Sie sind auf Seite 1von 163

PETER SCHMIDSBERGER

Skandal
Herzinfarkt
Die Hintergründe einer Epidemie
und der Strophanthin-Streit

Eine Analyse

VERLAG R.S.SCHULZ

Copyright zur Internetnutzung vom 19.12.2003, ISBN 3-7962-0061-3


Erstveröffentlichung 1975
2
Vorwort von Dr. Manfred Köhnlechner.................................................................................... 7
Warum dieses Buch notwendig ist.......................................................................................... 8
Einleitung Der Ruf nach dem Scheiterhaufen .......................................................................... 11
1. Ein gesundes Herz tut nicht weh....................................................................................... 12
Sind Sie noch nie einer Autorität aufgesessen? ................................................................. 13
Universitäten behindern den Fortschritt ............................................................................ 14
Verdammt wird nur der Ketzer ......................................................................................... 15
I. Kapitel Die Pille gegen den Herzinfarkt ............................................................................... 16
1. „Sie verderben sich die Laufbahn!" .................................................................................. 17
Ein Wust von Gedankenlosigkeit ...................................................................................... 17
Die Fachwelt erkannte, welche Throne wackelten ............................................................ 17
2. Die Milch der alten Leute ................................................................................................. 19
Zähneputzen gegen Herzschmerzen.................................................................................. 19
Die Spritze wird zum Hindernis........................................................................................ 20
„Strophanthin beugt dem Infarkt vor"............................................................................... 21
3. »Die größte Epidemie der Menschheit" ............................................................................ 22
Immer Jüngere sind die Opfer........................................................................................... 22
Nur umwälzende Neuerungen können helfen.................................................................... 23
4. „Der Mensch ist so alt wie seine Arterien"........................................................................ 24
Pipelines des Lebens — Schleichpfade des Todes ............................................................ 24
Wenn das Herz stehenbleibt ............................................................................................. 25
5. Infarkte wachsen in Etappen............................................................................................. 27
Auf der Suche nach dem Wegwerf-Herzen ....................................................................... 27
Der Linksdrall der Herzinfarkte........................................................................................ 28
Es beginnt mit toten Pünktchen ........................................................................................ 28
Kakteen verdorren nicht so rasch...................................................................................... 29
6. Der unsichtbare Detektiv .................................................................................................. 31
Ein Physiker bietet seine Hilfe an ..................................................................................... 31
Das Herz verträgt keinen Muskelkater .............................................................................. 32
Explosion im Zeitlupentempo........................................................................................... 33
Anatomie der Infarkt-Verhütung....................................................................................... 34
7. Der Weg nach Heidelberg ................................................................................................ 35
Opfer einer falschen Lehre ............................................................................................... 35
Mutig gegen den Strom .................................................................................................... 36
Vor einem Wandel der Auffassung? ................................................................................. 37
II. Kapitel Der Schauprozeß .................................................................................................... 40
1. Wie man ein Spektakel inszeniert ..................................................................................... 41
Er sprach, als wollte er um Entschuldigung bitten............................................................. 41
Die Kern-Explosion fand nicht statt.................................................................................. 42
2. Der eindrucksvolle Augenschein ...................................................................................... 44
Fragen, die nicht vorgesehen waren .................................................................................. 44
Der Gesprächsleiter sorgt für Ordnung ............................................................................. 45
3. Durch Experimente in die Sackgasse ................................................................................ 47
Ein Mörder, eine Leiche, aber kein Infarkt........................................................................ 47
Kunstblut enthüllt ein Wunder der Natur .......................................................................... 48
Wie ein Dogma entsteht ................................................................................................... 49
4. Virtuosität kennt keine Grenzen ....................................................................................... 51
Infarkte während der Operation ........................................................................................ 51
Sogar Infarkte tun nicht mehr weh ... ................................................................................ 52
Kein Unterschied zwischen Gesunden und Kranken ......................................................... 53

3
5. Ein Professor gibt Rätsel auf ............................................................................................ 55
„Zunahme der Blutgerinnsel Zunahme der Infarkte"......................................................... 55
Eine Ursache kann nicht später auftreten als ihre Folgen .................................................. 56
Wenn ein Wissenschaftler zu liberal ist ............................................................................ 57
6. Und sie verschließt sich doch! .......................................................................................... 59
III. Kapitel Bis alles in Scherben fällt ...................................................................................... 62
1. Gesundheit - ein Monopol der Spezialisten....................................................................... 63
Die zerfledderte Statistik .................................................................................................. 63
Dem Ketzer die Beweislast............................................................................................... 64
88 Prozent der Infarkte verhütet........................................................................................ 65
„Wir sind nicht bereit!" .................................................................................................... 66
2. „Die verhinderte Infarkt-Verhütung" ................................................................................ 67
„Fett schwimmt immer oben" ........................................................................................... 68
Ein sehr sonderbarer Außenseiter ..................................................................................... 68
3. Der Drahtzieher................................................................................................................ 70
Herrn Professors Märchenstunde ...................................................................................... 70
Die Forscher schauen in die Röhre ................................................................................... 71
Wer krank ist, bestimme ich ............................................................................................. 72
Warum die Herzpille boykottiert wurde............................................................................ 72
4. Kerngesunde Herzkranke.................................................................................................. 74
„In ein Wahnsystem verstrickt" ........................................................................................ 74
5. Das Herz schlägt Alarm.................................................................................................... 76
„Der Konflikt zwischen Befinden und Befunden"............................................................. 76
„Die nützlichste Neurose der Welt" .................................................................................. 77
„Rechtzeitige Behandlung ist entscheidend' ...................................................................... 78
„Beschwerdefrei ist auch infarktfrei" ................................................................................ 78
IV. Kapitel Der Rache letzter Akt............................................................................................ 81
1. „Sie kommen noch vor den Staatsanwalt!" ....................................................................... 82
Zweimal sollte die Herzpille verboten werden .................................................................. 82
Strophanthin darf nicht verdünnt werden .......................................................................... 83
„Das ist ja unerträglich!" .................................................................................................. 84
2. Die richtige Dosierung ..................................................................................................... 86
Die Pille ist genauso zuverlässig wie die Spritze............................................................... 86
Gegen dieses Herzmittel ist jedes Mittel recht .................................................................. 87
3. Analyse eines Briefwechsels ............................................................................................ 89
„Die Schulmedizin kann nicht daran vorbeigehen" ........................................................... 89
„Allen Beteiligten droht Unheil"....................................................................................... 90
4. Der Kronzeuge ................................................................................................................. 92
Sind 200 000 Tote nicht Grund genug* ............................................................................ 92
„Das ist in der Medizin manchmal so".............................................................................. 93
„Hochmütig, unlogisch, geschmacklos"............................................................................ 94
9
5. „Ungeheurer Vorwurf gegen alle Ärzte '........................................................................... 95
Kranke Herzen sind gegen Digitalis empfindlich .............................................................. 96
Strophanthin schützt das Herz vor Sauerstoff-Mangel....................................................... 97
6. Wie der Spieß umgedreht wurde....................................................................................... 99
Auch das noch: ein Falschzitat.......................................................................................... 99
Tatsachen, die ausgeklammert wurden............................................................................ 100
Strophanthin ist gefährlich*............................................................................................ 101
7. Nicht jeder Herztod ist ein Infarkt .................................................................................. 103
Zwei Drittel sterben, bevor der Arzt kommt.................................................................... 103
Wehret den Anfängen! ................................................................................................... 104
8. „Widerrufen Sie, Doktor Kern!" ..................................................................................... 106
4
„Wir sind Ärzte und keine Heiler" .................................................................................. 106
„Das ist kein Tribunal" ................................................................................................... 107
V. Kapitel „Mehr Ehrfurcht vor dem Leben als vor den Lehren!" .......................................... 110
1. „Kern-Spaltung"............................................................................................................. 111
Die Professoren wollen reinen Tisch machen.................................................................. 112
Alle mit voller Kraft zurück! .......................................................................................... 112
2. Schreckgespenst Cholesterin .......................................................................................... 114
Vergiftete Versuchskaninchen ........................................................................................ 114
Kosmetik statt Ursachenforschung.................................................................................. 115
3. Lieber rechtzeitig sterben ............................................................................................... 117
„Iß nicht, trink nicht, arbeite nicht!" ............................................................................... 117
Das glücklichere Leben nach dem Infarkt ....................................................................... 118
4. Ein Lehrstück ................................................................................................................. 120
Menschenversuche mit Schwerkranken?......................................................................... 121
Respekt vor Tatsachen steht über dem Respekt vor Autorität.......................................... 121
„Für Strafexzesse dieser Art gibt es kein Verzeihen" ...................................................... 122
5. Die Zwangsjacke von Betriebsblindheit und Prestige...................................................... 125
Warum die Menschheit nicht vom Fleck kommt ............................................................. 125
Trennung von Forschung und Lehre ............................................................................... 126
Kontrolle der Wissenschaft durch die Öffentlichkeit....................................................... 126
Aufwertung des selbständigen Arztes ............................................................................. 127
Anhang Ergänzungen und Hinweise Literaturverzeichnis ................................................... 130
Zu I. Kapitel........................................................................................................................... 131
Zu Kerns ersten Arbeiten über die Herzkrankheiten........................................................ 131
Zur Sonderstellung des Strophanthins............................................................................. 133
Zur Infarktverhütung durch Strophanthin........................................................................ 133
Literaturverzeichnis Kapitel I ............................................................................................. 135
Zu II. Kapitel ......................................................................................................................... 137
Zur Begriffserklärung der koronaren Herzkrankheit ....................................................... 137
Zur Theorie der Gefäßverschlüsse durch Arteriosklerose................................................ 137
Zum Thema Kreislauferkrankungen ............................................................................... 138
Zur Frage der Zuverlässigkeit der Koronardiagnostik ..................................................... 139
Zur Frage des Intimaödems ............................................................................................ 140
Literaturverzeichnis Kapitel II............................................................................................ 141
Zu III. Kapitel ........................................................................................................................ 144
Zum Statistik-Streit ........................................................................................................ 144
Zur Objektivierung von Herzschmerzen ......................................................................... 146
Literaturverzeichnis Kapitel III .......................................................................................... 148
Zu IV. Kapitel. ...................................................................................................................... 150
Zum Resorptions-Streit .................................................................................................. 150
Zum Nachweis der Resorption........................................................................................ 151
Zur Frage der exakten Dosierung.................................................................................... 151
Zur Wirksamkeit oralen Strophanthins bei Herzinsuffizienz ........................................... 151
Zur Diskussion Halhuber-Kern....................................................................................... 152
Zum Vorwurf des Heilers ............................................................................................... 152
Literaturverzeichnis Kapitel IV .......................................................................................... 153
Zu V. Kapitel ......................................................................................................................... 155
Zur Resorptionsfrage ...................................................................................................... 155
Zum Problem der Suche nach Risikofaktoren ................................................................. 155
Zur Schädigung des Myokards durch Risikofaktoren...................................................... 156
Zu Nahrungscholesterin und Blut-Fettspiegel ................................................................. 157
Zum Senken von Blut-Fettspiegeln................................................................................. 158

5
Zum Unterschied zwischen Klinik und Praxis................................................................. 158
Literaturverzeichnis Kapitel V............................................................................................ 161

6
Vorwort

von Dr. Manfred Köhnlechner

7
Warum dieses Buch mit jeder darin diskutierten Meinung. In einer
wissenschaftlichen Diskussion über den Wert einer
notwendig ist auf Digitalis oder aber auf oral verabreichtem
Strophanthin bei Herzerkrankungen basierenden
Wenn der Leser dieses Buch in die Hand nimmt, Therapie fühle ich mich selbstverständlich weder
dann sicherlich mit dem Gefühl: hier wird wieder als Diskussionspartner, noch etwa als
einmal eine Attacke gegen die Schulmedizin Schiedsrichter berufen. Aber: ich fühle mich sehr
geritten. Das ist aber nicht der Fall. Denn die wohl verpflichtet, mich dafür einzusetzen, daß
vorgebrachte Kritik richtet sich nicht gegen die diese Diskussion überhaupt geführt wird. Und
Schulmedizin generell. Sie zielt auf diejenigen dazu gehört das Recht der bisher gar nicht fair
Hüter medizinischer Lehren, die den erreichten behandelten Seite auf die Veröffentlichung ihrer
Wissensstand für absolut und endgültig halten. Als Argumente, das Recht auf die Information des
ob es ausgerechnet heutzutage gelungen wäre, die Patienten.
medizinische Lehre über jenen Stand des Wissens Denn der Patient ist mündig und muß Zugang
zu erheben, den ein Professor einmal „den erhalten zu allen Fragen, die schließlich seine
augenblicklichen Stand unseres Irrtums" genannt ureigenen Probleme betreffen. Kein Professor
hat. Die Hochschulen sind weder im Besitz der einer medizinischen Fakultät sollte versucht sein,
allein selig machenden Wahrheit noch im Besitz sich als Zensor zu betätigen. Es besteht immer die
eines unantastbaren Monopols. Deshalb sollte man Möglichkeit, daß sich später einmal die Zensur als
den Begriff Schulmedizin eigentlich immer in verhängnisvoll herausstellen kann. Für den
Anführungszeichen setzen: ein Begriff, der mehr Professor mag das nicht weiter tragisch sein, er
aus Verlegenheit geboren wurde. Denn er steht für müßte sich höchstens mit mangelndem Nachruhm
einen Lehrstoff, der in fortwährender Veränderung abfinden. Für die große Zahl der Patienten jedoch,
begriffen ist. Was vor 50 Jahren noch als felsenfest die dank dieser Behinderung möglicherweise nicht
untermauerte medizinische Erkenntnis galt, dürfte mehr rechtzeitig oder nicht früher zu einer
heut zum großen Teil auf starke Zweifel stoßen Linderung ihrer Beschwerden finden konnten, hat
und in wenigen Jahren vielfach nur noch ein ein solches Verhalten natürlich ernste
Grund zu nostalgischem Lächeln sein. Nicht die Konsequenzen. Der Autor des Buches hat ein
sogenannte „Schulmedizin" also ist der Lehrbeispiel dieser Art aufgegriffen. Es begann
Angriffspunkt dieses Buches, sondern die Haltung damit, daß eine Gruppe von Ärzten den Vorwurf
vieler Vertreter der Hochschulmedizin, die nicht erhob, die bisher gültige und zwar allein gültige
akzeptieren wollen oder können, daß eben diese Theorie über die Entstehung des Herzinfarktes sei
Lehre nur das Abbild einer augenblicklichen falsch. Aus diesem Grund müsse auch die
Erkenntnis ist und nichts Absolutes. Die aus Behandlung der Patienten falsch sein, und die
diesem Grund auch alles, was noch einen ungemein hohe Zahl an Herzinfarkt sterbenden
Fortschritt zu neuen Erkenntnissen erahnen läßt, Menschen habe daher ihren Grund auch im
fast panikartig abwehren und verleugnen. Das Versagen der offiziellen Medizin, also der vom
Prinzip ist einfach: was eine Erweiterung der Katheder der Universitätsprofessoren verkündeten
Grenzen der Medizin sein könnte, wird als Lehre. Die Gruppe der anders denkenden Ärzte
„Außenseitertum" bezeichnet und damit außerhalb rief in ihrem Bemühen, die Öffentlichkeit
der wissenschaftlich ernst zunehmenden Belange aufzurütteln, nach dem Staatsanwalt. Die Inhaber
gestellt. Und Pioniere der Wissenschaft - die der Hochschulweisheit rieten dagegen zum Besuch
schließlich das gleiche Recht auf Irrtümer besitzen des Psychiaters, erklärten die anders denkenden
wie die Hochschulherren selbst - sehen sich als Ärzte zu Außenseitern und taten die neue Lehre
Ketzer von ihren Kollegen isoliert. kraft ihres Amtes in Acht und Bann. Wenn man
Dieser geistige Hochmut sollte nicht liest, wie dies geschieht, wie hier eine Art von
widerspruchslos hingenommen werden. Deshalb „Hexenjagd" in Samt und Seide verpackt wird, bis
bin ich mit diesem Buch einverstanden. Nicht etwa sie kaum noch erkennbar ist, dann wird die Frage
des Rechthabens sekundär. Wie ich für die von mir Erfolge der Kardiologen lassen deshalb die Frage
vertretenen Methoden eintrete und nichts weiter zu: was ist in diesem Bereich an den Universitäten
fordere als eine sachliche und objektive nicht in Ordnung?
Nachprüfung der damit erreichten Erfolge und eine
sich daraus ergebene Konsequenz der Sie lassen die weitere Frage zu, ob es nicht legal
Hochschullehre, so trete ich dafür ein, daß der ist, bei einer offensichtlich am Markt
neuen Lehre über die Behandlung des vorbeiproduzierenden Hochschul-Lehre einmal
Herzinfarktes eine faire Chance gegeben wird. Ausschau nach Alternativen zu halten, statt
sklavisch der Lehrmeinung zu folgen, nur weil es
Wenn eine Krankheit so alarmierend zugenommen nun einmal die Lehrmeinung ist. Das ist gewiss
hat und immer häufiger von einem tödlichen keine neue Erkenntnis, denn schon 1899 schrieb
Ausgang begleitet ist wie der Herzinfarkt - die der Kardiologe Ludolf Krehl: „Wenige Dinge
sonst nicht immer zuverlässige Statistik spricht schaden der praktischen Heilkunde so sehr wie ...
hier eine allzu deutliche Sprache -, dann ist klar kritiklose Abhängigkeit von den jeweiligen
ersichtlich, daß die bisherige Bekämpfung der theoretischen Vorstellungen." Die hier
Krankheit nicht geeignet ist, das Problem zu lösen. vorgebrachte Lehre von der Behandlung des
Ärzte, die der Meinung sind, der einem Herzinfarktes durch Einnahme von
Herzinfarkt erliegende Patient sei selbst an seinem strophanthinhaltigen Medikamenten ist eine echte
Tode schuld, machen es sich etwas zu einfach: alternative. Ein Angebot an die Medizin, das
wird der Patient gesund, dann hat der Arzt ihn sachlich, nüchtern und objektiv geprüft und ohne
gesund gemacht; stirbt er, dann hat der Patient es jedes Vorurteil im Rahmen des Notwendigen und
sich selbst (Rauchen, Streß, Übergewicht etc.) Verantwortlichen erprobt werden sollte. Das
zuzuschreiben. So sollte sich die Medizin nicht der scheint, nach den Unterlagen über das
Verantwortung entziehen. Die offiziellen Vertreter „Heidelberger Tribunal" aus dem Jahre 1971 zu
der Medizinischen Hochschulen haben bis heute urteilen, keineswegs der Fall gewesen zu sein. Der
leider noch nicht jene vorbeugenden Maßnahmen Autor war in Heidelberg dabei, er hat die
und Methoden der Behandlung erkannt, entwickelt Vorgänge spontan niedergeschrieben und dann mit
und verkündet, die mit allgemeinem Erfolg gegen Hintergrund-material ergänzt. Was geschah und
den Herzinfarkt angewendet werden können, an warum es wohl geschah, welche Kräfte und
dem jährlich in der Bundesrepublik mindestens Interessen beteiligt zu sein scheinen und welche
150 000 Menschen sterben. Volkswirtschaftlich bitteren Konsequenzen die Vorgänge unter
ausgedrückt bedeutet das: die Universität Umständen bis heute zu Lasten des Patienten sich
produziert am Markt vorbei. Denn, wie Prof. daraus ergeben haben, wird hier deutlich gemacht.
Schaefer einmal formulierte: „Ärzte werden Diesem Buch wünsche ich viele aufgeschlossene
bekanntlich auf Universitäten ausgebildet. Sollte und kritische Leser. Es geht nicht nur die
etwas an den Ärzten nicht in Ordnung sein, so Millionen an, die täglich mit dem Risiko eines
können die Universitäten nicht in Ordnung sein. Herzinfarktes leben müssen. Es geht
Sind die Universitäten nicht in Ordnung, so gleichermaßen jeden Arzt an, der sich die
werden auch die Ärzte nicht in Ordnung sein. Fähigkeit erhalten hat, unbefangen über den
"Gesundheitsversorgung ist eine Dienstleistung. Gartenzaun der Hochschulweisheit zu blicken.
Die Ärzte haben eine Leistung zu erbringen, die Schon manches bekämpfte Unkraut hat sich später
den Bedürfnissen der Öffentlichkeit entspricht. als wertvolles Heilkraut erwiesen.
Am Leistungsprinzip gemessen hat die Medizin
auf dem Gebiet der Herzinfarktbekämpfung die
Bedürfnisse nicht gedeckt. Die unbefriedigenden Dr. Manfred Köhnlechner

9
10
Einleitung

Der Ruf nach dem Scheiterhaufen

11
1. Ein gesundes Herz tut drückt ihm die Luft ab. Auffallend auch
dies:
nicht weh
€ƒ Kurzatmigkeit bei Anstrengungen und
Spüren Sie gelegentlich Ihr Herz? Dann schenken ungewöhnlich rasche Ermüdbarkeit im
Sie solchen Warnzeichen in Zukunft mehr Alltag. Es kommt, ohne sonderliche
Beachtung. Denn ein gesundes Herz tut nicht weh. Leistung, schon nach kurzer Zeit zu
Was Sie spüren, sind immer krankhafte Vorgänge. Erschöpfungszuständen. Selbst das
Zwar bedeuten Herzschmerzen nicht gleich, daß Treppensteigen macht Schwierigkeiten,
Sie schwer herzkrank sind. Aber sie weisen auf der Kranke glaubt nicht mehr weiter zu
eine Schädigung dieses Organs hin. Weil können, er keucht nach Luft. Besonders
Herzerkrankungen das Leben unmittelbar quälend wird diese Atemnot in der Nacht.
bedrohen, hat die Natur ein empfindliches Die Kranken steigen aus dem Bett und
Warnsystem eingerichtet, das schon frühzeitig reißen das Fenster auf. Denn sie führen
Signale aussendet. Ein Arbeitskreis von Ärzten hat dieses Frischluftbedürfnis auf stickige Luft
nach jahrelangen Beobachtungen vieler Tausender im Schlafzimmer zurück. Doch zu
von Patienten einen Katalog von Symptomen Unrecht. Ihre Atemnot entsteht nämlich
zusammengestellt. Danach macht sich der nicht durch Mangel an Sauerstoff im
vorgeschädigte Zustand dieses Organs auf Raum, sondern infolge einer Blutstauung
folgende Weise bemerkbar: durch in der Lunge. Es würde genügen, wenn der
Kranke sich neben das Bett stellt, so daß
€• Herzbeschwerden aller Arten und das Blut aus der Lunge in den Unterkörper
Schweregrade. Sie äußern sich abfließt. In der Nacht kann noch ein
unterschiedlich als Brennen, als Drücken weiteres Problem lästig werden:
oder Stechen, als ein Gefühl des
Klemmens oder der Verkrampfung, als €„ die herzverursachte Schlafstörung. Der
eine eigenartige bedrückende Beengung, Kranke wacht nach wenigen Stunden
die keiner vergisst, der sie einmal erlebt Schlaf plötzlich mit Herzklopfen auf.
hat. Sie treten auch als starker Schmerz Manchmal ist er nass von Schweiß und
auf, als Angina-pectoris-Anfall erinnert sich noch der erschreckenden
(„Brustenge"). Aber ein geschädigter Angstträume, die er kurz vor dem
Herzmuskel macht nicht nur im Bereich Erwachen hatte. Er kann nicht wieder
des Organs selber Schmerzen, es kommt einschlafen, oft liegt er stundenlang wach,
zu einem obwohl er übermüdet ist. Erst gegen
Morgen fällt er in einen bleiernen Schlaf.
€‚ Ausstrahlen der Beschwerden. Das wird Dieses „Nachtleben" der Patienten ist
empfunden als ein dem Rheumaschmerz eines der am wenigsten bekannten und
ähnliches Ziehen und Stechen in der gleichzeitig besonders typischen
linken Schulter, im linken Arm, zum Teil Anzeichen für eine Herzerkrankung. Ein
bis in die Fingerspitzen, auch in die linke anderes Symptom, das im Bett auftritt, ist
Seite des Rückens. Anders machen sich die
diese Ausstrahlungen in der Halsgrube
über dem Brustbein bemerkbar. Dort sind €… Unverträglichkeit des Liegens auf der
sie als eigentümliches Druckgefühl linken Seite. Denn das Linksliegen führt
spürbar, als steckte einem ein Kloß im zu Unruhe, zu Herzklopfen oder
Halse. Der Kranke hat das Bedürfnis, Druckgefühl in der Herzgegend. Die Folge
hinunterzuschlucken, es würgt ihm und sind Angstträume und schreckhaftes

12
Erwachen. Überhaupt tritt bei all diesen drinsteht. Weil diese berühmten Leute aber die
Symptomen eine Besonderheit auf: anderen Ärzte unterrichten und sich daher die
ganze Medizin nach ihren Meinungen auszurichten
€† Herzangst. Sie äußert sich nicht nur in hat, sind sie gewissermaßen die höchste Instanz.
Alpträumen, sondern auch in Wenn irgendjemand, dann müssen ja sie die
Zuständen der Sorge oder der Wahrheit kennen. Jetzt seufzt der Patient
Hoffnungslosigkeit. Während der erleichtert auf und schluckt beruhigt seine
Nacht macht sich häufig eine Nervenmittel. Die da oben, so denkt er, die
Bangigkeit bemerkbar, die in das werden's schon wissen. Aber wissen sie es
Gefühl völliger Ausweglosigkeit wirklich besser als die Natur, die den kranken
mündet und den Morgen herbeisehnen warnt? Oder irren sie auch hier wieder? Es sollte
läßt. Diese Angst hat anfangs gar keine doch eigentlich zu denken geben, daß die
Beziehung zu einem bestimmten Geschichte der Medizin in großem Ausmaß die
äußeren Anlass. Aber unangenehme Geschichte gerade ihrer Irrtümer ist. Greifen wir
Vorstellungen oder Erlebnisse, mit einen harmlosen Fall heraus. Jeder kennt das
denen sich der Kranke Märchen vom enormen Eisengehalt des Spinats.
herumzuschlagen hat oder hatte, Weil ein Wissenschaftler ein Komma zu weit nach
beginnen sich in diese Gemütslage rechts gerückt hatte, wurden ganze Generationen
hineinzudrängen, um sie schließlich von protestierenden Schreihälsen mit diesem
mit persönlichen Konflikten, Gemüse vollgestopft. Ein einziger Fehler nur und
beruflichen Kümmernissen, mit Angst jahrzehntelang weltweite Auswirkungen - das regt
vor einer Wirtschaftskrise, Krebs oder zum Nachdenken an: Warum kann eine falsche
Krieg, mit Erinnerungen an Lehre so lange Bestand haben? Ein amerikanischer
bedrohliche Situationen längst Forscher hat das sehr gründlich getan, er hat
vergangener Zeiten peinigend zu fünfzehn Jahre lang Material zu dieser Frage
erfüllen. zusammengetragen und dabei erstaunliche
Gesetzmäßigkeiten aufgedeckt. Aus der kritischen
Sind Sie noch nie einer Autorität Studie der Wissenschaftsgeschichte „Die Struktur
wissenschaftlicher Revolutionen" von Professor
aufgesessen?
Thomas Kuhn geht nämlich hervor, daß in der
Wissenschaft gar nicht so sehr der Irrtum selbst
Wer aufgrund solcher alarmierenden
von Bedeutung ist, sondern erst seine
Empfindungen argwöhnt, daß mit seinem Herzen
Zementierung in einem Lehrbuch. Auch der hohe
etwas nicht in Ordnung ist, wird natürlich einen
Eisengehalt des Spinats wurde ja erst dann zum
Arzt aufsuchen. Dort aber kann ihm Unerwartetes
„allgemein anerkannten" Wissen, als er in solch
widerfahren. Es kann nämlich geschehen, daß der
einem klugen Wälzer Eingang gefunden hatte.
Arzt, sobald er von den Befürchtungen seines
Denn was erst einmal in einem Lehrbuch steht,
Patienten erfahren hat, den Mund verzieht und mit
modert dort Jahrzehnt um Jahrzehnt vor sich hin.
Mühe ein Lächeln unterdrückt. Oder daß er gar
Und dieser Sachverhalt ist nur scheinbar belanglos,
laut herauslacht und dem „eingebildeten Kranken"
in Wirklichkeit hat er ungeahnte Auswirkungen.
erklärt, er solle sich nur keine Sorgen machen, an
Richten Sie einmal Ihr Augenmerk darauf. Es
seinem Zustand seien nur die Nerven schuld. Der
könnte nämlich sein, daß Sie dann die Warnsignale
Patient weiß jetzt nicht mehr, woran er ist. Er hat
Ihres Herzens doch ernster nehmen als die
Herzschmerzen, und er hat Angst, aber sein Arzt
Beschwichtigungen der Medizinlehrer. Immerhin
sagt ihm, daß es sich nur um einen harmlosen
stehen Herzerkrankungen an der Spitze der
Schabernack übermütiger Nerven handelt. Ja, sein
Todesursachen. Falls Sie sich jetzt „verunsichert"
Arzt zeigt ihm sogar das Buch eines
fühlen, dann denken Sie daran, daß es besser ist,
Universitätsprofessors, in dem das Gleiche

13
mit Zweifeln zu überleben, als vertrauensvoll zu gegen unabhängige Forscher in ihm die
sterben. selbstherrliche Überzeugung genährt, daß sich
alles in der Welt buchstäblich nur um den
Universitäten behindern den Menschen drehe.
Fortschritt
Wir hätten also allen Grund, sorgsam bei der
Suche nach der Wahrheit vorzugehen. Statt dessen
Wer diese Überschrift liest, wird zunächst denken,
erheben wir durch Universitätsbeschluss einfach
eine solche Behauptung sei mindestens etwas
den gegenwärtigen Stand unseres Wissens zur
weltfremd. Leben wir doch in einem Zeitalter, das
„Wahrheit" und machen ihn damit nahezu
einen wahren Triumph so vieler
unabänderlich, auch dann, wenn die Lehrsätze
Wissenschaftszweige gebracht hat. Und
nichts weiter sind als Glaubenssätze. Das aber ist
ausgerechnet die Universitäten, der Hort unseres
gefährlich: denn nichts verteidigt der Mensch so
Wissens, sollen wissenschaftliche Fortschritte
hartnäckig und mit so großem Aufwand wie das,
zugleich auch blockieren? Gerade solch ein Horten
was er glaubt. „Eine falsche Lehre läßt sich nicht
des Wissens ist es aber, das zu diesem Problem
widerlegen, denn sie ruht ja auf der Überzeugung,
geführt hat. Mit geistigem Kapital ist es nämlich
daß das falsche wahr ist", heißt es bei Goethe. Und
genauso wie mit finanziellem: Kapital muß immer
Thomas Kuhn stellt dazu fest: hat ein
arbeiten, damit es Früchte trägt; Geldscheine
Wissenschaftler erst einmal eine Überzeugung
gehören nicht zwischen Buchseiten geklemmt ins
gewonnen, ist er auch dann nicht mehr davon
Regal. Eben solch ein unüberlegtes Speichern aber
abzubringen, wenn er mit einem „einwandfreien
geschieht auf den Universitäten. Der gegenwärtige
Beweis konfrontiert" wird, der seine
Stand unseres Wissens wird dort in Lehrsätze
Anschauungen als Hirngespinste entlarvt:
abgepackt und in Lehrbüchern konserviert, unsere
Erkenntnisse genau so wie unsere Irrtümer. Der
€‡ Er ist „niemals" auch nur zu einer
Lehrbetrieb einer Schule setzt immer Autorität
Überprüfung der Grundlagen bereit, auf denen
voraus, menschliche Macht also; die Lehrer
er sein Denkgebäude errichtet hat.
müssen sich ja gegenüber den Schülern
durchsetzen können. Sie müssen als Experten
€ˆ Er läßt sich auch dann nicht von seinen
anerkannt werden, gegen die nicht aufgemuckt
Überzeugungen abbringen, wenn sich die
werden darf ebenso wenig wie gegen ihren
Unhaltbarkeit seiner Theorie dadurch erwies,
Beschluss, welcher Lehrstoff zu gelten hat: diese
daß sie zu „skandalösen Zuständen" geführt
absolute Gültigkeit eines Lehrsatzes nennt man
hat.
Dogma. Nun ist es aber häufig genug geschehen,
daß ein Irrtum zum Dogma erhoben wurde, und es
Aus der Studie geht hervor, daß Wissenschaftler
gibt berühmte Beispiele dafür in der Geschichte.
ihre durch gemeinsamen Beschluss geadelten
Einst hatte sich die Menschheit von den Priestern
Überzeugungen „lebenslang", „unbeschränkt",
und Gelehrten überzeugen lassen, daß die Erde der
„unbeugsam", „töricht und starrköpfig"
Mittelpunkt des Weltalls sei. Als dieses Dogma
verteidigen. Das trifft sich mit dem berühmten
zerbrach, wurde die bisherige Weltanschauung
Ausspruch des Nobelpreisträgers Max Planck:
dadurch buchstäblich auf den Kopf gestellt. Die
„Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich
Menschen mussten sich damit abfinden, daß ihre
nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner
Erde nur ein Himmelskörper ist wie unzählige
überzeugt werden und sich als belehrt erklären,
andere auch, der in irgendeinem Bereich des
sondern dadurch, daß die Gegner allmählich
Universums um die Sonne kreist. Die Erkenntnis
aussterben und daß die heranwachsende
dieser Wahrheit wäre aber für das „Ebenbild
Generation von vornherein mit der Wahrheit
Gottes" nicht ein so furchtbarer Schock gewesen,
vertraut gemacht ist".
hätten nicht Dogmatiker im gnadenlosen Kampf

14
Verdammt wird nur der Ketzer sie fechten mit Erbitterung, mit Heimtücke, mit
Verzweiflung, weil sie bei dem Schulsystem, das
Angesichts eines Irrtums der Wissenschaft könnte sie verteidigen, zugleich auch für ihr ganzes
man sich also auf den Standpunkt stellen, man Dasein fechten. Darum kein unversöhnlicherer
müsse einfach abwarten, bis „die letzten Feind, kein neidischerer Amtsgehülfe, kein
Widerstandleistenden gestorben sind". Es gibt aber bereitwilligerer Ketzermacher als der
gewichtige Gründe dafür, daß man es sich damit Brotgelehrte." Besonders in der Geschichte der
etwas zu leicht macht. In der Medizin etwa Medizin fällt auf, wie roh und wie dumm Neuerer
bedeutet die Vorherrschaft einer falschen Lehre, zumeist behandelt wurden. Vielleicht liegt es
daß die Behandlung von Kranken im Argen liegt. daran, daß hier der psychologische Widerstand
Je länger sie verteidigt wird, umso mehr Leid und noch stärker ist als in jedem anderen
vorzeitiger Tod sind die Folge. Doch selbst unter wissenschaftlichen Bereich. Denn eine falsche
diesen Umständen wurde noch nie eine falsche Lehre in der Medizin bedeutet ja doch, daß
Lehre von jenen„verdammt", die von der Jahrzehnte hindurch Kranke falsch behandelt
Überzeugung besessen sind, daß sie richtig ist. worden sind. Das aber ist sicherlich das
Verdammt wird immer nur der Außenseiter, jener Allerletzte, was ein medizinischer Schulbetrieb
also, dessen neue Erkenntnisse nicht mit der alten eingestehen kann. Und vermutlich liegt darin der
Lehre zu vereinbaren sind. Er wird zum Ketzer, Schlüssel für den sich immer wiederholenden
zum Aufrührer erklärt, der Ruf nach dem Sachverhalt, daß die absoluten Herrscher in der
Scheiterhaufen erschallt. Dabei ist in den medizinischen Hierarchie jeweils besonders
Geschichtsbüchern nachzulesen, daß die meisten grimmig mit ihren geistigen Widersachern
großen Erfindungen von solchen Außenseitern umgegangen sind. Trotz einer erschreckend langen
gemacht wurden, weil sie nicht in starren Lehr- Reihe solch wenig rühmlicher Vorkommnisse in
und Denkgewohnheiten befangen waren und ihrer Geschichte erleben wir derzeit eine
geistiges Neuland zu betreten wagten. Ohne Ketzer Auseinandersetzung, die selbst in der Medizin
hätte es keinen wissenschaftlichen Fortschritt Historie nicht ihresgleichen hat: den Streit um den
gegeben. So sehr die Universitätsdogmen den Herzinfarkt. Alle Voraussetzungen, die Thomas
Fortschritt behindern verhindern können sie ihn Kuhn skizziert hat, sind gegeben Widersprüche
doch nicht. Zwangsläufig muß es zwischen den zwischen Theorie und Wirklichkeit, Versagen in
Außenseitern und den „Innenseitern" in den der Praxis, Verteidigung um jeden Preis, kurz:
Hochschulen zu einem Konflikt, zu einem skandalöse Verhältnisse. Noch nie aber ist das
erbitterten Kampf führen. Die amerikanische Kardinalskollegium" der Medizin so weit
Studie bezeichnet diese Auseinandersetzung als gegangen, über einen Revolutionär aus den
„wissenschaftliche Revolution", und sie kommt zu eigenen Reihen Gericht zu sitzen wie einst die
dem Ergebnis, daß solche Revolutionen notwendig Heilige Inquisition über Abtrünnige von
sind, also sein müssen. Das heißt: es muß zu kirchlichen Dogmen. Das Herzinfarkt-Tribunal
Gewaltakten kommen, sobald die Wissenschaft auf von Heidelberg kann sich nur an Vorbildern aus
der Stelle tritt. Gerade auch in jenen Bereichen, die dem Mittelalter messen lassen, aus Zeiten also, in
wir fern den Leidenschaften dieser Welt vermuten, denen Interessenparteien sich noch allen Ernstes
wird rücksichtslos gehauen und gestochen. Über zum Richter über andere aufwerfen konnten, um
den Starrsinn wissenschaftlicher Dogmatiker sagte ihnen - wie einst Galilei - nur die Wahl zwischen
Friedrich Schiller, seines Zeichens übrigens auch Abschwören wissenschaftlicher Erkenntnis oder
Doktor der Medizin, bei seiner Antrittsvorlesung Feuertod zu lassen. Der Angeklagte, Dr. med.
an der Universität Jena: „Jedes Licht, das durch ein Berthold Kern, darf von Glück sagen, daß Ketzer
glückliches Genie, in welcher Wissenschaft es sei, heute nicht mehr verbrannt werden dürfen.
angezündet wird, macht ihre Dürftigkeit sichtbar;

15
I. Kapitel

Die Pille gegen den Herzinfarkt


1. „Sie verderben sich die Ein Wust von Gedankenlosigkeit
Laufbahn!" Dankbar äußerte er sich darüber, daß er „das
unwahrscheinliche Glück" habe, „hier ein Gebiet
Es war empfindlich kalt in der Dachkammer, aber
vorzufinden, auf dem seit Generationen ein
er merkte nichts davon. Er hatte zwei
riesiger Schatz an Einzelwissen unverarbeitet
Pferdedecken so zugeschnitten und
zusammengetragen ist". Berthold Kern gelangte
zusammengenäht, daß für den Kopf und für die
bei seiner Arbeit immer mehr zu der Überzeugung,
Arme drei Löcher frei blieben. Der einzigen Sitz-
auf eine Goldmine gestoßen zu sein: „Ich hatte
gelegenheit — einem ausrangierten Holzstuhl aus
niemals das Gefühl, etwas neu zu schaffen,
einer Kaserne — hatte er kurzerhand die Lehne
sondern nur etwas freizulegen, was bisher unter
abgesägt, weil die selbstgeschneiderte Kutte sonst
einem Wust von Gedankenlosigkeit verborgen
nicht bis auf den Boden herabhängen konnte. Auf
lag."
dieses Weise erreichte er, daß ihn das verwaschen-
Die Gedankenlosigkeit, die Dr. med. Berthold
braune Gewand vom Hals bis zu den Füßen
Kern in diesem Brief an seinen Vater anprangerte,
einhüllte.
war die Gedankenlosigkeit der Lehrer an den
Weil der Wind durch die mit Zellwollstreifen und
Hochschulen, der Professoren der Medizin.
Rollglas notdürftig abgedichteten
Zwar erntete jenes Erstlingswerk von 1946, die
Fensteröffnungen pfiff, trug er unter dem Umhang
„Grundlagen der Inneren Medizin", in Fachkreisen
sämtliche Militärklamotten, die er aus dem Kriege
noch viel Lob.
mitgebracht hatte. In den hohen Marschstiefeln
Aber dann traf ihn der Bannstrahl der Autoritäten.
steckten die Füße in mehreren Paar Socken. Seinen
Anlaß war das Erscheinen seines zweiten Werkes
Kopf bedeckte ein verblichener Ohrenschützer.
von 1948, eines schmalen Buches mit dem Titel
Unter der Kutte kam ein Kabel hervor. Dadurch
"Die Herzinsuffizienz". Darin hatte er die im
wurde ein Heizöfchen unter dem Hocker mit
Herzkapitel seines Lehrbuchs dargestellten
Strom gespeist, jeden Tag für einige Stunden.
Erkenntnisse weiter ausgeführt und ergänzt und
Berthold Kern, Doktor der Medizin, 34 Jahre alt,
konsequent weiter gedacht. Es ist der Schlüssel zu
Rußland-Heimkehrer, ausgebombt, verbrachte den
allen späteren Arbeiten Kerns.
Winter 1945/46 in einer fremden,
Herzinsuffizienz heißt Funktionsschwäche des
Bombengeschädigten Dachkammer auf dem
Herzens. Und diese Funktionsschwäche ist das
Killesberg in Stuttgart.
klassische Gebiet der Herzforscher. Nun wagte es
Am grünen -Tisch in der Dachkammer entstand als
ein unbekannter Assistenzarzt, ein Anfänger noch,
Auftragsarbeit sein Lehrbuch „Grundlagen der
an den Säulen dieses Lehrgebäudes zu rütteln, ja es
Inneren Medizin".
sogar zum Einsturz bringen zu wollen. Denn die
In jenen trostlosen Tagen des ersten
Kardiologen der ganzen Welt, so heißt es in dieser
Nachkriegswinters beschäftigte er sich mit den
Schrift, hätten übersehen, daß es nicht nur eine,
Krankheiten des Herzens — „dem königlichen
sondern insgesamt drei Insuffizienzformen des
Thema der Inneren Medizin", wie er
Herzens gebe. Und von der wichtigsten, der
hervorzuheben nicht müde wurde. Ihn
sogenannten Linksinsuffizienz, hätten sie bislang
beeindruckte wohl die Fülle der Einzeltatsachen,
nicht einmal die Symptome beachtet...
die auf diesem Gebiet erforscht und in den
Fachbüchern zusammengetragen waren. Weniger
befriedigte ihn allerdings, wie er in seinen da- Die Fachwelt erkannte, welche
maligen Briefen anmerkte, „die geistige Throne wackelten
Verarbeitung dieser Fakten zur Lehre". Er kam zu
dem Ergebnis, daß vieles davon „allein schon Der Autor hatte sich damit selber von einer
physikalisch unmöglich" war. etwaigen akademischen Karriere ausgeschlossen.
Zwar war er, um nicht allzu verletzend zu wirken,
vorsichtig gewesen, etwa indem er beim
Widerlegen irrtümlicher Lehren die Namen ihrer
prominenten Vertreter ungenannt ließ. Aber die
Fachwelt erkannte sofort, welche Throne
wackelten. Dem Autor war es auch klar: solche
Versuche der Abmilderung konnten nicht
verhindern, „daß dieses Werk unangenehm
aufstößt". Er wußte es spätestens, als einer seiner
Chefs ihn wohlwollend warnte: „Mit solchen
Schriften verderben Sie sich Ihre Laufbahn!"
Dr. med. Berthold Kern avancierte nicht von
vorn herein zum Außenseiter. Er hat sich diese
Rolle, gewissermaßen Szene für Szene,
konsequent aufgebaut.

18
2. Die Milch der alten Leute Professor Hermann Rein vor dem Zweiten
Weltkrieg viel experimentiert, um diese Substanz,
Auf einem Absatz der steilen Treppe, die zur den „Herz-Kraftstoff" mit der Bezeichnung
Hypoxie-Lienin zu finden.
dritten Etage des Hauses Augustenstraße Nr. 56 in
Stuttgart führte, stand ein einsamer Stuhl. Denn die Im Tierversuch läßt sich die Ähnlichkeit dieser
Substanz mit dem Strophanthin aufzeigen. Einem
meisten der Patienten, die sich in die Arztpraxis im
dritten Stock mühten, waren herzkrank, und es gab Hund wird die Leber herausoperiert, und das Tier
stirbt dann nach wenigen Tagen. Denn weil der in
keinen Lift, der sie in die Praxis des Dr. Kern hätte
transportieren können. der Milz erzeugte und in der Leber umgebaute
Kraftstoff fehlt, tritt eine Herzschwäche ein, die
Der Rastplatz auf halber Höhe war so häufig
besetzt, daß der Arzt darüber nachzusinnen sich zusehends verschlimmert. Verabreicht der
Experimentator aber rechtzeitig Strophanthin, so
begann, warum sich wohl so viele Herzkranke
Stuttgarts ausgerechnet bei ihm ein Stelldichein arbeitet das Herz wieder normal: das fehlende
Hypoxie-Lienin läßt sich durch Strophanthin
gaben. Denn er fand bei seinen Patienten gerade
die Symptome der beginnenden Linksinsuffizienz, ersetzen.
Seit mehr als 100 Jahren ist Strophanthin als
der Funktionsschwäche des linken Herzens, in
besonders vielen Fällen. herzwirksam bekannt, genau seit 1859, als der
schottische Botaniker Dr. Kirk mit der
Aber bald gewann er die Überzeugung, daß nicht
die Herzkranken bei ihm, sondern daß diese Livingstone-Expedition in Südostafrika unterwegs
war. Sein Interesse erweckte unter anderem das
Herzkrankheiten bei der Bevölkerung in auffallend
großer Menge auftraten. Pfeilgift Kombi, das aus dem Samen eines Strau-
ches gewonnen wird. Kirk nahm eine Handvoll
Kern suchte deshalb nach einem Medikament, mit
dem er diese Schäden, die Vorstufen der dieses Samens mit und packte ihn zu seinen
Toilettenartikeln.
Herzschwäche, wirkungsvoll behandeln konnte.
Zuerst wendete er das gebräuchliche Herzmittel
Digitalis an, sah aber bei diesen Kranken oft sogar Zähneputzen gegen
ihm unerklärliche Verschlechterungen; viele gaben Herzschmerzen
an, daß sie dieses Medikament nicht vertrügen.
Dagegen erlebte er mit Strophanthin, einem Am nächsten Morgen beim Zähneputzen ärgerte er
anderen Herzmittel, das bis heute der Digitalis als sich darüber, daß die mit dem Samen verunreinigte
völlig gleichwertig gilt, überraschend gute Zahnbürste bitter schmeckte. Doch kurz darauf —
Resultate und zufriedene Patienten. Wer einige „immediately“, wie er vermerkte — stutzte er. Er
Male damit behandelt worden war, mußte bei hatte während der letzten Tage an Herzschmerzen
einem nächsten Praxisbesuch den hilfreichen Stuhl gelitten, und an diesem Tag waren sie besonders
im Zwischenstock nicht mehr benützen. schlimm. Aber gleich nach dem Zähneputzen
Kein Herzmittel war früher in Deutschland so waren sie wie verflogen. Außerdem stellte er eine
geschätzt worden wie Strophanthin. Deshalb war Verlangsamung seines Pulses fest.
auch hier mehr Erfahrung und mehr Wissen über Dr. Kirk war ein guter Beobachter. Er wiederholte
diese Arznei angesammelt worden als sonstwo in das ungewollte Experiment immer dann, wenn er
der Welt. Einer der Herzspezialisten brachte es auf Herzbeschwerden hatte. Und jedes mal
die Formel: "Was Insulin für die Zuckerkranken, verzeichnete er den gleichen Erfolg. Deshalb nahm
ist Strophanthin für die Herzkranken." er auf die Heimreise einige Töpfe des zu einem
Die Ärzte nannten es die „Milch für die alten wäßrigen Brei zerstoßenen Strophanthus-Samens
Leute" und wußten, daß es „auch dann noch hilft", mit, den die Eingeborenen auf ihre Pfeilspitzen
wenn alle anderen Medikamente versagen. strichen. Er war der Überzeugung, eine neue Heil-
Strophanthin scheint in seiner Zusammensetzung pflanze entdeckt zu haben, und er sollte recht
einem körpereigenen Wirkstoff, vielleicht einem behalten.
Hormon, ähnlich zu sein. In Leipzig hatte
19
Der schottische Arzt Dr. Fräser isolierte aus dem Verabreichung aber als nicht weiterhin
Samen die Herzglykoside, jene Wirkstoffe also, durchführbar, weil insbesondere Patienten mit
denen die günstige Herzwirkung zuzuschreiben ist. stark vorgeschädigtem Herzen zu oft gespritzt
1885 brachte er, nach langen Beobachtungen an werden mußten. Das ging schon aus zeitlichen
Kranken, die Tinctura Strophanthi heraus. Das Gründen nicht, außerdem waren den Kranken
Medikament setzte sich rasch durch, und bereits mehrmalige Injektionen während eines jeden
nach fünf Jahren waren schon mehr als 100 Tages auf die Dauer nicht zuzumuten. Ein Ausweg
Publikationen über oral, also durch den Mund ver- war nur durch eine Anwendung in Tropfen- und
abreichtes Strophanthin erschienen, wobei man Tablettenform zu suchen, und Dr. Kern stellte
berücksichtigen muß, daß zu jener Zeit bei weitem beim Literaturstudium fest, daß diese orale Form
noch nicht so viele wissenschaftliche Arbeiten der Verabreichung über Jahrzehnte hinweg mit
veröffentlicht wurden wie heute. Besonders Erfolg gehandhabt worden war.
rühmte man die rasche Wirksamkeit und die nur Schließlich fand er die Unterstützung eines großen
minimal nachteiligen Wirkungen auf das Herz. pharmazeutischen Unternehmens. Die Firma
Zu Beginn des 20. Jahrhundert kam es zur Boehringer, Mannheim, die schon eng mit
Entwicklung der intravenösen Verabreichung. Professor Fraenkel zusammengearbeitet hatte,
Professor Albert Fraenkel setzte sie an den erklärte sich bereit, ein orales
Kliniken durch. Wie das geschah, ist eine Strophanthinpräparat auf den Markt zu bringen.
Geschichte für sich: „Bei der Entwicklung der Strophanthin-Tabletten
Der Ordinarius der Straßburger Universität, wurde sehr viel probiert", schilderte Dr. Kern
Professor Ludolf Krehl, eine medizinische später. „Es wurden härtere, es wurden weichere
Kapazität von hohem Rang, gestattete einem Tabletten hergestellt, mit verschiedenem Material,
unbekannten Dorfarzt auf seiner Station, an seinen mit verschiedenem Preßdruck." Er hatte damals
Patienten eine neue Therapie auszuprobieren. Über aus seinen Patienten einen Stamm „herangezüch-
den Erfolg dieser intravenösen Strophanthin- tet", bei dem die Symptome rasch ansprachen, so
Injektionen an bisher unheilbar Schwerkranken be- daß die Wirkung prüfbar war. Auf diese Weise
richtete Albert Fraenkel 1906 in einem berühmt konnte er testen, wie gut die unterschiedlichen
gewordenen Vortrag auf dem Kongreß für Innere Chargen wirkten. Als Ergebnis wurde schließlich
Medizin in Wiesbaden: das „Strophoral" auf den Markt gebracht,
„Von der internen Therapie her sind wir an das all- Strophanthin in Tropfen- und Tablettenform.
mähliche Eintreten der Digitaliswirkung gewöhnt, Die Erfolge mit Strophanthin-Pillen und -Tropfen
die wir nach Zeit und Intensität nie genau waren erstaunlich gut. Es zeigte sich, daß damit
voraussagen können. Hier stehen wir vor einer noch geringere Nebenwirkungen auftraten als bei
Wirkung, die innerhalb drei bis vier Minuten intravenöser Verabreichung. Kern nahm an, daß
einsetzt und die wir beherrschen. Unter unseren das langsame Anfluten des Medikaments mit dem
Augen vollzieht sich das Umschalten des patho- Blut zum Herzen — im Gegensatz zu der
logischen Kreislaufes zur Norm. Der Puls des stoßartigen Wirkung bei der Injektion — sich
Kranken wird voller, seine Atmung langsamer, besonders günstig auswirkte. 1951 erschien Kerns
und eine Harnflut bricht los, wie wir sie in solch Buch „Die orale Strophanthin-Behandlung", in
kurzer Zeit bisher auf keinem Wege erreichen dem er seine Erfahrungen an 150 Fällen umfassend
konnten." darstellte.
In diesen Jahren ab 1947 beobachtete der
Die Spritze wird zum Hindernis Stuttgarter Arzt zu seiner Überraschung, daß bei
seinen Klienten Angina-pectoris-Anfälle (wörtlich:
Seitdem war es allgemein üblich geworden, Brust-Enge, sehr schmerzhafte Herzanfälle, als
Strophanthin nur noch intravenös zu verabreichen, Vorstufe des Herzinfarktes angesehen) ausblieben
und auch Dr. Kern wandte diese Methode an. Im und daß kaum noch einmal ein Herzinfarkt auftrat.
Laufe der Zeit erwies sich diese Form der
20
Gerade in jener Zeit nahm aber überall sonst die Professor Edens war aufgrund dieser Erfahrungen
Zahl der Herzinfarkte sprunghaft zu. Warum zu der Überzeugung gekommen, daß von allen
blieben sie in seiner Praxis aus? Liefen die Behandlungsmethoden „Strophanthin am
1
Infarktgefährdeten einfach von ihm weg? Wollten wirksamsten dem Infarkt vorbeugt '. Er konnte
sie ihm das furchtbare Ereignis ersparen und lieber jedoch nicht ahnen, welche Bedeutung seine
einen anderen Arzt damit belasten, der ihnen Aussage einmal erlangen sollte. Denn damals war
ebensowenig helfen konnte? War es ein Sugge- der Herzinfarkt eine noch seltene Erkrankung, und
stiveffekt? Aber warum trat er dann immer nur nichts wies darauf hin, daß sie einmal epidemische
unter Strophanthin, nie unter Digitalis auf? Oder Ausmaße annehmen würde.
war es immer nur Zufall? Deshalb wurde seinen Feststellungen auch wenig
Das gab alles keinen Sinn. Die Tatsache, daß Beachtung geschenkt, bis infolge des rapiden
andere Ärzte, die ebenso wie Dr. Kern Ansteigens der Erkrankungs- und Todesziffern
Strophanthin zur Herzbehandlung einsetzten, durch Herzinfarkt die Zeit dafür reif geworden
gleichfalls kaum noch Infarkte bei ihren Patienten war: bis ein nachdenklich gewordener Arzt diesen
erlebten, gab Anlaß zu fruchtbarem Nachdenken. längst vergessenen Erfahrungsschatz entdeckte.
Lag es also an diesem Medikament? War damit Was er da fand, elektrisierte ihn. Er war auf eine
etwa noch viel mehr zu erreichen, als jene Schäden detaillierte Bestätigung seiner eigenen
zu korrigieren, die allmählich zur Herzschwäche Beobachtungen gestoßen. Die Strophanthin-
führten? Tablette, die er gemeinsam mit der
Und wieder wurde Dr. Kern in der Literatur pharmazeutischen Großfirma entwickelt hatte —
fündig. Die beste Bestätigung für seine These, daß war sie die Pille gegen den Herzinfarkt?
Strophanthin ein Mittel gegen Angina pectoris und
Herzinfarkt sein könnte, fand er in den
Veröffentlichungen von Professor Ernst Edens.
Dieser Düsseldorfer Kliniker hatte seit 1929 15
Jahre lang Herzkranke mit Strophanthin behandelt.
Es waren besonders arge Fälle von Angina pectoris
und von Infarkt-Kranken, deren er sich hatte
annehmen müssen, berufsunfähige Schwerkranke,
die jahrelang ohne Erfolg behandelt worden waren.

„Strophanthin beugt dem Infarkt


vor"
Edens verabreichte ausschließlich Strophanthin,
zumeist intravenös, aber auch rektal. Oft schon
nach wenigen Tagen, spätestens nach zwei
Wochen, war der größte Teil der Patienten
beschwerdefrei. Einige berichteten noch über
leichte Schmerzen, die aber erträglich waren.
Allerdings hatte der Herzmuskel dieser Patienten
bereits einen Dauerschaden erlitten, der nicht mehr
rückgängig zu machen war. Die Patienten
brauchten deshalb das Medikament ständig weiter.
Wurde es für einige Zeit abgesetzt, kamen die
Anfälle wieder. Auf neuerliche Behandlung mit
Strophanthin trat der gleiche gute Erfolg ein.

21
3. »Die größte Epidemie der an einem Herzinfarkt. Der Vergleich mit den
heutigen Zahlen macht die erschreckende
Menschheit" Entwicklung deutlich: eine Zunahme um
mindestens 5000 Prozent innerhalb eines
Das Organ ist nur so klein wie eine Faust, es wiegt Vierteljahrhunderts, um das 50fache also, wo doch
weniger als ein Hundertfünfzigstel des Menschen. schon das Doppelte, das Dreifache oder gar das
Dennoch ist es der „begrenzende Faktor" für Zehnfache bedenklich genug wäre.
Leistung und Leben. Und zunehmend werden die Diese Statistiken schreckten sogar die WHO, die
Grenzen, die „das Herz, dieses miserable Organ" Welt Gesundheits-Organisation, auf: „Wir haben
uns setzt, enger. zu spät begonnen, darüber nachzudenken, was die
Diese schonungslose Beurteilung durch Professor Gesellschaft tun kann, um der
William Kolff aus Ohio, eines Pioniers der Umweltverschmutzung vorzubeugen und unsere
Ersatzteil-Chirurgie, hat innerhalb der letzten Jahre Umwelt zu erhalten. Laßt uns nicht denselben Feh-
immer mehr an Gewicht gewonnen. Die Pannen ler machen bei der Vorbereitung des Kampfes
des „miserablen Organs" füllen die Kliniken. gegen den Herzinfarkt", so der Wortlaut ihres
Totenscheine und Sektionsprotokolle mit dem dringlichen Appells. „Die heranwachsende Jugend
Vermerk „Herzinfarkt" haben sich zu einer er- und die künftige Generation stehen auf dem Spiel.
schreckenden Dokumentation seines Versagens Krankheiten des Herzens und der Blutgefäße sind
angehäuft. nicht mehr ausschließlich eine Domäne der
Ein Herzinfarkt ist die Nekrose, das Absterben Mediziner und der Wissenschaftler; sie sind ein
eines Stück Herzmuskels. Die Symptome des soziales Problem geworden von großer
akuten Anfalls, nach den Angaben der American menschlicher und ökonomischer Tragweite."
Heart Association: heftiger Druck oder beengender In den USA verursachen die Herzerkrankungen
Schmerz in der Brustmitte hinter dem Brustbein. jährlich einen Schaden von rund 70 Milliarden für
Der Schmerz kann in Schultern, Nacken, Kiefer die Volkswirtschaft.
und in den linken Arm ausstrahlen. Schmerzen und In der Bundesrepublik Deutschland mußten schon
Mißgefühle sind oft von Schweißausbrüchen 1965 18 Milliarden Mark für Herz-
begleitet. Auch Übelkeit, Erbrechen und Kreislauferkrankungen und ihre Folgen
Kurzatmigkeit können auftreten. aufgewendet werden.
Allein in den Industrieländern der westlichen Welt
erleiden innerhalb eines Jahres rund 10 Millionen
Immer Jüngere sind die Opfer
Menschen einen Herzinfarkt. Etwa drei Millionen
sterben daran.
„Die Lebenserwartung der Menschen mittleren
In den USA sterben rund 700 000 Menschen
Alters in diesem Land ist seit der
jährlich an tödlichen Herzattacken. Zwei Millionen
Jahrhundertwende nur wenig höher geworden —
Herzinfarkte pro Jahr werden insgesamt registriert.
eine höchst entmutigende Feststellung", schreibt
In der Bundesrepublik Deutschland nähert sich die
ein amerikanischer Spezialist. Das heißt: Viele
Zahl der jährlichen Infarkterkrankungen der halben
Krankheiten, an denen früher Massen von
Million. Rund 150 000 sterben, daran.
Menschen starben, sind längst ausgerottet oder
Der Herztod ist zu einer Volksseuche geworden. In
heilbar geworden. Damit hätte die
Europa stirbt alle 30 Sekunden ein Mensch daran,
durchschnittliche Lebensdauer enorm ansteigen
in der Bundesrepublik Deutschland alle vier
müssen. Es geschah nicht, weil andere
Minuten.
Krankheiten
Was diese Zahlen noch bedenklicher macht, ist die
— der Medizin zum Hohn — heute Massen
Feststellung, daß sich das „Herzinfarkt-Roulette**
dahinraffen. An der Spitze der Ursachen steht die
immer schneller dreht:
vorzeitige Herzattacke. In einem Bericht des
Nach offiziellen Angaben starben in der
National Heart and Lung Advisor Council heißt es,
Bundesrepublik Deutschland 1948 2600 Menschen
die Herz- und Gefäßkrankheiten würden die
22
durchschnittliche Lebenserwartung um ganze elf nach Ursachen und vorbeugenden Maßnahmen —,
Jahre senken! wird der Herzinfarkt in den kommenden Jahren zur
Denn nicht nur die absoluten Zahlen werden größten Epidemie werden, welche die Menschheit
größer, der Herztod ereilt seine Opfer auch in je erlebt hat."
immer früheren Jahren. „Vorzeitiger Tod in den
produktivsten Jahren der Menschen bedeutet einen Nur umwälzende Neuerungen
nicht wieder gutzumachenden Verlust an geistigem
können helfen
Kapital (brain drain), den kein Land sich leisten
kann", warnt die WHO.
Deshalb haben die Amerikaner dem Herzinfarkt
Aus den USA, ihrer Zeit auch hierin voraus,
den „totalen Krieg" angesagt und einen „Feldzug
wurden schon vor einem Jahrzehnt alarmierende
zur Ausrottung des Killers Nummer eins"
Zahlen gemeldet. Im Sektionsgut von
angekündigt. Mehr als 300 Millionen Dollar,
Boston/Massachussets, von jenen Patienten also,
verteilt auf mehrere Projekte, werden dort jährlich
deren Leichen nach dem Tod geöffnet wurden,
allein in die Forschung investiert und noch höhere
waren 25 Prozent der Infarkttoten, das heißt jeder
Summen für die Zukunft gefordert.
Vierte, jünger als 40 Jahre.
Aber auch all die immensen Aufwendungen für die
Von den rund 600 000 Infarktopfern der USA von
Forschung, für Notfallmaßnahmen, für
1970 waren 165 000 — also mehr als ein Viertel
Behandlung und Nachbehandlung dieser Krankheit
— jünger als 65.
konnten das Ansteigen der Herzinfarkt-
In der Bundesrepublik Deutschland erkrankt jeder
Todeskurve bisher nicht aufhalten. Das klinische
fünfte Mann vor seinem 50. Lebensjahr an einem
Bemühen läuft dem Geschehen meist hinterher.
Herzinfarkt.
Ohne „umwälzende Neuerungen" in der
Die Herztodesfälle haben bei Männern der Alters-
Behandlung sind die Überlebensraten der
gruppe zwischen 45 und 54 Jahren so rapid zuge-
Infarktpatienten nicht mehr wesentlich zu steigern.
nommen, daß sie beispielsweise in den
Mit dieser Feststellung alarmierten Referenten der
Niederlanden ein Maximum von 66 Prozent der
American Heart Association die Öffentlichkeit.
Todesursachen erreichten.
„Wenn wir die Bekämpfung des Herzinfarkts mit
Die Hälfte aller Rentenversicherten in der Bundes-
dem Besteigen eines Berges vergleichen", schreibt
republik Deutschland, die vorzeitig aus dem Beruf
einer der US-Spezialisten, „dann haben wir erst
ausscheiden, ist herzkrank.
seine Höhe abgeschätzt, eine Strategie des
Zwar hört man immer wieder Kritik an dieser oder
Aufstiegs geplant, die Mannschaft am Fuße des
jener Zahl: "Da immer noch Uneinheit in
Berges versammelt und sind nunmehr höchstens
Terminologie und Klassifizierung besteht, ist
den fünften Teil des Weges aufgestiegen. Jetzt
genaues Zahlenmaterial über die Mortalität und
haben wir das erste Plateau erreicht, das Gelände
Morbidität auf der Welt nicht nur schwer zu
vor uns erscheint steiler und rauher. Es ist ein
ermitteln, sondern bei dessen Auswertung auch
günstiger Augenblick, um uns zu sammeln und die
eine gewisse Zurückhaltung geboten."
Aufstiegsroute neu festzulegen."
Aber selbst dann, wenn man von allen Zahlen
Eine neue Route? War der bisherige Weg etwa
willkürlich die Hälfte abzöge, würden sie immer
falsch? Was lehrt die Medizin über die Ursachen
noch ein solch erschreckendes Ausmaß der
und die Bekämpfung des Herzinfarkts?
Katastrophe signalisieren, daß die Kassandrarufe
der Verantwortlichen volle Berechtigung haben.
Was als „Managerkrankheit" vor Jahren ex-
klusiven Kreisen vorbehalten schien, ist
inzwischen eine Volksseuche geworden, und die
WHO sah sich zu einer düsteren Prognose
veranlaßt: „Wenn es nicht möglich sein wird, den
Trend umzukehren — durch intensive Forschung

23
4. „Der Mensch ist so alt wie besteht „im Herzmuskel ein Mißverhältnis
zwischen Blutbedarf und Blutangebot".
seine Arterien" Dieses Mißverhältnis wird in der Sprache der
Mediziner Koronarinsuffizienz genannt. Koronar
Der Mann wirkte nicht nur kleiner als bei kommt vom lateinischen corona, Kranz, weil sich
Lebzeiten, die wächserne Leichenblässe ließ ihn die Blutgefäße des Herzens kranzartig um den
gänzlich fremd erscheinen. Dennoch zögerte der Muskel schlingen; und Insuffizienz heißt
junge Arzt ein wenig, bevor er den Brustkorb des Funktionsschwäche. Die Angina pectoris wird
Toten auf dem Seziertisch öffnete. Sein Lehrer nach dieser Lehre als "akute Koronarinsuffizienz"
Professor John Hunter war im Alter von 65 Jahren verstanden, weil sie durch einen akuten
plötzlich verstorben. Weil er schon seit 17 Jahren Blutmangel infolge Funktionsschwäche der
an Angina pectoris gelitten hatte, glaubte Dr. Kranzadern bewirkt werde. Als Spuren dieser
Jenner, daß dies die Todesursache gewesen sei. Anfälle zeigen sich bei einer Untersuchung nach
Jetzt wollte er nachforschen, ob er sichtbare dem Tode "feinherdige Narbefelder" im
Ursachen dieser Krankheit entdecken konnte. Der Herzmuskel, die dann als Folgen eines
Brief, in dem er 1793 über diese Sektion berichtet, Blutmangels gedeutet werden.
ist ein wichtiges Dokument der Medi-
zingeschichte:
Pipelines des Lebens —
„Als ich nach dem Tod die wichtigsten Teile des
Herzens untersuchte und nichts finden konnte, was Schleichpfade des Todes
mich sowohl auf die Ursache seines plötzlichen
Todes als auch auf die der Symptome, die ihm Schuld an diesen Narben im Herzmuskel sollen
vorausgingen, schließen ließ, so durchschnitt ich also schlechtfunktionierende Kranzgefäße sein.
das Herz nahe der Basis desselben, wobei mein Das Herz durchblutet ja nicht nur den ganzen
Messer auf so etwas Hartes und Sandiges stieß, Körper mit all seinen Organen, sondern auch seine
daß es eine Scharte bekam." Er habe zuerst zur eigene Muskelwandung; dazu dienen diese
baufälligen Decke des Anatomieraums Koronararterien. Sie entspringen als linke und
emporgeblickt, schreibt Jenner weiter, weil er rechte Kranzarterie der Hauptschlagader, wobei
annahm, von dort könnten Kalk- oder sich die linke in zwei größere Äste teilt. Wenn der
Mörtelbrocken auf den geöffneten Leichnam Herzbeutel geöffnet wird, sind sie deutlich zu
gefallen sein. sehen, weil sie dem Herzmuskel außerhalb
Aber der „Kalk" war nicht von oben gekommen. aufliegen; von dort strömt das Blut in vielen
Jenner konnte sich davon überzeugen, daß er aus Verästelungen in alle Gewebsschichten der
den Blutgefäßen des Toten stammte und sich Herzwand hinein.
schon zu dessen Lebzeiten dort abgelagert hatte. Sie gelten als sogenannte „funktioneile End-
Dadurch, so schloß er, mußte die Durchblutung Arterien", weil die Hochschullehrer keine
des Herzmuskels erheblich beeinträchtigt gewesen Verzweigungen, sozusagen Nebenstraßen,
sein. Und dieser Blutmangel wiederum mußte die zwischen den einzelnen Gefäßästen gefunden
Ursache der Angina pectoris gewesen sein und hatten und sie deshalb als blind-endende Arterien,
schließlich zu Hunters Tod geführt haben! als Sackgassen ansahen. Wenn aber der Verkehr in
Jenner, der später auch die Pockenschutzimpfung einer Sackgasse an einer Stelle behindert wird,
begründete, kann als Vater der modernen Lehre dann kommt kein Auto mehr hinein, da es andere
von der Entstehung des Herzinfarkts gelten: jener Zufahrtswege ja nicht gibt.
Lehre, die besagt, daß Arteriosklerose, die Weil die Blutzufuhr zu den Zellen des Herzens
Verhärtung der Blutgefäße, zu einer Verengung aber lebensnotwendig ist, sind solche
der sogenannten Kranzadern führt, die den Verkehrsbehinderungen in den Kranzgefäßen
Herzmuskel mit Blut versorgen sollen. Weil aber besonders gefürchtet. Als Haupthindernis gilt
infolgedessen zu wenig Blut durchströmen kann,

24
allgemein die Arteriosklerose der Koronararterien, einer verstopften Herzkranzarterie, so heißt es,
die Koronarsklerose. wird ein Teil des Herzmuskels von der Blutzufuhr
Was die Arteriosklerose eigentlich ist, weiß die abgeschnitten und stirbt ab: Herzinfarkt. Deshalb
Medizin bis heute nicht. Der Name ist ein wird die Thrombose als eigentlich auslösende
Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Ursache schwerer Infarkte angeschuldigt.
Veränderungen in den Gefäßwänden, die zur Werden solche — unterschiedlich großen —
Verhärtung und Funktionsschwäche führen Zerstörungen des Herzmuskels von einem Kranken
können. überlebt, dann kommt es an diesen Stellen zu
„Um das Wesen der Arteriosklerose zu erfassen, Vernarbungen im Herzmuskel, zu Nekrosen oder
ist sozusagen schon alles gemacht worden, — Schwielen, wie die Fachleute sagen.
gemessen, gewogen, gerechnet, getrocknet,
verascht, maceriert, aufgelöst, fermentativ verdaut, Wenn das Herz stehenbleibt
der chemischen Elementaranalyse, der technischen
Materialprüfung unterworfen, histo- und Tritt jedoch der Tod ein, dann ist entweder ein
topochemisch, im Sinne einer vergleichenden und Pumpversagen des beschädigten Herzmuskels die
in dem einer geographischen Pathologie Ursache oder der elektrische Tod: das Herz erzeugt
untersucht", faßt der Heidelberger Pathologe nämlich elektrische Impulse, gewissermaßen
Professor Wilhelm Doerr zusammen. Aber Zündfunken, die dafür sorgen, daß sich die
obgleich die Gefäße zu Lebzeiten und nach dem Muskulatur rhythmisch zusammenzieht und
Tode in jeder Weise behandelt und mißhandelt wieder entspannt, daß das Herz also „schlägt" und
wurden und sehr viel Scharfsinn aufgebracht sich den wechselnden Belastungen anpassen kann.
worden ist, sei man zu keinem endgültigen Dazu müssen die Herzmuskelzellen jedoch intakt
Ergebnis gekommen. sein, weil sonst das elektrische System gestört ist
Man ist sich nur dahingehend einig, durch oder zusammenbrechen kann. In diesem Fall
Arteriosklerose werde die Lebensdauer eines kommt es zu Herz-Rhythmusstörungen, die in der
Menschen entscheidend beeinflußt. „Der Mensch Fachsprache Arrhythmien heißen, in der
ist so alt wie seine Arterien", sagen die Ärzte, das dramatischen Phase zum Kammerflimmern, einer
heißt, jeder einzelne könne nur so alt werden, wie oberflächlichen, „flimmernden" Pumparbeit mit
es der Zustand seiner Blutgefäße erlaubt, also: anschließendem Herzstillstand, der häufigsten
Alterung ist gleich Arterienverengung. Denn Todesursache bei einem Herzinfarkt.
arteriosklerotische Ablagerungen machen die Alle diese Komplikationen, so steht es in den
Gefäßwände rauh und holprig, es bilden sich Lehrbüchern, sind fast ausschließlich Folgen der
Höcker in der Gefäßlichtung, der Blutfluß wird Arteriosklerose. Ist der Mensch also wirklich so alt
durch diese Verengungen — in der Fachsprache wie seine Gefäße?
Stenosen genannt — so sehr beeinträchtigt, daß die Die Statistiken zeigen, daß bei Kranken mit
im Versorgungsbereich liegenden Gewebe Mangel Herzinfarkten in weit über 90 Prozent der Fälle
zu leiden beginnen und allmählich oder plötzlich auch eine Koronarsklerose gefunden wird. Eine
zugrundegehen. überzeugende Zahl, wie es scheint. Nur muß man
Ein plötzlicher Untergang, so steht es in den Lehr- die Frage stellen, ob Korrelation auch Kausalität
büchern, kommt dadurch zustande, daß sich auf bedeutet, ob eine Wechselbeziehung auch auf
den verkrusteten Gefäßwänden Blutgerinnsel einen ursächlichen Zusammenhang schließen läßt.
absetzen. Wenn sie der Pathologe findet, hält er sie Beginnt man erst einmal, die Fakten kritisch zu
für die Ursache der Blutstromminderung, denn er untersuchen, so stößt man noch auf andere
stellt fest, daß diese sogenannten Thromben in interessante Zahlen.
vielen Fällen die Arterie völlig verstopfen. Daher Die Statistiken zeigen nämlich auch, daß an
kommt auch der Name Infarkt: Infarcire heißt, anderen Ursachen Verstorbene in gleich hohem
lateinisch, verstopfen, Infarctus also ist etwas Ver- Prozentsatz der Fälle verengende Ablagerungen in
stopftes, die Folge einer Verstopfung. Als Folge den Herzkranzgefäßen aufweisen. Sie hatten
25
Koronarsklerose, aber keinen Infarkt. Die
jugendlichen Kriegsgefallenen in Korea zeigten
bei der Leichenöffnung „reihenweise" DIE ZWEI
Totalverschlüsse ihrer Herzkranzgefäße, waren THEORIEN
aber infarktfrei und voll kriegstauglich geblieben.
Was soll das aber für eine Krankheitsursache sein, LEHRSATZ
die einmal wirksam wird und ein anderes Mal
nicht? Wie ist es zu verstehen, daß trotz schweren Herzinfarkte entstehen stets und
arteriosklerotischen Prozessen und Verschlüssen ausschließlich durch Erkrankungen
oft gar keine oder nur unbedeutende Schäden der Herzkranzgefäße. Die Arterio-
entstehen, während wenig ausgedehnte, mäßige sklerose führt zur Verminderung oder
Verengungen große Zerstörungen zur Folge ha- gänzlichen Unterbrechung der
ben? Und die Statistik wirft noch eine Reihe Durchblutung. Ursache der Zer-
weiterer Fragen auf: störungen im Herzmuskel ist der
Es ist bekannt, daß die Arteriosklerose Gefäße in Mangel an Blut- und Sauerstoff-
allen Bereichen des Körpers in Mitleidenschaft Zufuhr.
zieht. Wäre sie infarktauslösend, dann müßten Vergleich Verbrennungsmotor: Die
demnach Benzinleitung ist verstopft. Deshalb
83 Prozent aller Infarkte in der Muskulatur und im kommt kein Treibstoff in die Zylinder.
Bauchraum vorkommen, Der Motor bleibt stehen.
13 Prozent im Hals- und Kopfbereich, aber nur
vier Prozent im Herzen. Die Wirklichkeit ist aber
anders, denn Infarkte treten fast nur im Herzen auf.
KERN-SATZ
Fast ausschließlich sogar nur in der linken
Herzinfarkte entstehen immer nur
Herzhälfte, die rechte bleibt trotz gleicher
durch Erkrankungen im Herzmuskel
Arteriosklerose infarktfrei!
selbst. Die Arteriosklerose der
Man kann das Problem auch anders herum
Herzkranzgefäße hat auf diese
angehen: Innerhalb der letzten 40 Jahre hat die
Veränderungen des Herzstoffwechsels
Arteriosklerose nur unbedeutend zugenommen.
keinen Einfluß. Ursache des
Und die Zahl der Herzinfarkte? Der Zuwachs
Zelluntergangs ist die gestörte
dürfte mehr als das Hundertfache betragen. Wird
Verwertung von Blut und Sauerstoff.
auf diese Weise nicht auch die Korrelation in
Vergleich Verbrennungsmotor: Es
Frage gestellt?
kommt zwar genügend Treibstoff
Bei Lichte besehen, ist die Theorie der koronar
durch die Benzinleitung, aber die
bedingten Entstehung des Herzinfarktes so
Zündkerzen sind so verschmutzt, daß
einleuchtend nicht mehr, wie es der erste
er nicht mehr verbrannt werden kann.
Augenschein vorgaukelt. Wie lassen sich die
Der Motor bleibt stehen.
aufgezeigten Widersprüchlichkeiten ausräumen?
Gibt es ein Bezugssystem, in das sich die Fakten
widerspruchsfrei einordnen lassen?

26
5. Infarkte wachsen in Falls aber die Koronarsklerose nicht die Ursache
war, dann waren sämtliche Vorstellungen von der
Etappen Entstehung des Herzinfarktes falsch. Wie aber
entstand dann dieses Leiden? Strophanthin, das
Mitte der 50er Jahre tat Dr. Berthold Kern den war unbestritten, wirkt direkt auf die Zellen des
Schritt vom Außenseiter zum Ketzer. Vorher hatte Herzmuskels ein. Lag etwa dort der Ursprung der
er sich nur außerhalb der Lehrmeinung gestellt, Erkrankung? Nahm der Herzinfarkt also nicht in
jetzt trat er gegen sie an. den Gefäßwänden seinen Ausgang, sondern in den
Die deutschen Kardiologen und Pharmakologen Zellen des Herzens?
hatten sich nach dem Krieg fast gänzlich vom Warum aber sollte es so viel anfälliger sein als alle
Strophanthin abgewendet. Es war vorwiegend anderen Organe?
amerikanischen Einflüssen zuzuschreiben, daß sie Das Herz — was wissen wir eigentlich darüber?
»von einem Tag auf den anderen", wie einer von
ihnen darstellte, einem anderen Herzmittel den
Auf der Suche nach dem
Vorzug gegeben hatten — der aus der Fingerhut-
pflanze gewonnenen Digitalis. Denn diesem Wegwerf-Herzen
Medikament schreiben sie nicht nur die gleiche
Wirkung wie dem Strophantin zu, es ist nach ihren Also sprach Professor Christian Barnard: Das Herz
Experimenten auch genauer zu dosieren. Vor allem ist nichts weiter als eine Pumpe. Pumpe — das
aber werden nach diesen Untersuchungen die heißt Maschine, ersatzteilbedürftig, Massenware.
Digitalispräparate auch bei oraler Verabreichung, Solch eine Anschauung nährt die Hoffnung, daß
also als Pillen oder Tropfen, vom Körper voll- „dieses miserable Organ" durch ein preiswertes
kommen resorbiert, das heißt in die Blutbahn Konfektionsherz ersetzt werden kann, aus
aufgenommen, während es den Anschein hatte, als Weichplastik, nur gedämpft klappernd, erhältlich
sei dies bei den Versuchstieren für Strophanthin im Supermarkt gleich um die Ecke, Abteilung
nicht der Fall. Pillen und Pumpen, steril verpackt, bereit zum
Da Dr. Kern von seiner Vorliebe für das oral Austausch gegen das alte im nächsten
verabfolgte Strophanthin jedoch nicht abzubringen Krankenhaus, zwei Jahre Garantie...
war, tat ihn die Fachwelt als Sonderling ab. Doch Das Wegwerf-Herz, das ist es, was uns noch fehlt.
was vorerst als eine mehr oder minder harmlose Aber tut man damit dem von der Natur
Narrheit erschien, nahm allmählich gefährliche geschaffenen Organ nicht unrecht? Seine Leistung
Formen für das Ansehen ihrer Lehre an. Denn der ist doch zumindest außergewöhnlich.
Stuttgarter Praktiker hatte aus den Tatsachen Der kegelförmige Hohlmuskel besteht aus zwei
folgende Überlegung abgeleitet: Kammern und zwei Vorhöfen. Die rechte Kammer
Er erlebte bei seinen Patienten keine Angina- pumpt das aus den Venen kommende, verbrauchte
pectoris-Anfälle und keine Herzinfarkte mehr, und Blut in die Lunge und von dort, frisch mit
ebenso erging es allen Kollegen, die in seinem Sauerstoff angereichert, weiter zum Vorhof des
Sinne arbeiteten. Die Hauptursache dafür war ihrer linken Herzens, von wo es in die linke Kammer
Meinung nach in der Strophanthin-Wirkung zu strömt. Sie hat die Hauptarbeit zu leisten und das
suchen, denn mit keinem anderen Medikament war Blut durch 50 000 Kilometer lange Gefäße des
Ähnliches zu erreichen. Wenn aber, so überlegte ganzen Organismus zu pressen, durch die Arterien,
Dr. Kern, dank Strophanthin die Herzinfarkte über die Kapillaren in die Venolen und in die
ausblieben, dann konnte die Ursache für diese Venen, dann zurück zum Vorhof des rechten
Erkrankung keinesfalls die Arteriosklerose sein. Herzens, in die rechte Kammer.
Denn auf die Verhärtung der Gefäßwände hatte Das gesunde Herz schlägt, pumpt, kontrahiert sich
Strophanthin keinen Einfluß, dafür gab es nicht die mehr als 70mal in der Minute, mehr als 4200mal
geringsten Anhaltspunkte. in der Stunde, mehr als l00000 mal am Tag, an die
40millionenmal im Jahr. Während eines

27
75jährigen Lebens leistet es die Arbeit von drei nachteilige Folgen, vor allem für die Durchblutung
Milliarden Pumpstößen, ohne auch nur ein der eigenen Wandung. Jedesmal, wenn sie sich bei
einziges Mal Pause machen zu können oder zu einem Pumpstoß zusammenzieht, um das Blut in
brauchen. Wäre etwa eine künstliche Pumpe die Körperarterien zu drücken, steht vor allem die
vorstellbar, die 60 oder sogar 100 Jahre lang ohne innere Schicht selbst unter hohem Druck.
Reparaturen, ohne Ersatzteile pausenlos so gut Aber auch dieses strapazierte Gewebe muß ernährt
arbeitet? Ein Maschinchen, das nicht rastet und werden, auch seine schwerarbeitenden Zellen sind
nicht rostet? von haarfeinen Gefäßen umgeben, die ihnen Blut
„Dieses kleine Muskelorgan muß Belastungen zuführen. Bei jedem Pumpstoß wird aber das Blut
aushalten, die eine aus einem herkömmlichen wieder aus diesen Kapillaren hinausgepreßt, die
Material gefertigte Pumpe mit den gleichen einzige Stelle im Kreislauf, an der ein
Abmessungen über längere Zeit hinweg zu Zurückfließen von Arterienblut beobachtet werden
verkraften nicht in der Lage ist", konstatierte kann. Dieses Phänomen spielt in der Infarkttheorie
Professor Valeri Schumakow, Leiter des des Dr. Kern eine entscheidende Rolle.
Laboratoriums „Künstliches Herz" am Institut für Jede Herzkammer ist ein Hohlkörper. Das Blut in
Klinische und Experimentelle Chirurgie der der Höhle ist von muskulösen Kammerwänden
UdSSR. Die bisher erprobten Kunststoffe und umgeben. An einem Fußball läßt sich das
Legierungen haben sich als dem natürlichen veranschaulichen: die Lederhülle ist die
Material nicht ebenbürtig erwiesen. Außenschicht, die Gummiblase die Innenschicht,
Und dennoch steht in den Sektionsprotokollen welche die luftgefüllte Höhlung umschließt wie
verzeichnet, wie anfällig das Herz ist, auch die muskuläre Innenschicht des Herzens die
wenn die Techniker der Qualität seines blutgefüllte Kammerhöhle. Sie gibt bei jedem
Materials bisher nichts Ebenbürtiges Pumpstoß als innerste und damit letzte
entgegensetzen konnten. Vernarbt und Wandschicht den Druck der Muskulatur weiter
zerschunden kann es immer häufiger seiner und muß sich dabei so sehr zusammenquetschen,
Aufgabe nicht mehr nachkommen. Ein daß sie in diesem Augenblick selbst völlig blutleer
Wunderwerk aus der Werkstatt der Natur ist wird. Auf diese Weise schneiden sich die
zum schwächsten Teil unseres Organismus Innenschichten der linken Kammer regelmäßig
geworden. selbst die Versorgung ab. Als einziges Gewebe des
Körpers haben sie siebzigmal und öfter in jeder
Der Linksdrall der Herzinfarkte Minute einen Durchblutungsstopp — ein
Sachverhalt, der 1879 von dem deutschen
Genaugenommen ist es nicht einmal das ganze Wissenschaftler Professor Landois entdeckt wurde.
Herz, das so anfällig ist. Der Tod lauert links, in
der linken Herzkammer, denn nur dort sind die Es beginnt mit toten Pünktchen
Infarkte, ausgedehnte Zerstörungen des
Muskelgewebes, lokalisiert — nicht im linken Dieser Durchblutungsstopp der Links-Innen-
Vorhof oder gar im rechten, aber auch nicht in der Schichten (LIS) ist nach der Vorstellung von Dr.
rechten Kammer. Infarkte werden fast Kern der Ausgangspunkt für die Infarktentstehung.
ausschließlich in der linken Herzkammer Denn hier finden sich bei Leichenöffnungen in
festgestellt. Rechtsinfarkte sind so selten, daß sie gehäufter Zahl winzige Gewebsbezirke, in denen
für das weltweite Massensterben keine Rolle Muskelzellen abgestorben sind, so klein in ihren
spielen. Was ist die Ursache dieses „Linksdralls?" Anfängen, daß sie kaum mit der Lupe sichtbar
Das linke Herz hat ungleich mehr Arbeit zu leisten sind. Diese „toten Pünktchen* nennt man Kleinst-
als das rechte, deshalb ist auch die Muskulatur Nekrosen, sie werden von den Pathologen in
dichter gepackt, es ist zumindest zweimal so dick großer Zahl, manchmal bis über 1000 gefunden.
wie das rechte und hat rund dreimal soviel Weil aber gerade in den Innenschichten
Gewicht. Die Kraftleistung der linken Kammer hat Schädigungen so gehäuft auftreten, muß man
28
annehmen, daß dort eine besondere Anfälligkeit Für Dr. Kern, der selbst als pathologischer Anatom
herrscht, hervorgerufen durch den gearbeitet hatte und die Fachliteratur dieses
Durchblutungsstopp. Denn wenn die LIS nur die Gebietes mit großer Aufmerksamkeit verfolgte,
Hälfte ihrer Lebenszeit durchblutet werden, haben fügte sich die Fülle der erforschten Details
sie auch nur halb so viel Zeit, Nährstoffe harmonisch zu einer Einheit zusammen: ausgehe
aufzunehmen und Schlacken abzubauen wie und von kleinsten Anfängen wachsen Herzinfarkte
andere Gewebe des Organismus, selbst der übrigen in Schüben heran. Sie entstehen fast ausschließlich
Herzbezirke. Nur während der Erschlaffungspause nur im linken Herzen, weil der
des pumpenden Muskels, jeweils 0,2 bis 0,3 Durchblutungsstopp der Innenschichten dort die
Sekunden, ein Augenzwinkern lang, haben sie Voraussetzungen dafür schafft.
Gelegenheit für Blutzufuhr und
Stoffwechselaustausch. Kakteen verdorren nicht so rasch
Diese angeborene Benachteiligung und
Anfälligkeit der LIS ist nun nicht etwa die Folge Und vor allem: dieser angeborene Engpaß schafft
einer Koronarinsuffizienz, einer unter ungünstigen Bedingungen solche
Mangelversorgung durch Mängel der Kranzgefäße. Versorgungsschwierigkeiten, daß auch der
Andersherum gesagt: das Blutangebot durch die reichlichste Blutnachschub aus den Kranzgefäßen
Arterien könnte sogar beliebig vermehrt werden, keine Wendung zum Besseren bringen könnte.
ohne daß der Versorgungs-Engpaß in den LIS Nicht das verminderte Blutangebot und der da-
dadurch erweitert oder umgangen werden könnte. durch eintretende Sauerstoffmangel führen die
Ein Beispiel kann das verdeutlichen: Eine gefährliche Situation herbei, weil die LIS ohnedies
Verkehrsampel ist nur für kurze Phasen auf Grün auf ein Überleben unter kärglichsten
geschaltet. Während dieser Zeit überqueren Autos Lebensbedingungen eingerichtet sind wie Kakteen
nur in begrenzter Zahl die Kreuzung, zu wenige in der Wüste.
für den Verkehrsbedarf. Die Ampel schaltet auf Dr. Kern stellte deshalb der Theorie des
Rot, der Verkehrsstrom reißt gänzlich ab. Wie läßt Sauerstoff-Mangels die These der Sauerstoff-
sich solch ein Engpaß im Verkehr beheben? Kein Verwertungsstörung entgegen.
Polizeipräsident der Welt würde es etwa dadurch Am Beispiel eines Verbrennungsmotors lassen
versuchen, daß er noch mehr Autos in die sich die gegensätzlichen Vorstellungen erläutern.
Kreuzung hineinleiten läßt. Hier kann nur eine Die Mangel-Theorie geht davon aus, daß die
längere Grünphase Abhilfe schaffen. Benzinleitung verstopft, die Treibstoffzufuhr
Aber solch eine verlängerte Pause zwischen den unterbrochen ist. Der Motor kommt aus
Pumpstößen gibt es für die Innenschichten nicht. Spritmangel zum Stottern, zum Stillstand.
Im Gegenteil, unter bestimmten Bedingungen Nach der Theorie der Verwertungsstörung gelangt
verkürzt sie sich: bei Anstrengung, Aufregung, zwar genügend Sprit in den Zylinder. Aber weil
Herzjagen, der sogenannten Tachykardie, wird die die Zündkerzen verrußt sind, kann die Maschine
Frequenz des Herzens gesteigert, es schlägt statt den angebotenen Treibstoff nicht verbrennen und
70mal jetzt 100-, 150-, ja 180mal und öfter in der läuft deshalb nicht mehr weiter.
Minute. Die „Grünphase" wird immer kürzer, Drei Gründe bestärkten Dr. Kern noch darin, die
immer weniger Blut erreicht das darbende, wenn Blutmangeltheorie gänzlich in Frage zu stellen:
nicht sterbende Muskelgewebe, das zudem auch Beide Hauptgefäße des Herzens schlingen sich wie
noch Mehrarbeit leisten muß. ein Kranz um das Organ, und beide versorgen
Kommen jetzt schädliche Einflüsse hinzu, dann Teile sowohl der rechten wie der linken Kammer.
gehen zuerst einzelne Zellen, später ganze Bei der Verstopfung einer dieser Arterien müßten
Zellgruppen zugrunde. Sie werden zur Keimzelle deshalb stets auch im rechten Herzen Infarkte
für größere Zelluntergänge und auftreten. Das ist jedoch nicht der Fall. Infarkte
Gewebszerstörungen, für den Infarkt. sitzen nur links.

29
Nach dem Verschluß einer Kranzader müßte durch
den totalen Blutausfall das gesamte Gebiet hinter
der Gefäßsperre absterben. Auch das ist aber nie
der Fall. Infarkte sitzen viel tiefer, im Bereich der
Herzspitze, und stets sind auch Muskelbezirke
innerhalb von Infarkten voll durchblutet und
gesund geblieben.
Die Strophanthin-Wirksamkeit setzt die Anwesen-
heit von Sauerstoff voraus. Bei Blutmangel müßte
das Medikament wirkungslos bleiben. Das ist nicht
der Fall. Auch bei Patienten mit klinisch diagnosti-
zierter schwerer Gefäß Verengung werden
beeindruckende Behandlungserfolge erzielt.
Dr. Kerns Einwände hätten zwingend zu einem
Überdenken der bisherigen Anschauungen über die
Entstehung des Herzinfarkts führen müssen. Aber
niemand folgte den revolutionären Auslegungen
des Stuttgarter Arztes. Zu überzeugend war der
Augenschein, den die verkrusteten und verstopften
Gefäße boten.
Wie sollte Dr. Kern die Wirksamkeit der von ihm
angewendeten Behandlung beweisen? Wie konnte
er den vorteilhaften Einfluß des Strophanthins auf
zerstörende Prozesse im Herzen anschaulich
machen? Wer vermochte schon, in ein schlagendes
Herz hineinzusehen? Was für ein Spion könnte im
Herzmuskel auskundschaften, welche der zwei
Theorien recht hat, auf welche Weise beim Infarkt
der Muskelmord verübt wird?
Eines Tages fand er einen Tatzeugen. Einen
Zeugen, so ungewöhnlich wie die Aufgabe, die er
erfüllen sollte.

30
6. Der unsichtbare Detektiv elektronisch durch einen automatischen Schreiber
aufgezeichnet.
Er ist stumm, weiß aber Aussagen von einmaliger Dieser erstaunliche Apparat ist das Werk eines
erstaunlichen Mannes. Der Minispion zur
Wichtigkeit zu machen. Er ist blind, und doch
beobachtet er das Geschehen mit größter Beobachtung des Stoffwechsels im lebenden
Gewebe wurde von Professor Manfred von
Genauigkeit. Überdies zeichnet ihn jene
Feinfühligkeit aus, wie man sie nur bei Blinden Ardenne entwickelt. Ungewöhnlich ist, daß der
1907 in Hamburg geborene Wissenschaftler zwar
findet.
Der Zeuge besitzt aber noch eine Eigenschaft, die Weltruf besitzt, jedoch als Physiker, nicht als
Mediziner. Seine technischen Erfindungen, mit
seinen Wert vor allen andern übersteigt: er ist so
winzig, daß man ihn mit bloßem Auge nicht denen er als 15jähriger an die Radiofirma Loewe
herangetreten war, hatten den Rundfunk zum
wahrnehmen kann. Mit Hilfe dieser Winzigkeit ist
ihm möglich, was bisher unmöglich schien: er Massenmedium gemacht. 1931 war ihm eine
Weltpremiere besonderer Art gelungen: er hatte als
kann in ein lebendes Herz eindringen und der
Entstehung des Herzinfarktes nachspüren. Erster eine Fernsehübertragung auf elektronischer
Grundlage bewerkstelligt und gilt deshalb als einer
Dieser Detektiv ist die Spitze einer Meßsonde, ein
Zehntel eines Millimeters lang und ein Hundertstel der Väter des heutigen Fernsehens. Die Zahl seiner
technischen Entwicklungen ist immens. Zeitweise
eines Millimeters dünn. Mit größter Behutsamkeit
wird sie an das schlagende Herz herangeführt. hat er wöchentlich zwei Patente erworben. Seine
Forschungen waren grundlegend für die
Kein Tröpfchen Blut fließt, wenn sie zwischen die
Muskelfasern eindringt. Das Instrument, um vieles Entwicklung des Elektronenmikroskops, für Be-
reiche der Radartechnik, der Raketentechnik, der
feiner als ein Menschenhaar, stört die
Stoffwechselabläufe des arbeitenden Herzens Kernphysik. In seinem Forschungsinstitut auf dem
„Weißen Hirsch" in Dresden experimentiert er
nicht.
Die Beine eines Versuchstieres sind mit zusammen mit 400 Mitarbeitern.
Klebestreifen auf einer Metallplatte befestigt.
Diese nach Bedarf heizbare oder kühlbare Ein Physiker bietet seine Hilfe an
Unterlage hält die Körpertemperatur der in
Vollnarkose liegenden Ratte konstant. Die Beat- Seit eineinhalb Jahrzehnten hat er seine
mung erfolgt mit Hilfe eines Schlauches durch unerreichte Meßtechnik in den Dienst der
einen Schnitt in die Luftröhre. medizinischen Forschung gestellt. Die von ihm
Der Brustkorb ist geöffnet, Haken ziehen Haut und entwickelte Krebs-Mehrschritt-Therapie ist darauf
Muskeln auseinander. Das Herz liegt frei. aufgebaut, die Unterschiede zwischen Krebszellen
Die biegsame Meßelektrode ist mit einem und normalen Zellen zu verstärken. Auf diese
Zielgerät gekoppelt. Ein für diesen Zweck Weise sollen bei einem Therapieschlag die
konstruiertes Stativ ermöglicht, daß die Sonde Krebszellen voll getroffen werden, ohne daß
exakt nach oben oder unten, nach links oder rechts, gesundes Gewebe und die Abwehrkräfte des
vorwärts oder zurück bewegt werden kann. Die Körpers dabei Schaden nehmen. "Seien wir
Steuerung erfolgt mit Hilfe eines Doppelmi- dankbar, daß ein Wissenschaftler von so hohem
kroskops zum plastischen Sehen kleinster Details. Rang seine Hilfe angeboten hat", charakterisierte
Das hochempfindliche Instrument registriert den der international bekannte deutsche Krebsforscher
elektrischen Ladungszustand des Gewebes in der Professor Druckrey die Situation.
linken Herzkammerwand, nach Wunsch in den Auch auf dem Gebiet des Herzinfarkts war diese
Außen-oder in den Innenschichten, die sich sehr Hilfe dringend nötig: „Die Medizin wird in
unterschiedlich verhalten. Als Gegenpol für diese Zukunft keine entscheidenden Fortschritte mehr
Messung dient eine zweite Elektrode aus machen, solange die Biologen nichts von Physik
Spezialmetall, mit festem Kontakt zur Herz- und die Physiker nichts von Biologie verstehen",
oberfläche. Was die Sonde registriert, wird
31
gab der zweifache Nobelpreisträger für Medizin Wirkstoffe handelt, die eine Selbstverdauung der
Professor Albert Szent-Györgyi zu bedenken. Zellen bewirken.
Dr. Kern war an einem Punkt angelangt, wo er Diese Selbstverdauung ist ein Trick der Natur, die
dringend der Hilfe der experimentellen Forschung nicht nur produziert, sondern ihre Produkte auch
bedurfte. Aufgrund der beobachteten und der in wieder abbaut, sobald sie unbrauchbar geworden
der Fachliteratur zusammengetragenen Fakten sind. Zellbestandteile, die nicht mehr verwendbar
hatte er den Schluß gezogen, daß der Herzinfarkt sind, werden zersetzt und fortgeschwemmt. Die
durch Entgleisung des Stoffwechsels in der linken Natur hat die Müllverwertung gleich in die Zelle
Herzkammer entsteht, als chemische Katastrophe, mit eingebaut. Kugelförmige Bläschen, die
die von den Muskelzellen der vorgeschädigten Lysosomen (Auflösungskörperchen), beherbergen
Stellen her ihren Ausgang nimmt. Er sprach von die lysosomalen Enzyme (Auflösungs-Wirkstoffe),
einem Perrosionsprozeß, einem Zerfressen des die verbrauchte Stoffe „verdauen" (chemisch
Gewebes, bei dem es auch zur Blutgerinnung in auflösen). In geringer Zahl sind sie auch im
kleinsten Gefäßen kommt. gesunden Gewebe wirksam.
Dieser Gerinnungsprozeß setzt sich nach Dr. Kerns Von einem bestimmten Grad der Übersäuerung an,
Feststellungen bis an solche Stellen fort, an denen etwa von pH 6,7 abwärts, werden diese Wirkstoffe
andere Gefäßästchen abzweigen, und verstopft durch die Einwirkung der Säure vermehrt gebildet,
auch dort den Blutzufluß. Dadurch werden weitere schwärmen aus ihren Quartieren aus und beginnen
Muskelbezirke nicht mehr mit Blut versorgt und in die Zelle zu zerstören. Ja noch mehr: sie dringen
den Zerstörungsprozeß einbezogen, der sich durch die Zellmembran, die Wand der Zelle, nach
dadurch noch beschleunigt. außen und greifen dort Nachbarzellen an. Aus den
Vieles von diesen Abläufen ließ sich auf Grund zerstörten Nachbarzellen werden weitere
der bekannten Tatsachen nachvollziehen. Anderes Verdauungs-Wirkstoffe freigesetzt und immer
wieder blieb hypothetisch. Die mehr Zellen aus der Umgebung in den
naturwissenschaftlich orientierte Medizin aber Zerstörungsprozeß einbezogen.
verlangt Bestätigung durch das Experiment.
Professor von Ardenne wurde durch die Das Herz verträgt keinen
Ähnlichkeit von ihm entdeckter und von Dr. Kern
Muskelkater
festgestellter biologischer Prozesse zu weiteren
Experimenten in der Herzforschung angeregt. Er
Durch den Durchblutungsstopp haben die Zellen
fand zuerst, daß die Innenschichten der linken
der LIS weniger Sauerstoff zur Verfügung als
Kammerwand von Natur aus das sauerste Gewebe
andere Zellen des Organismus. Deshalb liegt ihr
des Organismus sind, wie Dr. Kern aufgrund des
pH-Wert auch unter Normalbedingungen oft nicht
Durchblutungs-Stopps gefolgert hatte.
höher als bei 6,8. Doch die Natur hat vorgebeugt.
Die Maßeinheit für diesen Säuregrad ist der pH-
Bei der Gewinnung von Energie für die
Wert, der die Konzentration positiv geladener
Lebensvorgänge fällt Milchsäure an. Fällt zuviel
Wasserstoff-Teilchen angibt. Als ausgeglichen gilt
an, so verspüren wir die dadurch entstehende
ein pH-Wert von 7; was darüber ist, wird als
Übersäuerung als Muskelkater. Das Herz kann sich
alkalisch oder basisch bezeichnet, was darunter
einen Muskelkater jedoch nicht leisten. Es würde
liegt, als sauer. Gesunde Gewebe haben einen pH-
sofort in einen lebensgefährlich niedrigen pH-
Wert von knapp über 7.
Bereich geraten. Weil aber gerade in diesen Gewe-
Wird ein Gewebe übersäuert, sinkt der pH-Wert
ben je nach Anstrengung zu viel Milchsäure
ab. Sinkt er unter eine bestimmte
anfällt, ist es dem Herzmuskel als einzigem
Gefahrenschwelle, setzt ein tödlicher
Muskel des Menschen möglich, die Milchsäure
Zerstörungsprozeß ein: in der Zelle explodieren
wieder zur Energiegewinnung zu verwerten. Um
„Molotow-Cocktails", nur daß es sich dabei nicht
nicht an seinem giftigen Abwasser zugrunde zu
um Sprengladungen, sondern um ätzende

32
gehen, führt er es wieder dem Produktionsprozeß Wer etwas von Kettenreaktion hört, denkt an das
zu. Schießpulver oder an die Atombombe. Aber es
Sind der Durchblutungsstopp der LIS und seine gibt sie auch im menschlichen Gewebe, nur daß
Folgen also doch harmlos? Muß man so die Explosion gleichsam im Zeitlupentempo
ausführlich darauf eingehen, wenn er keine erfolgt. Anfangs waren nur wenige Zellen von der
nachteiligen Auswirkungen hat? Übersäuerung erfaßt. Weil „eine Kettenreaktion
Der Durchblutungsstopp bleibt nur so lange mit Beteiligung von nur wenigen Zellen nicht
ungefährlich, als die Zellen gesund sind. Wenn möglich" ist, beginnt die Katastrophe erst ab einer
irgendwelche nachteiligen Einwirkungen erst Größe von etwa zehn Kubikmillimetern.
einmal Schäden gesetzt haben, ist die Zelle weder Jetzt breitet sich die Zersetzung wie eine
in der Lage, Sauerstoff noch Milchsäure zu Feuersbrunst aus. Ein Waldbrand nimmt ja auch
verwerten, sie beginnt gleichsam nach Luft zu nur von einer kleinen Fläche seinen Ausgang, und
japsen. Bevor sie jedoch erstickt, beginnt ein erst nach und nach springt das Feuer auf immer
Notstrom-Aggregat zu arbeiten: entferntere Bäume über. Die erfaßten Stämme und
Weil die Zelle ihre Energie nicht mehr aus der Äste entwickeln ihrerseits eine solche Hitze, daß
Sauerstoff-Atmung decken kann, muß sie auf eine das Flammenmeer immer größer wird und in
andere Form der Energiegewinnung zurückgreifen, einem Feuersturm alles Brennbare ringsum
auf jenen Prozeß, durch den einst die Anfänge des ergreift.
Lebens ermöglicht worden sind, als es noch keinen Was beim Waldbrand der anfachende Feuersturm,
Sauerstoff auf der Erde gab: die Zelle schaltet um ist bei der biologischen Kettenreaktion die
auf den Gärungs-Stoffwechsel. Übersäuerung mit der von ihr ausgelösten
Jetzt sind die Innenschichten zwar vor dem Aktivierung der Verdauungs-Wirkstoffe. In den
sofortigen Gewebstod bewahrt, aber sie geraten Innenschichten des Herzens, vergleichbar einem
mehr und mehr in eine andere Notlage: durch den von langer Dürre ausgedörrten Waldstück, greift
Gärungsstoffwechsel wird noch mehr Milchsäure der Säuretod rasch um sich. Die in dem zugrunde-
erzeugt, während gleichzeitig keine Milchsäure gehenden Gewebe eingebetteten Nerven geben
mehr verarbeitet werden kann. Die angeschlagenen Katastrophenalarm — den Kranken erfasst
Zellen bringen sich selbst in eine ausweglose unerträglicher Vernichtungsschmerz: Herzinfarkt!
Situation, sie beginnen gleichsam im eigenen Saft Aber nicht nur die Katastrophe tritt aufgrund der
zu schmoren. Die eine oder andere stirbt ab, Messungen des Dresdner Forschungsinstituts
Verdauungs-Wirkstoffe aus ihrem Innern treten bildhaft vor Augen — auch der Weg der
aus und beginnen in der Nachbarschaft ihr Verhütung wird augenfällig: der Prozeß der
ätzendes Werk: fünf Zellen, zehn, fünfundzwanzig Kettenreaktion, je nach Schweregrad, ist innerhalb
und mehr werden vernichtet. Es bilden sich die von zwanzig bis vierzig Minuten noch reversibel,
„toten Pünktchen". der Tod des Gewebes noch nicht endgültig.
Dadurch wird auch verständlich, daß wirksame
Explosion im Zeitlupentempo Behandlung in den ersten Minuten die
Sterblichkeit senken kann.
Noch besteht keine ernsthafte Gefahr für das Herz Die Untersuchungen Manfred von Ardennes
im ganzen oder gar für das Leben des Menschen. veranschaulichen aber vor allem, daß verhütende
Erst wenn durch schädigende Einflüsse die Maßnahmen dann am erfolgreichsten sind, wenn
Übersäuerung zunimmt, wenn mehrere tote sie die Entwicklung von „toten Pünktchen" zum
Pünktchen "zusammenzufließen" beginnen wie großen Gewebsuntergang, oder in der
Tintenflecke im Löschpapier, wenn also ein Fachsprache: von Kleinherd-Nekrosen zur Groß-
größerer Bezirk übersäuert und vom Gewebstod Nekrose verhindern. Ist so der Muskel erst einmal
erfaßt wird — dann wird die Situation kritisch. vernarbt, kann der beste Arzt, die wertvollste
Sprunghaft setzt jetzt eine Kettenreaktion der Methode den gesunden Normalzustand nicht mehr
Zerstörung ein. herstellen.

33
Vielleicht, so hoffte Dr. Kern, würde die
Anatomie der Infarkt-Verhütung Fachwelt einer Meßkurve, einem Zackenstrich
aus Rattenherzen mehr glauben als seinen
Als Dr. Kern Professor von Ardenne einige jahrelang ungehört verhallten Mitteilungen
Monate nach Beginn der Untersuchungen in über erfolgreich behandelte Patienten...
Dresden besuchte, sah er seine Erkenntnisse
bestätigt, zudem erweitert und vertieft. Der
Herzinfarkt war meßtechnisch so genau erfaßt, daß DIE THESEN DES DOKTOR
er ihn wie auf einem Reißbrett vor sich sah. Er KERN
fand eine exakte Anatomie dieser biologischen
Katastrophe vor: 1. Herzinfarkte entstehen so gut wie
Die wachsende Übersäuerung durch die ausschließlich aufgrund von
zunehmende Zerstörung aktiviert immer mehr Stoffwechselstörungen des Herz-
auflösende Wirkstoffe. Kleinste Gefäße werden in muskels. Sie entstehen so gut wie nie
den Zerstörungsprozeß mit hineingezogen, aufgrund von Blutmangel
verquellen, verschließen sich; für weitere hervorgerufen durch Erkrankungen
Kleinstbereiche ist die Blut- und damit die der Herzkranzgefäße.
Sauerstoff-Zufuhr unterbunden, die Übersäuerung
nimmt zu, und das Tempo der Vernichtung wird 2. Herzinfarkte sind deshalb nur mit
immer schneller. solchen Mitteln zu verhüten, die den
An nicht übersäuerten Stellen jedoch, an den Herzmuskel unterstützen und seinen
Randschichten gesunder Gewebe zum Beispiel, gestörten Stoffwechsel wieder nor-
Gewebszonen um Fettzellen oder größere Gefäße, malisieren. Zum Beispiel mit
reißt der zerstörende Prozeß plötzlich ab. Wie Strophanthin.
Halbinseln oder Inseln liegen solche gesunden
Gewebe inmitten der zerfressenen Bereiche. Dem 3. Das Versagen der offiziellen
Pathologen zeigt sich unter dem Mikroskop eine Kardiologie in der Infarktforschung
Landkarte des Todes, aus der er den zeitlichen und -Verhütung stellt das größte
Ablauf der Katastrophe rekonstruieren kann. Theorie- und Therapieversagen in der
Was den Stuttgarter Gast aber am meisten Geschichte der Medizin dar. Neun
beeindruckte, waren jene Darstellungen, die eine von zehn Herzkranken hätten nicht
Umkehr des Geschehens veranschaulichten. sterben müssen. Sie sind Opfer einer
Professor von Ardenne vermochte zu zeigen, wie falschen Lehre.
sich die Katastrophe in ihrem Ablauf stoppen ließ,
wie sie durch Strophanthin unterbunden werden
konnte — jenes Medikament also, das sich in der
Praxis Dr. Kerns vieltausendfach bewährt hatte.
Denn die Meßkurven zeigen:
Innerhalb von Minutenfrist kann durch Strophan-
thin das Lebensmilieu eines vom Säuretod und In-
farktsterben bedrohten Herzens wieder
normalisiert werden. Wurde dem Versuchstier
während des experimentell ausgelösten
Säuerungszustands (Herzinfarkts) Strophanthin
verabreicht, stieg der pH-Wert sofort wieder an
und kletterte aus der Gefahrenzone in den
gesunden Normalbereich.

34
7. Der Weg nach Heidelberg eine direkte Konfrontation zwischen Dr. Kern und
Vertretern der von ihm angegriffenen
Auf dem Fernsehschirm bewegte sich der Zeiger akademischen Medizin sein — ein in der
Geschichte der Medizin beispielloses Ergebnis.
einer Stoppuhr. In ihr Ticken hinein sprach der
Kommentator: „Der Film, den Sie jetzt sehen, Wie war es möglich, daß ein Arzt, vom Typ eher
ein stiller Privatgelehrter, zu einem Revolutionär
dauert acht Minuten und 35 Sekunden. In einem
Zeitraum von acht Minuten und 35 Sekunden gegen die etablierte Wissenschaft wurde? Das sich
immer weiter ausbreitende Infarktelend hatte die
sterben in der Bundesrepublik drei Menschen an
Herzinfarkt. In Europa fordert dieser Herztod alle Voraussetzung dafür geschaffen. Hinzu kam noch,
daß sich im Laufe der Jahre zwischen dem
30 Sekunden ein Opfer."
So begann am 13. September 1971 ein Beitrag des drängenden Neuerer und den Schulkardiologen
„emotionelle Barrieren aufgetürmt" hatten, wie ein
kritischen Fernseh-Magazins „Report München",
dem der Autor Dieter Hanitzsch den Titel „Bei Fachblatt die Situation charakterisierte. Die
Mediziner, die an den Schalthebeln der Macht im
Irrtum Tod" gegeben hatte. Sein Thema war das
Versagen der Schulmedizin gegenüber dem akademischen Betrieb manipulieren, hatten nur
dann, wenn es gar nicht anders ging, öffentlich zu
Herzinfarkt und ihre Mißachtung der von Dr. Kern
angebotenen Methode zur Verhütung dieses den Vorschlägen und Theorien Dr. Kerns Stellung
bezogen, und wenn sie es taten, geschah es in
Leidens: „Die Herzmedizin steht diesem
Massensterben hilflos gegenüber, obwohl sie es gereiztem oder hämischem Ton. Es erschien ihnen
zumeist als die bessere Methode, den lästigen Stö-
möglicherweise verhindern könnte."
Es konnte nicht überraschen, daß die Sendung vor renfried durch Stillschweigen mundtot zu machen.
„Über Kern und mit Kern wird nicht gesprochen",
allem bei denen, die angesprochen waren, wie eine
Bombe einschlug. Dr. Kern legte sich nach den formulierte es einer seiner Gegner. Orales
Strophanthin war für alle fachliche Arbeit und
Jahren erzwungenen Schweigens vor den
Fernsehkameras keinerlei Zurückhaltung auf. Er Diskussion tabu.
warf der Schulmedizin, die ihn als spinneten
Außenseiter verketzert hatte, nichts anderes vor, Opfer einer falschen Lehre
als daß sie durch falsche Behandlung indirekt „zu
der Lawine der Infarkte" beitrage: „Ein deutscher Jetzt entlud sich, was sich seit Jahrzehnten in dem
Professor kann lehren, was er mag, auch wenn es Stuttgarter Arzt aufgestaut hatte, in schweren
wider besseres Wissen ist. Es gibt keine Anschuldigungen. Die Lage hatte sich zu seinen
Möglichkeiten, ihn dafür zur Verantwortung zu Gunsten gewendet, und er setzte nunmehr voll auf
ziehen oder ihm Weisungen zu erteilen, er möge Angriff. Doch er hatte vor dieser Reaktion nicht
sich besser mit der wissenschaftlichen Erkenntnis erwogen, ob er dieser Rolle auch gewachsen sein
koordinieren." würde. Denn seine in der Presse vorgetragenen
Der Aufruhr unter den Betroffenen verstärkte sich, Attacken ließen die Wogen immer höher schlagen.
als in der gleichen Woche die „Bunte Illustrierte" „Ein Arzt klagt an", hieß es da. „Neun von zehn
einen achtseitigen Artikel mit dem Titel „An Infarkttoten hätten nicht an dieser Krankheit zu
Herzinfarkt muß keiner mehr sterben" als erste sterben brauchen, wären sie von ihrem Arzt richtig
Folge einer Serie zum gleichen Thema behandelt worden." Das Leitmotiv aller seiner
veröffentlichte. Andere Zeitungen und Zeitschrif- Anschuldigungen lautete: "Infarktkranke sind
ten zogen in den darauffolgenden Tagen nach. Opfer einer falschen Lehre!"
Anlaß für diese Presskampagne war die Zusammenfassend gipfelten seine Vorwürfe in
Veröffentlichung neuer Arbeiten aus dem diesen Worten: „Millionen Herzkranke mußten
Forschungsinstitut Professor von Ardennes, die Dr. sterben, wie die Theorie, ,wie das Gesetz es
Kerns Vorstellungen von einer vorbeugenden befahl', weil ihre kranken Herzen kein wirksames
Therapie des Herzinfarkts experimentell Herzmittel mehr bekommen durften, sondern nur
bestätigten. Ihr Ergebnis sollte zwei Monate später noch nutzlose Maßnahmen gegen unschuldige
35
Adern." Konsequent führte er seinen Systemveränderung, auf keine Weise einfacher
Gedankengang zu Ende: „Alle medizinischen zum gemeinsamen Widerstand aufzurufen. Zwar
Theorien wirken sich auf die Volksgesundheit aus. gab es nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür,
Richtige Theorien helfen heilen, falsche Theorien aber die Parole von der „Revolution der Linken"
können massenhaft tödlich wirken. So im wurde auch hier rasch in Umlauf gesetzt.
schlimmsten Beispiel dafür in der Es wurde wieder einmal versucht, eine Diskussion
Medizingeschichte: der Infarktlawine als der dadurch für sich zu entscheiden, daß man die
größten und tödlichsten Epidemie der Vertreter anderer Meinungen als „Kommunisten"
Menschheit." abqualifizierte. Es ist unklar, ob solch eine
Damit hatte er die volle Tragweite seiner Anklage Argumentation hierzulande immer noch verfängt
ausgesprochen. Sie besagt nicht weniger, als daß und ob sie genügt, eine Sachdebatte abzuwürgen.
eine medizinische Irrlehre Opfer in jener Angewendet wird sie jedoch weiterhin. In diesem
Größenordnung gefordert hat, wie sie etwa für die Fall wurde beispielsweise versucht, sogar exakte
Zahl der Toten des letzten Weltkrieges errechnet Experimente auf diese Weise abzuqualifizieren.
wurde. Noch nie war die Wissenschaft Weil die Untersuchungen Professor von Ardennes
herausgefordert worden, zu einer Frage von in der „sowjetischen Besatzungszone"
solcher Wucht Stellung zu nehmen. „Eineinhalb durchgeführt wurden, seien sie „hinfällig". Seine
Millionen Tote jährlich, macht in 25 Jahren rund Arbeiten hätten „den gleichen minderen
37 Millionen Tote, die zu Lasten der Stellenwert wie etwa die nazibegünstigten
"Schulmedizin" gehen — wie gesagt, hätte sich ein Untersuchungsergebnisse" einstiger
Redakteur diese Zahlen durch den Kopf gehen Wissenschaftler.
lassen, dann wären ihm vielleicht Bedenken
gekommen, ob man das drucken lassen darf, Mutig gegen den Strom
entrüstete man sich in der Fachwelt, deren
Glaubwürdigkeit auf dem Spiel stand. „Höchste Die Front gegen Dr. Kern und Professor von
Zeit, daß es jemand unter die Leute brachte: Ardenne formierte sich. Die Befürworter blieben
Unsere Medizin wird von engstirnigen Professoren in den Minderzahl. „Wir haben mit der oralen
terrorisiert, und Hunderttausende müssen sinnlos Strophanthinbehandlung bei Patienten mit Angina
sterben", wetterte ein Fachblatt. „Nun will man mit pectoris und Fällen mit sogenannten
der Macht der Massenpublizistik die Menschen Koronarerkrankungen ganz ausgezeichnete Er-
aufrütteln. Sollte dies wahrgemacht werden, muß fahrungen gemacht", wußte etwa Professor Hanns
auf Hoffnung Resignation folgen und weiterer Fleischhacker zu berichten. Der Wiener Arzt hatte
Schwund des Vertrauens in die Medizin." als erster Kliniker die neue Richtung befürwortet.
In solcher Bedrängnis schien es das dienlichste „Alle bisherigen Bemühungen, mit den zur
Mittel, den Spieß einfach umzudrehen: „Von den Verfügung stehenden Medikamenten die
vielen Millionen, die jetzt durch die Berichte in Häufigkeit und die weitere Zunahme des Herz-
den Illustrierten und Zeitschriften verunsichert infarkts zu beeinflussen, hatten keinen
sind, errechneten wir eine Million zusätzlicher überzeugenden Erfolg. Die Lage der Dinge war so,
Infarkt-Todesfälle innerhalb von vier Jahren. Sie daß wir zwingend die Anregung von Kern
gehen zu Lasten der Massenmedien, die — bewußt aufgreifen mußten." Die Arbeiten aus dem
oder unbewußt — einen Massenwahn verbreiten, Dresdner Institut betrachtete er als „eine faszi-
um die ,Schulmedizin' oder »herrschende nierende Leistung".
Lehrmeinungen* zu erschüttern. Ein Politikum Einen Brückenschlag versuchte der Kölner
also." Sportmediziner Professor Wildor Hollmann:
Da war es, das Schlagwort vom Politikum, gezielt „Wenn nur ein kleiner Teil dessen richtig ist, was
in die Debatte geworfen. Mit keiner anderen Dr. Kern behauptet, wäre der Einsatz aller Mittel
Warnung waren die Ärzte so leicht aufzuschrecken gerechtfertigt. Es ist imponierend, daß ein Arzt,
wie mit dem Orakel drohender der auf die Möglichkeiten seiner Praxis beschränkt
36
ist, den Mut hat, gegen den Strom zu schwimmen. auf die Koronarsklerose beruht daher entweder
Wir sollten uns nie über etwas lustig machen, wie auf unverständlicher Simplifizierung oder —
unvorstellbar es uns auch vorkommen mag: denn hoffentlich unwahrscheinlicher — böswilliger
wir sollten uns daran erinnern, daß Wissenschaft Unterstellung."
immer nur der letzte Stand unseres Irrtums ist." Dieser Ton war für die Öffentlichkeit neu. Denn
Diese Worte fielen als Diskussionsbeitrag auf die Mitteilungen über den Herzinfarkt, die sie von
einem Kongreß der Internationalen Gesellschaft Kongressen erreichten, wußten über die
zur Infarktbekämpfung (IGI), einer Vereinigung „Haupttodesursache Koronarleiden" zu berichten,
von etwa 50 Ärzten, die Dr. Kerns es war Sprachgebrauch, daß nicht etwa der
Behandlungskonzept anwenden. Professor Herztod oder der Herzinfarkt, sondern der
Hollmanns Ausführungen kam deshalb besondere „Koronartod" und der „Koronarinfarkt" reiche
Bedeutung zu, weil er den Namen Bajusz in die Ernte hielten.
Debatte warf und dadurch ins Blickfeld rückte, daß
auch noch andere Forscher immer weiter von der Vor einem Wandel der
Lehrmeinung über die Entstehung des Herzinfarkts
Auffassung?
abrückten.
Professor Eörs Bajusz gehörte zu jener kleinen
In solch einem Zeitalter der absoluten
Gruppe von Wissenschaftlern der Neuen Welt, die
Koronarherrschaft mußte es deshalb aufhorchen
ihre Aufmerksamkeit gleichfalls darauf
lassen, wenn in einer offiziellen Stellungnahme
konzentrierten, welche Rolle der Stoffwechsel des
erklärt wurde: „Der klinisch viel verwandte Begriff
Herzmuskels für die Infarktentstehung spielte. Er
der Koronarinsuffizienz wird daher der Vielfalt
bezeichnete die „streng mechanistische" Koronar-
der möglichen Ursachen nicht gerecht." Zwar
Theorie als „eine falsche Auffassung", obwohl in
bleibe das System der Herzkranzgefäße nach wie
der klinischen Medizin „der Glaube noch immer
vor „die Nabelschnur der Herzmuskelzelle", aber
weit verbreitet" sei, daß Sauerstoff-Mangel im
es zeichne sich
Herzen mit seinen gefürchteten Folgen „allein
»ein Wandel der Auffassung" ab, der vor allem in
durch die Verminderung des Koronar-Blutflusses"
der Abkehr von der Koronar-Therapie, der bislang
auftrete; dafür liege aber kein Beweis vor, solche
üblichen Gefäßbehandlung, zum Ausdruck
Vorstellungen seien vielmehr nur „zu einer
komme.
allgemein angenommenen Gewohnheit geworden".
Waren die Vertreter der Schulmedizin zum
Und der Begründer dieser neuen
Einlenken bereit?
Forschungsrichtung in den USA, Professor
Mit Datum vom 12. 10. 1971 erreichte Dr. Kern
Wilhelm Raab, hatte schon vor Jahren auf einer
völlig überraschend eine Einladung der Deutschen
Europareise bedauert, daß die Bedeutung von
Gesellschaft für Innere Medizin „zu einer
schädlichen Einflüssen auf den Herzmuskel hier so
ärztlichen Diskussion" nach Heidelberg. Sollte
gar keine Beachtung fände, weil immer nur die
endlich wahr werden, worauf er seit vielen Jahren
Gefäße im Blickpunkt stünden: „Die traditionelle,
vergeblich drängte? Hatte es wirklich seiner Flucht
rein an den Gefäßen orientierte Auffassung ist
in die Öffentlichkeit bedurft, um seine Kon-
einfach nicht mehr akzeptabel, ob es der
trahenten an den Verhandlungstisch zu bringen?
uniformierten »Opposition' paßt oder nicht."
Noch konnte er nicht glauben, daß die andere Seite
Aber die Opposition gegen Neuerungen auf ihrem
nach Jahren der Ablehnung und des nur
Fachgebiet, die Vertreter der Schulmedizin, schien
verachtenden Spottes von heute auf morgen
auf einmal gar nicht mehr so uniformiert. Im
gesprächsbereit geworden sein sollte. "Wir haben
offiziellen „Deutschen Ärzteblatt" erschien als
Wichtigeres zu tun, als uns mit Kern abzugeben",
Reaktion auf die öffentliche Auseinandersetzung
hatte man ihm noch kürzlich geringschätzig
eine Stellungnahme von Professor Helmut
bedeutet. Und sein Mißtrauen wurde sofort be-
Gillmann, in der der Ludwigshafener Chefarzt
stätigt, als einer der zu dem Gespräch geladenen
behauptete: »Die Reduzierung der ,Lehrmeinung*

37
Schulmediziner in einem Lokalblatt ein seltsames persönliche Eitelkeiten zurücktraten hinter den
Interview gab: großen unbewältigten Nöten der Zeit.
„Kern kann nicht für voll genommen werden",
erläuterte der Herr Professor dem Reporter. „Ich
werte die Sache als einen politischen Angriff, um
das Image der Schulmedizin herabzusetzen." Da
war es wieder, das Schlagwort vom Politikum.
Besonderes Interesse aber verdiente dieser Satz:
Dr. Kern sei „aufgefordert, im November in
Heidelberg vor einem kompetenten Gremium seine
Theorien zu erläutern, die nichts weiter darstellten
als „unausgegorene Ideen".
Aufgefordert? Kompetentes Gremium? Wer
konnte ihn, einen freien Arzt, zu einer
Versammlung laden außer ein ordentliches
Gericht? Maßte sich hier eine Gruppe von Ärzten
an, eine Jury zu bilden, um einen mißliebigen
Kollegen abzuurteilen?
Oder war das Urteil etwa gar schon gesprochen?
Erinnerten die „unausgegorenen Ideen" nicht
peinlich an ähnliche Vorwürfe? Dr. Kern habe
keine Lehre begründet, hatte man ihn verspottet,
sondern eine gläubige Sekte um sich geschart, sei
ein Geisteskranker, der seinen Jüngern eine
Heilsbotschaft verkünde. Und jetzt sah er sich von
einem seiner zukünftigen Diskussionspartner
wiederum als Gaukler verhöhnt...
Auf seine argwöhnische Anfrage tönte es aus
Heidelberg beschwichtigend zurück: „Es kann gar
keine Rede davon sein, daß hier nun eine Jury
zusammentreten soll."
Außerdem wurde eine abwechselnde Leitung des
Gesprächs angeboten, damit jede Seite einen ihr
genehmen Moderator benennen könne.
Dennoch fuhr Dr. Kern mit gemischten Gefühlen
nach Heidelberg. Er wußte, daß er einen schweren
Gang tat. Nach der Heftigkeit der Attacken konnte
er nicht erwarten, daß man besonders freundlich
mit ihm umspringen würde. Das mußte er
hinnehmen, und er war gern bereit dazu, wenn nur
die Sachfragen die gebührende Würdigung
erfuhren. Ein Zerwürfnis half weder den Ärzten
noch den Patienten.
Wie hatte Professor Gillmann geschrieben?
„Ich bin der Meinung, daß nur durch eine
Aussprache in emotionell entladener
Atmosphäre eine Klärung der Standpunkte
möglich ist. Es war hoch an der Zeit, daß

38
39
II. Kapitel

Der Schauprozeß
1. Wie man ein Spektakel fragte ihn: „Habe ich Sie richtig zitiert und Ihre
Meinung hier richtig vertreten?"
inszeniert Dr. Kern versuchte, aus dem aufgezwungenen
Protokoll auszubrechen. Er ging nicht auf die
Die Stimmung im Höhenrestaurant „Molkenkur* Frage ein, sondern gab seiner "Freude darüber
über den Dächern Heidelbergs war frostig und Ausdruck", daß "endlich, endlich nach langer Zeit
unfreundlich, sie schien dem Wetter dieses Tages eine Diskussion in Gang" komme, schnitt
angepaßt. Der 19. November 1971 hatte den ersten schließlich selbst eine Fachfrage an. Doch so ein-
Schnee des Jahres gebracht, es war trüb und fach ließ sich der alleinherrschende Moderator das
feucht, die angesagte Hochwetterlage sollte einen Heft nicht aus der Hand nehmen. Er machte sofort
Kaltlufteinbruch bringen. klar, daß Dr. Kern auf den Ablauf der
Von der stuckverzierten Decke des Saales hingen Veranstaltung nicht im mindesten Einfluß nehmen
blaue Vorhänge herab; doch obwohl man sie nicht dürfe:
zugezogen hatte, war von der „weltberühmten „Moment, Kollege Kern, auf diese Frage
Aussicht" ins Neckartal nicht viel zu sehen. Aber kommen wir nachher. Ich glaube, wir kommen
das kümmerte keinen der Anwesenden. sonst nicht mit dem Programm durch, wenn
Das Höhenrestaurant wurde 1851 dort erbaut, wo wir uns nicht an die Thematik halten." Und
früher das alte Heidelberger Schloß gestanden sofort darauf der Versuch, Dr. Kern in die
hatte. Als Dr. Berthold Kern nachmittags gegen Enge zu treiben: „Habe ich dies korrekt
drei Uhr an der Tagungsstätte eintraf, stellte er wiedergegeben, oder sind Sie mit dieser
überrascht fest, daß an dieser sogenannten Meinung nicht mehr identisch?"
Klausurtagung mindestens 150 Personen
teilnahmen. Es war überhaupt manches anders, als
Er sprach, als wollte er um
er es sich gedacht hatte. Erste Überraschung:
Professor Ernst Wollheim aus Würzburg, von der
Entschuldigung bitten
einladenden Partei als Moderator benannt, lehnte
es ab, sich an die Vereinbarung zu halten, wonach Noch fügte Dr. Kern sich nicht, noch zeigte er
wechselweise er und ein Vertreter der IGI die keine Bereitschaft, sich einfach ins Verhör nehmen
Gesprächsleitung innehaben sollten. In einem zu lassen. Aber er sagte nicht etwa: „Herr Kollege,
kurzen Disput weigerte er sich grundsätzlich, den ich glaube, wir müssen uns zuerst einmal darüber
Vorsitz abzugeben. verständigen, wie wir hier verfahren wollen. Wie
In der Auseinandersetzung um diesen Punkt stellen Sie sich den Verlauf dieser Diskussion vor,
erwiesen Kern und seine Mitstreiter erstmals ihr welche Schwerpunkte wollen wir herausarbeiten?
taktisches Unvermögen. Der von ihnen gestellte Ich glaube, das ist das erste, worauf wir uns
Moderator nahm es hin, am Tisch des einigen müssen, wenn wir zu einem gedeihlichen
Vorsitzenden nur geduldet zu sein. Zu Wort kam Ergebnis kommen wollen."
er nicht. Als er Professor Wollheim Feuer für Statt dessen machte er den Eindruck, als wiche er
dessen Zigarre anbot, knurrte der Kliniker: »Von der direkten Frage aus, und er sagte so lahm, als
ihnen nicht, Herr Kollege!" Er war nicht bereit, mit wollte er sich entschuldigen: »Damit Sie sehen,
einem Anhänger Kerns auch nur äußerlich wie ich auf diese Dinge gekommen bin, darf ich
konventionellen Kontakt aufzunehmen. Ihnen vielleicht einen kurzen Abriß geben über
Ein Schlaglicht nur, und doch grell genug, um die meine wissenschaftlichen ...
Situation zu beleuchten. Dr. Kern konnte sich Im Auditorium wurde es unruhig, und Professor
zusammenreimen, was ihm blühte, noch bevor 'Wollheim unterbrach: "Herr Kollege Kern, ich
Professor Wollheim die Tagung geschäftsmäßig glaube, wir können voraussetzen, daß alle
kühl eröffnete. Teilnehmer sich auf dieses Kolloquium vorbereitet
Danach verlas der Gesprächsleiter eine Passage haben, das heißt, daß sie Ihre Schriften gelesen
aus einer Veröffentlichung von Dr. Kern und
haben und damit also über Ihren Weg orientiert Eindruck gewinnen, daß er sich um die Antwort
sind." drücke, daß er sich seiner Sache nicht mehr sicher
Schon nach diesem kurzen Intermezzo mußte sei und nur nach einem Hintertürchen suche, um
Professor Wollheim die Gewißheit gewonnen wieder aus dem Schlamassel herauszukommen,
haben, daß alles nach Generalstabsplan ablaufen das er sich eingebrockt hatte. So konnte Professor
werde. Dr. Kern hatte seine Ungeschicklichkeit, Gillmann triumphierend dartun: „Darf ich
sich in Rede und Gegenrede zur Wehr zu setzen, feststellen, Herr Kern, daß Sie sich korrigiert
schon in seinen ersten Sätzen so eindringlich haben?"
demonstriert, daß es die Professoren, die er seit Von den im Saal Anwesenden waren mindestens
Wochen angegriffen hatte, geradezu reizen mußte, zwei Drittel gegen Dr. Kern voreingenommen.
ihren Widersacher unglaubhaft zu machen. Eine starke Hundertschaft war gegen den Mann
Mit inquisitorischem Geschick wußte als erster angetreten, der seit Jahren ihr Wirken und ihr
Professor Gillmann solche Schwächen zu nutzen, Ansehen infrage gestellt hatte, zuletzt sogar
und Dr. Kern gab eine ziemlich unglückliche Figur lautstark in aller Öffentlichkeit. Und die Wucht der
ab, als der Ludwigshafener Chefarzt ihn mehrmals öffentlichen Meinung hatte den Störenfried jetzt
darauf festzulegen versuchte, daß Arteriosklerose gleichsam mitten vor die feindlichen Bataillone
die Blutgefäße nach Kerns Auffassung tatsächlich katapultiert. Doch war es keine geballte
nicht enger mache: „Stehen Sie zu dem, was Sie Sprengladung, die hier auf der „Molkenkur" jeden
immer wieder gesagt haben?" Augenblick zu explodieren drohte, es war nicht
Dr. Kern war nicht imstande, klarzumachen, daß mehr als eine Knallerbse.
die Frage falsch gestellt war. In seinem Hauptwerk Dr. Kern hatte damit rechnen müssen, daß seine
„Der Myokardinfarkt" hatte er ausführlich Brandreden nicht ohne Folgen bleiben würden. Er
dargestellt, daß sogenannte Atherome keine mußte darauf gefaßt sein, daß man ihn nicht mit
Verengung der Gefäße bewirken, hatte aber dieser Glacehandschuhen anfassen würde. Der
Form der Arteriosklerose andere, die Blutströmung Boxweltmeister Cassius Clay hatte sich sein
hindernde Krankheitsprozesse gegenübergestellt, berühmtes Großmaul nur deswegen leisten
die er Verschlußkrankheiten nannte. Als er jetzt können, weil er hart zuzuschlagen verstand. Aber
auf diesen Sachverhalt hinwies, geschah es in als Dr. Kern in den Ring stieg, erwies er sich
beinahe flehentlichem Tonfall, und was er sagte, schon beim ersten Schlagabtausch als ein Amateur.
klang wirr und hatte keine Überzeugungskraft. Der Härte und den Tricks der Professionals wußte
Professor Gillmann unterbrach: „Stehen Sie dazu, er nichts entgegenzusetzen.
ja oder nein?" Dr. Kern sah in solchen Situationen Da stand er nun vor der Zuschauerschaft, die ihn
keinen anderen Ausweg, als um Verständnis zu kalt, ja feindselig musterte. Weißhaarig, im
bitten: „Meine Herren, ich bin doch nicht aus dunklen Anzug, mit sanfter Stimme und
Bilderstürmerei oder aus Skepsis oder gleichmäßigem Tonfall bot er der geschlossenen
Querköpfigkeit oder paranoider Besserwisserei Front alles andere als den Eindruck eines
dazu gekommen, sondern bin einfach gezwungen Revolutionärs. Er redete viel, aber niemand hörte
worden durch die Praxis, durch die Erfahrungen. ihm so recht zu. Es war weder überzeugender
Ich weiß nicht, ob ich nun endlich einmal Ausdruck noch Überzeugungskraft in seinen
diesen..." Worten. Die Lektüre des von
Gerichtsstenographen festgehaltenen Protokolls
Die Kern-Explosion fand nicht vermittelt nicht den richtigen Eindruck. Der
schriftlich fixierte Text bringt die Argumente Dr.
statt
Kerns viel eindrucksvoller zur Geltung, als es der
Klang seiner Stimme vermochte. Aber an
Professor Wollheim fiel ihm ins Wort: „Herr Kern,
Argumenten schienen die Veranstalter ohnedies
würden Sie vielleicht auf die Frage von Herrn
nicht sonderlich interessiert zu sein.
Gillmann antworten?" Die Zuhörer mußten den

42
Zumindest nicht an Gegenargumenten. Dafür
sorgte der Moderator "...der Mann, der allen
Parteien das gleiche Recht angedeihen läßt", wie er
es zu Beginn der Sitzung dargestellt hatte. Jedes
Recht aber wird von Gesetzen hergeleitet, und das
Gesetz, unter das Professor Wollheim sein Wirken
als Universitätsprofessor gestellt hatte, war die
„koronare Durchblutungsstörung" als Ursache des
Herzinfarkts. Es war nicht zu erwarten, daß er am
Ende seiner Laufbahn von dem Abstand nehmen
würde, was er sein Leben lang im Hörsaal, auf
Kongressen, vor Gericht vertreten hatte.

43
2. Der eindrucksvolle überzeugend. Wer einmal die verkrusteten,
vernarbten, mit geronnenem Blut ausgefüllten
Augenschein Kranzgefäße eines an einem Herzinfarkt
Verstorbenen gesehen hat, wird keine Zweifel
Professor Wilhelm Doerr, den die Studenten mehr daran haben, daß hier die Durchblutung
wegen seiner Zungenfertigkeit „das entscheidend beeinträchtigt oder überhaupt völlig
Maschinengewehr" nennen, war als erster unterbunden war und daß dieser Blutmangel die
Pathologe zur Diskussion aufgerufen. Er eilte im Zerstörungen im Herzmuskel, die man als Infarkt
Sturmschritt an das Mikrofon, als gelte es, einen bezeichnet, hervorgerufen hat.
Gegner im ersten Anlauf zu überrennen, und Dr. Kern hatte gleichsam nicht mehr und nicht
begann das Auditorium mit einem Schwall von weniger behauptet, als daß sich die Erde um die
Worten zu überschütten. Sonne drehe, obwohl sich doch jeder Mensch
Pathologen sind Ärzte, die die Entstehung von durch den Augenschein davon überzeugen konnte,
Krankheiten und die durch sie hervorgerufenen daß es doch die Sonne war, die am Morgen über
organischen Veränderungen an der Leiche den Horizont heraufkroch, immer höher stieg und
studieren. Ärzte anderer Fachbereiche sind in der sich rund um das Firmament bewegte! Aber jetzt,
mißlichen Lage, ihr Publikum mit abstrakten als er aufgerufen war, diese ungeheuerliche
Kurven und ermüdenden Zahlenreihen langweilen Aussage zu verteidigen und zu begründen, da sagte
zu müssen. Die Objekte pathologischer Betrach- er nur lahm, es gehe ihm gar nicht darum, solche
tung haben dagegen den Vorzug, daß sie sich Beobachtungen zu bestreiten: „Diese Befunde sind
fotografieren lassen und bei Vorträgen auf die schon lange bekannt. Das ist das, was wir alle
Leinwand projiziert werden können, zur ursprünglich einmal gelernt haben. In dieser
Bestätigung des Gesagten. Auffassung sind wir alle erzogen worden, und in
Professor Doerr hatte für sein erstes Dauerfeuer 17 dieser Auffassung bin auch ich in die Praxis
Dias parat, und was er zu zeigen hatte, war getreten."
eindrucksvoll genug: verengte, verquollene, von
Blutgerinnseln verstopfte Herzkranzgefäße, im
Fragen, die nicht vorgesehen
Leichenöffnungsgut eines Jahres 189 tödliche
Herzinfarkte, bei 171 davon Verschlüsse der
waren
Koronararterien. „In allen Fällen, in denen ein
Herzinfarkt die Todeskrankheit eines Menschen Erst die praktische Erfahrung habe ihn belehrt, so
darstellt, werden in weit mehr als 90 Prozent erklärte Dr. Kern, daß nicht alles so klar sein
sämtlicher Beobachtungen Verschlüsse der könne, wie es der Augenschein glauben mache:
Koronararterien gefunden", erklärte der „Diese zu einfache Formel haben wir erweitern
Heidelberger Pathologe zusammenfassend. müssen. Wir sind dazu gekommen, daß nicht nur
„Herr Kern sagt, daß 99 Prozent aller Infarkte das Angebot durch die Kranzarterien und der
myogen entstehen (durch Entgleisung des Bedarf der Zelle besteht, sondern auch die Auf-
Herzmuskel-Stoffwechsels), die Pathologen sagen nahmefähigkeit und die Verwertungsfähigkeit."
aber, daß die überwiegende Mehrzahl der Infarkte Mit solchen Darstellungen kamen Gesichtspunkte
koronarogen entsteht (durch Erkrankungen der in die Debatte, deren Diskussion offensichtlich
Herzkranzgefäße verursacht). Warum sind die nicht vorgesehen war. Professor Wollheim
Pathologen in ihrer Auffassung so rückständig?" unterbrach: „Wir können ein wissenschaftliches
höhnte Professor Hort aus Marburg, einer der Kolloquium nicht durchführen, indem zu jedem
anderen drei gegen Dr. Kern auftretenden Punkt der gesamte Themenkreis diskutiert wird —
Pathologen. „Dazu werden sie durch ihre täglichen das ist sinnlos — sondern wir müssen Punkt für
Beobachtungen gezwungen!" Punkt vorgehen."
Tatsächlich ist der Augenschein, jeder sich den Das Heidelberger Streitgespräch über den
Pathologen bei einer Leichenöffnung bietet, Herzinfarkt währte sieben Stunden. Es wurde Dr.

44
Kern später entgegengehalten, daß ihm in dieser gemeldet, und ich bin nicht berücksichtigt
Zeit immer und immer wieder Gelegenheit zum worden."
Reden geboten worden sei, er habe nur nichts zu „Sie kommen nachher dran, wenn Herr Lichtlen
sagen gehabt. Und wirklich hat Dr. Kern oft und gesprochen hat."
viel geredet. Nur auf die von ihm zentral „Damit bin ich nicht einverstanden!"
herausgestellten Punkte durfte er nicht zu sprechen „Ich bedaure sehr, aber es kann ja nur einer mode-
kommen. Er wurde auf den Themenkreis der rieren." „Ich habe noch Fragen an Herrn Doerr,
Koronar-Theorie festgelegt und auf diese Weise und ich habe noch Fragen ..." „Sie können ja
ständig in die Verteidigung gezwungen: nachher sprechen." Professor Wollheim blieb Herr
„Hier wird immer wieder versucht, mit der der Situation. Aber kaum war der Beifall nach dem
Pathologie post mortem (nach dem Tode), mit den nächsten Redner abgeklungen, erhob sich Dr.
Befunden post mortem anzufangen und danach die Heyde wieder: „An Herrn Professor Doerr hätte
Lebensprozesse aufzubauen", hatte sich Dr. Kern ich zuerst die Frage hinsichtlich der Thrombose:
beklagt. „Ich darf jetzt bitten: Das heutige Soll die Thrombose also primär entstehen..."
Kolloquium ist doch nun anberaumt worden, um Professor Wollheim fiel ihm ins Wort: "Die
zu meinen Fragen Stellung zu nehmen. Bisher Thrombosen werden nachher besprochen, Herr
haben wir nur die Fragen gehört, die wir alle schon Heyde."
vor 30, 40 Jahren gelernt haben." „Herr Professor Doerr hat schon vorher darüber
Professor Wollheim reagierte sofort: „Darf ich gesprochen, und ich möchte ihn jetzt selbst zitieren
jetzt einmal unterbrechen!" Der Delinquent —"
versuchte offensichtlich, Sandkörner in die Räder
der Vernichtungsmaschinerie zu streuen, die ihn Der Gesprächsleiter sorgt für
mit methodischer Konsequenz zermalmen sollte.
Ordnung
Der geplante Ablauf durfte nicht unterbrochen
werden. Es mußte mit aller Deutlichkeit heraus-
Der Generalstabsplan war in Gefahr:
gearbeitet werden, daß die Zerstörungsprozesse im
„Entschuldigen Sie, Herr Heyde, wir müssen einen
Herzmuskel nur durch Erkrankungen der
bestimmten Komplex abwickeln, das können wir
Kranzgefäße hervorgerufen wurden. Gelang es,
nur, wenn wir Ordnung halten."
dieser Ansicht unumstrittene Gültigkeit zu
Dr. Heyde blieb weiter in der Offensive: „Nein,
verleihen, dann hatten alle andersgerichteten
das können wir nur, wenn wir Stellung nehmen
Vorstellungen nicht mehr als den Charakter einer
dürfen."
Spekulation. Diese Beweisführung bildete also
„Sie können ja nachher Stellung nehmen."
gleichsam das Fundament für den weiteren
„Ich möchte das Auditorium bitten, darüber
Verlauf.
abzustimmen, ob jetzt meine Fragen ...."
Als sich immer mehr abzeichnete, wie gelenkt die
Professor Wollheim wurde ärgerlich: „Wir sind
Diskussion war, begehrte Dr. Cornelius Heyde, der
hier keine Volksversammlung, sondern ein
Geschäftsführer der IGI, endlich auf: „Ich habe
wissenschaftliches Kolloquium. Wir haben eine
mich vor ungefähr zwanzig Minuten zu Wort
bestimmte Thematik aufgestellt, und Sie können
gemeldet und bin noch nicht berücksichtigt
sich nachher ausführlich mit Herrn Doerr über die
worden."
Thrombose unterhalten."
Professor Wollheim sah von seinen Unterlagen
Dr. Heyde war in Fahrt geraten: „Ich habe noch
auf: „Sie waren vorhin dran, Herr Kollege." „Ich
ein paar Punkte, einen Augenblick."
habe mich, bevor ich dran war, eine Viertelstunde
Diesen Moment nützte Dr. Kern, um sich in die
vorher..." „Herr Heyde, Verzeihung, Sie haben
Debatte einzuschalten. Er, der während der sieben
doch hier gesprochen."
Stunden auf der „Molkenkur" meist zaghaft und
„Na ja, aber spontan, weil ich direkt Antwort
unsicher wirkte, fragte mit Schärfe in der Stimme:
geben konnte. Ich hatte mich aber vorher zu Wort

45
„Dürfen wir das Programm auch einmal Professor Wollheim war überrascht, daß er so
erfahren?* einfach wieder gewonnen hatte. Freundlich sagte
Professor Wollheim ließ sich keinen Millimeter er: „Nachher können Sie sich gern zur Thrombose-
aus der Spur bringen: „Herr Dr. Kern, wir gehen Frage äußern. Das ist die übernächste Frage. Dann
immer von Dingen aus, die in Ihrem Buch klar können Sie so ausführlich Stellung nehmen, wie
dargestellt sind, und diskutieren diese Dinge, Sie wollen."
damit Sie und die Herren aus dem Arbeitskreis Noch war das Fundament des Tribunals fugenlos.
sich dazu äußern können."
Dr. Kern wütend: „Die entscheidenden Punkte, um
die es geht, wollen Sie hier ausklammern!"
Professor Wollheim, würdig: „Nein, nicht
ausklammern, sondern wir wollen sie nur der
Ordnung halber hintereinander abhandeln."
Dr. Kern, mit Nachdruck: „Der Ordnung halber
gehören sie an den Anfang." Professor Wollheim,
arrogant: „Entschuldigen Sie, wir können ja keine
Bouillabaisse aus dem Infarkt machen."
Im Saal wurde gezischt. Professor Wollheim
drohte aus seiner Rolle als Mittler zwischen den
Parteien zu fallen. Dr. Kern und seine Mitstreiter
schienen eine Wende in der Diskussion
herbeigeführt zu haben. Dr. Heyde ging erstmals
zum direkten Angriff über: „Wollen Sie Herrn
Kern Punkt für Punkt festlegen und dann sagen: er
hat ja Unrecht? Oder was wollen Sie?"
Jetzt war es heraus. Der Vorwurf stand im Raum,
daß Dr. Kern unter dem Vorwand einer
Klausurtagung nach Heidelberg gelockt worden
war, um ihn hochnotpeinlich zu vernehmen. Um
den Geruch eines Schauprozesses zu vermeiden,
mußte Professor Wollheim nunmehr die Taktik
ändern. Er sagte kühl:
„Nein, das wollen wir gar nicht, sondern wir
wollen ihm jede Möglichkeit geben, sich zu
äußern. Aber das kann nur..."
Dr. Heyde korrigierte ihn: „Ich will mich jetzt
gerade äußern, und ich darf es nicht!"
Professor Wollheim schien nachzugeben: „Aber
Herr Kollege Heyde, dann bitte äußern Sie sich."
Er schränkte ein: „Aber nicht länger als zwei
Minuten."
An keinem Punkt der Auseinandersetzung zeigte
sich die taktische Schwäche Kerns und seiner
Mitstreiter so sehr wie während dieser direkten
Konfrontation. Statt den gebotenen Vorteil
wahrzunehmen, fragte Dr. Heyde artig: „Ich
möchte jetzt wissen, ob ich mich nachher zu diesen
Fragen äußern darf."

46
3. Durch Experimente in die Beifall übertünchte, daß der Schweizer Spezialist
soeben begonnen hatte, das Kind mit dem Bade
Sackgasse auszugießen.
Wie ist es zu erklären, so hätte ein erfahrener
Um die Kritik Dr. Kerns zu entkräften, daß nur Diskussionsredner gefragt, daß eine Ursache in
Befunde an der Leiche zur Erforschung der dem einen Fall eine Wirkung auslöst und in einem
„krankmachenden Prozesse herangezogen würden, anderen nicht? Welche Gesetzmäßigkeit läßt sich
trat der Zürcher Kliniker Dr. Paul Lichtlen an das daraus ableiten, wenn die Koronarsklerose einmal
Mikrofon. Das Beweismaterial, das er vorlegte, dramatische Folgen haben soll, um andererseits
war an Lebenden gewonnen worden. Er hatte sich völlig harmlos zu bleiben? Welchen Einfluß haben
dazu des Hilfsmittels der Koronar-Angiographie die im Röntgenbild sichtbaren Verengungen
bedient, wie die Röntgendarstellung der wirklich?
Herzkranzgefäße bezeichnet wird. Ein Beispiel für viele: Das im Labor für
Dabei wird ein Herzkatheter, ein dünnes, Herzkatheterismus des Marine-Hospitals in
biegsames Röhrchen, durch eine Arm- oder Philadelphia angefertigte Röntgenbild stellte
Beinvene in das Herz vorgeschoben und an die Verschlüsse in allen Hauptästen der
Kranzgefäße heran- oder direkt hineingeführt. Ein Herzkranzgefäße dar: da konnte kein Blut mehr
Kontrastmittel ergießt sich in den Blutstrom und durchfließen. Der 35jährige Marinesoldat mußte
macht jetzt den Gefäßverlauf im Röntgenbild eigentlich schon längst einen schweren Herzinfarkt
sichtbar. Auf diese Weise können Verengungen erlitten haben. Doch der Matrose fühlte sich
oder Verschlüsse dargestellt werden. pudelwohl und berichtete dem Direktor des
Dr. Lichtlen berichtete über seine Untersuchungen Instituts, daß er täglich Strecken bis zu fünf
an 166 Patienten, die Infarkte erlitten hatten: Kilometer zum Training lief.
„Diese Patienten haben in 97,6 Prozent der Fälle Ein Wunder?
eine schwere Koronarsklerose aufgewiesen. Also
für uns besteht kein Zweifel, daß praktisch bei fast
Ein Mörder, eine Leiche, aber
allen Patienten, die einen Infarkt durchgemacht
haben, auch eine Koronarsklerose im betreffenden kein Infarkt
Gebiet besteht."
Diese Angaben decken sich weitgehend mit der Ein anderer Fall. Der Messerstich eines Mörders
sonstigen Literatur über dieses Fachgebiet. Alle im traf einen 30jährigen Mann von vorn ins Herz.
Saal, einschließlich Dr. Kern, kannten diese Dabei wurde auch der Hauptast des größten
Arbeiten und ihre Ergebnisse. Es war unmöglich, Herzkranzgefäßes aufgeschlitzt. Er mußte sofort
sich darüber hinwegzusetzen. Wenn Dr. Kern unterbunden werden, sonst wäre der
solche Feststellungen einfach ignorierte, dann Schwerverletzte verblutet.
hatte er sein eigenes Urteil gesprochen. Erübrigte Fünf Tage nach der erfolgreichen Operation
sich nicht jede weitere Diskussion? verstarb der Mann an einer Blutvergiftung,
Aber Dr. Lichtlen tat in seinem Eifer, Dr. Kerns hervorgerufen durch die verschmutzte Mordwaffe.
Ansichten über die Harmlosigkeit solcher Bei der Leichenöffnung erwarteten die Ärzte,
Gefäßerkrankungen in Bezug auf die einen Infarkt vorzufinden, denn die Abschnürung
Durchblutung des Herzens ad absurdum zu führen, solch eines großen Gefäßes hätte das Absterben
des Guten zuviel. Er sagte: „Ich darf noch betonen, eines Teiles der Herzvorderwand zur Folge haben
daß der Großteil dieser Patienten eine ge- müssen.
neralisierte Koronarsklerose dort sogar aufweist, Deshalb verblüffte das Resultat der Untersuchung
daß nicht nur die entsprechenden, zum die Spezialisten: kein Infarkt, das Muskelgewebe
Infarktgebiet führenden Gefäße betroffen waren, im Bereich der verlegten Arterie war voll
sondern auch Gefäße, die mit dem Infarktgebiet durchblutet und gesund.
überhaupt nichts zu tun haben.* Der aufbrandende Ein Irrtum?

47
Kein Irrtum, kein Wunder. Allenfalls das, was man Kunstblut enthüllt ein Wunder
als Wunderwerk der Natur bezeichnet. Denn das
der Natur
Gefäßsystem des Herzens und anderer Organe
wird nicht von einigen wenigen Hauptästen
Professor Giorgio Baroldi, Pathologe an der
gespeist, die gleich Sackgassen einfach abgeriegelt
Universität Mailand und am Armed Forces
werden können. Das Blut fließt über ein Netz von
Institute of Pathology in Washington, hat mit Hilfe
Umleitungen durch den ganzen Muskel, strömt
einer besonderen Technik die Gefäße von
sogar aus kleineren Gefäßen zurück in die großen
tausenden Herzen Verstorbener wiederaufgefüllt.
Hauptgefäße, wenn diese an einer Stelle erkrankt
Die dazu verwendete Kunstmasse ist bei Zimmer-
oder sogar verlegt sein sollten. Solche Gefäße, die
temperatur flüssig wie Blut. Er ließ sie in das
in einer Riesenzahl eine Ausgleichsversorgung mit
Gefäßsystem des Herzens mit jenem rhythmischen
Blut aufrechterhalten, werden in der Wissenschaft
Druck einströmen, mit dem das Herz auch zu
Anastomosen genannt und wurden dem Menschen
Lebzeiten durchströmt wird.
als „ein Geschenk in die Wiege gelegt", wie es ein
In einer Formalinlösung verfestigte sich das
Kliniker formulierte.
Kunstblut im Herzen danach durch Erwärmung bis
Die „Blutbrücken" sind also angeboren; schon im
zu 50 Grad Celsius zu festen Gefäßausgüssen.
normalen Herzen gibt es in jedem Gebiet einen
Hierauf wurde das Herzfleisch durch ein Säurebad
ausgedehnten Ersatzkreislauf, der für den
abgelöst, und es „enthüllten sich Myriaden von
Bedarfsfall bereitsteht. Kommt es zu einer
Gefäßen in ihrer ganzen Vielfalt, ein sehr
strömungsbehindernden Gefäßerkrankung, können
eindrucksvoller Anblick", beschreibt Joe Blum-
diese Blutbrücken wie Seitenarme eines Flusses
berg, Direktor des US-Instituts in Washington,
das Blut an einer Engstelle vorbeileiten.
diesen bahnbrechenden Fortschritt.
Auch das sind Feststellungen, über die sich
Professor Baroldi selbst faßt das Ergebnis seiner
eigentlich niemand hinwegsetzen kann. Bezieht
20jährigen Studien zu diesem Thema zusammen:
man sie in die Diskussion mit ein, dann ergibt sich
„Die Häufigkeit dieser Blutbrücken, die wir jetzt
plötzlich ein völlig neues Bild. Es ergeben sich
direkt sichtbar machen können, ist im Herzen so
Fragen über Fragen, und die Anwesenheit so vieler
groß, daß es unmöglich ist, ihre genaue Zahl zu
Fachleute auf der „Molkenkur" in Heidelberg hätte
bestimmen. Im allgemeinen ist jeder Zweig des
zweifellos eine ideale Voraussetzung dafür
Arteriensystems im Herzmuskel an vielen Stellen
geboten, um zu ihrer Klärung beizutragen.
mit den angrenzenden Zweigen durch die ganze
Aber was zu diesem wichtigen Punkt geäußert
Dicke der Muskelwand des Herzens verbunden.
wurde, war beschämend dürftig. Ein
Außerhalb der Muskelwand wird das gleiche durch
Diskussionsredner gestand zwar zu, daß dank der
eine Vielzahl sehr feiner Gefäße erreicht.
Umgehungsgefäße im Herzen "durchaus eine
Zusammenfassend kann man sagen, daß es in
genügende Blutzufuhr vorhanden sein kann", aber
jedem Bereich des Herzens ein weitverbreitetes
er schränkte sofort wieder ein: "Das sind
und für einen Ersatzkreislauf völlig ausreichendes
Ausnahmen!"
System von Gefäßverbindungen gibt."
Ist eine funktionierende Ausgleichsversorgung
Der italienische Wissenschaftler hat aus Zahl und
wirklich nichts weiter als eine Ausnahme, oder
Kaliber der Blutbrücken deren Transportkapazität
läßt sich darin eine Naturgesetzlichkeit erkennen?
errechnet und festgestellt, daß im Bedarfsfall eine
Das ist die Grundsatzfrage in diesem
naturgegebene Wuchsautomatik sofort eine
Theorienstreit, denn von der Antwort hängen
Erweiterung der Blutbrücken und einen
Millionen von Menschenleben ab.
ausgleichenden Mehrdurchfluß bewirkt. Der Er-
satzkreislauf ist imstande, sich in direkter
Proportion zum Grad und zur Ausdehnung einer
Verschlußkrankheit zu erweitern. Er wächst so
lange, bis eine Volldurchblutung garantiert ist, und

48
er wächst schneller als die Arteriosklerose, so daß Zeit so wirksame Blutbrücken, daß die erwarteten
es nicht einmal vorübergehend zu einer Infarkte nicht eintraten.
Minderdurchblutung kommen kann. Professor
Baroldi nennt folgende Zahlen: Wie ein Dogma entsteht
In 53 Prozent von 449 mit Hilfe einer
Gewebsuntersuchung überprüften Infarkt- Solche Befunde hätten anderen Forschern zu
Todesfällen fand sich kein Verschluß eines denken geben müssen. Zeigten sie doch, wie rasch
Gefäßes, der doch allgemein als akute Ursache des winzige Anastomosen zwischen den Gefäßästen zu
Herzinfarkts gilt. wirksamen Blutbrücken heranwachsen konnten.
In weiteren 43 Prozent der Fälle fanden sich zwar Aber wie gebannt sind alle von dem Dogma, das
Verschlüsse, aber gleichzeitig eine normale Professor Julius Cohnheim 1881 begründet hatte
Volldurchblutung der Gefäße hinter den und das seither in jedem Lehrbuch zu finden ist:
Verschlußstellen aus reichlich entwickelten Herzkranzgefäße sind End-Arterien. Das heißt,
Blutbrücken. Professor Baroldi: „Wo unser diese Adern sind nicht durch Seitenzweige mit
Kunstblut durchrinnt, dort kann erst recht echtes anderen Gefäßen verbunden. Die Herzgefäße sind
Blut fließen. Auf diese Weise konnten wir zeigen, Sackgassen! Und deshalb muß heute noch jeder
daß die Durchblutung auch hinter Verschlußstellen Medizinstudent mit der akademischen Muttermilch
und im Infarktgebiet bis zum Tode funktioniert in sich einsaugen: Verlegte Kranzgefäße bewirken
hat. Der Infarkt scheint sich völlig unabhängig eine Minderdurchblutung des Herzens. Dieser
vom Zustand der Herzkrankgefäße zu entwickeln." Blutmangel führt zum Herzinfarkt. Und umgekehrt
Trotz solch eindeutiger statistisch erhärteter muß dem Herzinfarkt eine Koronarerkrankung
Feststellungen werden von Anhängern der vorausgehen...
Verstopfungs-These auf Kongressen Zweifel Noch erfährt keiner der Studenten, keiner der
angemeldet, ob denn solch ein Ersatzkreislauf auch Ärzte aus den Lehrbüchern, daß sich der berühmte
voll wirksam wäre. In einer Diskussions- Professor Cohnheim geirrt hat. Dabei findet sich
bemerkung erklärte Professor Baroldi dazu, daß er schon bei Hippokrates die Erkenntnis, daß
in 56 Prozent der von ihm mit der Ausgußtechnik Blutgefäße „ihre Strömung kommunizierend
untersuchten Herzen mit Verschlüssen von ineinander ergießen". Schon der altgriechische
Kranzgefäßen keine Infarkte gefunden habe: was Arzt hatte erkannt, daß das Gefäßsystem netzartig
sollte das für ein Naturgesetz sein, das nur in 44 angelegt ist. Die zur Zeit übliche Vorstellung vom
Prozent der Fälle wirksam ist, in mehr als der Gefäßbaum entspricht nicht der Wirklichkeit.
Hälfte aller Fälle aber nicht? "Daraus geht doch Im 17. Jahrhundert hatte der englische Arzt Lower
eindeutig hervor, daß die Anastomosen wirksam die Gefäßverzweigungen gründlich studiert und als
sind", erklärte der Gefäßspezialist. Ergebnis seiner Untersuchungen festgehalten, in
„Arteriosklerose kann nicht die Ursache von den Herzkranzgefäßen breite sich eine
Blutmangel sein. Die Infarkte müssen andere "Flüssigkeit, welche in eine von beiden injiziert
Ursachen haben." wurde, gleichzeitig durch beide hin aus. Es besteht
Tierversuche bestätigten diese Erkenntnis. Um das überall ein gleich großer Bedarf an lebendiger
langsame Wachsen der Arteriosklerose, wenn auch Wärme und Ernährung, so daß einem Defizit von
nur sehr unvollkommen, im Experiment beiden vollkommen durch Anastomosen vorgebaut
nachzuahmen, wurden z. B. um die ist."
Herzkranzgefäße von Hunden Kunststoffschlingen Auch der deutsche Anatom W. Spalteholz stellte
gelegt, die sich allmählich mit Feuchtigkeit voll- zu Beginn dieses Jahrhunderts aufgrund ähnlicher
sogen, aufquollen und im Laufe von Tagen die Experimente fest: „Daß frühere Untersucher diese
Gefäße zudrückten. Obgleich die Gefäßverengung Anastomosen nicht gefunden haben, liegt wohl im
um vieles rascher zustandekam als durch wesentlichen an Mängeln der von ihnen benutzten
Arteriosklerose, die für solch einen Prozeß Jahre Injektionsmassen; denn wenn die Darstellung von
benötigt, entwickelten sich schon in dieser kurzen Anastomosen ohne Schwierigkeit auch mit
49
anderen Massen gelingt, die nicht so leichflüssig Versorgungsgebiet eines Herzkranz-
wie Leim sind, z. B. mit Wachs, so reicht doch die gefäßes Blutmangel eintreten.
von einigen Autoren angewandte Gipsmasse für
diese feineren Verhältnisse nicht aus."
Wie hatte Professor Cohnheim so irren können?
Den Forscher hatte es bei seinen Experimenten
gestört, daß die in die Gefäße von Herzpräparaten
eingespritzte Farblösung an anderen Stellen wieder
herauslief. Um das zu verhindern, mischte er für
seine weiteren Versuche eine Masse aus Kuhmilch
und Gips an, die nach ihrer Beschaffenheit schon
in den dickeren Gefäßen steckenbleiben mußte und
in die feineren gar nicht erst vordringen konnte.
Das maschenartige Netzwerk der Anastomosen
konnte auf diese Weise keinesfalls sichtbar
gemacht werden. Die Herzkranzgefäße erschienen
als End-Arterien.
So geschah es, daß die Kardiologie durch die
Mißgeburt eines Experiments in die Sackgasse
geführt wurde.

GEFÄSSBAUM UND
GEFÄSSNETZ
LEHRSATZ
Das Gefäßsystem ist mit
Verzweigungen eines Baumes
vergleichbar, weil diese keine
Querverbindungen untereinander
haben. Auch Herzkranzgefäße sind
Sackgassen. Wenn sie verstopft sind,
muß im Versorgungsgebiet
Blutmangel eintreten.

KERN-SATZ
Das Gefäßsystem ist mit den Maschen
eines Netzes vergleichbar. Auch im
Herzmuskel stehen alle Gefäße durch
unzählige natürliche Umgehung-
sgassen in allseitiger Verbindung
miteinander. Wenn eine
Hauptstrombahn verlegt ist, dann
wird auf diesem Wege eine
Ausgleichsversorgung wirksam.
Deshalb kann in keinem
50
4. Virtuosität kennt keine Befunde stimmen, daß der Mann bloß noch zehn
bis zwölf Prozent Koronardurchblutung für das
Grenzen ganze Herz hatte, dann hat ja der Erfolg...
Ein Zuruf aus dem Auditorium unterbrach ihn:
Hatten etliche der Teilnehmer an dem „Sie haben von Stenosen gesprochen, nicht von
Streitgespräch in dem anfangs ungeheizten Saal der Durchblutungsgröße!"
über den Dächern Heidelbergs noch fröstelnd ihre Dr. Kern: „Das wird ja immer gleichgesetzt.*
Mäntel angezogen, so war die Temperatur Seine Worte gingen ebenso unter wie er selbst an
mittlerweile fühlbar angestiegen. Die Hitzigkeit, in diesem Tag. Niemand griff sie auf, obwohl er
die sich manche hineinsteigerten, hätte sie zudem soeben eine gewichtige Aussage vorgebracht hatte.
vermutlich auch bei geöffneten Fenstern keine In der Übereinstimmung von Gefäßverengung und
Kälte spüren lassen. Durchblutungsmangel gipfelt nämlich die ganze
Wenn Dr. Kern sprach, redete er hastig, in Lehre von der Koronarinsuffizienz. Wenn die
eintönigem Tonfall. Seine jahrelange Verengungen unerheblich wären für die
Zurückgezogenheit aus der Öffentlichkeit hatte Durchblutung, dann wären ja auch die
nicht dazu beigetragen, ihn im Dialog oder gar in Feststellungen der Pathologen an Leichengefäßen
der harten Diskussion zu schulen. Seine Kon- ohne wesentlichen Belang, wären die
trahenten, für die wissenschaftliche Röntgendarstellungen der Herzkranzgefäße beim
Auseinandersetzungen tägliches Brot waren, Lebenden ohne Bedeutung, wäre vor allem auch
nützten die Situation weidlich aus. der Sinn der Koronarchirurgie infrage gestellt
Dr. Kern ging auf ihre Fragen meist nicht direkt worden. Denn die chirurgische Reparatur
ein, indem er sie weder klar beantwortete noch sie verletzter Gefäße war ja durch die Darstellung von
in der gestellten Form zurückwies. Er erweckte Gefäßverengungen am Lebenden mittels Katheter
dadurch den Eindruck, er würde dauernd und Kontrastflüssigkeit erst im heutigen Umfang
ausweichen. In der Einsamkeit der Studierstube möglich geworden. Diese wurde gerade zu dem
hatte er verlernt, auf Argumente zu reagieren; er Zeitpunkt entwickelt, als man den Wert einer
hatte zu allen Problemen einen ihm gemäßen chirurgischen Sanierung der Koronarsklerose
Einstieg gefunden und versuchte auch jetzt, im infrage stellte. Weil man aber von diesem Zeit-
Disput, diesen seinen Umweg zu gehen. Je öfter er punkt ab die Engpässe in den Adern genau
das tat, desto gnadenloser wurde er ins Verhör feststellen konnte, sah man operative Maßnahmen
genommen und ihm die Vorhaltung gemacht, daß wieder als zweckmäßig an.
er sich der Inquisition nicht stelle: "Können Sie Da andere Behandlungserfolge bei Herzkranken
überhaupt ein Frage präzise beantworten oder ausblieben, hatten die Chirurgen ihre Dienste
nicht?" angeboten. Zwar können selbst die Zauberer mit
Dr. Kern warb um Verständnis: "Heute wird der dem Skalpell keine Wunder vollbringen. Doch die
Infarkt einfach identifiziert mit Koronar- Grenzen des Erreichbaren und des Machbaren sind
Einengung oder Koronar-Verschluß. Mir ging es nicht identisch. Denn die technische Virtuosität
darum, dieses Diskrepanz aufzuklären: Die Leute scheint alle Grenzen zu sprengen und auch dort
laufen zunächst mit einer schweren Angina noch Aussichten zu eröffnen, wo die Natur
pectoris herum, und sie wird als Koronarstenose offensichtlich andere Wege geht.
(Stenose = Verengung) oder Koronarinsuffizienz
bezeichnet. In dem Augenblick, wo man das
Infarkte während der Operation
Myokard (Herzmuskel) in Ordnung bringt — oder
jedenfalls so weit in Ordnung bringt, wie es noch
Im Lauf der Jahre waren verschiedene Methoden
möglich ist, natürlich kann man nicht immer 100
dieser Koronarchirurgie modern gewesen. Heute
Prozent erreichen —, hört die Angina pectoris auf,
ist der sogenannte „Bypass" das Verfahren der
die Infarkte bleiben weg. Bitte, was ist da los? Was
Wahl. Dabei wird mittels einer aus dem Bein
ist mit diesen Koronarstenosen los? Wenn diese
entnommenen Vene eine künstliche Umleitung um
51
eine Engstelle in einem der Herzkranzgefäße Herzkrankheit gibt, ist auch ein Vergleich
geschaffen. Die Operation kostet mehr als 20000 zwischen der üblichen Behandlung und den
Mark, sie dauert vier bis sechs Stunden und ist Operationserfolgen nicht möglich. Überzeugte
nicht ohne Risiko: die Todesquote beträgt bis zu Herzchirurgen weisen aber auf den guten sub-
zehn Prozent, bei Patienten in schlechtem Zustand jektiven Zustand ihrer Patienten hin und zürnen
bis zu 40 Prozent. In einem amerikanischen den Kritikern von der Inneren Medizin: „Der
Kollektiv von 27 Patienten erlitt jeder Fünfte — 20 Kardiologe besorgt das Reden und der Chirurg die
Prozent — während der Operation einen Arbeit."
Herzinfarkt. Nun ist es aber eine erstaunliche Tatsache, daß
Die USA sind das Mekka der Koronarchirurgie. man mit Hilfe von Scheinoperationen ähnliche
Bald wird die Zahl der Bypass-Operierten die Besserungen der Beschwerden erzielen kann wie
10000er Grenze überschreiten. Besonders die mit den heroischen Eingriffen. So wurde an 13
Cleveland Clinic hat sich auch auf diesem Gebiet Patienten eine Operation nach einem inzwischen
einen Namen gemacht. Von dort kommen verlassenen Verfahren vorgenommen, an fünf
Mitteilungen, daß 80 bis 85 Prozent der Operierten anderen der Eingriff durch einen Schnitt in die
umgehend eine Besserung verspürt hätten und daß Haut vorgetäuscht. Bei allen diesen fünf Patienten
es gelungen sei, die Todesquote auf 1,5 Prozent wurde eine gute bis sehr gute Besserung des
herabzudrücken. Professor Robert Effler, Chef der Befindens registriert, hingegen nur bei neun der
Thoraxchirurgie in Cleveland, vertritt zusammen echt Operierten.
mit einigen anderen amerikanischen Chirurgen den
Standpunkt, daß jeder Mann über 40 mit einem Sogar Infarkte tun nicht mehr
verdächtigen EKG seine Kranzgefäße röntgen
weh ...
lassen und nötigenfalls operieren lassen sollte.
Trotz solcher optimistischen Beurteilungen sind
Ja, es stellte sich sogar immer wieder heraus, daß
die kritischen Stimmen nie verstummt, ja„sie
bei Bypass-Operierten die Schmerzen auch dann
geben in jüngster Zeit sogar den Ton an.
nicht mehr auftraten, wenn sich die künstlichen
„Seit 50 Jahren wiederholt sich in Abständen
Blutbrücken verschlossen, was nach der Theorie
etwas Erstaunliches. Es wird ein neues
doch zu Blutmangel führen mußte. „Sofort nach
chirurgisches Verfahren zur Behandlung der
Anlegen des koronaren Bypasses hören die
Koronarinsuffizienz eingeführt. Dann kommen die
Schmerzen auf; sie kehren in der Regel auch nicht
Erfolgsmeldungen, Besserungen in über 75
wieder, selbst wenn der Herzkranke an einem Re-
Prozent der Fälle und minimale Letalität
Infarkt stirbt. Er lebt zwar nicht länger, aber sein
(Sterblichkeit). Und wenige Jahre später ist die
Wohlbefinden wird merklich angehoben", faßte
angepriesene Methode trotz ihrer erstaunlichen
ein Kongreß-beobachter den Erfahrungsaustausch
Erfolge und ihrer erstaunlich geringen Letalität in
amerikanischer Spezialisten zusammen.
Vergessenheit geraten. Es ist verständlich, daß
Infarkte ohne Schmerzen? Unterbrach die
diese Geschichte Mißtrauen hinterlassen hat, daß
Operation etwa nur die Schmerzleitung, ohne dem
viel Glaubwürdigkeit verloren gegangen ist", faßt
Herzen zu helfen? Sind solche heroischen
ein Schweizer Internist zusammen. Ein amerikani-
Eingriffe dann noch vertretbar?
scher Kliniker weist darauf hin, daß „eine
Natürlich verteidigen die Koronarchirurgen das
symptomatische Besserung den Verlauf der
von ihnen angewandte Operationsverfahren.
Krankheit nicht ändert", und einer seiner Kollegen
Schließlich machen sie ja auch aus einleuchtenden
ergänzt, die Chirurgen könnten zwar die Angina-
Gründen und aus bester Überzeugung davon
pectoris-Beschwerden beseitigen, jedoch nicht
Gebrauch. Aber es scheint, als ob sie,
nachweisen, daß sie „dadurch auch das Leben ver-
herausgefordert von der Ohnmacht anderer Me-
längern".
thoden und angespornt von der Hoffnung der
Weil es keine anerkannten Statistiken über die
Lebenserwartung von Patienten nach Einsetzen der

52
Kranken, im wahren Sinne des Wortes das Um diesen Punkt zu klären und durch das
Unmögliche vollbringen. Experiment zu erhärten, wurden viele Versuche
In der Öffentlichkeit erregte es Bestürzung, als ein angestellt. Die Ärzte überlegten: Wenn eine
amerikanisches Ärzteteam bekanntgab, durch Arterie vermindert durchströmt ist, muß sich das in
einen Bypass werde der Verengungsprozeß in den den Venen auswirken, durch die das Blut aus dem
Kranzgefäßen sogar noch beschleunigt. Es sei Herzen wieder abfließt. Und eine im Vergleich zur
statistisch gesichert, daß ausgerechnet solche Arteriendurchblutung verminderte Blutmenge in
Gefäße, die durch eine Umleitung eine Un- den Venen läßt sich ja messen. Deshalb wurden
terstützung erfahren sollen, schneller zuwachsen solche Messungen mehrfach vorgenommen. Eine
als annähernd gleichartig erkrankte Koronar- der sorgfältigsten Studien stammt aus
Arterien, die nicht operiert worden sind. Boston/Massachiussetts in den USA.
Professor Baroldi hatte nichts anderes erwartet.
War es ihm doch gelungen, dem eindrucksvollen Kein Unterschied zwischen
Augenschein des Gefäßverschlusses ebenso
Gesunden und Kranken
augenfällig den wirksamen Ersatzkreislauf des
Herzens gegenüberzustellen und studieren zu
Es wurden 60 Patienten für die Untersuchung
können: Von einer Vielzahl von Netzspeisungs-
ausgewählt, bei denen Röntgendarstellungen aller
anschlüssen an der Herzoberfläche fließt das Blut
drei Kranzgefäße in guter Qualität aus mehreren
entweder hinein in den Herzmuskel oder nach
Aufnahmeebenen exakt krankhafte Veränderungen
Bedarf von den inneren Gefäßen hinaus in die
der Gefäße zeigten. Bei 25 Versuchspersonen, also
Adern, die dem Herzmuskel kranzartig aufliegen.
bei 41 Prozent, waren alle drei Hauptäste verengt.
Weil um jeden Verschluß vier bis sechs
Den Patienten wurden durch einen
Speisungsanschlüsse liegen, sind auch Gefäß-
Arterienkatheter radioaktiv markierte Substanzen
strecken hinter Verschlußstellen durchblutet,
in die Hauptschlagader gespritzt. Von dort flossen
ähnlich wie beim Verbundnetz der
sie durch die Herzkranzarterien und durch das
Elektrizitätsversorgung oder beim Straßennetz, das
Muskelgewebe in die Herzvenen, wo sie durch
die Sackgasse ja auch nur als Ausnahme
einen zweiten Katheter laufend abgesaugt wurden.
eingeplant hat.
Anstieg oder Abfall der Radioaktivität gab Auf-
„Es gibt mehr Blutbrücken im Herzen, als ein
schluß über Maß und Schnelligkeit des Blutstroms.
Chirurg je schaffen könnte", wertete Professor
„Aufgrund der theoretischen Basis" erwarteten die
Baroldi deshalb das kunstvolle Wirken der
Autoren unter anderem einen „verminderten
Chirurgen ab. „Ein Gefäß wird erst dann
Durchfluß durch die Kranzgefäße" infolge der
ungeeignet für die Durchblutungy wenn längst eine
festgestellten Verengungen und Verschlüsse.
ausreichende Ausgleichsversorgung besteht. Setzt
Und das Ergebnis? "Die Kurven über den
der Chirurg eine zusätzliche Anastomose ein, dann
koronaren Durchfluß brachten keine
geht der Verödungsprozeß eben noch schneller vor
Unterscheidung zwischen Patienten mit Koronar-
sich." Der nicht mehr benutzte Weg wird mit
erkrankung und normalen Versuchspersonen,
Unkraut überwuchert, ein kaum noch
weder in Ruhe noch bei Belastung, und standen in
durchströmter Fluß versumpft, versandet...
keinem Verhältnis zur Gestalt der Gefäße und zur
All diese Experimente, Untersuchungen und
Ausdehnung der Erkrankung."
Feststellungen lassen zwingend die Frage stellen,
Das heißt: auch schwere Verengungen und
ob denn die verschließenden Gefäßprozesse, die
Verschlüsse der Kranzgefäße führten zu keiner
im Röntgenbild dargestellten Verengungen
Verminderung der Gesamtdurchblutung des
überhaupt, nichts weiter sind als Folgen eines
Herzens, ja sie unterschied sich in der Blutmenge
veränderten Strömungsverlaufs, keineswegs aber
nicht von der Gesunder. Die Behauptung, daß
die Ursache von Blutmangel. Gibt es überhaupt
Arteriosklerose zu Blutmangel im Herzen führt,
einen Beweis für eine Minderdurchblutung des
fand in dieser Untersuchung keine Stütze. Auch
Herzens?

53
andere Experimentatoren kamen zu dem gleichen
Ergebnis.
Aber wurde die Arteriosklerose deswegen mangels
Beweisen freigesprochen von der Anschuldigung,
Blutmangel im Herzen und dadurch Infarkte zu
verursachen? In Heidelberg begnügte sich die
Fachwelt weiterhin mit der Demonstration des
ersten Augenscheins. Die lautstarken Wortführer
gegen Dr. Kern wußten geschickt zu kaschieren,
wie dünn das Eis eigentlich war, auf dem sie ihr
Schaulaufen veranstalteten.

54
5. Ein Professor gibt Rätsel einem Beispiel aus der alten Literatur heraus-
gestellt.
auf Einer der berühmtesten Arteriosklerose-Forscher
berichtete über eine Leichenöffnung, bei der er
Dr. Cornelius Heyde wartete auf sein Stichwort. Er eine solche Verengung aller drei oberen Äste der
brannte darauf, die Diskussion auf die Bedeutung vom Herzen wegführenden Hauptschlagader
der Blutgerinnsel in den Herzkranzgefäßen zu feststellte, daß die winzige Restlücke in der
steuern, um dem Gespräch endlich eine Wende zu früheren Gefäßlichtung nicht einmal für eine
geben. Dr. Kern hatte schon zu viel Boden Schweinsborste durchgängig war. Solch eine
preisgegeben — es war zu befürchten, daß seine Verlegung der Strombahn hätte aber zur Folge
Bastion bald gänzlich überrannt wurde. gehabt, daß dem Betroffenen der Kopf und beide
Als Dr. Heyde das Wort erhielt und an das Arme abgefault wären. Und da arteriosklerotische
Mikrofon trat, hielt er ein Schriftstück in der Hand. Prozesse sich sehr langsam entwickeln, mußte die
„Den Ausführungen von Herrn Professor Doerr Gefäß Veränderung schon lange bestanden haben,
war zu entnehmen, daß er die Thrombose als was wiederum bedeutet, daß der lebende Leichnam
Ursache des Infarkts ansieht", sagte er. „Ich kann jahrelang ohne Kopf herumgelaufen war.
aber eine Briefstelle zitieren, und zwar aus einem Solch ein sarkastisches Zuendeführen irriger
Brief von Herrn Professor Doerr an Herrn Dr. Vorstellungen hatte Dr. Kern viele Feindschaften
Kern vom 4. 6. 1968." Dr. Heyde las vom Blatt ab: eingebracht; jeder, der gegenteiliger Ansicht war
„Es hat sich zeigen lassen, daß, wenn man bei den wie der Autor, mußte sich lächerlich gemacht
Todesfällen nach Myokardinfarkt möglichst bald fühlen. Aber psychologisches Einfüh-
nach Obduktion seziert, dann keine Thrombose im lungsvermögen war nie die Sache Kerns gewesen.
üblichen Sinn gefunden werden kann." Dr. Heyde Es kümmerte ihn wenig, daß Wissenschaft von
hob seine Stimme für den wichtigsten Teil des Menschen gemacht wird und daß die Widerlegung
Briefes: einer bestehenden Anschauung für deren Vertreter
„Die Häufigkeit sogenannter thrombotischer nie sehr erfreulich ist. Seinem Erkenntnisstreben
Koronarverschlüsse wächst mit der Länge der Zeit schien es als unabdinglich, unzweckmäßige
zwischen erstem Beginn der Infarkt-Nekrobiose Denkmodelle als unsinnig bloßzustellen. Und der
und Todeseintritt. Die Thrombose entsteht lebende Leichnam mit dem abgefaulten Kopf war
diskordant an mehreren Stellen gleichzeitig, ihm ein besonders taugliches Beispiel, um die
jedoch wahrscheinlich sekundär, also nicht initiie- Arteriosklerose-Theorie als Irrtum zu entlarven.
rend verschließend. Letzte Aussage ist ja
entscheidend."
„Zunahme der Blutgerinnsel -
Die Auseinandersetzung war jetzt an dem Punkt
angelangt, an dem sich erweisen mußte, ob hier
Zunahme der Infarkte"
nur ein Schauprozeß gegen einen ketzerischen
Außenseiter abrollte oder ob es den Veranstaltern Arteriosklerose, so zeigen Untersuchungen und
ernsthaft um eine Klärung strittiger Fragen der Experimente, führt nicht etwa zum Stopp der
Infarktentstehung ging. Denn die Frage nach der Durchblutung, sondern zur Ausbildung von
Bedeutung der Blutgerinnsel war die zentrale Blutbrücken, die einen voll funktionierenden
Frage nach dem Wert der Lehrmeinung, der offi- Ersatzkreislauf aufbauen. Aber auch statistisch ist
ziellen Theorie über den Herzinfarkt. eine reine Arteriosklerose-Theorie der Infarkt-
Mit der Gefäßverengung durch Arteriosklerose entstehung nicht haltbar, allein schon wegen der
allein war ja kein Staat zu machen. Denn die im Vergleich zum Herzinfarkt viel geringeren
Arteriosklerose führt zu keinem Gefäßverschluß, Zunahme der Arteriosklerose während der letzten
wenn es auch im kollabierten Zustand der Adern Jahrzehnte.
nach dem Tode manchmal so aussehen mag. Wie Deshalb hatte auch Professor Gotthard Schettler,
sehr der Augenschein hier trügt, hatte Dr. Kern an zu dieser Zeit Präsident der Deutschen

55
Gesellschaft für Innere Medizin und Initiator des ausnahmsweise, bin ich in der Tat gelegentlich
Heidelberger Streitgesprächs um den Herzinfarkt, enttäuscht. Ich habe den Eindruck, daß — wenn
heute Leiter des bundesdeutschen die Stunden zwischen dem ersten Ereignis und
Forschungszentrums zur Bekämpfung des Herz- dem Tode etwas länger werden — die Anzahl der
infarkts, ausdrücklich festgestellt: „Es trifft ganz Thromben häufiger wird."
bestimmt zu, daß der Grad der Koronarsklerose Doerrs Ausführungen entsprachen den
nicht zugenommen hat, daß aber die Zahl und das Feststellungen anderer, nur daß sie ihre Angaben
Ausmaß der Thrombosen als den letztlich für den nicht auf „gelegentliche Enttäuschungen" stützten,
Gefäßverschluß verantwortlichen Vorgängen doch sondern auf detaillierte, exakte Statistiken.
ganz beträchtlich zugenommen hat."
Jetzt aber hatte Dr. Heyde ein Zitat ins Gespräch Eine Ursache kann nicht später
gebracht, nach dem ausgerechnet der Wortführer
auftreten als ihre Folgen
der Pathologen, Professor Wilhelm Doerr, die
Blutgerinnsel nicht als Ursache, sondern als Folge
Aus einer New Yorker Studie über die Häufigkeit
der Herzinfarkte kennzeichnete.
von Blutgerinnseln in den Kranzgefäßen von 568
Doerr, dessen Wirkungsstätte wie die von Schettler
Infarkttoten geht hervor, daß bei 303 Personen in
in Heidelberg liegt, eilte ans Mikrofon: „Ich bin
49 Fällen ein thrombotischer Verschluß gefunden
etwas erstaunt, daß Herr Kollege Heyde einen von
wurde; das sind 16 Prozent. Zu beachten ist, daß
mir an Herrn Kollegen Kern gerichteten Brief
dieser Personenkreis die Herzattacke nicht länger
zitiert", äußerte er vorwurfsvoll. Sein Erstaunen
als eine Stunde überlebt hatte.
mußte sich jedoch in Grenzen gehalten haben,
Anders sieht es bei jenen 65 Fällen aus, die den
denn er fuhr fort: „Ich habe mich sozusagen
Infarkt bis zu 24 Stunden überlebten. 24 von ihnen
innerlich auf alles vorbereitet und die gesamte
hatten Blutgerinnsel in den Koronarien; die
Korrespondenz lückenlos mitgebracht.**
Häufigkeit liegt hier schon bei 37 Prozent. Und bei
Das Protokoll der Diskussion vermerkt an dieser
jenen 200, die im Krankenhaus einen Tag oder
Stelle:
länger überlebt hatten, wurden schon in 109 Fällen
„Heiterkeit." Dieses beifällige Gelächter ist
koronare Thromben festgestellt; das sind 54
allerdings unverständlich, denn die Bemerkung
Prozent. Die Autoren kommen deshalb zu dem
Professor Doerrs war weder sonderlich komisch
Schluß, daß Blutgerinnsel „eine sekundäre
noch bestechend geistreich. Es gewinnt nur dann
Manifestation", daß sie dem Infarkt also nicht
einen Sinn, wenn man den Lachern unterstellt, es
vorausgehen, sondern dessen Folge sind.
sei ihnen in dieser Situation weniger um die echte
Diese Ergebnisse wurden in der Folge bestätigt.
Diskussion als um Zustimmung gegangen, um die
Aber auch mit Hilfe einer anderen Methode konnte
Anfeuerung eines der Ihren. Doerr sagte nach einer
später gezeigt werden, daß sich Blutgerinnsel erst
kleinen Pause: „Der Brief ist übrigens richtig
nach dem Infarkt bilden. Schwedische Forscher
zitiert. Die Passage als solche stimmt." Er schien
injizierten Patienten, die mit schweren
jetzt tatsächlich etwas aus der Fassung gebracht,
Herzinfarkten in das Krankenhaus eingeliefert
gab einige belanglose Sätze von sich und kam
wurden, radioaktiv markierte Eiweißstoffe, die
dann wieder zur Sache: „Selbstverständlich stehe
nicht aus der Blutbahn ausgeschieden werden und
ich zu meiner Aussage." Und nach einer Weile
sich in Gerinnseln wiederfinden müssen. Bei den
gestand er zu: „Ich ringe ständig um die Frage, wie
Patienten, die starben, wurden daraufhin
alt der Thrombus ist. Sie wissen, daß das eine
Blutgerinnsel in den Kranzgefäßen gesucht und in
weltweit bewegende, wesentliche Frage ist."
aufgefundenen Thromben der Gehalt an
Das Auditorium zeigte sich so unbewegt, als ginge
Radioaktivität gemessen.
es nur um irgendwelche langweiligen
Bei allen sieben Patienten, die für diese Studie in
Kartenkunststücke. Dabei stellte Professor Doerr
Betracht kamen, fanden sich Thromben, die
soeben die ganze Verschluß-Theorie in frage:
radioaktiv waren. In sechs Fällen wurde die
„Wenn ich sehr bald obduzieren kann,

56
Radioaktivität in der ganzen Thrombusmasse Wissenschaftler vom Rang und von der Fähigkeit
gemessen. Nur bei einem Patienten, dem die des Heidelberger Pathologen nebeneinander eine
Isotopen erst zwei Tage nach klinisch diagnosti- private und eine offizielle Wissenschaft vertrat?
ziertem Infarkt eingespritzt worden waren, war der
Kern des Gerinnsels frei von Radioaktivität; ein Wenn ein Wissenschaftler zu
kleiner Teil des Thrombus hatte sich also schon
liberal ist
innerhalb der zwei Tage vor der Injektion
entwickelt.
In einem Jahr, so erklärte Professor Doerr als
Alle Injektionen wurden nach Eintritt des Infarkts
Antwort auf die Anfrage Dr. Hey des, würde man
vorgenommen. Die durchgehende Radioaktivität
„sehr viel mehr über das Altersproblem des
der Thromben beweist, daß sie erst nach der
Thrombus aussagen können". Und er schloß
Injektion entstanden sein können, also eindeutig
nichtssagend: „Wollen wir die Korrespondenz
jünger sein müssen als der Infarkt. Es ist mit den
weiter austauschen? Ich bin gern dazu bereit.**
Gesetzen der Logik nicht zu vereinbaren, daß eine
Man sollte Professor Doerr beim Wort nehmen. Es
Ursache später auftritt als das Ereignis, das sie
ist lohnend, sich mit seinen Schriften zu befassen.
bewirkt haben soll. Blutgerinnsel können demnach
In einem von ihm unterzeichneten Gutachten für
nicht die Ursachen des Infarkts sein, sondern
das Sozialgericht Stuttgart ist zu lesen: „Die
allenfalls als dessen Folgen angesehen werden.
Koronararterie steht nicht mehr im Zentrum der
Professor Baroldi hat noch auf einen anderen
Betrachtung und schon gar nicht am Anfang. Sie
Grund hingewiesen, weswegen Blutgerinnsel keine
ist nur ein Glied in der Kette kausaler
tödliche Gefahr darstellen können. Im spritzenden
Zusammenhänge. Neben entzündlichen und stoff-
Blutstrom einer Arterie kann sich kein
wechselchemischen Prozessen beginnen Streß,
Blutgerinnsel bilden, erst recht nicht an der
Katecholamine und Herznerven zunehmend an
arteriosklerotisch verengten Stelle einer End-
Beachtung zu gewinnen. Alle diese Faktoren
Arterie, denn dort wird der Blutstrom noch mehr
können eine wie auch immer geartete Schädigung
beschleunigt, wie sich ja auch in einem Fluß
der Myokardfaser — von Kern Dysthesie genannt
reißende Stromschnellen bilden, sobald sich das
— bewirken, die rückschreitend über eine
Bett verengt. Erst wenn nach Erkrankung der
Vergrößerung der Nekroseherdchen und sekundär
Hauptader Umleitungsgefäße den Bluttransport
aufsteigende Thrombose schließlich zur
übernommen haben, sinkt die Strömung dort so
Katastrophe führt. In seiner letzten Konsequenz
weit ab, daß sich die brüchigen, leicht
wäre dies sogar die Umkehrung des alten
zerreißlichen Thromben bilden können. Die
Infarktbegriffs."
Voraussetzung dafür ist nach einer Herzattacke
Das entspricht in etwa jener Aussage, die er am
besonders günstig, weil die zerstörten
12.10. 1971, also fünf Wochen früher, in einem
Muskelabschnitte nicht mehr mit Blut versorgt
Brief an Professor von Ardenne gemacht hatte:
werden müssen. Das heißt: Blutgerinnsel können
„Ihre interessanten Arbeiten (zusammen mit B.
nur in solchen Arterien entstehen, die zu diesem
Kern) haben mich natürlich sehr bewegt. Sie
Zeitpunkt an der Blutversorgung nur noch
bestätigen vieles, was ich — gelegentlich —
unwesentlich beteiligt sind.
äußerte. Auch "meine ich, daß meine
Fortschritte der Forschung haben also die „zentrale
Ausführungen im ,Handbuch der Allgemeinen
Bedeutung" der Blutgerinnsel für die Entstehung
Pathologie* prinzipiell in Ihrer Linie liegen."
des Herzinfarkts infrage gestellt. War Professor
Von dieser Linie war er auf der „Molkenkur"
Doerr deshalb „enttäuscht", wenn er bei einem
wieder abgewichen. Er habe guten Willen gezeigt,
Infarkttoten keinen Thrombus finden konnte? Und
betonte er, einen Herzinfarkt in dem von Kern
warum aber hatte er dann in seinem Brief an Dr.
vertretenen Sinne zu finden, aber vergeblich. Er
Kern die „entscheidende Aussage" gemacht, daß
und seine Kollegen hätten noch nie einen Infarkt
die Thrombose nicht den infarktauslösenden
Verschluß darstelle? War es denkbar, daß ein

57
gesehen, der „nicht koronarogen erzeugt" worden
sei. Blutgerinnsel sind erst die Folgen,
Wie heißt es dagegen in der Zusammenfassung nicht aber die Ursachen von
seines Grundsatzgutachtens zu diesem Problem? Infarkten. Deshalb kann die Zunahme
„Es gibt mit großer Wahrscheinlichkeit auch der Herzinfarkte aus der
Infarkte, die aus in der Herzmuskulatur selber Gefäßtheorie nicht begründet werden.
gelegenen Gründen entstehen."
Wie schrieb er in einem seiner Briefe an den
„lieben Collegen" Dr. Kern? „Daß es Infarkt-
Äquivalente* gibt, welche nicht zirkulatorisch
hervorgerufen werden, betone ich ständig."
Die Motive von Professor Doerr sind schwer zu
beurteilen. Was immer zu seinen
widersprüchlichen Aussagen geführt haben mag —
das Bild, das er von der Entstehung des
Herzinfarkts entwirft, will etwas schwankend
erscheinen. Allerdings teilte er später brieflich mit,
er habe seine eigene Stellungnahme in Heidelberg
nicht veröffentlicht, „weil einer der anwesenden
Pathologen nicht einverstanden war. Ich schien
ihm zu liberal."
Die Medizin von heute ist auf
naturwissenschaftliche Exaktheit ausgerichtet,
„an Maß und Zahl" orientiert, wie es
Moderator Professor Wollheim formulierte.
Ihre Erkenntnisse und die daraus abgeleiteten
Gesetzmäßigkeiten können nur richtig oder
unrichtig, aber niemals autoritären oder
liberalen Moderichtungen unterworfen sein.
Wenn aber in Heidelberg persönliche
Einflußnahme solch eine Rolle spielte, dann
erhebt sich die Frage, was der Lehrsatz vom
Gefäßverschluß als Infarktursache eigentlich
für einen wissenschaftlichen Stellenwert hat.

DIE ZUNAHME DER


HERZINFARKTE
LEHRSATZ
Die Arteriosklerose hat in den letzten
Jahrzehnten nicht zugenommen. Die
Zunahme der Herzinfarkte ist in der
Zunahme der Blutgerinnsel
begründet.

KERN-SATZ
58
6. Und sie verschließt sich seinem Sessel, sprach er beschwörend in das
Mikrofon. Später konnte er in der Fachpresse
doch! nachlesen, wie widerstandslos er sich in die
aufgezwungene Rolle hatte pressen lassen, ein
Das Zitat des Briefes von Professor Doerr hatte Hanswurst, dem nur ein paar unpassende
einen Augenblick lang ahnen lassen, wie rissig das Extempores gestattet waren. Das Heidelberger
Fundament war, auf dem das Lehrgebäude von der Symposium, so eines der Fachblätter, habe „eher
Infarktentstehung gebaut war, wie mühselig die einem Schauprozeß** geglichen. Denn „um Kern
Fugen verkittet waren. Professor Wollheim war faktisch zu widerlegen, hätte es dieser Veran-
gut beraten gewesen, daß er es abgelehnt hatte, staltung nicht bedurft".
sich in der Gesprächsleitung abzuwechseln. So „Nein, es ging nicht darum, die Thesen des Außen-
konnte er in dieser Situation dafür sorgen, daß seiters zu widerlegen, sondern darum, der
keine Zeit zum näheren Hinsehen blieb. Er erteilte aufgeschreckten Öffentlichkeit die »größte
anderen Pathologen das Wort, und deren Sensation der Medizin*... als Bluff zu entlarven**,
Statistiken über Gefäßverschlüsse durch konstatierte ein anderer Autor. „Stand nicht von
Blutgerinnsel kamen so zur Geltung, daß kein Anfang an vom wissenschaftlichen Standpunkt aus
Zweifel mehr bleiben konnte an den „Thrombosen die Haltlosigkeit der Kernschen Kern-Punkte
als den letztlich für den Gefäßverschluß verant- fest?**
wortlichen Vorgängen*. Nicht ohne Bewunderung erkannte deshalb ein
Und Dr. Kern? Warum griff er nicht ein? Warum anderer Kommentator als richtig an, daß „die
nahm er die Aussage Professor Doerrs, daß heute Gewaltigen der medizinischen Wissenschaft einen
kein Pathologe der Welt genaue Angaben über das kleinen Außenseiter und dessen gläubige Schar
Alter eines Thrombus machen könne, nicht auf? zermalmten**.
Die eingestandene Unwissenheit hinderte die Es ging bei der Infarktdiskussion auf der
Vortragenden nämlich keineswegs daran, die „Molkenkur** also nicht in erster Linie um Fakten
Blutgerinnsel älter zu deuten als die Infarkte, um und um die Wahrheit. Folgt man der Fachpresse,
sie als deren Ursache präsentieren zu können. dann war es eher eine spiritistische Sitzung mit
Wenn er nicht wissenschaftlichen Selbstmord Knalleffekten: „Wenn die Schulmedizin als
begehen wollte, mußte Dr. Kern auf der weiteren existentes Phänomen auch kaum jemals dingfest
Diskussion dieses Punktes beharren. Entweder zu machen wäre, hindert das offenbar doch nicht,
gelang es ihm zu diesem Zeitpunkt, die Sprengung daß sich die Geister hin und wieder einmal
der Fundamente einzuleiten, indem er die Brisanz überraschend materialisieren und dann mit
dieser Streitfrage zu nutzen wußte, oder er mußte schulmeisterlichem Hieb durchaus fühlbar
damit rechnen, daß er für den Rest des Tages nur zuschlagen können.**
noch auf der Flucht sein werde, in immer neue Die Prügelstrafe für den unbotmäßigen
Widersprüche verwickelt. Außenseiter, ein Racheakt — ging es wirklich nur
Aber Dr. Kern blieb stumm. Er hörte verschreckt darum? Sicherlich noch um einiges mehr, zum
mit an, wie die Blutgerinnsel wieder ins Zentrum Beispiel um die „wissenschaftlich bewiesenen,
der Katastrophe gerückt wurden, und er schenkte abgesicherten und international anerkannten
auch dem Drängen der mit ihm gekommenen Dogmen der Lehrmedizin über den Infarkt". Einer
Ärzte keine Aufmerksamkeit, jetzt endlich unter der Diskussionsredner sprach es in aller Klarheit
Protest den Saal zu verlassen: „Die aus: „Ich glaube, wir müssen hier zu einer
wissenschaftliche Diskussion ist doch nur ein Vor- gemeinsamen Basis kommen und sagen, wovon
wand!" — „Das ist doch ein abgekartetes Spiel!" wir reden. Wir reden hier vom Infarkt, von der
— „Gehen wir!" — „Herr Kern, worauf warten Sie Koronarerkrankung."
noch?** Infarkt ist gleich Koronarerkrankung. Alles andere
Es blieb unerfindlich, worauf er wartete. Gebannt, ist unwissenschaftlich. Kerns Gegner sprachen
wie das Kaninchen vor der Schlange, saß er auf damit unumwunden aus, daß es für sie keine

59
andere Gesprächsebene geben konnte als die, auf
welche sie sich von vornherein festgelegt hatten.
Eine Diskussion war mithin weder möglich noch
beabsichtigt.
Es wäre also zu einfach, in dem Heidelberger
Symposium vom 19. 11. 1971 nur einen Racheakt
zu sehen. Gleichzeitig wurde auch ein
verblassendes Dogma zu neuem Glanz aufpoliert.
Die Verstopfung der Kranzarterie hatte ihre
zentrale Bedeutung wiedererlangt:
Und sie verschließt sich doch!

1. HEIDELBERGER
DOGMA

Ursache der Herzinfarkte ist aus-


schließlich Arteriosklerose der
Herzkranzgefäße mit oder ohne
Blutgerinnsel. Herzinfarkte durch
Störungen des Herzstoffwechsels
ohne Beteiligung der Gefäße gibt
es nicht.

60
61
III. Kapitel

Bis alles in Scherben fällt


1. Gesundheit - ein Monopol auf den Ankläger. Diese Erfahrung machte auch
Kern.
der Spezialisten „Die These ,Wer heilt, hat recht* ist genau so
bestechend wie richtig, hat jedoch zur obligaten
Aus dem Hintergrund schob sich ein schlanker, Voraussetzung, daß objektiv nachgewiesen wird,
modisch gekleideter Mann Reihe um Reihe nach daß geheilt oder vorgebeugt wurde!" hatte ihm
vorn. Als habe er auf ein Stichwort gewartet, Professor Gillmann kurz vor Heidelberg zu
sprang er plötzlich auf und schritt zu einem der bedenken gegeben. Er sehe sich zu der Annahme
Mikrofone. „Ich möchte eigentlich die Diskussion gezwungen, daß „Kern und sein Arbeitskreis
noch einmal anheizen. Mir scheint das ganze jetzt einfach überfordert war, eine solche objektive
allmählich zu verwässern, als wenn die Dinge Analyse von inzwischen 100 000 Fällen
harmlos seien, die Herr Kern behauptet hat", durchzuführen". Das komplizierte Verfahren einer
begann der Kasseler Chefarzt Professor Rolf medizinischen Dokumentation hatte Dr. Kern
Heinecker. lange davor zurückschrecken lassen, eine Statistik
Die Szene wurde zum Tribunal. Nachdem zuerst seiner Behandlungserfolge zu veröffentlichen.
die Pathologen Dr. Kerns Theorie von der Weil ihm dies immer wieder als gravierender
Infarktentstehung zerfetzt hatten, war danach auch Mangel vorgehalten worden war, hatte er sich
seine Behauptung, daß unter der Strophanthin- dafür entschieden, in sein 1969 erschienenes
Therapie keine Todesfälle aufgetreten seien, Hauptwerk „Der Myokardinfarkt" eine
scheinbar unhaltbar geworden: „Herr Kern, es Überschlagsrechnung aufzunehmen: „Das
glaubt Ihnen keiner, daß Sie unter Ihrer Klientel wichtigste, auffallendste, auch statistisch exakt
keinen Todesfall durch Herzinfarkt gehabt haben." faßbare Ergebnis unserer Myokard-Euthetisierung
Damit machte sich Professor Heinecker ebenfalls (Wiederherstellung der Herzgesundheit) ist das
zum Sprecher der Widersacher. „Sagen wir das bisher vollständige Ausbleiben tödlicher
ganz hochdeutsch." Herzinfarkte. Solange die 15 000 Herzkranken
Der Kliniker konnte Dr. Kern frank und frei der unter dieser Euthetisierung standen, ist kein
Unwahrheit bezichtigen. Denn an diesem einziger von ihnen in diesen 21 Jahren einem
Nachmittag war den Fragen der Statistik besondere tödlichen Infarkt erlegen."
Bedeutung zugemessen worden, und die Statistiker
leisteten ganze Arbeit. Sie hatten Dr. Kerns
Die zerfledderte Statistik
Angaben ad absurdum geführt und damit die
letzten Voraussetzungen für eine vernichtende
Zum Vergleich hatte Dr. Kern die Sterbestatistik
Aburteilung geliefert. Dr. Kern hatte im Laufe der
der Bundesrepublik Deutschland herangezogen.
jahrelangen Diskussionen den allgemein
Danach wären, so Dr. Kern, in seiner Praxis etwa
unbefriedigenden Ergebnissen der Infarkt-
70 Infarkttodesfälle zu erwarten gewesen,
Verhütung seine eigenen Erfolge gegenübergestellt
genaugenommen sogar 120 bis 130, denn seine
und seine Theorie mit dem Hinweis verteidigt:
Klientel weise eine viel höhere Infarktgefährdung
„Wer heilt, hat recht." Die häufige Wiederholung
auf als der gleichaltrige Bevölkerungsdurchschnitt.
dieses Spruches schlug ihm jetzt zum Unheil aus.
Die Strophanthin-Therapie habe bewirkt, daß statt
Einen Arzt trifft nichts härter als seine
70 oder 130 Infarkt-Todesfällen kein einziger auf-
Hilflosigkeit gegenüber einer Krankheit. Offen
getreten sei. Null zu 130 — müsse eine statistische
oder uneingestanden erfüllen ihn in solch einem
Signifikanz noch deutlicher sein, um die
Fall bittere Zweifel an sich und seiner
Aufmerksamkeit auf diese Behandlungsmethode
Behandlungsmethode. Werden aber
zu lenken? Signalisierten solche Zahlen nicht den
Gewissensbisse oder Selbstanklagen durch
Sieg über eine Krankheit, gegen die es bisher kein
Vorwürfe von anderer Seite intensiviert, muß man
Mittel gab?
auf vehemente Reaktionen gefaßt sein. Der
Doch das von Professor Schettler herausgegebene
Betroffene überträgt seine Schuldgefühle aggressiv
„Deutsche Medizinische Journal" hatte ihm eine
„naiv zu nennende Handhabung der Statistik** Ursachen vorgekommen sein können. Es sind etwa
vorgeworfen. Es handle sich „um irreführende 600, 800 bis 1000 zu erwarten, ohne Unfälle,
Angaben, daß durch seine Behandlungsmethoden Vergiftungen usw. Daraus geht für mich hervor,
noch kein einziger Infarkt aufgetreten sei". An daß aus Ihren eigenen Zahlen klar erwiesen ist, daß
gleicher Stelle rechnete ein zweiter Autor vor, daß Sie in Ihrer Kartei, in Ihrer Dokumentation, eine
das Ausbleiben von Infarkten bei Dr. Kerns massive Untererfassung der Sterbefälle haben.
Patienten zu den von der Statistik sogenannten Daraus geht natürlich auch hervor, daß die
„seltenen Ereignissen" zu rechnen sei und damit Nullzahl der Infarkt-Todesfälle keine
als Zufall eingestuft werden müsse. Aus diesen wissenschaftliche Informationsbedeutung haben
und anderen Gründen „erübrige es sich, weiter auf kann."
die Beobachtungsreihe und die Schlußfolgerungen Der abschließende Satz des angesehenen
einzugehen". Fachmannes sollte für Dr. Kern vernichtend sein:
Seither war Dr. Kern von der Fachwelt bei jedem „Ich kann als Statistiker die Zahlen, die Sie
Anlaß „das Fehlen einer Dokumentation" angeben, nicht als Grundlage einer Erfolgsstatistik
vorgeworfen worden. Er wußte, daß dieser Punkt oder gar als eine durchgeführte Erfolgsstatistik
in der Auseinandersetzung eine entscheidende anerkennen."
Rolle spielen würde, und er hatte sich vorbereitet. „Ich lege immer Wert darauf — während der
Zusammen mit Spezialisten hatte er eine Behandlung. Das ist ungefähr vergleichbar mit der
Entgegnung ausgearbeitet, in der er die Vorwürfe Insulin-Behandlung", versuchte sich Dr. Kern
des Statistikers Immich im „Deutschen noch zu rechtfertigen. „Ein komagefährdeter
Medizinischen Journal* Punkt für Punkt Diabeter kann mit Insulin komafrei gehalten
auszuräumen versuchte. Vor allem wies er darauf werden. Wenn aber diese Therapie abgesetzt wird,
hin, daß „die Verfahrensweise des Rezensenten kann mal wieder ein Koma passieren. Darum lege
eine bestimmte Absicht vermuten" lasse: ich Wert darauf: während dieser Therapie!"
Er habe versucht, mit Hilfe von Zahlenspielereien Aber solchen »Einwänden** wußte Professor
das Ausbleiben von Herzinfarkten in seiner Koller kühl zu begegnen: „Sie haben allerdings
Klientel als statistischen Zufall zu bagatellisieren. eben gesagt: Die standen dann nicht mehr unter
Zudem würden Darstellungs- und Rechenfehler meiner Therapie — was danach folgt, nach
darauf hindeuten, mit welcher Sorglosigkeit Abbruch dieser Therapie, verfolge ich nicht. Das
Kritiker Immich zu Werke gegangen sei. ist ein Grundproblem, gegenüber dem die Statistik
Nachdem sich das Auditorium bisher so kritisch entscheidende Bedenken anmelden muß; denn wir
gezeigt hatte, mußte man eigentlich erwarten, daß können nicht nur beschränkte Beobachtungszeiten
es sich mit solchen schweren Vorwürfen unter Kontrolle nehmen, sondern müssen
auseinandersetzen werde. Aber die von Dr. Kern grundsätzlich den Gesamtverlauf, soweit er
aufgedeckten Fehler nahm man überhaupt nicht beobachtbar ist, und den Nachweis des Weiteren
zur Kenntnis, das Kapitel Immich wurde mit ein immer in Betracht ziehen."
paar nebensächlichen Erklärungen übergangen.
Selbstkritik war nicht eingeplant. Dem Ketzer die Beweislast
Stattdessen hatte man andere Ansatzpunkte
gesucht und gefunden, um Dr. Kerns Zahlenwerk Die Vertreter der Schulmedizin hatten ihren
zu widerlegen. Denn dieser hatte zwar von null Widersacher so gründlich in die Mache
Todesfällen an Infarkten gesprochen, aber genommen, daß sie zu diesem Zeitpunkt — ohne
außerdem angeführt, daß 179 seiner Patienten aus das Gesicht zu verlieren — ihren guten Willen
anderen Ursachen gestorben waren. Professor hätten zeigen und dabei sogar noch ihre Über-
Koller nutzte das: legenheit hätten demonstrieren können. Wie sieht
„Es ist einfach unmöglich, daß in der Klientel, so eine statistische Dokumentation aus, die Gnade vor
wie Sie sie beschrieben haben und bei 50000 der Fachwelt finden kann?
Beobachtungsjahren, nur 179 Sterbefälle aus allen

64
Auch der Ulmer Statistiker Professor Uberla hatte 88 Prozent der Infarkte verhütet
wegen von ihm festgestellter methodischer Mängel
den Schluß gezogen: „Man kann aufgrund des Zusammenfassend nur soviel: Dr. Kern konnte
vorliegenden Materials nicht behaupten, daß die nicht 800 Sterbefälle, darunter sämtliche Infarkte
orale Gabe von Strophanthin den Herzinfarkt übersehen haben. Außerdem ist es völlig
verhütet." Aber er hatte eingeräumt: „Das unrealistisch, daß sämtliche 400 Kranke, die nach
Gegenteil ist auch nicht bewiesen", und einen Weg statistischer Wahrscheinlichkeit einen Infarkt
zur Zusammenarbeit ins. Gespräch gebracht: hätten erleiden müssen, sich rechtzeitig aus dem
„Deshalb greife ich die Anregung dankbar auf, Staube gemacht haben. Selbst bei Annahme einer
eine Studie von neutralen Epidemiologen und unwahrscheinlich großen Dunkelziffer wäre das
Statistikern machen zu lassen. Ich stelle die eindeutige Ergebnis, daß Dr. Kerns Therapie 88
Informationen, die wir in diesem Fach haben, dazu Prozent der tödlichen Infarkte verhütete.
gern zur Verfügung, mit der innerhalb relativ In dem von den Professoren herausgegebenen
kurzer Zeit Ihre Hypothese überprüft werden Kommunique über die „Heidelberger
kann." Klausurtagung" heißt es dagegen: „Es ist
Nachprüfung innerhalb relativ kurzer Zeit — sollte ungeheuerlich, daß Kern seine Behauptungen auf
das wirklich möglich sein? Sollte dieses eine derart ungenügende Dokumentation gründet."
Ketzergericht doch noch eine Wende zu Professor Max Josef Halhuber, dessen Klinik die
fruchtbarer Diskussion erfahren? Tat sich nach all "Wiederherstellung Infarktkranker zum Ziele hat,
dem Zerreden und unfruchtbaren Negieren ein verdeutlichte in Heidelberg, unter welchen
Weg zur Gemeinsamkeit auf? Voraussetzungen eine Statistik anerkannt werden
Professor Gillmann schien den ersten Schritt tun könnte. Er gestand zu, daß solch ein Unterfangen
zu wollen: „Man könnte sehen, ob man zu einem „unerhört schwierig und aufwendig" ist: „Ich
Arbeitsprogramm kommt, wie Herr Überla möchte sagen, daß etwa 15 bis 20 Millionen Mark
festgestellt hat, vielleicht im Stuttgarter oder im zur Durchführung einer solchen Prospektivstudie
Tübinger Bereich, wo tatsächlich sehr präzise mit zur Verfügung stehen müssen, so daß vielleicht
Kontrollgruppen vorgegangen wird. Das ist eine einer, der in der Praxis steht, dabei überfordert ist."
Sache, die freilich über längere Zeit verfolgt Wer aber vor einer Summe von 20 Millionen
werden müßte." kapitulieren muß, hat gefälligst stillzuhalten. Denn
Dr. Kern griff hoffnungsvoll nach der ihm das würde „natürlich zur Folge haben, daß er dann
überraschend entgegengestreckten Hand: keine Hypothese aufstellt, oder er läßt sie durch
„Ausgezeichnet! Das ist ja das, was ich seit Kliniker überprüfen", wie Professor Halhuber
zwanzig Jahren anstrebe." Professor Gillmann unmißverständlich klarstellte. Das heißt: Das
machte jedoch unmißverständlich klar: „Aber Schicksal der Kranken liegt in den Händen der
davor steht die Sicherung Ihrer eigenen Universitäts-Kliniker, sie allein entscheiden dar-
statistischen Unterlagen, Herr Doktor Kern!" über, ob und welche Veränderungen" in der
Wieder zeigte sich die Absicht, Dr. Kern die ganze Medizin Zustandekommen. Nur die Zustimmung
Beweislast zuzuschieben, und man tat alles, um jener Spezialisten, die von der Öffentlichkeit mit
ihm diese Bürde schwer werden zu lassen. finanziellen Mitteln, mit entsprechenden
Spätere kritische Würdigungen der Heidelberger Einrichtungen und mit personeller Unterstützung
Debatte über das Für und Wider von Dr. Kerns ausgestattet sind, ist also ausschlaggebend dafür,
Statistik kamen zu ganz anderen Ergebnissen, als was erforscht und was als Fortschritt anerkannt
Professor Koller und seine Freunde sie geboten wird.
hatten. Da es aber nicht jedermanns Sache ist, sich
mit dieser trockenen Materie auseinanderzusetzen,
sei auf den Anhang verwiesen. Der Interessierte
kann Details dort nachlesen.

65
„Wir sind nicht bereit!"
Dr. Kern waren mit aller Härte die bestehenden
Machtverhältnisse vor Augen geführt worden.
Solange er keine Millionen-Dokumentation
vorlegen konnte, stempelten ihn seine
Behauptungen zum Scharlatan, der die Standes-
ehre besudelt hatte.
Aber er wollte und konnte sich mit diesem
Zerrbild von Gesundheitspolitik nicht abfinden. Er
nahm einen letzten Anlauf: „Ist hier in diesem
ganzen Auditorium nicht ein einziger Kliniker, der
auf diese Indizien hin einmal Versuche machen
würde, einmal ausprobieren würde, ob man es
machen könnte?"
„Herr Kern, ich bin nicht dazu bereit.* Professor
Schettler antwortete für alle, er tat es unter dem
Beifall aller. Keiner widersprach, als er im
Brustton der Überzeugung kundtat: „Man kann
nicht mit gutem Gewissen mit einer solchen
Substanz arbeiten. Das lehne ich ab!"
Dieser Ausbruch ärztlicher Ethik brachte die
Entscheidung. Im zusammenfassenden
Kommunique heißt es: „Die anwesenden
Wissenschaftler sind der Auffassung, daß es
unverantwortlich ist, wenn die Thesen von Dr.
Kern in der Öffentlichkeit weiter verbreitet
werden, bevor durch eine prospektive,
kontrollierte Untersuchung ihr
Wahrheitsgehalt hinreichend nachgewiesen
ist." Weil der eine nicht kann und die anderen
nicht wollen, ist orales Strophanthin also
offiziell tabu.

66
2. „Die verhinderte Infarkt- Herzkrankheiten als auch in der Behandlung von
Herzkrankheiten ist."
Verhütung" Der Text der Sendung lag Professor Schettler nach
eigener Aussage schon vor der Heidelberger
Wenn Dr. Kern von jemandem lernen konnte, wie Diskussion vor. Er hatte sich davon überzeugen
man sich und sein Anliegen wirksam in Szene können, daß sein ihm wichtigstes Anliegen keinem
setzt, dann von dem, den er selbst als seinen Schnitt zum Opfer gefallen war. Er behauptete es
hauptsächlichen Gegenspieler betrachtete: von dennoch. Das Auditorium hörte es, das Auditorium
Professor Gotthard Schettler, dem „mit Ämtern glaubte es, das Auditorium folgte ihm um so
beladenen* Heidelberger Klinikchef, zur Zeit der williger, als er pathetisch erklärte: „Aber ich fühle
Tagung auf der „Molkenkur* Präsident der mich als Arzt und Wissenschaftler verpflichtet,
Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Er trat hier nun Stellung zu nehmen." Als der starke
an einen Fotografen heran und sagte so laut, daß er Beifall abgeklungen war, betonte er nochmals:
im ganzen Saal verstanden werden konnte: „Ich muß Ihnen das einmal sagen!" Zwischenrufe
„Aber ich muß Ihnen sagen, lieber Herr, mich stört („Da haben Sie recht, Herr Schettler !") bestärkten
es ungemein, daß Sie hier im Auftrage der ,Bunten ihn, in seinem Monolog fortzufahren. Er nützte die
Illustrierten* laufend fotografieren. Wir wollen Gunst des Augenblicks, um Dr. Kern persönlich
hier nämlich keinen Publikationsrummel haben." anzugreifen:
Und dann setzte er dem Auditorium sein ganzes „Außerdem möchte ich auf noch etwas hinweisen.
Ungemach auseinander: „Ich muß sagen, ich fühle Hier werden laufend ganz präzise Fragen gestellt.
mich recht unbehaglich. Ich weiß, wer hier Diese Fragen werden samt und sonders nicht
manipuliert worden ist. Ich möchte Ihnen sagen, beantwortet."
wie ich in ,Report* manipuliert worden bin, und Beifall unterbrach ihn. Professor Schettler steigerte
ich kann das nachweisen. Ich möchte also nicht sich: „Sie werden vom Tisch gewischt durch
wieder in den Publikationen manipuliert werden, larmoyante Erklärungen, wie wichtig das ja sei;
zum Beispiel in der ,Bunten Illustrierten*. Ich uns allen liege ja das Wohl der Patienten am
weiß, daß ich jetzt etwas Gefährliches sage; denn Herzen — das ist eine Selbstverständlichkeit! Hier
ich bin diesen Dingen ja ausgeliefert. Man wird geht es um eine wissenschaftliche Dokumentation
mich wieder als Kronzeugen gegen Kern, als — deswegen haben wir Sie hierher gebeten —,
einzigen, herauspicken und wird mich nicht um irgendeine rechthaberische
entsprechend herausstellen.** Argumentation. Wir wollen unser Material auf den
Wie man es auch dreht und wendet, man kommt Tisch legen. Wir haben uns nur auf die von Ihnen
tatsächlich nicht an Professor Schettler vorbei. So — wörtlich — gebrachten Zitate bezogen, die hier
äußerte er in Heidelberg über orales Strophanthin, zur Debatte stehen, nichts anderes! Wir haben
er lehne es ab, „mit gutem Gewissen mit solch nichts sonst ins Gespräch gebracht. Aber wir
einer Substanz" zu arbeiten. „Das habe ich damals dürfen noch hoffen, daß diese Dinge, die jetzt im
in »Report* gesagt. Das hat man geschnitten, Raum stehen, auch präzise Punkt für Punkt
obwohl es mir das wichtigste Anliegen war." Er beantwortet werden. Das ist das, was ich für meine
könne nachweisen, wie er manipuliert worden sei. Person wünsche." Und an die Zuhörer gewandt
Diese Behauptung ist unrichtig. Wahr ist vielmehr, fragte er mit rhetorischer Geste: „Ich weiß nicht,
daß Professor Schettler den angebotenen Beweis ob ich mit dem Auditorium übereinstimme." Der
nicht antreten kann. Hier das Originalzitat aus dem erneute Beifall bezeugte ebenso, daß man sich in
gesendeten Text von „Report München": „... aber der Zwischenzeit ganz unter sich fühlte, wie der
ich persönlich bin überzeugt, daß die verwendete Kommentar vom Moderator Professor Wollheim:
Substanz — es geht um orales, also durch „Sie stimmen mit Sicherheit mit dem Auditorium
Tablettenform angebotenes Strophanthin —, daß überein."
das nutz- und sinnlos sowohl in der Vorsorge für

67
„Fett schwimmt immer oben" „daß trotz besserer, auch dem Laien
einleuchtender Gegenargumente von den
Professor Schüttlers Attacke war ein später Heidelberger Gutachtern vermutlich aus
Konterschlag auf die zu Beginn der Tagung von akademischer Überheblichkeit zum Nachteil des
Dr. Kern ausgesprochenen Begrüßungsworte, in Patienten an der sogenannten Lehrmeinung * der
denen er die Fehde zwischen ihm und Professor Schulmedizin* festgehalten wird. Die ganze
Schettler sofort aufgegriffen hatte: „Insbesondere Schwäche des Heidelberger Gutachtens offenbart
versuchte die Internationale Gesellschaft für sich in der von Professor Schettler selbst
Infarktbekämpfung in den letzten dreieinhalb unterzeichneten Replik ..."
Jahren, mit Herrn Kollegen Schettler ins Gespräch Dr. Kern hatte dieses „bahnbrechende Urteil",
zu kommen. Es hat sich immer mehr wie er es bezeichnete, ausführlich
herausgestellt, daß in der Öffentlichkeit der kommentiert und für seine Verbreitung
Eindruck entstanden ist, als gehe es hier um einen gesorgt. In einer Sendung des Deutschland-
persönlichen Streit Schettlers kontra Kern." funks bemerkte er 1970 dazu: „Die
Jetzt demonstrierte Professor Schettler seinem Bevölkerung, ,das Volk', hat seinen
Kontrahenten, warum auch er auf die Stunde der Forschungsbeamten das Grundrecht der
persönlichen Auseinandersetzung gewartet hatte. akademischen Meinungsfreiheit zugleich
Zuviel hatte sich zwischen beiden aufgestaut, dem verliehen und beschränkt. Verliehen, damit die
einflußreichen Bewahrer des Bestehenden und Forscher nicht ihrer Geltung und Laufbahn
dem revolutionären Außenseiter. Wenn zum zuliebe längst widerlegte, doch weiter
Beispiel Professor Schettler auf einem Kongreß er- maßgebende Theorien zum Schaden der
klärt hatte „I am a lipid man" (Ich bin ein Kranken fortgesetzt befolgen; damit sie also
Fachmann für den Fettstoffwechsel), dann hatte endlich aus dem persönlichen Konflikt von
Dr. Kern sarkastisch kommentiert: „Ja, ja, Fett Fortschritt und Fortkommen herausfinden
schwimmt immer oben." Und er hatte solche und mögen. Beschränkt wurde die Freiheit hierzu
ähnliche Äußerungen keineswegs hinter aber, damit ihre Diensterfüllung nicht mehr
vorgehaltener Hand getan. leiden dürfe unter schrankenloser Beliebigkeit
Unüberbrückbar aber war die Kluft seit jenem Fall im Meinen, Behaupten, Bestreiten, Handeln
Näher geworden, mit dem sich das Sozialgericht in oder Fehlhandeln. Damit ist eine Grenze gezo-
Stuttgart auseinandersetzen mußte. In diesem gen zwischen Meinungsfreiheit und
Rechtsstreit ging es darum, ob das Herzleiden des Wahrheitspflicht."
Kranken Folge einer Arteriosklerose gewesen sei.
Ein Gutachten aus der Klinik Professor Schüttlers Ein sehr sonderbarer Außenseiter
bejahte diese Frage und hob hervor: „Wir sind der
Ansicht, daß man zum gegenwärtigen Zeitpunkt an Als Beispiel dafür, daß die Justiz „die
den Vorstellungen der Schulmedizin festhalten wahrheitsgemäße Dienstpflichterfüllung der
muß." Medizinbeamten" kontrolliere, zitierte er das
Die Auseinandersetzung hatte damit Gerichtsurteil gegen Schettler.
grundsätzliche Bedeutung gewonnen. Im Hin und Der Kliniker hatte aber auch seinerseits alles
Her zwischen Gutachten und Gegengutachten getan, um Dr. Kern den Weg zu verbauen. In
mußte Professor Schettler zurückstecken. Es ließ Gerichtsgutachten teilte er schonungslos seine
sich nämlich zeigen, daß das strittige Herzleiden Meinung über ihn mit. „Richtig ist vielmehr, daß
nicht „auf die Grundlage einer allgemeinen trotz entsprechender Propaganda des Herrn Dr.
Gefäßsklerose" zurückzuführen war, weil bei Kern die von ihm veröffentlichten Befunde in so
diesem Patienten eine solche Sklerose nicht vorlag. hohem Maße unqualifiziert und abwegig sind, daß
Deshalb hieß es in der Urteilsbegründung, das sie in ernsthaften Gremien nicht einmal als
Gericht könne sich des Eindrucks nicht erwehren, Möglichkeiten diskutiert werden", erläuterte er den
Richtern. „Insgesamt muß man jedoch nach der

68
Lektüre seiner Publikationen zu dem Schluß
kommen, daß es sich um sehr sonderbare
Vorstellungen eines medizinischen Außenseiters
handelt.**
Zu unterschiedlich waren die charakterliche
Struktur und der wissenschaftliche Weg der
beiden, um irgendwelche Gemeinsamkeiten zu
eröffnen. Gotthard Schettler hatte als Student in
Tübingen seine Arbeit über den „Choleste-
rinhaushalt der Maus" vorgelegt. Die Maus kreißte
und gebar einen Berg, von dem böse Zungen
behaupten, es sei der Butterberg. Denn inzwischen
war Professor Schettler zum namhaftesten
Fettstoffwechsel-Forscher und Arterio-sklerose-
Experten des Landes avanciert.
Wollte Dr. Kern seiner Ansicht Geltung
verschaffen, dann mußte er über ein schier
unüberwindliches Massiv von Theorien und
Doktrinen zur Entstehung von Arteriosklerose und
Herzinfarkt hinweg.

69
3. Der Drahtzieher Professor Schettler stritt das rundweg ab. Man
würde sich an seiner Klinik nicht „allein mit
Als Leiter des Medizin-Ressorts der „Bunten Stoffwechselfragen und Gefäßveränderungen
befassen". Er machte auch vier Autoren namhaft,
Illustrierten" hatte ich immer wieder Berichte von
Lesern auf den Tisch bekommen, die begeistert die bei ihm auf dem Gebiet des Herzstoffwechsels
gearbeitet hätten.
über die Strophanthin-Behandlung des Dr.
Berthold Kern berichteten. Gleichzeitig wollten sie Ich versuchte, die briefliche Diskussion auf
weitere strittige Fragen auszudehnen, wurde aber
wissen, aus welchen Gründen diese Therapie keine
offizielle Förderung erfahre. Nach langem Hin und keiner Antwort mehr gewürdigt. Dafür bekam ich
Antwort von den vier Herzstoffwechsel-
Her erhielt ich vom
Bundesgesundheitsministerium in Bonn Spezialisten, die ich um Sonderdrucke gebeten
hatte.
schließlich die Auskunft, daß Professor Schettler,
Heidelberg, seinen Einfluß geltend gemacht hatte,
um Schritte von dieser Seite zu unterbinden. Herrn Professors Märchenstunde
Auf den Namen dieses Spitzenfunktionärs der
Medizin war ich bei Beschäftigung mit diesem Der erste schrieb, daß er „in den letzten Jahren
Thema schon mehrfach gestoßen. Vor allem wurde keine eigenen Untersuchungen über den
er häufig als Gegengutachter herangezogen, wenn Herzstoffwechsel durchgeführt habe". Der zweite
sich einer der Patienten Dr. Kerns an ein informierte mich darüber, daß Publikationen zum
Sozialgericht gewendet hatte. Auch war es das von Thema Herzstoffwechsel „von meiner Seite aus
ihm herausgegebene „Deutsche Medizinische nicht vorliegen". Von dem dritten erfuhr ich:
Journal" gewesen, das mit zwei abwertenden „Leider muß sich bei dem Gespräch mit Herrn
Stellungnahmen offiziell zur Attacke gegen Dr. Professor Schettler insofern ein Mißverständnis
Kern übergegangen war. Und was er den Ärzten in eingeschlichen haben, als ich selbst über das
seinem Fachblatt mitgeteilt hatte, legte er in Thema Herzstoffwechsel nicht gearbeitet habe."
Fernseh-Interviews der breiten Öffentlichkeit dar. Und der vierte sandte mir zwar einen Sonderdruck
Professor Schettler war also offensichtlich die über den Herzstoffwechsel zu, aber es handelte
richtige Instanz, um Hintergründe zu erfahren. sich um Untersuchungen über Vorgänge nach dem
Deshalb fragte ich schriftlich bei ihm an, ob es Infarkt und nicht etwa um die zur Diskussion
wirklich damit getan sei, neue Theorien einfach stehenden Prozesse, die zum Infarkt führten und
abzuqualifizieren; das Massensterben sei doch die man zu verhindern trachten mußte.
Anlaß genug, um alle Bestrebungen in die Über- Wozu diese falschen Hinweise? Glaubte Professor
legungen auf Abhilfe miteinzubeziehen. Schettler, mich so einfach loswerden zu können?
Professor Schettler erklärte mir daraufhin, man Zu meiner Überraschung mußte ich jedoch
müsse sich in der Wissenschaft davor hüten, erfahren, daß offensichlich doch nicht nur auf
attraktiv erscheinende Spekulationen als Tatsachen meiner Seite Interesse bestanden hatte. Eine der
zu bezeichnen. „Herr Kollege Kern" sei den Sekretärinnen unseres Hauses erzählte mir, sie
Beweis für seine Behauptungen schuldig habe ein etwas ungewöhnliches Gespräch im
geblieben. Überdies würde er selbst „das Problem Behandlungszimmer eines Arztes geführt. Nach
des Myokardinfarkts nicht nur mit einer Untersuchung im Städtischen Krankenhaus
Aufmerksamkeit verfolgen, sondern in Praxis und Offenburg habe sie der Leiter der Inneren
Experiment wissenschaftlich bearbeiten". Abteilung, Professor Dieter Herberg, gefragt:
Ich schrieb zurück, daß ich die von seiner Schule „Was für ein Mensch ist Herr Dr. Schmidsberger?
zusammengetragenen Fakten über Stoffwechsel- Welche Position und welchen Einfluß hat er? Hat
Prozesse sehr zu schätzen wisse, und bedauerte: er einen langen Arm im Burda-Verlag?" Auf die
„Leider habe ich in meinen Unterlagen über Ihre erstaunte Frage nach der Bedeutung dieser
Forschungen nur Material über Auswirkungen auf Erkundigung erfuhr die junge Frau, daß die „Bunte
die Gefäße, nicht aber auf den Myokard selbst." Illustrierte" sich eines heiklen Themas ange-

70
nommen habe, aufgrund dessen „sich jemand kranzgefäße mit nachfolgendem
angegriffen" fühle. Muskelzelluntergang in der von diesem Gefäß
Die Sekretärin hatte von den Hintergründen keine ursprünglich mit Blut versorgten Region."
Ahnung. Weil sie unbefangen wiedergab, was sie Getreu diesen Vorstellungen ist auch die Arbeit im
gehört hatte, war sie eine glaubhafte Zeugin. Ich „Klinischen Institut zur Erforschung des
zitiere ihre Aussage nach der damals Herzinfarktes Heidelberg" programmiert, dem
niedergelegten Aktennotiz. Professor Schettler vorsteht. Die Bedeutung dieses
Erkundigungen nach dem Grund dieser Instituts läßt sich daran ablesen, daß es in der
Bespitzelung erbrachten einen interessanten Öffentlichkeit als „deutsches Infarktzentrum"
Sachverhalt: Professor Herberg kam aus der bezeichnet wird und daß Professor Schettler
Universitätsklinik Heidelberg. Sein Arbeitsplatz seinerseits dort die „Infarktforschung zentrieren"
war früher bei Schettler gewesen. möchte.
Ich nahm mit Professor Herberg Verbindung auf. Erklärtes Ziel dieser Institution ist — wie könnte
In einem persönlichen Gespräch spielte er die es unter diesen Voraussetzungen anders sein? —
Aussagen der Sekretärin herab: Ein Kollege vom die Erforschung der Ursachen für die „koronare
„Deutschen Medizinischen Journal", der Professor Herzkrankheit". Obgleich der Zusammenhang von
Schettlers Briefe beantwortete, habe ihn in Arteriosklerose und Herzinfarkt noch nie bewiesen
Heidelberg auf die Korrespondenz mit mir wurde, also nichts weiter ist als — mit Professor
angesprochen. Nur deswegen habe er sich nach Schettlers Worten — eine „attraktive Spekulation",
mir erkundigt. werden Koronarsklerose und Herzinfarkt
Auch ich begann mich jetzt nach Professor identifiziert.
Schettler zu erkundigen, und die Auskünfte waren Das bedeutet: hier bestimmen Dogmen das
interessant genug. Zumindest konnte ich Dr. Kern Programm, hier wird die Forschung durch die
in Hinkunft nicht mehr widersprechen, wenn er Lehre bevormundet, hier wird das Herz nur durch
seine Überzeugung äußerte, daß dieser Mann der die Kanäle der Gefäße betrachtet. Zwar fand dieses
Drahtzieher hinter den Kulissen gegen ihn war. Er „Installateursdenken", das die Medizin dazu
trat mit der ganzen Macht seines Einflusses und geführt hat, buchstäblich in die Röhre zu schauen,
seiner Verbindungen dafür ein, daß die Lehre von schon herbe Worte der Kritik. Aber sie verhallte
der Entstehung des Herzinfarkts durch ungehört, obgleich sie von prominenten
Arteriosklerose unangetastet blieb. Fachkollegen kam.
Zwar erklärte er in einem Interview mit der Doch damit nicht genug. Denn die zentralisierte
Tagespresse: „Es bleibt unerfindlich, wie Herr deutsche Infarktforschung ist nicht nur einseitig
Kern behaupten kann, daß die Schulmedizin auf die Arteriosklerose eingeschworen. Professor
einzig und allein die Koronar-Arteriosklerose Schettler geht zudem davon aus, daß vor allem das
in Verbindung mit Blutgerinnseln (Thromben) Fett in der Nahrung Ursache der Arteriosklerose
für den Infarkt verantwortlich macht. Das ist sei — auch das ist eine attraktive, doch
schlicht falsch." mittlerweile unhaltbare Behauptung. Aber wenn er
von Arterioskleroseforschung spricht, denkt er
Die Forscher schauen in die weiterhin „insbesondere an bestimmte Fettarten".
Der Steuerzahler gibt Millionen dafür her, daß in
Röhre
Heidelberg mit einer Großküche experimentiert
wird. Aber was noch viel alarmierender ist:
Aber in einem Gerichtsgutachten bekannte er
solange die Forschung durch Lehrdogmen
Farbe: „Da der Herzinfarkt ausschließlich auf dem
manipuliert wird, solange ist jeder andere
Boden einer Arteriosklerose zustandekommt,
Lösungsversuch des Rätsels Herzinfarkt blockiert!
gelten für diese Leiden dieselben ätiologischen
Wohin solche Abhängigkeit von theoretischen
Vorbedingungen. Es handelt sich bei dem
Vorstellungen führt, kann an ihren
Herzinfarkt um einen Verschluß eines der Herz-
Auswirkungen abgelesen werden. Zur

71
Dokumentation ein Fall, der sich tatsächlich so Der Reporter konnte nur mühsam seine
abgespielt hat, wenn es auch unglaublich Verblüffung verbergen, als ihm sein
klingen mag. Gesprächspartner daraufhin eine sehr eigenwillige
Anatomie erläuterte: „Die Basisversorgung des
Wer krank ist, bestimme ich linken und des rechten Herzens ist getrennt an-
gelegt." Tatsächlich speisen beide Hauptstämme
Ein Patient wurde wegen Herzbeschwerden in die der Herzkranzgefäße jeweils Teile beider
Heidelberger Klinik eingeliefert. Dort registrierte Herzhälften. Dennoch erklärte der Professor
man überhöhten Blutdruck und ein abnormes rundheraus, die linke und die rechte Herzhälfte
EKG, Anlaß genug, um die Herzkranzgefäße des würden unabhängig voneinander mit Blut versorgt.
Patienten zu röntgen. Resultat: „Beide Gefangen von der eigenen Lehre ließ er wissen,
Coronararterien ließen sich bis zu ihren Endaus- daß er Zweifel an seiner Behauptung nicht gelten
läufen hin glatt verfolgen, keine wesentlichen lasse: „Das ist ganz klar!"
Kaliberunregelmäßigkeiten, keine stärkeren Aber solche Darstellungen werden auch durch eine
a
Bekräftigung nicht richtiger, durch eine
Stenosierungen.
Zusatzhypothese nicht glaubhafter: „Wir müssen
Damit war für Professor Schettler alles klar: der
davon ausgehen", erläuterte Professor Schettler,
Patient war gar nicht herzkrank. Was bedeutete es
„daß der Gefäßverschluß den linken Herzanteil
schon, daß er starke Schmerzen hatte, daß das
betrifft; einen Gefäßverschluß des rechten Herzens
EKG krankhaft verändert und der Blutdruck
gibt es eben nicht."
bedenklich erhöht war. Dem Kranken wurde
„Warum eigentlich nicht?" stellte ich die Frage in
suggeriert, er sei völlig in Ordnung: „Wir haben
der „Bunten Illustrierten", als mir diese Aussagen
versucht, nach dem günstigen Ausfall der Coro-
bekannt geworden waren. „Wenn man schon der
narographie den Patienten zu überzeugen, daß kein
Zwangsvorstellung unterliegt, daß rechtes und
objektives Korrelat für seine subjektiv sicherlich
linkes Herz getrennt versorgt werden, warum sollte
eindeutigen Herzbeschwerden besteht."
es dann rechts keine Verschlüsse geben?
Weil der Patient keine Arteriosklerose der
Arteriosklerose und Blutgerinnsel gibt es doch in
Herzkranzgefäße hatte, konnte er auch nicht
der rechten Kranzarterie genauso wie in der linken.
herzkrank sein — und wenn er noch so sehr litt.
Herr Professor Schettler ist offensichtlich Opfer
Professor Schettler kommt das unbestreitbare
seiner eigenen Theorie geworden: Infarkte
Verdienst zu, daß er die Koronar-Theorie des
kommen zwar tatsächlich nur links vor. Aber weil
Herzinfarkts mit gnadenloser Konsequenz wider-
die Theorie verlangt, daß sie durch
spruchsfrei zu einer geschlossenen Einheit
Gefäßverschlüsse entstehen, schreibt der
vollendet hat. Denn erst das folgerichtige
Arteriosklerose-Professor der Natur vor, sie müsse
Zuendeführen macht die Unhaltbarkeit dieses
rechts und links getrennte Arterien haben, dürfe
Denkmodells in aller Schärfe sichtbar.
außerdem nur die linke davon verschließen. Damit
Wie konsequent Deutschlands „heimlicher
wird das Wissenschafts- verfahren auf den Kopf
Herzpapst" in seinen wissenschaftlichen
gestellt: Wir hätten danach nicht mehr von der
Vorstellungen ist, zeigte sich in dem von ihm in
Natur auszugehen, um unsere Theorien nach der
Heidelberg zitierten Fernseh-Interview für „Report
Wirklichkeit zu formen, sondern umgekehrt."
München". Dieter Hanitzsch wollte von Professor
Schettler wissen, wie die arteriosklerotische
Gefäßverschluß-Theorie folgendes Phänomen Warum die Herzpille boykottiert
erkläre: Herzinfarkte sitzen nur in der linken wurde
Kammer. Herzkranzgefäße versorgen aber jeweils
beide Kammern. Bei einem Verschluß müsse also Seither scheint Professor Schettler der Gedanke an
auch die rechte Kammer in Mitleidenschaft „Report** und „Bunte" zu belasten, er klagt über
gezogen werden, das heißt einen Infarkt erleiden. Manipulation, sieht sich gefährdet und

72
ausgeliefert. Zumindest gestand er aber in Gesundheitsministerium vereitelt. Aber wie es
Heidelberg zu, daß er sich „nicht als scheint, ist nicht nur Dr. Kern den Beweis für die
pathologischer Anatom kompetent" fühle. Wirksamkeit seiner Therapie schuldig geblieben.
Aber er fühlte sich immer noch kompetent, über
orales Strophanthin zu richten, den
„therapeutischen Erfolg" mit diesem Medikament
anzuzweifeln. Denn auch auf diesem Gebiet hatte
er sich rückhaltlos festgelegt.
Wie sehr er seinen Einfluß zum Boykott dieser
Arznei geltend gemacht hatte, erläuterte Professor
Spang in einem Interview mit einer Tageszeitung:
»Die Meinung von Schettler hat seit Jahren alle
Klinikärzte bewogen, Strophanthin beim
Herzinfarkt nicht anzuwenden."
In einem Fachblatt schrieb dieser selbst: „Über die
prophylaktische Wirkung oraler
Strophanthingaben (Kern) ist eine ernste
Diskussion nicht möglich, es sei denn, man benützt
die Droge als Placebo." Placebo heißt soviel wie
Attrappe. Solche Scheinmedikamente werden vor
allem bei Doppelblindversuchen eingesetzt, um die
Wirksamkeit eines anderen Präparates im
Vergleich testen zu können.
Doch was als witziger Verriß gedacht ist, kann
unversehens zum Bumerang werden. Denn
Professor Schettler hat selbst ein Medikament
propagiert. Es soll den Fettspiegel im Blut senken
und auf diese Weise der Ausbildung einer
Arteriosklerose und damit dem Herzinfarkt
vorbeugen. Dieses „Lipostabil" erzielte in einem
Jahr einen Umsatz von 16 Millionen Mark und ist
marktbeherrschend auf diesem Gebiet. Um so
überraschender war es, als die Ärzte mit folgender
Meldung konfrontiert wurden:
„Lipostabil-Kapseln — in Belgien mangels
Wirksamkeits-Nachweis aus dem Verkehr
gezogen", berichtete das „Arznei-Telegramm". Es
wurde im Regierungsanzeiger verkündet:
,existieren Gründe dafür, daß die Wirkungen der
Arzneispezialität Lipostabil-Kapseln ungenügend
gesichert sind/ Auch in anderen Staaten wie
Schweden und den USA, deren Arzneimittel-
Gesetzgebung nur das Inverkehrbringen wirksamer
Medikamente gestattet, ist Lipostabil nicht im
Handel."
Ungenügend gesichert ... Mit dieser Begründung
hatte Professor Schettler eine klinische Prüfung
des oralen Strophanthins beim

73
4. Kerngesunde Herzkranke sorgen, daß kein Stein von Dr. Kerns
Gedankengebäude auf dem anderen blieb und alles
Es genügte den Vertretern der Schulmedizin nicht, in Scherben fiel.
Jetzt hatte Professor Spang begonnen, den
daß sie Dr. Kerns Statistik verworfen hatten. Nach
dem Erfolgsnachweis seiner Therapie sollten auch Nachweis zu führen, daß Dr. Kerns Patienten in
Wirklichkeit gar nicht herzkrank waren. Es gab
deren Voraussetzungen disqualifiziert werden.
Professor Spang aus Stuttgart, der sich mit Dr. kaum ein wirkungsvolleres Mittel, um Dr. Kern als
Wissenschaftler unmöglich zu machen. Professor
Kern schon so manches Scharmützel geliefert
hatte, ließ sich die Gelegenheit im Schutz der Beyer aus Berlin ließ die Sprengladung
hochgehen:
Übermacht nicht entgehen, um dem Lokalrivalen
das Handwerk zu legen. Der Statistiker Professor „Wir sehen, daß bei den Kern'schen Symptomen
nicht ein einziges Symptom dabei ist, das dazu
Koller hatte aus der geringen Todeszahl in Dr.
Kerns Praxis die Folgerung abgeleitet, daß er die berechtigen würde, eine Angina-pectoris-
Krankheit anzunehmen. Hier steht — ich darf
Sterbefälle nicht vollständig erfaßt habe. Professor
Spang zog einen anderen Schluß daraus: vorlesen: »Herzbrennen, Herzkrampf,
Herzstechen, Herzdruck, ausstrahlende Rheuma-
„Ich glaube, daß vielleicht ein Grund für diese
Untersterblichkeit doch das jugendliche Alter ähnliche Schmerzen in die linke Schulter und die
linke Rückenseite, Kloßgefühl im Hals .. .'"
mancher Patienten in der Patientengruppe von
Herrn Kern sein könnte. Es ist eine ganze Reihe
von Leuten darunter, die zwanzig Jahre alt sind „In ein Wahnsystem verstrickt"
und nur wenig darüber.**
Zwanzigjährige Patienten, die als infarktgefährdet Professor Beyer unterbrach sich zu einer
betrachtet wurden? Was sollte man von einem Arzt Zwischenbemerkung: „Wir alle kennen die
halten, der solche unrealistischen Ansichten Patienten, die ein Kloßgefühl im Hals haben; die
vertrat? Wie kam er dazu, seinen Patienten sind eher für die neurologische Abteilung als für
widersinnig eine Herztherapie zuzumuten? uns!"
Professor Spang sprach es aus: Nach beifälligem Gelächter und zustimmenden
„Eine sehr große Schwierigkeit für das Gespräch Zwischenrufen las er weiter: „Kurzatmigkeit und
mit Herrn Kern ist folgendes: Er hat gerade gesagt, rasche Ermüdbarkeit, Unverträglichkeit des
man könne den Herzkranken mit dem Diabetiker Liegens auf der linken Seite, Aufwachen nach ein
vergleichen. Was aber ein Diabetiker ist, wissen paar Stunden Schlaf ...' — wer wacht nicht nach
wir sehr genau; da können wir ja ein paar Stunden Schlaf auf? — ,. . . Atemnot beim
Blutzuckerprüfungen und sonstige Sachen machen, Liegen, Zeichen einer Herzinsuffizienz.'"
das ist also einwandfrei festzustellen, ob einer nun Um aufzuzeigen, welche unhaltbaren Kriterien Dr.
Diabetiker ist. Ob einer aber herzkrank ist im Kern für seine Diagnose heranzog, stellte er
Sinne der Herzkranken, die Herr Kern in seiner diesem Zitat die Feststellungen des
Statistik hat, dürfte zu größeren Differenzen Anlaß amerikanischen Kardiologen Professor White
geben." gegenüber: „,Kurze Dauer der Schmerzen,
Starker Beifall belohnte diese Attacke. Professor Auslösung der Schmerzen bei Armbewegungen,
Spang hatte damit zur Sprengung der Fundamente Auslösen der Schmerzen durch tiefes Atemholen*
angesetzt, auf denen Dr. Kern aufbaute. Die — damit meint er die Schmerzen durch muskuläre
Reaktion des Auditoriums zeigte, daß die Vertreter Verspannungen, durch Neuralgie."
der Schulmedizin nur darauf lauerten, die Thesen Professor Beyer zog ein vernichtendes Fazit: „Ich
des Außenseiters ad absurdum zu führen. Waren meine, daß der Grund für die unterschiedliche
sie doch nur deshalb in Heidelberg zusam- Statistik in der völlig unterschiedlichen
mengetroffen, um den „schweren Zusammensetzung des Krankengutes liegt. Ich bin
Anschuldigungen" entgegenzutreten, die er gegen gern bereit, Herr Kern: Schicken Sie mir die 16
sie erhoben hatte. Sie wollten offenkundig dafür
74
000. Ich werte sie Ihnen in vier Wochen aus und
sage Ihnen, wer was gehabt hat und wer nicht!**
Dr. Kern und die Mitglieder seines Arbeitskreises
hatten über viele Jahre hinweg die Frühstadien
einer Schädigung des linken Herzens, die
Vorstadien der Herzattacken zu erkennen versucht.
Sie hatten nach genauen Beobachtungen einer
großen Zahl von Patienten einen Komplex von
Symptomen erfaßt, der ihnen eindeutige Anhalts-
punkte bot. Sie waren auf Neuland vorgestoßen
und standen vor der unlösbaren Aufgabe, die
registrierten Krankheitszeichen meßtechnisch zu
erfassen. Deshalb mußten sie sich auf subjektive
Angaben verlassen — „dürftige Symptome" nach
dem Urteil der auf objektivierbare Daten
festgelegten Naturwissenschaftler. Da die im Saal
Versammelten keine Bereitschaft zeigten, für die
grundsätzliche Problematik Verständnis
aufzubringen, stand Dr. Kern von vornherein auf
verlorenem Posten.
Moderator Professor Wollheim war zu diesem
Zeitpunkt nicht mehr sonderlich darum bemüht,
sich den Anschein zu geben, als stünde er über den
Parteien. „Das subjektive Empfinden des Patienten
ist leider die schlechteste Richtschnur, die wir für
die Beurteilung irgendeines therapeutischen
Vorgehens haben", belehrte er Dr. Kern. „Wir
leben ja nicht mehr im Zeitalter einer rein offen-
barten Medizin, sondern einer
naturwissenschaftlich arbeitenden Medizin."
Solange Blutchemie, Blutdruck,
Elektrokardiogramm, Röntgenbild noch keine der
genormten, allgemein als gültig anerkannten
Veränderungen zeigten, war ein Patient also als
herzgesund anzusehen. Die vom Patient angege-
benen Symptome wurden als
Muskelverspannungen, Nervenschmerzen,
Störungen im Verdauungstrakt gedeutet.
Folgt man diesen Auslegungen, dann hatten Dr.
Kern und die Mitglieder seines Arbeitskreises über
Jahrzehnte hinweg Herzgesunde als herzkrank
behandelt, und es war nicht weiter erstaunlich, daß
sie bei solchen Patienten keine Infarkte erlebten.
Wie hatte Professor Halhuber doch immer schon
behauptet? Berthold Kern und „seine Jünger"
hätten sich „paranoid" in ein „geschlossenes
Wahnsystem" verstrickt ...

75
5. Das Herz schlägt Alarm Übermüdung lag sie dann stundenlang wach, die
Angstvorstellungen drängten ihr Selbstmord-
Die 53jährige Haushälterin Rosa M. kam mit einer absichten auf.
Dazu kam das Ziehen in der linken Ellenbeuge, der
entzündlichen Rötung im Gesicht in die Praxis von
Dr. Kern. Nach Injektionen klang der Ausschlag „Rheumatismus" in der linken Schulter. Unter tags
befiel sie manchmal Schwindel, sie mußte sich
innerhalb weniger Tage ab. Doch die Frau klagte
über Schmerzen an der Einstichstelle in der linken dann auf der Straße an eine Hauswand stützen. So
schleppte sie sich über Jahre dahin, bis sie mit
Ellenbeuge. Der Arzt fand dort keine Rötung,
keine Schwellung, ja nicht einmal eine ihrem Ausschlag in die Praxis von Dr. Kern geriet.
Die Frau sprach sofort auf die
druckempfindliche Stelle. Es fiel ihm jedoch auf,
daß die schmerzende Region im Herzmuskelbehandlung an. Was in langen Jahren
keines der vielen Nerven- und Schlafmittel erreicht
Ausstrahlungsbereich des linken Herzens lag.
»Haben Sie diesen Schmerz schon öfters gehabt?" hatte, bewirkte ein Herzmittel in wenigen Tagen.
fragte er.
Die Frau wendete den Blick auf den Boden und „Der Konflikt zwischen Befinden
sagte stockend: „Ja. Schon — schon seit vielen und Befunden"
Jahren."
„Mehr tags oder nachts?" In seinem Buch „Die Strophanthinbehandlung"
„Anfangs nur nachts. Aber jetzt habe ich es unter charakterisiert Dr. Kern die Situation: „Der Arzt
tags auch schon." Dr. Kern war hellhörig erlebt an seinen ,nervös* Herzkranken oft die
geworden. „Waren Sie eigentlich nie wegen Ihres eindrucksvollsten Szenen seiner Herzpraxis. Die
Herzens in Behandlung?" fragte er. objektive Wissenschaft ahnt nur selten, was sie
Die Frau brach in Tränen aus. Zwischen dem Subjekt des Kranken mit der leicht
Weinkrämpfen und gutem Zureden brachte sie ihre hingeworfenen, nichts sagen sollenden Diagnose
Geschichte heraus. Schon vor zehn Jahren sei sie ,nervöse Herzstörung' antat. Die Kardiologie ist
beim Arzt gewesen, weil ihr das Herz so oft weh ihren paar diagnostischen Maschinen — besonders
tat und bei Anstrengungen bis zum Halse schlug. EKG und Röntgen — gegenüber so gläubig, so
Er habe dem keine Bedeutung zugemessen. hörig geworden, daß sie die Fülle der maschinell
Im Lauf der Jahre spürte Rosa M. zunehmende Be- noch unerkennbaren Leiden nicht mehr zu
schwerden. Vor allem im Herzen. Meistens fühlte erkennen, ja dann — zur eigenen Rechtfertigung
sie sich müde. Nachts erwachte sie oft nach — auch nicht mehr anzuerkennen vermochte,
Angstträumen und lag daraufhin mit sorgenvollen sondern nur noch desinteressiert ins Vakuum
Gedanken wach. Manchmal fürchtete sie, die »nervös* verdrängen konnte."
Brustbeengung würde sie ersticken. Was aus dieser Einstellung erwachsen war, konnte
Ein Herzspezialist, den sie aufgrund dieser er in Heidelberg erfahren. Professor Spang schrie
Symptome aufsuchte, verschrieb ihr ein ihn an: „Herr Kern, ich habe Sie gefragt, warum
Schlafmittel und erklärte: „Sie sind gesund. Was Sie nicht immer Röntgenbilder machen, weshalb
Sie da erzählen, bilden Sie sich alles nur ein. Die Sie kein Belastungs-Elektrokardiogramm machen!
Schmerzen, die Sie sich einreden, sind rein nervös Sagen Sie doch: Ich glaube dieser Methode nicht,
bedingt." Daraufhin beschloß die Patientin, nie ich will vom Röntgenbild nichts wissen, ich will
mehr einem Arzt gegenüber von ihren Schmerzen kein Ergometer machen! Sie reden immer um den
zu sprechen. Seit Jahren grübelte sie darüber nach, Brei herum. Es werden konkrete Fragen gestellt,
ob sie hysterisch sei. und Sie beantworten sie nicht. Also zum Beispiel:
Inzwischen steigerten sich ihre Beschwerden. Sie bestimmen Sie einen Menschen als herzkrank,
wurde zunehmend rascher ermüdbar und ohne ein Röntgenbild zu machen? Ja oder nein!
kurzatmig, das nächtliche Aufwachen war jetzt fast Antworten Sie doch einmal!"
regelmäßig. Oft fuhr sie mit einem Schrei empor,
am ganzen Körper naßgeschwitzt. Trotz
76
Hier taten sich zwei verschiedene Welten auf. Schizoiden findet, er neigt zur Verliebtheit in sich
Schon 1951 hatte Dr. Kern zu diesem Komplex selbst, ähnlich dem Narzißmus, und er
geschrieben: „Die Maschine hat es immer nur mit vernachlässigt Freunde und Bekannte. Er ist
ein oder zwei Befunden des Kranken zu tun, und „körperlich und seelisch überempfindlich,
sie hat auch bestimmungsgemäß das Recht dazu. krisenabhängig, neurotisch, krankhaft ängstlich,
Indem sich die Medizin bestimmungswidrig der offen feindselig, leicht erregbar, klagend,
Maschine unterordnet, erzeugt sie darüber hinaus, jammernd, unzuverlässig".
was es doch gar nicht geben kann: einen Konflikt Zwar gilt der Schmerz den Ärzten als Hüter der
zwischen Befinden und Befunden. Der Kranke hat Gesundheit, doch ist er der naturwissenschaftlich
Schmerzen am Herz, und der Arzt beweist ihm aus orientierten Medizin insofern ein Ärgernis, als er
dem EKG, daß er gar keine haben kann: so weitet weder gemessen noch gewogen noch sonst auf
sich der Fehler auch noch zum Konflikt zwischen irgendeine Weise verläßlich objektiviert werden
Kranken und Arzt aus.* kann. Andererseits ist es nach den Erkenntnissen
der Spezialisten gefährlich, wenn echte Schmerzen
„Die nützlichste Neurose der nicht ernst genommen werden, da auf diese Weise
neurotische Fehlentwicklungen in Gang gesetzt
Welt"
werden können.
Moskauer Wissenschaftler weisen darauf hin, daß
Wohin dieser Konflikt geführt hat, zeigen die
sogenannte rein vegetative Störungen organische
Feststellungen des amerikanischen
Ursachen und Wirkungen haben: „Neurovegetative
Nervenspezialisten Professor Frederick
Dysfunktionen lenken nicht nur als eine häufig zu
Whitehouse. Nach seinen Schätzungen leben heute
beobachtende Form der Pathologie die
20 Millionen Amerikaner, die Herzschmerzen
Aufmerksamkeit auf sich, sondern auch als frühe
ohne Herzkrankheit haben: „Welche bessere
Phase vieler Erkrankungen verschiedener Systeme
Ausrede für Versäumnisse oder Versagen gibt es,
des Organismus." Deshalb sei es wichtig, nach
als Herzzustände zu haben. Man wird mit
organischen Veränderungen als Ausgangspunkt
Besorgnis umgeben, man kann in einer Vielfalt
solcher vegetativen Erkrankungen zu suchen, auch
von Symptomen schwelgen, man kann seiner Um-
wenn sie schwierig zu erkennen sind: „Der
welt Kurzatmigkeit vorkeuchen und ein blasses
Fortschritt der Medizin, der mit der Einführung
oder gerötetes Gesicht zeigen. Außerdem finden
präziser Geräte verbunden ist, hat aber auch seine
all diese Symptome ihre innere Rechtfertigung
Kehrseite: die Tradition einer feinen individuellen
durch Pulsbeschleunigung und Herzschmerzen."
klinischen Beobachtung ist im Schwinden
So ist für Professor Whitehouse eine
begriffen. Erkrankungen, denen psychovegetative
Herzkrankheit „die nützlichste Neurose der Welt,
Störungen zugrundeliegen, unterliegen häufig
sie kann als Schild oder als Waffe benützt
noch nicht der Technisierung."
werden". Wer gehört seiner Ansicht nach zu den
Eine Gruppe von Wissenschaftlern der
eingebildeten Kranken? Meist sind es Frauen, die
Heidelberger Universität untersuchte die
als „gute Schauspieler" ihre Symptome wie
Zusammenhänge zwischen Schmerzsymptomen
Schmerzen im Brustraum, Herzstolpern, Atemnot
und dem Infarktrisiko: „Ganz besonders
dramatisieren. Sie fühlen sich schon morgens nach
interessante Hinweise scheinen uns die Zahlen zu
dem Aufstehen wieder müde, klagen fast die ganze
liefern, die das relative Risiko, an einem
Zeit über Müdigkeit und fehlende Initiative.
Herzinfarkt zu erkranken, angeben. Hier zeigt sich
Professor Whitehouse zieht daraus den Schluß:
bei Personen mit subjektiven Symptomen ein
„Der Patient fühlt sich kränker als ein organisch
größeres Risiko als bei Personen ohne diese
Herzkranker."
Symptome", heißt es in der Auswertung der
Er zeigt nach dieser Darstellung eine Neigung zur
Ergebnisse. „Man kann also sagen, daß sowohl bei
Kontaktscheu und wirkt in sich gewandt, wie man
Frauen als auch bei Männern in dieser
das etwa beim Geistesgestörten vom Typ des
Altersgruppe eine Beziehung zwischen subjektiven

77
Symptomen und objektiven Befunden besteht ... Da und Schmerzen durch seine Entdeckung einer
wir wissen, daß etwa zwei Drittel aller Personen Blut-Nerven-Schranke aufgeklärt.
mit typischen Angina-pectoris-Symptomen Nerven sind empfindlich gegen Übersäuerung.
keinerlei Veränderungen im EKG aufweisen, Deshalb sind sie von Hüllen umgeben, die aus
würde man diese Probanden nicht finden, sofern mehreren Wicklungen bestehen. Diese Hüllzellen
der EKG-Befund nicht durch gezielte Befragung regeln den Säurewert ein. Durch Verletzung oder
ergänzt würde." unter langwährender Übersäuerung wird diese
Hülle gestört, der Säurewert im Nerven sinkt ab.
„Rechtzeitige Behandlung ist Auslösung von Schmerzen ist die Folge. Bekannt
ist der Fall, daß bei „schlecht eingestellten" und
entscheidend'
deshalb übersäuerten Zuckerkranken der Einstich
einer Injektionsnadel sehr schmerzhaft ist; sinkt
Offensichtlich zieht die Medizin in letzter Zeit
jedoch der Zuckerspiegel nach Insulingabe ab,
doch wieder mehr und mehr die subjektiven
dann ist der Patient auch nicht mehr so
Angaben der Patienten heran, um ihre Diagnose
schmerzempfindlich.
abzurunden. Das läßt sich auch den
Auch hat wohl schon jeder erlebt, wie ein kranker
Fachzeitschriften entnehmen, in denen es zum
Zahn schmerzt, wenn er mit Zucker in Berührung
Beispiel heißt:
kommt. Der Säurewert in den Nerven, deren
„Der Mensch ist keine Maschine. Die
Schranke schon vorgeschädigt ist, sinkt weiter ab,
entscheidende erste Phase der Gesundheitsstörung
die Zahnschmerzen nehmen zu.
läßt sich weder chemisch noch physikalisch
Ähnlich ist es im Herzen. Schon im
erfassen, sondern nur persönlich von Arzt zu
Anfangsstadium, beim Entstehen der „toten
Mensch. Durch die allgemeinen Vorsorge-
Pünktchen", spürt der Kranke das Ziehen,
untersuchungen für Sozialversicherte wurde erneut
Brennen, Stechen der übersäuerten Nerven. Die
in großem Maßstab bestätigt, was vorher schon,
Natur hat ein vorzügliches Warnsystem
aber vielleicht nicht so eindeutig bekannt war:
eingerichtet.
auch beim gesundheitlich schon stärker
Geschädigten, zum Beispiel beim Herz-Kreislauf-
Kranken, ist das Labor blindy liefert keine Befunde „Beschwerdefrei ist auch
in einer Phase, die gerade für die rechtzeitige Be- infarktfrei"
handlung entscheidend ist."
Die erste entscheidende Phase der „Die Behandlung wird der am besten vornehmen,
Gesundheitsstörung des Herzens stellten Dr. Kern der aus den gegenwärtigen Leiden die zukünftigen
und seine Mitarbeiter, um sich nicht auf vorhersieht", hatte schon Hippokrates gelehrt. Will
Einzelsymptome verlassen zu müssen, anhand der Arzt einer Vorschädigung des Herzmuskels
eines Beschwerden-Komplexes fest, den sie als entgegenwirken, muß er so rechtzeitig behandeln,
Standard-Syndrom bezeichneten. „Der Mensch an daß kleinere oder größere Narben gar nicht erst
sich selbst, sofern er sich seiner gesunden Sinne entstehen können; denn Nekrosen, zerstörte
bedient, ist der größte und genaueste physikalische Gewebsbezirke, sind später auch durch das beste
Apparat, den es geben kann, und das ist eben das Mittel der Welt nicht mehr rückgängig zu machen.
größte Unheil der neueren Physik, daß man die „Auftreten von Herzschmerzen bedeutet
Experimente gleichsam vom Menschen ab- Übersäuerung im Herzmuskel", beschreibt
gesondert hat, und bloß in dem, was künstliche Professor von Ardenne diese neuen Erkenntnisse
Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja was sie in seiner Autobiographie. „In den meisten Fällen
leisten kann, dadurch beschränken und beweisen sind diese Schmerzen mäßig, weil die Über-
will*, hatte Goethe erkannt. säuerung nur in Mikrobezirken des Herzmuskels
Inzwischen hat Professor von Ardenne das stattfindet; häufen sich solche Fälle, so findet der
gleichzeitige Auftreten von Gewebsschädigungen Pathologe später auf dem Seziertisch eine Unzahl

78
meist schon vernarbter Kleinnekrosen, die in ihrer
Summe das Herz stark vorschädigen und die
Wahrscheinlichkeit eines Infarktes mit dem
Endstadium der Großnekrose sehr erhöhen." Von
Ardenne bezeichnet es deshalb als »schicksalhaft
für den betroffenen Menschen", daß er es durch
die richtige Behandlung „gar nicht erst zu lange
anhaltenden Herzschmerzen kommen läßt".
Immer noch werden Herzschmerzen als „rein
nervös" abgetan, als „vegetative Dystonie*
bagatellisiert, als Schmerzen der
Skelettmuskulatur, des Verdauungstraktes oder als
von der Wirbelsäure ausstrahlende Schmerzen
verkannt. Zweifellos treten auch solche Symptome
häufig auf. Das darf aber nicht dazu führen, daß
echte Herzschmerzen als nicht existent betrachtet
werden. Solange Herzschäden im Frühstadium
noch nicht apparativ erfaßt werden können, muß
diese Warnung der Natur ernst genommen werden.
Übrigens kann der Arzt in der Sprechstunde
innerhalb von zehn Minuten klären, ob die
Schmerzen vom Herzen kommen oder nicht: Sind
es echte Herzsymptome, dann sind sie nach
Verabreichung von Strophanthin binnen dieser
Zeitspanne verschwunden. Der Schnelltest mit
Strophanthin gehört mit zur Befunderhebung in
den Praxen des Arbeitskreises von Dr. Kern.
Das Beschwerdebild der Herzschädigung basiert
auf Beobachtungen vieler Ärztegenerationen und
hat mit der Zunahme der Herzerkrankungen in den
letzten Jahrzehnten große Bedeutung gewonnen.
Darum formulierte Dr. Kern drastisch:
„Beschwerdefrei ist auch infarktfrei."

79
80
IV. Kapitel

Der Rache letzter Akt


1. „Sie kommen noch vor Lymphbahn. Nur wenn ein Medikament
ausreichend resorbiert wird, kann es die ge-
den Staatsanwalt!" wünschte Wirkung entfalten. Außerdem muß die
Resorption zuverlässig, also gleichsam genormt
Die Schlacht war geschlagen. Nach der sein, um nicht durch eine zu geringe Menge des
fünfstündigen Kampagne der Pathologen, Stati- Pharmakons den Erfolg in Frage zu stellen oder
stiker, Kliniker wirkte Dr. Berthold Kern wie am durch ein unkontrolliertes Zuviel die Gefahr einer
Ende seiner Kräfte. Dennoch bereiteten sich seine Schädigung, also etwa einer Vergiftung
Gegner in einer Imbiß-Pause darauf vor, den herbeizuführen.
entnervten Außenseiter noch so weit zu demütigen, Keine der strittigen Fragen in diesem Herzinfarkt-
daß in Zukunft ein mokantes Zucken der Streit hatte aber zu derart heftigen
Mundwinkel, ein abschätziges Wort genügte, um Meinungsverschiedenheiten Anlaß gegeben wie
jede weitere Diskussion über das eigentliche die Diskussion um die Resorption des oral
Thema, die perorale Strophanthintherapie, von verabreichten Strophanthins.
vornherein im Keim zu ersticken. Jetzt wurden Dr. Kern Messungen mit radioaktiv
Die Vertreter der Schulmedizin hatten sich und markiertem Strophanthin entgegengehalten. Dabei
ihre Auffassungen von der Sachlage für die war die Konzentration der Radioaktivität im Blut,
Öffentlichkeit bestens zu präsentieren verstanden. im Kot und im Urin festgestellt worden. Aus der
Dr. Kern hingegen war ein denkbar schlechter Menge der Ausscheidungen hatte sich ergeben,
Anwalt seiner Sache gewesen. Seine Darlegungen daß die Resorption nicht mehr als etwa zwei bis
nahmen sich gegenüber den Argumenten der drei Prozent betragen konnte. Damit deckten sich
versammelten Widersacher reichlich verworren die Ergebnisse moderner Untersuchungsmethoden
aus und schienen für mangelndes Urteilsvermögen mit den Berechnungen der älteren Verfahren.
zu zeugen, das eine Wahnidee für den
Hausgebrauch mit einer Erfindung von
Zweimal sollte die Herzpille
Weltgeltung verwechselt.
Er hatte die Prominenz der deutschen Kardiologen
verboten werden
herausgefordert, ihre Qualifikation in Frage
gestellt und ihr „geistiges Unvermögen" verspottet. Diese zwei oder drei Prozent waren immer schon
Die streitbaren Professoren hatten den als „ungenügende Resorption** angesehen, das
Fehdehandschuh aufgenommen und ihrem Medikament deshalb als wirkungslos abgelehnt
unbotmäßigen Kollegen bewiesen, daß sie ihm in worden. Die Beurteilung spannte sich vom
rhetorischer Auseinandersetzung hoch überlegen „Irrtum** und „Unsinn** bis zur „Karikatur**
waren nicht nur an Zahl. Jetzt wollten sie den Sieg und „Katastrophe**. Die einen erläuterten: „Orales
auch auskosten, den Gegner zum Strophanthin muß man schon kiloweise verfüttern,
wissenschaftlichen Offenbarungseid treiben, ihn in damit es wirkt.** Andere waren gar der Ansicht:
jeder Hinsicht demütigen. „Man kann dieses Zeug eimerweise trinken, ohne
Die Pharmakologen versuchten darzutun, wie jeden Erfolg.**
„nutz und sinnlos" -nach den Worten Professor Schon 1951 war daher in der Bundesrepublik
Schettlers -die von Dr. Kern angewandte Deutschland der Versuch unternommen worden,
Behandlungsmethode wirklich war. Sie mußten das Medikament zu verbieten. Er mußte scheitern,
aber schon sehr grobe Argumente gebrauchen, da seine Verwendung im Deutschen Arznei-Buch
wollten sie das Vorhergegangene noch übertreffen gesetzlich verankert ist. Auch ein zweiter Vorstoß
und ein rauschendes Finale erreichen. Das erste war danach mißlungen: diesmal der Versuch,
Stichwort hieß „Resorption". orales Strophanthin für den Gebrauch in der
Darunter versteht die Medizin die Aufnahme von Kassenpraxis zu verbieten, weil es unwirksam und
Arzneimitteln über den Verdauungstrakt, über deshalb unwirtschaftlich sei.
Haut oder Schleimhaut in die Blut- oder
Inzwischen hat Professor von Ardenne ablehnende Haltung nicht mehr ganz so starr sei
nachdrücklich darauf hingewiesen, daß Messungen wie früher:
mit radioaktiv markiertem Strophanthin wegen des
Zerfalls der Moleküle zu falschen Ergebnissen Strophanthin darf nicht verdünnt
führen müßten. Er selbst errechnete eine
werden
Resorptionsquote von 50 bis 100 Prozent. Das ent-
spricht anderen Untersuchungen, bei denen
vergeblich nach nichtresorbierten Strophanthin- „Ich freue mich, daß jetzt in der letzten Zeit die
Resten im Darm gesucht worden war. Wenn aber Meinungen doch dahin konvergieren: Jawohl, eine
nichts zu finden war, dann bedeutete das: das Wirkung hat es, sie ist bloß ungleichmäßig. Nun
Medikament wurde 100prozentig aufgenommen. ist es die Frage: Warum ist sie ungleichmäßig?"
Die Formel „ungenügende Resorption, deshalb Und er strich heraus: „Es hängt von der
wirkungslos" befriedigt allerdings auch aus Verdünnung oder Konzentration ab. Darauf
anderer Sicht nicht. Denn man kann beispielsweise möchte ich immer und immer wieder hinweisen."
nicht verhindern, daß Eisenpräparate nach dem Auf diesen Punkt war er im Verlauf der
Einnehmen zum größten Teil ungenützt der Diskussion schon mehrfach zu sprechen
städtischen Kanalisation zugeführt werden. Des- gekommen. Die Wirkung oral verabreichten
halb wird ein solches Medikament so hoch dosiert Strophanthins hänge davon ab, daß eine einmalige,
eingenommen, bis die Resorption eben kurzfristige Konzentration im Blut zustande
ausreichend ist. Warum sollte das für orales komme. „Die gleiche Strophanthinmenge ist völlig
Strophanthin nicht gelten? wirkungslos, wenn sie stark verdünnt wird. Sie hat
„Es gibt zwar manche Therapieformen, von der eine geringe und schwache Wirkung, wenn sie nur
andere Medizinschulen nichts halten", beurteilte wenig verdünnt wird. Je stärker sie konzentriert
Dr. Kern damals diesen Resorptionsstreit. „Aber ist, desto mehr wirkt die gleiche Menge*, erläuterte
keiner von ihnen wird solcher Affekt Dr. Kern und brachte ein Beispiel:
entgegengebracht wie dieser ursprünglich aus der „Wir sehen es auch in der Praxis immer wieder.
Hochschule stammenden oralen Dem Patienten wird genau erklärt, wie er es
Arzneibehandlung. Und auch das erst, seit sich nehmen soll. Er kommt dann nach einigen Wochen
diese klassische Therapie für neue kardiologische wieder, man fragt: ,Wie sind die Symptome?'
Erkenntnisse und Erfolge bewährt hat.« Antwort: ,Es hat sich nichts gebessert.* Dann die
In Heidelberg erklärten die Pharmakologen: „Kein erste Frage: ,Wie haben Sie es genommen?' Ant-
Mensch wird behaupten, daß Strophanthin, oral wort: ,Nun, ich habe es nach dem Essen, auf vollen
gegeben, überhaupt nicht resorbiert wird." Jetzt Magen heruntergeschluckt.' — ,Aha', sagt man
hätte eigentlich Einspruch vom Tisch der dann, ,so hat es natürlich auch nicht nützen
Vorsitzenden kommen müssen. Denn Professor können.' Wir wissen alle, daß das orale
Wollheim hatte das früher sehr wohl behauptet, Strophanthin vielfach falsch angewendet wird,
und Professor Schettler hatte daraus gefolgert, jede zum Beispiel in einem Glas Wasser die Tropfen
Wirkung dieses Medikaments sei nichts als Einbil- aufgelöst und nach dem Essen heruntergetrunken.
dung. Aber offenbar ging es weniger um klare Damit ist natürlich die Verabreichung vollkommen
wissenschaftliche Aussagen als grundsätzlich nur wirkungslos."
darum, orales Strophanthin zu verketzern, egal mit Professor Schettler demonstrierte, wie sehr
welchen Argumenten. Deshalb schlossen die Denkgewohnheiten einer Schule dazu führen, alles
Pharmakologen sich auch sofort einer anderen außerhalb einer Theorie Liegende mißzuverstehen.
Version an: die Resorption könne zwar nicht Er verlas ein Zitat von Dr. Kern:
bestritten werden, sei jedoch so unzuverlässig, daß „Strophanthin kann auf vielen Wegen gleich
die Gefahr einer Unter- oder Überdosierung herzwirksam appliziert werden - intramuskulär,
bestehe. Dr. Kern jedoch schöpfte aus der intravenös, lingual, enteral, oral-enteral
veränderten Sachlage die Hoffnung, daß die kombiniert, rektal usw. Auf allen diesen Wegen

83
wird Strophanthin unzerstört, hundertprozentig „Das ist ja unerträglich!"
und herzwirksam resorbiert, das heißt ins Blut
aufgenommen..." Herausfordernd fügte er hinzu: Dr. Kern hatte ein Tierexperiment auf menschliche
»Wenn das so hervorragend resorbiert wird, dann Verhältnisse umgerechnet, um seine Aussagen
darf doch wohl auch eine Tablette, wenn sie in illustrieren zu können. Aber Professor Gillmann
Wasser aufgelöst wird, keinen Unterschied rechnete ihm vor: „Eine Infusion von 320
machen -nach Ihren eigenen Worten!" Ampullen in 24 Stunden ist nach Adam Riese eine
In seinem Buch „Die orale Strophanthin- Ampulle pro vier Minuten. Eine Ampulle intra-
Behandlung" von 1951, das bei dieser Diskussion venös alle vier Minuten! Da kann ich Ihnen nur
als bekannt vorausgesetzt worden war, hatte Dr. sagen, daß Sie in diesem Fall aber wirklich in
Kern auf den Zeitfaktor als entscheidend für die kürzester Zeit vor dem Staatsanwalt stehen."
Resorption und die Wirkung hingewiesen, auf die Professor Spang assistierte: „Wer hat denn das
Geschwindigkeit, mit der das Medikament ins Blut gemacht? Wie kommen Sie dazu, das zu
gelangt. Anders als bei der direkten Einspritzung schreiben? Sagen Sie das doch mal!"
in die Blutbahn zieht sich die Resorption über die Dr. Kern versuchte richtigzustellen: „Moment,
Schleimhäute so lange hin, „daß in dieser Zeit bitte! Ich habe doch gerade erklärt, das sind
auch schon wieder beträchtliche Mengen aus der Tierversuche umgerechnet auf..."
Blutbahn wegdiffundiert sind. Der Blutspiegel Professor Spang fuhr unbeirrt fort: „Ja, aber Sie
steigt also nur langsam und wenig an, und damit er schreiben es doch, Herr Kern, hier unter den
die Schwellenkonzentration übersteige, das heißt, klinischen Anwendungen: Applikationsweisen und
damit der Einstrom ins Blut den Abstrom ins Einzeldosen. Das ist ja nicht für Tierärzte
Gewebe ausreichend übertreffe, müssen auch geschrieben, entschuldigen Sie bitte. Das ist
größere Absolutmengen des Stoffes gleichzeitig schließlich für Ärzte geschrieben. Wir können
zur Resorption angeboten werden". Würde die doch nicht von Tierversuchen reden, das ist doch
Zufuhr verzettelt und als Folge die für Menschen."
„Schwellenkonzentration und damit eine aus- Dr. Kern: „Richtig." Professor Spang: „Wer hat
reichende Wirkung im Erfolgsorgan" nicht das gemacht? Dann sagen Sie doch: Ich habe mich
erreicht, dann könnten auch erstaunlich große geirrt." Dr. Kern: „Nicht geirrt. Und gemacht ist es
Mengen eines Wirkstoffes pro Tag durch das Blut ja nicht. Es ist eine Umrechnung von Zahlen. Ich
hindurchgeschleust werden: „Der Nutzeffekt ist glaube ..." Zermürbt von der stundenlangen
dann nahezu gleich Null." Inquisition, das Gesicht zu einem Lächeln der
Später hatte er diesen Sachverhalt an einem Hilflosigkeit verzerrt, drohte der Stuttgarter
Beispiel zu demonstrieren versucht. Aber gerade Praktiker die Fassung zu verlieren. Seine Gegner
diese Veranschaulichung war seinen Gegnern in setzten gnadenlos nach. Die Heidelberger Pharma-
Heidelberg Anlaß, der Öffentlichkeit eindringlich kologin Dr. Weber:
vor Augen zu führen, wie unwissenschaftlich Dr. „Und nun haben Sie etwas getan, was der Pharma-
Kern arbeitete. Professor Spang, der Stuttgarter kologie geradezu ins Gesicht schlägt: Sie haben
Lokalrivale, ging zur Attacke über: nämlich einfach einen Wert, der beim Tier unter
„Da schreiben Sie immer wieder: Intravenös tropf völlig anderen Bedingungen gewonnen worden ist,
infundiert bleiben zum Beispiel noch 80 auf den Menschen übertragen. Sie schreiben in
Milligramm Strophanthin in 24 Stunden Ihrem Buch: auf einen kräftigen Erwachsenen. Ich
herzunwirksam, zwar hundertprozentig resorbiert, habe nachgerechnet. Um auf 79,9 Milligramm zu
doch zeitlich wirkungslos verzettelt. Wer hat kommen, müssen wir einen Erwachsenen von 111
dieses Experiment gemacht? Können Sie mir das Kilogramm ansetzen, der über 24 Stunden lang
nachweisen?" diese Dosis zugeführt bekäme."
Könne man einen 111 Kilogramm schweren Mann
als brauchbares Beispiel ansehen? „Sie sagen es zu
Ärzten und verunsichern den jungen Arzt",

84
entrüstete sich Professor Gillmann, „indem Sie
behaupten, daß 80 Milligramm Strophanthin-
Infusion nicht schaden. Das sagen Sie Ärzten, Herr
Kollege!"
Dr. Kern hatte nichts anderes getan, als auf den
Menschen zu beziehen, was die Pharmakologen
zum Zweck der Behandlung von Menschen an
Tieren ermittelt hatten. Er hatte veranschaulicht,
wie die Experimente genutzt werden können, um
Gegebenheiten bei der Therapie am Menschen
verständlich zu machen. Nirgendwo hatte er
jedoch den Ratschlag erteilt, die genannten
Strophanthinmengen Kranken zu verabreichen.
Aber er war nicht mehr in der Lage, den
Vorwürfen von Professor Gillmann und Professor
Spang zu begegnen. Er stammelte nur mit
aschfahlem Gesicht: „Ich kann nur immer
wiederholen: Das ist eine Umrechnung von phar-
makologischen Zahlen.. ."
Empörung, Tumult, Geschrei. Einer aus der Menge
brüllte den Gemaßregelten an: „Das ist ja
unerträglich!"

DAS MÜSSEN SIE BEIM


EINNEHMEN DER
STROPHANTHIN-PILLE
BEACHTEN!

Das Medikament darf nur so wenig wie irgend


möglich verdünnt werden. Seine Wirksamkeit ist
von der Konzentration im Blut abhängig. Es ist
ähnlich wie beim Genuß von Alkohol: Je mehr
verdünnt er getrunken wird, um so geringer sind
die Alkoholpromille im Blut; nicht allein die Dosis
macht die Wirkung, sie ist vor allem von der
Konzentration abhängig.
Deshalb: Vor Einnahme von oralem Strophanthin
Speichel verschlucken. Kapsel zerkauen, den
Inhalt mit der Zunge auf der Mundschleimhaut
verteilen oder unter der Zunge aufsaugen lassen.
Während dieser Zeit möglichst nicht sprechen,
weil Reden den Speichelfluß anregt.
Patienten mit empfindlicher Mundschleimhaut
können das Medikament verschlucken, dann aber
höher dosiert und nur auf völlig leeren Magen,
weil die Aufnahme ins Blut sonst so verzögert
wird, daß die gewünschte Wirksamkeit nicht
eintritt.

85
2. Die richtige Dosierung Versuchsperson über die gesamte Schleimhaut
verteilt, ohne verschluckt zu werden."
Schindludererhafter Umgang mit Maß und Zahl, Diese Form der Verabreichung zielt darauf ab, daß
das Medikament möglichst unverdünnt resorbiert
Mißachtung exakter Naturwissenschaft - Dr. Kern
war als Wissenschaftler ein toter Mann. Es machte wird, damit das Einströmen in die Blutbahn nicht
unnötig verzögert wird. Denn beim Strophanthin
schon den Eindruck von Leichenfledderei, als ihn
Professor Greef, der Düsseldorfer Pharmakologe, ist nicht wie üblich Dosis gleich Wirkung, weil
nicht jede beliebige Menge einen Effekt hat,
noch einmal über die Dosierung verhörte. Dabei
versuchte er die mangelnde Qualifikation seines sondern erst eine bestimmte Ansammlung im Blut
abhängig vom Zeitfaktor: Konzentration ist gleich
Widerparts dadurch zu veranschaulichen, daß er
ihm Unkenntnis der Grundvoraussetzung aller Wirkung.
Ein Vergleich: Auch Alkohol hat, stark verdünnt,
Arzneibehandlung unterstellte. Er fragte, als wollte
er einen Studenten des ersten Semesters belehren: etwa in Form von Wein mit Mineralwasser, eine
viel geringere Wirkung als in konzentrierter Form,
ob es denn etwa nicht notwendig sei, ein
Herzmittel exakt zu dosieren? Dr. Kern zitierte in zum Beispiel als hochprozentiger Schnaps. Auch
hier ist nicht allein die Dosis, sondern vor allem
seiner Antwort den Strophanthin-Spezialisten
Professor Edens: „Jedes Herz braucht seine eigene die Konzentration entscheidend.
Dosis. Und die wechselt täglich. Die Exaktheit
besteht im Decken des Bedarfs, und der Bedarf Die Pille ist genauso zuverlässig
richtet sich nach den Symptomen. Wenn die wie die Spritze
Symptome verschwunden sind, dann hat die
Dosierung ausgereicht; im anderen Fall muß man Professor von Ardennes Messungen zeigten, daß
höher dosieren, oder man muß noch andere Mittel orales Strophanthin bei richtiger Verabreichung
dazugeben.** genau die gleichen EKG-Veränderungen
Aber der Rückgang von Symptomen, allein hervorruft wie das intravenös gegebene
entscheidend für den Kranken, gilt der Medikament. Das bedeutet, daß Strophanthin als
Wissenschaft nicht als objektiver Maßstab für die Pille genau so exakt zu steuern ist wie als
Bewertung der Resorption und der richtigen Injektion.
Dosierung. Anerkannt wird nur die Dosierung Schon eine kurzfristige Konzentration im Blut und
intravenös injizierten Strophanthins, weil hier die damit in den Zellen des Herzmuskels genügt, um
Resorption nicht angezweifelt werden kann: die augenblicklich jene Schaltwirkung hervorzurufen,
Aufnahme ins Blut ist lOO prozentig, weil das die die Heilung in Gang setzt: Professor von
Medikament mit der Spritze direkt hineinbefördert Ardenne hatte erkannt, daß die von ihm gemessene
wird. Deshalb hatte Professor von Ardenne mit EKG-Veränderung und die von ihm experimentell
Hilfe minutiöser Messungen die Wirkung oralen festgestellte Anhebung des Säurewertes zu-
Strophanthins im Vergleich mit intravenöser sammenhängen.
Verabreichung ermittelt. Seine Meßkurven sind sichtbarer Ausdruck der
Er hatte mit Spezial-EKG´s jene Veränderung im Vorgänge im Herzmuskel und zeigen, daß
Erregungsablauf des Herzens gemessen, die Strophanthin binnen zwei bis fünf Minuten
gleichzeitig mit dem Einfluten des Strophanthins gewebszerstörende Prozesse rückgängig macht.
in die feinsten Herzgefäße auftreten; mit hoher Die Unterschiede zwischen Spritze und Pille:
"Wahrscheinlichkeit waren die registrierten aufgrund des Zeitfaktors, also wegen der
Veränderungen Reaktionen der Zellen auf das verzettelten Resorption, muß die orale Dosis
Medikament. 24mal so hoch sein wie die intravenös
Zuerst erhielten die Versuchspersonen intravenös verabreichte. Dafür hält dann die Wirkung aber
Strophanthin, einige Tage später oral. Dabei auch 72mal so lange an. In Heidelberg forderten
wurden sie aufgefordert, „vorhandenen Speichel die Inquisitoren immer „exakte" Angaben, aber
zu verschlucken. Das Präparat wurde dann von der
86
sobald das Gespräch auf die Dresdner Messungen ,Denn mit Recht hat die geltende Lehrmeinung der
kam, wurde versucht, Professor von Ardenne medizinischen Werke Einwände gegen die orale
gegen Dr. Kern auszuspielen. Man nahm diese Strophanthingabe wegen der bisher bestehenden
Experimente nur dann zur Kenntnis, wenn man sie großen Wirkungsschwankungen.*
gegen den Rebellen verwenden zu können glaubte. Bitte, den Brief von Ardenne können Sie einsehen
In Kerns Buch „Die orale Strophanthin- .. .** Professor von Ardenne war bei seinen
Behandlung" heißt es über die richtige Untersuchungen den beobachteten
Verabreichung: „Die Tabletten werden am besten Wirkungsschwankungen auf den Grund gegangen
auf leeren Magen angewendet. Der Kranke nimmt und hatte feststellen können, daß die Ablehnung
eine Tablette, legt sie unter die Zunge und läßt sie der oralen Strophanthin-Therapie bei falscher
dort zergehen. Weil die Tabletten nach Möglich- Anwendung zu Recht bestand. Es war kein
keit rasch zerfallen sollten, kann es zweckmäßig Wunder, daß viele Ärzte nur Mißerfolge erlebt und
sein, sie erst durch mehrmaliges Zerbeißen zu sich dann enttäuscht von dieser Behandlung
zerbröckeln, wonach man die Bröckel dann unter abgewandt hatten, denn auf dem Beipackzettel des
der Zunge oder sonst im Mund zergehen läßt. Es „Strophoral** stand zu lesen: „Die Tabletten kön-
ist erwünscht, daß die Speichelbildung gering ist; nen mit etwas Flüssigkeit geschluckt werden, die
die Zeit nach dem Aufwachen und vor dem Tropfen sollen zweckmäßigerweise auf .ein
Einschlafen ist günstig dafür, außerdem sollte der Stückchen Zucker geträufelt oder mit einem
Patient während des Lutschens möglichst Teelöffel Flüssigkeit eingenommen werden.** In
schweigen. Den Speichel mit der zergangenen dieser vorgeschriebenen Verdünnung war die
Tablette behält der Kranke dann einige Zeit unter mangelhafte Wirkung gleichsam vorprogrammiert.
der Zunge: wenn möglich zehn Minuten, doch Mit Hinweis auf solche unzulässige Handhabung
auch kürzer, wenn die Speichelbildung stark ist hatte Professor von Ardenne einen Brückenschlag
und belästigt. Dann wird der Speichel versucht. Er wollte den Fachleuten den Weg von
geschluckt.** der strikten Ablehnung zur allmählichen
In Heidelberg verwies Kern auf seine Zustimmung erleichtern. Aber er hatte auch
ursprüngliche Vorschrift, die eine maximale eindeutig klargestellt, daß nicht Dr. Kern es
Wirkung garantiere. Dann sagte er: „Sie kennen gewesen war, der die Therapie falsch angewendet
die Stellungnahme von Ardennes, der hatte. In seiner Stellungnahme vom 8.11.1971 hieß
nachgewiesen hat, daß diese Originalvorschrift es:
von mir die höchst wirksam orale und die »Bei der Applikationsvorschrift, die Dr. Kern in
gleichmäßigst und konstantest wirksame und best- seinem Buch über den Myokardinfarkt gibt, liegt
steuerbare orale Strophanthin-Therapie überhaupt er in der Wirkung nur um den Faktor 2 unter jener
ist. Was neuerdings von Herrn Kollegen Schettler Wirkung, die bei optimaler Applikationsart zu er-
gesagt wurde, Ardenne habe das widerlegt, beruht warten ist. Noch etwas günstiger liegen die
auf einer einfachen Verwechslung. Aber insofern Verhältnisse bei Zerbeißen von zwei Strodival-
hat sich in der Therapie nichts geändert.** Kapseln im Zeitabstand von etwa einer Minute. In
bezug auf die Wirkung noch günstiger, aber in
Gegen dieses Herzmittel ist jedes bezug auf die Reizung von Mundschleimhaut
ungünstiger war die früher von Dr. Kern bei
Mittel recht
seinem Großversuch angewendete Gabe von
Tabletten-Strophanthin."
Er wurde unterbrochen: „Herr Kern, Sie können
Abschließend hob er hervor: „Völlig abwegig ist
nicht immer so ausweichen! Das stimmt nicht!**
die in gewissen Zeitungsmeldungen gezogene
Professor Gillmann erhob sich: „Herr Kern, darf
Schlußfolgerung, daß unsere Untersuchungen
ich ganz kurz den Brief vom 4.11.1971 von
offensichtlich einen Strich durch die 17 000
Ardenne wörtlich zitieren:
Patientennamen der Kern-Kartei zögen."

87
DIE HERZWIRKUNG VON
STROPHANTHIN
LEHRSATZ
Dosis ist gleich Wirkung. Orales
Strophanthin wird nur in
ungenügender und unzuverlässiger
Dosis ins Blut aufgenommen und ist
daher nicht exakt wirksam. Deshalb
ist eine Herzbehandlung auf diesem
Wege nicht sichergestellt.

KERN-SATZ
Konzentration ist gleich Wirkung.
Orales Strophanthin wird zu 100
Prozent ins Blut aufgenommen
aber langsamer und weniger
konzentriert. Die Dosierung muß
deshalb höher sein, ist aber voll
herzwirksam, sobald der Bedarf
gesättigt ist. Strophanthin wird
individuell nach Erfolg dosiert,
nicht nach starrem Schema.

88
3. Analyse eines Dr. Halhuber kam nicht nur zu dem Schluß: „Aber
es lohnt sich das orale Strophanthin, das Kern so
Briefwechsels verdienstvoll wiederentdeckt hat, weiter zu
entwickeln." Er betonte auch: »Wir sind überzeugt,
Es war nichts abwegig genug, um nicht Stimmung daß ein kleines ,Standardsyndrom* nach Kern
gegen den Außenseiter zu machen. Zum Beispiel anamnestisch oft vor allen objektiven Symptomen
hatte Professor Wollheim das runde Dutzend (z. B. Röntgen und EKG) eine beginnende
Kollegen, das mit Dr. Kern gekommen war und für Linksinsuffizienz anzuzeigen vermag."
ihn eintreten wollte, gar nicht erst zu Wort Also eine Bestätigung auf der ganzen Linie. Nicht
kommen lassen. Gegen 18 Uhr gaben diese Ärzte nur die Wirksamkeit oralen Strophanthins war
ihre Stimm-Meldung geschlossen schriftlich ab, unter Beweis gestellt worden, auch die von Dr.
jedoch vergeblich. Vermutlich war es die Absicht Kern zur Frühdiagnose herangezogenen
der Erfinder dieses Tribunals, daß sich Dr. Kern Symptome wurden voll anerkannt.
allein um Kopf und Kragen redete. Es nimmt daher nicht wunder, daß Dr. Kern
Tatsächlich hätte er dringend einen Fürsprecher Hoffnung schöpfte, als er 1968 den Namen
gebraucht, der das Gewicht seines Ansehens Halhuber unter einem an seinen Arbeitskreis
zugunsten des oralen Strophanthins in die gerichteten Brief las. Dazu hatte er um so mehr
Waagschale geworfen hätte. Ja, es saß sogar Veranlassung, als er darin den entscheidenden Satz
jemand im Saal, der die Wirksamkeit des fand: „Ich fühle mich deshalb verpflichtet, der so
Medikaments aus eigenen Untersuchungen kannte. schwerwiegenden Behauptung, daß man mit
Aber als er sich meldete, erinnerte er mit keinem Strophanthin oral eine echte Infarktprophylaxe
Wort an diese Versuche. betreiben kann, unbedingt sine ira et Studio
Professor Max Josef Halhuber, prominenter nachzugehen und die Angaben an einem
Rehabilitationskliniker, ein Arzt also, der sich der entsprechend großen Krankengut zu überprüfen."
Wiederherstellung von Infarktkranken widmet,
hatte seine Ausbildung als Assistenzarzt in
Innsbruck genossen. Als damals, anfangs der 50er
„Die Schulmedizin kann nicht
Jahre, in der Bundesrepublik Deutschland erstmals
die Auseinandersetzung um das orale Strophanthin
daran vorbeigehen"
und seine Wirksamkeit hohe Wellen schlug, hatte
Professor Anton Hittmair an der Medizinischen In einem Schreiben an einen persönlichen Freund
Universitätsklinik Innsbruck beschlossen, sich ein notierte Kern damals: „Das ist bisher einmalig im
eigenes Urteil darüber zu bilden. Dr. Halhuber Kreis klinischer Mediziner; einmalig seit 40
prüfte in seinem Auftrag die Wirkung oralen Jahren. Hier ist noch ein Rest des ursprünglichen
Strophanthins an 30 „Coronarsklerosekranken" Idealismus erkennbar." Aber die bisherigen
nach. Erfahrungen hatten ihn kritisch gemacht: „Späte-
Bei 22 der Patienten, das sind 73 Prozent, waren stens nach der ersten Diskussions-Viertelstunde
schon nach drei Tagen gute bis sehr gute Erfolge muß er ja gemerkt haben, daß er da auf eine Bahn
zu verzeichnen, was die Innsbrucker Ärzte zu der gedrängt wird, die ihn im Kreise derer, auf die es
Vermutung veranlaßte, „persönliche ankommt, ,unmöglich' macht." Die Konsequenz
Ressentiments auf klinischer und außerklinischer daraus: „Und wenn Halhuber die Zunft beschämt,
Seite scheinen uns die Hauptursachen für die indem er darauf hinweist, ist er »Außenseiter* und
Heftigkeit" des Streits um die Wirksamkeit des passt."
oralen Strophanthins zu sein. Im übrigen, so ließen In einem weiteren Brief legte sich Professor
sie wissen, wollten sie auf jede Halhuber jedoch nachdrücklich fest:
Auseinandersetzung mit dem einschlägigen »Ihre Feststellungen oder Thesen sind so
Schrifttum verzichten, „weil wir es in diesem schwerwiegend, daß die Schulmedizin nicht daran
Zusammenhang für unergiebig halten". vorbeigehen kann, sondern durch Überprüfung

89
Ihrer Ergebnisse allein zu einer Bejahung oder Strophantinwirkung unter allen Umständen
Verneinung Ihrer Thesen kommen kann. Dies „nachzugehen"? Die Begründung war fadenschei-
scheint mir um so leichter möglich, als ja die nig: „Wenn Sie aber als methodische
medikamentöse Infarktprophylaxe durch orales Voraussetzung besonders geschulte Ärzte
Strophanthin keine Belastung und kein Risiko für verlangen mit »hohem Sachverstand', die
einen Patienten darstellt, sondern nur eine Chance Dosierungen variieren müssen (nach welchen
bedeuten kann." lehrbaren Grundsätzen?), um echte Therapiefehler
Mit solch einer Aussage in der Tasche fuhr Dr. zu vermeiden, und einen gewissen
Kern in Professor Halhubers Klinik am Arzneischematismus ablehnen, dann sehe ich
Starnberger See, um sich dort 40 Klinikern zur keine Möglichkeit einer Nachprüfbarkeit." Kerns
Diskussion zu stellen. In einem gemeinsamen Behandlungsmethode müsse unter solchen
Gespräch mit dem Rehabilitations-Arzt besprach Umständen eine „Geheimlehre" bleiben.
er dann die Möglichkeit einer klinischen Prüfung. Aber hatte nicht gerade Halhuber schon einen
In einem späteren, darauf Bezug nehmenden Brief tieferen Einblick in diese Geheimlehre gewonnen
sprach Professor Halhuber zwar noch von der als mancher andere? Hatte er doch schon 14 Jahre
„heilsamen Unruhe, die Sie verursacht haben**, zuvor geschrieben! „Im allgemeinen halten wir
wies aber gleichzeitig schon auf „skeptische aber nicht eine schematische Dosierung, wie sie
Kliniker** hin und bat aus diesem Grund, für unsere wissenschaftliche Fragestellung
„Publizität zu vermeiden**. notwendig war, sondern eine individuelle Medika-
Die ominöse Begründung dafür: „Es könnte dann tion nach Erfolg und Bedarf für richtig." Führte er
auch in Ihrem Sinne Positives zerstört und nicht Mißerfolge mit der oralen Strophantin-
verhindert werden." Wer könnte zerstören oder Therapie „vor allem auf unterschiedliche
verhindern wollen, was eine „Chance für den individuelle Resorptionsverhältnisse zurück"?
Patienten** bedeutete?
Aber noch standen solche dunklen Andeutungen „Allen Beteiligten droht Unheil"
gleichsam im Hintergrund. Noch berichtete
Professor Halhuber über einen Kranken, der in „Jedes Herz braucht seine eigene Strophantin-
seine Klinik aufgenommen worden war und dessen Dosis", hatte Professor Edens unmißverständlich
Beschwerden unter oralem Strophanthin gesagt. Und es ist in der deutschen
zurückgingen, dessen Zustand sich nach Hochschulmedizin unstrittig, daß auch sonst
Umstellung auf ein anderes Medikament wieder „Glykoside stets in individueller Dosis"
verschlechterte, schließlich unter Strophanthin verabreicht werden müssen: „Jede
erneut verbesserte. „Das Bild ist so eindrucksvoll", Glykosidbehandlung ist eine neue therapeutische
kommentierte Professor Halhuber, „daß wir allein Aufgabe, die individuell gelöst werden muß; der
aufgrund dieser Kasuistik und ohne Ihre optimale Wirkspiegel muß für jeden Patienten und
Vorbereitung uns entschließen müßten, dieser jedes verwendete Glykosid neu ausgelotet werden,
unterschiedlichen Wirksamkeit nachzugehen, was damit man weder über- noch unterdosiert und
wir auch sicher tun werden." Nebenwirkungen wieder zu Hauptwirkungen
Als jedoch die ersten Schritte zur Verwirklichung werden."
unternommen werden sollten, als Dr. Kern die Warum machte Professor Halhuber es Kern zum
Möglichkeiten und die Schwierigkeiten einer Vorwurf, daß dieser auf einer optimalen Dosierung
solchen Nachprüfung diskutierte, kam Professor bestand? Auch der bedeutendste wissenschaftliche
Halhuber plötzlich zu einem „skeptischen Versuch dient nur dem Kranken, und kein
Ausblick auf Möglichkeiten einer Zusammen- Schematismus ist so wichtig, daß er zu
arbeit". Mißerfolgen berechtigt.
Wo war nunmehr die „Verpflichtung" zur Dr. Kern bat nochmals, trotz der Unzulänglichkeit
Nachprüfung, die Überzeugung, „nicht daran des Autors „die Sache selbst aufzugreifen". Aber
vorbeigehen" zu können, der Entschluß, der Professor Halhuber handelte jetzt offensichtlich

90
nach der Maxime: Was geht mich mein Brief von Der Rehabilitationsprofessor aber fühlte sich voll
gestern an? Kein Wort mehr davon, daß er sich der rehabilitiert, er schien auch keine Angst mehr
Sache annehmen wolle. Überraschend sprach er davor zu haben, daß irgendein Unheil drohe, sein
von einer „unabhängigen Instanz" und bat Ton war frank und frei: „Ich verbitte mir hiermit,
dringend, weder seinen Namen zu nennen noch ihn in Zukunft von Ihnen in irgendeiner Arbeit zitiert
sonst in die Vorbereitung von Forschungsvorhaben zu werden, andernfalls muß ich mich in aller
hineinzuziehen. Öffentlichkeit und sehr deutlich distanzieren und
Er verweigerte damit seine Mitwirkung an allen meine bisherigen negativen Erfahrungen in dieser
0
weiteren Vorhaben und begründete diesen Hinsicht polemisch veröffentlichen.
Rückzug mit den mysteriösen Worten: „Ich habe Er schloß diesen Brief vom 1. Februar 1971 mit
Sorge, daß Sie in Ihrem an sich erfreulichen der Drohung: »Ersparen Sie bitte mir und Ihnen
Schwung und therapeutischen Imperativ manche eine Polemik, die sicher nicht für Sie günstig ist."
Grenzen überschreiten, die zum Unheil für alle
Beteiligten führen."
Es läßt sich schwer zusammenreimen, weshalb
durch die Nachprüfung eines Medikaments, das
nach der Überzeugung Professor Halhubers keinen
Schaden anrichtet, Unheil für die Beteiligten
entstehen sollte. Hatte Dr. Kern recht gehabt, als er
vermutet hatte, „die Zunft" werde sich nicht
„beschämen" lassen wollen? Eine handschriftliche
Anmerkung unter Professor Halhubers nächstem
Brief erbrachte Klarheit:
»Ich bitte Sie dringend, nichts zu unternehmen,
wovon ich mich öffentlich distanzieren müßte, und
meinen Namen in Ihren Veröffentlichungen nicht
zu nennen."
Professor Halhuber wollte also keinesfalls mehr
mit oralem Strophanthin in Zusammenhang
gebracht werden. Binnen weniger Monate hatte er
eine Kehrtwendung vollzogen. Und eineinhalb
Jahre später präsentierte er sich der „Zunft" als
endgültig rein von jedem Makel und schob Dr.
Kern den Schwarzen Peter der nicht vollzogenen
Versuche zu: „Wo sind die Protokolle Ihrer ans
Wunderbare grenzenden und daher nicht
glaubhaften Erfolge mit oralem Strophanthin?
Warum haben Sie sich nicht bereit erklärt, an einer
neutral überwachten Studie mitzuwirken, wie ich
Ihnen vorgeschlagen habe?"
Für Dr. Kern und die anderen Mitglieder seines
Arbeitskreises klang das wie blanker Hohn. Er
hatte den Kliniker dazu bringen wollen, daß dieser
endlich die Protokolle erarbeite, die er jetzt von
ihm verlangte. Er war gekommen, um sie
abzuholen, und wurde nunmehr gefragt, warum er
sie nicht selbst mitgebracht habe.

91
4. Der Kronzeuge Dieser Besuch sollte vor allem für den mit mir
reisenden Pressefotografen Uli Skoruppa ein
In Heidelberg hielt Professor Halhuber den ungewöhnliches Erlebnis werden. Und das kam so:
Wir fuhren am 23.04. 1971 gegen 11 Uhr nach
Aktenordner mit dem Briefwechsel umklammert,
als wollte er sich daran festhalten. Halhuber, einst Höhenried. Uns begleitete ein mit der Problematik
vertrauter Arzt, weil wir bei solchen Anlässen in
als Zeuge der Verteidigung vorgesehen, trat
nunmehr als Kronzeuge der Anklage auf, die Dr. schöner Regelmäßigkeit zu hören bekamen, daß
man über medizinische Fragen nur mit einem Arzt
Kern vorwarf, er selbst habe sich einem klinischen
Test verschlossen. diskutieren könne (was auch in diesem Fall prompt
wieder geschah). Das mehr als einstündige
„Es ist also nicht richtig, daß die Schulmedizin,
wie Sie immer sagen, nicht bereit war", erklärte er, Gespräch wurde auf Tonband aufgenommen, die
37 Seiten umfassende Abschrift liegt vor.
vorwurfsvoll an die Adresse von Dr. Kern
gewandt, dem Auditorium. „Wir waren schon seit
vielen Jahren bereit zu einer Zusammenarbeit. Nur Sind 200 000 Tote nicht Grund
müssen wir uns natürlich auf eine Methodik genug*
einigen, die wirklich von allen international
anerkannt werden kann. Das scheint mir das Professor Halhuber betonte auf meine Frage
Entscheidende zu sein, und ich lege noch einmal immer wieder, Dr. Kern habe eine neutral
auf die Feststellung Wert: wir haben das kontrollierte Studie abgelehnt. Weil mein
angeboten!" Interview-Partner eine entsprechende Briefstelle
Weil ich in dem so bedeutsamen Briefwechsel aber nicht zitieren konnte und ich schließlich
auch bei gründlichem Studium nirgendwo die genug davon hatte, daß wir uns immer im Kreis
immer wieder zitierte Ablehnung von Dr. Kern bewegten, versuchte ich es anders herum: „Ich
hatte finden können, andererseits aber Klarheit zitiere Sie selbst. Sie schreiben an Kern am
über die Hintergründe haben wollte, hatte ich mich 13.5.1968: »Ihre Feststellungen oder Thesen sind
- etwa ein halbes Jahr vor diesem Strafgericht der so schwerwiegend, daß die Schulmedizin nicht
Schulmedizin - an Professor Halhuber gewandt. daran vorbeigehen kann, sondern durch
„Der Vorwurf gegenüber Herrn Kern ist mir un- Überprüfung Ihrer Ergebnisse allein zu einer
verständlich. Wenn das Fehlen einer derartigen Bejahung oder Verneinung Ihrer Thesen kommen
Dokumentation bedauerlich ist, dann hätte doch kann.' Warum ist es denn nie zu einer
schon längst die Möglichkeit bestanden, sie auch Nachprüfung gekommen?"
ohne Mitwirkung von Herrn Dr. Kern zustande zu Professor Halhuber: „Einfach darum, weil er
bringen", schrieb ich in dem Brief unter anderem unsere Bedingungen nicht akzeptiert hat.**
und stellte die Frage: „Können Sie mich darüber „Aber Sie brauchen Kern doch nicht dazu.**
informieren, welches »neutrale Institut* der IGI Halhuber: „Aber erlauben Sie! Natürlich brauche
eine Nachprüfung angeboten hat und ob diese von ich Kern dazu."
Herrn Dr. Kern abgelehnt worden ist?" „Warum denn?"
Professor Halhuber antwortete liebenswürdig und Halhuber: „Weil ich andere Sachen sonst in
entgegenkommend: „Eine ausreichende diesem Fall notwendig habe. Ich habe nicht die
Information und Beantwortung dieser Fragen ist Absicht..." „Aber Sie haben doch eine Reihe
meines Erachtens nur in einem persönlichen Oberärzte, die Ihre..." Halhuber: „Aber nein, das
Gespräch möglich. Ich stelle Ihnen auch wie jedem ist eine Angelegenheit, die
Interessierten meine gesamten Unterlagen und den muß über mindestens fünf oder sechs Kliniken
Briefwechsel mit Herrn Dr. Kern zur Verfügung. gehen. Es braucht so viel, ich sage Ihnen, in
Er ist aber so umfangreich geworden, daß ich ihn Amerika sind ja in diesen Referaten... die haben
nicht fotokopieren kann. Ich glaube aber, daß die zum Teil die Sachen eingestellt, weil es einfach zu
Öffentlichkeit auch auf diese Weise hergestellt ist. teuer ist, das zu überprüfen."
Ich bitte Sie also um einen Besuch in Höhenried."
92
„Wenn wirklich, wie Sie hier schreiben, die „Das ist in der Medizin
Thesen so schwerwiegend sind, daß man nicht
manchmal so"
daran vorbeigehen kann, so muß man doch bei
einer Erkrankung (120 000 oder 130 000 Tote sind
Einmal unterschiedliche Spielregeln, das andere
es in der Bundesrepublik Deutschland. Mit
Mal Sprachschwierigkeiten. Der uns begleitende
Österreich, der Schweiz, Südtirol und der DDR
Arzt fragte: »Wie viele müssen denn noch sterben,
zusammen sind es etwa 200 000 Tote im Jahr
bis jemand in der Lage ist, einen derartigen
allein im deutschsprachigen Bereich), bei einer
Nachweis zu erbringen?"
Erkrankung, die solch eine Auswirkung hat - die
Professor Halhuber, lakonisch: „Das ist in der
WHO spricht von der größten Epidemie aller
Medizin manchmal so. Wobei ich Ihnen sage -
Zeiten — da müßte man doch eine so
kein Mensch hindert doch jemanden, Strophoral zu
schwerwiegende Sache mit oder ohne Dr. Kern
nehmen."
nachprüfen. Es geht doch nicht um ihn. Sie können
Ich kann nicht einmal behaupten, daß er das
doch nicht sagen: Ich vertrage mich mit diesem
zynisch meinte. Es war wohl einfach seine
verdammten Fleming nicht, ich spritze kein
persönliche Art, realistisch zu sein. Das ganze
Penicillin. Schluß, aus. Das ist doch keine
Gespräch war nicht mehr als eine
Argumentation!"
Zeitverschwendung gewesen. Aber Professor
Halhuber: „Da muß ich sagen, das ist eine ganz
Halhuber schien anderer Meinung zu sein; er maß
andere Situation."
ihm plötzlich überraschend große Bedeutung bei.
„Inwiefern eine andere Situation?"
Denn er verlangte zum Abschluß, daß das
Halhuber: „Ja, in diesem Fall liegt die Beweislast
Tonband gelöscht würde. Als ich mich nicht dazu
bei dem, der eine Hypothese aufstellt." Worum
bereit erklärte, sollte ich einen Vordruck
ging es hier eigentlich? Um eine dramatisch zu-
unterschreiben, der mich dazu verpflichtet hätte,
nehmende Erkrankung, die eine kaum übersehbare
nichts ohne die Genehmigung von Professor
Zahl von Todesopfern in aller Welt forderte, oder
Halhuber zu publizieren. Ich lehnte das ab. Darauf
um irgendwelche wissenschaftliche
rief er seine Sekretärin herein und sagte mit kaum
Spitzfindigkeiten und ausgeklügelte Spielregeln?
unterdrückter Wut: „Ich erkläre hiermit, dieses
Ich fragte:
Gespräch hat nicht stattgefunden."
„Uns geht es darum, endlich einmal zu ergründen,
Als er später, wie zugesagt, die Abschrift des
warum in der Bundesrepublik Deutschland seit
Tonbandes erhielt, schrieb er an mich: „Ich habe
1947 sich niemand bereit gefunden hat, diese
den Eingang der Tonbandniederschrift unseres
angeblich nicht einwandfreien wissenschaftlichen
Gespräches am 23.4.1971 noch nicht bestätigt.
Arbeiten Dr. Kerns einer exakten Dokumentation
Rechtlich hat dieses Gespräch für mich nicht
zuzuführen. Das ist die Frage, die uns als
stattgefunden, da Sie mir die erbetene Zustimmung
Außenstehende, als Patienten bewegt."
verweigert haben, daß über dieses Gespräch und
Halhuber: „Da kann ich Ihnen sagen, sie spielt mir
aus diesem Gespräch nur publiziert werden darf,
keine Rolle in dem Fall. Wenn ein solcher
was ich von mir aus als autorisiertes Interview
Briefwechsel vorliegt..., ich glaube, mehr kann
anerkenne."
man doch nicht beweisen, daß man interessiert ist,
Er bedauerte die Atmosphäre, in der das Gespräch
daran etwas zu tun. Ich bin es heute nicht mehr.
stattgefunden habe, denn er hätte ein bißchen den
Ich sage es Ihnen. Weil ich andere Probleme habe.
Eindruck gehabt, „vor ein Tribunal zitiert worden
Ob Sie mich anklagen - jedenfalls wenn Sie es tun,
zu sein, was mich verärgern mußte". Schließlich
dann müßten Sie die gesamte übrige Schulmedizin
habe sich in der Vergangenheit kaum jemand so
wesentlich mehr anklagen. Ich kann nur sagen, es
positiv für Dr. Kern eingesetzt wie er. „Der
ist nicht zu einer echten Zusammenarbeit
Hauptgrund, warum ich mit dem Gespräch nicht
gekommen, weil wir eine verschiedene Sprache
zufrieden war, dürfte meine unvorhergesehen
sprechen."
zeitliche Terminbedrängnis gewesen sein (im

93
Nebenraum warteten eine südafrikanische miteinander gesprochen hatten, war nie geredet
Besuchergruppe und in der Ärztebibliothek meine worden. Einfach so.
Mitarbeiter zu einer wichtigen Besprechung, und In Höhenried hatten wir Professor Halhubers
um 15.00 Uhr sollte ich beim Zahnarzt in Äußerung noch als ein unbedachtes Wort im ersten
Innsbruck sein). Man kann nicht auf drei Zorn aufgefaßt. Jetzt lag sie uns schriftlich vor.
Hochzeiten gleichzeitig tanzen. So muß sich das in Welchen merkwürdigen Vorstellungen unterlag er
der formalen Qualität meines Gesprächsanteils eigentlich, wenn er mit rechtlichen Mitteln
niederschlagen." Tatsachen ungeschehen machen wollte? Vielleicht
Was sollte das? Wer bemaß seine Aussagen nach sollte man ihn an seinen ersten Brief an mich
stilistischen oder grammatikalischen Maßstäben? erinnern, der dokumentiert, zu welchem Sinnes-
Ich hatte in der Hitze der Diskussion auch nicht wandel dieser Mann fähig ist:
gerade druckreif gesprochen. „Ich bitte Sie also um einen Besuch in Höhenried.
Und Zeitnot? Er hatte uns zu diesem Gespräch Ein Gespräch unter Zeugen oder mit Tonbandauf-
gebeten, er war täglich mit diesem zeichnung ist meines Erachtens auch gegenüber
Themenkomplex konfrontiert, er hatte unsere Herrn Kern korrekt und fair."
Fragen vor unserem Erscheinen gekannt. Worauf Aber von Fairneß gegenüber Dr. Kern wollte er
wollte Professor Halhuber hinaus? Gestand er schon bald nichts mehr wissen. Er streute überall
doch auch zu, daß er vom Sachlichen her seiner aus, seiner Meinung nach sei dieser „monomane"
Aussage „vor allem in den abschließenden Strophanthin-Anhänger „paranoid" und habe sich
zusammenfassenden Sätzen** nichts hinzuzufügen „in ein geschlossenes Wahnsystem" verstrickt.
habe. Dort hatte er noch einmal wiederholt, was er Nun, er hatte ja Dr. Kern vor einer Polemik
in dem Gespräch unermüdlich betont hatte: gewarnt, „die sicher nicht für Sie günstig ist".
Grundsätzliche Bereitschaft, andere müssen auch Als Professor Halhuber zusammen mit anderen
mitmachen, auch Dr. Kern, neutrale Stelle, Honoratioren seiner Zunft in dieser Weise Anklage
schematisierte Dosierung... Na also. Woran erhob gegen den verrückten, verantwortungslosen
gebrach es noch? Außenseiter, fühlte ich mich an die bitteren Worte
Sigmund Freuds erinnert, mit denen er das
„Hochmütig, unlogisch, Verhalten der damaligen Vertreter deutscher
Wissenschaft gegenüber der Psychoanalyse
geschmacklos"
anprangerte: „Ich beziehe mich dabei nicht auf die
Tatsache der Ablehnung oder auf die
Professor Halhuber meldete sich noch ein letztes
Entschiedenheit, mit der sie geschah; beides war
Mal: „Bei dieser Gelegenheit darf ich Sie daran
leicht zu verstehen, entsprach nur der Erwartung
erinnern, daß ich ausdrücklich festgestellt habe,
und konnte wenigstens keinen Schatten auf den
daß mein damaliges Interview nicht stattgefunden
Charakter der Gegner werfen. Aber für das Aus-
hat. Falls Sie daraus Teile in irgendeinem
maß von Hochmut und gewissenloser
Zusammenhang zitieren oder publizieren, muß ich
Verschmähung der Logik, für die Roheit und
vorsorglich darauf aufmerksam machen, daß ich
Geschmacklosigkeit der Angriffe gibt es keine
rechtliche Schritte unternehmen würde."
Entschuldigung."
Dr. Kern hatte er mit „Unheil** gedroht, mir mit
dem Gericht. Einschüchterungsversuche gehörten
also offensichtlich zu diesem Stil.
Uli Skoruppa freilich sah sich schon als
Großmeister der Linse in den siebenten
Fotografenhimmel eingehen, weil es ihm gelungen
war, etwas auf den Film zu bannen, was es gar nie
gegeben hatte. Das Gespräch, simsalabim, hatte
nicht stattgefunden. Was vier Personen

94
5. „Ungeheurer Vorwurf Nicht nur, daß Dr. Kern starrköpfig weiterhin
9 Strophanthin bevorzugte, er hatte es sich zudem
gegen alle Ärzte ' angelegen sein lassen, die doch so wohlbegründete
Digitalis-Therapie in Mißkredit zu bringen.
Professor Grosse-Brockhoff war von Kopf bis Fuß Professor Grosse-Brockhoff legte deshalb das
auf Würde eingestellt, als er die Schlußabrechnung ganze Gewicht seiner Persönlichkeit in die Worte:
mit Dr. Kern einleitete. Ein Höchstmaß an „Weiterhin haben Sie gesagt, Strophoral mache
Verantwortung schwang in seiner Stimme mit, den Herzmuskel wieder euthetisch (gesund),
seine Worte waren vom Pathos gesamter ärztlicher Digitoxin dagegen mache Herzinfarkte. Damit
Ethik getragen: „Sie haben durch diese erheben Sie einen erneuten ungeheuren Vorwurf
Behauptungen eine Unsicherheit in der Patien- gegen die gesamte Ärzteschaft der Welt, denn
tenschaft hervorgerufen, daß ich mich frage, wie damit sagen Sie, daß diese Behandlung, die in der
Sie das verantworten können. Wir hatten gedacht, ganzen Welt bei insuffizienten Herzen, bei
daß Sie uns heute wenigstens konkrete Herzinfarkt durchgeführt wird, infarkterzeugend
Anhaltspunkte und konkrete Unterlagen geben ist. Wo ist ein einziger Beweis, frage ich Sie, Herr
würden für diese Behauptungen. Ich muß aber Kern, wo haben Sie einen Beweis für die
feststellen, daß nach der bisherigen Diskussion die Behauptung, die Sie aufstellen?"
Antworten, die Sie auf präzise Fragen gegeben Jetzt sah auch Professor Heinecker wieder seine
haben, keine Antworten waren, sondern ein Stunde gekommen: „Ich bohre nach, Herr Kern.
Ausweichen." Aber bevor ich nachbohre, will ich den letzten
Präzise Fragen, keine präzisen Antworten — diese Gedankengang von Herrn Professor Grosse-
Formulierung wurde von den Teilnehmern des Brockhoff noch einmal aufgreifen: das ist die
Heidelberger Kolloquiums immer wiederholt. Verunsicherung unserer Patienten, daß Digitalis
Prompt fand sie in der Öffentlichkeit vielfältigen linksventrikuläre Schäden macht. Wir haben im
Niederschlag. Aber Professor Grosse-Brockhoff EKG ST-Senkungen, die auf eine Veränderung im
hatte noch ein anderes Ziel im Auge. War es doch elektrischen Vorgang in den Innenschichten des
in erheblichem Ausmaß seinem Einfluß zuzu- linken Ventrikels schließen lassen. Kein Mensch
schreiben gewesen, daß nach dem Zweiten redet von einer Schädigung. Es ist sogar so — das
Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland wollen wir doch einmal in aller Klarheit deutlich
Strophanthin durch Digitalis verdrängt wurde. Er machen -: Zu einer optimal dosierten Digitalis-
hatte angeregt, „von einem Tag auf den anderen" Therapie gehören ST-Senkungen. Wer das nicht
von der Strophanthin- auf die Digitalis-Therapie gelernt hat, hat einfach ein Grundprinzip der
„umzuschalten". Aus dem Ausland, vor allem aus Inneren Medizin nicht begriffen!"
den USA war der Vorwurf laut geworden, die Diese sogenannte ST-Strecke des
deutsche Medizin sei geradezu versessen auf das in Elektrokardiogramms spielt bei der Diagnose von
diesem Ausmaß nur noch von ihr angewendete Herzerkrankungen eine wichtige Rolle.
Strophanthin, obwohl sie nicht einmal vertretbare Auftretende Senkungen gelten als Schadens-
Gründe dafür ins Treffen führen könne. Und aus zeichen. Wie heißt es bei Professor Büchner, dem
Schweden wurde das böse Wort kolportiert, die Großmeister der Koronar-Theorie? „Beim
deutsche Ärzteschaft leide an einer „Strophanthin- Menschen führt die akute Koronarinsuffizienz
Enzephalitis", an einer Verwirrtheit des Gehirns häufig zum kurzandauernden Anfall von Angina
mit einer verschrobenen Vorliebe für dieses pectoris. Dementsprechend sind im spontanen oder
Medikament. provozierten Angina-pectoris-Anfall reversible
Dieser Spott war Anlaß genug gewesen, die deszendierende Senkungen des ST-Segments
schändliche Tradition auf der Stelle abzuschütteln nachweisbar." Diese elektrokardiografischen
und sich den allgemeinüblichen Bräuchen in Veränderungen sind für ihn Ausdruck von
anderen Ländern anzuschließen, die bis heute „Stoffwechselstörungen der Myokardzellen".
keine Erfahrung mit Strophanthin haben.

95
Kranke Herzen sind gegen ersten Erfolge an solchen Patienten, bei denen die
Digitalis-Behandlung versagt hatte.
Digitalis empfindlich
Vielen Forschern hatten solche Beobachtungen zu
denken gegeben. Zwar waren die beiden
Bei Digitalisbehandlung aber sollen die dabei
Medikamente in ihrer Struktur und in ihrer
auftretenden ST-Senkungen nicht durch
herzstärkenden Wirkung einander sehr ähnlich.
Stoffwechselstörungen hervorgerufen werden, also
Aber es gab offensichtlich auch unterschiedliche
unschädlich sein, und wer das nicht anerkennt, der
Effekte, die noch experimentell erforscht werden
hat halt ein Grundprinzip der Inneren Medizin
mußten.
nicht begriffen. Ist es wirklich damit getan, sich
Das vermutlich bedeutsamste Experiment wurde
mit einem Dogma abspeisen zu lassen?
1941 am Institut für experimentelle Pathologie der
Immerhin wird doch schon seit eh und je Klage
Universität Wien ausgeführt. Der junge
darüber geführt, daß gerade diejenigen Patienten
Wissenschaftler Dr. Blumencron konnte dabei
Digitalis am wenigsten vertragen, die es am
zeigen, daß Strophanthin die Verwertung der
meisten brauchen. „In immer größerem Ausmaß
Milchsäure durch das Herz steigert. Solch eine
werden durch die heutige aktivere Verwendung
„mächtige Steigerung" der Verwertung von
von Digitalis bei Patienten mit Erkrankungen des
Milchsäure bedeutet aber, daß der Säurewert
Herzens schwerwiegende Störungen der
zurückgeht und damit die Gefahr des Absterbens
Herzfunktion erzeugt", so der New Yorker
von Muskelgewebe gebannt ist. In der gleichen
Spezialist Professor Kowal. „Obwohl gerade
Versuchsreihe wurde auch Digitalis verabreicht.
dieses Medikament eine so große Rolle spielt in
Unter Einwirkung dieses Medikaments kam es
der Behandlung der Herzinsuffizienz und be-
aber zum „plötzlichen Absinken bzw. Aufhören**
stimmter Arrthythmieformen, ist es doch auch
der Verwertung von Milchsäure, das heißt: die
verantwortlich für ausgeprägte Störungen der
Übersäuerung und damit die Infarktgefahr nahm
Herzfunktion, so daß seine Anwendung gar nicht
zu.
selten zum Tode führt."
Der entscheidende Unterschied zu früheren
Diese Empfindlichkeit kranker Herzen gegen
Experimenten lag bei Dr. Blumencron darin, daß
Digitalis kam in Heidelberg nicht zur Sprache. Die
er mit „insuffizienten", mit vorgeschädigten
beunruhigenden ST-Senkungen wurden
Herzen arbeitete. Hatte man bei Untersuchungen
widerspruchslos als Merkmal einer optimalen
an gesunden Herzen eine Gleichartigkeit von
Therapie hingenommen.
Strophanthin und Digitalis gefunden, so war jetzt
Dabei gibt es in der älteren Literatur genügend
aufgezeigt worden, daß sie am kranken Herzen
Feststellungen bezüglich ungünstiger
gegensätzlich wirkten!
Auswirkungen der Digitalis-Therapie. Es wurde
Professor Hans Sarre hatte zu Beginn der 40er
deshalb betont, daß Strophanthin bei klinischer
Jahre als junger Dozent an der Frankfurter
Behandlung der Digitalis entschieden vorzuziehen
Universitätsklinik Untersuchungen über die
sei. Auch bei Professor Albert Fraenkel, der die
„Ursachen der gegensätzlichen Wirkung von
Gesetze der oralen Strophanthin-Resorption noch
Strophanthin und Digitalis** angestellt, über die
nicht kannte und aus Gründen einfacherer
auch im Zusammenhang mit Verhütung von
Dosierbarkeit die intravenöse Strophanthin-
Angina pectoris und Herzinfarkt berichtet wurde.
Behandlung entwickelt hatte, finden sich
Der Lehre gemäß führte Dr. Sarre diese
entsprechende Hinweise. Nur hatte er sich nicht
Krankheiten auf eine „Coronarinsuffizienz**
erklären können, worauf diese qualitativ
zurück.
andersartige Wirkung zurückzuführen sein könnte.
„Schon bei früheren Erprobungen der
Immerhin wandte er so gut wie ausschließlich die
Digitalispräparate fiel auf, daß bei Angina
intravenöse Strophanthin-Therapie an, obgleich die
pectoris und überhaupt bei Coro-
intravenöse Digitalis-Anwendung damals längst
narinsuffizienz Digitalispräparate oft schlecht
schon gebräuchlich war. Auch erzielte er seine
vertragen werden, während in diesen Fällen

96
Strophanthin keine Beschwerden macht und ten der Schmerzen registriert: Digitalis hatte den
die Anfälle oft beseitigt**, schrieb er in einer Zustand kranker Herzen verschlechtert.
Arbeit von 1943. „Inzwischen haben wir an Besonders interessant sind in diesem
einem größeren Krankengut immer wieder die Zusammenhang die unter Mangelatmung und
Erfahrung gemacht, daß bei Coronarsklerose Medikation hervorgerufenen Veränderungen im
mit Angina pectoris Digitalis meist die Zahl EKG. Schon unter Sauerstoff-Mangel hatte sich
der Anfälle vermehrt, während Strophanthin das ST-Stück gesenkt. Unter Digitalis wurde die
sie verringert.** Senkung noch stärker. Dagegen konnte Professor
Sarre nach Strophanthin-Gabe notieren: „Fast
Strophanthin schützt das Herz Normalisierung des EKG´s."
„Es scheint uns andererseits wesentlich, zu
vor Sauerstoff-Mangel
betonen", hatte er schon früher festgestellt, daß die
geprüften Digitalispräparate „die Verhältnisse am
Als Direktor der Medizinischen Universitäts-
coronarinsuffizienten Herzen nicht nur nicht
Poliklinik Freiburg ging er zehn Jahre später
bessern, sondern gar verschlechtern".
diesem erstaunlichen Gegensatz der beiden
Jetzt stellte er zusammenfassend fest: „Wir ziehen
Herzmittel auf den Grund. In seiner
aus diesen Untersuchungen die praktische
Veröffentlichung über „Strophanthin-Behandlung
Schlußfolgerung, daß wir bei der
bei Angina pectoris" berichtet er über seine
Coronarinsuffizienz mit oder ohne Angina pectoris
klinischen Experimente mit Hilfe einer Sauerstoff-
Strophanthin geben und Digitalis vermeiden."
Mangelatmung. Dabei wurde „Patienten eine
So weit die Forschung. Von der Lehre werden
Spezial-Gummimaske angelegt, die Mund und
solche Ergebnisse bis heute nicht beachtet.
Nase umschloß, gut abdichtete und dennoch ein
bequemes Atmen ermöglichte. Die Gummimaske
stand mit einem sogenannten ,Lungenautomaten*
in Verbindung, der an eine Stahlflasche
angeschlossen war und ein Gasgemisch von 9,5
Prozent Sauerstoff und 90,5 Prozent Stickstoff
enthielt.
Der ,Lungenautomat* ermöglichte eine fast
widerstandslose Einatmung des Gasgemisches aus
der Flasche, während die Ausatmung durch ein
Ventil ins Freie erfolgte."
Durch das Einatmen des Gemisches mit zu
geringem Sauerstoffanteil kam es bei den
Herzkranken zum Auftreten von Schmerzen. Die
Patienten gaben durch Handzeichen zu verstehen,
wann die Schmerzen einsetzten. Die Zeiten
wurden mit einer Stoppuhr registriert, außerdem
wurde alle fünf Minuten ein EKG geschrieben.
Der gleiche Versuch wurde auch nach vorheriger
Verabreichung von Digitalis vorgenommen. Der
Vergleich der Ergebnisse ist überaus
aufschlußreich: Unter Strophanthin war die Zeit
bis zum Auftreten der Schmerzen meist verlängert,
was bedeutet, daß Strophanthin das Herz vor
Sauerstoff-Mangel schützt. Unter Digitalis wurde
dagegen ein verkürzter Zeitraum bis zum Auftre-

97
STROPHANTHIN UND
DIGITALIS
LEHRSATZ
Die Wirkung von Strophanthin und
Digitalis ist gleichartig. Beide
Medikamente erhöhen die Pump-
leistung des Herzens und haben damit
eine Kraftwirkung. In der Verwertung
von Milchsäure und damit in der
Wirkung auf den Stoffwechsel gibt es
keinen Unterschied.

KERN-SATZ
Die Wirkung von Strophanthin und
Digitalis ist gegensätzlich.
Gleichartig sind die beiden Medika-
mente nur in der Kraftwirkung.
Strophanthin hat aber zusätzlich eine
Heilwirkung, weil es die Verwertung
von Sauerstoff und Milchsäure
wiederherstellt und durch diese
Stoffwechsel-Wirkung die
Übersäuerung verhindert.

98
6. Wie der Spieß umgedreht nennen, wo die Infarktquote besonders angestiegen
ist, nachdem Strophanthin abgesetzt worden ist?"
wurde Hatte Dr. Kern schon zu Beginn wie ein Amateur
unter Professionals gewirkt, so brachte er in dieser
Kein einziger der versammelten Pharmakologen Schlußphase nicht einmal mehr die Fäuste nach
kam an diesem Nachmittag auf die oben, wenn die Schläge auf ihn einprasselten.
bahnbrechenden Arbeiten von Professor Sarre oder Wären die Chancen gleich verteilt gewesen, dann
von Professor Blumencron zu sprechen. Wenn hätte Dr. Kern in dieser Situation einen schweren
Messungen und objektivierbare Fakten im Sinne Treffer landen können. Denn Professor Loogen
einer naturwissenschaftlich orientierten Medizin und seine Gesinnungsgenossen gaben sich in
für Dr. Kern sprachen, wurden sie aus der diesem Augenblick eine gefährliche Blöße:
Diskussion ausgeklammert. Und als die Rede auf War es doch etwa zwei Jahrzehnte her, daß in der
unterschiedliche EKG-Kurven unter Strophanthin Bundesrepublik Deutschland Strophanthin offiziell
und Digitalis kam, höhnte Professor Heinecker seine Sonderstellung zugunsten der Digitalis
nur: „Ich habe diesen Quatsch nachgemacht !" Er verloren hatte. Seit dieser Inthronisierung der
erhielt stürmischen Beifall und erzählte daraufhin Digitalis-Therapie aber hatte die Zahl der
nicht ohne Stolz, er habe sich auch nicht davon ab- Herzinfarkte lawinenartig zugenommen. Der
bringen lassen, obwohl ihn seine Studenten statistische Zusammenhang ist offensichtlich. Und
deswegen fast ausgelacht hatten. Ja, er konnte keiner im Saal konnte den Beweis antreten, daß die
unkorrigiert berichten, daß er bei seinen Versuchen zur Diskussion stehende Therapie daran gänzlich
eine zu geringe Dosis gewählt und diese deshalb unbeteiligt war.
von vornherein entwertet hatte. Es wäre also sachlich richtig gewesen, wenn Dr.
Je gewisser die Professoren ihres Sieges wurden, Kern geantwortet hätte: In der Bundesrepublik
um so unwürdiger wurden ihre Attacken, um so Deutschland ist die Infarktquote angestiegen,
rücksichtsloser gingen sie mit ihrem fast völlig nachdem Strophanthin abgesetzt worden ist. Aber
wehrlosen Gegner um. Die Inquisition erinnerte er war zu diesem Konterschlag nicht mehr fähig,
manchmal an Szenen aus einem Hollywoodfilm. und Professor Loogen konnte triumphierend
Fragte der Düsseldorfer Kliniker Professor feststellen:
Loogen: „Sie haben gesagt, es sei kein Zufall, daß „Sie haben also keine Statistiken?" „Ich persönlich
gerade dort, wo man Strophanthin aus dem Handel nicht. Das habe ich vorhin schon gesagt, denn ich
gezogen habe beziehungsweise aus der Therapie, habe ja keine.. .* „Das genügt mir, vielen Dank."
die Infarktquote besonders stark angestiegen sei. Professor Loogen gefiel sich in der Pose eines
Hat Strophanthin eine prinzipiell andere Wirkung Staatsanwaltes, der den Geschworenen
als Digitalis, beziehungsweise bestehen Sie eindrucksvoll demonstriert, was sie von einem
weiterhin darauf, daß Digitalis infarktgefährdend Angeklagten zu halten haben.
ist? Das ist eine entscheidende Frage. Ja oder nein?
Und wenn Sie das weiter tun, dann möchte ich
Auch das noch: ein Falschzitat...
gern wissen: Worauf beruhen Ihre Berechnungen,
wo haben Sie Ihre Statistiken her?"
Dr. Kern war so vermessen gewesen, nicht nur
Es klang beinahe flehentlich, als Dr. Kern sagte:
seine eigene Behandlungsmethode als überlegen
„Wir sehen immer wieder..." Professor Loogen
hinzustellen, er hatte vor allem die offizielle
unterbrach sofort: „Können Sie mir die Quellen
Therapie als schädlich abgetan. Seit Stunden war
nennen?** „Wir sehen immer wieder: Je
immer wieder einer der Redner auf diesen Punkt
schlechter ein Linksmyokard dran ist, desto
zu sprechen gekommen. Ständig wurde Dr. Kern
schlechter reagiert es auf Digitalis."
nach Beweisen für seine Behauptung gefragt. Hier
Professor Loogen beharrte auf seiner Frage: „Ich
mußte ein Exempel statuiert werden. Endlich
habe konkret gefragt: Können Sie mir die Stellen
gelang es seinen Gegnern, dem Ketzer das
nachzuweisen, was sie ihm schon den ganzen Tag

99
lang nachgesagt hatten - ein Falschzitat. Dr. Kern horchten auf. Schon wieder ein Falschzitat. Es
berief sich auf den amerikanischen Forscher wurde immer peinlicher. Dr. Kern sagte mit
Tuttle. Sofort wurde er unterbrochen: „Falsch belegter Stimme: „Ich habe die Auflage von
zitiert". 1947." Frau Dr. Weber herrschte ihn an: „Der
„Ich habe nach Raab zitiert." gleiche Text ist beibehalten worden bis zur
„Hier ist die Arbeit von Tuttle. Alles falsch neunten Auflage!"
zitiert.** Keiner der Zuhörer glaubte Dr. Kern noch, als er
„Ich kann mich nur auf das berufen, was in der antwortete: „Ich kann nur sagen, in meiner
Literatur Auflage steht es so: Im Gegensatz zur Digitalis.
steht." „Das steht nicht in der Literatur. Hier ist die Ich habe meinen Bücherschrank nicht mitgebracht,
Arbeit, bitte: kein Wort davon!" es tut mir leid."
Kern hatte die Angaben eines anderen unbesehen Der Griff in die Bibliothek ließ sich anderntags
übernommen und die Originalarbeit nicht leicht nachholen. Und siehe da: Dr. Kern hatte
eingesehen. Er war am Ende seiner Nervenkraft: richtig zitiert. Denn früher war wohlbekannt, was
„Wenn es sich jetzt herausstellt, daß es nicht jetzt, weil es nicht in die Theorie paßte, als
stimmt, dann muß es natürlich bei der nächsten Falschzitat unterstellt wurde. Professor Sarre
Auflage heraus, das ist ja klar. Es kommt mir gar schreibt zusammenfassend über seine Unter-
nicht darauf an, was der eine oder andere gesagt suchungen: „So geben diese Befunde vollständig
hat. Es kommt mir darauf an, daß es dem Patienten Edens recht, der sich für die Strophanthus-
besser geht. Wenn man das Linksmyokard laufend Therapie auch beim Myokardinfarkt einsetzte. Und
therapiert, daß die Symptome wegbleiben, dann sie geben die Erklärung für die "Wirkung des
sieht man eben: es bleiben auch die Infarkte weg. Strophanthins bei der Angina pectoris und anderen
Bitte, dieses Ur-Faktum wollen wir doch Formen der Coronarinsuffizienz, die nicht nur der
festhalten! Wir wollen es doch nicht zerreden mit Digitalis überlegen, sondern direkt entgegengesetzt
irgendwelchen Kalium-Ionen oder Magnesium- ist."
Ionen, die vielleicht stimmen oder auch nicht.
Immer wieder bitte ich darum: prüft das Ur- Tatsachen, die ausgeklammert
Faktum doch nach, gebt es einmal den Patienten!"
wurden
Auch wenn er sich aufs Bitten verlegte und an die
Vernunft appellierte - den Vorwurf des
Wie war es überhaupt noch zu erklären, daß von
Falschzitats brachte er damit nicht mehr weg.
sämtlichen in Heidelberg auftretenden Fachleuten
Seine Gegner lauerten ja nur darauf, ihn durch das
die Gleichwertigkeit zweier Medikamente
Aufdecken von Fehlern unglaubwürdig zu
behauptet wurde, deren Wirkung als „direkt
machen. So auch, als Dr. Kern auf einen der
entgegengesetzt" längst erkannt und mit objektiven
angesehensten alten Pharmakologen hinwies:
Methoden bestätigt werden konnte? Professor
„Eichholtz schreibt zum Beispiel in seinem
Sarre erklärt: „Man kann mit Volhard sagen: Je
Lehrbuch, ein hervorstechendes Merkmal des
kränker das Herz, desto weniger Digitalis soll man
Strophanthins sei die Verbesserung der Sauerstoff-
geben.' Das heißt, die Digitalis-Empfindlichkeit
Ausnutzung im Gegensatz zur Digitalis. Diese
nimmt mit der Schwere des Myokardschadens zu."
Dinge kann man doch nicht..."
Dr. Kern stützte sich in Heidelberg auf die gleiche
Professor Kuschinsky, Wortführer der
Argumentation: „Ich darf jetzt noch einmal auf die
Pharmakologen, unterbrach: „Er spricht von
Dinge hinweisen, die hier weniger bekannt sind.
Strophanthin, aber er spricht in diesem
Darum geht es doch nun. Wir wollen doch über
Zusammenhang nicht von Digitalis.**
den bisherigen Bestand, den wir alle von früher
Dr. Kern bestand auf seiner Aussage: „Im
kennen, weiterkommen. Es geht doch darum, daß
Gegensatz zur Digitalis." „Nein, das sagt er nicht.
auffallend viele Linksherz-Patienten unter
Wir haben extra nachgesehen. Sie zitieren auch an
Digitalis sich einfach schlechter fühlen. Solche
dieser Stelle falsch." Die anwesenden Journalisten

100
Beobachtungen kann man doch nicht einfach vom metabolische Wirkung des Strophanthins. Die
Tisch wischen. Wenn Sie einmal von dem Prinzip haben Sie nun ja aus den Kurven von Ardenne
ausgehen, daß Sie diese Angaben ernst nehmen, gesehen. Wenn irgendeine Schädigung gesetzt
dann kommen Sie doch zu qualitativen wird, beispielsweise eine Hyperglykämie (zuviel
Unterschieden." Zucker im Blut), dann geht das pH herunter. Wenn
Dieser qualitative Unterschied tritt aber nicht nur man dann Strophanthin gibt, ist es sofort wieder
negativ in Erscheinung: Digitalis wirkt nachteilig nach oben, innerhalb von zehn Minuten. Das ist
auf vorgeschädigte Herzen. Er zeigt sich auch doch keine energetische Wirkung. Das ist doch
positiv: in einer besonderen Heilwirkung des keine Herzinsuffizienz gewesen.**
Strophanthins. Nicht um die Behandlung einer
Gemeinhin wird die Wirksamkeit der Leistungsminderung ging es bei der Verabreichung
Herzglykoside, zu denen Strophanthin und von oralem Strophanthin zur Infarktverhütung
Digitalis gehören, daran gemessen, ob sie die also, sondern um die Behandlung von Vorschäden,
Pumpleistung des Herzens verstärken. Auf diesem die später allerdings auch zu solch einer
Gebiet sind die beiden Arzneien einander an- Insuffizienz des Herzens führen können. Darum
erkannt ebenbürtig (von dem Resorptions- und wollte Dr. Kern erreichen, daß die Kliniker neben
Dosierungsgezänk um das orale Strophanthin der energetischen endlich auch die metabolische
einmal abgesehen). Wirkung des Medikaments erkannten.
Daneben hat aber Strophanthin einen einzigartigen Aber das stand nicht im Programm. Die
Effekt, nämlich den, wie Dr. Kern in Heidelberg Pharmakologen teilten Dr. Kern ex cathedra mit,
ausführte, „daß die geschädigte Myokardzelle bezüglich der Milchsäure-Verwertung als
(nicht die gesunde, vorerst möchte ich annehmen, Ausdruck der Sauerstoff-Utilisation „besteht
daß die gesunde es nicht tut), daß also die keinerlei qualitativer Unterschied" zwischen
geschädigte Myokardzelle durch Strophanthin in Strophanthin und Digitalis. Zusammenfassend er-
die Lage versetzt wird, ihren Sauerstoff wieder klärte Professor Kuschinsky: „Es gibt überhaupt
normal zu utilisieren (zu verwerten)". keinen experimentellen Hinweis dafür, daß
Professor Sarre war der erste gewesen, der 1943 Strophanthin oder andere Herzglykoside eine
aufgrund der Ergebnisse seiner Strophanthin- unterschiedliche Wirkung auf die Muskulatur des
Experimente diesen Gedanken geäußert hatte: „Es linken und rechten Herzens haben."
könnte sich aber auch um eine bessere Ausnutzung Das Digitalis-Dogma war formuliert. Der
des Sauerstoff-Angebots handeln.** Strophanthin-Streit war von Amts wegen
Damit war der Begriff der besseren Sauerstoff- beigelegt. Wenn es ein Arzt in Zukunft wagen
Nutzung in diesem Zusammenhang eingeführt wollte, sich über die ältere Glykosid-Literatur
worden. Gesteigerte Utilisation bedeutete, daß der Gedanken zu machen, stempelte er sich selbst zum
Sauerstoff von der Herzmuskelzelle besser Außenseiter.
verwertet wurde. Professor Sarres Überlegung
wurde 27 Jahre später von Professor von Ardenne
Strophanthin ist gefährlich*
im Experiment bestätigt. Und es stellt sich wieder
die Frage, warum mehr als ein Vierteljahrhundert
Die Ordinarien, gereinigt von den ehrenrührigen
vergehen mußte, bis diese Wirkung eines
Anwürfen, mit denen sie sich beschmutzt gefühlt
Herzmittels von der Grundlagenforschung
hatten, waren offensichtlich zufrieden von dem
bestätigt wurde: die metabolische Wirkung, die
Erfolg ihrer Riesenwaschkraft. Einen der
günstige Beeinflussung des Herz-Stoffwechsels
dunkelsten Flecken hatten sie freilich immer noch
durch Strophanthin.
nicht aus der sonst blütenweißen Weste entfernen
Weil dieser Effekt bisher keine Beachtung durch
können: die Drohung mit dem Staatsanwalt.
die Lehrmedizin gefunden hatte, wies Dr. Kern in
Dr. Kern hatte bei jeder Gelegenheit Professor
Heidelberg mit Nachdruck darauf hin: „Mir geht es
Edens zitiert, der 1943 nach 15 Jahren Erfahrung
immer wieder darum - ich betone es: die

101
mit der Strophanthin-Behandlung als Vermächtnis derartigen Fällen zugesagt. Später hatte er sich
die Prophezeihung hinterlassen hatte, es werde dann aber geweigert, diese Zusage zu erfüllen.
bald die Zeit kommen, „in der man die Das alles hinderte die Professoren nicht, mit Hilfe
Unterlassung der rechtzeitigen Strophanthin- solcher Behauptungen den Spieß umzudrehen:
Behandlung als Kunstfehler beurteilen werde *. Strophanthin-Behandlung ist gefährlich.
Der Vorwurf eines Kunstfehlers in der Medizin Großzügig verzichteten sie darauf, eine
kommt dem Ruf nach dem Staatsanwalt gleich: Dokumentation vorzulegen, obwohl sie diese
Gefängnis wegen fahrlässiger Tötung. Beweisführung seit Stunden von ihrem Gegner
„Wir anderen Ärzte, die wir nicht nach forderten. Genügte es doch, wenn die
Kern'schem Muster behandeln, stehen unter dem Öffentlichkeit den Eindruck gewann, daß der
massiven Vorwurf, unsere Angina-pectoris- Ketzer mit einem Bein im Kittchen stand...
Patienten und unsere Infarktpatienten falsch zu
behandeln. Es wird uns ja mit dem Staatsanwalt
gedroht, daß wir nicht mit oralem Strophanthin
behandeln, weil wir so bornierte Schulmediziner
sind", stachelte Professor Heinecker das 2. HEIDELBERGER
Auditorium an. Seine wirkungsvolle Gegenattacke:
„Wer spricht vom Staatsanwalt bei den Patienten, DOGMA
die jahrelang sehr sinnvoll auf Digitalis eingestellt
waren und jetzt orales Strophanthin bekommen
und mit Lungenödem zu uns in die Klinik Es gibt keine unterschiedliche Wirk-
kommen? In der letzten Woche waren es bei mir samkeit von Strophanthin und Di-
drei Patienten, die sterbend in die Klinik kamen, gitalis. Weil aber die Digitalis-Pille
weil sie unberechtigterweise von einem Hausarzt, exakt, die Strophanthin-Pille hin-
der den Einflüsterungen des Patienten oder der gegen nur unzuverlässig dosiert
publikumswirksamen Presse erlegen war, werden kann, ist bei oraler Ver-
umgesetzt wurden auf das unzureichend wirksame abreichung die Digitalis-Tablette das
Medikament. * Mittel der Wahl. Die Strophanthin-
Beflügelt durch den starken Beifall schloß sich Pille aber ist gefährlich.
Professor Schettler seinem Vorredner an: „Ich
habe eine Reihe von Fällen, die mit Digitalis gut
eingestellt waren und die im Zuge der jetzt
anlaufenden Welle auf Strophanthin per os
umgesetzt worden sind, die mit schwersten
Dekompensationserscheinungen bei uns
aufgenommen worden sind. Wir müssen auf diese
Fälle achten, denn hier entsteht echter Schaden."
Dr. Kern war schon längere Zeit vorher mit dem
Vorwurf konfrontiert worden, daß Patienten trotz
oder gar wegen seiner Behandlung an einem
Infarkt gestorben seien. Als er aus diesem Grund
bei Professor Schettler angefragt hatte, zog es
dieser vor, zu seinen eigenen Angaben nicht weiter
Stellung zu nehmen und auf eine Antwort zu
verzichten.
Auch Professor Spang hatte ähnliche
Behauptungen aufgestellt und in einem längeren
Briefwechsel zunächst das Namhaftmachen von

102
7. Nicht jeder Herztod ist ein Medikamente zur Blutdrucksenkung und zur
Abschirmung des Herzens von nervösen Reizen
Infarkt (Beta-Blocker), Senken des Blutzuckers und der
Harnsäure.
Die eine der beiden streitenden Parteien Allerdings werden diese Maßnahmen nicht
propagierte Strophanthin, die andere Digitalis. jedesmal eingesetzt. Sie können in vielen Fällen
Deshalb waren jetzt die Digitalis-Anhänger nach unentbehrlich sein, aber man braucht sie nicht
Kräften darum bemüht, die Gegenseite zu immer.
widerlegen. Die theoretische Kraftmeierei um Ohne Strophanthin dagegen geht es nie! Dieses
Resorptions- und Dosierungsfragen des oralen Mittel hat sich bisher als unersetzlich in jedem Fall
Strophanthins darf aber nicht darüber erwiesen. Auch dann, wenn eins der anderen
hinwegtäuschen, daß sich die Behandlung des Verfahren therapiebestimmend in Erscheinung
Arbeitskreises um Dr. Kern keineswegs auf dieses tritt.
Medikament allein beschränkt. Diese Sonderstellung des Strophanthins als
Der Stuttgarter Arzt hatte im Laufe der „Schlüssel zum Herzen" hat dem Arbeitskreis um
Heidelberger Diskussion mehrfach darauf Dr. Kern den Vorwurf der Monomanie
hingewiesen, daß er „mehrgleisig fahre", und eingebracht. Er äußerte dazu: „So wie
einmal auch betont, daß in bestimmten Fällen insulinbedürftige Diabetiker nicht mit dem
Digitalis unersetzlich sei. Das war nicht etwa eine Sodawasser der Vorinsulin-Ära gerettet werden
taktische Ausrede, er hatte in seinen Schriften können, sondern eben nur mit Insulin, so wie ein
ebenso wie andere Autoren der IGI in aller Banktresor nur mit einem Spezialschlüssel und
Ausführlichkeit auch die verschiedenen nicht mit irgendeinem Gartentorschlüssel geöffnet
Zusatzbehandlungen besprochen. So ist eine werden kann, so sind die unzähligen
Mischbehandlung von Digitals und Strophanthin strophanthinbedürftigen Herzmuskelkranken nur
das Mittel der Wahl bei sämtlichen Fällen von mit Strophanthin, nicht aber mit Ersatzmitteln
Herzjagen (Tachykardien). Die Ärzte um Dr. Kern optimal versorgt. Vor allem aber war die
nützen dabei die sonst so von ihnen gefürchtete Ablehnung dieser Therapie wegen des oralen
Giftwirkung der Digitalis aus, um eine Weges ein schlichter Denkfehler und Widerspruch
Pulsbremsung herbeizuführen. Das gleichzeitig ge- in sich. Schon vor dem Ausbrechen dieses
gebene Strophanthin verhütet eine weitere Strophanthinstreits habe ich vorsorglich darauf
Schädigung des linken Herzens und bessert den hingewiesen: alle mit oralem Strophanthin
augenblicklichen Zustand. erzielbaren Erfolge können ebenso auch mit
Außerdem verabreicht Dr. Kern seinen Patienten je intravenösem Strophanthin erzielt werden, wie
nach Lage des Falles Herzmuskelextrakte, zum Beispiel die Infarktverhütung, die Edens ja
Mineralstoffe wie zum Beispiel Kalium, schon seit 1928 intravenös vorexerziert hatte."
Magnesium oder Kalzium. Oft müssen Hormone
gegeben werden, oder es sind andere zusätzliche
Zwei Drittel sterben, bevor der
Herzmittel wie Crataegus nötig.
Eine wesentliche Rolle spielen solche
Arzt kommt
Maßnahmen, die das Herz vor anderen
Schadensfaktoren schützen. Als vordringlich hat Intravenöse Strophanthin-Anwendung ist nach der
sich eine Sanierung von Herden und anderen Erfahrung des Arbeitskreises von Dr. Kern in
nichtinfektiösen Störfeldern erwiesen; nach deren Sonderfällen der oralen Strophanthin-Therapie
Ausschaltung geht der Strophanthinbedarf oft sehr überlegen. Die Spritze kann zum Beispiel auch
zurück. dann zeitweise hilfreich sein, wenn Patienten
Auch andere von der Schulmedizin anerkannte besonders empfindliche Schleimhäute haben und
Methoden gehören zum Arsenal der Kernschen über Reizerscheinungen durch das oral
Therapie: Psychotherapie und autogenes Training, angewandte Medikament klagen. Um die Zeit der

103
Eingewöhnung zu überbrücken, wird Strophanthin Sauerstoff-Mangelsituation eingeleitete
dann intravenös verabreicht. Schädigung noch nicht irreversibel geworden ist.
Unter gar keinen Umständen aber sollte das Das ist aber nur in den ersten 10 bis 30 Minuten (je
Medikament Bedürftigen vorenthalten werden. nach Stärke der eingetretenen Übersäuerung) der
Professor von Ardenne hat in seinen Arbeiten Fall**, erläuterte der Dresdner Forscher.
immer wieder mit Nachdruck darauf hingewiesen, Vor allem der Begriff irreversibel sollte zu denken
wie wichtig die rechtzeitige Verabreichung der geben. Professor von Ardenne hatte in seinen
Arznei für den Gefährdeten ist: treten Schmerzen Experimenten sichtbar machen können, daß
oder andere subjektive Erscheinungen auf, dann Strophanthin biochemische Katastrophen im
gehen in winzigen Bereichen des Herzmuskels zer- Herzmuskel wieder rückgängig machen konnte -
störende Prozesse vor sich. Der Zusammenhang allerdings nur innerhalb einer gewissen Zeitspan-
zwischen Gewebstod und Schmerzen wurde durch ne. Wird der Einsatz dieses Medikaments
seine Entdeckung der Blut-Nervenschranke innerhalb dieser Zeit versäumt, ist die Zerstörung
offensichtlich. Diese Vorgänge führen zur unwiderruflich. Selbst wenn der Patient das
Entstehung von „Kleinvernarbungen, welche in Ereignis überlebt -Narben können nicht wieder
der Summe die Infarktwahrscheinlichkeit funktionsfähig gemacht werden, auch durch das
anwachsen lassen". beste Medikament der Welt nicht.
In seiner Autobiographie schreibt Professor von
Ardenne: „In diesem Zusammenhang ist nun jene Wehret den Anfängen!
Beobachtung entscheidend, die mir viele
Kardiologen der älteren Generation bestätigt haben Man muß sich dabei vor Augen halten, daß ein
beziehungsweise bestätigen können, daß wenige unterschiedlich hoch eingestufter Prozentsatz von
Minuten (6 min) nach (perlingualer) Strophan- Infarkt-Todesfällen gar keine unmittelbar
thingabe der Herzschmerz zurückgeht, also damit vorausgehenden Infarkte zur Ursache hat. Denn
auch die Nekrose verursachende Übersäuerung. der sogenannte Sekunden-Herztod, nach dem
Genau das aber haben wir in Dresden englischen Sprachgebrauch heute auch als „plötz-
experimentell durch Übersäuerungs- licher Tod" bezeichnet, wird zwar meist als Tod
Registrierungen im Infarktgebiet an Rattenherzen infolge Herzinfarkt diagnostiziert; in Wirklichkeit
wenige Minuten nach Gabe von Strophanthin handelt es sich aber um einen Herzstillstand
gefunden." aufgrund eines Versagens des elektrischen
Eindringlich wies der Wissenschaftler immer Systems.
wieder darauf hin, daß außer dieser vorbeugenden In dieser Situation kann auch Strophanthin nicht
Wirkung gegen den Herzinfarkt noch ein weiterer helfen. Die Arznei wirkt nur auf das
Grund bestehe, weshalb das Medikament so rasch Triebmyokard, auf den Muskel also. Das
wie möglich in die offizielle Therapie Eingang Reizmyokard, die hochkomplizierte Herzelektrik
finden müsse: „66 Prozent der Infarkt-Todesfälle aber kann es nicht beeinflussen. Nachdem jedoch
ereignen sich heute bekanntlich in der langen dem Zusammenbruch dieses elektrischen Systems
Zeitspanne bis zum Einsatz ärztlicher Hilfe." In meist eine Vorschädigung des Herzmuskels durch
dieser Notsituation kann sich der Patient aber nur größere oder auch viele kleinere Narben zugrunde
dann selbst helfen, wenn er ein rasch wirksames liegt, ist es von zwingender Notwendigkeit, die
Mittel wie orales Strophanthin zur Hand hat. Weil Vernarbung des Herzmuskels zu verhüten.
das nicht der Fall ist, sterben zwei Drittel der Insofern kann Strophanthin auch der gefürchteten
Kranken vor Eintreffen des Arztes. elektrischen Instabilität und damit dem plötzlichen
„Die gefundene Minderung der Herzmuskel- Tod vorbeugen. Entscheidend dabei ist allerdings
Übersäuerung wenige Minuten nach Gabe von g- die rechtzeitige Verabreichung:
Strophanthin kann natürlich nur dann im Je stärker ein Herzmuskel vorgeschädigt und je
Infarktereignis die Herzmuskelschädigung schlechter sein Zustand bereits ist, um so weniger
herabsetzen, also helfen, wenn die durch eine kann Strophanthin helfen!

104
Das Erkennen der Symptome des Anfangsstadiums
ist deshalb Voraussetzung für eine rechtzeitig
einsetzende Behandlung und diese damit
gleichzeitig eine Vorbeugung gegen Herzinfarkt.
Jede spätere Diagnose und Therapie läuft dem
Geschehen hinterher, kann die Vorstadien der
Katastrophe nicht mehr ungeschehen machen und
deshalb in den meisten Fällen auch die
Katastrophe selbst nicht mehr verhindern. Allein
schon die Unwirksamkeit der bisher unter hohem
Kostenaufwand angewandten Maßnahmen, meint
Professor von Ardenne, hätte zu einer Änderung
im Verhalten der Verantwortlichen führen müssen:
„Ganz allgemein sind wir der Meinung, daß bei
Erkrankungen mit so erschreckend hohem
Sterblichkeitsanteil wie bei Herz-Kreislauf-
Erkrankungen bzw. Myokardinfarkt und Krebs die
Verpflichtung besteht, alle zu Hoffnungen
berechtigenden Mittel einzusetzen. Sogar umstrit-
tene Mittel, die nach menschlichem Ermessen
nicht schaden, möglicherweise aber helfen können,
dürfen, solange das Krankheitsgeschehen
unbeherrscht ist, nicht allein deswegen verworfen
werden, weil ihre therapeutische Wirkung zwar
möglich oder sogar wahrscheinlich, jedoch nicht
einwandfrei (statistisch) nachgewiesen ist."

DIE BEHANDLUNG DES


DOKTOR KERN
Die Herz-Therapie Dr. Kerns stützt
sich zusätzlich zum Strophanthin noch
auf eine ganze Reihe anderer
Maßnahmen und Medikamente. Diese
werden aber nicht in jedem Fall alle
gebraucht. Immer angewendet wird
nur Strophanthin. Wenn auch
manchmal erst eine der anderen
Methode den vollen Erfolg bringt:
ohne Strophanthin geht es trotzdem
nicht. Die Erfahrung hat gezeigt, daß
dieses Medikament unersetzlich ist.

105
8. „Widerrufen Sie, Doktor Im Auditorium sprangen Zuhörer von den Sitzen.
Fäuste wurden geballt, Stimmen überschlugen
Kern!" sich, in dem allgemeinen Wirrwarr waren die
einzelnen Zurufe nicht mehr zu verstehen. Dr.
Eine Fülle offener Probleme - und was hatte die in Kern hatte Widerruf und Kniefall verweigert.
Heidelberg versammelte Fachwelt dazu zu sagen? Am nächsten Tag auf der Pressekonferenz wurde
Wenig, allzu wenig. Die Prominenz der er angeschrien: „Widerrufen Sie, Doktor Kern."
Kardiologen hatte ein anderes Ziel im Auge. Doch so wenig beeindruckend sein Auftreten auch
Professor Grillmann sprach es aus: „Herr Kollege war, in einem Punkt blieb Dr. Kern fest: er
Kern, sagen Sie doch einmal - ich glaube, darauf widerrief nicht. Wie perfekt der Schauprozeß auch
wartet alles -, daß Sie zurückstecken müssen in abgelaufen war - das wesentliche Element, einen
bestimmten Dingen, die Sie behauptet haben. geständigen Angeklagten, konnte er nicht bieten.
Geben Sie doch einmal zu, daß das, was Sie sagen: Es hatte in dieser gereizten Atmosphäre fast etwas
daß die Digitalis-Therapie falsch, sogar Rührendes, als IGI-Geschäftsführer Dr. Heyde
infarktauslösend und daß allein die Therapie mit noch einmal versuchte, über die Fronten hinweg
oralem Strophanthin richtig ist - daß Sie das das Gemeinsame, die Verantwortung für den
zurücknehmen." Kranken hervorzuheben: „Die Diskussion, die
Dr. Kern erklärte: „In dieser Verallgemeinerung heute Abend entstanden ist, ist ein wenig
nehme ich das zurück." Erstmals an diesem festgefahren und hat - ich muß es leider sagen - die
Nachmittag erhielt er von seinen Widersachern Fronten eher ein bißchen verhärtet. Deswegen
Applaus. Genauer gesagt: die Akklamation galt möchte ich folgendes als eine Bitte aussprechen:
weniger Dr. Kern als der wiederhergestellten Nicht so aufhören! Wir müssen doch irgendwie
eigenen Ehre. Man klatschte sich gewissermaßen dazu kommen, die Anregung, die uns Herr Kern
selber Beifall. Aber die Freude war verfrüht, Dr. gegeben hat, zu überprüfen.
Kern hatte noch einmal Tritt gefunden: „Das heißt,
ich habe es auch nie in dieser Verallgemeinerung
„Wir sind Ärzte und keine
behauptet."
Der Hamburger Kliniker Professor Donat wollte es Heiler"
genau wissen: „In Ihrem Buch, Herr Kern,
schreiben Sie auf Seite 145: ,Wenn von zwei Wir haben jetzt ein Rundschreiben an die Ärzte
Mitteln wie Digitalis und Strophanthin das eine gemacht, die schon mit oralem Strophanthin
Nekrosen und Stenokardien erzeugt, das andere gearbeitet haben. Ich habe hier die positiven
verhütet oder behebt, so ist es nicht mehr ernstlich Zuschriften herausgesucht. Das sind also 180
diskutierbar, sie als gleichwertig und beliebig aus- Ärzte, die wir nicht näher kennen, und dann aus
tauschbar anzusehen.* Ich habe jetzt gehört, daß dem Kernschen Arbeitskreis noch zusätzlich 30
dieser Satz nicht mehr stimmt. Ist das richtig?" Ärzte, die sich eindeutig positiv über die orale
Und beinahe beschwörend: „Das haben Sie eben Strophanthin-Therapie geäußert haben. Das ist
gesagt!" Ein Zwischenrufer assistierte: „Jawohl, doch ein Indiz!"
das hat er!" Professor Donat antwortet: „Ich finde, das ist kein
Dr. Kern korrigierte: „Haben Sie vorhin gehört, Indiz. Wir sind Ärzte hier. Als Ärzte müssen wir
daß ich gesagt habe, es hängt vom uns der Wissenschaft verpflichtet fühlen. Sonst
Qualitätszustand des Herzmuskels ab? Je sind wir Heiler. Heilpraktiker."
schlechter ein Linksmyokard dran ist, desto Dr. Heyde sagte sehr ruhig: „Gut, dann bin ich ein
schlechter wirkt Digitalis. Dann kann es Nekrosen Heiler."
machen, während Strophanthin die Nekrosen Vielleicht hätte er noch die satirische Zeitschrift
verhütet. Wenn das Myokard aber noch in gutem „Simplizissimus" zitieren können. In einer
Zustand ist, dann kann der Unterschied unmerklich Ausgabe des Jahres 1906 heißt es darin: „Irgendein
gering sein."

106
wissenschaftlicher Wert kommt dem Verfahren Als dieser nicht darauf einging, brach Professor
nicht zu, höchstens eine Heilwirkung." Wölk heim die Tagung ab: „Das, was Herr
Es ist fast undenkbar, daß alle Anwesenden sich Gillmann sagt, Herr Doktor Kern, ist eine ganz
mit solch einem Zerrbild der Medizin, mit ernsthafte Angelegenheit. Es kann nicht im Räume
gewaltsam mißverstandener Wissenschaft einfach stehenbleiben, daß wir alle, die wir nicht eine
abfanden. Was war von solchen Kapazitäten zu solche Behandlung mit oralem Strophanthin an-
erwarten, die den Kranken nur noch durch den wenden, uns straffällig machen oder gewissenlos
„Sehschlitz ihrer Apparate" betrachteten, wie das handeln. Das ist nicht möglich."
ein russischer Forscher formulierte? Warum erhob
auch nicht ein Einziger Einspruch? Moderator „Das ist kein Tribunal"
Professor Wollheim erläuterte den Grund:
„Das, was dieses Symposium versuchen wollte - Zum Abschluß ließ es sich Professor Schettler
was, wie ich fürchte, nur sehr bedingt gelungen ist, angelegen sein, noch einmal zur Unversöhnlichkeit
was wir aber in einer Zusammenfassung noch aufzurufen: „Es scheint jetzt alles darauf hinaus zu
einmal versuchen wollen-, sollte Ihnen zeigen, daß laufen, daß man uns um Zusammenarbeit bittet
die heutige Medizin auch in diesem Lande wie in und uns anbietet, auf den verschiedensten Sektoren
vielen anderen Ländern nicht auf subjektiven nun neue Untersuchungen zu starten.
Eindrücken beruht, sondern daß wir nach objek- Er verschwieg geflissentlich, daß er schon drei
tiven Kriterien suchen müssen und daß wir für Jahre zuvor eine Zusammenarbeit aus Zeitmangel
viele Dinge auch objektive Kriterien haben." abgelehnt hatte, und fuhr fort:
Noch deutlicher wurde Professor Heinecker in „All das, was in den letzten Monaten geschrieben
seinem Schlußwort für die Klinik: „Der klinisch worden ist, will man heute nicht wahrhaben. Ich
bemühte Arzt und derjenige, der eine Großzahl möchte Sie jetzt, unter diesen Umständen bitten,
von heute von der Publikationspresse abhängigen sich einmal den Text des Vortrages im
Patienten betreut, ist zutiefst bedrückt, daß wir Deutschlandfunk zu Gemüte zu führen, wo
offensichtlich nicht haben belehrender wirken persönliche Angriffe gegen Vertreter der
können." Schulmedizin und in den verschiedensten
In seiner zusammenfassenden Antwort sagte Dr. Bereichen in einer Weise gestartet worden sind,
Kern: „Meine Anregung geht immer wieder dahin, daß man einfach nicht mehr mitkam. Wenn
das nicht einfach bloß beiseitezuschieben, wenn da unterstellt wird, daß ein deutscher Arzt, wenn er
auch noch einige Versuche nicht ganz gelungen Ordinarius ist, heute behaupten könne, was er
und auch noch nicht ganz beweiskräftig gewesen wolle, er würde nie dafür zurechtgewiesen, er
sind. In diesem Sinne würde ich um Vorschläge würde nie dafür zur Rechenschaft gestellt..."
bitten, wie man diese Dinge weiter bearbeiten Professor Schettlers Haßtirade verlor den Maßstab.
kann.** Er glaubte aufgrund des von ihm veranstalteten
In diesen Schlußminuten bewies der gedemütigte Schauprozesses auch Gerichtsurteile revidieren zu
und verhöhnte Praktiker aus der Stuttgarter können:
Reinsburgstraße, daß er seinen Kritikern doch „... wenn weiter hineingeschrieben wird, daß die
einiges voraus hatte. Er schluckte das Gutachten, die von uns erstellt werden, zum
Eingeständnis, daß er nur hierher geladen worden Nachteil der Patienten aus Arroganz und
war, um sich belehren zu lassen. Er verzichtete auf Nichtwissen der Schulmedizin heraus gefertigt
jede Attacke und sprach nur von der gemeinsamen würden, und wenn diese Dinge als Beweis für eine
Verantwortung. Professor Gillmann zeigte miserable Leistung dieser sogenannten Schulmedi-
dagegen auf, worum allein es den Professoren zu zin zitiert werden, wenn das Ganze noch politisch
tun war: verbrämt wird - meine Damen und Herren, da kann
„Die Frage nach dem Staatsanwalt, Herr Doktor ich persönlich als Arzt bei allem Engagement nicht
Kern, muß geklärt werden!" mehr mit!"

107
Trotz allem Engagement entfiel es dem Initiator
des Heidelberger Infarkt-Tribunals nicht, noch
einmal auf etwas hinzuweisen, was ihm besonders
am Herzen lag: „Bitte fassen Sie das nicht, wie es
sein könnte, als ein Tribunal oder eine Jury auf.*"
Dr. Heyde trat als Letzter an das Mikrofon: „Ganz
kurz bitte noch. Wenn Herr Professor Schettler
nicht mitmacht, vielleicht findet sich jemand
anders, der mitmacht."
Der Rest war Schweigen.

108
109
V. Kapitel

„Mehr Ehrfurcht vor dem Leben


als vor den Lehren!"
1. „Kern-Spaltung" scharf artikuliert von Professor Gillmann aus
Ludwigshafen und Professor Heinecker aus
In den Tagen und Wochen danach wurde das Kassel, gar nicht so sehr auf die wissenschaftlich
unhaltbare Hypothese, sondern auf die
Verdammungsurteil weit und breit verkündet. „...
Was sich dem Beobachter darbot, war ein Diffamierung des ärztlichen Standes .. .** machte
eine weitere Tageszeitung deutlich.
Trauerspiel", charakterisierte einer der
Berichterstatter jene sieben Stunden auf der ,Mol- Unter den Chronisten waren sogar solche, denen
die Diskussion „sachlich und nüchtern** oder
kenkur*, und ein anderer triumphierte: „Die laut
propagierte Herzinfarkt-Wunderkur des Doktor sogar „außerordentlich fair, sachlich und
überzeugend** erschienen sein wollte. Einer ließ
Kern brach unter der Heidelberger Inquisition
kläglich zusammen." es sich nicht nehmen, daß Dr. Kern „ein Übermaß
an Fairneß** zuteil geworden sei.
Publikumspresse und Fachjournalisten waren sich
darin einig, „Zeugen einer wissenschaftlichen Nach dem allgemeinen Tenor hatte der Stuttgarter
Arzt eine „völlige Niederlage** erlitten, man habe
Hinrichtung" geworden zu sein: „Der Mann, der
auf der Anklagebank der Wissenschaft saß, konnte mit ihm „Fraktur geredet**, endlich sei der „Spuk
verflogen**. Die verächtliche Feststellung: „Über
keine Beweise für seine Thesen vorweisen."
»Tribunal*, »Inquisition*, ,Schauprozeß', Kern und mit Kern wird nicht mehr gesprochen**
erinnerte peinlich an die Formel der römischen
,Verhör*, »Ketzergericht*, »Aburteilung*,
»Hinrichtung*, ja sogar ,Schlachtfest* und Inquisition: „Roma locuta, causa finita**:
Heidelberg habe sein Urteil gesprochen, und damit
»Austreibung böser Geister* waren die
Bezeichnungen» unter denen die sei der Streit endgültig beigelegt.
Kritik wurde nur am Rande laut. Ein Journalist be-
„wissenschaftliche Klausurtagung" jetzt firmierte.
„Kern am Nullpunkt" „Kern-Spaltung" — fand, das Tribunal sei „letztlich doch unwürdig**
gewesen, die Kardiologen hätten aber „keine
„Schulmedizin zerpflückt Dr. Kern" „Dem Windei
ging die Luft aus" - „Niederlage eines Herz- andere Wahl** gehabt.
„Die Ausweglosigkeit, in die das Gespräch
forschers" -„Wunderdoktor Kern treibt sich selbst
zum Offenbarungseid" - „Die große Blamage des einmündete, hat vielmehr bei allen Teilnehmern
ein tiefes Unbehagen hinterlassen", bekannte einer
Dr. Berthold Kern" lauteten die Titelzeilen. Einer
der Journalisten hatte es sich nicht nehmen lassen, der Berichterstatter. „Wenn es dem Heidelberger
Gespräch gelungen wäre, die Öffentlichkeit über
auf der anschließenden Pressekonferenz zu
fordern: „Ich verlange die Zuziehung eines die Hypothesen des Dr. Kern aufzuklären und
zwischen ihm und den Vertretern der offiziellen
Psychiaters!" Dadurch hatte sich ein anderer zu der
Schlagzeile angeregt gefühlt: „Was am Ende blieb, Medizin vielleicht doch noch eine
Zusammenarbeit anzubahnen, an der sich auch Dr.
war der zornige Ruf nach dem Psychiater.**
„Wer gehofft hatte, in Heidelberg hoch oben auf Kern interessiert zeigte, hätte es einen Nutzen
gehabt.**
der ,Molkenkur* Zeuge eines wissenschaftlichen
Florettgefechts zu werden, sah sich enttäuscht, es
mußte mit harter Klinge geschlagen werden**,
bedauerte eine Zeitung. „Ungebrochen von all den
peinlichen Schlappen, den massiven Ge-
genbeweisen und nicht weniger massiven
moralischen Vorhaltungen, vom reichlich
geäußerten Mißfallen über seine ausweichenden
Antworten und dem unverhüllten Hohn, der ihm
gelegentlich entgegenschlug, hat Dr. Berthold
Kern die gewiß nicht immer rücksichtsvolle
Inquisition durchgestanden**, befand eine andere.
„Dabei bezogen sich die Vorwürfe, besonders
Die Professoren wollen reinen bereits genommen hatte. Da hat mich der Oberarzt
angeschrien: ,Bei uns nicht!' und hat mich einige
Tisch machen
Tage später, trotz schlechtestem Zustand,
hinausgeworfen."
„Selten hat die Wissenschaft einen so leichten und
„Ich war zu einer Untersuchung in der Klinik. Ich
so schnellen - vielleicht zu schnellen - Sieg über
sagte, daß ich für mein Herz Strophanthin nehme.
einen Außenseiter errungen", gab ein Beobachter
Da sprang der Arzt auf und fuhr mich an: ,Was?
zu bedenken. Ein anderer räumte ein, man habe
Welcher Scharlatan hat Ihnen dieses Zeug
über Dr. Kern in Heidelberg „gelacht und
verschrieben? Das taugt nichts, werfen Sie es
gespottet, als ginge es um einen Studentenulk und
sofort weg und suchen Sie sich einen richtigen
nicht um ein sozialmedizinisches Problem von
Arzt!"
weltweiter Bedeutung".
„Als mich der Professor untersuchte, sagte ich
Professor Hittmair, an dessen Klinik Professor
ihm, wie gut mir Strophanthin tut. Er machte dann
Halhuber 20 Jahre zuvor die Wirksamkeit oralen
ein EKG und eine Röntgenaufnahme. Ich bekam
Strophanthins hatte bestätigen können, stellte in
Angst, als er mir sagte, mein Zustand sei
einem Leserbrief fest: „Journalisten schleuderten
bedenklich, weil ich so aufgegiftet sei. Ich war
die Brandfackel. Das ist ihr gutes Recht. Die
dann zwei Wochen zu einer Entziehungskur bei
Experten haben das entfachte Feuer ausgetreten.
ihm."
Nun ist die Wissenschaft an der Reihe: sie hat die
eigentliche Brandursache zu erforschen und
aufzuklären.“ Alle mit voller Kraft zurück!

Die Experten aber sahen alle Schuld nur in der Ebenso bezeichnend ist ein anderes Beispiel.
„Frivolität" jener Journalisten, die Dr. Kern zu Professor Gillmann hatte vor dem Tribunal
„größter Publizität" verholfen hatten. Damit offiziell im „Deutschen Ärzteblatt" für die
wiederholte sich die Torheit des alten Versuchs, Hochschule zum Infarktstreit Stellung bezogen.
das Thermometer zu zerschlagen, weil man das Dabei waren ungewohnte Töne angeklungen, denn
Fieber nicht bannen kann. Trotz des weltweiten er wollte neben der Gefäßkrankheit auch den Herz-
Massensterbens an Herzinfarkt war es den Fach- muskel in das Gesichtsfeld wissenschaftlicher
leuten nicht möglich, einen „objektiv zwingenden Betraditung einbezogen sehen. Ähnlich
Anlaß" für die ausgebrochene Pressekampagne zu differenziert äußerte er sich in einem Fernseh-
finden. Professor Schettler verstieg sich sogar zu Interview nach Heidelberg. Der Moderator zog
der grotesken Forderung, nach Dr. Kern hätte auch daraus den Schluß, die Arteriosklerose sei zwar
ich mich der Inquisition zu „stellen"; außerdem nach wie vor das Hauptübel, aber sie sei eben nicht
legte er meinem Verleger nahe, hinsichtlich meiner allein als Infarktursache anzuschuldigen.
Person doch „personelle Konsequenzen* zu Er war daher erstaunt, als ihn Professor Gillmann
ziehen. einige Tage nach der Sendung anrief und bat, im
Die akademischen Tempelwächter machten auch Fernsehen noch einmal klarzustellen, daß er
vor den eigenen Reihen nicht halt. Denn der Sinn keineswegs ins gleiche Hörn stoße wie Dr. Kern.
eines Schauprozesses ist es ja, nicht nur den Ketzer Dieser Vorwurf sei aus Heidelberg gegen ihn laut
zu verdammen, sondern auch innerhalb der geworden ...
Gemeinschaft jedes Ausbrechen aus der Solidarität Damit innerhalb der Ärzteschaft künftig kein
zu verhindern und etwaige Zweifler auf das Zweifel mehr aufkommen könnte, ob das alte
Dogma einzuschwören. Dogma wieder volle Gültigkeit habe, wurde im
Wie erfolgreich dieses Rezept ist, läßt sich an den „Deutschen Ärzteblatt" das Thema
Aussagen von Patienten ablesen: Infarktentstehung noch einmal unter dem bezeich-
„Ich habe, als ich auf der Ersten Universitätsklinik nenden Titel: „Die koronare Herzkrankheit in der
lag, vom oralen Strophanthin erzählt, das ich Praxis" aufgegriffen. Professor Kaltenbach,
gleichfalls Ankläger in Heidelberg, wandte sich

112
direkt an die Praxisärzte und stellte schon von
vornherein klar, daß in Zukunft wieder nur noch
1
von der „koronaren Herzkrankheit * gesprochen
werden würde, der Herzinfarkt also ausschließlich
als Folge der Koronarsklerose anzusehen sei. Kurz
zuvor hatte Gillmann solche Behauptungen an
gleicher Stelle noch als „bösartige Unterstellung"
zurückgewiesen ...
Welche Ratschläge sollten die Ärzte aber befolgen,
um der Koronarerkrankung vorzubeugen?

113
2. Schreckgespenst Die Cholesterin-Hysterie hat dazu geführt, daß
einige grundsätzliche Tatsachen gar nicht mehr in
Cholesterin den Blickpunkt gerückt werden:

„Das Cholesterin hat für die Arteriosklerose die 1. Cholesterin ist für den menschlichen
gleiche Bedeutung wie der Tuberkelbazillus für Organismus sehr wichtig. Deshalb wird es
die Tuberkulose." Mit dieser Erklärung stellte ein auch vom Körper selbst produziert, und
amerikanischer Wissenschaftler Cholesterin zwar in viel größeren Mengen, als wir mit
deshalb auf eine Stufe mit einem gefährlichen der Nahrung aufnehmen können. Unser
Krankheitserreger, weil er es für hauptschuldig an Organismus hält wegen ständigen Bedarfs
der Entstehung der Arteriosklerose und damit des einen gewissen Cholesterinspiegel im Blut
Herzinfarktes hielt. aufrecht, der bei Gesunden rund dreimal so
Cholesterin ist eine perlweiße, fettartige Substanz. hoch ist wie der Zuckerspiegel.
In tierischem Fett und Fleisch ist sie besonders
reichlich vorhanden. Dieses Schreckgespenst des 2. Cholesterin wird nur bis zu einer
Menschen von heute - so besagt die Lehre - lauert begrenzten Menge vom Darm
im Schnitzel, steckt im Aufstrich des Butterbrotes, aufgenommen. Selbst wenn wir viel davon
glotzt ihn mit den Fettaugen aus dem Suppenteller essen, kann es wegen dieser
an. Zusammen mit köstlichen Leckerbissen fährt Resorptionssperre nur in beschränktem
es ihm in den Leib, kriecht ihm in die Adern und Ausmaß ins Blut gelangen.
greift jäh nach seinem Herzen. Zwar ist dieses
Scheusal schon ziemlich betagt, aber weil es von
einer ganzen Reihe maßgebender Hochschul- 3. Unser Organismus richtet die Menge seiner
Professoren gehegt und gehätschelt wird, erfreut es eigenen Cholesterin-Produktion nach der
sich nach wie vor jugendlicher Vitalität. mit der Nahrung aufgenommenen
Cholesterin spielt für das Lehrgebäude des Herz- Cholesterinmenge; je nach dem, wie wenig
infarktes eine ähnliche Rolle wie der Schloßgeist oder viel zugeführt wird, stellt er mehr oder
für ein englisches Kastell: Keiner glaubt zwar so weniger eigenes Cholesterin her. Außerdem
recht daran, aber ohne seine Existenz verlöre das kann überschüssiges Cholesterin von den
baufällige Anwesen doch sehr an Attraktivität. Fettzellen gespeichert werden.
Das Stöhnen und Wehklagen des vermeintlichen
Gespenstes hat bewirkt, daß Millionen von 4. Ein erheblicher Teil von Herzkranken hat
Menschen wie die Schafe leben. Sie nehmen fast gar keinen erhöhten Cholesterin-Gehalt im
ausschließlich Nahrung zu sich, die ungesättigte Blut. Im Krankengut des amerikanischen
Fettsäuren ohne das gefährliche Cholesterin Herzchirurgen DeBakey sind es
enthalten, wobei vor allem Pflanzenfette die beispielsweise nur 20 Prozent.
Hauptrolle spielen.
Dabei wurde übersehen, daß sich auch bei 5. Cholesterin wird vom Blut durch das ganze
Pflanzenfressern in der Tierwelt, wenn sie alt Gefäßsystem transportiert, also auch durch
genug werden wie etwa Pferde, beträchtliche die Venen. Dennoch gibt es, wie schon der
arteriosklerotische Herde mit Name ausdrückt, in den Venen keine
Cholesterineinlagerungen entwickeln. Und das, Arteriosklerose.
obwohl diese Viecher zeit ihres Lebens weder
Butter noch Eier oder gar Speck gefressen haben,
Vergiftete Versuchskaninchen
sondern gerade nur jene vegetabilische Magerkost,
die den Cholesterin-Aposteln als Schutz gegen
Der Cholesterin-Rummel begann vor mehr als 60
Arteriosklerose und Herzinfarkt gilt.
Jahren, als Wissenschaftler zu Versuchszwecken
Kaninchen mit exorbitanten Mengen Cholesterin

114
geradezu vergifteten -übertragen auf den die Vermutung, es könne daran liegen, daß „die
Menschen waren es Mengen von mehreren wirkliche Ursache der Bildung von Atheromen
Kilogramm. Solche Forschungen sind nicht sehr heute noch nicht richtig erkannt oder überhaupt
sinnvoll, denn der menschliche Organismus ist noch unbekannt ist."
durchaus in der Lage, auch ein Übermaß an
Cholesterin in der Kost schadlos auf natürlichem Kosmetik statt
Wege zu bewältigen.
Ursachenforschung
Nicht so Kaninchen; sie gehören zu den
cholesterinempfindlichsten Tieren, die wir kennen.
Auch auf den einschlägigen amerikanischen
Deshalb kam es bei der Fütterungs-Vergiftung
Kongressen wird inzwischen klar ausgesprochen,
unter anderem auch zu Gewebszerstörungen in den
daß eine Diät, die arm an Cholesterin und reich an
Arterien. Obgleich sich diese Veränderungen in
ungesättigten Fettsäuren ist, Arteriosklerose oder
Kaninchenadern völlig von den arterio-
gar Herzinfarkte keineswegs verhüten kann. Das
sklerotischen Veränderungen in menschlichen
deckt sich zum Beispiel auch mit Feststellungen in
Gefäßen unterschieden, wurde aus solchen
Israel, einem Land, in dem die Kost weitgehend
Versuchen der Schluß gezogen, jetzt sei die
cholesterinarm und reich an ungesättigten Fettsäu-
Ursache der Arteriosklerose beim Menschen
ren ist: die Sterblichkeit an Herzinfarkt liegt
endlich gefunden.
dennoch genau so hoch wie in europäischen
Professor Hans Glatzel ist einer der engagiertesten
Ländern.
Kämpfer gegen die Fett-Hysterie. Er hat alle
Damit haben sich also die Anschuldigungen gegen
wichtigen Arbeiten der Weltliteratur auf diesem
das Cholesterin in der Nahrung als nicht stichhaltig
Gebiet gelesen, um sich aufgrund der festgestellten
erwiesen.
Tatsachen ein richtiges Bild machen zu können.
Aber immer noch wird Patienten empfohlen,
Dabei kam er zu dem Ergebnis: »Die Kombination
möglichst wenig tierisches Fett mit dem bösen
Nahrungsfett, Blutcholesterin und Herzinfarkt ist
Cholesterin und statt dessen ungesättigte
ein explosives Gemisch. Die Auseinandersetzun-
Fettsäuren zu sich zu nehmen. Selbst als es sich
gen darum sind meist stark emotional bestimmt,
zeigte, daß auch Margarine den Cholesterinspiegel
weil nicht allein ärztlich diätetische
im Blut erhöhen kann, wurden daraus keine Kon-
Gesichtspunkte, sondern auch fixierte
sequenzen gezogen. Wieder ein bedrückendes
Lehrmeinungen und kommerzielle Interessen
Beispiel für die Tatsache, daß eine Lehre
dabei mitspielen."
hartnäckig auch dann noch ausgetretenen Pfaden
Bei kritischer Überprüfung von jenen 14
folgen muß, wenn die Forschung längst auf neuen
Großversuchen, die immer dann angeführt werden,
Wegen weit vorausgeeilt ist.
wenn es gilt, die Zusammenhänge zwischen Fett,
Immer wieder wird über das gleichzeitige
Cholesterin und Herzinfarkt als „wissenschaftlich
Auftreten von erhöhten Cholesterinspiegeln und
gesichert" dazustellen, fand Professor Glatzel im
Herzinfarkten berichtet. Statt aber die Ursache
Gegenteil: „Die Ergebnisse rechtfertigen es nicht,
aufzuklären und sie auszuschalten, wird nur
bei Gesunden und Koronarkranken die Hoffnung
getrachtet, zuviel Cholesterin oder Fett aus dem
zu erwecken, sie könnten durch fettarme und
Blut einfach „wegzudrücken". Es ist allerdings
polyensäurereiche Ernährung (reich an
fraglich, ob solch eine Blut-Fett-Kosmetik sinnvoll
ungesättigten Fettsäuren) das Auftreten von
ist.
Herzinfarkterscheinungen verhüten."
Da gibt es Medikamente, denen nach den
Professor Seher, Leiter der deutschen
Statistiken eine geringfügige Besserung der
Bundesanstalt für Fettforschung in
Herzkrankheit zugeschrieben werden kann.
Münster/Westfalen, bestätigt, die Frage, ob
Paradox ist nur, daß dieser Erfolg ohne den
Nahrungscholesterin bei der Entstehung des
gewünschten Effekt eintritt: das Auftreten von
Herzinfarkts hauptsächlich mitwirke, sei
Herzinfarkten ist unter diesem Medikament
„wissenschaftlich noch völlig ungeklärt". Er äußert

115
seltener, obgleich der Fettspiegel im Blut gar nicht
absinkt.
Bei anderen Präparaten läßt sich eine Wirkung
zwar am Blutbild ablesen: der Fettspiegel wird
tatsächlich gesenkt. Zu ihrer Verblüffung mußten
die Wissenschaftler jedoch feststellen, daß
ungeachtet dessen die Arteriosklerose der
Herzkranzgefäße weiter fortschritt. Bei einem
amerikanischen Großversuch wurden 8341
Personen in 53 Kliniken über mehrere Jahre
beobachtet. Noch vor Beendigung der
Versuchsreihe mußte die Verabreichung des
Medikaments zur Senkung des Blut-Fettspiegels
gestoppt werden, weil die Sterblichkeit der
Patienten um 18,4 Prozent höher lag als in der
Vergleichsgruppe, die keine derartigen Präparate
erhielt.

116
3. Lieber rechtzeitig sterben schade, während eine entgegengesetzte
Forschergruppe zu der Annahme kommt, daß sich
„Es ist grotesk, was man uns heute zumutet", Alkohol günstig auf die Herzgesundheit auswirke.
Die einen glauben, daß Aspirin einen Schutz vor
knurrten die Experten. „Mit einer Pille dreimal
täglich sollen alle Probleme des Herzinfarktes dem Herzinfarkt gewährt, andere wieder
befürchten, daß dieses Medikament die
gelöst sein." Zwar hatte niemand außer ihnen
selbst solch eine Behauptung aufgestellt, aber die Infarktgefahr erhöht. In Israel wurde sogar
festgestellt, daß der Übergang von der
Greuelpropaganda mit dem Dreimaleins eignete
sich vorzüglich dazu, eine totale Vielweiberei zur Monogamie das Infarktrisiko der
Beduinen steigere, und aus Bayern kommt die
Begriffsverwirrung hervorzurufen.
Die Herzmedizin ist wegen ihrer Mißerfolge bei frohe Kunde, daß die Gefahr einer
Infarkterkrankung sinkt, wenn man an einer
der Behandlung bemüht, das Infarktproblem durch
vorbeugende Maßnahmen zu lösen. Erklärtes Ziel Lebererkrankung leidet.
Den Vogel abgeschossen haben aber zweifellos
ist es, die sogenannten Risikofaktoren, schädliche
Einflüsse auf die Herzgesundheit, auszuschalten. jene amerikanischen Wissenschaftler, die fanden,
daß jene Personen besonders infarktgefährdet sind,
Das ist grundsätzlich nur zu begrüßen. Doch darf
diese Einstellung nicht dazu führen, daß aus die überdurchschnittlich lange schlafen und dann
meinten, schlafen mache das Herz krank. Sie
Gründen der Vorbeugung die Behandlung in Miß-
kredit gebracht wird. zeigten sich von ihrer Erkenntnis zwar „selbst
überrascht**, kamen aber nicht auf den Gedanken,
Es ist zweifellos wünschenswert, daß man auch
Erkrankungen wie einer Lungenentzündung oder daß man es auch andersherum sehen kann: wer
herzkrank ist, benötigt verständlicherweise mehr
der Zuckerkrankheit vorbeugen könnte, indem
man deren Risikofaktoren erforscht und Schlaf als die gesunde Durchschnittsbevölkerung.
Wie sehr man aufs Glatteis geraten kann, wenn
ausschaltet. Dennoch dürfen wir nicht darauf
verzichten, für den Ernstfall Penicillin beziehungs- man von gleichzeitigem Auftreten auf ursächlichen
Zusammenhang schließt, illustriert das berühmte
weise Insulin zur Verfügung zu haben. Das
Gleiche gilt für die Herzerkrankungen: eine Beispiel von der „Storchen-Logik":
wirksame Therapie ist dringend nötig.
Ein weiterer wunder Punkt der Infarktverhütung: „Iß nicht, trink nicht, arbeite
bislang konnten nur fünf Faktoren aufgespürt nicht!"
werden, deren schädlicher Einfluß zumindest
statistisch als „gesichert" anerkannt wird: Im Ruhrgebiet ging zu Anfang dieses Jahrhunderts
Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, Übergewicht, gleichzeitig die Anzahl der Geburten und der
Zigarettenrauchen, Störungen des Fett-Stoffwech- Störche zurück. Also brachte doch der Storch die
sels. Als hochgradig verdächtig gelten aufgrund Babys! Geht man aber den Ursachen nach, so
festgestellter Wechselbeziehungen Streß, kommt man bald dahinter, daß ein dritter Faktor,
Bewegungsmangel und erhöhter Harnsäurespiegel nämlich die zunehmende Industrialisierung der
im Blut. Im allgemeinen geht es bei der statistisch vorher ländlichen Region, der Anlaß sowohl für
programmierten Suche nach Risikofaktoren mit den Rückgang der bäuerlichen Großfamilie mit
logischen Bocksprüngen durch Kraut und Rüben. hoher Kinderzahl wie auch für die Abwanderung
„Neigen Gallensteinträger zum Herzinfarkt?** der Störche war. Aber so sehr auch über derartige
fragt ein Fachblatt, weil eine Wechselbeziehung, Fehlschüsse gespottet wird, die Storchenlogik
ein gleichzeitiges Auftreten von Gallensteinen und feiert allenthalben fröhliche Urständ.
Herzinfarkt, bei einer Patientengruppe festgestellt Deshalb nimmt es auch nicht wunder, daß ein
werden konnte. „Auch die Pille muß zu den Mediziner schließlich dieses Patentrezept für ein
Risikofaktoren gezählt werden", behaupten die „gesundes Leben" verkündete: „Iß nicht, trink
einen, während andere das rundweg bestreiten.
Dem Alkohol wird nachgesagt, daß er dem Herzen
117
nicht, arbeite nicht, sei nicht nervös oder ärgerlich heranziehende Wetterfront -, wird man auf eine
-entspanne dich und bleibe beweglich!" wirkungsvolle Therapie nie verzichten können.
Aber auch mit solcher , Wissenschaft wird das
Infarktproblem nicht gelöst. Im Gegenteil: Das Das glücklichere Leben nach dem
„Nationale Herz- und Lungen-Institut" der USA
Infarkt
bedauert, daß bis jetzt noch nicht schlüssig
nachgewiesen worden sei, „daß die Beeinflussung
Unter diesen Gesichtspunkten ist es
von Risikofaktoren... die Häufigkeit der
unverständlich, wenn Professor Halhuber zum
Infarkterkrankung vermindert". Solche
Ausdruck bringt, es sei geradezu wünschenswert
Behauptungen seien „mehr eine Frage des Glau-
für manchen Menschen, daß er „rechtzeitig seinen
bens als eine Tatsache".
Infarkt" bekäme: „Wenn jemand in den Wochen
Einer der führenden amerikanischen Kardiologen,
nach dem Infarkt die erzwungene Muße dazu
Professor Elliot Corday, erblickt sogar die derzeit
benützt, um Gewissensforschung zu betreiben und
einzig mögliche Lösung darin, die Patienten
sich zu fragen, welche Risikofaktoren für ihn die
weiterhin in einem Irrglauben zu belassen: „Ich
wichtigste Rolle spielen und worin er sein Leben
sehe die Ergebnisse all dieser Untersuchungen,
ändern muß, dann kann sich der Glücksfall
und ich sehe, daß wir auf dem falschen Weg sind.
ereignen, daß der Herzinfarkt für diesen Menschen
Sagen wir den Patienten, wir glauben zwar, daß
wirklich ein Wendepunkt zu einem erfüllteren,
dieser Rat befolgt werden sollte, hätten aber
glücklicheren, ja sogar längeren Leben wird.**
keinen Beweis dafür, daß das Ausschalten der
Was aber, wenn für besagten Menschen der erste
Risikofaktoren dem Fortschreiten der Erkrankung
Infarkt auch gleichzeitig der letzte ist? Und selbst
vorbeugt."
wenn er überlebt, ist sein Herz durch den Ausfall
Er gibt zu bedenken, daß während der letzten zehn
eines Muskelbezirks vorgeschädigt. Das Risiko
bis fünfzehn Jahre eine beträchtliche Anzahl von
eines zweiten Infarktes ist entsprechend hoch.
Patienten den Anordnungen der Ärzte gefolgt sei
Außerdem erhebt sich die Frage, mit welchen
und die „gesicherten" Risikofaktoren vermieden
Ratschlägen das „glücklichere Leben nach dem
habe. „Aber die Todesrate der
Infarkt" gewährleistet werden kann. Eine
Koronarerkrankung", beklagt der Herzspezialist,
ursächliche Behandlung gibt es nicht, und die
„ist jetzt noch genau so hoch, wie sie vor fünfzehn
Ausschaltung der bislang bekannten
Jahren war. Ich möchte wissen, warum das so ist,
Risikofaktoren ist nicht immer vom gewünschten
wenn doch wie einige Ärzte glauben - das
Erfolg gekrönt.
Ausschalten von Risikofaktoren die Todesrate
Greifen wir zwei Beispiele heraus. Zuerst das
senkt. *
Senken erhöhten Blutdrucks mit Medikamenten.
Daraus lassen sich zwei Schlußfolgerungen
Zweifellos eine wichtige Maßnahme, weil dadurch
ableiten:
Gehirnschläge und Nierenschäden weitgehend
Wir kennen noch nicht alle wichtigen, vielleicht
vermieden werden können. Aber die Zahl der
noch nicht einmal die wichtigsten Risikofaktoren
Herzinfarkte, so zeigen es die Statistiken, geht
des Herzinfarktes. Deshalb können auch nicht alle
unter dieser Therapie nicht zurück.
schädlichen Einflüsse ausgeschaltet und auf diese
Zweitens das körperliche Training des
Weisen dem Infarkt wirkungsvoll vorgebeugt
Infarktkranken. Körperliche Bewegung, dem
werden.
Vermögen des einzelnen angepaßt, ist zwar
Ohne eine Herz-Therapie, die den Schaden durch
unerläßliche Voraussetzung für seine Gesundheit.
solche Faktoren verhindert oder wieder behebt,
Aber das Leistungsvermögen des Infarktkranken
muß der Kampf gegen den Herzinfarkt ohne Erfolg
ist eben sehr eingeschränkt. Denn das durch den
bleiben. Und nachdem sicherlich auch noch
Infarkt vorgeschädigte Herz kann leicht zu stark
Risikofaktoren entdeckt werden, deren
belastet und dadurch noch mehr in Mitleidenschaft
Ausschaltung nicht möglich ist -denken wir nur an
gezogen werden.
die gesundheitliche Belastung durch eine

118
Es gibt bisher nur eine einzige kontrollierte Studie,
die als wissenschaftlich ausreichend zum Urteil
über eine etwaige Wirksamkeit solcher
Trainingskuren anerkannt wird. Und diese
schwedische Untersuchung hat die Fachleute sehr
enttäuscht: bei den untersuchten 316 Patienten
fand sich nach fünf Jahren kein Unterschied
zwischen der Infarkthäufigkeit bei jenen, die ein
Trainingsprogramm absolviert hatten, und der
Kontrollgruppe, die ohne solche Maßnahmen
gelebt hatte.
Ein Bericht der „Nationalen Institute für
Gesundheit" der USA bezeichnete die Vorstellung,
daß körperliches Training das Herz schütze, als
zweifelhaft. Sie beruhe auf einer Reihe von
Annahmen, von denen einige bewiesen, andere
von „fragwürdiger Gültigkeit** seien. So betonen
die Autoren: „Es gibt keine überzeugenden
Angaben, die beweisen, daß Bewegung wirklich
den Grad der Arteriosklerose-Entwicklung senkt
oder ihren Komplikationen vorbeugt."
Es sind also nicht Behauptungen von Journalisten,
sondern die Aussagen von Medizinern, die
Herzkranke „verunsichern". Die offiziellen
Ratschläge sind zwar zweifellos gut gemeint, ihr
Wert muß aber am Erfolg gemessen werden, und
der ist deprimierend gering. Dennoch bleibt zum
Schluß ein optimistischer Ausblick: Das Versagen
der Kardiologie hat dazu geführt, daß die Medizin
von heute den Wert der Vorbeugung
wiederentdeckt hat und vorbeugen wird immer
besser sein als heilen. Voraussetzung dafür ist
allerdings, daß die Vorbeugung ins Herz selbst
verlegt wird, und dazu gehört auch eine
Schutzbehandlung gefährdeter, vorgeschädigter
Herzen, also Vorbeugung durch Behandlung.
Bleibt die Frage, ob orales Strophanthin eines
Tages doch noch „hoffähig" oder ob ein
gleichwertiges Präparat entwickelt wird.

119
4. Ein Lehrstück anginösen Schmerzen traten wesentlich seltener
auf."
Etwa ein Jahr nach dem Heidelberger Tribunal In der berüchtigten Resorptionsfrage verzichteten
die Wiener Ärzte auf eine Stellungnahme. Ihre
schien es gewiß, daß die Akten über die
Diskussion um das peroral verabfolgte Ergebnisse waren ihnen Beweis genug dafür, daß
orales Strophanthin „in hinreichender Menge
Strophanthin geschlossen werden könnten. Es war
der pharmazeutischen Forschung gelungen, mit aufgenommen wird", um die „nachgewiesenen
positiven Effekte" zu erzielen.
Millionenaufwand ein neues Digitalis-Präparat zu
entwickeln, das nach oraler Verabreichung binnen Damit wurde hier erneut bestätigt, was Professor
Sarre damals nachgewiesen hatte, was eigentlich
weniger Minuten seine Wirkung im Herzen
entfaltet. Dieser schnelle Wirkungseintritt galt schon nach der Entdeckung von Kirk mittels
Zahnbürste im Jahre 1859 feststand: Strophanthin
bisher als der einzige Vorzug, den Strophanthin
der Digitalis voraus hat. Nachdem jetzt auch diese wird oral in genügender Menge resorbiert, um eine
Herzwirkung zu erzielen. Und das allein ist letzten
Überlegenheit ausgeräumt schien und alle
sonstigen Eigenschaften des neuen Medikaments Endes entscheidend. Das Ergebnis enthüllt somit
den Strophanthin-Streit als ein Scheingefecht: Es
den theoretischen Anforderungen entsprachen,
wähnten Anhänger der bisherigen Lehrmeinung, geht um viel mehr als nur um die Wirksamkeit
einer Pille. Schon nach einmaliger Verabreichung
man könne in Zukunft dank dieser
Neuentwicklung nicht nur auf die Pille, sondern hatte das Medikament eine Normalisierung des
EKG´s und eine Verminderung der Schmerzen
sogar auf die Strophanthin-Spritze verzichten. War
der Herzmedizin ein wesentlicher Schritt nach bewirkt. Obwohl es weder ausreichend dosiert
noch rechtzeitig verabreicht oder gar flankiert von
vorn gelungen?
In der Herzstation des Wiener Hanusch- Zusatzmaßnahmen gegeben worden war, obwohl
also keineswegs Herzbehandlung im Sinne Dr.
Krankenhauses hatte aus diesem Grunde eine
Versuchsreihe begonnen, bei der die Wirkung des Kerns betrieben worden war, mußte das Ergebnis
dennoch als beeindruckend bezeichnet werden.
neuen Medikaments im Vergleich mit einem
intravenös gespritzten Digitalis-Präparat und oral Es waren ähnlich eindrucksvolle Ergebnisse, wie
sie Edens mit intravenös verabreichtem, Sarre
verabreichtem Strophanthin getestet wurde. Einer
vierten Patientengruppe wurden von Wirkstoffen wahlweise mit intravenös oder oral gegebenem
Strophanthin erzielt hatte, die dagegen nie mit
freie Tabletten als Placebo, als Scheinmedikament
gegeben. Dabei wurden die Herzkranken, ähnlich intravenösen oder oralen Digitalispräparaten
erzielt werden konnten, auch mit jenem neuesten
wie schon 20 Jahre früher bei den Versuchen von
Professor Sarre, einer Sauerstoff-Mangelatmung Digitalstoff nicht. Es liegt also nicht am oralen
oder intravenösen Weg, sondern an der Wahl des
ausgesetzt.
Es löste allgemeine Überraschung bei den Stoffes, ob die Infarktgefahr gesteigert oder
abgewendet wird. Aber gerade das paßte weder zur
Experimentatoren aus, als feststand, daß wiederum
nur unter Strophanthin die Schadenszeichen im herrschenden Arzneilehre noch zur herrschenden
Infarktlehre, war also doppelt bekämpfenswert.
EKG zurückgingen. Mit Digitalis, selbst mit dem
neuen Präparat, war das nicht möglich. Im Als der zuständige Redakteur des Wiener Büros
der „Bunten" mit dem verantwortlichen Arzt in ein
Gegenteil: die Ärzte notierten bei dieser Medika-
tion „ein häufigeres Auftreten starker anginöser Gespräch zu kommen versuchte, lehnte dieser ein
„populär-wissenschaftliches Gespräch" über das
Schmerzen, die in einigen Fällen zu einem
vorzeitigen Abbruch des Tests zwangen und damit Thema ab. Sein Chef Professor Polzer zauderte
einige Tage, bis auch er den geduldig wartenden
die Untersuchungsdauer beschwerdebedingt
abkürzten". Reporter endgültig abwies.
„Demgegenüber", hoben die Autoren hervor,
„zeigte sich nach der g-Strophanthin-Gabe eine
deutliche Verbesserung des Beschwerdebildes: die
120
Menschenversuche mit Grunde eine Redensart, ein Nichts. Will ein
Mensch die Wissenschaft um seiner selbst willen
Schwerkranken?
treiben, so wird niemand etwas dawider haben. Ist
dieser Mensch aber Mediziner, das heißt, gibt er
Nach unserer Veröffentlichung wurde das
das Heilen... für den Zweck seines Handelns aus,
Hanusch-Krankenhaus nicht nur mit einer Flut von
so versteht es sich von selbst, daß seine
Zuschriften aus dem Leserkreis bedacht, auch die
Wissenschaft eine Beziehung zu diesem Zweck
Fachwelt meldete sich zu Wort. Was sie zu den
einschließen muß."
Versuchen zu sagen hatte, war aus der Reaktion
Eigentlich sollte man meinen, daß die von den
von Professor Polzer unschwer abzuleiten: wie uns
Wiener Experimentatoren aufgezeigten Tatsachen
unabhängig voneinander mehrere Mitarbeiter des
jede weitere Diskussion überflüssig machen: Wenn
Hanusch-Krankenhauses berichteten, führte er
ein Medikament nützt, wo das andere schadet,
bittere Klage darüber, daß er sich je in den
dann müssen daraus für die Behandlung
Strophanthin-Streit habe hineinziehen lassen.
Konsequenzen gezogen werden. Weil es nicht
Unter anderen Gesichtspunkten wären auch die
geschah, wurde dieser Fall zu einem Lehrstück,
Argumente nicht verständlich, mit denen die
daß in der Medizin nicht die Tatsachen, sondern
Herzstation Anfragen beantwortete: „Wir verfügen
die Beschlüsse von Autoritäten entscheidend sind.
über keine einschlägigen Erfahrungen mit der
Langzeitbehandlung der genannten Krankheiten
mit oralem Strophanthin." (Was wir auch nie Respekt vor Tatsachen steht über
behauptet hatten.) dem Respekt vor Autorität
Und: „Unsere Untersuchungen ergaben im
Gegensatz Autorität ist der „Geltungsanspruch von Personen
zu den Meldungen der Presse noch keinen Hinweis und die von ihnen ausgehende Machtwirkung",
auf erklärt das Lexikon. „Die Autorität erzeugt
therapeutische Effekte der untersuchten Substanz. Gehorsam und ist daher für jede erzieherische
Es handelt sich um rein wissenschaftliche Tätigkeit unentbehrlich." Was für den Lehrbetrieb
Untersuchungen." Worauf anders als auf seine Geltung hat, ist aber unvereinbar mit wissen-
therapeutische Wirksamkeit untersucht man ein schaftlicher Forschung. Denn sie darf, wenn sie die
Medikament? Hatten die Autoren der Freiheit des Denkens garantieren will, nur eine
wissenschaftlichen Veröffentlichung nicht „eine einzige Autorität anerkennen: die Natur. Wer sich
deutliche Verbesserung des Beschwerdebildes" aber der Natur gegenüber Autorität anmaßt,
nach Strophanthin-Gabe festgestellt? versucht der Wirklichkeit zu befehlen, daß sie
Aber meine diesbezüglichen Fragen beantwortete anders sei, als sie ist — ein nutzloses Unterfangen,
Professor Polzer erst gar nicht. Er hielt mir die es sei denn, man verfolgt damit andere Ziele, als
übliche Standpauke und kam mir mit dem wissenschaftlich der Wahrheit zu dienen.
Gemeinplatz vom „sauberen Journalismus*. Theorien sind ja nur Beschreibungen der
Wie „sauber" ist aber eine Wissenschaft, die Wirklichkeit. Gibt es in einem Meinungsstreit
Menschenversuche mit Schwerkranken zum mehrere Theorien über einen Sachverhalt, dann
Selbstzweck degradiert? Rudolf Virchow, eine der entscheiden die Tatsachen, die Naturfakten. Wahr
hoch herausragenden Gestalten der Medizin, kann danach immer nur jene Theorie sein, in die
äußerte zu dieser Frage: sich die Fakten widerspruchsfrei einfügen lassen.
„Wir haben aus den Zeiten der philosophischen Rudolf Virchow hat dazu bemerkt: „Die wissen-
Verwirrung einen Begriff zurückbehalten, der schaftliche Methode erkennt Autoritäten nur für
nirgendwo entwickelter ist als in Deutschland, der die Beobachtung an. Allein wir weisen Autoritäten
nirgend mehr Schaden angerichtet hat als in der für die Schlüsse, für die Verwertung des
Medizin: den Begriff der absoluten Wissenschaft Beobachteten zurück." Denn so fähig im
an und für sich um ihrer selbst willen: er ist im Beobachten und im Zusammentragen von Fakten

121
einer auch sein mag - sobald er daraus Schlüsse Carl Ludwig Schleich, als Erfinder der örtlichen
zieht, kann er irren. Jeder aber, der intelligent und Betäubung bedeutender Vertreter der deutschen
gebildet ist, „kann die Schlüsse prüfen, die aus den Chirurgie, hatte in seinen Lebenserinnerungen zu
Beobachtungen gezogen werden" - auch dann, diesem Thema geschrieben: „Ein Kritiker hat mich
wenn er selbst keine Gelegenheit hat, zu einmal einen Feind der Wissenschaft genannt; ja
beobachten und zu forschen. das bin ich auch geworden, nämlich jener
„Der Respekt vor der Größe gehört gewiß zu den Wissenschaft, die mit dogmatischer Engherzigkeit
besten Eigenschaften der menschlichen Natur", einfach alles befehdet, was außerhalb des Geheges
erkannte Sigmund Freud an. „Aber er soll vor dem ihres selbst umzäunten, methodischen Gartens
Respekt vor den Tatsachen zurücktreten. Man liegt, der nur jene Gemüse trägt, die ihren Mann
braucht sich nicht zu scheuen, es auszusprechen, ernähren, vom schönen freien Urwald aller
wenn man die Anlehnung an eine Autorität gegen Möglichkeiten aber nichts wissen will.. .«
das eigene, durch Studium der Tatsachen
erworbene Urteil zurücksetzt." Es kommt also in „Für Strafexzesse dieser Art gibt
der Wissenschaft nur darauf an, was wer sagt, und
es kein Verzeihen"
nicht, wer was sagt.
Auch beim Streit um den Herzinfarkt zeigte es sich
Er wies besonders darauf hin, daß alle
wieder, daß sich noch viele Außenstehende
bedeutenden medizinischen Entdeckungen
kritiklos der Autorität unterordnen. „Ich will und
„außerhalb der Hochburg der Großsiegelbewahrer
kann nicht beurteilen, ob ein Arzt mit einer von
der Wissenschaft" gemacht wurden. Schleich ist
ihm entwickelten Therapie einer gefährlichen
selber das beste Beispiel dafür. 1892 trug er auf
Krankheit recht hat oder nicht", äußerte sich
dem Chirurgenkongreß in Berlin vor, daß er schon
beispielsweise ein Journalist zu diesem Problem.
Hunderte von Operationen „ohne Narkose, bei
Wenn er nicht kann, dann hat er -laut Virchow -
vollendeter Schmerzlosigkeit** vorgenommen
entweder nicht genügend Fakten
habe. Er sehe es deshalb „aus ideellen,
zusammengetragen, oder es steht ihm nicht „die
moralischen und strafrechtlichen Ge-
normale Masse der Geisteskräfte und das nötige
sichtspunkten** als nicht mehr vertretbar an, „die
Maß an Bildung zu Gebot", um seine eigenen
gefährliche Narkose da anzuwenden, wo dieses
Schlüsse ziehen zu können. Wenn er aber nicht
Mittel zureichend ist.“
will, dann verzichtet er auf das Recht auf
Als der Sturm der Entrüstung abgeklungen war,
Meinungsfreiheit; er überläßt damit die
fragte der Vorsitzende das Auditorium: „Ist
Entscheidung über ein solch wichtiges Gut wie
jemand von der Wahrheit dessen, was uns hier
unsere Gesundheit allein einer Gruppe von
eben entgegengeschleudert worden ist, überzeugt?
Spezialisten.
Dann bitte ich die Hand zu heben." Es war das
Ein sehr prominenter deutscher Arzt äußerte nach
gleiche, auch heute noch in der Medizin übliche
dem Heidelberger Infarkt-Tribunal privat, hier
Verfahren: Zum Urteil über neue Forschung wer-
hätten „nicht medizinische Autoritäten, sondern
den die Anhänger alter Lehren als Richter berufen,
autoritäre Mediziner" über Leben und Tod
und zwar noch, bevor sie auf diesem Neuland
entschieden. Die Vertreter der Schulmedizin
Sachkenntnis erwerben konnten. Kurz zuvor hatte
nützten ihre Machtstellung rücksichtslos aus. Sie
eine Massenrundfrage in der Medizinerschaft
würden von der Öffentlichkeit mit den
ergeben, die von Robert Koch entdeckten
entsprechenden Einrichtungen, den finanziellen
Tuberkelbazillen könnten keineswegs als Erreger
und personellen Möglichkeiten ausgestattet und
angesehen werden, weil man über die Ursache der
täten, als hätten sie die Wissenschaft für sich allein
Schwindsucht ja längst anders informiert sei.
gepachtet. Ja, der Begriff „unwissenschaftlich" sei
Keiner der Richter über Koch hatte seine
zu ihrem Lieblingswort geworden, wenn es gelte,
Ergebnisse nachgeprüft oder nur gekannt.
Kritiker der etablierten Lehre mundtot zu machen.

122
So kam, was bei dieser Art von Wahrheitsfindung Keinem freilich in der langen Reihe der
kommen mußte: Kein einziger der 800 medizinischen Ketzer wurde so übel mitgespielt
anwesenden Kongreßteilnehmer in Berlin hob die wie Sigmund Freud, dem Begründer der
Hand. Das hatte zur Folge, daß die neue Methode Psychoanalyse. Weil er wußte, „daß es den
fünfzehn Jahre lang den Kranken vorenthalten wenigsten Menschen möglich ist, im wissenschaft-
wurde. Schleich beklagte sich bitter darüber, daß lichen Streit manierlich, geschweige denn sachlich
zu seinen Lebzeiten niemand für den ihm zu bleiben" und weil er nicht persönlich miterleben
„angetanen Schimpf ein „Wort der Sühne" wollte, wie es „zu jenen Ausbrüchen von
gefunden habe: Entrüstung, von Spott und Hohn, zur
„Ist das eine wissenschaftliche Gesellschaft zu Hinwegsetzung über alle Vorschriften der Logik
nennen, welche eine angebliche Verletzung ihrer und des guten Geschmacks" in der
eingebildeten Würde so viel höher stellt als den Auseinandersetzung kommt, wich er allen
Wert eines Segens der Menschheit, der sich Kongressen aus. Er konnte allerdings nicht
inzwischen die Welt erobert hat, daß sie es mit verhindern, daß er auf jede Art verunglimpft
allen Mitteln zu ignorieren und zu unterdrücken wurde, ja daß Kollegen seine Einweisung ins Ir-
sich entschlossen hat?" fragte er in seinen renhaus forderten.
Lebenserinnerungen. „Immer wieder wiederholt „Die kollegiale Gruppe schloß sich zusammen
sich derselbe Kampf auf Leben und Tod. Nur und machte ihn zum Unkollegen",
niemand vorlassen, eher totschweigen, als sich charakterisiert Alexander Mitscherlich den
überspringen lassen! Ein Konkurrenzkampf, heiß Kampf gegen Freud. „Es war gewiß nicht die
wie das Pferderennen, nur um so ekler, als es sich erste Episode akademischer Überheblichkeit
um das Heil der Menschen handelt, dessen Wah- beim Erscheinen eines revolutionären
rung angeblich doch immer das höchste Interesse Neuerers. Die Erinnerung an das Schicksal
der Verwalter der medizinischen Machtstellungen Galileis darf nicht schwinden. Für im Schutze
sein soll." der Gruppe verübte Strafexzesse dieser Art
Für Schleich war die Hohe Schule fortan ein gibt es kein Verzeihen, denn die Geschichte
„Hochwall der Reaktion jeder Art", ein wäre als Lehrmeisterin in
„Montsalvat der Monopole", die „Lindwurmhöhle Wiederholungssituationen befragbar gewe-
des Ungeheuers Clique". Wozu dieses sen."
„Ungeheuer" fähig ist, zeigte sich besonders
eindringlich bei Sir Joseph Lister. Er begründete
die Antisepsis, die heute selbstverständliche
Abtötung von Krankheitserregern des Patienten WER HAT RECHT?
vor Operationen; ohne diese Leistung wäre die
gesamte moderne Chirurgie nicht möglich. Wer in einem Meinungsstreit beurteilen will,
Zu seiner Zeit, als noch ein Großteil der Operierten welche Theorie richtig ist, darf sich nicht allein
in den Betten verfaulte, gelang es ihm, seine auf die Aussage von Autoritäten verlassen. Er ist
Stationen frei von Wundbrand zu halten. Doch gezwungen, auch die Tatsachen zur Urteilsbildung
statt diese Methode zu akzeptieren, fielen die heranzuziehen. Nur auf diese Weise kann er zu
Kollegen über ihn her und inszenierten 1869 auf richtigen Schlußfolgerungen kommen.
einem Kongreß in Leeds seine wissenschaftliche Wahr sein kann immer nur jene Theorie, die mit
Hinrichtung. Die Sprachregelung dabei will uns der Wirklichkeit übereinstimmt -eine Theorie also,
bekannt erscheinen: sie qualifizierten den in die sich die Tatsachen widerspruchsfrei
antiseptischen Gedanken als „schädlich" ab, es sei einfügen lassen. Respekt vor der Autorität ist eine
an der Zeit, mit dem „Wahnsinn" aufzuhören. Und wertvolle Eigenschaft. Respekt vor den Tatsachen
Ärzte, die Listers Methode selbst nie ausprobiert hat aber Vorrang. Das heißt:
hatten, bezeichneten sie als „verbrecherischen Entscheidend ist nicht, wer was sagt, sondern was
Kunstfehler". wer sagt.

123
124
5. Die Zwangsjacke von ist darauf getrimmt, nur dorthin zu schauen, wo die
Schulweisheit ihr Licht aufgesteckt hat.
Betriebsblindheit und Von daher wird auch verständlich, warum
Prestige Professor Schettler einen doch ganz offensichtlich
Kranken nur deshalb gesund schreibt, weil er keine
Worin liegen eigentlich die Ursachen für das Veränderung in den Herzkranzgefäßen feststellen
starrsinnige Behindern wissenschaftlichen kann. Sein Denken ist von der Koronarlehre so
Fortschritts? Aus Thomas Kuhns kritischer Studie indoktriniert, daß er nur durch seine in der Schule
„Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" angepaßten Gläser zu sehen imstande ist.
geht hervor, daß der Grundstein für das Ein geradezu groteskes Beispiel für diese
Fehlverhalten schon im harten „Ausbildungsritual* Schulblindheit lieferte Professor Donat in
gelegt wird. Der Studierende, erst recht der Heidelberg, als er sagte: „Zwangsläufig muß jede
Nachwuchsdozent, durchläuft die in einer strengen echte Wissenschaft an ihren Theorien zweifeln.
Hierarchie übliche „Rückgratsmühle", wie es im Jede Theorie wird durch neue Erkenntnisse, die
Fachjargon heißt. sich nicht aus ihr erklären lassen, zu Fall
Von Anfang an werden ihm die genormten gebracht." Statt sich aber an die eigene Nase zu
Anschauungen, die Spielregeln des Lehrdogmas so fassen, fuhr er fort: „Wir müssen hier zu einer
gründlich eingetrichtert, daß es ihm später aus gemeinsamen Basis kommen und sagen, wovon
psychologischen Gründen kaum noch möglich ist, wir reden. Wir reden hier vom Infarkt, von der
diese Spielregeln in Frage zu stellen. Es ergeht ihm Koronarerkrankung. Das ist meine Überzeugung."
nicht anders als einer dressierten Ratte, der Er, der zum Zweifel aufgerufen hatte, unterstellte
abnorme Verhaltensmuster aufgezwungen worden also unkritisch das Koronardogma als Ursache des
sind. Infarktes und begründete das nicht aus den Fakten,
Seine Erziehung ist darauf zugeschnitten, daß er die das auch nicht erlauben, sondern aus
gar keinen neuen Weg entdeckt, der ihn aus dem eingeimpfter Überzeugung.
Schulhof herausführen könnte, geschweige denn,
daß er einen solchen Weg je beschreiten würde. Er Warum die Menschheit nicht vom
ist zur Betriebsblindheit erzogen. Er hat, wie Kuhn Fleck kommt
es ausdrückt in seiner Fachausbildung Schubladen
geliefert bekommen, in die er die Natur Gegen Überzeugungen helfen keine vernünftigen
hineinzuzwängen hat. Was da nicht hineinpassen Argumente. Schon der Student akzeptiert das
will, dem schenkt er keine weitere Dogma nur „wegen der Autorität des Lehrers und
Aufmerksamkeit. des Lehrbuches, nicht aufgrund von Beweisen",
Nun, werden einige sagen, haben wir es nicht wie Kuhn feststellt. Höchste Norm für die
schon immer gewußt? Wissenschaftler sind auch Gültigkeit eines Lehrsatzes ist für den dogmatisch
nichts weiter als Schwachköpfe! Doch das wäre erzogenen jungen Wissenschaftler deshalb „nie-
absichtliches Mißverstehen. Es handelt sich bei mals" die kritische Prüfung anhand der
diesem Verhalten keineswegs um Dummheit, "Wirklichkeit, sondern allein die „Billigung**
sondern - nach einem Wort des amerikanischen durch seine Gemeinschaft. Denn er arbeitet „nur
Zukunftsforschers Hermann Kahn - um eine „aner- für einen Kreis von Kollegen, also für ein
zogene Unfähigkeit", Dinge aus anderer Sicht zu Publikum, das seine Werte und Überzeugungen
sehen. Und wie jede Gewohnheit, wird auch sie teilt". Goethe hat es so formuliert: „Eine Schule ist
mit den Jahren immer ausgeprägter. als ein einziger Mensch anzusehen, der hundert
Die Ausbildung ist der erste Hauptgrund für die Jahre mit sich selbst spricht und sich in seinem
Scheuklappen eines Wissenschaftlers. Eine eigenen Wesen, und wenn es noch so albern wäre,
dogmatische Erziehung zwingt ihm sein Handeln ganz außerordentlich gefällt."
auf, er ist gleichsam psychisch programmiert. Er

125
Dazu kommt das hohe Sozialprestige des Welche Lösungen bieten sich an? Was für
Hochschul-Professors, das seine Autorität Anregungen sollten diskutiert werden? Erstens die
untermauert. Titel, Ämter, Würden schmücken ihn,
so mancher hat ein fürstliches Einkommen. Hat er Trennung von Forschung und
erst einmal diese Stufe erklommen, dann wird er
Lehre
besorgt darauf achten, daß sein Ruf makellos
bleibt. Wie sollte er da Fehler eingestehen?
Wissenschaftlicher Fortschritt, also Zuwachs an
Hat er doch Tausende von Studenten belehrt, seine
Erkenntnis, wird immer nur durch Forschung
wissenschaftlichen Vorstellungen in vielen
möglich. Der Forscher an der Hochschule ist aber
Büchern verbreitet, als Gutachter vor Gericht oft
gleichzeitig auch Lehrer, weil er die Studenten
die Schwurhand gehoben. Und plötzlich soll er all
über die Ergebnisse seiner Forschungen
das abschütteln wie ein paar Tropfen Wasser?
unterrichten soll. Da die Lehre aber aus den ange-
Allein schon deshalb lehnt es die akademische
führten Gründen immer auf der Stelle treten muß,
Gemeinschaft ab, „eine altehrwürdige Theorie**
wird und muß sie der Forschung immer in den
zurückzuweisen zugunsten eines neuen
Arm fallen. Lehre muß Autorität besitzen,
Lösungsversuches. Sie glaubt, sie setze ihr
Forschung und Autorität sind dagegen
Prestige aufs Spiel, sobald sie für überholt und
unvereinbar. Die Einheit von Forschung und Lehre
unbrauchbar erklärt, was Jahrzehnte ihre Billigung
führt zwangsläufig dazu, daß
gefunden hat.
Erkenntnisfortschritte unterdrückt werden.
Autorität ist also ein weiterer Hauptgrund für das
Festhalten am Dogma. Sie war für Goethe die
eigentliche Ursache dafür, daß „die Menschheit Kontrolle der Wissenschaft durch
nicht vom Fleck kommt". Die psychologische die Öffentlichkeit
Zwangsjacke von Ausbildung -und Autorität muß
jeden wissenschaftlichen Fortschritt unterbinden. Kein Bereich des öffentlichen Lebens ist heute
Deshalb kann auch der Neuerer niemals eine noch ein solches Monopol einer kleinen Gruppe
Diskussion oder gar Verständnis erwarten, sondern von Spezialisten wie der wissenschaftliche Sektor.
immer nur Nachdem aber gerade hier nicht nur enorme
Ketzergericht und Bannfluch. Kosten anfallen, sondern auch die wichtigsten
Erst im Licht solcher Gesetzmäßigkeiten wird das Entscheidungen für unsere Zukunft getroffen
Verhalten von Hochschullehrern wie Doerr, werden, ist das mehr als unbegreiflich. Um einen
Halhuber, Schettler, Wollheim und der anderen im unverdächtigen Zeugen zu Wort kommen zu
Infarktstreit begreiflich: „Selbst wenn ein Engel lassen, ein Zitat von Professor Halhuber: „Ich
aus dem Himmel euch anderes offenbarte, als wir glaube aber grundsätzlich, daß es mit der Medizin
euch lehren - er sei verflucht!" unterwies der ähnlich ist wie mit der Atomphysik: sie ist eine zu
Apostel Paulus die Galater. ernste Sache, als daß man sie den Physikern bzw.
Professor Kuhn hat diese Gesetzmäßigkeiten an den Ärzten allein überlassen könnte.*
Beispielen aus der Geschichte der Physik Aber die Autoritäten dulden keine Einflußnahme;
demonstriert, ohne Anstoß an der aufgezeigten sie haben, wie Thomas Kuhn feststellt, alleinige
Problematik zu nehmen. Vielleicht ist es auch „Vollmacht", die Spielregeln zu wählen, nach
wirklich zweitrangig, ob es 50 Jahre früher oder denen geforscht und verfahren wird; die einzigen
später Allgemeingut wird, daß das Licht nicht aus Inhaber dieser Spielregeln sind jedoch die
Wellen, sondern aus Korpuskeln besteht. Nicht so Mitglieder der akademischen Gemeinschaft. Ein
in der Medizin. Denn es ist von entscheidender Kritiker merkte an: „Die Medizin stellt das einzige
Bedeutung, daß die Richtlinien für die Behandlung Großunternehmen dar, in dem der Verbraucher
von Kranken geändert werden, noch bevor sie zu keine Kontrolle darüber hat, was er erwirbt."
skandalösen Vorkommnissen führen. Abbau von Machtvollkommenheit auf der einen
Seite setzt aber Zunahme von Wissen auf der

126
anderen voraus. „Eben so sehr und vielleicht noch Aufwertung des selbständigen
mehr wichtig ist die Bildung der Laien. Solange
Arztes
unsere Schulen ihre Haupttätigkeit in der
Übertragung gewisser Kenntnisse und Doktrinen
Es gibt in letzter Zeit eine Reihe von
entwickeln, welche den Autoritätsglauben
Bestrebungen, den freipraktizierenden Arzt an die
befestigen und im besten Falle unfruchtbare
Kandare zu nehmen; sogar die Schreckparole von
Gelehrsamkeit hervorrufen", schreibt Virchow,
der Verstaatlichung geht um. Gerade aber die
„solange wird freilich die Grundlage fehlen,
„freiere Praxis" (Kuhn) hat sich als Nährboden für
welche den Laien befähigt, über die Ärzte und
geistige Revolutionen erwiesen; neue Heilver-
Afterärzte ein eigenes Urteil zu haben." Ein
fahren haben dort eine Heimstatt gefunden. Die
klingender Titel sei deshalb auch für einen
Erhaltung der Selbständigkeit des Praxisarztes ist
„medizinischen Pfuscher" ein „sehr lukratives
ein Gebot der Stunde.
Aushängeschild".
Aber noch ein anderer entscheidender
„Denn was ist Pfuscherei?" fragt Virchow. „Die
Gesichtspunkt muß in diesem Zusammenhang
Handhabung der Medizin durch einen
berücksichtigt werden. Professor Gillmann
Unwissenden oder Ungeschickten." Die Forschung
erkannte beim Heidelberger Tribunal „ein
erweitere den Gesichtskreis der Wissenschaft von
prinzipiell unterschiedliches Krankengut der
Jahr zu Jahr in solchem Ausmaß, „daß mancher,
Praxis gegenüber der Klinik" an. Mit jenen
der vor zehn Jahren vollkommen als ein Wissender
Abschnitten eines chronischen Leidens, in dem am
gelten konnte, heute für unwissend und demgemäß
ehesten noch Heilung oder doch Verhütung des
für einen Pfuscher erklärt werden kann".
Unheils (Infarkt) möglich ist, wird meist der
Es ist also keineswegs gesagt, daß die Wissenden
niedergelassene Arzt konfrontiert. Der Kliniker hat
ausgerechnet an der Hochschule und die Pfuscher
es fast immer mit Notfällen zu tun, und für den
unter den Außenseitern zu suchen sind. Die
akuten Notfall ist er auch gerüstet. Die technischen
Rechtsprechung hat deshalb auch ausdrücklich
Maßnahmen zur Erhaltung des Lebens und die
hervorgehoben: „Die allgemeinen oder weitaus
geradezu schon unvorstellbare Perfektion der
anerkannten Regeln der ärztlichen Wissenschaft
Chirurgie sind es ja, die das Ansehen der Ärzte in
genießen grundsätzlich keine Vorzugsstellung vor
der Öffentlichkeit so sehr aufgewertet haben.
den von der Wissenschaft abgelehnten
Es ist aber unsinnig, daß die
Heilverfahren ärztlicher Außenseiter."
Behandlungsrichtlinien der Praxis von klinischen
Solche Entscheidungen sollen gewährleisten, daß
Experten festgelegt werden. Es kann zu keinem
der Arzt in seiner Behandlungsfreiheit keinen
fruchtbaren Ergebnis führen, wenn sich der mit
Dogmen unterworfen ist. „Das würde den
den Anfangsstadien einer Erkrankung befaßte Arzt
Stillstand der Medizin bedeuten - eine indiskutable
nach solchen Maßstäben richten soll, die von klini-
Konsequenz", kommentiert ein Jurist. Aus dem
schen Notfällen und chronischen Spätschäden
gleichen Grund besteht eine Fortbildungspflicht
abgeleitet werden.
für jeden Arzt - auch für den Hochschulprofessor.
Das gilt auch für die Diskussion um den
Er darf „sich neuen Lehren und Erfahrungen nicht
Herzinfarkt: Je weiter ein Herz vorgeschädigt ist,
aus Bequemlichkeit, Eigensinn oder Hochmut
desto geringer ist die Heilungsaussicht. Je später
verschließen", wie das Gericht hervorhebt.
ein Arzt den Patienten zu Gesicht bekommt, desto
Aus diesen Urteilsbegründungen geht hervor, daß
schwieriger ist es für ihn, einen Behandlungserfolg
der Praxisarzt dem Leiter einer Universitätsklinik
zu erzielen.
durchaus gleichgestellt ist. Im täglichen Leben
Deshalb geht es beim Strophanthin-Streit, so
sieht das allerdings anders aus. Daraus resultiert
sonderbar das klingen mag, im Grunde genommen
drittens der Vorschlag einer
gar nicht um das Strophanthin. Es geht darum,
krankhafte Prozesse im Herzen so frühzeitig zu
erkennen, daß sie rechtzeitig behandelt und noch

127
rückgängig gemacht, daß gestörte
Stoffwechselabläufe wieder normalisiert werden
können. Wenn sich eine andere Arznei finden läßt,
mit der das ebenso gut oder gar noch besser zu
erreichen ist als mit Strophanthin, dann wäre eben
dieses Medikament das Mittel der Wahl. Leider ist
das aber bisher ebensowenig der Fall wie die
Aussicht, ein besseres Frühwarnsystem als das der
Herzschmerzen in absehbarer Zeit zu entdecken.
Der selbständige Arzt hat gehandelt, er hat sich
schon weitgehend von der Bevormundung durch
die Universitätsklinik freigemacht. Am besten
veranschaulicht das die Verkaufskurve jenes
oralen Strophanthinpräparates, das zusammen mit
Dr. Kern und Professor Manfred von Ardenne
entwickelt worden ist. Der Anstieg von Jahr zu
Jahr gibt zu denken. Auch Durchhalteappelle und
das Ausschlachten fehlprogrammierter oder
mißlungener Experimente mit diesem Medikament
auf Fortbildungskongressen können daran auf die
Dauer nichts ändern. Denn dieser
wissenschaftliche Grundsatz hat nach wie vor
seine Gültigkeit: „Wer die Ergebnisse eines
anderen nicht wiederholen kann, hat sie deswegen
nicht widerlegt."
Das Verteufeln oralen Strophanthins nimmt immer
mehr den Charakter eines zunehmend blindlings
geführten Vernichtungskampfes einer irrational
sich verteidigenden Macht an. Das verschärft nur
den Ernst der Situation. Die Krise wird sichtbar,
die Revolution im Sinne Kuhns unvermeidlich.
Die warnenden Stimmen mehren sich. „Im
Hinblick auf die Größe des Infarktproblems und
des langsamen Vorankommens im Verstehen und
Unterkontrollebringen dieser Krankheit erscheint
es dringend notwendig, daß wir unsere
traditionelle Theorie kritisch überprüfen und jede
vorschnelle Ablehnung neuer Hypothesen
vermeiden, so bizarr sie zuerst auch erscheinen
mögen**, schreibt Professor T. W. Anderson in
Kanada. Von Ernst Edens, der als Erster
Strophanthin zur Infarktverhütung angewendet hat,
stammt das Wort, der Arzt habe „nicht den Lehren,
sondern dem Leben" zu dienen.

128
129
Anhang

Ergänzungen und Hinweise

Literaturverzeichnis
Zu I. Kapitel Zu Kerns ersten Arbeiten über
die Herzkrankheiten
Es gibt drei Formen der Herzinsuffizienz. Diese
Erkenntnis ist der Ausgangspunkt für die
späteren Arbeiten Kerns über die Entstehung des
Herzinfarktes. Er stieß seinerzeit auf völlige Ab-
lehnung, weil er davon ausging, daß der Mensch
nicht ein Herz, sondern zwei Herzen habe.
Dieser Widerstand war so unverständlich nicht,
beruht er doch auf Jahrhunderte alter Überzeu-
gung, die sich auch im Sprachgebrauch
ausdrückt: die Menschen können zwar ein hartes
oder weiches, ein gutes oder schlechtes, ein
warmes oder kaltes, ein fröhliches oder
trauriges, ein goldenes oder steinernes Herz
haben, aber wie unterschiedlich die Be-
schaffenheit ihrer Herzen auch sein mag, sie
haben in jedem Fall nur eines. Wenn sich also
schon der Mann auf der Straße gegen diese
verwirrende Zumutung zur Wehr setzt, wie dann
erst der Mediziner, der doch sogar auf dem
Röntgenschirm nur ein einziges Herz in der
Brust schlagen sieht.
Doch auch hier trügt der Augenschein. Die
Täuschung kommt dadurch zustande, daß die
beiden Herzen an gleicher Stelle in der Brust
sitzen, sogar teilweise zusammengewachsen
sind. Deshalb klopfen sie auch so präzise
gleichzeitig, daß man immer nur eins zu hören
glaubt.
Bei künstlichen Herzen ist diese Zweiheit besser
erkennbar, da bei ihnen das linke und das rechte
Pumpelement deutlich voneinander abgesetzt
sind.
Inzwischen ist allgemein anerkannt, daß das
Herz aus zwei Pumpen besteht, die
hintereinander geschaltet sind, um je einen Teil
des Blutkreislaufs zu bewältigen. Und so sehr
sie auch durch Muskulatur und
Gefäßversorgung an ihrer Berührungsfläche
miteinander verbunden sind — im
Strömungskreis des Blutes sind sie weit
voneinander entfernt. Das linke Herz, mit
Vorhof und Kammer, versorgt die Gefäße fast
des ganzen Körpers mit Blut, im Rumpf, im
Bauchraum, im Kopf, in den Armen, den
Beinen, und pumpt schließlich das verbrauchte einer Erkrankung, im dargestellten Fall der
Blut zum rechten Herzen weiter. „Rechts-Insuffizienz*.
Das rechte Herz hat das gleiche Fördervolumen Im gesamten Großkreislauf herrscht dann ein
wie das linke Herz. Es muß das verbrauchte Blut gesteigerter Druck, weil das normal-kräftige
— die gleiche Menge in der gleichen Zeit — zur linke Herz gegen das in seiner
Lunge und von dort, frisch angereichert mit Leistungsfähigkeit geschwächte rechte Herz,
Sauerstoff, zum linken Herzen weiterpumpen. also gleichsam gegen einen Widerstand
Wird eines der beiden Herzen schwächer als das anpumpen muß. Es kommt zu einer Stauung,
andere, wirft es zunächst weniger Blut aus, wobei die Staumauer durch das Restblut im
pumpt also nur eine geringere Menge weiter, als rechten Herzen gebildet wird, das nicht mehr
ihm vom anderen Herzen zugeführt wird. ausgepumpt werden konnte und jetzt das
Bleibt auf solche Art eines der zwei Herzen, neuankommende Blut aus dem Großkreislauf
wenn es krank. ist, mit seiner Arbeitsleistung am Einströmen hindert.
hinter der des anderen zurück, dann ist es Die Gefäße im Großkreislauf sind durch die
„insuffizient*, wie es in der Fachsprache heißt; Rückstauung übernormal gefüllt, besonders die
die Kardiologie, die Lehre von den Funktionen nachgiebigsten Abschnitte, die feinen
und Krankheiten des Herzens, spricht von der Haargefäße. Das Sauerstoffangebot des langsam
Insuffizienz des Herzens. Das ist natürlich strömenden Blutes kann den Verbrauch der
wieder nicht ganz richtig. Wenn es zwei Herzen Gewebe nicht mehr decken, so daß sie bald die
gibt, muß es drei Formen der Herzinsuffizienz blaue Farbe verbrauchten Blutes annehmen.
geben, keine mehr und keine weniger: die Neben dieser Blausucht (blaue Lippen) tritt auch
Rechts-Insuffizienz, die Links-Insuffizienz und die Wassersucht auf. Durch den Stauungsdruck
die Doppel-Insuffizienz, wenn beide Herzen wird vermehrt Lymphflüssigkeit ins Gewebe
gleichmäßig an Leistungskraft verloren haben. gepreßt, die nicht in die gestauten Gefäße
Was geht nun vor sich, wenn eins der Herzen zurückfließen kann. Das führt zu Ödemen, zur
insuffizient, leistungsschwächer geworden und teigigen Schwellung der Gewebe. Blausucht und
nicht mehr imstande ist, für das stauungslose Wassersucht sind so auffallende Merkmale, daß
Gleichmaß der Blutverteilung im Kreislauf zu sie in allen Lehrbüchern als die klassischen
sorgen? Am anschaulichsten ist es, sich eine Symptome der Herzinsuffizienz gelten -obwohl
Seilbahn vorzustellen, die Skifahrer auf einen Kern schon 1947 darauf hingewiesen hatte, daß
Berg befördert. In der Mittelstation müssen die es sich dabei um Krankheitsanzeichen nur des
Passagiere umsteigen, um mit einer zweiten rechten Herzens handelt.
Gondel den Gipfel zu erreichen. Sie muß Und die Linksinsuffizienz?
genauso viele Skifahrer aufnehmen und genauso Ist das linke Herz leistungsschwächer als das
schnell transportieren können wie die erste, weil rechte, muß das rechte gegen einen Widerstand
es sonst in der Mittelstation zu einer Stauung anpumpen. Das Blut staut sich in der Lunge, und
kommt. es kommt zu bronchitis-ähnlichen Zuständen.
Genauso ist es bei den beiden Herzen. Ist zum Der Patient glaubt, keine Luft mehr zu kriegen,
Beispiel das linke voll leistungsfähig und das eine beängstigendes Gefühl, das ihn besonders
rechte nicht, dann pumpt das linke Herz so viel im Liegen befällt, weil das Blut dann nicht-in
Blut durch den Körper zum rechten, daß dieses den Körper abfließen kann und durch Stauung
die Flüssigkeitsmenge nicht im gleichen Maß die Nerven reizt. Diese Symptome weisen viel
bewältigen und zum linken weiterpumpen kann. weniger auffallend auf das Herz hin als
Als Folge staut sich das Blut vor dem rechten geschwollene Beine, Leberstauung oder
Herzen, wie sich die Skifahrer vor der Gondel bläuliche Lippen. Deshalb hat die Schulmedizin
der Mittelstation stauen, wenn die andere lange bestritten, daß es überhaupt eine
Gondelbahn zu langsam läuft. Im menschlichen Linksinsuffizienz gebe. Als Kern 1948 darüber
Organismus wird diese Stauung zum Symptom veröffentlichte, wurde er ausgelacht. Besonders

132
kraß wurde die Ablehnung, als Kern vermieden, denn er war überzeugt, „daß einmal
Beschwerden oder Schmerzen im Herzbereich eine Zeit kommen würde, in der man die
und in den dazugehörigen Nervenzonen als Unterlassung der rechtzeitigen Strophanthin-
Symptome einer Erkrankung des linken Herzens behandlung als Kunstfehler verurteilen werde".
darstellte, die auch dann schon auftreten, bevor Er entschied, daß die Wirkung von Strophanthin
noch eine stärkere Insuffizienz sichtbar nicht in längeren Beobachtungsreihen mit einem
geworden ist. anderen Digitalisglykosid verglichen werden
sollte: „Nachdem wir das Strophanthin einmal
Zur Sonderstellung des als das beste und sicherste Mittel erkannt haben,
steht uns nicht mehr das Recht zu, es einem
Strophanthins
Kranken, geschweige einer Reihe von Kranken,
nur aus wissenschaftlichen Gründen, nur zur
Im Nachwort zur „Digitalisbehandlung"
Prüfung einer noch unsicheren Wirkung eines
berichtet der Edens-Schüler Heinz Zimmermann
anderen Mittels, vorzuenthalten und dabei eine
über die „erstaunlichen Erfolge, die Edens nun
für die Heilung wertvolle Zeit zu verlieren."
bei der organisch bedingten Angina pectoris er-
zielte und zwar auch dann, wenn keine
manifeste Herzschwäche nach den bisherigen Zur Infarktverhütung durch
Ansichten die Anwendung eines Digitaloides Strophanthin
auch nur einigermaßen zu rechtfertigen schien.
Nach drei Jahren konnte er an einem Erfolgsgut Neuerdings sind in Brasilien zwei Arbeiten
von mehreren 100 Kranken ,die intravenöse erschienen, die Edens* Feststellungen
Strophanthinbehandlung als die sicherste bestätigen. Q. H. de Mesquita setzte
Behandlung der organisch bedingten Angina intravenöses Strophanthin zuerst bei drohendem
pectoris einschließlich des Herzinfarktes' Myokardinfarkt ein und berichtete, die Erfolge
bekanntgeben und in die Klinik einführen. Diese seien „sehr gut, ja tatsächlich sogar erstaunlich".
Veröffentlichung, in Nr. 37 der Münchn. Med. Daraufhin behandelte er 154 Patienten, die mit
Wochenschrift 1934, wird in der der elektrokardiografisch und klinisch gestellten
Medizingeschichte ein Markstein bleiben. Die Diagnose „akuter Herzinfarkt" in die Koronar-
von Edens hier neueingeführte Indikation war Intensivstation des Hospitals Matarazzo in Sao
wirklich epochemachend; denn mit ihr begann Paulo aufgenommen worden waren, gleichfalls
ein neuer Abschnitt in der Herztherapie mit intravenösem Strophanthin und
überhaupt." Zusatzmedikation. Die „markanten Wirkungen"
Zimmermann wies nachdrücklich auf die des Strophanthins ließen sich schon am ge-
erweiterte Indikation für Strophanthin bei ringeren Bedarf von schmerzstillenden
Krankheiten hin, „bei denen man sich bisher Medikamenten und Beruhigungsmitteln, am
irrtümlich gescheut hatte, das Strophanthin seltenen Auftreten von Herzarrhythmien, von
anzuwenden, oder bei denen man die berechtigte Herzinsuffizienzen und kardiogenen
Ablehnung der Digitalis unbesehen auf das Schockzuständen ermessen, vor allem aber an
Strophanthin übertragen hatte. Zunächst war das der niedrigen Sterblichkeitsrate von nur 7,7
Aufsehen über den umstürzlerischen Prozent. Außerdem sei das klinische Bild viel
therapeutischen Vorschlag groß, und es blieb ruhiger, der Krankheitsverlauf viel weniger
auch Edens das Schicksal nicht erspart, seine dramatisch. Zusammenfassend schreibt
ärztliche Tat, die zweifellos dem Wohle der Mesquita: „Der Myokardinfarkt kann durch
Kranken diente, einer unzulänglichen Kritik rechtzeitige Anwendung intravenösen
ausgesetzt und die Ausbreitung seiner Therapie Strophanthins vermieden, andernfalls sein
durch mangelhafte Einwände behindert zu Verlauf gestoppt oder mindestens abgeschwächt
sehen." Edens habe jede Auseinandersetzung werden." Deshalb sei die gegenwärtige

133
Gewohnheit einer symptomatischen Therapie
„zu verwerfen" und an deren Stelle die sofortige
Anwendung der Strophanthin-Therapie
„aufzugreifen". Auch diese Arbeit wurde von
der deutschen Kardiologie nicht zur Kenntnis
genommen.

134
Literaturverzeichnis Kongreß der Deutschen Gesellschaft für
Gesundheitsvorsorge Leverkusen 1969
Kapitel I Kongreß für ärztliche Fortbildung Davos 1971

B. Kern
„Der Myokardinfarkt"
Haug-Verlag Heidelberg 1969

T. Kuhn „Brain drain"


„Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" euromed 10 vom 6. Mai 1969
Suhrkamp-Verlag Frankfurt 1967 „Heart Attack: Curbing the Killer"
Newsweek 1. Mai 1972
B. Kern
„Grundlagen der Inneren Medizin" „Epidemiologie der koronaren
Ferd. Enke Verlag Stuttgart 1946 Herzerkrankung"
Ärztliche Praxis 78,1973
B. Kern
„Die Herzinsuffizienz" »Herzkrankheiten: Mehr Geld für die
Ferd. Enke Verlag Stuttgart 1948 Forschung" selecta 48,1973
„Limiting factor: Arteriosklerose"
B. Kern Ärztliche Praxis 85, 1973
„Die orale Strophanthinbehandlung"
Ferd. Enke Verlag Stuttgart 1951 E. Braunwald
„Acute Myocardial Infarction: A Status Report"
H. Rein Hospital Practice September 1971
t
„Über ein Regulationssystem ,Milz-Leber für
den oxydativen Stoffwechsel der Körpergewebe „World Heart Month -April 1972"
und besonders des Herzens" Bulletin of the International Society of
Die Naturwissenschaften 36, 233 und 260 Cardiology III/3—4 (1971)
(1949) Kongreß der Amer. Heart Ass.
Anaheim/Kalifornien, 1971
„Für und Wider die orale Strophanthintherapie"
Studienreihe Boehringer Mannheim 1951 W. Doerr
„Handbuch der Allgemeinen Pathologie"
F. Eichholtz Springer Verlag Heidelberg 1971
Lehrbuch der Pharmakologie
Springer-Verlag Berlin und Heidelberg 1947 Bargmann-Doerr
„Das Herz des Menschen"
A. Fraenkel Georg Thieme Verlag Stuttgart 1963
„Strophanthin-Therapie"
Julius Springer Berlin 1933 „Atompumpe statt Herz"
Sputnik 9, 1969
E. Edens
„Die Digitalisbehandlung" F. Büchner
Urban und Schwarzenberg Berlin—München „Die Koronarinsuffizienz in alter und neuer
1948 Sicht"
Studienreihe Boehringer Mannheim 1970

135
F. Büchner F. Deich
„Herzinfarkt, Koronarthrombose und akuter „Medien und Massenivahn"
Koronartod des Menschen" Die Welt, 30.10.1971
Urban und Schwarzenberg München — Berlin
— Wien 1973 H. Fleisdihacker persönliche Mitteilung August
Büchner/Weyland 1971

„Die Insuffizienz des hypertrophierten E. Bajusz


Herzmuskels im Liebte seiner Narbenbilder" „Elektrolyt-Verschiebungsmechanismus im
Urban und Schwarzenberg München — Berlin Herzmuskel und seine Bedeutung für
— Wien 1968 Pathogenese und Prophylaxe nekrotisierender
Cardiopathien"
B. Kern Arzneimittelforsdiung-Drug Research-
„Drei Wege zum Herzinfarkt" 14,1115—1128 (1964) Editio Cantor
Internationale Gesellschaft für Aulendorf/Württ.
Infarktbekämpfung (IGT) Kardiologie-Verlag
Schorndorf 1971 W. Raab
„Es gibt keine Opposition11
selecta 50, 1967

H. Gillmann
Ardenne/Kern „Stellungnahme zur peroralen Strophanthin-
„Der Herzinfarkt als Folge der lysosomalen Prophylaxe des
Zytolyse-Kettenreaktion" Herzinfarktes"
Das Deutsche Gesundheitswesen 38,1971 Deutsches Ärzteblatt 44,1971

Ardenne/Lippmann „Neue Infarkt-Theorie — medizinische


„Hauptursache und Verringerung der Gaukelei?"
Wirkungsschwankung bei oraler Gabe von g- Gießener Allgemeine 19.10.1971
Strophanthin"
Cardiologisches Bulletin 1971 Schriftwechsel G. Schettler/B. Kern
12.10.1971 bis 15.11.1971
Rein/Schneider
„Physiologie des Menschen" W. Doerr
Springer Verlag Heidelberg 1960 „Der Streit um die Entstehung des
Herzinfarktes"
D. Hanitzsch Ärztliche Praxis 85,1973
„Bei Irrtum Tod"
ARD München 13. 9.1971 Q. H. de Mesquita
„Efeitos da estrofantina K, de üso endovenoso,
„Die Laien proben den Aufstand" no tratamento do quadro clinico enfartante e do
Medical Tribüne 43 vom 22.10.1971 enfarte agudo do miocardo"
„Kernige Worte" R«vta. Bras. Clin. Terap. - Vol. 2,12 1973
Praxis-Kurier 38, 1971

„Strophanthin — ja oder nein"


selecta 8, 1972

136
Zu II. Kapitel Zur Begriffserklärung der
koronaren Herzkrankheit
Der Begriff Koronarinsuffizienz' bedeutet
lehrgemäß nicht nur eine Funktionsschwäche
der Kranzgefäße, er soll auch die Folge-
erscheinungen, also die Zerstörung im
Herzmuskel mit einschließen. Büchner schreibt
dazu: „Bei vermindertem Sauerstoffgehalt des
Blutes kann, auch im nichtstenosierten
Koronarsystem, eine akute oder chronische
Koranarinsuffizienz dadurch eintreten, daß, in
Anpassung an die Hypoxämie, die Durchblutung
der Koronararterien zwar gesteigert wird, die
Durchströmungsfähigkeit des Koronarsystems
aber nicht ausreicht, um die Wirkung der
Hypoxämie zu kompensieren."
Nach dieser Lehre entstehen
Herzmuskelschäden also ausschließlich nur
aufgrund einer Koranarinsuffizienz, die auch
dann postuliert wird, wenn sich das
Koronarsystem als „normaldurchgängig'*
erweist, also keine Verengung vorliegt. Zu
welchen grotesken Vorstellungen das geführt
hat, zeigt sich in einer späteren Veröffentlichung
von Doerr: „Funktioniert z. B. die
Sauerstoffdruckregelung in der Passagierkabine
des Stratosphärenflugzeuges nicht, gelangen die
Reisenden unter die Bedingungen der
l
,Sauerstoffnot . Es entsteht u. a. auch eine Koro-
narinsuffizienz." Der Sauerstoff-Mangel im
Herzen wird demnach sogar dann auf ein
Versagen der Herzkranzgefäße zurückgeführt,
wenn er ganz andere Ursachen hat, also auch bei
gesunden Passagieren, deren Kranzgefäße
nachweislich voll funktionsfähig sind.

Zur Theorie der


Gefäßverschlüsse durch
Arteriosklerose
Kern unterscheidet zwischen
nichtstenosierenden Atheromen und echten
Verschlußkrankheiten. Als Atherosklerose
charakterisierte Doerr diejenige Form der
Arteriosklerose, „welche durch aufdringlich

137
starke Einlagerung sehr verschiedenartiger Schläuche, die im Lauf der Jahre an manchen
Triglycerid-Cholesterinester, Lipide und Stellen wandschwach und ausgebeult werden.
Fetteiweißverbindungen in die inneren Dort kommt es dann zu Unregelmäßigkeiten in
Gefäßwandschichten ausgezeichnet ist. Vom der Blutströmung, Wirbel treten auf, der
Standpunkt des gebildeten Laien handelt es sich Blutfluß wird empfindlich gestört. In solche
um die Arteriosklerose." Die Feststellung, daß durch den Blutdruck ausgebeulte Gefäßpartien
Atherome nicht stenosieren, stammt von lagert der Organismus Bindegewebe und andere
Richard Thoma. Seine Experimente zeigen, daß Substanzen ein (Gholesterin, Fett, Kalk), die wie
nur die Gefäße von Leichen durch Atherome ein Beet oder wie ein Polster die Ausbeulung
verschlossen sind, während das bei Lebenden „ausspachteln". Man bezeichnet solche Beete als
nicht der Fall ist. Wenn mit dem Tod der Atherome (griech.: Brei). Danach ist also die
Blutdruck aufhört, der im Leben die Atheromatose oder Atherosklerose, jene
Kranzarterien um rund das Zwanzigfache dehnt, spezielle Sonderform der Arteriosklerose, die im
fallen die Arterien in sich zusammen. Sie haben allgemeinen Sprachgebrauch als die
nur noch einen Bruchteil ihres ursprünglichen Arteriosklerose schlechthin bezeichnet wird,
Kalibers, so wie ein Fahrradschlauch, dem die eine Selbstschutzmaßnahme des Organismus,
Luft ausgegangen ist. Um in den die eine störende Ausweitung korrigiert.
Leichengefäßen wieder den gleichen Zustand zu Für Verschlußprozesse gelten andere
erzeugen, der zu Lebzeiten bestanden hatte, Gesetzmäßigkeiten, die noch nicht befriedigend
mußte Thoma in den Arterien des toten Körpers geklärt sind, obwohl eine Reihe interessanter
jenen Füllungsdruck hervorrufen, der dem Hypothesen besteht. Auf jeden Fall handelt es
Blutdruck des Lebenden entsprach. Er ließ war- sich um andere Formen der Arteriosklerose als
mes Paraffin mit Hilfe eines Druckgerätes in die fälschlich angeschuldigten Atherome.
den Kreislauf einströmen, wo es sich rasch
verbreitete und in den kleinsten Gefäßen zu Zum Thema
erstarren begann. Die im Tod leergelaufenen
Kreislauferkrankungen
und zusammengeschrumpften Arterien mitsamt
ihren Arteriosklerosepolstern waren jetzt wieder
Andere Leiden, die neben dem Herzinfarkt der
genauso aufgespreizt wie vorher im Leben durch
Arteriosklerose zur Last gelegt werden, sind in
den Blutdruck.
erster Linie Gehirnschläge und
Bei der späteren Leichenöffnung zeigte es sich,
Verschlußkrankheiten der Beine, allgemein als
daß Gefäße mit Atheromen kreisrund geformt
Raucherbein bekannt. Aber auch im Gehirn
und durchgängig waren, die Fettpolster ragten
scheinen die pathologischen Vorgänge keine
nicht in das Gefäß vor und hatten keine
Folge einer Gefäßerkrankung zu sein. G.
stenosierende Wirkung. In tausenden Versuchen
Quadbeck betont, „daß es keine Korrelation gibt
kam Thoma ausnahmslos immer wieder zu dem
zwischen den zerebralen Gefäßveränderungen
gleichen Ergebnis. Spätere Untersuchungen von
und der Leistungsfähigkeit des Gehirns im
Levene und Kreinsen haben diese Befunde
letzten Abschnitt des Lebens. Bei frühzeitig
bestätigt.
Gealterten und sogar bei Altersdementen findet
Ein Gefäß nach dem Tod läßt sich mit einem
man oft zarte Hirngefäße, während man bei
Fahrradschlauch vergleichen, dem die Luft
Verstorbenen, die bis ins hohe Alter ihren Beruf
ausgegangen ist. Niemandem würde es
noch voll ausgeübt haben und hier Überragendes
einfallen, auf einem Rad zu fahren, dessen
zu leisten imstande waren, erhebliche
Schläuche in einem solch miserablen Zustand
arteriosklerotische Veränderungen an den
sind. Und genauso falsch ist es, den Zustand
Hirnbasisgefäßen beobachten kann".
eines Gefäßes nach dem Tod als den normalen
Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den
Betriebszustand des Organismus im Leben
peripheren Durchblutungsstörungen. Zu dem
anzusehen. Arterien sind gummiartig dehnbare

138
normalen Gefäßinnendruck, der durch die beeinträchtigt? Statistik kann
Pumpleistung des Herzens erzeugt wird, kommt Kausalzusammenhänge niemals beweisen, sie
das Gewicht der Blutsäule. Deshalb ist im Bein kann jedoch aus dem Fehlen eines Konnexes
sogar in den Venen der Blutdruck höher als etwa jeden Kausalzusammenhang ausschließen. Die
in den Arterien des Gehirns. Diese besonderen Ergebnisse dieser Arbeit sind deshalb ein
Druckverhältnisse sind die Voraussetzung dafür, weiteres starkes Indiz für das Fehlen einer
daß es bei der Einwirkung zusätzlicher Faktoren Kausalität zwischen Koronarstenosen und EKG-
zu Passagebehinderungen im Endstromgebiet Anomalien.
kommt (Kapillaropathien). Aus diesem Grunde Zur Frage der Vasokongruenz: Decken sich
können bei Gefäßerkrankungen die präfor- Gefäßverschluß und nekrotische Zonen?
mierten Anastomosen die Ausgleichsversorgung Kern hatte darauf hingewiesen, daß die
nicht übernehmen. Deshalb gibt es im Bein Nekrosen im Herzmuskel nicht mit dem
echte Verschlußkrankheiten. Gefäßverlauf übereinstimmen, daß sie
vasoinkongruent seien: „Wenn sich in der
Zur Frage der Zuverlässigkeit linksventrikulären Vorderwand Nekrosen finden
und zugleich hier in der ernährenden
der Koronardiagnostik
absteigenden Vorderwandarterie Verschlüsse
gefunden werden, so wird allgemein auf eine
Aufschlußreich ist die Arbeit von FitzGibbon et
Kongruenz der Befunde geschlossen.
al., die an 160 Herzkranken die Ergebnisse des
Unberücksichtigt bleibt dabei aber, daß viele
Belastungs-EKG´s mit den
Gebiete hinter der verschlossenen Arterie noch
Koronarangiogrammen verglichen haben. Es
normal ernährtes, gut erhaltenes Myokard
zeigte sich, daß die Übereinstimmung äußerst
aufweisen, so in sämtlichen rechtsventrikulären
gering ist. So hatten z. B. von 101 Patienten mit
Anteilen, in den rechts- wie linksseitigen
schweren Koronarstenosen im Angiogramm 37
basisnahen Gebieten und — besonders
(37,5 °/o) normale Belastungs-EKG´s, unter
aufschlußreich — inmitten der Nekrosegebiete
Einbeziehung der fraglichen EKG-Befunde
der linken Vorderwand auch große Inseln
sogar 54 Patienten (55 %). Insgesamt hatten
erhaltenen (also gut durchbluteten) Myokards.
ohne die fraglichen Fälle 42 % der Patienten mit
Unberücksichtigt bleibt ebenso, daß Nekrosen
Stenosen im Röntgenbild ein normales EKG, 17
sich im Versorgungsgebiet anderer, nicht
°/o ohne Stenosen im Röntgenbild ein abnormes
verschlossener Kranzarterien finden.
EKG und nur 27,5 % mit Stenosen im
Vasokongruenz bedeutet nicht, daß es genügt,
Röntgenbild auch ein abnormes EKG.
wenn im vermeintlich verschlossenen Ge-
Auf eine Kausalität zwischen Stenose und EKG-
fäßgebiet irgendwo Nekrosen liegen, sondern
Abnormität kann aus diesen Ergebnissen nicht
daß in diesem Gebiet nur Nekrose, kein
geschlossen werden. Von Bedeutung ist dabei
lebendes Myokard vorzuliegen hat und daß
zusätzlich, daß die EKG-Anomalien unter Be-
Nekrosen in keinem sonstigen, nicht
lastung bei Patienten mit oder ohne
verschlossenen Gefäßgebiet vorkommen dürfen
Koronarstenose im Röntgenbild qualitativ
— wenn anders der Begriff nicht im
gleichartig sind. Wenn aber ohne Stenosen ge-
Selbstwiderspruch zu seiner Anwendung stehen
nau die gleichen Anomalien auftreten wie bei
soll."
den Fällen mit Stenose, stellt sich die Frage, ob
Schoenmakers weist darauf hin, daß sich die
diese gleichen Anomalien mit Stenosen nicht
große Nekrose aus mehreren kleinen bis
durch denselben Schädigungsmechanismus
mittelgroßen Herden zusammensetzen kann,
bewirkt wurden wie in den Fällen ohne
„die noch schmale, leidlich intakte
Stenosen: Sind also die Stenosen in den Fällen
Myokardbrücken und -netze zwischen sich
mit abnormen EKG nicht die Ursache dieser
fassen", was der thrombotischen Verschluß-
Anomalien, haben sie die Versorgung überhaupt
theorie widerspricht. Schoenmakers führt noch

139
einen anderen Grund an, aus dem heraus die Welcher pathologische Prozeß kann aber solch
Wirksamkeit von Gefäßverschlüssen in Frage einen akuten Verschluß bewirken, nachdem die
gestellt werden muß: „Das buntgescheckte Thrombose ausscheidet, weil sie ja erst nach
Aussehen eines Infarktbezirkes beruht oft dem Infarkt entsteht?
darauf, daß der große Infarkt nicht in einer Von mehreren Autoren wurde in letzter Zeit das
Zeitspanne aufgetreten ist, sondern daß mehrere Intimaödem ins Gespräch gebracht. Diese
Schübe von Nekrosen einander mit einem Vermutung hält einer kritischen Überlegung
kleineren oder größeren zeitlichen Intervall nicht Stand. Denn der ödemdruck ist so niedrig,
gefolgt sind. Diese Beschaffenheit des Infarktes daß er beträchtlich unter dem Arterien-
ist für viele Fälle besonders wichtig, weil man Innendruck liegt. Er kann grundsätzlich niemals
daraus, und natürlich aus der histologischen ebenso hoch werden wie der Innendruck der
Untersuchung, angeben kann, daß es sich um Arterie, denn einen höheren Flüssigkeitsdruck
einen mehrzeitigen Infarkt gehandelt hat." als in den Arterien gibt es nirgendwo im Körper,
Doerr kommt deshalb auch zu der Überlegung, jeder Flüssigkeitsdruck ist direkt oder indirekt
daß sich „der historische Infarktbegriff eine eine Folge des Arteriendrucks und kann somit
gewisse Veränderung in seiner definitorischen nur niedriger sein als dieser. Demnach können
Fassung gefallen lassen" müsse. Er schlägt als die in Leichenarterien vorgefundenen
neuen Begriff den „Nichtobturationsinfarkt" vor, Intimaödeme nur postmortal entstanden sein.
was sinngemäß etwa soviel heißt wie
Verstopfung ohne Verstopfung.
In seiner offiziellen Stellungnahme zum
Herzinfarkt-Streit betont Doerr, daß
Innenschichtschäden keine Infarkte seien, und er
begründete seine Feststellung damit, daß sie
„nicht mit den örtlichen Vorgängen der
Kreislaufstörungen im Gewebe* einhergehen.
Obgleich sie demnach also metabolisch
entstanden sind, werden sie von Doerr dennoch
als „Dokumente einer Koronarinsuffizienz" dem
Infarkt an die Seite gestellt.
Zur Rettung der Hypothese, daß Herznekrosen
koronar entstehen, stützt sich Doerr auf
folgendes Argument: „Wäre die
,Koronartheorie* der sog. Koronarinsuffizienz
auf Sand gebaut, hätte jede Form einer
chirurgischen Intervention, nämlich der
operativen Beseitigung sog.
Koronararterienverschlüsse keinerlei Sinn." Die
Fragwürdigkeit dieser Methode enthüllt die
Fragwürdigkeit dieser Beweisführung.

Zur Frage des Intimaödems


Der akute Verschluß ist ein zentrales Dogma der
Koranartheorie. Denn die allmähliche
Stenosierung eines Gefäßes hat
Anastomosenbildung zur Folge; der
Durchblutungsmangel wird kompensiert.
140
Literaturverzeichnis
Bachmann/Dittrich
Kapitel II „Aktuelle Diagnostik der Koranarerkrankung"
Mündin. Med. Wochenschrift 15, 1972
Protokoll des wissenschaftlichen Kolloquiums
in Heidelberg am G. M. FitzGibbon
19. November 1971 „A Double Master's Two-Step Test: Clinical,
Baroldi/Scomazzoni Angiographic and Hemodynamic Correlations"
Annais of International Medicine, April 1971
„Coronary Circulation in the Normal and the Ildar Idris
Pathologie Heart" „Das Rätsel um den aorto-koronaren Beipaß"
US. Government Printing Office, Washington, selecta 3, 1974
1967
G. Baroldi W. Schweizer
„Chirurgische Behandlung der
„Lack of Correlation Between Coronary Koronarinsuffizienz: Contra"
Thrombosis and Myocardial Infarction or Schweiz. Med. Wschr. 100, Nr. 50 (1970)
Sudden ,Coronary* Heart Death"
Annuals New York Academy of Sciences 156 Henry Marx
(1969) „Koronarersatz durch Venen — eine umstrittene
G. Baroldi Operation"
Medizin heute 22, 1972
„Functional Morpbology of the Anastomotic
Circulation in Human Cardiac Pathology" Hegemann/Ungeheuer
Meth. Achievm. exp. Path., Vol. 5, pp 438— „Lebenschancen des Koronarkranken
473,1971 Karger Verlag Basel verbessert — ein echter Fortschritt"
G. Baroldi Medizin heute 24, 1972

„Human Myocardial Infarction: „Infarkt bei jeder 5. koronaren Bypass-Op"


Coronarogenic or Noncoronarogenic Medical Tribüne 9,1973
Coagulation Necrosis?"
Myocardiology, University Park Press, 1972 E. G. Dimond
G. Baroldi „Comparison of Internat Mammary Artery
Ligation and Sham Operation for Angina
„Koronare Herzkrankheit — Die tiefere Pectoris"
Bedeutung der morphologischen The American Journal of Cardiology, New
Veränderungen" York, (1960)
Ärzteblatt Baden-Württemberg 10, 1973 Bd. 5, S. 483-486

Kief/Baehr H. Moerl
„Zur experimentellen Pathologie der Ischämie „Klinische Erfassungsmöglichkeiten der
am Herzen" Arteriosklerose"
Med. Welt 25 (1974) Nr. 5 Ärztl. Praxis 85, 1973

H. Löllgen E. Wollheim
„Myokardinfarkt bei normalen „Einteilung der Angina pectoris und
Koronararterien" Behandlung des Myqkardinfarkts
Med. Klinik 69 (r974) Nr. 4 Die Therapiewoche, April 1953

141
Spain/Bradess
„Schwere Koronarschaden bei familiär „Atherosclerosis and Ischemic Heart Disease"
belasteten asymptomatischen Männern' The American Journal of the Medical Sciences,
Medical Tribüne 31, 1972 Dezember 1960

Schulz/Meesmann Popper/Feiks
„Der Einfluß von Spontankollateralen auf akute „Herzinfarkt und Koronarthrombose"
experimentelle Myokardinfarkte" Med. Welt 24, Wiener klinische Wochenschrift Nr. 24 (1961),
Heft 40 (1972) S. 421-423

Ch. Friedberg „Role of thrombi in infarct questioned" .


„Erkrankungen des Herzens" JAMA, 4. 5.1970, Vol. 212, No. 5
Georg Thieme Verlag Stuttgart 1972
W. Spalteholz
„Die Arterien der Herzwand"
L. S. Cohen Verlag Hirzel Leipzig 1924
„Coronary Heart Discase. Clinical,
Cinearteriographic and Metabolie Cohnheim/Schulthess-Rechberg
Correlations" „Über die Folgen der
The American Journal of Cardiology, Volume KranzarterienverSchließung für das Herz"
17, Februar 1966, Nr. 2 Virchows Archiv Band 85, 1881, Seiten 503-
537
„Linker Ventrikel: Gesamtdurchblutung mit und
ohne Koronarsklerose gleid>" R. Lower
Medical Tribüne 15a, 1973 „Tractatus de corde*
Wissenschaftskrise Herzinfarkt Kard. Verlag
G. Baroldi Sdiorndorf 1973
„Relevance of Thrombosis to Infarction" W. Doerr
Adv. Cardiol., vol. 9, pp. 15—28 Karger Verlag „Gutachten für das Sozialgericht Stuttgart zum
Basel, 1973 Fall Schüler*
12. 2.1970

W. Doerr
„Gutachten für das Sozialgericht Stuttgart zum
G. Baroldi Fall Neumann*
„Morphology of acute myocardial infarction in 15.12.1970
relation to
coronary thrombosis" G. Quadbeck
American Heart Journal, Januar 1974, Vol. 87, „Objektivierung cerebraler
Nr. 1, Altersveränderungen"
pp. 65-75 Vortrag Bad Soden 1973

Erhardt/Lundman/Mellstedt Crawford/Levene
lts
„Incorporation of J-Labelled Fibrinogen into „Medial Thinning in Atheroma"
Coronary Arterial Thrombi in Acute Myocardial J. P. Bact., Vol. LXVI, 1953
Infarction in Man"
The Lancet, 24. 2.1973 R. Thoma

142
„Histogenese und Histomechanik des
Gefäßsystems*
Ferd. Enke Verlag Stuttgart 1893

R. Thoma
„Lehrbuch der Pathologischen Anatomie"
Ferd. Enke Verlag Stuttgart 1894

R. Thoma
»Über die Strömung des Blutes in der
Gefäßbahn und die Spannung der Gefäßwand"
Zieglers Beiträge z. Path. Anatomie u. z.
Allgem. Pathologie Band 66 (1920), S. 92 ff.,
259 ff., 377 ff.

R. Thoma
„Über die Genese und die Lokalisation der
Arteriosklerose"
Virchows Archiv, Band 245 (1923), S. 78 ff.

U. Kreinsen
„Myokardinfarkt aus myozytogenen Ursachen"
Dissertation Heidelberg 1971 (aus dem
Pathologischen Institut der Universität, Direktor
W. Doerr)

143
Zu III. Kapitel Zum Statistik-Streit
Kern hat aus seiner Kartei jene 15 000 Patienten
ausgewählt, die von ihm wegen Herzsymptomen
behandelt worden waren und sich bereits in
mindestens zwei Jahrgängen in dieser Be-
handlung befanden. Die Addition der einzelnen
Behandlungszeiten ergab mehr als 52 000
Behandlungsjahre. Kern machte folgende
Rechnung auf: „Nach der Bundesstatistik sind
im betrachteten Zeitraum im Jahresdurchschnitt
70 von je 100 000 Menschen an Herzinfarkt
gestorben. Mein Herzkrankengut setzt sich zu
mehr als 99,5 °/o aus Patienten zusammen, die
älter sind als 35 Jahre. Danach muß die
Sterbezahl 70 der Bundesstatistik in der als
Vergleichskollektiv herangezogenen Bundes-
bevölkerung auf deren Hälfte über 35 Jahre
bezogen werden. Im betrachteten Zeitraum
waren tödliche Infarkte bei Personen unter 35
Jahren noch so selten, daß sie ohne
Resultatverfälschung vernachlässigt werden
können. Das Vergleichskollektiv kann demnach
nur 50 000 Personen jährlich umfassen."
In seiner Stellungnahme zum Vorgehen des
Rezensenten H. Immich führte Kern aus:
„Denn es fällt auf, daß er Personenzahlen,
Behandlungsjahre und Zeitverhältnisse nur zu so
kleinem Teil berücksichtigt und den
Behandlungsmodus so gestaltet hat, daß das
Ausbleiben tödlicher Infarkte gerade noch
statistisch als zufällig gedeutet werden kann.
Hervorgehoben sei nur folgendes: Von den tat-
sächlich behandelten 15 000 Herzpatienten
bezieht der Rezensent nur die Hälfte, 7500, in
seine Berechnung ein. Als Vergleichskollektiv
wählt er die Gesamtbevölkerung einschließlich
Säuglingen und Schulkindern, obwohl das
rezensierte Buch gerade auch in Kapitel 16
ausdrücklich betont, daß die Herzkranken-
Klientel von solchen Personengruppen frei ist.
Er wendet die Bundesstatistik so an, als ob die
Wahrscheinlichkeit für Infarkttod innerhalb 3,5
Jahren dieselbe wäre wie in einem Jahr. Auch
von der Zahl der Behandlungsjahre werden statt
des Gesamtbetrags von 52 000 (= 100 Prozent)
nur 7500 (= 15 Prozent) der Berechnung
zugrunde gelegt."
144
Auch H. Rensch setzt sich mit den kritischen behauptet, ein Strophantinrezept sei ein
Stellungnahmen zu Kerns Dokumentation Freifahrtschein in eine infarktfreie Zukunft. Er
auseinander. Zuerst nimmt er Immichs Spiel mit hatte im Gegenteil Beispiele veröffentlicht, die
Zahlen unter die Lupe: zeigten, daß gefährdete Patienten nach Absetzen
„Die Aussage der Nullsterblichkeit durch der Strophantinbehandlung Infarkte erlitten
Infarkte während 50 000 Patientenjahren wurde hatten; und er hatte gerade darin die Über-
durch statistisch unsachgemäße und logisch legenheit seiner Therapie gegenüber jeder
falsche Behauptungen als so belanglos anderen bestätigt gesehen. Eine konsequente
dargestellt, daß sich eine nähere Überprüfung Beobachtung der Patienten nach Absetzen der
»erübrige*. Das Erstaunlichste an diesem Therapie betrachtete er als überflüssig, weil
Vorgehen ist, daß sich offenbar niemand die seine Statistik nur darauf abgestellt war,
Mühe machte, die Einwände auf Seriosität zu feststellen zu können, ob Patienten während der
überprüfen!" Therapie Infarkte erlitten hatten und wie viele
Rensch deutete sogar die Vermutung an, daß Infarkte in einer vergleichbaren Bevölkerungs-
dahinter Absicht gesteckt habe: „Auffällig ist, gruppe im gleichen Zeitraum aufgetreten waren.
daß alle Denk- und Rechenfehler Immichs in die Die Kontrolle galt nur der Wirksamkeit während
gleiche Richtung führen, nämlich zur Reduktion der Dauerbehandlung.
der Erfolgszahl von Kerns Myokard-Therapie. „Sobald die Dauerkorrektur unterbrochen wird,
Das widerspricht der Statistik!* herrschen wieder die alten Nachteile des
Zu Kollers Unterstellung einer „massiven Dauerschadens eventuell bis zur
Untererfassung der Sterbefälle" führte Rensch Katastrophengefahr oder Katastrophe selbst.
aus, in diesem Falle hätte Kern „mehr als 800 Trotzdem würde niemand deswegen die
Sterbefälle in seiner Praxis übersehen müssen, Wirksamkeit der Korrektur während der
darunter sämtliche Infarkte gemäß Anwendung bezweifeln, unabhängig davon, ob
Bundesstatistik, obwohl die Patienten im Mittel nach ihrem Absetzen die Katastrophe noch
3,5 Jahre bei ihm waren!" ausgeblieben oder schon eingetreten ist. Damit
Koller hatte Kern außerdem „systematische ist der Vorwurf unterlassener
Unterlassungen" vorgeworfen: Gefährdete Nachuntersuchungen in sich sinnlos*, kritisierte
Patienten hätten Kern einfach verlassen, sobald Rensch. Niemand würde ja auch die
sie die Unwirksamkeit seiner Therapie Wirksamkeit einer Brille bestreiten, bloß weil
festgestellt hätten. Deshalb seien die zu nach Absetzen der Brille die Sehkraft wieder
erwartenden 100 tödlichen und 300 unzureichend ist.
nichttödlichen nicht unter der Behandlung von Zu dem Vorwurf der „massiven Untererfassung
Kern aufgetreten. der Sterbefälle" führte er an: „Mit Sicherheit ist
Dazu bemerkte Rensch: „Koller stellte sich also die primitive Ausrechnung der insgesamt zu
vor, daß alle diese 400 infarktgefährdeten erwartenden Todesfälle aus der Anzahl der nach
Patienten Kern rechtzeitig verließen, daher 100 dem Bundesdurchschnitt zu erwartenden
Prozent Dunkelziffer! Eine solch präzise auto- Infarkte — ,ein tödlicher Infarkt auf neun andere
matische Selektion der Infarktkandidaten ist Todesfälle, 100 tödliche Infarkte bei Kern zu
schwer vorstellbar." Aus diesem Grunde erwarten, dazu 900 Tote aus anderen Ursachen*
bezeichnete er die Konstruktion Kollers als — nicht für jede Praxis gültig, geschweige denn
unrealistisch. für Kerns Herzpraxis."
Ein weiterer Vorwurf gegen die zur Debatte Kern hatte 179 Todesfälle in seiner Klientel für
stehende Dokumentation war der, Kern habe den Zeitraum der statistischen Erfassung
eine Nachkontrolle seiner Patienten versäumt, angegeben, 86 von ihnen waren an anderen
seine Aussagen beschränkten sich nur auf einen Herzkrankheiten als Infarkten gestorben. Diese
Zeitraum von jeweils durchschnittlich 3,5 86, den 93 an anderen Ursachen Verstorbenen
Jahren. Nun hatte Kern allerdings niemals gegenübergestellt, zeigten bereits, daß sich in

145
seiner Praxis ungewöhnlich viele Herzkranke faßt er das Ergebnis seiner Berechnungen
eingefunden hatten, daß seine Klientel sehr zusammen:
herzgefährdet gewesen sei und deshalb nicht mit „Auch wenn fünf tödliche Infarkte
einem beliebigen anderen Kollektiv verglichen vorgekommen oder nicht erkannt worden wären,
werden könnte. Dennoch sei die Zahl der reduziert die Myokard-Therapie noch immer die
Herztodesfälle bei 50 000 Herzpatienten extrem »normale' Infarktgefahr (Bundesdurchschnitt
niedrig. =100 Prozent) auf zwölf Prozent, verhütet also
„Es ist aber auch klar, daß man die zu 88 Prozent der tödlichen Infarkte!"
erwartende Anzahl von Todesfällen nicht etwa In einer seiner grundsätzlichen Überlegungen
dadurch ausrechnen kann, daß man die jährliche stellte R. Virchow fest: „Die statistischen
Anzahl von Todesfällen der BRD durch die An- Zusammenstellungen, welche man zur
zahl der niedergelassene Ärzte teilt, da hierbei Erprobung der Heilmittel angelegt hat, können
weder die Art der Praxis noch die Anzahl der kein Resultat liefern, da es sich beim Behandeln
Patientenjahre berücksichtigt werden kann", nie um Massen, sondern nur um einzelne
führt Rensch aus. „Kollers Vorwurf, ,zu wenig Kranke handelt; hätte man statt der Tabellen die
Tote* fußt daher weder auf reellen statistischen einzelnen Krankheitsgeschichten genau
Kenntnissen, noch berücksichtigt er die geführt..., so hätte man sicherlich überzeugende
besondere Art der Praxis, die in Kerns Fall und brauchbare Tatsachen gewinnen müssen. Es
durch das extreme Überwiegen von können nur Studenten und Ärzte ohne Erfahrung
Herztodesfällen gegenüber anderen Todesarten sein, welche sich zu Panegyrikern der
gekennzeichnet ist. Wenn Kollers Einwand im therapeutischen Skepsis hergeben; die tägliche
ersten Augenblick auch verblüffend klingt, so Erfahrung genügt vollkommen, um jedem
hält er einer sachlichen Prüfung jedoch nicht unbefangenen Praktiker die Überzeugung von
stand." Überdies muß berücksichtigt werden, der Wirksamkeit der Arzneimittel und der
daß die weitaus meisten Patienten in Kliniken, Wirkungsfähigkeit des Arztes zu gewähren.
Krankenhäusern, Unfallstationen, Altersheimen, Gewisse Dinge werden von dem gesunden
Pflegeheimen usw. sterben. So wie es heute Menschenverstände und der einfachen und
kaum noch Entbindungen in der Wohnung, isolierten Beobachtung so vollkommen erkannt,
sondern fast nur noch in der Klinik gibt, so sind daß die gelehrteste Untersuchung mit einem
auch die Todesfälle zu Hause sehr selten unendlichen Zahlenaufwande nicht genügt, um
geworden. Von manchen Ärzten hört man sogar, diese Erkenntnis zu vernichten."
daß sie in ihrer jahrzehntelangen Praxis noch
keinen Sterbefall erlebt haben, weil sie Zur Objektivierung von
Schwerkranke immer noch rechtzeitig an die
Herzschmerzen
Klinik überwiesen haben. Das sollte an sich
auch Statistikern bekannt sein. Die Division
K. Kötschau hat darauf hingewiesen, daß beim
„Gesamtsterbezahl durch die Zahl
Auftreten von Herzsymptomen in den meisten
niedergelassener Ärzte" ist deswegen
Fällen im Ausstrahlungsbereich des linken
„unrealistisch" (Rensch).
Herzens von Muskelfibrillen angelagerte Binde-
Zum Problem einer Dunkelziffer, weil
gewebsgelosen entstehen, die als Muskelhärten
womöglich einige Infarkte aus unterschiedlichen
imponieren. Werden solche Gelosen durch
Ursachen nicht erfaßt worden sein könnten,
Segmenttherapie ausgeschaltet, kommt es zu
merkt Rensch an: „Im folgenden wird gezeigt,
einer Besserung der Beschwerden und zur
daß auch bei Annahme einer unwahrscheinlich
Steigerung der Leistung. Kötschau weist
großen Dunkelziffer noch immer ein erheblicher
vorsorglich darauf hin, daß sich „die Gelosen
Erfolg von Kerns Myokard-Therapie im
nur nach ausgiebiger Ölung der Haut tasten"
Vergleich zur Koronar-Therapie mit 99 Prozent
lassen.
Aussagesicherheit nachweisbar ist." Schließlich

146
Seine Beobachtungen decken sich mit den
Beobachtungen von Kern und Mitarbeitern. Die
Gelosen in Linksherzsegmenten verschwinden
sehr rasch unter Therapie des Linksmyokards..
„Die erste Registrierung gesundheitlicher
Störungen ist... subjektiv, d. h. eine gestörte
Empfindlichkeit... Es ist bemerkenswert, wie
eine naturwissenschaftlich konsequent
fortschreitende Medizin auf solide Weise wieder
beim Subjekt, d. h. bei der Befindlichkeit des
Patienten, anlangt. Sie zeigt dabei eine
erstaunliche Parallele zur Physik, die auch auf
dem Wege zu den letzten Realitäten einer
»objektiven Außenwelt* schließlich die Spuren
des eigenen Menschengeistes entdeckt hat",
schreibt
H. Schaefer und zeigt damit den neuesten Trend
auf.

147
Literaturverzeichnis W. Meesmann Brief vom 3. 2.1971

Kapitel III Bachmann Brief vom 5. 2.1971

S. Heyden H. J. Dengler Brief vom 2. 3.1971


„Stellungnahme zu dem Buch von Berthold W. Braasch Brief vom 30. 3.1971
Kern: JDer Myokardinfarkt*'
Deutsches Medizinisches Journal 21 (1970) G. Schettler Heidelberger Tagblatt, 25.10.1971
1359
G. Schettler Gutachten für das Sozialgericht
H. Immich Freiburg vom 27.11.1970
»Stellungnahme zu dem Buch von Berthold
Kern: yDer Myokardinfarkt** G. Schettler
Deutsches Medizinisches Journal 21 (1970) „Fettstoffwechselstörungen"
1364 Georg Thieme Verlag Stuttgart 1971

B. Kern
„Entgegnung zur Stellungnahme von H. Immida G. Schettler
zum Buch JDer Myokardinfarkt* von B. Kern' „Lehrbuch der Inneren Medizin"
1971 (unveröffentlicht) Georg Thieme Verlag Stuttgart 1972

H. Rensch G. Schettler Gespräch mit der „Ärztlichen


„Lügt die Statistik?' Praxis" über das „Heidelberger Infarktzentrum"
1973 (unveröffentlicht) — Fortschritte der Arterioskleroseforschung
Kommunique* Werkverlag Dr. £. Banaschewski, München-
Gräfelfing 1973
„Ergebnisse des wissenschaftlichen
Kolloquiums am 19.11.1971 zu den Thesen von G. Schettler Klinische Beurteilung vom 19.
Dr. Kern' 7.1971
Sozialgericht Stuttgart Urteil im Fall CH. Näher
vom 3.12.1969, Az: S 13 V 2797/66 G. Sdiettler Interview mit Dieter Hanitzsch
ARD München am 5.9.1971
B. Kern
„Die verhinderte Infarktverhütung" K. Spang Interview mit Jürgen Dreher
Informationsrundschreiben über die Sendung Stuttgarter Zeitung, 8. 9.1971
des Deutschlandfunks am 28. April 1970
G. Sdiettler
G. Schettler Gutachten für das Sozialgericht „Herzinfarkt und Arteriosklerose"
Mannheim im Fall Hilde Stieber vom Deutsches Medizinisches Journal 21 (1970) 651
20.10.1970, Az.: 2 3 V 1907/1968
Bundesministerium für Jugend, Familie und „Wirksamkeit, Verträglichkeit, Preiswürdigkeit"
Gesundheit — schriftliche Mitteilung vom 28. Arzneimitteltelegramm 8,1973
4.1971 F. A. Whitehouse
„Herzleidende ohne Herzkrankheit"
G. Schettler Brief vom 11.1.1971 Medical Trib üne 42,1967

G. Schettler Brief vom 27.1.1971 Wein/Rodstat


„Psychovegetative Störungen"

148
Ideen des exakten Wissens 6,1972

M. Blohmke
„Epidemiologische Studie über koronare
Herzkrankheiten an berufstätigen Frauen und
Männern im Alter von 40 bis 59 Jahren" Med.
Klin. 67 (1972) Nr. 41

S. Haussier
„Lehre, Forschung und Berufsausübung in der
Allgemeinen Medizin"
Deutsches Ärzteblatt Nr. 26,1972

M. v. Ardenne
„Memoiren"
Kindler Verlag München 1972
M. v. Ardenne
„Über die Existenz der Blut-Nerven-Schranke"
Zschr. f. Naturforschung 12,1970

B. Kern Persönliche Mitteilungen 1967 bis 1974

K. Kötschau
„Frühtherapie durch Herdausschaltung*
ML Verlag Uelzen 1974

R. Virchow
Vorwort
Virchows Archiv Band II, 1849

H. Schaefer
„Vorsorge — Takten und Kritik"
Deutsches Ärzteblatt 71, 88-90 (1974)

149
Zu IV. Kapitel. Zum Resorptions-Streit
Als exakter Beweis für die schlechte Resorption
oralen Strophanthins gelten der Pharmakologie
die neueren radio-immunologischen
0
Untersuchungen von K. Green . Dabei ist die
Darstellung eines Antigens Voraussetzung, also
eines Stoffes, der im Organismus die Bildung
von Antikörpern hervorruft. Das ist bei
herzwirksamen Glykosiden durch die Bindung
an Albumin, einen Eiweißkörper möglich.
Besonders bei Digitalis ist die Herstellung
solcher stabiler Eiweiß-Kopplungsprodukte ver-
ständlich. Fraglich wird dieser Versuch bei dem
stark wasserlöslichen g-Strophanthin, dessen
schnelle Ausscheidung aus dem Körper ja
gerade darauf beruht, daß ein solches Eiweiß-
Bindungsvermögen kaum oder gar nicht
zustandekommt.
Bei der radio-immunologischen
Glykosidbestimmung wird das Glykosid im
Blutserum oder im Harn mit einer bestimmten
Menge des gleichen, aber radioaktiv gemachten
Glykosids an Antikörper gebunden, die beim
Tier mittels des erwähnten Antigens erzeugt
worden sind. Dabei wird vorausgesetzt, daß
radioaktives und natürliches Glykosid aus der
Probe im gleichen Mengenverhältnis an die
Antikörper gebunden werden.
Aus dem Überschuß des durch Impulsmessung
bestimmbaren nicht gebundenen radioaktiven
Glykosids wird direkt auf die Menge des
gebundenen radioaktiv markierten Glykosids
und indirekt auf die Menge des gebundenen
natürlichen Glykosids geschlossen.
Mit Hilfe der Elektronen-
Massenanlagerungsspektrographie hatte M. v.
Ardenne untersucht, wie beständig
Strophanthin-Moleküle sind. Dabei zeigte es
sich, daß sie schon kurz nach dem
Wirkungseintritt „zerfallen", d. h. eine
hydrolytische Abspaltung des Rhamnosylrestes
erfolgt. Dieses inaktive, metabolisch wirksame
Strophanthin hat aber mit großer
Wahrscheinlichkeit nicht die gleichen oder gar
keine Reaktionen auf die spezifischen, aus dem

150
Kaninchen gewonnenen Antikörper, wie das für aber sie wurden nie widerlegt. Kern hatte
das aktive Strophanthin gelten mag. Patienten, die am Ende des Dünndarms einen
Diese Abspaltung des Zuckerrestes macht auch künstlichen Ausgang durch die Bauchwand
verständlich, warum orales Strophantin trotz hatten, orales Strophanthin in üblicher kräftiger
objektivierter Therapiewirkung solch eine Dosis zu trinken gegeben. Darauf wurde der
auffallend geringe Toxizität hat und auch bei Darmsaft untersucht, der sich aus dem
hoher Dosierung nur geringfügige künstlichen After entleerte. Niemals konnten bei
Nebenwirkungen auftreten und diese auch normalem Passagetempo auch nur die
praktisch nur auf den Schleimhäuten des geringsten Reste von unresorbiertem
Magen-Darm-Kanals. Strophanthin nachgewiesen werden.
Für die radio-immunologische Schlußfolgerung: Es gibt keine unresorbierten
Glykosidbestimmung bedeutet diese Reste, also muß die verabreichte
Zustandsänderung des Strophanthinmoleküls Strophantinmenge schon bis zum Ende des
aber, daß bei der angegebenen Dünndarms resorbiert worden sein.
Versuchsanordnung Antikörper für diese
Sekundärsubstanz gar nicht zustande gekommen Zur Frage der exakten
sind, weil nur Antikörper aus natürlichem
Dosierung
Strophanthin verwendet wurden. Deshalb
konnten mit dieser Methode sogar vom
Seit Jahrzehnten gibt es eine sogenannte
intravenös ins Blut gespritzten Strophanthin nur
Sättigungslehre für Herzglykoside. Danach gilt
ein bis zwei Prozent nachgewiesen werden. Die
der Bedarf als „gesättigt", sobald Symptome
übrigen 98 bis 99 Prozent des noch vorhandenen
verschwunden sind — für jeden Patienten
Strophanthins konnten mit dieser Methode nicht
individuell mit anderer Dosis. Als aber Kern
erfaßt werden. Diese 98 bis 99 Prozent des
sich auf dieses Sättigungsprinzip berief, wurde
intravenösen Strophanthins als „unresorbiert" zu
es verworfen.
bezeichnen, bloß weil eine fehlerhafte Technik
sie nicht feststellen kann, wäre wissenschaftlich
nicht korrekt. Das gleiche gilt für die ermittelten Zur Wirksamkeit oralen
ein bis zwei Prozent oralen Strophanthins. Strophanthins bei
Aber wenn auch diese Methode für die Herzinsuffizienz
Ermittlung der Resorption ungeeignet ist, so
kann man doch damit die Blutkonzentration Neuerdings ist sogar der Nachweis gelungen,
feststellen, die für eine volle, herztherapeutische daß mit oralem Strophanthin nicht nur die
Strophanthinwirkung nötig ist. Und dieser Wert metabolische, sondern auch die energetische
wird in gleicher Höhe und Herzwirksamkeit auf Situation des Myokards günstig beeinflußt
intravenösem wie auf oralem Wege erreicht. Ja, werden kann. W. Rentsch vom Laboratorium für
er liegt bei oraler Zufuhr sogar etwas höher, Elektromedizin und Elektronik in Pirna/DDR
wenn die für beide Wege bekannten Dosen konnte zeigen, daß bei Verabreichung von
verabreicht werden. Damit hat Greeff gerade das entsprechend konzentriertem oralem g-
aufgezeigt, was bestritten wird: die volle Strophanthin bei latenter Herzinsuffizienz die
Wirkspiegelhöhe und Herzwirksamkeit von gleiche positiv-inotrope Wirkung erzielt wird
richtig angewendetem oralem Strophanthin. wie bei iv-Injektion. Diese Ergebnisse wurden
mit Hilfe des kardialen Anspannungsindez
Zum Nachweis der Resorption ermittelt, der es erlaubt, Minderungen der
kontraktilen Anpassungsfähigkeit der
M. von Ardenne errechnete eine Herzinsuffizienz zu erkennen. Nachdem die
Resorptionsquote von 50 bis 100 Prozent. erzielte Indexverbesserung für beide
Seinen Untersuchungen wurde widersprochen, Applikationsarten eine bedeutende Steigerung in

151
gleicher Höhe ausweist, ist müßig geworden, die Infarktgefährdeter? Oder für befreiend von
Resorption oralen Strophanthins weiter in Frage juristischer Schuld-Zurechnung? ... Es gibt
zu stellen. Im Gegenteil: schon seit Greeff für Entschuldigungsversuche, die noch eine
orales und intravenöses Strophanthin die gleiche Zusatzschuld offenbaren. Wenn ein Autofahrer
Wirkspiegelhöhe nachgewiesen hat, ist un- durch Linksfahren einen Unfall verschuldet hat
streitbar, daß voll wirksame Mengen oralen und dann zur Entschuldigung vorgibt, die
Strophanthins resorbiert werden. Rechtsfahrpflicht und die sonstigen so leicht
„Es ist anzunehmen, daß die metabolische erlernbaren Verhaltensregeln weder aus der
Wirkung des g-Strophanthins eng mit seiner Literatur zu kennen noch durch Befragung
positiv-inotropen Wirkung verknüpft ist, denn erfolgreicherer Kollegen erfahren zu können, so
durch die stärkere Mitnutzung der Milchsäure bewahrt ihn das keineswegs vor Strafe und
als Energiesubstrat infolge Strophanthin-Gabe Schadenersatz, sondern disqualifiziert ihn
wird auch die energetische Situation des überdies von weiterem Führerscheinbesitz."
Myokards verbessert", erläutert M. von In Heidelberg gab Donath seine Antwort darauf.
Ardenne. „Nach diesem Ergebnis ist jetzt eine W. Rothmund hatte erklärt: „Ich nehme an, daß
weitere Ablehnung der standardisierten Sie uns hier abnehmen, daß wir eine Hypertonie
perlingualen Applikation von g-Strophanthin ... diagnostizieren können .. ."
nicht mehr zu verantworten." Donath: „Nein!"
Rothmund: „Das glauben Sie nicht?"
Zur Diskussion Halhuber-Kern Donath: „Wenn Sie den Anfangsblutdruck
nehmen, so ist er immer hoch!"
K. Donath hatte behauptet, daß Kern und Rothmund: „Herr Kollege, wir ziehen den
Mitarbeiter es trotz der Bereitschaft eines Manschettenreflex ab, dann stimmt es." Donath:
qualifizierten Klinikers abgelehnt hätten, die „Na und?" Hypertonie ist eine der gefürchtetsten
von ihm „behaupteten therapeutischen Erfolge Erkrankungen unserer
in kontrollierten Untersuchungen Zeit. Wenn ein Arzt behauptet, daß er bei 95
nachzuprüfen". Kern forderte Donath daraufhin Prozent seiner Fälle mit kardiogener Hypertonie
auf, doch selbst klinische Prüfungen mit diesem eine Senkung der Werte zur Norm erzielen
Medikament vorzunehmen. Statt nach seinem könne, dann müßten seine Ausführungen eigent-
Vorwurf darauf einzugehen, bat Donath nach lich auf größtes Interesse bei seinen Kollegen
drei Monaten Bedenkzeit um Verständnis dafür, stoßen. Statt dessen sprach Donath Rothmund
daß er die Diskussion abbrechen wolle. In dem die ärztliche Qualifikation ab.
zusammen mit M. J. Halhuber verfaßten Brief
heißt es: »Wir scheinen verschiedene Sprachen Zum Vorwurf des Heilers
zu sprechen, und dadurch sind fast ohne
Unterbrechung Mißverständnisse Dazu führte Rudolf Virchow, der als einer der
unvermeidlich. Es spielt dabei keine Rolle, wer Begründer einer naturwissenschaftlichen
an dieser Sprachverschiedenheit »schuld* ist. Medizin gilt, 1846 in der Jahressitzung der
Nur wegen dieser sprachlichen Probleme und »Gesellschaft für wissenschaftliche Medicin'
der psychologisch verschiedenen Ausgangslage, aus: „Nach unserer Anschauung involviert der
die ein Gespräch unmöglich zu machen scheint, Begriff der Medicin, der Heilkunde ohne
hat Halhuber aufgrund langjähriger bisheriger Weiteres den des Heilens, obwohl es nach der
Erfahrungen die Konsequenz ziehen müssen, die neuesten Entwicklung der Medicin so scheinen
Diskussion mit Ihnen persönlich abzubrechen." könnte, als wenn es darauf eigentlich nicht
Kern antwortete: „Halten Sie solches ankäme. Mediciner kann daher nur derjenige
Vorschützen eines sprachlichen' Verständnis- genannt werden, der als den letzten Zweck
Unvermögens für angemessen Ihrem seines Strebens das Heilen betrachtet."
öffentlichen Amt zur Versorgung unzähliger
152
Literaturverzeichnis Briefwechsel Halhuber/Heyde/Kern
27. 12.1967 bis 1. 2. 1971
Kapitel IV
Briefwechsel Schmidsberger/Halhuber
K. Greeff 3. 3. 1971 bis 31. 8. 1971
„Bestimmungen des Blutspiegels von Digoxin,
Digitoxin und g-Strophantbin mit Hilfe
radioimmunologischer Methoden* Interview M. J. Halhuber mit Schmidsberger am
Herz/Kreis l. 6, Nr. 4 (1974), 145-149 23. 4.1971

K. Greeff S. Freud
„Perlingual soll es wirken" „Selbstdarstellung"
selecta 41, 1973 Fischer Taschenbuch Verlag Ffm. 1971

v. Ardenne/Rieger D. M. Spain
„Perlingual soll es gehen" „Iatrogene Krankheiten"
selecta 50,1973 Georg Thieme Verlag Stuttgart 1967

H. Schöffler W. v. Blumencron
„ Radioimmunologische „Über die Wirkung von Strophanthin und
Glykosidbestimmungen" Digitoxin auf den Milchsäurestoffwechsel des
Rundbrief III der Int. Gesellschaft für Herzens" Klinische Wochenschrift 20 (1941)
Infarktbekämpfung, Heft 29
20. 7.1974
H. Sarre
E. Wollheim „Die Ursache der gegensätzlichen Wirkung von
„Alle Tage wieder..." Strophanthin und Digitalis auf die
selecta 20,1968 Coronarinsuffizienz"

v. Ardenne/Reitnauer Klinische Wochenschrift 22 (1943) Heft 7


„Lysosomaler Zytolysenmechanismus und
Myokardinfarkt" H. Sarre
Card. Bulletin Heft 6/7,1972/1973 „Indikation der verschiedenen Herzglykosiden
bei ambulanter Behandlung von Herzkranken"
v. Ardenne/Lippmann Med. Welt 20; 1065-1070 (1951)
„Qtc-Zeit-M essungen zum Beginn der
t
,Schutzwirkung verschiedener Herzglykoside bei H. Sarre
oraler Applikation" „Strophanthinbehandlung bei Angina pectoris"
Card. Bulletin Heft 6/7,1972/1973 Ther. Woche 13./14. Heft, 1952/1953

M. J. Halhuber W. Rothmund
„Zur Strophoraltherapie" „Kurzfibel der kardialogischen Praxis"
Med. Klinik S. 1440-43, 1954 Kardiologie-Verlag Schorndorf, 1973

M. J. Halhuber £. Edelson
„Zur Strophoraltherapie — Schlußwort" „Heart Doc's Study Links Stress & Sud den
Med. Klinik S. 1482, 1954 Deatk"
Daily News 23.1.1974

153
M. v. Ardenne
„Gesetzmäßigkeiten der Substratdiffusion im
Interkapillarraum des Myokard*
Card. Bull. Acta cardiol. 1974

K. Donath
»Was erwartet der Arzt vom Arzneimittelf'
Münch. Med. Wochenschrift 49 (1970)

Kern/Donath Briefwechsel 1. 2.1971 bis 6.


6.1971

R. Virchow
Vorwort

Virchows Archiv Band 1,1847

M. von Ardenne
„Messungen zur Wirksamkeit von perlingual
gegebenem g-Strophanthin nach der Methode
1
des kardialen Anpassungsindex'
Cardiol. Bull. Acta cardiol. 1975

154
Zu V. Kapitel Zur Resorptionsfrage
Die Untersuchungen im Wiener Hanüsch-
Krankenhaus werfen ein neues Licht auf die
radioimmunologischen Untersuchungen zur
Resorptionsfrage. Wenn K. Greeff eine
Resorptionsquote von rund 2 % bei oralem
Strophantin angibt, dann muß er sich fragen
lassen, wie es zu erklären ist, daß die erhebliche
Menge von 0,8 Milligramm Digoxin intravenös
beim Hypoxietest wirkungslos bleibt und die
überaus geringe Menge von 0,12 Milligramm g-
Strophanthin (2% von 6 Milligramm) eine
signifikante Wirkung zeigt. Es bieten sich nur
zwei Erklärungsmöglichkeiten an: entweder
stimmt die von Greeff ermittelte Re-
sorptionsquote nicht, oder die Wirkung des g-
Strophanthins unterscheidet sich grundsätzlich
von der der Digitalis.

Zum Problem der Suche nach


Risikofaktoren
Eine Fachzeitschrift glossiert die statistisch
programmierte Suche nach Risikofaktoren. Gibt
es wirklich nur fünf?
„Da belehrt uns ein Blick in die vom »selecta'-
Ardiiv unter dem Stichwort .Herzinfarkt'
gesammelten Zeitungsausschnitte weniger Jahre
schnell eines Besseren. Da lauert der heimtücki-
sche Herztod in sämtlichen Spalten und
Kolumnen. Weitere, fast stets mit statistischer
Signifikanz ausgestattete Risikofaktoren sind
demnach: in einer Großstadt zu leben, gern
lange zu schlafen, öfter Rohrzucker zu essen,
sich an einem Montag zu befinden, an einer
Hauptverkehrsstraße zu wohnen, an Cal-
ciummangel zu leiden, Seitensprünge zu
machen, eine sitzende Lebensweise zu
bevorzugen, in einem hochindustrialisierten
Land zu leben, sich in einer Tiefdruck-
Wetterlage aufzuhalten, einen
Bandscheibenschaden zu haben, höherer
Angestellter zu sein, mittlerer Angestellter zu
sein, kleiner Angestellter zu sein, Arbeiter zu
sein.

155
Ausgesprochen gut gegen Herzinfarkt ist es Balkens, vom Abreißen eines Seiles oder
dagegen, die Blutgruppe Null zu haben, hartes Drahtes, von der Existenz einer Öffnung u. dgl."
Wasser zu trinken, eine höhere Schulbildung zu
haben, vegetarisch zu essen, die »Pille* zu Zur Schädigung des Myokards
nehmen, ein rangniedriger Mönch in einem
durch Risikofaktoren
Trappistenkloster zu sein, fluoriertes Wasser zu
trinken, sich viel Bewegung zu machen, gern
Kern bezeichnet die Risikofaktoren als
Fisch zu essen, seinen Heparinspiegel
Schadensfaktoren. Nach seiner Vorstellung wird
hochzuhalten, regelmäßig Aperitifs zu trinken,
die Herzgesundheit auf folgende Weise
ferner: höherer Angestellter zu sein, mittlerer
beeinträchtigt:
Angestellter zu sein, kleiner Angestellter zu
Ein Patient hat Übergewicht und hohen
sein, Arbeiter zu sein.
Blutdruck. Sein Herz kann die Mehrarbeit mit
Danach richte sich nun das Leben ein, wer kann.
den normalen Muskelzellen nicht bewältigen.
Wir aber beginnen zu begreifen: nichts weiter ist
Andererseits hat es keine Möglichkeit, die Zahl
also nötig als die konsequente und unmittelbare
seiner Zellen zu vermehren, um kräftiger zu
Konfrontation von jedermann zugänglichen
werden. Deshalb hypertrophiert es, das heißt, es
Fakten, um schlagartig die ganze
vergrößert seine Zellen durch Dickenwachstum,
Widersprüchlichkeit, den blanken Zynismus, die
um auf diese Weise die Muskelmasse zu
immanente Lebensfeindlichkeit der
erhöhen. Dadurch ist es zwar leistungsfähiger
pluralistischen Leistungsgesellschaft zu
geworden und den übermäßigen Anforderungen
entlarven. Für uns ergibt sich daraus wiederum
zunächst einmal gewachsen. Es wird aber auch
nur eine logische Konsequenz: Zerschlagt diese
anfälliger gegen schädliche Einflüsse.
Gesellschaft!"
Je dicker eine Zelle geworden ist und je mehr
Auch M. J. Halhuber hat sich über dieses
Leistung von ihr verlangt wird, desto größer ist
Problem seine Gedanken gemacht: „Diese
einerseits ihr Nahrungsbedarf, andererseits
Risikofaktoren in reichem Ausmaß zu
fallen um so mehr Stoffwechsel-Schlacken an,
beeinflussen, ist bekanntlich kein Problem der
muß um so mehr „Müll" abtransportiert werden.
Medizin oder mißlingt, weil sie versagt... Dies
Aber gleichzeitig sind auch die Transportwege
ist ein Problem der Änderung unserer
länger geworden, auf denen die Nährstoffe
Sozialstruktur..."
heran- und der Abfall „weggekarrt" wird. Die
J. Henle, Entdecker der Nierenschleifen, schrieb
Zellen beginnen sich an ihrem eigenen
1844, es sei jene „laxe Logik eingerissen,
Abwasser zu vergiften. Denn während sich die
welche die Medizin, den sogenannten exakten
Masse der Zelle vervierfacht hat, konnte sich die
Naturwissenschaften gegenüber, zum Gespött
Oberfläche der Zelle, die Fläche der Zellmem-
gemacht hat; nur in der Medizin gibt es
bran (Zellwand) nur verdoppeln. Durch diese
Ursachen, die hunderterlei Wirkungen haben
Austauschfläche bezieht sie ihre Nahrung, zwar
oder deren Wirkung nach Belieben einmal ganz
diffundiert mehr Nährstoff hindurch als vorher,
ausbleiben kann, nur in der Medizin darf der
aber immer noch ungenügend wenig im Ver-
selbe Effect aus den verschiedenartigsten
hältnis zum gestiegenen Bedarf. Hat schon der
Quellen abgeleitet werden. Man werfe einen
„Engpaß Durchblutungs-Stopp" das Blutangebot
Blick auf das Kapitel von der Aetiologie in den
reduziert, so kommt für die hypertrophierte
Handbüchern und Monographien: folgt nicht
Zelle jetzt noch der „Engpaß Zellmembran"
fast bei jeder Krankheit... dasselbe Heer von
hinzu. Zur Illustration: so voll die Trinkflasche
Schädlichkeiten...? Dies ist gerade so
auch sein mag und so sehr ein Baby auch immer
wissenschaftlich, als wenn ein Physiker lehren
saugt, es kann in der Zeiteinheit nicht mehr
würde: der Fall der Körper rühre her vom
Milch schlürfen, als durch das winzige Loch im
Wegziehen eines Brettes oder auch eines
Gummisauger hindurchgeht.

156
Es heißt zwar, daß Hypertrophie sich erst dann Aber kaum ist auf diese Weise die höchste
schädlich auswirkt, wenn das Herz dadurch eine Alarmstufe eingetreten, läuft ein raffinierter
bestimmte kritische Größe erreicht hat — als Alarmplan des Organismus ab.
Faustregel gelten 500 Gramm. Doch die Der Körper hilft sich gegen die
Vertreter der „metabolischen" Infarkt-Theorie lebensbedrohende Gefahr mittels der
weisen darauf hin, daß das Herz nicht einmal Hypertonie. Es kommt zu einem Druckanstieg,
während der Nachtstunden zur Ruhe kommt und der in der Fachsprache als Erfordernis-
sich erholen kann. Zudem sind die von Natur Hochdruck bezeichnet wird.
aus gefährdeten Innenschichten bei Doch was Hilfe für den Notfall ist, bedroht auf
Hypertrophie durch den zusätzlichen „Engpaß die Dauer selbst die Gesundheit. Denn dieser
Zellmembran" in einer sehr schlechten Hochdruck wird ja erst durch eine
Versorgungslage. Werden jetzt zellschädigende Gewaltleistung des linken Herzens ermöglicht,
Einflüsse wirksam (z. B. Infekte), dann wird die das seine Reserven mobilisiert, um sich selbst zu
Situation gefährlich. Es kommt zu einer retten. Es kann die Mehrleistung deshalb nicht
Stoffwechselnot, die schließlich die Leistungs- ohne zunehmende Schädigung bewältigen.
fähigkeit beeinträchtigt. Notwendig müssen sich die Zellen weiter
Das rechte Herz ist von Natur aus günstiger vergrößern, um der steigenden Belastung
dran, weil es weniger belastet wird. Es pumpt gewachsen zu sein; es kommt dadurch zu einer
weiter unvermindert Blut ins linke Herz, das weiteren Verschlechterung des Stoffwechsel-
aber nicht mehr die gleiche Menge in der glei- Austausches, zur zunehmenden Verminderung
chen Zeit weiterpumpen kann. Es bleibt Restblut der Leistung, in der Folge zu noch höherem
in der linken Kammer zurück — etwa wie in Ansteigen des Druckes — ein Teufelskreis ist in
einem Gummiball, der ein Loch hat: hält man Gang gekommen, der ohne wirkungsvolle Hilfe
ihn unter Wasser und pumpt rhythmisch mit der zur Übersäuerung und zum Kettenprozeß des
Hand, so füllt er sich mit Wasser und leert sich Zelltodes führt.
wieder. Läßt aber der Druck der Hand nach, so Hier muß die gezielte Behandlung eingreifen.
bleibt Wasser in der Höhle zurück. So wertvoll das Vorbeugen etwa in Form des
Im Herzmuskel kommt es jetzt zu folgender Ausschaltens von Risikofaktoren auch sein mag
Notsituation: Seine Muskelwand ist von Adern — damit allein ist es jetzt nicht mehr getan. Nur
durchzogen, damit die einzelnen eine erfolgreiche Therapie kann jetzt noch das
Gewebsschichten, also auch die Innenschichten, Schlimmste verhüten.
ernährt werden können. Aus den Kranzarterien
strömt das Blut von außen in diese immer feiner Zu Nahrungscholesterin und
werdenden Gefäße und Gefäßchen hinein,
Blut-Fettspiegel
verzweigt sich in die Kapillaren bis hin zu den
Zellen. Bleibt aber Restblut in der Kammer
Von vielen Forschern wird behauptet, zwischen
zurück und pumpt das rechte Herz kräftig
der Höhe des Cholesterin-Niveaus und dem
weiter, so wird der Innendruck der linken
Verzehr von tierischen Fetten bestehe in der
Kammer höher als der Kapillardruck in den
Regel eine positive Korrelation. Aber: in die
Innenschichten. Dadurch ist der Durchblutungs-
USA ausgewanderte Iren essen weniger
Stopp der Systole zum Dauerzustand geworden,
tierische Fette als ihre Landsleute zu Hause;
der auch während der Diastole anhält. Die
dennoch liegt ihr Cholesterin-Niveau höher.
ernährenden Gefäße sind abgeschnürt, so wie
Schweizer Bauern haben niedrigere Cholesterin-
eine Armvene, wenn der Arzt den Arm
Werte als die Bürger von Basel, obwohl sie
abbindet, um Blut zu stauen. Für die LIS
ebenso viel Fett essen.
bedeutet das: wenn sich nicht rasch etwas
H. Glatzel bemerkt dazu: „Wenn es zu Anfang
ändert, müssen sie absterben.
schien, als bestünden zwischen Fettverzehr und

157
den Blutniveaus eine eindeutig positive Zum Senken von Blut-
Korrelation, dann sind diese Beziehungen mit
Fettspiegeln
zunehmender Differenzierung der
Versuchsanordnungen und Länge der
Abnorme Blut-Fettspiegel und Cholesterinwerte
Versuchsdauer im Laufe der Jahre immer
sind ein Indiz für gestörte
fragwürdiger geworden."
Stoffwechselfunktionen. Deshalb kann ihnen bei
Der US-Food and Nutrition Board stellt fest:
richtiger Einschätzung diagnostische Bedeutung
„Die weltweiten Populationsstudien und
zukommen. Daraus aber direkte therapeutische
epidemiologischen Untersuchungen lösen somit
Konsequenzen ableiten zu wollen, ist eine
nicht das Problem von Nahrungsfetten, Blut-
unzulässige Vereinfachung. H. Schaefer gibt zu
lipiden und Atherosklerose. Extrem fettarme
bedenken: „Es bleibt bis zur Stunde völlig
und, umgekehrt, extrem fettreiche Kostformen
ungewiß, ob man eine Krankheit, die nicht
sind vereinbar mit niederem Plas-
morphologisch interpretierbar ist, aus
macholesterinniveau. Sogar Kostformen mit
funktionellen Daten voraussagen, erst recht, ob
reichlich gesättigten Fetten gehen mit niederem
man ihren weiteren Ausbruch in manifeste
Cholesterinniveau einher."
.Krankheit* präventiv verhindern kann."
Dazu erläutert Glatzel: „Vergleiche räumlich
Ein „Wegdrücken" von Blut-Fettspiegel ist ein
getrennt lebender Kollektive lassen, wenn auch
Kurieren am Symptom und kann die Ursache
als Regel mit vielen Ausnahmen, eine positive
nicht beeinflussen. Auch wenn ein Mittel dafür
Korrelation zwischen Fettverzehr und
im pharmakologischen Sinn eine Wirkung hat,
Cholesterinniveau erkennen: mit der Höhe des
ist damit über die therapeutische Nützlichkeit
Fettverzehrs steigt das Cholesterinniveau. Bei
noch nichts gesagt, es kann ebensogut schaden
Vergleichen innerhalb eines Kollektivs
oder biologisch belanglos bleiben. Diese Frage
gleichartiger, unter gleichen Bedingungen
ist für das „Wegdrücken" von erhöhten Blut-
lebender Menschen fehlt aber eine solche
fettspiegeln zum Schutz vor Herz- und
Korrelation: die Angehörigen ein und desselben
Gefäßkrankheiten noch völlig offen, ja bisher
Kollektivs, die viel Fett verzehren, liegen mit
kaum gestellt oder bearbeitet worden.
ihrem Cholesterinniveau nicht höher als die
Ein anderes Kapitel ist der Einsatz solcher
Angehörigen des Kollektivs, die nur wenig Fett
Lipidsenker bei der Gefahr von Fettembolien.
essen...
Hier ist ihre Anwendung kausale Therapie, die
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang sind
Wirkung gleich Wirksamkeit, also
Beobachtungen, die zeigen, daß das
lebensrettend.
Cholesterinniveau von Angehörigen
verschiedener Kulturkreise selbst dann
verschiedene Einstellungstendenzen erkennen
Zum Unterschied zwischen
läßt, wenn der Fettverzehr der Kollektive Klinik und Praxis
praktisch gleich groß ist."
Zusammenfassend schreibt Glatzel: „Aus der R. Virchow bezeichnete es als „Schuld der
unübersehbaren Fülle unterschiedlicher Kliniker", daß „der Spalt zwischen der
Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten wissenschaftlichen und der praktischen Medizin
allein den unterschiedlichen Fettverzehr so groß ist, daß man von dem gelehrten Arzt
herauszugreifen und verantwortlich zu machen behauptete, er könne nichts, und von dem
für andere Merkmalunterschiede, ist reine praktischen, er wisse nichts. Dieser Spalt
Willkür.* zwischen Wissenschaft und Praxis ist ziemlich
neu: unser Jahrhundert und unser Vaterland
haben ihn zustande gebracht."
Kein praktischer Arzt möge daher auf den
therapeutischen Messias aus Klinik und Labor

158
hoffen, sondern sich des Satzes erinnern: „... so
hilf dir selber!" Auch der praktische Arzt habe
ein „natürliches, wohlerworbenes Recht, seine
Erfahrungen für ebenso positiv zu halten und
der Welt vorzulegen als der Kliniker".

159
160
Literaturverzeichnis „Was am Ende blieb, war der zornige Ruf nach
dem Psychiater*
Kapitel V Münchner Merkur 22.11.1971

A. Püllmann H. Gillmann Interview mit K. Stephan Sendung


„Die umstrittene Infarkt-Theorie des Dr. Kern" »Report München' am 6.12.1971
Hannoversche Allg. Zeitung 23.11.1971

T. v. Randow M. Kaltenbach
„Das Tribunal der Kardiologen* »Die koronare Herzkrankheit in der Praxis"
Die Zeit 26.11.1971 Deutsches Ärzteblatt 6,1972

W. Girstenbrey Schettler/Halhuber
„Dem Wind-Ei ging die Luft aus" „Wird dem oralen Strophanthin unrecht getanf"
Süddeutsche Zeitung 23.11.1971 Praxis Kurier 48,1971

„Matte Schlußworte" H. Glatzel


Praxis Kurier 50,1971 „Nahrungsfett und Blutcholesterin"
Med. Welt 23,1245-1251 (1973)
„Kern am Nullpunkt"
Deutsches Ärzteblatt 50,1971 H. Glatzel
„Ischämische Herzkrankheiten (Herzinfarkt)"
„Kernspaltung" Med. Welt 25, 616-624 (1974)
selecta 52,1971
H. Glatzel
„Entkernte Infarktthesen" „Diätetische Prophylaxe koronarer
selecta 50,1971 Herzkrankheiten?"
Med. Klinik 117-120 (1972)
„Tant de bruitf"
selecta 50,1971 H. Glatzel
„Das Fett in der Ernährung des modernen
„Dann lieber nackte Mädchen ..." Deutsches Menschen*
Ärzteblatt 51,1971 Aesopus-Verlag Lugano (1972)

G. Speicher H. Glatzel
„Infarkt-Tribunal gegen Dr. Kern" „Nahrungsfett — Blutcholesterin —
Welt am Sonntag 28.11.1974 Herzinfarkt"
Med. Welt 23, 4350-4351 (1971)
„Herzinfarkt auf der Mattscheibe*
Bonn Journal 2, 1972 H. Glatzel
„Wie essentiell sind essentielle Fettsäuren?"
A. Hittmair — Leserbrief — selecta 8,1972 Zeitschrift für Allgemeinmedizin 50 (1974), S.
970-980
M. Thielepape „Dr. Kerns Infarkt-Theorie — Medizinisches Forum
eine Seifenblase" Rhein-Neckar-Zeitung
22.11.1971 „Cholesterin und Infarkt"
selecta 41,1970
O. Katz

161
Ildar Idris „Lipidspiegel senken heißt nicht immer
»Der wechselvolle Kampf gegen ischämische Herzkrankheit vermeiden"
Atherosklerose* Medical Tribüne 4,1973
Praxis Kurier 8, 1974
Irvine H. Page
Kongreßbericht „A personal view on diet and atherosklerosis"
„Fettsäuren ohne Einfluß auf Infarktmortalität" Modern Medicin Dezember 27, 1971
Medical Tribüne 6,1973 .
G. Schettler
A. Seher Brief vom 10.5.1973 „Arteriosklerose"
— Ätiologie, Pathologie, Klinik und Therapie
Kongreßbericht — Georg Thieme Verlag, Kap. pp. 111-302
„Auch Margarine kann Cholesterinspiegel (1961)
erhöhen"
Praxis Kurier 18, 1974 G. Schettler
„Fettstoffwechselstörungen — ihre Erkennung
und Behandlung"
Georg Thieme Verlag (1971)
Kongreßbericht
„Fettgewebe, ein vernachlässigtes Organ" H. Nelson
selecta 26, 1973 „How to Prevent Heart Disease: ^Matter of
Faith*"
Kongreßbericht Los Angeles Times 2. 4.1973
„Indizien für ein Infarktrisiko"
Praxis Kurier 5, 1971 „Ein Pamphlet"
selecta 52, 1972
Kongreßbericht
„Über die Atherogenese wird weiter diskutiert" D. Röhr
Praxis Kurier 50, 1971 „Soziologische Aspekte des Herzinfarkts"
Ärztliche Praxis 13,1973
Kongreßbericht
„Ernährung unter besonderen physiologischen Bajusz/Loßnitzer
Bedingungen* „Myokardiologie — die Rolle der
Ernährungsumschau 20 (1973) Heft 2 Herzmuskelzellen"
Bild der Wissenschaft 3, 1972
The Coronary Drug Project Research Group
The Coronary Drug Project „Nach körperlichem Streß gestorben"
J. A. M. A. 15. Mai 1972 volume Band 220 Praxis Kurier 15, 1973

Kongreßbericht H. Funegawa
»Medikationen und Interaktionen" „Plötzlicher Tod von Schulkindern ist in 74 °/o
selecta 17, 1974 der Fälle einrHerztod"
Medical Tribüne 7,1973
Kongreßbericht
„Lipid-Senker halten Koronarsklerose nicht auf F. Matzdorff
Praxis Kurier 20, 1972 „Risikoindikatoren für den Reinfarkt"
Deutsche med. Wschr. 98,1973
Z. Janushkevichius

162
L. K. Altmann T. W. Anderson
„Two Doctors Debate the Benefits of Exercise „The Changing pattern of ischemic heart
in Treatment of Patients With Heart Disease" disease"
The New York Times 13.2.1974 C. M. A. Journal 23.6.1973, Vol. 108

M. J. Halhuber H. Sdiaefer
„Herzinfarkt Sprechstunde* „Sozial- und Präventivmedizin und der
J. F. Lehmanns Verlag München 1972 praktische Arzt*
Vortrag Bad Orb 1974
D. Larbig
„Neues zur Digitalistherapie"
Phys. Med. R. 7,1973

F. Kubicek
„Hypoxietoleranz bei koronarer Herzkrankheit
unter der Einwirkung von Digoxin, Beta-Methyl-
Digoxin und g-Strophanthin"
Therapie der Gegenwart 5,1973

Briefwechsel
Polzer/Schmidsberger
vom 16.10.1973 bis 15.11.1973

R. Virchow
„Die medicinische Reform"
10. 7.1848 bis 29. 6.1849
C. L. Schleich
„Besonnte Vergangenheit"
Rowohlt Verlag Berlin 1930

A. Mitscherlich
„Versucht die Welt besser zu bestehen"
Suhrkamp Verlag Frankfurt 1970

Reichsgerichtsurteil vom 1.12.1931 RGst. 67,


12

P. Bockelmann
„Strafrecht des Arztes"
Georg Thieme Verlag Stuttgart 1968

G. Wutschetitsch
„Das Paradoxon wissenschaftlicher
Mißachtung"
Ideen d. exakten Wissens 4/1973

163