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Die radikale Linke in Luxemburg

von Nico Biver


Luxemburg erlangte im Jahr 1867 als Großherzogtum seine vollständige Unabhängig-
keit. 1830 war der Versuch gescheitert, sich zusammen mit Belgien von den Nieder-
landen zu trennen. Der Deutsche Bund, dem Luxemburg angehörte, hatte sich dem
widersetzt. Zankapfel war die Festung Luxemburg, das "Gibraltar des Nordens", die
von preußischen Truppen gehalten wurde. Die Lostrennung Belgiens wurde zwar von
den europäischen Großmächten akzeptiert, aber Luxemburg wurde geteilt. Der westli-
che Teil wurde Belgien zugeschlagen und der östliche Teil (mit der Festung) in eine
Scheinunabhängigkeit in den heutigen Grenzen entlassen. Es war zwar ab 1839 keine
Provinz der Niederlande mehr, gehörte aber weiter dem niederländischen König Wil-
helm I. und musste Mitglied des Deutschen Bundes bleiben. Bis 1890 waren die nie-
derländischen Könige aus dem Hause Oranien-Nassau gleichzeitig luxemburgische
Großherzoge. Mangels männlichen Nachwuchses Wilhelm I. ging die Thronfolge dann
auf das Haus Nassau-Weilburg über.
Die Chance zur Unabhängigkeit ergab sich durch den Zerfall des Deutschen Bundes in
Folge des preußisch-österreichischen Krieges von 1866. Der Streit zwischen Preußen
und Frankreich um die Festung, der sich in einem neuen Krieg zu entladen drohte,
wurde 1867 in London durch eine Konferenz der europäischen Mächte beigelegt. Lu-
xemburg wurde zu einem neutralen Staat erklärt und die Schleifung der Festung ver-
einbart.
Die Unabhängigkeit war aber stets gefährdet. Im Ersten Weltkrieg liebäugelten die
drei Nachbarländer Frankreich, Deutschland und Belgien mit einer Annexion, die
zwanzig Jahre später dem faschistischen Deutschland für vier Jahre gelingen sollte.
Eine Einmischung der Nachbarländer war stets auf der Tagesordnung, wenn Interessen
ihrer Investoren in Luxemburg auf dem Spiel standen. Die Neutralität wurde nach dem
Zweiten Weltkrieg durch Beitritt zur NATO aufgegeben.
Seit 1867 ist Luxemburg eine konstitutionelle Monarchie und parlamentarische De-
mokratie. Die Volkssouveränität wurde aber erst 1919 ebenso wie das allgemeine
Wahlrecht in der Verfassung verankert.
Die heute sechzig Mitglieder umfassende Abgeordnetenkammer wird alle fünf Jahre in
vier Wahlkreisen nach dem Verhältniswahlrecht gewählt. Die Sitze, die die einzelnen
Listen gewinnen, gehen an die Kandidaten mit den meisten Stimmen. Für alle Bürger,
die jünger als 76 Jahre sind, besteht Wahlpflicht.
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Geschichte der Sozialistischen Linken


Luxemburg war eines der letzten europäischen Länder, in denen eine sozialistische
Partei entstand. 1903 wurde die Sozialdemokratische Partei (SDP) gegründet. Aller-
dings waren bereits 1896 sozialdemokratische Kandidaten in die Abgeordnetenkam-
mer gewählt worden. Die wichtigsten Gewerkschaften entstanden Anfang des 20.
Jahrhunderts und erlangten im Ersten Weltkrieg nennenswerten Einfluss.
Für das späte Entstehen der sozialistischen Bewegung gab es mehrere Gründe. Das
Land war bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem agrarisch geprägt.
Etwa ein Viertel seiner Bevölkerung wanderte damals aus – vorwiegend in die USA.
Im letzten Drittel des Jahrhunderts setzte im südwestlichen Kanton Esch, wo Eisenerz
abgebaut wurde, ein rasantes Wachstum der Eisen- und Stahlindustrie ein. 1913 entfie-
len auf das 260.000 Einwohner zählende Land 1,9 Prozent der Weltproduktion an
Stahl und 3,2 Prozent der an Roheisen. Die Bevölkerungszahl im Kanton Esch verdrei-
fachte sich zwischen 1865 und 1900.
Der Aufbau von sozialistischen und Arbeiterorganisationen wurde auch durch die mul-
tinationale Zusammensetzung der Beschäftigten in der Industrie und dem Bergbau er-
schwert. 1902 war nur gut die Hälfte der 13.000 Arbeiter in der Eisen- und Stahlindus-
trie des Kantons Esch luxemburgischer Nationalität. Es gab über dreitausend Italiener
und über zweitausend Deutsche. Aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten und
nationaler Vorurteile war der Aufbau einheitlicher Organisationen schwierig. Diese
waren auch instabil, weil viele ausländische Arbeiter – gewollt oder ungewollt – nur
für einen begrenzten Zeitraum im Land blieben. Sie wurden in Krisenzeiten als erste
entlassen und sie konnten, wenn sie sich gewerkschaftlich oder politisch betätigten,
des Landes verwiesen werden. Diese Maßnahme betraf vor allem die radikalsten.
Die Folge war auch, dass die einzelnen Nationalitäten sich getrennt organisierten. An-
fang des 20. Jahrhunderts entstanden Gewerkschaften, die den deutschen Verbänden
angeschlossen waren. Auch ausländische Parteien traten auf den Plan. Die Italienische
Sozialistische Partei verfügte über 176 Mitglieder in Luxemburg.
Die Besonderheit einer multinationalen Arbeiterklasse prägt bis heute – in einem noch
stärkeren Ausmaß – die luxemburgische Gesellschaft. Während 1910 der Ausländer-
anteil im Land 15 Prozent erreichte, machten Anfang 2016 vorwiegend aus der EU
stammende Ausländer 47 Prozent der Bevölkerung und 72,5 Prozent der Beschäftigten
aus. 45,0 Prozent der Beschäftigten waren Grenzgänger aus den Nachbarländern
Frankreich, Belgien und Deutschland.
Die ansässigen EU-Bürger verfügen heute über das Kommunalwahlrecht (aber ohne
Wahlpflicht). Ein allgemeines Wahlrecht für Ausländer wurde 2015 in einem Verfas-
sungsreferendum abgelehnt.
Ein weiteres Hemmnis für die Entstehung einer linken Partei war das bis 1919 gelten-
de Mehrheitswahlrecht, das Einzelpersönlichkeiten in den Vordergrund rückte. Außer-
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dem galt bis 1919 ein Zensuswahlrecht, nach dem zuletzt 8,2 Prozent der männlichen
Bevölkerung wählen durften. Die ersten sozialistischen Kandidaten und Parteiführer
kamen aus der Mittelschicht. Sie waren von einem starken Antiklerikalismus durch-
drungen, der sich gegen den übermächtigen Einfluss der katholischen Kirche richtete.
Die SDP war vergleichbar mit den Parteien der Nachbarländer. Marxistisch in der
Theorie und reformistisch in der Praxis, schwankte sie zwischen einer Politik, die auf
parlamentarische Bündnisse mit den ebenfalls antiklerikalen Liberalen setzte, und ei-
ner, die sich stärker an den Interessen der Arbeiterklasse orientierte.
1905 entstand die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) aus einer Abspaltung
der SDP, der sie Parlamentarismus und die Vernachlässigung des Aufbaus von Ge-
werkschaften vorwarf. Die SDAP engagierte sich vor allem in diesem Bereich, blieb
aber bei Wahlen erfolglos. 1912 wurden beide Parteien wiedervereint, aber der Erste
Weltkrieg, an dem Luxemburg zwar nicht beteiligt war, aber Durchmarschgebiet der
deutschen Armeen war, führte zum Zerfall der Partei. Im Oktober 1917 wurde sie als
Sozialistische Partei Luxemburgs (SPL) wieder gegründet.
Der Krieg und die revolutionären Entwicklungen in Deutschland und Russland hatten
auch in Luxemburg ein enormes Erstarken der Arbeiterbewegung zur Folge. Bereits
1916 war der Berg- und Hüttenarbeiterverband (BHAV) gegründet worden und rief
im Mai 1917 zum Generalstreik, der nach einer Woche von den deutschen Besatzern
niedergeschlagen wurde. 1918 vereinigte sich der BHAV mit dem ebenfalls 1916 ge-
gründeten Luxemburger Metallarbeiter-Verband (LMAV) zum Luxemburger Berg-
und Metallindustriearbeiter-Verband (BMIAV). Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges
kam es zu einem politischen Vakuum, das die Linke und die Gewerkschaftsbewegung
zu nutzen wussten. Ein kurzlebiger Arbeiter- und Bauernrat entstand am 10. Novem-
ber 1918. In den Fabriken wurden Betriebsräte gewählt und der Achtstundentag einge-
führt, was später gesetzlich verankert wurde.
Gleichzeitig entstand eine republikanische Bewegung, die im Januar 1919 durch fran-
zösische Truppen niedergeschlagen wurde. Sie wurde befeuert durch die deutsch-
freundliche Haltung der Großherzogin Marie-Adelheid und durch ihre Weigerung,
Beschlüsse des Parlamentes umzusetzen. Mit französischer Unterstützung konnte er-
reicht werden, dass die Großherzogin abdankte und durch ihre Schwester Charlotte
abgelöst wurde.
Diese revolutionäre Situation blieb nicht ohne Einfluss auf die SPL, die sich zuneh-
mend radikalisierte. Innerhalb der Partei entstand eine kommunistische Fraktion, die
für den Beitritt zur Kommunistischen Internationalen (Komintern) warb. Hemmnis für
eine mehrheitliche Zustimmung zu diesem Schritt waren einige der 21 Aufnahmebe-
dingungen. Die Forderung, reformistische Führungsmitglieder auszuschließen, stieß
in einer kleinen Organisation, in der jeder jeden kannte, auf viele Vorbehalte. Auf be-
sondere Ablehnung stieß die Forderung nach einer führenden Rolle der Partei gegen-
über den Gewerkschaften. Die Partei habe sich vielmehr der Gewerkschaft
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unterzuordnen, betonte die syndikalistische Mehrheit. Auf dem Parteitag der SPL am
2. Januar 1921 wurde ein sofortiger Beitritt zur Kominternbabgelehnt. Noch am glei-
chen Tag trat die kommunistische Minderheit aus und gründete die Kommunistische
Partei Luxemburgs (KPL). Die SPL schloss sich der von der österreichischen Sozial-
demokratie gegründeten Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien
(die sog. 2 1/2 Internationale) an.
Seitdem herrschte eine tiefe Feindschaft zwischen den beiden Parteien. Für die KPL
wich diese mit dem Beginn der Volksfrontperiode einem stetigen Werben für punktu-
elle Bündnisse und eine Zusammenarbeit in den Kommunen. Der antikommunistische
Kurs der Sozialisten wich aber nur kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und nach Ab-
flauen des Kalten Krieges einem pragmatischeren Umgang mit der KPL.
In der SPL setzte sich die syndikalistische Mehrheit durch und sie wurde 1924 in Ar-

Parlamentswahlen: Ergebnisse der Linken 1919-1968


Partei 1919 19221 1925 19282 19313 1934/374
Proz. Sitze Proz. Sitze Proz. Sitze Proz. Sitze Proz. Sitze Proz. Sitze
SPL/APL 15,65 8 10,82 7 16,33 8 41,61 10 28,65 14 26,91 17
Unabh.5 2,98 1 5,27 2 6,00 2 5,43 3
KPL6 1,02 0,92 2,58 2,42 1
Gesamt 48 48 47 52 54 55

Partei 1945 1948/517 1954 1959 1964 1968


Proz. Sitze Proz. Sitze Proz. Sitze Proz. Sitze Proz. Sitze Proz. Sitze
APL/LSAP 23,37 11 35,46 19 32,84 17 33,05 17 35,89 21 31,00 18
Unabh. 1,57 1
KPL 11,07 5 8,80 4 7,26 3 7,21 3 10,42 5 13,11 6
Gesamt 51 52 52 52 56 56
Da das Land in vier Wahlbezirke unterteilt ist, in denen die Wähler, je nach Anzahl der zu wählenden Abgeordneten,
zwischen 7 und 23 Stimmen abgeben können, würde eine Addition der Stimmenzahlen zu einer Verzerrung des Wahler-
gebnisses führen. Deshalb wurden fiktive Stimmenzahlen errechnet, indem im jeweiligen Wahlbezirk der Stimmenanteil
einer Partei auf die Zahl der gültigen Wahlzettel angewendet wurde.
Bei einzelnen Wahlterminen handelt es sich um Teilwahlen. Die Sitzzahlen geben jeweils die Sitzzahl für das ganze
Land und nicht das Ergebnis der Teilwahl an.
1) Teilwahlen im Zentrum und im Norden
2) Teilwahlen im Süden und Osten und Ergänzungswahl im Zentrum
3) Teilwahlen im Zentrum und Norden und Ergänzungswahl im Süden
4) Zusammengefasstes Ergebnis der Teilwahlen von 1934 (Süden und Osten) und 1937 (Norden und Zentrum)
5) Linksliberale Listen im Wahlbezirk Osten, die mit Ausnahme von 1945 von der SPL bzw. APL unterstützt wurden.
6) Die KPL kandidierte 1922 nur im Zentrum, 1925 nur im Süden, 1931 nur im Süden und Zentrum, 1934/37 nur im Sü-
den und 1959 nur im Süden und Zentrum.
7) Zusammengefasstes Ergebnis der Teilwahlen von 1948 (Süden und Osten) und 1951 (Norden und Zentrum)
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beiterpartei Luxemburg (APL) umbenannt, was zur Abspaltung ihres hauptstädtischen


Flügels führte der noch mehrere Jahre unter altem Namen weiterbestand. Das Verhält-
nis zu den Gewerkschaften sollte bis in die 1970er Jahre ein Streitpunkt bleiben, als
die linken Gewerkschaften eine klarere Trennung von der LSAP beschlossen.
Die Ausgangsbedingungen für die KPL waren ungünstig. Der Generalstreik der Hüt-
ten- und Bergarbeiter gegen Massenentlassungen im März 1921, der von SPL und
KPL unterstützt wurde, endete in einer völligen Niederlage. Die meisten Errungen-
schaften der letzten Jahre wurden rückgängig gemacht, die Betriebsratsmitglieder und
Gewerkschaftsaktivisten entlassen. Die Mitgliederzahlen des BMIAV brachen zu-
sammen und erreichten fünf Jahre später erst die Hälfte des Standes von 1921. Die
KPL hatte besonders unter den Repressalien zu leiden. Etwa 150 Mitglieder wurden
bestraft oder entlassen. Da sie auf schwarzen Listen standen, machten sie sich mit Ge-
nossenschaften oder als Kleinunternehmer selbständig oder wanderten aus. Fünfzig
ausländische Mitglieder wurden des Landes verwiesen. Auch durch Ausschlüsse ging
der Einfluss der KPL im BMIAV rasch zurück. Die KPL trug zu ihrer Isolierung selbst
bei, indem sie nach dem Streik mit Aufrufen zur Vorbereitung einer bewaffneten Re-
volution eine linksradikale Richtung einschlug. Dem folgte dann, nach Vorgaben der
Komintern, ein Zickzackkurs von der Einheitsfrontpolitik, über die Sozialfaschismus-
these bis zur Volksfrontpolitik in den dreißiger Jahren.
Konnte die Partei bei den Parlamentsteilwahlen 1922 im Zentrum noch 1,8 Prozent der
Stimmen erringen und 1925 im industriellen Süden 3,1 Prozent, trat sie 1928 gar nicht
mehr an. Die drei Kommunalmandate, die sie 1924 in Differdingen und Esch errang,
verlor sie 1928. Der Niedergang der Partei bedingte, dass die KPL 1923 an die Orga-
nisation der Französischen Kommunistischen Partei (PCF) angeschlossen wurde. Zwi-
schen 1924 und 1928 waren praktisch keine Aktivitäten der Partei mehr festzustellen,
obwohl die Partei durch den Zustrom italienischer, polnischer oder ungarischer Flücht-
linge noch existierte. Aber unter den 200 Mitgliedern von 1928 waren nur noch zehn
Luxemburger und von den Italienern wurden im selben Jahr sechzig ausgewiesen.
Die Komintern beauftragte die Kommunistische Partei Italiens (PCI), die Neugrün-
dung der Partei in die Hand zu nehmen und der Gewinnung luxemburgischer Mitglie-
der Priorität einzuräumen. Nach und nach gelang der Wiederaufbau. 1929 entstand die
Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO) nachdem erneut führende Kommunis-
ten aus dem BMIAV ausgeschlossen worden waren. 1931 wurden bei den Abgeordne-
tenwahlen im Süden 5,5 Prozent erzielt und 1934 7,3 Prozent. Das damals erstmals
errungene Abgeordnetenmandat wurde der Partei aberkannt. Unter dem Eindruck der
Volksfrontpolitik der PCF änderte die KPL bereits 1934 ihren Kurs. Die RGO wurde
aufgelöst und der APL eine Zusammenarbeit angeboten, die von dieser beharrlich ab-
gelehnt wurde. Das änderte sich auch nicht, als die Regierung ein Gesetz vorbereitete,
das dem Verbot der KPL dienen, und per Volksabstimmung verabschiedet werden
sollte. Die APL, die sich ebenfalls gegen das Gesetz engagierte, lehnte eine gemein-
same Kampagne mit der KPL ab, auch wenn Einzelmitglieder zusammen mit Kom-
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munisten in der Liga zur Verteidigung der Demokratie aktiv waren. Mit 50,7 Prozent
der Stimmen scheiterte im Juni 1937 das „Maulkorbgesetz“.
1939 war die Partei auf über 400 Mitglieder, vorwiegend luxemburgischer Nationali-
tät, angewachsen, darunter auch eine Reihe ehemaliger Mitglieder der APL.
Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt war erneut Anlass, die Repression gegen
die KPL zu verstärken. Nach dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 wurden die Par-
teien aufgelöst. Die KPL war die einzige, die während der Besatzung Widerstand or-
ganisierte. Sie bezahlte einen hohen Preis. Mehr als ein Drittel ihrer Mitglieder war
verhaftet worden, zwei Dutzend wurden ermordet, darunter der Vorsitzende Zénon
Bernard.
Wie in anderen europäischen Staaten führten die Rolle der Kommunisten im Wider-
stand und das durch den Sieg über Nazideutschland errungene Prestige der Sowjetuni-
on zu einem abrupten Anstieg des kommunistischen Einflusses. Ende 1945 zählte die
KPL 4.200 Mitglieder und sie gewann bei den Kammerwahlen im selben Jahr 11,1
Prozent der Stimmen und 5 von 51 Deputierten. Bis 1947 war sie in einer Regierung
der nationalen Einheit vertreten. In den Kommunen kam es erstmals zu Koalitionen
nicht nur mit der APL sondern in Esch unter kommunistischer Führung sogar mit der
konservativen Christlich-Sozialen Volkspartei (CSV). 1945 war der Freie Luxembur-
ger Arbeiterverband (FLA) von der KPL gegründet worden, nachdem der als Nachfol-
ger des BMIAV entstandene Luxemburger Arbeiterverband (LAV) KPL-Kandidaten
und ausländische Arbeiter nicht zur Wahl seines Escher Ortsvorstandes zuließ.
Der Kalte Krieg sollte den Einfluss der KPL schnell zugunsten der 1946 in Luxembur-
ger Sozialistische Arbeiterpartei (LSAP) umbenannten APL verringern. Der FLA, der
1945 noch die meisten Stimmen bei den Betriebsratswahlen in der Stahlindustrie er-
zielte, verlor – auch weil er nicht als Tarifpartner anerkannt wurde – rasch an Anhän-
gern und wurde 1965 aufgelöst. Die meisten verbliebenen Mitglieder traten in den
LAV ein. Die KPL-Mitgliederzahlen fielen auf etwa 300 Anfang der 1960er Jahre. Die
Wahlergebnisse, die bis auf 7,2 Prozent gesunken waren, fingen gleichzeitig an, sich
zu verbessern. 1968 gewann die KPL bei den Abgeordnetenkammerwahlen 13,1 Pro-
zent der Stimmen und 6 Mandate obwohl sie kurz vorher, als eine der wenigen westeu-
ropäischen kommunistischen Parteien, ausdrücklich den Einmarsch der Warschauer-
Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei unterstützt hatte.
Dass die KPL dennoch das beste Ergebnis ihrer Geschichte erzielte, spiegelte die Ent-
wicklung in anderen westeuropäischen Staaten wieder, wo es auch wieder zu einem
Erstarken kommunistischer Parteien kam. Die ersten wirtschaftlichen Krisensymptome
der Nachkriegszeit, der rapide Anstieg der Studierendenzahlen und das Entstehen neu-
er Mittelschichten bildeten den Nährboden für einen weltweiten Aufschwung sozialer
und politischer Kämpfe, die einen ersten Höhepunkt im Mai 1968 erreichten. Luxem-
burg, wo es keine Universität gab, bekam die Auswirkungen über die Studierendenor-
ganisation ASSOSS zu spüren, der meist in den Nachbarländern studierende Luxem-
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burger aus dem gesamten linken Spektrum angehörten. Diese radikalisierte sich zuse-
hends und brach Ende 1969 auseinander, nachdem die linksradikale Strömung die
Mehrheit errungen hatte und die ASSOSS in die Revolutionäre Sozialistische Linke
(GSR) umwandelte. Von dieser spaltete sich 1970 die trotzkistische Revolutionär-
Kommunistische Liga (LCR) ab, die später als Revolutionär-Sozialistische Partei ei-
nen Wähleranteil von einem halben Prozent erzielen konnte und schließlich in der Lin-
ken (DL) aufging. Aus der GSR entstand 1972 der maoistische Kommunistische Bund
Luxemburgs (KBL), der mit dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW)
verbündet war und gute Beziehungen zur KP Chinas pflegte. Er löste sich nach diver-
sen Abspaltungen 1980 auf. Ein linker Aufbruch machte sich auch in der Gewerk-
schaftsjugend (LAJ) und der Sozialistischen Jugend (JSL) bemerkbar.
Von dieser Linksentwicklung konnte die LSAP nicht profitieren, weil sie sich 1964 bis
1968 in einer Koalition mit der CSV und anschießend in einem Spaltungsprozess be-
fand. Sie war zerstritten zwischen einem rechten Flügel, der die Partei zu Mitte hin
öffnen wollte und strikt jede Zusammenarbeit mit der KPL ablehnte, und einem linken
Flügel, der am Bündnis mit den Gewerkschaften festhalten und auf kommunaler Ebe-
ne eine Zusammenarbeit mit der KPL nicht ausschließen wollte. 1968 hatte die LSAP
nach dem CSSR-Einmarsch die beiden letzten kommunalen Koalitionen mit der KPL
aufgelöst. Notwendige Neuwahlen gewann die KPL auf Kosten der LSAP.
Die Widersprüche in der LSAP führten schließlich 1970 zur Abspaltung der Sozialde-
mokratischen Partei (SDP), die mit der CSV kooperierte und sich 1984 auflöste. Mit
einem geschwächten rechten Flügel konnte die LSAP wieder auf Kosten der KPL Bo-

Parlamentswahlen: Ergebnisse der Linken 1974-2013


Partei 1974 1979 1984 1989 1994 1999 2004 2009 2013
Proz. Sitz Proz. Sitz Proz. Sitz Proz. Sitz Proz. Sitz Proz. Sitz Proz. Sitz Proz. Sitz Proz. Sitz
LSAP 26,99 17 22,52 14 31,75 21 26,21 18 25,41 17 22,36 13 23,50 14 21,69 13 19,32 13
SDP 10,08 5 6,37 5
KPL 8,77 5 4,86 2 4,37 2 4,40 1 1,68 0,92 1,49 1,45
DL/NL 0,68 3,32 1 1,88 3,31 1 4,50 2
LCR/RSP 0,44 0,19 0,17 0,21
PSI 2,02 1 2,43
GRAL 0,07
ALWI 0,68
Piraten 2,96
Grüne 4,20 2 4,76 2 9,92 5 9,08 5 11,57 7 11,69 7 10,30 6
GLEI 3,74 2
Gesamt 59 59 64 60 60 60 60 60 60
Die KPL kandidierte 2004 nur im Süden und Zentrum des, die NL 1994 im Süden, die LCR 1974-1984 im Süden und
Zentrum, die RSP 1989 im Süden, die PSI 1979 im Zentrum und die GRAL im Osten.
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den gut machen und überließ den Ortsverbänden die Entscheidung, ob sie mit ihr zu-
sammenarbeiten wollen oder nicht.
Die KPL verlor in den 1970er Jahren rasch an Einfluss und erzielte von 1979 bis 1989
nur noch Wahlergebnisse von 4 bis 5 Prozent. Eine Ursache dafür war der Niedergang
der Stahlindustrie und die Schließung der Eisenbergwerke. Von 1974 bis 1989 sank
die Zahl der Arbeiter in diesen Branchen, die die Hochburgen der KPL waren, von
23.000 auf 8.000. Erschwerend kam hinzu, dass die Sozialstruktur der luxemburgi-
schen Beschäftigten sich von denen der ausländischen zunehmend unterschied. Der
Anteil der ausländischen Arbeiter stieg stetig. 2013 waren nur noch 9 Prozent der lu-
xemburgischen Beschäftigten Arbeiter. In den Niedriglohnbereichen, im Handel, der
Gastronomie und im Dienstleistungsbereich arbeiteten vor allem Pendler und Migran-
ten. Nur im Öffentlichen Dienst sowie in den Gesundheits- und Sozialberufen wurden
noch überdurchschnittlich Luxemburger beschäftigt.
Der KPL gelang es – ebenso wie den anderen Parteien – nur unzureichend, Ausländer
zu organisieren. Viele blieben mit ihrem Heimatland verbunden und kehrten dorthin
zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zwischen der KPL und PCI vereinbart,
dass sich neue italienische Migranten in der PCI organisieren sollten. Dies erklärt, dass
1975 die luxemburgische Föderation der PCI 783 Mitglieder zählte, doppelt so viele
wie die KPL. Zur damaligen Zeit gab es auch Organisationen der portugiesischen und
spanischen KPs in Luxemburg.
Der KPL gelang es bis Mitte der 1980er Jahre ihre Mitgliederzahl zu erhöhen, indem
sie vor allem neue Schichten ansprach. Sie stieg bis 1984 auf etwa 750 an. Waren
1976 noch 72 Prozent der berufstätigen Parteitagsdelegierten Arbeiter waren es 1988
nur noch 43 Prozent. Der Frauenanteil stieg von 22 auf 36 Prozent. Die Abonnenten-
zahl der parteieigenen Zeitung vom Letzebuerger Vollek erhöhte sich bis Anfang der
neunziger Jahre.
Dass es der KPL nicht stärker gelang, in die neuen sozialen Schichten vorzudringen,
hatte auch mit wachsender Konkurrenz zu tun. Vor allem im Zentrum des Landes
konnte sich die Unabhängige Sozialistische Partei (PSI), eine Linksabspaltung der
LSAP, bei den Wahlen 1979 und 1984 zwischen LSAP und KPL platzieren. Zum glei-
chen Zeitpunkt entstanden die Grünen. Die anfangs dominierende linke Strömung ent-
stand aus Überresten der maoistischen Bewegung, ehemaligen Jungsozialisten und
undogmatischen Linken.
Der Zusammenbruch des osteuropäischen Staatssozialismus erschütterte die KPL be-
sonders stark, weil sie die Politik der Sowjetunion stets kritiklos unterstützt hatte. Sie
pflegte enge Beziehungen zur KPdSU und zur SED. Die KPL war eine regelmäßige
Nutznießerin des Solidaritätsfonds, den die osteuropäischen Regierungsparteien 1949
zur weltweiten Unterstützung kommunistischer und Arbeiterparteien eingerichtet hat-
ten. Bereits für 1951 wurden der KPL 20.000 Dollar bewilligt, für 1970 waren es
90.000 und für 1981 sogar 200.000 Dollar. Außerdem genoss sie gesonderte Unter-
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stützung durch die SED, etwa beim Bau einer Druckerei in den 1970er Jahren.
Ende 1990 zählte die KPL nur noch 420 Mitglieder. Relativ einmütig wurde im selben
Jahr eine Demokratisierung der Partei beschlossen. Aber über eine programmatische
Erneuerung zerstritt sich die Partei heillos. Bei den Kommunalwahlen 1993 halbierten
sich die Stimmenzahlen. Nachdem sich der dogmatische Flügel der Partei mehr und
mehr durchsetzte, trat eine Minderheit aus und gründete zusammen mit den Resten der
RSP und ehemaligen Jungsozialisten die Neue Linke (NL). Bei den Parlamentswahlen
im selben Jahr traten beide Parteien getrennt an. Sie erreichten weniger als die Hälfte
der Stimmen von 1989. Die KPL, die fast doppelt so viele Stimmen erhielt wie die
NL, konnte das verbliebene Mandat von 1989 nicht halten. Dies begünstigte eine Wie-
derannäherung, die 1999 zu gemeinsamen Kommunallisten und zur Gründung der
Linken (Déi Lénk, DL) führte. Hierbei handelte es sich um ein Personenbündnis, das
von der Neuen Linken und der KPL unterstützt wurde. Dadurch gelang es im selben
Jahr mit 3,3 Prozent ein Mandat im Parlament zu gewinnen.
2003 verließ die KPL das Bündnis, weil sie sich bei den Listenaufstellungen benach-
teiligt fühlte, büsste dabei aber eine Reihe ihrer Mitglieder ein. Bei einer getrennten
Kandidatur im gleichen Jahr, bei der die DL deutlich vor der KPL lag, ging das Parla-
mentsmandat wieder verloren. Erst 2009 konnte die DL mit 3,3 Prozent ein Mandat
gewinnen und 2013 ein zweites. Die KPL erzielte bei beiden Wahlen 1,5 Prozent,
ebensoviel wie den EU-Wahlen 2014 als die DL sich auf 5,8 Prozent verbesserte.
Bei den Kommunalwahlen 2005 konnten trotz aller Bemühungen der DL keine ge-
meinsamen Listen aufgestellt werden. Die KPL, die kein Mandat gewann, zeigte sich
befriedigt, das durch die getrennte Kandidatur auch alle Mandate der DL bis auf eins
in Esch verloren gingen. 2011 schafften es beide Parteien in Gemeinderäte einzuzie-
hen, die KPL mit drei und die Linken mit neun Mandaten.
Der DL ist es gelungen, neue Wählerschichten zu erschließen. Während die KPL ihre
Mandate nur in den alten Standorten von Eisenindustrie und -bergbau gewinnt, erzielte
die auf über 600 Mitglieder angewachsene DL in der Hauptstadt einen Stimmenanteil,
der an die besten Ergebnisse der KPL in der Vergangenheit ranreichte.

Die Linken Geschichte: Der Gründungskongress der Par-


Déi Lénk (DL) / La Gauche tei Die Linken fand am 31. Januar 1999 statt.
Adresse: 63, bvd de la Pétrusse, L-2320 Lu- Es handelte sich am Anfang um eine Wahlpar-
xemburg. tei, die von der KPL und der Neuen Linken
B.P. 817, L-2018 Luxemburg. (Nei Lénk, NL) geschaffen wurde. Die ge-
Tel.: +352-26202072, Fax: +352-26202073. trennten Kandidaturen bei den Parlaments-
E-Mail: info@dei-lenk.lu. wahlen 1994 hatten gezeigt, dass nur gemein-
Internet: www.dei-lenk.lu. sam Mandate errungen werden könnten. 1999
glückte der Einzug mit einem Abgeordneten
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in die Abgeordnetenkammer. Im April 2003 mann (ehem. Abgeordneter), Guy Foetz,


gab die KPL den Rückzug aus der DL be- Frank Jost, Murray Smith.
kannt, weil sie nicht damit einverstanden war, Organisationsstruktur: Obwohl die DL bei
dass die DL mehr und mehr Aufgaben der ihrer Gründung mehrere Parteien zusammen-
Gründerparteien übernahm und sie befürchte- führte, war sie von Anfang an eine Mitglie-
te, bei der Kandidatenaufstellung benachteiligt derpartei, deren Mitglieder aber auch anderen
zu werden. Der Kongress der DL hatte den Parteien angehören konnten. Die Leitung und
KPL-Vorschlag abgelehnt, die DL in ein Par- die Abgeordneten waren nur den Mitgliedern
teienbündnis umzuwandeln. und nicht den beteiligten Parteien rechen-
Das Ergebnis war, dass beide Parteien bei den schaftspflichtig.
Parlamentswahlen 2004 leer ausgingen und Der jährliche Kongress, an dem alle Mitglie-
die DL 2005 nur ein kommunales Mandat ret- der stimmberechtigt teilnehmen können, wählt
ten konnte. eine nationale Koordination, die wiederum ein
Die Auseinandersetzungen um die EU-Verfas- Koordinationsbüro wählt, das Sprecher be-
sung (Referendum 2005), um die Liberalisie- nennen kann.
rung des Arbeitsmarktes und um die Finanz- Die gewählten Vertreter in den nationalen und
krise verbesserten das Klima für die DL, die kommunalen Parlamenten überlassen nach der
bei den Parlamentswahlen 2009 einen Sitz im Hälfte der Legislaturperiode ihre Plätze den
Südbezirk errang. Dies führte zu einem Auf- Nachrückern.
schwung der Linken, der sich nicht nur in ei- Mitglieder: Die DL zählte 2000 etwa 250
nem starken Zuwachs an Mitgliedern aus- Mitglieder. 2008 waren es noch 150. Nach
drückte sondern 2011 auch zu einem Durch- dem Wahlerfolg 2009 kletterte die Zahl auf
bruch bei den Kommunalwahlen führte. 2013 391 im Jahr 2010 und 588 im Jahr 2013.
gelang es auch im Zentrumsbezirk ein Parla- Unterorganisationen: Junge Linke (Jonk
mentsmandat zu erringen. Lénk).
Politische Ausrichtung: Da in der Linken Medien: Seit 1993 erscheint die elektronische
verschiedene Strömungen zusammenarbeiten Zeitung d'Goosch.
wirkt sie nicht auf Grundlage einer einheitli- Internationale Kooperation: Die Linken sind
chen Ideologie sondern beschränkt ihre Pro- Mitglied der Europäischen Linken. Gleichzei-
grammatik auf allgemeine Prinzipien und tig nahmen sie an Treffen der Europäischen
konkrete Reformvorhaben. DL beschreibt sich Antikapitalistischen Linken teil.
als "soziale, demokratische, antikapitalistische
Bewegung, die sich für eine gerechte Gesell- Kommunistische Partei
schaft einsetzt". Ihre Ziele: "eine Umvertei- Luxemburgs
lung des Reichtums und ein gerechter Zugang
Kommunistesch Partei Lëtzebuerg / Parti
zu Ressourcen; der Kampf gegen Diskriminie-
Communiste Luxembourgeois (KPL/PCL)
rung in allen Formen; der Ausbau der sozialen
Adresse: 2, rue Zénon Bernard, L-4030 Esch-
Sicherheit und damit die Ausrottung der Ar-
sur-Alzette.
mut; eine ökologisch nachhaltige Gesellschaft;
B.P. 403, L-4005 Esch-sur-Alzette.
Demokratie in allen Bereichen und auf allen
Tel.: +352- 44606621, Fax: +352-44606666.
Ebenen sowie Transparenz in der politischen
E-Mail: kpl@zlv.lu.
Entscheidungsfindung."
Internet: www.kp-l.org.
Leitung: Carole Thoma (Sprecherin 2016),
Geschichte: Die KPL entstand am 2. Januar
Gary Diderich (Sprecher 2016), Marc Baum
1921 als die Mehrheit der Parteitagsdelegier-
(Abgeordneter), David Wagner (Abgeordne-
ten der SPL einen sofortigen Beitritt zur Kom-
ter), Serge Urbany (ehem. Abgeordneter), Ju-
intern abgelehnte. Die Repression des Staates
tin Turpel (ehem. Abgeordneter), André Hof-
vor allem gegen die ausländischen Mitglieder
11

und eine sektiererische Politik bewirkten, dass (Kassiererin), Christoph Bartz, Zénon Ber-
die Mitgliedschaft bis Mitte 1934 auf 88 Per- nard, Uli Brockmeyer, Steve Richer.
sonen fiel. Der Kampf gegen den Faschismus Historische Führungspersonen: Zénon Ber-
und der Schwenk zur Volksfrontpolitik führ- nard, Jean Bukovac, Joseph Grandgenet, Jean
ten zu einem schnellen Anstieg der Mitglie- Kill, Jean-Pierre Lippert, Charles Marx, Nico-
derzahlen. 1934 wurde der erste Abgeordnete las Moes, Eduard Reiland, Jéhann Steichen,
gewählt (dem die Parlamentsmehrheit das Dominique Urbany, René Urbany, Arthur
Mandat entzog) und Sitze in den Kommunal- Useldinger
parlamenten von Esch, Rümelingen und Sas- Organisationsstruktur: Die KPL ist nach
senheim gewonnen. Der Sieg beim Referen- den Prinzipien des demokratischen Zentralis-
dum über ein Gesetz zum Verbot der KPL mus aufgebaut. Delegiertenkongresse finden
vergrößerte ihren Spielraum weiter. in der Regel alle drei Jahre statt. Sie wählen
Der Widerstand, den sie während der deut- ein 18-köpfiges Zentralkomitee, das wiederum
schen Besatzung (1940-1944) leistete, sowie ein siebenköpfiges Exekutivkomitee wählt.
das Prestige der Sowjetunion erhöhten das Mitglieder:
Ansehen der KPL enorm. Sie gewann über Jahr Mitgl. Jahr Mitgl.
4.000 Mitglieder und erzielte bei den Wahlen 1921 350 1965 300
1945 5 Mandate. Bis 1947, als der Kalte Krieg 1930 106 1976 400
begann, war sie Teil einer Regierung der Na- 1936 325 1984 750
tionalen Einheit. Bis Anfang der 1960er Jahre 1939 410 1990 420
sank ihre Mitgliederzahl auf 300 bis 400 Mit- 1945 4.200 1997 300
1950 1.150 2009 180
glieder. Dann kam es zu einer kurzfristigen
1956 600 2012 150
Blütezeit der Partei mit ihrem bislang besten
Wahlergebnis 1968 und einem Anstieg der
Beeinflusste Organisationen: Luxemburgi-
Mitgliederzahlen bis in die Mitte der 1980er
sche Frauenunion (Union des Femmes Lu-
Jahre. Der Partei gelang es außerhalb des Ar-
xembourgeoises; UFL) und Luxemburger
beitermilieus stärker Fuß zu fassen, aber der
Rentner- und Invalidenverband (LRIV). Die
Abbau der Stahlindustrie, die Ausweitung des
Kommunistische Jugend Luxemburgs (Jeu-
Dienstleistungsbereichs, der vor allem Grenz-
nesse Communiste Luxembourgeoise; JCL) ist
gänger beschäftigt, und der Zusammenbruch
eine Unterorganisation der Partei.
des sozialistischen Lager stürzten die Partei in
Medien: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek
eine Dauerkrise.
(Tageszeitung).
Politische Ausrichtung: Die KPL ist eine
Internationale Kooperation: Die KPL
marxistisch-leninistische Partei, die sich stets
nimmt an den jährlichen internationalen Tref-
an der Politik der KPdSU orientierte. Obwohl
fen der kommunistischen Parteien teil, steht
die KPL bereits in den fünfziger Jahren die
der politischen Linie der griechischen KKE
Diktatur des Proletariats aus dem Programm
nahe und unterhält besonders enge Beziehun-
strich und sie kommunalpolitisch einer eher
gen zu den benachbarten Parteien DKP
pragmatische Linie verfolgte, grenzte sie sich
(Deutschland), NCPN (Niederlande) und PTB
vehement vom Eurokommunismus ab. Mit
(Belgien). Sie war früher Mitglied der Komin-
dem Zusammenbruch des Realsozialismus
tern und orientierte sich nach deren Auflösung
kam es zu einer kurzfristigen Öffnung der Par-
an der Politik der KPdSU.
tei, der aber nach Austritten von Kritikern der
Bündnispartner: Die KPL lehnt seit dem
alten Linie schrittweise eine Rückkehr zu dog-
Rückzug aus der DL Bündnisse mit anderen
matischen Positionen folgte.
Parteien ab.
Leitung: Ali Ruckert (Peräsident), Gilbert Si-
monelli (stellv. Präsident), Marceline Waringo
12

Andere radikale linke Parteien Zu den FDS-Mitgliedern gehörten u.a. Robert Me-
dernach, Charles Krier, Mariette Krier, Thers Bodé,
und Gruppen Lucien Blau und Jean-Claude Reding. Viele Mit-
Die Kommunistische Organisation Luxemburg glieder beteiligten sich an der Gründung der Grü-
(KOL) ist eine maoistische Gruppe, die am 3. Janu- nen.
ar 1987 gegründet wurde. Sie gehört zur maoisti- Die Grün-Alternative Allianz (GRAL) entstand
schen Internationalen Konferenz Marxistisch-Leni- nachdem sieben Mitglieder, die der Tendenz Anto-
nistischer Parteien und Organisationen (ICMLPO). nio Gramsci angehörten, 1988 von den Grün-
Die Gruppe Roter Fuchs – Marxisten-Leninisten Alternativen ausgeschlossen wurden. Sie kandidierte
Luxemburgs (Roude Fiisschen – Marxisten- 1989 im Wahlbezirk Osten und zu den Europawah-
Leninisten zu Lëtzebuerg) entstand am 4. August len, bei der sie knapp ein Prozent der Stimmen er-
2004 nachdem drei Mitglieder aus der KPL ausge- rang. Eine treibende Kraft war Gilbert Grosbusch.
schlossen worden waren (Jean-Marie Jacoby, Ali Die Gruppierung für den Selbstverwaltungssozi-
San , Robert Medernach). alismus (Groupement pour le Socialisme Auto-
gestionnaire; GSA) entstand 1976 und gab bis 1978
lénks-offensiv heraus. Führungsmitglied: Jean Huss.
Mitte-Links-Parteien
Der Kommunistische Bund Luxemburg (Kom-
Die Grünen (Déi Gréng/Les Verts) enstanden 1983 munistesche Bond Lëtzeburg; KBL) entstand im
als Die Grünen Alternativen (Déi Gréng Alternativ). Januar 1972 aus der GSR. Der KBL orientierte sich
1985 spaltete sich die liberal-grünen Grüne Liste - an der Politik der KP Chinas und war verbündet mit
Ökologische Initiative (Gréng Lëscht Ekologesch dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands.
Initiativ; GLEI) ab. Nach der Wiedervereinigung 1972 und 1975 kam es zur Abspaltung der KGL und
1995 wurde die Partei in Die Grünen umbenannt. der KOL/ML, die stärker an der VR China ausge-
richtet waren. Die KOL/ML kehrte 1978 in den
Die Luxemburger Sozialistische Arbeiterpartei KBL zurück. Der KBL war 1979 maßgeblich am
(Lëtzebuerger Sozialistesch Aarbechterpartei/Parti Zustandekommen einer Alternativen Liste – Wehrt
Ouvrier Socialiste Luxembourgeois; LSAP) ist die Euch beteiligt. Im Mai gründete die Mehrheit der
sozialdemokratische Partei des Landes. Sie entstand KBL-Mitglieder die Organisation Für den Sozialis-
1903 als Sozialdemokratische Partei Luxemburgs mus. Der Rest des KBL unter dem Sekretär Charles
(SDP) und wurde 1917 als Sozialistische Partei Lu- Doerner stellte Ende des Jahres seine Aktivitäten
xemburgs (SPL) wieder gegründet. 1924 wurde sie ein.
in Arbeiterpartei Luxemburgs (APL) umbenannt Der KBL gab die 1971 gegründete Rote Fahne her-
und erhielt 1946 ihren heutigen Namen. aus, die in Roude Fändel (1977-1980) umbenannt
Die Piratenpartei Luxemburg (Piratepartei Lëtze- wurde.
buerg) entstand 2009 und verfehlte 2013 den Einzug Führende Mitglieder waren Charles Doerner, Jean
in die Abgeordnetenkammer. Heisbourg, Robert Medernach, Lucien Blau, Thers
Bodé.
Die Kommunistische Gruppe Luxemburg (KGL)
Historische Parteien und Bündnisse entstand im September 1972 aus einer Abspaltung
des KBL. Sie war stärker an China ausgerichtet und
Die Alternative Liste – Wehrt Euch (Alternativ orientierte sich an der deutschen KPD. Sie organi-
Lëscht – Wiert Iech; ALWI) war eine Wahlliste, die sierte vor allem portugiesische Migranten. Füh-
1979 antrat und vom KBL und einem Teil des rungsperson war Al Goergen. Die KGL löste sich
SOAK initiiert worden war. Sie war ein Vorläufer vermutlich 1976 auf.
der Grün-Alternativen Partei.
Die Kommunistische Organisation Luxemburgs/-
Die Organisation Für den Sozialismus (Fir de So- Marxisten-Leninisten (KOL/ML) spaltete sich
zialismus; FDS) entstand im Mai 1980 nach der Ab- 1975 vom KBL ab. Sie vertrag stärker Positionen
spaltung von zwei Drittel der KBL-Mitglieder. Ihr der KP Chinas und befürwortete ein Bündnis mir
Ziel war ein Selbstverwaltungssozialismus. Sie gab der politischen Rechten gegen die Sowjetunion. Im
1981-1982 die Zeitschrift Theorie a Praxis heraus. Sommer 1978 kehrte sie zum KBL zurück. Sie gab
13

1975-76 die Marxistisch-leninistischen Blätter her- und dem CLS. Er publizierte die Zeitung d'Alterna-
aus. Führende Mitglieder waren Charles Krier und tiv 1978 und 1979. Anfang 1979 spaltete sich die
Albert Ettinger. Gruppe. Ein Teil des SOAK unterstützte das Wahl-
bündnis ALWI. Die Mehrheit gründete den Verein
Die Neue Linke (Nei Lénk) wurde am 12. März Die Alternative (d'Alternativ) der die gleichnamige
1994 gegründet, nachdem sich ein Teil des Erneue- Zeitschrift in d'Perspektiv umbenannte und bis 1986
rerflügels der KPL um André Hofmann und Serge herausgab. Die meisten Mitglieder waren 1983 an
Urbany am 12. Januar 1994 von der KPL getrennt der Gründung der Grün-Alternativen beteiligt. Als
hatte. 100 Personen hatten die Gründungserklärung Redakteure der Alternativ wurden im Februar 1978
unterschrieben. Der NL schlossen sich ebenfalls die folgende Personen aufgeführt: Jean Huss, R. Wage-
verbliebenen Mitglieder der RSP an. Mitgliedern ner, Jules Housse, M. Goedert, F. Mahnen, Viviane
der NL gaben die Zeitschrift Paroles heraus. Huss-Kremer, Henry Breier, Jean Langers, Jean
Die orthodox-kommunistische Radikale Linke Claude Reding.
(Radikal Lénk/Gauche Radicale; GRAL) entstand Die Sozialistische Opposition (SO) entstand 1939
Anfang der 1990er aus der Grün-Alternativen Alli- am linken Flügel der APL und vereinbarte mit der
anz. Sie nahm an den internationalen Seminaren der KPL für die geplanten Parlamentswahlen vom Juni
belgischen PTB teil und schloss sich der KPL an. 1940 gemeinsame Listen aufzustellen. Sie gab ab
Vertreter: Robert Medernach. Januar 1940 die Sozialistischen Blätter heraus. Zur
Die Revolutionäre Sozialistische Partei (Revoluti- SO gehörten Georges Ehrmann, Arnold Keiffer, Jos.
onär Sozialistesch Partei; RSP) entstand als Revolu- Michels, Nic. Moes, Guillaume Ruppert und Jean
tionäre Kommunistische Liga (Ligue Communiste Wolter. Ein Teil der SO-Mitglieder war nach dem
Révolutionnnaire; LCR) im September 1970 und Krieg in der KPL aktiv.
wurde im Dezember 1984 umbenannt. Sie war Die Sozialistische und Revolutionäre Linke (Gau-
trotzkistisch und gehörte der 4. Internationalen che Socialiste et Révolutionnaire; GSR) entstand im
(USFI) an. Vorläufer war eine Gruppe, die seit Ende Dezember 1969 durch Umbenennung der Allgemei-
der 1960er Jahre bestand und innerhalb der nen Vereinigung der Luxemburgischen Studieren-
ASSOSS und der GSR aktiv war, von der sie sich den (Association Générale des Etudiants Luxem-
1970 abspaltete. Sie gab ab 1970 die Zeitung Klas- bourgeois; ASSOSS; gegr. 1912), in der linksradi-
senkampf (ab 1985 bis 1992 Sozialistesch Aktioun) kale Strömungen die Mehrheit erringen hatten. Die
heraus. Die RSP zählte 1985 27 Mitglieder und GSR wurde im März 1970 zu einer allgemeinpoliti-
1995 noch 15. Sie kandidierte seit 1974 erfolglos schen Organisation, von der sich im September die
bei Wahlen, schloss sich 1994 der NL an und löste trotzkistische LCR abspaltete. Die verbliebene ma-
sich im Januar 1999 in der DL auf. Führende DL- oistische Mehrheit gründete im Januar 1972 den
Mitglieder wie Justin Turpel, Antoine Jost und KBL.
Thérèse Gorza gehörten der RSP an. Der CLAN, die Schülerorganisation der ASSOSS
Zur LCR zählten Robert Engel, André Kremer, Gas- und der GSR, gab, gefolgt von der Jugendorganisa-
ton Kremer, Jean-Pierre "Jhemp" Lulling, Robert tion des KBL, 1970-73 die Zeitschrift D'Ro'd Wull-
Mertzig, Marc Reckinger und Joseph Wirth. maus heraus. Die GSR publizierte die Rote Fahne.
Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) Sozialistisches Verbindungszentrum (Centre de
entstand Ende 1905 als Linksabspaltung der Sozial- liaison socialiste; CLS). Publizierte 1977 die Revue
demokratischen Partei. Führende Personen waren Socialiste.
Jean Schaack-Wirth, Jacques Thilmany, François
Merens und Georges Droessart. Die SDAP kritisier- Die Unabhängige Sozialistische Partei (Parti So-
te den Parlamentarismus der SDP und die geringe cialiste Indépendant) wurde vom Abgeordneten Jean
Beachtung der Gewerkschaften. Am 24 März 1912 Gremling 1979 gegründet, nachdem es ihm gelun-
wurden beide Parteien wiedervereint. gen war, mit seiner Liste Jean Gremling – Socia-
listes Indépendants sein Abgeordnetenmandat zu
Der Sozialistische Arbeitskreis (Cercle de travail verteidigen. Gremling war im Dezember 1978 aus
socialiste, Sozialisteschen Aarbechtskrees; SOAK) der LSAP ausgeschlossen worden. Nachdem es der
entstand Ende 1977 aus dem Zusammenschluss von linkssozialistischen PSI 1984 nicht gelang, ein Man-
Jungsozialisten (denen im Februar 1978 mit Aus- dat zu gewinnen, stellte sie spätestens 1988 ihre Ak-
schluss aus der LSAP gedroht wurde), dem GSA tivitäten ein.
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