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UNIVERSITÄT LEIPZIG

Institut für Germanistik


HS: Thomas Mann: Erzählungen
Dozent: Dr. Johannes Endres
SS 2007
Juliane Scholze 15.05.2007

Thomas Mann: Tonio Kröger (1903)

- Erzählung, die 1903 erschienen und im Zeitraum 1900-1902 entstanden ist


- in der Erzählung werden verschiedene Lebensstationen Tonio Krögers darge-
stellt, welche das Leitmotiv ‚Unterschied Künstler – Bürger’ verdeutlichen
- die Kapitel ähneln einer Art Episodenfolge
- stets wird in den Episoden der Konflikt zwischen Kunst und Leben (künst-
lerisches und bürgerliches Dasein) zentralisiert vor allem Tonios Refle-
xionen lassen sich um dieses Leitmotiv gruppieren
- der Konflikt Kunst – Leben wird durch Ambivalenzen verdeutlicht
hierbei ist anzumerken, dass der Terminus Ambivalenz 1 und seine ihn
umgebenden Merkmale erst 1910 entscheidend durch Eugen Bleuler
(Schweizer Psychiater) beprägt wurde
- Lebenssehnsucht Tonios auf der einen und seine Berufung zu Geistigkeit
und künstlerischer Fertigkeit auf der anderen Seite

Kunst (Künstlertum) Leben (Bürgerlichkeit)


- Tonio Kröger - Hans Hansen und Ingeborg Holm
„südlich scharf geschnittenes Gesicht“ Blauäugigkeit, blonde Haare
besitzt ein eigenes Versbuch aktive Lebensform, Vertreter bürger-
licher Lebenshingabe und menschlicher
Normalität
begeistert sich für ‚Don Carlos’ von Hans Hansen liest eher Pferdebücher
Schiller
- Tonios Mutter - Tonios Vater
(„Der Mutter Tonios jedoch, seiner („[...] sein Vater, ein langer, sorgfältig ge-
schönen, schwarzhaarigen Mutter, die kleideter Herr mit sinnenden blauen
Consuelo mit Vornamen hieß und über- Augen, der immer eine Feldblume im
haupt so anders war als die übrigen Knopfloch trug [...])
Damen der Stadt, weil der Vater sie sich
einstmals von ganzen unter auf der
Landkarte herausgeholt hatte [...] waren
die Zeugnisse grundeinerlei...“ – „Tonio
liebte seine dunkle und feurige Mutter, die
so wunderbar den Flügel und die Mando-
line spielte [...])
„zugleich fahrlässig und leidenschaft-
lich und von einer impulsiven Liederlich-
keit“

1
Unter Ambivalenz wird „das Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen, Gedanken und Wün-
schen verstanden.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Ambivalenz; letzter Zugriff: 13.05.07) Eine gleiche
Vorstellung ist gleichzeitig von negativen und positiven Gefühlen (affektive A.), von Zustimmung und
Ablehnung betont (voluntäre A.). (nach Bleuler; http://www.sgipt.org/medppp/gesch/ambiv-g.htm;
letzter Zugriff: 14.05.07)
UNIVERSITÄT LEIPZIG
Institut für Germanistik
HS: Thomas Mann: Erzählungen
Dozent: Dr. Johannes Endres
SS 2007
Juliane Scholze 15.05.2007

- Tonio steht allein auf der Seite des Künstlertums – Hans Hansen ist sein
Gegenbild; ihn verehrt Tonio ( Sehnsucht nach Leben und Bürgerlichkeit)
- Tonio sehnt sich danach Zeit mit Hans zu verbringen:
„Kommst du endlich, Hans?“, sagte Tonio, der lange auf dem Fahrdamm gewartet
hatte; lächelnd trat er dem Freunde entgegen, der im Gespräch mit anderen Kameraden
aus der Pforte kam und schon im Begriff war, mit ihnen davon zu gehen...[...] Tonio ver-
stummte, und seine Augen trübten sich. Hans hatte es vergessen [...] Und er selbst
hatte sich seit der Verabredung beinnahe unausgesetzt darauf gefreut.“

- Tonio ist stets separiert und es besteht Distanz zwischen ihm und den
anderen Handelnden (Ingeborg Holm, Tanzlehrer Knaak, seine Lehrer)
Bsp. Tanzabend bei Konsulin Husteede
Tonio betrachtet alles analytisch und sarkastisch zugleich, während
Ingeborg Holm lachend den Anweisungen des Tanzlehrers Knaak folgt
und Spaß am Tanz hat

„Was für ein unbegreiflicher Affe, dachte Tonio Kröger in seinem Sinn. Aber er sah wohl,
daß Inge Holm, die lustige Inge, oft mit einem selbstvergessenen Lächeln Herrn Knaaks
Bewegungen verfolgte, und nicht dies allein war es, weshalb alle diese wundervoll be-
herrschte Körperlichkeit ihm im Grunde etwas wie Bewunderung abgewann. Wie ruhevoll
und unverwirrbar Herrn Knaaks Augen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis
dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden [...]
Ja, man musste dumm sein, um so schreiten zu können, wie er; und dann wurde man
geliebt, denn man war liebenswürdig. [...]

- Tonios Äußerungen (innere Monologe; Dialog mit Lisaweta Iwanonwa) und


seine Taten bauen Widersprüchlichkeiten auf
- „Er sehnt sich nach dem freundlichen und anständigen Leben des Bürgers
und lehnt es gleichzeitig ab
1. Kapitel: Tonio ist mit Hans spazieren und Erwin Jimmerthal kommt ihnen
entgegen als Tonio gerade dabei war Hans seine Lieblingsszene aus Don
Carlos näher zu erläutern – Hans ist hell auf begeistert und keinem Gespräch
mit Erwin abgeneigt

„Tonio verstummte. Möchte ihn doch, dachte er, die Erde verschlingen, diesen
Jimmerthall! Warum muss er kommen und uns stören! Wenn er nur nicht mit uns geht und
den ganzen Weg von der Reitstunde spricht...Denn Erwin Jimmerthal hatte ebenfalls
Reitstunde. [...] Dann schwieg er und ließ die beiden von Pferden du Lederzeug spre-
chen. Hans hatte Jimmerthal untergefaßt und redete mit einer geläufigen Teilnahme, die
für Don Carlos niemals ihm zu erwecken gewesen wäre...Von Zeit zu Zeit fühlte Tonio,
wie der Drang zu weinen ihm prickelnd in die Nase stieg; auch hatte er Mühe, sein Kinn in
der Gewalt zu behalten, das beständig ins Zittern geriet.“

* letzter Satz im 1. Kapitel: „[...] Sehnsucht war darin und schwermütiger Neid
und ein klein wenig Verachtung und eine ganz keusche Seligkeit.“
* Satz taucht am Ende der Erzählung erneut auf
* Hans Hansen (und später Ingeborg Holm) ist das was Tonio gerne sein
möchte und nicht zu sein vermag ( Ambivalenz)
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HS: Thomas Mann: Erzählungen
Dozent: Dr. Johannes Endres
SS 2007
Juliane Scholze 15.05.2007

2. Kapitel: Tanzabend – siehe Zitat oben


3. Kapitel: „So kam es nur dahin, dass er, haltlos zwischen krassen Extremen,
zwischen eisiger Geistigkeit und verzehrender Sinnenglut hin und her geworfen,
unter Gewissensnöten ein erschöpfendes Leben führte, das er, Tonio Kröger, im
Grunde verabscheute.“
4. Kapitel: bei Lisaweta
„[...] Es ist nötig, daß man irgend etwas Außermenschliches und Unmenschliches sei, daß
man zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe, um
imstande und überhaupt versucht zu sein, es zu spielen, damit zu spielen, es wirksam
und geschmackvoll dazustellen. Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt bereits
dies kühle und wählerische Verhältnis zum Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche
Verarmung und Verödung voraus. Denn das gesunde und starke Gefühl, dabei bleibt es,
hat keinen Geschmack. Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu emp-
finden beginnt.“

* das Menschliche darstellen ohne am Menschlichen teilzuhaben


* Tonio betont gleichwohl seine Sehnsucht nach den Wonnen der
Gewöhnlichkeit
* Lisaweta nennt Tonio einen „verirrten Bürger“
9. Kapitel: Tonio schreibt Brief an Lisaweta (nach Reisen und
Urlaubsaufenthalten Orte der Selbstfindung?)
* Eingeständnis der Verirrung, die Lisaweta ansprach
* sein Bürgertum und seine Liebe zum Leben seien identisch
* angeborene Verirrung? (Mutter – Vater/Kunst – Leben) „ein Bürger, der
sich in der Kunst verirrte“

„Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolge dessen ein
wenig schwer.“

- Tanz-Motiv
visionäre Wiederbegegnung (1. Tanzabend bei Konsulin Husteede;
2. Tanzabend im Ferienort Aalsgaard, wo er von weitem Hans und Inge
wiedererkennt; zudem erscheint auch ein Festordner, der Ähnlichkeiten mit
Herrn Knaak aufweist)
Element des Dionysischen (Rausch, Musik, Tanz, Lachen)
Tonios distanzierte, ja sehnsüchtige Betrachtung (er steht auf der „nächtlichen
Terasse“) ist Element des Apollinischen

- Tonio erlebt stets eine Art dionysische Lebenshingabe Sehnsucht nach


Lebensteilhabe und Leiden an Ausgeschlossenheit (Frage nach eigenem
Verschulden?)