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Handelsblatt Nr. 111 vom 11.06.

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11.06.2008

Leitartikel Titelseite

USA

Scheiden tut gut

Man stelle sich vor, Barack Obama oder John McCain machten den Deutschen ihre
Aufwartung: Ein Auftritt vor dem Brandenburger Tor wäre das Mindeste. Doch George
W. Bush muss sich bei seiner letzten Europa-Tour mit einem Randtermin in Meseberg
begnügen. Hat der US-Präsident, immer noch der mächtigste Mann der Welt, diesen
schnöden Abschied verdient?

Jenseits aller Häme gibt es darauf nur eine Antwort: Ja. Bush junior war den
Herausforderungen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht gewachsen, weil
er sich von falschen Beratern in einen unbegründeten Krieg gegen den Irak drängen
ließ und damit eine breite Front gegen den Terror verhinderte. Eine konstruktive
Nahostpolitik wurde erschwert, das Regime im Iran gestärkt.

Bush hat das Kyoto-Protokoll nicht nur boykottiert, sondern beharrlich


unterminiert - und damit anderen Klimasündern wie China eine Steilvorlage
geliefert. Mit diesem Unilateralismus beschädigte Bush Amerikas Ansehen und
beschnitt seine Handlungsfähigkeit. Erst zum Schluss zeigt er unter Druck seines
Rivalen John McCain Einsicht, wirft in der Irak-Politik das Ruder herum und
kümmert sich um Nahost. Leider zu spät.

Auch in der Innenpolitik hat Bush, der mit hohem moralischem Anspruch antrat, viel
geschadet. Das Desaster nach dem Hurrikan von New Orleans hat die Amerikaner
beschämt, die Bespitzelung durch eigene Geheimdienste entsetzt. Zu den wenigen
Pluspunkten zählen die Steuersenkungen zu Beginn seiner Amtszeit. Doch für das
Gesundheitswesen, die Probleme der Mittelschicht oder gar die Subprime-Krise hatte
die Administration keine Lösungen.

Daher sind es nicht nur die Europäer, sondern auch die Amerikaner, die diesem
Präsidenten ein mieses Zeugnis ausstellen. Zwei Drittel beurteilen seine
Amtsführung als schlecht, und sie haben dabei nicht nur den Irak-Krieg im Blick.

Natürlich ist Bush für die ganze Misere nicht allein verantwortlich. Die Europäer
hätten sich viel kooperativer verhalten können. Zwar war es richtig, dass Gerhard
Schröder sich klar vom Irak-Krieg distanzierte. Aber umso größer wäre die
Verpflichtung gewesen, die USA und die internationale Gemeinschaft im
Antiterrorkampf in Afghanistan, für den er immerhin die Vertrauensfrage stellte,
militärisch stärker zu unterstützen.

Wie weit Europas strategische Sicht reicht, zeigt Angela Merkels große
Transatlantik-Initiative: Eigentlich sollte sie die Kluft zwischen Europa und
Amerika wieder schließen. Doch nun scheitert sie an der Starrköpfigkeit einiger
EU-Staaten. Und auch die wichtige Welthandelsrunde ist nicht nur an den
Amerikanern zerschellt, sondern genauso an der egoistischen Agrarpolitik der
Europäer.
Nach Bush ist ein Neuanfang möglich, den sowohl John McCain wie Barack Obama mit
ihrer Person und ihrem Programm versprechen. Der eine wie der andere wird zu
Amerikas Traditionen einer kooperativen Außenpolitik zurückkehren. Gerade deshalb
werden sie die volle Mitarbeit der Europäer einfordern. Darauf sollten wir sehr
gut vorbereitet sein. Sonst wird auf die Begeisterung über Bushs Abschied rasch
die Ernüchterung darüber folgen, dass der neue Präsident zwar weniger ideologisch,
aber fordernder und anstrengender sein wird.