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Ausarbeitung zum Thema „Sturm und Drang“

am Beispiel der „Leiden des jungen Werther“


Patrick Schmich
Fach: Deutsch

Inhalt: Was ist Sturm und Drang? Seite 1

Motive und Kritik des Sturm und Drangs Seite 2

Die Genie-Ästhetik Seite 6

Typische Themen Seite 7

Typische Formen Seite 8

Ende der Periode Seite 9

Was ist Sturm und Drang?

Als Sturm und Drang bezeichnet man die Periode der deutschen Literatur von etwa 1767 bis
1780. Sie lässt sich nicht wie andere literarische Epochen in einer adjektivischen Formel
ausdrücken, wie man die Literatur zur Zeit der Romantik als romantisch bezeichnen kann. Um
einen Einblick in diese sehr aktive Zeit der deutschen Literatur zu gewinnen, muss man die
geschichtlichen Hintergründe in dieser Zeit unter die Lupe nehmen:

Überblick über die geschichtliche Situation zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts:

Die schon seit Langem andauernde Aufklärung , die durch ihre Entwürfe des Rationalismus,
also der Empfindsamkeit der Menschen durch Vernunftlehre und Humanisierung der
Gesellschaft wirkte, erreichte zahlreiche entscheidende Errungenschaften in der damaligen
Gesellschaft . So wurde es zum einen zur Normalität, dass das Volk ein kritisches
Bewusstsein gegenüber jeglichem Herrscher entwickelte und Fragen sowie Forschen gegen
die selbst verschuldete Unmündigkeit vorgingen. Auf der anderen Seite, war es dennoch so,
dass die tragende Gesellschaftsschicht, also das Bürgertum, trotz aller Fortschritte immer
noch politisch machtlos war und keine Freiheiten hatte. Die ganze politische Macht war somit
in der Hand der wenigen Herrscher und Fürsten, die nicht selten willkürlich und somit gegen
aufklärerische Grundsätze handelten und für das Volk nicht selten eine Last darstellten.

Aufgrund dieser grob skizzierten Missstände bildete sich die Bewegung des Sturm und
Drangs heraus, in der junge, intellektuelle Autoren dieser Zeit in literarischer Form gegen
politische, moralische und poetische Bestimmtheit rebellierten. Hauptsächliche Träger dieser
Bewegung waren Johann Wolfgang von Goethe, Jakob Michael Reinhold Lenz und Heinrich
Leopold Wagner.

1
Der Name „Sturm und Drang“ rührt von dem gleichnamigen Drama von Friedrich
Maximilian Klinger, welches jedoch nicht, wie Klingers weiteres Stück, „Die Zwillinge“, als
äußerst beispielhaft für den Sturm und Drang angesehen werden kann.. Der Name wurde
dennoch zum Name der Periode, da auch Goethe und andere Autoren zu Beginn des Sturm
und Drangs diese Worte einzeln in aufklärungskritischen Schriften verwendet haben.

Phasen der Sturm und Drang Periode

Gerhardt Sauder teilte die Zeit der Sturm und Drangs in seinen Forschungen in 3 Phasen ein,
die sich so zusammenfassen lassen:

1.Phase (1770/71)
Die Kommunikation zwischen Herder und Goethe beginnt und gewisse vorbereitende Texte
für die Folgezeit werden geschrieben, um den Weg in den Sturm und Drang zu ebnen. Als
Beispiel lässt sich hier Gerstenbergs Ugolino nennen, das schon stark die Eigenschaften der
Literatur der Folgejahre prägte.

2.Phase (bis 1776)


Diese Phase lässt sich als sehr intensive Hochphase bezeichnen. Immer mehr Autoren des
Sturm und Drangs bildeten Gruppen, wie sich zum Beispiel Goethe mit anderen Autoren
gleicher Ansichten in Straßburg versammelte. Diese starke Gruppenbildung des Sturm und
Drangs reicht bis zum Jahr 1776. Dieses gilt als das Jahr, in dem die meisten Werke des
Sturm und Drangs geschrieben und publiziert wurden.

3.Phase (ab 1777)


Die letzte Phase des Sturm und Drangs ist nicht ganz klar einzugrenzen, da der Sturm und
Drang schon 1778 in vielen Gegenden Deutschlands als historisch galt und der Vergangenheit
zugerechnet wurde. Da es nicht möglich ist, genaue zeitliche Grenzen der Periode zu finden,
ist es auch strittig, ob späte Werke wie Schillers Räuber und Schubarts Gedichte überhaupt
der Sturm und Drang-Zeit zuzuordnen sind.

Motive und Kritik des Sturm und Drangs


Die Literatur und die Auffassungen der Autoren des Sturm und Drangs äußerten durch ihre
Werke breit gefächerte Kritik an vielen Seiten der Gesellschaft und der strikten Regelgebung
in anderen Bereichen, vor allem natürlich in der Literatur. Diese Bereiche werden im
Folgenden so dargestellt, dass zunächst die kritisierten Missstände dieser Bereiche in der
Aufklärung genannt werden und dann auf die Reaktionen der Sturm und Drang Autoren
eingegangen wird.

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Gesellschafts- und Herrschaftsverhältnis

In der Aufklärung entwickelte sich eine Gesellschaft, in der die Vernunft immer mehr zur
allerhöchsten Tugend wurde. Alles Handeln jedes einzelnen Menschen musste überlegt und
klug sein. Zudem war das Handeln lediglich am Zweck und an der Vernunft orientiert, womit
auch die einzelnen Handlungen anderer Menschen beurteilt und bewertet wurden. Gefühle
spielten zu dieser Zeit der Aufklärung eine untergeordnete bis verpönte Rolle und wurden als
eher störend bezeichnet, da Gefühle die Vernunft trüben könnten und somit das Handeln
unüberlegt oder gar fahrlässig wird. Die Entwicklung in der aufgeklärten Gesellschaft ging
sogar so weit, dass Handeln, das durch Gefühle oder Leidenschaften bedingt ist, als Irrsinn
oder verrückt bezeichnet wurde.
Des Weiteren hatte die Gesellschaft auch eine das Volk stark disziplinierende Rolle: Bildung,
Beruf, Ehre und Geld gelten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als höchste Güter, die
es für jeden Bürger anzustreben galt. Auch hier waren Gefühle als Hindernis des Erreichens
dieser Ziele angesehen worden, weshalb sie durch die Gesellschaft strikt von den Tugenden
getrennt wurden und als unnütz galten. Zusätzlich lässt sich sagen, dass die soziale
Disziplinierung auch die Selbstauffassung der Menschen betrifft. In der Aufklärung war nicht
jeder Einzelne als Individuum wichtig, sondern die Gesellschaft und die Allgemeinheit
standen im Mittelpunkt.
Aber auch die gesamte Lebensauffassung wurde in der Zeit des Sturm und Drangs zunehmend
kritisiert. Diese setzte sich nämlich das Ziel, alles begründen und beherrschen zu wollen und
möglichst viele Dinge vorauszuplanen. Am besten ist dies an der Natur zu veranschaulichen:
man setzte alles daran, die Natur zum einen zu verstehen und zum andern sie dem Menschen
Untertan zu machen, was sich durch Abholzungen, Landebnungen und Flussbegradigungen
äußerte.
Auf die gleiche Art und Weise wurden von der Gesellschaft genaue und absolute Normen
gesetzt. Diese waren unantastbar und wurden als allgemein gut und richtig erklärt. Als
Individuum war es somit zu dieser Zeit äußerst schwer, eigene, von den allgemeinen
abweichende Normen zu entwickeln und noch schwerer diese in der damaligen Gesellschaft
zu behaupten.
Weitere Missstände bestanden darin, dass die regierende Schicht trotz der Ideen der
Aufklärung, wie zum Beispiel der Theorie des kategorischen Imperativs nach Kant, immer
noch willkürlich herrschten und sich nicht an Gesetzen orientierten.

Die darauf basierenden Motive und Reaktionen sind genauso vielschichtig wie die geäußerte
Kritik.
Die Stürmer und Dränger entwickelten im Kontrast zur Aufklärung den Grundsatz „Gefühl
vor Vernunft“ und drücken damit aus, dass Gefühle auf keinen Fall als unwichtig gelten
dürfen und von einer Gesellschaft nicht als nichtig bezeichnet werden sollen.
Diese Forderung wird auch durch ein Zitat Herders deutlich:

„Die Stimme des Herzens ist ausschlaggebend für die vernünftige Entscheidung“ (1)

Hieraus wird schnell klar, dass die Gefühle mindestens genauso wichtig s wie die Vernunft zu
einem glücklichem Leben dazugehören und deshalb nicht als Hindernis gesehen werden
können.
Auch in unserem Beispiel „Die Leiden des jungen Werther“ spiegelt Werther die Forderung
der Emanzipation der Leidenschaften und Gefühle wider. Gefühle haben für ihn einen sehr
hohen Stellenwert, was man deutlich an vielen seiner Briefe an Wilhelm entnehmen kann: Er
schreibt völlig nach seinen Gefühlen und ist nicht an irgendwelche Regeln gebunden, die in
der Entfaltung dieser Leidenschaften einschränken könnten. Werther ist eine Person, die von
Gefühlen bestimmt wird und nicht die Vernunft über sein Gefühlsleben stellt.

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Genauso sieht Werther die für ihn unverständlich hoch eingestuften aufklärerischen Tugenden
wie Wohlstand, Beruf usw. so:

„Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um
anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich
um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein Tor“ (Werther)(2)

Spätestens hier wird deutlich, dass die Leidenschaften im Sturm und Drang als wichtig für die
Gesellschaft eingestuft werden und möglichst nicht beschränkt werden sollen.

Als weitere Reaktion im Sturm und Drang lässt sich die Wendung gegen Autoritäten und
Schranken nennen, die besonders auf die alte Generation bezogen sind.
Im Werther wird dies speziell recht klar, als er nicht möchte, dass seine Mutter von seiner
Kündigung erfährt, da sie ihn daran hindern könnte. Hier bemerkt man, dass Werther die
Ansichten seiner Mutter nicht teilt und sie sogar unterschiedliche Weltanschauungen haben,
was nicht zuletzt ein weiterer Grund für Werther ist, aus der Stadt von seiner Mutter
wegzugehen und aufs Land nach Wahlheim zu reisen.
Die traditionellen Schranken, denen sich die Autoren widersetzen werden auch in gewissen
Stellen Goethes Werthers offensichtlich: Werther ist es zwar nicht egal, als er von Lotte
erfährt, dass sie verlobt ist und somit bald heiraten wird, dennoch ist ihm die Tradition und
die Schranke, die ihm diese darlegt, nicht so entscheidend wie seine Gefühle, weshalb er nicht
aufhört sich in die Liebe zu Lotte hineinzusteigern.
Die Autoren des Sturm und Drangs streben folglich gegen jegliche Art von Schranken, die die
Entfaltung ihrer Gefühle und Leidenschaften, sowie ihren Lebensauffassungen behindern und
rebellieren gegen diese in Form literarischer Werke.

Ein weiteres, wesentliches Element der Literaturperiode ist der weit ausgeprägte
Freiheitsbegriff. Dieser war für die damalige Zeit, in der in Deutschland noch absolutistisch
geherrscht wurde, sehr stark entwickelt. Ein sehr aussagekräftiges Beispiel für den damaligen
Freiheitsbegriff stellt Graf zu Stollberg dar, ein Schriftsteller, der schon im 18. Jahrhundert
demokratische Freiheiten forderte, was für diese Zeit nahezu undenkbar war. So sagte er:

„Nur Freiheitsschwert ist Schwert für das Vaterland“

Auch im Werther lässt sich ein Drang zu mehr Freiheit feststellen, da er, als er sich dazu
entschied, eine Einstellung als Sekretär bei einem gesandten anzunehmen, schnell
Spannungen zu diesem entwickelte und er ihn als „den pünktlichsten Narr“ bezeichnet. Da
Werther die gesamte Beamtenhierarchie dieses Berufes verabscheut, ist es kein Wunder, dass
er sich schon nach kurzer Zeit dazu entscheidet, den Beruf aufzugeben und zu kündigen, was
die Tendenz des Sturm und Drangs anzeigt, dem Volk möglichst viel Freiheit zu verschaffen
und es nicht der Unterdrückung eines willkürlichen Herrschers auszusetzen.

Wie sich schon gezeigt hat, sind den Stürmern und Drängern die sozialen Einschränkungen
oft zuwider, da sie ihre Entfaltung behindern. Ähnlich ist es bei den Ständeschranken, die zur
damaligen Zeit das Volk in unterschiedliche Schichten aufspaltete.
Werther weiß, dass er als Bürger durch dieses System bevorzugt ist und somit keiner festen
Anstellung bedarf, dennoch grenzt er sich nicht von anderen Ständen ab. Er hilft einem
Bauernmädchen beim Wasser aus dem Brunnen holen, genauso wie er mit dem Fürsten C.
verkehrt und recht gut mit ihm zurechtkommt. Hierdurch wird ausgedrückt, dass das
Ständesystem lediglich eine unnötige Schranke sein kann, die wie Werther zeigt, nur negative
Auswirkungen hat und somit abgeschafft werden sollte, um die genannten Freiheiten zu
erreichen.

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Aber nicht nur das Ständesystem steht im Kontrast zu den stürmerisch drängerischen
Vorstellungen, auch zum aristokratischen Adel nehmen viele Autoren des Sturm und Drangs
Gegenposition. Dies liegt vor allem daran, dass die meisten von ihnen aus bürgerlichen
Verhältnissen stammen und somit mit der Differenzierung zu diesem Stand der Vorrechte
aufgewachsen sind.
Auch Werther, der sich allgemein mit dem Adel versteht, wird in Goethes Briefroman von
einer Gesellschaft verwiesen, da dies eine Vielzahl von adligen Gästen, die über Werther
sprachen, gewünscht hatten und Fürst von C. keine andere Wahl hatte.(3)
Auch hier drückt Werther die Einstellung vieler Autoren dieser Bewegung aus: Sie hassen den
Adel nicht, verabscheuen jedoch die Riten und die aristokratischen Gebundenheiten, die die
Handlungsfreiheit des Individuums wiederum beschränken. Zusätzlich merklich wird dies
auch, als Werther Frau von B. trifft, mit der er sich zuerst gut versteht. Später bemerkt er aber,
dass sie wesentlich weniger offenherzig ist, als er sie in der Adelsgesellschaft trifft.
Schließlich weint sie vor ihm, da sie dem Druck, dem sie aufgrund der Unterredung mit
Werther ausgesetzt war, kaum standhielt, was Werther sehr wütend machte (4).

Hiermit wäre der Komplex der Kritik, die sich in der Literatur des Sturm und Drangs an der
Gesellschaft ausdrückt, abgeschlossen. An der Wertherlektüre lässt sich jedoch noch in
tabellarischer Form mit einem Vergleich der Beiden Charaktere Albert und Werther der
Kontrast zwischen Aufklärung und Sturm und Drang darstellen:

Albert Werther
- braver, lieber Mann - träumerisch, leidenschaftlich
- ausgeglichen - launisch
- taktvoll, gelassen, rücksichtsvoll - temperamentvoll
- rational - emotional
- diszipliniert, bodenständig - Ablehnung beruflicher Tätigkeit

╚═══════╦════════╝ ╚═══════╦════════╝

typischer Bürger der typischer „Bürger“ des


Aufklärung Sturm und Drangs

Die Untersuchung der Eigenschaften stellt dar, dass Werther den Menschen darstellt, der die
Vorstellungen des Sturm und Drangs vertritt, während Albert kontrastiv dazu als typischer
Bürger der Aufklärung gelten kann.

Poethologische Regeln

Genau wie die gesellschaftlichen Hindernisse, die durch die Aufklärung aufkamen und
kritisiert wurden, werden auch die poethologischen Reglementierungen stark in Frage gestellt.

In der Aufkläung entwickelten sich genaue Regeln über den Aufbau von Dramen und
lyrischen Werken, die als absolut galten und deren Einhaltung nahezu Pflicht war. Als
Beispiel lassen sich für das Drama die 3 Einheiten des Aristoteles sowie Gottscheds
Theaterreform nennen. Diese und weitere Normen in der Literatur erwirkten starre und
unflexible Regeln, die vor allem jungen Künstlern kaum Freiheiten bot oder zumindest diese

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stark einschränkte, da man eigentlich kaum eine Möglichkeit hatte, Neues auszuprobieren.
Bei Regelverstößen war die Kritik Lessings, der in dieser Zeit als Literaturkritiker bezeichnet
wurde, extrem groß.
Die Autoren des Sturm und Drangs waren jedoch einstimmig für eine größere Freiheit in der
Literatur und verlangten die Akzeptanz von Werken, die die typischen Regeln begründet nicht
beachteten. Sie argumentierten damit, dass es in Bereichen, in denen es Theorien gibt, wie
zum Beispiel in der Medizin, keine Freiheiten geben kann, weshalb man diese Theorien
abschaffen oder lockern muss, da die Kunst niemals eine reine Theorie ohne Freiheiten sein
kann. So sagt Goethe als Gegner der Regelstrenge:

„Es schien mir die Einheit des Ortes so kerkermäßig ängstlich, die Einheiten der
Handlung und der Zeit lästige Fesseln unserer Einbildungskraft“ (6)

Aufgrund dieser Einstellung galt Shakespeare, der in England schon einige Werke ohne
Einhaltung der Regeln geschaffen hat, als allgemein anerkanntes Genie im damaligen Drama.

Die Reaktionen der Stürmer und Dränger waren daraufhin die Entwicklung einer eigenen,
regeloseren Form der Lyrik und Dramatik, sowie das Auftreten neuer Textarten wie dem
Briefroman.

Diese Regelstrenge wird auch in den „Leiden des jungen Werther“ inhaltlich als auch
sprachlich zur Geltung gebracht. Werthers Briefe besitzen keine Struktur, da er nach seinem
Herzen schreibt und seinen Schreibfluss nach seinen Gefühlen steuert, was durch halbe Sätze
und Bindestriche deutlich wird. Inhaltlich lässt sich die kritisierte Regelstrenge daran
erkennen, dass der Gesandte sehr kleinliche Kritik an Werthers Aufsätzen äußert, was
mitunter anderen ein Grund für Werthers Kündigung ist, da er ihm keine Freiheiten in der
Gestaltung ließ.

Trotz der weiten Kritik des Sturm und Drangs muss dennoch wichtiger Weise festegestellt
werden, dass es sich bei dieser Literaturperiode auf keinen Fall um eine Gegenbewegung zur
Aufklärung handelt. Die Aufklärung brachte viele Verbesserungen und Fortschritte, die die
Stürmer und Dränger vorbehaltlos unterstützten. Sie erreichte ein kritisches Bewusstsein im
Volk, sodass ein Herrscher und seine Regierungsart nicht immer einfach akzeptiert wurden
und das Forschen und Fragen der Bevölkerung zur Normalität wurde.
Dennoch lässt sich sagen, dass sich durch eine falsche Interpretation der aufklärerischen
Forderungen eine so genannte „falsche Aufklärung“ herausbildete, die die kritisierten
Missstände hervorrief und der Bewegung dieser Autoren Kritikmöglichkeiten gab.
Der Sturm und Drang kritisiert die Aufklärung damit nur an dem Punkt, an dem sie sich in
Repression kehrt, da sich die Autoren dieser Zeit als „leidenschaftlich aufgeklärt“ sahen.

Die Genie Ästhetik


Das Genie bezeichnet in der Literatur ein gewisses Idealbild der jeweiligen Zeit.
Da sich im Sturm und Drang ein neues Geniebild auftat, das sich von dem der Aufklärung
unterscheidet, entfachte die neue Geniediskussion eine neue Debatte im bestehenden
Literaturstreit in der Zeit der Aufklärung.
Das Genie des Sturm und Drangs wurde in seinen Grundzügen besonders durch den
Engländer Edward Young gekennzeichnet. Für ihn war das Genie ein „Gott in uns“, ein
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Meister, der sich über jegliche Gelehrsamkeit hinwegsetzt und unglaublich Schönes schafft.
Bildung und Wissen sind für ihn nur entbehrliche Werkzeuge und Regeln völlig überflüssig.
Sie gelten als „Krücken als Hilfe für den Lahmen und Hindernis für den gesunden“.

Auch Johann Lavater, ein schweizerischer Stürmer und Dränger entwickelte in seinen
Schriften ein maßgebendes Geniebild, das sich durch dieses Zitat kenntlich macht:

Wer bemerkt, wahrnimmt, schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, bildet, dichtet,
singt, schafft, vergleicht, sondert, vereinigt, folgert, ahndet, gibt, nimmt – als wenn´s
ihm ein Genius, ein unsichtbares Wesen höherer Art diktiert […] hätte, der hat Genie
[…].

Lavater beschreibt hier die Taten eines Genies mit vielen künstlerischen Verben, was das
Genie als einen Künstler darstellt, der Unvergleichbares schafft. Zudem ist für ihn das Genie
gottesgleich, er bezeichnet es als Substantiv der menschlichen Grammatik und stellt klar, dass
es sehr eng mit der Natur verbunden ist. Die Natur drückt nach Lavater das Urquell alles
Lebendigen und Schöpferischen aus, was das Genie gefühlvoll, wild und frei werden lässt.

Da wir uns den Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ als Beispiel genommen haben,
spielt das Geniebild, das sich Goethe zu dieser gemacht hat eine wichtige Rolle.
Goethe hatte im Gegensatz zu Lavater konkrete Vorbilder, die er als Genie bezeichnete. Ein
solches Vorbild war Erwin von Steinbach, der Erbauer des Straßburger Münsters.
Goethe, der sich viel mit Baukunst beschäftigte und auch ein Werk namens „Über die
deutsche Baukunst“ schrieb, sah somit die typischen Eigenschaften des Genies als Eleganz,
Wucht, Kollosialität und Leichtigkeit, die zusammen ein Ganzes bildeten, an. Er stimmte
somit auch mit Lavater überein, dass das Genie in völligem Einklang mit der Natur lebt und
es eine gewisse Göttlichkeit in dieser gibt. Des Weiteren sieht Goethe im Genie dieser Zeit
einen weiteren göttlichen Aspekt, weshalb er ihn auch als einen „Gesalbten Gottes“
bezeichnet.
Dieses Geniebild, das sich Goethe entwickelt hat, spiegelt sich auch teilweise in Werther
wider. Werther wird durch seine Gefühle und durch die Natürlichkeit geleitet und lebt in
völliger Selbstbestimmung, genauso wie ihn Schranken wenig interessieren und schon gar
nicht lenken. Er ist künstlerisch aktiv und sieht den Gott in der Natur (Pantheismus).
Auch durch Werthers Namensgebung lässt sich herauslesen, dass Goethe ihn als Genie als
„werter“ bzw. als „mehr wert als andere“ bezeichnet.

Ein weiteres Geniebild ist das des Prometheus. Prometheus wurde zum einen durch die antike
Sage als auch durch Goethes Werke zu einem Symbol des Sturm und Drangs.
In der Sage war Prometheus ein Halbgott, der auf die Erde geschickt wurde, um die Menschen
zu lehren. Da er des Öfteren gegen seinen Göttervater und Herrscher Zeus rebellierte und
Zeus davon mitbekam, wurde er von ihm bestraft und Zeus nahm den Menschen und
Prometheus das Feuer weg. Prometheus jedoch holte sich das Feuer an einem Flammenwagen
eines anderen Gottes und brachte es zur Erde. Die verärgerte Zeus so, dass er Prometheus auf
einen Berg ankettete, wo jeden Tag ein Adler vorbeiflog und ihm ein Stück Fleisch ausriss.
Aufgrund dieser Rebellion, die Prometheus gegen seinen Herrscher Zeus ausdrückt wurde er
nach dem Ideal des Sturm und Drangs zu dessen Symbol.

Typische Themen des Sturm und Drang

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Volkspoesie

Die Volkspoesie ist einer der wichtigsten Themenbereiche, an denen sich die Literatur des
Sturm und Drangs maßgeblich orientiert. Sie ist die Behandlung der Anliegen der Bürger und
der Unterschichten anstatt die der Gelehrten und des Adels. Diese Entwicklung lässt sich auch
daran nachvollziehen, dass die Literatur zu dieser Zeit das Bürgertum auch personell im
Drama in der Überzahl war. Eine Bewegung, die im bürgerlichen Drama der Aufklärung ihre
Ursprünge hat.
Das Besondere an der Volkspoesie war, dass die gesellschaftlichen Probleme, die in der
Aufklärung eher anstandshalber zurückgehalten wurden, immer mehr zum Thema wurden.
Diese wurden folglich jedoch nicht beschönigt, sondern unverfälscht dargestellt.
Um ein typisches Beispiel für die Volkspoesie zu nennen, lässt sich das Werk „Die Soldaten“
von Lenz heranziehen, in dem eine junge Frau aus dem Bürgertum, von ihrem verlobten
adligen Offizier hintergangen und betrogen wird und schließlich durch diese Beziehung vom
sozialen Abstieg bedroht ist.
An diesem Beispiel wird auch die Tendenz deutlich, dass konkreter Gegenstand dieses
Themenbereiches oft die Grenzen zwischen den damals noch stark ausgeprägten Ständen
waren.
Weiteres Beispiel, welches im Werther auch von Werther großzügig zitiert wird, sind die
Geschichten des Barden Ossian, ein Heldenepos, der von dem Engländer Macpherson
erfunden wurde und besondere Einblicke ins harmonievolle Leben zwischen den
Volksschichten zulässt.
Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Teil der Volkspoesie, war auch die fortschreitende
Enttabuisierung dieser Zeit. Das Ziel zahlreicher Autoren war es, die Hemmungen, die durch
die Normen der Aufklärung gegenüber bestimmten Themen entstanden, abzubauen und
gezielt diese Themenbereiche entgegen bestehender Grundsätze anzusprechen und in die
Literatur einzuarbeiten.
Somit wurden Themen wie Sexualität, Frevel aller Art, wie zum Beispiel der Brudermord,
revolutionäre und antifeudale Themen, wie sie in „die Räuber“ dargestellt werden oder der
Selbstmord, der „Die Leiden des junger Werther“ deutlich prägt und auch am Ende zum
Gegenstand wird, thematisiert und entfaltet.

Natur und Leidenschaft

Ein weiterer wichtiger Themenkomplex, der beim Begriff des Sturm und Drangs oft fällt, ist
die Natur und die Leidenschaften. Um hier den Ursprung dieses Themenbereichs zu
verstehen, lässt sich Rousseaus Naturverständnis heranziehen, das entscheidenden Einfluss
auf das der Stürmer und Dränger hatte: Jean Jacques Rousseau sah den einstigen
Naturzustand, der herrschte, als die Menschen noch keine Gesellschaften gründeten, als Ideal
an. Nach ihm wurde dieser harmonische Naturzustand erst dadurch gestört, dass die
Menschen das Privateigentum erfanden und somit die Ungleichheit zwischen ihnen aufkam.
Er kritisiert damit die Zivilisation genau dort, wo dadurch diese von diesem „Naturzustand“
abgekommen ist und nicht mehr dessen Ideal verfolgt. Sein Plädoyer galt somit „für die
Natürlichkeit“ und für die Rückorientierung zum Naturzustand.
Dieses Ideal drückte Rousseau auch in seinem Roman „La Nouvelle Héloise“ aus, der zu
einem entscheidenden Modell des Sturm und Drangs und zum Beispiel für Goethes Werther
wurde.
Allein an der Persönlichkeit Werthers lässt sich diese „Naturverbundenheit“ ausmachen. Er
sieht Kinder wie Rousseau als „durch die Gesellschaft unverdorben“ an und spielt sehr gern
mit diesen, genauso wie er sie einfach nur gern beobachtet, da er diesen Anblick mehrmals im
Roman genießt.

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Auch daran, dass sich das Wetter stetig an Werthers Gefühle anzupassen scheint, lässt sich die
direkte Verbindung der Natur mit Werther erkennen. Werther selbst schwärmt, träumt und
bewundert die Natur und sieht in ihr, wie es der Geniebegriff vorgibt, etwas Göttliches, was
seinen Pantheismus widerspiegelt.

Typische Formen der Literatur im Sturm und Drang


Bürgerliches Drama

Das bürgerliche Drama hat seinen Ursprung in der Aufklärung, wo es durch Lessing stark an
Geltung gewann. So wurde es auch im Sturm und Drang zur bevorzugten Form, da es das
Potential bot, speziell auf Themen einzugehen, die in der Aufklärung kaum oder gar keine
Zuwendung bekamen.
Die Gemeinsamkeit der unterschiedlichen bürgerlichen Dramen liegt darin, dass die
Protagonisten/innen oft durch ihre anderen Auffassungen an der vorherrschenden Gesellschaft
scheitern und ihr Leben in manchen Fällen durch Selbstmord oder durch Freitod rebellierend
beenden.

Roman/Briefroman

Die Form des Briefroman gewann erst durch Goethes „Die Leiden des jungen Werther“
wirklich an Bedeutung und lässt sich als Form sehen, die speziell zum Sturm und Drang und
dessen Einstellungen in der Literatur und der Gesellschaft passt. Das liegt daran, dass er dem
Autor die Möglichkeit gibt, die Gefühle des Briefe Schreibenden sehr deutlich und exakt
auszudrücken, da dieser intim an einen bestimmten, meist sehr vertrauten, Adressaten schreibt
und seine Gefühle ohne Vorbehalte erwähnt, was im Drama nur durch Monologe und
Gespräche wesentlich schwerer auszudrücken ist.
Die neu entstandene Form ermöglicht dem Autor völlige Freiheit in der Gestaltung der
einzelnen Briefe, in denen keine bestimmte Struktur von Nöten ist, an die er sich zwingend
halten muss. Somit muss er sich an keine gestalterische Schranke halten und kann, wie es im
Sturm und Drang Ziel war, seine Kunst frei entfalten.
Auch am Roman des Werthers lassen sich diese Vorteile genau zeigen. Werther verwendet in
seinen Briefen, die an keine logische Struktur gebunden sind, oft Aposiopesen, die er auch mit
Gedankenstrichen verstärkt. Genauso verwendet er die in der Aufklärung verpönten
Inversionen und drückt durch diese gestalterischen Mittel seine Leidenschaftlichkeit und die
Tatsache aus, dass er sein Handeln an seinen Gefühlen festmacht.
Den daraus entstehenden Widerspruch zur Aufklärung erkennt man auch inhaltlich an der
Aussage, dass der Gesandte Feind jeglicher Inversionen ist und nie mit den Aufsätzen
Werthers zufrieden ist.

Weitere Formen

Auch nennenswert hinsichtlich der Formen des Sturm und Drangs sind die Balladendichtung
und die damalige Lyrik.
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Mit der Ballade entwickelte sich eine neue Form der Lyrik, die ein einfach geschriebener
lyrischer Text in Liedform darstellt, der auch von unteren Schichten im Volk verstanden
wurde, auf die die Ballade in dieser Zeit besonders einwirken sollte. Somit waren auch die
Eigenschaften weiter von der normalen Lyrik entfernt, da man zum Beispiel viel mit
Lautmalerei arbeitete.
Beispiel für eine Ballade des Sturm und Drangs stellte Bürgers „Lenore“ dar.
Die Lyrik im Allgemeinen orientierte sich hauptsächlich an dem griechischen Lyriker Pindar,
der im Sturm und Drang als das anerkannte Genie der Lyrik galt und an dem sich auch
besonders Goethe beim Schreiben seiner Prometheus Hymnen orientierte, die Pindars
Vorstellungen widerspiegeln.

Das Ende der Literaturperiode


Wie sich schon am Anfang deutlich zeigte, dauerte der Sturm und Drang lediglich ein bis
zwei Jahrzehnte und galt 1781 schon als längst historisch. Ein Grund für dieses rasche
Ausklingen lässt sich schon aus Goethes Werther ablesen: Werther, der schon am Anfang des
Buches leicht den Hang zum Selbstmord andeutet und ihn letzten Endes nach seinem
endgültigen Scheitern an der Gesellschaft auch begeht, zeigt, dass er zwar die Gesellschaft
mit ihrer Unterdrückung der Gefühle und Leidenschaften kritisiert, aber dennoch selbst nicht
sagen kann, wie man in solch einer Zeit anders als disziplinierend mit solchen Leidenschaften
umgehen soll, was für ihn den schließlichen Entschluss des Suizids bedeutet.
Literaturgeschichtlich gilt Lenz, einst ein begeisterter Stürmer und Dränger, als Vollstrecker
des Sturm und Drangs, da er viele Autoren kritisierte, die die erwirkten literarischen
Freiheiten nutzen, ohne dass sie eigentlich nötig waren.
Somit lässt sich das Ende dieser Periode in der deutschen Literatur zeitlich mit dem Beginn
Goethes Italienreise und Schillers Kantstudien gleichsetzen.

Quellen:

Textstellen: (1) Ernst Borries: Deutsche Literaturgeschichte Band 2, dtv, S. 267


(2) Goethe: Die Leiden des Jungen Werther, Hamburger Lesehefte, S 34 oben
(3) Goethe: Die Leiden des Jungen Werther , Hamburger Lesehefte, S 55
(4) Goethe: Die Leiden des Jungen Werther , Hamburger Lesehefte, S 59
(5) Luserke: Sturm und Drang, Reclam, S 77 unten

Weitere Quellen für einzelne Abschnitte:

Was ist Sturm und Drang?: - Luserke: Sturm und Drang, Reclam, S 23 ff.
- Ernst Borries: Dt. Literaturgeschichte Band 2, dtv, S 91 ff
- Walter Jens: Kindlers nLL ,Band 20, S 132
Motive und Kritik: - Luserke: Sturm und Drang, Reclam, S 43ff
- Luserke: Sturm und Drang, Reclam, S 98ff
- Ernst Borries: Dt.Literaturgeschichte Band 2, dtv, S 193f
Genie-Ästhetik: - Ernst Borries: Dt.Literaturgeschichte Band 2, dtv, S 199ff
- V Luserke: Sturm und Drang, Reclam, S 63-87

Zudem: Mario Leis: Lektüreschlüssen „Die Leiden des Jungen Werther“, Reclam
www.wikipedia.de/wiki/Sturm_und_Drang (25.11, 14:54Uhr)

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