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Jogo bonito, das schöne Spiel:

Fußball als Utopie

Von Detlev Claussen

M artin Walser zufolge „gibt es nichts Sinnloseres als Fußball – außer Nachdenken über Fußball“. Aus diesem Satz spricht die Ahnungs-

losigkeit des Bildungsbürgers von einem gesellschaftlichen Bereich, den er verachtet. Weniger überhebliche Menschen erfanden die zum short century 1 passende Formel vom Fußball „als der wichtigsten Nebensache der Welt“. Fußball ist dank der Ausbreitung des Fernsehens zum Weltzuschauersport Nr. 1 geworden. Das WM-Endspiel ist seit 1990 das Festival globaler Gleich- zeitigkeit – ein Außenseiter, wer nicht zuschaut. Insider sahen die Sache schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit anderen Augen. Bill Shankly, der legendäre Manager des FC Liverpool,

drückte es drastisch aus: „Manche Leute glauben, Fußball ist eine Frage von

Leben und Tod. [

Fußball als Lebensform – für Bill Shankly (1913-1981) trifft das zu. In seiner Lebenszeit wurde Fußball zum Massensport, von dem und für den man leben konnte. An der Anfield Road, auf der Stehtribüne umgedichtete, von Massen gesungene Popsongs, auf dem Rasen die gefürchteten Reds, wurde Fußball unter seiner Regie zelebriert wie ein Hochamt, eine Mischung aus Religion und englischer Labourtradition: „You never walk alone“, ein in die Popmusik transferiertes Kirchenlied, ist die weltweite Hymne aller Fußballfans. Der Liverpooler Messias Shankly, dem schottischen Bergarbeitermilieu entstam- mend, erlebte und gestaltete die Drift des zunächst marginalen Fußballs in die Mitte der Gesellschaft. Der Liverpooler Hafen, lange zentral in der glo- balen Textilindustrie, hatte seine ökonomische Funktion verloren. Arbeits- und Hoffnungslosigkeit prägten in den 60er Jahren das städtische Leben, als die Beatles gleichzeitig mit den Reds ihre Magical Mystery Tour starteten – Vorspiel einer Globalisierungswelle, die den Fußball zum Bestandteil des serious life machten. 2

]

Ich kann Dir versichern, es ist viel, viel wichtiger als das.“

* Der Beitrag entstammt dem aktuellen „Friedensgutachten“, das dieser Tage im Lit Verlag erscheint.

1 Gesellschaftsgeschichtlich unterscheide ich nach Eric Hobsbawm das long century von ca. 1750 bis 1914 als Zeitalter der ungleichzeitigen Entwicklung vom short century von 1917 bis 1990, das durch die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit gekennzeichnet ist. Das New Age von 1990 bis heute versuche ich als Globale Gleichzeitigkeit zu charakterisieren. Vgl. Detlev Claussen, Globale Gleichzeitigkeit, gesellschaftliche Differenz, in: Detlev Claussen, Oskar Negt und Michael Werz (Hg.), Veränderte Weltbilder, Hannoversche Schriften Bd. 6, Frankfurt a. M. 2005, S. 9-29.

2 Richard Giulianotti und Roland Robertson, The Globalization of football: a study in the glocalization of the „serious life“, in: „The British Journal of Sociology“, 4/2004, S. 545-568; Dies., Mapping the

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Fußball wichtiger als Leben und Tod? Das klingt verrückt, doch Shankly trifft etwas Substanzielles. Fußball wurde zu Beginn des long century erfunden, um die notorische Gewalt in den Erziehungsinstitutionen der englischen Oberklasse einzudämmen. Norbert Elias analysierte den Sport in seiner Zivilisationstheorie 3 als „Pazifizierung und Domestizierung der grundbesit- zenden Klassen“ im England des 18. Jahrhunderts. 4 Sportliche Betätigung schien den innergesellschaftlichen Frieden zu fördern. Der anglophile Baron de Coubertin (1863-1937) begründete 1896 die Olympischen Spiele – die den Fußball einschlossen – als regelmäßiges internationales Friedensfest. Para- doxerweise brachte aber erst der Große Krieg von 1914 den internationalen Durchbruch des Fußballs. Offiziere ließen Fußball spielen, um ihre Mann- schaften zum Angriff auf befestigte Stellungen zu animieren und auch, um im zermürbenden Stellungskrieg die Langeweile zu vertreiben. Den kaiser- lichen Fußball in Deutschland förderte die an der britischen Seemacht orien- tierte Marine. Sie erkannte, dass selbstständiges Agieren in sich rasch verän- dernden Situationen, eben nicht Kadavergehorsam, der Sinn dieses Spiels ist. Es hat im Krieg nicht nur die Matrosen, sondern die Massen ergriffen: Nach Kriegsende wollten sie auf Fußball nicht mehr verzichten, und der verbes- serte Lebensstandard schuf die Bereitschaft, in der neu gewonnenen Freizeit als Zuschauer Geld für Fußball auszugeben. Die feinen Leute, besonders in England, wandten sich vom Fußball ab und überließen die Stadien dem Fuß- ballvolk und seinen populären Gesängen.

„Kommerzialisierung“ greift zu kurz

Plattitüden wie „Der Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft“ tragen nicht. Der Fußball spiegelt nichts, und wenn, dann nur verzerrt. Er findet in der Gesellschaft statt und muss als integraler Bestandteil des serious life analy- siert werden wie Mode, Musik und Medien. Nach Robertson und Giulianotti wird er durch Kommodifizierung charakterisiert – ein präziserer Ausdruck als „Kommerzialisierung“. Der Fußball ist zur Ware geworden – das ist wahr. Aber war er das nicht schon immer? Fußball ist eine paradoxe Ware, die – ver- gleichbar mit der Kultur 5 – ganz in ihrem Gebrauch aufgeht. Der Ausdruck „Kommerzialisierung“ hätte einen konkreten Sinn, wenn er das Zur-Ware- Werden des Fußballs bezeichnen würde. Doch das Schlagwort begleitet Fußball seit seiner Professionalisierung im 19. Jahrhundert und passt ins Lamento, die Welt werde immer schlechter, und zum Glaubensbekennt-

global football field: a sociological model of transnational forces within the world game, in: ebd., 2/2012, S. 216- 240.

3 Vgl. Norbert Elias und Eric Dunning, Sport und Spannung im Prozess der Zivilisation, Frankfurt a. M.

2003.

4 Ebd., S. 309.

5 Ähnlich wie die amerikanischen Filmunternehmer begriffen sich die Verantwortlichen des Fuß- ballgeschäfts im England der 1930er Jahre als Industrielle. „Die Pools, das Transfersystem und die Zuschauereinnahmen haben den Fußball in eine nationale Industrie verwandelt“, konstatierte die „Times“ 1937 (zit. nach Dietrich Schulze-Marmeling, Fußball. Zur Geschichte eines globalen Sports, Göttingen 2000, S. 127).

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nis des kleinen Mannes: „Geld regiert die Welt“. Mit dem Eindringen des Finanz- und Risikokapitals in den Profisport drückt sich dieses Unbehagen in der Ideologie aus: „Geld schießt Tore“. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob nicht Otto Rehhagel doch recht hatte: „Geld schießt keine Tore!“ In der Tat ist der Fußball ökonomisch im Ernst des Lebens angekommen. Einige Ökonomen haben sich seiner angenommen, aber ihre Prognosen der fußballerischen Entwicklung sind nicht treffsicherer als ihre Vorhersa- gen über die gesellschaftliche Zukunft. 6 Die Gründe für Höhen und Tiefen im Fußball sind vielfältiger Natur und nicht aus der Ökonomie abzuleiten. Geld spielt eine Rolle im modernen Fußball; aber es ist keineswegs alles. Das Bosmann-Urteil, das 1995 die freie Wahl des Arbeitsplatzes in Europa gegen die Verbände durchsetzte, hat den Fußball verändert: Die besten Spieler der Welt kommen in die europäischen Profiligen. Doch trotz Unsummen von Geld ist es großen Fußballunternehmern nicht gelungen, den Erfolg zu kau- fen. Exemplarisch dafür steht der gescheiterte Versuch des Baulöwen Pérez, mit den Galácticos den Erfolg der 50er Jahre nach Madrid zurückzuholen. Von 2000 bis 2007 verpflichtete er Weltstars wie Figo, Zidane und Beckham. Man verkaufte viele Trikots, gewann aber nur wenig Titel, Real Madrid wurde in dieser Zeit vom FC Barcelona überholt. Noch frappierender ist, wie der tiefe Fall des Medienunternehmers, Finanzbetrügers und ehemaligen Ministerpräsidenten Berlusconi den AC Mailand mit sich riss. Unterschied- liche Konstruktionen der Vereine und nationalen Verbände begünstigen sol- che Finanzspekulationen oder grenzen sie eher ein. Sicher ist nur, dass die Machtstrukturen auf dem Fußballweltmarkt undurchsichtig und ohne demo- kratische Kontrolle sind. Der Fußball eignet sich wie der Kunstmarkt ideal zur Geldwäsche. Ökonomisches Fair Play sähe anders aus. Trotz seiner zunehmenden Respektabilität gehört die Vorstellung vom Fuß- ball als Big Business in den Bereich der Phantasie. Das Klischee vermengt, was im Fußball verdient wird, mit dem, was am Fußball verdient wird. 7 Im wirklichen „Milliardenspiel“ 8 drehen Medienunternehmer wie Kirch, Mur- doch und Berlusconi am Rande der Legalität das große Rad, das auch mal res- pektable Bankhäuser an den Rand des Abgrunds reißen kann. Die merkwür- digen Führungsgestalten der internationalen Sportorganisationen agieren in kaum durchschaubaren Netzwerken, ihre Vertreter wechseln als Eigentü- mer von Bekleidungskonzernen, Fernsehanstalten und Fußballklubs je nach finanziellem Interesse und staatsanwaltschaftlicher Verfolgungslage. Wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätten sich Milanpräsident Berlu- sconi und Bayernpräsident Hoeneß im Gefängnis begegnen können.

6 Exemplarisch Dieter Hintermeier und Udo Rettberg, Geld schießt Tore. Fußball als globales Busi- ness – und wie wir im Spiel bleiben, München 2006. Brasilien sahen sie für die Zukunft nur als Talentlieferant und fußballerischen Rohstoffexporteur, doch sieht die Fußballwelt heute ganz anders aus als 2006 prognostiziert.

7 Simon Kuper und Stefan Szymanski, Why England lose & other curious football phenomena ex- plained, London 2009, S. 84 ff.

8 Thomas Kistner und Jens Weinreich haben den atemberaubenden Verwandlungsprozess von FIFA und IOC, repräsentiert durch ihre windigen Vorsitzenden Havelange und Samaranch, von Honora- tiorenorganisationen zu Gelddruckmaschinen am Rande der Legalität nachgezeichnet. Vgl. Tho- mas Kistner und Jens Weinreich, Das Milliardenspiel. Fußball, Geld und Medien, Frankfurt a. M.

1998.

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Vom Aristokratenspiel zum demokratischen Leistungssport

Der moderne Fußball ist ein Produkt der englischen Klassengesellschaft des long century und verdankt seine weltweite Ausbreitung dem Empire. Über- all, wo Engländer als Kauf- oder Seeleute, Soldaten oder Ingenieure agierten – und das war fast überall –, brachten sie den Fußball mit. Dessen Regeln sind während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in englischen Elite- schulen entstanden, in denen aus raubeinigen Aristokratensöhnen Gentle- men gemacht werden sollten, fähig, ein Weltreich zu führen. 9 Doch das Spiel selbst besitzt ein demokratisches Potential: Jeder kann es spielen, und wer die Freude sieht, die das Spiel mit dem eigenwilligen Ball macht, möchte mit- spielen. Die kickenden Gentlemen wurden überall beobachtet und das Spiel breitete sich in allen Schichten auf der ganzen Welt aus. Priester und Pasto- ren, die mit der Industrialisierung ihren Einfluss auf die Massen schwinden sahen, erkannten den sozialisierenden Effekt eines Teamsports und gründe- ten Fußballklubs, um Kriminalität, Prostitution und Alkohol entgegenzuwir- ken. Die Rivalität von Rangers (1872 gegründet von protestantischen Studen- ten) und Celtics (1887 gegründet vom katholischen Mönch Bruder Walfrid) ist Legende, die ihren Ursprung in den Straßen von Glasgow hat. Die Vereins- geschichten spiegeln die Weiterentwicklung des Fußballs – sozial als Auf- stieg neuer bürgerlicher Eliten und Verpflichtung von Spielern aus der Arbei- terklasse, sportlich als Übergang vom dribbling zum passing game. Die Wiege des modernen Fußballs stand in Lancashire. Zwar hatten 1848 in Cambridge ehemalige Eton-Schüler die Fußballregeln kodifiziert, aber ein regelmäßiger Spielbetrieb mit Ligen und Cupwettbewerben hat erst das leistungsorientierte Bürgertum hervorgebracht. Die von Gentlemen-Fuß- ballern 1863 gegründete Football Association setzte erst 1872 einen nationa- len Wettbewerb durch: den FA-Cup. Der Pokalwettbewerb bedeutete schon einen Kompromiss mit dem unaufhaltsamen Aufstieg des Profifußballs, lehn- ten doch echte Gentlemen Pokale und jede Form von Prämien ab. Sie brauch- ten weder Schiedsrichter noch Strafstöße, ihr Fair Play schloss Foulspiel aus. Mit der Gründung von lokalen Fußballmannschaften nahmen neben Lokalrivalitäten auch Klassenrivalitäten zu. An der Spitze der jungen Klubs außerhalb der Universitätsstädte und der Londoner City standen ehrgeizige, erfolgsorientierte bürgerliche Unternehmer, denen das Leistungsprinzip in Fleisch und Blut übergegangen war, mit einer „merkwürdigen Mentalität des Gewinnenwollens“, wie ein Gentleman befremdet feststellte. Mit der Grün- dung der professionellen Football League 1888 triumphierte das bürgerliche Leistungsprinzip. Regelmäßiger Ligafußball setzt eine Verkehrsrevolution voraus – in England die Eisenbahnen und siebzig Jahre später in Brasilien die Flugzeuge, ohne die es eine nationale Meisterschaft nicht geben konnte. Die ursprüngliche Antriebskraft des Fußballs liegt aber im Lokalen – das Derby wird von vielen Fans bis heute als Salz in der Suppe aller Wettbewerbe emp-

9 Christiane Eisenberg, „English Sports“ und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800- 1939, Paderborn, München, Wien und Zürich 1999. Die Autorin hat auf diesem Feld Pionierarbeit geleistet.

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funden, das sich ins Nationale und Internationale übertragen lässt: Liver- pool gegen Everton, Dortmund gegen Schalke, Argentinien gegen Brasilien und Deutschland gegen Italien. Das Urmodell auf internationaler Ebene, aus dem die Idee eines globalen Vergleichs geboren wurde, hieß England gegen Schottland. 1872, im ersten Länderspiel der Geschichte, trotzten schottische Amateure den überraschten Engländern mit einem 0:0. Damals spielten längst schon schottische und irische Profis in England – misstrauisch beargwöhnt von den FA-Gentlemen. Die Fußballbegeisterung hatte die englische Arbeiterklasse ergriffen; ehrgeizige Unternehmer stell- ten schottische und irische Arbeiter ein, die gut mit dem Ball umgehen konn- ten. So stärkten sie von ihnen gesponserte lokale Mannschaften, die Prestige brachten. Die Leistung der Spieler auf dem Platz wurde an einem traditionel- len Arbeitsplatz entlohnt. Zwar spielten immer mehr Arbeiter in den wettbe- werbsorientierten Mannschaften; aber die Vereinsstruktur war bürgerlich- kapitalistisch. Wer in der englischen Liga gewinnen wollte, setzte die besten Spieler ein – egal, woher sie kamen. In der Spielpraxis erwies sich das von Gentlemen gepflegte dribbling game dem von aufstrebenden Profimann- schaften bevorzugten schottischen Kurzpassspiel als unterlegen. Der heute als Nonplusultra angesehene one-touch-football geht auf das in Schottland ausgebildete passing game zurück.

Das lange Ringen um die Professionalisierung

Die Gentlemen wollten nur spielen, die professionellen Teams mussten trai- nieren, um Erfolg zu haben. Das erfordert Geld und Zeit. Die Gentlemen hat- ten beides zur Genüge, doch die Spieler aus den unteren Klassen mussten arbeiten, um spielen zu können. Beides vereinen kann der Profifußballer als Beruf. Wie die Arbeitsmigranten aus dem armen Irland und Schottland im 19. Jahrhundert ihren Weg in den englischen Industriekapitalismus fanden, suchten ihn auch die Fußball spielenden Iren und Schotten. Die Baumwoll- industrie, das Herz des Manchesterkapitalismus, zog sie magisch an. Der professionelle Fußball ermöglichte ein Leben außerhalb der Fabrik, das sich bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts nur durch die Art der Beschäfti- gung, nicht durch den Lebensstil von der proletarischen Umgebung unter- schied. So entstand der Mythos vom Fußball als einem proletarischen Sport. Als Kind der bürgerlichen Gesellschaft blieben im organisierten Fußball die Strukturen der Klassengesellschaft erhalten. Die Spieler selbst wurden zu Arbeitern im Angestelltenverhältnis, weshalb Fußball für den Geschmack der herrschenden Klassen einen Hautgout bekam. Gentlemen-Honoratio- ren hielten Profis lange Zeit für unwürdig, die Nation zu vertreten. Lieber isolierte man sich selbst vom internationalen Spielbetrieb. In Deutschland wurde der Amateurismus zur Bastion reaktionärer bürgerlicher Organisa- tionshoheit, die erst durch Druck internationaler Konkurrenz in den 60er Jahren mehr schlecht als recht reformiert wurde. Es fiel dem DFB schwer, veränderte gesellschaftliche Realitäten zu akzeptieren – um den Preis einer

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Stagnation. Er hielt noch bis zu den sportlichen Katastrophen der Europa- meisterschaften 2000 und 2004 an der migrationsfeindlichen Illusion eth- nisch deutscher Nationalauswahlen fest. Der Fußball spiegelt nicht einfach die Gesellschaft, sondern er kann reaktionärer organisiert sein als sie. Im short century ist das Empire verschwunden; aber der englische Natio- nalsport Football hat sich weltweit durchgesetzt. Die Vergabe der WM 1994 an die Soccer spielenden USA sollte der FIFA neue Märkte im Zeitalter einer durch Massenmedien erlebten globalen Gleichzeitigkeit erschließen. Die Vergabe der WM 2002 an Korea und Japan und 2010 an Südafrika war nur folgerichtig. Nun kommt er endlich wieder in Brasilien an, das in der zwei- ten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Fußball-Weltmacht Nr. 1 geworden war. Diese Vormachtstellung war das Ergebnis einer „Soccer Revolution“, die der österreichisch-jüdische Emigrant Willy Meisl einem verständnislosen engli- schen Publikum klarzumachen versuchte, nachdem die englische National- mannschaft gerade die demütigenden Niederlagen im November 1953 mit 3:6 in Wembley gegen Ungarn und 1:7 beim Budapester Rückspiel 1954 erfahren hatte. Das sang- und klanglose Ausscheiden bei der ersten Nachkriegs-WM 1950 gegen eine mit Migranten gespickte US-Nationalmannschaft in Bra- silien hatte man einfach ignoriert. Auf der Tribüne von Wembley saß 1953 der Coach von Aston Villa, Jimmy Hogan, der anschließend von der chauvi- nistischen englischen Presse als Landesverräter beschimpft wurde. Er hatte 21 Jahre seines Lebens in Österreich, Ungarn und Deutschland verbracht. Hogan, „ein Junge aus Lancashire“, hatte in allen drei Ländern die schotti- sche Fußballschule gelehrt 10 – sie belegten bei der WM 1954 die ersten drei Plätze. Auf den Kontinent geholt hatte ihn schon vor dem Ersten Weltkrieg der weitsichtige Doyen des Habsburger Fußballs, Hugo Meisl. Er hatte in den 20er Jahren in Österreich als dem ersten kontinentaleuropäischen Land den Professionalismus eingeführt, woraus das legendäre „Wunderteam“ hervor- ging. Deutschland verpasste diese Entwicklung, während Italien auch mit Hilfe ungarischer Trainer und dem von Mussolini geförderten Professionalis- mus vom progressiven Donaufußball profitierte. Der Erste Weltkrieg hatte die Welt verändert. Der Zerfall des Habsburger Großreichs ließ Wien zu einer Migrantenmetropole werden. Hugo Meisl hatte seinen gesellschaftlichen Aufstieg als 1881 in Maleschau geborener Jude schon hinter sich, aber nicht vergessen. Er hatte in Paris und Triest gelernt und an der berüchtigten Isonzofront gekämpft; als Bankfachmann und poly- glotter Fußballer pflegte er viele internationale Kontakte. Eine Freundschaft verband ihn mit dem englischen Fußballrevolutionär und Selfmademan Her- bert Chapman, und die beiden begründeten eine fußballerische Moderne. Der Professionalismus, in England längst Grundlage des Spitzensports, wurde zur unabdingbaren Voraussetzung, denn beiden war bewusst, dass man mit dem Fußball seinen Lebensunterhalt verdienen können muss. Für unzählige schottische Fußballarbeiter, die nichts anderes gelernt hatten, als Fußball zu spielen, bot sich das amateurhaft zurückgebliebene Kontinen-

10 Sh. Márton Bukovi und Jenö Csaknáady: Die ungarische Fußballschule, Budapest und Berlin 1955, S. 8.

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taleuropa als Markt für eine Trainerkarriere. Sie wanderten als sogenannte Scottish Professors in die Welt. Chapman befestigte als Manager von Arse- nal die Stellung eines Fußballfachmanns, der auch etwas vom Geschäft ver- steht. Aus dem bezahlten Fußball war nach dem Ersten Weltkrieg ein Show- business geworden. Meisl führte 1924 in Restösterreich die erste Profiliga auf dem Kontinent ein, die in der ethnisch vielfältigen Flüchtlingsmetropole Wien fast nur aus Lokalderbys bestand. Erster Profimeister wurde der jüdi- sche Club Hakoah, in dem viele aus Horthy-Ungarn geflohene Spieler aus Hogans Schule unterkamen.

Der reaktionäre Sonderweg des DFB

Fußball ist ein players game. Die Autorität des Trainers erwächst aus der Sachkenntnis, doch ist er ohne eigenverantwortliches Handeln der Spieler machtlos. Mit der Einführung von Rückennummern versuchte Chapman nicht nur die Identifikation der Zuschauer mit den Spielern zu befördern, sondern auch das Erkennen der Spieler untereinander, damit das passing game beschleunigt werden konnte. Der in der Weimarer Republik starke Arbeitersport, aus dem auch der Vater Uwe Seelers kam, lehnte diesen Indi- vidualismus ebenso vehement ab wie die Bezahlung. Aber in der Weltwirt- schaftskrise hatte die aristokratische wie die linksradikale Kritik am Profes- sionalismus ausgedient: Erwin Seeler entschied sich gegen den Arbeitersport und für den HSV. Der DFB indes entschied sich gegen den Professionalismus – ein reaktionärer Sonderweg, der erst dreißig Jahre später gegen großen Widerstand korrigiert wurde, weil die fußballerische Konkurrenzfähigkeit auf dem Spiel stand. Auch dem deutschen Fußballguru, dem aus dem Mann- heimer Arbeitermilieu stammenden Sepp Herberger, wurde 1921 mit einer lebenslangen Sperre wegen finanzieller Vorteilsnahme gedroht, die aber auf ein Jahr reduziert wurde. Der Scheinamateurismus blühte in Deutschland bis zur Einführung der Bundesliga 1963. Herberger war als Bundestrainer sehr findig, für „seine“ Nationalspieler Verdienstmöglichkeiten zu organi- sieren. Um Uwe Seeler gegen Angebote aus Madrid und Mailand in Deutsch- land zu halten, verschaffte er ihm den Posten des Adidas-Generalvertreters Norddeutschland. Die Revolution des Vereinsfußballs fand dagegen in der Zwischenkriegs- zeit woanders statt. Wiener Vereine begannen die englischen zu schlagen. Die Konkurrenz spornte die Erfindungskraft an, um neue Zuschauermas- sen ins Stadion zu locken. Weil zu wenig Tore fielen, änderte man 1925 die Abseitsregel, die bis dahin vorsah, dass der Torwart und drei (!) Feldspie- ler vor dem Ball sein mussten, damit der Angreifer nicht im Abseits stand. Viele, die über Fußball nicht nachdenken wollen, verstehen den Sinn der Abseitsregel nicht. Sie macht den Fußball für den Zuschauer attraktiv, weil nicht das linierte Feld wie etwa beim Tennis den Raum begrenzt, sondern der bespielbare Raum flexibel von der jeweiligen Position der Spieler auf dem Feld abhängt – es zählt der Augenblick, in dem abgespielt wird. Übersicht,

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Timing und selbstständiges Handeln zählen neben der Ballbeherrschung zu den Qualitäten des guten Spielers. Spitzenspieler mit diesen Qualitäten wer- den als Virtuosen oder Künstler verehrt, die dem Spiel seine Ästhetik verlei- hen. Aber der Fußball hat auch eine andere Seite: die Physis. Die Reproduk- tion der spielerischen Arbeitskraft hängt vom physiologisch verantwortbaren Training, der medizinischen Behandlung und der nachhaltigen Regenera- tion ab. Die Rücksichtnahme auf diese auch wissenschaftlich fundierten Vor- aussetzungen machte den professionellen Fußball dem Amateurismus der Gentlemen strukturell überlegen.

Vom Donaufußball zum brasilianischen Ballzauber

In der Freundschaft von Meisl und Chapman verkörpern sich zwei Seiten des Spiels: Ein Manager kann sich nur behaupten, wenn er Erfolge vorzu- weisen hat: „Den Sieg organisieren“, nannte Chapman sein Ziel. Die Ände- rung der Abseitsregel 1925, die zu mehr Toren führen sollte, beantwortete er herzlos mit der Erfindung des WM-Systems, das die Defensive stärkt und weniger risikoreich ist als spektakuläres Angriffsspiel. Diese Taktik sollte 25 Jahre die Fußballwelt beherrschen. Mit ihm verlor Brasilien 1950 die Welt- meisterschaft im eigenen Land, Herberger vollbrachte mit ihm das „Wunder von Bern“ gegen die jahrelang unbesiegten „magischen Magyaren“, die als schön und erfolgreich spielende Nationalmannschaft Meisls österreichisches Wunderteam der 30er Jahre abgelöst hatten. Die „Goldene Elf“ um Ferenc Puskás ist aus dem Donaufußball hervorgegangen, für den Meisl in den 30er Jahren noch den Mitropa-Cup, eine Vorform der Champions League, geschaffen hatte. Weder englische noch deutsche Mannschaften spielten dort mit, aber italienische. Anders als die Nationalsozialisten unterstützten die italienischen Faschisten den Fußball, den sie eigensinnig „calcio“ (ita- lienisch für Tritt) tauften. 1934 fand die erste in Europa ausgetragene WM in Italien statt, ein Prestigeobjekt für Mussolini wie die Olympischen Spiele 1936 für Hitler. Nur italienische Spieler sollten den Titel erringen, wozu man allerdings den Italienerbegriff sehr weit fasste. Rimpatriati, rückkehrende Auswanderer vor allem aus der südamerikanischen Fußballwelt, wurden mit Geld und Autos gelockt. Brasilien, Argentinien und Uruguay versuchten um 1930, diesen Exodus mit der Einführung des Professionalismus zu stoppen. Österreichische und ungarische Trainer hatten das Spielniveau italienischer Mannschaften gesteigert. Die Grundlagen der „Soccer Revolution“ (Willy Meisl) wurden aber im Abseits des faschistischen Ungarn gelegt. Die Niederlagen gegen die Italie- ner wurmten, nicht zuletzt im WM-Finale von 1938. Man übte sich im Trikot- tausch – jeder sollte jede Rolle spielen können. „Fußball total“ nannte man das 20 Jahre später. Der Mittelstürmer sollte zurückfallen und plötzlich in die Spitze gehen, für Mann deckende Mannschaften ein Albtraum – heute nennt man das „falsche 9“. Doch die innovativen Ungarn waren vom Unglück verfolgt: Als Arbeitsmigranten, Profifußballer und -trainer besaßen sie viel

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Auslandserfahrung, aber sie gerieten nach Horthy-Diktatur und national- sozialistischer Besatzung unter eine stalinistische Parteidiktatur, die zu- nächst den Staatsamateurismus förderte. Aber nach der sensationellen Nie- derlage 1954 ausgerechnet gegen Deutschland wurde den Spielern die in Aussicht gestellte Südamerikareise versagt und sie wurden nach ihrer Heim- kehr massenmedial gedemütigt. Die mit Nationalspielern gespickte Armee- mannschaft Honved Budapest spielte 1956 während des Ungarnaufstandes in einem europäischen Pokalspiel in Bilbao und die meisten Spieler kehrten nicht nach Ungarn zurück. Sie baten den ehemaligen Meistertrainer Béla Guttmann, 11 der das kommunistische Ungarn als „Land der Fußballkorrup- tion“ schon früher in Richtung Italien verlassen hatte, für sie als Manager eine Südamerikareise zu organisieren. Augenzeugen wie Renato Pompeu zufolge schlug besonders der Auftritt 1957 in São Paulo im fußballerisch an sich zweifelnden Brasilien ein wie eine Bombe. Die junge brasilianische Nationalmannschaft spielte prompt bei der WM 1958 in Schweden sogar noch besser und wurde endlich Weltmeister. Für die europäischen Zuschauer kamen die brasilianischen Ballzaube- rer aus dem Nichts, wenn nicht aus dem Urwald oder vom Strand. Erstmals konnten Millionen in Echtzeit Spieler bewundern, denn 1958 begann das flä- chendeckende Fernsehzeitalter in Europa. Die WM 1962 fand wieder in Chile statt – für Europa ein dunkles Nichts, da es noch keine kommerziell betrie- benen Satelliten gab. Man kehrte zurück zum Radio. Aber man konnte sich in Europa vorstellen, wie die Brasilianer mit ihrem lupenreinen 4-2-4 über die foulenden und mauernden Defensivmannschaften aus aller Welt trium- phierten. 1966, bei der WM in England, konnte man in Europa wieder im TV sehen, mit welcher Härte Pelé angegangen und vorsätzlich so schwer verletzt wurde, dass Turnierfavorit Brasilien in der Vorrunde ausschied. Aber bei der WM in Mexico 1970 zeigte die Seleção ihre höchsten Qualitäten. Die bisher beste Nationalmannschaft aller Zeiten gewann den Titel, zeitgleich in alle Welt vom TV in Farbe übertragen. Diese zaubernde brasilianische Mann- schaft setzte einen ästhetischen Maßstab, an dem der deutsche Weltmeister von 1974 Franz Beckenbauer nicht gemessen werden wollte. Als Bundestrai- ner bei der WM 1986 erklärte er in spartanischem Englisch: „The Germans must march!“ Für „Bild“ klang das so verständlich, dass er zum Kolumnisten aufstieg. Aus deutscher Sicht schien brasilianisches Jogo bonito eine fußballerische Utopie, dem nur durch verstärkte Defensive (wie einst gegen Ungarn 1954) und kontrolliertem Foulspiel zu begegnen war. Auch im europäischen Ver- einsfußball hatte sich 1961 und 1962 mit der von Béla Guttmann trainierten Benfica Lissabon zweimal eine offensive 4-2-4 spielende Mannschaft trium- phal durchgesetzt, gegen die nur noch andere Mittel halfen. Den Königsweg schien der Argentinier Helenio Herrera gefunden zu haben, der mit einem elaborierten Catenaccio Inter Mailand an die europäische Spitze führte und diese Taktik auch in der italienischen Nationalmannschaft einführte. Aber

11 Vgl. Detlev Claussen, Béla Guttmann. Weltgeschichte des Fußballs in einer Person, Berlin 2006.

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beim sogenannten Jahrhundertspiel, dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien 1970 im Aztekenstadion, das Italien nach einem begeistern- den Match 4:3 gewann, spielten Systeme keine Rolle mehr. Wegen Hitze und Erschöpfung gaben beide Seiten in der Verlängerung jede Taktik auf, es ging nur ums Toreschießen – „Heroenfußball“, wie der kluge Trainer Volker Finke es später nannte. In Deutschland bevorzugte man bis zu Pep Guardiola den Ergebnisfußball als Garant für kontinuierlichen Erfolg. Beckenbauers Aussage als Trainer der Weltmeistermannschaft 1990: „Das vereinigte Deutschland wird auf lange Zeit unbesiegbar bleiben“, mochten allerdings nur Fußballchauvinisten glauben. Der Niedergang der deutschen National- mannschaft in den ersten zehn Jahren des neuen Zeitalters hängt mit dieser Blindheit zusammen: Wegen des rückständigen Staatsbürgerrechts spielten nicht die besten Fußballer Deutschlands in der Nationalelf. Die Gesellschaft hatte sich verändert, die Fußballorganisation nicht. Der DFB hat es lange Zeit nicht begriffen, und „Bild“ versteht es bis heute nicht.

WM 2014 in Brasilien: Zwischen Protest und Begeisterung

Nun also steht wieder eine WM in Brasilien vor der Tür. Die soziale Reali- tät des dortigen Fußballs hat Dr. Sócrates, der unlängst verstorbene geniale Stratege auf dem Platz, auf den Punkt gebracht: „Man darf nicht vergessen, dass in Brasilien 60 Prozent aller Spieler weniger als den Mindestlohn ver- dienen. Diese Spieler haben kein Interesse am Fußball als Kunst oder Schau- spiel; sie wollen um jeden Preis gewinnen.“ 12 Auch im brasilianischen Fuß- ball tobt der Kampf zweier Linien: zwischen der disziplinierten Defensive und dem Zauber brillanter Offensive. Die Fans in Rio lieben den futebol arte, doch im Süden Brasiliens weiß man Härte auf dem Feld auch zu schätzen. Bei brasilianischen Bundesligaspielern werden Zuverlässigkeit und Effektivität wie einst bei Jorginho, Dunga und Elber geschätzt; aber wie der gerade zu Barça transferierte Neymar soll auch ein neuer König wie Pelé kommen. Der brasilianische Fußball hat sich ebenso wie der europäische stark ver- ändert. Noch um 1900 ein Elitesport, begannen seit den 20er Jahren Fabri- kanten wie in Bangu, Teams mit Arbeitern aufzubauen. Der Professionalis- mus wurde fast gleichzeitig wie in Uruguay und Argentinien eingeführt, um die Abwanderung nach Italien zu verhindern. Er ermöglichte es endlich auch schwarzen Spielern, vom Fußball zu leben. Der Fußball hat so zur Demokra- tisierung der brasilianischen Gesellschaft beigetragen. Zwischen 1982 und 1984 wurde die „corinthianische Demokratie“ zu einem Nagel im Sarg der Militärdiktatur: Gegen korrupte Verbandsfunktionäre forderten die Spieler von Corinthians São Paulo auf dem Feld Selbstbestimmung und Demokratie, und die städtische Bevölkerung wandte diese Forderungen gegen die abge- wirtschafteten Diktatoren. Auch deswegen liegt die WM der Präsidentin und ihrem populären Vorgänger Lula besonders am Herzen.

12 Zit. nach Waldenyr Caldas, Brasilien, in: Eisenberg, a.a.O., S. 182.

Jogo bonito, das schöne Spiel: Fußball als Utopie

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Doch der große Spaß droht verdorben zu werden durch Misswirtschaft und allgegenwärtige Korruption – Symbolfiguren dafür sind Sepp Blatters Vor- gänger, der brasilianische Bauunternehmer, Waffenhändler und Verbands- boss João Havelange und dessen Nachfolger und Schwiegersohn Ricardo Texeira, der 2012 wegen Korruption, Steuerhinterziehung und Geldwäsche alle Ämter niederlegen musste. Die Protestbewegungen des letzten Jahres zeigen den Januskopf der breiter werdenden Mittelschichten, die zwar die Modernisierung des Landes wollen, sich aber auch vor dem Aufstieg der unteren Schichten fürchten, denen der Fußball unabdingbarer Teil ihrer Lebensweise – einer populären Kultur – ist. Die WM in einem der am meisten vom Fußball begeisterten Länder, das vom Rekordweltmeister nichts weniger erwartet als den Titel, erinnert alle Brasilianer an das Trauma: den Maracanaço am 16. Juli 1950, als Brasilien das entscheidende Spiel im eigenen Land gegen Uruguay mit 1:2 verlor. Der mit 220 000 Zuschauern gefüllte Fußballtempel verfiel in ein furchterregen- des Schweigen. Von der berüchtigten Alltagsgewalt war nichts zu sehen, schweigend strömten die Massen nach Hause. Überhaupt ist es ein weite- res Vorurteil, Fußballweltmeisterschaften seien Ersatzkriege. Vor jeder WM wird ein Ansteigen der Kriminalität vorhergesagt; aber weder in Deutsch- land 2006 noch in den Kriminalitätshochburgen Südafrikas 2010 trat sie ein. Diese Prognosen sind ebenso trügerisch wie die immer wieder versproche- nen ökonomischen Wachstumseffekte, die ebenso regelmäßig ausbleiben. An Fußballweltmeisterschaften verdienen die Netzwerke der FIFA, die skrupellos ihre Sponsoren bevorzugen, die Stadionbau- und die Sicherheits- industrie sowie im Falle Brasiliens auch die lokalen Transportunternehmer. Die Proteste entzündeten sich im letzten Jahr beim Confed-Cup in Rio an den Buspreisen. 13 Hinzu kommt, besonders in Rio, wo auf die WM 2016 die Olympischen Spiele folgen sollen, die Eroberung der an den Hauptverkehrs- wegen liegenden Favelas durch verhasste Sonderpolizeikräfte. Nicht der Fußball produziert die Gewalt; vielmehr setzen sportliche Weltereignisse in einem Meer von Korruption, Benachteiligung und sozialer Ungleichheit eine Unzufriedenheit frei, die sich nur schwer beruhigen lässt. Der Aufschwung der letzten beiden Jahrzehnte hat viel mehr Brasilianern als je zuvor Brot gebracht, jetzt will die Mehrheit bessere Bildungsmöglichkeiten, Gesund- heitsversorgung für alle und ein Ende des Kreislaufs von Gewalt, Drogen und Gefängnis. Spiele – und Karneval – allein reichen nicht mehr.

Der Fußball ermöglicht allen mitzuspielen

Dabei ist kaum ein Land für das große globale Fußballfest geeigneter als Bra- silien: Die Menschen verstehen etwas von Fußball, und der lässt die Unter- privilegierten träumen, dass ein Leben in Wohlstand auch für die möglich ist, die nicht auf der Sonnenseite der Straße geboren sind. Es gibt kaum eine

13 Vgl. Janna Greve, Brasilien: Volksaufstand statt Fußballfest, in: „Blätter“, 8/2013, S. 25-28 sowie den Beitrag von Andreas Behn in diesem Heft.

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Detlev Claussen

Gesellschaft, die so synkretistisch strukturiert ist wie die brasilianische – das passt zur Spielkultur des Fußballs, der seine Popularität seiner misch- kulturellen Qualität verdankt. Kultur, die ethnisch rein sein soll, bleibt arm und dürftig. Der Fußball hat es in seiner Geschichte vom long century bis in die Gegenwart globaler Gleichzeitigkeit geschafft, die Massen zu ergreifen, und er ermöglicht allen, die einst nicht dazugehörten, mitzuspielen – Juden, Schwarzen, Migranten und Frauen, die auch in Ländern Fußball spielen und ins Stadion gehen, in denen sie ansonsten ins Haus verbannt sind. In einer Fußballweltmeisterschaft kann sich die Welt als Einheit in der Verschie- denheit verstehen. Man kann sich mit denen identifizieren und sich für die begeistern, die man liebt. Eine freedom of choice wird praktiziert. Man kann US-Amerikaner sein und für Brasilien schwärmen oder deutsche Staatsbür- gerin sein und sich für Mexiko begeistern. Der Schwache kann den Starken besiegen. Im Fußball ist ein utopisches Potential zu erleben: Die Freude am Spiel erweckt die Lebenslust, und bis zur letzten Minute wird die Hoffnung genährt, dass nicht alles bleiben muss, wie es ist, und die Welt doch zu ver- ändern ist.

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