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X Ein später Schüler Spenglers?

Carl Schmitt und die „Raumrevolution“

Die Versuche, zwischen dem Werk Oswald Spenglers und demjenigen Carl Schmitts ei-
ne Verbindung herzustellen, waren bislang nicht sonderlich erfolgreich. Wer in beiden
Autoren Repräsentanten der „Konservativen Revolution“ zu sehen meinte,1 mußte sich
darüber belehren lassen, daß dieses Konstrukt bei Carl Schmitt keinen Anhalt findet,
von seiner sachlichen Problematik ganz abgesehen.2 Auch Kategorien wie Kulturpessi-
mismus und preußischer Sozialismus, die für die Deutung Spenglers zweifellos relevant
sind, sind es für Schmitt keineswegs. Anwandlungen in der ersten Richtung, die ihm
zunächst nicht durchaus fremd waren, hat Schmitt im Laufe der 20er Jahre zurückge-
drängt und sich von der Kulturuntergangsstimmung, die Geister wie Troeltsch, Weber,
Rathenau und Spengler erfaßt habe, entschieden distanziert.3 Das Preußentum war für
ihn mit Militarismus identisch, dem er vor 1933 nichts abzugewinnen vermochte, ja des-
sen Ausbreitung er während des Ersten Weltkriegs mit Angst und Wut verfolgte.4 Für
den frühen wie für den mittleren Schmitt scheint Spengler keine Bedeutung besessen zu
haben. Das Register der jüngsten Biographie weist denn auch nicht einmal den Namen
aus.5
Und dennoch scheint damit noch nicht alles gesagt zu sein. 1939 taucht in einer Schrift
Schmitts plötzlich eine Kategorie auf, die unverkennbar Spenglerschen Ursprungs ist:
der Begriff einer „planetarischen“, d. h. „erdraumhaften“ Ordnung als Kern einer neuen

1
Vgl. Mohler, Carl Schmitt und die „Konservative Revolution“.
2
Vgl. Bendersky, Carl Schmitt. Theorist for the Reich, S. 57 f.; Carl Schmitt and the Conservative
Revolution sowie die in der Aussprache zu Mohlers o. g. Vortrag geübte Kritik von Heinrich
Meier, in: Quaritsch 1988, S. 154–156. Von Schmitts ‚Betrug an der Konservativen Revolution‘
sprechen Mehring, Pathetisches Denken, S. 32 und Meuter, Der Katechon, S. 292 ff., 328. Zur
Kritik des Konstrukts vgl. meine Studie: Gab es eine ‚konservative Revolution‘ in Weimar?
3
Vgl. Schmitt, Der Begriff des Politischen (1979), S. 92.
4
Vgl. Schmitt, Tagebücher (2003), S. 173, 175; Die Militärzeit (2005), S. 77, 87, 95. Zu den
Schwankungen, denen Schmitts Verhältnis zu Preußen im Laufe seines langen Lebens ausgesetzt
war, vgl. Wirz, Der Pendler Carl Schmitt.
5
Vgl. Mehring, Carl Schmitt.

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völkerrechtlichen Denkweise.6 Drei Jahre später stößt man in einem kleinen Beitrag über
die „Raumrevolution“ auf die Zwischenüberschrift: „Das faustische Raumgefühl“.7 1944
kommt Schmitt in einem in Madrid gehaltenen Vortrag direkt auf Spenglers „höchst
aktuelle Selbstdeutung der Gegenwart“ zu sprechen, die „die seit über hundert Jahren
wirksamen Parallelen für ein großes Publikum überraschend neu erscheinen ließ und
ihm dadurch wieder zum Bewußtsein brachte, daß das Zeitalter der Schlacht bei Aktium,
der Beginn unserer Zeitrechnung und die damalige Zeitenwende, uns mehr angeht als
jeder andere Augenblick der Weltgeschichte.“8 In einer Tagebuchnotiz vom 11.4.1948
bestätigt er Ernst Jüngers Feststellung, „daß die Geschichtsphilosophen heute wichtiger
sind als die Atomphysiker“, und würdigt „Spenglers Genialität“, die einem „durch den
Vergleich mit Toynbee erst recht bewußt“ werde.9 Hat also der späte Schmitt seine frü-
here Distanz zu Spengler aufgegeben? Und müssen gar seine Texte dieser Zeit auf einen
„Spenglerian subtext“ hin gelesen werden, wie eine neuere Studie nahelegt?10

1.

Im Frühwerk Schmitts ist weniger vom Raum die Rede, als von dem, was sich darin
befindet: der Erde, dem Boden. Katholischen Völkern wird dort bescheinigt, ein ande-
res Verhältnis zum Erdboden zu haben als protestantische Völker, „vielleicht deshalb,
weil sie, im Gegensatz zu den Protestanten, meistens Bauernvölker sind, die keine große
Industrie kennen.“11 Hugenotten und Puritaner könnten überall ihre Fabriken aufbauen
und sich die Natur untertan machen; römische Katholiken hingegen schienen den Bo-
den, die mütterliche Erde zu lieben: „sie haben alle ihren ‚terrisme‘. Natur bedeutet für
sie nicht den Gegensatz von Kunst und Menschenwerk, auch nicht von Verstand und
Gefühl oder Herz, sondern menschliche Arbeit und organisches Wachstum, Natur und
Ratio sind Eins. Der Weinbau ist das schönste Symbol dieser Vereinigung, aber auch
die Städte, die aus solcher Geistesart gebaut sind, erscheinen wie natürlich gewachsene
Produkte des Bodens, die sich der Landschaft einfügen und ihrer Erde treu bleiben.“12
Noch zugespitzter heißt es in den 1925 erschienenen Notizen von einer dalmatinischen
6
Vgl. Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung (1941), S. 49; vgl. auch S. 3, 47.
7
Vgl. Carl Schmitt: Raumrevolution. Vom Geist des Abendlandes, in: Deutsche Kolonialzeitung 54,
1942, S. 219–221, 220.
8
Hier zit. n. der deutschen Übersetzung in Schmitt, Donoso Cortés (1950), S. 93 f. Der Topos
von der großen Parallele findet sich tatsächlich bei Spengler (vgl. Spengler, Untergang, S. 603,
615, 643 1090), geht aber noch weiter zurück bis auf Proudhon, Du principe fédératif, Paris
1863, S. 109. Vgl. dazu die Hinweise des Herausgebers im Kommentar zu Schmitt, Frieden oder
Pazifismus? (2005), S. 527. Nicht übersehen werden sollte in diesem Zusammenhang, was die
Schlacht bei Aktium in der Sicht der Sieger bedeutete. Von den Stilisten des Principats wurde
sie „in geradezu mythische Dimensionen gerückt (…), zu einem Sieg Apollons über Dionysos,
Italiens über Ägypten und die Verräter an der eigenen Sache, zu einem Triumph des Westens über
den Osten“ – auf lange Sicht also auch: des (lateinischen) Christentums über das Judentum. Vgl.
die Hinweise bei Christ, Geschichte der römischen Kaiserzeit, S. 79.
9
Schmitt, Glossarium (1991), S. 126.
10
Vgl. Hell, Katechon, S. 301 f.
11
Schmitt, Römischer Katholizismus und politische Form (1925), S. 14.
12
Ebd., S. 15.

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Reise: „Die Erde, nicht das Blut, gibt dem Menschen, dem Sohn der Erde, seine Gestalt
und sein Antlitz. Alle Rassen, die sich in Illyrien festsetzten, erhielten von diesem Lande
etwas Neues und wurden Träger eines besonderen illyrischen Geistes.“13
Solche Äußerungen, aufschlußreich wie sie sind, sind jedoch eher rar, sei es, weil
Schmitt vor der Nähe zu romantischen Positionen zurückschreckte, in die ihn ein Weiter-
gehen in dieser Richtung unweigerlich bringen mußte, sei es, weil sich seine politischen
Interessen in dieser Zeit in den Vordergrund schoben. Für das Politische aber, wie er
es verstand, war nicht der territoriale Aspekt von Bedeutung, sondern die Unterschei-
dung von Freund und Feind, die zwar Folgewirkungen in räumlicher Hinsicht entfalten
konnte, etwa in der Ausscheidung des Heterogenen oder der Zurückweisung des Feindes
in seine Grenzen, für sich genommen aber „raumblind“ war.14 Anders als die Staats-
rechtslehre, die im Staatsgebiet eines der drei wesentlichen Elemente des Staates sah,
anders aber auch als die Herrschaftssoziologie Max Webers, die die ‚gewaltsame Be-
hauptung der geordneten Herrschaft über ein Gebiet und die Menschen auf demselben‘
zum begrifflichen Minimum der politischen Gemeinschaft erklärte15 , ließ Schmitt diesen
Aspekt beiseite und entwarf ein „Intensitätskonzept des Politischen“, das in erster Linie
dazu gedacht war, die politische Einheit „bürgerkriegsfähig“ zu machen.16
Erst der Karriereknick von 1936 veranlaßte Schmitt zu einem Revirement, das nicht zu
Unrecht als „spatial turn“ (Ronge) seines Denkens interpretiert wird. Zwar war das Feld
des Völkerrechts, auf das er nun seine Anstrengungen verlagerte, nicht völlig neu für ihn,
wie seine frühen Attacken auf den Völkerbund und die ‚Völkerrechtlichen Formen des
modernen Imperialismus‘ zeigen,17 doch zog er erst jetzt systematische Konsequenzen
aus dem schon ebenfalls früh entwickelten Theorem einer geschichtlichen Stufenfolge
der Zentralgebiete des europäischen Geistes, die vom Theologischen über das Meta-
physische und Humanitär-Moralische zum Ökonomischen führen sollte und mittlerweile
dabei war, mit der Technik eine neue Dimension zu eröffnen.18 Die im 19. Jahrhundert
vollzogene Industrialisierung, so seine These, habe eine „Großraumwirtschaft“ geschaf-
fen, die die herkömmlichen staatlichen Grenzen überschreite, ja obsolet mache, wie sich
an den raumübergreifenden Vernetzungen der Energiefernversorgung oder am internatio-
nalen Flug- und Funkwesen ablesen lasse.19 Die Vokabel „Großraum“ stand nach diesem
Verständnis nicht einfach nur für die Addierung der bisherigen, nur eben: kleinteiligen
Räume, sondern indizierte einen grundlegenden Wandel des Raumbegriffs: vom „ma-

13
Schmitt, Illyrien (1925), S. 294.
14
Vgl. Ronge, „Der Mensch ist ein Landtreter“, S. 51 ff.
15
Vgl. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Gemeinschaften, S. 204.
16
Meier, Carl Schmitt, S. 31.
17
Vgl. Schmitt, Die Kernfrage des Völkerbundes (1926); Völkerrechtliche Formen des modernen
Imperialismus (1932), in: Schmitt 1988 sowie die im Band: Frieden oder Pazifismus? (2005)
gesammelten Beiträge.
18
Vgl. Schmitt, Der Begriff des Politischen (1979), S. 80, 83 f.
19
Vgl. Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung (1941), S. 6, 45 f. Zur zeitgenössischen Diskus-
sion über „Großraumwirtschaft“ vgl. Dreier, Wirtschaftsraum, S. 56 ff.

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thematisch-neutrale(n), leere(n) Raumbegriff“, wie er in der frühen Neuzeit entstanden


sei, zu einer „qualitativ-dynamische(n) Größe“, dem „Leistungsraum“.20
In Schmitts Augen hatte weder die völkerrechtliche Theorie noch die politische
Praxis mit dieser Entwicklung Schritt gehalten. Die Theorie folgte teils noch veralteten
Doktrinen wie der Lehre von den natürlichen Grenzen, teils stand sie unter „jüdischem“
Einfluß und verstärkte die praktische Tendenz zur „Entleerung des Gebietsbegriffes“.21
Auch die Versuche einer Neubegründung vom nationalistischen Standpunkt imponierten
ihm nicht, vermißte er doch in Formeln wie dem ‚Recht der Völker auf Land‘
(Luigi Valli) „erkennbare Abgrenzungen und Maßstäbe“.22 Die politische Praxis der
internationalen Vertragswerke und Institutionen erschien ihm noch ganz von den
Methoden der britischen Weltherrschaft geprägt, die wiederum doppelt bestimmt
war: durch eine in Richtung eines universalistischen Weltvölkerrechts weisende
Aufhebung echter Raumausgrenzungen, die den Unterschied zwischen europäischem
und kolonialem Boden beseitigte, und durch die vom Interesse der Hegemonialmacht
diktierte Festschreibung eines „krampfhaft staatsbezogene(n), raumverengende(n),
kleinräumige(n) Staatenrecht(s)“.23 Zwar bestehe insofern Aussicht auf Änderung, als
der britische Anspruch auf Weltherrschaft heute erschüttert sei. Doch sei die Gefahr
groß, daß andere Staaten wie die USA „eine Verbindung oder gar Verschmelzung mit
dem Reichtum und der Tradition des britischen Universalismus eingehen“ könnten.24
Zeitweilig glaubte Schmitt, diese Gefahr einer „translatio Imperii Britannici“ bannen
zu können.25 Die Texte der Jahre 1939 und 1940 lassen sich jedenfalls als ein Appell an
die Amerikaner lesen, nicht länger dem von Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson
eingeschlagenen Weg zu folgen, der zu einem „System des angelsächsischen Weltimpe-
rialismus“ führe.26 Statt dessen sollten sie sich auf den ursprünglichen, rein defensiven
Sinn der Monroe-Doktrin besinnen, der in der „Verbindung von politisch erwachtem
Volk, politischer Idee und politisch von dieser Idee beherrschtem, fremde Interventio-
nen ausschließendem Großraum“ bestanden habe.27 Ein Staat, so die ausgesprochene
Absicht dieser Strategie, der auf diese Verbindung seinen Legitimitätsanspruch gestützt
habe, könne sich unmöglich dem Anspruch Deutschlands auf einen eigenen „Leistungs-
raum“ verschließen, der in diesem Fall in Mittel- und Osteuropa liege und durch die
Tradition des Reichsgedankens legitimiert sei.28 Wenn die USA diesen Anspruch ak-
zeptierten, sei eine neue Weltordnung nach Großräumen denkbar, in der „nur wenige
Schöpfer und Gestalter der erdräumlichen Gesamtentwicklung“ übrig blieben.29

20
Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung (1941), S. 6. Vgl. dazu und zum folgenden Mehring,
„Raumrevolution“ als Rechtsproblem, S. 104 f. Zum völkerrechtswissenschaftlichen Kontext vgl.
Schmoeckel, Großraumtheorie.
21
Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung (1941), S. 7, 9.
22
Ebd., S. 10. Vgl. auch die Kritik an der mangelnden Tragfähigkeit des Volksbegriffs ebd., S. 46.
23
Schmitt, Raum und Großraum im Völkerrecht (1940), in: Schmitt 1995, S. 249 f., 251.
24
Ebd., S. 261.
25
Ebd., S. 262.
26
Ebd., S. 250. Vgl. Völkerrechtliche Großraumordnung (1941), S. 29.
27
Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung (1941), S. 20.
28
Vgl. ebd., S. 34 ff.; Blindow, Carl Schmitts Reichsordnung.
29
Schmitt, Raum und Großraum im Völkerrecht (1940), in: Schmitt 1995, S. 260.

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Noch vor dem Kriegseintritt der USA scheint sich Schmitt indes von der Aussichtslo-
sigkeit dieser Strategie überzeugt zu haben. Mit der ihm eigenen Reaktionsschnelligkeit
begann er sich auf die neue Lage einzustellen und sein Denken weltkriegsfähig zu ma-
chen. Das geschah mittels dreier eng zusammenhängender Argumentationsketten. Mit
der ersten verschärfte er den Gegensatz zu England, indem er einen im 16. Jahrhundert
aufbrechenden elementaren Gegensatz zwischen Land und Meer aufmachte. In dieser
Perspektive erschien England als ein alien unter den europäischen Staaten, der sich von
der Bindung an Land und Boden befreit und für das Meer entschieden habe, für „das
Gegenteil der spezifisch staatlichen, geschlossenen und begrenzten Raumvorstellung“.30
Von Anfang an sei deshalb das europäische Staatensystem und das ihm entsprechen-
de Ius Publicum Europaeum mit einem Dualismus behaftet gewesen, habe es sich doch
nicht bloß um den Gegensatz einer Seemacht zu Landmächten gehandelt, sondern um
den „totale(n) Gegensatz von zwei beziehungslosen Welten“, den Gegensatz „zweier ver-
schiedener Gesamthaltungen, denen verschiedene Geschichtsbilder, verschiedene Ent-
wicklungsvorstellungen, verschiedene Humanitätsbegriffe und –ideale entsprechen.“31
So sei England niemals ein Staat gewesen, sondern nur eine „society“, wie es sich auch
niemals auf die für einen Staat übliche Methode direkter Herrschaft verlassen, sondern
statt dessen die Mittel der „indirect rule“ bevorzugt habe – übrigens auch und gerade ge-
genüber den Staaten des europäischen Kontinents, die es mithilfe der Freimaurerei, der
ökonomischen Beherrschung der öffentlichen Meinung und endlich der liberalen Bewe-
gung kontrolliert habe.32
Die zweite Argumentationskette erweiterte die Feindbestimmung um eine zweite
Macht, die als eine „geographisch und strategisch eine den modernen Raumdimensionen
und der planetarischen Weltlage entsprechende, größere und zentraler gelegene Insel“
vorgestellt wurde, von der aus „die bisherige britische See- und Weltmacht“ weiterge-
führt werden könne: die Vereinigten Staaten von Amerika.33 Durch ihren Kriegseintritt
verwandle sich die gegenwärtige Auseinandersetzung in einen „Raumordnungskrieg
größten Stils“, den ersten „planetarischen Ausmaßes“. In ihm stehe über den Gegensatz
von Land und Meer hinaus der Gegensatz zwischen einer universalen Weltmacht
und einer Einteilung der Erde in „kontinental zusammenhängende Großräume“ zum
Austrag.34 „Gegen die Ansprüche einer universalen, planetarischen Weltkontrolle und
Weltherrschaft verteidigt sich ein anderer Nomos der Erde, dessen Grundidee die
Einteilung der Erde in mehrere, durch ihre geschichtliche, wirtschaftliche und kulturelle
Substanz erfüllte Großräume ist.“35
Die dritte Argumentationskette stellte die Gründe zusammen, weshalb Deutschland
in dieser Auseinandersetzung siegen mußte. Schmitt erschien dies allein schon deshalb

30
Schmitt, Staatliche Souveränität und freies Meer. Über den Gegensatz von Land und See im Völ-
kerrecht der Neuzeit (1941), ebd., S. 406. Vgl. auch: Land und Meer (1942), S. 37, 66 f.
31
Schmitt, Staatliche Souveränität und freies Meer (1941), in: Schmitt 1995, S. 408.
32
Vgl. ebd., S. 419 ff.
33
Schmitt, Beschleuniger wider Willen oder: Problematik der westlichen Hemisphäre (1942), ebd.,
S. 432; Land und Meer (1942), S. 72.
34
Schmitt, Beschleuniger wider Willen (1942), in: Schmitt 1995, S. 433.
35
Schmitt, Die letzte globale Linie (1943), ebd., S. 447.

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zwingend, weil die USA bereits in ihrer eigenen Hemisphäre keine wirkliche Ordnungs-
macht seien, vielmehr richtungslos zwischen Intervention und Isolation hin und her
schwankten.36 Wichtiger aber war, daß die technische, wirtschaftliche und militärische
Entwicklung nicht in Richtung einer zentral gelenkten Weltordnung wies, sondern in
die von Großräumen, die nach Schmitt Bereiche „völkischer Freiheit und weitgehen-
der Selbständigkeit und Dezentralisierung“ sein würden.37 Hinzu komme, daß durch die
Entwicklung der Technik, speziell der Luftfahrt, eine ganz neue Dimension erschlossen
werde. „Die Eroberung des Luftraumes insbesondere schafft ein neues Weltbild, das die
bisherige Trennung der Elemente von Land und Meer überwindet und neue Raumbegrif-
fe, neue Maße und Dimensionen und damit auch neue Raumordnungen durchsetzt. Das
ist mit dem Satz gemeint, den ich im vorigen Jahr ausgesprochen habe und den man oft
mißverstanden hat: ‚Das Meer ist kein Element mehr, sondern ein Raum menschlicher
Herrschaft geworden.‘ Diese Entwicklung geht zu einer neuen, die alten Gegensätze von
Land und Meer überhöhenden Großraumordnung der Erde. Neue Kräfte und Energi-
en tragen die neue Raumrevolution, und dieses Mal ist es das deutsche Volk, dem die
Führung zukommt. Ab integro nascitur ordo.“38

2.

Vieles von dem, was hier in groben Zügen skizziert wurde, läßt sich nun in der Tat
auch bei Spengler finden. Das gilt für die starke Akzentuierung des Kampfcharakters im
Verständnis des Politischen39 oder für die Ablehnung des Universalismus, die sich im
Untergang des Abendlandes in einer schroffen Zurückweisung der Idee der Menschheit
äußert und in einer Sicht der Kulturen als geschlossener Organismen wurzelt, welche
„mit urweltlicher Kraft aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft, an die jede von
ihnen im ganzen Verlauf ihres Daseins streng gebunden ist, aufblühen, von denen jede
ihrem Stoff, dem Menschentum, ihre eigne Form aufprägt, von denen jede ihre eigne
Idee, ihre eignen Leidenschaften, ihr eignes Leben, Wollen, Fühlen, ihren eignen Tod
hat“.40 Es gilt für die enge Koppelung, die auch Spengler zwischen bestimmten „Uni-
versalideen“ und „großen Weltgedanken“ wie der „Weltwirtschaft“, dem „Liberalismus“
und der „echte(n) Internationale“ mit einer Form des „Imperialismus“ herstellt.41 Und
es gilt nicht weniger für das Konzept der Raumrevolution als solches, dessen Umrisse
bereits bei Spengler zu erkennen sind: etwa dort, wo er die um 1500 einsetzende „wach-
sende Erweiterung des geographischen Horizonts“ dafür verantwortlich macht, daß für
„den höheren Menschen des Barock (…) zum ersten Male und im Unterschied von al-
len andern Kulturen die gesamte Oberfläche des Planeten zum Schauplatz menschlicher

36
Vgl. ebd., S. 444 ff.; Beschleuniger wider Willen (1942), ebd., S. 433 ff.
37
Vgl. Schmitt, Beschleuniger wider Willen (1942), ebd., S. 433; Die Raumrevolution. Durch den
totalen Krieg zum totalen Frieden (1940), ebd., S. 389.
38
Schmitt, Staatliche Souveränität und freies Meer (1941), ebd., S. 422. Vgl. Land und Meer (1942),
S. 74 ff.
39
Vgl. Nitschke, Oswald Spengler und Carl Schmitt.
40
Spengler, Untergang, S. 28 f.
41
Vgl. Spengler, Preußentum und Sozialismus, S. 27, 52, 87.

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Geschichte (wurde)“ und ihm erstmals das Gefühl gab, „auf einer Kugel im Weltraum
zu leben.“42 „Die Entdeckungen des Kolumbus und Vasco da Gama erweiterten den
geographischen Horizont ins Ungemessene: das Weltmeer trat dem Festland gegenüber
in das gleiche Verhältnis wie der Weltraum zur Erde. Jetzt erst entlud sich die politi-
sche Spannung des faustischen Weltbewußtseins. Für den Griechen war und blieb Hellas
das wesentliche Stück der Erdfläche; mit der Entdeckung Amerikas wurde das Abend-
land zur Provinz in einem riesenhaften Ganzen. Von hier an trägt die Geschichte der
abendländischen Kultur planetarischen Charakter.“43 Allerdings, und auch dies ist eine
Parallele zu Schmitt, waren die Entdeckungen als solche nur der Auftakt zur abendländi-
schen Expansion, die zum Prinzip zu erheben der spezifische Beitrag des „Puritanismus
der Umgebung Cromwells“ war, „die das britische Kolonialreich ins Leben gerufen hat-
te“.44 Die These vom „unstaatliche(n) Societycharakter der englischen Herrschaft“ ist
eine direkte Übernahme Spenglerscher Gedanken, auch wenn der Name des Urhebers
nicht fällt, desgleichen die Vorstellung, man befinde sich im Zeitalter der kämpfenden
Staaten, an dessen Ende nur wenige Reiche übrig blieben.45
Gleichwohl sind dies Gemeinsamkeiten nur der Oberfläche und nicht des gedankli-
chen Kerns. Für Schmitt ist die Raumrevolution ein zweistufiger Prozeß, der in seiner
ersten Etappe durch die Tathandlung eines kollektiven Akteurs ausgelöst wird, um
anschließend eine Eigendynamik zu entwickeln. Auch wenn die Entdeckungen des
16. Jahrhunderts eine „Gesamtleistung“ waren, an der alle west- und mitteleuropäischen
Völker ihren Anteil hatten, war England doch der „Universalerbe“ jenes großen
Aufbruchs, der Gewinner der „planetarische(n) Raumrevolution“.46 Während alle
anderen Völker Europas das blieben, was sie waren: Söhne der Erde,47 entschied sich
das englische Volk „gegen das Land und für das Meer“, genauer: für die „Weltozeane“.
Es trennte seine Ehe mit dem Festland und schloß eine neue mit dem Meer, wodurch
der Charakter der englischen Insel eine Mutation, eine Wesensverwandlung erlebte:
„Sie wird jetzt entankert und entlandet. Sie wird aus einem Stück Erde zu einem Schiff
oder gar zu einem Fisch“.48 Als Träger dieses kontingenten Aktes machte Schmitt
„neue, aus der völkischen Kraft (…) entfesselte Energien“ aus,49 als dessen Folge einen
„Gegensatz elementarer Ordnungen“, den „Zwiespalt der beiden Elemente“ Land und
Meer, der für die Dauer der ersten Phase der Raumrevolution zum „Grundgesetz des
Planeten“ wurde.50

42
Spengler, Untergang, S. 586.
43
Ebd., S. 430.
44
Ebd., S. 195.
45
Vgl. ebd., S. 1049, 1069, 1081 ff.
46
Schmitt, Land und Meer (1942), S. 36 f.
47
Vgl. ebd., S. 3 f.; Das Meer gegen das Land (1941), in: Schmitt 1995, S. 396.
48
Schmitt, Das Meer gegen das Land (1941), ebd., S. 396 f.; Staatliche Souveränität (1941), ebd.,
S. 409, 421.
49
Schmitt, Das Meer gegen das Land (1941), ebd., S. 396 f.; Staatliche Souveränität (1941), ebd.,
S. 412.
50
Schmitt, Staatliche Souveränität (1941), ebd., S. 422; Land und Meer (1942), S. 62 f. Unklar bleibt
allerdings, wie elementar dieser Gegensatz tatsächlich ist, äußert Schmitt doch an einer Stelle die
Ansicht, daß sich das Meer unter der englischen Herrschaft aus einem Element in bloßen Raum

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Kollektive Akteure kennt natürlich auch Spengler: „beseelte Masseneinheiten, We-


sen höherer Ordnung, die langsam entstehen oder plötzlich da sind mit allen Gefühlen
und Leidenschaften des einzelnen“51 und bestimmte Tathandlungen begehen: produ-
zieren, auf Beute ausgehen, entdecken, besiedeln, missionieren, regieren, Revolutionen
machen: Stände und Klassen, Ritterschaften und Orden, Parteien und Religionsgemein-
schaften, Völker und Nationen. „Die gewaltigsten Wesen dieser Art, die wir kennen, sind
die hohen Kulturen mit ihrer Geburt aus einer großen seelischen Erschütterung, die in
einem tausendjährigen Dasein alle Mengen kleinerer Art, Nationen, Stände, Städte, Ge-
schlechter zu einer Einheit zusammenfassen.“52 Bei Spengler sind diese Akteure jedoch
in einen gänzlich anderen Bezugsrahmen eingebettet als bei Schmitt. Was sie zur Einheit
macht, ihre Identität bestimmt, ist ihre „Seele“. Eine Seele aber konstituiert sich durch
ein je spezifisches „Tiefenerlebnis“ im Augenblick ihres Erwachens, der stets zugleich
die Konstituierung einer bestimmten „Welt“ ist:
„Das schicksalhaft gerichtete Leben erscheint, sobald wir erwachen, im Sin-
nenleben als empfundene Tiefe. Alles dehnt sich, aber es ist noch nicht ‚der
Raum‘, nichts in sich Verfestigtes, sondern ein beständiges Sich-dehnen vom
bewegten Hier zum bewegten Dort. Das Welterlebnis knüpft sich ausschließ-
lich an das Wesen der Tiefe – der Ferne oder Entfernung – deren Zug im
abstrakten System der Mathematik neben Länge und Breite als ‚dritte Dimen-
sion‘ bezeichnet wird. (…) Die Tiefe repräsentiert den Ausdruck, die Natur;
mit ihr beginnt die ‚Welt‘. (…) Erst die Tiefe ist die eigentliche Dimension
im wörtlichen Sinne, das Ausdehnende. In ihr ist das Wachsein aktiv, in den
andern streng passiv. Es ist der symbolische Gehalt einer Ordnung, und zwar
im Sinne einer einzelnen Kultur, der sich zutiefst in diesem ursprünglichen
und nicht weiter analysierbaren Element ausspricht. Das Erlebnis der Tiefe ist
– von dieser Einsicht hängt alles Weitere ab – ein ebenso vollkommen unwill-
kürlicher und notwendiger als vollkommen schöpferischer Akt, durch den das
Ich seine Welt, ich möchte sagen zudiktiert erhält.“53
Womit wir es hier zu tun haben, ist keine Tathandlung im Sinne Fichtes, sondern eher
ein „Geschick“ im Sinne Heideggers. Eine Seele erwacht und im gleichen Augenblick
wächst ihr eine Außenwelt zu „durch das Symbol der Dehnung, die von nun an das Ur-
symbol dieses Lebens bleibt und ihm seinen Stil und die Gestalt seiner Geschichte als der
fortschreitenden Verwirklichung seiner innern Möglichkeiten gibt.“54 An einer anderen

verwandelt habe (Das Meer gegen das Land [1941], in: Schmitt 1995, S. 398). Und auch mit
dem Raum scheint es seitdem nicht weit her zu sein, ist doch immer wieder vom „raumaufhe-
benden und daher grenzenlosen Universalismus der angelsächsischen Meeresherrschaft“ die Rede,
vom „raumlosen Universalismus“, der „jeden konkreten Raumgedanken“ aufgehoben habe: vgl.
Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung 19414 , in: Schmitt 1995, S. 320; Die Auflösung der
europäischen Ordnung im ‚International Law‘ (1940), ebd., S. 373; Die Raumrevolution (1940),
ebd., S. 390. Die Definitionen des großen Definierers sind hier nichts weniger als klar.
51
Spengler, Untergang, S. 577.
52
Ebd., S. 578.
53
Ebd., S. 217 f.
54
Ebd., S. 225.

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Stelle ist zwar einmal von der „Wahl des Ursymbols“ die Rede, welche alles entschei-
de,55 doch handelt es sich dabei nicht um eine bewußte Auswahl von Möglichkeiten,
um den Wahlakt eines Subjekts, das vielmehr erst zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt
die Bühne betritt. Am Anfang steht das Chaos, das „Kosmische“, das „Es“, und wenn
daraus, wie mehrfach geschehen, eine Kultur wird, ein geordnetes und gegliedertes Gan-
zes, so ist dies „ein Zufall, dessen Sinn nicht nachzuprüfen ist“.56 Es ist in diesem der
Verfügbarkeit entzogenen Rahmen, daß sich Völker und Nationen bilden, die ersteren
wiederum durch ein „Erlebnis“, das „Erlebnis des ‚Wir‘“, die letzteren durch das erwa-
chende Bewußtsein ihrer selbst, das sich in der Orientierung an einer Idee zeigt.57 In
beiden Fällen aber haben wir es mit nachgeordneten Erscheinungen zu tun, die sich in
einer vorgefundenen Welt bewegen und weit davon entfernt sind, deren Struktur durch
ihre Handlungen oder Entscheidungen bestimmen zu können: „die großen Kulturen sind
etwas ganz Ursprüngliches und aus den tiefsten Gründen des Seelentums Aufsteigen-
des. Völker im Banne einer Kultur dagegen sind in ihrer inneren Form, ihrer ganzen
Erscheinung nach nicht Urheber, sondern Werke dieser Kultur.“58
Von hier aus gelangte Spengler zu einer deutlich anderen Sicht der „Raumrevolution“
als Schmitt. Zunächst war „Ausdehnung“ für ihn mit dem Erwachen jeder Seele, daher
auch jeder Kultur verbunden. „Die Wirklichkeit – die Welt in bezug auf eine Seele – ist
für jeden einzelnen die Projektion des Gerichteten in den Bereich des Ausgedehnten“,59
Projektion der Zeit in den Raum, in den Makrokosmos. Sie verstärkte sich im gleichen
Maße, in dem die Kultur dem Gesetz ihres Wachstums folgte und zur „Zivilisation“ wur-
de – einer vom Boden, von der Landschaft abgelösten, in „Weltstädten“ konzentrierten,
auf der Verbindung von „Geld“ und „Geist“ basierenden hochartifiziellen Schwundstufe,
in der die Seele allmählich erlischt. Der diesem Stadium korrespondierende „Imperialis-
mus“ war deshalb nicht das Spezifikum einer bestimmten Kultur und schon gar nicht die
Folge einer kontingenten Entscheidung, sondern ein ebenso ubiquitäres wie unvermeid-
liches Phänomen. „Die expansive Tendenz ist ein Verhängnis, etwas Dämonisches und
Ungeheures, das den späten Menschen des Weltstadiums packt, in seinen Dienst zwingt
und verbraucht, ob er will oder nicht, ob er es weiß oder nicht.“60
Das schloß nun allerdings die Existenz besonderer Spielarten des Imperialismus nicht
aus. Wenn Kulturen durch Ursymbole definiert waren, Ursymbole aber nichts anderes
als „Symbol(e) der Dehnung“,61 dann folgte daraus, daß jede Kultur ihre eigene Art der
Expansion, mithin auch des Imperialismus besaß. Im Falle der abendländischen Kultur,
die Spengler ab dem Jahr 1000 n. Chr. beginnen ließ, war dieses Ursymbol bestimmt
durch „das Zeichen des reinen, unanschaulichen, grenzenlosen Raumes“, dem der „Tie-
fendrang (…) über alle Grenzen optisch gebundener Sinnlichkeit hinaus“ entsprach.62

55
Ebd., S. 233.
56
Ebd., S. 596, 598.
57
Vgl. ebd., S. 754, 761.
58
Ebd., S. 760.
59
Ebd., S. 211.
60
Ebd., S. 51.
61
Ebd., S. 225.
62
Ebd., S. 110, 255.

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Während sich die ägyptische Kultur im Zeichen des Weges, die magische im Zeichen
der Höhle, die antike im Zeichen des Körpers entfaltete, die allesamt an die Erscheinun-
gen der Sinnenwelt gebunden blieben, zeichnete sich die abendländische, die „faustische
Kultur“ durch den „immer stärker ins Bewußtsein tretenden Willen zur räumlichen Tran-
szendenz“ aus, durch „die Tendenz eines Wachseins, den reinen unendlichen Raum als
die unbedingte Wirklichkeit höchster Ordnung und alle sinnlichen Gebilde ‚in ihm‘ als
zweiten Ranges und bedingt zu empfinden“, was in der Folge zur „Entkörperung der
Welt im Dienste des Raumes“ führte.63 Raum und Wille wurden in dieser Kultur iden-
tisch. „Der reine Raum des faustischen Weltbildes ist nicht bloße Dehnung, sondern
Ausdehnung in die Ferne als Wirksamkeit, als Überwindung des Nur-Sinnlichen, als
Spannung und Tendenz, als geistiger Wille zur Macht.“64
Seinen Niederschlag fand dieser Wille zur Macht in der „faustische(n) Technik,
die mit dem vollen Pathos der dritten Dimension, und zwar von den frühesten Tagen
der Gotik an auf die Natur eindringt, um sie zu beherrschen“, in einem spezifisch
„faustische(n) Materialismus“, „in dem die technische Weltanschauung ihre Vollendung
erreicht“, und nicht zuletzt im „faustische(n) Gelddenken“, „das ganze Kontinente,
die Wasserkräfte riesenhafter Stromgebiete, die Muskelkraft der Bevölkerung weiter
Landschaften, Kohlenlager, Urwälder, Naturgesetze (‚erschließt‘) und sie in finanzielle
Energie um(wandelt), die irgendwo in Gestalt der Presse, der Wahlen, der Budgets und
Heere angesetzt wird, um Herrscherpläne zu verwirklichen.“65 Es war diese Eigenart,
die dem abendländischen Imperialismus seinen planetarischen Charakter verlieh und
ihn von allen anderen Imperialismen der Kulturgeschichte unterschied:
„Der babylonische hatte sich auf Vorderasien, der indische auf Indien be-
schränkt, der antike fand seine Grenzen in Britannien, Mesopotamien und der
Sahara, der chinesische am Kaspischen Meer. Wir kennen keine Grenze. Wir
haben Amerika durch eine neue Völkerwanderung zu einem Teil Westeuro-
pas gemacht; wir haben alle Erdteile mit Städten unsres Typus besetzt, unsrem
Denken, unsren Lebensformen unterworfen. Es ist der höchste überhaupt er-
reichbare Ausdruck unsres dynamischen Weltgefühls. Was wir glauben, sollen
alle glauben. Was wir wollen, sollen alle wollen. Und da Leben für uns äußeres
Leben, politisches, soziales, wirtschaftliches Leben geworden ist, so sollen alle
sich unserm politischen, sozialen, wirtschaftlichen Ideal fügen oder zugrunde
gehen.“66
Gewiß: auf lange Sicht war dieser faustische Imperialismus zum Untergang, genauer:
zur Selbstzerstörung verurteilt, aus vielerlei Gründen, auf die hier nicht näher eingegan-
gen werden kann.67 Ebenso muß hier nicht ausgeführt werden, daß Spengler innerhalb
dieses Imperialismus Alternativen kannte, die plakativ mit Dualen wie Sozialismus und
Kapitalismus, Ordensgeist und Wikingergeist, Preußen und England benannt wurden.

63
Ebd., S. 292, 366, 236.
64
Ebd., S. 396.
65
Ebd., S. 1186, 940, 1168.
66
Spengler, Preußentum und Sozialismus, S. 22.
67
Vgl. Sieferle, Die Konservative Revolution, S. 106 ff.

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Worauf es an dieser Stelle ankommt, ist die Abweichung von Spenglers Verständnis
der abendländischen Raumrevolution gegenüber demjenigen von Schmitt, und dies ist
auch von dem bisher Gesagten her erkennbar. Beide Autoren stimmen zwar in der unbe-
dingten Bejahung des technischen Fortschritts überein und weisen kategorisch zurück,
was auf diesem Gebiet nach Reaktion oder auch nur nach „Katechontik“ aussieht,68 ver-
binden dies aber mit entgegengesetzten Deutungen. Für Spengler ist dieser Fortschritt
ein „Geschick“, das untrennbar mit der faustischen Kultur verbunden ist und deshalb
auch allen Mächten zugerechnet werden muß, die in der Phase der Zivilisation um die
Weltherrschaft kämpfen. Auch wenn in diesem Kampf Preußen-Deutschland die Füh-
rung gewinnen sollte, wäre dies doch nur ein Sieg der besser organisierten Variante
des planetarischen Imperialismus, keinesfalls ein Sieg der auch in Deutschland längst
dahingeschwundenen „Kultur“ im emphatischen Sinne des Wortes. Für Schmitt dage-
gen ist der Fortschritt das Ergebnis einer Wahlhandlung, die auch anders hätte ausfallen
können, die aber in ihrem Ergebnis – den neuen Technologien der Großraumwirtschaft
– die Möglichkeit eröffnet, die Verbindung dieses Fortschritts mit dem planetarischen
Imperialismus zu lösen und eine neue, konkrete Ordnung nach Großräumen zu installie-
ren, die zwar nicht mehr mit dem Nationalstaatensystem des 19. Jahrhunderts identisch
ist, jedoch unverkennbar ein Derivat desselben darstellt. Mit ihr soll es möglich sein,
den „Sprung in das Nichts einer bodenlosen Allgemeinheit“ rückgängig zu machen, der
mit dem planetarischen Imperialismus verbunden war, und die Völker aus der bishe-
rigen, „abgründige(n) Raumrevolution“ zu einem neuen „Nomos der Erde“ zu führen,
der wieder auf Grund und Boden gestützt ist69 – ein Programm, das zwar nicht völ-
kisch ist,70 sehr wohl aber nationalistisch, wird doch für den mittel- und osteuropäischen
Großraum sehr klar die ‚führende und tragende Macht‘ benannt, deren politische Idee
in diesen Großraum ausstrahlt und für diesen die Interventionen fremdräumiger Mächte
grundsätzlich ausschließt: das Deutsche Reich als eine „wesentlich volkhaft bestimmt(e)
und eine wesentlich nichtuniversalistische, rechtliche Ordnung auf der Grundlage der
Achtung jedes Volkstums“.71 Daß ein derart neu geerdeter Nationalismus ausgerechnet
von einer Technik gestützt werden soll, die sich mit der Erschließung des Luftraums am
68
Den Begriff des „kat-echon“ im Sinne einer das längst fällige apokalyptische Ende der Zeiten
aufhaltenden Macht hat Schmitt 1942 in einer Polemik gegen die Politik Roosevelts eingeführt
(vgl. Schmitt, Beschleuniger wider Willen [1942], in: Schmitt 1995, S. 436). Er hat dort ideolo-
giekritische Bedeutung, insofern er auf eine Widerlegung des amerikanischen Anspruchs zielt, das
Ende der alten angelsächsischen Weltherrschaft verzögern zu können. Erst in Schmitts Nachkriegs-
schrifttum erscheint der Begriff in modernitätskritischer Beleuchtung. Zum Konzept als solchem
vgl. Schuller, ‚Dennoch die Schwerter halten‘; Meuter, Der Katechon; Motschenbacher, Katechon
oder Großinquisitor, S. 187 ff.; Groh, Arbeit an der Heillosigkeit der Welt, S. 36 ff., 291 ff.
69
Schmitt, Die Auflösung der europäischen Ordnung im ‚International Law‘ (1940), in: Schmitt
1995, S. 377; Staatliche Souveränität und freies Meer (1941), ebd., S. 410; Die letzte globale
Linie (1943), ebd., S. 447; Raum und Großraum im Völkerrecht (1940), ebd., S. 240.
70
Als „völkisch“ wird dieses Konzepts von Ronge, „Der Mensch ist ein Landtreter“, S. 80 f. ge-
deutet, offenbar von einem Verständnis her, das eine Verbindung von Volk/Nation und Boden als
maßgeblich ansieht. Aber ein territorialer Bezug ist für jede politische Gemeinschaft charakteri-
stisch und deshalb noch lange nicht „völkisch“.
71
Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung (1941), S. 36 f. Man kann darin zwar mit Hofmann
„das Ende der nationalstaatlichen Ordnung Europas“ sehen, sollte aber hinzufügen, daß sich dieses

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weitesten vom herkömmlichen Zeit-Raum-Gefüge entfernt, ja in mancher Hinsicht sogar


eine Ablösung von allem Elementarischen überhaupt bedeutet, ist nicht die kleinste Pa-
radoxie, an der dieser neue Nomos der Erde laboriert. In dieser Hinsicht war Spengler
der größere Realist.

3.

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als habe Schmitt nach 1945 noch einmal
neu angesetzt und sich dabei der Position Spenglers angenähert. Während in den Texten
der 40er Jahre die Wendung Englands zum Meer als nationales Projekt erscheint, wird
sie nun zu einer „response“ im Sinne von Toynbee, der eine „challenge“ vorausgeht.72
Aus der Wahlhandlung eines aktiven Subjekts wird ein passives „Vernehmen“, das auf
„Anrufe“ reagiert, welche teils aus der „Zeit“ bzw. der „Geschichte“ kommen, teils aus
der Natur selbst. Die Rede ist vom „geschichtlichen Anruf der Zeit“, den die Englän-
der im Unterschied zu ihren europäischen Rivalen vernommen hätten, vom „Anruf der
sich öffnenden Weltozeane“, die „die Völker der Erde zu einer neuen Art geschichtli-
cher Existenz“ herausgefordert hätten, von der besonderen Natur des Meeres, die die
Menschen in ganz anderer Weise als das Land bedroht und zu Techniken gedrängt habe,
welche „auf eine unbedingte Herrschaft des Menschen über die Natur angelegt“ gewesen
seien. Dem habe auf der anderen Seite auch „ein Anruf des Landes“ entsprochen, womit
die als Pendant zur englischen „Seenahme“ vor allem von den Russen vorgenommene
„Landnahme“ gemeint ist.73 Gewiß, nicht alle, sondern nur einige wenige Völker ha-
ben diese „Anrufe“ angenommen und insofern durchaus eine subjektive Zutat erbracht.
Voraussetzung war jedoch in jedem Fall eine Herausforderung, eine „Frage“, ein ein-
maliges „geschichtliches Ereignis“, in dem Schmitt „das uralte Arcanum der Ontologie“
ausmacht.74 Und die Verarbeitung dieses Ereignisses wird ihrerseits zum Anlaß für Ent-
wicklungen, die gänzlich außerhalb der menschlichen Verfügbarkeit liegen:
„Der Schritt zu einer rein maritimen Existenz bewirkt in sich selbst und in
seiner weiteren inneren Folgerichtigkeit die Entfesselung der Technik als einer
eigengesetzlichen Kraft. Bei allem, was sich vorher innerhalb einer wesentlich
terranen Existenz an Technik entwickelt hatte, gab es keine absolute Tech-
nik. (…) Während in einer terranen Ordnung jede technische Erfindung von
selbst in feste Lebensordnungen hineinfällt und von diesen erfaßt und einge-
ordnet wird, erscheint in einer maritimen Existenz jede technische Erfindung
als ein Fortschritt im Sinne eines in sich selbst absoluten Wertes. (…) Alles
weitere sind nur die immer schneller werdenden Schritte in den Bereich der

Ende nur auf die europäischen Staaten außerhalb Deutschlands bezieht (Hofmann, Legitimität und
Legalität, S. 223).
72
Vgl. Schmitt, Gespräch über die Macht (1994), S. 57 f. Einige Hinweise zur Toynbee-Rezeption
Schmitts bietet der Kommentar von Günter Maschke zu Schmitt, Die Einheit der Welt (1951), in:
Schmitt 2005, S. 860.
73
Schmitt, Gespräch über die Macht (1994), S. 52 ff.; Die geschichtliche Struktur (1955), S. 159,
161.
74
Schmitt, Die geschichtliche Struktur (1955), S. 152, 148.

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Uferlosigkeit, den jener ungeheuerliche Start der industriellen Revolution des


18. Jahrhunderts eröffnet hat.“75
Einige Jahre zuvor, in einem mehrfach in Spanien gehaltenen Vortrag, war Schmitt noch
einen Schritt weiter gegangen und zu dem Schluß gelangt:
„Man könnte sagen, daß heute die Technik und nicht die Politik das Schicksal
der Menschheit sei, die Technik als unwiderstehlicher Prozeß der absoluten
Zentralisation.“76
Daß sich in der modernen Technik ein Strukturzusammenhang manifestierte, der sich
nicht einfach a conto individueller oder kollektiver Subjekte schreiben ließ, war ein Ge-
danke, der sich ebenso im Untergang des Abendlandes finden ließ wie die These von der
Eigendynamik der modernen Maschinenzivilisation, die den faustischen Menschen zum
Sklaven seiner Schöpfung macht. Insofern ist dem Kommentar zuzustimmen, Schmitts
Aussagen wirkten wie eine Folgerung aus Spenglers Schriften.77 Bis auf wenige Ausnah-
men78 sind es Texte in dem Jahrzehnt nach 1945, in denen Schmitt häufiger auf Spengler
rekurriert, in einer Phase mithin, in der der planetarische Imperialismus gesiegt hat und
die zuvor ins Auge gefaßte Alternative einer Gliederung der Welt in national-imperiale
Großräume vorläufig nicht mehr auf der Tagesordnung steht, da die einzig verbliebene
nicht-westliche Großmacht – die Sowjetunion – in Schmitts Weltbild nur eine ande-
re Variante des Universalismus verkörpert, die nicht zufällig eine Verbindung mit dem
westlichen Kapitalismus eingegangen sei.79 Man geht kaum fehl, wenn man dieses Re-
virement in jene Wendung von der Tat zur Gelassenheit, von der Aktion zur Reaktion
einordnet, wie sie für die Denkentwicklung vieler Aktivisten der intellektuellen Rechten
in Deutschland nach 1945 typisch ist.80
Eine genauere Analyse zeigt jedoch, daß auch in dieser Phase die Unterschiede zu
Spengler größer sind als die Gemeinsamkeiten. Schon im Nomos der Erde sah sich
Schmitt nicht veranlaßt, wesentliche Umdispositionen in seiner Darstellung der Entste-
hung der modernen globalen Ordnung vorzunehmen, wie er auch unbeirrt daran festhielt,
daß die eigentliche Ursache für die Verschärfung der weltpolitischen Konflikte zum Ver-
nichtungskrieg in „Genf“ und „Versailles“ lag.81 Es überrascht deshalb auch nicht, wenn
die zweite, 1954 erschienene Auflage von Land und Meer nur minimale Änderungen

75
Ebd., S. 162, 164.
76
Schmitt, Die Einheit der Welt (1951), in: Schmitt 2005, S. 842.
77
Vgl. ebd., S. 854.
78
Dazu gehört vor allem die eingangs zitierte Formulierung in Schmitt, Raumrevolution (1942),
S. 220. Bei diesem Text handelt es sich indes um einen Vorabdruck aus der noch im gleichen
Jahr erschienenen Schrift Land und Meer. Die erwähnte Zwischenüberschrift findet sich dort nicht
mehr. Ich vermute deshalb, daß es sich um eine Einfügung der Redaktion handelt, da Schmitt in
keiner anderen Schrift Spenglers Kategorie des Faustischen verwendet.
79
Vgl. Schmitt, Völkerrechtliche Großraumordnung (1941), S. 37; Strukturwandel des Internationa-
len Rechts (1943), in: Schmitt 2005, S. 669.
80
Vgl. Morat, Von der Tat zur Gelassenheit; Starobinski, Aktion und Reaktion.
81
Vgl. Schmitt, Der Nomos der Erde (1974), S. 144 ff., 219 ff. Die erste Auflage erschien 1950.

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gegenüber der Erstfassung aufweist,82 die nicht den Kern der Argumentation tangieren:
die Behauptung einer weltgeschichtlichen Zäsur, die aus der Entscheidung Englands für
eine maritime Existenz resultierte. Wohl bedeutet der Rekurs auf die „Challenge-Re-
sponse-Struktur der Kulturgeschichte“83 eine gewisse Erweiterung der Perspektive, doch
nicht in dem Sinne, daß nun Natur und/oder Geschichte in die Rolle des entscheidenden
Subjekts einrückten. Als bloße Natur sind Elemente wie Land und Meer keiner Span-
nung fähig. Erst in der Aufnahme durch den Menschen, bei dem „das Transzendierende
immer durch(schlägt)“, gewinnen sie diese Dimension und werden zum Moment einer
„konkreten Dialektik“, bei der die subjektive Seite, mit Hegel zu reden, die Vermittlung
vorgibt.84 „Wären Land und Meer im heutigen Welt-Dualismus nur eine polare, auf Aus-
gleich und Wiederkehr angelegte Verschiedenheit, dann müßten wir die beiden Elemente
als ein Stück Natur ansehen. (…) In der geschichtlichen Wirklichkeit aber treten zu be-
stimmten Zeiten handlungsfähige und geschichtsmächtige Völker und Gruppen auf, die
in geschichtlicher Freundschaft oder Feindschaft die Erde nehmen und teilen und zu ih-
rem Teil auf ihr weiden und wirtschaften. So entsteht durch geschichtliche Verortungen
der Nomos der Erde. Er wird seines eigentlichen Heute und Hier beraubt, wenn die Ele-
mente Land und Meer, von denen hier die Rede ist, nur ein Stück Natur und natürlicher
Spannung bedeuten sollen.“85
Auch der „Anruf der Geschichte“ muß in diesem Sinn als kontingentes Faktum ver-
standen werden, das lediglich eine neue Chance eröffnet. Eine bestimmte Richtung oder
Stufe der Entwicklung ist damit nicht vorgegeben, wie Schmitt nicht nur gegen Comte
und Marx, sondern expressis verbis auch gegen Spengler einwendet. Diesem wird zwar
bescheinigt, die ‚große Parallele‘ richtig erkannt zu haben, die „zwischen unserer Ge-
genwart und der Zeit der römischen Bürgerkriege und des Cäsarismus liegt“, doch habe
er diese Einsicht „durch eine allgemeine Kulturkreis-Lehre der ganzen menschlichen
Geschichte neutralisiert und ihren eigentlich geschichtlichen Nerv dadurch getötet.“86
Vollends inakzeptabel findet Schmitt den in Spenglers Technikschrift aufgezeigten „he-
roischen Ausweg“, der die verzweifelte Hinnahme des Unvermeidlichen verlange. „Im
Grunde führt dieser Ausweg zum Selbstmord, aber zu einem Selbstmord von schreck-
lichen Ausmaßen. Denn wenn die Welt und die Menschheit sich mittels der Technik in
eine einzige, mit Händen zu greifende Einheit verwandeln, d. h., um es so zu sagen, in
eine einzige Person, in einen ‚magnus homo‘, dann vermag sich dieser ‚magnus homo‘
mit den Mitteln der Technik selbst auszulöschen. Die Stoiker der Antike sahen in der
Möglichkeit des philosophischen Selbstmordes eine Art menschliches Sakrament. Viel-
leicht ist es phantastisch, jedoch nicht völlig undenkbar, daß die Menschheit diesen Akt
vorsätzlich begeht. Die technische Einheit der Welt ermöglicht auch den technischen Tod
der Menschheit und dieser Tod wäre der Kulminationspunkt der Universalgeschichte, ein
kollektives Analogon der stoischen Konzeption, nach der der Selbstmord des Individu-

82
So wird beispielsweise die antisemitische Qualifizierung Disraelis als eines „Weisen von Zion“
gestrichen: vgl. Schmitt, Land und Meer (1942), S. 67 mit Land und Meer, (1954), S. 56.
83
Schmitt, Die geschichtliche Struktur (1955), S. 152.
84
Vgl. ebd., S. 150 f.
85
Ebd., S. 148.
86
Ebd., S. 154.

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ums seine Freiheit darstellt und das einzige Sakrament, das der Mensch selbst verwalten
kann.“87
In den 50er Jahren meinte Schmitt, dieser „erschreckenden Perspektive“ allein
mittels eines Rückgriffs auf die verschiedenen Möglichkeiten eines christlichen
Geschichtsbildes begegnen zu können.88 Das ist hier nicht zu vertiefen, zumal Schmitt
diese „Rechristianisierung seines Werkes“ schon bald wieder zurückgenommen hat,89
ist aber als weiteres Indiz seiner Opposition gegen Spengler erwähnenswert, für den
die zum Cäsarismus gehörende Glaubensgestalt die ‚zweite Religiosität‘ war, eine
Wiederkehr und Vereinfachung älterer, primitiver Formen, Ausdruck einer Geschichte,
„die ins Geschichtslose übergeht“.90 Eine neue Kraft, die sich dem planetarischen
Imperialismus entgegenwarf, machte Schmitt dagegen in den 60er Jahren in der
antikolonialen Bewegung und in der Figur des Partisanen aus. Zwar akzeptierte er
diese keineswegs vorbehaltlos, störte ihn doch der in dieser Bewegung mitschwingende
antieuropäische Affekt ebenso wie der Einschlag kommunistischer Doktrinen, der bei
der Befreiung Chinas, Indochinas oder Kubas eine wichtige Rolle spielte.91 Gleichzeitig
aber beeindruckte ihn die „tellurische“ Komponente, die dem Partisanentum seit
der antinapoleonischen Guerilla in Spanien eignete und ihm seinen grundsätzlich
defensiven Charakter verlieh.92 Soweit dieser im Vordergrund stand, etwa in Rußland
1812, in Tirol und Preußen 1813, aber auch noch im China der 30er und 40er Jahre des
20. Jahrhunderts, bedeutete „der Partisan immer noch ein Stück echten Bodens“, war er
„einer der letzten Posten der Erde als eines noch nicht völlig zerstörten weltgeschicht-
lichen Elements.“93 Und im Gegensatz zum letzten römischen Soldaten Spenglers,
der stoisch auf seinem Posten ausharrte, war er ein außerordentlich erfolgreicher
Kämpfer, der mit seiner irregulären Taktik Großmächte in die Knie zu zwingen und den
Übergang von der One-World zu einer neuen pluralistisch-multipolaren Weltordnung
durchzusetzen vermochte.94 So schien am Ende zumindest für eine gewisse Zeitspanne
die antispenglerische Vision einer Gliederung der Welt in Großräume zu triumphieren.
Zwar wollte Schmitt sich nicht blind machen für die objektiven Notwendigkeiten der
industriell-technischen Entwicklung, denen auch der Partisan zu entsprechen habe, doch
warnte er davor, an die moderne Technik zu glauben, wie die Mexikaner an die weißen
Götter glaubten. Wenn erst einmal die neuen Großräume stabilisiert seien, dann werde
man sehen,
„daß Nationen und Völker die notwendige Kraft besitzen, um sich inmitten der
industriellen Entwicklung zu behaupten und sich selber treu zu bleiben und,
daß auf der anderen Seite Nationen und Völker ihr Gesicht verlieren, weil sie

87
Schmitt, Die Einheit der Welt (1951), in: Schmitt 2005, S. 849.
88
Vgl. ebd.; Drei Stufen historischer Sinngebung (1950).
89
Vgl. Mehring, Carl Schmitt, S. 472.
90
Spengler, Untergang, S. 942 ff., 1004.
91
Vgl. Schmitt, Die Ordnung der Welt (1962); Theorie des Partisanen (1975), S. 19, 77 ff.
92
Vgl. Schmitt, Theorie des Partisanen (1975), S. 26.
93
Ebd., S. 73 f.
94
Vgl. ebd., S. 62; Die Ordnung der Welt (1962), S. 22. Näher dazu: Kervégan, Carl Schmitt and
‚World Unity‘, S. 68 ff.

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ihre menschliche Individualität dem Götzen einer technisierten Erde opfern.


Dann wird sich zeigen, daß die neuen Großräume ihre Mitte und ihren Inhalt
nicht nur von der Technik empfangen, sondern auch von der spirituellen Sub-
stanz der Menschen, die für ihre Entwicklung zusammenarbeiten, auf Grund
ihrer Religion und ihrer Rasse, ihrer Kultur und ihrer Sprache und auf Grund
der lebendigen Kraft ihres nationalen Erbes.“95
Auch für den späten Schmitt, soviel läßt sich resümieren, ist die „Zivilisation“, selbst
nicht die „planetarische“ des Abendlandes, kein Schicksal, kein irreversibles Endstadi-
um. Da sie im Unterschied zu Spengler nicht aus der Entfaltung einer Seele erwächst,
sondern aus einer einmaligen geschichtlichen Situation, im übrigen auch „mehr maritim
bestimmt ist“ als die Kultur, welche „mehr terran“ verankert ist,96 bleibt diese letztere
neben der Zivilisation, neben den universalistischen Mächten von Wissenschaft, Technik
und Industrie bestehen, auf deren Boden sich, als ihr Widerpart und Antagonist, immer
wieder bilden soll, worauf schon der Schmitt der Weimarer Zeit seine Zuversicht setzte:
eine „starke Politik“, die sich der neuen Technik als eines Instruments bedient.97 Davon
hatte auch Spengler geträumt. Doch während bei ihm das Subjekt dieser starken Politik
ein Produkt der Zivilisation war: eine formlose Gewalt, setzte Schmitt auf ein Produkt
der Kultur: Völker im Stil einer Kultur, konkrete geschichtliche Existenzen mit unver-
wechselbarer Identität, mit Spengler gesprochen: Nationen.98 Spengler und Schmitt: das
ist nicht die vage Einheit einer „konservativen Revolution“, es ist die Alternative plane-
tarischer Imperialismus versus Nationalismus.

95
Schmitt, Die Ordnung der Welt (1962), S. 28.
96
Schmitt, Die geschichtliche Struktur (1955), S. 163.
97
Schmitt, Begriff des Politischen (1979), S. 94.
98
Vgl. Spengler, Untergang, S. 761.

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