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Philosophie der Physik


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Die Philosophie der Physik kann als ein Teilgebiet der Wissenschaftstheorie oder der Naturphilosophie und
damit der Ontologie verstanden werden und beschäftigt sich mit philosophischen Problemen, die Theorien der
modernen Physik aufwerfen sowie mit konzeptionellen Grundlagen dieser Theorien.

Inhaltsverzeichnis
1 Interpretationsprobleme physikalischer Theorien
1.1 Thermodynamik
1.2 Relativitätstheorie
1.3 Quantenmechanik
2 Metaphysische Probleme
3 Epistemologische Probleme
4 Allgemeine wissenschaftstheoretische Probleme
4.1 Determinismus
5 Siehe auch
6 Literatur
6.1 Gesamtdarstellungen und Handbücher
6.2 Interpretationen physikalischer Theorien
7 Weblinks
8 Anmerkungen

Interpretationsprobleme physikalischer Theorien


Zu den Themengebieten der Philosophie der Physik gehört die Interpretation physikalischer Theorien im
Hinblick auf ihre ontologischen Voraussetzungen oder Implikationen: Wenn eine bestimmte physikalische
Theorie unsere Welt gut beschreibt, folgt daraus, zumindest für wissenschaftstheoretische Realisten, dass
diese Theorien Aufschluss über die Struktur der Realität geben. Bereits die Interpretation und rationale
Rekonstruktion der klassischen (Newtonschen) Partikelmechanik wirft hierbei Probleme auf. Noch weit
komplizierter sind die Probleme in der Interpretation der statistischen Physik, der Quantenmechanik,
Relativitätstheorie und Quantenfeldtheorie.

Thermodynamik

Beispielsweise wurde mehrfach versucht, die Gerichtetheit der Zeit auf die Gerichtetheit physikalischer
Prozesse zurückzuführen. Denn nicht alle physikalischen Phänomene sind zeitumkehrinvariant (d.h. die sie
regierenden Gleichungen lassen den Prozess in umgekehrter Richtung zu, wie sich einfach durch Umkehren der
Vorzeichen des Zeitparameters modellieren lässt). Die Thermodynamik beispielsweise fordert ein Gleichbleiben
oder eine Zunahme der Entropie im Zeitverlauf. Da aber die thermodynamischen Prozesse letztlich durch
kleinste Teilchen realisiert werden, für welche eigentlich die zeitumkehrinvarianten Gesetze der klassischen
Partikelmechanik gelten, ist das Verhältnis beider Theorien zueinander erklärungsbedürftig. Schon Boltzmann
hat sich im 19. Jahrhundert um eine Lösung dieses Problems bemüht. Heutige Theoretiker sind sich meist
einig, dass seine Erklärung fehlerhaft ist, diagnostizieren diesen Fehler jedoch teilweise
unterschiedlich.[1]

Relativitätstheorie

Für die Philosophie der Zeit wirft auch die spezielle Relativitätstheorie Probleme auf. Denn die von ihr
geforderte Relativität der Gleichzeitigkeit steht in Widerspruch zu bestimmten metaphysischen Theorien über
die Natur von Kausalität und Modalität (beispielsweise zu einem modallogisch betrachtet dynamischen
Universum mit sich abspaltenden nicht realisierten Möglichkeiten, wie es Storrs McCall, Michael Tooley und
andere Metaphysiker vorschlagen).

Quantenmechanik

Im Falle der Quantentheorie ist ein Hauptproblem der Interpretationsversuche, wie sich die Zeitentwicklung
der Zustandswerte zum Messprozess verhält. Erstere nämlich ist deterministisch, die Ergebnisse letzterer
sind aber nur stochastisch vorhersagbar. Üblicherweise spricht man davon, dass (in den meisten Fällen) der
tatsächliche Systemzustand ein sogenannter Superpositionszustand ist, welcher bei der Messung auf einen
eindeutigen Zustand reduziert wird, mit einer Wahrscheinlichkeit, welche sich durch die Bornsche Regel
angeben lässt. Der wissenschaftliche Realist muss nun erklären, was in der Realität einem solchen
überlagerten Zustand entspricht. Hierzu existieren die unterschiedlichsten Antwortvorschläge. Alternativ
wurden unterschiedliche antirealistische Interpretationen angeboten. Auch ist umstritten, wie genau sich in
physikalischer oder ontologischer Sprache charakterisieren lässt, was einen Messprozess ausmacht (vgl. die
Kurzübersicht im Hauptartikel Quantenmechanik, die ausführlichere Darstellung in Interpretationen der
Quantenmechanik und die Diskussion in angrenzenden Artikeln wie Wigners Freund).

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Des Weiteren scheinen mehrere realistische Interpretationsmöglichkeiten, die insbesondere in der Debatte um
den EPR-Effekt diskutiert wurden, nicht mit klassischen Auffassungen über die (lokalursächliche) Natur der
Kausalität vereinbar.

Metaphysische Probleme
Da besonders die Allgemeine Relativitätstheorie die Grundlage für moderne kosmologische Modelle ist, berührt
sich die Philosophie der Raumzeit bzw. der Relativität in einigen Bereichen stark mit der Kosmologie.

Diese Interpretationsprobleme stehen meist in engem Zusammenhang mit dem Interesse an metaphysischen Fragen
bezüglich der Natur von Raum, Zeit und Kausalität sowie der Konstituenten der Realität. Für letztere
Thematik ist die Kontroverse darüber grundlegend, ob theoretische Termen, also die Vokabeln, die in die
Formulierung einer Theorie zentral eingehen, wie etwa „Atom“, per se mit der Voraussetzung einhergehen, dass
ihnen etwas in der Realität entspricht. Viele wissenschaftstheoretische Realisten fordern dies,
Antirealisten, darunter insbesondere schon der klassische Operationalismus (wie ihn Percy Williams Bridgman
entwickelte) verneinen es. Der moderne wissenschaftstheoretische Realist scheint dann aber in seine
Ontologie nicht nur Atome, sondern auch Quanten und Felder aufnehmen zu müssen; außerdem muss er (apparente)
Transformationen von „Materie“ in „Energie“ und umgekehrt erklären.[2]

Epistemologische Probleme
Wie die Quantenmechanik, besonders in einigen antirealistischen Interpretationen, wirft auch die spezielle
Relativitätstheorie erkenntnistheoretische Fragen auf.

Allgemeine wissenschaftstheoretische Probleme


Determinismus

Relativ unabhängig von den Interpretationsproblemen der physikalischen Theorien fallen in die Philosophie
der Physik auch Fragen zur allgemeinen Natur physikalischer Gesetze. Da die moderne Physik in einigen
Bereichen nur statistische Aussagen treffen kann, wird dabei insbesondere die regionale oder allgemeine
Geltung des Determinismus kontrovers diskutiert. Teilweise versuchen einige Philosophen, diese Diskussion
mit Fragen bezüglich der Willensfreiheit (teilweise auch des göttlichen Vorherwissens) zu verbinden. In
vielen Fällen werden entsprechende Rettungsversuche der Willensfreiheit von Wissenschaftstheoretikern
kritisch gesehen.

Siehe auch
Philosophie der Naturwissenschaften
Philosophie der Technik
Philosophie der Mathematik

Literatur
Gesamtdarstellungen und Handbücher

Thomas Brody: The Philosophy Behind Physics, Springer 1993.


Jeremy Butterfield, John Earman, Dov M. Gabbay, Paul Thagard, John Woods (Hrsg.): Handbook of the
Philosophy of Physics, Elsevier 2007, ISBN 0-444-51560-7Standardwerk
James T. Cushing: Philosophical Concepts in Physics, CUP, Cambridge 1998.
Michael Esfeld (Hg.): Philosophie der Physik, suhrkamp, Frankfurt/M. 2012, ISBN 978-3-518-29633-2.
Marc Lange: An Introduction to the Philosophy of Physics, Blackwell, London 2002. Besonders zu den
Themen Lokalität, Felder, Energie, Masse; etwas spezieller, da nicht nur überblicksweise Darstellung,
sondern auch Argumentation für eigene Position.
Norman Sieroka: Philosophie der Physik, Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-66794-7.
Lawrence Sklar: Philosophy of Physics, OUP, Oxford 1992. Kurzer Abriss von Grundlagen zu Raumzeit,
Wahrscheinlichkeit, Quanten
Roberto Torretti: The Philosophy of Physics, CUP, Cambridge 1999. Historisch aufgebaut, von Galileo
bis Dirac

sowie die Handbücher zur Wissenschaftstheorie, welche zumeist auch Kapitel zu Raumzeit und Quantenphysik
enthalten, sowie neuere Darstellungen zur Naturphilosophie

Interpretationen physikalischer Theorien

Philosophie der Raumzeit bzw. Relativität

Robert DiSalle: Understanding Space-Time: the Philosophical Development of Physics from Newton to
Einstein. Cambridge: CUP 2006.
John Earman: World enough and space-time. MIT Press, Cambridge, MA 1989, ISBN 0-262-05040-4
Michael Friedman: Foundations of space-time theories. Princeton University Press, Princeton, NJ 1983,
ISBN 0-691-02039-6

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Lawrence Sklar: Space, time, and spacetime. University of California Press 1977, ISBN 0-520-03174-1
Barry Dainton: Time and space, Montreal u.a.: McGill-Queen's Univ. Press 2001, ISBN 0-7735-2302-2
verschiedene Artikel (http://plato.stanford.edu/contents.html#s) in der Stanford Encyclopedia of
Philosophy zu space and time

Philosophie der Quantenmechanik

David Z. Albert: Quantum mechanics and experience. Harvard University Press, Cambridge, MA 1992, ISBN
0-674-74112-9 Die zugänglichste Darstellung zum Thema, maximale Vereinfachung des theoretischen
Apparats.
Cord Friebe, Meinard Kuhlmann, Holger Lyre, Paul Näger, Oliver Passon, Manfred Stöckler: Philosophie
der Quantenphysik. Einführung und Diskussion der zentralen Begriffe und Problemstellungen der
Quantentheorie für Physiker und Philosophen. Springer Spektrum 2015, ISBN 978-3-642-37789-1
Umfassende Darstellung des gegenwärtigen Diskussionsstands.
R.I.G. Hughes: The Structure and Interpretation of Quantum Mechanics Weniger vereinfacht als Albert,
aber mit Schulphysik zu bewältigen; größtenteils eine zugängliche Einführung in die physikalische
Theorie - philosophische Diskussionen nehmen eher wenig Raum ein.
Michael Redhead: Incompleteness, nonlocality, and realism. The Clarendon Press Oxford University
Press, New York 1990, ISBN 0-19-824238-7
verschiedene Artikel (http://plato.stanford.edu/contents.html#q) in der Stanford Encyclopedia of
Philosophy zu quantum mechanics und quantum theory

Quantenfeldtheorie

M.L.G. Redhead: Quantum field theory for philosophers, in: PSA: Proceedings of the Biennial Meeting
of the Philosophy of Science Association 1982, 57-99
Paul Teller: An interpretive introduction to quantum field theory, Princeton University Press 1995

Statistische Physik / Thermodynamik

David Z. Albert: Time and Chance, Harvard University Press 2000, ISBN 0-674-00317-9 Review von N.
Huggett (http://ndpr.nd.edu/review.cfm?id=1261)
P. und T. Ehrenfest: The Conceptual Foundations of the Statistical Approach in Mechanics, Ithaca, NY:
Cornell University Press 1959
G. Emch, C. Liu: The Logic of Thermo-statistical physics, Berlin: Springer 2002
Huw Price: Time's Arrow and Archimedes' Point, 1996, ISBN 0-19-510095-6.
Hans Reichenbach: The Direction of Time, Berkeley, CA: University of California Press 1956
Lawrence Sklar: Physics and Chance: Philosophical Issues in the Foundations of Statistical Mechanics,
Cambridge: CUP 1993
Lawrence Sklar: Philosophy of statistical mechanics. (http://www.seop.leeds.ac.uk/entries/statphys-
statmech/). In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy
Jos Uffink: Boltzmann's work in statistical physics. (http://www.seop.leeds.ac.uk/entries/statphys-
Boltzmann/). In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy

Chaostheorie

Peter Smith: Explaining Chaos, Cambridge: Cambridge University Press 1994.

Weblinks
Anthony Leggett: Space, Time and Matter (https://web.archive.org/web/20060916160143/http:
//online.physics.uiuc.edu/courses/phys419/spring06/lectures/index.html) (Memento vom 16. September
2006 im Internet Archive) Lecture Notes von einem Kurs zur Philosophie der Physik des bekannten
Nobelpreisträgers
Thomas J. Hickey: History of Twentieth-Century Philosophy of Science (http://www.philsci.com
/index.html), 2005.
Homepages (http://users.ox.ac.uk/~ball0402/pofp/) Linkliste von Webseiten von Forschern im Bereich
„Philosophie der Physik“
Bibliographie (https://web.archive.org/web/20060912074343/http://carnap.umd.edu/chps/reading_list
/single_list.html#1) (Memento vom 12. September 2006 im Internet Archive) von Standardwerken

Anmerkungen
1. Vgl. dazu u.a. die Diskussion bei Huw Price, Time's Arrow; Albert, Time and Chance; Mellor, Real
Time; Horwich, Arrow of Time sowie die angeführten SEP-Artikel
2. Vgl. Francisco Flores: The Equivalence of Mass and Energy. (http://plato.stanford.edu/entries
/equivME/). In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy und die dort
diskutierten Alternativpositionen und Literaturhinweise.

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