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Teil 1╇ Grundlagen des Pflegeberufs Teil 2╇ATL – Pflegesituationen

1 G
 esundheits- und Krankenpflege –
erkennen, erfassen und
Ausbildung und Beruf  4
bewerten, Pflegemaßnahmen
auswählen, durchführen und
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege  24 evaluieren
3 P
 flegetheorien, Pflegewissenschaft und Einleitung  206
Pflegeforschung  44
10 ATL Wach sein und Schlafen  212
4 Organisation, Management und Recht  74
11 ATL Sich bewegen  236
5 E thik – Herausforderungen und
12 ATL Sich waschen und kleiden  284
Entscheidungen  132
13 ATL Essen und Trinken  284
6 M
 enschliche Entwicklung und
Sozialisation  148 14 ATL Ausscheiden  346
7 G
 esundheit und Krankheit – 15 ATL Körpertemperatur regulieren  396
Gesundheitsförderung und
16 ATL Atmen, Puls und Blutdruck  424
Krankheitsprävention  158
17 ATL Sich besser fühlen und verhalten  470
8 P
 atientenedukation – Beratung,
Schulung, Information in der Pflege  172 18 ATL Raum und Zeit gestalten –
arbeiten und spielen  498
9 Grundlagen der Hygiene  184
19 ATL Kommunizieren  512
20 ATL Kind, Frau, Mann sein  524
21 ATL Sinn finden im Werden – Sein –
Vergehen  536
Teil 3╇Bei der medizinischen Teil 4╇Gesundheits- und
Diagnostik und Therapie Krankenpflege bei bestimmten
mitwirken Patientengruppen
22 Verabreichen von Arzneimitteln – 31 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
Grundlagen der Medikamentenlehre  564 des Atemsystems  748
23 Wundmanagement  576 32 Pflege von Patienten mit Erkrankungen des
Herz-Kreislauf- und Gefäßsystems  779
24 Mikrobiologische Probeentnahmen
und Monitoring  608 33 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
des Harnsystems  840
25 Biopsie und Punktion  622
34 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
26 Injektion und Gefäßpunktion  646
des Verdauungssystems  864
27 Infusionen  676
35 Betreuung von Frauen in der Geburtshilfe
28 Transfusionen  706 und Neugeborenenpflege  906
29 Pflegerisch relevante Laborparameter 36 Pflege von Frauen in der Gynäkologie  932
und bildgebende Verfahren  718
37 Pflege von Männern mit Erkrankungen der
30 Endoskopie  748 Geschlechtsorgane  956
38 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
des endokrinen Systems  969
39 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
des Bewegungssystems  993
40 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
der Augen, des Hals-Nasen-Ohrenbereiches
oder der Haut  1027
41 Pflege von Patienten mit
Infektionskrankheiten  1055
42 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
des ZNS  1074
43 Pflege von Patienten mit psychiatrischen
Erkrankungen  1126
44 Pflege des alten Menschen  1161
45 Pflege von Menschen mit Schmerzen  1167
46 Prinzipien der Pflege und Therapie
onkologischer Patienten  1188
47 Perioperative Pflege  1219
48 Intensivpflege  1235
Thiemes Pflege
Das Lehrbuch für Pflegende in Ausbildung

Herausgegeben von

Susanne Schewior-Popp
Franz Sitzmann
Lothar Ullrich

Begründet von Liliane Juchli

1740 Abbildungen
302 Tabellen

12. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage

Georg Thieme Verlag


Stuttgart · New York
Basis-Layout Wichtiger Hinweis: Wie jede Wissenschaft ist die Medizin stän-
Melanie Erlewein, Stuttgart digen Entwicklungen unterworfen. Forschung und klinische Er-
fahrung erweitern unsere Erkenntnisse, insbesondere was Be-
Illustrationen handlung und medikamentöse Therapie anbelangt. Soweit in
Martin Hoffmann, Neu-Ulm diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt
Christine Lackner, Ittlingen wird, darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass Autoren, He-
rausgeber und Verlag große Sorgfalt darauf verwandt haben,
dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des
Werkes entspricht.
Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikations-
Bibliografische Information formen kann vom Verlag jedoch keine Gewähr übernommen
der Deutschen Nationalbibliothek werden. Jeder Benutzer ist angehalten, durch sorgfältige Prü-
fung der Beipackzettel der verwendeten Präparate und gege-
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet benenfalls nach Konsultation eines Spezialisten festzustellen,
diese Publikation in der Deutschen National- ob die dort gegebene Empfehlung für Dosierungen oder die
bibliografie; detaillierte bibliografische Beachtung von Kontraindikationen gegenüber der Angabe in
Daten sind im Internet über diesem Buch abweicht. Eine solche Prüfung ist besonders wich-
http://dnb.d-nb.de abrufbar. tig bei selten verwendeten Präparaten oder solchen, die neu
auf den Markt gebracht worden sind. Jede Dosierung oder Ap-
plikation erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers. Autoren und
Verlag appellieren an jeden Benutzer, ihm etwa auffallende Un-
genauigkeiten dem Verlag mitzuteilen.

Wir bitten um Verständnis, dass aus Gründen der Lesbarkeit im


Buch durchgehend die männliche Formen, z. B. Patient, Schü-
ler, Lehrer verwendet werden. Natürlich ist uns bewusst, dass
die Pflege überwiegend ein Frauenberuf ist – die Gleichberech-
tigung der Frau ist jedoch selbstverständliche Grundlage der
Konzeption und des Menschenbildes, so dass eine Dopplung
der Begriffe unnötig erscheint.

© 2012, 1973 Georg Thieme Verlag KG Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht beson-
Rüdigerstraße 14 ders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinw-
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Unsere Homepage: www.thieme.de einen freien Warennamen handelt.
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Satz: Druckhaus Götz GmbH, D-71636 Ludwigsburg rung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
gesetzt in 3B2, Version 9.1, Unicode
Druck: Stürtz GmbH, Würzburg

ISBN 978-3-13-500012-1 1 2 3 4 5 6
eISBN (PDF) 978-3-13-152442-3
Inhaltliche und didaktische Umsetzung

Vorwort der Herausgeber


Wir grüßen Sie herzlich und sind stolz, Urenkel, nicht irgendwelche abstrakten werden. Das schließt als Aufgabe mit
Ihnen die 12. Auflage unseres Lehrbuchs statistischen Größen. ein, den „Sense of Coherence“ in das
vorstellen zu können, nachdem erst vor Dieser schöne Beruf ist schon lange Pflegekonzept zu integrieren. Damit ist
kurzer Zeit in 2009 die 11. Auflage er- nicht mehr am traditionellen Denken in ein andauerndes und dennoch dynami-
schien. der Krankenpflege orientiert, einem eher sches Gefühl des Vertrauens des Men-
Wege zur Gesundheit aufzeigen – Hil- handlungsorientierten Modell mit den schen in seine Fähigkeiten gemeint. Da-
fen in Krankheit und Behinderung zu Schwerpunkten Grundpflege, Behand- raus entwickelt der Hilfebedürftige Sinn,
geben: Diesem Anspruch wollen wir mit lungspflege, Pflege bei Organerkrankun- Verständnis und Handhabbarkeit in sei-
der Neuauflage von Thiemes Pflege ge- gen. nem Krankheitsprozess.
recht werden. Pflege muss sowohl den hohen Anfor- Denn: Heilung hat nicht nur eine so-
Sie erlernen einen Beruf oder sind be- derungen kritisch Kranker in der „Inten- matische, also auf den Körper bezogene
reits in diesem Beruf tätig, der auf die sivpflege im eigenen Lebensumfeld“ ent- Ebene. In einem ganzheitlichen Gesche-
Gegenwart und Zukunft gerichtet ist. sprechen als auch denen in der Klinik. hen bindet sie außerdem salutogene As-
Sie ermöglichen Menschen in hilfebe- Neben der hoch spezialisierten akuten pekte als Quellen für das Gesundsein ein.
dürftiger Lage, an das Leben von Morgen Versorgung sollen auch die pflegethera- Heilung berücksichtigt neben der Leib-
zu denken. Damit ist ihr Denken auf peutischen Optionen der Pflegenden – lichkeit auch seelisch-geistige Ressour-
Nachhaltigkeit gerichtet, denn die mor- insbesondere bei chronischen oder cen.
gen leben, sind unsere Kinder, Enkel und nicht heilbaren Krankheiten – erweitert

Inhaltliche und didaktische Umsetzung


Als wesentliche Strukturhilfe und Aus- orientieren wir uns selbstverständlich an Fallorientiert. Bewusst wird ein fallorien-
drucksmöglichkeit pflegerischer Arbeit den aktuellen gesetzlichen Vorgaben. tiertes Lehr-Lern-Verständnis gefördert.
sehen wir die langjährig bewährten „Ak- Wir berücksichtigen dabei insbesondere Dadurch werden wissenschaftsbasierte
tivitäten des täglichen Lebens“ (ATLs) an. ein fächerintegrierendes pädagogisch-di- Sachlogik mit realitätsnaher und quali-
Als ganzheitliches Konzept wurde es von daktisches Verständnis, wie es sich im tätssichernder Handlungslogik unmittel-
der Begründerin dieses Buches, der ka- Lernfeldansatz ausdrückt, der Grundlage bar verbunden. Dabei wird die indivi-
tholischen Ordensschwester Liliane Juch- der curricularen Vorgaben in allen Bun- duelle Persönlichkeit erkennbar. Syste-
li, entwickelt. desländern ist. Die Themenbereiche der matische Gestaltungselemente ziehen
Fächerintegrierend. In der inhaltlichen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung sich als Orientierungs- und Lernhilfen
und didaktischen Umsetzung der ATLs sind den einzelnen Kapiteln nachvollzieh- durch alle Kapitel. Das erleichtert das
und auch aller anderen Schwerpunkte bar zugeordnet. Lernen und auch das Lehren.

V
Vorwort der Herausgeber

Buch kompakt. Es war uns allen ein gro- dem geringeren Gewicht. Dazu haben tionellen Gestaltung der einzelnen Bei-
ßes Anliegen, Ihnen die Nutzung des Bu- die Verlagsspezialisten ihr Bestes beige- träge.
ches noch angenehmer zu machen. Das tragen bei der Auswahl der Papierquali-
tolle Ergebnis zeigt sich trotz erweiterten tät, Gestaltung des Layouts und redak-
Inhalts an der reduzierten Seitenzahl und

Struktur
Die ATL sind geordnet nach: ■ Pflegemaßnahmen auswählen, durch-
■ Grundlagen aus Pflege- und Bezugs- führen und evaluieren
wissenschaften ■ Gesundheitsförderung, Beratung und
■ Pflegesituationen erkennen, erfassen Patienteninformation
und bewerten

Mehr Eigenständigkeit – mehr Eigenverantwortung


Wir erfahren täglich, dass Patienten früherer Gesundheit, sondern auch ein ren, teilstationären und ambulanten Be-
heute vielfach den Wunsch haben, eine Lernen an und mit der Erkrankung. reichen an. Die Bedeutung der „häusli-
aktive Rolle in ihrer Krankheitsbewälti- Kooperation als Antwort. Eine systema- chen Pflege“ stellen wir deswegen
gung und bei der pflegerischen Betreu- tische Kooperation und professionelle immer wieder exemplarisch heraus.
ung zu übernehmen. Dazu benötigen wir Kommunikation aller Beteiligten „auf Au- Von dem französischen Schriftsteller
wesentliche Grundlagen aus Pflege- und genhöhe“ ist notwendig, um auf den Ge- Antoine de Saint-Exupéry stammt der
Bezugswissenschaften. Aufgrund ihrer bieten der immer wichtiger werdenden Satz: „Die Zukunft soll man nicht voraus-
Bedeutung nahmen wir als eigenes Kapi- Gesundheitsförderung, Beratung und sehen wollen, sondern möglich ma-
tel die Patientenedukation auf. Patienteninformation hilfreich wirken zu chen.“ Eine wichtige Voraussetzung für
Lernen an und mit der Erkrankung. Eine können. eine gute Zukunft unserer Gesellschaft
unerlässliche Aufgabe für Pflegende ist, Chance zur Weiterentwicklung. Das ist Bildung. Wir hoffen, dass dieses
den erkrankten Menschen in den Prozes- pflegerische Handlungsfeld wird sich Buch Ihre persönliche Zukunftsperspek-
sen zu unterstützen, die der Organismus weiter spürbar verändern. Nicht allein tive verbessern hilft, auch wünschen wir
selbst in der Auseinandersetzung mit der die Tätigkeit im Krankenhaus macht Pfle- Ihnen Spaß am Lernen.
Erkrankung aufruft. Dazu müssen die er- ge aus, sondern bereichsübergreifende
forderlichen Pflegesituationen erkannt, integrierte Versorgungsformen gewin- Mainz/Berlin/Münster, Juni 2012
erfasst und bewertet (Assessment) wer- nen an Bedeutung und stellen uns vor Susanne Schewior-Popp
den. Unter diesem Gesichtspunkt be- zukünftige Herausforderungen. In die- Franz Sitzmann
deutet Heilung nicht nur ein Zurückdrän- sem vernetzten System kommt es auf Lothar Ullrich
gen der Erkrankung in geringere Mani- gelungene Kommunikation, Koordina-
festationsgrade und damit in eine Zeit tion und Kooperation zwischen stationä-

VI
Geleitwort von Franz Wagner

Geleitwort von Franz Wagner


Der Thieme Verlag legt das nunmehr tra- genden. Immer schwerer wird es, ange- treuung zu gewährleisten. Pflege findet
ditionsreichste deutschsprachige Pflege- sichts der aktuellen Rahmenbedingun- angesichts der sinkenden Verweildauern
lehrbuch in seiner 12. Auflage vor. Inhalt, gen, professionelle Standards einzuhal- und steigender Pflegebedürftigkeit
Umfang und Aufmachung haben sich ten und den Nutzern, also den Patienten, immer mehr außerhalb von Krankenhäu-
seit der 2. Auflage der „Juchli“ – wie Bewohnern und Klienten, die Leistung zu sern statt. Und Pflege spielt zunehmend
das Lehrbuch seinerzeit umgangssprach- bieten, die sie zu Recht erwarten kön- eine Rolle bei Gesundheitsförderung,
lich verkürzt nach seiner Autorin in der nen. Gerade diese Situation macht es er- Prävention und Rehabilitation.
Pflegeszene genannt wurde –, mit der forderlich, möglichst hoch qualifizierte Die Herausgeber haben gemeinsam
ich ausgebildet wurde, erheblich verän- Pflegende auszubilden. Denn nur wenn mit den Autorinnen und Autoren vor
dert. Dies reflektiert, dass die Anforde- jede einzelne Pflegende in der konkreten dem Hintergrund der skizzierten Heraus-
rungen an die Pflege und das Wissen um Situation fachlich argumentieren kann, forderungen ein ausgezeichnetes Lehr-
die Pflege gewachsen sind. Es spiegelt warum etwas erforderlich ist bzw. wel- buch entwickelt. Deshalb wünsche ich
aber auch wider, dass die Nutzer und che Gefahr konkret droht, wenn etwas „Thiemes Pflege“ in seiner 12. Auflage
Nutznießer des Lehrbuches andere An- nicht leistbar ist, hat sie eine Chance, viele Leserinnen und Leser, die auf der
forderungen stellen. ihren professionellen Standpunkt durch- Grundlage des Lehrbuches eine ausge-
Die Berufswelt der Pflegenden hat zusetzen. zeichnete Ausbildung erhalten und kom-
sich in den mehr als 30 Jahren seit mei- Zu wünschen wäre auch ein größeres petent eine lange Berufskarriere begin-
ner Ausbildung grundlegend verändert. politisches Bewusstsein der Pflegenden. nen.
Noch nie war so viel belegbares Wissen Denn neben der fachlichen Expertise er-
wie heute für die professionelle Pflege fordert die Durchsetzung eigener Posi- Berlin, Juni 2012
verfügbar. Noch nie waren die Anforde- tionen das Verstehen der grundlegenden Franz Wagner RbP, MSc
rungen an die Berufe im Gesundheitswe- Strukturen und Entscheidungsprozesse. Vize-Präsident Deutscher Pflegerat e. V.
sen allgemein und ganz besonders an Die Mitwirkung bei der politischen Wil- Bundesgeschäftsführer
die Pflege so groß. Pflege ist nach wie lensbildung spielt eine zentrale Rolle. Deutscher Berufsverband für
vor für viele junge Menschen ein Traum- Dies beginnt lokal bei der Vertretung Pflegeberufe DBfK e. V.
beruf. Wenige Berufe bieten ein ver- der Interessen der Mitarbeiter, in den
gleichbares Maß an Erfüllung durch die Gremien der Träger und der Kommunal-
Erfahrungen in der Begegnung mit Men- politik und führt weiter auf die Ebenen
schen, die unserer Unterstützung bedür- der Landes-, Bundes- und EU-Politik. Hier
fen. Wenige Berufe bieten eine ähnliche werden die Entscheidungen getroffen,
Vielfalt an Weiterentwicklungen und die direkte Auswirkungen auf die Ar-
Spezialisierungen innerhalb des erlernten beitssituation haben. Nun kann und
Berufes. Pflegende werden weltweit – muss nicht jede/jeder Pflegende Mitglied
vor allem angesichts demografischer im Stadtrat oder in einem der Parlamen-
Veränderungen – dringend benötigt. te werden. Es würde schon reichen,
Also beste Chancen für eine Berufsbio- wenn die große Mehrzahl der Pflegen-
grafie und -karriere, die ein großes Maß den sich für die Mitgliedschaft in einer
an Entwicklungschancen und Mobilität Berufsorganisation entscheiden würde.
beinhaltet. Dann hätten die Pflegenden eine größe-
Allerdings mussten auch noch nie die re und stärkere Lobby.
Pflegenden unter derart schwierigen Neben der gewachsenen Wissens-
Rahmenbedingungen ihren Beruf aus- grundlage und dem Rollenwandel der
üben wie heute. Gesundheits- und So- Pflege haben sich auch inhaltliche
zialsystem stehen unter erheblichem fi- Schwerpunkte verändert. Die gesetzli-
nanziellem Druck, sie sollen sich an chen Grundlagen für die Ausbildung
marktwirtschaftlichen Prinzipien orien- und im Leistungsrecht haben neue Ak-
tieren. Kontinuierlich wird durch Gesetz- zente gesetzt. So gilt politisch das Prin-
gebung versucht, den steigenden quan- zip „ambulant vor stationär“. Deshalb
titativen und qualitativen Anforderungen spielt die Vernetzung der Leistungen
vor dem Hintergrund der Ressourcen ge- über die Grenzen der Leistungssektoren
recht zu werden. Das hat direkte Auswir- hinweg eine immer größere Rolle, um
kungen auf die Arbeitssituation der Pfle- die Kontinuität der Versorgung und Be-

VII
Vorwort der Herausgeber

Geleitwort von Prof. Dr. Angelika Abt-Zegelin


Liebe Leserinnen und Leser, tualisierte Tätigkeiten fortgesetzt – neue rungspunkt ermöglichen eine Weiterbe-
wahrscheinlich werden Sie es so machen Erkenntnisse gab es kaum. schäftigung mit den Themen.
wie ich: Wenn ich ein neues Buch zur Die ersten Auflagen der „Juchli“ Das Pflegewissen erweitert sich all-
Hand nehme, blättere ich es zuerst waren für mich eine Offenbarung, be- mählich, in manchen Feldern beginnen
durch und bleibe hier und da lesend hän- sonders hinsichtlich der patientenorien- Pflegende aber überhaupt erst, „Tatsa-
gen. tierten Grundlagen. Die ersten hell- chen“ infrage zu stellen.
Vielleicht stehen Sie am Anfang einer blauen Paperback-Ausgaben hielt ich in Diese kritische Reflexion ist überaus
Pflegeausbildung, dann werden Sie auf den 70er-Jahren in den Händen, damals notwendig und wird durch das Buch an-
den kommenden Seiten einen ersten arbeitete ich als „Unterrichtsschwester“ geregt. Unser Wissen ist nur vorläufig,
Eindruck bekommen, wie vielfältig und in einer Krankenpflegeschule. Die „Juch- und das ist gut so. Der Spagat zwischen
anspruchsvoll der Pflegeberuf ist. Trotz li“, später „Thiemes Pflege“, waren für Vermittlung der wesentlichen Inhalte für
schwieriger Rahmenbedingungen ist mich immer der Gradmesser der Pflege- Berufsanfänger und der nötigen Offen-
Pflege einer der tollsten Berufe, die es entwicklung. Ich bin mir der Ehre, hier heit ist gelungen. Zunehmend glaube
gibt! Nahe am Menschen, intellektuell das Geleitwort schreiben zu dürfen, ich, dass es kaum möglich ist, das ge-
herausfordernd, verantwortungsvoll, zu- sehr bewusst. samte Berufswissen in einem Band un-
kunftsträchtig und überall auf der Welt Die „Pflegewelt“ hat sich seitdem sehr terzubringen. Thiemes Pflege versteht
gesellschaftlich notwendig. Herzlichen entwickelt und ich bin froh, dazu auch sich daher als „Flaggschiff“, ergänzt
Glückwunsch zu Ihrer Berufswahl. einen winzigen Beitrag leisten zu kön- durch viele andere Werke.
Wenn Sie lehrend in der Pflege tätig nen. Mir hat es Spaß gemacht, im Buch zu
sind, finden Sie in der neuen Auflage Einem Lehrbuch kommt immer eine lesen. Diese Freude und viele Aha-Erleb-
viele Impulse für den Unterricht – Pflege- spezielle Verantwortung zu, allseits be- nisse wünsche ich Ihnen auch!
praktiker können hier ihr Theoriewissen stehen an Lehrbücher besonders hohe
auf einen neuen Stand bringen. Anforderungen hinsichtlich der Aktuali- Witten, Juni 2012
Für alle Nutzer ist es wichtig, ihre Er- tät, der Didaktisierung und der inhaltli- Prof. Dr. Angelika Abt-Zegelin
fahrung mit dem „Buch-Wissen“ zu ver- chen Bandbreite. Alle beruflichen Felder Mathias Hochschule Rheine
binden, neu anzuwenden und dadurch sollten berücksichtigt sein. Pflegewissenschaftlerin
die berufliche Pflege weiterzuentwi- Die 12. Auflage hat all dies in vorbild- Universität Witten/Herdecke
ckeln. Zu dieser Entwicklung gehört licher Weise berücksichtigt. Die Vermitt-
auch, der Pflege „eine Stimme“ zu lung geschieht durch eine klare Struktur
geben, sowohl in der Bevölkerung als und viele Elemente wie Abbildungen, Ta-
auch in der Gesundheitspolitik. bellen, zahlreiche Fotos auch als Serien.
Meine Pflegeausbildung liegt fast 45 Definitionen, Merksätze, Praxistipps,
Jahre zurück, zu dieser Zeit wurde Pflege aber auch rechtliche Fragen und Fallbei-
überwiegend als ärztliche Assistenz ver- spiele sind hervorgehoben. Das Layout
standen. Die meisten Lehrbücher für wurde neu gestaltet, besonders ange-
Pflegende wurden damals von Ärzten nehm finde ich die Farbgebung. Die letz-
geschrieben, wohlmeinend wurde hier ten Ausbildungsgesetze erforderten eine
„verdünntes“ medizinisches Wissen prä- textliche Neufassung von über der Hälfte
sentiert, Pflege erschöpfte sich in eini- des vorherigen Inhalts.
gen Tipps zur Ernährung oder „psychi- Es ist gelungen, sich gleichzeitig an
schen Betreuung“. den zu Pflegenden und an den Lernen-
Die heutige Auffassung von Pflege, den den zu orientieren.
Menschen zu helfen, ihren Alltag trotz Als Pflegewissenschaftlerin interessie-
Krankheit zu gestalten – diese Auffassung ren mich besonders die wissenschaftli-
hat sich erst allmählich entwickelt. chen Grundlagen. Seit Jahrzehnten
Meine Mutter, ebenfalls Kranken- sorgt die Pflegewissenschaft für ein ei-
schwester, hatte ihre Ausbildung in den genständiges Fundament des Berufes,
Kriegsjahren absolviert. Unsere beiden seit etwa 20 Jahren endlich auch in
„Lehrbücher“ ähnelten sich sehr – ob- Deutschland. Viele Erkenntnisse sind in
wohl 30 Jahre dazwischenlagen. Es wur- die 12. Auflage eingegangen, die Quel-
den viele Traditionen präsentiert und ri- lenhinweise in einem eigenen Gliede-

VIII
Menschenbild und Pflegeleitbild

Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) –


ein Plädoyer von Liliane Juchli und Ursula Geißner
Die ATL (Aktivitäten des täglichen Lebens) –
eine Ordnungsstruktur im Kontext eines ganzheitlichen Menschenbildes
Liliane Juchli

Zur Bedeutung der ATL, wie ich sie im lösen. Diese Einlösung aber kann so auch die „Anwendung von Assessment-
Verlaufe meiner Arbeit am Krankenpfle- oder so geschehen. Das heißt: Ich Strategien“ in der Pflege, wo es um
gelehrbuch über eine Zeitspanne von verhalte mich, und indem ich mich das konkrete Umsetzen des Pflege-
mehr als 25 Jahren (1969 – 1997) entwi- verhalte, greife ich in Situationen ein. prozesses geht (erfassen, einschätzen,
ckelt und beschrieben habe, möchte ich 5. „Sich verhalten“ ist ein Beziehungsaus- steuern und bewerten).
einige Grundüberlegungen an den An- druck des Menschen in der Welt. Dies Ein ganzheitliches Pflegemodell, wie ich
fang stellen. kommt insbesondere in der zwi- es verstehe, basiert somit auf
1. Die Aktivitäten des täglichen Lebens schenmenschlichen Begegnung – im ■ einer Theorie, in diesem Fall auf der

(ATL, engl. ADL = Activities of Daily Li- Sein und im Handeln – zum Ausdruck. ganzheitlichen Sichtweise vom Men-
ving) sind zwölf Elemente, die zwar als Die menschliche Begegnung ist somit schen, wie sie in der 8. Auflage „Pflege
Ordnungsstruktur ein umfassendes die essenzielle Basis der Pflege über- und Theorie der Gesundheitsförderung
Pflegeerfassungsinstrument sind, das haupt. Mein Kernwort „Ich pflege als und Pflege Kranker“ beschrieben
aber nicht isoliert, sondern nur als Teil die, die ich bin“ verbindet demnach wurde, und
eines ganzheitlichen Pflegemodells die Art und Weise, wie ich den Men- ■ einem Instrument, das wir auch als

zur Anwendung kommen sollte. schen sehe, wie ich auf ihn zugehe, Ordnungsstruktur bezeichnen kön-
2. Die Orientierung an den ATL ist dem- und bestimmt die davon abgeleitete nen. Ich habe dafür die 12 Aktivitäten
nach ein methodischer Zugang zur Sorge und Pflege. Die Ordnungs- des täglichen Lebens (ATL) gewählt
Erfassung des Menschen – ob gesund struktur ATL kann und darf demnach (mehr darüber s. u.).
oder krank. Sie bleibt so lange ab- nicht isoliert vom zugrunde liegenden Alle Modelle haben eines gemeinsam:
strakt, solange sie nicht in Beziehung Menschenbild betrachtet werden. Sie erfassen nie das Ganze. Dies gilt für
gebracht wird mit dem Grundsatz 6. Der kranke Mensch, der Pflege jeden Erklärungsversuch, sei dieser bezo-
jeglichen Lebens in seiner Lebendig- braucht, ist darauf angewiesen, dass gen auf das Weltbild, das Menschenbild,
keit, wie auch in seiner steten Ent- er ganzheitlich gesehen wird. Ohne das Gottesbild oder ein Pflegeleitbild.
wicklung und Veränderung. diesen Zusammenhang kann jedes Zwar versuchte ich über Jahrzehnte –
3. Das Leben lässt sich nicht in Begriff- Tun zur Funktion und können selbst von Auflage zu Auflage – eine Sichtweise
systemen und Ordnungsstrukturen die ATL zur reinen Technik werden. vom Menschen in seinen Bezügen darzu-
einfangen, aber wir brauchen diese, Unverzichtbar ist und bleibt deshalb legen wie auch deren Beziehung zu den
um menschliche Fähigkeiten, Res- die Frage nach dem Menschen in sei- ATL in ihrer Verknüpfung untereinander
sourcen und Probleme erfassen und ner Ganzheit. Damit steht und fällt aufzuzeigen. Was ein Buch aber nicht
beschreiben zu können. eine sinnvolle Anwendung der ATL als leisten kann, ist die Umsetzung, deren
4. In der Wahl eines Systems treffen wir vertretbare und taugliche Grundlage Wirksamkeit im Pflegealltag abhängig
eine Grundsatzentscheidung, die aber sowohl für die Erfassung und Be- ist von den Menschen/den Pflegenden,
erst wirksam wird, wenn wir sie ein- schreibung von „Pflegediagnosen“, wie die ein Instrument gebrauchen.

Menschenbild und Pflegeleitbild


Es ist hier nicht der Ort, um meine Theo-
religišse/
rie vom Menschen zu beschreiben oder sprirituelle Ebene Abb. 1 Person ist dynamisch, will
zu begründen. Kurz zusammengefasst sich ausdrücken (personare), strebt
sich von der Transzendenz her begreifend über sich selbst hinaus.
sehe ich den Menschen in seinen Bezü- Ð †berwelt Ð
gen
■ zu sich selbst/zur Eigenwelt (Biografie,
us d rŸ ck e
aktuelle Lebenssituation), personale ha n- soziale
Ebene sic Ebene
■ zum Mitmenschen/zur Mitwelt (sozia-
-

les Netz), Person


■ zur Natur und den Dingen/zur Umwelt als ist Einheit kommuni-
(Ökologie und Lebensraum) und Individuum und kativ
Ganzheit
■ zum ganz Anderen, dem Göttlichen/
Ich Du/Mitwelt
der Überwelt (religiöse, spirituelle Di- -p
mension). er s o n are -
Eine gute Zusammenfassung scheint mir
nach wie vor die Abbildung in der 8. Auf- weltgestaltend
lage zu sein (Abb. 1). Ð Umwelt Ð
škologische
Ebene
IX
Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) – ein Plädoyer von Liliane Juchli und Ursula Geißner

Es ist mir bewusst, dass auch die beste scheidener geworden meinen eigenen Begriff „Ganzheitlichkeit“ lässt sich im
Beschreibung vom Menschen in seiner Bemühungen gegenüber, wie auch ge- Letzten nicht beschreiben, stehen doch
Ganzheit hinter der Wirklichkeit zurück- genüber den Erklärungsversuchen, die auch die Wissenschaftler vor einem im
bleibt und sie immer nur ein fragmenta- uns die Wissenschaft anbietet. Letzten nicht Benennbaren, wenn sie zu
rischer Erklärungsversuch sein kann. Das Es bleibt aber auch im 21. Jahrhundert erklären versuchen, dass „das Ganze
war mir vor 25 Jahren ebenso bewusst, wahr. Jedes Modell bleibt eine leere mehr ist als die Summe seiner Teile“
wie es mir heute noch immer ist. Viel- Hülle, wenn es nicht das Leben und das (H. P. Dürr, Atomphysiker).
leicht bin ich dabei einfach etwas be- Lebendige ins Zentrum rückt. Auch der

Aktivitäten des täglichen Lebens


Die Auseinandersetzung sowohl mit den von A. Maslow und den von Virginia Hen- Als „unterstützende und stellvertre-
altgriechischen Gesundheitsmodellen derson in den Grundregeln der Kranken- tende Übernahme“ sind sie seit der 4.
wie auch mit den neueren Erkenntnissen pflege beschriebenen „Grundbedürfnissen Auflage, als Umsetzungsinstrument
in der Heilkunde und Pflege hat mein des Menschen“. Die nachdenkende Be- (Ordnungsstruktur) eines ganzheitlichen
Denken immer wieder neu herausgefor- schäftigung mit den Grundelementen Menschenbildes, ein unverzichtbares
dert. Diese stete Neuorientierung lässt der alltäglichen Wirklichkeit des Lebens, Merkmal meines Pflegekonzeptes. Ich
sich im Vergleich der verschiedenen Auf- anlässlich einer eigenen schweren Krank- habe die Benennung und Bedeutung
lagen des Buches „Pflege“ leicht feststel- heit und eines nachfolgenden zweijähri- der einzelnen ATL im Verlauf der Jahre
len. gen Einsatzes in der Pflege, haben mich nur unwesentlich verändert und kann
So habe ich in der 2. Auflage (1972) 1981 veranlasst, die Bezeichnung auch heute noch vollumfänglich dahin-
den „Regelkreis gesunden Lebens“ ein „Grundbedürfnisse“ zu ändern und von terstehen. Die ATL sind und bleiben ein
erstes Mal thematisiert, damals noch in „Aktivitäten des täglichen Lebens“ zu spre- Ausdruck des Lebens, und die Pflege
Anlehnung an die Bedürfnispyramide chen. dient dem Leben.

Die ATL aus heutiger Sicht


Ich versuche im Folgenden auf einige kri- Ein Beispiel zur ATL „Sich bewegen“ die Beschreibung der Pflegediagnose
tische Punkte hinzuweisen: Datenerhebung im Fragen nach Fakten: und -planung, man spricht heute von
■ Mit dem Kriterienkatalog bzw. mit der Der Patient klagt über Gehprobleme, er „Pflegeassessment“ (ein Begriff, der mir
Ordnungsstruktur der ATL ist sowohl kann nur am Rollator gehen. bei der 8. Auflage noch nicht zur Verfü-
die Gesundheit wie die Pflege- und Im Unterschied dazu: Datenerhebung gung stand, er wurde erst 1996 im Rah-
Rehabilitationsbedürftigkeit eines mit Blick auf die konkrete Situation die- men der Pflegeversicherung als Wort
Menschen bzw. eines Patienten um- ses Menschen, in der Frage nach der Be- und als Thema eingeführt). Eine große
fänglich erfassbar, wodurch die Pfle- deutung des Problems. Es treten dabei Bedeutung haben dabei die sog. Assess-
gediagnose, -planung und -evaluation neue Gesichtspunkte in den Vorder- mentinstrumente, da diese innerhalb des
möglich sind. Mit anderen Worten: grund: Pflegeprozesses Aussagen zur Qualität
Erfassung, Wirksamkeit und Quali- Der Patient hat intakte Bewegungsim- ermöglichen.
tätssicherung können gleichermaßen pulse, ist aber vor drei Wochen gestürzt, Eine Pflegediagnose und -planung ist
sichtbar gemacht werden. hat Angst vor erneutem Fallen und ver- das Endprodukt einer Analyse der Situa-
■ Mehr als früher würde ich aber heute spannt nun seinen gesamten Gehapparat. tion des Patienten und der Beurteilung
betonen, dass die einzelnen ATL sich Eruiert wird hier nicht einfach ein seiner Lage in Bezug auf Fähigkeiten,
gegenseitig beeinflussen und die Problem, sondern der eigentlich Hand- Ressourcen und Probleme. Dazu sind
Kompetenzstufen (Grad der Selbststän- lungsbedarf des Patienten in der konkre- die ATL auch heute noch (neben anderen
digkeit und Selbstkompetenz) sich er- ten Ist-Situation. Konzepten) ein brauchbares Mittel zu
gänzen und gegenseitig beeinflussen. Was ich mit diesem Beispiel aufzeigen einer ganzheitlichen Einschätzung und
■ Das Konzept der ATL wird immer dann möchte, ist dies: Mit der Veränderung Bewertung von pflegebezogenen und si-
ins Leere laufen, wenn wir nur auflis- der Wahrnehmung verändert sich auch tuationsgerechten Aspekten.
ten würden, was wir sehen, und nicht
gleichzeitig nach der Bedeutung fra-
gen.
■ Die ATL sind nur dann ein gutes In-

strument zur Datenerhebung, wenn Die Wirksamkeit im Gebrauch eines Instruments,


wir die Fakten in Bezug zum Men- auch der ATL, ist demnach gebunden
an die Reflexionsbereitschaft und ReflexionsfŠhigkeit
schen, als ganzheitlichem Wesen,
der Pfegepersonen.
sehen mit Blick auf alle seine Bezie-
hungen und Bezüge (s. o. Menschen- Wichtig ist nicht, was wir fragen,
bild und Pflegeleitbild). Das heißt, welche Fakten wir sammeln, sondern
dass wir den Menschen als Träger wie wir Fragen stellen
und wie wir ZusammenhŠnge sehen und bewerten,
einer individuellen Geschichte erken- um darauf situationsgerecht antworten zu kšnnen.
nen, die das, was jetzt ist, beeinflusst
und mitbestimmt hat.

X
Thiemes Pflege, Liliane Juchli und die ATL

Thiemes Pflege, Liliane Juchli und die ATL


Ursula Geißner

Die Abkürzung ATL für „Aktivitäten des ■ unterstützend einzugreifen, wo Men- krank. Atemstörungen treffen den Men-
täglichen Lebens“ ist deutschsprachigen schen Hilfe brauchen. schen vital (Vitalfunktion) und existen-
Pflegenden vertraut. Liliane Juchli hat sie Darin wird sichtbar: Der Pflege vorange- ziell. Atembehinderung ist, wie es der
1969 in das Lehrbuch der Pflege im Thie- stellt ist die Prävention, d. h. die Aufgabe, Name für die schwerste Störungsform
me-Verlag eingeführt und populär ge- ■ Gesundheit zu fördern, aussagt, eine Not. Atemnot ist damit
macht. ■ Krankheiten vorzubeugen und immer von existenzieller Angst (Todes-
Tradition und Verbreitung sind gute ■ Prophylaxen zu betreiben. angst) begleitet. Es handelt sich dabei
Gründe, bei einem bewährten Konzept Ganzheitliche Gesundheits- und Kran- um eine Angst, die nicht wegdiskutiert
zu bleiben. Aber auch bewährte Konzep- kenpflege umfasst die Sorge für das Ge- oder weggenommen werden kann.
te sind bei jeder Neuauflage eines Lehr- sunde und die Pflege des Kranken, d. h., Atemunterstützende Maßnahmen (Be-
buches immer wieder neu zu überden- es müssen alle drei Stufen der Prävention handlung) wie Sauerstoffzufuhr, Ober-
ken, ganz im Sinne von Liliane Juchli: berücksichtigt werden: körperhochlagerung, Luftbefeuchtung
„Ich selbst habe von Auflage zu Auf- ■ Primäre und sekundäre Prävention: usw. sind nur ein Bruchteil der Not ab-
lage dazugelernt, habe mich mit den Unterstützen der ATL dort, wo Men- wendenden Maßnahmen. Betreuung
neuen Erkenntnissen auseinandergesetzt schen Hilfe brauchen, sei es als Ge- und Begleitung sind ebenso wichtig.
und nie aufgehört, im konkreten Praxis- sundheitsbildung oder Förderung, im Der Atembehinderte braucht Luft
feld der Pflege Erfahrungen zu sammeln, Entdecken und Aktivieren von Res- (Sauerstoff, frische Luft = gelüftetes Zim-
Gewohnheiten zu hinterfragen und Al- sourcen, im Bewusstmachen von Risi- mer), genügend Raum (er darf sich nicht
ternativen zu wagen“, schreibt sie im ken, im Verhüten von Gefahren. eingeengt fühlen) und menschliche Zu-
Geleitwort zur 9. Auflage, als sie ihr ■ Tertiäre Prävention: Begleiten in Kri- wendung: eine gute Atmosphäre“ (Juchli
Werk in die Hände der nachfolgenden sensituationen des Lebens, dort, wo 1998, S. 78).
Herausgeber legte (Thieme, Stuttgart, Menschen nicht (mehr) selbst zurecht-
im Juli 2000). kommen und/oder neue Lebenswirk- Die interne Systematik
In diesem Sinne ist es nicht nur ge- lichkeiten erarbeitet werden müssen, Pflegende in der Ausbildung, aber auch
rechtfertigt, sondern auch gefordert, sei es als Leben mit Krankheit, mit be- ausgebildete Pflegende können sich,
das Konzept der ATL zu überdenken. dingter Gesundheit, mit Behinderung: wenn sie dem Anspruch dieser Betrach-
Passt dieses Konzept noch zu der durch Hoffnung ermöglichen, damit Leben tungsweise der ATL gerecht werden wol-
Forschung und Wissenschaft weiterent- bis zuletzt und unter allen Umständen len, überfordert fühlen: „An was alles
wickelten Pflege? Passt es noch zu den menschenwürdig bleibt. muss man denken, wenn man einem
Anforderungen an Pflegende, deren pro- „Das Umgehen mit den ATL ist vor sol- Kranken begegnet, das geht doch im All-
fessionelles Handeln mitbestimmt wird chem Hintergrund eine große Herausfor- tag gar nicht“, so oder so ähnlich stöh-
durch verkürzte Verweildauer im Kran- derung an uns – in unserem eigenen Ge- nen sie.
kenhaus, durch den ökonomischen sundheitsverhalten wie in der berufli- Deshalb weichen viele Pflegende aus:
Druck, der auf der ambulanten wie sta- chen Pflege“ (Juchli, Pflege 1994, S. 49 – Sie achten nur noch auf die Symptome
tionären Pflege lastet, auf die Zunahme 50). und konzentrieren sich auf die Symp-
pflegeintensiver alter Patienten und der tombehandlung.
geforderten Anpassung an die Fort- Ein Beispiel Sind sich Pflegende allerdings weiter-
schritte der Medizin und der Technik? Wie Liliane Juchli sich diesen Zusammen- hin bewusst, dass die Behandlung eines
Auch deshalb lohnt es sich, die ATL hang von Gesundheit und Krankheit vor- Symptoms nur eine sicherlich notwendi-
auf ihren Sinn und ihren Wert für die stellt, kann am besten an ihren eigenen ge Handlung ist, dass aber der Heilungs-
Pflege heute zu reflektieren. Ausführungen festgemacht werden. prozess viel mehr erfordert, dann wissen
sie, dass sie
Atmen (ein Auszug)
„Vom Gesunden zum Kranken“ ■ sich politisch engagieren sollten,
„Der gesunde Mensch soll in erster Linie
Grundlegend für das Konzept der ATL ist, wenn die Luft zum Atmen ver-
eine gesunde Luft zum Einatmen zur
dass das menschliche Leben in gesunden schmutzt ist, und
Verfügung haben. Die ganze Problema-
und kranken Tagen im Zusammenhang ■ individuell beraten sollten, wenn die
tik der bloß produktiven Nutzung der
gedacht wird. Die ATL befassen sich des- Atembeschwerden durch ein verän-
Natur ist damit angesprochen, die, so
halb immer zuerst mit dem gesunden dertes Verhalten abnehmen könnten.
wie sie in unserem Jahrhundert gehand-
Menschen sowie mit dem förderlichen Dann denken sie daran, wie stark Atem-
habt wird, Umweltverschmutzung, Tod
Lebensstil und der gesund erhaltenden not beängstigend und existenziell be-
der Gewässer und Ausbeutung des Bo-
Lebensqualität (...). drohlich erlebt wird und werden ihre Be-
dens zur Folge hat. Gesunderhaltung ist
Die Grundlage der Pflege wäre dem- gleitung und Betreuung und menschli-
demnach ein Postulat, das alle angeht
nach (in Anlehnung an die alte Heil- che Zuwendung anbieten in den Zeiten
und auf der Stufe des Individuums (Rau-
kunst) die „Kunst, Lebensqualität zu er- dieser durch Atemnot ausgelösten
chen, Energieverbrauch usw.) ebenso
möglichen“. Mit anderen Worten, Angstzustände.
verwirklicht werden muss wie auf politi-
■ Gesundheit zu kennen, zu bewahren, Liliane Juchli weist auch darauf hin,
scher Ebene (sinnvolle Nutzung der
zu fördern, dass alle diese typischen und unver-
Natur).
■ Gesundheit zu lehren und zu lernen wechselbaren Pflegehandlungen etwas
Der Kranke, welcher die Unterstüt-
und mit der „guten Atmosphäre“ zu tun
zung bei der Atmung bedarf, ist sehr

XI
Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) – ein Plädoyer von Liliane Juchli und Ursula Geißner

haben, wobei sie den Begriff Atmosphä- Die Konsequenzen Gäbe man das Konzept der ATL auf,
re (= Luft) im übertragenen Sinne ge- Wenn Pflegende darüber klagen, dass sie dann bestünde die Gefahr, dass Pflegen-
braucht. den auch von ihnen gewünschten ganz- de die Perspektive auf den Gesamtzu-
Pflegende können umso besser in den heitlichen Blick in der bedrängten Situa- sammenhang, auf den ganzen Menschen
beängstigenden Situationen der Kranken tion der „immer mehr Patienten in gar nicht mehr in den Blick nähmen.
unterstützend und beruhigend tätig immer kürzerer Zeit“ nicht gewachsen Dieser Gefahr sollte kein Kind, keine
sein, je mehr sich alle im Team, in der sein können, auch wenn sie es wollten, Frau und kein Mann je ausgesetzt wer-
interdisziplinären Zusammenarbeit be- dann kann die Folgerung nicht sein, dass den, wenn sie Hilfe brauchen, gepflegt
mühen, eine „gute Atmosphäre“ herzu- sie auf das Konzept der ATL verzichten, werden sollen. Jedem Kranken sollte ge-
stellen. Dann herrscht eben ein „gutes sondern sich dort hörbar und argumen- rade durch die gut ausgebildeten Ge-
Klima“. tativ einsetzen, wo Änderungen ermög- sundheits- und Krankenpfleger die Chan-
Auch darauf legt das Konzept ATL gro- licht werden können. Es kann doch kei- ce gegeben werden, dass sein Leben mit
ßen Wert im Sinne von Gesundheitspfle- ner aus der eigenen Berufsgruppe erwar- Leiden und Freuden bis zum letzten
ge. ten, dass Pflegende auf ein umfassendes Atemzug betreut und begleitet und
Konzept von Pflege verzichten und somit geachtet wird.
Reflexion und Bewusstsein damit ihren Beruf minimalisieren und zu THIEMEs Pflege hat also die besten
Die ATL halten im Bewusstsein, dass das, einem reinen Assistenzberuf machen! Gründe, das Konzept der ATL in der be-
was allen Menschen in ungetrübten, ge- Dass auch in der Pflege nicht alles auf währten Tradition der Pflegebücher von
sunden Tagen so selbstverständlich er- einmal bedacht und gemacht werden Liliane Juchli beizubehalten. Es auch zu
scheint, als „Aktivitäten des täglichen Le- kann, das ist eine Einsicht, die in vielen verteidigen in dem Engagement für die
bens“ – das alltägliche Leben nämlich – Berufen, vor allem in denen, die mit Pflegenden und damit auch für die Kran-
abhängig ist Menschen zu tun haben, zu Gewichtun- ken.
■ von der Umwelt, gen und Reihungen in der Zeit auffor-
■ von den anderen, dert. Zürich/St. Märgen, Juni 2012
■ vom eigenen Körper und So werden in Pflegeplänen Prioritäten Sr. Liliane Juchli und Dr. Ursula Geißner
■ von Seele und Geist. gesetzt, für individuell unterschiedliche
Oft treten diese Abhängigkeiten erst ins Patienten werden die Pläne aktualisiert
Bewusstsein, wenn Störungen auftreten, und in der Pflegeprozessreflexion adä-
dann erst werden sie dem Menschen be- quat verändert.
wusst und geschätzt.
Pflegende können, wenn sie das Be-
wusstsein dieser Abhängigkeiten und
Zusammenhänge haben, mit den Kran-
ken nach den Ressourcen suchen, sie fin-
den helfen oder zu ersetzen versuchen.
Und auch sie selbst sollten die Möglich-
keit erhalten oder sich bewahren, alle
ihre lebendigen Kräfte zu pflegen.

Gesundheits- und Krankenpflegerin,


Gesundheits- und Krankenpfleger
Die seit 2004 in Deutschland eingeführte
Berufsbezeichnung entspricht dem Kon-
zept der ATL. Durch sie wird deutlich ein
Anspruch erhoben, der eben nicht nur
die symptomorientierte Behandlungs-
pflege im Akutzustand einer Erkrankung
erwartet und fordert, sondern
■ Prävention und Prophylaxe,
■ Behandlung, Betreuung und Beglei-

tung sowie
■ Rehabilitation als professionelle pfle-

gerische Handlungen bewertet.

XII
Autoren

Herausgeber und Autoren


Professor Dr. phil. Franz Sitzmann Lothar Ullrich
Susanne Schewior-Popp
Kurzvita: Jahrgang 1945, Ausbildung Kurzvita: Jahrgang 1953; Ausbildung
Kurzvita: Jahrgang 1955, Lehramtsstu- und Tätigkeit als Industriekaufmann, Zi- zum Krankenpfleger; Weiterbildung
dium, Lehrtätigkeit am Gymnasium, er- vildienst im Krankenhaus, Ausbildung als zum Fachkrankenpfleger für Intensivpfle-
ziehungswissenschaftliche Promotion, Krankenpfleger, Tätigkeit in Intensivpfle- ge und Anästhesie; Weiterbildung zum
Tätigkeit in der Aus-, Fort- und Weiter- ge, 10 Jahre Lehrer für Pflegeberufe und Lehrer für Pflegeberufe; seit 1982 Lehrer
bildung für Berufe im Gesundheitswe- Schulleiter, 10 Jahre Pflegedienstleitung, und Leiter einer Weiterbildungseinrich-
sen, seit 1993 Professorin für Erzie- seit 1991 als beratender Fachkranken- tung am Universitätsklinikum Münster;
hungswissenschaften und Pflegepädago- pfleger für Krankenhaushygiene tätig in Weiterführendes Studium für Lehrperso-
gik an der Katholischen Hochschule in verschiedenen Krankenhäusern. nen im Gesundheitswesen; berufsbeglei-
Mainz, Leitung der Lehrplankommission tende Ausbildung zum Supervisor; Fach-
Korrespondenzadresse:
für die Ausbildung in der Gesundheits- experte in verschiedenen politischen und
Sakrower Kirchweg 86a,
und Krankenpflege in Rheinland-Pfalz, wissenschaftlichen Gremien, u. a. zur Er-
14089 Berlin
Honorarprofessorin für den Bereich Pfle- stellung von Weiterbildungs- und Prü-
gebildungsforschung an der pflegewis- fungsordnungen im Bereich der Fach-
senschaftlichen Fakultät der PTHV in Val- krankenpflege
lendar.
Korrespondenzadresse:
Korrespondenzadresse: Weiterbildungsstätte für
Katholische Hochschule Mainz, Intensivpflege & Anästhesie und
Fachbereich Gesundheit und Pflege, Pflege in der Onkologie,
Saarstr. 3, 55122 Mainz Universitätsklinikum Münster,
Schmeddingstr. 56, 48129 Münster

Autoren
Prof. Dr. Angelika Abt-Zegelin Univ.-Prof. Dr. Hermann Brandenburg Angelika Cerkus-Roßmeißl
Pflegewissenschaftlerin Hochschullehrer, Pflegewissenschaftliche Lehrerin für Pflegeberufe
Department für Pflegewissenschaft Fakultät Kepserstr. 46
Universität Witten-Herdecke gGmbH PTHV - Philosophisch-Theologische 85356 Freising
Stockumer Str. 12 Hochschule Vallendar gGmbH
58453 Witten Pallottistr. 3 Ina Citron
56179 Vallendar Diplom Sozialarbeiterin
Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik Ltd. Ausbilderin
Universität Witten/Herdecke Prof. Dr. R. Brehler Deutsche Gesellschaft für Kinästhetik
Department für Pflegewissenschaft Klinik für Hautkrankheiten und Kommunikation e. V.
Stockumer Straße 12 Universitätsklinikum Münster Althoffstr. 20
58453 Witten Von Esmarch-Str. 58 12169 Berlin
48129 Münster
Gabriele Bartoszek (MScN) Dr. med. Ilona Csoti
Von Einem Str. 12 Dr. med. Olaf Anselm Brinkmann Ärztliche Direktorin
45130 Essen St. Bonifatius Hospital Gertrudis Klinik Biskirchen
Chefarzt, Klinik für Urologie und Parkinson Zentrum
Christiane Becker Kinderurologie Karl-Ferdinand-Broll Str. 2-4
Lehrerin für Pflegeberufe Wilhelmstr. 13 35638 Leun-Biskirchen
Hamelmannstr. 12 49808 Lingen (Ems)
44141 Dortmund Marcus Eck
Dr. med. Bettina Brinkmann Krankenpfleger und Praxisanleiter
Carmen Boczkowski Ärztin für Urologie Klinikum Region Hannover
Krankenschwester, Pflegedienstleitung St. Bonifatius Hospital Krankenhaus Hannover Nordstadt
Gertrudis Klinik Biskirchen Klinik für Urologie und Kinderurologie Haltenhoffstr. 41
Parkinson-Zentrum Wilhelmstr. 13 30167 Hannover
Karl-Ferdinand-Broll Str. 2 – 4 49808 Lingen (Ems)
35638 Leun-Biskirchen Angelika Eil
Dr. med. Annelie Burk Pflegepädagogin B.A.
Ärztin für Augenheilkunde Klinikum Stuttgart
Max-Cahnbley-Str. 22 Bildungszentrum
33604 Bielefeld Hegelstr. 4
70174 Stuttgart

XIII
Autoren

Univ.-Prof. Dr. Michael Ewers Dr. Ursula Geißner Priv.-Doz. Dr. med. Erwin Hermann
Charité Universitätsmedizin Berlin em. Professorin für Führungslehre Klinik für Urologie
Institut für Medizin-, Pflegepädagogik und Organisation Universitätsklinikum Münster
und Pflegewissenschaft Feldbergstr. 5 Albert-Schweitzer-Campus 1 Gebäude A
Campus Virchow Klinikum 79274 St. Märgen 48149 Münster
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin Irmela Gnass Susanne Herzog
m.ewers@charite.de Pflegewissenschaftlerin, BScN, MScN Pflegewissenschaftlerin (MScN)
Institut für Pflegewissenschaft Weißer Weg 132a
Patricia Fischer Paracelsus Medizinische Privatuniversität 32657 Lemgo
Pflegedienstleitung Strubergasse 21
Klinik am Eichert 5020 Salzburg Reemt Hinkelammert
Zentrum Operative Medizin Klinik und Poliklinik für Urologie
Eichertstr. 3 Elke Goldhammer Universitätsklinikum Münster
73035 Göppingen Pflegewissenschaftlerin (FH), Albert-Schweitzer-Str. 33
Fachkrankenschwester für die Pflege 48149 Münster
Sabine Floer in der Onkologie
Krankenschwester Kursleitung Palliative Care, Kursleitung Eva Hokenbecker-Belke
Fidicinstr. 30 Weiterbildung Pflege in der Onkologie Dipl. Pflegewirtin (FH), Fachkranken-
10965 Berlin Universitätsklinikum Münster schwester für Intensivpflege und
Weiterbildungsstätte für Intensivpflege, Anästhesie
Dr. Ferenc Fornadi Anästhesie u. Pflege in der Onkologie Case Managerin (DGCC), Qualitäts-
Geschäftsführer Schmeddingstr. 56 managementbeauftragte (QMB-TÜV)
Gertrudis Klinik Biskirchen 48129 Münster Lange Geist 1 A
Parkinson-Zentrum 59510 Lippetal
Karl-Ferdinand-Broll-Str. 2-4 Dr. med. Uwe Gottschalk ehokenbecker@web.de
35638 Leun-Biskirchen Chefarzt, Abteilung Innere Medizin,
Gastroenterologie Prof. Gertrud Hundenborn
Michaela Friedhoff Maria Heimsuchung Caritas Klinik Professorin für Pflegepädagogik
Pflegeinstruktorin Bobath BIKA ® Pankow Leiterin des Zentrums für Pflege-
Kursleiterin für Basale Stimulation, Breite Str. 46-47 lehrerinnenbildung
Pflegedienstleitung 13187 Berlin und Schulentwicklung der KatHO NRW
HELIOS-Klinik Holthausen Leiterin des Arbeitsschwerpunktes
Am Hagen 20 Stefan Grossmann-Haller Pflegebildungsforschung
45527 Hattingen/Ruhr Lehrkraft im Deutschen Institut für angewandte
Schule für Physiotherapie Pflegeforschung e. V.
Dr. phil. Heiner Friesacher Orthopädische Uni-Klinik Katholische Hochschule Nordrhein-
Pflegewissenschaftler, Schlierbacher Landstr. 200 a Westfalen (KatHO NRW)
Freier Hochschuldozent 69118 Heidelberg Abteilung Köln
Etelserstr. 21 Fachbereich Gesundheitswesen
27299 Langwedel-Etelsen Matthias Grünewald Wörthstr. 10
Dipl. Pflegepädagoge (FH) 50668 Köln
Professor Dr. paed. Andreas Fröhlich Fachkrankenpfleger für Intensivpflege
Wolfsangel 10 und Anästhesie Peter Jacobs
67663 Kaiserslautern Universitätsklinikum Düsseldorf Pflegedirektor
Bildungszentrum Klinikum der Universität München
Manfred Funk Moorenstr. 5 Marchioninistr. 15
Betriebswirt (VWA), Krankenpfleger 40225 Düsseldorf 81377 München
HUMANIS
Zentrale Felicitas Grundmann Simone Jochum
Mozartstr. 1 Gesundheits- und Krankenpflegerin Gesundheits- und Krankenpflegerin
76133 Karlsruhe mit Fachweiterbildung Onkologie Praxisanleiterin
Breite Straße 86a Schule für Gesundheits- und
Prof. Dr. med. Gert Gabriëls 58452 Witten Krankenpflege
Arzt für Innere Medizin, Nephrologie, Katholisches Klinikum Koblenz-
Diabetologie, Hypertensiologie Walter Hell Montabaur
Leitender Oberarzt, Medizinische Klinik Richter am Amtsgericht Thielenstraße 13
und Poliklinik D Am alten Einlaß 1 56073 Koblenz
Universitätsklinikum Münster 86150 Augsburg
Albert-Schweitzer-Str.33 Dr. Liliane Juchli
48149 Münster Schwesternheim Theodosianum
Jupiterstr. 40
8032 Zürich
SCHWEIZ

XIV
Autoren

Dr. med. Mette Kaeder Dr. med. Dr. rer. nat. Heidemarie Kremer Dorothea Mört
Neurologin, Sozialmedizinerin Department of Psychology Pflege- und Gesundheitsmanagerin (BA)
Ärztliche Leitung University of Miami Fachgesundheits- und Krankenpflegerin
Klinik am Stein 1203 Dickinson Drive, 37 D für Intensivpflege und Anästhesie
Ambulantes Reha-Zentrum Dortmund Coral Gables, FL 33124 Universitätsklinikum Münster
Feldstr. 77 USA Weiterbildungsstätte für Intensivpflege,
44141 Dortmund Anästhesie u. Pflege in der Onkologie
Vera Kuhlmann Schmeddingstr. 56
Dr. med. Sebastian Kemper Gemeinschaftskrankenhaus 48129 Münster
Urologische Gemeinschaftspraxis Gerhard-Kienle-Weg 4
Bahnhofstr. 13 58313 Herdecke Dr. phil. Annedore Napiwotzky
49525 Lengerich Dipl.-Psychologin und Pflegewissen-
Elke Kuno schaftlerin
Elisabeth Kern-Waechter Lehrerin für Pflegeberufe Gesamtleitung
Lehrerin für Gesundheitsfachberufe Ladenburger Str. 37 Hospiz Stuttgart
Institutsleiterin ekw.concept! 69120 Heidelberg Stafflenbergstr. 22
Institut für Beratung, Bildung, Training 70184 Stuttgart
Schwerpunkt Endoskopie Andreas Kutschke
Nusslocher Str. 20 Pflegewissenschaftler BCsN, Nadja Nestler
69190 Walldorf Krankenpfleger für geriatrische Dipl.-Pflegewissenschaftlerin (FH)
Rehabilitation Paracelsus Medizinische
Henry Kieschnick Hochstr. 23 Privatuniversität Institut für Pflege-
Diplom-Pflegewirt (FH) 41189 Mönchengladbach wissenschaft
Kulmer Weg 3 Strubergasse 21
30659 Hannover Susanne Lehmann 5020 Salzburg
Dipl. Pflegepädagogin (FH)
Professor Dr. med. Sabine Kliesch Stellv. Leitung Contilia Akademie GmbH Christoph Sebastian Nies
Chefärztin St. Marien-Hospital Dipl. Pflegepädagoge (FH)
Abteilung für Klinische Andrologie Kaiserstr. 50 Lehrer in den Bereichen Gesundheits-
Centrum für Reproduktionsmedizin 45468 Mülheim an der Ruhr und Krankenpflege/Kinderkranken-
und Andrologie pflege,
Universitätsklinikum Münster Michael Löhr Gesundheits- und Krankenpflege-
Albert-Schweitzer-Campus 1, Krankenpfleger, M.A., Dipl.-Kfm. (FH) assistenz
Gebäude D 11 Leitung der Stabsgruppe für Klinik- Ausbildungszentrum für Pflegeberufe
48149 Münster entwicklung und Forschung Universitätsklinikum Bonn
LWL-Klinikum Gütersloh Sigmund-Freud-Str. 25k
Elke Kobbert Psychiatrie, Psychotherapie, 53105 Bonn
Erziehungswissenschaftlerin M.A. Psychosomatik
Franz-Knauff-Str. 15 Neurologie, Innere Medizin im Ricki Nusser-Müller-Busch, MSc
69115 Heidelberg LWL-Psychiatrie Verbund Westfalen (Neureha)
Buxelstr. 50 Logopädin, F.O.T.T. Instruktorin
Andreas Kocks 33334 Gütersloh Rüsternallee 45
Pflegewissenschaftler (RN, BScN, MScN) 14050 Berlin
Stab. Pflegedirektion Universitätsklinik Silvia Maeting
Bonn Ltd. Endoskopiefachschwester Peter Nydahl
Universität Witten/Herdecke Maria Heimsuchung Caritas Klinik Krankenpfleger, Kurs- und Weiterbil-
Uckeratherstr. 56 Pankow dungsleiter für Basale Stimulation in der
53639 Königswinter Abteilung Innere Medizin, Gastro- Pflege, Pflegeexperte für Menschen im
andreas.kocks@ukb.uni-bonn.de enterologie Wachkoma, Praxisanleiter, RbP
Breite Str. 46-47 Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Heike Köpke 13187 Berlin Campus Kiel
Canisiusweg 21 Klinik für Neurologie, Neurologische
48151 Münster Anke Marks Intensivstation und Stroke Unit N1
Dr. Thomas Köpke Lehrkraft für Pflege Schittenhelmstr. 10,
Canisiusweg 21 Asseburgstr. 7 24105 Kiel
48151 Münster 30451 Hannover Peter.Nydahl@uk-sh.de

Ralf Krämer Dr. med. Torsten B. Möller PD Dr. med E. Oestreicher


Fachkrankenpfleger AN/INT Radiologe am Caritas-Krankenhaus Gemeinschaftspraxis für Hals- Nasen-
Bereichsleitung -Casa Vitae- 66763 Dillingen/Saar und Ohrenheilkunde
Einrichtung zur neurologischen Lang- Allergologie, Plastische Operationen
zeitrehabilitation Phase F Lingener Str. 5
Klarastift gGmbH 49716 Meppen
Andreas Hofer Straße 70-72
48145 Münster
XV
Autoren

Jürgen Ohms Dr. Christof Schnürer Ursula Skrotzki


Dipl. Pflegepädagoge (FH) Facharzt für Innere Medizin Fachkrankenschwester für Intensiv-
Leitung Contilia Akademie GmbH Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesiepflege
St.-Marien-Hospital Römerstr. 6 Klinikum Dortmund gGmbH
Kaiserstr. 50 79410 Badenweiler Klinikzentrum Nord
45468 Mülheim an der Ruhr Zentrum für Schwerbrandverletzte
Jasmin Schön Münsterstr. 240
Thomas Olschewski M.A., Dipl.-Berufspädagogin (FH) 44145 Dortmund
Fachkrankenpfleger für Intensivpflege Krankenschwester
und Anästhesie Ausbilderin Fachdidaktik Pflege am Annegret Sow
Einrichtung zur Neurologischen Lang- Staatlichen Seminar für Didaktik und Diplom-Pflegepädagogin (Univ)
zeitrehabilitation – Phase F Casa Vitae Lehrerbildung (Berufliche Schulen) Klinikum Region Hannover GmbH
Andreas-Hofer-Str. 70 Karlsruhe Wissenschaftliche Lehrkraft Schulzentrum
48145 Münster Bertha-von-Suttner-Schule Roesebeckstr. 15
Beethovenstr. 1 30449 Hannover
Dr. Brigitte Osterbrink 76275 Ettlingen
Leiterin der Akademie für Gesundheits- Christine Sowinski
berufe Doris Schöning M.Sc. Krankenschwester, Diplom-Psychologin
Präsidentin der Mathias-Hochschule Diabeteswissenschaftlerin Leitung Bereich Beratung von
Mathias-Spital Rheine Mathias Hochschule Einrichtungen und Diensten
Frankenburgstr. 31 Frankenburgstr. 31 Kuratorium Deutsche Altershilfe
48431 Rheine 48431 Rheine An der Pauluskirche 3
50677 Köln
Philipp Papavassilis Silke Schoolmann
Assistenzarzt Dipl.-Pflegepädagogin (FH) Annette Stade
Universitätsklinikum Münster Gartenfeldstraße 12 Pflegedienstleitung /
Klinik und Poliklinik für Urologie 55118 Mainz Niederlassungsleitung
Albert-Schweitzer-Campus 1, Heroldstr. 80
Gebäude A1 Prof. Dr. Michael Schulz 44894 Bochum
48149 Münster Lehrstuhl für Psychiatrische Pflege
Fachhochschule der Diakonie Dietmar Stolecki
Dr. med. Klaus Maria Perrar Grete-Reich-Weg 9 Dipl.-Berufspädagoge
Personaloberarzt 33617 Bielefeld Referat Fort- und Weiterbildung
Am Zentrum für Palliativmedizin St. Johannes-Hospital
Uniklinik Köln Privatdozent Dr. med. Johannesstr. 9-17
Kerpener Str. 62 Andreas Schwarzkopf 44137 Dortmund
50937 Köln Facharzt für Mikrobiologie und
Infektionsepidemiologie Professor Dr. med. Dr. h. c.
Adriano Pierobon Ö.b.u.b. Sachverständiger für Kranken- Christoph Student
Gerontologe, Geschäftsführer haushygiene Palliativmediziner und Psychotherapeut
HUMANIS GmbH Institut Schwarzkopf GbR Deutsches Institut für Palliative Care
Mozartstr. 1 Otto-von-Bamberg-Str. 10 St. Gallener Weg 2
76133 Karlsruhe 97717 Aura a.d. Saale 79189 Bad Krozingen

Dr. rer. nat. Andreas Portsteffen Tanja Segmüller Heiner Terodde


Leiter der Krankenhausapotheke Pflegewissenschaftlerin Praxisanleiter, Fachkrankenpfleger für
Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (MScN, BScN, RN) Intensivpflege u. Anästhesie
Gerhard-Kienle-Weg 4 Universität Witten/Herdecke Oberschwabenklinik gGmbH
58313 Herdecke Paulstr. 12 Elisabethenstraße 15
42287 Wuppertal 88212 Ravensburg
Prof. Dr. med. Claudia Rössig
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Erika Sirsch, MScN Maike Unger
Pädiatrische Hämatologie und Onkologie Deutsches Zentrum für Neurode- Stationsleitung
Albert-Schweitzer-Campus 1 generative Erkrankungen, (DZNE) Witten Gemeinschaftskrankenhaus
48149 Münster Stockumer Str. 12 Gerhard-Kienle-Weg 4
Postfach 6250 58313 Herdecke
Brigitte Sachsenmaier 58463 Witten
Freiberufliche Dozentin für Pflege- Christa van Leeuwen
themen, Lehrerin für Pflege Hausgeburtshebamme
Stomatherapeutin, Mentorin, Hygiene- Systemische Familien- und Paartherapie
beauftragte in Einrichtungen der Sexualberatung
Altenpflege Am Berge 3
Ziegelstr. 42 58313 Herdecke
73084 Salach

XVI
Autoren

Gabie Vef-Georg Ina Welk Thomas Werschmöller


Pflegefachfrau, Lehrerin für Pflege- Fachkrankenschwester Intensiv- Krankenpfleger, Primary Nurse,
berufe, Heilpflanzenfachfrau und Anästhesiepflege Hygienefachkraft
Autorin und Gartentherapeutin Pflegemanagerin Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke
Ziegelried 373 Strategische Weiterentwicklung, Gerhard-Kienle-Weg 4
3054 Schlüpfen Prozessberatung und Marketing 58313 Herdecke
SCHWEIZ in der Pflege
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Stefan Wilpsbäumer (M.A.)
Prof. Dr. Frank Weidner Arnold-Heller-Str. 3 – Haus 18 Fachgesundheits- und Krankenpfleger
Dekan, Pflegewissenschaftliche Fakultät 24105 Kiel für Intensivpflege und Anästhesie
PTHV – Philosophisch-Theologische Universitätsklinikum Münster
Hochschule Vallendar Andreas Wendl Weiterbildungsstätte für Intensivpflege,
Pallottistr. 3 Krankenpfleger Anästhesie u. Pflege in der Onkologie
56179 Vallendar Berufsgenossenschaftliches Schmeddingstr. 56
Unfallkrankenhaus Hamburg 48129 Münster
Bergedorferstr. 10
21033 Hamburg Prof. Dr. med. Christian Wülfing
Chefarzt der Abteilung für Urologie
Susanne Werschmöller Asklepios Klinik Altona
Krankenschwester, Pflegeüberleitung Paul-Ehrlich-Str. 1
Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke 22763 Hamburg
Gerhard-Kienle-Weg 4
58313 Herdecke

XVII
Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Teil 1
Grundlagen des Pflegeberufs

1 Gesundheits- und Krankenpflege – 2 Arbeitsfelder und Aufgaben


Ausbildung und Beruf 4 der Pflege 24
1.1 Pflegeberufe in der Entwicklung 5 2.1 Wandel der Arbeitsprozesse und Entwicklung neuer
Handlungsfelder 25
1.2 Verwandte Berufe wachsen zusammen 6
2.1.1 Pflege in den ersten 40 Nachkriegsjahren 25
1.2.1 Ausbildung in Berufsfeldern oder Kernberufen 6
2.1.2 Gründe für die Veränderungsprozesse 26
1.3 Grundlagen der Ausbildung 7 2.1.3 Bedeutung für die Pflegeberufe der Zukunft 29
1.3.1 Kompetent pflegen 7
2.2 Typische Arbeitsfelder in der Pflege 30
1.3.2 Kompetenzen prüfen 11
2.2.1 Krankenhaus 30
1.4 Arbeitsgebiete und Handlungsfelder 12 2.2.2 Kurkliniken/Rehabilitationskliniken 33
2.2.3 Altenpflegeheim 34
1.5 Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten 12
2.2.4 Hospiz 34
1.5.1 Anpassungsweiterbildung/Fortbildung 12
1.5.2 Fachbezogene Weiterbildungen und Studiengänge 13 2.3 Pflegeüberleitung 35
1.5.3 Leitungsbezogene Weiterbildungen und
2.4 Weitere Arbeitsfelder der Pflege 36
Studiengänge 14
1.5.4 Pflegepädagogische Weiterbildungen und 2.5 Häusliche Pflege 37
Studiengänge 14 2.5.1 Wer leistet häusliche Pflege? 38
1.5.5 Promotionsmöglichkeiten 15 2.5.2 Was bieten ambulante Pflegedienste an? 38
2.5.3 Gesetzliche Grundlagen häuslicher Pflege 39
1.6 Berufsgeschichte und Geschichtsbewusstsein 15
2.5.4 Arbeitsorganisation in der häuslichen Pflege 41
1.6.1 Bewusstsein und Kenntnis der eigenen
Berufsgeschichte 15 Lern- und Leseservice 42
1.6.2 Pflege als gegenseitige Hilfe 15
1.6.3 Frühe Hochkulturen 15
1.6.4 Pflege in der Antike
1.6.5 Klosterpflege im Mittelalter
16
16
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft
1.6.6 Pflege unter dem Einfluss der Naturwissenschaften 17 und Pflegeforschung 44
1.6.7 Entwicklung einer geregelten Ausbildung 18
1.6.8 Berufspolitik im historischen Rückblick 20 3.1 Klassische Pflegetheorien 45
3.1.1 Bedeutung von Pflegetheorien für die Pflegepraxis 45
1.7 Berufsauffassungen in der Krankenpflege 20
3.1.2 Begriffsbestimmungen 45
1.8 Der Pflegeberuf als Frauenberuf 21 3.1.3 Ausgewählte Pflegetheorien 47
1.9 Berufsorganisationen und Berufsverbände 22 3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 54
1.9.1 Historische Entwicklung 22 3.2.1 Pflegewissenschaft I
1.9.2 Heutige Berufsverbände und -organisationen 22 (Gegenstand, Entwicklung, Theorien) 54
3.2.2 Pflegewissenschaft II
Lern- und Leseservice 23
(Forschungsprozess, Methoden, Ergebnisse) 61
3.2.3 Zusammenfassung 69
Lern- und Leseservice 70

XVIII
Inhaltsverzeichnis

4 Organisation, Management 5 Ethik – Herausforderungen und


und Recht 74 Entscheidungen 132
4.1 Der Pflegeprozess 75 5.1 Einführung 133
4.1.1 Vier-Schritt-Modell der WHO 75 5.1.1 Warum soll man sich in der Pflege mit Ethik
4.1.2 Definitionen, Merkmale und Ziele 75 und Moral beschäftigen? 133
4.1.3 Regelkreis-Modell nach Fiechter und Meier 75
5.2 Ziele und Dimensionen der Ethik 134
4.1.4 Notwendige Kompetenzen in der organisatorischen
5.2.1 Vier Dimensionen der Ethik 135
Umsetzung 82
5.2.2 Ethik und Moral – zwei Begriffserklärungen 135
4.2 Pflegesysteme 82
5.3 Allgemeine und angewandte Ethik 135
4.2.1 Grundlagen 82
5.3.1 Allgemeine Ethik 135
4.2.2 Funktionspflege 83
5.3.2 Angewandte Ethik als Bereichs- und Berufsethiken 135
4.2.3 Bereichspflege 83
4.2.4 Bezugspflege 84 5.4 Pflege- und Medizinethik – Gemeinsamkeiten
4.2.5 Primary Nursing 84 und Abgrenzungen 136
5.4.1 Gemeinsame Ethikprinzipien 136
4.3 Wirtschaftliche Aspekte 85
5.4.2 Abgrenzung ethischer Positionen 137
4.3.1 Grundlagen 85
5.4.3 Themenfelder der Pflegeethik 137
4.3.2 Krankenhausfinanzierung 86
4.3.3 DRG-System 86 5.5 Theoretische Grundlagen der Pflegeethik 138
4.3.4 Versorgungspfade 90 5.5.1 Gerechtigkeitsethik 138
5.5.2 Fürsorgeethik bzw. Care-Ethik 138
4.4 Qualitätsmanagement 91
5.5.3 Ethik und Theorie der Anerkennung 138
4.4.1 Grundlagen 91
4.4.2 Qualitätssicherungsmaßnahmen 93 5.6 Entscheidungsfindung in ethischen
4.4.3 Risikomanagement 94 Problemsituationen 139
4.4.4 Zertifizierung 95 5.6.1 Diskussion und Entscheidungshilfen 139
4.4.5 Qualitätsmanagementsysteme 95 5.6.2 Entscheidungsfindung für Frau D. 141
4.4.6 Qualitätsmanagementinstrumente 98
5.7 Macht und Gewalt in der Pflege – mehr als
4.4.7 Kompetenz der Mitarbeiter im Qualitäts-
nur ein individuelles Problem 141
management 100
5.7.1 Pflegerisches Handeln und Macht –
4.5 Organisationsentwicklung 101 ein Widerspruch? 141
5.7.2 Formen der Gewalt 142
4.6 Pflegediagnosen 102
5.7.3 Ursachen der Gewalt und Lösungsansätze 142
4.6.1 Grundlagen und Begriffserläuterungen 102
4.6.2 Pflegediagnosen und Pflegeklassifikationssysteme 104 5.8 Ethikinstitutionen 143
4.6.3 Mögliche Probleme und Kritik der Pflege-
5.9 Ethik lehren und lernen 144
diagnosen 107
4.6.4 „Verstehende“ Diagnostik 109 Lern- und Leseservice 145
4.6.5 Zusammenfassende Schlussbetrachtung 109
4.7 Assessmentinstrumente in der Pflege 110
4.7.1 Was sind Assessmentinstrumente? 110 6 Menschliche Entwicklung und
4.7.2 Wozu sind Assessmentinstrumente nützlich? 110 Sozialisation 148
4.7.3 Welche Arten von Instrumenten gibt es? 111
4.7.4 Was sind gute Assessmentinstrumente? 112
6.1 Lebensläufe 149
4.7.5 Wo liegen die Gefahren bei der Nutzung? 113
4.7.6 Für welches Instrument sollte man sich 6.2 Entwicklung und Sozialisation 149
entscheiden? 113 6.2.1 Das „Anlage-Umwelt-Problem“ 150
6.2.2 Persönlichkeit und Dimensionen der
4.8 Case Management 114
Persönlichkeitsentwicklung 151
4.9 Rechtliche Rahmenbedingungen der Pflege 117 6.2.3 Sozialisation und gesellschaftlicher Kontext 155
4.9.1 Grundrechtliche und berufsrechtliche Vorgaben 117 6.2.4 Fazit 156
4.9.2 Pflegerelevante Rechtsgebiete 118 Lern- und Leseservice 156
4.9.3 Straftaten im Bereich der Krankenpflege 122
4.9.4 Spezielle Gesetze im Pflegebereich 126
Lern- und Leseservice 128

XIX
Inhaltsverzeichnis

7 Gesundheit und Krankheit – 8.2 Fallbeispiel: Und plötzlich war alles anders 176
8.3 Patientenedukation in der Praxis 177
Gesundheitsförderung und 8.3.1 Die notwendigen Inhalte auswählen 177
Krankheitsprävention 158 8.3.2 Den richtigen Zeitpunkt erkennen 177
8.3.3 Den Lerntyp erkennen 177
7.1 Bedeutung von Gesundheit und Krankheit 159 8.3.4 Die Mitarbeit des Patienten gewinnen 178
7.1.1 Begriffsbestimmungen 159 8.3.5 Die richtige Methode anwenden 178
7.1.2 Definitionen 159
8.4 Qualitätskriterien in der Patientenedukation 181
7.1.3 Einflussfaktoren 159
Lern- und Leseservice 182
7.2 Wissenschaftliche Ansätze zur Erklärung
von Gesundheit und Krankheit 160
7.2.1 Disziplingebundene Erklärungsmodelle 160
7.2.2 Interdisziplinäre Erklärungsmodelle 161 9 Grundlagen der Hygiene 184
7.3 Gesundheitsförderung und Prävention 163
9.1 Begriffsbestimmung und Aufgabenfelder
7.3.1 Begriffsbestimmung 163
der Hygiene 185
7.3.2 Aufgaben der Gesundheitspflege 165
9.1.1 Arbeitsbereiche der Krankenhaushygiene 185
7.3.3 Hilfen für Helfende – Berufliche Gesundheits-
9.1.2 Epidemiologie 186
förderung für Pflegende 168
9.2 Hygienestrukturen im Krankenhaus 187
Lern- und Leseservice 170
9.2.1 Erstellen eines Hygieneplans 189
9.3 Pflegebezogene Hygieneprinzipien 189
8 Patientenedukation – 9.3.1 Prinzip: Mitarbeiterschutz
9.3.2 Prinzip: Eigenverantwortung der Mitarbeiter
189
192
Beratung, Schulung, Information 9.3.3 Prinzip: Aktiv beteiligter Patient 192
in der Pflege 172 9.3.4 Prinzip: Evidence-based Hygiene 192
9.3.5 Prinzip: Standardhygiene 193
9.3.6 Prinzip: Non-Touch-Technik 193
8.1 Grundlagen der Patientenedukation 173
9.3.7 Prinzip: Sichere und umweltschonende Reinigung,
8.1.1 Definitionen, Ziele und Methoden 173
Desinfektion und Sterilisation 194
8.1.2 Wichtige Gründe für Patientenedukation 173
9.3.8 Prinzip: Antisepsis 198
8.1.3 Theoretische Hintergründe, Voraussetzungen
9.3.9 Prinzip: Asepsis 200
und Grundannahmen 173
9.3.10 Prinzip: Distanzierung 200
8.1.4 Patientenedukation – eine Aufgabe der Pflege 174
9.3.11 Prinzip: Isolierung 202
8.1.5 Patientenedukation in Deutschland 174
8.1.6 Modell zum Ablauf der Patientenedukation 174 Lern- und Leseservice 203

Teil 2
ATL – Pflegesituationen erkennen,
erfassen und bewerten, Pflegemaßnahmen
auswählen, durchführen und evaluieren

Warum mit „Fällen“ lernen? 206 Wege zur Fallbearbeitung 207


Das Problemorientierte Lernen (POL) 207
Welche Wege sind besonders sinnvoll und wirksam, Deutungs- und verstehensorientierte Fallbearbeitung 209
wenn ich Kompetenzen erlangen will? 206 Vom fallbezogenen Unterricht zur persönlichen
Kompetenz 209
Fallarten: verschiedene Zielsetzungen –
verschiedene Bearbeitungswege 206 Lern- und Leseservice 210
Die illustrative Krankengeschichte 206
Problemlösungs- und reflexionsfördernde Fallarten 206
Die Pflegesituation als Fallgrundlage 207
Fälle in diesem Lehrbuch 207

XX
Inhaltsverzeichnis

10 ATL Wach sein und Schlafen 212 11.6 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen
und evaluieren Thromboseprophylaxe 248
11.6.1 Medikamentöse Thromboseprophylaxe 248
10.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugs-
11.6.2 Physikalische Prophylaxe 249
wissenschaften 213
10.1.1 Schlaf-Wach-Rhythmus 213 11.7 Gesundheitsförderung, Beratungsaspekt und
10.1.2 Schlafphasen 214 Patienteninformation 253
10.1.3 Wachzustand/Bewusstsein 214
10.2 Pflegesituationen erkennen, erfassen und C Dekubitusprophylaxe 253
bewerten 215
10.2.1 Schlafbedarf und Schlafmuster 215 11.8 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
10.2.2 Verändertes Schlafbedürfnis 215 schaften 253
10.2.3 Schlafanamnese und Schlafprotokoll 217 11.8.1 Dekubitus – eine nicht zu unterschätzende
Komplikation 253
10.3 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen
11.8.2 Dekubitusstadien 254
und evaluieren 218
10.3.1 Krankenbett und Bettzubehör 218 11.9 Pflegesituationen erkennen, erfassen und
10.3.2 Beziehen des Bettes 219 bewerten 256
10.3.3 Unterstützung bei Schlafstörungen 219 11.9.1 Risikofaktoren 256
10.3.4 Pflegemaßnahmen zur Schlafförderung 220 11.9.2 Dekubitusrisiko einschätzen 257
10.4 Gesundheitsförderung, Beratungsaspekte und 11.10 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen
Patienteninformation 222 und evaluieren 259
10.4.1 Schlafrituale 222 11.10.1 Zielsetzung 259
10.4.2 Allgemeine Empfehlungen bei Schlafstörungen 222 11.10.2 Maßnahmen zur Dekubitusprophylaxe 259
10.4.3 Schlafförderung durch Medikamente 223 11.10.3 Evaluation der Pflegesituation 263
10.5 Basale Stimulation 224
10.5.1 Grundannahmen des Konzepts
10.5.2 Zentrale Lebensthemen
225
229
D Kontrakturenprophylaxe 264
10.5.3 Atemstimulierende Einreibung 231 11.11 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
Lern- und Leseservice 234 schaften 264
11.11.1 Einteilung der Kontrakturen nach Gelenkstellung 264
11.11.2 Kontrakturenarten und ihre Ursachen 265
11 ATL Sich bewegen 236 11.12 Pflegemaßnahmen auswählen und durchführen 265
11.12.1 Lagerung des Patienten 266
11.12.2 Passive Gelenkbewegungen, aktiv-assistive
A Kinästhetik 237 und aktive Bewegungsübungen 267
11.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
schaften
11.1.1 Bewegungslernen
237
237
E Unterstützen der Mobilisation 269
11.1.2 Bewegung und Gesundheit 237 11.13 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
11.2 Pflegesituationen erkennen, erfassen und schaften 269
bewerten 239 11.13.1 Biomechanische Grundlagen 269
11.2.1 Bewegungsunterstützung im Pflegeprozess 239 11.13.2 Rückenschonendes Sitzen und Stehen 270
11.2.2 Auswirkungen von Stressbelastung 239 11.13.3 Rückenschonendes Heben und Tragen 271
11.2.3 Kinästhetik als komplementäres Pflegekonzept 240 11.14 Pflegemaßnahmen auswählen und durchführen 271
11.2.4 Lernbereiche des Konzeptes 241 11.14.1 Einsatz von Gehhilfen 271
11.3 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen 11.14.2 Gangschulung 271
und evaluieren 243 11.14.3 Einsatz des Rollstuhls 272
11.3.1 Fallbeispiel: Bewegungsunterstützung in ATLs 243
F Sturzprophylaxe 273
B Thromboseprophylaxe 245 11.15 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
schaften 273
11.4 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
schaften 245 11.16 Pflegesituationen erkennen, erfassen und
11.4.1 Ursachen der Thrombose 246 bewerten 274
11.4.2 Folgen der Thrombose 246 11.16.1 Sturzrisiko erfassen 274
11.4.3 Lungenembolie 246
11.17 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen
11.5 Pflegesituation erkennen, erfassen und bewerten 247 und evaluieren 276
Lern- und Leseservice 280

XXI
Inhaltsverzeichnis

12 ATL Sich waschen und kleiden 284 13.3.3


13.3.4
Trinken fördern
Hilfe beim Essen
329
329
13.3.5 Hilfe bei Störungen der Schlucksequenz 330
12.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
13.3.6 Ernährung des Patienten über transnasale
schaften 285
Sonden oder PEG 335
12.1.1 Äußere Zeichen von Gesundheit und
Wohlbefinden 285 13.4 Gesundheitsförderung, Beratungsaspekte und
12.1.2 Gesundes Körperpflegeverhalten 285 Patienteninformation 341
12.1.3 Gesundheitsgefährdendes Verhalten 287 Lern- und Leseservice 343
12.2 Pflegesituationen erkennen, erfassen und
bewerten 288
12.2.1 Situationseinschätzung 288 14 ATL Ausscheiden 346
12.3 Unterstützen beim Waschen, Duschen und Baden 290
12.3.1 Unterstützen beim Waschen am Waschbecken 290 A Urin 347
12.3.2 Therapeutische Ganzkörperwaschungen 290
12.3.3 Unterstützen beim Waschen im Bett 291 14.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
12.3.4 Unterstützen beim Ganzkörperbad 294 schaften 347
12.3.5 Unterstützen beim Duschen 295 14.1.1 Physiologische Veränderungen im Alter 347
12.4 Unterstützen beim Zähneputzen, bei der 14.1.2 Warum ist normaler Urin steril? 348
Mund- und Zahnprothesenpflege 298 14.1.3 Warum kehren Harnwegsinfektionen häufig
12.4.1 Übernahme der Mundpflege 298 wieder? 348
12.4.2 Zahnprothesenpflege 300 14.2 Pflegesituationen erkennen, erfassen und
12.5 Haut- und Haarpflege 302 bewerten 349
12.5.1 Hautpflege 302 14.2.1 Beobachtungskriterien 349
12.5.2 Haarpflege im Bett 304 14.2.2 Urindiagnostik 349

12.6 Hand- und Fußbad sowie Nagelpflege 306 14.3 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen
12.6.1 Hand- und Fußbad 306 und evaluieren 353
12.6.2 Nagelpflege 306 14.3.1 Anlegen der Urinflasche 353
14.3.2 Katheterisieren der Harnblase 354
12.7 Augen-, Nasen-, Ohrenpflege sowie Pflege
von Brille und Kontaktlinsen 307 14.4 Gesundheitsförderung, Beratungsaspekte und
12.7.1 Augenpflege 307 Patienteninformation 362
12.7.2 Pflege von Brille und Kontaktlinsen 307 14.4.1 Prävention katheterassoziierter Infektionen
12.7.3 Nasenpflege 307 der Harnwege 362
12.7.4 Ohrenpflege 308 14.4.2 Präventive hygienische Maßnahmen/Hygieneziele 363
14.4.3 Pflegerische Unterstützung physiologischer
12.8 Nass- und Trockenrasur/Bartpflege 309 Fähigkeiten unseres Immunsystems 364
12.8.1 Nassrasur 309 14.4.4 Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK) 365
12.8.2 Trockenrasur 309 14.4.5 Förderung der Harnkontinenz in der Pflege 367
12.9 Bekleidung 310
12.10 Körperpflege in anderen Kulturen 310 B Stuhl 375
Lern- und Leseservice 313
14.5 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
schaften 375
14.5.1 Obstipation 375
13 ATL Essen und Trinken 314 14.5.2 Diarrhöen unter Antibiotikatherapie 377

13.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen- 14.6 Pflegesituationen erkennen, erfassen und
schaften 315 bewerten 377
13.1.1 Nährstoffe 315 14.6.1 Beobachtungskriterien 377
13.1.2 Wissenschaftliche Erkenntnisse 315 14.6.2 Bewertung der Obstipation 377
14.6.3 Bewertung der Diarrhö 381
13.2 Pflegesituationen erkennen, erfassen und 14.6.4 Bewertung der Haut im Analbereich 381
bewerten 319 14.6.5 Bewertung der Blähungen 382
13.2.1 Hunger, Appetit, Sättigung, Durst 319 14.6.6 Stuhldiagnostik 382
13.2.2 Ernährungszustand beobachten und beurteilen 320
13.2.3 Veränderungen des Ernährungszustandes 321 14.7 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen
13.2.4 Ernährungsformen und Unverträglichkeiten 324 und evaluieren 383
14.7.1 Benutzung des Steckbeckens 383
13.3 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen 14.7.2 Verwenden des Toilettenstuhls 384
und evaluieren 327 14.7.3 Fördern der selbstständigen Toilettenbenutzung 384
13.3.1 Situationseinschätzung 327 14.7.4 Anwenden von Abführzäpfchen 384
13.3.2 Unterstützung bei Appetitlosigkeit 327

XXII
Inhaltsverzeichnis

14.7.5 Manuelle Techniken zur Beeinflussung einer 16.3 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen
schweren Obstipation 385 und evaluieren 433
14.7.6 Pflege bei Stuhlinkontinenz 385 16.3.1 Prophylaxe nosokomialer Infektionen 434
14.7.7 Darmeinlauf 387 16.3.2 Verbessern der Lungenventilation 436
14.7.8 Klistier 387 16.3.3 Vermeiden von Sekretansammlung 444
14.7.9 Darmspülung 389 16.3.4 Vermeiden von Aspiration 450
14.7.10 Kontinuierliches Stuhldränagesystem 390 16.3.5 Professionelle Interventionen bei Atemnot 450
14.8 Gesundheitsförderung, Beratungsaspekte und 16.4 Gesundheitsförderung, Beratungsaspekte,
Patienteninformation 390 Patientensicherheit 451
14.8.1 Prävention und pflegerische Unterstützung 16.4.1 Anleitung zu korrekter Atemtechnik bei der
bei Obstipation 390 Inhalation 451
14.8.2 Prävention und pflegerische Unterstützung 16.4.2 Staubexpositionen vermeiden 452
bei Diarrhö 390
14.8.3 Prävention und pflegerische Unterstützung
bei Blähungen 391 B Puls und Blutdruck 453
Lern- und Leseservice 393 16.5 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
schaften 453
16.6 Pflegesituationen erkennen, erfassen und
15 ATL Körpertemperatur bewerten 454
regulieren 396 16.6.1 Puls auffinden und messen 454
16.6.2 Beurteilen des Pulses, Pulsveränderungen 456
15.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen- 16.6.3 Beurteilungskriterien des Blutdrucks 458
schaften 397 16.6.4 Technik des Blutdruckmessens 458
15.1.1 Menschen – homoiotherme Lebewesen 397 16.6.5 Beurteilen des Blutdrucks, Blutdruck-
15.1.2 Wärmehaushalt 397 veränderungen 461
15.2 Pflegesituationen erkennen, erfassen und 16.7 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen
bewerten 399 und evaluieren 463
15.2.1 Körpertemperatur beobachten und beurteilen 399 16.8 Gesundheitsförderung, Beratungsaspekte und
15.3 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen Patienteninformation 464
und evaluieren 404 16.8.1 Ambulante Blutdruckmessungen und Selbst-
15.3.1 Hypothermie 404 messungen 464
15.3.2 Fieber 404 16.8.2 Senkung des Blutdrucks durch Nahrungsmittel
15.3.3 Schweißsekretion (Transpiration) und ihre und Aktivität 465
Veränderungen 408 Lern- und Leseservice 467
15.3.4 Allgemeine Maßnahmen zur Unterstützung
der Körpertemperaturregulierung 409
15.3.5 Wärme- und Kälteanwendungen (Thermotherapie) 410
17 ATL Sich sicher fühlen und
15.4 Gesundheitsförderung, Beratungsaspekte und
Patienteninformation 419 verhalten 470
Lern- und Leseservice 421
A Sicherheit in der Pflege 471
17.1 Bedeutung von Sicherheit 471
16 ATL Atmen, Puls und
17.2 Patientensicherheit 472
Blutdruck 424 17.2.1 WHO-Programm „Patient Safety“ 472
17.2.2 Aktionsbündnis Patientensicherheit 473
A Atmen 425 17.3 Fehlerkultur 473
17.3.1 Menschliches Versagen 474
16.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen- 17.3.2 Entstehung kritischer Ereignisse 475
schaften 425 17.3.3 Personelle Besetzung 476
16.2 Pflegesituationen erkennen, erfassen und 17.4 Risikomanagement 477
bewerten 426
16.2.1 Beurteilungskriterien der Atmung 426 17.5 Handlungsbedarf 478
16.2.2 Atemrhythmus und -frequenz erfassen und 17.6 Patientensicherheit aus pflegerischer Sicht 479
bewerten 427 17.6.1 Risiko: Ortsfixierung und Bettlägerigkeit 479

XXIII
Inhaltsverzeichnis

B Infektionsschutz 483 19.4 Kommunikationshilfen 518


19.5 Kommunikation und Pflege 519
17.7 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen- Lern- und Leseservice 522
schaften 483
17.7.1 Stufen der Empfehlungen des Robert Koch-
Instituts (RKI) 483
17.7.2 Auswahl wissenschaftlicher Erkenntnisse 483 20 ATL Kind, Frau, Mann sein 524
17.8 Pflegesituationen erkennen, erfassen und 20.1 Bedeutung für den Menschen 525
bewerten 484 20.1.1 Geschlechtsentwicklung 525
17.8.1 Ursachen für Infektionen im Krankenhaus 484
17.8.2 Pflegebezogene Grundlagen der Hygiene 485 20.2 Grundlagen der Entwicklung 526
20.2.1 Körperliche Entwicklung 526
17.9 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen 20.2.2 Geschlechtliche Reifung 526
und evaluieren 486 20.2.3 Zyklus der Frau 527
17.9.1 Professionelle Händehygiene 486 20.2.4 Konzeption, Konzeptionsverhütung,
17.9.2 Korrekter Umgang mit Schutzhandschuhen 489 Familienplanung 528
17.9.3 Handhaben steriler Materialien 491 20.2.5 Klimakterium 529
17.9.4 Multiresistente Mikroorganismen 492
20.3 Psychologische Grundlagen 529
17.10 Gesundheitsförderung, Beratungsaspekte und 20.3.1 Schamgefühl 529
Patienteninformation 493 20.3.2 Intimsphäre/Intimität 530
Lern- und Leseservice 494 20.3.3 Nähe und Distanz 530
20.3.4 Selbstwertgefühl 530
20.4 Sexualität 531
18 ATL Raum und Zeit gestalten – 20.5 Wirkung von Krankheit 533
arbeiten und spielen 498 20.5.1 Therapeutische Berührung 533
Lern- und Leseservice 535
18.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
schaften 499
18.1.1 Ordnen von Raum und Zeit 499
18.1.2 Wahrnehmung des Raums 499 21 ATL Sinn finden im Werden –
18.1.3 Zeit 499 Sein – Vergehen 536
18.1.4 Arbeit und Freizeit 502
18.2 Pflegesituationen erkennen, erfassen und 21.1 Sinn finden 537
bewerten 503 21.2 Sterben als erlebte Krise 539
18.2.1 Unterstützung bei Raumproblemen 503
18.2.2 Unterstützung bei Zeitproblemen 504 21.3 Sterben und Tod 540
18.2.3 Unterstützung bei Stress 505 21.4 Palliative Care: wahrnehmen – verstehen –
18.2.4 Störungen des Arbeit-Freizeit-Rhythmus 506 schützen 542
18.3 Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen 21.5 Begleitung Sterbender 546
und evaluieren 507 21.5.1 Besonderheiten der Kommunikation 546
18.3.1 Unterstützen in Zeiten des Krankseins 507 21.5.2 An Sinneswahrnehmungen und Symptomen
18.3.2 Lesen – Vorlesen – Lachen 507 orientierte pflegerische Interventionen 546
18.3.3 Ergo-, Musik- und Kunsttherapie 508 21.5.3 Phasen des Sterbens 549
Lern- und Leseservice 511 21.5.4 Körperliche Symptome des Sterbens 550
21.5.5 Grenzbereiche Sterben und Tod 551
21.5.6 Bedeutung und Bräuche in verschiedenen
19 ATL Kommunizieren 512 Konfessionen
21.5.7 Pflege nach Eintritt des Todes (Exitus)
553
555
21.5.8 Verabschiedungs- und Aufbahrungskultur 556
19.1 Kommunikation im Alltagsverständnis 513
21.6 Trauer 557
19.2 Kommunikation im Berufsalltag 514 21.6.1 Zuwendung zum Angehörigen 557
19.3 Grundelemente der Kommunikation 515 21.6.2 Psychohygiene für Pflegende 558
19.3.1 Analoge und digitale Kommunikation 515
Lern- und Leseservice 560
19.3.2 Mensch und Sprache 515
19.3.3 Einschränkungen der Kommunikation 516
19.3.4 Grundprinzipien professioneller Kommunikation 516
19.3.5 Kommunikative Leistung der Patienten 517

XXIV
Inhaltsverzeichnis

Teil 3
Bei der medizinischen Diagnostik
und Therapie mitwirken

22 Verabreichen von Arzneimitteln – 24 Mikrobiologische Probe-


Grundlagen der Medikamenten- entnahmen und Monitoring 608
lehre 564
24.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
22.1 Arzneimittelgesetz 565 schaften 609
22.1.1 Arzneimittel 565 24.1.1 Einleitung 609
22.1.2 Indikationen, Nebenwirkungen/Wechselwirkungen 565 24.1.2 Kontamination – Kolonisation – Infektion 609
22.1.3 Verordnung/Verschreibung 566 24.1.3 Untersuchungsarten 610
22.1.4 Betäubungsmittel 566 24.1.4 Antibiotikaresistenzen 610
24.1.5 Qualitätssicherung bei Probeentnahmen 611
22.2 Sicherer Umgang mit Arzneimitteln 567 24.1.6 Grundregeln mikrobiologischer Diagnostik 612
22.2.1 Versorgung mit Arzneimitteln 567
22.2.2 Richten der Medikamente 567 24.2 Situation des Patienten 613
22.2.3 Beurteilung der Compliance 568 24.2.1 Situation des (Risiko-)Patienten bei
22.2.4 Verabreichen der Medikamente 568 Krankenhausaufnahme 613
22.2.5 Wirkung und Nebenwirkung erfassen 569 24.2.2 Information des Patienten 613
22.2.6 Dokumentation 569 24.3 Pflege- und Behandlungsplan 613
22.2.7 Aufbewahren von Arzneimitteln 569 24.3.1 Blutkulturen 614
22.3 Arzneimittelformen 570 24.3.2 Gefäßkatheterspritze 614
22.3.1 Tabletten, Kapseln, Tropfen und Säfte 570 24.3.3 Liquor 614
24.3.4 Pleura-, Perikard-, Synovial-, Peritoneal-Flüssigkeit 615
22.4 Aufnahme, Verteilung und Ausscheidung von 24.3.5 Respirationstrakt 615
Arzneistoffen 574 24.3.6 Uringewinnung zur bakteriellen Diagnostik 617
22.4.1 Aufnahme und Verteilung 574 24.3.7 Urethralabstrich/Vaginalabstrich 619
22.4.2 Abbau und Ausscheidung 574 24.3.8 Gastrointestinaltrakt 619
Lern- und Leseservice 575 24.3.9 Wundsekrete, Punktate und Biopsiematerial 620
Lern- und Leseservice 621

23 Wundmanagement 576
25 Biopsie und Punktion 622
23.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
schaften 577 25.1 Pflege von Patienten bei Biopsie und Punktion 623
23.1.1 Wundentstehung 577 25.1.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissenschaften 623
23.1.2 Begleiterscheinungen von Wunden 577 25.1.2 Situation des Patienten 625
23.1.3 Wundheilung 579 25.1.3 Pflege- und Behandlungsplan 625
23.1.4 Wundheilungsstörungen 581
25.2 Pflege von Patienten mit intraarteriellen
23.2 Situation des Patienten mit chronischen Kanülen oder Kathetern 629
Wundverhältnissen 584 25.2.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissenschaften 629
23.3 Beratungsangebote und Patientenschulungen 585 25.2.2 Situation des Patienten 631
25.2.3 Pflege- und Behandlungsplan 632
23.4 Pflege- und Behandlungsplan 585
23.4.1 Behandlungsprinzipien akuter traumatischer 25.3 Pflege von Patienten mit rückenmarksnahen
Wunden 585 Kathetersystemen zur Schmerzbehandlung 636
23.4.2 Behandlungsprinzipien chronischer Wunden 586 25.3.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissenschaften 636
23.4.3 Heilungsunterstützende Maßnahmen 589 25.3.2 Situation des Patienten 638
23.4.4 Durchführung von Wundverbänden 593 25.3.3 Pflege- und Behandlungsplan 638
23.4.5 Wunddränagen 600
23.4.6 Pflegeschwerpunkte im Umgang mit Dränagen 603
Lern- und Leseservice 605

XXV
Inhaltsverzeichnis

25.4 Pflege von Patienten mit Beckenkammpunktion


und -biopsie 643
28 Transfusionen 706
25.4.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissenschaften 643 28.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
25.4.2 Situation des Patienten 643 schaften 707
25.4.3 Pflege- und Behandlungsplan 643 28.1.1 Indikation 707
Lern- und Leseservice 645 28.1.2 Zusammensetzung und Funktionen des Blutes 707
28.1.3 Immunabwehr – Antikörper und Antigene 708
28.1.4 Blutgruppen 708
26 Injektion und Gefäßpunktion 646 28.1.5 Formen der Transfusion
28.1.6 Blutprodukte
709
711
26.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen- 28.2 Situation des Patienten 713
schaften 647 28.3 Pflege- und Behandlungsplan 714
26.1.1 Vorbereiten von Injektionen 648 28.3.1 Vorbereitung, Lagerung und Kontrolle der
26.2 Situation des Patienten bei Injektionen und Blutkonserven 714
Blutentnahmen 653 28.3.2 Überwachung während der Transfusion 715
28.3.3 Maßnahmen bei Beendigung der Transfusion 716
26.3 Pflege- und Behandlungsplan 654 28.3.4 Beobachtung auf Früh- und Spätkomplikationen 716
26.3.1 Intrakutane Injektion 654 28.3.5 Erste Maßnahmen bei hämolytischen
26.3.2 Subkutane Injektion 655 Transfusionszwischenfällen 717
26.3.3 Subkutane Infusion 658
26.3.4 Intramuskuläre Injektion 659 Lern- und Leseservice 717
26.3.5 Venenpunktion zur Blutentnahme 665
26.3.6 Intravenöse Injektion von Medikamenten 669
26.3.7 Entnahme von Kapillarblut 670 29 Pflegerisch relevante
Lern- und Leseservice 674 Laborparameter und bildgebende
Verfahren 718
27 Infusionen 676 29.1 Labordiagnostik 719
29.1.1 Das Labor als Therapiebegleiter 719
27.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen- 29.1.2 Laborparameter der „klinischen Chemie“ im
schaften 677 Überblick 720
27.1.1 Wasser- und Elektrolythaushalt 677 29.1.3 Mikrobiologische Untersuchungen 727
27.1.2 Infusionslösungen 680
29.2 Bildgebende Verfahren 729
27.2 Zugangswege der Infusionstherapie 681 29.2.1 Röntgendiagnostik 729
27.2.1 Venenverweilkanülen 682 29.2.2 Nuklearmedizin 729
27.2.2 Zentraler Venenkatheter (ZVK) 682 29.2.3 Ultraschall 732
27.2.3 Implantierbare venöse Kathetersysteme 683 29.2.4 Magnetresonanztomografie 732
29.2.5 Verfahren mit Kontrastmittelgabe 733
27.3 Infusionsmaterial und Zubehör 686
29.2.6 Pflegemaßnahmen vor und nach bildgebender
27.3.1 Überleitsysteme 686
Diagnostik 733
27.3.2 Weiteres Zubehör 686
Lern- und Leseservice 734
27.4 Steuerung von Infusionen 687
27.4.1 Schwerkraftgesteuerte Infusionen 687
27.4.2 Pumpengesteuerte Infusionen 687
30 Endoskopie 735
27.5 Situation des Patienten 689
27.6 Pflege- und Behandlungsplan 689 30.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugswissen-
27.6.1 Vorbereitung und Verabreichung von Infusionen 689 schaften 736
27.6.2 Überwachung der Infusionstherapie 691 30.1.1 Gerätetechnische Voraussetzungen 736
27.6.3 Flüssigkeitsbilanz 693 30.1.2 Aufbau und Funktionen eines flexiblen Endoskops 736
27.6.4 Vorbereitung und Legen einer Venenverweilkanüle 694 30.2 Situation des Patienten in der Endoskopie 737
27.6.5 Vorbereitung und Legen eines ZVK 695
27.6.6 Versorgung venöser Zugänge 697 30.3 Pflege- und Behandlungsplan 738
27.6.7 Messung des zentralvenösen Drucks (ZVD) 701 30.3.1 Vorbereitung der Untersuchung durch das
27.6.8 Pflegemaßnahmen bei vollständig Pflegeteam 738
implantierbaren Systemen 702 30.3.2 Durchführung endoskopischer Untersuchungen
27.6.9 Maßnahmen bei teilweise implantierten Kathetern 704 anhand von Fallbeispielen 739
30.3.3 Allgemeine Nachsorge unmittelbar nach der
Lern- und Leseservice 704 Untersuchung 744
30.3.4 Überwachung des ambulanten Patienten 744
30.3.5 Aufbereitung flexibler Endoskope 745
Lern- und Leseservice 747
XXVI
Inhaltsverzeichnis

Teil 4
Gesundheits- und Krankenpflege
bei bestimmten Patientengruppen

31 Pflege von Patienten mit 32 Pflege von Patienten mit


Erkrankungen des Atemsystems 750 Erkrankungen des Herz-Kreislauf-
und Gefäßsystems 779
31.1 Pflege von Patienten mit akuter Bronchitis 752
31.1.1 Medizinischer Überblick 752
31.1.2 Pflege- und Behandlungsplan 752 A Pflege von Patienten mit
31.2 Pflege von Patienten mit chronisch obstruktiver Erkrankungen des Herz-Kreislauf-
Lungenerkrankung (COPD) 753 Systems 780
31.2.1 Medizinischer Überblick 753
31.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 754 32.1 Pflege von Patienten mit koronarer
31.3 Pflege von Patienten mit Bronchiektasen 757 Herzkrankheit 782
31.3.1 Medizinischer Überblick 757 32.1.1 Medizinischer Überblick 782
31.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 757 32.1.2 Pflege- und Behandlungsplan 784

31.4 Pflege von Patienten mit Asthma bronchiale 758 32.2 Pflege von Patienten vor und nach einer
31.4.1 Medizinischer Überblick 758 Linksherzkatheterisierung 787
31.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 759 32.2.1 Medizinischer Überblick 787
32.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 788
31.5 Pflege von Patienten mit zystischer Fibrose
(Mukoviszidose) 764 32.3 Pflege von Patienten mit Herzinfarkt 790
31.5.1 Medizinischer Überblick 764 32.3.1 Medizinischer Überblick 790
31.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 764 32.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 791

31.6 Pflege von Patienten mit Lungen- und 32.4 Pflege von Patienten mit Hypertonie 796
Bronchialtumoren 765 32.4.1 Medizinischer Überblick 796
31.6.1 Medizinischer Überblick 765 32.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 798
31.6.2 Pflege- und Behandlungsplan 766 32.5 Pflege von Patienten mit Herzinsuffizienz 800
31.7 Pflege von Patienten mit Pneumonie 766 32.5.1 Medizinischer Überblick 800
31.7.1 Medizinischer Überblick 766 32.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 802
31.7.2 Pflege- und Behandlungsplan 768 32.6 Pflege von Patienten mit Herzrhythmus-
31.8 Pflege von Patienten mit Pleuritis 769 störungen 806
31.8.1 Medizinischer Überblick 769 32.6.1 Medizinischer Überblick 806
31.8.2 Pflege- und Behandlungsplan 770 32.6.2 Pflege- und Behandlungsplan 811

31.9 Pflege von Patienten mit Pleuraerguss 770 32.7 Pflege von Patienten mit einem operativen
31.9.1 Medizinischer Überblick 770 Eingriff am offenen Herzen 814
31.9.2 Pflege- und Behandlungsplan 771 32.7.1 Medizinischer Überblick Operationstechnik 814
32.7.2 Medizinischer Überblick koronarer Bypass 815
31.10 Pflege von Patienten mit Pneumothorax 772 32.7.3 Medizinischer Überblick Herzklappenfehler 815
31.10.1 Medizinischer Überblick 772 32.7.4 Pflege- und Behandlungsplan 817
31.10.2 Pflege- und Behandlungsplan 773
32.8 Pflege von Patienten mit akutem
31.11 Pflege von Patienten mit Thorakotomie 774 Herz-Kreislauf-Stillstand 819
31.11.1 Medizinischer Überblick 774 32.8.1 Medizinischer Überblick 819
31.11.2 Pflege- und Behandlungsplan 774 32.8.2 Pflege- und Behandlungsplan 821
Lern- und Leseservice 777

XXVII
Inhaltsverzeichnis

B Pflege von Patienten mit 34 Pflege von Patienten mit


Erkrankungen des arteriellen und Erkrankungen des
venösen Gefäßsystems 827 Verdauungssystems 864
32.9 Pflege von Patienten mit peripherer arterieller 34.1 Pflege von Patienten mit Erkrankungen des
Verschlusskrankheit 827 Ösophagus 866
32.9.1 Medizinischer Überblick 827 34.1.1 Medizinischer Überblick Ösophagitis 866
32.9.2 Pflege- und Behandlungsplan 828 34.1.2 Pflege- und Behandlungsplan 867
32.10 Pflege von Patienten mit akutem 34.1.3 Medizinischer Überblick Ösophagus- bzw.
Arterienverschluss 830 Fundusvarizen 867
32.10.1 Medizinischer Überblick 830 34.1.4 Pflege- und Behandlungsplan 868
32.10.2 Pflege- und Behandlungsplan 830 34.1.5 Medizinischer Überblick Ösophaguskarzinom 869
34.1.6 Pflege- und Behandlungsplan 870
32.11 Pflege von Patienten mit Erkrankungen der
venösen Gefäße 831 34.2 Pflege von Patienten mit Erkrankungen des
32.11.1 Medizinischer Überblick 831 Magens und Duodenums 871
32.11.2 Pflege- und Behandlungsplan 833 34.2.1 Medizinischer Überblick Ulcus pepticum 871
34.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 873
32.12 Pflege von Patienten mit Lungenembolie 835 34.2.3 Medizinischer Überblick Magenkarzinom 873
32.12.1 Medizinischer Überblick 835 34.2.4 Pflege- und Behandlungsplan 874
32.12.2 Pflege- und Behandlungsplan 837
34.3 Pflege von Patienten mit Appendizitis 876
Lern- und Leseservice 838 34.3.1 Medizinischer Überblick 876
34.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 877
34.4 Pflege von Patienten mit chronisch-entzündlichen
33 Pflege von Patienten mit Darmerkrankungen 878
Erkrankungen des Harnsystems 840 34.4.1 Medizinischer Überblick 878
34.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 879
33.1 Pflege von Patienten mit Harnsteinleiden 842 34.5 Pflege von Patienten mit Ileus 880
33.1.1 Medizinischer Überblick 842 34.5.1 Medizinischer Überblick 880
33.1.2 Pflege- und Behandlungsplan 844 34.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 881
33.2 Pflege von Patienten mit Harnwegsinfektion 845 34.6 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
33.2.1 Medizinischer Überblick 845 des Dickdarms 881
33.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 846 34.6.1 Medizinischer Überblick Divertikulose und
33.3 Pflege von Patienten mit akuter Divertikulitis 881
Glomerulonephritis 848 34.6.2 Pflege- und Behandlungsplan 882
33.3.1 Medizinischer Überblick 848 34.6.3 Medizinischer Überblick Dickdarmpolypen 882
33.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 848 34.6.4 Pflege- und Behandlungsplan 883
34.6.5 Medizinischer Überblick kolorektales
33.4 Pflege von Patienten mit urologischen Dickdarmkarzinom 883
Operationen 850 34.6.6 Pflege- und Behandlungsplan 884
33.4.1 Medizinischer Überblick 850 34.6.7 Medizinischer Überblick Hämorrhoiden 885
33.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 850 34.6.8 Pflege- und Behandlungsplan 886
33.5 Pflege dialysepflichtiger Patienten 852 34.7 Pflege von Patienten mit Stomaanlage 886
33.5.1 Medizinischer Überblick 852 34.7.1 Medizinischer Überblick 886
33.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 855 34.7.2 Pflege- und Behandlungsplan 887
33.6 Pflege von Patienten mit Nierentransplantation 858 34.8 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
33.6.1 Medizinischer Überblick 858 der Leber, Gallenblase und Gallenwege 891
33.6.2 Pflege- und Behandlungsplan 859 34.8.1 Medizinischer Überblick Leberzirrhose 891
Lern- und Leseservice 863 34.8.2 Pflege- und Behandlungsplan 893
34.8.3 Medizinischer Überblick Gallensteine 894
34.8.4 Pflege- und Behandlungsplan 895
34.9 Pflege von Patienten mit Lebertransplantation 896
34.9.1 Medizinischer Überblick 896
34.9.2 Pflege- und Behandlungsplan 896
34.10 Pflege von Patienten mit Hepatitis 897
34.10.1 Medizinischer Überblick 897
34.10.2 Pflege- und Behandlungsplan 898

XXVIII
Inhaltsverzeichnis

34.11 Pflege von Patienten mit Erkrankungen 36.2 Pflege von Frauen nach Uterusoperationen 940
des Pankreas 900 36.2.1 Medizinischer Überblick 940
34.11.1 Medizinischer Überblick „Akute Pankreatitis“ 900 36.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 941
34.11.2 Pflege- und Behandlungsplan 901
36.3 Pflege von Frauen mit Descensus genitalis 943
34.11.3 Medizinischer Überblick chronische Pankreatitis 902
36.3.1 Medizinischer Überblick 943
34.11.4 Pflege- und Behandlungsplan 902
36.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 944
34.12 Pflege von Patienten mit Hernien 903
36.4 Pflege von Frauen mit Brustkrebs 947
34.12.1 Medizinischer Überblick 903
36.4.1 Medizinischer Überblick 947
34.12.2 Pflege- und Behandlungsplan 904
36.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 949
Lern- und Leseservice 905
36.5 Pflege von Frauen mit sekundärem
Armlymphödem 952
36.5.1 Medizinischer Überblick 952
35 Betreuung von Frauen in der 36.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 953
Geburtshilfe und Neugeborenen- Lern- und Leseservice 955
pflege 906
35.1 Schwangerschaft 908 37 Pflege von Männern mit
35.1.1 Mutter und Vater werden 908
35.1.2 Schwangerschaftsverlauf 908
Erkrankungen der Geschlechts-
35.1.3 Schwangerschaftsvorsorge und Geburts- organe 956
vorbereitung 909
37.1 Pflege von Männern mit Prostataerkrankungen 958
35.2 Pflege von Frauen mit drohender Frühgeburt 910
37.1.1 Medizinischer Überblick 958
35.2.1 Medizinischer Überblick 910
37.1.2 Pflege- und Behandlungsplan 960
35.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 912
37.2 Pflege von Männern mit Erkrankungen an
35.3 Pflege von Frauen mit hypertensiven
Hoden (Testis) oder Hodensack (Skrotum) 962
Erkrankungen in der Schwangerschaft 914
37.2.1 Medizinischer Überblick 962
35.3.1 Medizinischer Überblick 914
37.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 963
35.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 916
37.3 Pflege von Männern mit Veränderungen der
35.4 Pflege von Frauen nach Kaiserschnittent-
Fertilität 964
bindungen 918
37.3.1 Medizinischer Überblick 964
35.4.1 Medizinischer Überblick 918
37.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 965
35.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 918
37.4 Pflege von Männern mit erektiler Dysfunktion
35.5 Pflege von Frauen mit einer Fehl- oder Totgeburt 920
(Veränderungen der Gliedsteifigkeit) 965
35.5.1 Medizinischer Überblick 920
37.4.1 Medizinischer Überblick 965
35.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 921
37.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 966
35.6 Geburt 924
37.5 Pflege von Männern mit Erkrankungen am Penis 967
35.6.1 Geburtsort 924
37.5.1 Medizinischer Überblick 967
35.6.2 Geburtsverlauf 924
37.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 968
35.7 Versorgung des Neugeborenen 925
Lern- und Leseservice 968
35.7.1 Maßnahmen nach der Geburt 925
35.7.2 Stillen 927
35.7.3 Versorgung im Wochenbett 928
35.7.4 Komplikationen im Wochenbett 929 38 Pflege von Patienten mit
Lern- und Leseservice 931 Erkrankungen des endokrinen
Systems 969
36 Pflege von Frauen in der 38.1 Pflege von Menschen mit Diabetes mellitus 971
38.1.1 Medizinischer Überblick 971
Gynäkologie 932 38.1.2 Basistherapie bei Diabetes mellitus 974
38.1.3 Insulintherapie und Insulininjektion 976
36.1 Gynäkologische Untersuchungen 934
38.1.4 Diabetes und Ernährung 979
36.1.1 Medizinischer Überblick 934
38.1.5 Diabetesbedingte Akutkomplikationen 980
36.1.2 Medizinischer Überblick symptomorientierte
38.1.6 Diabetesbedingte Folgekomplikationen 982
Untersuchungen 934
38.1.7 Beratung und Schulung 985
36.1.3 Medizinischer Überblick Vorsorgeuntersuchungen 935
36.1.4 Pflege- und Behandlungsplan 938
36.1.5 Besondere gynäkologische Untersuchungs-
situationen 939

XXIX
Inhaltsverzeichnis

38.2 Pflege von Patienten mit Krankheiten der 40.4.2 Medizinischer Überblick Kataraktoperation 1035
Thyreoidea (Schilddrüse) 986 40.4.3 Pflege- und Behandlungsplan 1036
38.2.1 Medizinischer Überblick 987
Lern- und Leseservice 992 B Pflege von Patienten mit
Erkrankungen des Hals-Nasen-
39 Pflege von Patienten mit Ohrenbereichs 1037
Erkrankungen des 40.5 Pflege von Patienten mit Tonsillitis 1038
Bewegungssystems 993 40.5.1 Medizinischer Überblick akute Tonsillitis 1038
40.5.2 Medizinischer Überblick chronische Tonsillitis 1038
39.1 Pflege von Patienten mit Osteoporose 995 40.5.3 Pflege- und Behandlungsplan 1039
39.1.1 Medizinischer Überblick 995 40.6 Pflege von Patienten mit Larynxkarzinom 1039
39.1.2 Pflege- und Behandlungsplan 997 40.6.1 Medizinischer Überblick 1039
39.2 Pflege von Patienten mit rheumatischen und 40.6.2 Pflege- und Behandlungsplan 1040
degenerativen Gelenkerkrankungen 999 40.7 Pflege von Patienten mit Nasennebenhöhlen-
39.2.1 Medizinischer Überblick 999 erkrankungen 1041
39.2.2 Situation des Patienten 1000 40.7.1 Medizinischer Überblick chronische Sinusitis 1041
39.2.3 Pflege- und Behandlungsplan 1001 40.7.2 Medizinischer Überblick chronische
39.3 Pflege von Patienten mit Erkrankungen der Nasenpolypen 1042
Bandscheiben 1004 40.7.3 Pflege- und Behandlungsplan 1042
39.3.1 Medizinischer Überblick Bandscheibenvorfall 1005 40.8 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
39.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 1007 des Ohres 1043
39.4 Pflege von Patienten mit Frakturen 1010 40.8.1 Medizinischer Überblick Paukenerguss 1043
39.4.1 Medizinischer Überblick 1010 40.8.2 Medizinischer Überblick Schwerhörigkeit 1043
39.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 1013 40.8.3 Pflege- und Behandlungsplan 1043

39.5 Pflege von Patienten mit Amputationen 1020


39.5.1 Medizinischer Überblick 1020 C Pflege von Patienten mit
39.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 1021
Erkrankungen der Haut 1045
39.6 Pflege von Patienten mit Osteosarkom 1024
39.6.1 Medizinischer Überblick 1024 40.9 Pflege von Patienten mit Erkrankungen
39.6.2 Pflege- und Behandlungsplan 1025 der Haut 1045
Lern- und Leseservice 1025 40.9.1 Medizinischer Überblick Ekzemerkrankungen 1045
40.9.2 Medizinischer Überblick akute Kontaktdermatitis 1046
40.9.3 Medizinischer Überblick chronisches
Kontaktekzem 1047
40 Pflege von Patienten mit 40.9.4 Medizinischer Überblick atopisches Ekzem 1047
Erkrankungen der Augen, des 40.9.5 Pflege- und Behandlungsplan 1048
40.9.6 Medizinischer Überblick Psoriasis 1048
Hals-Nasen-Ohrenbereiches 40.9.7 Pflege- und Behandlungsplan 1049
oder der Haut 1027 40.9.8 Medizinischer Überblick primäre Pyodermien 1049
40.9.9 Medizinischer Überblick Impetigo contagiosa 1049
40.9.10 Medizinischer Überblick Erysipel (Wundrose) 1050
A Pflege von Patienten mit 40.9.11 Pflege- und Behandlungsplan 1050
Erkrankungen der Augen 1028 40.10 Pflege von Patienten mit Verbrennungen 1050
40.10.1 Medizinischer Überblick 1050
40.1 Pflege von Patienten mit Augenerkrankungen 1028
40.10.2 Pflege- und Behandlungsplan 1053
40.1.1 Medizinischer Überblick 1028
40.1.2 Pflege- und Behandlungsplan 1030 Lern- und Leseservice 1054
40.2 Pflege von Patienten mit Sehbehinderungen
oder Blindheit 1032
40.2.1 Medizinischer Überblick 1032 41 Pflege von Patienten mit
40.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 1033 Infektionskrankheiten 1055
40.3 Pflege von Patienten mit Enukleation und
Augenprothese 1034 41.1 Entstehung von Infektionen 1057
40.3.1 Medizinischer Überblick 1034 41.1.1 Infektionsquelle und Übertragungswege 1057
40.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 1034 41.1.2 Eintrittspforte und Infektionsempfänger 1058
41.1.3 Schutzmaßnahmen 1059
40.4 Pflege von Patienten mit Augenoperationen 1035
40.4.1 Medizinischer Überblick 1035

XXX
Inhaltsverzeichnis

41.2 Pflege von Patienten mit HIV/AIDS


41.2.1 Medizinischer Überblick
1059
1059
43 Pflege von Patienten mit
41.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 1062 psychiatrischen Erkrankungen 1126
41.3 Pflege von Patienten mit Clostridium-
43.1 Grundlagen psychiatrischer Pflege 1127
difficile-assoziierter Diarrhö (CDAD) 1064
43.1.1 Beziehungsgestaltung 1127
41.3.1 Medizinischer Überblick 1064
43.1.2 Stress-Vulnerabilitäts-Modell 1128
41.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 1065
43.2 Therapeutische Interventionen in der
41.4 Pflege von Patienten mit Norovirus-Infektion 1066
Psychiatrie 1128
41.4.1 Medizinischer Überblick 1066
43.2.1 Therapeutische Gruppen 1128
41.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 1067
43.2.2 Medikamentöse Behandlung in der Psychiatrie 1130
41.5 Pflege von Patienten mit Meningitis 1068 43.2.3 Adhärenz – Ein wichtiges Arbeitsfeld der Pflege 1130
41.5.1 Medizinischer Überblick 1068 43.2.4 Mangelnde Adhärenz als Problem bei
41.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 1069 chronischen Erkrankungen 1131
43.2.5 Adhärenz-Therapie als Interventionsform 1132
41.6 Pflege von Patienten mit Atemwegs-
43.2.6 Adhärenz als berufsgruppenübergreifendes
Tuberkulose 1070
Thema 1133
41.6.1 Medizinischer Überblick 1070
41.6.2 Pflege- und Behandlungsplan 1071 43.3 Umgang mit Aggression und Gewalt 1133
43.3.1 Interventionen 1133
Lern- und Leseservice 1072
43.3.2 Fixierung und Isolierung 1135
43.4 Pflege von psychotisch erkrankten Menschen
42 Pflege von Patienten mit am Beispiel Schizophrenie
43.4.1 Medizinischer Überblick
1136
1136
Erkrankungen des ZNS 1074 43.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 1140

42.1 Pflege von Patienten mit erworbenen 43.5 Pflege bei affektiven Erkrankungen am
Hirnschädigungen 1077 Beispiel der Depression 1140
42.1.1 Medizinischer Überblick 1077 43.5.1 Medizinischer Überblick 1140
42.1.2 Pflege- und Behandlungsplan 1079 43.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 1142
42.1.3 Einführung in das Bobath-Konzept 1079 43.6 Pflege bei suizidalen Menschen 1144
42.1.4 Symptomorientierte Pflege nach dem 43.6.1 Medizinischer Überblick 1144
Bobath-Konzept 1081 43.6.2 Pflege- und Behandlungsplan 1145
42.1.5 Aktivierende pflegetherapeutische Maßnahmen
nach dem Bobath-Konzept 1086 43.7 Pflege bei Abhängigkeitserkrankungen
am Beispiel der Alkoholabhängigkeit 1148
42.2 Pflege von Patienten mit Paraplegie oder 43.7.1 Medizinischer Überblick 1148
Tetraplegie 1093 43.7.2 Pflege- und Behandlungsplan 1150
42.2.1 Medizinischer Überblick Querschnittlähmung 1093
42.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 1094 43.8 Pflege von alten Menschen mit demenziellen
42.2.3 Potenzielle Komplikationen 1103 Erkrankungen 1151
43.8.1 Medizinischer Überblick 1151
42.3 Pflege von Patienten nach Intoxikation 1103 43.8.2 Medikamentöse Therapie 1154
42.3.1 Medizinischer Überblick 1103 43.8.3 Pflege- und Behandlungsplan 1154
42.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 1105
Lern- und Leseservice 1158
42.4 Pflege von Patienten mit Multipler Sklerose 1108
42.4.1 Medizinischer Überblick 1108
42.4.2 Pflege- und Behandlungsplan 1110
44 Pflege des alten Menschen 1161
42.5 Pflege von Patienten mit Morbus Parkinson 1112
42.5.1 Medizinischer Überblick 1112 44.1 Neues Bild vom Alter 1162
42.5.2 Pflege- und Behandlungsplan 1115
44.2 Komplexität der Pflegesituationen alter
42.6 Pflege von Patienten mit zerebralen Menschen 1163
Krampfanfällen 1119 44.2.1 ATL Kommunizieren 1163
42.6.1 Medizinischer Überblick 1119 44.2.2 ATL Sich bewegen 1164
42.6.2 Pflege- und Behandlungsplan 1122 44.2.3 ATL Essen und trinken 1164
44.2.4 ATL Ausscheiden 1164
Lern- und Leseservice 1124
44.2.5 ATL Sich waschen und kleiden und ATL
Atmen, Puls, Blutdruck 1164
44.2.6 ATL Sich sicher fühlen und verhalten 1164
44.2.7 ATL Sinn finden im Werden – Sein – Vergehen 1164
44.2.8 ATL Raum und Zeit gestalten – Arbeiten und
Spielen 1164

XXXI
Inhaltsverzeichnis

44.3 Der ältere Mensch in Krisensituationen 46.5.5 Therapiebedingte Blutbildungsstörungen 1209


(z. B. im Krankenhaus) 1164 46.5.6 Therapiebedingte Ernährungsstörungen 1213
44.3.1 Praxistipps 1164
Lern- und Leseservice 1217
Lern- und Leseservice 1166

47 Perioperative Pflege 1219


45 Pflege von Patienten mit
Schmerzen 1167 47.1 Präoperative Phase 1220
47.1.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugs-
wissenschaften 1220
45.1 Einleitung 1168
47.1.2 Situation des Patienten 1223
45.2 Medizinischer Überblick 1168 47.1.3 Pflege- und Behandlungsplan 1224
45.2.1 Definition 1168
47.2 Intraoperative Phase 1225
45.2.2 Entstehung chronischer Schmerzen 1169
47.2.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugs-
45.2.3 Einfluss des Schmerzes 1170
wissenschaften 1225
45.3 Therapie/Pflege- und Behandlungsplan 1170 47.2.2 Pflege- und Behandlungsplan 1229
45.3.1 Schmerzeinschätzung 1170
47.3 Postoperative Phase 1232
45.3.2 Schmerztherapie 1174
47.3.1 Grundlagen aus Pflege- und Bezugs-
45.3.3 Medikamentöse Schmerztherapie von
wissenschaften 1232
chronischen Schmerzen 1176
47.3.2 Pflege- und Behandlungsplan 1232
45.3.4 Nichtmedikamentöse Schmerztherapie 1185
45.3.5 Information, Anleitung und Schulung 1186 Lern- und Leseservice 1234
Lern- und Leseservice 1187

48 Intensivpflege 1235
46 Prinzipien der Pflege und
48.1 Medizinischer Überblick 1236
Therapie onkologischer Patienten 1188 48.1.1 Intensivmedizin 1236
48.1.2 Intubation 1237
46.1 Onkologische Grundlagen 1189 48.1.3 Tracheotomie 1237
46.1.1 Begriffserklärungen und Einführung in die 48.1.4 Ateminsuffizienz 1237
Onkologie 1189 48.1.5 Herz-Kreislauf-Insuffizienz 1238
46.1.2 Tumorentstehung 1189
48.2 Pflege- und Behandlungsplan 1239
46.1.3 Kategorisierung von Tumoren 1190
48.2.1 Organisation der Intensivpflege 1239
46.1.4 Risikofaktoren und Prävention 1191
48.2.2 Überwachung des intensivpflegebedürftigen
46.1.5 Epidemiologie 1192
Patienten 1240
46.2 Tumordiagnostik 1193 48.2.3 Psychosoziale Betreuung und unterstützende
46.2.1 Anamnese und körperliche Untersuchung 1193 Kommunikation 1241
46.2.2 Untersuchungsmethoden in der Tumordiagnostik 1193 48.2.4 Pflegerische Aufgaben bei der Durchführung
der Intubation und Tracheotomie 1243
46.3 Tumorbehandlung 1194
48.2.5 Grundlagen der Beatmung 1244
46.3.1 Therapieziele 1194
48.2.6 Pflegemaßnahmen bei beatmeten Patienten 1245
46.3.2 Behandlungsmöglichkeiten 1195
48.2.7 Pflegemaßnahmen bei tracheotomierten
46.3.3 Wirkung und Therapieerfolg 1199
Patienten 1246
46.4 Medizinischer Überblick bösartiger 48.2.8 Atemunterstützende Maßnahmen 1248
Erkrankungen des Blut- oder Lymphsystems 1200 48.2.9 Nichtinvasive Atemhilfen 1251
46.4.1 Leukämien 1200 48.2.10 Intensivpflege im eigenen Lebensumfeld
46.4.2 Maligne Lymphome 1201 des Patienten 1252
46.5 Pflege- und Behandlungsplan von Patienten Lern- und Leseservice 1255
mit Leukämien, malignen Lymphomen und
multiplen Myelomen 1203
46.5.1 Therapieinduzierte Übelkeit und Erbrechen 1203 Abbildungsverzeichnis 1256
46.5.2 Therapiebedingter Haarausfall (Alopezie) 1205
46.5.3 Therapiebedingte Mund- und Schleimhaut-
veränderungen (Mukositis) 1206 Sachverzeichnis 1258
46.5.4 Therapiebedingte Diarrhö 1208
Lernkontrollfragen 1258

Pflegeplanungen 1258

XXXII
1 Grundlagen des Pflegeberufs

2
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf 4

2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege 24

3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung 44

4 Organisation, Management und Recht 74

5 Ethik – Herausforderungen und Entscheidungen 132

6 Menschliche Entwicklung und Sozialisation 148

7 Gesundheit und Krankheit – Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention 158

8 Patientenedukation – Beratung, Schulung, Information in der Pflege 172

9 Grundlagen der Hygiene 184

3
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

1 Gesundheits- und Krankenpflege –


Ausbildung und Beruf Gertrud Hundenborn

1.1 Pflegeberufe in der Entwicklung 5 1.6 Berufsgeschichte und Geschichtsbewusstsein 15


1.2 Verwandte Berufe wachsen zusammen 6 1.7 Berufsauffassungen in der Krankenpflege 20
1.3 Grundlagen der Ausbildung 7 1.8 Der Pflegeberuf als Frauenberuf 21
1.4 Arbeitsgebiete und Handlungsfelder 12 1.9 Berufsorganisationen und Berufsverbände 22
1.5 Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten 12

4
1.1 Pflegeberufe in der Entwicklung 1
1.1 Pflegeberufe in der Entwicklung
Die Berufe der Gesundheits- und Kran- in der Berufswelt. So können bisherige duellen Erfahrungen berufen oder sich
kenpflege sowie der Gesundheits- und Berufe aufgelöst, neue Berufe geschaf- auf Erkenntnisse aus anderen Wissen-
Kinderkrankenpflege gehören zu den Be- fen oder bestehende Berufe in ihrem schaften gestützt, etwa auf Erkenntnisse
rufen mit einer langen Berufstradition. Aufgabenprofil und ihrem Zuständig- der naturwissenschaftlich orientierten
Die neuen Berufsbezeichnungen „Ge- keitsbereich verändert werden. Medizin. Heute wird zunehmend erwar-
sundheits- und Krankenpfleger“ bzw. Vor diesem Hintergrund sind auch die tet, dass Pflegende ihr Handeln auf der
„Gesundheits- und Kinderkrankenpfle- neuen Berufsbezeichnungen in den Pfle- Grundlage ihres eigenen Wissensgebie-
ger“ weisen jedoch auf Veränderungen geberufen zu verstehen. Die gesell- tes planen, durchführen und rechtferti-
und Entwicklungen des Berufes hin. Mit schaftlichen Entwicklungen, insbesonde- gen können.
dem Gesetz über die Berufe in der Kran- re im Bereich der Gesundheitsversor- Die Pflegewissenschaft und -for-
kenpflege und zur Änderung anderer Ge- gung, sind durch gravierende Verände- schung ist für den Aufbau eines solchen
setze vom 16. Juli 2003 wurden die rungen gekennzeichnet. Wissensgebietes verantwortlich. Sie si-
neuen Berufsbezeichnungen eingeführt Von den Angehörigen der Pflege- und chert und ordnet pflegespezifisches Wis-
und haben die bislang geltenden Berufs- Gesundheitsberufe wird erwartet, dass sen, das für eine eigene pflegerische Ex-
bezeichnungen „Krankenschwester“ und sie diese Herausforderungen aufgreifen pertise notwendig ist. Sie erforscht z. B.,
„Krankenpfleger“ bzw. „Kinderkranken- und kompetent bewältigen. Die Ausbil- welche pflegerischen Handlungen wirk-
schwester“ und „Kinderkrankenpfleger“ dung hat die Aufgabe, auf die Anforde- sam oder unwirksam sind (vgl. evidenz-
abgelöst (Abb. 1.1). Wer nach dem 1. Ja- rungen des Berufes angemessen vor- basierte Pflege, S. 54).
nuar 2004 eine Ausbildung in der Kran- zubereiten. Sie muss deshalb die neuen Der Gesetzgeber fordert, dass pflege-
ken- bzw. Kinderkrankenpflege erfolg- Herausforderungen entsprechend auf- wissenschaftliche Erkenntnisse wichtige
reich abgeschlossen hat, erhält die Er- greifen. Ausbildungsgrundlagen sein müssen.
laubnis zur Führung einer der neuen Be- Mit der Abkehr von einem stark natur-
Notwendigkeit der Reformen
rufsbezeichnungen. wissenschaftlich geprägten Pflegever-
Der Gesetzgeber hat ausführlich begrün-
Berufe sind aus der Arbeitsteilung in ständnis und der Hinwendung zur Le-
det, warum die bisherige Ausbildung in
unserer Gesellschaft hervorgegangen, bensweltperspektive geht auch einher,
der Kranken- und Kinderkrankenpflege
weil in komplexeren Gesellschaften eine dass Pflege und Pflegeausbildung nicht
verändert werden musste. Er weist ins-
Spezialisierung erforderlich ist. Ausge- länger auf die kurative Dimension, d. h.
besondere auf drei Entwicklungen hin:
wählte Aufgaben des gesellschaftlichen auf die Heilung von Krankheiten, be-
Lebens werden dauerhaft an bestimmte 1. Neue Arbeitsfelder sind entstanden schränkt bleiben.
Personengruppen übertragen, die hier- Berufliche Pflege wurde lange Zeit über-
für i. d. R. speziell ausgebildet sind. wiegend im Krankenhaus ausgeübt. Die P R ÄV E N T I O N & G E S U N D -
Ausbildung war ebenfalls auf die Pflege H E I T S F Ö R D E R U N G Auch ge-
Beruf und Gesellschaft
im Krankenhaus ausgerichtet. Verände- sundheitsförderndes und präventives
Angehörige einer Berufsgruppe erfüllen
rungen, insbesondere im Sozialversiche- sowie rehabilitatives und palliatives Pfle-
einen gesellschaftlichen Auftrag. Als Ge-
rungsrecht, erfordern nunmehr neben gehandeln gewinnt zunehmend an Be-
genleistung erhalten sie Geld und soziale
der Pflege im Krankenhaus die Pflege deutung (Begründung KrPflG 2003;
Anerkennung. Veränderungen in einer
im ambulanten und häuslichen Bereich, Hundenborn 2005 c).
Gesellschaft führen zu Veränderungen
in teilstationären Bereichen, in Langzeit-
pflege- und Rehabilitationseinrichtungen 3. Interdisziplinäres Arbeiten wird immer
sowie in Bereichen der Gesundheitsför- wichtiger
derung. Pflegende müssen also in der Bereits heute kommt der Pflege älterer,
Lage sein, die unterschiedlichen Pflege- alter und hochbetagter Menschen eine
und Lebenssituationen in verschiedenen besondere Bedeutung zu. Aufgrund der
Versorgungsgebieten in ihrem Handeln Bevölkerungsentwicklung werden diese
zu berücksichtigen. Hierzu gehört auch Herausforderungen weiter zunehmen.
die Einbeziehung des familiären und so- Gesundheits- und Krankenpfleger benö-
zialen Umfeldes sowie des kulturellen tigen entsprechende Kompetenzen im
Hintergrundes der Menschen mit Pflege- Umgang mit alten und kranken Men-
bedarf (Begründung KrPflG 2003; Hun- schen. Der Gesetzgeber unterstreicht
denborn u. Knigge-Demal 1996, Hunde- deshalb die Notwendigkeit einer Koope-
nborn 2005 c). ration der Berufe in der Krankenpflege
mit den Berufen in der Altenpflege (Be-
Abb. 1.1 Wer nach dem 1. Januar 2004 eine Aus- 2. Pflegewissenschaftliche Grundlagen
gründung KrPflG 2003).
bildung in der Kranken- bzw. Kinderkrankenpflege wurden entwickelt
erfolgreich abgeschlossen hat, darf sich „Gesund- Bislang haben sich Pflegende in ihrem
heits- und Krankenpfleger“ bzw. „Gesundheits-
und Kinderkrankenpfleger“ nennen. Handeln überwiegend auf ihre indivi-

5
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

1.2 Verwandte Berufe wachsen zusammen


Mit zunehmender Differenzierung unse- ■ Ein Schulwechsel während der Ausbil- Krankenpflege bzw. in der Gesundheits-
rer Gesellschaft ist auch die Anzahl der dung soll leichter möglich sein. und Kinderkrankenpflege vorbehalten.
Ausbildungsberufe angestiegen. In den ■ Der Unterricht soll effektiver werden, Wie die gemeinsamen und die spezifi-
1970er Jahren gab es in Deutschland indem Lernende unterschiedlicher schen Anteile der Ausbildung aufeinan-
rund 600 anerkannte Ausbildungsberufe. Ausbildungsberufe bereits während der bezogen und miteinander ver-
Diese Erstausbildungen waren einerseits der Ausbildung mit- und voneinander schränkt werden, bleibt den einzelnen
bereits hoch spezialisiert, wurden jedoch lernen. Bundesländern überlassen. So kann be-
andererseits den sich rasch ändernden ■ Jugendlichen soll die Berufswahlent- reits im ersten Ausbildungsjahr – parallel
Anforderungen nicht gerecht. In der da- scheidung erleichtert werden, indem zu den gemeinsamen Ausbildungsthe-
raufhin einsetzenden Reform der Berufs- sie sich nicht bereits zu Beginn der men – mit den spezifischen Themen
ausbildung wurden mehrere verwandte Ausbildung, sondern erst im Ausbil- der Differenzierungsphase begonnen
Berufe zu Berufsfeldern oder kleine und dungsverlauf für einen bestimmten werden. Einige Bundesländer beginnen
spezialisierte Berufe zu Kern- oder Basis- Ausbildungsabschluss entscheiden mit der Differenzierungsphase im zwei-
berufen zusammengefasst. In der Folge müssen. ten Ausbildungsjahr und wieder andere
wurden gestufte Ausbildungsgänge ein- Bei der Bildung von Kern- oder Basisbe- erst nach Abschluss einer zweijährigen
geführt, in denen die Lernenden ver- rufen beträgt der einheitlich geregelte integrierten Phase.
schiedener Ausbildungen in einer Grund- Kernbereich der Ausbildung ca. 60 %. Verbindung zur Altenpflege. Auch die
stufe gemeinsam und in einer dem ge- Der verbleibende Anteil bleibt für die Verbindung zur Altenpflege wird in bei-
wählten Ausbildungsabschluss ent- spezifischen Inhalte des jeweiligen Be- den Ausbildungsgesetzen (Altenpflege-
sprechenden Fachstufe getrennt unter- rufsabschlusses reserviert. (Hundenborn gesetz und Krankenpflegegesetz) ange-
richtet wurden. 2005 b). sprochen. So ermöglicht eine Modell-
klausel, „gemeinsame Ausbildungsstruk-
Reformen in der Pflegeausbildung
turen in der Altenpflege-, Kinderkran-
Pflegeberufe sind Teil der gesellschaftli-
1.2.1 Ausbildung in Berufsfeldern kenpflege- und Krankenpflegeausbil-
chen Entwicklung. Die Reform der Be-
oder Kernberufen dung zu erproben, um richtungsweisen-
rufsausbildung hat sich deshalb auch in
Bildungspolitiker erwarten von der Aus- de Erkenntnisse für eine Weiterentwick-
einer Reform der Pflegeausbildungen
bildung in Berufsfeldern oder Kernberu- lung der Ausbildungen in den Pflegebe-
niedergeschlagen. So ist als langfristiges
fen verschiedene Vorteile (Abb. 1.2): rufen zu erhalten“ (Begründung KrPflG
Ziel vorgesehen, „die Ausbildung in den
■ Die Handlungskompetenz der Ausge- 2003).
Pflegeberufen auf eine gemeinsame
bildeten soll erhöht werden, indem
Grundlage zu stellen und durch die „Pflegeausbildung in Bewegung“
die Ausbildung auf eine breitere Basis
Schaffung von gleichen Voraussetzun- In einem bundesweiten Forschungspro-
gestellt wird.
gen und Rahmenbedingungen für alle jekt „Pflegeausbildung in Bewegung“
■ Ein Wechsel zwischen verwandten
Pflegeberufe weiterzuentwickeln“ (Be- sind in den letzten Jahren 8 Modellver-
Berufen eines Berufsfeldes oder eines
gründung KrPflG 2003). suche einer gemeinsamen Ausbildung in
Kernberufes soll erleichtert werden.
Ein erster Schritt ist mit dem neuen den Pflegeberufen erprobt und ausge-
Damit soll die Mobilität innerhalb der
Krankenpflegegesetz bereits vollzogen wertet worden. Die Ergebnisse dieser
Berufe eines Berufsfeldes verbessert
worden. Die Ausbildungen in der Ge- und weiterer Modellversuche werden vo-
werden. Eine Gesundheits- und Kran-
sundheits- und Krankenpflege sowie in raussichtlich künftig zu einer neuen
kenpflegerin soll etwa leichter in den
der Gesundheits- und Kinderkranken- Form der Pflegeausbildung führen, die
Beruf der Altenpflegerin oder der Ge-
pflege werden im gleichen Gesetz gere- keine Unterscheidung in Gesundheits-
sundheits- und Kinderkrankenpflege-
gelt. und Krankenpflege, Gesundheits- und
rin wechseln können, als dies bislang
Kinderkrankenpflege und Altenpflege
möglich war. Zwei Phasen der Ausbildung
mehr vornimmt. Inzwischen liegen Eck-
Integrierte Phase. 70 % der theoreti-
punkte für diese weiterreichende Reform
schen und praktischen Ausbildung gehö-
der Pflegeausbildungen vor, die eine seit
ren zum einheitlich geregelten Bereich
langem angestrebte gemeinsame Pfle-
beider Berufe. Sie werden als integrierte
geausbildung empfehlen (Eckpunkte
Phase oder als „Allgemeiner Bereich“
zur Vorbereitung des Entwurfs eines
(KrPflAPrV 2003) bezeichnet.
neuen Pflegeberufegesetzes 2012). In
Differenzierungsphase. 30 % der Ausbil-
einem neuen pflegerischen Kern- oder
dung sind den spezifischen Aufgaben-
Basisberuf werden dann die Kompeten-
und Einsatzgebieten der Gesundheits-
zen zur Pflege von Menschen aller Alters-
und Krankenpflege bzw. der Gesund-
gruppen in unterschiedlichen Pflege-
heits- und Kinderkrankenpflege vorbe-
und Lebenssituationen sowie in unter-
halten. Sie werden als Differenzierungs-
schiedlichen Versorgungsformen erwor-
phase oder als „Differenzierungsbereich“
ben. Die Aufgaben und Einsatzgebiete
(KrPflAPrV 2003) bezeichnet.
der Pflegenden sowie die Möglichkeiten
Rechnerisch umfasst die gemeinsame
eines Wechsels zwischen den unter-
Abb. 1.2 Die Ausbildung in Berufsfeldern oder Ausbildung ⅔ bzw. 2 Jahre der Ausbil-
schiedlichen Bereichen werden noch
Kernberufen hat für die Auszubildenden viele Vor- dungszeit. Ein Drittel bzw. 1 Jahr ist der
teile. größer als dies heute schon der Fall ist.
Differenzierung in der Gesundheits- und

6
1.3 Grundlagen der Ausbildung 1
1.3 Grundlagen der Ausbildung
Die Ausbildungen in der Gesundheits- ■ die Pflichten des Ausbildungsträgers retischen und praktischen Unterricht
und Krankenpflege sowie in der Gesund- sowie der Schülerin und des Schülers sowie die Stundenzahlen und Einsatzge-
heits- und Kinderkrankenpflege werden (§ 10, § 11), biete für die praktische Ausbildung fest
bundeseinheitlich durch das Gesetz ■ die Ausbildungsvergütung (§ 12) und (Tab. 1.1).
über die Berufe in der Krankenpflege ■ die Probezeit, das Ende sowie die Stundenzahlen, Wissensgrundlagen
und zur Änderung anderer Gesetze vom Kündigung des Ausbildungsverhält- und Einsatzgebiete basieren auf europä-
16. Juli 2003 geregelt. nisses (§ 13, § 14, § 15). ischen Richtlinien und stellen sicher, dass
die Ausbildungsabschlüsse in anderen
Gesetz als amtliches Berufsbild Ausbildungs- und Prüfungsverordnung
europäischen Ländern anerkannt werden
Das Gesetz ist als amtliches Berufsbild zu Über das Krankenpflegegesetz hinausge-
(Stöcker 2005).
verstehen. Amtliche Berufsbilder stellen hende Mindestanforderungen an die
im Wesentlichen sicher, dass Angehörige Ausbildungen sowie Einzelheiten der
1.3.1 Kompetent pflegen
von Berufen mit gleicher Berufsbezeich- staatlichen Prüfungen sind in der Ausbil-
Die Grundlagen des Berufsbildes der Ge-
nung die gleiche Vorbildung besitzen. So dungs- und Prüfungsverordnung für die
sundheits- und Krankenpflege und der
schützt das Krankenpflegegesetz nicht Berufe in der Krankenpflege vom 10. No-
Gesundheits- und Kinderkrankenpflege
die Berufsausübung, sondern die Aus- vember 2003 geregelt.
werden im Ausbildungsziel nach § 3 des
übung des Berufes unter der Berufsbe- Die Rechtsverordnung legt u. a. die
Krankenpflegegesetzes festgelegt.
zeichnung „Gesundheits- und Kranken- Stundenzahlen und Inhalte für den theo-
pfleger“ bzw. „Gesundheits- und Kinder-
krankenpfleger“. Es schützt also die Be-
rufsbezeichnungen.
Tab. 1.1 Vorgaben der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Berufe in der Kran-
Regelungen kenpflege vom 10. November 2003 (Auszug).
Darüber hinaus regelt das Gesetz u. a. Stundenzahlen
(Abb. 1.3)
Wissensgrundlagen für den theoretischen und praktischen Unterricht (KrPflAPrV – Anlage 1 A)
■ das Ausbildungsziel mit den wesentli-
1. Kenntnisse der Gesundheits- und Kranken- 950
chen Aufgaben, auf die die Ausbil- pflege, der Gesundheits- und Kinderkranken-
dung vorzubereiten hat (§ 3), pflege sowie der Pflege- und Gesundheitswis-
■ die Dauer und Gliederung der Ausbil- senschaften
dung einschließlich der staatlichen 2. Pflegerelevante Kenntnisse der Naturwissen- 500
Anerkennung von Schulen (§ 4), schaften und der Medizin
■ die Zugangsvoraussetzungen ein- 3. Pflegerelevante Kenntnisse der Geistes- und 300
schließlich der Anrechnungsmöglich- Sozialwissenschaften
keiten anderer Ausbildungen (§ 5, 4. Pflegerelevante Kenntnisse aus Recht, Politik 150
§ 6), und Wirtschaft
■ die Anrechnung von Fehlzeiten (§ 7), zur Verteilung 200
■ die Gestaltung des Ausbildungsver- Gesamtstundenzahl 2100
trages (§ 9), davon für die Differenzierungsphase in der Ge- 500
sundheits- und Krankenpflege/Gesundheits- und
Kinderkrankenpflege
Einsatzgebiete und Stundenzahlen für die praktische Ausbildung (KrPflAPrV – Anlage 1 B)
I. Allgemeiner Bereich
1. Gesundheits- und Krankenpflege von Men- 800
schen aller Altersgruppen in der stationären
Versorgung in kurativen Gebieten in den Fä-
chern Innere Medizin, Geriatrie, Neurologie,
Chirurgie, Gynäkologie, Pädiatrie, Wochen-
und Neugeborenenpflege sowie in mindes-
tens zwei dieser Fächer in rehabilitativen und
palliativen Gebieten
2. Gesundheits- und Krankenpflege von Men- 500
schen aller Altersgruppen in der ambulanten
Versorgung in präventiven, kurativen, rehabi-
litativen und palliativen Gebieten
II. Differenzierungsbereich
1. Gesundheits- und Krankenpflege stationäre 700
Pflege in den Fächern Innere Medizin, Chirur-
gie, Psychiatrie oder
2. Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sta- 700
tionäre Pflege in den Fächern Pädiatrie, Neo-
natologie, Kinderchirurgie, Neuropädiatrie,
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Abb. 1.3 Die grundsätzlichen Regelungen der Aus- III. Zur Verteilung auf die Bereiche I und II 500
bildung regelt das Krankenpflegegesetz (KrPflG) Gesamtstundenzahl 2500
vom 16. Juli 2003.

7
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

Ausbildungsziele der Grundlage der bereits vorhandenen


(1) Die Ausbildung für Personen nach § 1 individuellen Voraussetzungen im Ausbil-
Abs. 1 Nr. 1 und 2 soll entsprechend dungsprozess. Sie ist mit dem Ende der
dem allgemein anerkannten Stand pfle- Ausbildung jedoch nicht abgeschlossen,
gewissenschaftlicher, medizinischer und sondern bedarf einer Weiterentwicklung
weiterer bezugswissenschaftlicher Er- über das gesamte Berufsleben. Diese
kenntnisse fachliche, personale, soziale Weiterentwicklung ist zum einen abhän-
und methodische Kompetenzen zur ver- gig von den persönlichen Voraussetzun-
antwortlichen Mitwirkung insbesondere gen und der eigenen Anstrengung, zum
bei der Heilung, Erkennung und Verhü- anderen von Lerngelegenheiten und
tung von Krankheiten vermitteln. Die günstigen Rahmenbedingungen, die
Abb. 1.4 Eigenverantwortliches Handeln in der
Pflege im Sinne von Satz 1 ist dabei Pflege setzt vielfältige Pflegekompetenzen voraus. Kompetenzerwerb und -weiterentwick-
unter Einbeziehung präventiver, rehabili- lung zulassen, begünstigen und fördern.
tativer und palliativer Maßnahmen auf Kompetent ist nicht schon jemand,
wortlichen Bereich (Abb. 1.4). Hierzu ge-
die Wiedererlangung, Verbesserung, Er- der viel weiß, sondern jemand, der in
hören
haltung und Förderung der physischen Lebens- und Berufssituationen angemes-
■ die Gestaltung des Pflegeprozesses,
und psychischen Gesundheit der zu pfle- sen handelt. Deshalb können Kompeten-
■ die Beratung, Anleitung und Unter-
genden Menschen auszurichten. Dabei zen nicht ausschließlich in schulischen
stützung des Menschen mit Pflege-
sind die unterschiedlichen Pflege- und Lernprozessen erworben werden. Zum
bedarf und seiner Bezugspersonen
Lebenssituationen sowie Lebensphasen Erwerb von Pflegekompetenz gehört
sowie
und die Selbstständigkeit und Selbstbe- vielmehr das Handeln in konkreten Pfle-
■ das Handeln in Notfallsituationen.
stimmung der Menschen zu berücksich- gesituationen. Beide Lernorte – Schule
Sogenannte Vorbehaltsaufgaben im
tigen (Ausbildungsziel). und Betrieb – tragen deshalb gemein-
rechtlichen Sinne werden hiermit jedoch
(2) Die Ausbildung für die Pflege nach sam zur Kompetenzentwicklung bei.
nicht geregelt, d. h., es werden keine
Absatz 1 soll insbesondere dazu befähi- Fachliche und methodische Kompeten-
Aufgaben festgeschrieben, die nur von
gen, zen. Fachlich und methodisch kompe-
dieser Berufsgruppe durchgeführt wer-
1. die folgenden Aufgaben eigenverant- tent ist jemand, der mit den Konzepten
den dürfen.
wortlich auszuführen: und Methoden seines Berufes Aufgaben
Aufgaben im Rahmen der Mitwirkung.
a. Erhebung und Feststellung des und Probleme seines Zuständigkeitsge-
Der zweite Zuständigkeitsbereich be-
Pflegebedarfs, Planung, Organisa- bietes selbstständig bewältigen kann.
zieht sich auf die Aufgaben im Rahmen
tion, Durchführung und Dokumen- Soziale Kompetenzen. Soziale Kompe-
der Mitwirkung. Hierzu gehören die
tation der Pflege, tenzen sind v. a. darauf bezogen, sich
Übernahme ärztlich delegierter Tätigkei-
b. Evaluation der Pflege, Sicherung mit anderen Gruppen in der Zusammen-
ten (S. 119), die Unterstützung und As-
und Entwicklung der Qualität der arbeit verständigen zu können, seine In-
sistenz bei diagnostischen, therapeuti-
Pflege, teressen argumentativ vertreten und
schen oder rehabilitativen Maßnahmen
c. Beratung, Anleitung und Unter- sich auf Aushandlungsprozesse einlassen
sowie die Mitwirkung in Krisen- oder Ka-
stützung von zu pflegenden Men- zu können.
tastrophensituationen.
schen und ihrer Bezugspersonen in Personale Kompetenzen. Personale
Interdisziplinäres Arbeiten. Schließlich
der individuellen Auseinanderset- Kompetenzen beinhalten die Fähigkeit,
zung mit Gesundheit und Krank- ist interdisziplinäres Arbeiten bei Ge-
sich selbst einschätzen zu können, über
sundheitsproblemen gefordert, die nur
heit, sich selbst nachdenken zu können, eige-
d. Einleitung lebenserhaltender So- in Zusammenarbeit mit unterschiedli-
ne Einstellungen und Werthaltungen zu
fortmaßnahmen bis zum Eintreffen chen Berufsgruppen angemessen bewäl-
entwickeln und zu vertreten sowie eige-
der Ärztin oder des Arztes, tigt werden können.
ne Begabungen zu entfalten. Für die
2. die folgenden Aufgaben im Rahmen Fachliche, personale, soziale und (Weiter-)Entwicklung von Kompetenzen
der Mitwirkung auszuführen: methodische Kompetenzen ist insbesondere die Reflexion gemach-
e. eigenständige Durchführung ärzt- Damit die Schülerin und der Schüler ler- ter Erfahrungen von Bedeutung.
lich veranlasster Maßnahmen, nen, im Rahmen ihrer Zuständigkeiten Handlungskompetenz. Handlungskom-
f. Maßnahmen der medizinischen fachlich korrekt und verantwortungsbe- petenz beinhaltet immer Anteile aus
Diagnostik, Therapie oder Rehabili- wusst zu handeln sowie die Zusammen- allen angesprochenen Kompetenzdi-
tation, arbeit gelingend zu gestalten, sollen sie mensionen (Abb. 1.5). Zur Bewältigung
g. Maßnahmen in Krisen- und Kata- in der Ausbildung „fachliche, personale, komplexer Pflegesituation ist weder al-
strophensituationen, soziale und methodische Kompetenzen“ lein die Fachkompetenz oder Methoden-
3. interdisziplinär mit anderen Berufs- erwerben (KrPflG 2003, § 3). kompetenz noch die soziale oder perso-
gruppen zusammenzuarbeiten und nale Kompetenz ausreichend. In den
dabei multidisziplinäre und berufs- M E R K E Kompetent zu sein, be- Ausbildungen der Gesundheits- und
übergreifende Lösungen von Gesund- deutet nicht nur, für ein bestimmtes Krankenpflege bzw. der Gesundheits-
heitsproblemen zu entwickeln. Aufgabengebiet zuständig zu sein, son- und Kinderkrankenpflege findet deshalb
Eigenverantwortliches Arbeiten. Nach dern v. a. anspruchsvolle und komplexe eine Förderung aller Kompetenzbereiche
Absatz (2) umfasst der Aufgabenbereich Handlungssituationen bewältigen zu statt, wobei sich die Schülerinnen und
der Gesundheits- und Krankenpflege können. Schüler bemühen müssen, „die in § 3 ge-
bzw. der Gesundheits- und Kinderkran- nannten Kompetenzen zu erwerben, die
kenpflege zum einen einen eigenverant- Berufliche Handlungskompetenz oder erforderlich sind, um das Ausbildungsziel
Pflegekompetenz entwickelt sich auf zu erreichen“ (KrPflG 2003, § 11).

8
1.3 Grundlagen der Ausbildung 1
8. Bei der medizinischen Diagnostik
Berufliches Handeln
und Therapie mitwirken
9. Lebenserhaltende Sofortmaßnah-
Berufliche men bis zum Eintreffen der Ärztin
Handlungskompetenz oder des Arztes einleiten
10. Berufliches Selbstverständnis entwi-
Fach- und Methoden- Sozial- Personale ckeln und lernen, berufliche Anfor-
kompetenz kompetenz Kompetenz derungen zu bewältigen
• Allgemein- und Fach- • Teamfähigkeit • Bereitschaft zur
11. Auf die Entwicklung der Pflegeberu-
wissen • Einfühlungsvermögen Selbstentwicklung
• organisatorische Fähig- • Kommunikationsfähigkeit • Selbstreflektions- fe im gesellschaftlichen Kontext Ein-
keiten • Kooperationsbereitschaft bereitschaft fluss nehmen
• betriebswirtschaftliche • Konfliktlösungs- • Leistungsbereitschaft 12. In Gruppen und Teams zusammen-
Kenntnisse bereitschaft • Lernbereitschaft
• EDV-Wissen • Partnerzentrierte • Offenheit
arbeiten
• fachliche Fähigkeiten und Interaktion • Risikobereitschaft Themenbereiche 1 bis 2
Fertigkeiten • Konsensfähigkeit • Belastbarkeit
• Sprachkenntnisse • Verständnisbereitschaft • Glaubwürdigkeit Im Mittelpunkt der Themenbereiche 1
• analytisches Denken • Emotionalität und 2 stehen die Kompetenzen, die mit
• konzeptionelle Fähigkeiten • Flexibilität dem Pflegeprozess als Arbeitsmethode
• strukturierendes Denken der Pflegenden verbunden sind. Der
• Erkennen von Zusammen-
hängen und Wechsel- Pflegeprozess umfasst die Einschätzung
wirkungen des Pflegebedarfs, die Planung und
• ganzheitliches Denk- Durchführung der Pflege sowie deren
vermögen
Auswertung. Pflegende benötigen Kom-
• Kreativität und
Innovationsfähigkeit petenzen zur Bewältigung von Pflegesi-
tuationen, die im Zusammenhang mit
Abb. 1.5 Haus der beruflichen Handlungskompetenz (nach Lauber 2012). „Krankheit, Unfall, Behinderung oder im
Zusammenhang mit Lebens- und Ent-
wicklungsphasen“ (Hundenborn u.
Kühn-Hempe 2003) stehen. Dabei ist
Themenbereiche der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung
für die Berufe in der Krankenpflege (KrPflAPrV) die Pflege den Verlaufsphasen von
Krankheiten, Behinderungen oder Schä-
1. Pflegesituationen bei Menschen aller Altersgruppen erkennen, erfassen und bewerten digungen anzupassen. Bei der Pflege von
2. Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen und auswerten „Menschen aller Altersgruppen“
3. Unterstützung, Beratung und Anleitung in gesundheits- und pflegerelevanten
Fragen fachkundig gewährleisten (KrPflAPrV 2003) müssen die Pflegenden
4. Bei der Entwicklung und Umsetzung von Rehabilitationskonzepten mitwirken und die jeweiligen sachlichen, personenbezo-
diese in das Pflegehandeln integrieren genen und situativen Erfordernisse be-
5. Pflegehandeln personenbezogen ausrichten rücksichtigen. Hierzu gehören auch die
6. Pflegehandeln an pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichten
7. Pflegehandeln an Qualitätskriterien, rechtlichen Rahmenbestimmungen sowie Beziehungsgestaltung und eine auf den
wirtschaftlichen und ökologischen Prinzipien ausrichten Alters- und Entwicklungsstand ausge-
8. Bei der medizinischen Diagnostik und Therapie mithelfen richtete Interaktion und Kommunikation.
9. Lebenserhaltende Sofortmaßnahmen bis zum Eintreffen der Ärztin oder des Arztes
(Pflege-)wissenschaftliche Erkenntnisse
einleiten
10. Berufliches Selbstverständnis entwickeln und lernen, berufliche Anforderungen zu sowie Erkenntnisse aus anderen Bezugs-
bewältigen wissenschaften sind wichtige Handlungs-
11. Auf die Entwicklung der Pflegeberufe im gesellschaftlichen Kontext Einfluss nehmen grundlagen.
12. In Gruppen und Teams zuammenarbeiten
Themenbereich 3 und 4
Zu den Aufgaben der Pflegenden gehö-
Abb. 1.6 Themenbereiche der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Berufe in der Krankenpflege ren nicht nur die objektiven Erfordernis-
(KrPflAPrV).
se einer Situation, sondern auch deren
subjektive Deutung, das Erleben und
Themenbereiche der Ausbildungs- und levanten Fragen fachkundig ge- Verarbeiten aller an der Situation Betei-
Prüfungsverordnung währleisten ligten (Hundenborn u. Kreienbaum u.
Welche Kompetenzen im Einzelnen in 4. Bei der Entwicklung und Umsetzung Knigge-Demal 1996, 1999). Die hierfür
der Ausbildung zu erwerben sind, wird von Rehabilitationskonzepten mit- notwendigen Kompetenzen werden im
in den 12 Themenbereichen der Ausbil- wirken und diese in das Pflegehan- Themenbereich 3 aufgeführt. Darüber
dungs- und Prüfungsverordnung für die deln integrieren hinaus wird der Gesundheitsvorsorge
Berufe in der Krankenpflege näher gere- 5. Pflegehandeln personenbezogen und -förderung als wichtiger Dimension
gelt (Abb. 1.6): ausrichten pflegerischen Handelns besondere Auf-
1. Pflegesituationen bei Menschen aller 6. Pflegehandeln an pflegewissen- merksamkeit geschenkt. Beratung und
Altersgruppen erkennen, erfassen schaftlichen Erkenntnissen ausrich- Anleitung von Angehörigen und Bezugs-
und bewerten ten personen sowie deren Einbeziehung in
2. Pflegemaßnahmen auswählen, 7. Pflegehandeln an Qualitätskriterien, die Pflege spielen in diesem Themenbe-
durchführen und auswerten rechtlichen Rahmenbestimmungen reich eine besondere Rolle. Diese unter-
3. Unterstützung, Beratung und Anlei- sowie wirtschaftlichen und ökologi- stützend-edukativen Aufgaben gewin-
tung in gesundheits- und pflegere- schen Prinzipien ausrichten nen zunehmend an Bedeutung, wenn

9
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

Pflegende die Selbstbestimmung und haltung sowie der Stressbewältigung in


Selbstständigkeit des Menschen mit Pfle- diesem Themenbereich ebenfalls eine
gebedarf achten. Schließlich benötigen besondere Rolle (vgl. Hundenborn u.
Pflegende die Kompetenzen, die für die Kühn-Hempe 2003).
Kontinuität der Versorgung bei der Auf-
Themenbereiche 11 und 12
nahme, Verlegung oder Entlassung er-
Zusammenarbeit in Gruppen und Teams.
forderlich sind.
Die Notwendigkeit, dass Pflegende mit
Angesichts einer zunehmenden An-
Mitgliedern der eigenen und anderer Be-
zahl von Menschen mit Pflegebedarf,
rufsgruppen „in Gruppen und Teams zu-
der aus den Folgen von Unfallereignissen
sammenarbeiten“ (KrPflAPrV 2003, An-
sowie aus chronischen Erkrankungen
lage 1) müssen, wird in Themenbereich
und Einschränkungen resultiert, kommt
12 zum Ausdruck gebracht. In diesem
solchen interdisziplinären Strategien und
Themenbereich geht es vorrangig um
Konzepten eine entscheidende Bedeu-
Kooperations-, Verständigungs- und
tung zu, die dem betroffenen Menschen Abb. 1.7 Im Themenbereich 6 erhalten Pflege- Aushandlungsprozesse mit der eigenen
ein Leben „in bedingter Gesundheit“ er- schüler eine grundlegende Einsicht in die Inhalte,
Berufsgruppe und mit anderen Berufs-
möglichen und die hierbei auch die psy- Fragen und Methoden der Pflegewissenschaft und
-forschung, lernen Theorien und Konzepte der Pfle- gruppen. Hierzu gehört auch, dass die
chischen und sozialen Auswirkungen
gewissenschaft und für das Pflegehandeln wichtige eigenen Zuständigkeiten und Grenzen
bleibender Beeinträchtigungen in den Forschungsergebnisse kennen. beachtet und rechtzeitig Expertinnen
Blick nehmen. Die Bedeutung dieser re-
und Experten aus anderen Bereichen
habilitativen Dimension des Pflegehan-
lich die Möglichkeit, auf diese Rahmen- hinzugezogen werden, um „multidiszipli-
delns wird im Themenbereich 4 beson-
bedingungen Einfluss zu nehmen. Die näre und berufsübergreifende Lösungen
ders hervorgehoben.
hierfür erforderlichen Kompetenzen wer- von Gesundheitsproblemen zu entwi-
Themenbereich 5 den im Themenbereich 7 erworben. ckeln“ (KrPflG 2003, § 3). Dies setzt um-
Die Bedeutung einer „personenbezoge- fassende Kenntnisse von den Aufgaben,
nen“ und auf die „individuelle Situation“ Themenbereich 8 und 9 Zuständigkeiten und Kompetenzen
ausgerichteten Pflege, die zudem das In den Themenbereichen 8 und 9 wer- sowie von den Sichtweisen der eigenen
„soziale Umfeld“ und „gruppenspezifi- den die Aufgaben und Kompetenzen an- wie der anderen Berufsgruppen voraus
sche sowie ethische Grundfragen“ be- gesprochen, die in Zusammenhang mit (Hundenborn u. Kreienbaum u. Knigge-
rücksichtigen soll, wird im Themenbe- dem ärztlichen Handeln stehen. Sie grei- Demal 1996, 1999). Schließlich wird in
reich 5 aufgegriffen. Der Themenbereich fen die im Ausbildungsziel angesproche- diesem Themenbereich die Kompetenz
greift die Forderung des Ausbildungs- nen „Aufgaben im Rahmen der Mitwir- gefördert, interdisziplinäre Versorgungs-
ziels erkennbar auf, nach der Pflegende kung“ (KrPflG 2003, § 3) auf. Dabei sind konzepte mit zu entwickeln, die über die
die Selbstständigkeit und die Selbstbe- die rechtlichen Besonderheiten, die die jeweiligen Einrichtungsgrenzen hinaus-
stimmung des Menschen mit Pflegebe- Zuständigkeiten von Ärztinnen/Ärzten gehen (integrierte Versorgung) und sich
darf zu respektieren haben. Pflegehan- und Pflegenden kennzeichnen, beson- an deren Umsetzung zu beteiligen.
deln ist deshalb stets auf den Einzelfall ders zu beachten. Ziele. Die Themenbereiche 11 und 12
auszurichten, d. h. an der individuellen Pflegenden kommt im Zusammen- sind nicht unmittelbar auf das Handeln
Situation des Menschen und seiner Be- hang mit Assistenzaufgaben bei Diag- in Pflegesituationen bezogen. Sie verfol-
zugspersonen zu orientieren (KrPflG nostik, Therapie und Rehabilitation gen andere Ziele, die ebenfalls zur beruf-
2003, KrPflAPrV 2003). ebenfalls die Aufgabe zu, Patienten bei lichen Ausbildung gehören. Sich als Mit-
belastenden Eingriffen gefühlsmäßig zu glied einer Berufsgruppe zu verstehen,
Themenbereich 6
unterstützen. Darüber hinaus werden bedeutet, sich mit der Berufsrolle, mit
Bereits im Zusammenhang mit der Ent-
die Kompetenzen angesprochen, die für den Zielen, Aufgaben und Herausforde-
wicklung des Berufs (S. 5) wurde ausge-
die Bewältigung von Notfallsituationen rungen des Berufes auseinanderzuset-
führt, dass Pflegende sich in ihrem Han- sowie von „Krisen- und Katastrophensi- zen, die von der Gesellschaft übertrage-
deln zunehmend auf pflegewissenschaft- tuationen“ (KrPflG 2003, § 3), etwa Um- nen Zuständigkeiten verantwortlich
liche Erkenntnisse stützen müssen. Im weltkatastrophen, Unfallsituationen, wahrzunehmen (S. 5) und sich für die
Themenbereich 6 der Ausbildung erwer- Brandkatastrophen, Kriegssituationen, Anliegen der Menschen mit Pflegebedarf
ben die Schüler die hierfür notwendigen erforderlich sind. sowie für die gesellschaftliche Anerken-
Kompetenzen (Abb. 1.7).
Themenbereich 10 nung des Berufes einzusetzen.
Themenbereich 7 In diesem Themenbereich geht es um Voraussetzungen. Dies setzt zum einen
Pflege in Pflegesituationen ist immer ein- die Auseinandersetzung mit den Aufga- ein Bewusstsein für die Geschichte des
gebunden in institutionelle und gesell- ben des Pflegeberufes in der Zusam- eigenen Berufes im gesellschaftlichen
schaftliche Rahmenbedingungen. Diese menarbeit mit und in der Abgrenzung Kontext voraus. Zum anderen beinhalten
haben entscheidenden Einfluss auf das gegenüber anderen Gesundheitsfachbe- die mit diesen Themenbereichen verbun-
Pflegehandeln. Sie können Handlungs- rufen. Die Entwicklungsmöglichkeiten denen Kompetenzen politisches Engage-
möglichkeiten eröffnen oder fördern ment, was wiederum ein systematisches
des Berufes werden vor dem Hinter-
oder auch behindern oder erschweren. gesundheits- und gesellschaftspoliti-
grund seiner geschichtlichen Wurzeln er-
Die Arbeitsabläufe und Handlungsvoll- sches Wissen voraussetzt.
örtert. Darüber hinaus geht es um die
züge in der Pflege sind einerseits diesen Weitere Themen. Darüber hinaus lernen
spezifischen, mit der Berufsausübung
Rahmenbedingungen unterworfen, an- verbundenen Belastungen. Deshalb spie- Pflegende in diesen Themenbereichen,
dererseits haben Pflegende grundsätz- len Fragen der persönlichen Gesunder- die Belastungen des Berufes bei sich

10
1.3 Grundlagen der Ausbildung 1
wichtig, sich nicht nur mit den bundes- Mündliche Prüfung
und landesrechtlichen Regelungen, son- Die mündliche Prüfung beinhaltet eben-
dern auch mit dem schulspezifischen falls drei Teile, die sich auf die in Tab. 1.3
Curriculum auseinanderzusetzen. aufgeführten fächerintegrativen The-
menbereiche beziehen.
1.3.2 Kompetenzen prüfen In der mündlichen Prüfung wird vom
In den Ausbildungen der Gesundheits- Prüfling ausdrücklich der Nachweis an-
und Krankenpflege und der Gesundheits- wendungsbereiter beruflicher Kompe-
und Kinderkrankenpflege sollen berufli- tenzen gefordert. In der Begründung
che Kompetenzen zur Bewältigung kom- regt der Gesetzgeber deshalb eine fall-
plexer Pflegesituationen erworben wer- bezogene mündliche Prüfung an. Auch
den. Dementsprechend ist in der staatli- hier entscheidet jedoch der Prüfungsaus-
chen Prüfung zum Ende der Ausbildungs- schussvorsitzende auf Vorschlag der
Abb. 1.8 Die Themenbereiche 10 bis 12 befassen zeit nachzuweisen, dass der Schüler über Schulen über die konkreten Aufgaben-
sich u. a. mit Stressbewältigungsstrategien, um in die für den Berufszugang notwendigen formen und -inhalte.
beruflichen Belastungssituationen bestehen zu Kompetenzen verfügt.
können. Praktische Prüfung
Entsprechend anspruchsvoll sind die
In der praktischen Prüfung wird gefor-
verschiedenen Prüfungsteile, die im Ein-
dert, dass der Prüfling bei einer Patien-
und anderen aufmerksam wahrzuneh- zelnen in der Ausbildungs- und Prüfungs-
tengruppe von höchstens vier Patienten
men und Strategien der Entlastung und verordnung für die Berufe in der Kran-
„alle anfallenden Aufgaben einer pro-
Bewältigung einzusetzen, anzunehmen kenpflege geregelt werden. Neben
zessorientierten Pflege einschließlich
und anzubieten (Abb. 1.8). Diese sind einer praktischen Prüfung sind schriftli-
der Dokumentation und Übergabe“
für Mitglieder von Berufen, die ständig che und mündliche Prüfungen abzule-
(KrPflAPrV, § 15) übernimmt. Zur Prü-
mit Krankheit und Schmerz, Leiderfah- gen. Letztere beziehen sich auf die fä-
fung gehört weiterhin ein Prüfungsge-
rungen und Tod konfrontiert werden, cherintegrativ gestalteten Themenberei-
spräch, in dem der Prüfling sein Pflege-
von besonderer Bedeutung, wenn sie che der Anlage 1 A (s. Tab. 1.1, S. 7).
handeln erläutert und die Prüfungssitua-
nicht selbst Schaden nehmen wollen.
Schriftliche Prüfung tion reflektiert. Hierbei soll er nachwei-
Schließlich werden in diesen Themen-
Die schriftliche Prüfung erfolgt in Form sen, dass er „die während der Ausbil-
bereichen die Techniken und Verfahren
von drei Aufsichtsarbeiten, für die jeweils dung erworbenen Kompetenzen in der
vermittelt, die den Schülerinnen und
120 Minuten Bearbeitungszeit zur Verfü- beruflichen Praxis anwenden (kann)
Schülern im Hinblick auf die Notwendig-
gung stehen. Sie bezieht sich auf die in sowie befähigt ist, die Aufgaben der Ge-
keit lebenslangen Lernens ein weitge-
Tab. 1.2 aufgeführten Themenbereiche. sundheits- und Krankenpflege (bzw. der
hend selbstständiges und effektives Ler-
In der Begründung für die schriftliche Gesundheits- und Kinderkrankenpflege)
nen ermöglichen (Hundenborn u. Kühn-
Prüfung wird darauf hingewiesen, dass gemäß § 3 Abs. 1 des Krankenpflegege-
Hempe 2003).
„aufgrund des übergreifenden Charak- setzes eigenverantwortlich auszuführen“
Rahmenlehrpläne und ters der Themenbereiche nicht wie bis- (KrPflAPrV 2003, § 15). Geht man davon
Ausbildungsrichtlinien her Einzelfragen zu beantworten, son- aus, dass Kompetenzen immer an Han-
Die Regelungen des Krankenpflegege- dern komplexe Aufgaben zu bearbeiten deln in konkreten Situationen gebunden
setzes sowie der Ausbildungs- und Prü- [sind]“ (Begründung KrPflG 2003). Wel- sind bzw. nur in konkreten Situationen
fungsverordnung sind noch nicht kon- che Aufgabenformen und -inhalte im sichtbar werden, ist die praktische Prü-
kret genug, um den theoretischen und Einzelnen für die Prüfung ausgewählt fung in einer realen Pflegesituation am
praktischen Unterricht sowie die prakti- werden, wird auf Vorschlag der Schule besten geeignet, die für den Beruf not-
sche Ausbildung exakt planen zu kön- vom Vorsitzenden des Prüfungsaus- wendigen Handlungskompetenzen nach-
nen. Deshalb haben die meisten Bundes- schusses entschieden. zuweisen (Hundenborn 2005 a).
länder inzwischen auf den bundesgesetz-
lichen Grundlagen Rahmenlehrpläne Tab. 1.2 Schriftliche Prüfung.
oder Ausbildungsrichtlinien entwickelt.
Aufsichtsarbeit Themenbereiche
Diese regeln entweder nur den theoreti-
schen und praktischen Unterricht oder 1. 1. Pflegesituationen bei Menschen aller Altersgruppen erkennen, erfassen und
bewerten
auch die praktische Ausbildung genauer,
2. 2. Pflegemaßnahmen auswählen, durchführen und auswerten
als dies auf bundesgesetzlicher Ebene
möglich ist. 3. 5. Pflegehandeln an pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichten
7. Pflegehandeln an Qualitätskriterien, rechtlichen Rahmenbestimmungen
Schulspezifische Curricula. Am konkre- sowie wirtschaftlichen und ökologischen Prinzipien ausrichten
testen sind die Curricula, die auf der
Grundlage der landesspezifischen Lehr-
planvorgaben in den einzelnen Schulen
Tab. 1.3 Mündliche Prüfung.
entwickelt wurden. Die Curricula der ein-
zelnen Schulen können trotz gemeinsa- Prüfungsteil Themenbereiche
mer bundes- und landesrechtlicher 1. 3. Unterstützung, Beratung und Anleitung in gesundheits- und pflegerelevan-
Grundlagen voneinander abweichen. Es ten Fragen fachkundig gewährleisten
ist deshalb für den eigenen Lernprozess 2. 10. Berufliches Selbstverständnis entwickeln und lernen, berufliche Anforde-
rungen zu bewältigen
3. 8. Bei der medizinischen Diagnostik und Therapie mitwirken
12. In Gruppen und Teams zusammenarbeiten

11
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

1.4 Arbeitsgebiete und Handlungsfelder


Pflege im ambulanten Bereich M E R K E In der häuslichen Pflege
Bedingt durch die geschichtliche Ent- werden Pflegende neue Formen der Zu-
wicklung des Gesundheits- und Kranken- sammenarbeit zwischen Bezugsperso-
hauswesens stellte lange Zeit das Akut- nen und ehrenamtlich engagierten
krankenhaus ein zentrales Einsatzgebiet Menschen initiieren und unterstützen
für die Pflegenden dar. Durch zahlreiche müssen.
Gesundheits- und Sozialgesetze der letz-
ten 15 Jahre ist inzwischen ein starker Pflege im Krankenhaus
Ausbau des ambulanten Sektors erfolgt Auch die Pflege im Krankenhaus hat in
(s. Kap. 2, S. 38). In diesem Handlungs- den vergangenen Jahren einen starken
feld treffen Pflegende auf völlig andere Wandel erfahren. Ökonomisierung, Pri-
rechtliche, organisatorische und finanz- vatisierung und Wettbewerb kennzeich-
ielle Rahmenbedingungen als im Kran- nen die Situation in den Krankenhäusern.
kenhaus. Technisierung und Spezialisierung neh-
Häusliche Pflege – eine Frauendomäne. men weiter zu (s. Kap. 2, S. 26). Eine
Im häuslichen Bereich tragen nach wie immer kürzere Verweildauer der Patien-
vor die Bezugspersonen – und zwar ten ermöglicht nur einen kurzfristigen
überwiegend Frauen – die Hauptlast Beziehungsprozess, der überwiegend
der Pflegearbeit (Abb. 1.9). Abb. 1.9 Die häusliche Pflege wird nach wie vor auf der Ebene einer tragfähigen Rollen-
überwiegend von Frauen getragen.
Repräsentativen Studien zufolge wird beziehung zu gestalten ist (Hundenborn
häusliche Pflege überwiegend durch in- u. Knigge-Demal 1996, 1998). Im Kran-
formelle Hilfen sichergestellt, und hier kenhaus wird v. a. der Einsatz hochspe-
Künftiger Aufgabenschwerpunkt der
wiederum überwiegend durch Frauen, zialisierter Pflegepersonen erforderlich,
Pflege. Pflegenden im ambulanten Sek-
die 80 % der pflegenden Angehörigen die nach der Ausbildung entsprechende
tor wird ein hohes Maß an Entschei-
ausmachen (Statistisches Bundesamt Weiterbildungen absolviert und die not-
dungs- und Handlungssicherheit abver-
2007; Schneekloth u. Werner 2005). Bei wendigen Zusatzqualifikationen erwor-
langt, da sie i. d. R. alleine arbeiten und
der Pflege werden die Angehörigen in ben haben.
ihnen der Rückhalt durch ein interdiszi-
aller Regel punktuell und zeitlich be-
plinäres Team fehlt (Hundenborn u. Weitere Handlungsfelder
grenzt durch beruflich Pflegende unter-
Knigge-Demal 1996, 1999). Darüber hi- Zu den weiteren Einsatzgebieten der Ge-
stützt. Beratung, Anleitung und Unter-
naus benötigen sie die Fähigkeit, lang- sundheits- und Krankenpflege gehören
stützung des zu pflegenden Menschen
fristige und oft belastende Beziehungen u. a. (s. Kap. 2, S. 31):
und seiner Angehörigen sind hier beson-
angemessen zu gestalten. ■ Spezialkrankenhäuser
ders wichtig.
Viele Expertinnen und Experten sehen ■ Rehabilitationskliniken
Die Berücksichtigung von Lebenswelt,
im ambulanten Bereich einen künftigen ■ Kurzzeitpflege
Lebenshintergrund und Biografie des
Aufgabenschwerpunkt der Gesundheits- ■ Tagespflege
Menschen mit Pflegebedarf ist Voraus-
und Krankenpflege bzw. der Gesund- ■ Langzeiteinrichtungen
setzung für eine personenorientierte
heits- und Kinderkrankenpflege. In die- ■ Pflegeheime
Pflege. Darüber hinaus ist es wichtig,
sem Bereich wird die Pflege besonders ■ Palliativpflege und Hospize
die Betroffenen und ihre Bezugsperson
stark vom sozialen Wandel der Familie ■ Patienteninformations- und Bera-
darin zu unterstützen, mit alters-, behin-
betroffen. Veränderte Familienstruktu- tungsdienste
derungs- oder krankheitsbedingten Ein-
ren und die Pluralisierung der Lebensfor- ■ Kranken- und Pflegekassen
schränkungen ihren Alltag zu bewälti-
men führen an die Grenzen des familiä-
gen.
ren Hilfesystems.

1.5 Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten


Während die Ausbildung in den Pflege- spiele zur Verdeutlichung der vielfältigen D E F I N I T I O N Anpassungswei-
berufen der Gesetzgebungskompetenz Möglichkeiten anzusehen. terbildungen bzw. Fortbildungen dienen
des Bundes unterliegt und somit bun- der Aktualisierung des beruflichen Wis-
deseinheitlich geregelt ist, fallen die Re- 1.5.1 Anpassungsweiterbildung/ sens und Könnens und sind nicht mit
gelungen für Weiterbildungs- und Stu- Fortbildung einem beruflichen Aufstieg im engeren
dienmöglichkeiten in den Zuständig- Dem Gesundheits- und Krankenpfleger Sinne oder mit einem Wechsel des Auf-
keitsbereich der einzelnen Bundesländer. bzw. dem Gesundheits- und Kinderkran- gabengebietes verbunden.
Die Vielfalt der verschiedenen Länderre- kenpfleger stehen nach Abschluss der 3-
gelungen ist sehr groß, sodass ein Über- jährigen Ausbildung zahlreiche Weiter- Fortbildungsverpflichtung als
blick und ein Vergleich nur sehr schwer bildungsmöglichkeiten offen. Besondere Berufspflicht
möglich sind. Die folgenden Ausführun- Bedeutung kommt der sogenannten An- Rechtliche Regelungen, die Pflegefach-
gen erheben deshalb keinen Anspruch passungsweiterbildung zu, die auch als kräfte zur regelmäßigen Fortbildung ver-
auf Vollständigkeit, sondern sind als Bei- Fortbildung bezeichnet wird. pflichten, bestehen erst in wenigen Bun-

12
1.5 Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten 1
desländern, dennoch kann von einer Freiwillige Registrierung für beruflich
Fortbildungsverpflichtung als Berufs- Pflegende
pflicht ausgegangen werden. Nur so Pflegende können sich auf Wunsch bei
können aktuelle Entwicklungen in den einer freiwilligen Registrierungsstelle
unterschiedlichen pflegerischen Hand- der Berufsverbände zentral erfassen las-
lungsfeldern zur notwendigen Verände- sen. Die unabhängige Registrierungsstel-
rung und Anpassung des Pflegehandelns le hat ihren Sitz in Potsdam und wird seit
führen. 2006 vom Deutschen Pflegerat e. V.
Träger von Einrichtungen des Gesund- (DPR) getragen. Ähnlich wie bereits in
heits- und Pflegewesens müssen ver- anderen Ländern besteht so die Möglich-
schiedene Anpassungsweiterbildungen keit, zuverlässige Daten über die Qualifi-
anbieten, die gesetzlich vorgeschrieben kation und die Einsatzorte beruflich
sind (z. B. Brandschutz, Arbeits- und Ge- Pflegender zu sammeln.
sundheitsschutz, Hygieneschulungen, Fortbildungspunkte sammeln. Während
Abb. 1.11 Die Weiterbildungen nach den landes-
Umgang mit medizinischen Geräten für die Erstregistrierung noch keine Fort- rechtlichen Regelungen schließen mit einer staat-
u. a.). Darüber hinaus kann der Träger bildungsnachweise erforderlich sind, lich anerkannten Fachweiterbildungsbezeichnung
einer Einrichtung zur Teilnahme an Fort- wird jeweils nach 2 Jahren eine Erneue- ab, z. B. „Fachgesundheits- und Krankenpfleger
bildungen verpflichten, die in besonde- rung der Registrierung notwendig, für für Intensivpflege und Anästhesie“.
rer Weise dem Leitbild, den Zielen und die der Nachweis von 40 Fortbildungs-
Aufgabenschwerpunkten der Einrichtung punkten geleistet werden muss (http:// und ca. 1 200 Stunden praktischer Wei-
entsprechen. www.freiwillige-registrierung.de). Die terbildung im angestrebten Qualifika-
Weitere Fortbildungsmöglichkeiten. meisten Anbieter von Pflegefortbildun- tionsgebiet. Als Zugangsvoraussetzung
Nicht nur durch die Teilnahme an Anpas- gen haben ihre Veranstaltungen bei der wird neben der 3-jährigen Ausbildung
sungsweiterbildungen kann das pflegeri- Registrierungsstelle angegeben. Die in einem der Kernpflegeberufe eine 2-
sche Wissen und Können auf dem neu- Fortbildungsnachweise werden vom Ver- jährige Berufstätigkeit erwartet, von der
esten Stand gehalten werden anstalter mit dem Logo der freiwilligen ein Teil im angestrebten Weiterbildungs-
(Abb. 1.10). Eine besondere Bedeutung Registrierung und den für die jeweilige gebiet abgeleistet sein sollte.
kommt ebenfalls dem regelmäßigen Stu- Fortbildung anzurechnenden Punkten
dium von Fachliteratur zu. Inzwischen versehen. Gesetzliche Grundlagen
unterhalten viele Einrichtungen eigene Die ersten Weiterbildungen dieser Art
Bibliotheken für Pflegende, in denen Bü- 1.5.2 Fachbezogene Weiterbildungen wurden ab den 70er Jahren von der
cher und Fachzeitschriften eingesehen und Studiengänge Deutschen Krankenhausgesellschaft
oder ausgeliehen werden können. Schü- (DKG), dem Dachverband der Kranken-
lerinnen und Schüler sowie Studierende, D E F I N I T I O N Fachbezogene hausträger in Deutschland, verabschie-
die Fachzeitschriften persönlich abonnie- Weiterbildungen bauen auf einer 3-jäh- det. Sie sollten als Regelungsgrundlage
ren wollen, erhalten diese i. d. R. zu rigen Ausbildung in einem Pflegeberuf dienen, solange die Länder noch keine
einem ermäßigten Preis. Auch die Teil- auf und dienen einer Vertiefung berufli- eigenen Regelungen erlassen hatten. In-
nahme an Fortbildungen, Symposien cher Fähigkeiten sowie einer Erweiterung zwischen haben viele Bundesländer eige-
und Kongressen ist meist zu vergünstig- beruflicher Kompetenzen auf einem be- ne Weiterbildungsgesetze und/oder
ten Preisen möglich. stimmten Gebiet der Gesundheits- und -verordnungen verabschiedet. Einige die-
Krankenpflege und der Gesundheits- ser Weiterbildungen können sowohl von
und Kinderkrankenpflege. Gesundheits- und Krankenpflegern, Ge-
sundheits- und Kinderkrankenpflegern
Fachgebiete sowie von Altenpflegern besucht wer-
Hierzu zählen Weiterbildungen den. In einzelnen Bundesländern können
■ in der Intensivpflege und Anästhesie darüber hinaus auch Mitarbeiter anderer
bzw. in der pädiatrischen Intensiv- Gesundheitsfachberufe oder Sozialberu-
pflege und Anästhesie (Abb. 1.11), fe teilnehmen (Abb. 1.11).
■ in der psychiatrischen Pflege bzw. in In manchen Bundesländern eröffnet
der Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine der staatlich anerkannten Fachwei-
■ für den Operationsdienst, terbildungsbezeichnungen die Möglich-
■ in der Krankenhaushygiene, keit zu einem Pflegestudium an einer
■ in der Gemeindekrankenpflege und in Hochschule, ohne dass die Bewerberin
der ambulanten Pflege, oder der Bewerber über eine Hochschul-
■ in der Rehabilitation, zugangsberechtigung in Form des Abi-
■ in der onkologische Pflege und in turs, der fachgebundenen Hochschulrei-
Palliative Care, fe oder der Fachhochschulreife verfügen
■ in der Nephrologie u.v. a.m. muss. Der berufsbildende Abschluss wird
also dem allgemeinbildenden Abschluss
Abb. 1.10 Auch Supervisionen, kollegiale Beratun- Voraussetzungen und Ausbildungsdauer als gleichwertig anerkannt.
gen (Intervision), Fallbesprechungen und persönli- Viele dieser Weiterbildungslehrgänge
che Reflexion dienen der Auseinandersetzung mit dauern 2 Jahre und umfassen ca. 800
dem eigenen Pflegehandeln und leisten einen
wichtigen Beitrag zum Erhalt und zur Weiterent-
Stunden theoretischen und praktischen
wicklung der pflegerischen Expertise. Unterrichts in einer Weiterbildungsstätte

13
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

Nicht landesrechtlich geregelte tionären oder ambulanten Einrichtungen Praxisanleiter


Weiterbildungen des Pflege- und Gesundheitswesens. Voraussetzungen. Die Weiterbildung
Darüber hinaus gibt es fachbezogene zum Praxisanleiter befähigt zur Gestal-
Weiterbildungen, die nicht landesrecht- Unterschieden werden Leitungsweiterbil- tung von Lehr-Lern-Prozessen in der be-
lich über Empfehlungen der DKG gere- dungen für das sogenannte mittlere und trieblichen Aus- und Weiterbildung. Ihre
gelt sind, jedoch ebenfalls die Pflege obere Management. Grundlage ist bundeseinheitlich in § 3
von bestimmten Patientengruppen oder Mittleres Management. Mit dem mittle- Abs. 2 Krankenpflege-Ausbildungs- und
die Unterweisung in neuere Pflegever- ren Management ist die Ebene der Prüfungsverordnung geregelt. Sie ist als
fahren und -konzepte als Ziel haben. Stationsleitung, der Wohngruppenlei- einzige Weiterbildung mit einem bun-
Hierzu gehören folgende Angebote: tung (in Einrichtungen der Altenhilfe) deseinheitlichen Mindeststandard anzu-
■ Kinästhetik bzw. der Leitung von Funktionsbereichen sehen.
■ Bobath-Konzept oder ambulanten Einrichtungen ange- In der KrPflAPrV (2003, § 2) heißt es:
■ Basale Stimulation sprochen. Diese Weiterbildungen haben „Zur Praxisanleitung geeignet sind Per-
■ Aktivitas i. d. R. einen Stundenumfang von 720 sonen mit einer Erlaubnis nach § 1
■ Validation u. a. Stunden. Sie werden sowohl von Weiter- Abs. 1 Nr. 1 oder 2 des Krankenpflegege-
bildungsabteilungen der Krankenhäuser setzes, die über eine Berufserfahrung
Pflegewissenschaftliche Studiengänge
als auch von örtlichen oder überregiona- von mindestens zwei Jahren sowie eine
Angesichts der gestiegenen Anforderun-
len Bildungseinrichtungen angeboten. berufspädagogische Zusatzqualifikation
gen an die Gesundheits- und Kranken-
Die „verantwortliche Pflegekraft“ einer im Umfang von mindestens 200 Stunden
pflege und die Gesundheits- und Kinder-
Pflegeeinrichtung nach § 80 SGB XI verfügen.“ Einige Bundesländer hatten
krankenpflege werden zunehmend auch
muss eine Weiterbildung im Umfang bereits vor dieser bundesgesetzlichen
solche Pflegefachkräfte gebraucht, die in
von 460 Stunden absolviert haben. Regelung die Weiterbildung mit einem
einem Studium pflegewissenschaftliche
Oberes Management. Die Weiterbildung deutlich höheren Stundenumfang gere-
Expertise erworben haben. Sie sind des-
für das sogenannte obere Management gelt.
halb in der Lage, neueste pflegewissen-
oder die Pflegedienstleitung ist entspre- Aufgaben. Praxisanleiter erfüllen mit den
schaftliche Erkenntnisse und Verfahren
chend umfangreicher. Nach den Emp- Lehrenden der Gesundheits- und Kran-
in die Pflegepraxis zu transferieren, pfle-
fehlungen der Deutschen Krankenhaus- kenpflegeschulen und der Gesundheits-
gewissenschaftlich bedeutsame Fragen
gesellschaft beinhaltet sie mindestens und Kinderkrankenpflegeschulen einen
der Pflegepraxis aufzugreifen sowie For-
2 000 Stunden theoretischen Unterrichts gemeinsamen Ausbildungsauftrag. Sie
schungsprojekte zu initiieren und durch-
und mindestens 720 Stunden prakti- leiten die Schüler in realen Pflegesitua-
zuführen.
scher Weiterbildung im Leitungsbereich. tionen auf den Stationen und in den üb-
In den letzten Jahren sind in den meis-
Bundesländer, die diese Leitungsweiter- rigen Bereichen der praktischen Ausbil-
ten Bundesländern Studiengänge einge-
bildungen landesrechtlich geregelt dung an. In der Wahrnehmung ihrer Auf-
richtet worden, in denen man entweder
haben, bieten teilweise ein modularisier- gaben werden sie von den Lehrenden
im Anschluss an eine 3-jährige Ausbil-
tes Weiterbildungssystem an, innerhalb unterstützt. Sie sind Mitglieder des Prü-
dung in einem Pflegeberuf oder ausbil-
dessen die Weiterbildung zur Stationslei- fungsausschusses und nehmen gemein-
dungsbegleitend diese Expertise erwer-
tung als Zugangsvoraussetzung zur Pfle- sam mit einem Lehrenden die praktische
ben kann. Die Absolventinnen und Ab-
gedienstleitungsweiterbildung gilt. Prüfung in der Gesundheits- und Kran-
solventen arbeiten nach dem Studium
Pflegemanagementstudiengänge. Ange- kenpflege bzw. der Gesundheits- und
in ausgewählten Handlungsfeldern der
sichts der gestiegenen Herausforderun- Kinderkrankenpflege ab.
Pflegepraxis, in Forschungsabteilungen
gen an das Pflegemanagement haben Praxisanleiter nehmen ihre Aufgaben
großer Krankenhäuser oder in pflegewis-
die meisten Bundesländer seit Anfang zusätzlich zu bzw. im Rahmen ihrer Pfle-
senschaftlichen Instituten der Hochschu-
bis Mitte der 1990er Jahre Pflegemana- getätigkeit wahr. Teilweise werden sie
len.
gementstudiengänge – i. d. R. an Fach- auch speziell für die Übernahme von
In Deutschland hat damit eine Ent-
hochschulen – eingerichtet. Die ur- Ausbildungs- und Anleitungsaufgaben
wicklung begonnen, die in anderen eu-
sprünglich als Diplomstudiengänge kon- freigestellt und sind dann oft für die
ropäischen Ländern bereits vor vielen
zipierten Qualifizierungen wurden inzwi- Schüler mehrerer Stationen oder Berei-
Jahren eingesetzt hat.
schen auf die internationalen Studien- che zuständig.
gangsstrukturen von Bachelor- und Mas-
1.5.3 Leitungsbezogene Lehrer für Pflegeberufe
terstudiengängen umgestellt.
Weiterbildungen und Studiengänge Lehrer für Pflegeberufe müssen ange-
sichts der gestiegenen Ausbildungsan-
1.5.4 Pflegepädagogische
D E F I N I T I O N Leitungsbezogene forderungen heute ein Studium absolvie-
Weiterbildungen und Studiengänge
Weiterbildungen gehören zu den sog. ren. Die frühere Weiterbildung im Um-
funktionsbezogenen Weiterbildungen. fang von 2 000 Stunden theoretischer
D E F I N I T I O N Weiterbildungen
Sie werden häufig auch als Aufstiegs- und 720 Stunden praktischer Weiterbil-
mit pflegepädagogischer Ausrichtung
weiterbildungen bezeichnet, da sie mit dung wurde mit dem Krankenpflegege-
werden ebenfalls den funktionsbezoge-
einem Aufstieg in der Hierarchie eines setz vom 16. Juli 2003 endgültig durch
nen Weiterbildungen zugerechnet. Sie
Unternehmens sowie i. d. R. mit einer Studiengänge abgelöst.
befähigen die Teilnehmer zur Gestaltung
höheren Vergütung und einem höheren Pflege- bzw. berufspädagogische Stu-
von Lehr-Lern-Prozessen in verschiede-
Status verbunden sind. Sie qualifizieren diengänge für Lehrer für Pflegeberufe
nen pflegepädagogischen Handlungsfel-
für die Übernahme eines neuen Aufga- gab es in den meisten Bundesländern
dern.
bengebietes im Personalführungs- und bereits seit Anfang bzw. Mitte der
Leitungsbereich von stationären, teilsta- 1990er Jahre. In den neuen Bundeslän-

14
1.6 Berufsgeschichte und Geschichtsbewusstsein 1
legt, dass die hauptberufliche Leitung 1.5.5 Promotionsmöglichkeiten
und die Lehrkräfte für den theoretischen Nach einem Pflegestudium stehen den
und praktischen Unterricht über ein ab- Absolventen Promotionsmöglichkeiten
geschlossenes Hochschulstudium verfü- offen, sie können also einen Doktortitel
gen müssen. Diese Studiengänge wer- erwerben. Diese Qualifizierung wird mit
den teilweise an Universitäten, teilweise der Umstellung von Diplomstudiengän-
an Fachhochschulen angeboten. gen auf die internationalen Studien-
Es ist in die Entscheidung der einzel- gangsstrukturen deutlich erleichtert. Ein
nen Bundesländer gestellt, für welchen erfolgreich absolviertes Masterstudium
Ort und für welche Form des Lehrerstu- gilt als Zulassungsvoraussetzung zum
diums sie sich entscheiden. In einigen Promotionsstudium.
Bundesländern wird ein universitäres Nachdem qualifizierte und promo-
Lehramtsstudium angeboten, in anderen tionswillige Studierende zur Promotion
Bundesländern ein 1-phasiges Fachhoch- jahrelang auf andere Länder ausweichen
Abb. 1.12 Das Studium zum Lehrer für Pflegebe- schulstudium (Abb. 1.12). Auch in die- mussten, gibt es inzwischen auch in
rufe wird z. T. an Universitäten oder an Fachhoch- sem Bereich wurden die bisherigen Dip- Deutschland geregelte Promotionsmög-
schulen angeboten.
lomstudiengänge inzwischen durch die lichkeiten für Pflegende.
neuen internationalen Studiengangs- Aufgabenbereiche. Pflegende, die pro-
dern hatte die akademische Qualifizie- strukturen von Bachelor- und Masterstu- moviert haben, arbeiten u. a. in der Lei-
rung der Lehrkräfte bereits eine viel län- diengängen ersetzt. tung großer Pflege- oder Bildungsein-
gere Tradition. Die Regelungsgrundlagen richtungen, in Forschungsinstituten
für die Qualifikation der Lehrkräfte findet oder im Hochschulbereich als Professo-
sich in § 4 Abs. 3 KrPflG. Hier ist festge- rinnen und Professoren.

1.6 Berufsgeschichte und Geschichtsbewusstsein


M E R K E „Geschichte ist nicht ■ Geschichte klärt auf. Sie füllt ver- spektive der Berufskonstruktion, so
einfach Geschehenes. Geschichte ist Ge- meidbare Wissenslücken und korri- haben die Gesundheits- und Kranken-
schichtetes, ist der Grund auf dem wir giert Irrtümer. pflege als Beruf sowie Gesundheits- und
stehen.“ (Quelle unbekannt) ■ Geschichte ist kritisch. Sie geht gegen Kinderkrankenpflege als Beruf verschie-
unbedachte Leichtgläubigkeit, gegen dene Wurzeln und unterschiedliche Ent-
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Mythen- und Legendenbildung vor. So wicklungen genommen und können des-
Berufsgeschichte ist für die Ausbildun- ist es z. B. ein Irrtum zu glauben, dass halb nicht zusammenfassend dargestellt
gen in der Gesundheits- und Kranken- die Krankenpflege von jeher ein werden. Die folgenden Ausführungen
pflege bzw. der Gesundheits- und Kin- Frauenberuf gewesen sei. Sie hat sich beschränken sich deshalb weitgehend
derkrankenpflege vorgeschrieben (s. vielmehr erst relativ spät – im 18./ auf die Geschichte und Berufsgeschichte
Themenbereiche 10 und 11 KrPflAPrV, 19. Jahrhundert – zu einem Frauenbe- der Gesundheits- und Krankenpflege.
S. 10). Die Kenntnis von und das Be- ruf entwickelt.
wusstsein für die eigene Berufsgeschich- ■ Geschichte stärkt das Zusammenge- 1.6.2 Pflege als gegenseitige Hilfe
te gehört zum Prozess der Identifikation hörigkeitsgefühl. Menschen und
mit dem zu erlernenden und ausgeübten Gruppen benötigen zu ihrer Selbstbe- M E R K E Die Geschichte der
Beruf. Heutige Tendenzen und Entwick- hauptung ein Bewusstsein ihrer Be- Krankenpflege ist so alt wie die Ge-
lungen des Berufes gründen auf dem his- sonderheit und Einmaligkeit. Dies schichte der Menschheit.
torisch Erreichten. Heutige Probleme wird als identitätsstiftende Funktion
und Herausforderungen des Berufes der Geschichte bezeichnet. Die Urmenschen haben bis vor 100 000
wurzeln oft in der Geschichte des Beru- ■ Geschichte hat legitimatorische Be- Jahren Pflege als sogenannte „Brutpfle-
fes und werden erst vor diesem Hinter- deutung. Sie will die gegebene Ord- ge“ ausgeübt, d. h., die Pflege be-
grund verständlich. nung auf Dauer sicherstellen. Politi- schränkte sich auf die Pflege des Nach-
sche Systeme – und dazu gehören wuchses. Sichere Beweise dafür, dass
1.6.1 Bewusstsein und Kenntnis der auch die Berufsgruppen der Pflegen- Menschen untereinander Krankenpflege
eigenen Berufsgeschichte den – haben ein Interesse daran, die ausgeübt haben, finden sich ab der mitt-
Das Bewusstsein für die eigene Berufsge- eigene Gegenwart als ein vernünftiges leren Steinzeit. Krankenpflege gehörte
schichte, die Kenntnis ihrer Geschichte und sinnvolles Ergebnis ihrer Ge- zum elementaren Können der Menschen
erfüllt verschiedene lebensweltliche schichte zu verstehen (Rohlfes 1997). in der Urgesellschaft. Sie war eine Form
Funktionen: Die Berufsgeschichte der Pflegeberufe der gegenseitigen Hilfe und wurde erst
■ Geschichte bietet Orientierung. Sie ist längst noch nicht umfassend er- später als spezielles Können der Heilbe-
sammelt, ordnet und prüft das erin- forscht. Dennoch sind die vorliegenden handlung ausgeübt (Wolff u. Wolff
nerte oder überlieferte geschichtliche Kenntnisse so umfangreich, dass sie an 2008).
Wissen. Sie erklärt es, legt es aus, dieser Stelle nur schlaglichtartig, anhand
deutet es. ausgewählter historischer Punkte darge- 1.6.3 Frühe Hochkulturen
stellt werden können. Betrachtet man Aus der Zeit der frühen Hochkulturen
die Geschichte der Pflege unter der Per- weisen viele Zeichen darauf hin, dass im-

15
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

mobile Kranke gepflegt wurden, „deren fügten über das Wissen und Können der Laienschwestern der Beginen. Zu den
Pflege sich nicht nur auf die Befriedigung griechischen Antike, das in der Pflege bekanntesten Laienschwestern gehörten
ihrer Grundbedürfnisse erstreckte, son- unverzichtbarer Bestandteil der Therapie die Beginen. Diese Gemeinschaft von
dern die alle Aspekte der chirurgischen war. Frauen und Mädchen trat ab Anfang
Behandlungspflege ebenso einschloss, Im arabisch-islamischen Kulturkreis des 12. Jahrhunderts zunächst in den
wie die Pflege schwer chronisch Kranker entstanden ebenfalls Krankenhäuser Niederlanden auf. In Deutschland übten
und Sterbender“ (Wolff 2008, S. 41). Da- nach christlich-byzantinischem Vorbild. die Beginen v. a. die Hauskrankenpflege
gegen kann bislang nicht geklärt wer- Vermutlich wurde die Krankenpflege in den Städten aus. Zu den schwestern-
den, von welchen Personen diese Pflege hier nicht mehr wie bislang von ange- schaftlichen Vereinigungen gehörte der
ausgeübt wurde. In der brahmanischen henden Ärzten ausgeübt, u. a. weil ihr von Franz von Assisi gegründete Orden
Periode der altindischen Medizin werden sozialer Status gegenüber der Antike ge- der Tertiaren. Die Schwestern wurden in
erstmals eigenständige Strukturen und stiegen war. Insbesondere die Anforde- Frankreich unter dem Namen „Graue
Funktionen der Pflege erwähnt (Wolff rungen an die chirurgische Krankenpfle- Schwestern“ bekannt. Ihre spätere
2008). ge scheinen jedoch sehr hoch gewesen Schutzheilige, Elisabeth von Thüringen,
zu sein, sodass für ihre Ausübung eine war diesem Krankenpflegeorden als
1.6.4 Pflege in der Antike gezielte Schulung und Unterweisung er- erste Fürstin beigetreten.
In der vorchristlichen Antike wurde die forderlich war (Wolff u. Wolff 2008). Pflege von Aussätzigen und Infektions-
Grundpflege durch Familienangehörige Mit dem Ende des römischen Kaiser- kranken. Die Pflege von Aussätzigen
und Sklavinnen ausgeübt und bei Bedarf tums im Jahr 476 und dem Zerfall des und Infektionskranken spielte angesichts
durch Beobachtung und Behandlungs- weströmischen Kaiserreichs in „einzelne der verheerenden Epidemien eine be-
pflege durch die Schüler des griechi- germanische Herrschaftsbereiche“ deutende Rolle. Es entstanden Kranken-
schen Arztes Hippokrates (Abb. 1.13) er- (Wolff u. Wolff 2008, S. 62) gingen pfleger-Genossenschaften, die die Pflege
gänzt (Wolff u. Wolff 2008). auch die Errungenschaften der antiken in Einrichtungen für Infektionskranke
Kultur verloren. Ab da lagen Zivilisation übernahmen. Diese Einrichtungen lagen
Gemeinsame Aufgabe von Staat und
und Bildung überwiegend in der Hand i. d. R. außerhalb der Städte.
Kirche
der Kirche und der Klöster. Entstehung der Spitalorden. Zur Zeit der
Als sich mit dem Zerfall des römischen
Benediktiner-Orden. Besondere Bedeu- Kreuzzüge entstanden die sog. Spitalor-
Reiches das Christentum zunehmend
tung für die Entwicklung des christlichen den, die sich ebenfalls an die Regeln des
ausbreitete und der byzantinische Staat
Hospitalwesens erlangten die Benedikti- Klosterlebens hielten. Zu ihnen gehör-
im Jahr 391 das Christentum als Staats-
ner, deren Ordensgründer, Benedikt von ten:
religion übernahm, wurden medizinische
Nursia (480 – 543) die Verpflichtung zur ■ Johanniterorden
und krankenpflegerische Versorgung als ■ Malteserorden
Krankenpflege und -behandlung in die
gemeinsame Aufgabe von Staat und Kir- ■ Lazarittenorden
Ordensregel aufnahm. Diese Verpflich-
che wahrgenommen. Für die Christen ■ Deutschorden
tung wurde von vielen Klostergemein-
ergab sich der Auftrag zur Krankenpflege
schaften übernommen. So entstanden Chirurgie der Barbiere. Die Konzilien im
unmittelbar aus dem Evangelium. Aus
auch im Westen christliche Hospitäler 12. und 13. Jahrhundert verboten den
den christlichen Herbergen (Xenodo-
nach byzantinischem Vorbild (Wolff u. Mönchen und Geistlichen die Ausübung
chien), in denen zunächst neben Reisen-
Wolff 2008). der ärztlichen Praxis, insbesondere der
den auch Pflegebedürftige aufgenom-
Chirurgie. Die Chirurgie wurde in der
men wurden, entwickelten sich im 12. bis 13. Jahrhundert
Folge v. a. von Barbieren übernommen,
Laufe der Zeit eigene Einrichtungen für Die sozialen und demografischen Verän-
die auch als Stadtwundärzte eingestellt
die Aufnahme von kranken oder alten derungen führten ab der Mitte des
wurden. Ihnen standen für die Behand-
Menschen (Nosokomeion, Geroko- 12. Jahrhunderts zu neuen Hospitalfor-
lungspflege Barbiergehilfen zur Seite, die
meion). Sie können als Vorläufer des men. Zum einen entstanden Hospitäler,
sich in ihrem spezialisierten Aufgabenbe-
christlichen Hospital- und Krankenhaus- in denen die Pflege meist von Laienbrü-
reich von dem der Spitalpflege unter-
wesens angesehen werden. Eine strenge dern ausgeübt wurde, die in klosterähn-
schieden, sodass hier von einer frühen
Trennung von ärztlicher Tätigkeit und lichen Gemeinschaften lebten, jedoch
Arbeitsteilung oder Spezialisierung in
Pflegetätigkeit scheint es nicht gegeben nicht zum Kloster gehörten.
der Krankenpflege ausgegangen werden
zu haben. Die Krankenpflege wurde ver-
kann (Abb. 1.14).
mutlich von angehenden Ärzten ausge-
übt (Wolff u. Wolff 2008).

1.6.5 Klosterpflege im Mittelalter


Nach der Spaltung des römischen Rei-
ches entstanden im byzantinischen
Reich Krankenhäuser aus staatlicher Stif-
tung, in denen die Kranken kostenlos
aufgenommen und behandelt wurden.
Sie waren an Klöster angegliedert, und
die Pflege und Behandlung erfolgte
durch Mönche oder Nonnen unentgelt-
Abb. 1.13 Hippokrates Abb. 1.14 Darstellung von verschiedenen Abb. 1.15 Eine Schwester
lich. Sie konnte deswegen von großen (ca. 460 – 377 v. Chr). Operationsszenen in einem spätmittelalter- um 1450.
Bevölkerungsanteilen in Anspruch ge- Imaginäres Portrait aus der lichen Krankensaal.
nommen werden. Ärzte und Pfleger ver- Chronik des Thévets,
16. Jhdt.

16
1.6 Berufsgeschichte und Geschichtsbewusstsein 1
Zunehmende Abgrenzung von ärztli- den Klöstern und Kirchen unabhängige pflege nicht so schnell gerecht werden.
chem und pflegerischem Bereich. Mit Krankenhausstrukturen. Die Folge war eine personelle Krise in
der gleichzeitig einsetzenden Entwick- In den Krankenhäusern wurden je- quantitativer und qualitativer Hinsicht.
lung der sogenannten Schulmedizin doch überwiegend Kranke behandelt, Der sogenannte Pflegenotstand ist also
wurde die Ausbildung der Ärzte zuneh- die aus „sozial unterpriviligierten Schich- kein Phänomen der Neuzeit. Er begleitet
mend als Studium an die theologisch ten stammten. Der gut situierte Bürger die Krankenpflege seit langer Zeit und
ausgerichteten Universitäten verlagert. ließ sich nach wie vor im eigenen Haus konnte auch bislang nicht zufriedenstel-
Als Folge seiner Verwissenschaftlichung bzw. in der Wohnung behandeln und lend gelöst werden (Wolff u. Wolff 2008,
grenzte sich der Arztberuf weiter von pflegen“. Die Krankenpflege in den öf- Panke-Kochinke 2000).
anderen Heilberufen ab, und „eine Jahr- fentlichen Hospitälern dieser Zeit wurde
19. Jahrhundert
hunderte lange Trennung von ärztlicher nicht überwiegend von Frauen ausgeübt.
Vor allem im 19. Jahrhundert wurden die
Therapie und Krankenpflege im Bereich Vielmehr wurden in der Hospitalleitung
Entwicklungen in der Medizin von den
der Spitäler“(Wolf 2008) war begründet. oder in der Leitung größerer Abteilun-
Errungenschaften der Naturwissenschaf-
Den Ärzten wurde zunehmend die Auf- gen häufig Ehepaare beschäftigt. Män-
ten stark beeinflusst. In der Krankheits-
sicht über Apotheker und alle anderen ner wurden nur auf Männerabteilungen
lehre wurde die antike Humoralpatholo-
Heilbehandler sowie die Hospitalaufsicht eingesetzt, Frauen dagegen auf Frauen-
gie endgültig durch die Zellularpatholo-
übertragen (Wolff u. Wolff 2008). und auf Männerabteilungen (Wolff u.
gie Virchows abgelöst. Pharmakologie
Wolff 2008).
und Pharmakotherapie ermöglichten
1.6.6 Pflege unter dem Einfluss der
17. bis 18. Jahrhundert neue Behandlungsmethoden auf natur-
Naturwissenschaften
Gründung katholischer Pflegeorden. Vor wissenschaftlicher Basis. Tab. 1.4 zeigt
15. bis 16. Jahrhundert dem Hintergrund des gestiegenen Be- einige medizinische Entwicklungen des
Mit dem Beginn der Renaissance um die darfs an Pflegepersonal entstanden ab 19. Jahrhunderts.
Mitte des 15. Jahrhunderts setzten sich dem 16. Jahrhundert neue katholische Hygiene und Infektionsprophylaxe. Die
naturwissenschaftliche Denkweisen zu- Pflegegemeinschaften. Zu ihnen gehör- Hygiene wurde als Hochschullehrgebiet
nehmend auch in der Heilkunde durch. ten die Barmherzigen Brüder, die als begründet, und durch die schnell folgen-
Mit der Reformation verlor die römisch- viertes Gebot „die Verpflichtung zum de Entdeckung der Erreger von Infek-
katholische Kirche an Einfluss. In den re- unentgeltlichen Krankendienst“ ableg- tionskrankheiten wurden Verfahren der
formierten Ländern kam es zur Säkulari- ten. Sie führten bereits 1718 eine erste Infektionsprophylaxe möglich, d. h., die
sierung von Klöstern und zu erheblichen reguläre Krankenpfleger-Ausbildung ein Verfahren von Antisepsis, Asepsis und
Veränderungen im Bereich der organi- (S. 18). Als weibliche Pflegegemeinschaf- Immunisierung wurden grundgelegt.
sierten Krankenpflege (Wolff u. Wolff ten wurden u. a. die Vinzentinerinnen Insbesondere in den chirurgischen Kran-
2008, Abb. 1.15). und die Barromäerinnen gegründet. kenhausabteilungen ging die durch
Anatomieorientierte Medizin. Das Louise von Marillac, eine Unterstützerin Krankenhausinfektionen bedingte Sterb-
Krankheitsverständnis der sogenannten der Arbeit des Vinzenz von Paul lichkeitsrate rapide zurück.
Humoralpathologie (Viersäftelehre der (Abb. 1.16), schloss zum ersten Mal
Antike) wurde durch eine Krankheitsauf- einen Vertrag ab, der zum Muster aller M E R K E Zunehmend setzten
fassung ersetzt, die Krankheiten nach künftigen Mutterhaus-Gestellungsverträ- sich auch präventive Schutzimpfungen
ihren in den Organen liegenden Ursa- ge wurde (Wolff u. Wolff 2008). durch: ab 1796 gegen die Pocken, ab
chen einteilte und zur organsystemati- Neuzeitlicher Pflegenotstand. Auf der 1881 gegen den Milzbrand, ab 1885
schen Betrachtung von Krankheiten einen Seite blieb die Anzahl der Kranken- gegen die Tollwut.
führte. So wurde z. B. in den Kranken- hausplätze trotz des Ausbaus hinter dem
häusern für das Medizinstudium der De- Bedarf zurück, sodass die Einrichtungen Narkoseverfahren und operative Techni-
monstrationsunterricht eingeführt, d. h., ständig überbelegt waren und die Kran- ken. Die Entwicklung von Narkoseverfah-
Kranke wurden zur Demonstration ihrer kenpflege entsprechend erschwert ren und die pathologische Anatomie er-
Krankheitsbilder sowie der Untersu- wurde. Auf der anderen Seite standen möglichten eine Verbesserung der Ope-
chungs- und Behandlungsmethoden auf- für den schnellen Ausbau der Kapazitä- rationsbedingungen, neue Verfahren der
genommen und dafür kostenlos behan- ten nicht genügend Pflegekräfte zur Ver- operativen Therapie und für die Patien-
delt. fügung, die zudem über eine entspre- ten schmerzfreie Operationen. Erste
Unterstützt wurde dieser Verände- chend qualifizierte Ausbildung verfüg- Spezialisierungen in Teilgebieten der Chi-
rungsprozess durch die neu bzw. wieder ten. Insbesondere den wachsenden ärzt- rurgie und der Inneren Medizin setzten
entstehende anatomische Forschung. lichen Ansprüchen konnte die Kranken- ein (Wolff u. Wolff 2008).
Diese Krankheitsauffassung wurde zur Weitere Spezialisierung der Medizin. Be-
einer „der Wurzeln des modernen Kon- reits im 18. Jahrhundert hatte eine Re-
fliktes zwischen der Krankenpflege, für form der Ärzteausbildung eingesetzt, in
die eine ganzheitliche Krankheitsbe- deren Verlauf die aus dem ärztlichen Zu-
trachtung immer unverzichtbar blieb, ständigkeitsbereich ausgegliederte Chi-
und einer einseitig naturwissenschaftlich rurgie wieder in den ärztlichen Kompe-
betriebenen Medizin“ (Wolff u. Wolff tenzbereich der universitär ausgerichte-
2008). ten Medizin aufgenommen wurde. Ab
Öffentliche Krankenhäuser. Die Verbin- der Mitte des 19. Jahrhunderts konnte
dung der Krankenhäuser mit Klöstern der Arztberuf nur noch durch ein volles
und Kirchen wurde zunehmend gelöst Hochschulstudium erlernt werden. Chi-
und es entwickelten sich allmählich von rurgische Dienstleistungen, die bislang
Abb. 1.16 Vinzenz von Paul, 1581 – 1660.

17
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

Tab. 1.4 Medizinische Errungenschaften im 19. Jahrhundert (nach Lauber 2007).


Wann Wer Was
1807 Samuel Hahne- begründet die Homöopathie
mann
(1755 – 1843)
deutscher Arzt
1819 Rene Theophile erfindet das Stethoskop
Hyacinthe Laen-
nec
(1871 – 1926)
französischer Arzt
1847 Ignaz Semmel- entdeckt die Ursache des Kindbettfiebers und führt die
weis Händedesinfektion ein
(1818 – 1865)
ungarischer Arzt
1858 Rudolf Virchow begründet die Zellularpathologie
Abb. 1.17 Schwestern in der Ausbildung im St.
(1821 – 1902)
Luke’s Hospital 1899.
deutscher Arzt, Pa-
thologe, Wissen-
schaftler
1877 Robert Koch entdeckt Tuberkelbakterium, Cholera- und Milzbrander- Entstehung erster
(1843 – 1910) reger und wird der Begründer der Bakteriologie und In- Krankenpflegeschulen
deutscher Arzt, fektionslehre
Bakteriologe
Auch die ersten öffentlichen Kranken-
pflegeschulen sind auf das Bestreben
1894 Arthur Schloss- gründet die weltweit erste Klinik für kranke Säuglinge in
mann Dresden von Ärzten zurückzuführen, dem Kran-
(1867 – 1932) kenpflegepersonal die Fähigkeiten und
deutscher Arzt Fertigkeiten zu vermitteln, die insbeson-
1895 Wilhelm Conrad entdeckt die Strahlen, die Weichteile durchdringen dere für die gewissenhafte Beobachtung
Röntgen können und Fotografien des knöchernen Skeletts mög- und Assistenz im Rahmen ärztlicher
(1845 – 1923) lich machen (Röntgenstrahlen)
deutscher Physiker
Diagnostik und Therapie erforderlich
waren (Abb. 1.17). Besonders bekannt
und als Vorbild für weitere Schulgrün-
dungen anzusehen war die von dem
von Wundärzten erbracht worden wissenschaftlichen Denken der Ärzte be-
Mannheimer Arzt und Hebammen-Leh-
waren, wurden jedoch noch eine zeitlang stimmt wurde.
rer Franz Anton Mai 1781 gegründete
von chirurgisch-ärztlichen Gehilfen er-
„Krankenwärter-Schule“ in Mannheim.
bracht, die als „Heilgehilfe“ bezeichnet 1.6.7 Entwicklung einer geregelten
Die Ausbildung blieb unter ärztlicher
wurden und sich einer amtsärztlichen Ausbildung
Leitung. Der Einfluss von Ärzten auf die
Prüfung zu unterziehen hatten. Zu ihren
Krankenpflegeausbildung blieb lange
Aufgaben gehörte neben kleinen chirur- M E R K E Die Geschichte der Zeit entscheidend und hat auch maß-
gischen Eingriffen die „Krankenwartung Krankenpflege ist so alt wie die Ge-
geblich das pflegerische Berufsverständ-
und Krankenpflege“. schichte der Menschheit. Die Geschichte
nis geprägt. 1860 regelte der Badische
einer geregelten, neuzeitlichen Kranken-
Frauenverein als älteste Schwestern-
M E R K E Die ärztliche Assistenz- pflegeausbildung reicht dagegen erst ca.
schaft des Roten Kreuzes in einer der
tätigkeit der Pflegeberufe hat sich wohl 150 Jahre zurück.
frühen Ausbildungsregelungen, dass in
nicht – wie vielfach angenommen – aus
der Krankenpflegeausbildung ärztlicher
der Krankenpflege entwickelt, wie sie Erste Ausbildungen in der Krankenpflege
Unterricht und praktische Übungen in
unter häuslichen oder Krankenhausbe- sind bereits aus den Ordens- oder Pfle-
der Krankenpflege zu erteilen waren.
dingungen stattfand, sondern eher aus gegemeinschaften bekannt, die im
Auch aus dem Muster des Gestellungs-
dem „Beruf der früheren Barbiere und 16. Jahrhundert neu entstanden. Die
vertrages, den Friedrich Zimmer, der
Wundärzte“ (Wolff u. Wolff 2008). Barmherzigen Brüder führten „1718
1894 den Evangelischen Diakonieverein
eine reguläre einjährige Krankenpfleger-
gründete, geht hervor, dass Unterricht
Mit dem zunehmenden Einfluss einer Ausbildung ein, die im Prager Brüder-
von Ärzten erteilt werden musste. Als
wissenschaftsorientierten, naturwissen- Spital zu absolvieren war“ (Wolff u.
Preußen 1907 als erstes Land entspre-
schaftlich ausgerichteten Medizin ge- Wolff 2008). Auch die Vinzentinerinnen
chend dem Bundesratsbeschluss von
wann der ärztliche Berufsstand weiter erhielten eine geregelte Ausbildung in
1906 landesrechtliche Vorschriften über
an Einfluss und gesellschaftlicher Aner- der Krankenpflege (S. 17).
die staatliche Prüfung von Krankenpfle-
kennung, infolge dessen die nicht akade- Deutschsprachige Lehrbücher der
gepersonen erließ, wurde die Leitung
misch gebildeten Berufe verdrängt oder Krankenpflege sind ab der zweiten Hälf-
der Krankenpflegeschule einem Arzt
dem Ärztestand untergeordnet wurden. te des 16. Jahrhunderts nachzuweisen.
übertragen. In der ersten reichseinheit-
In besonderer Weise trifft diese Entwick- Sie wurden von Ärzten verfasst und um-
lichen Regelung der Krankenpflegeaus-
lung auf die Krankenpflege zu, die nicht fassten u. a. Vorschläge zur technischen
bildung von 1938 wurde die Leitung
nur in ihren strukturellen Merkmalen, Verbesserung von Hilfsmitteln in der
einer Krankenpflegeschule ebenfalls ver-
sondern auch inhaltlich – also das Pfle- Krankenpflege sowie Fragen der Arznei-
pflichtend einem Arzt übertragen.
geverständnis betreffend – vom natur- mittelzubereitung und -verabreichung
(Wolff u. Wolff 2008).

18
1.6 Berufsgeschichte und Geschichtsbewusstsein 1
M E R K E Erstmals in der Ge-
Auszug aus der ersten staatlichen Ausbildungsregelung in Preußen (1906)
schichte der Krankenpflegeausbildung
ermöglichte das Gesetz über die Berufe „Für die Anforderungen, welche an die Krankenpflegepersonen gestellt werden, ist der
in der Krankenpflege von 1985 die allei- Gesichtspunkt maßgebend gewesen, dass ein dem praktischen Durchschnittsbedürfnis
nige Leitung einer Schule durch eine entsprechendes Krankenpflegepersonal geschaffen werden soll.
Jedes Übermaß von Ausbildung und theoretischen Kenntnissen soll vermieden werden,
Unterrichtschwester oder einen Unter- zumal die Gefahr besteht, dass Krankenpfleger, die eine zu umfangreiche und zu
richtspfleger. vielseitige Ausbildung erfahren haben ... zu Übergriffen in das Gebiet der Heilkunde
neigen und dem Kurpfuschertum verfallen. (...)
Das zurzeit geltende Krankenpflegege- Als Mindestdauer der praktischen und theoretischen Ausbildung in der Krankenpflege ist
ein Jahr vorgesehen. (...)
setz von 2003 schreibt vor, dass für die Hauptziel des Unterrichts ... soll ... die vorwiegend praktische Ausbildung in der Kranken-
Leitung und hauptamtliche Lehrtätigkeit pflege sein“
Fachkräfte mit abgeschlossener Hoch- (zitiert nach Kruse, 1987, S. 84).
schulausbildung erforderlich sind (Hun-
denborn 2004).
Abb. 1.18 Begründung zur ersten staatlichen Ausbildungsregelung in Preußen von 1906 (zitiert nach
Beteiligung der Pflegenden an der Kruse 1987, S. 84).
Lehrplanentwicklung
Schon früh wurde allerdings von Kran- einem anschließenden Anerkennungs- Schwesternpersönlichkeit haben könne
kenpflegepersonen die Forderung erho- jahr. Die Forderung nach einer 3-jährigen und die gefühlsmäßige Zuwendung
ben, dass nicht ärztliches Wissen, son- Ausbildungszeit in der heutigen Form zum Kranken verloren gehen könne.
dern pflegespezifisches Wissen Grundla- wurde erst durch das Krankenpflegege- Dem praktischen Teil der Ausbildung
ge der Ausbildung sein müsse und dem- setz von 1965 eingelöst. wurde eine entsprechend höhere Bedeu-
entsprechend die Pflegenden an der Der von Dietrich und Salzwedel, zwei tung beigemessen (Abb. 1.18).
Lehrplanentwicklung, d. h. an der Ausbil- Ärzten, bereits im Jahr 1903 geforderte Krankenpflege selbst war in den An-
dungsgestaltung zu beteiligen seien. Be- Schutz der Berufsausübung der Kranken- fängen einer geregelten Krankenpflege-
reits 1908 stellte Agnes Karll (S. 22), eine pflege wurde zwar im Gesetz von 1938 ausbildung nicht einmal in allen Ausbil-
der Begründerinnen der freiberuflichen geregelt, jedoch angesichts der Proble- dungsstätten Unterrichtsfach. Es wurde
Krankenpflege in Deutschland, diese For- me des 2. Weltkrieges außer Kraft ge- die Auffassung vertreten, dass Kranken-
derung auf, die erst Jahrzehnte später setzt und selbst durch das Gesetz über pflege nicht theoretisch, sondern nur im
mit den Krankenpflegegesetzen von die Berufe in der Krankenpflege, das am praktischen Vollzug erlernt werden
1985 und 2003 erkennbar eingelöst 1. Januar 2004 in Kraft getreten ist, nicht könne. Charakterliche Eigenschaften
wurde. geregelt. Auf die Regelungen von soge- und praktische Eignung galten lange
Auch die Dauer der Krankenpflege- nannten Vorbehaltsaufgaben wird viel- Zeit als wichtigste Voraussetzungen für
ausbildung sowie das Verhältnis von mehr auch in diesem neuen Gesetz aus- die Ausübung der Krankenpflege.
theoretischer und praktischer Ausbil- drücklich verzichtet (S. 8).
Ausweitung der theoretischen
dung wurden seit den Anfängen einer
„Praxis vor Theorie“ Lehrinhalte
geregelten Ausbildung in der Kranken-
Bei allen Regelungsversuchen der Kran- Die Notwendigkeit für die Ausweitung
pflege immer wieder kontrovers disku-
kenpflegeausbildung waren immer auch des theoretischen Lehrstoffes wurde
tiert. Bereits 1902 forderte die General-
die Stundenzahlen der theoretischen überwiegend in den Fortschritten der
versammlung des Bundes Deutscher
und praktischen Ausbildung sowie das Medizin gesehen und den hieraus resul-
Frauenvereine
■ eine verbindliche staatliche Regelung
Verhältnis der verschiedenen Ausbil- tierenden erhöhten Anforderungen an
dungsanteile zueinander strittig. Inner- die Pflegenden im Bereich der ärztlichen
der Ausbildung,
■ eine Ausbildungszeit von drei Jahren,
halb der Ordensgemeinschaften erfolgte Assistenzaufgaben.
■ den Abschluss der Ausbildung mit
die Ausbildung zunächst „ausschließlich Erst mit dem Gesetz über die Berufe
durch Anleitung in der Praxis ohne theo- in der Krankenpflege von 1985 wurden
einer Prüfung,
■ die Ausstellung eines staatlichen
retische Grundlage und ohne eindeuti- die Stundenzahlen für den ärztlichen Un-
gen Abschluss der ‚Ausbildungszeit‘“ terricht zugunsten der Stundenzahlen
Zeugnisses und
■ die Berechtigung zum Tragen eines
(Kruse 1987). In der etwas später eins- für das Fach Krankenpflege deutlich re-
etzenden Diakonissen-Krankenpflege duziert. Das zurzeit geltende Gesetz
staatlich geschützten Abzeichens, das
unter Theodor Fliedner wurde ein über die Berufe in der Krankenpflege
von der Aufsichtsbehörde wieder ent-
Schwerpunkt auf die „bewusste Anlei- weist den Pflege- und Gesundheitswis-
zogen werden kann (Kruse 1987).
tung und theoretische Unterweisung“ senschaften fast den doppelten Stun-
Erste staatliche gelegt (Kruse 1987). denumfang zu wie den Naturwissen-
Ausbildungsregelungen Die Widerstände gegen eine stärkere schaften einschließlich der Medizin
Zu einer verbindlichen staatlichen Aus- theoretische Fundierung der Kranken- (S. 7) und löst die von Agnes Karll bereits
bildungsregelung mit einer entsprechen- pflege können auf unterschiedliche 1908 erhobene Forderung ein: „… die
den Prüfung kam es erst durch das 1938 Gründe zurückgeführt werden. Zum wissenschaftlichen Anforderungen sind
verkündete „Gesetz zur Ordnung der einen wurde befürchtet, theoretisch gut viel zu groß geworden, um die Theorie
Krankenpflege“ mit den entsprechenden ausgebildete Pflegekräfte könnten zur vernachlässigen zu dürfen. Nur verscho-
Durchführungsverordnungen. Kurpfuscherei, d. h. zur unerlaubten Aus- ne man uns mit ärztlichen Kenntnissen,
Das erste Nachkriegsgesetz nach dem übung der Heilkunde neigen. Zum ande- die uns gar nicht nützen, nur schädliches
zweiten Weltkrieg in Westdeutschland ren gingen auch Schwesternverbände Halbwissen bedeuten, man lehre uns
von 1957 regelte die Krankenpflegeaus- davon aus, dass zuviel theoretisches Wis- aber alles das, was wir brauchen, um
bildung als 2-jährige Ausbildung mit sen negative Auswirkungen auf die nie im Unklaren zu sein, warum wir die-

19
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

ses oder jenes tun müssen oder nicht Tab. 1.5 Entwicklung der Ausbildungsdauer und Stundenzahl in der Krankenpflegeaus-
tun dürfen“ (Kruse 1987, S. 52). bildung.
Die nachfolgende Tab. 1.5 gibt einen staatliche Regelung Dauer Stundenvorgaben für den theoretischen Unterricht
Überblick über die Entwicklung der Aus-
1906 1 Jahr keine Vorgaben, in das Ermessen der Krankenpfle-
bildungsdauer und Stundenzahl in der geschulen gestellt
Krankenpflegeausbildung. 1938 1,5 Jahre 200 Stunden
1957 2 Jahre 400 Stunden
1.6.8 Berufspolitik im historischen +1 Anerken-
Rückblick nungsjahr
Wenn es in der Geschichte der Kranken- 1965 3 Jahre 1 200 Stunden
pflegeausbildung um die Frage einer 1985 3 Jahre 1 600 Stunden
Verlängerung der Ausbildungszeit oder
2003 3 Jahre 2 100 Stunden
auch um die Frage des Schutzes der Be-
rufsausübung ging, waren oft gesell-
schaftliche und politische Ereignisse
sowie Erfordernisse in der Krankenver-
sorgung ausschlaggebender als Forde- im Sinne eines Kompromisses entschie- pen und berufsfremde Instanzen mitbe-
rungen von Berufsverbänden und -orga- den werden. stimmt worden. Dadurch sind auch die
nisationen der Pflegenden. Die Durch- Gestaltungsmöglichkeiten für die Aus-
setzung von Ausbildungsinteressen und M E R K E Nicht nur der Beruf bildung sowie die Kontrolle von Ausbil-
Interessen der Berufsausübung musste selbst, sondern auch die Berufsausbil- dung und Berufsausübung bislang nicht
oft vor dem Hintergrund des Personal- dung sind in der Vergangenheit in völlig in den Zuständigkeitsbereich der
mangels in der Pflege aufgegeben oder hohem Maße durch andere Berufsgrup- Berufsgruppe übergegangen.

1.7 Berufsauffassungen in der Krankenpflege


Das Berufsbild oder die Berufsauffassung Diakonieverein sowie die Schwestern-
in der Krankenpflege war kein einheitli- schaften des Roten Kreuzes beteiligt.
ches. Vielmehr existierten unterschiedli- Sie vertraten die Auffassung, „dass Kran-
che Berufsauffassungen nebeneinander kenpflege christliche Liebestätigkeit sei
oder haben einander abgelöst. In den und in ihr sich christliche Nächstenliebe
letzten beiden Jahrhunderten wurde das erfülle“ (Kruse 1987, S. 14). Dieses Be-
Berufsbild in der Krankenpflege und in rufsverständnis geht von einer Berufung
der Krankenpflegeausbildung zum einen zur Krankenpflege aus, deren Auftrag
sehr stark durch arztnahe Tätigkeiten ge- sich aus dem Neuen Testament ableitet.
prägt. In diesem Sinne wurde Kranken- Krankenpflege sollte eben nicht des Loh-
pflege vorrangig als fachliche Hilfe inner- nes wegen geleistet werden, sondern
halb ärztlicher Aufgaben verstanden und aus selbstloser Liebe heraus, als freiwilli-
war auf Weisung des Arztes tätig. ger Dienst, der nicht erkauft werden
Zum anderen wurden Beruf und Be- kann.
Abb. 1.19 Assistierende Schwester um 1816.
rufsbild maßgeblich von Theologen, Or-
Erwerbsmöglichkeit für die Frau
densgemeinschaften und Frauenverei-
Daneben entwickelte sich bald eine ver-
nen und den sich daraus bildenden Insti- ten, hatten ein geringes gesellschaftli-
änderte Einstellung zur außerhäuslichen
tutionen mitbestimmt. Krankenpflege ches Ansehen, was u. a. in der Bezeich-
Arbeit der Frau. Die Frauenbewegung
war ein Dienst, der lange Zeit überwie- nung „Lohnwärterin“ bzw. „Lohnwärter“
des 19. Jahrhunderts schuf für Frauen
gend von Angehörigen christlich gepräg- zum Ausdruck kam (Abb. 1.19). Trinkgel-
u. a. auch einen Zugang zum Pflegebe-
ter Lebensgemeinschaften erbracht der und Geschenke sowie die Kleidung
ruf. Der Krankenpflegeberuf wurde als
wurde. verstorbener Patienten, die die Pflege-
Erwerbsmöglichkeit für die Frau aufge-
personen behalten durften, wurden als
Lohnwärter ohne Ausbildung fasst. Er wurde als Beruf wie jeder andere
Bestandteile des Lohnes angesehen, so-
Im 19. Jahrhundert existierten noch angesehen, der v. a. die Grundlage für
dass das feste Gehalt niedrig gehalten
keine gesetzlichen Vorgaben für die Aus- ein ausreichendes Erwerbseinkommen
werden konnte (Kruse 1987).
übung der Krankenpflege. Sie konnte lieferte. Eine religiöse Motivation zur Be-
ohne den Nachweis fachlicher Kenntnis- Krankenpflege als christliche rufsausübung, als Berufung verstanden,
se von jedermann geleistet werden. In Liebestätigkeit wurde zur Privatsache.
den Krankenhäusern wurde so häufig Die Vorschläge, die im kirchlichen Raum Die Rahmenbedingungen anderer Be-
unausgebildetes Personal eingestellt, zur Verbesserung der Krankenpflege ent- rufe, etwa Sozialversicherung und ar-
das auch keine Anleitung und Schulung standen, sind also als Reformbemühun- beitsrechtliche Bestimmungen, sollen
erfuhr. Hieraus resultierten erhebliche gen gegen die krassen Missstände dieser auch für die Beschäftigten in der Kran-
Mängel in der Versorgung der Kranken, Zeit anzusehen. An diesen Reformvor- kenpflege gelten. Spuren dieser ver-
die als menschlich und fachlich völlig un- gängen waren neben den wieder er- schiedenen Berufsauffassungen sind bis
zureichend anzusehen war. Diejenigen, starkten katholischen Pflegeorden die heute in der Krankenpflege zu finden
die die Krankenpflege beruflich ausüb- Mutterhaus-Diakonie, der Evangelische (Kruse 1987).

20
1.8 Der Pflegeberuf als Frauenberuf 1
Patientenorientierte Pflege manwissenschaftliche Perspektive for- 2000“ sowie die Folgeprogramme –
In den 1980er Jahren setzte die soge- derten. Der Kranke sollte nicht aus- wurde schließlich mit dem derzeit gel-
nannte Humanitätsdebatte im deut- schließlich unter der Perspektive seiner tenden Gesetz über die Berufe in der
schen Gesundheitswesen ein. Angesichts Krankheit gesehen werden. Diese defizit- Krankenpflege das Konzept der Gesund-
der immer weiter zunehmenden techni- orientierte Sichtweise sollte vielmehr heitsförderung und Prävention in die
schen Möglichkeiten der modernen Me- durch eine Orientierung am Patienten deutsche Krankenpflege und Kranken-
dizin wurde befürchtet, dass die und seinen Ressourcen ersetzt werden. pflegeausbildung übernommen, das in
menschliche Dimension der Kranken- Diese Sichtweise ist auch dem Pflege- den neuen Berufsbezeichnungen „Ge-
pflege verloren gehen könnte. Konzepte prozessmodell und den Pflegetheorien sundheits- und Krankenpflegerin“, „Ge-
einer patientenorientierten oder patien- immanent, die – aus den angloamerika- sundheits- und Krankenpfleger“ bzw.
tenzentrierten Pflege tauchten zuneh- nischen Ländern kommend – langsam in „Gesundheits- und Kinderkrankenpflege-
mend in den Veröffentlichungen auf, der deutschen Krankenpflege aufgegrif- rin“ und „Gesundheits- und Kinderkran-
die eine Abkehr von einer rein naturwis- fen wurden. Beeinflusst durch die Pro- kenpfleger“ zum Ausdruck kommt (S. 5).
senschaftlichen Sichtweise des Men- gramme der Weltgesundheitsorganisa-
schen und eine Ergänzung um eine hu- tion – „Gesundheit für alle bis zum Jahr

1.8 Der Pflegeberuf als Frauenberuf


Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickel- Frauenquote über 80 %
te sich die Pflege zu einem reinen Der Beruf der Krankenpflege ist nun-
Frauenberuf. Die besondere Eignung mehr seit mehr als einhundert Jahren
der Frau wurde aufgrund ihrer „weibli- ein Frauenberuf. Die Frauenquote in
chen Wesenseigenschaften“ zunehmend den Pflegeberufen liegt mit ca. 80 %
hervorgehoben. Eine bürgerliche Frau deutlich über der Frauenquote in ande-
war – sozialen Zuschreibungen folgend ren Berufen. Die Gesundheitsarbeit in
– „selbstlos, fürsorgend, geduldig, sanft- den nichtakademischen Berufen kann
mütig, nachgiebig und unterwürfig“ also fast als „Frauendomäne“ angesehen
(Höppner 2004, S. 23). Diese Verbin- werden, während das Verhältnis in den
dung zwischen Geschlechts- und Berufs- akademischen Gesundheitsberufen um-
rolle erlangte besondere Bedeutung für gekehrt ist; sie sind deutlich männerdo-
den Pflegeberuf. Die bürgerliche Frau miniert (Hundenborn 2005 a).
wurde in besonderer Weise als geeignet
Männer in der Krankenpflege
angesehen.
Die männliche Krankenpflege erhielt im
Erst in dieser Zeit erfolgte die Ausprä-
19. Jahrhundert zum einen entscheiden-
gung polar-komplementärer Ge-
de Impulse durch die Wundärzte. In
schlechtscharaktere, die Zu- und Unter-
ihren Händen bzw. in den Händen der
ordnung der Frauen, die bis heute das Abb. 1.20 Assistierende Krankenschwester um Heilgehilfen lag die chirurgische Kran-
Geschlechterverhältnis in den Gesund- 1954. Mit den gesellschaftlich zugeschriebenen
Geschlechterrollen wurde die Unterordnung der kenpflege. Zum anderen gingen wichti-
heitsberufen kennzeichnet.
Frauen und der Pflege unter die männlich domi- ge Entwicklungen für die männliche
nierte Medizin gerechtfertigt. Krankenpflege von der Militärkranken-
M E R K E Die Charakter- oder
pflege aus. Die akademisch ausgebilde-
Persönlichkeitsmerkmale, die der Frau
ten Militärärzte im Rang von Sanitätsoffi-
als in ihrer Natur liegend zugeschrieben pflichteten Frauen auch außer Haus auf
zieren wurden durch die Chirurgengehil-
wurden, dienten jedoch der Legitimation ihre Geschlechterrolle.
fen unterstützt, die später „Lazarettge-
der männlichen Führungsposition. Das Die Verberuflichung der Pflege steht
hilfen“ genannt wurden und den militär-
konnte die sozialhistorische Frauenfor- in einem direkten Zusammenhang mit
ischen Rang von Unteroffizieren hatten.
schung überzeugend belegen. den Entwicklungen der Medizin und ist
Schon früh wurden in Preußen die Laza-
geprägt vom Leitbild eines vornehmlich
rettgehilfen den Heilgehilfen gleichge-
Beginnende Berufstätigkeit der Frau durch „weiblichen Liebesdienst“ (…) ge-
stellt (Wolff u. Wolff 2008). Ab 1873
Mit der Charakterisierung der Pflegear- stalteten Tätigkeitsbereich. Neben den
wurden in Preußen die Lazarettgehilfen
beit als familien- und hausarbeitsnaher ‚hausarbeitsnahen‛ Pflichten wurde zu-
und militärischen Krankenwärter den La-
Tätigkeit konnte der steigende Bedarf nehmend erwartet, dass die Kranken-
zarettärzten unterstellt. Das Arzt-Pflege-
an Pflegepersonal durch Frauen ausge- schwester eine emotionale Beziehung
kraft-Verhältnis, d. h. die Unterordnung
glichen werden. Da Pflegetätigkeit nun zu den Patienten aufbaue und auf der
der Krankenpflege unter den ärztlichen
mit weiblichen Tugenden in Einklang ge- anderen Seite den Arzt gewissenhaft in
Dienst wurde auch hierdurch entspre-
bracht wurde, eröffnete sich auch für seiner Tätigkeit unterstützte. Der so be-
chend untermauert (Wolff u. Wolff
unverheiratete Frauen die Möglichkeit schriebene neue bürgerlich-weibliche
2008).
einer außerhäuslichen Tätigkeit. Weibli- Assistenzberuf für die Medizin war also
che Eigenschaften wurden zum festen von der Ärzteschaft stark beeinflusst“
Bestandteil des Berufsbildes und ver- (Höppner nach Hundenborn 2005 a,
S. 47, Abb. 1.20).

21
1 Gesundheits- und Krankenpflege – Ausbildung und Beruf

1.9 Berufsorganisationen und Berufsverbände


1.9.1 Historische Entwicklung Führung. Erst nach dem 2. Weltkrieg or-
Neben den bereits bestehenden zahlrei- ganisierten sich die früheren Verbände
chen Mutterhausverbänden im Bereich langsam neu. Die (berufs-)politische
der katholischen Ordenspflege, der Mut- Durchsetzungsfähigkeit der Krankenpfle-
terhausdiakonie und den Mutterhausver- ge wurde hierdurch lange Zeit deutlich
bänden des Roten Kreuzes entstanden behindert.
an der Jahrhundertwende vom 19. zum
20. Jahrhundert erste Berufsorganisatio- 1.9.2 Heutige Berufsverbände und
nen, die das Mutterhaussystem nicht -organisationen
übernahmen und ihren Mitgliedern die Deutscher Pflegerat e. V. (DPR). Mit dem
Möglichkeiten freier Arbeitsverträge er- Beginn des Professionalisierungsprozes-
öffneten. ses in den Pflegeberufen verbesserten
Berufsorganisation der Krankenpflege- die bestehenden Berufsverbände und
rinnen Deutschlands. Ihre Gründung -organisationen ihre politischen Einfluss-
fällt historisch mit der Entwicklung der möglichkeiten und ihre berufspolitische
freiberuflichen Krankenpflege zusam- Durchsetzungsfähigkeit. Der Deutsche
men. Entscheidende Impulse gingen im Pflegerat e. V. (DPR) vertritt heute als
Bereich freier diakonischer Verbände von Dachverband von zwölf Mitgliedorgani-
dem Wuppertaler Theologen Friedrich sationen des Pflege- und Hebammenwe-
Abb. 1.21 Agnes Karll (1868 – 1927) gründete den
Zimmer aus. Von Agnes Karll ersten freien Berufsverband „Berufsorganisation
sens die politischen und berufspoliti-
(Abb. 1.21) wurde 1903 die „Berufsorga- der Krankenpflegerinnen Deutschlands“. schen Anliegen und Interessen seiner
nisation der Krankenpflegerinnen Mitglieder auf Bundesebene.
Deutschlands“ (B.O.K.D.) gegründet, die Deutscher Bildungsrat für Pflegeberufe.
v. a. den in der häuslichen Pflege tätigen Krankenpflege politisch relevanten Fra- Der Deutsche Bildungsrat für Pflegebe-
freien Krankenschwestern eine soziale gen kontroverse Positionen. So wurde rufe ist ebenfalls eine Dachorganisation,
Absicherung im Krankheitsfalle gewähr- etwa die erste staatliche Regelung der die für ihre Mitgliedsverbände die Fragen
te, die für in der freiberuflichen Kranken- Krankenpflegeausbildung in Preußen der pflegerischen Aus-, Fort- und Weiter-
pflege tätige Krankenschwestern erst von den kirchlichen Organisationen bildung in den Pflegeberufen politisch
vergleichsweise spät galt. überwiegend abgelehnt. Sie lehnten vertritt.
Bund deutscher Krankenpfleger. Als eine staatliche Kontrolle der Ausbildung In beiden Dachorganisationen ist
frühe Berufsorganisation für Kranken- ab und befürchteten, dass Personen keine persönliche Mitgliedschaft mög-
pfleger entstand in Berlin aus dem Zu- ohne christliche Motivation Zugang zum lich.
sammenschluss mehrerer örtlicher Ver- Pflegeberuf erhalten könnten (Steppe
eine unter der Leitung des Arztes Paul 2001). P R A X I S T I P P Pflegende, die
Jakobsohn der „Bund deutscher Kran- Auch der von den Gewerkschaften ge- sich berufspolitisch engagieren und
kenpfleger“. forderte 8-Stunden-Tag ließ sich in der somit die Interessen der Menschen mit
Gewerkschaften. Parallel zu den Berufs- Zeit der Weimarer Republik wegen der Pflegebedarf sowie ihre beruflichen An-
organisationen entstanden Gewerkschaf- uneinheitlichen Auffassungen der ver- liegen vertreten und durchsetzen wollen,
ten, die jedoch politisch andere Positio- schiedenen Verbände nicht durchsetzen. haben die Möglichkeit, in einem der
nen als die Berufsorganisationen vertra- Zeit des Nationalsozialismus. In der Zeit weiterhin bestehenden verschiedenen
ten (Wolff u. Wolff 2008). Lange Zeit des Nationalsozialismus kam es zur Ver- Einzelverbänden Mitglied zu werden.
galten die verschiedenen Mutterhausver- einheitlichung, organisatorischen Straf- Über ihren Mitgliedsverband sind sie
bände, Schwesternschaften, Berufsorga- fung und Zusammenfassung der ver- dann zugleich in den Dachorganisatio-
nisationen und Gewerkschaften als in schiedenen, zersplitterten Berufsverbän- nen vertreten.
sich zersplittert. Sie vertraten in für die de unter einer nationalsozialistischen

22
1.9 Berufsorganisationen und Berufsverbände 1
Lern- und Leseservice

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die Ausbildungsrichtlinie. Im Auftrag Medizin und der Krankenpflege.
des Ministeriums für Arbeit, Gesund- 7. Aufl. Stuttgart: W. Kohlhammer;
heit und Soziales des Landes NRW. 2003
Düsseldorf; 1996

23
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege Sabine Floer, Peter Jacobs, Henry Kieschnick

2.1 Wandel der Arbeitsprozesse und Entwicklung 2.4 Weitere Arbeitsfelder der Pflege 36
neuer Handlungsfelder 25
2.5 Häusliche Pflege 37
2.2 Typische Arbeitsfelder in der Pflege 30
2.3 Pflegeüberleitung 35

24
2.1 Wandel der Arbeitsprozesse und Entwicklung neuer Handlungsfelder 2
2.1 Wandel der Arbeitsprozesse und Entwicklung neuer Handlungsfelder
Peter Jacobs

Die meisten deutschen Krankenhäuser 2.1.1 Pflege in den ersten 40 che waren, aber auf dem Wege der De-
sind nach der sogenannten 3-Säulen- Nachkriegsjahren legation an Pflegepersonal übertragen
Theorie aufgebaut (Abb. 2.1). Dies führte Über Jahrzehnte fand Pflege im Bereich werden konnten. Die Probleme mit die-
in der Vergangenheit dazu, dass es zwi- der damals sogenannten Grund- und Be- ser Form der Delegation und die daraus
schen den drei Gruppen Verwaltung, handlungspflege statt. Unter Grundpfle- resultierenden juristischen Unsicherhei-
Medizin und Pflege zu Schnittstellen- ge verstand man diejenigen pflegeri- ten halten bis zum heutigen Tage an.
problemen kam. Die Einführung der schen Tätigkeiten, die ureigene Aufgabe In den letzten 20 Jahren erweiterte
Diagnosis Related Groups (DRG) und der Pflege waren und somit zur Durch- sich, einhergehend mit der zunehmen-
damit der Zwang wirtschaftlicher zu führung keiner eigenen ärztlichen An- den Technisierung der Medizin, die Tä-
werden, hat diese Struktur infrage ge- ordnung bedurften. Selbst diese Ausle- tigkeit der Pflegeberufe in Richtung
stellt. gung war umstritten. So wurde von einer erweiterten Form von Pflege und
Eine verbesserte Zusammenarbeit, dem Juristen Brenner, in dem an vielen Assistenz. Gerade in diesen medizinisch-
eine lückenlose Informationskultur und Krankenpflegeschulen verbreiteten pflegerischen Aufgabenfeldern entstan-
eine Neubewertung der z. T. Jahrzehnte Rechtskundebuch, der Satz geprägt: den die Fachweiterbildungen z. B. für In-
alten Arbeitsprozesse zwischen den Be- „Im Zusammenhang mit der Behandlung tensivpflege und Anästhesie (früher üb-
rufsgruppen im Gesundheitswesen – des Patienten gibt es daher für das Kran- rigens Anästhesie und Intensivmedizin
und hier v. a. in den Krankenhäusern – kenpflegepersonal keinen arztfreien Be- genannt), für den Operationsdienst
führen zu einer Veränderung klassischer reich.“ (Brenner u. Adelhardt 1987, oder die Onkologie und die Psychiatrie.
Arbeitsfelder und sogar zur Entstehung S. 319). Der Arzt, so die damalige Auf- Dies gipfelt nunmehr in der Entstehung
neuer Berufsbilder. fassung, ordnet auch im Bereich der neuer Berufsbilder, wie das des chirur-
Grundpflege an, was zu tun ist. Heute gisch-technischen Assistenten (CTA),
herrscht bereits eine andere Auffassung, der nicht mehr im pflegerischen Bereich
wenn insbesondere Oberlandesgerichte tätig ist, sondern im ärztlichen Arbeits-
in ihrer Rechtsprechung davon ausge- feld angesiedelt ist.
Krankenhausdirektion hen, dass es sich bei der Entstehung Mit der Änderung des Krankenpflege-
eines Dekubitus „in der Regel“ um gesetzes im Jahre 1985 kam es zu einer
Kauf- einen schweren Pflegefehler handelt ersten einschneidenden Zäsur in der
Ärztliche männische Pflege- (Sträßner 2001, Lutterbeck 2008). Im Ausbildung der Krankenpflege, deren
Direktion Direktion direktion
Wesentlichen wurden durch die Maß- Auswirkungen bis heute zu spüren sind
nahmen der Grundpflege die Grundbe- und deren Anforderungen z. T. bis heute
Finanzen dürfnisse der Patienten erfüllt, also die- noch nicht in vollem Umfang Eingang in
Medizin und Ver- Pflege jenigen Arbeiten für die Dauer der Er- das pflegerische Handeln gefunden
waltung
krankung übernommen, die der Patient haben. Gemeint ist die Einführung des
normalerweise selbst an sich vornehmen Pflegeprozesses und als Unterpunkt hier-
kann (Abb. 2.2). zu die Erstellung einer fachlich begrün-
Behandlungspflege waren die Anteile deten Pflegedokumentation.
Abb. 2.1 Die drei Säulen der Berufsgruppen im
Krankenhaus müssen in Zukunft besser kommuni- von Pflege, die aufgrund einer ärztlichen Das nächste Jahrzehnt wird hier eine
zieren und die Arbeitsabläufe aufeinander abstim- Anordnung geleistet wurden. Darunter erneute Erweiterung pflegerischer Ar-
men. fielen die Arbeiten, die eigentlich ärztli- beitsfelder mit sich bringen (Abb. 2.3).
Die eigentliche Bedeutung wird dabei
darin liegen, dass sich pflegerische
Handlungsfelder in immer stärkerem
Grundpflege Behandlungspflege Assistenz Maße auf Organisationstätigkeiten kon-
zentrieren werden. Diese Tätigkeiten,
• Grundbedürfnisse • Prophylaxen • Operationen
erfüllen • Injektionen • Transfusionen
z. B. im Case-Management oder in der
Pflegeüberleitung, sind prozessorientiert
Hauswirtschaft/Pflege

• Lagerung • Vor-/Nachbereitung • Funktionsdiagnostik


• Mobilisation Teilnahme an der • Ambulanz und erbringen damit z. B. durch eine
Medizin/Pflege

• Pflegeprozess Visite • Nothilfe bessere Vernetzung einen Rückgang der


• Pflege- • Koordination von ... • diagnostische/thera-
dokumentation • Verbandwechsel peutische Verweildauer. Dadurch stellen diese pfle-
• Vitalzeichenkontrolle Interventionen gerischen Handlungsfelder einen unmit-
• Wund-/Hautbe- telbaren Mehrwert für das Unternehmen
handlung Entstehung der Krankenhaus dar.
• Sondierungen/ Fachweiterbildungen
Spülungen Weitere Ansätze sind die Einbindung
• Vorbereitung/Verab- des Pflegemanagements in die Dienst-
reichung/Kontrolle leistungsprozesse der Krankenhäuser. So
von Arzneimitteln sind Pflegemanager prädestiniert dafür,
Versorgungsbereiche wie Reinigung,
Abb. 2.2 Typische Aufgaben der Pflege bis Mitte der 80er Jahre: Behandlungspflege und Tätigkeiten im Küche oder die Zentralsterilisationen un-
Bereich der Funktionspflege wurden in der Vergangenheit meist zusätzlich übernommen, ohne dass dies zu ternehmerisch im Rahmen einer Direk-
einer Personalaufstockung in der Pflege führte.

25
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

sundheitswesen zu noch mehr Informa-


Pflege Stationsorganisation Dienstleistungsorganisation tionsverlusten, als dies schon jetzt der
Fall ist.
• Operationen • Überleitung • Pflegemanagement

Management/Pflegeberatung
• Transfusionen • Aufnahme- und • Pflegepädagogik Forderungen des
• Funktionsdiagnostik Entlassungsmana- • Pflegewissenschaften
• Ambulanz gement • Hotelleistungen Sachverständigenrates
• Nothilfe • Case Management • Beratungsleistungen Von besonderer Bedeutung für die Er-
Pflege

• diagnostische/ • Stationsmanagement • Gesundheits- schließung neuer Handlungsfelder in


therapeutische • Ressourcen- förderung der Pflege ist das Sachverständigengut-
Interventionen aktivierung
• Nurse Practitioner achten Gesundheitswesen 2007 (Sach-
• Ausübung heilkund- verständigenrat zur Begutachtung der
licher Tätigkeiten Entwicklung im Gesundheitswesen
• Entstehung neuer
2007). Sehr präzise und ohne Vorbehalte
Berufe wie OTA, ATA
erfolgt in diesem Gutachten eine Analy-
se der derzeitigen Mängel. So heißt es
Abb. 2.3 In Zukunft wird es eine Verlagerung pflegerischer Aufgaben in den Bereich der Prozesse rund um zum Status quo der Gesundheitsberufe:
den Patienten geben. Die Übernahme ärztlicher Aufgaben wird nur bei Erhöhung des Personalbudgets ■ „… die Verteilung der Tätigkeiten
Pflege möglich sein. Neue Handlungsfelder entstehen.
zwischen den Berufsgruppen ent-
spricht nicht den demografischen,
tion zu leiten, da Pflege selbst ein 8. die wachsende Bedeutung der Pfle- strukturellen und innovationsbeding-
Dienstleistungsberuf ist und damit über geberufe vor dem Hintergrund der ten Anforderungen,
das notwendige Know-how verfügt. Altersentwicklung der Bevölkerung ■ hinsichtlich der Arbeitsteilung zwi-

Im Folgenden werden anhand einiger (Demografieentwicklung). schen den Gesundheitsberufen, ins-


Veränderungsprozesse die möglichen besondere zwischen Ärzten und der
Neufassungen des
Auswirkungen auf die Pflegeberufe der Pflege, besteht ein hohes Maß an
Krankenpflegegesetzes
Zukunft dargestellt. Rechtsunsicherheit,
Die Änderungen des Krankenpflegege- ■ die interprofessionelle Standardisie-
setzes von 1985 und 2004 waren eine
2.1.2 Gründe für die rung ist zu wenig ausgeprägt, wo-
wichtige Voraussetzung dafür, dass die
Veränderungsprozesse durch Zusammenarbeit und Delega-
Pflegeberufe sich weiter entwickeln
Die Arbeitsfelder und daraus resultierend tion erheblich erschwert werden,
konnten. So wurde mit der Änderung ■ es zeigt sich eine nicht immer effi-
die Aufgaben der Pflegeberufe werden
1985 eine Anhebung auf europäisches
sich in den nächsten Jahren deutlich ver- ziente Arztzentriertheit der Kranken-
Niveau erreicht. Bedeutsam war auch,
ändern. Dafür gibt es eine Reihe von Ur- versorgung und
dass mit dem damaligen Paragrafen 4 ■ die Ausbildungen der Gesundheitsbe-
sachen:
der Pflegeprozess mit seinem Regelkreis
1. die Veränderungen des Berufsbildes rufe bereiten nicht adäquat auf die
Bestandteil der Ausbildung wurde und
„Pflege“ durch die Neufassungen des Zusammenarbeit mit anderen Ge-
damit integrativer Teil des beruflichen
Krankenpflegegesetzes von 1985 und sundheitsberufen vor“ (Sachverstän-
Niveaus (S. 75).
2004, digenrat 2007, S. 17).
Mit der – nicht unbedingt gelungenen
2. die Forderungen des Sachverständi- Zwei wesentliche Forderungen des Sach-
– neuen Berufsbezeichnung „Gesund-
genrates zur Begutachtung der Ent- verständigenrates ergeben sich aus die-
heits- und Krankenpflegerin“ erfolgte
wicklung im Gesundheitswesen: Gut- ser Analyse.
ein gesetzlich verankerter Hinweis da-
achten 2007 (Sachverständigenrat Orientierung am Patienten. Zum einen
rauf, dass Pflege sich eben nicht nur
2007), muss „… die Diskussion um neue Koope-
mit den kurativen Aspekten der Pflege
3. der Entwurf eines Gesetzes zur struk- rationsformen und Kompetenzen von
kranker Menschen beschäftigt, sondern
turellen Weiterentwicklung der Pfle- Gesundheitsberufen (…) nicht primär
auch die Verhinderung von Krankheiten
geversicherung – Pflege-Weiterent- aus der Perspektive der Berufsgruppen,
und daraus resultierender Pflegebedürf-
wicklungsgesetz, PfWG (Bundesregie- sondern auf der Basis der zukünftigen
tigkeit Teil des Berufsbildes „Pflege“ ist.
rung 2007), Anforderungen an das Gesundheitssys-
Als Beispiel sei hier auf die Grundsätze
4. die Einführung von Studiengängen in tem – d. h. aus der Patientenperspektive
aktivierender rehabilitativer Pflege hin-
Pflegewissenschaften, -management – geführt werden“ (Sachverständigenrat
gewiesen (S. 166).
und -pädagogik, 2007, S. 22).
Wir stehen nunmehr in der Diskussion
5. das berufspolitische Umdenken der Als Beispiel sei an dieser Stelle die Ar-
um die Einführung von Bachelor-Studien-
Pflege, weg von der „Abgabe berufs- beitsablauforganisation in den Kranken-
gängen für die pflegerische Grundausbil-
fremder Aufgaben“, hin zur Übernah- häusern angeführt. Diese ist überwie-
dung. Diese bildungspolitischen Voraus-
me bzw. Allokation neuer Aufgaben, gend von den Interessen der jeweiligen
setzungen bilden gleichsam das Funda-
6. die Wandlung im Gesundheitswesen Berufsgruppe geprägt, weniger von den
ment, auf dem sich die Pflegeberufe in
von karitativen, steuerbegünstigten Bedürfnissen der Patienten.
der Zukunft entwickeln können und wer-
Einrichtungen hin zu profitorientier- So machen Ärzte meistens dann Visi-
den. Dabei muss ergänzend darauf ge-
ten Unternehmen, te, wenn es gerade passt, ohne Rück-
achtet werden, dass die verschiedenen
7. die immer stärker werdende Arbeits- sicht auf die Organisationsabläufe der
Berufe im Gesundheitswesen auch die
teilung innerhalb der Gesundheitsbe- Station. Die Folge ist der Rückzug der
Zusammenarbeit untereinander als Lehr-
rufe, insbesondere zwischen Medizin Pflege von den ärztlichen Visiten und
inhalt in ihre Ausbildungsgänge aufneh-
und Pflege, damit i. d. R. Informationsverluste. Vol-
men, sonst führt die Vermehrung von
lends schwierig wird dies für den Patien-
Schnittstellen durch neue Berufe im Ge-

26
2.1 Wandel der Arbeitsprozesse und Entwicklung neuer Handlungsfelder 2
ten, wenn es dann eine eigene Pflege-
visite gibt und der Patient sich fragt, ob
alle an seinem Genesungsprozess denn
noch über die notwendigen Informatio-
nen verfügen.
Abendessen gibt es meist deshalb zu
einer Zeit, zu der normalerweise Kaffee
getrunken wird, weil in den Küchen die
Dienstzeiten im Vordergrund stehen und
nicht die Patientenbedürfnisse.
Die Pflege macht „Übergabe“ und
hängt dann mehr oder weniger freund-
lich formulierte Schilder an die Tür des
Abb. 2.5 Pflegende können sich durch fachbezo-
Stationszimmers „Nicht eintreten – gene Studiengänge weiterqualifizieren und neue
Übergabe“, wobei manchem Patienten Aufgabenfelder im pädagogischen Bereich oder
und Angehörigen nicht klar sein dürfte, im Management übernehmen.
wer sich da übergibt und warum. Abb. 2.4 Pflegende sollen in Zukunft die Pflege-
Selbst die Zusammenarbeit innerhalb bedarfsartikel selbst verordnen können.
Fachweiterbildungen müssen dringend
der Berufsgruppe ist oft noch nicht im
modernisiert werden, da sie zu hohe
Interesse des Patienten organisiert. Als
Kosten verursachen und Gefahr laufen,
Beispiel höre man sich die Übergabe sundheitspolitik gleich, dürfen doch bis-
aus Kostengründen von den Trägern ab-
eines Patienten in der OP-Schleuse an lang nur Ärzte und Heilpraktiker heil-
geschafft zu werden, was ein Rückschritt
und nach der Operation die Übergabe kundliche Tätigkeiten ausüben.
wäre.
durch die Anästhesieschwester an die Zusammen mit dem Vorschlag des
Pflegemanagement. Die Einführung der
Station. Sachverständigenrates, dass die Verord-
Studiengänge im Pflegemanagement
Größere Handlungsautonomie für Pfle- nungsfähigkeit für Pflegebedarfsartikel
führt ebenso zu einem höheren Profes-
gende. Schließlich gipfeln die Vorschlä- in die Hand der Pflege gelegt werden
sionalisierungsgrad in der Pflege. Aller-
ge des Sachverständigenrates in einer soll, sind hier kaum zu überschätzende
dings hat das Pflegemanagement insge-
größeren Handlungsautonomie: „Eine Auswirkungen und Veränderungen v. a.
samt noch nicht seinen Platz in den In-
Tätigkeitsübertragung von Aufgaben ins- im Bereich der ambulanten Pflege zu er-
stitutionen gefunden. Viele Pflegemana-
besondere auf die Pflege und eine grö- warten. Berufsbilder wie das der Nurse
ger verstehen sich als die besseren Be-
ßere Handlungsautonomie derselben ist Practitioner sind damit auch für
triebswirte und machen den kaufmänni-
nicht zu umgehen, wenn die Versorgung Deutschland angedacht.
schen Direktoren Konkurrenz. Einige zei-
aufrechterhalten und verbessert werden
Einführung von Studiengängen gen heute schon den Weg in die Zukunft
soll. (…) Die Verordnungsfähigkeit für
Die verschiedenen Studiengänge der auf, in dem sie sich für eine umfassende
Pflegebedarfsartikel sollte in die Hand
Pflegewissenschaften, der Pflegepäda- interne und externe Dienstleistung auf
der Pflege gelegt werden.“ (Sachver-
gogik und des Pflegemanagements Managementebene öffnen und damit
ständigenrat 2007, S. 23; Abb. 2.4).
haben bereits heute dazu beigetragen, aus der Pflege heraus einen Mehrwert
Diese Vorschläge sind in ihrer Bedeu-
dass Pflege zunehmend als Profession für das Unternehmen „Krankenhaus“
tung für die Herausforderungen der Pfle-
wahrgenommen wird. Sie haben damit sichtbar machen. Damit wird Pflege
geberufe in der unmittelbaren Zukunft
den Grundstein für die oben beschriebe- nicht mehr nur als Kostenfaktor, sondern
nicht hoch genug einzuschätzen. Sie im-
plizieren letztlich, dass Pflege zu einem ne Entwicklung gelegt (Abb. 2.5). auch als Leistungserbringer wahrgenom-
Pflegewissenschaften. In der Zukunft men.
eigenständigen Beruf im Gesundheits-
wesen geworden ist. Dies wiederum hat werden die Pflegewissenschaften den
Berufspolitisches Umdenken der
zur Folge, dass natürlich der Professiona- Pflegenden zunehmend Ergebnisse lie-
Pflege
lisierungsgrad insbesondere durch adä- fern müssen, die zu einer evidenzbasier-
Berufspolitisches Umdenken bedeutet
ten Pflege führen. Ergänzend dazu wer-
quate Aus- und Weiterbildung angepasst hier: weg von der „Abgabe berufsfrem-
werden muss. den in der Pflegepraxis, gleichgültig ob
der Aufgaben“ hin zur Übernahme bzw.
in Krankenhäusern, Altenheimen oder in
Allokation neuer Aufgaben.
Pflege-Weiterentwicklungsgesetz der ambulanten Pflegediensten, gut ausge-
Bundesregierung bildete Pflegepraktikerinnen gebraucht,
D E F I N I T I O N Allokation kommt
Der oben zitierte Vorschlag des Sach- die diese Ergebnisse in neue Pflegeme-
aus dem Lateinischen: allocare = zutei-
verständigenrates hat kurz darauf seinen thoden umsetzen. Damit wird den Pfle-
len, zuweisen. In den Wirtschaftswissen-
Niederschlag im Entwurf zum Pflege- gewissenschaften in der Zukunft eine
schaften wird damit z. B. die Zuweisung
Weiterentwicklungsgesetz gefunden. sehr hohe Bedeutung auf dem Weg zu
von Tätigkeiten oder Ressourcen auf eine
Nach Artikel 12 „Änderung des Kranken- einer professionellen Pflege zukommen.
bestimmte (Berufs-)gruppe bezeichnet.
pflegegesetzes“ sollen in Modellvorha- Pflegepädagogik. Im Bereich der Pflege-
Werden also ärztliche Tätigkeiten auf
ben im Rahmen der Krankenpflegeaus- pädagogik wird es verstärkt darum
Pflegepersonal alloziert, so gehen auch
bildung erweiterte Kompetenzen erwor- gehen, auch die Pflegenden auf die Zu-
die dafür notwendigen Geldmittel (Per-
ben werden können, die dann diese Pfle- sammenarbeit mit den anderen Berufen
sonalstellen) auf die Pflege über. Ebenso
genden dazu berechtigen, heilkundliche im Gesundheitswesen vorzubereiten, wie
aber auch die haftungsrechtliche Ver-
Tätigkeiten auszuüben. Dies kommt dies vom Sachverständigenrat in dem
antwortung, was derzeit noch ein gro-
einem Paradigmenwechsel in der Ge- Gutachten 2007 angemahnt wurde. Die
ßes Problem in Deutschland darstellt.

27
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

Ausgelöst durch den Personalmangel in Senkung der Personalkosten in der Pfle- Arztzentriertheit gesprochen wird. Dies
den Pflegeberufen in den 80er bis Mitte ge, weil mehr Personal mit weniger Qua- gilt sowohl für den Krankenhausbereich
der 90er Jahre versuchte die Pflege so- lifikation beschäftigt wird, was billiger ist. als auch für die Zusammenarbeit zwi-
genannte berufsfremde Tätigkeiten ab- Dies ist ein Irrglaube. In Zukunft wird in schen niedergelassenen Ärzten und den
zugeben, wobei darunter überwiegend allen Bereichen der institutionellen Pflege ambulanten Pflegediensten.
ärztliche Tätigkeiten verstanden wurden. zunehmend hoch qualifiziertes Personal
Zunehmende Arbeitsteilung zwischen
Übersehen wurde dabei, dass gleichzei- gebraucht – plus zuarbeitendes Personal
Medizin und Pflege
tig – wie auch bei den Ärzten – der An- z. B. für Versorgungs- und Verwaltungs-
Die Jahrzehnte alte Diskussion um die
teil an Verwaltungsarbeiten stetig zu- tätigkeiten (Jacobs 1993).
Arbeitsteilung zwischen Medizin und
nahm. Untersuchungen sprechen hier Die Ursache für diese Entwicklung
Pflege hat im Jahr 2006 eine unerwarte-
für beide Berufsgruppen von rund 30 % liegt darin begründet, dass nur noch
te Wendung genommen. Ausgelöst
Schreib- und Dokumentationsaufgaben, der schwerkranke, multimorbide Patient
durch den Streik der Ärzte und die
aber auch Tätigkeiten wie Patientenauf- in ein Krankenhaus kommt. Alle anderen
hohen Einkommensverbesserungen die-
nahme und in der Pflege zusätzlich je Patienten werden teilstationär oder am-
ser Berufsgruppe interessierten sich
nach Struktur des Krankenhauses auch bulant betreut. In den Altenheimen kann
plötzlich die kaufmännischen Direktoren
hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Damit man diese Entwicklung schon lange be-
für die Verteilung der Tätigkeiten zwi-
wird gut ausgebildetes Pflegepersonal obachten. War früher der größte Teil der
schen Ärzten und Pflegepersonal. Ziel
für Arbeiten herangezogen, für die es Bewohner mobil und Selbstversorger, so
war dabei, bisher ärztliche Tätigkeiten
überqualifiziert und auch zu teuer be- überwiegt heute die Zahl der pflegebe-
auf Pflegepersonal zu übertragen, um
zahlt ist. dürftigen Bewohner deutlich.
letztlich teure Arztstellen gegen preis-
Ausweitung statt Abgrenzung. Inzwi-
wertere Pflegestellen auszutauschen.
schen hat in den Pflegeberufen v. a. auf M E R K E All dies bedeutet, dass
Damit gewann die bisher unter der
Ebene der Berufsverbände ein Umden- die oben geschilderten Empfehlungen
Bezeichnung „Delegation ärztlicher Auf-
ken stattgefunden. Statt Abgrenzung des Sachverständigenrates und der An-
gaben an Pflegepersonal“ geführte Dis-
setzt man heute auf die Übernahme satz des Pflege-Weiterentwicklungsge-
kussion eine neue Dimension. Zumal die
von Tätigkeiten (Lorenz 2000). Allerdings setzes kommen müssen. Es ist nicht
Pflege bereit ist, Aufgaben zu überneh-
nicht mehr – und das ist die große Ver- mehr die Frage, ob mehr Verantwortung
men. Aber nicht mehr nach dem Prinzip
änderung – nach dem bisherigen Prinzip und Eigenständigkeit und damit neue
der Delegation, also der Arzt entschei-
der Delegation ärztlicher Aufgaben an Handlungsfelder für die Pflegeberufe
det, wann wer welche Tätigkeiten durch-
Pflegepersonal, sondern durch Übernah- entstehen, sondern nur noch die Frage,
führt (S. 119), sondern die Pflege über-
me bis hin zur Allokation ärztlicher Tätig- wann dies geschieht.
nimmt Tätigkeiten eigenverantwortlich
keiten in das Berufsbild Pflege. Damit
und erhält dafür die entsprechende Per-
einhergehen muss dann auch eine ent- Entwicklung zu profitorientierten
sonalausstattung. Um dieser neuen Ent-
sprechende Personalaufstockung. Dazu Unternehmen im Gesundheitswesen
wicklung gerecht zu werden, müssen die
können – sofern vorhanden – Ressour- Den größten Druck zum Wandel der
Begriffe Delegation – Übernahme – Allo-
cen innerhalb der Pflege genutzt wer- Strukturen und Prozesse im Gesund-
kation neu definiert werden (Jacobs
den, oder aber es kommt zu einem heitswesen und v. a. in den Krankenhäu-
2007a; Abb. 2.6).
Abbau von Arztstellen bei gleichzeitigem sern hat die Einführung der DRG er-
Aufbau von Pflegestellen. zeugt. Zugleich hat die wirtschaftlich Entstehung neuer Berufsbilder
Neue Personalstrukturen. Ein weiteres schwierige Situation in Deutschland Neben der Frage, wie die Arbeit zwi-
Thema in diesem Zusammenhang ist dazu geführt, dass die Bereitschaft der schen Ärzten und Pflegenden in Zukunft
die Veränderung im Personalmix inner- Länder und Kommunen, ihre Kranken- aufgeteilt wird, entstehen inner- und au-
halb der Pflege. Um examiniertes Perso- häuser weiterhin aus dem Steuerauf- ßerhalb der Pflege neue Berufsbilder.
nal für hochwertige, ihrer Aus- und Wei- kommen zu subventionieren, stark nach- Operationstechnischer Assistent (OTA).
terbildung entsprechende Aufgaben he- gelassen hat. Innerhalb der Pflege ist in erster Linie
ranziehen zu können, bedarf es eines der Die Notwendigkeit, in einem immer der Operationstechnische Assistent
Pflege zuarbeitenden Unterbaus. Letzt- noch stark hierarchisch geprägten Sys- (OTA) zu nennen. Auslöser für diese Ent-
lich ist auch nur so ein effektives Primary tem zu effizienteren Arbeitsabläufen zu wicklung ist die schwierige Personalge-
Nursing zu realisieren (S. 84). So ist z. B. kommen, um Geld einzusparen, wird winnung im Operationsbereich. Der
in Großbritannien die Zahl der in der immer größer. Die bisherigen Erfahrun- Weg bis zur Fachschwester für den Ope-
Pflege beschäftigten Personen deutlich gen zeigen jedoch vielerorts, dass eher rationsdienst erscheint vielen als zu lang,
höher als in Deutschland. Erst der perso- an Investitions-, Material- und Lohnkos-
nelle Qualifikationsmix führt dazu, dass ten gespart wird, anstatt Ressourcen zu
gut ausgebildetes Pflegepersonal den nutzen, die alleine durch eine bessere
Regelkreis des Pflegeprozesses (S. 75) Arbeitsablaufgestaltung und bessere
anwenden und evaluieren kann. In die- Kommunikation zwischen den Berufs-
sem Zusammenhang sei auf eine Disser- gruppen zu erreichen wären.
tation aus Konstanz verwiesen mit dem Eine Ursache dafür ist die stark von-
bezeichnenden Untertitel „Warum arbei- einander abgegrenzte Struktur der drei
ten doppelt so viele Krankenschwestern Säulen im Krankenhaus (s. Abb. 2.1), die
pro Arzt in englischen wie in deutschen meist zu berufsgruppenspezifischer Ab-
Krankenhäusern?“ (Haug 1995). grenzung führt. Gerade hier setzt auch
Viele kaufmännische Direktoren glau- die Kritik des Sachverständigenrates an, Abb. 2.6 In Zukunft werden nur die Krankenhäu-
ben, dieser Personalmix führe zu einer wenn von einer nicht immer effizienten ser überleben, in denen Teamarbeit gelebt wird.

28
2.1 Wandel der Arbeitsprozesse und Entwicklung neuer Handlungsfelder 2
darüber hinaus wird in den meisten 65 und älter 20–45 6–15 es sich hierbei um Tätigkeiten, die ein
Krankenpflegeschulen kein Einsatz im 45–65 15–20 0–6 hohes Maß an aktiver Berufserfahrung
OP während der Ausbildung angeboten. 100 voraussetzen, d. h. regelmäßige Teil-
Damit wird der OP nicht mehr als Ar- nahme an Fortbildungen, um sich im
80
beitsfeld für die Pflege identifiziert. Die Beruf „fit“ zu halten. Hier wird deut-

Prozent
Ausbildungsstätten für OTA hingegen 60
lich, dass für die Pflegenden mehr und
haben ausreichend Bewerbungen. Hier mehr die Bedingungen der freien
wird es also zu einer Verschiebung kom- 40 Wirtschaft zum Tragen kommen: Wer
men. Noch gehören die OTA in den sich fortbildet, gute Arbeitszeugnisse
meisten Krankenhäusern zum Geschäfts- 20 vorweisen kann und auch in Bezug auf
bereich der Pflege. Es ist aber absehbar, den Arbeitsort flexibel ist, wird immer
0
dass sie in Zukunft ähnlich wie RTA und gute Chancen haben. Die Einführung

1871

1890

1910

1930

1950

1970

1990

2010

2030

2050
die MTA zum ärztlichen Bereich gehören der freiwilligen Registrierung und die
werden. Jahr Etablierung des Erwerbs von Fortbil-
Gerade am Beispiel der Operationsab- dungspunkten sind bereits deutliche
Abb. 2.7 Entwicklung der Altersstruktur in
teilungen wird sich zeigen, dass die Pfle- Deutschland bis 2050. Daraus resultiert ein erheb-
Zeichen in diese Richtung, die natur-
ge nicht nur neue Arbeitsfelder hinzuge- licher Anstieg an Pflegedienstleistungen. gemäß auch zu einer höheren beruf-
winnen wird, sondern auch bisher pfle- lichen Professionalisierung führen
gerische Berufsgruppen verlieren wird. werden.
neue Aus- bzw. Weiterbildungsberufe
So gibt es bereits Modelle, in denen der
wie Case-Manager oder Coder.
gesamte pflegerische Funktionsdienst im 2.1.3 Bedeutung für die Pflegeberufe
In der Altenpflege hat sich der Wandel
OP, also Anästhesie- und Operationspfle- der Zukunft
bereits vollzogen. Altenheime werden
gepersonal einem ärztlichen OP-Mana- Zusammenfassend lässt sich feststellen,
in immer stärker werdendem Maße zu
ger und nicht mehr der Pflegedienstlei- dass aufgrund der hier nur skizzierten
Pflegeeinrichtungen. Hier kann auch
tung unterstellt sind. Veränderungen die Pflegeberufe in
nicht mehr nur von der Betreuung
Physician Assistant. Ein weiteres neues Deutschland vor der größten Herausfor-
von Bewohnern gesprochen werden,
Arbeitsfeld zeichnet sich durch die Wei- derung in ihrer Geschichte stehen. Dies
vielmehr ist der Übergang zur Pflege
terbildung von erfahrenem OP-Pflege- gilt für alle etablierten Pflegebereiche
von betagten, multimorbiden, chro-
personal zu Physician Assistants ab. wie Pflege in den Krankenhäusern und
nisch kranken Menschen fließend und
Auch hier ist der Auslöser eine Mangel- Rehabilitationseinrichtungen, Altenpfle-
stellt damit die Altenpflege vor neue
situation, diesmal im ärztlichen Dienst. ge und die ambulante Pflege. Daneben
Herausforderungen.
In diesem Fall wird erfahrenes OP-Pflege- werden sich in der Gesundheitswirt-
Schließlich hat die zukünftige Alters-
personal so weitergebildet, dass im Rah- schaft für die Pflegeberufe neue Arbeits-
struktur der Bevölkerung auch Aus-
men von Operationen ärztliche Tätigkei- felder in der Organisation, Gesundheits-
wirkungen auf die ambulante Pflege
ten erfolgen können. Entsprechende förderung, Gesundheitsberatung und
bzw. die Arbeitsfelder der Pflege au-
Modelle kommen aus dem Ausland. Die weiterer Gesundheitsleistungen eröff-
ßerhalb der klassischen Institutionen.
so weitergebildeten Physician Assistants nen. Der Gesundheitsmarkt gilt unter
Der Beratungsbedarf sowohl der Pa-
wechseln dann auf eine Arztstelle und Volkswirten als der Wachstumsmarkt
tienten wie auch der (pflegenden)
gehören nicht mehr dem Pflegedienst und Motor der Weltwirtschaft. Pflege
Angehörigen steigt. Die Einrichtung
an (Jacobs 2007 b), was unter Umstän- ist ein unverzichtbarer Bestandteil dieses
von Pflegestützpunkten soll dieser
den den Mangel an qualifiziertem OP- Wachstumsmarktes. Darüber hinaus
Entwicklung Rechnung tragen. Schon
Pflegepersonal verschärfen wird. werden sich gerade für Pflegende, die
seit Längerem ist der Einsatz von
heute am Beginn ihrer beruflichen Lauf-
Pflegeberufe und demografische Pflegepersonal im Home-Care-Bereich
bahn stehen, zahlreiche Möglichkeiten
Entwicklung ein Arbeitsfeld für erfahrenes Pflege-
auch außerhalb der klassischen Hand-
Die Demografieentwicklung wirkt sich personal. Begonnen haben damit die
lungsfelder eröffnen (Abb. 2.8).
zweifach auf die Entwicklung der zukünf- Sanitätshäuser. Inzwischen etabliert
Die Pflegeberufe erleben eine Ent-
tigen Handlungs- und Arbeitsfelder in sich eine regelrechte Home-Care-In-
wicklung, wie wir sie aus anderen Beru-
den Pflegeberufen aus. dustrie mit Arbeitsplätzen für Pflege-
fen schon länger kennen: Die Nachfrage
1. Zum einen steigt der Pflegebedarf in personal.
nach hochqualifiziertem, gut ausgebilde-
der Bevölkerung durch die Alters- 2. Die zweite Entwicklung betrifft die
tem Pflegepersonal wird steigen. Schon
struktur deutlich an (Abb. 2.7). In den Pflegeberufe selbst. Auch das Durch-
heute kann sich Operations-, Anästhesie-
Krankenhäusern führt das – zusam- schnittsalter der Pflegenden wird
und Intensivpflegepersonal in den Bal-
men mit dem Prinzip „ambulant vor immer höher. Da Pflege ein an-
lungsgebieten seinen Arbeitsplatz auf-
stationär“ – dazu, dass überwiegend strengender 3-Schicht-Beruf ist, kön-
grund der großen Nachfrage aussuchen.
schwerstkranke Patienten behandelt nen in zunehmendem Maße Pflegen-
Auch innerhalb der Institutionen werden
werden. Hierzu wird hochspezialisier- de ihre Tätigkeit nur noch einge-
sich für die Pflegeberufe neue Hand-
tes Fachpflegepersonal benötigt, das schränkt ausüben. Damit stellt sich
lungsräume ergeben (Abb. 2.9).
zurzeit bereits knapp ist. die Frage, was mit diesen Mitarbei-
Pflege ist schon heute einer der at-
Um dieses hochqualifizierte Pflege- terinnen und Mitarbeitern geschehen
traktivsten (Frauen-)berufe: Mit einer 3-
personal adäquat einsetzen zu kön- soll. Neue Arbeitsfelder, z. B. in der
jährigen Ausbildung, kombiniert mit
nen, wird eine Struktur zuarbeitenden Pflegeberatung, im Case-Manage-
einer zielgerichteten Berufsplanung,
Personals benötigt. Hierzu zählt so- ment u. v. m., können hier eine Alter-
kann z. B. die Karriere in einer Professur
wohl angelerntes Personal wie auch native darstellen. Allerdings handelt
für Pflegewissenschaften oder in der

29
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

Übernahme von hochwertigen Manage-


Home
Enwicklungs-
Praxen mentaufgaben inner- und außerhalb der
hilfe
Altenpflege
Care Institutionen münden. All dies setzt je-
Betreutes Medizini- Vertrieb doch voraus, dass sich die Pflegeberufe
Wohnen Rehakliniken scher Dienst
Gesund- Kurkliniken der Kranken- berufspolitisch anders verhalten als bis-
kassen
heits- Familien- her. Ein höherer berufspolitischer Orga-
förderung pflege
Aktionsräume nisationsgrad und durch die Mitglieder-
Pflegedienst beiträge finanzierte Lobbyarbeit in Berlin
Hospiz Gesund-
Patienten- Wellness
Palliativpflege hotel
heits- sind dazu eine notwendige Vorausset-
dienste
zung.
Tagesklinik
Wissenschaft – teilstationär Ambulante Die zweite Voraussetzung liegt im
Pädagogik Kranken-
– kurzstationär Dienste persönlichen Bereich jeder Pflegeperson.
Management haus
Der unbedingte Wille zu persönlicher
Fortbildung sowie eine persönliche Kar-
Abb. 2.8 Die Aktionsräume der Pflege werden sich inner- und außerhalb der Krankenhäuser ausweiten.
riereplanung – verbunden mit der not-
wendigen Flexibilität, auch was den Ar-
Praxisanleitung
beitsplatz und -ort angehen – werden
Führung und Patienten u.
Allgemein- Gesundheits- Mentoren
Management
diesen Pflegepersonen einen attraktiven
förderung Angehörigen-
station Beruf in der Zukunft bieten.
beratung

Überleitungs-
Palliativ-
Arbeitsfelder pflege
medizin
im Krankenhaus
Qualitäts-
Personal- Case- management
entwicklung management
Tagesklinik
Funktions-
–stationär
abteilung
–teilstationär

Abb. 2.9 Innerhalb der Krankenhäuser wird die Pflege neue Arbeitsfelder besetzen und damit zum Mehr-
wert für das Unternehmen beitragen.

2.2 Typische Arbeitsfelder in der Pflege


Henry Kieschnick

Pflegepersonen arbeiten in verschiede- D E F I N I T I O N Krankenhäuser Biopsie, S. 623) oder die Herzkatheterun-


nen Einrichtungen des Gesundheitssys- sind „Einrichtungen, die mithilfe von je- tersuchung.
tems wie derzeit verfügbarem ärztlichem, Pflege-, Behandlung. Dies betrifft v. a. Erkran-
■ häuslichen Pflegediensten, Funktions- und medizinisch-technischem kungen im Akutstadium bzw. Krankhei-
■ Krankenhäusern, Personal darauf ausgerichtet sind, vor- ten, die eine umfassende und/oder ein-
■ Rehabilitations- und Kurkliniken, wiegend durch ärztliche und pflegeri- greifende Therapie notwendig machen.
■ Altenpflegeheimen und sche Hilfeleistungen Krankheiten der Pa- Darüber hinaus bieten die meisten Kran-
■ Hospizen. tienten zu erkennen, zu heilen, ihre Ver- kenhäuser Geburtshilfe an.
Den häuslichen Pflegediensten kommt schlimmerung zu verhüten, Krankheits-
Struktur eines Krankenhauses
im Zuge der Reformprozesse im Gesund- beschwerden zu lindern oder Geburts-
Je nach Zielsetzung bzw. gesetzlichem
heitswesen (s. Prinzip: „ambulant vor hilfe zu leisten, und in denen die Patien-
Auftrag, Größe und örtlicher Lage ist
stationär“, S. 29) eine zunehmende Be- ten untergebracht und verpflegt werden
das Krankenhaus in verschiedene Fach-
deutung zu. Daher werden die Aufgaben können“ (SGB V, § 107, 1. Abs.).
abteilungen gegliedert. Die Bezeichnung
und Arbeitsfelder in der häuslichen Pfle-
erfolgt i. d. R. danach, für welchen Fach-
ge detailliert in Kap. 2.5 (S. 37) darge- Leistungen
bereich die medizinische und pflegeri-
stellt. Diagnostik. Eine Funktion der Kranken-
sche Versorgung sichergestellt wird.
hausbehandlung besteht darin, Krank-
Fachbereiche. Folgende typische Fachbe-
2.2.1 Krankenhaus heiten festzustellen (Diagnostik). Patien-
reiche unterscheidet man:
Trotz der Vorteile und Möglichkeiten der ten suchen ein Krankenhaus v. a. dann
■ Innere Medizin (z. B. Behandlung von
häuslichen Versorgung von Pflegebe- auf, wenn die Diagnostik sowohl vom
Herz-/Kreislauf-, Nieren-, Magen-/
dürftigen gibt es Situationen, in denen Zeitaufwand als auch von den notwen-
Darmerkrankungen)
die Nutzung einer stationären Einrich- digen Verfahren und Geräten her sehr
■ Chirurgie (operative Behandlung von
tung sinnvoll bzw. notwendig ist. Eine aufwendig ist. Der Aufenthalt ist außer-
Krankheiten, Abb. 2.10)
der wichtigsten Institutionen stellt in dem bei Untersuchungen sinnvoll und
■ Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde
diesem Zusammenhang das Kranken- notwendig, die für den Patienten mit
■ Gynäkologie (Behandlung von Erkran-
haus dar. hohen körperlichen, aber auch emotio-
kungen der weiblichen Geschlechts-
nalen Belastungen verbunden sind, z. B.
organe) und Geburtshilfe
die Entnahme von Körpergewebe (s.

30
2.2 Typische Arbeitsfelder in der Pflege 2
Onkologische Stationen
In der Onkologie werden Patienten mit
Krebserkrankungen betreut. Die sehr
eingreifenden Behandlungsmethoden
(z. B. Bestrahlung, Chemotherapie)
haben i. d. R. massive und belastende
Nebenwirkungen. Das Immunsystem
der Betroffenen ist durch die Therapie
oft so geschwächt, dass entweder die
Pflegepersonen besondere Anforderun-
gen hinsichtlich der Hygiene beachten
müssen oder die Patienten zu ihrem
Schutz sogar in keimfreien Räumen un-
tergebracht sind und unter weitgehend
Abb. 2.11 Auf der Intensivstation ist die Umge-
bung durch viele Apparate geprägt. Zu den Auf- sterilen Bedingungen versorgt werden
gaben der Pflegenden gehören u. a. die Beobach- müssen.
tung des Patienten, die Kommunikation mit ihm Die Betroffenen sind mit einer Krank-
Abb. 2.10 Arbeitsfeld Operationssaal. Die Fachwei-
und die Kontrolle und Sicherstellung der medizi-
terbildung zur OP-Fachkrankenpflegerin dauert
nischen Geräte.
heit konfrontiert, die in vielen Fällen
zwei Jahre. nicht (dauerhaft) geheilt werden kann.
Besonders die Auseinandersetzung der
■ Dermatologie (Behandlung von Haut- Aufgrund der spezifischen Anforderun- Patienten mit dem Thema Sterben und
erkrankungen) gen in der Intensivmedizin, Onkologie Tod erfordert eine einfühlende Beglei-
■ Onkologie (Behandlung von Krebser- und Psychiatrie ist es sinnvoll und not- tung der Betroffenen durch die Pflege-
krankungen) wendig, in diesen Bereichen zumindest personen.
■ Neurologie (Behandlung von Erkran- anteilmäßig speziell ausgebildete Pflege- Psychiatrische Stationen
kungen des Nervensystems) personen zu beschäftigen. Die entspre- In der Psychiatrie werden Patienten mit
■ Psychiatrie (Behandlung von psychi- chende Qualifikation können Pflegeper- seelischen Erkrankungen behandelt (z. B.
schen Erkrankungen) sonen mithilfe einer Fachweiterbildung Psychosen, Neurosen, Suchterkrankun-
■ Pädiatrie (Kinderheilkunde) erwerben. gen, S. 1127). Die Krankheiten äußern
■ Geriatrie (Behandlung von Erkrankun- sich nicht vordergründig durch körperli-
Intensivstationen
gen im Alter) che Einschränkungen, sondern durch ein
Auf Intensivstationen werden Patienten
Stationen. Eine Abteilung kann in meh- auffälliges Verhalten und Empfinden der
mit sehr kritischem bis lebensbedroh-
rere Stationen eines Fachbereichs unter- Betroffenen (z. B. in Form von Unruhe,
lichem Gesundheitszustand oder nach
gliedert sein. Sie kann aber auch aus Sta- Angst, Depressionen, Wahnvorstellun-
erfolgter Operation betreut. Dabei sind
tionen bestehen, die unterschiedliche gen, Apathie).
die Betroffenen oft bewusstlos oder in
fachlich/medizinische Schwerpunkte Die Rolle der Pflegenden besteht v. a.
ihrem Bewusstsein eingeschränkt. Das
eines Fachgebiets abdecken (z. B. Chirur- in einer pflegerisch aktivierenden und
Umfeld ist von einer Vielzahl von Appa-
gie: Abdominal-, Neurochirurgie und Or- stützend begleitenden Tätigkeit. Die
raten geprägt, die für die Überwachung
thopädie). Pflegenden nehmen i. d. R. am Therapie-
und Aufrechterhaltung seiner lebens-
Bestimmte Krankenhäuser verfügen programm teil und führen die Therapie-
wichtigen Körperfunktionen (z. B. At-
über Möglichkeiten der Diagnostik und maßnahmen der Psychiater und Psycho-
mung, Kreislauf, Nierenfunktion) not-
Behandlung spezieller Krankheitsbilder logen weiter bzw. unterstützen sie (bei
wendig sind (Abb. 2.11).
(z. B. Versorgung von Brandverletzten, entsprechender Aufgaben- und Kompe-
Die Pflegepersonen stellen einerseits
Lungenkranken). tenzabgrenzung). Sie stellen für den Pa-
die Beobachtung des Patienten, die
Multidisziplinäre Stationen. In einigen tienten eine Art Begleiter dar, leben er-
Kommunikation mit ihm und das Funk-
Krankenhäusern bestehen sog. multidis- wünschte Verhaltensweisen vor und stel-
tionieren der Geräte bzw. die ärztlich
ziplinäre Abteilungen oder Stationen, in len die Integration von Ressourcen des
verordnete Therapie sicher. Andererseits
denen Spezialisten unterschiedlicher Patienten sicher.
müssen sie einen Großteil der pflegeri-
Fachgebiete zusammenarbeiten. Ansatz
schen Versorgung übernehmen, da der Pädiatrie
dabei ist, multimorbide Patienten (mit
Betroffene aufgrund seines Zustandes In der Pädiatrie werden kranke Kinder
mehreren parallel auftretenden Krank-
die Aktivitäten des täglichen Lebens versorgt. Die spezifischen Kenntnisse
heiten) aus Sicht verschiedener Fachge-
(z. B. Waschen, Augen-, Nasen-, Ohren- und Fertigkeiten erwerben die Pflege-
biete zu diagnostizieren und zu therapie-
pflege) nicht selbst oder nur einge- personen in einer speziellen (Grund-)
ren.
schränkt ausführen kann. Aufgrund des Ausbildung zum Gesundheits- und Kin-
Spezialgebiete der Pflege hohen Betreuungsaufwandes ist jede derkrankenpfleger (Abb. 2.12).
Spezielle Einsatzgebiete von Pflegeper- Pflegeperson in ihrer Schicht jeweils nur
sonen im Krankenhaus sind z. B. für einen oder eine geringe Anzahl von Ambulanzen
■ Intensivstationen, Patienten verantwortlich. Intensivstatio- In der Ambulanz (Notaufnahme) erfolgt
■ onkologische Stationen, nen gibt es v. a. im internistischen und i. d. R. die Erstversorgung von Patienten
■ psychiatrische Stationen, chirurgischen Bereich. mit akuten Verletzungen. Lediglich bei
■ pädiatrische Stationen und
einem bestimmten Schweregrad der
■ Ambulanzen.
Verletzung wird der Patient stationär
aufgenommen. Nach der Entlassung

31
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

nären Versorgung vorzubereiten. Ambu- ■ die Zusammenarbeit mit und Bera-


lant durchgeführt werden z. B. die not- tung von Angehörigen und anderen
wendige Diagnostik (wie Blutentnahme, Bezugspersonen,
Röntgen) bzw. die Vorbereitung auf ope- ■ die Sterbebegleitung,

rative Eingriffe. Diese Form der Leis- ■ die Assistenz bei diagnostischen und

tungserbringung erspart dem Patienten therapeutischen Maßnahmen bzw. die


oft mehrere Tage Aufenthalt im Kran- Übernahme entsprechender vom Arzt
kenhaus. delegierter Tätigkeiten,
Die Pflegenden haben in der Ambu- ■ administrative Tätigkeiten (z. B. im

lanz/Notaufnahme v. a. die Aufgabe, Zusammenhang mit der Aufnahme,


dem Arzt bei der Diagnostik und Thera- Verlegung und Entlassung von Pa-
pie zu assistieren (z. B. bei chirurgischen tienten),
Eingriffen) bzw. einen Teil der notwendi- ■ die Koordination von Terminen für

gen Maßnahmen zu übernehmen (wie den Patienten.


das Durchführen einfacher Untersuchun- Die examinierten Pflegepersonen kön-
gen und das Anlegen von Verbänden). nen einfache Tätigkeiten im Zusammen-
hang mit der Grundpflege auch an weni-
Allgemeinstationen
ger qualifizierte Personen (z. B. Kranken-
Abb. 2.12 Die Kinderkrankenpflege ist eine spe- Auf den Allgemeinstationen sind die
zielle Fachdisziplin der Pflege, die eine spezielle pflegehelfer) delegieren. Die Verantwor-
Pflegepersonen generell für die Ausfüh-
Ausbildung erfordert, um den Bedürfnissen der tung liegt aber immer bei den Pflege-
Kinder gerecht werden zu können.
rung der pflegeoriginären Aufgaben auf
fachpersonen.
der Grundlage des Pflegeprozesses ver-
antwortlich (S. 75). Dazu gehören vor- Gesamtsystem Krankenhaus
können Kontrolluntersuchungen und die rangig Im Rahmen ihrer Administrations- und
ambulante Weiterbehandlung durchge- ■ die Sicherstellung der Grundpflege Koordinationsaufgaben arbeitet die Pfle-
führt werden. Außerdem werden die einschließlich der Patientenbeobach- geperson mit einer Vielzahl von Abtei-
Ambulanzen verstärkt genutzt, um bei tung und -beratung, lungen bzw. deren Mitarbeitern zusam-
geplanten Krankenhausaufenthalten die men. In Abb. 2.13 ist in Form eines Orga-
Patienten vorab auf die Phase der statio- nigrammbeispiels dargestellt, welche

Gesellschafterversammlung

Assistenz der GF
Geschäftsführung (GF) (Qualitätscontrolling)

Ärztliche Leitung Pflegedienstleitung Verwaltungsleitung

Medizinischer Bereich Pflegebereich Hauswirtschaft/ Verwaltungsbereich Technik


Küche
Hauptabteilungen Funktionsbereiche • Stationärer Bereich • allgemeine Verwaltung • technischer
• Hauswirtschaft – allg. Verwaltungs- Dienst
• Unfallambulanz • Ambulanter – Reinigungsdienst angelegenheiten – Bautechnik
Bereich – Wäschever- – Patientenaufnahme – Haustechnik
• Chirurgie • Operationsabteilung sorgung – Zentrale Dienste = Versorgung
• Physikalische • Funktionsbereiche – Bettenzentrale – Einrichtungen = Entsorgung
Therapie – Operations- – Pforte, Registratur – Medizin-
abteilung • Finanz- und technik
– Endoskopische • Speisenversorgung Rechnungswesen – Hol- und
• Innere • Funktionsdiagnostik Abteilung Bringdienst
– Einkauf – Leistungserfassung
• Labor – Hygiene- – Leistungs- – Kommunika-
– zentrale Küche
abteilung – Personalcafeteria abrechnung tionstechnik
• Anästhesie • Endoskopie – Finanzbuchhaltung – Außen-
– Speisenplanung
• Intensivmedizin • Aus-, Fort- und – Diätassistenz – Kosten- u. Leistungs- anlagen
Weiterbildungs- rechnung
• Radiologie • Röntgendiagnostik einrichtungen – Anlagenbuchhaltung
– Krankenpflege- – Kasse
• Belegabteilungen • Sprechzimmer/ schule • Personalwesen
Fachambulanz – Fort- und – Personalverwaltung
• HNO mediz. Dok./Reg. Weiterbildungs- – Lohn- u. Gehalts-
stätte abrechnung
• Orthopädie • Apotheke – Personalplanung,
• Zentralsterilisation Personalentwicklung
• Gynäkologie/ • Beschaffungswesen
Geburtshilfe • ärztl. Schreibdienst – Einkauf
– Materialwirtschaft
– Zentrallager
• Pathologie

Abb. 2.13 In einem Krankenhaus arbeiten viele verschiedene Leistungsbereiche zusammen.

32
2.2 Typische Arbeitsfelder in der Pflege 2
einzelnen Bereiche in einem Kranken- DEFINITION
haus zusammenwirken. ■ Präventionsmaßnahmen tragen dazu
Im Gegensatz zum ambulanten Be- bei, „eine Schwächung der Gesund-
reich muss im Krankenhaus die medizini- heit, die in absehbarer Zeit voraus-
sche, pflegerische und andere Hilfe rund sichtlich zu einer Krankheit führen
um die Uhr und an allen Tagen der würde, zu beseitigen oder einer Ge-
Woche sichergestellt werden. Viele Kran- fährdung der gesundheitlichen Ent-
kenhäuser verfügen aber zusätzlich über wicklung eines Kindes entgegenzu-
Bereiche, die der teilstationären bzw. wirken [...]“ (SGB V, § 107, 2. Abs.).
ambulanten Versorgung dienen. ■ Rehabilitieren bedeutet so viel wie „in
den früheren Stand zurückversetzen“.
Tages- und Nachtkliniken
Rehabilitation findet i. d. R. im An-
Teilweise werden von Krankenhäusern
schluss an eine Krankenhausbehand-
auch Tages- und/oder Nachtkliniken be-
lung statt. Sie soll den bereits erzielten
trieben, z. B. im Bereich der Psychiatrie.
Behandlungserfolg sichern oder festi-
Ein Teil der psychiatrischen Patienten
gen. Ziel ist auch, Pflegebedürftigkeit
muss sehr langsam an die Wiedereinglie-
nach Möglichkeit zu vermeiden oder
derung in das private Wohn- und Ar-
zu mindern (vgl. SGB V, § 107, Abs. 1).
beitsumfeld herangeführt werden. Abb. 2.14 Bewegungstherapie und medizinisch-
In einer bestimmten Phase der Thera- therapeutische Anwendungen sind wesentliche Be-
Kurkliniken. Für die Erbringung von sta- standteile der Rehabilitation.
pie erhalten sie daher die Möglichkeit,
tionären Leistungen im Rahmen der Prä-
sich tagsüber oder nachts außerhalb
vention sind v. a. die Kurkliniken verant-
der Institution aufzuhalten, aber für den ■ Arbeits- und Beschäftigungstherapie
wortlich. Kuren nehmen v. a. Menschen
anderen Teil des Tages den Schutz der und
in Anspruch, die sich starken gesundheit-
teilstationären Einrichtung und die The- ■ medizinisch-therapeutische Anwen-
lichen Belastungen ausgesetzt haben.
rapieangebote in Anspruch zu nehmen. dungen wie z. B. spezielle Bäder, Mas-
Andererseits werden Kuren von chro-
Die Aufgaben der Pflegenden entspre- sagen.
nisch Kranken genutzt, um zumindest
chen weitgehend denen bei der statio- Der Patient wird von einem Team von
eine Erhaltung des bestehenden Ge-
nären Versorgung. Fachspezialisten (v. a. auch von verschie-
sundheitszustandes zu sichern oder eine
denen Therapeuten) behandelt.
Vorteile des Arbeitsplatzes Verschlimmerung zu vermeiden.
Krankenhaus Kuren können nicht nur Erwachsene Aufgaben der Pflegepersonen
Für Pflegepersonen stellt das Kranken- in Anspruch nehmen, sondern auch Kin- Die Aufgaben in Kur- und Rehabilita-
haus einen attraktiven Arbeitsplatz dar, der. Dies ist der Fall, wenn sie krank sind tionseinrichtungen sind breit gefächert.
da sie oder die Gefahr einer Erkrankung be- Kurkliniken. Die Pflegeperson hat v. a.
■ i. d. R. ein Fachgebiet entsprechend steht, aber auch wenn Entwicklungsstö- eine unterstützende und beratende
ihren persönlichen Neigungen wählen rungen vorliegen. Bei Kuren für Kinder Funktion, z. B. im Rahmen von Ernäh-
können (z. B. Chirurgie, Kardiologie, besteht in der Regel die Möglichkeit, rungsanpassung bzw. -umstellung und
Psychiatrie), dass zusätzlich ein Elternteil an der Vor- dem regelmäßig zu absolvierenden Kon-
■ unter verschiedenen Organisations- sorgemaßnahme teilnimmt (Mutter- ditionstraining. Außerdem werden Be-
formen wählen können (z. B. statio- Kind-Kur). handlungsmaßnahmen weitergeführt
näre Versorgung, Tagesklinik), Rehabilitationskliniken. Hier werden oder unterstützt.
■ im Team (z. B. auf Station) und mit überwiegend Patienten betreut, die trotz Rehabilitationskliniken. Die Pflege in Re-
einer relativ direkten Anbindung an vorheriger Krankenhausbehandlung noch habilitationskliniken richtet sich beson-
die anderen Leistungserbringer arbei- nicht vollständig geheilt sind oder bei ders darauf, die Fähigkeiten des Patien-
ten, denen der Zustand weiter verbessert ten zu erhalten und zu fördern. Dies be-
■ mehrere Aufstiegschancen sowohl aus bzw. stabilisiert werden soll. Die Betroffe- trifft sowohl die körperliche Leistungsfä-
fachlicher als auch aus leitungsbezo- nen können gezielt auf das Leben zu higkeit, die durch Aktivierungsübungen
gener Sicht haben, Hause oder auf den Aufenthalt in einer verbessert werden kann, als auch das
■ in vielen Spezialbereichen arbeiten anderen stationären Einrichtung (z. B. Al- gezielte Trainieren der visuellen, akusti-
können (z. B. in der Endoskopie). tenpflegeheim) vorbereitet werden. schen und taktilen Wahrnehmung sowie
der geistigen Funktionen (z. B. Sprechen,
Leistungen
2.2.2 Kurkliniken/ Lesen, Reagieren). Mit Schlaganfallpa-
In Kur- bzw. Rehabilitationskliniken wird
Rehabilitationskliniken tienten wird bspw. trainiert, wie sie sich
– soweit dies notwendig ist – die medi-
Kur- und Rehabilitationskliniken dienen selbstständig an- und auskleiden sowie
zinische Behandlung sichergestellt, und
vorwiegend der stationären Versorgung waschen können. Ziel ist die möglichst
die Patienten werden pflegerisch ver-
von Patienten. Sie folgen allerdings eigenständige Versorgung zuhause.
sorgt. Die Aufenthaltsdauer beträgt drei
einem anderen Ansatz als dem der Kran- Wie in der Kurklinik kommt auch in
bis sechs Wochen. Sie ergibt sich aus ge-
kenhausbehandlung. Im Mittelpunkt ste- der Rehabilitationsklinik der Beratung
setzlichen Vorgaben.
hen Maßnahmen der eine große Bedeutung zu. So wird z. B.
Therapien. Wesentlicher Bestandteil ist
■ Prävention (Krankheitsvorbeugung/- der Umgang mit behindertengerechtem
die Durchführung von speziellen Thera-
vorsorge, Gesundheitsförderung) und Besteck oder mit Bewegungshilfen wie
pien wie
■ Rehabilitation (Erhaltung, Wiederher- Rollstuhl und Deltarad sowie die Versor-
■ Bewegungstherapie (Abb. 2.14),
stellung und Pflege der Fähigkeiten gung eines künstlichen Darmausgangs
■ Sprachtherapie,
des Menschen). erläutert und eingeübt.

33
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

Besonderheiten. Das Besondere in einer ■ eine sinnvolle Strukturierung des Ta- Nähe und Distanz) stellt eine besondere
Kur- bzw. Rehabilitationsklinik ist v. a., gesablaufes soweit dies erforderlich Herausforderung für Pflegepersonen dar.
dass ist (z. B. bei demenziell Erkrankten).
■ die aktivierende Pflege im Vorder- Maßstab für die Betreuung bzw. Hilfe- Sterbebegleitung. Die Pflegepersonen
grund steht, stellung sind die Bedürfnisse des alten sind oft mit dem Tod der Bewohner kon-
■ alle Beteiligten im Sinne eines thera- Menschen (z. B. das Bedürfnis nach Pri- frontiert. Die professionelle Begleitung
peutischen Teams zusammenarbei- vatsphäre, nach Aktivität und Gesellig- von Sterbenden stellt eine anspruchsvol-
ten, keit) sowie seine Gewohnheiten. Das le Aufgabe dar.
■ die Angehörigen aktiv einbezogen Fördern von Aktivität bedeutet aber
Besonderheiten
werden (Übernachtungsmöglichkeit nicht Aktivierung um jeden Preis. Viel-
Im Heim sind überwiegend Altenpflege-
im Zimmer des Patienten oder in Kli- mehr wird das Augenmerk sowohl auf
rinnen bzw. Altenpfleger tätig.
niknähe sowie die Nutzung anderer die vorhandenen, teilweise vielleicht
Wegen des besonderen Betreuung-
Leistungen werden angeboten), auch verdeckten oder vernachlässigten
■ auch eine teilstationäre Versorgung
sansatzes in der Altenhilfe legen viele
eigenen Fähigkeiten des Betagten als
Ausbildungsstätten ihren Schwerpunkt
stattfindet (z. B. indem der Betroffene auch auf altersbedingte bzw. persönliche
auf grund- und sozialpflegerische Aspek-
während des Aufenthalts außerhalb Grenzen des Betroffenen gerichtet.
te. Außerdem ist erwähnenswert, dass
der Klinik wohnt/übernachtet, aber Das Akzeptieren und Beachten von
im Altenpflegeheim zu ca. 50 % teilqua-
die Therapieangebote der Einrichtung Gewohnheiten bedeutet auch ein mög-
lifizierte Pflegepersonen (z. B. Altenpfle-
in Anspruch nimmt). lichst geringes Maß an Regeln, damit der
gehelfer, Krankenpflegehelfer) und Mit-
alte Mensch – obwohl er in einer Institu-
arbeiter ohne pflegefachliche Ausbil-
2.2.3 Altenpflegeheim tion lebt – sein Leben weitgehend selbst
dung arbeiten. Zu den Aufgaben der
gestalten kann. Er muss bspw. selbst be-
Pflegefachkräfte gehört daher verstärkt
D E F I N I T I O N Altenpflegeheime stimmen können, wann er aufstehen
auch die Anleitung und Kontrolle von
sind Einrichtungen, die alte Menschen oder zu Bett gehen möchte, ob er lieber
weniger qualifizierten Pflegepersonen
zum Zweck der Unterbringung dauerhaft duscht oder badet und ob er dies viel-
und die Verantwortungsübernahme für
aufnehmen und entgeltlich betrieben leicht am Abend statt am Vormittag tun
die delegierten Tätigkeiten.
werden. Die Unterbringung umfasst möchte.
dabei neben der Unterkunft auch die Diagnostik und Therapie. Anders als im
2.2.4 Hospiz
Gewährung von Verpflegung und Pflege/ Krankenhaus werden Diagnostik und
Hospize sind Einrichtungen und Dienste,
Betreuung (vgl. Heimgesetz [HeimG], Therapie nicht durch fest angestellte
die der Sicherstellung der Palliativmedi-
§ 1). Teilweise werden andere Bezeich- Ärzte, sondern durch niedergelassene
zin dienen. „Aufgabe der palliativen Me-
nungen verwendet, z. B. Altenheim, Al- Ärzte sichergestellt. Hauptansprechpart-
dizin ist die umfassende Behandlung und
tenzentrum, Seniorenheim oder Senio- ner ist der Hausarzt des Bewohners. Zu-
Betreuung von Kranken mit chronischen
renresidenz. sätzlich wird die ärztliche Versorgung –
Leiden, die zum Tode führen“ (Hospiz-
wenn notwendig – von Fachärzten si-
Führer 1997).
Aufgaben der Pflegeperson chergestellt (z. B. Zahnarzt, Gynäkologe,
Die Pflegepersonen gewährleisten Urologe, Neurologe, Psychiater). Leistungen
■ die Hilfestellung bei den Aktivitäten Wie im ambulanten Bereich stellt die Im Mittelpunkt stehen der sterbende
des täglichen Lebens (Ziel: möglichst Zusammenarbeit des niedergelassenen Mensch und seine Bedürfnisse. Alle Be-
aktive und selbstbestimmte Teilnah- Arztes mit den Pflegepersonen des Hei- mühungen richten sich darauf, die best-
me am Heimalltag), mes ein Kooperationsverhältnis dar. Um mögliche Lebensqualität in der letzten
■ die Beobachtung des generellen Ge- eine adäquate medizinische Versorgung Lebensphase zu erreichen. Sichergestellt
sundheitszustandes und die Betreu- sicherzustellen, kann der Arzt die Durch- wird dies durch
ung im Krankheitsfall (Abb. 2.15), führung von sog. Behandlungspflege- ■ eine angemessene medizinische und

maßnahmen an das Pflegepersonal dele- pflegerische Versorgung,


gieren. In der Regel werden nur Behand- ■ die intensive Hilfe bei der Auseinan-

lungspflegemaßnahmen übernommen, dersetzung mit dem Tod sowie


die nicht zu den gefahrvollen Tätigkeiten ■ die umfassende Begleitung in der

gehören (z. B. Insulininjektion, Wechsel Phase des Sterbens.


einfacher Verbände, Bestimmung des Schmerztherapie. Die medizinische Be-
Blutzuckers). Die Durchführung eingrei- handlung umfasst vorrangig die
fender bzw. gefährlicher medizinischer Schmerztherapie. Die Patienten sollen
Leistungen (z. B. Legen von Blasendauer- nicht unter Schmerzen leiden. Daher
kathetern, Anlegen von Infusionen) hat werden i. d. R. hoch wirksame Medika-
dagegen durch den Arzt zu erfolgen. mente eingesetzt, überwiegend aus der
Gruppe der Betäubungsmittel (z. B. mor-
M E R K E Dadurch, dass die Be- phinhaltige Präparate s. S. 1179).
wohner i. d. R. nicht nur kurze Zeit, son- Kontrolle typischer Symptome. Außer-
dern oft bis an ihr Lebensende im Heim dem steht die Kontrolle weiterer typi-
wohnen, entstehen größtenteils enge, scher Symptome im Vordergrund (z. B.
fast familiäre Bindungen zwischen Be- in Bezug auf Stoffwechselstörungen, Ein-
wohnern und Mitarbeitern. Die profes- schränkungen in der Nahrungsaufnah-
Abb. 2.15 Die Aufgaben in der Altenpflege umfas- sionelle Gestaltung dieser Beziehungen me, Durchblutungsstörungen, Atembe-
sen v. a. grund- und sozialpflegerische Aspekte. (z. B. ausgewogenes Verhältnis zwischen schwerden).

34
2.3 Pflegeüberleitung 2
Psychische Begleitung. Hauptanliegen Sterbephase. Darüber hinaus ist es eine
der psychischen/emotionalen Begleitung wesentliche Aufgabe der Pflegeperso-
ist, dem Betroffenen Trost und Sicherheit nen, auf die – häufig schwankenden –
zu geben und eine möglichst hohe Le- emotionalen Befindlichkeiten einzuge-
bensqualität zu erreichen. Die Beglei- hen, z. B. auf Ängste oder Wünsche. Die
tung bezieht sich auch auf die Familie Begleitung und Zuwendung besteht v. a.
bzw. die Bezugspersonen des Patienten in
vor und nach seinem Tod. Dies umfasst ■ Zuhören,

u. a. die Bewusstmachung des bevorste- ■ Ernstnehmen von Ängsten und Sor-

henden Abschieds und das Trauergeleit gen und


nach dem Tod. ■ Hilfe bei der Bewältigung unerledigter

Dinge.
M E R K E Da der Hospizgedanke
Hospizeinrichtungen
von einer lebensbejahenden Grundidee
Palliativmedizin wird in einer Vielzahl von
ausgeht, schließt er die aktive Sterbehilfe
Hospizeinrichtungen erbracht. Abb. 2.16 Bei der Begleitung Sterbender ist es oft
aus. sinnvoll, ein einfühlsames Gespräch zu führen oder
Ambulante Hospizdienste. Sie ähneln
dem Patienten einfach nur die gewünschte Nähe
durch Arbeitsweise und Struktur den zu geben (z. B. durch stille Anwesenheit oder das
Multidisziplinäres Team. Die umfassen-
ambulanten Pflegediensten, betreuen Halten der Hände).
den Betreuungsmaßnahmen im Rahmen
aber ausschließlich Sterbende.
der Palliativmedizin werden durch ein
Hausbetreuungsdienste. Vorwiegend
multidisziplinäres Team gewährleistet.
mit hauptamtlich tätigen Pflegeperso- Palliativstationen/-bereiche. Eine Pallia-
Dies sind neben Ärzten und Pflegeperso-
nen arbeitend, stellen sie eine spezielle tivstation ist eine Station mit palliativme-
nen v. a. Sozialarbeiter, Psychologen,
Form der ambulanten Hospizdienste dar. dizinischer Ausrichtung in einem regulä-
Seelsorger und verschiedene Therapeu-
Sie sichern insbesondere die aufwendige ren Krankenhaus. Ein Palliativbereich da-
ten. Darüber hinaus leisten ehrenamtli-
pflegerische Betreuung von Schwerst- gegen umfasst keine ganze eigenständi-
che Helfer einen wesentlichen Beitrag.
pflegebedürftigen. ge Station, sondern nur einen Teil einer
Ohne das große Engagement von spe-
Stationäre Hospize. Diese Einrichtungen normalen Station (z. B. mit internisti-
ziell geschulten Laienhelfern wäre die
können genutzt werden, wenn die am- scher oder onkologischer Ausrichtung).
Hospizarbeit nicht leistbar.
bulante Versorgung nicht (mehr) mög- Ziel des Aufenthaltes ist häufig, den Pa-
Aufgaben der Pflegeperson lich ist. Die Pflege wird durch fest ange- tienten auf die ambulante Weiterversor-
Die Aufgaben der Pflegepersonen um- stellte Pflegepersonen sichergestellt. Die gung vorzubereiten.
fassen ärztlichen Aufgaben werden hingegen Wohneinrichtungen für AIDS-Kranke. In
■ Hilfestellung bei den Aktivitäten des hauptsächlich von den Hausärzten der speziell dafür vorgesehenen Häusern
täglichen Lebens, Patienten und/oder von niedergelasse- bzw. Wohngemeinschaften leben meh-
■ Durchführung von Behandlungspfle- nen Ärzten übernommen, die mit dem rere HIV- und AIDS-Patienten zusammen
gemaßnahmen und Hospiz kooperieren. Ehrenamtliche Hel- und führen ein weitgehend selbstständi-
■ Sicherstellung der Versorgung mit fer unterstützen die Arbeit. ges Leben. Sie werden i. d. R. von Sozial-
Medikamenten, insbesondere im Tageshospiz. In einem stationären Hos- arbeitern bei der Bewältigung des All-
Rahmen der Schmerztherapie. piz oder einer anderen Einrichtung ste- tagslebens unterstützt, insbesondere in
Zu den pflegerischen Maßnahmen bei hen Räumlichkeiten zur Verfügung, in Krisensituationen. Soweit notwendig
der Schmerzbehandlung gehört oft die denen die Patienten für mehrere Stun- bzw. gewünscht, können sie weitere
Überwachung, Handhabung und Pflege den am Tag betreut werden. Leistungen abrufen (z. B. pflegerische
von Infusions- bzw. Portsystemen Betreuung).
(S. 676).

2.3 Pflegeüberleitung
Durchlaufen die kranken und/oder alten effektiv zusammenarbeiten. Einige typi- sammenarbeit ist die sog. Pflegeüberlei-
Menschen mehrere Einrichtungen, ist es sche Versorgungsketten sind in tung.
wichtig, dass die einzelnen Institutionen Abb. 2.17 dargestellt. Eine Form der Zu-
M E R K E Ziel der Pflegeüberlei-
tung ist es, die Versorgung durch die
einzelnen Gesundheitsdienste aufeinan-
ambulante ambulante ambulante der abzustimmen. Der Übergang in die
Krankenhaus
Betreuung Betreuung Betreuung Folgeeinrichtung ist so zu gestalten, dass
der größtmögliche Grad an Betreuungs-
Rehabilitations- Krankenhaus Krankenhaus Krankenhaus kontinuität und ein hohes Maß an Zu-
klinik
friedenheit und Lebensqualität gewähr-
ambulante ambulante Alten- leistet werden. Darüber hinaus kann
Hospitz
Betreuung Betreuung pflegeheim Doppelarbeit vermieden werden. Jede
Einrichtung kann die eigenen Ressourcen
optimal nutzen.
Abb. 2.17 Einige typische Versorgungsketten im Gesundheitssystem.

35
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

Leistungen Aufgaben der Pflegeperson zelt ein sog. Begleitbuch eingesetzt. Es


Die Maßnahmen der Pflegeüberleitung Die Aufgaben des Pflegepersonals bei enthält sowohl die Grunddaten als auch
umfassen der Überleitung sind wichtige Hinweise des Betroffenen bzw.
■ die Entlassungsvorbereitung in der ■ Verlegungsorganisation (z. B. Verein- dessen Angehörigen (z. B. zu individuel-
verlegenden Einrichtung und baren eines Termins, Klären der Not- len Gewohnheiten), Informationen zu
■ die Abstimmung mit der Folgeein- wendigkeit einer Begleitperson beim wesentlichen Absprachen mit Fachperso-
richtung. Transport) und nen (z. B. zum Umgang mit lebensver-
Die gute Zusammenarbeit aller beteilig- ■ Erstellung des Überleitungsberichtes. längernden Maßnahmen) und zum Be-
ten Berufsgruppen ist besonders wichtig. Die Kontinuität der Betreuung kann nur treuungsverlauf.
Folgende Fragen müssen geklärt sein: gewährleistet werden, wenn Informatio- Gespräch. Die Weitergabe von schriftli-
■ Wer informiert wen und wann worü- nen über den Patienten umfassend und chen Informationen sollte idealerweise
ber? möglichst zeitnah der Folgeeinrichtung durch ein persönliches Gespräch zwi-
■ Welche konkreten Vorbereitungen verfügbar gemacht werden. schen den bisher und den zukünftig an
müssen getroffen werden? Überleitungsbericht. Der Überleitungs- der Betreuung Beteiligten sowie dem Pa-
Der Arzt informiert über Anlass und Zeit- bericht umfasst Angaben über tienten und dessen Bezugspersonen er-
punkt der Verlegung/Entlassung, den ■ Zustand und Befinden des Betroffe- gänzt werden.
Stand der Therapie und die medizinische nen, Einbeziehung des Betroffenen. Generell
Weiterbehandlung. ■ den erforderlichen Hilfebedarf, kommt der Einbeziehung des Betroffe-
Die Information und Beratung hin- ■ vorhandene oder notwendige Hilfs- nen und seiner Angehörigen im gesam-
sichtlich pflegerischer Belange (z. B. mittel, ten Überleitungsprozess eine wesentli-
zum richtigen Einsatz von Hilfsmitteln) ■ familiäre und soziale Rahmenbedin- che Bedeutung dahingehend zu, dass
sowie die unmittelbaren Vorbereitungs- gungen des Patienten und der Patient den gesamten Krankheitsver-
arbeiten (z. B. das Helfen beim Packen) ■ den bisherigen Pflegeplan des Patien- lauf überblicken kann. Außerdem sollten
obliegen den Pflegepersonen. Außer- ten. seine mit der Verlegung zusammenhän-
dem sind Therapeuten und andere Fach- Besonders in Einrichtungen, in denen genden Fragen, Bedürfnisse und Sorgen
personen einzubeziehen (z. B. Ernäh- eine Langzeitversorgung sichergestellt ernst genommen werden, und es sollte
rungsberater). Die notwendigen Maß- wird (z. B. im Altenpflegeheim), sind bio- ein Abgleich der Perspektiven des Be-
nahmen/Termine sind von der Pflege- grafiebezogene Angaben von Vorteil. troffenen und der professionellen Fach-
person zu koordinieren. Außerdem sollten die mitgelieferten Do- personen vorgenommen werden.
Die Auswahl einer geeigneten Folge- kumente möglichst Verlaufsinformatio- Fachlicher Austausch. Der fachliche Aus-
einrichtung und die Klärung der notwen- nen enthalten, z. B. zur bisherigen Ge- tausch im Rahmen der Pflegeüberleitung
digen finanziellen und sozialen Aspekte sundheitsentwicklung und zur Mobili- stellt eine Form der beruflichen Zusam-
übernimmt i. d. R. der Sozialdienst. Da tätsgeschichte (Müller-Mundt et al. menarbeit dar und bietet Chancen, an-
die Pflegeüberleitung ein sehr komple- 1998). dere Kooperationsformen kennenzuler-
xes Aufgabenfeld umfasst, wurden be- Begleitbuch. Darüber hinaus wird bei nen (z. B. durch den Austausch über kon-
sonders im Krankenhausbereich spezielle chronisch Kranken und dauerhaft Pflege- zeptionelle Ansätze und Verfahrenswei-
Stellen für die Pflegeüberleitung ge- bedürftigen – das Einverständnis des Be- sen in den verschiedenen Institutionen).
schaffen. troffenen vorausgesetzt – bereits verein-

2.4 Weitere Arbeitsfelder der Pflege


Behinderteneinrichtungen ■ Durchführen von risikoarmen diag-
In diesen Einrichtungen erfolgt die Lang- nostischen und therapeutischen Maß-
zeitbetreuung von Menschen mit chroni- nahmen im Auftrag des Arztes (z. B.
schen Erkrankungen bzw. Behinderun- Blutentnahme, EKG)
gen. Diese Betreuung ist notwendig, ■ Vor- und Nachbereitung von bzw. Hil-

wenn der Betroffene nicht im häuslichen festellung bei ärztlichen Eingriffen


Umfeld versorgt werden kann. Je nach medizinischer Ausrichtung, Leis-
Im Gegensatz zum Altenpflegeheim tungsangebot und/oder Größe der Arzt-
leben im Behindertenheim überwiegend praxis können weitere Aufgaben hinzu-
Menschen jüngeren oder mittleren Alters kommen: Maßnahmen der Operations-
(Abb. 2.18). Die professionelle Hilfe er- vorbereitung, Assistenz beim Eingriff
folgt überwiegend durch Erzieher, Sozial- sowie die Überwachung und Versorgung
pädagogen, Sozialarbeiter und Heilerzie- des Patienten nach der Operation.
hungspflegerinnen/-pfleger. Häufig sind Abb. 2.18 Die Betreuung in Behinderteneinrich- Betriebe
zusätzlich Pflegepersonen angestellt. tungen ist alltagsorientiert, und sie setzt viel Ein- In Betrieben ab einer bestimmten Größe
Das Aufgabenspektrum kommt dem in fühlungsvermögen voraus.
existiert eine Betriebsarztpraxis. Der Be-
Altenpflegeheimen nahe (S. 34).
triebsarzt ist v. a. für die Durchführung
Arztpraxen ■ Patientenadministration (z. B. Patien- von arbeitsmedizinisch vorgeschriebe-
Pflegepersonen übernehmen dort i. d. R. tendokumentation, Terminverwal- nen Vorsorgeuntersuchungen (z. B. Seh-
dieselben Aufgaben wie die Arzthelferin- tung, Abrechnung) test bei Mitarbeitern mit Bildschirmar-
nen: beitsplatz, Arbeitstauglichkeitsuntersu-

36
2.5 Häusliche Pflege 2
chung bei Mitarbeitern, verschiedene lung bei ausgewählten Verrichtungen Kurse (zu Themen wie gesunde Ernäh-
Blutuntersuchungen bei Arbeitern in der des täglichen Lebens benötigt, sind Pfle- rung, Rücken schonendes Arbeiten)
chemischen Industrie, Schutzimpfungen gepersonen prädestiniert, diese Ein- übertragen. Zunehmend übernehmen
bei Mitarbeitern mit Auslandseinsätzen) schätzung vorzunehmen. Darüber hi- Pflegepersonen auch die Vorbereitung
und für Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Be- naus prüft der MDK in Gesundheitsein- und Durchführung von Schulungen für
triebsangehörigen zuständig, die sich richtungen, die die Langzeitversorgung pflegende Angehörige. In den Kursen
während der Arbeit verletzt haben. von Pflegebedürftigen sicherstellen werden v. a. Kenntnisse darüber vermit-
Aufgaben der Pflegeperson. Hauptaufga- (hauptsächlich ambulante Pflegedienste telt, wie Pflegebedürftige von ihren An-
be der Betriebsschwester ist die Unter- und Altenpflegeheime), ob geeignete gehörigen möglichst fachgerecht ge-
stützung des Betriebsarztes. Dies bein- Maßnahmen zur Qualitätssicherung pflegt werden können. Wichtige Pflege-
haltet durchgeführt werden (sog. Qualitäts- techniken werden erläutert und einge-
■ die Durchführung administrativer Tä- überprüfung gemäß § 112 und 114 des übt (z. B. Lagerungstechniken).
tigkeiten, Pflegeversicherungsgesetzes). Zunehmend sind Pflegepersonen im
■ die Assistenz bei ärztlichen Tätigkei- Bereich der Beratung von Versicherten
Heimaufsicht
ten, zu pflegepraktischen und leistungsbezo-
Die Heimaufsicht ist eine Behörde, die
■ die Durchführung einfacher diagnos- genen Aspekten tätig und speziell auch
u. a. überprüft, ob Altenpflegeheime die
tischer und therapeutischer Maßnah- bei Überprüfungen zur Beurteilung der
gesetzlichen Voraussetzungen für den
men (z. B. Blutentnahme, EKG, Ver- Notwendigkeit und Effizienz von Pflege-
Betrieb der Einrichtung erfüllen und
abreichen von Impfungen), und Behandlungsmaßnahmen (sog. Fall-
eine adäquate Versorgung der Bewohner
■ das Fungieren als Ansprechperson für management).
sicherstellen. Rechtliche Grundlage dafür
das Betriebspersonal in allen relevan-
ist das Heimgesetz. Entsprechende Kon- Gerichte
ten Fragen (Vermittlerfunktion zwi-
trollen finden nicht nur hinsichtlich neu Entsprechend zertifizierte Pflegeperso-
schen Mitarbeitern und Arzt, wenn
zu eröffnender Einrichtungen, sondern in nen können als vereidigte Sachgutachter
der Arzt nicht ständig anwesend ist),
regelmäßigen Abständen oder bei be- bei Gerichtsprozessen oder für andere
■ das Organisieren der medizinischen
stimmten Anlässen (z. B. bei Bewohner- Behörden fungieren. Sie erstellen z. B.
Erst- oder Weiterversorgung bzw. des
bzw. Angehörigenbeschwerden) auch in im Auftrag von Staatsanwaltschaft oder
Transports in ein Krankenhaus bei Ar-
bestehenden Heimen statt. Die Mitarbei- Verteidigung Gutachten zu prozessrele-
beitsunfällen,
ter kommen aus den Bereichen Verwal- vanten Pflegesachverhalten.
■ die Erstversorgung bei leichten Ver-
tung, Recht, Sozialarbeit, Hygiene, Medi-
letzungen und Pflegereferate, Beratungsstellen
zin und Pflege.
■ die Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Auf kommunaler und Landesebene, aber
Aufgaben der Pflegeperson. Sie sind
Vorsorgemaßnahmen. auch in Bundesministerien wurden in der
hauptsächlich mit der Kontrolle pflege-
Vergangenheit verschiedene Referate
Gesundheitsorientierte Behörden relevanter Aspekte betraut, z. B. in
und Beratungsstellen eingerichtet, die
Gesundheitsorientierte Behörden und Bezug auf die Qualität der Pflegedoku-
sich z. B. mit der politischen Vertretung
Organisationen, z. B. der MDK (Medizi- mentation und Pflegeplanung, die Orga-
der Pflege in der Gesellschaft, mit Pfle-
nischer Dienst der Kranken- bzw. Pflege- nisation der Medikamentenversorgung,
gestrukturen sowie mit der Information
kassen) beschäftigen Pflegepersonen, die Angemessenheit und Qualität von
und Einbindung von kranken und pflege-
um deren berufliches Wissen und Erfah- Pflegeleistungen.
bedürftigen Menschen in die Gesell-
rungen zu nutzen. Eine Hauptaufgabe
Krankenkassen schaft befassen und daher (anteilig) Pfle-
des MDK ist die Ermittlung der Pflege-
Aufgaben der Pflegeperson. In der Ver- gepersonen beschäftigen (z. B. Senioren-
bedürftigkeit des Versicherten.
gangenheit wurden ihnen überwiegend büros, Pflegeleitstelle der Kommune,
Aufgaben der Pflegeperson. Da bei der
die Beratung hinsichtlich der Gesund- Pflegereferat im Ministerium).
Bestimmung von Pflegebedürftigkeit
heitsvorsorge sowie die Durchführung
v. a. eingeschätzt wird, ob und in wel-
diesbezüglicher Veranstaltungen und
chem Ausmaß der Versicherte Hilfestel-

2.5 Häusliche Pflege


Sabine Floer

D E F I N I T I O N Häusliche Pflege FA L L B E I S P I E L „Kannst du dir seit einigen Jahren Stomaträger. „Ich weiß
(oder ambulante Pflege) bedeutet die das vorstellen, Herr Seiler wird morgen gar nicht, wie das gehen soll, die Pflege ist
Versorgung eines Patienten in seiner nach Hause entlassen. Nach Hause!“ doch so umfangreich.“ Sandra hat ihren
häuslichen Umgebung. Häusliche Pflege Schülerin Natascha kann ihre Verwunde- Praxiseinsatz in der häuslichen Pflege
umfasst Grundpflege, hauswirtschaftli- rung über diese Neuigkeit bei ihrer Mit- schon absolviert und ist optimistischer:
che Tätigkeiten (z. B. Einkauf, Reinigung schülerin Sandra nicht verbergen. Der 77- „Pflege zu Hause – das geht oft sehr gut.
der Wohnung), Ernährung, Mobilisation jährige Patient ist durch eine Schwäche Natürlich muss die Ehefrau einiges über-
sowie ärztlich verordnete Behandlungs- der linken Seite hinsichtlich Mobilität und nehmen, aber sie wird von einem ambu-
pflege (z. B. Verbandwechsel, Injektio- Selbstpflege eingeschränkt. Wegen einer lanten Pflegedienst unterstützt. Und
nen). Schluckstörung wurde eine PEG (Ernäh- schließlich kommt für viele ein Heim nicht
rungssonde) angelegt. Dazu ist Herr Seiler infrage.“

37
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

2.5.1 Wer leistet häusliche Pflege? 2001 (Pflegethermometer 2009 und kenkasse z. B. eine Behandlung beim
Die häusliche Versorgung eines Pflege- Pflegestatistik 2009). Hausarzt und Medikamente.
bedürftigen wird i. d. R. entweder von
Angehörigen, sonstigen Pflegepersonen 2.5.2 Was bieten ambulante Spezielle Angebote
oder von professionellen Pflegediensten Pflegedienste an? Der wirtschaftliche Druck unter den am-
übernommen (Abb. 2.19). Im Jahr 2009 Ambulante Pflegedienste bieten i. d. R. bulanten Pflegediensten steigt. Daher
wurden nach amtlichen Angaben mehr in erster Linie hauptsächlich solche Tätig- sehen einige Anbieter einen Vorteil
als 1,6 Millionen Pflegebedürftige zu keiten an, die sie bei den entsprechen- darin, sich zu spezialisieren, um einem
Hause versorgt. In den letzten Jahren ist den Kostenträgern abrechnen können. bestimmten Patientenkreis besondere
sowohl die Anzahl der Pflegebedürftigen Dies sind: Pflege anbieten zu können. Zu diesen
insgesamt, als auch die Anzahl derjeni- 1. Hilfe bei Körperpflege, Ernährung, speziellen Angeboten gehören:
gen, die durch einen Pflegedienst ver- Mobilität und hauswirtschaftliche ■ Häusliche Palliativpflege: Sie wendet

sorgt wurden, deutlich angestiegen Versorgung: Diese Maßnahmen wer- sich an Patienten, die die Medizin
(Pflegestatistik 2009). den über den Leistungssatz der Pfle- nicht mehr heilend behandeln kann.
Für diese Entwicklung lassen sich geversicherung verrechnet. Die ein- Im Vordergrund stehen die Linderung
mehrere Gründe vermuten: zelnen Tätigkeiten werden in den so- von Schmerzen und anderen Sympto-
■ Immer mehr Menschen werden genannten Leistungskomplexen men sowie die Sterbebegleitung zu
immer älter, leiden an einer oder (Tab. 2.1) beschrieben. Hause (s. Sterbebegleitung, S. 546).
mehreren Erkrankungen und benöti- 2. Häusliche Krankenpflege: Vom Arzt ■ Häusliche Intensivpflege: Darunter

gen pflegerische Unterstützung. verordnete Tätigkeiten der Behand- versteht man die Versorgung von Pa-
■ Viele ältere und kranke Menschen lungspflege sind Leistungen der ge- tienten, deren Puls und Atmung kon-
möchten solange wie möglich in den setzlichen Krankenkassen und werden tinuierlich überwacht (Heimmonito-
eigenen vier Wänden anstatt in voll- dort in Rechnung gestellt. Im Einzelfall ring) oder die beatmet werden
stationärer Heimpflege versorgt wer- kann ein Arzt auch Grundpflege und (S. 1252).
den. hauswirtschaftliche Versorgung ver- ■ Häusliche Kinderkrankenpflege: Dies
■ Bedingt durch die DRGs (pauschale ordnen. betrifft v. a. schwer oder chronisch
Vergütung pro Krankheitsbild, s. S. 86) kranke Kinder. Aufgaben sind hier v. a.
streben die Krankenhäuser einen frü- D E F I N I T I O N Im Versicherungs- die Anleitung und Entlastung der El-
hen Entlassungszeitpunkt an. wesen versteht man unter Leistung das, tern sowie die Sicherung der ärztli-
■ Die Zahl der ambulanten operativen was jemand im Versicherungsfall von der chen Behandlung.
Versorgungen nimmt zu, wodurch Versicherung erhält. Wer in der gesetz- ■ Psychiatrische häusliche Krankenpfle-
auch der Umfang der Vor- und Nach- lichen Krankenkasse versichert ist, erhält ge: Diese soll psychisch erkrankte
sorge im häuslichen Umfeld ansteigt. im Krankheitsfall als Leistung der Kran- Menschen in ihrer eigenen Umgebung
■ Das Leistungsangebot der Pflege-

dienste hinsichtlich palliativer oder in-


tensivpflegerischer Versorgung ist ge- Tab. 2.1 Leistungskomplexe für Grundpflege und hauswirtschaftliche Versorgung im
stiegen. Bundesland Hamburg (nach: Anonym. Ergänzende Informationen rund um die häusliche
Parallel zum steigenden Bedarf an Ver- Hilfe zur Pflege. Leistungsbeschreibung der Leistungskomplexe SGB XI vom 13. 06. 2006;
sorgung im häuslichen Umfeld, wächst z. T. gekürzt).
hier auch der Arbeitsmarkt. Zwar stag- Leistungs- Kurzbeschreibung
nieren die Zahlen in den Krankenhäusern komplex (LK)
seit 2008 nicht mehr, aber im Jahr 2009 LK 1 kleine Morgen- oder Abendtoilette (mit Hilfe beim Aufsuchen/Verlassen des
waren bei ambulanten Pflegediensten Bettes)
über 82 000 Gesundheits- und Kranken- LK 2 kleine Morgen- oder Abendtoilette (ohne Hilfe beim Aufsuchen/Verlassen des
pfleger beschäftigt; ca. 25 000 mehr als Bettes)
LK 3 große Morgen- oder Abendtoilette (mit Hilfe beim Aufsuchen/Verlassen des
Bettes)
LK 4 große Morgen- oder Abendtoilette (ohne Hilfe beim Aufsuchen/Verlassen des
Bettes)
LK 5 Lagern/Betten
LK 6 Hilfe bei der Nahrungsaufnahme
LK 7 Sondenkost bei implantierter Magensonde
LK 8 Darm- und Blasenentleerung
LK 9 Hilfestellung beim Verlassen und/oder Wiederaufsuchen der Wohnung (ohne
Begleitung)
LK 10 Hilfestellung beim Verlassen und/oder Wiederaufsuchen der Wohnung (mit
Begleitung z. B. zum Hausarzt oder zum Amt)
LK 11 Beheizen der Wohnung
LK 12 Reinigen der Wohnung
LK 13 Wechseln und Waschen der Wäsche und Kleidung
LK 14 Einkaufen
Abb. 2.19 Viele Pflegebedürftige entscheiden sich LK 15 Zubereitung einer warmen Mahlzeit in der Häuslichkeit des Pflegebedürftigen
für die Versorgung durch professionelle Pflege-
LK 16 Zubereitung einer sonstigen Mahlzeit in der Häuslichkeit des Pflegebedürftigen
dienste in ihrer eigenen Wohnung.

38
2.5 Häusliche Pflege 2
stabilisieren und dadurch wiederkeh- Pflegestufe zu, entsteht ein Anspruch
renden Psychiatrieaufenthalten vor- auf Leistungen; entweder vollstationäre
beugen. Pflege in einem Pflegeheim oder häusli-
■ Familienpflege: Hiermit sind v. a. die che Pflege. Die Höhe der Leistung steigt
Haushaltsführung und die Kinderpfle- mit dem Schweregrad der Pflegebedürf-
ge gemeint. Sie ersetzt die Mutter tigkeit. Hat ein Betroffener sich für häus-
z. B. im Falle einer Krankheit, während liche Pflege entschieden, hat er die Wahl
der Schwangerschaft oder nach der zwischen folgenden Möglichkeiten:
Geburt. ■ Pflegegeld: Geld, das der Pflegebe-

dürftige z. B. einem Angehörigen für


Weitere Angebote
die Versorgung als finanzielle Aner-
Wer zu Hause Unterstützung bei seiner
kennung gibt.
Versorgung erhält, benötigt oft zusätz-
■ Pflegesachleistung: Versorgung durch
lich noch andere Dienstleistungen.
professionelle Pfleger eines Pflege-
Neben Grund- oder Behandlungspflege
dienstes.
bieten ambulante Pflegedienste daher Abb. 2.20 Das Sozialgesetzbuch beschreibt weite
■ Kombinationsleistung: Schöpft ein
häufig noch folgende Leistungen an Teile des geltenden Sozialrechts.
Betroffener Pflegesachleistungen
oder kooperieren mit deren Anbietern:
nicht voll aus, steht ihm der anteilige
■ fahrbarer Mittagstisch („Essen auf Rä-
mehr selbst versorgen kann. Die Pflege- Restbetrag zu.
dern“) versicherung hat zum Ziel, die Bedingun- ■ Kurzzeitpflege: Vorübergehende Un-
■ Frisör und Fußpflege
gen für häusliche Pflege und die Situa- terbringung in einer vollstationären
■ Hausnotruf (tragbarer Notrufsender)
tion der Pflegebedürftigen nachhaltig zu Einrichtung, wenn z. B. die langfristige
■ Besuchs- und Mobilitätsdienst (z. B.
verbessern sowie pflegende Angehörige Versorgung noch nicht möglich oder
Begleitung beim Spaziergang, auch zu fördern und zu unterstützen. noch ungeklärt ist.
im Rollstuhl) Krankenversicherung. Das 5. Buch des ■ Tages- und Nachtpflege: Versorgung
■ Hausdienst (z. B. Glühlampe wech-
Sozialgesetzbuches (SGB V) stellt die über Tag oder über Nacht, wenn die
seln, Bild aufhängen) rechtliche Grundlage zur gesetzlichen Hilfe zu Hause, z. B. wegen Berufstä-
■ Hol- und Bringeservice (z. B. Apothe-
Krankenversicherung dar. Im SGB V ist tigkeit der Pflegeperson nicht sicher-
ken, Verbrauchermärkte) u. a. festgelegt, welche Leistungen die gestellt werden kann.
■ Seelsorge (z. B. durch einen Pfarrer)
Beitragszahler von ihrer Krankenversiche- ■ Verhinderungspflege: Ersetzt die Ver-
■ ambulante Hospizbetreuung (Beglei-
rung in Anspruch nehmen können. Zu sorgung durch eine Pflegeperson im
tung von Sterbenden und Angehöri- den geläufigsten Leistungen gehören Urlaubsfall oder bei anderen Gründen.
gen) etwa Vorsorgeuntersuchungen, ärztliche Daneben gibt es zusätzliche Betreuungs-
■ Sozialberatung (z. B. Unterstützung
Behandlung oder eine Krankenhausbe- leistungen für Pflegebedürftige mit er-
bei Anträgen auf Wohngeld oder So- handlung. Im Rahmen ihrer ärztlichen Be- heblich eingeschränkter Alltagskompe-
zialhilfe) handlung können Patienten als Leistung tenz (z. B. beim demenziellen Syndrom),
der gesetzlichen Krankenversicherung Anspruch auf Pflegehilfsmittel, Zuschüs-
2.5.3 Gesetzliche Grundlagen häusliche Krankenpflege erhalten. se zu pflegebedingtem Umbau der Woh-
häuslicher Pflege
nung, Pflegekurse für pflegende Ange-
In Deutschland sind weite Teile des gel- M E R K E Die Gesetzesgrundlage hörige, Anspruch auf Urlaub für pflegen-
tenden Sozialrechts im Sozialgesetzbuch häuslicher Pflege ist im Sozialgesetzbuch de Angehörige sowie Leistungen zur so-
(SGB) beschrieben (Abb. 2.20). In ver- beschrieben. Die pflegerische Versor- zialen Sicherung der Pflegeperson.
schiedenen Abschnitten, den sogenann- gung eines Patienten in seiner Häuslich-
ten Büchern, werden dort z. B. die ge- keit wird entsprechend diesen gesetzli- Pflege anhand von Leistungskomplexen
setzliche Rentenversicherung, die Kin- chen Vorgaben finanziell entweder von Hat sich ein Patient für die häusliche Ver-
der- und Jugendhilfe oder die Sozialhilfe den Krankenkassen oder den Pflegekas- sorgung durch einen Pflegedienst ent-
geregelt. Die gesetzlichen Grundlagen sen getragen. schieden, wählt er die gewünschten
der Versorgung eines Patienten in seiner bzw. benötigten Tätigkeiten der Grund-
eigenen Häuslichkeit sind ebenfalls im Häusliche Pflege nach SGB XI pflege und der hauswirtschaftlichen Ver-
Sozialgesetzbuch dargelegt. (Pflegeversicherung) sorgung aus, die bei den einzelnen Ein-
In der häuslichen Pflege spielen In Deutschland wird der Umfang des in- sätzen durchgeführt werden sollen.
hauptsächlich zwei Bereiche der gesetz- dividuellen Hilfsbedarfs bei einem Pfle- Diese Einzeltätigkeiten der Pflegeversi-
lichen Sozialversicherung eine Rolle: gebedürftigen mittels Pflegestufen be- cherung werden in sogenannten Leis-
■ Pflegeversicherung (11. Buch des So- tungskomplexen beschrieben. Der in
schrieben. Tritt eine Pflegebedürftigkeit
zialgesetzbuches; SGB XI) ein und wird ein entsprechender Antrag Tab. 2.1 genannte Leistungskomplex 1
■ Krankenversicherung (5. Buch des
gestellt, überprüft der Medizinische z. B. kann die Tätigkeiten Hilfe beim Auf-
Sozialgesetzbuches; SGB V). Dienst der Krankenkassen (MDK) bei suchen/Verlassen des Bettes, An-/Aus-
Pflegeversicherung. Das Gesetz zur Pfle- einem persönlichen Besuch den Grad kleiden, Teilwaschen, Mund-/Zahnpflege
geversicherung, das seit dem Jahr 1995 der Pflegebedürftigkeit. Dazu schätzt sowie Kämmen umfassen. Die Leistungs-
besteht, ist im 11. Buch (SGB XI) des So- der MDK den wöchentlich im Tages- komplexe wurden in jedem Bundesland
zialgesetzbuches dargelegt. Hier ist u. a. durchschnitt anfallenden Zeitaufwand separat ausgehandelt und haben dem-
geregelt, unter welchen Voraussetzun- für die erforderlichen Hilfen ein. entsprechend jeweils landesweite Gültig-
gen ein Anspruch auf Leistungen be- Stellt der MDK die Pflegebedürftigkeit keit.
steht, wenn ein Versicherter sich nicht fest und ordnet dem Betroffenen eine

39
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

M E R K E „Im Leistungskomplex- Sonde traue ich mir zu, wenn Sie mir das Häusliche Krankenpflege nach SGB V
system werden typischerweise zusam- zeigen. Nur den Beutel mag ich nicht (Krankenversicherung)
menfallende pflegerische Verrichtungen wechseln, das hat mein Mann immer Im Rahmen ihrer ärztlichen Behandlung
zu Leistungspaketen zusammengefasst selbst gemacht.“ Barbara ruft ihre Vorge- können Patienten als Leistung der ge-
[...] Vergütet werden die Leistungspake- setzte im Büro an, damit diese den Pfle- setzlichen Krankenversicherung häusli-
te, die ein Pflegebedürftiger je nach sei- gevertrag vorbereiten kann: jeden Tag che Krankenpflege erhalten. Dabei ver-
nem individuellen Pflegebedarf abruft.“ morgens LK 4 und LK 8 sowie zunächst ordnet ein Arzt häusliche Krankenpflege
(Deutscher Bundestag: Erster Bericht dreimal täglich LK 7, bis Frau Seiler die und delegiert damit die Durchführung
über die Entwicklung der Pflegeversi- Sondenkost sicher verabreicht. „Morgen der Behandlung an den Pflegedienst.
cherung, Drucksache 13/9528 vom sehen wir uns wieder. Vielleicht möchten Der Anspruch darauf besteht nur, solan-
19. 12. 1997, S. 28). Sie dann mal an der Bettkante sitzen?“, ge eine im gleichen Haushalt lebende
fragt Barbara. Herr Seiler ist erfreut über Person den Kranken nicht wie erforder-
FA L L B E I S P I E L „Ja, morgens die Aussichten: „Ich bin heilfroh, dass ich lich versorgen kann.
waschen wäre gut. Abends hilft uns mein zu Hause bin.“
Sohn.“ Schwester Barbara trifft bei ihrem M E R K E Grundlage für häusliche
Erstbesuch einen gelassenen Herrn Seiler Behandlungspflege ist eine Verordnung
an. Auch Frau Seiler ist nach der Entlas- häuslicher Krankenpflege (Abb. 2.21)
sung ihres Mannes motiviert: „Das mit der durch einen niedergelassenen Arzt. Hat

AOK LKK BKK IKK VdAK AEV Knappschaft Verordnung häuslicher Krankenpflege
Name, Vorname des Versicherten geb. am Der Anspruch auf häusliche Krankenpflege besteht nicht, soweit der Versicherte die erforderlichen
Maßnahmen selbst durchführen oder eine im Haushalt lebende Person diese übernehmen kann.

Die Beurteilung, ob eine im Haushalt lebende Person die verordnete(n) Maßnahme(n) übernehmen kann,
Kassen-Nr. Versicherten-Nr. Status.
ist nicht möglich
Erstverordnung Folgeverordnung
Vertragsarzt-Nr. VK gültig bis Datum
Unfall
vom bis Unfallfolgen

Begründung bei Verordnung über 14 Tagen:


Verordnungsrelevante Diagnose(n)
Besonderheiten lt. Verzeichnis:

Häusliche Krankenpflege erfolgt: statt Krankenhausbehandlung zur Sicherung der ambulanten ärztlichen Behandlung

Folgende Maßnahmen sind notwendig (s. Verzeichnis der verordnungsfähigen Maßnahmen):


Behandlungspflege:
Anleitung zur
Behandlungspflege
folgende Leistungen Anzahl/Einsätze

Häufigkeit Dauer
x tgl. / x wtl. vom bis
Blutzuckermessung

Dekubitusbehandlung

Lokalisation/Grad/Größe

Injektionen herrichten i.m. s.c.

Medikamentengabe: herrichten verabreichen

Präparate (auch bei Injektionen):

Verbände: Anlegen von stützenden/stabilisierenden Verbänden


Anlegen von Kompresionsverbänden
Anlegen und Wechseln von Wundverbänden
Lokalisation/Wundbefund:
Sonstige Maßnahmen der Behandlungspflege (einschl. Häufigkeit und Dauer):

Grundpflege:
Anleitung zur Grundpflege
folgende Leistungen Anzahl/Einsätze

Häufigkeit Dauer
x tgl. / x wtl. vom bis
Ausscheidungen (Hilfe, Kontrolle, Training)

Ernährung

Körperpflege

Hauswirtschaftliche Versorgung:
Vertragsarztstempel/Unterschrift des Arztes

Abb. 2.21 Bei Herrn Seiler wurden 2-mal täglich Medikamentengabe, 2-mal wöchentlich ein Verband der PEG sowie Anleitung zur Behandlungspflege verordnet
(mit freundlicher Genehmigung des Paul Albrechts-Verlags).

40
2.5 Häusliche Pflege 2
ein Arzt eine solche Verordnung ausge- 2. Ein Patient wird gar nicht erst im Absaugen, Bronchialspülung, Bedienung
stellt, muss diese – z. B. durch den Pfle- Krankenhaus aufgenommen. Dadurch und Überwachung des Beatmungsgeräts
gedienst – binnen zwei Tagen bei der wird die Krankenhausbehandlung ver- sowie Pflege des zentralen Venenkathe-
Krankenkasse eingereicht werden. Dort mieden. Das trifft z. B. bei vielen am- ters werden u. U. eher solche Pflege-
wird entschieden, ob die Leistung be- bulanten Operationen zu oder wenn dienste ausführen, die sich z. B. auf in-
willigt wird. nach einem Unfall die Versorgung zu tensivpflegerische Versorgung speziali-
Hause erfolgen kann. siert haben.
Es gibt drei Fälle, in denen häusliche 3. Ein Patient lehnt eine Krankenhaus-
Krankenpflege von den Krankenkassen behandlung ab, obwohl diese vertret- 2.5.4 Arbeitsorganisation in der
gewährt wird: bar oder angezeigt wäre. Auch da- häuslichen Pflege
■ zur Sicherung der ärztlichen Behand- durch wird die Krankenhausbehand- Wie bereits beschrieben, umfasst das Tä-
lung lung vermieden. Das gilt z. B., wenn tigkeitsspektrum der häuslichen Pflege
■ zur Verkürzung oder Vermeidung jemand zu Hause sterben möchte an- sowohl Maßnahmen der Grundpflege
einer Krankenhausbehandlung statt im Krankenhaus. als auch der hauswirtschaftlichen Versor-
■ als psychiatrische ambulante Pflege gung und der Behandlungspflege. In die-
Als ambulante psychiatrische Pflege
ser Hinsicht unterscheidet sich das Ar-
Zur Sicherung der ärztlichen Behandlung Die ambulante psychiatrische Kranken-
beiten in der häuslichen Pflege kaum
Erhalten Patienten häusliche Kranken- pflege soll dazu beitragen, dass „ … psy-
von der Pflege im Krankenhaus. Der
pflege, um die ärztliche Behandlung zu chisch kranke Menschen ein würdiges,
größte Unterschied liegt daher in der Ar-
sichern, ist hiermit ausschließlich eine eigenständiges Leben in ihrem gewohn-
beitsorganisation.
Behandlungspflege gemeint. Eine solche ten Lebenszusammenhang führen kön-
Behandlungspflege wird von der Kran- nen. Durch die Pflege vor Ort soll das Tourvorbereitung
kenkasse solange gewährt, wie sie aus Umfeld beteiligt und die soziale Integra- Typischerweise beginnt ein Arbeitstag in
ärztlicher Sicht notwendig ist. tion gewährleistet werden.“ (Bundesini- den Räumlichkeiten des Pflegedienstes.
tiative Ambulante Psychiatrische Pflege Hier befinden sich die Büros von Pflege-
FA L L B E I S P I E L „Ah, da ist ja e. V. 2005, S. 2). Häufig empfinden Be- dienstleitung, Einsatzleitung, Sachbear-
schon die Verordnung. Doktor Krausen troffene und deren soziales Umfeld die beitung (Personal- und Leistungsabrech-
war also schon hier?“ Gesundheits- und Aufenthalte und Erfahrungen in der Psy- nung) sowie ein Dienstraum. Zu Beginn
Krankenpfleger Phillip beginnt im Spät- chiatrie als stigmatisierend und belas- entnimmt die Gesundheits- und Kran-
dienst gerade die Versorgung von Herrn tend. Die ambulante psychiatrische Pfle- kenpflegerin einer Stecktafel oder
Seiler, um die Sondenkost zu verabrei- ge kann vermeiden, dass Betroffene einem elektronischen Ausdruck alle Pa-
chen. Er entnimmt der Verordnung häus- immer wieder in stationären psychiatri- tienten, die sie zu versorgen hat sowie
licher Krankenpflege, dass eine Anleitung schen Einrichtungen versorgt werden deren Versorgungsart. Viele Pflegediens-
der Ehefrau, Medikamentengaben sowie müssen. te entscheiden sich wegen der größeren
ein Verband vorgesehen sind (Abb. 2.21). Kontinuität für feste Touren. Das bedeu-
Verordnungsfähige Maßnahmen der
„Die Verordnung faxen wir morgen früh tet, dass man u. U. über lange Zeiträume
häuslichen Krankenpflege
an die Krankenkasse. Dann erfahren wir immer wieder die gleichen Patienten
Die Krankenkasse kann nur solche Maß-
sofort, ob alles bewilligt wird. Und wenn versorgt. Mit den benötigten Kunden-
nahmen bewilligen, die als „verord-
erstmal Lifter und Rollstuhl da sind, kön- schlüsseln und einem Mobiltelefon aus-
nungsfähig“ festgelegt sind. Die vom
nen Sie den Tag über im Sessel sitzen und gerüstet, kann die Tour – meist mit
Arzt verordnungsfähigen Tätigkeiten hat
außerdem mit Ihrer Frau spazieren fah- Dienstwagen oder Fahrrad – beginnen
der „Gemeinsame Bundesausschuss“,
ren. Aber jetzt zeige ich Ihnen erstmal, (Abb. 2.22).
ein Gremium aus Ärzte- und Krankenkas-
was Sie bei der Sondenkost beachten
senvertretern, bundesweit festgelegt
sollten, Frau Seiler.“
(Gemeinsamer Bundesausschuss 2008).
Häufige verordnungsfähige Maßnahmen
Anstelle einer Krankenhausbehandlung
häuslicher Krankenpflege sind z. B.
Patienten erhalten häusliche Kranken-
■ Anleitung bei der Behandlungspflege
pflege anstelle von Krankenhausbehand-
(z. B. bei Blutzuckerkontrolle),
lung, wenn die Erkrankung im häusli-
■ Blutdruckmessung,
chen Bereich ärztlich behandelt werden
■ Blutzuckermessung,
kann. Diese Form der häuslichen Kran-
■ Dekubitusbehandlung (z. B. Wundrei-
kenpflege wird meist für vier Wochen je
nigung oder Wundverbände),
Krankheitsfall gewährt, im Einzelfall aber
■ i. m.- oder s. c.-Injektionen,
auch länger. Grundpflege kann nur ver-
■ Richten von Injektionen (zur Selbst-
ordnet werden, wenn gleichzeitig Be-
applikation),
handlungspflege erforderlich ist.
■ Instillation (z. B. von Augentropfen),
Die Krankenkassen gewähren häusli-
■ Anlegen und Wechseln von Verbän-
che Krankenpflege anstelle von Kranken-
den,
hausbehandlung in folgenden Fällen:
■ Medikamente verabreichen,
1. Ein Patient kann vorzeitig aus dem
■ Medikamente richten und
Krankenhaus in seine häusliche Um-
■ Versorgung bei perkutaner endosko-
gebung entlassen werden. Dadurch
pischer Gastrostomie (PEG).
wird die Krankenhausbehandlung ver- Abb. 2.22 Zum Rüstzeug für das Arbeiten in der
Weitere verordnungsfähige Maßnahmen häuslichen Pflege gehören meist ein Dienstwagen
kürzt.
der häuslichen Krankenpflege wie z. B. und ein Tourenplan.

41
2 Arbeitsfelder und Aufgaben der Pflege

M E R K E In der häuslichen Pflege -verbände erhalten. Darauf folgen Pa- bei einem Patienten ein hoher Blutdruck
nennt man die Versorgung eines Patien- tienten, die Grundpflege, Medikamente gemessen wurde oder sich der Zustand
ten in dessen Wohnung einen „Einsatz“; und Verbände benötigen; zum Abschluss einer Wunde gebessert hat, sodass eine
die festgelegte Abfolge solcher Einsätze sind entsprechende mittägliche Versor- Therapieänderung angezeigt sein könn-
bei den unterschiedlichen Patienten ist gungen vorgesehen. te. Zurück im Büro fallen Arbeiten wie
die „Tour“. Bestandteil jedes Einsatzes sind Eintra- die Medikamentenbestellung oder die
gungen in die Pflegedokumentation Ausarbeitung eines umfangreicheren
Tourablauf sowie in die sogenannte Leistungserfas- Pflegeplans an. Zum Schluss wird die ge-
In einer Frühschichttour werden oft zu- sung, die am Monatsende als Grundlage leistete Arbeitszeit für Pflegeeinsätze,
nächst solche Patienten versorgt, die In- für die Abrechnung dient. Dazu kommen Fahrten sowie organisatorische Tätigkei-
sulin bzw. Kompressionsstrümpfe oder etwa Telefonate mit Ärzten, z. B. wenn ten erfasst.

Lern- und Leseservice

Literatur ➜ Lorenz AL. Abgrenzen oder zusam- Kontaktadressen


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42
2.5 Häusliche Pflege 2
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9004,property=file.pdf (Stand
16. 9. 2011)

43
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft
und Pflegeforschung Hermann Brandenburg, Silke Schoolmann, Frank Weidner

3.1 Klassische Pflegetheorien 45 3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 54

44
3.1 Klassische Pflegetheorien 3
3.1 Klassische Pflegetheorien
Silke Schoolmann

D E F I N I T I O N Eine Theorie ist prüft, ob sie einem vorher gesetzten


3.1.1 Bedeutung von Pflegetheorien Ziel genügen oder ihm im Wege ste-
für die Pflegepraxis „eine kreative und präzise Strukturierung
von Ideen, die eine vorläufige, zielge- hen. Beispiel: Um meine Gesundheit
Die Pflegewissenschaft leistet einen zu erhalten (Ziel), ist es gut, frisches
wichtigen Beitrag für die Pflege. Sie richtete und systematische Betrach-
tungsweise von Phänomenen ermög- Obst zu essen.
schafft mit ihren Pflegetheorien Lö-
sungsansätze, die die Bedürfnisse der Pa- licht“ (Chinn u. Kramer 1996). Modelle
tienten und der Pflegenden berücksich- Modelle sind uns aus unserer Schulzeit
tigen. Merkmale bekannt. Wir kennen z. B. das Atom-Mo-
Theorien können helfen, Pflegesitua- Eine Theorie weist damit folgende Merk- dell aus dem Chemieunterricht oder das
tionen zu erklären, um sie vorhersagbar male auf. Kunststoffskelett aus dem Biologieunter-
und kontrollierbar zu machen. Erst dann Kreative und präzise Strukturierung von richt. Modelle helfen uns, einen komple-
ist professionelles – und damit reflektier- Ideen. Ideen sind hier gedankliche Kon- xen Sachverhalt zu veranschaulichen –
tes und nachprüfbares – Handeln in un- struktionen eines Zusammenhangs zwi- ihn „greifbar“ zu machen, indem sie ihn
terschiedlichen Situationen möglich und schen verschiedenen Phänomenen/Fak- in vereinfachter Form wiedergeben.
überholte Pflegemaßnahmen können toren, die in der Realität beobachtet
identifiziert werden. werden können. Phänomene können D E F I N I T I O N Ein Modell kann
Verhaltensweisen bzw. wahrgenommene ganz allgemein als eine Abbildung der
M E R K E Für die qualitativ hoch- Vorgänge oder Ereignisse aus der Praxis Realität, die deren Komplexität verein-
wertige Pflege ist fundiertes, theorie- sein. Welche Phänomene eine Theorie facht, beschrieben werden (Brockhaus
geleitetes Fachwissen unumgänglich. berücksichtigt, obliegt der kreativen Ent- 1992).
Erst dadurch wird reflektiertes und scheidung bei der Theoriebildung.
überprüfbares Handeln im Pflegealltag Vorläufigkeit. Eine Theorie ist nichts Auch im Zusammenhang mit den Pfle-
möglich. Endgültiges, ihre Gültigkeit ist vielmehr getheorien finden Modelle ihre Anwen-
vorläufig. Sie ist so lange gültig, bis die dung. Modelle ermöglichen es, eine
Pflegetheorien und die daraus resultier- Beobachtungen der Realität ihr wider- Theorie in der Praxis anzuwenden. Sie
enden Modelle stellen die Folgen von sprechen. Theorien sind also relativ und erlauben es, Annahmen zu testen und
Krankheit und Behinderung für den Be- nicht für immer und ewig gegeben. Handlungen durchzuspielen. Nutzt man
troffenen und seine Familie sowie die Zielgerichtetheit. Jeder Theoretiker ver- ein Modell, ist es notwendig, seine Be-
Prävention von Krankheiten in den Mit- folgt mit der Erstellung einer Theorie dingungen zu nennen oder sich dessen
telpunkt (Isfort u. Weidner, 2001). einen bestimmten Zweck. Jede Theorie bewusst zu sein, was seiner Konstruktion
Ziel pflegerischen Handelns ist somit in der Pflege verhilft damit direkt oder zugrunde liegt.
nicht nur die Wiederherstellung der Ge- indirekt, die auftretenden Phänomene
sundheit, sondern vielmehr die Wieder- in der Pflege zu verstehen sowie Hand- M E R K E Modelle werden aus
herstellung und der Erhalt der Selbst- lungsanweisungen daraus abzuleiten Theorien abgeleitet. Mithilfe von Model-
ständigkeit und das Wohlbefinden des und zu begründen. len werden Theorien auf die Praxis be-
Patienten. Für diese Bereiche übernimmt Systematische Betrachtungsweise. Eine zogen und überprüft.
die Pflege die Verantwortung. Hier ist Betrachtungsweise ist dann systema-
spezielles Wissen nötig. tisch, wenn sie einen zeitlichen, kausalen Konzepte
oder finalen Zusammenhang erkennen Konzepte können in diesem Zusammen-
3.1.2 Begriffsbestimmungen lässt: hang als kleinste Bausteine einer Theorie
■ Zeitlicher Zusammenhang: Der ge- oder eines Modells bezeichnet werden.
Zum Verständnis von Pflegetheorien be-
darf es vorab einer klaren Begriffsbe- dankliche Zusammenhang kann zeit- Konzepte werden in der Pflege in zwei
stimmung. Darum wird hier auf der lich begründet sein, indem eine Ab- verschiedenen Formen genutzt:
Basis aktueller wissenschaftlicher Er- folge des Vorher und Nachher herge-
stellt wird. Beispiel: Wenn ich jetzt zu Konzepte im Sinne von Konstrukten
kenntnisse eine Begriffsklärung vorge- Konstrukte sind sprachliche Begriffe oder
nommen. Mittag esse (vorher), habe ich wäh-
rend einer in zwei Stunden anstehen- Beschreibungen für Dinge oder Erschei-
Theorien den Besprechung keinen Hunger nungen, die nicht konkret beobachtbar
Es lassen sich viele unterschiedliche De- (nachher). sind.
finitionen von Theorien finden. Dieses ■ Kausaler Zusammenhang: Er kann
liegt u. a. daran, dass jeweils unter- kausale Wirkungen abbilden, indem FA L L B E I S P I E L Der Schmerz
schiedliche Aspekte einer Theorie he- er Ursachen und Folgen ableitet. Bei- ist eine abstrakte Idee. Schmerzen sind
rausgestellt werden. Daher soll zunächst spiel: Wenn ich jetzt fetten Schwei- nicht direkt sichtbar oder greifbar, son-
eine allgemeine Definition vorgestellt nebraten esse (Ursache), belaste ich dern nur indirekt durch verbale oder
werden, die verschiedene Teilaspekte meinen Magen mit Verdauungsprob- nonverbale Äußerungen wahrnehmbar.
der Theoriebildung und -anwendung er- lemen (Folge). Und doch haben wir alle eine geistige
schließt. ■ Finaler Zusammenhang: Er kann
Vorstellung dieses Phänomens.
schließlich final begründet sein,
indem er die Faktoren darauf hin

45
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

Konzepte im Sinne von konkreten eine große Anzahl von Pflegetheorien Die geläufigste Systematisierung
Handlungsplänen entwickelt worden, wobei die meisten stammt von der amerikanischen Pflege-
Konzepte in diesem Sinne sind Hand- der Theorien aus dem anglo-amerikani- wissenschaftlerin Afaf Meleis (1991). Sie
lungsempfehlungen, die sich aus einer schen Sprachraum stammen. Die be- unterscheidet bei den Theorien folgende
Theorie ableiten lassen und evtl. in kanntesten Theorien sind die von Virgi- drei Bereiche.
einem Modell ihren Niederschlag finden. nia Henderson, Hildegard Peplau, Faye
Bedürfnismodelle
Glenn Abdellah, Ida Jean Orlando (Pelle-
Zu den Bedürfnismodellen zählen z. B.
tier), Myra Estrine Levine, Martha Rogers,
die Theorien von Henderson, Abdellah,
FA L L B E I S P I E L Die Theorie zur Dorothea Orem, Callista Roy, Madeleine
Roper und Orem. Die meisten Theorien
Entstehung des Dekubitus beschreibt, Leininger und Betty Neuman, um nur ei-
dieses Bereiches gehen auf die Theorie
wie als Folge von Druck und Zeit an be- nige wenige zu nennen.
der Zufriedenheit von Abraham Maslow
stimmten Gewebestellen eine Durchblu- Eine chronologische Übersicht der
zurück. Demnach ist Zufriedenheit ab-
tungsstörung eintritt und damit die Ent- Pflegemodelle bietet Tab. 3.1.
stehung eines Dekubitus begünstigt
wird. Aus der Theorie wurden konkrete
Handlungsempfehlungen (Konzepte) zur
Tab. 3.1 Chronologische Übersicht über die konzeptuellen Modelle in der Pflege (aus
Dekubitusprophylaxe abgeleitet.
Lauber 2007).
Aus den praktischen Erprobungen müs- Jahr der ersten wichtigen Theoretikerin Schwerpunkte
Veröffentlichung
sen Rückschlüsse auf die Geltung von
Theorien gezogen werden und diese 1952 Hildegard E. Peplau Unterstützende Hilfe befriedigt Be-
dürfnisse durch die Kunst der indivi-
ggf. revidiert werden. Die Konzepte zur duellen Pflege.
Dekubitusprophylaxe (s. Beispiel) müs- 1960 Fay G. Abdellah, Irene L. Die Pflege wird durch die Probleme
sen in der Praxis überprüft werden, um Belanddes, Almeda Mar- der Patienten bestimmt.
die Theorie zu bestätigen, zu vervollstän- tin Rugh V. Matheney
digen oder zu widerlegen (Abb. 3.1). 1961 Ida Jean Orlando Der interpersonelle Prozess lindert
Leid.
Klassifikation der Pflegetheorien
1964 Ernestine Wiedenbach Der helfende Prozess erfüllt Bedürf-
Zum Abschluss dieses Abschnitts wird nisse durch die Kunst, die Pflege in-
aufgezeigt, wie die Vielzahl an vorhande- dividuell zu gestalten.
nen Pflegetheorien systematisiert wer- 1966 Lydia E. Hall Pflege ist eine auf eine andere Person
den kann. In den letzten 50 Jahren ist gerichtete Selbstliebe.
1966 Joyce Travèlbee Die Bedeutung einer Krankheit be-
stimmt, wie ein Mensch reagiert.
1967 Myra E. Levine Ganzheitlichkeit wird durch Bewah-
Pflegetheorie rung der Integrität aufrechterhalten.
1970 Martha E. Rogers Mensch und Umgebung sind Ener-
1 2 giefelder, die sich negentropisch
entwickeln.
Pflegemodelle 1971 Dorothea E. Orem Selbstpflege bewahrt die Ganzheit-
lichkeit.
1971 Imogene M. King Transaktionen bilden den Bezugsrah-
men für die Festlegung von Zielen.
3 Konzepte Konzepte 1974 Schwester Callista Roy Ein adaptives System wird durch
Reize gestört.
4 1976 Josephine G. Paterson, Pflege ist eine existenzielle Erfahrung
Loretta T. Zderad von Zuwendung.
Pflegepraxis 1978 Madeleine M. Leininger Fürsorge (Care) ist universell und
verändert sich in Abhängigkeit von
der Kultur.
1 Theorien werden in der Praxis überprüft,
bestätigt oder abgelehnt 1979 Jean Watson Fürsorge (Care) ist ein moralisches
Ideal: ein Sich-Einlassen auf Geist,
Körper und Seele des anderen.
2 Theorien können in vereinfachter Form
in Modellen abgebildet werden und da- 1979 Margaret A. Newman Das Krankheitsgeschehen ist ein
mit in der Praxis Anwendung finden Hinweis auf vorhandene Lebensmus-
ter.
3 Konzepte enthalten reduzierte Elemente 1980 Dorothy E. Johnson Subsysteme existieren in einer dyna-
einer Theorie oder eines Modells, aus mischen Stabilität.
denen Handlungen für die Praxis abge- 1981 Rosemarie Rizzo Parse Unteilbare Individuen und die Um-
leitet werden können gebung erschaffen gemeinsam Ge-
sundheit.
4 Jeder bewussten Handlung liegt eine
theoretische Annahme zugrunde, die 1989 Patricia Benner und Ju- Fürsorge (Care) macht das Wesen
sich in Theorien wiederfindet dith Wrubel der Pflege aus. Sie zeigt, worauf es
ankommt, und macht so Beziehun-
gen und Anteilnahme möglich. Sie
Abb. 3.1 Pflegetheorien werden mithilfe von Mo- bietet den Rahmen für gegenseitige
dellen und Konzepten in die Pflegepraxis umge- Hilfeleistung.
setzt.

46
3.1 Klassische Pflegetheorien 3
Be-
dürfnis
nach Selbst-
verwirklichung
Sinnfindung, Religion,
Transzendenz

Bedürfnis nach Ästhetik


Schönheit, Ordnung

Bedürfnis nach Wissen


entdecken, verstehen, erleben

Bedürfnis nach Wertschätzung


Respekt, Kompetenz, soziale Anerkennung

soziale Bedürfnisse
kommunizieren, arbeiten, Liebe, Freundschaft, Zugehörigkeit

Sicherheitsbedürfnisse Abb. 3.3 Florence Nightingale.


Geborgenheit, für eine sichere Umgebung sorgen, Gefahr vermeiden

körperliche Grundbedürfnisse
essen, trinken, schlafen, atmen, sich kleiden, sich fortpflanzen öffentlichkeit trat. Gerade die im
deutschsprachigen Raum häufig genutz-
Abb. 3.2 Bedürfnishierarchie nach Maslow in 7 Stufen. Erst wenn die körperlichen Grundbedürfnisse be- ten Theorien von Roper und Juchli lassen
friedigt sind, gewinnen die anderen Bedürfnisstufen an Bedeutung. sich auf Henderson zurückführen.
Tab. 3.2 zeigt die drei Modelle im Ver-
hängig vom Grad der Bedürfnisbefriedi- durch die durchgeführten Pflegemaß- gleich.
gung. nahmen verändert, bzw. inwieweit er Henderson kann als eine der Pionie-
Dieser Theorie liegt die Annahme zu- von der Behandlung profitiert hat. rinnen der fortschrittlichen Krankenpfle-
grunde, dass jeder Mensch bestimmte ge gesehen werden. Sie war eine der
Bedürfnisse hat und sie im täglichen 3.1.3 Ausgewählte Pflegetheorien ersten, welche die Krankenpflege als ei-
Leben zu befriedigen sucht (Abb. 3.2). Den Grundstein für die Entwicklung von genständige Berufsgruppe – gleichbe-
In bestimmten Situationen – z. B. Theorien legte Florence Nightingale rechtigt mit den anderen Berufsgruppen
während einer Krankheit – ist dies nicht (Abb. 3.3). 1859 wurde ihr Werk „Notes – betrachtete. Mit ihren Arbeiten wollte
mehr oder nur noch eingeschränkt mög- on Nursing“ veröffentlicht, das sich in- sie einen grundlegenden und gezielten
lich. Die Aufgabe der Pflege ist es, den tensiv mit dem Zusammenhang zwi- Beitrag zum Aufgabenfeld der Pflege
Patienten bei der Bedürfnisbefriedigung schen Umgebung und deren Auswirkun- leisten. Darüber hinaus war es ihr wich-
zu unterstützen. gen auf die Gesundheit beschäftigte. Sie tig, den Kranken nicht nur während des
war die erste Theoretikerin, die Pflege als Krankheitsprozesses zu betreuen, son-
Interaktionsmodelle dern auch die Ursache der Krankheit –
eigenständigen Bereich neben der Medi-
Bekannte Vertreterinnen der Interak- durch z. B. eine Veränderung der Lebens-
zin betrachtete. Ihren Bemühungen ist
tionsmodelle sind z. B. Peplau und Orlan- gewohnheiten – zu bekämpfen.
es zu verdanken, dass Pflegepersonen
do. Sie richten ihr Augenmerk auf die
zur damaligen Zeit eine Ausbildung für Die 14 Grundbedürfnisse
Wechselbeziehung zwischen dem Pfle-
ihre pflegerischen Aufgaben erhielten. Henderson baut ihre Theorie auf den
gebedürftigen und dem Pflegenden.
Weitere Theorien ließen fast 100 Jahre Grundbedürfnissen des Menschen auf,
Dem liegt die Annahme zugrunde, dass
auf sich warten. deren Befriedigung das Überleben si-
der Heilungs- und Pflegeprozess maß-
Nachfolgend werden einige ausge- chern. Diese 14 Grundbedürfnisse des
geblich durch die Formen der Interaktion
wählte Pflegetheorien vorgestellt. Sie Menschen bilden den Kern ihrer Theorie.
beeinflusst wird. „Pflegetherapeutisches
veranschaulichen, dass sich die einzelnen Sie betreffen jeden Menschen und de-
Handeln wird als bewusstes Einsetzen
Theorien sowohl untereinander befruch- cken damit alle Bereiche ab, in denen
von Problemlösungstechniken gesehen,
ten (Bedürfnisse bei Henderson, Roper Pflege tätig werden kann. In Tab. 3.2
aber auch als bewusster Einsatz der ei-
und Juchli) als auch immer neue Aspekte sind die 14 Grundbedürfnisse aufgelistet.
genen Person im Interaktionsprozess
der Pflege (Transkulturelle Pflege von
und in der Durchführung von Pflege- Menschenbild
Leininger) untersuchen und beschreiben.
handlungen“ (Meleis 1997). Für Henderson ist jeder Mensch ein Indi-
Ausgewählt wurden die Theorien, die
Ergebnismodelle im deutschsprachigen Raum am häufigs- viduum, das aus einer untrennbaren Ein-
Vertreterinnen dieser Richtung sind u. a. ten angewandt bzw. diskutiert werden heit zwischen Körper und Geist/Gefühl
Levine und Rogers. Die Ergebnismodelle und deshalb eine hohe Praxisrelevanz besteht. Deshalb strebt ein Mensch
sind auf das Ergebnis und nicht auf den haben. nach körperlichem und emotionalem
Prozess der Pflegeleistungen gerichtet. Gleichgewicht. Die oben erwähnten
Virginia Henderson Grundbedürfnisse sind allen Menschen
Im Mittelpunkt steht in diesen Theo-
Virginia Henderson gilt als „Urmutter“ – ob krank oder gesund – eigen. Die
rien der Empfänger der Pflegeleistung:
der Pflegetheorien. Sie war eine der ers- Art, diese Grundbedürfnisse zu befriedi-
Warum findet hier Pflege statt? Jede
ten Pflegepersonen, die mit ihrer Theo- gen, sind jedoch bei jedem Menschen
Pflegeperson analysiert, inwieweit der
rie Anfang 1950 in den USA an die Fach- unterschiedlich. Als untrennbare Einheit
Behandlungsverlauf des Patienten sich

47
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

Tab. 3.2 Modelle im Vergleich.


14 Grundbedürfnisse des Menschen nach Henderson 12 Lebensaktivitäten (LA) nach 12 Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) nach Juchli
Roper (Bild), Logan, Tierney (veränderte Reihenfolge)
(veränderte Reihenfolge)
1. Normal atmen Atmen Atmen
2. Angemessen essen und trinken Essen und Trinken Essen und Trinken
3. Körperausscheidungen beseitigen Ausscheiden Ausscheiden
4. Bewegung und angemessene Körperhaltung bewah- Sich bewegen Sich bewegen
ren
5. Ruhen und Schlafen Schlafen Wach sein und schlafen
6. Auswahl angemessener Kleidung sowie aus- und an- Sich sauber halten und kleiden Sich waschen und kleiden
kleiden
7. Körpertemperatur im Normalbereich halten Regulieren der Körpertemperatur Körpertemperatur regulieren
8. Körper sauber halten; Pflege und Schutz der Haut s. oben (Sich sauber halten und s. oben (Sich waschen und kleiden)
kleiden)
9. Gefahren der Umgebung sowie Gefährdung anderer Für eine sichere Umgebung sorgen Sich sicher fühlen und verhalten
vermeiden
10. Kommunizieren mit anderen zum Austausch von Kommunizieren Kommunizieren
Emotionen, Meinungen und Sorgen
Sich als Mann oder Frau fühlen und Kind, Frau, Mann sein
verhalten
11. Ausübung des eigenen Glaubens Sinn finden im Werden – Sein – Vergehen
12. Einer Arbeit nachgehen, die ein Gefühl von Zufrie- Arbeiten und Spielen Raum und Zeit gestalten – arbeiten und spielen
denheit erzeugt
13. An verschiedenen Arten der s. oben (Arbeiten und Spielen) s. oben (Raum und Zeit gestalten – arbeiten und
Erholung teilnehmen spielen)
14. Neugierde, Entdeckung und Lernen ermöglichen, s. oben (Arbeiten und Spielen) s. oben (Raum und Zeit gestalten – arbeiten und
die die Gesundheit fördern spielen)
Sterben s. oben (Sinn finden im Werden – Sein – Vergehen)

sieht Henderson auch den Patienten und Darüber hinaus ist die Pflege dafür zu-
seine Familie, soziale Beziehungen und ständig, die medizinische Betreuung
Umgebung an. durch geeignete Pflegemaßnahmen zu
unterstützen. Dafür ist es notwendig,
Aufgaben der Pflege
dass die Pflegeperson einen schriftlichen
Pflege wird immer dann erforderlich,
Plan für jeden Kranken ausarbeitet, um
wenn ein Patient – abhängig von seinem
den oben beschriebenen Aufgaben auch
Gesundheitszustand – seine Grundbe-
gerecht werden zu können. Obwohl der
dürfnisse nicht mehr alleine erfüllen
Pflegeprozess (S. 75) erst später in Er-
kann. Diese betrifft Menschen jeden Al-
scheinung trat, hatte Henderson bereits
ters, die aus physischen Gründen (z. B.
wichtige Elemente von diesem bei ihrer
ein gebrochenes Bein), aber auch aus
Arbeit verwendet. Darum lässt sich die
psychischen (z. B. Depression nach Ver-
Theorie auch sehr gut auf den Pflegepro-
lust des Lebenspartners) oder sozialen
zess übertragen und damit auch veran-
Umständen (z. B. Abschiebung von Kin-
schaulichen.
dern in ein Krankenhaus) der Unterstüt-
zung bedürfen. Auch ein würdevolles Pflegerische Interventionen
Sterben benötigt Pflegeleistung als Be- Richtschnur für jede Pflegehandlung ist
gleitung. die Sicht des Patienten: Pflegehandlun-
Die Pflege hilft damit, die Grundbe- gen müssen so erbracht werden, wie es Abb. 3.4 Richtschnur für pflegerische Handlungen
dürfnisse des Patienten zu befriedigen: der Patient selbst getan hätte, wenn er ist die Sicht des Patienten. Der subjektive Eindruck
der Pflegenden reicht nicht aus, um den Zustand
„Die Pflegeperson soll in die Haut ihrer dazu in der Lage gewesen wäre. Deshalb beurteilen zu können.
Patienten schlüpfen, um zu ermitteln, reicht der eigene subjektive Eindruck der
was sie brauchen. Sie ist somit zeitweilig Pflegeperson für die Beurteilung des Zu-
das Bewusstsein des Bewusstlosen, der standes des Patienten nicht aus. Viel- Unabhängigkeit des Patienten. Der Grad
Lebenswille des Selbstmordgefährdeten, mehr müssen der Patient und seine Fa- der Unabhängigkeit des Kranken steht in
das Bein des Amputierten, die Augen milie bei der Entscheidung der angemes- engem Zusammenhang mit
des gerade Erblindeten, ein Mittel der senen Pflegemaßnahmen mit einbezo- ■ seiner aktuellen Situation,

Fortbewegung für den Bewegungsunfä- gen werden (Abb. 3.4). Ziel jeder Pflege- ■ dem gegenwärtigen physischen und

higen, Wissen und Vertrauen für die handlung ist es, die Gesundheit des psychischen Zustand und
junge Mutter, das Sprachrohr für jene, Menschen so schnell wie möglich wieder ■ den Einflussfaktoren der Umwelt.

die zu schwach oder zu gehemmt sind herzustellen bzw. soweit wie möglich zu
um zu sprechen usw.“ (Steppe 1990). erhalten.

48
3.1 Klassische Pflegetheorien 3
Auf diese Gegebenheiten muss die Pfle- 10. Sich als Mann oder Frau fühlen und Rolle und Stellung, die der Einzelne in
ge bei ihrer unterstützenden Tätigkeit verhalten der Gesellschaft inne hat.
Rücksicht nehmen. 11. Schlafen Umgebungsabhängige Faktoren. Hierun-
12. Sterben ter werden Faktoren zusammengefasst,
Roper, Logan und Tierney
die z. B. das Klima, die geographische
Die von Nancy Roper, Winifred Logan Lebensspanne
Lage und den unmittelbaren Lebens-
und Alison Tierney entwickelte Theorie Von der Empfängnis bis zum Tod werden
raum des Menschen betreffen.
ist eine der bekanntesten Pflegetheorien wir mit den o. g. Aktivitäten konfron-
Sozio-ökonomische Faktoren. Dazu ge-
in Deutschland. Sie basiert auf Arbeiten tiert. Darüber hinaus verändert sich der
hören die finanziellen Mittel des Einzel-
von Nancy Roper, die sie 1976 vorstellte Mensch während seines Lebens fortwäh-
nen bis hin zu denen eines ganzen
und anschließend mit Winifred Logan rend.
Landes, aber auch die politische Ord-
und Alison Tierney weiterentwickelte. Roper teilt die Lebensspanne in ver-
nung eines Landes. Diese äußert sich
Diese Theorie wurde von ihnen unter schiedene Stadien ein. Diese reichen
z. B. in Pressefreiheit, Unterdrückung
dem Titel „Elemente der Krankenpflege“ vom pränatalen Stadium über das Säug-
von Minderheiten, Bildung oder sozialen
1980 veröffentlicht. Bedeutend war, dass lingsalter, Kindheit, Adoleszenz, Erwach-
Verpflichtungen.
dieser Theorie ein Modell des Lebens zu- senenalter bis hin zum Stadium des Al-
grunde lag. ters. Die Kenntnisse über die Entwicklun- Individualität im Leben
Die Krankenpflege war über viele Jahr- gen in den einzelnen Stadien lassen Die 4 bisher vorgestellten Konzepte
zehnte überwiegend krankheitsorientiert deren Eigenheiten und Unterschiedlich- fußen auf einem weiteren Konzept des
ausgerichtet. Sie hatte der engen Ver- keit sofort erkennen und machen ange- Modells: der Individualität im Leben.
zahnung von Gesundheit und Krankheit, messenes Handeln möglich. In der Pfle- Jeder Mensch führt im Grunde dieselben
die durch die Lebensgewohnheiten der ge führte die Kenntnis der Lebensspanne Lebensaktivitäten aus, die individuelle
einzelnen Menschen bedingt ist, wenig mit ihren Besonderheiten zu einer fach- Ausformung der LA wird aber maßgeb-
Beachtung geschenkt. Orientiert am Ge- lichen Spezialisierung, wie z. B. der Kin- lich durch den Grad der Unabhängigkeit,
danken der Gesundheitserhaltung ba- derkrankenpflege oder der Altenpflege. den Standort in Bezug auf die Lebens-
siert diese Pflegetheorie dagegen auf spanne sowie durch die oben beschrie-
Abhängigkeits-/
einem eigenen Lebensmodell (Roper benen Faktoren geprägt.
Unabhängigkeitskontinuum
1993).
Das Konzept des Abhängigkeits-/Unab-
M E R K E Die Individualität ergibt
Modell des Lebens hängigkeitskontinuums besagt, dass
sich nach Roper, Logan und Tierney aus
Dieses Modell des Lebens besteht aus jeder Mensch sich bei jeder Aktivität zwi-
dem Wie der einzelnen LA, dem Wo und
folgenden 5 zentralen Konzepten: schen den Polen der völligen Abhängig-
dem Warum sowie dem Wissen, der
1. Lebensaktivitäten (LA) keit und der völligen Unabhängigkeit be-
Haltung gegenüber den einzelnen LA.
2. Lebensspanne wegt. Je nach Alter kann ein Mensch be-
3. Abhängigkeits-Unabhängigkeits-Kon- stimmte Lebensaktivitäten noch nicht
Pflegemodell
tinuum (Neugeborene) oder nicht mehr (z. B.
Roper, Logan und Tierney verfolgen mit
4. Faktoren, welche die LA beeinflussen nach einem Schlaganfall) unabhängig
ihrem Pflegemodell das Ziel, Pflegeper-
5. Individualität im Leben ausführen. Allerdings ist selbst im Er-
sonen einen Rahmen zu geben, in dem
wachsenenalter eine völlige Unabhän-
Lebensaktivitäten (LA) sie mithilfe des Pflegeprozesses den Be-
gigkeit nicht immer gegeben (z. B.
Die Lebensaktivitäten sind der Dreh- und dürfnissen des Patienten entsprechen
durch Blindheit).
Angelpunkt des Lebensmodells. Um das können. Das Pflegemodell beruht auf
Gründe dafür können sowohl geistige
komplexe Phänomen „Leben“ verein- den Konzepten des Lebensmodells und
oder körperliche Behinderung, sowie Un-
facht darzustellen, liegt diesem Modell beinhaltet dementsprechend die nach-
fallfolgen oder Faktoren sein, die die Le-
die Annahme zugrunde, dass das Leben folgend genannten Konzepte (Abb. 3.5):
bensaktivitäten beeinflussen.
aus einer Reihe von Aktivitäten besteht. ■ Lebensaktivitäten (LA)

Diese sind nicht isoliert, sondern beein- Faktoren, die die LA beeinflussen ■ Lebensspanne

flussen sich gegenseitig und stehen Roper, Logan und Tierney benennen 5 ■ Abhängigkeits-/Unabhängigkeitskon-

damit in einer engen Wechselbeziehung. Faktoren, die maßgeblichen Einfluss auf tinuum
Die Lebensaktivitäten sind eine über- die LA haben. Die Faktoren stehen in ■ Faktoren, die die LA beeinflussen

geordnete Bezeichnung für viele weitere enger Wechselwirkung miteinander, die ■ individualisierte Krankenpflege

Aktivitäten, die, wenn sie alle Beachtung hier nur für ein besseres Verständnis iso-
Lebensaktivitäten
fänden, uns aber kein handhabbares Mo- liert beleuchtet werden:
Die Lebensaktivitäten stehen – wie
dell liefern würden. Darum wird in die- Körperliche Faktoren. Sie beziehen sich
schon bei dem Modell des Lebens – im
sem Modell von folgenden 12 LA ausge- auf die anatomischen und physiologi-
Mittelpunkt des Pflegemodells. Der Pfle-
gangen: schen Gegebenheiten des Menschen.
ge obliegt die Aufgabe, alle aktuellen
1. Für eine sichere Umgebung sorgen Psychologische Faktoren. Sie beinhalten
oder potenziellen Probleme, die im Zu-
2. Kommunizieren einerseits die intellektuellen und er-
sammenhang mit den LA bei einem Pa-
3. Atmen kenntnismäßigen (kognitiven) Fähigkei-
tienten auftreten, zu erfassen. Ihre Auf-
4. Essen und Trinken ten, andererseits aber auch die Fähigkeit
gabe ist nicht nur die Lösung oder Lin-
5. Ausscheiden zu Gefühlen.
derung der damit im Zusammenhang
6. Sich sauber halten und kleiden Soziokulturelle Faktoren. So werden die-
stehenden Nöte, sondern auch deren
7. Regulieren der Körpertemperatur jenigen Faktoren bezeichnet, die sowohl
Vermeidung. Probleme entstehen
8. Sich bewegen die religiösen, ethischen und damit kul-
i. d. R., wenn der Patient die LA nicht
9. Arbeiten und Spielen turellen Aspekte beinhalten, als auch die

49
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

Lebensspanne
Faktoren), von seinem Wissen bezüglich
Diät (kognitiven Faktoren) oder dem von
ihm eingeräumten Stellenwert bzgl. sei-
ner Ernährung (soziokulturelle Faktoren)
Faktoren, die die Lebensaktivitäten (LA) Abhängigkeits-/Unab- usw. abhängig.
LA beeinflussen hängigkeits-Kontinuum
• körperliche • Sorgen für eine sichere Umgebung Individualisierte Krankenpflege
• psychologische • Kommunizieren Das 5. Segment, die individualisierte
• soziokulturelle • Atmen Krankenpflege, ist aus der Individualität
• umgebungsabhängige • Essen und Trinken im Leben abgeleitet. Roper, Logan und
• wirtschaftspolitische • Ausscheiden
Tierney verstehen unter individualisierter
• sich sauber halten und kleiden
• Regulieren der Körpertemperatur Krankenpflege, die auf den individuellen
• sich bewegen Patienten abgestimmte Anwendung des
• Arbeiten und Spielen Pflegeprozesses (S. 75) mit den 4 Schrit-
• sich als Mann oder Frau fühlen ten
• Schlafen ■ Einschätzung,
• Sterben ■ Planung,
■ Durchführung und
■ Auswertung.

Individualität im Leben Liliane Juchli


Pflegeprozess Die katholische Ordensschwester Liliane
Juchli hat zweifellos viele Generationen
von Krankenschwestern und Kranken-
Abb. 3.5 Das Pflegemodell von Roper beruht auf 5 Konzepten, die eng miteinander verbunden sind.
pflegern im deutschsprachigen Raum in
ihrer beruflichen Orientierung geprägt.
Über Jahre hinweg war das Buch „Pflege“
mehr in der gewohnten Art und Weise tig sein kann. Das Wissen um die Beson-
von Liliane Juchli das Standardwerk der
vollbringen kann. derheiten der einzelnen Lebensstufen
Pflegeausbildung. Juchli betont, dass
Die Gründe dafür können in der Ver- sollte immer berücksichtigt werden, da
Pflege als Profession beides ist: „Chance
änderung der Umgebung (Einweisung der Bedarf an Pflege in jeder Lebensstufe
und Auftrag, Möglichkeit und Anforde-
ins Krankenhaus) liegen oder durch eintreten kann.
rung“ (Juchli 1994).
Krankheitsfolgen hervorgerufen werden.
Abhängigkeits-/
Aber auch eine Änderung des Grades an Modell gesunder Lebensführung
Unabhängigkeitskontinuum
Abhängigkeit bzw. Unabhängigkeit kann
Auch das Abhängigkeits-/Unabhängig-
Ursache sein. Bei der Problemerfassung M E R K E Für Juchli beschränkt
keitskontinuum ist mit den LA stark ver-
sollte immer auch die Wechselbeziehung sich die Krankenpflege nicht auf die
woben. Die Abhängigkeit in den einzel-
der einzelnen LA Beachtung finden. Ein Pflege der Kranken, sondern schließt
nen LA kann z. B. durch Krankheit, Be-
Patient, der mit einer Beckenfraktur im auch die Pflege der Gesunden mit ein.
hinderung, Alter entstehen. Deshalb ist
Bett liegt, hat nicht nur Probleme mit Gesundheitspflege beinhaltet, die Ge-
bei jedem Pflegebedürftigen zuerst der
der Bewegung, sondern z. B. auch bei sundheit des Einzelnen zu erhalten und
Grad der Unabhängigkeit in den einzel-
der Körperpflege, der Kleidung, der Nah- zu fördern sowie Krankheiten vorzubeu-
nen LA zu erheben. Daraufhin sind Maß-
rung. gen. Krankenpflege schließt auch eine
nahmen zu planen, die notwendig sind,
Die Lebensaktivitäten sind ähnlich wie Begleitung in Krisensituationen ein.
um das festgelegte Ziel (Unabhängig-
die Bedürfnisse des Menschen nicht Pflege ist somit ein Zusammenwirken
keit) zu erreichen.
ganz gleichwertig. Oberste Priorität von Gesundheits- und Krankenpflege.
Ein gutes Urteilsvermögen der Pfle-
haben sicher die LA, die zum Leben not-
genden ist besonders wichtig. Es ist zu
wendig sind, z. B. die LA Atmen. Die an- Die Pflege kranker Menschen ist für Juch-
berücksichtigen, dass Abhängigkeit vor-
deren LA unterliegen jedoch keiner li nur möglich, wenn Wissen und Refle-
übergehend (z. B. durch eine Fraktur),
Rangfolge. xion über Gesundheit vorhanden sind.
aber auch dauerhaft sein kann. Die Pfle-
Das Modell der „Aktivitäten des tägli-
ge kann damit den Patienten zur Unab-
M E R K E Die Pflegenden müssen chen Lebens“, welches das Kernelement
hängigkeit in den LA führen oder den
die Lebensaktivitäten erkennen, die für von Juchlis Theorie ist, lässt sich von den
Patienten unterstützen, seine Abhängig-
den Patienten in der aktuellen Situation Prinzipien der Gesundheitserhaltung ab-
keit zu akzeptieren.
am wichtigsten sind. leiten.
Faktoren, die die LA beeinflussen
Aktivitäten des täglichen Lebens
Lebensspanne Neben den vorangegangenen Bestand-
Das ATL-Konzept bildet einen theoreti-
Für die Planung und Ausführung ange- teilen sind auch die 5 Einflussfaktoren –
schen Bezugsrahmen, der den Zusam-
messener Pflegemaßnahmen ist auch die im Modell des Lebens beschrieben
menhang zwischen Gesundheitsförde-
die Lebensspanne zu berücksichtigen. sind – eng mit den LA verbunden. Sie
rung und Pflege voraussetzt.
Für einen schulpflichtigen Jugendlichen sind maßgeblich für den individuellen
Leben ist durch verschiedene Aktivitä-
ist die LA Arbeiten möglicherweise Umgang mit den LA verantwortlich.
ten gekennzeichnet; diese Aktivitäten
nicht so wichtig wie für einen Erwachse- Wie ein Diabetiker mit der LA Essen
können auch als Lebensart oder Lebens-
nen, der im Berufsleben steht und evtl. und Trinken umgeht, ist u. a. von seiner
führung bezeichnet werden. Anders aus-
krankheitsbedingt nicht mehr berufstä- körperlichen Verfassung (körperliche
gedrückt sind Aktivitäten Bedürfnisse,

50
3.1 Klassische Pflegetheorien 3
die regelmäßige (tägliche) Befriedigung Überwelt 4. Begleitung in Krisensituationen. Die
benötigen. Aus diesem Grunde werden Begleitung von Menschen in schwierigen
sie als Aktivitäten des täglichen Lebens Situationen ist vielfältig, z. B. die Beglei-
(ATL) bezeichnet (Juchli 1994). Dies sind tung in der Angst, während der Krank-
im Einzelnen: heit oder der Beistand im Sterben. Für
geistige
1. Wach sein und schlafen Ebene Juchli bedeutet Begleitung, Gegenpole
2. Sich bewegen Sinn finden zu setzen. Der Gegenpol von Angst ist
3. Sich waschen und kleiden die Hoffnung und das Vertrauen – der
psychosoziale
4. Essen und trinken Ebene
Gegenpol des Leidens ist die Freude. In
5. Ausscheiden Raum und Zeit dieser bewussten Form der Begleitung
selbst andere
6. Körpertemperatur regulieren gestalten drückt sich für sie die Würde und Aner-
7. Atmen (arbeiten und spielen), kennung des Menschen aus, wofür sich
kommunizieren,
8. Sich sicher fühlen und verhalten Kind, Frau, Mann sein
Pflege einzusetzen hat.
9. Raum und Zeit gestalten – arbeiten 5. Unterstützung der ATL. Hier geht es
und spielen physische Ebene um die Unterstützung oder die völlige
wach sein und schlafen, sich be-
10. Kommunizieren wegen, sich waschen und kleiden, Übernahme der Aktivitäten des täglichen
11. Kind, Frau, Mann sein essen und trinken, ausscheiden, Lebens, um für den Pflegebedürftigen
12. Sinn finden im Werden, Sein, Ver- Körpertemperatur regulieren, atmen die lebenswichtigsten Grundbedürfnisse
gehen zu stillen.
Die einzelnen ATL sind jedoch nicht iso- Umwelt
Dorothea Orem
liert zu betrachten. Sie greifen ineinan-
Orem begann mit der Entwicklung und
der und sind voneinander abhängig.
Abb. 3.6 Die drei Ebenen der ATL nach Juchli (in Erprobung ihrer Theorie 1958, die sie
Damit ist eine gegenseitige Beeinflus-
Anlehnung an die Pyramide von Maslow) gehen 1971 unter dem Titel „Strukturkonzept
sung in positiver wie in negativer Hin- ineinander über. der Pflegepraxis“ veröffentlichte. Mit
sicht möglich. So können z. B. eine unzu-
ihrer Theorie stellte sie den Grad der
reichende Beschäftigung und Bewegung
Pflegebedürftigkeit in den Mittelpunkt
sowohl Verdauungs- als auch Schlafpro-
FA L L B E I S P I E L Ein Raucher pflegerischen Handelns. Dafür war es
bleme mit sich bringen.
kann zwar dem Essen und der Bewegung notwendig, eine eigene Fachsprache zu
Einflussfaktoren. Die ATL unterliegen di-
große Bedeutung zumessen, seine At- entwickeln, da die Pflege bisher immer
versen Einflüssen. Juchli unterscheidet 4
mung und die Auswirkungen des nur in Zusammenhang mit Krankheit
Gruppen von Einflussfaktoren, die für
Rauchens auf sein Herz-Kreislauf-System bzw. Krankheitsvermeidung betrachtet
eine ganzheitliche Sichtweise unerläss-
sind für ihn jedoch von untergeordneter wurde.
lich sind:
Bedeutung. Aus ihrer Theorie leiten sich folgende
■ körperliche Faktoren (anatomisch-
3 Kernkonzepte ab, die für das pflegeri-
physiologische Gegebenheiten, z. B.
Kategorien der Pflege sche Handeln von Bedeutung sind:
Beweglichkeit) ■ Selbstpflege
■ seelisch-geistige Faktoren (z. B. Ge-
Juchli teilt die Pflege in 5 Kategorien ein.
1. Selbsthilfeanteile der Pflege. In die- ■ Selbstpflegedefizit
mütszustand, Intelligenz) ■ Pflegesystem
■ soziale wirtschaftliche, kulturelle, po-
sem Bereich ist die Pflege in Form von
Anleitung und Förderung der Selbsthilfe Selbstpflege
litische sowie gesellschaftliche Fakto-
des Patienten aktiv. Neben dem Anstoß
ren (z. B. gesellschaftliche Normen,
und der Begleitung von Programmen zur M E R K E Das Konzept der Selbst-
finanzielle Verhältnisse, Religion)
■ ökologische Faktoren (z. B. Umwelt-
Selbsthilfe geht es hier auch darum, dem pflege beschreibt die Fähigkeit der Men-
Patienten Strategien und Möglichkeiten schen, selbst für ihre Gesundheit und ihr
belastung)
zur Bewältigung seiner Krankheit und Wohlergehen zu sorgen.
Ebenen der ATL. Juchli bezeichnet die
Krisen aufzuzeigen.
ATL auch als Grundbedürfnisse, die in
2. Pädagogische Anteile. Gesundheitsbil-
der „alltäglichen Wirklichkeit“ erfüllt Selbstpflegebedarf
dung sowie das (Weiter-)Leben mit einer Diese Fähigkeit muss allerdings erst er-
werden wollen (1994). In Anlehnung an
Behinderung oder einer chronischen lernt werden. Um Gesundheit (körperlich
Maslow (S. 46) teilt Juchli die Bedürfnisse
Krankheit bilden einen Entwicklungspro- und geistig) und Wohlergehen (Zufrie-
(ATL) in 3 Ebenen ein, die teilweise in-
zess für den Patienten, der gelehrt und
einander übergehen (Abb. 3.6): denheit, Glück, Selbstverwirklichung
gelernt werden kann. usw.) zu erreichen, bedarf es bewusster
1. physische Ebene
3. Ressourcenorientierte Anteile. Pflege
2. psychosoziale Ebene und zielgerichteter Handlungen. Die
sollte nicht vom Kranken und damit von Selbstpflege beinhaltet also erlernte,
3. geistige Ebene
einem Defizit aus agieren, sondern vom zielgerichtete Handlungen, um den sog.
Die Bedürfnisse der physischen Ebene,
Gesunden ausgehen. Ausschlaggebend Selbstpflegebedarf zu erfüllen.
z. B. Atmen, müssen befriedigt sein,
ist der Blick darauf, was der Einzelne
bevor andere Bedürfnisse zum Tragen
selbst dazu beitragen kann, um gesund Selbstpflegeerfordernisse
kommen. Die Bedürfnisse unterliegen
zu bleiben (oder zu werden) bzw. wie er Der Bedarf an Selbstpflege ist von den
einer gewissen Rangfolge, innerhalb
leichter mit seiner Krankheit umgehen Bedürfnissen des einzelnen Menschen
deren jedes Individuum eigene Prioritä-
kann. Dabei werden die Gesundheitsres- abhängig. Die Bedürfnisse nennt Orem
ten setzt.
sourcen der Betroffenen aktiviert. Juchli Selbstpflegeerfordernisse.
betont, dass gerade dieser Bereich die Allgemeine Selbstpflegeerfordernisse.
kreativen Anteile der Pflege fördert. Allgemeine Selbstpflegeerfordernisse

51
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

sind Bedürfnisse, die alle Menschen Selbstpflegeeinschränkung Vollständig kompensatorisches Pflege-


gleichsam haben und wie sie z. B. von Eine verminderte Selbstpflegekompe- system. Wenn ein Patient seine Selbst-
Henderson (S. 47) und dann von Juchli tenz wird als Selbstpflegeeinschränkung pflegemaßnahmen nicht mehr ausfüh-
(S. 50) aufgezählt und beschrieben wer- bezeichnet. Orem nennt hierfür 3 Ursa- ren kann, übernimmt die Pflegeperson
den. chen: diese Aufgaben, z. B. bei bewusstlosen
Entwicklungsbezogene Erfordernisse. ■ begrenztes Vermögen, gezielte Hand- Patienten.
Entwicklungsbezogene Erfordernisse tra- lungen durchzuführen, Teilweise kompensatorisches Pflegesys-
gen der Tatsache Rechnung, dass im ■ unzureichendes Wissen und tem. Dieses setzt dann ein, wenn ein
Laufe des Lebens ein Entwicklungspro- ■ unzureichendes Urteils- und Entschei- Pflegebedürftiger sein Selbstpflegedefi-
zess stattfindet und je nach Entwick- dungsvermögen. zit noch teilweise selbst ausgleichen
lungsstand unterschiedliche Erfordernis- kann, z. B. noch alleine essen kann,
Selbstpflegedefizit
se nötig sind. aber das Essen – durch die Pflegeperson
Die Selbstpflegeeinschränkungen führen
Krankheitsbezogene Erfordernisse. – mit dem Messer zerkleinert werden
dazu, dass die Selbstpflegekompetenz
Wenn Menschen krank oder behindert muss.
des Menschen nicht ausreicht, um den
sind und sich in medizinischer Behand- Unterstützend erzieherisches Pflegesys-
Selbstpflegebedarf zu decken. Dies
lung befinden, entstehen krankheitsbe- tem. Dieses System findet Anwendung,
führt zu einem Selbstpflegedefizit, das
zogene Selbstpflegeerfordernisse. wenn der Patient seine Selbstpflegedefi-
entweder alle Aspekte der Selbstpflege
Der Selbstpflegebedarf eines jeden zite ohne pflegerische Hilfe befriedigen
oder auch nur einzelne Aspekte betref-
Menschen ergibt sich also aus den kann, aber noch gezielte Anleitung oder
fen kann.
Selbstpflegeerfordernissen. Beratung benötigt. Der Diabetiker erhält
Pflegesystem z. B. von der Pflegeperson Informationen
Selbstpflegedefizit
Pflegekompetenzen. Um den Patienten und Hilfestellungen, wie er sich selbst-
Selbstpflegekompetenz
bei der Beseitigung seines Pflegedefizits ständig mit Insulin versorgen kann.
Die Fähigkeit des Einzelnen, dem Selbst-
zu unterstützen, muss eine professionel-
pflegebedarf gerecht zu werden, be- Methoden der Pflegesysteme
le Pflegeperson bestimmte Kompeten-
zeichnet Orem als Selbstpflegekompe- In allen drei Systemen können folgende
zen erwerben (vgl. Kap. 1, S. 8). Diese
tenz. Methoden zum Einsatz kommen, um
erstrecken sich von der Fähigkeit, ange-
Diese komplexe Fähigkeit wird im den Pflegebedürftigen wieder in die
messene Maßnahmen durchzuführen,
Laufe des Lebens erlernt und verfeinert. Lage zu versetzen, seiner Selbstpflege ei-
über Wahrnehmungs- und Problemlö-
Die Selbstpflegekompetenz ist nicht genständig nachzukommen:
sungskompetenzen bis hin zu sozialen ■ für den Pflegebedürftigen handeln,
immer gleich ausgeprägt, denn sie ist
Fähigkeiten. Durch eine den Bedürfnis- ■ den Pflegebedürftigen anleiten,
abhängig von Faktoren wie
sen des Patienten entsprechende Pflege- ■ dem Pflegebedürftigen physische und
■ Alter, Geschlecht,
kompetenz ist es Pflegenden möglich,
■ Entwicklungsstand, Gesundheitszu- psychische Unterstützung geben,
Selbstpflegedefizite zu erkennen und da- ■ die Umgebung des Pflegebedürftigen
stand,
rauf angemessen zu reagieren.
■ soziokulturelle Orientierung, so gestalten, dass sie der persönlichen
■ Stand des Gesundheitswesens, Arten von Pflegesystemen Entwicklung förderlich ist und
■ familiäre Bedingungen, Der Schweregrad des Selbstpflegedefi- ■ dem Pflegebedürftigen Wissen ver-
■ Lebensstruktur, Umwelt, zits bestimmt, welches Pflegesystem mitteln.
■ Verfügung über Ressourcen (Lauber zur Anwendung kommt. Orem unter- In dem unterstützend-erzieherischen
2001). scheidet drei Arten von Pflegesystemen Pflegesystem werden überwiegend die
(Abb. 3.7). letzten 3 genannten Methoden Anwen-

vollständig kompensatorisches System


Unterstützung und Schutz des Patienten
Handlung der Durchführung der situativen Selbstpflege für den Patienten
Pflegeperson
Kompensation des Unvermögens des Patienten, Selbstpflege durchzuführen
teilweise kompensatorisches System
Unterstützung des Patienten bei Bedarf
Durchführung von Pflegemaßnahmen für den Patienten
Handlung der Kompensation der Selbstpflegeeinschränkungen des Patienten
Pflegeperson
Akzeptieren der Unterstützung und Pflege der Pflegeperson
Handlung des
Durchführung eigener Selbstpflegemaßnahmen Patienten
Regulierung der Selbstpflegekompetenz
unterstützend-erzieherisches System

Handlung der Regulierung und Entwicklung der Selbstpflegekompetenz Handlung des


Pflegeperson Patienten
Durchführung der Selbstpflege

Abb. 3.7 Pflegesysteme nach Orem. Der Schweregrad des Selbstpflegedefizits bestimmt, welches Pflegesystem zur Anwendung kommt.

52
3.1 Klassische Pflegetheorien 3
dung finden, während im teilweise kom- kulturspezifische Pflege Weltanschauung
pensatorischen Pflegesystem alle Metho-
den zum Einsatz kommen. soziale und
kulturelle Struktur
Madeleine Leininger
Die amerikanische Pflegeprofessorin kulturelle Werte
Madeleine Leininger hat sich intensiv und Lebensweise

mit der Pflege von Patienten aus ande- Familien- politische


verhältnisse und
ren Kulturen beschäftigt. Bereits in den und soziale Umweltver- rechtliche
50er Jahren hat sie als Krankenschwester Faktoren hältnisse, Faktoren
Sprache und
beobachtet, dass die Pflege von Kindern geschichtl.
in einer psychiatrischen Einrichtung nur religiöse Entwick- wirtschaft-
und philoso- lung liche
erfolgreich war, wenn ihre kulturelle Prä- phische Faktoren
gung Berücksichtigung fand. Seit dieser Einflussfaktoren
Zeit verfolgte sie das Thema stetig wei- Einflüsse
Pflegeausdruck,
ter. Muster und Praktiken
Im Rahmen ihrer Doktorarbeit unter- technische erzieherische
Faktoren gesundheitliches Faktoren
suchte sie in den 70er Jahren u. a., wel- Wohlbefinden
che Pflegehandlungen in Papua (Neu
Individuen, Familien, Gruppen, Gemeinden, Institutionen
Guinea) angewandt wurden. Die Unter- in unterschiedlichen Gesundheitssystemen
suchung zeigte einen deutlichen Unter-
schied der pflegerischen und gesund- generische profes- professionelle
heitsfördernden Maßnahmen zwischen (informelle) sionelle (formelle)
Pflegesysteme Pflege Pflegesysteme
den industrialisierten Ländern und
denen bei Naturvölkern.
Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen Handlungsspielraum pflegerelevanter Maßnahmen
zeigten, dass nur eine auf die Kultur des
Patienten abgestimmte Pflege effektiv Bewahrungs- und/oder Erhaltungsfunktion kulturspezifischer Fürsorge
ist. Auf dieser Grundlage entwickelte Anpassungs- und/oder Verständigungsfunktion kulturspezifischer Fürsorge
Änderungs- oder Umstrukturierungsfunktion kulturspezifischer Fürsorge
Leininger die Theorie der Transkulturel-
len Pflege.
kulturkongruente professionelle Pflege
Theorie der Transkulturellen Pflege
Konzept der Fürsorge. Kernkonzept ihrer
Abb. 3.8 Sunrise-Modell nach Leininger. Modell zur Darstellung der Theorie der kulturspezifischen Für-
Theorie und damit auch der Pflege ist für sorge.
sie die Fürsorge oder Sorge (engl.: care).
Ohne Fürsorge kann ein Kranker nicht
gesund werden, ohne Fürsorge ist auch Einflussfaktoren. Der äußere Halbkreis system) treffen auf die Werte der zu
eine Gesunderhaltung nicht möglich. des Modells bildet die Klammer um die pflegenden Person (generisches bzw. in-
Denn Fürsorge ist die wichtigste Voraus- eigene Weltanschauung, die durch kul- formelles Pflegesystem). Aus der
setzung, um sich weiterzuentwickeln, turelle und soziologische Einflüsse ge- Schnittmenge zwischen dem formellen
Gesundheit zu erhalten, oder um mit prägt ist. Diese Einflussfaktoren lassen und informellen Pflegesystem ergibt
Krankheit oder Behinderung umzuge- sich grob unterscheiden in sich laut Leininger die professionelle
hen. ■ Werte und Lebensweisen, Pflege.
Fürsorge findet ihren Ausdruck in ■ verwandtschaftliche und soziale As- Pflegerische Interventionen. Bei der
einer unterstützenden und fördernden pekte, Pflege ausländischer Patienten lassen
Verhaltensweise. In jeder Pflegehand- ■ religiöse und philosophische Prägun- sich nach Leininger 3 Funktionen kultur-
lung tritt sie in verschiedener Form wie gen spezifischer Fürsorge unterscheiden.
z. B. durch Nähe, Beistand, Mitgefühl, ■ politische und gesetzliche Faktoren Bewahrungs- und/oder Erhaltungsfunk-
Trost, Bestätigung, Vertrauen in Erschei- sowie tion. Die eigene Fürsorgevorstellung
nung. ■ wirtschaftliche und technologische des Patienten wird in der Gesundheits-
Diese Verhaltensweise zum Wohle an- Faktoren bildungsbedingter Stan- einrichtung berücksichtigt, z. B. der Ein-
derer findet sich in jeder Kultur wieder, dards. satz von Heilern in englischen Kranken-
nur die Art und Weise wie dies ge- Durch diese Einflüsse werden Muster häusern.
schieht, ist in den verschiedenen Kultu- und Methoden der Fürsorge bzw. ein Anpassungs- und/oder Verständigungs-
ren unterschiedlich. Verständnis von Gesundheit und Wohl- funktion. Die eigene Fürsorgevorstellung
befinden entwickelt. Pflegerelevante des Patienten kann nur teilweise in der
Sunrise-Modell
Entscheidungen und Maßnahmen, die Gesundheitseinrichtung berücksichtigt
Um ihre Theorie für die Praxis darstellbar
Personen aus anderen Kulturkreisen be- werden, z. B. Einhaltung von Besuchszei-
zu machen, entwarf Leininger das „Sun-
treffen, bewegen sich immer im Span- ten bzw. Anzahl der Besucher.
rise-Modell“. Den Namen erhielt das Mo-
nungsfeld zwischen den Lebenswelten Änderungs- oder Umstrukturierungs-
dell, weil die Darstellung der verschiede-
der pflegenden und der zu pflegenden funktion. Die eigene Fürsorgevorstellung
nen Elemente und Einflussfaktoren an
Person. Die Werte der Pflegeperson in des Patienten verhindert einen Behand-
eine aufgehende Sonne erinnert
Bezug auf Gesundheit und Wohlbefinden lungserfolg, z. B. rituell verabreichte
(Abb. 3.8).
(professionelles bzw. formelles Pflege- Speisen und Getränke oder vorgeschrie-

53
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

bene Handlungen, die den Gesundungs- Nach Leininger kann eine kulturkon- tigung der oben genannten Vorgehens-
prozess gefährden. gruente Pflege nur durch die Berücksich- weisen erfolgen.

3.2 Pflegewissenschaft und -forschung


Hermann Brandenburg, Frank Weidner

Wenn man Pflegende in der Praxis fragt, 3. Geschichte der Pflegewissenschaft:


was sie über Pflegewissenschaft denken, Ein Blick in die Geschichte der noch
dann erhält man i. d. R. kontroverse und jungen deutschen Pflegewissenschaft
widersprüchliche Antworten. Die einen kann verdeutlichen, welche Schwie-
sind ablehnend und sagen, dass sich die rigkeiten und Probleme überwunden
Pflege mit Wissenschaft und Forschung werden mussten, damit sich die Pfle-
eigentlich gar nicht auseinandersetzen gewissenschaft an Fachhochschulen
sollte. Dies würde nur dazu führen, dass und Universitäten entwickeln konnte.
man sich vom eigentlichen Anliegen der Die Tatsache, dass mittlerweile 80
Pflege entfernen würde. Befürchtet wird pflegebezogene Studiengänge exis-
der Verlust von vertraut gewordenem tieren, kann als Erfolgsgeschichte an-
Wissen, von althergebrachten Hand- gesehen werden.
lungsmustern durch systematische Re- 4. Theorieentwicklung: Schließlich geht
flexion und kritische Überprüfung. Dies es um Theorieentwicklung. Viele von
ist von Axmacher (1991) treffend als Ihnen haben bereits einmal von Hen-
„Heimatverlust“ der Krankenpflege be- derson, Orem oder Leininger gehört.
zeichnet worden. Die Grundlagen dieser heute als
Andere Pflegende äußern sich zustim- „Grand Theories“ bezeichneten An-
mend und meinen, dass Pflegewissen- sätze werden ausführlich im Kapitel
schaft einen Beitrag zur Professionalisie- Abb. 3.9 Pflegewissenschaft und Pflegeforschung „klassische Pflegetheorien“ (S. 45)
rung der Pflege leisten könnte und sie in sind Teile der Praxisdisziplin Pflege. gewürdigt, der Bezug zur Forschung
die Lage versetzen wird, mit den Ärzten soll bereits an dieser Stelle unseres
und anderen Berufsgruppen auf gleicher ■ Welche Methoden werden in der Beitrags betont werden.
Augenhöhe zu diskutieren. Erwartet wird Pflegeforschung eingesetzt? Ziele
hier ein identitätsstiftender Schub, den ■ Und die Gretchenfrage: Wozu über- Unser Ziel für dieses erste Kapitel (Pfle-
die Verwissenschaftlichung für die ge- haupt Pflegewissenschaft und Pflege- gewissenschaft I) ist klar: Es soll ein Inte-
samte Disziplin entwickeln kann (Weid- forschung? resse für die Pflegewissenschaft als Teil
ner 1999b). Wir möchten Ihnen unsere Antwort auf der Praxisdisziplin Pflege geweckt wer-
Beide Haltungen überschätzen die diese Fragen in zwei Teilen geben. den. Ein Verständnis für die Chancen,
Entwicklung der Pflegewissenschaft.
die diese Entwicklung bietet, soll grund-
Weder ist die Pflegewissenschaft gegen- 3.2.1 Pflegewissenschaft I gelegt werden. Dabei möchten wir die
wärtig in der Lage, die hohen Erwartun- (Gegenstand, Entwicklung, Theorien) Leser auch zur Beschäftigung mit Fragen
gen zu erfüllen, noch wird sie die ge-
Überblick der Theorie anregen. Weiterführende
nannten Befürchtungen bestätigen.
Inhalte Hinweise zur Forschung (Forschungspro-
Man kann zwar von einem fulminanten
Der erste Teil befasst sich mit folgenden zess und Methoden) sowie ausgewählte
Akademisierungsprozess sprechen, aller-
Themen: Befunde der Pflegeforschung werden in
dings stehen den etwa 90 000 Ausbil-
1. Informationen und Hintergründe: Zu- einem zweiten Teil vorgestellt („Pflege-
dungsplätzen in der Kranken- und Alten-
nächst sollen Informationen und Hin- wissenschaft II“, S. 61).
pflege und mehr als einer Million beruf-
lich Pflegender nur insgesamt 8000 Stu- tergründe dafür geliefert werden, Autoren
dienplätze gegenüber. Im Übrigen kann welchen Beitrag die Pflegewissen- Die Position der Autoren ist dabei nicht
von einer breiten Landschaft der Pflege- schaft zur Pflegepraxis leisten kann (wert)-neutral, denn sie sind als Lehren-
forschung in der Bundesrepublik noch und was eigentlich unter diesem For- de und Forschende direkt an der Wissen-
keine Rede sein, auch wenn es ermuti- schungsgebiet zu verstehen ist. Unse- schaftsentwicklung der Pflege beteiligt.
gende Ansätze gibt. Insgesamt gesehen re Absicht ist es – auch und gerade für Der Erstautor hat 2007 den Lehrstuhl
ist also im Hinblick auf die Chancen und Personen, die sich mit Wissenschaft für Gerontologische Pflege an der Pfle-
Gefahren, die von einer Verwissenschaft- noch nicht beschäftigt haben – die gewissenschaftlichen Fakultät der Philo-
lichung der Pflege ausgehen, mehr Notwendigkeit von Pflegewissen- sophisch-Theologischen Hochschule Val-
Nüchternheit angebracht. schaft herauszuarbeiten. lendar (PTHV) übernommen und hat 13
Kernfragen. Im Hinblick auf die Pflege- 2. Gegenstandsbereiche der Pflegewis- Jahre Gerontologie und Pflegewissen-
wissenschaft und Pflegeforschung inte- senschaft: Verbunden damit ist die schaft an der Katholischen Fachhoch-
ressiert eine Reihe von Fragen (Abb. 3.9): Klärung des Gegenstandsbereichs der schule in Freiburg gelehrt. Der Zweitau-
■ Wie hat sich die Pflegewissenschaft in Pflegewissenschaft und der sie leiten- tor ist ebenfalls Hochschullehrer für Pfle-
Deutschland historisch entwickelt? den Fragestellungen. Diese grundle- gewissenschaft, Dekan der Pflegewissen-
■ Wie ist der aktuelle Stand einzuschät- genden Fragen sind für die Begrün- schaftlichen Fakultät der PTHV und Di-
zen? dung und Legitimation von Pflege- rektor des Deutschen Instituts für ange-
wissenschaft bedeutsam. wandte Pflegeforschung e. V. in Köln. Er

54
3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 3
hat, z. T. gemeinsam mit dem Erstautor, tionsformen zu identifizieren, die eine durch die Analyse von Pflegephänome-
eine Reihe von Forschungsprojekten in „gute Pflege“ kennzeichnen. nen (z. B. Immobilität, Schlafstörungen,
der Pflege durchgeführt. Wie könnte dies aussehen? Kirkevold Selbstpflegedefizit) zu erhellen versucht.
et al. (1993) haben mit der Methode des
Pflegewissenschaft und Pflegepraxis
„schriftlichen Erzählens“ die Erfahrungen M E R K E Das Ziel dieser For-
Am Anfang steht also die Frage: Warum
von Pflegenden mit Psoriasis-Patienten schung besteht darin, mithilfe von Be-
überhaupt Wissenschaft und Forschung
und Patienten mit atopischem Ekzem fragungen und Interviews für eine kon-
in der Pflege? Man kann dafür eine Reihe
dokumentiert. Im Ergebnis wurden be- krete Problemstellung des Patienten eine
von Gründen nennen. Der Wichtigste ist
stimmte Pflegestrategien bei der Bewäl- bessere Einsicht und ein größeres Ver-
sicherlich der, dass durch die Entwick-
tigung der Krankheiten herausgearbei- ständnis herzustellen.
lung einer Pflegewissenschaft und den
tet, die sich als nützlich erwiesen hatten.
damit einhergehenden Untersuchungen
So haben z. B. Pflegende Patienten zu Entwicklung und Überprüfung
und Studien letztlich eine Verbesserung
sinnvollen Aktivitäten ermutigt, welche forschungsbasierter Pflegeverfahren
der Qualität der Pflege erzielt werden
deren Lebensperspektive als „Hautpati- In der Vergangenheit hat sich gezeigt,
soll und kann. Die Pflegewissenschaftle-
ent“ erweiterten und verhinderten, dass dass der Bezug auf Erfahrungswissen in
rin Kirkevold (2002) hat hierfür 5 Gründe
die Krankheit das Leben unnötig ein- der Pflege sinnvoll sein kann – aber seine
genannt (Abb. 3.10):
grenzt. Wichtig war es auch, dass die Grenzen hat. Einerseits ist es wichtig, die
1. Der Praxis zur Sprache verhelfen
Patienten den Umgang mit bestimmten vorhandene klinische Expertise zu schät-
2. Darstellung klinischer Problemstellun-
Hilfsmitteln direkt auf der Station prakti- zen, andererseits darf sie aber auch nicht
gen, Phänomene und Fragen
zierten und dazu von den Pflegenden überschätzt werden. Dies wird beson-
3. Entwicklung und Überprüfung for-
beraten und angeleitet wurden. ders deutlich im Bereich der klinischen
schungsbasierter Pflegeverfahren
Sinn und Zweck dieser Forschung ist Pflegeforschung. Hier geht es um be-
4. Entwicklung und Überprüfung von In-
es, zu beschreiben und zu analysieren, stimmte Pflegeinterventionen, etwa be-
strumenten, Skalen und Dokumenta-
wie Pflegende ihre Tätigkeit ausüben, zogen auf Injektionsarten, Wundversor-
tionen zur Erleichterung der Praxis
um damit zur „Logik der Praxis“ vorzu- gung, präoperative Entspannungsübun-
5. Die Praxis in einen gesellschaftlichen,
dringen. Dies kann hilfreich sein, um gen oder Patientenedukation usw.
philosophischen und kulturellen Kon-
eine Grundlage für die Reflexion der be-
text einfügen
stehender Praxis zu ermöglichen. FA L L B E I S P I E L Das klassische
Zunächst klingen diese Gründe recht
Beispiel für diesen Bereich ist nach wie
abstrakt. Aber im Grunde geht es um Darstellung klinischer Probleme,
vor die Dekubitusprophylaxe und -thera-
die Wechselwirkungen zwischen Pflege- Phänomene und Fragen
pie. Diesbezüglich gab es bis vor Kurzem
wissenschaft und -praxis. Sehen wir uns Hier geht es vor allen Dingen darum,
keine abgesicherten Pflegemaßnahmen,
die Aspekte im Einzelnen an. sich auf bestimmte Pflegephänomene
sondern diese konnten erst durch expe-
zu konzentrieren. So hat man sich z. B.
Der Praxis zur Sprache verhelfen rimentelle Forschung herausgearbeitet
dafür interessiert, welche Konsequenzen
Dies bedeutet, dass die Pflegewissen- werden. Aufgrund der Studienergebnisse
ein implantierter Defibrillator für die Fä-
schaft Impulse für die Weiterentwick- wissen wir heute, wie ein Dekubitus zu
higkeit des Patienten hat, sein tägliches
lung der Praxis dadurch setzen kann, in behandeln ist – und welche Maßnahmen
Leben zu bewältigen oder wie Patienten
dem z. B. das implizite Wissen, über das unangemessen sind.
nach einer Herzoperation mit Belastun-
erfahrenes Pflegepersonal verfügt, sicht- Ausdrücklich wird etwa davon abgera-
gen umgehen. Ein derartiges Wissen
bar gemacht und artikuliert wird. Vor ten, Pasten, Salben und Cremes anzu-
kann Pflegende für die spezifischen Be-
allem die langjährig Pflegenden verfü- wenden, welche die Haut verschließen
dürfnisse dieses Patienten sensibilisieren.
gen über ein umfangreiches Wissen, (etwa Vaseline, Melkfett oder Zinkpaste).
Darauf aufbauend kann dann eine Pfle-
welches gar nicht oder nur ansatzweise Ebenso wenig ist es sinnvoll, Alkohol oder
geplanung durchgeführt werden, die
transparent ist und weitergegeben wird. Franzbranntwein einzusetzen oder zur
dem tatsächlichen Bedarf entspricht.
Es ist wichtig und hilfreich, diesen Wis- Methode „Eisen und Föhnen“ zu greifen;
Ähnliche Beispiele finden sich bei Käp-
sensfundus zugänglich zu machen und letztere Praxis gilt heute mittlerweile als
peli (2000), die in ihren Arbeiten die
damit Handlungsweisen und Interak- Kunstfehler, da die Durchblutung nicht
Komplexität von Pflegesituationen
verbessert, eine Keimverschleppung er-
höht und insgesamt dem Patienten damit
geschadet wird. Sinnvolle Methoden der
Dekubitusprophylaxe sind z. B. systema-
Praxis zur Sprache tische Risikoeinschätzungen, Maßnah-
Praxis in gesell-
verhelfen
schaftlichen, philosophischen men der Druckentlastung, hautschonen-
und kulturellen Kontext de Bewegungs-, Lagerungs- und Trans-
eingliedern
fertechniken sowie Bewegungspläne
Pflege- klinische Probleme (Medizinischer Dienst der Spitzenverbän-
wissenschaft darstellen
Instrumente zur de der Krankenkassen 2001, Deutsches
Einschätzung von Pflege- Netzwerk für Qualitätssicherung in der
problemen ent-
wickeln
Pflege 2010).
forschungsbasierte
Pflegeverfahren
entwickeln Mithilfe forschungsbasierter Pflegever-
fahren kann es gelingen, einen Konsens
über gute Methoden und Praktiken zu
Abb. 3.10 Aufgaben der Pflegewissenschaft. Im Zentrum steht die Frage, welchen Beitrag die Pflege-
wissenschaft für die Praxis leisten kann (nach Brandenburg u. Weidner 2004). erzielen und unwirksame oder sogar

55
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

schädliche Pflegetechniken und Pflege- die Kontinuität und Verantwortung


interventionen zu reduzieren. Wenn gegenüber dem Patienten besser ge-
Pflegende in Zukunft – stärker als bisher währleisten?
– als Sachverständige, etwa bei der Prü- Als Antwort auf die erste Frage kann
fung von Pflegebedürftigkeit, eingesetzt man etwa auf verschiedene Pflegetheo-
werden, dann ist gerade der letzte As- rien/Pflegemodelle zurückgreifen. Zu
pekt von besonderer Bedeutung bei der denken ist hier etwa an Orems Selbst-
Erstellung entsprechender Gutachten. pflegemodell (S. 51), die entwicklungs-
und bedürfnisorientierten Ansätze von
Entwicklung und Überprüfung von
Roper, Logan und Tierney (S. 49) oder
Instrumenten, Skalen und
das „Sunrise-Modell“ von Leininger
Dokumentationen Abb. 3.11 Pflegedokumentation. Interessant für
Pflegende ist ein vom Familienministerium heraus- (S. 53).
Assessmentinstrumente. Gegenstand
gegebenes „Handbuch für die Pflegeleitung“, spe- Als Antwort auf die zweite Frage wur-
dieses Bereiches, der in enger Beziehung ziell zum Bereich der Pflegedokumentation in sta- den Konzepte der Primärpflege (Primary
zur klinischen Pflegeforschung zu sehen tionären Pflegeeinrichtungen (vgl. Bundesministe-
Nursing) entwickelt, in denen die Verant-
ist, sind bestimmte Verfahren, welche rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
2007). wortung für einen Patienten auf eine Be-
die Einschätzung von Patientenproble-
zugspflegekraft übertragen wird (S. 84).
men verbessern können (vgl. Assess-
mentinstrumente, S. 110). Bekannt ist beeinflussen können. Es wurden Hinwei-
M E R K E An dieser Entwicklung
möglicherweise die Norton-Dekubitus- se dafür geliefert, was getan werden soll
wird erkennbar, dass der Bezug und die
Skala, welche bei der Beurteilung von und wie es getan werden soll. Die Ant-
Einordnung einer bestimmten Praxis in
wundgelegenen Stellen nützlich sein worten, die wir gefunden haben, zeigen
übergeordnete Leitbilder und theoreti-
kann und dem Praktiker hilft, systema- spezifische Wege in der Verbesserung
sche Konzepte der Pflege sinnvoll und
tisch Risikopatienten zu identifizieren. der Praxis. Aber sie geben keine Antwort
notwendig sind.
Dies kann dann die Grundlage für ent- auf grundsätzliche Fragen, wie etwa:
sprechende Maßnahmen (Lagerungs- ■ Was ist das Ziel der Pflege?
Pflegewissenschaft – was ist das
wechsel, Mobilisierung usw.) sein. ■ Was charakterisiert eine gute bzw.
eigentlich?
In den USA hat man im Bereich der kompetente Pflegeperson?
Wir haben im ersten Abschnitt den Bei-
Langzeitpflege ein standardisiertes As- ■ Wie stellt sich das Verhältnis von
trag der Pflegewissenschaft für die Praxis
sessmentinstrument eingeführt, das Re- Theorie und Praxis dar?
erläutert. Aber bisher wurde noch keine
sident Assessment Instrument (RAI), Antworten auf diese Fragen können die
Definition des Begriffs „Pflegewissen-
welches mithilfe von ca. 250 Items die Pflegetheorien/Pflegemodelle liefern
schaft“ vorgestellt. Um sich diesem
Gesamtsituation von Heimbewohnern und letztlich die Pflegephilosophie.
Schritt zu nähern, sehen Sie sich bitte
weitgehend gültig und zuverlässig ermit- Diese abstrakten und übergeordneten
einmal Abb. 3.12 an.
teln kann (Brandenburg 2009). Perspektiven stellen eine Grundlage dar,
Pflegedokumentationen. Ein weiteres die für die Begründung der eigenen Pra- Pflegewissenschaft als Handlungsfeld
Beispiel sind Pflegedokumentationen xis unverzichtbar ist. Dies soll an einem der Pflege
(Abb. 3.11). Diesbezüglich herrscht in Beispiel deutlich gemacht werden. Erkennbar ist, dass die Pflegewissen-
Deutschland eine Unsicherheit, etwa be- Es wird wahrscheinlich nicht schwer schaft als eines der Handlungsfelder der
zogen darauf, welche Aspekte der Pflege sein, bestimmte Argumente gegen die Disziplin Pflege aufgefasst werden kann.
in welcher Form erfasst und dokumen- Funktionspflege oder die Gruppenpflege Jedes einzelne Handlungsfeld hat seine
tiert werden müssen. Die vorhandenen zu finden. Bei diesen Organisationsfor- eigenen Praxis- und Handlungsbegriffe,
Dokumentationssysteme weisen nicht men pflegerischer Arbeit wird die Ver- die sich bezüglich der entsprechenden
selten gravierende methodische, inhalt- antwortung für die Patienten auf viele Akteure wie folgt beschreiben lassen:
liche und organisatorische Mängel auf verschiedene Pflegepersonen übertra-
(Höhmann et al. 1996, Bundesministe- gen, was u. a. zu fehlender Kontinuität
rium für Familie, Senioren, Frauen und im Tagesablauf führt. Außerdem kann Pflege-
Jugend 2006). gesagt werden, dass die Verantwortung wissenschaft
und Zuständigkeit für den einzelnen Pa- lehren, forschen
M E R K E Die genannten „Hilfs- tienten nur schwer realisierbar ist, wenn und
begutachten
mittel“ dienen dazu, mit der Unterstüt- nicht eine Pflegeperson explizit die
zung wissenschaftlich abgesicherter Hauptverantwortung trägt. Pflege- Pflege-
Verfahren eine bessere Einschätzung von Diese Kritik, die jetzt vorgebracht päda- mana-
Defiziten und Kompetenzen bei Patien- wurde, setzt im Grunde schon ein be- gogik gement
ten zu ermöglichen. Damit kann auch stimmtes „Bild“ – man könnte auch aus-, fort- Pflege führen,
und weiter- leiten und
die interdisziplinäre Zusammenarbeit sagen ein anderes „Modell“ – von pfle- bilden organisieren
durch gemeinsame Bewertung und ver- gerischer Praxis voraus. Die Frage, die und beraten
einfachte Kommunikation über Patien- sich jetzt stellt, ist die folgende:
tenbedürfnisse verbessert werden. ■ Gibt es ein Modell, welches ein „bes- Pflegepraxis
seres“ bzw. „richtigeres“ und „voll- (klinisches
Pflegepraxis in einen Kontext einfügen ständigeres“ Bild des Patienten för- Handlungsfeld)
pflegen und
In den vorangehenden Abschnitten ging dert? betreuen
es um die Frage, wie bestimmte Konzep- ■ Und gibt es Möglichkeiten, die Pflege
te, Ergebnisse und Verfahren die Praxis in einer Weise zu organisieren, welche Abb. 3.12 Handlungsfelder der Disziplin Pflege
(nach Weidner 1999a).

56
3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 3
■ Pflegepraktiker (Pflegefachkräfte) stimmten – häufig nicht mehr hinter- nach den Einflussfaktoren und Rahmen-
sind unmittelbar mit der Pflege und fragten – Auffassungen darüber, was bedingungen „guter Pflege“, d. h. einer
Betreuung von Patienten beschäftigt. ihren Gegenstand im Sinne des eigenen am Stand der Künste orientierten Pflege-
■ Pflegepädagogen sind in Aus-, Fort- Bereichs ausmacht, mit welchen Zugän- praxis.
und Weiterbildungsstätten beschäf- gen dieser erfasst werden soll und letzt-
Forschungsfragen der
tigt, aber auch in der Patientenbera- lich, wie Erkenntnis und Wissen über-
Pflegewissenschaft
tung und -schulung. haupt möglich sind.
Im Kern ergeben sich daraus drei For-
■ Pflegemanager führen und leiten in
schungsfragen, nämlich (Bartholomey-
stationären und ambulanten Einrich- M E R K E Wichtig ist der Hinweis,
czik 2011, 68):
tungen, v. a. in Krankenhäusern, Pfle- dass Forschung immer ein essenzieller
■ Was „machen“ gesundheitliche Be-
geheimen und Sozialstationen. Bestandteil von Wissenschaft ist, diese
einträchtigungen mit den betroffenen
■ Pflegewissenschaftler übernehmen sich jedoch nicht darin erschöpft.
Menschen?
lehrende, forschende, begutachtende,
■ Wie kann diesen Menschen geholfen
aber auch beratende Tätigkeiten im Gegenstandsbereiche der
werden, unter diesen Prämissen das
Pflege- und Gesundheitswesen. Pflegewissenschaft
Leben zu bewältigen?
Die Handlungsfelder stehen untereinan- Kommen wir zu der Frage des Gegen-
■ Wie kann mit dieser Hilfe Gesundheit
der in vielfältiger Wechselwirkung (Weid- standsbereichs. Womit beschäftigt sich
gefördert bzw. ein gelingendes Leben
ner 1999a). die Pflegewissenschaft inhaltlich, was
auch bei vorhandenen Einschränkun-
definiert sie sozusagen als „ihr“ Gebiet?
gen unterstützt werden – bis zum
M E R K E In Bezug auf das Diszip- Am besten nähert man sich dieser
Tode?
linverständnis kann man von einer „Pra- Problematik durch einen Vergleich mit
Diese Forschungsfragen lassen sich in
xisdisziplin Pflege“ sprechen, „weil alle den sog. Bezugswissenschaften. Die Me-
verschiedenen inhaltlichen Bereichen dif-
Teilbereiche selbst wiederum Hand- dizin befasst sich mit Ursachen und The-
ferenziert verfolgen. Hierzu gehören
lungsfelder sind, die zunehmend auf eine rapie von Krankheiten, die Gesundheits-
rechtliche bzw. politische Rahmenbedin-
gemeinsame explizite Bezugswissen- wissenschaften mit Epidemiologie, also
gungen, organisatorische und institutio-
schaft, die Pflegewissenschaft, zurück- der Häufigkeit und Verbreitung von
nelle Aspekte sowie Fragen der Qualifi-
greifen können“ (Weidner 1999b). Krankheiten, Prävention und Gesund-
kation und der Aus-, Fort- und Weiter-
heitspolitik – und womit beschäftigt
bildung in der Pflege.
Bestandteile von Pflegewissenschaft sich die Pflegewissenschaft?
Eine Gruppe von pflegewissenschaftli-
Was hat man sich unter Pflegewissen- Ihre Gegenstände sind einerseits die
chen Experten hat im Kontext einer
schaft vorzustellen? Es muss darauf hin- Auswirkungen von Krankheit, Behinde-
„Denkschrift“ folgende inhaltliche Felder
gewiesen werden, dass es keinen ein- rung und Gebrechen auf die Alltagsge-
als bedeutsam für die Pflegeforschung
heitlichen Begriff von Pflegewissenschaft staltung, also z. B. Pflegebedürftigkeit.
bezeichnet, die wir unter Bezugnahme
gibt, sondern verschiedene Definitionen. Andererseits beschäftigt sich die Pflege-
auf Abb. 3.12 wiedergeben (Tab. 3.3):
Nach unserer Auffassung kann man die wissenschaft mit der Wirkungsweise
■ Pflegepraxis
Pflegewissenschaft als einen institutiona- pflegerischer Intervention und fragt
■ Pflegemanagement
lisierten Wissensfundus verstehen. Die-
ser besteht aus 4 Bereichen:
Tab. 3.3 Gegenstandsbereich der Pflegeforschung (Robert-Bosch-Stiftung 1996)
1. Theorien, d. h. Beschreibungen und
Erklärungen von dem, was Pflege ist, Gegenstandsbereiche Erläuterung
welche Faktoren sie beeinflussen und Pflegepraxis ➜ zentraler Bereich der Pflegewissenschaft
welche Auswirkungen sie hat; ➜ hier geht es v. a. um pflegerische Vorgän-
ge, etwa die Effektivität von Pflegehand-
2. wissenschaftstheoretische Grundla-
lungen, die angewandten Pflegemetho-
gen, d. h. Selbstvergewisserungen da- den sowie die Beziehungen zwischen
rüber, welche grundlegenden Positio- Pflegenden und Patienten
nen zur Bedeutung von Wissenschaft Pflegemanagement ➜ Pflege als Organisation und Institution
und Forschung in der Gesellschaft ➜ inhaltlich bezieht sich dieser Bereich auf
eingenommen werden, wie die Ab- die Analyse, Gestaltung und Evaluation
pflegerischer Einrichtungen und die Orga-
grenzung von anderen Wissenschaf- nisation der Pflege auch in Beziehung zu
ten begründet und wie das Verhältnis anderen Berufsgruppen und zum Versor-
von Theorie und Praxis bestimmt gungssystem
werden kann; Pflegepolitik als Teilbereich der Gesundheits- und ➜ Bildungsforschung in der Pflege
3. Strategien und Methoden, wie eine Sozialpolitik ➜ in diesem Zusammenhang steht die Ana-
lyse von Lehr- und Lernprozessen in Be-
Fragestellung systematisch und inter- reichen der beruflichen Bildung, der
subjektiv überprüfbar untersucht Theorie-Praxis-Transfer sowie rechtliche
wird; Grundlagen der Pflegeausbildungen und
4. Empirie, d. h. forschungsbasierte Er- ihrer Verankerung im System der berufli-
chen Bildung im Vordergrund
gebnisse zu den für die Pflegewissen-
Historische Pflegewissenschaft ➜ damit sind alle Fragen im Kontext der
schaft relevanten Fragestellungen.
Identitätsbildung und Historie der Pflege
Dies bedeutet, dass eine Wissenschaft, bzw. der Pflegeberufe gemeint, etwa be-
und damit auch die Pflegewissenschaft, zogen auf die Entstehung und Professio-
als ein System von Erkenntnissen und nalisierung der Pflegeberufe sowie Aspek-
te der Rechtsstellung und Institutionali-
Positionen aufgefasst werden kann.
sierung ambulanter und stationärer Pflege
Dabei gründet jede Wissenschaft auf be-

57
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

■ Pflegepädagogik und damit die enge Verbindung zur Pfle- Kurze Geschichte der
■ Pflegepolitik als Teilbereich der Ge- geforschung und konkretisieren noch Pflegewissenschaft
sundheits- und Sozialpolitik einmal die Aufgaben, denen sich Pflege- Anfänge der Pflegewissenschaft
■ historische Pflegewissenschaft wissenschaft und Pflegeforschung zu- Die Bestrebungen, Pflege zu akademisie-
Die genannten Bereiche sind natürlich wenden müssen: ren, begannen nach dem Ende des Zwei-
nicht exklusiv für die Pflegewissenschaft ten Weltkriegs. In Westdeutschland
„reserviert“. So haben sich z. B. die Psy- D E F I N I T I O N Pflegewissen- wurde damals auf amerikanische Anre-
chologen (aus dem Bereich der Arbeits- schaft ist eine empirisch orientierte So- gung hin in Heidelberg der erste Versuch
und Organisationspsychologie) intensiv zial- und Humanwissenschaft. Im Hin- unternommen, die Qualifikation in der
mit Fragen der Belastung, der Überbean- blick auf die Grundlagenforschung be- Pflege auf Hochschulebene zu veran-
spruchung von Pflegenden im Kontext schäftigt sich die Pflegewissenschaft mit kern. Dieser und andere Versuche blie-
pflegerischer Arbeitsbedingungen und der (Weiter-)Entwicklung ihrer begriff- ben jedoch bis Ende der 80er Jahre weit-
auch mit bestimmten Pflegesystemen lich-theoretischen und methodischen gehend erfolglos. Zuletzt gehörte hierzu
beschäftigt. Grundlagen. Im Hinblick auf die ange- der Modellversuch „LehrerInnen der
wandte Forschung interessieren v. a. Kranken- und Kinderkrankenpflege“, der
Entwicklung pflegewissenschaftlicher
Fragen der Intervention, d. h. der Verän- von 1978 bis 1981 an der Freien Univer-
Leitfragen
derung (Verbesserung) von Pflegesitua- sität Berlin durchgeführt wurde. In der
Der entscheidende Aspekt ist also der,
tionen mithilfe pflegerischer Maßnah- ehemaligen DDR hatte sich jedoch
ob es der Pflegewissenschaft gelingt, ei-
men. schon in den 60er Jahren mit dem Stu-
gene theoretisch begründete Leitfragen
diengang „Medizinpädagogik“ und „Dip-
zu entwickeln, mit denen sie den ge-
Die enge Verbindung von Grundlagen- lom-Krankenpflege“ an der Humboldt-
nannten Gegenstandsbereich wissen-
forschung und angewandter Forschung Universität eine stärker pädagogisch-di-
schaftlich durchdringen und nützliche
ist für die Pflegewissenschaft als Be- daktische und medizinisch-naturwissen-
Antworten auf die Fragen der Hand-
standteil einer praxisorientierten Diszip- schaftliche Perspektive in der Pflegewis-
lungsfelder der Disziplin Pflege liefern
lin essenziell. Dabei richtet sie ihre For- senschaft herausgebildet.
kann. Beispiele für entsprechende Frage-
schungsfragen primär auf gesellschaft- Erst in den 80er Jahren kam – ange-
stellungen könnten – etwa in Bezug auf
lich notwendige Fragestellungen der regt durch die Auslandserfahrungen
Pflegepraxis, Pflegemanagement und
pflegerischen Versorgung und der Ver- deutscher Pflegenden vorwiegend an
Pflegepädagogik – wie folgt aussehen:
besserung der Pflegequalität. englischen Hochschulen – eine Bewe-
■ Welchen Beitrag leistet eine Pflege-
gung in Gang, die Pflegewissenschaft
diagnostik bzw. ein Pflegeassessment
M E R K E Gegenstände der Pfle- zu institutionalisieren. Am Anfang stan-
(also eine systematische Einschät-
gewissenschaft sind pflegerische Phä- den pflegewissenschaftliche Projekte zur
zung) für die Identifizierung von Res-
nomene, wie z. B. die Bedeutung und Berufs- und Ausbildungssituation von
sourcen und Potenzialen einer selbst-
Auswirkung von Krankheit, Behinderung Pflegenden, die vorwiegend nebenberuf-
ständigen Lebensführung?
und Pflegebedürftigkeit sowie die Be- lich oder im Zusammenhang mit eige-
■ Welche Auswirkungen haben pflege-
dingungen und Auswirkungen pflegeri- nen Qualifizierungsprojekten durchge-
rische Maßnahmen (z. B. direkte und
scher Interventionen. führt wurden. Entscheidend in dieser
indirekte Pflegehandlungen) auf das
Phase war die Unterstützung durch die
Wohlbefinden und den Gesundungs-
Im Mittelpunkt des Interesses der Pfle- Robert-Bosch-Stiftung, die seit 1986 mit
prozess des Patienten?
gewissenschaft stehen insbesondere der der Einrichtung der Förderschwerpunkte
■ Inwieweit erhöhen pflegetherapeuti-
gesunde und der kranke Mensch bzw. „Häusliche Pflege“ und „Neue Wege in
sche Ansätze (z. B. Basale Stimulation)
der Mensch in besonderen Lebenssitua- der Alten- und Krankenpflege“ eine Pro-
die Verständigung mit schwerstge-
tionen in seinem Lebensumfeld. Auch In- jektförderung in größerem Rahmen er-
störten Patienten?
teraktionen zwischen Pflegeempfängern möglichte.
■ Wie müssen kommunikative Prozesse
und Pflegenden, zwischen Pflegenden
gestaltet werden, damit ein möglichst Gründung des Agnes-Karll-Instituts
und Mitpflegenden sowie das pflegeri-
hohes Ausmaß in der Zielerreichung 1991 wurde mit geringen finanziellen
sche Handeln selbst sind wichtige Aspek-
bzw. Zielvereinbarung zwischen Pfle- Mitteln das Agnes-Karll-Institut für Pfle-
te.
genden und Patienten möglich wird? geforschung des Deutschen Berufsver-
■ In welcher Art und Weise kann eine Aufgaben bands für Pflegeberufe gegründet.
Orientierung an Pflegemodellen/Pfle- Aufgaben der Pflegewissenschaft sind Einen weiteren Meilenstein in der Ent-
getheorien bei der inhaltlich-konzep- v. a. wicklung der Pflegewissenschaft bildete
tionellen Entwicklung von Lehrplänen ■ empirische Pflegeforschung, eine Studie zum „Pflegeprozess am Bei-
in der Alten- und Krankenpflege hilf- ■ Praxiserprobung und -umsetzung des spiel von Schlaganfall-Patienten“, die
reich sein? gewonnenen Wissens (Theorie-Praxis- durch das Bundesgesundheitsministe-
Transfer), rium finanziell unterstützt wurde und
Definition
■ Methodenentwicklung, 1992 abgeschlossen werden konnte. Be-
Abschließen möchten wir diesen Ab-
■ Theorieentwicklung sowie deutsam an dieser Studie war, dass hin-
schnitt, indem wir uns mit definitori-
■ Wissensvermittlung (Brandenburg u. ter der antragstellenden Leiterin Kroh-
schen Fragen von Pflegewissenschaft
Dorschner 2012, Weidner 1999a). winkel kein etabliertes Forschungsinsti-
und Pflegeforschung beschäftigt haben,
tut stand, sondern „nur“ die Agnes-
mit der Vorstellung einer eigenen Be-
Karll-Stiftung und der Berufsverband
stimmung von Pflegewissenschaft. Wir
DBfK.
betonen in dieser Definition den empiri-
schen Charakter der Pflegewissenschaft

58
3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 3
Aufbau von Pflegestudiengängen wichtiger, auch politisch relevanter, Ta- über die laufenden Projekte und Mög-
Ein weiter wichtiger Schritte war die von gungsort entwickelt. lichkeiten zum Download). Weitere Insti-
der Robert-Bosch-Stiftung herausgege- Schließlich konnte 2008 das 20-jähri- tute konnten an den Universitäten in
bene Denkschrift „Pflege braucht Eliten“ ge Bestehen des wichtigsten wissen- Bremen (Görres), Berlin (Dassen), Biele-
(Robert-Bosch-Stiftung 1993), welche schaftlichen Publikationsorgans der Pfle- feld (Schaeffer) und Witten
die Hochschulausbildung für Lehr- und gewissenschaft für den deutschsprachi- (Bartholomeyczik) erfolgreich etabliert
Leitungskräfte in der Pflege thematisier- gen Raum, der Zeitschrift „Pflege“, ge- werden (für einen aktuellen Überblick
te und als Promoter des Aufbaus der feiert werden. Seit einigen Jahren hat zum Stand der Dinge vgl. Bartholomey-
Pflegestudiengänge in Deutschland an- diese Zeitschrift ein anonymisiertes Peer czik 2011).
gesehen werden kann. Review Verfahren und ist bei den für die
Als wichtigster Schritt in diese Rich- Pflege bedeutendsten Datenbanken ge- P R A X I S T I P P Suchen Sie ein-
tung kann der Aufbau von gegenwärtig listet (CINAHL, MEDLINE). mal Kontakt zu älteren Pflegenden. Wie
über 80 Pflegestudiengängen an Univer- Die „Zeitschrift für Pflegewissen- blicken diese Personen auf die Entwick-
sitäten und Fachhochschulen angesehen schaft“ ist ebenfalls zu einem wichtigen lung der Pflege zurück? Welche Bedeu-
werden (Abb. 3.13). Das Spektrum reicht Organ der Fachdiskussion geworden. tung hat die wissenschaftliche Entwick-
von akademischen Ausbildungen auf Ba- lung in den letzten Jahren? Was hat sich
Deutsche Gesellschaft für
chelorniveau (Praxis, Management, Pä- dadurch verändert? Sie werden viel
Pflegewissenschaft (DGP)
dagogik) über Masterstudiengänge bis Skepsis, vielleicht auch Ablehnung, fest-
Nicht zuletzt ist auf die Aktivitäten der
hin zur Promotionsmöglichkeit u. a. an stellen. Aber manche werden auch auf
Deutschen Gesellschaft für Pflegewis-
der ersten eigenständigen Pflegewissen- die positiven Möglichkeiten verweisen,
senschaft, DGP (früher „Deutscher Ver-
schaftlichen Fakultät an der Philoso- die sich durch den Einzug der Wissen-
ein für Pflegewissenschaft“) hinzuweisen
phisch-Theologischen Hochschule Val- schaft in die Pflege ergeben haben.
(gegründet 1989). Diese Organisation
lendar (http://www.pthv.de/).
hat sich in den letzten Jahren aktiv um
(Pflege-)Theorien und
Publikationen und Kongresse die Initiierung und Koordination pflege-
Pflegeforschung
1996 erschien die bereits erwähnte wissenschaftlicher Forschungsprojekte
Bei der Theoriediskussion in der deut-
Denkschrift „Pflegewissenschaft“ (Ro- bemüht. Erster Höhepunkt der akademi-
schen Pflegewissenschaft hat man sich
bert-Bosch-Stiftung 1996), welche als schen Dispute war eine durch den Deut-
in der Vergangenheit auf zentrale Kon-
eine Art Standortbestimmung der deut- schen Verein für Pflegewissenschaft am
zepte, Hauptaussagen von amerikani-
schen Pflegewissenschaft gelesen wer- 14./15. September 2000 organisierte
schen Pflegemodellen und Pflegetheo-
den kann. Fachtagung zur Frage des Verhältnisses
rien sowie deren Übertragbarkeit auf
Bedeutsam für den Anschluss der von Theorie und Praxis in der Pflegewis-
das deutsche Gesundheitswesen kon-
deutschen Pflegewissenschaft an die in- senschaft. Auf dieser Veranstaltung
zentriert. Bei der Rezeption der ent-
ternationale Theoriediskussion in der haben Vertreter und Vertreterinnen der
sprechenden theoretischen Ansätze lag
Pflege war der erste internationale Pfle- deutschen Pflegewissenschaft zu Grund-
der Schwerpunkt i. d. R. auf den zentra-
getheoriekongress, der im April 1997 in satzfragen Stellung genommen (vgl.
len Inhalten, wohingegen die wissen-
Nürnberg stattfand. Auf diesem Kon- Brandenburg 2001). Das Fachorgan der
schaftstheoretische Begründung und
gress haben amerikanische und deut- DGP ist die „Pflege und Gesellschaft“,
die Anbindung an die sozialwissenschaft-
sche Pflegetheoretikerinnen ihre Theo- die 2012 bereits im 17. Jahrgang er-
liche Theorietradition nur ansatzweise
rien und Forschungsergebnisse vorge- scheint.
berücksichtigt wurde (eine Ausnahme
stellt.
Aufbau universitärer Forschungsinstitute hierzu bilden etwa die Arbeiten von
Gegenwärtig können wir auf eine klei-
Die Fortführung der wissenschaftstheo- Evers et al. 1993, Moers 1999, Remmers
ne Tradition von Pflegekongressen und
retischen Debatten (vgl. hierzu auch Ar- 2000 u. Schaeffer 1999).
Fachtagungen zurückblicken. Die Nürn-
nold et al. 2006; Stemmer 2006; Rem-
berger Pflegekongresse wurden fortge-
mers 2011) ist jedoch nur die eine Seite. P R A X I S T I P P Eine kritische Re-
führt, das Tagungsangebot insgesamt
Entscheidend für die Etablierung von zeption im Sinne einer Unterscheidung
ist vielfältig geworden, der jährlich statt-
Pflegewissenschaft ist der Aufbau einer zwischen amerikanischer Theoriebildung
findende Berliner Hauptstadtkongress
Wissenschaftsstruktur. Das bedeutet und der deutschen Theorie- und Praxis-
„Medizin und Gesundheit“ hat sich als
konkret den Aufbau universitärer For- tradition in der Pflege hat nicht stattge-
schungsinstitute und die damit verbun- funden. Auch hier gibt es eine Ausnah-
dene Einwerbung von Drittmitteln für me – die Dissertation von Heiner Friesa-
die Forschung. Und diesbezüglich sind cher (2008). Er wird nicht nur deswegen
der Aufbau und die weitere Entwicklung erwähnt, weil er die Praxis hervorragend
des „Deutschen Instituts für angewandte kennt und langjährig als Intensivpfleger
Pflegeforschung“ (gegründet 1999) zu tätig war. Die Arbeit findet v. a. Erwäh-
nennen. nung, weil Friesacher eine kritische Re-
zeption der amerikanischen Pflegetheo-
Aktuelle Studien und Institute
rien vorgenommen hat, den funktiona-
Mittlerweile sind eine Reihe von wichti-
listischen Ansatz von Orem (Fokus auf
gen Studien zur Pflegeprävention, zur
Selbstpflege) mit dem phänomenologi-
Ausbildungssituation und zur Belastung
schen Ansatz von Benner u. Wrubel
von pflegenden Angehörigen durchge-
(Fokus auf Fürsorge) verglichen hat. Da-
Abb. 3.13 An Deutschlands Universitäten und führt worden (unter http://www.dip.de/
Fachhochschulen gibt es zurzeit etwa 80 Pflege- rüber hinaus hat er auf Prozesse der
finden Sie eine aktualisierte Übersicht
studiengänge. Ökonomisierung der Pflege (orientiert

59
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

an Foucault) hingewiesen und Elemente daher keine empirisch überprüfbare Er- vorzugung. Theoriebildung, die sich aus
eines kritisch-emanzipatorischen Begriffs klärung der Pflegewirklichkeit im Sinne empirischen Tatbeständen speist, wird
von Pflege vorgestellt (kommunikative einer klinisch orientierten Pflegefor- angestrebt. Sowohl dem Bedarf der Pra-
Rationalität, verständigungsorientiertes schung. xis als auch der Wissenschaftsentwick-
Handeln, Anerkennung und Vermeidung lung soll damit Rechnung getragen wer-
Keine Einheitstheorie der
von Demütigung). den.
Pflegewissenschaft
Der Versuch, Pflege im Rahmen einer Verbindung von Theorien und
In der Konsequenz kam es in Deutsch-
Einheitstheorie begrifflich zu fassen, die Forschung
land zu einer ausschnitthaften Rezeption
für Wissenschaft, Praxis und Ausbildung Wir haben gesehen, dass bei der Theo-
einzelner Aspekte amerikanischer Pflege-
gleichermaßen verbindlich sein sollte, rieentwicklung der Bezug zur Forschung
modelle und eine z. T. checklistenartige
kann heute als gescheitert angesehen betont und insbesondere in den letzten
Verkürzung im Rahmen des Theorie-Pra-
werden. Phasen (im Hinblick auf Theorien mittle-
xis-Transfers. Ein Hauptproblem dieser
Die Diskussion um eine Einheitstheo- rer Reichweite und situationsspezifische
Entwicklung ist in der Tatsache zu
rie (in den Sozialwissenschaften) ist nicht Theorien) immer stärker akzentuiert
sehen, dass eine eigenständige Theorie-
neu. Bezogen auf die Pflegewissenschaft wurde. Die Einbeziehung der Pflegepra-
bildung in der deutschen Pflegewissen-
wurde deutlich, dass dieser Anspruch xis wurde immer bedeutsamer für die
schaft erst in Ansätzen erkennbar ist, al-
nicht einlösbar war und ist. Vor allen Theoriediskussion. Obwohl die Grand
lerdings in den letzten Jahren sichtbare
Dingen deswegen nicht, weil die Pflege- Theories in diesem Abschnitt kritisch ge-
Fortschritte gemacht hat.
praxis komplex und differenziert ist. würdigt werden, soll – vielleicht auch ge-
Mittlerweile liegen eine Reihe von in-
Die inhaltliche Spezifizierung dessen, rade deswegen – gezeigt werden, dass
teressanten Beiträgen aus der deutschen
was Pflege tatsächlich ist, konnte weder der Bezug zur Forschung auch bereits
Pflegewissenschaft vor, die den Stellen-
in einem Selbstpflegemodell (Orem), An- bei diesen Ansätzen erkennbar gewesen
wert von Pflege als Praxisdisziplin theo-
passungsmodell (Roy) noch in einem ist. Wir möchten dies abschließend an
retisch verorten (vgl. hierzu Dornheim et
Zielerreichungsmodell (King) allein ge- zwei Beispielen verdeutlichen.
al. 1999, Schaeffer et al. 1999, Moers
leistet werden. Unabhängig davon sollte
1999, Wittneben 1998) und die Pflege Forschungsbeispiel 1
die Bedeutung der „Grand Theories“ für
als professionelles Handeln begründen 12 Lebensaktivitäten von Roper, Logan,
die Herausbildung eines pflegerischen
(Taubert 1994, Weidner 2003). Tierney (RLT-Modell s. S. 49). Roper et al.
Selbstverständnisses und Selbstbe-
(2006) haben ihren Ansatz als ein (vor-
Prägende Entwicklungen in den USA wusstseins keinesfalls unterschätzt wer-
läufiges) Modell betrachtet, dass nicht
Folgende Entwicklungen in den USA den.
im strengen Sinne empirisch getestet
haben die deutschen Diskussionen ge- Mithilfe dieser Ansätze konnte die Dis-
werden kann. Allerdings kann untersucht
prägt: kussion in der Pflege auf ein theoreti-
werden, wie das Modell in der Praxis ein-
■ die Einsicht in die Grenzen der klassi- sches Niveau gehoben, über Ziele und
gesetzt wird, ob die Kategorien für die
schen Pflegetheorien und -modelle Wertvorstellungen von Pflege begründet
einzelnen Lebensaktivitäten sinnvoll sind
(Grand Theories) gestritten und die Perspektive des Pfle-
und welche Probleme dabei auftauchen.
■ der gescheiterte Versuch, Pflege im geberufs konkretisiert werden.
So haben Reed u. Robins (1991) ins-
Rahmen einer Einheitstheorie begriff-
Theorien mittlerer Reichweite gesamt 72 Pflegepläne von Stationen
lich zu fassen, die für Wissenschaft,
Eine logische Konsequenz dieser Ent- untersucht, auf denen das RLT-Modell
Praxis und Ausbildung gleichermaßen
wicklung war der Abschied von der Kon- zum Einsatz kam. Im Ergebnis wurde
verbindlich sein sollte
struktion allgemeiner und hoch abstrak- ein grundlegendes Problem festgestellt,
■ von den Grand Theories zu Theorien
ter Theorieentwürfe und die Hinwen- nämlich die Inkonsistenz der Kategorien-
mittlerer Reichweite
dung zur Erarbeitung von Theorien mitt- zuweisung. So wurden etwa Druckge-
■ die Notwendigkeit, Theorien und For-
lerer Reichweite. Die klassische Vorlage schwüre unter die Kategorie „Hygiene“,
schung zu verbinden
dazu stammt von Corbin und Strauss „Sicherheit“ oder in einigen Fällen unter
Grenzen der klassischen (1998), die mit dem Modell der Krank- „Mobilität“ subsumiert. Eine weitere
Pflegetheorien heitsverlaufskurven (Illness Trajectories) Schwierigkeit ergab sich dahingehend,
Die klassischen Theorieversuche zur Be- einen Beschreibungsansatz von Krank- dass zwischen einzelnen Lebensaktivitä-
stimmung des Gegenstandbereichs und heitserleben und Bewältigung von chro- ten so enge Verbindungen bestehen,
Aufgabenspektrums der Pflege (von nischen Belastungen für die Pflege vor- dass eine Trennung künstlich bleibt.
Henderson bis zu Watson) haben konsti- gelegt haben. Andere Studien zum RLT-Modell konn-
tutive Elemente des Pflegehandelns be- In Fortführung dieser Arbeiten haben ten positive Aspekte herausarbeiten
schrieben. Als „Grand Theories“ verfolg- Wiener u. Dodd (1993) einen integrati- (Ford 1987, Janes 1986, Harrison 1986),
ten sie die Absicht, Pflege als Wissen- ven Ansatz vorgestellt, der Krankheits- etwa im Hinblick auf die Einschätzung
schaft und Praxis theoretisch zu erfassen verlaufskurven mit den Konzepten des von spezifischen Patientenproblemen
und zu begründen. Es ging um die Fra- Copings und der Unsicherheit verbindet. (z. B. Schlaf) oder die Nutzung des RLT-
gen Morse u. Johnson (1991) haben darauf Modells als „Leitfaden“ für die Pflegepra-
■ Was ist Pflege? aufbauend ein vierstufiges Ilness Con- xis.
■ Was tun Pflegende? stellation Modell entwickelt, welches
■ Was ist das Ziel von Pflege? sich sowohl auf den Patienten wie auch M E R K E Wir sehen also, dass
Im Grunde genommen wurden weitge- auf seine Angehörigen bezieht. Forschung die Erkenntnisse zum prakti-
hend normative Aussagen getroffen Konsequenterweise erhalten Strate- schen Einsatz von Theorien/Modellen
über das, was und wie Pflege sein soll. gien induktiver Theoriebildung in der vorantreibt, insbesondere auf Grenzen,
Pflegetheorien und Pflegemodelle waren deutschen Pflegewissenschaft eine Be-

60
3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 3
Unklarheiten, Inkonsistenzen aufmerk- gen – mit wichtigen Hinweisen für die 6. Grenzen der Pflegewissenschaft: Ab-
sam macht. konkrete Pflegeplanung. Diese Informa- schließend verdeutlichen wird, dass
tionen liefern eine Grundlage für Ent- auch die Pflegewissenschaft Grenzen
Forschungsbeispiel 2 scheidungen und Prioritätensetzungen kennt. Vor allem bezogen auf die
Selbstpflegedefizittheorie von Orem. in der Pflege, etwa im Hinblick auf pfle- Umsetzung der Befunde kommt es
Zum Ansatz von Orem (s. S. 51) hat es gerische Interventionen zur Förderung nicht nur auf die Studienlage, sondern
eine umfangreiche Forschungstätigkeit der Selbstpflege. Und genau dies beab- auch auf das Engagement Einzelner
gegeben (s. Bekel 2008). Exemplarisch sichtigt das o. g. Begutachtungsverfah- und der Institutionen an.
soll auf einige Arbeiten zur Messung zur ren zur Feststellung von Pflegebedürftig-
Forschungsprozess und
Selbstpflege hingewiesen werden. Dies keit. Zurzeit diskutiert die Politik, ob in
Forschungsmethoden
wird deswegen vorgenommen, weil die absehbarer Zeit das neue Begutach-
Neben den Gegenständen der Pflegewis-
Einschätzung (Assessment) von Pflege- tungsverfahren und damit zugleich ein
senschaft, also der Frage des „Was“, sind
bedürftigkeit eine zentrale Aufgabe der neues Verständnis von Pflegebedürftig-
die Fragen nach dem „Wie“, also den
Pflege selbst ist (Abb. 3.14). keit in das Pflegeversicherungsgesetz
Methoden, mit denen man zu seinen Er-
Eine Arbeitsgruppe der Universität eingeführt werden soll.
kenntnissen kommt, von großer Bedeu-
Bielefeld hat unter Federführung von
tung. Im Alltag ist das meistens ganz ein-
Prof. Schaeffer ein neues Begutach- 3.2.2 Pflegewissenschaft II
fach:
tungsinstrument zur Feststellung von (Forschungsprozess, Methoden,
Pflegebedürftigkeit entwickelt und im Ergebnisse)
FA L L B E I S P I E L Wenn ich ein
praktischen Einsatz getestet. Im Zent-
Überblick Alltagsproblem lösen möchte, z. B. die
rum steht die Aufrechterhaltung einer
Der erste Teil unseres Beitrags hat sich Frage: Wie flicke ich ein Loch im Fahr-
selbstständigen Lebensführung im Alltag
vorwiegend mit grundsätzlichen Fragen radschlauch?, dann hilft mir entweder
– und genau dies meint Orem letztlich
der Pflegewissenschaft beschäftigt. Die- meine eigene Erfahrung oder ich hole
mit dem Begriff der Selbstpflegekompe-
ser zweite Teil behandelt stärker anwen- mir Hilfe von einem in der Sache Erfah-
tenz.
dungs- und forschungsorientierte Aspek- renen, der mir das Vorgehen erklärt.
Evers et al. (1993) entwickelten eine
te: Vielleicht habe ich auch ein Buch, in dem
5-Punkt-Likert-Skala zur Einschätzung
1. Forschungsprozesse und -methoden: ich ein Reparaturverfahren nachlesen
der Selbstpflege mit 24 Items (ASA –
Wenn man besser verstehen möchte, kann. Wenn es mir gelingt, mit einer
Appraisal of Self-Care-Agency). Insge-
wie Pflegewissenschaft und Pflege- Methode mein Problem zu lösen (und
samt nahmen hundert ältere Menschen
forschung funktionieren, wird man zwar so, dass ich nicht an der nächsten
an der Studie teil (Altenheimbewohner,
um eine kurze Betrachtung des For- Ecke schon wieder einen platten Reifen
Bewohner des Betreuten Wohnens, ei-
schungsprozesses und der For- habe), bin ich zufrieden und frage kaum
genständig zu Hause lebende ältere
schungsmethoden nicht umhin kom- nach anderen Methoden, die weltweit
Menschen). Im Ergebnis wurde festge-
men. von Menschen bei der Lösung dieses
stellt, dass ältere Menschen mit geringe-
2. Ausgewählte Forschungsergebnisse: kleinen Alltagsproblems angewandt
rer Abhängigkeit von institutioneller Ver-
Ein Einblick in ausgewählte For- werden.
sorgung einen deutlich höheren ASA-
schungsergebnisse kann zeigen, mit
Wert aufwiesen als jene, die institutionell
welchen Fragen und Themenfeldern In der Pflegeforschung sieht das anders
(Heim oder Betreutes Wohnen) versorgt
sich die Disziplin beschäftigt hat. aus. Der Prozess der Erkenntnisgewin-
wurden. Zwischen den beiden Letzteren
3. Forschungsethik: Bei jeder Forschung nung muss sehr viel systematischer sein
gab es keinen bedeutsamen Unter-
können ethisch relevante Problem- und, wie zuvor schon dargelegt, auch
schied.
stellungen auftauchen. Ausführungen theoretisch begründet. Es reicht hier
Welchen Nutzen hat die Forschung? zur Forschungsethik führen Sie in ei- grundsätzlich nicht aus, sich lediglich
Er ist darin zu sehen, dass für eine Viel- nige relevante Überlegungen ein. auf seine Erfahrung zu stützen oder auf
zahl von unterschiedlichen Patienten 4. Kritische Beurteilung: Wenn Sie mit diejenige eines erfahrenen Berufskolle-
und Bevölkerungsgruppen Daten vorlie- Studien konfrontiert werden, dann gen. Es geht ja häufig auch um viel kom-
stellt sich immer die Frage nach einer plexere Fragen und um einen sehr ver-
kritischen Einschätzung. Wir stellen antwortungsvollen Arbeitsbereich: um
Ihnen ein Analyseraster vor, welches die Pflege von Menschen.
als Grundlage für die Beurteilung von Zur forschungsbezogenen Bearbei-
Studien genutzt werden kann. tung von z. B. klinischen Fragestellun-
5. Beschäftigung mit Pflegewissenschaft gen, also den Fragen nach den beson-
und Forschung: Es gibt eine ganze ders geeigneten Pflegemethoden für be-
Reihe von Möglichkeiten, sich mit sondere Pflegesituationen, muss man
Wissenschaft und Forschung zu be- sich an einem allgemein anerkannten
schäftigen. Neben der Durchführung Modell der Erkenntnisgewinnung orien-
von Studien und ihrer kritischen Be- tieren: dem Forschungsprozess. An die-
urteilung kann man in vielfältiger ser Stelle können wir nicht ausführlich
Weise, etwa durch Lektüre von Fach- auf ihn eingehen, denn zum einen ist
artikeln oder durch ein Studium, einen dies ein recht spezielles Wissen und
Zugang zu Wissenschaft und For- zum anderen ist das Ziel dieses Buchka-
Abb. 3.14 Die richtige Einschätzung der Pflegebe- schung finden. pitels nicht, die Lernenden zu Forschern
dürftigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil der zu machen.
praktischen Pflege.

61
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

che Literaturrecherche durchgeführt


1. Schritt werden. Dazu nutzen die Forscher wis-
Forschungs-
fragen
senschaftliche Bibliotheken, Datenban-
stellen ken und Rechercheprogramme, und
6. Schritt 2. Schritt
nicht selten wird auch englischsprachige
Ergebnisse Literatur
recher- Literatur einbezogen. Am Ende dieses
verwerten
chieren Schrittes, in dem nicht selten Hunderte
von Zeitschriftenartikeln und Büchern
gesichtet wurden, können die Forscher
3. Schritt dann das weltweit verfügbare Wissen
5. Schritt
Daten
Forschungs- für die Beantwortung ihrer Fragen ein-
plan ent- setzen.
auswerten werfen
4. Schritt 3. Forschungsplan entwerfen Abb. 3.16 Sowohl für die Datensammlung als
Daten auch für die Auswertung werden heute häufig spe-
sammeln
Oftmals reicht dieses geballte Wissen
zielle Computerprogramme eingesetzt, welche die
aber dennoch nicht aus, um die For- Aufbereitung und Interpretation der Daten erleich-
schungsfragen zu beantworten, weil tern.
Abb. 3.15 Der Forschungsprozess lässt sich grob diese manchmal recht speziell sind.
in sechs Schritte unterteilen. Dann entwerfen die Forscher einen For-
schungsplan, mit dem sie anhand eige- licht werden, und zwar so, dass andere
ner Datensammlungen und -auswertun- Forscher und auch weitere Interessierte
Im Folgenden wird daher nur kurz auf gen, die notwendigen Antworten auf die dies möglichst überall auf der Welt nach-
die Bestandteile des Forschungsprozes- Forschungsfragen doch noch finden kön- lesen können. So können die Ergebnisse
ses eingegangen. Dies erscheint uns al- nen. nicht nur von den Forschern selbst, son-
lerdings notwendig zu sein für das wei- dern von allen Mitgliedern der Disziplin
4. Daten sammeln Pflege zukünftig genutzt werden.
tere Verständnis und als Grundlage für
Daraufhin werden dann wie geplant
die weitere Beschäftigung mit Pflegewis- Forschungsmethoden
Daten gesammelt. Das können z. B.
senschaft und -forschung. ■ Einschätzungen von Pflegenden oder Unser Augenmerk war bis jetzt auf den
Schritte des Forschungsprozesses Patienten sein, die mittels Fragebogen Prozess der Erkenntnisgewinnung, eben
Der Forschungsprozess und somit auch erhoben werden, den Forschungsprozess, gerichtet. Es ist
der Pflegeforschungsprozess lassen sich ■ über bestimmte Zeiträume durchge- aber klar, dass zur Beantwortung einer
grob in einzelne Schritte unterteilen, an führte, wiederholte Messungen von Forschungsfrage der Blick auch auf kon-
denen sich die meisten Forschungspro- bestimmten Bewegungsabläufen krete Methoden gelenkt werden muss,
jekte in der Pflege auch orientieren. Zu beim Patienten oder die im Forschungsprozess zum Einsatz
den wichtigen Schritten zählen ■ die präzise Beobachtung von be- kommen. Wir unterscheiden hier im We-
(Abb. 3.15): stimmten Situationen, wie etwa das sentlichen quantitative und qualitative
■ Forschungsfragen stellen Essenanreichen bei gelähmten Pa- Verfahren.
■ Literatur recherchieren tienten usw. Quantitative Methoden. Bei den erstge-
■ Forschungsplan entwerfen Die Datensammlung ist nicht selten ein nannten Verfahren geht es um eine
■ Daten sammeln sehr aufwändiges Unterfangen, was sich Quantifizierung von zu beobachtenden
■ Daten auswerten über Wochen, Monate und sogar Jahre Merkmalen und Einheiten, um z. B. Um-
■ Ergebnisse verwerten erstrecken kann und bei dem eigens er- fang, Häufigkeit oder andere numerische
stellte Verfahren hundert- und tausend- Repräsentationen von relevanten Phäno-
1. Forschungsfragen stellen menen bestimmen zu können (Altenho-
fach angewandt werden müssen.
Anlass für die Durchführung von Pflege- fen 2000). Im Vorfeld ist bereits ein For-
forschung ist nicht selten ein praktisches 5. Daten auswerten schungsdesign festgelegt, Hypothesen
Problem in der Versorgung von Men- Wenn die gesammelten Daten dann vor- werden überprüft, statistische Verfahren
schen mit einer bestimmten Pflegebe- liegen, müssen sie natürlich noch ausge- werden i. d. R. eingesetzt.
dürftigkeit. Daraus ergeben sich dann wertet werden. Die Zielrichtung ist dabei Lobiondo-Wood u. Haber (2005,
einzelne Forschungsfragen, die mittels klar: Die Auswertung soll Antworten auf S. 297) schreiben dazu: „Allgemein
eines mitunter umfangreichen Projektes die gestellten Forschungsfragen liefern dient das Forschungsdesign zwei Zielen:
beantwortet werden sollen. Möglichst (Abb. 3.16). Es soll einen Beitrag zur Lösung der For-
sucht man nach allgemein gültigen Ant- schungsfragen und die Kontrolle über
6. Ergebnisse verwerten
worten, die nicht nur auf einen Fall im das Verfahren gewährleisten. For-
Schließlich sollten am Ende eines jeden
Krankenhaus X zutreffen, sondern für schungsbemühungen sind immer auf
Forschungsprozesses die Ergebnisse klar
alle vergleichbaren Fälle aussagekräftig die Lösung von Problemen gerichtet.“
sein, also mindestens einige Antworten
und möglichst repräsentativ sein kön- Qualitative Methoden. Qualitative For-
auf die gestellten Fragen gegeben wer-
nen. schungszugänge lassen sich am ehesten
den können. Vielleicht müssen die For-
2. Literatur recherchieren scher auch bekennen, dass sie keine dahingehend von quantitativer For-
Um möglichst das ganze zur Verfügung treffenden Antworten gefunden haben, schung unterscheiden, weil sich erste
stehende Wissen zu den aufgeworfenen und auch das ist dann ein Ergebnis. vorwiegend auf ein Verständnis des Gan-
Forschungsfragen nutzen zu können, Besonders wichtig ist in der For- zen bemühen, i. d. R. auf die subjektive
muss in einem wichtigen Schritt des For- schung, dass die Resultate, aber auch Perspektive und Wahrnehmung Einzel-
schungsprojektes eine i. d. R. umfangrei- die eingesetzten Methoden, veröffent- ner fokussieren. Die Auswertung kann

62
3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 3
dann über inhaltsanalytische Verfahren Bosch (1992). Bosch (1992), eine nieder- gang mit schwer beeinträchtigten psy-
erfolgen. ländische Pflegewissenschaftlerin, inter- chisch veränderten Älteren: Es gilt zu ak-
Beispiele für qualitative Forschungen, pretiert die Weglauftendenz im Kontext zeptieren, dass viele Menschen mit De-
die in der Pflegeforschung zur Anwen- der Lebensgeschichte der Betroffenen, menz das Pflegeheim nicht als ihr ei-
dung gelangen, sind die das Pflegeheim nur als „vorüberge- gentliches Zuhause anerkennen können.
■ Ethnografie, henden Aufenthaltsort“ und ihre eigent- „Heimgehenwollen“ sollte dann nicht als
■ Phänomenologie oder liche Aufgabe in der Sorge für das „zu Versagen der Pflege verstanden, son-
■ Grounded Theory. Hause“ und ihre Familien sehen bzw. im dern als Tatbestand gefühls- und ver-
Beruf. Im Kern kann das „Vertraute“, das, nunftmäßig akzeptiert werden.
Ausgewählte Befunde aus der
was man sein ganzes Leben über ge- Wenn gelernt wird, dass man betagte
Pflegewissenschaft
macht hat und was jetzt im Heim keinen Menschen mit Demenz nicht ändern
Einen ausführlichen Überblick über vor-
Platz mehr hat, Auslöser für die Tendenz kann, sondern nur die Wahrnehmung
handene Befunde in der Pflegewissen-
des Weglaufens sein. von ihnen, dann hat dies erhebliche Kon-
schaft können wir hier natürlich nicht
Käppeli (1991). Befunde zur subjektiven sequenzen für die gesamte Pflegeorgani-
geben. Möglich ist hingegen die Darstel-
Erfahrung von Krankenhauspatienten sation.
lung ausgewählter Befunde. Wir kon-
sind einer Untersuchung von Käppeli
zentrieren uns dabei Die Pflegenden: Pflegeassessment und
(1991) zu entnehmen. Sie befragte 40
1. auf die Patienten und fragen nach Er- Pflegeprävention
ältere Patienten nach problematischen
fahrungen zur Pflegeabhängigkeit und Eine der wichtigsten Fragen in der ange-
Krankenhauserfahrungen und konnte
dem Umgang mit chronischer Krank- wandten Pflegeforschung ist die nach
feststellen, dass viele Patienten die Ereig-
heit, der Pflegequalität und damit verbunden
nisse im Krankenhaus ganz oder teilwei-
2. auf die Pflegenden und fragen da- die nach den Auswirkungen von Pflege.
se falsch interpretierten und sich unnöti-
nach, wie bestimmte Interventionen Diese Fragen waren der Hintergrund für
ge Sorgen machten. Bemerkenswert
vorgenommen werden und welche zwei Studien, die vom Deutschen Institut
waren die Antworten auf die Frage der
Bedeutung Pflegeprävention haben für angewandte Pflegeforschung in Köln
Autorin, ob die Patienten etwas zur Klä-
kann. durchgeführt wurden (Isfort u. Weidner
rung ihrer Fragen und Vermutungen un-
2003 und Ströbel u. Weidner 2003).
Die Patienten: subjektives Erleben ternommen hätten: „Nein, ich akzeptie-
Isfort und Weidner (2003). Isfort und
chronischer Krankheit re alles, wenn es mir nur wieder besser
Weidner haben in einer umfassenden
Pflegewissenschaftliche Untersuchungen geht“ oder „Nein, ich bin nicht hier, um
Recherche zunächst jene Verfahren kri-
zum subjektiven Erleben bei chronischer das Spital zu reorganisieren“ oder „Ich
tisch gesichtet, die den notwendigen
Krankheit haben sich darauf konzen- bin nur ein kleiner Patient, und man
Pflegebedarf ermitteln sollen (zustands-
triert, welche Bedeutung Krankheit und muss gehorchen, das weiß man“ waren
bezogene Messinstrumente) als auch
Leiden für den Patienten haben, wie typische Antworten (Käppeli 1991).
solche, welche die Pflegeleistungen dar-
Problem- und Konfliktsituationen erlebt Moers et al (1999). In anderen Untersu-
stellen (handlungsbezogene Messinstru-
werden und welche Formen der Ausei- chungen steht das Erleben chronischer
mente). Untersucht wurden u. a.
nandersetzung der Patient entwickelt, Krankheit im Mittelpunkt der Betrach-
■ das Resident Assessment Instrument
um sich an die Krankheit anzupassen. tung. So etwa am Beispiel der Untersu-
(RAI),
Im Folgenden werden einige Studien chung der Erwartungen von Krebspa-
■ das Geriatrische Basisassessment
vorgestellt. tienten an die Pflege im Krankenhaus
(GBA) sowie
Petry (1996). So hat z. B. Petry (1996), oder die Langzeitauswirkungen geriatri-
■ ein System zur Leistungserfassung in
eine Mitarbeiterin aus dem Arbeitskreis scher Rehabilitation bei der Rückkehr in
der Pflege (LEP).
der Schweizer Pflegewissenschaftlerin den Alltag (Moers et al. 1999).
In einem weiteren Schritt wurden die
Kesselring, die Wahrnehmung einer ver-
Ergebnisverwertung/Fazit Akzeptanz bei Pflegenden und die Wirk-
wirrten Patientin im Pflegeheim aus der
Welchen Beitrag leisten diese Befunde samkeit des LEP, in Modellkrankenhäu-
Perspektive von Angehörigen und Pfle-
für eine „gute Pflege“? Sie dokumentie- sern überprüft. Die Ergebnisse zeigen,
genden untersucht. Im Ergebnis konnten
ren zunächst die Komplexität von Ein- wie wichtig es ist, dass pflegerische Pra-
erhebliche Unterschiede festgestellt wer-
stellungen, Meinungen und Erfahrungen xis durch überprüfte Instrumente und
den: Während die Angehörigen primär
und bieten die Grundlage für ein besse- Verfahren transparent gemacht wird
die Gefühle und das Befinden der Patien-
res Verständnis der subjektiven Welt des und Pflegende die Kernprobleme eines
tin im Blick hatten und ein facettenrei-
Patienten bzw. der Pflegenden. Zu wis- Patienten bestimmen können. Auf die-
ches Bild der Lebenswelt in der Institu-
sen, wie Patienten ihre Lebenswelt wahr- sem Wege ist es letztlich möglich, Indi-
tion entwarfen, orientierten sich die Aus-
nehmen und in welcher Art und Weise katoren und Merkmale für die Pflege-
sagen der Pflegenden vorwiegend am
Pflegende darauf reagieren, ist bedeut- qualität zu erarbeiten (Isfort 2008).
störenden und aggressiven Verhalten
sam, weil es die erlebte Wirklichkeit ist, Ströbel und Weidner (2003). In einer
der Patientin. Es wird eine interessante
von der das Verhalten maßgeblich beein- weiteren Studie mit anwendungsorien-
Deutung verwirrten Verhaltens angebo-
flusst wird. tiertem Schwerpunkt haben sich Ströbel
ten. Abwehr gegen pflegerische Maß-
Der lebensweltliche Zugang bietet u. Weidner (2003) mit dem noch kaum
nahmen und das Bedürfnis wegzulaufen
eine Chance, besser auf den Patienten systematisch entwickelten Thema „Pfle-
werden nicht als „Demenzsymptom“
einzugehen. Wenn Verwirrtheit nicht geprävention“ beschäftigt und eine
verstanden, sondern als Ausdruck der
nur als Ausdruck von Krankheit, sondern Reihe von kontrollierten internationalen
Angst, wenn die Betroffenen fühlen,
ebenso als kontextuell bedingtes Phäno- Studien gesichtet. Die Befunde der Un-
dass sie ihr „Dasein“ nicht mehr richtig
men verstanden wird, dann folgt hieraus tersuchung deuten darauf hin, dass eine
kontrollieren können.
eine wichtige Konsequenz für den Um- Wirksamkeit präventiver Maßnahmen im

63
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

häuslichen Bereich dann erzielt werden Folgende Gesichtspunkte sind zu beach- ein möglicher entstehender Schaden
kann, wenn bestimmte Kriterien erfüllt ten, wenn Forschung betrieben wird niedriger sein als der Nutzen. Aber auch
werden: (Schnell 2008): bei Interviews können durch das Thema
■ Es muss eine wiederholte Beratung ■ Recht auf Selbstbestimmung und die Art der Fragen psychische Schä-
des Patienten und seiner Angehörigen ■ Recht auf Privatsphäre den entstehen.
stattfinden. ■ Recht auf Anonymität und Vertrau- Jeder Forscher sollte deswegen Sorge
■ Die Maßnahme muss über eine län- lichkeit tragen, dass kein Schaden entsteht.
gere Zeitspanne erfolgen (> 2 Jahre). ■ Recht auf faire Behandlung
Freiwilligkeit und Studienabbruch
■ Es wird ein interdisziplinäres Team ■ Recht auf Schutz vor Belastungen und
Jeder Teilnehmer sollte freiwillig an der
benötigt. Schaden
Studie teilnehmen, niemand darf zu
■ Die Beratenden müssen mit Zusatz- ■ Freiwilligkeit und Studienabbruch
einer Studie gezwungen oder überredet
qualifikationen auf ihre Tätigkeit spe- ■ Informationen
werden. Jeder Studienteilnehmer hat je-
ziell vorbereitet werden.
Recht auf Selbstbestimmung derzeit das Recht, die Studienteilnahme
Interessanterweise wurde in dieser Stu-
Jeder Teilnehmer kann selbst bestim- abzubrechen. Dazu muss er keine Grün-
die auch die Rolle von Pflegefachkräften
men, ob und wie weit er an einer Studie de nennen. Der Studienabbruch darf
betont, die v. a. in der ambulanten Ver-
teilnimmt. Deswegen können i. d. R. keine Konsequenzen auf die weitere Ver-
sorgung hochaltriger und chronisch
auch nur zustimmungsfähige Personen sorgung bzw. den weiteren Umgang mit
kranker Menschen einen wichtigen Bei-
in eine Studie aufgenommen werden. dem Studienteilnehmer haben.
trag zur Prävention bzw. sogar zur Ver-
Werden bereits bestehende Daten aus-
hütung von Pflegebedürftigkeit leisten Informationen
gewertet (z. B. durch eine Pflegedoku-
können. Jeder Teilnehmer muss informiert wer-
mentationsanalyse oder durch eine
den über (Abb. 3.17)
Ergebnisverwertung/Fazit schriftliche Befragung von Pflegekräften
■ den Anlass der Studie,
Welchen Beitrag leisten diese Arbeiten zu Versorgungsdaten), müssen ebenfalls
■ den Ablauf,
für eine „gute Pflege“? die Patienten eine schriftliche Einwilli-
■ den auf ihn zukommenden Aufwand,
Zunächst einmal wird mithilfe von As- gung geben. Das Recht gilt auch für Stu-
■ Schaden oder Nutzen der Studie
sessments und wissenschaftlich über- dienteilnehmer, die wegen einer einge-
sowie
prüften Instrumenten die Situation des schränkten Autonomie nicht in der Lage
■ seine Rechten und Pflichten.
Patienten besser und zuverlässiger er- sind, ihre Einwilligung zu geben. Dazu
fasst, als dies mit den herkömmlichen gehören z. B. Kinder, geschäftsunfähige Analyse quantitativer und qualitativer
Verfahren möglich war. Darüber hinaus und komatöse Menschen. Studien
wird es möglich sein, die Qualität der Analyse quantitativer Studien
Recht auf Privatsphäre
geleisteten pflegerischen Arbeit einzu- Sie haben bereits Artikel, Untersuchun-
Jeder Teilnehmer hat die Freiheit selbst
schätzen und Schwachpunkte in der be- gen zu pflegewissenschaftlich relevanten
zu bestimmen, wo, wann und welche
stehenden Pflegeorganisation zu identifi- Fragestellungen gelesen. Immer wieder
privaten Informationen er preisgeben
zieren. taucht die Frage auf, mit welchen Krite-
möchte. Eine Verletzung der Privatsphä-
Pflege muss heute zunehmend deut- rien man eigentlich die „Güte“ einer Stu-
re tritt ein, wenn private Informationen
lich machen, welche Leistungen erbracht die einschätzen kann. Darüber kann man
ohne Wissen des Betroffenen oder
werden, wie hoch der Aufwand an Res- endlos debattieren, aber gewisse Krite-
gegen ihren Willen weitergegeben wer-
sourcen und Personal ist, um eine be- rien braucht man zur Beurteilung –
den.
stimmte Qualität zu erzielen. In diesen wenn man diese transparent darlegen
Kontext gehört auch die Pflegepräven- Recht auf Anonymität und möchte.
tion. Sie zeigt v. a. die Wirksamkeit von Vertraulichkeit
pflegefachlicher Expertise in Bezug auf Die Daten müssen so ausgewertet und
die Reduktion von Krankenhauseinwei- präsentiert werden, dass keine Rück-
sungen, die Senkung der Mortalitätszif- schlüsse auf die beteiligten Personen
fern und letztlich der Verhütung von möglich sind. Ebenfalls dürfen die
Pflegebedürftigkeit. Daten nicht weitergegeben werden.
Dies ist nicht zuletzt eine wichtige ge-
Recht auf faire Behandlung
sellschaftspolitische Aufgabe der Pflege
Dieses Recht basiert auf dem Prinzip der
angesichts der Zunahme von chroni-
Gerechtigkeit. Interessenten sollten
scher Krankheit und Pflegebedürftigkeit
nicht wegen ethnischer Herkunft, Reli-
insgesamt in der Gesellschaft.
gion, Geschlecht, Sympathie oder per-
Forschungsethik sönlicher Berechnungen für eine Stu-
dienteilnahme ausgewählt werden.
D E F I N I T I O N Ethik ist der Aus-
Recht auf Schutz vor Belastungen und
druck der Achtung des Menschen vor
Schaden
dem Menschen. Und die Forschungs-
Durch eine Studie darf den Teilnehmern
ethik befasst sich mit der Frage, „welche
kein Schaden entstehen. Da gerade bei
ethisch relevanten Einflüsse die Inter-
Experimenten noch wenig getestete
vention eines Forschers den Menschen
Maßnahmen durchgeführt werden bzw. Abb. 3.17 Informed Consent. Die Teilnehmer
zumuten könnte, mit oder an denen der
mit deren Einsatz möglicherweise Ne- sollten schriftlich und verständlich informiert wer-
Forscher forscht“ (Schnell 2008, S. 166). den. Auf dieser Basis ist eine sogenannte „infor-
benwirkungen verbunden sind, sollte
mierte Zustimmung“ der Teilnehmer möglich.

64
3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 3
Dies wollen wir tun, und zwar zu- und Übung den Meister macht. Jeder, mit ihrer Krankheit anerkennt und sind
nächst am Beispiel einer quantitativen der selber einmal eine Studie durchge- darüber hinaus bedeutsam für eine Ent-
Erhebung. führt hat, ist mit seiner kritischen Ein- wicklung und Evaluation von Gruppen-
schätzung vorsichtig und sucht in sei- schulungsprogrammen.
FA L L B E I S P I E L Quantitative nem Urteil nach der „richtigen Mitte“
Studie. Fritz et al. (2005) von der Abtei- (Aristoteles). Analyse und Bewertung
lung Pflegewissenschaft der UMIT in Hall Aber werfen wir einmal einen Blick auf Das oben bereits angesprochene Analy-
(Österreich) haben sich mit der Throm- einige der Beurteilungskriterien von Pan- seraster (Tab. 3.3) soll nun ebenfalls auf
boseprävention im pflegerischen Alltag fil und sehen uns ihre Einschätzung der eine qualitative Studie übertragen wer-
einer Universitätsklinik beschäftigt. In Studie von der Arbeitsgruppe der UMIT den (Tab. 3.5), die von Brandenburg
der genannten Studie wurden im Rah- einmal an (Panfil 2012b) (Tab. 3.3). (2012) analysiert wurde. (Natürlich
men einer schriftlichen Befragung ins- In einer abschließenden Gesamtbe- kann man darüber diskutieren, ob bei
gesamt 192 diplomierte Pflegepersonen wertung kommt Panfil (2012b) zu dem quantitativen und qualitativen Studien
und 111 Auszubildende im Hinblick auf Urteil, dass mit der Studie eine klinisch ein gleiches Analyseraster sinnvoll ist
Thrombosepräventionsmaßnahmen be- relevante Fragestellung erforscht und ein oder ob es nicht spezielle Kriterien für
fragt. wichtiger Beitrag zur Qualität der pflege- die jeweiligen Richtungen gibt. Dies ist
Die Ergebnisse zeigen, dass rischen Versorgung geleistet wurde. ohne Zweifel der Fall, wird aber aus
■ 57 % der Befragten der Entsorgungs- Gründen der Übersichtlichkeit und des
zeitpunkt für die Antithrombose- M E R K E Für die wissenschaftli- Verständnisses an dieser Stelle nicht wei-
strümpfe (ATS) nicht bekannt ist, che Beurteilung sind die Kriterien der ter verfolgt; vgl. hierzu: Panfil 2012a)
■ 73 % die Beine des Patienten vor dem Relevanz, des richtigen und adäquaten In seiner abschließenden Gesamtbe-
Anlegen der ATS „nie“ oder „selten“ Einsatzes von transparent dargelegten wertung kommt Brandenburg (2012) zu
messen und Methoden und die Erweiterung des einem positiven Resümée. Betont wird,
■ 23 % angeben, dass ATS von den Pa- pflegewissenschaftlichen Erkenntnis- wie ausführlich und genau die beiden
tienten während 24 Stunden getragen stands insgesamt von zentraler Bedeu- Autorinnen ihre Befunde im Lichte natio-
werden. tung. naler und internationaler Literatur disku-
Die Befunde der Untersuchung haben in tieren. Dabei werden sowohl Überein-
der Konsequenz dazu geführt, dass ein Analyse qualitativer Studien stimmungen wie auch Diskrepanzen der
neues Skriptum für die Ausbildung er- Es wurde erwähnt, dass in den letzten eigenen Befunde explizit herausgestellt.
stellt wurde, die hausinternen Standards Jahren qualitative Forschungen in der Gewürdigt wurden auch das hohe me-
dem aktuellen Stand des Wissens ange- Pflegewissenschaft zunehmend wichti- thodische Level der Studie, bei der das
passt wurden und Fortbildungen im Be- ger geworden sind. Sehen wir uns auch Prozedere, die Datenauswertung und
reich der Thromboseprävention verstärkt dazu ein entsprechendes Beispiel an, bei die Diskussion der Befunde transparent
angeboten werden. dem wir ebenfalls eine kritische Einschät- gemacht wurden. Kritisch wurde ange-
zung vorstellen möchten. merkt, dass die Wahl der qualitativen In-
Analyse und Bewertung haltsanalyse noch detaillierter hätte be-
Interessant ist nun, wie eine solche Stu- FA L L B E I S P I E L Qualitative gründet werden können und die Katego-
die analysiert werden kann. Wie kann Studie. Huber und Spirig (2004) vom In- rienbildung noch transparenter hätte
man beurteilen, ob es sich um eine stitut für Pflegewissenschaft an der Uni- dargestellt werden müssen. Aber alles
„gute“ oder weniger gute Untersuchung versität Basel und der Stiftung Diakonie- in allem wurde der empirische Beitrag
handelt? Genau dies hat Eva-Maria Panfil werk Neumünster haben sich mit der der beiden Schweizer Autorinnen als Bei-
anhand der o. g. Untersuchung in der Frage beschäftigt, wie ältere Frauen im spiel für eine hervorragende Studie ge-
UMIT gemacht. Sie stützt ihre Aussagen Umgang mit chronischen Schmerzen würdigt.
dabei auf eine Kriterienliste zur Beurtei- des Bewegungsapparats umgehen. Es
Beschäftigungsfelder der
lung von Studien (vgl. hierzu im Detail: wurden 8 problemzentrierte Interviews
Pflegewissenschaft und -forschung
Panfil 2012a). Und sie legt ihr Augen- durchgeführt, um die Expertise der Be-
Bislang haben wir in unseren Ausführun-
merk auf zwei wichtige Aspekte: troffenen qualitativ zu ergründen. Mit-
gen einen Akzent auf die inhaltlichen Fel-
1. Es geht darum, das Anliegen, die hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse wur-
der, Methoden und Schwerpunkte der
Durchführung und die eingesetzten den induktiv 5 Hauptkategorien aus den
Pflegewissenschaft gelegt. Betont
Auswertungsverfahren zu verstehen Interviews herausgearbeitet. Die Kate-
haben wir insbesondere den Beitrag,
und zu beschreiben. Dabei ist die gorie „von seiner Lebens- und Krank-
den die Pflegewissenschaft zur Praxis lie-
Rolle eines Detektivs oder eines heitsgeschichte getragen werden“ bildet
fern kann. Aber umgekehrt ist zu fragen,
Buchhalters einzunehmen, um das die Grundlage im Umgang mit Schmer-
welchen Beitrag die Praxis und die in ihr
methodische Design darstellen zu zen, aus der sich differenzierte Unterka-
Tätigen zum Gelingen pflegewissen-
können. tegorien ableiten lassen, wie z. B.
schaftlicher Ziele leisten kann?
2. Es ist wichtig, eine kritische Bewer- „Schmerzmedikamente zurückhaltend,
Beginnen wir mit einer These: Der
tung vorzunehmen und in diesem aber gezielt einnehmen“, „diszipliniert
entscheidende Beitrag der Pflegeprakti-
Zusammenhang die Rolle eines Kriti- nicht-pharmazeutische Maßnahmen zur
ker liegt unserer Ansicht nach in der For-
kers einzunehmen. Schmerzlinderung durchführen“ oder
schungsanwendung, d. h. der systemati-
Bei diesem ganzen Verfahren ist aber zu „an Grenzen stoßen“.
schen Beachtung, Einführung und Nut-
beachten, dass es keine perfekten Stu- Die Ergebnisse verweisen auf die Not-
zung wissenschaftlich fundierter Innova-
dien gibt, auch Studien, die in peer-re- wendigkeit einer partnerschaftlichen
tionen im Rahmen der gesundheitlichen
viewed-Zeitschriften veröffentlicht wer- Zusammenarbeit mit älteren Menschen,
Versorgung von Patienten.
den, methodisch schwach sein können welche diese als Experten im Umgang

65
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

Tab. 3.4 Beurteilungskriterien und Einschätzungen einer quantitativen Studie (nach Panfi 2012b)
Detektiv und Buchhalter Kritiker
1. Kriterium: Fragestellung
Was ist die Forschungsfrage? Ist die Forschungsfrage klar formuliert?
Es geht um die Darstellung des Ist-Zustands pflegerischer Thrombosepro- Die Forschungsfrage ist im Rahmen einer Zielformulierung klar formuliert
phylaxe an den Universitätskliniken in Innsbruck. Dazu werden 11 Fragen worden, die Relevanz wurde jedoch nicht ganz deutlich. Zwar wird von
formuliert. einer Diskrepanz von Theorie und Praxis gesprochen, wesentlich wäre hier
jedoch auch, die damit verbundenen Konsequenzen darzustellen.
2. Kriterium: Literaturanalyse
Welche Literatur wurde benutzt? Ist der aktuelle Stand der Pflegewissenschaft angemessen und voll-
Bei der Literaturanalyse wurden nationale und internationale Quellen aus den ständig dargelegt worden?
Jahren 1990 bis 1994 gesichtet, Überblicksarbeiten der Cochrane Library und Ja, der aktuelle Stand ist dargestellt worden. Die Literatur „passt“ weit-
von Fachgesellschaften berücksichtigt. gehend zur Beantwortung der Fragestellung.
Die Literatur wurde in den einschlägigen Datenbanken (z. B. MedLine) ge- Die Ausführungen zur „Geschichte“ und zu den „Risikofaktoren“ sind
sucht, Angaben zur Suchstrategie sind nicht im Text zu finden. interessant, gehen jedoch über die eigentliche Fragestellung hinaus bzw.
sind nicht mit ihr verknüpft.
3. Kriterium: Methoden zur Datenerhebung
Welche Methoden wurden eingesetzt? Wie sind die zu untersuchenden Sind die Methoden adäquat gewählt worden?
Merkmale erhoben worden? Die gewählte Methode (standardisierte Fragebogenerhebung) ist geeig-
Zur Datenerhebung wurde ein standardisierter Fragebogen mit 7 Items zu net, da eine vergleichsweise große Stichprobe befragt wurde. Denkbar
soziodemografischen Daten (Alter, Geschlecht, Soziale Schicht) und 18 Items wären Beobachtungen der Pflegepraxis, um zu prüfen, ob die Angaben
zur Thromboseprävention eingesetzt. Die Variablen ergeben sich aus der Er- mit der Praxis übereinstimmen. Allerdings sind Beobachtungsstudien mit
gebnisdarstellung, u. a. einem extrem hohen Aufwand verbunden, wäre der zusätzliche Erkennt-
➜ Kenntnis der hauseigenen Standards, nisgewinn angesichts der bereits ermittelten Ergebnisse eher gering.
➜ Anordnung pflegerischer Maßnahmen, Deswegen kann auch aus ökonomischen Überlegungen heraus das ge-
➜ Ablehnung der ATS durch Patienten, wählte Vorgehen als angemessen beurteilt werden.
➜ Wechsel und Entsorgung der ATS,
➜ Abmessen der ATS,
➜ Schäden durch ATS (offene Frage)
4. Kriterium: Methoden zur Datenauswertung
Welche Verfahren zur Datenanalyse wurden eingesetzt? Sind die passenden Analyse- und Auswertungsverfahren benutzt
Explizit werden im Abschnitt „Untersuchung“ keine Angaben zu den ge- worden?
wählten Analyseverfahren gemacht, diese lassen sich jedoch aus den Ergeb- Ja, es scheinen die passenden Analysemethoden eingesetzt worden zu
nisdarstellungen herausarbeiten. sein. Zum Test von Gruppenunterschieden wurden Verfahren abhängig
Die Daten wurden mit dem Programm SPSS Vs. 11.5.1 ausgewertet, das von den Verteilungen eingesetzt. Der Einsatz von Signifikanztests bei
Signifikanzniveau auf 5 % festgelegt. Als Testverfahren wurden eingesetzt: Gelegenheitsstichproben ist umstritten, aber allgemein üblich.
➜ Häufigkeiten
➜ Mehrfachantworten-Set: Analyse der offenen Fragen
➜ Chi-Quadrat, Mann-Withney-U-Test: Testen von Gruppenunterschieden
➜ Kolmogorov-Smirnov-Z-Test: Test auf Normalverteilung.
5. Kriterium: Ethik
Welche Aspekte der Forschungsethik wurden diskutiert? Wurden die grundlegenden Aspekte der Forschungsethik beachtet?
Die Autoren erwähnen, dass die Studie der Pflegedirektion und leitenden Es können keine Aussagen zu dieser Fragestellung getroffen werden, da
Pflegepersonen vorgestellt wurde. Weitere Angaben zu ethischen Aspekten dazu im Text keine Angaben zu finden sind. Es bleibt z. B. offen, inwieweit
sind im Text nicht zu finden. die Teilnehmer über die Studie und ihre Rechte informiert wurden und
deren Rechte auch gewährleistet wurden.
6. Kriterium: Ergebnisse
Was sind die Ergebnisse der Studie? Sind die wichtigsten Ergebnisse angemessen und nachvollziehbar
Die Ergebnisse werden hinsichtlich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede beschrieben worden?
zwischen diplomierten Pflegepersonen und Auszubildenden dargestellt. Ja, die wichtigsten Ergebnisse sind angemessen und nachvollziehbar be-
Kenntnisse und Defizite im Wissen und der Anwendung thrombosepräventi- schrieben worden. Mithilfe von Tabellen sind die Hauptbefunde visuali-
ver Maßnahmen werden festgestellt: siert worden, die Testergebnisse der Analyseverfahren wurden angege-
➜ etwa 25 % der Befragten ist der Standard nicht bekannt, ben.
➜ 75 % haben in den letzten Jahren keine entsprechende Fortbildung be-
sucht und
➜ fast jeder zweite Befragte nennt keine Kontraindikationen für ATS.
➜ Es gab bei den Antworten keine Unterschiede zwischen den untersuchten
Gruppen.
7. Kriterium: Diskussion
Wie wurden Ergebnisse interpretiert? Bezieht sich die Diskussion auf die Fragestellung? Sind alternative
Die Ergebnisse werden auf der Grundlage der Fragestellung besprochen Ergebnisinterpretationen denkbar? Sind die Schlussfolgerungen
(jedes Ergebnis wird separat besprochen). Darüber hinausgehend werden die nachvollziehbar?
Befunde auch auf dem Hintergrund anderer Studien interpretiert. Zusätzlich Die Diskussion bezieht sich auf die Forschungsfrage und die gefundenen
werden Aspekte des Theorie-Praxis-Transfers zur Interpretation der Befunde Ergebnisse. Damit werden die Ergebnisse mit dem Stand der Wissen-
herangezogen. schaft verknüpft. Sinnvoll wäre evtl. noch ein expliziterer Bezug auf den
Theorie-Praxis-Transfer gewesen, da dies ja implizit auch die Forschungs-
problematik darstellt. Dies wurde jedoch schon in der Problem- und Li-
teraturdarstellung vernachlässigt, sodass auch in der Diskussion dazu
nicht ausführlich Stellung genommen werden muss. Alternative
Ergebnisinterpretationen sind nicht sinnvoll.

66
3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 3
Tab. 3.5 Beurteilungskriterien und Einschätzung einer qualitativen Studie (Brandenburg 2012).
Detektiv und Buchhalter Kritiker
1. Kriterium: Fragestellung
Was ist die Forschungsfrage? Ist die Forschungsfrage klar formuliert?
Die Studie beschäftigt sich mit einem Thema, welches man an der Schnitt- Die Fragestellung wird wie folgt präzisiert: „Welches sind die Vorstellun-
stelle von Gerontologie und Pflegewissenschaft verorten kann. Es geht um gen und Auffassungen älterer Frauen mit chronischen Schmerzen des
das Schmerzerleben von älteren Frauen, die unter chronischen Schmerzen Bewegungsapparates zur medikamentösen Schmerztherapie?“ (Huber u.
des Bewegungsapparates leiden. Speziell interessiert die Frage, welche Auf- Spirig 2004).
fassungen diese Personen gegenüber einer medikamentösen Schmerzthera- Die Untersuchungsgruppe wurde auf ältere Frauen mit chronischen
pie haben. Schmerzen des Bewegungsapparates eingeschränkt.
Der Fokus der Fragestellung ist ebenfalls klar beschrieben und konkreti-
siert worden, nämlich die Herausarbeitung von Vorstellung und Auffas-
sungen dieser Frauen zur medikamentösen Schmerztherapie.
2. Kriterium: Literaturanalyse
Welche Literatur wurde benutzt? Ist der aktuelle Stand der Pflegewissenschaft angemessen und voll-
Am Anfang der Arbeit wird eine Darlegung des Stands der Literatur geboten, ständig dargelegt worden?
wobei die Befundlage in der Schweiz ausführlich mit einbezogen wird. Darü- Der Stand der pflegewissenschaftlichen Diskussion wird umfänglich dar-
ber hinaus wurden internationale Studien berücksichtigt und insgesamt der gestellt, Vollständigkeit kann nicht erwartet werden. Es muss berück-
Stand der Literatur zur Fragestellung skizziert. Hervorgehoben werden muss, sichtigt werden, dass beim Abdruck einer Studie in einer wissenschaft-
dass von den Autorinnen nicht nur einzelne empirische Befunde aneinander- lichen Fachzeitschrift der Umfang begrenzt ist und nur die wichtigsten
gereiht werden, sondern bereits Hintergründe und erklärende Faktoren be- Aspekte der Befundlage thematisiert werden. Dies ist bei der Studie von
nannt werden, die für die Forschungsfrage von besonderem Interesse sind. Huber und Spirig der Fall gewesen.
Auch auf eigene Vorarbeiten im Hinblick auf die Literaturrecherche wird ver-
wiesen. Dies wird allerdings nicht weiter spezifiziert; im Text selbst finden sich
keine Angaben zur genutzten Suchstrategie.
3. Kriterium: Methoden zur Datenerhebung
Welche Methoden wurden eingesetzt? Wie sind die zu untersuchenden Sind die Methoden adäquat gewählt worden?
Merkmale erhoben worden? Die eingesetzten Methoden sind adäquat gewählt, begründet und aus-
Im Rahmen der Datensammlung bzw. Datenerhebung wurden problemzent- führlich beschrieben. Sowohl bei dem qualitativen Teil (Leitfadeninter-
rierte Interviews eingesetzt. Diese Methode wird begründet, wobei hier auf views) wie auch bei dem quantitativen Teil (Fragebogen: Brief Pain In-
Veröffentlichungen von Lamnek (1995) und Mayring (2002) Bezug genom- ventory) handelt es sich um erprobte, etablierte und in der (Pflege-)For-
men wird. Streng genommen hätte man hier auf die 1982 erschienene Arbeit schung häufig eingesetzte Verfahren. Bei dem Brief Pain Inventory sind
von Witzel, dem Begründer dieses Verfahrens in Deutschland, eingehen mittlere bis hohe Validitäts- und Reliabilitätswerte nachgewiesen.
müssen und die Modifikationen noch genauer beschreiben müssen. Die erfassten soziodemografischen Merkmale werden bei nahezu jeder
Es wird allerdings dargelegt, dass die Gespräche (Zeitdauer zwischen 36 und wissenschaftlichen Untersuchung mit erhoben. Insgesamt wird die Me-
94 Minuten) auf Tonband aufgenommen und transkribiert wurden. Nach den thodik der Datenerhebung mit hoher Transparenz und Genauigkeit skiz-
Interviews wurden demografische Daten und ein Fragebogen zur Erfassung ziert.
der Schmerzintensität und Auswirkungen von Schmerzen auf die funktionelle
Kompetenz erhoben (Brief Pain Inventory).
4. Kriterium: Methoden zur Datenauswertung
Welche Verfahren zur Datenanalyse wurden eingesetzt? Sind die passenden Analyse- und Auswertungsverfahren benutzt
Die Interviews wurden mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring worden?
ausgewertet. In diesem Zusammenhang soll noch einmal darauf hingewiesen Im Hinblick auf die Fragestellung und das Design sind geeignete Analy-
werden, dass dieses Verfahren im eigentlichen Sinne ein Datenauswertungs- semethoden zum Einsatz gekommen. Besonders zu erwähnen ist die Be-
und kein Datenerhebungsverfahren ist. Satz für Satz wurden die transkri- achtung der Gütekriterien, denn auch in der qualitativen Forschung be-
bierten Texte durchgesehen und 3 Phasen der Auswertung berücksichtigt: müht man sich seit Jahren um eine entsprechende Qualitätssicherung.
➜ Zusammenfassung des Materials, Die beachteten Gütekriterien weichen allerdings etwas von den in der
➜ Explikation fraglicher Textstellen durch zusätzliches Material, internationalen Pflegewissenschaft diskutierten Kriterien von Lincoln u.
➜ Strukturierung des Kategoriensystems. Guba (1985) ab.
Dann erfolgte eine Rückbindung der gefundenen Ergebnisse bzw. Kategori-
sierungen am Ausgangsmaterial. Zur weiteren Verarbeitung der Daten wur-
den Computerprogramme genutzt.
5. Kriterium: Ethik
Welche Aspekte der Forschungsethik wurden diskutiert? Wurden die grundlegenden Aspekte der Forschungsethik beachtet?
Das Forschungsvorhaben wurde von der Ethikkommission des Kantons Zü- Es kann festgestellt werden, dass die Studie die grundlegenden Aspekte
rich, hier insbesondere von einer spezialisierten Unterkommission Orthopä- der Forschungsethik berücksichtigt hat und dies auch explizit gemacht
die, ohne weitere Empfehlungen akzeptiert. Zudem waren der Erstautorin die wurde. Das Untersuchungsdesign wurde von einer Ethikkommission ge-
Grundsätze des Schweizerischen Berufsverbandes bekannt und wurden von nehmigt.
ihr eingehalten.
Schließlich wurden von den 8 interviewten älteren Frauen sog. „Informelle
Einwilligungserklärungen“ unterzeichnet, die sie auf ihre Rechte aufmerksam
machten.

Fortsetzung ▶

67
3 Pflegetheorien, Pflegewissenschaft und Pflegeforschung

Tab. 3.5 Fortsetzung


Detektiv und Buchhalter Kritiker
6. Kriterium: Ergebnisse
Was sind die Ergebnisse der Studie? Sind die wichtigsten Ergebnisse angemessen und nachvollziehbar
Nach den soziodemografischen Details und den Ergebnissen des Brief Pain beschrieben worden?
Inventory wurden die wichtigsten Ergebnisse dargestellt. Als zentraler Befund Die Unterkategorien stehen in einem Zusammenhang mit von den Au-
wurde genannt, dass „Vorstellungen und Auffassungen zur medikamentösen torinnen eruierten Formen der Auseinandersetzung bzw. Bewältigung bei
Schmerztherapie innerhalb der Lebensgeschichte der Teilnehmerinnen sowie den älteren Frauen „mit Schmerzen und ihren körperlichen, psychischen,
ihres täglichen Umgangs mit Schmerzen und anderen Krankheiten zustande praktischen und sozialen Auswirkungen zu leben“ (Huber u. Spirig 2004).
kommen und deshalb nur in diesem Kontext betrachtet werden können“ Als wichtigste Formen werden benannt:
(Huber u. Spirig 2004). ➜ „therapeutische Maßnahmen zur Schmerzlinderung abwägen, kombi-
Mithilfe einer Abbildung wurden die Ergebnisse strukturiert und visualisiert. nieren, bewerten“.
Insgesamt 5 Hauptkategorien mit jeweils bis zu 4 Unterkategorien wurden Dies schließt folgende Unterkategorien mit ein:
aus dem Material extrahiert. Die Kategorie „von seiner Lebens- und Krank- e. „diszipliniert nicht-pharmazeutische Maßnahmen zur Schmerzlinde-
heitsgeschichte getragen werden“ bildete die Grundlage und umfasste fol- rung durchführen“,
gende Unterkategorien: f. „Schmerzmedikamente zurückhaltend, aber gezielt einnehmen“ und
a. „Erfahrungen im Leben und Kranksein machen“, g. „partnerschaftlich mit Fachpersonen zusammenarbeiten“.
b. „theoretisches Wissen zu Schmerzursachen und Therapien haben“, Dabei erleben die Frauen, dass sie an Grenzen stoßen, wobei 3 Grenzen
c. „den alltäglichen Umgang mit Schmerzen lernen“ und konkretisiert werden. Es geht um
d. „sich in einem größeren Ganzen aufgehoben fühlen“. ➜ die „Grenze erträglicher Schmerzen“,
➜ die „Grenze ungenügende Behandlungswirkungen zu erleben“ und
➜ die „Grenze erträglicher Behandlungsnebenwirkungen erreichen“.
Ziel der Frauen ist es – trotz der Schmerzen und der funktionellen Be-
einträchtigungen – ein möglichst hohes Maß an Lebensqualität bzw.
psychophysischem Wohlbefinden aufrechtzuerhalten.
Insgesamt werden die wichtigsten Befunde der Studie ausführlich und
differenziert dargestellt und erläutert und die Zusammenhänge zwischen
den Kategorien beschrieben. Die Ergebnisse beziehen sich explizit auf die
gestellte Forschungsfrage und leisten einen Beitrag zu ihrer Beantwor-
tung.
7. Kriterium: Diskussion
Wie wurden Ergebnisse interpretiert? Bezieht sich die Diskussion auf die Fragestellung? Sind alternative
Bei der kritischen Diskussion ihrer Studie verweisen die Autorinnen auf Ergebnisinterpretationen denkbar? Sind die Schlussfolgerungen
Übereinstimmungen bzw. Diskrepanzen zur Literatur. Betont wird, dass die nachvollziehbar?
älteren Frauen das Leben mit chronischen Schmerzen als Herausforderung Bei der Diskussion werden Aspekte thematisiert, die im unmittelbaren
sehr gut meistern und ihre Lebens- und Krankheitsgeschichten von „reflek- Zusammenhang mit der Forschungsfrage und den ermittelten Ergebnis-
tierten Erfahrungen“ und „bewusstem Wissen und Lernen“ geprägt sind. sen stehen. Damit werden die neu gefundenen Ergebnisse mit den vor-
Weiterhin werden die realistische Einschätzung der Situation sowie eine dif- handenen verknüpft und ein Beitrag zur Wissenserweiterung in der Pflege
ferenzierte Abwägung der Therapien genannt. geleistet.
Dieser „meisterhafte Umgang mit Schmerzen“ ist ein Befund, der durchaus in
einer gewissen Diskrepanz zu anderen Befunden steht, bei denen eher passive
oder „ausreichende“ Formen der Auseinandersetzung beschrieben werden.
Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der gefundenen Ergebnisse mit dem
Forschungsstand werden dargelegt.
Darüber hinaus wird von den Autorinnen diskutiert, ob und inwieweit es sich
bei der von ihnen untersuchten Stichprobe um Teilnehmerinnen mit „au-
ßergewöhnlichen Fähigkeiten“ handelt. Damit werden bereits Grenzen der
Studie benannt und insbesondere auf die Stichprobenproblematik verwiesen.

Insgesamt sehen wir folgende Mög- zeitschriften vorhanden wären oder Besuch von Messen, Kongressen, Fach-
lichkeiten für Pflegepraktiker, sich für man selbst über ein Abonnement ver- veranstaltungen. Wenn man einen
die Pflegewissenschaft und Pflegefor- fügt. Blick in die letzten Seiten der Fachzeit-
schung zu interessieren und sich zu be- Diskussion und Austausch über Fachbei- schriften wirft, dann kann man sich
teiligen (Abb. 3.18): träge. Es reicht nicht aus, nur zu lesen, recht schnell über interessante Veran-
■ Lesen von Fachartikeln man sollte auch über das Gelesene spre- staltungen im Pflege- und Gesundheits-
■ Diskussion und Austausch über Fach- chen, offene Fragen klären, Anregungen wesen informieren. Es gibt eine Vielzahl
beiträge anderer aufnehmen. Dies geschieht am von Pflegekongressen im In- und Aus-
■ Besuch von Messen, Kongressen, besten im Kollegenkreis, etwa durch die land, auf denen man sich über den Dis-
Fachveranstaltungen Einrichtung von Lesezirkeln, Journal- kussionsstand in der Disziplin Pflege ins-
■ praktische Mitarbeit bei Studien Clubs oder dem Aufbau einer kleinen gesamt informieren kann. Auf diesen
■ Fortbildung, Weiterbildung, Studium „Forschungsbibliothek“. Hilfreich ist es, Veranstaltungen besteht auch die Mög-
Lesen von Fachartikeln. Mittlerweile gibt sich einmal im Monat zu einem festge- lichkeit, mit Pflegeforschern direkt ins
es eine Vielzahl von Fachzeitschriften in setzten Termin zu treffen, ausgewählte Gespräch zu kommen und eigene kriti-
der Pflege, die für jeden etwas zu bieten Forschungsartikel zu diskutieren und da- sche Fragen zu formulieren.
haben. Als Angehöriger eines Pflegebe- rüber ins Gespräch zu kommen. Zu emp- Praktische Mitarbeit bei Studien. Es kann
rufes sollte man sich für die Ergebnisse fehlen ist, dass diese Zusammenkünfte sein, dass Projekte, Befragungen oder In-
der Pflegewissenschaft interessieren und von einer in der Sache und Methode er- terviews am eigenen Arbeitsplatz durch-
die entsprechenden Beiträge lesen. Sinn- fahrenen Pflegenden geleitet werden. geführt werden; oder dass man selbst
voll ist es, wenn am Arbeitsplatz Fach- bei der Konzeption von Fragebögen

68
3.2 Pflegewissenschaft und -forschung 3
Zustimmung und Unterstützung der 3. Charakteristika der Forschungsarbei-
Pflegemanager zur Pflegeforschung – ten (z. B. Verständlichkeit, Übertrag-
und mehr noch – die aktive Beseitigung barkeit, Praxisbezug) und schließlich
institutioneller Hemmnisse und Barrieren 4. Charakteristika des Zugangs zu For-
– eine wichtige Voraussetzung dafür, schungsergebnissen (z. B. Erreichbar-
dass Pflegeforschung überhaupt durch- keit, Verfügbarkeit von Fachzeitschrif-
geführt werden kann. ten in der Bibliothek).
Und die Pflegepädagogen sind unver-
zichtbar, wenn es um interne Qualifizie- M E R K E Insgesamt muss man
rungsprozesse in den Einrichtungen feststellen, dass die Nutzung von For-
geht. Forschungsergebnisse werden schungsbefunden in der Praxis nicht nur
nicht einfach umgesetzt, in dem sich von der Bereitschaft und dem Engage-
von heute auf morgen das Verhalten ment Einzelner abhängig ist, sondern
der Pflegenden ändert. Dieser Prozess letztlich auch von der Offenheit einer
muss durch Information, Schulung, An- Institution gegenüber Veränderung und
leitung usw. intensiv begleitet werden. Innovation bestimmt wird. Von beson-
derer Bedeutung ist dabei die Bereit-