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HERDER spektrum

Band 5899

Das Buch

Der Klimawandel ist da, und die Verunsicherung wächst. Sind die heißen
Sommer und milden Winter nur die Vorboten einer größeren globalen Um-
wälzung? Werden die Alpen bald gletscherfrei sein? Und was bedeutet es
überhaupt, dass sich das Klima verändert? Der renommierte Klimaforscher
Hartmut Graßl klärt auf über den Einfluss des Menschen auf das Klima und
zeigt, worin sich der Klimawandel von klimatischen Veränderungen in der
Erdgeschichte unterscheidet. Er informiert über die ökologischen und öko-
nomischen Auswirkungen des Klimawandels. Und er geht der Frage nach,
wie wir dem Klimawandel begegnen können. Knebelt das Kioto-Protokoll
die Wirtschaft? Können wir aktiv ins Klimasystem eingreifen? Welche Ver-
antwortung fällt den Industrienationen zu? Und können erneuerbare Ener-
gien unsere Energieversorgung jemals garantieren? – Das Wichtigste zum
Thema Klimawandel.

Der Autor

Hartmut Graßl, Professor em. der Universität Hamburg, geb. 1940, leitete
von 1994 bis 1999 das Weltklimaforschungsprogramm der UN in Genf. Von
1989 bis 1994 und von 1999 bis 2005 war Graßl Direktor am Max-Planck-
Institut für Meteorologie in Hamburg.
Hartmut Graßl

Was stimmt?
Klimawandel
Die wichtigsten Antworten
© Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2009
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung und -konzeption:
R·M·E München / Roland Eschlbeck, Liana Tuchel
Umschlagmotiv © IFA-Bilderteam
Satz: fgb · freiburger graphische betriebe
Herstellung: fgb · freiburger graphische betriebe
www.fgb.de
Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany
ISBN: 978-3-451-05899-8
Inhalt
1. Einleitung 9

2. Klimawandel – die Herausforderung 13


für unser Jahrhundert
»Dass es einen vom Menschen verursachten
Klimawandel gibt, ist nicht belegt«
Stand der Forschung 13
»Wer Wetter über Wochen nicht vorhersagen kann,
sollte keine Klimavorhersagen machen!«
Klimavorhersagen müssen nur die Statistik
des Wetters treffen 17

3. Einfluss des Menschen 19


»Das Klima hat sich immer geändert«
Wir leben in einem Klimazustand ohne Analogie
in der (jüngeren) Erdgeschichte 19
»Die Sonne macht’s!«
Die Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte
stammt nicht von der Sonne 23
»Die CO2-Absorption ist bereits gesättigt«
Der Mythos von der Sättigung 27
»Der Klimawandel ist Folge der Luftverschmutzung«
Die Luftverschmutzung hat die mittlere globale
Erwärmung bisher gebremst 31
»Der Klimawandel ist Folge des Ozonlochs«
Die Ozonzunahme in der unteren Atmosphäre
ist stärker klimaändernd als das Ozonloch 37

INHALT 5
4. Auswirkungen des Klimawandels 43
»Eine wärmere Welt ist eine grünere«
Manche bekommen mehr Niederschlag, viele weniger 43

»Erhöhter Kohlendioxidgehalt erhöht die Ernten«


Die »Düngung« durch Kohlendioxid ist nur
teilverstanden 50

»Der Golfstrom reißt ab«


Wird Europa kälter, obwohl die Welt sich erwärmt? 57

»Die Alpen sind bald gletscherfrei«


Bergregionen reagieren besonders empfindlich 61

»Marschniederungen und Megastädte an den Küsten


werden überschwemmt«
Die kommenden Jahrzehnte entscheiden über die
Existenz der Küstenstädte in Jahrhunderten 63

»Wetterextreme werden überall zunehmen«


Eine der größten Bedrohungen durch den
Klimawandel 68

»Klimaschutz verursacht eine wirtschaftliche


Rezession«
Vorsorgen ist billiger als Schäden beseitigen 74

5. Wie weiter angesichts des Klimawandels? 77


»Das Kioto-Protokoll knebelt die Wirtschaft«
Chancen und Probleme einer internationalen
Klimapolitik 77

»Klimapolitik richtet sich gegen die


Entwicklungsländer«
Möglichkeit zur Stimulation der Entwicklung 89

»Wenn China und Indien weiter so wachsen,


ist Klimawandel unvermeidbar«
Für die kommenden Jahrzehnte ist der Klimawandel
durch die Industrieländer vorprogrammiert 92

6 INHALT
»Bewusstes Eingreifen in das Klimasystem könnte
eine Lösung sein«
Geoengineering – Manipulation bei Halbwissen 95
»Erneuerbare Energien können die Energieversorgung
nie garantieren!«
Die Physik gibt der Sonne die Vorfahrt 99

6. Der Weg in das Zweite Solarzeitalter 109


»Energiesparen bringt nichts«
Energieeffizienz und Erneuerbare Energien sind
die Lösung 109
»Die Ökosteuer will uns nur abzocken«
Das Verursacherprinzip durchsetzen 113
»Ohne Erdöl ist unsere Energieversorgung am Ende«
»Peak oil« als Chance für den Klimaschutz 118
»Die Entwicklungsländer sollen sich zurückhalten«
Die globale Verantwortung der Industrieländer 122

Anhang
Ausgewählte Literatur 128

INHALT 7
1

Einleitung
D as Klima einer Region bestimmt, ob wir Men-
schen in ihr in größerer Zahl leben können. Denn
Klima: Zentraler
Überlebens-
die drei wichtigsten Klimaparameter, nämlich Ener- parameter
gie von der Sonne, Wolken sowie das aus ihnen fal-
lende Wasser und die Eigenschaften der Vegetation
sind auch die wichtigsten Überlebensparameter für
uns. Ohne wärmende Sonne, ohne Süßwasser und
ohne die von den Pflanzen gebildete Nahrung gibt
es für uns keinen Lebensraum auf dem Land. Weil
die verschiedenen Teile der Erde – Atmosphäre,
Vegetation, Boden, Gestein und Ozean – ständig
aufeinander einwirken, gibt es aber auch trotz der
fast unveränderlichen Größe unseres Planeten und
einer langfristig stabilen mittleren Bahn um die
Sonne kein stabiles Klima. Wir sagen, die Klima-
variabilität ist groß. Auf einen heißen Sommer
kann ein kalter oder milder Winter folgen, ein gan-
zes Jahrzehnt kann viel nasser als das vorher
gehende sein. Wo dieses Jahr das Getreide z. B. not-
reif wird, stand es vielleicht voriges Jahr im Wasser.

Im Vergleich zu den erdähnlichen Planeten Mars Erdatmosphäre


und Venus besticht unser Planet durch eine völ- als Besonderheit
lig anders zusammengesetzte Atmosphäre. Wäh-
rend auf den Nachbarplaneten Kohlendioxid
über 90 Prozent aller Moleküle der Atmosphäre
ausmacht, sind es in der Erdatmosphäre in
Zwischeneiszeiten wie dem aktuellen Holozän
nur 0,03 Prozent, in Zeiten intensiver Vereisung
gar nur 0,02 Prozent. Wasserdampf fehlt auf

EINLEITUNG 9
Venus und Mars fast völlig, in der Erdatmosphäre
ist er aber im Mittel mit drei Promille (0,3 Pro-
zent) an der Atmosphärenmasse beteiligt.

Spurenstoffe Eine zweite Besonderheit lautet: 99,96 Prozent


dominieren den der trockenen Luft, nämlich Stickstoff, Sauerstoff
Strahlungs- und das Edelgas Argon, absorbieren sowohl Son-
haushalt nenenergie als auch die von der Erdoberfläche
abgestrahlte Wärme kaum oder gar nicht, so dass
Spurenstoffe über die zur Erdoberfläche vordrin-
gende Sonnenenergie und die Abstrahlung von
Wärme in den Weltraum entscheiden. Alle diese
Stoffe zusammen – Wasserdampf, flüssiges Was-
ser und Eis der Wolken, Schwebeteilchen, Koh-
lendioxid, Ozon, Distickstoffoxid (Lachgas), Me-
than und Kohlenmonoxid – machen insgesamt
nur etwa drei Promille der Atmosphärenmasse
aus, und dennoch wird der Strahlungshaushalt
unseres Planeten von ihnen dominiert.

Einfluss des Über veränderte Spurenstoffkonzentrationen in


Menschen der Atmosphäre hat somit die Menschheit die
Möglichkeit, zum globalen Klimamacher zu wer-
den. Verdoppeln wir zum Beispiel den Kohlendio-
xidgehalt von 280 Millionstel Volumenanteilen
vor der Industrialisierung (ppm =part per mil-
lion) auf 560 ppm, erhöhen wir die Temperatur an
der Erdoberfläche um etwa 3°C (IPCC, 2007).
Gleichzeitig haben wir den Sauerstoffgehalt der
Atmosphäre nur von 20,95 auf etwa 20,92 Prozent
– also für uns unmerkbar – verringert.

Beschleunigung 3°C mittlere Erwärmung an der Erdoberfläche ist


der Temperatur- sicher mehr als die Hälfte des Temperaturunter-
zunahme schieds zwischen intensiver Vereisung – der skan-

10 EINLEITUNG
1
dinavische Eiskuchen hat dann Norddeutschland
erreicht – und dem wärmsten Abschnitt unserer
Zwischeneiszeit vor ca. 6000 Jahren, als es im
Mittel um etwa 1°C wärmer war als vor der In-
dustrialisierung. Da wir ohne Maßnahmen zur
Minderung der Emissionen von langlebigen Spu-
rengasen wie Kohlendioxid, Lachgas und Methan
die Verdoppelung des äquivalenten Kohlendioxid-
gehaltes noch im 21. Jahrhundert leicht erreichen
könnten, wäre damit in ein Jahrhundert gedrängt,
was sonst schnellstens in einigen Jahrtausenden
abläuft. Es ist die Beschleunigung der Temperatur-
änderungen, die zum zentralen Problem gewor-
den ist und uns in einen Zustand ohne Analogie in
der Klimageschichte manövriert hat. Vom äquiva-
lenten Kohlendioxidgehalt kann man sprechen,
weil die Wirkung anderer Gase auf den Strah-
lungshaushalt im Vergleich zu Kohlendioxid zu-
verlässig berechnet werden kann und weil auch
ihre Verweildauer in der Atmosphäre mit Fehlern
weit unter zehn Prozent bekannt ist. Damit kann
man ihre Erwärmungswirkung relativ zum Koh-
lendioxid mit geringen Fehlern berechnen.

Am Beginn der neueren globalen Debatte über Probleme der


Klimaänderungen durch den Menschen vor ca. 25 Kommunikation
Jahren gab es weltweit nur sehr wenige Wissen-
schaftler, die auf Grund ihrer Ausbildung die
Größe des Problems einschätzen konnten. Ihnen
schlug Ablehnung aus der eigenen und anderen
Disziplinen entgegen. Entscheidungsträger woll-
ten sie in die Ecke der »Scharlatanerie« stellen.
Bestenfalls erhöhte man den Forschungsetat und
wollte erst handeln, wenn harte Fakten vorlägen.

EINLEITUNG 11
Diese bekommt man aber bei der Erforschung der
Zusammenhänge auf der Erde nie in der Güte, wie
man sie für einzelne Parameter in technischen
Systemen kennt. Deshalb werden – wie bei allen
großen Themen, die ein verändertes politisches
Verhalten erzwingen – meist harmlose und leicht
widerlegbare Stammtischparolen verbreitet oder
gezielt wissenschaftliche Befunde unterminiert.

Versagen der Hinzu kommt der häufige Missbrauch oder das


Medien Versagen der Medien bei komplexen Themen des
globalen Wandels. Als Wissenschaftler mit eige-
ner Forschungserfahrung auf dem Gebiet Strah-
lungstransport in der Atmosphäre und Wirkung
von Gasen und Schwebeteilchen (Aerosole) in der
Luft ist mir die Kluft zwischen einschätzbarem
Wissen und Darstellung in der Öffentlichkeit
wohl bekannt. Sie wird umso größer, je bedeuten
der das Thema ist. Also sollte diese Kluft bei dem
von uns Menschen verursachten Klimawandel
besonders groß sein. Bei geringem Niveau oder
fehlenden institutionellen Strukturen der Bera-
tung durch Wissenschaftler reicht sie bis in die
Riege der Staatspräsidenten. Aber auch politisch
recht unabhängige Medien können oft nicht zwi-
schen solidem wissenschaftlichen Ergebnis und
von Interessengruppen gesteuerter Fehlinforma-
tion oder Übertreibung der noch bestehenden
Unsicherheiten unterscheiden. Viele politisch ge-
lenkte Medien arbeiten dabei gezielt selektiv.

Jetzt, im Jahr 2007, hat das größte Problem für die


Menschheit im 21. Jahrhundert die obersten Ränge
der Politik erklommen, der G8-Gipfel im Juni 2007
in Heiligendamm wurde davon beherrscht.

12 EINLEITUNG
2

Klimawandel – die
Herausforderung für
unser Jahrhundert
»Dass es einen vom Menschen verursachten
Klimawandel gibt, ist nicht belegt«
Stand der Forschung

W ohl keine andere Disziplin durchläuft einen


so rigorosen, weltweiten wissenschaftlichen Be-
Keine Disziplin
bewertet
wertungsprozess durch die Vereinten Nationen rigoroser
wie die Forschung zu Klima und Klimawirkung.
Mit der Einrichtung des Zwischenstaatlichen
Ausschusses über Klimaänderungen im Novem-
ber 1988 durch zwei Einrichtungen der Verein-
ten Nationen, nämlich die Weltorganisation für
Meteorologie (WMO) in Genf und das Umwelt-
programm der Vereinten Nationen (UNEP) in
Nairobi, wurde eine beispiellose Bewertung ent-
wickelt. Als Autoren und Beitragende umfasst sie
bisher fast alle herausragenden Wissenschaftler
in vielen Teildisziplinen und über die Nennung
potentieller Autoren und Gutachter für Teilkapi-
tel werden auch Regierungen beteiligt. Zudem
wird die Zusammenfassung der Bewertungs-
infrastruktur im Konsens aller teilnehmenden
Nationen Satz für Satz absegnet. Nur dadurch

KLIMAWANDEL – DIE HERAUSFORDERUNG 13


gibt es die UN-Rahmenkonvention über Klima-
änderungen, das zugehörige völkerrechtlich ver-
bindliche Kioto Protokoll und Verhandlungen
über ein völkerrechtlich verbindliches Anschluss-
protokoll für die Zeit nach 2012.

Globale Die Arbeitsgruppe I »Klimawissenschaft« des


Erwärmung Zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaän-
derungen (Intergovernmental Panel on Climate
Change, IPCC) hat am 2. Februar 2007 ihren vier-
ten bewertenden Bericht in folgender Weise für
Entscheidungsträger zusammengefasst: »Es gibt
ein sehr hohes Zutrauen in die Aussage, dass der
global gemittelte Nettoeffekt aller Aktivitäten
der Menschheit seit 1750 eine Erwärmung ist,
mit einem Strahlungsantrieb zu Klimaänderun-
gen von +1,6 (+0,6 bis + 2,4) Wm2.«

Der Strahlungsantrieb ist ein Maß für den


Einfluss eines Klimafaktors auf die Balance
zwischen einfallender und abgestrahlter
Energie des Erd/Atmosphäre-Systems.
Er ist ein Hinweis auf die Bedeutung eines
bestimmten Faktors als potentieller Mecha-
nismus zu Klimaänderungen. Hier wird mit
dem Klimazustand vor der Industrialisie-
rung verglichen; die Angaben erfolgen in
Strahlungsflussdichten, also Energie pro
Zeit- und Flächeneinheit, daher Watt pro
2
Quadratmeter (Wm ).

Beigetragen haben dazu vor allem die erhöhte


Konzentration von Kohlendioxid, das gegenwär-
tig 77 Prozent des Zuwachses für den zusätz-

14 KLIMAWANDEL – DIE HERAUSFORDERUNG


2
lichen Treibhauseffekt ausmacht. Aber auch Me-
than und halogenisierte Kohlenwasserstoffe,
z. B. Fluorchlorkohlenwasserstoffe, sowie Lach-
gas sind von Bedeutung. Gedämpft wird der
positive Nettostrahlungsantrieb durch die in vie-
len Industrie- und Entwicklungsländern erhöhte
Lufttrübung, weil sie zur stärkeren Rückstreuung
von Sonnenenergie in den Weltraum führt.

Wegen der Komplexität des Klimas sind für die Offene Fragen
Wissenschaft noch viele Fragen offen. Wegen
des vergleichsweise hohen Einsatzes von For-
schungsmitteln liegen jedoch in manchen Fällen
zumindest Teilantworten vor. Beispiele für sol-
che mit Zahlen belegbaren Teilantworten aus
den beiden vergangenen Jahrzehnten sind:

Die Klimageschichte der vergangenen 750 000 Eiszeit/Zwischen-


Jahre zeigt Eiszeit/Zwischeneiszeit-Zyklen von eiszeit-Zyklen
meist 100 000 Jahren Dauer, die von der verän-
derlichen Bahn der Erde um die Sonne angeregt
werden und durch die Reaktion der langlebigen
Treibhausgase Kohlendioxid (CO2), Lachgas (N2O)
und Methan (CH4) zur globalen Erwärmung oder
Abkühlung führen, obwohl der Anstoß überwie-
gend von den Landmassen und Meereisfeldern
der nördlichen Erdhälfte ausgeht. Nicht geklärt
ist der Mechanismus, warum in Zwischeneiszei-
ten seit ca. 500 000 Jahren immer etwa 280 Milli-
onstel Volumenanteile CO2 auftreten.

Die Kohlenstoffspeicherung der terrestrischen


Biosphäre, also des Lebens über und in den Bö-
den der Landflächen, nimmt trotz Rodung von

KLIMAWANDEL – DIE HERAUSFORDERUNG 15


Wäldern hauptsächlich wegen des erhöhten
CO2-Gehaltes insgesamt zu. Wir wissen jedoch
nicht, wann die Senke der terrestrischen Bio-
sphäre für anthropogenen, also vom Menschen
herrührenden Kohlenstoff wegen noch stärkerer
Klimaänderungen zu einer zusätzlichen Quelle
von CO2 wird.

Wasserkreislauf Im Wasserkreislauf der Erde gibt es zwei positive


der Erde Rückkopplungen, die fundamental für die Eis-
zeit/Zwischeneiszeit-Zyklen sind: Eine anfäng-
liche Erwärmung oder Abkühlung wird durch
Verlust oder Gewinn an hellen Schnee- und Eisflä-
chen verstärkt. Bei Abkühlung oder Erwärmung
durch langlebige Treibhausgasab- oder zunahme
mindert oder erhöht das wichtigste Treibhausgas,
der Wasserdampf, den Treibhauseffekt weiter.
Allerdings kennen wir den Mechanismus nicht,
der trotz beider positiver Rückkopplungen im
Wasserkreislauf den galoppierenden Treibhausef-
fekt und eine Eiskugel verhindert hat.

Globale Klima- Rasche globale Klimaerwärmungen ohne den


erwärmungen Einfluss des Menschen treten bevorzugt beim
Übergang aus einer intensiven Vereisung hoher
Breiten in die Zwischeneiszeit auf. Dann kommt
es zu einer mittleren globalen Erwärmung von
4–5°C in etwa 10 000 Jahren, die jedoch nicht ste-
tig verläuft. Unbekannt ist noch, wie das Oszillie-
ren von großen Eisgebieten innerhalb der Inten-
sivphase der Eiszeiten ausgelöst wird, das zu
starken regionalen Klimaänderungen wie z. B.
dem Stopp der Umwälzbewegung im Nordatlan-
tik führt.

16 KLIMAWANDEL – DIE HERAUSFORDERUNG


2
»Wer Wetter über Wochen nicht vorhersagen
kann, sollte keine Klimavorhersagen machen!«
Klimavorhersagen müssen nur die Statistik
des Wetters treffen

J eder weiß, dass kurzfristige, auf wenige Tage be-


schränkte Wettervorhersagen in den vergangenen
Klima oder
Wetter
Jahrzehnten viel zuverlässiger geworden sind. Be-
kannt ist auch, dass das Wetter prinzipiell nicht
länger als für ca. zwei Wochen vorhergesagt wer-
den kann, so dass viele glauben, dass deshalb das
Klima nicht vorhergesagt werden kann. Woher
kommt diese Fehleinschätzung? Vom fehlenden
Verständnis für den Unterschied zwischen Wetter
und Klima. Während Wetter der aktuelle Zustand
der Atmosphäre und der Erdoberfläche ist, be-
schreibt Klima die Statistik des Wetters an einem
Ort oder in einer Region – es ist die Synthese des
Wetters. Dafür müssen aber neben dem Mittelwert
eines Wetterparameters auch die Abweichung da-
von und ihre Wahrscheinlichkeit angegeben wer-
den. Bevor man das Klima beschreiben kann, muss
also das Wetter lange – die Weltorganisation für
Meteorologie meint mindestens 30 Jahre lang – re-
gelmäßig beobachtet worden sein.

Lässt man ein Klimamodell ohne veränderte Klimamodelle


Randbedingungen, d. h. mit gleich intensiver
Sonnenstrahlung, unverändertem Treibhausef-
fekt der Atmosphäre, ohne besonders starke
Vulkanausbrüche in Zeitschritten von 15 Minu-
ten 100 Jahre vorherrechnen, sollte es trotz unter-

KLIMAWANDEL – DIE HERAUSFORDERUNG 17


schiedlichen Wetters zu einem bestimmten Zeit-
punkt für eine ausgewählte Region (nicht für
eine Station) das aus den Wetterbeobachtungen
einiger Stationen abgeleitete Klima in dieser
Region mit allen statistischen Parametern gut
wiedergeben. Gegenwärtige Klimamodelle tref-
fen die Variabilität des Klimas recht gut, weshalb
sie prinzipiell zu Aussagen über Klimaänderun-
gen bei veränderten Randbedingungen genutzt
werden können. Haben sie die Klimaänderungen
des 19. und 20. Jahrhunderts nachvollziehen kön-
nen, sind sie noch glaubwürdiger einzusetzen.

Die Behauptung, dass, wer schon nicht in der Lage


sei, eine genaue Wettervorhersage zu geben, erst
recht keine Klimavorhersagen treffen könne, sollte
also umformuliert werden: Scheitert ein Wetter-
vorhersagemodell prinzipiell nach zwei Wochen,
so ist es doch gekoppelt an ein Modell des strömen-
den Ozeans, eine gute Basis für Klimavorhersagen
über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Wenn dem Mo-
dell der Strahlungsfluss von der Sonne sowie die
veränderte Zusammensetzung der Atmosphäre,
wie beobachtet oder wie vorgegeben, als Randbe-
dingungen vorgeschrieben werden.

Wissenschaftler haben jüngst begonnen an


die Klimamodelle Modelle des Kohlenstoff-
kreislaufes zu koppeln, sie nennen sie dann
erste Erdsystemmodelle, damit nicht mehr die
Spurengaskonzentrationen, wie z. B. die des
Kohlendioxids, sondern nur noch die Emissio-
nen dieser Gase vorgegeben werden müssen.

18 KLIMAWANDEL – DIE HERAUSFORDERUNG


3

Einfluss des
Menschen
»Das Klima hat sich immer geändert«

Wir leben in einem Klimazustand ohne Analogie


in der (jüngeren) Erdgeschichte

A uch schon vor der Industrialisierung war der


Klimazustand für die Erdgeschichte außerge-
Der Einfluss der
Planeten
wöhnlich: Auf beiden Erdhälften lagen große Eis-
massen auf den polnahen Kontinenten oder Kon-
tinentteilen – der Antarktis und dem Nordostteil
Nordamerikas, Grönland. Die Vereisung der
nördlichen Erdhälfte hat erst vor wenigen Millio-
nen Jahren eingesetzt, während für die Antarktis
Eismassen seit mindestens 20 Millionen Jahren
nachgewiesen sind. Aus den Sedimentbohrker-
nen aus der Tiefsee und den Eisbohrkernen der
Antarktis und zum Teil auch Grönlands wissen
wir, dass die vergangenen ca. 500 000 Jahre von
systematischen Schwankungen der Eismenge
und des Meeresspiegels im Rhythmus der
Schwankungen der Erdbahn um die Sonne ge-
prägt waren. Dabei tritt die Hauptschwankung
etwa mit einer Periode von 100 000 Jahren auf;
aber auch bei etwa 40 000 Jahren gibt es quasi-pe-

EINFLUSS DES MENSCHEN 19


riodische Schwankungen, die durch die Nachbar-
planeten der Erde motiviert sind. Also regieren
die Planeten Venus, Jupiter und Saturn, die
wesentlichsten Modifizierer der Erdbahn, auf der
Erde doch mit, wenn auch nicht so, wie es die
Astrologen meinen.

Dauer des Ohne den Einfluss des Menschen wäre eine der
Holozän interessantesten Fragen die nach der Dauer des
Holozäns, der gegenwärtigen Zwischeneiszeit. Es
zeigt sich, dass auch das natürliche Klimasystem
keine Analogien kennt: Das Holozän könnte
noch etwa 30–40 000 Jahre andau-
ern, weil sich die Form der Erdbahn
Holozän: jüngste um die Sonne immer mehr einem
geologische Epoche Kreis nähert und die Jahreszeiten
der Erdgeschichte, aufgrund einer schrumpfenden
seit ca. 11 000 Jahren Neigung der Rotationsachse der
Erde zur Bahnebene um die Sonne
schwächer ausgeprägt sind. Schon
in etwa 10 000 Jahren wird die nördliche Erd-
hälfte wieder diejenige sein, die stärker be-
schienen wird. Wie lange muss man in der Erd-
geschichte zurückgehen, um eine so lange
Zwischeneiszeit zu finden? Etwa 500 000 Jahre!
Wobei man auch ein Umklappen des Erdmagnet-
feldes einbeziehen muss.

Einfluss des Zu all diesen langfristigen globalen Klimaände-


Menschen rungen kommen die vom Menschen angestoße-
nen hinzu. Das herausragendste Charakteristi-
kum des Anstoßes zum Klimawandel durch den
Menschen ist die hohe Geschwindigkeit der glo-
balen Veränderung der Zusammensetzung der

20 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
Erdatmosphäre. Noch nie in der jüngeren Erd-
geschichte ist der Treibhauseffekt der Erdatmo-
sphäre so hoch gewesen wie heute und noch nie
stieg er so rasch an. Alle drei langlebigen, natür-
lich vorkommenden Treibhausgase haben Werte
erreicht, die so seit Hunderttausenden von Jah-
ren nicht mehr aufgetreten sind. Wir haben das
Klimasystem in einen Zustand manövriert, für
den es keine Analogie gibt. Wer 40 Prozent aller
Landoberflächen nach seinem Willen gestaltet,
die Ozeane zum größten Teil überfischt und die
Zusammensetzung der Atmosphäre viel rascher
ändert als es in den Eiszeit/Zwischeneiszeit-Zyk-
len geschieht, muss sich über eine globale Wir-
kung nicht wundern.

Welcher der drei wesentlichen Pfade für Klima- Abwärme


änderungen durch den Menschen ist der wichtig-
ste? Beginnen wir mit dem offensichtlichsten,
der Abwärme. Viele Millionen von heißen Motor-
blöcken und Ölbrennern, riesige Feuer in der In-
dustrie, Hunderte Millionen Herde und Kühl-
schränke geben alle Wärme in die Atmosphäre
ab. Aufsummiert ergibt das einen Wärmefluss
pro Flächeneinheit von nur etwa 0,03 Wm2. Ver-
glichen mit dem Energiefluss von der Sonne an
der Erdoberfläche von fast 170 Wm2 ist das ver-
nachlässigbar gering. So ändern wir das globale
Klima nicht bemerkbar.

Wie steht es um die Veränderung der Rückstreu- Rückstreu-


fähigkeit von Oberflächen, die wir umgestaltet fähigkeit
haben? Wir machen sie im Sonnenstrahlungsbe-
reich oft heller und im Wärmestrahlungsbereich

EINFLUSS DES MENSCHEN 21


leicht heller. Wälder, die wir roden, gehören zu
den natürlichen dunklen Oberflächen, die im
Wärmestrahlungsbereich fast wie schwarze Kör-
per strahlen, d. h. sie reflektieren oder streuen
nahezu überhaupt nicht. Seit Beginn der Indus-
trialisierung wird der durch die Rodung erfolgte
die Erdoberfläche insgesamt kühlende Beitrag
auf die etwa zehnfache Wirkung der Abwärme,
aber mit entgegengesetztem Vorzeichen, abge-
schätzt. Dieser dauerhaft wirkende Verlust an
Sonnenenergie ist jedoch nicht wesentlich grö-
ßer als die Amplitude der Sonnenstrahlung zwi-
schen hoher Aktivität mit vielen Sonnenflecken
und niedriger Aktivität (ohne Flecken) im elf-
jährigen Sonnenzyklus. Dieser Klimaeinfluss des
Menschen ist somit zwar nicht mehr vernach-
lässigbar, aber dennoch klein. Er entspricht einer
Erhöhung der Rückstreuung von Sonnenenergie
um 1 Promille der einfallenden Energie, die
Helligkeit des Planeten steigt dadurch um etwa
3 Promille.

Zusammen- Die wirklich wesentliche Störung des Klima-


setzung der systems folgt aus der veränderten Zusammen-
Atmosphäre setzung der Atmosphäre, weil wir die für den
Energiehaushalt des Planeten sehr wichtigen
Spurenstoffe direkt oder indirekt ändern und da-
bei auch für manche die Konzentration schon
mehr als verdoppelt haben. Auch neue wichtige
Spurenstoffe wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe
(FCKW) haben wir hinzugefügt.

22 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
»Die Sonne macht’s!«

Die Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte


stammt nicht von der Sonne

O hne jeden Zweifel ist die Energie von der


Sonne die Basis für Leben und Klima auf der
Erde. Bei der Debatte um die Klimaänderungen
durch die Sonne geht es nur um die Frage, ob sie
sich in den vergangenen Jahrhunderten so ver-
ändert hat, dass Teile der beobachteten Klima-
änderungen von ihr verursacht worden sind. Die
veränderte Zusammensetzung der Atmosphäre
durch Emission von Spurenstoffen wie Treib-
hausgasen und Aerosolen (den Schwebeteilchen,
welche die Luft trüben), die Geschichte der Vul-
kanausbrüche, die durch uns umgestaltete Erd-
oberfläche und die Helligkeit der Sonne, alle in
Einheiten von Energieflüssen pro Flächenein-
heit, müssen einander gegenübergestellt werden.

Weil die Beobachtungen systematisch besser ge- Geringer Einfluss


worden sind, ist das für die vergangenen Jahr- der Sonne
zehnte sicherer als etwa im 19. Jahrhundert. Im
jüngsten bewertenden Bericht des Zwischen-
staatlichen Ausschusses über Klimaänderungen
ist für die Veränderungen seit 1750 eine zu-
sammenfassende Abbildung klärend (Abb. 1).
Unter dem Vielen, was hier deutlich wird, sei das
Wesentlichste kurz zusammengefasst: Der höchs-
te positive Strahlungsantrieb (in Richtung Er-
wärmung) stammt vom Kohlendioxid (CO2). Der
stärkste negative Strahlungsantrieb (in Richtung

EINFLUSS DES MENSCHEN 23


Abkühlung) geht auf die Beeinflussung der Wol-
ken durch die Aerosolteilchen zurück. Letzterer
ist als viel ungenauer eingeschätzt als ersterer.
Die Summe aller Einflüsse des Menschen ist im
globalen Mittel erwärmend. Der Einfluss der
Sonne ist geringer als der des photochemischen
Smogs, d. h. im wesentlichen der Ozonzunahme
in der unteren Atmosphäre bis ca. 12 km, also
der Troposphäre.

24 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
Im Falle des Einflusses der Sonne auf Klimaände- Ionisierung
rungen gibt es eine bisher nur zum Teil falsifi- der Luft
zierte Hypothese: Bei sehr aktiver Sonne – wenn
sie viele Sonnenflecken aufweist und insgesamt
ca. 1 Promille stärker abstrahlt als ohne Flecken –
wird der Strom von Elementarteilchen aus unse-
rer Galaxis vom durch die Sonne veränderten
Erdmagnetfeld stärker abgelenkt, wodurch bei
der Wechselwirkung dieser Elementarteilchen
mit Luftmolekülen nach vielen weiteren Wechsel-
wirkungen weniger geladene Teilchen (Ionen) in
der Atmosphäre gebildet werden, welche die Bil-
dung von Wolkentröpfchen erleichtern sollen. Die
hierdurch veränderten optischen Eigenschaften
der Wolken können schließlich das Klima ändern.
Ursprünglich aus Beobachtungen abgeleitete
Korrelationen zwischen Sonnenaktivität und Be
wölkungsparametern sind seit 1995 nicht mehr
vorhanden. Auch haben theoretische Studien
für erhöhte Ionisierung der Luft bei Nutzung
bekannter und getesteter Gleichungen keine er-
höhte Wolkentröpfchenzahl finden können.
Wäre der Zusammenhang gegeben, sollte auch in
der unteren Atmosphäre oder an der Erdober-
fläche bei den Perioden der Sonnenaktivität (z. B.
alle 11, 22 und 88 Jahre) eine signifikante Ände-
rung meteorologischer Parameter auftreten, was
jedoch nicht gefunden wurde. In der Stratosphäre
allerdings, d. h. in unseren Breiten oberhalb von
10 bis 12 km, ist für den Ozongehalt der Einfluss
des elfjährigen Sonnenzyklus nachgewiesen.

Nach der Bewertung durch IPCC hat die Sonne


einen kleinen Beitrag zur Erwärmung geliefert,

EINFLUSS DES MENSCHEN 25


der überwiegend in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts auftrat. Seit 1978 wird von Sa-
telliten mehrerer Raumfahrtagenturen aus die
Intensität der Sonnenstrahlung direkt gemessen.
Es wurde kein signifikanter Trend beobachtet,
lediglich eine Amplitude von 1 Promille im elf-
jährigen Zyklus. In der Zeit stärkster Erwärmung
während der vergangenen 25 Jahre hat die Sonne
nicht zu ihr beigetragen.

26 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
»Die CO2-Absorption ist bereits gesättigt«

Der Mythos von der Sättigung

D ie Argumente, warum die von uns verursach-


ten Änderungen in der Zusammensetzung der
Atmosphäre keine wesentliche Wirkung auf den
Klimawandel haben können, wiederholen sich.
Ein besonders beliebtes lautet: Die Absorptions-
banden des Kohlendioxid sind gesättigt. Gemeint
ist damit die schon heute vollständige Absorp-
tion von Wärmestrahlung in bestimmten für CO2
charakteristischen Wellenlängenbereichen. Hin-
zufügung von weiteren CO2-Molekülen hätte
dann keine Wirkung mehr auf den Strahlungs-
haushalt der Erde. Das Argument einer Sättigung
der CO2-Absorption kann mit einem einzigen
Satz ad absurdum geführt werden: Im durchläs-
sigsten Teil der Atmosphäre für Wärmestrah-
lung, unserem Fenster zum All, bei Wellenlängen
von 10 bis 11 Millionstel Metern (Mikrometer,
abgekürzt µm), liegt eine schwache Absorption
von CO2 (mit Zentrum bei 10,4 µm Wellenlänge),
welche bei Verdopplung des CO2-Gehaltes noch
eine doppelte Absorption verursacht. Sie trägt
etwa 30 Prozent der Strahlungsbilanzänderung
durch CO2-Änderungen. Die Abbildung »CO2-Ab-
sorption im Fenster zum All« (Abb. 2) demon-
striert das eindrucksvoll.

Jede Masse, ob flüssig, fest oder gasförmig, CO2-Absorption


strahlt entsprechend ihrer Temperatur bei den im Fenster zum
Wellenlängen ab, bei denen sie auch Strahlung All

EINFLUSS DES MENSCHEN 27


absorbieren kann. Nach den Strahlungsgesetzen
von Kirchhoff und Planck gilt für Oberflächen
bei irdischen Temperaturen, dass z. B. eine Was-
seroberfläche von 15°C bei einer Wellenlänge
von 10 µm am stärksten abstrahlt. Bei dieser
Wellenlänge elektromagnetischer Strahlung ab-
sorbieren die drei wichtigsten Treibhausgase der
Atmosphäre im Mittel nur schwach. Deswegen
kann die Strahlung von der Erdoberfläche bei
diesen Wellenlängen nur leicht geschwächt di-
rekt ins All entweichen. Eine Oberfläche, die
nicht durchmischt werden kann wie Wasser, z. B.
eine Wiese, kühlt sich daher nachts kräftig ab;
und zwar umso stärker, je weniger Masse dieser
Gase in der Atmosphäre enthalten ist. Da Gase
nur in sehr engen Wellenlängenbereichen absor-
bieren und auch emittieren, ist der genaue Ver-
lauf der Durchlässigkeit der Atmosphäre sehr
stark von der Wellenlänge der elektromagneti-
schen Strahlung abhängig. Die Durchlässigkeit
im durchlässigsten Teil des Wärmestrahlungsbe
reiches ist am stärksten vom Wasserdampfgehalt
abhängig, vom Ozon nur am Rande bei 10 µm
beeinflusst, aber stärker vom Kohlendioxid mit-
bestimmt.

In der folgenden Abbildung sind die Verhältnisse


im durchlässigsten Teil des Fensters von 10 bis
11 µm Wellenlänge (das entspricht den Wellen-
zahlen von 1000 bis 910 cm-1, weil die Wellenzahl
als der Kehrwert der Wellenlänge definiert ist),
für drei Werte der CO2-Konzentration dargestellt.

28 EINFLUSS DES MENSCHEN


3

Auffällig ist dabei zunächst die in ganz engen


Wellenzahlenbereichen angeordnete Abschwä-
chung der Durchlässigkeit. Sie reicht bis zu
10 Prozent Verlust an Durchlässigkeit bei einem
Anstieg der CO2-Konzentration von 380 Million-
stel Volumenanteilen (ppmv = parts per million
by volume) auf 560 ppmv und schon heute ist die
Durchlässigkeit in eben diesen engen Wellenzah-
lenbereichen um bis zu 7,5 Prozent geringer als

EINFLUSS DES MENSCHEN 29


vor der Industrialisierung bei 280 ppmv CO2.
Von einer Sättigung der CO2-Absorption kann in
diesem Wellenlängenbereich also nicht gespro-
chen werden. Aber auch am Rande der starken
Absorption des CO2, vor allem bei den um 15
bzw. 4,3 µm Wellenlänge zentrierten Bereichen,
gibt es diese Abhängigkeit der Durchlässigkeit
von der Konzentration am Rande bei schwacher
Absorption noch. Die CO2-Absorption ist also ins-
gesamt keineswegs gesättigt.

30 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
»Der Klimawandel ist Folge der
Luftverschmutzung«
Die Luftverschmutzung hat die mittlere globale
Erwärmung bisher gebremst

N ach Vorträgen vor Laien werde ich oft gefragt,


ob nicht das Militär durch gezielte Aktionen oder
Einfluss des
Flugverkehrs
der Flugverkehr durch Kondensstreifenbewölkung
den Klimawandel mit auslösen. Oder das Militär
ihn aktiv bekämpft, um z. B. in den USA keine
Minderung der Treibhausgase vornehmen zu müs-
sen. Der Klimawandel – Produkt und Spielball po-
litischer Interessen? Allen genannten potentiellen
Einflüssen auf die Atmosphäre ist gemein, dass
Teilchen oder Vorläufergase für Teilchen in die
Atmosphäre eingebracht werden, die je nach
Größe der Partikel und Höhe der Emission sowie
ihrer chemischen Zusammensetzung für die Erd-
oberfläche entweder abkühlend oder erwärmend
wirken können. Als einfache Regel gilt: Je höher
oben in der Atmosphäre die Teilchen emittiert wer-
den und je größer sie sind oder werden, umso stär-
ker ist ihre erwärmende Wirkung. Kondensstrei-
fen hinter Flugzeugen, die schon Sekunden nach
ihrem Ausstoß in die Atmosphäre aus Eiskristallen
von etwa 10 bis 150 Mikrometer Abmessung be-
stehen und meist bei –50°C bis –70°C existieren, ver-
stärken besonders über warmen Oberflächen den
Treibhauseffekt der Atmosphäre. Eine Mischung
aus kleinen Ruß- und Schwefelsäurepartikeln aus
Militärflugzeugen und auch noch manchen älteren
Zivilflugzeugen mit Abmessungen unter einem

EINFLUSS DES MENSCHEN 31


Mikrometer wirken über dunklen Meeresoberflä-
chen kühlend, je nach Rußanteil aber erwärmend
über sehr hellen Sanddünen und Schneeflächen.

Ballungsgebiete Die Lufttrübung in der unteren Atmosphäre wird


als Verschmutzer jedoch nicht wesentlich von der zivilen Luftfahrt
und schon gar nicht von den vergleichsweise weni-
gen Militärflugzeugen verursacht, sondern erstens
von Aerosolen aus den großen Wüsten wie Sahara
und Gobi sowie deren angrenzenden Halbwüsten,
außerdem von den sich brechenden Wellen auf
dem Ozean. Und zweitens von den Aktivitäten des
Menschen wie etwa der Kohleverbrennung in
Kraftwerken und der Nutzung von Kraftstoffen in
Pkws und Lkws sowie dem bewussten Abbrennen
von Vegetation in Entwicklungsländern.

Kühlung durch Das Vordringen der Sonnenstrahlung zur Erd-


Lufttrübung oberfläche wird in wolkenfreien Gebieten dem-
nach am stärksten durch Wüstenaerosole, Emis-
sionen in dicht besiedelten Industrieregionen
sowie Vegetationsbränden in Entwicklungslän-
dern behindert. Dieser Effekt erhöht von oben
betrachtet in den meisten Regionen die Hellig-
keit der Erde und führt so zum Energieverlust,
weil mehr Sonnenlicht in den Weltraum zurück-
gestreut wird. Die Erdoberfläche wird also im
Mittel gekühlt. Insgesamt erreicht dieser Parti-
keleinfluss in wolkenfreien Gebieten etwa ein
Fünftel der Wirkung aller langlebigen Treibhaus-
gase. Er dämpft deshalb die mittlere globale Er-
wärmung. Das hat in Gebieten besonders starker
anthropogener Lufttrübung, aber auch global
gemittelt, den zusätzlichen Treibhauseffekt ab-
geschwächt, manchmal – über großen Ballungs-

32 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
gebieten – sogar jegliche Erwärmung durch die
Emission von Treibhausgasen verschleiert.

Hierzu hat auch ein weiterer wichtiger Klima- Optische Eigen-


effekt beigetragen: die indirekte Erhöhung der schaften der
Lufttrübung über die Veränderung der optischen Wolken
Eigenschaften der Wolken. Regional ist dieser
Effekt nachgewiesen, seine globale Wirkung ist
allerdings sehr schwierig einzuschätzen. Deshalb
wird der zugehörige Strahlungsantrieb als zwi-
schen –0,3 und –1,8 Wm2 liegend eingeschätzt,
sein wahrscheinlichster Wert ist mit –0,7 Wm2 an-
gegeben. Das negative Vorzeichen des Strahlungs-
antriebes weist auf Energieverlust für die Erde,
also auf einen abkühlenden Effekt, hin. Wie
kommt der indirekte Effekt der Lufttrübung zu
Stande? Überwiegend durch die Modifikation der
Anzahl der Wolkentröpfchen, aber auch durch das
Vermögen der Aerosolteilchen, z.B. des Rußes,
Sonnenenergie zu absorbieren. Jedes Wolken-
tröpfchen braucht ein Aerosolteilchen als Konden-
sationskeim. Werden durch erhöhte Lufttrübung
bei der Wolkenbildung durch aufsteigende Luft
mehr Teilchen angeboten, so wird annähernd
gleich viel flüssiges Wasser auf mehr Wolken-
tröpfchen verteilt, die dann im Mittel kleiner sind.
Ihre Rückstreufähigkeit ist damit erhöht, weil
diese proportional zur Summe aller Tröpfchen-
querschnitte ist. So paradox es klingen mag: Je trü-
ber die Luft, um so heller sind die in ihr entstehen-
den flachen Wolken bei Betrachtung von oben.
Dieser Effekt hat nach dem Zusammenbruch des
Ostblocks und verstärkten Luftreinhaltegesetzen
in einigen OECD-Ländern zu von oben betrachtet

EINFLUSS DES MENSCHEN 33


dunkleren Wolken über Europa geführt, weil ja
die Lufttrübung nachgelassen hat. Ich habe das
einmal den Gorbatschow-Effekt genannt.

Rechenbeispiel: Es seien 1000 bzw. 2000


lösliche Aerosolteilchen pro Kubikzen-
timeter Luft vorhanden. Bei Wolkenbildung
werden davon 100 bzw. 150 zu Wolken-
tröpfchen anwachsen. Das Verhältnis der
Querschnitte aller Wolkentröpfchen ist
dann bei gleich viel Wolkenwasser pro
Volumeneinheit, z. B. 0,2 Gramm pro
Kubikmeter, etwa 1,14.

Folgen erhöhter Es gibt weitere interessante Folgen dieser er-


Wolken- höhten Wolkentröpfchenzahl bei erhöhter Luft-
tröpfchenzahl trübung. Erstens wird das Zusammenfließen der
kleineren Wolkentröpfchen unwahrscheinlicher,
so dass die Bildung von Nieselregen verzögert
wird und sich die häufigsten Wolken, nämlich die
niedrigen Schichtwolken, nicht so schnell auflö-
sen können. Weil ihnen weniger Wasser entzogen
wird, leben sie etwas länger und der Bedeckungs-
grad mit Wolken steigt daher in Gebieten starker
Lufttrübung etwas an. Zweitens erhöht sich die
Wolkenwasserdichte, so dass bei starker vertikaler
Durchmischung (Konvektion) die entstehenden
Kumuluswolken bei Übergang in die Eisphase
(das geschieht in der freien Atmosphäre meist erst
bei Temperaturen unter –20°C, also im Sommer
in ca. 5 km Höhe) wegen frei werdender Gefrier-
wärme mehr Auftrieb bekommen, höher schießen
und heftiger ausregnen. Ob dieser Effekt die Häu-

34 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
figkeit von Sturzfluten erhöht, ist eine noch nicht
beantwortete Forschungsfrage.

Gegenüber diesen Einflüssen auf die Bewölkungs- Kondensstreifen-


eigenschaften tritt der Einfluss von Kondens- bewölkung
streifenbewölkung stark zurück. Weil wir in
Mitteleuropa mit Flugkorridoren überzogen sind,
überschätzen wir deren Wirkung im globalen
Maßstab. Denn viele Gebiete sind ohne regel-
mäßigen Flugverkehr und über der Hälfte der
Erde von 30°N bis 30°S liegen die natürlichen Eis-
wolken in bis zu 16 km, in Extremfällen bis zu
20 km Höhe noch weit über den relativ schwachen
Kondensstreifen in typischen Flughöhen von 9 bis
12 km und haben fast keine Wirkung. Wir kennen
die besonders Kondensstreifen trächtigen Wetter-
bedingungen bei uns: Aufsteigende Luft in der
oberen Troposphäre (6 bis 10 km Höhe) mit Man-
gel an sogenannten Gefrierkeimen, an denen sich
Eiskristalle bilden können, vor herannahenden
Tiefdruckgebieten. In allen Gebieten mit Wasser-
dampfsättigung der Luft über einer ebenen Eisflä-
che – sie tritt weit vor der Wasserdampfsättigung
über einer Wasserfläche ein – mobilisiert ein
durchfliegendes Flugzeug die überschüssige
Feuchte und führt in Sekunden zu Eiskristallen,
dem dann lange verweilenden und sich ausbrei-
tenden Kondensstreifen. Denn im heißen und
feuchten Abgasstrahl der Kerosinverbrennung
mit vielen Kondensationskeimen bildet sich zu-
nächst eine Wasserwolke, die durch Hinzu-
mischen kalter Umgebungslust mit Temperaturen
von meist unter –50°C sehr rasch in eine Eiswolke
überführt wird, weil spätestens bei –40°C jedes

EINFLUSS DES MENSCHEN 35


unterkühlte Wassertröpfchen gefriert und als Eis-
kristall weiter wächst.

Chemtrails Wie steht es nun mit den Behauptungen, dass Mi-


litärflugzeuge bewusst langlebige Kondensstreifen
aus anderen Substanzen verursachen, um dem an-
thropogenen Treibhauseffekt entgegenzuwirken.
Die von Anhängern oft Chemtrails genannten Ge-
bilde, meist »bewiesen« durch Photographien sich
kreuzender ordinärer Kondensstreifen über gro-
ßen Flughäfen, gibt es nicht. Sie wären längst von
Forschern in Satellitenbildern entdeckt worden,
die täglich weltweit nicht nur von Meteorologen
ausgewertet werden, um Startfelder für die Mo-
delle zur Wettervorhersage zu bekommen.

Eine abschließende Bewertung der Wirkung der


Luftverschmutzung auf das globale Klima lautet:
Lufttrübung maskiert einen Teil der globalen Er-
wärmung durch den erhöhten Treibhauseffekt,
d. h. es wäre noch wärmer ohne sie. Da sie außer
über Indien und Teilen Chinas abgenommen hat,
wird ein immer größerer Teil der Erwärmung
sichtbar. Vegetationsbrände in Entwicklungslän-
dern maskieren ebenfalls die Erwärmung; wobei
ihre Tendenz nicht klar ist. Die indirekten Aerosol-
effekte, also diejenigen, die Bewölkungseigen-
schaften ändern, sind teilweise nachgewiesen. Ihr
Nettoeffekt ist noch recht unsicher. Kondensstrei-
fen sind leicht Treibhauseffekt erhöhend, aber
wesentlich weniger bedeutend als Vegetations-
brände und Lufttrübung in Ballungsgebieten.
Wie Flugzeuge normale Eisbewölkung beeinflus-
sen, ist noch ungeklärt. Ihr Einfluss könnte dann
weit stärker sein als bisher angenommen.

36 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
»Der Klimawandel ist Folge des Ozonlochs«
Die Ozonzunahme in der unteren Atmosphäre ist
stärker klimaändernd als das Ozonloch

E s ist bekannt, dass das Spurengas Ozon die


besonders gefährlichen Teile der ultravioletten
Schutzschild
gegen gefähr-
Sonnenstrahlung bei Wellenlängen unter 0,3 liche Sonnen-
Mikrometer ausfiltert, so dass wir auf der Land- strahlung
oberfläche leben können. Wir brauchen deshalb
immer ausreichend Ozon, den dreiatomigen Sau-
erstoff (O3), über unseren Köpfen, wir wollen es
aber nicht in unserer Atemluft, weil es sehr giftig
ist. Gäbe es unsere Aktivitäten nicht, wäre dies fast
wunschgemäß geregelt: In hohen
geografischen Breiten befinden
Ozon (griech.: das
sich etwa 90 Prozent des Ozons in
Riechende): Molekül aus
Schichten von 10 bis 25 km Höhe,
drei Sauerstoffatomen
in den inneren Tropen in einer
Höhe von 17 bis 30 km. Wir wer-
den also vor der gefährlichen Ultraviolettstrah-
lung geschützt, ohne das Ozon einatmen zu müs-
sen. Die restlichen ca. zehn Prozent sind ebenfalls
meist in den hohen Schichten entstanden und
dringen durch Mischungsvorgänge bis in die un-
tere Atmosphäre vor. Die Ozonmoleküle werden
dort aber an Partikeloberflächen, in Wolkentröpf-
chen, an allen Oberflächen einschließlich unserer
Haut und unserer Schleimhäute sowie durch viele
andere chemische Umwandlungen vernichtet. Je
nach Höhenlage und Sonneneinstrahlung über-
lebt Ozon nur Tage bis Wochen, selten wenige
Monate. Es wird tagsüber ständig in der höheren
Atmosphäre durch Reaktionen zwischen atoma-

EINFLUSS DES MENSCHEN 37


rem und molekularem Sauerstoff, von ultraviolet-
ter Sonnenstrahlung angeregt, nachgebildet. Präg-
nant zusammengefasst hat die Bedeutung des
Ozons einmal die »Tageszeitung« mit der Schlag-
zeile »Oben hui, unten pfui«.

Das antarktische Als 1985 Beobachtungen des Ozongehaltes durch


Ozonloch japanische und britische Kollegen über Stationen
in der Antarktis veröffentlicht wurden, waren die
bisherigen Erklärungsversuche über Ozonände-
rungen durch das Chlor aus den Bruchstücken der
Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) zwar zum
Teil bestätigt, aber als unvollständig erkannt.
Heute wissen wir, dass im antarktischen Frühjahr,
nämlich im Oktober, wenn die Sonne nach der Po-
larnacht wieder in die antarktische Stratosphäre
scheint, nicht nur einige zig Prozent dieses uns
schützenden Gases fehlen, sondern auch, dass wir
daran »schuld« sind. Was geschieht? Eine bizarre
Chemie von Spurengasen bei Temperaturen unter
–80°C ist verantwortlich. Die notwendige Voraus-
setzung dafür sind die sogenannten polaren stra-
tosphärischen Wolken in ca. 12 bis 20 km Höhe,
meist winzige Tröpfchen aus einer Mischung von
Schwefelsäure, Salpetersäure und Wasser, die sich
erst bei Temperaturen von unter ca. –78°C bilden.
Scheint die Sonne auf diese Wolkenpartikel, so
werden chlorhaltige Spurengase an den Partikel-
oberflächen, die wie ein Katalysator wirken, in an-
dere chlorhaltige, aber Ozon abbauende Verbin-
dungen umgewandelt. Dann kann ein echter
katalytischer Ozonabbauprozess so lange laufen,
bis die in der Reaktionsabfolge immer wieder zu-
rückgebildete chlorhaltige Verbindung durch an-

38 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
dere Prozesse entfernt wird. Deshalb wird seit
Ende der 1970er Jahre fast in jedem antarktischen
Frühjahr bei geografischen Breiten über 65–70°S
das Ozon in den Schichten mit den polaren
stratosphärischen Wolken von etwa 12 bis 20 km
Höhe fast völlig abgebaut. Die Ozongesamtmenge
über einem Ort sinkt dabei manchmal auf nur ca.
ein Drittel des früher üblichen Wertes. Deshalb
hat es sich eingebürgert, leicht übertreibend vom
antarktischen Ozonloch zu sprechen.

Aber auch im nördlichen Polargebiet, wo es fast die Minilöcher


gleichen Mengen an chlorhaltigen Spurengasen, im Norden
den Abbauprodukten der FCKW, gibt, sind in man-
chen Jahren sogenannte Miniozonlöcher beobach-
tet worden. Das geschah immer dann, wenn Tem-
peraturen unter –78°C die Bildung der Tröpfchen
aus Schwefelsäure, Salpetersäure und Wasser
erlaubten, sich also die von den Skandinaviern
früher Perlmuttwolken getauften Wolken in der
Stratosphäre bilden konnten, was wegen unter-
schiedlicher meteorologischer Bedingungen in der
nördlichen Erdhälfte viel weniger häufig geschieht.

Stark reduzierte Ozonkonzentration bedeutet mehr Produktions-


gefährliche Ultraviolettstrahlung in der unteren stopp von FCKW
Atmosphäre und an der Erdoberfläche. Damit er-
höht sich im Freien das Sonnenbrandrisiko und es
kommt zu mehr Erkrankungen an Hautkrebs und
an grauem Star. Aus diesen Gründen wurde das
1985, also schon vor der Entdeckung der starken
Ozonverdünnung über der Antarktis formulierte
Wiener Abkommen zum Schutz der Ozonschicht
(eine UN-Konvention) mit dem zugehörigen Mon-
trealer Protokoll zum ersten wirklich erfolgreichen

EINFLUSS DES MENSCHEN 39


globalen Umweltvölkerrecht. Es hat zum Produk-
tionsstopp von FCKW und anderen ozonabbauen-
den Substanzen im Jahre 1994 in Industrie- und
später in Schwellenländern geführt. Gegenwärtig
liegen zwar die Maxima der FCKW-Konzentratio-
nen hinter uns, wegen der langen Lebensdauer der
meisten FCKW-Molekülarten in der Atmosphäre in
einer Größenordnung von mindestens 50 Jahren
wird das antarktische »Ozonloch« uns jedoch noch
Jahrzehnte begleiten, bis die Konzentration chlor-
haltiger Spurengase in der Stratosphäre auf Werte
abgefallen ist, bei denen die Ozonverdünnung
Ende der 1970er Jahre stärker einsetzte.

Abkühlung durch Weil Ozon nach Wasserdampf und Kohlendioxid


Ozonverlust? das drittwichtigste Treibhausgas der Erdatmo-
sphäre ist, hat die Ozonverdünnung in der Strato-
sphäre klimaverändernde Wirkung. Verlust in der
unteren Stratosphäre – er tritt reduziert auch in
mittleren Breiten auf – führt zu einer leichten Er-
niedrigung des Treibhauseffektes und damit – falls
allein auftretend – zu einer leichten Abkühlung.
Da jedoch die den Ozonabbau verursachenden
FCKW sowie andere chlor- und bromhaltigen lang-
lebigen Spurengase starke Treibhausgase sind, ist
die Summe aus beiden Effekten, nämlich Ozon-
abbau und Treibhauswirkung der Vorläufergase
der ozonabbauenden Substanzen noch Treibhaus-
effekt erhöhend, also wärmend.

Ozon in den Und das Ozon in den unteren Luftschichten? Was


unteren Luft- sich hier abspielt, ist mindestens so komplex wie
schichten die Vorgänge beim stratosphärischen Ozon, für die
Klimadebatte ist es noch bedeutender. Die zentrale
Botschaft lautet: Wann immer wir Menschen et-

40 EINFLUSS DES MENSCHEN


3
was verbrennen, entstehen dabei Stickoxide, auch
wenn die Brennstoffe weder Stickstoff noch Sauer-
stoff enthalten, weil bei den hohen Verbrennungs-
temperaturen die beiden Hauptbestandteile der
Atmosphäre miteinander reagieren. Liegt die Kon-
zentration des Stickstoffdioxids (NO2) über einer
bestimmten Schwelle, entsteht bei gleichzeitiger
Anwesenheit von flüchtigen Kohlenwasserstoffen
Ozon, wenn die Sonne in die »Spurengassuppe« in
der feuchten unteren Atmosphäre scheint. Die zen-
trale photochemische Reaktion für die Ozonbil-
dung ist die Überführung des NO2 in Stickstoffmo-
noxid (NO) unter Abgabe eines Sauerstoffatoms
(O), das sich mit dem Sauerstoffmolekül (O2) zu
Ozon (O3) verbindet. Die ebenfalls mögliche Rück-
reaktion wird durch Kohlenwasserstoffe (oft aus
der Vegetation) gebremst, so dass bei Schönwetter
Ozonkonzentrationen bis in den Nachmittag hi-
nein ansteigen, denn die zur Photodissoziation not-
wendige Sonnenstrahlung bei Wellenlängen unter
0,4 Mikrometer dringt bis zur Erdoberfläche vor.

Ideale Bedingungen für den anthropogenen Ozon- Photosmog


aufbau in der unteren Atmosphäre existieren also
bei hoher Stickoxidemission, bei hoch stehender
Sonne und hoher Kohlenwasserstoffemission
durch aktive Vegetation oder aus deren Hand-
habung durch den Menschen. Die dadurch ent-
stehende Luftverschmutzung wird deshalb auch
photochemischer Smog (zusammengesetzt aus
»smoke« für Rauch und »fog« für Nebel) oder, in
unseren Breiten, Sommersmog genannt. Jeder, der
sich bei Schönwetter nachmittags einem Ballungs-
gebiet mit dem Flugzeug nähert, kann diesen gelb-

EINFLUSS DES MENSCHEN 41


lich-bräunlichen bis orange getönten Dom sehen.
In ihm werden oft die als gesundheitsgefährden-
der Grenzwert definierten 180 Mikrogramm Ozon
pro Kubikmeter überschritten, die Behörden war-
nen dann vor Freizeitaktivitäten im Freien. Die vie-
len Ballungsgebiete und die häufigen von uns
Menschen verursachten Vegetationsbrände haben
die Ozonkonzentration in der Atemluft so stark er-
höht, dass inzwischen kontinentweit das boden-
nahe Ozon überwiegend nicht mehr ein aus der
Stratosphäre heruntergemischtes ist, sondern von
uns stammt. Tritt dieses Ozon bei niedrigen Tem-
peraturen auf, z. B. in ca. 10 km Höhe bei etwa
–50°C, verstärkt es den Treibhauseffekt in beson-
derem Maße. Deshalb sind die Stickoxidemissio-
nen aus Flugzeugen, die übrigens noch nicht reg-
lementiert sind, überproportional klimarelevant.

Klimawandler Die Ozonzunahme in der unteren Atmosphäre bis


Ozon ca. 15 km Höhe, angeregt durch Luftverschmut-
zung mit Stickoxiden, wirkt global gemittelt fast
genauso stark klimaverändernd wie die Erhöhung
der Methankonzentration seit 1750. Weil im
Kioto-Protokoll nur Emissionsminderungen für
langlebige Treibhausgase gefordert werden, gibt
es noch kein völkerrechtlich verbindliches Ab-
kommen zur Eindämmung des photochemischen
Smogs. Bei dessen Reduktion durch Minderung
der Emission von Stickoxiden wäre schon nach
Tagen ein Erfolg sichtbar. Das Problem mit dem
Ozon ist also nicht so sehr die jetzt einsetzende
Erholung der stratosphärischen Ozonschicht,
sondern der weltweit noch immer zunehmende
Photosmog.

42 EINFLUSS DES MENSCHEN


4

Auswirkungen des
Klimawandels
»Eine wärmere Welt ist eine grünere!«

Manche bekommen mehr Niederschlag,


viele weniger

W eil bei erhöhter Temperatur, sonst aber glei-


chen Bedingungen, ein Niederschlagsereignis hef-
tiger ausfällt, wird häufig das Argument genannt,
die Erdoberfläche werde grüner und böte somit
bessere Lebensbedingungen. Wie so oft ist die
Komplexität der Erde zu groß, um solche Pauschal-
urteile fällen zu können. Was spricht dagegen?

Erstens ist die Intensität der Vegetation von der Ungleiche


Differenz zwischen Niederschlag und Verduns- Verteilung
tung abhängig, also von dem, was grob als Boden-
feuchte bezeichnet wird. Bei erhöhter Tempe-
ratur verdunstet auch – vor allem im Sommer –
mehr, so dass trotz eventuell höherem Nieder-
schlag die Bodenfeuchte nicht zunimmt. Zwei-
tens wird bei einer stärkeren Erwärmung in den
hohen geografischen Breiten als in den niederen
die allgemeine Zirkulation der Atmosphäre mit
Tiefdruckbahnen antworten, die sich nordwärts

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 43


verschieben, so dass die polwärts und abwärts ge-
richtete Strömung in der unteren Stratosphäre
und oberen Troposphäre in den äußeren Tropen
und Subtropen etwas weiter nordwärts ausgreift.
Das nördliche Mittelmeergebiet und große Teile
Frankreichs und Süddeutschlands werden im-
mer stärker von der quasi nordwärts »kriechen-
den« sommerlichen Mittelmeerdürre betroffen
sein (siehe dazu Abb. 3)

Also bekommen drittens nur die Teile der Gebiete


mehr Niederschlag, die schon jetzt ausreichend
damit versorgt sind, nämlich die inneren Tropen
und generell die hohen nördlichen Breiten. Die
semi-ariden äußeren Tropen sowie die Subtropen

44 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
mit Mittelmeerklima sehen sich überwiegend mit
Niederschlagsabnahme konfrontiert.

Semi-arides Klima weist Jahresnieder-


schläge von 250 mm bis 500 mm auf.
Aride, also wüstenhafte Verhältnisse herr-
schen in mehr als sechs Monaten im Jahr
vor. Die Vegetation ist aufgrund der trocke-
nen Bedingungen nur spärlich ausgeprägt.

Wo wird es dann grüner? Sicher kann man das Wo wird es


nur für die hohen nördlichen Breiten sagen, wo grüner?
die Grenze des borealen Waldes (die Russen nen-
nen ihn Taiga) sich nordwärts schieben wird.
Allerdings wegen der zu raschen Änderungen
nicht so schnell, wie es den Klimaparametern ent-
spricht. Die um den Faktor bis 100 je nach
Klimapolitik im 21. Jahrhundert gegenüber Eis-
zeit/Warmzeit-Schwankungen erhöhte Ände-
rungsrate der Temperatur erlaubt dem Wald kein
angepasstes Wandern. Jeder älter werdende
Baum ist nicht mehr in »seinem« Klima und viele
werden, wie jetzt bei der Fichte in Mitteleuropa in
den Niederungen einsetzend, – durch Kalamitä-
ten geschwächt – vorzeitig gefällt. Weiterhin gilt
für Regionen mit erhöhter Lufttrübung durch die
Luftverschmutzung, wie in Indien und in großen
Teilen Chinas, dass das so verminderte Vordrin-
gen von Sonnenenergie zur Erdoberfläche auch
die Verdunstung reduziert und große Regionen
sogar in den Tropen oder höheren mittleren Brei-
ten, die ohne erhöhte Lufttrübung mehr Nieder-
schlag erhalten könnten, am eigenen Wohlerge-

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 45


hen »sägen«, zugleich aber auch Teile der globa-
len Erwärmung durch die erhöhte Rückstreuung
von Sonnenenergie in den Weltraum maskieren.

Folgen des Die Luftreinhaltemaßnahmen in den achtziger


Umweltschutzes Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Mittel-
europa – z. B. die deutsche Großfeuerungsanla-
genverordnung vom Oktober 1982 und ihre Er-
gänzung im Frühjahr 1983 – waren demnach ein
probates Mittel zur Beschleunigung der globalen
Erwärmung. Um nicht missverstanden zu wer-
den: Ich will nicht zurück zur hohen Luft-
verschmutzung vergangener Jahrzehnte. Viele
Umweltprobleme sind durch diese Verordnung
geringer geworden. So gibt es dadurch weniger
sauren Niederschlag, höhere Sichtweiten, ge-
ringeren Photosmog, reduzierte Schäden an
historischen Gebäuden und nicht zuletzt weniger
Atemwegserkrankungen. Allerdings wäre ein
grundsätzliches Herangehen besser gewesen,
nämlich Massenflussbegrenzungen, wie sie zum
ersten Mal bei den Fluorchlorkohlenwasserstof-
fen (FCKW) im Jahr 1987 für die Zukunft teil-
weise festgeschrieben, 1992 drastischer gefordert
und 1994 umgesetzt worden sind. Schon damals
wäre eine Kohlendioxidemissionsreduktion ein-
zuführen gewesen. Leider haben auch wir Wis-
senschaftler die Größe des Problems Globaler
Umweltwandel vor 20 Jahren mehrheitlich noch
Zugang zu nicht erkannt gehabt. Die globale Erwärmung
Wasser wird vielen Millionen Menschen den Zugang zu
Wasser für die Landwirtschaft erschweren. Viel
mehr Grün bleibt eine Illusion in großen Teilen
der dichter besiedelten Gebiete.

46 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
Wie schon erwähnt, verdunstet bei höherer Ober- Oberflächen-
flächentemperatur und sonst gleicher allge- temperatur und
meiner Zirkulation mehr Wasser auf einem Niederschläge
»Wasserplaneten« wie dem unsrigen. Also sollte
insgesamt mehr Wasser vom Himmel fallen. Glo-
bal gemittelt stimmt das auch, regional jedoch
nur, wenn die veränderte allgemeine Zirkulation
der Atmosphäre dem nicht entgegensteht. Auch
die Folgen anderer menschlicher Aktivitäten, wie
z. B. die zur Zeit stark erhöhte Lufttrübung in
Schwellenländern, können dagegenwirken. Was
sagen dazu die Klimamodelle für verschiedene
Szenarien des Verhaltens der Menschheit? Ers-
tens, dass mehr Wasser vom Himmel fällt, wo
schon jetzt genug für eine geschlossene Vegeta-
tion zur Verfügung steht, und zweitens, dass viele
semi-aride Gebiete weniger bekommen werden,
also weiter austrocknen. Die Regionen mit starker
Wüstenbildung durch falsche landwirtschaftliche
Praktiken (z. B. Überweidung) werden stark er-
schwerte Bedingungen vorfinden und oft im
Kampf gegen Wüstenbildung scheitern.

Woher kommt dann die Behauptung, eine wär- Klimageschicht-


mere Welt sei eine grünere? Eine Ursache liegt in liche Spekulatio-
der kritiklosen Übertragung von Befunden aus nen
der Klimageschichte in die Zukunft. Vor mehr als
6000 Jahren war die nördliche Erdhälfte noch die
besser von der Sonne beschienene. Dort war es
auch wärmer als vor der Industrialisierung, weil
der sonnennächste Punkt der Erdbahn noch in
unserem Sommerhalbjahr lag, während heute
dieser Zeitpunkt meist auf den 4. Januar fällt
(Schaltjahre müssen beachtet werden). Als ich

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 47


geboren wurde, war es noch der 3. Januar. Die
Sahara war dementsprechend bis vor ca. 5400
Jahren eine Trockensavanne, etwa wie die Sahel-
Zone heute, weil bei höherer Sonneneinstrah-
lung – es waren bis zu zehn Prozent mehr – der
sommerliche westafrikanische Monsun stärker
ausgeprägt war, einige Breitengrade weiter nach
Norden ausgriff und Wasser auch noch bis zum
Wendekreis brachte. Im Winter dagegen war die
nördliche Erdhälfte benachteiligt. Bei höheren
meridionalen Temperaturgradienten verliefen
die winterlichen Zyklonenbahnen etwas süd-
licher als heute, brachten also mehr Niederschlag
ins nördliche Afrika. In einigen weiteren Jahr-
tausenden könnte sich ein ähnliches System wie
vor 6000 Jahren wieder einstellen. Und zwar für
ca. 10000 Jahre, denn der sonnennächste Punkt
der Erdbahn »läuft« in ca. 23000 Jahren einmal
durch das Kalenderjahr. Anlass für diese Erd-
bahnschwankungen sind überwiegend die Nach-
barplaneten Venus, Jupiter und Saturn, die nicht
nur die Lage der Erdbahnellipse, sondern auch
ihre Form (quasi-periodisch in ca. 100 000 Jah-
ren) ändern sowie die Neigung der Rotations-
achse der Erde zur Bahnebene um die Sonne in
40 000 Jahren einmal von 21,8° bis 24,5° und zu-
rück schwingen lassen.

Wasserdampf als Wasserdampf macht im Mittel nur drei Promille


Trittbrettfahrer der Masse der Atmosphäre aus, obwohl er boden-
nah in den inneren Tropen bis zu drei Prozent
zur Masse beiträgt. Trotzdem ist er die viert-
häufigste Substanz in der Atmosphäre nach
Stickstoff, Sauerstoff und Argon. Und er ist das

48 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
am stärksten direkt von der Temperatur ab-
hängige Gas. Das Naturgesetz, welches seine Kon-
zentration als Funktion der Temperatur be-
stimmt, die Clausius-Clapeyronsche Gleichung,
beherrscht vieles auf unserer Erde. Steigt zum
Beispiel die Temperatur von o°C auf 1°C, so kann
Luft um acht Prozent mehr Wasserdampf aufneh-
men, bevor eine Kondensation von Wasser ein-
tritt. Eine Erwärmung um 1°C bei 20°C erniedrigt
den relativen Zuwachs zwar auf sechs Prozent, er-
höht den absoluten Zuwachs aber von ca. 0,5
Gramm pro Kubikmeter Luft auf 1,2, weil viel
mehr Wasserdampf in der Luft »Platz hat«. Jeder
kennt die Folgen: Wolkenbrüche gibt es im Som-
mer und oft in den Tropen, im Winter aber kom-
men sie bei uns oder noch nördlicher nicht vor.

Weil Wasserdampf das bei weitem wichtigste Verstärkende


Treibhausgas ist, wird bei Erwärmung der Treib- Rückkoppelung
hauseffekt der Atmosphäre stark zunehmen. Sti-
muliert von Erwärmung durch die langlebigen
Treibhausgase CO2, N2O und CH4 wird er den
Effekt verstärken, Wissenschaftler sagen: positiv
rückkoppeln. Ein Zahlenbeispiel: Eine Verdopp-
lung des Kohlendioxidgehaltes brächte bei sonst
fixierten Parametern nur eine mittlere globale
Erwärmung von ca. 1,2°C. Darin sind sich die ver-
schiedenen Gruppen, die Strahlungstransport-
rechnungen machen, schon länger einig. Wird
nicht die absolute, sondern die relative Feuchte
festgehalten, jedoch keine Veränderung der Rück-
kopplung der Wolken angenommen, erhöht sich
die Erwärmung auf etwa das Doppelte wegen der
erhöhten absoluten Wasserdampfmenge.

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 49


»Erhöhter Kohlendioxidgehalt erhöht die Ernten«

Die »Düngung« durch Kohlendioxid


ist nur teilverstanden

Klimawandel
als Wachstums-
P flanzen an Land und im obersten Ozean haben
die Fähigkeit, aus Unbelebtem Lebendiges und
förderer? damit unsere Nahrung zu schaffen. Die das
Wachstum bestimmenden und begrenzenden
Faktoren sind Sonnenlicht, Kohlendioxid, Wasser,
Temperatur, Nährstoffe und Spurenelemente. Ei-
ner davon, das Kohlendioxid, wird heute in der
Luft um etwa 35 Prozent erhöht angeboten, aber
auch die Temperatur hat fast überall zugenom-
men. Der Klimawandel übt zusätzlich auch Ein-
fluss aufs Sonnenlicht, das bei veränderter Bewöl-
kung und Lufttrübung vermehrt oder verringert
bis zur Erdoberfläche vordringt, und auf das Was-
ser vom Himmel aus. Damit wiederum werden
das Nährstoffangebot sowie die Konzentration
der Spurenelemente geändert. Klima ist eben die
zentrale natürliche Ressource.

Es ist klar, dass Ernten von Kulturpflanzen zuneh-


men sollten, wenn der Pflanze Wasser, Nährstoffe
und Spurenelemente nicht fehlen und das Licht-
angebot nur geringfügig abnimmt. Seit Tausen-
den von Jahren haben deshalb Landwirte Felder
bewässert und seit einigen Jahrzehnten haben des-
halb »Landwirte« in Industrienationen in ihren
Gewächshäusern den Sonnentag durch Kunstlicht
verlängert, Kohlendioxid in der Luft der geheizten
Gewächshäuser angereichert und dosiert bewäs-

50 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
seit, um mehr zu ernten. Wenn auch jüngst dabei
oft die Produktqualität, z. B. bei Tomaten, litt.

Was gilt für unbewässerte Äcker? – Das hängt zu- C3-Pflanzen


erst vom Pflanzentyp ab. Die meisten unserer
Kulturpflanzenarten sind sogenannte C3-Pflan-
zen, die auf erhöhten Kohlendioxidgehalt bei
gleicher Sonnenenergie und ausreichender Dün-
gung und unverändertem Wasserangebot mit
stärkerem Wachstum reagieren. Also geht ein
Teil der zunehmenden Ernten vergangener Jahr-
zehnte in humiden Klimagebieten auf die Koh-
lendioxidzunahme in der Atmosphäre zurück.
Wegen der erhöhten Wassernutzungseffizienz
wird sogar bei leicht geringerem Niederschlag

Pflanzentyp C3
Dieser ursprünglichste Pflanzentyp, zu dem die
meisten unserer Kulturpflanzen gehören (Wei-
zen, Reis, Zuckerrüben), hat als erstes stabiles
Zwischenprodukt bei der Photosynthese eine Ver-
bindung mit drei Kohlenstoffatomen (3-Phos-
phoglycerat). Er ist bei sehr hohem CO2-Gehalt in
der Atmosphäre und noch niedrigem Sauerstoff-
gehalt entstanden. C3-Pflanzen wachsen bei
15–25°C am besten, brauchen jedoch viel Wasser.
Wachstum bei erhöhtem CO2-Gehalt:
Weil der relativ geringe CO2-Gehalt in unserem
Erdzeitalter Biomasseproduktion durch Pflanzen
hemmt, führt CO2-Zunahme bei ausreichend
Wasser und Nährstoffen zu einer Ertragszu-
nahme, der bei C3-Pflanzen bis zu 30 Prozent
betragen kann, zu verbesserter Wassernutzung,
zu größeren Blattflächen und erhöhtem Blattge-
wicht, früherer Reife, froherer Blüte, geringerem
Trockenstress.

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 51


keine Ernteminderung auftreten; denn die Spalt-
öffnungen der Blätter müssen für die Aufnahme
der gleichen Menge Kohlendioxid nicht so weit
geöffnet werden, so dass sie dadurch etwas weni-
ger verdunsten müssen.

C4-Pflanzen Ist eine Kulturpflanzenart den C4-Pflanzen zuzu-


rechnen – das gilt etwa für Mais und Hirse –, ist
die Reaktion auf eine Kohlendioxidzunahme weit
geringer ausgeprägt. Somit sind für die Hauptge-
treidearten Afrikas und vieler anderer tropischer
und subtropischer Gebiete die Chancen auf Ernte-
zuwächse viel geringer. Vor allem der Nieder-
schlagsschwund in den meisten semi-ariden Ge-
bieten führt daher zu verminderten Ernten. Wir
sehen somit erneut einen die Nord-Süd-Differenz

Pflanzentyp C4
Diese Pflanzen haben im Vergleich zu C3-Pflanzen
eine schnellere Photosynthese bei höheren
Temperaturen und höherer Einstrahlung, wobei
ihre Kohlenstofffixierung als erstes stabiles
Zwischenprodukt der Photosynthese das Oxalace-
tat mit 4 Kohlenstoffatomen ist Zu den C4-Pflan-
zen zahlen Hirse, Hais, Zuckerrohr und China-
schilf. Sie nutzen Wasser oft mehr als doppelt so
effizient wie C3-Pflanzen und wachsen bei Tempe-
raturen zwischen 30 und 45°C am schnellsten.
Wachstum bei erhöhtem C02-Gehalt:
Alles bisher über C3-Pf lanzen und höheren
CO2-Gehalt Gesagte gilt für C4-Pflanzen in sehr
reduzierter Weise. Sie erhöhen Erträge nur
schwach bei kräftig erhöhtem CO2-Gehalt.
Deshalb sind die Erträge in den semi-ariden
Tropen bei verschärfter Trockenheit durch die
Erwärmung besonders gefährdet.

52 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
verstärkenden Faktor. Im jüngsten, dem vierten
bewertenden Bericht von IPCC, steht daher: »Die
Ernten können in höheren Breiten bis zu einem
Anstieg der lokalen Durchschnittstemperatur um
bis zu 1,5 bis 3,5°C über dem vorindustriellen Wert
leicht zunehmen und sinken oberhalb dieser Tem-
peraturschwelle in einigen Regionen wieder ab.«

CAM-Pflanzen
Diese Pflanzengruppe (Crassulaceen Acid Meta-
bolism – Säurestoffwechsel der Dickblattge-
wächse), meist Sukkulenten, aber z. B. auch
viele Orchideen und Wolfsmilchgewächse, haben
einen besonders an Trockenstandorte angepass-
ten Mechanismus der Kohlendioxidfixierung, der
C4-Pflanzen stark ähnelt. Ihre CO2-Aufnahme
ist jedoch zeitlich getrennt von der CO2-Assimi-
lierung in der Photosynthese. Sie fixieren C02
nachts und greifen tagsüber auf die Reserve zu-
rück, so dass CAM-Pflanzen während der heißen
Tagesstunden die Spaltöffnungen ihrer Blätter
geschlossen hatten können. Sie brauchen nur ca.
50 Milliliter Wasser pro Gramm Trockengewicht
statt 450 bis 950 ml/g der C3-Pflanzen.
Wachstum bei erhöhtem C02-Gehalt;
siehe Aussagen zu C4-Pflanzen.

»In niederen Breiten führt selbst eine geringe


globale Temperaturerhöhung tendenziell zu sin-
kenden Getreideerträgen, wobei insbesondere
Dürren und Überschwemmungen die Landwirt-
schaft – insbesondere im Selbstversorgungssek-
tor – gefährden.«

Was gilt für naturnahe Ökosysteme auf dem Ökosysteme


Land? Zurzeit nimmt die in den terrestrischen auf dem Land

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 53


Ökosystemen gespeicherte Kohlenstoffmenge
insgesamt zu, obwohl weiterhin große Waldflä-
chen in vielen tropischen Gebieten und in Sibi-
rien gerodet werden. Also gibt es netto eine Auf-
nahme von Kohlenstoff in die Vegetation und die
Böden. Wo genau diese zusätzliche Kohlenstoff-
senke existiert, ist nur unzureichend bekannt,
weil längerfristige Messungen der Kohlendioxid-
flüsse in den Ökosystemen fast völlig fehlen und
nur über die schon seit 1958 existierenden Kon-
zentrationsmessungen in der Luft in einem dün-
nen und noch wachsenden Messnetz die Stärke
der Kohlenstoffsenke grob erschlossen werden
kann. Eine der zentralen Forschungsfragen lautet
deshalb: Wo genau und wie lange bei weiterer
Temperaturerhöhung und zugehörigen Nieder-
schlagsänderungen wird anthropogener Kohlen-
stoff von der Vegetation aufgenommen? Geht
nämlich diese Zusatzspeicherung zu Ende, dann
wird der Klimawandel durch zusätzliche Emissio-
nen von Kohlendioxid aus Wäldern, Steppenge-
bieten und Tundren noch beschleunigt. Die ersten
Erdsystemmodelle, welche Konzentrationen der
Spurengase Kohlendioxid und Methan bei vorge-
gebenen Emissionen berechnen können, deuten
alle auf eine Abschwächung der zusätzlichen Auf-
nahme von Kohlenstoff in die Vegetation und die
Böden bei stärkerer Klimaänderung hin, sie sind
aber noch weit davon entfernt, den Umklapp-
punkt von Aufnahme zu Abgabe von Kohlenstoff
zeitlich eingeengt angeben zu können.

Ökosysteme Was gilt für die Ökosysteme im Ozean? – Für die


im Ozean Pflanzen im Meer, es sind ganz überwiegend

54 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
Kleinalgen in der obersten von Sonnenlicht noch
erreichten Ozeanschicht, gelten zunächst diesel-
ben Wachstumsvoraussetzungen wie auf dem
Land. Da jedoch Wasser immer vorhanden ist
und die Temperatur nur zwischen –1,9°C (Ge-
frierpunkt sehr salzhaltigen Meerwassers) und
etwas über 30°C schwankt, da außerdem die Che-
mie des Meerwassers zusätzliches, aus der Atmo-
sphäre angebotenes Kohlendioxid um etwa den
Faktor zwölf puffert, schieben sich die Faktoren
Sonnenlicht, Nährstoffe und Spurenelemente
oder Mikronährstoffe in den Vordergrund, wenn
man über Wachstumsänderungen spricht. Für
Kalkschalen bildende Algen, z. B. die Kokkoli-
then, kommt eine Beeinträchtigung der Schalen-
bildung bei höherem Kohlendioxidpartialdruck
in der Atmosphäre hinzu, weil die daraus fol-
gende Erhöhung des Säuregehaltes im Meer-
wasser die Schalenbildung behindern kann, wie
Laborexperimente gezeigt haben.

Ein zentrales Problem für die küstennahen Mee- Erhöhtes


resgebiete ist die Anreicherung von normaler- Algenwachstum
weise das Wachstum begrenzenden Nährstoffen
wie Phosphat und Nitrat, die zu erhöhtem Algen-
wachstum führt. Davon betroffen ist z. B. die ge-
samte Ostsee. Warum sind mehr Nährstoffe ein
Problem? Weil in geschichteten Gewässern wie
der Ostsee Kleinalgen, die sich viel stärker ver-
mehren, zum großen Teil – ohne vom Zooplank-
ton gefressen zu werden – in die tieferen Schich-
ten absinken. Dort fressen die Bakterien im
Wasser und im Sediment oder andere Lebewesen
am Meeresgrund die Kotpillen des Zooplanktons

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 55


oder die herunterrieselnden toten Algen, ver-
brauchen Sauerstoff und atmen Kohlendioxid
aus. Wird der Wasserkörper nicht durchmischt,
bildet sich ein sauerstoffarmer bzw. sauerstoff-
loser Wasserkörper, aus dem die meisten Lebe-
wesen auswandern oder in ihm absterben müs-
sen. Dies geschieht z. B. dauerhaft im Schwarzen
Meer und immer wieder in tieferen Becken der
Ostsee, inzwischen sogar in Teilen des Golfes von
Mexiko vor der Küste der USA. Ob auch das Was-
ser in mittleren Schichten des großen Ozean-
beckens betroffen sein kann, also noch sauerstoff-
ärmer wird, ist unklar, weil die Reaktionen der
marinen Ökosysteme auf Nährstoffanreicherun-
gen, aber besonders auf die angelaufenen Klima-
änderungen, nicht ausreichend verstanden sind.

Wir wissen nicht, ob der Planet bei weiter er-


höhtem Treibhauseffekt im 21. Jahrhundert ins-
gesamt wirklich grüner wird. Wir wissen nur,
dass das für hohe nördliche Breiten und even-
tuell für die inneren Tropen sehr wahrscheinlich
ist. Viele andere Regionen werden an Grün ver-
lieren.

56 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
»Der Golfstrom reißt ab«

Wird Europa kälter, obwohl die Welt sich


erwärmt?

W enn man die Abweichungen der Jahresmit-


teltemperatur der Luft vom Breitenkreismittel bei
Nordatlantische
Drift
60° nördlicher Breite aufträgt, fällt vor Norwegen
eine Erhöhung von bis zu 11°C auf, aber auch noch
bis über St. Petersburg hinaus nach Osten bleiben
positive Abweichungen. Dieser wärmende Einfluss
des Atlantischen Ozeans ist mit einer Besonderheit
der ozeanischen Zirkulation verknüpft. Etwa
1015 Watt, das sind ca. hundert mal mehr als die für
die gesamte Menschheit notwendige Leistung in
unserem Energieversorgungssystem, werden vom
Atlantik aus der südlichen Erdhälfte über den
Äquator in die nördliche Erdhälfte transportiert.
Der größte Teil dieses Energieflusses wird vor Eu-
ropa an die Atmosphäre abgegeben, wodurch wir
mit einem für unsere Breiten recht milden Klima
gesegnet sind. Ein erheblicher Teil dieses Energie-
flusses wiederum wird im südlichen Nordatlantik
durch den Golfstrom, eine kräftige westliche Rand-
strömung vor Nordamerika, bewerkstelligt, bevor
nördlich von etwa 37°N die Nordatlantische Drift,
nicht mehr als kräftiger Strom, sondern als in Mä-
ander und Wirbel mit etwa 100 km Durchmesser
aufgelöste Meeresströmung, den Weitertransport
von Wärme übernimmt. Also geht es nicht um den
Golfstrom, sondern um die Stärke der Nordatlanti-
schen Drift, denn der Golfstrom rezirkuliert wieder
in die Karibik.

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 57


Ansüßung des Was wissen wir von der Stärke der Nordatlanti-
Atlantikwassers schen Drift? Dass sie im Holozän, unserer geologi-
schen Epoche seit etwa 11 000 Jahren, recht stark
war; dass sie aber in der Klimageschichte öfters
recht schwach ausgeprägt war und Europa dann
sein mildes Vorzugsklima verlor, d. h. es wurde
um bis zu 4°C kälter. Das letzte solche Ereignis trat
vor etwa 12 500 Jahren auf, in der sogenannten
jüngeren Dryas-Periode, als sich ein riesiger Süß-
wassersee vom zerfallenden nordamerikanischen
Eisschild gespeist im Gebiet des heutigen St. Lo-
renzstroms rasch in den Atlantik entleerte und
die tiefreichende Konvektion im Ozean um Grön-
land unterband. Denn das angesüßte Atlantik-
wasser war bei der winterlichen Abkühlung auf
die Gefriertemperatur von Meerwasser (ca. –1,8°C)
nicht mehr dichter als die darunterliegenden
Wassermassen und sank daher nicht mehr tief ab.
Eine kompensierende, nordwärts gerichtete Mee-
resströmung in Oberflächennähe war somit nicht
mehr notwendig. Vor Europa wurde daher weit
weniger Wärme an die Atmosphäre abgegeben, es
wurde kälter, und die schon weit nordwärts ge-
wanderten Wälder wichen für einige Jahrhun-
derte wieder etwas zurück. Nach ca. 1000 Jahren
wurde die Nordatlantische Drift wieder rasch her-
gestellt. In allen bisher bekannten Ereignissen
mit schwacher Nordatlantischer Drift war die An-
süßung des Atlantikwassers durch das Schmelzen
von Eismassen der Auslöser.

Nordatlantische Fast alle gekoppelten Atmosphäre/Ozean/Land-


Drift im Modelle, die für unterschiedliches Verhalten der
21. Jahrhundert Menschheit den erhöhten Treibhauseffekt und

58 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
die zugehörigen Klimaänderungen im 21. Jahr-
hundert hochgerechnet haben, zeigen einen
geschwächten Wärmetransport nordwärts im
Atlantik. Sie berechnen aber keinen Stopp der
tiefreichenden Konvektion in der Grönland- oder
Labradorsee, also den Stellen im Nordatlantik,
wo Meerwasser sich zum letzten Mal mit der
Atmosphäre austauscht, bevor es in 2 bis 4 km
Tiefe auf eine mehrhundertjährige Reise süd-
wärts bis in den Ring um die Antarktis und von
dort in den Indischen und Pazifischen Ozean
und später an der Oberfläche wieder zurück geht.
Zum vollständigen Stopp kommt es jedoch für
starke Treibhausgasemissionen in den wenigen
Modellen, die bis zu Jahrtausenden in die Zu-
kunft gerechnet haben. Wie es im Bericht der
Arbeitsgruppe II des Zwischenstaatlichen Aus-
schusses über Klimaänderungen (IPCC) vom
April 2007 heißt: Es ist sehr unwahrscheinlich,
dass die tief reichende Konvektion im 21. Jahr-
hundert abrupt stoppt, eine Schwächung ist je-
doch wahrscheinlich, die Temperaturen über
dem Atlantik und in Europa werden wegen der
allgemeinen raschen globalen Erwärmung trotz-
dem ansteigen. Diese großräumige und nach-
haltige Schwächung der Umwälzung des Ozeans
ändert natürlich die Produktivität der marinen
Ökosysteme und damit der Fischerei, es mindert
aber auch die Aufnahme des CO2 in den tieferen
Ozean und wird wahrscheinlich die Sauerstoff-
konzentration im Inneren des Ozeans absinken
lassen. Aber auch die Landökosysteme werden
sich anders entwickeln als ohne die Schwächung
der Nordatlantischen Drift.

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 59


Der physikalische Mechanismus, der zur Schwä-
chung des nordwärtigen Wärmetransports im
Atlantischen Ozean führt; ist im 21. Jahrhundert
nicht so sehr das Abschmelzen des grönländi-
schen Eisschilds, sondern die erhöhte Nieder-
schlagsmenge in den nördlichen Nordatlantik.
Gerät das Strömungssystem allerdings in die
Nähe des Umkippens zur fehlenden Nordatlanti-
schen Drift, dann sind die Schmelzwassermen-
gen von Grönland wahrscheinlich der Auslöse-
faktor.

60 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
»Die Alpen sind bald gletscherfrei«

Bergregionen reagieren besonders empfindlich

A lle hohen Gebirge der Erde sind vergletschert,


weil die Temperatur in der Erdatmosphäre mindes-
tens bis 8 km Höhe, in den Tropen sogar bis 15 km
im Mittel abnimmt. Der physikalische Grund dafür
ist die geringe Absorption von Sonnenenergie
durch die Haupt- und Nebenbestandteile der Luft,
wodurch tagsüber bei Schönwetter die Heizplatte
an der Erdoberfläche liegt, sofern die Sonne min-
destens 10° über den Horizont steigt. Bei Anstieg
um 100 Meter in der Atmosphäre sinkt die Tempe-
ratur im Mittel um etwa o,5°C, im Fall perfekter
Durchmischung ohne Wolken um fast genau 1°C.

Im Gebirge liegt für einen Gletscher bei einer Rückzug der


mittleren Erwärmung von 1°C an Niederschlags- Gletscher
tagen das Nährgebiet um 150 m höher. Weil die
meisten Ostalpengletscher nur einen Höhen-
unterschied von einigen hundert Metern (z. B.
von 2700 m bis 3300 m Höhe) aufweisen, wird
sich die Gletscherzunge um
»mindestens« 150 Höhenme- In der Nährzone eines Gletschers
ter zurückziehen. »Mindes- bleibt zumindest ein Teil des
tens« deswegen, weil die Schnees im Sommer erhalten
(Akkumulationsgebiet).
Nährzone meist viel größer ist Als Zehrzone werden die unteren
als die Zehrzone und bei 150 Gletscherregionen bezeichnet,
m Anstieg der Gleichgewichts- in denen das Abschmelzen des
linie zwischen Akkumulation Eises gegenüber dem Nachschub
durch Schnee überwiegt
und Ablation ein höherer Flä-
(Ablationsgebiet).
chenanteil in die Ablations-

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 61


zone gerät als es dem relativen Höhenanteil zwi-
schen Zunge und Gipfel entspricht. Ein Gletscher
mit Gleichgewichtslinie bei 3000 m; einer Zunge
bei 2700 m an einem Gipfel mit 3300 m Höhe
muss bei im Mittel 2°C Erwärmung also »ster-
ben«; für viele tritt das noch früher ein.

Die Alpen insgesamt haben seit dem Gletscher-


hochstand um 1850 bis heute bei ca. 1,5°C Erwär-
mung in den Höhenlagen bereits etwa zwei Drittel
der Eismasse und etwa die Hälfte der vergletscher-
ten Fläche verloren. Insbesondere die heißen Som-
mer der jüngsten Zeit haben ihnen zugesetzt, allein
2003 verloren die Gletscher in der Schweiz auf ihre
gesamte Fläche umgerechnet etwas mehr als drei
Meter Eis. Eine vergleichsweise sichere Aussage
für das 21. Jahrhundert lautet deshalb: Fast alle
Bergregionen mit Gipfeln unter 3500 m Höhe über
dem Meeresspiegel werden gletscherfrei, denn
dazu wären nur etwa 3°C Erwärmung (gezählt seit
1850) bei annähernd gleicher Niederschlagsmenge
notwendig – und 3°C Erwärmung in den Alpen be-
deutet Einhaltung des EU-Klimaschutzzieles von
höchstens 2°C globaler mittlerer Erwärmung im
21. Jahrhundert. Es könnte noch viel bedrohlicher
werden für die Gletscher der Alpen, aber auch welt-
weit, wenn eine wirksame Klimaschutzpolitik
scheitert. Sogar dann würden sie auf den meisten
Viertausendern der Alpen noch in Resten existie-
ren, weil sich die Abnahme der Temperatur mit der
Höhe (der vertikale Temperaturgradient) bei Kli-
maänderungen nur unwesentlich ändern wird und
auch eine Erwärmung um z. B. 5°C die Gletscher
am Mont Blanc nicht vollständig beseitigt.

62 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
»Marschniederungen und Megastädte an
den Küsten werden überschwemmt«
Die kommenden Jahrzehnte entscheiden über
die Existenz der Küstenstädte in Jahrhunderten

K limaänderungen sind für die Erde normal.


Ihre Bahn um die Sonne ändert sich fast perio-
Rolle der
Änderungsrate
disch, Kontinente driften, Ozeanbecken schrump-
fen oder wachsen, die Zusammensetzung der
Atmosphäre schwankt, aber ändert sich auch syste-
matisch, Himmelskörper können mit katastropha-
len Folgen für die biologische Vielfalt einschlagen.
Warum sollte man sich dann über anthropogene
Klimaänderungen aufregen? Die einfache Ant-
wort: Die Änderungsrate ist entscheidend. Wäh-
rend die schnellsten Änderungen sicherlich von
einschlagenden Himmelskörpern stammten, sind
alle anderen natürlichen globalen Klimaände-
rungsraten recht moderat. Nehmen wir die schnel-
len dieser Vorgänge, nämlich den Ausstieg aus ei-
ner intensiven Vereisung in eine Zwischeneiszeit,
wie es seit einer halben Million Jahre etwa fünf Mal
in jeweils ca. 10 000 Jahren eines etwa 100 000
Jahre langen Eiszeitzyklus geschah. Riesige Eis-
schilde schmolzen dabei ab und der mittlere glo-
bale Meeresspiegel stieg deshalb um etwa 120 m
an, also im Mittel mit einer Rate von etwas mehr
als einem Meter pro Jahrhundert. Die Temperatur-
änderung betrug dabei im globalen Mittel 4 bis
5°C, also erwärmte sich die Erdoberfläche um 4 bis
5 Hundertstel °C pro Jahrhundert, natürlich mit
Schwankungen um diesen Wert.

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 63


Überforderung Ohne Klimapolitik, d. h. bei ungehemmter weite-
der Ökosysteme rer Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas,
würde im 21. Jahrhundert eine Erwärmung um
bis zu 5°C auftreten, die Änderungsrate könnte
also auf das Hundertfache der natürlichen klet-
tern. Es ist wohl einsichtig, dass dies die Anpas-
sungsfähigkeit fast aller Ökosysteme übersteigt,
das Wirtschaften erschwert und die Nahrungs-
mittelproduktion in vielen Regionen reduziert.
Ein Beispiel für die Beschränkung der biologi-
schen Vielfalt bei raschen natürlichen Klima-
änderungen ist die Artenarmut in europäischen
Wäldern. Vor etwa 18 000 bis 21 000 Jahren bei
der maximalen Ausdehnung der Eisschilde in der
sogenannten Würm-Eiszeit war die nördliche
Verbreitungsgrenze hochstämmigen Waldes im
westlichen Europa in Südfrankreich. Schon
10 000 Jahre später lag diese Grenze im nörd-
lichen Skandinavien. Nur einige Baumarten
schaffen diese rasche Wanderung über 25 Brei-
tengrade, wodurch es einem deutschen Erstkläss-
ler möglich ist, alle Baumarten in unseren Wäl-
dern auswendig zu lernen.

Folgen für Implizit war in den vorherigen natürlichen Än-


Küstenstädte derungsraten von Temperatur und Meeresspie-
gel noch eine Botschaft enthalten: Einmal durch
Erwärmung getriggert, schmilzt ein Inlandeis,
auch unterstützt durch steigende Treibhausgas-
konzentrationen, langfristig ab. Auf unsere Situ-
ation übertragen heißt das: Wann wird das aus
der Sicht menschlicher Zeitskalen irreversible
Abschmelzen des Grönländischen Inlandeises
angestoßen? Die Klimaforscher sagen: Bei einem

64 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
Anstieg der mittleren globalen Temperatur um
1,5°C gegenüber dem Wert vor der Industrialisie-
rung könnte das passieren, aber bei mehr als
3,5°C ist es sehr wahrscheinlich. Da auch die Er-
wärmung der nächsten wenigen Jahrzehnte be-
reits zum größten Teil vorprogrammiert ist, egal
welche Klimapolitik kommt, muss sich jeder Bür-
germeister einer Küstenstadt mit Marschniede-
rungsanteil fragen: Was muss getan werden, dass
möglichst wenig des Meeresspiegelanstiegs
durch das Abschmelzen Grönländischen Eises
von insgesamt sieben Meter in den kommenden
Jahrhunderten realisiert wird? Die Antwort lau-
tet: Stringente, global koordinierte Minderung
der Treibhausgasemissionen in der ersten Hälfte
des 21. Jahrhunderts kann helfen, die niedrig lie-
genden Teile der Stadt im Jahre 2500 nicht aufge-
ben zu müssen.

Wie fast immer ist die Bedrohung durch einen Unterschiedliche


Meeresspiegelanstieg für die armen Regionen Bedrohung
größer als für die wohlhabenden. Die Nieder-
lande sind durch Dünen, Deiche und Schleusen
mit mindestens einer Höhe von 15 m über Nor-
malnull (NN) gegen das tausendjährige Ereignis
geschützt, in Deutschland gilt 8 m über NN
zum Schutz gegen das Hundertjährige, in vielen
Entwicklungsländern fehlen Deiche auch für
Megastädte, und sogar in den USA ist der Küsten-
schutz, wie in New Orleans demonstriert, jetzt
schon unzureichend. Bei einem Wirbelsturm der
Kategorie 3, auf den Katrina im Jahr 2005 beim
Landgang vom amerikanischen Wetterdienst
heruntergestuft worden war, trat die Katastrophe

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 65


ein. Die Folgen der großen Überschwemmungs-
katastrophen sind noch größere Armut und oft
die Migration.

Zunahme der Eine große Unbekannte für fast jede Küstenre-


Stürme gion ist die zukünftige Entwicklung der Inten-
sität und Häufigkeit der Stürme. Bleibt alles wie
es war, sind dennoch höhere Schäden vor-
programmiert, weil das Geschehen bei erhöhtem
Meeresspiegel abläuft und oft viele neue Werte
in Überschwemmungsgebieten angehäuft wur-
den. Nimmt die Intensität der Stürme zu – dies
ist für tropische Wirbelstürme z. B. im Atlantik
trotz kräftiger Schwankungen von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt aus den Zeitreihen destilliert wor-
den –, folgt eine Schadensexplosion, wie von
den Rückversicherungsgesellschaften festgestellt.
Außerhalb der Tropen entscheidet über Zu- oder
Abnahme der Stürme zunächst die mittlere Zug-
bahn der Sturmtiefs. Da ein erhöhter Treibhaus-
effekt der Atmosphäre zu höherer Erwärmung
der hohen Breiten wegen der dort schrumpfen-
den Schnee- und Eisbedeckung führt, wird der
Temperaturunterschied zwischen Nord und Süd
etwas kleiner, so dass weniger Wärme nordwärts
transportiert werden muss. Dadurch lässt der An-
reiz zur Bildung von Tiefdruckgebieten nach und
die Tiefdruckgebiete ziehen auf etwas nördliche-
ren Zugbahnen. Gleichzeitig wird jedoch bei
höheren Temperaturen mehr Wasserdampf und
damit latente Wärme transportiert, die in Tief-
druckgebieten bei der Niederschlagsbildung frei-
gesetzt wird und die Tiefdruckgebiete inten-
siviert. Welcher der beiden Prozesse insgesamt

66 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
überwiegt, ist noch unklar. Für den nördlichen
Nordatlantik wird in den Modellen für das
21. Jahrhundert eine Intensivierung der Tief-
druckgebiete in etwa 60°N berechnet.

Will man Amsterdam, Hamburg und andere


Küstenstädte in Marschniederungen über Jahr-
hunderte blühen sehen, muss rasch aus der Nut-
zung fossiler Energieträger ausgestiegen werden,
und zwar bevor diese zur Neige gehen.

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 67


»Wetterextreme werden überall zunehmen«
Eine der größten Bedrohungen durch den
Klimawandel

Seltene
Ereignisse
K lima als die Synthese des Wetters muss nicht
nur durch die Mittelwerte eines Wetterparameters
beschrieben werden, sondern auch die bei großen
Abweichungen vom Mittelwert auftretenden Wet-
terextreme enthalten. Da Wetterextreme seltene
Ereignisse sind, ist ihre Wahrscheinlichkeit ge-
ring, aber auch sehr ungenau anzugeben. Wird
außerdem nicht lange genug gemessen, z. B. nur
über einen Zeitraum von 50 Jahren, dann kann
man eigentlich über ein Ereignis, das nur etwa ein-
mal pro Jahrhundert auftritt, keine nur auf Mes-
sungen gestützte Aussage machen. Da es jedoch
für viele sicherheitsrelevante Bauten wie Brücken,
Sperrwerke, Deiche und Wandstärken notwendig
ist, dieses »Hundertjährige« zu kennen, denn
meist ist es das Maß des geplanten Schutzes,
werden an die gemessene Häufigkeitsverteilung
mathematische Funktionen angepasst und mit ih-
nen bis zum mindestens hundertjährigen Ereignis
extrapoliert. Ob diese Prozedur nicht allzu sehr
von der Wirklichkeit abweichende Wetterextreme
berechnet, kann man an Stationen mit längeren
Messreihen in ähnlichem Klima überprüfen. Eine
Voraussetzung für diese Berechnung von Häufig-
keiten von Wetterextremen, die fast nie als eigent-
lich nicht erfüllt diskutiert wird, ist ein über den
ganzen Messzeitraum in seiner Statistik stabiles
Klima. Das war schon früher nicht gegeben und ist
es heute noch viel weniger.

68 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
Nehmen wir an, dass sich der Mittelwert der Tem- Zunahme der
peratur von 1951 bis 2000 im Vergleich zu 1901 bis Hitzrekorde
1950 erhöht hat, dann muss sich auch die Häufig-
keitsverteilung, die ja die Abweichungen vom
Mittelwert beschreibt, mit verschieben. Bleibt da-
bei die Form unverändert, so muss bei sehr hohen
Temperaturen die Wahrscheinlichkeit für extreme
Hitze stark zunehmen und es müssen auch ganz
neue Rekorde vergegenwärtigt werden. Die sicher-
heitsrelevanten Infrastrukturen sind daran nicht
mehr angepasst und wetterbedingte Katastrophen,
z. B. ein Zugunglück wegen verbogener Gleise oder
neue Hitzetodrekorde bei bisher unbekannten Hit-
zewellen, werden häufiger. Auf der anderen Seite
der Häufigkeitsverteilung, im Falle der Temperatur
bei den Kältewellen, werden bisher bekannte Ex-
treme seltener, d.h. Temperaturen unter –30°C
werden in Deutschland zur Rarität.

Noch komplexer und auch bedrohlicher werden Wandel der


die Zusammenhänge für solche Wetterparame- Niederschläge
ter, für die die Häufigkeitsverteilung nicht nur
verschoben wird, sondern auch ihre Form ver-
ändert. Das gilt z. B. für den Niederschlag. Viele
meteorologische Phänomene hängen von einem
Naturgesetz ab, das die maximal mögliche
Feuchte in Luft als Funktion der Temperatur be-
schreibt, die sogenannte Clausius-Clapeyronsche
Gleichung. Nach diesem Naturgesetz – eine Folge
des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik – steigt
der Wasserdampfgehalt der Luft mit der Tempe-
ratur streng nichtlinear an. Jeder kennt seine
Wirkung aus dem Alltag: Heftige bis zerstöreri-
sche Niederschläge gibt es nur bei heißem Som-

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 69


merwetter. Während im Kubikmeter Luft bei 0°C
nur etwa 5 Gramm Wasserdampf möglich sind,
bevor der Überschuss in Wolkenwasser oder Ne-
bel überführt wird, ist der Wert bei 10°C mit
ca. 10 Gramm schon doppelt so hoch und er ver-
doppelt sich bis 20°C noch einmal auf ca. 20
Gramm. Wird Luft statt bei 0°C mit gleicher Ge-
schwindigkeit bei 20°C angehoben und beim Auf-
stieg in die höheren kälteren Schichten der
Atmosphäre abgekühlt, so fällt bei 20°C an der
Wolkenunterkante im Sommer mindestens vier
Mal so viel Wasser aus. Mindestens, weil bei der
Kondensation von Wasser zusätzlich Wärme frei-
gesetzt wird, die der Wolke noch höheren Auf
trieb verleiht und noch mehr kondensieren lässt.

Sturzflut Wenn sich also die oberflächennahe Luft, wie im


und Dürre 20. Jahrhundert, erwärmt, werden Regenereig-
nisse heftiger. Ob dabei insgesamt mehr Wasser
vom Himmel fällt, hängt von der allgemeinen
Zirkulation der Atmosphäre ab. Bleibt die ge-
samte Menge z. B. über ein Jahr gleich, werden
dennoch die Einzelereignisse im Mittel heftiger
und die Abschnitte ohne Regen länger. Im Ex-
tremfall gilt: Mehr Sturzfluten, aber öfter Dürre.
Die Beobachtungen auf vielen Kontinenten deu-
ten in diese Richtung, auch in Deutschland.

Sucht man z. B. nach den fünf Tagen mit den


höchsten Niederschlägen in einem Jahr, gemittelt
über 30 Jahre am Ende des 21. Jahrhunderts, und
vergleicht dies mit heutigem Klima, dann sagt ei-
nes der besten Klimamodelle (siehe Abb. 4) bei
fehlender Klimaschutzpolitik vorher: Fast überall

70 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4

wird diese jährliche Hochwasserlage intensiver


und meist nimmt auch die Dürreintensität zu.

Während bei Temperatur und Niederschlag be- Stürme und


reits recht detaillierte Aussagen aus Beobachtun- Hagel
gen und Modellen gezogen werden können, ist
dies für Stürme und Hagel weniger klar. Nur fol-
gendes ist schon mit recht hoher Wahrscheinlich-
keit aus Beobachtungen und Modellrechnungen
zu entnehmen: Die Stürme als Folge der Tief-
druckgebiete mittlerer Breiten haben nicht gene-
rell zugenommen, ihre Bahnen verlagern sich im
Mittel nordwärts, d. h. Gebiete wie Schottland
und das westliche Norwegen sind stärker be-
troffen. In der Deutschen Bucht ist die Heftigkeit
der Stürme nach einem Maximum Anfang der

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 71


1990er Jahre leicht abgesunken, beharrt aber seit-
Tropische dem auf recht hohem Niveau. Tropische Wirbel-
Wirbelstürme stürme sind im Mittel heftiger und damit zerstö-
rerischer geworden, ihre Zahl nimmt weltweit
nicht generell zu, weil für ihr Entstehen neben
hohen Temperaturen an der Meeresoberfläche
schwache Winde bis in Höhen um 15 km und
sehr niedrige Temperaturen in ca. 15 km Höhe
Voraussetzung sind. Diese Parameter sind in Mo-
dellen als in Zukunft eher bremsend erkannt
worden. Kurzzeitige Stürme, die von heftigen Ge-
wittern ausgehen, sollten bei höheren Oberfläch-
entemperaturen zunehmen, da pro Zeiteinheit
mehr Wasser kondensiert und ein heftigeres
eigenes Windfeld im Gewitter erzeugt wird. Die
dadurch verursachten Schäden bleiben aller-
dings räumlich begrenzt. Zur bisherigen und zu-
künftigen Intensität von Hagelschlägen können
keine Aussagen gemacht werden, denn die Beob-
achtungsbasis ist dafür unzureichend und Re-
chenmodellen sollte man, wenn sie nicht vali-
diert werden konnten, kein Vertrauen schenken.

Folgen der Die Zunahme der Wetterextreme stellt neben


Wetterextreme dem globalen Meeresspiegelanstieg und der wei-
teren Austrocknung semi-arider Gebiete die
größte Bedrohung durch den globalen anthropo-
genen Klimawandel dar. Dies gilt für alle Länder
gleichermaßen, weil zur Vermeidung von Schä-
den landesweit wohl organisierte Pläne zur An-
passung der Infrastruktur notwendig sind. Das
betrifft Bauordnungen, Versicherungen, Straßen-
und Brückenbau, Deiche, Überlaufbecken, Häfen
– und zwar für die kommenden Jahrzehnte, un-

72 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
abhängig von der Klimaschutzpolitik. In vielen
Ländern ist für alle diese Infrastrukturkom-
ponenten noch kein »Klimazuschlag« in die
Vorschriften eingewoben. Das ist nicht verwun-
derlich, weil auch die wissenschaftlichen Grund-
lagen zur Anpassung an veränderliche Häufig-
keitsverteilungen zum Teil noch fehlen. Das
hundertjährige Ereignis, gewonnen aus Messun-
gen bis vielleicht 1970, ist nicht mehr das geeig-
nete Maß. Wodurch soll es ersetzt werden?

Mein Vorschlag lautet: Sorgfältige statistische Physik als


Analyse der langen Messreihen mit dem Ziel, ver- Ratgeber
änderte Häufigkeitsverteilungen als Funktion der
Zeit zu gewinnen. Werden solche Veränderungen
gefunden, so ist mit regionalisierten Klima-
modellen für die kommenden Jahrzehnte zu extra-
polieren und auf dieser Basis sind Infrastruktur-
änderungen vorzunehmen. In internationalen
Flussgebieten ist das Konzept mit den Nachbar-
ländern abzustimmen. Behörden, nationale Diens-
te und Forschungsinstitute müssen dabei stets
gemeinsam agieren. Bei der Frage zu Wetterextre-
men als Folge des anthropogenen Klimawandels
ist die Physik der beste Ratgeber. Zunächst reicht
dafür die erste Abschätzung mit Naturgesetzen.
Da Wetterextreme oft lokal und kurzzeitig sind,
steckt auch die regionalisierte Modellierung für
Extremwerte noch in den Kinderschuhen, weil die
in globale Modelle eingebetteten Regionalmodelle
noch immer nicht gut genug räumlich auflösen.
Da neue Wetterextreme aber nur durch die Ver-
besserung dieser regionalen Modelle erkennbar
werden, gibt es keinen anderen, eleganteren Weg.

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 73


»Klimaschutz verursacht eine wirtschaftliche
Rezession«
Vorsorgen ist billiger als Schäden beseitigen

D er amerikanische Präsident George W. Bush


stieg wenige Wochen nach Amtsantritt im März
2001 mit dem Argument aus dem Kioto-Protokoll
aus, dass dieses Protokoll die Wirtschaft der USA
zu sehr belasten würde. Er reihte sich damit in die
lange Reihe derer ein, die eine Anpassung an den
Klimawandel als weit weniger kostenträchtig ein-
schätzen als Maßnahmen zur Minderung der
Treibhausgasemissionen. Warum ist das falsch?

Geopolitische Erstens, weil die Argumentation rein national ist.


Dimension Sie verkennt die geopolitische Dimension, denn
der Klimawandel verursacht erhöhte Verletz-
barkeit in wenig entwickelten Regionen und pro-
voziert dadurch ungewollte Einwanderung der
wenig ausgebildeten Habenichtse in OECD-Län-
der. Dass Umweltveränderungen durch Klima-
wandel einen Anteil an der Migration haben, ist
nicht mehr umstritten.

Ökonomische Zweitens, weil die früh Startenden ihre Wirt-


Chancen schaft beflügeln und nicht schädigen. Bestes Bei-
spiel ist der Kauf von Windenergieanlagen durch
die Amerikaner in Deutschland, wo seit 1991 zu-
nächst das Einspeisegesetz und seit 1999 das be-
reits erneut novellierte Erneuerbare-Energien-
Gesetz (EEG) galten. Bei zwei erneuerbaren
Energieträgern, dem Wind und der Sonnenener-

74 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


4
gie, haben diese Gesetze Deutschland zum Welt-
marktführer gemacht und bald könnte das auch
für die Biomasse gelten. Hunderttausende von
Arbeitsplätzen haben die neuen erneuerbaren
Energien geschaffen.

Drittens, weil es die wahren Kosten für fossile Verschleierung


Energieträger verschleiert. Die Dimension dieser der Kosten
Kosten machen zwei Zahlen deutlich: Nach Be-
rechnungen des Umweltbundesamtes müsste
eine Kilowattstunde (kWh) Strom aus Kohle-
kraftwerken in Deutschland bei Integration der
Umweltkosten, die wir alle über erhöhte Gesund-
heitskosten, Reparatur von Denkmälern, Schä-
den durch Wetterextreme etc. mittragen, mit sie-
ben Eurocent belastet werden. Dagegen zahlen
wir Stromverbraucher zur Zeit nur etwa 0,5 Eu-
rocent pro kWh mehr wegen des EEG. Gerechte
Kosten für fossile Energieträger würde weltweit
Abschied von ca. 300 Milliarden Euro pro Jahr
Subventionen für fossile Energieträger bedeuten.
Vielen Angestellten ist in Deutschland unbe-
kannt, dass die Ökosteuer, die über 16 Milliarden
Euro einspielt, ihnen zur Reduktion der Einzah-
lung in die Rentenkassen um 1,7 Prozent ihres
Gehaltes verhilft, sie also die Profiteure der Öko-
steuer sind.

Viertens, weil viele Rechnungen mit wirtschafts- Nachfolgende


wissenschaftlichen Modellen zeigen, dass in al- Generationen
len Ländern die Kosten für Emissionsminderung
unter einem Prozent des Bruttosozialproduktes
(BSP) bleiben, während die Anpassungskosten
bei fehlender Minderung der Emissionen sicher

AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS 75


einige Prozent, in Extremfällen sogar über zehn
Prozent, des BSP ausmachen können, wie der frü-
here Chef Ökonom der Weltbank, Sir Nicholas
Stern, in einem Bericht an die britische Regie-
rung feststellte. Dennoch wird in den kommen-
den Jahrzehnten die dann aktive Bevölkerung
beides schultern müssen, die Anpassung an das
Unvermeidbare und die Vermeidung des nicht
Tolerierbaren.

Warum ist diese Fehleinschätzung à la Bush so


weit verbreitet? Weil kurzfristige Gewinnerwar-
tungen beim Verkauf von Produkten aus abge-
schriebenen Anlagen locken und dabei die Vor-
bereitung eines Landes auf zukünftige neuere
Produkte zum Teil vernachlässigt wird. Diese
Einstellung ist in der Wirtschaft bei alten Indus-
trien besonders ausgeprägt. Sie sollte von den
Wählern durchschaut werden. Die richtige Maß-
zahl für eine Entwicklung des Landes ist der An-
teil für Forschung und Entwicklung am BSP, der
für die USA angemessen hoch ist, so dass die Ära
Bush wohl eine vorübergehende Delle bleiben
wird.

76 AUSWIRKUNGEN DES KLIMAWANDELS


5

Wie weiter angesichts


des Klimawandels?
»Das Kioto-Protokoll knebelt die Wirtschaft«

Chancen und Probleme einer internationalen


Klimapolitik

S eit dem Ausstieg des amerikanischen Präsi-


denten George W. Bush aus dem Kioto-Protokoll
steht der bis 2006 weltweit größte Emittent von
Kohlendioxid abseits und tut so, als ob eines der
größten Probleme der Menschheit die bislang
wirtschaftlich innovativste Nation nichts angehe.
Ja, sogar die Basis aus der Klimaforschung, zu ei-
nem wesentlichen Teil von amerikanischen Wis-
senschaftlern erarbeitet, wurde angezweifelt und
die eigene Akademie der Wissenschaften sollte
die Äußerungen von IPCC selbst noch einmal be-
werten. Sie hat den IPCC-Bericht als Stand des
Wissens bezeichnet. Aber auch nach dieser Ohr-
feige blieb die Regierung der USA bis heute im
Wesentlichen unbeeindruckt.

Das Verhalten der USA seit 2001 ist umso er- Wie kam es zum
staunlicher, als es deren Vizepräsident Al Gore Kioto-Protokoll?
1997 in Kioto war, der am Beginn der zweiten

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 77


Verhandlungswoche mit dem Satz: »I have told
my delegation to be more flexible«, die festgefah-
renen Verhandlungen wieder vorangehen ließ.
Als Ende Oktober 1990 bei der 2. Weltklimakon-
ferenz in Genf der erste bewertende Bericht des
IPCC vorgestellt wurde, forderte die anschlie-
ßende Ministerkonferenz eine Konvention der
Vereinten Nationen über Klimaänderungen, die
bis zum Erdgipfel in Rio de Janeiro im Juni 1992
zeichnungsreif sein sollte. Sie ist dort unter dem
Namen »United Nations Framework Convention
on Climate Change (UNFCCC)« von 153 Ländern
und der Europäischen Gemeinschaft gezeichnet
worden. Sie wurde rasch bis Dezember 1993 von
mindestens 50 Ländern ratifiziert, so dass sie be-
reits am 21. März 1994 völkerrechtlich verbind-
lich wurde. Bei der ersten Vertragsstaatenkonfe-
renz Ende März/Anfang April 1995 in Berlin
gelang es unter Leitung von Umweltministerin
Angela Merkel, das Berliner Mandat zu errei-
chen. Es forderte bis zur dritten Vertragsstaaten-
konferenz ein Protokoll zur Konvention, weil
klar war, dass das in der Konvention fast ver-
steckte Ziel für die Industrieländer, im Jahre
2000 nicht mehr Treibhausgase zu emittieren als
1990, völlig unzureichend war. Die dritte der
jährlich stattfindenden Vertragsstaatenkonferen-
zen in Kioto hatte also einen klaren Auftrag. Sie
erfüllte ihn und schaffte das Kioto-Protokoll am
letzten offiziellen Tag, dem 10. Dezember 1997.

Was steht im Das Kioto-Protokoll erkennt die besondere Ver-


Kioto-Protokoll? antwortung der Industrieländer an, in dem es
nur von ihnen Reduktionen der Emission für

78 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
eine Gruppe von Treibhausgasen fordert, die in
der Summe bis zum Zeitintervall 2008–2012, be-
zogen auf die Emissionen im Jahre 1990, etwa
5,2 Prozent ausmachen sollen. Damit negiert es
die frühere Emissionsgeschichte eines Landes,
erkennt aber an, dass zunächst die größten Emit-
tenten gefordert sind. Die Gruppe der Treibhaus-
gase ist nach folgenden Kriterien gewählt: Ers-
tens: langlebig, damit global verteilt und ohne
Bedeutung des Emissionsortes. Zweitens: schon
für den zusätzlichen Treibhauseffekt bedeutend.
Die Reihung der anthropogenen Treibhausgase
nach Bedeutung bei Abschluss des Protokolls
war: Kohlendioxid, Methan, halogenierte Kohlen-
wasserstoffe (über die im Montrealer Protokoll
behandelten hinaus), Lachgas. Sie gilt auch jetzt,

Das Ziel der Rahmenkonvention der Vereinten


Nationen über Klimaänderungen:
»Das Endziel dieses Übereinkommens und alter
damit zusammenhingenden Rechtsinstrumente,
welche die Konferenz der Vertragsstaaten be-
schließt, ist es, in Übereinstimmung mit den
einschlägigen Bestimmungen des Übereinkom-
mens die Stabilisierung der Treibhausgaskonzen-
trationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu
erreichen, auf dem eine gefährliche anthropo-
gene Störung des Klimasystems verhindert wird.
Ein solches Niveau sollte innerhalb eines Zeit-
raums erreicht werden, der ausreicht, damit sich
die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klima-
änderungen anpassen können, die Nahrungs-
mittelerzeugung nicht bedroht wird und die
wirtschaftliche Entwicklung auf nachhaltige
Weise fortgeführt werden kann.«

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 79


zehn Jahre danach, noch. Drittens: Erfassung der
verschiedenen wirtschaftlichen Sektoren ein-
schließlich Landwirtschaft.

Zur Zeit sind nur 41 Länder zu Minderungen


oder Maßnahmen verpflichtet. Der OECD neu
angehörende Länder wie Südkorea und Mexiko
gehören nicht dazu, wohl aber viele ehemalige
Republiken der Sowjetunion.

Kann das Kioto- Als die über 150 anwesenden Nationen am


Protokoll erfüllt 10. Dezember 1997 im Kongresszentrum von
werden? Kioto das erste als völkerrechtlich verbindlich
gedachte Protokoll zur Rahmenkonvention der
Vereinten Nationen über Klimaänderungen ab-
nickten (es war schon später Vormittag am 11. De-
zember 1997), stand in ihm für die Europäische
Union der höchste Reduktionsbetrag für Treib-
hausgasemissionen, nämlich 8 Prozent. Da die
Lebensbedingungen für einzelne europäische
Länder sehr unterschiedlich sind, wurden diese
-8 Prozent von +25 bis -28 Prozent je nach Mög-
lichkeit gespreizt. Zwei der großen EU-Mitglieds-
länder, Großbritannien und Deutschland, haben
mit -12,5 bzw. -21 Prozent die Hauptlast der
Emissionsminderung übernommen, weil in Groß-
britannien nach dem Ende des Kohlebergbaus
stärker auf Erdgas und auch Erdöl gesetzt wurde
und weil der Bundesrepublik 1990 der Welt-
meister der CO2-Emissionen pro Kopf, die DDR,
beigetreten war, worauf die Braunkohlever-
brennung stark zurückging. Beide Nationen wer-
den dieses Minderungsziel wohl einhalten. Trotz-
dem wird weiterhin von der Nichterfüllung des

80 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
Kioto-Protokolls gesprochen. Dies geschieht weit-
hin wegen der Unkenntnis der wirklichen Zahlen,
wegen der starken Zuwächse der Emissionen seit
1990 in einzelnen Ländern und wegen der Un-
kenntnis der sogenannten Kioto-Mechanismen.

Ganz wesentlich sind vier neue rechtliche


Instrumente, die zum Erreichen des Zieles
eingesetzt werden können:
■ Emissionshandel
■ Gemeinsame Umsetzung
■ »Clean Development Mechanism«
■ Anrechnung von Kohlenstoffsenken

Der Emissionshandel als marktwirtschaftliches Emissionshandel


Instrument soll den Platz finden helfen, wo Min-
derungen der Emissionen am einfachsten, d. h. am
billigsten sind. Der für eine Tonne Kohlendioxid
oder die äquivalente Tonne eines anderen Gases zu
entrichtende Preis hängt von den Ländern, die rati-
fiziert haben, und den Minderungszielen sowie
dem technologischen Fortschritt ab. Was wirklich
zu entrichten sein wird, wenn Land A nicht aus-
reichend gemindert hat und so bei Land B mit
Übererfüllung Zertifikate kaufen muss, steht noch
in den Sternen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion
gibt es zur Zeit einige Nationen, die eine starke
Minderung der Emissionen aufweisen; denn das
sozialistische Wirtschaftssystem, das verschwen-
derisch mit fossilen Brennstoffen umging und
doch keinen höheren Lebensstandard erreichte,
gibt es nicht mehr. Weil die mittlere Konzentration
der Kioto-Treibhausgase vom Emissionsort fast un-

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 81


abhängig ist, stellt dies auch naturwissenschaftlich
gesehen eine gute Lösung dar.

Ein Beispiel: Österreich erfüllt seine Ver-


pflichtungen sehr wahrscheinlich nicht.
Es kauft Emissionsrechte bei anderen klei-
nen europäischen Ländern, die wegen des
Zusammenbruchs des früheren Ostblocks
Teile ihrer Industrie verloren haben und
zum Teil auf westliche Standardverschwen-
dung von Energieträgern übergegangen
sind. Die baltischen Staaten könnten so zu
einem Zusatzeinkommen durch CO2-Emis-
sionshandel kommen.

Gemeinsame Gemeinsame Umsetzung (JI = Joint Implementa-


Umsetzung tion) zwischen Industrieländern – in der Sprache
von UNFCCC Annex I-Länder, in der Sprache des
Kioto-Protokolls Annex B-Länder – erlaubt z. B. die
Anrechnung eines Teils der Emissionsminderung
bei der Installation einer neueren effizienteren
Technik an Stelle einer Altanlage in Land A für das
Land B. Ein Beispiel soll dies klarer machen: Wird
in Tschechien ein neues Braunkohlekraftwerk hö-
herer Effizienz gebaut und ersetzt es ein altes inef-
fizienteres, so darf die so entstehende Minderung
im Lieferland der neuen Technik, z. B. Deutschland,
unter bestimmten Hilfestellungen zum Teil ange-
rechnet werden. Beide Länder teilen sich die Minde-
rung. Wegen der starken Emissionsminderungen
in ehemaligen Ostblockländern ist die gemeinsame
Umsetzung dort dann attraktiv, wenn der Preis für
eine vermiedene Tonne Kohlendioxid hoch ist.

82 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
Ist Land A ein Entwicklungsland, wozu per defi- Clean
nitionem alle Nicht-Annex-I-Länder gehören, Development-
dann kann ein Industrieland B Minderungsziele Mechanismus
über den sogenannten »Clean Development-
Mechanismus (CDM)« erreichen. Bedingung ist,
dass das Industrieland B dem Entwicklungsland
A neue, effiziente Technologie günstiger anbietet
als bei einem Geschäft außerhalb des Kioto-Pro-
tokolls. Je nach Unterstützung kann dann das
Minderungsziel des Industrielandes B teilerfüllt
werden. Seit das Kioto-Protokoll am 16. Februar
2005 bei Ratifizierung durch die Russische Föde-
ration völkerrechtlich verbindlich geworden ist,
hat die Zahl der CDM-Projekte rasch zugenom-
men. Ein Beispiel: Die Niederlande errichten in
China in der autonomen Provinz Innere Mongo-
lei einen großen Windenergiepark, dessen
CO2-Emissionsreduktion den Niederlanden nach
festen Regeln teilweise gutgeschrieben wird. Es
ist sehr schwierig, die Reduktionen für das In-
dustrieland auszurechnen, wenn im Entwick-
lungsland eine »Dreckschleuder« durch einen
normalen »Schmutzfinken« aus einem OECD-
Land ersetzt wird oder erneuerbare Energie-
träger, z. B. Wind oder Sonne, genutzt werden.

Sehr umstritten war und ist ein weiteres Kioto- Wiederaufforstung


Instrument, nämlich die Anrechnung von
Kohlenstoffsenken durch Aufforstung und
Wiederaufforstung als eine für Jahrzehnte koh-
lenstoffbindende Maßnahme. Umstritten, weil
es nur wenig Wissen über die pro Fläche und Zeit
gebundene Menge für verschiedene Biome gibt
und eine Überwachung sehr schwierig ist. Zu-

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 83


84 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?
5

dem sollte ein Land auch Information über die


gerodeten Flächen liefern, wobei hier ähnliche
Probleme auftreten wie bei einer Überwachung
der Aufforstung. Dass Wälder ein ganz wesent-
licher Kohlenstoffspeicher sind, ist unumstritten.
Jedoch gilt auch, dass gegenwär-
tig naturnahe Wälder vor allem Biom: Großlebensraum
in hohen nördlichen Breiten ihre der Erde mit mehr oder
Speicherfähigkeit für Kohlen- weniger einheitlichen
stoff wegen des Ȇberangebo- Klimabedingungen,
tes« an Kohlendioxid aus der Luft Pflanzentypen, Vegeta-
erhöhen. Damit ist der Erhalt be- tionsformen und charak-
stehender Wälder nicht nur als teristischen Tierformen
Hort der biologischen Vielfalt,

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 85


sondern auch als Speicher für anthropogenen
Kohlenstoff sehr wichtig. Deshalb hat der Wis-
senschaftliche Beirat der Bundesregierung Glo-
bale Umweltveränderungen vor der 9. Vertrags-
staatenkonferenz zur UNFCCC in Mailand im
Dezember 2003 auch empfohlen, ein Protokoll
zum Erhalt der großen Waldgebiete als Kohlen-
stoffspeicher anzustreben, statt das Kleinklein
bei der Überwachung der Aufforstung zu verfei-
nern.

Das +2°C-Ziel Als der Europäische Rat am 9. März 2007 seine


der EU Klimaschutzziele für die Zeit bis 2020 festlegte,
also für das Nachfolgeprotokoll zu Kioto, nannte
er 20 bzw. 30 Prozent Minderung der Emissionen
gegenüber denen von 1990. 30 Prozent nur dann,
wenn andere Industrieländer mitziehen. Wort-
wörtlich heißt es: »Der Europäische Rat billigt
das EU-Ziel, den Ausstoß an Treibhausgasen bis
zum Jahre 2020 gegenüber 1990 um 30 Prozent
zu reduzieren und auf diese Weise zu einer glo-
balen und umfassenden Vereinbarung für die Pe-
riode nach 2012 beizutragen«. Die danach im sel-
ben Satz formulierte Bedingung lautet: »sofern
sich andere Industrieländer zu vergleichbaren
Emissionsreduzierungen und die wirtschaftlich
weiter fortgeschrittenen Entwicklungsländer zu
einem ihren Verantwortlichkeiten und jeweili-
gen Fähigkeiten angemessenen Beitrag verpflich-
ten.«

Damit hat die EU indirekt ihr +2°C-Ziel mit hoher


Wahrscheinlichkeit aufgegeben. Warum? Weil
die westlichen Industrieländer für die Kioto-Peri-

86 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
ode 2008–2012 etwa bei 10 Prozent Emissions-
zunahme landen werden, die Gegner oder »Ver-
sager« USA, Japan und Kanada jedoch bei
+30 Prozent. Die Bedingung der EU ist somit für
die USA schon jetzt illusorisch zu nennen, denn
auch wenn statt -30 Prozent für die USA nur
–20 Prozent gälte, müsste diese bis 2020 eine
Minderung um etwa 50 Prozent vorzeigen. Die
EU dagegen könnte bei 15 bis 20 Prozent Minde-
rung bleiben, weil sie durch ihre Erweiterung für
die Kioto-Periode mindestens –10 Prozent vor-
weisen wird. Sie hat ehemalige Ostblockländer
aufgenommen, die durch Teilzusammenbruch
ihrer Wirtschaft und Umstellung auf den sparsa-
meren westlichen, aber immer noch verschwen-
derischen Umgang mit fossilen Brennstoffen der
EU helfen, das Kioto-Protokoll mehr als nur mit
–8 Prozent zu erfüllen.

Der zweite Teil der EU-Bedingung betrifft die Schwellenländer


sogenannten Schwellenländer, also vor allem
China, Indien, Brasilien, Mexiko, Indonesien und
Südafrika, somit etwa die Hälfte der Weltbevöl-
kerung. Kurioserweise zählen im Kioto-Protokoll
die Länder Mexiko und Südkorea, jetzt sogar
OECD-Mitglieder, und Taiwan als Entwicklungs-
länder, d. h. sie sind bisher ohne jede Verpflich-
tung zur Minderung der Treibhausgasemissio-
nen geblieben. Bei den Verhandlungen zu einem
Nachfolgeprotokoll wird es bis Ende 2009 einer
besonders geschickten Verhandlungsführung be-
dürfen, um z. B. eine Teilentkoppelung zwischen
Energieeinsatz und Wirtschaftswachstum für
Schwellenländer zu erreichen. Es mag helfen,

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 87


dass mit Brasilien und Indonesien die zwei größ-
ten Tropenwaldländer in obiger Liste enthalten
sind, weil allein mit dem Stopp der Waldzerstö-
rung in diesen beiden Ländern Emissionen von
der Größenordnung der EU-Staaten zusammen
vermieden werden könnten und die Abholzungs-
rate inzwischen vom Weltraum aus zuverlässig
überwacht werden kann.

Die EU hat sich mit der Bedingung im Rats-


beschluss vom 9. März 2007 vom Ziel, maximal
+2°C mittlere globale Erwärmung bis 2100 zuzu-
lassen entfernt, obwohl die Wissenschaftler im
IPCC-Bericht der Arbeitsgruppe I vom 5. Februar
2007 erklärten, dass die wahrscheinlichste mitt-
lere Erwärmung bei Verdoppelung des CO2-Ge-
haltes in der Atmosphäre bei +3°C liegt und da-
mit das EU-Ziel etwas schwieriger zu erreichen
sein wird als bei seiner Festlegung angenommen
werden konnte. Schon 450 ppm CO2 in der Atmo-
sphäre könnten das +2°C-Ziel nicht mehr einhal-
ten lassen und der Ausstieg aus den fossilen
Brennstoffen für die Industrieländer bis 2050 ist
bei nur –20 Prozent im Jahre 2020 wohl als uner-
reichbar zu bezeichnen.

88 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
»Die Klimapolitik richtet sich gegen die
Entwicklungsländer«
Möglichkeit zur Stimulation der Entwicklung

A ls im Vorfeld des Erdgipfels von 1992 in Rio


de Janeiro der Titel dieser Konferenz diskutiert
Entwicklung oder
Umweltschutz?
wurde, ging es auch um die Reihung der Worte
Umwelt und Entwicklung. Der offizielle Titel
UNCED (United Nations Conference on Environ-
ment and Development) zeigt, dass sich die
Industrienationen durchgesetzt haben. Warum
waren Entwicklungsländer für die Reihung Ent-
wicklung und Umwelt? Weil sie befürchteten,
dass aus Umweltschutzgründen ihre Entwick-
lung behindert werden solle und die Industrie-
nationen dies in ihrer versteckten Tagesordnung
nur nicht zugäben. Sie wurden geleitet von der
damals auch in den meisten Industriebetrieben
bei uns noch vorherrschenden Meinung, dass
Umweltschutz die wirtschaftliche Entwicklung
behindert. Inzwischen ist klar geworden, dass
z. B. weder der geregelte Katalysator für Otto-Mo-
toren in der EU noch die Großfeuerungsanlagen-
verordnung in Deutschland die Wirtschaft behin-
dert haben; sie haben sie sogar beflügelt, weil
damit neue Technologien auch zu Exportschla-
gern geworden sind.

Weil inzwischen auch bekannt ist, dass die Unge-


rechtigkeit bei der Ressourcenverteilung zwi-
schen Industrie- und Entwicklungsländern durch
den Klimawandel vergrößert wird, da die Verur-

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 89


sacher weniger unter ihm leiden als die armen
Länder, fordern die Entwicklungsländer jetzt ver-
stärkten Klimaschutz von Industrieländern. Das
Nachfolgeprotokoll zum Kioto-Protokoll wird
dies durch massive Steigerung der Emissions-
reduktionen berücksichtigen müssen; und jedes
Entgegenkommen der Entwicklungsländer bei
dem Klimaschutz wird rascheren Technologie-
transfer zu ihnen, Finanzierung von Anpas-
sungsmaßnahmen an den Klimawandel, Kom-
pensation für den Erhalt tropischer Regenwälder
und günstigere Bedingungen bei der Teilung von
Emissionsminderungen in gemeinsamen Projek-
ten enthalten müssen. Die Entwicklungsländer
haben durch unser Zögern eine stärkere Ver-
handlungsposition gewonnen.

Macht- Die Erhöhung des Anteils an erneuerbaren Ener-


verschiebungen gien in nationalen und internationalen Energie-
versorgungssystemen trägt als einen weiteren Ef-
fekt eine Machtverschiebung in sich: Jedes Land
wird unabhängiger von Energieimporten und
die gegenwärtigen Habenichtse besitzen mehr
von dem zentralen Energierohstoff, dem Energie-
fluss der Sonne an der Oberfläche. Wann werden
es alle Entwicklungsländer gemerkt haben, dass
die Klimaschutzbremser aus den OPEC-Ländern
(sie zählen offiziell zu den Entwicklungsländern)
ihre Interessen gar nicht vertreten? Es ist längst
Zeit, die Einteilung in Ländergruppen zu ändern
und die stark emittierenden der OPEC-Länder,
aber auch die großen Exporteure, z. B. Norwegen,
an ihre Verantwortung für den Klimawandel zu
erinnern.

90 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
Der Klimawandel belastet vor allem die be- Stimulation der
sonders armen Entwicklungsländer. Ihre starke Entwicklung
Abhängigkeit von Ölimporten und Ölpreisen
wird durch Klimapolitik aber nur dann gemil-
dert, wenn sie zusammen mit Industrienationen
auf erneuerbare Energien setzen, diese gemein-
sam ausbauen, mit der Devise »eine Steckdose
für jeden Bewohner« ihre Entwicklung auch
wirklich vorantreiben und der Anpassung der si-
cherheitsrelevanten Infrastruktur (Deiche, Brü-
cken etc.) Vorfahrt vor Prestigeprojekten geben.
Klimapolitik kann zum Stimulator der Entwick-
lung in Entwicklungsländern werden.

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 91


»Wenn China und Indien weiter so wachsen,
ist Klimawandel unvermeidbar«
Für die kommenden Jahrzehnte ist der Klima-
wandel durch die Industrieländer vorprogrammiert

Was zählt:
Emission pro
B ei der Diskussion nach jedem meiner Vor-
träge auch vor Wissenschaftlern kommt unwei-
Kopf und Jahr gerlich die Behauptung über die Bedeutungslo-
sigkeit von Emissionsminderungen in Europa
angesichts des Wirtschaftswachstums in China
und Indien. Dies beantworte ich meist in folgen-
der Reihung: Was wirklich zählt ist die Emission
pro Kopf und Jahr. Gegenwärtiger Stand ist: Ein
Amerikaner emittiert etwa doppelt so viel Koh-
lendioxid wie ein Europäer, etwa vier Mal so viel
wie ein Chinese und etwa acht Mal so viel wie ein
Inder. Meine Gegenfrage: Wer sollte dann seine
Emissionen als erster mindern? Die Amerikaner
und auch die Europäer.

Entwicklung als Entwicklung der Entwicklungsländer zu Schwel-


akzeptiertes Ziel lenländern und weiter zu Industrieländern ist
das allgemein akzeptierte Ziel. Dazu ist unwei-
gerlich mehr Energie pro Zeiteinheit für jeden
Menschen bei einem höheren Lebensstandard
notwendig, weil der Kühlschrank auf Dauer nicht
mit dem Fahrraddynamo betrieben werden
kann. Also wird der Energieeinsatz der Mensch-
heit auch bei verstärkter Effizienz der Energie-
nutzung zunehmen. Die zentrale Frage lautet
daher: Mit welchen Energieträgern wird der
Energiebedarf in Zukunft gedeckt?

92 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
Innovationen kommen aus den hoch entwickel- Innovation
ten Ländern und dort aus Forschungsinstitutio- aus hoch
nen. Die Techniken zur Emissionsminderung entwickelten
und zur Nutzung erneuerbarer Energieträger zu Ländern
entwickeln, ist eine der vornehmsten Aufgaben
hoch entwickelter Länder. In anderen Worten:
Neue, effizientere Solarzellen, solar-thermische
Kraftwerke und noch bessere Windenergieanla-
gen im Megawattbereich entstehen bei uns und
noch nicht in China oder Indien. Die neuen Tech-
niken sind die Voraussetzung für eine Energie-
wende zur Nachhaltigkeit. Aber auch die For-
schung zur effizienteren Nutzung von Energie
z. B. in Flugzeugen, Automobilen, Kohle- und
Gaskraftwerken gehört dazu.

Wenn der Zuwachs des Kohlendioxids in der Produkt der


Atmosphäre seit Beginn der Industrialisierung Industrieländer
den Verursachern zugeordnet wird, ragen die
Industrieländer, gemessen an ihrem heutigen
Emissionsanteil von immer noch etwa zwei Drit-
tel, überproportional hervor. Die angelaufenen
Klimaänderungen sind demnach zu etwa vier
Fünfteln uns zuzuschreiben. Deshalb sind im
Kioto-Protokoll nur die Industrieländer zu Emis-
sionsminderungen verpflichtet. Bedenkt man
weiterhin, dass die dem heutigen erhöhten Treib-
hauseffekt zuzuschreibende Erwärmung erst um
Jahrzehnte verzögert zu etwa 90 Prozent erreicht
wird, ist es keine Übertreibung zu sagen: Der Kli-
mawandel ist auch noch in Jahrzehnten wesent-
lich von den heutigen Industrieländern geprägt.
Die volle Anpassung an den erhöhten Treibhaus-
effekt der Atmosphäre ist erst nach Jahrhunder-

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 93


ten erreicht, wenn der Ozean und die Eisgebiete
haben reagieren können.

Im Verhandlungsprozess um ein Nachfolge-


protokoll zum Kioto-Protokoll ist also weiterhin
die Gruppe der Industrieländer zu weiteren Min-
derungen vorbestimmt. Denn nur dann lassen
sich Schwellenländern erste Verpflichtungen ab-
ringen, die jedoch ihre weitere Entwicklung nicht
erkennbar behindern dürfen und deren mode-
rate finanzielle Belastungen zum Teil von den
Industrienationen getragen werden müssen.
Darüber hinaus werden die Kosten der An-
passung an den Klimawandel in Entwicklungs-
ländern aus dem schon existierenden Anpas-
sungsfonds wesentlich zu tragen sein.

94 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
»Bewusstes Eingreifen in das Klimasystem
könnte eine Lösung sein«
Geo-engineering – Manipulation bei Halbwissen

B is zur zweiten Weltklimakonferenz im Ok-


tober 1990 konnten Regierungen noch sagen, sie
Bewusstes
Eingreifen
hätten nicht gewusst, dass die Menschheit dem-
nächst ein Faktor für das globale Klima sein
wird. Jetzt, nach dem vierten bewertenden Be-
richt des IPCC, ist ein Negieren der angelaufenen
anthropogenen Klimaänderungen lächerlich.
Deshalb gibt es immer mehr Vorschläge für das
bewusste Eingreifen in das Klimasystem zur
Dämpfung der Klimaänderungsrate, im Engli-
schen Geo-engineering genannt. Kurios an der
Debatte über das Geo-engineering ist, dass sie ge-
führt wird, bevor auch ökonomische CO2-Reduk-
tionen wesentlich vorangetrieben werden, z. B.
bei der energetischen Sanierung von Gebäuden
und der Nutzung von Energiesparlampen.

Ein Beispiel für Geo-engineering:


Das CO2 aus dem Kohlekraftwerk an der
Küste wird über eine Rohrleitung im tiefe-
ren Ozean verklappt, wo es längere Zeit
bleibt, well dieses Tiefenwasser oft erst
nach Jahrhunderten wieder Kontakt mit
der Oberfläche bekommt und 85 Prozent
bei Gleichgewicht zwischen dem CO2 im
Ozean und dem in der Atmosphäre im
Ozean bleiben.

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 95


Gefahren Wie wir Menschen uns irren können, wird auch
im Umweltbereich immer wieder vorgeführt.
Aus den ungiftigen, leicht verflüssigbaren und
vielfältig einsetzbaren Fluorchlorkohlenwasser-
stoffen wurden die gefährlichen, Ozon zerstören-
den, Hautkrebs verursachenden Umweltchemi-
kalien, die verboten werden mussten. Aus dem
Malaria zurückdrängenden DDT wurde die den
Seeadler und andere Arten an der Spitze der Nah-
rungskette auf die Roten Listen drängende, per-
sistente, umweltverschmutzende und giftige
Chemikalie, die noch immer, in den Fettgeweben
der Lebewesen des hohen Nordens stark ange-
reichert, schädigt. Angesichts dieser noch viel
längeren Liste spät erkannter Schädiger der Le-
bewesen mutet es mich gefährlich an, viele der
diskutierten Geo-engineering-Techniken näher
zu betrachten.

Düngung des Nehmen wir als ein häufiger diskutiertes Beispiel


südlichen Ozeans die Düngung des südlichen Ozeans mit Eisen-
verbindungen, die das Wachstum der kleinen,
schwebenden Meeresalgen, des Phytoplanktons,
anregen sollen, um rascher anthropogenes CO2
aus der Atmosphäre zu holen und Teile der abge-
storbenen kohlenstoffhaltigen Biomasse mit den
Kotpillen des Zooplanktons in die Tiefsee zu be-
fördern. Dadurch soll der CO2-Gehalt der Atmo-
sphäre langsamer steigen. Nehmen wir an, die
überschüssigen Stickstoffverbindungen vor der
Eisendüngung wurden nach der Düngung redu-
ziert, wo wäre dadurch in Gebieten ohne Eisen-
mangel das Phytoplanktonwachstum vermindert
und folglich die Fischpopulation ausgedünnt?

96 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
Wie kann man es wagen, in Regionen einzugrei-
fen, wo in der Nähe kaum Verursacher aber Be-
troffene des Klimawandels leben?

Als der Nobelpreisträger für Chemie aus dem Künstliche


Jahre 1995; Paul Crutzen, vor kurzem angesichts Aerosolschicht
der Dramatik des Klimawandels im 21. Jahrhun-
dert für einen möglichen Ausweg vorschlug, über
eine künstliche Aerosolschicht aus Schwefelsäu-
retröpfchen in der Stratosphäre nachzudenken,
um kühlend wie ein starker explosiver Vulkan-
ausbruch einzugreifen, schlug ihm in Teilen Hass
entgegen. Da es keine Denkverbote geben sollte,
habe ich ihm – von ihm befragt – geraten, dieses
Thema auch öffentlich zu diskutieren. Mehr For-
schung auf diesem Sektor wird wohl klarstellen,
dass rechtliche Bedenken und exorbitant hohe
Kosten Minderungen der CO2-Emissionen zum
»billigen Jakob« machen.

Es gibt jedoch auch Vorschläge, die weit weniger Kohlen-


internationale Verwicklungen provozieren kön- dioxidlagerung
nen, die jedoch alle noch im Forschungsstadium
sind und deren technische Machbarkeit noch
nicht gesichert ist. Dazu gehört die Kohlendioxid-
abscheidung aus stationären Quellen und die
langfristige Einbringung in frühere Öl- und Gas-
lager oder sehr tief liegende salzhaltige Grund-
wasserleiter. Letzteres wird in der zentralen
Nordsee von der norwegischen Firma Statoil in
einem großen Pilotprojekt mit Forschungsbeglei-
tung versucht. Das Überleben einer solchen Tech-
nik, sollte sie sich als machbar herausstellen,
hängt jedoch entscheidend von der Internalisie-

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 97


rung externer Kosten ab. Gelingt diese Internali-
sierung rascher, werden erneuerbare Energie-
techniken billiger sein und fossile Brennstoffe
werden durch sie ersetzt.

Die Ablehnung von Geo-engineering fällt be-


sonders schwer, wenn Kohlendioxid aus einer
Biogasanlage mit Kraftwärmekopplung abge-
schieden und tief in der Erde in einem geeigne-
ten früheren Erdgas- oder Erdöllager eingepresst
werden soll. Denn das wäre eine Methode zur ak-
tiven Minderung der anthropogenen CO2-Last in
der Atmosphäre, wohl ohne jede internationale
Verwicklung, weil in der UN-Rahmenkonvention
zu Klimaänderungen als hehres Ziel die Stabili-
sierung der Treibhausgaskonzentration definiert
ist und diese jede effektive Methode willkom-
men heißt.

98 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
»Erneuerbare Energien können die Energie-
versorgung nie garantieren!«
Die Physik gibt der Sonne die Vorfahrt

B ei der Debatte um die zukünftige Energiever-


sorgung für die Menschheit werden wie bei allen
Grundlose
Widerstände –
Umbruchsituationen auch viele »Latrinenparo- überzogene
len« verbreitet. Als die Bürgerinitiative für den Hoffnungen
Kauf des elektrischen Versorgungsnetzes in der
Kleinstadt Schönau im Schwarzwald nach einem
gewonnenen Volksentscheid sich anschickte, die
Elektrizitätswerke Schönau zu gründen und das
Netz trotz überhöhter – und später gerichtlich re-
duzierter – Forderungen zu kaufen, sollten nach
Aussage des damaligen Versorgers, den »Kraft-
übertragungswerken Rheinfelden« in Schönau
die Lichter ausgehen. Jetzt, zehn Jahre nach der
Übernahme des Netzes, versorgt das Elektrizi-
tätswerk in Schönau über 50 000 Kunden
bundesweit mit Strom, der sicher ohne Kern-
kraftwerke und – wenn überhaupt fossil – nur
mit Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt wird. Die Si-
cherheit der Versorgung ist gewährleistet und
auch Großkunden beziehen Strom. Zudem sind
etwa 1000 neue erneuerbare Stromproduzenten
aus dem zusätzlich erhobenen überwiegend frei-
willigen Solarcent mitfinanziert worden und
speisen meist schon ins Netz. Ursula Sladek, die
»Chefin«, sagte mir auf Anfrage, dass weitere
100 000 Kunden hinzukommen könnten, ohne
einen Versorgungsengpass zu provozieren.

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 99


Auf der anderen Seite überziehen auch die
»Freaks« für die erneuerbaren Energien die ma-
ximal möglichen Potentiale stark und negieren
dabei physikalische Gesetze. Die Leistung, d. h.
die Energie, die pro Zeiteinheit für unsere Zivili-
sation in Deutschland bereitgestellt werden muss,
beträgt umgerechnet ca. 1,5 Watt pro Quadrat-
meter (Wm2). Ich möchte im Folgenden diese
Energieflussdichte (Leistung pro Fläche) mit den
Angeboten der erneuerbaren Energieträger ver-
gleichen und ich beginne dabei mit den kleinen,
wobei ich allerdings die Nutzung von Wellen-
und Gezeitenenergie nicht mit behandele, weil
sie nur noch kleinere Teile beitragen können.

Wasserkraft Die Stromversorgung der Bundesrepublik


Deutschland beruht gegenwärtig zu 4,2 bis 4,5
Prozent, je nach Niederschlagsintensität in ei-
nem Jahr, auf Wasserkraft. Dafür ist das Potential
schon fast völlig ausgeschöpft und wir kolli-
dieren bereits mit einem völkerrechtlich verbind-
lichen Abkommen. Die Konvention zur biologi-
schen Vielfalt fordert die Unterschutzstellung
von zehn bis zwanzig Prozent eines Landes ein-
schließlich seiner Flüsse. Naturnahe Flussläufe
müssen also vermehrt wiederhergestellt werden,
der Ausbau der Wasserkraft ist somit weitgehend
beschränkt. Lediglich die Effizienzsteigerung der
Anlagen kann zusätzlich noch etwa zehn Prozent
liefern. Umgerechnet in eine Energieflussdichte
sind es ca. 0,025 Wm2, die wir aus der Wasser-
kraft schöpfen, oder etwa 1,7 Prozent der gesam-
ten Leistungsbereitstellung in Deutschland. Weil
Wasserkraft zum großen Teil dann eingesetzt

100 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
werden kann, wenn Strombedarf existiert, soll-
ten wir auf sie aber keineswegs verzichten.

Durch den Zerfall radioaktiver Elemente in der Wärme aus dem


Erde, aber zum Teil auch durch die langsame Ver- Erdinneren –
größerung des festen Erdkerns, wird Wärme frei, Geothermie
die in kontinuierlichem Strom an die Erdober-
fläche fließt. In Deutschland liegt die Energiefluss-
dichte aus dem Erdinneren im Mittel bei
0,08 Wm–2 mit höheren Werten im Süden als im
Norden aufgrund unterschiedlicher geologischer
Bedingungen. Bei totaler Ausschöpfung, d. h. Bohr-
löchern bis mehreren Kilometern Tiefe im Ab-
stand von einigen Kilometern, könnte bei Investi-
tion von vielen Milliarden Euro ein nicht
unwesentlicher Teil der Heizung von Gebäuden re-
alisiert werden. Für die Stromversorgung jedoch
wird es ein unwesentlicher Teil bleiben, weil die
Temperaturen in einigen Kilometern Tiefe weit un-
ter den Arbeitstemperaturen der typischen Wär-
mekraftwerke (ca. 700°C) und noch viel mehr der
Gas- und Dampfturbinenkraftwerke (ca. 1100°C)
bleiben. Auch die solarthermischen Kraftwerke,
die auch wie Kondensationskraftwerke arbeiten,
können eine höhere Stromerzeugungsrate errei-
chen als Geothermiekraftwerke. Geothermie be-
sticht allerdings durch die ständige Verfügbarkeit.
Die Ausschöpfung der Hälfte für die Gebäudehei-
zung würde weniger als drei Prozent unseres
gegenwärtigen Energiehungers stillen.

Pflanzen können mit Sonnenenergie bei Wellen- Energie aus


längen kleiner als 685 Nanometer oder 0,685 Biomasse
Mikrometer Kohlenwasserstoffe bilden, wenn

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 101


Wasser, Kohlendioxid und Nährstoffe nicht feh-
len. Unsere gesamte Nahrung beruht auf dieser
Fähigkeit der Pflanzen. Dabei wird auch Vieles er-
zeugt, das energetisch genutzt werden kann, wie
z. B. Holz oder Zellulose. Von der Energiefluss-
dichte in Höhe von etwa 105 bis 125 Wm–2, die im
Jahresmittel von der Sonne bis zur Erdoberfläche
in Deutschland vordringen, werden jedoch nur
sehr kleine Anteile in Biomasse überführt. Auf
gut gedüngten Feldern mit Mais nur etwa 0,3
Wm–2. Alle anderen bei uns gedeihenden Kultur-
pflanzen übertreffen diese Werte nicht. Also kön-
nen wir uns in Deutschland auch nur zu einem
kleinen Teil mit Energie aus Biomasse versorgen,
weil nur Teile des Landes dazu zur Verfügung ste-
hen. Nehmen wir großzügig an, dass ein Fünftel
der landwirtschaftlich genutzten Fläche dafür be-
reitsteht, dass im Mittel 0,2 Wm–2 geerntet wer-
den können und dass Biogasanlagen mit 50 Pro-
zent Effizienz aus dem Energieträger Biogas –
überwiegend Methan – Strom erzeugen können.
Dann könnten 3,5 Gigawatt Strom bereitgestellt
werden, also nur etwa fünf Prozent unseres Be-
darfs; allerdings einsetzbar, wann wir es wollen.
Da jedoch Biomasse auch für biogene Treibstoffe
genutzt werden kann, ist die obige Abschätzung
schon zum Teil Wunschtraum.

Beschränkung Die zentralen beschränkenden Faktoren sind die


biogener Energie Konkurrenz mit der Nahrungsmittelerzeugung
und die Erhaltung der Artenvielfalt. Die vom Er-
neuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit gestützte
Nutzung der Biomasse für energetische Zwecke
hat seit seiner letzten Novellierung im Jahre 2005

102 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
gezeigt, wie schnell die Konkurrenz mit der Nah-
rungsmittelproduktion Preise für Getreide und
Pacht von landwirtschaftlich genutzten Flächen
steigen lässt. Die nächste Novellierung muss da-
rauf reagieren, z. B. durch ein Ende der Förderung
von Biogasanlagen ohne Abwärmenutzung. Sie
müssen einen Anteil der Abwärme in Industrie
oder bei der Gebäudeheizung nutzen. Es wird
nicht einfach sein, den Aufschwung der Land-
wirtschaft, Schutz naturnaher Ökosysteme und
nicht überzogene Lebensmittelpreise aufeinan-
der abzustimmen und dabei die Dezentrali-
sierung der Energieversorgung weiter voranzu-
bringen. Denn alle Erfolgsmodelle rufen die
»Großen« auf den Plan, die die »Kleinen« als Pro-
duzenten wegen längeren finanziellen Atems
ausschalten oder vereinnahmen können.

Ziehen wir eine Zwischenbilanz: Wasserkraft, Geo-


thermie und Biomasse könnten zusammen ohne
ökonomische Einschränkungen in einer Industrie-
gesellschaft und dicht besiedeltem Land wie der
Bundesrepublik Deutschland den Energiehunger
nur zu etwas mehr als einem Zehntel stillen.

Die unterschiedliche Bestrahlung der Erde und Windenergie


der Atmosphäre durch die Sonne führt zu Tempe-
raturunterschieden. Diese erzeugen Dichteunter-
schiede der Luft, woraus Luftdruckunterschiede
entstehen, die sich ausgleichen wollen. Auf einem
rotierenden Planeten bilden sich dadurch Hoch-
und Tiefdruckgebiete mit ihren Windfeldern; wo-
bei in erster Näherung der Wind entlang Linien
gleichen Drucks bläst. Diesen Wind, der von der

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 103


Sonne verursacht ist, kann man energetisch nut-
zen. Dabei kommt uns ein physikalisches Gesetz
entgegen: Die Energieflussdichte des Windes ist
proportional zur dritten Potenz der Windge-
schwindigkeit. In anderen Worten: Bläst der
Wind statt mit 10 Metern pro Sekunde (m/s) mit
11 m/s, so steigt die Energieflussdichte um das 1,1
mal 1,1 mal 1,1-fache an, also um 33 Prozent, auch
wenn die Windgeschwindigkeit nur um zehn Pro-
zent ansteigt. Daher kann an Küstenstandorten
mit geringerer Bremswirkung durch die weniger
raue Ozeanoberfläche bei landwärtigem Wind in
den unteren Atmosphäreschichten mit Rotoren
viel mehr Strom erzeugt werden als im ferneren
Binnenland.

Energieausbeute Die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang


ist die nach der Energieausbeute. Alle Umwand-
lung von Bewegungsenergie in andere Energie-
arten, z. B. Wärme in der Natur oder elektrischen
Strom in technischen Anlagen, muss zunächst
die natürlichen Randbedingungen akzeptieren.
Sie lauten: Weltweit wird von den insgesamt fast
240 Watt pro Quadratmeter (Wm–2), welche im
globalen Mittel Erde und Atmosphäre erwärmen,
nur etwa ein Prozent in Bewegungsenergie über-
führt, also 2 bis 3 Wm–2, die im Energiekreislauf
der Natur durch Reibung an der Erdoberfläche
oder mit der Luft bei hohen Windgeschwindig-
keiten in den Schichten um ca. 10 km auch wie-
der in Wärme überführt werden, die schließlich
in den Weltraum abgestrahlt wird. 2 bis 3 Wm–2
scheinen klein, sie sind aber in Deutschland etwa
das Zehnfache der Summe aus Wasserkraft, Bio-

104 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
masseenergie und Geothermie. Das Reservoir
»Windenergie« ist also besser gefüllt und könnte
wesentliche Teile der Energieversorgung decken,
wenn entweder große Netze oder Energiespei-
cher existierten, weil ja auch Tage mit fast Wind-
stille vorkommen. Die Bundesrepublik Deutsch-
land ist – weil in der Westwindzone liegend – mit
Windenergie durchschnittlich gesegnet.

Das hohe technische Potential wird auch von der Erfolgs-


Erfolgsgeschichte der Windenergienutzung in geschichte
Deutschland bestätigt. Seit 1991 ist der Anteil an Windenergie-
der Stromversorgung in Deutschland von unbe- nutzung
deutend bis zu etwa sechs Prozent im Jahre 2006
angestiegen, mit weiter steigender Tendenz und
etlichen Nachahmern in vielen anderen Ländern.
So haben bisher 46 Länder ein Einspeisegesetz
für bestimmte erneuerbare Energien geschaffen.
Durch sogenanntes Repowering, d. h. den Ersatz
älterer kleiner Anlagen mit Nennleistungen unter
0,5 Megawatt (MW), kann die Zahl der Anlagen
bei steigender Leistung sogar schrumpfen, wie
z. B. für den Windenergiepark Nordfriesland bei
Niebüll, wo aus 32 Anlagen fünf mit insgesamt
höherer Leistung geworden sind. Ob die Wind-
energie aus Anlagen in der rauen Nordsee eine Er-
folgsgeschichte wird, ist noch nicht entschieden.

Alle bisher besprochenen Energieträger, bis auf Sonnenenergie


die Geothermie, und alle fossilen Brennstoffe, au-
ßer dem Uran, leiten sich von der Sonne ab. Sie
sind jeweils nur kleine Anteile der Sonnenener-
gie. Es ist daher schwer verständlich, warum die
Nutzung der direkten Sonne außer im Gebäude-

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 105


sektor noch immer in den Kinderschuhen steckt.
Die Antwort liegt zum Teil bei der kostspieligen
Speicherung für die Nacht und den Winter. Das
Holzscheit, der Kohlebrocken und ein Liter
Heizöl oder Benzin können eingesetzt werden,
wann immer wir es wollen. Mit der Entdeckung
des Photo-Effektes durch Einstein und den da-
raus abgeleiteten Solarzellen, der Produktion von
Parabolspiegeln zur Erwärmung von Flüssigkei-
ten auf die Arbeitstemperatur von Kraftwerken
und elektrischen Netzen über Tausende von Kilo-
metern sind jetzt die notwendigen Instrumente

Auf eine senkrecht zur Sonne bei Schönwetter


gehaltene Fläche von einem Quadratmeter fallen
in Deutschland um die Mittagszeit im Sommer
etwa 1000 Watt, aber auch noch im Winter etwa
400 Watt. Mit einer Solarzelle von heute typi-
scherweise zehn Prozent Umwandlungseffizienz
über Jahre werden somit im Sommer mittags
mindestens 300 mal mehr Watt pro Quadratme-
ter geerntet als in einem Biogaskraftwerk vom
Quadratmeter Maisacker. Sogar bei bedecktem
Himmel bietet die Sonne noch eine Energiefluss-
–2
dichte von etwa 400 Wm am Mittag im Sommer
–2
und ca. 100 Wm am Mittag im Winter. Ihre
Energie muss aber sofort genutzt werden, weil
das elektrische Netz nicht speichern kann. Einen
ersten Schritt in Richtung Speicherung liefert
das solar-thermische Kraftwerk, weil es die
Sonnenenergie zur Erhitzung von Flüssigkeiten
nutzt, die dann ein normales thermisches Kraft-
werk antreiben, und die so lange Strom liefern,
wie die Flüssigkeit über einer bestimmten Tem-
peratur bleibt. Aber auch Aufwindkraftwerke
laufen noch Stunden nach dem Ende der kräfti-
gen Bestrahlung durch die Sonne.

106 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


5
vorhanden, um das beinahe unerschöpfliche Re-
servoir direkter Sonnenenergie anzuzapfen.

Warum setzen sich diese in Pilotprojekten erfolg- Marktversagen


reichen Techniken nicht durch? Weil bisher die Klimawandel
Verursacher weder die Krankheitskosten bei
chronischer Bronchitis durch Luftverschmut-
zung in Innenstadtbezirken noch die Kosten bei
neuen Wetterextremen haben übernehmen müs-
sen, sondern die Kosten der Allgemeinheit ange-
lastet wurden. Fast alle großen Umweltprobleme
und der Klimawandel sind Folgen der Nutzung
fossiler Brennstoffe, für die keine wesentlichen
Nutzungsgebühren erhoben wurden. Wie es Sir
Nicholas Stern, der frühere Chefökonom der
Weltbank, ausdrückte: Der globale anthropogene
Klimawandel ist das größte Marktversagen der
Geschichte. Das Umweltbundesamt hat jüngst
(im April 2007) errechnet, dass die Kilowatt-
stunde Strom aus einem Steinkohlekraftwerk
mit ca. sieben Eurocent externen Kosten belastet
werden müsste und eine aus einem Braunkohle-
kraftwerk gar mit 8,7 Eurocent, sollte der Preis
nahe zu einem gerechten sein. Für diese Berech-
nung wurde ein Preis von 70 Euro pro Tonne
Kohlendioxid zugrunde gelegt, der alle Lasten
durch Luftverschmutzung und Klimawandel in-
tegriert. Dass wir ein Erneuerbare-Energien-Ge-
setz brauchen, liegt wesentlich an der fehlenden
Internalisierung externer Kosten oder – anders
formuliert – an der geringen Höhe der Ökosteuer
oder – erneut anders formuliert – an der häufi-
gen Negierung des Verursacherprinzips.

WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS? 107


Die Energieversorgung zu großen Teilen auf die
Sonne zu stützen, ist energetisch kein Problem.
Im globalen Mittel erreichen die Erdoberfläche
fast 170 Wm–2 von der Sonne, die Menschheit
fordert gegenwärtig – wieder im globalen Mittel
– 0,03 Wm–2. Grob würde ein Fünftausendstel
des Energieflusses der Sonne also genügen. Be-
schränkt auf Landgebiete wären noch immer
nicht mehr als 0,6 Promille notwendig. Die
Sonne kann es also richten.

108 WIE WEITER ANGESICHTS DES KLIMAWANDELS?


6

Der Weg in das Zweite


Solarzeitalter
»Energiesparen bringt nichts«

Energieeffizienz und Erneuerbare Energien


sind die Lösung

D ie Menschheit hat in über 99 Prozent der Zeit


ihrer Entwicklung die Energieversorgung mit le-
Entwicklung auf
Kredit
bender und vor kurzem abgestorbener Biomasse
(trockenes Holz) geschafft. Erst mit Millionen
Jahre alter Biomasse (Kohle, Erdöl, Erdgas) hat
sie sich in beispiellos schneller Weise zur Stoff-
kreisläufe dominierenden Spezies aufgeschwun-
gen, viele neue Techniken entwickelt, die mittlere
Lebenserwartung etwa verdoppelt, den Lebens-
standard der meisten angehoben und sich in den
erdnahen Weltraum begeben. Jetzt hat sie die
Abfalllawine eingeholt, denn die Übernutzung
der Atmosphäre, dem zentralen Gemeinschafts-
gut, als Abfallhalde hat globale Klimaänderun-
gen durch den Menschen ausgelöst, die den Ar-
men stärker schaden als den Verursachern und
die mindestens Jahrhunderte andauern werden.
Wir haben unsere rasante Entwicklung mit »Kre-
diten« finanziert, wir müssen sie jetzt zurückzah-

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 109


len durch Minderung der Belastung der Atmo-
sphäre; d. h. durch Begrenzung und langfristige
Beendigung der Nutzung fossiler Brennstoffe,
bevor diese zur Neige gehen. Wie können wir in
das Zweite Solarzeitalter kommen?

Energieeffizienz: Je effizienter wir mit Energie umgehen, umso eher


Energie- schaffen die erneuerbaren Energieträger die Ver-
sparlampe sorgung, aber auch umso weniger fossile Energie-
träger brauchen wir für dieselbe Energiedienst-
leistung. Weil die gesteigerte Energieeffizienz
schrumpfenden Energieeinsatz bedeutet, wird sie
von den Elektroversorgern oder den Heizölhänd-
lern nicht favorisiert. Weil dabei auch oft höhere
Investitionen beim Gerätekauf notwendig sind,
schrecken viele schlechte Rechner vor der Effi-
zienzsteigerung zurück. Die Energiesparlampe mit
elf Watt Leistung für den Hausgang ohne Tages-
licht für acht Euro ersetzt eine 60 Watt Glühlampe
für 80 Eurocent. Bei 15 Stunden Brenndauer pro
Tag und 20 Eurocent Stromkosten pro kWh (gilt
für die meisten Haushaltstarife) ist bereits nach
etwa einem Jahr Kostengleichheit erreicht. In den
acht Jahren Lebenszeit einer Sparlampe beträgt die
Einsparung somit über 50 Euro. Aber auch an fast
allen anderen Brennstellen im Haushalt ist die
Sparlampe insgesamt billiger. Warum fehlen noch
immer die Sparlampen in den meisten Haus-
halten? Weil Dreisatzrechnen schwierig ist, die
Stromkosten pauschal abgebucht werden, altes
Sparlampendesign abschreckte, Märchen über die
Lichtfarbe der Sparlampe erzählt werden, die Ent-
sorgungsproblematik überzogen wird und nicht
zuletzt bei vielen Trägheit dominiert.

110 DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER


6
Ein weiteres, oft viel kostspieligeres Fehlverhal- Heizenergie in
ten beim Umgang mit Energie betrifft das Lüften Wohnräumen
von Häusern und die Mithilfe der Sonne beim
Heizen eines Gebäudes. Wer gerne bezahlte
Energie zum Fenster hinauswirft, sollte statt
Stoßlüftung die Fensterklappe geöffnet lassen,
gleichzeitig fördert er damit Atemwegserkran-
kungen wegen austrocknender Nasenschleim-
häute. Denn Luft mit 0°C bei Winternebel in die
Wohnung geholt und auf 20°C im Wohnzimmer
erwärmt, führt zu einer relativen Feuchte von
nur ca. 25 Prozent, sofern in der Wohnung keine
Feuchte hinzugefügt wird. Deshalb trocknet Wä-
sche so gut in der Wohnung im Winter. Verant-
wortlich für viele andere Phänomene um das
Klima ist wieder die Clausius-Clapeyronsche
Gleichung, nach der bei 20°C vier Mal so viel Was-
serdampf in der Luft sein kann wie bei 0°C. Noch
mehr Heizenergie als durch falsches Lüften geht
an die Umwelt verloren, wenn Gebäude meist
aus der billigen Erdölzeit schlecht wärmeisoliert
worden sind. Im Freistaat Bayern z. B. müssen in
den zehn Prozent am schlechtesten isolierten Ge-
bäuden 25 Prozent der gesamten Heizenergie
eingesetzt werden. Da dort insgesamt über ein
Drittel der Energie für das Heizen gebraucht
wird, ist eine Kampagne zur energetischen Sanie-
rung von Gebäuden nicht nur in Bayern die effi-
zienteste und sofort realisierbare CO2-Minde-
rungsmethode. Außerdem fühlt man sich in
einer gut isolierten Wohnung bei 19°C im Wohn-
zimmer wohler als bei 21°C in der schlecht iso-
lierten mit kalten Wänden.

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 111


Die wenigen bisher besprochenen Effizienzstei-
gerungen bei der Energienutzung sind nur ein
kleiner Auszug der Möglichkeiten. In allen Fällen
ist die erhöhte Energieeffizienz Voraussetzung
für den wesentlichen Beitrag erneuerbarer Ener-
gieträger. Bei intelligenterer Lüftung und nach
energetischer Sanierung steigt der Anteil der
Sonne an der Gebäudeheizung bei nach Süden
gerichteten Fensterfronten ganz erheblich an.
Schon bei Tagesmitteltemperaturen von nur 12°C
ist dann fast keine Heizung mehr nötig.

In der Bundesrepublik Deutschland kann jeder


Bürger mit mäßigen Investitionen in erneuer-
bare Energieanlagen bei über dem Sparbuch lie-
gender Rendite mehr elektrischen Strom als im
eigenen Haushalt benötigt erzeugen, bei über
20 Jahren garantierten Preisen. Warum fällt eine
grundlegende Energieeffizienzsteigerung und
die Einführung erneuerbarer Energieträger als
zentraler Versorgungssäule trotzdem auch in der
Bundesrepublik Deutschland noch immer so
schwer? Der nächste Abschnitt soll es zeigen.

112 DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER


6
»Die Ökosteuer will uns nur abzocken«
Das Verursacherprinzip durchsetzen

D as in jeder Sonntagsrede beschworene Verursa-


cherprinzip in Umweltfragen ist nur in kleinen Be-
Verteilung der
Kosten
reichen oder zu kleinen Teilen verwirklicht. Bisher
hat jeder Bürger die Umweltschäden, die durch die
Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehen, pau-
schal ganz wesentlich mitzahlen müssen, auch
wenn er kein Auto fuhr, Wegwerfartikel vermied,
regionale Produkte kaufte und im Urlaub Fahrrad-
touren unternahm. Dieses Mitzahlen gilt für die Ge-
sundheitsbelastung durch den photochemischen
Smog genauso wie für die Reinigung der von der
Landwirtschaft eutrophierten Gewässer oder Ab-
geltung von Schäden durch vom Klimawandel aus-
gelöste häufigere Wetterextreme. Wie lange reden
wir schon über eine wesentlich emissionsbezogene
Kraftfahrzeugsteuer? Nach Jahrzehnten der De-
batte könnte jetzt der Durchbruch kommen, weil
auch die Automobilindustrie dafür plädiert. Dabei
sollten neben der CO2-Emission, also dem Spritver-
brauch, auch die Stickoxide – Vorläufergase des
photochemischen Smogs – und die Euronorm 6 für
Pkw-Motoren einbezogen werden.

Einige Schritte zur Internalisierung von Externa- Internalisierung


litäten – es ist fast dasselbe wie das Verursacher- von Externalitä-
prinzip – haben wir hinter uns. Z. B. die ersten ten
Stufen der Ökosteuer, die auch bei Bildung der
Großen Koalition von früheren vehementen Geg-
nern nicht mehr in Frage gestellt wurde. Sie spült
knapp 17 Milliarden Euro pro Jahr in die Bundes-

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 113


kasse und wird zur Senkung der Lohnnebenkos-
ten verwendet, zur Zeit 1,7 Prozent des Gehalts
für alle, die in die Bundesversicherungsanstalt für
Angestellte einzahlen. Also profitieren von ihr
nicht die heutigen Rentner und auch nicht die
Beamten, sondern die Angestellten. Ein früherer
Schritt war die Großfeuerungsanlagenverord-
nung von 1982 und 1983, die den elektrischen
Strom verteuerte und vom Stromverbraucher be-
zahlt werden musste. Sie hat zu sauberer Luft und
damit zur Reduktion von Atemwegserkrankun-
gen geführt und zusammen mit dem Zusammen-
bruch des Ostblocks zur Außerkraftsetzung der
Wintersmogverordnungen deutscher Bundes-
länder geführt. Allerdings hat sie auch die globale
Erwärmung beschleunigt, weil durch sie ein
bremsender Faktor wegfiel: Die trübe Luft wurde
sauberer und führte zu höherer Sichtweite.

Europäischer Ein zentraler Schritt der Politik in Richtung


Emissionshandel Beachtung des Verursacherprinzips ist der EU-
weite CO2-Emissionshandel. Seit dem 1. Januar
2005 kostet die Emission von CO2 durch Groß-
verbraucher – Kraftwerksluft ist also nicht mehr
kostenlos. Wie bei allen neuen legalen Instru-
menten gibt es Anlaufschwierigkeiten: Manche
große Emittenten wurden ausgenommen, Emis-
sionszertifikate mussten nicht ersteigert werden,
geschenkte Zertifikate haben trotzdem zu höhe-
ren Strompreisen geführt, die erlaubten Mengen
waren zu hoch, um Lenkungswirkung zu erzie-
len. In der zweiten Runde in diesem Jahr wurden
wegen eines blauen Briefes aus Brüssel die pro
Jahr erlaubten maximalen Emissionen um wei-

114 DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER


6
tere 30 Millionen Tonnen pro Jahr im nationalen
Allokationsplan gesenkt, 8,8 Prozent der Zertifi-
kate müssen ersteigert werden.

Ein erster fast globaler Schritt ist der Emis-


sionshandel derjenigen Industrieländer, die
das Kioto-Protokoll ratifiziert haben.
In den sogenannten Marrakesch-Accords ist
das Kleingedruckte für diesen Handel bei der
7. Vertragsstaatenkonferenz der Rahmen-
konvention der Vereinten Nationen über
Klimaänderungen in Marrakesch, Marokko,
festgelegt. Demnach sollen dort, wo es ein-
facher und meist auch billiger ist, Emissionen
von Treibhausgasen zu reduzieren, auch be-
vorzugt reduziert werden.

Was wäre eine gerechte Internalisierung? Zunächst Angleichung der


sicher die Beseitigung der Schräglage zwischen der Besteuerung
Besteuerung der verschiedenen fossilen Brenn-
stoffe: Prominentes erstes Beispiel ist die Einfüh-
rung einer Steuer auf Flugbenzin (Kerosin). Ob-
wohl ein Flugzeug in den Flughöhen pro Liter
Treibstoff höhere Klimawirksamkeit hat als das
Auto an der Erdoberfläche, gibt es Ansätze für diese
Steuer bisher nur im amerikanischen Binnen-
flugverkehr. Entspräche die Steuer der für Diesel
(Kerosin ist ein naher Verwandter), hätte das sicher
eine lenkende Wirkung bezüglich dem Kauf neuer
Flugzeuge, einer noch besseren Auslastung und
Zurückdrängung der Billigflieger, deren Treibstoff-
kostenanteil viel höher liegt. Die EU diskutiert diese
Steuer und wird sie wohl demnächst zaghaft ein-
führen. Ein zweites Beispiel ist die energetisch und
umweltpolitisch nicht gerechtfertigte geringere Be-

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 115


steuerung von Diesel im Vergleich zu Benzin. Ein
Liter Dieselkraftstoff enthält sechs Prozent mehr
Energie als ein Liter Normalbenzin. Deshalb ist in
einem Land, das eigene Speditionen nicht gegen-
über denen aus den stark subventionierenden Nach-
barländern schützen muss, nämlich in der Schweiz,
Diesel an der Zapfsäule teurer als Benzin. Die
Schweiz hält bisher die 40-Tonner aus der EU durch
eine Obergrenze bei 28 Tonnen fern. Ein drittes Bei-
spiel sind die geringen Steuern auf Heizöl, gerecht-
fertigt durch das Recht auf ein warmes Wohnzim-
mer für jeden Bürger. In Wirklichkeit führt das aber
zu Vorteilen für Villenbesitzer, die pro Person ein
Mehrfaches an Heizöl verbrennen im Vergleich zur
Rentnerin in der Sozialwohnung. Weil Heizöl oft in
alten Brennern, wenn auch kontrolliert, noch im-
mer zu schlecht verbrannt wird, ist eine der ver-
nünftigen umweltpolitischen Forderungen die stär-
kere Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung für das
Heizen von Gebäuden mit Wärme aus Anlagen, die
dem Emissionshandel unterliegen. Gerechte höhere
Heizölsteuern für größere pro-Kopf-Verbräuche
würden solarthermische Anlagen auf dem Dach wie
Pilze aus dem Boden sprießen lassen.

Externe Kosten Bis zur Einführung der Ökosteuer und neuerdings


in den Strom- des EU-weiten Emissionshandels, konnten Kohle,
preis integrieren Erdgas und Uran in Kraftwerken genutzt werden,
ohne dass dem Brennstoff externe Kosten zu-
geordnet waren. Nur für die noch immer unge-
löste Lagerung von abgebrannten Brennstäben
aus Kernkraftwerken wurde entsprechend einer
Schätzung der zukünftigen Kosten einbezahlt. In
Deutschland wird sogar noch immer der Kohle-

116 DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER


6
bergbau staatlich mit Milliarden Euro pro Jahr –
wenn auch jetzt auslaufend – unterstützt, obwohl
laut Umweltbundesamt die geschätzten externen
Kosten einer Kilowattstunde (kWh) Kohlestrom
aus einem Steinkohlekraftwerk sieben Eurocent
betragen. Wären sie internalisiert, wäre die De-
batte um neue Kohlekraftwerke beendet und der
Umbau des Stromnetzes in eines mit mehr Wind-
und Biogasstrom hätte auch ökonomische Vor-
fahrt. Solarthermische Kraftwerke im äußersten
Süden Europas würden ebenfalls zum Renner.

Wenn bisher ein Haus verkauft wurde, spielte der Energetischer


Energieverlust der Gebäudehülle nur eine unter- Zustand von
geordnete Rolle. Mit stark steigenden Öl-, Gas- und gebäuden
Holzpreisen sowie mit der bevorstehenden Ein-
führung des Energiepasses für Häuser in Deutsch-
land wird sich das wohl radikal ändern. Beim
Vorzeigen eines »roten« Energiepasses wird der
potenzielle Verkäufer vom Käufer um mindestens
den Betrag der energetischen Sanierung herunter-
gehandelt werden. Der Energiepass entwertet also
energetisch schlampige Immobilien. Mit der ener-
getischen Sanierung eines Gebäudes fallen die
Energiekosten dramatisch und das Wohlbefinden
steigt. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur
CO2-Emissionsminderung. Denn etwa ein Drittel
der in Deutschland genutzten Primärenergie ist
zum Heizen der Gebäude notwendig. Dieser in der
Debatte um Klimaänderungen so wichtige, aber
oft vernachlässigte Bereich sollte zum Renner bei
erhöhter Energieeffizienz werden. Aber auch ein
verändertes Verhalten der Bewohner ist dabei
nicht unwesentlich.

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 117


»Ohne Erdöl ist unsere Energieversorgung
am Ende«
»Peak oil« als Chance für den Klimaschutz

Fragwürdige
Ressourcen
S chneller als erwartet droht der Industriege-
sellschaft, den Schwellenländern und insbeson-
dere den Entwicklungsländern ein tiefgreifendes
Ressourcenproblem. Das Maximum der Erdöl-
produktion (peak oil) scheint erreicht oder steht
unmittelbar bevor. Hauptgrund für das für fast
alle verfrühte Erscheinen ist der in der Ge-
schichte der Menschheit bisher einmalige Zu-
wachs an Wirtschaftskraft, der im Jahre 2006 ei-
nen Rekordwert von im globalen Mittel fünf
Prozent bei 1,2 Prozent Bevölkerungszuwachs
überschritten hat und der stark von den großen
Schwellenländern Indien und China getrieben
worden ist. Ein weiterer wesentlicher Grund ist
das Verschleiern oder Übertreiben der Ölländer
und der großen Ölfirmen, was ihre Erdölreserven
und die leicht förderbaren davon anbelangt. Ein-
deutige Anzeichen für »peak oil« sind der syste-
matisch hohe Preis für Rohöl, dauerhafte Pro-
duktionsraten am oberen Limit für viele
OPEC-Länder, Überschreitung der nationalen
maximalen Produktionsraten für inzwischen fast
alle industrialisierten Förderländer, z. B. für
Großbritannien im Jahre 2004, überaus rascher
Abfall der Produktion nach Überschreiten des
Maximums für fast alle Länder, teilweiser Ver-
kauf der Förderanlagen an mittelständische
Unternehmen durch die Ölmultis, Umorientie-

118 DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER


6
rung großer Erdölfirmen in Richtung erneuer-
bare Energien, z. B. durch Beyond Petroleum, frü-
her British Petroleum, und Royal Dutch Shell und
jetzt auch Chevron. Am 9. Juli 2007 hat die inter-
nationale Energieagentur vor Engpässen bei der
Ölversorgung in den kommenden fünf Jahren ge-
warnt.

Damit ist die Warnung von Dennis Meadows von Verflüssigung


1972 vor nahenden Engpässen bei den Roh- von Kohle
stoffen sogar für den Lebenssaft der Industrie-
gesellschaft, das Erdöl, nicht zu weit hergeholt
gewesen. Die Reaktion der Menschheit sollte vor-
sorgend der beschleunigte Umbau des Energie-
versorgungssystems sein, wodurch ebenfalls
sehr stark der Klimaschutz mit beschleunigt
werden könnte. Wird das geschehen? Zweifel
sind angebracht, weil die beiden größten Treib-
hausgasemittenten, USA und China, auch Haupt-
kohleländer sind und Kohle nicht nur der
häufigste fossile Brennstoff, sondern auch der
schmutzigste und CO2-trächtigste ist.

Da Treibstoffe aus Erdöl, Kerosin für die Flug-


zeuge, Benzin für Pkws und Diesel für Lkws und
Pkws sowie Schweröl für Schiffe, unersetzbar
scheinen und die moderne Wirtschaft vom
Transport so wesentlich abhängt, wird von den
Kohleländern die Verflüssigung des Brennstoffs
Kohle zumindest in Pilotanlagen vorangetrieben.
Was das für die Atmosphäre bedeutete, zeigt fol-
gender Vergleich: Die Verbrennung eines Liters
Diesel verursacht einschließlich der Emissionen
bei der Verarbeitung und der Förderung des Roh-

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 119


öls 3,6 kg CO2. Dieser Wert stiege auf fast 7 kg
CO2, wenn Diesel aus Kohle hergestellt würde.
Gelänge es, das CO2 aus der Verflüssigungsanlage
abzuscheiden und tief in der Erde zu deponieren
– das Verfahren ist über Versuche noch nicht hin-
ausgekommen –, wäre es noch immer leicht über
4,0 kg CO2, ganz zu schweigen von den hohen
Kosten des Verfahrens und der dann auch teure-
ren Kohle.

Wege aus der Wie könnte man aus der Zwickmühle heraus-
Zwickmühle kommen? Erstens durch weiter gesteigerte Effi-
zienz bei der Verbrennung von Treibstoffen und
verbesserte Logistik sowohl im Lkw- wie Flugver-
kehr, zweitens durch Elektroantrieb für Pkws,
d. h. neue leichtere Batterien, die z. B. vom nächt-
lichen Überschussstrom auch aus Windenergie
geladen werden, drittens durch Brennstoffzellen
als Antrieb für Lkws und Pkws, viertens durch
Stärkung des Güter- und Personentransports
durch die Eisenbahn, fünftens durch die Mithilfe
des Windes beim Schiffsverkehr (erste Versuche
sind erfolgreich verlaufen). Vorübergehend wird
auch Erdgas als Treibstoff Lücken füllen können,
aber je mehr man sich bei Stromerzeugung und
Verkehr auf diesen Treibstoff stützt, umso eher
kommt »peakgas«.

Ausweg Warum kommt in dieser Liste Biodiesel und Bio-


Biodiesel? ethanol nicht vor? Die Antwort lautet: In dicht
besiedelten Industrieländern stehen die notwen-
digen Flächen für einen wesentlichen Ersatz bis-
heriger Treibstoffe nicht zur Verfügung. Anders
formuliert: Die Emissionen aller Pkws in der

120 DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER


6
Bundesrepublik könnten auch durch Nutzung
von 30 Prozent der Fläche; das wären alle Wald-
flächen, nicht CO2-neutral werden. Außerdem
bleiben die Probleme der Luftverschmutzung bei
der Verbrennung von Biodiesel, aber auch bei
Bioethanol schrumpfen sie nur. Nur ein Elektro-
auto mit Strom aus erneuerbaren Energieträgern
ist nicht nur annähernd CO2-neutral, sondern
auch ohne Beitrag zur Luftverschmutzung, wenn
der Strom aus Wind oder direkter Sonnenener-
gienutzung stammt. Kommt er aus einer Biogas-
anlage, bleibt eine reduzierte Luftverschmutzung
mit Stickstoffoxiden erhalten.

Viele Antworten auf die Frage nach dem Ersatz


für das knapper werdende Erdöl sind noch mit
Fragezeichen über die Machbarkeit versehen,
große Forschungsanstrengungen sind notwen-
dig, um eine weniger umweltbelastende Mobi-
lität aufzubauen. Kohleverflüssigung scheidet
aus Gründen des Klimaschutzes aus. Wie so häu-
fig werden die Kosten für Materialien bei neuen
Techniken den Ausschlag geben.

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 121


»Die Entwicklungsländer sollen sich zurückhalten«

Die globale Verantwortung der Industrieländer

N och nie in der Menschheitsgeschichte ist so


offenkundig geworden, dass Aktivitäten, die weit
von einer bestimmten Region entfernt ausgeübt
werden, die Lebensbedingungen in dieser Re-
gion ganz entscheidend verändern können. Der
globale Klimawandel mit dem Auseinanderklaf-
fen von Hauptverursachern und besonders Be-
troffenen verschärft die Ungerechtigkeit im glo-
balen Maßstab. Er wird in steigendem Maße zu
Wanderbewegungen der Betroffenen führen und
zum Run auf die noch vorhandenen fossilen
Brennstofflager durch die Mächtigen.

Menschenrecht Es gibt einen Ausweg. Er heißt Anerkennung ei-


auf Emission nes Rechtes jedes Menschen zu emittieren. Es
kann nicht gerecht sein, dass wohlhabende Na-
tionen von anderen Nationen Emissionsreduk-
tionen fordern, obwohl diese pro Kopf nur ein
Zehntel zu globalen Klimaänderungen beitragen.
Obwohl das Kioto-Protokoll ein zaghafter Schritt
zur Anerkenntnis der Verantwortung der Haupt-
emittenten ist, fehlt bisher dieses folgerichtige
Weiterdenken zum Emissionsrecht, weil die
Mächtigen dann ganz wesentlich mindern müss-
ten. Besonders die bisher abseits Stehenden, wie
die USA und Australien, wären dann ganz be-
sonders gefordert. Außerdem ist starke Emis-
sionsminderung gleichbedeutend mit dem Aner-
kennen der entscheidenden Rolle der Sonne für

122 DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER


6
die Energieversorgung. Für die beiden Nationen
mit den niedrigsten Temperaturen wie die Russi-
sche Föderation und Kanada mag auch die Aus-
sicht zum am schwächsten Ausgestatteten zu
werden ganz wesentlich sein für die Verweige-
rung der Anerkenntnis, dass wir es mit der
Sonne schon regeln können.

Zum gleichen Recht auf Emission, d. h. eigentlich Energiewende


gleiche niedrige Belastung des Systems Erde pro zur Nachhaltig-
Person, muss das Ziel treten, systematisch die glo- keit
balen Emissionen zu mindern und in das Zweite
Solarzeitalter einzutreten; beides zusammen heißt
im Englischen kurz »Contraction and Conver-
gence«. Im Jahre 2003 empfahl der Wissenschaftli-
che Beirat der Bundesregierung Globale Umwelt-
veränderungen (WBGU) in einem Hauptgutachten
mit dem Titel »Energiewende zur Nachhaltigkeit«
der Bundesregierung dieses Vorgehen. Sie ver-
sucht, wie die von Bundeskanzler Gerhard Schrö-
der 2002 bei der Weltkonferenz für nachhaltige
Entwicklung in Johannesburg versprochene Kon-
ferenz »Renewables 2004« in Bonn gezeigt hat,
Schritte in diese Richtung zu tun. Auch die Kanzle-
rin Angela Merkel hat weitere Schritte für die Eu-
ropäische Union und die Gemeinschaft der großen
Industrienationen getan bzw. versucht. Bei Letzte-
rem ist sie durch uneinsichtiges Bremsen der Welt-
macht USA nur wenig vorangekommen.

Die sich rasch entwickelnden Entwicklungslän- Quadratur des


der – sie umfassen zur Zeit etwas mehr als die Kreises
Hälfte der Menschheit – brauchen auch bei Effi-
zienzsteigerung beim Umgang mit Energie mehr

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 123


Energie pro Kopf, so dass der Übergang ins
Zweite Solarzeitalter aus der Sicht vieler als die
Quadratur des Kreises erscheint und eine Ver-
dreifachung des Energieeinsatzes wohl nicht zu
vermeiden ist. Es war deshalb eine große Heraus-
forderung für den WBGU, bei all den einzuhal-
tenden Leitplanken – z. B. mindestens 500 kWh
Energie pro Kopf und Jahr, maximal +2°C Erwär-
mung bis 2100 – den Übergang ins Zweite Solar-
zeitalter in einem Wirtschaftsmodell zu finden,
das die jeweils über die gesamte Lebensdauer
einer Installation billigste Variante wählte. Es ge-
lang auch für ein Szenario starken globalen Wirt-
schaftswachstums bei all den gesetzten Leitplan-
ken, aber nur, wenn die hohen Aufwendungen
für Forschung und Entwicklung im Bereich er-
neuerbarer Energien zu steileren Lernkurven für
diese als für konventionelle Energieträger füh-
ren. Die Erneuerbaren müssten rasch billiger
werden und in wenigen Jahrzehnten auch billi-
ger als die Konventionellen sein, was kräftig
durch eine Ökosteuerreform beschleunigt wer-
den könnte. Allerdings war bei einem Szenario
besonders hohen Wirtschaftswachstums vor-
übergehend die Abscheidung von Kohlendioxid
aus Kraftwerken und die Einlagerung in leere
Erdöl- und Erdgaslager notwendig.

Es kommt also auf die Innovationskraft der In-


dustrieländer im Energiesektor an und diese
steigt mit deren Forschungsaufwand. Leider ist
die Förderung der Energieforschung in den ver-
gangenen Jahrzehnten geschrumpft. Wir brauch-
ten das Niveau der Förderung aus der Zeit der

124 DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER


6
Einführung der Kernenergie wieder, diesmal
aber für die erneuerbaren Energieträger, allen
voran die Nutzung der direkten Sonnenstrah-
lung, ihrer (kurzfristigen) Speicherung und ihres
Transports in intelligent angepassten Netzen.

Die größte Herausforderung für die Energie- Die Steckdose


versorgung der Zukunft ist die Bereitstellung für jeden
moderner Energieformen wie des elektrischen
Stroms für alle Menschen. Ohne Steckdose für
jeden ist die Entwicklung, von der alle Entwick-
lungsländer träumen, nicht möglich. Bei einer bis
zum Jahre 2050 auf ca. neun Milliarden anwach-
senden Weltbevölkerung ist bei Annahme einer
Effizienzsteigerung im Umgang mit Energie von
im Mittel 1,5 Prozent pro Jahr eine Verdreifa-
chung der Energiebereitstellung unumgänglich.

Zum Klimaschutz kommt also die Entwicklung Entwicklung der


der Entwicklungsländer als eine genauso große Entwicklungs-
Herausforderung hinzu. Bisher wird der Zu- länder
wachs an Energiedienstleistungen in den erfolg-
reichen Entwicklungsländern – wir nennen sie
Schwellenländer – wie früher bei uns mit den
fossilen Energieträgern Kohle, Erdöl und Gas be-
friedigt. Überwiegend aus diesem Grund ist bei
annähernder Stagnation des Energieeinsatzes in
den Industrieländern seit etwa zwei Jahrzehnten
noch immer ein Zuwachs der CO2-Emissionen
von 2,1 Prozent pro Jahr seit 1970 aufgetreten.

Wie kann die doppelte Herausforderung bestan- Rolle des »Clean


den werden? Nur durch eine beispiellose Steige- Development
rung des Beitrags erneuerbarer Energieträger in Mechanism«

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 125


den hoch entwickelten, besonders innovativen
Ländern der OECD sowie durch eine ebenso
große Steigerung der Energieproduktivität in al-
len Ländern. Sollen erneuerbare Energieträger
wesentlich werden, muss für etwa zwei Jahr-
zehnte lang eine Verzehnfachung der Energiebe-
reitstellung pro Jahrzehnt erreicht werden, d. h.
eine Steigerung um ca. 26 Prozent pro Jahr. Ei-
nige wenige Länder haben dies annähernd er-
reicht, z. B. Deutschland bei Strom aus Wind-
energie, der den aus Wasserkraft schon heute um
ca. 50 Prozent übertrifft. Solche Länder werden
dann zu Marktführern bei den neuen Techniken
und machen Profite, wo noch vor wenigen Jahren
die Unbeweglichen nur ein Promilleghetto für re-
alistisch hielten. Im Rahmen des »Clean Develop-
ment Mechanism« des Kioto-Protokolls (Mecha-
nismus für umweltverträgliche Entwicklung)
werden die neuen Techniken dann den Techno-
logietransfer in Entwicklungs- und Schwellen-
länder beschleunigen. Nur mit dieser Über-
nahme innovativer neuer Energietechniken in
die Entwicklungsländer kann die zweite Heraus-
forderung, der Klimaschutz, bestanden werden.

Klimaschutz und Seit im Jahre 1992 die Weltgemeinschaft auf dem


Nachhaltige Erdgipfel in Rio de Janeiro die Nachhaltige Ent-
Entwicklung wicklung als das zentrale Ziel für die kommenden
Jahrzehnte errichtet hat, sind die Randbedingun-
gen dafür wesentlich schwieriger geworden: Die
angelaufenen und die projizierten Klimaänderun-
gen haben klargestellt, dass reduzierte Ressour-
cennutzung für eine nachhaltige Entwicklung
systematisch schwieriger, wenn nicht gar unmög-

126 DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER


6
lieh gemacht wird, weil die Anpassungskosten an
den Klimawandel die Mittel für den Umbau der
Wirtschaftsinfrastruktur wegnehmen.

Zwei Zitate aus dem jüngsten bewertenden


Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschus-
ses über Klimaänderungen machen es deut-
lich: Die globale Erwärmung ohne Klima-
schutzpolitik gefährdet bis 2100 bis zu
40 Prozent alter Arten« Sie ist also ein Groß-
angriff auf die biologische Vielfalt zusätzlich
zur schon heute starken Gefährdung und
Ausrottung durch Zerstörung der Lebens-
räume als Folge von Landnutzungsänderun-
gen« Die Anpassungskosten ohne Klima-
schutzpolitik übersteigen die Kosten einer
effizienten Klimapolitik bei weitem. Damit
ist die Verweigerung einer stringenten Kli-
maschutzpolitik ein ökonomischer Schaden
für alle aber besonders für die schwachen
Emittenten« In anderen Worten: Ohne Klima-
politik wächst die Ungerechtigkeit in Gesell-
schaften und zwischen ihnen. Eine nachhal-
tige Entwicklung steht dann in den Sternen.

Wie im vierten bewertenden Bericht der IPCC-


Arbeitsgruppe II im April 2007 verlautbart,
könnte der Klimawandel die Fähigkeit der Natio-
nen, nachhaltige Entwicklungspfade zu errei-
chen, behindern. Klimaschutz ist eine Voraus-
setzung für eine nachhaltige Entwicklung. Wir
Europäer sollten zeigen, dass der Übergang in
das Zweite Solarzeitalter keine Last ist, sondern
Lust macht.

DER WEG IN DAS ZWEITE SOLARZEITALTER 127


Anhang
Ausgewählte Literatur

Graßl, H. (2006): Der Sonne gehört die Zukunft: Einstieg in das zweite
solare Zeitalter. In: H. Glauber (Hg.): Langsamer Weniger Besser
Schöner. 15 Jahre Toblacher Gespräche: Bausteine für die Zukunft,
oekom Verlag, 13–20
Hupfer, P. und W. Kuttler (Hg.) (2006): Witterung und Klima.
Eine Einführung in die Meteorologie und Klimatologie, 12., überarb.
Aufl., Wiesbaden: Teubner
Latif, Mojib (2004): Klima, 2. Aufl., Frankfurt am Main: Fischer
Rahmstorf, S. und H. J. Schellnhuber (2006): Der Klimawandel. Diagnose,
Prognose, Therapie, München: Beck
Schönwiese, C.-D. (2003): Klimatologie, 2. Aufl., Stuttgart: UTB
WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung »Globale Umwelt-
veränderungen«) (2006): Die Zukunft der Meere – zu warm, zu hoch,
zu sauer, Berlin: WBGU
WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung »Globale Umwelt-
veränderungen«) (2005): Welt im Wandel – Armutsbekämpfung
durch Umweltpolitik, Berlin-Heidelberg: Springer
WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung »Globale Umwelt-
veränderungen«) (2003): Welt im Wandel – Energiewende zur Nach-
haltigkeit, Berlin-Heidelberg: Springer
Die Zusammenfassungen (»Summary for Policy Makers«) der Arbeits-
gruppen I bis III des 4. IPCC-Berichtes von 2007 und unter den fol-
genden Links zu finden. Es gibt noch keine autorisierte deutsche
Übersetzung der Zusammenfassungen:
http://ipcc-wgi.ucar.edu/wgi/wgi-report.html
http://www.ipcc.ch/SPM13apr07.pdf
http://www.ipcc.ch/SPM040507.pdf
Die Haupt- und Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirates der
Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) sind auch
online unter den folgenden Links zu lesen:
http://www.wbgu.de/wbgu_gutachten_haupt.html
http://www.wbgu.de/wbgu_gutachten_sonder.html

128 ANHANG