler, sondern Philosoph, Me- von Cremona (1114 bis 1187), der
diziner, Alchimist und Astrologe. Als Ge- begonnen hatte, Werke des Aristote-
lehrter, Wissensvermittler und Überset- les aus dem Arabischen ins Lateinische
zer hat er europäische Wissenschafts- zu übertragen. Zu dieser Gruppe stieß
geschichte geschrieben, ja dem modernen nun auch Michael Scotus.
Denken mit den Weg gewiesen. Und er
stellt ein geradezu ideales Beispiel dar, Arabisch zu lernen scheint dem intellek-
wie der Wissensaustausch zwischen ara- tuellen Überflieger in dieser Umgebung
bischen und europäischen Kulturkreisen weniger Mühe gekostet zu haben als
ganz konkret ablief. anderen Gelehrten seiner Umgebung.
Michael, wohl um 1175 geboren, nann- Schon am 18. August des Jahres 1217 hat-
te sich selbst Scotus – wahrscheinlich also te er die Übersetzung eines arabischen
stammte er aus Schottland, vielleicht astronomischen Werks des Nur al-Din
auch aus Irland. Da es dort zu seiner Zeit Abu Ishak al-Bitrudschi (gestorben um
keine Universitäten gab, muss der junge 1204), lateinisch Alpetragius, ins Lateini-
Mann für ein Studium seine Heimat ver- sche fertig – es ist das erste belegbare
lassen haben. Einiges spricht für Aufent- Datum aus Michaels Leben.

50 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Danach wand- lieferte Auszüge aus weiteren aristote-
te sich Michael lischen Werken angefertigt. Immer ging
wie viele seiner es darum, so viel nutzbares Wissen wie
Kollegen Aristote- möglich zu bieten; Aristoteles lieferte
les zu. Noch vor sozusagen die Grundlage für ein immer
1220 übersetzte er weiter fortgeschriebenes Handbuch der
drei auf Arabisch Weltkunde.
überlieferte Bücher
des antiken Univer- Philosophen interessierte damals eine
salwissenschaftlers zur prinzipielle Frage, die seit den Anfängen
Tierkunde – grundle- der Scholastik – ein Jahrhundert zuvor –
gende Werke, die schon unentschieden geblieben war. Dabei ging
in den weiterführenden es um einen Grundgegensatz menschli-
zoologischen Schriften des chen Denkens: Ließ sich das Wesen der
Albertus Magnus (um 1200 Welt, ihre „Wirklichkeit“, überhaupt in
bis 1280) nachhaltige geistes- Begriffen und Ideen fassen? Wenn ja,
geschichtliche Wirkung entfal- stellten Ideen als Begriffe („universalia“)
teten. die eigentliche Realität dar. So hatte es
Von noch größerem Gewicht für zumindest Platon, der Lehrer des Aristo-
die Theologen im mittelalterlichen teles, dargelegt. Oder war die Wirklich-
Europa war es, dass Michael umfangrei- keit doch bloß in Einzeldingen enthalten,
che Kommentare zu Aristoteles übertrug. und alle Universalien nur Bezeichnungen
Diese Erläuterungen zu Schriften über („nomina“, wörtlich: Namen) ohne eige-
die Seele, über Himmel und Erde, zur nen Wahrheits- und Realitätsanspruch?
Physik und Metaphysik stammten von Um dieses Jahrtausendproblem, das
dem andalusischen Philosophen Ibn als „Universalienstreit“ in die Philoso-
Ruschd (1126 bis 1198), den das Abend- phiegeschichte eingegangen ist, rangen
land Averroes nannte (siehe Seite 56). europaweit die klügsten Köpfe. Jedes
14 Übersetzungen dieser einflussrei- neue Argument, erst recht von Leitfigu-
chen Averroes-Kommentare sind erhal- ren wie Aristoteles, war in dieser Debatte
ten geblieben. In den Physik- und auch deshalb hochwillkommen.
den Metaphysik-Kommentar schaltete Zusätzlich ging es den christlichen
Astrologische Darstellung aus dem
15. Jahrhundert nach einem
Michael abschnittweise lateinische Über- Denkern darum, Vernunftwahrheiten
sternkundlichen Werk des Michael setzungen des Aristoteles-Grundtextes und offenbarte Wahrheiten im Glauben
Scotus ein. Vermutlich hat er auch anonym über- auseinanderzuhalten. Erst diese Unter-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 51
Michael Scotus überreicht Kaiser
scheidung machte es Scholastikern wie Friedrich II. im Palast von Palermo seine Etwa um 1220 verließ Michael Scotus
etwa dem großen Thomas von Aquin Aristoteles-Übersetzung Toledo. Zwischen 1224 und 1227 arbeitete
(Gemälde von Giacomo Conti, 19. Jh.).
(um 1225 bis 1274) möglich, das Werk von er für die Päpste Honorius III. und Gre-
Aristoteles für das Abendland zu erschlie- gor IX. in Rom. Gregor lobte die ex-
ßen. Dass man ein Problem ohne dogma- nicht so einfach. Selbst dem erfahrenen zellenten Sprachkenntnisse Michaels in
tische Verengung mit rationalen Instru- Michael Scotus unterlief einmal ein drol- Arabisch, Hebräisch und Latein in höchs-
mentarien betrachten und es rein logisch liger Irrtum: Zur Beschreibung von ten Tönen. Dennoch hielt es den Gelehr-
zergliedern konnte, wurde in diesen Jahr- Sternkonstellationen nutzte er eine feh- ten nicht lange an der Kurie, und er ging
zehnten zum wissenschaftlichen Stan- lerhafte Abschrift, die sich auf die be- auf Empfehlung des Mathematikers
dard. Kein Zufall, dass es ausgerechnet deutende „Naturkunde“ des Römers Leonardo da Pisa (Fibonacci) an den Hof
die Schriften des Aristoteles, des Patriar- Plinius stützte. Für ein Gestirn der Nacht- des Staufers Friedrich II. (1194 bis 1250),
chen der Logik, waren, die man für die gleiche am 24. September muss bei Pli- des Sprosses einer normannischen Erbin
neue Weltsicht heranzog. nius eigentlich „aequinoctii sidus“ ge- und Heinrichs VI., Sohn Barbarossas. An
standen haben. In der Abschrift war da- dessen Hof führten Michael mehrere
Philosophische und naturwissenschaft- raus die Kurzformel „equi scdus“ gewor- Gründe.
liche Schriften aus dem Arabischen über- den. Scotus las das als „equus secundus“ Zunächst: Kaiser Friedrich II. war als
setzen zu wollen hat aber seine Tücken. (Zweites Pferd). Selbst die lichtempfind- König von Sizilien auch Erbe einer län-
Natürlich braucht man sehr gute Kennt- lichsten Fernrohre vermögen allerdings geren Tradition arabischer Kultur. Die
nisse der Sprache; zusätzlich aber sollten am Himmel nirgends ein Sternbild Geschichte der Araber auf Sizilien hatte
Übersetzer detaillierte Fachkenntnisse „Zweites Pferd“ sichtbar zu machen. mit der über ein Jahrhundert dauernden
besitzen, da Schriften fast ohne Vokale Dennoch wieherte das unsichtbare Ross Eroberung dieser fruchtbaren Insel be-
wie das Arabische leicht zu Unklarheiten fortan in späteren illustrierten Hand- gonnen. Im Jahr 827 war eine im äußers-
oder Verstümmelungen führen können. schriften, sodass Michael auch als Erfin- ten Westen gelegene Hafenstadt in die
Schon die vielen damals üblichen la- der einer neuen Sternenkonstellation gel- Hände der Araber gefallen, die unter
teinischen Abkürzungen aufzulösen ist ten kann. dem Namen Marsala später Weinbau-

52 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Blütezeit des Islam Geistiger Austausch

geschichte schreiben sollte. Die gesamte ne lateinische Fassung der aristotelischen


Eroberung Siziliens dauerte bis 965, als Als Zaubermittel galten „Metaphysik“ aus dem Arabischen, die
die Araber als letzten Ort Rometta im Wolfstalg oder Gazellen- als „Metaphysica nova“ bekannt wurde,
äußersten Nordosten einnahmen. Meh- fand trotz der erheblichen Lücken als der
rere Siedlungswellen und die Konvertie- fleisch, aber auch bislang vollständigste Text dieses Werks
rungen der ansässigen Bevölkerung hat- Olivenöl oder Palmfett. eine sehr weite Verbreitung.
ten die Stellung des Islam gefestigt. Zu der reichen Jagdliteratur aus der
Etwa hundert Jahre später hatten arabischen Welt gehört auch ein speziel-
dann Normannen von Süditalien aus die Friedrich hatte erfahren, dass gerade die ler Traktat, in dem es um die Heilung
Insel zu unterwerfen begonnen und sie arabische Literatur einen großen Schatz von Falken und Hunden geht und der als
zum namengebenden Teil eines neuen an Traktaten barg, in denen es um Tiere „Moamin“ bezeichnet wird. Eigentlich ist
Königreichs gemacht. Allmählich und in ging, mitunter sogar speziell um die Fal- das Werk eine Verbindung zweier arabi-
Etappen drängte nun das römisch-katho- kenjagd. Das interessierte ihn deshalb so scher Werke: das des Ghatrif aus dem
lische Christentum die islamische Kultur sehr, weil er solche Texte dringend für 8. Jahrhundert und das des Kitab al-Mu-
wieder zurück. Ein großer Teil der Mus- die Abfassung seines eigenen Falken- tawakkili aus dem 9. Jahrhundert.
lime verließ Sizilien. Der andere, auf der buchs „De arte venandi cum avibus“ Am Hof des Kaisers, der selbst maß-
Insel verbliebene Teil, konzentrierte sich („Über die Kunst des Jagens mit Vögeln“) geblich mit eigenen Zusätzen an der Ar-
in den westlich und südlich von Palermo brauchte. beit beteiligt war, entstanden gleich meh-
gelegenen Bergen. Kein Wunder, dass Michael Scotus, als rere Versionen dieses Traktats. Im Laufe
er am Hof Friedrichs II. weiter an der der folgenden acht Jahrhunderte sind
Als die Staufer am Ende des 12. Jahr- Übertragung arabischer Texte arbeitete, dann Versionen dieser Zusammenstel-
hunderts das Erbe der Normannen antra- in des Kaisers Auftrag wieder auf die lung in über 70 Handschriften in einem
ten, war die Insel bereits weitgehend la- Zoologie des Aristoteles zurückkam. Der Dutzend Sprachen überliefert worden.
tinisiert. Und mit der Herrschaft Fried- aus Persien stammende Philosoph Ibn Ein Falkner konnte hier Ratschläge fin-
richs II. fand durch Guerillakriege und Sina (980 bis 1037) – in der lateinischen den, wie er bei seinen gefiederten Lieb-
Deportationen auch die Geschichte der Tradition Avicenna genannt – hatte eine lingen verstopfte Nasenlöcher, ausgerenk-
Araber als Volksgruppe vor Ort ihr Ende. kommentierte Version hinterlassen, die te Schnäbel oder Ohrenschmerzen kurie-
Ihr Wissen wurde freilich nicht einfach unter dem Titel „Abbrevatio de anima- ren könnte. Als Zaubermittel dagegen
mit ausgelöscht. Auch auf Sizilien arbei- libus“ bekannt war. Die im Jahr 1232 galten Wolfstalg oder Gazellenfleisch –
teten bereits Übersetzer unter den Nor- vollendete Übersetzung des Avicenna aber auch Olivenöl oder Palmfett.
mannenkönigen Wilhelm I. „dem Bösen“ widmete Michael Scotus sogar seinem Die vielfältige Überlieferung des
(1122 bis 1166) und Wilhelm II. „dem Gu- Brotherrn. Hinzu kam eine Reihe von „Moamin“ zeigt, wie begehrt das orien-
ten“ (um 1153 bis 1189). Und der Staufer weiteren Aristoteles-Übersetzungen. Sei- talisch-islamische Wissen im christlichen

Fibonacci und fremden Ziffern und verstand offenbar


die Null auch die ganze Bedeutung des indo-
arabischen Stellenwertsystems. Weite-
Es erscheint uns heute ganz selbstver- re Reisen nach Ägypten, Syrien, Sizilien
ständlich, dass die Stellung ein und und Byzanz vertieften seine Kenntnisse
derselben Ziffer unterschiedliche Wer- auf diesem Gebiet.
te bezeichnen kann. Dreimal dieselbe Schon bald griff Fibonacci zur Feder
Drei zum Beispiel steht bei der Zahl und verfasste mehrere Werke über die
333 für 300, 30 und 3. Um die unter- Mathematik, darunter seinen „Liber
schiedlichen Positionen der Drei zu ver- Abaci“ aus dem Jahr 1202. Darin erklär-
deutlichen, benötigt man allerdings in te er das neue Ziffernrechnen. Zudem
bestimmten Fällen eine spezielle Ziffer: ging es in dem „Buch der Rechen-
die Null. Doch selbst den ingenieur- kunst“, wie es übersetzt heißen könn-
technisch auf hohem Niveau agieren- te, um die Einführung in Arithmetik und
den Römern war nie aufgefallen, wie befragte: Leonardo Pisano (um 1170 Algebra. Das Werk wurde zum Vorbild
nützlich eine Ziffer Null sein würde. Die- bis um 1245), bekannt unter dem Na- von Abhandlungen späterer Autoren
se so einfache und zugleich geniale men Fibonacci. über das Rechnen mit den indo-arabi-
Idee setzte sich in Indien durch und Der wohl berühmteste Mathemati- schen Ziffern und darf als wichtigster
hatte sich mit arabischen Händlern ker des Mittelalters entstammte einer Impuls dafür gelten, dass sich die neu-
über Nordafrika bis nach Spanien ver- Kaufmannsfamilie aus Pisa, damals en Zahlzeichen zunächst in Italien und
breitet. eine italienische See- und Handels- später in ganz Europa verbreiten konn-
Dass Europa nicht nur davon hörte, macht. An der Seite seines Vaters hat- ten. Heutige Computertechnik wäre
sondern mit der Null überhaupt rech- te Fibonacci wichtige Handelsplätze ohne Stellenwertsystem undenkbar –
nen lernte, lag an einem Meisterden- kennengelernt, darunter den nordafri- und Konrad Zuse hätte ohne die Null
ker, den sogar Kaiser Friedrich II. per- kanischen Hafen Budschaja. Dort er- etwas ganz anderes erfinden müssen.
sönlich zu mathematischen Problemen lernte Fibonacci das Rechnen mit den Olaf B. Rader

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 53
Werke anderer Gelehrter kommen reich-
lich vor. Die Zitate aus Schriften des jüdi-
schen Philosophen Maimonides (1135 bis
1204) etwa sind die frühesten überliefer-
ten Belege in lateinischer Sprache.
In seinem wuchtigen Opus behandelte
Michael grundlegende Bereiche über
Erde, Wasser, Winde, aber auch Aspekte
der Astronomie, Astrologie, Meteorolo-
gie, Medizin, Musik und Komputistik. Ihn
interessierte die Geschichte astronomi-
scher Forschung, in der natürlich auch
der größte Held aller Zeiten, Alexander
der Große, eine Rolle spielte.

Wie schon Aristoteles schrieb er über die


Stellung des Menschen in der Welt, über
Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft,
Embryologie und Physiognomik. Dabei
überraschen zuweilen heute eigentümlich
anmutende Weisheiten. So glaubte Sco-
tus, dass der Mensch 140 Jahre leben kön-
ne, da er ja 14 Gelenke an den Fingern
und Zehen habe und jedes Gelenk für ein
Jahrzehnt stehe. Doch der Sünden wegen
sei die Lebensdauer leider um 20 Jahre
gekürzt worden.
Wohl noch in den Diensten Kaiser
Friedrichs starb der Universalwissenschaft-
ler um das Jahr 1235. Als echter Astrologe
habe Michael Scotus, so will es eine Anek-
dote, auch seinen Tod vorhergesehen: Ein
kleiner Stein werde irgendwann sein Le-
ben auslöschen. Um dem vorzubeugen,
Aristoteles wurde im Mittelalter soll er einen Kopfschutz erfunden und ge-
Europa war und welchen Anteil Hofge- zum Fixstern der Philosophie (Büste tragen haben. Doch eines Tages, als er an
lehrte, etwa auch der Hofphilosoph Theo- nach griechischem Vorbild aus der einer Messe teilnahm, habe er diese Be-
Zeit um 330 v. Chr.).
dor von Antiochien (um 1195 bis 1250), deckung leider abgenommen. Und genau
Nachfolger des Michael Scotus, ja sogar in diesem Augenblick habe sich im Ge-
die Herrscher selbst daran hatten. Ein bende quantitative Größe galt, sondern wölbe ein kleiner Stein gelöst und sei ihm
Teil dieser hochentwickelten arabischen anscheinend höchst unterschiedliche Qua- direkt auf den Kopf gefallen, worauf er
Literatur kann nur noch aus solchen spä- litäten aufwies, glaubte man deren Be- bald seiner Verletzung erlag.
teren Weiterverarbeitungen rekonstruiert stimmung berechnen zu können. Astro- Die schön erfundene Geschichte offen-
werden, weil die Ursprungsfassungen logie hatte mit den Horoskopkästen heu- bart einen grundlegenden Zweifel – soll
mittlerweile verloren gegangen sind. tiger Zeitungen nichts gemein, sondern ein so bedeutender Kopf etwa an simpler
war für Friedrich und seine Zeitgenossen Altersschwäche gestorben sein? Schon
Neben seinen Diensten als Übersetzer be- eine „echte“ Wissenschaft. wenig später überwucherten Wunder-
riet Michael Scotus den Kaiser in vielerlei Mit astrologischen Kenntnissen und geschichten und dunkle Gerüchte ohne-
anderen Dingen. Dazu gehörten natürlich den Übertragungen arabischer Traktate hin die echten Leistungen des Forschers.
philosophische Fragen, aber auch – aber waren Michaels Qualitäten nicht er- So umfassende Kenntnisse konnte nie-
schließlich war er Hofastrologe – Ratschlä- schöpft. Berühmt geworden ist er auch mand auf ganz natürlichem Weg erwor-
ge bei Entscheidungen, die von den Ster- mit einem eigenen philosophischen Werk: ben haben; er musste ein Magier gewesen
nen abhingen, wie etwa der beabsichtig- dem „Liber Introductorius“ („Buch der sein. Und eben deshalb versetzte Dante
ten Zeugung legitimer Nachkommen. Einführung“). Diese wahrhaft enzyklopä- ihn tief in die Hölle: „Sieh Michael Scotto
Mithilfe der Astrologie versuchte man dische Darstellung aller Wissenschafts- auch, den magern, dünnen, / Der jeden
Erdereignisse mit Himmelserscheinungen zweige zeigt, dass der Autor die bei seiner Trug des Zaubers klug gelenkt / Und sol-
in Einklang zu bringen. Dabei galt es, die Übersetzungsarbeit erworbenen Kennt- ches Spiel verstanden zu gewinnen.“ I
Mikro- und die Makrowelt zu synchroni- nisse in großem Umfang hat einfließen
sieren und daraus nicht nur die Vergan- lassen. Mehr als 12-mal etwa wird Aristo- Olaf B. Rader arbeitet bei den Monumenta Germania
genheit zu deuten, sondern vor allem Fra- teles mit einem seiner Werke ausdrück- Historica an der Berlin-Brandenburgischen Akademie
gen der Zukunft zu beantworten. Und lich genannt, weitere 50-mal, ohne eine der Wissenschaften und ist unter anderem Autor
weil der Lauf der Zeit nicht als gleichblei- spezielle Schrift anzusprechen. Aber auch von „Friedrich II.“. C. H. Beck; 128 Seiten; 8,95 Euro.

54 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Legende und Wahrheit

ein schlagkräftiges Heer wichtiger war als


alle orientalische Weisheit.
Dass er in den Verhandlungen mit
War der Staufer ein Freund dem Gegner dann Themen der Naturwis-
der Muslime? senschaften oder der Philosophie streifte,
Hofhaltung in Palermo: zeigt aber: Die Kommunikationsregeln
Muslime huldigen des Orients beherrschte der Kaiser. Sein
dem Herrscher auf dem Interesse an arabischer Literatur wiede-
Kaiser Friedrich II. gründerzeitlichen
Fresko von Hermann
rum hatte vor allem mit der in der islami-
schen Welt in Jahrhunderten akkumu-
Wislicenus in der
Goslarer Kaiserpfalz. lierten Erfahrung der Falknerei zu tun.
Arabische Jagdbücher besaß er nicht aus
Liebe zur islamischen Kultur, sondern
weil er als passionierter Jäger ganz kon-
kret wissen wollte, was seinen Greif-
vögeln bei Schnupfen helfen könnte.

Augusthitze 1222 in den Bergen Si- Die Legende von Friedrich als dem
ziliens: Mohammed Bin Abbad, ei- toleranten Freund der Muslime
ner der mächtigen Emire Sizi- nährt sich im Grunde aus zwei
liens, betritt demütig das kaiser- Wurzeln: zum einen aus arabi-
liche Zelt. Der Emir hat sich schen Überlieferungen. Der
gegen seinen Herrn, Friedrich Ägypter Ibn al-Furat (1334 bis
II., König von Sizilien und 1405) zum Beispiel vertrat die
Kaiser des Heiligen Römi- Auffassung, Friedrich II. sei
schen Reiches, aufgelehnt, heimlich ein Muslim und zu-
über Monate einen regel- dem als Onkel mütterlicher-
rechten Kleinkrieg geführt, seits mit dem ägyptischen
ist besiegt worden und Sultan Kamil verwandt
hofft nun auf die Gnade gewesen. Religiöse Zugehö-
des Herrschers. Er wirft rigkeit und verwandtschaft-
sich zu Boden. Doch der liche Bindung sollten den
Kaiser reagiert anders als Staufer in eine islamische
erwartet: Er tritt den Emir Welt einbeziehen, die nun
so heftig, dass sein scharfer nicht mehr über den Fall Je-
Stiefelsporn dessen gesamte rusalems in Trauer zu verfal-
Körperseite aufreißt. Dann len brauchte, denn der Erobe-
lässt er Bin Abbad aus dem rer war ja gar kein fremder
Zelt schaffen und ihn und seine Gegner gewesen, sondern ei-
Söhne wie Straßenräuber auf- gentlich einer von ihnen.
knüpfen. Der andere Legendenquell fin-
Mag diese Szene, die ein Sekre- det sich in deutschen Bücherstuben:
tär am Hofe des Sultans Malik Hafis So hatte Friedrich Nietzsche in seiner
überliefert hat, so stimmen oder nicht, polemischen Abrechnung mit dem
sie zeigt zumindest, welche Grausamkei- Christentum unter dem Titel „Der Anti-
ten die Chronisten Friedrich zutrauten. Dabei christ“ notiert: „,Krieg mit Rom aufs Mes-
ist im Zusammenhang mit dem Kreuzzug der ser! Friede, Freundschaft mit dem Islam‘:
Jahre 1228/29 oft das Gegenteil behauptet worden: so empfand, so that jener große Freigeist,
Sowohl zeitgenössische als auch spätere Stimmen singen das das Genie unter den deutschen Kaisern,
Lied vom großen Staufer Friedrich II., der im Grunde seines Friedrich der Zweite.“
Herzens ein Freund der Muslime gewesen sei, wenn er nicht Genie, Freigeist, Freund des Islam –
sogar selbst einer war. Doch kann das stimmen? Er tritt den Nietzsches Autorität wog schwer, und das
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich nämlich, dass die oft als Emir so heftig, bis heute. Nichts von alldem hält aber
Toleranz interpretierten Verhaltensweisen des Kaisers von ganz genauer Prüfung stand. Friedrich II. war
pragmatischen Gründen bestimmt worden sind. Wenn Friedrich dass sein ein Herrscher seiner Zeit und nicht der
beispielsweise an den Taten gegenüber jenen Muslimen gemes- scharfer Moderne. Doch dass der Kaiser über-
sen werden würde, die zu seiner Zeit noch auf der Insel Sizilien Stiefelsporn haupt in den Verdacht geraten konnte,
lebten, so könnte der gegen diese geführte Guerillakrieg mit ein Muslimfreund zu sein, unterstreicht
dessen
anschließender Deportation der Überlebenden wohl nicht als das Besondere seiner Person und seiner
Toleranzbeleg taugen. Auch der erfolgreiche Handel um Jeru- Körperseite Herrschaft. Ganz ohne Anhaltspunkte
salem hatte weniger aus Zuneigung zu den Sarazenen zum Er- aufreißt. kann auch die schönste Legende nicht
folg geführt, eher aus Friedrichs realistischer Einschätzung, dass überleben. Olaf B. Rader

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 55
Blütezeit des Islam Philosophie

Mit kühner Rationalität – selbst über manch islamisches Dogma


hinaus – lenkte der andalusische Universalgelehrte Averroes das Denken
des hochmittelalterlichen Europa in neue Bahnen.

Der Kommentator
Von Johannes Saltzwedel

R
ätselhaft, ja bizarr klang dieser
Buchtitel. „Über die Einheit
des Intellekts, gegen die Aver-
roisten“ – was konnte sich da-
hinter verbergen? Ein gewöhnlicher Pa-
riser des Jahres 1270 hätte mit den Ach-
seln gezuckt: wohl wieder so ein Werk
universitärer Ideenspinner, weit abseits
des normalen Lebens.
Unter Akademikern hingegen horchte
man auf. Was war den Anhängern des
Averroes, dieser Säule des modernen
Wissenschaftsbetriebs, denn plötzlich
vorzuwerfen? Und weshalb nahm der Au-
tor des neuen Traktats, immerhin der füh-
rende dominikanische Theoretiker Tho-
mas von Aquin, die Sache so wichtig?
Nur wenige Spezialisten wussten Be-
scheid: Es ging um Grundfragen von Er-
kenntnis und Seelenlehre. Schon ein
paar Jahre früher hatte Thomas’ Mentor
Albert, der große schwäbische Natur-
kundler und Weltweise („Albertus Mag-
nus“), erste Bedenken gegen Averroes
geäußert. Die Angelegenheit war bri-
sant, weil niemand in der Welt des Geis-
tes auf solch eine Autorität hätte ver-
zichten mögen. Seit Jahrzehnten berief
man sich in Fachdebatten auf Averroes
ähnlich selbstverständlich wie auf die
Kirchenväter oder die Bibel.
Hauptgrund dafür war eine umwäl-
zende Neuerung. Seit Jahrzehnten wur-
den immer mehr Schriften des antiken
griechischen Universalforschers Aristo-
teles (384 bis 322 v. Chr.) durch Überset-
zungen, viele aus dem Arabischen, be-
kannt (etwa durch Michael Scotus). Von
den Gesetzen der Logik bis zu Biologie
und Wetterkunde, von Ethik und Staats-
kunst bis zur Abstraktion reinen Seins
präsentierte sich hier ein grandios durch-
dachtes Gebäude des Weltverständnisses.
Für Theologen war es eine Herausforde-
rung – versuchte Aristoteles den Glau-

56 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
ben an das Göttliche doch ohne religiöse Lehren eines alten Heiden, erläutert Langem las kaum jemand in Westeuropa
Dogmatik, rein durch Vernunftargumen- von einem Muslim, als Stütze christli- noch Griechisch; nach der Kirchenspal-
te zu begründen. chen Denkens? Tatsächlich hatte ein tung im 11. Jahrhundert war die intel-
In Verbindung mit den Originalschrif- stattlicher Teil der antiken Weltweisheit lektuelle Verbindung mit Byzanz fast
ten hatten Experten auch gleich umfang- diesen Umweg nehmen müssen. Seit zum Erliegen gekommen. Doch im mus-
reiche Kommentare mit übersetzt, die limischen Raum besaß und studierte
den gewaltigen Stoff meisterhaft gründ- Averroes als unterworfener Widersacher, man viele Schriften des Aristoteles in
lich erläuterten. Ihr Autor, der andalusi- Ausschnitt aus einem Fresko von Andrea Übersetzungen.
sche Muslim Abu al-Walid Mohammed di Bonaiuto, um 1365 (Santa Maria Novel- Der Denker Averroes stammte aus
Ibn Ruschd (1126 bis 1198) – lateinisch la, Florenz). Córdoba in Andalusien, zu seiner Zeit
verkürzt: Averroes – hieß bald nur noch – immer noch eine quirlige Metropole
der Kommentator“, so wie man Aristo- Text von Aristoteles’ „De anima“ mit Kom- von mehreren Hunderttausend Einwoh-
teles kurz „den Philosophen“ nannte. mentar des Averroes (um 1380) nern. Auch wenn ihre Hochblüte schon
mehr als ein Jahrhundert zurücklag und
die seit 1148 regierende Dynastie der
nordafrikanischen Almohaden sich
ideologisch recht engstirnig zeigte, bot
die Stadt am Fluss Guadalquivir mit ih-
ren Bibliotheken, Schulen und Intellek-
tuellenzirkeln doch fast ideale Arbeits-
bedingungen.
Seiner Herkunft nach war Averroes
Jurist, aber ebenso versierter Arzt und
Theologe. Als erstes größeres Werk
schrieb er zwischen 1162 und 1169 ein
Handbuch der Medizin. Sein kritischer
Bildungseifer war kaum zu bremsen.
Kein Wunder, dass sein Mentor, der Arzt
und philosophische Erzähler Ibn Tufail,
ihn empfahl, als man am Herrscherhof
einen Aristoteles-Erklärer suchte. Abge-
sichert durch Richterposten, später dann
als Leibarzt des Regenten, widmete sich
Averroes der gewaltigen Aufgabe.
Ein Vierteljahrhundert lang ackerte
er sich Satz für Satz vor – so gründlich,
dass er selbst die Umdeutungen frühe-
rer Interpreten zu korrigieren versuchte.
Damit nicht genug: Um möglichst viele
Leser zu erreichen, lieferte Averroes ne-
ben riesigen Detailkommentaren auch
mittellange, in denen er eigenständige
Zusammenfassungen anbot, obendrein
knappe Kompendien, die ganze Werke
des Aristoteles, etwa die besonders
komplexe „Metaphysik“, übersichtlich
zusammenfassten.
Je weiter seine Arbeit gedieh, desto
mehr machte sich der strenge Rationalist
die Gedanken des Aristoteles zu eigen.
Schließlich war Averroes so tief in das
System eingedrungen, dass er behaup-
tete, der alte Grieche verkörpere die
Vernunft selbst, ja „die äußerste mensch-
liche Vollendung in der Materie“. Was
Wahrheitsfragen betreffe – zum Beispiel:
Ist der von Gott erschaffene Kosmos
ewig? –, finde man bei Aristoteles sogar
Genaueres als im Koran.
Derart kompromisslos hatte in der
muslimischen Welt bislang kaum jemand
die Eigenständigkeit des menschlichen

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 57
Blütezeit des Islam Philosophie

Intellekts verfochten. Koranpassagen wie Derlei Schärfe hatte Thomas selbst


etwa Sure 59, Vers 2 („Denkt nach, die nicht im Sinn gehabt. Mit Zensur, Bann-
ihr Einsicht habt!“), las Averroes als Auf- sprüchen oder gar Gewalt würde nie ein
forderung zum Philosophieren. Bei Geis- Gedanke aus der Welt geschafft, wusste
tesgrößen wie dem persischen Universal- er; so reagierten nur geistig grob gestrick-
gelehrten Avicenna und erst recht dessen te, unentwegt nach Ketzern spähende
Landsmann, dem Philosophie-Verächter Kirchenpolitiker. Die machten in den
al-Ghasali, deckte er Schwachstellen der Jahrzehnten vor 1300 vielen angeblichen
Argumentation auf. Stets lautete sein Fa- „Averroisten“ das Leben schwer.
zit: Bevor man sich der göttlichen Offen- Der Dichter Dante hingegen zollte in
barung anvertraut, sollte man erst einmal seiner „Göttlichen Komödie“ dem Aver-
die Möglichkeiten der Logik und des ana- roes hohen Respekt: Trotz seines fal-
lytischen Verstandes ausschöpfen. schen Glaubens brachte er den Muslim
in der einigermaßen erträglichen Vorhöl-

D
as konnte auf Laien sehr un- le unter. Auch danach wurde der luzide
fromm wirken. Vorsichtshalber Rationalismus des großen Kenners aus
trug Averroes daher in einem Córdoba nicht vergessen; er überdauerte
eigenen Werk Beweisgründe am Rand der theologischen Debatten.
zusammen, dass religiöse und philosophi- Eingefleischte Aristoteliker bekannten
sche Weltsicht einander nicht widersprä- sich weiter zu den kühnen Thesen, vor
chen, sondern ergänzten. Zudem erklärte allem in Spanien und Italien.
er mehrfach ausdrücklich, dass das isla- Fiel ihre Haltung auf, blieb die amt-
mische Recht, die Scharia, der Mensch- liche Reaktion freilich nicht aus. Noch
heit am besten zum Glück verhelfe. 1513, wenige Jahre vor Beginn der Refor-
Dennoch erreichten orthodoxe Reak- mation, sah sich das Fünfte Laterankonzil
tionäre am Hof des Almohaden-Kalifen genötigt, die Lehre von der überindivi-
schließlich, dass die Schriften des Den- duellen Einheit des Intellekts, inzwischen
kers geächtet wurden. Der alte Averroes das Markenzeichen der Averroes-Vereh-
musste für mehrere Jahre seine Heimat- rer, zu verdammen, so eifrig diskutierten
stadt Córdoba verlassen; erst kurz vor Renaissance-Denker die Argumente des
seinem Tod 1198 scheint er rehabilitiert alten Mauren.
worden zu sein. Wie ein bedauerlicher Nachhall offi-
Seine Aristoteles-Kommentare entwi- ziöser Bannsprüche klang es, als 1784 aus-
ckelten sich bald zu Standardwerken – gerechnet der sonst so hellsichtige Theo-
in der muslimischen und jüdischen Geis- „Triumph des Heiligen Thomas von Aquin“, loge und Geschichtsphilosoph Johann
teswelt allerdings meist nur bei Kennern. Averroes zu Füßen des Heiligen. Tempera- Gottfried Herder vor dem „Weg der aver-
gemälde von Benozzo Gozzoli, um 1475
Wahrhaft umwälzende Wirkung entfal- roistischen Philosophie“ warnte, „nach
(Louvre, Paris)
teten sie dagegen ein paar Jahrzehnte der das ganze Menschengeschlecht nur
später im lateinisch geprägten Abend- eine, und zwar eine sehr niedrige Seele
land. Dort brachten sie die scholastischen Denke man dies zu Ende, so der besitzet“.
Debatten des frühen 13. Jahrhunderts scharfsinnige Mönch aus Italien, gerate Abschied nahm man von solchen Zerr-
erst richtig in Gang: Europas klügste Köp- man als Christ psychologisch, moralisch bildern erst, als Kulturhistoriker die ein-
fe, die zuvor meist überkommene Lehr- und vor allem auch dogmatisch in Wider- zigartige Rolle des Andalusiers zu wür-
sätze gegeneinander abgewogen hatten, sprüche. Erschwerend kam hinzu, dass digen begannen, der zum intellektuellen
operierten nun furchtlos nach aristoteli- Averroes weder eine individuelle Un- Geburtshelfer der christlichen Hochscho-
schen Mustern, beispielsweise wenn es sterblichkeit der Seele annahm noch die lastik geworden war. Immer mehr Manu-
um die Stellung von Glauben und Wissen biblisch festgelegte historische Existenz- skripte tauchten auf. Seit 2010 trägt das
zueinander ging. kurve der Welt mit Schöpfung und Jüngs- Kölner Digital Averroes Research En-
Dass der andalusische Meisterdeuter tem Gericht voraussetzte. vironment (Dare) zusammen, was man
samt seinen Anhängern dann fast unver- So selten derlei Streitfragen über bislang weltweit über die Werke des
sehens um 1270 auch bei christlichen Kir- Theologenkreise hinausdrangen – die Averroes weiß; dank der Elektronik kann
chenlehrern ins Zwielicht geriet, lag wohl Diskussion, wie weit man Averroes über- man viele der kostbaren, weit verstreuten
weniger an seinem islamischen Glauben, haupt noch trauen dürfe, lief beharrlich Handschriften nun sogar am heimischen
jedenfalls nicht an Denkfehlern. Mit weiter. Es bildeten sich dogmatische Frak- Bildschirm durchblättern.
seiner Schrift gegen die „Averroisten“ tionen, die einander bisweilen militant Oben auf der Dare-Website steht als
wandte sich Thomas von Aquin vielmehr gegenübertraten. So malten seit Mitte des bescheidenes Signal dafür, wie viel noch
hauptsächlich gegen eine These, die Aver- 14. Jahrhunderts mehrere italienische zu tun bleibt, das Verkehrszeichen „Bau-
roes aus Aristoteles’ Schrift über die See- Frührenaissance-Meister einen triumphie- stelle“ – ein schönes Symbol für die Un-
le abgeleitet und energisch verteidigt hat- renden Thomas von Aquin mit Heiligen- ermüdlichkeit des großen muslimischen
te: Letztlich gebe es nur einen einzigen schein, zu dessen Füßen der Heide Aver- Gelehrten, dessen geistiger Einfluss auf
unvergänglichen Intellekt, an dem jeder roes sich als vernichteter Unhold, bei- das christliche Abendland kaum über-
Mensch Anteil habe. nahe wie ein Teufel krümmen muss. schätzt werden kann. ■

58 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Aufstieg Europas Fernhandel

1498 entdeckten die Portugiesen den Seeweg nach Indien. Zwischen


ihnen und den Osmanen entbrannte eine harte wirtschaftliche Konkurrenz.

Weltkrieg um
Zimt und Nelken

Von Alfred Schlicht

D
ie europäische Expansion ent- Portugal war ab Mitte des 15. Jahrhun- Ein Schiffbruch vor der portugiesi-
stand aus dem ständigen Wett- dert führend im Goldhandel mit West- schen Küste hatte Kolumbus 16 Jahre zu-
lauf mit der islamischen Welt afrika, engagierte sich im Geschäft mit vor an den atlantischen Südwesten des
um Handelsvorteile. Nicht zu- Sklaven und förderte Zuckerplantagen Kontinents verschlagen. Er ließ sich in
fällig waren es Spanien und Portugal, die auf den Azoren und Madeira. Lissabon nieder, studierte Seekarten, ver-
Staaten der „Reconquista“, der Rücker- Mehr als 3000 Kilometer östlich von schlang nautische Literatur und unter-
oberung der Iberischen Halbinsel durch Lissabon geschah zu dieser Zeit etwas nahm erste größere Atlantikfahrten. Als
die Christen, die zu den großen Entde- Unerhörtes: Die letzte Bastion des eins- Genuese wusste er ganz genau, welcher
ckungen aufbrachen und damit den Weg tigen oströmischen Reiches fiel in die Ruhm auf denjenigen wartete, der den
zu einer europäisch dominierten Welt- Hände von Muslimen. Die Eroberung direkten Seeweg nach Asien finden wür-
wirtschaft bereiteten. Den Iberern gelang Konstantinopels durch die osmanischen de. Seine Heimatstadt war durch den
es vor den anderen Mächten, weit ange- Truppen von Sultan Mehmed II. im Jahr Handel mit orientalischen Delikatessen
legte Imperien außerhalb des mediterra- 1453 wirkte wie ein Weckruf auf die und Luxusgütern reich geworden – und
nen Großraums zu schaffen, mit Handels- christliche Welt. Der Fall der orthodoxen litt jetzt, da das Osmanenreich seit der
netzen, die umfangreiche Ressourcen in Christenmetropole machte dem katholi- Eroberung Konstantinopels mächtig wei-
allen Erdteilen erschlossen und damit glo- schen Europa die unmittelbare Gefahr ter expandierte, zunehmend unter der
bale Warenströme anstießen. deutlich, die das Türkenreich für die türkischen Bedrohung. Muslimische Zwi-
Schon früh, im Kontext der Kreuzzü- Kernländer des Okzidents darstellte. Von schenhändler hatten aufgrund ihrer Mo-
ge, hatten christliche Pioniere versucht, Konstantinopel aus rückten die Osmanen nopolstellung schon immer märchenhafte
in den Raum des Roten Meeres vorzu- unaufhaltsam Richtung Balkan und Mit- Gewinnspannen erzielt: Eine Ladung
dringen und direkten Zugang zur Han- teleuropa vor  – sogar bis vor die Tore Pfeffer, die um 1430 im indischen Export-
delswelt des Indischen Ozeans zu gewin- Wiens. Bedroht war jetzt auch der euro- hafen schon für zwei Dinar zu haben war,
nen. Doch blieben diese Versuche ohne päische Orienthandel und damit die Exis- kostete die europäischen Kaufleute in
langfristige Folgen. Erst im 15. Jahrhun- tenzgrundlage von Handelsrepubliken Ägypten 80 bis 120 Dinar.
dert stießen Europäer dauerhaft in bis- wie Venedig oder Genua. Diese Gefahr Kolumbus bot zunächst dem portugie-
lang unbekannte Regionen vor. Portugal beschleunigte die Entwicklung, die wei- sischen König João II. an, die Westroute
sicherte sich 1415 Ceuta als ersten Stütz- ter westlich, in Portugal, bereits einge- nach Indien zu entdecken. Als der ihn
punkt im muslimischen Nordafrika. Zug setzt hatte: die Suche nach direkten Han- abwies, wandte er sich an das spanische
um Zug griff die kleine Nation am Atlan- delswegen nach Fernost. Königspaar, Isabella von Kastilien und
tik über den bekannten abendländischen Europa versuchte jetzt, sich aus der Ferdinand von Aragon. In ihrem Auftrag
Horizont hinaus. Der portugiesische islamischen Umklammerung zu befrei- segelte er dann gen Westen – um, so sein
Prinz „Heinrich der Seefahrer“ wurde en. Portugal hatte die ersten Schritte Plan, die Erde umrundend in den Osten
zum Impulsgeber der maritimen Erobe- schon getan – doch der Durchbruch zu gelangen, zum Reich des Großkhans.
rung; mit den Mitteln der Krone förderte stand noch aus. Dass es die mongolischen Khane längst
er Seefahrt und Marine. Von Heinrich ge- Den entscheidenden Anstoß dafür gab nicht mehr gab, konnte er nicht wissen.
sponserte Schiffe erkundeten Routen ent- die Eroberung von Granada 1492 durch Sein Ziel war der direkte Handel mit
lang der afrikanischen Küste nach Süden. die katholischen Könige Spaniens, Isabel- Asien. Der sollte den Christen, so Ko-
la und Ferdinand (siehe Seite 68). Genau lumbus’ naiver Kreuzrittertraum, die nö-
Die Türken erobern am 29. Mai 1453
in diesem Jahr, im August 1492, brach tigen Ressourcen einbringen, um endlich
das christliche Konstantinopel Christoph Kolumbus auf, um den Hori- Jerusalem aus islamischer Hand zu be-
(Ölbild von J. Benjamin-Constant, 1876). zont Europas für immer zu weiten. freien. Kolumbus war so befangen in ei-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 61
Aufstieg Europas Fernhandel

ner Welt, die vom Konflikt zwischen „Löwe der Meere“ – vermutlich nicht zer und Farbstoffe. Nur einzelne Reisen-
Christentum und Islam beherrscht war, selbst an Bord war, so wird da Gamas de waren bislang aus dem Abendland ins
dass er seine Entdeckungsfahrt nur in die- unbekannter Helfer die Werke des gro- Rote Meer und den Persischen Golf, nach
sem Kontext konzipieren und verstehen ßen Nautikers gekannt haben. Denn Indien oder gar China gelangt. Jetzt wa-
konnte. Gleich am Anfang seines Bord- Bin Madschids Kompendien trugen maß- ren die Europäer auf einen Schlag sehr
buchs thematisierte er die Feindschaft geblich dazu bei, dass arabische See- präsent – mit großen Schiffen und schwe-
der spanischen Könige zu den „Anhän- fahrer sicher zwischen dem Persischen ren Geschützen. Die Portugiesen waren
gern der Sekte Mohammeds“. Golf und Indien oder Ostafrika navigie- gekommen, um in Asien und Afrika zu
Als er dann zufällig einen neuen Kon- ren konnten. bleiben und den Handel mit exotischen
tinent, Amerika, „entdeckte“, war dies Produkten von hier aus in eigene Hände
ein Betriebsunfall. Als Entdecker war Ko- m 20. Mai 1498 landete da Ga- zu nehmen. Ebenso fest entschlossen wa-
lumbus überfordert. Bis zu seinem Tod
hatte er Mühe, sich einzugestehen, dass
er in der Tat eine „Neue Welt“ gefunden
A mas kleine Flotte bei Kalikut
an der Malabarküste. Europa
hatte den direkten Zugang zu
ren jedoch die muslimischen Mamluken,
die Beherrscher Ägyptens. Von Kairo aus
hatten bisher sie die Nahtstellen des
hatte. den Weiten des Indischen Ozeans und Asienhandels kontrolliert, und diese Po-
Historiker wie der Amerikaner Bailey den verlockenden Märkten Asiens gefun- sition wollten sie unbedingt gegen die
Wallys Diffie oder der Portugiese Fortu- den. Sehr schnell merkten die Menschen neuen Konkurrenten behaupten und die-
nato de Almeida haben Kolumbus’ Ent- vor Ort, dass die Ankunft der Portugie- se vertreiben. Es kam zum offenen Kon-
deckungsreise als „portugiesische“ Reise sen eine Gefahr für die traditionellen, flikt zwischen Mamluken und Portugie-
eingeordnet. Tatsächlich fügt sie sich bes- etablierten Handelsverbindungen dar- sen im Indischen Ozean – eine neue
ser zu den Atlantikexpeditionen Portu- stellte, dass kaufmännische Interessen be- Front zwischen islamischer und christli-
gals als zu Kastilien und Aragon, deren droht waren. Bei der zweiten Indienfahrt cher Welt war eröffnet.
Ambitionen selten über das Mittelmeer von da Gama, inzwischen aufgestiegen Mamlukische Flotten segelten los und
hinaus gingen. Außerdem hatte Portugal, zum „Almirante do Mar das Índias“, kam versuchten, die Portugiesen von der
schon bevor Kolumbus nach Westen auf- es vor Kalikut zur Seeschlacht. Eine Flot- Westküste Indiens zu verscheuchen. Be-
brach, einen weiteren Meilenstein er- te von 100 Schiffen, fast alle von arabi- reits 1502 hatten die Portugiesen hier ihre
reicht: Um die Jahreswende 1488 hatte schen Kaufleuten, stellte sich den Portu- erste Niederlassung in Cochin (heute Ko-
Bartolomeu Dias die Südspitze Afrikas giesen entgegen. Hier zeigte sich erstmals chi) gegründet, 1506 nahmen sie die Insel
umrundet. Den Rückweg trat er nur auf die technische Überlegenheit der Euro- Sokotra vor der Arabischen Halbinsel ein,
Druck seiner Mannschaft an, die unter päer: Die portugiesische Flotte, deren um von hier aus die Zufahrt zum Roten
Skorbut litt. Dias hatte die Voraussetzun- Schiffe größeren Tiefgang hatten und Meer zu überwachen. Die Entscheidungs-
gen für die Entdeckung des Indiensee- massiv gebaut waren, schlug ihre zahlen- schlacht um die Herrschaft über die Insel
wegs geschaffen. Die Seeroute nach mäßig um ein Vielfaches überlegenen Diu hoch im Norden der indischen Küs-
Asien war jetzt offen. Gegner, deren leichte, flache Galeeren tengewässer 1509 endete mit dem Sieg
Sein Landmann Vasco da Gama um- schnell abtrieben und roher Gewalt we- der Portugiesen. Von da an gelang es den
segelte 1498 noch einmal die Südspitze nig entgegensetzen konnten. Mamluken nicht mehr, die portugiesische
Afrikas und fuhr dann weiter entlang der Der Konflikt zwischen den Portugie- Stellung im Indischen Ozean ernsthaft
afrikanischen Ostküste nach Norden. In sen, die darauf erpicht waren, den asiati- zu gefährden.
Malindi, nördlich von Mombasa, gelang schen Europahandel ganz unter ihre Kon- Im selben Jahr erreichten portugiesi-
es ihm, einen ortskundigen arabischen trolle zu bringen, und den Mächten, die sche Handelsschiffe schon Malakka, die
Navigator anzuheuern. Der geleitete ihn bisher über die Handelsströme von Asien Stadt, die die nach ihr benannte Wasser-
auf direktem Nordostkurs mithilfe des ins Mittelmeer wachten, beherrschte von straße zwischen der malayischen Halb-
Südwestmonsuns nach Indien. Lange galt nun an die Geschichte dieses Großraums. insel und Sumatra beherrschte. Zunächst
Ahmed Bin Madschid, der berühmteste Pfeffer spielte die Hauptrolle im euro- gelang es Malakkas Bewohnern, mit Zu-
arabische Seefahrer seiner Zeit, als Vasco päischen Asienhandel, aber auch Ingwer, stimmung ihres Sultans die christlichen
da Gamas geheimnisvoller Lotse. Auch Zimt, Gewürznelken und Muskat waren Händler in die Flucht zu schlagen. Die
wenn dieser – unter Arabern bekannt als begehrt, ferner Seide, Porzellan, Edelhöl- prosperierende Handelsstadt, Brücken-

1453 1492 1498 1529

Wettlauf
zwischen
Weltmächten

In der Neuzeit beginnen Die Eroberung Nach langer Belagerung fällt Der Portugiese Vasco da Europa gerät in Aufruhr, als
einige Länder Europas, ihre Konstantinopels durch die das Emirat von Granada, Gama entdeckt als erster zum ersten Mal die Türken
islamischen Nachbarn Osmanen unter Sultan der letzte islamische Europäer den Seeweg nach vor Wien stehen. 1683
einzuholen und schließlich Mehmed II. beendet das Kleinstaat in Spanien, an Indien rund um das Kap belagern sie die Stadt
sogar zu unterwerfen. Byzantinische Reich. die Katholischen Könige. der Guten Hoffnung. erneut – wieder erfolglos.

62 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Vasco da Gamas Aufbruch von Lissabon
kopf zwischen Indien und China, war da- nach Indien am 8. Juli 1497 (Gemälde von Entlang der „Carreira da Índia“, dem
mals seit 100 Jahren muslimisch, wohl, A. Roque Gameiro, um 1900) Indienseeweg, entstand ein Überseeim-
weil ihre Herrscher die Annahme des Is- perium, der Estado da Índia, dessen Vi-
lam als Vorteil für die Handelsbeziehun- der Gurgel von Venedig“, hieß damals zekönig in Goa an der indischen West-
gen mit den muslimischen Nachbarn er- ein geflügeltes Wort unter Händlern: Wer küste residierte. Jahrhundertelang, bis
kannt hatten. Da hier stets viele Auslän- diese Wasserstraße beherrschte, kontrol- 1961, blieb Goa portugiesische Kolonie.
der lebten, pflegte man eine eher laxe lierte den Fernhandel und damit die Ge- Das kleine, bevölkerungsarme Portugal
Auslegung des Islam: Muslime heirateten schicke der wichtigen Handelsrepublik konnte zwar kein Territorialimperium in
häufig Andersgläubige, Alkoholgenuss an der Adria. den Weiten Asiens errichten, dafür aber
war üblich. 1511 war damit Schluss: Dies- Aber die Portugiesen erlitten bald ein ausgedehntes Stützpunktenetz, das
mal kreuzten die Iberer mit Soldaten auf, auch Misserfolge. Ihre Bemühungen, in die wichtigsten strategischen Positionen,
binnen weniger Wochen wurde Malakka das Rote Meer vorzudringen, scheiterten, Häfen und Handelsplätze umspannte
portugiesisch, damit war das erste große ebenso wie der Versuch, Aden, den ara- und die führende Stellung Portugals si-
muslimische Fürstentum Südostasiens bischen Brückenkopf zum Roten Meer, cherte.
Geschichte. einzunehmen. 1515 dann gelang den Ein neuer, gefährlicherer Feind als die
Die Portugiesen kontrollierten mit Ma- Portugiesen die Eroberung von Hormus, Mamluken machte bald Portugal diese
lakka die Seeverbindung zu den Gewürz- der kleinen, aber strategisch immens Stellung streitig. Das Osmanische Reich,
inseln, den Molukken, und nach China. wichtigen Insel am Eingang zum Persi- der weitaus mächtigste islamische Staat
„Wer Malakka besitzt, hat die Hand an schen Golf. des 16. und 17. Jahrhunderts, begann, sich

7. Oktober 1571 1609 1798 bis 1801 1830 1859 bis 1869

Überraschend schlagen die Mit der Ausweisung der Hunderte Forscher gehören Mit Frankreichs Einmarsch Zehn Jahre dauert der Bau
christlichen Mächte Morisken, der rund 300 000 zu Napoleons Ägypten- in Algerien beginnt des Suezkanals, der das
Spanien, Venedig und maurischen Nachfahren, Expedition. Am Ende vertrei- Europas imperialistische Mittelmeer mit dem Roten
Genua in der Seeschlacht tilgt Spanien brutal sein ben englische und osmani- Vereinnahmung des Nahen Meer verbindet. Ab 1875
von Lepanto die Osmanen. islamisches Erbe. sche Truppen die Franzosen. und Mittleren Ostens. kontrollieren ihn die Briten.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 63
Aufstieg Europas Fernhandel

Stützpunkte des Orienthandels


im 16. Jahrhundert
CHINA
Kairo Basra
Pe Hormus
r si s
c
G oh e r
ARABIEN lf INDIEN
Maskat Molukken
Diu
Ro

Arabisches

St
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Kalikut Aceh ala
Massawa kka
Aden Kochi
Sumatra

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Sokotra

tr
s
Indischer Ozean n da
Su

erstmals seiner Südflanke zuzuwenden. immer tiefer vor, den heutigen Irak. 1546 klagte ein portugiesischer Chronist, sei
Auch für die Osmanen, die bisher ihre Ex- wurde die Hafenstadt Basra osmanisch. besser mit Artillerie ausgerüstet als Ma-
pansion auf Europa konzentriert hatten, Damit waren alle nordwestlichen End- lakka. Bald wagten die Portugiesen es
war diese Stoßrichtung neu. In den nur punkte der alten Handelsstraßen im In- nur noch, hier im Schutz großer Konvois
acht Jahren seiner Regierung (1512 – 1520) dischen Ozean in türkischer Hand. zu segeln. Und die portugiesische Marine
richtete Sultan Selim I. den Schwerpunkt Direkte Vorstöße gegen den Handels- begann, Schiffe aus Aceh am Bab al-Man-
seiner Eroberungen gegen muslimische konkurrenten Portugal im Indischen Oze- dab, der Verbindung zwischen dem Golf
Nachbarn: 1514 schlugen seine Truppen an blieben genauso vergeblich wie por- von Aden und dem Roten Meer, abzu-
die persischen Safawiden, zwei Jahre spä- tugiesische Militärexpeditionen ins Rote fangen.
ter eroberten sie den syrischen Raum und Meer. Eine Art Abgrenzung der Macht- Mitte des 16. Jahrhunderts hatte sich
1517 Ägypten. Das Mamlukenreich war bereiche begann sich abzuzeichnen: Die der Gewürzhandel nämlich wieder auf
vernichtet. Die Portugiesen begannen im Portugiesen dominierten im Indischen die traditionelle Route durch das Rote
Gegenzug, beim christlichen Herrscher Ozean den Asien-Europa-Handel. Die Meer verlagert. Er erlebte dort eine zwei-
Äthiopiens immer wieder mit üppigen Ge- Osmanen beherrschten dagegen das Rote te Blüte. Portugiesische Chronisten be-
schenken vorstellig zu werden, um ihn als Meer, das ein „muslimischer See“ blieb. klagten die enormen Mengen an Pfeffer,
Alliierten zu gewinnen. Den Persischen Golf schließlich mussten die in den Häfen im östlichen Mittelmeer
Der Vorstoß nach Süden blieb in der sich die Konkurrenten teilen. wieder angeboten wurden und die Preise
osmanischen Geschichte einmalig. Haupt- im Westen zum Purzeln brachten.

B
motiv dürfte die Sorge um den Handel eide Gegner rangen um Ver- Der osmanisch-portugiesische Gegen-
im Indischen Ozean gewesen sein. Da- stärkung. Portugal versuchte, satz des 16. Jahrhundert war in seinem
rauf weist ein zeitgenössisches Strategie- wahlweise mit guten Angebo- Kern nicht religiös motiviert, sondern ein
papier hin, das dem osmanischen Flot- ten oder militärischen Drohges- Handelskrieg. Auch das christlich-euro-
tenadmiral Selman zugeschrieben wird. ten die Anrainer des Stillen Ozeans von päische Venedig und Kolumbus’ einstige
Selman skizzierte darin die Bedeutung Handelsbeziehungen mit muslimischen Heimat Genua wurden damals Gegner
einer aktiven türkischen Politik im Indi- Partnern abzuhalten, während die Osma- der Portugiesen. Beide Handelsrepubli-
schen Ozean. Hier führte er auch selbst nen sich um muslimische Alliierte be- ken hatten ebenso wenig Interesse wie
Marineoperationen durch, um ein weite- mühten. An der Straße von Malakka wur- die Osmanen daran, dass Gewürze nun
res Eindringen der Portugiesen ins Rote de im 16. Jahrhundert das Sultanat Aceh auch über Lissabon nach Europa kamen.
Meer abzuwenden. zum gefährlichsten Gegner Portugals. Entscheidend für den Verlauf der Welt-
Nachdem die Osmanen das Südufer Viele muslimische Kaufleute hatten sich geschichte war indes nicht der Gewürz-
des Mittelmeers erobert hatten, began- nach der Eroberung Malakkas durch die krieg zwischen Christen und Muslimen.
nen sie, einen Kanal zwischen dem Nil Portugiesen nach Aceh geflüchtet, das Sondern es wurden die Voraussetzungen
und dem Roten Meer zu graben. Außer- zum regionalen Handelszentrum aufstieg geschaffen für ein Weltwirtschaftssystem
dem bauten sie ein Netz strategischer Po- –  auch, weil es seinen Herrschern zeit- unter europäischer Ägide – das die einst
sitionen im Indischen Ozean auf, erober- weise gelang, den Seehandel an Malakka überlegene islamische Welt abhängen
ten Maskat an der Nordostspitze der Ara- vorbei durch die südlich gelegene Sun- sollte. ■
bischen Halbinsel und Aden. Als Territo- da-Straße zu leiten. Sogar türkische Ka-
rialbasis bauten sie eine Küstenprovinz noniere samt Geschützen wurden aus Alfred Schlicht, Bonner Orientalist, ist Autor von „Die
in Eritrea aus, um die Hafenstadt Massa- dem Osmanischen Reich ins Tausende Araber und Europa. 2000 Jahre gemeinsamer Ge-
wa. Auch ins Zweistromland stießen sie Kilometer ferne Sumatra verschifft. Aceh, schichte“. Verlag Kohlhammer; 226 Seiten; 26 Euro.

64 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
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Aufstieg Europas England

Im Kampf gegen Spanien suchte Elizabeth I.


von England Verbündete in der
islamischen Welt. Politik und Wirtschaft
gingen dabei wie so oft Hand in Hand.

Das Machtspiel
der Queen
Von Sebastian Borger

M
ehr Handel mit Übersee,
dazu die ersten wagemuti-
gen Touristen – an neue Be-
gegnungen mit der manch-
mal exotischen Außenwelt waren die Be-
wohner Londons an der Wende zum 17.
Jahrhundert bereits gewöhnt. Doch selbst
für die abgebrühten Hauptstädter des
englischen Königreiches stellte im Som-
mer 1600 der Besuch von Abd al-Wahid
Bin Massud eine Sensation dar. Ein
zeitgenössisches Gemälde zeigt den Ab- de habe London den Kontakt zur Hohen kommunizierten Elizabeth zunehmend
gesandten des Königs der Berber aus dem Pforte angestrebt, „da ,der Türke‘ gleich- in die Umklammerung katholischer
heutigen Marokko als großen Mann mit falls ein Gegner Philipps II. war“. So ein- Großmächte wie Spanien, Frankreich
schwarzem Vollbart, festlich gekleidet in fach sieht die Welt aus, wenn man einem und Teilen des Heiligen Römischen Rei-
weißer Kutte und Turban, den reich ver- scheinbar übermächtigen Feind gegen- ches Deutscher Nation. Da konnte ein
zierten Säbel am Gürtel. Mit seiner 16- übersteht. Und wie immer im Renais- wenig Machtbalance unter Einbeziehung
köpfigen Delegation nahm Abd al-Wahid sanceengland vermischten sich machtpo- der Nichtchristen nicht schaden.
nahe der Börse Quartier, schließlich ging litische Überlegungen mit der Suche nach Schon in den 1550er Jahren hatten sich
es um Geschäfte. neuen Märkten. Geschickt nutzte der Hof mehrere Gruppen auf den Weg durchs
Vor allem aber ging es um einen die Abenteuerlust und die Kenntnisse Arktische Meer gemacht, um auf dem be-
ehrgeizigen Plan: ein Militärbündnis des englischer Kaufleute; sie gaben tollküh- schwerlichen Landweg Moskau und Per-
muslimischen Herrschers Ahmed al-Man- nen Expeditionen einerseits ihren Segen sien zu erreichen. Was dem weitgehend
sur mit der Protestantin Elizabeth I. (Re- und wahrten gleichzeitig Abstand für den vergessenen Tuchhändler Antony Jenkin-
gierungszeit von 1558 bis 1603) gegen das Fall, dass die Handelsreisenden zu ruppig son gelang, steht den Errungenschaften
katholische Spanien unter Philipp II. vorgingen. legendärer Freibeuter wie Francis Drake
(1556 bis 1598). Der detailliert vorberei- Das Vehikel dafür waren eigens ge- in nichts nach. Bei einer ausgedehnten
tete Besuch war der äußere Höhepunkt gründete Aktiengesellschaften unter kö- Mittelmeerreise hatte der begabte 23-Jäh-
einer jahrzehntelangen, intensiven Diplo- niglichem Schutz und mit der Verpflich- rige schon 1553 eine Audienz bei Sultan
matie zwischen dem konfessionell isolier- tung, Dividenden in die Staatskasse zu Süleyman I. „dem Prächtigen“ (1520 bis 1566)
ten Inselreich und den riesigen Territo- zahlen. Der bereits 1555 gegründeten ergattert, der damals auf dem Weg zum
rien unter islamischer Herrschaft. Sogar Russlandgesellschaft („Muscovy Compa- Krieg gegen die Perser war. Eine spätere
nach Persien gab es zaghafte Kontaktver- ny“) folgten 1581 die Türkeigesellschaft Reise führte Jenkinson via Moskau, wo
suche, Marokko war als Tor zum Mittel- und vier Jahre später die Berbergesell- er Zar Iwan „den Schrecklichen“ (1547 bis
meer und gleichzeitig Ausgangspunkt für schaft für den Handel mit Marokko. 1584) umgarnte, nach Ghaswin an den Hof
den transatlantischen Handel bedeutend. Auf den Orient waren viele Sehnsüch- von Schah Tahmasp (1524 bis 1576) aus
Das besondere Augenmerk der „jung- te gerichtet – zunächst wegen seines le- der Safawiden-Dynastie. Auf der Heim-
fräulichen Königin“ und ihrer Berater gendären Reichtums an Gewürzen, Sei- reise handelte er mit Süleymans Nachfol-
galt dem Osmanischen Reich. Der Cam- denstoffen und Schmuck, alles hoch be- ger Privilegien für englische Händler aus,
bridger Historiker David Abulafia bringt gehrte Güter. Hinzu aber kam ein strate- die allerdings nicht lange Bestand hatten.
die elizabethanische Realpolitik auf den gischer Grund: Das anglikanische Eng- Systematischer ging London von 1577
Punkt: Jenseits aller Glaubensunterschie- land geriet unter der 1570 vom Papst ex- an gegenüber Marokko und der Hohen

66 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Pforte zu Werk. Dorthin wurden reiseer- den kalten Krieg mit Spanien in den seiner Heimat beim englischen Hochadel
fahrene Männer geschickt, deren Auftrag 1580er Jahren durchaus angemessen. angerichtet hatte – ein Augenzeuge wie
zweierlei umfasste: dauerhaften Kontakt Doch allgemein schätzte man Elizabeths der deutsche Reisende Paul Hentzner je-
mit den muslimischen Machthabern, für Chancen gering ein, in dem früher oder denfalls sah im Mund der Königin zu die-
beide Seiten vorteilhaften Handel. Der später unvermeidlichen heißen Krieg ge- ser Zeit nur noch schwarze Zahnstümpfe.
erstreckte sich längst nicht nur auf fein gen Philipp II. zu bestehen. Dann aller- Ein halbes Jahr lang antichambrierte
gewebte englische Tuche im Austausch dings stellte sich heraus, dass die spanische der Marokkaner bei Hofe, erlebte Feste
gegen Seide, exotische Gewürze und Ma- Armada weniger stark war als ihr legen- und Theateraufführungen – mit hoher
rokkos hoch begehrten Zucker. Beide Sei- därer Ruf, von 1588 an schlugen mehrere Wahrscheinlichkeit trat auch William
ten brauchten auch Rohstoffe zur Waf- spanische Versuche fehl, vom Atlantik her Shakespeare für die hohen Besucher auf.
fenproduktion. Die Engländer importier- nach England einzudringen. Und so galt Nach der Abreise der exotischen Dele-
ten Salpeter zur Pulverherstellung, Kup- Elizabeths Inselreich auf einmal als dau- gation verging wohl rund ein Jahr, bis
fer und Blei für Kanonengeschosse fan- erhafte Größe im globalen Machtspiel, zu- der geniale Dramatiker ein neues Stück
den den umgekehrten Weg. Pikanterwei- mal die Spanier auch durch den Krieg in zu schreiben begann. Ob der marokka-
se stammten die von englischen Schiffen den Niederlanden geschwächt waren. nische Botschafter nun das Vorbild gab
gelieferten Metalle vielfach von katholi- Nun waren nicht mehr englische Kauf- für Othello, den „tapferen Mohren“?
schen Kirchen und Klöstern, die zu dieser leute die Bittsteller, die islamische Welt Die geplante Militärallianz kam nicht
Zeit systematisch ausgeplündert wurden. machte eigene Avancen. So kam es 1600 zustande. Stattdessen brachte das neue
„Wenn es um Handel ging, triumphierten zum sensationellen Besuch Abd al-Wahids Jahrhundert eine abrupte Wende. 1603
materielle Interessen klammheimlich in London. Dem Abgesandten des Berber- starben Elizabeth und der türkische Sul-
über religiöse“, resümiert der Londoner königs dürften die verheerenden Folgen tan Mehmed III., der marokkanische
Renaissancehistoriker Jerry Brotton in nicht entgangen sein, die der Zucker aus Fürst al-Mansur erlag der Pest. Während
seinem brillanten Buch „This Orient Isle“. sich die Türken gen Osten wandten und
Bei aller Waffenhilfe und diplomati- Der Besuch des muslimischen Gesandten der Maghreb in Nachfolgekämpfen ver-
schen Freundschaft – der türkische Sultan Abd al-Wahid 1600 in London war eine sank, orientierte sich Elizabeths Nachfol-
Murad III. (1574 bis 1595) und Marokkos Sensation (zeitgenössisches Gemälde). ger Jakob I. in Richtung Nordamerika.
Ahmed al-Mansur (1578 bis 1603) hielten – Die pragmatisch geführten Handelsbezie-
doch Distanz zur englischen Königin. De- Bei einer Prozession geben Ritter des hungen über Religionsgrenzen hinweg
ren undogmatische Politik erschien für Hosenbandordens Elizabeth I. ihr Geleit waren schon bald Vergangenheit. ■
(Gemälde um 1600).

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 67
Aufstieg Europas Vertreibung

Nach dem Fall Granadas im Jahr 1492 wurden alle iberischen Muslime
zwangschristianisiert. Dennoch deportierten die Spanier 1609 die rund 300 000
„Neuchristen“ ins Ausland – viele fanden dabei den Tod.

„Haus voller Schlangen“

1609 mussten alle


Iberer maurischer
Herkunft Ihre
Heimat verlassen
(„L’expulsió dels
moriscos“, 1894,
Gemälde von
Gabriel Puig Roda).

69
Aufstieg Europas Vertreibung

Von Annette Bruhns erreichte der Furor einen Höhepunkt. Im schen Mauren bei Glaubensbrüdern un-
März 1492 verfügte die Krone, dass alle terkommen; und die muslimischen Herr-

A
ls die Einwohner Granadas am Juden das Reich verlassen müssten, soll- scher würden nicht davor zurückschre-
1. Januar 1492 aufwachten, ten sie nicht konvertieren. Mehr als cken, im Gegenzug ihre christlichen Un-
wehten von den Palastmauern 100 000 Menschen entschieden sich zur tertanen zu schikanieren. Eine berechtig-
schon die Banner Kastiliens fluchtartigen Ausreise. „Sie liefen durch te Angst: Der ägyptische Sultan ließ 1501
und seines Nationalheiligen: Santiago Straßen und Felder, einige fallend, ande- Christen in seinem Land wegen der Gräu-
Matamoros –  Sankt Jakobus „der Mau- re sich aufbäumend, sterbend, geboren el, die granadinische Muslime erleiden
rentöter“. Vor den Toren erklang der „Te werdend, siechend – es gab keinen Chris- mussten, verfolgen.
Deum“-Gesang aus den Kehlen der Re- ten, dem sie nicht leidgetan hätten“, be- Das Ringen der spanischen Auto-
conquista-Soldaten. Kurz darauf ritt der schrieb ein Priester den Exodus. ritäten um den richtigen Umgang mit den
Emir, Muhammad XII., von der Alham- muslimischen Untertanen spielte sich
bra hinab und übergab die Stadtschlüssel. Ähnlich verhasst wie die Juden waren stets in dieser politischen Großwetterlage
Bevor der letzte muslimische Herrscher die „moros“ (Mauren). Sie galten als ab. Kämpfe und Seegefechte zwischen is-
in Spanien sein Reich verließ, entfuhr „Feinde im Inneren“, schreibt der briti- lamischer und christlicher Welt zogen
ihm ein in die Legende eingegangener sche Autor Matthew Carr in seinem ex- sich durch das gesamte 16. Jahrhundert.
Klagelaut: der „Seufzer des Mauren“. zellenten Buch „Blood and Faith“, so wie Auf der anderen Seite suchten führende
Granadas Gassen blieben an diesem heute Europas Muslime, die oft dem Ge- Repräsentanten den Ausgleich. Der erste
Neujahrstag leer. Niemand hatte die mehr- neralverdacht des Terrorismus ausgesetzt christliche Gouverneur Granadas etwa
heitlich muslimische Bevölkerung auf die sind. Damals verdächtigte man die Mau- setzte auf Dialog. Sein Erzbischof lernte
Kapitulation vorbereitet. Auf dem Papier ren, den muslimischen Gegnern Spaniens Arabisch, um den Muslimen die Zehn
standen die Chancen für eine friedliche als fünfte Kolonne zu dienen –  den ge- Gebote in ihrer Muttersprache erklären
Koexistenz zwar gut; das katholische Kö- fürchteten Osmanen, aber auch den Pi- zu können, und bei der Fronleichnams-
nigspaar Ferdinand und Isabella hatte sei- raten aus Nordafrika. Am liebsten hätten prozession durften die Untertanen mau-
nen neuen Untertanen weiter die freie die christlichen Herrscher wohl hart rische Tänze vorführen, die „Zambra“.
Religionsausübung zugesichert. In vielen durchgegriffen. Dafür spricht die Mor- Diese sanfte Christianisierung ging Kö-
Teilen Spaniens, die durch die „Recon- gengabe, die das Königspaar 1496 für die nigin Isabella nicht schnell genug. Um
quista“ („Rückeroberung“) wieder christ- Vermählung ihrer Tochter vom portugie- die Sache voranzutreiben, beorderte sie
lich geworden waren, konnten die Musli- sischen König verlangte: die Ausweisung ihren Beichtvater nach Granada. Der
me ihren Glauben bisher beibehalten. der Muslime aus Portugal. strenge Franziskaner stürzte sich zu-
Doch das gesellschaftliche Klima hatte Doch für Isabella und Ferdinand gab nächst auf die sogenannten Renegaten
sich verändert. Ausgerechnet in Spanien, es Gründe, in Spanien vorsichtiger zu –  zum Islam konvertierte Christen. Am
wo seit Jahrhunderten Christen, Juden sein. Während man die Juden in die Hei- 18. Dezember 1499 holten zwei seiner
und Muslime untereinander geheiratet matlosigkeit entließ, konnten die spani- Schergen eine junge Frau aus dem Mus-
und auch ihre Religionen ge- limviertel Albaicín zum Ver-
wechselt hatten, war jetzt die hör. Beim Abtransport schrie
„Reinheit des Blutes“ neue diese laut um Hilfe: Man wolle
Staatsdoktrin. Eine seit west- sie zwingen, Mohammed ab-
gotischen Zeiten lupenreine zuschwören. Immer mehr
christliche Abstammung pro- Menschen eilten herbei, Stei-
pagierten selbst ernannte Alt- ne flogen, bis einer der Scher-
christen jetzt als Vorausset- gen tödlich verletzt zusam-
zung für jegliche Karriere im menbrach. Sein Kompagnon
Militär oder in der Verwal- entkam nur, weil eine barm-
tung. Bereits ein Tropfen herzige Muslimin ihn unter ih-
nichtchristlichen Bluts galt rem Bett verstecken konnte.
nach dem Statut von Toledo Der Todesfall entfachte Ge-
(1449) als so kontaminierend, walt und Gegengewalt. Im ge-
dass nicht einmal die Taufe ei- samten Viertel entlud sich die
nen Betroffenen reinwaschen Wut über die harte Knute von
konnte. Isabellas fanatischem Missio-
Die Ersten, die diesen Ras- nar. Als König Ferdinand in
sismus brutal zu spüren beka- Sevilla von den Vorgängen in-
men, waren konvertierte Ju- formiert wurde, rügte er seine
den. Nach 1485 wurden mehr Gattin dafür, den Kleriker los-
als 2000 von ihnen zum Schei- geschickt zu haben: „Sein
terhaufen verurteilt – trotz Leichtsinn hat in wenigen
Taufe galten sie als heimliche Stunden die Mühen von vie-
Anhänger ihrer alten Religion. len Jahren zunichtegemacht.“
Nach dem Fall Granadas und Es blieb bei der harten Li-
unter dem Banner der Inquisi- nie. Die Rebellen wurden un-
tion (siehe Marginalie Seite 73) ter der Auflage begnadigt, sich

70 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
beuten als Christen. Diese Sonderstellung
bescherte den Mauren freilich den Neid
und Hass der christlichen Unterschicht.
Diese Ordnung beendete 1519 ein Pest-
ausbruch in Valencia, mit 45 000 Einwoh-
nern eine der größten Metropolen der
Zeit. Die Begüterten flohen und überlie-
ßen die Stadt den Armen. Der habsbur-
gische Herrscher Karl V., Spaniens König
und Kaiser des Heiligen Römischen Rei-
ches, witterte die Chance, die Verhältnis-
se in Aragón aufzubrechen. Er erlaubte
dem Volk, bewaffnete „Germanías“ (Bru-
derschaften) zu gründen. Anfangs wehr-
ten diese Milizen nur die Korsaren ab,
muslimische Seeräuber. Bald aber wurde
aus dem Kampf ein Volksaufstand gegen
die verhasste Feudalherrschaft, bei dem
sich Klassenneid und religiöser Eifer ge-
genseitig befeuerten. Mit Schlachtgesän-
gen wie „Tod den Edelleuten! Tod den
Mauren!“ stürzte sich der Mob auf die
örtlichen Muslime, um sie zu töten oder
Zwangstaufen zuzuführen.
Der Hass siegte. 1526 rief zum ersten
Mal seit mehr als 800 Jahren in ganz Spa-
nien kein Muezzin mehr zum Gebet.

Doch die Fanatiker gaben keine Ruhe. Al-


les, was an die eroberte Kultur erinnerte,
war suspekt, konnte der Inquisition zur
Anzeige gebracht und mit Folter und Tod
geahndet werden. Das Misstrauen, das den
Zwangsgetauften in ihren neuen Gemein-
den entgegenschlug, verhinderte vielerorts
Ferdinand der Katholische nimmt ihre Integration. Viele Morisken suchten
taufen zu lassen. In einer Massenabferti- 1492 den Schlüssel von Granada ent- ihr Seelenheil jetzt heimlich im alther-
gung bespritzten Priester Granadas Mus- gegen (Illustration von Alfons Mucha, gebrachten Glauben. Die Kryptomuslime
um 1895).
lime im Namen Christi mit Weihwasser. hielten sich dabei an die koranische Praxis
Wenig später verkündete Isabellas Got- –
der „Takijja“ („Vorsicht“). Schon 1504 hatte
tesmann stolz: „Es gibt jetzt niemanden Aufstand der „Germanías“ in Valencia der Mufti von Oran eigens für die verfolg-
um 1521 (kolorierter Stich, 16. Jh.)
mehr in der Stadt, der kein Christ ist, ten Glaubensbrüder in Spanien Takijja-Re-
und alle Moscheen sind Kirchen.“ geln erlassen. Beim Beten des Ave-Maria
Das war pure Illusion. In und um Gra- Mit der Religionsfreiheit war es end- sollten sie im Stillen Mohammeds Namen
nada erhoben sich immer mehr Mauren gültig vorbei. Tausende Korane und kost- sagen, oder etwa, wenn ihnen Schweine-
oder Morisken, wie der Volksmund die bare arabische Handschriften wurden im fleisch aufgenötigt wurde, dieses „essen,
Zwangsgetauften nannte. In den Alpu- Herbst 1501 öffentlich verbrannt. Eine Flut aber in ihrem Herzen ablehnen“.
jarras, dem gebirgigen Hinterland, kam antimuslimischer Erlasse ergoss sich über Die Kirche war der Herausforderung
es zum blutigen Aufstand. Binnen drei das Volk. Betroffen waren Mauren und Mo- nicht gewachsen, die vielen „Neuchris-
Jahren wurden Tausende Muslime mas- risken in allen spanischen Königreichen. ten“ – es waren mindestens 300 000 – zu
sakriert oder in die Sklaverei verkauft. Die Muslime Aragóns genossen noch guten Katholiken zu machen. Es fehlte
In Andarax brannten christliche Truppen als Letzte Schutz. Das lag auch daran, an Lehrern und Mitteln. Schlimmer noch,
eine Moschee nieder, in die sich 600 dass das prosperierende Königreich im es wurden Priester aktenkundig, die ih-
Frauen und Kinder gerettet hatten. Die iberischen Nordosten nie wirklich die In- ren Morisken-Schäfchen Gelder abge-
Menschen fühlten sich von den Erobe- stitution der Inquisition anerkannt hatte. presst und deren Frauen vergewaltigt hat-
rern betrogen. „Wenn der König der Der ansässige, überaus reiche Adel hatte ten. 1570 mokierte sich ein Christ über
Conquista nicht sein Wort hält, was kön- immer auf eigene Rechte gepocht. Zu ih- die Blindheit einer Obrigkeit, die lieber
nen wir dann von seinen Nachfolgern er- nen zählte, dass die aragonesischen Mau- in fernen Weltgegenden anstatt vor Ort
warten?“, sorgte sich ein gramgebeugter ren auch solche bleiben durften. Auf diese missioniere. Das sei, „als ob jemand sein
muslimischer Edelmann, der seine Frau, Weise konnte man die fleißigen Arbeiter Haus voller Schlangen und Skorpione
drei Söhne und drei Töchter verloren auf den Zuckerplantagen und in den hätte, aber, anstelle es zu säubern, in Afri-
hatte. Weinbergen für weit weniger Lohn aus- ka Löwen und Strauße jagte“.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 71
Erzbischof Juan de Ribera war
Am 7. November 1566 erließ König einer der Hauptgegner der Morisken ihrer Kleriker schrumpfte. Die Forschung
Philipp II. ein Edikt, das alle bisherigen (Ölbild, F. Domingo Marqués, 1864). hat diese Annahmen als Vorurteile ent-
Erlasse in den Schatten stellte. Jeder er- larvt; in Kastilien etwa betrug der Bevöl-
denkliche maurische Brauch, von der ara- Alpujarras-Aufstand war der „grausams- kerungsanteil der Morisken kaum mehr
bischen Sprache bis hin zum Schleier der te Krieg im Europa des 16. Jahrhunderts“, als ein Prozent.
Frauen, wurde mit hohen Strafen belegt. so der britische Historiker Henry Kamen. Die Überfremdungsfantasien wurden
Der ehrwürdige Sprecher der Mauren Nach der Niederschlagung, 1571, vertrie- beflügelt durch die sinnenfreudige Hal-
Granadas, Francisco Núñez Muley, warn- ben die Sieger alle Morisken aus Anda- tung der iberischen Muslime zum Sex: In
te in einem Memorandum, dass dieses lusien nach Kastilien, in der Annahme, der Ehe galt die Lust beider Beteiligter
Vorhaben inakzeptabel sei angesichts der sie würden sich als Entwurzelte gefügiger als wesentlich. Noch in einem erotischen
Tatsache, dass die meisten Bräuche nicht zeigen. In Zwangsmärschen, bei denen Manual aus dem 17. Jahrhundert, verfasst
religiös, sondern kulturell motiviert wä- viele vor Hunger und Kälte zusam- in „Aljamiado“, einem in arabischen Let-
ren – und sogar Christinnen zuweilen ihr menbrachen, verließen mehr als 50 000 tern verschriftlichten Kastilisch, wird
Gesicht verschleierten. Bitter beklagte Menschen ihre Heimat. Sogar der Held dem Ehemann geraten, bei der Penetra-
sich Muley: „In den letzten 35 bis 40 Jah- dieser Kämpfe, Don Juan de Austria, der tion „bismillah“ („Im Namen Gottes“) zu
ren haben die Männer hier sich in kasti- kurz darauf Weltruhm in der Schlacht rufen und den Orgasmus so lange hinaus-
lischem Stil gekleidet in der Hoffnung, von Lepanto gegen die Osmanen errin- zuzögern, „bis er sicher ist, dass beide
dass Ihre Majestät ihnen im Gegenzug gen sollte, bedauerte die von ihm Besieg- Partner ihn zur selben Zeit erreichen“.
gewisse Freiheiten gewähren würde. Nun, ten. „Die Entvölkerung eines Königreichs Dadurch, so das Traktat, sei „viel Liebe“
davon haben wir nichts gesehen. Mit je- ist das Traurigste, was man sich vorstellen gewonnen.
dem weiteren Tag verschlechtert sich un- kann“, schrieb er aus Granada. Natürlich verbot der Islam damals ge-
sere Lage.“ nauso den zügellosen, unehelichen Sex
Was den König zu dem harschen Die Deportation löste indes kein Problem. wie das Christentum. Letztlich scheiter-
Schritt bewogen hatte, ist unklar. Ein von Fast 20 Jahre später sah der Bischof von ten alle Integrationsversuche an dem Di-
Philipp II. konsultierter Theologieprofes- Badajoz die Assimilation der granadini- lemma, dass man von den Morisken ei-
sor hatte den knappen Rat erteilt: „Je schen Morisken in Kastilien als geschei- nerseits verlangte, unsichtbar in der Mas-
mehr tote Mauren, desto mehr Profit, tert an: Immer noch sprachen sie ihr se der Christen aufzugehen, sich aber an-
weil es dann weniger Gegner gibt.“ Den „Kauderwelsch“ und heirateten fast nur dererseits genau davor fürchtete: Denn
König soll dieses Diktum erfreut haben. untereinander. Das Gespenst eines de- hinter einer christlichen Fassade könnten
Die blutigen Folgen des Gesetzes waren mografischen Desasters ging jetzt in Spa- sich ja „Verräter“ verstecken.
offenbar einkalkuliert. nien um: dass die Morisken jünger heira- Im April 1582 malte der Generalinqui-
Das Edikt war der Anfang vom Ende. teten, mehr Kinder bekämen, während sitor das Bild einer Verschwörung:
In seiner Folge griffen Granadas Moris- die christliche Bevölkerung auch wegen 200 000 Morisken-Kämpfer stünden be-
ken wieder zu den Waffen. Dieser zweite der gefallenen Soldaten und des Zölibats reit, um den türkischen Sultan bei einer

72 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Aufstieg Europas Vertreibung

Eroberung Spaniens zu unterstützen. Er Die Entscheidung zur Deportation fiel In Nordafrika ging der Schrecken wei-
empfahl, sich aller Morisken zu entledi- in einer geheimen Kabinettsrunde am 30. ter. Al-Makkari, Chronist der Auswei-
gen. Eine Vertreibung sei kostspielig, wür- Januar 1608; neun Jahre später begrün- sung, berichtet, dass so viele Morisken
de sich aber amortisieren, so der oberste dete der Drahtzieher, der Herzog von „auf den Straßen von Arabern überfallen“
Glaubenspolizist, weil sie für „Sicherheit Lerma, den Zeitpunkt damit, dass Spa- wurden, dass „nur wenige am Ziel anka-
und Ruhe“ sorgen würde. Widerspruch nien mit Hinweis auf die Morisken den men“. Viele mussten ihre Glaubenszuge-
kam ausgerechnet von der Inquisitions- damals noch flackernden Krieg mit dem hörigkeit durch Vorzeigen der Beschnei-
behörde in Valencia, die mahnte, man abtrünnigen Flandern „ehrenhaft“ been- dung beweisen. Andere dagegen erwie-
könne die Morisken nicht in die Fremde den konnte. Truppen und Flotten waren sen sich als so christlich, dass sie sich
schicken, denn diese seien schließlich jetzt frei für die Abwicklung der Depor- sträubten, eine Moschee auch nur zu be-
„Spanier wie wir“. tation. Der Beschluss sollte zwar für alle treten – eine Moriskengruppe wurde des-
Dennoch: Die Ausweisung schien nur spanischen Königreiche gelten – wurde halb in Tétouan gesteinigt. Mindestens
noch eine Frage der Zeit. Immer mehr aber, aus logistischen Gründen, zunächst ein Sechstel der Deportierten überlebte
Zeitgenossen schrieben sich in Rage ge- nur in Aragón bekannt gegeben. sein Schicksal nicht – womöglich über-
gen die Morisken. Die einen wollten sie Am Morgen des 24. September 1609 standen sogar drei Viertel die Auswei-
nach Neufundland verschicken, andere verkündeten Stadtschreier in Valencia die sung nicht lebendig.
die Menschen in Booten ohne Segel den Ausweisung aller Morisken wegen Ketze- Spanien hatte seine Bürger in den mas-
Wellen überlassen –  allesamt Maßnah- rei sowie „göttlicher und menschlicher Ma- senhaften Tod geschickt.
men, für die das in Kämpfe verstrickte jestätsbeleidigung“. Binnen drei Tagen
Land kein Geld hatte. Warnend warf der hätten sie in ihren Häusern ihrer Deporta- Die Überlebenden verzehrten sich oft vor
Königliche Sekretär in die Debatte, dass tion zu harren. Kleinkinder unter vier Jah- Heimweh. 1611 schrieb ein Moriske aus
die Landwirtschaft ohne die Morisken ren waren ausgenommen von der Order. La Mancha an seinen früheren Herrn, es
brachläge. Eigentlich gäbe es „keine Ecke Kostbare Besitztümer wurden den Moris- gäbe „keinen Tag noch Nacht, in der wir
im Land, die man nicht den Morisken ken abgenommen, etwaige Landtitel soll- nicht unser Land und unserer Nachbarn
hätte geben sollen“, weil nur diese wüss- ten an adelige Großgrundbesitzer fallen. gedenken“. Er sei entschlossen, nach
ten, „wie man es im Überfluss fruchtbar Während die ersten mit Morisken be- Spanien zurückzukehren, „wir weinen
macht“. Kurz danach starb Philipp II. Un- ladenen Schiffe bereits gen Afrika segel- Tränen aus Blut und werden zurückge-
ter seinem Nachfolger begann der rapide ten, legte die kastilische Stadt Murcia Ein- hen, auch wenn sie uns hängen“.
Niedergang des spanischen Weltreichs. spruch ein. Der Stadtrat bat den König Tatsächlich kehrten manche heimlich
Philipp III. war bigott wie seine Vor- eindringlich, Murcias Morisken zu scho- zurück. Aus der kastilischen Stadt Villa-
fahren Isabella und Ferdinand, aber ohne nen, weil diese gute Christen seien, rubia musste eine hartnäckige Morisken-
deren politische Ambitionen. Er verlegte „treue und loyale Vasallen der Königli- gruppe sogar dreimal davongejagt wer-
sich lieber aufs Jagen und überließ seine chen Krone“. Ähnlich lautende Appelle den. Und dennoch ist es, wie Historiker
Amtsgeschäfte Günstlingen. Zu Beginn kamen bald aus Städten in ganz Spanien. nachgewiesen haben, einigen Morisken
des 17. Jahrhunderts verschlechterte sich Ohne Erfolg: Ab Januar wurden über- gelungen, mit gefälschtem christlichen
die soziale und ökonomische Situation all die Morisken zu den Häfen geschickt. Stammbaum für immer in der alten Hei-
Spaniens eklatant: 600 000 Menschen star- Unterwegs wurden die Ärmsten oft be- mat zu bleiben.
ben an der Pest, Missernten und Hun- raubt, Mädchen und Frauen vergewaltigt. 1622, ein Jahr nach dem Tod
gersnöte suchten das Land heim. Hinzu Es gab Moriskenschiffe, die niemals an- Philipps III., stellte sein Nachfolger nüch-
kamen militärische Niederlagen, für die kamen, weil die Passagiere von den tern den „großen Schaden der Auswei-
die Sündenböcke rasch gefunden waren: Crews auf hoher See getötet wurden, um sung“ fest. Insbesondere das Königreich
die Morisken. anschließend die Leichen zu fleddern. Aragón lag brach.
Mehr als 350 Jahre später, 1982, bot
die spanische Regierung den Nachfahren
der 1492 ausgewiesenen Juden die spani-
Spanische Inquisition ein wichtiger Berater des Königs- sche Nationalität an. Den Nachfahren der
paars. Neben Juden, Konvertiten und Morisken machte man dieses Angebot
Von Rom weitgehend unabhängig ging Morisken verfolgten die spanischen nicht. Als im Januar 2005 König Juan
die Spanische Inquisition umfassend ge- Glaubenswächter auch Protestanten, Carlos vor einem Besuch im marokkani-
gen Ketzer vor. Sie war im Kern eine spirituelle Gruppen sowie Katholiken, schen Tétouan stand, wurden Gesuche
staatliche Einrichtung, die seit 1488 die der Blasphemie bezichtigt wur- dort ansässiger Moriskennachfahren nach
durch die „Suprema“, den königlichen den. Eine weitere Aufgabe der einer formellen Entschuldigung laut:
Inquisitionsrat, gesteuert wurde. Die Kontrollbehörde war die Bücherzen- „Wir wollen moralische Reparationen für
spanische Inquisition unterschied sich sur. Jahrhundertelang kannte jeder die Wunden, die wir erlitten haben“, so
auch dadurch von der Ketzerverfolgung Spanier das Wappen der Inquisition: einer ihrer Sprecher. Man fühle sich
in Italien oder Frankreich, dass sie eng ein Kreuz zwischen einem Oliven- „mental“ an dieselbe Geschichte gebun-
mit der rassistischen Ideologie von zweig und einem Schwert, Sinnbilder den: „Spanische Traditionen sind auch
der „Reinheit des Blutes“ verbunden für Gnade und gerechte Strafe. 1829 unsere.“
war; diese galt bis hinein ins Zeitalter erklärte der Papst das Ende der unab- Der Besuch des spanischen Staatsober-
der europäischen Aufklärung im 18. Jahr- hängigen Inquisition in Spanien; Fälle haupts in Tétouan wurde kurzfristig ab-
hundert. Erster Generalinquisitor war von Ketzerei wurden fortan nur noch gesagt.
der Dominikaner Tomás de Torquemada, zentral in Rom verfolgt. annette.bruhns@spiegel.de

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 73
Aufstieg Europas Wirtschaftliche Macht

Im Mittelalter war die islamische Welt der europäischen weit voraus.


Wieso verkehrten sich die Verhältnisse? Ein Gespräch mit Alexander Flores
über Druckerpressen, Aufklärung und die Unterdrückung der Frau.

„Der Tigris färbte sich blau“

SPIEGEL: Herr Professor Flores, den risch vorgingen. Das lässt sich fest-
kometenhaften Aufstieg der islamischen stellen bei den Mamluken, die ja die
Welt im Mittelalter führen manche His- Kreuzfahrer letztlich besiegt haben. Sie
toriker auf die Toleranz und Aufge- verfolgten Andersgläubige mit größerer
schlossenheit muslimischer Philosophen Härte: Schließlich hatten diese sich
zurück. In der Neuzeit wurde das einst ja als politisch unzuverlässig erwiesen.
bestaunte Morgenland von Europa
überholt. War die wissenschaftliche Im muslimischen Bewusstsein gilt die Er-
Neugier verloren gegangen? oberung Bagdads durch die Mongolen
Flores: Ich halte die Ausgangsthese für Alexander Flores studierte Soziologie, im Jahr 1258 als Endpunkt der Blütezeit.
falsch. Die intellektuelle Entwicklung Germanistik, Arabistik und Islamwissen- Das war eines der einschneidendsten
war zwar enorm, aber nicht Grund des schaft an der Universität Münster. Er Ereignisse und symbolisch aufgeladen,
forschte und lehrte an den Universitäten
Aufstiegs. Den sehe ich in der realhisto- Essen, Birzeit (Westjordanland), Erlan-
weil damit das abbasidische Kalifat end-
rischen Entwicklung. In kurzer Zeit ent- gen, Hamburg, Berlin und Würzburg. gültig beendet wurde. Bagdad wurde
stand ein riesiger einheitlicher muslimi- Von 1995 bis 2014 war er Professor für nahezu vollständig zerstört, inklusive
scher Herrschaftsbereich – und die Sie- Wirtschaftsarabistik an der Hochschule aller Bibliotheken: Der Tigris färbte
ger waren so schlau, von den eroberten Bremen. Flores ist Autor vieler Bücher, sich angeblich blau durch die Tinte der
Kulturen und den Nachbarn zu lernen. darunter „Islam – Zivilisation oder Bar- in ihn geworfenen Manuskripte.
barei?“. Suhrkamp; 294 Seiten; 12 Euro.

Erst die wirtschaftlich-militärische Trotzdem messen Sie Bagdads Fall eher


Dominanz hat also die Kräfte tun, von einem generellen Niedergang symbolische Bedeutung zu.
freigesetzt für kulturelles Schaffen? ab dem 11. Jahrhundert reden. Sondern Es gab andere Abstiegsfaktoren:
Genau. Man ist ja dann besonders eher von einer Stagnation, ausgehend etwa die Tatsache, dass man im ara-
aufgeschlossen, wenn man sich stark von der Wirtschaft, die mit dem Errei- bisch-islamischen Raum nicht gezwun-
fühlt. Die Kalifen förderten Denker und chen der größten Ausdehnung – grob ge- gen war, für den Export zu produzieren.
Forscher. Ohne diese große geistige sagt von Samarkand bis Spanien – nicht Man hatte relativ viele Edelmetalle und
Freiheit wäre die Entstehung dieser mehr wuchs. Ihre Blüte war vor allem musste nicht hochwertige Waren produ-
Zivilisation in der Tat undenkbar. dem Fernhandel geschuldet. Der ara- zieren, um Importe zu bezahlen. Für
bisch-iranische Raum verband Welt- das Handwerk und dessen Qualität war
Von welchem Zeitraum reden wir regionen miteinander: Europa, Zentral- das nicht förderlich. Hinzu kam, dass es
eigentlich bei der „Blüte des Islam“? und Südasien, das subsaharische Afrika. in der islamischen Welt keine autono-
Von den ersten zwei Jahrhunderten Alle Karawanen passierten diesen Raum; men Städte gab. Die kapitalistische Ent-
der abbasidischen Zeit, also etwa 750 dabei setzte sich viel Reichtum ab. Doch wicklung in Europa begann ja gerade in
bis 950. dieser Handel war auf Stabilität ange- den Städten. Solche Autonomie, wie Ve-
wiesen. Als das abbasidische Kalifat zer- nedig und andere Handelsstädte sie hat-
War das damals noch ein überwiegend brach, nahm die Stabilität ab. Wenn ten, gab es im Orient nicht.
arabischer Raum – im Gegensatz zu etwa habgierige Herrscher räuberisch
heute, wo die meisten Muslime auf der auf Vermögen zugreifen, lassen sich kei- Ein sehr spannender Punkt! Wie war
Welt ja keine Araber sind? ne größeren Kapitalien ansammeln. denn die Verfasstheit der arabischen
Die Sprache von Religion und Wis- Städte, von denen manche ja riesig wa-
senschaft war arabisch. Auch wenn Hinzu kamen die Angriffe aus Europa, ren – wie Alexandria, Kairo ...
anderssprachige Völker wie Perser oder das die islamischen Länder mit Kreuz- ... sie waren in der Tat sehr groß,
Berber dieses Reich mitprägten. zügen traktierte. hier saßen das Militär, die religiösen
Die Kreuzzüge haben im muslimi- und rechtlichen Autoritäten, hier waren
Und warum fiel nun das Morgenland schen Bewusstsein keine großen Spuren Moscheen, Handwerker, Händler und
gegenüber Europa zurück? hinterlassen. Eine Folge war, dass die Karawansereien. Fast immer saßen hier
Das war ein sehr langsamer Prozess. Muslime ihrerseits unduldsamer wur- aber auch Regierungen – mit direktem
Man kann nicht, wie einige Historiker es den, weil Kreuzritter ja relativ barba- Zugriff auf Wirtschaft und Finanzen.

74 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Ende einer Epoche: 1258 wird Bagdad
von Mongolen zerstört (persische Illustration
Anfang des 14. Jh.).

Bagdad war 762 als Sitz des Kalifen gegründet
und planmäßig zur Hauptstadt ausgebaut
worden. Die moderne Darstellung zeigt die kreis-
förmige Metropole im 10. Jahrhundert auf
dem Höhepunkt der abbasidischen Herrschaft.

Wann fällt dann die islamisch-arabische


Welt zurück? Der Wiener Wirtschaftshis-
toriker Peter Feldbauer kam jüngst in
einer Studie zum Ergebnis, dass die
Staaten des arabisch-iranischen Raums
noch bis zum frühen 16. Jahrhundert
über „leistungs-, anpassungs- und inno-
vationsfähige Ökonomien“ verfügten.
Ich würde weitergehen als Feldbauer,
etwa bis 1800. Noch im 17. Jahrhundert
war das Osmanische Reich den euro-
päischen Staaten in mancher Hinsicht
überlegen, etwa in der Verwaltung.

Aber geistig schottete man sich ab. Gu-


tenbergs Buchdruck, der seit Mitte des
15. Jahrhunderts in Europa für die enor-
me Verbreitung von Ideen sorgte, wur-
de von den osmanischen Sultanen lan-
ge verboten – unter Berufung auf die
Religion. Erst 1727 wurde eine Presse
mit arabischen Lettern genehmigt.
Trotzdem machen Sie in Ihren Veröf-
fentlichungen gerade nicht den Islam
für das repressive geistige Klima verant-
wortlich. Wieso nicht?
Möglicherweise hat sich der Sultan
gefürchtet, dass Bücher subversives
Gedankengut verbreiten – aber nicht
unbedingt religiös subversives.

Sie meinen, die weltliche Macht hat reli-


giöse Gründe vorgeschoben, um Dru-
ckerpressen zu verbieten. Und damit
die Entwicklung abgewürgt.
Na ja. Geistige Entwicklungen spie-
len in meinen Augen eine unterstützen-
de oder hindernde Rolle – entschei-
dend sind sie nicht. Entscheidend sind
immer wirtschaftliche Wettbewerbsvor-
teile oder eben Nachteile. Der Punkt,
an dem Europa uneinholbar wurde,
war die industrielle Revolution. Durch
sie sind einige Staaten Europas so er-
starkt, dass sie die ganze Welt erobern
konnten. Dies ist der Knackpunkt,
nicht die Stagnation der islamischen
Welt.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 75
Aufstieg Europas Wirtschaftliche Macht

Sie sehen also die islamische Welt ab


1500, als die europäische Expansion be-
gann, noch nicht im Hintertreffen – so-
gar dann noch nicht, als sich die Euro-
päer Amerika unter den Nagel rissen.
Interessanterweise hat ja das expan-
dierende Europa den Kernbereich der is-
lamischen Weltregion umgangen. Nie-
mand fiel erobernd ins Osmanische
Reich ein – offenbar weil es lange noch
zu stark war. Paradoxerweise verdank-
ten die Osmanen ihre militärische Stär-
ke bald aber auch der Übernahme euro-
päischer Errungenschaften. Schon im
späten 17. Jahrhundert hat man Waffen
aus Europa importiert, Rüstungsbetriebe
mithilfe europäischer Ingenieure ein-
gerichtet, Offiziere zur Ausbildung geru-
fen. Der Zeitpunkt, an dem die Macht-
verhältnisse unumkehrbar gekippt wa-
ren, kam zwar erst um 1800. Aber die
Entwicklungen, die dazu führten, hatten
sehr, sehr viel früher eingesetzt – etwa
mit dem Aufstieg der italienischen Han-
delsstädte im 13. Jahrhundert.

Städte wie Genua, Pisa oder die Repu-


blik Venedig?
Genau. Venedig dominierte jahrhun-
dertelang den Mittelmeerhandel, mit
Dependancen bis weit in den Osten.

Apropos Handelsdependancen: Der Ori-


entalist Bernard Lewis hat darauf hinge-
wiesen, dass die islamische Welt lange
keine Handelsniederlassungen in
Europa hatte und auch keine Gesand- Sie fühlten sich nie in die Enge ge- Ich bin nicht sicher, ob sie damit
ten. Muslime durften nicht unter Un- drängt, um nach Auswegen zu suchen. recht haben. Auch im islamischen Be-
gläubigen leben, deren Sprachen spre- reich hat es Säkularisierungsprozesse ge-
chen, von ihnen lernen. Man reiste Die Osmanen haben sogar noch 1453 geben, und es gibt sie noch. Nur liefen
zwar nach Mekka, aber nicht in die Welt Konstantinopel erobert und damit ein die nicht so ab wie in Europa, wo die
der Ungläubigen – weshalb man ja auch großes Ausrufezeichen gesetzt, auch der Konstellation relativ klar war: hier die
lange nichts von den Umwälzungen, die Vorstoß gen Balkan ging ja noch lange Kirche mit ihrem Herrschaftsanspruch,
in Europa stattfanden, wusste. Wirkte Zeit erfolgreich weiter ... dort der Staat, der sich dem manchmal
da nicht doch die Religion einengend? ... die Türken standen zweimal vor gefügt hat, dann wieder nicht – ein tau-
Nicht „die“ Religion, sondern be- Wien, bis sie endgültig zurückgeschla- sendjähriger Prozess. Im islamischen Be-
stimmte Auslegungen. Der Islam hat gen wurden. Wie weit man abgeschla- reich ist die Konstellation nicht so klar.
ein außerordentlich breites Spektrum. gen war, drang eigentlich erst während Der Staat selbst stellt die religiöse Orga-
Man kann sich im Koran aus wider- Napoleons Ägypten-Expedition 1798 nisation – zumindest in weiten Berei-
sprüchlichen Vorstellungen stets das he- ins Bewusstsein. Obwohl die Franzosen chen des sunnitischen Islam. De facto
rauspicken, was die eigenen Interessen nach drei Jahren wieder abziehen muss- aber gab es auch im Islam, seit sehr frü-
stützt. In der Zeit der frühen Blüte hat ten, begannen einige Intellektuelle nun, her Zeit, die funktionelle Trennung zwi-
der Islam die geistige Freiheit kaum be- verstärkt Fragen zu stellen ob der ver- schen religiösem und weltlichem Be-
hindert. Später scheint es dann so, als blüffenden Stärke der Europäer. Da- reich. Nur ist das nicht so deutlich aus-
wirkte der Glaube bremsend. Doch mals setzte die im Grunde bis heute buchstabiert worden.
handelte es sich dabei um die Ideologie andauernde Suche ein: Wie kommen
einer bestimmten Zeit, angepasst an wir aus dieser Unterlegenheit heraus? Wie ist es mit der Aufklärung? Die isla-
eine stagnierende Gesellschaft. Diese mische Welt kannte keine Aufklärung –
Ideologie hemmte dann zusätzlich den Stichwort Säkularisierung. Es gibt mus- und krankte daran?
Fortschritt. Wahr ist aber auch, dass limische Vordenker, die der Meinung Auch da würde ich widersprechen.
die Menschen gar nicht die Notwendig- sind, ihrer Welt habe die Trennung von Die Aufklärung entstand ja in
keit einer Öffnung nach außen sahen. Kirche und Staat gefehlt. Europa, weil sich zwei Kräfte gegen-

76 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
In der Seeschlacht von Lepanto 1571
besiegt die christliche „Heilige Liga“ die Osmanen
(zeitgenössisches Gemälde aus der Tintoretto-
Werkstatt).

wicklung. Vor allem aber ist das eine


große Krux für die Betroffenen selbst.

Und das hat wieder nichts mit dem


Islam zu tun? Muslime wie Kemal, die
das Europa des 19. Jahrhunderts be-
suchten, beschrieben schon damals, wie
viel respektvoller Frauen hier behan-
delt würden, und fragten sich, ob das
vielleicht an der Marienverehrung liege.
Die Unterdrückung der Frau liegt an
bestimmten Versionen des Islam, die
man während des abbasidischen Kali-
fats in Rechtsform gegossen hat. Für
das Verhalten von Frauen wurden da-
mals Normen übernommen, die in Städ-
ten wie Bagdad, Basra oder Kufa als
vornehm galten. Zu Mohammeds Zei-
ten hatten Frauen noch viel mehr Ein-
fluss gehabt – und auf dem Land liefen
sie sowieso nicht verschleiert herum.

Bernard Lewis erklärte den „Unter-


gang des Morgenlandes“ in seinem
gleichnamigen Buch damit, dass viele
Muslime meinten, die bessere, neuere
Version des alten, teilweise falschen
Glaubens der Christen zu haben und
daher per se überlegen zu sein. Die
reale Überlegenheit der Europäer
interpretierten manche dann als Folge
überstanden: die Absolutisten und die Schutz bieten konnte, wenn ein der eigenen Glaubensschwäche.
die, die gegen die Herrschaft des Denker wie Voltaire die Kirche lauthals Ach was! Die meisten haben sich
Gottesgnadentums aufstanden– eben verdammte. In einem Staatswesen, in über das Christentum keine Gedanken
die Aufklärer. Im islamischen Bereich dem der Sultan auch der Kalif ist, wäre gemacht. Sie waren wie so viele An-
gab es diese Konstellation so nicht. solche Kritik doch undenkbar. hänger einer Religion der Überzeugung,
Dort rangen aber von Anfang an auf- Zumindest schwierig. Aber in gewis- dass ihr Glauben der beste sei. Im
klärerische und dogmatische Posi- sen Phasen ging auch das. Noch am 19. Jahrhundert spaltete sich die Gesell-
tionen miteinander. Das können Ende des 19. Jahrhunderts war es vieler- schaft dann in Traditionalisten, die am
Sie im Koran sehen, wo etliche Male orts leichter als heute, aufklärerische Islam so, wie er war, festhalten wollten,
zum Vernunftgebrauch aufgerufen Gedanken zu äußern. Heute stehen sich und Modernisten, die das Gegenteil
wird. Der Koran versucht besonders die Blöcke unversöhnlich gegenüber. propagierten. Seit dem Beginn der Ko-
in seinen frühen kurzen Suren, Aufklärerische Tendenzen als Reaktion lonialherrschaft streiten sich Intellek-
die Leute durch rationale Argumente auf den Fundamentalismus gibt es zwar; tuelle und Politiker darüber, wie viel
zu überzeugen, indem er etwa sie dringen aber kaum durch. vom Eigenen – also der eigenen Identi-
sagt: Guck dir doch die Natur an, tät – behalten werden muss, um nicht
wie Leben mit Embryonen beginnt – 1867 klagte der osmanische Schriftsteller im Anderen unterzugehen, und wie
alles rationale Argumente für die Namık Kemal, dass „unsere Frauen als viel man übernehmen sollte. Das große
Existenz eines Gottes. Aber es gab Wesen betrachtet werden, deren einziger Problem, nämlich die Abhängigkeit
im Islam eben auch immer den Lebenszweck darin besteht, Kinder zu vom Westen, ist ja bis heute nicht beho-
schlichten Köhlerglauben und Tenden- bekommen“. Inwieweit behindert die an- ben – trotz allen Ölreichtums.
zen, die wir heute als salafistisch haltende Unterdrückung der Frau die
bezeichnen. Entwicklung in der muslimischen Welt? Herr Professor Flores, wir danken
Wenn die Hälfte der Bevölkerung im Ihnen für dieses Gespräch.
Aufklärung im Westen war vor allem öffentlichen Raum und im Produktions-
dadurch möglich, dass es neben der prozess ausgeschlossen wird, behindert Das Gespräch führten die Redakteure
kirchlichen Macht eine weltliche gab, das, keine Frage, gesellschaftliche Ent- Annette Bruhns und Dietmar Pieper.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 77
Aufstieg Europas Propaganda

schrieb schon 1542 eine Schrift mit dem


Die Angst vor den Türken lieferte am Ende schlichten Titel „Ermanung“ ein Volk,
des Mittelalters reichlich Stoff für das brandschatzt und seine Feinde zer-
das neueste Medium, den Buchdruck. stückelt, das „so viele Christenleute so
jämmerlich ermordet, Jungfrauen, Frau-
en und Kinder erbärmlich zu ewiger Skla-

Agenten des Teufels verei wegschafft und wie das Vieh hält
und missbraucht“. Der Wiener Bischof
Johann Fabri ging so weit, die Türken
der Misshandlung Schwangerer zu be-
zichtigen – die „Schurken“ würden sogar
„unreife Früchte aus dem Schoße der
Mütter“ reißen, predigte er.
Von Martin Knobbe Die Forderung der meisten Autoren
lautete: aktiver Widerstand. Im „Türken-

E
s hieß „Ein Gebetlein für die Kinder“ und war ein kalender“, der schon Ende 1454 in einer
martialischer Aufruf: „Stürze mit deinem grossen Auflage von schätzungsweise 200 Exem-
Arm den Türcken und andere Feinde deines Nahmens/ plaren in Mainz von Gutenberg gedruckt
wie du den Stolzen Pharao gestürzet/ und mit allem wurde, werden die europäischen Macht-
seinem Heer im roten Meer ertrencket hast.“ Denn der Türke, haber zum Krieg gegen die Türken auf-
so erfährt man aus den Zeilen zuvor, wolle mit „Raub/ Brandt Das „Türcken rufen.
und Mordt“ die schönen „Länder, Stedte, Flecken und Dörffer/ Büchlein“ des Die Kirche sah in ihren Schriften die
schrecklich verwüsten“. schwäbischen osmanische Expansion als eine heils-
Reformators
Die Hetzschrift für Kinder stammt aus einem Buch mit „Vie- Johannes Brenz
geschichtliche Bedrohung Europas an. Sie
len Schönen ausserlesenen/ hochtröstlichen und andechtigen erschien 1537 in stellte die Muslime als teuflische Vor-
Gebeten“, das 1595 erschien. Wittenberg. boten des „Antichristen“ dar, die zu be-
Zu dieser Zeit sahen die Herrscher Europas den Expan-
sionsdrang des Osmanischen Reiches mit großer Sorge: 1453
hatten die Truppen aus dem Osten Konstantinopel erobert,
die Hauptstadt des Oströmischen Reiches, von dem kaum noch
etwas übrig war; 1529 standen die Türken das erste Mal vor
Wien. Die Angst, von ihnen unterjocht zu werden, entwickelte
sich zu einem Trauma Europas. Und „der Türke“ wurde der
Inbegriff für das Fremde aus einer dunkel erscheinenden Welt:
dem Reich der Muslime.
Schon seit dem Mittelalter nahmen die lateinischen Christen
den Islam als das wohl wichtigste „Andere“ wahr. Nun war die
Furcht vor diesem Fremden tief in die Gesellschaft eingedrun-
gen, bis in die Sphären der Kinder sogar. Grund dafür war auch
ein neuer Weg ihrer Verbreitung: gedruckt auf Papier.
Um 1450 hatte der Mainzer Goldschmied Johannes Guten-
berg den Buchdruck mit beweglichen Lettern aus einer beson-
deren Legierung erfunden, die erste Gemeinschaftsdruckerei
entstand. Papier war ideal, Geschichten über angebliche Gräuel-
taten der Türken breit zu streuen. „Das westeuropäische Islam-
bild wurde ab dem 15. Jahrhundert entscheidend durch das
neue Medium des Buchdrucks geprägt“, schreibt die Schweizer
Historikerin Almut Höfert.

Die Flut an „Türcken“-Drucken – „Zeytungen“, Flugschriften


und Sammlungen – löste, wenn man so will, den ersten „Shit-
storm“ der Geschichte aus. Er nährte sich aus Stereotypen und
hatte das Ziel, Propaganda gegen die Türken zu verbreiten.
„Fake News“ mag ein Begriff von heute sein, in den Schriften
der frühen Neuzeit hielt man es mit der Wahrheit aber auch
nicht immer genau.
Die Türken erscheinen darin meist als wildernde, barbari-
scher Rohlinge, die nicht, wie von einem Teil der italienischen
Humanisten vermutet, von den Trojanern abstammten, son-
dern angeblich von den Skythen, einem antiken Volk von Rei-
ternomaden, mit dem sich eine Vorstellung von anarchischer
Grausamkeit, Wollust und Widerwärtigkeit verband. So be-

78 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
kämpfen seien. In seiner Kreuzzugs-
bulle vom 30. September 1453 ver-
glich Papst Nikolaus V. den Eroberer
Konstantinopels, Sultan Mehmed II.,
mit dem roten Drachen – in der Of-
fenbarungsgeschichte eine apokalyp-
tische Figur. SPIEGEL-Gespräche live
Der Reformator Martin Luther war
zwar kein Verfechter dieser Art von
Auseinandersetzung: Sollte der
im Bucerius Kunst Forum
Krieg unter dem Symbol des Kreuzes
stehen, schrieb Luther, „so wollt ich
davon lauffen, als iagt mich der Teu-
fel“. Gleichzeitig aber sah auch er
die Türken als barbarische Feinde
Der Islam und Europa
des christlichen Glaubens an und den

Martin Zitzlaff
Vormarsch von „des Teufels Diener“
als Unheil. Doch sei die sündige
Christenheit selbst schuld, weshalb
sie auf diese Weise von Gott gestraft
werde.
Viele Pfarrer verknüpften ge-
schickt die verbreitete Sitten- und
Lasterkritik mit der türkischen Be-
drohung. So schrieb der lutherische
Theologe Georg Mylius in einer Pre-
digt über die Deutschen: „Helden
sein sie Wein zu sauffen / und Krie-
ger in füllerey ... Dieses Laster ist
auch gegen dem Türcken unser größ- Der Politik- und Islamwissenschaftler Loay Mudhoon untersucht
ter Verrether.“
Für das Heilige Römische Reich
das Verhältnis von Islam und Demokratie sowie Reformansätze
und seine Herrscher hatte die kol- im zeitgenössischen Islam-Diskurs. Der Nahost-Experte
lektive Furcht vor den Türken aber
auch Vorteile: Der gemeinsame der Deutschen Welle und verantwortliche Redakteur des
Feind verband. Und mit einer ver- Internetmagazins „Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt“
ängstigten Bevölkerung ließ es sich
zudem leichter regieren: Kaum einer diskutiert mit der SPIEGEL-Redakteurin Annette Bruhns.
hinterfragte ausgreifende Kriegszü-
ge, die durch gut gefüllte Kriegskas-
sen finanziert wurden – durch „Tür-
kensteuern“.
Erst nach der Niederlage der Os- Dienstag, 14. Februar 2017, 20 Uhr
manen bei der zweiten Belagerung Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, 20095 Hamburg
von Wien 1683 und im anschließen-
den 16-jährigen Großen Türkenkrieg
wich in Europa die lange gepflegte
Furcht. Ende des 16. Jahrhunderts
lösten Reiseberichte aus dem „Ori- Tickets sind im Bucerius Kunst Forum und in allen bekannten Vorverkaufsstellen
ent“ und ein echtes Interesse an tür- erhältlich. Die Eintrittskarte (10 Euro/8 Euro) berechtigt am Veranstaltungstag
kischer Mode und Musik die Gräuel- zum Besuch der Ausstellung „Paula Modersohn-Becker. Der Weg in die
schilderungen ab (zur Orientsehn- Moderne“ (4. Februar bis 1. Mai 2017).
sucht siehe Seite 88). Die Ausstellung ist am Veranstaltungsabend von 19 bis 19.45 Uhr exklusiv
Andere machten sich über die Os- für Veranstaltungsgäste geöffnet. Änderungen vorbehalten.
manen nun lustig, der „Türkenspott“
wurde zum neuen Genre in Kunst
und Architektur. Die dort dargestell-
ten Osmanen trugen Bart, Turban
und einen Krummsäbel, vor dem BUCERIUS
sich niemand mehr fürchtete. K U N S T
martin.knobbe@spiegel.de FORUM

79
Ein Bild und seine Geschichte

Retter
aus Polen
Von Dietmar Pieper

m Ende des Mittelalters waren die


A Habsburger die mächtigste Familie
Europas, und Wien war ihre Haupt-
stadt. Sie brachten Könige und Kaiser in end-
los erscheinender Folge hervor, alle gut katho-
lisch. Das Haus Österreich, wie sich die Dy-
nastie nannte, zählte zu den ersten Verteidi-
gern des römischen Christentums, auch wenn
es manchmal Streit mit dem Papst gab.
Zur selben Zeit wie die Habsburger waren
weit entfernt im südöstlichen Mittelmeerraum
die türkischen Sultane immer stärker gewor-
den. Die Dynastie der Osmanen kontrollierte
große Teile der arabischen Welt und übte die
Schutzherrschaft über Mekka und Medina aus.
1453 war es ihnen gelungen, nach 54 Tagen
Belagerung Konstantinopel, den „Goldenen
Apfel“ am Bosporus, zu erobern.
Ein Menschenalter später wurde ein zweiter
„Goldener Apfel“ zum nächsten großen Ziel
der osmanischen Expansion: Wien, die glanz-
volle Stadt an der Donau. Türkische Heere
drangen auf dem Balkan immer weiter nach
Norden vor, nahmen große Teile Ungarns ein
und standen im September 1529 vor den Mau-
ern der Habsburger-Metropole. Doch schon
bald sah sich Sultan Süleyman („der Prächti-
ge“) gezwungen, die Belagerung abzubrechen.
Wien bleibt für die Osmanen ein ferner
Traum, bis sie 1683 wieder einen großen An-
lauf unternehmen. Im Mai schickt Sultan Meh-
med IV. seinen Großwesir Kara Mustafa mit
einem Heer von mehr als 100 000 Mann in den
Kampf. Schon im Juli stehen die Türken vor
der Stadt. Sie bearbeiten die mächtigen Mau-
ern mit Kanonen und Sprengminen, im Sep-
tember beginnt die Festung zu wanken.
Doch den Wienern naht Hilfe. 60 000 Solda-
ten einer Allianz aus Polen, Österreich, Bayern,
Sachsen und weiteren Bündnispartnern fallen
den Belagerern in den Rücken, am 12. Sep-
tember kommt es vom 484 Meter hohen Kah-
lenberg herab zum Großangriff. Den entschei-
denden Schlag führt die polnische Kavallerie
unter Führung ihres Königs Jan III. Sobieski.
Gegen Abend ergreifen die türkischen Trup-
pen in wildem Gerenne die Flucht.
Wien war gerettet, das Abendland hielt
stand. Für die Osmanen war der Traum vom
„Goldenen Apfel“ an der Donau ausgeträumt.

► Schlacht am 12. September 1683, Gemälde


des Flamen Frans Geffels (Wien Museum)

81
Aufstieg Europas Märchen

Ein junger Syrer reiste vor 300 Jahren von Aleppo nach Paris. Einige der schönsten
Geschichten aus Tausenundeiner Nacht gehen auf ihn zurück.

„Ich glaubte zu träumen“


Von Angela Gatterburg

S
chneider Mustafa und seine und die ich ihm erklärte. Es fehlten im Galland würdigte Hanna Diyabs Bei-
Frau waren sehr arm, ihren Buch, das er übersetzte, einige Nächte, trag zu seiner Märchensammlung nicht,
Sohn Aladin würde man heute und ich erzählte ihm daher die Geschich- was damals durchaus üblich war: Soge-
als verwahrlost bezeichnen: ten, die ich kannte. Er konnte sein Buch nannte eingeborene Informanten blieben
„Er war gottlos, eigensinnig und seinen mit diesen Geschichten ergänzen und meist unerwähnt. Lediglich in seinem Ta-
Eltern gegenüber ungehorsam.“ Das war sehr zufrieden mit mir.“ gebuch nennt Galland den Syrer einige
Schneiderhandwerk oder sonst etwas Male, etwa aus Anlass der ersten Begeg-
Sinnvolles will er nicht erlernen. Eines Der alte Mann, wie Hanna Diyab ihn nung am 17. März 1709:
Tages findet er in einer magischen Höhle nannte, hatte allen Grund, zufrieden zu „Am Morgen ging ich zu Monsieur
eine Öllampe mit Zauberkräften: Wenn sein mit dem hilfsbereiten Syrer, denn er Paul Lucas … Ich unterhielt mich eine
man sie putzt, erscheint ein mächtiger verdankte diesem neben „Aladin und die Weile mit Hanna, dem Maroniten aus Ha-
Dschinn, der seinem Gebieter jeden Wunderlampe“ auch noch „Ali Baba und lep (Aleppo), der neben seiner Sprache,
Wunsch erfüllt. Der hilfreiche Geist er- die vierzig Räuber“ sowie andere Mär- die das Arabische ist, recht passabel Tür-
möglicht es Aladin schließlich, seine An- chen. Diyab hatte Galland zwei der Ge- kisch und Provenzalisch und Französisch
gebetete zu erobern – die schöne Tochter schichten aufgeschrieben und ihm zwölf spricht.“
des Sultans. weitere erzählt. Woher diese stammten, Tatsächlich war Diyab Geschichten-
„Aladin und die Wunderlampe“ ist sagte er nicht. erzähler, Weltenbummler, Lebenskünst-
eine der berühmtesten Geschichten aus
der Märchensammlung „Tausendundeine
Nacht“, die zur Weltliteratur zählt. Gro-
Es geht um gute und böse Zauberer, verschlagene
ßen Anteil an diesem Ruhm hat der fran- Händler, Liebesabenteuer, gefährliche Dämonen.
zösische Orientalist Antoine Galland
(1646 bis 1715). Auf seinen Reisen hatte Das Märchenepos „Tausendundeine ler. Zusammen mit dem französischen
Galland ein arabisches Manuskript aus Nacht“ mit der Rahmenhandlung um den Kaufmann und Forscher Paul Lucas reiste
dem 15. Jahrhundert erworben, das er rachsüchtigen Sultan und die kluge Sche- er von Aleppo nach Paris. Das Manu-
ins Französische übersetzte. Die ersten herazade, die dem Tod entgeht, weil sie skript von Diyabs Erinnerungen wurde
sieben Bände unter dem Titel „Les milles so spannend zu erzählen vermag, hat eine erst 1993 aufgefunden und ist seitdem in
et une nuits“ wurden auf dem französi- hochkomplexe Entstehungsgeschichte. So mehreren internationalen Editionen er-
schen Buchmarkt ein großer Erfolg. Doch weit sie heute bekannt ist, reicht sie bis schienen*.
seine Vorlage brach nach 282 Nächten zum ersten Jahrtausend nach Christus zu- Er beschreibt die gefährliche Reise, die
ab, und da die begeisterten Leser noch rück. Bezeugt ist im 10. Jahrhundert eine im Frühjahr 1707 begann und rund zwei
mehr orientalische Erzählungen verlang- persische Fassung, die dann offenbar ins Jahre dauerte. Lucas war im Orient un-
ten, ergänzte Galland das Opus um wei- Arabische übertragen wurde. Galland, terwegs, um Münzen, Handschriften und
tere Märchen aus verschiedenen Quellen. der erste bedeutende Übersetzer in eine Edelsteine zu erwerben. Der junge Diyab,
Einige der schönsten Geschichten er- europäische Sprache, hat sich Eingriffe ein syrischer Christ, war gerade aus dem
zählte ihm ein junger Syrer namens Han- nach dem Geschmack seiner Zeit erlaubt Kloster ausgetreten und wusste nicht,
na Diyab, den er im Mai 1709 in Paris und zum Beispiel die erotischen Passagen was er mit seinem Leben anfangen sollte.
traf. entschärft oder weggelassen. In einer Unterkunft traf er auf den euro-
Diyab hat diese Begegnungen in sei- Die nächtlichen Erzählungen Schehe- päischen Handelsmann. „Er reiste im
nen Erinnerungen so beschrieben: „Ein razades jedenfalls entführen den Leser Auftrag des Sultans von Frankreich und
alter Mann besuchte uns des Öfteren. Er in eine wundersame Welt, es geht um kam aus den Ländern Armeniens“, no-
las gut Arabisch und übersetzte Bücher gute und böse Zauberer, um verschlage- tierte Diyab. „Er hatte diese Gegenden
aus der Sprache ins Französische. In ne Händler, Liebesabenteuer, gefährliche
* Hanna Diyab: „Von Aleppo nach Paris“. Die Reise
dieser Zeit übersetzte er unter anderem Dämonen. Wie kein anderes Werk ist eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV.
die Geschichten von ,Tausendundeiner Gallands „Tausendundeine Nacht“ Inbe- Aus der französischen Übertragung übersetzt von
Nacht‘. Dieser Mann suchte meine Hilfe griff eines romantischen, exotischen Ori- Gennaro Ghiradelli. Die Andere Bibliothek; 491 Sei-
zu einigen Punkten, die er nicht verstand entbilds europäischer Prägung. ten; 42 Euro.

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als wandernder Arzt durchquert und druckte den Franzosen, und so erhielt erwähnte, durchdrungen von westlicher
wollte von Aleppo aus die arabischen Diyab eine Anstellung bei ihm – als Be- Arroganz, den jungen Syrer in seinen
Länder besuchen.“ Tatsächlich sollte Lu- gleiter für den Heimweg. Detailliert schil- Reiseaufzeichnungen kein einziges Mal.
cas im Auftrag von Ludwig XIV. orienta- dert Diyabs Bericht den Weg über Tripo- Diyab hingegen hatte einen offenen
lische Kostbarkeiten an den Königshof lis und Tunis, Genua, Livorno und Mar- Geist und urteilte nicht vorschnell. Durch
bringen; er gab lediglich vor, Arzt zu sein, seille bis Paris mit all seinen kulturellen Livorno ging er mit staunenden Blicken:
und behandelte Leidende mit allerlei Besonderheiten. „Es war die erste Stadt im Christenland,
Tinkturen – mal mehr, mal weniger zum die ich betreten hatte. Ich sah Frauen in
Wohl der Patienten. Der junge Araber hegte Zuneigung und den Geschäften, die verkauften und kauf-
Diyab, ein Kind des Basars, war ver- Bewunderung für Lucas, nannte ihn ten, als ob sie Männer wären. Sie schlen-
traut im Umgang mit Europäern, er „Meister“; die Wertschätzung in umge- derten unbedeckt und mit unverschleier-
sprach neben seiner arabischen Mutter- kehrter Richtung hielt sich in Grenzen. ten Gesichtern in den Straßen umher. Ich
sprache Französisch und wohl auch Ita- Lucas wusste, dass er auf Diyab angewie- glaubte zu träumen.“
lienisch und Türkisch. Hannas enor- sen war, sah die Reiseverbindung jedoch Seeräuber, Händler, Bettler und Maul-
mes Sprachtalent beein- eher als Zweckgemeinschaft und tiertreiber begegneten ihnen ebenso wie
Schmuggler und Grabräuber. Lucas und
Diyab erwarben neben anderen Gütern
etliche Wüstenspringmäuse – als Ge-
schenk für den König.
Schließlich erreichten sie ihr Ziel:
„Unsere Ankunft in Paris geschah im
Monat Februar des Jahres 1709“,
schrieb Diyab. Er bewunderte die
Größe der Stadt, ihre Lichter und
Laternen, die Organisation der
Müllabfuhr, die Gefängnisse und
Krankenhäuser.
Bei Hofe erwiesen sich vor al-
lem die Wüstenspringmäuse als Sen-
sation. Über Ludwig XIV., den „Son-
nenkönig“, befand der junge Syrer: „Er
war so majestätisch, dass niemand sei-
nen Blick ertragen konnte.“
Diyab besichtigte Museen,
Theater, Zeichenateliers und
war auch davon tief beein-
druckt. „In der Stadt Paris fin-
det man Schulen für alle Wis-
senschaften und Künste, die
es auf der Welt gibt. Es gibt so-
gar Orte, wo man das Tanzen,
und andere, wo man das Spielen
von Musikinstrumenten lernt.“
Aufgeschrieben hat Diyab sei-
nen Reisebericht erst 1763, also
Jahrzehnte später. Da war er
längst nach Aleppo zurückge-
kehrt, nicht zuletzt, weil Paul
Lucas seine Zusage, ihm eine
Stelle zu verschaffen, nicht ge-
halten hatte. Diyab wurde von
seiner Familie wieder liebevoll
aufgenommen, lebte als Tuch-
händler, heiratete, wurde Va-
ter zweier Söhne und erinnerte
sich im Alter an all die wunder-
samen Dinge, die er auf seiner Rei-
se gesehen hatte. ■

„Aladin erscheint der Geist“


Illustration von R. de la Nezière in „Les Mille et
Une Nuits“, 1933

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 83
Aufstieg Europas Franzosen am Nil

1798 landete Napoleon mit großem Heer und einem Tross Wissenschaftlern
in Alexandria. Die dreijährige Fremdherrschaft krempelte das Land um.

Die Vermessung Ägyptens


Von Marc Röhlig

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er ägyptische Gelehrte Abd al- Dschabarti war Ende des 18. Jahrhun- treide; Gold, Kaffee und Elfenbein aus

D Rahman al-Dschabarti staunte


nicht schlecht, als er zum ers-
ten Mal französische Soldaten
derts Gelehrter an der bei Sunniten hoch dem Süden wurden hier gehandelt. Als
angesehenen Azhar-Universität in Kairo. Teil des Osmanischen Reiches war Ägyp-
Er gehörte zu den Zeitzeugen von Napo- ten zudem der Schlüssel zur Heiligen
sah. Alle hatten glatt rasierte Wangen leons Invasion und war einer der bekann- Stadt, Jerusalem.
und trugen alberne Hüte. Zugleich lernte testen Chronisten seines Landes. Von Juli Die von der Regierung in Paris abge-
er, dass selbst einfach geborene Männer bis Dezember 1798 beschrieb Dschabarti segneten Ziele der napoleonischen Ex-
eine Chance hatten, hohe militärische die Ankunft des Feldherrn – und wie die- pedition waren daher klar umrissen: Die
Ränge zu erreichen. Die Franzosen, so ser versuchte, Ägypten zu verändern. Vormachtstellung der Briten im Mittel-
notierte al-Dschabarti, „folgen dem Ge- Die Freiheitsliebe und Gleichmacherei meer beenden, Ägypten zur französi-
setz, dass jeder – egal, wie groß oder der Franzosen hielt Dschabarti freilich schen Provinz machen und neue Han-
klein, ehrwürdig oder erbärmlich, Mann für lächerlich. Doch ihm imponierte sehr delswege im Nahen Osten und nach Afri-
oder Frau – gleich ist“. ihre Effektivität sowie ihre technische ka erschließen.
und wissenschaftliche Über- Napoleon selbst, zum Zeit-
legenheit. punkt der Expedition ein 28
Dass er beeindruckt war,
„Ich sah mich Jahre junger, ehrgeiziger Gene-
hatte allerdings auch seinen selbst auf ral, verfolgte zudem ganz eige-
Grund. Napoleon Bonaparte dem Weg ne Pläne. „Ich sah mich selbst
war im Frühsommer 1798 mit auf dem Weg nach Asien, ei-
einer gewaltigen Armee, ver-
nach Asien, nen Elefanten reitend, einen
teilt auf rund 300 Schiffe, in einen Turban auf meinem Kopf und
Alexandria gelandet. Mit an Elefanten in meiner Hand ein neuer Ko-
Bord waren an die 150 Wissen-
schaftler: Ingenieure, Ärzte,
reitend, einen ran, den ich so verfasst hätte,
dass er mir passt“, fantasierte
Mathematiker, Naturforscher Turban auf der Korse Jahre später über sei-
– führende Köpfe der Wissen- meinem ne Zeit in Ägypten. Der Traum
schaftselite Frankreichs. Für wies eine klare Parallele zu Ale-
die kommenden drei Jahre
Kopf.“ xander dem Großen auf. Der
sollte das Land an der Schnitt- Größenwahn war Programm.
stelle zwischen Afrika, Asien und Europa „Napoleon wollte sich in die Geschich-
komplett kartografiert und katalogisiert te einschreiben“, sagt der Historiker
werden. Erich Pelzer, „und das durfte nicht klein
Die „Expédition d’Égypte“, wie die passieren, sondern musste in großen
Franzosen das Unterfangen bezeichne- Schritten erfolgen.“ Pelzer forscht an der
ten, war zu keiner Zeit ein reiner Feldzug. Universität Mannheim zu Napoleons Wir-
Sie war immer auch als intellektuelle ken. Für den Experten besteht kein Zwei-
Landnahme geplant. Es ging sowohl um fel: Bei seinem Ägyptenfeldzug – wie in
die Unterwerfung Ägyptens als auch um allen Kämpfen in Europa – habe sich der
seine Vermessung. Am Ende sollten es Feldherr auch von seiner ureigenen „Gi-
überraschenderweise vor allem die Ägyp- gantomanie“ leiten lassen.
ter sein, die von der napoleonischen Ex-
pedition profitierten. Seine mit 38 000 Mann besetzte Expedi-
Das Land am Nil war Ende des 18. tionsflotte – für die Zeit eine noch nie
Jahrhunderts für Frankreich von un- dagewesene Größenordnung – ist nur ei-
schätzbarem Wert. Dort nutzten die ver- ner von zahlreichen Belegen. Dass Wis-
hassten Briten die Landenge zwischen senschaftler und Gelehrte quasi „embed-
Mittelmeer und Rotem Meer als Abkür- ded“ beim Feldzug dabei waren, zeigte
zung ihrer Handelsroute nach Osten. es noch deutlicher: Hier wollte einer alles,
Vom Mittelmeer gelangten Schiffe nil- was geht, aus der Sache herausholen. Die
aufwärts bis Kairo, von wo aus Karawa- Geschichtsbücher sollten sich, so sein
nen die Ware bis zur Küste des Roten Traum, mit seinen Heldentaten füllen.
Meers brachten. Von dort aus hatten Han- Begonnen hatte alles in großer Hektik.
delsschiffe freie Fahrt bis zum Juwel des Am 19. Mai 1798 ließ der General seine
britischen Empire, bis Indien. Flotte überhastet im Nebel aus dem Ha-
Auch ungeachtet des britischen Ein- fen von Toulon auslaufen. Es galt, unter
flusses war Ägypten strategisch wertvoll: allen Umständen ein Treffen mit der viel
Das fruchtbare Nildelta bot Reis und Ge- mächtigeren britischen Marine unter Ad-
miral Nelson zu vermeiden. Viele der ei-
lig nach Toulon herbeizitierten Soldaten
Napoleon Bonaparte in der „Schlacht bei wussten nicht einmal, wohin die Reise
den Pyramiden“ beim Dorf Imbaba ging, so geheim war die gesamte Expedi-
(Gemälde von Antoine-Jean Gros, 1810) tion organisiert worden. In der Not hatte

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 85
Aufstieg Europas Franzosen am Nil

sich Frankreich Handelsschiffe von Ge- tens so sehr fremdelten wie zuvor mit
nua, Venedig und Neapel geborgt. Unter den mamlukischen Beys, sollten sich
Deck war hastig umgebaut worden, um nach französischem Vorbild selbst ver-
in den Laderäumen Platz für die Truppen walten dürfen.
zu machen. Bei einem Bankett versammelte der
Am 1. Juli tauchte der Marineverband Feldherr seine Offiziere samt den örtli-
vor der ägyptischen Küste in Höhe von chen Würdenträgern, Imamen und kop-
Abukir auf. Bereits am Folgetag nahmen tischen Priestern. Zum ersten Mal seien
die Truppen das nahe Alexandria ein; die französischen Farben vereint gewe-
knapp drei Wochen später schlug die fran- sen mit denen der Osmanen, erzählte
zösische Armee die Ägypter in der be- der junge Offizier Joseph-Marie Moiret
rühmt gewordenen „Schlacht bei den Py- später in seinen Memoiren: „Der Turban
ramiden“ – in Wirklichkeit ein Scharmüt- gemeinsam mit der roten Jakobinermüt-
zel beim Dörfchen Imbaba, bei dem die ze, die Deklaration der Menschenrechte
Pyramiden von Gizeh nur eine ferne Ah- neben dem Koran, die Beschnittenen
nung am Horizont waren. Die französi- und Unbeschnittenen gemeinsam am
schen Soldaten waren mit wollenen Män- gleichen Bankett.“ Für die einen habe
teln und Kanonen durch die Hitze der es Wein gegeben, notierte Moiret, für
Wüste geeilt und am Ende ihrer Kräfte. die anderen Scharba, ein orientalisches
Auch wenn Ägypten zum Osmani- Süßgetränk.
schen Reich gehörte, übten seit dem 17.
Jahrhundert mamlukische „Beys“ als Um die Gunst der Menschen zu gewin-
weitgehend selbstständige Statthalter die nen, griff Napoleon auch zu unkonven-
Macht aus. Eine Kriegerkaste von rund tionellen Methoden. Er kleidete sich mit
20 000 Mamluken stand rund 4,5 Millio- der Dschalabija, dem traditionellen ara-
nen Ägyptern vor. bischen Gewand, oder er besuchte die
Trotz dieser Größe erwies sich das Gebete in den Kairoer Moscheen. „Er
Heer unter Führung der Mamluken- wollte sich dem Land assimilieren und
Eliteeinheiten den Franzosen nicht ge- zeigen, dass er die Religion respektiert“,
wachsen. Viele Soldaten waren nur mit sagt Napoleon-Forscher Pelzer. Außer-
einfachen Krummsäbeln bewaffnet, die dem war der Orient in Europa sehr en
Schusswaffen und Artillerie der Ägypter vogue (siehe Seite 88).
waren denen der Franzosen hoffnungs- Selbst den Geburtstag des Propheten
los unterlegen. Die Niederlage kam für Mohammed wollte Napoleon um jeden Die Proklamationen seien in ein so
sie dennoch unerwartet. Die Einsicht in Preis feiern. Für Muslime gilt das Datum schlechtes Arabisch übersetzt worden,
ihre militärisch-technische Unterlegen- als wichtiger Feiertag, rangiert aber hin- dass die sowieso nur kleine Gruppe le-
heit war für die Menschen im Land ein ter anderen Festlichkeiten wie dem Op- sender Ägypter darin einen „hinterwäld-
Schock – und ein Weckruf zum Aufbruch ferfest oder dem Fastenmonat Ramadan. lerischen Akzent“ vernahm. Sie ließen
in die Moderne. Angesichts der französischen Truppen die neuen französischen Herren „ziem-
Mit der Schlacht bei den und dem Umsturz im Land lich lächerlich“ erschienen.
Pyramiden war nicht nur Kai- wollte die muslimische Elite Die plumpe kulturelle Aneignung war
ro gefallen, sondern das ge- „Wir führen Kairos die Zeremonien 1798 aus der Not geboren. Wie zuvor den os-
samte Land. In einer Prokla- die Ägypter ausfallen lassen. Als Napoleon manischen Herrschern fehlte auch Napo-
mation erklärte Napoleon an der Nase davon erfuhr, organisierte er leon in Ägypten jegliche Legitimation.
dem ägyptischen Volk, dass die Feierlichkeiten zu Ehren Er mochte zwar das Land von den mam-
es nun von der Sklaverei und herum mit Mohammeds selbst – mit 300 lukischen Beys befreit haben – aber das
der „Sippschaft“ der Beys be- unserer Francs aus der Kriegskasse. machte ihn noch nicht zum rechtmäßigen
freit sei. Dass die französische vorgetäusch- Ein andermal hieß er Pilger Herrscher. Der Diwan war für Napoleon
Strategie hinter der Expediti- aus Mekka nach ihrer Rück- das wichtigste politische Druckmittel –
on eigentlich die Unterwer- ten Hingabe kehr mit einer Parade will- die Annäherung unter Zwang.
fung Ägyptens war, versuchte zu ihrer kommen. Zum Unmut nicht Gleichzeitig aber ermöglichte diese
Napoleon zu vertuschen. Er Religion.“ weniger seiner Männer: „Es Politik einen bis dato unerhörten Kultur-
wollte als Freund und sogar würde euch amüsieren, mich austausch: Napoleons Forscher karto-
Retter der Muslime gesehen mit unseren Musikanten an grafierten erstmals das gesamte Land,
werden – keinesfalls als später Kreuz- der Spitze dieser Pilger zu sehen“, seine Depeschen brachten den Orient in
fahrer. schrieb ein Offizier in die französische die Kaminzimmer Europas. Durch die
Um dem Eindruck christlichen Chau- Heimat. „Wir führen die Ägypter an der Entdeckung des „Steins von Rosetta“ im
vinismus’ vorzubeugen, gründete Napo- Nase herum mit unserer vorgetäuschten Juli 1799, einem dunkelgrauen Stelen-
leon sogenannte Diwane: Verwaltungs- Hingabe zu ihrer Religion.“ fragment, das im Nildelta gelegen hatte,
einheiten mit einheimischen Geistlichen Auch der US-Historiker John („Juan“) konnte Jean-François Champollion erst-
und Würdenträgern. Die Ägypter, die mit Cole, Professor aus Michigan, bezweifelt mals altägyptische Hieroglyphen ent-
den einmarschierten Franzosen mindes- den Erfolg der Anbiederungsversuche. ziffern. Napoleon schlug mit seinem

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Englische und französische Besucher beim
ägyptischen Gouverneur Ali Pascha
(Lithografie nach David Roberts, 1849)

be. Noch zwei Jahre hielten sich die Fran-


zosen dort, bevor sie im September 1801
von den Briten geschlagen und verjagt
wurden.
Der ägyptische Traum Napoleons –
sein Selbstbild eines neuen Alexanders
des Großen – endete in einem politischen
und militärischen Fiasko. Dennoch
schlachtete Napoleon die Reise propa-
gandistisch noch lange aus: Die Künstler
und Wissenschaftler, die ihn begleiteten,
schufen ikonische Werke eines großarti-
gen Feldzugs. Der Louvre wurde mit
ägyptischen Kostbarkeiten vollgestellt,
die Bilder zeigten einen Feldherrn im
Antlitz der Pyramiden. Frankreich sah
sich als erste Kulturnation der Welt – und
als Retter kultureller Schätze aus ferner
Zeit.
Die Ägyptenexpedition Napoleons
war die erste westliche Invasion im Na-
hen Osten während der Neuzeit. Sie legte
den Grundstein für eine bis heute schwie-
rige wechselseitige Beziehung. Die Fran-
zosen führten in Ägypten den modernen
Verwaltungsstaat ein und beuteten das
Land zugleich schamlos aus. Der mörde-
rische Wettlauf mit den Briten gab den
Takt für die kolonialen Ansprüche kom-
Heer an Wissenschaftlern eine Brücke den. Aus Syrien machte sich ein starkes mender Jahrzehnte vor.
in die Hochkultur vergangener Jahrtau- Heer auf den Weg nach Ägypten. Napo- Ägypten selbst brachte das Intermez-
sende. leon selbst ritt den Osmanen mit seinen zo der Franzosen einen bedeutenden
Die Erfolge konnten über eines jedoch Soldaten entgegen, bis vor die Tore von Aufschwung: Die dreijährige Fremdherr-
nicht hinwegtäuschen: Der Ägyptenfeld- Akko im heutigen Israel. Zwei Monate schaft hatte die Politik des Landes neu
zug war geostrategisch eine einzige Nie- lang, bis zum Mai 1799, belagerte er die gemischt. Mohammed Ali, ein osmani-
derlage. Bereits Anfang August 1798 – alte Kreuzfahrerfestung. Doch Kämpfe, scher Militär aus kleinen, mutmaßlich
nur gut eine Woche nach der Schlacht Seuchen und die große Hitze dezimierten kurdischen Verhältnissen, ging als der
bei den Pyramiden – hatte Admiral Nel- das französische Heer derartig, dass der größte Profiteur aus diesem Umbruch
sons Flotte die Franzosen eingeholt. In Feldherr unverrichteter Dinge nach hervor. 1805 wurde der Vertreiber der
der Seeschlacht bei Abukir versenkten Ägypten zurückkehren musste. letzten Mamluken in Kairo Gouverneur
die Briten einen Großteil von Napoleons der osmanischen Provinz Ägypten. Er
Kriegsmarine und schnitten ihm so den In Depeschen nach Frankreich stellte er versprach dem Land ein „Nisam al-
Seeweg nach Hause ab. Etwa 2000 fran- seine Fehlschläge als Erfolge dar. Die Os- Dschadid“ – ein „neues System“.
zösische Matrosen fanden den nassen manen schlug Napoleon endlich Ende Ali Pascha schaffte Privilegien der
Tod. Juli 1799, wieder in der Nähe des ägypti- ägyptischen Oberschicht ab, erneuerte
Auch die Ägypter selbst nahmen die schen Abukir, aber diesmal zu Lande – die Bewässerungssysteme entlang des
neue Herrschaft nicht an. Ende Oktober ein Sieg, den er gegenüber der französi- Nils, verstaatlichte Ackerland und inves-
wagte die Kairoer Elite den Aufstand ge- schen Öffentlichkeit so erfolgreich ver- tierte in die allmähliche Industrialisierung
gen die Fremdherrscher; Napoleon ließ klärte, dass er bei seiner Rückkehr als des Landes. Das ägyptische Heer formte
die Rädelsführer gefangen nehmen und Held gefeiert wurde. Ali Pascha nach französischem Vorbild
bis zu 2000 Aufständische exekutieren. In Wahrheit war Napoleon im August um – und führte es 1815 zum Sieg gegen
Vor allem Gelehrte wie Dschabarti hatten durch die britische Seeblockade hindurch die saudischen Wahhabiten.
Napoleon von Beginn an für dessen an- nach Frankreich geflüchtet, um dort, in Die von Mohammed Ali begründete
gebliche Islambegeisterung verhöhnt. Zu einem Staatsstreich, die Macht an sich Dynastie hielt sich bis 1952 – bis die „Frei-
Recht erkannte er in den Franzosen eher zu reißen. Seinem verdutzten General en Offiziere“ rund um Gamal Abdel Nas-
Invasoren als Befreier. Jean-Baptiste Kléber hatte Napoleon zu- ser die Monarchie in einem Staatsstreich
Neben den Ägyptern wollten auch die vor eine Notiz hinterlassen, dass jener beendeten.
Osmanen die ungebetenen Gäste loswer- nun das Kommando in Ägypten inneha- marc.roehlig@bento.de

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 87
Aufstieg Europas Orientalismus

Verlockend, gefährlich, auf jeden Fall anders:


In den Augen der Europäer wurde „der Orient“ zu einer
exotischen Phantasiewelt.

KIFFEN
IM ARABISCHEN
SALON

Von Andreas Wassermann

R
ochefort ist ein charmantes Städtchen an „L’orient“, der Orient, war zur Jahrhundertwen-
der Charente nahe der französischen At- de in den feinen Bürgersalons von Paris, London,
lantikküste. Hier wurde 1850 Julien Viaud Wien und Berlin der letzte Schrei. Reiseberichte
geboren, als Sohn eines Schiffsarztes. Bald aus Arabien und Romane über wilde, stolze Berber
zog es den Seefahrerspross hinaus in die Welt, vor wurden Bestseller. Ihre repräsentativen Stadthäuser
allem Richtung Osten. Als Marineoffizier schiffte statteten die Bewohner mit Diwanen
Viaud sich 1876 in Richtung Türkei ein, später fuhr und Brokatkissen aus – ganz so, als
er nach Palästina und schließlich nach Persien. Er wollten sie den europäischen Histo- „L’orient“ war
begann Romane zu schreiben und nannte sich fortan rismus durch Anleihen aus dem ori- zur Jahrhun-
Pierre Loti. entalischen Serail noch eklektischer dertwende
Jahrzehnte später kehrte Loti zurück nach Roche- gestalten. Die Kultur des Nahen Os-
fort. Die Reisen und das Leben im Orient hatten tens weckte die Sehnsucht nach Exo- der letzte
ihn so verändert, dass er den bodenständigen Cha- tik und Spiritualität in einer immer Schrei – in
rentiers einen eher verstörenden Anblick geboten rationaler und mechanistischer er- Paris, London,
haben muss: Loti bedeckte seinen Kopf nun oft mit scheinenden Zeit. Die Fin-de-Siècle-
einem Fes, jener krempenlosen Filzkappe aus der Stimmung idealisierte und verkitschte Wien, Berlin.
Türkei. Oder er trug Turban und Pluderhosen und den Orient in eskapistischer Manier:
sog an einer Wasserpfeife. Manchmal traf Weihrauch, Bauchtanz oder ein Ritt durchs wilde
er sich mit anderen Künstlern, Musen Kurdistan als Gegenmittel zum Maschinentakt der
„Die weiße Sklavin“
– so der Titel des
und Schauspielern zum Kiffen im arabi- westlichen Moderne.
romantisierenden schen Salon. Geraucht wurden Zigaretten mit arabisch klin-
Haremsgemäldes, das Sein Geburtshaus ließ der turkophile genden Phantasienamen, verpackt in Metalldosen,
der Franzose Jean Schriftsteller komplett orientalisieren. Im deren Bemalung sich an orientalischer Ornamentik
Lecomte du Noüy 1888
zweiten Stock richtete er ein palastartiges orientierte. In Düsseldorf eröffnete um 1900 ein ori-
gemalt hat.
Türkenzimmer ein, das zu einer kleinen entalisches Kaffeehaus, das so auch am Rande des
Moschee im Haus führte, die weite Teile großen Suk von Damaskus gestanden haben könnte.
des Gebäudes beanspruchte. Sie war eine Miniatur- In Dresden ließ der Unternehmer Hugo Zietz ab
ausgabe der weltberühmten Umajjaden-Moschee in 1908 eine ganze Zigarettenfabrik als Moschee-Kopie
Damaskus; die Verzierungen und prächtigen Wand- errichten. „Orient sells“, hieß es auch beim Mokka.
friese entsprangen freilich weitgehend Lotis Phan- Der Wiener Kaffeehändler Josef Meinl warb für sei-
tasie und waren von örtlichen Handwerkern ge- ne Kaffeeprodukte mit einem dunkelhäutigen Jun-
fertigt. gen, der auf dem Kopf einen roten Türken-Fes trug.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 89
Aufstieg Europas Orientalismus

Zwar hatte schon Jahrhunderte zuvor die Welt lagers getaucht, am Ufer des Tigris vor den Toren
der Scheichs, Sultane und Kalifen das Abendland Babylons“.
fasziniert. Doch handelte es sich damals um ein Vis-à-vis des Dresdner Zwingers steht das Resi-
gespaltenes Gefühl. Einerseits gruselten sich die denzschloss. Im zweiten Stock können Besucher heu-
gottesfürchtigen Christenmenschen vor der Ex- te noch die Hinterlassenschaften der sachsenfürst-
pansion ihrer Nachbarn – die sogar Mitteleuropa lichen Orientliebe bestaunen. Die „Türckische Cam-
in den Blick nahmen, wie im 16. und 17. Jahrhun- mer“ und das „Grüne Gewölbe“ sind Zuschauer-
dert, als die Osmanen mehrfach vor Wien standen. magneten der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
Der Islam galt als eine gewalttätige, rückschrittli- mit dem weltweit wohl bedeutensten Schatz osmani-
che Religion, deren Ausbreitung eine Gefahr be- scher Kunst außerhalb der Türkei – allein mehr als
deutete. 600 Exponate in der Türckischen Cammer, die säch-
Andererseits hatte der Orient etwas Mystisches sische Herrscher seit dem Mittelalter erworben, ein-
und Libidinöses. Es lockten die fremden Gerüche getauscht oder mitgenommen hatten.
und Geschmäcker, die farbenprächtige Sphäre der Zu sehen sind lebensgroße Pferdeskulpturen aus
Tausendundeiner-Nacht-Märchen. Zu dieser Sphäre Holz, allerlei kunstgeschmiedete Dolche und Krumm-
zählte vor allem der Harem, jahrhundertelang heim- säbel, schnabelartige Pantoffeln aus besticktem Samt
licher Traum vieler christlicher Männer: mehrere (25 Zentimeter lang) und seidene Kaftane, getragen
Frauen, weggeschlossen wie eine wertvolle Schmuck- von August dem Starken, um seine Mätressen zu be-
sammlung, zur ständigen und freien Verfügung eines tören. Prunkstück der Sammlung ist ein
einzigen Gebieters (siehe Seite 95). Der Harem war osmanisches Dreimastzelt aus Gold und Der turkophile
in der westlichen Phantasie eine Art Privatbordell, Seide – 20 Meter lang, acht Meter breit französische Schrift-
schwülstig und parfümiert wie in den Gemälden der und sechs Meter hoch. „Eine Art Luxus- steller Pierre Loti im
Historienmaler Eugène Delacroix oder Jean-Auguste- Camping für sächsische Fürsten auf dem orientalischen Dekor
Dominique Ingres. Höhepunkt der Türkenmode“, sagt der seines Hauses in
Rochefort um 1900
August der Starke, der virile Sachsenherrscher Museumsführer auf Englisch. Besucher
in der Zeit des Barock, lebte seine Phantasien ganz aus seiner asiatischen Gruppe kichern.
ungeniert aus. In seinem Lustschloss Pillnitz und Verbreitung fand die Türkenmode im Europa
auf den Dresdner Elbwiesen veranstaltete August des 18. Jahrhunderts jedoch nicht nur durch die
mit Vorliebe orientalische Kostümfeste. Kamele wur- Orientliebhaber in den absolutistischen Fürstenge-
den aus Arabien herbeigeschafft und schlechtern. Auch Reiseberichte aus dem Osmani-
Schmuckzelte mit wertvollen Teppi- schen Reich wie die von Lady Mary Montagu weck-
Fatimas chen ausstaffiert. Der König selbst klei- ten die Sehnsucht nach der scheinbar ganz anderen
schöner Busen dete sich als Sultan, umgeben von ei- Welt des Nahen und Mittleren Ostens.
war „bloß von nem Harem aus jugendlichen Dresd- Die Landadelige aus Südengland war eine unter-
ner Hofdamen. nehmungslustige, neugierige Frau. 1716 begleitete
der dünnen Selbst die Hochzeit seines Sohnes sie ihren Mann Edward, einen jungen Unterhaus-
Gaze ihres Friedrich August mit der Habsburger abgeordneten, ins Osmanische Reich. König Georg I.
Hemdes Erzherzogin Maria Josepha zelebrier- hatte den Parlamentarier zum Gesandten am türki-
te der Sachse als osmanische Sause schen Hof ernannt. Er sollte die Interessen der bri-
beschattet“. mit Janitscharen, der Leibgarde des tischen Krone im Konflikt zwischen Österreich und
Sultans. Für vier Millionen Taler ließ der Türkei vertreten. Lady Mary verbrachte mehr
August im Herbst 1719 eine sarazenische Zeltstadt als ein Jahr in der Türkei und hielt ihre Erlebnisse
am Dresdner Elbufer aufbauen und zum Festban- in Briefen fest.
kett edle Speisen aus dem Orient herankarren. So- Am 18. April 1717 berichtete die englische Aris-
gar die Pferde wurden mit Silberapplikationen tokratin ihrer Schwester etwa über Fatima, die ele-
aufgezäumt, die Satteldecken waren aus Samt und gante Frau eines stellvertretenden Großwesirs: „Un-
Damast. sere berühmtesten englischen Schönheiten würden
Der beeindruckte Bräutigam setzte nach dem neben ihr verschwinden.“ Detailreich beschrieb sie
Tod des Vaters den Türkenkult fort. Unter seiner Fatimas luxuriösen Aufzug, vom „Kaftan aus gol-
Regentschaft fand am 5. Februar 1753 im Dresdner denem Brokat mit silbernen Blumen“ über die Ju-
Zwinger die Uraufführung der Barockoper „Soli- welennadeln „in den zahlreichen Zöpfen“ sowie
mano“ statt, eine eher simpel gestrickte Liebes- der „Schönheit ihres Busens, der bloß von der dün-
schmonzette um den osmanischen Sultan Süley- nen Gaze ihres Hemdes beschattet war“.
man den Prächtigen. Doch es zählte weniger die

K
Originalität von Libretto und Musik als die Prä- urz vor der Abreise aus Konstantinopel
sentation. Und bei dieser ließ sich Dresden wahr- im Jahre 1718 verfasste Lady Mary noch
lich nicht lumpen. Bühnenbildner Giuseppe Galli einen kleinen gesellschaftspolitischen Ex-
di Bibiena, später Hofarchitekt von Preußenkönig kurs zur Stellung der Frauen im Islam –
Friedrich II., konnte aus dem Vollen schöpfen. Ele- jedenfalls der wohlhabenden Damen. Diese seien,
fanten traten auf, Dromedare und Kamele. Zum so die Britin, „vielleicht freier als alle übrigen des
Schluss wurde der Zwingerhof, wie ein Beobachter Erdbodens und die einzigen Weiber, die ihre ganze
notierte, „ins Abendlicht eines osmanischen Heer- Zeit zubringen mit Besuchen, Baden oder dem an-

90 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Im Opiumqualm in
Jean Lecomte du
Noüys Bild „Der Traum
des Eunuchen“ (1874)
tanzen eine Frau und
ein Knabe mit Messer.
genehmen Zeitvertreib, Geld auszugeben und neue aber als Vehikel für eine generelle Religionskritik.
Moden zu ersinnen“. So schrieb der französische Philosoph Voltaire die
Lady Mary Montagu brachte als Souvenirs allerlei 1741 uraufgeführte Vers-Tragödie „Der Fanatismus –
Kunstschätze und orientalischen Tinnef zurück nach Mahomet der Prophet“. Hinter dem antiislamischen
England sowie einen dunkelhäutigen Sklaven. Der Titel verbarg sich indes eine Streitschrift gegen jeg-
„kleine Mohr“ diente fortan als Begleiter der Ex- lichen religiösen Fundamentalismus. „Die Hellhöri-
zentrikerin. Ihr löblicher Versuch, nach türkischem gen unter seinen Zeitgenossen wussten“, so die Li-
Vorbild eine Pockenimpfung im briti- teraturwissenschaftlerin Katharina Mommsen, „dass,
schen Königreich durchzusetzen, wo Voltaire Mekka sagte, eigentlich Rom gemeint
„Durch den scheiterte auch am Widerstand der an- war“. Und in der Tat setzte die Comédie Française
Gründer glikanischen Kirche. Sehnsuchtsvoll nach einer Intervention des einflussreichen Kardi-
des Islam fremd durfte der islamische Orient nals André-Hercule de Fleury Voltaires „Moham-
sein, aber doch kein Vorbild für ein med“ nach nur drei Aufführungen ab.
wurde Christenreich.
Goethe Islam und Orient waren nicht nur ohann Wolfgang von Goethe hatte aus an-
dichterisch
inspiriert.“
Projektionsflächen für schwülstige
Exotik. Bereits Mitte des 17. Jahrhun-
derts erschien die erste französische
J deren Gründe Probleme mit Voltaires „Mo-
hammed“-Philippika. 1799 nahm der Dichter
den Auftrag von Herzog Carl August an, die
Übersetzung des Koran. Kurze Zeit Vers-Tragödie ins Deutsche zu übersetzen und in
später verfasste der Humanist Barthélemy d’ Her- Weimar auf die Bühne zu bringen. Es war ein An-
belot die „Bibliothéque orientale“ und verwissen- sinnen, das der Großdichter und Theaterintendant
schaftlichte damit die Wahrnehmung des Fremden. nicht ablehnen konnte, wenn er seine Stellung am
Zu Beginn der Aufklärung diente die intellektu- Weimarer Hoftheater nicht gefährden wollte. Denn
elle Auseinandersetzung mit dem Islam vor allem die Richtung gefiel Goethe überhaupt nicht. Mo-

94 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
hammed als Betrüger, wie von Voltaire insinuiert: sich ergänzen und wechselseitig beflügeln können. In
So wollte Goethe den Propheten nicht verstanden seinem Spätwerk hat er diese East-meets-West-Philo-
wissen. sophie in Verse gefasst. Für seinen „West-östlichen
Zu ihm hatte der deutsche Dichterfürst ein ganz Diwan“ schrieb er die berühmten Zeilen: „Wer sich
eigenes Verhältnis – fast wie zu einer Muse. „Durch selbst und andere kennt / wird auch hier erkennen /
den Gründer des Islam wurde Goethe weit öfter Orient und Okzident / sind nicht mehr zu trennen.“
dichterisch inspiriert als man bisher wahrgenommen Doch spätaufklärerische Multikulti-Toleranz wie
hat“, schreibt Katharina Mommsen in „Goethe und bei Goethe blieb die Ausnahme. Das vorherrschen-
die Arabische Welt“. Auch jenseits der Propheten- de Orientbild changierte zwischen naiver Faszina-
weisheiten war der Orient für den Hessen ein Quell tion und westlich-arroganter Verachtung. „Bei den
der Inspiration. Scheherazades Erzählun- Arabern ist der zivilisierte Mensch in den Zustand
Exotisch-erotische
gen liebte er seit frühester Kindheit; im des Wilden zurückgefallen“, schrieb der französi-
Fantasien prägen das Greisenalter sollen ihm die orientalischen sche Reiseschriftsteller François-René de Chateau-
Gemälde „Das große Märchen geholfen haben, Trübsal wäh- briand zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Chateau-
Bad in Bursa“ (1885) rend langer Krankheitsnächte zu vertrei- briand war von Paris nach Jerusalem gereist, nach-
von Jean-Léon Gérôme.
ben. Auch glaubt Mommsen zeigen zu dem Napoleon Ägypten erobert hatte.
können, dass die Erzählweise der orien- Napoleons Expedition an den Nil war der Beginn
talischen Märchen Goethes lockere Komposition be- einer Entwicklung, die der US-amerikanische Litera-
einflusste – etwa im Bildungsroman „Wilhelm Meis- turwissenschaftler Edward Said „Orientalismus“
ters Wanderjahre“. nannte. Die islamisch geprägte Welt wurde zum Ob-
Und selbst der „Faust“, Leitstern des deutschen jekt der christlich-abendländischen Forschung. Im
Bildungskanons, wäre wohl ohne Goethes Affinität Gefolge des bonapartistischen Expeditionscorps reis-
zum Orient so nicht entstanden, zumindest nicht ten auch Archäologen, Biologen, Völkerkundler, Li-
der zweite Teil der Tragödie. Mommsen hat darin teraten und Maler. Dabei sei von geringem Interesse
deutliche Parallelen zu Märchenmotiven erkannt, gewesen, urteilte Said in seinem 1978 erschienenen
etwa zur Geschichte von Asem und der Geisterkö- Buch „Orientalismus“, was diese Welt zusammen-
nigin. Wie Asem muss auch Faust Abenteuer beste- hielt, welche wissenschaftlichen, kulturellen und wirt-
hen und wird von Station zu Station weitergereicht. schaftlichen Traditionen es gab. Entscheidend für die
Und selbst Sprachbilder des „Faust“ wirken gelegent- im Geist der Kolonialzeit entstehenden Werke war,
lich wie abgekupfert. „Asem landet mit seinem Ball. wie Europa den Orient sah – also all jenes, was dieser
Er rührt die Zaubertrommel“, heißt es im Märchen. dem westlichen Blick spiegelte oder spiegeln sollte.
In Goethes Faust klingt das dann so: „Der Ball mit Denn nur dadurch konnte die Mystik, das Be-
den Luftfahrern landet – wie Erichtho verkündet – drohliche, das Exotische erhalten werden. Und so
im Geisterreich der Klassischen Walpurgisnacht.“ blieb dieses Bild des Orients, glaubte Said, das, was
Goethe spürte der Wechselwirkung zwischen Mor- es immer war: eine Erfindung des Westens.
gen- und Abendland nach, er sah, dass die Kulturen andreas.wassermann@spiegel.de

sie christliche Osteuropäerinnen; Ungeregelte Begegnungen oder gar


Der Sultan als Gast selbst der ferne Sultan von Sansibar sexuelle Spontaneität waren tabu.
Pralle Sinnlichkeit und zügellose Lust – schätzte die weißhäutigen Tscherkes- Der Sultan galt im Harem als Gast und
hinter den Mauern osmanischer Paläs- sinnen. soll genagelte Schuhe getragen haben,
te imaginierten Europäer einen Männer- Angehörige der eigenen turkmeni- um sein Kommen anzukündigen. Das
traum, wie viele Gemälde, Opern und schen Ethnie wurden von den Osmanen abgeschlossene Innenleben und die
Romane des 19. Jahrhunderts zeigen. nie versklavt. Am niedrigsten rangierten Abhängigkeit der Frauen von ihren
Mit dem Alltag im Harem hatten diese beim Menschenhandel die schwarzen Söhnen – ihr Status hing vom Rang
Werke wenig gemein. Sklavinnen: Während Weißhäutige als ihrer Sprösslinge ab – förderte blutige
Die Herrscherharems im islami- „Luxusartikel“ in separaten Räumen Intrigen.
schen Kulturkreis waren straff hierar- den Kunden vorgeführt wurden, bot Nicht nur Sultane verfügten über ei-
chisch organisiert. In Istanbul stand an man Schwarzhäutige offen auf dem nen „harim“ (arabisch für „geschützter,
der Spitze die Sultansmutter. Im Topka- Markt an. unverletzlicher Ort“). Jedes städtische
pı-Palast, dessen Harem über 300 Räu- Schwarze Eunuchen stellten im Haus besaß einen privaten Wohn-
me umfasste, lebte sie im zweitgrößten Sultansharem die Schnittstelle zwischen bereich, der nicht von fremden männ-
Wohntrakt, größer war nur der ihres Innen und Außen dar; ihre Zahl ging in lichen Besuchern betreten werden durf-
Sohnes. Ihr unterstanden seine Töchter die Hunderte. Meist wurden sie als te. Das Haremssystem geht wohl auf
und Schwestern, seine bis zu zwölf Jungen aus Äthiopien oder dem Sudan altpersische und byzantinische Traditio-
Konkubinen sowie das Heer der Arbeits- verschleppt und im Palast erzogen. Auch nen zurück. Die ersten Musliminnen in
sklavinnen; legale Ehefrauen hatten die jungen Sklavinnen wurden in der Mekka und Medina konnten sich noch
osmanische Sultane selten. Palastschule unterrichtet: im Schreiben, frei bewegen; erst um 800 etablierte
Fast alle Frauen betraten den Harem Nähen, Tanzen und Musizieren. Viele wur- sich der geschlossene Harem in der
zunächst als Sklavinnen. Meist waren den später freigelassen und verheiratet. Oberschicht. Claudia Stodtem

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 95
Aufstieg Europas Glaube und Wissenschaft

Das Joch der


Religion

DSCHAMAL AL-DIN
AL-AFGHANI
Der Vordenker des
Antikolonialismus
und eines Reform-
islams wirkte in
Teheran, Kabul,
Kairo und
Konstantinopel.

Von Nils Minkmar

M
anche Debatten um den Is- sofern ist es schon ein Akt der Aufklä- strömungen lehnen nach wie vor etwa
lam scheinen in einer Zeit- rung darauf hinzuweisen, dass auch die die Evolutionstheorie ab. Und immer
schleife gefangen zu sein. inhaltliche, die intellektuelle Auseinan- wieder wird auch der Islam in dieser Hin-
Wieder und wieder neh- dersetzung mit dem Islam eine lange Ge- sicht befragt.
men sie Fahrt auf, die gleichen Argumen- schichte hat. Die Fakten legen auch heute noch ei-
te treffen auf die gleichen Gegenargu- Eine der in diesem Sinne immergrü- nen Zusammenhang nahe – jedenfalls
mente, und dann ist nichts geklärt, son- nen Debatten ist jene, ob der Islam mit auf den ersten Blick. Nach dem Human
dern es folgt Alltag, eine Pause – bis sie der Moderne, insbesondere mit der Wis- Development Report der Vereinten Na-
eben so neu wieder aufflammen. Und senschaft kompatibel sei. Es ist ja eine tionen steht es schlecht um den wissen-
immer wird geredet, als sei der Islam der zentralen Fragen, die das neuzeitli- schaftlichen Rang von Ländern wie Sau-
gestern erst bekannt geworden, als habe che Christentum seit dem 17. Jahrhun- di-Arabien, dem Jemen oder der drei
er, als hätten die Debatten zwischen den dert zu beantworten hatte. Erst nach vie- Maghreb-Staaten. Es werden kaum Bü-
diversen Strömungen des Islam und den len Kämpfen und dramatischen histori- cher aus diesen Ländern in andere Spra-
diversen Denkschulen im Westen keine schen Umwälzungen kam es zu einer chen übersetzt, auch umgekehrt nicht:
Geschichte. Als könne man jederzeit neu Versöhnung der dominierenden christ- Wissenschaftliche Standardwerke gibt es
prüfen und gegebenenfalls widerrufen, lichen Konfessionen mit der modernen gar nicht auf Arabisch. Wenn jemand
ob der Islam dazugehört oder nicht. In- Wissenschaft. Aber zahlreiche Glaubens- aus diesen Ländern wissenschaftliche

96 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
ERNEST RENAN
Das Hauptwerk des
Sind islamische Gesellschaften zur
französischen Rückständigkeit verdammt?
Orientalisten und
Theologen widmete Zwei geistreiche Intellektuelle,
sich in acht Bänden Ernest Renan und Dschamal
der Entstehung des
Christentums. al-Din al-Afghani, haben
darüber schon im 19.
Jahrhundert disputiert.

Ambitionen entwickelt, studiert er meist tig diskutiert. Sarrazin hatte die schwa- Denn nach der gemeinen bildungsbür-
im westlichen Ausland und bleibt dann che Leistung der Araber und der Türken gerlichen Intuition fehlt zu einer echten
auch oft dort. Wenn man näher hinsieht, auf den Gebieten der Mathematik und Debatte einfach der Widerpart. Das hat
muss man feststellen, dass politische und Naturwissenschaften mit mangelnder In- einen guten Grund: Wir nehmen seit der
soziale Faktoren diese Unterentwicklung telligenz erklärt – und diese wiederum iranischen Revolution von 1979 vor allem
bedingen. Die staatliche Bevormundung teils mit dem Islam, teils mit biologisti- den Islam öffentlich wahr, den die Radi-
und Zensur, die dominierende Rolle ei- schen Argumenten begründet. kalen und Fundamentalisten betreiben,
ner restriktiven Auslegung des Islam und einen politisierten Islam also, der nicht
die wenig entwickelte bürgerliche Öffent- och die lange Vorgeschichte argumentativ und dialogisch ausgerichtet
lichkeit stehen einer Entfaltung der wis-
senschaftlichen, aber auch der künstleri-
schen Kreativität entgegen.
D der Debatte, die komplizierten
historischen Prozesse, die zum
Status quo führten, hat er nicht
ist. Was soll man denen antworten, die
in der liberalen modernen Welt, im an-
deren den Teufel sehen? Wie Iran hat
Inwiefern ist diese Rückständigkeit beleuchtet. Es ist das immer neue, ge- auch die sunnitische Vormacht Saudi-Ara-
auch mit der Religion in Verbindung zu spielte Erstaunen um Eigenheiten des bien, lange Zeit mit Billigung seiner west-
bringen? Nicht erst seit Thilo Sarrazins Islam, das zur Verfremdung beiträgt und lichen Verbündeten, einen Islam propa-
2010 erschienenem Bestseller „Deutsch- den Eindruck erweckt, der endlose Dis- giert, dem die normativen Ansprüche der
land schafft sich ab“ wird die Frage hef- put sei nicht lösbar. Moderne zuwider sind.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 97
Aufstieg Europas Glaube und Wissenschaft

Da sich alle Seiten der gegenwärtigen seines wachen Intellekts wurde Renan Darum leuchten uns Renans Thesen
Debatten darauf berufen, von den Quel- schon mit 15 in ein Seminar nach Paris durchaus ein.
len her zu sprechen und gewissermaßen empfohlen und schlug dort die klassische Bemerkenswert wird das Verdikt erst
schon immer recht gehabt zu haben, ist Aufsteigerlaufbahn jener Zeit ein, die dann, wenn wir die Antwort darauf lesen
es besonders lohnenswert, sich auf einen Karriere in geistlichen Würden. Doch und uns vergegenwärtigen, wer sie for-
bestimmten Disput im 19. Jahrhundert mehr noch als die Theologie faszinierte muliert hat. Dschamal al-Din al-Afghani
zu besinnen, jenen nämlich, den der fran- ihn die Philologie. Er lernte Hebräisch ist heute hierzulande selbst interessierten
zösische Schriftsteller und Wissenschaft- und begann, mit den Methoden dieser Menschen kein Begriff mehr. Damals
ler Ernest Renan mit Dschamal al-Din al- Wissenschaft, die frühen Bibeltexte zu aber war er in allen wichtigen islami-
Afghani führte. Die beiden Gelehrten studieren. Als begeisterter Leser Charles schen Ländern aktiv, Ratgeber mehrerer
sind heute nur noch einem kleinen Pu- Darwins hatte er bald erhebliche Zweifel Politiker und ein echter „Wanderprediger
blikum bekannt, es ist daher die Leistung am Wahrheitsgehalt der Bibel. der Umma“, wie Schäbler schreibt. Ob-
der Islamwissenschaftlerin Birgit Schäb- Umso mehr interessierte er sich nun wohl er sich selbst als Afghane bezeich-
ler mit ihrem Buch „Moderne Muslime“, für den sozialen und kulturellen Kontext nete, gilt es heute als wahrscheinlich, dass
die Geschichte dieser Debatte im Som- der frühen Christen, um die Bibel als his- er aus Iran stammte. Er ist schon in seiner
mer 2016 wieder ins öffentliche Bewusst- torisches Dokument zu verstehen. Er reis- Jugend weit gereist, besuchte die heiligen
sein gerückt zu haben. te in die Länder des Nahen Ostens und Stätten und wirkte als Theologe und Be-
schrieb, als Summe seiner Studien bis rater in Afghanistan, Istanbul und schließ-

R
enans Ansichten, die er 1883 dato, während eines Aufenthalts im Li- lich auch in Kairo, wo er als Vertreter ei-
veröffentlichte, würden auch banon sein bis heute berühmtestes Werk, nes Reformislam schnell Anhänger fand
heute noch in weiten Kreisen „Das Leben Jesu“. Darin erzählt er die und den Briten als potenzieller Unruhe-
eines islamskeptischen Bürger- Geschichte von Jesus Christus im Stil ei- stifter auffiel. Es ging Afghani um eine
tums auf Zustimmung stoßen. Er schreibt nes Romans, gestützt auf Quellen und umfassendere Modernisierung der Reli-
etwa: „Jede Person, die auch nur einiger- historische Erkenntnisse über diese Zeit. gion, die sich auch auf Politik und Ge-
maßen an dem Geistesleben unserer Zeit Das Buch wurde ein anhaltender Publi- sellschaft auswirken sollte. Manchmal
teilnimmt, erkennt deutlich die gegen- kumserfolg und brachte dem Autor den wird er daher als einer der Urheber der
wärtige Inferiorität der muslimischen nachhaltigen Zorn überzeugter Katholi- Idee des politischen Islam, somit als Vor-
Länder, den Niedergang der vom Islam ken ein. denker von Islamismus und Dschihadis-
beherrschten Staaten, die geistige Nich- Ein Wesenszug Renans war es, so zu mus beschrieben. Aber das würde sein
tigkeit der Rassen, die einzig und allein schreiben und zu reden, dass ihn jeder, vielfältiges Denken arg reduzieren und
ihre Kultur und ihre Erziehung jener Re- auch das nicht gebildete Publikum, ver- die historischen Möglichkeiten, die ihm
ligion verdanken.“ Der Rassebegriff wur- stehen konnte. So entfaltete er eine Wir- damals vor Augen standen, auf die un-
de hier noch nicht in einem politisierten kung, die weit über das akademische Mi- gute heutige Realität eines dominieren-
Sinn verwendet. Heute lesen wir ihn mit lieu hinausreichte. Er war schon ein Pro- den Wahhabismus verengen. Zu seiner
der Kenntnis dessen, was für Untaten da- mi seiner Zeit, als er sich zum Wesen des Zeit waren die intellektuellen Horizonte
mit von der radikalen Rechten begründet Islam äußerte und damit Furore machte. noch offen.
wurden, damals aber verwendete Renan Eigentlich spielte diese Religion in Re- Afghani hielt sich zum Zeitpunkt von
ihn im Sinne der von Charles Darwin be- nans Denken gar keine große Rolle – Renans Vortrag in Paris auf. Er publizier-
gründeten Evolutionsbiologie, die prin- aber er wendete hier eben jenes Prinzip te im „Journal des Débats“ und lernte
zipiell von einer Veränderbarkeit aller an, mit dem er sich schon dem Christen- Renan persönlich kennen. Hier entde-
Anlagen ausging. In Wahrheit stellt Re- tum genähert hatte: Er stellte die Religion cken wir einmal mehr die Rolle, die Paris
nan also die Frage, die sich auch ein Au- in ihren Kontext. als „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“
(Walter Benjamin) für den intellektuellen
Austausch spielte.
„Jede Person ... erkennt deutlich den Niedergang der vom Afghani konterte Renans Angriffe –
Islam beherrschten Staaten.“ E R N E ST R E N A N indem er zunächst einmal zustimmte. Al-
lerdings erweiterte er dessen Perspektive
tor wie der deutsche Historiker Dan Di- Der prägnanteste Satz seines an der und wies darauf hin, dass die Frage der
ner stellt: Wie kommt es, dass sich in Pariser Sorbonne gehaltenen Vortrags Beziehung zwischen Religion und Wis-
manchen islamisch geprägten Ländern war die Formel vom „eisernen Reifen“, senschaft keineswegs nur den Islam be-
intellektuell so wenig tut? den die Muslime um ihren Kopf tragen treffe: „Wenn ich nun aber bedenke, dass
Zur korrekten Einordnung dieser Aus- müssten. So könnten sie weder For- die christliche Religion um mehrere Jahr-
sagen sollte man sich vergegenwärtigen, schung noch Bildung betreiben, sie hät- hunderte früher in der Welt aufgetreten
wer sie sprach. Ernest Renan war zu Leb- ten auch gar kein Interesse daran. Die ist als die muslimische, dann kann ich
zeiten einer der bekanntesten Schriftstel- Ironie liegt darin, so stellt es Birgit Schäb- mich der Hoffnung nicht entschlagen,
ler und Gelehrten Frankreichs, keines- ler dar, dass Renan damit die wahhabiti- dass auch die muslimische Gesellschaft
wegs ein bornierter Mann. Er kam aus sche Richtung des Islam im Sinn hatte, eines Tages dazu gelangen wird, ihre Fes-
kleinen, man könnte sogar sagen bil- die damals nur eine Minderheit der seln zu brechen und entschlossen auf der
dungsfernen Verhältnissen. Sein Vater Muslime repräsentierte. Heute freilich Bahn der Zivilisation fortzuschreiten
war Kapitän eines Fischerbootes in der ist das anders, die offeneren Strömungen nach dem Beispiel der abendländischen
Bretagne, die Familie der Mutter stamm- sind, als Resultat politischen und finan- Gesellschaft, für welche der christliche
te ursprünglich aus der Gascogne. Wegen ziellen Drucks, ins Hintertreffen geraten. Glaube trotz seiner strengen Gesetze und

98 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17
Bildnachweise

seiner Intoleranz kein unüberwindliches religiöse Praxis zu ermöglichen, hoffte TITELBILD: GETTY IMAGES
Seite 3: MARTIN ZITZLAFF / DER SPIEGEL
Hindernis gewesen ist.“ aber zugleich auf die Ausbildung einer Seiten 4–5: BRIDGEMANIMAGES.COM, GUNNAR KNECH-
Damit stellte er eine Art Verlaufsmo- wissenschaftlich und intellektuell wachen TEL / LAIF, SCHERL / SÜDDEUTSCHER VERLAG, ALAMY /
dell auf, das letztlich dem Denken Max Elite, die den Trost der Frömmigkeit we- MAURITIUS IMAGES
Seiten 15: ILLUSTRATION: BENDIX BAUER
Webers nicht unähnlich ist: von der Reli- niger nötig haben würde und sich für Phi- Seiten 6–14: SEBASTIAN KAHNERT / DPA, ULLSTEIN BILD
gion zur Wissenschaft. Afghani schrieb, losophie und Freiheit begeistern könnte. (5), LADE-OKAPIA, WOLFGANG HUB / PICTURE-ALLIANCE /
man müsse – bei aller Kritik an der Reli- Für die Machthaber der islamischen Welt DPA
Seiten 16-20: BRIDGEMANIMAGES.COM (2), AKG (3), RO-
gion an sich – anerkennen, „dass sämtli- aber wäre die Herausbildung eines sol- LAND AND SABRINA MICHAUD / AKG (2), ULLSTEIN BILD
che Nationen durch diese religiöse, mus- chen Bürgertums gefährlich geworden. (2), GRANGER, NYC / INTERFOTO, UIG / GETTY IMAGES

limische, christliche oder heidnische Er- Schließlich war das Beispiel der Franzö- Seite 21: DAGLI ORTI / REX / SHUTTERSTOCK
Seite 22: MUSEUM OF CULTURAL HISTORY / UNIV. OF
ziehung aus dem Zustand der Barbarei sischen Revolution allen Politikern noch OSLO, PHOTO: OVE HOLST
herausgetreten und so einer höheren Ge- deutlich im Bewusstsein: Die Herausbil- Seiten 24-32: PHILIPPE LISSAC / GETTY IMAGES, PETER
SANDERS PHOTOGRAPHY, GUNNAR KNECHTEL / LAIF (2),
sittung entgegengeschritten sind.“ Zuspit- dung einer Bourgeoisie erst machte die AKG-IMAGES, CORBIS HISTORICAL / GETTY IMAGES, MI-
zend bemerkte er dann wiederum, dass Verbreitung liberaler Ideen und schließ- CHAEL SCHINDEL / DDP IMAGES,
alle Religionen sich darin glichen, das lich den Umsturz möglich. BRIDGEMANIMAGES.COM, ALAMY / MAURITIUS IMAGES
Seite 33: SAMMLUNG RAUCH / INTERFOTO
Seiten 34-35: EMMANUEL BERTRAND / VISITGOLFE.COM

„Auch die muslimische Gesellschaft wird eines Tages dazu Seiten 36-39: NYPL / SCIENCE PHOTO LIBRARY, EVERETT
COLLECTION / ACTION PRESS (3), CCI / INTERFOTO, SCAL-
gelangen, ihre Fesseln zu brechen.“ DSCHAMAL AL-DIN AL-AFGHANI ARCHIVES.COM
Seiten 40-45: JENS SCHLÜTER / DDP IMAGES, LEEMAGE /
CORBIS / GETTY IMAGES, DANIELD / INTERFOTO, ULLSTEIN
freie Denken und die Philosophie zerstö- Mit seinem Streben, die Religion aus- BILD
Seite 46: GLOW IMAGES
ren zu wollen. Das religiöse Dogma nann- zudifferenzieren, traf sich der weit ge- Seiten 47-48: HILLWOOD ESTATE, MUSEUM & GARDENS
te er sogar das „schwerste und demüti- reiste Gelehrte mit den Zielen Renans, Seite 49: ILLUSTRATION: BENDIX BAUER

gendste Joch des Menschen“. die beiden wurden eine Zeit lang sogar Seiten 50-54: AKG (2), ALAMY / MAURITIUS IMAGES, ULL-
STEIN BILD, SAMMLUNG RAUCH / INTERFOTO
Die Pointe seiner eigentlich ja als Ver- Freunde. Renan forderte, die Religionen Seite 55: AKG
teidigung des Islam angelegten Antwort an als „freie Offenbarungen der menschli- Seiten 56-58: BRIDGEMANIMAGES.COM, ERICH LESSING /
AKG
Ernest Renan hatte Folgen. Birgit Schäbler chen Natur“ zu würdigen und anzuer- Seiten 60-64: BRIDGEMANIMAGES.COM (2), AKG / ULL-
schreibt: „Diese religionskritische Volte sei- kennen: „Solcherweise zu etwas Freiem, STEIN BILD, MICHAEL SNELL / ROBERT HARDING / LAIF,
ner Verteidigung des Islams rief ihrerseits Individuellem gestempelt, wie die Lite- UNITED ARCHIVES / MAURITIUS IMAGES, PHOTOAISA / IN-
TERFOTO, LEEMAGE / IMAGO, MARY EVANS / INTERFOTO,
einen Sturm der Entrüstung unter den Mus- ratur, der Geschmack, werden die Reli- LAURENT LECAT / AKG, ALAMY / MAURITIUS IMAGES
limen von Paris hervor. Obwohl Afghani gionen sich gänzlich umbilden.“ Seiten 66-67: BRIDGEMANIMAGES.COM, TOPFOTO
seine Manuskripte sonst aus der Hand ge- Der Franzose behielt recht: Umfragen Seiten 68-72: MUSEO DE BELLAS ARTES DE CASTELLÓN,
PRISMA / GETTY IMAGES, AKG, ULLSTEIN BILD
rissen wurden, sah man in diesem Falle lie- zufolge nimmt die Religiosität in den ent- Seiten 74-77: ULLSTEIN BILD, JEAN SOUTIF / LOOK AT SCI-
ber davon ab, den Text zu drucken. Der wickelten Ländern des Westens insge- ENCES / SCIENCE PHOTO LIBRARY, AKG
Vortrag von Renan hingegen wurde noch samt ab. Heute pflegen die, die religiös Seite 78: KUNSTBIBLIOTHEK, SMB / BPK
Seiten 80–81: BPK
im selben Jahr in zahlreiche Sprachen über- sind, ihren Glauben als eine sehr private, Seite 83: RUE DES ARCHIVES / SÜDDEUTSCHER VERLAG
setzt und verbreitete sich auch rasch im ja intime Angelegenheit. Hoffnung und Seiten 84–87: CULTURE-IMAGES / FAI, V&A IMAGES / ALA-

Orient.“ Damit wurde das zugespitzte Den- Trost suchen wir wo immer es geht in MY
Seiten 88–94: BRIDGEMANIMAGES.COM, ARCHIVIO GBB /
ken Renans weithin überliefert, die nuan- den Segnungen von Technik und Wissen- CONTRASTO / LAIF, AKG, ALAMY / MAURITIUS IMAGES
cierte und scharfsinnige Antwort Afghanis schaft. Man installiert moderne Rauch- Seiten 96–97: BRIDGEMANIMAGES.COM
Seite 100: AKG / VG BILD-KUNST BONN, 2016, STUDIO X,
aber harrte sehr lange ihrer Neuentde- melder, statt sich auf den heiligen Florian ERICH LESSING / AKG
ckung. Er ist damit ein gutes Beispiel für zu verlassen, und sieht im Blitzableiter Seiten 102–111: THE PRINT COLLECTOR / HERITAGE-
die Probleme einer Debatte, in die sich im- kein Symptom von Blasphemie mehr. IMAGES / GLOWIMAGES, SÜDDEUTSCHER VERLAG, UNI-
TED ARCHIVES / PICTURE-ALLIANCE / DPA, ULLSTEIN BILD
mer auch politische Faktoren mischen. Aber das alles war nur in den offenen (2), HORST OSSINGER / DPA, PHOTOSHOT, HERITAGE
Gesellschaften möglich, wie sie im Wes- IMAGES / PICTURE-ALLIANCE / DPA, JOE RAEDLE / GETTY

A
fghani war während seiner Zeit ten entstanden sind. IMAGES, SÜDDEUTSCHER VERLAG / RUE DES ARCHIVES /
SÜDDEUTSCHER VERLAG, BERNARD BISSON / SYGMA /
in Indien Zeuge der Brutalität In vielen islamischen Ländern haben GETTY IMAGES, BRIDGEMANIMAGES.COM, TOPHAM
gewesen, mit der die britischen, sich indessen die Tendenzen verschärft, PICTUREPOINT, MARY EVANS / INTERFOTO, EVERETT COL-
christlichen Kolonialtruppen die Afghani geistig zu bekämpfen ver- LECTION / PICTURE-ALLIANCE / DPA
Seiten 112–114: BIBLIOTHÈQUE MARGUERITE DURAND /
gegen die Bevölkerung vorgingen. Mit suchte. ROGER-VIOLLET, ULLSTEIN BILD
der These eines fundamental rationalen Weil die Religion dort, etwa in Ägyp- Seite 115: BETTMANN / GETTY IMAGES
Seiten 117–119: CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL, AKG,
Westens oder gar eines per se friedferti- ten, im Jemen oder zum Teil auch im MARY EVANS / GRENVILLE COLLINS POSTCARD COLLECTI-
gen Christentums brauchte man ihm Maghreb, eines der wenigen verbliebe- ON / INTERFOTO
nicht zu kommen. Er schätzte aber die nen, legalen Medien war, um sozialen Seite 121: PHOTOQUEST / GETTY IMAGES
Seiten 122–125: MIKHAIL GALUSTOV / REDUX / LAIF, YURI
Möglichkeiten hoch, durch öffentlichen Protest und politische Willensbildung zu KOZYREV / NOOR / LAIF, VALERY SHARIFULIN / PICTURE-AL-
Diskurs und politische Bildung etwas zu kommunizieren, wurde sie zum Instru- LIANCE / DPA
verändern. So etwas wünschte er sich ment der Politik. Und schließlich auch, Seiten 127–129: AFP, MEDYAN DAIRIEH /
ZUMAPRESS.COM / ALAMY, SETH MACALLISTER / AFP /
auch für die islamisch geprägten Länder in Gestalt des Terrorismus, zur „Fort- DPA
– allerdings lief dies den Machtinteressen setzung der Politik mit anderen Mitteln“, Seiten 130–135: JEFF J. MITCHELL / GETTY IMAGES, UPI /
der damals Herrschenden zuwider. Af- um mit Clausewitz zu sprechen, nämlich PICTURE-ALLIANCE / DPA, MARTIN ZITZLAFF / DER SPIE-
GEL, ALAIN DEJEAN / GETTY IMAGES
ghani war durchaus dafür, der breiten zur Kriegswaffe. Seite 138: APIC / GETTY IMAGES, ALAMY (2), DEA PICTURE
Masse eine religiöse Erziehung und eine nils.minkmar@spiegel.de LIBRARY / DE AGOSTINI / GETTY IMAGES

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Legende und Wahrheit

Gesöff medizinisch ratsam und damit re-


ligiös tolerabel sei; schließlich galt der
Konsum gesundheitsgefährdender Sub-
Prediger erhoben immer wieder stanzen wie Alkohol, Opium und Ha-
Einspruch gegen das beliebte Gebräu. schisch als Sünde. 1511 entschied sich die
Kaffeegenuss Obrigkeit von Mekka dann für ein Kaf-
mit Gebäck feeverbot – weil das Getränk den Schlaf
Kaffee, ein (Gemälde aus dem
Pera Museum in
Istanbul, frühes
raubte, Kopfweh verursachte und angeb-
lich zu Impotenz führte. In der Praxis
scheiterte die Durchsetzung des Verdikts
muslimisches Getränk? 18. Jahrhundert,
Ausschnitt) jedoch an der Beliebtheit des Getränks.
Auch in Kairo galt ab 1532 ein Kaffeever-
bot; befolgt haben es wohl aber nur Ul-
trareligiöse, etwa konservative Imame.

In Ägypten oder Syrien erfand man zu


dieser Zeit die bis heute praktizierten
Röstverfahren, um den bitteren Ge-
schmack der Bohnen zu mildern;

E
s waren, so viel scheint auch die Kaffeemühle wurde im
gewiss, Gesandte vom 16. Jahrhundert in Syrien ent-
Bosporus, die den Kaf- wickelt. Das Ergebnis dieser
fee in Europa hoffähig Bemühungen mundete frühen
machten. Bei ihren Besuchen europäischen Besuchern den-
am Wiener Hof 1665 und vier noch eher mäßig –  es sei
Jahre später in Paris nahmen „schwarz wie Ruß und
sie für den 300 Personen um- schmeckt auch nicht viel an-
fassenden Stab des osmani- ders“, so und ähnlich klagten
schen Botschafters all das mit, Reisende. Noch am Ende des
was orientalischen Luxus aus- 17. Jahrhunderts mahnten
machte, darunter zwei Kaffee- die ersten Abhandlungen
köche. Die beiden unterhielten über Kaffee ihre europäi-
den ganzen Tag Feuerstellen, schen Leser, diesen vorsichtig
um das edle Getränk zuzuberei- und schluckweise zu nehmen.
ten. Der exotische Duft zog die Heißgetränke war man bis dato
Pariser in ihren Bann; bald verfiel nördlich des Mittelmeers nur in
ganz Europa der „Coffeemanie“. Form von Arzneitees oder als
Doch war das Getränk wirklich dünne Suppen gewohnt.
ein muslimisches? Den Deutschen Suspekt war der Kaffee der osma-
wurde das lange mit dem Ohrwurm nischen Obrigkeit in Konstantinopel
„C-A-F-F-E-E“ eingebläut: „Nicht für unter dem Eindruck des Hofpredigers
Kinder ist der Türkentrank/ schwächt die Mehmed Efendi, Gründer der „Kadiza-
Nerven/ macht dich blass und krank/ sei doch de“, einer fundamentalistisch motivierten,
kein Muselmann/ der ihn nicht lassen kann.“ Die anti-sufistischen Reformbewegung. Auf
Liedzeilen aus dem 19. Jahrhundert hatten freilich mehr po- Efendis Geheiß hin ließ Sultan Murad IV.
litischen denn religiösen Hintersinn: Zu Europas damals gän- Kaffee verbieten –  bei Übertretung des
gigem Bild des Osmanenreichs als dem „kranken Mann am Verbots drohte die Todesstrafe. 1633 ließ
Bosporus“ passten nervenschwache Koffein-Junkies. Murad IV. auch ausdrücklich die Kaffee-
Tatsache ist, dass Kaffee zum ersten Mal im 15. Jahrhundert Das Kaffee- häuser verbieten. Diese standen bei ihm
in arabischen Handschriften auftaucht. Als Konsumenten nen- haus galt und seinen Nachfolgern allerdings nicht
nen diese Quellen jemenitische Sufis – Anhänger einer mysti- nur wegen des schwarzen Getränks in
schen muslimischen Frömmigkeitsbewegung. Die Sufis genos- als Treff- Verruf, sondern vor allem wegen ihrer
sen die koffeinhaltigen Samen aber weder privat noch zum punkt von Besucher. Das Kaffeehaus galt als Treff-
Vergnügen: Gemeinsam nahmen sie in einer Zeremonie das Verschwörern punkt von Verschwörern und Aufrührern.
„Kischr“ genannte Gebräu aus heißem Wasser mit Fruchtfleisch Diese Ängste waren indes kein Allein-
und Rohbohnen zu sich, um sich anschließend die Nacht über – nicht nur stellungsmerkmal muslimischer Potenta-
ihren Exerzitien hinzugeben. im Orient. ten. 1675 versuchte Karl II. von England
Bis ins 17. Jahrhundert blieb der Jemen weltweit der einzige per Dekret, die Kaffeehäuser des König-
Kaffeeproduzent. Von dort aus waren die Bohnen schon ab reichs zu schließen. Viel belachte Begrün-
dem späten 15. Jahrhundert auf die Arabische Halbinsel, ins dung: Die Untertanen würden dort nur
Osmanische Reich und nach Persien gelangt. Unter muslimi- ihre Zeit vergeuden und Gerüchte ver-
schen Gelehrten entbrannte eine Debatte darüber, ob das neue breiten. Annette Bruhns

100 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


Konflikte der Moderne Naher Osten

Vor 100 Jahren führte der britische Abenteurer Lawrence von Arabien die Stämme
der Wüste gegen die mit dem Deutschen Reich verbündeten Osmanen.
Er wurde zur Legende – und die Region das, was sie bis heute ist: ein Schlachtfeld.

Der Wüstenpakt
Von Samiha Shafy

Ein Mann kann sich ohne natürlich – er blinzelt entspannt in die Medina. Und hier lagerten damals, im
Weiteres zugrunde richten; aber Sonne. Herbst 1917, die Wasservorräte der osma-
wie abscheulich, dass sich die Khaled Suleiman al-Atoun, 54, ist der nischen Truppen. Doch sie waren zu gut
Unschuld und die Ideale der Anführer des Stammes der Atoun, die bewacht für einen Angriff. Deshalb leg-
Araber meinem schmutzigen seit Generationen in dieser Region leben. ten Atouns Großvater und weitere Kämp-
Dienst fügen sollten, auf dass ich „Mein Großvater hat an Lawrence’ Seite fer, angeführt von Lawrence, eine
beides zugrunde richte.* gegen die Türken gekämpft“, erzählt er. Sprengstofffalle auf die Gleise. Als sich
„Hätte ich zu jener Zeit gelebt, hätte ich ein osmanischer Zug näherte, jagten sie
wohl auch mitgemacht – angesichts all ihn in die Luft. Er finde es schade, sagt

D
as Ziel, das Lawrence von Ara- der Versprechen, mit denen die Araber der Scheich, dass der Verlauf der Bahnli-
bien im September 1917 unbe- damals in den Aufstand gelockt wurden.“ nie kaum noch zu erkennen sei: „Es wäre
dingt erobern wollte, ist ein Vor 100 Jahren, mitten im Ersten Welt- gut, wenn jüngere Generationen ihn se-
kleiner sandfarbener Säulen- krieg, einte Leutnant Thomas Edward hen und begreifen könnten, wie wir in
bau, der sich in die fahle Wüste duckt. Lawrence im Auftrag des britischen Ge- diese missliche Lage geraten sind.“
Um ihn herum stehen heute ein paar heimdienstes arabische Stämme. Von Ok- Missliche Lage?
Flachbauten und Zelte: die Siedlung Mu- tober 1916 an führte er sie in einen aben- Seit damals gebe es in Mudawwara
dawwara. Nur wenige Kilometer südlich teuerlichen Wüstenkrieg gegen das Osma- keine Bahnverbindung mehr, klagt
von hier verläuft eine jener Grenzen, wel- nische Reich, den Verbündeten Deutsch- Atoun. Noch schlimmer aber sei etwas
che die Kolonialherren zu Lawrence’ Zei- lands. Er selbst wuchs dabei zu einem Hel- anderes. Er macht eine Geste gen Süden,
ten kreuz und quer durch den Nahen Os- den, dem Aberwitziges gelang, zu einer Richtung Saudi-Arabien. Nicht weit von
ten zogen. Sie trennt diesen Teil der Wüs- der legendären Gestalten der Weltge- hier gebe es eine zweite Wasserquelle,
te, der nun Jordanien heißt, von jenem schichte: zu Lawrence von Arabien. erzählt er, deshalb habe sich sein Stamm
dahinter, der heute Saudi-Arabien ge- Was Lawrence dem Großvater Atouns früher oft dort aufgehalten. Doch als
nannt wird. und den anderen Arabern im Auftrag der nach dem Ersten Weltkrieg jene unseli-
Der Scheich von Mudawwara, in britischen Krone versprochen hatte, war: gen Grenzen durch den Nahen Osten ge-
traditionell weißem Gewand mit rot- Freiheit. Wenn sie gemeinsam mit ihm zogen wurden, sei auch sein Stamm ge-
weiß karierter Kopfbedeckung, schrei- die Türken aus Arabien verjagten, wenn spalten worden: Diejenigen, die in Mu-
tet auf das verwitterte Gebäude zu, dann sie dem British Empire also dabei helfen dawwara blieben, wurden Jordanier, die
bleibt er in respektvollem Abstand würden, das Osmanische Reich zu zer- anderen Saudi-Araber. „Wenn ich meine
stehen. Er möchte die Familien nicht stö- schlagen, werde ihr Lohn eine freie ara- Familie auf der anderen Seite besuchen
ren, die sich in der Ruine angesiedelt ha- bische Nation sein. Sie sollte neben der will, brauche ich ein Visum und muss mo-
ben. Ein Hauch von Schatten wäre jetzt Arabischen Halbinsel auch den Großteil natelang warten“, sagt Atoun. Seine Au-
eine Gnade, Schutz vor der gierigen der heutigen Staaten Jordanien, Irak, Sy- gen blitzen streitlustig: „Finden Sie das
Wüstenhitze, die jeden verschlingt, der rien, Israel sowie die Palästinensergebiete etwa fair?“
sich ihr aussetzt. Nur den Scheich nicht, umfassen. Die arabische Welt, einst so leiden-
Scheich Atoun deutet auf die Ruine: schaftlich verklärt von europäischen
Als Ausgräber kam Lawrence in die
„Das war der Bahnhof von Mudawwara.“ Dichtern, Malern und Komponisten, be-
arabische Welt, im bald beginnenden Krieg Durch ihn lief die strategisch entschei- herrscht heute die Weltpolitik mit Krisen
spielte er eine Schlüsselrolle, Foto um 1919. dende Bahnlinie der Osmanen Richtung und Terror, Zerstörung und Flucht. Staa-

* Alle kursiven Zitate stammen aus Schriften von T. E. Lawrence. 103


Konflikte der Moderne Naher Osten

ten wie Syrien und der Irak sind zum dem Filmhelden schon optisch ähnlich, und sittenstreng. Ihr Zweitgeborener,
Schlachtfeld von Großmächten gewor- ein sehniger Mann mit hellem Haar und Thomas Edward, versuchte früh, dem
den, die vordergründig, beiläufig fast, stahlblauen Augen, der sich in arabische Korsett seines Elternhauses zu entkom-
den „Islamischen Staat“ (IS) bekämpfen, Gewänder hüllte und in der Wüste Grenz- men. Er studierte Geschichte und reiste
während sie um Vorherrschaft in der Re- erfahrungen suchte. Eine widersprüchli- Ende 1910 ins heutige Syrien, um bei Aus-
gion ringen. So beschäftigt der Nahe Os- che und rätselhafte Figur selbst für jene, grabungen zu helfen. Bald streckte ihn
ten den Westen mehr als jede andere Ge- die ihn aus der Nähe erlebten: brillant, die Ruhr nieder, und er wurde sterbens-
gend der Welt: durch seine Kriege, den besessen, eitel – aber auch mitfühlend schwach.
Zerfall seiner Staaten und all jene Ge- und von Zweifeln gepeinigt. Während er zwischen Leben und Tod
fahren, die darin ihren Ursprung haben. Wie konnte der einst mächtige, kultu- schwebte, besuchte ihn täglich ein jun-
Wer verstehen will, wie es so weit rell blühende Nahe Osten nach Lawrence’ ger arabischer Wasserträger namens Da-
kommen konnte, sollte hundert Jahre zu- Kampf zu einer Region ohne Chancen houm. Lawrence genas – und verliebte
rückblicken, nach England und in die ara- werden? Warum zerfallen arabische Staa- sich. Es war natürlich zu jener Zeit eine
bische Wüste. Dort spielt die Geschichte ten vor den Augen der Welt, gefangen in ebenso unmögliche Liebe wie die seiner
jenes Mannes, der aus dem Nichts kam zerstörerischem Wahn? Wie kam es zum Eltern. Möglich ist, dass sich die Roman-
und das Schicksal der Araber in seine Siegeszug der Islamisten, die behaupten, ze vor allem in der Fantasie des jungen
Hände nahm. Für die einen ist Lawrence westliche Werte seien die Krankheit, re- Briten abspielte. Für Lawrence, der mit
von Arabien ein tragischer Freiheits- ligiöser Fanatismus das Heil? Antworten dem verklärten Blick des Orientromanti-
kämpfer, für die anderen ein Verräter. findet man auch in der Geschichte des kers auf die Araber blickte, verkörperte
Auf jeden Fall gehört er zu den Männern, Lawrence von Arabien. Dahoum das Idealbild des reinen, edlen
die das 20. Jahrhundert prägten, neben Beduinen.
Figuren wie Churchill, Lenin, Stalin, Mus- Der Ausländer kommt immer Später, als er zu Lawrence von Ara-
solini – so sieht es der amerikanische His- hierher, um zu lehren, wo er bien geworden war, schrieb er: „Mein
toriker David Fromkin, Autor des Stan- vielmehr lernen sollte, denn in stärkster Beweggrund war während der
dardwerks zur Entstehung des modernen allem, Verstand und Wissen ganzen Zeit ein persönlicher gewesen,
Nahen Ostens. Auch Hitler gehört auf ausgenommen, ist der Araber im der hier nicht erwähnt wurde; aber er ist,
diese Liste. Allgemeinen der bessere Mensch wie ich glaube, mir zu jeder Stunde die-
Generationen von Wissenschaftlern von beiden. ser zwei Jahre gegenwärtig gewesen …
haben versucht zu verstehen, wie dieser Er war tot, noch bevor wir Damaskus er-
eine junge Abenteurer die Weltgeschich- Um ein Haar wäre seine Geschichte reichten.“
te derart beeinflussen konnte: Es gibt zu Ende gewesen, bevor sie richtig be- Als Lawrence im Juni 1914 in seine
mehr als 70 Biografien, die jüngste er- ginnen konnte. T. E. Lawrence, geboren Heimat zurückkehrte, blieb Dahoum
schien im Mai. Seine eigenen Memoiren am 16. August 1888 im walisischen Tre- als Wächter auf der Ausgrabungsstätte
sind, über 81 Jahre nach seinem Tod, in madog, war der zweite von fünf uneheli- zurück. Später, in der entscheidenden
mehr als einem Dutzend Sprachen erhält- chen Söhnen des Gutsbesitzers Thomas Phase des Krieges, erfuhr Lawrence,
lich. Ein schillerndes Denkmal setzte ihm Chapman und der Gouvernante Sarah dass sein Freund an einem Fieber gestor-
1962 Hollywoodregisseur David Lean: ein Junner, die sich um Sir und Lady Chap- ben war.
größenwahnsinniges, mit sieben Oscars mans vier Töchter gekümmert hatte. Da Am 4. August 1914 trat Großbritan-
gekröntes Filmepos – „Lawrence von die betrogene Lady Chapman die Schei- nien in den Krieg gegen Deutschland ein.
Arabien“. dung verweigerte, nahmen ihr Mann und Das Osmanische Reich bröckelte längst.
Im Film ist Lawrence, gespielt von Pe- das Kindermädchen einen anderen Na- Aus Nordafrika hatte es sich zurückge-
ter O’Toole, ein gebrochener Held. Er men an: Lawrence. zogen, ebenso aus Südosteuropa. Aber
strotzt nur so vor Selbstbewusstsein, brüs- Sie zogen nach Oxford und versuchten es erstreckte sich noch von der Levante
kiert seine Vorgesetzten und bringt die dort, den Anschein zu erwecken, ein ge- und Mesopotamien bis an den Persischen
Araber dazu, ihm zu folgen – bis die Kräf- wöhnliches Ehepaar zu sein. Wohl um Golf und über den westlichen Teil der
te, die er selbst geweckt hat, ihn zu zer- die geheime Schande zu kompensieren, Arabischen Halbinsel bis in den Jemen.
reißen drohen. Der echte Lawrence war gab sich vor allem Mrs Lawrence fromm Städte gehörten zum Großreich der Tür-

1911 16. Mai 1916 2. November 1917 1948/1949

Spielfeld von
Imperialisten und
Dschihadisten

Im 20. Jahrhundert prägen „Panthersprung nach Franzosen und Briten Großbritannien erkennt in Nach der Gründung Israels
Kriege, Vertreibungen und Agadir“: Deutschland stecken im geheimen der Balfour-Deklaration vertreiben jüdische Milizen
Terror das Verhältnis verschärft mit der Entsen- Sykes-Picot-Abkommen das zionistische Ziel einer im arabisch-jüdischen
zwischen dem Nahen Osten dung eines Kanonenbootes ihre Kolonialinteressen für „jüdischen Heimstätte“ in Bürgerkrieg etwa 750 000
und dem Westen. die Marokkokrise. die postosmanische Zeit ab. Palästina an. arabische Palästinenser.

104 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


Berittene Araber auf einer Fotografie
von 1918, möglicherweise eine Truppe, reich und Russland – zeigten kein Inte- Die Deutschen verbündeten sich mit
die mit Lawrence in den Kampf zog. resse. Die Deutschen winkten im Juli den Osmanen, diese riefen prompt zum
1914 ebenfalls ab. Dschihad gegen Deutschlands Feinde auf.
ken, deren Namen damals wie Verhei- Doch dann änderten die Diplomaten Die Briten, in deren Kolonien hundert
ßungen klangen und heute für Tod und des deutschen Kaisers Wilhelm II. ihre Millionen Muslime lebten, mussten rea-
Terror stehen – Aleppo, Damaskus, Bag- Meinung. Die Osmanen besaßen keine gieren.
dad, Sanaa. Dass in dieser Erde auch die besonders schlagkräftige Armee, doch sie
größten Ölreserven der Welt schlummer- beherrschten Mekka und Medina, die hei- Wir erkannten, dass der Osten
ten, war den Herrschern in Konstantino- ligen Stätten des Islam. Der Sultan be- eines neuen Elements bedurfte,
pel, dem heutigen Istanbul, noch kaum trachtete sich als spirituellen Führer aller irgendeiner Macht oder Rasse,
bewusst. Muslime. Wenn dieser Mehmed V. nun, die den Türken an Zahl,
Zunächst war nicht klar, ob das Os- so überlegten die Deutschen, alle Musli- an Stoßkraft und geistiger
manische Reich im Ersten Weltkrieg Par- me – auch jene 140 Millionen, die in Län- Regsamkeit überlegen war.
tei ergreifen würde. 1911 hatte es mit dern wie Ägypten und Sudan unter der
Großbritannien über eine Allianz ver- Kontrolle der Entente standen – zum hei- Durch Zufall war Lawrence genau da,
handelt, vergebens. Die anderen Mitglie- ligen Krieg gegen die Alliierten aufriefe, wo die britische Antwort ersonnen wur-
der der sogenannten Entente – Frank- könnte das den Krieg entscheiden. de: in Kairo. Weil er sich in der arabi-

1954 bis 1962 1956 5. September 1972 Ab 1991 2003

Im Algerienkrieg sterben Suezkrise: Großbritannien, Infolge des Münchner In der Friedenskonferenz Irakkrieg: Von März bis Mai
bis zur Unabhängigkeit Frankreich und Israel greifen Olympia-Attentats, bei dem von Madrid begegnen sich bombardieren die USA und
schätzungsweise 300 000 nach der Verstaatlichung palästinensische Terroristen Nahost-Konfliktparteien zu die „Koalition der Willigen“
Algerier beim Kampf gegen des Kanals Ägypten an – Häftlinge freipressen wollen, Verhandlungen, fortgesetzt das Land – gegen das Votum
die französischen Besatzer. ohne die Nato zu fragen. sterben 17 Menschen. durch den „Oslo-Prozess“. des Uno-Sicherheitsrats.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 105


Eröffnung der Pariser Friedenskonferenz
am 18. Januar 1919. Wieder bestimmten der britische Hochkommissar in Ägypten, Im Zentrum des Geschehens steht der
Europäer über die Zukunft der Araber. und Scherif Hussein: Die Araber sollten junge Leutnant in Kairo: Lawrence.
den Aufstand wagen und das Osmanische „Auch Lawrence war in erster Linie ein
schen Welt besser auskannte als die meis- Reich angreifen. britischer Imperialist“, sagt der Histori-
ten Briten, hatte er eine Stelle als Leut- Nach dem Sieg, so versprach McMa- ker. Er habe für ein unabhängiges Ara-
nant in der „Geografischen Abteilung des hon in einem Brief Ende Oktober 1915, bien gekämpft, das unter britischem Ein-
Generalstabs“ bekommen. würde Großbritannien Husseins An- fluss stehen sollte. „Nach damaligen
Der Plan des britischen Nachrichten- spruch auf ein unabhängiges Arabien un- Maßstäben war er weniger rassistisch als
dienstes in Kairo war es, Hussein Bin Ali, terstützen – mit der Arabischen Halbin- viele andere.“ Zumindest, was die Ara-
den Scherif von Mekka, zum Widerstand sel, Syrien, Mesopotamien und Palästina. ber betraf. „Seine hervorstechende Ei-
gegen die Türken anzustacheln. Der McMahon wählte seine Worte so wolkig, genschaft war, dass er die Franzosen
strenge, weißbärtige Hussein wurde in wie es nur ging; so war es ihm aus Lon- nicht ausstehen konnte.“
der islamischen Welt als direkter Nach- don aufgetragen worden.
fahre des Propheten Mohammed und als Damit bereitete er einen historischen Dann war da noch der
eigentlicher Hüter der heiligen Stätten Verrat vor, der die arabische Welt bis heu- fantasievolle Anwalt aller
verehrt. te destabilisiert: „Man kann natürlich ar- unerfüllten Weltbewegungen,
Der Scherif pflegte Kontakte zu ara- gumentieren, dass alle Grenzen künstlich Mark Sykes, auch er ein
bischen Nationalisten und träumte von sind“, sagt der britische Historiker James Bündel von Vorurteilen,
einem panarabischen Kalifat. Weil die Barr, „aber der Unterschied im Nahen Eingebungen und Halbheiten.
Türken das wussten, hatten sie Vorkeh- Osten ist, dass die Grenzen für ein ge-
rungen getroffen: Sie hatten sich von brochenes Versprechen stehen – ein Ver- Anfang 1916 hörte Lawrence Gerüchte
deutschen Ingenieuren die Hidschas- sprechen, mit dem die Briten die Araber aus London. Danach hatte der britische
Bahnlinie bauen lassen, die Damaskus damals dazu brachten, für sie in den Parlamentarier Mark Sykes mit einem
mit Medina verband und bis nach Mekka Kampf zu ziehen.“ Gesandten der Franzosen namens Fran-
verlängert werden sollte. Mithilfe der Barr, 40, ein freundlicher, schmaler çois Georges-Picot ein Geheimabkom-
Bahnlinie konnte der Sultan seine Trup- Mann, hat Jahre in britischen und franzö- men ausgehandelt, das die arabischen
pen schnell dorthin verlegen, wo Unruhe sischen Archiven zugebracht, um anhand Provinzen des Osmanischen Reichs vor-
aufkam. freigegebener Geheimakten aus dem Ers- sorglich zwischen Großbritannien und
Lawrence gehörte zu den leidenschaft- ten Weltkrieg nachzuvollziehen, wie es Frankreich aufteilte. Sykes und Picot hat-
lichsten Verfechtern des britischen Plans. zum Verrat der Kolonialmächte an den ten eine Linie quer über eine Landkarte
Er schrieb nun Strategiepapiere. Schließ- Arabern kam. Das Ergebnis ist sein 2011 Arabiens gezogen, die vom Buchstaben
lich einigten sich Sir Henry McMahon, erschienenes Buch „A Line in the Sand“. „e“ im Namen der Stadt Acre (Akko) bis

106 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


zum letzten „k“ im Namen der Stadt Kir- die immer schon Eindringlinge anlockte. für den Kampf gegen die Osmanen ge-
kuk reichte: Was nördlich davon lag, soll- Und es liegt an der Fülle jener Rohstoffe, braucht.
te nach einem Sieg über die Deutschen die zu der Zeit entdeckt wurden und Das ungute Gefühl, den Franzosen zu
und die Türken unter Frankreichs fremde Begehrlichkeiten weckten: Öl viel Territorium überlassen zu haben,
„Schutz“ gestellt werden, die südlichen vor allem. verleitete die Briten zu einer dritten
Gebiete sollten Großbritannien zufallen. Mit Sykes-Picot beginnt aus arabi- folgenschweren Absprache, diesmal mit
Nur Palästina wollte keiner dem anderen scher Sicht die Kette der Katastrophen, europäischen Zionisten. Sie war mit kei-
überlassen; es sollte unter internationale die sich bis in die Gegenwart verlängert ner der beiden vorherigen vereinbar:
Verwaltung gestellt werden. – bis zum Krieg in Syrien, der zu einer Großbritannien würde die Zionisten da-
Das Sykes-Picot-Abkommen ist der Art Weltkrieg auf syrischem Boden ge- bei unterstützen, Juden in Palästina an-
zweite Teil des historischen Verrats an worden ist. zusiedeln.
den Arabern. Die Briten sahen sich ge- Es ist dieses Ohnmachtsgefühl, das Is- Mit der Dankbarkeit der jüdischen
nötigt, ihren wichtigsten Verbündeten lamisten und andere Feinde des Westens Siedler, so das Kalkül in London, würde
entgegenzukommen: den Franzosen. Die heute geschickt ausnutzen. Zum Beispiel sich Großbritannien die Kontrolle über
hatten mit Drohungen reagiert, als sie jener IS-Kämpfer, der in einem Video an jenes Gebiet sichern, das es ursprünglich
von McMahons Absprache mit Scherif einem von der Terrorgruppe eroberten den Arabern versprochen hatte und das
Hussein erfuhren. Grenzübergang zwischen Syrien und laut Sykes-Picot neutral bleiben sollte.
Die Engländer versprachen den Fran- dem Irak steht und prahlt: „Wir werden Etwa 640 000 Araber und rund 60 000 Ju-
zosen also riesige Landstriche, die noch die Grenzen des Irak, Jordaniens, des den lebten damals in Palästina. Der neue
den Türken gehörten und die sie auch Libanon, aller Länder durchbrechen.“ Plan der Briten wurde zur Basis des Staa-
schon den Arabern versprochen hatten. Das IS-Video, veröffentlicht im Sommer tes Israel (siehe Seite 120).
Im Nahen Osten steht der Begriff 2014, trägt den Titel: „Das Ende von Lawrence kannte zunächst weder den
Sykes-Picot heute für ein Gefühl von Sykes-Picot“. Pakt mit den Juden noch die Details von
Ohnmacht und Wut darüber, immer wie- Die Briten waren unglücklich mit dem Sykes-Picot. Doch er gönnte den Fran-
der Opfer fremder Interessen zu werden. Abkommen und suchten nach Wegen, zosen keinen Zipfel arabischer Erde. Er
Das liegt an der strategisch entscheiden- es zu umgehen. Vor allem sollten ihre beschloss, die Pläne der Politiker zu
den Lage der Region zwischen Ost und arabischen Verbündeten auf keinen Fall durchkreuzen.
West und an einer offenen Topografie, von Sykes-Picot erfahren; sie wurden ja
Ich fühlte auf den ersten Blick:
Dies war der Mann, den zu
suchen ich nach Arabien
Aufteilung des gekommen war – der Mann, der
Konstantinopel Nahen Ostens die Erhebung Arabiens zu
(Istanbul) glorreichem Ende führen würde.
Osmanisches Reich 1914
Heutige Staatsgrenzen Im Sommer 1916 war es so weit:
TÜRKEI Gebiete nach dem Scherif Husseins Truppen vertrieben die
Sykes-Picot-Abkommen 1916 Türken aus Mekka. Die Arabische Re-
KarkamIş Unter französischer Herrschaft/ volte geriet aber gleich wieder ins Sto-
Aleppo französischem Einfluss cken. Ernüchtert stellten britische Beob-
Kirkuk Unter britischer Herrschaft/ achter fest, wie schlecht vorbereitet die
Me

SYRIEN
britischem Einfluss Araber waren, wie planlos sie sich in den
so

LIBANON Damaskus Internationale Zone Kampf stürzten. Nur einer glaubte an


po

Akko Bagdad
ISRAEL IRAK sie, unverdrossen: „Wenn diese Revolte
ta

ie
m

PALÄST. GEB. n Erfolg hat, wird sie das größte Ding im


Jerusalem JORDANIEN IRAN Nahen Osten“, schrieb Lawrence an sei-
Kairo ne Eltern.
Akaba Mudawwara KUWAIT Doch im Oktober setzten die Türken
Hidschas-Bahn zur Rückeroberung Mekkas an. Law-
BAHRAIN
Hi

rence wurde gemeinsam mit einem Kol-


ds

ÄGYPTEN KATAR legen nach Arabien entsandt. Die beiden


ch

Doha sollten herausfinden, ob der Aufstand zu


as

Medina Riad
retten war – mit Gold und Ratschlägen,
V.A.E.
SAUDI- ARABIEN aber bitte ohne britische Truppen. Es war
Lawrence’ Chance auf das große Aben-
Mekka
teuer.
Er war erst 28 Jahre alt und hatte kei-
OMAN ne militärische Erfahrung, doch das hin-
300 km derte ihn nicht, die Revolte umzukrem-
peln. Als Erstes suchte er einen neuen
JEMEN Anführer; der 63-jährige Hussein, immun
Sanaa gegen britischen Rat, erschien ihm unge-

107
Konflikte der Moderne Naher Osten

eignet. Also besuchte Lawrence Husseins maskus einnehmen könnten, damals ein mühelos glitt er von einer Identität in
Söhne. wirtschaftliches Zentrum der arabischen die andere, ein britischer Leutnant, der
Den schwächlichen Ali und den ge- Welt. Es musste schnell gehen, damit die wie ein Beduine lebte, anspruchslos bis
nussfreudigen Abdullah schrieb er gleich Araber die Stadt mit dem Recht des Er- zur Selbstverleugnung. Wenn es Wasser
ab. Aber dann war da noch Feisal. Um oberers für sich beanspruchen konnten. gab, trank er, wenn nicht, dann eben
ihn zu treffen, musste Lawrence über Dafür mussten sie vor allen Dingen die nicht. Auch später, als er wieder in Eng-
eine Strecke von 160 Kilometern auf dem Bahnlinie der Türken durchschneiden. land lebte, ernährte er sich spartanisch,
Rücken eines Kamels der Wüste trotzen. aus Dosen.
Feisal, fünf Jahre älter und etwa einen Die Station Mudawwara Er litt unter dem Verrat; er musste
Kopf größer als Lawrence, war der Anfüh- bedeutete in vieler Beziehung mehrere Tausend Krieger belügen, damit
rer, den er gesucht hatte: „Groß, geschmei- den entscheidenden Punkt sie weiter für Großbritannien kämpften.
dig und kraftvoll, in Gang und Haltung der Eisenbahnlinie. Die Araber Er versuchte, sein Gewissen zu entlasten,
von einer wahrhaft königlichen Würde“, konnten das nicht einsehen, indem er Feisal ins Vertrauen zog – und
so notierte Lawrence. Nun musste er ihn da sie sich keine Vorstellung zu ihn gleichzeitig anspornte, nun erst recht
nur in die richtige Richtung lenken. Auf machen vermochten von der nach Damaskus zu marschieren, um Fak-
die höfliche Frage seines Gastgebers, wie Gesamtheit der türkischen Front. ten zu schaffen.
ihm die Gegend gefalle, entgegnete er: Feisal hörte auf seinen Rat. Erst erober-
„Gut, aber sie ist weit weg von Damaskus.“ Lawrence und seine Araber auf ihren ten sie zusammen die Stadt Wadschh,
Denn dies war Lawrence’ geheimer Pferden und Kamelen erreichten Mudaw- dann die strategisch wichtige Hafenstadt
Plan, mit dem er Sykes-Picot sabotieren wara im September 1917. Der Brite war Akaba auf dem Weg gen Norden. Law-
und die garstigen Franzosen fernhalten in finsterer Stimmung. Der Aufstand lief rence hatte die Araber eigenmächtig
wollte: Als Feisals Berater würde er die zwar nach Plan, doch er wusste nun mit dorthin geführt, gegen den Willen sei-
Araber gen Norden dirigieren, damit sie Sicherheit, dass die Araber betrogen wer- ner Vorgesetzten. Hunger und Durst be-
vor den Franzosen und den Briten Da- den würden. Sykes selbst hatte es ihm gleiteten sie auf ihren Ritten, eine fleisch-
gesagt, als der Politiker sich mal in die fressende Sonne und Sandstürme, die
Zur Delegation von Prinz Feisal (vorn) bei
Wüste gewagt hatte. ihnen die Haut im Gesicht zerrissen,
den Pariser Verhandlungen 1919 Lawrence kleidete und verhielt sich „während die Augenlider, körnig von
gesellte sich auch Lawrence (3. v. r.), der inzwischen wie ein Araber. Scheinbar Sand, gleichsam einzuschrumpfen und
die Araber belogen hatte.
Im März 1920 wurde Feisal zum König
die in die Höhlen gesunkenen Augen Manchmal zweifelte er nun an seiner von Syrien ausgerufen, doch bald jagten
bloßzulegen schienen“. Mission. Feisals Armee stellte keine Ein- ihn die Franzosen aus dem Land. In
Damaskus (Foto) kam es 1925 zu einem
Sie zogen immer weiter nach Norden, heit dar, die eine große arabische Nation
Aufstand gegen die Mandatsmacht.
wie Banditen fielen sie über die Außen- bilden und die Franzosen verjagen konn-
posten des Osmanischen Reiches her. Die te. Die Beduinenstämme, die sich am An-
Gefechte setzten Lawrence zu, die Bru- fang hinter Feisal geschart hatten, konn- Im August 1918 vertrieben die Araber
talität, die Araber mit ihren Säbeln, die ten wenig mit anderen Arabern aus dem die Osmanen aus Mudawwara, Brunnen
Maschinengewehre der Osmanen, das heutigen Syrien und Irak anfangen, die und Anlagen wurden zerstört. Damit war
Blut, das Sterben. In Akaba hatte er vor als Freiwillige dazugestoßen waren. Im- die Eisenbahnlinie unterbrochen. Ihren
lauter Aufregung seinem eigenen Kamel mer wieder kam es zwischen den ver- Nachschub, ihre Truppen hätten die Tür-
von hinten in den Kopf geschossen, als schiedenen Gruppen zu Streit. Lawrence ken nun in mörderischen Märschen durch
die Kugeln flogen. Es sackte zusammen, stand vor einer Frage, die bis heute nicht die Wüste transportieren müssen – un-
und er fürchtete, fallend, dass er nun ster- zu beantworten ist: Wer sind eigentlich möglich. Sie waren praktisch erledigt. Ein
ben müsste. „die Araber“? paar Tage später war Lawrence’ 30. Ge-
Beim Angriff auf den Zug bei Mudaw- burtstag. Er verbrachte ihn allein in sei-
wara spielten sich irrwitzige Szenen ab: Wir würden unweigerlich nem Zelt, mit hohem Fieber und Selbst-
Die Araber stürzten sich auf die Wag- Verbitterung ernten, eine vorwürfen.
gons, um sie zu plündern. „Das Tal war jämmerliche Frucht für eine Es war falsch, alles: Feisal vertraute
der reinste Hexenkessel“, so Lawrence. heroische Anstrengung. ihm und verließ sich auf seine Ratschläge.
„Die Araber, wie von Sinnen gekommen, Die arabischen Kämpfer verehrten ihn.
rasten umher, barhäuptig, halb nackt, In London kamen zur selben Zeit Doch was nutzte das alles, wenn es ihm
brüllend, blindlings schießend und sich Mark Sykes ebenfalls Zweifel an seiner nicht gelang, den Verrat zu verhindern?
gegenseitig mit Nägeln und Fäusten be- Rolle. Von jenseits des Atlantiks blies Je näher die Araber Damaskus kamen,
arbeitend, während sie Waggons aufbra- den Briten und Franzosen ein scharfer je euphorischer ihre Stimmung wurde,
chen und mit riesigen Ballen hin und her Wind entgegen. US-Präsident Woodrow desto elender fühlte sich Lawrence. Er
stolperten.“ Wilson, anders als viele seiner Nachfol- verkroch sich, manchmal für Tage. „Zwei
Als Lawrence einen anderen Zug ger noch von demokratischem Idealismus Jahre lang hatte ich, nur um sie auszu-
sprengte, wurde er bei der Explosion beseelt, forderte für die Völker des Os- nutzen, fälschlich ihren Gefährten ge-
durch die Luft geschleudert. Er kam wie- manischen Reiches eine „völlig ungestör- spielt“, notierte er. „Ein, zwei Wochen,
der zu sich mit blutigen Rissen in seinem te Gelegenheit zur selbstständigen Ent- drei vielleicht, und ich würde auf meiner
Arm, vor ihm lag der Oberkörper eines wicklung“. Sykes fürchtete, auf der fal- Entlassung bestehen. Meine Nerven wa-
Türken. schen Seite der Geschichte zu stehen. ren zerrüttet; und ich konnte froh sein,

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 109


Konflikte der Moderne Naher Osten

pen sollten einander bekämpfen, damit sie


nicht auf die Idee kämen, gemeinsam die
französische Schutzmacht zu vertreiben.
Es war, in den Worten des Historikers
David Fromkin, „ein Frieden, der jeden
Frieden beendete“.
Bis heute hält in vielen arabischen
Ländern nur der eiserne Griff korrupter
Autokraten Staaten zusammen, was alte
Feindschaften verschärft und Hass schürt.
Stürzt ein solcher Diktator, wie 2003 im
Irak oder 2011 in Libyen, zerfällt auch
der Staat. Wankt der Diktator bloß, wie
in Syrien, kann das Ergebnis noch bluti-
ger sein. So prägen im Nahen Osten die
Folgen des Ersten Weltkriegs die politi-
sche Gegenwart.
Eine Gegenwart, die oft apokalypti-
sche Züge trägt: Araber zu sein bedeute,
sich ohnmächtig zu fühlen, verfolgt und
voller Selbsthass, das schrieb der liba-
nesische Politologe und Journalist Sam-
ir Kassir 2004 in seinem Lamento „Das
arabische Unglück“. Er klagte über An-
alphabetenraten, über die Unterschiede
Die undatierte Aufnahme zeigt zwischen unerhört Reichen und elenden
wenn mein Zusammenbruch noch bis da- Lawrence auf seinem geliebten Motorrad. Ärmsten, vor allem aber über ein weit-
hin verborgen blieb.“ 1935 starb er nach einem Unfall. verbreitetes arabisches Gefühl: „dass die
Am 1. Oktober 1918 erreichte die Ara- Zukunft versperrt ist“. Wenige Monate
bische Revolte ihr Ziel: Damaskus. Die Sykes verfolgte besorgt, wie sich die später war Kassir, ein furchtloser Kritiker
Menschen in den Straßen jubelten und Lage entwickelte. Er bereute seinen Deal des syrischen Regimes, tot – zerfetzt von
tanzten, als die arabischen Kämpfer in mit Picot und suchte nach einer Alterna- einer Autobombe. In den Jahren seit sei-
die Stadt einrollten, sie feuerten Salven tive, die dem Nahen Osten eher gerecht ner Ermordung ist alles noch schlimmer
und warfen Blumen in die Luft, sie riefen würde. Ihm schwebte eine Aufteilung in geworden.
die Namen der arabischen Helden. autonome Provinzen vor, die ethnische 2011 kam für einen Moment Hoffnung
Und immer wieder riefen sie einen eng- und konfessionelle Besonderheiten be- auf, dass vieles anders werden könnte:
lischen Namen: „Lawrence, Lawrence!“ rücksichtigen sollte. Doch im Februar Doch für die Menschen, die in arabischen
Es war der größte Triumph der Araber. 1919 starb er an der Spanischen Grippe. Ländern für Würde und Brot protestier-
Und zugleich ihre größte Niederlage. Als Auch Lawrence konnte in Arabien ten, wurde der Arabische Frühling zu ei-
der britische Feldmarschall Edmund Al- nichts mehr ausrichten. Er bat General nem Desaster, mit noch mehr Krieg und
lenby in Damaskus eintraf, musste er Fei- Allenby um seine Entlassung und reiste Terror, mit religiösem Fanatismus. Die
sal erklären, dass Großbritannien die zurück nach England. Ausnahme ist Tunesien, der kleine, fra-
Stadt nicht nur den Arabern, sondern Im Januar 1919 begann die Friedens- gile Staat, der ein demokratisches Expe-
auch den Franzosen zugesagt hatte. Und konferenz in Paris. Der britische Kriegs- riment wagt. Auf der anderen Seite steht
die Franzosen seien wichtiger. Lawrence’ minister Winston Churchill nahm Law- Syrien, die größte Katastrophe unserer
schneller Vormarsch hatte nichts ge- rence als Berater mit. Im Schloss von Ver- Zeit.
bracht. sailles sah man die großen Staatsmänner Im Chaos der Aufstände erstarkten
Die arabische Nation war ein leeres des Westens, die den Nahen Osten zer- die bärtigen Nihilisten des „Islamischen
Versprechen: Nun, da der Krieg gewon- teilten, öfter ratlos vor einer Landkarte Staats“ „wie Ungeziefer, das sich in den
nen war, brauchten die Briten die Araber stehen, auf der Suche nach dieser oder Trümmern einer Stadt ausbreitet“, so der
nicht mehr. Die Kolonialmächte zogen jener Stadt: „Wo ist noch dieses ver- libanesische Autor Hisham Melhem, der
neue Grenzen nach eigenen Wünschen, dammte …?“ mit Kassir befreundet war. Melhem lebt
künstliche Linien, die ethnische und kon- Ihre Vorlage waren jene Grenzen, die in den USA, er meidet seine Heimat. „Es
fessionelle Wirklichkeiten missachteten. Sykes und Picot vereinbart hatten. Aus ist schwer für uns Journalisten und Aka-
Der britische Außenminister Arthur drei weitgehend autonomen osmani- demiker, den Zustand der arabischen
Balfour, der im Jahr zuvor den Zionisten schen Provinzen erwuchs der Irak. Im Welt zu erklären“, sagt er, „wir sind dazu
eine jüdische Heimstätte in Palästina Süden der neuen Nation leben bis heute verdammt, Klageschriften zu schreiben.“
zugesagt hatte, verkündete in London, vor allem Schiiten, im Zentrum die sun-
dass die britische Regierung das Sykes- nitische Minderheit, im Norden Kurden Verwirrung ist das Einzige,
Picot-Abkommen respektieren werde. Er – natürlich ein explosives Gemisch. was ich gegenwärtig empfinde.
verschwieg nur, dass dies nicht für Pa- Syrien wurde in kleine rivalisierende Ich stelle mir vor, dass Blätter,
lästina galt. Regionen aufgeteilt. Verschiedene Grup- die von ihrem Baum gefallen sind,

110 Dieser Text erschien zuerst in DER SPIEGEL 52/2016.


sich so fühlen müssen, „Lawrence wäre so scho- VIDEO: Briten den Arabern erzählten,
bis sie sterben. ckiert, wenn er den Nahen Os- T. E. Lawrence während sie den Zionisten ei-
im Profil
ten heute sehen könnte“, sagt nen Staat versprachen und
Vor einem winzigen weißen Cottage die Frau im Zelt. Ihr Name ist den Rest der Region zwischen
in Clouds Hill, zwischen Wäldern und Theresa Jenkins-Teague, sie sich und den Franzosen auf-
Hügeln in Südengland, sitzt eine kräftige, ist 55 Jahre alt und sagt, sie teilten.“ Etwa ein Dutzend
blonde Frau neben einem lebensgroßen sei eine entfernte Verwandte Männer und Knaben sitzt um
Lawrence aus Pappe. Sie sitzt in einem von Lawrence. Deshalb sei sie spiegel.de/ den Scheich herum und hört
Beduinenzelt, das sie aus der jordani- hin und wieder hier, bei sei- sg012017lawrence ehrfürchtig zu: „Nun haben
oder in der App
schen Wüste mitgebracht hat, und bietet nem Cottage: um ihn zu ver- DER SPIEGEL
sich die Briten also für den
Spaziergängern Tee mit Minze an, dazu teidigen und das, wofür er ge- Brexit entschieden, und über-
saudi-arabische Dattelkekse. kämpft habe – die arabische all hieß es, das sei ein trauri-
In diesem Häuschen, ohne Toilette, Welt. „Nicht alle Araber sind schwarze ger Tag für das vereinigte Europa“, sagt
ohne Küche und ohne elektrisches Licht, Fahnen schwingende Kerle.“ Ein paar Atoun und wirft die Hände in die Luft.
verkroch sich Lawrence vor seinen Dä- Gäste sitzen auf Kissen im Zelt. Sie ni- „In wie viele Staaten wurden wir Araber
monen und vor seinem Ruhm. Er litt cken, etwas unsicher. aufgeteilt? 21? 22? Wir sollten bis in alle
noch jahrelang darunter, dass auch er die In einem anderen Zelt, fast 4000 Kilo- Ewigkeit Schwarz tragen wegen Law-
Araber verraten hatte, lehnte Orden und meter Luftlinie entfernt, sitzt der Scheich rence’ Taten!“ Er hält inne: „Verzeihen
Posten ab. Stattdessen diente er als ein- von Mudawwara im Schneidersitz auf Sie, wenn ich so direkt bin.“
facher Soldat in der Luftwaffe – unter dem Boden: „Als ich als Kind den Na- Frage zurück: Ist es nicht schwach,
den Tarnnamen John Hume Ross und men Lawrence von Arabien hörte, dachte nach 100 Jahren immer noch Lawrence
T. E. Shaw. Als seine falsche Identität auf- ich, dieser Mann muss etwas ganz Beson- die ganze Schuld zuzuschieben? Was hin-
flog, versteckte er sich beim Königlichen deres für Arabien geleistet haben“, sagt dert denn heute die Araber, sich zusam-
Panzerkorps vor der Öffentlichkeit, dann Khaled al-Atoun, während einer seiner menzuschließen?
wieder bei der Luftwaffe. Er wollte nicht Söhne Tee serviert, ein anderer Karda- „Uneinigkeit ist ein Problem“, räumt
der Held sein, der er für viele war. momkaffee, ein dritter Datteln und ein der Scheich ein. Dabei teile die Mehrheit
Am Morgen des 13. Mai 1935 fuhr er vierter Wasser. der Araber ja sogar, anders als die Euro-
mit seinem geliebten Motorrad über eine „Dann las ich Lawrence’ Erinnerun- päer, eine Sprache und eine Religion.
Landstraße, es war eine Brough Superior gen“, fährt Atoun fort, „und ich entdeck- Auch deshalb aber werde sich die Idee,
SS100, die schnellste Serienmaschine ih- te die große Lüge, die er und die anderen für die Lawrence von Arabien kämpfte,
rer Zeit. Plötzlich tauchten zwei Jungs auf Dauer durchsetzen, hofft er. „Ich
auf Fahrrädern vor ihm auf. Er versuchte Hinrichtung in Damaskus während des
rechne damit, dass diese Grenzen ver-
auszuweichen, er stürzte. Sechs Tage spä- syrischen Aufstands 1925 bis 1927. schwinden werden“, sagt Atoun. „Die
ter starb er an seinen Verletzungen. Das Urteil gegen die drei Drusen lautete arabische Einheit wird kommen.“ ■
auf Mord an französischen Offizieren.
Huda Schaarawi
in Paris 1908
Konflikte der Moderne Feminismus

Die in einem Harem aufgewachsene Huda Schaarawi Jahren kann sie den Koran aufsagen. Sie
lernt Klavierspielen, streunt durch den
begründete einen ägyptisch-panarabischen Garten, genießt prunkvolle Feste.
Feminismus. Europäische Suffragetten waren dabei Mit 13 endet das unbeschwerte Leben:
zugleich Verbündete und Gegnerinnen. Wie die meisten Mädchen ihres Alters
wird Huda verheiratet. Ihr rund 30 Jahre
älterer Cousin Ali Schaarawi hat zuge-

Schulen statt Schleier sagt, sich nach der Hochzeit von seiner
bisherigen Frau und den gemeinsamen
Kindern zu trennen. Als er sein Verspre-
chen nicht einhält, nutzt Huda das als
Chance. Nach einem konfliktreichen ge-
meinsamen Jahr setzt die junge Frau eine
vorübergehende Trennung durch. Sieben
Jahre lang genießt sie danach ein unge-
wöhnlich freies Leben. Im Harem ihrer
Von Kristina Maroldt Familie perfektioniert sie ihr Französisch,
lauscht in einer abgetrennten Loge des

E nde Mai 1923 hält vor dem Kai-


roer Bahnhof eine Kolonne von
Kutschen. Dutzende Frauen
steigen aus, eilen Richtung
Jahrhundert änderte. Eine wichtige Rolle
spielten dabei europäische Feministinnen,
mal als Verbündete, die den Wandel mit
Rat und Tat unterstützten, mal aber auch
Opernhauses Inszenierungen europäi-
scher Werke, nimmt an Nilfahrten teil.
Und sie pflegt eine enge Freundschaft zu
Eugénie Le Brun, einer zum Islam kon-
Bahnsteig. Wie es sich für Damen der als weltpolitische Gegnerinnen, denen vertierten Französin, Gattin eines hohen
Oberschicht geziemt, tragen sie einen lan- man mit einem panarabischen Feminis- ägyptischen Beamten.
gen Mantel, ihr Gesichtsschleier lässt nur mus Paroli bot. Le Brun interessiert sich sehr für die
die Augen frei. Der Blick auf Haut und Am 23. Juni 1879 wird Schaarawi ge- Lage der Haremsfrauen. Sie schreibt Bü-
Haare, heißt es, könnte Männer sexuell boren. Ihr Vater ist ein hoher Beamter, cher, in denen sie die Verschleierung und
reizen und „Fitna“ stiften, Aufruhr. die Mutter eine vom Kaukasus eingewan- das patriarchale Familienrecht als Bräuche
Die Frauen sind gekommen, um zwei derte Tscherkessin. Als eine der letzten kritisiert, die mit dem wahren Islam nichts
Freundinnen zu begrüßen: Huda Schaa- Ägypterinnen wächst die junge Huda in zu tun haben. Damit auch die Ägypterin-
rawi, Aktivistin der ägyptischen Natio- einem Kairoer Harem auf – in jenem ab- nen sich darüber austauschen können, or-
nalbewegung und Präsidentin der kürz- getrennten Bereich also, in dem noch bis ganisiert die Französin in Kairo einen li-
lich gegründeten „Ägyptischen Feminis- Anfang des 20. Jahrhunderts die Frauen terarischen Salon für Frauen. So kommt
tischen Union“ (EFU) sowie die EFU-Mit- und Kinder der städtischen Ober- und Schaarawi in Kontakt mit den Fragen, die
gründerin Saisa Nabarawi. In Rom haben Mittelschicht lebten, umsorgt und be- in Ägypten kurz vor der Jahrhundertwen-
die beiden die Konferenz der „Interna- wacht von Eunuchen. Auf die Straße ge- de viel diskutiert werden: Ist die Harems-
tional Alliance of Women“ besucht und
mit Europäerinnen, Amerikanerinnen
und Asiatinnen über die Rechte von Frau-
„Die Frau ist ein Mensch wie der Mann es ist, mit
en diskutiert. Welche Erkenntnisse wer- vollständigen geistigen Fähigkeiten.“
den sie mitbringen?
Der Zug hält. Die beiden Frauen stei- hen die Haremsfrauen nur verschleiert. kultur noch zeitgemäß? Gebietet der Is-
gen aus – und die Menge erstarrt: Noch Ihre Sittsamkeit und damit die Ehre der lam nicht, Frauen und Männern gleiche
in der Zugtür nimmt die 43-jährige Schaa- Familie sollen demonstrativ geschützt Chancen zu gewähren?
rawi ihren Gesichtsschleier ab. Ihre jün- werden. Auslöser solcher Debatten ist der ge-
gere Begleiterin tut es ihr gleich. Sekun- Die Haremskultur wird mit dem Islam waltige Modernisierungsschub des Lan-
denlang herrscht Stille. Dann bricht Jubel begründet, doch sie ist vor allem ein Sta- des. Die Sultane, die de facto der briti-
los. Die Frauen applaudieren, einige rei- tussymbol der städtischen Mittel- und schen Kolonialmacht unterstehen, för-
ßen sich spontan selbst den Schleier vom Oberschicht. Auch gut gestellte Christen dern die Industrialisierung, reformieren
Gesicht. Es ist der erste öffentliche femi- und Juden unterhalten separate Wohn- das Gesundheits- und Bildungssystem,
nistische Akt in Ägypten, und er wird bereiche und lassen die Frauen nur voll- bauen Bahnstrecken und gründen die ers-
landesweite Konsequenzen haben: Mehr verschleiert aus dem Haus. Auf dem te staatliche Druckpresse des Landes. Eu-
und mehr Ägypterinnen folgen in den Land und in den ärmeren Familien hin- ropäer werden als Technokraten, Lehre-
nächsten Jahren dem Beispiel der beiden. gegen sind weder Harems noch Gesichts- rinnen und Ärzte ins Land geholt, junge
Als 1937 das Fatwa-Komitee der Azhar- schleier verbreitet. Die Frauen müssen Ägypter studieren in Europa.
Institution urteilt, das Abnehmen des Ge- arbeiten. Doch während die Männer im neuen
sichtsschleiers verstoße nicht gegen isla- Die kleine Huda erfährt davon zu- Verwaltungsapparat attraktive Aufstiegs-
misches Recht, ist der Brauch am Nil nächst wenig. Nach dem frühen Tod des chancen haben, bleibt die Sphäre der
kaum mehr verbreitet. Vaters wird das wissbegierige Mädchen Frauen die Familie. Gleichzeitig verlieren
Das Leben der Huda Schaarawi zeigt, mit ihrem jüngeren Bruder von Privatleh- viele der einst mächtigen Clans ihren Ein-
wie rasant sich das Geschlechterverhält- rern in Französisch, Arabisch, Türkisch fluss. In den Harems macht sich Unzu-
nis in Ägypten seit der Wende zum 20. und Persisch unterrichtet. Schon mit neun friedenheit breit. In Briefen, Büchern und

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 113


Konflikte der Moderne Feminismus

der ab 1892 prosperierenden Frauenpres- ung für berufstätige Mütter. Man enga-
se beklagen Autorinnen „das Exil der Ein- giert sich für bessere Arbeitsmöglichkei-
samkeit, das härter zu ertragen ist als das ten und -bedingungen – und nimmt den
Exil von der Heimat“, und sie stellen die Kampf für ein Frauenstimmrecht wieder
islamische Rechtfertigung ihrer Ausgren- auf, diesmal im strategischen Schulter-
zung infrage. Die Publizistin Sainab Fa- schluss mit europäischen Suffragetten.
was schreibt: „Wir haben im religiösen 1933 zieht Schaarawi mit französischen
Gesetzeskörper kein Gesetz gesehen, das Feministinnen durch Frankreich, um für
der Frau die Tätigkeiten der Männer ver- das dort immer noch ausstehende Frau-
bietet. Die Frau ist ein Mensch wie der enstimmrecht zu werben. 1935 reisen
Mann es ist, mit vollständigen geistigen Französinnen, Britinnen und Niederlän-
Fähigkeiten und Scharfsinn.“ derinnen nach Kairo und halten politische
Das unterstützen auch einige Männer. Reden; im selben Jahr wird Huda Schaa-
In seinem Buch „Die Befreiung der Frau“ rawi Vizepräsidentin der „International
fordert der Richter Kasim Amin Bildung Alliance of Women“ (IAW). Nach der Ent-
für Frauen sowie ein Ende von Schleier- täuschung mit den Wafd-Männern schei-
Britannia zu Ägypten: „Ich gab dir Frei-
zwang, Geschlechtertrennung und Poly- heit. Sieh zu, dass ich durch deine Taten
nen die Ägypterinnen neue Verbündete
gamie. Staatliche Mädchenschulen gibt in ihrem Namen mein Geschenk nicht gefunden zu haben.
es zwar seit den 1870er-Jahren, doch die bereue.“ („Punch“-Karikatur 1924) Doch auch diese Solidarität hat ihre
Oberschicht meidet sie. Ohne solche Re- Grenzen: Für die nationalen Ambitionen
formen, so der nationalliberale Richter, Mit dem „Zentralkomitee der Wafd- ihrer arabischen Schwestern haben die
sei Fortschritt nicht möglich. Für seine Frauen“ entsteht 1920 die erste politische Europäerinnen nämlich kein Verständnis.
Thesen wird Amin heftig kritisiert, er Frauenorganisation des Landes. Schaara- Schließlich stammen sie selbst oft aus je-
weckt aber ein Bewusstsein für die Be- wi wird Präsidentin – und rückt das Ko- nen Ländern, die Ägypten, Syrien oder
deutung von Mädchenbildung. mitee durch einen Boykott britischer Wa- den Libanon kontrollieren. Für die Ara-
In Le Bruns Salon liest die 21-jährige ren zeitweise ins Zentrum des Unabhän- berinnen wiederum gehören Feminismus
Schaarawi auch Amins Buch. Privat muss gigkeitskampfes. und der Kampf für nationale Unabhän-
sie, auf Druck der Familie, einer Versöh- Umso größer ist die Enttäuschung der gigkeit untrennbar zusammen.
nung mit ihrem Mann zustimmen. Zu Feministinnen, als nach der einseitigen Der Palästina-Konflikt, der sich ab Mit-
ihrem Erstaunen versteht das Paar sich Unabhängigkeitserklärung Großbritan- te der Dreißigerjahre zuspitzt, vergrößert
besser als gedacht; die beiden bekommen niens die Verfassung von 1923 den Frauen die Spannungen. Schaarawi organisiert in
zwei Kinder. Ihr Mann unterstützt sie da- zwar gleiche Rechte, aber nur Männern Kairo eine Palästina-Konferenz und sam-
bei, 1908, nach Le Bruns Tod, deren Sa- das Stimmrecht bei Wahlen gewährt. Alle melt Spenden. Beim darauffolgenden
lon in den öffentlichen Raum zu verla- Proteste von Frauen waren vergebens. IAW-Kongress will sie die Frauenallianz
gern: An der neuen Universität von Kai- Als sich die Wafd-Regierung bei den Ver- zu palästinafreundlichen Resolutionen be-
ro organisiert Schaarawi ab etwa 1910 je- handlungen über den von Briten und wegen – vergebens. „Durch ihre Weige-
den Freitag Lesungen für Frauen mit eu- Ägyptern kontrollierten Sudan in Schaa- rung, sich für östliche Probleme zu inte-
ropäischen und ägyptischen Gastredne- rawis Augen zu nachgiebig zeigt, gibt sie ressieren, hat die IAW bewiesen, dass sich
rinnen. Die Veranstaltung wird zum ihr Amt als Präsidentin des Wafd-Frau- ihr großartiges Programm nur an bestimm-
Treffpunkt für die Frauen der Mittel- und enkommitees ab und konzentriert sich te Menschen im Westen richtet“, bilan-
Oberschicht. Bald gründet man auch wieder auf ihr feministisches Engagement. ziert eine ägyptische Delegierte verbittert.
Wohltätigkeits- und Bildungsvereine. Im- Die Bedingungen sind günstig: Ihre 1944 treffen sich Araberinnen verschie-
mer mehr Frauen üben sich in öffentli- Entschleierung am Kairoer Bahnhof hat dener Herkunft auf Einladung Schaarawis
cher Rede, Fundraising und Politik. sie über die Grenzen des Landes hinaus in Kairo. Sie gründen als Gegengewicht
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs berühmt gemacht. Mann und Bruder sind zu den westlichen Verbänden die „Arabi-
bricht in Ägypten der Kampf um die inzwischen gestorben – sie untersteht kei- sche Feministische Union“. Schaarawi wird
Unabhängigkeit los. Und die Frauen der ner männlichen Kontrolle mehr. 1923 er- ihre Präsidentin und engagiert sich in den
Oberschicht mischen engagiert mit. Sie kämpft Schaarawi mit ihrer frisch gegrün- Folgejahren so unermüdlich für die pa-
hoffen darauf, in einem unabhängigen deten EFU ein Mindestheiratsalter von lästinensische Sache wie sie es zuvor für
Staat mehr Rechte zu bekommen. Als im 16 Jahren für Mädchen – durchaus ein die Unabhängigkeit Ägyptens getan hat.
März 1919 die Briten Vertreter persönlicher Triumph. Auch Im Dezember 1947 reißt sie ein Schlag-
der nationalistischen Wafd- ANIMATION: ihr Kampf für Bildung trägt anfall aus diesem rastlosen Leben. Sie
Partei deportieren, kommt es Kopftuch, Nikab, Früchte: 1924 wird in Kairo die stirbt binnen Stunden – hochdekoriert
Burka – Was ist was?
zu Massendemonstrationen. erste weiterführende Mäd- vom ägyptischen Staat, aber noch immer
Unter Schaarawis Führung chenschule eröffnet. ohne Stimmrecht, das erst fast neun Jah-
nehmen erstmals auch Frauen Ende der Zwanzigerjahre re nach Schaarawis Tod eingeführt wer-
teil. Tief verschleiert marschie- hat die EFU etwa 250 Mitglie- den wird. Fern jeder Eitelkeit fand sie da-
ren sie durch Kairo. Als sie der. Mit ihren Spenden finan- für eine Erklärung: „Männer haben sich
von britischen Soldaten mit spiegel.de/ zieren die Frauen zwei Zeit- Frauen mit außergewöhnlichen Verdiens-
Gewehren aufgehalten wer- sg012017schleier schriften, eine Klinik für arme ten ausgesucht und diese auf einen Sockel
oder in der App
den, verharren sie aus Protest Frauen, Handarbeitskurse für gestellt. So müssen sie nicht zugeben, dass
DER SPIEGEL
drei Stunden in der Hitze. Mädchen und Kinderbetreu- alle Frauen Potenzial haben.“ ■

114 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


Legende und Wahrheit

Offenbarung des Korans, einen „Chimar“


tragen, jenes Umschlagtuch, das man
einst um Kopf und Schultern drapierte
Gebietet der Koran die und über den tiefen Ausschnitt des Un-
Verschleierung, und wenn ja, wie? terkleids zog? Oder genügt es, hoch-
geschlossene Kleidung zu tragen?
Politisch engagierte
Ägypterinnen Ähnlich vage sind die anderen Koran-
passagen. Sure 33, Vers 53, fordert die
Die verhüllte Frau in Alltagskleidung
rufen 1919 öffent-
lich zu Patriotismus
Besucher Mohammeds auf, dessen Ehe-
frauen nur hinter einem „Hidschab“ –
auf.
einem Vorhang oder Schleier – um etwas
zu bitten; aus einem späteren Vers lässt
sich schließen, dass es in der Verantwor-
tung der Prophetengattinnen liegt, für
diesen Sichtschutz zu sorgen.
Sure 33, Vers 59, verlangt von Mo-
hammed, seinen Gattinnen und Töch-
tern sowie den Frauen der Gläu-
bigen zu sagen, „sie sollen sich
etwas von ihren Gewändern
Ein neutrales Stück Stoff war herunterziehen. So ist am
der Schleier nie. In vorislami- ehesten gewährleistet, dass
scher Zeit war die Verhül- sie erkannt und daraufhin
lung des Gesichts den Frau- nicht belästigt werden“. In
en der Oberschicht vor- welchen Situationen aber
behalten. Dieser Brauch sollen Frauen „etwas von
setzte sich durch die Jahr- ihren Gewändern herun-
hunderte in der orienta- terziehen“ und was, bit-
lischen Welt fort: Musli- te, soll genau verhüllt
minnen aus besseren werden? Gilt das Gebot
Kreisen hatten dem Vor- ewig, oder war es als
bild der Ehefrauen Mo- Schutz gedacht für die
hammeds selbstverständ- nicht versklavten Frau-
lich zu folgen, aber auch en der Arabischen Halb-
vornehme Christinnen insel des 7. Jahrhun-
und Jüdinnen trugen den derts, die fürchten muss-
Gesichtsschleier. ten, bei nächtlichen Auf-
Anfang des 20. Jahrhun- enthalten außerhalb des
derts schließlich, als Femi- Hauses für Sklavinnen
nistinnen den Schleier de- gehalten und belästigt zu
monstrativ ablegten, weil sie werden?
ihn wie die Ägypterin Huda Fest steht: Ein unstrittiges
Schaarawi für „das größte Hin- Verschleierungsgebot enthält
dernis für eine Teilnahme von keiner der Verse. Wer will, kann
Frauen am öffentlichen Leben“ hiel- in ihnen Argumente für viele er-
ten, begann eine Debatte, die nach denkliche Positionen finden. Die Ant-
wie vor tobt: Gebietet der Koran, dass wort auf die Schleierfrage hängt immer
die gläubige Frau sich verhüllt – oder hat davon ab, welche Lesart des Korans
wahrer Glaube nichts mit Kleidung zu tun? Bis man für richtig hält.
heute haben sich die muslimischen Rechtsgelehrten Wer – wie etwa die saudi-arabischen
auf keine Antwort geeinigt. Wahhabiten – überzeugt ist, dass die
Das liegt auch daran, dass sich im Koran nichts Eindeutiges „Sie sollen ihre alten Schriften wörtlich zu nehmen
zum Thema finden lässt. Nur drei Stellen widmen sich der Blicke senken, sind, kann in sie ein Vollverschleie-
Verhüllung der Frau – und diese werfen viele Fragen auf. rungsgebot hineininterpretieren. Wer
Die erste, Sure 24, Vers 31, empfiehlt „den gläubigen Frauen, und sie sollen sie hingegen – wie heutzutage viele li-
sie sollen ihre Blicke senken, und sie sollen darauf achten, darauf achten, berale Muslime – als historisch oder
dass ihre Scham bedeckt ist, den Schmuck, den sie tragen, dass ihre sinngemäß versteht, wird aus ihnen
nicht offen zeigen, soweit er nicht ohnehin sichtbar ist, und zwar die Verpflichtung zu züchtigem
Scham bedeckt
ihren Chimar über den Schlitz (des Kleides) ziehen“. Verhalten lesen. Sie müssen aber nicht
Doch was heißt das konkret? Sind mit „Schmuck“ auch ist“ (Sure 24, zwingend als Aufruf zur Verhüllung der
Haare und Gesicht gemeint – oder nur Ringe und Ketten? Vers 31). Frau interpretiert werden.
Sollen Musliminnen auch heute, gut 1400 Jahre nach der Kristina Maroldt

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 115


Konflikte der Moderne Türkei

Mustafa Kemal, genannt Atatürk, schuf aus den Trümmern des


Osmanischen Reiches eine auf den Westen ausgerichtete türkische Republik.
Den Islam setzte der Offizier dabei strategisch ein.

Kalifen-Rochade am Bosporus
Von Dieter Bednarz

E
s gibt nicht viel, wofür die Stadt Türkei sieht, kaum schlagen können. Auch das Elternhaus war nicht von Re-
Samsun mit ihren gut 600 000 Aber auch keinen überraschenderen: ligiosität durchdrungen. Der Vater – erst
Einwohnern bekannt ist. Lokal- Schließlich war es Mustafa Kemal, der kleiner Beamter, dann Brennstoffhändler
patrioten verweisen auf das die Religion vom neuen Staat trennte und – bestand gegenüber der traditionell ori-
größte Hafenbecken an der türkischen den Islam durch die Schaffung einer Reli- entierten Mutter darauf, den Sohn auf
Schwarzmeerküste und preisen den Ta- gionsbehörde unter staatliche Kontrolle eine moderne Schule zu schicken. Dass
bak, der auf zahlreichen Plantagen nahe stellte. dann ein Offizierssohn aus der Nachbar-
der Stadt angebaut wird. Und je nach Al- Im Namen des sogenannten Kemalis- schaft in seinem Mustafa den Wunsch
ter und persönlichen Interessen zählen mus bekämpften die herrschenden Eliten weckte, eine militärische Vorbereitungs-
stolze Einwohner auch populäre Söhne den politischen Islam nach dem Tod des schule zu besuchen, erlebte der Vater
der Stadt auf wie den einen oder anderen Staatsgründers 1938 über Jahrzehnte. Un- nicht mehr. Die Mutter verfolgte die Blitz-
Fußballer, Ringer und Rapper. ter Berufung auf die von Atatürk begon- karriere ihres Sohnes an den Schulen und
Und doch wählte im Juli 2014 der da- nene Ausrichtung auf den Westen wurden Akademien der Armee mit Staunen –
malige Premierminister Recep Tayyip Er- die islamistischen Vorgänger von Er- und wohl auch mit Befremden.
doğan ausgerechnet Samsun, um dort den doğans „Partei für Gerechtigkeit und Auf- Der Kadett Mustafa Kemal schloss
Wahlkampf um das Amt des Staatspräsi- schwung“ (AKP) immer wieder verboten. sich nämlich einer bunten Oppositions-
denten zu eröffnen. Als geschickter Stim-
menfänger wollte Erdoğan so die Gemein-
samkeiten mit einem Mann herausstellen,
Mustafa Kemal stellte den Islam unter die staatliche
der von Samsun aus in den Kampf gezo- Kontrolle der Religionsbehörde.
gen war und fast 80 Jahre nach seinem
Tod noch immer von weiten Teilen der Und dennoch ist Atatürk bis heute ein bewegung an, den sogenannten Jungtür-
Bevölkerung geradezu vergöttert wird: Vorbild, auf das sich sogar ein gottes- ken: Deren harter Kern bestand aus Stu-
dem politischen und strategischen Aus- fürchtiger Mann wie Erdoğan berufen denten und Absolventen der staatlichen
nahmetalent Mustafa Kemal. Ohne ihn, kann. Gerade im Befreiungskrieg von sowie militärischen Hochschulen, aber
dem seine Landsleute 1934 den Beinamen 1919, auf den Erdoğan in seinem Samsun- auch aus Freimaurern. Was sie einte, war
Atatürk, Vater der Türken, verliehen ha- Auftritt abhob, zeigte sich Mustafa Kemal ein ausgeprägter Nationalismus und die
ben, wäre aus den Trümmern des Osma- als guter Muslim. In der islamischen Welt Kritik am Osmanischen Reich, dem sie
nischen Reiches wohl niemals die Repu- genoss er zeitweilig so großes Ansehen, mangelnden Reformwillen und Unfähig-
blik Türkei hervorgegangen. Und Samsun dass er sich mit Titeln wie „Schwert des keit vorwarfen. Als „Komitee für Einheit
wäre ohne ihn nicht einmal eine Fußnote Islam“ und „Erneuerer des Kalifats“ und Fortschritt“ verlangten sie eine kon-
in der türkischen Geschichte. schmücken durfte. 1924 wurde ihm das sequente politische, militärische und
Mit dem Postschiff SS „Bandırma“ Amt des Kalifen sogar selbst angetragen. wirtschaftliche Modernisierung. Sie wuss-
kam Mustafa Kemal am 19. Mai 1919 in Mustafa Kemals Herkunft hatte hohe ten, dass Europas Spott über das Osma-
der Schwarzmeer-Stadt an, nachdem er religiöse Ehrungen nicht erahnen lassen. nische Reich – „der kranke Mann am
mit seinen Getreuen drei Tage zuvor von Geboren wurde er um 1880/81 in Selanik, Bosporus“ – nicht unbegründet war.
Istanbul aus in See gestochen war. Kaum dem heute griechischen Thessaloniki, ei- Doch mit ihren Forderungen fand die
an Land organisierte er den Feldzug zur ner weltoffenen Hafenstadt. Das Zentrum Opposition bei Sultan Abdülhamid II.
Befreiung Anatoliens vom Joch der Groß- der gleichnamigen osmanischen Provinz kein Gehör. Als der Herrscher 1909 eine
mächte, allen voran Briten und Franzo- zählte rund 100000 Einwohner; zum Stadt- bereits zugesagte Begrenzung seiner
sen. Seither gilt Samsun als der Ausgangs- bild gehörten Kirchen, Synagogen und is- Macht rückgängig machen wollte, war
punkt eines aus türkischer Sicht glorrei- lamische Gebetshäuser, aber keine große das Komitee der Jungtürken schon stark
chen Unabhängigkeitskampfes. zentrale Moschee. In seiner Atatürk-Bio- genug, ihn zum Rücktritt zu zwingen.
Einen größeren historischen Bogen als grafie bezeichnet der türkische Historiker
zu Atatürk hätte der streng religiöse Er- M. Şükrü Hanioğlu die mehr als zweitau- Demonstrierendes Paar, eingehüllt
doğan, der sich gleichfalls als Vater einer send Jahre alte Stadt als Mustafa Kemals in eine Türkei-Flagge mit Atatürk-Bild
neuen, vom Glauben durchdrungenen „kosmopolitische Kinderstube“. (Istanbul, Juni 2013)

116 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


Konflikte der Moderne Türkei

Sein Nachfolger Mehmed V. von Großbritannien abhängigen


– der eigentlich keine Entschei- Sultan in Istanbul war allerdings,
dung mehr ohne Rücksicht auf dass Mehmed VI. eine schwer
das Komitee fällen konnte – angreifbare religiöse Autorität
schloss aus Angst vor der En- besaß. Wie seine Vorgänger war
tente ein Präventivbündnis mit der weltliche Herrscher zugleich
dem Deutschen Reich. So ver- Kalif, also der Nachfolger
strickte er die Osmanen in den Mohammeds. Das sicherte selbst
Ersten Weltkrieg, dessen ver- einem geschwächten Anführer
heerenden Ausgang der Sultan noch großen Einfluss auf die is-
jedoch nicht mehr erlebte. lamische Geistlichkeit sowie eine
gewisse Loyalität der gläubigen
Etwa vier Monate vor der Ka- Bevölkerung.
pitulation im Herbst 1918 wur- In Mustafa Kemals künftiger
de Mehmed VI. Hausherr im Is- Republik war für beide Institu-
tanbuler Dolmabahçe-Palast. tionen kein Platz. Aber einen
Sein Sultanat war kaum mehr Sultan aus dem Palast zu jagen,
als eine Farce. Denn die Haupt- der das Land den Großmächten
stadt besetzten wenig später ausgeliefert hatte, war das eine;
die Siegermächte Großbritan- einen in der gesamten islami-
nien, Frankreich und Italien. In schen Welt noch immer geach-
Anatolien bedrängten Nationa- teten Kalifen zu stürzen, das
listen den Sultan: Sie wollten andere. Und das trauten sich
zumindest diesen Kern des zer- die Jungtürken nicht zu. Vor-
trümmerten Großreichs retten. erst.
Auf Druck der Alliierten er- Die Konsequenz daraus war,
teilte Mehmed VI. im Frühjahr dass an der jahrhundertealten
1919 einem seiner besten Offi- Personalunion gerüttelt werden
ziere einen verhängnisvollen musste. Nur durch eine Tren-
Befehl: Der in Schlachten ge- nung der Ämter bestand die
gen aufbegehrende Griechen Chance, erst das Sultanat abzu-
Porträt von Mustafa Kemal um 1915 (koloriert)
und Armenier erprobte Musta- schaffen und dann, zu gegebe-
fa Kemal sollte nach Samsun ner Zeit, auch das Kalifat.
reisen, um die Armee in Ostanatolien zu schen Kultur verwurzelt war“, und daher Strategisch klug wurde Mehmed VI.
entwaffnen. Das kam für Mustafa Kemal „nicht einfach wie von Zauberhand ver- nun auch der Niedergang des Kalifats an-
dem Ausverkauf an die Großmächte schwinden würde“, so der Historiker Ha- gelastet. Und als dessen Retter spielte
gleich. Kaum an Land, rief er eigenmäch- nioğlu. Deshalb habe Mustafa Kemal ei- sich ausgerechnet der geradezu antireli-
tig den Befreiungskrieg aus. nen Frontalangriff auf den Islam für zu giöse Mustafa Kemal auf. In der Volks-
In den folgenden Jahren bis zur Grün- riskant gehalten. vertretung ereiferte er sich: „Nach dem
dung der Republik am 29. Oktober 1923 Im Gegenteil: Der Radikalreformer er- Untergang der Kalifate von Damaskus,
sollte sich zeigen, welch geschickter Tak- kannte, dass seine Bewegung den Glau- Córdoba, Kairo und Bagdad“ sei durch
tiker, aber auch großer Pragmatiker Mus- ben für ihre Zwecke einsetzen konnte, ja Mehmeds Schuld der „Schatten feindli-
tafa Kemal war. Und wie er geradezu op- sogar einsetzen musste, wollte sie erfolg- cher Waffen auf den letzten Schwer- und
portunistisch die religiösen Gefühle der reich sein. Mittelpunkt des Kalifats aller Muslime
muslimischen Bevölkerung bediente, ob- Wie symbolträchtig er vorging, zeigte gefallen“, auf Istanbul. Anatolien hinge-
wohl er sich selbst dem Islam völlig ent- die feierliche Eröffnung der „Großen Na- gen, „dessen Einigkeit und Unabhängig-
fremdet hatte. Denn wie sehr viele Jung- tionalversammlung“ am 23. April 1920. keit wir zu verteidigen suchen“, sei „zu
türken war auch er Anhänger einer kru- Sitz dieses Gegenparlaments war die neue einem Zufluchtsort für zahllose muslimi-
den Mischung aus Materialismus, Wissen- Gegenhauptstadt Ankara, die in der Ver- sche Gemeinschaften geworden, die aus
schaftsglauben und Darwinismus. „Die sammlung von Mustafa Kemal ihrer Heimat vertrieben wur-
sicherste Richtschnur im Leben ist die Wis- selbst vertreten wurde. Die ers- VIDEO: den“.
senschaft!“, gehört zu Mustafa Kemals te Sitzung war bewusst auf ei- Kemal Atatürk, Mithilfe der ihm noch erg-
meistzitierten Aussprüchen. Von einer nen Freitag gelegt worden, Begründer ebenen Geistlichkeit versuch-
der Republik Türkei
„Wissenschaftshörigkeit“ spricht der Ham- damit die Abgeordneten zu- te Mehmed VI., den Angriff
burger Turkologieprofessor Yavuz Köse. nächst in der Hauptmoschee aus Ankara zu kontern: Muftis
Als kluger Analytiker sah Mustafa von Ankara für ihre Arbeit be- in Istanbul erließen religiöse
Kemal auch, in welchem Dilemma seine ten konnten. Anschließend zo- Gutachten, sogenannte Fat-
Bewegung steckte. Einerseits verachteten gen sie zu ihrem neuen Ver- was, gegen die Separatisten.
er und gleichgesinnte Intellektuelle die sammlungsort, einer ehemali- spiegel.de/ Doch Mustafa Kemal gelang
Religion als „Wissenschaft der Massen“; gen Landwirtschaftsschule. sg012017atatuerk es, die islamische Geistlichkeit
oder in der App
andererseits hatten sie aber auch erkannt, Das Problem im Kampf ge- DER SPIEGEL
mehr und mehr auf seine Sei-
„dass der Islam derart tief in der osmani- gen den inzwischen vor allem te zu ziehen. Jedes religiöse

118 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


Gutachten vom Bosporus wur- abgeschoben und starb 1944 mit
de mit einer Fatwa aus Anato- 76 Jahren in Frankreich.
lien gekontert. Stolz rief Mus- Nun war für Mustafa Kemal
tafa Kemal der Nationalver- der Weg frei, die Türkei ener-
sammlung zu: „Hunderte von gisch auf Westkurs zu trimmen.
Muftis und anderen Gelehrten Ohne Rücksicht auf die tiefe
haben Fatwas abgegeben, um Verwurzelung des Glaubens im
unserer Nation – und der gan- Leben der eher schlichten
zen islamischen Welt – den Landbevölkerung wurde der Is-
rechten Weg zu weisen.“ Ein- lam per Verfassungsreform aus
dringlich beschwor er die Ab- der Politik verbannt. Das bis
geordneten, jenen Religionsge- dahin an der Scharia orientierte
lehrten zu folgen, die auf seiner Straf- und Zivilrecht folgte jetzt
Seite standen: „Hört auf diese dem Vorbild Italiens und der
Stimme, die Stimme der Scha- Schweiz, und die Regierung
ria.“ führte das lateinische Alphabet
Dem „Fatwa-Duell“ zwi- ein. Die Kopfbedeckung der
schen den Muftis von Istanbul Männer, der Fes, musste dem
und Ankara hat der deutsche Hut weichen; das Kopftuch
Turkologe Klaus Kreiser in wurde zum verpönten Zeichen
seiner exzellenten Atatürk-Bio- für die Rückständigkeit einer
grafie Frau.
ein ganzes Kapitel gewidmet. Und während er die Türkei
Mustafa Kemals Lobreden auf radikal umbaute, erfand Musta-
den Islam hält Kreiser für „Lip- fa Kemal auch sich selbst neu.
penbekenntnisse eines Agnos- Nach dem treuen Offizier, dem
tikers“. Freiheitskämpfer und dem
Zum Jahr der Entscheidung Schein-Religiösen zeigte er sich
sollte 1922 werden. Noch im nun in jener Rolle, die ihn welt-
April hatte Mehmed VI. den berühmt machte: als Kulturre-
Briten in Geheimgesprächen ei- volutionär.
Historische Postkarte von 1925
nen Frieden ohne Rücksicht auf Das Phänomen Atatürk er-
Ankara angeboten. Doch die klärt dessen Biograf Hanioğlu
Alliierten wussten um die Schwäche des ließ der letzte Sultan an Bord eines briti- so: „Mustafa Kemals politische Karriere
Sultans und wollten, dass Mustafa Kemal schen Kriegsschiffes Istanbul. mit ihrem großen Pragmatismus bietet ge-
mit am Konferenztisch sitzt. Im Oktober Zum neuen Kalifen von Mustafa Ke- nügend Stoff zur Konstruktion unter-
luden sie beide Seiten zu Verhandlungen mals Gnaden wurde Abdülmecid II. er- schiedlicher Kemalismen, in denen der
über „Angelegenheiten des Nahen Ori- nannt, ein Cousin des geschassten Meh- ‚Vater der Republik‘ wahlweise als Sozia-
ents“ ein, die Mitte November im schwei- med VI. Um ihm klarzumachen, dass er list, Religiöser, Nationalist oder Aufklärer,
zerischen Lausanne beginnen sollten. nur ein symbolisches Amt ausfüllte, durf- als Bewahrer oder als Zerstörer des Kali-
Mustafa Kemal blieben etwas mehr als te der Kalif keinen Säbel tragen, nicht fats auftreten darf.“
zwei Wochen, den Machtkampf mit Is- einmal in seinem eigenen Palast. Seine Und weil der Staatsgründer somit je-
tanbul zu entscheiden. einzige Aufgabe war es, den islamischen dem eine Projektionsfläche bietet, konn-
Während der folgenden Parlaments- Charakter des Landes zu betonen und te sich auch Erdoğan bei seinem Auftritt
debatten versuchte er, die Abgeordneten den Traditionsbruch zu kaschieren. vor drei Jahren auf einen Mustafa Kemal
für die Abschaffung des Sultanats zu ge- Die Installation des an Politik nicht in- seiner Wahl berufen: den Freiheitskämp-
winnen und sprach dabei, so sein Biograf teressierten Hobbymalers erwies sich als fer. Günter Seufert, Türkei-Analytiker
Hanioğlu, „wie ein muslimischer Gelehr- guter Schachzug. Sogar die mächtige Az- der Stiftung Wissenschaft und Politik in
ter und nationalistischer Ideologe zu- har-Institution in Kairo erkannte Abdül- Berlin, spricht von einem „Befreiungs-
gleich“. Am 29. Oktober beschloss die mecid II. als Kalifen an, und die Gemein- kampf reloaded“: Wie ein zweiter Ata-
Nationalversammlung auf Druck Mustafa schaft der indischen Muslime verlieh Mus- türk werde Erdoğan nicht müde zu be-
Kemals die Auflösung des Osmanischen tafa Kemal als Befreier seines Landes be- haupten, dass sich das Land auch heute
Reiches. Dessen Nachfolge trat die Repu- geistert die Ehrentitel „Schwert des Islam“ wieder seine Unabhängigkeit vom Wes-
blik Türkei an. und „Erneuerer des Kalifats“. Der letzte ten erkämpfen müsse – ganz im Geist
Mohammed-Nachfolger hielt sich indes von Samsun.
Die Abschaffung des Sultanats folgte keine zwei Jahre. Am 3. März 1924 erklär- Zumindest in jenem Feldzug vor
kurz darauf am 2. November. Damit, so te die Nationalversammlung: „Der Kalif knapp zweieinhalb Jahren war Erdoğan
Mustafa Kemal, sei „das Amt des Kalifen, ist seines Amtes enthoben.“ Die religiöse erfolgreich. Fünf Wochen nach seinem
das zu den legitimen Rechten der türki- Führungsaufgabe sei „in den Konzepten Auftritt im historischen Schatten Ata-
schen Regierung gehört, aus den Händen von Staatsregierung und Republik enthal- türks eroberte er mit absoluter Mehrheit
der Ausländer, in deren Macht es sich be- ten“ und die „Institution des Kalifats auf- das Amt des Präsidenten.
findet, befreit“. Wenige Tage später ver- gehoben“. Abdülmecid II. wurde ins Exil dieter.bednarz@spiegel.de

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Essay

Alexander Flores über die systematische, brutale Vertreibung arabischer


Palästinenser im Zuge der Gründung Israels – und die anhaltenden Folgen

ZIONISMUS UND
„N A K B A“
as arabische Wort „Nakba“ bedeutet „Kata- Der „eiserne Schutzwall“ bestand aus den Bajonet-
D strophe“. Heute bezeichnet Nakba die mas-
senhafte Vertreibung und Flucht von Paläs-
tinensern während des arabisch-israelischen
ten der Briten, welche die Araber in Schach hielten.
Ab 1920 herrschte Großbritannien als Mandatsmacht
– das heißt de facto als Kolonialherr – in Palästina, und
Kriegs von 1947 bis 1949. Erst der israelische Sieg in mit der Balfour-Deklaration hatte sich London 1917
diesem Krieg ermöglichte die Gründung und Konsoli- verpflichtet, dort die Schaffung einer „nationalen
dierung des Staates Israel. Für die Palästinenser waren Heimstätte“ für Juden zu unterstützen. Ohne diese
diese Vertreibungen freilich die Katastrophe ihrer na- Unterstützung hätte das Projekt keine Chance gehabt,
tionalen Existenz. Sie wirkt bis heute fort. denn vorläufig verfügten die Zionisten nicht über ei-
Der Konflikt selbst war eine Folge des Zionismus. gene Machtmittel. Im Lauf der Zeit und unter dem
Sein Ziel war es, möglichst viele Juden nach Palästina Schirm des britischen Mandats gründeten sie ihre ei-
zu bringen und dort einen jüdischen Staat zu gründen. genen militärischen Verbände.
Der Zionismus war in Europa als defensives Projekt Schon bei Theodor Herzl beinhaltete das zionistische
entstanden – als Antwort auf die Unterdrückung und Projekt den Transfer der einheimischen Bevölkerung
Verfolgung von Juden im nationalistisch aufgeladenen –  den Plan, so viele Palästinenser wie möglich außer
Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Auf Pogro- Landes zu schaffen. Je näher das Projekt seiner Verwirk-
me und Diskriminierung reagierten jüdische Vordenker lichung kam, desto konkretere Gestalt nahm dieser Plan
wie der österreichisch-ungarische Publizist Theodor an. Bereits vor 1948 war es vorgekommen, dass palästi-
Herzl ihrerseits nationalistisch: nämlich mit der Idee nensische Pächter aus Ländereien, die von Zionisten er-
eines Judenstaates. Zunächst war dies nur das Ziel ei- worben worden waren, vertrieben wurden. Die Gele-
ner kleinen jüdischen Minderheit. Erst die furchtbare genheit, den Plan in großem Stil umzusetzen, ergab sich
Verschärfung des Antisemitismus bis hin zum Holo- mit dem Krieg. Nun wurde das Land nicht mehr gekauft,
caust verschafften dem Programm allgemeine Recht- sondern erobert und zum größten Teil entvölkert.
fertigung und massenhaften Zulauf. Von den ungefähr 900 000 Palästinensern, die auf
Am Ort seiner Verwirklichung, in Palästina, wurde dem Gebiet gelebt hatten, das dann der Staat Israel
das zionistische Projekt dann vom defensiven zum of- wurde, blieben nach dem Krieg nur noch 156 000. Die
fensiven. Dies war konsequent: Das Land war bereits Methoden der Vertreibung waren vielfältig: direkte
so dicht besiedelt, wie es bei der vorherrschenden Wirt- physische Vertreibung, massive Gewalt bei der Erobe-
schaftsweise möglich war, und zwar zu 95 Prozent von rung von Städten und Dörfern, psychologische Kriegs-
Arabern. Die Einwanderung einer großen Zahl von führung und Massaker, um die Fluchtbewegung zu ver-
Juden und die Gründung eines jüdischen Staats konn- stärken. Dörfer wurden typischerweise bei ihrer Er-
ten nicht ohne massive Schädigung der einheimischen oberung heftig beschossen und aus drei Richtungen
Bevölkerung erfolgen. Die Einheimischen wandten angegriffen, um den Bewohnern die vierte Richtung
sich – ebenso konsequent – gegen das Projekt, das ih- als Fluchtweg zu weisen. Viele Leute, die dann nicht
nen darum notfalls sogar mit Waffengewalt aufgezwun- flohen, wurden mit vorgehaltener Waffe vertrieben
gen werden musste. Diese Notwendigkeit formulierte oder erschossen.
der radikale zionistische Ideologe Wladimir Jabotinsky Das effektivste Instrument zur Vertreibung war die
bereits 1923: „Unsere Kolonisierung muss entweder Tötung von Zivilisten. Das Massaker von Deir Jassin
beendet oder gegen den Willen der einheimischen Be- bei Jerusalem ist das bekannteste; es war aber nur
völkerung fortgesetzt werden. Diese Kolonisierung eines von vielen. Der palästinensische Historiker Saleh
kann daher nur weitergehen und sich entwickeln unter Abdel Jawad spricht von 68 wohldokumentierten Mas-
dem Schutz einer Kraft, die von der lokalen Bevölke- sakern. Das größte war das von Lydda (heute Lod),
rung unabhängig ist – eines eisernen Schutzwalls, den wo geschätzt tausend Zivilisten umgebracht und ins-
die einheimische Bevölkerung nicht durchbrechen gesamt 55 000 Menschen vertrieben wurden. Die Mas-
kann.“ Die zionistische Führung hielt sich an Jabotin- saker waren so zahlreich und systematisch, dass man
skys Rezept, obwohl sie sonst nicht mit dem Mann ein- sie als Mittel einer bewussten Vertreibungspolitik an-
verstanden war. sehen muss.

120 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


Die meisten der derart entvölkerten Dörfer – mehr lassen hätten, sondern weil sie dem zionistischen Un-
als 400 – wurden bald darauf zerstört, um unumkehr- ternehmen im Weg waren. Stellten Ende 1946 Juden
bare Fakten zu schaffen. Auch Städte wurden entvöl- 31 Prozent der Gesamtbevölkerung des britischen Man-
kert und mit Juden besiedelt. Im Juni 1948 beschloss datsgebiets Palästina, so war ihr Anteil Ende 1948 auf
die israelische Regierung, keine arabischen Flüchtlinge 82 Prozent im Staatsgebiet Israel angewachsen. Damit
zurückkehren zu lassen. Vier Monate später sagte der war der wichtigste Schritt zur Umwandlung des arabi-
israelische Ministerpräsident David Ben-Gurion: „Die schen Palästina in einen jüdischen Staat erreicht. Und
Araber Palästinas haben nur noch eine Funktion zu der Prozess geht weiter.
erfüllen – wegzulaufen.“ Wenn man das zionistische Ziel als gegeben voraus-
Wenn all das in seinen wahren Ausmaßen bekannt setzt, geschah all das konsequent. Die Erfahrungen
geworden wäre, hätte es dem Ansehen Israels im Wes- der Juden im 20. Jahrhundert – bis hin zum Horror
ten, von dem es abhängig war, enorm geschadet. Also des Holocaust – machen die Zustimmung für dieses
wurde es vertuscht. Die israelische Regierung behaup- Programm und seine Durchsetzung verständlich. Die
tete, die Palästinenser seien auf Anweisung der arabi- in dieser Vision unabdingbare Notwendigkeit eines jü-
schen Führer weggelaufen. So stellte es etwa Leo Kohn, dischen Staates stellte die eigenen Interessen absolut
hoher Beamter des Außenmi- in den Vordergrund; die Fol-
nisteriums, 1961 dar. Diese Er- gen für die Opfer des Prozes-
zählung wurde lange im Wes- ses wurden und werden zu-
ten akzeptiert. Erst seit den meist ausgeblendet.
späten Achtzigerjahren stellen Dass dies zur Ablehnung
seriöse Historiker, auch in Is- Israels in der Region führen
rael, diese Version der Ereig- würde, haben auch leitende
nisse infrage. Heute gilt sie im Zionisten früh gesehen, aber
Wesentlichen als widerlegt. für verkraftbar gehalten. So
sagte Ben-Gurion in den Fünf-
nmittelbare Folge zigerjahren zu Nahum Gold-
U der Nakba war
eine Flüchtlingsbe-
völkerung, die im
mann, dem Präsidenten des
Jüdischen Weltkongresses:
„Warum sollten die Araber
Großen und Ganzen noch Frieden machen? Wenn ich
heute existiert –  im Westjor- ein arabischer Führer wäre,
danland, im Gazastreifen und würde ich niemals mit Israel
in den umliegenden Ländern, Flüchtlinge im Westjordanland 1948 übereinkommen. Das ist na-
vor allem in Jordanien. Aber türlich: Wir haben ihr Land
das war nicht alles. Nach der genommen. Sicher, Gott hat
Besetzung Restpalästinas im Krieg von 1967 wurden es uns versprochen, aber was bedeutet das für sie? Un-
mindestens weitere 200 000 Araber aus dem Land ge- ser Gott ist nicht ihrer. Wir kommen aus Israel, das ist
trieben. Vielfältige Prozesse der politischen Unter- wahr, aber vor 2000 Jahren, und was ist das für sie? Es
drückung, Einzwängung, Landbeschlagnahme und Be- hat Antisemitismus gegeben, die Nazis, Hitler, Ausch-
siedlung gibt es bis heute – in den besetzten Gebieten, witz, aber war das ihr Fehler? Sie sehen nur eins: Wir
aber auch im Staatsgebiet Israels selbst. sind hierhergekommen und haben ihr Land gestohlen.
Die Nakba ist nicht Geschichte, sondern geht weiter. Warum sollten sie das akzeptieren?“ Seine Konse-
Allerdings wurde die Erinnerung an sie nicht promi- quenz war: Israel muss weiter jede mögliche arabische
nent heraufbeschworen, als mit den ersten Stadien des Opposition in Schach halten – notfalls mit Panzern.
Oslo-Prozesses seit 1993 eine friedliche Regelung des Das ist nach wie vor israelische Politik, gekoppelt
Konflikts in Aussicht stand. In dem Maß aber, in dem mit der Behauptung, die Palästinenser und andere
sich dieser Prozess festfraß, drängten sich auch die Alt- Araber seien allein für die Aufrechterhaltung des
lasten des Konflikts wieder nach vorn, und die gravie- Kriegszustands verantwortlich – wie noch jüngst
rendste ist eben die Nakba. Palästinenser erinnern zu- Benjamin Netanyahu vor der Uno-Vollversammlung
nehmend an sie, während das offizielle Israel darum sagte. Israel hält an der Besatzung und an der Sied-
bemüht ist, ihr Gedenken zu unterdrücken. Seit 2011 lungspolitik fest, und das nicht nur zum Schaden für
gibt es sogar ein Gesetz, das „Budget Foundations Law seine Nachbarn, sondern auch für die eigene Gesell-
(Amendment No. 40)“, das allgemein „Nakba-Gesetz“ schaft, die etwas Besseres verdient hat als das Leben
genannt wird. Es ermächtigt den Finanzminister, Or- mit der geografischen Isolation und der Sicherheits-
ganisationen, die den Tag der Gründung Israels als hysterie, das man ihr zumutet. Um das zu ändern,
Trauertag begehen, staatliche Unterstützung zu ent- wäre kräftiges Umsteuern nötig, und zwar in erster
ziehen. Die Nakba ist zurückgekommen und sucht er- Linie von Israel selbst. Wenn man sich die politische
neut die Palästinenser – und Israel – heim. Szene im Land anschaut, erscheinen die Aussichten
Die Nakba war ein Akt massiver ethnischer Säube- darauf allerdings gering. I
rung. Damit Israel entstehen konnte, wurde Palästi-
nensern ihre Heimat genommen. Sie wurden nicht ver- Alexander Flores ist emeritierter Professor für Wirtschaftsarabistik
trieben, weil sie etwas Bestimmtes getan oder unter- der Hochschule Bremen. Mehr zu seiner Vita auf Seite 74.

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Konflikte der Moderne Russland

Millionen Muslime leben seit Jahrhunderten unter russischer Oberhoheit.


Meist herrscht Toleranz – doch es gibt auch Auseinandersetzungen mit Extremisten.

Zwischen Moskau und Mekka

Von Uwe Klußmann

D
ie mehrwöchige Belagerung in te schon zuvor rund 40 Feldzüge in zen- Die Bewaffnung, die Zar Iwan wählte,
der Steppe entschied womög- tralrussische Gegenden unternommen, bis entsprach der Bedeutung des Kampfes
lich über die Zukunft des größ- in die Nähe von Nischni Nowgorod auf sowie der russischen Vorliebe für schwere
ten Landes der Erde. Es war halber Strecke nach Moskau. Mehrfach Artillerie. Etwa 150 Kanonen ließ er an
ein Kampf der Superlative, der sich im waren russische Truppen daran geschei- die Stadtmauern von Kasan heranbrin-
Sommer und Herbst 1552 vor den Mau- tert, im Gegenzug Kasan zu erobern. Und gen. Am 2. Oktober 1552 stürmten seine
ern der Stadt Kasan vollzog, 800 Kilome- noch etwas anderes erbitterte die Herren Truppen die Festung. Zuvor hatten sie
ter östlich von Moskau. Zar Iwan IV., in Russlands. Seit 1521 setzte das gleichfalls schon, mithilfe eines deutschen Spreng-
Russland „der Gestrenge“, im Westen von Sklavenhändlern beherrschte musli- meisters, eine Lücke in die Stadtmauer
„der Schreckliche“ genannt, zog mit mische Krim-Khanat die Khane in Kasan gesprengt. Die Verteidiger Kasans kämpf-
150 000 Soldaten gegen die Hauptstadt ein. Das war eine Kampfansage an das ten sogar in der Moschee des Khan-Hofes
des Kasaner Khanats, das sich mit 33 000 von orthodoxen Christen beherrschte gegen die Eroberer – ein verzweifeltes
Kämpfern verteidigte. Großfürstentum Moskau, das 1547 zum Unterfangen, bei dem der Imam Kul
Das Khanat war durch den Zerfall der Russischen Zarenreich geworden war. Scharif getötet wurde.
Goldenen Horde entstanden, die Einwoh- Der Kampf um Kasan würde also da- Die Russen zerstörten die Moscheen
ner, vorwiegend Tataren, waren seit Mitte rüber entscheiden, welche heilige Schrift der Stadt, die Bevölkerung wurde nieder-
des 14. Jahrhunderts Muslime, dazu ka- in der Weltgegend zwischen dem Balti- gemetzelt oder versklavt. Iwan IV. an-
men viele Sklaven, mit denen die Herr- kum und den Steppen Asiens dominieren nektierte Kasan und zerschlug das Kha-
scher handelten. Das Kasaner Khanat hat- sollte: die Bibel oder der Koran. nat; den abgesetzten Herrscher ließ der
Zar nach Moskau bringen und taufen.
Der Zar ordnete überdies an, alle Mo-
scheen in seinem Reich zu zerstören oder
Karten-
zu schließen. Knapp zwei Jahrzehnte spä-
Russlands aus-
schnitt ter versuchte das Krim-Khanat eine Re-
St.
muslimisch Peters- vanche. Krimtataren marschierten bis in
dominierte burg die russische Hauptstadt und setzten Mos-
RUSSLAND
Republiken kau in Brand; die Russen mussten sie mit
Gewalt zurücktreiben.
1 TATARSTAN
2 BASCHKIRIEN Mit der Eroberung des Khanats von
3 KARATSCHAI- Moskau Kasan beherrschte Russland erstmals ein
TSCHERKESSIEN geschlossenes muslimisches Siedlungs-
4 KABARDINO-BALKARIEN
5 INGUSCHETIEN Nischni Nowgorod gebiet. Der Staat wurde zum Imperium.
6 TSCHETSCHENIEN Anfangs setzte Moskau auf eine Missio-
7 DAGESTAN Kasan nierung der neuen Untertanen. Doch die
1
Krim war wenig erfolgreich. Vor allem auf dem
RUSSLAND
Ufa Lande hielt sich die islamische Kultur.
2
Schwar- Zar Peter I. „der Große“ (1672 bis 1725)
zes Orenburg blieb dieser Linie treu. Zwar ließ er zu,
Meer
3
dass 1716 in Sankt Petersburg die erste
4 russische Übersetzung des Korans er-
NORD- 5 Grosny schien. Doch die konnte Muslime kaum
OSSETIEN 6 erfreuen, denn sie war gespickt mit anti-
Kaspi- KASACHSTAN islamischen Kommentaren. Zar Peter ver-
7
sches
Meer folgte die Idee, ein einheitlicher Staat sol-
ASERBAI- le einen einheitlichen Glauben haben. Er
DSCHAN USBEKISTAN ließ Moscheen zerstören und Muslime

122 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


Der Name der Kul-Scharif-Moschee in
zur Taufe nötigen. Als Reaktion darauf Kasan erinnert an das einstige Khanat. Zuvor hatten die Dagestaner jahrelang
zettelten die drangsalierten Untertanen mit einer 5000 Mann starken Rebellenar-
bewaffnete Aufstände an. lichen Hoheit keinerlei Meinungsver- mee unter Führung des legendären Imam
Es war dann Katharina II., die Deut- schiedenheiten, sondern ausschließlich Schamil dem Imperium Widerstand ge-
sche auf dem Zarenthron, die ein halbes Liebe, Stille und Eintracht“ herrsche. leistet.
Jahrhundert später neue Maßstäbe im Am Schwarzen Meer eskalierten die Größere Probleme bereiteten den Rus-
Umgang mit den Muslimen setzte. So ge- Beziehungen zwischen dem russischen sen die benachbarten Tschetschenen. Für
walttätig, wie sie gegenüber politischen Reich und benachbarten Muslimen den- den russischen General Alexej Jermolow,
Gegnern auftrat – angefangen bei ihrem noch dramatisch. Im Krieg mit den Os- Held der Schlacht von Borodino gegen
Ehemann Peter III., den sie wohl töten manen – 1768 bis 1774 – zerschlug Ka- Napoleon, waren die Tschetschenen die
ließ, um ihre Herrschaft zu sichern – so tharina „die Große“ das Krim-Khanat. „bösartigsten aller Räuber“. Jermolow
geschmeidig war ihr Kurs gegenüber den Russische Truppen besetzten die Halb- verkörperte die zwei Gesichter von Russ-
andersgläubigen Untertanen. Dezent insel; viele Krimtataren retteten sich lands imperialer Politik. Er ließ wider-
übte sie ihre staatliche Kontrolle aus, zu den Türken. Die Zarin machte die ständige Dörfer niederbrennen, erwies
etwa durch die „Mohammedanische Geis- Krim zu einem Teil Russlands: „von sich aber auch als belesener Kenner des
tige Versammlung“ im südrussischen nun an und für alle Zeiten“. Islam. Christliche Missionierungsversu-
Orenburg, die gut beobachtete Kontakte Auch im Nordkaukasus vermehrte sie che gegenüber Muslimen hielt er für
zu den Muslimen halten sollte. die Zahl ihrer muslimischen Untertanen „sinnlos“, er plädierte für eine Duldung
Die Zarin, die rege mit dem Aufklärer mit Gewalt. 1768 ließ sie ihre Truppen loyaler Muslime.
Voltaire in Frankreich korrespondierte, gen Kaukasusgebirge marschieren. Rus-
nannte diese Politik „weise Duldsam- sische Soldaten eroberten die heutigen Um einen Glaubenskampf ging es bei den
keit“. Im Juni 1773 erließ die selbst er- Teilrepubliken Kabardino-Balkarien und russischen Kaukasusfeldzügen nie allein –
nannte aufgeklärte Absolutistin einen Nordossetien. sondern vielmehr um Geostrategie. Da
Ukas zur „Toleranz gegenüber allen Katharinas Nachfolger setzten die im- die muslimischen Rebellen Unterstüt-
Glaubensrichtungen“. Darin erhielten periale Ausdehnung im Nord- und Süd- zung aus dem Osmanischen Reich erhiel-
die Muslime das Recht zum Bau neuer kaukasus fort. Ende des 19. Jahrhunderts ten, galt es, sie kleinzuhalten.
Moscheen und zur Ausübung ihrer Reli- unterwarfen sich die schiitischen Aser- Wie widersprüchlich sich das Leben
gion. Der Ukas benannte auch das poli- baidschaner. In Dagestan am Kaspischen kaukasischer Muslime unter der Zaren-
tische Ziel, dass nämlich, so Katharina, Meer, dem Zentrum des sunnitischen Is- herrschaft gestaltete, hat der russische
„zwischen den Untertanen ihrer kaiser- lam im Kaukasus, dauerte es bis 1859. Schriftsteller Leo Tolstoi in seinem letz-

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Konflikte der Moderne Russland

ten Werk beschrieben, „Hadschi Murat“ staatlichen Aufsicht über die Russisch- Islam in Russland. Muslime wurden im
erschien posthum 1912. In der Erzählung Orthodoxe Kirche, schrieb im März 1905: Zarenreich immer wieder diskriminiert,
schildert Tolstoi nach einem realen Vor- „Der Islam ist eine schreckliche Kraft, die etwa als die Instanz der muslimischen Mi-
bild das Schicksal eines muslimischen nicht eine Minute lang ihre Waffen litärgeistlichen 1896 abgeschafft wurde.
Kämpfers im nördlichen Kaukasus, der senkt.“ Die Koranreligion, so der Kleri- Erst zwölf Jahre später führte Zar Nikolai
zeitweilig zwar mit den Russen koope- ker, kenne „keinen Vergleich, was die II. das Amt der Armee-Mullahs wieder
riert, dann aber flieht und am Ende er- Glaubensintensität und den Fanatismus ein. Auch das Kokettieren des Zarenhofes
schossen wird. angeht“. Auch Pjotr Stolypin, konserva- mit xenophoben Nationalisten der rechts-
Bewaffnete Gewalt prägte zunächst tiver Premierminister Russlands, warnte radikalen „Schwarzen Hunderter“ erwies
auch das Verhältnis Russlands zu den in einem Brief an den Heiligen Synod sich für den russischen Staat als selbstzer-
Muslimen in Zentralasien. 1865 eroberten 1909 vor der „islamischen Gefahr“. störerisch.
russische Truppen Taschkent, die heutige Stolypin, ein Politiker, den das heutige Das Zarenreich, so Arapows Fazit,
Hauptstadt Usbekistans. Drei Jahre spä- Russland verehrt, analysierte zugleich, habe sich gegenüber den Muslimen re-
ter besetzten sie auch Samarkand. Ein dass das Nichtwissen über den Islam eine formunfähig gezeigt. Die Abkehr von der
Jahr darauf folgte das heutige Tadschi- Wurzel der Probleme sei. 1911 schlug der moderaten Religionspolitik Katharinas
kistan. Das von Russland annektierte Premier dem Ministerrat vor, „Kurse für wies neben den großen sozialen Proble-
Zentralasien wurde als „Generalgouver- Islamkunde“ zu organisieren und eine men den Weg in Revolution und Bürger-
nement Turkestan“ dem Reich eingefügt. Zeitschrift „zum Studium des Weltislam“ krieg.
Statthalter des Zaren war dort jahrelang zu gründen.
der deutschstämmige Generalleutnant Stolypin wurde im September des sel- Nach der Abdankung des Zaren im März
Konstantin von Kaufmann. Der plädierte ben Jahres in Kiew von einem linksradi- 1917 und dem Sturz der folgenden „pro-
für eine vorsichtige Gangart gegenüber kalen Attentäter ermordet. Das zaristi- visorischen Regierung“ demonstrierten
den Muslimen, eine Politik des „be- sche System habe sich letztlich „unwillig“ die Bolschewiki eine revolutionäre Wand-
herrschten Ignorierens“. gezeigt, „in einen konstruktiven Dialog lung der Politik gegenüber den Muslimen.
Bei anderen Amtsträgern wuchs mit mit der muslimischen Öffentlichkeit zu Der „Rat der Volkskommissare“ – die
der Zahl der Muslime im Zarenreich – treten“, urteilte der 2015 verstorbene Mos- bolschewistische Regierung – wandte
1897 waren es bereits fast 14 Millionen kauer Historiker Dmitri Arapow in einer sich im Dezember 1917 an „alle Werktä-
Menschen – die Angst vor Aufruhr. Kon- Studie über das Verhältnis von Staat und tigen und Muslime Russlands und des Os-
stantin Pobedonoszew, erzkonservativer tens“ mit der Botschaft: „Jetzt sind euer
Oberprokuror des Heiligen Synod, der Freitagsgebet in der Achmad-Kadyrow- Glauben und eure Gebräuche, eure na-
Moschee im tschetschenischen Grosny

124 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


tionalen und kulturellen Einrichtungen
frei und unantastbar.“ Im April 1918 be-
teuerten die Volkskommissariate für Ver-
teidigung und Nationalitäten der Sowjet-
macht gar ihren „heißen Glauben an die
revolutionäre Kraft des muslimischen
Proletariats“.
Doch von diesem Glauben fielen die
Bolschewiki bald ab. Schon in den Zwan-
zigerjahren setzte das sowjetische Re-
gime Muslime wie auch Christen mit
atheistischer Propaganda massiv unter
Druck. Moscheen wurden zerstört, Geist-
liche verhaftet. 1924 notierte die sowjeti-
sche Geheimpolizei besorgt, dass Männer
in den tschetschenischen Bergen die „Be-
freiung der Muslime von der sowjeti-
schen Macht“ wünschten.
20 Jahre später, 1944, deportierte das
stalinsche Regime mehrere Hunderttau-
send Tschetschenen und andere nordkau-
kasische Muslime nach Zentralasien. An-
geblicher Grund: Sie hätten mit der deut-
schen Wehrmacht kollaboriert.
Gleichzeitig versuchte der sowjetische
Staat, Mohammeds Anhänger mit einer
„Verwaltung für geistliche Angelegenhei-
ten der Muslime“ zu kontrollieren. Die Tschetscheniens Muslime sind
Vereinigung stand unter Kontrolle des Anhänger des traditionellen Beobachterstatus in der Organisation für
sowjetischen Geheimdienstes KGB und Islam. Hier wird eine Braut in Grosny Islamische Zusammenarbeit.
zur Hochzeit geschmückt.
durfte ab 1960 sogar den Koran drucken – Der Anteil der Muslime in Russland
in begrenzter Auflage. wächst, durch Zuwanderung aus Zentral-
KGB-Führungsoffiziere tranken regel- sische Teilrepublik Dagestan ein. Darauf- asien, aber auch durch hohe Geburten-
mäßig Tee mit Muftis, die sich religiös hin schlug Moskau unter Leitung des da- raten im muslimischen Nordkaukasus.
gen Mekka und politisch gen Moskau ver- maligen Premierministers Wladimir Pu- Dort ist die Arbeitslosigkeit hoch und die
neigten. Doch mit dem Zerfall der Sow- tin zurück. Russische Truppen vertrieben Korruption allgegenwärtig. Die russische
jetunion wandten sich große muslimische die Islamisten im Spätsommer 1999 aus Staatsführung fürchtet daher eine Radi-
Regionen von Moskau ab – Zentralasien Dagestan. Danach zerschlug das russi- kalisierung der Bevölkerung.
und auch Aserbaidschan. sche Militär die Separatisten-Macht in An der Seite des „Islamischen Staats“
Als nach der Auflösung der Sowjetuni- Tschetschenien. (IS) kämpfen heute nach Angaben des
on sich auch Tschetschenien von Moskau Der von Putin eingesetzte tschetsche- Inlandsgeheimdienstes FSB 2400 russi-
trennen wollte, kam es zum Krieg. Ein nische Statthalter Ramsan Kadyrow, ein sche Staatsbürger, vor allem in Syrien.
zweijähriger russischer Feldzug bis 1996 Provinzfürst, der keine Opposition dul- Allein 600 von ihnen stammen aus der
unter Präsident Boris Jelzin scheiterte; det, propagiert seitdem einen „traditio- Teilrepublik Dagestan. In dem „Land der
Ergebnis war die von Russland abgekop- nellen Islam“ mit rigiden Regeln: Kopf- Berge“, das der Literaturnobelpreisträger
pelte „Tschetschenische Republik Itsch- tuchzwang für Frauen, Verbot von Aus- Iwan Bunin mit einem „tausendäugigen
kerija“. Der De-facto-Staat litt unter Mas- schank und Verkauf aller Alkoholika. Drachen“ verglich, vergeht inzwischen
senarbeitslosigkeit und geriet rasch unter Kadyrow hat in Grosny eine der größ- fast keine Woche ohne bewaffnete Zu-
den Einfluss muslimischer Radikaler. ten Moscheen Russlands bauen lassen. Die sammenstöße zwischen salafistischen
Arabische Emissäre, ausgestattet mit Moschee „Herz Tschetscheniens“ mit ih- Untergrundkämpfern und Sicherheits-
Petrodollar, warben Kämpfer für Funda- ren vier 62 Meter hohen Minaretten bietet kräften.
mentalistentrupps. Die Kaukasusrepublik 10 000 Gläubigen Platz. In Tatarstan hingegen halten sich auch
führte das an die Scharia angelehnte Das entspricht Putins Politik. Der rus- junge Muslime bis auf seltene Ausnah-
Strafgesetzbuch des Sudan ein. Ab 1997 sische Präsident wendet sich immer wie- men von Terrortrupps fern. Die als mo-
wurden in Tschetschenien sogar Frauen der an die etwa 15 Millionen Muslime sei- derat geltenden Gläubigen bevorzugen
und Jugendliche mit Maschinenpistolen nes Landes, gut zehn Prozent der Bevöl- dort einen gemäßigten Islam.
öffentlich hingerichtet. kerung. Den Islam bezeichnet er als „tra- Wie traditionsbewusst die Tataren zu-
Russlands Präsident Jelzin verurteilte ditionelle Religion unseres Landes“ und gleich sind, zeigt die 2005 eröffnete Mo-
diese Praktiken – eine hilflose Geste. kritisiert die Verfolgungen von Muslimen schee Kul Scharif in Kasan. Sie trägt den
Die Gewalt der Islamisten eskalierte. zur Sowjetzeit. Das Gewicht der Muslime Namen des Imans, der 1552 starb – als
Bewaffnete Muslim-Extremisten drangen Russlands nutzt Putin auch gern außen- russische Truppen Kasan eroberten.
im Sommer 1999 in die benachbarte rus- politisch. Sein Land hat seit 2005 einen uwe.klussmann@spiegel.de

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Konflikt der Moderne Terrorismus

Die ersten Selbstmordattentäter der Moderne Selbstmordattentat ist eben keine religiö-
se Konstante des Islam. Wer die Motive
gehörten zur Hisbollah. Seitdem wächst der Täterkreis – dafür reduziert auf die Aussicht auf 72
trotz fehlender islamischer Begründung. himmlische Jungfrauen und 80 Jahre
währende Orgasmen, wird auf sexbeses-
sene Loser als Täter schließen – und

Um den Preis des nichts begreifen. Denn das Paradies als


Orgie war spätestens seit dem 9. Jahr-
hundert eine Spielart des islamischen Jen-

eigenen Lebens seits. Islamisch motivierte Selbstmord-


attentate aber kamen erst vor 35 Jahren
auf – rund 800 Jahre nachdem die Assas-
sinen einst in Persien und Syrien Angst
und Schrecken verbreitet hatten (siehe
Kasten Seite 128).
Um den massenhaften, irrsinnig er-
Von Christoph Reuter scheinenden Einsatz von Selbstmord-
attentätern heute zu verstehen, muss

D
ie Männer in den Unterge- Um das Tabu zu begründen, zogen die man zurückkehren zu diesen Anfängen
schossen trister Betonblocks Schriftausleger einen Vers aus der 29. in den Achtzigern. Denn bei der Rekru-
Südbeiruts hatten ein Problem. Sure des Koran heran, dessen Bedeutung tierung des Personals spielt es eine essen-
Prophet Mohammed, aber allerdings von der Lesart eines zweideu- zielle Rolle, die Selbsttötung als Mittel
auch Gott selbst, so er denn seinem Ent- tigen Personalpronomens abhängt: „an- zum Ermorden anderer religiös aufzu-
sandten 1400 Jahre zuvor tatsächlich die fusakum“. Es kann zweierlei bedeuten: laden. Um das zu erreichen, mussten die
Verse diktierte, hatten sich nicht klar aus- „euch selbst“ oder „euresgleichen“. Im Strategen der Hisbollah erst einmal das
gedrückt. Schlimmer noch: Je nach Inter- ganzen Satz führt das zu der Aussage: absolute Tabu ummodeln zu einem Akt
pretation und Lesart einer zweideutigen „Tötet nicht euch selbst!“ Oder: „Tötet tiefster Frömmigkeit.
Stelle im Koran würde das Vorhaben der nicht euresgleichen!“ Keine leichte Sache. Folglich hatte es
Männer die Beteiligten umgehend ins Pa- Das Arabische ist manchmal nicht ein- die Hisbollah auch überhaupt nicht eilig,
radies oder aber in die furchterregends- deutig. Im 9. Jahrhundert hatte der Ge- sich zu ihrem ersten Selbstmordanschlag
ten Abgründe der Hölle führen. Und von
Dynamit stand auch nichts in den heili-
gen Schriften.
„Der Prophet sagte: Wer sich von einem Berg hinabstürzt
Was Anfang der Achtzigerjahre die und Selbstmord begeht, der wird im Höllenfeuer sein.“
führenden Kader der damals noch unbe-
kannten schiitischen Untergrundorgani- lehrte al-Tabari noch befunden, es gehe am 11. November 1982 auf das Haupt-
sation Hisbollah da im Libanon ersannen, darum, keinen anderen Muslim zu töten. quartier der israelischen Armee in der
war eine theologisch höchst heikle, tech- Aber schon Jahrzehnte später wurde der besetzten südlibanesischen Stadt Tyros
nisch aber verlockende Kombination: das Selbstmord mit Höllenqualen geahndet. zu bekennen. Ein mit Sprengstoff voll be-
Selbstmordattentat als gottgefällige, ja In den Hadithen, jenen lange nach Mo- ladener Peugeot war in das sieben-
unbedingt preisenswerte Waffe einzufüh- hammeds Tod edierten Prophetenaus- stöckige Gebäude gerast und hatte es
ren. Keine Kamikaze-Flieger, wie knapp sprüchen, sind ganze Litaneien der Ver- zum Einsturz gebracht. 75 israelische Sol-
40 Jahre zuvor in Japan, sondern rollen- dammnis notiert: „Der Prophet sagte: daten, Polizisten und Geheimdienstler
de Bomben, Lastwagen vollgestopft mit Wer sich von einem Berg hinabstürzt und starben, allerdings auch mehr als ein Dut-
Sprengstoff, von ihren Fahrern ins Ziel Selbstmord begeht, der wird im Höllen- zend arabische Gefangene. Militärisch
gelenkt. feuer sein. Auf immer und ewig wird er war das ein immenser Erfolg gegen die
Die japanischen Generäle hatten kein dort sein und unendlich seine Tat wie- Besatzer. Trotzdem bekannte sich die
Problem damit gehabt, wenn ihre Solda- derholen. Wer mit einem spitzen Gegen- Hisbollah nicht (das tat sie Jahre später),
ten nicht im Kampf erschossen wurden, stand Selbstmord verübt, der wird sich sondern ließ die Welt im Unklaren. Denn
sondern sich selbst umbrachten. Denn im Höllenfeuer auf immer und ewig den es war, nüchtern gesehen, ja immer noch
im Reich der Sonne war der rituelle Bauch aufschlitzen“, und so fort. Noch ein Selbstmord gewesen.
Selbstmord zur Reinwaschung von Schan- im frühen 18. Jahrhundert urteilte eine Doch die Führer der Hisbollah, der
de sogar ehrenvoll. Fatwa, dass der Selbstmord ein noch grö- „Partei Gottes“, waren mitnichten reli-
Nicht so im Islam: Da galt der Selbst- ßeres Verbrechen sei als der Mord.
mord als Todsünde. Je mächtiger die Re- In der heutigen Zeit, da die Komman-
ligion geworden war, desto vehementer deure des „Islamischen Staates“ im Irak Kämpfer des „Islamischen Staats“
waren alle Ansinnen unter Verdammnis manchmal ein, zwei Dutzend Fahrer posieren an der Grenze zwischen Syrien
geraten, sich diesem Verdikt entziehen sprengstoffbeladener Pick-ups und Last- und dem Irak (7. Juli 2014).
zu wollen. Das war im Christentum nicht wagen auf einmal in die gegnerischen Li- –
anders: Selbstmördern blieb das geweihte nien rasen lassen, mag es überraschend 305 Menschen sterben beim Selbstmordat-
Grab verwehrt. Sich selbst zu richten for- wirken, mit einem Rückgriff in die frühen tentat auf die multinationalen Streitkräfte
derte Gott heraus. Achtzigerjahre zu beginnen. Aber das im Libanon (23. Oktober 1983).

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Konflikt der Moderne Terrorismus

giöse Dogmatiker, sondern überaus krea- allem die Lkw-Attacken auf die Quartie- ethnische Grenzen überspringen: 1987 er-
tive Arrangeure alter Mythen und eige- re der US-Marines und französischer Fall- reichte es Sri Lanka, wo die Tamil Tigers
ner Erfindungen. Da gab es, in makel- schirmjäger in Beirut im Oktober 1983, ihren Sezessionskrieg führten, 1993 die
loser islamischer Tradition, den Märtyrer, als 305 Menschen starben. Auf einmal Palästinensergebiete, später die PKK in
der sich in der Schlacht oder von den Er- schaute die ganze Welt auf die Hisbollah. der Türkei, Tschetschenien – lauter un-
schießungspelotons des verhassten Dik- terschiedliche Umgebungen, radikale sun-
tators oder der Kolonialmacht umbringen Mit fünf Menschen, die bereit waren, nitische Muslime, atheistische Kurden,
ließ für Gott und Vaterland: den „Scha- sich zu opfern, fünf Autos und fünfmal Hindus.
hid“ auf Arabisch. einigen Hundert bis tausend Kilogramm Was gleich blieb, war das David-gegen-
Um nun den Märtyrer mit dem Selbst- TNT war aus einer kleinen Gruppe radi- Goliath-Moment: die Ohnmacht jener Or-
mord kombinieren zu können, schuf die kaler Schiiten die berühmteste Terror- ganisationen, die dieses Mittel einsetzten,
Hisbollah ein neues Wort: den „Istisch- gruppe der Welt geworden – die Frank- gegenüber ihren Feinden. Keine von ih-
hadi“, den sich selbst dem Märtyrertum reich und die USA dazu brachte, ihre nen konnte siegen, die Palästinenser nicht
Übereignenden. Der aber, hier kommt Truppen aus dem Libanon abzuziehen, gegen Israel, die PKK nicht gegen die tür-
das Paradies ins Spiel, ja eigentlich gar die Israels Armee bis hinter den Litani- kische Armee und so fort. Aber das Selbst-
nicht sterben, sondern weiterleben will. Fluss im Südlibanon zurückweichen ließ. mordattentat war ihr Mittel, der anderen
Nur eben woanders. Und keinesfalls zu Nüchtern gesehen war es, in der Sprache Seite klarzumachen, dass auch sie nicht
verwechseln sei mit einem normalen des Marketing, welches die Hisbollah so siegen könne. Denn was ist das ultimative
Selbstmörder, „Intihari“ auf Arabisch. virtuos beherrscht, eine gnadenlos erfolg- Druckmittel der Machthaber? Den ande-
Letztlich soll es Irans Revolutionsfüh- reiche Markeneinführung. ren ihr Leben zu nehmen. Doch womit
rer Ajatollah Khomeini höchstselbst ge- Im schiitischen Islam mit seinen aus- soll man einen Selbstmordattentäter be-
wesen sein, der dem Tabubruch durch geprägten Opfer- und Märtyrermythen drohen? Ihn zu erschießen? Wer sich der
die schiitischen Glaubensgenossen seinen war es leichter gewesen als unter Sunni- Logik der Macht versagt, wird durch de-
Segen gab. Vor allem aber war es schlicht ten, das Selbstmordattentat als Märtyrer- ren Mittel nicht zu bremsen sein.
ihr Erfolg, der „Märtyreroperationen“ operation einzuführen. Aber der Erfolg Auch in einem zweiten Merkmal äh-
nach gleichem Muster legitimierte, vor der Tat ließ es bald konfessionelle und nelten diese Konflikte der Ungleichen
einander: Selbstmordattentate blieben be-
schränkt auf das Territorium und die Fein-
de des bestehenden Konflikts. Sie richte-
Abspaltungen. Aus dem Erbstreit ten sich gegen einen gleichbleibenden
Legendäre Killer zweier Söhne eines der konkurrieren- Gegner, und auch die Attentäter wurden
In der Geschichte des Islam gab es den Kalifen gingen jene Nisariten her- nur aus der eigenen Bevölkerung rekru-
schon einmal fanatische Suizidmör- vor, die später als Assassinen bekannt tiert. Die Ziele waren erreich- oder we-
der: die Assassinen. wurden und sich als radikale Verteidi- nigstens verhandelbar. Auch verebbten
In Syrien und Nordiran existierte un- ger der islamischen Grundordnung die Selbstmordanschläge nach einer Weile
gefähr vom Ende des 11. bis zur Mitte verstanden. Mehrere spektakuläre wieder, wenn zumeist eine gewisse Ba-
des 13. Jahrhunderts eine Sekte, die Morde an Würdenträgern sowohl aus lance der Stärke wiederhergestellt war.
Anführer ihrer Feinde ermordete – islamischen Reichen wie auch den Kein Volk hält es auf Dauer aus, seine
ohne Rücksicht aufs eigene Überleben. Kleinstaaten sind verbürgt, darunter Angehörigen zur kontinuierlichen Selbst-
Aber damit enden auch schon die his- die Erdolchung des Großwesirs Nisam opferung zu bewegen, aller propagandis-
torisch halbwegs gesicherten Kenntnis- al-Mulk 1092. Überliefert ist auch tischen Märtyrerverehrung zum Trotz.
se über jene Abspaltung einer frühisla- das Erstaunen der Zeitgenossen, dass Ebenso aufschlussreich wie die Kon-
mischen Gemeinschaft, deren unsterb- die Täter keine Fluchtversuche unter- junktur solcher Anschläge war auch ihr
licher Nachruhm sich vor allem aus der nahmen, sondern sich anschließend Verschwinden: Im Libanon sprengte sich
Propaganda ihrer Gegner speist. umbringen ließen. der letzte „Istischhadi“ 1997 inmitten
Schon der Ursprung des Namens Doch dass diese frühen Selbst- israelischer Soldaten in die Luft – drei
„Assassinen“ ist rätselhaft, wahlwei- mordattentäter dafür gefügig ge- Jahre vor deren endgültigem Abzug aus
se leitet er sich von der arabischen macht wurden mit Drogen und Sex- dem Südlibanon. „Wir brauchten sie nicht
Wortwurzel für „Fundament“ oder für orgien in ihrer Bergfeste, um ihnen mehr“, sagte damals Scheich Mohammed
„Haschisch“ ab – weil ihnen Drogen- auf diese Weise das Paradies vorzu- Fadlallah über seine suizidale Truppe la-
konsum als Ursprung ihres Fanatis- gaukeln, in das erst ihre Tat sie zu- konisch. Bis zu seinem Tod war der Mann
mus unterstellt wurde. Die spätere rückbringen würde: Das sind Legen- die höchste schiitische Autorität im Liba-
Konjunktur des „assassin(o)“ war den, nach Europa einst von Marco non. Schon seit den frühen Neunziger-
umso größer: Als Bezeichnung für Kil- Polo getragen, aber durch nichts be- jahren hatte die Hisbollah die israelischen
ler ist er vom Italienischen ins Franzö- legt. Dass die Täter nur getrieben Besatzer zu Belagerten in ihren Stütz-
sische und Englische eingegangen. würden von Gier und Geilheit, aber punkten gemacht und ihren Bombenkrieg
Wer waren die Assassinen wirklich? nicht von politischen Motiven – diese mit Minen anstatt mit Menschen weiter-
Im Kampf darum, welcher Fraktion die Märchen wurden fast tausend Jahre geführt.
Führung der rasch wachsenden mus- später wieder bemüht, als israelische Dann kam al-Qaida, kam Osama Bin
limischen Gemeinde gebühre, kam es Medien über palästinensische Selbst- Ladens Kriegszug gegen den Westen, ge-
in den ersten Jahrhunderten nach mordattentäter das Gleiche verbrei- gen die Ungläubigen, aber auch die ara-
Mohammeds Tod zu immer weiteren teten. Christoph Reuter bischen Diktaturen. Mit den Männern

128 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


Libyer, Saudi-Araber, Tunesier an, um
sich auf den Straßen von Bagdad und
anderen Orten zu sprengen.
So gut wie alle gelangten über Syrien
ins Land. Dort hatte der Militärgeheim-
dienst unter Führung des Schwagers von
Präsident Baschar al-Assad ein weitver-
zweigtes Netzwerk errichtet, um ankom-
mende Islamisten von Damaskus aus über
die Grenze in den Irak zu schaffen – oft-
mals nachdem man sie vorher trainiert
und ausgerüstet hatte. Motiv der diskre-
ten Terrorunterstützung war Selbstschutz:
Man wollte den US-Besatzern das Dasein
im Irak zur Hölle machen, um sie vom
2003 öffentlich erwogenen Einmarsch in
Syrien abzuhalten.
Von dort war es nach wenigen halb-
wegs ruhigen Jahren von 2009 bis 2011
nur ein kleiner Schritt zum (Wieder-)Auf-
stieg des „Islamischen Staats“ (IS) – ein
Name, den sich der stets unbotmäßige ira-
kische Qaida-Zweig schon 2006 gegeben
hatte. Straff und abgeschottet, geführt von
einer kleinen Schar einstiger Offiziere vor
allem aus Saddam Husseins 2003 auf-
gelösten Geheimdiensten, nutzte der IS
Anflug des zweiten Flugzeugs auf das die Auflösung der staatlichen Ordnung in
von al-Qaida fielen alle Grenzen, die World Trade Center in New York Syrien und Libyen, um diese Gebiete zu-
Selbstmordanschläge als örtlich und zeit- (al-Qaida-Attentat, 11. September 2001) nächst zu infiltrieren und dann blitzartig
lich beschränktes Phänomen im Zaum ge- eigene Areale zu erobern.
halten hatten. Nun war der Feind überall. Sie einte eher, was auch in der am bes- Mit dem IS ist das Selbstmordattentat
Es gab verheerende Attacken im Jemen, ten erforschten Gruppe der palästinen- im Zeitalter seiner massenhaften Repro-
in Kenia, Tansania, Indonesien, Jorda- sischen Selbstmordattentäter als stärkstes duzierbarkeit angekommen: Durch unauf-
nien, Spanien, Großbritannien, Pakistan, Motiv immer wiederkehrt: Macht. hörliche Propaganda, technisch brillante
Saudi-Arabien und, der größte Terrorakt Als vor 20 Jahren der israelische Psy- Videos, das Dauerfeuer via Twitter oder
jenseits von Kriegen: die Entführung von chologe Ariel Merari und der palästinen- Instagram und eigene Hochglanzmagazi-
vier Linienmaschinen in den USA am sische Psychiater Eyad Sarraj unabhängig ne im pdf-Format hat der IS Zehntausende
Morgen des 11. September 2001, von de- voneinander die Biografien palästinen- Jünger in aller Welt zur meist finalen Reise
nen zwei das World Trade Center zum sischer Täter untersuchten, kamen sie fast in sein selbst erklärtes „Kalifat“ gelockt.
Einsturz brachten, eine von ihren Kidnap- wortgleich zu den gleichen Ergebnissen: Hier hatte man gepanzerte Fahrzeuge für
pern ins Pentagon geflogen wurde. Es seien Menschen, „die am wenigsten Anschläge in Serie gefertigt, hierhin waren
ihre Ohnmacht ertragen“ (Merari), die hunderte Tonnen Sprengstoff und Zünder
Es war die ultimative Umkehr gültig ge- „ein Problem mit der Macht über sich ha- über Tarnfirmen in der Türkei und anders-
glaubter Machtverhältnisse. Um vier Pas- ben“ (Sarraj). Es sei dieser jähe Moment wo geschmuggelt worden.
sagierflugzeuge in zielgenaue Marsch- der Allmacht, mit einer Explosion aus der Auf den Schlachtfeldern rund um Mos-
flugkörper zu verwandeln, genügten ein Nichtigkeit zu dämonischer, unbesiegba- sul rasten am 2. Januar 2017 bei einer ein-
paar Tapeziermesser als Waffen, weniger rer Größe zu wachsen, der die Täter an- zigen IS-Attacke knapp 30 sprengstoff-
als eine Million US-Dollar und ein Vor- treibe – um den Preis des eigenen Lebens. beladene Wagen in die Reihen der iraki-
bereitungsjahr – sowie, vor allem, die Doch anders als die palästinensische schen Armee. Das Selbstmordattentat ist
Bereitschaft der 19 Attentäter, mit in den Hamas rekrutierte al-Qaida weltweit Wil- mehr entgrenzt denn je: Befohlen von
Tod zu fliegen, den sie rund 3000 ande- lige für ihre Anschläge. Dabei wurde im- einer sinistren Führung, für die der Islam
ren bereiteten. Die 19 waren sunnitische mer unübersichtlicher, wer unter dem La- nur noch Mittel zum propagandistischen
Muslime, Männer aus behüteten, begü- bel der irgendwo im afghanisch-pakista- Zweck ist, verübt von indoktrinierten
terten Verhältnissen, die weder militäri- nischen Grenzgebiet herumziehenden Ausländern und halben Kindern. Es funk-
sche Besatzung, noch Erniedrigung je Qaida-Führung alles mitmischte (abgese- tioniert als Waffe: Das ist seine einzige
am eigenen Leib erfahren hatten. Und hen von Bin Laden, der bewohnte eine Rechtfertigung. Noch funktioniert sie.
ausgerechnet ihr Anführer Mohammed Villa im Kurort Abbotabad nördlich von
Atta hatte eine ausgeprägte Sexualpho- Pakistans Hauptstadt Islamabad, wovon Christoph Reuter, SPIEGEL-Reporter in Beirut, ist
bie, was schlecht passt zur Annahme, es die Regierung nichts mitbekommen ha- Autor von: „Mein Leben ist eine Waffe: Selbst-
sei hier nur um 72 Paradiesjungfrauen ben will). Im Irak etwa kamen ab 2003 mordattentäter. Psychogramm eines Phänomens“.
gegangen. über mehrere Jahre Tausende radikale Bertelsmann; 448 Seiten; antiquarisch erhältlich.

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Konflikte der Moderne West-östliche Verstrickung

Nach der Kolonialzeit und dem Kalten Krieg zerreißt


auch das Versagen ihrer Eliten die arabische Welt.
Wie Dschihadismus entsteht und was Europa dagegen-
setzen kann, erklärt der Islam-Experte Loay Mudhoon.

„Da tobt auch


ein Klassenkampf!“

SPIEGEL: Herr Mudhoon, seit wann ge- Zerfall religiöser Autoritäten. Erst diese
hört der Islam zu Deutschland? dramatische Entwicklung führte zum Er-
Mudhoon: Seitdem es deutsche Musli- starken ultrareligiöser und salafistischer
me gibt. Zwar ist die erste Moschee Islambewegungen. Die erste salafistische
hierzulande vor hundert Jahren gebaut Bewegung war jedoch reformorientiert.
worden. Aber in der öffentlichen Wahr-
nehmung ist der Islam erst mit der ers- Wann war das?
ten türkischen Gastarbeitergeneration Die Bewegung des islamischen Refor-
angekommen. mismus ist im 19. Jahrhundert überwie-
gend in Ägypten entstanden. Einer ihrer
Geistesgeschichtlich gesehen gehört die Gründungsväter, Ägyptens damaliger
islamische Kultur schon sehr lange zu Großmufti Mohammed Abduh (1849 bis
Europa. Der Aufschwung der Wissen- 1905), rief zur Rückbesinnung auf den
schaften im Mittelalter hat ein persisch- idealisierten Frühislam. Dabei pochte er
arabisches Fundament. Dieser Ost- auf die Wiederbelebung des rationalisti-
West-Wissenstransfer ist aber wenig be- schen Erbes des Islam, dessen Kultur
kannt. einst der westlichen überlegen gewesen
Das ist wirklich bemerkenswert. Die war. Seine Salafisten wollten den Weg in
Vermittlungsleistung der islamischen eine aufgeklärte Moderne gehen …
Kultur, die zwischen der griechischen
Antike und dem späteren Europa eine … im Gegensatz zu den heutigen Sala-
Brücke geschlagen hat, ist aus dem öf- fisten. tanische Interpretation dar. Ihr Begrün-
fentlichen Bewusstsein weitgehend ver- Genau. Erst sehr viel später bildete der Mohammed Bin Abd al-Wahhab
schwunden. Die Zäsur kam mit dem und verbreitete sich der (Neo)-Salafis- (um 1703 bis 1792) formulierte eine
Aufstieg westlicher Mächte im Nahen mus als ideologisches Eindeutigkeitsan- rigide Lehre, die den Koran wörtlich
und Mittleren Osten. Um ihren Herr- gebot, das einen vermeintlich wahren verstehen wollte. Mit einem Federstrich
schaftsanspruch zu legitimieren, tilgten und „reinen“ Islam konstruiert. Doch versuchte er, mehr als ein Jahrtausend
die Europäer ihr muslimisches Erbe aus „den Islam“ als statische, unveränderli- islamische Geschichte auszulöschen.
der Geschichte und konstruierten einen che Einheit gibt es nicht, er ist ein Sam- Diese Lehre aus der Arabischen Halb-
zivilisatorischen Vorsprung. Als Ant- melsurium von Werten und Normen, insel wäre ein Provinzereignis geblie-
wort darauf veränderte sich aber auch eine Religion mit vielen Ausprägungen. ben, wenn Bin Abd al-Wahhab nicht
der Islam: Er wurde von den lokalen Eli- Sogar das Alkoholverbot gab es nicht eine Allianz mit der Saud-Dynastie
ten instrumentalisiert, um die jeweilige durchgängig, und es gibt eine reiche ho- eingegangen wäre, und diese wiederum
nationale Identität gegen die der Koloni- moerotische Literatur. mit dem Westen. Im 20. Jahrhundert
al- oder Hegemonialmacht zu schärfen. eroberte ein saudischer Kämpfer weite
Leidet die islamische Welt also am Teile der Arabischen Halbinsel –
Die Radikalisierung war eine Antwort Dominanzstreben einzelner Strömun- mit Unterstützung der Briten. Später
auf den Kolonialismus? gen, die für sich in Anspruch nehmen, wurde der Wahhabismus im West-Ost-
Der Fundamentalismus ist ein Pro- den wahren Islam zu vertreten? Konflikt massiv instrumentalisiert: im
dukt der Moderne. Wir erleben in vielen Natürlich! Der Wahhabismus etwa Kampf gegen das gottlose Reich der
islamischen Ländern einen epochalen stellt eine Art ultra-islamische, puri- Sowjets.

130 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


„Arabischer Frühling“:
Ägypter feiern den
Jahrestag auf dem
Tahrir-Platz am
25. Januar 2012.

Bitte erklären Sie das. Qaida-Chef, ein vermögender Saudi- Sie meinen, lokale Islamisten vertreten
Nach dem Sturz der Monarchie 1973 Araber, hat überall Mudschahidin für immerhin lokale Interessen?
suchten starke politische Kräfte in Af- den Afghanistankrieg rekrutiert. Re- Islamistische Bewegungen sollte
ghanistan die Nähe der Sowjetunion. pressive Staaten wie Ägypten oder man immer im jeweiligen nationalen
Als 1979 die Sowjetarmee einmarschier- Jordanien waren heilfroh, ihre radika- Kontext betrachten. Für mich ist der IS
te, um den Kommunisten zu helfen, len jungen Männer loszuwerden! In zum Beispiel nur ein Symptom, und
waren der Westen und seine Verbünde- Afghanistan fand die erste weltpoliti- zwar einer epochalen sozioökonomi-
ten alarmiert: Die USA, Saudi-Arabien sche Instrumentalisierung des radika- schen Krise im Nahen und Mittleren
und Pakistan unterstützten daraufhin len Islamismus statt; hier wurde der Osten. Jeder dritte Araber ist unter 23
die islamistischen Guerillakämpfer, die globale Dschihadismus geboren. Jahre alt und in der Regel gebildeter
sogenannten Mudschahidin. Mit diesem als seine Eltern. Diese junge Generati-
Kampf hatten sich große Teile der isla- Was unterscheidet die Taliban von den on ist dank neuer Medien Teil einer
mischen Welt solidarisiert. Die Allianz damaligen Mudschahidin? globalisierten Moderne – gleichzeitig
zwischen dem Westen und islamisti- Man muss lokale nationale Islamisten merkt sie, dass sie im eigenen Land
schen Kriegern veränderte die Welt- – Taliban oder Hamas – von global agie- perspektivlos ist.
politik. renden Dschihadisten unterscheiden.
Dschihadisten haben eine utopisch-eli- Der Linke Oskar Lafontaine macht die
Wie funktionierte die Allianz? minatorische Ideologie. Mit al-Qaida amerikanische Interventionspolitik für
Osama Bin Laden war damals ein oder dem „Islamischen Staat“ (IS) kann das Entstehen des IS verantwortlich.
guter Diener des Westens. Der spätere man nicht verhandeln – worüber denn? Die USA und Großbritannien sind 2003

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 131


Konflikte der Moderne West-östliche Verstrickung

Anti-Schah-Protest in
Iran mit einem
Plakat des
Revolutionsührers
Ajatollah Khomeini
(in Teheran am
13. Januar 1979)

ohne Uno-Mandat in den Irak einmar- bei vielen Iranern massive Vorbe- Jedenfalls ein Vorbild. Sei es der
schiert … halte gegenüber den USA. Vor allem Panarabist Gamal Abdel Nasser in
… das ist populistisch verkürzt! Der aber deshalb, weil die Amerikaner Ägypten, sei es der persische Schah
IS, da hat Lafontaine recht, ist ein Kind danach das Schah-Regime unterstützt Mohammad Reza, sie alle haben ver-
des Irakkriegs 2003. Aber seine Entste- haben, eine brutale Diktatur, die Zig- sucht, Atatürk zu imitieren. Sie haben
hung war natürlich nicht von den Ame- tausende inhaftierte und folterte. Das versucht, ein modernistisch-laizisti-
rikanern beabsichtigt. Festzuhalten ist: antiwestliche Ressentiment hilft dem sches Modernisierungsprojekt durchzu-
Der Einmarsch in den Irak 2003 war heutigen Mullah-Regime, seine Politik, boxen. In der Türkei war das weitge-
völkerrechtswidrig und neokolonial mo- etwa beim Atomprogramm, als stolzes hend gelungen – wenn man darüber
tiviert. Richtig erschreckend aber wa- Nationalprojekt zu verkaufen. Und hinwegsieht, dass die „Schwarzen Tür-
ren die Fehler nach dem Sturz Saddam dennoch: Für mich ist die Figur des ken“, die Anatolier, sowie die Kurden,
Husseins. Die Bush-Administration hat Schahs zentral bei der Schuldfrage. jahrzehntelang marginalisiert wurden.
den irakischen Staat faktisch zerschla- Niemand zwang ihn zu so viel Bru- Panarabisten wie Nasser sind schon
gen. Diejenigen, die einst die Elite des talität. 1967 kläglich gescheitert, und damit
Landes gestellt und es jahrhundertelang nahm die Re-Islamisierung in Ägypten
geprägt hatten, die arabischen Sunniten, Gibt es dafür eine Erklärung? stetig Fahrt auf.
wurden an den Rand gedrängt und mas- Viele muslimische Führer versuchten
siv verfolgt – auch, weil der schiitische damals, Mustafa Kemal Atatürk nach- Im Arabischen Frühling schien das Frei-
Iran an Einfluss gewann. Viele Füh- zuahmen. Er hat sich das Volk geformt, heitsstreben wichtiger zu sein als der
rungsköpfe des IS saßen in US-Gefäng- es zwangssäkularisiert. Wir haben im Glaube.
nissen wie Abu Ghuraib oder Camp Vorderen Orient eine Grundkrankheit: Der große Slogan der Arabellion war
Bucca. Da schmiedeten dann ehemalige Der Otto-Normal-Bürger hat keine nicht zufällig: „Al-Schaab jurid“ („Das
Geheimdienstler, Militärstrategen von wirkliche Stimme; eine kleine Elite be- Volk will“). Von Marokko bis Indone-
Saddam und gefolterte Qaida-Anhän- stimmt das Schicksal der Völker. Da- sien hatten sich militärische und andere
ger eine Allianz. raus resultiert eine permanente Krise Eliten angemaßt, die Menschen zu be-
der Legitimation der Herrschaft. Ata- vormunden. Meine persönliche Hoff-
Wo Sie gerade Iran erwähnen: Es gibt türk setzte sich durch, weil er von ei- nung lag übrigens jahrelang auf Er-
ja die These, dass der Sturz des libera- nem ungeheuren Nimbus zehrte: Er hat- doğans AKP. Dass es seiner Partei gelin-
len Premiers Mohammad Mossadegh te die Türkei nach dem Ersten Welt- gen würde, eine Art islamische Volks-
1953 durch britische und amerikanische krieg vor kolonialer Fremdherrschaft partei zu werden.
Geheimdienste die junge Demokratie bewahrt – als eines der wenigen Länder
dort zerschlug und indirekt einem isla- der Region. Im Grunde genommen holt die Türkei
mistischen Staat den Weg bereitete. das nach, was anderswo längst passiert
Mossadeghs Sturz hat die westliche Atatürk war also der Pate nah- und mit- ist. Die Türkei war besonders stark sä-
Politik diskreditiert. Seitdem existieren telöstlicher Diktatoren? kularisiert – und jetzt kommt mit

132 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


TÜRKEI AFGHANISTAN
79 Mio. 33
Einwohner Mio.

99,7%
0,4 % 98% Muslime
Christen IRAN
SYRIEN
21 75
Mio.* Mio.
5,2% 92,8%
38,3% 6
61,3 %
Mio.
LIBANON 99,5 % Religiöse
IRAK Zugehörigkeit
2,0 % 36 Anteil in den Ländern heute
18,6 % 8,4 ISRAEL Mio.
Mio.
Muslime Christen
75,6 % 0,8% 99 % Sunniten
Juden Juden
Schiiten
Aleviten andere
2,2 % 9,5 JORDANIEN SAUDI-ARABIEN
Mio.
97,2 % 32 Ein-
Mio. wohner
2015

4,4% 93% * vor Beginn des Bürgerkriegs 2011


Quelle: Pew Research Center, 2009/10

Macht der Umschwung hin zum Islam, Wenn es nicht an der Religion liegt, wo- Gute Frage. Die Azhar-Universität
und zwar aus dem Volk, aus Anatolien. ran sonst? war wohl die letzte Bastion islamischen
Heißt das nicht, dass der Islam, so wie Es sind ja meist die säkularen Auto- Rationalismus, bis sie nach dem Sturz
er gelebt wird, am Ende gewinnt – also kratien selbst, die sich die Islamisten als der Monarchie 1952 in den Staat inte-
die Religion über die weltliche Macht? Verbündete heranzüchten! In der Tür- griert wurde. Die Azhar-Gelehrten
Da widerspreche ich. Sowohl islamis- kei hat die Armee seit den Siebzigerjah- wurden zu staatstreuen Beamten. Da-
tische Apologeten als auch westliche Is- ren im Rahmen der „Türkisch-islami- durch verlor sie ihre Autonomie und
lamkritiker wiederholen diese Thesen schen Synthese“ den Islam als Legitima- somit ihren Status als moralische Auto-
mantraartig. tionsressource aufgewertet – als Gegen- rität. Das meine ich mit dem Zerfall
gewicht zum sozialistischen Main- unabhängiger Autoritäten: Es gibt in
Ist nicht die Trennung zwischen Staat stream. Oder in Ägypten: Nach Nassers der Region kaum eine bedeutende In-
und islamischer Religion besonders Tod 1970 war der politische Mainstream stanz, die nicht für politische Zwecke
schwierig? auch in Ägypten links. Sein Nachfolger eingespannt wird. Das führt dazu, dass
Ja, aber das liegt nicht am Islam! Anwar el-Sadat hatte Angst vor den die Religion nicht mehr bloß Religion
Sondern an der Unterentwicklung staat- Linken, deshalb empfahlen ihm seine ist, sondern ein Machtmittel, eine Ideo-
logie, eine Projektion. Für den einfa-
„Es sind meist die säkularen Autokratien selbst, die sich chen Muslim ist das schwer zu durch-
schauen …
die Islamisten als Verbündete heranzüchten!“
… für einfache Christen und Christin-
licher Institutionen, an der Schwäche Berater den Aufbau einer Gegenmacht. nen auch! Die sagen sich, der Islam
der Zivilgesellschaften, am Mangel an Die saß im Gefängnis, das waren Isla- führt bloß zu Dingen, die wir in unseren
Öffentlichkeiten. Der Reformdenker misten. Sadat hat sie entlassen und den Demokratien nicht wollen.
Mohammed Arkoun, er starb 2010 in Geheimdienst angewiesen, diese Leute Verständlich, auch wenn es anders-
Paris, hat einmal gesagt: „Wer heute be- zu fördern. Die Beispiele lassen sich herum ist: Erst das Versagen des Staats
hauptet, im Islam kann es keine Tren- beliebig fortsetzen; in Syrien etwa hat führt zur Entstehung eines Machtvaku-
nung zwischen der weltlichen und der Hafis al-Assad 1990 eine Art Staats- ums, in das radikale Kräfte vorstoßen.
geistlichen Sphäre geben, schildert islam geschaffen. Also: Religion wird Der Aufstieg radikaler Islamisten er-
zwar den Status quo in den meisten is- nicht böse, weil sie so ist – sondern weil folgt dort, wo der Staat schwach ist –
lamischen Ländern, verkennt jedoch, sie missbraucht wird. siehe Hamas, siehe Hisbollah. Wir ha-
dass dieser auf der verhängnisvollen ben es mit einer Krise der Staatlichkeit
Geiselnahme der Religion durch die Po- Warum gelingt es nicht, moderate reli- zu tun.
litik beruht.“ Aus den islamischen giöse Autoritäten zu stärken wie etwa
Grundlagentexten lässt sich jedenfalls die hoch angesehene Azhar-Universität Eine Krise, das klingt, als hätte es mal
keine bestimmte Staatsform ableiten. in Kairo? eine starke Staatlichkeit gegeben.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 133


Konflikte der Moderne West-östliche Verstrickung

Sagen wir mal so: Der postkoloniale nannte Wertegemeinschaft. Warum gab 2012 geschlossen, das gesamte Team
Repressionsstaat wurde zusammenge- es nach der Arabellion keinen neuen ausgewiesen; in Ägypten wurden Mitar-
halten. Einen Staat, der von seinen Bür- „Marshallplan“, um postrevolutionäre beiter der Spionage verdächtigt. Da hät-
gern freiwillig getragen wurde, den hat Staaten auf dem Weg der Transformati- te ich schon mehr Standhaftigkeit sei-
es im Nahen und Mittleren Osten kaum on zu unterstützen? Die EU könnte aus tens der Bundesrepublik erwartet!
gegeben. Mit dem Sykes-Picot-Abkom- Tunesien eine Art „Modellstaat“ ma-
men von 1916, als Briten und Franzosen chen, ein kleines, überschaubares Land Haben Sie den Eindruck, der Westen
ein großes Gebiet entlang willkürlicher mit einer relativ gut ausgebildeten Be- geißelt die Chinesen mehr in puncto
Grenzen aufteilten, entstanden künstli- völkerung. Es ist ressourcenarm und an- Menschenrechte als die Araber?
che Länder, die mit brutaler Gewalt sei- gewiesen auf Touristen, die nicht mehr Allerdings. Vizekanzler Sigmar Ga-
tens der Hegemonialherren aufrechter- kommen. Wieso helfen die Europäer briel hat bei seinem letzten Besuch in
halten wurden – und nach dem Zweiten nicht intensiv diesem Land, auch im ei- Ägypten in einer Pressekonferenz zu
Weltkrieg vor den Karren des Ost-West- genen Interesse? Das wäre gut investier- den ägyptischen Journalisten gesagt, sie
Konflikts gespannt wurden. Anfangs un- tes Geld! hätten „einen beeindruckenden Präsi-
terstützte die Sowjetunion Syrien, den denten“. Eine absurde Aussage ange-
Irak und sogar Israel, während Saudi- Wie nehmen die Menschen im arabi- sichts von mehreren Zehntausend poli-
Arabien, Jordanien und Marokko in schen Raum eigentlich uns Europäer tischen Gefangenen unter Exgeneral
westlichen Augen zu „den Guten“ ge- wahr? Sind wir der „böse Westen“? Abdel Fattah el-Sisi.
hörten. Später zog der Westen dann Bei den jungen Menschen konnte
auch Israel und Ägypten auf seine man nach der Arabellion überraschen- Sie sagen, junge Araber hätten kein
Seite. derweise kaum antiwestliche Stimmung schlechtes Bild von Europäern. Wie
wahrnehmen. Aufseiten der Revolutio- leben denn „Ungläubige“ heute in der
Haben die einstigen Kolonialmächte näre hätte man ja genug Gründe gehabt islamischen Welt?
versagt beim Aufbau von Demokratien? zu sagen: Ihr macht Deals mit Diktato- Es gibt Millionen Atheisten im arabi-
Während der britischen Herrschaft ren auf Kosten der Menschenrechte. schen Raum. Diese sind online sehr ak-
in Ägypten gab es so etwas wie aktiven Die westlichen Nichtregierungsorgani- tiv, jedoch im realen Leben unsichtbar,
Parlamentarismus. Aber die Machtfrage sationen, etwa die deutschen Stiftun- denn der Atheismus zählt zu den letz-
war geklärt: Das letzte Wort hatte der gen, haben allerdings sehr gute Arbeit ten großen Tabus in diesen Ländern.
britische Generalkonsul in Kairo. Die beim Aufbau der Zivilgesellschaft ge- Man kann sich eher zu seiner Homose-
eigenen Interessen – Nutzung und Kon- leistet. Ich war 2007 bei einem Seminar xualität bekennen als zum Atheismus.
trolle der Ressourcen – machen am in Ägypten: „Nutzung der neuen Me- Viele junge Araber lehnen das verbrei-
Ende die eigenen Werte zunichte. dien für gesellschaftliches Engage- tete konfessionelle Sektierertum gänz-
ment“. Hört sich harmlos an, war aber lich ab. Sie setzen sich für eine zivile
Und die lokalen Eliten spielen mit. eine Keimzelle des Aufstands … Bürgergesellschaft ein.
Und wie! Wir nehmen meist nur die
Pole „Säkularisten“ versus „Islamisten“ … weshalb viele Stiftungen heute verbo- Wie man ja auch bei den Aufständen
wahr. Die extreme Polarisierung nach ten sind. des Arabischen Frühlings gesehen hat.
der Arabellion darf nicht darüber hin- Genau. Die Machthaber in Ägypten, Der Arabische Frühling war ein un-
wegtäuschen, dass da auch ein Klassen- aber auch in den Golfstaaten haben de- geheurer Bruch mit den herrschenden
kampf tobt. Wer hat den Zugang zu ren Einfluss erkannt. Die Konrad-Ade- Autoritäten. Für die größte Massenmo-
Ressourcen in diesen Ländern? In der nauer-Stiftung in Abu Dhabi wurde bilisierung arabischer Bürger der jünge-
Regel nicht die Islamisten, sondern die ren Geschichte bereiteten Online-
säkularen autoritären Herrscher. Die Is- medien den Boden. Heute wird an Raif
lamisten repräsentieren immer noch die Badawi, diesem saudi-arabischen Blog-
benachteiligten Bevölkerungsschichten. ger, der wegen „Beleidigung des Islam“
Deshalb ist die türkische AKP in mei- zu jahrelanger Haft und 1000 Stockhie-
nen Augen auch keine Partei – sondern ben verurteilt wurde, ein Exempel sta-
eine soziale Bewegung benachteiligter tuiert. In Saudi-Arabien twittern elf
Menschen aus Anatolien, Menschen, Millionen Menschen! Badawis Fall
die die kemalistischen Eliten vernach- zeigt, wie groß die Angst der Machtha-
lässigt haben. Ähnlich verhält es sich in ber vor den sozialen Medien ist.
Marokko oder in Ägypten. Dafür ist Loay Mudhoon, Politik- und Islamwissen-
der Westen nicht verantwortlich. Die lo- schaftler, lehrt und forscht in Köln zum Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kad-
kalen Eliten haben vielmehr kolossal Nahen und Mittleren Osten im Kontext dor sagt, dass junge Muslime in
versagt. Ihr Interesse gilt nur dem der internationalen Politik. Zu seinen Deutschland durch Diskriminierungser-
Machterhalt. Schwerpunkten gehören das Verhältnis fahrungen anfällig dafür würden, sich
von Islam und Demokratie sowie innova- zu radikalisieren. Glauben Sie das
tive Reformansätze im heutigen Islam-
Was werfen Sie dem Westen vor? auch?
diskurs. Er ist außerdem Nahostexperte
Dass er keine langfristige Strategie bei der Deutschen Welle und verant- Die salafistische Radikalisierung ist
zur Förderung von Demokratie und wortlicher Redakteur des Internetmaga- ein Massenphänomen geworden. In
Rechtsstaatlichkeit entwickelt hat. Die zins „Qantara.de – Dialog mit der islami- Deutschland leben fast 10 000 überwie-
EU ist doch eine wunderbare selbst er- schen Welt“. gend junge Salafisten. Der Salafismus

134 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


Afghanische
Mudschahidin auf
einem zerstörten
sowjetischen
Hubschrauber
(in der Provinz Kunar,
18. Januar 1980)

bietet Jugendlichen vor allem Orientie- se, postchristliche Gesellschaft – und ziehbaren Fatwas oder selbstmordberei-
rung, Gruppenzugehörigkeit und Ein- treten in einen fruchtbaren Prozess ten Terroristen. Da hilft es wenig, wenn
deutigkeit in Bezug auf ihre Lebensfüh- der gegenseitigen Zumutung. Die euro- der Zentralrat der Muslime in Deutsch-
rung. Die Gruppe fungiert für die ver- päischen Muslime müssen das, was land festlegt, der Islam sei eine „Religi-
unsicherten Jugendlichen als eine Art sie unter dem Islam verstehen, unter on des Friedens“.
Jugendkultur, charismatische Salafisten anderen Bedingungen als in der islami- Es ist ehrenwert, dass fromme Men-
wie Pierre Vogel werden zu Idolen für schen Welt definieren. Sie müssen ler- schen ihre Religion verteidigen – sie
Jugendliche. Warum? Weil sie sich zu nen, mit ihrer Umgebung ins Gespräch sind traurig, dass ihre Religion in den
ihren Ansichten bekennen, sich den zu kommen. Die Muslime sollen sich Dreck gezogen wird. Aber man muss
Mund nicht verbieten lassen, trotz der nicht beklagen, sondern in den Dialog der Realität ins Auge sehen: Wenn man
Ablehnung, die ihnen entgegenschlägt. treten. die Nachrichten verfolgt, gewinnt man
Das bewundert ein pubertierender Jun- den Eindruck, dass da, wo Islam ist, Ge-
ge, der die eigenen Eltern als passiv Das ist ja auch die Idee der Deutschen walt und Unterdrückung herrschen.
gegenüber der gesellschaftlichen Margi- Islam Konferenz. Das kann man nicht wegdiskutieren.
nalisierung erlebt. Das ist häufig ein Genau. Es war übrigens Wolfgang Ich plädiere dennoch dafür, zwischen
zentrales Moment bei der Radikalisie- Schäuble, der diesen Dialog mit den den Verhältnissen in den islamischen
rung. deutschen Muslimen initiierte, der zu- Ländern und denen der Muslime in
erst gesagt hat, der Islam gehöre zu Europa strikt zu trennen. Muslime, die
Was können wir dagegen tun? Deutschland. Und nicht Expräsident in Aachen, Berlin oder Hamburg aufge-
Wir brauchen generell bessere Ange- Christian Wulff oder Kanzlerin Angela wachsen sind, werden oft automatisch
bote für Jugendliche und bessere reli- Merkel. Das deutsche Grundgesetz ist mit der Situation im Nahen und Mittle-
giöse Bildung. Um diese zu erreichen, ja nicht laizistisch wie etwa das franzö- ren Osten in Verbindung gebracht – nur,
brauchen wir eine islamische Infrastruk- sische; es ermöglicht ein partnerschaftli- weil sie einen iranischen Vater haben
tur unter der Obhut einer freiheitlichen ches Verhältnis von Religion und Staat. oder türkische Eltern. Das ist wirklich-
Rechtsordnung … Dementsprechend treibt der Staat auch keitsfremd. Die beste Therapie ist das
Kirchensteuer ein, deshalb sind die reale Leben. Im Alltag funktioniert das
… statt von der Türkei bezahlte Imame, Muslime befugt, sich hier eine Reprä- Leben viel besser als in den schlimmen
meinen Sie. sentation zu suchen, ähnlich wie etwa Schlagzeilen.
Ich sehe eine große Chance, weil der Zentralrat der Juden – als An-
wir uns in einer einzigartigen Situation sprechpartner des Staates. Herr Mudhoon, wir danken Ihnen für
befinden. In der EU leben etwa 20 Mil- dieses Gespräch.
lionen Muslime, in Deutschland etwa Vielen Deutschen macht der Islam
4,5 Millionen. Diese treffen mit ihrer Angst, weil sie ihn mit unterdrückten Das Gespräch führten die Redakteure
Religion auf eine weitgehend areligiö- Frauen assoziieren, mit nicht nachvoll- Annette Bruhns und Dietmar Pieper.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17 135


Sprache

Wörter arabischer Herkunft

Von Admiral bis Zucker

Seit dem Mittelalter haben ins 19. Jahrhundert lediglich lich wohl äthiopisch – seinen Ausdruck für militärische Aktio-
arabische Ausdrücke die deut- auf grundlegende Rechen- Weg nach Norden. nen gegen Einheimische. Bald
sche Sprache bereichert. methoden. Das Wort entstand gelangte die Vokabel auch ins
Hier ausgewählte Beispiele: durch die Latinisierung des Havarie Deutsche.
Namens al-Chwarismi (siehe Awar heißt Fehler oder Scha-
unter Algebra). den, über das italienische Safari
avaria gelangte der Audruck in Aus dem Kisuaheli kam das
Alkohol viele europäische Sprachen. Wort Mitte des 19. Jahrhun-
Der Ausdruck al-Kuhl bezeich- derts ins Englische, es geht
net ein sehr feines Pulver aus auf Arabisch Safar, Reise,
Mineralien, das zum Beispiel zurück.
als Schminke für die Augen
verwendet wurde. Der schwei- Sofa
zerische Alchemist und Medizi- Ein niedriges Podium, oft
ner Paracelsus (um 1493 bis gepolstert mit Teppichen und
1541) betrachtete Alcohol- Kissen, wird Suffa genannt.
Puder als Destillat fester Stoffe; Über das Persische und Türki-
deshalb bezeichnete Paracel- sche gelangte das Wort in
sus auch das Destillat von europäische Sprachen; seine
Wein als Alkohol. Laute heutige Bedeutung erhielt es
Admiral Ein auf al-Ud zurückgehender Ende des 17. Jahrhunderts in
Ein Amir ist ein hochrangiger Artischocke Name für das Saiteninstru- Frankreich.
Anführer, ein Befehlshaber, Das arabische Wort al-Chur- ment findet sich zuerst im
Fürst oder Gouverneur. Schon schuf ist über Spanien und mittelalterlichen Spanien.
im 7. Jahrhundert wurde in Italien nordwärts gewandert.
Byzanz daraus amirátos. Der Magazin
Bedeutungswandel begann im Giraffe Die Übernahme von Machsan,
12. Jahrhundert auf Sizilien, Durch Berichte von Kreuz- Lagerhaus, ist erstmals 1214
wo der amiratus nicht nur das rittern und Händlern fand der im venezianischen Herr-
Staatsgebiet, sondern auch Ausdruck Sarafa – ursprüng- schaftsraum belegt.
die Flotte kommandierte.
Matratze
Algebra Matrah bezeichnet ein großes
Im 9. Jahrhundert veröffent- Kissen oder einen Teppich, auf
lichte der in Bagdad lebende den man sich niederlegt.
Mathematiker al-Chwarismi
ein Lehrbuch, in dem es auch Rabatt Ziffer
um die Kunst des al-Dschabr Etwas festsetzen oder veran- Sifr ist die Null. Zum erweiter-
ging („Zusammenfügen aus- schlagen heißt arabisch raba- ten Sprachgebrauch kam es in
einandergebrochener Teile“). ta. Europa im 13. Jahrhundert.
Das arabische Wort wurde
später in lateinischen Über- Razzia Zucker
setzungen zu Algebra. Ghaswa, algerisch-arabisch Der arabische Ausdruck
Ghasija, bezeichnet einen Beu- Sukkar geht zurück auf das
Algorithmus te- und Rachezug. Als die Fran- Sanskrit-Wort Sarkara. Im
Was heute vor allem für digita- zosen ab 1830 Algerien er- Mittelalter gelangte die
le Codes steht, bezog sich bis oberten, verwendeten sie den Bezeichnung nach Europa.

136 SPIEGEL GESCHICHTE 1 / 2 0 17


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„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“


Die Aufklärung Voller Elan suchten kritische Köpfe seit 1700 nach neuen
Weltgrundsätzen. Das Abenteuer der Rationalität begann.

Im Licht der Vernunft Mit Zweifeln fing es an: Hat die Kirche recht mit ihrer Lehre von Gott als absolutem Herrn der Welt?
Sind nicht vielmehr Naturgesetze am Werk, die jeder Mensch auch ohne Wunderglauben verstehen kann? Aus der religiösen
Skepsis entstand eine Reformbewegung, die von der Bibelkritik bis zur Volksbildung, vom Staatsdenken über die Geschichts-
deutung bis hin zur Kunstlehre alle Lebensbereiche erfasste. Überall sollte es vernünftig zugehen, statt Willkür sollte die
Helligkeit des kritischen Verstandes leuchten – wie bei der philosophischen Lektion am Modell des Sonnensystems im Bild.

Encyclopédie Das 1751 begonnene Ge- Geheimbünde Rätselhafte Symbole, Immanuel Kant Aufklärung sei der
meinschaftswerk machte alles Wissen in dunkle Riten: Freimaurer, Illuminaten „Ausgang des Menschen aus seiner selbst
alphabetischer Ordnung zugänglich: Wis- und andere geheime Gesellschaften sa- verschuldeten Unmündigkeit“, erklärte
senschaften, Handwerk und Künste. Erst hen sich als verschworene Elite zur Ver- der Königsberger Denker. Er hoffte auf
1780 war das gewaltige Sammelbecken besserung der Welt. Häufig jedoch endete ewigen Frieden – stattdessen aber kamen
aufgeklärten Denkens vollendet – den- das voller Idealismus begonnene Konspi- bald Revolution und Krieg über Europa.
noch wurde es zum Bestseller. rationsspiel in bitterer Enttäuschung. Waren Aufklärer daran schuld?

Die nächste Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE erscheint am Dienstag, dem 28. März 2017.

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Credit: ullstein bild / ullstein bild – Hörnlein

„Ein Blatt, weiter


gar nichts.“
Herbert Wehner, SPD-Fraktionschef,
1974 im Bundestag über den SPIEGEL