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EuInsVO 2017 Art. 73 Sprachen

Cülter

Braun, Insolvenzordnung 7. Auflage 2017

Rn. 1-5

Art. 73 Sprachen

(1) Der Koordinator kommuniziert mit dem Verwalter eines beteiligten Gruppenmitglieds in der mit dem Verwalter vereinbarten Sprache oder bei Fehlen einer entsprechenden Vereinbarung in der Amtssprache oder in einer der Amtssprachen der Organe der Union und des Gerichts, das das Verfahren für dieses Gruppenmitglied eröffnet hat. (2) Der Koordinator kommuniziert mit einem Gericht in der Amtssprache, die dieses Gericht verwendet.

ErwGr: 54, 57, 58 Begriffsbestimmungen: Art. 2 Nrn. 5, 6, 13, 14

1. Normzweck

Die Vorschrift regelt, in welcher Sprache der Koordinator mit den beteiligten Verwaltern und den beteiligten Gerichten kommunizieren muss und eröffnet im Verhältnis zu den beteiligten Verwaltern in Abs. 1 die Möglichkeit, Vereinbarungen über die Korrespondenzsprache zu schließen.

Der Zweck der Vorschrift liegt in Übereinstimmung mit ErwGr 57 darin, die effektive Verfahrensbearbeitung für die Beteiligten zu erleichtern.

2. Kommunikation zwischen dem Koordinator und den

Verwaltern (Abs. 1)

Nach Abs. 1 sind der Koordinator und die beteiligten Verwalter befugt, eine Vereinbarung über die Korrespondenzsprache zu schließen. Die Vereinbarung muss nicht notwendigerweise schriftlich geschlossen werden. Sie kann daher auch (fern-)mündlich oder im Umlaufverfahren geschlossen werden. Eine Verpflichtung zum Abschluss einer solchen Vereinbarung besteht nicht. Wurde keine Vereinbarung geschlossen, muss der Koordinator mit dem jeweiligen Mitglied in der Sprache korrespondieren, die in dem jeweiligen Verfahren gilt.

3. Kommunikation zwischen Koordinator und Gerichten

(Abs. 2)

Im Verhältnis zu den beteiligten Gerichten (Art. 2 Nr. 6) ist stets in der Heimatsprache des Gerichts zu kommunizieren. Die Möglichkeit, eine Vereinbarung im Hinblick auf die Korrespondenzsprache zu schließen, besteht nicht. Möglicherweise im Zusammenhang mit der Kommunikation entstehende Kosten (zB Übersetzungskosten) sind Kosten des Koordinationsverfahrens und gem. Art. 77 Abs. 1 auf die beteiligten Gruppenmitglieder umzulegen.

4. Praxishinweise

Vor dem Hintergrund der Sprachenvielfalt bei grenzüberschreitenden Insolvenzen ist es angezeigt, dass sich der Koordinator und die Verwalter möglichst frühzeitig und in schriftlicher Form über die Korrespondenzsprache einig werden. Auch wenn die Vorschrift erst für den bereits bestellten Koordinator gilt, kann es sinnvoll sein, dass die

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Gruppenverwalter mit dem potentiellen Koordinator eine entsprechende Vereinbarung bereits vor Stellung des Antrags auf Eröffnung des Koordinationsverfahrens gem. Art. 61 schließen. Selbst wenn einige Verwalter nicht am späteren Koordinationsverfahren teilnehmen sollten, dürfte die Vereinheitlichung der Korrespondenzsprache die koordinierte Verfahrensabwicklung insgesamt fördern und sprachlich bedingten Missverständnissen vorbeugen. Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 73 Rn. 1-5 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 73 Rn. 1-5

Art. 74 Zusammenarbeit zwischen den Verwaltern und dem Koordinator

(1) Die für die Mitglieder der Gruppe bestellten Verwalter und der Koordinator arbeiten soweit zusammen, wie diese Zusammenarbeit mit den für das betreffende Verfahren geltenden Vorschriften vereinbar ist. (2) Insbesondere übermitteln die Verwalter jede Information, die für den Koordinator zur Wahrnehmung seiner Aufgaben von Belang ist. ErwGr: 51, 52, 54, 57

Begriffsbestimmungen: Art. 2 Nrn. 5, 13, 14

1. Normzweck (Rn. 1, 2)

2. Pflicht zur Kooperation (Abs. 1) (Rn. 3-9)

3. Informationserteilung an den Koordinator (Abs. 2) (Rn. 10)

4. Schutz der Informationen (Rn. 11)

5. Haftungsfragen (Rn. 12)

6. Aufsichtspflicht des Gerichts (Rn. 13, 14)

7. Kosten (Rn. 15, 16)

8. Praxishinweis (Rn. 17)

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 74 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 74

1. Normzweck

Die Vorschrift verpflichtet in Abs. 1 sowohl den Koordinator als auch die beteiligten Verwalter zur Zusammenarbeit. Durch die Regelung in Abs. 2 werden nur die Gruppenverwalter zur Informationserteilung an den Koordinator verpflichtet. Durch die Regelung soll die abgestimmte Sanierung der Unternehmensgruppe gefördert werden und der Koordinator soll in die Lage versetzt werden, seine aus Art. 72 resultierenden Pflichten erfüllen zu können.

Die Vorschrift weist inhaltliche und strukturelle Parallelen zu den Art. 5658 auf und verfolgt ähnliche Ziele. Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 1-2 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 1-2

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2. Pflicht zur Kooperation (Abs. 1)

Abs. 1 verpflichtet den Koordinator und die beteiligten Verwalter 1 zur Zusammenarbeit, soweit diese Zusammenarbeit mit den für das jeweilige Gruppenverfahren geltenden Vorschriften vereinbar ist. Es werden nicht nur die Gruppenverwalter untereinander und im Verhältnis zum Koordinator zur Zusammenarbeit verpflichtet, sondern auch der Koordinator zur Zusammenarbeit mit den Gruppenverwaltern.

a) Form und Inhalt der Kooperation

Eine bestimmte Form der Zusammenarbeit ist nicht vorgesehen. Sie kann schriftlich, (fern-) mündlich und tatsächlich erfolgen. Auch inhaltlich ist die Zusammenarbeit nicht beschränkt. Zur Strukturierung des Verfahrens kann es sinnvoll sein, dass der Koordinator und die beteiligten Gruppenverwalter Vereinbarungen schließen, die die Art und Weise der Zusammenarbeit, regelmäßige Berichtstermine und ähnliche Punkte regeln. Zu diesem Zweck kann auch (teilweise) auf die im angloamerikanischen Raum verbreiteten und in grenzüberschreitenden Sachverhalten erprobten protocols sowie auf die in ErwGr 48 genannten Kooperations- und Kommunikationsgrundsätze zurückgegriffen werden. 2

Im Hinblick darauf, dass bereits die Anordnung der vorläufigen Verwaltung und die Anordnung von Sicherheitsmaßnahmen eine Eröffnung des Verfahrens darstellt, 3 besteht die Kooperationspflicht auch für vorläufige Verwalter gruppenangehöriger Gesellschaften. Die Kooperationspflicht gilt im Verhältnis zum Koordinator aber nur für Verwalter, die am Gruppen-Koordinationsverfahren teilnehmen. Art. 72 Abs. 4 iVm Abs. 2d. gibt dem Koordinator spiegelbildlich auch nur das Recht, Informationen von den Verwaltern einzufordern, die am Gruppen-Koordinationsverfahren teilnehmen. Auch wenn für diese Verwalter keine Pflicht zur Zusammenarbeit besteht, sind sie zur Zusammenarbeit und Informationserteilung berechtigt. Dies kann zB dann relevant sein, wenn in einem Einzelverfahren ein nachträgliches Opt-in gem. Art. 69 geplant und beantragt ist, hierüber aber noch nicht entschieden wurde.

Unabhängig von der in Art. 74 geregelten Pflicht zur Zusammenarbeit sind sämtliche Gruppenverwalter untereinander und gegenüber den beteiligten Gerichten gem. Art. 56 und 57 zur Kooperation und Informationserteilung verpflichtet.

b) Grenzen der Kooperationspflicht

Die Pflicht zur Zusammenarbeit besteht nur soweit, wie diese „mit den für das betreffende Verfahren geltenden Vorschriften vereinbar ist“. Für einen nach deutschem Recht verpflichteten Verwalter bedeutet dies, dass er etwa die Höchstpersönlichkeit der Amtsführung zu beachten hat, den Grundsatz der bestmöglichen Gläubigerbefriedigung, den Grundsatz der Gläubigergleichbehandlung sowie die Beteiligtenrechte der Gläubigerorgane, insbesondere aus § 160 InsO. Die in Art. 56 für das Verhältnis der Einzelverwalter untereinander geltende Grenze, dass die Zusammenarbeit keine Interessenkonflikte nach sich ziehen darf, fehlt in Art. 74. Nach dem Wortlaut der Vorschrift sind die Einzelverwalter im Rahmen des Gruppen- Koordinationsverfahrens daher auch zur Weitergabe schutzwürdiger Informationen verpflichtet, bei denen die Gefahr besteht, dass sie über den Koordinator an einen anderen Gruppenverwalter gelangen, der sie im direkten Verhältnis nicht hätte erlangen können. Durch eine solch extensive Auslegung der Kooperationsverpflichtung könnte sich ein Gruppenverwalter im Einzelfall gegenüber seinen Gläubigern wegen Verletzung der

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Treuepflicht haftbar machen. Aus diesem Grund ist eine analoge Anwendung des Art. 56 Abs. 1 in dem Sinne in Betracht zu ziehen, dass die Informationserteilung nicht nur mit den geltenden Vorschriften im Einklang stehen muss, sondern auch keine Interessenkonflikte nach sich ziehen darf. An die Begründung eines Interessenkonflikts sind dann aber hohe Anforderungen zu stellen, weil anders als im Verhältnis der Einzelverfahren untereinander zwischen dem Koordinationsverwalter und dem Einzelverwalter bzw. den einzelnen Massen keine materiellen Ansprüche und schuldrechtlichen Rechtsbeziehungen bestehen. 4 Jedenfalls dann, wenn durch die Informationsweitergabe ein anderer Gruppenverwalter erst in die Lage versetzt wird, einen Anfechtungsanspruch durchzusetzen, dürfte ein Interessenkonflikt anzunehmen sein. 5

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Art. 2 Rn. 12 ff.

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Art. 56 Rn. 11 u. 22 mwN.

3

 

→ Art. 2 Rn. 31 mwN.

4

 

Thole KTS 2014, 351 (378).

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Art. 56 Rn. 10.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 3-9 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 3-9

3. Informationserteilung an den Koordinator (Abs. 2)

Nach dem Wortlaut des Abs. 2 sind die Gruppenverwalter zur Übermittlung jeder Information verpflichtet, die für den Koordinator für die Wahrnehmung seiner Aufgaben (Art. 72) von Belang ist. Um abschätzen zu können, welche Informationen der Koordinator gerade für die Erfüllung seiner Pflichten benötigt, müsste der Gruppenverwalter sich fortlaufend vom Koordinator Informationen über den Stand des

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Koordinationsverfahrens einholen. Hierdurch würde aber die effektive Führung des Einzelverfahrens und damit letztlich auch der gruppenweite Sanierungserfolg erheblich behindert. Die Vorschrift ist daher aus Gründen der Praktikabilität und in Übereinstimmung mit der Zielsetzung des Gruppen-Koordinationsverfahrens 6 dahingehend auszulegen, dass die Informationspflicht mit Ausnahme evidenter Fälle erst durch eine konkrete Anforderung des Koordinators ausgelöst wird.

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Vgl. ErwGr 57 S. 1: wirksame Verwaltung der Einzelverfahren u. positive

Auswirkungen des Koordinationsverfahrens für die Gläubiger.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 10 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 10

4. Schutz der Informationen

Die Vorschrift enthält keine dahingehende Einschränkung, dass bei der Durchführung der Zusammenarbeit „geeignete Vorkehrungen zum Schutz vertraulicher Informationen“ (Art. 56 Abs. 2a) bestehen müssen. Ein sachlicher Grund dafür, dass solche Vorkehrungen zwar im Verhältnis der Gruppenverwalter untereinander, nicht aber im Verhältnis zum Koordinator getroffen werden müssen, ist nicht ersichtlich. Insbesondere dürften die auszutauschenden Informationen im Rahmen des Gruppen- Koordinationsverfahrens nicht weniger schutzwürdig sein. Da die Verordnung selbst in den datenschutzrechtlichen Vorschriften des VI. Kapitels (Art. 7883) keine materiellen Regelungen trifft, kommt es auf die Einhaltung der datenschutzrechtlichen Bestimmungen des jeweiligen Mitgliedstaats an. In Deutschland ist insoweit insbesondere das Bundesdatenschutzgesetz zu beachten. 7

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Art. 78 Rn. 4 ff.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 11 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 11

5. Haftungsfragen

Die Vorschrift enthält keinen Haftungstatbestand für den Fall, dass der Koordinator oder die Gruppenverwalter ihre Kooperationspflichten verletzen. Ein Pflichtverstoß bleibt jedoch nicht sanktionslos, sondern richtet sich nach dem jeweiligen Insolvenzstatut. 8 Die Haftung der Gruppenverwalter richtet sich also nach dem Recht des jeweiligen Eröffnungsstaates und die Haftung des Koordinators nach dem Recht des Mitgliedstaates, in dem das Koordinationsverfahren eröffnet wurde.

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Für die Gruppenverwalter Art. 56 Rn. 20, u. für den Koordinator Art. 72 Rn.

29 ff.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 12 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 12

6. Aufsichtspflicht des Gerichts

Kommt der Koordinator seiner Pflicht zur Kooperation nicht nach, besteht gem. Art. 75 im Grundsatz die Möglichkeit, dass das Gericht, das das Koordinationsverfahren eröffnet hat, den Koordinator von Amts wegen oder auf Antrag eines beteiligten Verwalters abberuft. Allerdings dürfte eine Abberufung nicht bereits bei einer geringfügigen Verletzung der Kooperationspflicht in Betracht kommen. Zur Wahrung der Verhältnismäßigkeit ist zu fordern, dass das Gericht im Einzelfall den gerügten Pflichtverstoß gegen den Eingriff in die Rechte des Koordinators abwägt. 9

Bei Verletzung der Kooperationspflicht durch die beteiligten Gruppenverwalter kommen ebenfalls aufsichtsrechtliche Maßnahmen des Insolvenzgerichts bis hin zur Entlassung des Verwalters aus wichtigem Grund in Betracht. 10 Ein Einschreiten des Insolvenzgerichts 14 dürfte aber auch hier nicht bereits bei geringfügigen Pflichtverstößen in Betracht kommen, sondern auf Fälle evidenter Masseschädigung begrenzt sein.

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Art. 75 Rn. 22.

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Art. 56 Rn. 21.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 13-14 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 13-14

7. Kosten

Die dem Koordinator entstandenen Kosten der Zusammenarbeit sind Kosten des Koordinationsverfahrens, die gem. Art. 77 auf die beteiligten Gruppenmitglieder umgelegt werden.

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Für die beteiligten Gruppenmitglieder sind die anfallenden Kosten als Teil der Verfahrenskosten von der eigenen Masse zu tragen. Eine Rechnungsstellung zwischen den Einzelverwaltern und dem Koordinator soll vermieden werden.

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Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 15-16 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 15-16

8. Praxishinweis

Die Kooperationspflichten im Rahmen des Koordinationsverfahrens sind sehr allgemein gehalten und wenig konturiert. Um die Zusammenarbeit der Beteiligten zu strukturieren und vor allem um eine effiziente Umsetzung des Koordinationsplans zu gewährleisten, bietet sich zB der Abschluss von Vereinbarungen an, in welchen das Pflichtenprogramm genau definiert wird. In Betracht kommt aber auch die Etablierung eines Projektmanagements. So können gruppenweite Meilensteine im Rahmen der Verfahrensbearbeitung und -koordination definiert werden, wodurch das Risiko von Fehlentwicklungen minimiert werden kann, ein geordneter Übergang zwischen den Verfahrensphasen unterstützt und die Zusammenarbeit synchronisiert wird. Zitiervorschläge:

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Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 17 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 74 Rn. 17

 

Art. 75 Abberufung des Koordinators

Das Gericht ruft den Koordinator von Amts wegen oder auf Antrag des Verwalters eines beteiligten Gruppenmitglieds ab, wenn der Koordinator

a)zum Schaden der Gläubiger eines beteiligten Gruppenmitglieds handelt oder

b)nicht seinen Verpflichtungen nach diesem Kapitel nachkommt.

ErwGr: 54, 56, 57, 59

 

Begriffsbestimmungen: Art. 2 Nrn. 5, 6, 13, 14

1. Normzweck (Rn. 1-3)

2. Abberufungsverfahren (Rn. 4-16)

 

o

a) Zuständigkeit (Rn. 6)

o

b) Antragsberechtigung (Rn. 7-10)

o

c) Verfahrensfragen (Rn. 11-13)

o

d) Rechtsfolgen der Abberufung (Rn. 14-16)

3. Abberufungsgründe (Rn. 17-22)

 

4. Praxishinweise (Rn. 23, 24)

Zitiervorschläge:

 

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 75 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 75

 

1.

Normzweck

Die Vorschrift verpflichtet das Koordinationsgericht, den Koordinator von seinem Amt abzuberufen, wenn er seine in Kapitel V normierten Pflichten verletzt oder zum Schaden der Gläubiger eines Gruppenmitglieds handelt. Die Abberufung erfolgt durch das

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Koordinationsgericht auf Grund amtswegiger Ermittlungen oder auf Antrag eines Verwalters.

Durch die Möglichkeit der Abberufung des Koordinators soll verhindert werden, dass die Ziele des Koordinationsverfahrens Erleichterung der Verwaltung der Einzelverfahren und positive Auswirkungen für die Gläubiger 1 gefährdet werden. Eine Fach- oder Rechtsaufsicht des Koordinationsgerichts über den Koordinator sieht die Verordnung ebenso wenig vor, wie die Möglichkeit, vor der Abberufung Zwangsmittel gegen den Koordinator festzusetzen, falls dieser seinen Pflichten nicht nachkommt oder diese verletzt. Die Abberufung ist die einzige gerichtliche Maßnahme gegen den Koordinator, die die Verordnung regelt. Da die Abberufung aber einen erheblichen Eingriff in die Rechte des Koordinators 2 darstellt, sollte das Gericht bei der Prüfung der Abberufungsvoraussetzungen einen strengen Maßstab anlegen.

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ErwGr 57.

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Art. 72 Rn. 4 ff. u. 17 ff.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 1-3 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 1-3

2. Abberufungsverfahren

Eine einseitige Niederlegung oder Kündigung des Amtes durch den Koordinator selbst (zB wegen Krankheit, Alter, persönlicher Finanzlage) ist nicht vorgesehen. In Betracht kommt allenfalls, dass der Koordinator nach dem Recht des Staates, in dem das Koordinationsverfahren eröffnet wurde, seine Abberufung beim Koordinationsgericht beantragt und das Gericht hierüber entscheidet. Eine Abberufung sollte aber nur dann in Betracht kommen, wenn ein wichtiger Grund für die Abberufung vorliegt, der Antrag nicht zur Unzeit gestellt wird und die Kontinuität des Verfahrens gesichert ist.

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Selbst wenn eine entsprechende Möglichkeit nach dem einschlägigen nationalen Recht nicht besteht, sollte das Gericht im Einzelfall zu prüfen, ob es sinnvoll ist, den Koordinator gegen seinen Willen im Amt zu belassen und ob hierdurch nicht die Erreichung der Verfahrensziele gefährdet würde.

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a) Zuständigkeit (Rn. 6)

b) Antragsberechtigung (Rn. 7-10)

c) Verfahrensfragen (Rn. 11-13)

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 4-5 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 4-5

a) Zuständigkeit

Zuständig für die Abberufung des Koordinators ist das Gericht (Art. 2 Nr. 6 Ziff. i = Justizorgan), das das Gruppen-Koordinationsverfahren eröffnet hat (Art. 68). Die Abberufung kann während der gesamten Dauer des Koordinationsverfahrens erfolgen. Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 6 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 6

b) Antragsberechtigung

Das Koordinationsgericht wird von Amts wegen oder auf Antrag eines am Koordinationsverfahren beteiligten Verwalters tätig. Die Antragsberechtigung ist abschließend geregelt. Einzelnen Gläubigern, Gläubigerausschüssen, Schuldnern (bzw. Schuldnervertretern) oder nationalen Insolvenzgerichten kommt kein Antragsrecht zu.

aa) Abberufung von Amts wegen

Das Koordinationsgericht kann den Koordinator von Amts wegen abberufen, wenn das Gericht sich durch eigene Ermittlungen davon überzeugt hat, dass einer der unter lit. a oder lit b. genannten Abberufungsgründe vorliegt. Liegt ein Abberufungsgrund zur Überzeugung des Koordinationsgerichts vor, kommt dem Gericht hinsichtlich der Abberufung kein Ermessensspielraum mehr zu („Das Gericht ruft den Koordinator (…) ab, wenn…). Anlass zu amtswegigen Ermittlungen des Gerichts können auch (unzulässige) Abberufungsanträge oder Anregungen nicht antragsberechtigter Beteiligter sein. Allerdings müssen diese Anregungen substanzieller Art sein und es darf sich nicht um bloße Unmutsbekundungen Einzelner handeln. Werden jedoch schwerwiegende Pflichtverletzungen behauptet, die eine Abberufung rechtfertigen könnten, hat das Koordinationsgericht diesen nachzugehen. Ist Gefahr im Verzug sollte auch eine einstweilige Abberufung des Koordinators mit sofortiger Wirkung möglich sein, um Schaden von den Beteiligten abzuwenden. Ist dies nicht notwendig, führt der Koordinator sein Amt bis zur Entscheidung des Gerichts weiter fort.

bb) Abberufung auf Antrag eines Verwalters

Jeder Verwalter eines am Gruppen-Koordinationsverfahren teilnehmenden Gruppenmitglieds ist berechtigt, einen Abberufungsantrag zu stellen. Ob der Verwalter hierzu der Zustimmung der Gläubigerversammlung oder des Insolvenzgerichts bedarf, richtet sich nach der lex fori concursus. Anforderungen an die Form und den Inhalt des Antrages stellt die Vorschrift nicht. Es ist jedoch zu empfehlen, dass der antragstellende Verwalter den Antrag schriftlich verfasst und die aus seiner Sicht gebotene Abberufung des Koordinators begründet. Die Notwendigkeit der Begründung ergibt sich daraus, dass eine Abberufung nur bei Vorliegen eines Abberufungsgrundes (lit. a und b) in Betracht kommt und das Gericht auch im Falle eines Antrags durch einen Verwalter verpflichtet ist, festzustellen, ob ein Abberufungsgrund tatsächlich vorliegt.

In entsprechender Anwendung des Art. 73 Abs. 2 ist der Antrag auf Abberufung in der Sprache des Koordinationsgerichts zu formulieren.

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Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 7-10 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 7-10

c) Verfahrensfragen

Das Abberufungsverfahren wird durch die Vorschrift nur sehr rudimentär geregelt. Außer der gerichtlichen Zuständigkeit, der Antragsberechtigung und den Abberufungsgründen enthält die Vorschrift keine weiteren Regeln über den Ablauf und die Wirkungen des Abberufungsverfahrens. Die insoweit entstehenden Lücken in verfahrensrechtlicher Hinsicht werden in entsprechender Anwendung des Art. 7 Abs. 1 durch die jeweils einschlägigen Vorschriften des Mitgliedstaates, in dem das Koordinationsverfahren eröffnet wurde, gefüllt. Die jeweiligen nationalen Vorschriften sind jedoch im Einzelnen daraufhin zu prüfen, ob sie tatbestandlich und von der Zielsetzung her auf den Koordinator bzw. das Abberufungsverfahren anwendbar sind.

Da die Abberufung einen erheblichen Eingriff in die Rechte des Koordinators darstellt, sollte ihm jedenfalls vor der Abberufungsentscheidung rechtliches Gehör gewährt werden. Dies könnte zB dadurch geschehen, dass dem Koordinator der schriftlich begründete Abberufungsantrag eines Verwalters zur Stellungnahme innerhalb einer besonderen Frist (die im Falle von Gefahr im Verzug sehr kurz sein kann) übersandt wird. In welcher Form die Abberufungsentscheidung erfolgt und welche Rechtsmittel dem Koordinator gegen die Entscheidung des Koordinationsgerichts zu Verfügung stehen, richtet sich ebenfalls nach dem Recht des Staates, in dem das Koordinationsverfahren eröffnet wurde. Für die Abberufungsentscheidung ist gem. Art. 2 Nr. 6 Ziff. i das Justizorgan des Mitgliedstaats zuständig, in Deutschland also das Insolvenzgericht. Gegen die Abberufungsentscheidung könnte der Koordinator sofortige Beschwerde allenfalls gem. § 6 InsO iVm § 59 Abs. 2 InsO analog erheben. Aus Gründen der Rechtssicherheit wäre es insoweit wünschenswert, wenn Art. 102 EGInsO um eine Regelung ergänzen würde, wonach § 6 InsO auch in den Fällen der Abberufung des Koordinators anwendbar wäre. Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 11-13 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 11-13

d) Rechtsfolgen der Abberufung

Unklar ist auch, welche Rechtsfolgen die Abberufung des Koordinators, mit Ausnahme der Tatsache, dass er nicht mehr zur Amtsausübung befugt (oder verpflichtet ist), nach sich zieht. Es stellt sich insbesondere die Frage, ob das Koordinationsverfahren insgesamt mit der Abberufung des Koordinators beendet ist, oder ob dieses nur „ruht“. Dass der Antrag auf Eröffnung des Koordinationsverfahrens gem. Art. 61 Abs. 3 auch einen Vorschlag bzgl. der Person des Koordinators enthalten muss und dass die gerichtliche Eröffnungsentscheidung gem. Art. 68 Abs. 1 unter anderem die Bestellung des Koordinators nach sich zieht, spricht dafür, dass das Koordinationsverfahren bei Abberufung des Koordinators lediglich bis zu der Bestellung eines anderen Koordinators „ruht“. Da der Koordinator aber die zentrale Person des Koordinationsverfahrens ist, ist eine Fortführung des Verfahrens ohne einen neuen Koordinator gleichwohl nicht denkbar. Da das Koordinationsgericht von Amts wegen nicht befugt ist, einen neuen

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Koordinator zu bestellen, wird es auf einen entsprechenden Vorschlag der beteiligten Verwalter ankommen.

Mit Ausnahme rechtswidriger oder nichtiger Rechtshandlungen bleiben die vom Koordinator bis zu seiner Abberufung ergriffenen Maßnahmen wirksam. Dies auch vor dem Hintergrund, dass die Umsetzung der Empfehlungen des Koordinators oder des Koordinationsplanes auf freiwilliger Basis (Art. 70 Abs. 2) auf Ebene der Einzelverfahren erfolgt und auch insoweit eine Recht- und Zweckmäßigkeitskontrolle stattfinden kann. Weitergehend stellt sich die Frage, ob dem abberufenen Koordinator ein Vergütungsanspruch für seine Tätigkeit bis zur Rechtskraft der Abberufungsentscheidung zusteht. Art. 77 Abs. 2 beantwortet diese Frage nicht, da dort nur der Fall geregelt ist, dass der Koordinator „nach Erfüllung seiner Aufgaben“ eine Endabrechnung über die Kosten (die die Vergütung des Koordinators beinhalten) stellt. Diese Frage hängt auch mit der Qualifizierung der Vergütung des Koordinators zusammen. 3 Nach richtigem Verständnis steht ihm eine Tätigkeitsvergütung zu, sodass dem Koordinator auch ein Vergütungsanspruch im Falle seiner Abberufung bis zu diesem Zeitpunkt zusteht. Etwas anderes könnte nur gelten, wenn der Koordinator in vorwerfbarer Weise Gläubiger von Gruppenmitgliedern geschädigt oder sich schuldhaft bereichert hätte. In solchen Extremfällen wäre auch eine gänzliche Verwirkung des Vergütungsanspruchs denkbar.

 

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Art. 77 Rn. 6.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 14-16 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 14-16

3. Abberufungsgründe

Die Norm sieht die Abberufung des Koordinators nur vor, wenn er zum Schaden der Gläubiger handelt (lit. a) oder seinen Verpflichtungen nicht nachkommt (lit. b).

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a) Handeln zum Schaden der Gläubiger eines Mitglieds

Nach dem Wortlaut der Regelung kommt es nicht darauf an, ob ein Schaden auf Seiten der Gläubiger eines Gruppenmitglieds tatsächlich eingetreten ist. Es reicht vielmehr aus, dass der Koordinator zum Schaden der Gläubiger eines Mitglieds handelt. 4 Erforderlich ist aber ein (auch bedingt) vorsätzliches Handeln des Koordinators („zum Schaden…handelt“). Die sanktionierte Handlung des Koordinators muss sich auch nicht notwendigerweise auf einen Vermögensschaden der Gläubiger beziehen und setzt auch keine Bereicherungsabsicht auf Seiten des Koordinators voraus. Das Maß der Strafbarkeit muss die Handlung des Koordinators aber auch nicht erreicht haben, um eine Abberufung zu rechtfertigen.

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Anforderungen an das Ausmaß des beabsichtigen Schadens oder die Auswirkungen der Handlung des Koordinators für die Gläubiger, stellt die Vorschrift nicht. Im Hinblick darauf, dass die Abberufung einen erheblichen Eingriff in die Rechte des Koordinators stellt, dürften regelmäßig hohe Anforderungen an den Abberufungsgrund gestellt

werden. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass bereits die Handlung des Koordinators sanktioniert wird, nicht ein etwaiger Erfolg. Ist durch das vorsätzliche Handeln des Koordinators aber bereits ein Schaden für die Gläubiger eines Gruppenmitglieds entstanden, liegt der Abberufungsgrund zweifelsfrei vor.

b) Pflichtverletzung des Koordinators

Nach lit. b reicht es für die Abberufung des Koordinators aus, wenn dieser „seinen Verpflichtungen nach diesem Kapitel“ nicht nachkommt. Als Verpflichtungen kommen in Betracht: Verpflichtung zur Unabhängigkeit (Art. 71 Abs. 2); Vorlage von Empfehlungen zur Koordination (Art. 72 Abs. 1a); Vorschlag eines Koordinationsplans (Art. 72 Abs. 1b, Abs. 3); Verpflichtung zur Unparteilichkeit und zur sorgfältigen Ausübung seiner Pflichten (Art. 72 Abs. 5); Pflicht zur Mitteilung bei voraussichtlicher Kostensteigerung (Art. 72 Abs. 6); Pflicht zur Zusammenarbeit mit den beteiligten Verwaltern (Art. 74 Abs. 1); Pflicht zur Vorlage einer Endabrechnung (Art. 77 Abs. 2). Eine regelmäßige Berichtsverpflichtung gegenüber dem Koordinationsgericht ergibt sich aus Art. 72 jedenfalls nicht. 5 Allerdings kann das Koordinationsgericht den Koordinator im Rahmen der amtswegigen Ermittlungen auffordern, über den Stand des Koordinationsverfahrens zu berichten.

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Nicht erforderlich ist, dass durch die Pflichtverletzung Schäden auf Seiten Gläubiger beteiligter Gruppenmitglieder entstehen. Auch setzt die Vorschrift nicht voraus, dass der Pflichtverletzung ein gewisses Gewicht zukommen muss oder dass erst die wiederholte Pflichtverletzung eine Abberufung rechtfertigen soll. Gleichwohl wird nicht jede Pflichtverletzung (zB eine schleppende Kommunikation mit beteiligten Verwaltern) eine Abberufung des Koordinators rechtfertigen können. Das Gericht hat insoweit den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu beachten und den gerügten Pflichtverstoß gegen den Eingriff in die Rechte des Koordinators und die Auswirkungen auf die Verfahren abzuwägen.

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Für diese Auslegung sprechen auch andere Sprachversionen: engl: „acts to the

detriment“, franz: „agit au détriment“.

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Art. 72 Rn. 21.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 17-22 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 17-22

4. Praxishinweise

Die Vorschrift gibt nur einen sehr groben Rahmen für das Abberufungsverfahren vor. Antragstellenden Verwaltern ist in jedem Fall zu empfehlen, den Abberufungsantrag schriftlich einzureichen und mit einer detaillierten Begründung zu versehen. Darüber

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hinaus erscheint es in praktischer Hinsicht sinnvoll, dass sich die beteiligten Verwalter möglichst frühzeitig abstimmen, ob das Koordinationsverfahren fortgesetzt werden soll. Falls dies der Fall ist, sollten die Verwalter bereits bei Antragstellung eine andere Person vorschlagen können, die die Anforderungen des Art. 71 erfüllt und ihre Bereitschaft zur Amtsübernahme gegenüber dem Koordinationsgericht schriftlich erklärt. Auf diese Weise können Verfahrensunterbrechungen auf ein zeitlich möglichst geringes Maß beschränkt werden.

Da es sich bei dem Koordinationsverfahren um ein konsensual geprägtes Verfahren handelt, ist es auch empfehlenswert, dass die Verwalter vor der Stellung eines Abberufungsantrages das Gespräch mit dem Koordinator suchen, soweit die Art und Intensität der im Raum stehenden Pflichtverletzung dies erlaubt und die Interessen der Gläubiger nicht gefährdet sind. Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 23-24 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 75 Rn. 23-24

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Art. 76 Schuldner in Eigenverwaltung

Die gemäß diesem Kapitel für den Verwalter geltenden Bestimmungen gelten soweit einschlägig entsprechend für den Schuldner in Eigenverwaltung. ErwGr: 10

Begriffsbestimmungen: Art. 2 Nr. 3

1. Normzweck

Die Vorschrift stellt fest, dass die in Kapitel V geregelten Rechte und Pflichten des Verwalters, soweit einschlägig, auch für den Schuldner in Eigenverwaltung gelten. Zwar ergibt sich bereits aus ErwGr 10, dass die Verordnung insgesamt auch für Verfahren in Eigenverwaltung gilt. Allerdings werden der Schuldner in Eigenverwaltung in Art. 2 Nr. 3 und der Verwalter in Art. 2 Nr. 5 gesondert definiert. Die Vorschrift dient daher dazu, die einzelnen Bestimmungen dieses Kapitels in ihrer Anwendbarkeit auf den Schuldner in Eigenverwaltung auszudehnen. Dies allerdings unter der Bedingung, dass die jeweilige Vorschrift ihrem Regelungsgehalt und ihrer Zielsetzung nach auf den Schuldner in Eigenverwaltung anwendbar ist.

2. Gesetzgebungsverfahren

Bereits der Reformvorschlag der EU-Kommission vom 12.12.2012 ließ den Entschluss zur Erweiterung des Anwendungsbereichs durch die Aufnahme von Verfahren in Eigenverwaltung in die Verordnung erkennen. 1 Durch den Kompromissvorschlag des Ratsvorsitzes wird mit Art. 42d16 erstmals eine dem jetzigen Art. 76 nahezu wortlautidentische Regelung eingeführt. 2 Die endgültige Fassung erhielt die Vorschrift erst am Ende des Gesetzgebungsverfahrens. 3

3. Schuldner in Eigenverwaltung

Eine Legaldefinition für den Schuldner in Eigenverwaltung findet sich in Art. 2 Nr. 3. Er umfasst Insolvenzverfahren über das Schuldnervermögen, die nicht zwingend mit der Bestellung eines Verwalters oder der vollständigen Übertragung der Rechte und Pflichten zur Verwaltung des Schuldnervermögens verbunden sind.

1

2

3

4

Das Eigenverwaltungsverfahren nach deutschem Recht (§§ 270 ff. InsO) fällt als „Insolvenzverfahren“ durch die konstitutive Aufnahme in Anhang A der Verordnung in

den Anwendungsbereich der Verordnung. Des Weiteren definiert Anhang B sowohl den „Sachwalter“ als auch den „vorläufigen Sachwalter“ als Verwalter im Sinne des Art. 2 Nr.

5.

4. Die für den Schuldner in Eigenverwaltung

anzuwendenden Bestimmungen

Art. 67 statuiert, dass die Bestimmungen des Kapitels V für den Schuldner in Eigenverwaltung nur gelten sollen, soweit sie einschlägig sind. Das heißt, dass für jede Norm anhand des funktionalen Verwalterbegriffs (Art. 2 Nr. 5) und der einschlägigen nationalen Vorschriften zur Eigenverwaltung zu prüfen ist, ob die normierten Rechte und Pflichten auch von einem Schuldner in Eigenverwaltung wahrgenommen werden können. Der Sachwalter fällt dabei gem. Art. 2 Nr. 5 iVm Anhang B unter den Begriff des Verwalters. Seine Rechte und Pflichten ergeben sich aus den jeweils einschlägigen nationalen Bestimmungen.

5. Praxishinweis

Wird nach den jeweils einschlägigen nationalen Vorschriften bei Eigenverwaltungsverfahren kein Verwalter bestellt, den die gesetzlichen Pflichten unmittelbar treffen, bedarf es eines Transformationsaktes dahingehend, dass die den Schuldner treffenden Pflichten auf die handelnden Organe übergeleitet werden. Denn die Anordnung in Art. 76 bringt wenig, wenn die Organe des Schuldners sich nicht an die gesetzlich geregelten Pflichten gebunden fühlen. Diese Bindung wird im Innenverhältnis durch die Legalitätspflicht der Organe hergestellt. 4

5

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1

 

Vorschlag der Europäischen Kommission vom 12.12.2012 (2012/0360 (COD)),

COM(2012) 744 final, S. 5.

2

 

Einleitung zum Kompromissvorschlag des Ratsvorsitzes vom 3.6.2014 (2012/0360

(COD)), Dokument 10284-14 ADD 1, S. 59.

3

Begr. des Rates vom 17.3.2015, (2012/0360 (COD)), Dokument 16636/5/14 REV 5, S.

104.

Vgl. zum Gesetzesentwurf der Bundesregierung (BT-Drs. 18/407): Thole KTS 2014,

351 (370).

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 76 Rn. 1-7 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 76 Rn. 1-7

Art. 77 Kosten und Kostenaufteilung

(1) Die Vergütung des Koordinators muss angemessen und verhältnismäßig zu den wahrgenommenen Aufgaben sein sowie angemessene Aufwendungen berücksichtigen. (2) Nach Erfüllung seiner Aufgaben legt der Koordinator die Endabrechnung der Kosten mit dem von jedem Mitglied zu tragenden Anteil vor und übermittelt diese Abrechnung jedem beteiligten Verwalter und dem Gericht, das das Koordinationsverfahren eröffnet hat. (3) Legt keiner der Verwalter innerhalb von 30  Tagen nach Eingang der in Absatz 2 genannten Abrechnung Widerspruch ein, gelten die Kosten und der von jedem Mitglied zu tragende Anteil als gebilligt. Die Abrechnung wird dem Gericht, das das Koordinationsverfahren eröffnet hat, zur Bestätigung vorgelegt. (4) Im Falle eines Widerspruchs entscheidet das Gericht, das das Gruppen- Koordinationsverfahren eröffnet hat, auf Antrag des Koordinators oder eines beteiligten Verwalters über die Kosten und den von jedem Mitglied zu tragenden Anteil im Einklang mit den Kriterien gemäß Absatz 1 dieses Artikels und unter Berücksichtigung der Kostenschätzung gemäß Artikel 68 Absatz 1 und gegebenenfalls Artikel 72 Absatz 6. (5) Jeder beteiligte Verwalter kann die in Absatz 4 genannte Entscheidung gemäß dem Verfahren anfechten, das nach dem Recht des Mitgliedstaats, in dem das Gruppen- Koordinationsverfahren eröffnet wurde, vorgesehen ist. ErwGr: 54, 55, 58, 59

Begriffsbestimmungen: Art. 2 Nrn. 5, 6, 13, 14

1. Normzweck (Rn. 1, 2)

2. Gesetzgebungsverfahren (Rn. 3)

3. Vergütung und Auslagen (Abs. 1) (Rn. 4-11)

o

a) Die Vergütung des Koordinators (Rn. 5-7)

o

b) Aufwendungen des Koordinators (Rn. 8-10)

o

c) Vorschuss auf die Vergütung (Rn. 11)

4. Aufteilung der Kosten (Abs. 2) (Rn. 12)

5. Verfahren der Vergütungsfestsetzung (Abs. 3 und 4) (Rn. 13-19)

6. Rechtsschutzmöglichkeiten (Abs. 5) (Rn. 20)

7. Praxishinweise (Rn. 21)

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77

1. Normzweck

Die Vorschrift statuiert in Abs. 1 generalklauselartig die Grundsätze der Vergütung des Koordinators und bestimmt, dass die Kosten der Koordination auf die einzelnen Verfahren aufzuteilen sind (Abs. 2). Die Abs. 3 und 4 enthalten Vorschriften über das Verfahren der Vergütungsfestsetzung, Abs. 5 eröffnet beteiligten Gruppenverwaltern Rechtsschutzmöglichkeiten gegen die Festsetzungsentscheidung des Gerichts.

 

1

In Übereinstimmung mit ErwGr 58 soll die Vorschrift sicherstellen, dass die Kosten des Gruppen-Koordinationsverfahrens dessen Vorteile nicht überwiegen. Die Vergütung des Koordinators ist hiernach im Einklang mit den nationalen Vorschriften des Mitgliedstaates festzulegen, in dem das Gruppen-Koordinationsverfahren eröffnet wurde. Zitiervorschläge:

2

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 1-2 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 1-2

2. Gesetzgebungsverfahren

Die Norm wurde als Teil des Gruppen-Koordinationsverfahrens erst durch die Legislative Entschließung des Europäischen Parlaments in das Gesetzgebungsverfahren eingebracht. 1 Der Entwurf sah noch vor, dass sich sowohl die Gerichtsgebühren als auch die Vergütung des Koordinators nach dem Recht „der Mitgliedstaaten“ richten und dass sich der“ von den einzelnen Gruppenmitgliedern zu tragende Anteil unter Bezugnahme auf den Anteil der Vermögenswerte des jeweiligen Mitglieds an den konsolidierten Vermögenswerten aller Gruppenmitglieder, über deren Vermögen das Insolvenzverfahren eröffnet wurde, berechnet“. Diese Ansätze wurden im weiteren Gesetzgebungsverfahren nicht weiter verfolgt. Art. 77 enthält keine Regelungen über Gerichtskosten und gibt auch keinen Anhaltspunkt dafür, nach welchen Kriterien eine Aufteilung der Kosten des Koordinationsverfahrens zu erfolgen hat. In der Praxis besteht damit ein denkbar weiter und flexibler Rahmen für die Art und Weise der Vergütung des Koordinators.

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1

Legislative Entschließung des Europäischen Parlaments vom 5.2.2014 (2012/0360

(COD)), P7 TA-PROV(2014)0093, Abänderungen 65/Art. 42df.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 3 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 3

3. Vergütung und Auslagen (Abs. 1)

 

4

Zu den Kosten des Koordinationsverfahrens gehören die Vergütung und die Auslagen des Koordinators. Unter den Kostenbegriff fallen aber auch die Gerichtskosten des Koordinationsgerichts und alle sonstigen Kosten des Koordinationsverfahrens. 2 Diesbezüglich enthält die Vorschrift aber keine Regelungen. Die Festsetzung der Gerichtskosten erfolgt nach der anwendbaren lex fori concursus.

a) Die Vergütung des Koordinators (Rn. 5-7)

b) Aufwendungen des Koordinators (Rn. 8-10)

2

Art. 61 Rn. 23.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 4 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 4

a) Die Vergütung des Koordinators

Die Vergütung des Koordinators muss nach der Generalklausel des Abs. 1 „angemessen und verhältnismäßig zu den wahrgenommenen Aufgaben sein“. Anhaltspunkte dafür, unter welchen Voraussetzungen dies der Fall ist, sind der Vorschrift nicht zu entnehmen. Angemessenheit und Verhältnismäßigkeit dürften aber die sachlichen Grenzen der Vergütung bilden. Auf der einen Seite muss sich der Koordinator nicht mit einer unangemessen niedrigen Vergütung begnügen, auf der anderen Seite darf die Vergütung der Höhe nach nicht außer Verhältnis zu den entfalteten Tätigkeiten des Koordinators („den wahrgenommenen Aufgaben“) stehen.

Abs. 1 eröffnet einen weiten Interpretationsspielraum und ermöglicht kaum die Ableitung konkreter Vergütungsmaßstäbe. Insbesondere ist unklar, was Berechnungsgrundlage für die Vergütung sein soll. In Betracht kommt, dass es sich um eine Tätigkeitsvergütung handelt, zu deren Bestimmung der Wert aller Insolvenzmassen der koordinierten Verfahren heranzuziehen ist oder auch nur der Koordinierungsmehrwert für die Gruppe insgesamt. Wie ein solcher Koordinierungsmehrwert zu ermitteln wäre, ist allerdings auch unklar. Demgegenüber könnte auch eine Vergütung auf Stundenbasis erfolgen. Aus ErwGr 58 lassen sich ebenfalls keine weitergehenden Erkenntnisse gewinnen, da auch dort nur formelhaft vorgegeben wird, dass die von den einzelnen Gruppenmitgliedern zu tragenden Kosten angemessen, verhältnismäßig und vertretbar sein müssen, sowie im Einklang mit den nationalen Rechtsvorschriften zu stehen haben. In Deutschland kennt die InsVV sowohl die Tätigkeitsvergütung des Insolvenzverwalters als auch die auf Stundensätzen basierende Vergütung der Mitglieder des Gläubigerausschusses. Da aber die Aufgabe des Koordinationsverwalters deutlich näher der des Verwalters als an der Aufgabe des Gläubigerausschusses liegt, ist die Parallele zur Verwaltervergütung naheliegend. Eine Aufgabe wie die des Koordinationsverwalters kann und wird auch nicht von einer Person erbracht, sondern von einer Person geführt, strukturiert und mit einem Team erarbeitet. Solche Aufgaben lassen sich mit den Wertgebühren der Verwaltervergütung, dann wieder mit Prozentsätzen oder Zuschlägen sehr viel besser vergütungstechnisch lösen als mit Stundenkonvoluten ganzer Mitarbeitergruppen. Die hier vertretene Ansicht sieht die Vergütung auf der Basis der Gesamtwerte der Gruppe als Ausgangspunkt einer Berechnung an, sofern zwischen dem Koordinator und den beteiligten Verwaltern keine anderweitige Vereinbarung getroffen wird. Aus Gründen der Rechtssicherheit ist gleichwohl eine gesetzgeberische Klarstellung in der InsVV sinnvoll und wünschenswert. Den Rang des Vergütungsanspruchs des Koordinators in den Einzelverfahren regelt die Vorschrift nicht. Dieser richtet sich nach den jeweils anwendbaren nationalen Vorschriften. In Deutschland ist insoweit unklar, ob der Vergütungsanspruch zu den

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Verfahrenskosten gem. § 54 InsO gehört oder zu den sonstigen Masseverbindlichkeiten gem. § 55 InsO. Da § 54 Nr. 2 InsO nur die Vergütung des (vorläufigen) Insolvenzverwalters erfasst, spricht mehr dafür, die Vergütungsforderung des Koordinators als sonstige Masseverbindlichkeit gem. § 55 Abs. 1 Nrn. 1 oder 2 InsO zu qualifizieren. In diesem Fall ist der Koordinator im Falle der Masseunzulänglichkeit auf die Befriedigungsreihenfolge des § 209 InsO verwiesen. Sollte der Koordinator aus diesem Grund mit seiner Vergütungsforderung ausfallen, dürfte eine Verteilung dieses Anteils auf die anderen Verfahren ausscheiden, da sich aus der Aufteilung auf die einzelnen Verfahren gem. Abs. 2 3 auch nur Ansprüche des Koordinators gegen die einzelnen Massen ergeben dürften. Etwas anderes könnte nur dann gelten, wenn es zwischen dem Koordinator und den einzelnen Gruppenverwaltern ausdrücklich anders vereinbart wurde. Das dürfte in der Praxis schwierig sein, da die Gläubiger der massereichen Verfahren die Gefahr sehen könnten, mit der Gesamtvergütung belastet zu werden. Es ist daher zu erwarten, dass sie einer entsprechenden Vereinbarung ihre Zustimmung verweigern dürften.

3

Rn. 12.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 5-7 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 5-7

b) Aufwendungen des Koordinators

Weniger problematisch dürfte die Bestimmung der angemessenen Aufwendungen sein. Als Aufwendungen kann der Koordinator nur tatsächlich entstandene Kosten geltend machen, die er den Umständen nach zur Erfüllung seiner Aufgaben für erforderlich halten durfte. Die Möglichkeit, eine Pauschalierung der Aufwendungen vorzunehmen, ergibt sich aus der Vorschrift nicht, so dass sie sofern keine entsprechende nationale Vorschrift 4 oder Vereinbarung existiert einzeln zu belegen sind.

Erstattungsfähig sind nur angemessene Aufwendungen. Zwar erfolgt die Prüfung der Angemessenheit durch die beteiligten Verwalter (bzw. im Fall des Widerspruchs durch das Eröffnungsgericht) regelmäßig erst nach Entstehung der Aufwendungen. Maßstab dieser Prüfung ist jedoch der Zeitpunkt, zu dem die Kosten begründet wurden. Durfte der Koordinator berechtigterweise annehmen, dass die Verursachung dieser Kosten noch angemessen ist, sind sie zu ersetzen.

Als erstattungsfähige Aufwendungen können zB in Betracht kommen:

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Reisekosten

Telefon- und Telekommunikationskosten,

Portokosten,

Fotokopierkosten,

Kosten für Büromaterial und

Recherchekosten.

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Ob Kosten der Beauftragung von Hilfskräften noch angemessen sind, ist im Einzelfall danach zu beurteilen, welche Art von Aufgabe delegiert wurde und ob diese Tätigkeit nicht schon von der Vergütung des Koordinators abgedeckt wird.

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ErwGr 58.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 8-10 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 8-10

c) Vorschuss auf die Vergütung

Die Vorschrift gewährt dem Koordinator nicht die Möglichkeit, einen Vorschuss auf seine Vergütung und die Auslagen zu verlangen. Da die Koordinierung einer grenzüberschreitenden Konzerninsolvenz aber mit einem erheblichen Zeit- und Kostenaufwand verbunden sein dürfte und deswegen regelmäßig eine erhebliche Vorfinanzierungsleistung des Koordinators erforderlich sein wird, könnte zwischen den beteiligten Verwaltern und dem Koordinator eine Vorschussregelung getroffen werden. 5

11

5

Rn. 21.

Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 11 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 11

4. Aufteilung der Kosten (Abs. 2)

Der Koordinator wird anteilig aus den Massen der am Gruppen-Koordinationsverfahren beteiligten Verfahren vergütet. Nach Abs. 2 ist der Koordinator verpflichtet, den von Einzelmassen zu tragenden Vergütungsanteil festzulegen. Völlig offen bleibt, nach welchen Grundsätzen dies geschehen soll. In Betracht kommen mehrere Verteilungsmaßstäbe. Eine Verteilung nach Köpfen dürfte zwar praktikabel, aber bei unterschiedlicher Größe der Einzelverfahren kaum sinnvoll sein. Angemessener erscheint es, eine Verteilung nach Größe der Einzelmassen oder nach dem Koordinierungsmehrwert für das einzelne Verfahren vorzunehmen, wobei dessen Bestimmung mit weiteren Problemen verbunden ist. Schließlich ist es auch vorstellbar, dass eine Aufteilung der Kostenlast nach dem tatsächlich entstandenen Zeitaufwand für jedes Einzelverfahren stattfindet. Unschärfen werden sich aber auch hier nicht vermeiden lassen, da es in der praktischen Verfahrensführung nicht oder nur mit unzumutbarem Aufwand möglich sein dürfte, jeden Zeitaufwand immer genau einem Verfahren zuzuordnen. Wie bei der Bestimmung einer Berechnungsgrundlage für die Vergütung des Koordinators wird es auch im Hinblick auf den Verteilungsmaßstab der

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Kosten Aufgabe der Praxis und des nationalen Gesetzgebers sein, eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung zu finden. Zitiervorschläge:

Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 12 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 12

5. Verfahren der Vergütungsfestsetzung (Abs. 3 und 4)

Abs. 2 legt fest, dass der Koordinator „nach Erfüllung seiner Aufgaben“ die „Endabrechnung“ der Kosten vorzulegen hat. Von einer Erfüllung der Aufgaben dürfte jedenfalls dann auszugehen sein, wenn die Umsetzung des Koordinationsplans gem. Art. 72 Abs. 1b sichergestellt ist. Ein Zuwarten bis zur tatsächlichen Umsetzung des Koordinationsplans (oder der sonstigen Empfehlungen) ist dem Koordinator nicht zuzumuten, da eine Umsetzung auf Ebene der Einzelverfahren stattfindet und dies in zeitlicher Hinsicht mit erheblichen Unwägbarkeiten verbunden sein kann. Zudem sind die Verwalter gem. Art. 70 Abs. 2 nicht verpflichtet, den Empfehlungen oder dem Gruppen-Koordinationsplan ganz oder teilweise Folge zu leisten.

Die Endabrechnung ist den Verwaltern der am Gruppen-Koordinationsverfahren beteiligten Verfahren und dem Gericht zu übersenden, welches das Gruppen- Koordinationsverfahren eröffnet hat. In praktischer Hinsicht ist es ratsam, die Abrechnung per eingeschriebenem Brief zu versenden, da die Widerspruchsfrist des Abs. 3 erst mit Eingang der Abrechnung bei den einzelnen Verwaltern beginnt. Abs. 3 fingiert („gelten“) die Zustimmung der beteiligten Verwalter zu den Kosten des Koordinationsverfahrens insgesamt und zu dem jeweils zu tragenden Anteil, wenn innerhalb einer Frist von 30  Tagen nach Eingang der Endabrechnung kein Widerspruch eingelegt wurde. Ob die Einzelverwalter verpflichtet sind, die Endabrechnung der Gläubigerversammlung oder dem Insolvenzgericht zu Genehmigung vorlegen zu lassen, beurteilt sich nach dem jeweils einschlägigen nationalen Recht.

Nach Ablauf der Frist, die für jeden Verwalter einzeln zu berechnen ist, legt der Koordinator die Abrechnung dem Koordinationsgericht zur Bestätigung vor. Da dem Gericht die Abrechnung ja bereits gem. Abs. 2 übersandt wurde, dürfte im Fall des Ausbleibens von Widersprüchen eine entsprechende Mitteilung des Koordinators an das Gericht genügen, verbunden mit dem Antrag auf Bestätigung der Endabrechnung. Die Form und das Verfahren der Bestätigung richten sich nach dem Recht des Staates, in dem das Koordinationsverfahren eröffnet wurde. Wurde kein Widerspruch gegen die Endabrechnung eingelegt, steht dem Gericht kein Prüfungs- oder Beanstandungsrecht der Endabrechnung zu. Dies ist auch sachgerecht, da die Kosten von den Massen der Einzelverfahren getragen werden müssen und auf dieser Ebene einer Kontrolle durch die Gläubiger oder Gerichte unterliegen.

Wird ein Widerspruch von einem beteiligten Verwalter fristgerecht eingelegt, hat das Gericht die Endabrechnung nach Maßgabe der Grundsätze des Abs. 1 und unter Berücksichtigung der ursprünglichen Kostenschätzung (Art. 68 Abs. 1) sowie unter Beachtung eines nachträglichen Hinweises auf eine Kostensteigerung (Art. 77 Abs. 6) zu überprüfen. Mangels anderweitiger Regelungen kann der Widerspruch sowohl beim Koordinator als auch beim Koordinationsgericht eingelegt werden. Die Vorschrift

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statuiert weder formelle noch inhaltliche Anforderungen an den Widerspruch. Um eine Entscheidung des Gerichts zu erleichtern, ist es jedoch ratsam, den Widerspruch schriftlich einzulegen und zu begründen. Der Widerspruch ist in entsprechender Anwendung des Art. 73 Abs. 2 in der Sprache des Koordinationsgerichts zu verfassen. Die Entscheidung des Koordinationsgerichts erfolgt erst auf Antrag des Koordinators oder eines, nicht notwendigerweise des Verwalters, der den Widerspruch eingelegt hat, und umfasst sowohl die Gesamtkosten des Koordinationsverfahrens als auch den von jedem Mitglied zu tragenden Kostenanteil. Eine isolierte Entscheidung über die Höhe der Vergütung des Koordinators oder über einzelne Kostenquoten ist nicht möglich. Zitiervorschläge:

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Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 13-19 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 13-19

6. Rechtsschutzmöglichkeiten (Abs. 5)

Gegen die Entscheidung des Koordinationsgerichts eröffnet Abs. 5 jedem beteiligten Verwalter eine Rechtsschutzmöglichkeit. Das Rechtsschutzverfahren richtet sich nach den nationalen Vorschriften des Staates, in dem das Koordinationsverfahren eröffnet wurde. Wurde das Koordinationsverfahren in Deutschland eröffnet, ist die sofortige Beschwerde statthaft. Zitiervorschläge:

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Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 20 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 20

7. Praxishinweise

Die Regelungen zur Vergütung des Koordinators und zur Verteilung der Kosten auf die Einzelverfahren sind sehr weit gefasst und wenig konturiert. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass diese Punkte in der Praxis erhebliches Streitpotential entfalten werden. Hierdurch könnte der Koordinationserfolg insgesamt gefährdet werden. Es ist daher zu empfehlen, dass sich die beteiligten Verwalter untereinander und in Abstimmung mit dem Koordinator möglichst frühzeitig über ein Vergütungsmodell und die Verteilung der Kosten einigen. Bereits der Antrag auf Eröffnung des Koordinationsverfahrens (Art. 61 Abs. 3d) sollte daher neben der Kostenschätzung einen konkreten Vorschlag zur Ausgestaltung der Vergütung des Koordinators enthalten. Über diesen konkreten Vorschlag könnte das Gericht dann auch im Rahmen der Eröffnungsentscheidung gem. Art. 68 Abs. 1c befinden. Da der Koordinator erst mit der Eröffnungsentscheidung durch das Koordinationsgericht bestellt wird, ist es ratsam, dass der Koordinator nach seiner Bestellung mit den einzelnen Verwaltern schriftliche Vereinbarungen über die Vergütung und deren konkrete Ausgestaltung (zB Recht auf Vorschuss, Aufwendungspauschalen etc.pp.) schließt. Diese Vereinbarungen könnten die Verwalter dann ihren Gläubigern zur Genehmigung vorlegen, was letztlich zur Akzeptanz des Koordinationsverfahrens und zur Streitvermeidung beitragen dürfte. Zitiervorschläge:

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Braun/Cülter EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 21 Braun/Cülter, 7. Aufl. 2017, EuInsVO 2017 Art. 77 Rn. 21