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Als Beihefte der Zwe·imonatsschrift POLITISCHE STUDIEN liegen vor: Beiheft 10 der Zweimonatsschrift POLITISCHE STUDIEN

1 Günther Müller, König Max 11. und die soziale Frage,


112 S., DM 9,80.

2 Heinrich Bennecke, Die Reichswehr und der "Röhm-Putsch",


96 S., DM 9,80.
PETER AURICH
3 Otto Strasser, Der Faschismus - Geschichte und Gefahr,
112 S., DM 12,-.

4 Franz Josef Stegmann, Von der ständischen Sozialreform


zur staatlichen Sozialpolitik, DER
187 S., DM 16,80.

5 Stefan T. Possony, Der Casus Belli der NATO,


DEUTSCH-POLNISCHE
36 S., DM 3,80.
SEPTEMBER 1939
6 XIII. Politischer Club Tutzing (Hrsg.), Umstrittene Pressefreiheit,
88 S., DM 9,80.

7 Feo Jernsson, Das Ostdeutschtum vor der Entscheidung, Eine Volksgruppe zwischen den Fronten
96 S., DM 12,-.

8 Manfred Worm, SPD und Strafrechtsreform,


160S., DM 12,80.

9 Hans F. Zacher, Sozialpolitik und Menschenrechte


in der Bundesrepublik Deutschland,
78 S., DM 9,80.

10 Peter Aurich, Der deutsch-polnische September 1939,


148 Seiten mit 12 Bildtafeln, DM 16,-.

11 KurtWedl, Der Gedanke des Föderalismus in Programmen


politischer Parteien Deutschlands und Österreichs,
232 S., DM 20,-.

12 Cordula KoepGke,Oder-Neiße - Die Pflicht zur Entscheidung,


ca. 160 S., DM 14,80. GüNTER OLZOG VERLAG MüNCHEN - WIEN


Bildnachweis: Archiv des Ostdeutschen Kulturrats (4), Bundesarchiv (3), Burghardt, K. H.
INHALT
Fenske (3), J. G. Herder-Institut, Marburg (2), W. Kohte, Wemer Zimmermann (2)

Einleitung 5
Unter polnischem Gesetz 19
Das" Vorspiel" vom Frühjahr 1939 19
Minderheitenerklärungen unwirksam 20
Verschärfung der Spannungen . 21

Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges 24


Parolen und Gerüchte • 25
Kundgebungen - Verhöre - Verhaftungen 27
"... bis zur Vernichtung gefährdet'" 28
Die Rolle der polnischen Presse 31
Konfessionelle Nebentöne . 36
Massenverhaftungen verursachen MassenfIucht 40
"Schwarze Listen" von Galizien bis Pommerellen 42
Rückwirkungen auf die polnische Minderheit in Deutschland 45

Weg ohne Ziel 48


An den Straßen nach Low:icz 49
Das Schicksal der Posener Verschleppten 54
Die Internierten aus Kleinstädten . 58
In der Zitadelle von Brest-Litowsk 63
Endstation Bereza Kartuska 65

Im Niemandsland zwischen Netze und Weichsel 71


Die Entwicklung der Militäroperationen 71
Der "Bromberger Blutsonntag" 73
"Die Psychose hat große Augen'" 75
Kirchturm-Legenden 79
Aus Sicherungshaft wird Menschenjagd 82
"Geiselfestnahme nicht erforderlich" 86
Jägerhof - Eichdorf - Jesuitersee . 88
Beiderseits der Rückzugsstraßen an der Weichsel 92
Die dezimierten kleineren Gemeinden 95
ISBN 3 7892 7006 7
2. durchgesehene Auflage 1970
Auf Polens Fahnen vereidigt 100
© 1969 by Günter Olzog Verlag, München 22.
Alle Rechte liegen beim Verlag. Nachdruck, auch auszugsweise, ist ohne Einwilligung des In den Tagen der Mobilmachung 101
Verlages nicht statthaft, Schwarze- und rote Stempel 104
Gesamtherstellung: Buchdruckerei Amold Hanuschik, München 23. Bis zum bitteren Ende 106
108 Einleitung
Spielball der Mächte oder "Fünfte Kolonnc"?
Zweierlei Maß 109
Selbstschutz und Sabotage 112 Am 1. September 1969 sind dreißig Jahre seit dem Tage vergangen, an dem mit dem
Kommando-Unternehmen in OS und am Jablunka-Paß 114 Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg begann, der bei den,
Briefmarken als Belastungsmotiv 118 dem Angegriffenen wie dem Angreifer, die schwerste Niederlage ihrer Geschichte
Das »Merkblatt" des Majors Prinz Reuss 119 bringen sollte.
»Geheimsender in Bäumen und Grüften" 121 Auch jetzt, nach einem Menschenalter, tragen beide Völker noch die schwere Last der
Folgen dieser Katastrophe, mögen auch äußere Umstände - die Westversmiebung
Menschlichkeit an den Straßen des Krieges 126 Polens und die anhaltende Wirtsmaftsblüteder Bundesrepublik Deutschland - ihr
volles Ausmaß manchmal in Vergessenheit geraten lassen. Aufbeiden Seiten ist die
135 Erkenntnis gewachsen, daß die Feindschaft mit den Höhepunkten von Krieg, Okku-
Quellen und Literatur
pation, Vernichnungsmaßnahmen, Enteignung und Vertreibung zahlreichen Angehöri-
gen bei der Völker unendliches Leid gebracht hat, das dturm das Interesse oder das
Anhang 1: Deutscher Text des im Bildteil veröffentlichten
Prestige des einen oder des anderen Volkes und Staates nie gerechtfertigt werden kann.
Internierungsbefeh.ls 143
Darüber hinaus besteht heute auf beiden Seiten Klarheit darüber, daß es die vor
dreißig Jahren beiderseits so oft beschworene »deutsch-polnische Erbfeindsdiafl" in der
Anhang 2: Todesfälle volksdeutseher Zivilpersonen im September 1939
144 Gesdüchte nicht gegeben hat, sondern daß das friedliche, gewiß nicht spannungslose
(Karte)
Zusammenleben beider Völker den Normalzustand in der tausendjährigen Geschichte
145 der Beziehungen darstellte, die Gegnerschaft und schließlich Feindschaft des späten
Personenverzeichnis
19. und des 20. Jahrhunderts aber den Ausnahmezustand. Er ist außerdem nicht ein-
mal für das letzte Jahrhundert typisch.
Die Erkenntnis, daß die Zukunft unseres Kontinents von der Bereitschaft aller seiner
Völker zu einem friedlichen, die Rechte und die Eigenheiten des anderen berücksich-
tigenden und achtenden Miteinander abhängt und durch ein erneutes Gegeneinander
in die endgültige Katastrophe geführt werden kann, ist eine der positiven Erfahrungen
des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgeerscheinungen. Ein solches Miteinander kann
aber nicht allein auf der Grundlage prakcischer Erfordernisse und auf dem Willen
zum Bessermachen aufbauen. Dazu gehören auch die Kenntnisse der Vergangenheit,
die durch das Verschweigen negativer Erscheinungen nicht einfach verdrängt werden
kann, und das Vertrauen in die beiderseitige Wahrhaftigkeit und Redlichkeit bei ihrer
Darstellung ebenso wie bei ihrer Überwindung. Aus diesem Grunde, nicht um anzu-
klagen, zu rechtfertigen und zu verteidigen, hat sich die Historisch-Landeskundliehe
Kommission für Posen und das Deutschtum in Polen, deren Vorstand die drei Unter-
zeichneten bilden, entschlossen, einen der schwierigsten und umstrittensten neuralgi-
schen Punkte der deutsch-polnischen Beziehungen des 20. Jahrhunderts neu ze unter-
suchen: Das Schicksal der Deutschen in Polen in den ersten Wochen des Zweiten Welt-
krieges.
Auf beiden Seiten sind hier schon vor dem 1. September 1939 und mehr noch danach
Mauernder Unwahrhein.des Hasses und der Verleumdung aufgerichtet worden, die
dem gegenseitigen Verständnis und der Verständigung ,im Wege stehen und an denen
durch unbedachte oder 'bewußte Wiederholung von Unwahrheiten und unbewiesenen
Behauptungen auch nach dreißig Jahren gelegentlich noch weitergebaut wird. Wäh-

5
rend die eine Seite aus den Deutschen in Polen Agenten, Spione und "Diversanten" ermordeter Volksdeutscher" in Posen, deren Original sich heute im Besitz des Pose-
machte die zum Teil noch inden ersten Kriegstagen ihre gerechte Strafe durch den ner Westinstituts 'befindet, an das Bundesarchiv war ein deutliches Zeichen für die
Tod gefunden hätten, den Tod gänzlich unverdächtiger Menschen aber verschwieg oder dieser Hoffnung.
Beredltig1l1111g
sogar strikt ableugnete, hat die andere Seite das Leid der Getöteten zur Rechtfe~gung Gleich nach dem September 1939, oft unmittelbar nach der Heimkehr aus Gefängnis,
der eigenen Unmenschlichkeit und zur Untermauerung der Thes: vo.m "polnIschen Verscbleppu11lg,KriegsgeEa11lgensch.aftund Internierung, haben viele dem Tod entgan-
Untermenschen" ausgenutzt und die bewußt erlogene Behaupoung in die Welt gesetzt, gene Augenzeugen ihre Erlebnisse niedeligeschrieben oder ei11lgehendeZeugenaussagen
es seien insgesamt 58000 Deutsche in Polen nachweislich getötet worden oder würden vor Gerichtsoffizieren oder bei amtlichen Vernehmungen gemacht. Es kann als weit-
noch vermißt. Diese lügenhafte, durch nichts zu rechtfertigende Zahl wurde durch gehend sicher angenommen werden, daßa:lle diese Aussagen, soweit sie das persönliche
einen Erlaß der Reichsregierung vom 7. 2. 1940 *) als verbindlich und unantastbar Erleben betreffen, subjektiv wahrheitsgetreu und objektiv lichtig sind, zumal Beein-
festgesetzt und durfte trotz besseren Wissens während des Krieges nicht in Frage flussungen durch die nationalsozialistische Propaganda in den ersten zwei Monaten
gestellt werden. Sie ist sogar noch in lange nach dem Kriegsende erschienene Dar- nach rdem September noch wenig wirlksam W'aren. Soweit es sich um das Schick-
stellungen übernommen worden,**) während ein. polnischer Wisse~sch~~ler mühelos sal anderer, mit dem Berichtenden nicht verwandter Personen und um Zahlen handelte,
ihre Lügenhafligkeit und ,ihre Entstehung nachweisen konnte, dabei freilich der Ver- sind vielleicht Irrtümer und Verwechslungen, auchunbewußte Übertreibungen nicht
suchung unterlag, die Zahl der Getöteten auf ein weit unter der Wirklichkeit liegendes auszuschließen.
Minimum herabzudrücken- ***) Seitens der deutschen Volksgruppe in Polen hat man zunächst unter dem Eindruck
Auf der einen Seite die Behauptung, die Deutschen in Polen hätten den Armeen Hitlets des Geschehenen Verdust- und Vermißtenmeldungen. Berichte und Erlebnisdarstellun-
als Fünfte Kolonne" gedient urrd hätten ihr gerüttelt Maß an Schuld an der über gen gesammelt. Mittelpunkt war die Zentrale ·rur Gräber ermordeter Volksdeutscher
Erwarten schnellen Niederlage des polnischen Heeres und damit auch an dem ihr in Posen, ,für deren Tätigkeitzunäch.st Pastor Lic. Karl Berger und Dr. Kart Lück
folgenden furchtbaren Schicksal des polnischen Volkes unter der deutschen Besetzung. verantwortlich waren. In der bereits erwähnten Kartei erfaBte siezunächst die Ver-
Auf der anderen Seite die Lüge der bewußt verzehnfachten Zahl der zunächst gemel- mißten zusammen mit den namentlich bekannten Toten; an der Sorgfalt ihrer Arbeit
deten Todesopfer und die Betonung, nur Grausamkeit und Mordlust "polnischer ist nicht zu zweifeln.
Untermenschen" hätten die Blutopfer verursacht -die Mauer des Mißtrauens und der Heeresdienststellen und Polizeieinheiten des Reichs begannen unmittelbar nach dem
Verleumdung schien zunächst weder abtragbar noch übersteigbar. Einmarsch mit der Untersudmngdes Geschehenen. Während diese noch lief und in
Die einst in Polen lebenden Deutschen, heure dezimiertundin alle Welt verstreut, in kriminalistischer GriinldlichkJeit weitergeführt wurde (der zusammenfassende Bericht
einer großen Gruppe inder Bundesrepublik Deutschland lebend, mußten und müssen wurde erst 1942 vom Reichskriminalpolizeiamt herausgegeben; der verantwortliche
am meisten unter ,diesem Gegensatz leiden, haben sie es dodi lange Zeit als eine ihrer Kriminalkommissar Dr. Wehner hat sich noch 1961 zur fachl:ichen Zuverlässigkeit der
besonderen Aufgaben angesehen, nicht nur am eigenen Volkstum festzuhalten und es dJamal'~gen Uncersuchuegsmethoden bekannt), begannen schon die standrechtlichen
auch in einem fremden Staat zu pflegen, damit dem Vorbild ihrer polnischen Nachbarn Erschießungen von polnischen ZiV'irLpersonen, deren Welle in Bromberg schon am
folgend, sondern auchzwisch,en bei den Völkern zu vermitteln, Brücken zu schlagen Sonntag, dem 10. September einen ersten Höhepunkt erreichte, und die blutige
und Verständnis für die andere Seite zu erwecken. Tätigkeit der "EinsatiZgruppen", an der sich auch Angehönlge des rasch aufgestellten
Für sie für ihr Selbstverständnis und ihr Verhältnis zur eigenen Geschichte ist es des- Seilbstsdlutzes der deutschen Volk~gruppe 'beteiligten. Etwas lälllger dauerte es naeur-
halb besonders wichtig, die Wahrheit zu wissen und auszusprechen, mag sie auch oft gemäß, bis ordentliche Gerichtsverfahren in Gang kamen.
immer noch unbequem und hart sein. Nur die Wahrheit, die nichts beschönigt und
In Berlin hegann gleichzeitig die Propaganda, die den Angriff auf Poilen und die
keinen neuen Legendenbildungen Vorschub leistet, aber auch nicht anklagt und verur-
brutale Härte des Vergehens zu rechtfertligen suchte. Sie nutzte die Möglichkeiten, die
teilt sondern zu erklären versucht, was dem Handelnden, dem Leidenden und dem
ihr die Meldungen über immer neue Freilegungen von Opfernder Versdrleppungs-
Zeugen oft unverständlich war, kann schließlich zur Einsicht und zur Verständigung
märsche bis in den Winter hinein boten, sah sich alber bald der Aufgabe gegenüber,
führen. Dabei halben wir das Vertrauen und die HoffllJUng,daß andi polnische und
sich mit den Meldungen auseinanderzusetzen, :die über die Erschießungen und Zwangs-
keinem der bei den Völker angehörende Historiker sich von dem g1leichenStreben lei-
aussiedlungen von Polen ins AusIan'd durchsickerten. Die Verbreitung von Berichten
ten lassen. Die überlas:sung eines Mikrofilms der Kartei der "Zentrale für Gräber
und Darstellungen über die blutigen Verluste der deutsdien Volksgruppe in Polen
') Abschrift des Fernschreibens des Reichsministers des Inneren an die "Gräberzentrale"
Ich t W'edergabe bel Pospleszalskl - s. Anm .••• - S. 121.
Im Besitz der schien das rechte Mittel zu sein: Kurz vor dem Jahresende 1939 erschien die Schrift
U t
•• nerze ne en. F Idzug 1939 in Polen; die Operationen des Heeres. WeiBenburg (1958)S. 45.
I.
••• ~ ~~~~:a~~~a~Opr:~~:~z~r~kl:eSprawa 58000 "Volksdeutsch6w". Spro~towanie hitl.erowskich osz~ze~tw.
"Die polnischen Greueltaten an den Volksdeutschen in Polen. Im Autftrage des Aus-
(Th f 58 000 Volksdeutsche". An investigation into nazi ctatms concernmg losses of t e er- wärtigen Amts auf Grund urkundlichen Beweismallerialszusammengestellt". In ihr
ma~ :;;~~~rfty In pOländ betore and durlng September 1939.) Documenta occupationis VII, Posen 1959.
wurde (aller Wahrscheinlidtkeit nach auf Grund der Angaben der Posener Kartei) die handelt es sich um den Bericht einer internationalen Xrztekommission und in den
Zahl von 5437 Opfern genannt. Nach allem, was sich rückblickend sagen läßt, ent- beiden letzten Fällen (S. 130 und 131) sind es Berichte über Hilfeleistungen von Polen
sprach sie tatsächlich dem damaligen Zahlenstand der Kartei, mag allerdings die da- gegenüber Deutschen, die ganz sicher über jeden Verdacht der Beeinflussung erhaben
mals noch ungeklärten Fälle mit enthalten. Gegenüber den ohne Zweifel viel höheren sind, hätte es doch dem propagandistischen Zweck eher gedient, solche Fälle der
Zahlen polnischer Opfer deutschen Blutvergießens in den letzten Monaten des Jahres Menschlichkeit zu verschweigen.
1939 mußte die Zahl aber als viel zu gering erscheinen. Deshalb wurde durch den Diesen offiziellen Veröffentlichungen von Zeugenaussagen stehen eigene Erlebnis-
erwähnten Erlaß vom 7.2.1940, dem nach glaubwürdigen mündlichen Berichten ein herichte der unmittelbar Betroffenen gegenüber, die vom Herbst 1939 bis in
persönlicher Eingriff Hitlers zugrundelag, angeordnet, daß in Zukunfl die Zahl der den Sommer 1940 erschienen. Diese Gruppe umfaßt zahlreiche, unter dem frischen
"mit Sicherheit identifizierten Ermordeten" 12857, die der Vermißten mit 45000 Eindruck der vorangegangenen Schrecken und im Gefühl, von einem schweren
anzugeben sei. Die im Februar 1940 erschienene 2. Auflage und eine erweiterte Aus- Druck befreit zu sein, spontan niedergeschriebene Erlebnissdiilderungen, oft von
gabe unter dem Titel "Dokumente polnischer Grausamkeit" bringen dementsprechend Pastoren und Pfarrfrauen verfaßt, von denen viele den Unterzeichneten persönlich
auf Blättern, die dem eigentlichen Text vorangestellt und offenbar unmittelbar vor bekannt sind. Diese Schilderungen sind häufig in kirchlichen Veröffentlichungen oder
der Auslieferung eingefügt sind, diese Zahlen. Später war bald nur noch von 58000 in Kalendern, wie dem Landwirtschaftlichen Kalender, gedruckt worden und propa-
Toten die Rede. Daß diese Zahl falsch war, war allen Beteiligten innerhalb der Volks- gandistisdi nicht beeinflußt. Ihre Verfasser, die in dien Herbstmonaten des Jahre"
gruppe klar, zumal die Riesenzahl der Vermißten nicht zu den ursprünglichen Ver- 1939 noch vertrauensvoll an eine bessere ZukWlft und an deutsdie Gerechtigkeit und
mißtenmeldungen vom Herbst 1939 paßte. Jedoch hielten viele, einschließlich der Rechtlichkeit glaubten, wurden oft schon wenige Wochen später eines Schlechterer
Unterzeichneten, die durch die Autorität einer "klassischen" Behörde, des Auswärtigen bel ehrt und sahen fassungslos auf die nationalsozialistische Gewaltpolitik gegenüber
Amtes, gedeckte Zahl von 12857 für richtig. Die erste und zweite Auflage der "Greuel- der polnischen Bevölkerung, die sie keinesfalls billigten, die sie aber, oft selbst wegen
taten" und Teil III der "Dokumente" stimmen überein. Den Inhalt bilden fast aus- ihrer kirchlichen Haltung schwer gefährdet, auch nicht verhindem konnten.
schließlich Berichte und Vernehmungsprotokolle aus der Tätigkeit der kriminalpolizei- An der Wahrhaftigkeit dieser Aussagen kann keinerlei Zweifel bestehen; sie sind
liehen und wehrmachtsgerichtlichen Untersuchungskommissionen der ersten Wochen auch nach dem Krieg von den noch Lebenden voll aufrechterhalten worden, gelegent-
nach dem September-Feldzug. Mögen die überschriften, die stilistische Fassung, die lich mit dem Zusatz, daß das eigene Leid nun in der Rückschau klein erscheine
redaktionelle Aufmachung oder die Auswahl durch propagandistische Gesichtspunkte gegenüber dem Leid und Unrecht, das bald darauf den polnischen Nachharn zuge-
bestimmt sein, - in ihrem sachlichen Gehalt wird man diese Aussagen unmittelbar fügt wurde. Das Literaturverzeichnis hat in der Gruppe V einen Teil dieser Berichte
Beteiligter als eine zeitnahe Quelle anzusehen haben. aufgeführt (z. B. Berger, Hein, Horst, KammeI, Liske, Nehring, Rhode, Vogt).
Lehrreich ist aber ein Blick auf die Teile I, II und IV der erweiterten Ausgabe; sie Erst in einer dritten Gruppe von Veröffenelichucgender J AAre 1940/42, deren Ver-
behandeln "die Errichtungder polnischen Gewaltherrschaft in den Deursdiland geraub- fasser meist nicht dem Deutschtum in Polen angehörten, überwiegen die propagan-
ten Gebieten", "den Ausrottungskampf des polnischen Staates gegen das Deutschtum" diseisdien Akzente auch in der Darstellung der Ereignisse, so daß sie nicht als zu-
und "polnische Kriegsgreuel an deutschen Soldaten". Hier wird eine harte Tendenz verlässig angesehen werden können. Sie sind hier aber überhaupt nicht verwendet
sichtbar, die sich im September noch nicht so stark durchgesetzt hatte: den polnischen worden und erscheinen auch nicht im Literaturverzeichnis. Im Lauf des Jahres 1940
Kriegsgegner zum "Erbfeind" und zum "Untermenschen" zu stempeln, bei dessen trat das Thema für die deutsche Seite langsam zurück, nicht aber für 'die polnische,
Unterdrückung sittliche Bedenken nicht am Platze seien. Für die Verbreitung dieser die zunächst ,in Frankreich, dann wirksamer in London langsam wieder ihre Pro-
Tendenz boten die Nachrichten über das blutige Geschehen in zahlreichen deutschen paganda aufbaute. Die Behauptung, am Morgen des 3. September hätten die Deut-
Siedlungen und während der Verschleppungsmärsche ein nur allzu erwünschtes Pro- schen in Bromberg einen Aufstand gegen das polnische Heer versucht, ist schon
pagandamaterial. Wenn auch diese Teile und die Zahlenangaben als Quelle ausschei- bald nach den Ereignissen verbreitet worden und hat zusammen mit der Behauptung
den,an der Glaubwürdigkeit der eigentlichen Aussagen ändern sie nichts, zumal diese von der Verräterrolle der deutschen Volksgruppe in Polen 1941 in der von der
durch andere Berichte bestätigt werden. Londoner Exilregierung 1941 verbreiteten Schl"ift "The German F,ifth column in
Trotzdem sind ·die Berichte dieser Dokumentensemmlung, der das Odium der falschen Poland" ihren Niederschlag gefunden, 1945 in der "Faktomontage" von Kolodziej-
Zahl und der propagandistischen AJufmadllUng anhaftet, hier nUll"in wenigen (insge- czyk (vgl. Literaturverzeidmis).
samt vier) Fällen herangezogen worden. Im ersten Fall (S. 91192) gab es für die Dennoch scheint über den "Bromberger Blutsonntag" nachdem Kriege keine feste
Erschießungen am Jesuitersee überhaupt nur zwei Zeugen, die nach dem Kriege nicht und einheitliche Meinung auf polnischer Seite bestanden zu haben. Ein aus der Vor-
wieder aufgefWlden und erneut bef~ werden konnten. Im zweiten Fan (S. 124) kriegszeit bekannter nun in England 'lebender Publizist, J. Giertydi, richtete nach

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Pressemeldungen 1949 an General Bortnowski die Aufforderung, er möge seinerseits der deutschen Volksgruppe in Polen, die in den ersten September-Tagen 1939 durch
mit Sachkenntnis zur Frage der Ereignisse in Bromberg Stellung nehmen. Gewalttaten ihr Leben verloren haben, namentlich aufgeführt, und zwar in jedem
Einzelfalle durch mehr als einen Zeugen benannt, hiervon 2063, die im Heimatort
Diese Nachrichten veranlaßten den einstigen Schriflleiter der sozialdemokratismen
oder in seiner Nähe auf gewaltsame Weise ihr Leben verloren, 1576, die auf einem
.Lodzer Volkszeinmg" und späteren Stadtarchivar von Lodz, Otto Heike, die Sam-
Verschleppungsmarsch ums Leben kamen und weitere 202, die die Folgen von Ver-
lage aud; deutsdierseits neu ,~u untersuchen, Er wandte sich analle Personen, von denen sdileppung oder Mißhandlung nicht überlebten, Alle Personen, die durch Kampfhand-
Berichte in den Zasamrnenstellungen des Auswärt]gen Amts von 1940 oder andern- lungen, Bornben u. ä. ums Leben kamen, sind dagegen in dieser Zahl nicht enthalten,
orts veröffentlicht worden waren und deren Anschriften sich zehn Jahre später noch
ebensowenig die zum polnischen Heere eingezogenen und nicht heimgekehrten Sol-
ermitteln ließen, underrief in den Heimatblättern weitere Zeugen auf. Er konnte - daten.
ungeachtet der damaligen Schwierigkeiten - an hundert neue Aussagen sammeln;
eine Anzahl der Befragten bezog sidi ausdrücMich auf die Aussagen von 1939 und Die Zahl 3841 bleibt auch hinter der ersten, im Herbst 1939 genannten Zahl 5437
bestätigte deren Wahrheit. Diese Beridstssammlnng wurde in den folgenden Ja:hren beträchtlich zurück, dürfte diese (in 'der ja zn jenem Zeitpunkte auch Fälle echten
fortgeführt und später dem Bundesarchiv ühergeben; sie bildet eine wesentliche Irrtums nicht ausgeschlossen werden konnten) dodi der Größenordnung nach etwa
Quelle für die vorliegende Schrift; ihre Berichte werden gewöhnlidi nur mit "BA." bestätigen, wenn man sich vor Augen hält, daß von vornherein nicht 'damit gerechnet
werden konnte, daß nach über 20 Jahren Wissensträger für alle Geschehnisse im
zitiert.
Gebiet der Bundesrepublik Deutschland aufzufinden seien, Wenn auch die Zahl der
Speziell den Fragen des "Bromherger Blutsonntags" widmete Anfang der 60er Jahre
Getöteten und Vermißten sich wch bei sorgfältigster Arbeit nicht mehr genau feststel-
Marian Hepke, früher in Bromberg Smfiiftleiter an der "Deutschen Rundschau in
len läßt, so wird man sie doch bestimmt zum wenigstenzwischen 4000 und 5000 an-
Polen" ,eine gründliche Untersuchung, die die polnischen Veröffentlichungen aus-
setzen müssen.
wertete, deutsche Zeugen ermittelte und befragte und minutiös in Einzelheiten ging.
Hepke,der 1968 verstarb, hat Teilergebnisse in der Zeitschrift "Der Westpreuße" Die Befragungerga!b jedenfalls, daß auch die Zahl von ,,12857 idenoifizierten
veröffentlicht; sein umfangreiches Manuskript - heute gileichfalls im Bundesarchiv - Ermordeten", die in der im Auftrag des Auswärtigen Amtes herausgegebenen zwei-
ist in der vorliegen/den Smrift ausgewertet worden, ten Auflage des Dokumentenwerkes in der Einleitung genannt wurde und die zahl-
reiche Deutsche in Polen in gutem Glauhen während des Krieges und danach für
Der Umfang des blutigen Gesch.ehens und ,die Zahl seiner Opfer unter den Volks-
richtig hielten, manipuliert und bewußt gefälscht war.
deutsdien war aber weiter nimt genau bekannt und ibHeb strittig. Eine Klärung war
nur von der wichtigsten Quelle hierfür zu erwarten, der Kartei der Posener Gräber- Mit diesen Feststellungen einer traurigen Statistik und einer g,eschichtlichen Lüge
zentrale, di,e 1945 an das Westinstitut (Instytut Zadiodni) in Posen gelangt war. sind aber die Probleme des Schicksals der Deutschen in Polen zur Zeit des Kriegs-
Das Bundesarchiv in Koblenz nahm sich aufgrund eines Antrages der Historisch- ausbruchs noch nicht gelöst. Durch die Stichworte "Bromberger Blutsonnrag" , '"Fünfte
Landeskundlichen Kommission für Posen und das Deutschtum in Polen vom Okto- Kolonne", "V,erschleppung" und "Diversion" sind vielmehr weitere Fragen ange-
ber 1955 der Sache an und konnte durch Vermittlung des damaligen Generaldirek- deutet, deren Erforschung einen wesentlichen Bestandteil der neuesten Geschichte des
tors der Staatlichen Archive Polens, Henryk Altmam, einen Mikrofilm dieser Kartei Deutschtums in Polen und ,derdeutsch-polnischenBeziehungen bildet.
erhalten, Die Überlassung verdient um so höhere Anerkennung, MS etwa gleichzeitig Nach dem Abschluß dieser Befragung hat deshalb eine Gruppe von Forschern nicht
Prof. Karol Marian Pospieszalski sein oben (Anmerwnlg*** S. 6) zitiertes Rum "Die nur ihre Auswertung begonnen, sondern auch versucht, allen Vorwürfen der Agen-
Frage der 58000 Volksdeutschen" herausgebracht hatte, das sich gleichfalls wesent- ten-, Spionage- und Sabotagetärigkeir durch Deutsche in Polen sorgfältig nachzu-
lich auf die Kartei stützt und dessen kritische Unrersudrung nun möglich wurde. gehen mit der unwandelbaren Absicht, die tatsächlich vorgekommenen Fälle solcher
In einer neuen umfrungreimen Aktion") wurden nun alle Wissensträlger befragt, die Tänigkeit nicht nur nicht zu verschweigen, sondern soweit möglich bis ins letzte
in der Bundesrepublik noch ermittelt werden konnten, Dem Bundesarchiv liegen die aufzuklären. Weitere Aufgruben bestanden in der Klärung des Schicksals der Deut-
Ergebnisse einer Befragung mittels Fragebogen von 6106 Personen vor, sowie rd. schen in Polen vor dem Kriegsausbruch. in der sorgfältigen Analyse aller polnischen
400 Erlebnisberidire, in .denen die Berichterstatter die Erlebnisse jener Tage aus ihrer Darstellungen der Täügkeiteiner "Fünften Kolonne", der Erfassung der Verhaftun-
Sicht sowie ihr eigenes Schicksal bzw. das ihrer Angehörigen oder anderer Personen gen und Verschleppungen, und inder Analyse des Ablaufes der Kampfhandlungen
schildern. Soweit diese Berichte in der vorliegenden Smrift rz,itiert werden, ist der auf beiden Seiten, soweit in ihnen Sabotage, Diversion und Panik eine Rolle spielen
Fundort ebenfalls mit "BA." angegeben. In diesem Material sind 3841 Angehörige konnten. Die Ergehnisse ldieser Forschungsarbeit sollen in einem umfangreichen
Sammelwerk vorgelegt werden,
*) Für Ihre Durchführung Ist besonders Hlrrn Hans von Spaeth-Meyken zu danken.

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Angesichts der Fülle des gesammelten und durchzuarbeitenden Materials und der vielen Fällen Angst, Panik, grenzenlose Enttäuschung und gewissenlose Propaganda
Notwendigkeit, allen Behauptungen über die "Fünfte Kolonne" und den "Brom- Menschen zu Untaten gegenüber ihren Mitmenschen und Nachbarn trieb, deren
berger Aufstand" sorgfältig nachzugehen und eine Klärung bis in die letzten Einzel- andere Sprache und nanionales Bekenntnis sie plötzlich zu Todfeinden stempelten.
heiten hinein zu versuchen, zeigte eseidi aber, daß dieses Sammelwerk nicht vor Im Mittelpunkt steht dabei die tragische und oft ausweglose Situation von Menschen,
Ende des Jahres 1970 im Manuskript fertiggestellt sein und mithin frühestens 1971 die einem Staat angehörten, der sie als potentielle und bei Kriegsausbruch als wirk-
vorgelegt werden kann. In jedem Ball muß bei der Behandlceg so schwieriger und liche Feinde behandelte, von Menschen, die unter dem Gesetz eines Staates standen,
kontroverser Fragen das Streben nach äußerster wissensch:afl:licher Genauigkeit dem das im Frieden nicht immer leicht zu erfüllen und nicht selten ungerecht war, das
Streben nach einer baldigen VeröffeIlltlic:huDigvorangestellt werden. huf eine Ver- mit dem Kriegsausbruch aber zur tödlichen Bedrohung werden konnte und oft wurde.
öffentlichung noch im Herbst 1969 mußte deshalb vernichtet werden. Ihr Schicksal verständlich zu machen, das Leid und die ausweglose Verstrickung
Um aber diesen Jahrestag nicht ohne jede sachliche Stellungnahme vorübergehen zu zwischen zwei feindlichen Gewalten zu zeigen, ist das Hauptanliegen dieser Schrift.
lassen und das Feld allein neuen Legendenbildungen von beiden Seiten zu über- Daß sie keine Anklage gegen das polnische Volk oder einzelne seiner Glieder erheben
lassen, hat sich die Kommission entschlossen, die wichtigsten bereits vorliegenden will, zeigt das Bemühen, die Erscheinungen der Menschlichkeit, der Hilfeleistung von
Ergebnisse ,in einer kürzeren Schri.ft vorweg zu veröffentlichen. In ihr sollte in erster Polen gegenüber Deutschen indem Chaos des Hasses nicht zu vergessen, sondern
Linie das Schicksal der Deutschen in Polen im September 1939 mit seiner Vorge- sie ausdrücklich hervorzuheben. *)
schichte im Sommer dargestellt werden, ohne daß auf die Statistik der Opfer näher
eingegangen wurde. Diese soll, einschließlich der Versuche, die Frage der Vermißten Während des Krieges und auch heute noch ist das Schicksal der Deutschen in Polen
zu klären, dem Sammelwerk vorbehalten bleiben. Notwendig schien es aber, sich oft mit dem Begriff des "Bromberger Blutsonntags" identifiziert worden, über den
auch jetzt 'schon mit dem Vorwurf der "Diversion", Sabotage und Agententätigkeit am meisten Legenden verbreitet und auch geglaubt worden sind. Dabei hat den
auseinanderzusetzen, soweit das in einem knappen Rahmen möglich ist. Die Vor- Erfindern und Verbreitern der Legenden von weit über 1000 getöteten Deutschen
bereitung dieser Schrift hatte im Herbst vorigen Jahres Dietrich Vogt übernommen, allein in Bromberg einerseits und von einem bewaffneten hinterhältigen Aufstand
der frühere Direktor des Posener Sc:hillergymnasiums. Als Teilnehmer am Verschlep- der Bromberger Deutschen andererseits offenbar selten das tragische Geschick der
pungsmarsch der Posener Deutschen nach Zlak6w Borowybei Kutno war er selbst Toten und ihrer Angehörigen vor Augen gestanden, sondern der propagandistische
Augenzeuge, ais Mitglied der Forschungsgruppe hatte er die Darstellung der Vcr- Zweck. trat in den Vordergrund - hier die Anklage gegen die Polen im allgemeinen
schleppungsmärsche aus Posen-Pommerellen übernommen unId kannte das gesammelte und die polnische Bevölkerung Brombergs im besonderen als Mörder und Totschlä-
Material ebenso wie die immer umfangreicher werdende Literatur. Kurz nach dem ger, dort die Anklage gegen die deutsche Bevölkerung Brombergs und ihre geheim-
Beginn der Arbeiten an dem Manuskript erkrankte er schwer und starb a:n nisvollen, angeblich von außerhalb kommenden Helfershelfer, von denen aber in
18. Januar 1969 in Berlin. allen Behauptungen über den angeblichen Aufstand nicht ein einziger mit Namen
An seiner Stelle konnte erst im Frühjahr 1969 Peter Aurich als Verfasser gewonnen genannt oder gar identifiziert wird.
werden, ein Autor, der selbst dem Deutschtum in Polen entstammt und sich in Es hätte nahegelegen. die Bromberger Ereignisse als besonders spektakulär, bekannt
früheren Veröffentlichungen 'besonders um Verständnis und Versöhnung mit den und umstritten in den Mittelpunkt dieser Schrift zu rück.en und sich vor allem' auf
Nachbarn im Osten bemüht hat. Er sah sich vor die sdiwierige Aufgrube gestellt, sich sie zu konzentrieren. Eine solche, vielleicht das Sensationsbedürfnis befriedigende
in kurzer Zeit mit dem umfangreichen Material vertraut zu machen und ein druck- oder zumindest möglichen sensationell aufgemachten Darstellungen entgegentretende
fertiges Manuskript vorzulegen. Mit vollem Recht hat er dabei umfangreiche Aus- Konzentration auf den 3. und 4. September in Bromberg ist aber bewußt vermieden
einanderseteurigen mit den Behauptungen über die "Diversioos"-un'dSabotagetätigkeit worden. In Bromberg und seiner nächsten Umgebung ist nur etwa ein Fünftel der
ebenso wie die Klärung der Fragen vermieden, wieweit denn eine solche Tätigkeit
insgesamt zu beklagenden Toten ums Leben gekommen, und der Tod am Heimatort
überhaupt in den Feldzugsplan der Wehrmacht und in den Ablauf der Kampf-
unter der Beschuldigung der "Diversion", der Spionage usw., wie es für die Brom-
handlungen paßte und wo und inwieweit die rasche Niederlage der polnischen
berger Opfer charakteristisch ist, bildet bei den Verlusten des übrigen Deutschtums
Armeen und die überall immer wieder ausbrechende Panik tatsächlich mit einer
Aktivität hinter der Front begründet werden könnte. *) Dabei sind noch zwei weitere Quellenwerke der belden ersten Kriegsjahre herangezogen worden, die
.Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges". hrsg. vom Auswärtigen Amt, und die von dem 1942 gefalle-
Er hat sich vielmehr im wesentlichen darauf beschränkt, die Dokumente selbst nen Kurt LOck zusammengestellte Berichtssammlung "Volksdeutsche Soldaten unter Polens Fahnen".
Ersteres war notwendig, weil die Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik nicht alle Berichte aus Polen
wiedergeben, wAhrend eine Verlflzlerung der Berichte im Polnischen Archiv des Auswärtigen Amtes
sprechen zu lassen, mit ihrer Aussage die Vorkr.iegsschicksale und die Kriegsgeschichte aber aus ZeltgrOnden nicht möglich war. Ohne das zweite Sammelwerk hätte auf das Kapitel Ober die
deutschen Soldaten Im pOlniSchen Heer verzichtet werden müssen, da Ober diesen Komplex keine
verschiedener Gruppen des Deutgehrums in Polen darzustellen und zu zeigen, wie in neuen Befragungen vorgenommen wurden.

12 13
außerhalb der Stadt und des Kreises Bromberg nicht die Regel. Ein großer Teil dieser massiv von 3lUßerhaJh unterstützte, und das, um eine strategisch unwichtige Stadt
zu besetzen, die einem ohnehin in kurzer Zeit kampflos zufallen mußte,
Opfer ist zunächst verhaftet, abtransportiert und verschleppt worden und meist fern
vom Heimatort, oft ohne Zeugen, ums Leben gekommen. Diese Tatsache machte schon 2. über andere völkerrechtlich unzulässigen oder widerredirlidien Unternehmungen
1939 genaue Feststellungen so schwierig, ließ und läßt den Tod vieler Menschen, deren zu Beginn des Krieges wie über den inszenierten angeblichen polnischen überfall
Leichen oft erst nach langer Zeit aufgefunden wurden, im ungewissen, gab vielen Hin- auf den Sender Gaeiwlitz, ilber das Vorgehen des Freikorps Ebbinghaus in Ober-
terbliebenen noch lange Zeit Hoffnung und eröffnete unbeweisbaren Behauptungen schlesien oder über das Kommando-Unternehmen am J3Iblunka-Paß ist von Betei-
weiten Spielraum. ligeen, zum Teil noch während des Krieges, 'Z'UIOl
Teil danach beriditet worden, und
Andererseits zeigt diese Tatsache auch, daß die polnischen Zivil- und Militärbehörden zwar ausführlich und oft mit einem gewissen Stolz. Nichts dergleichen ist bei Brom-
keine Massenerschießungen oder Kriegsgerichtsverfahren planten, sondern daß sie berg bekannt, obwohl sim unter den angeblich Vel"hafteten 'zahlreiche vonaußerhalb
bestrebtwaren, Personen, die ihnen verdächtig oder gefährlichersch.ienen, durch eingeschleuste "Aufständische" befunden haben so1len, die noch am Abend des 3. Sep-
Verhaftung und Abtransport auszuschalten. Sehr rasch entglitt ihnen aber jegliche tember angeblich wieder freigelassenwurden,
Lenkung und Kontrolle, und in der zwischen Zuversicht, Großsprecherei, Angst und 3. Nach Kniegsende sind aufgrund des Regierungsdekrets vom 31. August 1944 vor
Panik schwankenden Stimmung kam es zu meist unorganisierten Untaten kleinerer einem Senderstrafgericht in Thorn in Iden Jahren 1945/46 insgesamt 1782 Strafver-
verhetzter Gruppen oder gar einzelner. fahren gegen Deutsche und Polen aUISPommerellen und dem Nordteil Posens ein-
Daher ist der "Blutsonntag" hier nur in einem Abschnitt als ein besonders hervor- geleitet worden, die verschiedener Verbrechen ,gegen die Interessen des polnischen
ragendes, nicht aber als das Ereignis im Schicksaldes Deutschtums in Polen im Sep- Volkes angeklage waren, Obwohl d'3ibei auch kleinere Vergehen unter Anklage ge-
tember 1939 behandelt worden. Polnische propagandistisch gefärbte Darstellungen stellt wurden - z. B. daß ein Deutscher lin Kulmseein SA-Uniform Polen gezwungen
gehen gerade umgekehrt vor; sie konzentrieren sich gänzlich auf Bromberg, weil man hatte, ihn zu grüßen -, ist kein einziges Verfahren wegen der Teilnahme am "Auf-
hierglauht, den "Aufstand", die "Diversion" als das auslösende Moment, als die stand" oder wegen irgendeiner "Diversion" erwähnt,") Es ist nahezu ausgeschlossen,
Schuld der Opfer kennzeichnen zu können, übergehena:ber gänzlich die Erschießung daß bei so weitreichenden, das Gesamtverhalten während des Knieges bewertenden
von Verschleppten, die doch aUlf dem Marsch, erschöpft und halb verhungert, un- Ermitrlungen gerade alle Ank:lagen wegen eines "Aufstandes" unterlassen wurden,
möglich Spionage oder Diversion betrieben haben konnten und die Erschießung der wenn nur die geringste Beweisunterlage vorlag. Es ist auch nicht bekannt geworden,
männlichen deutschen Bevölkerung ganzer Dörfer wie Sockelstein bei Wr.eschen oder daß die Regierung der Votlksrepublik Polen auch nur ein einziges Auslieferungsgesuch
Slonsk in der Weichselniederung, die beide keinesfalls Objekte irgendeines Aufstan- an die Westmächte oder die Bundesrepublik Deutschland wegen der Teilnahme an
des oder einer militänischen Aktion sein konnten. einem "Aufstand" oder an irgendeiner "Div,ersion" geridiree hat. Auch das wäre
Mit den zahlreichen zum Teil sehr widersprüchlichen Darstellungen des angeblichen zweifellos geschehen, wenn der geringste Beweis vorgelegen hätte.
"Bromberger Aufstandes" wird sich das erwähnte Sammelwerk eingehend und gründ- Zu den gegen die Deutschen in Polen gerichteten Anklagen gehört audi die Betonung,
lich auseinandersetzen und deutlich machen, daß es sich hier um eine Legende han- daß sie die einmarschierendendeucschen Truppen begeistert als ihre Befreier begrüße,
delt,del"en Entstehung ähnlich erklärt werden kann wie die Legende von den daß sie ihnen Hilfe geleistet und sich ihnen als Dolmetscher, Wegweiser, Begleiter
belgiseben Franctireurs in Löwen zu Beginn des Ersten Weltlkrieges.*) u. ä. zur Verfügung gestellt hätten. Dies und das ,in verschiedener Form ausgespro-
Da Bromberg aber schon jetzt zu einem zentralen Problem mancher Darstellungen chene Bekenntnis 'zum NacionalsozialismUisder großen Volkstumsorganisationen
geworden ist, kann einiges vonwegnehmend festgestellt werden: wird als Indiz für eine Tätigkeit als "Fünfte Kolonne" angesehen. Selbstverständlich
1. In der strategischen Prlanung der Wehrmacht spielte die Einnahme von Bromberg sind die ersten Behauptungen richtig. Wie hätten sich aber auch Menschen, die zu-
überhaupt keine Rolle. Der Vorstoß der 4. Armee mit ihren Panzerkeilen ging viel- mindest seit April 1939 wegen ihres Bekenntnisses zum Deutschrum ständi:gange-
mehr nördlich an Bromberg vorbei, mit dem Auftrag, so rasch wie möglich die griffen, benachteilige und schließlich bis aufs äußerste :bedroht worden waren, anders
Weichsel zu erreichen, was .ihr auch schon am Abend des 2. September gelang. Am verhalten sollen? Daß nach der Befreiung von einem ungeheuren physischen und
3. September 'gab es vor Bromberg fast keine Kampftäcigkeit, und erst am späten psychischen Druck 'Spontane Treuebekenntnisse zum Deutschen Reich und zu Hitler
Vormittag des 5. September wurde die Inzwischen von polnischen Truppen geräumte ausgesprochen wurden, auch von Vertretern der Kirche, die der Welkanschauung des
Narionalsczsalismusablehnend gegenüberstanden, war nur natürlich, und Fand seine
Stadt durch das IH. AK. besetzt. Es war also absoLut unnötig und widersinnig, in
Bromberg am 3. 9. einen Aufstand zu entfachen, wenn man idiesen nicht sofort .) Janlna Wo)clechowska: Przestepcy hitlerowscy przed specjalnym sadem karnym w Torunlu

.) Siehe Peter Sch6Uer: Der Fall Löwen und das Weißbuch. Eine kritische Untersuchung der deutschen
5 1945-1946) (HItIerverbrecher vor dem Sonderstrafgericht

Freisprüchen.
In Thorn) Thorn 1965. Bd. VI, Heft 2 der Studla
urldlca. Von den 1159 In den Jahren 1945/48 entSchiedenen Verfahren endeten übrigens 423°/.
'
mit
DOkumentation über die Vorgänge In Läwen vom 25. bis 28. August 1914. Köln / Graz 1958.

lS
14
Parallelen selbst dort, wo es sich nicht um Deutsche handelte, etwa in Nordostpolen, daß in dieser Schrift wie in dem vorbereiteten Sammelwerk der gewaltsame Tod von
Litauen und Lettland im Sommer 1941. weniger als 4000 Menschen und das ungewisse Schicksal einer weiteren nicht sehr
Was das Bekenntnis zum Nationalsozialismus angeht, so ergab sich das im allgemei- großen Zahl über Gebühr in den Vordergrund gestellt werde und daß diese Ver-
luste nichts besagten vor den Millionenverlusten, die das polnische Volk durch deut-
nen logisch und zwingend aus dem Bekenntnis zum Deutschtum und aus der fast
sche Schuld unmittelbar anschließend erlitten hatte, von den Mordaktionen gegen-
mythischen Verehrung, die das Deutsche Reich bei den Auslandsdeutschen in Ost-
über den Juden ganz zu schweigen. Selbstverständlich kann und soll keinen Augen-
mitceleuropa genoß, wobei Mängel und innere Widersprüche von jenseits der Grenze
blick vergessen werden, was nachfolgte und welche großen Opfer die polnische Be-
nicht gesehen oder bewußt übersehen wurden.
völkerung durch die systematische Dezimierungs- und Ausrottungspolitik erlitt. Es
Es war für eine kleine, weit verstreute und keine geschilosseneEinheit bildende Volks- wird in dem vorgesehenen Sammelwerk auch ausdrücklich auf die grausamen" Ver-
gruppe ganz unmöglich, am Deutschtum festzuhalten und sich zugleich in bewußten geltungsaktionen" z. B. in Bromberg am 10.9.1939 eingegangen werden, soweit sie
und schaden Gegensatz zu dem zu setzen, was bei der Hauptmasse des Volkes und im Zusammenhang mit den Opfern der ersten Kriegstage standen. In dieser Schrift
in dem idealisierten Deutschen Reich geschah, besonders nach dem Anschluß Oster- war es aus Raum-und Zeitgründen nicht möglich, sie zu behandeln, doch muß der
reichs. Nur weit entfernte Deutschtumsgruppen mit einer starken kulturellen und Leser diese Racheaktionen immer mitbedenken,an denen sich auch Angehörige der
wirtschaflilichen Eigenständigkeit konnten diesen Weg der bewußten Absonderung deutschen Volksgruppe in sogenannten Selbstschutzorganisationen beteiligten, was
gehen, für alle anderen gab es nur die Alternative der Angleichung an das Geschehen nicht verschwiegen werden soll. Gleichzeitig muß aber festgehalten werden, daß
im Deutschen Reich, mit Modifikationen 'und Vorbehalten aller Art, oder des be- dieser Vorwurf nur einen Bruchteil derer treffen kann, die einmal dem "Selbstschutz"
wußten Bekenntnisses zu einer anderen staatlichen Gemeinschaft bei der Gefahr des angehörten. Ein Kollektivurteil verstieße hier gegen die Wahrheit.
allmählichen Absinkens der deutschen Sprache dieser Gruppe zu einer reinen Haus-
Darüber hinaus ist aber die grausame Ausrottungspolitik gegenüber dem polnischen
sprache.
Volk in zahlreichen Darstellungen und Dokumentenwerken auch in deutscher Spra-
Daß manche Angehörige des Deutschtums in Polen nach 1939 auch den "Herren- che so eingehend geschildert worden, die Kenntnis davon ist, nicht zuletzt durch
menschen" herauskehrten und sich bei der Unterdrückung ihrer bisherigen polnischen Schulunterricht und Presse, so weitgehend Allgemeingut des Wissens, daß eine er-
Nachbarn unrühmlich hervortaten, ist eine nicht zu leugnende beschämende Tat- neute ausführliche Schilderung - abgesehen von den erwähnten unmittelbaren "Ver-
sache; sie beweist aber nichts für die Haltung der weit überwiegenden Mehrheit der gelcungsakrionen" - nicht mehr nötig erscheint, ganz abgesehen davon, daß sie die
Volksgruppe im Sommer und September 1939, der übrigens nach 1940 von den Thematik gänzlich verschieben würde.
Parteidienststellen immer wieder" Weichheit", "Sentimentalität", "unbedachtes Ein- Schließlich aber sind Leid, Tod, Schicksal und tragische Verstrickungen in ihrer Wir-
treten für die Polen" vorgeworfen wurde. Bezeichnend ist, daß kein einziger Ange- kung und ihrer Bewertung nicht von der Zahl der Leidenden und Getöteten ab-
höriger des Deutschtums in Polen nach 1939 in höhere Führungsstellen von Partei hängig. Weder löscht der Tod von Hunderttausenden den Tod von Tausenden aus,
und Staat in den "eingegliederten Ostgebieten" oder im "General-Gouvernement" noch vermag er ihn zu rechtfertigen, und das Leid der Angehörigen wird dadurch
aufstieg und daß sogar fast alle mittleren Führungspositionen mit Zuwanderern aus nicht geringer, daß danach oder gleichzeitig Zehntausende andere das gleiche oder
dem Reich besetzt wurden. gar noch ein härteres Schicksal erlitten haben. Wollte man die Zahl hier zu einer
Im übrigen waren die Opfer, wie eine Listeder namentlich festzustellenden Toten entscheidenden Kategorie machen, dann müßte jede Geschichtsschreibung unter einer
zeigen könnte und wie auch die in dieser Schrift wiedergegebenen Auszüge zeigen, nur bestimmten Zahlenschwelle irrevelarite Dinge behandeln!
zu einem kleinen Tell politisch oder in irgendeiner Organisation tätig. über 600 der Es kann und soll hier wie später niemals um das Aufrechnen von Totenzahlen gehen,
namentlich festgestellten Opfer waren älter als 60 Jahre und schon deshalb kaum die lediglich im Dienste der Wahrheit festgehalten werden müssen. Es geht vielmehr
als politische Aktivisten einzuordnen,ebensowenig wie die 50 Kinder unter 15 Jah- um die wahrheitsgemäße Darstellung des Schicksals von Einzelmenschen und einer
ren. Bekenntnisse einer Organisation zum Nationalsozialismus vor oder nach 1939 Menschengruppe, die mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als erste zwischen
und Einbeziehung in die VerschJ.eppung und Verstrickung in das Schicksal des Sep- Hammer und Amboß geriet, verstrickt in Ereignisse, die sie nicht hervorgerufen
tember 1939 standen also in keinem ursächlichen Zusammenhang. Nur von der Seite hatte und die sie nicht zu beeinflussen vermochte, obwohl sie einerseits der Politik
der die feindliche Stimmung anheizenden Presse und von den mehrfach auftreten- Hitlersein Alibi für seinen Angriff liefern mußte und andererseits zum Objekt
den erregten Volksmengen wurde die Gleichsetzung Niemiec-hitlerowiec (Deut- nationalen Hasses und chauvinistischer Ausschreitungen wurde. Der Wahrheit zu
scher= Hideraahänger) automatisch und unüberlegt vorgenommen. dienen und der weiteren Verbreitung von Legenden entgegenzutreten ist das eine
Dem Autor und den Unterzeicpnecen wird vielleicht der Vorwurf gemacht werden, Anliegen dieser Schrift wie des geplanten Sammelwerkes.

16 17
r

Das andere alber ist es, die tragischen Konsequenzen deutlich zu machen, die sich Unter polnischem Gesetz
aus der ObenpillZu11ig des NationaIstaatsgedooJkens für das Deutschttum in Pollen
ergeben halben, die sidi aber ebenso für andere andersnationale oder anderskonfessio- »Der Herr Staatspräsident hat sich an alle Bürger Polens, also auch an uns Deutsche,
nelle Gruppen im militanten Nationalstaat ergeben halben und weiter ergeben müs- gewandt. Wir stehen unter polnischem Geseoz. Wir wissen, daß sich niemand von uns
sen. Die Konsequenz in einer immer enger werdenden und immer mehr auf Z'USam- zu Handlungen hinreißen lassen wird, die der ganzen Volksgruppe zum Verderben
menarbeit angewiesenen Welt kann in der Zukunft nicht die Liquidierung oder gereichen müssen. Als getreue Söhne unserer Heimat haben wir diese Situation zu
gewaltsame Erutfemungder »Unerwünschten" sein, die ü'berall in der Welt, ob in überstehen, die für alle Völker wahrhaft tragisch ist, nicht zuletzt für uns Deutsche
Europa, Biafra, Israel oder wo 'auch immer nur neues Leid, Haß und Unterdrückung in Polen ... Wir haben der ganzen Härte eines nicht von uns heraufbeschworenen,
hervorruft. Sie kann nur inder Erkenntnis bestehen, ,daß Wege der Verständigung, aber auch nicht durch uns selbst abwendbaren Schicksals, wir haben selbst dem Tod
des AU~gileichsund der gegenseitigen Toleranz gefunden werden müssen, besonders ins Angesicht zu sehen ... " 1)
auch 'bei Polen und Deutschen. Es gibt kaum ein einprägsameres - ein die Situation des Deutschtums in Polen bei
Die Kenntnis der Irrwege wie des Irrwegs vom Septemlber 1939 kann das Finden Beginn des Zweiten Weltkrieges besser kennzeichnendes Dokument, als diese Sätze
neuer Wege erleichtern, die Kenntnis des Leidens und tralgischen Schicksals der Ver- aus einem Leitartikel von Gotthold Starke, den die Bromberger »Deutsche Rundschau
gangenheit kann dazu beitragen, daß neues Leid und neue tralgischreVerstrickungen in Polen" am 2. September neben dem Aufruf des polnischen Staatspräsidenten ver-
vermieden werden. öffentlichte. Bereits am Vortage war Chefredakteur Starke - wie zahllose Deutsche
in allen Teilen Polens - kaum daß er jene Zeilen in die Setzmaschine diktiert hatte,
verhaftet worden, hatten Tausende anderer Deutscher in Gefangenenkolonnen und
Richard Breyer Wol/gang Kohte Gotthold Rhode Verschleppungszügen den Weg nach Osten, ins »Nirgendwo" antreten müssen, wäh-
rend die polnische Presse lang und breit darüber berichtete, daß jetzt »,der Marsch
nach Berlin und Ostpreußen" begonnen habe.t)
GotthoZd Starkes denkwürdiger Kommentar, sein beschwörendes Abschiedswort »Wir
stehen unter polnischem Gesetz" fassen gleichsam zwei Jahrzehnte deutschen Schick-
sals in Polen in einer kaum knapper denkbaren Form zusammen. Seine in diesem Zu-
sammenhang zum Ausdruck gebrachte prophetisch-bittere Erkenntnis» Wir haben dem
Tod ins Angesicht zu sehen" freilich konnte im vollen Ausmaß ihrer Bedeutung noch
von niemandem ermessen werden.
Nur darüber waren sich alle im klaren: Zwei Jahrzehnte deutsch-polnischen Mitein-
anders und Gegeneinanders, zwei Jahrzehnte innen- und außenpolitischer Ausgleichs-
bemühungen, aber auch Fehlentscheidungen und menschliche Trugschlüsse waren am
Punkt ihrer »Gesamdösung" angelangt.

DAS" VORSPIEL" VOM FRÜHJAHR 1939

Eine solche »Gesamt:lösung" hatte auch HitZer noch im Januar unter den Aspekten
einer friedlichen Übereinkunft 1m Auge, als er den Plan eines von Deutschland ange-
führten ostmitteleuropäischen Mächtebundes entwarf, der allerdings ein deutsch-pol-
nisches Bündnis nur zum Zwecke der angestrebten Waffenbrüdersch.aft gegen die So-
wjetunion einschloß,") Um dieses Projekts willen blieben Hitlers Forderungen gegen-
über Polen in gewissen Grenzen: Danzig sollte an Deutschland zurückfallen, wobei
') .Deutsche Rundschau in Polen", Nr. 200, vom 2. 9. 1939.
2) .Nach Berlln .•. , die Unseren marschieren nach Berlln, die Armee Posen unter General Kutrzeba .•.
Unsere Divisionen sind schon In Ostpreußen einmarschiert ... " Aus Jerzy Putraments Roman
.WrzeHslen" (September), deutsche Ausgabe im Verlag Volk und Welt, Ost-Berlln 1957 Seite 346ft.
3) Vgl. ans Roos: .Polen und Europa", Tüblngen 1963 (2. Auflage), Seite 381. '

18 19
r
die polnischen Interessen durch einen Freihafen und einen exterritorialen Zugang ge- MINDERHEITENERKLÄRUNGEN UNWIRKSAM
sichert werden sollten. Zur überbrückung des Korridors und zur dauernden Sicher-
Nachdem sich der in Versailles festgelegte schwache Minderheitenschutz als wenig
stellung einer Landverbindung zwischen Pommern und Ostpreußen sollte eine ex-
praktikabel erwiesen hatte und durch Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund
territoriale Straßen- und Eisenbahnverbindung geschaffen werden. Dafür war Hitler
im Jahre 1933 nahezu unwirksam geworden war, stimmte Polen der Minderheitcn-
bereit, Polens Grenzen zu garantieren und das Nichtangriffsabkommen von 1934 auf
erklärung vom 5. 11. 1937, die den beiden Volksgruppen ein erträgliches Dasein
25 jahre zu verlängern. Er erwartete von Polen, daß es dem Antikomintern-Pakt
garantieren sollte, in Verbindung mit einer entsprechenden Danzig-Erklärung des
beitrete, womit zugleich die eigentliche Ausrichtung des Arrangements angedeutet war.
Reiches noch einmal ausdrücklich zu. In Wirklichkeit entpuppte sich dann der zu-
Hitler zeigte sich darüber hinaus sogar bereit, die Karpatenukraine - auf Grund
nächst auch von Außenminister Beck noch ehrlich angesteuerte "psychologische Durch-
eines lange und beharrlich verfolgten polnischen Wunsches nach einer gemeinsamen
bruch zu einer neuen Aera der Minderheitenpolitik" bald als Illusion.
Grenze - Ungarn zu überlassen.
Obwohl es in der Außenpolitik - nämlich im Zuge der Sudetenkrise und auf Kosten
Demgegenüber glaubte die polnische Regierung, stark genug zu sein, diese Vorstellun-
der Tschechoslowakei - noch einmal zu engen Kontakten zwischen Deutschland und
gen glatt ablehnen zu können. Warschaus Botschafter in Berlin, Lipski, beharrte im
Polen kam, versteifte sich Warschaus Haltung, nicht zuletzt unter Einwirkung der
Auftrage von Außenminister Beck auf der Feststellung, "daß besonders die Einver- polnischen Presse in der Frage der Minderheitenbehandlung, immer mehr.
leibung der Freien Stadt Danzig ins Reich unweigerlich zu einem Konflikt führen"
Insbesondere brachte die polnische Regierung der von deutscher Seite wiederholt an-
würde. Obwohl diese Zuspitzung des deutsch-polnischen Verhältnisses nicht sofort
gestrebten "Entpolitisierung der Minderheitenfrage", die darauf abzielte, "beider-
publik wurde, klaffle von diesem Zeitpunkt an in den Beziehungen ein Riß, der bald
seitige Beschwerden aus der Sphäre der diplomatischen und pressemäßigen Erörte-
um so tiefer wurde, als aus Kußerungen der polnischen Presse, des Rundfunks und der
rungen herauszunehmen" und sie einem Ausschuß von Sachverständigen bei der Re-
Generalität immer deutlicher wurde, daß zumindest die herrschenden Kreise in Polen
gierungen anzuvertrauen, nicht die geringsten Sympathien entgegen. Selbst eine ent-
eine Rückgliederung Danzigs an das Reich als untragbar ansahen,")
sprechende Beschwerde der polnischen Minderheit im Reich konnte die Warschauer
An Danzig, das schon für Pilsudski ein Prüfstein der deutsch-polnischen Atmosphäre Diplomatie nicht dazu bewegen, die deutschen Vorschläge aufzugreifen, sich also mit
gewesen war, entzündete sich der schwelende Konflikt um so mehr, als weder ein Verhandlungen einverstanden zu erklären, die von Vertretern der beiden Außen- und
Gespräch Becks mit Hitler in Berchtesgaden (Anfang Januar 1939) ROchder Besuch Innenministerien "in offener Aussprache, ohne Störung durch die Presse" geführt
Ribbentrops am Ende des gleichen Monats in Warschau trotz einer vorübergehenden werden sollten. Außenminister Beck, der persönlich derartigen Verhandlungen positiv
Kornpromißbereitschafl Becks eine Annäherung der Standpunkte gebracht hatte. Auch gegenüberstand, konnte von Moltke im Juli 1938 lediglich eine auf den Herbst ver-
amerikanische und britische Einflüsse verstärkten die polnische Entschlossenheit, Hit- tröstende ausweichende Antwort geben, da "die Angelegenheit die Grenzen seines
lers Vorschläge abzulehnen. Ressorts überschritt" .5)
Die Krise brach dann Mitte März offen aus, als Hitler Böhmen und Mähren besetzte Es soll hier keineswegs verkannt werden, daß sich seitdem Anschluß österreidis,
und seine Forderungen an Polen in Form eines unbefristeten Ultimatums stellte. Die besonders aber seit der Besetzung Böhmens und Mährens in polnischen Bevölke-
deutsche "Umklammerung Polens" im Norden und Süden wurde durch das Nach- rungskreisen eine zunehmende Nervosität und Besorgnis bemerkbar gemacht hatte.
geben Litauens in der Memelfrage und durch die militärische Beherrschung der Slo- Wenn auch hinsichtlich der in der Tschechoslowakei zu erreichenden Ziele eine gewisse
wakei für jedermann offenkundig. Die sich daraus ergebende Bündnisverflechtung Parallelität mit polnischen Aspirationen bestand - siehe die Besetzung des westlichen
zwischen Polen und Großbritannien löste zweifellos Hitlers Entschluß mit aus, Polen Olsalandes! -, so wirkte, wie Botschafter von Moltke nach Berlin berichtete, doch
mit militärischen Mitteln auszuschalten. "der Umstand alarmierend, daß Deutschland dort - auf seine Minderheit gestützt _
Indessen bedeutete dieser Entschluß nur den Schlußstein einer Entwicklung, die auf politische Forderungen durchzusetzen vermochte. Hierdurch wurde der Blick natur-
gemäß auf die deutsche Minderheit gelenkt."
einer anderen Ebene - auf einer Art "Nebenkriegsschauplatz" - zu diesem Zeitpunkt
bereits in das Stadium der offenen Auseinandersetzung eingetreten war und den
VERSCHÄRFUNG DER SPANNUNGEN
deutsch-polnischen Beziehungen ihre unverwechselbare Färbung gegeben hat: im Be-
reiche der Volkstumsfrage, die schon seit 1937 durch ein erbittertes diplomatisches Nachdem Anfang November 1938 von der eigens für »volksdeutsche Belange" im
Ringen gekennzeichnet war. Februar 1937 gebildeten» Volksdeutschen MittelsteIle" ein Memorandum über »die
') Wir folgen bel dieser Darstellung Im wesentlichen zwei Aufsätzen von Dr. Rlchard Breyer in den Zeit- unhaltbare Lage der Volksdeutschen in Polen und die Notwendigkeit eines Eingrei-
schriften West-östliche BegegnunIl" (Heft 6/1959. Seite 711.) und .Der Kulturwart" (Heft 96/1969), vgl. auch
Rlchard Breyer: .Das Deutsche ReIch ••nd Polen 1932-1937", Würzburg 1955. ') .Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik", Baden-Baden, Bd. V. Serie 0, Dok.-Nr.48, Seite 55.

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fens des Reiches zur Besserung der Lage" erarbeitet und dem Reicbsaußenminister zur Abfassung eines abschließenden Protokolls kam es nicht, da nach Mitteilung des
zugeleitet worden war und General Karl Haushofer, der Münchener Geopoliciker, Ministerialdirektors Dr. Vollert, der im Auftrage des Reichsinnenministeriums den
als Kenner des Deutschtums im Ausland Hitler einen Vortrag über das gleiche Thema Verhandlungen beigewohnt hatte, die Gäste aus Warschau erklärten, daß sie "ange-
gehalten hatte, solldieser erwidert haben, daß er nicht beabsichtige, "sich das Verhal- sichts der im wesentlichen negativen Ergebnisse der Besprechungen ein Abschluß-
ten Polens gegenüber den Deutschen in Polen länger gefallen zu lassen". Communique für wertlos hielten".
Als erstes Anzeichen für diese neue Haltung kann die Weisullig vom 5.12.1938 an Die von deutscher Seite für einen späteren Zeitpunkt vorgeschlagene Wiederaufnahme
die deutsche Presse in den östlichen Grenzprovinzen gelten, "Tats'achen, die sich er- der Verhandlungen wurde nicht akzeptiert. Dr. Vollert faßte seine Eindrücke folgen-
eignen, als solche zu notieren und auch in gewissem Umfange Rückschlüsse und Folge- dermaßen zusammen: "Die Gespräche haben leider ein durchaus unbefriedigendes
rungen daraus zu ziehen", soweit es sich um deutsch-polnische Volkstumsfragen han- Ergebnis gezeitigt ... Die Polen denken nicht daran, ihre Politik gegenüber der deut-
delte, die in der Vergangenheit - auf Grund entsprechender Weisungen des Reichs- schen Volksgruppe irgendwie zu ändern. Sie mögen auf weniger wichtigen Gebieten
propagandaministeriums - weit zurückhaltender behandelt worden waren. zu kleinen Zugeständnissen bereit sein; in den das Leben der Volksgruppe berühren-
Im Sinne der von Ribbentrop schon am 24. Oktober 1938 angedeuteten "großen den Fragen jedoch sind sie bestrebt, ihre bisherige Entdeutschungspolitik mit allem
Nachdruck fortzusetzen." 7)
Lösung" kam es in Berchtesgaden am 5. Januar 1939 noch einmal zu einer Aussprache
zwischen dem Reichsaußenminister und Oberst Beck, der zusagte, in der Frage der Die am 3. März 1939 gescheiterten Verhandlungen wurden nicht wieder aufge-
Minderheiten "alles zu tun, um diese Dinge in ruhigere Hahnen zu lenken". Drei nommen.
Wochen später wurde im Verlauf des Gegenbesuchs von Ribbentrops in Warschau
vereinbart, daß "die seit langem geplanten Besprechungen zwischen leitenden Beam-
ten der beiden Innenministerien sofort aufgenommen werden" sollten.
Die Aufnahme dieser Verhandlungen erfolgte einen Monat später, am 27. Februar
1939, in Berlin. In einer hochgradig spannungsgeladenen Atmosphäre, die einerseits
durch den innen- und außenpolitischen Machtzuwachs des Dritten Reiches und ande-
rerseits durch zunehmende Besorgnisse der polnischen Regierung gekennzeichnet war,
bereitete bereits die Festlegung der Verhandlungspunkte ungewöhnliche Schwierig-
keiten.
Auf deutscher Seite hatte man ein Programm ausgearbeitet, das von Grenzfragen bis
zu Schul- und Kirchenproblemen sowie zu den beiderseitigen Volksgruppenorganisa-
tionen reichte. Kern dieser Verhandlungsvorschläge war das Bemühen um Vereinba-
rungen, die eine "tatsächliche Gleichbehandlung der Volksdeutschen" hätten ergeben
können. Demgegenüber beschränkte sich die Verhandlungsbereitschaft der Warschauer
Gesprächspartner darauf, "bei den entsprechenden untergeordneten Behörden in Polen
auf die Beachtung der Grundsätze der Minderheitenerklärung hinweisen zu wollen". 6)
Gespräche über die Agrarreformfrage oder über das polnische Grenzzonengesetz be-
zeichnete die polnische Delegation rundweg als "nicht angebracht". Nachdem die Ver-
handlungen dann sehr schleppend und praktisch ohne befriedigendes Ergebnis sei es
auch nur in Teilbereichen vorankamen, kündigten die Polen unvermutet am dritten
Verhandlungstage ihre Abreise an. Nur mit Mühe gelang es, sie zum längeren Ver-
bleiben in Berlin zu bewegen; jedoch lehnten sie weiterhin konsequent die Behandlung
bestimmter Fragen ab, selbst wenn diese bereits vorher Gegenstand vorbereitender
Gespräche zwischen der deutschen Botschaft in Warschau und dem polnischen Außen-
ministerium gewesen waren (so z. B. zur Situation der Deutschen im Olsagebiet). Auch
6) ebenda (ADAP), Bd. V, Nr. 132, Seite 14i. 'l ADAP, Band VI. Nr. 125. Seite 127f.

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r
Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges aktionen bei. Die Propaganda und die unbestreitbaren außenpolitischen Erfolge des
Dritten Reiches konnten ja gar nicht ungehört bei denjenigen verhallen, die jahraus,
Vor einem sich stetig verdüsternden Horizont fielen die Würfel in der großen inter- jahrein in ihren verbrieften Ansprüchen und Rechten vom polnischen Staat enttäuscht
nationalen Politik. Am 14. und 15. März 1939 marschierten deutsche Truppen in worden waren. Sie konnten dies um so weniger, als die rigorosen innenpolitischen
Prag, marschierten ungarische Verbände in der Karpato-Ukraine ein. Schon eine Praktiken des NS-Regimes dem Deutschtum im Ausland weitgehend unbekannt blie-
Woche später, am 22. März, erfolgte die Rückgliederung des Memellandes in das Deut- ben und als es auch in Polen selbst bis dahin sogar in Regierungskreisen genug Äuße-
sche Reich, und einen Tag später wurde - für die Polen ein "Alarmzeichen erster rungen der Bewunderung, zumindest der Anerkennung für die Leistungen und das Er-
Ordnung" -die Slowakei in den deutschen Machtbereich einbezogen. Bereits am starken Deutschlands gegeben hatte. War nicht selbst Polens staatliche und wirtschaft-
Vortage hatte von Ribbentrop an Lipski die bekannten Vorschläge an Polen in einer liche Machtausweitung durch die Besetzung des westlichen Olsagebietes im Schatten
Form wiederholt, die Warschauer Zeitungen als "Provokation" ausdeuteten. der Eingliederung des Suderenlandes an das Dritte Reich zustandegekommen? Hatte
über Nacht aber war gleichzeitig ein mächtiger Bundesgenosse mit einem Konsulta- nicht auch die polnische Minderheit in Deutschland durch das Zustandekommen der
tiv- und Beistandsangebot an Polens Seite getreten (21. März). Die polnische Regie- deutsch-polnischen Minderheiten-Vereinbarung profitiert?
rung, bei der bis dahin Unsicherheit und Nervosität überwogen hatten, sah nun ihre Um so härter wurde das Deutschtum in Polen durch die plötzlich verschärf!: zutage-
Position als ungemein gestärkt an. Die Einberufung dreier Reservisten-Jahrgänge zur getretenen Spannungen betroffen, die durch Aufkündigung des Nicht'angriffspaktes am
polnischen Armee erfolgte noch am gleichen Tage. Am 26. März übergab Botschafter 28. April ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.
Lipski im Auswärtigen Amt mit einem längeren Memorandum die ablehnende Ant-
wort Warschaus an die Reichsregierung. Die offizielle britische Garantieerklärung
(Beck hatte noch am 23. März die Ausweitung des angebotenen Konsultativpakts zu
PAROLEN UND GERÜCHTE
einem bilateralen Beistandspakt vorgeschlagen) löste am 31. März im ganzen Lande
einen Begeisterungstaumel aus, dem ein von zahlreichen Zeitungen nachgedruckter In einem Bericht des deutschen Botschafters in Warschau, von Moltke, an das Auswär-
Artikel des Militärblattes "Polska Zbrojna" unter der überschrift "Wir sind bereit" tige Amt vom 28. März lesen wir: "Die erregte Stimmung ... hat erheblich zugenom-
sehr selbstbewußten Ausdruck verlieh. men. In der Bevölkerung sind die wildesten Gerüchte verbreitet, so zum Beispiel, daß
Die fieberhafte politische und militärische Aktivität der letzten März-Dekade konnte in Oderberg Kämpfe zwischen deutschen und polnischen Truppen stattgefunden
bei einer zur Demonstration seiner moralischen und physischen Stärke aufgerufenen hätten, daß Minister Beck verhaftet worden sei und ähnliche phantastische Nach-
und seit jeher emfindsam-emotional reagierenden Bevölkerung nicht ohne Auswir- richten. Von ernsterer Bedeutung ist das Entstehen einer Kriegsstimmung, die durch
kungen bleiben. Hand in Hand mit der durch die Behörden vor allem in Posen- die Presse, durch antideutsche öffentliche Kundgebungen - besonders in der Provinz
Pommerellen, bald aber auch in Mittel- und Ostpolen verfügten Schließung deutscher - ... und zum Teil auch durch eine säbelrasselnde offiziöse Propaganda gefördert wird.
Lehranstalten und Vereinslokale sowie mit erneuten Massen-Entlassungen deutscher In weiten Kreisen glaubt man heute, daß der Krieg unvermeidlich geworden sei ...
Arbeiter und Angestellter gingen Ausschreitungen gegen deutsches Eigentum, bran- Daß es sich hierbei nicht nur um Pressepropaganda handelt, zeigt eine verbürgte Äuße-
dete eine Welle von Verfolgungen und Verhaftungen auf. Zumeist ausgelöst durch rung, die der Vizekriegsminister Gluchowski in einer seriösen Unterhaltung getan hat,
patriotische Kundgebungen und Kanzelreden machten sich angestaute Unsicherheits- wobei er ausführte, die deutsche Wehrmacht sei ein großer Bluff, denn Deutschland
und Haß gefühle plötzlich selbst in abgelegenen Orten und Landschaflen Lufl:, wo fehlten die ausgebildeten Reserven, um seine Einheiten aufzufüllen. Auf die Frage, ob
Deutsche und Polen bis dahin ungestört und friedlich zusammengelebt hatten. er glaube, daß Polen im Ernst Deutschland militärisch überlegen sei, antwortete Glu-
chowski: ,Aber selbstverständlich!' ... "8)
Antideutsche Flugschriften und Presseparolen unter dem Motto "Fort mit den Deut-
schen - sie haben lange genug unser Brot gegessen!" waren insbesondere in den In- Dieser Stimmungsbericht deckt sich mit den Aussagen neutraler Beobachter und auch
dustriegebieten mit stärkeren Deutschtumsgruppen bald an der Tagesordnung. Gleich- mit polnischen Schilderungen der Situation in Polen im Frühjahr 1939. Lakonisch regi-
zeitig erfolgten Ausweisungen und Verhafl:ungen von Betriebsleitern, Redakteuren, striert Louis de [ong, der Leiter des Niederländischen staatlichen Instituts für Kriees-
Gutsbesitzern und politischen Persönlichkeiten. dokumentation in Amsterdam: "Kaum eine andere europäische Nation war so geschlos-
"
Ohne Zweifel trug hier und da auch die Erstarkung der deutschen Volksgruppen- sen und so leidenschafl:lich gegen das Dritte Reich eingestellt wie die Polen ... Der
organisationen in den vorangegangenen Jahren zu den Verhafl:ungs- und Verfolgungs- 8) ADAP,Band VI, Nr. 115, Seite 119f.

24 25
polnische Nationalismus brannte gleichermaßen in den Herzen der Intellige~z und d~r lungen der einst von Deutschen gegründeten Molkereigenossensdiaflen bemühte sich die
Bauern ... Diese Empfindungen herrschten in einer Atmosphäre der öffentlIchen MeI- seit 1920 angewachsene polnische Mehrheit der Mitglieder, die Molkereien aus dem
nung, die so rasch wie Schießpulver Feuer fängt ... " 9) Und an anderer Stelle: "... Die deutschen Revisionsverband, der jahrzehntelang die Molkereien bestens betreut hatte
Reservisten von drei Jahrgängen wurden einberufen. Begeisterung flammte auf. Am (es gibt darüber polnische Berichte), herauszubringen und zu einem polnischen Verband
selben Tage wurden inden Häusern einiger Volksdeutscher in Posen und Krakau und überzugehen ... Im Juli wurden Herr von Koerber-Koerberrode, Kreis Graudenz, und
in der deutschen Botschaft in Warschau die Fenster eingeworfen. Eine Viertelstunde sein langjähriger Administrator Siebert ausgewiesen; danach Herr von Gordon-Lasko-
lang demonstrierten Menschen vor der Botschaft und riefen: ,Nieder mit Hitl~r! Nieder witz. Herr Frankenstein-Niederho/, Kreis Soldau, und der Kreisgeschäftsführer des
mit den deutschen Hunden! Es lebe das polnische Danzig!' ... Viele Leute hielten den Landbundes wie auch Dr. von Kries-Colmans/eld, Kreis Briesen wurden nach Ostpolen
Krieg für unvermeidlich. "10) abgeschoben. Um nur einige Namen zu nennen ... "12)

Der deutsdie Gutsbesitzer Hermann von Bülow erlebte die ersten Auswirkungen der
polnischen Teilmobilmachung lauf seinem Hof im Kreise Schubin: "In der zweiten
Märzhälfte und im April wurde die Stimmung hysterisch. Sämtliche Ortschaften in der KUNDGEBUNGEN - VERHÖRE - VERHAFTUNGEN

Umgebung wurden mit Soldaten belegt, deren Ausrüstung aber für damalige Zeiten
Die sich im Frühjahr 1939 sowohl in den Städten wie auf dem flachen Lande ausbrei-
reichlich altmodisch erschien: sehr viel Kavallerie, schöne Kavallerie sogar, die neben
tende Unruhe, die durch eine rege Versammlungstätigkeit der verschiedensten polni-
Karabinern und Säbeln auch noch Lanzen trug ... Die zweifellos gesteuerte Propa-
schen Organisationen eher angeheizt als eingedämmt wurde, machte vor Iden Toren der
ganda, die sich besonders in sonntäglichen öffentlichen Kundgebungen in den Städte.n
Lehranstalten nicht Halt. Studienrat Philipp Rudol] (früher Thorn, jetzt Bremen) be-
äußerte, kann nur als kindlich-primitiv bezeichnet werden: ,Nächste Woche gehen wir
nach Berlin!' hieß es,un1d: .Fürditee die Deutschen niditvihre Soldaten sind zu ver- richtet: "In den Monaten März und April kam es immer häufiger zu Zwischenfällen.
Fast täglich berichteten mir meine Schüler in Bromberg von Überfällen polnischer
wöhnt, sie vertragen keine Strapazen. Ihre Panzer sind Attrappen; bloßer Bluff - aus
Gymnasiasten und Volksschüler auf deutsche Kinder. Ich selbst war mehrfach Zeuge,
Pappe!' Das ist wahr, so ist es gewesen. "(iBA.)l1)
wie Zöglinge unserer Dürerschule von polnischen Gymnasiasten geschlagen wurden,
Eine Ergänzung dieser Erlebnisse bietendie Aufzeichnungen von Hans Joachim Mo-
und ich wurde wegen des Gebrauchs der deutsdien Sprache in der Straßenbahn von
drow seit Ende 1938 Vorsitzender des Landbundes Weichselgau, der deutschen Land-
polnischen Soldaten angepöbelt. Als Schriftleiter der ,Deutschen Schulzeitung in Polen'
wirtschaflsorganisation in Pommerellen: "Ende März erfolgte Englands Garantie für
wurde ich wiederholt auf die Starostei und zur Kriminalpolizei zitiert, unsere Zeitung
Polen. Anfang April wurden drei Angestellte des Landbundes verhaftet und später
verfiel der Beschlagnahme ... " Auch Hans Freiherr von Rosen (Grocholin) berichtet
verschleppt: der Hauptgeschäftsführer Obuch-Dirschau, der Jurist, Referendar H. G.
über ähnliche Vorkommnisse, die er auf die zunehmende Agitation von Presse und
Schulze-Dirschau, und der Thorner Kreisgeschäftsführer Bachmann ... über den Grund
Rundfunk zurückführt. "Im April 1939 wurden unsere Kinder auf der Fahrt zur
der Verhaftungen war bei den Behörden nichts zu erfahren - ein Verfahren fand bis
Schule mit Steinen beworfen - der polnische Kutscher schützte sie. Schlechter erging
zum Kriegsausbruch nicht statt. (Diese Verhafteten kamen erst im September in Ost- es anderen, die zu Fuß zur Schule gingen ... " (BA.)
polen wieder frei.) Auf Versammlungen, die bald darauf in der ganzen Wojewodschaft
In Bromberg erreichte die Kundgebungs- und Versammlungswelle mit einer am letzten
stattfanden, sprachen Agitatoren über die zunehmenden Schwierigkeiten Deutschlands,
März-Sonntag auf dem Elisabethmarkt von den Aufständischen und vom Westmarken-
sie sprachen aber auch bereits, für den Fall eines Krieges, von dem ,sicheren polnischen verband einberufenen Großkundgebung ihren Höhepunkt. Der Journalist Karl Heinz
Sieg bei Berlin'. Bei den seit 1920 zugewanderten Polen hatten sie manchen Erfolg, Fenske, der an dieser Veranstaltung als Zuschauer teilnahm, schildert ihren Ablauf sehr
kaum bei den alteingesessenen Polen, mit denen die Volksdeutschen vor und nach 1920 anschaulich: "Am Himmel hingen graue Wolken, es war noch kühl an diesem Sonntag
friedfertig zusammengelebt hatten ... Demgegenüber wurde die Versammlungstätig- in Bromberg. Dennoch waren die Menschen in großen Scharen zum Elisabethmarkt ge-
keit deutscher Organisationen weitgehend eingeschränkt. Bei den Generalversamm- kommen. Als der Satz fiel ,Wir wollen Oppeln und Königsberg!' hörte der Beifall
') L de Jong gibt diesen Lagebericht unter ausdrücklicher Zitlerung eines Briefes des Danziger Völker-
lange nicht auf. ,Wir geben das Land nicht her, aus dem unser Geschlecht stammt' sang
b~ndkommissars, Prof. earl Burckhardt, an F. P. Wallers im Generals'!krl!.tariat des Völkerbundes vom
20. 12. 1938 in seinem Buch "Die deutsche fünfte Kolonne Im 2. Weltkrieg , Stuttgart 1959, auf Seite 43
die Menge. Schon die Kinder in der Schule lernten damals die ,Rota' der Dichterin
Maria Konopnidca auswendig, ein Haßlied auf die Deutschen. Gleich nach dem Vater-
10) wieder.
L. de Jong: "Die deutsch'! fünfte Ko I"onne : .. , S ellt e 44/45 . " _
") Hermann von Bülow: .Erlnnerungen an die Jahre 1939-1945 Im B.rol!,lberger Raum, Ms: Im Bundes
archiv Koblenz. - Nachfolgend werden die aus dem .Bun~esarchlv übernommenen Berichte und Er-
innerungen lediglich durch einen entsprechenden TexthInweis (BA.) gekennzeichnet (vgl. das VORWORT ") Aus einer Broschüre Im Selbstverlag des Verfassers "Heimat an der Weichsel in Westpreußen 1920-
der Herausgeber). 1939 Im .Korridorgebiet'''. Rheinhausen 1967.

26 27
unser und der Nationalhymne. Und dann der letzte Vers: ,Die Deutschen werden uns polnischen Staatspräsidenten einen Lagebericht mit der Bitte, "den in der Verfassung
nicht ins Gesicht speien ... ' hallte es über den Platz. Ein katholischer Priester sprach und den Gesetzen verbürgten Rechten Achtung und Geltung zu verschaffen".
seinen Segen, Fahnen senkten sich, die Menge kniete nieder, die Kirchenglocken läute~el:. In dieser Eingabe heißt es unter anderem: "Die Lage der deutschen Volksgruppe war
Dann formierte sich ein Umzug. Eine halbe Stunde später versuchten polnische Polizi- immer schwer. Die aus dem weltpolitischen Geschehen entstandenen Spannungen ent-
sten die Schaufensterscheiben deutscher Geschäfte in den Hauptstraßen vor dem blinden laden sich seit Wochen in unverhülltem leidenschaA:lichem Haß und überaus zahlreichen
Eifer der Demonstranten zu schützen. Sie standen mit ausgebreiteten Armen davor und Gewalttaten gegen die deutsche Volksgruppe und ihre einzelnen Angehörigen. Wir
gaben sich ehrlich Mühe, die Menge zurückzuhalten. Sie taten ihre Pflicht, Aber e~ half haben von der Regierung die mündliche Versicherung erhalten, daß sie deutschfeind-
nicht viel ... ,Geben Sie zu, in Ihrem Bericht die Vorfälle in Bromberg entstellt wieder- liche Ausschreitungen mißbillige und Anweisungen erteilt habe, Aufreizungen und Aus-
gegeben zu haben?' fragte mich 48 Stunden später der ,Untersuchungs:icht~r fü~ beson- schreitungen zu verhindern. Wirksamen Schutz hat die Volksgruppe nicht gefunden.
dere Angelegenheiten', Herr Giertych. Er residierte in einem luxuriös eIngerI~teten Sie ist bis zur Vernichtung gefährdet. Die Zahl der arbeitslosen Deutschen ist erschrek-
Dienstraum im Gebäude des Korpskommandos in Thorn. Nachts hatte man mich ge- kend hoch. Sie nimmt besonders in den Industriegebieten ständig zu. Die Organe des
fesselt zu ihm gebracht. Er war korrekt mit einem Anflug eisiger Höflichkeit. ,Ich habe Arbeitsrechts versagenden Deutschen den Schutz. Deutschen ist die Einreihung in den
nichts getan als meine journalistische Pflicht - ich habe wahrheitsgemäß ~erichtet, '!'as Arbeitsprozeß so gut wie verschlossen. Für die Agrarreform wird der deutsche Grund-
ich selbst gesehen habe', antwortete ich ihm. ,Sie bekennen sich also nicht zu eIn~r besitz in unverhältnismäßig höherem Maße herangezogen als der polnische, während
Schuld?' - ,Nein.' Das war das ganze Verhör. Ich unterschrieb ein Protokoll, metn die Zuweisung von Siedlungsflämenan Deutsche geradezu auffallende Ausnahme
Gegenüber einen Haftbefehl. Dann wurde ich abgeführt." 13) . ist ... Die Pflege der kulturellen, geistigen, wirtschaA:lichen und persönlichen Beziehun-
Karl Heinz Fenskeerhielt erst ein halbes Jahr später - im September 1939 - In der gen und der Verkehr mit unserem Muttervolke werden behindert ... Katholischen Deut-
Zitadelle von Brest-Litowsk seine Freiheit zurück. schen wird die Ausübung der religiösen Pflichten in ihrer Muttersprache durch deutsch-
Auch in anderen Städten Polens - von Thorn und Posen bis Kattewitz und Bielitz -- feindliche Elemente vielfach erschwert und sogar unmöglich gemacht, ohne daß sie den
fanden im März und April zahlreiche Kundgebungen statt, die von paramilitärischen Schutz der Sicherheitsbehörden finden. Auf dem Gebiete der evangelischen Kirchen ...
Organisationen organisiert wurden, an denen aber auch zahlreiche andere Verbände wurden die Deutschen entrechtet, obwohl sie die bei weitem überwiegende Mehrheit des
z. B. der Eisenbahn- und Postbeamten sowie die Polnische PfadfinderschaA: teilnahmen. evangelischen Kirdienvolkesdarstellen. An den öffentlichen deutschen Schulen werden
Ober die anti deutschen Ausschreitungen, die zumeist im direkten Anschluß an diese polnische Lehrkräfte in einem Ausmaße beschäftigt, daß diese Schulen den Charakter
Versammlungen stattfanden, finden wir in den März- und April-Ausgaben der deut- als deutsche Lehranstalten verloren haben. Für den deutschen Lehrernachwuchs be-
schen Zeitungen in Polen, oA:allerdings nur in vosichtig formulierten Meldungen und steht keine deutsche Anstalt. Das deutsche Privatschulwesen stößt auf die mannig-
mehr andeutenden Berichten, aufschlußreiche Hinweise. Während die zahllosen Schau- fachsten Erschwernisse ... Eine Zusammenfassung unserer deutschen J ugend in einem
fenstereinwürfe in deutschen Banken, Buchhandlungen, Vereinslokalen und Pfarrhäu- geschlossenen Verband zu erzieherischer und kultureller Betätigung ist bis heute am
sern noch als relativ harmlos bezeichnet werden können, häuften sich in rasch zuneh- Widerstand der Behörde gescheitert. Unsere deutschen Kinder sind gerade in dem
mendem Maße besonders in den Städten die überfälle auf deutschsprechende Passan- Alter, wo sie für die Erziehung am zugänglichsten sind, sich vollständig selbst über-
ten, die mit schweren Prügeleien verbundenen Störungen deutscher Versammlungen, lassen ... (14)
Turnveranstaltungen und sogar Gottesdienste. Boykottaktionen gegenüber deutschen
Die Eingabe der beiden Senatoren schließt mit dem Hinweis auf die "der Regierung
Firmen, die Schließung ganzer Betriebe und die Beschlagnahmung deutschen Privat-
seit Jahren vorliegenden, eingehend begründeten Denkschriften und Anträge", die bis
eigentums gehörten in diesen Wochen und Monaten zum Alltag des Deutschtums in
dahin unbeachtet geblieben seien, so daß die deutsche Volksgruppe die Überzeugung
Polen. gewinnen müsse, "daß ihre Behandlung der Verfassung und in sehr vielen Fällen den
Absichten des Gesetzgebers widerspricht".
" ••• BIS ZUR VERNICHTUNG GEFÄHRDET"
Bereits einen Tag nach Veröffentlichung dieses Memorandums erreichten die antideut-
In einem eindringlichen Appell unterbreiteten namens der deutschen Volksgruppe in schen Ausschreitungen - diesmal in Mittelpolen - einen weiteren Höhepunkt.
Polen am 12. Mai 1939 Senator Erwin Hasbach und Ingenieur Rudolf Wiesner dem Der bei seiner Aufzählung von Deutschenverfolgungen in Polen während des Frühjahrs

13) K. H. Fenske: .Von Bromberg bis Brest-Litowsk", unveröffentlichtes Manuskript aus dem Archiv des ") Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges, Berlin 1939, Nr. 369, Seite 349 f.
Ostdeutschen Ku itu rrats , Bonn.

28 29
und Sommers 1939 sehr sparsame und zurückhaltende Holländer de [ong kann nicht werker und Industriearbeiter und sogar Bauern ließen zu Tausenden in diesen Wochen
umhin, festzustellen, daß "Mitte Mai in einer kleinen Stadt, wo 3000 Volksdeutsche und Monaten ihr Hab und Gut im Stich oder verschleuderten ihre Wirtschaften und
unter beinahe 40000 Polen lebten, in vielen Häusern und Läden die Einrichtung in gingen über die »grüne Grenze" nach Deutschland.
Stücke geschlagen" worden sei.15) Frau H. Pyrkosch, die als Reichsdeutsche im Sommer 1938 zum erstenmal nach Polen
gekommen war, erzählt: »Mein Mann übernahm im Juli 1938 die Leitung einer großen
Diesle "kleine Stadt", in der es bis dahin schon angesichts der zahlenmäßigen Unter-
Keramik- und Kachelfabrik in Andrespol bei Lodz, Diese Firma befand sich seit drei
legenheit des Deutschtums niemals zu Auseinandersetzungen zwischen den Angehöri-
Generationen im Besitz der Famile Krause, auch der Name Andrespol ist von Andreas
gen beider Nationen gekommen war, heißt Tomasz6w Mazowiecki und liegt südöstlich
Krause hergeleitet •.. Die Bewohner waren fast durchweg Deutsche, sie sprachen auch
von Lodz an der Pilica. Hier hatte der polnische Gewerkschaftsverband auf großen
noch richtig schwäbisch ... Nachdem bis zum Frühjahr alles gut gegangen war, spitzte
Plakaten offen zu einer »Demonstration gegen die Deutschen" aufgerufen. Die Kund-
sich die Lage im Mai, nach den Deutschenverfolgungen in Tomaszow plötzlich auch
gebung begannam Samstag, dem 13. Mai, mit Ansprachen vom Balkon eines Gebäudes
bei uns sehr zu. Wenn es auch nicht zu Ausschreitungen kam - hier waren die Deut-
aus, in dem u. a. die Regierungspartei OZN und deren Jugendorganisation "Mloda
schen ja in der großen Mehrzahl-, so kennzeichnet der Umstand die absurde Situation
Polska" ihren Sitz hatten. Eine große Menschenmenge wurde zunächst über die »Be-
wohl eindringlich genug, daß der Inhaber einer von Deutschen aufgebauten bei einer
drohung Polens durch die Deutschen" aufgeklärt. Die Empörung wuchs, als andere
zu vier Fünfteln laus Deutschen bestehenden Belegschaft gezwungen wurde, einen gro-
Redner lang und breit über Schikanen berichteten, denen »die Polen im Hitlerreich aus-
ßen Teil dieser Leute bis auf die unentbehrlichsten zu entlassen. Während mein Mann
gesetzt" seien; sie würden gefoltert, man vernichte ihre Schulen und Kirchen und rotte
bei seiner Ankunft in Andrespol vierhundert deutsche und etwa hundert polnische
sie allmählich aus. Das genügte. Die aufgewiegelte Menge zog anschließend durch die
Arbeiter in der Firma Krause vorgefunden hatte, war das Verhältnis im Mai 1939 auf
Stadt, schlug auf jeden Deutschen ein, der als solcher erkannt wurde, demolierte eine
einmal umgekehrt! Jedes Wochenende kamen Agitatoren aus Lodz in unser Dorf, wo
große Zahl von Wohnungen und Geschäften und forderte von allen Fabrikbesitzern
sie inder ,Swietlica', der Gemeindehalle, die polnische Bevölkerung über die ,bösen
die sofortige Entlassung der deutschen Arbeiter und Angestellten. Die Ausschreitungen
Deutschen' aufklärten. Die Folgen ließen nicht auf sich warten,
nahmen am Sonntagabend ihren Fortgang, ohne daß die Polizei eingriff. An beiden
Tagen wurden zahlreiche Verletzte im Tomasz6wer Krankenhaus behandelt; zehn Im Laden, in dem ich einkaufte, unterhielten sich einmal Frauen ungeniert mit Seiten-
Schwerverletzte konnten erst nach Wochen bzw. Monaten aus der Behandlung entlas- blicken auf mich: ,Bald geht's lO'S', sagten sie: ,Unsere Männer werden jetzt bald dafür
sen werden. sorgen, daß Sie schneller bei Ihrem Hitler sind!' Es war selbseverständlich, daß das Ab-
hören deutscher Sendungen verboten war, daß die deutschen Kinder polnische Schulen
Der deutsche Konsul in Lodz, Freiherr von Berchem-Königsfeld, berichtete am 18. Mai
besuchen mußten und daß kein Pole auf dem Gemeindeamt mehr ,Deutsch verstehen',
an das Auswärtige Amt, daß "eine große Anzahl von Deutschen nicht nur aus Toma-
geschweige denn sprechen wollte ... Nach den Vorkommnissen in Tomasz6w bezog
szow selbst, sondernauc:h aus umliegenden Dörfern, wo deutsdie Bauern wohnen, Sach-
unser Chef Nacht um Nacht mit seiner Familie eine Waldhütte: die Angst vor über-
schäden gemeldet und gleichzeitig gebeten haben, ihnen die Abwanderung nach Deutsch-
fällen war allgemein. Und eines Tages bat er uns, ,doch am besten einen längeren Ur-
land zu ermöglichen" .16)
laub anzutreten', denn für unsere Sicherheit könne er nicht mehr einstehen. Wir folgten
Damit war in Mittelpolen eine ähnliche Situation deutlich geworden wie sie in Posen- diesem Rat ... « (BA)
Pommerellen und in Ostüberschlesien schon seit März die Lage der deutsdien Bevölke- Auch in Lodz, Pabjanice und Konstantynow in Mittelpolen kam es - sicher nicht zu-
rung kennzeichnete: Beschädigungen und Diebstahl deutschen Eigentums, nächtliche fällig am gleichen Tage wie in Tomaszow, d. h. am 13. Mai -'zu anti deutschen Demon-
überfälle, Mißhandlungen und Morddrohungen führten zu einer bis dahin niemals in strationen.
diesem Raum beobachteten Unruhe und Angst. Die Konsequenzen, die sich aus dieser
Lage ergaben, wurden zuerst von den - vor allem in den größeren Städten als Fach-
kräfte tätigen - Reichsdeutschen gezogen: da sie in materieller Hinsicht ohnehin unab-
hängiger und »beweglicher" waren als die alteingesessenen deutschen Familien, war der DIE ROLLE DER POLNISCHEN PRESSE

Entschluß in den meisten Fällen schnell gefaßt. Aber auch arbeitslose deutsche Hand-
Die Stimmung im ganzen Lande und die zunehmend antideutsche Haltung selbst in
15! L. de Jong: .Die deutsche fünfte Kolonne .•• ", OVA Stuttgart 1959, Seite 45. . denjenigen Provinzen, in denen die deutsche und die polnische Bevölkerung bis dahin
" Dokumente •.• , Nr. 371, Seite 352, erwähnt auch in ADAP, Band VI, Nr. 402, Seite 435.

30 31
Heeres bekannt: neben dem brutalen Preußen stehe der dickbäuchige Bayer, der fried-
friedlich zusammengelebt oder zumindest nebeneinandergelebt hatte, kann natürlich
liebende Osterreicher. Der bescheidene polnische Soldat habe die Fähigkeit zur Entsa-
nicht allein auf das Wirken bestimmter Organisationen und Agitatorengruppen zu-
gung und Selbstverleugnung, der deutsche Soldat sei durch Luxus ebenso verwöhnt, wie
rückgeführt werden. Eine Reihe von Zeitungen und insbesondere auch Rundfunksen-
die Junge Generation in Deutschland schlechthin durch einen übermäßigen Genußtrieb
dungen sorgten auf ihre Art für die "Anheizung" der Stimmung und die überzeugung,
gekennzeichnet sei, was sich in Geschlechtskrankheiten ausdrücke, denen 75 v. H. der
daß Deutschland auf dem Wege sei, die "traditionellen Gefühle der Feindschaft gegen-
deutschen Jugend verfallen wäre. Deutschland versuche jetzt sogar, Seuchen und Alko-
über Polen wieder einmal in Handlungen umzusetzen".17) hol auch nach Polen einzuschleppen. Wörtlich: "Viele Restaurants in Polnisch-Schlesien
Bereits Anfang April verkündete die dem polnischen Oberkommando nahestehende erhalten aus Deutschland Unterstützung, um die polnische Jugend systematisch an
Zeitung "Polska Zbrojna" unter dem anspruchsvollen Titel "Polen und die Ehre Euro- Trunksucht zu Igewöhnen und ihre moralische Widerstandskraft zu schwächen. Unter-
pas" die folgenden Thesen zur moralischen Stärke und überlegenheit des polnischen suchungen haben ergeben, daß die Hitleristen zu dem gleichen Zweck bewußt Aether
Heeres bei künftigen Waffengängen: " ... Heute brauchen wir nicht mehr mit Sensen als Rauschgift nach Polen schmuggelten!" Und endlich: Der künftige Krieg verlange
zu kämpfen und die Geschütze zu erobern, um sie gegenden Feind zu kehren. Den Individualisten; der Pole sei ein typischer Individualist, während sich der Deutsche nur
Unterschied in der technischen Ausbildung überwindet das polnische Heer durch den in der Masse wohlfühle und nicht allein zu helfen wisse.20)
Reichtum seines Geistes, die Widerstandsfähigkeit seines Soldaten, der gewohnt ist, Daß es sich bei derartigen Meinungsäußerungen und Kommentaren keineswegs um
Einzelansichten oder bloße Zweckpropaganda bestimmter militärischer Kreise oder
allein gegen zehn zu kämpfen. Und schließlich wird das ganze Volk um die vor ~o kur-
poLitischer Gruppierungen handelte, beweisen die Leitartikel, die innen- und außen-
zer Zeit erst erworbene Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen. Jede Schwelle wird uns
politischen Lageberichte in allen größeren polnischen Blättern mit Ausnahme der Links-
eine Festung sein, und man wird Polen nicht an seinen strategischen Knotenpunk:en
presse, wobei oft die abenteuerlidisten Berichte und Meldungen gerade gut genug er-
oder an seinen Befestigungen und Frontabschnitten erobern können, sondern man wird
schienen, die Moral der Bevölkerung zu stärken, die allgemeine Stimmung zu verbessern
es Haus bei Haus Friedhof bei Friedhof, Furche 'bei Furche verteidigen. So lange nur ein
und gleichzeitig auch die Situation der nationalen Minderheiten in den beiden Staaten
Zaun stehen wird, so lange wird hinter dem Zaun ein Schütze mit einer guten Waffe in
in entsprechenden Farben zu schildern.
sicherer Hand stehen ... Wir sind gewohnt, uns auf uns selbst zu verlassen. Bündnisse
So behauptete der "Kurjer Poznanski" am 16. Juni, Deutschland triebe gegenüber der
sind für uns wertvoll, aber man muß bedenken, daß sie noch wertvoller für unsere
polnischen Minderheit eine Politik des Terrors und der Gewalt. Wenn diese Politik
Verbündeten sind. "18) weitergeführt werden würde, dann werde "die Rechnungen dieser politischen Methode
Diese offensichtlich auf Polens neuen Bündniispartner Großbritannien bezogenen Sätze das deutsche Element in Polen bezahlen". Die Deutschen in Polen aber hätten "genug,
erfuhren schon bald darauf in derselben Zeitung ihre Ergänzung und Verdeutlichung, womit sie zahlen könnten". Im übrigen habe General Haushofer vor kurzem erst in der
indem "Polska Zbrojna" eine Reihe von Vorträgen des Hauptmanns Polesinski, die "Zeitschrift für Geopolitik" festgestellt, der Zukunfts krieg werde niemanden verscho-
dieser im Mai und Juni in großen polnischen Garnisonsstädten gehalten hatte, aus- nen. Gegenüber einer solchen "deutschen Drohung" könne Polen ruhig bleiben, denn
führlich wiedergab. Am Schluß hieß es: "Bei uns herrscht ein von den Vätern über- "innerhalb der Grenzen des polnischen Staates befinden sich zwar weniger Deutsche als
kommener Haß gegen die Deutschen und das Deutschtum. Der Krieg wäre für Polen Polen in Deutschland, aber das sind wohlhabende Deutsche, in guten Verhältnissen,
darunter sogar viele ,dicke Fische'."
ein heiliger Kreuzzug. "19)
Wenn es die deutsche Armee auf einen Vernichtungskrieg angelegt haben sollte, wäre
Derselben Zeitung zufolge führte Polesinski - hier nur kurz umrissen - in immer neuen Polen gezwungen, "auf hitleristisches Nichtschonen von Frauen und Kindern mit einem
Varianten das folgende aus: Auf den Schlachtfeldern der Neuzeit siegten nicht mehr entsprechenden Vorgehen gegen die wohlhabenden und einflußreichen Deutschen zu
Maschinen und Waffen, sondern es siege, wer den stärkeren Charakter und Willen habe. antworten, die sich in der Gewalt Polens befinden und die man aus dieser Gewalt nicht
Vom Standpunkt der moralischen Haltung sei der polnische Soldat dem deutschen weit entlassen würde. "21)
überlegen. Der polnische Soldat komme vorwiegend vom Lande, er sei somit hart- In großer Aufmachung berichtete die Krakauer Zeitung "Czas" über katastrophale Zu-
näckig, ausdauernd und unbeugsam; der deutsche Soldat sei demgegenüber als Städter stände innerhalb Deutschlands. Es herrsche Lebensmittelmangel, und die Bevölkerunz
verweichlicht und durch die Bequemlichkeit, die die Technik biete, nachgiebig und grö- lebte in Angst und Sorgen. Demzufolge wachse auch die Zahl der "heimlichen" Korn-
ßeren Schwierigkeiten nicht gewachsen. Auch sei die Uneinheitlichkeit des deutschen munisten ständig und betrage bereits zehn Millionen; die kriegsfeindliche Stimmung
im Heer sei offenkundig, denn es gebe in jeder Kasernenstube einen Gestapobeamten,
17) .Kurler Poznanskl", Posen, vom 17.6.1939. .., .Polska Zbrolna' vom 1. 6. 1939.
18! .Polska Zbrol"na" vom 11. 4. 1939. ") .Kurjer PoZnanskl", Posen. vom 18. 8. 1939.
" .Polska Zbro na" vom 1. 6. 1939.

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32
der die Stimmung überwachen müsse, und Deutschland halbe bei der Aufnahme von
r geschult würden. Die Folgen lägen auf der Hand, und es sei an der Zeit, daß die
Kampfhandlungen jederzeit "mIit einem zweiten Krieg im Landesinneren zu rech- polnische Regierung und die Behörden diesem Treiben ein Ende bereiteten.
nen".22) Diese Aufforderung ergänzte der Krakauer "Ilustrowany Kurjer Codzienny" schon
Das Regierungsblatt "Express Poranny" wußte von ständigen Sabotagefällen zu be- wenige Tage späcer durdi die Mitteilung, daß "in Danzig systematisch junge deutsche
richten, durch die die deutsche Wirtschaft und insbesondere die Rüstungsbetriebe stark Mädchen aus Polen - insgesamt schon mehr als achttausend - als Spioninnen ausge-
betroffen seien; die Bergarbeiter leisteten immer weniger, bei der Eisenhahn herrschten bildet" würden.26)
chaotische Zustände, die Lokomotiven seien zumeist reparatUr'bedürftig, und lange Daß es sich bei der Ausbildung deutscher Mädchen an der "Storchen-Klinik" in Danzig
Wehrmachttransportzüge stünden oft Wochen hindurch vergessen auf toten Gleisen.P) und in Heimen des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland um ganz etwas ande-
Der unermüdlichen Herausstreichung der Tapferkeit des polnischen Soldaten und der res und Harmloseres gehandelt haben könnte, weil nämlich dank der behördlichen
Kampfkraft polnischer Truppenvel1bände, die auf verschiedensten Kriegsschaupläezen Maßnahmen in Polen selbst die Weiterführung des deutschen Schulunterrichts weit-
bewiesen worden seien, srelkeder Krakauer "Uustrowany Kurjer Codzienny", die gehend eingeschränkt war, ganz 'zu schweigen von den fehlenden Volkshochschulen
polnische Tageszeitung mit der höchsten Auflageziffer, Untächtigkeit und ~lf~osig- und sonstigen Ausbildungsstätten - das zu ergründen machten sich die Redakteure der
keit auf Seiten des 'deutschen Heeres und seiner Führung entgegen. Das sea bei den Krakauer Zeitung schon deshalb nicht die Mühe, ais sie sich ja dann naheliegenderweise
Aufständen im Posener Raum und in Oberschlesien, wo schlecht bewaffnete polnische auch mit der Tatsache hätten auseinandersetzen müssen, daß die Teilnahme an a11die-
Verbarade über gut auslgerustete deutsche Truppen gesiegt hätten, ebenso bewiesen sen Ausbildungskursen völlig legal auf Gegenseitigkeitsbasisdurchgeführt wurde und
worden wie .im Weltkrieg 1916 etwa in Wolhynien, wo polnische Soldaten unzählige daß für die in ihren Ferien aus Polen ausreisenden deutschen Schüler und Studenten
Male deutsche Soldaten gerettet hätten.24) eine nicht geringere Zahl polnischer Jugendlicher aus Deutschland in ihr Mutterland
In um so seltsamerem Gegensatz zu den Schilderungen der mangelnden Kampfkraft kam ... 27)
des deutschen Soldaten und der wirtschaftlichen Schwäche und organisatorischen Un- Von der Darstellung der deutschen Spionengefahr, auf die wir an anderer Stelle noch
rüchtigkeit des Dritten Reiches standen die z, T. sehr anschaulich ausgemalten Warnun- näher einzugehen haben werden, bis zu den Warnungen an die Adresse aller Deut-
gen vor deutschen Spionen und Agenten im Lande, Warnung,en aber auch an die schen in Polen, .die ja bereits im März und April drastisch genug mit den an zahllose
Adresse der Deutschen selbst. Hier nur zwei typische Zeitungsberichte ausden 'Man- und deutsche Wohnungen, Betriebe und Scheunentore gemalten Totenköpfe ihren Anfang
Juni-Tagen 1939, deren Wirkung schon deswegen nicht ausbleiben konnte, weil Artikel genommen hatten, war es nur noch ein Schritt.
dieser Art - wenn sie nur "Neues" brachten und sensationell genug aufgemacht waren Vielsagend schloß die Journalistin Zo/ia Zelska-Mrozowicka in einer Bromberger Ta-
_ bereitwillig auch von anderen Zeitungen nachgedruckt wurden. geszeitung einen an die Polen gerichteten Appell zum Zusammenhalten und "zur Be-
Nachdem in kürzeren Meldungen und Berichten der polnischen Presse schon früher des kundung harter Entschlossenheit zum Widerstand gegen äußere Feinde" mit dieser
öfteren auf deutsche Geheimbündelei, Agententätigkeit und staatsfeindliche Unter- "Klarstellung": " ... Es hat gar keinen Zweck,den Deutschen in Polen zu Hilfe eilen
grundorganisationen ,eingegangen worden war, nahm ein einfallsreicher Mitarbeiter des zu wollen, weil sie nämlich gar keinen Grund haben, um Hilfe zu bitten. Sie wissen
"Kurjer Polski", eines von der polnischen Schwerindustrie finanzierten Organs, nach - durchaus, daß ihnen in Polen kein Haar gekrümmt wird, so lange hier Ruhe herrscht.
wie es hieß - "sorgfältiger Erkundungsarbeit" das Thema der "weiblichen deutschen Sie sind intelligent genug, um sich darüber klar zu 'sein, daß im Kriegsfalle kein ein-
Spionage in Polen" <lJuf.25Er) breitete beunruhigende Beobachtungen aus. Danach gab heimischer Feind lebend entrinnen wird. Wie dem auch immer sei: die polnischen
es in Polen nicht weniger 'als zwanzigtausend jungedeutsche Frauen, die in polnischen Staatsbürger deutscher Nationalität zittern im Gedanken daran, daß es einen feind-
Familien als Erzieherinnen und Kindermädchen wirkten; diese Mädchen und Frauen lichen Angriff auf das polnische Hoheitsgebiet geben könnte. Sollte es unter ihnen aber
machten - als Diakonissen getarnt - in Berlin besondere Schulungskurse durch; sie hier und dort Anhänger eines ausländischen Regimes geben, so wissen sie mit Bestimmt-
seien im übrigen ohnehin durch die evangelische Kirche streng und diszipliniert orga- heit: der Führer ist weit, aber der polnische Staat ist nahe, und in den Wäldern fehlt
nisiert und hielten sich an die Verpflichtung, ihr Geld nur deutschen Bankenanzuver- es nicht an Ästen. "28)
trauen und sich gegenseitig zu unterstützen. Bei Tanzabenden und anderswo kämen sie In einem hatte Frau Zelska-Mrozowicka zweifellos recht: Die sich nach der Kündigung
dann zusammen und würden zu "delikaten Missionen" eingesetzt. Im übrigen gehörten des Nichtangriffspaktes mit Polen durch Hitler und nach der Einberufung dreier Re-
diese "Diakonissen" alle miteinander dem BDM an, und sie kämen in den Ferien wie- servisten- Jahrgänge auf polnischer Seite allmählich immer deutlicher abzeichnende
derum in Lager der "Kraft-durch-Fr,eude"-Organisation, wo sie entsprechend weiter- Möglichkeit eines Kriegsausbruchs beunruhigte die Deutsdien in Polen in weit stärke-

22)
23)
"Czas" vom 7. 7. 1939.
Express poranny" vom 10. 7. 1939.
:1I .lIustrowany KurJer Codzienny" vom 22. 6. 1939.
Vgl. das Kapitel .Lehrgänge und Austauschreisen" Im Buch .Deutsche Jugendbewegung und Jugend-
") :lIustrowany KurJer Codzienny", Krakau, vom 21.6.1939. ,. arbelt In Polen 1919-1939', Würzburg 1957, Seite 61 ff.
25) .Kurjer Polski" vom 16. 6. 1939.
I ,Dzlennlk Bydgoskl" vom 11.5.1939.

3S
34
rem Maße, als dies aJUS ihren Zeitungen hätte herausgelesen werden können. Und es Die anonymen Schreiben in den Briefkästen deutscher Pfarrhäuser, Briefe und Zettel,
lagen - wenn man die positive Haltung weiter Kreise dieses Deutschtums zum Natio- in denen die Pastoren aufgefordert wurden, das Land innerhalb kürzester Frist zu ver-
nalsozialismus in Betracht zog - die Fragen der "Lodzer Volkszeitung", des Organs Lassen, da sonst" Todesurteile vollstreckt werden" würden, häuften sich.30)Anderswo
der deutschen Sozialdemokraten in Mittelpolen, in einem "In schwerer Stunde" über- wurden Pfarrer und Kantoren von wohlmeinenden polnischen Bürgern, hier und da
schriebenen Artikel'") nur allzu nahe: "... Wie kommt man dazu, die deutsche Min- auch von katholischen Priestern, gewarnt und darauf hingewiesen, daß sie gut daran
derheit in Polen für diesen Stand der Dinge verantwortlich zu machen? Vielleicht, weil täten, zumindest vorübergehend ihren Wohnort zu wechseln, einen Urlaub anzutreten
ein großer Teil dieser Minderheit sich zum Narionalsozialismus bekannte? Also - wie oder außer Landes zu gehen, da sie sonst "Unannehmlichkeiten", wenn nicht gar
heute festgestellt wird - nicht loyal sei? Die polnische Presse bringt Tag für Tag Schlimmerem entgegenzusehen hätten. In der von Lic, Dr. Richard Kammel im Auf-
spaltenlange Berichte über die Gefährlichkeit des Nationalsozialismus. Diese Bericht- trage des Evangelischen Konsistoriums 1940 in Posen herausgegebenen Berichtsamm-
erstattung ist in denjenigen polnischen Organen Tageskost geworden, die vor noch lung unter dem Titel "Er hilft uns frei aus aller Not" schildern zahlreiche deutsche
nicht allzu langer Zeit den Nationalsozialismus lobten und diesen selbst für uns in Pastoren ihre Erlebnisse im Sommer und Herbst 1939. Der Posener Generalsuper-
mehr oder minder klarer Form empfahlen. Wir fragen: Haben diese Organe auch ein intendent D. Blau wies in einem Geleitwort 'zu diesem Buch, "das nicht anklagen und
Recht, die deutsche Minderheit in Polen dafür zu verurteilen, weil sie zum Teil einem am wenigsten die Stimmung des Hasses und der Rachegefühle wecken ... , sondern nur
System huldigte, das durch diese Organe lobend hervorgehoben wurde?" Tatsachenberidrre bringen will", darauf hin, daß aus einem noch nicht überschaubaren,
Indessen nahm das politische Geschehen beiderseits der zu einem europäischen Brenn- sehr umfangreichen Material nur typische Einzeldarstellungen ausgewählt worden
punkt gewor,denen deutsch ..•polnischen Grenzen unaufhaltsam - nicht zuletzt unter seien. Auch sie aber zeigten bereits, "in welcher engen Verbundenheit bei uns Volkstum
immer intensiverer Einwirkung der Presse und des Rundfunks in beiden Ländern - und Kirche standen, und wie das Volk an der Kirche seinen stärksten Halt ... be-
seinen Lauf. Und weder die - ohnehin stark zusammengeschmolzene - Deutsche Sozia- saß".31)
listische Arbeitspartei Polens, als deren Sprecherin die "Lodzer Volkszeitung" noch Daß sich dieser Hinweis zu jenem Zeitpunkt bereits unüberhörbar an die Adresse der
einmal beschwörend ihre Stimme erhoben haste, noch einsichtige und gemäßigte polni- Posener Gauleitungder NSDAP richtete, die 1940 immer einschneidendere Maßnahmen
sche Führungskreise vermochten dem auf eine "So-oder-so-Gesamtlösung" aller stritti- zur Eindämmung des Einflusses der Kirche auf die Bevölkerung des "Reichsgaues
gen Fragen gerichteten Kurs der Regierungen in Warschau und in Berlin entgegenzu- Wartheland" ergriff, versteht sich bei Lage der Dinge von selbst.
wirken. Mit dem August 1939 begann - vor dem endgültigen Zusammenbruch aller
Hier nur wenige Auszüge aus einer erschütternden Bilanz, der ein Verzeichnis von
Hoffnungen auf einen friedlichen Ausgleich - der heißeste Monat in der Geschichte
14 zumeist in den ersten Kriegstagen ermordeter Pastoren vorangestellt ist, Pastor
der deutschen Volksgruppe in Polen.
Martin Schenk-Friedemhorst (jastrebsko Stare, Kreis Neutomisdiel) berichtet über
die letzten August-Wochen in seiner Gemeinde: "Je bedrohlicher im August die
Lage wurde, desto brennender wurde für unsere Gemeindemitglieder die Frage,
KONFESSIONELLE NEBENTÖNE
wie 'sie sich bei einem Ausbruch des Krieges zu verhalten hätten ... Kleine pol-
Die Gleichsetzung der evangelischen Kirche und ihrer Repräsentanten in Polen mit dem nische Kinder sagten ihrem (deutschen) Hauswirt, ,daß er in den Krieg müsse und
Deutschtum ("Co ewangelik - to niemiec!") brachte es mit sich, daß die Demonstratio- die Familie ermordet werden würde. Ein polnischer Händler erklärte: Mit den
nen und Gewaltakte auch vor der Schwelle der Gotteshäuser, der Pfarrämter und Köpfen von Pastors Kindern werden wir Kegel schieben. Ähnliche Drohungen
Friedhöfe nicht Halt machten. Nachdem es im Frühjahr 1939 zunächst nur vereinzelt- wurden wiederholt gegen Deutsche ausgesprochen . . . Die polnische Bevölkerung
hauptsächlich in den westlichen Grenzgebieten - zu Drohungen und Ausschreitungen bereitete indessen ihre Flucht vor. Reichere Polen aus Neutornischel zogen mit
gegenüber deutschen Pastoren und Gemeindehelfern gekommen war, häuften sich diese ihren Möbeln fort, das ärmere Volk begann, die Sachen einzupacken. Sie sagten, daß sie
Fälle im gleichen Maße, in dem die Presse ihre anti deutsche Kampagne verschärfte. bei ihrem Wegzug noch möglichst viele Deutsche umbringen wollten •.. Am 24. August
Eine Vertiefung der Spannungen trat ein, als im Juli und August auch polnisch-katho- wurden etwa zwanzig junge deutsehe Männer, größtenteils Familienväter, zum polni-
lische Priester in immer offenerer Form "die Sache Polens" zu ihrer eigenen machten schen Heer einberufen ... Am 26. August fand im Pfarrhaus und in der Kirche eine
und von den Kanzeln herab in den Tenor der Kundgebungsredner einstimmten; dieser dreistündige Haussuchung nach Waffen durch einen Wachtmeister sowie einen Korporal
Tenor hieß jetzt nicht mehr nur" Wachsamkeit" und "Bereitschaft zur Verteidigung und vier Mannschaften der ,obrona narodowa' (eine Art Volksmiliz) statt. In der
der heiligen Güter des Volkes" - er hieß: "Die Deutschen sind eure Feinde, die Feinde Nacht nach den Haussuchungen brannten sämtliche Ställe der Pflaumsehen Wirtschaft
des katholischen Polen!" .., .Er hilft uns frei aus aller Not", Erlebnisberichte aus den Septembertagen 1939 Lutherverlsg Posen
1940, Seite 120. '
2') .Lodzer Volkszeitung" vom 18.6.1939. ") ebends (.Erlebnlsberlchte •.• "), Posen 1940, Seite 3/4.

37
durch polnische Brandstiftung nieder. Wir mußten nun ein gleiches Schicksal befürchten die ersten Rufe laut: ,Precz z Niemcami!' (Fort mit den Deutschen!), und schon kamen
und verbrachten seitdem die Nächte wachend im Hause ... Die meisten Männer der auch Steine geflogen. Daraufhin sagte Pastor Dietrich: Wir wollen unseren Gottesdienst
Gemeinde aber schliefen überhaupt nicht mehr in ihren Häusern. Viele hielten sich in in der Leiche.nhalle abhalten. Als wir hier ankamen, hatte sich schon die Menschenmenge
den Wäldchen und in den Weidenkulturen auf, mit denen unsere verstreuten Haulände- v~: dem Friedhof neu gesammelt; einige kletterten über das Tor, verprügelten den
reien durchsetzt sind ... Die Angst und Sorge dieser Tage war nicht umsonst ... "32) Wachter ~C:Hlzun~ zwangen ihn, den Eingang aufzuschließen. Als der Eingang offen
Pfarrer Klaus Liske, Hermannsruhe (Kawki, Kreis Srrasburg), erzählt: "Im Juli erhielt war, schwarmten Sie von allen Ecken und Enden auf den Friedhof, verprügelten meh-
ich einen Brief, er lautete: ,Sie werden aufgefordert, Polen mit Ihren Angehörigen rere Gemeindemitglieder ... Pastor Dietrich durfte den Gottesdienst nicht abhalten
innerhalb von 14 Tagen zu verlassen. Im gegenteiligen Falle erfolgt die Vollstreckung und wurde mit allerlei schmutzigen Worten beschimpft und bedroht. Da die Lage im-
der Todesurteile. Die geheime Hand.' ... Kurze Zeit darauf warnte mich ein Ange- mer bedrohlicher und der Eingang von den Polen besetzt gehalten wurde, habe ich den
höriger des Schützenverbandes, 'des .Srrzelec', ich sollte Polen verlassen, da sie Auftrag Herrn Konsistorialrat und mehrere Gemeindemitglieder auf Umwegen vom Friedhof
hätten, mich sobald als möglich zu erschießen ... Dann folgte eine der alrbekannten ge~racht. I~ wurde später verhaftet, meine Frau blieb allein zurück ... Am 28. August
Haussuchungen, bei denen natürlich Material gefunden wurde, das uns als Hoch- ereignete SIch auf demselben Friedhof ein zweiter überfall ... Die Menschen, die sich
in großer Zahl zusammengerottet hatten, behaupteten, daß wir nicht Leichen sondern
verräter stempelte. Ein Rundfunkempfänger und eine kleine elektrische Nachttisch- ..
Munition und Waffen begraben ... Man begann frische Gräber aufzugrahen, doch
'
lampe waren ein Geheimsender. Ein Stahlhelm sowie eine Schreckschußpistole wurden
zum ,militärischen Eigentum'. Kurz und gut, man hatte Grund, uns alle drei zu ver- gefunden wurdenichts ... " (BA.)
haften ... In der Zeit der Haussuchung war auch dafür gesorgt worden, daß die Dorf- Zu den gleichen Vorgängen erklärte Frau E. Schöps u, a.: "In meinem elterlichen Hause
bevölkerung von unseren Verbrechen und staatsverräterischen Absichten benachrichtigt in Lodz, das dicht neben dem neuenevange1ischen Friedhof in der W.iesnerstraß·e 'lag,
worden war. So hatten sich denn die Jungen mit Beilen, .Äxten und Spaten versehen wohnten nur deutscheFamilien; darin befand sich auch unser Friseurgeschäft. Dieselben
und standen Spalier. Aber wir kamen gut durch Man brachte uns dann bis Briesen Demonstranten, die auch den Friedhof überfielen, erkoren unser Haus als weiteres
und dann von Gefängnis zu Gefängnis bis Thorn "33) Opfer: ~ir Deuts~en verriegelten damals unsere Wohnungen und harrten so lange
Ebenfalls über die letzten August-Wochen in seiner Gemeinde berichtet Pfarrer Benno aus, bIS die von meinem Vater herbeigerufene Polizei erschien, die die Demonstranten
zerstreute." (BA.)
Schilberg, Suschen (Sosnie, Kreis Kempen): "... Mich suchten Polizisten in dieser Zeit
dreimal auf, durchsuchten meine Bücher und beschlagnahmten einiges. Pfarrhaus und Nachdem eine nur die Monate März bis Mai zusammenfassende Bilanz von Gewalt-
Kirche wurden ständig beobachtet ... Obgleich die Versuchung groß war, sich über die tätigtkeiten gegen deutsch-evangelisches Kircheneigentum und gegen Pastoren bzw. An-
nahe Grenze zu retten, wollte ich unbedingt bei der Gemeinde bleiben. Luthers Worte gestellte dieser Kirche allein in Posen-Pommerellen fünfzehn Fälle schwerer Aus-
waren mir gegenwärtig ,Wer ein Amt hat, der walte sein, auch wenn das Sterben schreitungen nachgewiesen hatte,311)erreichten in den folgenden Monaten die gegen
droht .. .'. Auch am 27. August hielten wir noch Gottesdienst: keiner, der dabei war, d.eutsch-evange~che Kirchengemeinden und Persönlichkeiten gerichteten Aktionen
wird ihn vergessen: draußen - Soldatenhaufen, die die Brücken sprengen sollten; in ein 'solches Ausm~ß,daß wir in den deutschen Konsulatsber:ichten aus Polen bald
der Kirche - gepeinigte, zagende Menschen, die nicht mehr ein noch aus wußten ... t~ich entsprechende Hinweise finden.
Wir erlebten ,in diesen Stunden, wie Gott uns stärkt, wenn alle Menschenkraft zunicht Aus einer Vielzahl solcher Hinweise seien hier lediglich die einschneidendsten Vor-
kommnisse, die auch in mehreren nach Kriegsende erschienenen Publikationen bestä-
geworden ist." 34)
Ganz ähnlich war die Lage in anderen Grenzgemeinden. Doch längst auch standen die 1ligt werden, herausgegriffen.w) W.ir zitieren wörtlich: ",Durch Verfügung des Woi-
evangelischen Pastoren und Kirchen in anderen Landesteilen vor einer ähnlichen Situa- w~en vom 15. Juni 1939 ist der Verein ,Evangelisches Vereinshaus Herberge zur
tion; nicht nurdie Gotteshäuser und Pfarrämter waren das Ziel von Haussuchungen, Heimae' in Posen liquidiert und am gleichen Tage das Eigentum des Vereins das
übergriffen mißtrauischer Polizeiorgane und Kundgebungen erregter, aufgewiegel- :wan~elische Vereinshaus und das sonstige Vermögen einem polnischen Liquidator
ter Menschenmassen. In Lodz wurde der neue evangelische Friedhof im Sommer ubergeben worden. Das Gebäude gegenüber der deutschen Landesgenossenschaftsbank
1939 mehrfach zum Schauplatz antideutscher Demonstrationen. Der damalige Ver- der Universität und dem Schloß stellt schon durch seine sehr .günstige Lage und den
walter dieses Friedhofs, Alfred Kretschmer, gab darüber zu Protokoll: "Es war am guten Zustand des Hauses einen großen Wert dar. Von besonderer Bedeutung ist es
Christi-Himmelfahrtstag. Es sollte ein Friedhofsgottesdienst mit Konsistorialrat Pastor ~r als das letzte Haus, das dem Deutschtum in Stadt und Woiwodschaft Posen für
Julius Dietrich stattfinden. Als wir uns zum Gottesdienst versammelt hatten, wurden seme kulturellen Zwecke zur Verrugung stand ... " (Bericht des Generalkonsuls Walther,
OS) ~:~~OekruKmentel Ztur. Vorgeschichte des Krieges", Berlln 1939, Seite 258ff. (Sammlung von Berichten
") V I onsu a e In Polen.)

.
.Erlebnlsberlchte .•. ", Posen 1940, Seite 16 ff.
Th ' Blerchschenk•• Ole deutsche Volksgruppe
32)
331 .Erlebnisberlchte H~ik:u~ In Polen 1934-1939" Holzner-Verlag 1954 Otto
,. as oeuts tum In Palen 1916-1939", Selbstverlag des Verfassers, Bonn 1955.
••. ", posen. 1940, Seite 120 ff.
•• .Erlebnlsberlchte •.. ", Posen 1940, Seite 10 . '
Posen, vom 16. Juni)- "Auf Anordnung des Woiwoden von Pommerellen vom 20. Juni Einleitung zu seinem "Panik in Polen" überschriebenen ersten Kapitel über die Sep-
d. J. ist ... der sogenannte Johanniter-Orden als .reditlidi nicht bestehend' erklärt wor- tember-Ereignisse deutet die in den letzten Tagen vor Kriegsbeginn eingetretene Si-
den. In Pommerellen besaß der J ohanniter-Orden das im Jahre 1894 erbaute Johanni ter- tuation nur gerade an.
Krankenhaus in Dirschau sowie ein weiteres Krankenhaus in Briesen. Beide Kranken- Die Unruhe innerhalb der gesamten Bevölkerung, die durch ständige Presseberichte
häuser sind am 21. d. M. von den Liquidatoren übernommen worden ... " (Bericht des und Erklärungen führender Politiker und Militärs über Polens Stärke eher gesteigert,
Generalkonsuls von Küchler, Thorn, vom 23. Juni) - " ... Da das deutsche Element in als gedämpft wurde, nahm besonders in den westlichen und nördlichen Provinzen des
seiner überwiegenden Mehrheit dem evangelischen Glauben angehört, hat es sich die pol- Landes panikartige Züge an. Nachdem Marschall Rydz-Smigly in mehreren Reden
nische Politik zum Ziel gesetzt, die Organisation der deutsch-evangelischen Kirche nach und insbesondere auch in einem der Zeitung "News Chronide" gegebenen Interview
Möglichkeit lahm zu legen. Bezeichnend sind in diesem Zusammenhang die Vorgänge, an die Verteidigungsbereitschaft und an den Patriotismus aller Polen appelliert
die dazu geführt haben, daß der hochverdiente und wegen seines unerschütterlichen hatte ("Im Falle eines Krieges wird jeder Mann und jede Frau, ohne Rücksicht auf
Glaubens allgemein geachtete Pfarrer Kleindienst aus Wolhynien seines Amtes ent- das Alter polnischer Soldat sein!")39) und nachdem die Krakauer Zeitung "Czas" so
hoben und schließlich aus seiner Heimat, in der seine Familie mehr als zwei Jahr- weit gegangen war zu verkünden, daß "Polens Geschütze auf Danzig gerichtet" seien,
hunderte lebte, ausgewiesen wurde ... " (Bericht des Botschafters von Moltke, War- "um Polens Ehre zu schützen"40), verging kein Sonntag mehr, ohne daß nidu auch
von den Kanzeln "der heilige Krieg gegen das deutsche Neuheidentum" verkündet
schau.)
Die Amtsenthebung und Ausweisung des Pastors Kleindienst aus Wolhynien bedeutete und für den Sieg der polnischen Waffen gebetet worden wäre.
für das gesamte Deutschtum dieses Raumes einen schweren Schlag. Pastor Hugo Karl In einem Situationsbericht des deutschen Botschafters in Warsch.au, von Moltke, vom
Schmidt (froher Lodz) bemerkt in diesem Zusammenhang in einer D. Kleindienst 1. August 1939 an das Auswärtige Amt heißt es:
gewidmeten Broschüre: "In Wolhynien war die Volkstumsfrage von entscheidender "... Die Parolen der Regierungspropaganda werden blindlings geglaubt; weiteste Kreise
Bedeutung ... Es ist bis heute nicht faßbar, ~eso das sonst so freiheitlich gesinnte sind tatsächlich davon überzeugt . ""' daß in Deutschland die Bevölkerung hungert,
Polen gegenüber den nationalen Minderheiten eine so aggressive Polonisierung be- daß täglich Scharen von hungernden deutschen Soldaten und Arbeitsmännern nach
trieb. Der Hinweis auf die Abwehr nationalsozialistischer Einflüsse übersieht ganz, Polen desertieren, daß das deutsche Kriegsmaterial von sehr fragwürdigem Wert sei,
daß längst vor 1933 Polonisierungsmaßnahmen gegenüber allen Minderheiten einge- daß die deutsche Außenpolitik eine Niederlage nach der anderen erleide .. ""41)
leitet waren ... War es da verwunderlich, daß sich die Deutschen angesichts dieser Dieser offizielle Bericht des Warschauer Vertreters der Reichsregierung findet seine
Maßnahmen ihres Volkstums bewußter wurden? Die offenbare wirtschaftliche Be- Bestätigung in den uns vorliegenden Situationsschilderungen. So berichtet Hermann
nachteiligung der deutschen Bauern, die Schwierigkeiten beim Landerwerb, die Schlie- von Bülow über die Lage im Kreise Schubin: "Jeder Wirklichkeitssinn, jede reale
ßung der Kantoratsschulen mit dem klaren Ziel, deutsche Kinder zum Besuch polni- Einschätzung der Lage war in diesen Tagen offenbar verloren gegangen. Hieß es
scher Schulen zu zwingen, mußte schon aus Selbsterhaltung zur deutschen Volkstums- beim polnischen Generalstab: ,Die deutschen Panzer sind aus Pappmadie, die UdSSR
arbeit führen ... Pastor Al/red Kleindienst war Leiter der Arbeitsgemeinschaft deut- ist ein Koloß auf tönernen Füßen, die Republik fühlt sich bei ihren Ulanen gebor-
scher Pastoren. Die Verleihung der theologischen Doktorwürde durch die Universität gen!', so kam die Stimmung bei der Bevölkerungsmasse einer allgemeinen Hysterie
Breslau wurde als Provokation angesehen ..• Die Ausweisung aus Wolhynien been- gleich. Die Arbeiterschaft von Zurawia war auf einer Liste erfaßt; diese hing bei dem
dete die offizielle Tätigkeit Dr. Kleindiensts in Wolhynien ... " 37) Wachtposten am Haupthoftor. Die anderen Tore waren geschlossen. Wer von den
Die Schließung zahlreicher evangelischer Schulen in allen Landesteilen bildete nur etwa 120 Beschäftigten das Hoftor passieren wollte, mußte sich ausweisen. Sämtliche
weitere _ beinahe schon selbstverständlich zu nennende - Glieder in der langen Tauben wurden abgeschlachtet, und zwar wegen der ,Brieftaubengefahr'. Wenn meine
Kette der gegen die deutsche Volksgruppe geriditeten Maßnahmen. Frau in einen Stall wollte, was sie möglichst vermied, brauchte sie militärische Erlaub-
nis und Begleitung. Die ganze Gegend W''Ir mit meilenlangen Schützengräben, Stachel-
drahtverhauen, Betonbunkern und Maschinengewehrnestern durchsetzt. Alles im
MASSENVERHAFTUNGEN VERURSACHEN MASSENFLUCHT
Grunde genommen kein Hindernis für eine modern ausgerüstete Armee ... "(BA.)
"Die polnischen Behörden ... erließen weiterhin Sicherungsmaßnahmen gegen die Während jedoch die Situation der deutschen Gutsbesitzer hier und da - soweit sie
Volksdeutschen, die ihrerseits zu Tausenden die Grenze zu überschreiten versuch- nimt überhaupt auf Grund ihnen zugegangeuer Drohungen oder Warnungen inzwi-
ten •.. Gegen Mitte August begannen die Polen, Hunderte von Volksdeutschen vor- schen das Land verlassen hatten - noch erträglich erschien, hä.uften sich in den deut-
beugend zu verhaften."38) Diese knappe Feststellung des Holländers de Jong in der
.Nswl!. Chronlcle" vom 19. 7. 1939•
• Czas • Krakau. vom 7. 8. 1939.
17)Aus .Dr. theol. Alfred Kleindienst. Ein Leben}m Dienst an Kirche und Volk". Hannover 1968. Seite 71. ~ Vgl •• Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges". Berlln 1939, Nr. 444, Seite 402-404.
"') L de Jong: .Dle deutsche flln~e Kolonne •••• Seite 45.

41
schen und in gemisditsprachigen Landgemeinden die Überfälle und Ausschreitungen, ersten Verhaftungen enger Mitarbeiter ... Am 19. August führte man den schwersten
Zahllose Menschen und ganze Familien wagten es niche mehr, in ihren Häusern zu Schlag' gegen uns: Rudolf Bolek, der Vorsitzende des Deutschen Volksrates für Gali-
iibernachten; sie kampierten irgendwo im Freien und in Wäldern, soweit sich nicht zien und Leiter unseres Genossensdiaflswesens wurde verhaftet. Der Verhaftung ging
die Gelegenheit bot, über die "griine Grenze" nach Deutschland zu gehen. eine mehrständige Haussuchung voran, die jedoch keinerlei belastendes Material
In der zweiten Augusthälfte begannen dann mit der gleidrzeicigen Schließung der erbrachte, Boleks Verhaftung legte sich wie Blei auf unsere Gemüter: er war unser
letzten kulturellenEinrichtungen des Deutschtums die Massenentlassungen und Massen- Berater in allen wichtigen Fragen gewesen ... Am 27. August folgte die Verhaftung
verhaftungen im ganzen Lande. Die allgemeine Erregung erreichte ihren Höhepunkt, von Dr. Ludwig Schneider. Schon zehn Tage vorher hatte mir mein Betriebs-Direktor
als in der Nacht zum 24. August der Befehl zur Generalmobilmachung erging, Ob- ,im Auftrage höherer Stellen' gesagt, ich müßte ihm verschiedene Angaben über
wohl dieser Mobilmadnmgsaufruf noch nicht über die Presse erfolgte und audi nicht Familie, Organisationen, denen ich angehörte u. a. m. machen. Auf meine erstaunte
plakatiert wurde, machten die durch Magistratsbeamte, Lehrer und Luftschutzange- Frage, wozu er das alles benötige ... , sagte er mir wörtlich: ,Sie stehen auf der
hörige ausgetragenen Gestellungsbefehle jedermann klar, ,daß die Zeichen auf Sturm schwarzen Liste. Man will Sie retten, verlangt aber von Ihnen, daß Sie Ihre Kinder
standen und Polens militärische Führung - nidir zuletzt dm Vertrauen auf ihre Ver- aus der deutschen in eine polnische Anstalt umschulen, Man würde das als genügenden
bündeten - zur bewaffneten Auseinandersetzung mit dem lange genug als "Erb- Beweis Ihrer Loyalität ansehen' '" Ich erbat Bedenkzeit, und später zog sich die
feind" bezeichneten Nachbarn entschlossen war. ganze Angelegenheit in die Länge, wobei mir der Umstand zu Hilfe kam, daß die
Hand in Hand mit den Einberufungsbefehlen und mit den vor allem in den Grenz- Schulgebäude inzwischen von Militär belegt wurden. " Am 29. August erhielt ich
gebieten fieberhaft einsetzenden Schanzarbeiten gingen die "Sicherungsmaßnahmen", eine Karte von meiner Schwägerin aus Falkenberg, daß mein Bruder am 27. August
die darin bestanden, daß die seit Monaten auf besonderen Listen erfaßten "verdämti- zum Kriegsdienst einberufen worden sei. Das war ein harter Schlag. Der Mann hatte
gen" oder als "besonders gefährlich" angesehenen Deutschen - in erster Linie füh- den Weltkrieg 1914/18 in der österreidiischen Armee mitgemacht, war 1918 als
rende Männer der deutschen Parteien und Wirtsmaftsorganisationen - teils unter Kriegsinvalide entlassen worden, hatte niemals im polnischen Heer gedient und wurde
strenge Beobachtung gestellt, teils audi sofort verhaftet und in die örtlichen Gefäng- nun im Alter von 44 Jahren eingezogen, obwohl sogar der am 30. August veröffent-
nisse, hier und da aberauch schon 'zu diesem Zeitpunkt in besonderen Transporten in lichte Mobilisierungsbefehl eine solche Einberufung nicht vorsah. Wie ich später er-
andere, zumeist ösrlidie Landesteile abtransportierr wurden. fuhr, waren an diesem Tage alle Falkeaberger deutschen Männer eingezogen worden,
Der Verhaftungsgründe grub es genug, wobei die Behörden insbesondere in Ostpolen, während die Polen daheim bleiben durften ... " (BA.)
in Galizien und Wolhynien die Gelegenheit nutzten, gleichzeitig auch mißliebige, als Sepp MüllerWUJroe arn 1. September zusammen mit zahlreichen anderen Galizien-
"antipolnisch" verdächtigte Personen anderer Volkstumsgruppen - hauptsächlich ,deutschen verhaftet und nach seiner Verschleppung erst am 18. September in Bereza
Ukrainer - festzuseteen. über derartige Vorkommnisse berichtete auch am 15. Juli Kartuska befreit. Xhnlich wie ihm erging es mehr als siebenhundert deutschen
der deutsche Konsul in Lemberg, Seelos, an das Auswärtige Amt.42) .. Männern aus Wolhynien, von denen ein großer Teil bereits zwei Wochen vor Kriegs-
beginn verhaftet worden war. (BA.) Die Verhaftungsgründe waren stets die gleichen:
Betätigung in "polenfeindlimen Organisationen", "staatsfeindlime Umtriebe" oder
"SCHWARZE LISTEN" VON GALIZIEN BIS POMMERELLEN gar ••Spionage", die allerdings in so abgelegenen Gebieten wie Wolhynien und Gali-
zien noch sehr viel schwerer zu konstruieren war als etwa in den grenznahen Gebieten
Der frühere Beamte des städtischen Gaswerkes in Lemberg, Sepp Müller, Vorstands-
Ostobersmlesiens und Posen-Pommerellens,
mitgdied des Verbandes deutscher Genossenschaften sowie anderer Organisationen,
berichtet aus eigenem Erleben: "Seit dem Mai 1939 standen infolge kurzfristiger Das Geschehen in Ostoberschlesien nahm während der letzten beiden Augustwochen
Kündigung des Selbstverwaltungs- Vertrages durch den .polnisdien Revisionsverband einen um so ersdireckenderen Verlauf, als hier durch das Einwirken des seiner deutsch-
rund hundert deutsche Genossenschaften ,in Galizden, Wolhynien und im Lublincr feindlimen Einstellung wegen bekannten Kattowitzer Wojewoden Grazynski alle
Gebiet vor dem Nichts. Trotz mehrfacher Versuche gelang es uns nicht, die Kündi- ••Simerungsmaßnahmen" noch konsequenter und koordinierter getroffen wurden als
gung rückgängig zu machen ... In demselben Monat wurden in Lernberg alle Eltern, anderswo. Besdilagnahmungen deutschen Eigentums, Massenentlassungen und Aus-
deren Kinder die deutsch-evangelische Volksschule besuchten, zum Stadtschulamt be- schreitungen gegen Deutsche - zu denen bereits in deutscher Sprache geführte Unter-
fohlen, angeblich um festzustellen, ob die Einschreibezettel von ihnen tatsächlich haltungen in Lokalen oder auf den Straßen Anlaß boten - gehörten hier seit Mai
eigenhändig unterfertigt worden waren. In Wirklimkeit jedoch, um einen weiteren 1939 zum "täglimen Brot" der deutschen Minderheit. Der Aufständischen-Verband
Druck auf sie auszuüben ... Nadi Rückkehr aus einem Urlaub erfuhr ich von den tat sich bei a11diesen Vorkommnissen besonders hervor.
") Dokumente ... , Nr. 400, Seite 370. Eine erste größere Verhaftungswelle, mit der gleichzeitig die Schließung einer ganzen

42 43
Anzahl von deutschen Schulen und Versammlungsstätten sowie Turnhallen verbun-
den war, wurde am 14. und 15. August durchgeführt. Angesichts der einsetzenden
r Während die polnische Presse aus naheliegenden Gründen die Fluchtbereitsmaft der
Deutschen herunterzuspielen suchte und von einer »befohlenen Absetzbewegung"
Massenfluche wurde am 15. August der »Kleine Grenzverkehr" seitens der Behörden sprach"), gab das Reichspropagandaamt vor allem im August mehrmals Weisungen
rigoros unterbunden. Die Hauptleidtragenden waren etwa zehntausend deutsche Ar- zur »verstänkten Herausstellung von Berichten und Bildern über die Flucht von
beiter, die z. T. erst wenige Wochen oder Monate vorher angesichts ihrer Entlassung Volksdeutschen aus Polen" heraus.45) Daß angesichts derartiger Tendenzen der Pro-
aus den alten Betrieben einen neuen Arlbeitsplatz jenseits der Grenzen gefunden hat- paganda auf bei den Seiten genaue Zahlenangaben über die Fluchtbewegung von
ten. Allein in Bielitz wurden am 15. August die Lokale des deutschen Lehrlingsver- Deutschen aus Polen während des Frühjahrs und Sommers 1939 nidu möglich sind,
eins, des Gesangvereins, des Turnerbundes und des Wandervogels geschlossen. liegt auf .der Hand. Nicht zuletzt werden alle Versuche einer genauen Schätzung da-
Oscar Biesmer, der Vorsitzende des Gesellenheimes und der Kinderschutzorganisa- durch erschwert, daß viele Flüchtlinge während der letzten Wochen vor Kriegsbeginn
cion in Bielitz, schildert seine persönlichen Erlebnisse wie folgt: »Ich wurde am im Danziger Raum und in Deutschland bei Verwandten und Bekannten Aufnahme
15. August 1939 ZUS3JIIl:IIlenmit Ing. Wiesner 'und Eugen Jeikner verhaftet und zu- fanden, ohne ein Lager zu berühren und daher von der offiziellen Statistik nicht er-
nächst dem Gefängnis in Teschen überstellt. Ing. Wiesner wurde dort wieder entlas- faßt wurden.
sen; wie es hieß, nur deshalb, weil von Seiten der Reichsregierung die Drohung aus-
gesprochen worden war, auch den Führer der polnischen Minderheit in Deutschland
RÜCKWIRKUNGEN AUF DIE POLNISCHE MINDERHEIT IN DEUTSCHLAND
zu verhaften, wenn man Wiesner nicht wieder auf freien Fuß setzen würde. Zusam-
men mit 280 deutschen Männern und 18 Frauen wurden wir sodann, wie Schwerver- Die polnische Minderheit in Deutschland - insbesondere in Ost- und Westpreußen
brecher zu je vier Personenaneinandergekettet, über Krakau nach Kielce transpor- sowie in West-Oberschlesien - blieb im Frühjahr und Sommer des jahres 1939 vor
tiert ... Hier sind wir nur dank des raschen Eintreffens deutscher Truppen einem den Auswirkungen der zwischen Berlin und Warschau immer tiefer klaffenden Gegen-
schlimmeren Schicksal, wie es andere Landsleute betroffen hat, entgangen." (BA.) sätze nicht verschont.
Karl Hoffmann, ebenfalls ein Bielitzer Bürger, der von 1933 bis 1939 unter Dr. Nachdem am 5. November 1937 eine »übereinstimmende Erklärung der deutschen
Przybila als Bürgermeister auch dem städtischen Gemeinderat angehörte, konnte im und der polnischen Regierung über den Schutz der beiderseitigen Minderheiten" ver-
August 1939 dank einer Warnung seiner bevorstehenden Verhaftung entgehen. Er offeneliehe worden war und sowohl HitZer als auch der polnische Staatspräsident
ergänzt die Schilderungen Biesmers und berichtet über die Lage in seiner Heimat- Moscicki am gleichen Tage bei Empfängen der ibeiderseitigen Volksgruppenvertreter
stadt: »In der zweiten Augusrhälfte wurden zur Verstärkung der Polizei Aufständi- die Beachtung der in dieser Erklärung enthaltenen Richtlinien zugesagt hatten, war
sche (Powstancy) mit Gewehren bewaffnet eingesetzt. Dieselben patroullierten auf in beiden Staaten noch einmal die Hoffnung auf eine Besserstellung der Volksgruppen
Straßen und Plätzen ... Sogar minderjährige deutsche Kinder wurden verhaftet und und auf eine Entspannung der Beziehungen gewachsen.
verprügelt, Am Abend war es nicht ratsam, die Wohnung zu verlassen. Einige Deut- Wahrend jedoch diese Hoffnung auf Seiten der deutschen Minderheit in Polen schon
sche wurden ohne vorherigen Anruf von den Aufständischen erschossen." (BA.) Auch deshalb getrübt wurde, weil sich bereits in den Kommentaren der polnischen Presse
Schlossermeister Ludwig Zangl - ein Nachbar Biesmers - wurde auf diese Art beim zu dem Abkommen beträchtliche Dissonanzen hinsichtlich seiner Bedeutung und prak-
überqueren der Straße umgebracht, ein anderer Bielitzer - der Lehrer Raschke - nach tischen Auswirkung ergabenw), war für die polnische Minderheit in Deutschland der
Alt-Bielitz verschleppt und dort erschlagen. 5. November »ein großer Tag", Nach den Worten des Polenbundführers Dr. Kacz-
Es kann angesichts solcher und ähnlicher Vorfälle im ostoberschlesischen Industrie- marek begrüßten die Polen die Erklärung mit »lebhafter Befriedigung". Und am
gebiet und im Teschener Schlesien nicht wundernehmen, daß allein aus diesem Raum 6. März 1938 erklärte Kaczmarek bei der 15-Jahresfeier des Polenbundes im Rahmen
bis Ende August zehntausende von Flüchtlingen in ostdeutschen Durchgangs- und einer Großveranstaltung in Berlin vor zahlreichen Gästen auch aus dem Mutterlande:
Notaufnahmelagern gezählt wurden. Zu ihnen gesellten sich auch aus anderen Woje- ,.Wir sind wiedergeboren!"47)
wodschaften - und insbesondere aus den Grenzgebieten Posen-Pommerellens - junge Diese Erneuerung betraf in erster Linie die nach polnischen Angaben in fünf Gaue
Deutsche, die mit ihrer Einberufung zur polnischen Armee rechnen mußten. Der Ber- (dzielnice) und 650 Ortsgruppen gegliederten 50000 Mitglieder des "Bundes der
liner Rundfunk tat seit April 1939 das seine, indem er durch pessimistische Lagebe- PoIen [n Deutschland" (Zwiazek Polaköw w Niemczech); sie hatten sich mancherlei
richte und durch übertriebene Flüchtlingszahlen die ohnehin gespannte Atmosphäre
:) Hier zitiert nach Eugenlusz Guz, .Flucht auf Befeh'" In Polityka Warschau Nr 41 vom 12 10 1968
verschärfte. 43) ) rIQesserundschreiben des Relchspropadandaamtes
•• ••• nenen 70/01).
Berlln, Nr: 11/182/1939 (Institut für Zeligeschichte
'

") In den ersten Mal-Tagen gab der Deutschlandsender bekannt, daß In FIUchtlingslagern in Pommern
)!~
dejr .Gaze~ Polska" vom 6.11.1937 erklärte Smogorzewskl zum MInderheitenabkommen:
nte ede Regierung .,' • zu en~elden
.Es wird
haben, In welchem Maße die WUnsche und Forderungen der
und Schlesien "allein Im Zeitraum vom 15.-30. April •.• 6320 volksdeutsche FlUchtlinge aus Polen und ., b e reffenden Minderheit berechtigt sind.
dem Korridorgebiet Aufnahme gefunden" hätten. ) .Sprawy Narodowosciowe", V1l1/1934,Seite 348ft.

45
Klagen zufolge deshalb bis dahin als diskriminiert angesehen, weil "Deutschland und polnisches Blut ,in sich trägt, gleichgültrg für wen er seine Stimme bei Wahlen od
insbesondere der Nationalsozialismus die Angehörigen anderen Volkstums zu Men- Volkszählungen abgibt. "53) er
schen zweiter Klasse abgestempelt hatte" .48) Darüber hinaus stand die Leitung des Eine solche, der Mentalität vieler Polen zwar entsprechende, aber etwa bei Anwen-
Polenbundes auf dem Boden der "Auffassung von der blutsmäßigen - nicht aber der dung auch auf ~as Deutschtum in Polen für diesen Staat doch ungleich "gefährlichere"
bekenntnismäßigen Volkszugehörigkeit". Eine Auffassung, die zwar aus dem Wun- Thes~ erfuhr eine .dementsprechende Ausdeutung in Artikeln der polnischen Presse
sche heraus, eine möglichst hohe Zahl von Polen in Deutschland nachzuweisenw), als und In Reden polnischer Geistlicher und Militärs.
verständlich angesprochen werden kann, die jedoch der Wirklichkeit in keiner Weise So wurden in der Zeitsmrift "Front Zamodni" die Polen in Deutschland di .
lks ähl b ' ie eine
vor za ung ; w ersidi ergehen lassen sollen, zu Helden, Heiligen und Märtyrern des
vz
entsprach, da zum Beispiel in den deursdi-polnisdien Grenzgebieten eine klare Tren-
nung der nationalen Zugehörigkeit niemals nach den Merkmalen der Sprache und Polentums" gestempelr.ss)
Abstammung allein getroffen werden konnte und die Bekenntnisscheide oft mitten Von ähnlichem P.athos und zugl~im von einer unverhüllten Aggressivität gegenüber
durch die Familien ging. Auf einem besonderen Blatt steht das ständige Albgleiten Deutschland als einem Polen "ewlg bekämpfenden Nachbarn" erfüllt waren in diesen
vieler Familien in das deutsche Volkstum infolge der innen- und außenpolitischen Women und Monaten zahllose Artikel und Reden aus verschiedensten Anlässen, vor
Festigung des Deutschen Reimes.50) allem aber arn Tage der Volkszählung, dem 17. Mai, in Deutschland. Generalstabs-
Für den von vielen Polen als ein "Krankheitssymptom der nationalen Psyche" emp- oberst Switalski hielt im Namen der polnischen Armee in Graudenz bei einem Em _
fundenen - rapiden Rückgang der Bekenntnisfreudigkeir zum Polentum in Deutsch- fang der Bischöfe Dominik und Dr. Okoniewskieine Rede, die er mit den Wort;n
land, der sidi auch darin ausprägte, daß der Drang nacheigenen Schulen außerordent- ~dl1oß: "Bet~n Sie mit uns heute ... darum, daß unsere Brüder aushalten mögen, daß
lich gering war und infolge des polnischen Desinteresses erst 1937 ein zweites polni- ihre Probezelt verkürze wird, und um eine große Tat - um ein zweites Grunwald5;;)
sdies Gymnasium in Marienwerder neben dem alten Gymnasium in Beuthen errichtet das si: aus der Unfreiheit erlöst und uns einen entsprechenden Frieden sichert. "56) ,
werden konnte, machte man in Polen selbst "Unterdrü~un,gsmaßnahmen" der Be- Angesichts einer s~lchen Haltung, der bald ununterbrochene Bekundungen des polni-
hörden verantwortlidi, 51) schen .überle~enheltsgefühls und der militärischen Stärke in Polen folgten, zersdilu-
Einer der maßgeblichsten Volkstumsstanistiker, Professor Dr. Wilhelm Winkler, Wien, ge.n sich - nicht zuletzt auch angesidus entsprechender Reaktionen auf Seiten der
bemerkte zu den auch bei den Wahl ergebnissen - jener "geheimen Volkszählung" .- relmsdeutschen P.resse und angesichts der dmmer eindeutiger auf eine "Gesamtlösung"
ständig sinkenden Zahl polnischer Stimmen: "Wahlziffern weisen nach der gleichen der deutsch-polmsmen Fraigenkomplexe abzielenden Politik Hitlers - die nodi ein
Richtung wie Volksabscimmungen:daß wir es überwiegend mit einer Volksmasse zu Jahr zuvor hochgespannten Hoffnungen der polnischen Minderheit in Deutsmland
tun haben, die auf die Betonung und Bewahrung ihres Volkstums keinen allzu großen auf Zeiten der inneren Sammlung und Konsolidierung in ein Nichts.
Wert legt und die nationalen Rücksichten hinter politischen, wirtsdiafblichen, sozialen
und anderen Rücksichten zurückzustellen bereit ist. "52)
Sowohl vom Polenbundin Deutschland als auch von Warschauer Regierungsstellen
wurde die schon 1938 geplante und 1939 durchgeführte Volkszählung in Deutsch-
land deshalb als ein konsequent gegen die polnische Minderheit gerichteter Schritt
angesehen, weil hier zum erstenmal neben der Sprache in einer besonderen Rubrik
auch die Volkszugehörigkeit festgestellt werden sollte. Die von den Deutschtums-
organisationen in Polen stets angestrebte Forderung nach einem "Bewährungsvolks-
turn" mußte bei den Polen in Deutschland schon im Hinblick auf ihr schwankendes
Volkstumsbewußtsein und erst recht im Zeichen des nationalsozialistischen Maditzu-
wachses auf .A:blehnun,gstoßen. So verkündete Dr. Kaczmarek bei der 15-Jahrfeier des
Polenbundes 1938 in Berline "Die Statistiken werden nicht die Wahrheit erfassen,
wenn 'Sie das Volkstum vom menschlichen Willen abhängig machen ... Pole ist, wer

<B) .Dzlen Pomorza" vom 8. 11. 1936.


") .Gazeta Polska" nannte für das Jahr 1937 1470000 Polen In Deutschland, .Front Zachodni"
1650000.
sogar =1 G·Front
55
Hier zitiert nach .Front Zachodni", Heft
Zachodni", V1/2, Februar 1939.
VI/3, 1938.
50) Vgl. Richard Breyer, .Das Deutsche Reich und Polen 1932-1937", Würzburg 1955, Seite 272ff. runwald ist die pol . ch B·ch -
zrt,
51) ebenda, Seite 56 te.n pOlniSch-litauisch~~S St~eit~~~t ~~~~J,~~~a~~~~~genW~u~~~ ein Ordensheer von einer vereinig-
52) Wilhelm Winkler, .Statistisches Handbuch", Seite 75. ) Hier zitiert nach .Gazeta Pomorska", Nr. 116, vom 2O.121~
5. 1939.

46
47
men lassen, sahen sich schon deshalb außerstande, dem bereits in den ersten Kriegs-
Weg ohne Ziel
tagen sichtbar werdenden Chaos, der Verfolgung und dem Leid tausender unschuldi-
Seit dem Erlaß eines polnischen Sondergesetzes über den Kriegszustand vom 30. Juni ger Menschen zu steuern, weil sie selbst als verdächtig galten und schon bald mit in
1939, das die Aufhebung der bürgerlichen Rechte und Freiheiten ebenso wie Sonder- die Wirren der entfesselten Zerstörungsmaschinerie hineingerissen wurden.
maßnahmen, d. h. die "überwachung und Internierung verdächtiger Personen für den Offiziell gab es drei, nach Farben unterschiedene Arten von Hafl:befehlen: rote Zettel
Kriegsfall" umriß, konnte niemand mehr sich irgendwelchen Illusionen hinsichtlich für die Gruppe der Hauptverdächtigen, das heißt für führende Persönlichkeiten der
der Behandlung der Deutschen hingeben. Dies um so weniger, als bereits vorher R~- Volkstumsorganisationen und Vereine, für Verlagsleiter, Redakteure, Bankdirektoren
präsentanten der deutschen Volksgruppe, wie Dr. Kohnert in Pose~ u~d L~dwtg - in den Landgemeinden gehörten vielfach auch Lehrer, Pastoren und Kantoren zu
Wolf! in Lodz, von den Behörden aufgefordert worden waren, V~rzelchmsse f~hren- dieser Gruppe -, rosa Zettel hauptsächlich für Reichsdeutsche und weniger hervorge-
der Persönlichkeiten einzureichen; Verzeichnisse, deren Zweckbestunmung so einden- tretene, politisch unbelastete, aber um ihres Bekenntnisses zum Deutschtum willen
tig war, daß es bei den Volkstumsvertretern auf polnischer Seite nicht e~al mehr eben doch mißliebige Partei- und Vereins-Angehörige, und gelbe Zettel für die nur zur
verübelt wurde, als sie dieses Ansinnen zurückwiesen. Ein höherer Beamter. im polni- vorübergehenden Evakuierung vorgesehenen, an sich unverdächtigen Deutschen, die
schen Innenministeriums erklärte Dr. Kohnert Anfang August, daß man Sich "schon sich an einen anderen Wohnort in Mittel- oder Ostpolen begeben und dort" vorüber-
zu behelfen wissen" werde und daß man »für alle wichtigen Deutschen besondere gehend unter Polizeiaufsicht leben" sollten. Da diese Evakuiertengruppen aber vom
Schutzmaßnahmen in Aussicht genommen" habe.67). ersten Kriegstage an praktisch gar keine Möglichkeit mehr hatten, mit der Bahn ir-
Ober diesen "Behelfsweg" konnte es angesidits der' längst sorgsam gehandhabten gendwohin zu fahren, wurden sie zumeist den Verhafl:etengruppen zugeteilt und
Registrierpflicht für alle Vereine und Verbände ebensowenig Zweifel geben, wie auch erlitten deren Schicksa1.59)
über den Charakter der Schutzmaßnahmen durch vertrauliche Hinweise und durch über die sich angesichts der Kampfhandlungen und des allgemeinen Durcheinanders
die Behördenprakciken in verschiedenen Landesteilen längst vor Kriegsbeginn genug jener Tage an den Verschleppungsstraßen abspielenden Ereignisse geben die nach-
bekanntgeworden war. Die Festnahmen und Abtransporte von Deutschen seit Mitt~ folgenden Auszüge aus eidesstattlichen Erklärungen trotz aller Nüchternheit der mei-
August sagten genug. Und auch die Errichtung eines großen Geisel-Sammellagers bei sten Schilderungen anschaulich Aufschluß.
Brest-Litowsk konnte nicht lange verborgen bleiben.s'')
Während jedoch die Verhaftungen und Verschleppurigen als "unzuverlässig" oder AN DEN STRASSEN NACH LOWICZ
»staatsfeindlich" bezeichneter Deutscher vor Kriegsbeginn noch willkürlich und regel-
Der Chefredakteur der "Deutschen Rundschau" in Bromberg, Gotthold Starke, be-
los - je nach Haltung und Stimmung örtlicher Polizei- und Behördenstellen hier und
richtet:
da auch wirklich als Schutzmaßnahmen - aufgefaßt und vorgenommen wurden, ent-
"Am 1. September 1939, abends um 1/28 Uhr, wurde ich in meiner Wohnung durch
sprachen die gegenüber den Angehörigen der nationalen Minderheiten in Polen ange-
einen polnischen Polizisten verhaftet ... Ich wurde im Krafl:wagen in das frühere
wandten Maßnahmen des 1. September und der folgenden Tage durchweg zentralen,
Reichskriegerwaisenhaus in Bromberg gebracht, in dem ich bereits viele Volksdeutsche
nach einheitlichen Richtlinien festgelegten Weisungen. Übereinstimmend ist in den
und Reichsdeutsche antraf, die gleichfalls am 1. September verhaftet worden waren.
vorliegenden Berichten und eidesstattlichen Aussagen immer wieder von einem, in kur-
Dazu war, wie ich später 'erfuhr, über den polnischen Rundfunk ein Generalbefehl
zen Abständen über den Warschauer Rundfunk durchgegebenen Rundruf die Rede,
für das ganze Land verbreitet worden. Die Arrestantenlisten müssen schon Ende
der mit den Worten »Uwaga, uwaga ... " (Achtung, Achrungl) begann und der die
April oder Anfang Mai fertiggestellt worden sein. Personen, die später nach Brom-
Weisung enthielt, den in einem bestimmten Zahlenstichwort enthaltenen "Befehl so-
berg zugezogen waren und die genau so oder mit noch größerem Recht als wir ande-
fort auszuführen". Dieser Befehl bedeutete offenbar dlie Durchführung der für den
ren als politisch verdächtig erscheinen konnten, wurden nämlich nicht verhaftet. Da-
Kriegsfall vorgesehenen Verhaftungen entsprechend den vorbereiteten Geisel-Listen
gegen forschte man auch nach Leuten, die in den letzten Monaten verzogen waren ...
bzw. den Abtransport dieser Verdächtigengruppen.
Offenbar hatte man die Absicht, uns alle in ein Lager zu verschleppen. Am 2. Sep-
So verständlich oder gar notwendig eine solche durch den Einmarsch der deutschen
tember wurden noch weitere Verhaftete zu uns gebracht, darunter der Vorsitzende
Wehrmacht in Polen begründete Aktion auch erscheinen mochte, so katastrophal und
der Deutschen Vereinigung, Dr. Kohnert ... Am gleichen Nachmittag wurden wir in
voraussehbar waren die Folgen für die Betroffenen. Einsichtige polnische Kreise, die
zwei Reihen aufgestellt und auf den Hof geführt. Vorher wurden durch einen Solda-
auf Grund ihres guten nachbarschafl:lichen Verhältnisses zu den Deutschen in den
ten einige Paare herausgesucht, deren Hände aneinander gefesselt wurden. Dann
Zwischenkriegsjahren noch so manchem ihrer Mitbürger Warnungen hatten zukom-
bildeten wir auf dem Hof ein großes Karree, man lud Karabiner und Maschinen-
l1J Persönliche Mitteilungen von Dr. Kohnert. • ") Vgl. Otto Heike, .Das DeutSchtum In Polen 1918-1939", Seite 233.
51) Vgl. Th. Blersdlenk, .Dle deutsche Volksgruppe In Polen 1934-1939 ,Seite 362ff.

48 49
pistolen und setzte uns in Marsch. Zuerst durch die uns laut beschimpfende polnische
sehen Behörden, in denen häufig entgegengesetzte Meinungen hinsichtlich der Lösung
Bevölkerung Brombergs ... Als es dunkel geworden war, marschierten wir weiter
des Problems der verhafteten Deutschen und der Flüchtlinge auf den Straßen aufein-
über Langenau und Schulitz nach Thorn, ein Gewaltmarsch von rund 58 km, ganz
anderprallten, glaubwürdig wieder. Folgen wir jedoch weiter dem Bericht von Gott-
unerträglich für die Greise und Kinder, die bei uns waren. Die Strapazen wurden
hold Starke:
verschärft durch den Mangel an Nahrung und den immer wiederkehrenden Befehl,
in den Straßengraben zu gehen, wenn deutsche Flieger auftauchten. Schon bei Lan- "Am 5. September marschierten wir in großer Hitze bis Wloclwek. Fußkrankheiten
genau blieb als Sterbende Martha Schnee liegen, eine Nichte des bekannten Gouver- griffen immer weiter um sich, der Hunger wurde größer. Vorräte, die einige mitge-
neurs aus Deutsch-Ostafrika, die ihr Leben dem Dienst an Armen gewidmet hatte, nommen hatten, wurden geteilt ... In Nieszawa lagerten wir mittags bei sengender
zuletzt als Leiterin der Deutschen Volkswohlfahre. In 11horn waren wir nachts im Glut auf einem großen Müllabladeplatz. Hier kam ein größerer Trupp Gefangener
schmutzigen Saal eines Vororts untergebracht. Die ersten Geisteserkrankungen mach- aus Pommerellen hinzu, der uns angeschlossen wurde. Auch Frauen und Greise waren
ten sich bemerkbar ... Am 4. September marschierten wir von 11horn bis Ciediocinek: dabei, bis aufs letzte ausgemergelte Gestalten. Wir zogen dann hart am Weichselufer
hier wurden wir in einem Jugendlager untergebracht ... " (BA.) entlang in das stark zerschossene Wloclawek, wo wir in eine Turnhalle eingepfercht
Am gleichen Tage begegnete der Pole Michal K. Pawlikowski dem Bromberger Ver- und eingeschlossen wurden. Die ganze Nacht über gab es kein Wasser, obwohl viele
schlepptenzug. Er schildert; diese Begegnung wie folgt: "Der Morgen des 4. Septem- von uns nahe am Verdursten waren ... Am Morgen wurden wir weitergetrieben ...
ber stieg klar, warm, nur sacht im Tau beperlt herauf. Unterwegs ... auf der Chaus- Der Weg ging bis zur Zuckerfabrik Chodzeä bei Chodecz, wo wir mit mehreren an-
see Thorn=Ciechocinek ... Kolonnen von Flüchtlingen, die auf Pferdewagen. Fahr- deren Kolonnen aus Pommerellen vereinigt wurden und die Gesamtzahl von Ver-
rädern und zu Fuß unterwegs waren. Unter ihnen erregten lange Reihen von Deut- schleppten wohl die Zahl von viertausend erreichte, davon aus Bromberg etwa 600
schen beiderlei Geschlechts die Aufmerksamkeit; sie wurden von jungen Burschen bis 800 Personen ... Am nächsten Morgen, auf dem Weitermarsch nach Kutno, wur-
eskortierte Kolonisten, polnische Staatsbürger, die hauptsächlich in den Orten entlang den wir unaufhörlich als Mörder, Banditen und ,Hurensöhne' beschimpft, besonders
der Chaussee Bromberg-Thorn wohnten. Manche von ihnen waren in Unterwäsche. von Frauen - und von Offizieren. Unseren Weg begleiteten Flüchtlingskolonnen,
Ober das weitere Schicksal dieser ausgesiedelten Deutschen hat man sehr verschieden militärische und zivile, die immer wieder Gelegenheit nahmen, über uns herzufallen.
geredet, sowohl damals, als auch später ... "80) Wer nicht weiterkam, wurde manchmal auf den uns begleitenden Wagen gebracht, in
Was geredet wurde, gibt Pawlikowskisodann am Beispiel einer Szene, der er in der Regel aber am Schluß des Zuges erschossen. Wir marschierten die ganze Nacht
Wloolawek (Leslau), in den Räumen des 'dortigen Starosten beiwohnte, wieder: "In hindurch mit wenigen Ruhepausen im Straßengraben oder im Mist der Landstraße
Wlodawek war T adeusz Zeuge eines merkwürdigen Gesprächs. In das Zimmer des bis zum Morgen des 8. September, bis wir auf ein Gut Starawies, etwa drei Kilo-
Starosten, in der WoJewode Raczkiewicz, der Vizewojewode Szczepanslei, der Starost meter hinter Kutno, kamen, wo vier Stunden lang Halt gemacht wurde ... Mittags
von Wloclawek, der Leiter der sozialpolitischen Abteilung, Cichalewski, und irgend- ging es weiter, wieder eine Nacht hindurch, taumelnd, schlafend, durch unsere Gei-
ein Major saßen, trat unibemerkt ein Offizier herein, anscheinend ein Verbindungs- steskranken ständig beunruhigt, durch die Schüsse in unserem Rücken erschüttert _
offizier des Generals Bortnowski. T adeusz kannte seinen Namen weder damals noch jemand hat allein 44 erschossene Deutsche in dieser Nacht gezählt - und belästigt
später. Das Gespräch drehte sich um Evalcuierungsmöglichkeieen aus Wloclawek, das durch die vielenzurückflutenden Militärkolonnen. Wer nicht in Reih und Glied mar-
eine Art Sammelbecken für ganz Pommer ellen war. Es war die Rede von Omnibus- schierte, wurde von der Begleitmannschaft, die .besser ernährt war als wir, die teil-
sen, von Panjewagen, sogar von Weichseldampfern. ,Und was sollen wir mit den ver- weise auf Rädern fahren konnte, teilweise auch schon abgelöst war, mit Keulen-
hafteten Deutsdien machen?' fragte der Starost: ,Es sind ihrer .. .' - hier nannte er schlägen und Bajonettstichen wieder ins Glied zurückgetrieben. Selbst unser Arzt, Dr.
die Zahl von einigen tausend. ,Was denn, was?' mischte sich der Major in das Ge- Staemmler, wurde davon nicht verschont, wenn er in der endlosen Kolonne einmal
spräch: ,Liquidieren!' - Tadeusz hob unwillkürlich seine Augenbrauen, und sein Blick zurückblieb, um einem Unglücklichen mit einem Stärkungsmittel zu helfen ... Im-
traf sich mit dem gläsernen Blick des Herrn Raczkiewicz. - ,Panie Tadeuszu', sagte mer wieder mußten wir aufrücken, weil die Reihen sich lichteten ... Am 9. Septem-
der Wojewode, ,bitte, seien Sie doch so nett, mir den Leiter der Landwirtschaftsabtei- ber um 9 Uhr trafen wir in Lowicz ein, und zwar an einem Punkt zwischen Pulver-
lungzu suchen und herbeizuführen .. .' Tadeusz ging und hörte das Ende dieses magazin und Kasernen, bei heftigster deutscher Artilleriebeschießung. Die polnischen
interessanten Gespräches nicht mehr." Wammannschaften verließen uns bis auf ganz wenige, der Kommandant war nicht
Die Atmosphäre und die Gespräche in diesem Landratszimmer in Wloclawek - wie mehr zu sehen. Wir verzogen uns aus der gefährlichen Gegend in ein oberhalb der
sie ein polnischer Zeuge rekonstruiert - geben die Stimme jener Tage bei den polni- Stadt gelegenes Wäldchen. Von dem Zuge der viertausend sind in Lowicz das zu
gleicher Zeit von deutschen Truppen besetzt wurde, sind zweitausend gerettet wor-
60) Mlchal K. Pawlikowski. "Krieg und Saison" (Wojna I sezon). Kultura-Blbliothek. Paris 1965. Seite 291 f. den .•. " (BA.)
50
51
Im gleichen Verschlepptenzug wie Gotthold Starke befanden sich die Angestellte der verwundet wurden und erst später in Krankenhäusern - teils auch infolge von Miß-
Bromberger Paßstelle des Thorner Deutschen Generalkonsulats, Müller-Marquardt, und handlungen oder an Entkräftung - starben.
deren Chef, Konsul Wenger. Frau Müller bestätigte in ihrer eidesstattlichen Aussage Ahnlich wie für den Kreis Schwetz lauten die Berichte und Befragungsergebnisse für
den Bericht von Chefredakteur Starke in vollem Umfang; sie gab darüber hinaus den Kreis Strasburg. Die genaueste Zahl gibt A. H ollatz mit 176 Opfern des Lowicz-
folgendes zu Protokoll: »Unser Leidenszug vergrößerte sich unterwegs durch immer Marsches an. (BA.)
neu hinzustoßende Kolonnen von Internierten ... Während des Marsches wurde die Der Mühlenbesitzer Max Goertz, der Landwirt Günther Hewelke und Landbund-
Polizei oft durch Pfadfinder (harcerze) abgelöst. Sie erwiesen sich als besonders fana- Ges~äftsführer Helmut Becker bestätigen diese Angaben, ohne allerdings genaue Ver-
tisch ... In unseren Reihen waren junge Mütter mit ihren Säuglingen. Ich selbst lustziffern zu nennen, wobei alle die Massenerschießungen bei Alexandrowo beson-
habe es erlebt, wie zwei Frauen keine Nahrung mehr für ihre Kleinstkinder hatten ders hervorheben. Hier wurden infolgeeiner durch einen deutschen Fliegerangriff
und diese dann elend starben. Jüngere Leute versuchten unterwegs zu entfliehen. So hervorgerufenen Panikstimmung mindestens 40 Deutsche erschossen und am Wegrand
sah ich zum Beispiel einmal zwei Männer, die davonliefen und hinter denen herge- verscharrt. (BA.)
schossen wurde. Während der eine von einer Kugel getroffen wurde, entkam der Eine zusätzliche Bestätigung dieser Aussagen finden wir in einem ausführlichen Be-
andere in einem nahen Walde. Oft hörte man während des Marsches am Ende des richt von Cbarlotte Grabowski aus Krone a. d. Brahe, d. h. einer der etwa fünfzio-
Zuges Schüsse fallen, die davon herrührten, daß man die Alten und nicht mehr Frauen, die an dem Marsch nach Lowicz teilnahmen. (BA.) "
Marschfähigen einfach erschoß ... " (BA.) Pastor Paul Rakette, der mit etwa dreißig Angehörigen seiner Gemeinde Schokken
In nahezu allen Berichten über die Verschlepptenmärsche finden wir immer wieder ebenfalls am 1. September verhaftet worden war, erlebte die ersten Kriegstage in
teils kurze, teils ausführliche Hinweise auf die Erschießungen von erschöpften, kran- Gefängnissen und später -zusammengepfercht mit immer neuen Verhafteten aus
ken und greisen Menschen. So sicher es ist, daß offensichtlich auf Grund zentraler An- dem Raum Wongrowitz - in Personen- und Güterwaggons. Infolge ständiger deut-
weisungen die Begleitmannschaften auf diese Art die Gefangenentransporte in Fluß scher Fliegerangriffe und Reparaturarbeiten an den Bahngleisen dauerte die quä-
zu halten und Stockungen allein schon im Hinblick auf die rasch vordringenden deut- lende Fahrt über Thorn bis Wloclawek mehrere Tage. Von hier ging es zu Fuß weiter
schen Truppen zu vermeiden suchten, so unverständlich ist doch, daß man nicht ein- bis zur Zuckerfabrik bei Chodecz, dem Sammelplatz aller Internierten, wo am
fach Bauernwagen und Pferde requirierte, um die Gehunfähigen und Kranken wei- 6. September auch die - zu diesem Zeitpunkt bereits stark dezimierte - Hauptgruppe
terzutransportieren. der aus Bromberg und den umliegenden Orten Verschleppten eintraf. Pastor Rakette
Hans Joachim Modrow, der in Tagebuchform die Ereignisse während des gleichen, erzählt: »Am Donnerstag, dem 7. September, begannen die Gewaltmärsche in Rich-
von G. Starke geschilderten Verschleppungsmarsches unter besonderer Berücksichti- tung Kutno-Lowicz. Fast ununterbrochen marschierten wir beinahe 26 Stunden lang
gung der Verhafteten aus dem Kreise Schwetz registriert, teilt mit, daß von der bis kurz hinter Kutno. Hier wurde eine längere Rast auf einer Wiese eingelegt, die
sechs Stunden dauerte. Auf diesem Marsch erlebte ich selbst, wie schlapp gewordene
Sammelstelle - dem Schwetzer Gefängnis -, am 2. September morgens 39 Deutsche
Volksgenossen vor Erschöpfung am Wegesrand liegenblieben und dann auf Geheiß
abmarschiert 'Seien. Beim Verlesen der Übergabeliste auf dem Thorner Gefängnis-
eines polnischen Polizeiwachtmeisters wie räudige Hunde abgeknallt wurden ...
hof habe sich dann herausgestellt, daß ursprünglich die dreifache Zahl von Deutschen
Nach dem, was ich gesehen und erlebt habe, ist das in dreißig Fällen geschehen. Nach
aus dem Kreise Schwetz hatte verhaftet werden sollen. Ein Teil der zur Internierung
dem Halt hinter Kutno ging es 16 Stunden in fast ununterbrochenem Marsch bis
bestimmten Personen war bereits vorher zum Militär eingezogen worden, anderen
Lowicz. Zuweilen begegneten wir polnischen Truppenteilen. Sobald wir an ihnen
war es gelungen, dem Zugriff der Polizei in letzter Stunde zu entgehen. Allein von
vorbeimarschierten, begann ein wüstes Schimpfen, nicht selten hörte ich auch hinter
den 39 Verschleppten der Schwetzer Gruppe wurden auf dem Wege bis Lowicz acht
mir Schießen ... Kurz vor Lowicz kamen wir in einen für die Polen überraschenden
Personen erschossen. (21 weitere Deutsche aus dem Kreise Schwetz wurden in der
Vorstoß deutscher Truppen hinein. Unsere Begleitmannschaften versuchten nun uns
gleichen Zeit auf ihren Höfen, in ihren Wohnungen, z. T. auch auswärts - so zum . . '
in eine bestimmte Richtung zu treiben, um uns aus der für sie bestehenden Gefahren-
Beispiel fünf Bauern und ein Förster nach einem ihnen befohlenen Vieh abtrieb in
Zone herauszubringen." (BA.)
Bromberg - errnordet.j'")
Von diesem Augenblick an, d. h. angesichts der unmittelbar vor Lowicz entbrannten
übereinstimmend nennen zahlreiche Teilnehmer des Marsches nach Lowicz in ihren
Kampfhandlungen zwischen deutschen und polnischen Verbänden und der unter den
eidesstattlichen Aussagen Verlust ziffern zwischen 20 und 25 v. H., wobei die Mehr-
Wachmannschaften entstandenen Verwirrung nahmen, soweit sie noch einer selbstän-
zahl dieser Toten unterwegs erschossen wurde, während andere bei Fluchtversuchen
~igen ~egung. fäh~g waren, kleinere und größere Gruppen des Verschlepptenzuges
61) H. J. Modrow. "Heimat an der Weichsel .•. ", Seite 31 ff. Vgl. auch Rh. Rudolf, •.Deutsches Schicksal Ihr Schicksal in die Hand und suchten auf eigene Faust dem sich abzeichnenden
in Schulltz ... ", 1941, Seite 62.

53
, der überlebenden wurde durch den tragischen Tod träumen ließen, daß sie - durch die W:ammannschaften nahezu ungeschützt - vom
Chaos zu entgehen. Die Rettung h ld St ke berichtet über die letzten Vor- Beginn ihres Aufbruchs aus Posen an die Qualen eines 320 Kilometer langen Hetz-
von Dr. Staemmler übersmattet. Gott 0 ar Z twa amthundert Men- marsches zu ertragen haben würden. Dr. Weise berichtet: "Am 2. September um die
eh Lowicz: Unser ug von e
kommnisse au f d em W ege na . " .. F' ih G 1"0 von Gersdorff, der Land- Mittagszeit ... begann unser Marsch, Schon das Stück durch Posen bis Glowno waren
d ich u a Dr Kohnert, rei err e ck
sehen, unter enen SI ., . ch .di lbbefanden wurde in ein langgestre tes wir schwersten Mißhandlungen ausgesetzt ... Dabei wurde in der Breiten Straße in
st
bundvorsitzende Modrow und au I se p K' ehe als Führer der kongreß- Posen der Direktor der Westpolnischen Landwirtschaftlichen Gesellschaft, Dr, Gustav
Dorf nordöstlich Lowicz abgedrängt. astor rus " Dr K ohnert Klusak, durch zwei Steinwürfe gegen den Hinterkopf so schwer getroffen, daß er
.. , di d wi B bergerberatsmlagten, was zu tun sei. .
polnismen Deuts en un wir rom, it dem Ietzten uns noch begleitenden Brom- mit dem Gesicht auf das Straßenpflaster fiel und bewußtlos liegenblieb. Als Arzt
und Dr. Staemmler wurden beauftragt'lm ' K raden heI'lbeiziehen, damit uns hatte ich sofort den Verdacht, daß Dr. Klusak einen Schädelbasisbruch davongetra-
I , . handeln Er so lte seine ame ,
berger Po izisten zu ver '. knallten. Dafür wollten wir den Beglelt- gen hatte. Im versuchte daher, bei dem Kommandanten unseres Zuges durchzusetzen,
die zurückflutenden Soldaten ... nidit ~b f 11 ir In deutsme Hand fielen. Als daß Dr. Klusak in einem Krankenhaus oder Lazareot zurädcgelassen würde, Meine
f L b d Stellung garantieren, a s wir I f 1 ch
mannsma ten e en un P l' . äherten verstand er dies a s Bitte wurdeatber abgeschlagen. Wir schleppten Dr. Klusak, der aus Mund und Nase
D Staemmler dem 0 izisten nanerteu, d
sich Dr. Ko h nert un d r,' ch ih di Waffe zu entwinden, er blutete, sim mehrfach erbrach und halb bewußtlos war, bis nach Glowno . , . Hier
. D S ler versu re I m ie
und wurde aggressiv. r. taemm d ch ß' ih 'M'It lauten Rufen nach Polizei vergrößerte sich unser Zug durch neue Gruppen aus Posen und der Wollsteiner Ge-
.' Sm' ück un ers 0 I n.
Polizist trat emige ritte zuru, h d ßein allgemeines Smießen be- gend auf etwa 260 Mann ... Am selben Tage ging es zunächst-nach Schwersenz. Hier
d . b en Dorf Wir na men an, a . '
versmwan er Im 0 er . ff PI' ehrbar Da ersmien plötzlich ein wurden wir von der Bevölkerung ähnlich wie in Posen behandelt .. ." (BA)
ürd Ob 11 wurden bewa nete 0 en SI . M'
ginnen wur e. era Fl di ach Lowicz abriegeln sollte. rt Die nächsten Stationen hießen Wresmen-Slupca-Marantow-Slesin. Da sidi inzwi-
hm daß er unseren u rweg n
Tank. A 11e na en an, ck ai ih Dr Kobnert und Pastor Kru- sehen die miJ,itärische Situation infolge des schnellen Vormarschs der deutsdien Trup-
.-L di ' Sto gmgen Im,
einem weißen TasUlentu an em~~ d beid Parlamentären nadi. Da entdeck- pen über Nacht zugespitzt hatte, wurde der Verschlepptenzug zu Eilmärschen ange-
W' anderen stromten en ei en
sehe entgegen. . . Ir ich um ei d tschen Tank handelte, der uns trieben. Die Folgen blieben nidit aus: "... Da kein Wagen mehr zur Verfügung
. f halb Wege daß es SI um einen eu 1
ten wir au em , 'd' Umwegen etwa 240 Kilometer ang stand, wurden ein gewisser Schmolkeausder Nähe von Wollstein - ein Prothesen-
befreite ... Der Marsch nadi LOWICZ, er mit .
träger vom Ersten Weltkriieg her - mit seiner Ehefrau, seiner etwa 16jährigcn Tom-
gewesen war, hatte ein Ende. , ." (BA,) " der roßen Zivilgefan- tel' und seinem eineinhalbjährigen Söhnchen, ferner ein weitert:r Prorhesenträger, des-
" f"llig zur letzten Station einer er g
Indessen war Lowlcz Ja nur z.u a Se tember den Weg ins Ungewisse angetrete!l sen Namen im alber ni cht angeben kann, und eine Frau Blank aus Ketsch bei Posen
genen-Kolonnen geworden, d.le am 1. P lens die erst später von deutsdien Trup- zurückgelassen. Angeblich sollten sie in einem Wagen nachgefahren werden. Gelegent-
hatten. Auf vielen Straßen Mittel~ ~nd o~~po ;0 September und an den folgenden lich einer Mittagsrast am gleichen Tage in Babia:k erfuhr im aber von einem Begleit-
pen erreicht wurden, smleppten SI an lle~em .: d odi Tausende und Abertau- mann ... , daß diese Deutschen erschossen worden seien ... " (BA.)
T .cht weniger tragischen Beg eltumstan en n ,
agen unter m.-L ab a eh Angehörige anderer Minderheitengruppen, die man Ein gleiches Schicksal erlitten am nächsten Morgen Fräulein Dr. Hanna Bochnik,
sende von DeutSUlen, er u h: Ziel orten
Teil ahll Fräulein Molzahn, der Landwirt von Treskow, Vincenz Gierczynski, der Jude Gold-
zum ei w os rniit auf die Internierten-Listen gesetzt atte, ungewissen
schmied, der Student Karl Hermann Pirscher, der sich erboten hatte, die Marsehuri-
entgegen.
tüchtigen zu betreuen, und eine Reihe anderer - Dr. Weise dem Namen nach nicht
mehr bekannter - Personen: "' .. Nachdem wir etwa zwei Kilometer marschiert wa-
ren, hörten wir Schüsse. Für mim bestand kein Zweifel, nachdem ich von der Er-
DAS SCHICKSAL DER POSENER VERSCHLEPPTEN
mordungder vorher Zurückgebliebenen wußte, daß auch diese Menschen erschossen
'1 ter weiteren Fußmarsch als die Verschleppten Pom-
Einen um fast hundert KI ome ' M' 1 1 hatten die Deutsmen aus den worden waren. Ausgrabungen halben dies später bestätigt, , ," (BA.)
merellens und ein Teil der Deutsm en aus Ittpepo enGn,esen Scharnikau, Smrimm, Einer der ebenfalls aus Posen Verschleppten .adit evangelischen Pastoren war der
desteil ückzu egen
l - aus osen, ,
westlimen Lan estei en zum " 'R' .-L Jarotsmin und damals 70jährige Superintendent Arthur Rhode. Er berichtet: "Im habe neun Nächte
Ob ik Wollstem LlSSa Kosten, awitscn,
Birnbaum, Rogasen, borrux, , ~ d später die größten Vermiß- unter freiem Himmel zugebracht, davon vier ohne Stroh, bloß in die Pelerine gehüllt,
Krotosmin (um nur einige der Orte zu nennen, m enen bisweilen auf feuchter Erde. Wir wickelten uns dann drei zusammen in eine Decke
ten- und Todeszahlen registriert wurd~n). D R b t Weise gehörte zu der ein, um uns gegenseitig zu wärmen .,. Daß wir unterwegs einige Rasttage hatten,
Der Direktor des DiakonissenhausesDm pch°s.en, di r. f ~;:nd ihre: gesellschr.dl:1imen, war nicht etwa darauf zurückzuführen, daß man uns das Ausruhen gönnte, Von über-
"ß G' Posener euts en, e au ' , all her wurde nämlich das Auftauchen deutscher Heereseinheiten gemeldet, so daß
ersten gro eren ruppe von " b . K' bezi rechneten die sich jedom nicht
. ihr
Stellung zwar mit I er Intermerung ei rregs egmn ,
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wir vielfach im Zickzack hin und her zogen und erst viel später als vorgesehen Kutno dezimiert. Otto Adam berichtet: "Am 7. September stießen zehn oder elf Mann - wir
erreichten. Dort war aber erst recht kein Unterkommen, da ... alle Häuser mit Mili- hatten in einem Dorf hinter SIesin in einzelnen Gruppen in Scheunen übernachtet -
tär und Flüchtlingen überbelegt waren. So zogen wir weiter in nordöstlicher Richtung nicht mehr zu uns. Sie wurden später ermordet aufgefunden; von ihnen sind mir noch
ziemlich planlos, denn ein Herauskommen aus dem Kessel nach. Warsch.au zu war heute im Gedächtnis: Otto Preuß-Tarnowo, Paul Druse und Erich Schulz-Faustinberg,
Gustav Schobert und Gustav Woyt-Guschin sowie Groch-Tannheim ... Am 10. Sep-
nicht mehr möglich ... "62)
Erich Nehring, der sich in demselben Verschlepptenzug befand, vermutet, daß die tember hatten wir das Pech, in einen Fliegerangriff auf Kutno zu geraten. Nachdem die
Gruppe auseinandergerissen worden war, weil jeder Deckung gesucht hatte, griff pol-
Bewachungsmannschaften sich zu diesem Zeitpunkt nur deshalb nicht zu einer Auf-
nisches Militär 23 Männer auf und erschoß sie im Schießstand von Kutno, Unter ihnen
lösung der gesamten Marschgruppe und zur Freilassung der Deutschen entschließen
waren: Pastor Schwertfeger, Diakon Lubenau und Machatschek aus Posen, Gustav
konnte, weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchteten: "... Wir waren Geiseln, mit
Schulz, Steinberner und Grunewald aus Rothenburg/Obra, Lange-Neutomischel, Al-
denen man meinte, im gegebenen Augenblick etwas anfangen zu können. Aber man
hatte für nichts gesorgt, an nichts gedacht. Man hatte kein Nachtlager, keine Nahrung, fred Meinaß-Tarnowo und Ferdinand Wiedemann-Faustinberg. Zwei von ihnen -
kein Wasser. Man konnte auch nicht mehr sorgen. Es war einfach nichts da ... Den- Haupt aus Saatengrün und Kloke aus Rakwitz - wurden dabei nur schwer verwun-
noch ließ man uns nicht los. Man wollte uns behalten und an ein Ziel bringen, wenn det. Da man sie liegen ließ, konnten sie nachts entkommen, und sie haben später alles
genau geschildert ... Wir wurden erst am 18. September von deutschen Truppen be-
man auch nicht wußte, an welches."63)
freit." (BA.)
über die letzten Verschleppungstage der Posen er erzählt Superintendent Rhode:
"Nach meiner Kenntnis der Bevölkerung hatte ich gehoffi, daß in den kongreßpolni- Zusammen mit den evangelischen Pfarrern aus Posen war am Abend des 1. Septem-
schen Städten und Dörfern der Haß gegen uns Deutsche weniger groß sein würde als ber auch einer der Seelsorger der Posener deutschen Katholiken, Pater Lorenz Brei-
im Posenschen. Leider habe ich mich darin getäuscht ... Offenbar war das Volk durch tinger (Ordensname Hilarius) verhaftet und in das Sammellager im Polizeipräsidium
... Radiomeldungen und die Flugblätter gegen uns aufgehetzt worden, denn überall gebracht worden. Nachdem Pater Breitinger, der sich bei einer Rast am nächsten
hörte man die gleichen Beschimpfungen: Spione, Verräter, Aufständische ... Eine be- Abend in Glowno plötzlich einem katholischen Amtsbruder gegenübersah, von diesem
sondere Wut hatte man gegen Brillenträger. Wir steckten deshalb vor dem Einzug in vergeblich um Schutz oder auch nur um eine Auskunft über sein weiteres Schicksal
eine Stadt die Brillen in die Tasche, zum Teil auch deshalb, um unsere Augen vor gebeten hatte, begann ein regelrechtes Spießrutenlaufen dieses Priesters durch Schwer-
Glassplittern zu schützen, Wir erlangten allmählich eine ziemliche übung darin, den senz und Kostrzyn bis Wreschen. Wir lesen in seiner inhaltsreichen Aussage u. a.:
Arm mit dem Mantel hochzuhalten und dadurch Hiebe und Schläge etwas abzu- "Auf einer von einer großen Menschenmenge umlagerten Wiese (in Glowno) kamen
schwächen. Da uns kein Wagen mehr gestellt wurde, hielten manche die Gewaltmär- weitere Gruppen Internierter hinzu, darunter Frauen UIIldKinder, zwei Krüppel, die
sche nicht mehr aus. Am 11. September früh mußten wir eine Gruppe von 6 Mannern kaum laufen konnten ... und eine große Menge mit verbundenen Köpfen, deren
und zwei Frauen zurücklassen. Diese sind bald nach unserem Abzuge erschossen Kleider mit Blut besudelt waren. Auf der Wiese mußten wir uns in Reihen zu vieren
worden. Drei Tage später mußten wir nach einem neuen Gewaltmarsch in Gostynin aufstellen und wurden abgezählt. Darauf mußten wir ... exerzieren und einen Haß-
wiederum 20 Mann zurücklassen, die nicht mehr weiterkonnten. Sie ... sind glücklich gesang auf Deutschland anstimmen. Sodann ließ man mich unter dem Gejohle der
zurückgekommen. Schlimmer erging es einem von uns abgesplitterten Trupp von Menge in meiner Ordenstracht allein vortreten und exerzierte mit mir allein. Schließ-
82 Mann, der viele Tote aufweist."64) lich stellte man mich in die erste Reihe, gleichsam als Anführer der Aufständischen,
Am Sonntag, dem 17. September - dem dritten Sonntag seit dem Aufbruch - wurde als die wir stets bezeichnet wurden ... Am nächsten Tage bemerkte lich, daß fast
diese Verschlepptengruppe von Soldaten eines Passauer Infanterie-Regiments aufge- sämtliche Vorsitzende aller deutschen Organisationen und die gesamte deutsche Geist-
funden und mit Bauernwagen bis Kutno und sodann mit Lastkraftwagen auf großen lichkeit zusammengetrieben war. Alles Menschen, die überzeugt waren, daß sie dem
Umwegen nach Posen zurückgebracht. polnischen Staat gegenüber ihre Staats bürgerpflicht stets gewissenhaft erfüllt hatten
Otto Adam aus Tarnowo, Kreis Wollstein, gehörte zu der von Arthur Rhode erwähn- und die darum auch nicht begreifen konnten, daß man sie jetzt noch schlechter als
ten 82köpfigen Männergruppe, die von polnischen Feldgendarmen von der Haupt- Schwerverbrecher behandelte ... In Schwersenz erhielten wir wieder schwere Stock-
gruppe der Posener und Wollsteiner - angeblich zum Zwecke der Überstellung an eine hiebe und Fußtritte. Hier fuhr mein Kardinal an uns vorbei, der uns als Posener
polnische Militäreinheit - abgetrennt wurde. Der Weg dieser Gruppe führte bis in die Internierte erkannt haben mußte. Er setzte sich jedoch nicht für uns ein ... " (BA.)
Gegend von Gombin; bereits vier Tage später war diese Gruppe um nahezu die Hälfte Pater Breitinger faßt seine Erlebnisse zusammen: "Viele werden noch lange, vielleicht
ihr ganzes Leben hindurch unter den Folgen dieses Marsches zu leiden haben, Teil-
62).Wartburg". Deutsche evangelische Monatsschrift. Berlin. Heft 11. No,:,ember 1939, Seite 320ff.
63).Posener Evangelisches Kirchenblatt", Posen, Heft 1, Januar 1940, Seite 91. nehmer anderer Gruppen erzählen, daß sie zum Teil tagelang in Viehwagen einge-
") .Wartburg", Helt 11i1939, Seite 323.

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sperrt wurden ohne jede Verpflegung, ohne einen Tropfen Wasser und ohne Möglich- Saal getrieben und verbrachten mehrere Stunden stehend. Dann ging es weiter ... "
keit, den Wagen zur Verrichtung ihrer Notdurft zu verlassen. Viele mögen wohl heute (BA.)
sagen, daß dies nicht stimmt, weil 'Menschen nicht so grausam sein könnten, besonders earl. Tonn sch~ldert sodann die Erlebnisse während des Weitermarschs in Richtung
in einem katholischen Lande. Aber ich muß bekennen, daß ... sich alles gar nicht so LOWICZ,er schildert die ersten Liquidierungen VDn Marschunfähigen, die Auswechs-
furchtbar schildern läßt, wie es in Wirklichkeit war." lung der Begleitmannsdiaften und deren immer rücksichtsloseres Verhalten, Erleb-
nisse, die den b~reits an anderen Straßen geschilderten bis zu dem Punkt glichen, an
dem es dem Berichtenden dank eines Glücksfalls - in der Nacht zum 9. September -
DIE INTERNIERTEN AUS KLEINSTÄDTEN gelang zuentkommen und 24 Stunden später auf deutsche Soldaten zu stoßen.
Weniger Glück hatten Kurt Seehagel aus Rogasen und Willy Großmann VDmGutshof
Je weitere Strecken die Verschleppungskolonnen zurückzulegen hatten, je kürzer die
Przependowo, Kreis Obornik (das Gut gehörte der Gräfin Lüttichau). Beide erlebten
Abstände zu den vormarsehierenden deutschen Kampfverbänden wurden und je mehr
eine regelrechte Treibjagd ·auf die Angehönigen dieses Versdileppten-Transports arn
sich die Hoffnungen der Bevölkerung ebenso wie der polnischen Truppen auf einen
9. September im Stadtpark VDn Sochaczew. Seehagel berichtet: "BevDr wir in den
Sieg bei Königsberg und Berlin als leere Wunschträume erwiesen, desto härter wirkte
Park einzogen (indem die Gruppe zum erstenmal verpflegt werden sollte), stand
sich das Geschehen an den Fronten auf das Schicksal der deutschen Zivilinternierten
am Eingang ein polnischer Offizier der in der Nähe befindlichen Truppenabteilung
aus. Besonders deutlich läßt sich das an dem Abtransport der in Rogasen und Obor-
und Fragte die Begleitrnannschafren, was mit uns IDs sei. Als diese erwiderten, daß
nik verhafteten Deutsdien und an ihrem Weg ins Landinnere verfolgen.
wir Hitler nachPolen gerufen hätten und Deutsche seien ... , ZDg der Offizier seine
Während die in den beiden Städten und deren näherer Umgebung am 1. September
Pistole, rief, daß er so einen auch niederknallen müsse und drückte auf einen VDr mir
aufgegriffenen etwa 450 Personen, darunter dreißig Frauen, zunächst noch mit Fuhr-
gehenden Mann ab. Durch die Schläfe geschossen, blieb dieser tot Liegen. Ich selbst
werken bis Studziniec und Goslin gefahren und hier im Postgebäude untergebracht
mußte über ihn hinwegsteigen. Hinter mir schDßdieser Offizier nochmals in die
wurden, während noch bis zum AbtranspDrt kaum Mißhandlungen vorkamen und
Gruppe hinein ... " (BA.)
den Verlhafteten Iediglich Wertsachen und Gepäckstücke abgenommen wurden, än-
Das Schießen nahm auch während der Rast und beim Abmarsch des Zuges seinen
derte sich die Situation schlagartig, als die ersten Meldungen über das rasche VDr-
Fortgang, Wie Großmann nach seiner Befreiung und Rückkehr am 2. Oktober 1939
dringen deutscher Truppen eintrafen und in aller Eile die Vorbereitungen zum Ab-
berichtete, wurden noch drei Männer 'im Stadtpark VDn Sochaczew völlig grundlos
marsch in Richtung Gnesen getroffen wurden. Die Ansprache eines polnischen Offi-
ersch~ssen; .und w~iter - wirzitieren wörtlich -: »VDn Sochaczew begann überhaupt
ziers, der die Internierten zur "BesDnnenheit" aufrief und ihnen dafür "humane Be-
der eigentliche Leidenszug. Alte Männer, die vor Schwäche hinfielen, wurden nieder-
handlung" versprach, wurde schon wenige Stunden später durch die Wachmannschaf-
geknallt ... Nach einem Fliegerangriff ... wurde Herr Heckert, Rechnungsführer
ten in drastischer Weige widerlegt. Carl Tonn, Rogasen, berichtet: "Das Marschtempo
unseres Gutes, VDn den Polizisten erschossen. Auf dem weiteren W,eg wurden noch
wurde VDn Stunde zu Stunde verschärft ... In den Orten, durch die wir gejagt wur-
andere umgebracht, unsere Reihen lichteten sich immer mehr. VDn unserem Gut fehlen
den, hatrenuns radfahrende Begleirmänner als Aufständische angemeldet, wir wurden
jetlZt noch zehn Personen." (BA.)
mit Steinen und Knüppeln empfangen. Der Empfang spätabends in Gnesen, WO' wir
im Laufschritt bis zu einem Kino gejagt wurden, glich einer Hölle. Jeder schlug auf Die Zahl der in diesem Verschlepptenzug Umgekommenen ist niemals genau ermit-
uns ein und warf Steine und andere Gegenstände in unseren Zug: wir waren ja Auf- teltworden;sie dürfte bei 250 bis 300 Personen liegen. Carl Tann vermerkt in sei-
ständische, die polnische Frauen und Kinder ermordet haben sollten ... In dem Kino nem Bericht: "Es gab in Rogasen kaum eine deutsche Familie, die nicht einen Ermor-
blieben wir bis Montag, Zu essen und zu trinken gab es während dieser Tage deten zu beklagen hatte." CBA.)
nichts ... Am Montag nadimitrag wurde der Gnesener Bahnhof VDn deutschen Flug- ' Am 2. September begann der Leidensweg der im Raume KDsten-Sch,rimm-SchrDda-
zeugen angegriffen, auch in unsererunmittelbaren Nähe fielen einige Bomben. Jetzt Schmiegel-Wreschen größtenteils schon am Vortage verhafteten Deutschen, deren
wurden wir aus dem Kino heraus in eine Schule gejagt, Unter Schlägen und Stein- Festnahme jedoch zunächst noch im Zeichen der über Rundfunk und Presse verbreite-
würfen, an denen sich auch polnische Offiziere beteiligten, kamen wir dort an. Auf ten Dptimistisch-übermütigen Prognosen hinsichtlich des Verlaufes der Kampfhand-
dem Schulhof mußten wir knien und lange Zeit in dieser Stellung bleiben: auf den lungen als polizeiliche Sicherungsmaßnahme gekennzeichnet werden konnte, Mit der
Kieselsteinen eine wahre Qual ... Nach Einbruch der Dunkelheit bekamen wir Zuzug Oberna:hme der Interniertengruppen durch militärische Wachmannschaften mit dem
durch Deutsche aus Gnesen und der Umgebung; diese Menschen kamen in einer Zustrom immer neuer Verhafteter und mit rasch durchsickernden Lageberichten von
fürchterlichen Verfassung an ... Gegen Mitternacht wurden wir in Richtung Tremes- den Fronten, die zu den Jubelmeldungen VDm 1. September im schroffen Gegensatz
sen in Marsch gesetzt, morgens kamen wir dort an, wurden in einen viel zu kleinen standen, änderte sich die Haltung gegenüber den Deutschen schlagartig.

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Schon in Czempin, aber erst recht in Schrimm und Schroda, wo. der Interni~rtenzug Erschöpfung - reagierte, was auch immer er seinem Peiniger zugerufen haben mag:
auf etwa 400 Personen angewachsen war, glich der Weg durch die Straßen, in denen fest steht, daß er zu einer tätlichen Gegenwehr gar nicht mehr die Kraft hatte. Der
die Bevölkerung mit der Errichtung von Schützengräben und Panzersperren begon- Wachmann machte indessen kurzen Prozeß: "... Er stieß ihn mit der Mündung des
nen hatte einem wahren Spießrutenlaufen. Walter Kabsch, Vogt auf dem Gutshof Gewehrs vor die Brust, daß er in den Graben fiel, und drückte ab. Um den Toten
des Freiherrn von Gersdorff (Parsko bei Woinitz), berichtet: " ... Wo wir vorbeigeführt kümmerte sich niemand. W[r durften auch nicht zu ihm." (BA.)
wurden stürzten sich die Leute auf unseren Zug. Sie schlugen mit Spaten und Knüp-
über Drosina ging der Marsch weiter. Im gleichen Maße, ,in dem sich der Kampflärm
peln auf uns ein. Eine große Anzahl von uns wurde dabei verletzt ... Zu. essen be-
der nahen Front von Stunde zu Stunde verstärkte, nahm die Erregung der Begleit-
kamen wir an diesem Tage ebensowenig wie an den folgenden Tagen. Wlr mußten
mannschaft dieses Verschlepptenzuges zu. Da die Älteren nicht mehr rasch genug
uns in das teilen, was einzelne bei sich hatten, und uns schließlich von Rüben nähren,
marschieren konnten, erfolgte nachts - bei einer kurzen Rast - die Auf teilung des
die wir von den Feldern holten." (BA.)
Zuges in zwei Gruppen. Pastor Leszczynski blieb mit der Älteren-Gruppe, "die sich
Pastor Leszczynski, der die Nacht vom 1. zum 2. September zusammen mit an~eren
nur noch mühselig fortschleppen konnte, weil alle in dieser Gruppe wunde Füße
Deutschen aus Schmiegel und Kosten im Gerichtsgefängnis verbracht hatt~, schildert
hatten" zurück. Er berichtet: "Wir verbrachten die Nacht in einem kleinen Wäldchen;
den Fußmarsch seiner Interniertengruppe ähnlich: "... Schon in Czempin wurden am Morgen entfernten sich einzelne, darunter auch Dr. Bambauer. Als wir sahen, daß
wir von einer aufgewiegelten Menschenmenge mit übelsten Schimpfworten bedacht ...
sie am Eingang zu einer Ortschaft von einem Posten festgenommen wurden, flüchteten
In Schrimm wurden wir zum erstenmal mißhandelt ... Mit Kolben und Stöcken
wir in ein nahegelegenes, waldbestandenes Hügelgelände. Ich konnte aber mit den
wurde unbarmherzig auf uns eingeschlagen. Ich selbst erhielt mehrere Fußtritte ... anderen nicht mehr Schritt halten und blieb schließlich allein zurück. Von einem
A uch in Schroda , wo wir am nächsten Abend des nächsten Tages eintrafen,
ß
wurden
. Wacholdergebüsch aus, in dem ich mich versteckte, hörte ich eine Reihe von Schüssen.
wir durch Schläge und Steinwürfe mißhandelt. In einem Fabrikhof mu. t~n Wl~ uns Ohne Zweifel waren eingefangene Deutsche niedergeschossen worden. Der Wald
auf den Steinen niederlassen. Der Führer des Militärkommandos, dem wir Jetzt über-
wurde von Militär umstellt. Drei Tage und Nächte blieb ich ohne Nahrungsmittel
geben wurden, vergriff sich in grausamster Weise an uns. Besonders mißhandelte er und Wass·er liegen. Gegen die Kälte der Nacht schützte ich mich, indem ich mit den
Pastor Kienitz, Miecke und mich." (BA.) Händen ein Schlupfloch grub. Nachdem das Militär in der Nacht zum 8. September
Immerhin erging es dieser Gruppe bis zu diesem Zeitpunkt noch glimpflich, gemessen abgerückt war, wagte ich mich hervor. Ein älterer Bauer nahm sich meiner an und
an den Vorgängen, die Karl und Walter Kabsch schildern: "Wir wurden nachts ... a~ brachte mich nach Tuliszk6w, wo ich ins Gefängnis gebracht wurde." (BA.)
den Handgelenken in Gruppen von je sechs Mann aneinandergefesselt, und zwar mit
ganz dünnen Schnüren. Die Schnüre wurden so fest wie möglich angezogen, so da.ß Aus diesem Gefängnis konnte Pastor Leszczynski zusammen mit zehn anderen Deut-
die Hände ganz dick anschwollen und blau wurden, weil das Blut stockte, und die schen nach dem Abzug der polnischen Behörden am 16. September entweichen.
Leute vor Schmerz aufschrien. So ließ man uns die ganze Nacht gefesselt. Am anderen Inzwischen hatte die Hauptgruppe der 181 meist jüngeren Angehörigen desselben
Tage mußten wir, immer noch gefesselt, nach Tuliszköw marschieren ... In d~ Dör- Verschlepptenzuges - zum Teil schon vor Turek, nordöstlich von Kalisch, vor allem
fern beschimpfte uns die Bevölkerung und bewarf uns mit Stöcken und Stemen, so aber dann in der Nähe des Dorfes Tarnowa - ihr Schicksal ereilt. Folgen wir dem
daß wieder viele von uns Verletzungen davontrugen." (BA.) Bericht der Brüder Kabsch: " ... Die erste Gruppe haben wir dann nicht wieder ge-
über den weiteren Marsch berichten die Brüder Kabsch und Pastor Leszczynski, deren troffen. Die Soldaten sagten uns, als wir weiter marschierten, in Turek würden wir
Z·· e während einer Rast vor Miloslaw zusammentrafen, übereinstimmend. Beide alle erschossen. In dem nächsten Dorf riefen die Soldaten der Zivilbevölkerung zu,
Schilderungen gehen jetzt auch auf die Ermordung des Barons von Gersdorff bei wir seien diejenigen, die die polnischen Frauen und Kinder ermordeten. Darauf
Tuliszk6w ein. Walter Kabsch, dem der Tod des Barons schon deshalb besonders stürzten sich die Leute natürlich auf den Zug und schlugen mit Peitschen, Stöcken und
naheging, weil von Gersdorff ihn am Tage der Verhaftung von ~er .beabsichtigten was sie sonst gerade zur Hand hatten, wahllos in uns hinein. Wenn jemand die
Flucht abgehalten hatte mit der Mitteilung, daß sie "alle zusamn:en ~n e~n Lager kom- Schläge abwehren oder auch nur etwas sagen wollte, schlugen die Wachen selbst mit
men" würden und sonst "nichts weiter geschehen" werde, weil sie sich den Polen den Karabinern drein. Einige von uns konnten nicht mehr Schritt halten, weil sie
gegeniiber ja "niemals etwas hatten zuschuldenkommen lassen", erzählt: "Wir wur- vollkommen erschöpft waren. Die Soldaten schossen einfach auf diese Leute und er-
den auf eine Wiese geführt. Dabei stolperte Herr von Gersdorff, der etwa 65 Jahre schlugen sie dann mit den Kolben ... So sind in dieser Nacht an die zwanzig von
alt war und nicht mehr recht laufen konnte, als er zu einem deutschen Flieger aufsah. uns umgebracht worden ... Kurz hinter Turek kamen wir dann an einem Gut vor-
Da bekam er von einem Soldaten einen Kolbenstoß, daß er taumelte." (BA.) Ob und bei, als ein deutscher Flieger erschien. Unsere Wachmannschaft ließ uns auf der Straße
wie der alte Baron in diesem Augenblick - in einem Zustand äußerster Erregung und stehen. Die Soldaten selbst nahmen im Straßengraben und hinter Weidenbüschen
Deckung. Der Flieger muß aus dieser Bewegung wohl den Schluß gezogen haben, daß
und die ·Überführung. der Toten in 'i'hre Heimatgemeinden ••.. aus füh
beridirere u r lieh
1
P f arrer Ltc, Berger im Posener 'Iageblatt.67)
es sich bei uns um einen Transport von Volksdeutschen handelte, denn er nahm sofort
Die
.. hier . erzählten Vorkommnisse stehen für ähnliche Begebenheit
' ,el en, dile - wenn
die WIeidenbüsche unter Feuer ... " (BA.)
sie sm einzelnen
. auch
. nicht in eine so entsetzliche Massenhinridrt ung U nsUlU_L ldi
ger
Und nun wiederholt sidi ein Vorkommnis, das unzähligen von Deutschen - sei es in
ausarteten wue bei Tarnowa - eindringlich genug das Schick cru sa .e ntausen d er von
I Z h
den Verschleppungszügen, sei es in Ausübung ihres Waffen dienstes in polnischen Uni-
De~tsmen aus den westlichen Landesteilen während der ersten Septemberhälfte 1939
formen - in diesen Septembertagen in verschiedenen Teilen Polens zum Verhängnis
soolldern.
wurde. In Befolgung ihrer Einsatzbefehle, aber in völliger Verkennung der Auswir-
kungen ihres Tuns führten die Angriffshandlungen deutscher Truppen - hier eines
IN DER ZITADELLE VON BREST-LITOWSK
einzigen Tieffliegers zum Tode unsdnrldiger Menschen.")
Folgen wir dem Bericht eines der wenigen Deutschen, die das Gemetzel von Tarnowa ~ liegt eine Tragik eigener Art darin, daß es die auch von den polnischen Behörden
heil überstanden: "Von der Wachmannschaft, die sich inzwischen, je mehr wir uns der lffiGrun~e genomme~ als wenig gefährlim und politismharmlosangesehenenDeutsch-
Front näherten, verstärkt hatte und ungefähr achtzig bis neunzig Mann betrug, wurde rumskreise
. .. waren, die an den Verschleppungsstraßenund ..in den K amp f gebiieten mit.
eine große Zahl von Soldaten verwundet. Sie gerieten darüber in eine solche Erre- ~e höchsten Blutopfer zu tragen hatten. Während sich ein Teil der "aktiven" und
gung, daß sie noch aus ihrer Deckung heraus wahllos mit Maschinengewehren und J~ngeren Angehörigen der deutschen Parteien und Verbände der bereits im August
Karabinern in unseren Zug hineinzuschießen begannen. Wer getroffen war, blieb lie- emsetz~nden großen .Verhaftungswelle durch die Flumt hatte entziehen können, wäh-
gen, als wir dann weitergetrieben wurden. Die Soldaten kümmerten sich nicht darum, rend ein anderer" Tell der durch ihre führende Tätigkeit in Volkst umsorgarusauonen
..
db die Leute tot oder nur verwundet waren. Wir waren jetzt nur noch ein Viertel als ~.belas1)et .angese~enen Deutschen in Gefängnisse eingeliefert und hier und da
der ursprünglich 181 Mann starken Gruppe. Es ging noch anderthalb bis zwei Stun- bereits vor Kriegsbeginn nach Ostpolen abtransportiert worden war - bekamen die
den, bis wir hinter Turekauf ein weites Feld kamen. Dort mußten wir uns in zwei am 1. und 2. September überstürzt zusammengestellten, zur Internierung bestimmten
Reihen nebeneinander aufstellen. Die Soldaten gingen schräg links vor uns in einer DeutschJtumsgruppenebenso wie die guten Gewissens in ihren Häusern und Woh _
Linie in Anschlag und begannen nun, Paar um Paar von uns niederzuschießen. Es war gen .zuru··ckgeebli benen D euts ehendie Härte des Kriegsbeginns und den für die polni- nun

wie bei einer Hinrichtung ... Mein Bruder Willi stand neben mir, etwas weiter vorn s~e ~ee ebenso wie für die Zivilbevölkerung überraschenden Verlauf des "Blitz-
mein Bruder Karl, Dieser schrie plötzlich ,Ausrücken, wer kann!' Damit Lief er weg krieges m voller Härte zu spüren.
und ich mit Willi ebenfalls. Man schoß mit Maschinengewehren und Karabinern hin- Währe~d die Festn~hme der auf den Internierten1isten erfaßten Deutschen _ der
teruns her. Da die Wiesen an dieser Stelle teilweise mit Gebüsd; durchsetzt waren, B~uern und Gutsbesirzer, der Pfarrer, Kantoren und Gemeindehelfer, der Betriebs-
ist es uns gelungen zuenrkommen ... " (BA.) 1.e1ter.un~ GeschäftsJeute - zunächsr noch in geregelten Formen vor sich gegangen
Walter Kabsch, der nach nochmaligem Gefängnisaufenthalt und schweren Mißhand- war (I? VIelen Fällen kannten ja besonders auf dem flachen Lande die Festnehmen-
lungen durch einen polnischen Offizier in einen anderen Versdileppungszug eingereiht ~;:e yerhaftet.en,
hattJ~ sie mit ~nens~it Jahrzehnten friedlich zusammen-
und erst bei Lowicz von deutschen Truppen befreit wurde, kam anschließend in ein ·riu-ch ifi ~erte das Bllid sml~gart1g, wo Immer die begleitende Polizeieskorte
SIl~

Lodzer und später in das Strehlener Krankenhaus, wo man seine Kopfverletzungen üda fest litär abgelöst wurde, wo Immer eine siegestrunkene Wadlmannschaft plötz-
behandelte. Als er dann im Oktober nach Sehrniegel 'zurückkehrte, erfuhr er, daß •. stelle~ mußte, d.aß von den erhofften Eisenbahntransporten ins Landesinnere
außer seinem Bruder Karl nur noch drei Männer das Gemetzel von Tarnowa überlebt .; __~~ehrdie Rede sein konnte (weil nämlich plötalidi gar keine Züge für diesen
uw~ zur V rf·· d d . .
~.M . e ugung .stan en oer die Gleise zerstört waren) und daß für sie selbst
hatten und zurückgekehrt waren. , w... arsch ins Ungewisse begann,
Die Opfer dieses Massenmordes wurden erst nach fünf Tagen auf Anordnung der ~f~ cl ..
~. Kr. re euts~ Abgeordnete im polnischen Sejm und Gutspächter von Hilarhof
polnischen Behörden in Reihengräbernam Friedhofszaun von Tarnowa beerdigt.")
Frau Hedwig Drews aus Rosterschütz, Kreis Turek, deren Mann - der Kantor fosef
~Eine ~se Jarotschm:. Bernd von Saenger, schildert eine leider nicht seltene Situation:
:t ••... ru.pped von VIerzehn Verhafteten aus dem südlichen Teil1 d es Krei h d
. eises atte en
August Drews am 5. September - ohne den geringsten Anlaß in einen Wald gebracht 4'U11QUuß

und dort erschossen worden war, identifizierte zwei Women später einige dee Toten Ilidit rnehan e~ am 2. Se~te~ber vo~ Bahnhof J arotsdiin abgehenden Transportzug
i:~!t. r erreicht, da die SIe begleitenden Polizisten in einem Gasthaus W
der Verschleppungsgruppe nach öffnung der Massengräber, darunter ihren Vetter II&ltgemamt d sim d . . am ege
1':. un 51 ort an Erwartung des sicheren Sieges über die Deutschen be-
Herbert Beutler aus Bilczewo,Kreis Konin (BA.) über die öffnung der Massengräber
~I..PoIener Tageblatt" vom 17 Oktob
IICImmeite Leichen ermordeter VOlks3~u~~erSen1~e·~l.~ber Ober GrAber .•• Bel Turek hundert ver-
") Vgl. die Erlebnisberichte in .Er hilft uns frei aus aller Not ... ", Posen 1940 (Hrsg. R. Kammei) und
.,In Polen verschleppt" von J. Horst, Beriin 1939.

63
trunken hatten, so daß sie erst mit großer Verspätung und nach Abgang desTranspor-
Desin J arotschin eintrafen. Diese Gefangenen - schuldlose und unverdächtige deutsche'
Bauern - wurden sodann im Fuß marsch nach Osten getrieben, jedoch sof~rt nadl
überschreitung der Ostgrenze des Kreises ausnahmslos erschlagen." (BA.)
Die schon länger Verhafteten und aus Posen-Pommer ellen nach Mittel- und Ostpolen
abtransportierten Deutschen konnten sich angesichts des Gesmehens an den Ver-
schleppungsstraßen und in den Kampfgebieten geradezu glücklich schätzen, dem
Chaos in den Gr,enzgebieten und an den Rückmarsmstrecken der polnischen Heeres-
verbände entgangen zu sein. In jenen Tagen allerdings bewegten sie andere Gefühle.
Der schon ,im März in Bromberg verhaftete Journalist Karl-Heinz Fenske, der später
nach Sieradz an der Warrhe abtransportiert worden war und im dortigen Zuchthaus
mit anderen Deutschen quälende Monate der Ungewißheit verbracht hatte, berichtet
über seine Erlebnisse dort bis zur Einlieferung in das Festungsgefängnis von Brest-
Litowsk:
"Am 29. August holte man uns deutsch,e UntersuchungshäfHinge - niemand war in
den zurückliegenden Monaten vor den Richter gekommen - in die Kleiderkammer,
einen nach dem anderen. Wir mußten unsere Zivilsachen ausziehen, einer nam dem
anderen, jeder erhielt Gefangenenkleider, schmutzigbraune, verblichene, geflickte Lum-
pen, Holzpantinen und eine Sträflingsmütze. Die Köpfe wurden uns kahlgesdlOren.
Dann bramte man uns, mit Eisenketten aneinandergefesselt, zur Bahn ... Mit mir
zusammengekettet war der alte Schünemann aus Dirschau, damals längst über die
sechzig hinaus, Direktor der größten polnischen Schiffahrtsgesellschaft, weIterfahren,
tüchtig in seinem Beruf und deshalb auch als Deutscher lange Zeit unentbehrlich bei
der ,Vistula', wüe das Unternehmen hieß. Mir gegenüber der junge Dentist Voise aus
Lemberg, neben ihm der Genossenschaftsprokurist Bachmann aus Thorn, auch schon
über die fünfzig hinaus. Alle grau im Gesicht, mürbe von der langen Einzelhaft, alle
ohne Nachrimt von ,ihren Familien. So fuhren wir in Richtung Osten ... Mehrere
Güterzüge passierten uns bei einem Aufenthalt zwischen Lodz und Warschau. Sie fuh-
ren nam Westen. Polnisme Truppen in neuen Felduniformen, auf Platten wagen Ge-
schütze, Feldküchen, Troßfahrzeuge. Dann ein paar geschlossene Waggons, mit Kreide
beschriftet, gerade noch lesbar der Satz: ,Aus Wilna nach Berlin!' ... Erst eine Woche
später, im Zuchthaus von Siedlce, erfuhren wir, daß das Wort Krieg, das seit Tagen
durch die dicken Wände von Zelle zu Zelle getrommelt worden war, wirkl,im zutraf.
Am späten Nachmittag begann es irgendwo hoch über unseren Köpf,en zu brummen,
und dann begann es böse zu heulen, überall in der Luft. Plötzlich standen viele kleine
Rauchwolken auf den Dächern, die wir sehen konnten, wenn einer auf des anderen
Schultern stieg. Als die Brandbomben das Feuer entfacht hatten, fielen Sprengbomben
in die knisternde, immer weiter um sich fressende Glut, ,einige auch inden Gefängnis-
hof ... ".68)
Fenske schildert sodann, wie die Kriminellen freigelassen und wie die etwa dreihun- St, Martin-Straße in Posen
dert deutschen Zivilgefangeneneiner Militär-Einheit angeschlossen wurden, die in
Die frühere Provinzial-, spätere Wojewodschaftshauptstadt hatte 1939 zwar nur
68) K. H. Fenske: .Von Bromberg bis Brest-L1towsk", Manuskript im Archiv des Ostdeutschen Kuiturrats, I~och einen geringen Anteil deutscher Bevölkerung, war aber noch immer Sitz wich-
Bann.
tiger deu tscher Organisa tionen.

64
Der Marktplatz von Rakwitz
Rakwitz bei Wollstein im Posener Land war eine der kleinen Tuchmacherstädte, die 1I1 der
Zeit der Gegenreformation an der Westgrenze entstanden waren.

Bauernhof am Rande des Netzebruchs im Kreis Schubin

Marktplatz und Rathaus in Thorn an der Weichsel

..
Die mitte/polnische Großstadt, Zentrum der im 19. Jahrhundert von deutschen Einwanderern
begründeten Baumwollindustrie, hatte in der Zwi-schenkriegszeit die größte Zahl deutscher
Einwohner unter allen Städten Polens.

Petrikauer Straße in Lodz

.,
Tag- und Nachtmärschen nach Osten zog. Und nun wiederholen sidi bald die glei-
chen Bilder, wie wir sie bereits von anderen Verschleppungsstraßen kennen - mit dem
.~r~~~i.' dnia )fil..,_ _tJj..r. einen Unterschied nur, daß die Reaktionen der Begleitmannschaften auf die sich
immer deutlicher abzeichnende militärische Katastrophe und auf den Zusammenbruch
. 303/B
. Nt..•.•-=+:':
00 \
L~t.te rmanna .If're dc 4.ci* Ika
PANA (I) --.- ..... - •.....•..• - ...----.- ....................•.•.•.•... - aller Verteidigungsfronten nicht mehr so heftig und spontan erfolgen, wie in den
ersten Tagen des Krieges im Westen des Landes, Wohl kommt es auch bei diesem
Verschleppungsmarsch - vor allem hinter Biala Podlaska - immer wieder zu Erschie-
/
f
ßungen, wohl begleiten Hunger, Durst und Erschöpfung den Elendszug bis Brest-
Litowsk, doch sind die Soldaten nach den pausenlosen Rückmärschen, nach dem
Schwinden der letzten Illusionen auf einen Sieg der polnischen Waffen zu mürbe und
abgestumpft - schon schwingt auch die immer stärkere Unruhe und Unsicherheit hin-
sichtlrich ihres eigenen Schicksals mit -, als daß es zu jenen Ausbrüchen hysterischer
Massenmordaktionen kommen kann, wie sie das Geschehen während der ersten Sep-
Na ••••• ..rl. 3 usa..., : &J. ~.hdOtIO 1931 r. 0 otaDI. "
wYktkowy';' {D%~11..ft. P.
temberwoche im Westteil des Landes kennzeichnen.
~.!17•.RfMI '''.!If~ l14.~ ..MIII!Wa~Spr:
~ • <!caIa s.~ 10z. u..JtP. Nr 48 • .,., •. 373}
Freilich, die Bilanz auch dieses Marsches im Raum östlich von Warschau ist schrecklich
.al'Zl\d..... przylr"ymacl. i ","r~owule PIUIS (i) na okre. dni 30. lieZl\.·cd dnla dzisiejszogo.
genug: besonders der letzte Abschnitt von Wioska bis Brest-Litowsk fordert noch
zahlreiche Opfer. Karl Mielke aus Bromberg berichtet darüber: »W~r marschierten
von 6 Uhr nachmittags bis 3 Uhr morgens. Auf diesem Teil des Weges knallte es un-
barmherzig in den letzten Reihen ... Wir atmeten auf, als wir endlich die Silhouette
unseres Zieles in der mondhellen Nacht auftauchen sahen ... "69) Die Gesamtzahl der
Toten schätzt Mielke auf sechzig.
Ober das Ende des Marsches von Siedlee (etwa 120 km östlich der polnischen Haupt-
stadt) bis Brest-Litowsk erzählt Karl-Heinz Fenske: »" .. Es muß der frühe Morgen
des 17. September gewesen sein. Es ist noch dunkel. Wir haben uns über eine lange
Holzbrücke geschleppt und sind dann in ein dunkles Tor gedrängt worden, in einen
langen ausgemauerten Tunnel, an dessen Wänden Panzer standen. Wir waren am
Ende unserer Kraft und wohl auch am Ende unserer Reise. Wir waren in der Zita-
delle von Brest-Litowsk, .. Drei Tage lang mußten wir noch das Bombardement über
uns ergehen lassen, mit dem die Festung sturmreif geschossen wurde ... In den glei-
chen Zellen, in denen Ende der zwanziger Jahre die parlamentarische Opposition
POliCZENIE. Polens von Pilsudski zusammengetrieben worden war, lagen wir hinter verrammelten
1. Osoba in.iernowana pcwicne zabrad ze 50b", opröcz ubrenle na sobie, ooowiapkowo: dwie Stahltüren neben- und übereinander, ausgemergelt, schmutzstarrend, mit geschunde-
. :tmillllYbielizny, zapasowe obuwie, koc lub koldre przybory do mycia oraz zywno§c na 4 dni.
nen Gliedern und eiternden Füßen. So fand man uns, als die Zitadelle fiel." (BA.)
Opr6cz !ego wolno jej zabra~ rz ec zy osobiste 0 cieäarze 10 kg.
2. Osoble ialet1lo ••••• ej nie wolno posiadac PI'ZY sobie [akiejkolwiek brcni, dokumentöw
osoblotyeh. ~y lub koszto ••••
no§ci.
3. Oooby Illtemowane nie olrZymuj, odziery: od wladz.

..
ENDSTATION BEREZA KARTUSKA

Mit keinem zweiten Ortsnamen in Polen verband sich in weiten Bevölkerungskreisen


eine so klar umrissene Vorstellung eines großen Straf- und »Besserungs"-Lagers wie
mit dem Namen Bereza Kartuska. Zahllose politische Häftlinge aller in Polen leben-
den Nationalitäten hatten seit 1934 mit Bereza Bekanntschaft gemacht; Bereza war
Internierungsbefehl bei Kriegsausbruch
Der Text dieses Internierungsbefehls für Dr. Alfred Lattermann, Studienrat am Po~ener ") K. Mlelke: .Verhaftet, verschleppt und befreit" In der Zeitschrift .Der Volksdeutsche". Ausgabe 19
deutschen Gymnasium und Geschäftsführer der Historischen Gesellschaft für Posen, ist 111 vom Oktober 1939.

übersetzung auf Seite 143 wiedergegeben.


65
nicht nur seiner weltabgeschiedenen Lage, sondern auch seiner strengen Bewachungs- Reims- und Volksdeutsche, Juden und Russen, Ukrainer und Weißruthenen - fast
und Strafmethoden wegen berüchtigt, durchweg Angehörige der Intelligenz - zusammenfanden, erreichten, wenn audi zum
Einer der hekanntesten und geistreichsten polnischen Publizisten, Stanislaw Cat- Teil erst nach tagelangen Umleitungen und Aufenthalten, in den 'Lagen vom 3. bis
Mackiewicz der bis zum Jahre 1938 zu den konsequenten Verfechterneiner deutsch- zum 6. September ihr Ziel.
polnischen Verständigung gehörte?") und der im März 1939 wegen seiner "Kritik an über den "Empfang" in Bereza Kartuska berichtet Hugo Peter, Besitzer einer die-
der Regierung und Untergrabung des nationalen Vertrauens" in Bereza gefangen- mischen Fabrik und sechs jahre hindurch Vertreter der deutschen Minderheit im
gesetzt worden war, erzählt über die dortigen V:erhä.ltnisse u. a.: "Im ka~nte Be~:za Stadtrat von Bialystok: "Gleim nach unserer Ankunft mußten wir auf einem großen,
schon aus Erzählungen ... Kostek-Biernacki, ... WOjewode von Nowogrodek, spater ungepflasterten, von meist dreistöckigen Gebäuden umgebenen Platz Aufstellung
von Polesien . . . war ein krankhafter Sadist. In dem seiner Obhut anvertrauten nehmen; die Gebäude hatten vor dem Ersten Weltkrieg als russische Militärkasernen
Konzentrationslager erfand er mit Vorliebe Torturen und benannte sie mit einer gedient, in denen - wie uns erzählt wurde - zwei Regimenter untergebracht waren.
wirklich entarteten Freude mit sanften Namen wie ,Gymnastik', ,Reglement' usw, Das ganze Gelände war durch einen hohen Stacheldrahtzaun umzäunt, in kurzen
Die Menschen mußten Stunden lang ohne Unterbrechung mit erhobenen Händen in Entfernungen voneinander standen hohe Wamttürme, die den mit Masdiinengeweh-
der Tiefhocke bleiben und in dieser Stellung gehen, laufen, Treppen hinauf- und ren ausgerüsteten Wachen einen guten überblick über den Platz erlaubten. Immer
herabsteigen. Dabei wurde schrecklich geprügelt ... Die Prügelstrafe war offi~iell wieder gingen die Polizeimannschaften unsere Front entlang, sie beschimpften und
eingeführt ... Bewacht wurden wir von 84 Polizisten, die ~an auf d~ Wege emer verhöhnten uns: ,Wartet nur, wir haben für euch einen schönen Ball, eine Hochzeit
Disziplinarsträfe ... hierhergeschickt hatte ... Man durfte 111 Bereza nacht sprechen, vorbereitet!' Noch konnten wir uns keine Vorstellung machen, was damit gemeint
jeder war verpflichret, zu verstummen. Dieses Verbot w~r ~atürlich nicht durdizu- war ... " (BA.)
führen, und selbst die Kriminellen, die die anderen beaufsichtigten, sdrwatzten unter- Weit unangenehmer als dieser "Empfang" des Interniertenzuges aus den nordöstlichen
einander ... Wenn aber ein Polizist ein einziges Wort hörte, ging es für sechs Tage Gebieten Polens verlief die Ankunft eines Verschlepptentransports aus dem Krakauer
in den Arrest ... Man durfte auch nicht beten, kein Medaillon um den Hals tragen, Raum. Der deutsch-katholische Priester Odilo Gerhard schildert in einer ZeitschrH
sich nicht bekreuzigen, für all das gab es Prügel ... "71) der katholischen Mission für das Deutschtum im Ausland seine Erlebnisse in Bereza
An anderer Stelle seiner "Geschichte Polens" faßt Mackiewicz seine Bereza-Eindrücke wie folgt: "Gleim nach unserer Ankunft ... im Internierungslager entfernte man
wie folgt' zusammen: "Unter uns waren Gefangene aus den schlechtesten Strafanstal- unsere zehn Mann Bedeckung. Dann hieß es Spießrutenlaufen durch eine Gasse von
ten Polens. Sie sagten, daß sie dort lieber ein Jahr säßen, als einen Monat in Bereza, etwa 200 Polizisten, die mit Gummiknüppeln, Gewehrkolben und Holzlatten auf
obgleich hier wirklich niemand wußte, wofür er saß, wie lange er saß und wie lange uns einschlugen, wobei sie 70jährige Greise nicht verschonten, Auf dem Übungsplatz
er noch sitzen würde."72) wurden wir abgezählt und dann in einen geheizten Raum gebracht, wo jeder mit
Nachdem bereits im Frühjahr und Sommer 1939 in allen Provinzen des Landes, vor dem Gesicht nach unten auf dem Zementboden liegen mußte .. , Am 8. September
allem aber in den ehemals russischen Teilgebieten, Deutschen damit gedroht worden sagten meine Leidensgefährten bei der ärztlichen Untersuchung auf dem übungsplatz:
war, daß im Falle eines Kriegsausbruchs Bereza Kartuska sie "erwarte", konnte es bei ,Man hat dich ja ganz schwarz geschlagen!' Bevor man mich ohne Ordenskleid, nur
der Zusammenstellung der Interniertenzüge keinen Zweifel mehr geben, welches das in Hemd und Hose, auf den Platz führte, verhörten mim fünf Kommandanten.
Ziel dieser Züge sein würde. Und da in den mittel- und ostpolnischen Großstädten Jeder sagte: ,Wenn Sie römisch-katholischer Geistlicher sind, sind Sie ein Pole!' Im
wie Warsmau, Lodz, Wilna, Bialystok und Lemberg ebenso wie in Bereza selbst alle erwiderte. ,Nein, im bin Deutscher.' - ,Ja, ein deutscher Spion', und schon bekam ich
Vorbereitungen für den Abtransport bzw, die Aufnahme von Tausenden, führenden auf meine Verneinurig einen Schlag mit dem Gummiknüppel. Auf dem Platz mußten
Angehörigen der Minderheitengruppen rechtzeitig getroffen worden waren, wickelte wir in glühender Sonnenhitze und unerträglichen Staubwolken bis zum Abend stehen,
sich auch hier die Internierungsaktion überall verhältnismäßig rasch und ohne größere ohne Essen und Trinken, Dann wurde uns bis auf das Geld und die notwendigste
Zwischenfälle ab. Die streng bewachten Personen- und Güterzüge, in denen sich Wäsche alles abverlangt; selbst Rosenkranz, Medaillon, Brevier usw. mußten abge-
70) Mackiewlcz, der nach Krie\lsend~. In London wi~der poli~isch. und publizistisch tätig wurde (von
geben werden •.. " 73)
1954-1955 war er sogar Mlnlsterpräsldent der polnischen EXllr~Qlerung) machte 1~56 noc~. einmal von
sich reden als er sich - sechzigjährig - im Zeichen des "politischen :rauwett~r~ zur !:!~ckkehr nach Die gleichen Erlebnisse und Erfahrungen zeichnet für die große Gruppe der aus dem
Polen entsCllloß. In Warschau unterschrieb er 1964 jenen berühmten B~I~I an Mlnlsterpr~sldent ~yran-
kiewicz in dem 34 polnische Intellektuelle eine liberalere Kulturpolitik I.orderten; spater verotlent- Raum Lemberg, Przemysl und Sambor Internierten - darunter Ukrainer, Juden und
lichte Mackiewicz in der Pariser Exilzeitschrift "Kultura" noch mehrere Artikel unter dem Pseudonym
Gaston de Cerisay, er wurde 1965 aus dem Journalistenverband ausgeschlossen und verstarb Im
Russen - Sepp Müller, Vorstandsmitglied des Verbandes deutscher Genossenschaften
71) ~f.b~:~k1=i:z: "Geschichte Polens vom 11.11.1918 bis 17.9.1939", London 1941, hier zitiert nach
sowie anderer deutscher Organisationen in Galizien, vom Tage der Ankunft in Bereza
der deutschen Fassung, Marburg 1956, S. 425 tI.
") ebenda, S. 430 73) .Die Getreuen", Oktoberheft 1939.

66 67
Kartuska auf: "... Spießrutenlaufen, wie vorhin beschrieben, Reihenschließen, ab- Bretter nicht eine gleiche Fläche hatten, so daß sich einem die Ränder in Fleisch und
zählen, Geld und Wertgegenstände abgeben, die übrigen Sachen in solche, die in die Bein schnitten ..• " (BA.)
Zellen mitgenommen werden durften, und solche, die ins Magazin abzugeben waren, Die Verpflegung schildere Bernd 'Von Saenger so: "... Das Essen bestand aus einer zu
zu teilen und zu verpacken, das füllte den Rest des Tages aus. Dabei wurde uns immer einer beliebigen Tageszeit gereichten sogenannten Suppe, sprich Wasser mit wenig
vorgehalten, was für verwerfliche Subjekte wir wären ... Zwischendurch regnete es Graupen oder Kleie. Dazu wurde ein Stück Brot in etwa der doppelten Größe einer
Schläge von allen Seiten, und bald merkten wir auch, daß die ,Komman,danten' es Streichholzschachtel verabreicht." (BA.)
besonders auf die Angehörigen geistiger Berufe abgesehen hatten." (BA.) Dieses karge Mahl erhielt insofern für die Insassen des Saales 10 eine besondere
über den Verlauf der nächsten 14 Tage berichtet der Bialystoker Hugo Peter, der "Untermalung", als jeweils zwei Gefangenenreihen einander beim Essen gegenüber-
ausdrücklich vermerkt, daß die Deutschen zusammen mit Ukrainern und Angehörigen zutreten hatten, sodann ~n die Kniebeuge gehen mußten, worauf die beiden Gegen-
anderer Nationen untergebracht waren ("in unserem Saal waren auch zwei Juden, über die Suppe aus einer Schüssel zu verzehren hatten.
einer aus Bialystok, namens Mandel, ein Beamter der Speditionsfirma Schenker, sowie "Das unzweifelhaft Qualvollste war in Bereza der Durst, da nur einmal abends
ein Wiener Jude"): "Ehe der Morgen graute, mußten wir im Laufschritt hinaus zum Wasser ausgegeben wurde, und zwar ein Eimer für jede Abteilung, so daß auf jeden
Übungsplatz. An jeder Wegbiegung stand ein Sträfling oder Polizist, der auf manchen Häftling etwa ein Likörglas kam. Bei der in diesen Septembertagen herrschenden
der Vorübergehenden einschlug. Auf dem Platz mußten wir von früh bis spät schwere H~tze sowie bei den vielen Übungen auf dem Kasernenhof war diese Menge so unzu-
Freiübungen unter dem Kommando eines ,Instrukteurs' machen, in der Hocke sitzen, reichend, daß viele der Häftlinge - bevor kühleres Wetter eintrat - in eine Art Deli-
liegen, stehen, weder links noch rechts schauen. Wenn jemand bei den raschen Kom- rium gerieten, bei dem insbesondere nachts Wahnvorstellungen auftraten." (BA.)
mandos aus der Reihe geriet, gab es aus dem Hintergrund Schläge, ohne daß man Ober die Gesamtzahl der in Bereza Kartuska inhaftierten Deutschen und die Ange-
bemerkte, woher sie kamen. Wurde jemand dabei ertappt, daß er ... sich mit seinem hörigen anderer Nationalitäten liegen unterschiedliehe Angaben vor. Die Mindestzahl
Nachbarn zu verständigen suchte, gab es noch schwerere Strafen, wie etwa das Hüp- wird in einem Bericht des Posener Tageblatts mit 5,768 Personen, darunter 3500
fen auf dem sandigen Boden die ganze Front entlang, bis er besinnungslos liegen- Deutschen und 1600 Ukrainern am Tage der Befreiung, d. h. am 18. September an-
blieb." gegeben.t-) In dieser Zahl sind die an Erschöpfung und Krankheiten Verstorbenen
Den Schikanen und Drangsalierungen auf dem Exerzierplatz entsprach die hygienische sowie die ermordeten Internierten nicht enthalten. (Hugo Peter und Bernd 'Von Saen-
Situation. Während des ganzen Aufenthalts in Bereza durften die Internierten sich ger schätzen die Zahl der Bereza-Häftlinge im September 1939 auf annähernd acht-
nicht ein einziges Mal waschen oder rasieren, vom Wäschewechseln ganz zu schweigen. ta~send, Sepp Müller nennt eine Zahl von sechs- bis siebentausend Personen.)
Als Tageslatrine diente ein langer Graben, zu dem jeweils zweimal am Tage ge- DIe Zahl der nach Bereza verschleppten Reichsdeutschen und der Bürger der Freien
schlossene Gruppen gejagt wurden, um ihre Notdurft zu verrichten. Stadt Danzig dürfte mit mindestens zweihundert anzunehmen sein.
Vom 16. September an, das heißt am Vorabend des sowjetischen Einmarschs in Ost-
über die Verhältnisse in den Quartieren sagt Bernd 'Von Saenger u. a. aus: "Nachdem
polen begann sich unter den Wachmannschaften von Bereza Kartuska eine zuneh-
wir von Mithäftlingen allenthalben kahl geschoren worden waren, wurde aus einer
mende Unruhe und Unsicherheit abzuzeichnen. Auf der am Lagerzaun vorbeiführen-
eilig zusammengestellten Gruppe von 140 Mann die Belegschaft des ,Saales 10' ...
den Straße fluteten nahezu ununterbrochen Militär- und Flüchtlingskolonnen vorbei
Abends jagte man uns im Laufschritt dorthin. Es handelte sich um einen sonst kahlen
die Lagerpolizei war z. T. abgelöst worden, die einen oder anderen Polizisten hatten
Raum, der - abgesehen von den Durchgängen - an allen Wänden gänzlich von
~.ohl auch selb~t. das W.eite gesucht. "Irgend etwas lag in der Luft - eine Bedrohung
einem roh zusammengeschlagenen Holzgerüst ausgefüllt war, in dem Bretter zwei
fur unsere Peiniger, eine Hoffnung für uns", erzählt Hugo Peter; und weiter:
Etagen bildeten, während das ,Parterre' von dem Zementfußboden gebildet wurde.
"Abends holte man aus allen Sälen die gelernten Bäcker heraus, aus unserem Saal
Wir mußten eilends unsere Lagerstätten einnehmen, wobei sich herausstellte, daß
waren es allein drei Mann. Nach Ablauf zweier Stunden kehrten diese aufgeregt zu-
diese viel zu eng waren. In dem Appartement, das ,ich erwischt hatte - die Pfosten
rück: im Flüsterton gaben sie weiter, daß man sie zum Brotbacken eingesetzt hatte,
grenzten Abteilungen für je sechs Mann ab -, konnten wir nur hochkant liegen,
dann aber plötzlich wieder von der Arbeit entfernte ... Niemand schloß in dieser
zumal zu der Belegschaft ein sehr dicker Mann gehörte, der allerdings nach drei
Nacht ein Auge, alle lauschten gespannt auf den Lärm an der Straße, das Wagenrol-
Tagen an Entkräftung starb, so daß es weniger eng wurde. Sodann machte man uns
le~, d:u Stimmengewirr in unserer Nähe, das dann immer näherkam ... Noch wagten
mit dem Reglement vertraut, dessen Hauptpunkte das Verbot jeden Sprechens, Her-
wir nidir, an unsere Befreiung zudenken, als jemand laut im Korridor in weißrussi-
umstehens und gar aus dem Fenster-Hinausblickens waren. Man war also während
scher Sprache sagte: ,Habt noch etwas Geduld, wir werden euch bald die Türen öff-
der Nacht und später auch fast den ganzen Tag über dazu verurteilt, auf der Pritsche
zu liegen, was insofern besonders qualvoll war, als die den Boden bildenden schmalen 74) .Posener Tageblatt" v. 'Z1. Oktober 1939.

68 69
nen!' ... Dann aber hielt es uns nicht länger, und wir stürmten hinaus. Von den Im Niemandsland zwischen Netze und Weichsel
Wachmannschaften und den Sträflingen, die mit zur Wache hinzugezogen waren, war
Nachdem der durch Presse- und Rundfunkmeldungen, durch patriotische Aufrufe
niemand mehr zu sehen. Sträflingskleider lagen auf dem großen Gelände verstreu.t.
und Kanzelpredigten erzeugte Begeisterungstaumel in weiten Kreisen der polnischen
Wahrscheinlich hatten die Kriminellen sie gegen Zivilkleiderausgewechselt ... DIe
Bevölkerung schon innerhalb der ersten beiden Tage nach Kriegsbeginn einer zuneh-
Stunde unserer Befreiung war gekommen." (BA.)
menden Ernüchterung Platz gemacht hatte und nachdem angesichts des Zurückflutens
Die Befreiung und der wenig später in großen Gruppen einset~end: .A~~arsch der
polnischer Truppenverbände und der pausenlosen deutschen Luftangriffe die Hoffnun-
Bereza-Inrernierten nach Westen vollzog sich im Zeichen der gleichzeitig uber Polens
gen auf einen raschen Vorstoß nach Berlin, Danzig und Königsberg zerstoben waren,
Ostgrenzen - angeblich zum Schutze der weißrussischen und ukrainischen Bev~lke-
richteten sich die Blicke aller auf die Verbündeten Polens. Hatten nicht Frankreich
rung - flutenden Sowjetarmeen. Noch ahnten nur wenige der ~n diesen Stu~d~n Ihren
und England ausdrücklich Polens Grenzen garantiert? War es nicht eigentlich selbst-
in Ostpolen gelegenen Heimatgebieten zustrebenden Wolh!llJlen- und Gahzlendeu.t-
verständlich, daß Frankreichs Armeen den Rhein überschreiten und Englands Luft-
sehen, daß damit zugleich das Schicksal dieser Gebiete besiegelt war und kaum ein
waffe die deutsche Industrie in Schutt und Asche legen würde? Mußte nicht Englands
Vierteljahr später eine der größten Volksgruppen-Umsiedl~gen un~res !ahrhunderts
Kriegserklärung die deutsche Angriffslust lähmen? Sollten nicht Hitlers Panzer-
ihren Anfang nehmen würde. Andererseits haben gerade die Erlebnisse dieser. und der
Attrappen schon gleich nach den ersten Gegenschlägen die Ohnmacht des "Dritten
darauffolgenden Wochen die innere Bereitschaft der i~ di~en ~äumen beheimateten
Reiches" erweisen und Revolutionen in den von Deutschland besetzten Gebieten das
Deutschen zum Verlassen ihrer Heimatgebiete wesentlich mitbestimmt.
ganze morsche Staatsgebäude Hitlers erschüttern und zu Fall bringen?
Hoffnungen und weitgespannte Erwartungen verwandelten sich über Nacht in Ver-
wirrung und Zweifel. Louis de lang analysiert die Situation in Polens Westgebieten
bei Kriegsbeginn zweifellos zutreffend, wenn er feststellt, daß der "Iillusionäre Ope-
raoionsplan" und eine "schrankenlose Überschätzung ihrer eigenen Kraft" die polni-
sche militärische Führung von vornherein in eine aussichtslose Lage gebracht hatten.t-)
Starke polnische Kräfte waren zwar in Westpolen konzentriert worden, jedoch verur-
sachten gerade der überstürzte Nachschub immer neuer Einheiten !in diese Gebiete
während der letzten Augusttage und Anfang September schon deshalb von nieman-
dem vorausgeahnte Verkehrssdrwierigkeiten, weil ein Großteil dieser Truppen nicht
motorisiert und daher auf Eisenbahntransporte angewiesen war. Gerade auf die
Eisenbahnverbindungen und Brücken aber hatte es in den ersten Septembertagen die
deutsche Luftwaffe abgesehen.
Hinzu kamen die von Tag zu Tag anwachsenden Flüchtlingskolonnen, die hauptsäch-
lich mit Bauernwagen, aber auch zu Fuß und mit Lastkraftwagen aus dem Frontgebiet
zu entkommen suchten.

DIE ENTWICKLUNG DER MILITÄROPERATIONEN

General von Vormann schildert in seinem Buch "Der Feldzug 1939 in Polen" die
Situation im Bereich der deutschen Heeresgruppe Nord wie folgt: "Die 4. Armee
hatte den Auftrag, aus einer Bereitstellung ostwärts der Linie Krojanke-Schlochau
verbrechend, den Übergang über die Brahe zu erzwingen, schnell das Westufer der
Weichsel firn Abschnitt Topolno (10 km südlich von Kulm) und Graudenz zu gewin-
nen und den Feind im Korridorgebiet zu vernichten ... Nach Überschreitung der
Weichsel hatte die 4. Armee im Zusammenwirken mit der 3. Armee nach Warschau
vorzustoßen '" Die Südflankeder 4. Armee war an der Netze, dem Bromberger
") Louis. de Jong: "Die deutsche fünfte Kolonne ... ", Stutlgart 1959. S. 48.
Kanal und später ~egen Thorn hin zu sichern."76) Und an anderer Stelle: "Die den waren. Die allgemeine Verwirrung brauchte ein stärkeres Ventil, als es die ein-
4. Armee bildete nördlich Flatow aus dem 11. Korps und dem XIX. Korps eine fache Kenntnisnahme der Verhaftung kleinerer und größerer Gruppen von pauschal
Durchbruchsgruppe, die ... über die Brahe zwischen Krone und Tuchel auf Kulm zu "Staatsfeinden" erklärten und immerhin noch dem Schutz der Behörden und der
gegen die Weichsel durchstoßen sollte (d, h. also an Bromberg vorbei) ... Zur Siche- Polizeiorgane anvertrauten Deutschen hätte bieten können. Waren nicht im Grunde
rung der rechten Flanke gegen die Armee Posen hatte das um Krojanke versammelte genommen die Deutschen in Polen alle miteinander überhaupt schuld am Kriegsaus-
IH. Korps sic:hin den Besitz des Netzeabschnitts zu setzen und später auf Bromberg bruch? Hatten sie nicht mit ihrem zähen Festhalten an ihrem Volkstum, mit ihren
vorzugehen. "77) Vereinigungen und Parteien Hitler die Handhabe für seine Politik geboten? Hatten
Schon hieraus wird, wenn man die Landkarte betrachtet, ersichtlich, daß es die deut- nicht schon immer ihre Repräsentanten Unzufriedenheit mit den Verhältnissen be-
sche Heeresleitung von vornherein auf weiträumige Ziele, auf rasche Vorstöße an kundet und hatte nicht gar die große Masse der Deutschen immer besser gelebt als die
möglichen polnischen Widerstandszentren vorbei und auf die Einkreisung bzw. Zer- Polen selbst? Ungestüm brachen sich solche und ähnliche Gefühle, brach sich ein durch
splitterung möglichst starker gegnerischer Verbände abgesehen hatte. Ein solcher Ope- Jahre und Jahrzehnte angestauter Unmut Bahn: nun sollten diese Deutschen allesamt
rationsplan brachte zwangsläufig die Aussparung der meisten größeren Städte aus den wenigstens auc:h die Folgen tragen, wenn das unglückliche Polen mit durch ihre
Angriffshandlungen schon deshalb mit sich, weil sich anderenfalls an soldien Orten Sc:huld einer neuen Katastrophe seiner leidvollen Geschichte entgegenging,
der polnisc:he Widerstand hätte versteifen können. Weite Räume wurden auf solche
Art in den ersten Septembertagen zum "Niemandsland".
Das bestätigt in sehr klarer Form auch der polnische General Jerzy Kirchmayer in DER "BROMBERGER BLUTSONNTAG"

einem Buch über Polens militärische Lage 1939-1944, indem er über die Kräftever-
Mit den Vorgängen am Rande des Kriegsgeschehens im September 1939 in Polen ist
teilung in Posen-Pommerellen und den deutschen Vormarsch folgendes feststellt: "Das
der Name einer Stadt aufs engste verknüpft, die in den Frontberichten jener Tage
Interventionskorps (d. h. die zum Einsatz gegen Danzig bereitgestellten Truppen),
kaum auftauchte, die angesichts der Umgehungsstrategie der Wehrmacht fast eine
hatte seine Kräfte sehr weit auseinandergezogen und dadurc:h waren auc:h die Ver-
Woche hindurch militärisches "Niemandsland" war, die aber infolge einer Verkettung
bände der gesamten Armee Pommerellen sehr verstreut. So hatte die 9. Infanterie-
fataler Begleitumstände zu einem Symbol rausendfachen leidvollen Erlebens unschul-
Division einen Frontabschnitt von ca. 70 km Länge zu bestreiten ... Als Haupt- diger Menschen geworden ist: Bromberg.
kampflinie wurde die Weichsel zwischen Bromberg und Thorn festgelegt mit einem
Nachdem sich zunächst am Tage des Kriegsbeginns und auch am Vormittag des 2.
Brückenkopf auf dem linken Weichselufer bei Bromberg. Diesen Brückenkopf sollten
September die Lage in Bromberg nur wenig von der Situation in anderen Städten
die Armeen Posen und Pommerellen gemeinsam halten. Denn durch ihn sollten Vor-
des Korridorgebietes unterschieden hatte, nachdem die auf den Internierungslisten
stöße nach dem Norden ermöglicht werden '" Indem jedoch die deutsc:hen Armeen
erfaßten Deutschen verhaftet worden waren und ihren Fußmarsch nach Osten ange-
von Ostpreußen ostwärts und südlic:h der Weichsel nach Warschau vorstießen, hatte
treten hatten, nachdem hier und da - besonders nachts - auch schon Ausschreitungen
die Hauptkampflinie Weichsel-Bromberg-Thorn und der nie existent gewordene
gegenüber deutschen Zivilisten vorgekommen waren, verschärfte sich die allgemeine
,Brückenkopf Bromberg jede Berechtigung verloren. "78)
Spannung mit dem Augenblick des ersten deutschen Fliegerangriffs und mit den im
Die Folgen dieser deutschen Operationsplanung und der in konsequentem Zusam- Bromberger Straßenbild immer häufiger auftauchenden Flüchtlingsgruppen. Schon am
menwirken zwischen Heer und Luftwaffe durchgeführten Kampfhandlungen lagen frühen Samstagnachmittag gesellten sich zu diesen zivilen, Panikstimmung verbreiten-
auf der Hand. Katastrophal aber waren diese Auswirkungen für jene Teile der deut- den Flüchtlingskolonnen kleinere und größere militärische Verbände, die wildeste,
schen Zivilbevölkerung, die als "unsichere" oder gar als "staatsfeindliche" Elemente einander entgegengesetzte Gerüchte in Umlauf brachten; so hieß es zum Beispiel, pol-
angesehen wurden und die sich sowohl dem Zorn und der Verzweiflung ihrer polni- nische Armee- und Marine-Einheiten hätten Danzig besetzt, andererseits aber auch:
schen Nachbarn als auch der Verbitterung und Enttäusc:hung ohnmächtiger Behörden daß nur wenige Kilometer nördlich der Stadt bereits gekämpft würde und "deutsche
und den sich von ihrer obersten Führung verraten fühlenden Truppenverbände aus- Panzer sicher schon bald in Bromberg einrücken" könnten. (Wie sich später heraus-
geliefert sah. stellte, waren deutsche Vorauseinheiten - allerdings keine Panzerverbände - bis in
Als "unsicher" , "verdächtig" und "staatsfeindlich" galten in diesen Tagen nicht etwa die Stadtnähe vorgedrungen, jedoch ohne den Befehl und die Absicht, Bromberg zu
nur diejenigen Angehörigen der nationalen Minderheiten, die am Tage des Kriegs- besetzen.)
ausbruchs verhaftet, in Gefängnisse eingewiesen und zur Internierung bestimmt wor- Ober die bereits am zweiten Kriegstage nahezu in Auflösung befindliche und z. T.
Vgl. .Der Feldzug 1939 In Polen", Weißenburg 1958, S. 70.
über Bromberg zurückweichende 27. polnische Infanterie-Division, die ohne jeden
ebenda, S. 76 ff. •
Vgl. Jerzy Klrchmayar: .Kllka zagadnlan polsklch 1939/1944 , S. 69.
Zusammenhang mit der Armeeführung operierte, lesen wir in einem Werk des polni-
~

72 73
schen General-Sikorski-Instituts, London: "In einer durch Panik gekennzeichneten hatte, daß die Verzweiflung über das Geschehen nicht überhand greifen dürfe und
Situation kam es (am 2. September) hier und da zu Auflösungserscheinungen bei den "dre starke Hand Gottes, ", in deren Schutz wir getrost den nächsten Tagen und
verschiedenen Verbänden. Das Ergebnis waren blutige Verluste in den eigenen Rei- Nächten entgegengehen" das Schicksal der Menschen beider Nationen bestimmen
hen ... Bei einem Bataillon des 24. Infanterie-Regiments (das den Befehl zum Rück- werde.w)
zug auf Brombergerhalten hatte), brach aus unbekanntem Grund noch vor Eintritt Die Sprache, die an diesem Sonntagmorgen manche Kanzelpredigten in den überfüll-
der Dämmerung auf der Straße Bladzin-Schwetz eine Panik aus, die die Auflösung ten polnisch-katholischen Gotteshäusern Brombergs bestimmte, besagte etwas ganz
eines großen Teils dieses Bataillons zur Folge hatte ... Auch des 23. Infanterie-Regi- anderes, Hier war - wie eidesstattliche übereinstimmende Aussagen zeigen - von
ments bemächtigte sich eine Panik, die indessen schnell eingedämmt werden konnte, "Rache" und "Vergeltung", von "der Wahrung der heiligsten Güter", von "Vernich-
durch die aber das 1. Artillerie-Bataillon von der Infanterie getrennt wurde. Ursache tung" und "Ausrottung" die Rede. Und diese Kanzelreden, die ja im Grunde genom-
der Verwirrung war hier die eigene Kavallerie, die zur gleichen Zeit durch diese Ge- men nur den Schlußpunkt unter eine Vielzahl ähnlicher Priester-Reden aus den Vor-
gend ritt. Irgend jemand rief .Kavallerie von hinten', und -dieser Ruf löste bei den monaten setzten, mußten in einem Augenblick der grenzenlosen Verwirrung und Ver-
übernervösen Mannschaften eine Panik aus. "79) zweiflung gerade der gläubigen, einfachen Bevölkerungskreise das sprichwörtliche
In demselben Werk werden an anderer Stelle (S. 95) Schießereien zwischen Truppen "Faß zum Überlaufen" bringen.
des 50. Infanterie-Regiments verzeichnet, die zu Verlusten führten. Auch mehrere So kann es nicht wundernehmen, daß am 3. September, dem ersten Sonntag nach
Armee-Kuriere gehörten hier zu den Gefallenen. Kriegsbeginn, auch in Bromberg die Gotteshäuser zu Versammlungsstätten wurden,
Der Rechtsanwalt Günter Hübschmann, früher Bromberg, der später eine ganze Reihe an denen die in ihrem Glauben an Gott und die Menschheit wankend gewordenen
von Polen beim Sondergericht in Brornberg verteidigte, bestätigt die Vorkommnisse Bürger, insbesondere aber auch die im patriotischen Geiste erzogene Jugend gewisser-
an der Rückmarschstraße der 27. Infanterie-Division, ,indem er zu den Angaben pol- maßen die "letzte Weihe" für eine als Selbstverteidigung und Befreiungstat gepriesene
nischer Angeklagter, denen zufolge auf polnisches Militär geschossen worden sei, be- Aktion empfingen, die wenig später in einen Massenmord ausartete.
merkt: "... In der Verhandlung wurde erklärt, daßentl.ang der Brahe auf der Straße Nicht zufällig wird in allen uns vorliegenden Berichten über die Vorgänge am "Brom-
nach Thorn bzw. nach Fordon am Sonntag, dem 3. September, polnisches Militär berger Blutsonntag" übereinstimmend "die Zeit nach der Messe", "nach dem Gottes-
zurückflutete. Im Morgennebel soll dann eine dieser polnischen Einheiten über die dienst" - hier und auch noch genauer "nam 10 Uhr" oder "ungefähr 10.20 Uhr" -
Brahe hinweg auf die andere polnische Einheit das Feuer 'eröffnet haben, in der An- als Beginn des "Schießens lin verschiedenen Stadtteilen" und der Massenverhaftungen
nahme, daß es sich bereits um die nachdrängenden deutschen Truppen gehandelt von Deutschen angegeben.st) Audi Major Wojciech Albrycht, der Brornberger Stadt-
hätte. Es entwickelte sich ein Feuergefedir zwischen zwei polnischen Einheiten, das kommandant, gibt diesen Zeitpunkt - den er allerdings als "unverhofften überfall
beiderseits Opfer forderte. Und so wäre die Parole innerhalb der polnischen Bevöl- der deutschen Diversanten auf polnisches Militär" bezeichnet - mit 10.20 Uhr an.S2)
kerung aufgekommen, Deutsche hätten auf Polen geschossen." (BA.) Was Major Albrycht zu seiner eigenen Rechtfertigung 1946 vor dem Posener Staats-
Die Auswirkungen dieser -durch mündliche Weit;ergabe aufgebauschten - Meldungen anwalt Garczynski als "überfall deutscher Diversanten auf poln:isches Militär" he-
von den Rückzugsstraßen der polnischen Truppenverbände waren um so verheeren- zeichnete und was seither in mancherlei Varianten noch an Legenden dazu erfunden
der, als sie sich auf keinen Nenner mit den noch immer Optimismus und Siegeszuver- wurde, um die Schuld an den Bromberger Vorgängen den dortigen Deutschen anzu-
sicht verbreitenden Zeitungs- und Rundfunknachrichten bringen ließen. Die Konfron- lasten, ist inzwischen hier und da auch auf polnischer Seite als absurde Verzerrung
tation der erlebten Wirklich:keit mit den ohne jeden Übergang als leere Propaganda der tatsächlichen Vorkommnisse erkannt worden.
offenbarten Wunschbildern erreichte am Sonntagvormittag- dem 3. September -in einer
Stunde ihren Höhepunkt, in der eigentlich niemand der wenig später auf so grausame "DIE PSYCHOSE HAT GROSSE AUGEN"

Art Betroffenen diese Zusammenballung von tragischen Ereignissen erwartet hatte.


Eines der anschaulichsten literarischen Dokumente über die Septembertage in Posen-
Doch nicht die Flüditlingskolonnen, die an diesem Morgen wie schon am Vortage das
Pommerellen legte T adeusz N owakowski, der diese Zeit in seiner Jugend in Bromberg
Straßenbild in Bromberg kennzeichneten, und auch nicht die Alarmmeldungen abge-
miterlebt hat, mit seinem Buch "Polonaise Allerheiligen" vor.83) Den in großer Zahl
hetzter, versprengter Soldatengruppen waren es, die den Funken in dieser Stadt zum
im Bundesarchiv Koblenz gesammelten Augenzeugenberichten über den "Bromherger
Zünden brachten, in der noch 31m Freitag Gotthold Starke in seinem Kommentar
zum Aufruf des Staatspräsidenten Moleielei die jahrzehntelange "gute Nachbar- 80) Siehe Einführung!
81) Vgl. die Berichte von Frau Emmy Heuchert, Frau Charlolte Frenser, geb. Bigalke Frau Margarete
schaft mit dem polnischen Volk" beschworen und der Hoffnung Ausdruck gegeben Lieske, Frau Annemarie Klotzbücher, geb. Doerfel, und Otto Schendei (BA.). '
82) Vgl. ••Panorama P6lnocy" Nr. 44 v. 2. 11. 1958 (Aussage vor dem Staatsanwalt Garczynski Posen
1~~ ,
") ••Polskie Sily Zbrojne w drugiej wojnie swiatowej" (Polens Streitmacht im Zweiten Weltkrieg),
Band I, Teil 2, Seite 83-100. 13) Das Buch erschien 1959 in deutseher Obersetzung von Armin Dross bei Kiepenheuer u. Witsch, Köln.

74 75
Blutsonntag", die wir nachfolgend zitieren, sei hier nur eine der von Nowakowski Nowakowski schildert sodann, wie sich weitere Vorübergehende in die Auseinander-
sehr einprägsam geschilderten Szenen vorangestellt. Sie spielt "Am dritten Kriegstag setzung einschalten, wie der junge Gregortschik den Mann in Schutz zu nehmen sucht,
in Bromberg" und schildert die Stimmung der polnischen Bevölkerung beim Durchzug doch ohne Erfolg: »... ,Wir haben diesen Knieg nicht angefangen!' Die Augen des
polnischer Truppen: »Weißüberstäubte Infanteristen bogen im Geschwindemarsch als Bäckergesellen werden ganz klein vor Haß: ,Wir haben ihn nicht gewollt! Wo ge-
ungeordnete Haufen in die Grunwaldstraße ein. Sie zogen nicht von Osten nach We- hobelt wird, da fallen aber Späne. Die Starostei hat's befohlen, und Schluß.' ... Der
sten, wie man erwartete, sondern sie kamen aus westlicher Richtung und wandten sich junge Gregortschik fror innerlich. Schmerzerfüllt wandte er sich von der Straße fort,
ostwärts. Der Anblick der Marschierenden war deprimierend. Unter den Helmen um den Haufen von Marodeuren nicht mehr zu sehen."
hielten die Soldaten die Augen gesenkt. Sie sahen stur auf die Absätze ihrer Vorder- Der Erinnerungsbericht des Brombergerdeutsdien Journalisten Marian Hepke bestä-
männer , zählten die einzelnen Pflastersteine und blieben stumm. Die alten Sokols, die tigt und ergänzt die polnische Situationsschilderung aus dem Blickfeld eines deutschen
Schützenbrüder, Kegler und Hallerarmisten überkam langsam ein schlimmes Vorge- Bürgers der Stadt, der bei Kriegsbeginn zwar nicht verhaftet und verschleppt worden
fühl. ,Was ist das für ein trauriger Krieg', wunderten sie sich: ,Keiner singt!' - .Sie war, dem man jedoch auferlegt hatte, sich täglich bei der Polizei zu melden. H epke
ziehen sich zurück', sagte ein Passant: ,Auf dem Rückzug singt der Soldat niemals' berichtet über den Sonntagvormittag: »Ich verließ etwa um 10 Uhr das Regierungs-
... Zwei Stunden danach brach eine Panik aus. Sirenengeheul durchschnitt die Lufl, gebäude, wo ich dem Meldebefehl nachgekommen war und begab mich zum Theater-
obgleich keine Flugzeuge am Himmel zu sehen waren.B4) Staubwolken bedeckten platz und von dort in die Danziger Straße, die im in nördlicher Richtung hinaufging.
Laub und Gras an den Straßenrändern mit einer weißen Schidir. Die engen Straßen Als ich etwa in der Nähe des Hotels Adler war, kamen polnische Truppen vom Nor-
füllten sich mit tobenden Banden und Marodeuren. Zügellose Haufen fliehender Ver- den her die Straße herunter im wilden Durcheinander. Es handelte sich offenbar um
sprengter, weder als Zivilisten noch als Soldaten anzusprechen, fielen wie ein Heu- eine Fourageabteilung mit Kastenwagen. Die ganze Fahrbahn einnehmend, sprengten
sdireckensdrwarm in die Grunwaldstraße ein. Die Fenstersdreiben klirrten vom Knat- die Pferde mit den hinterher ratternden Wagen die Straße hinunter; offenbar waren
tern beim Anlassen der Motoren. Sogar riesige Möbelwagen machten sich auf den die Soldaten bemüht, den südlichen Ausgang der Stadt zu erreichen, Einige Soldaten
Weg. In den Gärten am Fluß fielen einzelne Karabinerschüsse. ,Was ist passiert?' hatten sogar Gasmasken vor den Gesichtern, was die Bestürzung unter den Straßen-
fragte der junge Gregortschik ein paar Halbwüchsige, die die Straße entlangtobten. passanten noch verstärkte. Was ist los? fragte man. Was war ratsächlich geschehen?
,Wir jagen die fünfte Kolonne! Wir hauen den Schwaben eins in die Fresse!' riefen Wie mir später Augenzeugen berichteten, soll die Truppe am Nordrand der Stadt
sie ihm vergnügt zu. Die Psychose hat große Augen. Unversehens waren angeblich noch in gewisser Ordnung gefahren sein. Als die Bevölkerung die Soldaten fragte, wo
Saboteure aufgetaucht. überall glaubte man sie zu sehen. Auf dem Dach der Fahrrad- die Front sei, hätten diese geantwortet: ,Die Deutschen sind hinter uns!' Und der Ruf
fabrik, im Hof der Süßwarengroßhandlung, in der deutschen Tischlereiwerkstatt ,Die Deutschen kommen!' habe sich durch Häuser und Straßen fortgepflanzt und
,Heima' und im Dürer-Gymnasium. ,Runter mit dem jackett!', schrien bewaffnete habe auch die Truppe selbst zu immer besdileunigterem Tempo angetrieben. Dabei
Jugendliche jeden an, der ihnen verdächtig erschien. Sie sahen unter den Achseln nach, wurde von einem Wagen eine Gaslaterne der Straßenbeleuchtung umgerissen und der
ob dort nicht etwa eine Fallschirmleine Spuren hinterlassen habe. ,Militärpaß vor- Ruf ,Gas, Gas!' veranlaßte einige Soldaten, Gasmasken aufzusetzen ... " (BA.)
zeigen - aber ruck-zuck, alter Luj' - ,Hier, hier, da haben wir den Vogel!, schrie
M arian H epke schildert, wie wenig später !in der Nähe der Paulskirche das Gerücht
aufgeregt ein Bäckergeselle mit weißer Mütze, einen Karabiner über der Schulter: .Ein
aufgekommen sei, daß Deutsche vom Turm dieser Kirche geschossen hätten und daß
Lurher, Ewangelik, Robert Stenze! heißt er! Hab ihm seinen Rucksack durchsudit und
diese »Diversanten" mit Maschinengewehren und Handgranaten ausgerüstet wären.
einen Taschenspiegel gefunden. Zu was braucht so ein alter Kerl einen Spiegel? Sicher
Wir kommen auf dieses Gerücht und seine Hintergründe noch zurück. Hepke erzählt
hat er damit feindlichen Flugzeugen Zeichen gegeben!' - ,Seid ihr wahnsinnig?' rief
weiter: »Obwohl ich mich um die gleiche Zeit in unmittelbarer Nähe dieser Kirche
entsetzt das gebeugte, quittegelbe Männlein mit den aufs Rad geschnürten Bündeln:
befunden habe, habe im kein Schießen gehört, weder aus Gewehren noch aus Maschi-
,Ein Spiegelchen braucht doch jeder, zum Rasieren!' - ,Aber du bist ja unrasiert',
nengewehren, im habe auch keine Detonationen von Handgranaten wahrgenom-
nahm ihn der Geselle beim Wort: ,Siehst du, wie du lügstl' - .Krank bin im', stöhnte
men ... Ebensowenig habe ich verwundete oder getötete Soldaten gesehen."
der Alte, ,hab zum Rasieren keine Lust. Von Dirschau her komm' ich zu Fuß. Ist
Die Gerüchte und der eilige Durchzug eines Truppenverbandes durch die Danziger
mein Sohn an die Front gegangen mit dem sechzehnten Ulanenregiment - und ihr
Straße beunruhigten Hepke natürlich in nicht geringem Maße. Er überquerte den
wollt mim festnehmen!? .. .' ,Die Numerierung der Regimenter kennt er auch!' Die
Weltzienplatz, in der Hoffnung, über die parallel zur Danziger Straße verlaufende
Augen des Burschen blitzten auf ... "
Bachmannstraße rasch nach Hause zu gelangen. Hepke erzählt: »Auch in dieser Straße
") Gleichlautende Berichte deutscher Augenzeugen besagen. daß dieser Fliegeralarm, .nach dem keine dasselbe Bild: Hier handelte es sich um leichte Artillerie, die sich in schnellem Galopp
Entwarnung erfolgte, zu der Vermutung Anlaß gegebE!n habe, daß damit das StartsIgnal zur Aktion
gegen die Bromberger Deutschen gegeben worden sei (BA.). südwärts bewegte. Offiziere zügelten ihre Pferde und versuchten, das Durcheinander

76 77
ihrer Truppe aufzuhalten ... Da aber die Soldaten weiterrasten. zogen die Offiziere Frau Heuchert schildert sodann ausführlich mehrere Durchsuchungen des ganzen
- ich sah zwei dies tun - ihre Pistolen und schossen unter fortwährenden ,St6j' Hauses und Verhöre seiner Bewohner, u. a. auch ihres Mannes, der es nur dem Ein-
Rufen in die Luft ... Nach und nach kam jetzt einige Ordnung in die Kolonnen ... " stehen seiner polnischen Nachbarn für ihn zu danken hatte, daß er nicht abgeführt
Die von M arian H epke geschilderten Vorkommnisse finden in zahlreichen, an Eides- wurde. (Wir kommen auf diesen Bericht noch ,im letzten Kapitel zurück.) Der Haus-
statt niedergelegten Zeugenaussagen ihre Bestätigung: so nüchtern diese Aussagen zum wächter und der Eisenbahner Makowskierzählten Frau Heuchert bei dieser Gelegen-
Teil sind, so geht doch aus ihnen mit aller Deutlichkeit hervor, wie durch das Zu- heit, daß "der polnische Geistliche nach dem Gottesdienst alle Männer und jugend-
sammentreffeneiniger Ereignisse eine folgenschwere Aktionswelle ausgelöst wurde, lichen aufgefordert" habe, "Gewehre und Munition zu holen, um Bromberg zu
deren Auswirkungen nicht zuletzt auch die polnische Bevölkerung in voller Härte verteidigen". Der Bericht schließt mit der Darstellung der Unruhen und der blutigen
trafen. Vorkommnisse in Bromberg bis zum Dienstag, die jedoch Frau Heuchert selbst nicht
erlebte, da sie die Zeit mit ihrem Mann und den Mitbewohnern ihres Hauses im
Folgen wir den in umfangreichen Dokumentationsmappen des Bundesarchivs gesam-
Keller zubrachte.
melten Aussagen, Arthur Thom (früher wohnhaft in Bromberg, Bahnhofstraße 88)
berichtet: "Am Sonntag, dem 3. September, gingen die Polen in die katholische Kir-
che am Elisabethmarkt. Als sie zurückkamen, waren alle sehr aufgeregt, und Frau
KIRCHTURM-LEGENDEN
Kendzierska, die Frau eines Eisenbahners, die meine Frau und die Kinder in den
Luftschutzkeller geholt hatte, sagte zu dieser leise und am ganzen Körper zitternd, Die phantastischen Gerüchte über-deutsche "Diversionszentren" in den Türmen evan-
daß heute die Deutschen alle aus ihren Wohnungen geholt werden sollten. Meine Frau gelischer Kirchen werden dadurch nicht glaubwürdiger, daß sie auch in anderen
und die Kinder möchten ja nicht sprechen, wenn die Leute kämen, um sich nicht zu Städten Posen-Pommer:ellens auftauchen.
verraten ... " Wenig später ritt mit Lanzen und Gewehren bewaffnete polnische Ka- So verständlich auch immer vor dem Hintergrund des panikartigen Rückzugs der
vallerie durch die Straßen; beim überstürzten Einbiegen in eine Nebenstraße stürzten polnischen Truppen der Betätigungsdrang der zur Verteidigung ihrer "heiligsten
einige Tiere mit ihren Reitern. Thom fährt fort: "Das Geräusch (auf der Straße) ver- Güter"aufgerufenen Zivilbevölkerung und insbesondere der leicht zu patriotischen
anlaßteeine Polin, die Frau des über uns wohnenden Uhrmachers Chmielewski, an Taten entflammbaren polnischen Jugend anmuten mag, so abgründig erwiesen sich
das Fenster zu laufen. Ein Kavallerist ... legte an und schoß der Frau in die Schul- die Folgen der organisierten Massenhysterie, die vor den Toren der Gotteshauser
ter. Die Frau wurde dann mit einem Krankenwagen fortgeschafft Als die Horden nicht Halt machte. Die bereits im Bericht von Frau Heuchert zitierte Lehrerin Hertha
auf der Straße hörten, daß in unserem Hause eine Polin angeschossen worden sei, Schulz schildert, wie sie am Sonntagvormittag von einem Polizisten abgeholt und
hieß es sofort: das könnten nur Deutsche getan haben! Der Haß steigerte sich so weit, aufgefordert wurde, das Kirchentor aufzuschließen: »Vor der Kirche angekommen,
daß man das Haus in die Luft sprengen wollte; nur den hier wohnenden Polen gelang sah ich dort einen Korporal mit ungefähr zehn bis zwölf Mann stehen, die auf das
es, dieses zu verhindern." (BA.) öffnen der Tür warteten, Ich schloß auf, und der Polizist sowie der Korporal mit
Frau Emmy Heuchert (früher Bromberg-Schleusenau) schreibt über ihre Erlebnisse in ungefähr acht Mann gingen hinein, die übrigen blieben draußen und verteilten sich,
der Anker- und .A!ltenSchulstraße. "Mein Mann konnte in dieser Nacht (vom 2. 'zum wie ich später erfuhr, um die Kirche herum ... Im gleichen Augenblick will sich auch
3. 9.) schlecht schlafen und stand deshalb früh auf. Obwohl er mich nicht beun- ein Junge ,in der Uniform der polnischen Jugendwehr (gemeint ist die Uniform der
ruhigen wollte, sah ich, daß er sehr nervös war ... Er ging von einem Fenster zum Pfadfinder) an mir vorbeidrängen. Ich schob ,ihn zurück, da hob mir der Junge eine
anderen, ließ die Jalousien herunter und beobachtete das Leben und Treiben auf der Pistole entgegen, und die polnischen Soldaten waren inzwischen weiter hineinge-
Straße. Es dauerte nicht lange, da sah mein Mann, wie Herr Walter Schulz in die gangen, aber der Polizist stand noch neben mir. Ich sagte ihm: ,Der Junge hat ja
Kirdie'") ging, bald darauf aber wieder herauskam. Vor der Kirche. hatten sich in- einen Revolver!' - .Pani, to jest tylko straszak!' (,Frau, das ist nur eine Schreck-
zwischen Soldaten und polnische Jugendwehr eingefunden. Sie sprachen mit Schulz schußpistole!') erwiderte er darauf, wies aber doch den Jungen zurück. So schloß ich
heftig, stieß-en ihn und führten ihn ab. Ungefähr eine halbe Stunde danach beob- von innen ab und ging mit dem Polizisten den Mittelgang entlang. Es kam der Kor-
achtete mein Mann, wie Fräulein Hertha Schulz mit Soldaten, Polizei und anderen poral noch dazu, nachdem er den Soldaten den Befehl zum Durchsuchen der Kirche
Burschen ankamen, in die Kirche gingen und nach geraumer Zeit wieder heraus- erteilt haben muß, denn ich beobachtete das aufgeregte Suchen der Soldaten. Einige
kamen. Während dieser Zeit kam unser Mädchen vom Milchholen. Sie sagte: Pol- gingen durch die Bänke, andere gingen in die ... Sakristei, wiederum andere unter-
nische Frauen haben sich erzählt, daß die Deutschen jetzt aus ihren Wohnungen suchten den Altar, hoben die Decke, die Leuchter, zogen den auf den Altarstufen
geholt und erschossen werden ... " (BA.) liegenden Teppich zur Seite, und als gerade einer die Bibel durchblätterte, fragte ich,
wonach sie eigentlich suchten. Darauf erhielr ich die Antwort: ,Das Maschinengewehr,
85) Es handelt sich hier um die evangelische Kirche in der Alten SchulstraBe.

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das Ihr Bruder in der Kirche aufgestellt hat.' Ich fand das so entsetzlich lächerlich naten schließen ließe - und endlich hätten die Deutschen sogar »einen unterirdischen
Gang zur Kirche" angelegt.81)
und konnte mir die Bemerkung nicht versagen: ,Na, in der Bibel werden Sie es wohl
nicht finden.' ... " (BA.) :'farrer Karl Droß, der damals der genannten Kirche vorstand, nahm zu diesen
Kußerungen
, " Stellung, die er als Phantasiegebilde bezeidmet
w. Wohl' seien po 1nrisdie
Bei der Beobachtung der auf der Empore und an der Orgel weitersuchenden Soldaten
Zivilisten gewaltsam in seine Kirche eingedrungen und hätten diese nach Waffen und
entdeckte Fräulein Schulz abermals den an der Kirchentür zurückgewiesenen Pfad-
ve,rsteckte~ Deutschen erfolglos durchsucht. Was den unterirdischen Gang betreffe, so
finder, diesmal im Inneren der Kirche. Sie rief dem Polizisten daraufhin zu: »Da
läuft euer Maschinengewehr! Wenn wirklich aus der Kirche geschossen wurde, dann ermnert Sich Pfarrer Droß einer Sage, der zufolge »einmal zwischen Bernhardiner-
und Kl:rissinenkloster ein unterirdischer Gang existiert haben soll, der unter der
ist es der Bengel gewesen - der macht den Weg durch das Fenster bestimmt nicht zum
Brahe hmdurchführte" .87) Unter oder bei der Pfarrkirche habe es niemals einen sol-
erstenmal!" Der Korporal rief nun den Jungen zu sich: »... Aus dem Wortschwall
hörte ich heraus, er wäre zu dumm, von den Deutschen ließe er sich abfangen." (BA.) chen Gang gegeben. (Die Kirche wurde 1903-1904 auf Sumpfgeländeerrichtet.)
Doch die Kirche in der alten Schulstraße war - wie gesagt - nicht die einzige, aus Pfarrer Droßerwähnt in seiner Stellungnahme ausdrücklich »die kochende Volks-
der heraus polnische Bewohner und Soldaten Schüsse und sogar Maschinengewehr- seele", die an diesem Sonntag noch dadurch angeheizt worden sei, daß es viele Be-
feuer gehört haben wollten. Ernst Zühlke (früher Bromberg, Lilienstraße 11): »Dem tr~nkene g~geb~n habe; ein Umstand, der auch durch andere Zeugenaussagen belegt
Wird, auf die wir noch einzugehen haben werden. (BA.)
Schuhmacher haben Polen gesagt, er hätte in der Kirche ein MG aufgestellt und haben
ihn (ebenso wie den Kirchendiener David) erschossen und die Kirche in Brand ge- ~icht zufällig richteten sich der Zorn und die ersten Gewaltaktionen am 3. September
in Bromberg gegen die evangelischen Kirchen und die deutschen Pfarrhäuser. Hatte
steckt."
man es doch hier - nach der Schließung der deutschen Turn- und Vereinshäuser, der
Kurt Mill (früher Kleinbartelsee) berichtet: »Die Polen beschossen sich gegenseitig. Es
deutschen Schulen, Verlagsgebäude und Banken - mit den einzigen noch zugängli-
brach eine Panik aus, als ein polnischer Offizier rief, deutsche Soldaten seien in Brom-
chen, allen gut bekannten und schon optisch herausragenden deutschen Versammlungs-
berg. Von unserer Hausecke, Manfred-Laubert-Straße und Maßstraße schossen polni-
zentren zu tun. Und war nicht schon seit Monaten auch die Enteignung der evangeli-
sche Soldaten auf die evangelische Kirche und sagten: ,Wir haben vom Kirchturm
schen - also deutschen - Gotteshäuser gefordert worden? Sollte also diese Forderung
Feuer bekommen.' Nach einer Weile hörten wir, daß Herr Marau und sein Sohn er-

r:
unbegründet gewesen sein?
mordet worden sind. Er war der Kirchendiener." (BA.)
ie Erlebnisse deutscher Geistlicher in jenen Tagen seien hier abschließend durch
Auch aus der Paulskirche am Weltzienplatz, über den am Sonntag besonders viele
el~en kurze~ Auszug aus den Aufzeichnungen Pastor Hans Martin Stalfehls belegt.
Truppeneinheiten zurückfluteten, wollen später polnische Zivilisten und Soldaten
Diese Au~zelchnungen, die z. T. auch in einer Broschüre unter dem Titel »Ein Augen-
Schüsse gehört haben. In polnischen Schriften, so z. B. bei Pospieszalski, ist sogar
zeuge / Ein Tatsachenbericht über die Bromberger Bluttage" veröffentlicht wurden88)
nachzulesen, daß diese Schüsse »den Beginn der deutschen Diversionsaktion angezeigt"
kommt insofern besondere Bedeutung zu, als Pastor Stalfehl als einziger von seinen
hätten. Wahrscheinlich gehen diese Gerüchte auf den Umstand zurück, daß die für
~romb.erger deutsch-evangelischen Amtsbrüdern in Bromberg geblieben war. Er hatte
Feindbeobachtungen besonders günstige Position dieses Kirchturms bereits vor Kriegs-
Sich seiner Festnahme und der Verschleppung nach Osten dadurch entziehen können
beginn zu Verhandlungen der städtischen Behörden mit Superintendent Assmann,
daß er mit einer 72jährigen Gemeindeschwester im Garten und in den Kellern des
dem Pfarrer der Paulskirche, geführt hatte. Gotthold Starke, Mitglied des Kirchen-
Al.umnats, einer Filiale des Bromberger Diakonissenhauses, Zuflucht gesucht hatte.
rates, teilte Marian Hepke in einem Brief in diesem Zusammenhang mit: "In der
Hierfand ihn eine vierköpfige Soldatengruppe, denen sich auch Zivilisten darunter
letzten Augustwoche erschien bei Herrn Superintendent Assmann ein Polizist, der die
zwei jüngere Frauen, zugesellt hatten, bei einer Durchsuchung des Alumnats und des
Mitteilung brachte, auf dem Turm der Kirche müsse ein Beobachtungsposten einge-
umliegenden Geländes.
richtet werden, da Fliegerangriffe zu erwarten seien." (BA.) ,
P!arrer Stalfehl berichtet: »... Ich hatte meine älteste Sportmütze auf, die bereits
Pfarrer Assmann setzte sich daraufhin mit Gotthold Starke in Verbindung, der den
Viel Wetter erlebt hat ... Eine der polnischen Frauen riß mir die Mütze herunter mit
Behörden mitteilte, daß »angesichts der Lage nichts gegen die Einrichtung eines Beo-
den Worten: ,Was, so eine Mitze fir einen Herrn Pfarrer? So eine schlechte Mitze hat
bachtungspostens seitens der Kirchenleitung eingewandt" würde. Die Einrichtung
doch kein pan pastor! Du Schwein, du Spion! Totschießen!' Jemand anders rief:
eines solchen Postens ist jedoch nicht erfolgt. ,Aufhängen!' übrigens war diese Kußerung wohl die Grundlage jener Behauptung,
Der Verfasser eines anderen polnischen Buches, [oze] Kolodzieiczyk, zitiert Aussagen
") ~g~~~a~f.lo~:c:~g!~~iw:~~~~t~tu~ ~~w;J ~;edzleli BydgoskleJ" (Wahrheit aber den Bromberger Blut-
eines »Mitbürgers Stanislaw Bielecki" über angebliches Schießen von der evangelischen 07) Hier zitiert nach Bromberg"1 Fol 1S s °t b
Posener Christuskirche wu ge, e~ em er 1964, Hrsg. Marlan Hepke. Seite 9. Auch auf der
Pfarrkirche am Hann-von-Weyhern-Platz aus; hier sei auch ein junger Deutscher mit schaft Im Pfarrhaus elnquari?:rt (~~h~orrS~r Re~~~:9Iwl e~n B~~bacg~Ungsposten"eingesetzt. die Mann-
zwei Granatzündern aufgegriffen worden - was auf die Verwendung von Handgra- w
Oll H. M. Staffehl : .Eln Augenzeuge I Ein Tatsachenberichte • •e~
••
reg
efrnar e1r940 kam , Essen 1939).
. uns

80 81
welche polnische Nachbarn am Blutsonntag dem Fräulein Mundstock entgegenschJeu-
bezeichnet wurde, darüber sagen die nachfolgenden Augenzeugenberichte genug aus.
derten, indem sie auf den Schleusenauer Kirdiplatz wiesen: ,Euer dicker Pfarrer hängt
"Durch die Straßen zogen Trupps von ca. zwanzig bis dreißig jungen Burschen, mit
dort schon am Baum!' - Das Verhör der Soldaten und Zivilisten gipfelte in dem
allen möglichen Waffen versehen und in Begleitung einiger polnischer Soldaten von
Punkte, daß im Alumnatgarten geschossen worden wäre. Ich überzeugte den Gefrei-
Haus zu Haus. Vor dem Hause angelangt, stellten sie fest, wieviele deutsche Familien
ten, wie unsinnig ein solches Schießen, das man mir in die Schuhe schob, gewesen
darin wohnten, stürmten dann in das Haus, gaben mehrere Schüsse ab, drangen in die
wäre. Wi'e sich nachher ergab, hatte der junge Mann selber die Schüsse abgegeben,
Wohnungen oder Keller ein mit der Behauptung: Hier ist geschossen worden! Die
Und diese Beobachtung, daß polnische Zivilisten Schüsse in der Nähe deutscher Woh-
deutschen Familien wurden auf die Straße getrieben, blutig geschlagen, und viele
nungen und deutscher Kirchen abgaben, ist mehrfach gemacht worden. (89)
kehrten nicht mehr zurück." (Arthur Thom, früher Bromberg, Bahnhofstraße 88.)
Pfarrer Stajfehl hatte es später nur seiner Obers teIlung zum 3. Bromherger Polizei-
"Polnische Bürgerwehr und Jungschützen gingen in die Häuser, in denen Deutsche
kommissariat und seiner Einweisung in ein Gefängnis zu danken, daß er - wenn
wohnten und schossen dort aus den Fenstern. Dann liefen sie auf die Straße und
auch unter Mißhandlungen und nach ständigen weiteren Verhören, die jedoch nicht
meldeten, daß die Deutschen geschossen hätten." (Erwin Ditschkowski, früher Brom-
die geringsten Anhaltspunkte für eine "Schuld" an den Bromberger Vorgängen erga-
berg, Kornmarkt 11.)
ben - diese Tage überlebte.
"Am Sonntag kam eine Horde zu uns in die Wohnung ... Sie schlugen die Türen ein,
zerstachen die Polstermöbel mit Bajonetten, schlugen die Türen vom Kleiderschrank
Aus SICHERUNGSHAFT WIRD MENSCHENJAGD
ein und suchten nach Munition. Sie behaupteten, wir zwei Frauen, meine schwer herz-
Während mit der verängstigten und eingeschüchterten deutschen Bevölkerung auch kranke Mutter, 64 Jahre, ich, 36 Jahre, hätten aus dem Fenster mit einem Maschinen-
viele polnische Familien die Keller ihrer Häuser aufsuchten oder die Türen und Fen- gewehr geschossen ... Ein polnischer Nachbar mit Namen Pulkowski (Malermeister)
ster ihrer Wohnungen zu verbarrikadieren begannen, erreichte in den Mittags- und sagte nur: ,Was macht ihr mit den Deutschen?' Den haben sie mitgenommen und auf
Nachmittagsstunden des 3. September die Haß- und Vergeltungsorgie in den Straßen dem Kornmarkt erschossen." (Frau Martha Kautz, früher Bromberg. Tannenberg-
Brombergs und vorallem in den Vororten ihren Höhepunkt. Unter dem Einfluß der straße 13 a.)
in Panikstimmung noch immer durch die Stadt ziehenden, teils tief deprimierten, teils "Bei meinem Bruder haben die Polen ein MG aufgestellt, und da sagen sie, das war
demoralisierten Truppenverbände wurde aus einer improvisierten, chaotischen Ver- mein Bruder! Er wurde zur Wach,e mitgenommen, zum Verhör und wurde dann frei-
haftungsaktioneine regelrechte Menschenjagd. gelassen, und auf den Straßen warteten die Horden und führten ihn auf den Posener
Die Tatsache, daß von einer Gewährleistung der Ruhe und Ordnung durch die Be- Platz und haben ihn erschossen. " (Ernst Zühlke, früher Bromberg, Lilienstraße 11.)
hörden und die Polizei nicht mehr die Rede sein konnte, wird durch polnische Fest- "Zwei alte Damen, Wissmannshöhe, die in sehr ärmlichen Verhältnissen in einer
stellungen einwandfrei belegt. So z. B.erklärte der Militärkommandant von Brom- Stube und einer Küche lebten, wurden verhaftet, weil sie angeblich ein Waffenlager
berg, Major Albrycht, in seinen 1946 vor Gericht gemachten Aussagen: "Am 2. Sep- in ihrer Wohnung hatten." (Max Gutbier, früher Bromberg, Schwedenstraße 36.)
tember war in Bromberg fast kein Militär (gemeint ist hier die Bromberger Garnison). "Am Nachmittag des 3. September wurde mein ältester Sohn Fritz, 18 Jahre alt, ver-
Es war nur der Divisionsstab der 15. 1.D. unter General Przyjalkowski anwesend. haftet und abgeführt. 15 Meter vom Gehöft entfernt wurde er auf offener Straße er-
Am 3. September vormittags war der Landrat schon nicht mehr da. Der Polizeikom- schossen. Danach wurden dem toten Jungen Kopfhörer und Handgranaten in die
mandant für die Stadt Bromberg, Kowalski, war ebenfalls in dieser Zeit nicht mehr Joppentasche gesteckt, was wohl sagen sollte: ,Seht, so machen es die Deutschen!' Am
anwesend ... "90) Morgen des 4. September wurde mein zweiter Sohn Heinz (16 Jahre) von polnischem
Ein zur "Sicherung der Ordnung" herangezogenes Reservebataillon des 62. Regiments Militär erschossen, während er den Soldaten eine Tasse Milch zum Trinken reichen
sah sich schon deshalb einer nahezu aussichtslosen Aufgabe gegenüber, weil fanatisierte wollte. Kurz darauf wurde mein Mann Arthur (42 Jahre) angeschossen auf der
Bevölkerungsgruppen auf eigene Faust eine "Sicherungsaktion" in die Hand genom- Schwelle seines Hauses, wo er bis zum Abend in seinen Todesqualen schrie und um
men hatten, bei der die verbliebenen Polizeieinheiten und das Militär zumeist nur den Gnadenschuß bat ... Dann mußten meine Tochter und ich in unserem Garten
noch Statistenrollen spielten. ein tiefes Loch graben, wo alle drei, Vater und seine beiden Jungen, reingeworfen
Wie diese Aktion im einzelnen verlief und wie sie alsbald auch dort wo gar keine wurden ... " (Frau Hedwig Radler, früher Bromberg, Thornstraße 39.)
polnischen Truppen in Erscheinung getreten waren, in eine allgemeine Menschenjagd "Am Vormittag gegen 11 Uhr kam der Pöbel durch unsere Straße ... Nach einer
ausartete, die von Polen selbst als "Polowanie na Niemc6w" ("J.agd auf Deutsche") Weile hörte ich vom Nebenzimmer aus, wie mein Mann zu unserer Haustochter
") ebenda, S. 8. Goede sagte, Owczaczak zeige auf unsere Wohnung, unmittelbar darauf kam er zu
") Hier zitiert nach "Panorama P6lnocy", Nr. 44 v. 2. 11. 1958.
mir und sagte: ,Um Gottes willen, der Mob kommt in unsere Wohnung, jetzt müssen
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wir sterben!' Er erklärte mir noch, daß wir zusammen sterben wollten. Unmittelbar Dieses Dutzend aus einer Vielzahl ähnlicher eidesstattlicher Aussagen über die Vor-
darauf drang der Mob und darunter ein Soldat in unsere Wohnung ein. Der Soldat gänge am 3. September in Bromberg spricht Bände. Und immer wieder stoßen wir
verlangte, daß mein Mann und ich uns auf den Teppich legten. Wir taten dies. Dann in diesen und anderen Hinweisen, wie sie z. B. auch das aus Anlaß der 25. Wieder-
schoß er. Mein Mann war sofort tot ... Dann wurde ich zur Tür hinausgestoßen und kehr des "Bromberger Blutsonntags" zusammengestellte "Bromberg"-Sonderheft in
mit anderen Personen, die in unserer Wohnung Schutz gesucht hatten, abgeführt, Un- einer ersten übersicht brachte, auf die nüchterne Feststellung "Die Polen selbst haben
terwegs wurden wir von der uns begleitenden Volksmenge beschimpft, geschlagen und geschossen!"
mit Füßen getreten ... " (Frau Kaethe Finger, geb. Boehlke, früher Bromberg-Schleu- Wie wenig die aufgeputschten, z. T. betrunkenen, nur noch vom Dung nach Rache
senau.) und Vergeltung besessenen Menschenjäger in den Straßen Brombergs in der Lage
"Am Sonntag, dem 3. September, zwischen 11 und 12 Uhr, befanden wir uns im Kel- waren, einen klaren Gedanken zu fassen, wie sehr sie sich in einen regelrechten Blut-
ler unserer Wohnung. Polnische Soldaten und Zivilpersonen kamen ,auf unser Grund- rausch hineinsteigerten, beweist der Umstand, daß vielfach nicht einmal mehr zwi-
stück. Sie verlangten, daß wir aus dem Keller hervorkämen. Als wir herauskamen, be- schen "Freund" und "Feind" unterschieden wurde. So wurden auch Polen und Juden
hauptete ein Soldat, aus unserem Hause sei geschossen worden. Wir hatten aber über- erschlagen und erschossen, nur weil sie es gewagt hatten, ein Wort zur Verteidigung
haupt keine Waffen im Hause. Mein Schwiegersohn verließ zuerst den Keller ... Er eines Deutschen zu sagen oder gar eine Hand zu rühren.
bekam gleich einen Schuß, der die Schlagader traf; außerdem hatte er noch drei an- Frau Pilkahn, geb. Schultz, beobachtete, wie die jüdische Schauspielerirr Stenzel festge-
dere Schüsse in der Brust und am Hals. Trotzdem war er nicht sofort tot, sondern nommen wurde, nachdem der Sattler W ochowski im Hause Viktoriastraße 1 mehrere
lebte noch am Sonntagabend. als wir fliehen mußten. Wir konnten ihn nicht mit- Schüsse abgegeben hatte und gleich darauf behauptete, Frau Stenzel habe auf ihn ge-
nehmen ... Mein Sohn Reinhard Giese war ebenfalls mit unten im Keller gewesen, schossen. "Man hat diese Frau dann noch auf dem Kornmarkt gesehen - über ihr
er war 19 Jahre alt. Als er sah, daß mein Schwiegersohn erschossen wurde, wollte er Schicksal ist nichts bekannt." (BA.) Ein ähnliches Schicksal erlitt der Malermeister
fliehen. Es gelang ihm auch, über den Zaun in das Nachbargrundstück zu entkom- Pulkowski, der am Kornmarkt erschossen wurde. (BA.)
men. Sie liefen ihm nach, fingen ihn und erschossen ihn. Ich holte die Leiche meines
GLücklich konnten sich 'diejenigen Deutschen preisen, die man - sei es, weil sie ein ein-
Sohnes am Abend in die Waschküche." (Johanna Giese, geb. Keusch, früher Brom-
wandfreies Polnisch sprachen, sei es, weil sie von ihnen bekannten Polizeibeamten
berg, Konopnioka-Straße 9.) oder durch von der allgemeinen Verfolgungs-Psychose noch nicht erfaßte Militär-
"Die Menschenmenge, die sich auf der Breiten Straße umhertrieb, hetzte die Soldaten
patrouillen festgenommen wurden - zur Polizeikommandantur oder zum Sitz des
auf den Deutschen Gollnick. Die Soldaten schlugen ihn mit Kolben nieder, so daß er
Stadtkommandanten brachte. Zu ihnen gehörte der Journalist Marian Hepke, von
auf der Straße schwer verletzt liegenblieb. Er lebte noch bis zum Abend, ... als ein
dem bereits die Rede war und der seinen Rückweg vom Regierungsgebäude, in dem
Zivilist und zwei Soldaten erschienen, sie stießen Gollnick das Seitengewehr in den
er seiner Meldepflicht nachgekommen war, folgendermaßen schildert: "Die Tatsache,
Bauch. Anschließend wurde er endgültig durch einen Fangschuß getötet." (Olga und
daß ich Deutscher war, genügte, um mich zu verhaften ... Aus der Missionskirdie.
Franz Tafelski, früher Bromberg.) Diese Aussage wurde im Oktober 1939 von der
dem noch unvollendeten Kuppelbau, kamen uns Kirchgänger entgegen. Einige riefen
Ehefrau des Ermordeten - Christa Gollnick - dm vollen Ausmaß ebenso bestätigt,
den mich begleitenden Soldaten zu, ich sei ein Spion, warum sie mich überhaupt ab-
wie auch J6zef Kolodziejczyk -dieser allerdings ungewollt - in seiner 1945 erschie-
führten?! ,Einfach umbringen, gleich an Ort und Stelle!' riefen sie. Glücklicherweise
nenen Broschüre "Die Wahrheit über den ,Bromberger Blutsonnrag'" zugibt, daß die
achteten weder der Soldat noch der Unteroffizier auf diese Worte ... Im Regierungs-
gegenüber Gollnick erhobenen Vorwürfe auf Vermutungen beruhten. Kolodziejczyk
gebäude wurde ich in ein großes Konferenzzimmer geführt. Ich durfte mich setzen ...
zitiert eine Aussage der Polin Dulska, in der es heißt: "Gegenüber meiner Wohnung
Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür, und es trat ein Major ein; er fragte mich in
wohnte der Deutsche Gollnick, den mein Mann seit längerer Zeit beobachtete. Dabei
polnischer Sprache: ,Und Sie, was machen Sie hier?' Ich erklärte ihm, daß ich auf dem
kam er zu dem Ergebnis, daß Gollnick Kontakt zu militärischen Geheimorganisatio-
Heimweg von Zivilisten angehalten und einer Patrouille übergeben worden sei. Ich
nen haben müßte ... "91)l
sei mir keiner Schuld bewußt und kenne den Grund meiner Festnahme nicht. Der
"Es stimmt, daß Leute beordert waren, die Schreckschüsse abzugeben. So war es in
Offizier - später erfuhr ich, daß es sich um den Stadtkommandanten Major Albrycht
allen Häusern, wo Deutsche wohnten, und alle Deutschen wissen das. Auch kein Pole
gehandelt hat - machte einen ruhigen Eindruck. Er hörte mich an, sagte nur: ,Gut,
machte ein Hehl daraus, daß sie Waffen hätten." (Frau M. G., früher Bromberg.)
bleiben Sie hier.' Darauf verließ er das Zimmer. Kurze Zeit später schrillte das Tele-
"Polnische Jugend saß in den Gärten auf den Bäumen und schoß!" (Friedrich [asper, fon im Nebenzimmer. Ich hörte die Stimme des Majors, der mit dem Bromberger
früher Bromberg, Asternweg 23.) Starosten (Landrat) Suski, der bereits ,tn Thorn war, sprach. Aus Iden Wiederholun-
") J. Kolodziejczyk: "Prawda 0 .krwawej Niedzieli Bydgoskiej •••• Bromberg 1945. S. 36. gen der Worte durch Major Albrycht erfuhr :im den Inhalt des Gesprächs recht genau,

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Es ging etwa so vor sich: .Hier wird geschossen, Herr Starost!' - ,Wer schießt?' .- günstigen Meldungen, die nicht bestäeigr wurden; die Niederlage, die allmählich im-
,Die Deutschen - nein, kein Militär, die hiesigen Deutschen!' - ,Verhaften? Gut, alle mer deutlicher Gestalt annahm - das alles erschreckte die Polen nicht nur bis ins
Deutschen verhaften, jawohl, Herr Starost.' ... " (BA.) innerste Herz, sondern war zudem vollkommen unbegreiflich. Begreiflich. wurde es
Major Albrycht, der in diesem Telefongespräch die aufgetauchten Gerüchte und Ver- nur, wenn man annahm, daß die Rüdeschläge nicht auf ein Versagen der eigenen
mutungen weitergab, hatte selbst gar keine Möglichkeit, diese Mitteilungen zu über- Truppen im offenen Kampf zurückzuführen waren - was ohnehin undenkbar er-
prüfen, da er anderes zu tun hatte und offensichtlich selbst ein Opfer der allgemeinen schien -, sondern daß sie auf die Verschlagenheit des Feindes zurückgingen, auf die
Psychose geworden war. Operationen seiner Agenten. "93)
Indessen s-tand es um diese vermeintlichen "Agenten" am 3. September in Bromberg
"GEISELFESTNAHME NICHT ERFORDERLICH" schlimm genug. Folgen wir dem Bericht von Marian Hepke: "Als ich aus dem Kon-
Das geht auch aus den späteren Aussagen Albrychts über den Ablauf des Sonntag- ferenzzimmer in einen anderen Raum gebracht wurde, sah ich von dem breiten Kor-
nachmittags in Bromberg hervor. Seine vielsagenden, wennschon militärisch-knappen ridor aus in die Zimmer rechts und links. Infolge der großen Hitze waren alle Türen
Ausführungen ergänzen den Erlebnisbericht von Marian Hepke sehr anschaulich. offen: ich sah, daß alle Räume überfüllt waren, mit Deutschen, Männern und Frauen,
Albrycht erklärt: "... Am Sonntag ... , gegen 13 uhr begann man, gefaßte Diver- jungen und alten. Den Verhafrungsbefehl des Starosten hatte man gar nicht erst ab-
santen und Personen deutschen Volkstums, die die Diversanten beschützten ... zur warten müssen, der war bereits ausgeführt. Ich sah unter anderen die Frau und die
Stadtkommandantur heranzuführen. Dieses Herbeischaffen ... und Legitimieren dau- Tochter des Gärtnereibesitzers Böhme, ich sah die Lehrerin einer deutschen Volks-
erte bis 16 Uhr ... Ungefähr 600 Personen wurden identifiziert. Ich wußte nicht, was schule, Fräulein Schutz. In dem Zimmer, in das ich geführt wurde, befanden sich etwa
ich mit einer so großen Anzahl von Menschen machen sollte. Ich telefonierte darauf- 20 bis 30 Personen, darunter auch der polnisch-evangelische Pastor Preiss aus Brom-
hin mit dem General (dem Kommandeur der 15. Infanteriedivision, General Przyjal- berg ... Unter den Festgenommenen waren alle sozialen Schichten vertreten: Hand-
kowski) und schilderte die Lage. Ich schlug vor, die Festgenommenen zur Turnhalle werker, Pensionäre, Bauern und Kaufleute. Und immer weitere Verhaftete wurden
des 62. Regiments zu schicken. Der General gab den Befehl, daß man sie unter einer hereingebracht: sie kamen mit erhobenen Armen. Manche von ihnen waren blutig ge-
Eskorte dorthin bringen und Wachtposten aufstellen sollte ... Ich bat den stellver- schlagen, einen jungen Bauern sah ich taumelnd mit einem merkwürdig punktierten
tretenden Stadtpräsidenten Nawrocki um Überreichung einer Liste der zwanzig Gesicht hereinkommen: er hatte, wie man mir berichtete, einen Teil einer Schrot-
wichtigsten deutschen Bürger, um sie als Geiseln zu nehmen. Der Vizestadtpräsident ladung ins Gesicht bekommen. Die Ankommenden berichteten flüsternd vom Gesche-
lehnte es ab, indem er erklärte, daß er dies nicht für erforderlich halte. Um 17 Uhr hen auf den Straßen. An vielen Stellen der Stadt hatten sie Tote liegen sehen und
wurde ich durch Eilboten, da die Telefone nicht mehr funktionierten, mit Major Verletzte. Aus den Häusern, den Wohnungen, den Keltern hole man - so hörte ich
Sawinski zum General gerufen. Sawinski war Kommandeur des 82. Wachbataillons. es - die Deutsehen heraus. In allen Stadtteilen treibe man sie an Sammelstellen zu-
Der General gab den Befehl, die Wachtposven von Hoheneiche (den Munitionsmaga- sammen. Grausam gehe es in den Vororten zu. Da es in den Zimmern jetzt immer
zinen), den Brücken und Truppenmagazinen zurückzuziehen und in Richtung Schulitz enger wurde, ließ man die Festgenommenen auch auf den Korridoren antreten. Von
zu marschieren. Ich selbst bekam den Befehl, die Geheimakten des Divisionskomman- draußen hörte man immer wieder Schüsse fallen, hin und wieder auch Detonationen.
dos sicherzustellen und nach Thorn zu bringen. Weiter sollte ich die in der Turnhalle Der Festgenommenen bemächtigte sich eine :immer größere Niedergeschlagenheit. Nie-
festgehaltenen Diversanten freilassen ... Mit meiner Abfahrt wurde die Stadtkom- mand wußte, was noch geschehen würde. Hin und wieder wurde jemand von uns
mandantur in Bromberg aufgelöst. "92) herausgerufen und weggefü'hrt, auch Pastor Preiss verschwand ,in Begleitung' aus mei-
Diese Mitteilungen sprechen für sich: der stellvertretende Stadtpräsident hält es nicht nem Zimmer. Dafür wurde ein Schlosser ausder Dittmannschen Druckerei - Walter
für erforderlich, Geiseln festzunehmen, der kommandierende General gibt den Befehl Graf! (Gr. Barthelsee, Fordonersrraße 55) - hereingestoßen. Er muß auf dem Wege
zur Freilassung des größten Teils der angeblichen Diversanten. Im Grunde genommen ins Regierungsgebäude sehr geschlagen worden sein; der kräftige junge Mann hielt
waren also gerade diejenigen Stellen, die am besten über die Haltung bzw. die "Ge- ~ sich kaum aufrecht, und erst nach geraumer Zeit konnte er leise sprechen. Er flüste~te
fährlichkeit" der festgenommenen Bromberger Deutschen informiert sein mußten, von mir zu: .Sorgen Sie für meine Frau und meine Kinder, sie erschießen mich!" (BA.)
ihrer Harmlosigkeit überzeugt. Wenn sich auch diese Prophezeiung des Schlossers Graf! nicht erfüllte, so waren seine
Louis de [ong charakterisiert eine der Ursachen der in Bromberg am 3. September Befürchtungen angesichts der in den zurückliegenden Stunden durchlebten Schrecken
alle Dämme menschlichen Handeins überflutenden Verfolgungsaktion zweifellos rich- einer brutalen Hetzjagd durch die Straßen Brombergs begreiflich, der auch arn näch-
tig, wenn er bemerkt: "Die deutsche Überlegenheit, die überall offenkundig war; die sten Tage noch zahlreiche Menschen zum Opfer fielen, nachdem die letzten Behör-
"> Vgl. .Panorama P6Inocy". Nr. 44 vom 2. 11. 1958. 93) Louis d.e Jong: .Dle deutsche fünfte Kolonne ..••• S. 49.
den vertreter und militärischen Kommandostellen der Stadt bereits den Rücken ge- nachkamen oder audi das Weite gesucht hatten, ist es zuzuschreiben, daß die männ-
liehe Bevölkerung von Jägel'hof nicht völlig ausgerottet wurde.
kehrt hatten.
Die Bromberger Ereignisse sind auch in ausländischen Zeitungen, die unmittelbar nach Der Bäckermeister Karl Wilm, der es ebenfalls nur seiner Verhaftung zu danken
dem Einrnarsdi deutscher Truppen Korrespondenten nach Brombergentsandten, z. T. hatte, daß ,ihm nicht Schlimmeres widerfuhr, berichtet in wenigen Sätzen: "... Als ich
eingehend geschildert worden. So charakterisierte ein ungarischer Journalist die Situa- in der Nacht vom 4. zum 5. September nach Hause kam, fand ich keinen lebenden
tion nach Gesprächen mit zahlreichen Bewohnern der Stadt und insbesondere mit Menschen.Als die Geflüdtteten, darunter meine Kinder ... später zurückkamen, erfuhr
dem deutsch-katholischen Pfarrer Kaluschke sowie auf Grund eigener Beobachtungen ich ... , was geschehen war: mein Schwiegersohn, Hans Bolowski, tot, meine beiden
wie folgt: " ... Ich habe den ganzen gestrigen Tag (Donnerstag, den 7. September) in Gesellen Bruno Schnick und Erich auch tot, unser lieber Pfarrer Kutzer tot. Und so
Bromberg verbracht. Was ididort gesehen habe, und wie sich alles nach meinen Un- viele andere, die ich noch im Gedächtnis habe, alle erschlagen, ermordet. Ober sechzig
tersudiungen abgespielt hat, das will ich nur kurz und nüditernerzählen, ohne dabei Menschenallein 3,US meinem Bezirk Jägerhof bei Bromberg." (BA.)
ein Urteil fällen zu wollen ... Laut allen Aussagen begann die Hölle in Bromberg in Aus einer weiteren, ausführlicheren Darstellung Wilms und aus übereinstimmenden,
jener Stunde, als die polnischen Zivilbehörden die Stadt verlassen hatten ... Hunderte eidesstattlich belegten anderen Zeugenaussagen über die Massenmorde in jägerlief
von Deutschen, darunter Frauen, Greise und Kinder, wurden ... durch die Straßen geht hervor, daß bereits am Sonnabend, dem 2. September, eine Vorausabteilung der
der Stadt gejagt. Sie wurden mit Gewehrkolben und Stöcken geprügelt ... und mas- Wehrmacht Bromberg- Jägerhof erreicht hatte, dann aber - nach kurzem Sdrußwedi-
senweise hingemordet. Selbst der katholische Pfarrer Kaluschke wurde mit seinen sel mit polnischen Verbänden - wieder in Richtung auf Nakel zurückgezogen wor-
Ordensschwestern durch die Straßen gejagt und mißhandelt ... Man beschuldigte ihn, den war.
daß auf dem Turm seiner Kirche ein deutsches Maschinengewehr aufgestellt gewesen Die psychologische Reaktion der polnischen Bevölkerung lag nahe: ohne Kenntnis der
sei .•. Ich hatte Gelegenheit, noch Donnerstag in Häusern und auf den Straßen die strategischen Planung der Wehrmachts führung, die an einer Einnahme Brombergs zu
Leidien der Ermordeten zu sehen ... "9') diesem Zeitpunkt gar nicht interessiert war, schien sich der idurdi Hoffnungen und
Der sdtwedische Journalist Christer Jäderlund schloß seinen Bericht über einen Besuch Wunschvorstellungen genährte Eindruck einer erfolgreichen Abwehraktion zu bestäti-
am gleichen Tage in Bromberg wie folgt: "Man sieht in der ganzen Stadt kaum ein gen. Die Deutsdien seien "zurüds.geschlagen", hieß es. Auf der anderen Seite konnte
lädteindes Antlitz. Als wir eintrafen, hatten wir bloß gerüchtweise gehört, was ge- es bei denzurüds.flutenden polnischen Regimentern hinsichtlidrder wirklichen Lage
schehen ist. Heute schleidien die Menschen gleichsam auf den Straßen. Kleine Grup- spätestens am Sonntagmorgen keine Zweifel mehr geben: von einer zusammenhängen-
pen stehen flüsternd hier und dort. Verzweiflung, Gram ... lassen sich in den Augen den Front- oder Verteidigungslinie war im Raume Bromberg weder etwas zu sehen
der meisten ablesen, denen man begegnet. "95) noch zu spüren, die Nachrichrenverbindung 'zu den Divisionsstäben war abgeschnit-
ten, flüchtende Zivilistenkolonnen verstopftendie Landstraßen. Die Schuldigen an der
allgemeinen Verwirrung wurden gesucht - und gefunden.
JÄGERHOF - EICHDORF - JESUITERSEE
Wie auchanderswo konzentrierte sich in Jägerhof die Suche nadi Verdächtigen und
Parallel zu den Vorgängen in Bromberg erreichten auch in der Umgebung der Stadt nach Waffen auf das evangelische Pfarrhaus. Dies um so mehr, als Pastor Kutzer seit
- und hier vor allem in Orten und Siedlungen mit stärkeren Deutschtumsgruppen - dem Tage des Kriegsbeginns auch Flüdtclinge aus anderen Gemeinden in sein Haus
die blutigen Ausschreitungen am Sonntag, dem 3. September, ihren Höhepunkt. Hier aufgenommen hatte, das gleichzeitig von Offizieren eines in Jägerhof in Stellung ge-
konnte von "Diversion" schon deshalb nicht die Rede sein, weil diese Landgemeinden g~ngenen polnischen Truppenteils als Quartier bezogen worden war.
für die militärischen Operationen bedeutungslos waren.
Im Laufe des Sonntagvormittag erschienen nach Abzug dieser Offiziere mehrmals un-
Zum Schauplatz einer der grausamsten Szenen entfesselter politischer Leidenschaft und
ter Anführung von Zivilisten Militärpatrouillen im Pfarrhaus, die aUe Wohnräume
hemmungsloser Lynchjustiz wurde der Vorort Czyzkowko (Jägerhof). Während hier
und auch den Keller vergeblich nach Waffen durchsuchten. Nach der letzten, am frü-
bis zum Jahre 1918 90 v. H.der Einwohner Deutsche gewesen waren, hatte sich das
hen Nachmittag durchgeführten Haussuchung wurden der 73jährige Vater des Pfar-
Bevölkerungsverhältnis in den Nachkriegsjahren ungefähr umgekehrt: auf etwa zwei- ~
rers, Otto Kutzner, mit weiteren fünf Deutschen-darunter einem 14jährigen und einem
tausendEinwohner entfielen jetztnur nodi erwa zweihundertDeutsdte; jeder dritte von
siebzehnjährigen Jungen (Nilbitz und Schollenberg) - abgeführt und wenig später an
ihnen wurde ein Opfer des "Blutsonntags". Einzig und allein dem Umstande, daß
einem unweit des Kirdiengeländes gelegenen Bahndamm zusammen mit zwölf weite-
bereits am Tage des Kriegsbeginns zahlreiche deutsche Männer dieses Ortes verhaftet
ren Einwohnern von Jägerhoferschossen.
worden waren und andere entweder bei der polnischen Armee ihrer Dienstpflicht
Frau Anna Koebke (früher Jägerhof, Okopowa 1), deren Ehemann bereits am Vor-
••) Hier zitiert nach BA. Ostdol<. 7/Nr. 3/Blatt 3. mittag auf dem Hof seines Hauses erschossen worden war und die daraufhin
ft) Chr. JAderlund In .Stockholms Tldnlngen" v. 8. 9. 1939.

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mit ihrer Tochter Elli den Keller der Familie Sehröder aufgesucht hatte, berichtet Abend des 4. September und am nächsten Tage in den Gemeinden Eichdorf und
über das Schicksal dieser Gruppe: " ... Gegen 12 Uhr kam eine große Menge von Netzheim 38 Menschen im Alter zwischen drei und 82 Jahren aus keinem anderen
Soldaten und Zivilisten, sie schlugen gegen die Kellertür, warfen auch Handgranaten Grunde kaltblütig ermordet, als weil sie Deutsche waren. Wahllos wurden hier
und schossen in die Kellerfenster. Meine Tochter ist durch einen Schuß an der Hüfte Frauen, Kinder und Greise abgeknallt, wo immer man sie als Deutsche identifizierte.
verwundet worden. Ich floh als erste aus dem Keller und lief in unseren Garten ... An einer Viehtränke im Walde von Targowisko wurden allein 15 Personen, darunter
Dann erschienen Soldaten, die mich abführten und in einen Wald brachten, wo sich acht Frauen und zwei Kleinkinder umgebracht und verscharrt. Aus einem wenig spä-
bereits etwa 20 Volksdeutsche befanden. Ich wurde dort gefesselt. Dann wurden wir ter anhand von Obduktionen erstellten ärzrlidien Gutachten ging einwandfrei hervor,
hin und her getrieben ... Sämtliche Männer wurden erschossen. Ich wurde ohnmäch- daß dieTodesursachen durchweg auf den Gebrauch von Militärwaffen zurückzuführen
tig, fiel zu Boden und wurde dann auf Befehl eines Offiziers freigelassen ... " (BA.) waren.06)
Frau Elli Koebke, die 'ebenso wie ihre Mutter die Geschehnisse unter Eid zu Protokoll Der jesuitersee - etwa 20 km südlich von Bromberg - wurde zum Schauplatz einer
gab, ergänzte diesen Bericht durch die Schilderung der Vorkommnisse auf dem Hof weiteren Massenhinridirung. Bis hierher waren am Montagvormittag. dem 4. Septem-
des Gärtnereibesitzers Schröder. Sie sagte u. a. aus: "Als meine 'Mutter ... aus dem ber, zwei Gruppen von verhafteten Deutschen aus Bromberg und Umgebung getrie-
Keller unseres Nachbarn geflüchtet war, stürzten auch wir aus dem Keller, in den ben worden, nachdem man vorher auf halber Strecke die in der größeren Gruppe
man neicht nur geschossen, sondern auch Handgranaten geworfen hatte, heraus. Ich mitgeführten Frauen und Kinder zurückgelassen hatte. über das weitere Geschehen
fiel, von dem Gas und der Verwundung an meiner Hüfte benommen, gleich auf dem liegen Zeugenaussagen von Gustav Gruhl, Bromberg und Leo Reinhard, Zielonke
Hof nieder. Die anderen ... wurden - soweit es sich um Männer handelte - von den vor, die dank einem glücklichen Zufall als einzige dem Tode entgingen. Eine Bestäti-
Soldaten sofort auf dem Hof erschossen. Außerdem wurde ein polnisches Dienstmäd- gung dieser Aussagen ergaben in vollem Umfange die kriminalpclizeilichen Ermitt-
dien erschossen ... Ein polnischer Soldat erklärte, daß die Frauen geschont werden lungen, die Dr. Bernd Wehner zusammenstelltest) und die wir hier, soweit sie den
sollten. Ich blieb dann vor Erschöpfung mit Frau Schröder (die ebenfalls verwundet letzten Akt der Tragödie vom jesuitersee betreffen, gekürzt wiedergeben: "Die 41
worden war) neben den Leichen einige Stunden liegen. Die Menschenmenge verzog Männer ... wurden, zum Teil gefesselt, etwa 12 bis 14 Meter vom Seerand mit dem
sich inzwischen." (BA.) Gesicht zum See in einer Reihe aufgestellt. In wahl- und regelloser Art wurde dann
Der W[derspruch in der Darstellung von Mutter und Tochter, wonach die Männer aus Gewehren und, wie die Obduktionsergebnisse und die in den Leichen geborgenen
in weiterer Entfernung bzw, "sofort auf dem Hof" erschossen wurden, ist dadurch Steckgeschosse beweisen, aus hochwertigen Faustfeuerwaffen .auf die Männer geschos-
zu erklären, daß es sich um zwei Gruppen handelte. Jede der beiden Frauen sah nur sen. Die Schützen haben dabei, wie die Funde der Geschoßhüllen und anderer Gegen-
die eine Gruppe. stände beweisen, in einem Halbkreis hinter den Opfern und von diesen .in Entfernun-
gen von z. T. weniger als fünf, z, T. mehr als 20 Metern gestanden. Nach Beginn dieser
Während die meisten Opfer der Massenerschießungen in Jägerhof noch am Tage ihrer
planlosen Schießerei tauchte über dem Seegeländeein deutsches Flugzeug auf ... Diese
Ermordung aufgefunden und z. T. in großer Eile notdürftig beerdigt wurden, fand
Gelegenheit konnten sechs noch nicht bzw. nicht schwer getroffene Deutsche benutzen,
man andere Leichen - unter ihnen auch Pfarrer Richard Kutzer - erst Tage später
um in Richtung zum See oder an diesem entlang zu fliehen. Dem Zeugen Reinhard,
auf.
der sich von der gelockerten Fesselung frei gemacht hatte, ist es gelungen, sich schwim-
Anders als in Jägerhof, wo bereits am 3. September insgesamt 63 Deutsdie ermordet
mend und im Wasser watend in einen dichten Schilfstreifen am Seerand zu flüchten,
wurden, erfaßte die Aussdireitungs- und "Vergeltungs"-Aktion andere Orte in der
während der Zeuge Gruhl sich unter einem auf 40 bis 50 cm hohen PEähJlengebauten
Umgebung von Bromberg erst am nächsten und übernächsten Tage. So war es auch in
Badehäuschen verstecken konnte. Zwei der Männer versuchten, mit Hilfe eines am
Eichdorf und Netzheim noch am Montagvormittag verhältnismäßig ruhig. Erst die
Ufer liegenden Kahnes, und ein weiterer schwimmend,das Seeufer zu erreichen. In-
aus Bromberg eintreffenden Schreckensmeldungen veranlaßten die dort verbliebenen
zwischen ... hatte sich das deutsche Flugzeug wieder entfernt, so daß die polnischen
Männer, Ausschau nach Verstecken in umliegenden Wald- und Wiesengebieten zu hal-
~ldaten ihre Schießerei fortsetzen konnten und zunächst die noch nicht weit vom
ten. Um so härter aber wurden hier Frauen, Kinder, Greise und ganze Familien durch
Ufer entfernten, zuletzt genannten drei Flüchtlinge abgeschossen haben ... Dann
Racheakte betroffen, die deshalb um so unverständlicher anmuten, als sie zumeist auf
wurden ... die noch nicht Getöteten in mehr oder weniger schwer verwundetem Zu-
das Konto von Truppeneinheiten gehen, die für die Grausamkeit ihres Vorgehens ge-
stand über einen 60 Meter in den See gebauten Steg gesdileifl und von hier aus in das
genüber Unschuldigen und Wehrlosen lediglich das Argument einer sich abzeichnenden
") Nach den Akten des Reichskriminalpollzeiamtes/Sonderkommission Bromberg, Aktenzeichen Tgb.
militärischen Niederlage anführen konnten. V/1486/3. 39 In .Dokumente polniScher Grausamkeit" i. A. des Auswärtigen Amtes auf Grund urkundl,
Beweismaterials zusammengestellt, Berlin 1940, S. 1n ff.
Unweit der vom Bahnhof Hopfengarten. etrwa 15 Kilometer südlich Brombergs von 97) Kriminalkommissar Dr. Wehner bestätigte 1960 in einem Gespräch mit M. Hepke, daß er "heute noch
hinter den nach den Grundsätzen kriminalpolizeilIcher Arbeit erbrachten Ergebnissen und Veröffent-
der Chaussee nach Inowrodaw (Hohensalza) abzweigenden Landstraße wurden am lichungen stehe" (vgl. "Bromberg" , Folge 15/1964, S. 11).

90 91
Wasser geworfen und - das erweist wiederum das Obduktionsergebnis - vom Steg zu allen Zeiten aber triumphierte auch hier und in diesen Tagen angesichts der ent-
aus weiter beschossen. Diese Tatsache bekunden nicht nur die bei den mit dem Leben Fesselten Kriegsmaschinerie die Vemichmngshysterieeiner Minderheit, die gleichsam
davongekommenen Zeugen, von denen insbesondere Gruhl die Vorgänge von seinem über Nacht alle Maßstäbe menschlicher Handlungsweise verloren hatte.
Versteck aus beobachten konnte, sondern auch die umfangreichen Blutschleifspuren auf Unweit Thorn liegt an der Weichsel das kleine Städtchen Sdrulitz, Hier erlebte der
den Planken des Seestegesund die übrigen hier und im Wasser gefundenen hzw. an damalige Studienrat des Thorner deutsdien Gymnasiums und Schriftleiter-der "Deut-
den Seestrand gespülten Gegenstände in Verbindung mit den gel"ichtsärztilichen Unter- schen Schulzeitung in POilen", Dr. Philipp Rudel], mit seiner Frau und seinen beiden
suehungsbefunden." 98) Kindern den Kriegsbeginn und die darauffolgenden Tage im Hause seiner Schwieger-
über die Zusammensetzung de~ größeren Versdrlepptengruppe, deren männliche An- eltern. Dr.Rudolf hat bereits 1940 zusammen mit Pastor Leesch zahlreiche Frauen und
gehörige mit zwei Ausnahmen im jesuitersee den Tod fanden, lesen wir in Zeugen- Männer über ihre Erlebnisse im September 1939 befragt und in der Zeitschrift
aussagen: " ... Nur sieben Männer waren im wehrfähigen Alter ... acht weitere "Weichselland / Mitteilungen des Westpreußischen Geschichtsvereins" eine erste zu-
Personen waren Männer zwischen 50 und 82 Jahren, darunter mehrere mit schweren, sammenfassende Darstellung der Vorgänge in und um Schulitz ~egeben.100) Diese
krankhaften Altersveränderungen ... Der Rest der Gruppe bestand aus zwölf Frauen Aufzeichnungen wurden von Dr. Rudolf nach Kriegsende in einem Dokumentarbe-
von 16 bis 80 Jahren, sieben Kindern von 3 bis 13 Jahren und zwei Jünglingen von richt für das Bundesarchiv ergänzt. Wir entnehmen diesen anschaulichen Darstel-
17 und 18 Jahren."99) Jungen die nachfolgenden Auszüge.
Diesen Massenmorden in Jägerhof, Eichdorf und Netzheim sowie am jesuirersee "Den ganzen Sonntagnachmittag zog polnisches Militär von Thorn nach Bromberg,
gesellt sich eine Vielzahl von Erschießungen in der engeren und weiteren Umgebung aber auch in umgekehrter Richtung. Von Zeit zu Zeit erschienen deutsche Flugzeuge
von Bromberg hinzu. Einzeln und in Gruppen, hier und da auch mit Schnüren und über der Stadt und warfen ihre Bomben ... (Dr. Rudolf hatte schon am Vortage
Riemen aneinandergebunden fand man diese Menschen oft erst nadi Wochen und Mo- mit seiner Familie und zusammen mit siebzehn anderen Deutschen im Keller seines
naten an einem Ackerrain, in einer Schonung oder irgendwo versdiarrtam Straßen- polnischen Nachbarn Adamski Zuflucht gesucht. Hier hielt ihn der deutsche Chauffeur
rand, Opfer einer Menschenjagd ohnegleichen, deren Urheber kaum bedachten, daß Dudek, der den Auftrag hatte, die in SchUJIitzverhafteten und zur Internierung be-
sie eines Tages selbst und mit ihnen wiederum Tausende von Unschuldigen ihres stimmten Deutsdien mit Dr. Rudolfs Kraftwagen zur Sammelstelle nach Bromberg zu
eigenen Volkes für diese Vorgänge zur Rechenschaft gezogen werden würden. bringen, über die Vorgänge auf dem laufenden.) Unter dem Vorwande, daß sie auf pol-
nische Soldaten geschossen hätten, hatte man eine Anzahl von Männern ... im Stadtpark
BEIDERSEITS DER RÜCKZUGSSTRASSEN AN DER WEICHSEL zusammengetrieben und sie nach schweren Mißhandlungen dortsich mit ausgestreck-
ten Armen und dem Gesicht nach unten auf die Erde legen lassen. (Hier wurde als
Nicht anders als im Bromberger Raum kennzeichnete auch in fast allen größeren einer der ersten Sdrulitzer Bürger Fritz Büttner erschossen.) ... In der Nacht von
Gemeinden Posen-Pommerellens, in denen Deutsche lebten, eine blutige Spur die
Sonntag zu Montag schliefen wir nur wenig. Vom Park her hörten wir Geschrei ... ,
Rückzugsstraßen der polnischen Truppenverbände. Schon Wochen und Monate vor von Zeit zu Zeit rüttelten vorüberziehende Soldaten an unserer verschlossenen eiser-
Kriegsbeginn war ja hier die Parole ausgegeben worden, daß "die Deutschen allesamt nen Gartentür. Am Montagvormittag wurden unsere Befürchtungen, doch. in dem
Spione und Vaterlandsverräter" seien, daß sie "Hitler gerufen" hätten und daß es an Keller entdeckt zu werden, Wahrheit. Wahrsmeinlich haben uns Polen, die auch in
der Zeit sei, mit ihnen "aufzuräumen". Das Signal zu diesem Aufräumen war mit dem Adamskischen Keller ein Unterkommen finden wollten und wegen Platzmangels
dem 1. September gegeben worden; und wenn es eines letzten Anstoßes bedurft hatte,
abgewiesen worden waren, an das Militär verraten. Gegen 11 Uhr gab es plötzlich
die "Straf- und Vergeltungs aktion" in die eigene Hand zu nehmen, dann sahen ein wüstes Lärmen im Hause und auf den Gängen des Kellers; wir hörten die auf-
fanatisierte Elemente der Bevölkerung ihre Stunde ails gekommen. geregte Stimme des polnischen Nachbarn, Die Kellertür wurde 'aufgerissen, und herein
Daß weite Kreise der polnisdien Bevölkerung ebenso wie der polnischen Armee mit stürmten zwei Soldated unter Führung eines Sergeanten mit dem Ruf ,Hände hoch!'
dieser aufbrandenden Haß- und Vergeltungswelle nichts zu tun hatten, daß sie ebenso Während die Soldaten '" gegen uns das Bajonett fällten, herrschte der Sergeant
ohnmächtig wie hilflos den Vorgängen am Rande des Krieges gegenüberstanden wie uns an, warum wir Männer nicht beiden Soldaten wären ... Adamski und dessen
ihre deutschen Nachbarn, mit denen sie zumeist Friedlich im polnischen Staat zwei
Vater redeten unentwegt auf die Soldaten 'zu unseren Gunsren ein. Nur diesem
Jahrzehnte und schon vorher zusammengelebt hatten, ist ebenso eineTatsache, wie wir
Umstand ist es zuzuschreiben, daß sich die Wut des Sergeanten etwas legte und er
uns an anderer Stelle noch mit den vielfältigen Beweisen mutigen Eintretens für un-
überhaupt mit sich reden ließ. Er verlangte von meinem Schwiegervater die Beschei-
schuldige Menschen deutschen Volkstums zu befassen haben werden, Wie überall und
nigung über die gezeichnete Kriegsanleihe. Die recht hohe Summe, die meinem
") Vgl. ••Dokumente •.. ", S. 175.
") M. Hepke: .Der Fall Jesuitersee" in .Bromberg", 15. Folgel1964, Seite 11. "0) Vgl .• Weichselland .•. ", Heft 2/3, 1941, S. 54ff.

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zurückgekommen." (Frau Johanna Dombrowski.)102) - "Drei Männer sollten an der
Schwiegervater auferlegt worden war, schien ihn ein wenig zu beruhigen ... Wir Kreuzstraße erschossen werden. Als sie aber an 'eine dichte Schonung kamen, sind sie
waren für dieses Mal gerettet." dort hineingelaufen; die anderen Männer sind glücklich nadi Hause gekommen, aber
Auch die nächste Nacht und den Dienstag hielten sich die Rudolfs im Keller ihres meinen Mann haben sie wieder Igegriffen und ermordet. Daraufhin liefen wir
Nachharn versteckt. Als dieser sich jedoch auf das Gerücht hin, daß sich in der Nähe in eine andere Schonung, wo wir von Montag bis Donnerstag lagen. Wir aßen nur
von Schulitz eine große Schlacht anbahnte, mit seiner Familie zur Fludit entschloß, Preiße1beeren, ich holte ein paarmal mit meiner Handtasche aus einer Rehtränke Was-
kehrten Rudolfs in ihr Haus zurück. "Wir verbrachten die Nacht von ?iens:ag ~um ser, denn der Durst ist schrecklicher als der Hunger ... " (Frau Margarete Sieg.)
Mittwoch in Kleidern auf dem Fußboden ... Wir hatten das Notwendigste in einen Nicht weniger als achtzig Feyerländer und weiteredreißig Einwohner aus Großwalde
Kinderwagen und in Rucksäcke verpackt. Wohin wollten wir mit unserem neun haben sich auf diese Art verbergen und in Erdlöchern und Gebüschen den Einmarsch
Monate alten Kind auch flüchten? Meine Angehörigen, die kein Polnisch verstehen, deutscher Truppenabwarten können. Schlimmer erging es den Bewohnern von Lan-
durften sich draußen nicht blicken lassen. Dudek und ich ... standen den Soldaten, genau, deren Häuser in Brand gesteckt und von denen 23 erstochen,erschlagen und
die durch unseren Garten und über unseren Hof kamen, Rede und Antwort. Einen - zum Teil nach schwersten Mißhandlungen - erschossen wurden.
Offizier, der von polnischen Nachbarn nach dem Schicksal der bei Bromberg kämp- über den Tod einer Cruppe von zwölf Deutschen aus Schulitz sagten Klara Krie-
fenden Truppe befragt wurde, hörte im sagen: ,Unsere kämpfen wie die Löw~n, a~er wald, Ferdinand Reumann und Kurt Schulz unter Eid aus, daß am 4. September in
gegen die deutsche Organisation und die Maschinen ist nichts zu mach~n.' :"1r ~~1'1e- einer Reihe von deutschen Wohnungen Haussuchungen durchgeführt worden seien.
nen die letzten Deutschen in der Stadt zu sein, alle anderen waren rn die Walder Und zwar hatte der Förster Naskret angegeben, daß die Soldaten in diesen Wohnun-
geflüchtet ... ".101) . .. gen Waffen finden würden. Obwohl die Durchsuchungen kein Ergebnis erbrachten,
über das Ergehen der Geflüdueten und der in den Dörfern um Schulitz zurückge- führte man die in ihren Wohnungen angetroffenen Deutschen ab: in einem Waldstück
bliebenen Menschen berichtet Dr. Rudolf: "Die Bauern und Kätner hatten schon wurden zwölf von ihnen zwei Tage später - nur notdürftig verscharrt - als Leichen
wochenlang vor Ausbruch des Krieges sehr viel Einquartierung. Auf manchen .H~fe~ aufgefunden. (BA.)
lagen 60 bis 100 Mann. Zeigten sich die polnischen Soldaten anfangs noch diszipli- Die Gesamtzahl der in und um Sdiulitz in der ersten Septemberwoche 1939 verzeich-
niert, so brach (nach Kriegsbeginn) der Haß durch ... So erzählt Frau Bum~e~Lan- neten Opfer aus Kreisen der deutschen Zivilbevölkerung betrug 145; in dieser Zahl
genau, daß ihr Sohn, der später ermordet wurde, immer wieder von ukrainischen sind die an den Verschleppungsstraßen sowie infolge der erlittenen Entbehrungen und
Soldaten gewarnt worden sei: es würde bei Ausbruch des Krieges für alle Deutschen Verwundungen später noch Verstorbenen nicht enthalten.
f.urchtbar werden ... Die Deutschen täten gut daran, noch vorher zu fliehen. Zahl-
reiche derartige Aussagen liegen vor. Nach Ausbruch des Krieges mußten ~ann viele
DIE DEZIMIERTEN KLEINEREN GEMEINDEN
Bauern mit ihren Gespannen Militär auf benachbarte Bahnhöfe Fahren, sie wurden
bereits bei dieser Gelegenheit mißhandelt. Einige kehrten nicht mehr nach Hause zu- Ein noch leidvclleres Schidual als das Deutschtum der Städte und der größeren Land-
rück ... " gemeinden erlebte vielfadrdie bäuerliche Bevölkerung Posen-Pommerellens und des
Noch immer aber konnten sich die meisten deutschen Bauernfamilien nicht zum Ver- Weichsellandes. Innerhalb von wenigen Tagen wurden manche Dörfer um die Hälfte
lassen ihrer Anwesenentsch1ießen, obwohl jetzt "Massen polnischer Flüchtlinge wie ihrer Bevölkerung, hier und da noch stärker dezimiert. In einer ganz1en Reihe von
Heusdirecken über ihre Wirtschaften herfielen" und obwohl bald Haussuchungen, deutschen Gemeinden bestand bei Kriegsende die männliche Bevölkerung nur noch
Drohungen und Mißhandlungen überhand nahmen. Erst nach Bekanntwerden der aus Greisen und Kindern.ws)
ersten Erschießungen und vor allernder Vorgänge in Bromberg setzte eine Massen- Besonders hart betroffen wurde der Kreis Inowroclaw (Hohensalza). über das Dorf
flucht der Männer in die nahen Wälder ein. Ostburg berichtet Pfarrer Schammert: "Hier gingen die Mörder von Gehöft zu Ge-
über ihre Erlebnisse berichten 'zwei Bäuerinnen aus Feyerland bei Schul.itz: "Mein höft, trieben die Männer zusammen ... und schossen sie dann außerhalb des Dorfes
Mann , meine Söhne und ich wurden nachts um 11 Uhr von vier Banditen überfallen nieder; 26 Tote und drei Verwundete werden hier beklagt." (BA.) Im Dorfe Wiesenau
.
und mit Steinen geschllagen. Wir sind halbnackt in den Wald geflüchtet, wo WIr uns blieben von 96 Einwohnern nur 62 arn Leben; zu den Opfern gehörten hier auch
zwischen Hügeln in dichtem "Gestrüpp versteckten. Mein Mann ging Sonntagnacht fünf Kinder im Alter von einem halben Jahr bis zu 13 Jahren (Bericht des Lehrers
noch einmal zurück, um nach dem Vieh zu sehen und uns einige Lebensmittel und Robert Heitz.) Die Kirchengemeinde Radewitz meldete 41 Ermordete und drei Ver-
Kleidung zu holen, weil wir nur notdürftig angezogen waren. Er ist aber nicht mehr 102) Hier zitiert nach Ph. Rudolf: "Deutsches Schicksal In Schulltz und den umliegenden Dörfern" (in
.Weichselland ..• ", 1941, S. 62).
101) Auch in anderen Teilen des Landes flüchteten viele deutsche BauernfamIlien in die \A(älder (v~1.~ie 103) Vgl. auch Richard Kammei: Kriegsschicksale der deutschen evangelischen Gemeinden in Posen und
Berichte von J. Zander in "Glaube und Heimat", Jahrgang 21, Posen 1940, und J. Horst In den" ur &- WestpreuBen", Verlag des Evangelischen Bundes, Berlin 1940, Seite 46 ff.
schriften", Nr. 20, Beriin 1939).

95
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mißte, die Nachbargemeinde Luisenfelde 17 Tote und ebenfalls drei Vermiß~e. (BA.)
Nur zwei Männer _ der Lehrer Willi Veltzke und der Landwirt Bruno Hanse - ent-
gingen einer Mass-enhinrichtung auf dem Gutshof Michalowo bei Konary (Ostwehr),
wo 21 Menschen von einem Exekutionskommando am 8. September zusammengetrie-
ben worden waren. Hanse berichtet: "Wi1: mußten uns ... vor einem Speicher des
Gutes ... mit dem Gesicht zur Wand aufstellen und ausrichten. Rechts von mir stand
der älteste Jordan, links von mir mein Bruder, links von ihm Alfred Jordan ... Als
ich den Leutnant befehlen hörte, alle zu erschießen, versuchte ich festzustellen, von
wo geschossen werden sollte. Da bemerkte ich, daß rechts ... ein Soldat den Kara-
biner angelegt hatte und die Reihe entlang in Kopfhöhe zielte. Als alter Soldat dachte
ich mir sofort, daß er mit einem Schuß mehrere erledigen wollte und senkte den
Kopf nach vorne. In diesem Augenblick krachte auch der erste Schuß, und sowohl
Alfred Jordan wie mein Bruder sanken lautlos um. Ich warf mich gleichfalls zu Bo-
den. Noch mindestens viermal hörte ich die Reihe entlangschießen. Die Getroffenen
stöhnten und röchelten, einige riefen auch: Weiterschießen! Ich überlegte kurz, wenn :~-;i
die Reihe an mich käme, ich erschossen oder lebendig begr·aben werden würde. Daher ~:;;;i,;
sprang ich auf, lief an den seitwärts stehenden Soldaten vorbei, um die Gutsgebäude -;:;~A c
herum. Die örtlichen V'erhältnissekannte ich. Als ich etwa 20 Meter gelaufen war, ~~~~
= !:= g•••
krachte es hinter mir ... Infolge der herrschenden Dunkelheit wurde ich jedoch nicht ..::
llI: :(1) i
..•

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getroffen ... " (BA.) .....• '§-;;H~
" •.. ••
0

Bruno Hanse kehrte dann drei Tage später zum Gut Michalowo zurück. Er fand die "':: ~ ': ;
g:;~ s:: ••• .o~
Leichen der Ermo,rdeten in einer Grube liegend, nur oberflächlich mit Erde beworfen; ... ;;. ~:äi ~
...""
der älteste der Ermordeten, der Landwirt Veltzke, war 74 Jahre, der jüngste - ein
:j ~ •.• ••
-Q.t:~..
QOSf'~~ fit

Sohn der besonders hart durch vier Tote betroffenen Familie Schott - 13 Jahre alt. ;. ak .CI


(HA.) I i::~~
......=e:I -••
.:••• fit

Auch in anderen Landkreisen kam es zu Massenerschießungen, so z. B. in Neu-Teck-


lenburg und Sockelstein (Kreis Wreschen) 'sowie weiter ostwärts, schon im einstigen
.~~~~ .!.= <:11

~:;~~';
Kongreßpolen, in Dembina bei Przooecz, unweit Nieszawa, und in Wierzbie bei "ä;;-e
(;?os~
e oll

Sompolno, wo arllein 41 aus dem Kre~se Wreschen verschleppte Deutsche den Tod ;;)};! I;:
'"
fanden. Der Gymnasiaillehrer Karl Grams (früher Sompolno) berichtet: "Bei Aus-
bruch des Krieges wohnte ich ,in Sompolno, wo drei Deutsche ... ermordet wur-
den ... Weit mehr Tote verzeichneten die deutschen Kolonien an der Straße von
Sompolno nach Kolo. Auch in anderen deutschen Dörfern des Kirchspiels Sompolno
hat man deutsche Männer erschossen oder verschleppt ... Der furchlJbarste Mord
ereignete sich vier Kilometer hinter Sompolno auf dem Felde des Gutes Wierzbie, etwa
300 Meter abseits des Weges: ihm fielen die Deutschen aus Wreschen, die man von den
Felldern in ihrer Allbeitskleidung weggeholt hatte, zum Opfer. Man trieb diese Män-
nerin Richtung Kutno. Im Turnsaal unserer Schule in Sompolno haben sie die Nacht
zugebracht ... Sie wußten damals alle nicht, daß es die letzte Nacht ihres Lebens sein
sollte ... Nach den Verletzungen und Wunden an den Körpern dieser Opfer zu urtei-
len, sind sie mit Spaten, Hacken und Rungen erschlag·en worden." (BA.)
Der Landwirt Gustav Büschke - vor dem Kriege .der einzige deutsche Bauer im Dorfe

96
Übergabe von Graudenz
Vertreter polnischer Behörden übergeben die Stadt Graudenz der deutschen Wehrmacht.

In der Zitadelle von Brest-Litowsk


Volksdeutsche Gefangene aus dem Bromberger und P osener R aum nac h 1ih rer Be f reiung am
20, September 1939,

Deutscher Bauer aus Ostpolen auf der Rast an der Brahe


Der Krieg hat begonnen
Bereits zwei Monate nach Kriegsende traten die Umsiedlungs- Vereinbarungen in Kraft.
Flüchtlinge und Trümmer an den Rückzugstraßen polnischer Truppen.
Skulsk, Kreis Konin, dessen Wirtschaft in den ersten Septembertagen völlig demoliert
worden ist und der sich bis zum Einmarsch der deutsdien Truppen in Wäldern ver-
steckte - war an der Ausgrabung der Leichen beim Gutshof Wierzbie beteiligt. (BA.)
Andere Gruppen aus ihren Heimatgemeinden verschleppter Bauern wurden auf einer
Wiese in Inowroclaw gefunden. Der Gärtner [ose] Pirschel und der Lehrling Felix
Stefanski bestätigen übereinstimmend, daß es sich um »große und starke Leute" -.
nach ihrer Meinung also um Bauern - gehandelt habe. (BA.) Das gleiche gilt für
29 verstümmelte Leichen aus dem alten deutschen Kolonistendorf Slonsk an der
Weichsel bei Thorn, die von den Soldaten eines Thorner Infanterie-Regiments er-
schossen wurden. Der Bauer Artur Daase (fr. Slonsk) erklärte: »Im und ein Lands-
mann, der von der Verschleppung glücklich zurückgekommen ist, sind die einzigen
deutschen Landwirte, die im Nordteil von Slonsk übriggeblieben sind." (BA.)
Ein - trotz aller Kürze dieser eidesstattlichen Aussage - erschütterndes Beispiel für
die Vorkommnisse in Slonsk bietet die Mitteilung des Arbeiters David Poscbadel, der
als einer von wenigen Männern seiner Heimatgemeinde mit dem Lehen davonkam:
»Am Donnerstag, dem 7. September 1939, ging im nach Ciechocinek, während mein
Sohn die Kuh aufs Feld brachte. Als im aus der Stadt zurückkam, begegnete ich
meinem Sohn, der von einem Soldaten geführt wurde. Mein Sohn war 36 Jahre alt.
Im getraute mim nicht, ihnanzusprechen. Mein Sohn sagte auch nichts, er guckte mich
nur an und weinte. Im fand ihn verscharrt am Sonntag, dem 12. September, vor. Er
lag in einem Graben auf dem Lande meines Nachbarn Gläsmann. Der Kopf war
völlig zerschllagen, außerdem wies er viele Bajonettstime auf ... " (BA.)
Der einer deutschen Aufklärungsabteilung als Dolmetscher zugeteilte ehemalige Guts-
besitzer Ernst Coelle berichtet: »Am 4. September 1939 fuhr im mit einem zwanzig
Mann starken Radfahr-Spähtrupp - nach dem schweren Gefecht bei Melno, ostwärts
an Briesen vorbei, in südlicher Richtung auf Modlin zu. In der Nähe des Gutes
Bahrendorf (Niedzwiedz), Kreis Briesen, überquerte im eine Brücke und fragte einige
Frauen, die zur linken Hand am Grabenrand saßen, nach dem Wege. Doch im erhielt
keine Antwort. Vielmehr starrten mim die regungslos dasitzenden Frauen wie gei-
stesabwesend an. In die~em Augenblick sprach mim ein Mann von der gegenüber-
liegenden Wegseite mit den Worten an: ,Was sagen Sie zu diesem furchtbaren Un-
glück?' Ich wandte mich um, vor mir stand ein Mann in zerrissener Kleidung, die
mit Blut und Erde beschmutzt war. Jetzt erst erkannte im in ihm den Bauern Her-
mann Herderaus Lindenau. Mit einer verzweifelten Geste zeigte er nach dem tiefen
Graben hin. Meine Bücke folgten mechanisch seiner Handbewegung, und nun bot sich
meinen Augen ein grauenhafter Anblick: ein wirres Durcheinander von Menschen-
leibern, einige mit den Beinen nach oben, die Körper aufgerissen, die Schädel gespal-
ten - alles mit Blut besudelt. Mit Entsetzen schaute im auf dieses Bild des Grauens.
In den vier Jahren des Ersten Weltkrieges hatte im an allen Fronten etwas gleiches
nicht gesehen. ,Meine beiden Söhne sind auch darunter' stöhnte neben mir der alte
Bauer.
Spätherbst 1939 Inzwischen war der Spähtrupp herangekommen, und wir alle hörten nun, was hier
Deutsche und polnische Soldatengräber in Krakau.
97
geschehen war: Die Einwohner des Dorfes Lindenau waren - ebenso wie die Nach- Zu den Verschleppten und Ermordeten des Kreises Schubin, der insgesamt 154 Tote
bargemeinden - von polnischem Militär zwangsweise evakuiert worden. Bis hierher zu beklagen hatte, gehörte auch Landrat a. D. Eugen Naumann-Suchorencz, der lang-
war alles gut gegangen; doch an dieser Stelle wurde der Treck von einer etwa jährige Vorsitzende der deutschen Fraktion im polnischen Sejm. Er hatte sich stets für
30 Mann starken Abteilung überholt, die von einem Offizier befehlige wurde. Je- die strikte Staatsloyalität der Deutschen eingesetzt, ohne daß deren Bekenntnis zu
mand muß gehört haben, daß von den Flüchtenden deutsch gesprochen wurde, denn ihrem Volkstum allerdings in Mitleidenschaft gezogen werden sollte. (BA.)
mit den Rufen ,Hier sind Deutsche', griffen die Soldaten wahllos die Männer heraus,
Ln vielen deutschen Dörfern Polens und an Straßen, die vom Kriege ursprünglich
derer sie habhaft werden konnten. Drei von ihnen, darunter den mir gut bekannten
überhaupt nicht berührt worden waren, boten sich den zurückkehrenden Ver-
Oberinspektor Reißler vom Gute Lindenau, erschossen sie bereits heim Albführen und
schleppten erschreckende Bilder: zwischen den Ruinen niedergebrannter Gehöfte,
sieben andere stellten sie an diesem Graben auf. Die Soldaten gaben eine Salve ab,
zwischen den Resten zerstörter Möbel hausten in behelfsmäßig errichteten Schuppen
worauf sie sich eilig entfernten, Herder hatte sich hinten übergeworfen und war so
und Erdhütten Frauen und Kinder, deren eingefallene Gesichter durch Angst und
dem Tode entronnen. Mühsam hatte er sich dann aus den über ihm liegenden, blu-
namenlose Trauer gekennzeichnet waren. Vor allem in denjenigen Gemeinden, in
tenden Körpern hera usgearbei tet." (BA.)
denen sidi die Männer ihrer Verhaftung und Verschleppung durch Flucht entzogen
Dem deutschen Gutsbesitzer mußte dieses Erlebnis um so unbegreiflichererscheinen,
oder bereits vorher den Mobilmachungsbefehlen Folge geleistet hatten, nutzten durch-
als er selbst erst am Vortage aus dem Melnoer See einen ertrinkenden polnischen
ziehende Soldatentrupps und Plünderbanden die Gelegenheit zu regelrechten Raub-
Oberleutnant gerettet hatte. Coelle sagt dazu: "Eine Selbstverständlichkeit! Es kenn-
zügen idurch die Häuser der Deutschen, die dann anschließend in Brand gesteckt
zeichnet allerdings die Stimmung und das Mißtrauen auf polnischer Seite, daß dieser
wurden. Die Bewohner mußten froh sein, wenn man sie am Leben ließ: nicht wenige
Mann, als ich ihn bereits aus Sumpf und Moor herausgezogen hatte, nodi glaubte,
Frauen, Kinder und Greise sind bei den Versuchen, Brände zu löschen, erschossen
ich würde ihm etwas antun. Ich beruhigte ihn, aber er glaubte mir erst, als ich ihm
worden oder auf andere Weise zu Tode gekommen.
beteuerte, daß ich gar keine Waffe bei mir trüge."
Hier sei als Beispiel für viele nur das Schicksal der Kirchengemeinde Schocken im
Bald darauf fand Ernst Coelle einen toten polnischen Soldaten an der Straße. Er
Kreise Wongrowitz angeführt. Von den neun Ortschafren dieser Gemeinde wurden
hatte einen Genickschuß .aus nächster Nähe erhalten. Coelleerlkannte ihn als den Sohn
zwei nahezu völlig eingeäschert (Steinrollen und Porzanowo), fünf weitere wurden
des deutschen Kutschers Manthei vom Gute Bogdanken. er nimmt an, daß Kame-
durch Raub und Plünderungen in Mitleidenschaft gezogen, wobei audi hier zahlreiche
raden seines eigenen Truppenteils ihn erschossen haben. Doch diese Erlebnisse sollten
Scheunen und vereinzelte Häuser ein Raub der Flammen wurden, ohne daß in diesen
am gleichen Tage noch in trauriger Weise überboten werden. Coelle erzählt:
Orten Kampfhandlungen stattgefunden hätten. Auch in Schocken selbst wurden
"Kurz ehe wir die Drewenzerreichten, den Grenzfluß, der W·estpreußen von Kon- deutsche Wohnungen und Geschäfte ausgeplündert und die Mühle der deutschen
greßpolen bzw. bis 1918 Deutschland von Rußland trennte, fuhren wir in eines der Landwirtschafblichen Genossenschaft mit sämtlichen Nebengebäuden eingeäschert. (BA.)
letzten noch im Westpreußischen gelegenen Dörfer ein, dessen Name mir leider ent-
Daß diese Raub- und Brandstiftungswelle schon bald von den Westprovinzen des
fallen ist. Da kam uns eine Schar weinender Kinder entgegen. Sie zeigten unentwegt
Landes nach Mittel- und Ostpolen überschlug und daß sie insbesondere nach dem
auf einen großen Teich, der 'Zu rechter Hand der Straße lag, und riefen: ,Da schwim-
Einmarsch der Sowjettruppen in Gailizien und Wolhynien die polnische Landbevöl-
men unsere toten Eltern!' Ich entdeckte wohl miedem Fernglas einige Körper im
kerung - angesichts der von Moskau "zur Verteidigung ihrer Rechte" aufgerufenen
Wasser, doch erst beim Näherkommen 'erfuhr ich von einem größeren Jungen, was
ukrainischen und weißruthenischen Nachbarn - nicht weniger hart traf, steht auf
sich hier ereignet hatte. Er zeigte auf ein Sprungbrett, das sich auf der gegenüber-
einem besonderen Blatt.
liegenden Seite des Teiches befand. über dieses Sprungbrett hatte man achtzehn un-
glückliche Menschen gejagt, während die Soldaten auf die ins Wasser Springenden In nicht wenigen Fällen gerieten hier nach dem 17. September deutsche Zivilinter-
schossen. Die Verwundeten und Ertrinkenden nahm man so lange noch unter Beschuß, nierte, aber auch Deutsdie in polnischen Truppeneinheiten in eine ganz neue Front-
bis niemand von ihnen mehr ein Lebenszeichen von sich gab. Der Junge hatte diese und Kampflinie, nicht selten übernahmen sie bei den mit aller Härte und Leiden-
Schreckensszene aus einem Versteck beobachtet. - Auf kongreßpolnischer Seite fuhren sdiafblichkeir in Ostpolen aufflammenden nationalen "Abrechnungen" eine Mittler-
wir in den nächsten zwei Tagen das Weichseltal entlang und kamen immer wieder Rolle. Daß sie dieser Rolle besser und mit mehr Erfolg gerecht werden konnten, als
durch deutsche Mennonitensiedlungen. In jedem dieser Dörfer dasselbe Bild: Wei- vor Kriegsbeginn in ihren Heimargebieten, gehört zu den tragischen Randerscheinun-
nende Frauen berichteten, da~ ihre Männer von durchziehenden Soldaten mitge- gen der großen Auseinandersetzung ihrer Staaten und Völker; einer Auseinander-
schleppt worden waren. Wie ich später hörte, sind nur sehr wenige von ihnen setzung, in der sie als Deutsche in Polen allerdings längst zu bloßen Statisten verur-
zurückgekehrt. " teilt waren,

98 99
wenn sich das Kriegsglück an die polnischen Fahnen heftete. Und wie wir in den
Auf Polens Fahnen vereidigt
Offizierslisten der preußischen Armee zahlreiche Träger polnischer Adelsnamen fin-
Ungezählte Deutsche verschiedener sozialer Schichten und ß,erufsgruppen waren im den, war auch das polnische höhere Offizierscorps mit vielen Namen aus Aristo-
August und September 1939 zu polnischen Truppenverbänden einberufen worden. kratenfamilienursprünglich deutscher Herkunft durchsetzt.
Zu ihnen gehörte auch ein Volksschullehrer aus einer deutschen Weichselkolo.nie, der Im Zeichen des naeionalen Erwadiens und des gerade im polnischen Staat mit seinen
nach dem Kriege seinen Lebenslauf in die Form einer tragikomischen Glosse kleidete. großen Minderheitengruppen rasch erstarkenden Volksbewußtseins mußten sich jedoch
Wir lesen darin u. a.: schon bald gerade für den Aufbau der Armee Folgerungen weitreichenden Aus-
"Ich bin am 18. Januar 1893 in Weichsel dorf als ältester Sohn der Eheleute Ernst maßes ergeben.
Gustav Heiter (es handelt sich hier um ein Pseudonym) und dessen Ehefrau Emilie Während anfangs noch die im deutschen und im österreichischen Heer ausgebildeten
Müller geboren. Nach dem Absolvieren des Lodzer deutschen Lehrerseminars trat ich Berufsoffiziere U11Jd-unteroffiziere - Angehörige der Jahrgänge etwa von 1880 bis
in den Volksschul dienst. Von 1912 bis 1914 war ich - ohne meinen Wohnsitz zu 1890 - als die "Korsettstlangen" der polnischen Armee empfunden worden waren,
wechseln - Lehrer im zaristischen Rußland, von 1914 bis 1918 im kaiserlichen änderte sich die Situation im gleichen Maße, in dem sich das polnische Offizierscorps
Deutschland, von 1918 bis 1939 im republikanisdien Polen ... Von 1900 bis 1914 verjüngte und immer neue Jahrgänge die Offiziers- und Unteroffiziersschulen ver-
habe ich ,Bosche, zarja chrani' als meine Nationalhymnegesungen, von 1914 bis 1918 ließen.
,Heil dir im Siegerkranz', von 1918 bis 1939 ,Jeszcze Polska nie zginela', von 1939 Ein wachsendes Mißtmuen gegenüber den Angehörigen der nationalen Minderheiten-
bis 1945 .Deursdiland, Deutschland über alles' ... In den königlichen Privilegien, gruppen begann sich in den dreißiger Jahren abzuzeichnen, Es äußerte sich sowohl in
die meinen Vorfahren in Weichsel dorf seit 1605 erteilt worden waren, titulierten die Beförderungssperren als auch in der Ahkommandierungder Reservisten und insbe-
gekrönten Häupter POllens ... uns als .ehrbare, fleißige Holländer', bei den Russen sondere der Fähnriche fremden Volkstums in immer abgelegenere Landesteile. Das
galten wir immer als ,Preußen', von den Preußen wurden wir 1914 bis 1918 Deutsch- Bekenntnis zum deutschen, ukrainischen oder jüdischen Volkstum, hier und da auch
russen genannt ... 1918 bis 1939 waren wir Deutsche ohne Bindestrich, als Schimpf- schon zum evangelischen, orthodoxen oder mosaischen Glauben genügte ab 1933/34
wort hatte man aber bald ,Schwaby' für uns geprägt, d. h. Schwahen."104) vielfach, die Absolventen von Gymnasien - ungeachtet ihres Gesundheitszustandes -
Dieses auf einen ebenso kurzen wie grotesken Nenner gebrachte Stück Zeitgeschichte gar nicht mehr zum Wehl1dienst einzuberufen, sondern sie nach einer gewissen Zeit
charakterisiert das Schicksal einer ganzen Generation von Nachfahren deutscher als »überzählig" (nadliczbowe) vorn Wehrdienst zu befreien. Das galt insbesondere
Auswanderer, die im 17. und 18. Jahrhundert an der Weichsel und ostwärts bis hin für die deutschen Wehrdienstpflichtigen in den westpolnischen Wojewodschaften.
zur Wolga ansässig geworden waren. Während jedoch die Deutschen in Mittel- und Die schon lange vor K:riegsbeginn ausgegebene Parole "silni ....•
zwarci=gotowi" (stark-
Ostpolen drei- bis viermal eine neue Nationalhymne hatten erlernen müssen und einig-bereit) brachte es mit sich, daß bei der Zusammenstellung der Truppenteile
während die um die Jahrhundertwende geborenen männlichen Angehörigen dieser streng auf eine solche Zusammensetzung von Angehörigen der verschiedenen Volks-
Deutscheumsgruppen, soweit sie zum Waffendienst eingezogen wurden, drei- bis tumsgruppen geachtet wurde, der zufolge in den einzelnen Kompanien und Regi-
viermal den Eid auf eine neue Fahne harten schwören müssen, war den Bewohnern mentern die zahlenmäßige überlegenheit der polnischen Offiziere und Mannschaften
des ehemals preußischen Teilgebietes die Ableistung eines Fahneneides in drei Spra- gesichert WI3.1". Eine an sich verständliche Maßnahme, die dann allerdings in den
chen erspart geblieben. Indessen kam den meisten der nach 1918 zum Wehrdienst oder Tagen der Mobilmachung und vor allem in den Kriegswochen dazu beitrug, daß
zu Reserveübungen unter polnischen Fahnen einberufenen Deutschen die Vereidigung sich bei vielen Angehörigen fremder Volkseumsgruppen jn den Reihen der polni-
auf die neugeschaffene polnische Republik hart genug an. schen Armee - nicht nur bei den Deutschen - erst recht ein starkes Solidaritätsgefühl
Obwohl seit dem frühen Mittelalter deutsche Soldaten und Offiziere als Lehensleute durchsetzte, dem es nicht zuletzt zu danken ist, wenn in den Tagen des allgemeinen
slawischer Fürsten gedient und so. manche Schlacht gegen ihren eigenen Kaiser und Chaos und Zusammenbruchs noch höhere Opfer vermieden wurden, und wenn Solda-
gegen die Ordensritter mitgekämpft hatten,lOG) war von den Einzelnen in Zeiten der ten und Offiziere, die bereits auf den Vermißtenlisten standen bzw, für den Fall
politischen und stammlichen Zersplitterung noch kaum eine Gewissensnot empfunden einer Niederlage Pqlens von ihren Vorgesetzten mit dem Tode bedroht waren, in ihre
worden. Noch im Ersten Weltkrieg hatten Deutsche und Polen - oft bis zum letzten Wohnorte zurückkehren konnten.
_ in den gleichen Verbänden gekämpft, und besonders in den polnisch-russischen
Feldzügen war es vielfach deutschen Berufsoffizieren und -unteroffizieren zu danken,
, IN DEN TAGEN DER MOBILMACHUNG

'''') Aus einem zeitgemäßen Lebenslauf" In .West-östllche Begegnung", Berlln, Februarheft 196,!, Seite 10. Folgen wir den Berichten zweier deutscher Reservisten, die in den letzten August-
105) in der Schlacht bel Tannenberg (Grunwald) 1410 kämpften deutsche HIlfstruppen auf polnisch-litaui-
scher Seite (auch der erste Träger des polnischen Ordens Vlrtuti Militarl war 1792 der Danziger tagen ihre Gestdlungsbefehle erhielten und die den Kriegsbeginn in verschiedenen
Ingenieur Ludwig Metzei).

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Teilen des Landes erlebten. Unteroffizier Georg Ludwig aus Kattowitz erzählt: am selben Abend ab und meldete sich am nächsten Tage bei seinem Regiment. Beck-
"Meine Einberufung erhielt ich am 24. August morgens um 5 Uhr mit dem Auftrage, mann erzählt: "Die Aufgabe für uns ... bestand fürs erste darin, die Reservisten
mich um 7 Uhr heim Kommando der 23. Division zu stellen ... Ich wurde auf der einzukleiden, aus ihnen Kompanien und Bataillone zu formieren und ihnen ...
Ferdinandgrube, dem Hauptquartier der 23. 1. D., eingekleidet. Die Sachen waren etwas militärischen Schliff beizubringen ... Es war die Parole ausgegeben worden,
neu, paßten aber schlecht. Die Schuhe waren fünf Nummern zu groß und ohne bei der Formierung der Kompanien darauf 2lU achten, daß sie nicht mehr als 40 Pro-
Schnürsenkel, also trug ich meine Bergstiefel. An Stelle von Strümpfen gab es Fuß- zent nationaler Minderheiten enthielten ... Die Unteroffiziere stammten fast alle
lappen. Erkennungsmarken gab es nicht. Am zweiten Tage wurden auch Waffen aus dem Posensehen ... Abgesehen, daß meine Nationalität aus den Militärpapieren
ausgegeben, und zwar Seitengewehre und Karabiner, Ich selbst bekam ein Seitenge- einwandfrei hervorging, hatte ich auch unter den Offizieren einige Bekannte von der
wehr ... Die ersten Tage waren ausgefüllt mit Nichtstun. Mittlerweile waren gegen aktiven Dienstzeit bzw, von den verschiiedenen Reserveübungen her, u. a. Major S.,
hundert Reservisten hinzugekommen, für die aber Uniformstücke fehlten. Die Män- meinen Bataillonskommandeur. Diese wußten natürlich, daß ich Deutscher war, und
gel konnten trotz Drängens des Magazinunteroffiziers nicht behoben werden, so daß so hatte Slich die ,Sensation' schneM herumgesprochen ... Abgeschnitten von aller
schließlich, als wir Kattewitz verließen, einige Leute in Halbschuhen oder Wickel- Welt - Zeitungen gah es nicht und auch die Postbeförderung war eingestellt - war
gamaschen abrücken mußten ... man inmitten dieser polnischen Umgebungeinzig und allein auf die ,Siegesmeldun-
Am dritten Tage mußte ,ich mich bei Hauptmann Kilian melden (einem Vorstands- gen' des Warschauer Rundfunks angewiesen, die triumphierend von Mund zu Mund
mitglied des Aufständischenverbandes), der mir erklärte, daß ich zum 73. Regiment weitergegeben wurden. "108)
versetzt würde ... Später bestätigte ein Leutnant meine Vermutung, daß ich ,poli- Diese Meldungen waren die gleichen, die der Unteroffizier Ludwig auf dem Wege
tisch verdächtig' sei und deshalb im Stabe nicht arbeiten dürfe ... Bis zum 1. Sep- nach Krakau gehört hatte: " ... Danach war Danzig schon am ersten Tage von den
tember bekam die Kompanie noch einigermaßen regelmäßig zu essen ... Gegen 3 Uhr Polen eingenommen worden, Ostpreußen war teilweise besetzt . .. und französische
wurde Marschbefehl gegeben, und um 4 Uhr setzte sich die Truppe in Richtung Truppen sollten die Deutschen am West'WaH vernichtend geschlagen haben. In Berlin
Emanuelssegen in Bewegung. Es hieß, daß wir nach Oswiecim (Auschwitz) marschie- sollte ein Angriff von 600 englischen und polnischen Bombern furchtbare Verwüstun-
ren sollren. Dieser Marsch, der normalerweise in zweieinhalb Stunden bewältigt gen angerichtet haben."
werden kann, dauerte bis zum Morgengrauen des nächsten Tages ... "106) Und auch in beeag auf die Einkleidung und Ausrüstuog der nach Lublin Einberufe-
Der Weitermarsch ging über Jaworzno und Plesz6w in Richtung Krakau. Unterwegs nen erlebte Leutnant Beckmann ähnlimes wie Georg Ludwig in Kattowitz: "... Es
wurde auf einem Gutshof eine längere Rast eingelegt: "Wir mußten im Viereck an- war in unserem Regiment u.a. die Paroleausgegebenworden, daß diejenigen Reser-
treten, und Hauptmann Kilian verzapfte die neu esten Nachrichten; wir hörten: visten, die einigermaßen gut erhaltenes Schuhwerk mitbrachten, dieses weiterhin
Danzig wäre von polnischen Truppen besetzt, Ostpreußen sei ganz eingenommen, in tragen sollten, weil einfach nicht genügend Militärschuhe vorhanden waren . .
Schlesien näherten sich die polnischen Truppen Breslau, die verbündeten Engländer Unsere Truppe war ohne Stahlhelme, niemand hatte eine Erkennungsmarke ... Die
und Franzosen hätten gleichfalls angegriffen , Berlin läge in Trümmern, Harnburg . Verpflegung war ein Kapitel rur sich. Ganz abgesehen davon, daß die in den
wäre dem Erdboden gleichgemacht usw Kurz vor Pazan6w bekamen wir die Küchen unseres Regiments gekochten Essenportionen der tatsächlichen Zahl der zu
ersten toten Pferde und auch gefallene Soldaten zu sehen. Es waren Soldaten, die verpflegenden Leute nicht entsprachen, konnten die vorhandenen Rationen nur mit
nicht im Kampfe gefallen, sondern durch die eigene Gendarmerie erschossen worden erheblichen Schwierigkeiten ausgegeben werden, weil nur ein Bruchteil der nötigen
waren. Von einem toten Soldaten wurde uns gesagt, daß es ein deutscher Spion Eßgeschirre aufzutreiben war. So waren bei der Essenverteilung unglaubliche Szenen
gewesen sei, der sich eine polnische Uniform angezogen habe ... Später wurde auch an der Tagesordnung."
aus meiner Gruppe ein Soldat herausgeführt, der Uniformrock wurde ihm ausge- Beckmann schildert sodann die Spionenfurcht, die .angesidm der zunehmenden deut-
zogen, ein Schuß fiel, und der Mann sackte in sich zusammen. Ein Gendarm sagte schen Fliegertäti'gkeit schon in den ersten Septembertagen panikartige Züge annahm:
mir auf meine Frage, daß der Erschossene halbe desertieren wollen ... Ich erfuhr "Ich war selbst, von der Kaserne aus beobachtend, Zeuge, wie bei einem Angriff
lediglich, daß es sich um einen Deutschen aus Tarnowiragehandelt ha:be."107) deutscher Flieger auf die in nicht weiter Entfernung vorbeiführende Bahnlinie ein
Heinz Beckmann aus Posen, der seine Dienstzeit 1932/33 zuerst an der Fähn- zufällig vorbeigehender, harmloser polnischer Mönch, der in seiner Kutte anscheinend
richschule in Zambr6w bei Bialystok und später In Lublin absolviert hatte, besonders verdächtig erschien, trotz Beteuerung seiner Unschuld im Triumph einge-
erhielt seinen Einberufungsbefehl als Reserveleutnant am 30. August. Er fuhr noch holt und abgeführt wurde. Er sollte angeblich den Angriff auf die Bahnlinie auf
dem Gewissen gehabt haben ... "109)
"') Kurt LOck: •Volksdeutsche Soldaten unter Polens FahnenlTatsachenberlchte ..•• , Verlag Grenze und
Ausland, Berlln 1940, S. 44 ff. , '':), ebenda, S. 26 ff.
1117) ebenda, S. 52. , ) ebenda, S. 29.

102 103
Während es hier ein polnischer Mönch war, der dem überall grassierenden Spionage- rot gestempelt.) Warum man diese Einberufungsgruppe nicht nam Radom hatre
verdachtzum Opfer fiel, sind andere Deutsche in polnischen Truppenvertbänden zum weiterfahren lassen und was aus ihr geworden ist, hat Johann Kurzitza nimt
Teil schon vor Kriegsbeginn als "unsichere Elemente" abgesondert und unter Bewachung erfahren.111)
gestellt oder später - oft genug aus nichtigen Anlässen - als Deserteure oder Spione Adolf Günther aus Posen erlebte es, wie ein polnischer Hauptmann drei deutsme
erschossen worden. Soldaten aus Obersmlesien ersmoß, "weil sie mit W'undgelaufenen Füßen in ihrem
Dabei wirkte sich naturgemäß der schnelle deutsche Vormarsch auch auf die Lage der smlemten Schuhzeug eine Rast am Chausseerand eingelegt und sim dabei in deut-
deutschen Soldaten in polnischen Truppenverbänden aus. Auf den Rückzugsstraßen smer Sprame unterhalten hatten.112)
und unter Einwirkung deutscher Fliegerangriffe gerieten viele Einheiten durchein- Derartige Fälle häuf~en sich vor allem in denjenigen Einheiten, in denen - sei es im
ander, und es konnte von geordneten Rückzugsbewegungen schon deshalb bald nicht Verlauf von Kampfhandlungen, sei es durm FliegereinWlirkung - Verlus1le entsta.1-
mehr gesproch,en werden, weil zahlreiche Bahnhöfe und Gleisanlagen zerstört waren den waren und bei denen Smuldige für die sim von Tag zu Tag versmlemternde
und weil zivile Flüchtlingskolonnen die Straßen ins Landinnere bevölkerten. Feld- Situation gesucht wurden. Wie bequem war es doch, diese Schuldigen in den eigenen
polizei und Offiziere griffen rücksichtslos zur Waffe, wo immer dies erforderlich Reihen zu sumen und bei dieser Gelegenheit auf nachdrücklime Weise etwas zur
schien. Daß dabei in erster Linie diejenigen aufs Korn genommen wurden, die nur Auf1"emterhaltung der ohnehin stark gelockerten Disziplin tun zu können!
mangelhaft polnisch sprachen und aus deren Papieren einwandfrei die deutsche Um ihrer Verfolgung und Liqutidierung zu entgehen, haben sim in jenen Tagen viele
Nationalität hervorging, kann nicht wundernehmen. Deutsche in polnismen Truppenteilen - sei es durch gute Beziehungen, sei es durm
Bestemung von Schreibstuben-Unteroffizieren - neue Militärpapiere auf polnische
SCHWARZE UND ROTE STEMPEL Namen ausstellen lassen, andere besorgten sim Soldbücher gefallener Polen. In den-
Kurt Lück, der in den Jahren 1939 und 1940 eine große Anzahl von Erlebnisberich- jenigen Fällen, in denen Deutsme zu fremden Einheiten verschlagen wurden oder als
ten deutscher Soldaten, die den Krieg in polnismen Truppenverbänden mitmamen Versprengte Ansmluß an einen neuen Truppenverband suchten, konnte das die Ret-
mußten,gesammelt hat, weist noch ,auf einen anderen Umstand hin, der vielen tung bedeuten. Es kam allerdings nimt selten vor, daß deutsmen Soldaten, die die
Deutsmen zum Verhängnis geworden ist: "In manmen Garnisonen wurden die in polnisme Sprache nur mangelhaft ,beherrschren, gerade ein falsmer Ausweis aum zum
den Kasernen eintreffenden Deutsmen sofort ausgesondert, man gah ihnen keine Verhängnis wurde.
Uniformen und smob sie unter militärismer Bewamung nach Osten ab ... " 110) Richard Ruge aus Urbanshof (Urlbanie), Kreis Obornik, ,der gut polnisch spram,
Wenn diese Deutsmen dann unterwegs von ihren Begleitmannschaften ihrem Schicksal gab sim in seiner Einheit als Pole aus. Als ihn sein Kommandeur eines T,ages fragte,
überlassen wurden, was infolge der chaotismen Verkehrsverhältnim und angesimts wie er zu dem deutschen Namen komme, wiese Ruge auf den polnüchen Posener
der immer häufigeren Fliegerangriffe nimt selten geschah, gehörten Glück und List Stadtpräsidenten (Runge) hin. Das überzeugte den Offizier, der von diesem Zeit-
dazu, wenn diese Gruppen überhaupt noch ihren neuen Bestimmungsort erreimtt!n punkt an Ruge sogar eine bevorzugte Behandlung zukommen ließ.113)
und nimt als Spiooe oder Deserteure festgenommen wurden. Johann Kurzitza aus Umgekehrt erging es dem aus Konstantyn6w bei Loclz stammenden Reserveleutnant
Kattowitz, der zu einer Einheit nach Radom einberufen worden war, berimtet bei- Kulisz. Trotz seines polnismen Namens war er in seinem Regiment ständiger, arg·
spielsweise, daß er unterwegs zu seinem Bestimmungsort eine Gruppe von Deutsmen wöhnismer Beobachtung ausgesetzt. Als Kulisz 'es wagte, bei einer Rast in Stryk6w
aus Obersmlesien auf einem kleinen Bahnhof getroffen habe, die aus einem nach an einem Brunnen Wasser zu trinken, bevor ein polnismer Offizier hinzukam und
Osten fahrenden Zuge herausgeholt worden war. Sie hatten sich bei einer Zugkon- seinen Durst hatrestiUen können, zog dieser sein Seitengewehr und erstam Kulisz,
trolle - das erfuhr Kurzitza von einem Unteroffizier des Begleittrupps - nur mit ehe dieser auch nur eine Bewegung zu seiner Verteidigung machen konnte.114)
ihren Einberufungsbefehlen nach Krakau ausweisen können. Der Oberst des Regi- Adolf Kargel, Chefredakteur der einstigen Lodzer "Freien Presse", gab in seiner Zei-
ments, bei dem sie aufgenommen und eingekleidet werden sollten, hatte den Ober- tung den Bericht eines anderen deutsmen Soldaten aus Konstantyn6w wieder, in dessen
smlesiern lediglim einen handgesmriebenen Zettel als "Marschbefehl nam Radom" Truppe während des Rü<:kmarsms alle Deutsmen herausgesumt, vor einen Strohschober
ausgehändigt, weil er - wie er sagte - keine "un21uverlässigen Elemente" in seiner gestellt und erschossen wurden. Er selbst hatte sich das Soldbum eines Gefallenen
Einheit haben wollte. Die "Unzuverlässigkeit" dieser Einberufenen war durm besorgt, als Pole ausgegeben und war damit als einziger mit dem Leben davonge-
smwarze Stempel auf ihren Mobilmamungskarten quasi~ "bescheinigt". (Einige Ein- kommen. 115)
berufungs behörden in Oberschlesien hatten - das stellte sim später heraus - alle
"'!
111) .Posener Tageblatt· v. 20. Oktober 1939.
Mobilmamungskarten für Deutsme schwarz, die Gestellungsbefehle für Polen jedoch ebenda.
..
112)
Vgl. Kurt Lück: •••• Tatsachenberichte". S. 11.
'" V I•• Deutsche Lodscher Zeltun " v. 27. 9. 1939.
110) Kurt LOck: •..• Tatsachenberichte". S. 10. ", H~er zitiert nach K. Lück: •••• ~atsachenberichte". S. 12.

104 1(15
durchgeschlagen. Währe11ld er uns Offizieren gegenüber nach seinen Erfahrungen mit
Am Rande eines Waldes <beiGoluch6w, unweit der Straße Jezow-Rawa, wurde in
den deutschen Truppen aus seiner pessimistischen Einstellung in bezug auf einen er-
einem Massengrab unter 'zwanzig Zivilisten auch ein Offizier - Eugen. Lenk -. aus-
folgreichen Widerstand kein Hehl machte, 'glaubte er dIi'eMannscha.ften dadurch auf-
gegraben. Wie die umwohnende Bevölkerung berichtete, hatte Lenk sich gewelg rt, 7 muntern zu sollen, daß er ihnen ein aus irgendeiner polnischen Zeitung entnommenes
die Zivilisten zu erschießen. Diese Befehlsverweigerung führte dazu, daß man ihn
Rechenexempel vorführte. Danach war für einen Flug von Berlin nach Warsmau für
mit erschoß.116) Als diese Nachricht in der »Deutschen Lodscher Zeitung" erschien, mel-
einen Bomber eine Zisterne Benzin notwendig, und man konnte sich also angeblich
dete sich in der Redaktion 'ein Verwandter des Eugen Lenk und bestätigte, daß dieser
leicht ausrechnen, daß die Deutschen in wenigen Tagen am Ende ihrer Künste sein
tatsächlich als polnischer Offizier eingezogen worden und seieher spurlos verschwun-
mußten. Sie konnten ja keine großen Vorräte an Benzin gestapelt haben -, führte
den sei. Auch hierzu liegt eine eidesstattliche Erklärung vor.
der Hauptmann aus - und Rumänien liefere kein öl mehr."
Je unÜ'bersichtlicher die Lage an den Frontabschnitten in ~en westli~en La~de'Steilen Einige Tage später tauchten - nachdem Beckmanns Regiment in tagelangen Gewalt-
wurde, je deutlicher sich die Vormarschbefehle und angebLlchen Angrlff~~bslchten der märschen versucht hatte, sich der drohenden Umklammerung durch deutsche Ver-
polnischen Divisionsstäbe arls Rückzugsversch:leierung erwiesen, desto kritischer wurde bände zu entziehen - neue Gerüchte auf: sie wollten von erfolgreichen Gegenstößen
die La:ge der Deutschen in den Reihen der zum 'teil schon schwer an~ch1ag~nen pol- der polnischen Truppen wissen und besagten im übrigen, daß Rumänien, Ungarn
nischen Truppenverbände. Die Parole »Niemcy pod murt" (Deutsche an die Wand) und J ugoslawien Deutschland den Krieg erklärt hätten. (Zu diesem Zeitpunkr hatte
wurde in vielen Einheiten zum :geflügelten Wort. die Rote Armee bereits Polens Ostgrenze überschrirtenl) Beckmann schildert sodann
Während man sich in weiten Offizierskreisen bald keinen Illusionen mehr hinsichtlich die letzten Tage seiner Einheit, deren Reste nach schweren Gefechten am 22. Septem-
des für Polen lmtastrophalen Kriegsverlaufs 'lnngarb, ließ man die Mannschaften aus ber in deutsdie Gefangenschafl gerieten.
verständlichen Gründen über 'die Ursachen des Geschehens im unklaren. Spione, Di- Ji.hn~iche Erlebnisse verzeichnen William Leutholdaus Posen, der die letzten Kriegs-
versanten und Saboteure wurden für die sich tagaus, tagein auch in Mittelpolen ver- tage im September am Bug erlebte, Eugen Jeschke aus Lodz, der an der Bzura
schlechrernde Situation - für das Verkehrschaos ebenso wie für die mangelnde Aus- kämpfte und Hugo Meyer, Posen, der als polnischer Oberleutnant bei Krasnobröd in
rüstung und Verpflegung der Truppe - verantwortlich gemacht. Spione und Diver- deutsche Gefangenschaft geriet.118) Sie alle erlebten dasgnadenlose Ausgeliefertsein an
santen wurden ,gesucht - und gefunden. ein Schicksal, das ihnen täglich und stündlich nur eine Alternative ließ: entweder als
"DeserteuIIe" unterzutauchen oder ihrem unter einer fremden Fahne geleisteten SoI-
dateneid his zum bitteren Ende treu zu bleiben. nie übergroße Mehrdleit hat diesen
EntschJ1ußmit ihrem Leben <bezahlt.
BIS ZUM BITTEREN ENDE
Es liegt eine Tragik eigener Allt darin, daß eine nicht geringe Zahl deutscher Soldaten
»Die von Anfang an nicht begeisterte Stimmung der Truppe ließ von Tag zu Tag mehr auf beiden Seiten der Front - wie in allen Kriegszügen, in denen sich Deutsche in
nach", berichtet Leutnant Beckmann über die Lage in seinem Regiment. 117)»Der 9. Sep- verschiedenen Uniformen und unter verschiedenen Feldzeichen gegenüberstanden -
tember brachte den ersten Angriff deutscher Flieger auf die Lubliner Kasernen .,. Bald im September 1939 von Bruderhand fiel. So widmete auch Kurt Lück seine Bericht-
brannte ein Teil der Magazine lichterloh. Der größte Teil der Bomben aber fiel. .. indie sammlung stellvertretend für alle einem dieser Deutschen: dem Forscher und Schul-
Parkanlagen der Kasernenumgebung, unter deren Bäumen sich die aus den Gebäuden rektor Albert Breyer, der als Reserveleutnant des polnischen Heeres von einer
herau~gezogenen Reservisten zur Vervollständigung ihrer Ausrüstung gelagert hatten. deutschen Fliegerbombe 'schwer verwundet wurde und am 11. September in einem
Ihre Wirkung unter den eng aneinandergedrängten Menschenmassen war fürchter- Warschauer Lazarett verstarb,
lich ... Der Eindruck dieses Bombardements war so nachhaltig, daß er meine Leute
während des ganzen Krieges nicht mehr losgelassen hat. Es hat später nur des tiefen
Motorengeräusches eines deutschen Flugzeuges bedurft, um ihnen panikartige Furcht
einzujagen ... Wir haben dann noch zwei Tage ,in einem Dorf bei Lublin zugebracht,
um später endgültig 'ahzumarschli.er,en.Die Führung der Kompanie hatte inzwischen
zum drittenmal gewechselt. Sie wurde von einem Hauptmann üpernommen, der zu
anderen Divisiooen gehörte und dessen Maschinengewehrkompanie bei Kielce voll-
kommen aufgerieben worden war. Er hatte sich mit einem Leutnant ... bis Lublin

"') Deutsche Lodscher Zeitung" v. 2. 10. 1939. ''') K. Lück: .' .. Tatsachenberichte". S. 93 11.
117) 'i<.
Lüde H' Tatsachenberichte".
•• S. 31 11.

t07
Spielball der Mächte oder "Fünfte Kolonne"?
sdten" gab es genug. Angefangen bei den Werken von Henryk Sienkiewicz dessen
Es konnte im Zeitalter einer vervollkommneten Technik nidtt ausbleiben, daß sich O~densritter-Roman "Kmyzacy" zur Sdtullektüregehörte, bis hin zu Ste/an 'Zerom-
mit den Methoden der Kriegführung aach die Methoden der ideologischen und pro, skts Roman "W~atr od morza" (Wind vom Meer) fand man ausreichendes "Beweis-
pagandistisdien Einflußnahme auf die an den jeweiligen Kriegen beteiligten Völker m~terial". fü~die S~chhaltig'keit des Sprichworts "P6ki swiat swiatem, nigdy Polak
wandelten, Hand in Hand mit der S<hafFung immer neuer, weiterreichender und Nierncowi nie bedzie brat brarem" (Solange die Welt besteht, wird der Pole dem
wirkungsvollerer militärischer Waffen ging die Perfekcionierung und" Verfeinerung" Deutsdien niemals Bruder sein).
der geistigen Infiltration, der ideologischen und propagandistisdien Überrumpelung des Hatte nidtt auch der bei alt und jung beliebte S<hriftsteller Kraszewski in seinem
Gegners. Das einstige Trojanische Holzpferd erlebte seine Wandlung zur "Fünften Buche "Na wsdiodzie" (Im Osten)ansdtaulich die Infiltration deutscher Bauern bis
Kolonne" unserer Tage. v:
eit in die Ukraine hinein gesdtildert - eine Infiltranion, die dazu dienen sollte, in
Die Herkunft des Begriffes bedarf einer kurzen Definition. Als Ende September 1936 einer spä.ter~n großen Umklammerung Polen zu vernichten!? Ähnliche Behauptungen
der spanische Bürgerkrieg seinen Höhepunkt erreicht und die Armeen der Regierung fandensich in den Bilchern H. Wiercinskis und K. G6rskis, denen zufo1ge die Rich-
in Südspanien eine Niederlage nach der anderen erlitten hatten, holte General Franeo tung der ländlichen Kolonisation an der Weidtsel sowie im Cholmer und Lubliner
zum entscheidenden Schlag aus, indem er seine Truppen in vier großen Marschsäulen Land v~m p~.eußischen Generalstab mitbestimmt worden ist; wobei sich G6rski (1908)
auf Madrid ansetzte. In einer Rundfunkrede wies damals einer der bekanntesten sogar die Muhe machte aufzuzeigen, wie deutsche Heere mit Hilfe dieser Kolonien
Aufständischen-Piihrer - General Mola - auf den Vormarsch der vier Verbände hin, geflü~elten Fußes leicht bis nach Kleinasien vordringen konnten.us)
wobei er hinzufügte, daß die entscheidende Operation in Madrid selbst von einer All diese Behauptungen wurden von der polnischen Presse nur zu gern ausgegraben.
"Fünften Kolonne" .durcbgeführt werden würde. "Er (General Franeo) schickt vier Vergesse~ waren die Perioden Langer, frudttbarer Nadtbarsdtaft und gemeinsamer
Kolonnen gegen Madrid - aber die fünfte wird mit der Offensive beginnen!" Diese Au~~ulelstu~gen, vergessen die zahllosen, ineinander verwobenen deursdi-polnisdien
Erklärung gab das Signal für eine Verrätersuche und Spionenverfolgung ohnegleichen. Fa~llltienverbmdungen: die Deutschen in Polen waren alle miteinander über Nadir zu
Offiziere und Beamte - wirkliche und vermeintliche Anhänger General Franeos - Fem~en geworden - ihre Mitschuld an der September-Katastrophe bedurfte keines
wurden in großer Zahl verhaftet, zum Teil auch gleich auf offener Straße erschossen, Beweises mehr, der überfall Hit1ers auf Polen ging mit auf ihr Konto also mache
es folgten ganze Serien von Haussuchungen, und die allgemeine Hysterie erreidire man sie - die "Fünfte Kolonne der Deutsdien in Polen" - auch haftbar für alles, was
ihren Höhepunkt, als die kommunistische Führerin La Pasionariaselbst das Wort man selbst zu erdulden hatte.
ergriff und das Volk zur Vernichtung der "Fünften Kolonne" aufrief.
Der Begriff dieser "Fünften Kolonne" - zunächst nur gedankenlos als ein militäri- ZWEIERLEI MAss
sches Zahlwort hinausgerufen - hatte damit einen Reuen Beigeschmack, den eines
gefährlidien Feindes, der nidit zu greifen war, erhalten. Er gewann bald auch außer- ~er .Iin j.enen Tage~ von niemandem mehr überschaubare Ablauf der September-Er-
halb der Grenzen Spaniens überdimensionale Bedeutung, als man nach den Gründen eignisse in Polen, die Schnelligkeit der militärischen Operationen, die Verhaftung und
für Deutschlands außenpolirisdte Erfolge und den Madttzuwachs des "Dritten Versdtleppung Zehntausendej- von Deutsdien ins Landesinnere, die ~nberufung Zehn-
Reiches" zu suchen begann, und er flammte plörzlidi allenthalben auf, als in den tausender von deutschen Reservisten zur polnischen Armee und die Flucht anderer
ersten Septemberwochen Polens Armee eine Niederlage ohnegleichen erlebte und der und zwar gerade der aktivsten Angehörigen der deutsdien Volksgruppe über die
polnische Staat wenig später zusammenbrach. Grenze~ - a11 dies enthebt uns nichr der Feststellung, daß es Sabotage- und Stör-
Dieser - vor allem für die Masse dereinfadten Polen - völlig unerklärlidte 'Vorgang tr~pps m Polen gegeben hat, die, sei es aus eigenem Antrieb, sei es auf Anordnung
konnte nicht allein in der waffenmäßigen, tedmischen und organisatorischen Überle- reichsdeutscher Stellen mit deutsdien Kampfverbänden Zrusammenarlbeiteten oder zu-
genheit der deutsdien Wehrmacht seine Ursachen haben. Das den Charakter vieler s:unmenzuarbeiten suchten. Ebenso, wie es absurd ist, ihre Einsätze der Tätigkeit
Polen charakterisierende Schwanken zwischen extremen Gefühlsaufwallungen, die einer großen, gutorganisierren "Fünften Kolonne" gleichzusetzen - weil einfach die
Neigung zuemotionalen Lage-Beurteilungen und zum häufigen Suchen der Sdrold für V~raussetzungen für einen soldien Einsatz, im Gegensatz zu anderen Kriegsschau-
eigenes Versagen bei anderen fanden um so rascher ein Ventil, als doch oft genug in pl~tzen, z. B. zum spanischen Bürgerkrieg gar nidrt gegeben waren -, ebenso besteht
den zurückliegenden Wodten durch Presse und Rundfunk die Rolle der Deutsdien im kein Anlaß, ihre Existenz ZJU verschweigen.
Lande als einer großen "Fünften Kolonne" in düstersten FarbeJ ausgemalt worden Inden Reihen dieser Sabotage- und Wiiderstandsgruppengab es neben Deutschen _
war. Der Berufungsmöglichkeiten auf historische und literarische Zeugnisse bezügIidt Ukrainer, Weißrussen, Juden und Polen. Die Motive und Beweggründe dieser Men-
der angeblich seit Jahrhunderoen .datierenden "polenfeindlidten Haltun-g der Deut-
"') Hier zitiert nach Kurt LOck: .Die deutschen Siedlungen im Cholmer und Lubllner Land". S. 77.

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sehen waren SD unterschiedlich und zugleich SD übereinstimmend wie die Motive VDn W~hr~nd. des PDlen!~ldzuges war sie für einen Kriegsfall im 'Westen vorgesehen, wo
Widerstandsgruppen in allen Ländern und zu allen Zeiten. Es gab Idealisten und k~m emziger motQns'lerter Verband stand. Von Brauchitsch hütete diese Division wie
Abenteurer, Sektierer und nationale Fanatiker, Beamte und im zivilen Leben Ge- seinen Augapfel . . . Erst als die Situation an derBzura kritisch wurde kam der
strauchelte unter ihnen, für die der Krieg 'Oft nur ein auslösendes Moment war, sich Befehl, ein Regiment der 22. Division einzusetzen. Dieser Einsatz erfolgte' aber nicht
in einer neuen Rolle zu betätigen. Menschen, wie man sie ebenso auf der Gegenseite auf dem Luftwege, also nicht durch Absprung, und 'zwar am äußersten Westflü-
finden kDnnte und gefunden hat, als sich die Verhältnisse wandelten, als aus Angrei- gel ... " (BA.)
fern Verteidiger und Verfolgte wurden und als zum Beispiel die polnische Presse nicht Zeitweise Versuche anderer militärischer undziv.iler Stellen wie z B d· Ab h
btei . , .. er we r-
müde wurde, die »Heldenvanen" VDn Saboteuren und von Widerstands gruppen aus ~ teIlu~g im Oberkommando der Wehrmacht, die Angehörigen deutscher Organiss-
Kreisen der polnischen Minderheit in Deutschland zu glorifizieren. t~onen In ~olen zur Mirarbeit bei Spionage heranzuziehen, hatten den Erfolg, daß
So berichtet der polnische Publizist M eclewski beispielsweise über die - nach seiner sich schon im Herbst 1938 auf eine sehr dringende Bitte der VDlksgrup,penführu
das Auswa A . ng
Darstellung - vorbildliche Haltung der Kaschuben ·im ostpommersdien Grenzgebiet, as usv:artlge mt einschaltete. Am 15. November 1938 gab deraufhin die Ab-
die sich »trDtz ungeheuren Druckes" nicht hätten germanisieren lassen, die »ihre Mut- wehraJbteIlung des OKW die ausdrückliche Zusicherung: »Es wird von der zuständi-
tersprache bewahrten und die, so gut sie konnten, ausgedehnte Beziehungen zum Mut- gen A!bteilung eine erneute Weisung an die unterstellten Stellen ergehen daß
bo . , es ver-
terland unterhielten". Noch VDr Kriegsbeginn vermittelten die Bewohner einiger ten 'Ist, Volksdeutsche, die sich in den genannten Organisationen befinden und di
kti . di . le
Kaschubendörfer polnischen Behörden »wertvDlle Informationen über die Gruppie- a trv In lesen arbeiten, in irgendeiner Form für den Abwehrdienst in Anspruch
h . zu
rungen der Wehrmacht im Grenzgebiet", Inder Naditzum 1. September hätten so- ne men. Wie ... versichert worden ist, haben diejenigen Stellen, die mit den Volks-
dann Einwohner von Wierschu~in die Grenze überschritten, um sich in polnischen ?ru~pe~ im Auslande zu tun haben, diesen Grundsam bisher stets vertreten. Es wurde
Uniformen der Wehrmacht entgegenzustellen. Und weiter rühmt Meclewski die im übrigen zum Ausdruck gebracht, daß man SD wenig wie möglich Volksdeutsche in
Haltung der »Jungen von Nadele" - ebenfalls einem kaschubischen Dorf am Zarno- Ans~ruch nehmen wolle, es sber nicht möglim wäre, völlig auf ihre Mitarbeit zu
witzer See, das aber 1919 Polen 'zugeschlagen worden war -, die der deutschen verzichren." 121)
Wehrmacht »wenig Freude bereitet" hätten. Zwar wären sie in die »Volksliste III" ~iese »offizielle" Mitteilung vom November 1938 besagt natürlich nicht, daß damit
eingestuft worden, doch hätten sie später »di,eersvbeste Gelegenheit genutzt, zu den dl~ ~wertbung VDn Deutschen aus Polen für die Abwehr und für die Zusarnmenar-
AUiierten überzulaufen und als Soldaten der Panzerbrigade Maczek polnische Uniformen b.elt mit ,:nderen Stellen im Zeichen der zunehmenden deutsch-polnischen Spannungen
anzuziehen". Diese Kaschubensöhne haben dann auch bei Monte Cassino gekämpft - rigoros hatte unterbunden werden können. Insbesondere ließ 'es sich der Sicherheits-
gegen die Deutschen »natürlich", aus deren Reihen sie einst desertiert waren.P") dienst" Himmlers nicht nehmen, die EinschleuSUJIlgvon Agenten nach Polen vorzu-
Was hier als Beispiel vorbildlichen patriotischen Verhaltens gerühmt wird und was bereiten, deren Tätigkeit hauptsächlich auf »PrDvokationen" 'abzielte die zum A-
hei d . , » n
sich durch zahlreiche weitere Zeugnisse des Einsatzes von Angehörigen der polnischen erzen er Stimmung" beitragen sollten, Wenn diesem Plan der angestrebte Breiten-
Minderheit in Deutschland in den Reihen der Alliierten während des Zweiten Welt- eddLg versagt <blieb,sD trug dazu nimt 'zuletzt der Umstand bei, daß sidi die Deutsch-
krieges belegen läßt, charakterisiert eine Denkens- und Verhaltensweise, die einzig tumsor.ganisationen in Polen schon aus Gründen ihrer Existenzsicherung angesichts der
und allein das für richtig hält, was den eigenen Interessen nützt. zugespitzten Gesamtlage strikt weigerten, mit SD-A!bgesandten zusarnmenzuarbeite
Im übrigen konnte von einer einheitlichen Planung, Lenkung und Organisation deut- B~reits im Mai 1938 war ja auch ein den deutschen politischen Parteien in POle:
scher Widerstands- und Sabotagetrupps wahrend der Septembertage 1939 in Polen seitens der» VDlksdeutschen Mittelstelle" unterbreiteter »Einigungsvorschlag" eben aus
aus mehreren Gründen glar keine Rede sein. Der deutsdie militärische Operationsplan ~m Grunde ~bg~lehnt worden, weil die Deutschtumsverbände in Polen um jeden Preis
war - von einigen Sonderaktionen, auf die wir noch zu sprechen kommen, abgesehen Jeden ~cheIn emer Gleichschaltung und damit verbundenen stärkeren Abhängigkeit
- im Gegensatz zum späteren Verlauf anderer Operationen in anderen Ländern auf VDnreichsdeutsdien Stellen zu vermeiden trachteten.
keine wie immer geartete Zusammenarbeit mit im Hinterlande des Gegners einge- Am 25. August 1938 stellte das Auswärtige Amt in bezug auf die »politische Spal-
setzten Verbänden oder Sabotagetrupps angelegt. Deutsche Luftlandetruppen waren tung ... unter dem deutschen Volksrum in Polen, dessen Führung in immer schärferen
im September 1939 noch 'gar nicht einsatzbereit, wie aus einer brieflichen Erklärung G~g.~nsatz z~einan~e~ geriet", fest: "Alle Versuche, diese ... Entwicklung durch Her-
General von Vormanns, Verfasser des Buches »Der Feldzug 1939 in Polen", hervor- beiführurig einer Einigung der streitenden Parteien 'zu verhindern, blieben bisher er-
geht: »Die 22. Division in Bremen sollte in den Jahren 1937/38 Alnd 1939 als Luft- gebnisIDs.122)
landedivision aufgebaut werden. Der Aufbau waraJber 1939 noch nicht vollzogen.
121) f~~~,
s:~lfe ~4/~~d V. Seite 95. Dazu die warnende Aufzeichnung des VLR Schwager vom '0. 10. 1938
'''') .Narodowlec·. Organ der Polen In<Nordfrankreich. Lens, Nr. 180vom 2. 8. 1968. '22) ADAP. Serie D. Band V. Nr. 51, Seite 59-63.

110 111
-rz:
Daß diese Einigungsversuche eindeutig auf Anweisung reichsdeutscher Stellen zurück- im polnischen Hinterland in polnischen Darstellungen eine Dimension, die ihnen nidtt
gingen, ergibt sich sowohl aus einer Mitteilung General Er~in ~~n (1:39- im geringsten zukommt.
1943 Chef der Abwehrabteilung 11) als auch aus Aktennotizen uber die Tätigkeit des Louis de [ong hat - nicht ohne sich ausdrücklich von der Umdeutung dieser Taten
SD im Ausland, die der Holländer Louis de [ong mit der Feststellung kommen- zu Spionagefällen zu distanzieren - eine Sammlung derartiger Zitate aus deutschen
.
nern ; Be'weise da für
u , daß irgendeine wirtsdtaftliche oder politische Organisation der Publikationen zUisammengestellt, die in polnischen Augen dazu dienten, die Aktivität
Volksdeutschen Schritte unternommen habe, um den (späteren) militärischen Opera- einer "zi·,ilen fünften Kolonne der Deutschen" nachzuweisen. Hier nur einige dieser
tionen der Deutschen Hilfe zu leisten, sind nicht vorhanden."123) AussaJgen:
Demgegenüber hält es de long für "wahrscheinlidt", daß di~ Deutschen in ~olen "in "Ein deutscher Autor erwähnt, daß in einem Dorf im polnischen Korridor südlich
manchen Gebieten Maßnahmen ergriffen, um nötigenfalls mit Gewalt An~rlff~ abzu- Danzig die älteren Einwohner spontan einen deutschen Schutzverband gebildet hät-
wehren die sie im Kriegsfalle befürchteten. Zu diesem Zweck wurden vielleidir ... ten" (Hugo Landgraf: "Kampf um Danzig", Seite 62). - "Sie haben auf den Wegen
geheim; Organisationen geschaffen, welche, zumal in den ?renz~~zi:ken, ~it aus die Baumsperren und Steinhindernisse hinwegräumen helfen. Sie haben gewußt und
Deutschland eingesdtmuggelten Waffen ausgerüstet gewesen sind. Möglicherweise wa- ausspioniert, wo die Polen irgendwelche Fallen ausgelegt hatten. Sie haben Bäume
ren Waffen seit den Kämpfen der Jahre 1918/19 versteckt worden.(124) . gefällt, um gesprengte Brücken ersetzen zu helfen" (Aus "Deutschtum im Ausland"
Diese Vermutung ist schon deshalb sehr fragwürdig, weil gerade !n Ostoberschlesie~ 1939, Seite 528). - "Woim:mer die deutschen Truppen auftauchten, wurden sie von
in der Aera des als außerordentlich deutsdtfeindlich bekannten WOjewoden Grazynskl den Volksdeutschen herzlich willkommen geheißen und oft festlich bewirtet" (Leo
und angesichts der besonderen Wamsamkeit der Behörden, die im Frühjahr und Som- Leixner: "Von Lemberg bis Bordeaux", München 1941, Seite 65). - "In der Nähe
mer 1939 zu ständigen Haussuchungen und Verhaftungen führten, Waffenlager kau~l von Lemberg zeigte arn 12. September ein österreicher den Deutschen den Weg"
hätten verborgen bleiben können. Absurd ist auch die Vorstellung von Waffen, die (Aus "Kampferlebnisse aus dem Feldzug in Polen", Berlin 1941, Seite 68). - "Vor
zwanzig Jahre lang versteckt blieben, denn einmal wurden die Grenzschutzkämpfe dem Ausbruch der Feindseligkeiten gaben die Abwehr und Gliederungen der NSDAP
nicht von der einheimischen Bevölkerung, sondern von regulären Truppen und von unter den jungen Volksdeutschen die Parole aus, sie sollten sich im Kriegsfalle nicht
Freikorps geführt, die ihre Waffen nicht zurückließen, und außerdem war es bei dem zur Mobilmachung melden. Falls das unvermeidlich sei, sollten sie nicht auf deutsche
Bemühen des Deutsditums, keinesfalls die Legalität zu verletzen, ganz undenkbar, daß Truppen schießen, sondern bei erster Gelegenheit überlaufen" (Mitteilung von La-
überhaupt Waffenlager angelegt wurden. housens}.127)
Auf einem anderen Blatt steht das Einsickern von Reichsdeutschen und Suderendeut-
Der holländische Autor ist sidi indessen - wie gesagt - selbst im klaren, wie durch
schen sowie von Ostoberschlesiern,die ,in den Monaten der verschärften Spannungen
derartige Zitate die Legende von der großen "Fünften Kolonne" der Deutschen in
nach Deutschland geflüchtet waren und die von der sehr aktiven Abwehrstelle ~reslau
Polen zu einem Zerrbild wird und sich selbst Lügen straft. Dies um so mehr, als
hauptsächlich im August 1939 in das Industriegebie~ entsandt wu:den, um bei Aus-
einwandfrei erwiesen ist, daß die meisten der in reichsdeutschen Ausbildungslagern
bruch des Krieges Zerstörungen zu verhindern.W) DIe als "Indu:stnes~u:z Obers~le-
vorbereiteten Sicherungs- und Störaktionen, die im polnischen Hinterland zur Durch-
sien" bekannt gewordenen Abwehrgruppen sollen insgesamt 1200 Mirglieder gezahlt
führung kommen sollten, entweder im Leerrawn verpuffien oder sich in Anbetracht
haben.P") . . des schnellen Vorrückens der deutschen Divisionen schon im Ansatz als Fehlspekula-
Indessen werden in polnischen Publikationen diese in Oberschlesien zum Einsatz tionen erwiesen.
gekommenen Abwehr- und Sicherungs gruppen nur am Rande erwähnt, obwohl doch
So fand im August - nach einer Mitteilung General von Lahousens - am Dachstein,
hier noch am ehesten vom Einsatz einer "Fünften Kolonne" gesprochen werden
südöstlidt von Salzburg ein "Sportkursus" statt, bei dem etwa 250 Ukrainer in die
könnte.
"selbständige Durchführung kleiner, auf List und überraschung aufgebauter Stoß-
truppunternehmungen" eingeführt werden sollten. Zu diesem Zweck hatte man eigens
SELBSTSCHUTZ UND SABOTAGE Verbindung mit Oberleutnant Andrej Melnyk, dem Leiter der ukrainischen Natio-
Demgegenüber gewinnen leicht erklärbare, einerseits aus Angst und Unsicherheit ge- nalisten-Organisation (OUN) aufgenommen.tw) Der Einsatz der Ukrainer wurde
borene, andererseits auf Gefühlsaufwallungen beruhende Handlungen von Deutschen jedoch abgeblasen, nachdem am 17. September die Russen auch in Südostpolen ein-
marschiert waren. Mehr noch: Am 23. September befahl Hitler - einem Wunsche
123) NG-2316 vom 8. 8. 1940, hier zitiert nach L. de Jong, .Die deutsche fünfte Kqlonne Im Zweiten Welt-
krieg·, S. 148. Moskaus entsprechend -, daß die Ukrainer sogar daran gehindert wurden, auch nur
''') Kriegstallebuch
12') ebenda, S. 148. der Abwe h r II v. 3 .. 9 1939 , hier zitiert nach Werner Brockdorff: .Geheimkommandos
des Zweiten Weltkrieges·, München/Wels 1967, S. 42. 127) L. de Jong: .Dle deutsche fOnfte Kolonne ...• , S. 148-149.
12') KrlegBtagebuch der Abwehr 11v. 5•••9. 1939 (nach W. Brockdorff). "') K. H. Abehagen: .Canaris·, Stuttgart 1949, S. 214.

112 113
aus dem von den Sowjets besetzten Gebiet die deutsch-russische Demarkationslinie
sidi aus etwa 70 Männern zusammen, die vorher dem "Sudetendeutsdten Freikorps"
zu überqueren.tw)
angehört hatten: Deutschen aus Mähren und der Slowakei und Ostoberschlesiern
In der Nacht vom 25. und 26. August - das heißt zu dem Zeitpunkt, der ursprüng- unter Führung des Oberleutnants Dr. Herzner.131)
lieh von Hitler als Angriffsbeginn festgesetzt, dann aber auf die Initiative von MU5-
Die für die spätere militärisdte Besetzung des Jablunka-Passes vorgesehene Division
solini hin hinausgeschoben worden war - kam es infolge des vorzeitigen Einsiekerns lag in Sillein (Zilina).
deutscher Sicherungstrupps zu den meisten Verhaftungen, hier und da auch schon zu
Die Aufgabe des Sonderkommandos Herzner war klar umrissen: sie bestand darin,
Zusammenstößen zwischen bewaffneten Deutsdien und polnischen Grenzeinheiten in
die wichtigste südliche Einfallpforte nach Polen - den Jablunka-Paß - im Hand-
Oberschlesien. Auch an der ostpreußischen Grenze und im Raum Danzig kam es zu
streich möglichst einige Stunden vor Kriegsbeginn zu besetzen und die Stellungen b's
einer Reihe von Zwischenfällen mit Toten und Verwundeten auf beiden Seiten. In
zum Eintreffen der ersten deutschen Truppen zu halten. So "eindeutig" dieser Auf-
Lodz wurden am 25. August 24 Personen verhaftet. Hier hatten drei Mitglieder des
trag war, so abenteuerlich und schwierig gestaltete sich seine Durchführung - so fatal
Deutschen Volksverbandes ohne Wissen ihrer Verbandsführung in einer Wohnung ein
wirkte sidi letztlich eine Entscheidung aus, die in Berlin zum Zeitpunkt des Auf-
kleines Waffen- und Sprengstofflager angelegt. Ehe diese Gruppe aber an einen Ein-
bruchs der Gruppe Herzner zur Grenze längst getroffen war: der ursprünglich auf
satz hatte denken können, flog sie auf, nachdem ein an sie gerichtetes, unverschlüs-
den 26. August, 4,15 Uhr festgesetzte Kriegsbeginn war vom OKW annulliert und
seltes Telegramm in die Hände der polnischen Geheimpolizei gefallen war. Sein
hinausgeschoben worden.
Inhalt lautete: "Mutter tot - kauft Kränze." 130)
Werner Brockdorjf schildert die Situation wie folgt: "... Der 1. Generalstabsoffizier
der Division (in Sillein) setzte ohnehin nicht viel Erwartungen in das Kommando.
KOMMANDO-UNTERNEHMEN IN OS UND AM ]ABLUNKA-PASS
Niemand beneidete Dr. Herzner, als er in den Abendstunden des 25. August 1939
Wenn es eines weiteren Beweises für die Improvisation und die mangelnde Koordi- aufbrach, um mit seinen Mannern einen Krieg zu führen, der noch gar nicht ausge-
nierung der durchweg von reichsdeutscher Seite geplanten Einsätze von Geheimkom- brechen war. In dem gebirgigen und waldreichen Gelände versagten alle Funkver-
mandos und Störtrupps bedurfte, so hat ihn in drastischer Weise ein in der Nacht bindungen. Die Nachricht, daß der Zeitpunkt für den Kriegsbeginn verschoben sei,
zum 26. August in den Beskiden durchgeführtes Kommando-Unternehmen erbracht, erreichte Herzner nicht mehr ... Auch spätere Befehle, zu einer Zeit, als Herzner
dessen Abenteuerlichkeit in der Kriegsgeschichte bis dahin kaum ihresgleichen hatte. bereits einen Krieg auf eigene Faust mitten im Frieden führte, konnten ihn nicht
Gleichzeitig aber zeigt diese Aktion einer relativ kleinen Freiwilligengruppe, die - erreichen. Von der Division ausgeschickte Melder kamen nie ans Ziel. Sie verirrten
ohne daß auf beiden Seiten größere Verluste eingetreten wären - mehr als zweitau- sich in dem unübersichtlichen Gelände oder wurden von polnischen Patrouillen
send polnische Soldaten und Offiziere gefangennahm, welche Auswirkungen der Ein- gefangengenommen. " 132)
satz einer großen, gutorganisierten "Fünften Kolonne" der Deutsdien in Polen hätte Anfangs ging noch alles gut. Die siebzig Männerdes Kommandos 133) gelangten - da
zeitigen können und müssen. Vorausgesetzt: es hätte eine soldie "Fünfte Kolonne" die Polen die über den Paß führende Straße und den Bahntunnel natürlich längst
gegeben ... durch reguläre Truppen besetzt hatten - auf Schleichpfaden über die Grenze an ihre
Was war geschehen? Zielorte; sie überwältigten die Posten an den Tunneleingängen, nahmen zuerst die
Mit der endgültigen Planung des Polenfeldzuges durch den Generalstab des Heeres Besatzung des Grenzbahnhofs auf polnischer Seite, Mosty, und wenig später auch _
war der Abwehr u. a. die Aufgabe gestellt worden, im polnisdi-obersdilesisdien In- in der Morgendämmerung des 26. August - die in drei Stein- und Holzbaracken
dustriegebiet Zerstörungen nach Möglichkeitzu verhindern und darüber hinaus wich- untergebrachte, unter dem Befehl eines Oberstleutnants stehende Grenzbrigade, an-
nige strategische Punkte, wie z. B. Brücken und Bahnknotenpunkte vor Sprengungen nähernd achthundert Mann, gefangen. Die überrumpelung dieser um mehr als das
zu sdtützenund zu sichern. Zu diesen strategischen Punkten gehörte auch der Zehnfache stärkeren Einheit gelang dank der geschickten Ausnutzung des über-
Jablunka-Paß in den Beskiden. raschungseffekts, der insofern vollkommen war, als zu dieser Stunde und von dieser
Da zu diesem Zeitpunkt die Division Brandenburg, deren erfolgreicher Einsatz auf Seite kein Pole mit einem deutschen Angriff gerechnet hatte.
vielen Kriegsschauplätzen ein besonderes und geheimnisumwittertes neues Kapitel Die Besetzung des Gebirgspasses schien jetzt nicht mehr die geringsten Schwierigkei-
moderner Kriegsgeschichte einleitete, noch nicht bestand, wurde von der Abwehrstelle ten zu bereiten. Kritisch wurde die Situation allerdings schon einige Stunden später,
Breslau im Wehrbereich VIII neben einer "Industrieschutz"-Sonderformation im
August 1939 in aller Eile eine weitere Kommandotruppe zusammengestellt. Sie setzte 131) Oberleutnant Or. Albrecht Herzner Ist später als Führer des Bataillons
1. Bataillon des Regiments Brandenburg angegliedert war, bekanntgeworden.
.Nachtigall", das dem

132) Werner Brockdorll: .Geheimkommandos des Zweiten Weltkrieges", Verlag Welsermühl München/
12') Kriegstagebuch der Abwehr 11v. 23. 9. 1939 (nach W. Brockd,?rff). _ • Wels, 1967, S. 4211.
130) Mitteilung von Ludwig WollI (fr. LodzJ, vgl. auch de Jong .Ole deutsche funfte Kolonne .•• , S. 46. 133) Die von L. de Jong angegebene Zahl von 360 Mann, die den Jablunka-PaB am 26. 8. besetzt haben
sollen, trifft - wie auch aus v. Lahousens Kriegstagebuch hervorgeht - nicht zu.

114
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als nämlich ein mit Truppen besetzter Zug in den Bahnhof von Mosty einrollte. Nur Daß im Zusammenhang mit dieser - in Polen ohnehin noch sehr begrenzten - Tätig-
dank der vollkommenen Verwirrung, die unter den Polen ausbrach, als sie sich plötz- keit von Kommandotrupps der Wehrmacht von einer wie immer gearteten Aktion
lich auf sie gerichteten Maschinengewehren gegenübersahen, gelang es H erzner und einer volksdeutsdien "Fünften Kolonne" nicht gesprochen werden kann, versteht sich
seinen Leuten, auch die Offiziere und Mannschaften des Transportzuges - insgesamt von selbst, Das wurde nicht zuletzt auch ausdrücklich von einer nach dem Krieg durch
mehr als 1200 Mann - zur Aufgabe der Waffen zu bewegen. die alliierten Tribunale vorgenommenen ~l'lIderung des Artikel 23 der Haager Land-
Die Tragikomik und Sinnlosigkeit der Aktion wurde indessen von Stunde zu Stunde kriegsordnung anerkannt. Sidierlidi nicht zum Zwecke einer Rechtfertigung der deut-
offenkundiger, als sich nämlich immer klarer erwies, daß einerseits die deutschen schen Kommando-Einheiten und insbesondere der "Division Bmndenburg", dafür
Truppen noch gar nicht zum Angriff angetreten waren und andererseits die ersten aber zur <Begründung der Einsätze der alliierten "Commands", "Rangers ", "SAS"
Spähtrupps der starken polnischen Garnison Jablunkau in Mosty und auf den um- und der sowjetischen Geheimformationen - in denen allen auch zahlreiche polnische
liegenden Hängen auftauchten. (Beide Orte gehörten erst seit dem Oktober 1938 Freiwillige 'zu finden waren - heißt es in diesem Artikel: "Der Auftrag der Kom-
zu Polen.) Nur mühsam gelang es Herzner, nachdem ihn endlich ein Funkspruch mandos darf nicht dahingehen, in fremder Uniform Angriffshandlungen durchzu-
der Division erreicht und über die Lage aufgeklärt hatte, die polnischen Offiziere, führen, sondern wichtige Objekte wie Brücken, Engpässe, Erdölraffinerien im Rücken
die ihn von der Aussichtslosigkeit seines Unternehmens zu überzeugen suchten, des Gegners durch kampflose Besetzung in die Hand zu nehmen und erst gegen
mit gegenteiligen Mitteilungen hinzuhalten und durch fieberhafte Aktivität seiner etwaige Angriffe des Feindes zu verteidigen und vor der Zerstörung zu schützen. Die
Gruppe, die das Bahngelände in Verteitdigungszustanld setzte, den Eindruck zu Kommandos dürfen sich der feindlichen Uniformen nur zum kampflosen Eindringen
erwecken, als ob er noch an Entsatz glaube und entschlossen sei, die Stellung bis in das feindliche Hinterland und zur Annäherung an die Objekte bedienen. Werden
zum letzten zu halten. Erst in der darauffolgenden Nacht wurde der Rückmarsch sie in Kämpfe verwickelt, so haben sie sich vor der eigenen Feuereröffnung als Sol-
befohlen; das Kommando löste sich in kleine Trupps auf und erreichte wieder die daten ihrer Streitkräfte kenntlich zu machen. Kommandos, die nach diesen Grund-
slowakische Grenze. sätzen verfahren, handeln nicht gegen das Völkerrecht." 136)
Als "Belohnung" erhielt die Mehrzahl der Männer aus H erzners Mannschaft am Auf die meisten der im September 1939 von Deutschland aus organisierten Kom-
10. Oktober einen Einberufungsbefehl zur "Bau-Lehr-Kompanie z, b. V. 800" nach mando-Unternehmen im polnischen Hinterland triffi: diese Definition ohne Ei~schrän-
Brandenburg/ Havel, von wo die Aufstellung und die späteren Einsätze der Division kung zu.
Brandenburg ihren Ausgang nahmen. Louis de [ong, der ausdrücklich darauf hinweist, daß die Operationen britischer und
Zu einem zweiten größeren Kommando-Unternehmen des "Industrieschutzes Ober-
amerikanischer Kommandotruppen "ähnliche Elemente" aufwiesen, wie die "Fünfte
schlesien" kam es lediglich - diesmal jedoch erst am Tage des Kriegsbeginns - in
Kolonne" der Deutschen, vertritt die Meinung, daß es "nicht überraschen könne,
Kattowitz, wo Freischärler unter Leitung des Leutnants Grabert in den frühen Mor-
wenn Völker, die Opfer eines Angriffes wunden, zwischen innerer und äußerer
genstunden den Güterbahnhof im Handstreich in Besitz nahmen und bis zum Ein-
Fünfter Kolonne nicht unterschieden und sich nicht um die Frage gekümmert haben,
treffen deutscher Truppen hielten. Ebenso konnte von einer - hier mit Fallschirmen
was völkerrechtlich erlaubt und verboten" sei.1aT)
abgesetzten - kleinen Sondereinheit unter Leitung des Leutnants Langer die Spren-
gung der Weichselbrück.e bei Deroblin am 15. September verhindert werden. Ober Der Rechtfertigung des polnischen Vorgehens gegen die Deutschen im Lande kann
beide Einsätze berichtet ~rner Brockdorff ausführLich in seinem Buch "Geheimkom- indessen ein solches Argument schon deshalb nicht dienen, weil es gerade dort zu den
mandos des Zweiten Weltkrieges" .134) Eine weitere geplante Aktion - die Sicherung blutigsten Ausschreitungen gegen die Deutschen kam, wo es gar keine Einsätze wie
der Weichselbrück.e bei Dirschau - kam nicht zustande, weil diese Aufgabe vom Heer immer gearteter Kommandotrupps gegeben hatte und wo die Massenerschießungen
von Männern, Frauen und Kindern jeden Alters eindeutig niedrigen Instinkten ent-
übernommen worden war.
Brockdorff erwähnt noch einige kleinere, durchweg vom Reichsgebiet gestartete Ein- sprangen.
sätze des "Industrieschutzes Oberschlesien", zu denen er anmerkt, daß sie das Ziel Wie fadenscheinig die Ursachen und wie unglaubwürdig die Begründungen waren,
verfolgten, die Sprengung von Brücken, Bahnunterführungen und Elektrizitätswerken die man heranzog, um Massenhinrichtungen und Exekueionen Einzelner mit dem
zu verhindern. Diese "schlecht bewaffneten ... Kommandotrupps (in deren Reihen Anschein einer Rechts- oder Strafhandlung zu versehen, mögen zwei Fälle zeigen, die
auch Ostoberschlesier standen) gerietenzusn Teil in sehr schwierige Situationen", aus sich in Posen und Lissa zutrugen und die zu den wenigen Vorkommnissen gehörten,
denen sie - soweit sie nicht von polnischen Verbänden aufgerieben oder gefangen- wo man sich überhaupt die Mühe machte, "Todesurteile" zu begründen.
-genommen wurden - von deutschen Truppen befreit werden kopnten.136) 13') Haager Landkriegsordnung, Artikel 23 (Auszug), hier zitiert nach Brockdorff: Geheimkomman-
'''') .Industrieschutz Oberschlesien", Seite 31 ff. und .Krieg Im Frieden I Der Jablunka-PaB", Seite 42ft. dos •.• ", S. 21. Vgl. auch: L. Oppenhelm "International Law", London 1952 S. 429.•
''') L. de Jong: "Die deutsche fünfte Kolonne .•• ", S. 230. '
''') ebenda, Seite 32. ~

117
116
BRIEFMARKEN ALS BELASTUNGSMOTIV
seine~ hohen Alters "vom kommandierenden General zu zehn Jahren Gefängnis be-
Auf dem Turm der evangelischen Kirche in Lissa hatten polnische Soldaten ZWP.l gnadrgt worden, Bereits gegen Mittl3lg wunde das Urteil vollstreckt."
Maschinengewehre untergebracht, deren Bedienung am Vormittag des 1. September - Im an~eren F~.~le.wurde zwei Posener Deutschen - dem 27jährigen Al/red Barnide
sei es, um Wachsamkeit zu beweisen, sei es, um die Waffen zu erproben - plötzlich und seinem 24Jahrlgen Bruder Kurt - ein noch kürzerer Prozeß gemacht. Bereits am
zu schießen begannen. Ein polnischer Soldat wurde dabei getroffen und verstarb bald Vorabend ihrer Erschießung hatten junge Angehörige der LOPP" (Luftsch t _
" I "u zorga
danach. Unverzüglich wurden darauf aus dem Pfarrhaus und aus den umliegenden n~satlO~) A [red Bamiele beschuldigt, deutschen Flugzeugen aus seiner Wohnung
Häusern neun Deutsche herausgeholt, die man am nächsten Tage zum Tode verur- Llchtzelche~. gegeben zu haben. Es blieb an diesem Abend bei Drohungen und Schlä-
teilte; lediglich der älteste - der 73jährige Bildhauer und Kirchenvorsteher Albert g~n. A~ nachsten Tage führten dann polnische Soldaten in der Wohnung der Bar-
Bissing - wurde zu zehn Jahren Gefängnis begnadigt, während man alle anderen nicks eine Haussuchung durch. Frau Bamiele gab dazu eine eidesstattliche Erklärune
am Sonntagvormittag hinrichtete. Der überlebende erzählt: "Ich wurde am Freitag, a~, derzufolge als einzige" verdächtige Gegenstände" eine Briefmarkensammlung und
dem 1. September ... mit meiner Frau aus dem Haus geholt, verhaftet und mit ande- ein alter Stahlhelm aus dem Ersten Weltkrieg entdeckt wurden: "Da haben wir ja
ren Lissaer Deutschen nach Storchnest abgeführt. Im dortigen Schützenhaussaal waren den Spion!" hieß es jetzt. Die Brüder Bamick wurden daraufhin in einem benach-
wir bald neun Deutsche. Von Feuerwehr und Militär wurden wir bewacht und zu b.~rten Hof ~iner schaulustigen Menge als Angehörige der "Fünften Kolonne" vorge-
zweien gefesselt. Wir wurden beschuldigt, geschossen zu haben ... " 138) In der näch- fuhrt; "zweI Stunden lang mußten sie Schmähungen und Mißhandlungen über sich
sten Nacht ging es weiter bis Schrimm, wo die Bevölkerung die Verhafteten mit er~ehen lassen, woraufhin anwesende Offiziere das Todesurteil aussprachen und die
Schlägen und unter Morddrohungenempfing. Am Nachmittag fand dann in der belden Festgenommenen gegen 13,30 Uhr von vier Unteroffizieren an einer Haus-
Polizeikommandantur eine Art Gerichtsverhandlung statt: "... Am Richtertisch wand erschießen ließen. Durch weitere Zeugenaussagen wurde dieser Vorgang be-
saßen fünf Offiziere, ein Dolmetscher und ein Soldat, der das Protokoll schrieb. Wir stätigt.1SD)
stellten Antrag auf Zulassung eines Verteidigers. " Es wurde von amtswegen als
Verteidiger ein Referendar aus Schrimm beigegeben, der kein Wort Deutsch konnte.
DAS "MERKBLATT" DES MAJORS PRINZ REUSS
Es wurde sofort ein Protokoll auf Polnisch vorgelesen ... Der Inhalt war der, daß
wir mit der Zusammensetzung des Gerichts einverstanden seien. Wir unterschrieben Bei den sch?n 1~40auf polnischer Seite einsetzenden Bemühungen, eine enge Zu-
notgedrungen alles. Die Anklageschrift warf uns vor, wir hätten uns zusammenge- sammenarbeit ZWISchender Wehrmacht und Berliner Stellen einerseits und den Deut-
rottet und seien mit Gewehren gegen polnische Soldaten vorgegangen. Das wurde schen in Polen und ihren Organisationen andererseits während des Septemberfeld-
uns polnisch und deutsch gesagt ... Fleischer Daumer wurde damit belastet, daß er zu~es na.chzuweisen, taucht immer wieder ein "Merkiblat't" auf, das am 2. September
auf seine Fleischwaren zu Ostern und Weihnachten in deutscher Schrift ,Fröhliche b~1.den m ~er Nähe von Posen mit ihrem Flugzeug abgeschossenen Luftwaffenange-
Ostern' oder ,Frohe Weihnachten' geschrieben habe. Mir wurde vorgeworfen, daß hongen Wdhelm Hennings und EmU Umbrost gefunden worden sein soll. Zum
ich an meinem Hause eine deutsche Inschrift gehabt habe ... Nach Abtritt der Be- erstenmal wurde dieses Merkblatt in dem vom Informations-Ministerium der polni-
lastungszeugen wurden wir ... einzeln verhört. Jeder sagte aus, er habe nichts Un- schen Exilregierung in London herausgegebenen Schwarzbuch zitiert.ao)
rechtes getan. Keiner von uns ist an dem fraglichen Morgen überhaupt auf der Straße In diesem vier Schreibmaschinenseiten umfassenden Schriftstück, das als "Geheime
gewesen ... Keiner von uns hat Gewehre ... Trotzdem soll ein Soldat durch mich Ko:nman~osache~ gekennzeichnet wird, und für dessen Richtigkeit ein Prinz Reuß,
getötet worden sein. Juretzky sollte von der Tür aus geschossen haben ... Lehrer Major, zeichnet, 'Ist u.a. zu lesen: "1. In Polen leben neben reinen Polen in verschie-
Jeschke, der im Haus von Bäckermeister Linke wohnt und dessen beide Bäckerge- denen Gebieten noch deutsche Mi11lderheiten und andere Volksgruppen mit nichtdeut-
sellen sollen aus dem Linkeschen Hause geschossen haben. Dabei ist jesdike an der scher Sprache, die aber mit den Deutschen sympathisieren; 2. Die Deutschen und
rechten Hand verkrüppelt. Zum Schluß hatte jeder noch ein Wort zu sagen. Ich sagte: andere Volksgruppen wollen sich vom polnischen Joch befreien und werden den
Ich sei 72 Jahre alt, seit 50 Jahren frei vom Militär, hätte seit der Zeit keine Waffen Kampf der deutschen Wehrmacht unterstützen; 3. Insbesondere werden die Deutsch-
in der Hand gehabt, ich hätte auch gar nicht mehr die Kraft, eine Waffe zu bedienen. st~mmi~en, die durch den Versailler Vertra-g von ihrer Heimat losgerissen sind, ge-
Ich sei unschuldig und bitte um Freispruch. .Das letzte Wort sprechen wir", sagte ein wII~t sein, der deutsdien Wehrmacht zum Siege zu verhelfen, um wieder ,in ihre alte
Richter .. !' Heimar zurückzukehren. Dies wird voraussichtlidt folgendermaßen geschehen: a) Die
Das letzte Wort bestand in der Verurteilung zum Tode. Am Sonntagvormittag be- deutsdtstämmigen Reservisten werden versuchen, sich der polnischen Einberufung zu
stätigte ein Offizier dieses Urteil; lediglich Bissing sei -so ~eilte er mit - wegen
':,~ T~~. d~S Reichskriminalpolizeiamtes (RKPA) V/1486/5-39 hier zitiert nach DOkumente • S 213ff
"") Vgl. auch .Er hilft uns frei aus aller"Not", Luther-Verla9, Posen 1940, Seite 32ff. deurSch~~"J,nD:~~~e~f~u~c"c~~aitg~~~~;'I, ~~~~n 1~9~~~i::'u~ :,osPieszalSki, .Sprawa· 58000 .Volks~
118
119
entziehen und zur deutschen Wehrmacht überzutreten. Ebenso werden viele Reser- Daß die Beachtung derartiger "Erkennungs"-Richtlinren durch Deutsche in Polen
visten der anderen Volksgruppen handeln; b) Die inder polnischen Armee aktiv die- glarten Selbstmord bedeutet hätte, versteht sich bei der Lage der Dinge von selbst.
nenden Angehörigen der Minderheiten werden zum großen Teil versuchen, mit ihrer Der Journalist Marian Hepke hat im Zuge einer Befragungsaktion über dieses
Ausrüstung und Bewaffnung den Anschluß an die Deutsche Wehrmacht zu gewinnen; Thema sowohl von führenden Männern der Volksgruppe als auch von Historikern
c) Ferner kann es möglich sein, daß die deutschen Minderheiten und andere Volks- und Militärfachleuten eine übereinstimmende verneinende Antwort hinsichtlich
gruppen den Kampf des deutschen Heeres unterstützen durch: Freimachen von Stra- dieser Erkennungs- und Losungszeichen erhalten. Helmut Kostorz bemerkte in seiner
ßen für den Vormarsch der deutschen Truppen. Verhinderung von Brücken- und eidesstattlichen Erklärung u. a.: "Ich verneine die angeblichen Erkennungsrzeichen,
Straßensprengungenciurch die Polen. Kleinkrieg im Rücken des Feindes, wie z. B.der die das Deutschtum in Polen als Helfershelfer der deutsdien Wehrmacht stempeln
rückwärtigen polnischen Verbindungen. Diese aktiv kämpfenden Teile der Volks- wollen, ausdrücklids, Nach meinem Dafürhalten hat .die Wehrmacht es nicht nötig
deutschen und anderen Gruppen werden unter allen Umständen versuchen, sich den gehabt, in dieser Weise Angehörige der deutschen Volksgruppe in Gefahr zu brin-
deutschen Truppen durch Zeigen von Erkennungszeichen und Losungsworten zu er- gen." (BA.) Dr. Kohnert schrieb im gleichen Zusammenhang an Eides Statt: "Als
kennen zu geben." Vorsitzender der .Deutsdien Vereinigung' hätte ich von solchen Bestrebungen Kennt-
Wenn auch die Diktion und die sehr unmilitärische, an Gefühle und Emotionen nis erhalten müssen, sogar vom Versuch solcher Bestrebungen .,. Ich habe von
appellierende Sprache Zweifel hinsichtlich der Echtheit dieser angeblichen "Gehei- Behauptungen dieser Art zum erstenmal in der N achknegszeit aus polnischen Ver-
men Kommandosache" wecken können, so wirft auch die Form des aus vier Schreib- öffentlichung Kenntnis bekommen." (BA.) Theodor Bierschenk erklärte: "Die im
maschinenseiten bestehenden Merkblattes naheliegende Fragen auf: Warum wurde ,Merkblatt' aufgeführten Erkennungszeichen ... sind den aktiven Kräften der Volks-
ein von seinem Inhalt her doch so wichtiges Dokument nicht in 'Sorgfältigerem Druck gruppe unbekannt gewesen ... Vor allem das Tragen von Hakenkreuzarmbinden
etwa auf einem doppelseitigen Blatt herausgebracht, wenn man es schon überhaupt an hätte einen Selbstmordversuch bedeutet angesichts der Tatsache, daß Guerillakämpfer
Angehörige der kämpfenden Truppe und gar an Flugzeugbesatzungen verteilte? doch getarnt aufzutreten haben." Bierschenk stellt ergänzend fest: "Sähe man jedoch
Tatsächlich ist dieses "Merkblatt" offenbar an besrimmte Truppenteile ausgegeben die Angaben über diese Erkennungszeichen als authentisch und wahr an, dann ist der
worden, da es sich auch bei den Akten des XIII. Armeekorps befunden hat, doch ist Umstand, daß sie in keinem der vielen Augenzeugen:berichte über die im Rücken der
zu fragen, wie weit es der Wirklichkeit gerecht wurde. Wie weltfern und absurd mutet polnischen Front aufgetauchten kleinen Angreifergruppen erwähnt werden, ein wei-
doch angesichts der Anfang September hinreichend bekannten Situation des Deutsch- terer Beweis dafür, daß die Volksgruppe keinen Kleinkrieg gegen die polnischen
tums in Polen allgemein und insbesondere seiner zur polnischen Armee eingezogenen Truppen geführt hat. "lU)
Wehrpflichtigen ein Hinweis an, demzufolge "die aktiv kämpfenden Teile der Volks- Polnische Zeugen der September-Ereignisse sind in diesem Punkt nun allerdings
deutschen ... unter allen Umständen versuchen" würden, "sich den deutschen Truppen anderer Meinung. Sie setzen sich dabei recht großzügig über die Tatsache hinweg,
durch Zeigen von Erkennungszeichen und Losungswortenzu erkennen zu geben"! daß die meisten waffenfähigen deutschen Männer 'in Polen entweder zum polnischen
Was es mit solchen Erkennungszeichen und Losungsworten auf sich haben sollte, Heer eingezogen oder - soweit sie sich aktiv in politischen, kulturellen oder wirt-
erfahren wir aus weiteren Abschnitten des "Merkblatts". schaftlichen Organisationen betätigt hatten - spätestens bei Kriegsbeginn interniert
Demzufolge sollten die Erkennungszeichen aus einem "roten Taschentuch mit einem worden waren und sich bereits in den Vel1Schlepptenzügen oder in Gefängnissen
großen, gelben Kreis in der Mitte, einer hellblauen Atmbinde mit einem gelben befanden.
Mittelpunkt, einem sandfarbenem Overall mit gelbem Abzeichen oder Hakenkreuz- Bemerkenswert ist jedoch, daß die im Londoner Sikorski-Institur sorgfähig erarbeitete
Armbinden" bestehen. Das Kennwort sollte "Echo" heißen - weil dieses Wort in mehrbändige Darstellung des Kampfes der polnischen Streiokräfte ,im Zweiten Welt-
deutsch, polnisch, ukrainisch, russisch und tschechisch gleich geschrieben und ausge- krieg nichts von diesen Trupps und Erkennungszeichen weiß und daß sich in den deut-
sprechen würde. Louis de J ong vervollständigt auf Grund entsprechender polnischer schen Heeresa:k.ten, soweit sie erhalten sind, auch nichts über die Tätigikeitdieser Truppe
Unterlagen - unter Angabe der jeweiligen Zitate aus" The German Fifth Column"- findet, während das "MeIlkJblatt" - wie gesagt - bei den Akten des XIII. AK. liege
die Liste der angeblichen deutschen Erkennungszeichen, indem er auf "Bänder in
bestimmten Farben", auf ",besonders geformte Knöpfe", auf bestimmte Arten von
"GEHEIMSENDER IN BÄUMEN UND GRÜFTEN"
"Pullovern" und sonstigen Besonderheiten ,,'des Amugs oder eines Halstuchs" hin-
weist - nicht ohne sich selbst ausdrücklich von derartigen Verdächtigungen abzu- Der ans Tageslicht gezogenen "Beweise für deutsche Spionage- und Diversantentätig-
setzen.Ul) keit" gab es - um den ,in England von der polnischen Exilregierung veröffentlichten
''') L de Jong: .Dle deutSche fünfte Kofonne .••• , S. 53. ''') Th. Bierschenk: .Dle Volksgruppe - eine fünfte Kolonne?", S. 378.

1?n
121
Publikationen zu folgen - genug. Kein Erlebnis, kein Verdacht und keine Vermu- während eines Angriffs deutscher Bomber mit Spiegeln und weißem Zeug Signale
tung wurden ausgelassen, um ein Mosaikbild deutschen Verrats und deutscher gaben. "148)
Untaten während der Septembertage 1939 zu zeichnen, das nicht schwärzer und Die Furcht vor Waffenlagern und Geheimsendern nahm panikartige Ausmaße an,
abgründiger sein konnte. je weiter die deutschen Truppen in Polen vordrangen. Wie sonst waren diese schnel-
Das beginnt bei Erklärungen für die schon in den ersten Kriegstagen so erschrek- len Vorstöße und die Einkesselurig immer neuer polnischer Verbände möglich?! Vor
kende und unverständliche Luftüberlegenheit der Deutschen. Was anderes konnte allem in den größeren Städten mit stärkeren Deutschtumsgruppen - in Posen, Brom-
geschehen sein, als daß die Bewohner deutscher Häuser und Bauerngehöfte aufgrund berg, Thorn, Lodz, Pabianice und anderswo - fanden nachts und am Tage pausenlos
verabredeter Signale sowohl ihre Dächer als auch die umliegenden Kcker, Höfe und Haussuchungen statt, die zwar selten Ergebnisse erbrachten, die aber immerhin dazu
Wiesen entsprechend präpariert hatten. K:amine waren weiß gestrichen, Strohhaufen beitrugen, die Deutschen einzuschüchtern und in ihrer angeblichen Spionagetätigkeit
auf bestimmte Weise aufgestellt, das Gras war "planmäßig geschnitten", Hürden lahmzulegen. Man entdeckte solche Sender - polnischen Aussagen zufolge, ohne daß
»in besonderer Ordnung aufgestellt" , ja, sogar - einem ausgeklügelten Plan zufolge jedoch genauere Angaben über diese "Funde" gemacht wurden -, im Hause eines
- »Figuren in den Boden getrampelt" worden.143) evangelischen Pfarrers, inder Gruft eines bekannten Industriellen, in einem hohlen
Bei Nacht ließen die Deutschen Licht in ihren Zimmern und gaben den Flugzeugen Baum".149)
nach einem Signalcode verschiedenfarbige Signale. Schon brennende Kerzen und Im Bericht des Lodzer Friedhofverwalters AI/red Kretschmer heißt es: "Die Polen
Streichhölzer wiesen der deutschen Luftwaffe den Weg. Der Besitzer eines Stein- behaupteten, daß wir nicht Leichen, sondern Munition und Waffen (auf dem deutschen
metzbetriebes wurde hingerichtet, weil er nicht nur einen Funksender besessen habe, evang, Friedhof in Lodz) begraben. Von meinem Büro, das sich neben der Leichen-
sondern von seinem Hof aus deutschen Fliegern die Windrichtung angezeigt haben halle befand, behaupteten die Polen, daß dort Doppelwände und dazwischen Mu-
soll.144) Im Dorfe Iwiny bei Kutno stürzte unmittelbar hinter der Scheune des nition und Waffen versteckt wären. Die Polizei konnte aber nichts finden. Man
Landwirts Sommer/eid ein polnisches Flugzeug ab. Da der Hofbesitzer. der an begann auch, die frischen Gräber aufzugraben Mir selbst gaben sie den Befehl,
diesem Absturz schuld sein mußte, nicht gefunden wurde, erschoß man seine Frau keine Leiche mehr zu beerdigen, die nicht von ihnen untersucht sei ... " (BA.)
und seine Tochter. (BA.) Zwischen Posen und Warschau versuchten zwei geflüditete Ein polnischer Offizier wollte wissen, daß bei Haussuchungen allein im Raume
Deutsche, in einer Hütte ein Mahl zuzubereiten. Eisenbahnbeamte, die sie beobach- Pommerellen »fünfzehn Kurzwellensender bei Volksdeutschen entdeckt" worden
teten und deutsch sprechen hörten, benachrichtigten eine Soldarengruppe. die die seien. ISO) Ein anderer polnischer Leutnant fand einen Kurzwellensender "in einer
Flüchtlinge festnahm und beschuldigte, sie hätten »mit Rauchsignalen deutschen Schachtel, die nicht größer als eine Streichholzschachtel war." 151)
Flugzeugen Zeichen gegeben", die daraufhin "litändig einen (in der Nähe gelegenen) Ein polnischer Major, der mit seiner Einheit in Wolhynien lag, registrierte das wohl
Güterbahnhof angriffen". Nur einem glücklichen Umstand verdankten es die beiden, abgründigste Beispiel finsteren Treibens der deutschen "Fünften Kolonne" in Polen,
daß sie mit dem Lehen davonkamen.145) indem er nach Kriegsende bekanntgab. daß ein Leutnant Kawalski in einer deut-
Die Politikerirr und Publizistin Wanda Wasilewska schreibt in einem Bericht über schen Siedlung Ostpolens "Opfer eines Senfgasanschlags" geworden sei.152) Wörtlich:
ihre Flucht aus Warsch.au am 5. September 1939 u, a.: »Wir fuhren mit irgendeiner "Er wusch sich mit Wasser, das ihm die Hausfrau in einer Schüssel brachte, und
Kleinbahn ... , wobei wir die Annehmlichkeit hatten, eine dauernde Signalisierung alsbald begann sein Gesicht schrecklich anzuschwellen. Er wurde sofort nach Luck
des fahrenden Zuges durch Lichtzeichenzu beobachten. In den Häusern, an denen ins Krankenhaus gebracht, wo man feststellte, daß seine Verbrennungen von Senfgas
wir vorbeikamen, gingen die Lichter an und aus. Es stellte sich heraus, daß die Ort- wenn auch glücklicherweise in verdünnter Form, herrührten. "153)Aus diesem Beispiel,
schaften bei Warschau vor dem Kriege von deutscher Bevölkerung besiedelt worden das selbst de lang als höchst fragwürdig registriert, folgern die Herausgeber der
waren. Ihr Verhalten sah ich nun mit eigenen Augen. In den Fenstern der Häuser zitierten polnischen Publikation verallgemeinernd: "überall, wo Deutsche lebten,
an der Bahnlinie wurde Licht gemacht, obwohl schon damals Verdunkelungspflicht feuerten (die Volksdeutschen) nachts auf polnische Soldaten, steckten di-e Gebäude in
bestand. Hätte ein Flieger von oben zugeschaut, so hätte er genau erkennen können, Brand, in denen Truppen untergebracht waren, ... lockten sie polnische Truppen in
in welcher Richtung und mit welcher Geschwindigkeit der Zug sich bewegte. Er hätte Hinterhalte und mischten häufig Senfgas in Wasser, das sie als Waschwasser an-
ihn also bombardieren können, ohne ihn überhaupt zu sehen."147) boten." 153)
In Thorn wurden 34 Menschen erschossen, weil man sie "dabei ertappte, wie sie
,••) • The German Fifth Column ... ", S. 120.
14'1 ebenda, S. 101.
''') "The German Fifth Column ... ", S. 103.
150) "The German Fifth Column .•• ", Seite 101.
"'I ebenda, S. 100. JI
'51) ebenda, Seite 113.
"') ,.Marsch der Deutschen in Polen", Berlln 1940, Seite 65.
14') ist entfallen "') .The German Fifth Column ... ", Seite 117.
"') "Z pola walki" (Vom Kampfplatz), W~rschau, Untergrundpublikation 1941, Seite 189. 153) ebenda, Seite 48.

122 123
Es ist in diesem Zusammenhang 'aI1IZUII1lerken, daß es lediglich einmal im Verlaufe damals eben aufgetaucht sind. Glatter Unsinn. Ein Mann, der mit unseren weiten
des September-Feldzuges in Polen Tote und Verletzte durch Giftgas gegeben hat; WäLdern und mit der Landschaft dort verbunden war wie wir selber, nichts sonst.
die Opfer waren jedoch nicht Polen, sondern die Angehörigen einer deutschen Ge- Ich habe nie wieder etwas von ihm gesehen oder gehört, kein Hahn kräht ihm nach,
birgspioniereinheit, die am 8. September abends heim Wegräumen einer Brücken- ihm und denzahllOisen anderen, die als Nichtpolenunserem Lande gedient, die
sperre am Ostrand von Jaslo/Galizien auf eine Mine getreten waren. Die genauere mitten unter uns gelebt haben und deren Spuren sich jetzt irgendwo in den
Untersuchung dieser Sprengmine, deren Explosion vier Tote und eine größere An- Wäldern und Sümpfen verlieren '" - Orlowski lächelt spöttisch: ,sie mit Ihrem
zahl von Verletzten gefordert hatte, ergab, daß die Mine mit Lost-Gelbkreuzgas Gerechtigkeitssinn, mit Ihrer 'unerwiderten Liebe zu den Deutschen!' - Ich bin weder
gefüllt war. (Erst am 23. September ist dann ein größeres Lager von Gasminen, die ein Gerechtigikeitsfanatiker, noch liebe idl ,die' Deutschen. Ich ha-be sie erlebt in ihrer
jedoch nicht zum Einsatz 'gekommen waren, in einem Munitionslager bei Gdingen Oberlegenheitund Sattheit, ich ha'be sie in nackter Not und Verzweiflung gesehen _
entdeckt worden.) 1M) ich weiß als einziges nur gen au, daß die über sie beiuns verbreiteten Legenden und
Eine Är:ztekotntnissionund eine ausländische Berichterseattergruppe, die am 20. Sep- Klischeebilder nicht stimmen. - ,Meinen Sie aber nicht', frage ich Orlowski, ,daß
rember von Berlin nach Jaslo gereist war und die Vorgänge an Ort und Stelle Sie die Geduld aufbringen könnten, die Gefühle und Erlebnisse Ihrer Mitmenschen
untersucht hatte, bestätigte diesen Sachverhalt ausdrücklich. Der Schweizer Professor etwas behutsamer zu qualifizieren?' - ,Helfen Sie mir dabei!' schlägt er versöhnlich
Staehlin aus Basel, der die Arztgruppe leitete, unterzeichnete einen entsprechenden vor. "157)
Bericht, den aruchdie nach jaslo gereisten Korrespondenten der "Chikago Daily News" Die hier mit wenigen Sätzen umrissene Tragödie zweier Völker, die nicht zuletzt auf
(Deuel), der Associated-Press-Agentur (Shanke) und der "Baseier Nationalzeitung" ihrer engen, vielleicht zu engen Nachbarschaft beruhte - unzählige haben sie bereits
(Lescrenier) an ihre Redaktionen w-eitergahen.155) eindringlich !n den SeptemJberwochen 1939 an den Straßen des Knieges und der
Die von der polnischen Exilregierung gesammelten und herausgegebenen Aussagen Verfolgungen empfunden und danach :gehandelt.
kommeneiert Louis de Jongabschließend mit den Sätzen: "Es fehlen Beweise dafür,
daß diese von den Polen gemachten Beobachtungen vatsächlich auf die Aktionen von
Volksdeutschen zurückgehen, die auf irgendeine Weise mit deutschen militärischen
Operationen Verbindung hatten. Vergeblich sucht man Beweise dieser Art in dem
Buch ,The German Fifbh Column ,in Poland' '" Ober den historischen Quellenwert
dieser Veröffentlichungen kann man streiten ... Es ist bemerkenswert, daß bei vielen
der berichteten Beobachtungen keine bewiesene oder auch nur deutlich sichtbare
Verbindung mit den deutschen militärischen Operationen besteht."158)
Es bedurfte wahrscheinlich eines .Nbstanides von Jahrzehnten zu den Ereignissen des
Septembers 1939, um exilpolnische Kreise zu Erkenntnissen und Ansichten gelangen
zu lassen, wie sie im Westen lebende polnische Autoren und Publizisten -im Rück-
blick auf die Kriegsjahre heute vertreten. So charakterisiert ein ehemaliger polnischer
Widerstandskämpfer, Starost von Pinsk und Luniniec, Raman Orwid-Bulicz, im
Gespräch mit einem anderen polnischen Aristokraten die Zeit seines Zusammenlebens
und seiner Erfahrungen mit den Deutschen in einem in deutscher Übersetzung vor-
liegenden Buche wie folgt:
" ... Sehen Sie, ich muß viel und immer wieder an mein-en oberschlesischen Förster
in Zaberezie denken. Ein Mann, der als Volksdeutscher ehrlich seine Pflicht getan
hat, so lange idl ,ihn kenne und von dem ich bis heute nicht weiß, was ihn nach
Polesien getrieben und dort bis zuletzt gehalten hat. Einmal warnte mich jemand -
es war kurz vor Kriegsbeginne es hieß, daß dieser Oberschlesier einen bestimmten
Auftrag ausführte, daß er 'spionierte und mich bespitzelte - wie so viele Märchen
_._----
'54) DOkumente polnischer Grausamkeit ..• ", Seite 413.
155) ebenda, Seite 415.
"') Louis de Jong: .Die deutsche fQnfte ,t<0ionne ••.• , S. 154.
"') Roman Orwid-Bullcz: .Der Preis des Sieges", Horizont-Verlag. Bonn 1967, S. 52.

124 125

Stabsarzt setzte 'Sich für "n"


••u~ ein,
. diie H'mncntung
1 .i wur d e d araufhin nicht vorge-
Menschlichkeit an den Straßen des Krieges nommen. "160)

In der langen Reihe der Bücher und Schriften aller Art, die in den Nachkriegsjahrcn D~e ih~en deutschen Nachbarn, Bekannten und Freunden von Polen erwiesenen
eine Bilanz der deutsch-polnischen Beziehungen - und nicht zuletzt auch eine Bilanz HIlfeleIStungen. seozt~n keine~wegs erst in den Tagen der Verfolgungen und Ver-
des September 1939 - zu ziehen suchten, zeichnet sich in jüngster Zeit ein verstärk- sdileppungen em, Nicht wenige auf den Internierungslistenerfaßte Deutsche ver-
tes Bemühen ab, diese B,eziehungen nicht mehr vorrangig unter den Aspekten der dank~n es Warnungen von Behördenangestellten und Polizisten, daß sie rechtzeitig
gegenseitigen Schuld, sondern der Vernunft und einer möglichen überwindung der von Ihrer bevorstehenden Festnahme erfuhren und auf diese Weise "untertauchen"
Gegensätze zu sehen. Allen ideologischen Gegensätzen und aller vordergründigen und - z. T. wiederum mit polnischer Hilfe - über die Grenze gehen konnten.
Propaganda zum Trotz erweist sich das Verlangen der Menschen im Zeichen einer L~d~ig Rother (früher Konstantynow bei Lodz), der zwar selbst im August 1939
rasanten redmischen Entwicklung als immer stärker, überholte wirtschafHiche und
fbei . einem solchen Versuch in der Nähe von Rawitsch gefaßt ' dann a be r WIe. d er
politische Vorstellungen,damit zugleich aber auch nationale Egoismen und Trenn- rm.g:lassen wor~en war, teilt mit, daß er sogar von einem polnischen Geheim-
schranken abzubauen und nach Wegen eines neuen Miteinander zu suchen. pohzI~ten .auf seine bevorstehende Verhaftung hingewiesen wurde. Dieser Polizist,
Dieses Verlangen und Mühen aber wird nicht erst seit gestern sichtbar und spürbar. der..' mit seinem Vater befreundet war, wußte es zu verhindern ,amile
daß Rothers F '1'
Es wurde selbst ,in den Jahren des Krieges in einer Vielzahl leiser, mahnender spa.ter Repressalien ausgesetzt wurde, ·a1ssich die Fludit Ludwig Rothers in dem
Stimmen und schlichter Beweise der Menschlichkeit für alle, die sich noch ein Gefühl kleinen Ort herumsprach.w-)
ihrer Verpflichtung gegenüber den Mitmenschen und Nachbarn bewahrt hatten, Z~hlreich,e deutsche Familien in allen Teilen des Landes - vor allem Frauen und
deutlich. K~nder.- fanden be! polnis~en Nachbarn Rat und Hilfe, als die Verhaftungswelle
Schon in vielen Berichten und Zeugnissen des Geschehens jener Tage stoßen wir ~t ~negsa~~bl'uch [hre~ Hohepunkt erreichte. Daß es sicher nicht immer uneigen-
immer wieder auf Hinweise mutigen, phrasenlosen Einstehens füreinander, auf die nutzige Motive waren, die dazu führten, daß in Kellern, in verbarrikadierten Woh-
Schilderung von Erlebnissen und Begegnungen, die hoffen machten - auch wenn sie nungen - hier und da auch in abgelegenen Waldverstecken - Deutsche von Polen
in einem Koordinatensystem glücklicher Fügungen in den Wirrnissen des Krieges beschützt, ver~~egt, manchmal sogar mit Stöcken und Waffen gegenüber plündernden
die Erkennmiseines Besseren oft mehr zufällig als vorausberechneterscheinen ließen. Banden verteidigt wurden, daß man Deutsdie als Geiseln festhielt oder sich in Vor-
Es ist bereits in der Einführung zu diesem Buche auf eine Reihe literarischer Werke ahnung des nahenden Z~sammenbruchs Polens vorsorglich für sie einsetzte/62) sei
_ auf Erzählungen, Romane und Prosa-Anthologien - hingewiesen worden, die das a~ Rand~ bemerkt. Motive solcher 'und ähnlicher Art hat es zu 'allen Zeiten und in
Thema der deutsch-polnischen Beziehungen unter positiven, zukunftweisenden Aspek- vielen Kriegen gegeben; sie lassen sich gewiß auch für das Verhalten von Deutschen
ten behandeln. Die aus dem Abstand zu den Ereignissen und zu den persönlichen in Polen in den Jahren 1944/45 annehmen ...
Erlebnissen der Kriegsjahre gewachsene Binsicht und Selbstüberwindung haben
Das E~pfin~en u?d die Haltung vieler Polen in den ersten Septembertagen gehen
deutsche und polnische Autoren bewogen, in dichterischen Zeugnissen "nach tieferen
auch Situationsskizzen wieder, &e Bromberger deutsche Bürger aus den ersten
Wahrheiten und Wirklichkeiten Ausschau zu halten, als sie in dem lauten Getöse
58 Septembert3'~en aufzeichneten. Darin wird geschildert, wie polnische Familien, und
vielfältigen Kampflärms gefunden und gedeutet werden konnten".1 )
zwar "ZU~e'lst Angehörige gutbürgerlicher Kreise" in Vorahnung des künftigen Ge-
Von nicht geringerer Bedeutung aber erscheinen uns die - sei es in Tagebuchform,
s~e~ens m d.en Wohnungen und Häusern deutscher Nachbarn Schutz suchten, weil
sei es in kurzen Berichten verschiedenster Art - niedergelegten persönlichen Auf-
SIe SIch vor Ihrer eigenen Miliz nicht sicher fühlten.163) Während diese Polen bei
zeichnungen jener, die inmitten des Infernos der Vernichtung und der Leidenschaften
Haussuchungen und Verhaftungsakeionen für die Deutschen eintraten, haben umge-
ihr Menschsein bewahrten und die ihre Augen auch vor der Menschlichkeit anderer
kehrt später - nach dem Einmarsch der deutschen Truppen - die Bromber:ger Deut-
nicht verschlossen. schen für diese ihre polnischen Nachharngutsa:gen und sie vor Nachstellungen des
Diese Bekundungen einer in den Jahren Friedlicher Nachbarschaft und gemeinsamen
SD schützen können.
Aufbaues selbstverständlich gewesene Haltung nehmen ,in den uns vorliegenden Be-
~n .den meisten deutschen un.d ~lnischen Häusern von Bromberg sah es allerdings
richten manchmal oft nur wenige Zeilen ein; hier und da besrehen.sie aus einem nur
m Jenen Tag.en anders aus: m ihnen herrschte Mißtrauen, Unsicherheit und Angst.
eben hingeworfenen, lakonischen Satz. Wie schwer aber wiegen doch Mitteilungen
So wartete die Frau des Journalisten Marian Hepke am Sonntag, dem 3. September,
wie diese: "Unsere Beg1eitpolizisten benahmen sich sehr anständig, man könnte fast
sagen, daß ihnen dieser Dienst unangenehm und peinlich war ... "159) oder: "Ein 160) Aus dem Bericht von Pastor Leszczynski/Kosten/BA.
':.1) ~e~°chlhter: ,,1 6septeHmbchertage1939", Ms. im Archiv
von Emmy eu ert (fr. Bromberg) BA
des Ostdeutschen Kulturrats
'
Bonn
.
158) Erwin Wronka im Geleitwort zur Prosa-Anthologie "Sehnsucht nach Europa" , Rautenberg-Verlag, I
'63) "Ich hatte vierzig Polen zu Gast" in "Broll'iberg/1939-1964", 15. Folge. Münster 1964, S. 16.
Leer 1962. S. 5.
m) Aus dem Bericht von S. Müller/Lem,perg, BA.
127
vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes, dem befohlen worden war, sich täglich Als ich ging, drückte er mir die Hand: ,Ich wünsche Ihnen alles Gute', sagte er, ,Sie
bei der Polizei zu melden. Frau Hepke wußte ledigliich aus einer Mitteilung eines haben selbstverständlich alle Rechte eines Untersuchungsgefangenen. Sie können eine
Bekannten _ des Obersten Sacher -, daß ihr Mann off·enbar verhaftet worden war. Zeitung abonnieren, sich Essen kommen lassen, schreiben und Post empfangen und
Sie suchte daraufhin einen anderen polnischen Bekannten, den früheren Hauptmann zehn Zigaretten täglich rauchen.' Dann schwieg er einen Augenblick, sah mir nach-
Andrzej Kulwiec auf.l64) Ihn bat sie um Rat und Hilfe. Kulwiec versprach Marian denklich ins Gesicht und meinte: ,Wissen Sie, nehmen Sie das alles nicht tragisch. Ihr
Hepke zu suchen. Hepke selbst berichtet: Leben fängt erst an, meines nähert sich dem Ende. Lassen Sie sich von einem alten
»H;liuptmann Kulwieczog an diesem 3. September zum letztenmal seine Unifo~m Mann beruhigen: die Wege der Menschen sind seltsam. Das ganze Leben ist wie ein
an, er legte seine Orden an und machte sich auf den Weg. TatsächEch tau~te er.lm Glücksrad. Mal ist man oben, mal ist man unten. Sie sind jetzt unten, während ich
Regierungsgebäude auf ... Ich sah ihn plötzlich an der geöffneten Tür meines Zl~- oben bin. Aber vergessen Sie nicht: das alles ist nicht viel mehr als ein Zufall. Ich
mers. Wir blickten uns an, einen AugenbLick nur - ich W'Ußte: fürs erste war Ich bin schon oft ganz unten gewesen. Aber das hat sich dann schnell geändert. Auch
gerettet. Ohne seine Miene zu verändern, trat der Offizier an den Posten heran, Ihnen wird es nicht anders ergehen ... " 166)
der vor der Tür stand und sagte auf polnisch: ,Der Mann muß zum Verhör!' Der Dieser Wor"e erinnerte sich Karl-Heinz Fenske später auf dem Wege nach Bereza
Posten rief nach einer Begleitung für den Hauptmann. Kulwiec winkte ab, indem er Kartuska noch oft dankbar, obwohl der polnische Gefängnisbeamte letzten Endes nur
seine Pistole aus dem Futteral herausholte und verächtlich sagte: ,Z tym smarkaczem wenig an seiner Lage hat ändern und seinen Weitertransport nach Ostpolen auch
juz darn sobie radel' (Mit diesem Rotzer werde ich schon selbst fercig!) Dann befahl nicht verhindern können.
er mir ,Marsch!' Wir glingen den langen Korridor entlang, bogen in das Treppenhaus Ungleich mehr riskierten an den Verschleppungsstraßen und überall in den Orten, in
ein, er steckte die Pistole weg, drückte verstohlen meine Hand und flüsterte .Spo- denen fanatisierte Gruppen eine regelrechte Jagd auf Deutsche veranstalteten, die-
kojnie, spokojnie!' (Ruhig, ruhig!) ... Am Ausgang standen Soldaten und Zivilisten. jenigen Polen, die ihren pauschal zu Spionen und Diversanten erklärten Nachbarn
Angesichts 'dieser Leute wandte sich der Hauptmann in strengem Ton an mich und Unterschlupf gewährten und sie nicht selten unter Lebensgefahr bis zum Eintreffen
sagte: ,Jetzt sehen Sie zu, daß Sie sich nicht wieder verdächtig machen!' Er führte der deutschen Truppen versteckten und verteidigten. Gymnasialdirektor Dr. Rudolf
mich dann noch einige Schritte weiter, sagte halblaut, er werde nochmals in die (früher Thorn) berichtet über eine solche Tat des Kaufmanns Adamski in Schulitz:
Kommandantur zurückgehen, um sich nicht selbst verdächtig zu machen - nachts "Ich eilte damals (am 2. September 1939) ... zu unserem polnischen Nachbarn, dem
sollte ich dann in sein Haus kommen. Damit trennten wir uns. "165) Holzkaufmann Adamski und erwirkte seine Einwilligung, uns aufzunehmen. Dann
lief ich zurück, um unsere Kinder zu holen. Adamski nahm mir die Kleine aus den
Wo immer Deutsche mit älteren Polen zusammenkamen, deren Blick nicht durch Haß
Armen und ließ uns alle in seinen großen, geräumigen Keller, der als Luftschutzraum
und Leidenschaften getrübt war und die sich in 'ihrem Verhalten durch die Erfahrun-
eingerichtet war und bereits zahlreiche Verwandte Adamskis aus der Mrotschener
gen eines jahrzehntelangen friedlichen Zusammenlebens leiten ließen, versuchten sie
Gegend beherbergte. Wir hatten uns kaum etwas eingerichtet, als unser Nachbar
sowohl in den Monaten der zunehmenden Spannungen als auch ,in den Kriegsjahren.
kreidebleich inden Keller kam und mich nach oben holte. Dort erklärte er mir mit
einander - so gut sie konnten - das Leben zu erleichtern. Stellvertretend für eine
zitternder Stimme, daß kurz nachdem wir den Garten verlassen hatten, ,Peowiaks'--
ganze Reihe solcher Begegnungen, ülber die uns Berichte vorliegen, sei hier nur noch
d. h. vormilitärisch ausgebildete Jugendliche - auf unser Gehöft gestürmt seien
ein Gespräch wiedergegeben, das ein anderer Journalist, Karl-Heinz Fenske, der
und uns gesucht hätten. Auch bei ihm hätten sie nach unserem Verbleib gefragt.
bereits im Frühjahr 1939 verhaftet worden war, 'm Thorner UntersuchU41gsg,efä'11lgnis
Wir hätten in unserem Hause einen Kurzwellensender, mit dem wir den Deut-
führte. schen geheime Nachrichten gäben, und Maschinengewehre versteckt. Darauf habe
»Der Gefängnis'direktor war ein weißhaariger, würdiger Mann in dunkelgrüner Uni- er gelogen und gesagt, wir wären nach Thorn geflüchtet. Adamski hat durch diese
form mlit goldenen Knöpfen. Er nahm seine Brille ab und musterte mich von oben Tat ... zumindest uns Männern das Leben gerettet." 167)
bis unten. Offenbar war ihm das in seiner ganzen, langen Praxis noch nicht wider-
Hier war es ein Kaufmann, dort ein Arzt, anderswo ein Offizier, der für Deutsche
fahren ... ,Wie kommen Sie denn eigentlich hierher?', wollte er wissen. Ich erzählte
eintrat oder gutsagte und ihnen damit das Leben rettete. Pfarrer Rauhut, Seelsorger
es ihm, Dann erkundigte er sich nach Daten aus meinem Leben. Ich na~te sie ihm,
der kleinen deutschen Katholiken-Gemeinde in Gnesen und Direktor des Gnesener
und dabei kam heraus, daß ich den kleinen Ort im öseliehen Polen gut kannte, in
Deutschen Privatgymnasiums, der am 1. September verhaftet worden war und nach
dem er zur Schule gegangen war, als dort noch der Zar gebot. Wir haben uns dann
Koss6w in Polesien abtransportiert werden sollte, verdankte es dem Einsatz polni-
sehr tange unterhalten, und fast Vlergaß ich dabei, daß ich in einem Gefängnis war.
"') Karl-Heinz Fenske: .Von Bromberg bis Brest-Lltowsk", unveröffentI. Manuskript aus dem Archiv des
"4) Hauptmann I. R. Andrzej Kulwiec war Historiker und Dozent an der Bromberger Kriegsschule. Ostdeutschen Kulturrats. Bonn.
"') Hier zitiert nach .Weichselland"/Heft 2/3, 1941, S. 56 f .
"5) ebenda, S. 53. ••
.#

129
128
scher Geistlicher, daß er mit dem Leben davonkam. Nachdem er während eines tage- ~~er wie~er Hinweise auch auf korrektes, in manchen Fällen aufopferndes Ver-
langen Fußmarsches zusammen mit einer 42köpfigen Gruppe von Deutschen mehrfach na1t~n polm~cher Soldaten und Unteroffiziere gegenüber deutschen Waffengefährten.
von bewaffneten Zivilisten mit dem Tode bedroht worden war, erinnerte er sich bei In nicht wenigen Fällen haben sich polnische Soldaten und Offiziere geweigert, Deut-
einem erneuten Verhör, daß ihm von seiner geistlichen Behörde ein Empfehlungs- s~e zu erschießen, in anderen Fällen haben Exekutionskommandos Deutsche abge-
schreiben für den Bischof in Pinsk übergeben worden war. Dieses Schreiben bedeutete führt und laufen lassen. So schildert z. B. Eduard Kunitz, Stellmacher und Landwirt
seine Rettung. In Begleitung eines Ortspfarrers wurde er zurück nach Gnesen über- in Wonorze (Ostburg), wie polnische Artilleristen die deutschen Zivilisten an ihrer
führt und hier vom Bürgerkomitee im Spital der "grauen Schwestern" untergebracht, Rückzugsstraße vor nachrückender Infanterie warnten, "die alle Deutschen erschießen
wo er bis zum Einrücken der Wehrmacht am 11. September verblieb.168) würden". Während ein Teil der Männer aus Wonorze, die sich nicht rechtzeitig hatten
Auch der Lehrer Karl Grams führt den Umstand, daß er selbst ebenso wie andere zur Flucht entschließen können, dann auch ermordet worden ist, wurde Kunitz nur
Deutsche aus seinem Wohnort Sompolno (Mittelpolen) nicht verschleppt wurde und ;rerletzt; eine polnische Patrouille griff ihn Tage danach abermals auf, verpflegte
sie "im großen ganzen unbehelligt blieben", vor allem auf die Haltung eines katho- Ihn und versteckte ihn in einem Wäldchen.l7l)
lischen Geistlichen und einiger besonnener Bürger des Städtchens zurück. Grams Daß es umgekehrt besonders in den letzten Kriegstagen zahlreiche polnische Soldaten
bemerkt: "Für diesen katholischen Pfarrer sind wir wiederum eingetreten, als später und auch geschlossene Einheiten dem Einsatz und der Initiative deutscher Offiziere
die Gestapo polnisch-katholische Seelsorger abholte und ins KZ einlieferte." (BA.) und Mannschaften in ihren Reihen zu verdanken hatten, wenn in aussichtslosen
Auch unter den Begleitmannschaften, die den Verschleppungszügen beigegeben waren, Situationen die Waffen niedergelegt und rechtzeitig Kapitula~ionsverhandlungen auf-
zeichneten sich nicht selten Zivilisten, Polizeibeamte und Soldaten durch ihr Bemühen genommen :vurde~, sei h~er nur am Rande erwähnt. (Unteroffizier Georg Ludwig
aus, Ausschreitungen und Überfälle auf die Gefangenenkolonnen zu verhindern. über aus Kattewitz schilderz einen solchen Vorgang im Raume Osiek; 172) Oberleutnant
derartige Fälle berichtet Erich Nebring, früher Posen: "Hinter Kostschin, wo von Meyer aus Posen berichtet über die Verhinderung der Erschießung Gefangener aus
der ostwärts führenden Straße die Chaussee nach Gnesen abzweigt, wurde Rast ge- den Reihen der deutschen Wehrmacht.)173)
macht. Wir saßen und lagen im Chausseegraben und berieten. In den nächsten Ort- Auf einem besonderen Blatt stehen die Hilfeleistungen, die deutschen Zivilinternier-
schaften wußte man um unser Kommen. Man hatte, bis wir dort waren, von den ten, aber ~uch de~tschen Sold~ten und nicht zuletzt Flüchtlingen von Angehörigen
Szenen in Kostschin gehört. (In Kostschin war es am Sonntag, dem 3. September, zu anderer Mmderheltengruppen rn Polen - Ukrainern, Weißrussen, Juden und Litau-
schweren Ausschreitungen gegenüber den aus Posen Verschleppten gekommen.) Die ern - erwiesen wurden. Insbesondere von den nach Bereza Kartuska und nach Brest-
Erregung konnte sich steigern. " Zwei von uns begaben sich daraufhin zum Kom- Li~owsk z. T. schon vor Kriegsbeginn abtransportierten Deutschen, aber auch von
mandeur des Transports, einem Mann in mittleren Jahren in Polizeiuniform. Er Teilnehmern an den Verschleppungsmärschen, die irgendwo in Mittel- und Ostpolen
hörte sich an, wie um Schutz für Leben und Sicherheit gebeten wurde. Seine Erwide- durch Wälder und Niemandsland irrten, liegen Aufzeichnungen vor, die den düsteren
rung war, wir seien nicht berechtigt, ,Bequemlichkeiten' zu verlangen ... Unsere Hintergrund der September-Ereignisse 1939 durch freundliche Schlaglichter erhellen.
Unterhändler kehrten zurück. Ihre Worte müssen aber doch etwas ausgerichtet haben. Kurz und oft lakonisch, aber doch überaus vielsagend sind Mitteilungen und Hin-
In den nächsten Ortschaften ging es nicht so schlimm her ... Die Begleitmannschaft weise wie diese: "Die weißrussische Landbevölkerung nahm sich der Häftlinge mit
stieg von den Wagen herunter, auf denen sie während des Marschierens meist saß, gr~ßer Freundlichkeit an und versorgte sie im Rahmen ihrer bescheidenen Möglich-
und ging zur Seite unseres langen Zuges, die Menge zurückhaltend und beruhigend. . keiten." (BA.) 174)- "Drei Tage waren wir zu Fuß unterwegs nach Hause, die ukraini-
Besonders ein Polizeibeamter, der eine Baskenmütze trug und auf einem Fahrrad schen Bauern verpflegten uns." (BA.)176) - "Lediglich der Tatsache, daß dann die weiß-
saß, das Gewehr über die Schulter, hielt, hin und her fahrend, Umschau und bemühte russischen Bewoh~er von Bereza die Lagertore und Kasernentüren sofort sprengten, ist
sich, Angriffen aus der Menge vorzubeugen. Auch ein jüngerer Mensch unter- zu danken, daß nicht noch mehr Inhaftierte an Entkräftung umkamen." (BA.) 178)
schied sich von den anderen durch seine Haltung, er gab auf die Menge acht " 169) Im Saal V des großen Internierungslagers Bereza Kartuska, in dem Deutsche und
In vielen Schilderungen über das Schicksal deutscher Soldaten in den Reihen der Ukrainer, aber auch Juden und Polen das gleiche Schicksal teilten, halfen viele Ge-
polnischen Armee - und zwar sowohl in dem von Kurt Lück bereits 1,940 her- fangene einander ohne Rücksicht auf ihre Volkszugehörigkeit, halfen vor allem
ausgegebenen Sammelband mit "Tatsachenberichten von der anderen Front" 170)als Jüngere den Älteren, so gut sie konnten. Hugo Peter (früher Bialystok) erzähle.
auch in noch unveröffentlichten eidesstattlichen Aussagen und Berichten - finden wir
111) .Dokumente .•. ", S. 202-203.
172) Aus "Volksdeutsche unter Polens Fahnen" Berlln 1940 S 64-65
"') Vgl. .Dokumente •.. " (eidesstattI. Aussage des Pfarrers August Rauhut v. 21. 9. 1939), S. 247fl. 173) ebenda, S. 100. '" •
16') .Der Verschleppungsmarsch der Posener" In .Posaner Evangelisches Kirchenblatt" , November 1939, " ) Aus einem Bericht von Bernd von Saenger.
S. 17. 175) Bericht von A. Mühlbrandt.
17') • Volksdeutsche Solc'aten unter Pole." Fahnen", Verleg Grenze und Ausland, Berlln 1940, S. 16. 176) Bericht von H. Peter .
.I

130
131
Abend versank in der Dunkelheit. Wind kam auf, und man hörte sie flüstern, denn
»Einige Tage nach unserer Einlieferung wurde uns ein junger Pole aus Radom zuge-
es war sonst gal!llZstill •.. Die Gefangenen hatten aufgehört zu singen. Der Sprecher
wiesen. Er sei nur deshalb interniert worden, hieß es, weil sein Bruder in Deutsch-
legte die Hand auf die Schulter des anderen: ,Ihr braucht nicht zu glauben, daß wir
land in einer Waffenfabrik arbeitete .•. An mich wandte sich in einer Nacht Malik
so arm sind, heimatlose, vertriebene, geschändete Narren. Nichts, was ihnen' - er
plötzlich mit 'der Eröffnung, daß er von den Behörden als Spion eingesetzt war; ich
wies hinüber - ,nicht auch geschah. Und da wir wissen, daß auch sie Lieder singen,
möchte von Mund zu Mund eine Warnung ergehen lassen, daß jeder, der über Politik
können wir trotz der Dunkelheit zwischen ihnen und uns lächeln. Denn vor jedem
oder Kriegsereignisse sprechen würde, gemeldet und bestraft werden müßte. Malik
Neuen, vor jeder Helligkeit liegt das Dunkel'."
wurde mir zum guten Freund ... Während der täglichen Übungen auf dem Kasernen-
hof benahm er sich als einer der Hilfsaufseher so zurückhaltend wie er konnte.
Das "Dunkel" in den deutsch-polnischen Beziehungen haben die Angehörigen beider
Damit er aber wegen ,zu rücksichtsvollen Benehmens' nicht abgelöst würde, mun-
Völker in einem kaum mehr überbietbaren Ausmaß erlebt. Daß es jedoch nicht
terten wir selbst ihn oft auf, uns hart anzugehen und zu schlagen, wenn einer der
wenige Ansätze zu einer neuen und besseren NachJbarschaft gerade auch zwischen
Peiniger in der Nähe bemerkt wurde." (BA.)
ihnen gibt, und wo diese Ansätze zu suchen sind, das zeigen die Erlebnisse sch1ichter
In einer deutschen Siedlung Wolhyniens, in der bereits alle erwachsenen Männer
Menschlichkeit an den Straßen des Krieges eindringlich genug.
verhaftet und abtransportiert worden waren, erschienen eines Morgens ein Pole
und ein Jude; sie warnten die zurückgebliebenen Frauen, indem sie ihnen er-
zählten, daß die Absicht bestehe, auch ihre halbwüchsigen Kinder zu verschleppen,
die Autos stünden im Orte Olyka für deren Abtransport bereits bereit. Als sich die
Frauen daraufhin an den Gutsbesitzer Fürst Radziwill wandten, intervenierte dieser
sofort bei den Behörden. »... Das Ergebnis: die Kinder wurden nicht fortgeschaffi.
Sie mußten nur einen Tag lang Luftschutzgräben aufwerfen. Am Abend wurden sie
wieder nach Hause geschickt." (BA.)
Diese wenigen Notizen, Auszüge aus Berichten und Tagebuchblättern, aus Gerichts-
protokollen und eidesstattlichen Erklärungen stehen für viele. Ihr Sinn kann ganz
gewiß nicht darin liegen, vergessen zu machen, was Deutsche den Polen und Polen
den Deutschen in den Septembertagen 1939 - und auch davor und danach -angetan
haben und was noch heute wie ein schwerer Traum das beiderseitige Verhältnis be-
lastet. Nur die Wahrheit könne helfen, einen neuen Anfang in den beiderseitigen
Beziehungen zu setzen, hat einmal ein polnischer Publizist erklärt. Zu diesem Wort
haben sich inzwischen viele - Wissenschaftler und Schriftsteller, Politiker und Jour-
nalisten - auf beiden Seiten bekannt.
Dieses Wort steht - wenn auch unausgesprochen und vielleicht gerade darum als
»tiefere Wahrheit" - zwischen den Zeilen aller Erzählungen einer ersten, »der
deutsch-polnischen Nachbarschaft" gewidmeten Prosa-Anthologie. Deutsche, im pol-
nischen Staatsraum aufgewachsene Schriftsteller der jüngeren Generation berichten
in dieser Anthologie über "Erlebnisse mit Angehörigen des polnischen, des ukraini-
schen, des jüdischen und des russischen Volkes, über Begegnungen in den Wäldern
Wolhyniens, an Weichsel und Warthe, in einergalizischen Kleinstadt, in einem
Kriegsgefangenenlager" .177)
Die Titelnovelle (»... wissen, daß auch sie Lieder singen") schrieb Erich Scholz - ein
Oberschlesier, Angehöriger des Jahrgangs 1912 -, der die Höhen und Tiefen des
deutsch-polnischen Zusammenlebens aus eigenen Erfahrungen kennt. Aus dieser
Novelle hier nur deren letzte Sätze: "Der Soldat stand auf, sie gingen weiter. Der

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141
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Osten 1921-1945. Polenpolitik
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Batowski Henryk: in Posen


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Der überfall auf den Sender Gleiwitz im (Die ersten Kriegswochen)
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In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1962,
Internierungsbefehl
Heft 4 Broszat Martin:
Nationalsozialistische Polenpolitik
Auf Grund des Art. 3 des Gesetzes vom 22. Februar 1937 über den Ausnahmezustand (Ge-
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Skorzyftski J6zef: setzesblatt Dz. U. R. P. Nr, 17, Pos. 108) sowie des § 2 d der Verordnung des Innenministers
Stuttgart 1961
Selbstschutz - V kolumna. vom 5. VI. 37 (Gesetzesblatt Dz. U. R. P. Nr. 48, Pos. 373) ordne im Ihre Festnahme und
(Selbstschutz - 5. Kolonne) Internierung für die Dauer von 30 Tagen an, gerechnet vorn heutigen Tage an. Ihre Ein-
Cyganski Miroslaw:
In: Biuletyn Gl6wnej Komisji Badania
Z dziej6w okupaeji hitlerowskiej w l.odzi. lieferung an den Ort der Internierung erfolgt zwangsweise.
Zbrodni Hitlerowskich w Polsee (Bulletin der
(Zur Geschichte der Nazibesatzung in Lodz)
Hauptkommission zur Untersuchung von Nazi- Diese Anordnung ist auf Grund des § 8 der Verordnung des Innenministers vom 5. Juni 1937
Warschau 1965
verbrechen in Polen), Nr. 10. (Gesetzesblatt Dz. U. R. P. Nr. 48, Pos. 373) sofort durchführbar. Gegen diese Anordnung
Warschau 1958 steht Ihnen das Recht der Berufung beim zuständigen Wojewoden durch meine Vermittlung
Esman Tadeusz und !astrzrbski Wlodzimierz:
Pierwsze miesiaee okupaeji hitlerowskiej w in der Zeit von 14 Tagen, gerechnet vom Tage nach der Zustellung dieses Internierungs-
Staniewicz R.: Bydgoszezy w swietle zrödel niemieekich. befehls, zu. Durch die Einbringung einer Berufungsklage wird die Durchführung dieser
Szersze rlo historyezne i rzeezywiste eele (Die ersten Monate der Nazibesatzung in Anordnung nicht aufgehalten.
dywersji niemieckiej w Bydgoszczy, Bromberg im Lichte deutscher Quellen)
gez. Unrerschrifr
(Der breitere historische Hintergrund und die Bromberg 1967
Der Leiter der Allg. Verwaltung
wahren Ziele der deutschen Diversion in
Bromberg) Nawrocki Stanislaw: der Kreisbehörde
In: Wojskowy Przeglad Historyczny. 1959, Hitlerowska okupaeja Wielkopolski w okresie
Nr. 4 zarzadu wojskowego. Wrzesien - pazdzier-
nik 1939 r,
(Die nationalsozialistische Besetzung Groß-
Staniewicz Restytut W.: polens in der Zeit der Militärregierung. Sep-
Mniejszosc niemieeka w Polsee - V kolumna tember/Oktober 1939) BELEHRUNG:
Hitlera? Posen 1966
(Die deutsche Minderheit in Polen - Hitlers
1. Die internierte Person ist verpflichtet, außer der Kleidung, die sie trägt, mitzubringen:
5. Kolonne?) Radziwonczyk Kazimierz:
In: Przeglad Zachodni 1959, Nr. 2 Plany polityezne Trzeciej Rzeszy wobee 2 Wäschegarnituren,
Polski i im realizaeja w okresie od I wrzesnia Reserveschuhwerk,
do 25 pazdziernika 1938 r. 1 W oll- fnw. Steppdecke,
Szejer A.:
(Die politischen Pläne des Dritten Reimes Waschutensilien,
Nieznane dokumenty 0 dzialalnosci tzw. Frei-
gegenüber Polen und ihre Durchführung in Lebensmittel für vier Tage.
korpsu w rejonie bielskim w przededniu
der Zeit vom 1. September bis 25. Oktober Außerdem kann sie persönliche Gegenstände bis 10 kg mitnehmen.
drugiej wojny swiatowej (majwrzesien 1939 r.)
1939)
(Unbekannte Dokumente über die Tätigkeit In: Najnowsze dzieje Polski, 1939-1945,
des sog. Freikorps im Raume Bielitz am Vor- 2. Die internierte Person darf keinerlei Waffen, persönliche Dokumente sowie Geld oder Kost-
XII, Warschau 1968
abend des Zweiten Weltkrieges. Mai bis Sep- barkeiten mit sich nehmen.
rernber 1939)
In: Zaranie Slaskie. 1965, Nr. 2 Zusammengestellt von Richard Breyer 3. Die internierte Person erhält seitens der Behörde keine Bekleidung.

143
Personenverzeichnis
Anhang 2:

Adam, Otto 56 Gertych, Jerzy 11,28


Adamski-Schulitz 129 Gierczynski, Vincenz 55
Albrycht, Wojciech 75, 82, 86 Giese, Johanna 84
Altmann, Henryk 12 Giese, Reinhard 84
Assmann, Pfarrer 80 Gluchowski, K. 25
Aurich, Peter 14 Goertz, Max 53
v. Gordon-Laskowitz 27
Bambauer, Dr. 61
Gollnick, Christa 84
Barnick, Alfred 119
G6rski, K. 109
Barnick, Kurt 119
Grazynski, Wojewode 43, 112
Beck, Josef 21,22, 25
Grabowski, Charlotte 53
Becker, Helmut 53
Grams, Karl 96, 130
Beckmann, Heinz 102,107
Graff, Walter 87
Berger, Karl 9, 63
Grodi- Tannheim 57
v. Berchem-Königsfeld 30
Grossmann, Willy 59
Beutler, Herbert 62
Gruhl, Gustav 91 f.
Bie!ecki, Stanislaw 80
Grunewald-Rothenburg 57
Bierschenk, Max Theodor 39, 121
Günther, Adolf 105
Bissing, Albert 118
Gutbier, Max 83
Blank, Frau E. 55
Guz, Eugeniusz 45
Blau, Gen. Superintendent 37
Bochnik, Dr. Hanna 55 Hasbach, Erwin 28
Breitinger, Pater Lorenz 57 Haushofer, Karl 21 f.
v. Brauehirsch 111 Heike, Otto 11, 39
Breyer, Albert 107 Heiter, Ernst Gustav 100
Breyer, Dr. Richard 19,21 Hennings, Wilhelm 119
Brockdorff, Werner 112, 114f. Heitz, Robert 95
Bolowski, Hans 89 Hepke, Marian 12, 77 f., 85, 87,92, 121, 127
Bortnowski, General 11, 50 Herder, Hermann 97 f.
Bueschke, Gustav 96 Herzner, Dr. 115 f.
v. Bue!ow, Hermann 26 Heuchert, Emmy 78 f.
Buettner, Fritz 93 Hewelke, Günther 53
Burckhardt, Prof. Carl 26 Himmler, Heinrich 111
Cyrankiewicz, Ministerpräsident 66 Hitler, Adolf 8, 19 H., 35, 45, 47, 109, 113 f.
Coelle, Ernst 97 f. Hoffmann, Karl 44
Hübschmann, Günther 74
Daase, Artur 97
Dietrich, Pastor Julius 38 f. Jaederlund, Christer 88
Ditschkowski, Erwin 83 Jasper, Friedrich 84
Dombrowski, Johanna 93 Jeikner, Eugen 44
Dominik, Bischof 47 jeschke, Eugen 107
Drews, Hedwig 62 de Jong, Louis 25,30,40,71, 86f., 112ff.,
Drews, Josef August 62 117,119,124
Dross, Armin 75 Jordan, Alfred 96
Dross, Pfarrer Carl 81
Kabsch, Karl 60, 62
Fenske, Karl Heinz 27 f., 64, 65, 128f. Kabsch, Walter 60,62
Finger, Kaethe 84 Kaczmarek, Dr. 46 f.
Todesfälle volksdeutscher Zivilpersonen in Polen, die im September Frankenstein-Niederhof 27
~~ Staabgreoze Karnmel, Dr. Ridiard 37
___ Woiewodschaftsgrenze 1939 ermordet worden, auf Verschleppungsmärschenumgekommenoder Frenser, Charlotte 62 Kaluschke, Pastor 88
--, ~oojf9~~nze an den Folgen von Verschleppungoder Mißhandlungverstorben sind. (Nach Garczynski, Staatsanwalt 75 Kargel, Adolf 105 f.
• 10 Tote
+ 1 Toter Kreisenbzw. Orten des Wohnortes des Getäteten.) Gerhard, Pfarrer Odilo 67 Kautz, Martha 83
v. Gersdorff, Gero 56, 60 Kirdrmayer, Jerzy 72
v. Gersdorff sr, 60 Kleindienst, Dr. Alfred 40
Klorzbüdiler, Annemarie 75 Naskret 95 Schobert, Gustav 57 Umbrost, Emil 119
Nehring, Erlch 56, 130 Schott, Familie 96
Klusak, Dr. Gustav 55 Veltzke 96
Nowakowski, Tadeusz 75,77 Schoeps, Frau E. 39
Kohnert, Dr. Hans 48 f., 54, 121 Vogt, Dietrich 14
Schroeder 90
Kolodziejczyk, Josef 80f.,84 Obuch 26 Vollert, Dr. 23
Scholz, Erich 132
Koebke, Anna 89 Okoniewski, Bischof 47 v. Vormann, General Nikolaus 8,71
Schulze, H. G. 26
Koebke, Elli 90 Owczaczak 83 Walther, Generalkonsul 39
Schulz, Hertha 78 ff.
v. Koerber 27 Orwid-Bulicz, Roman 124 Wasilewska, Wanda 122
Schulz, Kurt 95
Kohte, Dr. Wolfgang 19 Wehner, Dr. Bernd 91
Pawlikowski, Michal K. 50 Schünemann 64
Kostorz, Helmut 121 Weise, Dr. Robert 54f.
Peter, Hugo 67 f., 131 Schwertfeger, Pastor 52
Kowalski 82 Wenger, Konsul 52
Kraszewski 109 Pilsudski, Jozef 20 Staehlin, Prof. Dr. 124
Staffehl, Hans Martin 81 f. Wiesner, Senator Rudolf 28, 44
Krause, Andreas 31 Pirscher, Karl Hermann 55
Staemmler, Dr. 55 Wilm, Karl 89
Kretschmer, Alfred 38, 123 Pilkahn 84
Starke, Gotthold 19,49,51 f., 74,80 Winkler, Prof. Dr. Wilhelm 46
v. Kries-Colmansfeld 27 Pirsche], Josef 97
Steinberner-Rothenburg 57 Wiercinski, H. 109
Kriewald, Klara 95 Polesinski 32
Stenzel, Schauspie!erln 85 Wolff, Ludwig 48
Krusche, Pastor 54 Poschade!, David 56
Stefanski, Felix 97 Wochowski 85
Kulwiec, Andrzej 128 Pospieszalski, K. Marian 8
Szczepanski, Vizewojewode 51 Wojciechowska, Janina 14
Kulisz 105 Preiss, Pastor 87
Woyt 55
Kunitz, Eduard 131 Preuss, Otto 35
Thom, Arthur 78, 83 Wronka, Erwin 126
v. Kuechler, Konsul 40 Przyjalkowski, General 82
Kurzitza, Johann 104 Pulkowski 83 Tonn, Carl 58 f. Ze!ska-Mrozowicka, Zofia 35
Kutzner, Pastor Richard 90 Putrament, Jerzy 20 v. Treskow 55 Zühlke, Ernst 80
Kutzner, Otto 89 Pyrkosch, Hedwig 31

v. Lahousen, Erwin 112, 113 Raczkiewicz, Wojewode 50


Landgraf, Hugo 113 Radler, Arthur 83
Leesch, Pastor 93 Radler, Hedwig 83
Lenk, Eugen 106 Radler, Heinz 83
Leixner, Leo 113 Radziwill, Fürst 132
Leuthold, William 107 Rakette, Pastor Paul 53
Leszczynski, Pastor 60 f. Raschke, Lehrer 44
Linke 118 Rauhut, Pfarrer 129
Lieske, Margarete 76 Reinhard, Leo 91
Liske, Pfarrer Klaus 56 Reumann, Ferdinand 95
Lipski 24 Reuss, Major Prinz 119
Lubenau, Diakon 57 v. Ribbentrop, Joachim 21, 24
Luettichau, Gräfin 59 Rhode, Superindendt. Arthur 55 f.
Ludwig, Georg 102f.,131 Rhode, Prof. Dr. Gotthold 19
Lueck, Dr. Kurt 9, 104, 109, 130 v. Rosen, Hans F~herr 27
Rother, Ludwig 127
Mackiewicz, Stanislaw (Cat) 66 Roos, Prof. Dr. Hans 20, 23
Makowski 79 Rudolf, Dr. Philipp 27, 93 f., 129
Meclewski 110 Ruge, Ridiard 105
Meinaß, Alfred 57 Rydz-Smigly, Marschall 41
Melnik, Andrej 113 Sawinski, Major 86
Metze!, Ludwig 100 v. Saenger, Bernd 63,68, 131
Meyer, Hugo 107
Mielke, Kar! 65 Seehagel, Kurt 59
Mill, Kurt 80 Sieg, Margarete 95
v. Moltke, Botschafter 21,25,40 Sienkiewicz, Henryk 109
Modrow, Hans Joachim 26, 52, 54 Schammert, Pfarrer 95
Mokicki,Ignacy 74 Schenk, Martin 37
Müller, Sepp 42, 67, 69 Schende!, Otto 75
Müller-Marquardt 52 Schnee, Martha 50
Schnick, Bruno 89
Naumann, Landrat, Eugen 99 Schneider, Dr. Ludwig 43
Nawrocki 86 Schmidt, Hugo Karl 40

147
146