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ASME Regelwerk aus Sicht des Anwenders

Christian Schmitt, Kirsch AG – Burghausen

Einleitung

Der ASME Code regelt die Anforderungen an Herstellerzertifizierung,


Qualitätssicherung, Konstruktion, Materialauswahl, Fertigung, Prüfung, Erprobung,
Abnahme und Zertifizierung von Dampf- und Heizkesseln, Rohrleitungen,
Druckbehältern und kerntechnischen Komponenten.
Im Anlagenbau führt bei der Erschließung neuer Absatzmärkte im Ausland kein Weg
am ASME Boiler and Pressure Vessel Code vorbei.

ASME ist ein sehr umfassendes und detailliertes Regelwerk, welches durch viele
„Interpretations“ und „Code Cases“ ergänzt worden ist und ständig ergänzt wird.
Interpretations sind Klärungen zum Regelwerk und Code Cases sind spezielle
Fragen zum Regelwerk bzw. Angelegenheiten, die nicht im Code geregelt sind.
Diese werden von einem ASME Komitee beantwortet, anschließend veröffentlich und
sind verbindlich, sofern diese angezogen werden. Jeder Hersteller kann sich an das
ASME Komitee zur Klärung einer speziellen Fragestellung wenden, die nicht im Code
verankert ist. Dies ist jedoch sehr zeitaufwendig.

Durch den hohen Detaillierungsgrad gibt es weniger „Grauschattierungen“ wie etwa


beim AD-2000, welches Interpretationsspielraum in manchen Fragestellungen
zulässt und dabei die Fachkompetenz der Benannten Stelle und des Herstellers
gefragt ist. Häufig werden beim AD-2000 nicht eindeutige Fragestellungen im Dialog
zwischen Benannter Stelle und Hersteller gelöst. Das heißt im Umkehrschluss die
Fachkompetenz der Hersteller und Authorized Inspectors (AI) tritt beim ASME in den
Hintergrund.

Neu: Mit der Ausgabe 2011 gibt es alle 2 Jahre eine Aktualisierung des Regelwerkes.
Bisher gab es alle 3 Jahre eine neue Ausgabe (Edition) mit jährlichen Revisionen
(Addenda). Damit sind nicht unerhebliche Kosten verbunden, so fielen für die
notwendigen ASME Code Books Ausgabe 2010 (Sec. II, V, VIII/1, IX) 3.400.-€ an
(Preis inklusive der jährlichen Revisionen). Der Hersteller ist verpflichtet die aktuelle
Ausgabe vorzuhalten.

Die Aussagen im weiteren Text beschränken sich auf die Herstellung von
Druckbehälter gemäß ASME Section VIII/1 (U-Stamp)

Vorteile einer ASME Zulassung

• Exportmarkt in mehr als 100 Länder


• Berechtigung U-Stamp an ASME Apparate anzubringen.
• Veröffentlichung in der von ASME herausgegebenen Liste der zugelassenen
Hersteller
• Hersteller zeigt Kompetenz im Umgang mit dem ASME Code
• International anerkanntes Qualitätssicherungssystem durch ASME Handbuch
• Weitreichende Befugnisse und Verantwortung des Herstellers

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• National Board Registrierung möglich

Verantwortung des Herstellers


Der ASME Code legt deutlich mehr Verantwortung in die Hände des Herstellers im
Vergleich zu Europäischen Regelwerken.
• Verfahrensprüfungen (PQR) ohne Third Party möglich
o unbegrenzt gültig, solange sich nicht die „Essential Variables“ ändern.
o Anforderungen an die Kerbschlagarbeit erhöhen die Anzahl der
„Essential Variables“
o Auswertung im Umfang wesentlich geringer als nach DIN EN ISO
15614-1
o Man kann Standard WPS gemäß ASME IX Annex E kaufen, dann ist
keine Verfahrensprüfung notwendig.
• Schweißerprüfung (WPQR) ohne Third Party möglich
o Bestätigung des Herstellers alle 6 Monate, dass Schweißer im
qualifizierten Verfahren geschweißt haben. Keine regelmäßigen
Wiederholungsprüfungen notwendig. Jedoch lückenlose
Rückverfolgbarkeit bis zum Tag der Schweißerprüfung erforderlich
• Design Review; AI rechnet nicht mit eigenem Programm nach, sondern
überprüft Berechnungen auf korrekte Eingabewerte und Plausibilität.
• Hersteller ist verantwortlich für die Verifikation seines Berechnungs-
programmes
• Hersteller kann Personal für Farbeindringprüfung qualifizieren.
• Hersteller ernennt eine geeignete Person für Durchstrahlungsprüfung (Level III
– Letter of Appointment)- häufig auch extern. Diese erstellt eine „Written
Practice“, in der beschrieben ist wie und von wem die Durchstrahlungs-
prüfungen durchgeführt werden unter Berücksichtigung der Anforderungen der
SNT TC1-A.
• Wenn Zweifel an einer Verfahrens- oder Schweißerprüfung bestehen, kann
der AI eine erneute Qualifizierung fordern.
• Typische zentrale Funktionen im ASME Code wie Welding Engineer, Quality
Manager und Engineering Manager werden vom Hersteller ernannt und
müssen keine besondere Qualifikation oder Zusatzausbildung nachweisen.

Materialeinkauf

Nach ASME gibt es keine zugelassenen Werkstoffhersteller. Material Spezifikationen


nach ASME Section II, z.B. SA-240 für austenitische Bleche, müssen eingehalten
werden. Der Herstellprozess und die Prüfergebnisse müssen in einem Material Data
Report (MDR) dokumentiert werden und vom Druckbehälterhersteller geprüft werden.
Es gibt keine 3.2 Zeugnisse nach EN10204 oder Einzelgutachten.
Dadurch ist ein weltweiter Einkauf möglich, der zugleich eine Chance durch günstige
Preise aber auch eine Gefahr bezüglich der Qualität der eingekauften Materialien
darstellt. Einige Endkunden schränken daher Werkstoffhersteller ein.

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Design

Der ASME Code fordert grundsätzlich Kerbschlagproben, definiert jedoch


Ausnahmen, z.B. im UHA-51 für austenitische Werkstoffe. Daher ist es eine der
ersten Aufgaben beim Design eines Apparates, herauszufinden, ob
Kerbschlagproben erforderlich sind. Die Kerbschlagproben erhöhen die
Anforderungen an das Material und an die Verfahrensprüfungen bei der eine Vielzahl
von „Essential Variables“ zusätzlich betrachtet werden müssen. Ist ein Apparat einem
„Lethal Service“ unterzogen, gelten automatisch die Kerbschlagforderungen.

Die Berechnungen nach ASME VIII/1 umfassen nur den Druckapparat als solches
einschließlich Wärmetauscher. Für die Lagerung wie z.B. Pratzen, Sättel oder
Standzargen kann auf andere Regelwerke wie z.B. AD-2000 ausgewichen werden.

Wenn es eine Berechnungsvorschrift nach ASME VIII/1 gibt, muss diese zwingend
angewendet werden. Wenn es keine oder ungenügende Vorschriften gibt, kann man
auf alternative Berechnungsmethoden wie z.B. Finite Elemente Berechnung nach
ASME VIII/2 ausweichen.

Einige Merkmale:
• Auslegung mit Schweißnahtfaktor v=0.7 möglich Æ keine
Durchstrahlungsprüfung notwendig
• Zu höheren Wanddicken im Vergleich zu AD-2000 führen in der Regel:
o äußere Überdruckberechnung
o Flanschenberechnung nach Appendix 2
• Eine Auslegung auf inneren Überdruck für Zylinder oder Böden führt
nicht zwingend zu höheren Wandstärken gegenüber AD-2000, da
ASME zum Teil höhere zulässige Berechnungsspannungen als AD-
2000 zulässt.
• Æ Die Aussage „ASME baut dick“ muss differenziert betrachtet werden
und stimmt nicht immer.
• Berechnung von Wärmetauscherplatten nach UHX sehr komplex.
• Umfang an Zerstörungsfreier Prüfung (ZfP) wie Durchstrahlungsprüfung
(RT) oder Farbeindringprüfung (PT) orientiert sich auch an der
Wanddicke des Materials. Beispiel: gemäß Table UCS-57 muss ein P4
Material mit s>16mm voll durchstrahlt werden.
• Arbeitsproben in Abhängigkeit der Kerbschlaganforderung, nicht in
Abhängigkeit vom Schweißnahtfaktor
• Größere Fehler bei RT und PT zulässig

Zertifizierung – Joint Review


Für die Zertifizierung ist ein Vertrag mit einer von ASME akkreditierten
Inspektionsgesellschaft (AIA) notwendig. Für einen deutschen Hersteller ist es kein
Problem, eine deutsche Abnahmegesellschaft zu finden, die mit einer AIA vertraglich
verbunden ist oder sogar selbst eine AIA ist. Neu mit der Ausgabe 2010 ist, dass klar
geregelt ist, wann und wie die Abnahme eines Apparates auch mit einer anderen
Abnahmegesellschaft (secondary agency) möglich ist.

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Die Abwicklung der Erstzertifizierung bzw. Rezertifizierung, wie Antragstellung,
Bezahlung, Terminabsprachen etc. erfolgt direkt mit ASME über die Homepage von
ASME (seit April 2011).

Eine gründliche Vorbereitung ist zwingend, da in einem 2-tägigen Audit (Joint


Review) mit dem Vertreter von ASME (Team Leader), dem Supervisor (Vertreter der
Agency), dem AI und dem Hersteller die „Regeltreue“ peinlich genau überprüft wird.
Dabei werden die Anforderungen an das Qualitätshandbuch und die Implementation
einer genauen Prüfung unterzogen.
Anhand eines Demonstrationsapparates oder eines ASME Apparates in der
laufenden Fertigung muss der Hersteller nachweisen, dass er die Vorschriften des
ASME Codes verstanden hat und richtig anwendet. Dabei ist die Prüftiefe - sei es
Berechnung, Schweißtechnik oder Zerstörungsfreie Prüfung- enorm und nicht zuletzt
deswegen häufig „gefürchtet“ vom Hersteller.
Alle 3 Jahre findet eine Rezertifizierung statt.

Kostenabschätzung:
Externe Kosten alle 3 Jahre ca. 19.000.-€ (unverbindliche Angabe) für :
• Joint Review (2 Tage)
o Team Leader (ASME Repräsentant)
o AI und Supervisor
• ASME Gebühren
• Voraudit für Joint Review
• Code Books

Interne Kosten – abhängig vom Hersteller


• Vorbereitung ASME Handbuch
• Vorbereitung Joint Review
• Schulung Mitarbeiter
• Demobehälter oder laufender Apparat in der Fertigung
• Vorbereitung ZfP – Written Practise

ASME Regelwerk in Verbindung mit der Druckgeräterichtlinie


(DGRL)
Wenn Apparate gemäß ASME VIII/1 in Verbindung mit der Europäischen
Druckgeräterichtlinie gefertigt werden sollen, d.h ein ASME Apparat mit CE
Kennzeichnung in einem EU Land betrieben werden soll, werden von der DGRL
zusätzliche Anforderungen definiert, die im folgenden kurz aufgezeigt werden sollen,
ohne in Details zu gehen:
• Werkstoffe:
o Es ist ein „Particular Material Approval (PMA)“ für das Material durch
eine Benannte Stelle notwendig oder
o die Materialatteste haben eine Doppelzertifizierung nach EN und nach
ASME Werkstoffnorm.
o Das PMA definiert die zusätzliche Prüfungen, die notwendig sind, um
die Werkstoffe nach der Druckgeräterichtlinie verwenden zu können.
Häufig ist ein zusätzlicher Kerbschlagversuch bei niedrigster

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Auslegungstemperatur und ein zugelassener Werkstoffhersteller nach
der DGRL ausreichend.
• Verfahrensprüfungen:
o Geltungsbereich nach ASME Section IX
o Auswertung der Verfahrensprüfungen nach ASME Section IX und
zusätzliche Prüfungen nach DIN EN ISO 15614-1 mit „Benannter
Stelle“
o Verfahrensprüfungen nach ASME Section IX und DIN EN ISO 15614-1
liegen separat vor für die Schweißaufgabe.
• Schweißerzeugnisse:
o Geltungsbereich nach ASME Section IX.
o Auswertung der Schweißerprüfungen nach ASME Section IX und
zusätzliche Prüfungen nach DIN EN287 mit „Benannter Stelle“ oder
o Schweißerprüfungen gemäß ASME Section IX und DIN EN287 liegen
separat vor für die Schweißaufgabe.
• Zerstörungsfreie Prüfungen:
o ZfP nach ASME Section V und
o Personal für ZfP muss nach EN473 Level II qualifiziert sein.
• Probedruck:
o Die Druckgeräterichtlinie fordert als Prüfdruck mindestens das 1,43-
fache des Auslegungsdruckes und ist damit unter Umständen höher als
der Prüfdruck nach ASME. Eine gesonderte Betrachtung ist daher
notwendig.

Übersicht ASME IX Verfahrensprüfungen versus DIN EN ISO15614-1

Der ASME Code Section IX erscheint auf den ersten Blick komplex und sehr
beschreibend. Wenn man diesen jedoch in den Grundregeln verstanden hat, ist er
sehr leicht in der Praxis anzuwenden. Der größte Vorteil im Vergleich zur DIN EN
ISO 15614-1 ist, dass der ASME Code mit deutlich weniger Verfahrensprüfungen
auskommt.
Die Hauptvorteile der ASME Verfahrensprüfung gegenüber DIN EN ISO 15614-1
sind:
• Beliebige Schweißnahtvorbereitung schließt die andere mit ein, d.h eine
beidseitige Naht schließt einseitige Naht mit ein und umgekehrt.
• Keine Durchmesserbeschränkung bei Rohren. Eine Blech Verfahrensprüfung
kann für jeden Rohrdurchmesser herangezogen werden.
• Material und Schweißzusätze sind gruppiert.
• Eine Stumpfnaht qualifiziert Kehlnähte
• Eine Verfahrensprüfung in einer beliebigen Position qualifiziert alle übrigen
Positionen, es sei denn eine Kerbschlagprüfung ist notwendig, dann
qualifiziert nur PF alle übrigen Positionen.
• Der ASME Code deckt ein breites Feld von Schweißverfahren und
Anwendung wie Plattierungsschweißen, Löten, Bolzenschweißen etc.

Achtung: Standards wie ASME B31 (Pressure Piping) können zusätzliche


Anforderungen stellen.

Das Hauptproblem bei den Verfahrensprüfungen nach dem ASME Code ist, dass alle
Schweißprozesse einzeln behandelt werden und Einschränkungen sowohl beim
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Einzelprozess als auch bei Kombinationen textlich definiert sind. Es ist daher sinnvoll
sich genau einzulesen, bevor man einen Schweißprozess nutzt.

Übersicht ASME IX Schweißerprüfungen versus DIN EN 287

• Es gibt keine Mindestwanddicke nur Maxima und die qualifizierte Wanddicke


bezieht sich auf das eingebrachte Schweißgut und nicht auf die Dicke des
Ausgangsmaterials.
• Es gibt keine obere Begrenzung für den Geltungsbereich von Durchmessern,
nur untere Begrenzungen.
• Eine qualifizierte Stumpfnaht qualifiziert alle Kehlnahtdicken
• Eine Stumpfnaht in PA geschweißt qualifiziert nicht eine Kehlnaht in
horizontaler Position. Dafür muss die Stumpfnahtqualifizierung die horizontale
Position einschließen.
• Eine Schweißerprüfung in C-Stahl ist auch für andere Werkstoffgruppen gültig,
solange der Schweißzusatz die gleiche „F-Number“ hat.

Zusammenfassung
Der ASME Code ist ein weitverbreitetes, in sich geschlossenes und international
anerkanntes Regelwerk zur Herstellung und Prüfung von Druckapparaten, welches
durch einen großen Detaillierungsgrad und eindeutige Aussagen besticht.
Er überträgt dem Hersteller wesentlich mehr Verantwortung im Vergleich zu
europäischen Regelwerken. In vielen Ländern wird der ASME Code von den
Länderregierungen und/oder Betreibern gefordert.
Für exportorientierte Unternehmen ist der ASME Code daher ein Muss.
Ob sich der ASME Code im Europäischen Raum im Zusammenhang mit der
Druckgeräterichtlinie durchsetzen kann, wird maßgeblich von den Betreibern
abhängen. Denn damit sind unter Umständen Probleme verbunden, die maximalen
Prüffristen für die wiederkehrenden Prüfungen mit der ZÜS durchzusetzen.
Aus Herstellersicht, ist die deutlich geringere Anzahl der Verfahrensprüfungen und
der größere Geltungsbereich der Schweißerprüfungen durchaus von Vorteil. Unter
Umständen wird dieser Vorteil jedoch durch einen „dickeren“ Apparat kompensiert.
Wenn es zusätzlich noch gelingt, die Hürden der unterschiedlichen
Materialspezifikationen zu überwinden, kann der ASME Code aus Herstellersicht
eine Alternative für den Europäischen Raum sein, sofern die Betreiber mit
werkseigenen Normen die Vorteile des ASME Code nicht einschränken.

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