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DAS KUNSTMAGAZIN // MÄRZ 2017

EXKLUSIVES PORTFOLIO : »Atelier 1986 bis 2017«

Wolfgang Tillmans
Das Interview mit Deutschlands wichtigstem Fotokünstler

DAVID HOCKNEY: Zur großen Retrospektive in der Londoner Tate


RICHARD GERSTL: Ein Wiener Künstler-Schicksal

D € 9,80 // A € 11,30 // CH sfr 16,80// I € 13,20


E € 13,20 // B, NL, LUX € 11,50
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. Das macht was mit dir!


EDITORIAL

Auch im Atelier macht die


Betrachtung die Kunst
LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

Wolfgang Tillmans ist ein Phänomen. Fotografen, das ist meine


Erfahrung, sind in der Regel die prätentiösesten Künstler. Ich
vermute, es liegt daran, dass sie ihre Kunst aus etwas machen,
das heute eigentlich jeder ein bisschen kann. Das wäre auch die
Erklärung dafür, dass Fotografien in Galerien immer größer
und die Rahmen immer schwerer werden. Und auch dafür, dass
viele Fotografen ihr Konzept oft über Jahrzehnte beibehalten,
um nur ja erkennbar zu bleiben. Alles, um den Kunstwert ganz
dick zu unterstreichen.
Ganz anders Wolfgang Tillmans: Seit Mitte der neunziger
Jahre ist er mit größten Wandlungen immer präsent geblieben.
TIM SOMMER,
CHEFREDAKTEUR Hat sich von einem Reporter der eigenen Jugendkultur zu
chefredaktion@art-magazin.de einem Künstler entwickelt, der ein großer Romantiker und poli-
tischer Aktivist zugleich ist. Seine Ausstellungen haben die
Leichtigkeit des Anfangs bewahrt. Fast beiläufig kombiniert er
matte Tintenstrahldrucke und hochglänzende Prints, oft unge-
rahmt mit Stahlstiften an die Wand gepinnt, zu Tableaus voller
spielerischer Assoziationen und mit einer immensen Kraft, die
aus dem Nebeneinander von Schönem und Drastischem kommt.
Für ARThat er ein großes Portfolio zusammengestellt, das
dieses Heft eröffnet. Es zeigt Ansichten seiner diversen Ateliers
vom Jugendzimmer in Remscheid über London bis nach Berlin,
wo ihn unsere Autorin Ute Thon zum Interview getroffen
hat. Aber was ist das Atelier eines Fotografen, der keine Studio -
aufnahmen macht? Es ist vor allem der Raum, so erklärt er
im Gespräch, in dem er begutachtet, was draußen entstanden
ist: »Ich gucke hier Bilder an, um zu sehen, ob sie halten.«
Von Gerhard Richter ist bekannt, dass er seine fertigen Gemäl -
de in eine Art Kühlkammer bringt, wo er sie von Zeit zu Zeit
besucht, um sie zu prüfen. Was nicht standhält, wird entsorgt
oder überarbeitet. Ganz ähnlich also läuft es bei Tillmans.
Ob ein Bild ein Werk ist, entscheidet letztlich die Betrachtung.
Das halten Sie für prätentiös, dass ein Künstler allein
Wolfgang Tillmans 2016 durch Betrachten aus Fotografien Kunst machen kann? Besu -
in seiner Ausstellung in der chen Sie seine aktuelle Ausstellung in London oder im Sommer
Berliner Galerie Buchholz
in Basel. Sie werden sehen, es funktioniert!
Früher dran: Sein erstes
Portfolio hat Tillmans bereits
1999 für ART gestaltet.
Es ist nun Teil der Schau der
Londoner Tate Modern

Im Normalfall reden wir ja mit den Künstlern selbst.


Aber das Gespräch mit Martin Gayford über David Hockney
war mindestens genauso ergiebig. Ab Seite 42
3
42
DAVID HOCKNEY

20
WOLFGANG TILLMANS

54
RICHARD GERSTL
62
NEO RAUCH

KARL-HEINZ ADLER

82

68
VIVIANE SASSEN

4
TITELBILD: INHALT // MÄRZ 2017
Wolfgang Tillmans
DAS KUNSTMAGAZIN // MÄRZ 2017
im Videostill des
Visual Albums zu
seinem Musikprojekt
»Fragile«, 2016

EXKLUSIVES PORTFOLIO : »Atelier 1986 bis 2017«

Wolfgang Tillmans
Das Interview mit Deutschlands wichtigstem Fotokünstler

DAVID HOCKNEY: Zur großen Retrospektive in der Londoner Tate


RICHARD GERSTL: Ein Wiener Künstler-Schicksal

D € 9,80 // A € 11,30 // CH sfr 16,80// I € 13,20


E € 13,20 // B, NL, LUX € 11,50

TITEL
WOLFGANG TILLMANS Vom Club Kid zum
AUSSTELLUNGEN
KÖLN Otto Freundlich 112
8 RADAR

Europa-Aktivisten – wie Deutschlands wich - BASEL Maria Loboda 114


RADAR
BILDER+THEMEN
DES MONATS

tigster Fotokünstler seine unverwechselbaren


ESSEN Maria Lassnig 115
Bilder schafft. Ein Gespräch über Leichtigkeit,
Lebenslust und politisches Engagement 36 PARIS Vermeer und die Genremalerei 116

Exklusiv: Für art hat Wolfgang Tillmans ein B E R L I N Moving is in every direction 117
Portfolio gestaltet: »Atelier 1986–2017« 20 W E I L / R H . Hello, Robot 118
Im Angesicht der Unterdrückung
Es gibt nicht viele Künstlerinnen in Saudi-Arabien. Nach einem Bericht des
Weltwirtschaftsforums über Geschlechtergerechtigkeit von 2016 rangiert die
absolute Monarchie, in der die Rechtsprechung der Scharia gilt, auf Platz 141
von 144 Ländern. Frauen dürfen praktisch nichts ohne die Zustimmung ihres
männlichen Vormunds (Vater, Bruder, Onkel, Ehemann), nicht mal Auto fahren.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Arbeit Land of Dreamsder erst 25 Jahre
alten saudischen Künstlerin Ahaad Alamoudi äußerst mutig. Dabei stellte sie
nur das unverschleierte, geschminkte, zum Teil lasziv blickende Antlitz der
Sängerin Ahlam Alshamsi auf Pappaufstellern am Strand von Dschidda in der

B E R L I N John Bock
Provinz Mekka auf. Alamoudi weiß, wie frei das Leben von Frauen sein kann,

120
sie lebt in London und studiert dort am royal college of art.

RADAR
9

PARIS Rodin: Die Jahrhundertschau 121


BILDER DES MONATS Filmstars im Wüsten-
sand, brutaler Spielplatz, Malwettkampf in
WIESBADEN Richard Serra 122 112 AUSSTELLUNGEN
Japan. A K T U E L L Ü B E R S C H Ä T Z T Patentierte WIEN Lawrence Alma-Tadema 123 Picassos Sparringspartner
Der Schöpfer des »Neuen Menschen«
AUSSTELLUNGEN tritt aus dem Schatten seiner Mörder

Pigmente. D E R A R T - C A R T O O N Frank Nikol.


DIE HÖHEPUNKTE Otto Freundlich:
IM MÄRZ Kosmischer Kommunismus,
Köln , Museum Ludwig,

KALENDER
bis 14.5.2017
VORBERICHT

KUNST FÜR EINE BESSERE WELT Wie Abstrakte Formen


verbunden mit
dem Farbzauber mit-
telalterlicher
Glasfensterkunst
DIE ROSETTE II, 1941,
A
uf perverse Weise haben
vielleicht nur die Nazis
Otto Freundlichs Bedeu-
tung für die moderne
Kunst erkannt. Sie setzten seine 1912
entstandene Skulptur Großer Kopf

Jeanette Zippel mit ihren Skulpturen Bienen


65 X 50 CM
unter dem Namen Neuer Mensch auf
Die ungegenständliche das Katalog-Titelblatt der »Entartete
Kunst sollte für eine Kunst«-Ausstellung und sicherten

Die internationalen Kunsttermine


bessere Welt stehen dem deutsch-jüdischen Künstler so
KOMPOSITION, 1931, seinen Platz in der Kunstgeschichte.
81 X 60 CM
Allerdings fiel es der Nachwelt dann
Ausdruck der Hoffnung offenbar schwer, in Freundlich (1878
KOSMISCHES AUGE,
bis1943) mehr zu sehen als einen

rettet. KUNST AUS DEM OFF 94-Jähriger


1921/22, 81 X 65 CM Lieblingsfeind der NS-Kulturpolitiker.
Blättert man etwa in einer aktuellen
Die 1912 entstandene achtbändigen Geschichte der bilden-
Skulptur, der die

im Überblick
den Kunst in Deutschland, könnte

124
Nazis zu trauriger
Berühmtheit verhal- man beinahe auf den Gedanken kom -
fen, ist verschollen men, Aufmerksamkeit gebühre die- zu sehen, darunter ein großes Mosaik
GROSSER KOPF sem Künstler vorrangig, weil er von aus der Kölner Oper und eine Viel-
(»NEUER MENSCH«),
TITELBILD DES AUS- den Nazis gefangen genommen und zahl seiner fantastischen abstrakten
STELLUNGSFÜHRERS in Majdanek ermordet wurde. Kompositionen. In den dreißiger

als neue Fotoentdeckung


ENTARTETE KUNST, 1937

8—19
»Er war eine zentrale Figur, und Jahren fand Freundlich zu einem Stil,
wir haben ihn einfach vergessen«, der die moderne Auflösung des Ge-
sagt dagegen Julia Friedrich. Sie orga- genstands mit dem Farbzauber der
nisiert die große Freundlich-Retro- mittelalterlichen Glasfensterkunst ver-
spektive im Kölnermuseum ludwig band – und so erst wirklich zum Leuch-
und sieht Freundlich, den Maler, auf ten brachte. Aus der religiösen Heils-
einer Ebene mit dem Klassiker Robert gewissheit des himmlischen Lichts
Delaunay und Freundlich, den Bild- machte Freundlich eine soziale Utopie:
hauer, als Sparringspartner Pablo Mit den Gegenständen sollte auch

JOURNAL
Picassos. Mit Letzterem lebte und ar- das Besitzdenken aus der Welt ver-
beitete Freundlich 1908 in Paris in schwinden, und die einzelnen Farben
Der Katalog erscheint
im Prestel Verlag unmittelbarer Nachbarschaft: »Man sollten sich zu einem neuen, besseren
und kostet 49,95 Euro, sieht die Auseinandersetzung der Ganzen fügen. Ähnliche Gedanken
im Museum 39 Euro. beiden«, so Friedrich, »wie sie einan- prägten auch Freundlichs Skulpturen.
Vom 10. Juni bis 10. Sep - der über alle Gegensätze hinweg an- In Ascension (1929) werden überein-

THEMEN
tember gastiert die
Ausstellung im Kunst -
spornen und akzeptieren.« andergestapelte Steinbrocken auf
museum Basel. Beinahe 40 Jahre nach der letzten wunderbare Weise in Balance gehalten:
Freundlich-Retrospektive in Bonn soll Ausdruck seiner Hoffnung, dass eine le-
Gegen Vorlage ihrer
artCard erhalten der Erfinder des »Kosmischen Kommu- bendige Gemeinschaft die Schwerkraft
unsere Abonnenten nismus« nun dauerhaft aus dem langen ihrer inneren Widerstände überwin-
ermäßigten Eintritt. Schatten seiner Mörder treten. Rund den und eine klassenlose Gesellschaft
80 Exponate sind im museum ludwig bilden kann. // MICHAEL KOHLER

112 113

ASIEN-BOOM Kochi, Schanghai oder


DAVID HOCKNEY Wie tickt der berühmte Singapur – was die vielen Kunst-Biennalen
Maler, der in London gerade groß gefeiert
wird? Wir haben seinen Freund und Kritiker
in Südostasien zu bieten haben 134 134 J OURNAL
ENTDECKUNG Hinterglasbilder von
Martin Gayford gefragt 42 JOURNAL

Heinrich Campendonk eröffnen neuen NACHRICHTEN


UND DEBATTEN

RICHARD GERSTL Sex, Lügen und Selbst- Blick auf die Jahre des Blauen Reiters 136 W
ährend man sich im
Westen auf die pralle
Kunstsaison 2017
Südostasiatische
Künstler gehen
Das reinste Kontrastprogramm
zu dem brüchigen Charme
Südindiens bietet die s inga -
Hölzerner Sweatshop
(Kochi-Muziris-Biennale)
ISTVÁN CSÁKÁNY:
GHOST KEEPING, 2012

Toilettenraum aus Papier


(Kochi-Muziris-Biennale)
vorbereitet, schließen in Asien pur- biennale , die zum fünf-

mord – die Geschichte des Wiener Moderne-


DIA MEHTA BHUPAL:
diverse Biennalen ihre Tore. heute selbstbe - ten Mal stattfindet. »An Atlas BATHROOM SET, 2016
Bereits Ende der neunziger Jah- wusster mit ihrer of Mirrors« lautet ihr Titel,
re während des China-Kunst- Vergangenheit um und sie spielt sich ausschließ-
booms etabliert, kann sich die lich in voll klimatisierten

C H I N A K R A C H E R Erstes Gallery Weekend


schanghai-biennale ihrer Ausstellungshäusern ab. Mu-
weltweiten Strahlkraft erfreu- seale Eleganz und inhaltli-
en – zumal die aktuelle Ausgabe nen: raumfüllende Schnitze- che Konsequenz gehen Hand Win Aung & Wah Nu. Immer
von dem bewährten Künstler-/ reien des Ungarn István Csáká- in Hand und füllen das The- wieder werden die Folgen der

Malers ist filmreif. Jetzt wird das tragische


Aktivistenteam Raqs Media ny, ein rostiges Bauwerk aus ma der geopolitischen Be- Kolonialzeit aufs Korn genom-
Collective kuratiert wurde. Doch Leuchtmitteln von Chittrovanu standsaufnahme mit Leben. men, etwa von Künstlern aus
wie steht es um ihre jüngeren, Mazumdar aus Kalkutta, eine Zwar gibt es auch hier Mate - Bangladesch, Pakistan, Indone-
weniger bekannten Schwestern 25 Meter lange Fotoinszenie- rialschlachten wie Subodh sien und Vietnam. Da gibt es
in der Region? rung des Chinesen Dai Xiang Guptas Orgie aus indischem durchaus Momente von Bitter-

in Peking nach Berliner Modell geplant 138


Wie exzellent eine Großaus- oder Dia Mehta Bhupals Raum - Kochgeschirr oder Deng nis und Verlust, generell je-
stellung als belebender Stand- repliken aus gefalteten Druck- Guoyuans Spiegelkarussell doch scheint sich das Opferste-
ortfaktor funktioniert, zeigt Erzeugnissen. Diese Konzentra - aus chinesischen Kunstblu- reotyp des postkolonialen Dis-
die kochi-muziris-biennale tion auf Raumästhetik mag men. Generell aber überwie- kurses aufzulösen.

Genie neu entdeckt 54


im südindischen Bundesstaat auch damit zu tun haben, dass gen poetische und handwerk- »Statt sich nach Westen zu
Kerala. Einst als legendärer in Kochi traditionell ein be- lich feine Arbeiten wie etwa orientieren, gehen die Künst-
Umschlagplatz für Gewürze be- kannter Künstler Regie führt, die filigranen Landkarten- ler Südostasiens heute viel
rühmt, stehen heute zahllose aktuell Sudarshan Shetty aus zeichnungen des Sri Lankers selbstbewusster, sogar humor-
Lagerhallen und Hafengebäude Mumbai. Er beauftragte mate- Pala Pothupitiye oder Gregory voll mit ihrer Tradition und
leer und dienen als temporäre rial- und arbeitsintensive Wer- Halilis umwerfende Konterfeis ihrer Vergangenheit um«, stellt
Ausstellungsorte. Als beson- ke, die im Dienste des Effekts der Augen von philippini- Tan Siuli vom s ingapore a rt
ders weitläufig erweist sich das kritische und charmante Ideen schen Fischern, gezeichnet auf museum und Mitglied des

PLEITE Warum das Online-Auktionshaus


Gelände einer einstigen briti- schon mal unter Formwieder- winzige Perlmuttstücke. zehnköpfigen Kuratorenteams
schen Handelsniederlassung, holungen begraben. Aus dem lange abgeschot- fest. An weiteren Ausstellungs-
das Aspinwall House. Dass Während arrivierte Künst- teten Myanmar kommen orten wie dem n ationalmu -
Platznot kein Thema ist, bewei- ler hier offensichtlich von der kritische Beiträge wie die in seum , dem m useum der asia-

Ein Dokumentarfilm kommt


sen spektakuläre Installatio- Verfügbarkeit preiswerter politischer Haft entwickelte tischen zivilisationen oder

NEO RAUCH
Arbeitskraft profitieren, über- Bodenarbeit aus geschnitzten dem p eranakan museum drif-
raschen die Kunststudenten Seifenstücken von Htein Lin tet der Besucher automatisch
der parallelen Studenten- oder eine Diaschau mit ver- in die Dauerausstellungen ab

a uctionata Insolvenz anmelden musste


Biennale mit klugen Beobach- blassenden Porträts burmesi- und ergänzt en passant histori-

139
tungen etwa zur Misere von scher Widerständler von Tun sches Wissen.

Kontrastprogramm Spiegelkabinett bei einheimischen Billiglöhnern. Singapur punktet mit kura-


der Singapur-Biennale Dort findet man auch viel eher torischer Finesse und Klarheit,
DENG GUOYUAN: NOAH’S Kommentare zu politischen während Kochi mit Lokalko-

dem scheuen Leipziger Maler ganz nah – und


GARDEN II, 2016
Krisen oder zum allgegenwär- lorit und Emotionen operiert.
BIENNALEN Die Asien-Biennalen trumpfen mit spektakulären Installationen, Mimisches Spiel bei der
tigen Raubbau an der Natur. Für Lokale Identität und entspann-
die Entdeckung von versteck- te Internationalität bilden ei-
politischen Kommentaren, kuratorischer Finesse und musealer Eleganz Kochi-Muziris-Biennale
ten Schauplätzen sollte man in ne unschlagbare Mischung. //
HANNA TUULIKKI: SOURCE-
MOUTH: LIQUIDBODY, 2016 Kochi reichlich Zeit einplanen. SUSANNE ALTMANN

135

zeigt, bei welchen Sammlern seine Bilder im RESTITUTION Wie das l eopold-Hoec H-
Schlafzimmer hängen 62 Museu M zum Vorbild wurde 140

VIVIANE SASSEN Tulpenwahn und Schat - AUSSER HAUS Till Briegleb über Donald
tenspiel – wie die niederländische Foto- Trumps goldlackierte Architekturträume 141
grafin zwischen Mode und Kunst wandelt 68 WÜSTENKUNST Neville Wakefield plant
B I L D S E M I N A R Wolfgang Ullrich über erste »Desert«-Biennale in Kalifornien 142
Limo-Labels und verwischende Grenzen zwi - VIEL HOLZ Die ehrliche Buchkolumne 143
schen Rechts und Links im Internet 80
KINDER ERKLÄREN KUNST Gerhard
KARL-HEINZ ADLER Er tauschte sich mit Richters Lesende 146
Picasso aus und schuf faszinierende Abstrak -
tionen. Dennoch ist der Dresdner Künstler RUBRIKEN
mit 89 Jahren immer noch ein Geheimtipp 82
Editorial 3
MEILENSTEINE Jan van Eycks Arnolfini- Betreff: art 6
Hochzeit , ein Meisterwerk, das seit fast
500 Jahren Rätsel aufgibt 92 Leserservice, Impressum,
Fotovermerke 144
STARTER Die Kunststars von morgen –
diesmal Yuki Yamamoto, Anna Betbeze, Im nächsten Heft 145
Nicolas Nicolini und Lorella Paleni 98
5
BETREFF: ART

FEEDBACK
Gespräch im Atelier:
ART-Korrespondentin
Kerstin Schweighöfer Keine Schönheit
(links) mit der Foto- »Pathos, Pomp, Poesie« – Tanja Beuthien
künstlerin Viviane über Cy Twombly (1/2017)
Sassen in Amsterdam
Mag ja sein, dass der »souveräne alte Meis-
ter«, wie es in dem Artikel zu Cy Twombly
heißt, vor allem die Schönheit liebte. Leider
Natürlich war es einfach nur Zufall, aber ein war es ihm aus meiner Sicht nicht vergönnt,
wenig geisterhaft war es doch: Als der Anruf davon etwas zu Papier, auf die Leinwand
der art -Redaktion das Mobiltelefon der Öster- oder sonst ein kunsttaugliches Material zu
reich-Korrespondentin erreichte, stand sie bringen. Der Häme der zu seiner Zeit nicht
zufälliger Weise gerade im Wienerbelvedere. ganz unmaßgeblichen Künstler kann
Vor einem ihrer absoluten Lieblingsbilder, ich mich – nachträglich – nur anschließen.
den Schwestern Fey von Richard Gerstl. Über REINHARD KESSEL, PER E-MAIL

den sie, so hieß es aus der Hamburger Re-


daktion, jetzt doch bitte ein längeres Porträt Fleißarbeit
schreiben solle. Weil man ihn in Deutsch- »Aktuell überschätzt« – Adrienne Braun
land nicht so kenne, diesen unbekannteren über Kunst, deren Basis das Sammeln
und Archivieren ist (12/2016)
Es war so ein Atelierbesuch, wie er für Vierten im Bund der Wiener Modernen Gustav
Auch ich habe im letzten Jahr verschiedent -
Amsterdam typisch ist: Mitten im Grachten- Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka. Da
lich vor solchen Arbeiten gestanden
gürtel gibt es einen schmalen Durchgang musste vor lauter Freude der Korrespondentin
und mich gefragt, an welcher Stelle womög -
zwischen zwei Häusern, man gelangt in einen natürlich sofort ein Selfie der dritten Schwes-
lich aus dem Fleiß des Künstlers für
durch Umbauarbeiten total verbarrikadierten ter Fey im Geiste über alle Landesgrenzen
ihn Erkenntnis geworden sein mag – und
Hinterhof und erklimmt schließlich am besten hinweg gesandt werden. Ganz ohne nacht-
welche Chance die Arbeit mir gibt, dies
ganz vorsichtig eine steile Treppe, die eigent- mahrblasses Ballkleid zwar, aber immerhin ein
nachzuvollziehen. Selbst mit den gesam -
lich die Bezeichnung Leiter verdient. Sind wir wenig blass um die Nase. Am Schreibtisch
melten Schreibzeiten der vielgelobten
hier wirklich an der richtigen Adresse ange- versenkte sich Spiegler dann in das kurze,
Hanne Darboven erging es mir nicht besser.
langt? Wer es wagt, hochzukraxeln, steht auf tragische Leben des Malers Richard Gerstl,
Positive Gegenbeispiele des Archivierens
einmal in einem lichtdurchfluteten Raum mit ihr Porträt lesen Sie ab Seite 54.
sind die Arbeiten des Mönchengladba-
einem Panoramablick über die Amsterdamer
cher Künstlers Norbert Krause: Vor einigen
Dachlandschaft mit ihren vielen verschiedenen
Jahren veranstaltete er eine sogenannte
Giebeln. Das ist das Reich von Viviane Sassen.
»Para_dies-Tour« durch einige Städte am
Wie viel Zeit die niederländische Fotokünst-
Niederrhein und sammelte dort unter einer
lerin hier oben verbringt, beweist die Hänge-
Palme stehend Lieblingsorte bei den Be-
matte, die sie von einem Suriname-Besuch mit-
Spontanes Selfie wohnern. Spätestens bei späteren Ausstel -
gebracht hat. Und die große Spielecke für ihr vor Richard Gerstls lungen dieser archivierten Hinweise,
Söhnchen, das dort unzählige Legosteine »Die Schwestern
Karoline und Erinnerungen und Empfehlungen wurde
und die Einzelteile einer zerlegten Ritterburg
Pauline Fey«: ART- klar, es muss nicht die Palme in der Südsee
hinterlassen hat. Das Porträt von Viviane Korrespondentin sein. Man kann das Paradies durchaus
Sassen beginnt auf Seite 68. Almuth Spiegler
vor Ort finden, wenn man nur die Augen
aufmacht. Da nahm man als Rezipient
einiges an Erkenntnis mit nach Hause!
EVELYN LARISIKA, PER E-MAIL
ART – D A S D I G I T A L E M A G A Z I N
art gibt es für iPad und iPhone und jetzt auch für Android-
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Smartphone und -Tablet – erhältlich im App Store und imart -
Shop. Abbildungen in höchster Auflösung erlauben es dem Wie haben Ihnen dieses Heft oder einzelne
Nutzer, der Kunst ganz nahezukommen. In diesem Monat Beiträge gefallen? Haben Sie Kritik, Anregungen,
stehen unsere Titelgeschichte über Wolfgang Tillmans und ein Hinweise für uns? Ihre Meinung interessiert uns!
Interview mit David Hockneys Gefährten Martin Gayford LESERBRIEFE
im Mittelpunkt. Es gibt verschiedene Bezugsmöglichkeiten: So ART-Leserbriefredaktion,
Brieffach 25,
20444 Hamburg, Fax: (040) 3703-5618,
ist das digitale Magazin im Einzelkauf für 6,99 Euro, im monat- E-Mail: kunst@art-magazin.de
lich kündbaren Abo für je
facebook.com/art.de
6,99 Euro und im Jahres- twitter.com/art_magazin
ART auf dem Tablet – abo für 6,50 Euro er-
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Printausgabe. Alle Informationen zu Abonnement- und
Einzelheftbestellung finden Sie auf Seite 144

6
RADAR
BILDER+THEMEN
DES MONATS
Im Angesicht der Unterdrückung
Es gibt nicht viele Künstlerinnen in Saudi-Arabien. Nach einem Bericht des
Weltwirtschaftsforums über Geschlechtergerechtigkeit von 2016 rangiert die
absolute Monarchie, in der die Rechtsprechung der Scharia gilt, auf Platz 141
von 144 Ländern. Frauen dürfen praktisch nichts ohne die Zustimmung ihres
männlichen Vormunds (Vater, Bruder, Onkel, Ehemann), nicht mal Auto fahren.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Arbeit Land of Dreamsder erst 25 Jahre
alten saudischen Künstlerin Ahaad Alamoudi äußerst mutig. Dabei stellte sie
nur das unverschleierte, geschminkte, zum Teil lasziv blickende Antlitz der
Sängerin Ahlam Alshamsi auf Pappaufstellern am Strand von Dschidda in der
Provinz Mekka auf. Alamoudi weiß, wie frei das Leben von Frauen sein kann,
sie lebt in London und studiert dort am royal college of art.

9
RADAR BILDER DES MONATS

Brutaler Spielplatz
Verletzungsgefahr scheint keine Rolle
bei der Konzeption des Spielplatzes in
London-Pimlico (kleines Foto von 1978)
gespielt zu haben: Wabenberg und
schräge Ebene aus Waschbeton bie-
ten ideale Bedingungen für Schürf- und
Platzwunden. Viel netter sieht das
Remake auf dem großen Bild aus, das
noch bis 16. April Teil von »The Brutalist
Playground« imvitra-design-museum
aufgebaut ist. In der Ausstellung geht
es um den Brutalismus, eine in den fünf-
ziger Jahren in Großbritannien begrün-
dete Architekturrichtung, deren grobe,
expressive Formensprache und Vorliebe
für Beton gerade wieder groß in Mode
sind. In Weil am Rhein sind Kinder und
Erwachsene eingeladen, die brutalisti-
schen Spielplatzformationen zu erklettern
und erklimmen, die zum Glück ganz
weich mit Schaumstoff gepolstert sind.

10
RADAR BILDER DES MONATS

Schönheit, Ausdruck, Perfektion


Jeder Teilnehmer, darunter viele Kinder, hat sein eigenes kleines, mit
rotem Klebeband abgeteiltes Feld in der Nippon-Budokan-Kampfsport -
arena in Tokio. Die Mädchen, Jungen, Männer und Frauen knien auf
großen Blättern, in den Händen halten sie Pinsel, Schalen mit schwarzer
Tinte stehen in Reichweite. Insgesamt sind 5000 Teilnehmer in der Halle,
die sich darum bemühen, positive Wünsche und gute Vorsätze in mög -
lichst perfekter Kalligrafie zu Papier zu bringen. Die Atmosphäre bei
dem jährlich im Januar stattfindenden Wettbewerb ist höchst konzen-
triert, denn jeder Strich muss sitzen. Die Gewinner werden an der Schön -
heit ihrer Strichführung und dem Ausdruck ihrer Schrift gemessen. Die
Auswertung dauert fast zwei Monate, dann wird der Sieger verkündet.

12
RADAR THEMEN DES MONATS

Vantablack auf
Metallfolie (oben),
Kapoors pink
bestäubter Finger
(Mitte), »Diamond
Dust« (unten)

V
antablack ist die dunkelste bekannte Farbe der Welt. Dieses
Schwarz besteht aus einem Netz von Kohlenstoffnanoröhr-
chen, die 99,9 Prozent des Lichts verschlucken, das auf sie
fällt. Das macht es für das Gehirn unmöglich, Oberflächen,
die mit Vantablack bestrichen sind, zu erfassen, sie verlieren ihre
Konturen, wirken wie tiefe schwarze Löcher. Mit dieser faszinierenden
Farbe könnten Künstler alles Mögliche machen, aber Vantablack darf
weltweit nur von einem Einzigen benutzt werden: Anish Kapoor. Der
britisch-indische Bildhauer will mit dem Ultraschwarz philosophische
Fragen über Zeit, Raum und Identität stellen – ganz große Themen also.
Kapoor, 63 Jahre alt und einer der reichsten Künstler der Gegen-
wart, hat sich die Exklusivnutzungsrechte von Vantablack gekauft. Wie
viel er Surrey NanoSystems, einer britischen Firma aus der Rüstungs-
industrie und Weltraumforschung, dafür bezahlt hat, ist nicht bekannt.
Natürlich brach unter seinen Künstlerkollegen ein Sturm der Entrüs-
tung los. Ein Künstler, der sich das Recht für eine Farbe sichert? Offen-
bar gehen hier jemandem die Ideen aus, und er will seine reiche Kund-
schaft auch weiterhin mit exklusiven Objekten beglücken.
Der Fall führte vor, wie einfach man sich mit Geld einen Sondersta-
tus erkaufen kann. Der britische Maler, Konzeptkünstler und Kurator
Stuart Semple, 36, spottete über Kapoors Exklusiv-Irrsinn mit einer
schönen Aktion: Er entwickelte das angeblich pinkeste Pink und verfüg-
te, dass jeder es über seine Webseite www.stuartsemple.com kaufen
und benutzen darf – außer Anish Kapoor oder Mittelsleute von Anish
Kapoor. Während des Kaufprozesses muss der Kunde sich per Klick dazu
bekennen, nichts mit Kapoor zu tun zu haben und auch nicht in seinem
Auftrag zu handeln. Der vorgeführte Kapoor ließ sich aber mitnichten
einschüchtern, sondern reagierte per Internet-Replik: Auf Instagram pos-
tete er ein Foto, auf dem er Stuart Semple den mit dessen pinkestem
Pink bestäubten Stinkefinger zeigt. Damit hätte der Farbenkrieg eigent-
lich ein Ende finden können. Doch Semple legte nach: Er hat mitDiamond
Dust den angeblich glitzerndsten Glitzer entwickelt, den man ebenfalls
auf seiner Website kaufen kann – wenn man nicht Kapoor ist. Mal se-
hen, wie dieser skurrile Krieg der Superlativ-Pigmente und ihrer Eigen-
tümer weitergeht – mit Schwarz, Pink und Glitzer ist das Farbspek-
trum ja bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. // CLAUDIA BODIN

Aktuell überschätzt: Exklusive Nutzungsrechte für Farben.


Anish Kapoor hat das schwärzeste Schwarz für sich allein
reserviert – und damit seine Kollegen provoziert. Stuart Semple
reagiert, indem er Kapoor vom pinkesten Pink ausschließen will

14
RADAR DER ART-CARTOON

Als wir noch Surrealisten waren:


Standbilder aus der Welt der Kunst

Frank Nikol lässt sich für seinen


ART-Cartoon von Filmstills inspirie-
ren, die er verfremdet und ihres
ursprünglichen Sinns entledigt, so-
dass ein vollkommen neuer Kontext
entsteht. Der preisgekrönte Illustrator
lebt in Hamburg und zeichnet unter
anderem für »Stern«, »Zeit«, »konkret«.
Mehr auf www.frank-nikol.de
15
RADAR THEMEN DES MONATS

Eine Wildbiene sucht Bienenwachs- Werkkomplex »Bienoptik«:


Nektar und Pollen Hängeobjekt aus dem Werk- Bienen nehmen die
auf Schafgarbenblüten komplex »Wabenbau« Natur anders wahr als
Menschen
NAHAUFNAHME AUS JEANETTE AUSSTELLUNG BIENEN–KUNST-
ZIPPELS BIENENGARTEN WELT IM MUSEUM LORSCH 2016 KARDENBLÜTE 2

Kunst für eine bessere Welt: Die Lebensbedingungen für


Bienen werden in Deutschland immer schlechter. Die Konzept -
künstlerin Jeanette Zippel bietet obdachlos gewordenen
Stechinsekten in ihren Nist s kulpturen eine neue Heimat

J
e schlechter die Lebensbedingungen sterben Schlagzeilen machte, ist die bei Stutt - von Renaturierungsmaßnahmen, mitunter
für Bienen werden, desto häufiger tau- gart lebende Konzeptkünstlerin Jeanette macht Zippel sogar Betonwüsten wie Park-
chen sie in der Kunst auf. Pierre Huyghe Zippel. Sie möchte leisten, was die Natur nicht plätze zu Biotopen für Wild- und Honigbienen.
legte für die documenta 13 in Kassel mehr vermag: Ausgehend von einer antiken Jeanette Zippel, die in München Malerei
einen Garten für sie an. Auch auf dem Dach der Darstellung der Artemis mit Bienenhinterleib studiert hat, tauscht sich mit dem Bienenfor -
bundeskunsthalle in Bonn summen Bundes- hat Zippel abstrakte Skulpturen entwickelt, die schungszentrum Würzburg aus und bezieht
bienenvölker für ein wissenschaftlich-künst- sie im Freien aufstellt, um Bienen damit jenen Beobachtungen und Forschungsergebnisse in
lerisches Projekt. Eine, die sich schon für die Nistraum anzubieten, der ihnen zunehmend ihre Kunstwerke mit ein. In ihren Arbeiten
Honigsammler interessierte, bevor das Bienen- abhandenkommt. Oft sind die Skulpturen Teil legt sie zum Beispiel Wege durch Gärten an-
16
Bei obdachlosen Bienen äußerst
beliebt: Zippels Nistskulpturen
FEINSTER MECHANISCHER
werden meistens rasch bezogen
EICHENHOLZSKULPTUR, 2014,
UHRENBAU AUS JAPAN.
235 X 80 CM

hand von Bienentanzformationen an. Außer-


dem fertigt sie Skulpturen aus Wachs, die auf
Formprinzipien des Wabenbaus basieren. Über-
einandergebügelte Wachspapiere spiegeln
Schwänzel- oder Rundtanz, während die mit
Tusche bearbeiteten Drucke der Serie Bienoptik
Blüten wie Löwenzahn, Kapuzinerkresse, Stor-
chenschnabel zeigen – so, wie Bienen sie ver-
mutlich sehen, deren Farbwahrnehmungsspek -
trum in Richtung UV-Licht verschoben ist.
Das Wohlergehen der Bienen ist ein Indika-
tor für den Zustand der Natur. Jeanette Zippels
Bienen erfreuen sich in jedem Fall bester Ge-
sundheit. Mehr als 4000 Löcher besitzt jeweils
eine Nistskulptur. Wenn sie aufgestellt ist, stür-
zen sich meist sofort obdachlose Bienen auf
sie – und hauchen der Kunst durch ihren Einzug
Leben ein. // ADRIENNE BRAUN
RADAR THEMEN DES MONATS

Patels fünfjährige Tochter


Kokila 1975/76 mit einem
Schirm. Patels Frau liebte
es, die Kinder mit Requisiten
posieren zu lassen

Maganbhai Patel 1967 mit seinem


vierjährigen Sohn Ravindra,
der heute das Fotostudio in
Coventry weiterführt
Kecke Pose auf dem Couchtisch:
Gordanbhai Bhakta ließ sich
1957 mit Buch und Brille fotografie-
ren – Accessoires, die ihn wohl
als Intellektuellen zeigen sollen

Kunst aus dem Off: Mit 94 Jahren erlebt Maganbhai Patel


seinen Durchbruch als Künstler – dabei hat der Mann nur ein
paar Jahrzehnte ein Nachbarschaftsfotostudio betrieben

E
in lässig hingefläzter älterer Herr mit seiner Familie wohnte. Den Hintergrund denen die Menschen zeigen konnten, dass sie
mit Turban und Trainingsjacke hält bildeten oft Landschaftsgemälde eines be - erfolgreich waren. »Die Leute mochten mich«,
eine bunte Tasse vor seinen Bauch. freundeten ungarischen Künstlers. sagt Masterji, »ich machte sie glücklich.« Zum
Ein kleines Mädchen mit knallroten Dass es sich bei dem, was der inzwischen Beispiel den Busfahrer Kelly, den Masterji mit
Strümpfen steht mit einem aufgespannten 94-jährige Mann mit seiner Kamera in all den Krawatte und Nadelstreifenanzug festhielt.
Schirm auf einem floral gemusterten Teppich. Jahrzehnten zustande gebracht hat, um unge - Oder die Mutter der Näherin Vimla, die in der
Es ist die Tochter von Maganbhai Patel, dem wöhnliche Aufnahmen handelt, fiel erst vor gut Wohnung Pelzmantel und üppige Ohrringe trägt
Fotografen. 1951 kam er aus Indien ins engli- einem Jahr auf, als seine Tochter Tarla die Bilder und demonstriert, dass sie sich etwas leisten
sche Coventry. Schnell sprach sich herum, dass durchsah. Sie fand Fotos aus einer Zeit, in der kann. Oder Gordanbhai Bhakta, einen fröhli-
der Mann, der in seiner Heimat als Schulleiter in Coventry Aufbruchstimmung herrschte: chen Mann, der sich im Anzug auf einen Tisch
gearbeitet hatte und jetzt sein Geld in einem Automobilfirmen wie Jaguar, Triumph oder Rover gelegt hat – vor ihm ein Buch und eine Brille.
Elektrizitätswerk verdiente, gute Fotos machte. trieben hier die Industrialisierung voran, für Masterjis Fotografie ist nun ein Familien-
Zunächst waren es vor allem Aufnahmen Immigranten gab es zahlreiche Jobs. Man ahnt unternehmen: Die Ausstellungen kuratiert seine
von Verwandten und Bekannten, er fotogra- es in den Gesichtern der Porträtierten, in denen Tochter Tarla – die nächste findet vom 9. bis
fierte sie mit seiner billigen Brownie-Kamera sich Zuversicht, Hoffnungen und Stolz spie- 23. März auf dem focus photography festival
auf Hochzeiten, Feiern oder in seinem eigenen geln. Viele dieser Bilder zeigen Familien, die in in Mumbai statt, danach ist das lightfield fes-
Wohnzimmer. Doch schon bald standen süd- ihren besten Kleidern posieren, um die Aufnah- tival in New York angedacht. Das kleine Foto-
asiatische Immigranten bei ihm Schlange. men zu ihren Verwandten zu schicken. Master- studio führt nun sein Sohn Ravindra, während
1969 eröffnete »Masterji«, wie er respektvoll ji fotografierte auch bei Geschäftseröffnungen der Vater sich an seine neue Rolle gewöhnen
genannt wird, ein Fotostudio, über dem er oder Grundsteinlegungen – Anlässen, bei muss: die des Künstlers. // S A N D R A D A N I C K E
18
Lässige Pose mit Turban und
Tasse. Das Porträt ist von 2000,
der Porträtierte unbekannt.
Manche kamen auf einen Plausch
und landeten auf einem Foto

In den späten Siebzigern ließ die


Mutter der Näherin Vimla sich in ihrem
Wohnzimmer mit Pelzmantel und Ohr -
schmuck fotografieren, um zu zeigen,
was sie sich leisten kann

11. FEBRUAR—21. MAI 2017


ALCHEMIE UND ARABESKE

Sigmar Polke, Dürer Hase (Detail), 1968. Museum Frieder Burda, Baden-Baden © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Sigmar Polke, Dürer Hase (Detail), 1970. Sammlung Froehlich, Stuttgart © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Sigmar Polke

Unser Partner
Atelier
1986–2017

Wolfgang Tillmans
»Das Ding ist,
den Sachen
zu misstrauen«
Seine Bilder sehen leicht aus, fast beiläufig, und brennen sich doch tief in
unser Gedächtnis ein. Das ist Wolfgang Tillmans’ Kunst, die jetzt in zwei
großen Ausstellungen in London und Basel zu sehen ist. Wo die Bilder
entstehen, zeigt Deutschlands wichtigster Fotokünstler im ART -Portfolio
»Atelier 1986–2017«. Im Gespräch erklärt er, wie schwer es ist, diese
Leichtigkeit zu finden, und warum es wichtig ist, politisch aktiv zu werden

INTERVIEW: UTE THON

Wolfgang Tillmans im
Gespräch mit ART- Redak-
teurin Ute Thon, im
Vordergrund ein Modell
seiner Ausstellung in
der Fondation Beyeler
36
D
er Himmel über Berlin ist
frostig-grau. Doch in Wolf -
gang Tillmans Atelier rankt
sich ein Dschungel aus Pflan -
zen zum Licht, lila Ziernes -
seln, samtige Elefantenohren,
rotgelb gestreifte Palmen. Der Fotokünstler
hat sein Studio 2011 aus London an den Ora -
nienplatz verlegt, in eine weitläufige Etage
im Taut-Haus. Hinter Computerbildschirmen
arbeiten Assistenten mit dicken Kopfhörern;
auf Schreibtischen liegen Fotokisten, Magazi -
ne, Bücher, darunter meterlange Papprollen,
in denen Abzüge schlummern. An den Wän -
den hängen einige wenige Fotos, darunter das
Porträt der US-Rapperin Ash B. Dafür, dass
hier gerade mit Hochdruck zwei große, wich -
tige Ausstellungen vorbereitet werden, ist die
Stimmung entspannt, fast meditativ. Till -
Indiz für ein gewisses Spiel mit klassischem
mans, 1968 geboren in Remscheid, zählt zu
Selbstvertrauen Faltenwurf-Sujet
den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart.
ME IN THE SHOWER, 1990 SPORTFLECKEN, 1996
Seine Porträts und Stillleben aus der Clubsze -
ne der neunziger Jahre waren stilbildend für
die Fotografie. Er experimentierte mit Foto -
kopierern, schuf malerische Abstraktionen die ihr Atelier zum Thema gemacht haben? auch eine Lichtinstallation sein. Das in ein
durch chemische Prozesse in der Dunkelkam - Da fallen einem ja große Namen ein: Picasso, Foto umzusetzen macht das Ganze erheb-
mer und nahm in seinen Installationen im - Kirchner, Velázquez … lich unprätentiöser, als es im Galerieraum
mer wieder Stellung zu politischen Themen. … oder Bruce Nauman. Also, ich habe mit mühsam nachzubauen. Insofern ist das Ate -
Zudem betreibt er einen Projektraum unter diesen Motiven 1986 angefangen. Als 18-Jäh - lier ein Raum, in dem ich tatsächlich Objekte
dem Namen Between Bridges . Auch für das riger in meinem Jugendzimmer in Remscheid betrachte, ob das nun Pflanzen oder zweidi -
art -Portfolio hat er sich etwas Besonderes fotografierte ich meinen Schreibtisch mit mensionale Bilder sind. Das ist die eigentli -
ausgedacht: Er zeigt uns Einblicke in seine drei Pflanzen drauf und einem schwebenden che Hauptrolle meines Ateliers. Es ist kein
Arbeitsräume der letzten 30 Jahre: eine Zeit - Drahtgebilde mit Chinakracher dar über. Da klassisches Fotostudio, sondern ich gucke
reise von Remscheid über Hamburg, New gab es noch keine Fantasien von der eigenen hier Bilder an, um zu sehen, ob sie halten. Ob
York, London bis Berlin – und ein magischer Bedeutung. Auf der anderen Seite ist es viel - sie was taugen.
Schlüssel zum Verständnis seines Werks. leicht doch schon ein Indiz für ein gewisses Wie lange musst du denn ein Bild anschau -
ART: Das Portfolio, das du für uns gestaltet Selbstvertrauen. Aber eigentlich arbeite ich en, bis du weißt, dass es etwas taugt?
hast, dreht sich um das Atelier. Es sind Bli - nie bewusst in kunsthistorischen Genre-Be - Das ist ein Prozess, der unterschiedlich
cke in deine Arbeitsräume der letzten 30 griffen. Zum Beispiel habe ich mit meinen lang, meist Wochen, aber auch manchmal Jah -
Jahre – einerseits sehr persönliche Fotos, Fotos von Kleidungsstücken 1991 aus einer re dauern kann. Ich hänge Bilder immer wie -
andererseits ist das ein Thema mit kunstge - direkten Affinität heraus angefangen. Fünf der auf und ab. Das ist wahrscheinlich genau -
schichtlichem Tiefgang. Denn das Atelier ist Jahre später habe ich sie in einer Ausstellung so wie mit Liedern. Bilder wollen immer alle
ein klassisches Sujet, dem sich Künstler dann bewusst Faltenwürfe genannt, um diese Aufmerksamkeit, es gibt attraktive, es gibt lau -
schon seit Jahrhunderten widmen. Was be - dahingeworfenen Jeans in einen anderen Zu - te Bilder, die einem vielleicht erst mal ins
deutet es für dich? sammenhang zu setzen, weil die Leute dach - Auge springen, nach einer Weile aber nerven.
Wolfgang Tillmans: Das Atelier bedeutet ten, da geht es nur um coole Lebensweise. Dann gibt es welche, die sind laut, aber aus
so viel. Es ist mehr als nur ein technischer Auch mein Stillleben auf dem Fenstersims ist einem bestimmten Grund auch wirklich gut.
Ausführungsort, es ist eine Projektionsfläche keine bewusste Referenz an barocke Stillle -
für Gedanken. Natürlich ist man da auch ben. Aber ich denke, dass Künstler schon vor » Mich hat immer
schnell bei Fantasien von Boheme, Kreativi
tät und Authentizität. Ich glaube, darin liegt
- 350 Jahren diese Schwelle von Innen und
Außen und das besondere Licht als reizvoll
fasziniert: Wie
der Zauber, dass es ein Ort der Verwandlung empfunden haben. kommt Bedeutung
ist. Da kommt industriell gefertigtes Foto-
oder Tintenstrahldruckpapier rein, und raus
Der Blick ins Atelier ist für den Betrachter
ja auch ein Blick hinter die Kulissen. In
in das Blatt Papier?«
kommen Arbeiten, die mit Bedeutung aufge - deinen Bildern sieht man ganz profane Din -
laden sind. Das hat mich immer fasziniert: ge, Rechner, Computerbildschirme, einen
Was passiert da? Wie kommt Bedeutung in auseinandergeschraubten Drucker. Ist das
das Blatt Papier? nicht auch eine Art Entzauberung des
Stellst du dich mit diesen Fotografien be - Künstlermythos?
wusst in eine Linie mit anderen Künstlern, Es geht mir eigentlich nicht um das Of -
fenlegen von künstlerischen Prozessen, son -
dern um dreidimensionale Arrangements.
Im Falle des Fotokopierers sehe ich eine tem -
poräre Skulptur. Und diese orangefarbenen
Bilder vom leeren Studio bei Nacht könnten
37
38
Dieses Hinterfragen ist die eigentlich schwere
Arbeit, eine Schärfe der Kriterien zu behalten.
Welche Kriterien sind das?
Es wäre schön, wenn man das so genau
sagen könnte. Aber die Kriterien vagabundie -
ren, sie bleiben nie gleich. Denn wenn die fest -
geschrieben wären, dann würde ich ja nur
noch nach Rezept arbeiten. So aber verändert
sich das Arbeiten durch das, was man vorher
gemacht hat. Das hört sich jetzt vielleicht
schwammig an, aber das ist das Hauptding:
den Sachen irgendwie zu misstrauen und
gleichzeitig nicht Angst zu haben vor Leich -
tigkeit. Der Schwere, also dem, was irrsinnig
wichtig aussieht, zu misstrauen, aber gleich -
zeitig auch zu erkennen, dass manchmal et -
was Schweres auch schwer wirkt.
Gehört Mut dazu, etwas zu machen, dass
vordergründig sehr attraktiv wirkt? Schön -
Motive der Plakataktion gegen Bedrohlich und
heit ist ja ein schwieriger Begriff in der zeit - den Austritt Großbritanniens aus spannungsgeladen
genössischen Kunst. der EU, die man auf Tillmans THE STATE
Ich will Bilder finden, die über die Attrak - Website frei herunterladen kann WE’RE IN, A, 2015
tivität des Sujets hinausgehen und eine Be -
deutung in sich tragen. Himmel und Wasser
sind zum Beispiel Themen, die mich immer Mein Lebenslauf. Ich bin ein Kind der nach - 60 Jahre, der Gleichberechtigung von Frauen,
interessiert haben, aber erst in den letzten kriegseuropäischen Versöhnung und Zusam - der Befreiung von Schwulen und Lesben,
Jahren scheine ich die anfassen zu können. menarbeit. Meine Mutter nahm 1955 an ei- der multikulturellen Stimmung. Das sind ja
So entstand etwa dieses großformatige Bild nem Austausch mit einer Schule in einem enorme Fortschritte, die jetzt diesen Back -
einer bewegten Wasseroberfläche, The State Londoner Vorort teil. Seitdem sind sie und lash ausgelöst haben. Aber man muss sich
We’re In. Es ist schön, hat aber auch eine be - die britische Austauschschülerin gute Freun - immer wieder vergegenwärtigen: Es hat kei -
drohliche Qualität durch diese extrem span - dinnen. Als Teenager haben meine Eltern nen Erdrutsch-Sieg in Amerika gegeben. 52
nungsgeladene Oberfläche. Es kommt mir mich zum Sprachaufenthalt dort hinge - Prozent haben für Hillary Clinton gestimmt.
vor wie ein Bild unserer Zeit. schickt. Dabei habe ich mich in London ver - Das meine ich mit dem Fürchten. Wir dürfen
An welche Bedrohungen denkst du dabei? liebt, 1990 konnte ich dank des EU-Studien - jetzt nicht sagen, es hat sich alles verändert,
Als ich 2005 erstmals meine truth study gebührenausgleichs dann dort kostenlos stu - alles ist ganz schrecklich. Wahrscheinlich hat
center -Arbeit in London ausstellte, Tische mit dieren. Irgendwie hatte ich immer ein starkes es immer 20 bis 40 Prozent von Leuten gege -
Textcollagen, Fotos und Zitaten zu kontrover - Geschichtsbewusstsein, ein Gefühl davon, ben, die autoritär denken. Nach den Land -
sen Themen, hatte ich keine Ahnung, dass dass alles, was wir heute genießen, nicht
zwölf Jahre später der Kampf um Fakten und schon immer so da war, dass auch destrukti -
Fake News zum zentralen Thema der Welt - ve Kräfte am Werk sind. So kann man in Mit -
politik werden würde. Das Schlimmste dar- te-rechts-Medien gerade wieder lesen, jetzt
an ist der Backfire-Effekt, also dass Men- sei es aber auch mal gut mit den Rechten für
schen, die einem Irrglauben verfallen sind, Schwule. Auch die EU ist derzeit extrem un -
ihr Denken nicht verändern, wenn man sie beliebt. Niemand in Großbritannien war be -
mit den Fakten konfrontiert, sondern dass reit, mit Leidenschaft für die EU zu sprechen.
das ihren Irrglauben eher sogar stärkt. Das ist Das ist wie mit den Eltern: Die sind so selbst -
fatal. Über ein paar Verschwörungstheoreti - verständlich für einen da, dass man glaubt,
ker, die nicht glauben, die NASA sei wirklich draufhauen zu können. Es gibt gerade eine
auf dem Mond gelandet, konnte man noch la - große Lust auf Zerstörung.
chen. Aber wenn 40 Prozent der Bevölkerung Glaubst du, dass Künstler eine besonde-
nicht mehr durch Fakten zu erreichen sind,
dann kommen wir auf extrem rutschiges Ter -
re Verantwortung haben, solche Dinge zu
thematisieren?
»Kaumeiner
rain, weil wichtige Entscheidungen durch Eigentlich nicht. Jeder Mensch ist aufge - engagiert sich mehr
nichtfaktische Stimmungen entschieden fordert, die Früchte der Freiheit und Demo - für Freiheit und
werden. kratie ernst zu nehmen und auch ein Min -
Du spielst auf den Wahlerfolg Donald Trumps destmaß an privater Zeit dafür herzugeben. Demokratie. Das ist
in den USA und die Brexit-Entscheidung an. Das tun wir heutzutage nicht. Kaum einer en - natürlich fatal«
Mit einer Plakataktion hast du dich selbst gagiert sich mehr in einer Partei. Das ist na -
sehr für den Verbleib Großbritanniens in der türlich fatal. Es geht nicht nur darum, auf die
EU engagiert. Was hat dich dazu bewogen? Bedrohungen der Freiheit hinzuweisen, son -
dern auch zu ermutigen, keine Angst zu ha -
ben. Man sollte sich nicht so viel fürchten.
Diese moralisch konservative Stimmung
geht doch nur von einer Minderheit aus, her -
vorgerufen von den Fortschritten der letzten
39
Bilder wollen immer
alle Aufmerksamkeit
PAPER DROP (WINDOW)
2006

Abstraktes Werk,
das durch Experimen-
te beim Entwickeln
entstand
URGENCY I, 2006

40
tagswahlen im letzten März hatte die »taz«
eine tolle Überschrift: »85 Prozent der Deut -
schen bleiben cool!« Die haben für die Partei -
en gestimmt, die die Flüchtlingspolitik von
Angela Merkel unterstützen. Stattdessen fixie -
ren sich alle auf diese 15 Prozent und reden
die hoch.
Du hast letztes Jahr mit befreundeten Musi
kern und Performern unter dem Projektna
men Fragile
ausgebracht, eine lockere Mischung aus
Elektropop, New Wave und Drum ’n’ Bass.
Ist das deine Gegenreaktion auf die allge
meine Krisenstimmung?
Spaß und Lebensfreude sind für mich im -
mer vereinbar gewesen mit politischem En -
gagement. Verantwortlich über die Welt nach -
zudenken ist für mich kein Gegensatz, auch
Überschreitungen und Manche Bilder
unverantwortliche Stunden, Überschreitun - Chaos zulassen brauchen mal Pause
gen oder Chaos zuzulassen. Sonst bestimmt MAN PISSING ON CHAIR, LUTZ & ALEX SITTING
ja die Angst und Engstirnigkeit wieder die 1997 IN THE TREES, 1992
Agenda. Das interessiert mich auch an der Mu -
sik: einerseits konkret mit dem Körper zu spre -
chen und dass sie von Natur aus eigentlich Bei der Fondation Beyeler kam Das ist die Herausforderung
völlig nutzlos ist, genau wie die Kunst auch. die Beschäftigung ganz stark vom AUSSTELLUNGEN beim Ausstellungsmachen: Bei -
Hast du neben deiner Fotografie immer Einzelbild, vielleicht auch, weil In der Tate Modern in de Schauen kommen zum Bei -
auch Musik gemacht? die Sammlung so extrem starke London läuft bis spiel ohne die Concorde -Serie
Nein. 1986 habe ich zwei Jahre mit einer Einzelbilder hat. Es geht um einen 11. Juni eine Schau, die aus, ohne Lutz & Alex sitting in
Band experimentiert, dann lange nicht mehr. Begriff von Freiheit, Freiheit zu sich auf Tillmans the trees und Suzanne & Lutz,
Arbeiten von 2003 bis
Eine alte Aufnahme von damals, Fast Lane , schauen, zu machen, zu spielen, zu heute konzentriert.
white dress army skirt . Natürlich
habe ich jetzt in das Fragile -Album reingemixt. leben, zu lieben. Die Ausstellung Vom 3. bis 12. März zu - liebe ich diese Arbeiten immer
Man sieht dich in dem Video singen und hat etwas sehr Positives. Das ist sätzlich eine neue In - noch. Aber um Ausstellungen
auch tanzen. Steckt in dir eigentlich ein Per wichtig in dieser Zeit. Gleichzeitig stallation mit Videos, immer wieder überraschend zu
former, der endlich auf die Bühne will? möchte ich die Bilder wieder neu Musik und Live-Events. machen, ist es auch gut, dass mal
Katalog: Tate Publi -
Ich kann nicht genau erklären, woher die - betrachten und bewertbar ma - shing, 24,99 Pfund. Die manche Arbeiten fehlen. Das Be -
se Hinwendung zum Performativen plötzlich chen, auch außerhalb des Narra - Fondation Beyeler in sondere an beiden Ausstellungen
kam. Es begann mit der Videoarbeit Instru - tivs, das sich an meinem Leben Basel widmet Tillmans ist, dass sie zu 95 Prozent völlig
ment , in der ich Töne mit meinen Füßen ma - orientiert. ihre große Sommer - andere Bilder beinhalten, es also
ausstellung: 28. Mai bis
che, die mich eine Art Tanzbewegung machen Welchen Fokus hat die Ta Te fast keine Überschneidung gibt.
1.Oktober. Katalog: Hat-
lassen. Aber eigentlich sehe ich meine Aus - Ausstellung? je Cantz Verlag. Am 22. Du giltst immer noch als Inbe
stellungsinstallationen auch als das Resultat Sie heißt »2017«, was ich für September startet eine griff des jungen Künstlers, ob
von zehn Tagen und Nächten körperlicher eine Ausstellung, die im Februar Einzelschau im Kunst- wohl du bald 50 wirst und schon
Anwesenheit und Arbeit im Raum. beginnt, für einen interessanten verein in Hamburg. fast überall auf der Welt ausge
Du hast gleich zwei große Ausstellungen, Widerspruch halte, denn es kann stellt hast. Wikipedia listet rund
in der Ta Te Modern in London, und im ja wohl kaum sein, dass all die 150 Ausstellungen auf. Kommst
Mai eröffnet eine Schau in der Fonda Tion Bilder aus 2017 sind. Es geht um du dir manchmal selbst alt vor?
Beyeler in Basel. Wie unterscheiden sich eine Idee vom Jetzt. Es ist keine Retrospektive. Alt werden und alt sein ist nun mal eine Rea -
die beiden? Leitprinzip ist die »Extended Practice«, wie es lität. Das muss man nicht toll finden, aber
Chris Dercon nennt. Es geht darum, dass ich man kann es auch nicht negieren. Es stellt ja
» Es geht um einen eben nicht nur fotografische Bilder produzie - auch einen Wert da. Ich habe immer gemocht,

Begriff von Freiheit, re, sondern auch mediale Installationen wie dass gerade auch ältere Menschen meine
die Tischcollagen des truth study center . Dann Arbeiten gut fanden. Und bestimmte Dinge
Freiheit zu schauen, gibt es kuratorische Arbeiten wie meinen hätte ich vor zehn Jahren noch gar nicht ma -
zu machen, zu Projektraum Between Bridges und die Ar- chen können. So sehr ich vielleicht im Geiste
beit in Magazinen, Zeitschriften, Künstlerbü - jung bleiben will, schaue ich niemals auf
spielen, zu leben chern, die Videos und die Musik. All diese As - 24-Jährige und denke, dass ich jetzt gerne da
und zu lieben« pekte kommen vor. wäre, wo die jetzt sind. //
Es gibt bei dir ja das Prinzip, Bilder aus ver
schiedenen Zeiten und biografischen Kon
texten immer wieder neu zu mixen. Wenn
du heute Fotos anschaust, die vor 25 Jahren
entstanden sind, kommen da noch Emotio
nen auf? Oder ist das irgendwann nur noch
Material?
41
David Hockney wird in
diesem Sommer 80.
Man sieht ihn selten
ohne Zigarette

Bilder vom Pool und


von Freunden machten
den Künstler berühmt
SUNBATHER, 1966,
183 X 183 CM

» Ich
weiß,
dass ich
recht habe «
Wie David Hockney arbeitet, weiß wohl
außer ihm selbst kaum jemand besse r als der
Kunstkritiker Martin Gayford, der den
berühmten Künstler seit Jahren begleitet

INTERVIEW: HANS PIETSCH, PORTRÄTFOTOS: SHAUGHN AND JOHN

43
44
45
Hockneys Terrasse
und Garten in L.A.
GARDEN WITH BLUE
TERRACE, 2015,
122 X 183 CM

Eine Straße und die


Hügel von Hollywood
OUTPOST DRIVE,
HOLLYWOOD, 1980,
152 X 152 CM

Porträt unseres »Beieinem


Interviewpartners
MARTIN GAYFORD,
gemalten Porträt
2013, 122 X 91 CM ist die Zeit in
Schichten auf dem
Bild sichtbar«
46
Haben zwei Bücher
zusammen gemacht:
David Hockney (links)
und Martin Gayford
im August 2014 in Los
Angeles

Mit der Zentral-


perspektive verbindet
Hockney Hassliebe
A LAWN BEING
SPRINKLED, 1967,
152 X 152 CM

M
artin Gayford, groß, Richtungen. Man beginnt mit ei- hen. Daneben beschäftigt er ein
schlank und mit wei - nem Thema, daraus entwickelt WEITERLESEN Team, das in Los Angeles in ei-
ßem Haar, sitzt in sei - sich dann ein nächstes, und es Martin Gayford nem recht großen Gebäude auf
nem Wohnzimmer in kann passieren, dass man plötz - und David Hockney: dem Santa Monica Boulevard
der Universitätsstadt lich über das Rauchen redet. »Welt der Bilder. Von arbeitet – es druckt, kümmert
Cambridge, umgeben Das Rauchen? der Höhlenmalerei sich um sein Archiv, um Fragen
bis zum Screen«
von Arbeiten der Künstler, die er über die Jah - Ja, er ist ein passionierter Rau - (Gespräche), Sieve - des Copyrights und so weiter. Er
re begleitet hat: David Hockney, Lucian Freud, cher und hasst das Rauchverbot king Verlag, 2016. führt also eine Art mittelgroßes
Georg Baselitz, John Virtue. Der Kunstkritiker, in öffentlichen Einrichtungen. Er Renaissance-Atelier.
der für die altehrwürdige Wochenzeitschrift nimmt jede Gelegenheit wahr, sei- Aber niemand außer ihm malt.
»The Spectator« mit viel Fachwissen und de - nen Zorn darüber loszuwerden. Nein, keiner der Assistenten
zidierten Einschätzungen Ausstellungen be - Hat er zu allem eine klare Meinung, oder nimmt einen Pinsel in die Hand. J-P, Jean-
spricht, hat es sich zur Aufgabe gemacht, stellt er eher Fragen? Pierre, sein Assistent im Atelier, steht norma -
Künstler über ihr Metier zu befragen und Die Fragen stellt er sich selbst und gibt lerweise zwei Schritte hinter ihm, wenn er
ihre Gedanken weiterzugeben. Mit Hockney dann Antworten. Eine Zeit lang besaß er ein arbeitet, und trägt die Farbe, nach der er ver -
hat er zwei Bücher gemacht, Gespräche über T-Shirt mit der Aufschrift »Ich weiß, dass ich langt, auf die Palette auf. J-P fotografiert auch
die Kunst und über die Geschichte des Bildes, recht habe, D. Hockney«. Zweifel sind ihm re - jedes Gemälde, an dem David arbeitet. Etwa
von der Höhlenmalerei bis heute. Wir spre - lativ fremd. Er denkt natürlich wie ein Künstler, alle 15 bis 20 Sekunden klickt die Kamera, das
chen über den vielleicht populärsten Maler und als solcher kann er sich ein Werk aus dem heißt, sie hält den Arbeitsprozess fest. Sein
der Gegenwart anlässlich einer umfassenden 17. Jahrhundert ansehen und genau erläutern, Schaffen der letzten 15 Jahre ist also minutiös
Retrospektive in der TaTe Bri Tain . wie es entstanden ist. Er kann auch wie ein dokumentiert, und das ist ziemlich einmalig
ART: Herr Gayford, Sie haben mit David Meister des 17. Jahrhunderts zeichnen. Das ist in der Kunst.
Hockney oft über Kunst gesprochen. Wie etwas, was nicht viele heutige Künstler können. Lassen Sie uns über einige der Themen
würden Sie diese Gespräche beschreiben? Und was ist er für ein Mensch? Sie kennen sprechen, die ihn seit Jahren beschäftigen,
Martin Gayford: David spricht überaus ihn seit vielen Jahren. etwa Perspektive. Warum wendet er sich
flüssig und leicht verständlich, vor allem, Er ist eigentlich sehr gesellig, doch er legt gegen die Zentralperspektive in der Kunst?
wenn es um Kunst geht. Doch die Gespräche auch Wert auf seine Privatsphäre. Wenn er im Im Grunde unterscheidet er sich nicht
entwickeln sich oft in völlig unerwartete Atelier arbeiten möchte, kommt niemand von anderen Künstlern des 20. Jahrhunderts.
an ihn heran. Doch es macht ihm Spaß, von Nur wenige verwendeten die Zentralperspek -
Menschen umgeben zu sein. David sieht sich tive in ihrem Werk. Davids »Hassliebe« gegen-
als Teil eines Teams. Er ist da anders als etwa über der Zentralperspektive und auch der
Lucian Freud. Lucian war im Atelier immer al - Fotografie geht vielleicht zurück auf seine
leine mit seiner Staffelei und einem Modell. erste Kunstakademie in seiner Heimatstadt
David hingegen war sehr interessiert an mei - Bradford, wo er Zeichnen am lebenden Mo -
nem Buch über Michelangelo und sah eine dell lernte, wie Matisse oder Picasso, aber nur
Verbindung mit einem solchen Atelier in der
Renaissance.
Er hat also Assistenten.
Ja, im Atelier normalerweise zwei, die
aber nicht malen, sondern ihm zur Hand ge -
48
» Er kann genau
erläutern, wie
ein Werk aus dem
17. Jahrhundert
entstanden ist«
49
Doppelporträt aus
Polaroids
BILLY & AUDREY WILDER,
LOS ANGELES, APRIL 1982,
117 X 112 CM

Mit dem Tablet gemaltes


Tablet
AUS DER SERIE IPAD-
DRAWINGS, 2010/11
» Seine
Straßenszene Fotocollagen
SANTA MONICA BOULEVARD,
1979, 61 X 91 CM
schaffen
eine ganz
neue Realität«
50
wenige seiner Zeitgenossen. Picasso sagte Auf jedem Zentimeter eines Fotos, so Hock - Wie Picasso, den er sehr bewundert, scheint
von sich, er konnte wie Raffael zeichnen, als ney, herrscht dieselbe Zeit. Nicht so auf er ein Künstler zu sein, der ständig, fast
er zwölf Jahre alt war. David konnte wie Picas - einem Gemälde. zwanghaft, zeichnet.
so zeichnen, als er 19 war. Ja, und er erläutert das an einem Porträt, Er zeichnet eigentlich jeden Tag, es ist für
Er ist ein figurativer Maler, er malt Men - das Lucian Freud im Jahr 2002 von ihm ge - ihn eine fundamentale Aktivität. Ende 2012
schen, Landschaften, Objekte. Abstraktion malt hat. 120 Stunden lang saß er ihm Modell, erlitt er einen Schlaganfall. Er konnte spre -
ist für ihn eine Sackgasse. und diese Zeit ist in Schichten auf dem Por- chen, doch er sprach viel weniger als früher.
Richtig. Während des Studiums am r oyal trät sichtbar. Deshalb ist für David auch ein Aber er sagte mir: Solange ich zeichnen kann,
College of a r T malte er ein paar Bilder im Stil gemaltes Porträt so viel interessanter als ein bin ich okay. Und nicht lange danach schuf er
des Abstrakten Expressionismus, aber das war fotografisches. einige seiner schönsten Kohlezeichnungen.
es dann auch für ihn mit der reinen Abstrak - Und dennoch hat er selbst mit Fotografie Er kennt die Geschichte der Kunst in- und
tion. Pollock und Mondrian kann man nicht gearbeitet. auswendig. Wo sieht er sich selbst darin?
weiter ausreizen, sagte er sich, obwohl seine Er sagt ja nicht, wir sollten nicht fotogra - Er wird alles versuchen, Ihnen auf diese
ersten großen Arbeiten Anfang der Sechziger fieren. Er sagt vielmehr, wir sollten es nicht Frage keine Antwort zu geben. Ihm ist völlig
eine gehörige Portion Abstraktion enthalten. zulassen, dass die Fotografie unsere Sicht auf klar, dass Künstler von der Bildfläche ver -
Sie erwähnten eben die Fotografie. Ein Foto die Welt bestimmt. Was er seit Anfang der schwinden, es gibt keine Garantie, dass man
wird allgemein als ein Abbild der Realität siebziger Jahre mit Fotografie gemacht hat, Teil dieser Geschichte wird. David kann das
angesehen. Er ist da anderer Ansicht. ist größtenteils der Versuch, die Kontrolle natürlich nicht sagen, doch ich bin überzeugt,
Anders als der Mensch blickt die Kamera wiederherzustellen. Also das Foto dem anzu - dass seine Kunst überdauern wird. 2011 fei-
nicht psychologisch auf die Welt, sagt er. gleichen, was er als die Sichtweise des Men - erte die Dulwi Ch Pi CTure g allery ihr 200-
Wenn mehrere Menschen einen Raum betre - schen sieht. Seine Fotocollagen etwa schaffen jähriges Bestehen. Jeden Monat zeigte sie eine
ten, sehen sie ganz verschiedene Dinge. Ein eine ganz neue Realität. andere berühmte Leihgabe, von Vermeer, El
Alkoholiker sieht zunächst die Whiskyflasche Seine Farben haben sich im Lauf der Jahre Greco. Und einen Monat lang hing dort auch
auf dem Tisch, David würde wohl das Bild an verändert, sind intensiver geworden. Davids berühmtes Doppelporträt Mr. and
der Wand zuerst sehen. Wir sehen, was uns Seine ganz frühen Arbeiten haben eher Mrs. Clark and Percy (1970/71), umgeben von
interessiert, wir schneiden uns die Realität gedeckte Farben. Doch er hat schon relativ Porträts von Rembrandt, Gainsborough und
also zurecht. David zitiert dabei Delacroix, früh starke Farben verwendet, der Fauvismus van Dyck. Es musste sich in dieser Gesell -
der sagte, ein Foto zeigt uns zu viel. hatte es ihm angetan. Es gibt eine amüsante schaft keineswegs schämen.
Anekdote aus der Zeit, als es die ersten Farb - Sie kennen alle seine Ateliers. Sind sie das,
fernseher gab. Die hatten einen Knopf, mit was man von einem Maleratelier erwartet,
dem man die Farbe verändern konnte. David voller Farbspritzer und leerer Farbtuben?
sagte zu einem Freund: Damit kannst du Fau - Er bezeichnet sich selbst als ziemlich
visten-Farben einstellen. Santa Monica Boule - schlampig, doch seine Ateliers sind akribisch
vard (1979) mit seinem leuchtenden Gelb ist geordnet. Alles hat seinen Platz. Dafür sorgen
ein Beispiel für seine frühe kalifornische Far - natürlich seine Assistenten.
bigkeit. Ende der neunziger Jahre folgten
dann die Darstellungen des Grand Canyon
und in den letzten 15 Jahren die großen Land -
schaften in Yorkshire, von denen viele inten -
siv farbig sind.
51
Aber er will es so. »Projekte« ist vielleicht bes - men hat, ein Projekt, führt er es
Ja, natürlich. Davids Ateliers sehen fast ser. Er beginnt, sich für etwas zu AUSSTELLUNG auch zu Ende.
aus wie Filmkulissen, vor allem die großen, interessieren, daraus wird ein »David Hockney«, Können Sie eine Art Spätstil
und haben viel Licht. Das in Bridlington in Projekt, das er konsequent durch - Tate Britain, London, ausmachen?
Yorkshire, das er vor zwei Jahren aufgab, hat - zieht. Das jüngste sind die er - bis 29. Mai. Katalog Ich weiß nicht. Die Arbeiten
te Oberlicht und war riesig. Das in Los Ange - wähnten 82 Porträts von Freun - bei Tate Publishing, der letzten Jahre sind wieder sehr
zirka 45 Euro. Weitere
les, wo er jetzt wieder arbeitet, ist nicht ganz den, davor waren es die Land - realistisch, aber zeigen nicht un -
Stationen: Centre
so groß, hat aber auch viel Licht. schaften in Yorkshire. Er wollte Pompidou, Paris, 19. bedingt eine lockerere Malweise
Auf einem Foto malt er mit einem sehr lan - die mit den Jahreszeiten sich Juni bis 23. Oktober wie bei Rembrandt oder Tizian im
gen Pinsel. ständig verändernde nordeuro - 2017; Metropolitan Alter. Er hat sich seit den sechzi -
Es kommt darauf an, was für einen Pinsel - päische Landschaft festhalten Museum New York, ger Jahren immer wieder radikal
20. November 2017 bis
strich er setzen möchte. Er sagte mir einmal: und es auch denjenigen zeigen, 25. Februar 2018. erneuert. Nicht, dass er sich von
Für einen energischen Pinselstrich brauche nach deren Ansicht die Zeiten früheren Arbeiten distanziert.
ich einen langen Pinsel, damit ich die Schul - vorbei sind, da man wie Monet Aber er findet es aufregend, her -
ter als Drehpunkt benutzen kann. malen kann. Viele entstanden auszufinden, was um die nächste
Sie haben sowohl Lucian Freud als auch »en plein air«. Ecke auf ihn wartet.
David Hockney für ein Porträt Modell geses - Einige der Bilder sind auch sehr groß. Sie kennen ihn nun seit Langem und haben
sen. Wo lag der Unterschied? Das größte, Bigger Trees Near Warter or/ou zwei Bücher mit Gesprächen mit ihm ge -
Lucians Porträt war eine ganze Epoche in Peinture sur le Motif pour le Nouvel Age Post- macht. Sehen Sie sich wie Goethes Ecker -
meinem Leben. Monate, dreimal die Woche, Photographique (2007), ist etwa 13 Meter breit mann – Sie regen Hockney an, seine Gedan -
fast den ganzen Tag. Die Sitzungen bei David, und besteht aus 50 einzelnen Leinwänden. Es ken zu äußern, die Sie zu Papier bringen?
für seine kürzlich entstandene Serie von 82 war ein überwältigender Eindruck, als er es Es wäre schön, wenn man mich so an -
Porträts, waren auf 20 Stunden limitiert, also 2007 in der Sommerschau der r oyal aCa De- sehen würde. Ich spreche gerne mit Künst -
etwa drei Tage. Lucian verbrachte viel Zeit da - my ausstellte. Man war mittendrin. Sein da - lern über ihre Arbeit und bringe das zu Papier.
mit, in seinem Chaos nach Farbtuben zu su - maliger Lieblingsausdruck, »die Unendlich - Das hat ja auch eine lange Tradition, von Va -
chen oder zu plaudern. David spricht fast nie keit der Natur«, kam einem in den Sinn. sari bis Baudelaire.
beim Malen, er arbeitet sehr konzentriert. Solche großen, aus mehreren Leinwänden Wie sieht er denn die Retrospektive in der
Er scheint in Serien zu malen. bestehenden Bilder zu malen erfordert eine TATe BRi TAin , die ja sein gesamtes Schaffen
ziemliche Organisation. vorstellt? Ist sie für ihn ein Höhepunkt sei -
Ja, er hatte immer einen Monitor dabei, ner Karriere?
auf dem sämtliche schon fertige Leinwände Schon, aber er möchte sie natürlich nicht
zu sehen waren, sodass er sich orientieren als einen Endpunkt verstanden wissen. Er hat
konnte. Und auf einem Anhänger ließ er sich ja noch viel vor, und ich bin sicher, dass in
eine Vorrichtung bauen, mit deren Hilfe er die seinem Kopf schon sein nächstes Projekt Ge -
Malen wie Monet in noch feuchten Leinwände ins Atelier trans - stalt annimmt. //
England portieren konnte.
BIGGER TREES NEAR Er wird im Sommer 80. Wie erklären Sie
WARTER OR/OU
PEINTURE SUR LE MOTIF sich seine ungeheure Energie?
POUR LE NOUVEL AGE Das Malen strengt ihn schon an, er wird
POST-PHOTOGRAPHIQUE,
2007, 457 X 1219 CM müde. Aber wenn er sich etwas vorgenom -
52
Hockney in seinem
lichtdurchfluteten
Atelier in Los Angeles.
Für Ordnung sor-
gen die Assistenten
To in Wien
Mit schnörkellosen, provozierend direkten
Bildern malte Richard Gerstl gegen den
Jugendstil an – und verlor sich in einer
Ménage-à-trois, die ihn das Leben kostete

TEXT: ALMUTH SPIEGLER

54
Mit nur 19 Jahren
malte Gerstl sich mit
hypnotischem Blick
SELBSTBILDNIS
ALS HALBAKT, 1902/04,
159 X 109 CM

Klaustrophobische
Atmosphäre
INTERIEUR MIT
THONETSTUHL (ZIMMER),
1908, 50 X 35 CM

55
Alles scheint sich Spiegelt sich in
aufzulösen: Men - diesem Blick Glück
schen, Identitäten oder Wahnsinn?
FAMILIE SCHÖNBERG, SELBSTBILDNIS,
1908, 89 X 110 CM LACHEND, 1907,
40 X 31 CM

56
sich damals am ehesten international
Diese Geschichte ist orientierte, zum Beispiel an Edvard Munch
so tragisch, sie und Ferdinand Hodler. Er kannte sie alle,
beziehungsweise ihre Kunst, denn die neu -
hätte längst verfilmt en Kunstzeitschriften lagen in den Kaffee -
werdenmüssen häusern aus. Dass es ihn nicht – wie die
meisten Avantgardisten – unter die golde -
ne Secessions-Kuppel zog, sondern er den
Alleingang wählte und die schöne Linie,
die man gemeinhin mit Wiens Kunst um
1900 verbindet, verließ, führte dazu, dass
Gerstl noch heute als Geheimtipp gilt. So
formuliert es der Leiter der Frankfurter
Schirn-Kun Sthalle , wo vom 24. Februar
bis 14. Mai 2017 die erste umfassende

D
Gerstl-Ausstellung in Deutschland statt -
ie Geschichte ist derart un- findet. Danach geht die von Ingrid Pfeiffer
erhört, derart unfassbar, ja kuratierte Schau nach New York, in die
skandalös, sie hätte längst n eue Ga lerie Ronald Lauders, der ein
verfilmt werden müssen! Gerstl-Sammler ist.
Stellen Sie sich vor: Zwei Der Großteil seines schmalen, nur
Künstler arbeiten zusam - rund 80 vorwiegend Gemälde zählenden
men, fahren zusammen in den Urlaub, tei - Œuvres aber befindet sich im Wiener l eo -
len sich Alltag und Atelier, der eine jünger, pold-Mu Seu M. Der Samml er Rudolf Leo -
der andere älter, beide wegen ihrer künst - pold stieß nach dem Krieg auf seiner Jagd
lerischen Radikalität verfemt. nach Schiele-Bildern auf Gerstl, der prak -
Doch dann wird der Jüngere mit der tisch vergessen war. Nach dem Selbst -
Ehefrau des anderen ertappt, in flagranti. mord des Künstlers im Jahr 1908 hatte sei -
Sie brennen gemeinsam durch. Aber sie ne Familie die Bilder bei einer Spedition
kehrt nach wenigen Tagen zurück zu ih- eingelagert. 23 Jahre später, 1931, sprach
rem Mann und den zwei Kleinkindern, Gerstls Bruder Alois dann mit ein paar
woraufhin der Liebhaber verzweifelt. Er kleinen Landschaftsbildern im Gepäck bei
hat die Frau verloren, an die er alles häng - der Wiener Instanz für zeitgenössische
te. Er hat den Freund verloren, der sein Kunst, beim Galeristen Otto Nirenstein,
Mentor und Seelenverwandter war. Und später Kallir, vor, der die n eue Galerie be -
so nimmt er sich das Leben, im Alter von trieb. Könne man diese Bilder verkaufen
nur 25 Jahren, mit Strick und Messer, nackt, oder solle man sie lieber entsorgen? Ge -
in seinem Atelier, vor dem Spiegel, vor meinsam ging man ins Lager, erzählt die
seinem letzten Selbstporträt. Draußen Enkelin K allirs, die heute in New York Ga -
vor der Tür: Sigmund Freuds Wien der leristin ist. Dort stand ihr Großvater dann
Jahrhundertwende. vor »einer großen Zahl von meist gerollten
Beide Künstler sind heute Ikonen: Ar - oder zusammengefalteten Leinwänden«.
nold Schönberg (1874 bis 1951), Komponist Alles war verstaubt, verschmutzt, teils so -
und Maler, Erfinder der Zwölftonmusik; gar zerschnitten. Doch die Wirkung von
Richard Gerstl (1883 bis 1908), der erste Wie - Gerstls Malerei war enorm.
ner Expressionist, der erste Wiener Wilde, Das sind die Momente in der Kunstge -
unangepasst, revoltierend, genial. Gerstl schichte, in denen man gerne dabei gewe -
ist der Vierte im Bunde der großen Maler sen wäre. Otto Nirenstein, der gerade ein
der Wiener Moderne: Gustav Klimt, Egon Schiele-Werkverzeichnis beendet hatte,
Schiele, Oskar Kokoschka. Wobei Gerstl beschloss, zumindest diese Kunst wieder
sich mit Händen und Füßen gegen die rhe - zum Leben zu erwecken, die Bilder zu res -
torische Aufnahme in diesen Bund ge - taurieren, zu katalogisieren und auszu -
wehrt hätte. Er hasste Klimt und dessen stellen. Nur wenige Monate später, im
Kunst, er v erabscheute das Großbürgerli - Herbst 1931, eröffnete Nirenstein die erste
che als verlogen, das Ornament, die Linie, Gerstl-Ausstellung überhaupt. Schon da -
das Gold, die Ästhetisierung, die Verfei- mals war die Wahrnehmung dieser Kunst
nerung, das Schöne – einmal lehnte er so -
gar eine Ausstellungsbeteiligung ab, weil
Klimt auch vertreten gewesen wäre.
Kein Wunder, Gerstls Vorbild war van
Gogh, dessen Bilder er in einer Ausstel -
lung in der Wiener galerie miethke 1906
gesehen hatte und die ihn schwer beein -
druckten. Er war der Wiener Maler, der
57
klar, die biografische, psychologische Inter - Frau des Freundes
pretation entschieden: »Richard Gerstl. und Geliebte
Ein Malerschicksal« hieß die Schau. Sie BILDNIS MATHILDE
SCHÖNBERG ALS
wurde auch von der deutschen Presse als HALBFIGUR, 1908,
Sensation gefeiert, woraufhin Nirenstein 68 X 100 CM
die Ausstellung durch Deutschland touren
ließ, in die Münchner Galerie Caspari, in Mitglied des
Schönberg-Kreises
die Berliner Galerie Gurlitt , den Kölni -
BILDNIS HENRYKA
sChen Kunstverein und ins suermondt - COHN, 1908,
museum in Aachen. Dann kam Hitler an 148 X 112 CM
die Macht, und schon war die steile postu -
me Karriere Gerstls wieder zu Ende. In den
fünfziger Jahren wiederholte sich die Ent -
deckung, als Gerstls Bruder dem Sammler
Rudolf Leopold Bilder verkaufte.

D
arunter waren die beiden gro - der Künste abgelegt und archiviert, es war
ßen Selbstbildnisse Gerstls als ein Beschwerdebrief des Schülers an das
Halbakt und gan zer Akt. Zwi - Ministerium für Kultur und Unterricht. Er
schen diesen beiden außerge - war wütend darüber, dass sein Lehrer ihn
wöhnlichen Bildern spielte sich sein gan - nicht ausgestellt hat, obwohl er der Einzige
zes Leben und Werk ab. Nat ürlich s ei es war, der »ganz neue Wege« beschreite – ein
eigenartig als Kind, als Junge, als Heran - Racheakt, den Gerstl provoziert hatte, als
wachsender gewesen, mit männlichen er einem ihm wohlgesonnenen Professor
Selbs takten umgeben zu sein. »Die beste vorwarf, dass dieser sich künstlerisch für
Voraussetzung, um Psychotherapeut zu das 60. Thronjubiläum des Kaisers einspan -
werden«, scherzt Diethard Leopold, Psy - nen ließe. Aber Gerstl revoltierte gegen das
chotherapeut, Kurator und Autor eines Establishment. Nur für die, die er verehrte,
Buchs über Gers tls Werk und Leben, das war er bereit, Kompromisse einzugehen.
voriges Jahr erschienen ist. Aber die unge - Im Frühling 1906 war der junge Maler,
wöhnliche Form des Künstlerselbstakts der die Nähe der Musik-Avantgarde mehr
vermittelte auch Wesentliches für einen suchte als die seiner Studienkollegen, von
jungen Mann; nämlich das Verständnis, dem Komponisten Schönberg in dessen
dass man seinen eigenen Körper wirklich Wohnung eingeladen worden. Er sollte
spüren kann, so Leopold. »Anders als Män - ihm selbst und seiner Frau Mathilde Mal -
ner das sonst wohl wahrnehmen; und unterricht geben. Der angefeindet, in ärm -
zwar nicht nur positiv.« lichen Verhältnissen lebende Schönberg
Am meisten fasziniert hat ihn aber das hoffte so auf neue Verdienstmöglichkei - AUSSTELLUNG &
Positive, das erste Selbstporträt Gerstls ten. Doch auch Gerstl eröffneten sich so LITERATUR
von 1902/04, auf dem der 19-Jährige fron - neue Geldquellen, er bekam Aufträge aus
Die Frankfurter
tal zum Betrachter steht mit nacktem der Jüngerschaft Schönbergs, Porträtauf - Schirn-Kunsthalle
Oberk örper und hängenden Armen, um träge, die großteils konventionell, also zeigt vom 24. Februar
die Hüften ein Lendentuch gebunden, an neoimpressionistisch ausfielen. Die unter - bis 14. Mai 2017 eine
die Ikonografie des auferstandenen Laza - schiedliche Qualität von Gerstls Bildern »Richard Gerstl
Retrospektive«. Der
rus oder Christus anspielend. Der Blick ist fiel schon seinem Entdecker Nirenstein Katalog erscheint
direkt auf den Betrachter gerichtet und auf, der sich wunderte, wie man gleichzei - im Hirmer Verlag
typisch für Gerstls Selbstdarstellungen: tig »ganz hervorragende und schlechte, und kostet in der
eng zusammenstehende Augen, ein wenig beinahe kitschi ge Bilder« produzieren Ausstellung 32 Euro,
schielend, provokant und zwingend. Was konnte. »Das ging ganz durcheinander.« im Buchhandel
45 Euro. Im Klinkhardt
sagt dieser Blick? Stellt Gerstl sich als Ret - Eine geradlinige Entwicklung gibt es nicht & Biermann Verlag
ter dar, als wahren Wegbereiter der Kunst? bei Gerstl – wie auch bei jemandem, der ist die Biografie
So sah er sich wohl: als einzigen, der wirk - schöne Linien ablehnte? »Richard Gerstl« von
lich Neues schaffen konnte. Das suggeriert Das großartige Doppelporträt der Diethard Leopold
erschienen zum
auch der einzige erhaltene Brief. Gerstl Schwestern Karoline und Pauline Fey (1905)
Preis von 11,90 Euro.
muss vieles verbrannt haben vor seinem etwa, das heute im Belvedere hängt: ein
Tod. Dieser Brief aber war in der Akademie mächtiges, schwarzweißes Geisterbild,
das Gegenteil von all dem, was man zu die -
ser Zeit in Wien als schön empfand, das
Gegenteil von Klimts Damenporträts, die
bildgewordene Verweigerung, Frauen in
Ornamente zu fassen wie Schmuckstücke.
Die zwei jungen Mädchen, die Gerstl seit
Jahren kannte, sehen blass und hässlich
aus der leichenfahlen Wäsche, die eigent -
58
Gerstl verachtete die
Darstellung der Frau
als Ornament und
machte sich damit
zum Außenseiter

Geisterschwestern
DIE SCHWESTERN
KAROLINE UND
PAULINE FEY, 1905,
175 X 150 CM

59
Die Liebe zur Frau
des Freundes war nur
kurz erfüllt – denn
Mathilde kehrte zu
Schönberg zurück

60
berg malte sind wie Explosionen aus Far -
ben und Formen, es ist eine bisher völlig
ungekannte, freie Malerei, die auf den Abs -
trakten Expressionismus der fünziger Jah -
re in Amerika vorausweist. Formen, Far -
ben, alles löst sich auf, auf einem Bild wie
Familie Schönberg von 1908 reißen nur die
roten Haarschleifen der auf dem Schoß
sitzenden Tochter wie zwei Wunden die
wüsten Farbverkrustungen auf.
Wenig später werden Gerstl und Mat -
hilde in flagranti erwischt. Der Rest ist Ro -
manstoff, eine tragische Dreiecksbezie -
hung, die heute noch die unterschiedlichs -
ten Menschen in ihren Bann zieht, wie zum
Beispiel den ehemaligen Musikmanager
WIEN UM 1900
lich Ballkleider sind. Thematisiert Gerstl der amerikanischen Popband Smashing
Als Hauptstadt der konservativ- hier vielleicht die frauenfeindlichen Schrif - Pumpkins, Raymond Coffer, der geradezu
katholischen Habsburger Monarchie
ten des Philosophen Otto Weininger, die besessen scheint von Gerstl und Schön -
ballte sich in Wien die intellektuelle
in Wien damals prominent diskutiert wur - berg – nachzulesen auf seiner penibel al -
Szene: Musik, Kunst, Philosophie,
Literatur wurden in der letzten den? Denkt man an Gerstls intime Darstel - les auflistenden Homepage richardgerstl.
Hochphase dieses Vielvölkerstaats lungen der Mathilde Schönberg, in die er com. Durch Coff ers Forschungen wurde
zu Höchstleistungen angespornt: sich demnächst verlieben würde, weiß im Schirn -Katalog das Werkverzeichnis
Arthur Schnitzlers süße Wiener man – Misogynie war nicht sein Antrieb neu überarbeitet, es stammte noch von
Mädchen, Sigmund Freuds Traumdeu - für diese »Ästhetik der Hässlichkeit«. Eher der ersten großen Wiener Gerstl-Retro-
tung , Ludwig Wittgensteins analy- ging es ihm wohl um das Gegenteil – eine spektive 1993.
tische Philosophie, Otto Weiningers tiefe Empathie mit dem geknechteten Frau - Diese Geschichte hat wirklich das Zeug
umstrittene misogyne Schrift Ge- enwesen, die in einer Zeit des Aufbruchs in zu großem Kino: das künstlerisch und
schlecht und Charakter, Gustav Klimts ihren häuslichen Rollen gefangen blieben. musikalisch revolutionäre Werk der Prot -
sezessionistische Gesamtkunst -
agonisten, die Mischung aus radikalem

W
werk-Idee, Adolf Loos’ auf Funktio -
ie Mathilde. Sie war die Künstl ertum und radikaler Liebe. Im letz -
nalität reduzierte Häuser. Gustav
Mahler war Direktor der Hofoper, Schwester von Schönbergs ten Selbstbildnis vor seinem Selbstmord –
Arnold Schönberg revolutionierte das Lehrer, des Komponisten dem einzigen Bild, das Gerstl je datiert
Wohltönende durch Atonalität und Alexander von Zemlinsky, hat: 12. September 1908 – stellt er sich al -
Zwölftonreihe. Es kam zu großen sie war blitzgescheit, belesen, selbst sehr lein und nackt und existenziell geschei -
Spannungen zwischen Bürgertum musikalisch. Eine Schönheit war sie nicht, tert dar. Zeugte der erste Selbstakt des da -
und Avantgarde, die ebenfalls gespal - ganz anders als die große Wiener Muse mals 19-Jährigen noch von Aufbruch – kör -
ten war. Richard Gerstl stand alleine ihrer Zeit, Alma Mahler. Mathildes Ehe mit perlos, vergeistigt im Blick – zeigt er sich
da. Erst nach seinem Tod bekam Schönberg war eher eine gesellschaftliche zum Abschied nur als geschundener Kör -
der Expressionismus in seiner Pflicht. Sie gebar zwei Kinder, sie bettelte per, den Blick verschattet. Wie »König Ödi -
Wiener Variante Schwung mit Egon um Geld für das verkannte männliche Ge - pus«, findet Diethard Leopold und meint
Schiele und Oskar Kokoschka.
nie, sie kochte, sie wusch, musste alles ak - damit den Königssohn, der nicht sehen
zeptieren. Dann kam das Verständnis in kann oder will, dass er seinen Vater getö -
Person des jugendlichen Hausfreunds. tet und seine Mutter geheiratet hat. Bei
Gerstl begleitete die Gattin des Mentors in Gerstl/Schönb erg überlebt allerdings –
Konzerte, malte sie, unterrichtete sie, fuhr im übertragenen Sinn – der Vater. Nach
mit der Familie in den Urlaub. Dort, in der Gerstls Sel bstmord, der genau zu der Ta -
Sommerfrische in Gmunden am Traunsee geszeit stattfand, als der Schönberg-Kreis
bei Salzburg, passierten dann die künstle - ein Konzert gab, wurde von beiden Fami -
risch und privat unglaublichsten Dinge: lien alles versucht, um den Skandal zu
Erst einmal extreme Kunst wie die Land - vertuschen. Mathilde blieb bei Schönberg,
schaften Gerstls beim ersten Urlaub 1907, schwieg und starb 1923. Schönberg hei-
in denen sich alles ineinander aufzulösen ratete kurz darauf erneut und emigrier-
12. September 1908 scheint: Himmel, Bäume, Wasser, Wiesen. te 1933 in die USA. Jetzt, mit der Ausstel -
SELBSTBILDNIS ALS Beendet wurde dieser Sommer mit lung in New York, folgt Gerstl ihm nun
AKT, 1908,
139 X 100 CM einem irren Lachen, festgehalten auf sei - auch dorthin. //
nem lachenden Selbstporträt, das zwar in
Richard Gerstl einer Tradition mit Selbstporträts von
um 1905 im Alter von Rembrandt oder Lovis Corinth steht, aber
etwa 22 Jahren einen dennoch zutiefst irritiert. Im Som -
mer des darauffolgenden Jahres begab
Das Ehepaar Mathilde sich der S chönberg-Kreis wieder an den
und Arnold Schön -
berg 1907, Mathilde ist Traunsee, Gmunden. Die Bilder, die Gerstl
30 Jahre alt, Arnold 33 in diesen Tagen von der Familie Schön -
61
In langen Einstellungen
zum Kern: Der Film
beobachtet über weite
Strecken Neo Rauch
in seinem Leipziger
Atelier, wo er auf einer
Art Bühne seine Bilder
malt. Figuren entstehen
scheinbar aus dem
Nichts, werden verändert
oder auch getilgt. Am
Ende ist der Raum v oll fer-
tiger Werke, die von
hier in die Welt ziehen

Wie der Dokumentarfilm Neo Rauch – Gefährten und Begleiter


beiden Seiten nahekommt: dem Künstler selbst und seinen Sammlern

INTERVIEW: TIM SOMMER

»Die absolute
Verschmelzun g«
62
NICOLA GRAEF
Neben politischen
Reportagen hat
Nicola Graef schon
eine Reihe von Filmen
über Kunst und
Künstler gedreht und
produziert. Darunter
»Ich. Immendorff«
über die letzten Jahre
des Malers.

E
s sind seltene Einblicke in das
Wesen der Kunst: Über drei
Jahre hat Nicola Graef den Ma -
ler Neo Rauch begleitet – ihn
im Atelier beobachtet, Bera -
tungen gelauscht, Vernissagen
besucht und Sammler in der ganzen Welt
befragt. Herausgekommen ist ein sensibler,
sehenswerter Film über den jüngsten Alt -
meister der Malerei, der den Mysterien der
Kunst nachspürt, ohne sie zu zerstören. Das
Interview zum Kinostart.
ART: Warum eigentlich ausgerechnet Neo
Rauch, was hat Sie an ihm interessiert?
Nicola Graef: Es geht bei Kunst, zumindest
für mich, immer darum, dass man von etwas
berührt wird – und sich dann fragt, warum
das so ist. Ich fand Neo Rauchs Bilder immer
eigenartig, schwierig, sehr komplex, aber sie
haben über die Jahre immer etwas in mir
zum Klingen gebracht. Dem wollte ich mit
dem Film auf die Spur kommen.
Künstler lassen sich nicht gern über die
Schulter schauen, schon gar nicht beim Ma -
len. Wie haben Sie Neo Rauch rumgekriegt?
Er ist ja eigentlich nicht der Typ, der sich
gern exponiert.
63
Vicenza, Italien:
Sammler Antonio Coppola
hängt seine Grafiken ins
Schlafzimmer – für ihn ist
Das war ein langes Procedere. Selbst sein Rauch der Shakespeare
Galerist hat gesagt, das wird nie was. Irgend - der Malerei
wann habe ich mir ein Herz gefasst und Neo
Rauch bei einer Ausstellungseröffnung ein New York, USA:
Buch geschenkt: Der Distelfink von Donna John Thomson wundert
sich, wie streng die
Tartt. Es gibt immer wieder Texte, bei denen Lehrer in der DDR ge-
ich an seine Bilder denken musste. Auch bei wesen sein müssen
diesem Buch. Diese Geschichte hat ja auch et -
was Eigenwilliges, die Sprache ist besonders, Cheonan, Südkorea:
und Neo Rauch spricht ja selber auch eine Kim Chang-il schätzt die
»klare Philosophie«
sehr ungewöhnliche Sprache. Ich mag dieses des deutschen Meisters
anachronistische Sprechen, Worte zu benut -
zen, die man selten hört, die eher aus der »Er hat’s geschehen lassen«:
Schriftsprache kommen. Dann habe ich ihn Neo Rauch und Nicola Graef
im Atelier besucht, und wir haben lange gere -
det, und seine Frau Rosa Loy kam dazu. Ich
glaube, er hat sich auf das Projekt eingelas -
sen, weil er gemerkt hat, dass es mir wirklich nicht entziehen, es verdichtet sich alles. Das gen mit seiner Frau, die ganz konkrete Rat -
und ausschließlich um die Kunst geht. Dann ging mir noch in keinem anderen Atelier so. schläge für die Bilder gibt. Welche Rolle
bin ich mit meinem Miniteam gekommen, Klingt pathetisch, aber: Das Atelier hat einen spielt Rosa Loy im Atelier?
nur ich, Kameramann, Tonmann. Und wir ha - Raum in mir geschaffen. Diese absolute Inti - Sie spielt eine große Rolle. Das war bei
ben versucht, uns im Atelier aufzulösen. Er mität und Hingabe, die hier herrscht. Derer den Dreharbeiten einer der überraschends -
hat’s geschehen lassen. teilhaftig zu werden, das hat die Berührung ten Momente, dass sie mich bei diesen Bera -
Über weite Strecken des Films ist man in fortgesetzt, die ich von Anfang an gespürt tungen haben zuschauen lassen. Rosa hat
diesem Schutzraum Atelier, man hört nur habe. Diese absolute Verschmelzung, das eine ganz klare, dezidierte Haltung zu den
die leise Musik im Hintergrund, der Pinsel strahlt auch ganz große Sinnlichkeit aus. Bildern, und die hat Einfluss auf den Malpro -
formt suchend ein Gesicht, eine Figur aus Er kommt in dem Film sehr zurückhaltend, zess. Aber die gegenseitige Beurteilung der
dem Nichts. Das ist sehr faszinierend. Wie fast unsicher rüber. Bilder ist rein formaler Natur. Es geht nie um
würden Sie die Atmosphäre beschreiben? Ja, er ist eine Mischung aus bedächtig die Aussage. Es ist ja schwierig, als Künstlerin
Zunächst hat mich überrascht, dass sein und bedacht. Er bringt eine andere Zeitdi - die Frau eines so berühmten Künstlers zu
Atelier nicht viel größer ist. Andere Ateliers mension in dein Leben. Weil das alles so lang - sein. Aber es war schön zu sehen, dass es im
von bedeutenden, großen Künstlern sehen ja sam ist, es ist wie entrückt. Ich habe zu ihm privaten Zusammenspiel der beiden absolut
gern mal aus wie Lagerhallen. Dadurch, dass gesagt, Neo, du bist nicht ganz von dieser gleichberechtigt zugeht. Das sieht man ja
die Bilder so groß sind und den Raum füllen, Welt. Trotzdem ist er ein sehr dialogfähiger auch bei der Ausstellung, die die beiden ge -
hast du das Gefühl, dass du wirklich in den Künstler, der die Auseinandersetzung sucht. meinsam zu ihrem 30. Hochzeitstag im Kunst -
Bildern bist. Du kannst dich diesen Bildern Viele sind ja in einer narzisstischen Blase ge - verein in Zwickau ausgerichtet haben. Daran
fangen, das ist bei ihm gar nicht so. Trotzdem sieht man auch, dass die beiden die Boden -
ist er eitel, er möchte, dass alles, was er sagt, haftung nie verloren haben und dass ihnen
eine Stimmigkeit hat. Deshalb ist der Denk - etwas daran liegt, mit den Menschen, mit
prozess Teil der Antwort, dem habe ich im denen sie den Weg bisher gegangen sind,
Film Raum gegeben. Der Film braucht diese auch weiterzugehen.
langen Einstellungen, diese Ruhe. Das ist die Sie verfolgen die Bilder vom Atelier über
Zeitdimension, die zu ihm passt. die Galerie bis zum Sammler nach Hause.
Man wird auch Zeuge sehr intimer Beratun - Das sind wirklich verrückte Szenen.
64
Ich wollte nicht nur die Rubells dieser nicht in Italien, Korea, Amerika, Israel so glei - Was haben Sie beim Drehen dieses Films
Welt im Film, also die weltberühmten, gro - chermaßen funktionieren. Ich glaube, er hat über Kunst gelernt?
ßen Sammler, ich wollte Menschen zeigen, eine Sprache gefunden, die etwas Archai - Bei Neo Rauch lernt man schauen. Und:
die mit den Bildern leben. Interessant ist ja, sches anspricht. Und ich würde das gar nicht Dass Kunst machen eigentlich das größte Le -
dass zwei Sammler diese Bilder in ihr Schlaf - als rein deutsch bezeichnen. Es ist etwas Ur- benswagnis ist, das man eingehen kann. Sich
zimmer gehängt haben. Echt erstaunlich. Aber menschliches in den Bildern, das vielleicht so hinzugeben, zu verlieren, aber trotzdem
irgendwie passen sie eben auch genau da hin. durch die Kleidung als europäisch zu veror - im Fokus zu haben, dass ein Bild fertig wer -
Die haben dieses Traumwandlerische, die ten ist. Aber per se ist das etwas Urtümliches, den muss. Künstler zu sein ist so anstren -
Paarung aus Traum und Albtraum. Es gibt etwas Humanes, das die Leute anspricht. gend, es wird dir so viel abverlangt. Das ist ein
Sammler, die Bilder kaufen, weil der Künstler Das Klischee »Mann, der aus dem Wahnsinnsakt. Da ist eine wei -
bekannt ist. Und es gibt solche wie Antonio Sozialismus kam« geht fehl? ße Leinwand, und du stehst da -
Coppola. Das war für mich die Begegnung, Ja, das greift viel zu kurz. Und vor. Das ist eine Konfrontation,
die dem Werk am nächsten kam. Er vergleicht das wird in den Gesprächen mit KUNST IM KINO ein Angriff auf dich. Du bist der -
Rauch mit Shakespeare! Und man merkt, da den Sammlern auch deutlich: In jenige, der daraus was zu schaf -
»Neo Rauch - Gefähr -
ist wirklich eine innere Verbindung da. Men - den Bildern ist etwas, was mit ih - ten und Begleiter« fen hat. Und zwar jeden Tag und
schen zu dieser Hingabe zu führen, dass sie nen ganz persönlich zu tun hat, läuft ab 2. März im ein Leben lang. Das ist sehr be -
nicht nur mit diesen Bildern, sondern in die - was bei ihnen ganz persönlich et - Kino. Dazu sind eindruckend. //
sen Bildern leben, das ist eine Leistung, die was auslöst. Natürlich ist diese Prä - Vorführungen mit
Gesprächsrunden
nur wenige Künstler schaffen. gung der DDR-Biografie da, aber
in diversen Museen
Sie haben sechs Sammler auf drei Konti - wenn es das allein wäre, würde geplant, darunter
nenten besucht. Interessant ist ja, dass fast das nicht halten. Je mehr ich über München, Leipzig
alle Sammler Neo Rauch als eine Art deut - Neo Rauch erfahren habe, desto und Berlin. Termine,
schen Archetypen sehen. Ist er das? mehr trat etwas in den Vorder - Trailer, weitere In -
formationen und ein
Ja, das stimmt. Wobei ich mich frage, ob grund, das uns alle umtreibt: Zwei - Gewinnspiel unter
das ihre eigene Wahrnehmung ist – oder ob fel, Ängste, Unsicherheiten. Des - www.art-magazin.de/
sie das sagen, weil er so rezipiert wird. Denn wegen werden die Bilder auch in neorauch.
wenn es wirklich so wäre, dann würde er diesen Zeiten immer aktueller.
65
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Dohmann, Dr. Michael Rathje, Am Sandtorkai 74, 20457 Hamburg, als leistender Unternehmer. AG Hamburg, HRB 95752. Die artCard ist
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Aus der Serie
»Totem«: ein
Schatten, eine
Mauer, ein
leichtfüßiger
Sprung vor
blauem Himmel –
Experiment
mit Licht
LEMOGANG, 2013,
114 X 75 CM

Aus der Serie


»Umbra«: rotes
Quadrat vor
afrikanischer
Landschaft
RED VLEI, 2014,
150 X 150 CM

Zwischen den Welten


Außer in der Kunst ist Viviane Sassen auch in der Mode zu Hause. Und die
niederländische Fotografin hat in beiden Genres Erfolg – weil sie beide liebt

TEXT: KERSTIN SCHWEIGHÖFER


69
Licht und Schatten
sind ein wichtiges
Thema, wie hier auf
Arbeiten der Serien
»Rebus« und »Totem«.
Sassen führt das
auf das besondere
Licht zurück, das
sie in ihrer Kindheit
in Kenia erlebte

Sassens Sohn am Strand


in Mamas Schatten
LUCIUS, 2010, 45 X 30 CM

Geteilt durch
eine Schattendiagonale
FOUR SHOES, 2005,
33 X 45 CM

Perfekte Verhüllung
RED LEG TOTEM, 2014,
60 X 40 CM

Draufsicht: Schwarz -
weißkontrast einer
Wolke und ihres Schat-
tens in der kargen
Landschaft
CLOUD, 2014, 45 X 33 CM

70
72
Gelungener Clash von
Formen und Formationen:
Komposition aus zwei
Fotos, die Sassen jeweils
vertikal in der Mitte
auseinandergeschnitten
und dann neu zusammen -
gesetzt hat – so zu
finden im Buch »Umbra«

BLACK HOLE, 2014,


80 X 120 CM

GREEN VLEI, 2014,


150 X 140 CM

73
Lieblingsmodell:
Roxane ist eine Freundin
von Sassen und ihre
Muse – hier mit Tüllhut
AUS »ROXANE 1«, 2012

Roxane mit Goldbund


AUS »ROXANE 2«, 2016

Aus der Serie »Flamboya«:


Vater und Sohn
D.N.A, 2007, 150 X 120 CM

W
as auch immer sie zu vereinen: hart und gleichzeitig verletzbar, wie Miu Miu, Stella McCartney oder Louis
anhatte, es ist ihr bis offen und schamlos, aber auch bedeckt und Vuitton, die den künstlerischen in nichts
unter die Knie ge - geheimnisvoll. »Ein Foto muss viele Schich - nachstehen. »Sonst ist es ja auch kein gutes
rutscht. Nun trägt sie ten haben«, sagt die ruhige Niederländerin, Foto«, meint Vief, wie sie sich von ihren Freun -
nur noch einen brei - die immer wieder nach Worten sucht, manch - den nennen lässt, und legt das Polaroid von
ten Goldgürtel – wie mal regelrecht um sie zu ringen scheint. »Es Muse Roxane zurück auf den großen Haufen.
ein teures Callgirl, das für SM-Dienste ange - gibt ja auch mehr als nur eine Wahrheit«, Denn ein gutes Foto, das habe zu »prikkelen«,
heuert wurde. Das lässt sie bedrohlich er - fügt sie mit einem nachdenklichen Blick sprich: zu reizen und zu prickeln.
scheinen, fast schon aggressiv. Gleichzeitig aus den großen Atelierfenstern hinzu, die So wie die Frau in knallroten Pumps und
erinnert sie an eine Schaufensterpuppe. Die eine prachtvolle Aussicht über die Dachland - weißem Kleid, die sich über den Schwimmbe -
haben auch so lange Gliedmaßen. Die sehen schaft des Amsterdamer Grachtengürtels ckenrand beugt, ihre langen Haare wie einen
auch so aus, wenn sie ihrer Kleider und damit bieten. »Als Fotografin kann ich Momente dunklen Wasserfall in den Pool tauchend: ein
ihrer Funktion beraubt werden: hilf- und festhalten, mehr nicht. Aber die werden von Foto, das eher an ein Gemälde von David
schutzlos, extrem verletzbar. Und ihr Ge - jedem Betrachter anders interpretiert und Hockney erinnert. Obwohl dieses Foto 2010
sicht? Die Schattenflecken eines Laubbaums erfahren.« für das Modemagazin »Double« entstand,
machen es unkenntlich. Das verleiht der Frau Viviane Sassen – dunkelblond, schlank, sind Kleider und Accessoires Nebensache.
auf dem Foto auch noch eine große Portion ungeschminkt – gehört zu den aufregends - Dann der schöne, wie eine Skulptur wirkende
Rätselhaftigkeit. ten und innovativsten Fotokünstlerinnen Afrikaner aus der Serie Flamboya: Er scheint
»Das ist meine Freundin Roxane, eine der Gegenwart. Ihre Werke befinden sich verwachsen zu sein mit dem Kind, das er sich
meiner Musen«, erklärt Viviane Sassen, wäh - nicht nur in zahlreichen Firmen- und Privat - wie ein gefaltetes Tuch über den Kopf gelegt
rend sie kritisch und mit schief gelegtem kollektionen, sondern auch in wichtigen hat. Auf dem Porträt, das Sassen 2010 von
Kopf die Polaroidaufnahme betrachtet, die Museen wie dem moma in New York, dem sich und ihrem Söhnchen gemacht hat, lässt
sie gerade aus dem großen Haufen Fotos vor fotomuseum winterthur oder dem f rans sie den Nachwuchs in ihrem Schatten laufen
ihr auf dem Arbeitstisch gefischt hat. Enthül - h als museum in Haarlem. Das Spezialgebiet und verleiht ihm damit die langen Beine, die
len und gleichzeitig verhüllen – diese Kunst der hochgewachsenen Niederländerin: die er als Erwachsener einmal bekommen wird.
beherrscht die 45-jährige Fotografin meister - Schnittstellen zwischen Kunst-, Mode- und Es stammt aus der Serie Rebus . Mit dem Schat -
lich: »Es gefällt mir, Körper einerseits explizit Dokumentarfotografie – auf ihnen bewegt ten in allen seinen Facetten setzt sich Sassen
und sogar in aggressiver Pose zu zeigen – und sie sich so sicher wie eine Gymnastin, um die auch in ihrer jüngsten Serie Umbra ausein-
sie gleichzeitig zu verbergen, ungreifbar zu Grenzen zwischen diesen durch Hierarchien ander. Diese Arbeiten sind Inhalt der großen
machen.« So wie es Sassen überhaupt gelingt, geprägten Genres neu zu ziehen oder zu ver - Wanderausstellung, die nach Stationen in
auf ihren Werken immer wieder Gegenpole wischen. Damit schafft sie das, was vor ihr Rotterdam und Chicago vom 13. Mai bis zum
auch schon dem großen französischen Kunst- 20. August 2017 in den Hamburger Deichtor -
und Modefotografen Guy Bourdin gelang hallen zu sehen sein wird.
oder ihrem deutschen Zeitgenossen Juergen Verfremdete Konturen durch seltsam ver -
Teller, der mit Aufnahmen der amerikani - drehte, zuweilen akrobatische Posen sind
schen Grunge-Band Nirvana berühmt gewor -
den ist.
Das Ergebnis macht stutzig, neugierig –
und ist immer in irgendeiner Form beun-
ruhigend. Ganz egal, ob es nun um Sassens
autonome Arbeiten geht, die in afrikani -
schen Wüsten oder lateinamerikanischen
Sumpflandschaften entstehen, oder um Auf -
tragsarbeiten für Modemagazine und Labels
74
Viviane Sassen, 45,
studierte erst Mode-
design, war dann kurz
Model und wurde
schließlich Fotografin

Ungewöhnliche
Fashion-Fotos wie
diese machten
Sassen schnell in der
Modeszene bekannt

Model taucht Haar in


Swimmingpool
IN »DOUBLE«, 2012

Verhüllung im
Blumenfeld
IN »DAZED &
CONFUSED«, 2011

charakteristisch für Sassens Œuvre. Das gilt


auch für die starken Farb- und Lichtschatten -
kontraste, die sich auf ihre Kindheit in Afrika
zurückführen lassen: Bis zu ihrem sechsten
Lebensjahr hat sie in Kenia gelebt, wo ihr Va -
ter als Arzt arbeitete und wo auch ihre bei-
den Brüder geboren wurden. »Das Licht dort
hat mich geprägt, es sieht anders aus, und es
fühlt sich auch anders an.« Mindestens ein -
mal im Jahr kehrt sie nach Afrika zurück, um
zu arbeiten. Viele ihrer Serien, darunter Um -
bra und Flamboya , sind dort entstanden: »In
Afrika funktionieren meine Sinne anders –
viel stärker, viel intensiver. Ich träume dort
auch heftiger.«
Weitere Verfremdungseffekte erzielt die
Fotokünstlerin, indem sie überraschende mentiert. Viele dieser Arbeiten erinnern da - bewältigen.« Die empfand sie schon als Kind:
Hilfsmittel einschaltet. Farbfilter zum Bei - durch an die abstrakten Werke der russischen Mit einem Arzt als Vater wurde beim Abend -
spiel, geometrische Flächen oder Spiegel: Suprematisten. »Das hier zum Beispiel«, sagt essen regelmäßig über Krankheit und Tod
»Durch die gelangt man in ein Paralleluniver - sie und schlägt eine Seite auf mit einem grü - gesprochen, es riefen auch immer wieder
sum.« Für die Arbeit Marte #02/2014 hat Sas - nen Rechteck, das über dem Wüstensand Patienten an, dann musste der Vater zu Not -
sen eine Frau in schwarzer Unterhose auf ein schwebt, leicht verdeckt von einem knall - fällen eilen. »Als ich 22 war, hat er sich das Le -
Bett gesetzt und ihr einen Spiegel auf den blauen Viereck – Kasimir Malewitsch lässt ben genommen.« Wegen eines Hirntumors,
Schoß gestellt. Der versperrt den Blick auf ihr grüßen. »Die blaue Fläche ist ein Spiegel, in der sich zwar als gutartig erwies, ihm aber
Gesicht und ihren Oberkörper – und lässt sie dem der Himmel zu sehen ist«, erklärt Sas - chronische und unerträgliche Kopfschmer -
wie ein vierbeiniges Wesen wirken. sen. »Und das grüne Rechteck, das hat mein zen bereitete. »Ich brauchte zehn Jahre, um
»Man darf nie aufhören zu suchen«, stellt Mann festgehalten, als ich fotografierte.« seinen Tod zu verarbeiten.« Immer wieder
sie klar und steht auf, um sich vor ihr Bücher - Dann deutet sie auf den Schatten unten links lief derselbe Film vor ihrem inneren Auge ab:
regal zu begeben. Mit der Experimentierfreu - im Bild: »Das ist seine Hand.« wie sie einsam und in eisiger Kälte in eine un -
digkeit sei es wie mit der Nase eines Spür - endliche Tiefe fiel. »Bis ich das schwarze Vier -

D
hunds: »Der findet auch immer einen Kno - ie Idee entstand, als sie sich mit eck von Malewitsch entdeckte«, erzählt sie
chen. Er muss nur lange genug schnüffeln.« dem Schatten als Ausdruck von und muss lächeln. »Als kleine dunkle Fläche,
Treffsicher zieht sie ihr jüngstes Fotobuch zur Trauer und Tod auseinandersetzte. auf die ich das Unfassbare, nämlich den Tod,
Umbra -Serie aus dem Regal. Dafür hat sie »Irgendwann wurde mir das zu projizieren konnte – und mit ihm meine
erstmals mit geometrischen Flächen experi - dunkel und zu schwer. Irgendwann wollte ich Ängste.« Das kleine schwarze Quadrat schluck -
Farbe in den Schatten kriegen.« Wieder ein - te alles runter.
mal begann der Spürhund zu schnüffeln. In autonomen Arbeiten wie der Umbra -
Und fand einen Knochen. Ergebnis ist eine, Serie kann die sensible Fotografin ihre intro -
wie Sassen es nennt, fotografische Version vertierte, ihre schwermütige Seite ausleben;
des berühmten Schwarzen Quadrats von Male - die Modefotos hingegen entstehen in Team -
witsch. Dieses ultimative Werk der abstrak -
ten Malerei habe sie schon immer fasziniert,
erzählt sie und setzt sich wieder an den Tisch:
»Es hat mir geholfen, meine Todesangst zu
76
arbeit und trotz der Grenzen, die ihr die Auf - geistmagazine wie »Dazed & Confused«, der Biennale in Venedig mit dabei. Und im
traggeber setzen, in einer viel spontaneren, »Tempo«, »i-D« oder »Purple« auf dem Markt letzten Jahr gewann sie mit dem Buch Umbra
viel freieren Atmosphäre: »Mit ihnen konnte waren. Hier konnte sie ihre Kreativität ausle - die Goldmedaille des Deutschen Fotobuch -
ich auch immer meine autonomen Arbeiten ben: »Dagegen sind ›Elle‹ und ›Vogue‹ Boll - preises.
finanzieren.« werke der Macht, nicht der Kreativität.« Ein neues Buch ist bereits in Planung –
Nur ganz am Anfang, da musste sie sich Das Internet kam damals erst auf. Um was genau, will sie nicht verraten. Und dann
mit allen möglichen Jobs über Wasser halten: ihre Arbeiten bekannt zu machen, begann ist da noch Roxane, ihre Muse und Freundin.
»Ich fotografierte Hochzeiten und Kinderge - Sassen im Auftrag dieser Avantgarde-Magazi - »Mit ihr habe ich bereits 2012 einen Fotoband
burtstage«, erinnert sie sich und streicht sich ne sogenannte »Editorials« zu produzieren, produziert«, erzählt Sassen und betrachtet
das ohnehin bereits streng nach hinten ge - also aufwendige Modefotostrecken wie bei - den großen Haufen Polaroids vor ihr auf dem
bundene Haar noch etwas glatter. Angesichts spielsweise In Bloom – eine wahre Farborgie, Tisch. Auf allen ist Roxane zu sehen, in den
ihrer ebenmäßigen Gesichtszüge erstaunt es für die sie über und über in bunte Stoffe ge - verschiedensten Rollen und Posen – das Er -
nicht weiter, dass sie einst selbst als Model hüllte Modelle in blühende Tulpenfelder gebnis einer dreitägigen Fotosession in Süd -
gearbeitet hat. »Das war zu der Zeit, als ich stellte. »Dadurch machte ich die großen La - frankreich, das noch in diesem Frühling als
noch Modedesignerin werden wollte und bels auf mich aufmerksam.« Fortan verdien - Fotobuch erscheinen soll. Viviane Sassen
meinen Kommilitonen als Schneiderpuppe te sie so gut, dass sie sich Zeit für ihre eigenen fischt noch einmal nach dem Foto mit dem
für deren Entwürfe diente.« Aber nach zwei künstlerischen Arbeiten nehmen konnte. Goldgürtel: »Es ist unglaublich, wie viele Frau -
Jahren brach sie das Studium ab: »Das war es Ihren Durchbruch erlebte sie 2007, als sie enbilder Roxane in sich vereinen kann! Mal
nicht.« Was aber war es dann? Nachdem sie den Prix de Rome gewann, den ältesten und ist sie Hure, mal Heilige, dann wieder Mutter
von einer Modelagentur unter Vertrag ge - renommiertesten niederländischen Preis für oder Modell.«
nommen worden war und viel mit Fotogra - Nachwuchskünstler. »Es gab viele Nasen, die Deshalb fotografiert Sassen am häufigs -
fen zusammengearbeitet hatte, wusste sie es: damals gerümpft, und Augenbrauen, die hoch - ten Frauen. »Männer sind in dieser Hinsicht
»Ich stand auf der falschen Seite. ICH wollte gezogen wurden«, erinnert sie sich. Dass da weniger spannend«, findet sie und greift
diese Fotos machen, ICH wollte bestimmen eine Fotografin ausgezeichnet wurde, und zu einem der Stifte auf dem Tisch. Auf ein-
können, wie sie aussahen!« dann auch noch eine, die sich nicht scheu- mal wirkt sie ein bisschen geistesabwesend.
Was folgte, war ein vierjähriges Fotogra - te, kommerzielle Aufträge aus der Modebran- Dann beginnt sie, die viereckige Fläche zwi -
fiestudium, an das sie noch zwei Semester che anzunehmen, und darüber hinaus selbst schen Roxanes Taille und ihrem in die Hüf-
Kunst hängte. Es waren die neunziger Jahre, einst Model gespielt hatte – das ging eini- te gestemmten linken Arm rosa anzuma-
als Fotografen wie Nan Goldin oder Wolfgang gen ihrer Landsleute eindeutig len. »Hmh.« Mit schief gelegtem
Tillmans mit Aufnahmen in der Schwulen- zu weit. »Selbst habe ich es immer Kopf begutachtet sie ihr Werk.
und Underground-Partyszene für Furore als angenehm empfunden, nicht »Ich weiß noch nicht, wohin
sorgten und experimentelle Mode- und Zeit - von Subventionen abhängig zu AUSSTELLUNG das führt, aber es macht Spaß«,
sein«, betont sie. »Natürlich ist es Die Hamburger murmelt sie und malt weiter.
wichtig, dass es solche Förder- Deichtorhallen zei - Kein Zweifel, der Spürhund hat
gelder gibt – sonst würde es be - gen von 13. Mai bis erneut Fährte aufgenommen. Er
20. August 2017 unter
stimmte Kunstformen nicht ge - muss nur lange genug schnüf -
dem Titel »Umbra«
ben. Aber ich brauchte sie nie, ich die Fotografien der feln. Welchen Knochen er wohl
war immer frei.« gleichnamigen Serie dieses Mal findet? //
Beirren lassen hat sie sich da - und die Multimedia-
mals nicht: 2011 wurde sie mit dem Installation »Totem«.
Das Buch »Umbra«
Infinity Award des international ist 2015 im Prestel Ver-
c enter of Photogra Phy ic P in lag erschienen und
New York ausgezeichnet und stell - kostet 59 Euro.
te im moma aus. 2013 war sie auf
77
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ULLRICHS BILDSEMINAR // FOLGE 61

Politische Stillleben. Fritz-Kola geht immer:


Die Bekenntniskultur des Internets lässt die
Grenzen zwischen sehr links und sehr rechts
manchmal bedrohlich verwischen

W
er meint, die Zeit alle - kosten etwa 1,60 Euro. Sie signalisieren, dass nur verwendet er einen Apple-Rechner, son -
gorischer Stillleben die Rechten dort anzugreifen sind, wo sie her - dern ergänzt sein Foto zudem um einen eng -
sei schon längst vorbei, kommen und am stärksten sind: auf dem lischsprachigen Kommentar. Inspiriert von
täuscht sich. Vielmehr Land, in der Provinz, in den Dörfern. Der Auf - Donald Trumps Wahlkampfslogan, auf dem
haben sie aktuell so - kleber versammelt seinerseits diverse Codes; Foto auf einer Baseball-Cap zu lesen, schreibt
gar wieder große Kon - statt Hammer und Sichel zeigt er in Verbin - er: »Make philosophy Great again«. Der Wunsch,
junktur: innerhalb einer politischen Bekennt - dung mit dem Sowjetstern Rechen und Mist - auf Instagram weltweit verständlich zu sein,
niskultur, wie sie in den sozialen Medien ent - gabel, und wie sonst auf Wappen sieht man ist also größer als der Wunsch, sich in der
standen ist. Und so gegensätzlich verschiede - gekreuzte Äxte: ein weiteres Symbol für ent - Muttersprache zu äußern. Dabei ist sie gera -
ne Lager auch sein mögen, in der Wahl ihrer schlossenen Kampf. Ferner ist der Aufkleber de nach Überzeugung des Philosophen, den
semantisch überladenen Ikonografien und ein Aufruf gegen Depression (»contre la tris - Sellner am sichtbarsten ins Bild rückt, beson -
Dingsymbole ähneln sich ihre Vertreter. Ein tesse«) und erwähnt eine linke Protestgruppe ders wichtig für den Bezug zur Heimat, also
Vergleich zwischen einem Mitglied der lin - (»association progrès«). Es geht auf dem Foto für die eigene Identität: Martin Heidegger
ken Antifa und einem Repräsentanten der aber auch um Flüchtlinge (ein Hashtag lautet liefert der Identitären Bewegung zentrale
rechts angesiedelten Identitären Bewegung #rfgswlcm, also, ergänzt um die Vokale, »re - Stichworte, wenn er in seinen Schriften den
macht das deutlich. fugees welcome«). Statistiken auf einer Land - Ursprung und das Auf-den-Grund-Gehen be -
In beiden Fällen gibt es auf den Fotos eini - karte listen auf, wie viele Flüchtlinge einzel - schwört. Nur dass sie über einen angeblichen
ges zu entschlüsseln: Slogans, Zeichen, Logos. ne europäische Länder aufgenommen haben. Austausch des Volks klagen und die Rück-
Auch die Hashtags, mit denen die Bilder ver - Das auffälligste Dingsymbol aber ist eine kehr einer von Tradition, Familiensinn und
schlagwortet sind, um auf den Internetplatt - Flasche Fritz-Kola. Da diese Marke aus Ham - deutschem Wald geprägten Vergangenheit
formen besser gefunden zu werden, liefern burg stammt, erfreut sie sich bei »FC St. Pau - erhoffen, während Heidegger an der Seins -
Hinweise. Die Userin mit dem Namen »anti - li«-Fans großer Beliebtheit; für sie, im Unter - vergessenheit leidet und auf eine Wiederver -
faschistischeseinhorn« und der durch die Oc - schied zu vielen anderen Fußballfans gene - zauberung der Welt wartet.
cupy-Bewegung prominent gewordenen Guy- rell links gesinnt, ist Fritz-Kola das Gegenteil »Auf uns kommt es an« liest man in sei -
Fawkes-Maske als Profilbild outet sich in von Coca-Cola, also ein Protest gegen die USA nem Satz vom Grund , und was das für die
ihrem Instagram-Account als Kommunistin, und globale Konzerne. Tatsächlich wurde die Identitäre Bewegung bedeutet, macht Sellner,
Anarchistin, Feministin und St. Pauli-Fan. Vor Marke 2003 auch aus einem Underdog-Ge - der auch schon öfters als Pegida-Redner aufge -
allem aber ist sie gegen alles, was rechts ist. fühl heraus ins Leben gerufen. treten ist, mit einem weiteren Buchtitel deut -
Dass sie sich mit einem Einhorn identifiziert, Umso überraschter ist man, entdeckt man lich: Auf dem Bildschirm leuchtet Thomas
ist als Bekenntnis zu Vielfalt und Gleichbe - dieselbe Flasche auf einem Foto des Insta- von Aquins Summa contra gentiles – eine phi -
rechtigung sämtlicher – selbst fiktiver – Le - gram-Accounts von Martin Sell - losophische Anleitung des mit -
bensformen zu deuten. ner, dem Leiter der Identitären telalterlichen Philosophen für
Das Foto kombiniert Elemente ihrer Welt - Bewegung Österreichs (IBÖ). Missionare, die unter Juden oder
anschauung in Gestalt gekaufter Sachen. Eine Zwar ist sie hier viel kleiner, aber Moslems leben, ihre Identität
antikapitalistische Gesinnung muss also kei - durch einen Hashtag eigens her - also in einer feindlichen Umge -
neswegs in Konsumverweigerung münden. vorgehoben, somit nicht zufällig bung behaupten müssen.
Wer ein Foto von »antifaschistischeseinhorn« im Bild. Auf anderen Fotos der Jetzt fehlt nur noch, dass »an -
anklickt, bekommt sogar durch eine Verlin - Rechtsaußen-Gruppierung taucht tifaschistischeseinhorn« und
kung angezeigt, in welchen Shops die jeweili - Fritz-Kola ebenfalls auf. Die links- Martin Sellner irgendwann ein -
gen Aufkleber, Poster oder Accessoires zu er - alternative Provenienz der Mar - mal mit Fritz-Kola-Flaschen auf -
werben sind. 40 Aufkleber der »Dorfantifa« ke scheint nicht zu stören, denn WOLFGANG ULLRICH einander losgehen. //
offenbar geht es einzig darum, ist Professor für
eine deutsche Cola zu trinken. Kunstwissenschaft
Antiamerikanismus verbindet und Medientheorie
und Autor zahlrei -
Linke und Rechte so sehr, dass cher Bücher. In ART
sie sich sogar Symbole teilen. analysiert er jeden
Ganz konsequent ist aller - Monat aktuelle Bilder.
dings auch Sellner nicht. Nicht
80
Stillleben links:
antifaschistische
Aufkleber, Flücht-
lingsstatistiken
und eine Flasche
Fritz-K ola
INSTAGRAM-FOTO VON
ANTIFASCHISTISCHES-
EINHORN

Stillleben rechts:
Trump-Kappe, Heideg -
ger-Buch, Fritz-Kola
und Thomas-von-
Aquin-Zitat auf dem
Rechner
INSTAGRAM-FOTO
VON MARTIN SELLNER

81
Ordnung ist eben auch
bei den diszipliniertesten
Künstlern nur das halbe
Leben: Karl-Heinz Adler in
seinem Dresdner Atelier

82
Der Form ali st

Systeme sind das Lebensthema von


Karl-Heinz Adler. Unbeachtet und
doch bestens vernetzt hat er in Dresden
ein gewaltiges Werk geschaffen

TEXT: SUSANNE ALTMANN, FOTOS: STEPHAN FLOSS

83
Die strengen Linienbilder Am Anfang standen Collagen,
gibt es seit den späten systematische Überlage-
sechziger Jahren rungen gleicher Elemente
SERIELLE LINEATUREN/ SCHICHTUNG MIT DREIECKEN,
TAFEL 2, 1989, 99 X 69 1959, 71 X 71 CM

84
85
86
»Meine Malerei wird nicht von mir
selbst gemacht, sie macht sich selbst«

Impressionismus aus Farbquadrat,


systematisch zerlegt und neu zu-
geschichteter Farbe sammengefügt
VERTIKALE AUS DUNKLEM INEINANDERGREIFEND,
RAUM AUFSTEIGEND, 1984, 2007, 83 X 83 CM
20 X 14 CM

87
P
aradoxer kann eine radikale gelrechte Hexenjagd auf alles Abstrakte voll -
Absage an die Figuration nicht zieht, entstehen in Adlers Atelier geometrische
ausfallen. 1949/50 malt ein Collagen aus grauen und schwarzen Papieren.
damals 22-jähriger Student der Anfangs nur aus Quadraten bestehend, wer -
Dresdner Kunstakademie ein den diese fächerartigen Schichtungen bald
seltsames Symbolbild. Para - um Kreise, Halbkreise, Dreiecke und weitere
dox auch deshalb, weil er und sein Freund Farben erweitert. Das klingt unspektakulär,
Gotthard Graubner zeitgleich durch Renitenz ist aber der Beginn seiner lebenslangen Lei -
gegen das engstirnige Lehrsystem auffallen, denschaft für die reine Form. Seine Studenten
das nach Heldenbildern verlangt. Während lässt er mit Geometrie-Baukästen gleichsam
Graubner ohne Abschluss nach Westdeutsch - spielen, und auch ihm selbst wird die Fläche
land emigriert, will Karl-Heinz Adler auf die zu eng. Erste Reliefs entstehen, aus Sperrholz,
akademischen Weihen nicht verzichten. Das Pressspanplatten, Metall oder Glas. Ohne
beweist jenes seltsame Gemälde aus seinem sich dessen sofort bewusst zu sein, verlässt er
dritten Studienjahr, das sogar in die Samm - damit auch Beschränkungen der klassischen,
lung der Hochschule eingeht und bis heute auf die Malerei fixierten Konkreten Kunst
dort zu finden ist: Freundlich blickt uns ein und erobert den Raum für sich.
Jungpionier mit Seitenscheitel an, gestützt Das geschieht zu einer Zeit, als in den USA
auf einen Schreibtisch, auf dem neben Bü - spätere Heroen wie Carl Andre, Dan Flavin
chern und einer Tageszeitung ein Globus oder Frank Stella langsam anfingen, ihre mi -
steht. Afrika ist zu sehen, Europa und die gro - nimalistischen Konzepte für Flächen und
ße Sowjetunion. Der Knabe trägt ein weißes Räume zu entwickeln. Was Adler von dieser
Hemd mit Emblem, eine signalrote Strickwes - transatlantischen Verwandtschaft abhebt, ist
te und ein blaues Halstuch. Insofern stimmt seine ständige Tuchfühlung mit der Baupra -
die Ikonografie des propagierten Sozialisti - xis. Wenn die westlichen Kollegen im Geiste
schen Realismus perfekt. Wer hätte gedacht, des Bauhauses mit industrieller Fertigung
dass der Schöpfer des Bildes sehr bald keiner - oder Reihung von identischen Elementen
lei Interesse mehr an heroischer Gegenständ - operierten, blieben ihre Werke doch strikt auf
lichkeit zeigen und sich eigensinnig zu einem sich selbst bezogen. In der DDR jedoch starte -
Großmeister der geometrischen Abstraktion te in diesem Moment ein Bauboom, der nach
entwickeln würde? seriellen Elementen und Technologien dafür
Unter diesem Vorzeichen wirkt der brave DDR-Engelchen, fast wie bei der verlangte. Die Arbeiterklasse brauchte schnell
DDR-Junge auf der Leinwand plötzlich wie ein Sixtinischen Madonna viel neuen Wohnraum. Bei diesem Tempo
Schwanengesang auf alles, was einem jungen JUNGER PIONIER BEIM LERNEN, ging auch der Bauschmuck in Serie. Ein weite -
1949/50, 125 X 100 CM
Künstler in der ostdeutschen Nachkriegszeit rer Glücksfall für Adler. Zunächst bekommt
das Überleben sichern würde. Karl-Heinz Ad - er Forschungsaufträge der Bauindustrie. Die
Drei Dresdner 1975 in Düsseldorf:
ler zieht hier noch einmal alle Register des Gotthard Graubner, Wilhelm Keramikplatten an den neuen Gebäuden der
Realismus, inszeniert die Figur in blasser An - Rudolph, Karl-Heinz Adler Berliner Stalinallee fallen reihenweise ab und
mut, erinnert mit dem Stillleben im Vorder - hinterlassen peinliche Narben am Prestige -
grund und den Magnolienblüten im Hinter - objekt der Ost-Hauptstadt. Gemeinsam mit
grund an alte Meister; vielleicht auch an den dem jungen Maler nicht passieren. Schon als zwei Kollegen entwickelt Adler ein kerami -
handwerklichen Drill, der sich aus der Ära wissbegieriger Zeichenschüler fasziniert ihn sches Materialverfahren, das Außenverklei -
des berüchtigten Dresdner Zeichenlehrers Ri - ein Büchlein über das Bauhaus. Mit dessen dungen nicht nur witterungsbeständig und
chard Müller in die neue Zeit gerettet hat. Gründungsmanifest Das Endziel aller bild- haltbar macht, sondern mit seiner farblichen
Trotz aller Insignien ist die Komposition alles nerischen Tätigkeit ist der Bau (1919) kann Leuchtkraft auch für künstlerische Maßnah -
andere als ein Loblied auf den Sozialismus, er sich jetzt endlich auch praktisch identifi - men einsetzbar ist. Noch heute bewahrt der
sondern eher eine zutiefst bürgerliche, ro - zieren. Zumal das Land ringsum in Trüm - Künstler Probestücke in Türkisblau und kon -
mantische Reminiszenz. Ob diese Nuance den mern liegt und die traumatisierte junge Ge - trastierendem Gelb in seinem Atelier auf. Sie
Hardlinern entgangen ist, wissen wir nicht. neration sich mehr für den Aufbau und weni - wirken wie archäologische Funde aus längst
Wir wissen jedoch, dass Adler sich ungesäumt ger für »schöne« Bilder interessiert. Später vergangenen Zeiten, zumal der Besuch in
von den herrschenden Doktrinen abwendet erinnert er sich: Ȁhnlich den Auffassungen dem Studio ohnedies eine Zeitreise durch
und im Frühjahr 1955 an der Technischen der Avantgarde der russischen Konstruktivis - über sechzig Schaffensjahre ist. Das 1956 an -
Hochschule Dresden eine Assistentenstelle ten, des Bauhauses und von De Stijl ging es gemeldete Patent für Silikatstein beschert
am Lehrstuhl für Architektur, Bauplastik und uns dabei vor allem um die soziale Kompo - Adler 1957 eine Einladung an das Keramik -
Aktzeichnen annimmt. Etwas Besseres kann nente in der Kunst … mit einer neuen ästheti - zentrum von Vallauris in Südfrankreich.
schen Ordnung, die sich auf Wissenschaft, Auch Pablo Picasso, der dort erfolgreich mit
Technik und Forschung beruft, unmittelbar Ton und Glasuren experimentiert, bittet um
am Aufbau einer neuen Gesellschaft teilzu - ein Treffen in seiner Villa »La Californie«.
nehmen, um Kunst und Leben eng zu verbin - Hier, so schreibt der überwältigte Besucher
den, begeisterte mich.« Er organisiert nicht später, »schien die Sonne heller, schöner …
nur seine Lehre dementsprechend progressiv, Ich stand und schaute in Richtung Süden,
sondern auch die eigene Kunstproduktion. weit hinaus auf das gleißende Meer, die Sonne
Während sich seit den frühen fünfziger über mir. Ja, ich fühlte mich der Welt entrückt,
Jahren an den Kunsthochschulen des Landes den Göttern näher.« Picasso interessiert sich
und im Verband Bildender Künstler eine re - sehr für die Materialprobe aus Dresden, das
88
Pablo Picasso riet dem Keramikexperten
beim Besuch in Vallauris: »Bleiben Sie hier!«

Im Atelier ist
das Lebenswerk
fast wie bei einer
Retrospektive
ständig vor Augen
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Viele von Adlers Formsteinwänden
wurden nach der Wende niedergerissen

Das Formsteinsystem Modularer Schmuck für


erlaubt viele Varianten den Plattenbau
ENTWURF FÜR EINE PLASTI
- BEIDERSEITS PLASTISCHE
SCHE TRENNWAND, SIEBZIGER FORMSTEINWAND, 1972/73,
JAHRE, 28 X 100 CM BERLIN-HOHENSCHÖNHAUSEN

90
»Nilblau« und verwickelt den Gast in ein Ge - ther (1925 bis 2004), im Atelier des Konstruk -
spräch über persische Fliesen, Xerxes und tivisten und Hermann-Glöckner-Schülers Wil -
das Ischtar-Tor. »Bleiben Sie …«, habe der Meis - helm Müller (1928 bis 1999) wird heiß über die
ter zum Abschied gesagt. Prinzipien von Konkreter Kunst und serieller
Dieser Moment war eine von unzähligen Methodik debattiert. Zudem pflegt das Paar
Versuchungen für Adler, dem Osten den Rü - innige Freundschaften mit westdeutschen
cken zu kehren. Denn während sich der Bau - Abstrakten wie Georg Karl Pfahler (1926 bis
plattenhersteller in Meißen nicht für die Pro - 2002) und natürlich immer mit Gotthard
duktion der Innovation interessiert, regnet es Graubner (1930 bis 2013), dem frühen Intimus
Anfragen aus München, Bamberg und Würz - aus dem Vogtland. Letzterer verschafft Adler
burg. Der junge Vater entscheidet sich aber der ab 1988 eine Gastprofessur an der kunstaka -
Familie und absehbarer Repressalien wegen demie düsseldorf . Viel später echauffiert er
zu bleiben. Außerdem öffnen sich neue Hori - sich einmal darüber, dass Gemälde des Freun -
»Kunst am Bau«-Genossen in
zonte, als er 1960 den Künstlerkollegen Fried - Aktion: Friedrich Kracht und Adler des wie Kopien der eigenen räumlich-lyri -
rich Kracht (1925 bis 2007) kennenlernt. Wie beim Ausformen der Module schen Bildkörper wirkten. Graubner vergisst
Adler ist Kracht schon lange mit dem Virus dabei, dass Adler gravierend anders vorgeht,
des Konstruktivismus infiziert, leidet wie er indem er je zwei Industriefarben systematisch
unter der staatlich geschürten Aversion gegen Von dieser finanziellen Absicherung und von auf Pressspanplatten schichtet, entlang eines
den vermeintlich dekadenten »Formalismus«. der Nischensituation profitiert auch Adlers mathematischen Rasters. Zwar erinnern der -
Bald treten sie der von anderen Freiberuf - freie Atelierarbeit. Mit meditativer Hingabe lei Überlagerungen an impressionistische
lern gerade gegründeten Produktionsgenos - zeichnet er etwa seine Seriellen Lineaturen . Abstraktion, resultieren jedoch allein aus
senschaft »Kunst am Bau« bei; ein einzigarti - Zwischen Konstruktivismus, Minimalismus dem strengen Regelwerk. Diese konzeptuelle
ger, fast ideologiefreier Schutzraum. Ab Mitte und Op Art wie auf feinen Fäden balancierend, Systematik ist ihm so wichtig, dass er sie in
der sechziger Jahre bekommen sie regelmä - pulsieren diese Blätter und Tafeln noch heu - einer Folge von Lehrtafeln dokumentiert.
ßig Aufträge für baugebundene Gestaltun - te so energiegeladen-psychedelisch wie einst. Doch mindestens ebenso wichtig wie der
gen, nicht zuletzt Dank Adlers exzellentem Zudem wirken sie wie eine prophetische Vor - Kontakt nach Westen war jener nach Osten,
Ruf in der Branche. Mit der Entwicklung von wegnahme von digitalen Linienmorphings, namentlich nach Polen. Dort hatte sich der
Betonformsteinen für Freiflächen und Wand - sprich: den flirrenden Effekten früher Bild - andernorts verpönte »Formalismus« frei ent -
verkleidungen lockern sie DDR-weit die uni - schirmschoner. Kein Zweifel, dass er seine falten können. Die Anwältin und Expertin für
forme Strenge der Plattenbausiedlungen auf. Bildsprache von Formwiederholung, mini -
maler Variation und äußerster Reduktion der ler und lädt ihn zu Symposien und Ausstellun-

W
ie einst seine Studenten, nut - sozialistischen Baupraxis verdankt. Ihre Poe - gen ein. Dort trifft er nicht nur polnische Kol -
zen Adler und Kracht eine Art sie scheint indes aus einer anderen Quelle zu legen wie Kajetan Sosnowski, sondern auch
Arbeitskasten, mit dem sie stammen. Denn Adler wuchs im vogtländi - Geistesverwandte aus Westeuropa. »Polen war
ihre zwölf Formsteintypen schen Remtengrün als Sohn eines Instru - für mich das Tor zur internationalen Avant -
flexibel kombinieren. Bisweilen schmuggeln mentenbauers auf, umgeben von fast allem, garde«, erklärt Adler heute. Mit diesem Rück -
die gewitzten Genossenschaftler sogar frei - was Saiten hat: Lauten, Mandolinen, Gitar- halt übersteht er die magere Anerkennung in
stehende abstrakte Skulpturen in die Bauen - ren, Banjos, Balalaiken. Die Harmonie dieser der DDR, wo er 1982 in einer kleinen Dresdner
sembles ein. Viele derartige Werke wurden räumlichen Linien und ihr strenges Regel - Galerie die erste Einzelausstellung überhaupt
kurz nach der deutschen Wiedervereinigung maß klingen sacht in den Lineaturen an, die bekam. Auch nach dem Fall des Eisernen Vor -
als sozialistische Relikte abgerissen und feh - tatsächlich wie straff gespannte Saiten auf hangs bleibt die ersehnte und verdiente Wür -
len heute schmerzlich. Ein Paradox ist auch dem Papier liegen. Und noch ein weiterer Ein - digung gering – gegenstandslose Kunst war
das insofern, als die Geometrie vorher als for - fluss aus der Jugend hat ihn auf serielle Ge - in den Neunzigern kein Thema. Adler nimmt
malistisch-kapitalistisches Feindbild diente. staltung eingestimmt: 1941 beginnt er eine es mit Humor und Gelassenheit. Viele Weg -
Man sucht sie also heute vergebens, die ge - Lehre als Musterzeichner für Teppiche. Kaum gefährten sind mittlerweile gestorben. Doch
schwungenen Formsteinwände in Cottbus, vergilbte Farbentwürfe des etwa 15-Jährigen die Geduld hat sich gelohnt: Seit ein paar Jah -
das durchgestaltete Stadtviertel Jena-Lobeda, zeugen noch immer von der geduldigen Kon - ren wird der fast 90-Jährige von Interesse ge -
mit Bänken, Brunnen und Pflanzschalen als zentration, die Adlers Exerzitien der Wieder - radezu überrollt. Das hat auch damit zu tun,
Meisterstück angewandter serieller Systeme. holung bis heute ausstrahlen. Unter seinen dass sich zunehmend jüngere Künstler wie
Durchbrochene Ornamentwände in einer Händen nimmt das Schmähwort Monotonie etwa Olaf Holzapfel oder Kai Schiemenz nicht
Hohenschönhauser Plattenbausiedlung sind eine nachgerade metaphysische Dimension nur für sein Werk, sondern auch für seinen
immerhin noch unversehrt zu besichtigen, an. Denn Adler sieht sich auch als philosophi - unbeirrbaren Lebensweg begeistern. Spät,
wie auch ein dynamisches Stand - schen Denker, der stets den Ge - aber nicht zu spät bemerken jetzt auch Mu -
relief am Heizkraftwerk Criesch - setzmäßigkeiten der Natur und seen, Galerien, ja selbst Kunsthistoriker das
witz in Plauen, das heute sogar ihren Formen auf der Spur ist. souveräne Genie aus Dresden. /
unter Denkmalschutz steht. AUSSTELLUNG Anders als man angesichts des
Dass es sich bei den ausge - DDR-Stereotyps der totalen Ab -
Die Staatlichen Kunst -
klügelten Elementen um modu - sammlungen Dresden schottung meinen könnte, rei -
lare Kunst handeln könnte, stand zeigen im Alberti- zen der Künstler und seine Frau,
für die offiziellen Auftraggeber num aus Anlass die Kunsthistorikerin Ingrid Ad -
damals allerdings nicht zur Debat - des 90. Geburtstags ler, fortwährend die geistigen
vom 30. März bis
te. Im Gegenteil, jeder Honorar - 25. Juni eine kleine und geopolitischen Grenzen des
vertrag enthielt einen Extrapas - Retrospektive, es er - realsozialistischen Biotops aus.
sus, dass hier eine rein ingenieur - scheint ein Katalog. Am Küchentisch des Dresdner
technische Leistung vergütet wird. Malerphilosophen Manfred Lu -
91
MEILENSTEINE // DIE GROSSEN WERKE DER KUNST

JAN VAN EYCK


DIE ARNOLFINI-HOCHZEIT, 1434

Rätselhaftes Wunderwerk
Die Bildräume besitzen Tiefe, die Figuren überzeugende Plastizität, es
gibt Schlagschatten, Farben von bislang unbekannter Leuchtkraft,
und alles wirkt täuschend echt – »Die Arnolfini-Hochzeit« des Brügger
Hofmalers Jan van Eyck ist ein Quantensprung in der Malkunst

TEXT: KERSTIN SCHWEIGHÖFER

E
ine Reise in eine ferne Zukunft Gallery in London gilt nicht nur als ältes-
oder weit zurückliegende Ver - tes erhaltenes ganzfiguriges Doppelporträt
gangenheit – seit Menschen - zweier Individuen in so realistisch anmuten -
gedenken hat uns diese Vor - dem großbürgerlichem Wohnraum. Das rund
stellung in ihren Bann gezo - 82 mal 60 Zentimeter große Tafelbild gehört
gen. Dementsprechend groß auch zu den rätselhaftesten, magischsten
ist unsere Faszination für Zeitmaschinen: und wichtigsten Schlüsselwerken der Kunst -
Man denke nur an die Hollywood-Trilogie Zu- geschichte. Rätselhaft, weil bis heute nicht ge -
rück in die Zukunft . Es geht aber auch weniger klärt ist, um wen es sich bei dem dargestellten
aufwendig. Zum Beispiel in der Malerei. Da Paar handelt. Magisch, weil sich der Betrach -
reicht es manchmal, ein Bild zu betrachten. ter auf einmal im Reich der Burgunder-Herzö -
Da braucht nur eine Tür aufzugehen – und ge wähnt – in jenem flachen Küstenstreifen an
schon wird der Besucher gut 600 Jahre zu - der Nordsee, wo die Kathedralen die einzigen
rückkatapultiert und findet sich auf der Berge sind, wie es Jacques Brel einst besungen
Schwelle zu einem Raum wieder, wie er 1434 hat, mit Türmen, die versteinerten Arbeiten
im spätmittelalterlichen Brügge eingerichtet der Brügger Spitzenklöpplerinnen gleichen.
worden ist. »Für mich war dieses Bild der Grund,
Der Hausherr, ein sonderbar aussehender Kunstgeschichte zu studieren«, erinnert sich
Mann mit Hut, der irgendwie an Russlands Friso Lammertse, Kustos für altniederländi -
Staatschef Putin erinnert, hebt grüßend die sche Malerei am Rotterdamer Museu M Boij -
rechte Hand. Neben ihm seine Frau, den Blick Ma Ns va N Beu NiNGeN. Er war 14 Jahre, als ihn
demütig gesenkt. Sie ist ganz offensichtlich
schwanger, das kann das kostbare, mit Pelz
besetzte grüne Kleid nicht verhüllen, das sie
Hochzeitsbild,
gerafft vor ihrem Bauch hält. Zwischen bei - Doppelporträt eines
den, hinten an der Wand, hängt ein Konvex - längst v erheirateten
spiegel, in dem sich der Betrachter beim Her - Paars oder gar ein
Selbstbildnis des
einkommen winzig klein wiederzuerkennen Malers mit Gattin?
glaubt. Die Arnolfini-Hochzeit von Jan van DIE ARNOLFINI-HOCH-
Eyck (um 1390 bis 1441) aus der Natio Nal ZEIT, 1434, 82 X 60 CM

92
Der scharfe Blick, so wird
oft behauptet, spräche für
Gegenstand ein vor dem Spiegel
gemaltes Selbstbildnis
nicht, wie er ihn Jan van Eycks
DER MANN MIT ROTEM
im Kopf hatte, TURBAN, 1433, 26 X 19 CM

sondern wie Rückenansicht im Spiegel


er ihm im Licht
erschien« Brillante stoffliche
Wiedergabe

Die Holzschuhe werfen


Schatten

Glanzlichter machen die


Hundeaugen lebendig
DETAILS AUS DER
ARNOLFINI-HOCHZEIT

seine Eltern auf einer London-Reise mit in FRÜHERE MEISTER zität der Figuren, die extrem realistische Dar -
die Natio Nal Gallery nahmen. »Ich hatte WIESEN DEN WEG stellung – »auf keinem anderen Werk van
damals nur Sport im Kopf.« Bis er vor der Ar- Die Kunstgeschichte lässt die alt- Eycks sind alle diese Leistungen so verdichtet
nolfini-Hochzeit stand – und es ihm erging niederländische Malerei gerne mit wiederzufinden wie auf diesem Bild«, sagt
wie den meisten Betrachtern: »Ein Zeittunnel van Eyck beginnen – als ob der der deutsche Van-Eyck-Experte Stephan Kem -
hatte mich ins Mittelalter gesogen, in die Künstler wie ein Ufo aus dem Nichts perdick von der Berliner GeMälde Galerie .
Welt der Ritter. Ich konnte es nicht fassen, auf der kunsthistorischen Bühne Der Kronleuchter etwa, der mit seinem spezi -
wie wirklichkeitsgetreu, wie mikroskopisch gelandet wäre. Sein Œuvre ist schmal; fischen Messingglanz im Licht badet – »das
genau auch das kleinste Detail gemalt war.« nur etwa 20 Werke sind erhalten. ist nie zuvor in einem Bild erfasst worden«.
Vieles ist verloren gegangen, der
Wie nur hatte er das hingekriegt, dieser mys - Der Konvexspiegel und links daneben die
Bildersturm hat in den Niederlanden
teriöse Maler, der um 1390 in Maaseik bei Bernsteinperlenkette, die Lichtreflexe auf die
heftig gewütet. Ihm sind auch Arbei-
Maastricht geboren worden war und etwa 35 ten von Vorläufern zum Opfer gefallen. Wand wirft: »Wunderwerke sind das«, sagt
Jahre später als Hofmaler in Brügge einen ra - Denn auch van Eyck war in Traditio - Kemperdick. »Keinem anderen vor van Eyck
dikalen ästhetischen Umbruch einläuten nen verwurzelt: So gab es durchaus ist so etwas auch nur ansatzweise gelungen.«
und einer der größten Erneuerer der Kunst - Künstler, die sich schon vor ihm in Und alles, was dargestellt ist, wirft Schatten.
geschichte werden sollte? »Nicht umsonst ist realistischen Naturdarstellungen »Die Holzschuhe links vorne – ohne Schatten
noch heute vom ›Wunder von van Eyck ‹ die übten. Zu den schönsten Beispielen würden sie irgendwie schweben. So aber be -
Rede«, so Kustos Lammertse. zählt das um 1410/20 im Elsass ent - finden sie sich echt im Raum.«
standene Paradiesgärtlein aus dem Dabei hat van Eyck im Unterschied zu sei -

S
chon die Zeitgenossen kamen beim Frankfurter STÄDEL-MUSEUM. Die dar - nen Zeitgenossen eigentlich nur eines getan:
Anblick seiner Werke aus dem Stau - auf dargestellten Lilien und Pfingst- ganz genau hingeschaut. »Er war der Erste,
rosen finden sich ähnlich auch in
nen nicht heraus. Seien es die Heilige der gemalt hat, was er gesehen hat«, erklärt
van Eycks Werken. Auch das Streben
Barbara aus Antwerpen, der Dresd - Kemperdick. »Er malte den Gegenstand nicht,
nach Tiefe und Volumen lässt sich
ner Marienaltar , die Madonna des Kanzlers schon früh in der Buchmalerei er - wie er ihn im Kopf hatte, also wie wir uns alle
Rolin aus dem louvre oder der berühmte kennen: Da tauchen Innenräume mit einen Stuhl oder einen Tisch vorstellen, son -
Genter Altar – so etwas hatte die Welt noch Betten, Truhen und Stühlen auf, etwa dern wie er im Licht erschien.«
nie gesehen. Auf einmal hatte der Bildgrund bei den Gebrüdern Limburg, den Eine gewaltige Leistung, auch arbeits-
Tiefe bekommen, und die Personen hatten drei berühmten Miniaturmalern. Nur mäßig, denn Voraussetzung ist langes, kon -
individuelle Gesichtszüge. Die Dinge warfen überzeugend echt sieht das noch zentriertes Beobachten. So entdeckte das Ma -
Schatten, auch das kannte man bis dahin nicht aus. Das gelingt erst van Eyck. lergenie aus Brügge, dass Licht die Farben
nördlich der Alpen nicht. Die Farben schim - verändert und Oberflächenstrukturen her -
merten mit einer ungekannten Leuchtkraft. vorhebt: »Van Eyck erkannte, was Beleuch -
Und alles sah so täuschend echt aus, die Stof - tungslicht ist.« Seine Vorgänger verwendeten
fe und Pelze, die Edelsteine und Perlen, dass Blattgold, wenn sie Gold darstellen wollten.
man sie am liebsten berühren wollte. »Van Aber es sah nicht aus wie echtes Gold; es war
Eyck gelingt es, jeden Faden des reichen Bro - nur die Lokalfarbe. Wenn sie Perlen malen
kats, jedes Haar am Haupt der Engel und jede mussten, setzten sie weiße Tupfen auf Lein -
feinste Maserung des Holzes einzeln wieder - wand oder Holztafel. Denn Perlen waren ja
zugeben«, staunte Jahrhunderte später auch weiß. Van Eyck hingegen verlieh ihnen ihren
der britische Kunsthistoriker Ernst Gombrich. spezifischen matten Glanz: »Er malte sie, wie
Als Musterbeispiel dieser »neuen Kunst« sie im Licht erschienen, nämlich silbrig-me -
gilt Die Arnolfini-Hochzeit : Die Einführung tallisch«, sagt Kemperdick und kommt erneut
von Schlagschatten, die überzeugende Plasti - ins Schwärmen, nun angesichts des kleinen
94
95
Art Superstar
gewesen sein.
Sozial war er
sehr geschickt,
er wusste mit
den Mächtigen
umzugehen«

Hundes im Vordergrund: »Sehen Sie die Glanz - BRÜGGE - EIN ZENTRUM Auftrag von Philipp dem Guten unternahm
lichter in seinen Augen? Ohne diese zwei FÜR HANDEL UND KUNST? van Eyck mehrere Auslandsreisen in diplo -
Punkte würde er wie ausgestopft aussehen. Brügges Blütezeit begann 1369, als matischer Mission. Und als der Herzog heira -
Und die vom Licht angestrahlten Haare, die die Stadt Teil des Herzogtums ten wollte, sorgte er dafür, dass sich sein
sehen aus wie echte Hundehaare. Wegen der von Burgund wurde. Mit den Herzögen Arbeitgeber ein Bild von seiner Zukünftigen
Lichtreflexe.« kamen Kaufleute aus ganz Europa machen konnte: Van Eyck reiste auf die Iberi -
Damit wird van Eyck zum fernen Vorläufer an die Nordseeküste, um sich Stadt - sche Halbinsel, um 1429 mit einem Porträt
der Impressionisten: Er malt die Erscheinung paläste und Lager für ihre kostbaren von Isabella von Portugal zurückzukommen.
der Dinge im Licht, nicht die Gegenstän de Güter zu bauen: Gewürze und Brokat Anatomisch korrekt waren seine Porträts
aus Italien, Wolle aus England für
selbst. Ein Quantensprung in der Kunstge - allerdings nicht. »Schauen Sie sich nur mal
die Tuchproduktion, Pelze und Holz
schichte: »Einer musste ihn gehen, diesen ge - den winzigen Oberkörper der Frau auf dem
aus Russland, Lammfelle aus Spanien,
waltigen Schritt. Er hatte dafür das Talent.« Wein aus Frankreich und Gobelins Arnolfini-Bild an!«, sagt Kemperdick. »Sie
Erfinder der Ölfarbe allerdings ist van Eyck aus Flandern. 1439 eröffneten die muss riesig lange Beine haben.« Aber das
nicht – ein Irrtum, der sich hartnäckig hält. Er Medici in Brügge eine Bankfiliale. störte damals niemanden. Köpfe und Hände
war bloß einer der Ersten, der die neue Tech - Mit den Herzögen und Händlern zog galten als Hauptausdrucksträger und fielen
nik konsequent anwendete und seine Bilder – es auch viele Künstler in die Stadt: daher unverhältnismäßig groß aus. Und weil
Farbschicht über Farbschicht – in durch - Nicht nur die Brüder Jan und Hubert sich van Eyck dem herrschenden Schönheits -
schimmernden Lasuren aufbaute. Dadurch van Eyck schufen hier ihre wich- ideal anpasste, ähneln sich seine Frauenbild -
sind die Farben auf seinen Werken – das Blau, tigsten Werke, auch Hugo van der nisse alle ein bisschen, haben alle die gleiche
das Rot, das Grün – von geradezu überirdi - Goes und Hans Memling. Eine der hohe Stirn.
scher, magischer Leuchtkraft. Höhepunkte dieser Zeit war die Hoch - Wie van Jan Eyck selbst aussah, wissen
zeit 1430 von Philipp dem Guten mit
Sein Können sprach sich schnell herum: wir nicht. Jedenfalls nicht mit Sicherheit. Vie -
Isabella von Portugal, die sich durch -
1422 trat van Eyck in Den Haag in den Dienst le halten den Mann mit rotem Turban von
aus hätte messen können mit der
von Johann III., Herzog von Straubing-Hol - von Prinz Charles und Lady Di über 1433, ebenfalls aus der Natio Nal Gallery , für
land. Schon drei Jahre später ließ er sich ab - 500 Jahre später. Zur Feier des Tages ein Selbstporträt. Doch »es gibt keinen Be -
werben und zog weiter nach Brügge, damals gründete Philipp den berühmten weis dafür, dass dies van Eyck ist«, stellt Kus -
eine der elegantesten Handelsstädte Europas. und heute noch existierenden Orden tos Lammertse klar. Aber weil die ganze Welt
Um dort das Höchste zu erreichen, was einem vom Goldenen Vlies. in diesem Mann so gerne van Eyck sehen
Bürgerlichen gegönnt war: Er durfte sich Hof - wolle, »nimmt es die Natio Nal Gallery da -
maler und Kammerherr des Herzogs von Bur - mit nicht so genau«.
gund nennen. Und wurde so reich, dass er mit Das gelte auch für Die Arnolfini-Hochzeit ,
Frau und Kindern in einem Haus aus Stein die nach wie vor so heißt, obwohl keineswegs
mit Glasfenstern leben konnte. »Er muss eine feststeht, dass es sich bei den Dargestellten
Art Superstar gewesen sein«, sagt Kustos tatsächlich um die Arnolfinis handelt – und
Lammertse. »Sozial war er sehr geschickt, er dass hier wirklich ein Hochzeitsbild vorliegt.
wusste mit den Mächtigen umzugehen.« Im Dass sich diese Annahme so lange halten
konnte, liegt an einem berühmt gewordenen
Artikel von Erwin Panofsky: 1934 zählt der be -
deutende Kunsthistoriker eine ganze Reihe
von Argumenten auf, die für eine Hochzeit
sprächen – angefangen beim Hund als Sym -
bol der Treue bis hin zur Gebetsschnur aus
Bernsteinperlen, damals ein beliebtes Braut -
96
Die kirchliche Trauung
von Philipp dem Guten und
Isabella von Portugal fand
am 7. Januar 1430 in Brügge
statt. Der Herzog, in dessen
Diensten van Eyck stand,
feierte mit großem Prunk
PHILIPP DER GUTE UND
ISABELLA VON PORTUGAL,
ANONYM, 16. JAHR-
HUNDERT, 22 X 29 CM

Das reiche Brügge zog


große Künstler an, die hier
bedeutende Werke schufen
HUGO VAN DER GOES:
RECHTER FLÜGEL DES
PORTINARI-TRIPTYCHONS,
1473/77, 253 X 141 CM

HANS MEMLING:
SCHREIN DER HEILIGEN
URSULA, 1489,
35 X 25 CM JE BILDTAFEL

geschenk. Laut Panofsky sei van Eyck höchst - Ehepaars aus der Brügger Oberschicht, das ebenfalls stimmen – der sonderbare Mann
persönlich bei dieser Hochzeit als einer von selbstbewusst seine Vornehmheit zur Schau mit Hut ist Mitte oder Ende 30, und das war
zwei Trauzeugen aufgetreten und habe sich stellt. Über die Frage aber, wer dieses gut situ - der Künstler 1434 auch. Von seiner Frau Mar -
winzig klein im Konvexspiegel verewigt. Des - ierte Paar war, scheiden sich nach wie vor die gareta wissen wir, dass sie 1406 geboren wur -
halb auch die Inschrift über dem Spiegel: Jo - Geister. de, sie wäre auf dem Bild also 28 Jahre alt,
hannes de eyck fuit hic – Jan van Eyck war Tatsache ist, dass sich das Werk spätes - »Auch das würde gut hinkommen«, so Kem -
hier. Und darunter die Jahreszahl 1434 – das tens 1516 im Besitz von Margarete von Öster - perdick. Und ihr erstes Kind bekamen die bei -
Hochzeitsdatum. reich befand, der Tochter von Burgunder- den noch 1434, im Herbst. Das ist urkundlich
Herzog Maximilian I. In Margaretes Inventar belegt, denn Philipp der Gute war Taufpate.

E
in brillanter, ein schlauer Artikel«, wird es als Tableau eines gewissen Arnoult Die Arnolfini-Hochzeit – ein Selbstporträt?
lobt Lammertse. Dementsprechend Fin beschrieben – ein Adliger, über den es kei - Kemperdicks Rotterdamer Kollege Lammert -
lange habe es gedauert, bis es jemand ne weiteren Informationen gibt. Dafür tauch - se will sich zwar nicht festlegen, »aber mög -
wagte, dem großen Panofsky zu wi - ten im 19. Jahrhundert in den Brügger Archi - lich ist es schon«. Doch das würde bedeuten,
dersprechen. Erst in den letzten 20 Jahren ven die Arnolfinis auf – ein Tuchhändlerge - dass das Malergenie aus Brügge nicht gerade
wurde klar, dass auch Kunstpäpste auf dem schlecht aus Lucca, das sich um 1400 in der attraktiv war. Dieser maskenhafte bleiche
Holzweg sein können. Kemperdick nennt burgundischen Metropole niedergelassen Kerl – van Eyck? Ausgeschlossen! »Deshalb
die wichtigsten Gegenargumente: Erstens hatte. So wurde aus Arnoult Fin eben Arnolfi - klammern sich alle an die Arnolfinis«, seufzt
könne die Inschrift an der Wand kein Hoch - ni. Und von Arnolfinis wimmelte es in Brügge Kemperdick. Und an den markanten Mann
zeitsdatum sein: »Ausschlaggebend ist der nur so: Der Erste war Giovanni Arnolfini. Ge - mit dem roten Turban: »So soll er ausgese -
Hochzeitstag und nicht das Jahr, und der heiratet hat er den Urkunden zufolge erst 1447, hen haben, der Meister!«
fehlt hier.« Zweitens reicht der Mann der eine gewisse Giovanna Cenami. Der Zweite Schade eigentlich, dass wir nicht wirklich
Frau seine linke Hand, bei einer Hochzeit hieß Giovanni di Nicolao Arnolfini. Aber der eine Zeitreise machen können – zurück ins
müsse es die rechte sein. Dann der geschwol - war 1434 bereits Witwer und kommt somit Jahr 1434, ins Reich der Burgunder-Herzöge.
lene Bauch der angehenden Arnolfini-Gattin. auch nicht infrage. Es sei denn, er hätte ein Dann könnten wir van Eyck selbst fragen.
Zwar wurden Frauen damals oft mit gebläh - zweites Mal geheiratet. »Aber das ist nicht do - Und wüssten auch, wie er nun ausgesehen
tem Leib dargestellt, ohne schwanger zu sein, kumentiert«, so Van-Eyck-Experte Lammertse. hat, der große Erneuerer der Malerei. So aber
als Symbol ihrer Fruchtbarkeit. Aber vergli - Die Beweisführung müsse an allen Ecken bleibt es bestehen, das Rätsel der Arnolfini-
chen mit anderen Bäuchen sei der auf dem und Enden zurechtgestutzt werden. So wie Hochzeit . //
Arnolfini-Bild schon sehr ausladend. Und mit beim Schuh von Aschenputtel, in den die
dem Heiraten wäre die angebliche Braut Stiefschwestern um jeden Preis ihren Fuß
dann etwas spät dran. Genau das aber, da pressen wollten, obwohl er nicht passte.
sind sich viele Forscher inzwischen einig, hat Stephan Kemperdick hält nur eine Lö -
sie wohl längst getan. Denn sie trägt eine sung für plausibel: »Es ist van Eyck selbst, der
Haube. Damit war sie auch im übertragenen sich hier mit seiner Frau porträtiert hat.«
Sinne »unter der Haube«. Und durfte ruhi - Völlig neu ist diese Annahme nicht, und vie -
gen Gewissens schwanger sein. les ist dann in der Tat schlüssig: Warum soll -
Um ein Hochzeitsbild also handelt es sich ten die Worte »Johannes de eyck fuit hic«
wohl nicht, vielmehr um das Porträt eines sonst so riesengroß an der Wand prangen?
Wohl kaum, um nur auf eine von zwei winzi -
gen Figuren im Konvexspiegel hinzuweisen!
Zumal die lateinische Inschrift sowohl »Van
Eyck war hier« bedeuten kann als auch »Van
Eyck war dieser«. Vom Alter her würde es
97
Phänomenales Kreis-Chaos
Wie schön und abwechslungsreich die Wiederholung ein und desselben Motivs sein kann, zeigen die
fröhlichen, bunten Kreis-Bilder von Yuki Yamamoto, die nebenbei auch noch einen tieferen Sinn haben

S
chicht für Schicht arbeitet sich Yuki getrocknet ist. Die Kreisformen zieht Yama - Yamamotos Formensprache ist auf den ers -
Yamamoto vom Grund seiner Bilder moto grundsätzlich von Hand, ohne Hilfs - ten Blick natürlich geometrisch, aber für ihn
bis an ihre Oberfläche. Der Prozess, in mittel wie einen Zirkel zu benutzen. selbst hat die Kreisform darüber hinaus viel
dem der 35-jährige Japaner Hartfaserplatten Immer wieder schleift Yamamoto bereits mehr mit Sonne, Vollmond und Naturphäno -
mit blickdichten und mehr oder weniger aufgetragene Schichten mit einer Schleifma - menen zu tun, wie zum Beispiel den ringför -
transparenten Kreisen füllt, ist ein besonders schine wieder zurück, um sie noch transpa - migen Wellen, die Regentropfen bei ihrem
aufwendiger: Er legt die im Bild sichtbaren renter und flüchtiger erscheinen zu lassen. Auftreffen auf eine Wasseroberfläche verur -
Schichten tatsächlich nach und nach in ein - Erst ganz am Schluss erfolgt eine letzte glän - sachen. So steht der Kreis für Yamamoto eher
zelnen Arbeitsschritten übereinander. Dabei zende Schicht, die Intensität und Tiefe ver - für die Natur und ihre Wirkungskräfte als für
muss jede Lage erst trocknen, bis eine neue leiht – fast so als blickte man in einen glaskla - Mathematik und Geometrie.
darüber aufgebracht werden kann. So kann ren, spiegelglatten See voller lustiger, bunter, Der Kreis ist ein Signalsymbol, das für
es Wochen dauern, bis ein Bild fertig durch - kreisrunder Unterwasserwesen. Ganzheit und Harmonie steht. »Interessant
98
STARTER // DIE NEUEN KÜNSTLER

YUKI YAMAMOTO

GEBOREN: Obihiro, Japan 1981.


WOHNORT: Sapporo, Japan.
AUSBILDUNG: Studium der Kunstpädagogik
und Malerei an der Pädagogischen Hochschule

GALERIE: Mikiko Sato Gallery, Hamburg, Gallery


Monma, Sapporo, Admira Gallery, Taiwan.
I N I T I A L Z Ü N D U N G : Den ersten Preis zu
gewinnen beim 5. Daikokuya-Wett -
bewerb für zeitgenössische Kunst.
H Ö H E P U N K T : Meine erste Einzelausstellung
2012 in der Mikiko Sato Gallery in Hamburg.
Seitdem hat sich die Bandbreite meiner
künstlerischen Aktivitäten enorm erweitert,
und es war mir möglich, im Ueno Royal
Museum in Tokio auszustellen und in der
Admira Gallery in Taiwan.
T I E F P U N K T : I ch werde schnell betrunken.
H E L D E N : Henri Matisse, Sigmar Polke, Gabriel
Orozco, Kenjiro Okazaki.
CREDO: Positives Denken.
EIN RAT, DER IHNEN GEHOLFEN HÄTTE: Blumen
für wichtige Anlässe zu kaufen.
WARUM KÜNSTLER?

Es ist meine Entspannung, damit


mir nicht langweilig wird.

Vielschichtige
Kreisarbeiten mit
zutiefst meditativer
Gesamtwirkung

MULTIFACETED ACTS
(HIDDEN GRID NO. 2),
AUSSCHNITT, 2015,
117 X 117 CM

PARALLEL CIRCLES
(3 SQUARES NO. 6),
ist, dass Yamamoto-san so auch von seinem 2015, 112 X 160 CM
Charakter her ist«, sagt seine Hamburger
Galeristin Mikiko Sato, die ihm 2012 seine MULTIFACETED ACTS
erste Einzelausstellung in Europa ausrich- (INVISIBLE LINE &
LOOSE RHYTHM NO. 2),
tete. »Er ist ein sehr ausgeglichener, posi- 2015, 178 X 155 CM
tiver, freundlicher Mensch, dem die Sym-
pathien von alleine zufliegen.« Sie erzählt,
dass viele ihrer Galeriebesucher Yamamo-
tos Bilder, die keinen Anfang und kein
Ende zu haben scheinen, als zutiefst wohl-
tuend und meditativ empfinden. //
BARBARA HEIN

99
STARTER // DIE NEUEN KÜNSTLER

ANNA BETBEZE

GEBOREN: 1980 in Mobile, Alabama.

WOHNORT: New York City.


AUSBILDUNG: Yale University.
GALERIE: Markus Lüttgen, Köln.
INITIALZÜNDUNG: Farbe!
HÖHEPUNKT: Unterrichten.
H E L D E N : Brion Gysin, Sonia Delaunay,
Hélio Oiticica. Künstler, die ihren eigenen
Weg gehen.
EIN RAT, DER IHNEN GEHOLFEN HÄTTE:
Verlass dein Atelier häufiger, um die Natur
und mehr Raum zu erfahren. Kunst zu

Freche Vorleger
machen kann engstirnig machen. Man
fängt an, sich selbst nachzuahmen.
Es ist wichtig, auszusteigen und neue
Erfahrungen zu suchen.
C R E D O : Alle Transaktionen Nichts war vor Anna Betbeze sicher: Erst bemalte sie Tische,
und Beziehungen haben eine Stühle und Betten – bis sie auf den Teppich kam
Bedeutung. Also sollte man
mit Menschen arbeiten, mit
denen man arbeiten will.

D
ie Liebe zu Teppichen erwachte während ihres Kunststudiums in Yale, wo
WARUM KÜNSTLERIN?
sie heute unterrichtet. Ihr gefielen die widerspenstige Struktur und das
Aus Freude, neben vielen Gewicht des Materials. »Es ist eine Oberfläche, die viele Möglichkeiten
anderenDingen. bietet und viele Transformationen aushält«, sagt sie. Sieben Jahre sind ihre ers -
ten Experimente mit Wollteppichen, vorzugsweise Flokatis, her, und sie ist dem
Material treu geblieben. Die 1980 im tiefen Süden der USA, in Alabama, geborene
Betbeze bemalt Teppiche nicht nur, sondern sie reißt auch Löcher hinein, setzt
Säuren oder Haarfärbemittel ein oder brennt mit heißen Kohlen Löcher in die
Oberfläche. Mitunter vergräbt sie die Teppiche auch in der Erde, grillt sie über
Feuer oder lässt sie in der Natur verwittern. Die Arbeit ist durchaus körperlich:
Nicht selten kriecht Betbeze über ihre Objekte, an denen sie oft über Jahre arbeitet.
Auch wenn man eine Nähe zum Abstrakten Expressionismus vermuten würde,
fühlt sich die Künstlerin von minimalistischen bildhauerischen Werken wie den
Filzarbeiten von Robert Morris beeinflusst. Auch die Tatsache, dass sie im Süden
aufwuchs, habe sie geprägt: »Ich wuchs umgeben von Volkskunst wie den aus Stoff -
resten zusammengenähten Quilts auf und habe immer Textilien gesammelt.«
Die Präsenz ihrer struppigen Arbeiten ist enorm. Mit den grellen Farben und der
Schmuddeligkeit haben sie etwas Aufsässiges. Sie stören die Ordnung in schnee -
weißen Ausstellungsräumen und auf wohlgeordneten Kunstmessen. »Mir gefällt,
dass sie wild und ungezogen wirken«, sagt Betbeze, »und dass man sich fragt:
Was machen diese Dinger hier.« // CLAUDIA BODIN

100
Wandteppich, Objekt Zerlöchert, zerrissen,
oder Zottelleinwand? verschlissen
APPALACHIA, 2016, HEATWAVE, 2014,
270 X 135 CM 212 X 162 CM

101
STARTER // DIE NEUEN KÜNSTLER

Leerer Plastikpool
am Straßenrand
OHNE TITEL,
2015, 98 X 90 CM

NICOLAS NICOLINI

GEBOREN: 1985, Marseille.


WOHNORT: Marseille, Brüssel.
AUSBILDUNG: Kunsthochschule Marseille
(ESADMM).
GALERIE: Noch offen.
INITIALZÜNDUNG: Ein Lehrer erklärte
mir in der Unterstufe, dass es nicht nur
Sport, Literatur und Mathe gibt.
HÖHEPUNKT:Ein Abend im
Berghain, mein erster
Nintendo.
TIEFPUNKT: Als Marcelo Bielsa den
Olympique de Marseille verlassen hat.
HELDEN: Flüchtlinge.
CREDO:Die Hingabe zum
Unbekannten.
EIN RAT, DER IHNEN GEHOLFEN HÄTTE:
Kunststoffkunst
Werde solider! Spielzeug, Strandutensilien, Dekokitsch – Nicolas Nicolini
WARUM KÜNSTLER?
malt am liebsten Gegenstände, die aus Plastik sind
Man hat mir vom Künstler-
sein abgeraten –

P
ich wollte wissen, warum. lastik ist nicht schön, Plastikspielzeug, Plastikdeko haben etwas Ekliges«,
findet Nicolas Nicolini. »Darum eignet sich das Material so gut als Vorlage!
Farbe, Oberfläche und Form wecken meine Lust zu malen.« Nicolini ist aus
Marseille und kennt den Strandkitsch vieler Urlauber. Als erste Referenz fällt dem
Betrachter Martin Parrs Serie Life’s a Beach ein. Nicolini sieht seine Arbeit auch
unter sozialkritischen, manchmal humoristischen Vorzeichen. Er verzichtet auf
die Abbildung von Menschen. Hauptakteure sind die Objekte, welche sich oft in
Übergröße vor trostloser Landschaftskulisse wiederfinden. Dort wirken sie so
verloren, wie vor dem Urlaub ausgesetzte Hunde.
Eine idyllisch-unheimliche Zeltromantik begegnet uns auf dem Gemälde
Modern Luxury. Der Titel wirkt ironisch, wenn man an »Back to the roots«-
Urlaubstherapien für gestresste Manager denkt oder den neuen »Minimal Chic«.
Letzterer bedeutet, dass nach dem gängigen momentanen Mode- und Wertemp -
finden eine Inneneinrichtung als umso luxuriöser erscheint, je minimaler sie ge -
halten ist. An den Reiz des glatten Plastiks erinnern Bildstellen, an denen der Bild -
träger vorbehandelt wurde, um ihn glatter zu machen. Hierauf kann der Künstler
wässrig oder gleitend malen. An anderen Stellen malt er schwerer und dichter,
was oft mit einem größeren Realismus einhergeht. Jedoch wird dieser Anschein
sofort wieder gebrochen, da Konturen und Formen nie ganz gerade, sondern im -
mer auch ein bisschen krumm, gedellt und plakativ dargestellt werden.
Doch das Unperfekte macht nicht nur den Charme seiner Bildsprache, son -
dern auch der Bildwelt aus: Die Kinderspielzeuge, die Häuser und Zelte, die Be -
hausungen zum Zurückziehen und sich Verstecken berühren den Betrachter
durch ihre Einsamkeit oder ihr deplatziertes Dasein. // LARISSA KIKOL

102
Sam Francis · Over orange (SF58-058) · 1958 · Gouache und Aquarell · 101,8 x 68,5 cm

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STARTER // DIE NEUEN KÜNSTLER

Affenwesen
mit menschlichem
Mienenspiel
STILL, 2016,
50 X 40 CM

LORELLA PALENI

GEBOREN: Casazza, Italien, 1986.

WOHNORT: Berlin/New York.


AUSBILDUNG: Accademia di Belle
Arti di Venezia, Columbia University
School of the Arts, New York.
G A L L E R I E : Magic Beans Gallery, Berlin;
E. Tay Gallery, New York.
I N I T I A L Z Ü N D U N G : Die Wunder, wenn man

Menschentier
die Welt mit Kinderaugen betrachtet.
H Ö H E P U N K T : Die Leute,

die man trifft, und die


Gemeinsamkeiten. Die Nähe von Mensch und Tier beschäftigt die italienische
TIEFPUNKT: Die Unbeständigkeit. Malerin Lorella Paleni in der Darstellung ihrer Wesen
HELDEN: Francis Bacon, Sarah Sze.
C R E D O : »Immer versucht. Immer

W
gescheitert. Einerlei. Wieder ährend ihres Studiums in New York hörte Lorella Paleni manchmal
versuchen. Wieder scheitern. den Rat, sich von europäischen Vorbildern zu lösen. Lodernde Feuer
Besser scheitern.« S. Beckett. oder symbolträchtige Tierkämpfe in freier Natur erinnerten einige
EIN RAT, DER IHNEN GEHOLFEN HÄTTE: wohl zu sehr an die abendländische Malereigeschichte der Niederlande oder Ita -
Benutze Sonnencreme. liens. Paleni hat sich davon zum Glück nicht verunsichern lassen. Im Gegenteil,
WARUM KÜNSTLERIN, NICHT BANKER?
der Einfluss der Bilder, die sie während ihrer Kindheit in Venedig begeisterten,
Ich bin schlecht in Mathe. sind zu einer wertvollen Inspiration geworden.
Wenn Paleni malt, unterzieht sie Figürliches und Abstraktes einem Radikal -
test. Doch wäre es zu kurz gegriffen, gar kitschig, das Besondere ihrer Malerei auf
das Durchmischen dieses Kontrasts zu reduzieren. Es geht nicht um die Entschei -
dung, Figur und Abstraktion zu kombinieren, sondern jedem Bildelement genau
das zu geben, was es ausmacht. Paleni hat ein sicheres Gefühl für das, was Form
und Farbe an Platz, Licht und Bewegung benötigen.
Steht man vor ihren großformatigen Gemälden, entdeckt man geisterhafte
Wesen, meistens sind es Tiergeister, die im Nebel des feuchten Farbauftrags er -
scheinen. Diese Wesen bilden Ruhepunkte im Bild, das Auge kann kurz innehal -
ten, ein Gegenüber entdecken, Blickkontakt aufnehmen. »Wie fühlt man sich,
wenn man nackt vor einem Tier steht? Und wie würde das Tier auf einen reagie -
ren«, fragt sie sich. Während man versucht, sich solche fiktiven Begegnungen vor -
zustellen, erklärt Paleni, worum es ihr geht: um die Reaktion des Tiers auf den
Menschen und darum, wie der Mensch diese Reaktion deutet. Tatsächlich haben
die affenartigen Tierwesen auf Bildern wie Still (2016) menschliche Züge. Ihre
Tierbilder sind immer als Selbstporträts gedacht. Menschen sind ja auch nur eine
Art von Lebewesen auf diesem Planeten. // LARISSA KIKOL

104
WADE GUYTON
DAS NEW YORKER ATELIER
28.1. BIS 30.4.2017
Wade Guyton, Untitled, 2016, Photo: Ron Amstutz, © Wade Guyton

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KUNSTAREAL MÜNCHEN
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Buch- und Graphikauktionen

FRÜHJAHRSAUKTIONEN 2017 Kunst aus


23. März Bibliothek Dr. Henning Rasner Finnland
24. März Bücher Manuskripte
Autographen Alte Graphik

— 27 . August
25. März Moderne Graphik

04. Februar
Zeitgenössische Graphik

Abb. Noora Geagea, ›Against‹, 2015, Miettinen Collection


Miettinen
Collection

L. Jansch a/ J. Ziegler: Fünfzig malerische Ansichten


des Rhein-Stromes. 1798.

In Skagens Licht
05.03.–18.06.2017

Joseph Beuys. Zeichnungen I. 1972. Ex. 48/80


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11.06. FORUM

20

Paula Modersohn-Becker: Zwei Mädchen in weißem und blauem Kleid,


sich an der Schulter umfassend (Detail), 1906, Privatbesitz
17

Marcel Broodthaers
Paula
Modersohn-
Becker Der Weg in die Moderne
4.2.–1.5.2017
Rathausmarkt Hamburg
Maria Lassnig, Selbstporträt mit Stab , 1971 © Maria Lassnig Stift ung

DANSE MACABRE
TOTENTANZ
Ernst Ludwig Kirchner „Totentanz der Mary Wigman“;
Courtesy Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

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AUSSTELLUNGEN
DIE HÖHEPUNKTE
IM MÄRZ

112
Picassos Sparringspartner
Der Schöpfer des »Neuen Menschen«
tritt aus dem Schatten seiner Mörder
Otto Freundlich:
Kosmischer Kommunismus,
Köln , Museum Ludwig,
bis 14.5.2017
VORBERICHT

A
uf perverse Weise haben
Abstrakte Formen
verbunden mit vielleicht nur die Nazis
dem Farbzauber mit- Otto Freundlichs Bedeu-
telalterlicher tung für die moderne
Glasfensterkunst Kunst erkannt. Sie setzten seine 1912
DIE ROSETTE II, 1941,
65 X 50 CM entstandene Skulptur Großer Kopf
unter dem Namen Neuer Mensch auf
Die ungegenständliche das Katalog-Titelblatt der »Entartete
Kunst sollte für eine Kunst«-Ausstellung und sicherten
bessere Welt stehen dem deutsch-jüdischen Künstler so
KOMPOSITION, 1931, seinen Platz in der Kunstgeschichte.
81 X 60 CM
Allerdings fiel es der Nachwelt dann
Ausdruck der Hoffnung offenbar schwer, in Freundlich (1878
KOSMISCHES AUGE,
bis1943) mehr zu sehen als einen
1921/22, 81 X 65 CM Lieblingsfeind der NS-Kulturpolitiker.
Blättert man etwa in einer aktuellen
Die 1912 entstandene achtbändigen Geschichte der bilden-
Skulptur, der die den Kunst in Deutschland, könnte
Nazis zu trauriger
Berühmtheit verhal- man beinahe auf den Gedanken kom -
fen, ist verschollen men, Aufmerksamkeit gebühre die- zu sehen, darunter ein großes Mosaik
GROSSER KOPF sem Künstler vorrangig, weil er von aus der Kölner Oper und eine Viel-
(»NEUER MENSCH«),
TITELBILD DES AUS- den Nazis gefangen genommen und zahl seiner fantastischen abstrakten
STELLUNGSFÜHRERS in Majdanek ermordet wurde. Kompositionen. In den dreißiger
ENTARTETE KUNST, 1937
»Er war eine zentrale Figur, und Jahren fand Freundlich zu einem Stil,
wir haben ihn einfach vergessen«, der die moderne Auflösung des Ge-
sagt dagegen Julia Friedrich. Sie orga- genstands mit dem Farbzauber der
nisiert die große Freundlich-Retro- mittelalterlichen Glasfensterkunst ver-
spektive im Kölnermuseum ludwig band – und so erst wirklich zum Leuch-
und sieht Freundlich, den Maler, auf ten brachte. Aus der religiösen Heils-
einer Ebene mit dem Klassiker Robert gewissheit des himmlischen Lichts
Delaunay und Freundlich, den Bild- machte Freundlich eine soziale Utopie:
hauer, als Sparringspartner Pablo Mit den Gegenständen sollte auch
Picassos. Mit Letzterem lebte und ar- das Besitzdenken aus der Welt ver-
beitete Freundlich 1908 in Paris in schwinden, und die einzelnen Farben
Der Katalog erscheint
im Prestel Verlag unmittelbarer Nachbarschaft: »Man sollten sich zu einem neuen, besseren
und kostet 49,95 Euro, sieht die Auseinandersetzung der Ganzen fügen. Ähnliche Gedanken
im Museum 39 Euro. beiden«, so Friedrich, »wie sie einan- prägten auch Freundlichs Skulpturen.
Vom 10. Juni bis 10. Sep - der über alle Gegensätze hinweg an- In Ascension (1929) werden überein-
tember gastiert die
Ausstellung im Kunst -
spornen und akzeptieren.« andergestapelte Steinbrocken auf
museum Basel. Beinahe 40 Jahre nach der letzten wunderbare Weise in Balance gehalten:
Freundlich-Retrospektive in Bonn soll Ausdruck seiner Hoffnung, dass eine le-
Gegen Vorlage ihrer
artCard erhalten der Erfinder des »Kosmischen Kommu- bendige Gemeinschaft die Schwerkraft
unsere Abonnenten nismus« nun dauerhaft aus dem langen ihrer inneren Widerstände überwin-
ermäßigten Eintritt. Schatten seiner Mörder treten. Rund den und eine klassenlose Gesellschaft
80 Exponate sind im museum ludwig bilden kann. // MICHAEL KOHLER

113
AUSSTELLUNGEN DIE HÖHEPUNKTE IM MÄRZ

Wandernde Kübel
Die Arbeiten der polnischen Künstlerin
fordern unsere Wahrnehmung heraus
Maria Loboda: Havoc in the Heavenly Kingdom,
Basel , Kunsthalle,
24.02.2017—14.05.2017
VORBERICHT

E
s ist die fieseste Art, Men- mung stützte sich auf eine strategi -
schen an sich zweifeln zu sche Abhandlung aus dem alten
lassen: Man ändert kleine Rom sowie auf eine Auslegung von
Selbstverständlichkeiten Shakespeares Tragödie Macbeth, in
ihres Alltags. Die Kugelschreiber liegen der Hexen vor dem Tag warnen, an
woanders, das Papier für den Kopie- dem der Wald sich bewegt.
rer ist nicht mehr am Platz. Irgend- Sie sei im Polen der Umbruchs-
wann wundert man sich über die eige- zeit aufgewachsen und habe schon
ne Vergesslichkeit und wird unsicher: früh erfahren, wie wenig dauerhaft die
Bekomme ich noch mit, was ich so Zeichen der Macht sind, auf die man
mache? Genau auf eine solche Frage sich glaubte verlassen zu können, hat
zielt Maria Loboda ab. Die 1979 in Maria Loboda einmal bemerkt. Der
Krakau geborene Künstlerin beschäf- Kommunismus war im Niedergang,
tigt sich mit kleinen Verschiebungen etwas Neues entstand. Bedeutungen
von großer Wirkung. waren im Fluss, an den Dingen kleb-
Einem breiteren Publikum wurde ten alte Geschichten und neuer Ge -
sie durch die documenta 13 bekannt. brauch. Da verwundert es nicht, dass
Dort stellte sie für die Arbeit The Work die Künstlerin so sensibel ist für Ver-
is Dedicated to an Emperor(Die Arbeit schiebungen und ein feines Gespür
ist einem Imperator gewidmet) 20 für Geschichten und Geschichte hat.
Kübel mit Zypressen in eine zentrale Dabei sind ihre Werke selten so nett
Achse der Kasseler Karlsaue. Sol- und harmlos, wie sie daherkommen.

W
che Bäume gehören zum Standard- So hat Loboda ein Muster der Wiener enn man zum Beispiel
repertoire einer Parkgestaltung. Hier Werkstätte reproduziert – allerdings das Knie anwinkelt«,
aber standen sie in orangefarbenen benutzte sie dafür gefährliche Gift- Wie Soldaten so Maria Lassnig,
Kübeln, die sich zu bewegen schienen. stoffe, wie Arsen, die in Farben stecken. schienen die »bekommt man ein
Wirklich wurden die Töpfe in zeitlichen Für ihre Einzelausstellung in der Zypressen- bestimmtes Körpergefühl, einen Druck,
Kübel langsam
Abständen – vielfach unbemerkt – ver- kunsthalle basel will sie sich ganz auf vorzurücken der sich im Körper fortpflanzt, weiter-
rückt und zu geometrischen Forma- den Ort einlassen. Vielleicht entdeckt MARIA LOBODA: vermittelt, und das malt man dann.«
tionen gruppiert, als handelte es sich diese Archäologin des Verborgenen THE WORK IS Die Grundidee von Lassnigs
DEDICATED TO AN
um exerzierende Soldaten. Dieser ein paar knackige Geheimnisse. // EMPEROR, 2012, Körperbewusstseinsmalerei scheint
schleichende Angriff auf die Wahrneh- GERHARD MACK
AUFGESTELLT IN ganz einfach zu sein. Doch dann sieht
DER KASSELER AUE
ZUR DOCUMENTA 13 man zum Beispiel ihreDame mit Hirn
(1990), der ebendieses Gehirn
gerade aus dem Kopf quillt, als wäre
es ein riesiges Geschwür, und fragt
sich, welches Gefühl diesem Motiv
wohl zugrunde liegt. Und wie man die-
ses Gefühl dann so auf die Leinwand
bringt, dass es niemand mehr so
schnell vergisst. Die Antwort ist, wie
jede große Kunst, ein Rätsel, das,
wenn man davorsteht, ganz selbstver -
ständlich wirkt: mit röchelndem Blick,
mit ungesunden Farben und mit
einem hellblauen Hintergrund, der
sich unheilvoll in den weit aufgerisse-
nen Pupillen spiegelt.
114
Gefühle und leibliche
Erfahrungen in Farbe
und Form gefasst

Welche Farbe hat Schmerz?


SELBSTPORTRÄT Gemälde und mehrere Animations-
MIT MAULKORB, 1973,
96 X 127 CM filme von Maria Lassnig zu sehen.
Eine Werkschau der spät entdeckten, Als das Bild entstand,
Die Bilder der Ausstellung, die zuerst
in der tate liverpool zu sehen war,
heute umso stürmischer gefeierten war die Künstlerin stammen aus allen Werkphasen und
kaum bekannt
österreichischen Malerin SELBSTPORTRÄT MIT
zeigen eine Künstlerin, die sich eben-
so virtuos wie obsessiv mit der Frage
Maria Lassnig, STAB, 1971,
193 X 129 CM beschäftigte, wie man Gefühle, leib-
Essen , Museum Folkwang, liche Erfahrungen und das eigene
Ein Körper sein
10.03.2017—21.05.2017 und einen Körper haben
Spiegelbild in malerische Werte über-
setzen kann. Ein Höhepunkt der
ZWEI ARTEN ZU SEIN
(DOPPELSELBSTPORTRÄT), Schau ist Lassnigs allererstes, noch
VORBERICHT 2000, 100 X 125 CM skizzenhaftes Selbstporträt aus dem
Jahr 1945, ein anderer das Gemäl-
de Zwei Arten zu sein(2000). Hier
Es fällt immer noch schwer zu glau- mählich als eine der größten Malerin- blickt uns Lassnig in doppelter Aus-
ben, dass die Kunstwelt so blind nen des menschlichen Körpers und Der Ausstellungskata - führung entgegen: Sie ist eine Person
war, Maria Lassnig (1919 bis 2014) des leiblichen Schmerzes anerkannt; log (Tate Publishing) aus Fleisch und Blut, und sie ist ein
über Jahrzehnte hinweg zu übersehen. zum Star wurde sie dann als ewig kostet 24,95 Euro. Wesen, dessen Inneres nach außen
Eine Lassnig-Biografie
Mit der Malerei begann die österrei- junge Greisin. erscheint am 3. April gestülpt erscheint.
chische Künstlerin bereits in den vier- Jede Lassnig-Werkschau ist daher bei Brandstätter. Wie sonst vielleicht nur bei Francis
ziger Jahren, und sie blieb sich selbst auch eine Art Wiedergutmachung Bacon geht einem bei Maria Lassnig
Gegen Vorlage ihrer
(also ihrem Lieblingssujet) und ihren und eine Einladung, dieses faszinieren- artCard erhalten das Paradox des menschlichen Körper-
unverwechselbaren Farben bis zu de Riesenwerk ganz persönlich noch unsere Abonnenten bewusstseins auf: dass man einen Kör-
ihrem Tod weitgehend treu. Aber erst einmal zu entdecken. Im Essener ermäßigten Eintritt. per hat und zugleich ganz Körper ist. //
in den neunziger Jahren wurde sie all- museum folkwang sind jetzt rund 45 MICHAEL KOHLER

115
AUSSTELLUNGEN DIE HÖHEPUNKTE IM MÄRZ

Nur eine starke


Lichtquelle

Vergleich mit dem Genie JAN VERMEER:


BRIEFSCHEIBERIN
UND DIENSTMAGD,
hensweise eine andere. Metsus Ge -
mälde zeigt eine völlig andere, wenig
1670, 72 X 60 CM
Was hatte der Maler aus Delft seinen logische räumliche Lichtführung mit
deutlich weniger Hell-Dunkel-Drama -
Zeitgenossen voraus? Deutlich weniger tik als Vermeer sie beschwört, dank
Hell-Dunkel-Dramatik
Vermeer und die Meister GABRIEL METSU:
einer einzigen starken Lichtquelle,
seinem Markenzeichen.
der Genremalerei, MANN, EINEN BRIEF
SCHREIBEND, Ähnlich vergleichend untersucht
1664/66, 52 X 41 CM
Paris , Louvre, die louvre -Schau in Kapiteln wie
22.02.2017—22.05.2017 »Beim Wiegen«, »Junge Schönheiten«
oder »Sentimentale Saiten« Gemein-
samkeiten und Unterschiede zwi-
VORBERICHT
schen den Arbeiten des Malgenies
und denen seiner Zeitgenossen. Dabei

S
eit 50 Jahren hat es das stellungen sollen die innovative Kraft wird deutlich, dass Vermeer auf Ge-
in Paris nicht gegeben: eine Vermeers verdeutlichen, der zu Leb- mälden wie Der Liebesbriefoder Jun-
spektakulär umfangreiche zeiten kaum über die Grenzen seiner ge Dame mit Perlenhalsband,trotz
Ausstellung des Niederlän- Heimatprovinz hinaus bekannt wurde, der braven thematischen Bearbeitung
ders Jan Vermeer (1632 bis 1675) mit bis die Impressionisten ihn 200 Jahre von damals beliebten Motiven, eigene
immerhin zwölf Gemälden, etwa ein später wiederentdeckten und unsterb- Wege ging und nicht in überlieferten
Drittel aller ihm bis heute sicher zu- lich machten. Konventionen stecken blieb.
geschriebenen Werke. Und zusätzlich In der Abteilung »Liebes-Korres - Zu den vielen Höhepunkten der
hat die Schau einen besonderen Clou: pondenz« etwa ist sein berühmtes Pariser Ausstellung zählen auch Der
Rings um die Werke des Meisters Gemälde Briefschreiberin und Dienst- Astronom von 1668 aus der Samm -
aus Delft werden im Pariser louvre magd von 1670 neben dem etwas lung des louvre und das Pedant, Der
in thematischen Kapiteln 58 Genre- früher entstandenen Bild Mann, einen Geograph, von 1868/69 aus dem
szenen mit ähnlichen Motiven gehängt, Brief schreibendvon Metsu zu sehen. Frankfurter städel – berühmte Werke,
gemalt von niederländischen Zeit- Der Aufbau der Werke ist ähnlich, Zur Ausstellung die vor Augen führen, warum Vermeer
erscheinen ein Katalog
genossen Vermeers wie Gerard ter bestimmte dekorative Details ent - zum Preis von 39 Euro genau wie der ältere Rembrandt als
Borch (1617 bis1681), Gabriel Metsu sprechen sich sogar, denn es geht um und ein Begleitheft führender Protagonist des »Goldenen
(1629 bis 1667) oder Jan Steen (um eine konventionelle Genreszene. für 8 Euro. Zeitalters« der Niederlande gefeiert
1626 bis 1679). Diese Gegenüber- Doch ist die künstlerische Herange- wird. // HEINZ PETER SCHWERFEL

116
Ausstieg aus dem Bild
Historische Bestandsaufnahme
der Installationskunst
Moving is in every direction,
Berlin , Hamburger Bahnhof –
Museum für Gegenwart,
17.03.2017—17.09.2017
VORBERICHT

D
ie Geschichte der Installa-
tionskunst kennt viele Verschiedene Medien
gemischt
Pioniere. Als einflussreich
BUNNY ROGERS:
gilt etwa der amerikanische MANDYS PIANO SOLO IN
COLUMBINE CAFETERIA,
Konzeptkünstler Allan Kaprow, der in 2016 (VIDEO) UND
den späten Fünfzigern seine »Happe- LAVENDER PIANO BENCH
(INSIDE TWO PAIRS
nings« in inszenierten, nicht selten OF MANDY SOCKS), 2016
auf Interaktion mit dem Publikum
angelegten Räumen startete und von Wäscherei mit
»Environments« sprach. Wenig spä- hölzernen Maschinen
ter, im Winter 1961, eröffnete Claes THOMAS SCHÜTTE:
THE LAUNDRY, 1988
Oldenburg auf Manhattans Lower
East Side in New York seinen Laden
»The Store«, wo er – anders als in
einer Galerie – Kunst an einem »wirk-
lichen Ort« produzieren und verkau-
fen wollte. Der Neonlichtkünstler Dan
Flavin brachte 1967 schließlich den
Begriff »Installation« für die neuartigen,
raumgreifenden und situationsbe-
zogenen Ansätze ins Spiel und verhalf
so einer im Grunde eher disparaten
Strömung der Gegenwartskunst, die
in den Sechzigern den »Ausstieg
aus dem Bild« suchte, zu einem bis
heute gültigen Oberbegriff. sinnlos ist.« Womöglich kann die in Thomas Schütte, Susan Philipsz, Pipi-
Das Label »Installation Art« ist Berlin geplante Großausstellung lotti Rist, Gregor Schneider oder Wolf
heute so erfolgreich, dass es aufgrund zur Geschichte der Installationskunst Vostell gezeigt.
seiner häufigen Benutzung schon Ge- von den sechziger Jahren bis in die Die Schau stützt sich hauptsäch -
fahr läuft, völlig entleert zu werden. Gegenwart helfen, die Begrifflichkei- lich auf die Sammlungsbestände der
»Fast jede Anordnung von Objekten in ten erneut zu schärfen. In der von nationalgalerie , der Flick Collection
einem gegebenen Raum kann heute Anna-Catharina Gebbers und Gabriele im hamburger bahnhof sowie der
als Installationskunst bezeichnet wer - Knapstein kuratierten Präsentation haubrok foundation . Ihr Titel »mo-
den, von einer herkömmlichen Aus- im hamburger bahnhof , die sich ving is in every direction« (zu Deutsch
stellung von Gemälden bis zu einigen mit einer Ausstellungsfläche von in etwa: »Bewegung erfolgt in jeder
gut platzierten Skulpturen im Garten«, rund 3500 Quadratmetern über die Richtung«) ist aus einem Vortrag Ger-
erklärt die britische Kunsthistorikerin Rieckhallen und Teile des Hauptge- trude Steins aus den dreißiger Jahren
Gegen Vorlage ihrer
Claire Bishop. »Es ist zu einer Aller- artCard erhalten bäudes erstreckt, werden unter ande - entliehen, in welchem die amerikani-
weltsbeschreibung geworden, die die unsere Abonnenten rem raumfüllende Werke von Künst- sche Dichterin und Kunstsammlerin
Aufmerksamkeit auf ihre Inszenie- ermäßigten Eintritt. lern wie Joseph Beuys, Bunny Rogers, eine Lanze für nicht lineare Erzählwei-
rung lenkt und im Ergebnis fast völlig Fischli & Weiss, Bruce Nauman, sen brach. // KITO NEDO

117
AUSSTELLUNGEN DIE HÖHEPUNKTE IM MÄRZ

Die Arbeit
übernehmen Roboter
SHAWN MAXIMO:
GOING GREEN, 2016,
VINYLPRINT

Der niedliche Kerl


kann per Anbindung
an das Internet an
Termine erinnern,
das Licht einschalten
oder über E-Mail-
Eingänge informieren
ROBOTER MUSIO K,
VON AKA, 2015

Die Tyrannei
der Gabel
Auch eine Frage des
Designs: Streifzug durch
die Welt der Roboter und
intelligenten Systeme
Hello, Robot,
Weil , Vitra-Design-Museum,
bis 14.05.2017
VORBERICHT

W
as tun, wenn die Kaf- terspiele. Dazu kommen zahlreiche Die intelligente Gabel
feemaschine nachts Ausschnitte aus Filmen wie Stanley für gesundes Essen
ungebeten Kaffee Kubricks A Space Odysseyoder lässt sich überlisten
ausspuckt? Dann ist Metropolisvon Fritz Lang, zu dem SUPERFLUX:
UNINVITED GUESTS, 2015,
eine strenge Lektion angesagt. Das auch eines der letzten Originalplakate VIDEOSTILL
Designerkollektiv automato.farm aus zu sehen sein wird. Historische Foto-
Shanghai spielt in seinem Kurzfilm grafien erinnern an eine Inszenierung »Unsere Vorstellungen
Teacher of Algorithmsdurch, wie reni- von Karel Capeks Theaterstück von Robotern sind von
tente Geräte zur Raison gebracht R.U.R.1922 in New York – auf das der Popkultur geprägt«
CHRISTOPH NIEMANN,
werden: Ein Algorithmuslehrer dres- der Begriff Roboter zurückgeht. ROBOT MORPH, 2016,
siert Saugroboter mit Trainingsdreck Das neueste Gerät, das in Weil DIGITALE ARBEIT
oder erzieht Ventilatoren per Bestra- präsentiert wird, ist der gelehrige
fungsknopf. Schöne neue Welt? Das Roboter Yumi, der Handgriffe aus- Eine Fußgängerbrücke
wird von 3-D-Robotern
vitra-design-museum in Weil am führt, die man ihm zeigt. Ausstellungs- gedruckt
Rhein wirft einen Blick in die Zukunft, besucher können auch mit einem JORIS LAARMAN:
die längst real geworden ist. »Hello, Chatbot, einem Dialogsystem, live BRIDGE PROJECT, 2015
Robot« nennt sich die Ausstellung, plaudern oder Amazon Echoanleiten,
die sich dem Roboter widmet, wobei ein Audiogerät, das auf Sprachbefeh-
die Kuratorin Amelie Klein gleich mit le reagiert, dabei aber sämtliche
einem Vorurteil aufräumt: »Unsere Äußerungen speichert. Das Entschei-
Vorstellungen von Robotern sind stark dende am Roboter ist, dass er mit Der Katalog zur Aus -
stellung erscheint
von der Populärkultur geprägt«, sagt dem Nutzer interagiert, so Klein, des- im Eigenverlag und
sie, »wir erwarten ein Alter Ego.« halb beschränke sich Design dabei kostet 49,90 Euro.
Die Schau zeigt dagegen die gro- nicht mehr auf die Form, sondern ge-
Gegen Vorlage ihrer
ße Vielfalt der intelligenten Systeme: stalte auch die Beziehung zwischen artCard erhalten
Roboter aus dem Wohnbereich, aus Mensch und Maschine. unsere Abonnenten
Industrie oder Medizin, aber auch Me- Die Ausstellung, die in Zusammen- ermäßigten Eintritt.
dieninstallationen, Kunst und Compu- arbeit mit dem mak – österreichisches
118
museum für angewandte kunst in
Wien und dem design museum gent
entstanden ist, will die intelligenten
Systeme nicht verurteilen, wirft aber
Fragen auf, die in Form von Leuchtob-
jekten von der Decke hängen: »Könnte
der Roboter Ihren Beruf übernehmen?«
steht beispielsweise über der Sektion
geschrieben, in der ein Industrieroboter
eigenständig Manifeste schreibt. Durch
die Verbreitung von Robotern werde
Design auch zu einer gesellschafts-
politischen Frage, meint Amelie Klein.
»Es ergibt sich eine neue Verantwor-
tung für Designer.«
Das Londoner Studio superflux
geht in jedem Fall mit Skepsis und
Witz ans Werk. In seinem Kurzfilm
Uninvited Guestsbekommt ein Rent-
ner eine intelligente Gabel für gesun-
des Essen geschenkt, die den Senior
so lange tyrannisiert, bis er sie über -
listet: Während er mit der smarten
Gabel hin und wieder im Gemüse her-
umstochert, isst er genüsslich Pom -
mes und Grillhähnchen. //
ADRIENNE BRAUN

119
AUSSTELLUNGEN DIE HÖHEPUNKTE IM MÄRZ

Fantastische
Bildwelten
Vielleicht stellt man sich Bocks Kunst
Alles ist erlaubt
SUGGESTION, 2012
(VIDEOSTILL)
besser als eine große Verführungs-
maschine vor, mit deren Hilfe das Pu-
Tiefe Einblicke in das groteske Grotesk und
märchenhaft blikum lustvoll seinen eigenen Affek-
Universum des Aktionskünstlers DER MAGISCHE KRUG, ten begegnet. Ob Freude, Verwirrung,
2013, INSTALLATION MIT Furcht, Zorn oder Ekel: Alles ist er-
John Bock: VIDEO (AUSSCHNITT)
laubt. Jede Gemütserregung ist bes -
Im Moloch der Wesenspräsenz, Ein Vortrag
ser als keine Erregung. Nur die Lange-
Berlin , Berlinische Galerie, der besonderen Art weile bleibt verboten. Womöglich er-
klärt das die große Liebe Bocks zum
24.02.2017—21.08.2017 DA-DINGS-DA IST
IM GROSS-DA WEIL DER Kino, dessen ausgefeilten visuellen
WURM IM MOBY DICK
WOHNT, VIDEO 2014, und dramatischen Erzähltechniken
VORBERICHT (AUSSCHNITT) sich die Filmwerke des Künstlers oft
zärtlich anzuschmiegen suchen. An-
dere immer wieder auftauchende Ele-

J
ohn Bock schert sich nicht zu einer Ausnahmeerscheinung. Sei- mente – wie die Teile einer Melkma-
um Genre-Grenzen. Der 1965 nen ersten großen Auftritt hatte der schine – deuten auf seine Kindheit
in Gribbohm (Schleswig-Hol - Künstler im Jahr 1998 mit der Installa- und Jugend auf dem Land. Doch wo-
stein) geborene Künstler, der tion Heu in der Kaderwelleauf der her er tatsächlich seine ganzen Ideen
in Berlin lebt und arbeitet, hat die berlin-biennale . 2002 mischte er in holt, bleibt Bocks Geheimnis.
kunstvolle Verschränkung von Instal- Kassel mit anarchistischen Anti-Mo- Die Präsentation in der berlini -
lations- und Aktionskunst, Wort- und denschau-Performances und seinem schen galerie ist als Retrospektive der
Filmproduktion, Architektur, Thea- Theaterpavillon in der Karlsaue die letzten zehn Jahre angelegt. Stefanie
ter, Zeichnung, Slapstick und Schaber- documenta auf. Unvergessen bleibt Heckmann, Leiterin der Sammlung
nack zu einer Art eigenen Disziplin auch die von ihm im Jahr 2010 als Bildende Kunst des Museums und
erhoben. Seit seinen künstlerischen Künstler und Kurator gestaltete Aus- Kuratorin der Ausstellung, verspricht
Anfängen in den frühen Neunzigern stellung »FischGrätenMelkStand« eine »opulente Schau«, die «Freak-
treibt Bock seine zahlreichen Akti- in der Berliner temporären kunst - show, Bühne, Versuchslabor und Kino«
Gegen Vorlage ihrer
vitäten mit groteskem Humor und da- halle oder die Aktion, bei der er 2014 artCard erhalten sein soll. Über einen Parcours soll das
daistischer Verve voran – im eher auf der Berliner Kunstmesse abc im unsere Abonnenten Publikum immer tiefer in das Bock-
schwermütig gepolten deutschen Kul- Zombie-Make-up frisch zubereiteten ermäßigten Eintritt. sche Kunstuniversum hineingezogen
turbetrieb macht ihn das fast schon Hawaii-Toast servierte. werden. // KITO NEDO

120
Mann mit Einfluss
Zum 100. Todestag wird der
französische Meister-Bildhauer
ausführlich gefeiert
Rodin: Die Jahrhundertschau,
Paris , Grand Palais,
22.03.2017—31.07.2017
VORBERICHT

S
chon zu Lebzeiten war
Auguste Rodin (1840 bis Beinahe surreal wirkt
Rodins Darstellung
1917) ein Superstar und seiner Schülerin und
einer der bekanntesten langjährigen Geliebten
Künstler seiner Zeit. Im Jahre 1900 MASKE VON CAMILLE
war er finanzkräftig genug, um zur CLAUDEL UND DIE LINKE
HAND VON PIERRE DE
Weltausstellung in Paris im Alleingang WISSANT, ETWA 1895,
32 X 27 X 28 CM
seine ganz persönliche Leistungs- Gezeigt werden rund 200 Werke Zeichnungen, die man durchaus als
schau, vor allem mit Gipsmodellen, zu Rodins. Zusätzlich werden sein Einfluss indirekte Vorläufer des deutschen
Anders als der Titel
organisieren. Er empfing in seinem nahe legt, berühren sich und seine Aktualität bis in die Gegen- Expressionismus sehen kann. Ebenso
Atelierhaus in Meudon zahlreiche die Lippen des Liebes- wart belegt mit Arbeiten von Constan- nahm Rodin in seinen Collagen und
Prominente, darunter den englischen paars nicht tin Brâncus¸i bis Alberto Giacometti, Fragmentationen später von Matisse
König. Und benutzte souverän die DER KUSS, 1888/98, Joseph Beuys bis Georg Baselitz und oder Picasso benutzte Techniken vor-
182 X 113 X 117 CM
»Social Media« seiner Zeit, also Druck - Antony Gormley. Dabei spielen neben weg, und früh – ab den achtziger Jah-
presse, Fotografie und sogar Film, berühmten Schlüsselwerken wie Der ren des 19. Jahrhunderts – verwandte
ließ er sich doch neben Claude Monet Denker oder Der Kuss seltenere, we - er systematisch Fotografien nicht nur
oder Edgar Degas bei der Arbeit niger bekannte Skulpturen Rodins wie als Hilfe für seine bildhauerische
filmen. 1916 machte er schließlich Maske von Camille Claudel und die Arbeit, sondern auch als künstleri-
dem französischen Staat eine große linke Hand von Pierre de Wissanteine sches Nebenprodukt.
Schenkung und durfte sich dazu wichtige Rolle. Und natürlich seine Parallel zum grand palais geht
das passende Museum selbst aussu - das frisch renovierte musée rodin
chen: ein Pariser Stadtpalais mit mit der Ausstellung »Kiefer – Rodin«
Park, das bis heute als musée rodin , (bis 22. Oktober) auf die Übereinstim-
neben dem Invalidendom gelegen, mungen zwischen dem in Frankreich
jährlich Hunderttausende Besucher lebenden deutschen Künstler Anselm
empfängt. Kiefer und dem Vater der modernen
»Die Natur sei eure einzige Göttin«, Plastik ein.
forderte Rodin, der den menschlichen, Auch hierzulande ist der 100. To-
vor allem den weiblichen Körper im- Zur Ausstellung im destag des großen Bildhauers Anlass
Grand Palais er -
mer in den Mittelpunkt seiner Arbeit für Ausstellungen: So präsentiert
scheint ein Katalog -
stellte, von seinen Schülern. Dass der Preis steht noch die kunsthalle bremen vom 7. März
er bis heute aus der Kunstgeschichte nicht fest. Einen bis 11. Juni eine Schau mit Rodin-
nicht wegzudenken ist und kaum großen Überblick Werken aus der eigenen Sammlung,
ein gegenständlicher zeitgenössischer über Veranstaltungen und die alte nationalgalerie in Berlin
und Ausstellungen
Bildhauer ohne die Auseinanderset- zum 100. Todestag wartet diesen Herbst mit einer kleinen
zung mit ihm auskommt, will zum Rodins bietet die Seite: Ausstellung zu Rodins BronzeDer Held
100. Todestag eine umfassende Aus - www.rodin100.org (Der Mensch und sein Genius) auf. //
stellung im grand palais beweisen. HEINZ PETER SCHWERFEL

121
AUSSTELLUNGEN DIE HÖHEPUNKTE IM MÄRZ

Schweres Material,
fragile Anordnung
RIGHT ANGLE PROP,
1969/93,
183 X 183 X 86 CM

Ein Wunder,
dass es hält
Blick zurück auf die Anfänge
des bedeutenden US-Bildhauers
Richard Serra:
Props, Films, Early Works,
Wiesbaden , Museum,
17.03.2017—18.06.2017
VORBERICHT

V
ier quadratische Bleiplat-
ten stehen hochkant Zur Ausstellung er -
auf dem Boden. Eigentlich scheint ein Katalog –
müssten sie jeden Moment der Preis steht
umfallen. Es würde krachen und noch nicht fest.
donnern, es wäre gefährlich – wäre Gegen Vorlage ihrer
da nicht diese Rolle, ebenfalls aus artCard erhalten
Blei. Sie liegt oben quer auf den unsere Abonnenten
ermäßigten Eintritt.
Platten und hält sie so im Gleichge-
wicht. Die Anordnung sieht ziemlich
heikel aus, man wundert sich, dass
es hält. Und so ist es mit zahlreichen besteht, die sich gegenseitig in Posi - Mitte seitlich hochgestellt wurde und
Installationen in dieser Ausstellung: tion halten. Bereits im Titel ist der dadurch eine zeltartige Skulptur bil-
Sie sind prekär. Etwa die Bleirolle, scheinbare Widerspruch enthalten, det. Sie geht zurück auf Serras »Verb
die eine Bleiplatte in Bildhöhe an der der diese Skulpturen so faszinierend List« (1967/68), eine nüchterne
Wand festklemmt, indem sie schräg macht: Die lastende Schwere des Liste aktiver Verben, die dem Künstler
dagegengelehnt ist. One Ton Prop Im Vergleich zu seinen Materials kontrastiert mit der fragilen Handlungsanweisungen für seine
(House of Cards)heißt eines dieser späteren monumen- Anordnung, die scheinbar jeden Mo- Arbeiten lieferten. Er wendete sie auf
talen Außenskulpturen
frühen Werke von Richard Serra aus wirken die frühen ment in sich zusammenfallen kann. verschiedene Industriematerialien
dem Jahr 1969, das aus vier im Karree Werke geradezu intim Das Material hatte der 1939 ge - an, um so zu unerwarteten Resultaten
aneinandergelehnten Bleiplatten TO LIFT, 1967 borene Serra für sich entdeckt, als er zu kommen.
91 X 200 X 152 CM
in Stahlwerken und auf Schiffswerf- Hiermit korrespondiert eine Reihe
ten arbeitete. Mit 122 mal 122 mal früher Filme, die ebenfalls in der Wies-
2,5 Zentimetern sind die Platten nicht badener Schau zu sehen sein wer-
gerade klein. Doch im Vergleich zu den, etwa Hand Catching Leadvon
den monumentalen Outdoor-Skulptu- 1968. Der Streifen zeigt genau die Ak-
ren aus wetterfestem Cortenstahl, tion, die im Titel beschrieben wird:
für die Serra berühmt ist, wirken die eine Hand, die versucht ein fallendes
Maße fast schon intim. Stück Blei zu fangen. Mal gelingt es,
Die aktuelle Ausstellung immu- mal nicht. In Railroad Turnbridgevon
seum wiesbaden erinnert an Serras 1976 wird eine drehbare, mehrteili-
Anfänge als Konzeptkünstler. Zu ge Eisenbahnbrücke gar selbst zum
sehen sind 25 Werke, darunter drei Akteur: Serra filmte auf einem Teil der
Papierarbeiten und eine der frühen Brücke, während diese nach außen
Gummiskulpturen des US-amerikani- schwenkte.
schen Künstlers: To liftvon 1967 Es sind Werke wie diese, die die
besteht aus einer rechteckigen Gum - Kunst geprägt haben, aber im öffent-
mimatte – ausrangiertes Material lichen Bewusstsein fast vergessen
aus einem Warenhaus –, die in der sind. // SANDRA DANICKE

122
Vorlage für Hollywood Mit einer großen Übersichtsausstel -
lung, die nach dem fries muse-
Szene, die zeigt, wie Moses als Baby
im Körbchen aus dem Nil gerettet
Der Niederländer hat indirekt um in Leeuwarden nun im belvede-
re in Wien Halt macht und dann
wird – und genau so im Hollywood-
klassiker Die Zehn Gebotewieder
unser Bild von der Antike geprägt noch nach London ins leighton auftaucht.
Lawrence Alma-Tadema: house museum weiterreist, soll Alma-
Tadema zurück auf die kunsthistori-
Mit seinem Talent fiel Alma-Tade
ma bereits als Schüler auf und durf-
-

Dekadenz & Antike, sche Bühne geholt werden. Rund te nach Antwerpen auf die Kunstaka-
Wien , Belvedere, 90 Gemälde dieses Meisters des aka - demie gehen. Während seiner Hoch-
24.02.2017—18.06.2017 demischen Realismus sind zu sehen:
angefangen bei der Liebesszene
zeitsreise1863 nach Italien entdeckte
der junge Maler die Antike für sich.
am Meer Amo te ama me, über The Bemüht, jedes Detail historisch
VORBERICHT
Roses of Heliogabalus, für die der korrekt wiederzugeben, legte er sich
Maler mitten im Winter Tausende von ein großes Archiv mit Fotos und
Rosen von der französischen Rivie- Büchern an. So stieg er zum »Archäo-

S
ie tragen puderfarbene ra nach London kommen ließ, bis hin logen unter den Historienmalern« auf.
Um dieses Bild zu malen,
Gewänder und Blumenkrän- ließ Alma-Tadema
zu The Finding of Moses1904: eine Nach dem Tod seiner ersten Frau
ze im Haar. Ein paar Rosen- im Winter Rosen von der 1869 ließ er sich in London nieder,
blätter sind auf die Brüstung Riviera nach London wo er ein zweites Mal heiratete und
gefallen, über die sich eine der drei schicken sich eine römische Villa erschuf,
Frauen beugt. Weit unten auf dem THE ROSES OF in der er bis zu seinem Tod 1912 lebte
HELIOGABALUS, 1888,
Wasser, in schwindelerregender Tiefe, 133 X 214 CM und arbeitete – nicht nur als Maler,
sind Galeeren zu erkennen, die sich auch als Kulissenbauer und Kostüm-
dem Hafen nähern. Was aussieht Sehnsuchtsvolle Blicke bildner. Er wurde prominent in der
wie eine Szene aus Quo Vadisoder COIGN OF VANTAGE, St.-Pauls-Kathedrale begraben, ging
1895, 64 X 45 CM
Ben Hur, ist Coign of Vantage,ein dann aber »so rasant unter wie
vergessenes Meisterwerk von einem einst das römische Reich«, meint Ex-
Maler, der einst gefeiert und sogar Der Katalog zur Aus - pertin Elizabeth Prettejohn.
zum Ritter geschlagen wurde: der Nie- stellung erscheint im Nur in Hollywood vergaß man ihn
Prestel Verlag und
derländer Lourens Alma-Tadema, ge- kostet 29,95 Euro, im
nicht. Ein Jahr nach seinem Tod fand
boren 1836 in einem Dorf in Friesland, Buchhandel 49,95 Euro. in Rom die Filmpremiere vonQuo
bestattet in London als Sir Lawrence Vadisstatt: mit Kostümen, Attributen
Gegen Vorlage ihrer
Alma-Tadema. Er prägte unser Bild von artCard erhalten und Kulissen, die Regisseur Enrico
der Antike, inspirierte Regisseure unsere Abonnenten Guazzoni direkt aus Alma-Tademas
und Kostümbildner und hat Künstler ermäßigten Eintritt. Œuvre kopierte. //
wie Gustav Klimt beeinflusst. KERSTIN SCHWEIGHÖFER

123
Maria Loboda von der Zeit des Impressionis- halle eine Art »Bock-Universum«
Die Installationen der polnischen mus bis zu seinem berühmten mit Arbeiten der letzten zehn Jahre
Künstlerin (*1979) befinden sich Spätwerk
an der Schnittstelle von Intrigen- artCard Berlinische Galerie –
spiel, Fiktion, Esoterik und archäo- artCard Fondation Beyeler, Museum für Moderne Kunst,
logischer Forschung Baselstrasse 101, Mo–So 10–18, Alte Jakobstraße 124–128, Mi–Mo
Mi bis 20 (22.1.–28.5.2017) 10–18 (24.2.–21.8.2017)
Kunsthalle, Steinenberg 7, Di–Fr
11–18, Do bis 20.30, Sa, So bis 17 Christine Streuli –
(24.2.–14.5.2017)
Berlin Fred-Thieler-Preis für
Gabriele-Münter-Preis Malerei 2017
AUSSTELLUNGEN Basel/Münchenstein Diesjährige Preisträgerin ist die
Installations-, Foto- und Collage-
Der Preis zeichnet herausragende
Maler aus und ging in den letzten
How Much Of This Is Fiction künstlerin Beate Passow (*1945), Jahren an Künstler wie Bernhard
DER KALENDER Gruppenausstellung mit künstle-
rischen Positionen, die sich an
die sich in ihren Arbeiten kritisch
mit den gesellschaftlichen und
Martin, Gerwald Rockenschaub,
Cornelia Schleime oder Katharina
den Grenzen von Politik, Kunst, politischen Bedingungen der Grosse. Zu sehen sind nun Wer-
Theorie, Aktivismus und Medien Gegenwart auseinandersetzt ke der für ihre großformatigen,
bewegen artCard Akademie der Künste, farbintensiven und ornamentalen
HeK (Haus der elektronischen Hanseatenweg 10, Di 11–22, Bilder bekannten Schweizer Male-
Künste Basel), Freilager-Platz 9, Mi–So 11–19 (14.3.–17.4.2017) rin (*1975)
Mi–So 12–18 (23.3.–21.5.2017) artCard Berlinische Galerie –
Museum für Moderne Kunst,
Ocean Cantos Alte Jakobstraße 124–128, Mi–Mo
Basel/Muttenz Die Filminstallation des slowe- 10–18 (18.3.–7.8.2017)
Daniel Göttin nischen Künstlers (*1952)
Jahresaußenprojekt des konkret »Ocean Cantos« ist eine Fortset- Kunst prägt Geld:
und minimalistisch arbeitenden Muse Macht Moneten
Schweizer Künstlers (*1959) des Ozeans, konzipiert »als eine Die Ausstellung geht der Frage
Alkersum/Föhr Mittelpunkt eine große Installation sich ständig weiterentwickelnde
aus Video, Malerei und bewegten artCard Kunsthaus Baselland, nach, wie sich die Kunst im Span-
Fritz Overbeck und Hermine St. Jakob-Strasse 170, Di–So Reihe von Kurzfilmen« aus allen nungsfeld von Macht und Geld
Schatten steht Teilen der Welt
Overbeck-Rohte + Von P.S. Stedelijk Museum, Museumplein 11–17 (20.3.–31.12.2017) ihre Unabhängigkeit bewahren
Krøyer bis Joakim Eskildsen Alfred-Ehrhardt-Stiftung, August- kann und welchen Anteil sie an
10, Mo–So 10–18, Fr bis 22 straße 75, Di–So 11–18, Do bis 21
+ Herbert Dombrowskis (18.3.–18.6.2017) der Macht hat
Hamburg Basel/Riehen (14.1.–9.4.2017) artCard Bode-Museum, Am Kup-
Erstmals sind etwa 70 Arbeiten Prints in Paris – From Claude Monet fergraben 1, Di–So 10–18, Do bis
des deutschen Künstlerpaars Bonnard to Toulouse-Lautrec Anhand von rund 50 Meisterwer- John Bock – im Moloch der 20 (24.11.2016–27.5.2017)
zu sehen (bis 10.9.). Parallel Die Revolution der Grafik fand in ken des französischen Malers Wesenspräsenz
dazu spiegeln Bilder das Licht im den Pariser Straßen um 1890 (1840–1926) beleuchtet die Schau Der deutsche Aktionskünstler, Jan Toorop
dänischen Fischerort Skagen. statt: Die Schau zeigt hochwertige seine künstlerische Entwicklung Bildhauer und Zeichner (*1965) Die große Überblicksausstellung
Außerdem geben 50 Fotos des Kunstdrucke exklusiver Galerien schafft für die große Ausstellungs- des niederländischen Symbolis-
Hamburger Fotografen Dombrow- und Theater sowie berühmt gewor- ten und Jugendstilmalers (1858–
ski (1917–2010) Einblicke in dene Poster wie »Le Chat noir« und 1928) beleuchtet dessen stilis -
den Alltag der Stadtteile Altona »Le Moulin rouge« tische Experimente, etwa mit
und St. Pauli in den fünfziger Jahren Van Gogh Museum, Paulus Potter- dem Impressionismus und dem
artCard Museum Kunst der West - straat 7, Mo–So 9–18, Fr bis 22 Pointillismus
küste, Hauptstraße 1, Di–So (3.3.–11.6.2017) artCard Bröhan-Museum,
10–17 (5.3.–18.6.2017) Schlossstraße 1a, Di–So 10–18
(23.2.–21.5.2017)
Bad Homburg
Amsterdam Thomas Wrede – Total Records.
1917. Romanovs & Revolution. Modell. Landschaft Vinyl & Fotografie
The End of Monarchy Erste umfassende Werkschau des 500 Exponate zeigen das viel-
250 Exponate, darunter Gemälde, deutschen Fotokünstlers (*1963) seitige Zusammenspiel zwischen
Filme, Fotografien und histori- mit Aufnahmen von 1991 bis zu Fotografie und Musik von den
sche Dokumente erzählen die bri- aktuellen Arbeiten, in denen die Sechzigern bis in die 2000er Jahre
sante Geschichte um den russi - Grenzen von Realität und fiktiver
schen Zaren Nikolaus II. und seiner Landschaft verschwimmen artCard C/O Berlin
Frau Alexandra Museum Sinclair-Haus, Löwen- (Amerika-Haus), Hardenberg-
Hermitage, Amstel 51, Mo–So gasse 15, Di 14–20, Mi–Fr bis 19, straße 22–24, Mo–So 11–20
10–17 (4.2.–17.9.2017) Sa, So 10–18 (12.3.–5.6.2017) (10.12.2016–23.4.2017)
Good Hope? South Africa & Watched! Surveillance Art &
The Netherlands from 1600 Baden-Baden Photography after 9/11
Mit rund 300 Exponaten dringt die Sigmar Polke. Videokameras in Banken, Kauf-
Schau tief in 400 Jahre niederlän- Alchemie und Arabeske häusern und an öffentlichen
disch-südafrikanische Geschichte Geliebt wurde er für seine Bilder Plätzen, persistente Cookies im
Rijksmuseum, Museumstraat 1, mit tanzenden Socken, Keksen Internet, staatliche Vorratsdaten -
Mo–So 9–17 (17.2.–21.5.2017) oder Hemden. Mit seinen Raster- speicherung und private Cloud-
arbeiten wurde er bekannt. Im Speicherdienste – im Alltag sind
De Stijl at the Stedelijk Fokus der umfassenden Schau ste - permanente Beobachtung und
Vor 100 Jahren wurde die Zeit- hen nun die Stoff- und Lackbilder Data Sharing ganz selbstverständ -
schrift »De Stijl« gegründet. Das sowie die linearen Darstellungen lich. Die Schau verhandelt das
Stedelijk öffnet sein Depot für eine bis hin zu den Schönheitslinien der Thema Überwachung in der zeit-
große Überblicksausstellung zu »Schleifenbilder« des deutschen genössischen Kunst
der bis heute einflussreichen nie - Künstlers (1941–2010) artCard C/O Berlin (Amerika-
derländischen Kunstbewegung Haus), Hardenbergstraße 22–24,
artCard Museum Frieder Burda, Mo–So 11–20 (18.2.–23.4.2017)
Stedelijk Museum, Museumplein Lichtentaler Allee 8a, Di–So 10–18
10, Mo–So 10–18, Fr bis 22 (11.2.–21.5.2017) Kemang Wa Lehulere:
(3.12.2016–21.5.2017) Deutsche Bank
»Artist of the Year« 2017
Ed van der Elsken – Basel Erste institutionelle Schau in

Ed van der Elsken


Camera in Love Sadie Benning – Shared Eye Deutschland des südafrikani-
Groß angelegte Retrospektive des Buntes Kunstharz, gefundene schen Künstlers (*1984), dessen
niederländischen Straßenfotogra - Fotos, Objekte, Vorsprünge und Performances, Videos, Installa-
fen (1925–1990) gemalte Elemente: In ihren neuen Leid, Enttäuschungen und Hoffnungen der Pariser Jugend in tionen und Kreidezeichnungen
Stedelijk Museum, Museumplein Arbeiten reflektiert die US-Ameri- den fünfziger Jahren dokumentierte der niederländische auf umfangreichen Recherchen
10, Mo–So 10–18, Fr bis 22 kanerin (*1973) Politik, unmittel- Fotograf (1925–1990) in einfühlsamen Bildern. Die große basieren
(4.2.–28.5.2017) bare Erlebnisse sowie die Poesie Deutsche Bank KunstHalle,
des Alltags in den USA Retrospektive zum fotografischen und filmischen Werk Unter den Linden 13/15,
Nalini Malani: Kunsthalle, Steinenberg 7, Di–Fr Elskens ist nach Amsterdam auch in Paris und Madrid zu Mo–So 10–20 (24.3.–18.6.2017)
Transgressions 11–18, Do bis 20.30, Sa, So bis 17
Schau der indischen Malerin und sehen ( Vali Myers in front of her mirror, Paris,
1953)
(10.2.–30.4.2017)
Videokünstlerin (*1946), in deren

124
Bernried
Purrmann und der
Expressionismus
100 Arbeiten des deutschen
Malers (1880–1966) und Schülers
von Franz von Stuck im Dialog mit
expressionistischen Werken von
Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff
und Ernst Ludwig Kirchner
artCard Buchheim-Museum, Am
Hirschgarten 1, Di–So 10–18
(2.4.–9.7.2017)

Birmingham
Jean Painlevé + Oliver Beer
Mit Bildern von Kraken, Seepferd-
chen oder Hummern wurde der
französische Dokumentarfilmer
und Fotograf Painlevé (1902–
1989) in den zwanziger Jahren zum
Vorbild zahlreicher Surrealisten
wie Fernand Léger oder Alexander
Calder. Parallel dazu sind Arbeiten
des jungen britischen Künstlers
Beer (*1985) zu sehen
Ikon Gallery, 1 Oozells Square,
Brindleyplace, Di–So 11–17
(15.3.–4.6.2017)

Bochum
Artige Kunst –
Kunst und Politik im
Nationalsozialismus
Christine Streuli In konfrontativer Gegenüber-
stellung sind exemplarische Werke
Für einen guten Trip braucht man keine Drogen, nur Streuli: Für ihren kalkulierten und zugleich grell übersteigerten der offiziell geförderten Kunst
Umgang mit den Ausdrucksformen der Malerei erhält die Schweizer Künstlerin (*1975) nun den Fred-Thieler-Preis 2017. der NS-Zeit und Arbeiten von ver-
folgten Künstlern, die ein Gegen-
Nach Berlin locken ihre großformatigen Bilder Ableger,
( 2014) bild zur überwiegenden Einfäl-
tigkeit der systemkonformen
Kunst entwarfen, zu sehen. Wei-
tere Stationen: Kunsthalle Rostock
Adrian Piper. Vermisst: Der Turm der Paul Elliman + der Überwachung sein kann, als (27.4.–18.6.) und Kunstforum
The Probable Trust Registry: blauen Pferde von Franz Adam Pendleton auch ein Mittel, die negativen Ostdeutsche Galerie Regensburg
The Rules of the Game Marc – Zeitgenössische Zwei Künstler beschäftigen sich Folgen des Sammelns offenzulegen (14.7.– 29.10.)
Installation der US-amerikani- Künstler auf der Suche nach mit der Sprache: Der britische Museum für Fotografie, Jebens-
schen Konzeptkünstlerin und Phi- einem verschollenen Designer Elliman (*1961) setzt straße 2, Di–Fr 10–18, Do bis 20, Situation Kunst (für Max Imdahl),
losophin (*1948), die 2015 den Meisterwerk sich insbesondere mit Typografie Sa, So 11–18 (16.2.–2.7.2017) Nevelstraße 29c, Mi–Fr 14–18, Sa,
Goldenen Löwen der Venedig- Künstler wie Martin Assig, Norbert auseinander. Die Schwarzweiß- So 12–18 (5.11.2016–9.4.2017)
Biennale erhielt Bisky, Katharina Grosse oder Tho- arbeiten, oft um Black Dada Bani Abidi
artCard Hamburger Bahnhof – mas Demand wie auch die Schrift- kreisend, des US-amerikanischen Aktuelle oder fiktive Ereignisse
Museum für Gegenwart, Invali- stellerin Julia Franck machen sich Konzeptkünstlers Pendleton Pakistans aufnehmend, themati -
Bonn
denstraße 50–51, Di–Fr 10–18, Do auf die Suche nach dem bis heute (*1984) sind vielfach text- und siert die dort geborene Foto- und Katharina Sieverding.
bis 20, Sa, So 11–18 (24.2.– verschwundenen Meisterwerk der schriftbasiert (ab 24.2.) Videokünstlerin Abidi (*1971) Kunst und Kapital.
24.9.2017) Klassischen Moderne und präsen- artCard KW Institute for Contem - politische und kulturelle Beziehun- Werke von 1967 bis 2017
tieren ihre Ergebnisse in der porary Art – Kunst-Werke Berlin, gen ihres Heimatlands zu Indien Bekannt geworden ist die deut-
moving is in every direction Schau. Ein Kooperationsprojekt Auguststraße 69, Mi–Mo 11–19, sowie zur westlichen Welt sche Fotografin (*1944) und
Environments. mit der Staatlichen Graphischen Do bis 21 (10.2.–14.5.2017) Neuer Berliner Kunstverein ehemalige Joseph-Beuys-Schüle-
Installationen. Narrative Sammlung München (9.3.–5.6.) (n.b.k.), Chausseestraße 128– rin durch die beispiellose Konse-
Räume. artCard Haus am Waldsee – Friedrich Kiesler: 129, Di–So 12–18, Do bis 20 quenz, mit der sie filmisch und
Die Ausstellung mit Arbeiten von Internationale Kunst in Berlin, Architekt, Künstler, Visionär (6.3.–28.4.2017) fotografisch ihr zum Teil extrem
unter anderen Marcel Broodthaers, Argentinische Allee 30, Di–So Wie nachhaltig die transdiszipli- vergrößertes und auf vielfälti-
Joseph Beuys, Ilya Kabakov, 11–18 (3.3.–5.6.2017) nären Konzepte des österrei - Surreale Sachlichkeit ge Weise manipuliertes Porträt
Gregor Schneider, Pipilotti Rist chisch-amerikanischen Architek- Die Ausstellung untersucht das seit den sechziger Jahren ein-
und Urs Fischer zeichnet die Schriftbilder – Bilderschrift. ten, Künstlers und Designers Zusammenspiel von Neuer Sach- setzt. Zu sehen sind ihre seriellen
Geschichte der Installations- Chinesisches Plakat- (1890–1965) bis heute die interna - lichkeit und Surrealismus in Werken Fotoarbeiten
kunst von den sechziger Jahren bis und Buchdesign heute tionale Architektur- und Kunst- von Otto Dix, George Grosz, Max artCard Bundeskunsthalle, Fried-
heute nach – mit Werken aus der Über 150 Plakate und Bücher von szene prägen, zeigt eine umfang- Ernst oder René Magritte rich-Ebert-Allee 4, Di, Mi 10–21,
Sammlung der Nationalgalerie, rund 50 Designern aus den ver - reiche Schau artCard Sammlung Scharf- Do–So bis 19 (10.3.–16.7.2017)
der Friedrich-Christian-Flick-Col- schiedensten Regionen Chinas Gerstenberg, Schlossstraße 70,
lection im Hamburger Bahnhof, gewähren Einblick in die junge artCard Martin-Gropius-Bau, Di–Fr 10–18, Sa, So 11–18 Videonale.
der Haubrok-Foundation und wei- Szene des Grafikdesigns, die sich Niederkirchnerstraße 7, Mi–Mo (13.10.2016–23.4.2017) 16 – Festival für Video und
teren Leihgaben in China und Hongkong in den letz- 10–19 (11.3.–11.6.2017) zeitbasierte Kunstformen
ten 20 Jahren etabliert hat Die 1984 gegründete Plattform
artCard Hamburger Bahnhof – artCard Kunstbibliothek, Matthäi- Picha/Bilder – Bern für Videokunst fragt unter dem
Museum für Gegenwart, kirchplatz, Di–Fr 10–18, Sa, So Between Nairobi & Berlin Elemental Gestures – diesjährigen Motto »Perform!«
Invalidenstraße 50–51, Di–Fr 11–18 (3.3.–28.5.2017) Die Ausstellung präsentiert Arbei- Terry Fox nach der Bedeutung des Perfor -
10–18, Do bis 20, Sa, So 11–18 ten, die in Workshops in den Slums Zahlreiche Werke, darunter mens im Sinne einer sozialen,
(17.3.–3.9.2017) von Nairobi entstanden sind. Von Videos, Fotoserien, Papierar- ökonomischen, kulturellen oder
Künstlern wie Zuzanna Czebatul, beiten, Objekte sowie Installatio- auch künstlerischen Handlungs-
Heiner Franzen Andreas Golder, Markus Keibel nen des US-Amerikaners (1943– maxime in einer global funktio-
In seinen eigenwilligen Installa-
tionen – häufig in Anlehnung an die
artCard
ist ein exklusiver Service für
oder Caroline Kryzecki und kenia-
nischen Schülern
2008) beleuchten vor allem
seine politischen Aktionen der
nierenden Welt und Leistungs-
gesellschaft
Filmgeschichte – verbindet der artCard me Collectors Room/ siebziger Jahre, seine Klangkunst artCard Kunstmuseum, Friedrich-
Berliner Künstler (*1961) Architek- unsere Abonnenten. Gegen Stiftung Olbricht, Auguststraße 68, und seine Zusammenarbeit mit Ebert-Allee 2, Di–So 11–18, Mi bis
tur, Zeichnung und Video zu kom- Vorlage Ihrer artCard erhalten Di–So 12–18 (4.3.–4.6.2017) anderen Künstlern 21 (17.2.–2.4.2017)
plexen Erzählungen Sie ermäßigten Eintritt in über artCard Kunstmuseum,
Haus am Lützowplatz, Watching You, Watching Me. Hodlerstrasse 12, Di 10–21, ZERO ist gut für Dich. Mack,
200 führenden Kunstmuseen
Lützowplatz 9, Di–So 11–18 A Photographic Response to Mi–So 10–17 (10.3.–5.6.2017) Piene, Uecker in Bonn
in Deutschland, Österreich Surveillance 1966/2016
(10.2.–9.4.2017)
und der Schweiz. Mehr unter: Im Kontext der Datensammelwut In Anlehnung an die letzte gemein-
www.art-magazin.de/artcard untersucht die Ausstellung, wie sam konzipierte Ausstellung der
Fotografie sowohl ein Werkzeug ZERO-Künstler Heinz Mack, Otto
125
Piene und Günther Uecker in Bonn Lutherland –
1966 zeigt die Schau nun Arbeiten Fotografien aus der Welt
aus den späten ZERO-Jahren des Glaubens
LVR-LandesMuseum,Colmant- Die Bilder des deutschen Fotogra-
straße 14–18, Di–Fr, So 11–18, Sa fen Jörg Gläscher (*1966) sind
13–18 (26.11.2016–26.3.2017) Momentaufnahmen eines gelebten
Glaubens und laden in der Ausstel-
Szene Rheinland: lung ein zum Dialog über die reli-
Rudolf Knubel – giösen Wurzeln der Werte, die für
Mit den Augen denken. den Zusammenhalt unserer Gesell-
Retrospektive, Werke 1962– schaft wichtig sind
2012: Malerei, Skulptur, Deutsches Hygiene-Museum,
Arbeiten auf Papier Lingnerplatz 1, Di–So 10–18
In seinen der minimalistischen (11.3.–5.6.2017)
Tradition verpflichteten Zeichnun-
gen, Gemälden, Fotografien und You May Also Like –
Skulpturen verarbeitet der deut - Robert Stadler
sche Bildhauer, Maler, Fotograf, Der österreichische Designer
Zeichner und Bühnenbildner (*1966) lässt die Hierarchien zwi-
(*1938) auf vielschichtige Weise schen Auftrags- und »freien« Arbei-
seine intensive Auseinandersetzung ten verschwimmen. Seine Werke
mit vergangenen Hochkulturen werden im Dialog mit Objekten aus
LVR-LandesMuseum,Colmant- der Sammlung gezeigt
straße 14–18, Di–Fr, So 11–18, Sa artCard Kunsthalle im Lipsiusbau,
13–18 (16.2.–17.4.2017) Brühlsche Terrasse, Di–So 10–18
(18.3.–25.6.2017)
Bottrop Miniatur-Geschichten.
Claus Goedicke. Die Sammlung indischer
Salz, Seife, Seil Malerei im Dresdner
65 Bilder des deutschen Foto- Kupferstich-Kabinett
grafen (*1966) und Bernd-Becher- Die Schau zeigt Raritäten der indi-
Schülers schen Miniatur-Malerei aus dem
artCard Josef-Albers-Museum 17. und 18. Jahrhundert
(Quadrat), Im Stadtgarten 20,
Di–Sa 11–17, So 10–17
Lutherland artCard Kupferstich-Kabinett,
Residenzschloss, Taschenberg 2,
(19.2.–7.5.2017) Glaube gelebt: Von der Beerdigung Helmut Schmidts bis zur Leipziger Konfirmandengruppe Mi–Mo 10–18 (3.3.–5.6.2017)
dokumentiert der Fotograf Jörg Gläscher Momente christlichen Glaubens. Die Bilder
Bregenz zeigen dabei auch, wie sehr die Reformation bis heute auf die deutsche Gesellschaft wirkt Düsseldorf
Rachel Rose (Martin-Luther-Skulptur am Elbufer gegenüber von Lutherstadt Wittenberg, 2016 ) Malte Bruns – Tremors
Schau der US-Amerikanerin Rose Die Arbeiten des deutschen
(*1986), die mit ihren Video- Künstlers (*1984) verbinden Film-
arbeiten zu den Shootingstars der elemente, Fotografie, Skulptur
amerikanischen Kunstszene und Architektur zu einem installati-
avanciert ist. Ausgangspunkt für Leonhard Sandrock Beeskow und im Museum Junge Dortmund ven Environment
ihre präzisen Videos ist ein konkre- Der deutsche Impressionist Kunst Frankfurt, Oder artCard KIT – Kunst im Tunnel,
ter räumlicher Bezug, eine Reve- artCard dkw – Kunstmuseum Ich bin eine Kämpferin – Mannesmannufer 1b, Di–So 11–18
(1867–1945) ist ein Geheimtipp.
renz an modernes oder zeitgenös - Dieselkraftwerk, Uferstraße/Am Die Frauenbilder der Niki de (11.3.–11.6.2017)
Sandrock malte als Chronist der
sisches Bauen Amtsteich 15, Di–So 10–18 Saint Phalle
rasch fortschreitenden Industria-
artCard Kunsthaus, Karl-Tizian- lisierung Häfen und Bahnhöfe, (28.1.–17.4.2017) Mit kämpferischem Blick auf die Otto Dix – Der böse Blick
Platz, Di–So 10–18, Do bis 21 Stahlwerke und Industrieanlagen Rollenbilder ihrer Zeit schuf die Gezeigt werden etwa 200 Ge-
(4.2.–17.4.2017) Overbeck-Museum, Altes Pack- französisch-schweizerische Male- mälde, Aquarelle und Grafiken
Darmstadt rin und Bildhauerin (1930–2002) aus internationalen Sammlungen,
haus Vegesack/Alte Hafen-
straße 30, Di–So 11–18 Hans Schabus – Familienbilder, Assemblagen, die ab 1922 während der explo-
Bremen The Long Road from Tall Schießbilder und später ihre siven Schaffensjahre des deut -
(29.1.–26.3.2017)
Sibylle Springer Trees to Tall Houses berühmten Nanas. Die Schau mit schen Malers (1891–1969) in Düs -
Die großformatigen Gemälde Dreamaholic – Er sandte sich selbst Postkar- über 100 Werken findet in Koope- seldorf entstanden
der deutschen Malerin (*1975) Kunst aus Finnland. ten zu, machte jeden Tag um ration mit dem Sprengel-Museum
pendeln zwischen Abstraktion Miettinen Collection 12 Uhr Smartphone-Aufnahmen in Hannover statt artCard Kunstsammlung
und Figuration, Schönheit und Neben etablierten Künstlern wie und erstellte einen Blog: Schau Nordrhein-Westfalen – K20
Schrecken, Geschichte und Eija-Liisa Ahtila, Jiri Geller und über die 42-tägige Fahrrad- artCard Museum Ostwall im Dort - Grabbeplatz, Grabbeplatz 5,
Gegenwart. Sie werden durch Robert Lucander werden vor allem tour des österreichischen Künst - munder U, Leonie-Reygers-Ter- Di–Fr 10–18, Sa, So 11–18
Zeichnungen sowie eine Atelier- junge, vielfach noch zu entde- lers (*1970) von der West- zur rasse, Di–So 11–18, Do, Fr bis 20 (11.2.–14.5.2017)
wand ergänzt ckende Positionen der finnischen Ostküste der USA (10.12.2016–23.4.2017)
artCard GAK – Gesellschaft für Gegenwartskunst vorgestellt Kunsthalle, Steubenplatz 1, Marcel Broodthaers.
Aktuelle Kunst, Teerhof 21, artCard Weserburg Museum für Di–Fr 11–18, Do bis 21, Sa, So Eine Retrospektive
Di–So 11–18, Do bis 20 moderne Kunst, Teerhof 20, 11–17 (24.1.–1.5.2017)
Dresden Die Schau verfolgt die ersten
(18.3.–30.4.2017) Di–So 11–18, Do bis 20 Unter italienischen künstlerischen Schritte des Bel -
(4.2.–27.8.2017) Himmeln – Italienbilder des giers (1924–1976) als Lyriker
Auguste Rodin. Den Haag 19. Jahrhunderts zwischen und Fotograf über die Hinwendung
Meisterwerke zum 100. Piet Mondrian und Lorrain, Corot und Böcklin zur Objektkunst bis hin zur Male-
Todestag Brühl Bart van der Leck – Umfassende Retrospektive zu rei. In Kooperation mit dem Museo
Anlässlich des 100. Todestags von Jürgen Klauke – Die Erfindung einer den deutschen Italienbildern Nacional Centro de Arte Reina
Auguste Rodin (1840–1917) prä- Selbstgespräche. neuen Kunst des 19. Jahrhunderts im Dialog Sofía in Madrid und dem MoMA in
sentiert die Kunsthalle Bremen Zeichnungen 1970 bis 2016 Schau mit über 80 Arbeiten mit Arbeiten internationaler Zeit- New York
Meisterwerke des französischen Im Mittelpunkt der Schau stehen über die Stars der 1917 gegrün- genossen wie Camille Corot, artCard Kunstsammlung Nord -
Bildhauers aus ihrer Sammlung die Zeichnungen des deutschen deten Künstlervereinigung Johan Christian Dahl und Arnold rhein-Westfalen – K21 Stände -
artCard Kunsthalle, Am Wall 207, Performance-, Foto- und Medien- De Stijl, Piet Mondrian (1872– Böcklin haus, Ständehausstraße 1,
Di 10–21, Mi–So 10–18 künstlers (*1943), der sich 1944) und Bart van der Leck Di–Fr 10–18, Sa, So 11–18
(7.3.–11.6.2017) seit 40 Jahren mit gesellschaft- (1876–1958) artCard Albertinum, Brühlsche (4.3.–11.6.2017)
lich normierten Geschlechter- Terrasse/Georg-Treu-Platz,
Franz Radziwill und Bremen identitäten und sozialen Verhal- Gemeentemuseum, Stadhou- Di–So 10–18 (10.2.–28.5.2017) Idea et inventio.
Die Schau mit 40 Werken aus der tensmustern auseinandersetzt derslaan 41, Di–So 11–17 Italienische Zeichnungen
Zeit von 1910 bis 1960 – vom artCard Max-Ernst-Museum, (11.2.–21.5.2017) Karl-Heinz Adler des 15. und 16. Jahrhunderts
expressionistischen Frühwerk über Comesstraße 42/Max-Ernst-Allee 1, Ausstellung des Malers, Grafikers 100 Zeichnungen aus dem
die Neue Sachlichkeit und den Di–So 11–18 (26.3.–16.7.2017) Lee Bontecou und Konzeptkünstlers (*1927) Bestand der Düsseldorfer
Magischen Realismus bis hin zu Schau der US-amerikanischen anlässlich seines 90. Geburtstags Kunstakademie vermitteln das
fantastischen Bilderfindungen – Künstlerin (*1931), die mit Kunstschaffen Italiens in der
spiegelt den Einfluss der Kindheit
Cottbus Skulpturen aus Alltagsgegenstän- artCard Albertinum, Brühlsche Übergangszeit zwischen Reforma-
und Jugend des deutschen Künst - Schlaglichter. den und Industriematerialien Terrasse/Georg-Treu-Platz, Di–So tion und Gegenreformation
lers (1895–1983) in der Hanse - Sammlungsgeschichten bekannt wurde 10–18 (25.3.–25.6.2017) artCard Museum Kunstpalast,
stadt Bremen wider Eine Ausstellung in drei Teilen. Gemeentemuseum, Stadhou- Ehrenhof 4–5, Di–So 11–18, Do
artCard Kunsthalle, Am Wall 207, Zeitgleich auch im Kunstarchiv derslaan 41, Di–So 11–17 bis 21 (24.3.–18.6.2017)
Di 10–21, Mi–So 10–18 (25.2.–2.7.2017)
(22.3.–9.7.2017)
126
Peter Lindbergh und Eupen Richard Gerstl. Retrospektive Graz den Niederlanden zeigt rund 120
Garry Winogrand: 80 Arbeiten des österreichischen Gips- und Bronzeskulpturen, Mar-
Women On Street + Thomas Ressentiment – Maja Vukoje
Expressionisten (1883–1908), morfiguren, Keramiken und Papier-
Mailaender: The Fun Archive Kulturen des Dissens Auf grob gewebter Jute entstehen
der bis zu seinem Selbstmord im arbeiten, darunter Werke wie »Der
Die beiden Weltstars der Fotografie Die Arbeiten von unter anderen Alter von nur 25 Jahren ein unge- die maskenartigen Porträts der Denker«, »Balzac« und »Der Kuss«
Lindbergh (*1944) und Winogrand Thomas Zipp, Alina Schmuch und wöhnliches Œuvre mit wegweisen- Wiener Künstlerin (*1969). Aus- Groninger Museum, Museum-
(1928–1984) sind mit berühmten Franca Scholz sind mehr als nur den Neuerungen schuf gehend von Fragestellungen eiland 1, Di–So 10–17
Fotoserien zu Gast in Düsseldorf. Belege eines Umgangs mit Ressen- des Postkolonialismus befasst sich (19.11.2016–30.4.2017)
Parallel dazu ist unter anderem das timents – sie sind Statements, die artCard Schirn-Kunsthalle, Vukoje mit der eurozentrischen
»Fun Archiv«, bestehend aus über sich dem Dissens stellen –, aber Römerberg 19, Di–So 10–19, Sicht auf afro-, aber auch latein-
auch »dissen« können – und damit amerikanische Kulturen sowie Hamburg
11 000 gesammelten Bildern des Mi, Do bis 22 (24.2.–14.5.2017)
französischen Künstlers (*1979), die Meinungen der anderen als rele- mit den Effekten, die das Aufeinan- Paula Modersohn-Becker.
in seiner ersten Retrospektive in vante Äußerungen ernst nehmen dertreffen unterschiedlicher Kul- Der Weg in die Moderne
Deutschland zu sehen. Mailaender ikob – Museum für zeitgenössi - Friedrichshafen turen hat Zwischen Spätimpressionismus
sammelt Artefakte der Netzkultur – sche Kunst, In den Loten 3, Otto Dix – artCard Künstlerhaus – Halle für
und Expressionismus behauptete
anonyme Amateurfotografien, Inter- Mi–So 13–18 (25.1.–23.4.2017) Alles muss ich sehen! Kunst & Medien (KM),Burgring 2, sich das malerische Werk der
net-Meme und Netztrash –, die er »Also ich bin eben ein Wirklich
- Di–So 10–18, Do bis 20 deutschen Künstlerin (1876–
archiviert, weiterverarbeitet und in keitsmensch. Alles muss ich (4.2.–2.4.2017) 1907) zu einer Zeit, als der Kunst-
die Welt der Hochkultur einschleust
Frankfurt am Main sehen«, erklärte der deutsche handel in Deutschland stag-
artCard NRW-Forum,Ehrenhof 2, Johannes Brus Künstler (1891–1969). Seinen Taumel – nierte. Rund 80 Werke erzählen
Di–So 11–20, Fr bis 22 Fotoarbeiten des deutschen 125. Geburtstag feiert das Navigieren im Unbekannten Modersohns eigenen Weg
(3.2.–30.4.2017) Künstlers (*1942), der sich in sei- Museum mit 21 Gemälden, 110 Thematische Schau über das Phä - zum Erfolg
nen Werken über die Grenzen Zeichnungen und 275 Grafiken nomen des »Taumels«, das in zahl-
konventioneller Gattungen hin- aus eigenem Bestand reichen zeitgenössischen Arbeiten ART 2/2017
Duisburg wegsetzt, indem er beispielsweise artCard Zeppelin-Museum, als bewusste künstlerische Strate - artCard Bucerius-Kunst-Forum,
Jana Sterbak. Fotos mehrfach übermalt und Seestraße 22, Di–So 10–17 gie eingesetzt wird. Zu sehen sind Rathausmarkt 2, Mo–So 11–19,
Life Size. Lebensgröße verändert (2.12.2016–17.4.2017) Arbeiten von unter anderen Bruce Do bis 21 (4.2.–1.5.2017)
Die Schau der tschechisch-kanadi - DZ BANK Kunstsammlung,Platz Nauman, Janet Cardiff, Joachim
schen Künstlerin (*1955), die Ende der Republik 1, Di–Sa 11–19 Koester und Alicja Kwade Elbphilharmonie Revisited
der achtziger Jahre mit einem (1.3.–20.5.2017)
Genf artCard Kunsthaus – Universal - Künstler wie Baltic Raw Org,
Kleid aus Fleischstücken Aufsehen Debi Cornwall – museum Joanneum, Lendkai 1, Jean-Marc Bustamante, Janet Car-
erregte, stellt 40 Objekte vor, Ed Atkins. Corpsing Wellcome to Camp America Di–So 10–17 (10.2.–21.5.2017) diff & George Bures Miller, Tacita
davon fünf große Installationen Erste deutsche institutionelle Die Fotokünstlerin und Anwältin Dean, Liam Gillick und Tomás
artCard Lehmbruck-Museum, Fried- Einzelausstellung des britischen (*1973) setzt sich in ihrer konzep- Erwin Wurm Saraceno beschäftigen sich im
rich-Wilhelm-Straße 40, Di–Fr 12– Künstlers und Teilnehmers der tuellen Arbeit kritisch mit dem US- Seit Ende der achtziger Jahre lotet Rahmen der Eröffnung der Ham-
17, Sa, So 11–17 (11.3.–11.6.2017) 55. Venedig-Biennale (*1982), der amerikanischen Gefangenenlager der österreichische Künstler burger Elbphilharmonie in eigens
in seinen Textarbeiten und compu- der Guantanamo Bay Naval Base in (*1954) die Grenzen zwischen für diese Ausstellung entwickel-
tergenerierten Video-Sound-Instal- Kuba auseinander Skulptur, Objekt und Performance ten Arbeiten mit ihrer Beziehung
Durbach lationen existenzielle Fragen stellt Centre de la photographie, Rue aus. Im Mittelpunkt stehen die zur Architektur
Karlheinz Bux | Rainer Nepita artCard MMK – Museum für des Bains 28, Di–So 11–18 »One Minute Sculptures« des artCard Deichtorhallen – Halle
Der deutsche Künstler Bux (*1952) Moderne Kunst, Domstraße 10, (17.3.–14.5.2017) Künstlers, die im gesamten Grazer für aktuelle Kunst, Deichtor-
schafft von der Linie determinierte Di–So 10–18, Mi bis 20 Stadtraum zu sehen sind. Erwin straße 1–2, Di–So 11–18
skulpturale Arbeiten sowie Foto- (3.2.–14.5.2017) Wurm bespielt mit Brigitte Kowanz (10.2.–1.5.2017)
grafien und Zeichnungen, während
Gent den österreichischen Pavillon
der deutsche Maler Nepita (*1954) Primary Structures. James Welling – auf der Venedig-Biennale 2017 Hanne Darboven –
natürliche, florale Formen in abs- Meisterwerke der Metamorphosis artCard Kunsthaus – Universal - Gepackte Zeit
trakte Kompositionen übersetzt Minimal Art Umfangreiche Schau des US-ame- museum Joanneum, Lendkai 1, Die Ausstellung im Dialog mit
Museum für Aktuelle Kunst – Erstmals sind in einer umfassen- rikanischen Fotokünstlers (*1951). Di–So 10–17 (24.3.–20.8.2017) Werken von Künstlerfreunden wie
Sammlung Hurrle Durbach, Alm- den Schau Werke der Minimal Art, Weitere Station: Bank-Austria- Carl Andre und Sol LeWitt sowie
straße 49, Mi–Fr 14–18, Sa, So die den Sammlungsschwerpunkt Kunstforum (5.5.–16.7.) weiteren Exponaten der Sammlung
11–18 (23.3.–9.7.2017) des MMK Museum für Moderne S.M.A.K. – Stedelijk Museum
Groningen Falckenberg, unter anderem von
Kunst bilden, zu sehen voor Actuele Kunst, Citadelpark, Rodin – Genius at Work Fiona Banner, John Cage, Sophie
artCard MMK2,Taunustor 1, Di–So 10–18 (28.1.–16.4.2017) Die größte Schau des französi- Calle oder Imi Knoebel, eröffnet
Emden Di–So 10–18 (22.2.–13.8.2017) schen Bildhauers (1840–1917) in
Maxim Kantor:
Das neue Bestiarium – Michael Riedel.
Gemälde und Puppen Grafik als Ereignis
Vorwiegend neuere Gemälde des Arbeiten des deutschen Künstlers
deutschen, aus Russland stam - (*1972), der sich mit dem
menden Künstlers (*1957), in Aspekt der Reproduktion und
denen er das Bild einer rückschritt- Wiederholung beschäftigt
lichen Gesellschaft entwirft, die artCard Museum Angewandte
sich in eine Art mittelalterliche Kunst, Schaumainkai 17,
Finsternis begibt Di–So 10–18, Mi bis 20
artCard Kunsthalle, Hinter dem (23.2.–28.5.2017)
Rahmen 13, Di–Fr 10–17, Sa, So
11–17 (28.1.–7.5.2017) Abstraktionen – Aufbrüche
in der Kunst der 1950er Jahre
Im Fokus der Schau steht die
Erlangen Gegenüberstellung drei wichti-
Juergen Teller ger abstrakter Künstlergruppen
In der eigens für das Kunstpalais kon- der Nachkriegszeit in Deutsch-
zipierten Ausstellung zeigt der deut- land – »Zen 49« in München,
sche, in London lebende Fotograf »Junger Westen« in Recklinghau -
(*1964) neue Arbeiten, in denen er sen und »Quadriga« in Frankfurt
sich besonders mit seinen fränki - artCard Museum Giersch der
schen Wurzeln auseinandersetzt Goethe-Universität, Schaumain-
artCard Kunstpalais, Markt- kai 83, Di–Do 12–19, Fr–So
platz 1, Di–So 10–18, Mi bis 20 10–18 (19.3.–9.7.2017)
(22.1.–23.4.2017)
Magritte.
Der Verrat der Bilder
Essen Die große Schau des belgischen
Maria Lassnig Surrealisten (1898–1967)
Retrospektive der österreichi -
schen Malerin und Grafikerin
(1919–2014) mit Werken, die ihre
beleuchtet seine zentralen Bildfor-
meln, die sich mit der Mythologie
der Erfindung der Malerei be-
Hanne Darboven – Gepackte Zeit
künstlerische Entwicklung zwi- fassen. In Kooperation mit dem Wachsam nahm die wohl wichtigste und gleichzeitig rätselhafteste deutsche Konzept-
schen Abstraktem Expressionis- Centre Pompidou in Paris künstlerin (1941–2009) Geschichte, Politik und Zeitgeschehen wahr. Darboven notierte
mus und neuer Figuration und ihre täglich, sammelte Gegenstände, schuf endlos viele »Konstruktionen« aus Buchstaben
Auseinandersetzung mit den eige- artCard Schirn-Kunsthalle,
nen Körperempfindungen zeigen Römerberg 19, Di–So 10–19, und Zahlen. Die Schau in ihrer Heimatstadt Hamburg eröffnet nun im Dialog mit Arbeiten
Mi, Do bis 22 (10.2.–5.6.2017) zahlreicher Künstlerkollegen einen neuen Blick auf ihr WerkKinder
( dieser Welt,
artCard Museum Folkwang, 1990–1996)
Museumsplatz 1, Di–So 10–18,
Do, Fr bis 20 (10.3.–21.5.2017)
127
einen neuen Blick auf das Schaffen Und plötzlich diese Weite gingen der Pop Art auf ganz eigene Karlsruhe Gerhard Richter: Neue Bilder
der deutschen Konzeptkünstlerin C/O Berlin, das Museum Folkwang Weise nach Die Ausstellung zeigt neue
Unter freiem Himmel –
(1941-2009) Essen und das Sprengel-Museum Kunstmuseum, Marienstraße 4, Gemälde des deutschen Künstlers
Landschaft sehen,
artCard Deichtorhallen – Samm - Hannover realisieren ein gemein- Di–Fr 10–12, Mi 10–19, Sa, So (*1932) sowie wegweisende
lesen, hören
lung Falckenberg, Wilstorfer sames Ausstellungsprojekt zu 11–17 (28.1.–14.5.2017) Werke aus der Sammlung des
Straße 71, Führungen nach Anmel- der legendären Berliner Werkstatt 50 Spitzenwerke der Landschafts - Museums Ludwig
dung: Do, Fr 18, Sa 12 (Samm- für Photographie. In Hannover malerei aus der eigenen Sammlung artCard Museum Ludwig, Hein-
lungsführung) und 15, So 12 und
Helsinki von unter anderen Caspar David
sind 200 Werke von rund 40 Auto- rich-Böll-Platz, Di–So 10–18, 1. Do
15, besuch@sammlung–falcken- ren zu sehen und geben Einblick Light Changes Everything – Friedrich, Gustave Courbet, Paul im Monat 10–22 (9.2.–1.5.2017)
berg.de (25.2.–3.9.2017) in zahlreiche teils bisher unzugäng- The Tuomo Seppo Klee, René Magritte und Max Ernst
liche Archive Collection + Tuulikki Pietilä im Zusammenspiel mit Texten von Otto Freundlich.
Die Fotografin Die große Schau mit Arbeiten rund 50 bedeutenden deutsch - Kosmischer Kommunismus
Leonore Mau. artCard Sprengel-Museum, Kurt- aus der Sammlung Tuomo Seppos sprachigen Schriftstellern, Intellek- Die große Schau des deutschen
Von Hamburg in die Welt Schwitters-Platz, Di 10–20, Mi–So gibt einen Einblick in die finni- tuellen, Kunst- und Naturwissen- Malers, Bildhauers (1878–1943)
Ihre Aufnahmen, veröffentlicht bis 18 (11.12.2016–19.3.2017) sche Kunst des 20. Jahrhunderts. schaftlern und eines der ersten Vertreter der
in Medien wie »Stern«, dem artCard Staatliche Kunsthalle,
Parallel dazu (bis 9.4.) sind 170 abstrakten Kunst vollzieht seine
»Spiegel«, »Geo« und der »Zeit«, Arbeiten des zu den wichtigsten Hans-Thoma-Straße 2–6, Arbeits- und Lebenswege sowie die
zeigen etwa Rituale aus der
Heidelberg Grafikern Finnlands zählenden Di–So 10–18 (18.2.–27.8.2017) Entwicklung seines künstlerischen
afroamerikanischen Kultur und Geistesfrische – Künstlers Tuulikki Pietilä (1917– und philosophischen Denkens nach
dokumentieren die Situation in Alfred Kubin und die 2009) zu sehen Beat Generation
den Psychiatrien des postkolonia - Sammlung Prinzhorn Ateneum, Kaivokatu 2, Di, Fr Die umfangreiche Ausstellung artCard Museum Ludwig, Hein-
listischen Afrikas. Zu sehen sind Die Schau rekonstruiert die Sicht 10–18, Mi, Do bis 20, Sa, So bis 17 stellt den nomadischen Geist der rich-Böll-Platz, Di–So 10–18, 1. Do
130 Bilder der deutschen Fotogra - des österreichischen Grafikers (28.2.–16.4.2017) Beat Generation vor, die die US- im Monat 10–22 (18.2.–21.5.2017)
fin (1916–2013) Kubin (1877–1959) auf die Samm- amerikanischen Dichter, Musiker
Jenisch-Haus, Baron-Voght- lung des Kunsthistorikers und und Künstler William Burroughs,
Straße 50, Di–So 11–18 Psychiaters Prinzhorn (1886–
Humlebæk Allen Ginsberg und Jack Kerouac in
Kopenhagen
(27.11.2016–23.4.2017) 1933) im Kontext eigener Arbeiten William Kentridge – den fünfziger Jahren begründeten Japanomania 1875–1918
zum Thema »Wahnsinn« Thick Time artCard ZKM – Medien- Von der japanischen Kunst ging
Warten. artCard Sammlung Prinzhorn, Große Soloschau des südafrika- museum, Lorenzstraße 19, Ende des 19. Jahrhunderts eine
Zwischen Macht Voßstraße 2, Di, Do, So 11–17, nischen Künstlers (*1955), der Mi–Fr 10–18, Sa, So 11–18 enorme Strahlkraft aus. Edvard
und Möglichkeit Mi 11–20 (2.3.–30.7.2017) mit philosophischen, literarischen (26.11.2016–24.4.2017) Munch, Carl Larsson, Helene
23 zeitgenössische Künstler und filmischen Ansätzen eine Schjerfbeck oder Vilhelm Ham-
wie Andreas Gursky, Andreas Synthese von Bewegtbild, Sound Aldo Tambellini: mershøi entdeckten eine neue Welt
Slominski oder Elmgreen & Dragset
Heidenheim und Performance schafft. Weitere Black Matters mit exotisch gekleideten Geishas,
beschäftigen sich mit dem ana - I like Fortschritt – Station: Rupertinum Salzburg Umfassende Schau mit Gemälden, ungewöhnlichen Naturdarstellun-
chronistischen Phänomen des Deutsche Pop Art Reloaded (29.7.–5.11.) Skulpturen, handbemalten Dias, gen und einer stilisierten Ästhetik
Wartens in Zeiten einer beschleu- Künstler wie Thomas Bayrle, Wer - Louisiana Museum of Modern Filmen und Videos des italienisch- SMK – Statens Museum for
nigten Gesellschaft ner Berges oder Gerhard Richter Art, Gl. Strandvej 13, Di–Fr 11–22, US-amerikanischen Künstlers Kunst, Sølvgade 48–50, Di–So
artCard Kunsthalle, Glocken- Sa, So bis 18 (16.2.–18.6.2017) (*1930), der zu den Pionieren der 11–17, Mi bis 20 (19.1.–23.4.2017)
gießerwall, Di–So 10–18, Do bis Intermedia Art und den experimen-
21 (17.2.–18.6.2017) tellen Avantgarden der sechziger
und siebziger Jahre gehört
Krefeld
Ida Ekblad – artCard ZKM – Museum für Neue Elmgreen & Dragset –
Diary of a Madam Kunst, Lorenzstraße 19, Die Zugezogenen
Expressive, impulsive Gesten Mi–Fr 10–18, Sa, So 11–18 Ortsspezifische Installation, die
dominieren die Gemälde und (11.3.–6.8.2017) das heutige Museum in ein Wohn-
Skulpturen der norwegischen haus zurückverwandelt. Das seit
Künstlerin (*1980), die nun in ihrer 1995 gemeinsam arbeitende
ersten institutionellen Einzel-
Kiel dänisch-norwegische Künstler-
ausstellung in Deutschland zu Ludger Gerdes. duo, Michael Elmgreen (*1961)
sehen sind Von Angst bis Wollen und Ingar Dragset (*1969), hinter-
Kunsthaus, Klosterwall 15, Neben städtebaulichen Interven - fragt mit monumentalen Skulptu-
Di–So 11–18 (7.2.–19.3.2017) tionen und Wortskulpturen gehört ren und Performances soziale und
das »Schiff für Münster«, das er politische Normen
Willy Fleckhaus – 1987 für die Skulptur Projekte Museum Haus Lange, Wilhelms-
Design, Revolte, Regenbogen Münster bauen ließ, zu seinen hofallee 91–97, Di–So 11–17
Fotografien, Illustrationen, Bücher berühmtesten Arbeiten. Die Schau (19.2.–27.8.2017)
und Plakate des deutschen Grafi - gibt Einblick in das Werk des deut-
kers und Gestalters (1925–1983), schen Malers, Bildhauers und Mul-
der mit Arbeiten für die »Frank- timediakünstlers (1954–2008),
Leipzig
furter Allgemeine Zeitung«, das der besonders mit seinen kriti - Max Klinger/
Jugendmagazin »twen«, edition schen Beiträgen zum Zusammen- Markus Lüpertz
suhrkamp oder das Erscheinungs - spiel von Kunst und Ausstellungs- 30 Skulpturen, 20 Gemälde und
bild des WDR bekannt wurde institution bekannt wurde Bildzyklen sowie 50 Zeichnungen
artCard MKG – Museum für Kunst artCard Kunsthalle, Düsternbroo- des deutschen Malers Lüpertz
und Gewerbe, Steintorplatz, Di–So ker Weg 1, Di–So 10–18, Mi bis 20 (*1941) treten in einen Dialog mit
10–18, Do bis 21 (20.1.–7.5.2017) (11.2.–30.4.2017) den dauerhaft ausgestellten Wer -
ken Klingers (1857–1920) – nicht
ohne die Frage nach dem Provoka-
Hannover Köln tiven und Anstößigen aufzuwerfen
Anne-Mie van Kerckhoven – Silke Brösskamp artCard Museum der bildenden
What Would I Do in Orbit? Die deutsche Künstlerin (*1965) Künste, Katharinenstraße 10,
Zu sehen ist das multimediale entwickelt ihre Objekte und teils Di, Do–So 10–18, Mi 12–20
Werk der belgischen Künstlerin monumentalen Installationen in (28.1.– 24.9.2017)
(*1951) aus rund 40 Jahren Auseinandersetzung zu dem umge-
artCard Kunstverein, Sophien- benden Raum Nolde und die Brücke
straße 2, Di–Sa 12–19, So 11–19 artothek – Raum für junge Kunst, Die fast zwei Jahre anhaltende
(18.3.–14.5.2017) Am Hof 50, Di–Fr 13–19, Sa Zusammenarbeit zwischen dem
13–16 (2.3.–15.4.2017) deutschen Expressionisten (1867–
Palmyra – Was bleibt? 1956) und der »Brücke« leitet den
Syriens zerstörtes Erbe Aufstand! Renaissance, Beginn der modernen Kunst in
Im Mittelpunkt der Ausstellung Reformation und Revolte im Deutschland ein. Rund 180
stehen rund 20 Zeichnungen des Werk von Käthe Kollwitz Gemälde, Zeichnungen und Grafi-
französischen Künstlers, Archäolo-
gen und Architekten Louis-Fran-
çois Cassas (1756–1827), die er
Japanomania Die Schau zeigt – mit Fokus auf die
Radierfolge »Bauernkrieg«, für
die sie 1906 den Villa-Romana-
ken künden von diesem nachhalti-
gen künstlerischen Austausch
artCard Museum der bildenden
im Jahre 1785 in Palmyra anfer-
Bunte Vögel, Fische, exotisch gekleidete Geishas und Preis erhielt – die Anstrengungen Künste, Katharinenstraße 10,
tigte. In Gegenüberstellung sind der überwältigende Fuji lösten Mitte des 19. Jahrhunderts auf, die die deutsche Künstlerin Di, Do–So 10– 18, Mi 12–20
moderne Fotografien und An- eine Masseneuphorie in der europäischen Kunstwelt aus. (1867–1945) unternahm, um (12.2.– 18.6.2017)
sichten der Zustände im heutigen Werke von Edvard Munch, Anna Ancher, Vincent van Gogh Anschluss an die zeitgenössische
Palmyra zu sehen Moderne zu finden
Museum August Kestner, Tramm- oder Claude Monet erzählen von dem unwiderstehli- artCard Käthe-Kollwitz-Museum,
Lens (Frankreich)
platz 3, Di–So 11–18, Mi bis 20 chen Land der Träume: Japan (Anders Zorn, The misses Neumarkt 18–24, Di–Fr 10–18, Die Brüder Le Nain
(9.3.–9.7.2017) Salomon,1888) Sa, So 11–18 (10.3.–5.6.2017) Ungewöhnlich realistisch und mit
starker Ausdruckskraft malten die
Brüder Le Nain, Antoine(1588–
128
1648), Louis (1593–1648) Plastiken in Materialien wie Stahl,
und Mathieu (1607–1677), Stein, Holz und Bronze umsetzt
Menschen in Fabriken, bäuerli- Mudam – Musée d’Art Moderne
che Szenen oder religiöse Motive Grand-Duc Jean, Park Dräi Eeche-
Louvre-Lens, Rue Georges len 3, Mi–Fr 11–20, Sa–Mo 11–18
Bernanos, Mi–Mo 10–18 (11.2.–3.9.2017)
(22.3.–26.6.2017)
Luzern
Leverkusen Claudia Comte. 40 Walls, 10
Achim Lippoth: Rooms and 1’064 m 2
Storytelling II. Geschichten Die 40 Wände in Luzern füllt die
über das Kindsein Schweizer Künstlerin (*1983)
In den fotografischen Reihen des mit vier unterschiedlichen Formen
deutschen Fotokünstlers (*1968) der Malerei: etwa mit ihren
spielen Kinder die Hauptrolle, es »shaped canvases«, in denen sie
geht um Rollenerwartungen aus Bildhauerei und Malerei zu einer
der Kinderperspektive jenseits von besonderen Form der Installation
verniedlichenden Klischees verbindet
Bayer Erholungshaus, Nobel- artCard Kunstmuseum, Europa-
straße 37, Sa, So 11–17 platz 1, Di–So 10–17, Mi bis 20
(19.3.–11.6.2017) (4.3.–18.6.2017)
Hans Op de Beeck. Alltag – Genredarstellungen
The Silent Castle vom Spätmittelalter bis
Arbeiten der letzten zwölf Jahre heute aus der Sammlung des
sowie eine ortsbezogene Inszenie - Kunstmuseums Luzern
rung des belgischen Künstlers, Szenen aus dem Alltagsleben,
Bühnenbildners und Regisseurs von der Arbeit bis zur Freizeit, von
(*1969), der über seine Filme, der städtischen Promenade zum
Zeichnungen, Malerei und Skulp- bäuerlichen Acker, von Künstlern
turen hinaus vor allem durch wie Arnold Böcklin, Ferdinand
seine raumgreifenden, begehbaren
Installationen bekannt wurde
Ludger Gerdes Hodler, Max Liebermann, Dieter
Roth, Beat Streuli oder Wilhelm
Als Denkmodelle, die zur Kommunikation einladen, verstand der Maler und Bildhauer Trübner
artCard Museum Morsbroich, artCard Kunstmuseum, Europa-
Gustav-Heinemann-Straße 80,
seine Skulpturen im öffentlichen Raum. Gerdes, der bis zu seinem Tod 2008 an platz 1, Di–So 10–17, Mi bis 20
Di–So 11–17, Do 11–21 der Kunsthochschule in Kiel lehrte, entwickelte ein komplexes Werk, das nun in einer (4.3.–26.11.2017)
(12.2.–30.4.2017) Retrospektive neu betrachtet wird ( Bau-Bild Rathaus,1987)
Lyon
Linz Los Angeles: A Fiction
Elger Esser – Aetas Themen wie Gender, Identität, Mas- nungen und Multi-Fokus-Filme, 50 Autoren und Künstler sind ein-
Los Angeles
Erste museale Einzelausstellung kerade und Performance kreisen des britischen Künstlers (*1937) geladen, ein fiktives Bild von Los
des deutschen Fotokünstlers National Portrait Gallery, Dubuffet Drawings Angeles zu entwerfen, darunter
(*1967) in Österreich. Esser ist für St. Martin’s Place, Mo–So 10–18, Tate Britain, Millbank, Mo–So Die Schau präsentiert erstmals Robert Irwin, Tala Madani, Paul
seine strenge Konzeptualität und Do, Fr bis 21 (9.3.–29.5.2017) 10–18 (9.2.–29.5.2017) rund 100 Zeichnungen des fran- McCarthy, Catherine Opie, Laura
seinen bilddokumentarischen zösischen Künstlers (1901–1985) Owens, Charles Ray, Ed Ruscha,
Ansatz bekannt Howard Hodgkin: Robert Rauschenberg aus den Jahren zwischen 1935 T. C. Boyle, Kenneth Goldsmith
artCard Landesgalerie, Museum- Absent Friends Die erste umfassende Retrospek - und 1962 und David Lynch
straße 14, Di–Fr 9–18, Do bis 21, Anhand von 55 seit 1949 entstan - tive des US-amerikanischen Hammer Museum, 10899 Wilshire Mac – Musée d’art contemporain,
Sa, So 10–17 (28.1.–23.4.2017) denen Arbeiten untersucht die Künstlers (1925–2008) nach des - Blvd, Di–Fr 11–20, Sa, So bis 17 Quai Charles de Gaulle 81, Mi–So
Ausstellung Beziehungen und sen Tod zeigt, wie innovativ Rau- (29.1.–30.4.2017) 11–18 (10.3.–9.7.2017)
Psycho Drawing – menschliche Präsenz oder Ab- schenberg die Grenzen zwischen
Art brut und die 60er und wesenheit in der Bildsprache des bildender Kunst, Performance, Jimmie Durham:
70er in Österreich + britischen abstrakten Malers Tanz und Wissenschaft überwand. At the Center of the World Madrid
Anna Witt (*1932) Weitere Station: MoMA, New York Die große Schau bringt rund Meister Mateo
In Österreich entstandene Arbei- National Portrait Gallery, St. Mar- (21.5.–4.9.2017) 200 seit den siebziger Jahren ent - Die Schau basiert auf den jüngs-
ten, der von Jean Dubuffet tin’s Place, Mo–So 10–18, Do, Fr standene Arbeiten wie Skulptu- ten Funden, die dem galicischen
(1901–1985) geprägten, jenseits bis 21 (23.3.–18.6.2017) Tate Modern, Bankside, ren, Zeichnungen, Collagen, Bildhauer und Bauverwalter der
der etablierten Kunst entstande - Mo–So 10–18, Fr, Sa bis 22 Drucke, Fotografien und Videos Kathedrale von Santiago de
nen Strömung psychisch kranker, Revolution: (1.12.2016–2.4.2017) des US-amerikanischen Künstlers Compostela zugeschrieben wer-
meist autodidaktisch arbeitender Russian Art 1917–1932 (*1940) zusammen den. Meister Mateo (um 1150–
Menschen. Parallel (bis 4.6.) 200 Gemälde, Fotografien, Skulp- Wolfgang Tillmans Hammer Museum, 10899 Wilshire um 1200/1217) soll der Erbauer
eine Soloschau der deutschen turen, Porzellan-Arbeiten und Bekannt wurde der deutsche Blvd, Di–Fr 11–20, Sa, So bis 17 des famosen Pórtico de la Gloria
Video-, Objekt und Performance- Filme von russischen Avantgarde- Fotograf und Künstler (*1968) mit (29.1.–7.5.2017) (1168/1188) im Eingang des
künstlerin Witt (*1981) künstlern wie Chagall, Kandinsky, Aufnahmen von jungen Leuten Westportals sein
artCard Lentos-Kunstmuseum, Malewitsch und Tatlin reflektieren seiner Generation. Später experi - Museo Nacional del Prado, Paseo
Ernst-Koref-Promenade 1, die Aufbruchstimmung, die zwi- mentierte er mit der direkten
Luxemburg del Prado, Mo–Sa 10–20, So bis
Di–So 10–18, Do bis 21 schen der Russischen Revolution Belichtung von Fotopapier, mit Darren Almond. 19 (29.11.2016–26.3.2017)
(17.3.–11.6.2017) und dem Beginn der stalinistischen Musik und Videoinstallationen. Timescape + Samuel
Massenrepressionen herrschte Die Tate Modern zeigt Werke von Gratacap. Empire Meisterwerke aus dem
Royal Academy of Arts, Piccadilly, 2003 bis heute Der britische Konzeptkünstler Budapester Museum der
London Mo–So 10–18, Fr, Sa bis 22 Almond (*1971) sucht das Schönen Künste. Leonardo –
The Japanese House – (11.2.–17.4.2017) Tate Modern, Bankside, Ungewohnte: etwa wenn er Land- Dürer – Canaletto – Monet
Architecture and Life Mo–So 10–18, Fr, Sa bis 22 schaften im Mondlicht fotografiert Rund 60 hochkarätige Arbeiten
after 1945 David Hockney (15.2.–11.6.2017) und damit Eigenheiten der Nacht
Große Ausstellung zur japani- Große Schau mit mehr als 700 stets auf ähnliche Weise hervor- in Budapest, dem größten
schen Architektur der vergange- Arbeiten, darunter großformatige Michelangelo & Sebastiano treten lässt. Parallel dazu sind Kunstmuseum Ungarns, sind zu
nen 70 Jahre mit zahlreichen Landschaftsgemälde, iPad-Zeich- 1511 begegneten sie sich in Arbeiten des französischen Foto- Besuch in Madrid
Projekten moderner und zeitge - Rom. Es entwickelte sich nicht nur grafen Gratacap (*1982) zu sehen, Museo Thyssen-Bornemisza,
nössischer Hausbauten, ergänzt eine außergewöhnliche Künstler- der Strände Lampedusas durch - Paseo del Prado 8, Di–So 10–19,
durch Filme, Fotografien und freundschaft zwischen den Renais- querte und das Elend der Flücht- Sa bis 21 (14.2.–28.5.2017)
Kunstobjekte sancemeistern Sebastiano del linge des Libyen-Konflikts öffent-
Barbican Art Gallery, Silk Street,
Sa–Mi 10–18, Do, Fr bis 21
artCard
ist ein exklusiver Service für
Piombo (1485-1547) und Michel-
angelo (1475–1564), sondern
lich machte
Mudam – Musée d’Art Moderne
Malmö
(23.3.–25.6.2017) auch eine sehr produktive Zusam- Grand-Duc Jean, Park Dräi Eeche- Annika Eriksson
unsere Abonnenten. Gegen menarbeit, die anhand von Gemäl- len 3, Mi–Fr 11–20, Sa–Mo 11–18 Videoarbeiten, Fotografien, Poster
Gillian Wearing and Claude Vorlage Ihrer artCard erhalten den, Zeichnungen und Briefen (11.2.–14.5.2017) und Leuchtschriften aus den
Cahun – Behind the mask, Sie ermäßigten Eintritt in über dokumentiert wird letzten zehn Schaffensjahren der
another mask The National Gallery, Trafalgar Tony Cragg schwedischen, in Berlin lebenden
200 führenden Kunstmuseen
100 Werke der britischen Konzept- Square, Mo–So 10–18, Fr bis 21 Die Schau würdigt das Schaffen Künstlerin (*1956)
in Deutschland, Österreich
künstlerin Wearing (*1963) und (15.3.–25.6.2017) des britischen Bildhauers (*1949), Moderna Museet, Ola Billgrens
der französischen Schriftstel- und der Schweiz. Mehr unter: der seine frühen Arbeiten aus plats 2–4, Di–So 11–18
lerin und Fotografin Cahun (1894– www.art-magazin.de/artcard Fundstücken arrangierte und seine (11.3.–4.6.2017)
1954), deren Arbeiten um ähnliche aktuellen, biomorph anmutenden
129
Mannheim Neuss Hindu-Göttern und Königen
bekannt wurde
Ottmar Hörl Selbst ist der Mann! Erich
The Metropolitan Museum of Art,
Künstler treffen, nach Ottmar Hörl Bödeker und Josef Wittlich
Fifth Avenue 1000, So–Do
(*1950), gestalterische Vorsorge. Rund je 30 Werke des naiven 10–17.30, Fr, Sa bis 21
Hörls Arbeiten, häufig in Serie pro- deutschen Bildhauers Bödeker (15.12.2016–18.6.2017)
duzierte Kunststofffiguren, interve- (1904–1971) und des Rheinlän -
nieren in unterschiedlichster Art ders und Outsider-Künstlers The Mysterious Landscapes
und Weise in den Alltag und defi- Wittlich (1903–1982) of Hercules Segers
nieren diesen neu Clemens-Sels-Museum, Am Ober- Größte US-amerikanische Retro-
Kunstverein, Augustaanlage 58, tor, Di–Sa 11–17, So bis 18 spektive des niederländischen
Di–So 12–17 (29.1.–16.4.2017) (19.3.–28.5.2017) Malers und Druckgrafikers (um
1590–um 1638), der mit seinen
experimentellen und rätselhaf-
Mechelen New York ten Radierungen zu den außerge -
Contour Biennale Turner’s Modern and wöhnlichsten Künstlern des
20 internationale und lokale Ancient Ports: Passages Barocks zählt
Künstler sowie Kunstkollektive through Time The Metropolitan Museum of Art,
aus den Bereichen Fotografie, Er war besessen von Häfen: Fifth Avenue 1000, So–Do
Film, Sound, Performance, Die Ausstellung trägt 35 Gemälde, 10–17.30, Fr, Sa bis 21
Zeichnung und Installation prä- Aquarelle und Graphitarbeiten (13.2.–21.5.2017)
sentieren jüngst entstandene des britischen Malers William Tur-
Arbeiten an den historischen ner (1775–1851) von deutschen, Whitney Biennial 2017
Orten der mittelalterlich ge- französischen und britischen Erstmals findet die renommierte,
prägten Stadt Häfen zusammen 1932 ins Leben gerufene Biennale
(11.3.–21.5.2017) Frick Collection, 1 East 70 Street, für zeitgenössische Kunst im
Di–Sa 10–18, So 11–17 neuen Gebäude des Whitney
(23.2.–14.5.2017) Museum statt, kuratiert von Chris-
Melbourne topher Y. Lew und Mia Locks
Lawrence Weiner – Visionaries: Whitney Museum of American
Out of Sight Creating a Modern Art, 99 Gansevoort Street,
Sprache ist für den US-amerikani- Guggenheim Mi–Mo 10.30–18, Fr, Sa bis 22
schen Konzeptkünstler (*1942) Zum 80. Geburtstag der Solomon (17.3.–11.6.2017)
eine Skulptur, die Idee ersetzt das R. Guggenheim Foundation ver-
physische Material. Die ortsbezo- sammelt die Schau 170 Werke aus
gene Installation in Form eines der New Yorker und aus der vene-
Oberhausen
Hüpfspiels thematisiert menschli- zianischen Sammlung und gibt Let’s buy it! Kunst und
che Lebenswege einen Überblick über die Entste- Einkauf – Von Albrecht Dürer
NGV National Gallery of Victoria, hung einer der wichtigsten Avant- über Andy Warhol bis
180 St. Kilda Road, Mo–So 10–17 garde-Sammlungen der Welt Gerhard Richter
(17.2.–17.4.2017) Guggenheim Museum, Fifth Ave- Große Themenausstellung, die
nue 1071, So–Mi, Fr 10–17.45, Sa Arbeiten vom 16. Jahrhundert bis
bis 19.45 (10.2.–6.9.2017) heute vereint und das weite Feld,
München
lebenswelt | life-world Alexej Jawlensky Alexej Jawlensky
das Kunst und Einkauf verbindet,
beleuchtet
Fotografien der japanischen Glühende Landschaften und mystische Köpfe: Der Expres- Große Schau des russischen artCard Ludwiggalerie Schloss
Künstlerin Rinko Kawauchi sionist Alexej Jawlensky (1864–1941) interpretierte Natur, Expressionisten (1864–1941). Oberhausen, Konrad-Adenauer-
(*1972), Skulpturen von 21 japa- Untersucht wird die chronologi- Allee 46, Di–So 11–18
nischen Künstlern und eine statt sie abzumalen. Damit wurde er zum Vorreiter der sche und thematische Entwicklung (22.1.–14.5.2017)
dreiteilige Installation von Tadao Abstraktion. New York zeigt 75 Arbeiten in der bislang größ- Jawlenskys von 1900 bis 1937
Ando (*1941) ten Retrospektive in den USA (Abstract Head: Late Summer Neue Galerie, Fifth Avenue 1048,
Alexander-Tutsek-Stiftung, Do–Mo 11–18 (16.2.–29.5.2017)
Offenburg
Karl-Theodor-Straße 27, (Crescent Moon),1928) Raymond-Émile Waydelich
Di–Fr 14–18 (20.1.–30.6.2017) Raymond Pettibon Große Retrospektive des franzö-
Der US-Künstler (*1957) hält in sisch-elsässischen Malers, Bildhau-
Tacita Dean seinen Werken Geschichte, Mytho- ers und Aktionskünstlers (*1938)
Arbeiten der in Berlin lebenden Spaniens Goldene Zeit – Vermisst: Der Turm der logie und Kultur der USA auf Städtische Galerie, Amand-
britischen Künstlerin (*1965), die Die Ära Velázquez in Malerei blauen Pferde von Franz erstaunliche, eigene und kritische Goegg-Straße 2, Di–So 10–17
sich in ihrem Werk mit der Ver- und Skulptur Marc – Zeitgenössische Weise fest. Zu sehen sind mehr als (4.3.–28.5.2017)
bindung von Vergangenheit und Rund 120 Werke spiegeln die Viel- Künstler auf der Suche nach 700 meist schwarzweiße Zeich-
Gegenwart beschäftigt falt der Kunst während des Golde- einem verschollenen nungen seit den sechziger Jahren
Espace Louis Vuitton, Maximilian- nen Zeitalter Spaniens (um 1550– Meisterwerk bis heute, seine frühen Fanzines,
Osnabrück
straße 2a, Mo–Fr 12–19, Sa 10–19 1680) wider. In Kooperation mit Künstler wie Viktoria Bintschok, Künstlerbücher und Videos Icaro Zorbar
(14.10.2016–1.4.2017) der Gemäldegalerie in Berlin Tatjana Doll, Jana Gunstheimer, New Museum, Bowery Street 235, Der kolumbianische, in Norwegen
artCard Kunsthalle der Hypo- Thomas Klipper oder Dierk Schmidt Mi–So 11–18, Do bis 21 lebende Künstler (*1977) kom-
Harun Farocki: Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, machen sich auf die Suche nach (8.2.–9.4.2017) biniert, manipuliert und verbaut für
Counter Music Mo–So 10–20 dem bis heute verschwundenen seine Rauminstallationen techni-
Die erste große Münchner Aus- (25.11.2016–26.3.2017) Meisterwerk der Klassischen Marisa Merz: sche Geräte aus dem Alltag der
stellung seit seinem Tod geht Moderne und präsentieren ihre Er- The Sky Is a Great Space siebziger Jahre wie Schallplatten-
der fortlaufenden Analyse der sich Wade Guyton – gebnisse in der Schau. Ein Koope- In ihrer ersten US-amerikanischen spieler, Kassettenrekorder und
verändernden Modi von Lohn- Das New Yorker Atelier rationsprojekt mit dem Haus am Retrospektive wird das Werk aus Tageslichtprojektoren
arbeit, Produktion und Konsum 30 Bilder auf Leinwand, eine Serie Waldsee, Berlin 50 Jahren der italienischen Male- artCard Kunsthalle, Hasemauer 1,
im Werk des deutschen Künstlers von 16 Vitrinen mit Zeichnungen Pinakothek der Moderne, Barer rin, Bildhauerin und Arte-Povera- Di 13–18, Mi– Fr 11–18, Sa, So
und Filmemachers (1944–2014) und eine Filmprojektion des Straße 40, Di–So 10–18, Do bis 20 Künstlerin ( *1931) vorgestellt. 10–18 (29.1.–2.4.2017)
nach US-amerikanischen Konzeptkünst- (9.3.–5.6.2017) Weitere Station: Hammer
artCard Haus der Kunst, Prinzre- lers (*1972) Museum, Los Angeles
gentenstraße 1, Mo–So 10–20, Tone Vigeland – The Met Breuer, Madison Avenue
Palm Springs
Do bis 22 (10.3.–28.5.2017) Museum Brandhorst, Theresien- Schmuck, Objekt, Skulptur at 75th Street, Di–So 10–17.30, Desert X
straße 35a, Di–So 10–18, Do bis 150 Schmuckarbeiten sowie Fr, Sa bis 21 (24.1.–7.5.2017) Das Ausstellungsprojekt – Pendant
FMP: The Living Music 20 (28.1.–30.4.2017) Objekte und Skulpturen der zum berühmten Coachella Valley
Die Ausstellung, mit Konzertreihe, Grande Dame der skandinavischen Marsden Hartley’s Maine -
Music and Arts Festival in Kalifor
zum 1968 gegründeten Berliner Albert Renger-Patzsch – Schmuckkunst (*1938) 90 Gemälde und Zeichnungen nien – bringt Kunst und Künstler
Avantgarde-Plattenlabel FMP Ruhrgebietslandschaften Pinakothek der Moderne, Barer geben einen Überblick über das zusammen, die sich mit der Wüste
(Free Music Production) für impro- Von 1927 bis 1935 schuf Renger- Straße 40, Di–So 10–18, Do bis 20 Werk des US-amerikanischen befassen und zahlreiche ortsspezi -
visatorische und zeitgenössi- Patzsch (1897–1966), einer der (11.3.–11.6.2017) Malers (1877–1943) und der fische Arbeiten entwickeln
sche Musik analysiert und doku- wichtigsten Fotografen der Neuen künstlerischen Auseinanderset - Coachella Valley (25.2.–30.4.2017)
mentiert die fast 50-jährige Sachlichkeit, eine umfassende Bilder der Überwachung zung mit seiner Heimat Maine
Geschichte des innovativen und fotografische Serie von Stadtrand- Arbeiten von zeitgenössischen The Met Breuer, Madison Avenue
experimentierfreudigen Musiker- und Haldenlandschaften, Hinter- Künstlern aus den Bereichen Foto- at 75th Street, Di–So 10–17.30,
Paris
kollektivs höfen oder Zechenanlagen im grafie, Video und Installation zu Fr, Sa bis 21 (15.3.–18.7.2017) Kollektsia – Zeitgenössische
artCard Haus der Kunst, Prinzre- Ruhrgebiet. Über 100 Aufnahmen Überwachung und Kontrolle im all- Kunst in der Sowjetunion
gentenstraße 1, Mo–So 10–20, Do werden erstmals ausgestellt täglichen Leben An Artist of Her Time: Y. G. und in Russland 1950–2000
bis 22 (10.3.–20.8.2017) Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, Srimati and the Indian Style Mehr als 250 Werke aus der 1999
Pinakothek der Moderne, Barer Di–So 10–18 (24.3.–16.7.2017) Erste Retrospektive der indischen gegründeten Vladimir Potanin
Straße 40, Di–So 10–18, Do bis 20 Künstlerin (1926–2007), die
(16.12.2016–23.4.2017) für ihre faszinierenden Bilder von
130
Foundation spiegeln die wichtigs- François Morellet – Penzberg Québec Rom
ten Kunstbewegungen der ehe- Die Rückkehr!
Magische Transparenz: Manif d’art 8 – Artemisia Gentileschi
maligen Sowjetunion und des heu- Große Schau des französischen
Die raffinierten Quebec City Biennial und ihre Zeit
tigen Russlands wider Lichtkunstpioniers François Morel-
Hinterglasbilder von Unter dem Titel »The Art of Joy« Die Frida Kahlo des 17. Jahrhun-
let (1926–2016), der über viele
Heinrich Campendonk präsentiert die diesjährige derts wird mit einer großen
Centre Pompidou, Place Georges Generationen ein Kunstgenre in-
Pompidou, Mi–Mo 11–21 spiriert hat, das Licht als sein primä- Die Wiederentdeckung der prak- Biennale Arbeiten von rund Schau in Rom gefeiert. Die italie-
(14.9.2016–27.3.2017) res Material verwendet. Morellet tisch unbekannten künstlerischen 100 Künstlern nische Barockmalerin (1593–
war einer der wichtigsten Vertreter Glastechnik des Mitglieds des MNBAQ – Musée national des 1653) zählt zu den bedeutendsten
Cy Twombly der geometrischen Abstraktion Blauen Reiters (1889–1957) steht beaux-arts du Québec, Grande Frauengestalten der Kunstge -
Der US-amerikanische Maler, Bild- und des Minimalismus im Mittelpunkt der Ausstellung Allée Ouest 179, Di–So 10–17, schichte
hauer und Objektkünstler (1928– Museum Penzberg – Sammlung Mi bis 21 (18.2.–14.5.2017) Museo di Roma – Palazzo Bras -
2011) hat den Abstrakten Expres - Monnaie de Paris, Quai de Conti Campendonk, Am Museum 1 chi, Piazza di S. Pantaleo 10, Di–So
sionismus in seinen monumentalen 11, Mo–So 11–19, Do bis 22 (Karlstraße 61), Mi–So 10–17, Do 10–19 (30.11.2016–7.5.2017)
-
Kritzelzeichnungen in filigrane For (24.2.–21.5.2017) bis 20 (18.2.–7.5.2017) Ravensburg
men überführt. Das Centre Pompi- Herman de Vries.
dou widmet ihm die erste Retro- Karel Appel – From Earth: Oberschwaben Rostock
spektive nach seinem Tod mit über Kunst ist eine Feier! Potsdam Der niederländische, in Franken Sibylle – Zeitschrift für
140 selten gezeigten Arbeiten Die Retrospektive öffnet den Blick Klassiker der Moderne. lebende Künstler (*1931) führt Mode und Kultur
auf das gesamte Schaffen des nie - Liebermann, Munch, Nolde, seine Werkreihe »Erdausreibun- Die Schau untersucht das Phäno -
Centre Pompidou, Place Georges derländischen Künstlers (1921– Kandinsky gen« ortsspezifisch, mit unter- men der sogenannten »Ost-Vogue«
Pompidou, Mi–Mo 11–21 2006), auch über dessen Wirken in Mit 60 Werken erzählt die schiedlichen, in der Gegend von »Sibylle« – die bekannteste Frauen-
(30.11.2016–24.4.2017) der Gruppe CoBrA hinaus Schau Kunstgeschichten, die Ulm bis zum Bodensee gesam- zeitschrift in der DDR – insbe-
Musée d’Art moderne de la Ville deutlich machen, dass es mehr als melten und auf Papier geriebenen sondere aus künstlerischer und
Gärten de Paris, Avenue du Président Wil- eine Geschichte der modernen Erden fort fotografischer Sicht. Weitere
Gemälde, Skulpturen, Fotogra- son 11, Di–So 10–18, Do bis 22 Kunst gibt Kunstmuseum, Burgstraße 9, Station: Opelvillen Rüsselsheim,
fien, Zeichnungen und Installatio- (24.2.–20.8.2017) Museum Barberini, Humboldt- Di–So 11–18, Do bis 19 28.8.–26.11.
nen zeigen sechs Jahrhunderte straße 5–6, Mi–Mo 11–19 (18.3.–11.6.2017) artCard Kunsthalle, Hamburger
der künstlerischen Auseinander - Jenseits der Sterne. Die (23.1.–28.5.2017) Straße 40, Di–So 11–18
setzung mit dem Garten, darunter mystische Landschaft von (18.12.2016–17.4.2017)
Arbeiten von Albrecht Dürer, Monet bis Kandinsky Impressionismus – Remagen
Claude Monet, Paul Cézanne, Pablo Schau zum Mystizismus in der Die Kunst der Landschaft Bühnenreif 1. Akt (1900–2016)
Picasso, Henri Matisse, René symbolistischen Landschaft mit Ausstellung zum Naturverständ- + 2. Akt (1600–1900) Rotterdam
Magritte sowie Wolfgang Laib Gemälden von Paul Gauguin, nis der Moderne mit 90 Gemälden Inspiriert vom legendären »Cabaret Hyperrealism.
Grand Palais – Galeries nationa - Claude Monet, Gustav Klimt, von Künstlern wie Claude Monet Voltaire« in Zürich widmen sich 50 Years of Painting
les, Avenue du Général Eisen- Edvard Munch, Vincent van Gogh (1840–1926), Auguste Renoir seit dem großen Dada-Jubiläums- 70 zum Teil großformatige Werke
hower 3, Mo, Mi–So 10–20, Mi bis sowie hochrangiger Vertreter der (1841–1919) und Gustave Caille- jahr 2016 zwei aufeinander bezo- von etwa 30 Malern wie Franz
22 (15.3.–24.7.2017) kanadischen Schule wie Lawren botte (1848–1894) aus der Privat - gene Ausstellungen dem Thema Gertsch, Chuck Close oder Richard
Harris, Tom Thomson und Emily sammlung des Stifters und Mäzens Bühne in der bildenden Kunst vom Estes geben einen Überblick über
Rodin – Carr. In Zusammenarbeit mit der des neu gegründeten Museums 16. Jahrhundert bis in die Gegen- drei Generationen von Fotorealis-
Die Jahrhundertschau Art Gallery of Ontario in Toronto Barberini Hasso Plattner und aus wart: 1. Akt (1900–2016) bis zum ten. In Kooperation mit dem Ost-
Die große Schau des französischen Musée d’Orsay, Rue de Lille 62, internationalen Sammlungen 23.4. und 2. Akt (1600–1900) ab haus-Museum Hagen
Bildhauers (1840–1917) gedenkt Di–So 9.30–18, Do bis 21.45 Museum Barberini, Rudolf-Breit- dem 11.11. Kunsthal, Westzeedijk 341,
seines 100. Todestags mit zahl- (14.3.–25.6.2017) scheid-Straße 189, Mi–Mo 11–19 Arp-Museum – Bahnhof Rolands- Di–Sa 10–17, So 11–17
reichen Werken und stellt sie in (23.1.–28.5.2017) eck, Hans-Arp-Allee 1, Di–So (25.2.–4.6.2017)
den Dialog mit Arbeiten seiner Pissarro in Éragny 11–18 (23.9.2016–7.5.2017)
Zeitgenossen wie etwa Carpeaux, Camille Pissarro (1830–1903) ver- Mad About Surrealism:
Bourdelle, Claudel, Brâncus¸i oder brachte rund 20 Jahre auf seinem Dalí, Ernst, Magritte, Miró ...
Picasso Hof im Nordwesten von Paris. Die from the Collections of
Schau beleuchtet die letzten Jahre Roland Penrose, Edward
Grand Palais – Galeries nationa - des impressionistischen Malers James, Gabrielle Keiller and
les, Avenue du Général Eisen- Musée du Luxembourg, Rue de Ulla and Heiner Pietzsch
hower 3, Mo, Mi–So 10–20, Mi bis Vaugirard 19, Mo–So 10–19, Fr Die besten und teils noch nie
22 (22.3.–31.7.2017) bis 21.30 (16.3.–9.7.2017) gezeigten Arbeiten aus vier Privat-
sammlungen führen ein in die
Peter Campus — Video ergo African Roads Vielfalt der surrealistischen Kunst-
sum + Eli Lotar (1905-1969) – Die große Schau räumt mit dem bewegung
Eine Retrospektive Klischee vom afrikanischen
Die erste Retrospektive in Frank- Kontinent ohne Geschichte auf Museum Boijmans Van Beunin -
reich des US-amerikanischen und ordnet die kulturelle und gen, Museumpark 18–20, Di–So
Videokünstlers (*1937) folgt den künstlerische Vielfalt in eine glo- 11–17 (11.2.–28.5.2017)
Spuren seiner Karriere von den bale Ebene ein
ersten experimentellen Video- Musée du Quai Branly, Quai Eric Baudelaire –
arbeiten in den siebziger Jahren bis Branly 37, Di–So 11–19, Do–Sa The Music of Ramón
zu seinen jüngsten Produktionen. bis 21 (31.1.–19.11.2017) Raquello and his
Parallel dazu lädt eine Retrospek- Orchestra
tive des rumänischstämmigen Camille Pissarro – Bislang größte Schau des fran-
französischen Fotografen und Der erste Impressionist zösischen Künstlers (*1973),
Kameramanns Lotar (1905–1969) 60 Meisterwerke des auf den Antil- der sich in seinen Filmen, Fotogra-
ein, sein Gesamtwerk, seine politi- len geborenen und zu den produk - fien und Installationen mit
schen Tendenzen und seine Rolle tivsten Impressionisten zählenden Geschichte, ihren Quellen, Bildern,
in der surrealistischen Bewegung Künstlers (1830–1903), dem die Repräsentations- und Wahrneh-
kennenzulernen erste Impressionisten-Ausstellung mungsweisen beschäftigt
Jeu de Paume, Place de la Con- 1874 in Paris zu verdanken ist Witte de With – Center for Con -
corde 1, Di 11–21, Mi–So 11–19 Musée Marmottan Monet, Rue temporary Art, Witte de Withstraat
(14.2.–28.5.2017) Louis Boilly 2, Di–So 10–18, Do 50, Di–So 11–18, Fr bis 21 (27.1.–
bis 21 (23.2.–2.7.2017) 7.5.2017)
Vermeer und die
Meister der Genremalerei Kiefer – Rodin Judy Radul –
im Goldenen Zeitalter Der deutsche Künstler (*1945) the king, the door, the thief,
Der niederländischen Maler Jan fertigt seine Gemälde, Skulpturen the window, the stranger,
Vermeer (1632–1675) hinterließ und Installationen oft aus »wert- the camera
zwar nur rund 35 Gemälde, seine losen« Materialien wie Blei, Holz Sie analysiert den sozialen und
Errungenschaften in der Genrema- und Asche – im Mittelpunkt steht auch poetischen Ansatz von
lerei wurden jedoch lange als bei-
spiellos verklärt. Zeitgenossen wie
Gérard Dou, Gerard ter Borch, Jan
häufig die kritische Reflexion der
deutschen Geschichte. Im Museé
Rodin nimmt er zum 100-jährigen
Ost-Vogue Türen, Fenstern, Eingängen und
Ausgängen: Es ist die bislang
größte Soloschau der interdiszipli-
Steen oder Pieter de Hooch wid- Todestag Auguste Rodins (1840– So viel Glamour hätte man der DDR gar nicht zugetraut: när arbeitenden Kanadierin
meten sich ebenfalls meisterhaft 1917) Bezug zu dem großen Meis- Die Fotografien und Artikel der Frauenzeitschrift »Sibylle« (*1962), die etwa in aufwendigen
der Darstellung von Alltagsszene- ter der Bildhauerkunst prägten über Jahrzehnte das Frauenbild hinter dem Video- und Filminstallationen die
rien und Landschaften. Zu sehen Musée Rodin, Rue de Varenne 79, Wahrnehmungsgewohnheiten des
ist eine eindrucksvolle Dialogschau Di–So 10–17.45, Mi bis 20.45 Eisernen Vorhang. Die Rostocker Kunsthalle widmet sich Betrachters hinterfragt
(14.3.–22.10.2017) der »Ost-Vogue« nun vor allem aus künstlerischer Sicht Witte de With – Center for Con -
Louvre, Quai du Louvre, (Ute Mahler,1980) temporary Art, Witte de Withstraat
Mi–Mo 9–18, Mi, Fr bis 21.45 50, Di–So 11–18, Fr bis 21
(22.2.–22.5.2017) (10.2.–7.5.2017)
131
San Francisco Stockholm Ausdruckskraft der japanischen dem Résistance-Kämpfer, Histori- Wien
Drucke inspirieren ließen ker, Kunsthändler und Sammler
Tomás Saraceno. Stillness Egon Schiele
artCard Staatsgalerie, Konrad- Daniel Cordier im Dialog mit Arbei-
in Motion – Cloud Cities Unerträgliche Stille und Bewe- Adenauer-Straße 30–32, Di–So ten des Mitbegründers der Künst - 150 Arbeiten aus dem Samm -
Der argentinische Künstler (*1973) gungslosigkeit zeichnen die 10–18, Do bis 20 (3.2.–18.6.2017) lergruppierung Nouveau Réalisme lungsbestand leiten den Auftakt
arbeitet an der Schnittstelle von Langzeit-Performances der serbi- und Erfinders der Eat-Art Daniel zum Gedenken an den 100. Todes -
Kunst, Naturwissenschaft und schen Künstlerin (*1946) aus, die Aufbruch Flora. Spoerri (*1930) tag des österreichischen Künstlers
Architektur. In seinen installativen, damit die Grenzen des Kunstbe- Meisterwerke aus der les Abattoirs – FRAC Midi- (1890–1918) ein. Die Schau gibt
häufig an surreale Landschaften triebs ausreizt. Die erste große Sammlung Arthur und Pyénées, Allée Charles-de-Fitte einen Überblick über seine Ent-
erinnernden Arbeiten verfolgt er europäische Retrospektive ist in Hedy Hahnloser-Bühler 76, Mi–So 12–18, Do bis 20 wicklung als Zeichner und Aquarel-
die Vision, Sonnenlicht für flie- enger Zusammenarbeit mit Abra- (2.2.–28.5.2017) list und führt ein in sein zentrales
100 Gemälde und Skulpturen
gende Behausungen zu nutzen movic´ entstanden Thema: die existenzielle Einsam-
von 15 Künstlern aus der histori-
SFMOMA – Museum of Moderna Museet, Skeppsholmen, keit des Menschen
schen Sammlung Hahnloser im Vaduz
Modern Art, 151 Third Street, Di–So 10–18, Di bis 20 artCard Albertina, Albertina-
Dialog mit den Beständen der
Fr–Di 10–17, Do bis 21 (18.2.–21.5.2017) Who Pays? platz 1, Mo–So 10–18, Mi bis 21
Staatsgalerie
(17.12.2016–21.5.2017) artCard Staatsgalerie, Konrad- Ausgehend von Beuys’ Kapital- (22.2.–18.6.2017)
Moment – Loulou Cherinet Adenauer-Straße 30–32, Di–So begriff blickt die Ausstellung auf
Matisse/Diebenkorn Die Schlüsselelemente in den 10–18, Do bis 20 (3.2.–18.6.2017) sich verändernde Geld- und Österreichische
100 Gemälde und Zeichnungen Installationen der schwedischen Kapitalvorstellungen und einen Fotografie nach 1970
spiegeln die Inspiration, die der Künstlerin (*1970) sind bewegte Post-Peace damit einhergehenden Wandel Rund 100 Fotografien öster-
US-amerikanische Maler Richard Bilder und Erzählungen. Die Schau Künstler wie Lawrence Abu von Bedeutungen und Werten reichischer oder in Österreich
Diebenkorn (1922–1993) im kombiniert eine neue Produktion Hamdan, Sven Augustijnen, Ella de Kunstmuseum Liechtenstein, lebender Künstler wie Manfred
Werk seines großen Vorbilds mit frühen Arbeiten Búrca, Alevtina Kakhidze oder Städtle 32, Di–So 10–17, Do bis Willmann, Valie Export und
Henri Matisse (1869–1954) fand Moderna Museet, Skeppsholmen, Yazan Khalili beschäftigen sich 20 (10.2.–21.5.2017) Seiichi Furuya
SFMOMA – Museum of Modern Di–So 10–18, Di bis 20 mit den Grenzen zwischen Frieden artCard Albertina, Albertina-
Art, 151 Third Street, Fr–Di 10–17, (11.3.–18.7.2017) und Krieg und thematisieren die platz 1, Mo–So 10–18, Mi bis 21
Do bis 21 (11.3.–29.5.2017) tabuisierte Debatte um Zensur,
Wakefield (10.3.–5.6.2017)
die die Freiheit der Kunst zuneh- Tony Cragg:
Stuttgart mend einschränkt A Rare Category of Objects Georgia O’Keeffe
Schlosshof Museumsnacht 25.3. Württembergischer Kunstverein, Große Schau mit neuen skulptu- Retrospektive der US-amerikani-
300 Jahre Maria Theresia: Schlossplatz 2, Di–So 11–18, Mi ralen Arbeiten und Zeichnungen schen Künstlerin (1887–1986).
Strategin – Mutter – Ans andere Ende der Welt. bis 20 (25.2.–6.5.2017) sowie Werken aus den letzten In Kooperation mit der Tate in
Reformerin Japan und die europäischen 50 Schaffensjahren des britischen London
Die Jubiläumsausstellung zum 300. Meister der Moderne Bildhauers (*1949) werden im artCard Bank-Austria-Kunstfo-
Geburtstag feiert das Leben und Wir- Japanische Farbholzschnitte aus
Toulouse Skulpturenpark sowie in der rum, Freyung 8, Mo–So 10–19, Fr
ken einer der bedeutendsten Herr - eigenem Bestand: In der Gegen- Rund um den Nouveau Underground Gallery gezeigt bis 21 (7.12.2016–26.3.2017)
scherpersönlichkeiten der europäi - überstellung mit Werken europäi- Réalisme – Die Dada-Daniels Yorkshire Sculpture Park,
schen Geschichte (1717–1780). An scher Künstler wie Paul Gauguin Im Rahmen des 40. Jubiläums West Bretton, Mo–So 10–17 Franz West – Artistclub
vier verschiedenen Standorten in oder Henri de Toulouse-Lautrec des Centre Pompidou finden zahl- (4.3.–3.9.2017) Im Zentrum stehen Arbeiten
Wien und Niederösterreich werden wird deutlich, wie diese sich auf reiche Ausstellungen rund um des österreichischen Künstlers
unterschiedliche Themenschwer- der Suche nach neuen Ausdrucks - die berühmte Sammlung statt. In West (1947–2012), die in Koope-
punkte in Szene gesetzt. In Schloss formen von der Schönheit und Toulouse widmet sich eine Schau
Washington ration mit anderen Künstlern
Hof: Bündnisse und Feindschaften Yayoi Kusama: entstanden sind, darunter Douglas
Schloss Hof, Schloss Hof 1, Infinity Mirrors Gordon, Sarah Lucas, Michelan-
Mo–So 10–18 (15.3.–29.11.2017) Werkschau der japanischen Künst- gelo Pistoletto, Rudolf Polanszky,
lerin (*1929), deren Vorliebe Anselm Reyle und Heimo Zobernig
für psychedelische Farben, Muster artCard Belvedere – 21er Haus,
Sindelfingen und Wiederholungen sich in zahl- Schweizergarten, Arsenalstraße 1,
Split – Spiegel. Licht. reichen Medien wie Malerei, Mi 11–21, Do–So bis 18
Reflexion Collage, Skulptur, Installation und (14.12.2016–23.4.2017)
Ausstellung zum Thema Spiegel- Performance widerspiegelt
und Lichtkunst, die ausgehend von Hirshhorn Museum and Sculp - Horowitz – 50 Jahre
rund 120 Werken, etwa von Nam ture Garden, Independence Ave- Menschenbilder
June Paik oder Roni Horn, über nue at 7th Street, SW, Mo–So Bekannt wurde der Wiener Foto-
ein Nachdenken zu Reflexion, 10–17.30 (23.2.–14.5.2017) graf, Journalist und Autor (*1950)
Trugbildern und Selbstwahrneh- mit seinen rührenden, tragischen
mung anregt und ironischen Menschenbildern.
Schauwerk, Eschenbrünnlestraße
Washington D.C. Die Ausstellung bietet einen
15/1, Di, Do 15–16.30, Sa, So George Condo: Einblick in über 50 Jahre Porträt-
11–17 (30.10.2016–3.10.2017) The Way I Think–Drawings, fotografie
1974–2016 Jüdisches Museum Wien –
Die große Schau mit 260 Zeich- Museum Judenplatz, Judenplatz 8,
St. Gallen nungen des US-amerikanischen So–Do 10–18, Fr bis 14
Arp Gehr Matisse Malers (*1957) gibt Einblick in (2.12.2016–1.5.2017)
Die Ausstellung stellt das Schaffen seine kreativen Prozesse
Ferdinand Gehrs (1896–1996), der The Phillips Collection, 1600 21st Peter Dressler
in der Schweiz tätig war, erstmals Street, Di–Sa 10–17, Do bis 20.30, Retrospektive des österreichi -
in den Zusammenhang der interna- So 12–19 (4.3.–18.6.2017) schen, aus Rumänien stammen-
tionalen Avantgarde. Mit Hans Arp den Künstlers (1942–2013),
(1986–1966) und Henri Matisse der selbst Akteur seiner Bild-
(1869–1954) tritt er in Dialog mit
Wassenaar erzählungen ist und mit Humor
zwei zentralen Künstlern der Klas- Martin Creed – Say Cheese! gefundene und erfundene kunst -
sischen Moderne 40 Werke des britischen Künstlers, historische oder soziale Motive
artCard Kunstmuseum, Museum- Musikers und Choreografen (*1968) inszeniert
strasse 32, Di–So 10–17, Mi bis 20 zeigen wie Creed minimalistisch- Kunst-Haus – Museum Hundert -
(11.3.–27.8.2017) humorvoll die traditionellen Kate- wasser, Untere Weißgerber-
gorien der Kunst herausfordert straße 13, Mo–So 10–18
Museum Voorlinden, Buurt- (16.11.2016–23.4.2017)
Stade weg 90, Mo–So 11–17
Dorothea Maetzel- (21.1.–7.5.2017) Camille Henrot
Johannsen & Emil Maetzel – Einzelschau der französischen
Ein Künstlerpaar der Venedig-Biennale-Preisträgerin
Moderne Weil am Rhein (*1978) in deren Mittelpunkt
Hamburg erlebte 1919 mit Grün- Hello, Robot. Design ein neues Projekt die menschliche
dung der Hamburgischen Sezes- zwischen Mensch und Neigung zur Abhängigkeit von
sion eine zweite, wichtige Phase
des Expressionismus, an der das
Martin Creed Maschine
150 Objekte, darunter Werke von
Liebe, Religion, Geschlecht,
Familie, nationaler Identität, Tech-
Malerpaar Dorothea Maetzel- Der britische Künstler schert sich offenkundig wenig Bruce Sterling, Douglas Coupland, nologie oder von Alkohol und
Johannsen (1886–1930) und Emil um gängige Kunstkategorien. Mit viel Ironie verwandelt Joris Laarman, Carlo Ratti, Dunne Zigaretten illustriert
Maetzel (1877–1955) einen ent - & Raby und Philip Beesley, zeigen,
scheidenden Anteil hatte Creed Alltagsgegenstände in humorvolle Skulpturen: wie Robotik und Design unser artCard Kunsthalle (Karlsplatz),
Kunsthaus, Wasser West 7, Di–Fr Brokkoli-Gemälde, gestapelte Möbelstücke und ein Raum Leben verändern Treitlstraße 2, Mo–So 11–19, Do
10–17, Mi bis 19, Sa, So bis 18 voller Luftballons inklusiveWork
( No. 998,2009) bis 21 (22.3.–28.5.2017)
(18.2.–5.6.2017) artCard Vitra-Design-Museum,
Charles-Eames-Straße 1, Mo–So
10–18 (11.2.–14.5.2017)
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Das Glas der Architekten. siebziger Jahre, unter anderem Großstadtrausch/
Wien 1900–1937 aus dem Museum of Modern Art, Naturidyll. Kirchner –
Zu sehen sind 300 Gläser aus New York, der Tate, London, dem Die Berliner Jahre
den letzten Jahrzehnten der Centre Pompidou, Paris, sowie 160 Werke des Meisters des
österreichisch-ungarischen den Bayerischen Staatsgemälde - Expressionismus, Ernst Ludwig
Monarchie bis zum Ende der sammlungen Kirchner (1880–1938), beleuchten
Ersten Republik die bahnbrechende Schaffens -
artCard MAK – Österreichisches artCard Museum, Friedrich- phase während seines Berliner
Museum für angewandte Ebert-Allee 2, Mi–So 10–17, Di, Aufenthalts von 1911 bis 1917
Kunst/Gegenwartskunst, Do 10–20 (17.3.–18.6.2017) artCard Kunsthaus, Heimplatz 1,
Stubenring 5, Di 10–22, Mi–So Di–So 10–18, Mi, Do bis 20
10–18 (18.1.–17.4.2017) (10.2.–7.5.2017)
Winterthur
Július Koller. Joel Shapiro – Liz Magor:
One Man Anti Show Frühe und neue Skulpturen you you you
Die bislang größte Retrospektive Frühe minimalistische Skulpturen Große Schau der kanadischen
des slowakischen Künstlers des US-Amerikaners (*1941), der Bildhauerin (*1948), deren allego-
(1939–2007) umfasst sein zu den wichtigsten Bildhauern der rische Bildwelten aus gefundenen
gesamtes Schaffen seit den frü - Gegenwart zählt, werden aktuel- Alltagsobjekten die idealisierten
hen sechziger Jahren len kleinformatigen Arbeiten, Naturvorstellungen der modernen
die aus farbigen Elementen ent- Kulturgesellschaft hinterfragen
artCard mumok – Museum wickelt sind, gegenübergestellt und in die Innenwelten von Begeh-
Moderner Kunst Stiftung Lud - Sophie Kuijken in der artCard Kunstmuseum, ren und Sucht dringen
wig, Museumsplatz 1, Mo 14–19, Galerie Nathalie Obadia Museumstrasse 52, Di 10–20,
Di–So 10–19, Do bis 21 Mi–So 10–17 (11.1.–17.4.2017) artCard Migros-Museum für
(25.11.2016–17.4.2017) in Paris (R.A.H., 2016) Gegenwartskunst, Limmat-
strasse 270, Di–Fr 11–18, Do bis
Jakob Lena Knebl und die Wolfsburg 20, Sa, So 10–17 (18.2.–7.5.2017)
mumok Sammlung – Oh… + Pieter Hugo – Between the
Hannah Black – FACTOR devil and the deep blue sea Macht Ferien!
Die Themen der österreichi-
schen queeren Installations- und Kunstmarkt im März Der südafrikanische Fotograf
(*1976) porträtiert seine Heimat,
Schau über die internationale
Reichweite und die künstlerische
Performancekünstlerin Knebl aber auch Länder wie Ruanda, Bedeutung des Schweizer Touris-
(*1970) kreisen in erster Linie Nigeria, Ghana oder China. Immer musplakats, dem sich zahlreiche
um Identitäten, Rollenklischees geht es ihm dabei um das Sicht - bedeutende Gestalter widmeten
und Gender. Parallel sind Arbei- Messen Frankfurt/ Main: barmachen von Machtstrukturen, artCard Museum für Gestaltung,
ten der britischen, in Berlin Vincent Peters Unterdrückung und Dominanz Ausstellungsstrasse 60, Di–So
ansässigen Videokünstlerin und New York: ADAA + VOLTA 20.1.–18.3. artCard Kunstmuseum, 10–17, Mi bis 20 (4.3.–9.7.2017)
Autorin Black zu sehen (bis 18.6.) 1.–5.3. Hollerplatz 1, Di–So 11–18
Leica Galerie Frankfurt
artCard mumok – Museum New York: The Armory Show (19.2.–23.7.2017) Marlow Moss + Andrew Bick
Moderner Kunst Stiftung Hamburg: Tesfaye Urgessa + Cerith Wyn Evans
+ Independent + NADA
Ludwig, Museumsplatz 1, Mo 4.2.–17.3. Zu sehen sind drei britische
2.–5.3. Worpswede
14–19, Di–So 10–19, Do bis 21 Evelyn Drewes Künstler aus unterschiedlichen
(18.3.–15.10.2017) Maastricht: TEFAF Weggefährten. Generationen: Andrew Bick
Köln: Pieter Hugo
10.–19.3. Rüdiger Lubricht (*1963), Cerith Wyn Evans (*1958)
11.2.–15.4.
Gabriele Rothemann – Dubai: Art Dubai Priska Pasquer Aufnahmen des deutschen Foto - und Marlow Moss (1889–1958),
Vierundzwanzig 15.–18.3. grafen (*1947), der unter anderem die sich mit der ungegenständli-
Vogelkäfige Köln: Karl Hugo Schmölz die Folgen der Reaktorkatastro- chen Kunst auseinandersetzen und
Fotografische Arbeiten der Hongkong: Art Basel 4.3.–22.4. phe von Tschernobyl dokumen- in unterschiedlicher Weise Bezug
deutschen Künstlerin (*1960), in Hong Kong Van der Grinten Galerie tiert hat auf das historische Erbe des
deren Schaffen Tiere und das 23.–25.3. London: Michael Andrews artCard Große Kunstschau, Modernismus nehmen
Motiv von Tod und Gefangenschaft Wien: Art Austria 20.1.–25.3. Lindenallee 5, Di–So 11–16 artCard Museum Haus Konstruk -
eine zentrale Rolle einnehmen 24.–26.3. Gagosian Gallery (5.3.–6.6.2017) tiv, Selnaustrasse 25, Di–So
MUSA – Museum Startgalerie 11–17, Mi bis 20 (9.2.–7.5.2017)
Paris: Art Paris London: Maggi Hambling
Artothek, Felderstraße 6–8,
Di, Mi, Fr 11–18, Do bis 20, Sa 30.3.–2.4. 2.3.–1.4. Worpswede Osiris –
Marlborough Fine Art Alles auf Papier! Das versunkene Geheimnis
bis 16 (28.2.–22.4.2017) Mailand: miart
31.3.–2.4. London: The Ends of Collage Internationale Grafik aus Ägyptens
Tina Blau 6.3.–30.4. der Sammlung Rogge Rund 300 Statuen und Kultgegen-
Hauptwerke aus allen Phasen Luxembourg & Dayan Grafiken von Künstlern wie Georg stände, Sarkophage und Götter-
der österreichischen Künstlerin Auktionen Los Angeles: Jason Rhoades
Baselitz, Martin Disler, Robert bilder sowie teils monumentale
(1845–1916), die als eine der Düsseldorf: Hargesheimer Motherwell, Robert Rauschen- Objekte aus 16 Jahrhunderten,
18.2.–21.5.
erfolgreichsten Landschaftsma - 10.3. Kunst und Antiquitäten berg oder Emil Schumacher aus geborgen bei Unterwassergrabun -
Hauser & Wirth
lerinnen ihrer Zeit maßgeblich dem umfangreichen Konvolut der gen vor Alexandria, beleuchten
an der Entwicklung des »Österrei- Köln: Lempertz München: Jim Avignon Privatsammlung Rogge die Legenden um Osiris und die
chischen Stimmungsimpressio- 15.3. Gemälde 15.–19. Jahrhundert 27.1.–10.3. artCard Barkenhoff/Heinrich- Geschichte Ägyptens
nismus« beteiligt war München: Hampel Fine Art Jörg Heitsch Galerie Vogeler-Museum, Osten-
artCard Oberes Belvedere, Prinz- Auctions dorfer Straße 10, Mo–So 10–18 Museum Rietberg, Gabler-
München: Hamish Fulton
Eugen-Straße 27, Mo–So 10–18 23./24.3. März-Auktionen 9.2.–31.3. (5.3.–6.6.2017) strasse 15, Di–So 10–17, Mi bis 20
(16.12.2016–9.4.2017) Häusler Contemporary (10.2.–16.7.2017)
München: Neumeister Wuppertal-Barmen
Lawrence Alma-Tadema – 29.3. Alte Kunst New York: Jack Whitten
Klassische Verführung 26.1.–8.4. Holmead – Malerei
Der Niederländer (1836–1912) Hauser & Wirth Retrospektive zum Werk des Weitere Ausstellungen und
avancierte im viktorianischen Galerien außergewöhnlichen und erst Kunst-Höhepunkte finden Sie
New York: Alice Neel unter www.art-magazin.de
England zum Starkünstler. Seine Berlin: Rirkrit Tiravanija 23.2.–22.4.
kürzlich wiederentdeckten US-
sinnlichen Darstellungen alltäg- 7.2.–4.3. David Zwirner
amerikanischen Malers Clifford
licher Szenen in der Antike mach- neugeriemschneider Holmead (1889–1975) Alle Termine beruhen auf
ten ihn über die Grenzen Großbri- Paris: Sophie Kuijken Auskünften der Aussteller, die
tanniens hinaus berühmt Berlin: Amy Feldman 7.1.–11.3. Von-der-Heydt-Kunsthalle, sich Änderungen auch nach
11.2.–8.4. Galerie Nathalie Obadia Geschwister-Scholl-Platz 4–6, Redaktionsschluss vorbehalten.
artCard Unteres Belvedere, Blain|Southern Di–So 11–18 (19.2.–7.5.2017)
Paris: Robert Mapplethorpe
Rennweg 6, Mo–So 10–18, Mi bis Berlin: Kensuke Saito 7.3.–6.5.
21 (22.2.–18.6.2017)

Wiesbaden
17.2.–8.3.
Nomad Store & Gallery
Galerie Thaddaeus Ropac
Salzburg:
Zürich
Speak, Lokal artCard
ist ein exklusiver Service für
Berlin: Colin Snapp Marc Brandenburg Die Gruppenausstellung inter-
Richard Serra — 25.2.–15.4. 28.1.–31.3. essiert sich dafür, wie Künstler unsere Abonnenten. Gegen
Props, Films, Early Works alexander levy gallery Galerie Thaddaeus Ropac an verschiedenen Orten der Vorlage Ihrer artCard erhalten
Die Ausstellung – konzipiert in Brüssel: Gérard Alary Welt lokale Gegebenheiten unter- Sie ermäßigten Eintritt in über
enger Zusammenarbeit mit dem Zürich: Christian Scholz suchen und thematisieren
9.2.–11.3. 9.2.–23.3. 200 führenden Kunstmuseen
US-amerikanischen Künstler Galerie Valérie Bach artCard Kunsthalle, Limmat-
Bildhalle in Deutschland, Österreich
(*1939) – versammelt frühe strasse 270, Di–Fr 11–18,
Arbeiten, die sogenannten »Prop Do bis 20, Sa, So 10–17 und der Schweiz. Mehr unter:
pieces«, sowie Videoarbeiten der (4.3.–7.5.2017) www.art-magazin.de/artcard
späten sechziger und frühen
133
JOURNAL
NACHRICHTEN
UND DEBATTEN

Kontrastprogramm
BIENNALEN Die Asien-Biennalen trumpfen mit spektakulären Installationen,
politischen Kommentaren, kuratorischer Finesse und musealer Eleganz
Hölzerner Sweatshop
(Kochi-Muziris-Biennale)
ISTVÁN CSÁKÁNY:

W
GHOST KEEPING, 2012
ährend man sich im Das reinste Kontrastprogramm
Westen auf die pralle Südostasiatische zu dem brüchigen Charme
Toilettenraum aus Papier
Kunstsaison 2017 Südindiens bietet die s inga -
vorbereitet, schließen in Asien
Künstler gehen pur- biennale , die zum fünf -
(Kochi-Muziris-Biennale)
DIA MEHTA BHUPAL:
diverse Biennalen ihre Tore. heute selbstbe - ten Mal stattfindet. »An Atlas BATHROOM SET, 2016
Bereits Ende der neunziger Jah - wusster mit ihrer of Mirrors« lautet ihr Titel,
re während des China-Kunst - Vergangenheit um und sie spielt sich ausschließ -
booms etabliert, kann sich die lich in voll klimatisierten
schanghai-biennale ihrer Ausstellungshäusern ab. Mu -
weltweiten Strahlkraft erfreu- seale Eleganz und inhaltli-
en – zumal die aktuelle Ausgabe nen: raumfüllende Schnitze - che Konsequenz gehen Hand Win Aung & Wah Nu. Immer
von dem bewährten Künstler-/ reien des Ungarn István Csáká - in Hand und füllen das The- wieder werden die Folgen der
Aktivistenteam Raqs Media ny, ein rostiges Bauwerk aus ma der geopolitischen Be - Kolonialzeit aufs Korn genom -
Collective kuratiert wurde. Doch Leuchtmitteln von Chittrovanu standsaufnahme mit Leben. men, etwa von Künstlern aus
wie steht es um ihre jüngeren, Mazumdar aus Kalkutta, eine Zwar gibt es auch hier Mate - Bangladesch, Pakistan, Indone -
weniger bekannten Schwestern 25 Meter lange Fotoinszenie - rialschlachten wie Subodh sien und Vietnam. Da gibt es
in der Region? rung des Chinesen Dai Xiang Guptas Orgie aus indischem durchaus Momente von Bitter -
Wie exzellent eine Großaus - oder Dia Mehta Bhupals Raum - Kochgeschirr oder Deng nis und Verlust, generell je-
stellung als belebender Stand - repliken aus gefalteten Druck- Guoyuans Spiegelkarussell doch scheint sich das Opferste -
ortfaktor funktioniert, zeigt Erzeugnissen. Diese Konzentra - aus chinesischen Kunstblu - reotyp des postkolonialen Dis -
die kochi-muziris-biennale tion auf Raumästhetik mag men. Generell aber überwie - kurses aufzulösen.
im südindischen Bundesstaat auch damit zu tun haben, dass gen poetische und handwerk - »Statt sich nach Westen zu
Kerala. Einst als legendärer in Kochi traditionell ein be - lich feine Arbeiten wie etwa orientieren, gehen die Künst-
Umschlagplatz für Gewürze be - kannter Künstler Regie führt, die filigranen Landkarten - ler Südostasiens heute viel
rühmt, stehen heute zahllose aktuell Sudarshan Shetty aus zeichnungen des Sri Lankers selbstbewusster, sogar humor -
Lagerhallen und Hafengebäude Mumbai. Er beauftragte mate - Pala Pothupitiye oder Gregory voll mit ihrer Tradition und
leer und dienen als temporäre rial- und arbeitsintensive Wer - Halilis umwerfende Konterfeis ihrer Vergangenheit um«, stellt
Ausstellungsorte. Als beson - ke, die im Dienste des Effekts der Augen von philippini - Tan Siuli vom s ingapore a rt
ders weitläufig erweist sich das kritische und charmante Ideen schen Fischern, gezeichnet auf museum und Mitglied des
Gelände einer einstigen briti - schon mal unter Formwieder - winzige Perlmuttstücke. zehnköpfigen Kuratorenteams
schen Handelsniederlassung, holungen begraben. Aus dem lange abgeschot - fest. An weiteren Ausstellungs -
das Aspinwall House. Dass Während arrivierte Künst - teten Myanmar kommen orten wie dem n ationalmu -
Platznot kein Thema ist, bewei - ler hier offensichtlich von der kritische Beiträge wie die in seum , dem museum der a sia -
sen spektakuläre Installatio - Verfügbarkeit preiswerter politischer Haft entwickelte tischen zivilisationen oder
Arbeitskraft profitieren, über - Bodenarbeit aus geschnitzten dem peranakan museum drif -
raschen die Kunststudenten Seifenstücken von Htein Lin tet der Besucher automatisch
der parallelen Studenten- oder eine Diaschau mit ver - in die Dauerausstellungen ab
Biennale mit klugen Beobach - blassenden Porträts burmesi - und ergänzt en passant histori -
tungen etwa zur Misere von scher Widerständler von Tun sches Wissen.
Spiegelkabinett bei einheimischen Billiglöhnern. Singapur punktet mit kura -
der Singapur-Biennale Dort findet man auch viel eher torischer Finesse und Klarheit,
DENG GUOYUAN: NOAH’S Kommentare zu politischen während Kochi mit Lokalko-
GARDEN II, 2016
Krisen oder zum allgegenwär - lorit und Emotionen operiert.
tigen Raubbau an der Natur. Für Lokale Identität und entspann -
Mimisches Spiel bei der
Kochi-Muziris-Biennale die Entdeckung von versteck- te Internationalität bilden ei-
HANNA TUULIKKI: SOURCE-
ten Schauplätzen sollte man in ne unschlagbare Mischung. //
MOUTH: LIQUIDBODY, 2016 Kochi reichlich Zeit einplanen. SUSANNE ALTMANN

135
JOURNAL NACHRICHTEN UND DEBATTEN

WildesExperimentieren
RESTAURIERUNG Simone Bretz ist eine gefragte Restauratorin für Hinterglasmalerei.
Mit den Bildern des Blauen Reiters öffnet sie auch ein neues Kapitel der Kunstforschung

W
enn es Abend wird, Moment.« Denn jedes Hinter - Amsterdam und England un- Materialmix auf die Scheibe, es
beginnt Simone glasbild hat ein Geheimnis, ein terrichtet und mehrere Bücher herrschte wildes Experimen-
Bretz zu arbeiten. verstecktes Eigenleben auf veröffentlicht. Seit über 30 Jah - tieren statt braver Pinselstriche.
Wenn kein Telefon stört, keine der Rückseite, unsichtbar für ren restauriert sie leuchtende Campendonk, jüngstes Mit-
E-Mail mehr ankommt. Wenn den Betrachter. »Die Künstler Bilder aus dem Mittelalter, glied der Künstlergruppe Blauer
selbst die vielen Vögel in ihrem haben von hinten gemalt, dem Barock, dem 18. Jahrhun - Reiter, benutzte etwa konven -
großen Garten in Garmisch- spiegelverkehrt und in mehre - dert. Doch die Hinterglas- tionelle Ölfarben, daneben aber
Partenkirchen verstummt sind. ren Schichten. Bei Heinrich malerei der Klassischen Mo - auch Gouache- und Tempera -
Absolute Ruhe. Und absolute Campendonk wirkt das manch- derne stellt sie vor ganz neue farben. Er radierte die Schichten
Konzentration braucht sie, mal sehr chaotisch. Ich kann Herausforderungen. mit einer Nadel, sprühte Bron -
wenn sie ein Hinterglasbild vor - genau erkennen, wo er mit Denn die Künstler des Blau - zen mit einem Sieb auf, tupfte
sichtig vor sich auf den Arbeits - einem Stoffläppchen Struktu - en Reiters hielten sich nicht mit dem Pinsel, strukturierte
tisch legt, den Rahmen öffnet. ren geschaffen hat. Sogar die an althergebrachte Vorgaben mit dem Lappen. »Die Maler im
Und dann das Glas heraus - einzelnen Fingerabdrücke und brachten einen munteren frühen 20. Jahrhundert haben
nimmt und umdreht. »Das ist sind noch zu sehen.« einfach alles ausprobiert, was
jedes Mal ein Wow-Effekt. Und Simone Bretz ist eine abso - sie so vorfanden«, sagt Bretz.
ein besonderer, sehr intimer lute Spezialistin für Hinterglas- An Kandinskys verschiedenar-
malerei. Sie hat schon für das tigen Malschichten habe sie
Metropolitan Museu M of sich bei der Restaurierung »fast
a rt in New York gearbeitet, in die Zähne ausgebissen«. Und
136
Die Hinterseite des
Glasbilds macht
die Techniken sichtbar –
für die Restauratorin
ein intimer Einblick
in die Arbeitsweise des
Künstlers
HEINRICH CAMPENDONK:
FRAU IM SPIEGEL, UM 1922,
VORDERSEITE (LINKS)
UND RÜCKSEITE

Erstmals – und so wohl nie der Suche nach neuen Werken.


wieder zu sehen. In Köln, Ams - 1000 Hinterglasbilder von 82
terdam, Brüssel ist Museums - Künstlern des Blauen Reiters,
leiterin Gisela Geiger fündig des bauhauses oder der g ale -
geworden. Sogar in Toronto hat rie stur M haben sie bisher
sie einen zerbrechlichen Cam - in Privatsammlungen und Mu -
pendonk ausfindig gemacht, seen entdeckt.
den die Besitzerin in einem »Ich finde es herausfordernd
extra angefertigten Koffer im und spannend, mich in die
Flieger bis nach München be - Kreativität der Künstler hinein -
gleitete – transportiert »wie zufühlen«, sagt Simone Bretz.
ein Baby«, auf einem eigens re - Und erlebt beim Öffnen der Bil -
servierten Sitz. der immer wieder magische
Die Ernst-von-Siemens- Momente. So wie vor Jahren, als
Kunststiftung in München sie ein Hinterglasbild des
unterstützte die Forschung zu Schweizer Barockmalers Hans
Die Künstler des Blauen Campendonks Hinterglasbil - Jakob Sprüngli restaurierte.
Reiters brachten einen dern. Ein Anschlussprojekt, »Ich habe die dahintergeklebte
munteren Materialmix »Die Maler haben mit knapp einer halben Mil - Folie abgenommen. Plötzlich
auf die Scheibe
HEINRICH CAMPENDONK:
alles ausprobiert, lion Euro von der Volkswagen- stieg mir ein intensiver Laven -
DAS MÄRCHEN, UM 1920 was sie vorfanden« Stiftung in Hannover geför - delduft in die Nase. Da wusste
dert, finanziert nun die nächs - ich genau: So hat es in Sprünglis
SIMONE BRETZ
Restauratorin Simone ten drei Jahre. Erfasst werden Atelier vor 400 Jahren gerochen,
Bretz mit einem Campen -
sollen alle Hinterglasbilder wenn er seine Harze angerührt
donk in der Werkstatt
der Klassischen Moderne, von hat.« Näher, sagt sie, kann sie den
1905 bis 1955. Ein nie dagewe - Künstlern nicht kommen. //
Campendonk klebte bei Zwei auf – um die Farbe wieder auf senes, einmaliges Unterfan - TANJA BEUTHIEN
Frauen am Tisch einfach geprägte dem Glas zu fixieren. »Bei Hin - gen. »Überraschend ist doch,
Zinnfolie hinter die Farben – für terglasmalerei mit der glatten dass es selbst in Bezug auf den
den besonderen Glitzereffekt. Glastafel saugt ja nichts auf Blauen Reiter ein noch völlig
Gerade restauriert Simone wie bei einer Leinwand. Allein unerforschtes Gebiet gibt«,
Bretz Campendonks Glück- das Bindemittel haftet.« Und sagt Gisela Geiger. »Und gera -
wunsch (1922) aus einer Privat - das ist jedes Mal ein anderes. de erst beginnen wir zu begrei - AUSSTELLUNG
sammlung in Köln: von vorne Für ihre aktuelle Arbeit ist sie fen, dass etwa Kandinskys »Magische Transparenz:
zwei Köpfe, die sich im Spie- daher im regen Austausch Weg zur Abstraktion wohl über Die raffinierten Hinterglas-
gel ansehen. Von hinten eine mit den Chemikern des Doer - die Hinterglasmalerei ging.« bilder von Heinrich Campen -
Wolke aus pudrigen Bronzefar - ner-Instituts in München und Viel Arbeit noch für Simo - donk«, Museum Penzberg –
Sammlung Campendonk, bis
ben. Sie hat den Bruch geklebt, einem Experten der Berliner ne Bretz, die mit Diana Oester -
7. Mai. Publikation: »Heinrich
den Hintergrund mit einer Bundesanstalt für Materialfor - le vom Museu M penzberg Campendonk. Hinterglasbil-
Kunstharzlösung gefestigt. Zum schung und -prüfung (BAM). quer durch die Lande reist, auf der«, Wienand Verlag, zirka
Schluss trägt sie eine hauch - Bis zum 7. Mai präsentiert 34 Euro. Im Herbst folgen unter
dünne Wachsschicht mit dem das Museu M penzberg-sa MM- dem Titel »Das Blaue Land hin-
ter Glas« in den vier Museen
Heizspachtel auf die Malschicht lung Ca Mpendonk die spek - der Museenlandschaft Expres -
takulär glitzernden Werke, von sionismus Ausstellungen zur
denen 18 Bilder durch Simone Hinterglasmalerei.
Bretz’ Hände gegangen sind.
137
JOURNAL NACHRICHTEN UND DEBATTEN

Teilnehmer des Pekinger


Gallery Weekend (von oben
links im Uhrzeigersinn):
Sammler Lin Han und Wanwan
Lei (M WOODS); die Galerie INK
Studio; Galerist Zheng Lin
(Tang Contemporary Art); Jia
Wei (Galerie Boers-Li). Unten
links: Kunst von Yang Song
(»Ask Yggdrasils no. 1«, 2015)

Kunst für den 72-Stunden-Transit


INTERVIEW Der Deutsche Thomas Eller startet in Peking im März ein erstes Gallery
Weekend . Nach Berliner Modell – weil die Städte einiges gemeinsam haben

art : Warum haben Sie klusiv zu halten. Natürlich zieht. Vom Timing her gibt es
das Berliner Gallery-Week - geht es auch darum, einem glo- für ernsthafte Sammler keinen
end- Konzept nach Peking balen Publikum die Kunstsze - besseren Termin für eine Chi -
Thomas Eller exportiert? ne in Peking näherzubringen. na-Reise. Am Montag nach dem
(Jahrgang 1964),
Initiator des Thomas Eller: Traditionelle Man versteht einen Künstler Weekend können sie gleich
Gallery Week- Kunstmessen scheinen viel besser, wenn man eine nach Hongkong weiterfliegen,
end Peking langfris tig nur in Finanzme- Einzelausstellung sieht. Das wo die a r T Basel mit ihren
tropolen wie Schanghai oder ist jetzt gerade besonders VIP-Eröffnungstagen beginnt

T
homas Eller arbeitete als Hongkong zu funktionieren. wichtig, weil sich in der chine - (21. bis 25. März 2017). Um unser
Künstler, gründete ein In Politik- und Verwaltungs - sischen Kunstszene ein radika - Gallery Wee Kend zu besu -
Online-Kunstmagazin, metropolen wie Peking (oder ler Generationenwechsel voll - chen, braucht man bei geschick -
war künstlerischer Leiter der eben auch Berlin) herrscht ein ter Flugbuchung nur ein
Temporären Kuns Thalle anderes gesellschaftliches Kli - 72-Stunden-Transitvisum.
Berlin . Seit drei Jahren lebt er ma. Hier sind die Künstler an - Sie leben seit drei Jahren in
in Peking, wo nun das von ihm ders gefordert – aus der Nähe Peking. Welche Rolle spielt
initiierte Gallery Wee Kend zur Macht entsteht mehr Rei - zeitgenössische Kunst nach
stattfindet (17. bis 19. März 2017). bung. Davon leben die Gale - Ihrer Beobachtung in der Ge -
rien. Deshalb passt ein »Kunst ist sellschaft überhaupt?
Gallery Wee Kend zu Peking. spannender in Kunst ist spannender in Gesell -
Welches Publikum möchten schaften, die sich auf den Weg
Sie erreichen?
Gesellschaften, machen – das haben wir im
Wir versuchen, das Gallery die sich auf den Westen in den Sechzigern und
WeeKend eher klein und ex - Weg machen« Siebzigern erlebt, als die im
138
Grunde bis heute gültigen
künstlerischen Sprachen ent
wickelt wurden. In China gibt
- Wo sind die Millionen hin?
es eine intensive Diskussion PLEITE Das mit großen Ambitionen gestartete Berliner
darüber, was China ausmacht.
Gleichzeitig nähern sich west -
Online-Auktionshaus Auctionata hat Insolvenz angemeldet
liche und chinesische Erfah -
rungen einander an. Doch die

M
Menschen hier wissen mehr itte 2015 war a uc - nie wirklich abstreifen: Das
vom Westen als wir von China. Tiona Ta noch ein Hinter den hohen Gros der eingelieferten Objekte
Daher bin ich mir sicher, dass großes Versprechen. wurde zu drei- bis vierstelli-
wir noch sehr viele Impulse Das Berliner Online-Auktions -
Zahlen verbarg gen Beträgen aufgerufen, die
von einer jungen Generation haus für Kunst und Antiquitä - sich bereits ein Gewinnmargen waren entspre -
selbstbewusster, gut ausgebil - ten hatte gerade weitere 45 grundlegendes chend klein.
deter Künstler bekommen Millionen US-Dollar bei inter - Problem Insgesamt haben sich die
werden. nationalen Investoren einge - Hoffnungen auf den Online -
Die Euphorie für Kunst aus sammelt, im Juni eine chinesi - handel im Kunstmarkt bislang
China scheint im Westen der - sche Automatenuhr zum Re - nicht erfüllt. Zwar steigt der
zeit etwas erlahmt oder be - kordpreis von 3,37 Millionen mals ein grundlegendes Pro- Marktanteil stetig, doch bewegt
gnügt sich mit Ai Weiwei. Euro versteigert und ein Um - blem: Trotz einzelner High - er sich im niedrigen einstelli-
Was beschäftigt die neue Ge - satzplus von 195 Prozent ver - lights fehlte es a uc Tiona Ta an gen Bereich. auc Tiona Ta ist
neration – also teilnehmende kündet. Alles deutete auf eine hochklassigen Losen, und die - demnach das Opfer einer allge -
Künstler wie Cheng Ran, He glänzende Zukunft des Ende sen Mangel versuchte man meinen Fehleinschätzung,
Xiangyu, Qiu Anxiong, Zhang 2012 gestarteten Unterneh - mit schierer Masse auszuglei - produzierte aber auch immer
Hui oder Yang Song? mens hin, und als auc Tiona Ta chen. Damit erging es den Ber - wieder negative Schlagzeilen.
Ai Weiwei ist unsere Projek - im Mai 2016 seinen US-Kon - linern nicht besser als anderen So wurde 2016 bekannt, dass
tionsfigur. Es gibt noch zu vie - kurrenten paddle8 schluckte, Online-Kunsthändlern: Sämt - Unternehmensgründer Alexan -
le Menschen in Deutschland, schien dies den Eindruck ra - liche Marktstudien zeigen, der Zacke und seine im auc Tio -
die in China eine große Version santen Wachstums zu bestäti - dass sowohl Einlieferer als na Ta -Management beschäftig-
der DDR sehen wollen. Die gen. Doch das Gegenteil ge - auch Kunden bei höheren Be - te Ehefrau beinahe 600 Objekte
Realität ist aber eine ganz an - schah: Der Umsatz brach 2016 trägen weiterhin den etablier - beim eigenen Unternehmen
dere. Die meisten chinesischen dramatisch ein, die Fusion mit ten Auktionshäusern mit eingeliefert hatten und dafür
Künstler, die ich kenne, haben paddle8 kostete viel Geld, ihren Vorbesichtigungen, aus - hohe Vorschüsse ausgezahlt be -
mehr Angst vor dem Scheitern und Anfang 2017 blieb auc Tio - führlichen Gutachten und kamen. Noch bedenklicher:
im Kunstmarkt als vor der po- na Ta seinen Mitarbeitern die zeremoniellen Verkaufsveran - Alexander Zacke und verschie -
litischen Situation. Die Gren- Gehälter schuldig. Ein beispiel - staltungen den Vorzug geben. dene Mitarbeiter boten bis 2014
zen dessen, was gesagt und ge - loser Absturz, den die Unter - Auch auc Tiona Ta konnte das bei eigenen Auktionen mit.
zeigt werden kann, werden nehmensleitung nun durch Image eines »Billigheimers« 2016 trat Zacke wohl auch des -
komplett anders verhandelt. Im ein vorläufiges Insolvenzver - wegen von seinem Posten als
Westen hat die Kunstwelt selbst fahren abfangen will. Seit Mit - Geschäftsführer zurück. //
genug Denkverbote aufge - te Januar führt ein Insolvenz - MICHAELKOHLER
stellt. So was gibt es in China verwalter die Geschäfte. Er soll
nicht. Political Correctness ist helfen, die Fusion mit paddle8 Livestream-Auktion
nicht angesagt und die Psycho - rückgängig zu machen, und mit asiatischer Kunst
im Auctionata -Studio
analyse nie wirklich ange- vor allem neue Geldgeber zu
kommen. Statt sich auf Identi - finden.
tätspolitiken einzulassen, Wie konnte es so weit kom -
gehen die Künstler hier eher men? Immerhin erhielt auc -
ihren eigenen Bedürfnissen Tiona Ta im Laufe von vier Jah -
und Obsessionen nach. Für ren 96 Millionen Dollar Risi -
einen westlichen Blick sieht das kokapital; zählt man paddle8
irgendwie unschuldig aus und hinzu, kommt man sogar auf
erinnert an die Freiheit der 130 Millionen Dollar. Auch an
Siebziger, als die Fronten noch Kunden und Angeboten man -
nicht so verhärtet waren. // gelte es nie: 2015 hielt das Un-
INTERVIEW: KITO NEDO ternehmen 249 Auktionen
ab, von denen 44 live im Inter -
net ausgestrahlt wurden und
verkaufte dabei laut eigenen
Angaben rund 16 000 Objekte.
Allerdings verbarg sich hinter
den hohen Zahlen schon da -
139
JOURNAL NACHRICHTEN UND DEBATTEN

Tops und Flops


Tate. Mit Maria Balshaw leitet erstmals eine Frau die briti-
schen tate -Museen. Die 47-jährige Museumsmanagerin
übernimmt die Generaldirektion über tate britain , tate
modern , tate liverpool und tate st. ives zum 1. Juni von
Nicholas Serota, der nach 28 Jahren zurücktritt. Zurzeit
leitet Balshaw in Manchester die städtischen Kunstmuseen
und die zur Universität gehörende whitworth art gallery ,
die unter ihrer Führung renoviert und erweitert und als
Museum des Jahres 2015 ausgezeichnet wurde.
Victoria & Albert. Die Leitung des victoria & albert
museum in London übernimmt Tristram Hunt, ein Politiker
bisher ohne Museumserfahrung: Der 42-Jährige studierte
und lehrte Geschichte, bevor er 2010 für die Labour-Partei
ins britische Parlament einzog. Als Direktor des kunstge-
werblichen v&a folgt er auf den deutschen Museumsmann
Martin Roth, der im Herbst 2016 unter anderem aus Protest
gegen das Brexit-Votum von seinem Posten zurücktrat.
Ende der Ausreden
Kaiserring. Der renommierte Goslarer Kaiserring geht in RESTITUTION Das Leopold-Hoesch-Museum
diesem Jahr an Isa Genzken. Die Arbeiten der deutschen in Düren hat 177 Werke seiner Sammlung
Künstlerin zeigten »ungeschönt, punkig, aber nie ohne
Humor Umbrüche, Gegensätze, Gewalt und Brutalitäten
als NS-Raubkunst identifiziert
unserer Gesellschaften«, hieß es in der Begründung der Jury.
Die 68-Jährige wird den Goldring mit dem Bildnis des1050

B
in Goslar geborenen Kaisers Heinrich IV. am 7. Oktober ei der Aufarbeitung ihrer
entgegennehmen. Der undotierte Kunstpreis der Stadt Gos- NS-Vergangenheit ste - In der Erforschung
hen die meisten Museen
lar wird seit 1975 jährlich an zeitgenössische bildende
noch am Anfang. Das muss al -
des NS-Kunstraubs
Künstler verliehen.
lerdings nicht zwangsläufig müssen die
Architektur-Biennale. Die nächste architektur-
biennale in Venedig wird von den Architektinnen Yvonne ein Zeichen dafür sein, dass sie Museen viel besser
Farrell und Shelley McNamara kuratiert. Die beiden betrei-
sich vor dem fürchten, was sie zusammenarbeiten
herausfinden könnten. Gera-
ben seit 40 Jahren gemeinsam das Dubliner Büro grafton
de kleineren Häusern fehlen
architects , das sich vor allem mit Schul- und Universitäts-
oft das Personal und die finan -
bauten einen Namen machte. Bei der architektur-bien-
ziellen Mittel, um die eigene dieses Falls dauert noch an, aber
nale 2012 wurden McNamara (Jahrgang 1952) und Farrell Sammlung nach NS-Raubkunst er gab Museumsdirektorin Re -
(Jahrgang 1951) mit dem Silbernen Löwen ausgezeich- zu durchleuchten. Wie es trotz - nate Goldmann den Anstoß, die
net; 2002 hatten sie in Venedig den irischen Pavillon bespielt. dem geht, zeigt jetzt das leo - Recherchen auszuweiten. Dabei
Die 16. architektur-biennale findet vom 26. Mai bis pold-hoesch-museum in Dü - stieß der Provenienzforscher
25. November 2018 statt. ren. Mit finanzieller Hilfe des Kai Artinger auf 177 Grafiken, die
deutschen zentrums kul - als NS-Raubkunst gelten müs -
turgutverluste hat das Haus sen. Gemeinsam mit den ermit -
die Herkunft seiner Bestände telten Erben der einstigen Be-
Christo. Es hätte so schön werden sollen: Über eine Länge untersucht und dabei mit eini - sitzer sucht Goldmann nun
von rund zehn Kilometern wollte Christo den Arkansas River in gen Nachkriegslegenden aufge - nach einer fairen Lösung; ob die
Colorado mit einem silbrigen Stoff überspannen. Etwa 15 Mil- räumt, die wohl auch andern - Werke zurückgegeben werden
lionen Dollar hatte der Künstler nach eigenen Angaben be- orts gepflegt wurden. oder im Museum bleiben kön -
reits in das seit 1992 geplante Projekt investiert. Nun hat er Am Anfang stand ein Brief, nen, ist noch offen.
sich von den Plänen verabschiedet – aus Protest gegen die in dem die Erben der Sammlerin »Man muss sich das als
neue Trump-Regierung, wie er gegenüber der »New York Times« Thekla Hess die Rückgabe von Netzwerk vorstellen«, sagt Re -
Heinrich Campendonks Gemäl - nate Goldmann über die rheini -
angab: »Hier ist die Bundesregierung unser Vermieter. Sie be-
de Tiere aus dem Dürener Mu - sche Kunstwelt unter dem
sitzt das Land. Ich kann kein Projekt machen, das diesem Ver-
seum fordern. Die Erforschung Hakenkreuz und leitet aus die -
mieter zugutekommt.« Freuen dürfte Christos Rückzug immer-
ser Erkenntnis einen simplen,
hin die lokalen Naturschützer, die das von zähen Gerichtspro-
aber möglicherweise durch -
zessen begleitete Verhüllungsvorhaben unter anderem damit schlagenden Gedanken ab: In
verglichen hatten, »Pornografie in eine Kirche zu hängen«. der Erforschung des massenhaf -
ten Kunstraubs durch den NS-
Staat müssen die Museen viel
140
Renate Goldmann und Kai
Artinger mit Grafiken von
Honoré Daumier aus der
Sammlung Eduard Fuchs

besser zusammenarbeiten. In
Düren hat man die eigenen Kräf -
te mit denen des Kölner Wallraf-
r ichartz- museums gebündelt,
weil es zwischen 1933 und 1945 in
Person des Kunsthistorikers Hel -
mut May eine enge Verbindung Wohnen wie
im Fabergé-
zwischen beiden Häusern gab; Ei: Privat -
May war ab 1933 am Wallraf- wohnung der
richartz tätig und leitete zwi - Trumps
im Penthouse
schen 1934 und 1936 nebenbei des Trump
das Dürener Museum. Artinger Towers
fand zudem Hinweise darauf, in New York
dass sich damalige Dürener und
Kölner Museumsmitarbeiter bei
ihren Einkäufen auf Auktionen
untereinander abstimmten.
Nach dem Krieg wurden die -
se Netzwerke peinlich verschwie -
gen, blieben aber intakt. In Düren
ging die Verschwiegenheit so
weit, dass man lange annahm, die
Sammlungsgeschichte des im
Bombenhagel teilweise zerstör -
ten Museums beginne eigentlich
erst nach 1945. Auch die Legende,
dass sich die Dürener Direktoren
gegen die NS-Kunstpolitik ge -
stemmt hätten, konnte Artinger
Goldprotz. Auch Donald Trumps
widerlegen. Zwar stellte May architektonischer Geschmack
1934 Werke von Emil Nolde aus.
Aber vor 1937, dem Jahr, in dem lässt Schlimmes befürchten
Noldes Arbeiten von den Nazis
als »entartet« aussortiert wur -

W
den, passte dieser noch ins Spek -
trum der NS-Kunstpolitik. enn Donald Trumps tenmaler aus Braunau am Inn, der
In Düren zeigte sich, dass Präsidentschaft ver - AUSSER mit seinem Testosteron-Klassizismus
vieles in den Archiven offen zu - mutlich nichts Gu- HAUS ein »Germania« für Ameisenmen-
tage lag, über Jahrzehnte aber tes für Schwarze, Die Architektur- schen schaffen wollte (aber leider
niemand Genaueres wissen woll- Moslems, Frauen, Einwanderer, Kolumne vorher einen hässlichen Krieg anzet-
te. Auch in dieser Hinsicht ist Künstler, Wissenschaftler, das Klima telte, der die neronische Kahlschlags -
Düren vermutlich kein Einzelfall, und die freie Rede bedeutet, dann sanierung anders als geträumt voll -
sondern beispielhaft – und das scheint die Frage eher nachrangig, endete). Wird ein Kolossalnarziss
sollte es deshalb für zukünftige was sie wohl für das einzige Gebiet wie Trump da der Versuchung wider-
Forschungsprojekte dieser Art bewirkt, von dem er wenigstens dem stehen können, seine goldlackierten
auch sein. Die Zeit der Ausreden Papier nach Ahnung hat. Trotzdem: Bauerektionen als ästhetisches Pro -
ist endgültig vorbei. //
Ein Immobilienentwickler als Ameri - gramm durchzusetzen? Wo es in den
MICHAEL KOHLER
kas mächtigster Mann mit schlechtem V O N T I L L B R I E G L E B USA doch genug schmerzfreie Archi-
Geschmack provoziert die Neugier, tekturfabriken gibt, die jedem Auto-
ob sein Hang zu Goldprotz und gebauten Faber- kraten so lange protzige Stadtträume erfüllen,
AUSSTELLUNG
gé-Eiern nicht einen stark konditorhaften Einfluss bis diese Orte reif für Olympische Spiele sind. Ge-
»Unsere Werte? Provenienz -
forschung im Dialog: auf die US-Architektur ausüben wird.
Leopold-Hoesch-Museum Haben nicht bereits zahllose Machthaber ohne bereits auf einer Linie, lässt Trump erwarten, dass
und Wallraf-Richartz- eigenes Gebäude-Portfolio ihren Ländern den ein Anstieg der Kumpanei und ein Abbau demo-
Museum«, bis 19. März 2017. Stempel aufgedrückt? François Mitterrand mit sei- kratischer Rechte zu Projekten en masse führen
nen »Grands Projets« in Frankreich, Margaret wird, die den überladenen Geschmack von Uhren-
Thatcher mit der Investorengier, die sie in England sammlern abbilden. Vielleicht sollten auch die
entfesselte, oder nicht zu vergessen der Postkar - Architekten schon mal demonstrieren gehen.
141
JOURNA
A LL N
KAUC
NHSR
TBI CÜHCTHEENRU N D D E B A T T E N

Desert-X-Gründer
Neville Wakefield
in der Wüste
bei Palm Springs

Werke sind eher reflektierend,


wie die Beiträge von Doug
Aitken und Phillip K. Smith III.
Ist der Begriff »ortsspezifisch«
noch nützlich in Bezug auf Ihre
Arbeit als Kurator?
Fast alle Kunst, die sich in den
öffentlichen Raum verfrach-
ten lässt, wird heute ortsspezi -
fisch genannt. Mich interessiert
es nicht so sehr, ob ein Ort
einen interessanten oder dra -
matischen Hintergrund abge -
ben kann. Mich interessiert
vielmehr, ob ein echter produk -
tiver Zusammenhang zwischen

Leere Leinwand Ort und Kunst gelingt. In die -


sem Sinne wird die Landschaft
selbst – natürlich, erdgeschicht -
INTERVIEW Neville Wakefield über die Herausforderungen der lich, sozial, ökonomisch et cete -
ra – faktisch zum Kurator.
Wüste als Ausstellungsort und seine erste »Desert X«-Biennale In den USA existiert eine lange
Tradition von relativ schwer
zu erreichenden Kunstwerken.

A
m 25. Februar startet sigkeit zu verblassen. In die - Für mich hat diese Tradition et -
im südkalifornischen sem Sinne ist es ein Kontext, »Die Landschaft was von einer unfertigen Erzäh -
Coachella Valley die der sowohl jenseitig wie dies - lung. Als Künstler damit be-
erste Ausgabe der Wüstenbien - seitig ist, eine leere Leinwand,
selbst wird gannen, ihre Arbeiten aus der
nale desert X . Geleitet wird sie auf die wir Erfindungen von faktisch zum Galerie hinaus in die abgelege -
vom britisch-US-amerikani - Hybris und Einbildungskraft Kurator« neren Regionen des Landes
schen Kurator, Kritiker, Kreativ - projizieren. zu tragen, war das eine sowohl
direktor und bekennenden Por - Traditionell gilt die Wüste als antiinstitutionelle als auch
sche-Fahrer Neville Wakefield. Ort der Gegenkultur. antimaterielle Geste. Das waren
art : Herr Wakefield, warum Ich halte die Wüste für einen Wie reagieren die einge- zumeist Arbeiten, die man we -
ist die Wüste ein guter Ort für fundamental antikulturel- ladenen Künstler auf die der erhalten noch verkaufen
eine Kunstausstellung? len Ort. Das machte in den Umgebung? konnte. Mit der unglaublichen
Neville Wakefield: Die größte Sechzigern und Siebzigern ih- Manche Beiträge heben mehr Kunstmarktblüte in den letzten
Herausforderung und Qualität re Anziehungskraft für die auf kulturelle und politische Jahrzehnten sind diese Erzäh -
der Wüste als Ausstellungsort Künstler aus, die ihre künst- Fragen ab, wie etwa bei Sherin lungen teilweise verstummt. In
ist, dass sie weitestgehend frei lerische Praxis aus der massiv Guirguis, einer in Ägypten vielerlei Hinsicht würde ich
von menschlicher oder kultu - verdichteten städtischen geborenen und in Los Angeles jedoch hoffen, dass Projekte wie
reller Aktivität erscheint. Es Umgebung und den damit lebenden Künstlerin, deren desert X sie wieder aufgrei-
ist ein Ort der extremen Gegen - verbundenen Formen der Arbeit sich um die Erfahrun - fen könnten. Nicht zuletzt geht
sätze, der gerade aufgrund sei - Produktion und Ausstellung gen in der ägyptischen Wüs- es doch auch darum, probate Ge-
ner schieren Ausdehnung zur herauslösen wollten. te dreht. Glenn Kainos wieder - genmittel gegen den zügellosen
Selbstbefragung einlädt. Die um liefert eine Beschwörung Kommerz zu finden, der sich
Erhabenheit und Feindseligkeit der Untergrundtunnel in den mittlerweile überall als an -
der Wüste führt zur Spekula - israelisch besetzten Gebieten, erkannte Norm etabliert hat. //
tion über verschiedene Formen während es bei Jeffrey Gibson INTERVIEW: KITO NEDO
der Existenz. In der Wüste nei - um Beobachtungen der heili -
gen alle menschlichen Bestre - gen Natur der nahe gelegenen
bungen dazu, in Bedeutungslo - San-Jacinto-Berge geht. Andere
142
JOURNAL KUNSTBÜCHER

D
as Jahr 2017 fing schlecht an, dieselben hohen, anonymen Gebäude, mal
und ich rede jetzt ausnahmswei -
se nicht von Donald Trump. Am 2.
tagsüber, mal nachts. Man sieht Baumreihen
und beleuchtete Straßen, man sieht parken - Der späte
Januar starb im Alter von 90 Jah-
ren der englische Schriftsteller John Berger.
de Autos und Menschen beim Einkaufen. Sonst
nichts. Es ist gerade die Abwesenheit von Berger, die
Seine Betrachtungen über einzelne Werke
und Künstler waren große Literatur; nicht in
Geschichten, die die Fantasie stimuliert; wer
den Freiraum, den diese Bilder zur Verfügung frühe de Saint
dem Sinne, dass sie fiktional gewesen wären,
sondern als erzählerische Erkundung all der
stellen, noch anders nutzen möchte, findet un-
ter www.editionfink.ch/kairo Gespräche über Phalle. Kairo.
Geheimnisse, die sich in und hinter der Kunst
verbergen. Es gab Texte von Berger, die man
Ägypten, ein Land das sich seit den Aufnah-
men radikal verändert hat. Zeichnung.
mit angehaltenem Atem las, etwa seine fast
kriminalistische Untersuchung zu Goyas dop-
Zum Schluss noch der Hinweis auf zwei Bü-
cher, aus denen man etwas lernen kann. Das Das Schwarz
pelter »Maja« (erschienen in dem BandDas
Sichtbare und das Verborgene). Kurz vor
musée jenisch im schweizerischen Vevey hat
auf Basis der eigenen Sammlung ein Kleines in der Kultur
Bergers Tod hatte der Hanser Verlag seine Handbuch der Zeichnungskunst her-
Schriften zur Fotografie, die 2013 in England ausgegeben – handlich, lehrreich. Und Michel
erschienen waren, auf Deutsch herausge - Pastoureau, ein Pariser Historiker, wirft in
bracht. Es sind verstreute Beiträge aus vier Schwarz – Geschichte einer Farbe ei-
Jahrzehnten. Mancher Gedanke mag überholt nen Blick auf die dunkle Seite des Farbspek-
sein, doch Bergers klare, weitgespannte Sät - trums – echt finster, aber erhellend! //
ze können nicht verblassen. So schreibt er VIEL HOLZ
über eine Begegnung mit Henri Cartier-Bres- Die ehrliche
son: »Es ist nicht leicht, seine Augen zu be- Buchkolumne
trachten, ohne das Gefühl zu bekommen, man
sei taktlos.«
Derzeit gibt es eine neue Annäherung zwi-
schen Kunst und Theater: Auf den Bühnen
sieht man zunehmend Elemente von Perfor-
mance, in Kunsträumen und demnächst auf
der documenta sind Tanz und Bewegung
sehr präsent. Vor diesem Hintergrund emp - VON RALF SCHLÜTER
fehle ich spezieller Interessierten ein Buch,
das zur Wanderausstellung über Niki de John Berger: Der
Augenblick der Foto -
Saint Phalle erschienen ist: Es gibt einen grafie. Hanser. 272
Einblick in ihre Bühnenbilder der sechzi- Seiten, 22 Euro.
ger Jahre. In dieser Zeit war die französisch- Niki de Saint Phalle
schweizerische Künstlerin noch nicht der und das Theater -
notorische Nana-Star, sondern eine Avant- At Last I Found The
Treasure. Kehrer.
gardekünstlerin, die mit John Cage, Merce
240 Seiten, 39,90 Euro.
Cunningham oder Robert Rauschenberg an
Daniela Keiser: Kairo.
Theaterprojekten arbeitete. Eines davon
Frühstücksgasse,
fand 1966 in Kassel statt. Nachtkaffee, Cinéma
Das nächste Buch ist schon eine Weile er- Odeon. Edition Fink.
schienen, rechtfertigt aber auch eine späte 256/224/112 Seiten,
65 Euro.
Erwähnung. Was ist es für ein Gefühl, wenn
man einen Bildband über Kairo in der Hand Musée Jenisch Vevey:
Kleines Handbuch
hält, und keines der Fotos zeigt irgendwas der Zeichnungskunst.
von dem, was man mit der ägyptischen Haupt- Scheidegger & Spiess.
stadt verbindet? Keinen Tahrir-Platz, keine 232 Seiten, 29 Euro.
Moschee, keinen Bazar, keine Altstadt? Die Michel Pastoureau:
Zürcher Fotografin Daniela Keiser hat aus Schwarz – Geschichte
einer Farbe. Philipp
einem hohen Stockwerk eines Gebäudes in von Zabern. 208 Seiten,
der Champollion Road einfach nur die Umge- 39,95 Euro.
bung fotografiert. Man sieht immer wieder
143
DAS KUNSTMAGAZIN

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Nicolas Nicolini, u.: Ludmilla Cerveny; S. 104: courtesy Lorella Paleni. Ausstellungen: S. 112 l.: Musées de Pontoise,
r. o.: Medienzentrum, Antje Zeis-Loi/Von der Heydt-Museum, r. u.: courtesy Applicat-Prazan; S. 114 u.: Rüdiger Wölk/Imago, A B O N N E M E N T U S A :
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u.: privat; S. 138 (6): courtesy Gallery Weekend Beijing; S. 139: Auctionata; S. 140: Sonja Essers; S. 141: Scott Frances/ OTTO; Englewood N. J. 07631.
S. 142: Irfan Khan/Contour by Getty Images.Vorschau: S. 145 o. l.: Nikos Pilos, o. r.: Steffen Roth, m. l.: Peter
Rigaud, m. r.: courtesy Apostolos Georgiou und Rodeo Gallery, London, u.: courtesy Postcommodity. Kinder: S. 146: Hannah
Schuh, kl.: courtesy Gerhard Richter.VG Bild-Kunst, Bonn 2017:S. 63, 64: Neo Rauch; S. 116: Thomas Schütte; S. 122:
Richard Serra; S. 127: Hanne Darboven; S. 129: Ludger Gerdes; S. 135: Istvan Csakany; S. 136, 137: Heinrich Campendonk. (* 0,14 €/Min. aus dem deutschen Festnetz)

144
VORSCHAU

DOCUMEN TA 14:
ATHEN

AKROPOLIS ADAM SZYMCZYK

4 e rscheint am
24. März 2017

DIE DOCUMENTA ERÖFFNET: EIN HEFT


ZUR AUSSTELLUNG DES JAHRES

Erstmals hat die DOCUMENTA in ihrer 14. Aus-


gabe zwei Standorte: Bevor die Schau im Juni in
Kassel eröffnet wird, startet im April der erste
Teil in der griechischen Hauptstadt Athen. ART

stellt den Leiter Adam Szymczyk vor, schaut


NEVIN ALADA APOSTOLOS GEORGIOU
den DOCUMENTA -Künstlern
Apostolos Georgiou, Postcommodity und
Castaing-Taylor/Paravel über die Schulter, er -
klärt, was die griechische Tragödie mit Per-
formance zu tun hat, streift mit dem Kurator
und Athen-Kenner Vinzenz Brinkmann durch
die Stadt, erzählt die Geschichte der Akropolis,
erläutert die wichtigsten DOCUMENTA -Ideen in
einem Glossar und führt zu allen Kunst-Orten

PLUS:
artSaison mit
S A I S O N den wichtigsten
Terminen des
Frühsommers
2017
Die wichtigsten
Kunst-Termine

APRIL
MAI
JUNI
JULI
2017
POSTCOMMODITY

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FRÜHE ERKENNTNIS

Kinder erklären Kunst:


Johann Dulguun, 6, schnitzt
gerne. Streiche spielen kann
er auch – und Mongolisch

A
lso, als Erstes sehe ich eine Zeitung. Die Zeitung wird
GERHARD RICHTER:
LESENDE, 1994, von einer Frau gehalten und gelesen. Bei uns liest
72 X 102 CM mein Papa Zeitung – manchmal morgens und abends.
Mama liest Bücher. Wenn Papa Zeitung liest, erzählt er
immer laut, was gerade los ist auf der Welt. Ich finde Bücher vor -
lesen besser als Zeitung vorlesen, aber noch lieber spiele ich mit
Playmobil – am liebsten mit der Piratenburg. Davon habe ich ganz
viel! Vorlesen tut mir Papa, meistens abends vor dem Schlafen-
gehen. Der liest mir voll coole Geschichten vor – zum Beispiel »Michel
aus Lönneberga«. Ich mag an Michel, dass er immer so lustige
Streiche macht. Ich mache auch gerne Streiche! Dann schnap -
pe ich mir zum Beispiel heimlich Süßigkeiten und verstecke
sie in meinem Zimmer, denn ich weiß genau, wo meine
Eltern die Süßigkeiten aufbewahren: im Küchenschrank.
Und da komme ich sogar schon ohne Stuhl ran. Am besten
ist, wenn ich Smarties finde, denn die liebe ich! Wenn
Michel bei einem Streich erwischt wird, muss er in den Schup-
pen und Männchen schnitzen. Das muss ich zum Glück
nicht. Wir haben auch gar keinen Schuppen. Ich muss nur
manchmal in mein Zimmer, wenn ich frech war. Aber
eigentlich bin ich nicht frech. Erwachsene verstehen
manchmal einfach nicht den Spaß. Schnitzen kann ich
auch, aber Mama findet, dass das zu gefährlich ist. Dabei
wünsche ich mir so sehr, dass Mama mir erlaubt zu
schnitzen. Dann würde ich vielleicht auch Männchen
schnitzen – oder Autos. Die Frau da auf dem Bild könnte
auch eine Mutter sein. Sie sieht jedenfalls so alt aus wie meine
Mutter. Eigentlich ist die Frau ganz hübsch. Wahrscheinlich ist sie
da grade zu Hause in ihrer Wohnung. Meine Mama kommt aus der
Mongolei. Da war ich schon mal, denn da wohnt die ganze Familie
meiner Mama. Da kann man voll gut kämpfen im Spiel. Aber man
muss aufpassen, dass man nicht ins Wasser fällt. Ich kann auch
Mongolisch. So spreche ich mit meiner Mama hier und meiner Fami-
lie da. Die sprechen alle gar kein Deutsch. Oma und Opa wohnen
in einem schönen Holzhaus. Im Sommer ist es in der Mongolei
ganz, ganz warm. Ich würde gerne bald wieder da hinfahren. Die Frau
auf dem Bild ist aber keine Mongolin. Das ist eine ganz normale
deutsche Mutter. // AUFGESCHRIEBEN VON BARBARA HEIN

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