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Dionysos und Athene

Herbert Hrachovec

Die griechische Mythologie kennt keinen Gott der Marmelade, noch nicht einmal eine
Göttin der Oliven, obwohl die Fruchtbarkeit des Landes an Obst und Gemüse überall
zu sehen ist. Der Grund ist leicht zu erraten. Aus Weinreben entsteht ein berauschendes
Getränk, dessen kontrollierter Genuss das Wohlbefinden steigert und darüber hinaus
zum Übermaß verführt. Die Pflanze, wie ihr Gott, steht für gehobene Stimmungen, von
Feierlichkeit zum Selbstverlust in Ekstase und Besinnungslosigkeit.
Wer die Landschaft des Weinviertels betrachtet kann auf eine Variante dieses Gedankens
kommen. Es gibt vereinzelt Kartoffel- und Rübenkeller, aber Kellergassen nur für Wein,
obwohl man von ihm nicht satt wird. Der Weinbau prägt das Landschaftsbild, er ist
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ein Wirtschaftsfaktor, aber er ist auch mit Feierlichkeit verbunden. Es geht festlich zu,
feuchtfröhlich, und dann auch ungehemmt.
Freude und Exzess gehören zum Repertoire des Weingottes Dionysos. Es ist bequem, die
beiden Zustände sauber voneinander getrennt zu halten. Aber in der Kulturlandschaft“

Weinviertel verbreitet sich auch die Alkoholkrankheit. Die Medaille hat zwei Seiten.
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Zwischen beschwingt, überschwänglich und besoffen ist nicht leicht zu steuern. Da hilft
kein Gott. Die Aufgabe müssen Menschen selber in die Hand nehmen.
Eine Kultur des Weins verlangt auch die Aufmerksamkeit auf jene Grenzen, an denen sie
in Unkultur umschlägt. Das ist keine Spaßverderberei. Die Spannweite des Bewusstseins,
von Begeisterung bis zur Benebelung, ist auszuloten. Über das Thema ist viel geschrieben
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worden, analytisch und enthusiastisch. Die Göttin der Weisheit ist Minerva. Was hat sie
zur Sache beizutragen?