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Podiumsdiskussion

Homo Geographicus Poststrukturalis


Was verstehen wir unter geographischer Empirie?
Die studentische Initiative AK Humangeographie reuther AK Humangeographie, der zum einen die
an der Universität Bayreuth organisierte im Som- Podiumsdiskussion organisiert hat und zum an-
mersemester 201 4 die Ringvorlesung „Paradig- deren unsere Idee, die Diskussion für ein breiteres
men der Humangeographie“, mit dem Ziel, Stu- Publikum zugänglich zu machen, sehr willkom-
dierenden einen vertiefenden Einblick in aktuelle men hieß. Wir möchten außerdem damit das stu-
Debatten und Forschungsprojekte zu geben. Dabei dentische Engagement fördern und hoffen, dass es
ging es vor allem um die Fragen, wie wissen- noch weitere solche Veranstaltungen geben wird,
schaftliche Erkenntnis in der Humangeographie da sie die Interessen der Studierenden widerspie-
entsteht und welcher Zusammenhang zwischen geln und zugleich offenlegen, welche Fragen auf
konzeptionell-theoretischer Ausrichtung der For- Seiten der Studierenden an ihre Lehrenden beste-
schenden und ihren Ergebnissen besteht? Schließ- hen und Klärung benötigen. Ein ganz besonderer
lich ist es für alle angehende SozialforscherInnen Dank geht an Georg Bosak, ohne den es nicht ein
von hohem Interesse, den Forschungsprozess von Wort der Diskussion aus den Räumlichkeiten in
der Idee bis zur Präsentation in der scientific diese Ausgabe geschafft hätte. Wir danken auch
community im Einzelfall nachvollziehen zu kön- Julia Grieshammer für die Transkription. Außer-
nen. Ziel war dabei, gemeinsam mit den For- dem gilt ein großer Dank den DiskutantInnen und
schenden ihre eigenen Forschungsarbeiten kritisch den Moderatoren, die uns nicht nur ihr Einver-
zu reflektieren, um zu verstehen, wie sich ihre Er- ständnis zum Druck gegeben haben, sondern auch
kenntnis und das finale Ergebnis formen und bei der Umsetzung eine bedeutende Rolle gespielt
einen Einblick in diesen oftmals als „black box“ haben. Nicht zuletzt sei auch den Personen aus
erscheinenden Part des empirischen Erkenntnisge- dem Plenum gedankt, die sich mit anregenden
winns zu erlangen. In diesem Rahmen fand am 1 . Fragen zu Wort gemeldet haben.
Juli 201 4 eine Podiumsdiskussion mit dem Titel
„Homo geographicus poststructuralis – Was ver- Cosima Werner, entgrenzt-Redaktion
stehen wir unter geographischer Empirie?“ statt,
zu der Prof. Dr. Anke Strüver (Uni Hamburg),
Prof. Dr. Marc Redepenning (Uni Bamberg), Dr. Matthew Hannah: Ich moderiere, aber zu-
Thomas Dörfler (Uni Lüneburg) und Dr. Sybille gleich bin ich auch nicht ganz uninteressiert
Bauriedl (Uni Bayreuth) geladen waren. Mode- an der Diskussion. Von daher werde ich ab
riert wurde die Diskussion von Matthew Hannah und zu mit einsteigen, besonders mit Bemer-
(Uni Bayreuth) und Georg Bosak, Student der kungen zum Verlauf der Diskussion. Aber es
Geographie und Mitglied im AK Humangeogra- mag sein, dass das alles von alleine gut ab-
phie. entgrenzt hat es zusammen mit dem AK Hu- läuft, und dann schweige ich einfach.
mangeographie ermöglicht, den Wortlaut der Dis- Georg Bosak: Wir möchten zu Beginn den
kussion nun zu veröffentlichen. Gästen die Möglichkeit geben, über ihr For-
Es wurden wichtige Fragen aufgeworfen, wel- schungsfeld zu berichten aber auch über ihre
che nicht als Gräben sondern eher als Chance be- Einschätzung und konzeptionelle Verknüpfung
griffen werden sollten, um eine differenzierte und zu poststrukturalistischen Ansätzen zu spre-
kritische Auseinandersetzung mit poststrukturalis- chen.
tischen Ansätzen zu fördern. Im Anschluss an das Marc Redepenning: Ich darf erst mal den
Transkript findet ihr außerdem Literaturhinweise VeranstalterInnen ganz herzlich danken, dass
zu einigen Arbeiten der DiskutantInnen und zu in Sie uns eingeladen haben. Ich danke auch dem
der Diskussion angesprochenen Studien. Auditorium, dass Sie und ihr so zahlreich er-
entgrenzt bedankt sich ganz herzlich beim Bay- schienen seid und ich darf gleich mal einen
Fragesteller aus dem Publikum sind mit diesem Symbol gekennzeichnet

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jede/r weiß es einigermaßen, möglicherweise
auch nur ganz grob. Aber es ist ein Label, das
selbst ein wenig hochnäsig daherkommt. Viel-
leicht zeige ich das an einem autobiographi-
schen Beispiel. In meiner Diplomarbeit habe
ich mich für Regionen interessiert, die in Fol-
ge von politischen Entscheidungen, hier ein
Bürgerkrieg, gemacht werden. Das war Ende
der 1990er Jahre und es ging um den Krieg in
Bosnien-Herzegowina, an dem man sehr gut
sehen konnte, wie die Politik im Rahmen
zahlreicher Friedensverhandlungen stark auf
sozialstrukturelle Veränderungen ethnischer
Säuberung reagiert hat und ein räumliches
Ordnungssystem implementiert hatte, das eine
nationalstaatliche Trennung zementierte. Ich
hatte dann versucht, die Situation vor dem
Marc Redepenning Hintergrund des Ansatzes einer kritischen
Geopolitik genauer zu untersuchen, also die
nicht ganz ernst gemeinten Kommentar von Macht- und Wissensartikulationen darzustel-
Anke Strüver aufnehmen. Sie hat gerade vor len, die in Raum-Ordnung und räumlichen
der Diskussion in einem Gespräch zwischen Designs liegen und möglicherweise auch da-
uns gesagt: „Ich habe mich gewundert, wieso durch verborgen werden. Ein gängiger Begriff
Marc eigentlich hier ist. Es geht um Poststruk- dazu ist: ‚naturalisiert‘ werden. Dabei ging es
turalismus und Marc ist hier? Er ist gar kein ja auch ganz stark um Grenzziehungen;
Poststrukturalist; er ist Systemtheoretiker.“ Da Grenzziehungen, die dann helfen zu unter-
hat sie sicherlich Recht. Und dann ging es scheiden, wer drinnen und draußen ist, wer
weiter darum, dass hier auch Forschungspra- dazugehört oder ausgeschlossen ist. Diesen
xis dargestellt und diskutiert werden soll. Du letzten Aspekt fand ich am spannendsten und
[an Anke Strüver gerichtet, Anm. d. Red.] hast er ist auch jener, der mir zuerst einfällt, wenn
dazu gesagt: „Sag mal Marc, du machst doch ich Poststrukturalismus mit zwei oder drei Be-
eher Theorie als Forschungspraxis und Empi- griffen umschreiben sollte.
rie.“ Und auch da hat sie Recht. Nach dieser Arbeit hatte ich das Gefühl,
Jetzt sieht man schon: Es gibt zwei Erwar- dass ein solches Arbeiten zu einfach ist, weil
tungshaltungen an das, was poststrukturalis- man immer in der Rolle des/der besserwissen-
tisch ist. Bevor ich diese kurz genauer an- den Enttarners/Enttarnerin war, der/die an-
schaue, vielleicht noch eine Bemerkung: Ich dere Personen oder Diskurse auf ihre jeweili-
möchte meine Beiträge stärker auf das Ver- gen Blindheiten oder Mängel oder Selektivitä-
hältnis von Systemtheorie und Poststruktura- ten hinweist. Das konnte man dann nutzen,
lismus beziehen. Dazu gehört auch, dass für um deren Unzulänglichkeiten anzuklagen,
mich das Wichtige an dieser Diskussion auch nicht selten mit dem moralisierenden Unter-
ein Lernprozess ist: Zu lernen oder auch mir ton des Gutmenschen.
selbst klarer darüber zu werden, ob nicht und Ich habe dann einen Schwenk gemacht und
inwieweit auch ein systemtheoretischer Zu- gefragt, welchen Stellenwert die Systemtheo-
gang möglich ist, also ob die Systemtheorie rie nach Niklas Luhmann in der Geographie
nicht poststrukturalistische Züge aufweist oder haben könnte. Dann sind ganz viele Bekannte,
besser, ob sie nicht poststrukturalistisch gele- FreundInnen – Anke war es natürlich nicht –
sen werden kann und wo es dann möglicher- gekommen und haben gesagt: „Das kannst Du
weise Überschneidungsbereiche gibt. ja wohl nicht machen! Du kannst nicht Sys-
Und damit bin ich eigentlich auch schon temtheorie machen, das ist Funktionalismus,
beim ersten Problem – was man unter Post- also die ganz alte Schule. Und im Übrigen ist
strukturalismus verstehen kann. Ich gestehe: das affirmativ, damit stützt man die bestehen-
Ich weiß nicht, was Poststrukturalismus ist. Es den, herrschenden politischen Verhältnisse.“
ist ein Label, das häufig gebraucht wird; man Möglicherweise sieht man jetzt schon, wie aus
findet dazu auch zahlreiche Definitionen und dieser ex-negativo-Definition erste Konturen

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des Poststrukturalismus aufscheinen. Also eine kennen und vor allem nur über wenig schrei-
Kritik an den herrschenden gesellschaftlichen ben und publizieren. Und wenn man das auf –
Verhältnissen gegen funktionalistisches Den- für mich poststrukturalistische – Logiken
ken, weil das unter dem Generalverdacht überträgt, dann ist es vielleicht oftmals gar
steht, die herrschende Ordnung zu unterstüt- nicht so wichtig, was wir in Texten, in Inter-
zen. Ich habe derartige Reaktionen überhaupt views finden. Viel wichtiger ist vielmehr all
nicht verstanden, aber es verdeutlicht, dass im das, was dort nicht vorhanden ist, was ausge-
poststrukturalistischen Denken in der Geogra- schlossen ist, was absent ist, was still gehalten
phie solche Begriffe wie ‚System‘, ‚Funktion‘ wird. Aber beides steht immer in einer engen
oder ‚Autopoiesis‘ mit Bestandserhaltung usw. Beziehung zueinander. Man kann mit diesen
negativ besetzt sind. Und das ist wahrschein- Gedanken sehr gut an klassische geographi-
lich auch einer der Gründe, weshalb man Luh- sche Beiträge anschließen – ich denke jetzt et-
mann ablehnt – im Übrigen nicht selten, ohne wa an Torsten Hägerstrand: Er hat in einem
sich intensiver mit ihm auseinander gesetzt zu Aufsatz von 1973 vom ‚packing problem‘ ge-
haben. Ich lese Luhmann ganz anders. Und sprochen – Was kann und soll eigentlich wo
jetzt komme ich endlich zur Frage nach der sein? Und wir können viele unserer Annehm-
möglichen Verbindung zwischen Luh- lichkeiten, wie wir beispielsweise Umwelt ge-
mann‘scher Systemtheorie und dem Poststruk- nießen – einen schönen Park, freie Natur – nur
turalismus. genießen, weil wir es geschafft haben, viele
Da gibt es einige Punkte, an denen man an- andere störende Dinge – ein Kraftwerk oder
setzen kann. Also das eine ist, dass die Figur Industrieanlagen, die in der Nähe sein könn-
des/der Beobachters/Beobachterin durch die ten, absent zu halten, woanders zu platzieren.
Systemtheorie von Luhmann gestärkt wird. Hier findet etwas statt, nicht weil wir die
Wer beobachtet eigentlich die Umwelt, die Macht haben, etwas hier stattfinden zu lassen,
Gesellschaft oder die Politik? Mit welchen In- sondern weil wir die Macht haben, vieles hier
teressen, mit welchen Unterscheidungen wird eben nicht stattfinden zu lassen, es an anderen
beobachtet? Was kann man eigentlich erken- Orten platzieren zu können. Also, das worüber
nen? man den Poststrukturalismus, bzw. mein Ver-
Der zweite Punkt, der bei Luhmann zentral ständnis von Poststrukturalismus und die Luh-
ist, ist, dass es immer um Grenzziehungen mann‘sche Systemtheorie zusammenschließen
geht – ich hatte es kurz erwähnt. Also um die kann, wäre der Begriff der Beziehung und
Unterscheidung, dass etwas einem System, ei- dann geht es so bei Luhmann ein bisschen
ner Umwelt zugehörig ist. Welchem System ist stärker um Grenzziehungen, allerdings ohne
ein Ereignis zuzuordnen? den poststrukturalistischen Hang zum mora-
Damit geht vielleicht eine dritte Sache, die lisch normativem Urteil.
Luhmann fordert, einher. Und das ist die – wie Anke Strüver: Ich muss erst mal betonen,
soll ich sagen – Produktivität von Blindheit. dass meine Professur zwar eigentlich Wirt-
Wir können nicht alles sehen, wir können schafts- und Sozialgeographie heißt, dass ich
nicht alles erfassen, sondern wir müssen ganz das aber am Tag meines Dienstantritts in Sozi-
bestimmte Selektionen vornehmen, um über- al- und Wirtschaftsgeographie umgedreht und
haupt Gesellschaft beobachten zu können. Wie mittlerweile Wirtschaft weggenuschelt habe.
beobachten wir Gesellschaft, unter welchem Also ich betrachte mich als Sozialgeographin,
Schema, mit welcher Unterscheidung? Arm/ das ist mir doch einigermaßen wichtig. In
reich? Gleichheit/Ungleichheit? Oben/unten? meinem Statement habe ich mich an der Frage
Beobachten wir sie räumlich? GeographInnen abgearbeitet, die in der Einladung stand, näm-
beobachten Gesellschaft typischerweise räum- lich wie ich meine empirische Herangehens-
lich mit der Unterscheidung hier/dort, die weise mit der poststrukturalistischen Debatte
dann erlaubt, sich der Positionierung von Ob- verknüpfe. Und die fand ich sehr charmant,
jekten zu widmen. Egal, wie man beobachtet. weil die in meiner Lesart so klingt, als ob ich
Immer gilt: Jede unserer Beobachtungen ist ein empirisches Projekt hätte und mir dann
selektiv. Sie muss Unterscheidungen treffen. die passende Theorie dazu suchen muss. Das
Und das ist jetzt der vierte Punkt, den ich war bei mir in gar keinem Fall so. Poststruk-
noch nennen würde: Indem wir solche Unter- turalismus – was immer es auch sein mag,
scheidungen treffen, schließen wir Vieles aus. aber ich betrachte es im Moment erst mal als
Wir können eben Vieles nicht sehen oder er- ‚Black Box‘ – ich hoffe, ich mache sie gleich

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auf und hole ein paar Einzelpakete heraus. Ich Interaktion über die Grenze im Alltag nicht
bin dazu gekommen aus der politischen Arbeit besonders intensiv ist‘. Aber dann kam gleich
– ganz jenseits des Wissenschaftlichen. Ich war das Problem ‚Wie erforsche ich das denn?‘.
in vielen antirassistischen und feministischen Wenn ich ein diskurstheoretisches Verständnis
Bewegungen aktiv. Da tauchten plötzlich ko- habe, gehe ich davon aus, dass das Subjekt
mische Namen und Konzepte auf, die sich mit nicht selbstreflexiv ist, weder ich als For-
der Dekonstruktion des Subjekts beschäftigten. schungssubjekt noch meine beforschten For-
Diese waren in dieser politischen Arbeit einer- schungsobjekte. Also kann ich mich nicht auf
seits sehr fruchtbar, um die Gesellschaft verste- die Straße stellen und NiederländerInnen und
hen zu können und das nicht nur, um zu ver- Deutsche dazu befragen, warum sie etwas
stehen, sondern vielleicht auch veränderbar nicht tun. Weil man das nur Leute fragen
machen zu können. Andererseits war der Zu- kann, von denen man ausgeht, dass sie selbst-
gang extrem theoretisch, gerade in politischen reflexiv sind. Dann habe ich sehr klassisch,
Zusammenhängen. Es war auch nicht unum- würde ich mittlerweile sagen, in einer dis-
stritten. kurstheoretischen Tradition mir tatsächlich
Der zweite Punkt, wie ich das in die Wis- Narrative und Repräsentationen der Deut-
senschaft integriert hab, lag in meinem Eras- schen über die NiederländerInnen und anders-
mus-Jahr Mitte der 1990er Jahre in Großbri- rum angeschaut. Es fand zu der Zeit die Euro-
tannien, wo GeographenInnen am Institut wa- pameisterschaft in den Niederlanden statt und
ren, die wie selbstverständlich poststruktura- der Alltag war voll von anti-deutschen Diskur-
listische Ansätze in der Lehre hatten, was in sen in den Niederlanden. Also war ein Ansatz-
Deutschland sicherlich damals noch nicht so punkt zu schauen, wie eigentlich solche Re-
vertreten war und ich dachte mir: ‚Ach, inter- präsentationen, auch wenn sie angeblich alle
essante Sache, da kann man das Politische von nur so spaßig gemeint sind, anti-deutscher
der Straße auch in der Wissenschaft machen‘. oder anti-niederländischer Art, eine Wirk-
Ich bin dann nach Deutschland zurückgekehrt mächtigkeit besitzen. Die Frage, wie ich diese
und habe dann in der Diplomarbeit versucht, Wirkmächtigkeit erforschen kann, hatte ich
das umzusetzen, und zwar indem ich versuch- aber auch noch nicht gelöst, weil ich ja wei-
te, Foucault, Butler und Derrida für eine terhin nicht die einzelnen Personen fragen
raumanalytische Betrachtung gesellschaftli- konnte ‚Wie liest du denn die anti-niederlän-
cher Ungleichheiten fruchtbar zu machen. dische Stimmung und die anti-deutsche Stim-
Mein Zugang innerhalb der Wissenschaft war mung?‘ Also habe ich eine sogenannte Rezep-
auch erst mal völlig empirie-befreit. Es ging tionsforschung gemacht. Ich habe mich in
nur um ein theoretisches Verstehen der Gesell- Events begeben, wo das Thema deutsch-nie-
schaft. Bei mir schloss sich dann eine Doktor- derländische Beziehung sehr stark war – eines
arbeit an, in der es um die Analyse grenzüber- von sehr vielen war tatsächlich Fußball – und
schreitender Handlungen zwischen Deutsch- habe dann versucht, zu eruieren, wie die
land und den Niederlanden ging. Klingt total Menschen damit umgehen, wie diese Narrati-
langweilig, war es auch. Es ging darum, fest- ve und Repräsentationen da diskutiert und
zustellen, ob Deutsche im Alltag in die Nieder- ausgehandelt werden.
lande pendeln und andersherum. Und das Er- Dabei herausgekommen ist tatsächlich, dass
gebnis dieses Projekts war: Nein, sie tun es die Menschen damit etwas machen. Ich würde
nicht, obwohl die Grenze im Rahmen der Eu- das jetzt mittlerweile schon auch wieder kri-
ropäisierung offen ist. Und obwohl man viele tisch betrachten, weil das, was wirklich auf
Interviews geführt hatte, konnte man das mit der Ebene einzelner Menschen passiert, habe
klassischen Handlungstheorien nicht erklären. ich nicht herausgefunden. Das war auch nicht
Ich sollte dann erklären, warum sie es nicht mein Anspruch, aber das ist bis heute jener
tun und dachte ‚ok, ich finde Poststrukturalis- Punkt, der, so glaube ich, weiterhin offen ist,
mus super, ich gehe da mit einem Diskursver- und der mich weiterhin interessiert. Ich
ständnis des Funktionierens von Gesellschaft möchte immer noch gerne wissen, wie Diskur-
heran, also dass gesellschaftliches Zusammen- se auf einzelne Subjekte wirken und ihr Han-
leben oder auch gesellschaftliche Abgren- deln oder ihre Praktiken beeinflussen. Ich ha-
zungsprozesse stark durch Normen und Dis- be mittlerweile in den letzten Jahren andere
kurse beeinflusst sind und gucke mir das mit Formen gefunden, mich dem anzunähern.
diesem Hintergrund an, warum vielleicht die In den letzten Jahren habe ich einen Aus-

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flug auf eine Makroebene der Diskursfor- Matthew Hannah: Vielen Dank, Anke. Sy-
schung gemacht, also ich habe mich auch mit bille, jetzt bist du dran
geopolitischen Diskursen beschäftigt. Die sind Sybille Bauriedl: Vielen Dank. Ich habe mir
empirisch, glaube ich, relativ leicht zu han- auch ein paar Notizen gemacht zu dem Spek-
deln, wenn man das mit einem gewissen Ab- trum oder zu den Bezügen, die hier bei der
straktionsgrad macht. Man lädt einfach ganz Einleitung aufgemacht wurden: Theoretischer
viele Medientexte in eine bestimmte qualitati- Zugang und empirisches Feld, und wie wir das
ve Datenanalyse-Software und codiert die ent- miteinander in Bezug setzen. Und meine
weder offen oder geschlossen oder auch beides Überlegung war, und das zeigt auch die Aus-
und guckt dann, was rauskommt und kann führung der Vorrednerin, dass es nicht nur um
sich davon wunderbar distanzieren und sagen das Verhältnis von Erkenntnistheorie und Em-
‚Hier, MAXQDA hat mir Folgendes ausgewor- pirie geht, sondern auch um die Frage, in wel-
fen, das ist das Ergebnis, Punkt‘. Das eignet chem Verhältnis diese zur Subjektposition ste-
sich für bestimmte Projekte, aber mich per- hen – so wie bei Anke spielt das bei mir auch
sönlich hat das überhaupt nicht befriedigt. eine große Rolle: In welchem Bezug stehen
Von daher bin ich tatsächlich wieder oder im- Erkenntnistheorie und Empirie zu politisch-
mer noch beim einzelnen verkörperten Subjekt aktivistischer Praxis? An diesem Viereck
und möchte wissen, wie da die Diskurse wir- möchte ich ein paar Überlegungen vor dem
ken und die Alltagspraktiken beeinflussen und Hintergrund meiner Erfahrung vorstellen.
bin mittlerweile auf einer quasi multiskalaren Und beginnen möchte ich genauso wie An-
Forschungsebene angekommen, auf der ich ke mit meiner erkenntnistheoretischen Sozia-
mich tatsächlich von der Seite narrativ-biogra- lisation. Meine Erfahrung ist auch – nicht nur
phischer Interviews den einzelnen Subjekten bei mir, sondern bei allen KollegInnen, die das
annähere. Die verstehe ich weder eigenlogisch offen legen – der Zugriff auf bestimmte er-
noch selbstreflexiv, aber trotzdem erlaube ich kenntnistheoretische Perspektiven ist nicht
mir, Interviews zu führen. Und ich erlaube mir beliebig. Und natürlich müssen die For-
auch als starkes Forschungssubjekt, diese In- schungsfragen, die uns interessieren, immer
terviews anzuschauen und zu analysieren. mit einem bestimmten theoretischen Zugang
Aber ich halte es für unbedingt notwendig, beantwortbar sein, aber beides – sowohl die
das zurückzubinden an Diskurse, Repräsenta- Forschungsfrage, die uns interessiert, wie auch
tionen und auch an übergeordnete Strukturen.
Ein Beispiel ist das vor wenigen Jahren been-
dete Forschungsprojekt. Es ging um illegali-
sierte transnationale Haushaltsarbeiterinnen in
Deutschland, die im größten Teil aus osteuro-
päischen Staaten kamen, die im Laufe des Pro-
jekts teilweise auch der EU beigetreten sind,
also wo sich teilweise auch der Status der Ille-
galisierung geändert hat. Ich habe auf allen
drei Ebenen angesehen, welche Mechanismen
zusammenwirken, die dazu führen, dass es be-
sonders viele Osteuropäerinnen gibt, die in
deutschen Haushalten illegalisiert arbeiten. Es
ist extrem aufwändig, sich auf drei Ebenen mit
Derartigem zu beschäftigen. Eine Ebene bilde-
ten die 30 narrativen Interviews, von denen
ich 18 auswertete. Die zweite Ebene war eine
Repräsentationsanalyse und die dritte war ei-
ne ganz klassische Strukturanalyse, die den
Fragen folgten: Wie sehen die politischen und
juristischen Verhältnisse zwischen den einzel-
nen Staaten innerhalb der EU und den angren-
zenden Ländern aus? Inwieweit beeinflussen
diese Strukturen dann auch wiederum die ein-
zelne Identität? Sybille Bauriedl

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Teilnehmer der Podiumsdiskussion

der erkenntnistheoretische Zugang – hat sehr Wahrnehmung entsprochen. Zentral war mei-
viel mit unserer Subjektposition zu tun. Wie ne Wahrnehmung, dass Geschlechterverhält-
nehmen wir Wirklichkeit wahr? Wie sortieren nisse eine ganz zentrale Differenzkategorie in
und ordnen wir Wirklichkeit und wie betrach- der gesellschaftlichen Praxis sind, und dass
ten wir gesellschaftliche Prozesse? Dafür sind Hierarchieverhältnisse eine sehr große Rolle
erkenntnistheoretische Zugänge hilfreich und spielen. Eine Betrachtungsweise, die Anfang
nichts anderes bieten sie. Sie setzen einen Ver- der 1990er Jahre in der Geographie keine Be-
ständnisrahmen, und dafür finde ich post- achtung fand. Aus studentischen Initiativen
strukturalistische Ansätze interessant, weil die heraus gab es eine Auseinandersetzung mit
meinem Verständnis von Wirklichkeit und Texten zur feministischen Geographie. Ja, das
meinen Zugang in der Wissenschaft entspre- war schon mal eine große Erkenntnis, dass es
chen und erläutern, was mich dazu gebracht sowas überhaupt gibt, und dafür war vor al-
hat, mich so lange in dem Feld Wissenschaft lem die britische Geographie sehr hilfreich,
zu bewegen. Es war mein Erstaunen, dass die die primär über diese studentischen Kreise in
Dinge, die ich im Studium über gesellschaftli- die deutschsprachige Geographie gebracht
che Verhältnisse und Raum-Gesellschaft-Bezü- worden ist. Mit der Auseinandersetzung mit
ge gelernt habe, nicht meiner Wirklichkeit, feministischer Geographie entstanden Bezüge
meinem Verständnis und meiner Betrachtung zu poststrukturalistischen Betrachtungsweisen.
von Wirklichkeit entsprochen haben. Der Aus- Die Erkenntnis war: Es kann unterschiedliche
gangspunkt war diese Verwirrung, die Wirk- Wirklichkeiten geben, Wirklichkeit ist sozial
lichkeitskonstruktion. Aber damals wusste ich konstruiert, mit der sozialen Konstruktion von
noch nicht, dass es um Wirklichkeitskonstruk- Wirklichkeit werden auch Machtverhältnisse
tionen geht. Das was ich als Wirklichkeit von transportiert und reproduziert und dadurch
Mensch-Umwelt-Verhältnissen, von gesell- werden Räume und gesellschaftliche Aus-
schaftlichen und räumlichen Verhältnissen schlüsse produziert. Und das war mein per-
präsentiert bekommen habe, hat nicht meiner sönlicher Erkenntniszugang.

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Was ich im Nachhinein auch interessant spiel hab ich genannt. Das, was ich zur Ori-
finde ist, dass die Auseinandersetzung mit der entforschung gemacht habe, hat sich zu einer
feministischen Geographie mich nicht offen- wissenschaftstheoretischen Arbeit gewendet,
sichtlich thematisch geprägt hat, sich deren indem ich mich kritisch mit meinem eigenen
dekonstruktivistische Ansätze sehr wohl in Fach auseinandergesetzt habe. Ich war damals
meiner wissenschaftlichen Arbeit wiederge- davon überzeugt, dass das mein Abschied von
funden haben. Im Rahmen meiner Diplomar- einer wissenschaftlichen Karriere in der Geo-
beit – ich studierte in Berlin am Zentrum für graphie ist, aber erfreulicherweise wurde die
Entwicklungsländerforschung – habe ich eine Arbeit wohlwollend aufgenommen. Danach
ordentliche entwicklungspolitische Arbeit ma- hatte ich ein größeres Projekt, wo es um
chen wollen, bin nach Syrien gegangen, habe nachhaltige Stadtentwicklung ging: Nachhal-
erst mal die Sprache gelernt und wollte zu lo- tigkeit – ein sehr normatives Konzept. Und die
kalen Konflikten forschen. In der Vorbereitung Frage: Wie kann ich das poststrukturalistisch
dieser Arbeit habe ich gemerkt, dass es sehr wenden? Es kam eine ähnliche Fragestellung
viele Menschen gibt, die ganz andere Bezüge dabei heraus wie bei der Diplomarbeit: Mich
zu den Fragestellungen haben, die mich inter- hat interessiert: Welche Verständnisse von
essierten, habe davon Abstand genommen und Nachhaltigkeit finden sich in der Stadtent-
mich schließlich mit dem Orientbild der Geo- wicklungspolitik der analysierten Beispiel-
graphie auseinandergesetzt, also mit der Ori- städte? Das Ergebnis war: Es gibt unterschied-
entkonstruktion geographischer Praxis. Das liche Nachhaltigkeitsverständnisse, nicht be-
war wieder ein Bezug zur poststrukturalisti- liebige, sondern es lassen sich Nachhaltig-
schen Perspektive, zur postkolonialen Per- keitsdiskurse identifizieren, die unterschied-
spektive und zu Edward Said, der sich mit Ori- lichen Argumentationen folgen. Die nächste
entalismus und Wirklichkeitskonstruktion aus- Frage war: ‚Wie werden diese Diskurse räum-
einandergesetzt hat. Das war für mich ein lich-materiell wirkmächtig?‘ Die letzten Jahre
neuer Erkenntnisschritt, dass die wissenschaft- war ich an der Universität Kassel, auch wieder
liche Arbeit und die Auseinandersetzung mit in einem Auftragsprojekt, beschäftigt. Dabei
Geschlechterverhältnissen auf erkenntnistheo- ging es um Fragestellungen der Anpassung an
retischer Ebene gut zusammenpassen. den Klimawandel in Mitteldeutschland – auch
In den Arbeiten, die ich danach gemacht das ist eine normative Problemstellung. Da
habe, entfernte ich mich dann von der Ent- hatten die beteiligten WissenschaftlerInnen
wicklungsforschung und bewegte mich hin zur nämlich den Auftrag, das Thema erst mal vi-
Stadtforschung, zur Umweltforschung und zu rulent zu machen und PraxispartnerInnen, vor
den Fragen nach ‚Wie wird Wirklichkeit kon- allem kommunalen Akteuren, Verwaltung, Po-
struiert? Wie wird sie wirkmächtig? Wie tra- litik, Wirtschaft zu vermitteln: ‚Das Thema ist
gen Wirklichkeitskonstruktionen zur Verräum- wichtig! Mit dem müsst ihr euch jetzt ausein-
lichung und Naturalisierung sozialer Ungleich- andersetzen!‘ Da war es für mich wieder na-
heit, sozialer Verhältnisse bei?‘ Ich hatte die heliegend zu fragen: Entspricht dieses Problem
Möglichkeit, in verschiedenen Forschungspro- überhaupt der Wahrnehmung und den lang-
jekten zu diesen Fragen zu arbeiten. fristigen Zukunftsvorstellungen der regionalen
Und das ist mein zweiter Punkt: Die The- AkteurInnen, mit denen wir uns auseinander-
men, mit denen wir uns auseinandersetzen. gesetzt haben?
Wir haben in dieser Runde ja schon ein paar Nun bin ich hier in Bayreuth an der Akade-
Beispiele gehört, manche waren eher zufällig mie für Advanced African Studies tätig. Ich
auf den Tisch gekommen. Wir versuchen aber finde ‚advanced studies‘ sollten sich mit aktu-
auch immer – und das wird Ihnen genauso ge- ellen erkenntnistheoretischen Debatten be-
hen – dann zu überlegen ‚Wie passt das zu schäftigen. Ein Ziel dieser Akademie ist, im
meinem Erkenntnisinteresse? Wie kann ich die Auftrag des Bundesforschungsministeriums die
Frage dieses Themas, was ich bearbeiten soll, Area Studies neu zu konzeptionieren und den
gestalten?‘. Ich habe in den letzten 15 Jahren Fragen nachzugehen: ‚Wie machen wir Regio-
auch viel mit Auftragsprojekten in großen nalstudien, bzw. Area Studies? Hat sich die
Forschungsverbünden zu tun gehabt. Die Fra- Regionalforschung tatsächlich von der Län-
ge ist immer: Welche Intentionen haben diese derkunde verabschiedet? Und wie kann das
Forschungen, die man betreibt? Und wie kann anschlussfähig sein an aktuelle Debatten?‘ Da-
man sie poststrukturalistisch wenden? Ein Bei- für halte ich auch poststrukturalistische An-

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sätze für sehr wertvoll. Poststrukturalistische, kann, nur um die eigene Position in diesem
postkoloniale Fragen, die sich mit Essenziali- Feld nach vorne zu bringen, Forschungsgelder
sierungspraktiken auseinandersetzen. zu bekommen, Diskurshoheit zu erlangen und
Thomas Dörfler: Ich hab mich ein bisschen um andere zu delegitimieren.
inhaltlich vorbereitet und ich wollte meine Man sollte aber erst mal das Ganze relativ
Position möglichst deutlich vorbringen, auch abstrakt begreifen. Ich möchte inhaltlich je-
als eine Grundlage für die Diskussion. Warum doch nichts dazu sagen, denn ich bin kein
mache ich das? Oder was ist meine Stellung Poststrukturalist und muss mich dafür auch
zum Poststrukturalismus? Diese – mea culpa, nicht rechtfertigen. Das führt dazu, dass die
Eingangs-Seance von Marc war ja sehr span- eingangs erwähnte Rhetorik – und die kann
nend: Ich rege mich seit 15 Jahren darüber jede/r in den Texten sehen – in den Diskussio-
auf und das möchte ich im Folgenden klar ma- nen – wenn es wirklich drauf ankommt, ein-
chen an meinen Kritikpunkten. Die Eingangs- mal über inhaltliche Aspekte zu diskutieren –
sequenz von Marc sagt sehr viel darüber aus, meistens autoritär und überheblich wird.
wie sich dieser Diskurs um Poststrukturalis- Meistens versucht sie sich selber hegemonial
mus im wissenschaftlichen Feld auswirkt. Er zu delegitimieren, was ein Selbstwiderspruch
ist sehr autoritär und exklusiv. Er baut autori- ist. In meiner Logik, die mit meiner wissen-
täre Figuren auf, um bestimmte Sprecherposi- schaftlichen Herkunft verbunden ist, spielt Se-
tionen zu delegitimieren und zu verunmögli- mantik, also eine sprachliche Strukturlogik,
chen. Das geschieht frei nach dem Motto: Was eine wichtige Rolle, denn mit der kann man
kann Luhmann zum Poststrukturalismus bei- analysieren, dass immer die gleichen Bilder,
tragen? Dass er gar kein Poststrukturalist ist, immer die gleichen Rhetoriken, immer die
ist erst einmal affirmativ. Ich komme darauf gleichen Metaphern und textlichen Operatio-
zurück, denn es gibt fast nichts affirmativeres nen hervorgebracht werden. Es wird immer
als den Poststrukturalismus. Diese Position, gegen Irgendetwas geschrieben, gegen einen
die selber mit den herrschaftlichen Bedingun- imaginären Feind, gegen Personen, die den
gen d'accord geht und hegemoniale Diskur- Raum als Absolutes setzen, gegen Objektivität,
spraktiken etabliert, zeigt dies und ist zugleich gegen die Wahrheit. Das sind immer dieselben
ein riesiges und unaufgearbeitetes Problem. Operationen, mittlerweile ohne relativen Er-
Mein Plädoyer wäre deshalb: Das sollte aufge- neuerungs- und Erkenntniswert, weil die Sa-
arbeitet werden! chen auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen
Ich halte mich nicht nur in der Geographie längst diskutiert wurden. Um zu erkennen,
auf, sondern auch in der Soziologie, was ge- dass die Welt konstruiert ist, brauche ich kei-
wisse Vorteile haben kann. Worüber man sich nen Poststrukturalismus. Das haben andere
wundern kann, ist doch, dass ein Diskurs ein- WissenschaftlerInnen Jahrzehnte vorher schon
mal in den 1980er Jahren in der Germanistik beschrieben. Die Folge davon ist – und das
wirkmächtig wurde – da haben dann alle mit haben Eberhard Rothfuss und ich versucht in
Derrida irgendwas dekonstruiert. Ab den unserem Buch auf den Punkt zu bringen – ein
1990er Jahren kommt das auch in der Sozio- vulgärer Konstruktivismus. Das halte ich für
logie, Ethnologie etc. auf und diese Diskussio- das erste große inhaltliche Problem: Also die
nen sind inzwischen teilweise obsolet gewor- Vorstellung, dass die Dinge in der Welt kon-
den. Doch dann können sie noch einmal Kar- struiert sind. Sie sind so, aber sie könnten
riere Anfang/Mitte der 2000er Jahre in der auch anders sein, aber sie sind eben so. Der
Geographie machen. Das halte ich für proble- Diskurs konstruiert das so und nicht anders,
matisch. Da hat man Teile einer anderen Dis- und deswegen ist er so, und er könnte aber
kussion meiner Meinung nach ignoriert. Diese auch anders sein. So zieht sich diese Argu-
neue Inwertsetzung – ich mache jetzt ein Art mentation durch die gesamte Semantik. Ich
Bourdieu'sche Metaanalyse – ist aus meiner möchte es ‚vulgärer Konstruktivismus‘ nennen,
Perspektive eine Erklärung, warum dieser denn die Geltungsbedingungen, warum diese
Poststrukturalismus so erfolgreich ist: Er ver- Diskurse wirkmächtig sind, warum sie so effi-
spricht für ein bestimmtes Milieu, für be- zient sind, werden sichtbar. Wenn man es als
stimmte Personen in dieser Akademie einen Diskurse auffassen möchte – ich würde das
bestimmten Mehrwert, bestimmte Feldeffekte, nicht tun – ist es wichtig, im Auge zu behal-
mit denen man sich positiv gegen andere in ten, dass quasi diese Arbitrarität, also diese
Wert setzten kann und sie delegitimieren unterstellte Willkürlichkeit der sozialen Welt,

12 Homo Geographicus Poststrukturalis | entgrenzt 8/2014


extrem nach vorne geschoben wird. Die ist passt, zu dieser Diskurstheorie, die das von
wichtig für dieses Milieu, für die Leute, die so sich selber als Bild hat.
denken, um sich gegen andere in Wert zu setz- In letzter Konsequenz ist der Diskurs, der
ten. Darüber können wir gerne diskutieren. Es sich selber anti-essentialistisch gibt, nichts an-
ist auch nicht an sich total falsch, nur wie es in deres als Essentialismus und nichts anderes als
Wert gesetzt wird, bewahrt eine Ideologie. die Metaphysik. Er ist sogar – soweit würde
Die zweite Folge ist eine falsche – oder in ich gehen, for the sake of the argument – eine
meinen Augen – nicht existente Subjekttheo- Religion, ein quasi-religiöser Erkenntnis-Ersatz
rie. Die nennt sich zwar so, was immer kolpor- oder Glaubenssatz. Das sind diese Sätze, wie
tiert wird, ist aber keine. Es ist jetzt keine Zeit, sie auch in diesem Buch zu finden sind und
das zu diskutieren, ich wollte es nur als Anreiz Sie sich anschauen können und sollten. Aus
für die Diskussion vorbringen. Das heißt, es diesem Beitrag in diesem Buch [Felgenhauer,
werden eigentlich immer dieselben Mythologi- T. (2009): Raumbezogenes argumentieren.
en und Ideologien reproduziert: Das Subjekt Theorie, Analysemethode, Anwendungsbei-
sei dezentriert. Dazu fehlt eine weitere Prü- spiele. In: Handbuch Diskurs und Raum. Bie-
fung, vor allem eine empirische, die das bele- lefeld.] einer Publikation von vielen, lese ich
gen könnte. Ich bin der Ansicht, dass, wenn im ersten Satz das, was ich eben artikuliert
man sich mal wirklich empirisch mit Subjek- habe. Da steht, dass der Blick auf die Räum-
ten befasst hätte, dann hätte man bemerkt, lichkeit sich verschoben hätte, als Konstrukti-
dass das Subjekt nicht dezentriert ist; zumin- on zu verstehen sei usw. Als wäre es etwas
dest tut es alles, damit es nicht dezentriert ist. Neues.
Und das hat teilweise anthropologische Grün- Das Hauptproblem ist metaphysisch oder
de. Anzunehmen, die Welt sei dezentriert, nur essentialistisch. Und so sind auch die Meta-
weil mein Weltbild, meine Wissenschaftsideo- phern, die in diesem Text benutzt werden. Be-
logie dies von der Welt annimmt, und dann stimmte Sachen seien mit anderen ‚verwoben‘
stülpe ich einen Diskurs über das Subjekt, aber ist eine Metapher, die immer wieder vor-
ich rekonstruiere nicht, ich bilde nicht die kommt. ‚In den Körper sei etwas eingeschrie-
Welt ab oder versuche sie zumindest abzubil- ben‘ ist eine Metapher, die vorkommt. Irgen-
den, ohne in den Wissenschaftsdiskurs einiger- detwas sei ‚mit Bedeutung aufgeladen‘. ‚Ver-
maßen fair einzudringen. Das ist ein grund- woben, eingeschrieben, aufgeladen‘. Das ist
sätzliches Problem, auf das ich am Schluss Substanzlogik. Das ist Metaphysik pur, denn
nochmal kurz eingehe, in einem Satz, über die man kann in keinen Körper etwas einschrei-
Redlichkeit der Forschung. ben und man kann nichts mit Bedeutungen
Bestes Beispiel, wie mit falschen Annahmen aufladen. Das ist das Problem, nämlich dass
und teilweise schon widerlegten Annahmen diese an sich angeblich total diskurs- und dif-
Wissenschaft betrieben werden kann, sind die ferenztheoretisch argumentierenden Ansätze
Gender-Studies und der Poststrukturalismus, in letzter Konsequenz ursprungslogisch und
die eklatante Probleme haben bestimmte substanzlogisch argumentieren, weil sie den
Aspekte, die sie seit 20 oder 30 Jahren kolpor- letzten Rest ihrer Annahmen nicht ausweisen
tieren, zu beweisen und irgendwie empirisch können. Die Geltungsgründe, warum die Dis-
zu belegen, was ich darauf zurück führe, dass kurstheorie gelten soll, warum es die Diskurse
Politik anstatt Wissenschaft betrieben wird. geben sollte und ob es sie überhaupt gibt, das
Das, was sein soll, wird genommen für das, ist relativ unbewiesen. Lassen Sie es einmal
was ist. Das ist schwierig, wenn man sich an- auf einen Versuch ankommen und fragen Sie
schaut, dass es 120 Professuren innerhalb der einen Diskurstheoretiker, was ein Diskurs ist
Geschlechterforschung in Deutschland gibt, und wo man den findet. Das wird spannend.
die zum größten Teil dasselbe erzählen. Des- Und wenn dann Studierende in Abschlussar-
wegen ist der Diskurs auch nicht marginal beiten sich mit Diskursen auseinandersetzen
oder eine Opferlogik, sondern der Diskurs ist sollen, stehen sie vor dem kaum lösbaren Pro-
hegemonial und er führt dazu, dass er das aus- blem, dass man sagt:“ Gehen Sie mal ins Feld
bilden kann, über was Marc sich am Anfang und holen Sie mal so einen Diskurs rein, bil-
beschwert hat, dass irgendwie jemand, der mit den Sie den ab oder versuchen Sie mal, den ir-
Luhmann arbeitet, als FunktionalistIn oder als gendwie einzufassen‘. Das Problem ist, dass er
affirmativ klassifiziert wird, weil er nicht ins die Dogmen, die er errichtet, selber nicht ra-
Weltbild zu diesem vulgären Konstruktivismus tional ausweisen kann. Er ist auf eine Ver-

entgrenzt 8/2014 | Podiumsdiskussion 13


nunftkritik angewiesen, ohne selber vernünfti- Variante von Poststrukturalismus. Daher kann
ge Begründungen dafür liefern zu können. Das man nicht einfach ignorieren, dass es gravie-
heißt, er kann nicht ohne performative Selbst- rende Unterschiede zwischen den einzelnen
widersprüche auskommen. Spielarten des Poststrukturalismus gibt, die du
Und wenn sich etwas nicht selber unter die als den einen Poststrukturalismus dargestellt
Ägide stellt, unter der sie die Welt betrachtet, hast. Und vielleicht könntest du da nochmal
dass alles konstruiert sei, dann ist das mehr als ein bisschen die Fronten ordnen und klären.
ein hartes Indiz für wissenschaftliche Ideolo- Thomas Dörfler: Luhmann ist von meinen
gie. Denn wenn diese These stimmt, dann wissenschaftlichen Lehrern immer als Post-
muss sie auf sich selber anwendbar sein. Das strukturalist bezeichnet worden. Aus guten
heißt, dass die Diskurstheorie ein Konstrukt ist Gründen, und das war nicht abwertend oder
– ein Konstrukt einer bestimmten wissen- irgendwie ironisch gemeint. Er hat sich auch
schaftlichen Klasse. Es sind Paradigmen auch irgendwann mal selber so ähnlich tituliert,
in der Zeit etc., die von bestimmten Personen denn in letzter Konsequenz hat diese Diffe-
aus bestimmten Gründen vertreten werden, renztheorie alle Ingredienzien, die wir als
vorrangig gegen materialistisch-marxistische Poststrukturalismus erkennen, ohne dass es
Ansätze, die in einer bestimmten Art delegiti- erkennbar auf diese Diskurssequenzen und
miert werden sollen. Dankeschön. diese Positionierungen, dieses hegemoniale
Matthew Hannah: Es stellt sich schon her- Gebären rekurieren müsste. Dafür war Luh-
aus, dass es erhebliche Unterschiede zwischen mann viel zu intelligent und diese Theorie viel
den Stellungen gibt. Als Werbung würde ich zu selbstreflexiv. Das ist ein großer Vorteil
herzlichst diesen Artikel empfehlen, von 2012 von Luhmann. Ich gebe Dir Recht, ich meine
in Prokla (Zeitschrift), von Silke van Dyk: einen bestimmten Poststrukturalismus, den
„Poststrukturalismus. Gesellschaft. Kritik – man an einer bestimmten Schreibweise erken-
Über Potentiale, Probleme und Perspektiven“. nen kann. Ich möchte aber nicht über den
Anhand dieses Artikels kann man sehr gut all Poststrukturalismus diskutieren, denn ich will
diese Positionen verständlich machen, ohne nicht in die Differenzfalle gehen – Fetischisie-
das Baby mit dem Badewasser auszuschütten, rung der Differenz. Es sind aber nicht alle so.
aber trotzdem ernsthafte Kritik an poststruktu- Es gibt einen Teil, der ist dann anders. Die
ralistischen Ansätzen verständlich lesen. ‚Fetischisierung der Differenz‘, kann man bei
Marc Redepenning: Ich habe am Anfang Zizek nachlesen. Das heißt, um das geliebte
versucht klar zu machen, dass ich meine Pro- Objekt zu retten, tut man so, als beträfe es nur
bleme mit dem Poststrukturalismus habe, nicht einen Teil, was man machen kann. Im Prinzip
zuletzt, weil ich nicht weiß, was der Poststruk- ist das in Ordnung, nur bin ich der Meinung,
turalismus ist, sondern immer ein bestimmtes wenn man Luhmann als Poststrukturalismus
Verständnis von Poststrukturalismus habe. abtut, dann verkauft man ihn unter Wert. Er
Jetzt hat Thomas einen Generalangriff auf den ist viel interessanter als Nicht-Poststruktura-
Poststrukturalismus gestartet. Und ich frage list, denn – und das ist der große Verdienst –
mich, ob du den richtigen Feind getroffen er ist selbstreflexiv. Und wenn man sagt, man
hast, oder ob es nicht eine ganz bestimmte gehe davon aus, dass man selbst und Subjekte
Auslegung, Sichtweise ist, die sich selbst mit nicht selbstreflexiv sind, und deswegen Dis-
dem Etikett ‚Poststrukturalismus‘ kennzeich- kurstheorie mache, dann ist das ein ordentli-
net, aber im Prinzip nicht das aufdeckt und ches Paradox. Denn das ist eine selbstreflexive
umfasst, was man möglicherweise besser als Auskunft. Das ist mein Problem mit bestimm-
nachstrukturalistisches Denken bezeichnen ten Aspekten, dass die Sachen nicht auf sich
kann. Es ist, so komisch das jetzt auch klingen selber angewendet werden und kritisch be-
mag, nicht radikal genug, weil es nicht an den trachtet werden. Das ist bei Luhmann ein Ver-
Kern des post- oder nachstrukturalistischen dienst, dafür ist Luhmann zu loben.
Anliegens herankommt. Ich hatte ja nicht um- Sybille Bauriedl: Ich finde aus diskurstheo-
sonst gesagt, dass mein Verständnis von Post- retischer Perspektive die Debatte sehr inter-
strukturalismus eines ist, das sich mit vielen essant, die wir hier führen. Sie ist ein gutes
Ideen von Luhmann vereinen lässt und es gibt Beispiel für eine Kontrasetzung von Positio-
ja auch einige Autoren, die etwa Ausführun- nen, für eine Form des ‚Othering‘. Aufschluss-
gen von Luhmann und Foucault enger zusam- reich ist die Rhetorik und Wortwahl: Du –
menbringen wollen: Im Namen einer Form der Thomas – hast vor allem darauf verwiesen ‚Die

14 Homo Geographicus Poststrukturalis | entgrenzt 8/2014


machen das so und so, Die argumentieren so einer hegemonialen Sprecherposition zu üben
und so und Die handeln autoritär und Die ver- und die aber sprachlich gleichzeitig selber
folgen eine Ideologie‘. Das betrachte ich mal auszuüben. Das find ich rhetorisch interessant,
von außen und fühle mich nicht direkt ange- politisch pikant und wissenschaftlich unsau-
sprochen. Aber dieses Gegenüberstellen finde ber. Ich möchte einen Satz nochmal zitieren:
ich eine interessante, soziale Kommunikati- ‚Kann man so machen, ich hab nichts dage-
onspraxis. Hier ein handelndes Kollektivsub- gen.‘ Mir persönlich ist das total egal, was
jekt zu formulieren, nämlich ‚die Poststruktu- Tom Dörfler dagegen hat oder nicht. Ich
ralisten tun irgendwas‘ ist mir völlig fremd. möchte nochmal einen Kritikpunkt aufgreifen,
Diese rhetorische Praxis soll ein dualistisches der da nämlich war, dass Politik und Wissen-
Verhältnis zwischen uns und den anderen schaft dann nicht mehr getrennt sind in be-
schaffen und ermöglicht eine pauschale Ab- stimmten poststrukturalistischen Ansätzen.
grenzung. Was ich allerdings selbstkritisch Das ist genau der Punkt, der für mich post-
daran interessant finde, ist, dass die Debatte strukturalistische Ansätze attraktiv macht.
sich um umkämpfte theoretische Zugänge Nämlich nicht eine vermeintlich objektive
dreht. Dafür haben wir sehr viele Beispiele Wissenschaft neutral zu erforschen, sondern
und das hat auch damit zu tun, wie diese An- zu sagen ‚das, womit ich mich beschäftige –
sätze benannt werden. In der britischen Geo- meinetwegen städtisches Alltagsleben – ist in
graphie – das haben wir in der deutschen Geo- höchstem Maße politisch und ich habe einen
graphie nur so am Rande mitbekommen- habe konzeptionellen Rahmen, der das berücksich-
ich immer gedacht ‚über was streiten die sich tigt und zwar nicht nur auf der Ebene der For-
da eigentlich?‘, über die Auseinandersetzung schung, sondern auch möglicherweise auf der
zwischen ‚Representational Theory‘ und ‚Non- Ebene der Veränderung‘. Also das macht es für
representational Theory‘, die ganz extrem aus- mich nochmal attraktiv, dass da eine enge
gefochten wurde, die auch ganz starke Ableh- Verbindung zum politischen Alltagsgeschehen
nung gegen ‚Gender Studies‘-VertreterInnen hergestellt werden kann oder vielleicht sogar
gezeigt haben – und du, Thomas, hast dies ja in bestimmten poststrukturalistischen Berei-
auch benannt. Genauso hart und sehr restrik- chen hergestellt werden muss.
tiv und regulativ wurde die Front gegen Post- Dazu gehört auch die zu Recht angespro-
strukturalistInnen dort auch geführt und hatte chene Schwierigkeit der Dekonstruktion der
auch entsprechende Effekte. Ich hoffe, das eigenen Position. Klar kann ich sagen ‚es gibt
vermeiden wir hier in unserem Kontext. Aber kein selbstreflexives Forschungssubjekt‘ und
was ich auch immer schwierig fand: Die neue indem ich das über mich sage, ist das natür-
Welle der hohen Aufmerksamkeit für post- lich reflexiv. Das kann aber zum Beispiel auch
strukturalistische Ansätze ist in der deutsch- beinhalten, dass ich in einem Forschungspro-
sprachigen Geographie mit der sogenannten jekt kein Ergebnis habe, und dieses Ergebnis
‚Neuen Kulturgeographie‘ gekommen. Und als Ergebnis präsentiere. Das ist für mich eine
solche Anhängsel wie ‚Poststrukturalismus‘ Form von poststrukturalistischem Forschen,
und ‚Neue Kulturgeographie‘ führen zu so ei- die auch meine Selbstreflexivität einbezieht,
ner Gegenreaktion, wie wir sie gesehen haben: zu sagen ‚ich höre hier auf, das Projekt ist
‚Das andere ist alt und das brauchen wir nicht nicht abschließbar‘ oder ‚ich habe kein ein-
mehr‘. Darum geht es überhaupt nicht bei deutiges Ergebnis‘. Das berücksichtigt aber
poststrukturalistischen Ansätzen, sondern um gleichermaßen, dass ich auch nicht davon
ein anderes Verständnis von Strukturalismus ausgehe, dass zum Beispiel alle interviewten
und ein anderes Verständnis, wie gesellschaft- Menschen das selbstreflexiv bearbeitet haben,
liche Verhältnisse reproduziert werden, wie was sie sagen. Es geht gar nicht darum, zu de-
wir alltäglich bestimmte Strukturen reprodu- finitiven Ergebnissen zu kommen, sondern es
zieren – ein poststrukturalistisch wichtiger Be- geht auch um eine bestimmte Offenheit in der
griff ist Performativität. Forschung und damit geht es für mich zumin-
Anke Strüver: Gut, ich schließe mich da dest auch um ein Wissenschaftsverständnis,
gleich mal an. Natürlich war das eine schöne das sehr viel breiter ist als das klassische, mit
provokative Rede und sie hat auch in alle dem ich auch sozialisiert worden bin an der
Wunden einmal rein geschnitten. Damit müs- Uni, nämlich, dass die Forschung sauber sein
sen wir leben, kann ich auch. Was ich aber je- muss und sauber heißt objektiv nachvollzieh-
doch ansprechen möchte, war eine Kritik an bar, am besten auch noch schön in einer Karte

entgrenzt 8/2014 | Podiumsdiskussion 15


aufgemalt, völlig neutral, unpolitisch und ent- aus der ‚azentrischen Positionalität‘, aus der
menschlicht. Und dieser Aspekt des Politi- Assimilation einer Dezentrierung eine Zentrie-
schen, das Zusammenbringen des Politischen rung zu machen. Und das ist der existentielle
mit dem Wissenschaftlichen, ist für mich ein Identitätskampf, den jeder von uns irgendwo
Punkt, der trotz der Schwierigkeiten, die auch durchführen muss, um sich die Welt schräg in
damit verbunden sind, an poststrukturalisti- seiner jeweiligen Subjektivität anzueignen. In
schen Ansätzen bedeutsam sind. diesem Sinne – das deutet jetzt eine Subjekt-
Thomas Dörfler: Gut, ich könnte das Spiel- theorie an, was nicht der Fall ist – nochmal
chen jetzt auch noch weiter treiben und sagen, auf die Empirie gesprochen: Man sollte gu-
der interessante Diskurs an der Kritik an mir, cken, was im Feld ist und nicht Theorien oder
wie dieser Diskurs sich positioniert, indem er Vorstellungen von der Welt – zum Beispiel das
wieder diese Ideologie immer nach vorne dekonstruierte Geschlechterverhältnis oder
schiebt und dann sagt ‚also alles andere ist so was auch immer das ist – in die Welt hinein-
und so und so und so‘. So kommen wir aber tragen. Es gibt einige wunderbare Publikatio-
nicht weiter, deswegen halte ich das für obso- nen zum Beispiel aus der Intersektionalitäts-
let. Jeder im Auditorium kann sich eine eigene forschung, die ich sehr empfehlen kann, wie
Meinung bilden. Das ist das Problem, was ich Degele. Dann versteht man auch genau, was
eingangs meinte mit der Kritikschwierigkeit das Problem ist: Dort wird die eigene Ideolo-
am Poststrukturalismus. Denn wenn man bei gie auf die Welt angewandt und die Welt da-
den ‚Guten‘ ist, bei den guten Theorien, den nach kopiert, unabhängig davon, ob sie gut
guten Überzeugungen, bei der Moral, wird es oder schlecht ist. Gut sind die, die Differenz
schwierig, diese zu kritisieren und gegen sie machen und ganz viele sexuelle Gelüste haben
zu argumentieren, was auch für Wissenschaft – wer Foucault gelesen hat, weiß, wie dieser
und Politik und politische Argumente in der Diskurs eigentlich einem äußerst problemati-
Wissenschaft gilt. Ich wollte nur noch eine Sa- schen Sexualisierungsdispositiv zuarbeitet,
che sagen: Es war ja auch von Empirie in der aber das ist ein anderes Problem.
Ausschreibung, wie es angekündigt wurde, die Wenn man empirisch arbeiten soll – und
Rede. Da haben wir jetzt gar nicht besonders weswegen ich meine, man solle sich nicht mit
drüber geredet. Poststrukturalismus aufhalten, sondern sich
Dazu möchte ich den Punkt der selbstrefle- mit der Welt befassen – braucht man Metho-
xiven Subjekte und ob es diese gibt oder nicht den, die das, was es irgendwo gibt auch erfas-
aufgreifen. Das entscheidet schlichtweg die sen können. Ein wichtiger Begriff, mit dem ich
Praxis, das entscheidet die Welt. Wenn man keine Probleme habe, ist der Realitäts- und
Menschen ernsthaft befragt und sie über sich Objektivitätsbegriff, der einfach problematisch
Auskunft geben und sich selber versuchen zu und defizitär in den Diskurs eingeführt wor-
positionieren, dann ordnen sie sich selbstrefle- den ist. Es gibt natürlich Objektivität, das ist
xiv ein. Das ist eine Grundannahme in meiner völlig klar, alleine schon, dass wir uns über
wissenschaftlichen Prägung, die das genaue bestimmte Dinge streiten, wie sie sind, deutet
Gegenteil von der Diskurstheorie ist. Ich den- ziemlich stark darauf hin, dass es etwas Au-
ke, es kann nicht anders funktionieren, denn ßenstehendes gibt, das widerständig ist. Das
die Praxis zeigt das, nicht ich als Theoretiker ist ein Indiz für Objektivität und genau das
oder die Theorien, die ich verfolge, sondern sollte einfach die Methode zeigen, ein Zugang
das kann man an sich selber sehen, das kann seriöser Art, ob das Subjekt dezentriert ist
man zum Beispiel an Kindern sehen. Da kann oder nicht. Warum soll man das nicht zeigen?
man sehen, wie wir Subjekte werden und mit Man muss es liberal oder – mit Max Weber ge-
Jean Piaget genauer betrachten. Das Problem sprochen – redlich machen. Und das Haupt-
des Poststrukturalismus ist, was ich eingangs problem, was ich mit einer bestimmten Spiel-
erwähnte, das er keine Subjekttheorie hat. Da art des Poststrukturalismus habe – wie auch
braucht man auch keine Theorie dann mehr, immer man das eingrenzen möchte –, ist die
was natürlich sehr praktisch ist. Der Poststruk- fehlende Redlichkeit, die fehlende Liberalität
turalismus kann nicht erklären, wie Subjekte und der fehlende Respekt vor dem Gegen-
zu Subjekten werden, weil Subjekte seit jeher stand, dass er sich so darstellen kann wie er
dezentriert sind. Aber viel spannender sind ist, aufgrund der verzerrten methodologisch
Theorien wie Plessner oder Piaget, die zeigen, bedingten Paradigmen. Beim Poststrukturalis-
wie ein Subjekt zum Subjekt wird, nämlich mus handelt es sich nicht mehr um Paradig-

16 Homo Geographicus Poststrukturalis | entgrenzt 8/2014


men, sondern um eben Glaubenssätze. Para- Ansätzen gibt. Deswegen komme ich auf den
digmen sind nämlich Annahmen, die ich falli- Titel für diese Veranstaltung zurück, den ich
bel gestalten muss. Die Grundannahmen der mit der Zeit immer seltsamer finde: ‚Homo
Gender-Studies zum Beispiel werden nicht geographicus poststrukturalis‘. Wir haben alle
mehr fallibel gehalten, und das ist wiederum in irgendeiner Art und Weise, oder zumindest
ein Indiz für Ideologie und das ist ein großes die PenalistInnen haben eine Vorstellung da-
Problem, weil man dann Ergebnisse bekommt, von, dass es eine Verbindung zwischen ihren
die einem willfährig sind oder nicht, und die Zielen und poststrukturalistischen Ansätzen
Nicht-Willfährigen müssen weggebissen wer- gibt, oder eben, dass es eine Verbindung zwi-
den und dürfen nicht erscheinen. Das sind schen poststrukturalistischen Ansätzen und ei-
meine Überlegungen zu dem Empirieproblem ner Konstruktion des Subjekts oder Dekon-
und vielleicht kommen wir dann nochmal dar- struktion davon gibt. Aber mich wundert die-
auf, denn das halte ich nochmal für relativ ser Titel ‚Homo geographicus poststructuralis‘.
wichtig, weil die Anwesenden möchten viel- Muss es so etwas geben? Thomas, du gehst
leicht auch irgendwie empirisch arbeiten und davon aus, dass es einen logischen Anspruch
sind vielleicht auch deswegen hier. an Kohärenz zwischen poststrukturalistischen
Anke Strüver: Deswegen wüssten wir auch Methoden oder theoretischen Ansätzen gibt
gern mal, was du empirisch arbeitest. und dem, was ein forschendes Subjekt macht.
Thomas Dörfler: Ich mache zum Beispiel In- Aus einer anderen Richtung, Sybille zum Bei-
terviewforschung, also Stadtforschung mit Be- spiel oder Anke, haben ihre Beiträge damit
wohnerInnen auf der Grundlage der Inter- begründet, dass sie mit bestimmten subjekti-
viewforschung, weil ich die Gesprächstheorie ven Zielen zu poststrukturalistische Ansätzen
und die seit 30 Jahren existierende Diskussion gekommen sind und dass es irgendwie diesen
über Interviews und alltagsweltliche, hand- Zielen gedient hat. Und daher würde ich gerne
lungsfähige, autonome Subjekte wie sie sich in wissen, inwiefern der Titel euch irritiert hat?
Interviews etablieren und zur Sprache kom- Und wenn ja, wie?
men, für brauchbar halte. Das versuche ich Marc Redepenning: Ich weiß gar nicht, ob
mir anzugucken und zu verstehen, warum sie er mich so stark irritiert hat. Aber er macht
sich so und so autonom positionieren müssen natürlich, und wir haben das auch in der Dis-
in einem relationalen Milieuraum. Aber ich kussion immer wieder gehört, auf eine andere
würde nie sagen, dass sie TrägerInnen oder Ef- Sache aufmerksam: Und das ist der Aspekt der
fekte des Diskurses sind – das verbietet mir Subjektivität bzw. der Rolle und des Status des
der Respekt vor den Personen, mit denen ich Subjekts: Nicht selten ist ja poststrukturalisti-
mich unterhalte – sondern ich schaue mir an, sches Denken dadurch gekennzeichnet, dass es
wie sie sich in ihrem Feld positionieren und wissenschaftliche Aussagen und politische
was man daraus lernen kann, auch über Vor- Statements in der Person des Wissenschaftlers
urteile in Suburbia zum Beispiel oder über den vereint und, dass das eigentlich auch gerne als
Diskurs der Urbanität, der auch seine Vorur- ein zentrales Merkmal hochgehalten wird. Als
teile und seine diskriminierenden Inhalte hat. Luhmannianer habe ich damit gleich doppelt
Matthew Hannah: Also was in allen Beiträ- Probleme, sozusagen Probleme mit der Größe
gen bisher und auch Repliken aufgekommen des Subjekts, weil mir dieser Begriff oder das
ist, ist irgendeine Verbindung mit Subjektivi- Konzept wieder zu viel einschließt. Das sind
tät. Für jemand, der relativ neu hier ist in Begriffe, die ich nicht weiter zergliedern kann
Deutschland und aus dem britischen und auch bzw. bei denen es sich verbietet, sie zu zer-
vorher aus dem US-amerikanischen Milieu gliedern. Auf der anderen Seite bin ich als
kommend, ist diese Diskussion sehr spannend. Wissenschaftler irgendwo glücklich damit,
Etwas, was ich eigentlich ganz gut finde hier wenn ich in das Kleine, in das Tiefe hineinge-
in Deutschland ist, dass der Umgang mit post- he und meine Kästchen aufmache und sortie-
strukturalistische Ansätzen, egal wie man die- re, wohlwissend dann auch markieren, be-
se auslegt, bisher noch nicht losgelöst ist und zeichnen, ausblenden zu müssen: Man beob-
sich hoffentlich nie loslösen wird von der Fra- achtet und macht damit diese oder jene Kiste
ge nach dem Subjekt. Was ist das Subjekt? auf, weil man sich entschieden hat, Politik zu
Wie können wir das verstehen? Ich finde, dass beobachten, z. B. unter dem Motto „Gleichheit
es eine sehr interessante Spannung zwischen – Ungleichheit“, „Geschlecht“ oder sonst et-
dieser Subjektfrage und poststrukturalistischen was. Bei Luhmann ist das – und das hat mir

entgrenzt 8/2014 | Podiumsdiskussion 17


persönlich sehr geholfen – recht elegant auf- der Kommunikation auszuweisen und zu
gelöst, dass wir vielleicht den Menschen, also schauen, welche Systeme die Welt nach be-
das Subjekt aus der Gesellschaft holen und ihn stimmten Vorgaben – bei Luhmann heißt es
in das Off oder Jenseits der Gesellschaft stel- Codes – beobachten und sich selbst dabei ein-
len und ihn durch Kommunikation und kon- schließen. In der Politik interessiert ‚Macht
kret-unterschiedliche Kommunikationslogiken haben/nicht Macht haben‘, in der Wissen-
ersetzen. Wissenschaftliche Kommunikation ist schaft geht es nur um ‚Wahrheit/Unwahrheit‘.
dadurch gekennzeichnet, dass sie versucht, Insofern versperrt – zumindest aus meiner
Wahrheit von Unwahrheit trennen zu müssen! Sicht – so ein Ausdruck wie „Homo geogra-
Dabei ist der Wahrheitsbegriff keiner, der ob- phicus poststructuralis“ etwas, das ich für
jektiv unumstritten oder sich aus der Sache wichtig halte. Aber das ist genau der Punkt,
heraus ergibt, sondern er wird bestimmt über an dem ich am Anfang versucht habe zu argu-
zwei Selektionsmechanismen und ist von ih- mentieren, dass Poststrukturalismus selbstbe-
nen abhängig und damit relativ: Das ist ein- züglich und reflexiv sein kann und sollte: Das
mal die Wahl der Theorie und dann die Wahl ist meine Setzung, also so etwas wie ein ‚in-
der Methodik, die uns dann erst erlauben zu violate level‘, eine geschützte Studie, die ich
sagen: ‚Meine Annahme ist wahr oder un- nicht immer in Frage stellen kann. Damit be-
wahr‘. Und mit einer anderen Theorie oder obachte ich Gesellschaft, Umwelt oder Raum
Methodik ist die Verteilung auf die Werte und schließe Individuen, Subjekte für mich
wahr oder unwahr plötzlich eine ganz andere. aus.
Das ist das Spannende. Davon allerdings sind Das hätte man auch anders lösen können,
Aussagen zu unterscheiden, die wir im Namen aber immerhin ist es eine Perspektive, die ge-
der Profession der WissenschaftlerInnen zwar nauso gut anders hätte sein können. Sie ist
treffen können (und das machen wir ja dau- weder besser noch schlechter, insofern hat
ernd), die aber nicht direkt auf die Frage nach man dann eine zumindest formale Gleichwer-
Wahrheit oder Unwahrheit bezogen sind. Na- tigkeit anderer Beobachtungsmöglichkeiten
türlich können wir als Wissenschaftler fordern: zur Kenntnis zu nehmen. Wenn man das nicht
‚Ich will jetzt unbedingt den Mindestlohn ha- tut, sind wir wieder beim Problem der Hoch-
ben, weil ich festgestellt habe, dass das Segre- näsigkeit des Poststrukturalismus, das hatten
gation in Städten vermeiden hilft.‘ Wichtig ist: wir ja auch schon angesprochen.
Ein Wissenschaftler sagt das, aber es ist keine Anke Strüver: Ich fand den Titel auch total
Aussage, die den Code des Wissenschaftssys- irritierend. Ich muss auch sagen, dass ich mit
tems bedient – wahr oder unwahr – sondern dem Titel erst konfrontiert wurde, als schon
die sagt: ‚Ich fordere, eine kollektive Entschei- lange klar war, dass ich komme und dachte
dung darüber zu fällen, wie Gesellschaft orga- erst: ‚Oh Gott, da fahre ich nicht hin‘. Es gibt
nisiert werden soll, wie Arbeitsverhältnisse re- nicht den Poststrukturalismus, es gibt nicht die
guliert werden sollen, wie Mindestlöhne aus- poststrukturalistische Methodologie und es
gestattet werden. Dann agiert man im System gibt schon gar nicht die poststrukturalistische
politischer Kommunikation und fordert Ver- Methodik. Dann dachte ich: ‚Worüber sollen
bindlichkeiten ein, obwohl man wissen sollte, wir dann diskutieren?‘. Oder jetzt mal ein
dass sie auf einer Wahrheit beruhen, die fragil bisschen ketzerisch: ‚Denken die Bayreuthe-
ist, weil sie durch bestimmte Selektionen – rInnen, dass es das gäbe und müssen wir das
welche Theorien, welche Methoden werden irgendwie diskutieren?‘ Zumal ich als beken-
gewählt? – erzeugt wurde und daher kontin- nende Poststrukturalistin dachte, wir hätten
gent, also anders möglich ist. Das erscheint das Denken in ‚Homo irgendwas‘, sei es nun
mir insgesamt eine widersprüchliche Aktion poststrukturalis, oeconomicus oder actionis-
zu sein, aber sie findet sich oft in poststruktu- mus, längst überkommen.
ralitischen Argumentationen wieder. Aus die- Gleichzeitig – und das ist jetzt die Gegenre-
sen Gründen habe ich das Problem mit der Se- de zu meiner eigenen Rede – finde ich es
mantik des Subjekts: Sie beinhaltet mir zu spannend, dass ein geographisches Institut an
viel. einer deutschsprachigen Uni tatsächlich sowas
Für mich beinhaltet ein reflexiver Post- auch mal zu einem Kolloquiumsthema erhebt.
strukturalismus daher auch den Aufruf, diese Vielleicht war ich immer in den falschen Insti-
Einheiten und Zentrierungen fallen zu lassen tuten, obwohl ich lange in Münster war, was
und stattdessen unterschiedliche Logiken in nun auch den Ruf hat, absolute poststruktura-

18 Homo Geographicus Poststrukturalis | entgrenzt 8/2014


listische, diskurstheoretische Hochburg zu die etwas Ideologisches hat. Darüber kann
sein, auch wenn es dort lange nicht so ist, dass man sich auseinandersetzen. Oder soll der Ti-
alle poststrukturalistisch forschen, forschen tel suggerieren: ‚Wir wünschen uns eine Uni-
müssten oder könnten. Man könnte auch unter versalisierung dieses Konzeptes‘. Das fände ich
diesem Titel also verstehen: Die neue Bay- auch problematisch. Oder – und das habe ich
reuther Schule forscht poststrukturalistisch. So auch vorher überlegt – ‚Wen haben sie denn
könnte man es ja auch lesen, was mich dann so eingeladen? Was haben sie denn so vor?‘.
auch wieder stutzig machen würde. Deswegen Ob es das ist, was die VeranstalterInnen sich
hatte ich aus zweierlei Gründen erst ein biss- gewünscht haben, dass wir hier so einen
chen das große Stutzen. Wenn ich das füllen Showkampf veranstalten. Da möchte ich mich
müsste, dann wie folgt: Bei mir geht es um ei- auch nicht so gerne dran beteiligen.
ne Subjektorientierung, und zwar in zweierlei Zu einem Aspekt möchte ich besonders
Hinsicht: um meine Positionalität als Forsche- Stellung beziehen: Es soll darum gehen, besser
rin, die ich einnehme, und auch um den poli- zu verstehen, was mit poststrukturalistischen
tischen Anspruch, den ich mit der Forschung Ansätzen gemeint ist. Niemand, der sich mit
verknüpfe. Ich sehe das nicht auf so einem Postrukturalismus identifiziert, sagt ‚Ich arbei-
großen politischen Politikfeld, wie die Beispie- te mit poststrukturalistischen Ansätzen‘. Nie-
le, die Marc gerade angewandt hat. Bei mir mand würde behaupten, dass Wirklichkeit be-
geht es eher um das kleine politische Politik- liebig sei und auch nicht, dass es eine Willkür-
Machen, was eher widerspenstig im Theorie- lichkeit der Interpretation von Welt gibt. Das
jargon heißt, aber wo für mich auch der An- würde niemand vertreten. Ich weiß nicht,
spruch meines wissenschaftlichen Tuns liegt, warum du – Thomas – das so sehen möchtest,
das mit einzubeziehen. dass wir alle denken, Poststrukturalismus ist
Georg Bosak: Uns war bewusst, dass es na- eine Ideologie, ist eine Religion, ist eine Dele-
türlich eine Provokation ist. Gut, Bayreuth ist gitimierungsstrategie. Dann brauchst du na-
immer so ein bisschen aus dem Off. Da sehen türlich so eine Rhetorik, aber das hat nichts
wir uns auch ein bisschen. Es war uns einfach mit Poststrukturalismus zu tun. Sie haben ja
wichtig, nochmal so zu zeigen: Wenn Texte wahrscheinlich auch schon gemerkt: Es gibt
immer mehr in den Mittelpunkt rücken und sehr verschiedene Verständnisse von Post-
wir uns mit Texten beschäftigen, wo ist dann strukturalismus. Aber es ist allen poststruktu-
eigentlich unser empirisches Feld? Was verste- ralistischen Ansätzen gleich, dass sie eben ge-
hen wir noch unter geographischer Empirie? genreden, gegen eine Idee von Beliebigkeit
Wo ist denn dann das Geographische, wenn und von Wirklichkeit, sondern davon ausge-
wir Empirie mit Texten machen? Aus diesen hen – im Sinne des zentralen Konzepts der
Gründen haben wir uns gefragt: Wenn der Diskurstheorie: Kontingenz – dass es nicht be-
Poststrukturalismus – und da gerade auch die liebige Vorstellungen von Wirklichkeiten gibt,
Diskursanalyse – immer populärer wird, dann aber in einem bestimmten Spektrum sich
wird, der ‚homo geographicus poststructuralis‘ Wirklichkeit abspielen könnte.
bereits verkörpert. Und das ist in dem Feld, in dem ich mich
Sybille Bauriedl: Bei dem Titel ‚homo post- bewege, extrem interessant. An der Bay-
structuralis‘ habe ich mich auch gefragt: ‚Den- reuther Akademie geht es um ‚Zukunft Afrika‘.
ken die, ich bin das? Und haben sie mich des- Die Themen, mit denen ich mich vorher be-
wegen eingeladen?‘ Das war mir nicht so an- schäftigt habe – Klimawandel, Nachhaltigkeit
genehm. Dann hab ich gedacht: Mit dem ‚ho- – das sind alles Zukunftsthemen und ebenso
mo‘, ist damit auch eine Homogenisierung wie die Auseinandersetzung darüber, wie wir
gemeint, die vielleicht auch kritisiert werden uns als Kollektiv und als Subjekte Zukunft
soll? Und das kenn ich von den verschiedenen vorstellen. Gibt es da eine Zukunft, zwei oder
Instituten, wo ich lehre, ja auch, dass vor al- fünfzig? Ich würde nicht davon ausgehen, dass
lem Jüngere da auch mit Abneigung reagie- es eine Million mögliche Zukünfte gibt, son-
ren, weil das unter anderem mühsam ist, sich dern mögliche gesellschaftliche Verhältnisse
mit solchen anderen Denkkonstruktionen aus- und Praktiken werden sich in einem bestimm-
einanderzusetzen, und weil sie auch das Ge- ten Spektrum bewegen. Wir werden nicht er-
fühl haben, sie müssen es immer wieder ma- leben, dass in fünf Jahren der Kapitalismus
chen. Da werden sich auf eine Fährte geleitet, abgeschafft ist. Das ist nämlich ein dominan-
wie Thomas Dörfler das ja auch kritisiert hat, ter Diskurs, der weitergetragen wird und der

entgrenzt 8/2014 | Podiumsdiskussion 19


verbunden ist mit dominanten diskursiven gefragt‘ oder einer theoretischen Überzeugung
Praktiken, die wir nicht morgen abschaffen. für bestimmte Perspektiven. Ich bemerke, dass
Und es folgen interessante Fragen, wie Sub- diese Rhetorik von ‚ich hab mich für was an-
jektlogiken, kollektive Logiken und dominante deres interessiert‘ oder ‚ich hab halt was an-
Diskurse miteinander in Bezug stehen. deres gefragt‘ immer häufiger vorkommt in
Thomas Dörfler: Ich hab mich auch erst mal der Geographie. Inwieweit versuchen wir,
gewundert. Der erste Eindruck war: ‚Pff, homo Themen trotzdem ganzheitlicher anzugehen
poststructuralis gibt es nicht‘. Warum also sich oder zu verstehen? Das führt mich auch zu ei-
über etwas unterhalten, was es nicht gibt? ner weiteren Anmerkung: Ich fand, dass in der
Wenn man darüber nachdenkt, vielleicht Diskussion eine relative Distanz zum Feld oder
könnte man ein bisschen eine ironische Ant- zur Empirie deutlich wurde. Gleichzeitig äu-
wort geben: ‚Homo geographicus poststructu- ßert sich das auch in einer Art poststruktura-
ralis‘ das sind diejenigen, die diese nachstruk- listischen Bewegung, die viele Auseinander-
turalistische Debatte auf seltsame Art und setzungen mit sich selbst birgt, besonders in
Weise angeeignet haben, durch komische Le- Bezug zur eigenen Begegnung mit den theore-
sepraktiken, einseitige Verständnisse von Der- tischen Richtungen, die ein bisschen auf die
rida, Lacan und Foucault und dabei vergessen, Geographie als ein Schnarch-Fach hindeuten,
was dann noch in deren Spätwerken jeweils die dann irgendwann entdeckt hat, dass es
seit ein paar Jahren rezipiert wird. Ansonsten theoretisch spannende Dinge gibt. Inwieweit
hätte man bemerkt, dass man wahrscheinlich führt diese Auseinandersetzung mit sich selbst,
eben relativ einseitig arbeitet. In diesem Sinne die sicherlich für die Geographie sehr wichtig
wäre das für mich ein ‚Symptombegriff‘. Das war, vielleicht wieder in eine andere Rich-
muss ich ein bisschen kritisch den Veranstalte- tung, die stärker zurück zur Welt und eben
rInnen gegenüber vorhalten, die da einen auch zur Empirie geht? Ich glaube, dass man
Mehrwert herausziehen wollen. Ich hielte das dazu auch in der deutschen Geographie Ten-
für problematisch, wenn das mit Bayreuth ver- denzen entdecken kann, und deshalb frage ich
bunden werden würde. Damit täte man sich in der Hinsicht, ob wir jetzt, wenn wir den
wahrscheinlich keinen Gefallen. Poststrukturalismus, Postkolonialismus und so
Matthew Hannah: Wir haben noch eine weiter in der deutschen Geographie jetzt noch
Meldung aus dem Publikum. feiern, eigentlich nicht schon wieder 10, 20
Sandra Sosnowski: Mich würde vor allen Jahre hinterher sind, weil es grade aus dem
Dingen der zweite Teil noch ein bisschen mehr postkolonialen Bereich eine recht etablierte
interessieren, dieses: ‚Was verstehen wir unter Kritik an diesen Perspektiven gibt, die wir
geographischer Empirie?‘ Wenn Sie/ihr viel- jetzt vielleicht auch schon mit bedenken müs-
leicht da nochmal ein bisschen mehr drauf sen.
eingehen könntet, wäre gut, denn wir haben Matthew Hannah: Also wenn ich mir das
jetzt gehört, dass es wirklich sehr unterschied- erlauben kann, gehe ich auf beide Fragen ein.
liche Positionen hier gibt, und wie wirkt sich Also ich finde diesen Selbstbezug sehr proble-
das jetzt auf dieses Verständnis der geographi- matisch. Er kommt meines Erachtens aus einer
schen Empirie aus? erhöhten Sensibilität für die Notwendigkeit
Georg Bosak: Danke. Ich sammle erstmal einer Reflexion. Das finde ich an sich legitim,
noch weitere Fragen. Wo ist noch eine? dass man die eigene Positionierung reflektiert.
Julia Verne: Ich möchte an das anschlie- Aber natürlich gibt es ein Spektrum, wo es
ßen, was Anke Strüver vorhin von ihrem For- überhaupt keine Reflexion gibt. Das geht
schungsprojekt zum Pendelverhalten über die überhaupt nicht mehr, würde ich sagen. Wir
Grenze erzählt hat, wo noch immer die die sind ein bisschen weiter in die andere Rich-
Frage offen blieb, warum sie das eigentlich tung gegangen, aber das kann durchaus zu
tun oder nicht tun. Hinterher kam nochmal weit gehen, sodass alles am Ende nur noch
die Aussage, dass man vielleicht manche Reflexion ist, aber dafür gibt es keine richtige
Aspekte nicht beantworten kann und dass aus Antwort, die für alle Fälle geltend wäre.
einer poststrukturalistischen Perspektive das Ich wollte auch auf diese Frage nach dem
auch gar nicht so schlimm ist, dass manche Untertitel eingehen, aber ich habe auch einige
Forschungsprojekte ohne Ergebnis sind. Ich von euren Fragen einfach ausgelassen. Ich
frage deshalb, wo man dann die Grenze zieht möchte auf Sandras Frage eingehen, weil es
zwischen einfach ‚schlecht geforscht‘, ‚falsch eben dazu eine Vorgeschichte gibt, was die

20 Homo Geographicus Poststrukturalis | entgrenzt 8/2014


Vorteile eines diskursanalytisch orientierten wiederum anderes ausblenden; man bleibt al-
Ansatzes illuminiert. Das heißt, es gab vorher so in einem Zirkel von Sehen und Blindheit,
einen anderen Untertitel. Ich habe vergessen, das eine kommt mit dem anderen; und das
wie er genau hieß, aber es war so etwas wie unvermeidbar. Also diese Folgenabschätzung
‚Können wir überhaupt noch etwas sagen?‘ unserer grundlegenden Setzungen, um über-
Und das hat mich sehr stark irritiert. Ich emp- haupt wissenschaftlich arbeiten zu können, ist
fand das als eine Vorurteilung der ganzen Fra- etwas Wichtiges. Aber genauso wichtig sind
ge. Wir haben im Hintergrund eine Debatte die Setzungen. Wir müssen sie tun. Sonst blei-
darüber geführt und dann haben wir uns am ben wir stehen, sonst operieren wir eigentlich
Ende auf diesen Untertitel geeinigt. Das zeigt nicht und zögern nur.
meines Erachtens: Wie etwas formuliert ist, ist Anke Strüver: Gut, wie sollte der Untertitel
immer wichtig. Zugegeben, es gibt große Pro- eigentlich sein?
bleme, die du, Anke, angesprochen hast, die Matthew Hannah: „Können wir überhaupt
Wirkungen von Sprache irgendwie festzustel- noch etwas sagen?“
len. Und wie Thomas schon mehrmals gesagt Anke Strüver: Mein möglicher Untertitel
hat und wo ich ihm zustimme, ist, dass in die- wäre: ‚Können wir überhaupt noch etwas fra-
sen diskurstheoretischen Ansätzen häufig an- gen?‘ Das schließt daran an, denn das ist das,
genommen wird, dass alles, was so implizit in was mir so eingefallen ist zu dem Einladungs-
dem Diskurs steht, sich auch irgendwie genau- text. Das geht auch vielleicht so ein bisschen
so auswirkt auf die Menschen, und das muss in die Richtung: Wann ist Forschung geschei-
auch hinterfragt werden. Aber trotzdem finde tert? Forschung ist meines Erachtens geschei-
ich es ganz wichtig, diesen Bedingungen der tert, wenn sie nicht offenlegt, was sie getan
Herstellung irgendeines Textes oder irgendei- hat. Wenn ich kein Ergebnis habe, ist das kein
nes Diskurses nachzugehen. Scheitern, sondern das ist eigentlich ein über-
Marc Redepenning: Das was du gesagt hast, reflexiver Umgang mit den Daten, die man er-
ist natürlich ein wichtiger Punkt. Ich antworte hoben hat. Ein Scheitern ist für mich – und so
mal wieder mit Systemtheorie: Armin Nassehi beurteile ich zum Beispiel auch Abschlussar-
hat mit Irmhild Saake vor Jahren einen Artikel beiten – wenn man sagt: ‚Ich bearbeite die
über Kontingenzbewältigung und das Metho- Verkehrsmittelwahl und das ist das Ergebnis.
denprogramm der Systemtheorie geschrieben. Punkt.‘ Dann wird mir ein Ergebnis präsentiert
Beide hatten da gefragt: ‚Was kennzeichnet ei- und ich habe keine Ahnung, wie es erhoben
ne systemtheoretische Methodik?‘ – Eine nicht worden ist. Das ist Scheitern. Aber zu sagen:
ganz unwichtige Frage, denn Systemtheorie ‚Ich habe 95 Interviews geführt und ich hab
wird selten mit Methoden oder Methodenre- keine Ahnung, wie die Wahrnehmung einer
flexion in Verbindung gebracht. Und dann Grenzsituation ist‘, das ist kein Scheitern,
schreiben sie – und ich habe es mir irgendwo wenn dann offen gelegt wird, warum man
notiert –, dass es um die ‚Folgenabschätzung nicht beurteilen kann, wie die Wahrnehmung
von Begriffs- und Unterscheidungsvorstellun- ist.
gen‘ geht. Also was sind die Folgen, die sich Martin Doevenspeck: Ich würde noch mal
dann entwickeln und entwickeln können, das aufgreifen, was Julia gesagt hat. Klar, es
wenn wir mit ganz bestimmten Begriffen ar- gibt keine poststrukturalistische Methodologie
beiten, wenn wir mit ganz bestimmten Theori- oder so etwas, aber es ist ja auch nicht ganz
en, Methoden, Unterscheidungen arbeiten? beliebig. Deshalb nochmal die Frage: Was ver-
Was können wir damit sehen? Das wurde ja stehen wir unter geographischer Empirie? Klar
auch in der Frage thematisiert. ist Erkenntnistheorie immer Symptom der Kri-
Vielleicht muss man aber noch hinzufügen se. Das machen wir jetzt schon länger mit, und
– und das geht über den Kommentar dann hin- wenn man in den Area Studies ist, zum Bei-
aus –, dass das eigentlich Spannende doch spiel in Bayreuth, dann ist es immer ganz in-
vielmehr Folgendes ist: Was können wir eben teressant, hier mit Entwicklungssoziologen zu
nicht sehen? Das jedoch können wir mit einer reden und zu bemerken, wie lange wir schon
zweiten Beobachtung möglicherweise dann hinterher hinken. Deshalb besteht für mich
wieder hell machen und einblenden, mit ganz das immer Gefühl, vor allem wenn ich das auf
ähnlichen Kosten, wenn ich das mal so sagen die Neue Kulturgeographie reduziere, die ich
darf. Denn diese Beobachtung ist selbst nicht von außen betrachte, ‚da machen immer alle
besser oder höherwertig, denn formal muss sie das gleiche‘. Ich übertreibe jetzt. Die Fragen

entgrenzt 8/2014 | Podiumsdiskussion 21


gehen an Sybille Bauriedl und Anke Strüver: nicht. Aber dieses Bedürfnis nach ‚ich will
Vielleicht könnt ihr eine Einschätzung jetzt wieder stärker in das Feld, ich will auf die
nach über zehn Jahren über dieses poststruk- Straße‘, sei das nun die Straße in Bayreuth
turalistische Paradigma geben? Was hat das oder an einem exotischen Ort, auch diese
für einen Einfluss gehabt für geographische Sehnsucht nach dem Exotischen, die sehe ich
Empirie, wenn es die überhaupt gibt? Was ich in der Geographie ja wieder erwachsen und
sehe, ist ein extremes Unbehagen mittlerweile das sehe ich als sehr problematisch an. Ich
auch in der Neuen Kulturgeographie, verbun- kann das schon nachvollziehen, und es gilt
den mit einer Suche nach ‚in die Welt gehen‘, auch für mich, nicht so sehr das Exotische,
also auch mal wieder was zu wissen, positives aber dieses ‚ich will jetzt wirklich mal rausge-
Wissen. hen und forschen‘.
Anke Strüver: Ich war neulich mal wieder Marc Redepenning: Das berührt ja das Feld
seit Langem, ich glaube seit 15 Jahren, auf ei- der empirischen Sozialforschung und die Fra-
ner Tagung der ‚Regional Studies Association‘ ge nach der ‚guten‘ poststrukturalistischen
und dachte da nicht, dass man mit poststruk- Methode. Und da habe ich den Eindruck, dass
turalistischem Gedanken hinterher hängt, son- man den Poststrukturalismus immer recht zü-
dern dachte: ‚Oh, die haben den immer noch gig auf die Seite der qualitativen Sozialfor-
nicht?!‘ Also es war genau andersrum. Da wird schung zieht. Ich glaube, dass das gar nicht
tatsächlich, wenn es zum Beispiel um Prozesse sein muss: Für mich ist eine gut gemachte
innerhalb der EU geht, noch verglichen, wie quantitative Sozialforschung – und die kann
groß die Bevölkerung ist, wie groß das Terri- ruhig als Clusteranalyse daherkommen, wenn
torium ist, in welcher Relation Bevölkerung sie auf ihre Selektion achtet und damit reflek-
und Territorium zueinander stehen. Dann be- tiert, wie sie Indikatoren miteinander kombi-
komme ich die Krise und denke: ‚Da sind viele niert – poststrukturalistischer als eine schlech-
Dinge noch nicht angekommen. ‘ Gleichzeitig te qualitative Forschung, die im Namen des
würde ich auch sagen – und das gilt auch für Poststrukturalismus aktiviert wird und dann
den deutschsprachigen Kontext – dass eine im Endeffekt nur das macht, was David Silver-
Zeitlang gerade unter dem Label ‚Neue Kultur- man mal ‚Tourism‘ genannt hat – wir gehen
geographie‘, – ich finde die Gleichsetzung mit raus und suchen das Andere und Exotische –
Poststrukturalismus extrem problematisch und bzw., aber das sollte im Poststrukturalismus ja
habe das auch nie getan, ich denke, wir wis- eigentlich nicht vorkommen, dieser ‚Romanti-
sen, wer es war – tatsächlich so eine Beliebig- cism‘ – wir gehen raus und versuchen das Au-
keit eingezogen ist, ‚ich gucke mir irgendwas thentische, das Echte da draußen zu finden.
an und interpretiere irgendwas, so ist dann Insofern kann eine auf Selektionen achtende
meine Variante der Wirklichkeit‘. Ich für mich quantitative Analyse auch poststrukturalisti-
selber würde auch sagen, dass ich lange eine sches Denken implizieren, wenn sie vorsichtig
Unzufriedenheit damit hatte, Diskurse zu er- mit ihren Indikatoren umgeht, wenn sie über
forschen, gerade medialer Art. Ich dachte: ‚Ich ihre Korrelationen und Regressionen wacht.
will auf die Straße und ich will mit den Men- Kurz: Es gibt also keinen Automatismus, Post-
schen reden.‘ Das habe ich auch gemacht in strukturalismus mit der Ablehnung von quan-
den letzten Jahren in der aktiven Forschung. titativer Sozialforschung zu assoziieren, damit
Das führt für mich konzeptionell zu einem würde man sich ja einiges versperren.
Problem, was ich auch geschildert habe, näm- Anke Strüver: Das tut seit Langem keiner
lich dass ich denke, ich kann eigentlich keine mehr.
biographischen Interviews führen. Ich darf das Marc Redepenning: Gut, dann wäre ja alles
nicht als Poststrukturalistin, a) weil ich es in- klar, mir scheint es jedoch nicht so einfach zu
terpretieren muss und b) weil ich ja meine sein, weil das Problem der Selektion dabei
Subjekte zu stark setze, die ich interviewe. Ich nicht gelöst wurde.
mache es dann aber trotzdem, indem ich ver- Thomas Dörfler: Einen Satz zu Martins Ein-
suche, das mit der intersektionalen Mehrebe- wand: Ich glaube, das Grundproblem besteht
nenanalyse rückzubinden an Diskurse und darin, dass man mit dem Poststrukturalismus
Strukturen. Das ist eine Variante meines Er- in letzter Konsequenz nicht empirisch arbeiten
achtens, sich der konstruierten Wirklichkeit kann, weil das die Phantasmagorie des Post-
anzunähern, aber es ist natürlich nicht die strukturalismus ist. Worauf er epistemisch be-
Wahrheit, die herauskommt, denn die gibt es ruht, ist, dass es die Realität und die Objekti-

22 Homo Geographicus Poststrukturalis | entgrenzt 8/2014


vität und die Wahrheit nicht gibt. Mit diesem den Menschen sprechen – wie Entscheidungs-
Selbstverständnis kann ich nicht forschen. logiken entstehen. Wie können wir diese ana-
Denn ich muss zu wahren oder falschen Aus- lysieren? Was für Erkenntnisse können wir
sagen gelangen; das ist im Diskurs der Univer- daraus ableiten? Wie können wir verstehen,
sität, im Diskurs der Wissenschaften absolut welche Regulationsprozesse relevant sind? Im
zentral. Deswegen besteht auch mein Unbeha- Moment schwirren wir in so einer Abneigung
gen. Solange das aber nicht gelöst ist, wird das gegen positivistische Erkenntnisse und das ist
auch nicht weg gehen. Wenn sich jetzt was eine rein praktische Abneigung. Ich habe sehr
ändern würde, dann heißt das, dass der Post- viel mit angewandter Forschung zu tun und
strukturalismus, der eine Selbst(befassung?) die Frage ‚Warum funktioniert das nicht mit
ist, eine Kritik an etwas äußert – im Derri- der Klimaanpassung? Warum funktioniert das
da‘schen Sinne parasitär. Er braucht einen an- nicht mit der Energiewende? Warum machen
deren Diskurs, gegen den er sich etabliert, wie die Menschen nicht mit, obwohl wir wissen:
zum Beispiel die Dekonstruktion im klassi- Das ist die Lösung und genauso muss es funk-
schen Sinne, also die Kritik daran. Das haben tionieren?‘ Und wir sind uns alle sicher, d.h.
wir jetzt durch und dann war es das. Wenn die NaturwissenschaftlerInnen, die Sozialwis-
wir empirisch arbeiten sollen, sollte man mög- senschaftlerInnen und Wirtschaftswissen-
lichst nicht den Umweg über den Poststruktu- schaftlerInnen sind sich sicher, das ist das
ralismus gehen, denn sonst wird man wieder richtige Wissen und jeder Mensch muss ratio-
zehn Jahre zu spät zu sein. Letztlich müssen nal entscheiden und sich daran orientieren.
die Personen entscheiden, wie sie selber arbei- Aber das funktioniert nicht. Da braucht es zu-
ten wollen. nehmend Erkenntniszugänge, die Poststruktu-
Sybille Bauriedl: Ich würde gerne nochmal ralistInnen auch nicht bieten, sondern andere
auf zwei Punkte eingehen: auf Sandras Frage Ansätze, um das nachvollziehen zu können.
nach Methoden und auf Martins Hinweis auf Vielleicht gibt es auch einen neuen Schwung
das neue Paradigma. Du wolltest wissen, wo aus der Umweltpsychologie, die in die Geo-
sehen wir die Debatte in zehn oder Jahren. graphie kommt, um solche Fragen beantwor-
Das finde ich eine sehr interessante Frage und ten zu können: ‚Wie kommen Entscheidungs-
ich glaube, die nimmt auch ein bisschen den prozesse im Umgang mit den vielen Fragen
Wind aus den Segeln dieser Frontenbildung zustande, die Gerechtigkeit betreffen? Und
heraus, die wir hier erkennen. Die neue Sozi- wie können gesellschaftliche Prozesse sich in
algeographie ist in den 1980er stark geworden die eine oder andere Richtung bewegen?‘ Un-
und hat sich in der Ethnologie und Soziologie sere Forschungsförderung ist extrem geprägt
bedient, die poststrukturalistischen Ansätze von normativen Ansätzen, die ganze For-
haben sich sehr stark an der Linguistik be- schungsförderung der EU und auch der deut-
dient. Ich fand das immer lästig. Jetzt muss schen Forschungsförderung sagt: ‚Das ist das
ich mich auch noch mit Derrida und diesen Ziel, wir brauchen eine gesellschaftliche
ganzen LinguistInnen, also mit einer neuen Transformation und die Sozialwissenschaftle-
Disziplin auseinandersetzen. Aber das müssen rInnen und auch GeographInnen sind aufgeru-
nicht alle machen. Für bestimmte Erkenntnis- fen, daran mitzuarbeiten, dass diese Ziele er-
interessen, bestimmte Fragestellungen macht reicht werden.“ In die Richtung werden zu-
das Sinn, und um mehr geht es hier überhaupt nehmend Ansätze gebraucht, die das beglei-
nicht. Es müssen nicht alle ‚homo poststructu- tend reflektieren und dafür sind besonders
ralis‘ sein, sondern der, der sich für bestimmte poststrukturalistische Ansätze geeignet.
Fragestellungen interessiert, und das sind vor Christoph Haferburg: Ich habe mir das
allem Fragen nach Praktiken sozialer Diffe- hier alles am Anfang mit sehr viel Enthusias-
renzproduktion, die können sich mit solchen mus angehört und jetzt bin ich inzwischen et-
Ansätzen auseinandersetzen und überlegen, ob was ernüchtert. Ich habe mich gefragt, warum
das ein richtiger Zugang ist. Ich würde den- entwickelt sich die Diskussion so, wie sich
ken, in zehn Jahren haben wir stärker ein Pa- jetzt entwickelt hat? Ich denke mal, dass was
radigma, was sich an der Politikwissenschaft Sybille gesagt hat, eigentlich ziemlich zutref-
orientiert. Ich gehe davon aus, dass es zukünf- fend ist: Es ist ein Showkampf geworden, auch
tig ein stärkeres Bedürfnis gibt zu verstehen – mit Unterhaltungswert natürlich. Aber es führt
und das sieht man ja auch daran, wie Anke dazu, dass man die Frage, die den Titel des
forscht, sie will wieder auf die Straße und mit Ganzen bildet, nicht wirklich beantworten

entgrenzt 8/2014 | Podiumsdiskussion 23


kann, weil die gemeinsame Plattform über- ven und quantitativen Auswertungsmethoden,
haupt nicht erkennbar ist. Es ist ein sehr star- die für unterschiedliche Fragestellungen im
kes Zerfasern der Diskussion in unterschiedli- Forschungsverlauf geeignet waren. Und des-
che Positionen, die jetzt jeweils für sich beant- wegen müssen wir uns gar nicht darüber un-
worten könnten, was sie als einzelne Positio- terhalten, ob es schlechte oder gute Methoden
nen unter geographischer Empirie verstehen. oder Redlichkeit gibt. Das sind überhaupt kei-
Aber weder gibt es ein gemeinsames Verständ- ne Kategorien, die hier relevant sind. Die Be-
nis von poststrukturalistischer Empirie noch gründungsnotwendigkeit für Methoden, die
von systemtheoretischer Empirie. Ich lasse das relevant sind und passend sind für Fragestel-
mal offen. Jetzt könnte man aber auch viele lungen, die wir bearbeiten, die nachvollzieh-
Gemeinsamkeiten entdecken – also es soll jetzt bar und durchführbar sein sollen in der empi-
kein Harmoniebeitrag sein, aber ich denke rischen Arbeiten, gilt für alle Ansätze, mit de-
schon, dass ja die Frage auch ist: In welche nen wir arbeiten. Deswegen ist es auch
Richtung könnte sich gesellschaftstheoretisch schwierig auf die Frage zu antworten: Was ist
informierte Geographie, Humangeographie eine Empirie in der poststrukturalistischen
weiter entwickeln? Was würde Sinn machen? Geographie? Weil es primär darum geht, wel-
Wie könnte man auch konkret forschen? Was che Fragestellungen in dem Kontext uns inter-
würde plausibel sein und akzeptiert werden? essieren und wie wir das empirisch umsetzen.
Da denke ich, gibt es einige Schnittstellen. Frederic Erdl: Eine Anregung von mir.
Zum Beispiel die Frage, inwieweit die Katego- Heutzutage nehmen wir uns alle als eigen-
rien, mit denen wir arbeiten, Kategorien ge- ständige Subjekte wahr. Wenn ich hier bin,
sellschaftlicher oder sozialer Differenz sind bin ich hier alleine. Was mich dieser post-
oder Kategorien räumlicher Differenz oder strukturalistischen Forschung noch interes-
überhaupt Begriffe oder Indikatoren, die wir siert, ist so das Verhältnis zwischen Subjekt,
heranziehen, um Unterscheidungen herzustel- das sich wahrnimmt und einem Diskurs als
len oder auch um Machtverhältnisse aufzude- Teil, der das Subjekt irgendwie doch irgendwo
cken, dass diese Kategorien einfach reflektiert beeinflusst oder dass das Subjekt, das den Dis-
werden müssten. Das wäre so ein Vorschlag kurs prägt. Ein Subjekt, das sich als alleine
für einen Ansatzpunkt. Wo kommen die Kate- wahrnimmt und den Diskurs nicht als Gott,
gorien her? Wie leitet man sie ab? Und wie aber dennoch als soziales Gebilde, als eine
definiert man sie? Wofür verwendet man sie? Struktur, die sich vielleicht in Praktiken wie-
Es gibt sicherlich auch einige andere Ansatz- derfindet, aber die nicht all-erklärend ist. Und
punkte, aber meine Bitte wäre, vielleicht auch da find ich den poststrukturalistischen Ansatz
nochmal nach Gemeinsamkeiten zu fahnden ziemlich fruchtbar.
innerhalb dieser durchaus intellektuell relativ Lennart Peiler: Meine Frage richtet sich
schwergewichtigen Runde. vor allen Dingen an Frau Strüver und Frau
Sybille Bauriedl: Eine Gemeinsamkeit sehe Bauriedl. Sie betrifft die Trennung von positi-
ich hier. Ich bin auf die Methodenfrage eben ven und normativen Aussagen und den Wahr-
gar nicht eingegangen, deswegen passt das heitsanspruch, was beides mit dem Poststruk-
ganz gut. Die Gemeinsamkeit sehe ich darin, turalismus über Bord geschmissen wird. Sie
dass wir uns alle mit unseren unterschiedli- haben beide gesagt, dass Ihre Motivation, sich
chen erkenntnistheoretischen Zugängen ver- dem poststrukturalistischen Paradigma an-
schiedener Methoden bedienen, die in der zunähern, auch eine politische war. Sie haben
Geographie etabliert sind. Also deswegen dis- Bezug auf Antirassismus und auf Feminismus
kutieren wir glaube ich gar nicht so viel über genommen. Meine Frage ist: Wenn wir den
Empirie, weil wir uns einem Methodenset der Wahrheitsanspruch aufgeben, wie können wir
sozialwissenschaftlichen geographischen For- dann überhaupt Antirassismus und den Femi-
schung bedienen. Und ich habe gerade gestern nismus trennscharf machen oder können wir
im Seminar zur qualitativen Forschung in ihn als brauchbare Theorie haben und gleich-
Hamburg die Diskursanalyse als Methode vor- zeitig Rassismus und Maskulinismus ableh-
gestellt. Dafür habe ich eine Beispielstudie ge- nen? Die Folge wäre, dass diese gleichwertig
nutzt, in der unterschiedliche qualitative und sind, weil wir keinerlei Wahrheitsbezüge hät-
quantitative Methoden zum Einsatz gekom- ten, mit denen wir operieren könnten. Mein
men sind, von quantitativer Dokumentenana- Anspruch ist: Nein, Rassen sind Schwachsinn,
lyse bis zu qualitativen Interviews, qualitati- unsere Gesellschaft ist eine patriarchale Ge-

24 Homo Geographicus Poststrukturalis | entgrenzt 8/2014


sellschaft und deswegen müssen wir in der La- vielen Wissenschaften als wahr bezeichnet
ge sein, unsere Positionen zu verteidigen, des- wurden, würde ich denken, dass viele Wissen-
wegen brauchen wir zum einen den Wahr- schaftlerInnen nie den Begriff Wahrheit ver-
heitsanspruch und zum anderen brauchen wir wenden. Man müsste manchmal trennen zwi-
aber auch die Trennung von positiven und schen Dingen, die wir sagen. Das sind Theori-
normativen Aussagen. Ich finde es schwierig en oder Hypothesen, für die haben wir viele
ohne diesen Wahrheitsanspruch und ohne die Belege. Darauf aufbauend bilden wir Neue,
Trennung von positiven und normativen Aus- und deswegen müssen wir uns doch nicht ge-
sagen zu arbeiten, weil einfach alles zu einer genseitig vorwerfen ‚da wird alles vermischt
Sprachsoße verkommt. Man kommt nicht und die Antwort ist schon in der Frage vorge-
mehr wirklich dazu Positionen zu trennen: geben‘. Kann man es darauf herunter brechen.
Was ist die Gesellschaft? Wo will ich hin? Es Geographische Empirie ist: Wir lassen Fragen
fehlt die Trennschärfe. Wo sehen Sie die Mög- zu, die auch unterschiedliche Antworten ha-
lichkeiten, mit einem poststrukturalistischen ben könnten?
Blick sich von Rassismus und Maskulinismus Matthew Hannah: Ich finde, das ist echt ‚off
abzugrenzen? Ich sehe da nämlich keine. the top of my head‘, aber ich finde es inter-
Anke Strüver: Ich werde nochmal zurückzu- essant, dass viele von uns offensichtlich ein-
gehen, wie es dazu kam. Also in der Zeit, wo verstanden mit der Tatsache sind, dass für Na-
ich politisch aktiv war, da waren Rassen noch turwissenschaftlerInnen gesagt werden kann,
sehr wichtige Kategorien und das war auch wie Sie gerade gesagt haben, nämlich dass sie
naturgegeben, dass der Neger dumm ist.Wir keinen Wahrheitsanspruch haben sondern ein-
hatten den Diskurs ja auch gerade unlängst fach Hypothesen aufbauen und von dort aus
wieder. Dass ‚der Costa Ricaner kann bei dem weiter gehen. Aber wenn es zum Poststruktu-
Klima besser Fußball spielen‘, dass das über- ralismus kommt oder zu diesen diskurstheore-
kommen ist, sehe ich überhaupt nicht. Dass tischen Ansätzen wird das irgendwie nicht er-
die Prinzipien, die dahinter stehen, nämlich laubt. Es ist entweder alles oder nichts, ent-
dass bestimmte Kategorien – sei es nach Ge- weder Wahrheit oder Chaos. Ich finde, dass
schlecht, sei es nach in Anführungsstrichen genau dieser provisorische, immer sozial ein-
‚Rasse‘, sei es auch nach Alter oder sonst was – gebettete Umgang mit Diskursirgendwo da-
immer wieder als naturalisierte Kategorien im zwischen zu platzieren wäre. Wir sind in Wel-
gesellschaftlichen und auch im wissenschaftli- ten involviert und von daher können wir
chen Diskurs auftauchen, die auch für natura- nichts anderes als parasitär kritisch Diskurse
lisierende Begründungen genommen werden. beobachten, aber trotzdem heißt das nicht,
Solange das noch so ist, würde ich nicht sa- dass wir so ganz beliebig in alle Richtungen
gen, dass die sind obsolet geworden sind. Ich mit geschlossenen Augen schießen. Es gibt
lege die Kategorien offen, ich lege offen, dass doch immer eine vorgegebene oder gar geerb-
ich davon ausgehe, dass zum Beispiel Ge- te oder eine bemerkte Präferenz für Problem-
schlechterpositionen tatsächlich gesellschaft- setzungen. Und egal ob die so am Ende in
lich machtvoll normierte sind und ich lege letzter Konsequenz begründet werden können,
dann auch dar, wie ich glaube, wie sie konsti- haben wir die. Wir arbeiten mit denen, und
tuiert werden und kritisiere das. Und kritisiere ich finde bei den Naturwissenschaften sollte
damit auch die Grundlage, auf der hierarchi- genauso eine Möglichkeit sollte für diskurs-
siert wird. Das ist normativ. Ich habe auch theoretische Ansätze eingeräumt werden.
nicht den Anspruch, zu sagen: ‚Ich arbeite Thomas Dörfler: Matt, ich bin total bei dir,
wertfrei‘. finde ich völlig in Ordnung und richtig. Nur
David Kienle: Also ich habe mich ein das Problem ist, das der Poststrukturalismus
bisschen zurückgehalten, weil ich als Natur- das selber nicht macht. Er stellt diese Annah-
wissenschaftler eigentlich ziemlich fachfremd men nicht fallibel auf und probiert Wahrhei-
bin, aber ich fand es doch ganz spannend am ten aus, sondern er geht von machtvollen Set-
Ende. Die Frage, die ich hatte, geht in die zungen aus, ist normativ, was an sich kein
Richtung: Was ist Empirie? Was ist Empirie in Problem wäre, wenn man die Normativität
der Wissenschaft? War das dann: Lasse ich ausweisen könnte, und sagt dann: ‚So und so
überhaupt eine Frage zu? Und wenn wir noch- ist es‘, zum Beispiel ein Geschlechterproblem;
mal hier dazu übergehen, was Anke Strüver da ist dies und jenes. Und das ist das Problem,
gesagt hat, dass es Erkenntnisse gibt, die in dass diese Suche nicht da ist oder was Popper

entgrenzt 8/2014 | Podiumsdiskussion 25


‚Fallibilität‘ genannt hat oder man kann es viel gesagt wurde, dass es eigentlich noch eine
auch Redlichkeit nennen, also. dass man war- halbe Stunde länger gehen müsste. Von dem
tet, was die Ergebnisse liefern. Bei den post- her muss man das irgendwie jetzt auch ergeb-
strukturalistischen Varianten, diesem vulgären nislos dastehen lassen. Ich glaube es sind alle
Konstruktivismus, den ich kritisiere, ist vorher erschöpft, ich würde sagen, es war eine span-
bekannt, was dabei herauskommen muss. Ich nende Diskussion, wir haben Grabenkämpfe
rate deswegen allen einmal auszuprobieren, gehabt, wir haben Brückenbauten gehabt und
bei einer Genderprofessur etwas zu schreiben, wir haben versucht, irgendwie zusammen zu
was die Gender-Grundannahmen kritisiert. Die kommen und dann auch wieder nicht. Von
Kritik ist ja da und die kann jeder nachlesen. dem her fand ich das sehr spannend und sehr
Das wäre spannend, denn danach weiß man, interessant und dankeschön nochmal an unse-
was Macht sei. Und das ist das Problem: Dass re Gäste und an euch!
dieser Diskurs von Anderen fordert, dass sie
offen und dekonstruktiv sein sollen und De-
zentrierung wahrnehmen sollen, aber zugleich
sich selber dem gegenüber verweigert. Solange Literatur:
bleibe ich bei dem Ideologievorwurf. Bauriedl, S./Büchler, B./Strüver, A./Malecek, S./Massey,
Matthew Hannah: Ich kann dir nicht zu- D./von Streit, A. (2006): A Kind of Queer Geography: The
Doreen Massey Reading Weekends. IN: Gender, Place and
stimmen. Ich habe selber vor kurzem ein post- Culture 13(2), S. 173-186.
strukturalistisch geschriebenes Buch zu Ende Bohnsack, R. (2007): Rekonstruktive Sozialforschung:
Einführung in qualitative Methoden. Barbara Bundrich
gebracht, was auf zehn Jahren Forschungser- Verlag, Stuttgart.
gebnissen beruht und ich selber hatte über- Derrida, J. (1967): Die Schrift und die Differenz.
Frankfurt am Main.
haupt keine Ahnung, was ich finden würde, Dörfler, T. (2005): Geographie und Dekonstruktion. Zu
auch noch nach einigen Monaten. Per defini- einem zeitgenössischen Missverständnis. IN:
geographische revue, Heft 1 u. 2, S. 67–85.
tionem bin ich dann kein Poststrukturalist. Dörfler, T. (2010): Gentrification in Prenzlauer Berg?
Milieuwandel eines Berliner Sozialraums seit 1989. Trans-
cript, Bielefeld.
[An dieser Stelle fehlt ein Kommentar von Felgenhauer, T. (2009): Raumbezogenes argumentieren.
Thomas Dörfler – ein Aufnahmefehler] Theorie, Analysemethode, Anwendungsbeispiele. In:
Handbuch Diskurs und Raum. Transcript, Bielefeld.
Foucault, M. (1983): Sexualität und Wahrheit 1. Der Wille
zum Wissen. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Anke Strüver: Ich finde das aber sehr inter- Hägerstrand, T. (1973): ‟The domain of human
essant, dass hier gerade ein konzeptioneller geography”. IN: Chorley, Richard J. Directions in
geography. Methuen, London, S. 67–87.
Beitrag aufgrund einer Empirie kritisiert wird Gebhardt, H./Reuber, P./Wolkersdorfer, G. (2003):
und dieser Beitrag, auf den du dich beziehst, Kulturgeographie. Aktuelle Ansätze und Entwicklungen.
Heidelberg.
hat Null Komma Null Empirie. Nur mal so als Luhmann, N. (1987): Soziale Systeme: Grundriß einer
Hinweis. Ich möchte nochmal betonen, dass allgemeinen Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Luhmann, N. (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft.
das Matt ja gerade über sein Buch gesagt hat. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Ich hatte ja auch dieses große Forschungspro- Nassehi, A./Saake, I. (2002): Kontingenz: Methodisch
verhindert oder beobachtet? Ein Beitrag zur Methodologie
jekt wo ich sage: Ich hätte poststrukturalis- der qualitativen Sozialforschung. IN: Zeitschrift für
tisch empirisch geforscht mit ziemlicher Of- Soziologie 31, 1, S. 66–86.
Piaget, J./Inhelder, B. (1980): Von der Logik des Kindes
fenheit und es kam was sehr überraschendes zur Logik des Heranwachsenden. Essay über die
raus. Also für mich war es so überraschend, Ausformung der formalen operativen Strukturen.
Klett-Cotta, Stuttgart.
dass ich lange gezögert habe, es überhaupt zu Popper, K. (1998): Logik der Forschung. Akademie Verlag,
veröffentlichen. Und das ist für mich durchaus Tübingen.
Pratt, G. (1993): Reflections on poststructuralism and
poststrukturalistische Empirie, und da würde feminist empirics, theory and practice. IN: Antipode, 25,
ich nicht sagen, ich wusste vorher, was raus- S. 51–63.
Redepenning, M. (2015): Grenzen, Grenzziehungen und
kam. Und im Prinzip hatte ich das öfter als das Ländliche. Ein Versuch. IN: Goeke, P./Lippuner,
einmal, von daher finde ich Kritik an Dingen, J./Wirths, J. [Hrsg.]: Konstruktion und Kontrolle. Zur
Raumordnung sozialer Systeme. Wiesbaden: VS Springer,
die man nicht kennt, auch ein bisschen S. 75–93.
Redepenning, M./Wilhelm, J. (2014): Raumforschung mit
schwach. luhmannscher Systemtheorie. IN: Oßenbrügge,
Georg Bosak: Ich wollte eigentlich bevor die J./Vogelpohl, A. [Hrsg.]: Theorien in der Raum- und
Stadtforschung. Einführungen. Münster: Westfälisches
ganze Debatte gestartet ist nochmal auf Chri- Dampfboot, S. 310–327.
stoph Haferburg zurückkommen und wir ir- Redepenning, M. (2013): Varianten raumbezogener
sozialer Gerechtigkeit. Ein sozialgeographischer Versuch
gendwie versuchen eine Basis jetzt am Ende über das Verhältnis von Raum und Gerechtigkeit und ein
zu finden. Das erscheint jetzt irgendwie Nachdenken über die Frage „Was soll wo sein?“. IN: Ethik
und Gesellschaft 1/2013: Der »spatial turn« der sozialen
schwierig, weil natürlich jetzt schon wieder so Gerechtigkeit, S. 1–28.

26 Homo Geographicus Poststrukturalis | entgrenzt 8/2014


Rothfuß, E./Dörfler, T. (2013): Raumbezogene qualitative
Sozialforschung.
Van Dyk, S. (2012): Poststrukturalismus. Gesellschaft.
Kritik. Über Potentiale, Probleme und Perspektiven. IN:
Prokla 42/2, S. 285–210.
Weber, M. (1982): Gesammelte Aufsätze zur
Wissenschaftslehre [Hrsg]: Winckelmann, J. v./Mohr,
V.J.B.C., Siebeck, P., 5. Aufl., Tübingen.
Winkler, G./Degele, J. (2009): Intersektionalität: Zur
Analyse sozialer Ungleichheiten. Transcript, Bielefeld.
Zizek, S. (2005): Die politische Suspension des Ethischen.
Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Zizek, S. (2005): Auf verlorenem Posten. Suhrkamp,
Frankfurt am Main.Michel Fou cau lt

entgrenzt 8/2014 | Podiumsdiskussion 27

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