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ALDOUS HUXLEY

ZEIT MUSS ENDEN


ROMAN

DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT
BERLIN UND DARMSTADT
Die Originalausgabe erschien 1945 im Verlag
Chatto & Windus, London, unter dem Titel
TIME MUST HAVE A STOP
Übersetzung von
HERBERTH E. HERLITSCHKA

Lizenzausgabe. Copyright by Aldous Hu und H. E. Herlitschka


Gesamtherstellung: A. Seydel Druck und Buchbinderei G.m.b.H., Berlin
Printed in Germany 1955
Doch Denken ist des Lebens Sklav, das Leben
Der Narr der Zeit; und Zeit, die messend schaut
Die ganze Welt, muß enden.
SHAKESPEARE
1. KAPITEL

Sebastian Barnack kam aus dem Lesesaal der Bezirks-


bücherei von Hampstead und blieb im Vestibül stehn, um
seinen abgetragenen Mantel anzuziehn. Mrs. Ockham, die
ihn da erblickte, fühlte ein Schwert im Herzen. Dieses
schmächtige und wunderschöne Menschenkind mit dem
seraphischen Gesicht und dem blaßblonden Lockenhaar war
das lebende Abbild ihres eignen, ihres einzigen, ihres toten
und entschwundenen Lieblings.
Die Lippen des Buben, so gewahrte sie, bewegten sich,
während er sich in seinen Mantel mühte. Sprach mit sich
selbst — ganz wie ihr Frankie das immer getan hatte. Und
nun wandte er sich dem Ausgang zu und kam an der Bank
vorüber, auf der sie saß.
“So ein rauher Abend!” sagte sie laut, einem jähen Im-
puls folgend, dieses lebende Phantom zurückzuhalten,
die schmerzend scharfe Erinnerung tiefer in ihr wundes
Herz zu bohren.
Aus seinen Gedanken gerissen, blieb Sebastian stehn,
wandte sich ihr zu und starrte sie ein paar Sekunden ver-
ständnislos an. Dann ging ihm die Bedeutung dieses sehn-
süchtig mütterlichen Lächelns auf. Sein Blick wurde hart.
So etwas geschah ihm nicht zum erstenmal. Sie behandelte
ihn, als wäre er eins dieser entzückenden Kindchen in
Kinderwagen, denen man den Kopf tätschelt. Der Funze
wollte er's zeigen! Aber wie gewöhnlich fehlte es ihm an
der nötigen Courage und Geistesgegenwart. Und so lächelte
er nur schwächlich und sagte einfach, ja, es sei ein rauher
Abend.
Mrs. Ockham hatte mittlerweile ihr Handtäschchen ge-
öffnet und einen kleinen weißen Karton hervorgezogen.
“Möchten Sie nicht eine von mesen?”
Sie hielt ihm den Karton hin. Es war französische Scho-
kolade, Frankies Lieblingsmarke — ihre eigne auch, übri-
gens. Mrs. Ockham hatte eine Schwäche für Süßigkeiten.
Sebastian betrachtete sie ungewiß. Ihre Aussprache war
einwandfrei und ihre Kleidung auf etwas saloppe, tweedige
Art solid und von guter Qualität. Aber sie war dick und
ältlich — mindestens vierzig, schätzte er. Er zögerte, hin
und her gerissen zwischen dem Wunsch, diese lästige Person
in die Schranken zu weisen, und einem nicht weniger starken
Verlangen nach diesen köstlichen langues de chat. Wie ein
Mops, sagte er sich, während er in dieses plumpe, weiche
Gesicht da vor sich blickte. Ein rosiger, haarloser Mops mit
schlechtem Teint. Worauf er das Gefühl hatte, daß er nun
eine Katzenzunge annehmen könne, ohne seiner Integrität
etwas zu vergeben.
“Danke”, sagte er und schenkte ihr sein bezauberndes
Lächeln, das Damen mittleren Alters immer ganz unwider-
stehlich fanden.
Siebzehn Jahre alt zu sein, einen Geist zu besitzen, von
dem man fühlte, daß er alterslos erwachsen war, und dabei
anzusehen wie ein Della-Robbia-Engel von dreizehn — es
war ein widersinniges und erniedrigendes Schicksal. Aber
letzte Weihnachten hatte er Nietzsche gelesen, und seither
wußte er, daß er sein Schicksal lieben müsse. Amor fati
— aber gemäßigt durch gesunden Zynismus. Wenn Leute
bereit waren, einen dafür zu bezahlen, daß man jünger
aussah, als man war, warum ihnen nicht geben, was sie
wollten?
“Wie gut die sind!”
Wieder lächelte er sie an, und seine Mundwinkel waren
braun von Schokolade. Das Schwert in Mrs. Ockhams Her-
zen machte abermals eine schmerzhafte Umdrehung.
“Nehmen Sie den ganzen Karton!” sagte sie. Ihre
Stimme zitterte, ihre Augen glänzten von Tränen.
“Nein, nein, das könnte ich nicht ...”
»Nehmen Sie ihn”, beharrte sie, “nehmen Sie ihn doch!”
Und sie drückte ihm den Karton in die Hand — in Frankies
Hand.
“Oh .. danke schön!” Es war genau, was Sebastian ge-
hofft, ja erwartet hatte. Er hatte seine Erfahrungen ge-
macht mit diesen sentimentalen alten Schachteln.
“Ich habe einen Buben gehabt ...”, sagte Mrs. Ockham
mit gebrochener Stimme. “Ganz so wie Sie war er. Die glei-
chen Haare und Augen ...” Die Tränen flössen ihr über
die Wangen herunter. Sie nahm die Brille ab und wischte
die Gläser; dann schneuzte sie sich, erhob sich und eilte in
den Lesesaal.
Sebastian stand und sah ihr nach, bis sie seinem Blick
entschwunden war. Mit einmal fühlte er sich schrecklich
schuldig und gemein. Er blickte auf den Karton in seiner
Hand. Ein Bub war gestorben, so daß nun er, Sebastian,
diese Katzenzungen bekam; und wenn seine eigene Mutter
am Leben wäre, wäre sie jetzt fast so alt wie diese armselige
bebrillte Person. Und wenn er gestorben wäre, wäre seine
Mutter genauso unglücklich und sentimental gewesen. Im-
pulsiv machte er eine Bewegung, um die Schokolade weg-
zuwerfen; dann hielt er sich zurück. Nein, das wäre einfach
dumm und abergläubisch. Er ließ den Karton in seine Man-
teltasche gleiten und trat in das nebelige Zwielicht hinaus.
“Millionen und Millionen”, flüsterte er vor sich hin; und
die Ungeheuerlichkeit des Jammers schien mit jeder Wie-
derholung des Wortes zu wachsen. Überall auf der Welt
lagen Millionen von Menschen in Schmerzen; Millionen star-
ben in diesem selben Augenblick; noch mehr Millionen trau-
erten um sie, die Gesichter verzerrt wie das dieser armen
alten Person, und die Tränen rannen ihnen über die Wan-
gen. Und Millionen hungerten, Millionen waren einge-
schüchtert und krank und bekümmert. Millionen wurden
beschimpft und gestoßen und geschlagen von andern, bru-
talen Millionen. Und überall der Gestank von Abfall und
Fusel und ungewaschenen Körpern, auf allem der Mehltau
der Dummheit und Häßlichkeit. Der Greuel war stets da,
auch wenn man sich zufällig wohl und glücklich fühlte, —
stets da, gleich um die Ecke und hinter fast jeder Haustür.
Während er die Straße hinabging, fühlte sich Sebastian
von einer Ungeheuern unpersönlichen Traurigkeit über-
kommen. Nichts andres mehr schien Dasein zu haben oder
von Bedeutung zu sein als nur Tod und Qual.
Und dann kamen ihm diese Worte von Keats in Erinne-
rung: “The giant agony of the world!” Die Riesenqual der
Welt. Er wühlte in seinem Gedächtnis, um die andern Zei-
len zu finden. “None may usurp this height...” Wie ging
es nur?
None may usurp this height, returned that shade, But
those to whom the miseries of the world Are misery,
and will not let them rest...
Wie recht der Schatten hatte! Nur denen war die höchste
Höhe erreichbar, die das Elend der Welt elend machte und
nicht ruhen ließ. Und vielleicht war es Keats eines kalten
Frühlingsabends eingefallen, als er, genau so wie jetzt er
selbst, die Anhöhe von Hampstead hinabging; hier hinab-
ging und bisweilen stehnblieb, um ein Bröcklein seiner
Lungen herauszuhusten und an seinen und auch an den Tod
andrer Menschen zu denken. Sebastian begann abermals
und sagte es sich vor.
None may usurp this height, returned that shade, But
those ...
Aber, du gütiger Himmel, wie grauenhaft schlecht es
klang, wenn man es laut sprach! None may usurp this
height, returned that shade, but those ... Wie hatte er sich
nur so etwas durchgehn lassen können! Aber natürlich
war der gute Keats manchmal recht nachlässig gewesen.
Und ein Genie zu sein, hatte ihn nicht vor den fürchterlich-
sten Geschmacklosigkeiten bewahrt. Es standen Sachen in
Endymion, die einen schaudern machten. Und wenn man
bedachte, daß es ein Äquivalent für Griechisch sein sollte ...
Sebastian lächelte mit mitleidiger Ironie in sich hinein.
Eines Tags würde er der Welt zeigen, was sich mit grie-
chischer Mythologie tun ließ! Mittlerweile kehrte sein Geist
zu den Wendungen zurück, die ihm grade vorhin in der
Bibliothek eingefallen waren, während er dieses Buch von
Tarn über die hellenistische Kultur las. “Vergiß der trocke-
nen Feigen!”, so sollte es beginnen. “Vergiß der trocke-
nen Feigen ...” Aber getrocknete Feigen konnten immer-
hin gute Feigen sein. Für Sklaven gäbe es nie etwas andres
als die Mißfrüchte und den Abfall der Ernte. Also: “Ver-
giß der fauligen Feigen.” Überdies hatte in dieser Klang-
verbindung “faulig” den passenderen Vokal und ergab
Alliteration.
Vergiß der fauligen Feigen, des muffigen Mehls, Der
Sklavenpeitsche, der Greise voll Todesfurcht ...
Aber das war scheußlich flach. Dampfgewalzt und maka-
damisiert wie schlechter Wordsworth. Wie wär's mit “vom
Sterben geschreckt”?
Vergiß der fauligen Feigen, der Trebern und Prügel,
Der Greise, vom Sterben geschreckt, der Frauen ...
Er zögerte, fragte sich, wie dieses trostlose Leben des
Gynaikeions zusammenfassen. Dann sprang aus dem ge-
heimnisvollen Quell von Licht und Energie hinten in sei-
nem Schädel die vollkommene Phrase hervor: “ ... Frauen
in Zwingern.”
Sebastian lächelte über das Bild, das da auftauchte,— ein
ganzer Zoo wilder, undomestizierbarer Mädchen, eine
ohrenbetäubende Voliere adeliger Witwen. Aber die ge-
hörten in ein andres Gedicht — ein Gedicht, mit dem er
Rache nehmen würde an dem ganzen weiblichen Geschlecht.
Im Augenblick hatte er sich mit Hellas zu befassen — mit
der historischen Jämmerlichkeit, die Griechenland war, und
mit der imaginären Herrlichkeit. Imaginär selbstverständ-
lich nur, was ein ganzes Volk betraf, aber gewiß verwirk-
lichbar von einzelnen, von einem Dichter vor allen. Eines
Tags, irgendwie, irgendwo, würde diese Herrlichkeit in
seiner Reichweite sein; davon war Sebastian überzeugt. In-
zwischen aber war es wichtig, keinen Narren aus sich zu
machen. Die Leidenschaftlichkeit seiner Sehnsucht müßte
im Ausdruck durch eine gewisse Ironie gemildert werden,
die Pracht des ersehnten Ideals durch die Würze des Ab-
surden. Den toten Buben und die Riesenqual der Welt
völlig vergessend, gönnte er sich eine Katzenzunge aus
dem Vorrat in seiner Manteltasche und nahm mit vollem
Mund die berauschende Arbeit des Dichtens wieder auf.
Vergiß der fauligen Feigen, der Trebern und Prügel,
Der Greise, vom Sterben geschreckt, der Frauen
in Zwingern.
Das genügt fürs Geschichtliche. Nun zum Imaginären! In
ewigem Frühling ...
Er schüttelte den Kopf. “Ewiger Frühling”, das klang
wie der Schulleiter, wenn er in einem dieser asininen Geo-
graphievorträge, die er hielt, vom Klima Ekuadors redete.
“Chronischer Mai” bot sich als Alternative. Die Assozia-
tionen mit Katarrh und Krampfadern entzückten ihn.
In chronischem Mai welche Alkibiadesse
Umdrängen Piatos Bart...
Pfui Teufel! Dies war nicht der Ort für Eigennamen.
“Muskelprotze” vielleicht? Dann fiel wie Manna “Schwer-
gewichtler” vom Himmel. Ja, ja: “Welch schöngeistge
Schwergewichtler.” Er lachte laut auf. Und wenn man
“Weisheit” für “Plato” setzte, erhielt man:
In chronischem Juni welch schöngeistge Schwergewichtler
Umdrängen den Bart der Weisheit!
Genießerisch wiederholte sich Sebastian die Worte ein
paarmal. Und nun zum andern Geschlecht!
Horch, ganz nah,
Dies Klimpern und Flöten!
Stirnrunzelnd vor sich hin starrend, ging er weiter. Diese
einherspringenden Bacchen, diese praxiteleischen Brüste
und Popos, diese Tänzerinnen auf den Vasen — wie höllisch
schwierig, irgendeinen Sinn aus ihnen herauszuholen! Kom-
pression und Expression. Quetsche alle diese wollüstigen
Visionen zu einem Klumpen und dabei ein Likörglas voll
Wörtersaft aus ihnen heraus, zugleich herb zusammenzie-
hend und süß zu Kopf steigend, zugleich ein Adstringens
und ein Aphrodisiakum! Leichter gesagt als getan. Endlich
begannen sich seine Lippen zu bewegen. “Horch”, murmelte
er wiederum.
Horch, ganz nah,
Dies Klimpern und Flöten! Voraus, hinterdrein,
Kreisel nach Kreisel, welch globische Elastoplastik
Entfinstert, letzte Schleier gelöst, ihre Monde!
Er seufzte und schüttelte den Kopf. Noch nicht ganz rich-
tig; aber immerhin, vorläufig müßte es genügen. Und in-
zwischen war hier schon die Ecke. Sollte er geradenwegs
heimgehn oder den Umweg über Bantry Place machen,
Susan abholen und sie das neue Gedicht hören lassen? Se-
bastian zögerte einen Augenblick, entschied sich dann für
das zweite und wandte sich nach rechts. Er fühlte sich in der
Stimmung für ein Publikum und Applaus.
... welch globische Elastoplastik
Entfinstert, letzte Schleier gelöst, ihre Monde!
Aber vielleicht geriete das Ganze zu kurz. Es wäre viel-
leicht notwendig, noch drei oder vier Zeilen einzuschieben
zwischen diese globische Elastoplastik und eine abschlie-
ßende brillante Explosion bengalischer Lichter. Irgend et-
was über den Parthenon, zum Beispiel. Oder vielleicht wäre
etwas über Äschylos amüsanter.
Tragisch auf Stelzen, Sublimitäten brüllend
Durch ein verzerrtes Mundloch ...
Aber, du meine Güte! hier kamen diese bengalischen
Lichter raketengleich, ununterdrückbar und unaufgefordert
ihm in den Mund geschossen.
Und allzeit, im flimmernden Glanz, auf einem Tausend
Inseln, umschmiegt vom hyazinthenen Meer, Welches
Bangen, Begehren ...
Nein, nein, nein. Zu unbestimmt, zu fleischlos abstrakt!
Welche Bullen und Buben, welch Rasen von Schwänen
und Lenden,
Welch strahlende Brünste, keuchend wie Schmiedebälge
Von Feuer zu hellerem Feuer ...
Aber “hellerem” hatte gar keine Resonanz, keine über
sich selbst hinausgehende Bedeutung. Was er brauchte, war
ein Wort, das, während es die wachsende Heftigkeit des
Feuers beschrieb, auch die Substanz seines eigenen, leiden-
schaftlich gehegten Glaubens vermitteln sollte — die Äqui-
valenz aller Ekstasen, der poetischen, der sexuellen, sogar
der religiösen (wenn man sich auf dergleichen einließ), und
ihre Überlegenheit über alle bloß alltäglichen und gewöhn-
lichen Zustände.
Er kehrte wieder zum Anfang zurück, weil er hoffte, auf
diese Weise genug Wucht sammeln zu können, die ihn
über das Hindernis trüge.
Und allzeit, im flimmernden Glanz, auf einem Tausend
Inseln, umschmiegt vom hyazinthenen Meer,
Welche Bullen und Buben, welch Rasen von Schwänen
und Lenden,
Welch strahlende Brünste, keuchend wie Schmiedebälge
Von Feuer ... von Feuer ...
Er zögerte; dann kamen die Worte.
Von Feuer zu reinerem Feuer, zu lauterstem Licht —
Die inkandeszenten Kopulationen der Götter.
Aber hier um die Ecke war schon Bantry Place, und so-
gar durch die geschlossenen, von Vorhängen bedeckten
Fenster von Nummer fünf konnte er Susan bei ihrer Kla-
vierstunde hören, wie sie diesen Scarlatti spielte, den sie
den ganzen Winter geübt hatte. Eine Musik, so fiel ihm ein,
die entstünde, wenn die Bläschen in einer Champagner-
flasche rhythmisch emporschössen und, sobald sie die Ober-
fläche erreichten, in Klänge zerplatzten, so trocken aroma-
tisch wie der Wein, aus dessen Tiefen sie aufgestiegen. Der
Vergleich gefiel ihm so sehr, daß ihm gar nicht bewußt
wurde, nie Champagner geschmeckt zu haben; und als er
schon an der Haustür klingelte, überlegte er weiter, daß
diese Musik sogar noch trockener und aromatischer klänge,
wenn's ein Cembalo wäre, auf dem sie gespielt würde, und
nicht der saftige Blüthner des alten Pfeiffer.
Über das Klavier weg erblickte Susan ihn, wie er das
Musikzimmer betrat — mit diesen wunderschönen halbge-
öffneten Lippen, das weiche Haar, durch das sie immer so
sehnsüchtig gern mit den Fingern gefahren wäre und es
gestreichelt hätte (aber das wollte er sie nie tun lassen),
nun vom Wind zu einem bezaubernden Getümmel blasser
Locken zerzaust. Wie lieb von ihm, einen Umweg gemacht
zu haben, um sie abzuholen! Sie warf ihm ein schnelles fro-
hes Lächeln zu, und dabei bemerkte sie plötzlich, daß win-
zig kleine Wasserperlen in seinen Haaren hingen, gleich
diesen wunderschönen Tautropfen auf Kohlblättern — nur
waren die hier viel kleiner und auf Florettseide auf-
gefädelt; und würde man sie berühren, wären sie kalt wie
Eis. Schon der Gedanke daran genügte, um den Fingersatz
ihrer linken Hand völlig zu verwirren.
Der alte Dr. Pfeiffer, der im Zimmer hin und her schritt
wie ein Tier im Käfig — ein kleiner, bäuchiger Bär in un-
gebügelter Hose und mit einem Walroßschnurrbart —
nahm den zerkauten Zigarrenstummel aus dem Mundwin-
kel und schrie auf deutsch: “Takt halten! Takt halten!”
Mit gewaltsamer Anstrengung vertrieb Sflsan den Ge-
danken an Tautropfen auf seidigen Locken aus ihrem Geist,
riß die wackelnde Sonate zusammen und spielte weiter. Zu
ihrem Ärger fühlte sie, wie sie errötete.
Blutrote Wangen, und das Haar rötlichgelb, schon fast
rot. Rote Rüben und Karotten, dachte Sebastian unnach-
sichtig; und wie sich beim Lächeln das Zahnfleisch zeigte —
das war buchstäblich anatomisch.
Susan ließ den Schlußakkord ausklingen und dann die
Hände in den Schoß fallen und wartete auf das Urteil des
Meisters. Dröhnend kam es auf einer Wolke Zigarren-
rauchs einhergefahren.
“Gut, verry gut!” Und Dr. Pfeiffer schlug ihr auf die
Schulter, als munterte er einen Karrengaul auf. Dann
wandte er sich an Sebastian.
“Und hier 's dze liddle Ariel! Oder, perhaps, dze liddle
Puck — not?” Er blinzelte zwischen zusammengekniffe-
nen Augenlidern mit, was er dafür hielt, der spielerisch sub-
tilsten, der exquisitesten und kultiviertesten Ironie hervor.
Kleiner Ariel, kleiner Puck ... Zweimal an ein und dem-
selben Nachmittag, und diesmal ohne jede Entschuldigung
— einfach weil sich dieser alte Hanswurst einbildete, witzig
zu sein.
“Da ich nicht Deutscher bin”, gab Sebastian scharf zu-
rück, “habe ich nichts von Shakespeare gelesen — also wüßte
ich's wirklich nicht zu sagen.”
“Dze Puck, dze Puck!” rief Dr. Pfeiffer und lachte so aus
tiefster Brust, daß er seine chronische Bronchitis aufstörte
und zu husten begann.
Ein Ausdruck der Besorgnis erschien auf Susans Gesicht.
Der Himmel allein mochte wissen, wo das noch enden
würde! Sie sprang vom Klavierstuhl auf. Und sobald sich
die Explosionen und das beängstigend schleimige Keuchen
von Dr. Pfeiffers Husten einigermaßen gelegt hatten, ver-
kündete sie, daß sie sogleich gehen müsse; ihre Mutter habe
ihr besonders eingeschärft, heute zeitig heimzukommen.
Dr. Pfeiffer wischte sich die Tränen aus den Augen, biß
abermals auf das schon sehr zerkaute Ende seiner Zigarre,
traktierte Susan mit noch ein paar seiner schallenden Kar-
rengaulliebkosungen und sagte ihr, sie solle um Gottes
willen nicht vergessen, was er ihr über die Triller in der
rechten Hand gesagt habe. Dann nahm er von einem Tisch-
chen die mit Zedernholz ausgekleidete Silberkassette, die
ein dankbarer Schüler ihm zum letzten Geburtstag geschenkt
hatte, wandte sich an Sebastian, legte ihm eine gewaltige
quadratische Tatze auf die Schulter und hielt ihm mit der
andern die Zigarren unter die Nase.
“Nehmen Sie eine”, sagte er zuredend. “Nehmen Sie
eine schöne, große, dicke Havanna. Free of charge und ga-
rantiert, keinen Vomitus zu produzieren, nicht einmal bei
einem Baby.”
“Oh, seien Sie still!” schrie Sebastian in einer Wut, die
an Weinen grenzte; und sich plötzlich duckend, schlüpfte
er unter dem Arm seines Peinigers durch und lief aus dem
Zimmer. Susan stand einen Augenblick unentschlossen,
dann eilte sie ihm, ohne sich zu verabschieden, nach.
Dr. Pfeiffer nahm die Zigarre aus dem Mund und schrie
hinter ihr her.
“Schnell! Schnell! Ein Taschentuch für unser kleines
Genie!”
Die Haustür wurde zugeschlagen. Seiner Bronchitis
trotzend, begann Dr. Pfeiffer abermals kolossal zu lachen.
Vor zwei Monaten hatte das kleine Genie eine seiner Zi-
garren angenommen und, während Susan ihr möglichstes
mit der Mondscheinsonate tat, fast fünf Minuten lang ge-
pafft. Dann kam ein panikhaftes Hinausstürzen ins Bade-
zimmer; aber er war nicht mehr rechtzeitig hingelangt.
Dr. Pfeiffers Sinn für Humor war mittelalterlich robust;
für ihn war dieser Vomitus oben auf dem Treppenabsatz
fast das Komischeste gewesen, was es seit den Spaßen im
Faust gegeben hatte.
2. KAPITEL

Er schritt so schnell aus, daß Susan laufen mußte; und


auch so holte sie ihn erst unter der zweiten Laterne ein.
Sie griff nach seinem Arm und drückte ihn herzlich.
“Sebastian!”
“Laß mich!” herrschte er sie an und schüttelte sie ab.
Niemand sollte ihn begönnern und bemitleiden.
O weh! Wieder hatte sie das Verkehrte getan. Aber
warum mußte er so entsetzlich empfindlich sein? Und war-
um scherte er sich überhaupt um so einen alten Esel wie
Pfeiffy?
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander dahin.
Sie war die erste, die sprach.
“Hast du heut was gedichtet?”
“Nein!” log Sebastian. Diese inkandeszenten Kopulatio-
nen von Göttern waren erloschen und zu Asche geworden.
Schon der Gedanke, diese Verszeilen jetzt, nach dem Vor-
gefallenen, zu rezitieren, machte ihm übel — wie kalt-
gewordene Überbleibsel einer Mahlzeit essen zu sollen.
Wieder entstand ein Schweigen. Es war ein freier Nach-
mittag, dachte Susan, und weil die Prüfungen bevorstan-
den, gab's kein Fußballspiel. Hatte er ihn mit dieser gräß-
lichen Person, dieser Esdaile, verbracht? Unter der näch-
sten Laterne warf sie einen Seitenblick auf ihn. Ja, kein
Zweifel, er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Die
Schweine! Jäher Zorn erfüllte sie — Zorn, der einer Eifer-
sucht entsprang, die besonders quälend, weil uneingesteh-
bar war. Sie hatte keine Rechte; es war nie in Frage ge-
kommen, daß sie etwas andres sein könnten als Cousin und
Cousine, beinahe Bruder und Schwester; überdies war es
nur allzu schmerzhaft deutlich, daß er es sich nicht einmal
träumen ließ, irgendwie anders an sie zu denken. Und
übrigens, als er sie tatsächlich gebeten hatte, damals vor
zwei Tahren, ihn sie ohne alle Kleider sehn zu lassen, hatte
sie nein gesagt, in einer völligen Panik. Zwei Tage später
hatte sie Pamela Groves davon erzählt; und Pamela, die
in eine dieser fortschrittlichen Schulen ging und deren El-
tern so viel jünger waren als Susans, hatte bloß gebrüllt
vor Lachen. Was für ein Getue wegen gar nichts! Pah! Sie
und ihre Brüder und ihre Cousins — sie sahen einander
immerzu ohne was anzuhaben. Ja, und die Freunde ihrer
Brüder auch. Also warum der arme Sebastian nicht, wenn
er es so gern wollte? Diese ganze dumme Prüderie aus dem
vorigen Jahrhundert! Susan fühlte sich fast beschämt, daß
sie und ihre Mutter so altmodische Ansichten hatten. Näch-
stes Mal, wenn Sebastian sie darum bäte, wollte sie sogleich
ihren Pyjama ausziehn und sich vor ihn hinstellen, in der
Haltung — so entschied sie nach einigem Nachdenken —
dieser römischen Matrone, oder was immer sie war, auf
dem Stich nach Alma Tadeina im Arbeitszimmer ihres Va-
ters: lächelnd und mit erhobenen Armen sich das Haar
aufbindend. Mehrere Tage lang probte sie die Szene vor
ihrem Spiegel, bis sie in dem Ganzen absolut perfekt war.
Aber leider wiederholte Sebastian seinen Wunsch nie, und
sie besaß nicht die Keckheit, es selber vorzuschlagen. Was
zum Ergebnis hatte, daß er die schauerlichsten Sachen trieb
mit dieser Esdaile, diesem Luder, und sie gar kein Recht,
gar keinen Grund hatte, auch nur zu weinen. Viel weniger
noch, ihm eine herunterzuhauen, was sie gern getan hätte,
und ihn zu beschimpfen und an den Haaren zu reißen
und ... und ihn so weit zu bringen, daß er sie küsse.
“Ich nehme an, du hast den Nachmittag mit deiner kost-
baren Mrs. Esdaile verbracht”, sagte sie endlich und ver-
suchte, es verachtungsvoll und überlegen klingen zu lassen.
Sebastian, der mit gesenktem Kopf dahingeschritten war,
blickte auf.
“Was geht das dich an?” fragte er nach einer Pause.
“Gar nichts.” Susan zuckte die Achseln und stieß ein
kleines Lachen aus. Innerlich aber war sie wütend über sich
selbst und schämte sich. Wie oft hatte sie sich nicht schon
gelobt, sich nie mehr neugierig auf diese eklige Affäre zu
zeigen, sich nie wieder diese gräßlichen Einzelheiten an-
zuhören, die er ihr so lebhaft und mit so offenkundigem
Genuß schilderte! Und merkwürdigerweise war die Neu-
gier doch stets stärker als sie, und jedesmal hörte sie gierig
zu, grade weil diese Berichte über sein Liebestreiben mit
einer andern ihr schmerzlich waren. Und auch, weil so an
seinen Liebeserlebnissen wenigstens theoretisch und in der
Phantasie teilzunehmen, auf eine dunkle Art aufregend
war für sie und selbst schon etwas wie ein sinnliches Band
zwischen ihnen, eine gedankliche Umarmung, schrecklich
unbefriedigend und nur aufreizend, aber doch eine Um-
armung.
Sebastian hatte weggeblickt; nun wandte er sich ihr
plötzlich wieder zu, mit einem seltsamen, fast triumphie-
renden Lächeln, als hätte er soeben jemand überlistet.
“Na schön also”, sagte er, “du hast's gewollt. Mach mir
keinen Vorwurf, wenn's deine jungmaidliche Züchtigkeit
verletzt.”
Er brach mit einem ziemlich rauhen, kurzen Lachen ab
und ging schweigend weiter, während er sich mit der Spitze
seines rechten Zeigefingers nachdenklich den Nasenrücken
rieb. Wie gut sie diese Gebärde kannte! Die war das un-
trügliche Zeichen, daß er ein Gedicht verfaßte oder über
die beste Art nachdachte, eine seiner Geschichten zu er-
zählen.
Diese Geschichten, diese außerordentlichen Geschichten!
Susan hatte in den von Sebastian erschaffenen Phantasie-
welten fast ebenso lange und ganz so intensiv gelebt wie in
der wirklichen Welt; intensiver vielleicht, denn in der
wirklichen Welt mußte sie sich mit ihrem eigenen, prosa-
ischen Ich bescheiden, wogegen sie sich in der Geschichten-
welt mit Sebastians reicher Phantasie begabt fand und sich
bewegt und erregt fühlte von Sebastians Wortfluten.
Die erste seiner Geschichten, deren sich Susan deutlich
erinnerte, hatte ihr Sebastian auf dem Strand von Tenby
erzählt, in jenem Sommer (es mußte 1917 gewesen sein), als
fünf Kerzen um ihre gemeinsame Geburtstagstorte gebrannt
hatten. Sie hatten unter Seetang einen alten, geplatzten
braunroten Gummiball gefunden. Sebastian trug ihn zu
einem kleinen Tümpel und schwemmte den Sand heraus,
der den Ball füllte. Auf der feuchten Innenseite war ein
kleiner warzenähnlicher Auswuchs. Warum? Das wußte
offenbar nur der Fabrikant. Für ein fünfjähriges Kind
war es ein unergründliches Geheimnis. Sebastian berührte
die Warze mit prüfendem Zeigefinger. Das sei der Bauch-
knopf, flüsterte er. Sie sahn sich verstohlen um, ob auch
gewiß niemand zuhörte: der Nabel war etwas, das ans
Unerwähnbare grenzte. Bei jedem Menschen wachse der
Bauchknopf nach innen so wie hier, fuhr Sebastian fort.
Und als sie ihn fragte, woher er das wisse, legte er mit
einem umständlichen Bericht darüber los, was er Dr. Carter
mit einem kleinen Mädel hatte tun sehn, im Ordinations-
zimmer, letztes Mal, als Tante Alice ihn wegen seiner
Ohrenschmerzen hingeführt hatte. Aufgeschnitten hatte er
es — das hatte Dr. Carter getan — aufgeschnitten mit einem
großen Messer und einer großen Gabel, um sich den Bauch-
knopf von innen anzusehn. Und wenn man zu zäh war für
Messer und Gabel, dann mußte so eine Säge verwendet
werden, wie die Fleischhauer sie zum Knochensägen hatten.
Ja, tatsächlich und faktisch, beteuerte er, als sie ihrer ent-
setzten Ungläubigkeit Ausdruck gab, tatsächlich und fak-
tisch! Und um es ihr zu beweisen, begann er mit der Kante
seiner Hand auf den Ball loszusägen. Der gerissene Gummi
klaffte unter dem Druck, die Wunde öffnete sich weiter und
weiter, als die Säge immer tiefer in das einschnitt, was für
Susan nun nicht mehr ein Ball, sondern der Bauch eines
kleinen Mädels war — ja gradezu ihr eigner. “Ch-ch-ch-ch,
ch-ch-ch-ch.” Sebastian rollte den Laut weit hinten in der
Kehle. Es machte einem das Blut gerinnen, war wie das
Geräusch einer Fleischhauersäge. Und dann, fuhr er fort,
wenn sie tief genug geschnitten hatten, öffneten sie einen.
So — und er zog die beiden Hälften des Balls auseinander.
Sie öffneten einen und stülpten einem den obern Lappen
nach außen um — so; und dann schrubbten sie einem den
Bauchknopf mit Wasser und Seife, um den Schmutz weg-
zukriegen. Er kratzte heftig an der geheimnisvollen Warze,
und seine Nägel machten auf dem Gummi ein kleines,
sprödes Geräusch, das für Susan unaussprechlich gruselig
war. Sie stieß einen Schrei aus und hielt sich die Ohren zu.
Noch jahrelang hatte sie sich immer schrecklich vor Dr. Car-
ter gefürchtet und geschrien, so oft er ihr in die Nähe kam;
und auch jetzt noch, wo sie doch wußte, daß das mit dem
Bauchknopf alles Unsinn war, konnte der Anblick seiner
kleinen schwarzen Instrumententasche oder der Schränke in
seinem Ordinationszimmer, die voll waren von Glas-
röhrchen und Flaschen und vernickelten Apparaten, sie mit
einer unbestimmten Angst erfüllen, die sie trotz allem Be-
mühn, vernünftig zu sein, nur schwer zu vertreiben ver-
mochte.
Onkel John Barnack war oft monatelang abwesend, wenn
er im Ausland herumreiste und Artikel schrieb für dieses
Soziblatt, das Susans Vater nicht einmal zum Feuermachen
in seinem Haus duldete. Sebastian hatte daher einen großen
Teil seines Lebens unter der Obhut seiner Tante Alice und
in nächster Nähe ihres jüngsten Kinds verbracht, der
kleinen Susan, zwischen der und ihm selbst nur ein Alters-
unterschied von einem einzigen Tag war. Mit dem Heran-
wachsen seines kleinen Körpers und dieses frühreifen und
fieberisch phantasievollen Geistes wurden die Geschichten,
die er ihr erzählte — oder vielmehr in ihrer anregenden
Gegenwart sich selbst erzählte — immer verwickelter und
immer reicher an Einzelheiten. Manchmal zogen sie sich
durch Wochen und Monate hin, in einer endlosen Reihe
von Fortsetzungen, die er auf dem gemeinsamen Schulweg
verfaßte, oder wenn sie vor dem Gasofen im Kinderzimmer
ihr Abendbrot verzehrten oder miteinander auf dem offe-
nen Oberdeck winterlicher Autobusse saßen, während ihre
altern Begleiter prosaisch im Innern fuhren. Da war zum
Beispiel dieses Epos gewesen, das fast ununterbrochen durch
das ganze Jahr 1923 lief — das Epos von den Lurnimans.
Oder vielmehr von den Luuurnimans — denn der Name
wurde stets im Flüsterton ausgesprochen und mit einer
gräßlich bedeutsamen Verlängerung der ersten Silbe. Diese
Luuurnimans waren eine Familie menschlicher Oger, die in
Tunnels lebte, welche strahlenförmig von einer zentralen
Höhle ausgingen, die sich unmittelbar unter dem Raubtier-
haus im Zoo befand.
“Horch!” flüsterte Sebastian ihr jedesmal zu, wenn sie
vor dem Käfig des sibirischen Tigers standen.
“Horch!” Und dann stampfte er mit dem Fuß auf die
Pflasterung. “Es ist hohl drunter, hörst du's nicht?”
Und ganz gewiß, Susan hörte es, und während sie es
hörte, schauderte sie bei dem Gedanken, wie diese Luuurni-
mans zwanzig Meter tief dort unten saßen, im Mittelpunkt
einer surrenden riesigen Maschinerie, und das Geld zählten,
das sie aus den Gewölben der Bank von England gestohlen,
und die Kinder brieten, die sie durch geheime Falltüren im
Keller entführt hatten, und Kobras züchteten, um sie in die
Abflußrohre loszulassen, so daß plötzlich, eines schönen
Morgens, grade wenn man sich hinsetzen wollte, ein be-
brillter Schlangenkopf aus dem WC auftauchen und
zischen würde. Sie glaubte natürlich gar nichts davon, aber
auch wenn man's nicht glaubte, machte es einem doch
Angst. Diese gräßlichen Luuurnimans mit ihren Katzen-
augen und ihren patentierten elektrischen Pistolen und
unterirdischen Rutschbahnen — sie wohnten nicht wirklich
unter dem Raubtierhaus (obgleich der Boden wirklich hohl
klang, wenn man dort aufstampfte). Aber das hieß nicht,
daß sie nicht existierten. Der Beweis für ihre Existenz war
die Tatsache, daß sie von ihnen träumte, daß sie jeden
Morgen scharf nach diesen Kobras ausspähte.
Doch die Lurnimans waren jetzt wirklich schon eine alte
Geschichte. Ihre Stelle war zunächst von einem Detektiv
eingenommen worden; dann (nachdem Sebastian das Buch
seines Vaters über die Russische Revolution gelesen hatte)
von Trotzki; und dann von Odysseus, dessen Abenteuer
während des Sommers und Herbsts 1926 abenteuerlicher
gewesen waren als irgend etwas, das Homer je berichtet
hatte. Gleichzeitg mit Odysseus tauchten zum erstenmal
Mädchen in Sebastians Erzählungen auf. Gewiß, sie waren
einigermaßen auch schon in den früheren Epen vorge-
kommen, aber nur als Opfer von Ärzten, Kannibalen,
Kobras und Revolutionären. (Was immer es war, wenn es
nur Susan einen Schauder über die Haut jagte und dieses
entsetzte Aufquietschen ungläubiger Abwehr hervorrief!)
In der Neuen Odyssee jedoch begannen sie eine andre
Rolle zu spielen. Sie wurden verfolgt und geküßt, sie wur-
den durch Schlüssellöcher bespäht, ohne was anzuhaben,
sie wurden entdeckt, wie sie um Mitternacht in einem phos-
phoreszierenden Meer badeten, und Odysseus ging dann
auch schwimmen.
Verbotene Themen, abstoßend fesselnd, abscheulich an-
ziehend! Sebastian schlug sie gleichmütig und wie beiläufig
an — pianissimo, sozusagen, und senza espressione, als eilte
et über irgendeine langweilige Passage weg, eine Stelle
bloßer Fünffingerübungen, die in die romantische Rhap-
sodie über seinen Odysseus eingeschoben war. Pianissimo,
senza espressione, und dann — tschin! wie ein Akkord von
Scriabine mitten in ein Haydn-Quartett — platzte er mit
etwas ganz fürchterlich Schauderhaftem heraus! Und trotz
allem Bemühn, es gleichgültig sachlich aufzunehmen, wie
Pamela es aufgenommen hätte, war Susan immer so jäh
erstaunt, daß sie einen Ausruf tat, daß sie errötete, sich die
Ohren zuhielt und davonlief, als wollte sie kein einziges
Wort mehr hören. Aber immer hörte sie wieder zu; und
manchmal, wenn er seine Erzählung unterbrach, um ihr
eine direkte und gräßlich indiskrete Frage zu stellen, da
sprach sie sogar selber über den unmöglichen Gegenstand,
stammelnd, mit weggewendeten Augen, oder aber in un-
beherrscht lautem Ton, der gegen ihren Willen in ein
schrilles Gekicher überging.
Allmählich versiegte die Neue Odyssee. Susan war mit
ihrer Musik und ihrer Abschlußprüfung in der Schule be-
schäftigt, und Sebastian verwendete seine ganze Freizeit
aufs Lesen griechischer und der englischen Dichter und
schrieb eigene Werke. Es schien keine Zeit fürs Geschichten-
erzählen zu bleiben, und wann immer sie sich für eine
kleine Weile beisammen fanden, sprach er ihr am liebsten
seine neuesten Gedichte vor. Lobte sie die — und das tat sie
gewöhnlich, denn sie hielt sie wirklich für wundervoll, —
so leuchtete Sebastians Gesicht auf.
“Oh, es ist nicht gar zu schlecht”, sagte er dann wohl
wegwerfend; aber sein Lächeln und das ununterdrückbare
Glänzen seiner Augen verrieten, was er wirklich dachte.
Manchmal jedoch kamen Zeilen vor, die sie nicht verstand
oder nicht mochte; und wenn sie das zu sagen wagte, wurde
er rot vor Zorn und nannte sie eine Idiotin, eine Philisterin;
oder bemerkte sarkastisch, das sei nicht anders zu erwarten,
da Frauen bekanntlich Spatzenhirne hätten; oder, es sei
notorisch, daß Musiker kein Hirn, sondern nur Finger und
ein Nervenzentrum in der Magengrube besäßen. Manchmal
verletzten sie seine Worte; öfter aber riefen sie nur ein
Lächeln hervor und gaben ihr das Gefühl, im Vergleich
mit seiner durchsichtigen Kindlichkeit herrlich alt, weise
und ihm trotz seiner blendenden Begabtheit überlegen zu
sein. Wenn er sich so benahm, bekundete er sich damit
ebenso als Kleinkind wie als Wunderkind und forderte sie
gradezu heraus, ihn auch noch auf eine andre Art zu lieben
— beschützerisch und mütterlich.
Und dann plötzlich, ein paar Wochen nach Beginn des
laufenden Trimesters, hatten die Erzählungen wieder an-
gefangen — aber mit einem Unterschied. Diesmal waren
sie nicht Dichtung, sie waren Selbstbiographie: er hatte be-
gonnen, ihr von Mrs. Esdaile zu erzählen. Das Kind in ihm
war noch immer da, bedurfte noch immer dringend der
Bemutterung, der Bewahrung vor den Folgen seiner Kind-
lichkeit; aber der herangewachsene Bub, den sie insgeheim
mit einer ganz anders gearteten Leidenschaft anbetete, war
nun der Liebhaber einer Frau — älter als sie selbst und
hübscher und tausendmal erfahrener; reich obendrein, mit
wunderschönen Kleidern und herrlich manikürt und her-
gerichtet; völlig außerhalb jeder Möglichkeit eines Wett-
bewerbs oder einer Nebenbuhlerschaft. Susan hatte ihn nie
merken lassen, wie sehr es ihr zu Herzen ging; ihr Tage-
buch aber war voll von Bitterkeit, und nachts, im Bett,
hatte sie sich oft in Schlaf geweint. Und heute nacht hätte
sie wiederum Grund, sich elend zu fühlen.
Stirnrunzelnd warf Susan einen Seitenblick auf ihren
Gefährten. Sebastian liebkoste noch immer nachdenklich
seine Nase.
“Recht so!” platzte sie mit einem jähen Aufwallen von
Groll heraus. “Reib dir deinen viehischen kleinen Rüssel,
bis du es alles parat hast!”
Sebastian fuhr auf und wandte sich zu ihr. Ein Ausdruck
der Beunruhigung erschien auf seinem Gesicht.
“Bis ich was alles parat habe?” fragte er abwehrend.
“Alle deine schönen Reden und witzigen Erwiderun-
gen!” antwortete sie. “Du glaubst wahrscheinlich, ich kenn
dich nicht? Pah, ich wette, du bist zu schüchtern, überhaupt
etwas zu sagen, wenn du ...” Sie verstummte, unfähig, die
Worte zu äußern, die das verhaßte Bild der Umarmung
dieser zwei heraufriefen.
Zu andrer Zeit hätte diese höhnische Anspielung auf
seine Schüchternheit — auf dieses erniedrigende Stumm-
bleiben oder Stammeln, von dem er befallen wurde, wann
immer er sich in fremder oder eindrucksvoller Gesellschaft
befand, — ihn aufgebracht und in Zorn versetzt. Diesmal
aber war er nur belustigt.
“Darf ich denn nicht einmal die kleinste Lüge erzählen?”
fragte er. “Bloß um der Kunst willen?”
“Du meinst, um deinetwillen — damit du dich so wirken
machen kannst wie jemand aus einem Stück von Noel Co-
ward?”
“Aus einem Stück von Congreve”, widersprach er.
“Aus von wem du willst!” rief Susan, die glücklich war
über diese Gelegenheit, ihrer aufgespeicherten Erbitterung
Luft machen zu können, ohne deren wahre Natur und Ur-
sache zu verraten. “Jede Lüge ist gut genug, solange du
dich nur nicht so zeigen mußt, wie du wirklich bist ...”
“Ein Don Juan ohne den Mut zu seinen Überredungs-
künsten”, warf er ein. Es war eine Phrase, die er erfunden
hatte, um sich darüber zu trösten, daß er auf der Weih-
nachtsgesellschaft bei den Boveneys so klägliche Figur ge-
macht hatte. “Und du ärgerst dich, weil ich das Gespräch
auf eine Höhe bringe, auf der es sich hätte bewegen sollen.
Sei nicht so scheußlich buchstabengetreu!”
Er lächelte sie so bezaubernd an, daß Susan einfach ka-
pitulieren mußte.
“Na gut”, murrte sie. “Ich werd dir glauben, auch wenn
ich weiß, daß es eine Lüge ist.”
Sein Lächeln verbreiterte sich; er wurde der heiterste
aller Della-Robbia-Engel.
“Auch wenn du's weißt”, wiederholte er und lachte laut.
Es war wirklich der köstlichste Witz. Die arme, gute Susan!
Sie wußte, daß die Berichte über seine Konversationsge-
wandtheit gefälscht waren; aber sie wußte auch, daß er mit
einer wunderschönen dunkelhaarigen jungen Frau ins Ge-
spräch gekommen war, auf dem Oberdeck eines Autobusses
nach Hampstead; daß diese Frau ihn zum Tee in ihre
Wohnung gebeten, sich seine Gedichte vorlesen lassen und
ihm erzählt hatte, wie unglücklich sie mit ihrem Mann sei,
dann mit einem Wort der Entschuldigung den Salon ver-
lassen und fünf Minuten später gerufen hatte: “Mr.Barnack,
Mr. Barnack!” — und er ihr nachgegangen war, über den
Flur und durch eine halboffene Tür in ein Zimmer, wo es
stockfinster war, und plötzlich ihre bloßen Arme um sich
und ihre Lippen auf seinem Gesicht gefühlt hatte. Susan
wußte das alles und noch eine Menge mehr; und das
Schönste daran war, daß Mrs. Esdaile gar nicht existierte,
daß er ihren Namen im Telephonbuch gefunden hatte, ihr
blasses ovales Gesicht in einem Band viktorianischer Stahl-
stiche und alles übrige in seiner Phantasie. Und das ein-
zige, wogegen die arme Susan etwas hatte, war die Ge-
wandtheit seiner Konversation!
“Sie hat heute schwarze, durchbrochene Spitzendessous
getragen”, improvisierte er, von seiner Belustigung zu
einem betonten Beardsleyismus fortgerissen, den er zu
gewöhnlichen Zeiten verachtete.
“Sieht ihr ähnlich!” sagte Susan und dachte erbittert an
ihre eigenen aus starker weißer Baumwolle.
Sebastian aber sah vor seinem innern Auge eine Kal-
lipyge, über und über von spinnwebzarten Arabesken in
Nadelarbeit gemustert wie einer dieser dekorativen Apfel-
schimmel aus Porzellan, auf deren Croupe die Tüpfel aus
Blättern und spiraligen Ranken bestehen. Er lachte inner-
lich.
“Ich hab ihr gesagt, sie ist die neueste archäologische
Entdeckung — die getüpfelte Aphrodite von Hampstead.”
“Lügner!” sagte Susan emphatisch. “Du hast ihr gar
nichts dergleichen gesagt.”
“Ich werd ein Gedicht auf die getüpfelte Aphrodite
schreiben”, fuhr Sebastian fort, ohne sie zu beachten.
Ein ganzes Feuerwerk wunderschöner Phrasen begann
in seinem Geist zu sprühn und zu prasseln.
“Ihr Widerrist ein Gekräusel spiraliger Ranken, ihre
samtige Croupe gescheckt von Brüsseler Rosen. Und um
den Rumpf”, murmelte er, sich die Nase reibend, “um den
Rumpf und die üppig geschmeidigen Flanken Spaliere von
Muttermalen aus Klöppelspitzen.”
Und, Herrschaft noch einmal, da war noch ein zweiter
tadellos guter Reim drin! Spiralen und Muttermalen —
noch zwei starke Stifte, an die sich jede beliebige Menge
von Spitzen und Göttinnenhaut hängen ließe.
“Oh, sei still!” rief Susan.
Aber seine Lippen bewegten sich weiter.
“Getuscht auf die milchweiße Hinterhand, welche kunst-
volle Kalligraphie, schwellend und schrumpfend bei jeder
Bewegung.”
Da hörte er plötzlich seinen Namen gerufen und den
Klang von Laufschritten hinter sich.
“Wer, zum Teufel...?”
Sie blieben stehn und sahn sich um.
“Es ist Tom Boveney”, sagte Susan.
Und er war es!
Sebastian lächelte. “Ich wette mit dir um fünf Schill, er
sagt: ,Hallo, Susel, schon wieder im Dusel vom Fusel?'“
Zwei Meter groß, einen breit und einen halben dick, mit
sandfarbenem Haar und übers ganze Gesicht grinsend, kam
Tom herangerast wie der Cornwall-Expreß.
“Basty”, rief er, “du bist grade der Mann, den ich suche!
Oh, und hier ist ja auch Susan —hallo, Susel, schon wieder
im Dusel vom Fusel?”
Er lachte und war entzückt, als Susan und Sebastian
ebenfalls lachten — mit ungewohnter Herzlichkeit lachten.
“Also”, fuhr er fort, sich wieder an Sebastian wendend,
“das Problem ist gelöst.”
“Welches Problem?”
“Wann ich die Gesellschaft gebe. Da du doch am Tri-
mesterschluß gleich wegfährst, hab ich sie aufs Ende der
Ferien verschoben.”
Er grinste und klopfte Sebastian zutunlich auf die Schul-
ter. Auch der! sagte sich Susan und überlegte weiter, daß
fast jeder Mensch Sebastian gegenüber so fühlte — und er
das ausnützte. Ja, er nützte es aus.
“Freut's dich?” fragte Tom.
Basty war seine Maskotte, sein Adoptivkind und zu-
gleich der erlesene und wunderbare Gegenstand einer
Liebe, die sich einzugestehen, ja auch nur zu verstehn und
ihr einen Namen zu geben, er von Natur viel zu hetero-
sexuell war. Es gab nichts, was er nicht getan hätte, um das
Wohlgefallen seines kleinen Basty zu erwecken.
Doch statt entzückt übers ganze Gesicht zu strahlen,
blickte Sebastian fast bestürzt drein.
“Aber Tom”, stammelte er, “du darfst nicht . . . ich
meine, du solltest dir meinetwegen keine Ungelegenheiten
machen.”
Tom lachte und gab Sebastians Achsel einen beruhigen-
den Quetscher. “Mach ich mir nicht.”
“Aber die andern?” sagte Sebastian, sich an jeden Stroh-
halm klammernd.
Tom wies darauf hin, daß es den andern gleich sei, ob
er seine Abschiedsgesellschaft am Beginn der Ferien oder
am Ende gebe.
“Eine Sauferei ist immer eine Sauferei”, setzte er philo-
sophisch hinzu, da fiel ihm Sebastian mit einer Heftigkeit
ins Wort, die durch bloße höfliche Zuvorkommenheit ganz
und gar nicht zu rechtfertigen war.
“Nein, ich würde nicht im Traum daran denken!” rief
er in einem Ton von Endgültigkeit.
Es entstand ein Schweigen. Tom Boveney blickte ver-
wundert auf ihn hinab.
“Das klingt ja, als wolltest du nicht kommen?” begann
er verdutzt.
Sebastian begriff seinen Fehler und beeilte sich, zu be-
teuern, daß ihm selbstverständlich nichts lieber gewesen
wäre. Was auch wahr war. Dinner im Savoy, eine Revue
und zum Abschluß ein Nachtlokal — es wäre ein unerhörtes
Erlebnis. Aber er mußte die Einladung ablehnen, und das
aus dem demütigendsten und kindischesten Grund: er be-
saß weder einen Schwalbenschwanz noch ein Dinnerjackett.
Und nun, nachdem er schon geglaubt hatte, eine so gute
Ausrede zu haben, kam dieser Tom daher und rührte die
Sache von neuem auf. Verfluchter Kerl! Sebastian haßte
den bärenhaften Lackel mit seiner betulichen Freundlich-
keit gradezu.
“Aber du willst doch kommen!” beharrte Tom mit einer
schlichten Vernünftigkeit, die Sebastians Geduld erschöpfte.
“Warum, um Himmels willen, sagst du dann nein?” Er
wandte sich an Susan. “Kannst du irgendein Licht auf die-
ses Rätsel werfen?”
Susan zögerte. Sie wußte natürlich genau von Onkel
Johns Weigerung, Sebastian einen Abendanzug machen zu
lassen. Es war schundig von ihm. Aber deswegen brauchte
sich Sebastian doch nicht zu schämen! Warum sagte er es
nicht ganz freimütig?
“Tja”, begann sie zögernd, “ich vermute, der Grund
i s t. ..”
“Schweig! Schweig, sag ich dir!” In seiner Wut zwickte
Sebastian sie so stark in den Arm, daß sie vor Schmerz
aufschrie.
“Geschieht dir recht!” flüsterte er ihr wild zu und wandte
sich wieder an Tom. Susan war erstaunt, ihn sagen zu
hören, daß er natürlich kommen werde und es wirklich
schrecklich nett von Tom sei, sich all die Mühe mit der Ver-
legung auf ein andres Datum gemacht zu haben, schrecklich
nett — und er brachte es wirklich fertig, Tom mit seinem
engelhaften Lächeln anzusehn!
“Du hast doch nicht gemeint, ich werd eine Gesellschaft
geben ohne dich, Basty?” Abermals zermalmte beinahe mit
einem freundschaftlichen Quetschen Tom Boveney seiner
Maskotte die Achsel, seinem Adoptivkind, seinem Wun-
derkind und wunderschönen Liebling.
“Und grade jetzt, wo ich nach Kanada soll — und wer
weiß, wann ich dich wiederseh! Dich oder sonst einen von
den Burschen hier”, fügte er hastig hinzu, und um das Alibi
weiter auszubauen, wandte er sich scherzend an Susan:
“Wenn's nicht ein Herrenabend war, würd ich auch dich
auffordern. Massenhaft Fusel für die gute Susel.” Er schlug
ihr auf den Rücken.
“Und jetzt muß ich mich schleunigst davonmachen. Hätt
von Rechts wegen gar nicht stehnbleiben und mit euch
quatschen sollen; aber es war so ein glücklicher Zufall,
förmlich in euch hineinzurennen. Wiedersehn, Susel! Wie-
dersehn, Basty!” Er wandte sich ab und begann zu laufen,
trotz seiner Größe und seinem Gewicht elegant wie ein
Mittelstrecken-Professional zu laufen, in die Dunkelheit
hinein, aus der er gekommen war. Die beiden setzten ihren
Spaziergang fort.
“Was ich einfach nicht verstehn kann”, sagte Susan nach
einem langen Schweigen, “— warum sagst du nicht glatt
die Wahrheit? Es ist doch nicht deine Schuld, daß du kei-
nen Abendanzug hast. Und es besteht doch kein Gesetz
dagegen, deinen Dunkelblauen zu tragen. Man wird dich
nicht aus dem Restaurant weisen, nicht wahr?”
“Oh, um Gottes willen!” rief Sebastian, fast zur Raserei
getrieben durch die verrücktmachende Vernünftigkeit ihrer
Worte.
“Aber wenn du mir nur erklären wolltest, warum du's
ihm nicht sagst”, beharrte sie.
“Ich wünsche es nicht zu erklären”, entgegnete er mit
würdevoller Endgültigkeit.
Susan warf einen Blick auf ihn, dachte sich, wie lächerlich
er dreinsehe, und zuckte die Achseln. “Du meinst, du
kannst es nicht erklären?”
Während des Schweigens, das nun entstand, kaute Se-
bastian weiter an seiner bittern Erniedrigung. Er wünschte
es nicht zu erklären, weil er, wie Susan gesagt hatte, es
nicht erklären konnte. Und zwar nicht etwa, weil ihm
Gründe fehlten, sondern weil die Gründe, die er hatte, so
qualvoll intim waren. Erst diese alte Kuh in der Bibliothek;
nicht einmal ihr toter Sohn war eine Entschuldigung, daß
sie ihn so beschlabbert hatte, als wäre er noch in den Win-
deln. Dann Pfeiffer und seine stinkenden Zigarren. Und
nun diese letzte Demütigung. Und nicht nur, daß er wie ein
Kind aussah und dabei wußte, daß er hundertmal fähiger
war als sogar die ältesten von ihnen, — es fehlte ihm auch
das äußere Drum und Dran und Zubehör, das seinem wah-
ren Alter angemessen war. Wenn er anständige Anzüge
und genug Taschengeld hätte, wären die andern Demüti-
gungen erträglich. Wenn er leichter Geld ausgeben könnte
und seine Kleider einen andern Schnitt hätten, würde er
das falsche Zeugnis seines Gesichts und seiner Statur Lü-
gen strafen können. Aber sein Vater gab ihm nur einen
Schilling wöchentlich, ließ ihn billige Konfektionsanzüge
tragen, bis sie durchgewetzt und zu kurz in den Ärmeln
waren, und weigerte sich glattweg, ihm ein Dinnerjackett
zu kaufen. Seine Kleidung bestätigte das Zeugnis des Kör-
pers, den sie so schofel bedeckte; er war ein Kind in Kin-
derkleidern. Und da fragte ihn diese blöde Susan, warum
er Tom Boveney nicht die Wahrheit sage!
“Amor fati”, zitierte sie. “Hast du nicht gesagt, das ist
jetzt dein Wahlspruch?” Sebastian geruhte nicht, darauf
zu antworten.
Als sie ihn so ansah, wie er neben ihr herging, mit star-
rem Gesicht, den Körper seltsam steif und verkrampft,
fühlte Susan ihre Gereiztheit in mütterliche Zärtlichkeit
dahinschmelzen. Der liebe, arme Kerl! Wie gut es ihm ge-
lang, sich elend zu machen! Und aus solchen idiotischen
Gründen. Wegen eines Dinnerjacketts! Aber sie war bereit
zu wetten, daß Tom Boveney keine Affäre mit einer schö-
nen verheirateten Frau hatte. Bei der Erinnerung daran,
wie sich Sebastians Miene vorhin, als sie Mrs. Esdaile er-
wähnte, aufgeheitert hatte, versuchte Susan es barmherzig
noch einmal.
“Du hast mir nicht zu Ende erzählt von der schwarzen
Spitzenwäsche”, sagte sie endlich, das trübselige Schweigen
brechend.
Diesmal aber erfolgte keine Erwiderung; Sebastian schüt-
telte bloß den Kopf, ohne auch nur zu ihr herzublicken.
“Bitte!” schmeichelte sie.
“Ich will nicht.” Und als Susan versuchte, darauf zu be-
stehn, wiederholte er mit mehr Nachdruck: “Ich sag dir
doch, ich will nicht!”
An Susans Leichtgläubigkeit war nicht länger etwas Ko-
misches. Nüchtern betrachtet, in ihrem wahren Licht, war
diese Esdaile-Geschichte nur wieder eine von seinen De-
mütigungen.
Seine Gedanken sprangen zurück zu dem scheußlichen
Abend vor zwei Monaten. Vor der Untergrundstation Cam-
den Town dieses Mädel in Blau, auf eine ordinäre Art
hübsch, mit grell geschminktem Mund und einer Masse
gelbblonden Haars. Er ging zwei- oder dreimal hin und
her, versuchte seinen Mut emporzuschrauben und fühlte
fast Übelkeit, genauso wie vor einer dieser gräßlichen Un-
terredungen mit dem Schulleiter über seine mangelhaften
Mathematikkenntnisse. Die Übelkeit der Schwelle — aber
zuletzt, wenn man dann angeklopft hatte und hineingegan-
gen war und sich hingesetzt hatte gegenüber diesem langen
und außerordentlich glatt rasierten Gesicht, war es gar
nicht so schrecklich. “Sie scheinen zu glauben, Barnack, daß
Sie, weil Sie in einer Hinsicht hochbegabt sind, an nichts
sonst zu arbeiten brauchen, was Ihnen nicht eben Freude
macht?” Und das endete dann gewöhnlich damit, daß er an
einem schulfreien Nachmittag zwei oder drei Stunden nach-
sitzen oder einen Monat lang jeden Tag zwei Extrabei-
spiele lösen mußte. Nichts gar so Schreckliches schließlich
und nichts, was dieses Übelkeitsgefühl gerechtfertigt hätte.
Aus dieser Überlegung schöpfte Sebastian Mut, ging auf
die blaue Schnepfe zu und sagte: “Guten Abend.”
Im Anfang wollte sie ihn gar nicht ernst nehmen. “So
ein Kinderl wie du! Ich tat mich schämen an deiner Stell.”
Es blieb ihm nichts andres übrig, als ihr die Widmung in
der Anthologie griechischer Dichtung zu zeigen, die er zu-
fällig in der Rocktasche stecken hatte. “Sebastian, zum
siebzehnten Geburtstag, von seinem Onkel Eustace Bar-
nack 1928.” Die Blaue las die Worte laut, blickte ihm zwei-
felnd ins Gesicht und wieder auf das Vorsatzblatt. Dann
schlug sie aufs Geratewohl eine Seite in der Mitte des
Buchs auf. “Aber das is ja Jiddisch!” Sie sah ihn forschend
an Das hätt ich mir nie denkt.” Sebastian klärte sie auf.
Und du willst mir einreden, du kannst das lesen?” Er
bewies ihr seine Fähigkeit an einem Chor aus dem Aga-
memnon. Das überzeugte sie. Jemand, der das imstande
war, konnte kein Kind mehr sein. Aber habe er Geld? Er
zog seine Brieftasche hervor und zeigte ihr die Pfundnote,
die ihm noch von Onkel Eustaces Weihnachtsgeschenk ver-
blieben war. “Is recht”, sagte die Blaue. Aber sie habe
keine eigene Wohnung; wohin wolle er gehn?
Tante Alice und Susan und Onkel Fred waren alle über
das Wochenende weggefahren, und es war niemand im
Haus zurückgeblieben außer der alten Ellen — und Ellen
ging stets Punkt neun schlafen und war überhaupt so taub
wie ein Stockfisch. Sie könnten zu ihm nach Haus gehn,
schlug er vor; und er rief ein vorbeifahrendes Taxi heran.
An den Alptraum, der folgte, konnte Sebastian nie ohne
Schaudern denken. Dieses Gummikorsett und, als sie dann
in seinem Zimmer lagen, ihr Körper, so teilnahmslos wie
dessen Gehäuse. Die gelangweilten geschäftsmäßigen Küsse
und ihr Atem, der nach Bier und Zahnfäule und Zwiebeln
stank; seine Aufregung, so rasend, daß sie sich fast sogleich
selber vereitelte; und dann, nicht wiedergutzumachen, diese
scheußliche kalte Ernüchterung, die einen Ekel mit sich
brachte vor dem, was da neben ihm lag, einen Abscheu wie
vor einer Leiche — und die Leiche lachte und sprach ihm
ihr spöttisches Beileid aus.
Auf dem Weg zur Haustür hinunter fragte die Blaue,
ob sie einen Blick in den “Salon” tun dürfe. Sie machte
große Augen, als das Licht die bescheidene Pracht des
Wohnzimmers enthüllte. “Handgemalt!” sagte sie bewun-
dernd, ging zum Kamin und fuhr mit dem Finger über
den Firnis auf dem Jubiläumsporträt von Sebastians Groß-
vater. Das schien für sie die Sache zu entscheiden. Sie trat vor
Sebastian hin und verkündete, daß sie noch ein Pfund ha-
ben wolle. Aber er hatte nicht noch ein Pfund. Die Blaue
setzte sich nachdrücklichst auf das Sofa. Also gut, sie werde
hierbleiben, bis er eins finde. Sebastian leerte alle» Klein-
geld aus seinen Taschen. Drei Schilling elf. Nein, dabei
blieb sie, keinen Penny weniger als noch ein Pfund. Und
mit einer heiseren tiefen Altstimme begann sie wie eine
Litanei die Worte zu summen: “Ein Pfunderl, ein Pfund,
ein Pfunderl”, — nach der Melodie von: “Wenn irische
Augen .. . ”
“Tun Sie das nicht!” bat er. Das Summen schwoll zu
einem Singen aus voller Kehle an. “Ein Pfunderl, ein
Pfund, ein Pfunderl, ein wunderschönes Pfunderl ...”
Beinahe in Tränen, unterbrach Sebastian sie; ein Dienst-
bote schlafe oben, und sogar die Nachbarn würden es viel-
leicht hören. “Na, die solin nur alle kommen”, sagte die
Blaue. “Mir kann's recht sein.” “Aber was würden die
sagen?” Sebastians Stimme gickste, seine Lippen zitterten.
Diese Person sah ihn verachtungsvoll an und brach dann
in ihr lautes, häßliches Lachen aus. “Geschieht dir recht,
Klaner, das würdens sagen. Will mit Mädeln gehn, statt
daß er daheimbleibt und sich von def Mutter die Nasen
putzen laßt.” Sie begann Takt zu schlagen. “Alsdann eins,
zwei, drei, alle miteinander, meine Herrschaften: .Wann
irische Pfunde pfundein ...' “
Auf dem Tischchen neben dem Sofa erblickte Sebastian
das Schildpatt-Papiermesser mit Goldgriff, das Onkel Fred
zum fünfundzwanzigsten Jahrestag seiner Verbindung mit
der City & Far Eastern Investment Company geschenkt
worden war. Es war viel mehr wert als ein Pfund. Er
wollte es ihr in die Hand drücken. “Nehmen Sie das!” be-
schwor er sie. “Ja freili! Damit die Polizei grufen wird im
Moment, wo i's verkaufen will?” Sie schob es beiseite. In
einer andern Tonart und lauter denn je begann sie wieder:
“Wann irische Pfunde ...” “Hören Sie auf”, rief er ver-
zweifelt “hören Sie doch auf! Ich werd Ihnen das Geld
beschaffen, ich schwör's.” Die Blaue unterbrach sich und
sah auf ihre Armbanduhr. “I gib dir fünf Minuten Zeit”,
sagte sie. Sebastian eilte aus dem Zimmer und die Treppe
hinauf. Eine Minute später hämmerte er im vierten Stock
an eine Tür. “Ellen, Ellen!” Keine Antwort. Taub wie ein
Stockfisch. Der Teufel hol die Alte! Er klopfte abermals
und schrie. Plötzlich ging die Tür auf, und da stand Ellen
in einem Schlafrock aus grauem Flanell, das graue Haar
in zwei kleine Rattenschwänzchen geflochten und mit Köper-
band umwickelt, und ohne ihre falschen Zähne, so daß ihr
rundes Apfelgesicht ganz eingeschrumpft zu sein schien,
und als sie ihn fragte, ob es im Haus am Ende brenne,
konnte er sie kaum verstehn. Mit großer Anstrengung setzte
er sein engelhaftestes Lächeln auf — das Lächeln, mit dem
er sie sein Leben lang herumgekriegt hatte. “Tut mir leid,
Ellen, ich hätte dich nicht geweckt, wenn's nicht dringend
war.” “Was denn sonst?” fragte sie und wandte ihm das
Ohr zu, auf dem sie etwas besser hörte. “Glaubst du, könn-
test du mir ein Pfund leihen?” Sie sah ihn leer an, und er
mußte sie fast anschreien. “Ein Pfund!” “Ein Pfund?”
echote sie, maßlos erstaunt. “Ich hab's mir von einem
Freund geborgt, und er wartet jetzt unten an der Haus-
tür.” Zahnlos, aber wie immer mit ihrem nordenglischen
Akzent, erkundigte sich Ellen, warum er es denn nicht mor-
gen zurückzahlen könne. “Weil er wegfährt”, erklärte Se-
bastian. “Nach Liverpool.” “Oh, nach Liverpool”, sagte
Ellen in einem andern Ton, als würfe das ein ganz neues
Licht auf die Sache. “Nimmt er dort ein Schiff?” fragte sie.
“Ja, nach Amerika”, brüllte Sebastian, “nach Philadel-
phia.” Fort nach Philadelphia in der Frühe. Er sah auf
seine Armbanduhr. Nur noch etwa eine Minute, und die
Blaue finge wieder an, dieses andre irische Lied zu singen.
Er ließ Ellen ein noch bezaubernderes Lächeln sehn. “Wär's
dir möglich, Ellen?” Die alte Frau lächelte auch, ergriff
seine Hand und legte sie für einen Augenblick an ihre
Wange, dann wandte sie sich ohne ein Wort, um ihre Börse
zu suchen.
Und als die andern von dem Wochenende zurückgekom-
men waren — am Montagnachmittag, genau gesagt, wäh-
rend er mit Susan von dem alten Pfeiffer nach Hause ging,
da hatte er ihr zum allererstenmal von Mrs. Esdaile er-
zählt. Die exquisite, kultivierte, toll wollüstige Esdaile in
den Armen ihres triumphierenden jungen Liebhabers —
das Bild auf der Medaille, deren Kehrseite das Mädel in
Blau zeigte und einen angeekelten kleinen Buben, der sehr
betreten und dem Weinen nahe war.
An der Ecke der Glanvil Avenue trennten sie sich.
“Du geh direkt nach Haus!” sagte Sebastian, das lange
Schweigen brechend. “Ich will erst sehn, ob mein Vater
heimgekommen ist.” Und ohne eine Antwort Susans abzu-
warten, wandte er sich und schritt schnell davon.
Susan stand da und sah ihm nach, wie er die Gasse ent-
langeilte, so zart und hilflos, aber mit so verzweifelter
Entschlossenheit auf einen unvermeidlichen Mißerfolg los-
marschierte. Denn, natürlich, wenn sich der arme Kerl ein-
bildete, Onkel John herumkriegen zu können, da würde er
sich nur wieder eine Beule holen.
Unter der Gaslaterne dort belebte sich plötzlich das
blasse Haar wie eine Aureole zausiger Flammen; dann bog
er ein und verlor sich ihrem Blick. Und das war das Leben!
überlegte Susan, während sie weiterging, — eine Reihen-
folge von Straßenecken. Man traf etwas — etwas Fremd-
artiges, etwas Schönes und Begehrenswertes; und einen
Augenblick später war man an der nächsten Ecke; und
schon war es eingeschwenkt und verschwunden. Und auch
wenn es nicht einschwenkte, war es verliebt in Mrs. Esdaile.
Sie ging die Stufen zu Nummer achtzehn hinauf und
drückte die Klingel. Ellen öffnete ihr die Tür und ver-
langte, bevor sie sie einließ, daß sie sich nochmals die
Schuhe auf der Matte abstreife.
“Das fehlt mir noch, daß du mir meine Teppiche
schmutzig machst”, sagte sie in ihrem gewohnten Ton brum-
miger Zuneigung.
Im ersten Stock warf Susan, um guten Abend zu sagen,
einen Blick in das Zimmer, wo ihre Mutter saß. Mrs. Poul-
shot schien mit ihren Gedanken beschäftigt zu sein, und ihr
Kuß war eine bloße Geste.
“Versuche, nichts zu tun, was deinen Vater ärgern
könnte”, empfahl sie Susan. “Er fühlt sich heute abend ein
bißchen verstimmt.”
O Gott, dachte Susan, die, seit sie sich erinnern konnte,
unter diesen Verstimmungen ihres Vaters gelitten hatte.
“Und zieh dir dein Hellblaues an”, fügte Mrs. Poulshot
hinzu. “Ich möchte, daß du vor Onkel Eustace möglichst
hübsch aussiehst.”
Was ihr schon daran lag, ob Onkel Eustace sie für hübsch
hielt! Und überhaupt, überlegte sie, als sie weiter dieTrep-
pen hinaufstieg, welche Hoffnung bestand denn, mit einer
zu konkurrieren, die verheiratet gewesen war, die Geld
hatte, die ihre Kleider in Paris kaufte und wahrscheinlich
— obgleich Sebastian seltsamerweise das nie erwähnt
hatte — gradezu triefte von einem höchst unanständigen
Parfüm.
Sie zündete den Gasofen in ihrem Zimmer an, entklei-
dete sich und ging eine halbe Treppe hinunter ins Bade-
zimmer.
Das Vergnügen, in heißem Wasser zu weichen, war da-
durch beeinträchtigt, daß Mrs. Poulshot darauf bestand, in
ihrem Haushalt dürfe keine andre als Karbolseife verwen-
det werden. Daher roch man, wenn man aus der Wanne
stieg, nicht wie Mrs. Esdaile, sondern wie ein soeben ge-
badeter Hund. Susan beschnupperte sich, als sie nach dem
Frottiertuch langte, und verzog das Gesicht vor Abscheu
vor dem Gestank ihrer Sauberkeit.
Sebastians Zimmer lag im selben Stock, dem ihren
gegenüber, und da sie wußte, daß er nicht da war, ging sie
kühn hinein, zog die oberste Lade seines Ankleidetisches
auf und nahm den Rasierapparat heraus, den er vor zwei
Monaten gekauft hatte, um einen noch hypothetischen Bart
niederzuhalten.
Sorgfältig, als machte sie sich für einen Abend in ärmel-
losem Kleid und eine Nacht der Leidenschaft zurecht, ra-
sierte sie sich die Achselhöhlen; dann blies und zupfte sie
die verräterischen Härchen aus dem Apparat und legte ihn
in seine Schachtel zurück.
3. KAPITEL

Sebastian war inzwischen die Glanvil Avenue entlang-


gegangen, finster vor sich hin starrend und an der Unter-
lippe nagend. Dies war wahrscheinlich seine letzte Chance,
das Dinnerjackett rechtzeitig für Tom Boveneys Gesell-
schaft zu kriegen. Sein Vater, das wußte er, hatte die Ein-
ladung der Tante für heute abend abgelehnt, und morgen
in aller Früh mußte er nach Huddersfield oder sonstwohin
zu einer Konferenz; käme nicht vor Mittwoch abend zurück,
und am Donnerstagmorgen sollten sie miteinander nach
Florenz fahren. Also jetzt oder nie.
Frack und Smoking waren Klassensymbole, und es war
ein Verbrechen, Geld für zwecklose Luxusdinge auszugeben,
wenn Menschen hungerten, die ebensoviel wert waren wie
man selbst! Sebastian wußte voraus, welches die Argumente
seines Vaters sein würden. Aber hinter den Argumenten
stand der Mann — dominierend, fanatisch rechtlich, hart
gegen andre, weil er noch härter gegen sich selbst war.
Wenn man sich dem Mann auf die richtige Art näherte,
würden die Argumente vielleicht nicht bis zu ihrem logischen
Schluß getrieben werden. Die Hauptsache war, wie Sebastian
durch lange und bittere Erfahrung gelernt hatte, niemals
den Anschein zu erwecken, sich etwas zu gierig und beharr-
lich zu wünschen. Er müßte bitten um das Dinnerjackett —
aber so, daß sein Vater nicht auf den Gedanken käme, es
liege ihm wirklich etwas daran. Das, so wußte er, hieße es
herausfordern, daß ihm seine Bitte abgeschlagen würde —
angeblich natürlich aus Gründen der Sparsamkeit und sozia-
listischen Ethik, in Wirklichkeit aber, wie er zu vermuten
begonnen hatte, weil sein Vater ein gewisses Vergnügen
daran fand, allzu deutlich bekundete Wünsche zu ent-
täuschen. Wenn er die Falle vermiede, allzu versessen zu
erscheinen, wäre er vielleicht imstande, dem Vater die
andern, eingestehbaren Gründe einer Verweigerung auszu-
reden. Aber es bedürfte guten Schauspielerns, damit das
klappte, und großer Geschicklichkeit und vor allem einer
Geistesgegenwart, an der es ihm in kritischen Augenblicken
immer so jämmerlich gebrach. Vielleicht aber, wenn er vor-
her einen Feldzugsplan entwürfe, ein Stückchen brillanter
und genialischer Strategie ...
Sebastian hatte seine Augen auf das Gehsteigpflaster vor
seinen Füßen gerichtet gehalten; nun hob er den Kopf, als
schwebte der vollkommene, der unwiderstehliche Plan dort
oben in dem qualmig trüben Himmel und wartete nur
darauf, erblickt und ergriffen zu werden. Er hob den Kopf,
und plötzlich war dort drüben auf der andern Seite — nicht
der Plan natürlich, sondern die Methodistenkapelle, seine
Kapelle, das Ding, das zu sehn es sich lohnte, des Abends
eigens durch die Norton Street zu gehn. Heute aber, ins
Labyrinth seines Grams verloren, hatte er sie völlig ver-
gessen gehabt, und hier stand sie nun vor ihm, getreulich
sie selbst, der untere Teil der Fassade übergossen von dem
grünlichen Gaslicht der Laterne davor und der obere Teil
immer dunkler und dunkler, je höher er sich über das Licht
erhob, bis zuletzt die stacheligen Fialen aus viktorianischem
Ziegelwerk undurchsichtig schwarz droben in das nebelige
Dämmer des Londoner Himmels ragten. Helle kleine Ein-
zelheiten und Besonderheiten verschwammen nach oben hin
zu einem einzigen unerkennbaren Geheimnis. Dort in der
Höhe grenzenloses Dunkel eines Londoner Himmels; hier
unten die hellen kleinen Einzelheiten und Besonderheiten.
Sebastian stand und schaute; und trotz der Erinnerung an
seine Demütigung und dem Bangen davor, was ihm jetzt
bei seinem Vater bevorstehn mochte, fühlte er etwas von
der seltsamen, unerklärlichen Erhebung, die dieser Anblick
immer in ihm hervorrief.
Häuflein Elend! Verklärt zu Canterbury Und zu
Chartres, zur Schönheit der Heiligkeit;
Gaslichtentsprossen, ein Wunder von Elephanta;
Aus dem Opferstock und dem Reverend Wilkins
Aufgeblüht zu Poesie ...
Er sprach sich die Anfangszeilen seines Gedichts vor und
blickte dann wieder auf dessen Gegenstand. In der schlech-
testen Zeit, aus dem schlechtesten Material erbaut. Bei Tag
scheußlicher, als es zu glauben war. Aber eine Stunde
später, sobald die Laternen angezündet waren, so wunder-
schön und bedeutsam wie nur irgend etwas, das er je gesehn
hatte. Welches war die wirkliche Kapelle — die kleine Mon-
strosität, die jeden Sonntagvormittag den Reverend Wil-
kins und seine Schäflein aufnahm, oder dieses unerforsch-
liche, bedeutungsschwangere Geheimnis da vor ihm?
Sebastian schüttelte den Kopf und ging weiter. Solche
Fragen ließen keine Antworten zu; das einzige, was man
tun konnte, war, sie neu zu formulieren, in Ausdrücken der
Poesie.
Häuflein Elend! Verklärt zu Canterbury
Und zu Chartres, zur Schönheit der Heiligkeit...

Nummer dreiundzwanzig war ein hohes, schmales Haus


mit Gipsmörtelverputz und allen andern in der Zeile
genau gleich. Sebastian trat zwischen den beiden Säulen
des Portikus ein, durchschritt den Flur und begann, neuer-
lich von der für einen Augenblick gebannten Bangigkeit
ergriffen, die Stiege hinaufzusteigen.
Eine Treppe, zwei Treppen, drei Treppen und noch eine,
und er stand vor der Tür zur Wohnung seines Vaters.
Sebastian hob die Hand zum Klingelknopf und ließ sie
wieder sinken. Es war ihm zum Erbrechen, und sein Herz
schlug heftig. Wieder war's ganz so wie mit dem blauen
Strichmensch und dem Schulleiter: die Übelkeit der Schwelle.
Er blickte auf seine Uhr. Sechs Uhr siebenundvierzig und
eine halbe Minute. Um sechs Uhr achtundvierzig wollte er
klingeln und hineingehn und einfach irgendwie damit
herausplatzen.
“Vater, du mußt mir wirklich einen Abendanzug machen
lassen...” Er hob abermals die Hand und drückte den
Daumen fest auf den Knopf. Drinnen surrte die Klingel
wie eine zornige Wespe. Er wartete eine halbe Minute und
klingelte nochmals. Nichts rührte sich. Die letzte Chance
war geschwunden. Enttäuschung mischte sich in Sebastians
Gemüt mit einem tiefen Gefühl der Erleichterung, daß er
die Stunde seines Ordals nun aufschieben durfte. Tom
Boveneys Abendgesellschaft war noch vier Wochen weit
weg; wogegen, wenn sein Vater daheim gewesen wäre, die
gefürchtete Aussprache jetzt, in ebendiesem Augenblick vor
sich ginge.
Sebastian war erst eine einzige Treppe wieder hinab-
gestiegen, als der Klang einer vertrauten Stimme ihn
stehnbleiben machte.
“Zweiundsiebzig Stufen”, sagte sein Vater unten im
Hausflur.
“Dio!” sagte eine andre, eine ausländische Stimme. »Sie
wohnen auf halbem Weg zum Paradies.”
“Dieses Haus ist ein Symbol”, fuhr die volltönende,
kultivierte englische Stimme fort, “ein Symbol des ver-
fallenden Kapitalismus.”
Sebastian erkannte dieses Konversationsgambit. John
Barnack spielte es gewöhnlich gegen seine Besucher, wenn
er sie zum erstenmal diese endlosen Treppen hinauf-
geleitete.
“Ehemals das Heim einer einzigen, wohlhabenden vikto-
rianischen Familie.” Ja, so ging dieses Eröffnungsspiel
weiter. “Jetzt ein Nest von Junggesellen und um ihre
Existenz ringenden Frauen in kommerziellen Stellungen,
mit ein oder zwei kinderlosen Ehepaaren als Zugabe.”
Die Stimme wurde lauter und deutlicher, als ihr Besitzer
sich näherte.
“.. . Und es ist auch das Ergebnis von steigender Arbeits-
losigkeit und fallender Geburtenzahl. Mit einem Wort, von
zu wenig Vergütung und zu viel Verhütung.” Und hierauf
erfolgte die überraschende Explosion des lauten, metalli-
schen Gelächters John Barnacks.
“Herrgott!” flüsterte Sebastian vor sich hin. Es war das
drittemal, daß er diesen Witz und den darauf folgenden
Ausbruch dieses Lachens gehört hatte.
Da er nicht den Anschein erwecken wollte, er habe hier
gehorcht, begann er die Treppen hinabzulaufen, und als
die beiden Männer um die Ecke in Sicht kamen, stieß er
einen gut geheuchelten Ausruf der Überraschung aus.
Mr. Barnack blickte auf und sah in der kleinen schmäch-
tigen Gestalt, die da, sechs Stufen über ihm, gleichsam
schwebte, nicht Sebastian, sondern Sebastians Mutter,
Rosie,— an dem Abend des Maskenballs bei den Hilliards
— Rosie als Lady Caroline Lamb und so wie einst diese, in
einem Affenjäckchen und engen roten Samtkniehosen, als
Byrons Page verkleidet. Drei Monate später war der Krieg
ausgebrochen, und zwei Jahre danach hatte sie ihn ver-
lassen, dieses lasterhaften Schwachkopfs wegen.
“Ach, du bist's”, sagte Mr. Barnack, aber ohne auch nur
dem leisesten Anzeichen von Überraschung oder Freude
oder irgendeiner andern Gemütsbewegung zu erlauben, auf
seinem gebräunten, lederartigen Gesicht zu erscheinen.
Für Sebastian war das eine der beunruhigendsten Eigen-
schaften seines Vaters: man wußte nach seiner Miene nie,
was er fühlte oder dachte. Er sah einen gerade und unent-
wegt an, mit seinen grauen, ausdruckslos glänzenden
Augen, als wäre man ein völlig Fremder. Die erste Andeu-
tung seines Gemütszustands kam stets in Worten, vorbild-
lich ausgesprochen mit dieser lauten, autoritativen Anwalts-
stimme, die er hatte, und in diesen gemessenen und so
sorgfältig gewählten Phrasen. Zuerst Schweigen oder viel-
leicht eine Erwähnung belangloser Dinge, und dann plötz-
lich, aus dem heitern Himmel dieser Unbewegtheit, eine
Verkündung wie vom Sinai.
Unsicher lächelnd ging Sebastian die paar Stufen hinab.
den beiden entgegen.
“Das ist mein Sprößling”, sagte Mr. Barnack.
Der fremde Besuch hingegen war Professor Cacciaguida
— der berühmte Professor Cacciaguida, fügte Mr. Barnack
hinzu. Sebastian lächelte ehrerbietig und schüttelte ihm die
Hand; das mußte der Antifaschist sein, von dem er seinen
Vater hatte reden hören. Na, jedenfalls ein schöner Kopf,
dachte er, als er sich abwandte. Ein Römerkopf aus der
besten Zeit, aber mit einer inkongruenten Mähne grauen
Haars, die romantisch von der Stirn zurückgebürstet war,
als hätte — er warf einen zweiten verstohlenen Blick auf
ihn — der Imperator Augustus versucht, wie Franz Liszt
auszusehn.
Aber wie seltsam, überlegte Sebastian weiter, während
sie die letzte Treppe hinaufstiegen, ja sogar wie patho-
logisch der Körper des Fremden von diesem Herrscherhaupt
abstach! Das Imperatorgenie schrumpfte zur Engbrüstigkeit
und Schmalschultrigkeit eines Knaben zusammen und ging
dann inkongruent in den Bauch und die breiten Hüften
beinahe einer Frau in mittleren Jahren über und endete in
einem Paar dünner Beinchen und winziger Knöpfelstiefe-
letten aus Lackleder mit Stoffeinsätzen. Wie eine Larve,
die ihre Entwicklung begonnen hatte und dann stecken-
geblieben war, nur das Vorderende des Organismus voll
erwachsen und der Rest kaum mehr als eine Kaulquappe.
John Barnack öffnete die Tür zu seiner Wohnung und
drehte das Licht an.
“Ich werde lieber gehn und nach dem Essen sehen”, sagte
er, “da Sie schon so bald wieder weg müssen, Professor.”
Es war eine Gelegenheit, von dem Smoking zu reden.
Aber als Sebastian sich erbötig machte, in die Küche mit-
zukommen und zu helfen, befahl ihm sein Vater gebieterisch,
zu bleiben, wo er war, und dem eminenten Gast Gesellschaf t
zu leisten.
“Und wenn ich fertig bin”, fügte er hinzu, “verzieh dich!
Wir haben eine Menge Wichtiges zu besprechen.”
Und nachdem er so Sebastian kurz und bündig in die
Kinderstube verwiesen hatte, wandte sich Mr. Barnack um
und ging mit schnellen, entschlossenen Schritten wie ein
zum Wettkampf antretender Athlet aus dem Zimmer.
Sebastian stand zögernd ein paar Sekunden da und ent-
schied sich dann dafür, nicht zu gehorchen, sondern seinem
Vater in die Küche zu folgen und die Sache an Ort und
Stelle mit ihm auszutragen. In diesem Augenblick jedoch
wandte sich der Professor, der sich neugierig in dem Zimmer
umgeblickt hatte, mit einem Lächeln an ihn.
“Das nenn ich mir fürwahr ein aseptisches Wohnen!”
rief er mit seiner melodischen Stimme und mit dieser reiz-
vollen Spur eines fremden Akzents, diesen wunderlichen,
allzu literarischen Redewendungen, die nur den Zweck
hatten, die Vollkommenheit der Beherrschung der fremden
Sprache zu betonen.
In diesem kahlen, freudlosen Wohnzimmer war alles,
ausgenommen die Bücher, in der Farbe abgerahmter Milch
lackiert, und der Fußbodenbelag war ein Stück glänzenden
grauen Linoleums. Professor Cacciaguida setzte sich auf
einen der Stahlrohrstühle und zündete sich mit zitternden,
von Nikotin gefärbten Fingern eine Zigarette an.
“Man erwartet jeden Augenblick, den Chirurgen ein-
treten zu sehn”, fügte er hinzu.
Statt dessen trat John Barnack ein, der mit Tellern und
einer Handvoll Eßbesteck zurückkam. Der Professor wandte
sich ihm zu, sprach aber nicht sogleich, sondern führte die
Zigarette an die Lippen, zog den Rauch ein, hielt den Atem
ein paar Sekunden lang an und spie dann genießerisch
Rauch durch die imperatorischen Nüstern. Worauf er, sein
Lechzen für den Augenblick gestillt, seinem Gastgeber
durchs Zimmer zurief:
“Es ist gradezu prophetisch!” Er wies mit einer um-
fassenden Handbewegung auf das Zimmer. “Ein Vorschuß
auf die rationale und hygienische Zukunft.”
“Ich danke Ihnen”, sagte John Barnack ohne aufzu-
blicken. Er deckte den Tisch mit derselben konzentrierten
Aufmerksamkeit, so gewahrte Sebastian, derselben, einen
rasend machenden peinlichen Sorgfalt, die er an alles, was
er tat, wendete, vom Wichtigsten bis zum Unbedeutendsten,
— er deckte den Tisch, als handhabte er irgendeinen kom-
plizierten Apparat in einem Laboratorium oder (ja, der
Professor hatte ganz recht) als führte er die allerheikelste
chirurgische Operation aus.
“Immerhin”, fuhr der andre mit einem kleinen Auf-
lachen fort, “wenn es um die Kunst geht, bin ich sentimental,
muß ich gestehn. Da ist mir das Gestern lieber als das
Morgen. Isabellas Gemächer in Mantua zum Beispiel. Zwar
gewiß viel Staub in den Profilierungen und in dem vielen
Schnitzwerk!” Er zeichnete mit dem Rauch seiner brennen-
den Zigarette eine Reihe Voluten in die Luft, “Voll von
archäologischen Ablagerungen! Aber welche Wärme, welche
Fülle!”
“Gewiß”, sagte Mr. Barnack. Er richtete sich auf und
stand kerzengerade und selbstbewußt da und blickte auf
seinen Gast hinab. “Aber aus wie vielen Taschen kam diese
Fülle?” Und ohne eine Antwort abzuwarten, marschierte
er in die Küche zurück.
Der Professor aber hatte eben erst begonnen.
“Was meinen Sie?” fragte er, sich an Sebastian wendend.
Die Worte waren von einem jovialen Lächeln begleitet;
aber als er weitersprach, wurde es klar genug, daß ihn, was
Sebastian meinte, nicht im geringsten interessierte. Er wollte
nichts weiter als eine Zuhörerschaft.
“Vielleicht ist Schmutz die nötige Vorbedingung der
Schönheit”, fuhr er fort. “Vielleicht können Hygiene und
Kunst niemals Bettgenossen sein. Schließlich gibt'» keinen
Verdi ohne Sputum in Trompeten. Keine Duse, ohne daß
ein Haufen übelriechender Bourgeois einander mit ihren
Koryzai anstecken. Und denken Sie nur an die uneinnehm-
baren Schlupfwinkel für Mikroben, die Michelangelo in
den Bartlocken seines Moses vorbereitet hat!”
Er hielt triumphierend inne und wartete auf Applaus.
Sebastian spendete ihn in Gestalt eines entzückten Lachens.
Die mühelose Virtuosität, mit der der Professor sprach,
entzückte ihn wirklich; und der italienische Akzent, der ver-
wunderliche, unerwartete Wortschatz verliehn der Leistung
einen zusätzlichen Reiz. Aber als die Improvisation sich
verlängerte, ging mit Sebastians Gefühlen für sie eine Ver-
änderung vor. Nach fünf Minuten wünschte er zu Gott, der
alte Ödian hielte das Maul.
Der Geruch und das Brutzeln bratender Lammskoteletten
bewirkten endlich dieses sosehr ersehnte Ergebnis. Der
Professor warf das edle Haupt zurück und schnupperte
anerkennend.
“Ambrosia! Ich sehe, wir haben einen zweiten Baronius
im Reiche der Töpfe und Pfannen.”
Sebastian, der nicht wußte, wer der erste Baronius war,
wandte sich um und blickte durch die offene Tür in die
Küche. Sein Vater stand dort, den Rücken ihm zugekehrt
und den angegrauten Kopf und die breiten, kräftigen
Schultern forschend über den Herd gebeugt.
“Nicht nur ein großer Geist, sondern auch ein großer
Koch”, sagte der Professor.
Ja, das war das Malheur, dachte Sebastian. Und nicht
nur ein großer Koch (obgleich sein Vater die äußerste Ver-
achtung für alle hegte, denen am Essen um des Essens
willen etwas lag), sondern auch ein großer Schreibtisch-
ordner, ein großer Bergsteiger, ein großer Aufstellungen-
und Abrechnungenmacher, ein großer Botanisierer und
Ornithoskopierer, ein großer Briefebeantworter, ein großer
Sozialist, ein großer Sechs-Kilometer-in-der-Stunde-Geher,
Abstinenzler und Nichtraucher, ein großer Berichteleser
und Statistikenwisser, kurzum ein großer Alles-und- Jedes,
was mühevoll, tüchtig, verdienstlich, gesund und gemein-
sinnig war. Wenn er sich nur manchmal eine Ruhepause
gönnte! Wenn seine Rüstung nur ein paar Lücken hätte!
Der Professor hob die Stimme ein wenig, weil er offen-
bar hoffte, was er nun sagen wollte, werde durch das Ge-
räusch des Abbratens hindurch auch in der Küche gehört
werden.
“Und der große Geist ist vereint mit einem Herzen und
einer Seele, die sogar noch größer sind”, verkündete er in
einem Ton bebender Feierlichkeit. Er beugte sich herüber
und legte Sebastian eine kleine und, bis auf die gelb ge-
fleckten Fingerspitzen, sehr weiße Hand aufs Knie.
“Ich hoffe, Sie sind so stolz auf Ihren Vater, wie Sie es
auch sein sollten”, sagte er.
Sebastian lächelte vag und äußerte schwache, inartiku-
lierte Laute der Zustimmung. Aber, wie irgendwer, der
seinen Vater kannte, von dessen Großherzigkeit reden
konnte, das begriff er wirklich nicht.
“Ein Mann, der unter dem alten Parteiensystem die
höchsten politischen Ehren hätte anstreben können, — aber
er hatte seine Grundsätze, er schlug es aus, ihr Spiel zu
spielen. Und wer weiß?” fügte der Professor parenthetisch,
mit einem vertraulichen Senken der Stimme, hinzu. “Viel-
leicht wird er sehr bald belohnt werden. Der Sozialismus
ist schon viel näher, als sich irgend jemand vorstellt, — und
wenn er kommt, wenn er kommt ...” Er hob ausdrucksvoll
die Hand, als prophezeite er Mr. Barnacks Apotheose.
“Und wenn man bedenkt”, fuhr er fort, “wie viele Tau-
sende er sich als einer vom Barreau hätte verdienen
können! Viele, viele Tausende! Aber er gibt es alles auf,
wie San Francesco. Und was er besitzt, das teilt er mit
heroischer Großmut aus. Jeder guten und gerechten Sache,
fortschrittlichen Bewegungen, leidenden Individuen — er
gibt allen. Allen”, wiederholte er, nachdrücklich mit dem
edlen Haupt nickend, “allen!”
Allen bis auf einen, verbesserte Sebastian im stillen. Es
war also noch immer Geld genug für politische Organi-
sationen da und, so schätzte er, für Professoren im Exil;
wenn es sich aber darum handelte, seinen Sohn auf eine
anständige Schule zu schicken, ihm ein paar anständige
Anzüge und ein Dinnerjackett machen zu lassen, — da rührte
sich nichts. Volltönend erneuerte der Professor seine rasend-
machende Beredsamkeit. Fast platzend vor unterdrücktem
Ärger, war Sebastian dankbar froh, als endlich die An-
kunft der Koteletten dem Lobeshymnus ein Ende machte
und ihn in Freiheit setzte.
“Sag Tante Alice, ich komme nach dem Dinner hinüber”,
rief Mr. Barnack ihm nach, der schon die Treppe hinablief,
“und sieh zu, daß Onkel Eustace nicht weggeht, bevor ich
komme. Ich muß noch Verschiedenes mit ihm vereinbaren.”
Hier auf der Straße verdämmerte sein Häuflein Elend
von einer Kapelle noch immer zu Poesie, zu unerklärlicher
Bedeutsamkeit und Schönheit; Sebastian aber fühlte sich nun
so bitter bekümmert, daß er nicht einmal hinsehn wollte.
4. KAPITEL

Das Glas Sherry in der Hand, stand Eustace Barnack auf


dem Kaminteppich und blickte zu dem Porträt seines Vaters
auf, das über dem breiten Sims hing. Aus dem schwarzen
Hintergrund starrte das vierkantige, willensstarke Gesicht
dieses baumwollespinnenden Philanthropen grell wie ein
Autoscheinwerfer ins Leere.
Nachdenklich schüttelte Eustace den Kopf.
“Mehrere hundert Pfund”, sagte er, “wurden zusammen-
gesteuert für dieses — diesen Kunstgegenstand. Und jetzt
könnte man von Glück sagen, wenn man einen Fünfer dafür
kriegte. Ich persönlich”, fügte er hinzu, sich der Sofaecke
zuwendend, in der seine Schwester sehr schlank und sehr
aufrecht saß, “ich persönlich wäre gern bereit, zehn Pfund
für das Vorrecht zu geben, ihn nicht zu besitzen.”
Alice Poulshot antwortete nichts. Sie dachte, während sie
ihn ansah, wie erschreckend ihr Bruder gealtert war, seit sie
ihn letztesmal gesehn hatte. Noch verfetteter als vor drei
Jahren, und das Gesicht war wie eine Gummimaske, die
lose an den Knochen hing, schlaff und weich und ungesund
fleckig. Und erst der Mund . . . Sie erinnerte sich des präch-
tigen, lachenden Buben, auf den sie einst so stolz gewesen
war; an ihm waren diese halbgeöffneten kindlichen Lippen
einem amüsant erschienen, weil sie so gar nicht zu der
männlichen Statur paßten, — amüsant und zugleich auch
besonders rührend. Man konnte ihn nicht ansehn, ohne den
Wunsch zu empfinden, ihn zu bemuttern. Jetzt aber — jetzt
genügte der Anblick, einen schaudern zu machen. Die
feuchte, bewegliche Schlaffheit dieses Mundes! Eine Ver-
bindung von Greisenhaftigkeit mit etwas Säuglinghaftem,
von Infantilität und Epikureertum. Nur in den humorvoll
blinzelnden Augen konnte sie eine Spur des Eustace ent-
decken, den sie so sehr geliebt hatte. Nun aber war das
Weiße dieser Augen gelb und blutgerötet, und unter ihnen
waren Säcke verfärbter Haut.
Mit einem dicken Zeigefinger tippte Eustace auf die
Leinwand des Porträts. “Wäre er nicht wütend, wenn er
wüßte? Ich erinnere mich, wie sehr er es damals übelnahm.
All das viele gute Geld für ein bloßes Gemälde, wenn es
doch für etwas wirklich Nützliches hätte ausgegeben werden
können, etwa einen Trinkbrunnen oder sonst etwas einem
öffentlichen Bedürfnis Dienendes.”
Bei dem Wort “öffentliches Bedürfnis” sah sein Neffe,
Jim Poulshot, vom Evening Standard auf und stieß ein
prustendes Lachen aus. Eustace wandte sich ihm zu und
betrachtete ihn forschend.
“Recht so, mein Junge”, sagte er mit parodistischer
Herzlichkeit. “Englischer Humor, der hat unser Weltreich
zu dem gemacht, was es ist.”
Er ging zum Sofa hinüber und ließ seine schwammige
Körpermasse vorsichtig in eine sitzende Haltung darauf
nieder. Mrs. Poulshot rückte weiter in die Ecke, um ihm
Platz zu lassen.
“Der arme gute Vater”, sagte er, das frühere Gespräch
fortsetzend.
“Was ist denn an ihm zu bedauern?” fragte Alice ziem-
lich scharf. “Ich hätte gedacht, wir sind die Bedauerns-
werten. Er hat schließlich was geleistet. Wo ist unsre Lei-
stung, das möchte ich wissen?”
“Wo?” wiederholte Eustace. “Na, gewiß nicht auf dem
Hund, wo nämlich die seine ist. Fabriken, die nur die halbe
Zeit arbeiten wegen der indischen und japanischen Kon-
kurrenz. Individuelles, patriarchalisches Unternehmertum
ersetzt durch staatliche Einmischung, die er für den leib-
haftigen Gottseibeiuns hielt. Die Liberale Partei tot und
begraben. Und ernster, sinniger Rationalismus in zynische
Libertinage verwandelt. Wenn nicht der alte Herr zu be-
dauern ist, dann möchte ich wissen, wer sonst?”

53
“Es ist nicht das Ergebnis, worauf's ankommt”, sagte
Mrs. Poulshot, den Standpunkt wechselnd.
Sie hatte ihren Vater angebetet; und um ein Angedenken
zu verteidigen, das sie noch immer wie etwas fast Göttliches
verehrte, war sie bereit, auch viel mehr zu opfern als bloße
logische Konsequenz.
“Sondern Motive und Intentionen und harte Arbeit — ja,
und Selbstentsagung”, fügte sie bedeutsam hinzu.
Eustace lachte kehlig und ein wenig keuchend.
“Wohingegen ich mich widerwärtig verwöhne”, sagte er,
“und wenn ich dick bin, das ganz und gar meine eigne
lasterhafte Schuld ist. Ist dir je bewußt geworden, meine
Liebe, daß die Mutter, wenn sie länger gelebt hätte, wahr-
scheinlich so ungeheuerlich dick geworden wäre wie Onkel
Charles?”
“Wie kannst du nur so etwas sagen!” rief Mrs. Poulshot
entrüstet. Onkel Charles war ein Monstrum gewesen.
“Es lag in der Familie”, entgegnete er; und sich gleich-
mütig auf den Bauch klopfend, fügte er hinzu: “Und da
liegt's auch heute noch.”
Das Geräusch einer sich öffnenden Tür ließ ihn den Kopf
wenden.
“Aha”, rief er, “hier kommt mein prospektiver Gast!”
Noch immer über die Ursache seiner zornigen Verbitte-
rung und seines Elends grübelnd, sah Sebastian erstaunt
auf. Onkel Eustace ... Völlig mit seinen eignen Ange-
legenheiten beschäftigt, hatte er ihn ganz vergessen. Nun
stand er mit offenem Mund da.
“ ,In leerem oder nachdenklichem Staunen'“, setzte Eustace
jovial hinzu. “Ganz in der großen poetischen Tradition.”
Sebastian trat vor und schüttelte die ihm entgegen-
gestreckte Hand. Sie war weich, ziemlich feucht und über-
raschend kalt. Da ihm bewußt wurde, daß er einen kläg-
lichen Eindruck machte, grade in dem Augenblick, wo er
besonders vorteilhaft hätte wirken sollen, nahm seine
Schüchternheit so zu, daß sie ihm die Rede verschlug. Aber
sein Geist arbeitete fort. In dem weiten grauen Rund
dieses schlaffen Gesichts glichen die kleinen Äuglein, so
dachte er, denen eines Elefanten. Ein eleganter kleiner
Elefant in doppelreihigem schwarzem Rock und schwarz-
weiß karierter Hose. Oh, und sogar ein Monokel an einer
Schnur, damit er nur ja ganz dem ältlichen Dandy auf der
Operettenbühne gleiche!
Eustace hatte sich seiner Schwester zugewendet.
“Er wird Rosie mit jedem Jahr ähnlicher”, sagte er. “Es
ist phantastisch.”
Mrs. Poulshot nickte wortlos. Sebastians Mutter war ein
Thema, das man am besten vermied.
“Also, Sebastian, ich hoffe, du bist auf hübsch anstren-
gende Ferien gefaßt.” Wiederum tätschelte sich Eustace
den Bauch. “Du siehst vor dir den größten Sehenswürdig-
keitenfresser der Welt, den Verfasser von .Kurze Galoppe
in Florenz', ,Auf Rollschuhen durch den Vatikan', ,Rund-
um im Louvre in achtzig Minuten'. Und meinen Geschwin-
digkeitsrekord für die englischen Kathedralen zu brechen,
das ist nie auch nur versucht worden.”
“Idiot!” sagte Mrs. Poulshot lachend.
Jim stimmte brüllend in ihr Lachen ein, und trotz seinen
Smokingschmerzen mußte auch Sebastian mitlachen. Die
Vorstellung davon, wie dieser geschniegelte Elefant durch
Canterbury galoppierte, in kleinkarierter Hose und ein
Monokel im Auge, war unwiderstehlich grotesk.
Mitten in ihre Lustigkeit öffnete sich, lautlos, abermals
die Tür. Schon stark angegraut, mit einer Trauermiene auf
seinem langen Pferdegesicht, das wie von einem Zerrspie-
gel wiedergegeben aussah, kam Fred Poulshot herein, als
hätte er Filzsohlen an den Schuhen. Kaum daß sie ihn er-
blickten, unterdrückten Jim und Sebastian ihr Lachen. Er
ging zum Sofa, um seinen Schwager zu begrüßen.
“Du siehst gut aus”, sagte Eustace, als sie einander die
Hand reichten.
“Gut?” wiederholte Mr. Poulshot in gekränktem Ton.
“Laß dir gelegentlich von Alice von meinem Stirnhöhlen-
katarrh erzählen.”
Er wandte sich ab, und mit der sorgfältigen Genauigkeit,
mit der jemand ein Abführmittel dosiert, schenkte er sich
ein drittel Glas Sherry ein.
Eustace betrachtete ihn, und wie schon so oft in vielen
Jahren, tat ihm die arme Alice herzlich leid. Dreißig Jahre
Fred Poulshot — sich das nur vorzustellen! Na, so war eben
das Familienleben. Er fühlte sich sehr dankbar, daß er nun
allein in der Welt war.
Susans überstürzter Eintritt in diesem Augenblick
dämpfte seine Dankbarkeit keineswegs. Gewiß, sie besaß
den Ungeheuern zufälligen Vorteil, siebzehn Jahre alt zu
sein; aber nicht einmal die perversen und ein wenig komi-
schen Reize der Jugendreife konnten die Tatsache verber-
gen,daß sie eine Poulshot und, gleich allen andern Poulshots,
unaussprechlich fade war. Das Beste, was sich von ihr sagen
ließ, war, daß sie, bisher jedenfalls, ein gutes Stück besser
war als Jim. Schließlich aber war der arme Jim mit fünf-
undzwanzig nur ein leeres Fach, das darauf wartete, von
dem mäßig erfolgreichen Börsenmakler ausgefüllt zu wer-
den, der er 1949 sein würde. Ja, das kam davon, wenn man
sich jemand wie Fred zum Vater aussuchte. Wogegen Se-
bastian gescheit genug gewesen war, sich von einem Bar-
nack zeugen und von der liebreizendsten aller gewissen-
losen Zigeunerinnen empfangen zu lassen.
“Hast du ihm von meiner Stirnhöhle erzählt?” fragte
Mr. Poulshot beharrlich.
Alice aber tat, als hätte sie nicht gehört.
“Apropos Galoppe durch Florenz —”, fragte sie ziemlich
laut, “kommst du je mit dem Sohn unsrer Cousine Mary
zusammen, wenn du dort bist?”
“Du meinst Bruno Rontini?”
Mrs. Poulshot nickte. “Weiß der Himmel, warum sie je
diesen Italiener geheiratet hat! Ich kann's mir einfach nicht
vorstellen”, sagte sie in einem Ton der Mißbilligung.
“Aber sogar Italiener sind beinahe Menschen.”
“Sei nicht läppisch, Eustace. Du weißt genau, was ich
meine.”
“Und wie unangenehm es dir wäre, wenn ich es dir zu
sagen versuchte!” entgegnete Eustace lächelnd.
Denn was sie meinte, war natürlich nichts weiter als
glattes Vorurteil und Snobismus — eine insulare Abneigung
gegen Ausländer, eine Bourgeois-Überzeugung, daß alle
erfolglosen Menschen auf irgendeine Weise unmoralisch
sein mußten.
“Papa war endlos gütig zu diesem Menschen”, fuhr
Mrs. Poulshot fort. “Wenn ich an alle die vielen Chancen
denke, die er ihm gegeben hat!”
“Und dieser kluge Carlo hat jede einzelne von ihnen
verpfuscht!”
“Klug?”
“Na, er hat's zuwege gebracht, sich vier Pfund wöchent-
lich dafür zahlen zu lassen, aus der Baumwollbranche 'raus
und nach Toskana zurück zu gehn. Nennst du das nicht
klug?”
Eustace trank den Rest seines Sherrys und stellte das
Glas hin.
“Der Sohn betreibt noch immer seine Antiquariatsbuch-
handlung”, fuhr er fort. “Ich hab diesen komischen Kauz,
diesen Bruno, wirklich sehr gern. Trotz seiner faden Reli-
giosität. Er hat's nun einmal mit dem gasförmigen Wirbel-
tier !”
Mrs. Poulshot lachte. In der Familie Barnack war Häckels
Definition Gottes seit vierzig Jahren ein stehender Witz.
“Das gasförmige Wirbeltier”, wiederholte sie. “Aber du
mußt auch bedenken, wie er erzogen wurde! Mary hat ihn
schon als kleinen Buben zu diesen Quäkerandachten mit-
genommen, zu denen sie immer ging. Quäker!” wiederholte
sie mit staunendem, fast ungläubigem Nachdruck.
Das Stubenmädchen erschien und verkündete, daß das
Essen aufgetragen sei. Energisch und sehnig, war Alice
vulgären persönlichen Angriffe, derselben mangelhaften
Geschichtskenntnisse und unbegründeten Prophezeiungen!
Und das war angeblich eines Mannes höchste Pflicht! Und
weil er statt dessen das Leben eines zivilisierten mensch-
lichen Wesens erwählt hatte, sollte er sich schämen?
“Wirklich sehr hübsch”, wiederholte er. “Aber was für
eine unversöhnliche Puritanerin du bist, meine Liebe! Und
ohne die geringste metaphysische Rechtfertigung.”
“Metaphysisch!” sagte Mrs. Poulshot in dem verach-
tungsvollen Ton eines Menschen, der über solche Narre-
teien erhaben ist.
Die Suppenteller waren inzwischen abgeräumt und der
Hammelrücken aufgetragen worden. Schweigend und ohne
seine Miene unheilbaren Leidens irgendwie zu verändern,
machte sich Mr. Poulshot ans Werk, den Braten vorzu-
schneiden.
Eustace warf einen Blick auf ihn und dann wieder einen
auf Alice. Sie, das arme Ding, sah Fred mit einem Aus-
druck ängstlicher Bekümmernis an — wünschte zweifellos,
daß das mürrische alte Baby vor Gästen sein bestes Be-
nehmen hervorkehre. Und vielleicht, so überlegte Eustace
weiter, vielleicht war das der Grund, daß sie sich so scharf
gegen ihn selbst gewendet hatte. Um ihren Mann weißzu-
waschen, schwärzte sie ihren Bruder an. Nicht sehr logisch,
zweifellos, aber nur allzu menschlich.
“Ich hoffe, er ist so gebraten, wie du's gern hast, Fred”,
sagte sie über die Länge des Tisches hinüber.
Ohne zu antworten oder auch nur aufzublicken, zuckte
Mr. Poulshot die schmalen Schultern.
Mit einiger Anstrengung schraubte Mrs. Poulshot ihre
Miene wieder zurecht und wandte sich an Eustace.
“Der arme Fred hat so entsetzlich unter seinem Stirn-
höhlenkatarrh zu leiden gehabt”, sagte sie und versuchte
damit gutzumachen, was sie vor Tisch an ihrem Mann ge-
sündigt hatte.
Als die alte Ellen mit dem Gemüse hereinkam, schlüpfte
ein Kätzchen ins Zimmer und kam herbei, um sich am Bein
von Alices Sessel zu reiben. Sie bückte sich und hob es auf.
“Na, Onjegin, was willst du denn?” sagte sie, es hinter
den Ohren krauend. “Wir nennen ihn Onjegin”, erklärte
sie strahlend ihrem Bruder, “weil er das Meisterstück
unsres vielbetrauerten Pussikin ist.”
Eustace lächelte höflich.
Die Tröstungen der Philosophie, so überlegte er, der
Religion, der Kunst, der Liebe, der Politik — keine von
diesen gab es für die arme gute Alice. Nein, ihrer waren
die Tröstungen eines eduardinischen Sinns für Humor und
des allwöchentlichen Punch. Immerhin, es war besser,
schlechte Wortspiele zu machen und witzig im Stil von 1910
zu sein, als in Selbstbedauern zu schwelgen oder vor den
düstern Stimmungen Freds zu kapitulieren wie alle andern
an diesem Tisch. Und, bei Gott, es war hübsch schwer,
nicht zu kapitulieren! Wie Fred Poulshot da so hinter sei-
nem Bollwerk eines Hammelrückens saß, strömte er förm-
lich Negativität aus. Man konnte förmlich fühlen, wie sie
in Wellen gegen einen anbrandete — eine stetige, durch-
dringende Strahlung, die wahre Antithese des Lebens, die
völlige Verneinung aller menschlichen Wärme. Eustace
beschloß, eine kleine Ablenkung zu versuchen.
“Na, Fred”, rief er in seinem lustigsten Ton, “was ist
in deiner City los? Was macht die Pracht des Morgen-
landes? Das Geschäft geht wohl recht gut?”
Mr. Poulshot blickte auf, schmerzlich berührt, aber dann
verzeihend.
“Es könnte kaum schlechter gehn”, verkündete er.
Eustace zog mit gespielter Bestürzung die Augenbrauen
hoch. “Himmel! Wie wird sich das auf meine Dividende
von der Yangtze and South China Bank auswirken?”
“Es heißt, daß sie für dieses Jahr herabgesetzt werden
soll.”
“O weh!”
“Von achtzig Prozent auf fünfundsiebzig”, ergänzte
Mr. Poulshot düster; und sich abwendend, um sich von den
Gemüsen zu nehmen, verfiel er wiederum in ein Schweigen,
das sich über die ganze Tafelrunde legte.
Um wieviel weniger gräßlich dieser Mensch doch wäre,
dachte Eustace, während er seinen Teller Hammelbraten
mit Kohlsprossen aß, wenn er manchmal die Beherrschung
verlieren oder sich betrinken oder mit seiner Sekretärin
ins Bett gehn würde, — aber Gott helfe der armen Se-
kretärin, wenn er's täte! Doch Freds Benehmen war nie im
geringsten unbeherrscht oder extrem gewesen. Abgesehn
von seiner absoluten Unerträglichkeit, war er der ideale
Gatte. Einer, der den Werkelgang der Ehe und Häuslich-
keit liebte — Hammelrücken vorschneiden, Kinder zeugen —
genau so wie er den Werkelgang liebte, der (was war er
nur?) Sekretär und Schatzmeister der City and Far
Eastern Dingsda zu sein. Und in alledem war er die
Rechtschaffenheit und Regelmäßigkeit selbst. Fluchen, zor-
nig werden, die arme gute Alice mit einer andern betrü-
gen? Du lieber Himmel, da hätte er ebensogut die Bargeld-
kasse seines Konzerns unterschlagen können! Er brauchte
erst gar nichts zu tun; er brauchte bloß zu sein, und sie
alle welkten und verdorrten durch bloße Ansteckung.
Plötzlich unterbrach Mr. Poulshot das Schweigen und
verlangte mit Grabesstimme das Johannisbeerengelee.
Aufgescheucht, als hätte eine Stimme aus dem Jenseits
ihn gerufen, sah sich Jim verstört auf dem Tisch um.
“Hier, Jim.” Eustace schob ihm die kleine Glasschüssel
hin.
Jim warf ihm einen dankbaren Blick zu und gab sie
seinem Vater weiter. Mr. Poulshot nahm sie ohne ein Wort
oder ein Lächeln, bediente sich und reichte sie dann mit der
offenkundigen Absicht, noch ein Opfer in dieses Ritual des
Ach-und-Wehs einzubeziehn, nicht Jim zurück, sondern Su-
san, die grade in diesem Augenblick ihre Gabel vom Teller
zum Mund führen wollte. Wie Mr. Poulshot vorausgesehn
und gewünscht hatte, mußte er warten, das Schüsselchen in
der Hand und mit einer Miene gemarterter Geduld, bis
Susan hastig den Bissen Hammelfleisch in den Mund
stopfte, Messer und Gabel mit Geklapper hinlegte und,
blutrot geworden, ihm das ihr hingehaltene Gelee abnahm.
Auf seinem Orchestersitz bei dieser menschlichen Ko-
mödie lächelte Eustace verständnisvoll. Welch exquisite
Verfeinerung des Willens zur Macht, welch elegante Grau-
samkeit! Und welch eine erstaunliche Begabung für diese
ansteckende Verdüsterung, die sogar die beste Laune zu
dämpfen und schon die bloße Möglichkeit von Lebensfreude
zu ersticken vermochte! Na, niemand konnte den guten
Fred beschuldigen, sein Talent vergraben zu haben.
Ein Schweigen, als stünde ein Sarg im Zimmer, hatte
sich allsogleich auf die Tafelrunde gesenkt. Mrs. Poulshot
versuchte verzweifelt, sich etwas einfallen zu lassen, was
sie sagen könnte — etwas Heiteres, Gescheites, etwas her-
ausfordernd Komisches, — konnte aber nichts finden, gar
nichts. Fred hatte ihre Verteidigungsanlagen durchbrochen
und mit Sack und Asche den Quell der Rede verstopft, ja
des Lebens selbst. Sie saß leer da, nur der entsetzlichen
Müdigkeit bewußt, die sich während dreißig Jahren unab-
lässiger Verteidigung, unablässigen Wechsels von Vertei-
digung und Gegenangriff angesammelt hatte. Und als
hätte das Kätzchen, das auf ihrem Schoß eingeschlafen war,
irgendwie ihre Niederlage zu spüren begonnen, entrollte es
sich, dehnte sich und sprang lautlos zu Boden.
“Onjegin!” rief sie und streckte die Hand danach aus;
aber der kleine Kater glitt seidig und Schlangenhaft unter
ihren Fingern weg. Wäre Mrs. Poulshot jünger und nicht
so vernünftig gewesen, sie wäre in Tränen ausgebrochen.
Das Schweigen verlängerte sich, gemessen von dem nun
vernehmlich werdenden Ticken der Bronzeuhr auf dem
Kaminsims. Eustace, der anfänglich gedacht hatte, daß es
amüsant wäre zu sehn, wie lange die unerträgliche Situa-
tion dauern könne, fühlte sich plötzlich von Mitleid und
Entrüstung überkommen. Alice brauchte Hilfe, und es
wäre doch ungeheuerlich, wenn diese Kreatur dort, dieser
Bandwurm, sich eines Triumphs erfreuen dürfte. Er lehnte
sich zurück, wischte sich den Mund und blickte heiter lä-
chelnd umher.
“Nicht so düster, Sebastian!” rief er über den Tisch. “Ich
hoffe, du wirst nicht so dreinsehn, wenn du nächste Woche
bei mir bist.”
Der Bann war gebrochen. Alice Poulshots Ermüdung fiel
von ihr ab, und sie fand es wieder möglich, zu sprechen.
“Du vergißt”, unterbrach sie schelmisch, als der Junge
etwas als Antwort auf seines Onkels Herausforderung zu
murmeln begann, “daß unser kleiner Sebastian das Tem-
perament eines Dichters hat.” Und ihre R wie ein altmo-
discher Vortragskünstler rollen lassend, fügte sie hinzu:
“ ,Trränen aus den Tiefen göttlicherr Verrzweiflung.' “
Sebastian errötete und biß sich auf die Lippe. Er hatte
Tante Alice sehr gern — so gern, wie sie überhaupt je-
mand erlaubte, sie gernzuhaben. Und doch gab es Augen-
blicke — und dies war einer — wo er sie wirklich am lieb-
sten umgebracht hätte. Sie frevelte mit einer solchen Be-
merkung nicht nur an ihm selbst; auch an Schönheit, Poesie,
Genialität, an allem, was über der Ebene des Abgedrosche-
nen und Konventionellen lag.
Eustace beobachtete den Ausdruck auf dem Gesicht sei-
nes Neffen, und der arme Kerl tat ihm leid. Alice konnte
merkwürdig hart sein, dachte er, — grundsätzlich, genauso
wie sie schlechte Küche vorzog. Taktvoll versuchte er, den
Gesprächsgegenstand zu wechseln. Alice hatte Tennyson
zitiert; was hielt die heutige Jugend von Tennyson?
Aber Mrs. Poulshot erlaubte nicht, daß der Gesprächs-
gegenstand gewechselt werde. Sie hatte Sebastians Erzie-
hung unternommen, und wenn sie ihm gestattete, seiner
angeborenen Neigung zu mürrischen Stimmungen zu frö-
nen, täte sie nicht ihre Pflicht. Nur weil Freds einfältige
Mutter ihm immer und in allem nachgegeben hatte, be-
nahm sich der jetzt so, wie er sich eben benahm.
Oder vielleicht”, fuhr sie fort, und ihr Ton wurde desto
neckischer, je strenger erzieherisch ihre Absicht wurde,
vielleicht ist's ein Fall von erster Liebe. ,Tief wie erste
Liebe und stürmisch von Schwermut.'Natürlich nur.wenn's
nicht einfach Epsomsalz ist, was der arme Junge braucht.”
Bei dieser Erwähnung eines Laxativs brach Jim in ein
schallendes Gelächter aus, das besonders explosiv war, da
er durch die Nähe des Quells von Verdüsterung hinter
dem Hammelrücken, unter stärkstem Druck stand. Susan
warf einen besorgten Blick auf Sebastians sich rötendes
Gesicht und sah dann mit einem zornigen Stirnrunzeln
ihren Bruder an, der das aber gar nicht bemerkte.
“Ich werde deinen Tennyson mit etwas von Dante über-
trumpfen”, sagte Eustace, Sebastian abermals zu Hilfe
kommend. “Erinnerst du dich? Im fünften Kreis der Hölle:
Tristi fummo
Nell' aer dolce che del sol s'allegra.
Und weil sie traurig waren, waren sie dazu verdammt, die
ganze Ewigkeit lang dort in dem Sumpf zu stecken; und
ihr abscheulicher kleiner Weltschmerz kam mit dem Sumpf-
gas in Blasen durch den Schlamm heraufgequollen. Also
solltest du lieber vorsichtig sein, mein Lieber”, schloß er
mit gespielter Drohung, aber mit einem Lächeln, das an-
zeigte, daß er ganz auf Sebastians Seite war und seine
Gefühle verstand.
“Er braucht sich keine Sorgen zu machen um das Jen-
seits”, sagte Mrs. Poulshot mit mehr als einer Spur von
Schärfe. Sie hegte sehr feste Überzeugungen, was diesen
Unsterblichkeitsunsinn betraf, — so feste, daß sie gar nicht
gern davon sprechen hörte, nicht einmal im Scherz. “Ich
denke vielmehr daran, was ihm widerfahren wird, wenn
er erst erwachsen ist.”
Abermals lachte Jim. Sebastians Jugendlichkeit erschien
ihm als fast ebenso spaßig wie die Möglichkeit, daß er ein
Abführmittel brauche.
Dieses zweite Lachen spornte Mr. Poulshot zum Han-
deln an. Eustace war natürlich nur ein Hedonist, und auch
von Alice konnte er nicht wirklich etwas Besseres erwar-
ten. Sie hatte sich immer (es war ihr einziger Fehler, aber
welch ungeheurer!) als entsetzlich fühllos gegen seine see-
lischen Leiden erwiesen. Jim aber war glücklicherweise
anders. Nicht so wie Edward und Margery, die in dieser
Hinsicht viel zu sehr ihrer Mutter glichen, hatte Jim stets
gebührlichen Respekt und anständiges Mitgefühl gezeigt.
Daß er sich so weit vergaß und zweimal lachte, war daher
doppelt schmerzlich — schmerzlich als gröbliche Verletzung
seiner Empfindlichkeit und Unterbrechung seiner traurigen
und geheiligten Gedanken; schmerzlich auch, weil es so
enttäuschend war, solch ein Schlag für den Glauben an des
Jungen bessere Natur, den man gehegt hatte. Mr. Poulshot
hob die Augen, die er entschlossen auf seinen Teller ge-
richtet gehalten hatte, und sah seinen Sohn mit einem
Ausdruck von Kummer an. Jim wand sich unter diesem
vorwurfsvollen Blick, und um seine Verwirrung zu kaschie-
ren, füllte er sich den Mund mit Brot. Endlich, beinahe im
Flüsterton, sprach Mr. Poulshot.
“Weißt du, was für ein Tag heute ist?” fragte er.
Den Verweis, der käme, vorausfühlend, errötete Jim
und stammelte undeutlich durch das Brot hindurch, er
glaube, es sei der Siebenundzwanzigste.
“Der siebenundzwanzigste März”, wiederholte Mr.
Poulshot. Er nickte langsam und nachdrücklich. “An die-
sem Tag, vor elf Jahren, wurde uns dein armer Groß-
vater genommen.” Er sah ein paar Sekunden starr in Jims
Gesicht, beobachtete mit Befriedigung die Anzeichen von
dessen Zerknirschung, senkte dann die Augen, verfiel wie-
der in Schweigen und ließ den jungen Mann sich seiner
selbst schämen.
Am andern Ende des Tisches lachten Alice und Eustace
miteinander über Kindheitserinnerungen. Mr. Poulshot tat
sein möglichstes, sie ob ihrer Frivolität zu bedauern, die
sie so herzlos stumpf gegenüber den feinern Gefühlen
andrer machte. “Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was
sie tun”, sagte er sich; dann verschloß er seinen Geist gegen
ihr müßiges Geplapper und wandte sich der Aufgabe zu,
sich im einzelnen die Unterhandlungen zu rekonstruieren,
die er noch am Abend des 27. März 1918 mit dem Ge-
schäftsführer der Leichenbestattungsfirma begonnen hatte.
5. KAPITEL

Nach dem Abendessen setzten sich im Wohnzimmer Jim


und Susan zu einer Schachpartie, während sich die andern
um das Kaminfeuer niederließen. Fasziniert sah Sebastian
zu, wie sich sein Onkel Eustace die mächtige Romeo-und-
Julia anzündete, die er sich, da er Alices Grundsätze und
Freds frugale Gewohnheiten kannte, wohlweislich mitge-
bracht hatte. Erst kam das Ritual des Anstechens; dann
das Lächeln seligen Vorgenusses, als die Zigarre zum
Mund gehoben wurde und die Lippen sich feucht und
zärtlich um das Ende schlossen; dann wurde das Zündholz
angestrichen, das Flämmchen eingesogen. Und plötzlich
fühlte sich Sebastian an das Baby seiner Cousine Margery
erinnert, wie dessen Lippen mit blinder, fast sinnlicher
Begierde nach der Brustwarze suchten und es sie endlich
zwischen diese weichen Greiflappen seines kleinen Mundes
bekam und drauflosarbeitete, drauflossaugte in einer
lautlosen Verzückung des Genießens. Gewiß, Onkel
Eustace hatte etwas bessere Manieren; und diese Brust-
warze hier war kaffeebraun und sechs Zoll lang. Bilder
tauchten vor seinem geistigen Auge auf; Wörter, groteske
und lächerlich heroische Wörter begannen sich zu ordnen:
Alt, doch ein Säugling, belutscht er mit lustvollen Lippen
Die feuchtbraune und, wenn er saugt, erglühende Zitze
Einer erträumten Großkönigin Sämtlicher
Hottentotten ...
Er wurde durch ein heftiges Öffnen und lautes Schlie-
ßen einer Tür aufgestört. John Barnack betrat das Zimmer
und ging lebhaft auf das Sofa zu, wo Mrs. Poulshot saß.
“Tut mir leid, daß ich nicht schon zum Essen bei euch
sein konnte”, sagte er, ihr die Hand auf die Schulter le-
gend. “Aber es war meine einzige Gelegenheit, Caccia-
guida zu sehn, der übrigens sagt -”, fügte er, sich an seinen
Bruder wendend, hinzu, “daß Mussolini ganz bestimmt
Kehlkopfkrebs hat.” Eustace nahm die Tabakzitze aus dem
Mund und lächelte
duldsam.
So? Der Kehlkopf ist's diesmal? Meine Antifaschisten
scheinen die Leber vorzuziehen.”
John Barnack war gekränkt, bemühte sich aber, es nicht
zu zeigen. “Cacciaguida hat sehr verläßliche Informations-
quellen”, sagte er ein wenig steif.
“Ich scheine mich zu erinnern, daß jemand etwas davon
sagte, der Wunsch sei der Vater des Gedankens, oder irre
ich mich?” fragte Eustace mit aufreizender Sanftheit.
“Natürlich erinnerst du dich”, sagte John. “Du erinnerst
dich, weil du einen Vorwand brauchst, um eine große po-
litische Bewegung herabzusetzen und ihre Helden zu ver-
kleinern.”
Er sagte es in seiner gewohnten gemessenen Manier und
mit seiner vorbildlichen Aussprache, aber in einem Ton,
der seine innersten Gefühle dadurch verriet, daß er eine
Spur lauter und ein wenig vibrierender war als sonst. “Zy-
nischer Realismus — der ist des Intelligenzlers beste Aus-
rede dafür, in einer unerträglichen Situation gar nichts zu
tun.”
Alice Poulshot blickte von einem zum andern und
wünschte um Himmels willen, daß ihre beiden Brüder nicht
jedesmal, sobald sie zusammenkamen, miteinander strit-
ten. Warum konnte sich John nicht einfach mit der Tat-
sache abfinden, daß Eustace eben ein bißchen ein Aas
war? Aber nein, er ließ sich stets aus der Ruhe bringen,
auf diese gräßliche beherrschte Art, die er hatte, und tat
dann so, als wär's moralische Entrüstung. Eustace wieder
forderte diese Explosionen absichtlich heraus, indem er
politische rote Tücher schwenkte und vergiftete Wurfpfeile
schleuderte. Sie waren beide wirklich unverbesserlich.
“König Klotz oder König Storch?” fragte Eustace mild.
“Ich bin immer für den guten alten Klotz. Sich nur schön
von Unfug fernhalten - das ist die höchste aller Tugen-
den.”
Wie John Barnack so vor dem Kamin stand, die Arme
an den Seiten herabhängen lassend, Beine gegrätscht,
Rumpf sehr aufrecht und gestrafft, in der Haltung eines
startbereiten Gewichtstemmers, blickte er auf seinen Bru-
der mit dem steten Blick hinab, den er vor Gericht für
gegnerische Zeugen und Ausflüchte machende Beklagte
aufsparte. Es war ein Blick, der, auch wenn er nicht auf
ihn selbst gerichtet war, Sebastian mit einem bänglichen
Schrecken erfüllte. Eustace aber ließ sich nur ein wenig
tiefer in die Polsterung des Sofas sinken. Er schloß die
Augen, küßte zärtlich das Ende seiner Zigarre und saugte.
“Und du bildest dir vermutlich ein”, fragte John Bar-
nack nach einem langen Schweigen, “daß du einer der
großen Exponenten dieser Tugend bist?”
Eustace blies eine Wolke aromatischen Rauchs von sich
und antwortete, daß er sein möglichstes tue.
“Du tust dein möglichstes”, wiederholte John. “Aber du
hast, glaube ich, einen ganz behaglichen Anteil an der
Yangtze and South China Bank?”
Eustace nickte.
“Und nebst dem Recht, dich an der Ausbeutung Chinas
und Japans zu mästen, einen Haufen Juteaktien — stimmt
das?”
“Sehr gute Aktien obendrein”, bestätigte Eustace.
“Sehr gute, gewiß. Dreißig Prozent, sogar in einem
schlechten Jahr. Verdient für dich von Indern, die einen
Taglohn kriegen, mit dem man kaum ein Drittel von
einer deiner Zigarren kaufen könnte.”
Mr. Poulshot, der, von allen unbeachtet, in düsterem
Schweigen dagesessen hatte, mischte sich überraschend ins
Gespräch.
“Es war alles in Ordnung mit ihnen, bevor die Agita-
toren sie zu bearbeiten begannen”, sagte er. “Und Ge-
werkschaften organisierten und sie gegen die Unternehmer
aufhetzten. Sie gehören erschossen. Ja, erschossen!” wie-
derholte er mit wütendem Nachdruck.
John Barnack lächelte ironisch. “Sorg dich nicht, Fred!
Die Londoner City wird schon dafür sorgen.”
Was redet ihr da nur?” fragte Alice gereizt. “Die
City ist doch nicht in Indien?”
“Nein. Aber ihre Agenten sind dort, und sie sind die
Kerle mit den Maschinengewehren. Freds Agitatoren wer-
den prompt erschossen werden. Und Eustace hier wird
sich auch weiterhin von Unfug fernhalten, mit der ganzen
unnachahmlichen Grazie, die wir an ihm so sehr zu be-
wundern gelernt haben.”
Es folgte ein Schweigen. Sebastian, der innig gehofft
hatte, seinen Vater unterliegen zu sehn, blickte kläglich
zu seinem Onkel hin. Aber statt niedergeschlagen und
zermalmt dazusitzen, wurde Eustace von lautlosem La-
chen geschüttelt.
“Ausgezeichnet!” rief er, als er genug Atem fand, um
sprechen zu können. “Ganz ausgezeichnet! Und jetzt, mein
lieber John, solltest du den Sarkasmus fallenlassen und
ihnen fünf Minuten schlichtes Pathos und Entrüstung zum
besten geben; fünf herzerwärmende Minuten unumwun-
denen männlichen Gefühls. Worauf die Geschworenen
mich schuldig befinden, ohne den Gerichtssaal überhaupt
zu verlassen, und in einem Zusatz empfehlen, den Anwalt
der klagenden Partei zum Volkstribunen zu machen. Zum
Volkstribunen”, wiederholte er volltönend. “Alles in klas-
sischen Maskenkostümen. Und nebenbei, wie heißt der
Fachausdruck für die edle römische Toga, die die Herren
von der Politik über den Willen zur Macht drapieren,
wenn sie wollen, daß er reputierlich aussehe? Den kennst
du doch, nicht wahr, Sebastian?” Und als Sebastian den
Kopf schüttelte, rief er aus: “Du meine Güte, was lehrt
man euch eigentlich heutzutage? Der Fachausdruck dafür
ist doch Idealismus. Ja, meine Liebe”, fuhr er fort und
wandte sich dabei an Susan, die erstaunt von ihrer Schach-
partie aufgeblickt hatte, “das ist's, was ich sagte: Idealis-
mus.”
John Barnack gähnte auffällig hinter der vorgehaltenen
Hand. “Sie wird einem nachgerade ein wenig langweilig,
diese Art von billiger Psychologie des siebzehnten Jahr-
hunderts”, sagte er.
«Dann erzähle jetzt du uns”, entgegnete Eustace, “was
du zu kriegen erwartest, sobald die richtigen Leute ans
Ruder kommen. Die Kronanwaltschaft vermutlich?”
“Also, Eustace”, sagte Mrs. Poulshot mit Entschieden-
heit, “damit laß es genug sein!”
“Genug?” wiederholte Eustace im Ton gespielter Ent-
rüstung. “Du meinst, das ist genug — die Bagatelle einer
Kronanwaltschaft? Meine Liebe, du unterschätzt deinen
Bruder. Aber jetzt, John”, fügte er in anderm Ton hinzu,
“wollen wir doch auf ernstere Dinge kommen. Ich weiß
nicht, was deine Pläne sind: aber was immer geschieht,
ich muß morgen nach Florenz zurück. Für Dienstag er-
warte ich meine Schwiegermutter dort.”
“Die alte Mrs. Gamble?” Alice blickte überrascht von
ihrer Strickarbeit auf. “Willst du etwa damit sagen, daß
sie noch immer in ganz Europa herumreist? In ihrem
Alter?”
“Sechsundachtzig”, sagte Eustace, “und, abgesehn da-
von, daß sie fast völlig starblind ist, kerngesund und
springlebendig.”
“Du meine Güte!” rief Mrs. Poulshot aus. “Ich hoffe
wirklich, ich werde nicht so lange aushalten müssen!” Sie
schüttelte nachdrücklich den Kopf, entsetzt bei dem Ge-
danken an noch einunddreißig Jahre des Hausführens,
der düsteren Stimmungen Freds und der völligen Sinn-
losigkeit von allem und jedem.
Eustace wandte sich wieder an seinen Bruder. “Und
wann gedenkt ihr zu fahren, ihr beide?”
“Nächsten Donnerstag. Aber wir übernachten in Turin.
Ich muß mich mit einigen von Cacciaguidas Leuten in
Verbindung setzen”, erklärte John.
Dann wirst du also Sebastian am Samstag bei mir
abliefern?”
Er wird sich vielmehr selber abliefern. Ich werde schon
in Genua aussteigen.”
“Oh, du selbst geruhst also nicht zu kommen?”
John Barnack schüttelte den Kopf. Sein Schiff gehe noch
am selben Abend von Genua ab. Er werde drei oder vier
Wochen in Ägypten sein, und dann wolle sein Blatt, daß
er über die Lage der Eingeborenen in Kenya und Tan-
ganyika berichte.
“Und wenn du schon dort bist”, sagte Eustace, “finde
doch, bitte, heraus, warum meine ostafrikanischen Kaffee-
aktien nicht etwas mehr abwerfen.”
“Das kann ich dir gleich hier und jetzt sagen”, ant-
wortete sein Bruder. “Vor ein paar Jahren war eine
Menge Geld in Kaffee zu machen. Resultat: Millionen Hek-
tar neuer Plantagen, und alle gadarenischen Schweine von
London und Paris und Amsterdam und New York stürz-
ten sich einen steilen Abhang hinunter in Kaffee. Jetzt
herrscht ein solcher Überschuß an Bohnen, und der Preis ist
so niedrig, daß nicht einmal die Schandlöhne der Schwar-
zen eine Dividende abwerfen können.”
“Sehr schade!”
“Meinst du? Warte nur, bis dein Sichfernhalten den
großen Aufstand unter den geknechteten Völkern hervor-
gerufen haben wird und die Revolution daheim!”
“Zum Glück”, sagte Eustace, “werden wir dann alle
schon tot sein.”
“Sei du nur nicht zu sicher!”
“Wir werden's vielleicht alle so lange machen wie die
alte Mrs. Gamble”, sagte Alice, die sich auszumalen ver-
sucht hatte, wie Fred und sie selbst 1950 aussehn würden.
“Das ist gar nicht nötig”, sagte John Barnack mit offen-
kundiger Genugtuung. “Es kommt viel früher dazu, als
eins von euch sich vorstellt.” Er sah auf seine Uhr. “Tja,
ich hab noch an etwas zu arbeiten”, verkündete er. “Und
morgen muß ich mit dem ersten Hahnenschrei auf. Also
sag ich gute Nacht, Alice.”
Sebastians Herz schlug so heftig, daß er plötzlich fast
Übelkeit fühlte. Der Augenblick war endlich gekommen,
die absolut letzte Gelegenheit. Er holte tief Atem, stand
auf und ging zu seinem Vater vor den Kamin.
“Gute Nacht, Vater”, sagte er. Und: “Oh, übrigens”,
brachte er im beiläufigsten Ton hervor, dessen er fähig war,
“glaubst du nicht, könnte ich ... ich meine, glaubst du
nicht, ich sollte doch wirklich jetzt schon ein Dinnerjackett
haben?”
“Sollte?” wiederholte sein Vater. “Sollte?” Es ist ein
Fall von kategorischem Imperativ, wie?” Und plötzlich,
beunruhigend, stieß er ein kurzes, explosiv trompetendes
Lachen aus.
Überwältigt stammelte Sebastian etwas davon, daß es
nicht nötig gewesen sei, als er das letztemal darum gebeten
hatte; jetzt aber .. . jetzt sei es wirklich dringend: er sei
zu einer Gesellschaft eingeladen.
“Oh, du bist zu einer Gesellschaft eingeladen?” sagte
Mr. Barnack, und der ekstatische Ton kam ihm in Erinne-
rung, in dem Rosie das verhaßte Wort auszusprechen
pflegte; er erinnerte sich des Aufleuchtens ihrer Augen,
wenn sie die Ballmusik hörte und das Stimmengewirr der
festlichen Menge, und ihrer an Raserei grenzenden aus-
gelassenen Lustigkeit im weiteren Verlauf des Abends.
“Das wird immer kategorischer!” fügte er sarkastisch
hinzu.
“Dein Vater hat in letzter Zeit eine Menge Ausgaben
gehabt”, warf Mrs. Poulshot ein, in dem wohlgemeinten
Bemühn, den armen Sebastian ein wenig zu polstern gegen
den Anprall an die Unerbittlichkeit ihres Bruders. Schließ-
lich hatte Rosie nicht ganz allein schuld gehabt. John war
immer hart und streng mit sich und andern gewesen,
sogar schon als Junge. Und nun mußte er, um es noch
schlimmer zu machen, andern Leuten das Leben vergiften
mit seinen lächerlichen politischen Prinzipien! Aber diese
Härte und die Prinzipien waren nun einmal Tatsachen;
und eine Tatsache war auch Sebastians Empfindlichkeit.
Alices Politik bestand stets in dem Versuch, einen Zusam-
menstoß zwischen den zwei Gruppen von Tatsachen zu ver-
hindern. Diesmal erwies sich der Versuch jedoch als schlim-
mer denn vergeblich.
“Meine liebe Alice”, sagte John Barnack im Ton eines
höflichen, aber durchaus entschlossenen Debattenredners,
“es ist nicht eine Frage, ob ich es mir leisten kann, dem
Jungen sein Maskenkostüm zu kaufen.” (Das Wort be-
schwor ein Bild herauf: die rotsamtenen Kniehosen Lady
Caroline Lambs als Byrons — als des jungen Tom Hilliards
Page.) “Der Punkt, um den es sich hier dreht, ist der, ob
es recht ist, es ihm zu kaufen.”
Eustace nahm die Zitze aus dem Mund, um den Ein-
spruch zu erheben, daß dies noch über Savonarola gehe.
John Barnack schüttelte nachdrücklich den Kopf. “Es
hat gar nichts gemein mit christlicher Askese, es ist einfach
eine Frage der Anständigkeit — seine zufälligen Vorteile
nicht auszunützen. Noblesse oblige.”
“Sehr hübsch”, sagte Eustace. “Vorläufig aber beginnst
du damit, die Noblesse zu obligieren. Es ist glatte Nöti-
gung.”
“Sebastian hat absolut kein Gefühl für soziale Verant-
wortlichkeit. Das muß er lernen.”
“Ist das nicht genau dasselbe, was Mussolini vom ita-
lienischen Volk sagt?”
“Und überhaupt”, warf Mrs. Poulshot ein, die froh war
über diese Gelegenheit, von einem Verbündeten unter-
stützt für Sebastian kämpfen zu können, “warum dieses
ganze Getue machen um ein armseliges Dinnerjackett?”
“Um einen nichtigen Smoking”, führte Eustace das wei-
ter aus, in einem Ton, der den ganzen Streit auf das
Niveau einer bloßen Posse verschieben sollte. “Um einen
Dreigroschen-Tuxedo! Oh, und das erinnert mich an mei-
nen jungen Mann aus Peoria — das hast du nicht gewußt,
daß auch ich dichte, Sebastian, nicht wahr, nein? —
Dem nicht wohl ist, wenn er nicht zuvor ja
Zieht an den Tuxedo
Und murmelt das Kredo
Mitsamt dem Sanktus und Gloria.
Und da bringst du es übers Herz, John, dein armes Kind
der Wohltaten der Sakramente zu berauben!” In seiner
ängstlichen Aufgeregtheit begann Sebastian lauter als ge-
wöhnlich zu lachen; aber beim Anblick des ernsten, keine
Spur von Lächeln zeigenden Gesichts und der entschlos-
sen zusammengepreßten Lippen seines Vaters unterbrach
er sich jäh.
Eustace zwinkerte ihm mit den gedunsenen Augenlidern
zu. “Danke schön für den Applaus”, sagte er. “Aber ich
fürchte, Majestät sind nicht amüsiert.”
Mrs. Poulshot griff abermals ein, um zu versuchen, die
Wirkung des falschen Schritts, den Eustace getan hatte,
zu beseitigen.
“Schließlich und endlich”, sagte sie und versuchte die
Diskussion wieder in ernste Bahnen zurückzulenken, “was
ist denn schon Abendkleidung? Nichts als eine dumme,
bedeutungslose Konvention?”
“Dumm, das gebe ich zu”, sagte John auf seine ge-
messene, wohlüberlegte Art. “Aber wenn sie ein Klassen-
symbol beinhaltet, kann man eine Konvention nicht be-
deutungslos nennen.”
“Aber, Vater”, warf Sebastian ein, “alle die andern
Burschen in meinem Alter haben schon ein Dinnerjackett.”
Seine Stimme war schrill und schwankte vor Erregung.
Über das Schachbrett gebeugt, hörte Susan es, erkannte
das Gefahrsignal und hob sogleich die Augen. Sebastians
Gesicht war dunkel gerötet, und seine Lippen begannen zu
zittern. Mehr denn je sah er aus wie ein kleiner Bub. Ein
kleiner, verzweifelter Bub, ein hilfloser kleiner Bub, gegen
den ein Erwachsener grausam war. Susan fühlte sich über-
wältigt von liebevollem Erbarmen. Aber wie schrecklich er
die ganze Sache verpfuschte! dachte sie und empfand plötz-
lich Zorn gegen ihn, nicht trotz ihrer Liebe und ihrem Er-
barmen, sondern grade weil sie ihn so liebhatte. Und
warum nur konnte er nicht ein wenig Selbstbeherrschung
aufbringen oder, wenn das unmöglich war, einfach den
Mund halten?
Ein paar Sekunden blickte John Barnack schweigend auf
seinen Sohn, blickte gebannt auf das Abbild seiner kin-
dischen Frau, die ihn betrogen hatte und nun tot war.
Dann lächelte er sarkastisch.
“Alle die andern Burschen”, wiederholte er. “Jeder ein-
zelne von ihnen.” Und in dem Ton, den er im Gerichtssaal
anschlug, um die Glaubwürdigkeit des gegnerischen
Hauptzeugen zu erschüttern, fügte er mit verachtungsvoller
Ironie hinzu: “In Südwales halten die Söhne der arbeits-
losen Bergarbeiter ganz besonders darauf, sogar Schwal-
benschwanz und weiße Binde zu tragen. Nicht zu vergessen
die Gardenie im Knopfloch. Und nun”, befahl er gebiete-
risch, “geh schlafen, und daß du mir nie wieder mit dieser
Narretei kommst!”
Sebastian wandte sich ab und eilte wortlos aus dem
Zimmer.
“Du bist am Zug”, sagte Jim ungeduldig.
Susan blickte wieder auf das Brett hinab, sah das rote
Rössel unmittelbar vor ihrer Königin stehn und nahm es.
“Hat ihm schon”, sagte sie mit grimmigem Genuß. Das
rote Rössel war Onkel John.
Triumphierend schob Jim einen Turm über das Brett
und rief, ihre Königin nehmend: “Schach!”
Dreiviertel Stunden später kauerte Susan in ihrem
Pyjama vor dem Gasöfchen ihres Schlafzimmers auf dem
Boden und schrieb in ihr Tagebuch: “2 + in Geschichte, 2 in
Algebra. Hätte schlechter sein können. Miß H. gab mir
einen Tadelpunkt für Unordentlichkeit, fand aber bei ihrer
geliebten Gladys nichts auszusetzen. Natürlich!!! Die
Scarlatti ging besser, aber Pf eiff y versuchte, S. mit Zigarren
zu frotzeln, und dann ist uns Tom B. begegnet und hat ihn
aufgefordert, zu seiner Gesellschaft zu kommen, und S.
war unglücklich, wegen dieses blöden Dinnerjacketts.
Wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich ihn gehaßt, denn
er war heute wieder mit Mrs. E. beisammen, und sie hat
schwarze Spitzen auf der bloßen Haut getragen .. . Aber
er hat mir nur schrecklich leid getan. Und heute abend war
Onkel J. ganz scheußlich wegen des Dinnerjacketts; ihn
hasse ich wirklich manchmal. Onkel E. versuchte, für S.
einzutreten, aber es half nichts.” Es hatte nichts geholfen,
und was es noch schlimmer machte, sie hatte dort sitzen
bleiben und warten müssen, bis erst Onkel J. und dann
Onkel Eustace sich verabschiedeten; und auch als sie dann
endlich schlafen gehen konnte, hatte sie es nicht gewagt,
zu ihm zu gehn und ihn zu trösten, aus Furcht, ihre Mutter
oder Jim könnten sie hören und heraufkommen und sie in
seinem Zimmer finden, und wenn es Jim gewesen wäre,
hätte der gefeixt, als hätte er sie im WC überrascht, oder
wenn die Mutter gekommen wäre, hätte die eine kleine
scherzhafte Bemerkung gemacht, die schlimmer gewesen
wäre als der Tod. Jetzt aber — sie sah auf die Uhr auf
dem Kaminsims — jetzt müßte es wohl ungefährlich sein.
Sie stand auf, verschloß das Tagebuch in die Lade ihres
Schreibtisches und versteckte den Schlüssel an seinem ge-
wohnten Platz hinter dem Spiegel. Dann drehte sie das
Licht ab, öffnete vorsichtig die Tür und blickte hinaus.
Die Glühlampen auf den untern Treppenabsätzen brann-
ten nicht mehr; im Haus war es so still, daß sie das starke
Pochen ihres Herzens hören konnte. Drei Schritte brachten
sie über den Gang und vor seine Tür; der Türknauf ließ
sich geräuschlos drehn, und geräuschlos schlüpfte sie hinein
Das Zimmer war nicht ganz finster; denn die Rollgardine
war nicht herabgezogen, und die Straßenlampe drüben auf
der andern Seite warf ein Rechteck grünlichen Dämmerlichts
auf die Zimmerdecke. Susan schloß die Tür hinter sich und
stand still und lauschte — hörte zuerst nur ihr eignes Herz.
Dann knarrten ganz schwach die Spiralfedern des Betts, und
sie hörte einen langen schluchzenden Atemzug. Er weinte.
Impulsiv trat sie vor; ihre ausgestreckte Hand berührte
eine Messingstange, bewegte sich weiter, zu der Bettdecke
dahinter, und glitt von Wolle auf die Glätte des
umgeschlagenen Leintuchs. Das weiße Linnen schimmerte
geisterhaft in der Dunkelheit, und auf dem undeutlich
gesehnen Kissen war Sebastians Kopf ein schwarzer
Schattenriß. Ihre Finger berührten ihn im Nacken.
“Ich bin's, Sebastian.”
“Geh weg”, stammelte er zornig. “Geh weg!”
Susan sagte nichts, sondern setzte sich auf den Bettrand.
Die kleinen Borsten, die die Schermaschine des Friseurs
stehngelassen hatte, waren elektrisch unter ihren Finger-
spitzen.
“Du darfst dir nichts draus machen, Sebastian”, flüsterte
sie. “Du darfst es dir nicht nahgehn lassen.”
Sie begönnerte ihn natürlich; sie behandelte ihn wie ein
Kind. Aber er fühlte sich aufs äußerste elend; und überdies
war die Demütigung so weit gegangen, daß er nicht mehr
die Energie des Stolzes hatte, an seinem Groll festzuhalten.
Er lag ganz still, gestattete sich, die tröstende Gewißheit
ihrer Nähe zu genießen.
Susan hob die Hand von seinem Nacken und hielt sie,
atemlos zögernd, in der Luft. Sollte sie es wagen? Würde
er wütend sein, wenn sie es täte? Ihr Herz schlug noch hef-
tiger gegen ihre Rippen. Dann schluckte sie fest und ent-
schloß sich, es zu riskieren. Langsam bewegte sie die er-
hobene Hand durch die Dunkelheit vorwärts und abwärts,
bis die Finger sein Haar berührten — das blaßblonde Haar,
lockig und vom Wind zerzaust, nun aber unsichtbar, nun
nur als ein kaum wahrnehmbares Gewirr lebendiger Seide
für ihre Haut spürbar. Sie wartete angstvoll bebend, er-
wartete jeden Augenblick seinen zornigen Befehl zu hören,
ihn in Ruhe zu lassen. Aber es kam kein Laut, und kühn
gemacht durch sein Schweigen, senkte sie die Hand ein
wenig tiefer.
Regungslos gab sich Sebastian dieser Zärtlichkeit hin,
die auszudrücken er ihr zu gewöhnlichen Zeiten nie ge-
stattet hätte, und fand grade in dieser Selbsthingabe einen
gewissen Trost. Plötzlich erinnerte er sich, daß dies eine
der Situationen war, die er in seinen Träumen von einer
Liebschaft mit Mary Esdaile herbeigesehnt hatte, — oder
welchen Namen immer man der dunkelhaarigen Geliebten
seiner Phantasie geben wollte. Er läge in der Finsternis
regungslos da, und sie kniete neben dem Bett und strei-
chelte ihm das Haar; und manchmal würde sie sich nieder-
beugen und ihn küssen — oder vielleicht wären es nicht
ihre Lippen, was die seinen berührte, sondern ihre nackte
Brust. Aber freilich, dies war nur Susan und nicht Mary
Esdaile.
Sie fuhr ihm nun mit der Hand durchs Haar, ganz offen
und unverhohlen, genauso, wie sie es sich immer gewünscht
hatte, — die Fingerspitzen von der glatten, gespannten
Haut hinter den Ohren hinauf und durch die dichten Haare
schiebend, daß die dicken, elastischen Locken zwischen
ihren Fingern durchglitten, während sie die Hand so zum
Scheitel seines Kopfes bewegte. Wieder und wieder, un-
ermüdlich.
“Sebastian?” flüsterte sie endlich; aber er antwortete
nicht, und sein Atem ging fast unmerklich leise.
Mit nun schon ganz an die Dunkelheit gewöhnten Augen
sah sie hinab auf das schlafende Gesicht, und das Glück,
das sie empfand, diese unaussprechliche Seligkeit, war wie
das Gefühl, das sie manchmal gehabt hatte, wenn sie Mar-
gerys Baby hielt, aber mit all diesem andern noch dazu
— diesem Begehren und Bangen, diesem atemlosen Bewußt-
sein von Verbotenheit, diesem Spüren der elektrisierenden
Berührung seiner Haare mit ihren Fingerspitzen und die-
ser schmerzenden Wonne in ihren Brüsten. Sie beugte sich
über ihn und berührte seine Wange mit ihren Lippen.
Sebastian regte sich ein wenig, erwachte aber nicht.
“Liebster”, flüsterte sie immer wieder und, in der Ge-
wißheit, daß er sie nicht hören konnte: “Mein Liebster,
mein Herzallerliebster.”
6. KAPITEL

Eustace erwachte am Samstagmorgen erst ein paar Mi-


nuten vor neun, nach einer Nacht traumlosen Schlafs, der
durch kein stärkeres Mittel herbeigeführt worden war als
durch eine Halbe dunkeln Biers, die er um Mitternacht zu
einigen Anschovisbrötchen getrunken hatte.
Das Erwachen war natürlich unangenehm; aber der Mes-
singgeschmack im Mund war nicht so aufdringlich und diese
schmerzende Müdigkeit in allen Gliedern entschieden min-
der heftig als gewöhnlich um diese bleierne Morgenstunde.
Allerdings mußte er ein wenig husten, und dabei kam
etwas Schleim herauf; aber der erschöpfende Krampf war
schneller vorbei als sonst. Nach seiner Frühtasse Tee im
Bett und einem heißen Bad fühlte er sich gradezu jung.
Jenseits des runden Rasierspiegels und seines eingeseif-
ten Gesichts darin lag die Stadt Florenz, eingerahmt von
den Zypressen der abfallenden Terrassen seines Hauses.
Über dem Monte Morello schwebten mollige kleine Wol-
ken, wie die Cherubshinterbäckchen auf den Correggios in
Parma; sonst aber war der Himmel makellos blau, und in
den Blumenbeeten unter dem Badezimmerfenster sahn die
Hyazinthen im Sonnenlicht wie aus Halbedelsteinen ge-
schnitzt aus: weißer Jade und Lapislazuli und blaßrote
Korallen.
“Den Perlgrauen!” rief er seinem Kammerdiener zu,
ohne sich umzublicken, und hielt dann inne, um zu über-
legen, welche Krawatte wohl am besten zu dem Anzug und
dem heitern Wetter stimmen würde. Eine schwarzweiß
karierte? Aber die sähe zusehr nach flottem Börsenmakler
aus. Nein, was Ort und Zeit verlangten, war etwas im Stil
dieser schottischen Muster auf weißem Grund, die er in
der Burlington-Passage gekauft hatte. Oder, noch besser,
diese deliziöse lachsfarbene von Sulka in der Bond Street.
“Und die lachsrosa Krawatte”, fügte er hinzu, “die neue!”
Weiße und gelbe Rosen standen auf dem Frühstücks-
tisch. Wirklich recht hübsch angeordnet! Guido begann
seine Sache zu lernen. Eustace zog eine jungfräulich weiße
Knospe heraus und steckte sie ins Knopfloch; dann wandte
er sich den Glashaustrauben zu. Es folgten ein Schüsselchen
Hafergrütze, dann zwei poschierte Eier auf Röstbrot, ein
gebratener Räucherhering und ein paar Stücke Gebäck mit
Butter und Orangenmarmelade.
Während er aß, las er seine Briefe.
Da war zunächst einer von Bruno Rontini. Ob er wieder
zurück in Florenz sei? Und wenn, ob er nicht bald einmal
in den Laden kommen wolle, auf eine Plauderei und um
sich Bücher anzusehn. Ein Katalog von Neuerwerbungen
sei beigeschlossen.
Dann zwei Aufrufe aus England zu wohltätigen Spen-
den — abermals diese gräßlichen Waisenkinder und ein
nagelneuer Posten Unheilbarer, denen er zwei Guineen
würde senden müssen, weil Molly Carraway im Komitee
war. Aber um ihn für die Unheilbaren zu entschädigen,
fand sich als nächstes eine erfreuliche Mitteilung vom Fi-
lialleiter seiner italienischen Bank. Durch Verwendung der
zweitausend Pfund flüssigen Kapitals, die er den Leutchen
zum Jonglieren gegeben hatte, war es ihnen gelungen,
während des vergangenen Monats vierzehntausend Lire
für ihn einzuheimsen. Einfach durch Kauf und Verkauf von
Dollars und Francs. Vierzehntausend ... Ganz nett, wenn
sie einem in den Schoß fielen. Er wollte den Unheilbaren
einen Fünfer schicken und sich selbst ein kleines Geburts-
tagsgeschenk kaufen. Ein paar hübsche Bücher vielleicht;
und er schlug Brunos Katalog auf. Aber wahrhaftig, wer
wollte schon eine Erstausgabe von Scupolis Combattimento
Spirituale? Oder die Opera Omnia des heiligen Bonaven-
tura, herausgegeben von den Franziskanern von Quaracchi?
Eustace warf den Katalog beiseite und machte sich an die
Aufgabe, das lange, unleserliche Geschreibsel von Pippa
Schottelius zu entziffern, das er sich für zuletzt gelassen
hatte. Mit Bleistift und in einer höchst verwirrenden Mi-
schung aus Deutsch, Französisch und Englisch beschrieb ihm
Pippa, was sie in Monte Carlo trieb; und was dieses Weib-
sen nicht trieb, das hätte man auf die Rückseite einer
Briefmarke schreiben können. Wie entsetzlich gründlich
diese Deutschen immer zu sein vermochte«, wie emphatisch!
Im Geschlechtsleben nicht weniger als im Kriegführen —
in der Philosophie, in der Wissenschaft. Tauchten tiefer
hinab und schlammiger wieder auf als sonst irgendwer.
Er beschloß, Pippa eine Ansichtskarte zu senden mit dem
Rat, John Morleys Über das Kompromiß zu lesen.
In Übereinstimmung mit ebendiesen Morleyschen Grund-
sätzen beschloß er, als er mit dem Frühstück fertig war,
eine der kleinen Larranaga claros zu rauchen, die ihm so
geschmeckt hatten, als er sie bei seinem Londoner Zigar-
renhändler versuchte, daß er auf der Stelle ein Tausend
von ihnen kaufte. Die Ärzte setzten ihm ewig zu wegen
seiner Zigarren, und er hatte versprochen, täglich nur zwei
zu rauchen: eine nach dem Lunch, eine nach dem Dinner.
Aber diese kleinen Dinger waren so mild, daß es ein
Dutzend von ihnen brauchen würde, um die Nachwirkun-
gen einer seiner großen Romeo-und-Julia hervorzurufen.
Wenn er also eine von den kleinen jetzt und eine zweite
nach dem Lunch und eine dritte nach dem Tee rauchte,
und nur eine einzige große nach dem Dinner, hielte er sich
noch immer weit genug von Übermaß. Er zündete sich die
Zigarre an, lehnte sich zurück und schmeckte genießerisch
die zarte Köstlichkeit ihres Aromas. Dann stand er auf,
und nachdem er dem Butler Auftrag gegeben hatte, die
Casa Acciaiuoli anzurufen und sich zu erkundigen, ob die
Contessa ihn am Nachmittag empfangen könne, begab er
sich ins Bibliothekzimmer. Die vier oder fünf Bücher, die
er gleichzeitig las, lagen in einem Stoß auf einem Tischchen
neben einem Lehnstuhl, in den er sich nun vorsichtig nie-
derließ: Scaven Blunts Journals, der zweite Band von
Sodome et Gomorrhe, eine illustrierte Geschichte der Stick-
kunst, der neueste Roman von Ronald Firbank ... Nach
einem Augenblick des Zögerns entschied er sich für Proust.
Zehn Seiten waren, was er gewöhnlich von irgendeinem
Buch zu lesen imstande war, bevor ihn nach Abwechslung
verlangte; diesmal aber verlor er schon nach sechseinhalb
das Interesse und wandte sich statt dessen dem Kapitel
über das Opus Anglicanum in der Geschichte der Stick-
kunst zu. Dann schlug die Uhr im Salon elf, und es war
Zeit für ihn, in den Westflügel hinaufzugehn und seiner
Schwiegermutter guten Morgen zu sagen.
Grell geschminkt und in das denkbar eleganteste kana-
riengelbe Tailormade gekleidet, saß die alte Mrs. Gamble
in voller Würde da, ließ sich die rechte Hand von ihrer
französischen Jungfer maniküren, streichelte mit der Lin-
ken ihren Zwergspitz Foxi VIII. und hörte ihrer Gesellschaf-
terin zu, die ihr aus Oliver Lodges Raymond vorlas. Bei
Eustaces Eintritt sprang Foxi VIII. von ihrem Schoß herab,
raste auf ihn los und bellte ihn, im Vorwärtsstürmen im-
mer wieder zurückweichend, wütend an.
“Foxi!” rief Mrs. Gamble in einem Ton, der von fast
ebensolcher heiseren Schrille war wie der des Zwergspitzes.
“Foxi!”
“Du kleiner Höllenhund”, sagte Eustace gutmütig; und
sich an die Vorleserin wendend, die mitten im Satz ab-
gebrochen hatte, fügte er hinzu: “Bitte, lassen Sie sich
durch mich nicht stören, Mrs. Thwale.”
Veronica Thwale hob das untadelige Oval ihres Ge-
sichts und sah ihn mit ruhiger Eindringlichkeit an.
“Aber es ist nur ein Vergnügen”, sagte sie, “von allen
diesen Geistern zurückzukehren zu einem Stückchen festem
Fleisch.”
Sie verweilte ein wenig auf dem letztem Konsonanten.
Als “Fleischsch” nahm das Wort eine fleischigere Bedeu-
tung an.
Wie eine Madonna von Ingres, dachte Eustace, als er
ihren Blick mit einem Zwinkern erwiderte. Glatt und hei-
ter, fast bis zur Unpersönlichkeit, und doch die ganze
Sexualität dringelassen — und vielleicht noch ein wenig
hinzugefügt.
“Allzu fest, fürchte ich.”
Mit einem Lachgluckser tätschelte er die glatte Wölbung
seiner perlgrauen Weste.
“Und wie geht's der Königin-Mutter heute?” fügte er
hinzu, während er zu Mrs. Gambles Stuhl hinüberging.
“Läßt sich die Krallen schärfen, wie ich sehe.”
Die alte Dame stieß ein dünnes, zitteriges Lachen aus.
Sie war stolz auf ihren Ruf, sich bedenkenlos deutlich aus-
zudrücken und einer boshaften Witzigkeit die Zügel schie-
ßen zu lassen.
“Du bist ein Frechdachs, Eustace”, sagte sie, und in der
dünnen alten Stimme schwangen noch diese schnarrenden
Intonationen von Autorität mit, die die Stimmen so vieler
reicher und aristokratischer alter Damen klingen lassen
wie Feldwebelsublimat. “Und wer spricht da von Fleisch?”
fügte sie hinzu und wandte ihre sichtlosen Augen inqui-
sitorisch von dort, wo sie sich Eustace vorstellte, dahin,
wo sie Mrs. Thwale geglaubt hatte. “Setzt am Ende du
Fleisch an, Eustace?”
“Na, ich bin nicht ganz so sylphidenhaft wie du”, ant-
wortete er und sah mit einem Lächeln auf die blinde kleine,
verschrumpfte Mumie in dem Stuhl neben sich hinab.
“Wo bist du?” fragte Mrs. Gamble, ließ die eine knor-
rige Hand der manikürenden Jungfer und tastete mit der
andern in die Luft, fand dann den Aufschlag seines Rocks
und glitt von da mit den Fingern über die perlgraue Wöl-
bung tiefer unten. “Himmel”, rief sie aus, “ich hatte keine
Ahnung! Du bist ja dick, Eustace, dick!” Die dünne Stimme
schnarrte wieder wie ein Feldwebel. “Ned war auch dick”,
fuhr sie fort und verglich im Geist den Bauch unter ihrer
Hand mit dem erinnerten, der ihrem Mann gehört hatte.
Darum ist er auch so jung hinüber. Erst vierundsechzig.
Kein korpulenter Mann hat je auch nur bis siebzig gelebt.”
Das Gespräch hatte eine Wendung genommen, die
Eustace nicht anders als ein wenig widerwärtig finden
konnte Er entschied sich dafür, sich zu einem kongenia-
leren Gesprächsgegenstand durchzulachen.
Das war deiner besten Form würdig”, sagte er munter.
“Aber erzähl mir”, fügte er hinzu, “was geschieht mit
dicken Leuten, wenn sie sterben?”
“Sie sterben nicht”, sagte Mrs. Gamble. “Sie gehn hin-
über.”
“Wenn sie hinübergehn”, verbesserte sich Eustace in
einem Tonfall, der das Wort zwischen Anführungszeichen
setzte. “Sind sie dann noch immer dick, drüben auf der
andern Seite? Ich möchte das gern bei deiner nächsten
Séance fragen.”
“Jetzt bist du frivol”, sagte die Königin-Mutter streng.
Eustace wandte sich an Mrs. Thwale. “Ist es Ihnen end-
lich gelungen, eine tüchtige Hexe aufzuspüren?”
“Leider sprechen die meisten nur Italienisch”, antwor-
tete sie. “Aber jetzt hat uns Lady Worplesden eine eng-
lische genannt, die, wie sie sagt, sehr zufriedenstellend ist.”
“Mir wäre ein Trompetenmedium lieber gewesen”, sagte
Mrs. Gamble. “Aber auf Reisen muß man vorliebnehmen
mit dem, was sich findet.”
Geräuschlos erhob sich die französische Kammerjungfer,
schob ihren Hocker hinüber und ergriff Mrs. Gambles
Linke, die wie eine Klaue auf Foxis brandrotem Fell ge-
legen hatte, und begann die spitzen Nägel zu feilen.
“Dieser junge Neffe von dir kommt heute an, nicht?”
“Ja, heute abend”, antwortete Eustace. “Wir werden
vielleicht ein wenig verspätet zum Dinner kommen.”
“Ich hab Jungens gern”, verkündete die Königin-Mutter.
“Das heißt, wenn sie anständige Manieren haben, was
heutzutage bei den wenigsten der Fall ist. Und das erinnert
mich an Mr. De Vries, Veronica.”
“Er kommt heute nachmittag zum Tee”, sagte Mrs.
Thwale mit ihrer ruhigen, gleichmäßigen Stimme.
“De Vries?” fragte Eustace.
“Du hast ihn in Paris kennengelernt”, sagte die Königin-
Mutter. “Auf meiner Cocktailgesellschaft zu Neujahr.”
“So?” sagte Eustace gleichgültig. Er hatte damals auch
fünftausend andre Leute kennengelernt.
“Amerikaner”, fuhr die Königin-Mutter fort. “Und hat
einen riesigen Schwarm für mich gefaßt. Nicht wahr,
Veronica?”
“Ganz gewiß”, sagte Mrs. Thwale.
“Ist den ganzen Winter mich beständig besuchen ge-
kommen — beständig. Und jetzt ist er in Florenz.”
“Reich?”
Mrs. Gamble nickte. “Haferflocken”, sagte sie. “Aber
wirklich interessiert er sich nur für Wissenschaft und lauter
solches Zeug. Allerdings, wie ich ihm stets sage, Tatsachen
sind Tatsachen, was immer sein Herr Einstein behaupten
mag.”
“Und nicht nur Herr Einstein”, sagte Eustace mit einem
Lächeln, “auch Herr Plato, Herr Buddha, Herr Franz von
Assisi.”
Ein sonderbarer kleiner Grunzlaut ließ ihn den Kopf
wenden. Mrs. Thwale lachte, aber fast tonlos.
“Hab ich etwas so Amüsantes gesagt?” fragte er.
Das blasse ovale Gesicht nahm wieder seine gewohnte
heitere Gelassenheit an.
“Ich mußte an den kleinen Scherz denken, den mein
Mann und ich immer miteinander hatten.”
“Ober Herrn Franz von Assisi?”
Eine Sekunde oder zwei sah sie ihn an, ohne zu sprechen.
“Über Bruder Eesel”, sagte sie endlich.
Eustace hätte gern weiter gefragt, hielt es aber, da ihr
Mann erst so kurz verstorben war, für taktvoller, das zu
unterlassen.
“Wenn du heute vormittag in die Stadt hinunterfährst”,
unterbrach Mrs. Gamble, “wär's mir lieb, du nähmst
Veronica mit.”
“Ich wäre entzückt.” Sie hat einiges für mich
einzukaufen”, fuhr die alte
Frau fort.
Eustace wandte sich an Mrs. Thwale. “Dann wollen wir
zusammen bei Betti ein kleines Lunch nehmen.”
Aber es war die Königin-Mutter, die die Einladung
ablehnte.
“Nein, Eustace, ich will, daß sie gleich zurückkommt. In
einem Taxi.”
Er warf einen besorgten Blick auf Mrs. Thwale, um zu
sehn, wie sie es aufnahm. Das Gesicht der Ingres-Madonna
war ausdruckslos.
“In einem Taxi”, wiederholte sie mit ihrer klaren,
gleichmäßigen Stimme. “Gewiß, Mrs. Gamble.”
Eine halbe Stunde später trat Veronica Thwale in der
nüchternen Eleganz ihres schwarzen Kostüms in den Son-
nenschein hinaus. Am Fuß der Türstufen stand der große
dunkelblaue Isotta und sah ungeheuer kostspielig aus.
Aber Paul De Vries, überlegte sie, als sie einstieg, war
wahrscheinlich mindestens so wohlhabend wie Mr. Barnack.
“Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen”, sagte Eustace und
hob die Hand, in der er die zweite Zigarre des Tages hielt.
Sie wandte ihm weit geöffnete Augen zu, lächelte, ohne die
Lippen zu öffnen, und schüttelte den Kopf. Dann sah sie
wieder auf ihre behandschuhten Hände, die schlaff gefaltet
im Schoß lagen.
Langsam rollte der Wagen die Zypressenallee entlang
und durch das Gittertor hinaus auf die steilgewundene
Straße.
“Von allen Exemplaren meiner Sammlung”, sagte Eustace,
das lange Schweigen unterbrechend, “ist, glaube ich, die
Königin-Mutter vielleicht das bemerkenswerteste. Ein
fossiler Skorpion aus der Steinkohlenzeit in fast voll-
kommener Erhaltung.”
Mrs. Thwale lächelte ihre gefalteten Hände an. “Ich
verstehe nichts von Geologie”, sagte sie. “Und wie es sich
trifft, ist das Fossil meine Arbeitgeberin.”
“Das ist's, was ich am erstaunlichsten finde.”
Sie sah fragend zu ihm auf. “Sie meinen, daß ich mich bei
Mrs. Gamble als Gesellschafterin betätige?”
Das vorletzte Wort, so bemerkte Eustace anerkennend,
war leicht betont, so daß es seine volle, brontëische Bedeu-
tung annahm.
“Ja, das meine ich”, sagte er.
Mrs. Thwale sah ihn abschätzend an, vermerkte den flott
sitzenden Hut, den tadellos passenden perlgrauen Anzug,
die Sulka-Krawatte, die Rosenknospe im Knopfloch.
“Ihr Vater war nicht ein mittelloser anglikanischer
Geistlicher in einer ärmlichen Londoner Vorstadt”, er-
klärte sie.
“Nein, er war ein militanter Antiklerikaler in Bolton.”
“Oh, ich denke dabei nicht an den Glauben”, antwortete
sie mit einem leise ironischen Lächeln. “Sondern an das,
was Ihre Schwiegermutter ,die Tatsachen' nennt.”
“Wie etwa?”
Sie zuckte die Achseln. “Frostbeulen zum Beispiel. In
einem kalten Haus zu wohnen. Sich zu schämen, weil man
nur so alte und schäbige Kleider hat. Aber Armut war noch
nicht das Schlimmste. Ihr Vater hat nicht die christlichen
Tugenden geübt.”
“Im Gegenteil”, sagte Eustace. “Er war Berufsphilan-
throp. Sie wissen doch — Trinkbrunnen, Krankenhäuser,
Jugendheime.”
“Ah, aber er gab nur das Geld her und ließ seinen
Namen über die Tür setzen. Er mußte sich nicht selber in
seinen scheußlichen Heimen betätigen.”
“Wogegen Sie das tun mußten?”
Mrs. Thwale nickte. “Seit meinem dreizehnten Lebens-
jahr. Und sobald ich sechzehn war, vier Abende in der
Woche.”
“Hat man Sie gezwungen?”
Mrs. Thwale antwortete nicht sogleich. Sie dachte an
ihren Vater — an diese glänzenden Augen im Gesicht eines
schwindsüchtigen Phöbus, diesen langen hageren Körper,
vorgeneigt und engbrüstig. Und neben ihm ihre Mutter,
winzig und sehr zart, aber die Beschützerin seiner hilflosen
Weltfremdheit; ein kleiner, vogelhafter weiblicher Atlas,
der das ganze Gewicht der materiellen Welt des Mannes
trug.
“Es gibt so etwas wie moralische Erpressung”, sagte sie
endlich. “Wenn die Leute um einen herum sich unbedingt
wie Frühchristen benehmen wollen, dann bleibt einem
doch keine Wahl, nicht?”
“Nicht viel, das gebe ich zu.” Eustace nahm die Zigarre
aus dem Mundwinkel und atmete eine Rauchwolke aus.
“Das ist einer der Gründe”, fügte er mit einem glucksenden
Auflachen hinzu, “aus denen es so wichtig ist, die Gesell-
schaft der Guten zu meiden.”
“Eine der Guten war Ihre Stieftochter”, sagte Mrs.
Thwale nach einer kleinen Pause.
“Wer? Daisy Ockham?”
Sie nickte.
“Oh, dann muß Ihr Vater dieser Kanonikus, wie heißt er
nur? sein, von dem sie immer spricht.”
“Kanonikus Cresswell.”
“Stimmt — Cresswell.” Eustace sah sie strahlend an.
“Na, ich kann nur sagen, Sie sollten sie hören, wenn sie
von dem Thema anfängt!”
“Das hab ich”, sagte Mrs. Thwale. “Sehr oft.”
Daisy Ockham, Dotty Freebody, Yvonne Graves — die
heiligen Frauen. Eine dick, zwei dürr. Sie hatte einmal
eine Zeichnung von ihnen gemacht, wie sie am Fuß des
Kreuzes hockten, an das ihr Vater von einem Trupp Pfad-
finderjungen geschlagen wurde.
Eustace unterbrach das Schweigen mit einem kurzen
Auflachen auf Kosten seiner Stieftochter — und insgeheim
auch auf Kosten des Kanonikus Cresswell. Aber in diesem
Fall schien es nicht nötig zu sein, auf kindliche Pietät Rück-
sicht zu nehmen.
“Daisy und alle ihre guten Werke!” sagte er. “Aber
natürlich”, fügte er mit mitleidigem Bedauern hinzu, “es
gab nicht viel andres für das arme Ding, nachdem sie ihren
Mann und ihren Sohn verloren hatte.”
“Sie tat ihre guten Werke sogar schon vorher”, sagte
Mrs. Thwale.
“Da gibt's also wirklich keine Entschuldigung!”
Mrs. Thwale lächelte und schüttelte den Kopf. Dann
teilte sie ihm nach einer Pause aus freien Stücken mit, daß
es Daisy Ockham gewesen war, die sie ursprünglich mit
Mrs. Gamble bekannt gemacht hatte.
“Ein seltenes Privileg”, meinte Eustace.
“Aber ich hab doch in ihrem Haus Henry kennen-
gelernt!”
“Henry?”
“Meinen Mann.”
“Ach, natürlich.”
Es entstand ein Schweigen, während dessen Eustace an
seiner Zigarre saugte und sich zu erinnern suchte, was die
Königin-Mutter von Henry Thwale erzählt hatte. Partner
in einer Sollizitatorfirma, die das Vermögen Mrs. Gambles
verwaltete. Ein sehr angenehmer und wohlerzogener
Mensch; war aber mit einem perforierten Blinddarm hin-
übergegangen, erst — welches Alter hatte sie mit ihrer
gewohnten dämonischen Genauigkeit in solchen Dingen
erwähnt? — achtunddreißig, so schien er sich zu erinnern.
Also mußte Henry mindestens zwölf oder vierzehn Jahre
älter gewesen sein als seine Frau.
“Wie alt waren Sie, als Sie heirateten?” fragte er.
“Achtzehn.”
“Grade das richtige Alter, wie Aristoteles behauptet.”
“Aber nicht, wie mein Vater behauptete. Er wollte, ich
solle noch zwei Jahre warten.”
Von Vätern heißt es, sie goutieren den Gedanken nicht,
daß ihre jungen Töchter sich verheiraten.”
Mrs. Thwale sah auf ihre gefalteten Hände hinab und
dachte an ihre Flitterwochen, den Sommerurlaub am
Mittelmeer. Das Schwimmen, die köstlich benommen
machenden Sonnenbäder, die langen Siestastunden in dem
Aquariumzwielicht der grünen Jalousien ihres Schlaf-
zimmers.
“Das wundert mich nicht”, sagte sie, ohne den Blick zu
heben.
Bei der Erinnerung an jene Extreme von Lust und
Schamlosigkeit und Selbstpreisgabe lächelte sie ein wenig
in sich hinein. “Laienpfründnerin der Natur, erst ich lehrte
dich lieben.” Und dem Zitat hatte Henry als sein persön-
liches Zeugnis hinzugefügt, daß sie eine Musterschülerin
sei. Aber er war freilich ein guter Lehrer gewesen; was ihn
leider nicht gehindert hatte, auch von einem ganz abscheu-
lich jähzornigen Temperament und knauserig mit Geld
zu sein.
“Na, ich bin froh, daß Ihnen die Flucht gelang”, sagte
Eustace.
Mrs. Thwale schwieg eine Weile. “Nach Henrys Tod”,
sagte sie dann, “sah es fast so aus, als müßte ich dahin
zurück, woher ich gekommen war.”
“Zu den Armen und den Guten?”
“Zu den Armen und den Guten”, echote sie. “Aber
glücklicherweise brauchte Mrs. Gamble eine Vorleserin.”
“Und so leben Sie jetzt unter den Reichen und Schlech-
ten, wie?”
“Als Schmarotzerin”, sagte Mrs. Thwale gelassen. “Als
eine Art von glorifizierter Kammerzofe . . . Aber man muß
eben das kleinere Übel wählen.”
Sie öffnete ihr Handtäschchen, nahm ein Taschentuch
heraus, hob es an die Nase und atmete sein Parfüm von
Zibet und Blumen ein. In ihrem Elternhaus hing dauernd
der Geruch von Grünkohl und Kabeljau, und in den
Mädchenhorten — na ja, der Geruch von Mädchen.
“Ich persönlich”, sagte sie, während sie das Taschentuch
wegtat, “bin lieber ein Anhängsel in einem Haus wie dem
Ihren als selbständig mit — wieviel wär's gewesen? Unge-
fähr fünfzig Schilling in der Woche.”
Nach einem kurzen Schweigen sagte Eustace: “In Ihrer
Lage hätte ich vielleicht dieselbe Wahl getroffen.”
“Das würde mich nicht wundern”, war Mrs. Thwales
Bemerkung dazu.
“Aber ich glaube, ich hätte die Grenze gezogen bei .. .”
“Man zieht keine Grenzen, wenn man sich's nicht leisten
kann!”
“Nicht einmal bei fossilen Skorpionen?”
Mrs. Thwale lächelte. “Ihre Schwiegermutter hätte lieber
ein Trompetenmedium gehabt. Aber sogar sie muß mit
dem zufrieden sein, was sie finden kann.”
“Sogar sie!” wiederholte Eustace nach einem keuchen-
den Lachen. “Aber ich muß sagen, sie hat nicht wenig
Glück gehabt, jemand wie Sie zu finden, nicht wahr?”
“Nicht soviel Glück wie ich, Mrs. Gamble zu finden.”
“Und wenn Sie beide einander nicht gefunden hätten,
was dann?”
Mrs. Thwale zuckte die Achseln. “Vielleicht hätte ich
mir ein bißchen Geld mit Buchillustrationen verdient.”
“Oh, Sie zeichnen?”
Sie nickte. “Im geheimen.”
“Warum im geheimen?”
“Warum?” wiederholte sie. “Zum Teil aus bloßem Ge-
wohnheitszwang. Sehn Sie, die Zeichnungen, die man
machte, wurden daheim nicht sehr gewürdigt.”
“Aus welchen Gründen? Ästhetischen oder ethischen?”
Sie lächelte und zuckte die Achseln. “Schwer zu sagen!”
Aber ihre Mutter war so entsetzlich verstört gewesen
von der Entdeckung des Skizzenbuchs, daß sie sich für drei
Tage mit Migräne ins Bett legte. Hernach hatte Veronica
nie mehr gezeichnet, außer im WC und auf Papier, das
weggeworfen werden konnte ohne Gefahr, daß es im Ab-
fluß steckenbliebe.
Überdies”, fuhr sie fort, “ist Geheimhalten schon an
und für sich ein solcher Spaß.”
“Wirklich?”
Sagen Sie mir nicht, Sie fühlen in dieser Beziehung wie
mein Mann! Henry wäre Nacktkulturler gewesen, wenn
er zehn Jahre später geboren worden wäre.”
“Sie aber nicht, obgleich Sie tatsächlich zehn Jahre
später geboren wurden?”
Sie schüttelte nachdrücklich den Kopf. “Ich würde nicht
einmal eine Wäscheliste schreiben, wenn noch jemand im
Zimmer ist. Aber Henry . .. Wirklich, die Tür seines Zim-
mers war nie geschlossen. Nie! Es machte mich ganz krank,
ihn nur anzusehn.”
Sie schwieg einen Augenblick.
“Es gibt ein entsetzliches Gebet am Beginn der Kom-
munion”, fuhr sie fort. “Sie kennen es doch: ,Allmächtiger
Gott, vor dem alle Herzen offen sind, der jedes Verlangen
kennt und dem kein Geheimnis verborgen ist.' Wirklich
entsetzlich! Ich machte Zeichnungen über das Thema. Das
waren die, von denen meine Mutter am meisten bestürzt
zu sein schien.”
“Das will ich gern glauben”, sagte Eustace mit einem
Lachgluckser. “Einmal”, fügte er hinzu, “werden Sie mir
doch wohl einige Ihrer Zeichnungen zeigen?”
Mrs. Thwale sah ihn forschend an und wandte die
Augen weg. Ein paar Sekunden sprach sie nicht, dann gab
sie ihre Antwort, langsam und im Ton eines Menschen,
der ein Problem durchdachte und endlich zu einer Ent-
scheidung gekommen ist.
“Sie gehören zu den wenigen Leuten, denen ich sie nicht
höchst ungern zeigen würde.”
“Ich fühle mich geschmeichelt”, sagte Eustace.
Mrs. Thwale öffnete ihr Handtäschchen und zog zwi-
sehen dessen parfümiertem Inhalt einen halben Bogen
Briefpapier hervor.
“Daran habe ich heute morgen, vor dem Frühstück, ge-
arbeitet.”
Er nahm das Blatt und klemmte sich sein Monokel ins
Auge. Es war eine Federzeichnung und trotz ihrer Klein-
heit außerordentlich detailliert und genau. Tüchtige Lei-
stung, war Eustaces Urteil, aber unangenehm pitzlig. Er
sah sie näher an. Die Zeichnung stellte eine Frau dar, in
das strengste und korrekteste modische Tailormade ge-
kleidet, wie sie, Gebetbuch in der Hand, durchs Schiff
einer Kirche nach vorn ging. Hinter sich her, an einer
Schnur, zog sie einen Hufeisenmagneten — aber einen, der
so gebogen und gerundet war, daß er ein Paar sich bis zu
den Knien verjüngender Schenkel andeutete. Auf dem
Boden, ein kleines Stück hinter der Frau, lag ein riesiger
Augapfel, so groß wie ein Kürbis, und die Pupille starrte
wild auf den sich entfernenden Magneten. An den Seiten
des Auges entsprossen zwei wurmartige Arme und endeten
in einem Paar riesiger gekrümmter Hände, die sich in den
Boden krallten. So stark war die Anziehung und so ver-
zweifelt das vergebliche Bemühn zu widerstehn, daß die
schleifenden Fingernägel lange Rillen in die Steinfliesen
gerissen hatten.
Eustace zog die linke Braue hoch und ließ sein Monokel
fallen. “An der Parabel verstehe ich nur eins nicht” ,
sagte er. “Warum in einer Kirche?”
“Ach, aus einer ganzen Anzahl von Gründen”, ant-
wortete Mrs. Thwale, die Achseln zuckend. “Achtbarkeit
erhöht die Anziehungskraft einer Frau immer. Und Ent-
weihung gibt dem Vergnügen eine Extrawürze. Und
schließlich ist eine Kirche der Ort, wo Leute heiraten.
Überdies, wer sagt Ihnen, daß es nicht das Dekameron
ist, was sie in der Hand trägt, in schwarzes Leder ge-
bunden wie ein Gebetbuch?”
Sie nahm das Blättchen Papier und tat es in ihre Hand-
tasche zurück.
Es ist schade, daß Fächer aus der Mode gekommen
sind”, fügte sie in anderm Ton hinzu, “Und diese großen
weißen Masken, die Casanova erwähnt. Oder Gespräche
mit einem Wandschirm dazwischen, etwa wie mit den
Damen in der Geschichte von Genji. Wäre das nicht himm-
lisch?”
“Wäre es das?”
Sie nickte, und ihr Gesicht leuchtete von ungewohnter
Belebung. “Man könnte die seltsamsten Dinge tun, wäh-
rend man mit dem Vikar plaudert über . .. na, sagen wir,
den Völkerbund. Oh, die allerseltsamsten!”
“Beispielsweise?”
Ein kleines Grunzen, dieses fast tonlose Auflachen, war
die ganze Antwort, die sie ihm gönnte. Es entstand eine
Pause.
“Und dann”, fügte sie hinzu, “denken Sie doch, welche
Ungeheuerlichkeiten man hervorbringen könnte, ohne zu
erröten!”
“Und Sie haben das Gefühl, daß Sie Ungeheuerlichkei-
ten hervorbringen möchten?”
Mrs. Thwale nickte.
“Ich wäre eine gute Naturwissenschaftlerin geworden”,
sagte sie.
“Was hat denn das damit zu tun?”
“Aber sehn Sie denn nicht?” fragte sie ungeduldig.
“Sehn Sie denn nicht? Stückchen von Fröschen und Mäusen
abzuschneiden, Krebsgewebe auf Kaninchen zu pfropfen,
Dinge miteinander in Reagenzröhrchen zu kochen — nur
um zu sehn, was draus wird, nur des Spaßes halber; mut-
willig Monstrositäten hervorzubringen — aus mehr besteht
Naturwissenschaft nicht.”
“Und Ihnen würde das Freude machen außerkalb des
Laboratoriums? “
“Nicht in der Öffentlichkeit, selbstverständlich.”
“Aber wenn Sie im Hinterhalt säßen, hinter einem
Wandschirm, wo die Guten Sie nicht sehen könnten ...”
“Im Hinterhalt, hinter einem Wandschirm”, wiederholte
Mrs. Thwale gedehnt. “Und nun”, fuhr sie in anderm Ton
fort, “werde ich aussteigen müssen. Irgendwo hier auf dem
Lungarno ist ein Laden, wo man Gummiratten für Hunde
bekommt. Ratten mit Schokoladegeschmack. Auf den ist
Foxi sehr scharf, so scheint es. Ah, hier sind wir!”
Sie neigte sich vor und klopfte an die Glasscheibe.
Eustace sah ihr nach. Dann setzte er seinen Hut wieder
auf und befahl dem Chauffeur, zu Greuil in die Via Tor-
nabuoni zu fahren.
7. KAPITEL

Greuil Frères, Bruxelles, Paris ...


Eustace stieß die Tür auf und betrat den vollgeräumten
Laden “Wo jedes Bild entzücket”, summte er, wie stets bei
dieser Gelegenheit die Hymne des Bischofs von Kalkutta
parodierend, “und nur der Mensch ein Greuil Frère,
Bruxelles, Paris, Firenze, Wien.”
Aber an diesem Vormittag bot sich seinem Blick nicht
der, sondern das Mensch. Mme. Greuil war, als er eintrat,
grade dabei, einen unverkennbaren anglo-indischen Colo-
nel zum Ankauf eines Braque zu überreden. Der Versuch
war so lächerlich und die Versucherin so hinreißend hübsch,
daß Eustace Interesse für ein besonders häßliches Stück
Majolika simulierte, um einen Vorwand zu haben, aus der
Nähe beobachten und horchen zu können.
Perlig, golden, köstlich rosig und rundlich — wie war
dieses strotzende junge Geschöpf der Rubensleinwand ent-
sprungen, die so offenkundig seine Heimstätte war? Und,
gütiger Himmel! wie kam es, daß eine Gestalt aus Peter
Pauls Mythologie Kleider trug? Doch auch in ihrer un-
passenden Garnierung aus dem zwanzigsten Jahrhundert
blieb Greuils flämische Venus scharmant. Was die Absur-
dität dessen, was sie da dem Colonel vorspielte, nur stei-
gerte. Mit dem Ernst eines kleinen Mädchens, das sich die
größte Mühe gibt, die so mühselig auswendig gelernte
Lektion wortgetreu herzusagen, plapperte sie gewissenhaft
die Unsinnsfloskeln nach, mit denen ihr Mann seine Suada
so unvergleichlich zierte. “Taktik valeurs”, “Rhythmus”,
“signifikante Formen”, “repoussoirs”, “kalligraphische
Kontur” — Eustace erkannte alle die stereotypen Phrasen
der zeitgenössischen Kunstkritik wieder und neben ihnen
solche Produkte von Greuils eignem, üppig wucherndem
Genie, wie “vierdimensionales Volumen”, “couleur
d'eternite” und “plastische Polyphonie”; das alles auf
englisch mit einem so starken französischen Akzent vor-
gebracht, so unanständig “putzig”, so sehr an das “tres
mechant” -Gezwitscher einer pariserischen Miss auf der
englischen Operettenbühne erinnernd, daß das derbrote
Gesicht des Colonels vor Lüsternheit förmlich glänzte.
Plötzlich ertönten eilige Schritte und der laute, entzückte
Ruf: “Monsieur Eustache!” Eustace wandte den Kopf.
Untermittelgroß, breitschultrig, erstaunlich flink und agil,
war es Gabriel Greuil selbst, der da, zwischen den Barock-
statuen und den Cinquecentomöbeln durch, auf ihn zuge-
eilt kam. Er ergriff Eustaces Hand mit seinen beiden,
schüttelte sie lange und überschwenglich, beteuerte ihm in
einer Sturzflut von unverbesserlich belgisch klingendem
Englisch, wie glücklich er sei, wie stolz, wie tief gerührt
und geschmeichelt; und flüsterte dann, die Stimme senkend,
dramatisch, daß er soeben etwas von seinem Bruder in
Paris erhalten habe, eine Sendung von Schätzen, bei deren
erstem Anblick er sich sogleich gesagt habe, daß er sie
niemand zeigen wolle, keiner Seele, nicht einmal Pierpont
Morgan selbst, bei Gott nicht! ehe nicht ce eher monsieur
Eustache die Jungfernschaft aus dem Portefeuille gepflückt
und es seiner erlesensten Süßigkeiten beraubt hätte. Und
was für Süßigkeiten! Handzeichnungen von Degas, wie
man nie ähnliche gesehn habe.
Noch immer von Begeisterung übersprudelnd, ging er in
einen Hinterraum voran. Auf einem üppig geschnitzten
venezianischen Tisch lag eine schwarze Mappe.
“Hier”, rief er und wies mit der Geste eines Menschen
auf sie, der bei einem alten Meisterbild einigermaßen über-
flüssigerweise auf die Verklärung Christi oder das Mar-
tyrium des heiligen Erasmus aufmerksam macht.
Einen Augenblick schwieg er, und während er dann seine
Miene zum libidinösen Feixen eines Sklavenhändlers ver-
änderte, der einem alternden Pascha ein paar Zirkassie-
rinnen anpreist, begann er die Bänder der Mappe zu ent-
knüpfen. Die Hände, so bemerkte Eustace, waren geschickt
und kräftig, ihre Rücken von einem Pelz schwarzer Haare
bedeckt, die kurzen Finger exquisit manikürt. Schwungvoll
schlug Monsieur Greuil den schweren Deckel aus Pappe
zurück.
“Schauen Sie doch!”
Es klang triumphierend und selbstgewiß. Beim Anblick
dieser frisch entsprossenen Brustwarzen, dieses unver-
gleichlichen Nabels, konnte kein Pascha, und wenn noch
so übersättigt, auch nur im mindesten widerstehn.
“Schauen Sie doch nur!”
Sein Monokel einklemmend, schaute Eustace und sah die
Kohleskizze einer nackten Frau, die in einer einem rö-
mischen Sarkophag gleichenden Blechbadewanne stand.
Der eine Fuß, mißgeformt durch das Tragen zu enger
Schuhe, war auf den Rand der Wanne gesetzt, und die
Frau bückte sich, so daß Haar und Brüste nach der einen
Seite hingen, während der Rumpf knochig nach der andern
hinausstand und das eine Knie, im denkbar ungraziösesten
Winkel, auswärts gebogen war, damit sie die Ferse scheu-
ern könnte, die, wie man durch eine unanalysierbare
Finesse der Zeichnung erriet, gelblich war und trotz Seife
chronisch schmutzig aussah.
“War dies das Antlitz ...?” zitierte Eustace halblaut.
Aber es gab wirklich niemand, der Degas ganz gleich-
kam, niemand, der die kosigen, häuslichen Jämmerlich-
keiten unserer physischen Existenz so eindringlich und in
so erlesen schönen Formen wiederzugeben vermochte.
“Sie hätten mir nicht den Magnasco verkaufen sollen”,
sagte er laut. “Wie soll ich mir jetzt eine von diesen
leisten?”
Der Sklavenhändler warf einen Blick auf den Pascha
und sah, daß die Zirkassierinnen die erwünschte Wirkung
zu haben begannen. Aber sie seien so billig, widersprach
er; und eine so sichere Anlage — so sicher wie Suezkanal-
Aktien. Und dann möge Monsieur Eustace sich doch diese
hier ansehn!
Er legte das erste Blatt beiseite; und es zeigte sich das
Antlitz, das ein Tausend Schiffe in See gesandt, nun von
hinten, wie es sich über den Blechsarkophag vorneigte und
sich mit einem Handtuch kräftig den Nacken trockenrieb.
Gabriel Greuil wies mit einem dicken, tadellos mani-
kürten Zeigefinger auf die Hinterbacken.
“Diese valeurs!” hauchte er ekstatisch. “Diese Volumen,
diese Kalligraphie!”
Eustace platzte mit einem Lachen heraus. Aber wie ge-
wöhnlich war es Monsieur Greuil, der zuletzt lachte. Schritt
für Schritt begann der übersättigte Pascha nachzugeben. Er
werde es vielleicht in Erwägung ziehn — das heiße, wenn
der Preis nicht allzu exorbitant ...
Nur achttausend Lire, redete ihm der Sklavenhändler
zu, nur achttausend, für etwas, das nicht nur ein Meister-
werk, das überdies eine sichere Kapitalsanlage sei.
Es war ein ganz vernünftiger Preis; aber Eustace fühlte
sich verpflichtet, ihn zu hoch zu finden.
Nein, nein, keinen Centesimo weniger als achttausend.
Aber wenn Monsieur Eustace zwei von ihnen nehme und
bar zahle, könne er sie zusammen um nur vierzehn haben.
Vierzehn, vierzehn ... Nach dem Brief von der Bank
heute morgen konnte man fast sagen, man bekomme zwei
Degas gratis, einfach geschenkt. Nachdem sein Gewissen
beruhigt war, zog Eustace sein Scheckbuch hervor.
“Ich nehme sie gleich mit”, sage er, auf die Fußwäscherin
und die Nackentrocknerin weisend.
Fünf Minuten später trat er, das rechteckige flache Paket
unterm Arm, wieder ins Sonnenlicht der Via Tornabuoni.
Von Greuils Kunsthandlung begab sich Eustace in die
Leihbibliothek von Vieusseux, um zu sehn, ob die dort
ein Exemplar von Lamettries L'Homme Machine hatten.
Aber natürlich hatten sie keins; und nachdem er die
neuesten französischen und englischen Zeitschriften durch-
geblättert hatte, in der vergeblichen Hoffnung, etwas zu
finden, was man lesen könnte, trat er wieder ins Gedränge
der engen Straßen hinaus.
Nach einem Augenblick des Zögerns entschied er sich
dafür, auf einen Sprung in den Bargello zu gehn und
dann,' auf dem Weg zum Mittagessen, zu Bruno Rontini
hineinzusehn und ihn zu bitten, für Sebastian die Erlaub-
nis zur Besichtigung der Villa Galigai zu beschaffen.
Zehn Minuten genügten, um zwischen den Donatellos
hindurchzueilen, und den Kopf voller heroischer Bronze-
und Marmorgestalten, schlenderte er weiter, der Buch-
handlung zu.
Ja, es wäre sehr schön, dachte er, es wäre wirklich sehr
schön, wenn das Leben, das man geführt hatte, von der
Qualität dieser Statuen gewesen wäre. Adel ohne Affek-
tation. Abgeklärtheit im Verein mit leidenschaftlicher
Energie. Würde mit Anmut gepaart. Aber leider waren
das nicht grade die Merkmale, die sein eignes Leben auf-
zuweisen hatte. Und das war zweifellos bedauerlich. Es
hatte aber selbstverständlich seine entschädigenden Vor-
teile. Eine Donatellofigur zu sein, wäre für seinen Ge-
schmack etwas ganz und gar zu Anstrengendes gewesen.
So etwas war viel eher etwas für John — John, der sich
immer als das Äquivalent einer Mischung aus Gatta-
melata und Johannes dem Täufer sah. In Wirklichkeit
aber war sein Leben ... was? Eustace suchte nach der
Antwort und entschied schließlich, daß Johns Leben sich
am besten einem Kriegsbild vergleichen ließ, von einem
dieser jämmerlichen Pinsler gemalt, die fürs Illustrieren
von Magazinen geboren waren, aber unseligerweise die
Kubisten zu Gesicht bekommen und sich die hohe Kunst
angewöhnt hatten. Armer John! Er besaß keinen Ge-
schmack, kein Stilgefühl .. .
Doch hier um die Ecke war Brunos Laden. Er öffnete die
Tür und betrat das Dunkel der kleinen, mit Büchern aus-
gekleideten Höhle.
Hinter dem Ladentisch saß ein Mann und las beim Licht
einer grünbeschirmten Lampe, die von der Decke hing.
Beim Erklingen der Türglocke legte er das Buch weg, und
mit Bewegungen, die mehr Resignation angesichts der
Unterbrechung als Erfreutsein angesichts einer Kundschaft
ausdrückten, erhob er sich und ging dem Eingetretenen
entgegen. Er war ein junger Mann Mitte der Zwanziger,
hochgewachsen, grobknochig, mit einem schmalen konvexen
Gesicht wie das eines angestrengt nachdenkenden und
überernsten, aber doch nicht sehr intelligenten Widders.
“Buon giorno”, sagte Eustace munter.
Der junge Mann erwiderte seinen Gruß ohne jede Spur
eines antwortenden Lächelns, nicht etwa, dessen fühlte sich
Eustace gewiß, weil er unhöflich zu sein wünschte, son-
dern einfach, weil für ein solches Gesicht jedes Lächeln
fast eine Unmöglichkeit war.
Er fragte, wo Bruno sei, und erfuhr, daß Bruno nicht
vor einer Stunde zurückkäme.
“Strabanzt wie gewöhnlich herum!” bemerkte Eustace
dazu, mit dieser unnötigen und recht witzlosen Scherz-
haftigkeit, zu der ihn, wenn er Italienisch sprach, das Ver-
langen, seine vollkommene Beherrschung des toskanischen
Idioms darzutun, so oft vorführte.
“Wenn Sie es so ausdrücken wollen, Mr. Barnack”, sagte
der junge Mann mit ruhigem Ernst.
“Oh, Sie wissen, wer ich bin?”
Der andre nicke. “Ich kam einmal in den Laden, im ver-
gangenen Herbst, als Sie grade mit Bruno sprachen.”
“Und als ich gegangen war, hat er Ihnen mit einer
gründlichen Sezierung meines Charakters aufgewartet?”
“Wie können Sie das sagen!” rief der junge Mann vor-
wurfsvoll. “Sie, der Sie Bruno so lange kennen!”
Eustace lachte und klopfte ihm auf die Schulter. Der
Bursche hatte natürlich keinen Humor; war aber in seiner
Loyalität für Bruno und der feierlichen ovinen Aufrichtig-
keit, mit der er sprach, seltsam rührend.
“Ich hab ja nur gescherzt”, sagte er. “Bruno ist der letzte,
der über einen andern klatschen würde, sobald er den
Rücken kehrt.”
Zum erstenmal während des Gesprächs erhellte sich das
Gesicht des jungen Mannes zu einem Lächeln.
“Ich bin froh, daß Sie das begreifen”, sagte er.
“Nicht nur begreifen, sondern manchmal sogar be-
dauern”, sagte Eustace ein wenig boshaft. “Nichts ruiniert
Konversation so gründlich wie verzeihendes Verstehn.
Und von den Tugenden andrer läßt sich schwer amüsant
reden. Wie heißen Sie übrigens?” fügte er hinzu, bevor
der junge Mann Zeit hatte, die schmerzliche Mißbilligung
aus seiner Miene in Worte zu übersetzen.
“Malpighi, Carlo Malpighi.”
“Nicht etwa mit dem Avvocato Malpighi verwandt?”
Der andre zögerte; ein Ausdruck der Verlegenheit er-
schien auf seinem Gesicht.
“Er ist mein Vater”, sagte er endlich.
Eustace verriet keine Überraschung; aber seine Neugier
war geweckt. Warum der Sohn eines äußerst erfolgreichen
Rechtsanwalts wohl antiquarische Bücher verkaufte? Er
nahm sich vor, das herauszufinden.
“Ich vermute, Bruno ist Ihnen sehr behilflich gewesen?”
begann er und schlug damit den Weg ein, den er für den
kürzesten zum Vertrauen des jungen Mannes hielt.
Er täuschte sich nicht. Nach einer kleinen Weile hatte er
Jung-Rammsnaseweis fast zum Schwatzen gebracht: von
seiner kränklichen und konventionellen Mutter; von seines
Vaters Vorliebe für die beiden älteren und gescheiteren
Söhne; wie il Darwinismo auf ihn eingewirkt und er seinen
Glauben verloren habe; daß er sich der Religion des Hu-
manismus zuwendete.
“Religion des Humanismus!” wiederholte Eustace fein-
schmeckerisch. Wie köstlich komisch, daß Leute noch immer
an die Menschheit glaubten!
Vom theoretischen Sozialismus zu einem aktiven Anti-
faschismus war es nur ein Schritt, ein kurzer und logischer
— und in Carlos Fall ein besonders logischer gewesen, da
beide Brüder Parteimitglieder und im raschen Empor-
klettern der Rangleiter begriffen waren. Carlo hatte zwei
Jahre damit verbracht, verbotene Schriften zu verteilen,
heimliche Zusammenkünfte zu besuchen und zu Bauern
und Arbeitern zu sprechen, um sie, wie er hoffte, dazu
zu überreden, der alles durchdringenden Tyrannei irgend-
eine Art von Widerstand entgegenzusetzen. Aber nichts
geschah; er hatte keinerlei Erfolg seiner Bemühungen auf-
zuweisen. Insgeheim murrten die Leute und raunten ein-
ander Witze und schlüpfrige Geschichtchen über ihre
Zwingherren zu; öffentlich schrien sie weiter: “Duce,
Duce!” Und inzwischen wurde von Zeit zu Zeit einer von
Carlos Gefährten erwischt und entweder auf die alt-
modische Art verprügelt oder auf die Insel verschifft. Das
war alles gewesen; absolut alles.
“Und auch wenn es nicht alles gewesen wäre”, warf
Eustace ein, “auch wenn Sie die Leute dazu überredet
hätten, etwas Gewaltsames und Entscheidendes zu tun,
was dann? Eine kleine Weile hätte Anarchie geherrscht,
und dann, um die Anarchie zu kurieren, wäre ein andrer
Diktator gekommen, hätte sich einen Kommunisten ge-
nannt, zweifellos, aber sonst wäre er von seinem Vor-
gänger nicht zu unterscheiden gewesen. Gar nicht zu unter-
scheiden”, wiederholte er mit den fröhlichsten Lach-
glucksern. “Natürlich nur, wenn er nicht zufällig schlimmer
gewesen wäre.”
Der andre nickte. “Auch Bruno sagt etwas dergleichen.”
“Ein verständiger Mensch!”
“Er sagt aber auch noch etwas andres —”
“Aha, das habe ich befürchtet!”
Carlo ließ die Unterbrechung unbeachtet, und sein
Gesicht glühte vor plötzlichem Eifer.
“— daß es nur einen einzigen Winkel des Universums
gibt, den verbessern zu können man gewiß sein kann, und
der ist das eigene Ich. Das eigene Ich”, wiederholte er.
Also muß man da beginnen, nicht außen, nicht bei andern
Leuten. Das kommt später, wenn man in seinem eigenen
Winkel gearbeitet hat. Man muß gut sein, bevor man
Gutes tun kann — jedenfalls bevor man Gutes tun kann,
ohne gleichzeitig Schaden zu tun. Mit der einen Hand
wohltun, mit der andern wehtun — das ist's, was der
gewöhnliche Reformer tut.”
“Wogegen der wahrhaft Weise”, sagte Eustace, “mit
keiner etwas tut.”
“Nein, nein”, widersprach der andre mit einem Ernst,
der kein Lächeln kannte. “Der Weise beginnt damit, daß
er sich umwandelt, um andern helfen zu können, ohne
Gefahr zu laufen, dabei verdorben zu werden.”
Und mit der Sprunghaftigkeit der Leidenschaft begann
er von der Französischen Revolution zu reden. Die Männer,
die sie machten, hätten die besten Absichten gehabt; aber
diese guten Absichten seien hoffnungslos mit Eitelkeit und
Ehrgeiz und Fühllosigkeit und Grausamkeit vermengt
gewesen. Die unausweichliche Folge davon sei gewesen,
daß, was als eine Freiheitsbewegung begonnen hatte, zu
Terrorismus und einem Streit um die Macht entartete, zu
Tyrannei und Imperialismus und in der ganzen Welt zu
Gegenbewegungen gegen den Imperialismus. Und dazu
müsse es einfach überall kommen, wo die Menschen ver-
suchen, Gutes zu tun, ohne gut zu sein. Niemand könne
mit schmutzigen oder mißgeformten Werkzeugen ordent-
liche Arbeit leisten. Es gebe keinen Ausweg, nur Brunos
Weg. Und selbstverständlich sei Brunos Weg derjenige,
auf den schon oft hingewiesen worden sei von ...
Er verstummte plötzlich, und erst jetzt Eustace als mög-
lichen Kunden wahrnehmend, sah er sehr schafsmäßig drein.
“Entschuldigen Sie”, sagte er, “ich weiß nicht, warum
ich so zu Ihnen rede. Ich hätte Sie fragen sollen, was Sie
wünschen.”
“Genau das, was Sie mir gegeben haben”, sagte Eustace
mit einem Lächeln belustigter und ein wenig ironischer
Freundlichkeit. “Und ich bin bereit, jedes Buch zu kaufen,
das Sie empfehlen, von Aretino bis zur Petite Fadette.”
Carlo Malpighi sah ihn einen Augenblick zögernd und
schweigend an, beschloß dann, ihn beim Wort zu nehmen,
ging zu einem der Regale und kam mit einem ziemlich ab-
gegriffenen Band zurück.
“Kostet nur fünfundzwanzig Lire”, sagte er.
Eustace klemmte sein Monokel ein, öffnete das Buch
aufs Geratewohl und las laut:
“ ,An Gnade fehlte es dir nicht, aber du fehltest der
Gnade. Gott entzog dir nicht die Wirkung seiner
Liebe, aber du entzogst seiner Liebe deine Mit-
wirkung. Gott hätte dich nie zurückgewiesen, wenn
du ihn nicht zurückgewiesen hättest.'
Sapperlot!” Er blätterte zurück zum Titelblatt. “Traktat
von der Liebe Gottes, von St-Frangois de Sales”, las er.
“Schade, daß es nicht de Sade ist. Allerdings”, fügte er,
die Brieftasche hervorziehend, hinzu, “hätte es dann be-
trächtlich mehr als fünfundzwanzig Lire gekostet.”
8. KAPITEL

Eustace hatte sich darauf verlassen, bei Betti irgend-


einen Bekannten anzutreffen, mit dem er essen könnte, und
hatte daher keine Verabredung zum Lunch getroffen.
Unklugerweise, wie er nun einsah, als er das Lokal betrat.
Denn Mario De Lellis war umringt von einer großen
konvivialen Gesellschaft und konnte nur von fern einen
Gruß winken. Und Pippas Vater, der feierlich ernste alte
Schottelius, hielt zwei andern Deutschen einen pontifikalen
Vortrag über Weltpolitik. Und Tom Pewsey, der saß dort
so traulich mit einem so außerordentlich hübschen nor-
dischen Jüngling, daß er das Erscheinen seines ältesten
Freundes gar nicht bemerkte.
Also setzte sich Eustace an den ihm angewiesenen Tisch
und machte sich ziemlich betrübt darauf gefaßt, ein ein-
sames Mahl zu verzehren, als ihm plötzlich über den Rand
der Speisenkarte her eine eindringliche Anwesenheit be-
wußt wurde. Er hob den Blick und gewahrte einen schlan-
ken jungen Mann, der mit der ganzen, wie auf einen
Brennpunkt eingestellten Aufmerksamkeit zweier sehr
heller brauner Augen und den unverwandt starrenden
Löchern einer neugierig aufgeworfenen Nase auf ihn
niedersah.
“Sie erinnern sich vermutlich meiner nicht”, sagte der
Fremde.
Es war eine Stimme aus Neu-England; und ihr Tonfall
verband auf sonderbare Weise angeborenen ungeduldigen
Eifer mit einer anerzogenen akademischen Ausdrucks-
losigkeit, Bedächtigkeit und Eintönigkeit.
Eustace schüttelte den Kopf. “Nein, ich fürchte, ich er-
innere mich nicht”, gestand er.
“Ich hatte das Vergnügen, Ihnen im Januar in Paris
vorgestellt zu werden. Bei Mrs. Gamble.”
“Oh, Sie sind Mr. De Jong?”
“De Vries”, verbesserte der junge Mann, “Paul De
Vries.”
“Über Sie weiß ich eine ganze Menge”, sagte Eustace.
“Sie erzählen meiner Schwiegermutter von Einstein.”
Sehr strahlend, als knipste er mit bewußter Absicht ein
Licht an, lächelte der junge Mann. “Läßt sich ein an-
regenderes Thema denken?”
“Keines — es sei denn das Thema des Mittagessens, wenn
die Uhr sagt, daß es halb zwei ist. Wollen Sie mir bei
einer Diskussion darüber Gesellschaft leisten?”
Der junge Mann hatte offenbar just eine solche Ein-
ladung erhofft.
“Ich danke Ihnen vielmals.” Er legte die beiden dicken
Bücher, die er trug, auf den Tischrand, setzte sich, stützte
die Ellbogen auf und neigte sich zu seinem Gefährten.
“Jeder Mensch sollte etwas von Einstein wissen”, fing
er an.
“Einen Augenblick”, unterbrach ihn Eustace. “Beginnen
wir, indem wir entscheiden, was wir essen wollen.”
“Ja, ja, das ist sehr wichtig”, stimmte der andre bei,
aber mit einem offenkundigen Mangel jeglicher Überzeu-
gung. “L'estomac a ses raisons, würde Pascal sagen.” Er
lachte, wie um einer Pflicht zu genügen, und griff nach der
Speisenkarte. Als der Kellner die Bestellungen entgegen-
genommen hatte, stemmte er wieder die Ellbogen auf und
begann von neuem.
“Wie ich sagte, Mr. Barnack, jeder Mensch sollte etwas
von Einstein wissen.”
“Auch jeder, der nicht verstehn kann, was der zu sagen
hat?”
“Aber es kann's jeder”, widersprach der andre. “Es sind
nur die mathematischen Operationen, die schwierig sind.
Das Prinzip ist einfach — und schließlich ist es doch das
Verständnis des Prinzips, was Wertungen und Verhalten
beeinflußt.”
Eustace lachte laut heraus. “Ich kann meine Schwieger-
mutter ihre Wertungen und ihr Verhalten ändern sehn,
um sie dem Relativitätsprinzip anzupassen!”
Na ja sie ist natürlich schon ein wenig ältlich”, gab der
andre zu. “Ich dachte mehr an Leute, die jung genug sind,
um flexibel zu sein. Zum Beispiel die Dame, die als Mrs.
Gambles Gesellschafterin fungiert ...”
Aha, also das war's! Darum war er so beflissen in seinen
Aufmerksamkeiten gegen die Königin-Mutter gewesen!
Dann war aber die Zeichnung des magnetisierten Auges
vielleicht nicht nur eine Parabel, sondern ein Stückchen
Geschichte.
“... mathematisch gesprochen, beinahe eine Analpha-
betin”, sagte der junge Mann. “Aber das hindert sie nicht,
die Reichweite und Bedeutung der Einsteinschen Revo-
lution zu begreifen.” Und was für einer Revolution! fuhr
er mit steigender Begeisterung fort. Unvergleichlich be-
deutungsvoller als alles, was in Rußland oder Italien
geschehn sei. Denn dies sei die Revolution, die den ganzen
Verlauf wissenschaftlichen Denkens verändert habe, den
Idealismus wiedergebracht, den Geist dem Gewebe der
Natur integriert und für immer diesem Alptraum ein
Ende gemacht habe, dem Alptraum von einem Universum
unendlich kleiner Billardkugeln, den das neunzehnte Jahr-
hundert geträumt hatte.
“Wirklich schade”, sagte Eustace so nebenhin. “Ich habe
diese kleinen Billardkugeln gradezu geliebt.”
Er widmete sich dem Teller bandförmiger lasagne verdi,
den der Kellner vor ihn gestellt hatte.
“Erstklassig”, sagte er anerkennend mit vollem Mund.
“Fast so gut wie im Pappagallo in Bologna. Kennen Sie
Bologna?” fügte er hinzu und hoffte, damit das Gespräch
auf kongenialere Themen abzulenken.
Aber Paul De Vries kannte Bologna nur allzu gut; hatte
im vergangenen Herbst eine Woche dort verbracht und
Unterredungen mit den interessantesten Leuten von der
Universität gehabt.
“Von der Universität?” wiederholte Eustace ungläubig. Der
junge Mann nickte, legte die Gabel hin und erklärte, er
habe während der letzten zwei Jahre eine Tour durch alle
führenden Universitäten Europas und Asiens gemacht; sei
dabei so ziemlich mit allen wirklich bedeutenden Leuten an
einer jeden in Berührung gekommen; habe nämlich
versucht, sich ihrer Mitwirkung für sein großes Projekt zu
versichern —die Errichtung einer internationalen
Austauschstelle von Ideen, die Schaffung eines General-
stabs, einer wissenschaftlich-religiös-philosophischen Syn-
these für den ganzen Planeten.
“Mit Ihnen selbst als Chef?” konnte sich Eustace nicht
enthalten einzuwerfen.
“Nein, nein”, verwahrte sich der andre. “Nur als Ver-
bindungsoffizier und Dolmetscher. Nur als Brückenbau-
ingenieur.”
Das sei das ganze Ausmaß seines Ehrgeizes: ein schlichter
Brückenbauer zu sein, ein Pontifex. Nicht maximus, fügte
er mit wieder so einem hellen, bewußt eingeschalteten Lä-
cheln hinzu. Ein Pontifex minimus. Und er habe alle Hoff-
nung auf Erfolg. Die Leute seien außerordentlich freund-
lich und hilfreich und interessiert gewesen. Und nebenbei
könne er Eustace versichern, daß Bologna seinem alten Ruf
durchaus gerecht werde. Es würden dort gradezu auf-
regende Arbeiten über Kristallographie gemacht; und in
seinen letzten Vorlesungen über Ästhetik mache Bonomelli
Gebrauch von allen Hilfsquellen moderner Psychophysio-
logie und vieldimensionaler Mathematik. Etwas, das sich
Bonomellis Ästhetik wirklich vergleichen lasse, sei noch nie
dagewesen.
Eustace wischte sich den Mund und trank ein wenig von
dem Chianti.
“Ich wollte, man könnte dasselbe von der heutigen ita-
lienisdien Kunst sagen”, bemerkte er, als er sein Glas aus
dem bauchigen fiasco in dem Kippständer nachfüllte.
Ja, gab der andre abwägend zu, es sei wohl wahr, daß
Staffeleibilder im heutigen Italien nicht viel hießen, aber
er habe höchst bemerkenswerte Beispiele sozialisierter und
kommunaler Kunst gesehn. Klassisch-funktionale Post-
ämter, giganteske Fußballstadien, heroische Wandgemälde.
Und das werde doch schließlich die Kunst der Zukunft sein.
Lieber Gott”, sagte Eustace, “ich hoffe nur, ich werd's nicht
erleben, sie zu sehn!”
Paul de Vries winkte dem Kellner, den fast unberührten
Teller lasagne zu entfernen, zündete sich hungrig eine Zi-
garette an und sprach weiter.
“Sie sind, wenn ich so sagen darf, ein Exemplar des
individualistischen Menschen. Aber der individualistische
Mensch weicht rapid dem sozialistischen.”
“Ich hab's gewußt”, sagte Eustace. “Jeder, der der
Menschheit Gutes tun will, endet stets dabei, sie in allem
herumzukommandieren.”
Der junge Mann widersprach. Er rede nicht von Regle-
mentierung, sondern von Integrierung. Und in einer richtig
integrierten Gesellschaft werde ein neues kulturelles Feld
entstehn, innerhalb dessen neue Arten ästhetischer Werte
entstehn würden.
“Ästhetische Werte!” wiederholte Eustace ungeduldig.
“Das ist eine von diesen Phrasen, die mich mit tiefstem
Mißtrauen erfüllen.”
“Was veranlaßt Sie, das zu sagen?”
Eustace antwortete mit einer andern Frage. “Welche
Farbe hat die Tapete Ihres Hotelzimmers?” fragte er.
“Welche Farbe ... die Tapete?” echote der junge Mann
in einem Ton des Erstaunens. “Keine blasse Ahnung.”
“Ja, das hab ich mir gedacht”, sagte Eustace. “Und dar-
um mißtraue ich ästhetischen Werten so sehr.”
Der Kellner brachte die Truthahnbrust in Rahmsoße,
und er verfiel in Schweigen. Paul De Vries drückte seine
Zigarette aus und nahm zwei oder drei Bissen, die er mit
außerordentlicher Geschwindigkeit kaute, wie ein Kanin-
chen. Dann wischte er sich die Lippen, entzündete eine
neue Zigarette und starrte Eustace mit seinen hellen Augen
und glotzenden Nasenlöchern an.
“Sie haben recht”, sagte er, “Sie haben durchaus recht.
Mein Geist ist so eifrig damit beschäftigt, über Werte nach-
zudenken, daß ich keine Zeit habe, sie zu erleben.”
Dieses Eingeständnis wurde mit so naiver Bescheidenheit
gemacht, daß Eustace davon fast gerührt war.
“Gehn wir nächstens einmal durch die Uffizien”, sagte er.
“Ich werde Ihnen sagen, was ich bei den Bildern empfinde,
und Sie werden mir sagen, was ich von den metaphysischen,
historischen und sozialen Implikationen wissen sollte.”
Der junge Mann nickte begeistert. “Eine Synthese!” rief
er. “Der organismische Gesichtspunkt.”
Organismisch ... Das gesegnete Wort entließ ihn aus
der beengenden Welt der Tatsachen in die offenen Weiten
der unkontaminierten Ideen. Er begann von Whitehead zu
reden und davon, daß es so etwas wie absolute Lage nicht
gebe, nur Lage innerhalb eines Feldes. Und je mehr man
die Idee des organisierten und organisierenden Feldes er-
wäge, desto bedeutsamer erscheine sie einem, desto träch-
tiger und aufregender. Sie sei eine der großen Brücken-
ideen, die ein Universum der Diskussion mit dem andern
verbinden. Man habe da das elektromagnetische Feld in
der Physik, das Individuationsfeld in der Embryologie
und allgemeinen Biologie, das soziale Feld bei Insekten
und Menschen —
“Und vergessen Sie das sexuelle Feld nicht!”
Paul De Vries blickte fragend auf.
“Es ist etwas, das sogar Sie bemerkt haben müssen”,
fuhr Eustace fort. “Wenn man gewissen jungen Damen in
die Nähe kommt. Erinnert einen an Faradays Kraftröhren.
Und man braucht kein Galvanometer, um es zu entdecken”,
schloß er mit einem glucksenden Auflachen.
Kraftröhren”, wiederholte der junge Mann nachdenk-
lich Kraftröhren.” Das Wort schien ihm großen Eindruck
zu machen. Er blickte stirnrunzelnd vor sich hin.
Und doch hat”, fuhr er nach einer kleinen Pause fort,
auch die Sexualität natürlich ihre Werte - wenn Sie auch,
wie ich weiß, eine Abneigung gegen das Wort haben.”
Aber nicht gegen das Ding”, sagte Eustace versöhnlich.
Sie kann verfeinert und zivilisiert werden; sie kann
eine erweiterte Bestimmung bekommen.” Er machte eine
Bewegung mit seiner Zigarette, um die Weite anzudeuten.
Eustace schüttelte den Kopf. “Für meine Person”, sagte
er, “sie ist mir im Naturzustand und eng lieber.”
Es folgte ein Schweigen. Dann öffnete Eustace schon den
Mund zu der Bemerkung, daß die kleine Thwale ein hübsch
kräftiges Feld in sich habe, schloß ihn aber wieder, noch
bevor die Worte heraus waren.
Hatte keinen Sinn, sich selbst oder andern Unannehm-
lichkeiten zu machen. Überdies war der indirekt geführte
Angriff gewöhnlich der wirkungsvollere; und da die Köni-
gin-Mutter sich für einen Monat bei ihm niedergelassen
hatte, würde er Zeit haben, seine Neugier zu befriedigen,
soviel er wollte.
Nachdenklich begann Paul De Vries vom zölibaten
Leben zu sprechen. Die Leute seien mißtrauisch geworden
gegen Ideen von Gelübden und Orden; aber schließlich
böten die einen einfachen und wirksamen Mechanismus, um
den strebenden Intellektuellen aus den
Gefühlsverstrickungen und ablenkenden
Verantwortlichkeiten des Familienlebens zu lösen.
Obgleich natürlich, so fügte er hinzu, gewisse Werte dabei
geopfert werden müßten . ..
“Nicht, wenn die Gelübde einsichtig durch ein wenig
Unzuchttreiben gemildert werden.” Eustace sah ihn mit
strahlendem Lächeln über sein Weinglas weg an.
Aber die Miene des jungen Mannes blieb unnachgiebig
ernst. “Vielleicht”, sagte er, “könnte es eine modifizierte
Form des Zölibats geben. Ohne Ausschluß der romantischen
Liebe und der höhern Formen des Geschlechtlichen und
nur mit dem Verbot der Ehe.”
Eustace brach in ein Gelächter aus.
“Aber schließlich”, verwahrte sich der andre, “ist's doch
nicht die Liebe, was unvereinbar ist mit dem Leben eines
eingeschworenen Intellektuellen; sondern die Ganztags-
beschäftigung, Frau und Kind zu haben.”
“Und Sie erwarten, daß die Damen Ihre Ansichten tei-
len werden?”
“Warum nicht — wenn sie auf dieselbe Art von Leben
eingeschworen wären?”
“Sie meinen, so ein Intellektueller würde nur mit Mathe-
matikerinnen schlafen?”
“Warum nur Mathematikerinnen? Dichterinnen, Wis-
senschaftlerinnen, Musikerinnen, Malerinnen.”
“Mit einem Wort, mit jeder, die bei einem Examen
durchgekommen ist oder Klavier klimpern kann. Oder so-
gar eine Zeichnung fertigbringt”, fügte er als nachträg-
lichen Einfall hinzu. “Ihr modifizierten Zölibatären solltet
nicht wenig Spaß haben!”
Was für ein Esel! dachte Eustace, während er weiteraß,
und wie jämmerlich durchsichtig! Da saß er, zwischen sei-
nem Ideal und seinen Begierden, und versuchte sich einen
Ausweg aus dieser absurd gemeinplätzigen Situation zu
ertüfteln, indem er Quatsch über Werte und eingeschwo-
rene Intellektuelle und modifiziertes Zölibat redete. Es war
wirklich herzergreifend.
“Na, jetzt, da wir das sexuelle Feld behandelt haben”,
sagte er, “können wir also zu den andern weitergehn.”
Paul De Vries sah ihn eine Sekunde ohne zu sprechen
an, schaltete dann sein helles Lächeln ein und nickte.
“Ja, gehn wir zu den andern weiter”, sagte er. Er schob
seine halbgegessene Truthahnportion beiseite, stemmte
die Ellbogen auf den Tisch und hatte sich im nächsten
Augenblick schon wieder in die offenen Weiten gestürzt.
Man nehme zum Beispiel die psychischen Felder oder
sogar die spiritistischen. Denn wenn man sich die Sache mit
willfährigem Geist und ohne vorgefaßte Ideen näher be-
sehe müsse man einfach solche Dinge als Tatsachen hin-
nehmen - etwa nicht?
Mußte man? Eustace zuckte die Achseln.
Aber das Beweismaterial sei überwältigend. Wenn man
die Sitzungsberichte der Gesellschaft für Parapsycholo-
cische Forschung lese, könne man gar nicht anders als über-
zeugt sein. Darum unterließen es die meisten Philosophen
so gewissenhaft, sie zu lesen. So sei das leider, wenn man
seiner Tätigkeit innerhalb des altmodischen akademischen
Feldes nachgehn müsse. Da könne man einfach nicht ehr-
lich über gewisse Dinge denken, auch wenn man wolle.
Und, natürlich, wenn das ein starkes Feld sei, dann wolle
man gar nicht.
“Sie sollten mit meiner Schwiegermutter über Geister
reden”, sagte Eustace.
Der Rat war unnötig. Paul de Vries war schon bei einer
ganzen Reihe von Seancen der alten Dame gewesen. Die
Lücke zwischen den Phänomenen des Spiritismus und den
Phänomenen der Psychologie und Physik zu überbrücken,
war eine seiner Aufgaben als Pontifex minimus. Eine un-
gewöhnlich schwierige Aufgabe übrigens, da bisher noch
niemand eine Hypothese in Begriffen formuliert hatte, in
denen man über die zwei Gruppen von Tatsachen als einen
einzigen Kontext denken konnte. Für die nächste Zeit war
das beste, was man tun konnte, eben aus der einen Welt
in die andre hin und her zu springen und inzwischen zu
hoffen, daß man eines Tags eine Ahnung, eine erleuchtende
Inspiration von der größeren Synthese bekäme. Denn eine
Synthese mußte es da unbedingt geben, eine Gedanken-
brücke, die dem Geist erlauben würde, diskursiv und lo-
gisch hin und her zu marschieren, von der Telepathie zum
vierdimensionalen Kontinuum, von Klopfgeistern und den
Geistern Abgeschiedener zur Physiologie des Nerven-
systems, Und außer den Vorgängen im Seancezimmer gab
es die Ereignisse im Bethaus und im Meditationsraum.
Hier war das letzte, allumfassende Feld — das Brahma
des Sankara, das All-Eine des Plotinus, der Grund Eck-
harts und Boehmes, das —
“Das gasförmige Wirbeltier Häckels”, warf Eustace ein.
Und innerhalb des letzten Feldes, fuhr der junge Mann
hastig fort, entschlossen, sich nicht unterbrechen zu lassen,
da seien die untergeordneten Felder — wie das von den
Christen die Gemeinschaft der Heiligen genannte und von
den Buddhisten —
Aber Eustace konnte ihn nicht ungeschoren lassen. “War-
um hier aufhören?” unterbrach er sarkastisch, während er
eine Zigarre wählte und Vorbereitungen traf, sie anzu-
zünden. “Warum nicht auch die Unbefleckte Empfängnis
und die Unfehlbarkeit des Papstes?”
Er saugte das Flämmchen des Streichholzes in die Zi-
garre, und der Rauch strömte ihm jäh aus der Nase.
“Sie erinnern mich”, sagte er, “an den alten Mann von
Cape Cod, der die Quantentheorie anwandte auf Gott. . .”
Und des andern Versuch, abermals zu beginnen, im
Keim erstickend, rezitierte er anschließend eine Auswahl
aus seiner Suite “Aus der Neuen Welt”, wie er sie nannte
— das junge Ding aus Spokane, den jungen Mann aus
Peoria, die Zwillingsschwestern aus Cheyenne. Paul De
Vries' Lachen war, so gewahrte er, ein wenig gezwungen
und geflissentlich; aber er fuhr dennoch fort — aus Prinzip;
denn man konnte dem Kerl wirklich nicht erlauben, mit
seinen Prätentionen so einfach durchzurutschen. Implizite
zu behaupten, religiös zu sein, nur weil er soviel hoch-
trabendes Getute über Religion zu machen wußte! Ein
bißchen ehrlicher Dung würde die Luft von philosophi-
schem Cant reinigen und den Philosophierer selbst in den
guten alten Menschenstall herunterholen, wohin er noch
immer gehörte. Der rammsnasige Bursche in Brunos La-
den war vielleicht absurd und Bruno selbst ein liebens-
werter, wenn auch mißleiteter Schwachkopf; aber wenig-
stens waren sie nicht prätentiös; sie praktizierten, was sie
predigten, und, was fast noch bemerkenswerter war, sie
unterließen es, zu predigen, was sie praktizierten. Wo-
gegen dieser junge Pontifex minimus hier ...
Eustace nahm die Zigarre aus dem Mund, blies eine
Rauchwolke hervor und rezitierte mit ein wenig gedämpf-
ter Stimme seinen Limerick von dem Bischof von Connec-
ticut.
9. KAPITEL

Nach dem Essen schlenderte er zu seiner Bank hinüber.


Als er vor dem Schalter auf das Geld für seinen Scheck
wartete, erblickte ihn der Filialleiter und kam herbei-
geeilt, um ihm begeistert mitzuteilen, er hoffe, im nächsten
Monat noch mehr für ihn aus Kursdifferenzen zu erzielen.
Die Bank habe einen neuen Korrespondenten in Zürich,
einen gewissen Otto Loewe, der eine wahrhaft wunder-
volle Begabung fürs Arbitragegeschäft besitze — ein wah-
res Genie sei, könne man sagen, wie Michelangelo oder
Marconi ...
Noch immer seine Degas-Handzeichnungen und seinen
Traktat von der Liebe Gottes unterm Arm, ging Eustace
auf die Piazza, rief ein Taxi heran und nannte dem Fahrer
Laurina Acciaiuolis Adresse. Der Wagen fuhr ab; er lehnte
sich in die Ecke zurück und seufzte resigniert. Laurina war
eins der Kreuze, die er zu tragen hatte. Es war schlimm
genug, daß sie krank und aufdringlich und verbittert war.
Aber das war das wenigste. Diese ausgemergelte arthritisch
Verkrüppelte war einst die Frau gewesen, die er mit einer
so heftigen Leidenschaft geliebt hatte, wie er sie nie vorher
noch seither empfunden. Eine andre hätte sich damit
beschieden, diese Tatsache zu vergessen. Nicht aber
Laurina. In der Wunde wühlend, verbrachte sie ganze
Nachmittage damit, ihm von ihrer entschwundenen
Schönheit und gegenwärtigen Häßlichkeit zu sprechen, von
ihren verflossenen Liebhabern und ihrem beständigen Ein-
samsein und Elend. Und wenn sie sich in genug Aufregung
hineingeredet hatte, wandte sie sich gegen ihren Besucher,
wies anklagend, mit geschwollenen Fingern, auf ihn und
sagte ihm mit dieser tiefen Stimme (die einst so bezaubernd
belegt geklungen hatte und nun heiser war von Krankheit
und zu vielem Rauchen und schier von Haß), daß er sie nur
aus Pflichtgefühl besuchen komme, ja schlimmer, aus blo-
ßer Schwäche; daß er für sie nur etwas übrig gehabt habe,
solange ihr Körper jung und gerade gewesen, und daß er
nun, wo sie alt und verkrüppelt und unglücklich sei, es
kaum über sich bringe, auch nur Mitleid zu fühlen. Heraus-
gefordert, diese nur zu peinlich offenkundigen Wahrheiten
zu leugnen, sah sich Eustace in einem Sumpf heuchlerischer
Plattheiten zappeln; und was er sagte, war gewöhnlich so
wenig überzeugend, daß Laurina zuletzt laut herauslachte —
mit einem wilden Sarkasmus, der selbstverständlich für sie
selbst viel verletzender war als für ihn; denn schließlich
hatte nicht er Arthritis. Aber auch so war es peinlich genug.
Bänglich fragte er sich, was ihm heute nachmittag wohl
wieder bevorstehe. Wieder eine dieser unaussprechlich
öden Selbstmorddrohungen vielleicht? Oder aber —
“Bebino!” rief eine durchdringende Stimme fast in sein
Ohr. “Bebino!”
Er wandte sich aufgeschreckt zur Seite. Durch die enge
Straße voller Menschen kam das Taxi nur wie im Schritt
vorwärts, und daneben her, ihre Hand auf dem Rahmen
des offenen Fensters, trippelte die Person, die aus nur ihr
und ihr allein verständlichen Gründen diesen grotesk in-
fantilen Spitznamen für ihn erfunden hatte.
“Mimi!” rief er aus und hoffte zu Gott, daß niemand
von seiner Bekanntschaft in Seh- oder Hörweite sei.
In diesem außerordentlichen knallroten Aufzug sah sie
nicht nur wie das hübsche Kokottchen aus, das sie war, son-
dern wie die Karikatur eines hübschen Kokottchens in
einem Witzblatt. Und das war es natürlich, was ihm an
ihr gefiel. Das schlicht, unaffektiert Ordinäre ihres Stils
war etwas schlechtweg Vollendetes.
Er neigte sich vor und rief den Fahrer an; und als das
Taxi hielt, öffnete er ihr die Tür. Mimi sähe im Innern
weniger auffallend aus als draußen.
“Bebino mio!” Sie kuschelte sich auf dem Sitz an ihn,
und er fühlte sich in das Odeur billigen Parfüms einge-
hüllt. “Warum bist du so lange nicht zu mir gekommen,
Bebino?”
Als das Taxi weiterfuhr, begann er ihr zu erklären, daß
er zwei Monate in Paris und danach in England gewesen
sei. Aber statt zuzuhören, überschüttete sie ihn weiter mit
Vorwürfen und Fragen. Eine so lange, lange Zeit! Aber so
seien die Männer eben — porchi, richtige porchi. Liebe er
sie denn gar nicht mehr? Mache er ihr Hörner mit einer
andern?
“Ich sag dir doch, ich war zwei Monate in Paris”, wieder-
holte er.
“Sola, sola”, fiel sie ihm im Ton tiefgefühlten Kummers
ins Wort.
“ ... Und dann ein paar Wochen in London”, fuhr er
fort und sprach lauter, um sich Gehör zu verschaffen.
“Und ich, die ich immer alles getan hab, was du nur
verlangt hast!” Es standen tatsächlich Tränen in ihren
braunen Augen. “Wirklich alles”, beteuerte sie weinerlich.
“Aber ich sag dir doch, ich war verreist”, schrie Eustace
ungeduldig.
Unvermittelt ihre Miene ändernd, beschenkte ihn Mimi
mit einem Blick und einem Lächeln unverhülltester Laszi-
vität, griff schnell nach seiner Hand und drückte sie an
ihren üppigen jungen Busen.
“Warum kommst du nicht jetzt mit mir, Bebino?”
schmeichelte sie. “Ich werd dich so glücklich machen.” Und
sich zu ihm neigend, flüsterte sie im Kinderfrauenton: “Die
Kopfbürste — der schlimme kleine Bebino muß es mit der
Kopfbürste kriegen.”
Eustace sah sie einen Augenblick unschlüssig an und be-
fragte dann seine Uhr. Nein.es bliebe nicht Zeit für beides,
bevor der Zug ankäme. Er mußte sich für das eine oder das
andre entscheiden. Für die Vergangenheit oder die Gegen-
wart — mitleidvolles Bedauern oder erfreuliches Genießen.
Er traf seine Wahl.
Pflücket den Apfel, weil noch das Lämpchen glüht”,
sagte er auf deutsch, klopfte an die Glasscheibe und er-
klärte dem Fahrer, daß er es sich überlegt habe: er wolle
anderswo hinfahren; und er gab ihm die Adresse von
Mimis Wohnung in der Nähe von Santa Croce. Der
Mann nickte und blinzelte ihm verständnisinnig zu.
“Ich muß telefonieren”, sagte Eustace, als sie eintraten.
Und während Mimi sich umkleidete, rief er zu Hause an
und gab Auftrag, daß sein Wagen ihn um ein Viertel
vor sechs vor dem Hauptportal von Santa Croce erwarten
solle. Dann kam Laurina an die Reihe. Könne er mit der
Contessa sprechen? Während er wartete, arbeitete er seine
Märchenerzählung ein bißchen aus.
“Eustace?” erklang eine tiefe, belegte Stimme, die einst
die Macht gehabt hatte, “ihm, was sie wollte, zu befehlen”.
“Ma chere”, begann er geläufig, “je suis horriblement
ennuye ...” Höfliche Unaufrichtigkeit schien einem fran-
zösisch leichter auf die Zunge zu kommen als englisch oder
italienisch.
Er brachte sie ihr allmählich bei, in einem Schwall fremd-
sprachiger Wörter, — die böse, böse Neuigkeit, daß ihm
die kleine Vorrichtung gebrochen sei, die die Stelle ver-
schwundener Zähne einnehmen müsse. Noch nicht ein voll
ausgewachsener rätelier, Gott sei Dank! — plutôt un de ces
Brücken — ces petits ponts, qui sont les Ponts des Soupirs
qu'on traverse pour aller du palais de la jeunesse aux
prisons lugubres de la sénilité. Er lachte glucksend in An-
erkennung seines elegant gedrechselten Scherzes. Also, der
langen Rede kurzer Sinn — er sei gezwungen gewesen,
en häte zum Zahnarzt zu gehn, und müsse warten, bis
seine Brücke repariert sei. Und das, hélas, werde ihn ver-
hindern, zum Tee zu kommen.
Laurina nahm es viel besser auf, als er zu hoffen
gewagt hatte. Dr. Rossi, so sagte sie ihm, habe eine ganz
neuartige Lampe aus Wien kommen lassen und ein wun-
dervolles neues Medikament aus Amsterdam. Mehrere
Tage lang sei sie nun oft fast schmerzfrei, aber das sei
noch nicht alles. Das Thema ihres Gesundheitszustands
verlassend, warf sie mit einer Beiläufigkeit im Ton, die
ihr Triumphgefühl maskieren sollte, tatsächlich aber ver-
riet, die Bemerkung hin, daß vor kurzem d'Annunzio sie
besuchen gekommen sei, sogar mehrmals, und so poetisch
über vergangene Zeiten gesprochen habe .. . Und der
liebe alte Van Arpels habe ihr seinen neuen Gedichtband
geschickt mit einem ganz bezaubernden Brief. Und weil
sie grade von Briefen spreche, sie sei ihre Sammlung
durchgegangen — und er mache sich keinen Begriff davon,
wie viele es seien, und wie interessant ...
“Das müssen sie wohl sein”, sagte Eustace. Und er
dachte an die fast wahnsinnige Intensität der Gefühle,
die sie in den Tagen ihrer stärksten Anziehungskraft her-
vorgerufen hatte, an die Qualen von Begehren und Eifer-
sucht. Und in so verschiedenartigen Männern — von reinen
Mathematikern bis zu Gründern von Aktiengesellschaften,
von ungarischen Dichtern bis zu englischen Baronets und
estländischen Tennischampions. Und nun ... Er rief sich
Laurinas Bild vor Augen, wie sie heute war, zwanzig
Jahre nachher: die hagere Verkrüppelte in ihrem Rollstuhl
und diese messinggelben Löckchen über einem Gesicht, das
Dantes Totenmaske hätte sein können ...
“Ich legte einige von deinen Briefen beiseite, um sie dir
vorzulesen”, sagte die Stimme im Hörer.
“Sie müssen hübsch albern klingen heute.”
“Nein, nein, sie sind bezaubernd”, behauptete sie. ,So
witzig; et en même temps si tendres — cosl vibranti!”
“Vibranti?” wiederholte er. “Sag mir nicht, daß ich je
vibrierte!”
Ein Geräusch ließ ihn den Kopf wenden. In der offenen
Tür stand Mimi. Sie lächelte ihn an und warf ihm eine
Kußhand zu; dabei öffnete sich ihr weinroter Kimono.
Am andern Ende des Drahts erklang ein scharfes Ra-
scheln von Papier.
Hör dir das an!” sagte Laurinas heisere Stimme. “ ,Du
hast die Macht, Begierden zu erregen, die unendlich sind,
und da sie unendlich sind, nie gestillt werden können
durch das Besitzen eines bloß endlichen Körpers und per-
sönlichen Geistes.'“
Himmel”, sagte Eustace. “Hab ich das geschrieben? Es
klingt wie Alfred de Musset.”
Mimi stand jetzt neben ihm. Mit seiner freien Hand
gab er ihr zwei freundliche Klapse hintenauf. Pflücket die
Äpfel ...
Die heisere Stimme las weiter. “ ,Also hat es ganz den
Anschein, Laurina, als wäre die einzige Kur dagegen, in
dich verliebt zu sein, ein Sufi zu werden oder ein Johannes
vom Kreuze. Gott allein ist kommensurabel mit den Be-
gierden, die du erweckst ...'“
“II faudrait d'abord l'inventer”, warf Eustace mit einem
kleinen Auflachen ein. Aber damals, so erinnerte er sich,
war es einem ganz vernünftig vorgekommen, so etwas zu
sagen und zu schreiben. Was wieder einmal bewies, in
was für einen Zustand die verfluchte Liebe einen ver-
nünftigen Menschen herunterbringen konnte! Na, Gott
sei Dank, mit dieser Art war er fertig! Er verabreichte
Mimi noch einen sanften Klaps und blickte mit einem
Lächeln zu ihr auf.
“Spicciati, Bebino”, flüsterte sie.
“Und hier ist noch etwas Bezauberndes, das du geschrie-
ben hast”, sagte Laurinas Stimme im selben Augenblick.
“ ,So zu lieben, wie ich dich liebe ...'“
Mimi zwickte ihn ungeduldig ins Ohr.
“, . .. als wäre man in ein andres und intensiveres Le-
ben wiedergeboren'“, las die Stimme im Telefon weiter
vor.
“Tut mir leid, meine eignen Ekstasen unterbrechen zu
müssen”, sagte Eustace in die Sprechmuschel, “aber ich
muß jetzt aufhören ... Nein, nein, keinen Augenblick
länger, meine Liebe! Hier ist schon der Zahnarzt. Ecco il
dentista”, wiederholte er Mimis halber und begleitete
seine Worte mit einem neckischen kleinen Zwicken ihres
Ohrs. “Adesso commincia la tortura.”
Er legte auf, wandte sich um, zog das Mädel auf seine
Knie und begann mit dicken Spachtelfingern ihr die gut-
gepolsterten Rippen zu kitzeln.
“No, no, Bebino ... no!”
“Adesso commincia la tortura”, sagte er abermals, unter
Kaskaden ihres hysterischen Gelächters.
10. KAPITEL

Hinter dem Ladentisch seiner kleinen Bücherhöhle saß


Bruno Rontini und war damit beschäftigt, Preise in einen
jüngst gekauften Stoß Bücher einzutragen. Fünfzehn Lire,
zwölf, fünfundzwanzig, vierzig ... Sein Bleistift wan-
derte von Vorsatzblatt zu Vorsatzblatt. Das Licht fiel fast
senkrecht von der Hängelampe auf seinen Kopf und
rief in den tiefen Augenhöhlen und unter den Backen-
knochen und der vorspringenden Nase schwarze Schatten
hervor. Es war ein hagerer, kantiger Schädel, der sich
über die Bücher neigte; aber wenn Bruno Rontini auf-
blickte, waren die Augen blau und leuchtend, und das
ganze Gesicht trug fast einen Ausdruck von Fröhlichkeit.
Carlo war nach Hause gegangen, und er war allein —
ganz allein mit dem, was seine Zeiten des Alleinseins so
trächtig machte von unaussprechlicher Glückseligkeit.
Draußen vor der Glastür erklangen laut die Geräusche der
Straße; hier innen in dem kleinen Laden aber war ein
Kern von sozusagen quintessenzieller Stille, der gegenüber
jeder Lärm nichtig war; die durch jede Unterbrechung
hindurch fortbestand. Wie er so im Herzen dieser Stille
saß, dachte Bruno, daß das durchstochene L, das er vor die
Ziffern auf jedes Vorsatzblatt hinschrieb, nicht nur Lire
bedeutete, sondern auch Liebe, auch Loslösung.
Die Türglocke läutete, und eine Kundschaft betrat den
Laden. Bruno hob den Kopf und erblickte ein junges, fast
kindliches Gesicht, aber wie wunderlich verknappt! Als
hätte sich die Natur, plötzlich sparsam geworden, ge-
weigert, eine für Züge von voller Größe und ausgeprägter
Bedeutung genügende Menge von Material beizustellen.
Nur die unregelmäßigen und vorstehenden Zähne waren
groß _ sie und die konkaven Brillengläser, durch die mit
einer scheuen, scharfen Verstohlenheit eine Intelligenz
strahlte, die offenbar nicht als Instrument zur Entdeckung
der Wahrheit verwendet wurde, sondern zu Selbstvertei-
digung und vor allem zur Wiederbehauptung des Selbst-
gefühls nach Demütigungen.
Der Fremde hüstelte nervös und sagte, er hätte gern ein
gutes Buch über vergleichende Religionsgeschichte. Bruno
holte herbei, was er auf Lager hatte — ein weitverbreitetes
italienisches Lehrbuch, eine populäre Darstellung in fran-
zösischer Sprache und ein zweibändiges, aus dem Deutschen
übersetztes Werk.
“Ich empfehle Ihnen den Franzosen”, sagte er mit seiner
weichen Stimme. “Hat nur zweihundertsiebzig Seiten. Sie
werden kaum ein paar Stunden an den Mann ver-
schwenden.”
Er erhielt dafür ein verachtungsvolles Lächeln.
“Ich suche etwas ein wenig Gediegeneres.”
Es folgte ein kurzes Schweigen, während dessen der
Fremde in den beiden andern Büchern blätterte.
“Sie haben die Absicht, zu unterrichten, nehme ich an”,
sagte Bruno.
Der andre warf einen argwöhnischen Blick auf ihn.
Dann, als er keine Spur von Ironie oder Unverschämtheit
in der Miene des Buchhändlers fand, nickte er.
Ja, er wolle Lehrer werden. Und zunächst einmal werde
er die Übersetzung aus dem Deutschen nehmen.
“Peccato”, sagte Bruno, nach den beiden dicken Bänden
greifend. “Und wenn Sie es schließlich zum Universitäts-
professor gebracht haben, was dann?”
Der junge Mann hielt das italienische Lehrbuch empor.
“Ich werde selber schreiben”, antwortete er.
Ja, er wird schreiben, sagte sich Bruno fast traurig. Und
entweder aus Verzweiflung oder aus unschuldsvollem
Respekt für Professoren überhaupt wird irgendein weib-
liches Wesen ihn heiraten. Und natürlich ist es besser, zu
heiraten, als zu brennen; aber dieser hier, das war nur
allzu deutlich, würde weiterbrennen, auch nachdem er
geheiratet hätte, — heimlich, verstohlen, aber mit der un-
auslöschlichen, für solche gebrechliche und nervöse Tempe-
ramente charakteristischen Heftigkeit. Und unter der
Kruste von Respektabilität und sogar Ansehn würde das
Leben gottverdunkelnden Phantasierens, der heimliche
Hang zu selbstzugefügter Lust beharren bis fast ins hohe
Alter. Aber natürlich, so mahnte er sich schnell, ließ sich
nie etwas über irgendeinen Menschen mit Sicherheit vor-
aussagen. Es gab stets den freien Willen, stets genug der
Gnade, wenn man mit ihr nur zusammenarbeiten wollte.
“Ich werde als Autorität schreiben”, fuhr der junge
Mann fast angreiferisch fort.
“Und nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer”,
murmelte Bruno mit einem schwachen Lächeln. “Aber was
denn?”
“Was dann?” wiederholte der andre. “Was meinen Sie
mit ,was dann'? Ich werde weiterschreiben.”
Nein, dieser Panzer wies noch keinen Spalt auf. Bruno
wandte sich ab und begann, die Bücher in braunes Papier
zu verpacken. Der junge Mann schien eine Scheu vor dem
vulgären Von-Hand-zu-Hand-Gehn des Geldes zu haben,
denn er legte die Münzen nebeneinander auf den
Rand des Ladentisches. Für ihn gab es offenbar keine
physischen Kontakte mit andern Menschen, außer den
sexuellen. Und auch die, dachte Bruno, auch die würden
sich stets als Enttäuschungen erweisen und sogar als ein
wenig abstoßend. Er knüpfte den letzten Knoten und
reichte das Paket über den Ladentisch.
“Vielen Dank”, sagte er, “und falls Sie je genugkriegen
von dieser Art von . ..” Er zögerte; in den tiefen Höhlen
leuchteten die blauen Augen fast spitzbübisch auf.
“... dieser Art von gelehrter Frivolität”, fuhr er fort und
tippte mit dem Finger auf das Paket, “dann erinnern Sie
sich, bitte, daß ich ein ganz beträchtliches Lager von
wirklich ernsten Büchern über den Gegenstand habe.” Er
wies auf eine Abteilung der Regale an der andern Wand.
“Scupoli, den Bhagavatgita, das Tao-teh-king, die Theo-
logia Deutsch, die Gnaden des inneren Gebets .. .”
Ein paar Sekunden lang hörte der junge Mann zu — mit
der unbehaglichen Miene eines Menschen, der sich mit
einem möglicherweise gefährlichen Wahnsinnigen einge-
schlossen sieht; dann blickte er auf seine Armbanduhr,
murmelte etwas wie, daß es sehr spät sei, und eilte aus
dem Laden.
Bruno Rontini seufzte und kehrte zum Auszeichnen
seiner Bücher zurück. L für Lire, L für Losgelöstheit. Unter
zehntausend würde nur ein einziger sich je völlig aus
seinem Panzer loslösen. Kein hoher Prozentsatz. Aber aus
all diesen Milliarden von Eiern, wie viele Heringe wuchsen
je zu Fischen voller Größe heran? Und Heringe, das durfte
man nicht vergessen, waren nur äußeren Unterbrechungen
ihres Ausschlüpfens und Wachstums ausgesetzt. Wogegen
bei diesem Vorgang seelischen Reifens jeder Mensch stets
sein eigner schlimmster Feind war. Die Angriffe kamen
von beiden Seiten, und von innen sogar noch heftiger und
beharrlicher und zielbewußter als von außen, so daß
schließlich der Rekord, daß einer von zehntausend Ver-
suchen heranreifte, in Wirklichkeit etwas recht Anerken-
nenswertes war; etwas, das eher zu bewundern als zu be-
klagen war; etwas, dessentwegen man nicht, wie man so
oft versucht war, mit Gott ob seiner Ungerechtigkeit
hadern sollte, sondern dankbar sein mußte für diese gött-
liche Großmut, die so vielen eine so unverhältnismäßig
große Belohnung gewährte.
L für Losgelöstheit, L für Liebe ... Ungeachtet des un-
geduldigen Hupens draußen, ungeachtet des Ratterns und
Rumpeins des Verkehrs, war die Stille für Bruno Rontini
wie ein lebendiger Kristall. Dann ertönte wieder die Tür-
glocke, und aufblickend gewahrte er unter dem flott
sitzenden weichen Hut das breite, schlaffe Gesicht Eustace
Barnacks mit den Säcken unter den Augen und den lächeln-
den weichlichen Säuglingslippen. Und durch das Medium
jenes lebendigen Kristalls nahm er diesen Menschen wahr,
als läge der in einer Gruft, vom Licht abgesargt, einge-
mauert in eine undurchdringliche Entbehrung der Selig-
keit. Und die Wände dieser Grabstätte waren aus den-
selben Trägheiten und Sinnlichkeiten gebaut, die er selbst
in sich gekannt hatte und noch kannte und um deren Ver-
gebung er noch immer zu Gott betete. Voll tiefsten Mit-
leids erhob sich Bruno und ging auf ihn zu, um ihn zu be-
grüßen.
“Endlich gefunden!” rief Eustace. Er rief es auf ita-
lienisch, denn wenn man auf diese Weise höchst vollendet
die Rolle eines jovialen Florentiner Bürgers spielte, war es
leichter, sich vor der Gefahr zu bewahren, allzu ernst
sprechen zu müssen, — und Bruno gegenüber war es be-
sonders wichtig, nie ernst zu sein. “Ich hab dich schon den
ganzen Tag gesucht.”
“Ja, ich hörte, daß du vormittag hier warst”, antwortete
Bruno auf englisch.
“Und empfangen wurde ich”, sagte Eustace, noch immer
seine toskanische Komödie spielend, “von einem höchst
begeisterten jugendlichen Jünger von dir! Er brachte es
sogar fertig, mir Erbauungsliteratur zu verkaufen —
qualche trattatino sull'amor del vertebrato gasiforme”,
schloß er leichthin.
Und nun hatte das Büchlein seinen Platz zwischen einem
Roman von Pittigrilli und einem eselsohrigen Traumbuch
auf Mimis Nachttischchen gefunden.
“Eustace, fühlst du dich ganz wohl?” fragte Bruno mit
einem Ernst, der ganz und gar von des andern scherzhafter
Tonart abstach.
Eustace war so erstaunt, daß er in seine Muttersprache
verfiel. “Hab mich nie wohler gefühlt”, antwortete er. Und
als Bruno ihn weiter mit derselben betrübt forschenden
Miene anblickte, kam ein Klang von Gereiztheit und Arg-
wohn in seine Stimme. “Was ist denn?” fragte er scharf.

131
Konnte der Mensch etwas sehn, was ihm auf Mimi zu
raten ermöglichte? Nicht, daß Mimi etwas gewesen wäre,
dessen man sich hätte schämen müssen. Nein, das Uner-
trägliche daran war dieses Eindringen ins Privatleben.
Und Bruno, so erinnerte er sich, hatte schon immer diese
wunderliche, aufreizende Gabe besessen, Dinge zu wissen,
ohne daß man ihm von ihnen erzählte. Und natürlich
konnte es, wenn's nicht Hellseherei war, ganz leicht ein
Schmierfleck von Lippenstift sein.
“Warum starrst du mich so an?”
Bruno lächelte wie abbittend. “Verzeih”, sagte er, “ich
habe nur gedacht, du siehst ... na, ich weiß nicht ... so,
wie Leute aussehn, wenn sie nahe daran sind, Influenza
zu kriegen.”
Es war das Gesicht eines eingesargten und nun ganz
plötzlich in seinem Sarg bedrohten Menschen. Bedroht
wovon?
Erleichtert, daß es nicht Mimi war, was der andre ent-
deckt hatte, entspannte sich Eustace in einem Lächeln. “Na,
wenn ich Influenza kriege”, sagte er, “werde ich wissen,
wer sie mir angewünscht hat. Und jetzt bilde du dir nur
nicht ein”, fuhr er munter fort, “daß ich hergekommen bin,
bloß um meine Augen an deinem seraphischen Antlitz zu
weiden. Ich möchte, daß du mir die Erlaubnis verschaffst,
meinem jungen Neffen das Labyrinth in den Galigai-
gärten zu zeigen. Er kommt heute abend an.”
“Welcher Neffe?” fragte Bruno. “Einer von Alices-
Söhnen?”
“Diese Tölpel?” erwiderte Eustace. “Gott behüte! Nein,
nein. Johns Junge. Ein recht bemerkenswerter kleiner Kerl.
Siebzehn, und kindisch für sein Alter; schreibt aber die
erstaunlichsten Verse — steckt voller Talent.”
“John muß ein hübsch schwieriger Vater sein”, sagte
Bruno nach einer kleinen Pause.
“Schwierig? Er ist nichts als ein polternder Narr. Und
natürlich mag ihn der Junge nicht und verabscheut alles,
was der Vater repräsentiert.” Er lächelte. Es war wirklich
ein Vergnügen, an die Fehler seines Bruders zu denken.
“Ja, wenn die Leute nur begreifen würden, daß
moralische Grundsätze wie die Masern sind ...”
Die weiche Stimme erstarb in Schweigen und einem
Seufzer.
“Wie die Masern?”
“Man muß sie erst kriegen. Und nur Leute, die sie
haben, können andre mit ihnen anstecken.”
“Zum Glück”, sagte Eustace, “gelingt es ihnen nicht
immer, sie zu übertragen.”
Er dachte an diese kleine Thwale. Reichlich genug An-
steckung von dem Kanonikus und seiner Frau; aber kein
Anzeichen irgendeines moralischen oder pietistischen Aus-
schlags auf der weißen, wollüstigen Haut der Tochter.
“Du hast recht”, sagte Bruno, “man braucht sich nicht
mit Gutsein anzustecken, wenn man nicht will. Der Wille
ist immer frei.”
Immer frei. Die Menschen waren imstande gewesen,
sogar zu Filippo Neri und Françis de Sales nein zu sagen,
sogar zu Christus und dem Buddha. Als er sie im stillen
nannte, schien das Flämmchen in seinem Herzen sich
gleichsam auszudehnen und emporzustreben, bis es jenes
andre Licht, das außerhalb und innerhalb davon war,
berührte; und für einen Augenblick geschah das noch
immer in einer zeitlosen inbrünstigen Sehnsucht, die zu-
gleich Erfüllung war. Die Stimme seines Vetters holte
seine Aufmerksamkeit wieder zurück zu den Vorgängen
im Laden.
“Es gibt nichts, was mir mehr Freude macht”, bemerkte
Eustace mit Genuß, “als das Schauspiel, wie die Guten
versuchen, ihre Ideen zu verbreiten, und dabei Ergebnisse
erzielen, die das genaue Gegenteil ihrer Absichten sind. Es
ist die höchste Komödie.” Er lachte glucksend und kurz-
atmig.
Bruno, der dieses Lachen aus der Tiefe und Finsternis
einer Gruft heraufkommen hörte, war fast zur Verzweif-
lung gebracht.
“Wenn du den Guten nur verzeihen könntest!” Die
ruhige Stimme hob sich fast bis zu Heftigkeit. “Dann
ließest du dir selbst vielleicht Verzeihung gewähren.”
“Wofür?” erkundigte sich Eustace.
“Zu sein, was du bist. Dafür, ein Mensch zu sein. Ja,
Gott kann dir sogar dafür Verzeihung gewähren, wenn du
sie wirklich willst; kann dir deine Gesondertheit so völlig
verzeihen, daß du einswerden kannst mit ihm.”
“Das feste Wirbeltier vereint mit dem gasförmigen?”
Bruno sah ihn eine Weile schweigend an. Aus ihrer
Fassung von müdem, weichem Fleisch blinzelten ihm
Eustaces Augen belustigt entgegen; die Säuglingslippen
waren zu einem ironischen Lächeln gekräuselt.
“Und was ist's mit der Komödie der Gescheiten?” fragte
er endlich. “Wenn sie Selbstzerstörung im Namen der
Selbstsucht erzielen und Selbsttäuschung im Namen des
Realismus? Ich glaube manchmal, das ist eine sogar noch
höhere Komödie als die der Guten.”
Er ging hinter den Ladentisch und kam mit einer sehr
alten kleinen Reisetasche zurück.
“Wenn du diesen jungen Neffen von dir etwa jetzt ab-
holen willst”, sagte er, “komme ich mit dir zum Bahnhof.”
Er nehme den Zug um sieben Uhr dreißig nach Arezzo,
erklärte er. Dort lebe ein alter Professor im Ruhestand, der
seine Bibliothek verkaufen wolle. Und Montag beginne
eine sehr bedeutende Versteigerung in Perugia. Buch-
händler aus dem ganzen Land kämen hin. Er hoffe einige
von den “unbeachteten Kleinigkeiten aufzuschnappen”.
Bruno schaltete das Licht ab, und sie traten in die
Abenddämmerung hinaus, die rasch zu nächtlicher Dunkel-
heit wurde. Eustaces Wagen wartete in einer Seitengasse.
Die beiden stiegen ein und wurden langsam zum Bahnhof
gefahren.
“Erinnerst du dich an das letzte Mal, wo wir miteinander
zum Bahnhof gefahren sind?” fragte Bruno plötzlich, nach
einer Weile des Schweigens.
“Das letzte Mal, wo wir miteinander zum Bahnhof ge-
fahren sind?” wiederholte Eustace ungewiß.
Dann kam ihm plötzlich die Erinnerung. Er und Bruno
in dem alten Panhardwagen. Und das war grade nach
Amys Begräbnis gewesen, und er fuhr zurück an die
Riviera — zurück zu Laurina. Nein, sie war nicht sehr
rühmlich gewesen, diese Episode seines Lebens; ganz ent-
schieden nicht. Er schnitt eine kleine Grimasse, als hätte er
eine Nasevoll verfaulten Kohls zu riechen bekommen.
Dann zuckte er fast unmerklich die Achseln. Schließlich
und endlich, was lag denn daran? In hundert Jahren wäre
es alles eins; alles eins.
“Ja, ich erinnere mich”, sagte er. “Du hast mir vom gas-
förmigen Wirbeltier erzählt.”
Bruno lächelte. “O nein, ich hätte nicht gewagt, das Tabu
zu brechen”, erwiderte er. “Du warst's, der davon ange-
fangen hat.”
“Vielleicht war ich's”, gab Eustace zu.
Der Tod und jene wahnsinnige Leidenschaft und sein
schmähliches Benehmen hatten sich verschworen gehabt
und ihn dahin gebracht, daß er damals eine Menge sonder-
barer Dinge tat. Er fühlte sich auf einmal außerordentlich
niedergeschlagen.
“Die arme Amy!” sagte er wie unter einem dumpfen
Zwang, der stärker war als alle seine Entschlüsse, in Brunos
Gegenwart nicht ernst zu sein. “Die arme Amy!”
“Ich glaube nicht, daß sie zu bedauern war”, meinte
Bruno. “Amy hatte sich ausgesöhnt mit dem, was ihr
geschah. Menschen, die auf den Tod vorbereitet sind,
brauchen einem nicht leid zu tun.”
“Vorbereitet? Aber welchen Unterschied macht das?”
Eustaces Ton war beinahe trotzig. “Sterben bleibt
Sterben”, schloß er, froh, auf diese Weise aus Ernst in ein
Wortgefecht entwischen zu können.
“Physiologisch vielleicht”, gab Bruno zu, “aber psycho-
logisch, seelisch ...”
Der Wagen kam vor dem ausgestreckten Arm eines
Verkehrspolizisten zum Stillstand. “Also, bitte”, unterbrach
ihn Eustace, “keinen Unsinn über Unsterblichkeit! Keinen
von deinen Wunschträumen!”
“Freilich”, sagte Bruno sanft, “völlige Vernichtung
wäre recht bequem, nicht? Was ist's mit dem Wunsch, an
die zu glauben?”
Aus seiner Gruft von Entbehrung gab Eustace zuver-
sichtlich Antwort. “Man wünscht nicht, an Vernichtung zu
glauben”, sagte er. “Man akzeptiert einfach die Tatsache.”
“Du meinst, man akzeptiert die Schlüsse, die man aus
einer bestimmten Gruppe von Tatsachen zieht, und igno-
riert die andern Tatsachen, aus denen sich andre Schlüsse
ziehn ließen. Man ignoriert sie, weil man wirklich will,
daß das Leben eine Mär, erzählt von einem Schwachkopf,
sei. Einfach eine dumme Sache nach der andern, bis am
Ende eine letzte dumme Sache kommt und hernach nichts
mehr.”
Das Pfeifchen des Polizisten schrillte, und der Wagen
fuhr weiter. Licht aus einem Schaufenster glitt langsam
über Eustaces Gesicht und ließ jeden hängenden Wulst,
jede Falte und jeden Fleck auf der schlaffen Haut sichtbar
werden. Dann schloß sich die Finsternis abermals — wie
der Deckel eines Sarkophags; schloß sich unwiderruflich,
so schien es Bruno; schloß sich für immer. Einem Impuls
gehorchend, legte er dem andern die Hand auf den Arm.
“Eustace”, sagte er, “ich beschwöre dich ...”
Eustace fuhr überrascht auf. Etwas Seltsames ging vor.
Es war ihm, als wären die Brettchen einer Jalousie plötz-
lich so gedreht worden, daß sie das Sonnenlicht einließen
und die Weite eines sommerlichen Himmels. Ungehindert
strömte eine ungeheure und beseligende Helle in ihn ein.
Aber zugleich mit dieser Helle kam die Erinnerung daran,
was Bruno im Laden gesagt hatte: “Verzeihung .. . Ver-
zeihung dafür,das zu sein, was du bist.” Mit einer Mischung
aus Ärger und Furcht zog er seinen Arm weg.
“Was tust du denn?” fragte er scharf. “Versuchst du,
mich zu hypnotisieren?”
Bruno antwortete nicht. Er hatte einen letzten, ver-
zweifelten Versuch gemacht, den Deckel zu heben; aber
aus dem Innern des Sarkophags war der wieder nieder-
gezogen worden. Und selbstverständlich, so überlegte er,
ist Auferstehn kein Muß. Wir sind zu nichts gezwungen,
nur, zu beharren — zu beharren, wie wir sind, und immer
ein wenig schlechter und schlechter zu werden; bis wir nach
unbestimmt langer Zeit wünschen, als etwas andres als wir
selbst aufzuerstehn; unerbittlich gezwungen, wenn wir es
uns nicht gewähren lassen, auf erweckt zu werden.
11. KAPITEL

Der Zug war unerwartet pünktlich, und als sie den


Bahnhof erreichten, drängten sich die Fahrgäste bereits
durch die Sperre.
“Wenn du einen kleinen Cherub in grauer Flanellhose
siehst”, sagte Eustace, während er sich auf die Zehen-
spitzen hob und über die Köpfe der Menge spähte, “das
ist unser Mann.”
Bruno wies mit einem knochigen Finger. “Entspricht das
dort deiner Beschreibung?”
“Was?”
“Der kleine non Anglus sed angelus bei der Säule dort.”
Eustace erhaschte den Anblick eines wohlbekannten
Kopfs mit blaßblondem Lockenhaar und schob sich, die
Hand schwenkend, näher an die Bahnsteigsperre heran.
“Und das ist dein längst verlorengegebener Glied-
cousin zweiten Grades, Bruno Rontini”, sagte er, als er
eine Minute später mit dem Jungen zurückkam. “Handelt
mit alten Büchern und will, daß jeder Mensch an das gas-
förmige Wirbeltier glaubt.” Und als die beiden einander
die Hand schüttelten, fuhr er in spöttisch feierlichem Ton
fort: “Laß dich warnen — er wird wahrscheinlich ver-
suchen, dich zu bekehren.”
Sebastian sah abermals Bruno an, und unter dem Einfluß
der Worte seines Onkels sah er nur Torheit in den klaren
Augen, nur Bigotterie in diesem hageren Gesicht mit den
Höhlungen unter den Backenknochen und der Papageien-
nase. Dann wandte er sich Eustace zu und lächelte.
“Also das ist Sebastian”, sagte Bruno gedehnt. Es war,
ominös bezeichnend, der Name des zur Zielscheibe des
Schicksals Vorbestimmten. “Ich kann mir nicht helfen, ich
muß aus irgendeinem Grund immer an alle diese vielen
Pfeile denken”, fuhr er fort. “Die Pfeile der Lüste, die
diese Schönheit erwecken und ihrem Besitzer zu befrie-
digen gestatten wird. Die Pfeile der Eitelkeit und Selbst-
zufriedenheit ...”
.Aber Pfeile fliegen nach beiden Seiten”, entgegnete
Eustace. “Dieser Märtyrer hier wird nichts schuldig blei-
ben, nicht wahr, Sebastian?” Er lächelte ihm wissend zu,
ein Mann dem andern.
Von diesem kundgetanen Vertrauen zu seiner Wehr-
fähigkeit geschmeichelt, lachte Sebastian und nickte.
Mit einer herzlichen, fast besitzstolzen Gebärde legte
Eustace dem Jungen die Hand auf die Schulter.
“Andiamo!” rief er.
Etwas wie Triumph lag in seinem Ton. Er war mit
Bruno nicht nur dafür quitt geworden, was im Wagen
vorgegangen war; er hatte ihm auch jede Möglichkeit ab-
geschnitten, Sebastian zu beeinflussen.
“Andiamo”, sagte auch Bruno. “Ich begleite euch zum
Wagen und hole mir meine Reisetasche.” Er griff Se-
bastians Handkoffer vom Boden auf und begann dem
Ausgang zuzugehn. Die beiden andern folgten.

Mit melodisch baritonalem Hupen wand sich der Isotta


langsam durch die überfüllten Straßen. Sebastian zog die
üppichweiche Decke ein wenig höher über die Knie herauf
und dachte, wie wundervoll es sei, reich zu sein. Und sich
sagen zu müssen, daß, wenn sein Vater nicht so idiotische
Ideen hätte .. .
“Dieser komische Bruno!” bemerkte sein Onkel in einem
Ton belustigter Herablassung. “Aus irgendeinem Grund
erinnert er mich immer an diese unwahrscheinlichen angel-
sächsischen Heiligen: St. Willibald und St. Wunnibald,
St. Winna und St. Frideswide ...”
Er ließ die Namen so lächerlich klingen, daß Sebastian
laut herausprustete.
“Aber ein durchaus freundlicher, sanfter Mensch”, fuhr
Eustace fort, “und in Anbetracht dessen, daß er einer von
den Guten ist, kein allzu langweiliger Patron.”
Er unterbrach sich, berührte Sebastian am Arm und wies
durch das linke Fenster.
“Dort oben sind die Mediceergräber”, sagte er. “Da
redet man vom Erhabenen! Ich kann sie einfach nicht mehr
ansehn. Donatello ist heutzumal für mich die Grenze. Aber
es ist selbstverständlich durchaus wahr: die verdammten
Dinger sind nun einmal die großartigsten Skulpturen der
Welt! Und hier ist Rossi, der Schneider”, fuhr er ohne
Übergang fort und wies abermals mit der Hand. “Bestell
ihn dir aus ordentlichem englischem Stoff, und der Mann
macht dir einen so tadellosen Anzug, wie du ihn nicht in
der Savile Row kriegen kannst, und um den halben Preis.
Wir werden uns reichlich Zeit von unsern Kunstwande-
rungen absparen, um dir für deinen Abendanzug Maß
nehmen zu lassen.”
Sebastian wagte kaum, seinen Ohren zu trauen, und sah
ihn fragend an. “Du meinst ...? Oh, ich danke dir, Onkel
Eustace!” rief er, als der lächelte und nickte.
Eustace gewahrte beim vorbeigleitenden Licht einer
Straßenlampe, daß sich das Gesicht des Jungen gerötet
hatte und seine Augen glänzten. Gerührt tätschelte er ihm
das Knie.
“Kein Anlaß zu Dankbarkeit”, sagte er. “Wenn ich im
Wer ist wer? stünde, wo ich aber nicht stehe, würdest du
sehn, daß meine liebste Erholung .meinen Bruder ärgern'
ist.”
Sie lachten miteinander — zwei zum Boshaftsein Ver-
schworene.
“Und nun”, rief Eustace, “bück dich und guck durch
dieses Fenster hinauf zu dem zweitgrößten Ei, das je
gelegt wurde!”
Sebastian tat es und erblickte hohe Marmorklippen und
über den Klippen eine riesige Kuppel, die sich in den Him-
mel aufschwang und aufsteigend immer dunkler wurde,
von dem schwachen Lampenlicht, das noch um ihre Basis
verweilte, bis zu einem Geheimnis, undurchdringlicher als
die Nacht selbst.
Es war diesmal die Verklärung nicht eines Häufleins
Elend, sondern einer gewaltigen harmonischen Großartig-
keit.
“Erst Licht”, sagte Eustace, mit einem gedunsenen Fin-
ger hinweisend, der sich aufwärts bewegte, während er
sprach, “dann Finsternis.”
Sebastian sah ihn erstaunt an. Auch er . ..?
“Es ist wie eine Spiegelgleichung”, fuhr der andre fort.
“Man beginnt mit den Werten X und Y, und man endet
bei einer unbekannten Größe. Die allerromantischeste Art
der Beleuchtung.”
“Ich hätte nicht gedacht, daß auch jemand andrer so was
bemerkt”, sagte Sebastian.
“Optimist!” Eustace lächelte nachsichtig. Welch ein Spaß,
jung zu sein, überzeugt zu sein, sooft man eine Jungfern-
schaft verlor, daß so was noch nie zuvor geschehn sei!
“Die Kupferstecher und Radierer des neunzehnten Jahr-
hunderts bemerkten kaum etwas andres. Alle ihre roman-
tischen Matterhörner und Schloßruinen sind oben dunkler
als an ihrem Fuß. Was die Spiegelgleichung nicht weniger
amüsant macht.”
Es folgte ein kleines Schweigen. Der Wagen bog vom
Domplatz in eine sogar noch engere und von noch mehr
Menschen gefüllte Straße ein als die, durch die sie vom
Bahnhof gekommen waren.
“Ich hab ein Gedicht darüber geschrieben”, vertraute Se-
bastian endlich Eustace an. “Nicht eins wie die ...”
“Nicht eins wie die, die du mir zu Weihnachten gesandt
hast?”
Sebastian schüttelte den Kopf. “Ich hab nicht gedacht,
daß es dir gefallen würde. Es ist ein bißchen .. . na, ich
weiß nicht .. . ein bißchen religiös; das heißt, wenn es von
Religion handeln würde, aber davon handelt's nicht. Aber
da du es auch bemerkt hast . . . ich meine, die Art, wie
Dinge so von unten her beleuchtet sind ...”
“Kannst du's auswendig?”
Zwischen Schüchternheit und dem Wunsch, sich hervor-
zutun, hin und her gerissen, murmelte und stammelte Se-
bastian und bejahte zuletzt.

Häuflein Elend! Verklärt zu Canterbury


Und zu Chartres, zur Schönheit der Heiligkeit .. .

In seine Ecke zurückgelehnt, lauschte Eustace der leisen,


fast kindlichen Stimme und betrachtete, als die Lichter ka-
men und gingen, forschend das halb abgewandte Gesicht,
wie es mit engelgleichem Ernst großäugig in die Dunkel-
heit schaute. Ja, da war wohl Begabung! Aber was ihn so
tief bewegte, was ihn fast zu Tränen rührte, war dieses
Dabeisein mit ganzem Herzen, diese arglose Gutgläubig-
keit, diese Reinheit des innersten Wesens. Reinheit, dabei
blieb er — obgleich man nicht wirklich sagen konnte, was
das Wort bedeutete, oder auch nur seinen Gebrauch zu
rechtfertigen vermochte. Denn ganz offenkundig war der
Junge von Sexualität besessen — onanierte gewiß — hatte
wahrscheinlich Affären, homosexuelle oder andre. Und
doch war da eine gewisse Reinheit, eine wirkliche Reinheit.
Die Rezitation endete, und es folgte ein langes Schwei-
gen, ein so langes, daß Sebastian sich unbehaglich zu fra-
gen begann, ob sein Häuflein Elend wirklich so gut sei, wie
er glaubte. Onkel Eustace besaß Geschmack; und wenn er
es nicht für gut hielt, dann ... Aber Onkel Eustace sprach
endlich.
“Das war sehr schön”, sagte er. Die Worte bezogen sich
weniger auf das Gedicht als darauf, was er selbst beim
Zuhören gefühlt hatte — dieses unerwartete Aufquellen
starker Gemütsbewegung und beschützerischer Zärtlichkeit.
“Sehr schön.” Er legte voll herzlicher Zuneigung Sebastian
die Hand aufs Knie. Nach einer Pause fügte er lächelnd
hinzu: “Auch ich pflegte Gedichte zu schreiben, aber da
war ich ein paar Jahre älter als du.”
“Wirklich, du hast ...”
“Dowson und Wasser”, sagte Eustace kopfschüttelnd.
Mit einem gelegentlichen Schuß Oscar Wilde und Katzen-
pisse.” Er lachte. Genug der Sentimentalität! “Heutzutage
versteige ich mich höchstens zu Limericks”, fuhr er fort.
“Und da muß ich dir wirklich den von dem jungen Ding
aus Spokane erzählen.”
Und das tat er. Der Wagen war mittlerweile in eine ge-
räumigere Dunkelheit hinausgelangt. Lichter schimmerten
auf Wasser; sie fuhren über eine Brücke und rollten mit
zunehmender Geschwindigkeit ein oder zwei Minuten einen
breiten Kai entlang. Dann bogen sie nach rechts; ihre
Straße begann sich zu winden, begann zu steigen. Durch
das Fenster auf seiner Seite sah Sebastian fasziniert zu, wie
die Scheinwerfer eine Reihe ineinanderfließender eng um-
grenzter Welten aus dem Nichts schufen. Eine magere
graue Ziege, auf den Hinterbeinen stehend und Wistaria-
knospen rupfend, die über eine abblätternde Stuckfläche
hingen; ein Priester in langem schwarzem Talar, der ein
Damenfahrrad die steile Steigung hinaufschob; eine große
Steineiche, die sich wand wie ein hölzerner Oktopus; und
am Fuß einer Treppenflucht ein aufgescheuchtes Liebes-
paar, sich aus seiner Umarmung lösend und mit einem
Aufblinken von Augen und lachenden Zähnen dem Licht
zuwendend, das die beiden hervorgerufen hatte und nun,
weitergleitend, verschwinden ließ.
Einen Augenblick später kam der Wagen vor einem
hohen schmiedeeisernen Gittertor zum Stillstand. Melo-
disch, aber herrisch tutete er um Einlaß, und ein kleiner
alter Mann kam aus dem Schatten herbeigelaufen, um die
Riegel zurückzuschieben.
Die Zufahrt wand sich unter schlanken Zypressen dahin;
ein Beet blauer Hyazinthen leuchtete auf und erlosch, dann
ein kleiner Brunnen in einer muschelförmigen Nische. Als
der Isotta die letzte Biegung nahm, riefen die Scheinwerfer
ein halbes Dutzend verwitterter Nymphen ins Dasein, die
nackt auf den Sockeln standen, und kamen dann, als wäre
dies die letzte, die alles erklärende Offenbarung, auf einem
Orangenbaum zur Ruhe, der aus einem großen irdenen
Zuber wuchs.
“Hier sind wir”, sagte Eustace, und im selben Augen-
blick öffnete ein Butler in weißer Jacke die Wagentür und
neigte ehrerbietig den Kopf.
Sie betraten ein hohes, geräumiges Vestibül mit Säulen
und einem Tonnengewölbe wie eine Kirche. Der Butler
nahm ihre Sachen, und Eustace ging voran, die steinerne
Treppe hinauf.
“Hier ist dein Zimmer”, sagte er, eine Tür aufstoßend.
“Fürcht dich nicht vor dem”, fügte er hinzu und wies auf
das riesige Himmelbett. “Nur die Schnitzerei daran ist
antik. Die Matratze ist modern. Und dein Badezimmer ist
dort drin.” Er schwenkte die Hand gegen eine zweite Tür.
“Was glaubst du, kannst du in fünf Minuten gewaschen
und gebürstet sein?”
Sebastian war ganz gewiß, er könne das. Und fünf Mi-
nuten später war er unten in der Halle. Eine Tür stand
einladend halb offen. Er trat ein und befand sich im Salon.
Ein schwacher, würziger Duft von Potpourri geisterte in der
Luft, und die Lampen des Kronleuchters, der von der kas-
settierten Decke hing, wurden als unzählige gewölbte Hoch-
glanzlichter von porzellanenen und silbernen Oberflächen
gespiegelt, von gedrechseltem Holz und skulptierter Bronze
und Elfenbein. Berge von glasiertem Chintz, riesige Fau-
teuils und Sofas wechselten ab mit der kunstvoll geschnitz-
ten und buntbemalten Unbequemlichkeit venezianischer
Möbel des achtzehnten Jahrhunderts. Ein gelblicher chine-
sischer Teppich lag auf dem Boden, wie eine Weite milden
und uralten Sonnenscheins. Die Bilderrahmen an den Wän-
den waren Türen, die in andre Welten führten. Die erste,
in die er hineinsah, war ein seltsam buntes Universum,
intensiv lebendig und doch statisch, endgültig und abge-
klärt — eine Welt, in der alles aus unzähligen Pünktchen
reiner Farben gemacht war und die Männer schmalkrem-
pige Ofenröhren trugen und die Turnüren der Frauen
monumental waren wie ägyptischer Granit. Und gleich da-
neben ging es in eine andre, eine venezianische Welt, wo
eine Gesellschaft von Damen in einer Gondel das Rosa
ihrer Seidenkleider auf dem ergänzenden Jadegrün des
Canale Grande einhertreiben ließ. Und hier, über dem
Kamin, in der Welt eines Manischen, einer Welt von Ker-
zenlicht und bräunlichen bituminösen Schatten, saß ein
Konvivium in die Länge gezogener Mönche schmausend
unter dem Gewölbe einer Kathedrale . . .
Die Stimme seines Onkels brachte ihn in die Wirklich-
keit zurück.
“Ah, du hast meinen kleinen Magnasco entdeckt?”
Eustace kam herbei und ergriff ihn am Arm. “Amüsant,
nicht wahr?”
Aber noch bevor Sebastian antworten konnte, begann er
abermals zu sprechen. “Und jetzt mußt du mitkommen
und dir ansehn, was ich gestern getan habe”, sagte er und
zog ihn weg. “Hier!”
Er wies mit der Hand. In einer gewölbten Nische stand
ein schwarzer Tisch aus Papiermache, mit vergoldeten Ran-
ken und mit Perlmutter eingelegt, und darauf ein Strauß
Wachsblumen unter einer Glasglocke und ein hoher zylin-
drischer Glaskasten mit ausgestopften Kolibris. An der
Wand, zwischen den beiden Objekten und ein wenig über
ihnen, hing ein kleines Gemälde des vierzehnten Jahrhun-
derts, auf dem junge Männer mit Pagenköpfen und Ho-
senbeuteln Pfeile auf einen heiligen Sebastian schössen, der
an einen blühenden Apfelbaum gebunden war.
“Dein Namensvetter”, sagte Eustace. “Aber der eigent-
liche Witz ist der, daß man nun endlich eine Verwendungs-
möglichkeit für die kleineren Primitiven entdeckt hat.
Selbstverständlich ist es lächerlich, solche Schwarten so zu
behandeln, als wär's ernste Kunst. Aber als Schwarten sind
sie bezaubernd; man möchte sie nicht gern vergeuden. Na,
hier ist der Ausweg aus dem Dilemma. Man mische sie mit
dem Stil von etwa 1870! Das ergibt einen ganz köstlichen
Salat. Und jetzt, mein Lieber, wollen wir hineingehn und
essen. Das Speisezimmer ist dort drüben, durch die Biblio-
thek.”
Sie durchschritten sie. Hinter der Tür am andern Ende
des langen Büchertunnels erklang eine rauhe, brüchige
Stimme und das Klirren von Besteck und Porzellan.
“Also, hier sind wir endlich!” rief Eustace munter, als
er sie öffnete.
In einem stahlblauen Abendkleid und mit sieben Reihen
Perlen um den mumienhaften Hals wandte die Königin-
Mutter die blinden Augen den Eintretenden zu.
“Du kennst meine Gewohnheiten, Eustace”, sagte sie,
und in ihrer Stimme geisterte der Feldwebel. “Nach sieben
Uhr fünfundvierzig wird auf niemand mit dem Dinner
gewartet. Auf niemand”, wiederholte sie mit Nachdruck.
“Wir sind fast fertig.”
“Noch etwas Obst?” fragte Mrs. Thwale sanft und
drückte der alten Frau eine Gabel in die Hand, auf die
das geschälte Viertel einer Birne gespießt war. Mrs. Gamble
biß davon ab.
“Wo ist der Junge?” fragte sie mit vollem Mund.
“Hier.”
Sebastian wurde vorwärts geschoben und ergriff behut-
sam die ihm entgegengestreckte juwelenbeladene Klaue.
“Ich hab deine Mutter gekannt”, schnarrte Mrs. Gamble.
“Sie war hübsch, sehr hübsch. Aber schlecht erzogen. Ich
hoffe, du bist besser erzogen.” Sie vertilgte den Rest des
Birnenviertels und legte die Gabel hin.
Sebastian wurde blutrot und stieß abbittende unartiku-
lierte Laute aus, die besagen sollten, daß auch er das
hoffe.
“Sprich lauter!” sagte Mrs. Gamble scharf. “Wenn ich
etwas nicht leiden kann, so ist's Mummeln. Alle jungen
Leute mummeln heutzutage. Veronica?”
“Ja, Mrs. Gamble?”
“Oh, übrigens, Junge, das ist Mrs. Thwale.”
Sebastian trat in eine Aura von Parfüm vor, und als er
schüchterne Augen von den Falten eines taubengrauen
Kleids erhob, schrie er fast auf vor staunender Verwun-
derung. Dieses ovale Gesicht in seiner Umrahmung von
glattem schwarzem Haar — es war Mary Esdailes Ge-
sicht.
“Guten Abend, Sebastian.”
Seltsamerweise hatte er mit seinem inneren Ohr Marys
Stimme nie deutlich gehört. Nun aber war es nicht zu
verkennen, daß dies ihr ureigenster Klang war — ziemlich
tief, aber klar und köstlich rein.
“Guten Abend.”
Sie reichten einander die Hand.
Nur in den Augen fand er einen Unterschied zwischen
seinem Phantasiebild und dessen Verkörperung. Die Mary
Esdaile seiner Tagträume hatte stets die Augen nieder-
geschlagen gehabt, wenn er sie ansah. Und wie fest und
unentwegt und befehlerisch er sie angesehen hatte! Wie
sein Vater. Aber dies hier war nicht Traum, sondern
Wirklichkeit. Und in Wirklichkeit war er so schüchtern
wie immer. Und diese dunkeln Augen waren nun mit
einem stetigen und leicht ironischen Abschätzen auf ihn
gerichtet, das ihn äußerst verlegen machte. Sein Blick
schwankte und wich zuletzt aus.
“Sie wissen, wie man des Königs Englisch spricht, Vero-
nica”, krächzte Mrs. Gamble weiter. “Geben Sie ihm ein
paar Lektionen, während er hier ist.”
“Nichts würde mir mehr Vergnügen machen”, sagte
Veronica Thwale, als läse sie aus einem viktorianischen
Kompendium des guten Tons vor. Abermals blickte sie
Sebastian ins Gesicht, und die Winkel ihres schöngeform-
ten Mundes zuckten in einem winzigen Lächeln. Dann
wandte sie sich ab und beschäftigte sich mit dem Schälen
des Rests von Mrs. Gambles Birne.
“Laßt den armen Kerl doch zum Essen kommen!” rief
Eustace, der sich gesetzt hatte und mit seiner Suppe bereits
halb fertig war. Dankbar begab sich Sebastian an den ihm
zugewiesenen Platz.
“Ich hätte dich vor der Königin-Mutter warnen sollen”,
fuhr Eustace scherzend fort. “Sie ist viel schlimmer, als sie
tut.”
“Eustace! Eine solche Impertinenz hab ich noch nicht
gehört!”
“Nur, weil du nie dir selbst zuhörst”, gab er zurück.
Die alte Dame kackelte anerkennend und versenkte ihre
falschen Zähne in ein zweites Stück Birne. Der Saft lief ihr
übers Kinn und tropfte in das Büschel Orchideen an ihrem
Kleid.
“Und was Mrs. Veronica Thwale betrifft, so kenne ich
die junge Dame zu wenig, um dir da einen Rat geben zu
können. Du wirst selber draufkommen müssen, sobald sie
dir deine Mummellektionen erteilt. Erteilen Sie gern Lek-
tionen, Mrs. Thwale?”
“Das kommt auf die Intelligenz des Schülers an”, ant-
wortete sie ernst.
“Und finden Sie, daß dieser hier intelligent aussieht?”
Abermals sah sich Sebastian gezwungen, dem stetig
prüfenden Blick dieser dunkeln Augen auszuweichen. Aber
sie war schön in ihrem grauen Kleid, und der Hals war
glatt wie eine weiße Säule; und die Brüste waren eher klein.
“Sehr”, sagte Mrs. Thwale endlich. “Aber natürlich”,
fügte sie hinzu, “wo es sich ums Mummeln handelt, kann
man nie ganz sicher sein. Mummeln ist etwas ganz Spe-
zielles, meinen Sie nicht auch?”
Und bevor Eustace antworten konnte, stieß sie ihr
wunderliches kleines, grunzendes Lachen aus. Nur eine
Sekunde lang — dann nahm das Gesicht wieder seine
ernste, marmorne Gelassenheit an. Zierlich begann sie eine
Mandarine zu schälen.
Mrs. Gamble wandte sich in die Richtung, wo ihr Schwie-
gersohn saß. “Mr. De Vries kam nachmittag mich besuchen.
Ich weiß also, wo du zum Lunch warst.”
“,Und der kein Geheimnis verborgen ist'“, sagte
Eustace.
Mrs. Thwale hob die Augenlider, um ihm einen schnellen
Blick der Mitwisserschaft zuzuwerfen, und sah dann wieder
auf ihren Teller hinunter.
“Ein höchst instruktiver junger Mann”, fuhr er fort.
“Ich kann ihn gut leiden”, verkündete die Königin-
Mutter mit Nachdruck.
“Und er betet dich einfach an”, sagte Eustace mit kaum
verschleierter Ironie. “Und wie kommen Sie inzwischen
mit Ihrem Einstein weiter, Mrs. Thwale?”
“Ich tue mein möglichstes”, antwortete sie, ohne den
Blick zu heben.
“Darauf könnte ich wetten”, sagte Eustace im Ton gut-
mütiger Ironie.
Mrs. Thwale sah auf; aber diesmal war keine Mitwisser-
schaft in ihrem Blick, keine Andeutung, daß auch sie be-
lustigt sei — nur steinerne Kälte. Taktvoll wechselte
Eustace das Thema.
“Ich hatte ein langes Gespräch mit Laurina Acciaiuoli
heute nachmittag”, sagte er, sich wieder an Mrs. Gamble
wendend.
“Was, die ist noch immer nicht hinüber?” Die Königin-
Mutter schien enttäuscht, ja beinahe betrübt zu sein. “Ich
dachte, sie ist so krank?” fügte sie hinzu.
“Offenbar nicht ganz so krank”, entgegnete Eustace.
“Manchmal schleppen sie sich jahrelang hin”, schnarrte
Mrs. Gamble. “Deine Mutter ist schon vor einiger Zeit hin-
über, nicht wahr, Sebastian?”
“Schon 1921.”
“Was?” schrie sie. “Was sagst du? Du mummelst schon
wieder!”
“Schon 1921”, wiederholte er lauter.
“Brüll doch nicht so!” schnarrte der geisternde Feld-
webel. “Ich bin nicht taub. Bist du mit ihr jemals in Ver-
bindung gewesen seitdem?”
“In Verbindung?” wiederholte er verdutzt.
“Durch ein Medium”, erklärte Eustace.
“Oh, ich verstehe. Nein. Nie.”
“Nicht aus religiösen Bedenken hoffentlich?”
Eustace lachte laut auf. “So eine ausgefallene Frage!”
“Gar nicht ausgefallen”, bellte die Königin-Mutter
zurück. “Wenn doch meine eigene Enkelin religiöse Be-
denken hat. Die gehn hauptsächlich auf Ihren Vater zurück,
Veronica”, fügte sie hinzu.
Mrs. Thwale entschuldigte sich für den Kanonikus.
“Nicht Ihre Schuld, Veronica”, sagte die Königin-Mutter
großmütig. “Aber Daisy ist eine Gans, daß sie auf ihn
hört. Da sitzt sie und hat einen Mann und ein Kind auf der
andern Seite drüben und tut gar nichts dergleichen. Es
macht mich gradezu krank.”
Sie schob ihren Sessel zurück und erhob sich.
“Wir gehn jetzt hinauf”, sagte sie. “Gute Nacht, Eustace!”
Da sie ihn nicht sehen konnte, machte sich Eustace nicht
die Mühe, aufzustehn.
“Gute Nacht, Königin-Mutter!” rief er zurück.
“Und du, mein Junge, du wirst morgen eine Mummel-
lektion nehmen, verstanden? Also kommen Sie, Veronica!”
12. KAPITEL

Mrs. Thwale schob ihre Hand unter den Arm der alten
Frau und steuerte sie durch die Tür, die Sebastian geöffnet
hatte. Als sie an ihm vorbeiging, stieg ihm ihr Parfüm süß
in die Nase — süß, aber zugleich auch dunkel animalisch,
als wäre perverserweise den Gardenien und dem Sandel-
holz ein Rüchlein Schweiß beigemischt worden. Er schloß
die Tür hinter den beiden und kehrte an seinen Platz zurück.
“Ein großer Spaß, unsre Königin-Mutter”, sagte Eustace.
“Aber man ist immer recht froh, wenn er vorüber ist. Die
meisten Leute sollten eigentlich nicht länger als jeweils
fünf Minuten dasein. Diese kleine Thwale hingegen ...
Ein richtiges Ausstellungsstück.”
Er brach ab, um Einspruch zu erheben gegen die Unzu-
länglichkeit der Portion filetierter Seezunge, mit der Seba-
stian sich bedient hatte. Ein Rezept aus den Trois Faisans
in Poitiers. Er habe den Chef bestechen müssen, um es zu
bekommen. Gehorsam nahm sich Sebastian mehr davon.
Der Butler ging weiter, an die Schmalseite des Tisches.
“Ein richtiges Ausstellungsstück”, wiederholte Eustace.
“Wäre ich zwanzig Jahre jünger, oder wärst du fünf Jahre
älter ... Aber du brauchst natürlich gar nicht älter zu sein,
nicht wahr? Oder doch?”
Sein Gesicht strahlte vor verschmitzter Anzüglichkeit.
Sebastian tat sein möglichstes, mit der richtigen Art von
Lächeln zu erwidern.
“Sapienti sat”, fuhr Eustace fort. “Und verschiebe nie
auf morgen, was du heute kannst genießen.”
Sebastian sagte nichts. Sein Genießen, dachte er ver-
bittert, geschah nur in der Phantasie. Wenn sich die Wirk-
lichkeit darbot, war er bloß verängstigt. Hätte er ihr nicht
wenigstens in die Augen sehn können?
Eustace wischte sich die Sauce von den «dicken, schlaffen
Lippen und trank ein wenig von dem Champagner, der
ihm inzwischen eingeschenkt worden war.
“Roederer 1916”, sagte er. “Er macht mir wirklich viel
Freude.”
Die Rolle eines genießerischen Kenners spielend, nippte
Sebastian anerkennend ein oder zweimal und stürzte dann
ein halbes Glasvoll herunter. Das Zeug schmeckte, so fand
er, wie ein mit einem Stahlmesser geschälter Apfel.
“Er ist fabelhaft gut”, sagte er aber, und sich an die von
Susan gespielte Sonate erinnernd, zwang er sich hervorzu-
stoßen: “Er ist wie . . . wie Scarlattis Musik fürs Cembalo”,
und errötete, weil es so unnatürlich klang.
Eustace jedoch war entzückt von dem Vergleich.
“Ich bin froh”, sagte er, “daß du nicht deinem Vater nach-
gerätst. Diese Gleichgültigkeit gegen alle Verfeinerungen
des Lebens — die ist wirklich etwas Schauderhaftes. Einfach
Calvinismus, weiter nichts. Ein Calvinismus, der nicht durch
Calvins Theologie entschuldigt ist.”
Er schluckte den letzten Bissen seiner zweiten Portion
Seezunge, lehnte sich zurück und blickte mit Vergnügen
ringsum, auf den schön gedeckten Tisch, auf die Empire-
möbel, auf die Landschaft von Domenichino über dem
Kamin, auf die lebensgroßen Ziegen von Rosa di Tivoli
über der Anrichte, auf die beiden Bedienten, die mit der
geräuschlosen Präzision von Zauberkünstlern dort han-
tierten.
“Nein, danke für Calvinismus!” sagte er. “Da ist mir
immer noch der Katholizismus lieber. Pater Barnabas mit
seinem Räucherfaß; Pater Theophil mit seinem Aspergill.
Was die für einen Spaß haben mit allen ihren Scharaden
und Verwandlungsrätseln! Wenn sie nicht darauf bestün-
den, unbedingt das Christentum hineinzumengen, ließe ich
mich schon morgen bekehren.”
Er neigte sich vor und baute mit überraschend geschickten
Fingern das Obst in der Silberschale zwischen den Kerzen-
leuchtern auf gefälligere Weise auf.
“,Die Schönheit der Heiligkeit'“, sagte er, “ ,die Schön-
heit der Heiligkeit'. Ich bin entzückt, daß du diesen Aus-
druck in deinem Gedicht verwendest. Und vergiß nicht, er
paßt nicht nur auf Kirchen. So, das sieht besser aus.”
Er rückte mit einem letzten Zupfen eine Glashaustraube
an die richtige Stelle und lehnte sich wieder zurück. “Ich
hatte einmal einen wundervollen alten Butler — keine Hoff-
nung, je wieder seinesgleichen zu finden.” Er seufzte und
schüttelte den Kopf. “Der Mann brachte es fertig, daß sich
eine Dinnergesellschaft mit der feierlichen Vollkommen-
heit eines Hochamts in der Madeleine abwickelte.”
Eingemachtes Huhn folgte dem Fisch. Eustace erging
sich in einer kurzen Abschweifung über das Thema Trüf-
feln, kehrte zur Schönheit der Heiligkeit zurück und ging
von da auf das Leben als eine schöne Kunst über.
“Aber eine nicht anerkannte schöne Kunst”, klagte er.
Ihre Meister werden nicht bewundert; sie werden für
Müßiggänger und Verschwender angesehn. Sittenkodexe
sind immer von Leuten wie dein Vater verfaßt worden —
oder bestenfalls von Leuten wie Bruno. Leute wie ich
waren kaum imstande, auch nur ein einziges Wörtchen
mitzureden, und wenn wir unser Wörtchen mitreden können
— wie ein oder zweimal während des achtzehnten Jahr-
hunderts —, hört niemand ernstlich auf uns. Und doch
stiften wir erwiesenermaßen viel weniger Unheil als
die andern Gesellen. Wir fangen keine Kriege an oder
Albigenser-Kreuzzüge oder kommunistische Revolutionen. .
Leben und leben lassen' — das ist unser Wahlspruch. Wäh-
rend die Idee der andern vom Gutsein die des ,Sterbens
und Sterbenmachens' ist. Laß dich umbringen für deine
idiotische Sache und bring jeden andern um, der zufällig
nicht einer Meinung ist mit dir! Die Hölle ist nicht nur
gepflastert mit guten Vorsätzen; sie ist auch auf gemauert
und eingedeckt mit ihnen. Ja, und auch möbliert.”
Sebastian erschien diese Bemerkung nach seinem zweiten
Glas Champagner äußerst komisch, und er brach in ein
kicherndes Gelächter aus, das zu seiner Verlegenheit in
einem Rülpser endete. Das Zeug war so arg wie Ingwerbier.
“Du kennst natürlich den alten Herrn aus Thailand?”
“Du meinst den, der nicht glauben wollte an unsern
Heiland?”
Eustace nickte. “ .Darum gründete er behend'“, zitierte
er, “,mit ihm selbst als Präsident' — obzwar das nicht zu
seinem Charakter stimmt, siehst du, denn er würde gar
nicht das Oberhaupt sein wollen; er würde sich einfach
still unterhalten und gute Manieren haben wollen — ,den
Kult des Benehmens mit Anstand'. Oder, mit andern
Worten, den Konfuzianismus. Aber unglückseligerweise
war China auch voll von Buddhisten und Taoisten und
verschiedenen Kriegsherren. Leuten von despotischem
Temperament und Leuten von gehemmtem, skrupulösem
Temperament. Schrecklichen Leuten wie Napoleon und
andern schrecklichen Leuten wie Pascal. Es war einmal ein
alter Herr aus Korsika, der an nichts glauben wollte als an
Macht. Und ein alter Herr aus Port-Royal, der sich selbst
folterte, indem er an den Gott Abrahams und Isaaks und
nicht an den der Philosophen glaubte. Die beiden mitein-
ander geben dem armen alten Herrn aus Thailand auch
nicht die Spur einer Chance. In China nicht und anderswo
auch nicht.”
Er machte eine Pause, um sich von dem Schokoladesoufflé
zu nehmen.
“Wenn ich die Kenntnisse hätte”, fuhr er fort, “und die
Energie, würde ich einen Grundriß der Weltgeschichte
schreiben. Nicht in Begriffen der Geographie oder des
Klimas oder der Wirtschaft oder der Politik. Nichts von
alledem ist grundlegend. Sondern in Begriffen des Tempe-
raments. In Begriffen des ewigen Dreikampfs zwischen
dem alten Herrn aus Thailand, dem alten Herrn aus
Korsika und dem alten Herrn aus Port-Royal.”
Eustace unterbrach sich, um noch etwas mehr Schlagsahne
zu verlangen; dann setzte er fort. Christus sei natürlich ein
alter Herr aus Port-Royal gewesen, und das treffe auch auf
Buddha und die meisten andern Hindus zu. Und auch auf
Lao-tse. Mohammed aber habe sehr viel mit dem alten
Herrn aus Korsika gemein. Und das stimme auch für eine
recht große Zahl christlicher Heiliger und Kirchenväter.
Das Ergebnis sei Mord und Raub, begangen von bekehre-
rischen Gewaltmenschen und gerechtfertigt in Begriffen
einer von Introvertierten entworfenen Theologie. Und in-
zwischen werde der arme alte Herr aus Thailand von
jedermann mit Fußtritten und Beschimpfungen traktiert.
Vielleicht bei den Pueblo-Indianern, aber sonst nirgends,
habe es eine vorwiegend thailändische Gesellschaftsform
gegeben — eine Gesellschaftsform, in der es für unziemlich
galt, ehrgeizig zu sein, für ketzerisch, eine persönliche
Religion zu haben, für verbrecherisch, ein Führer zu sein,
und für tugendhaft, es sich in Frieden und Ruhe wohl sein
zu lassen. Außerhalb von Zuñi und Taos hätten sich die
alten Herren aus Thailand damit begnügen müssen, ihre
Proteste protokollieren zu lassen, die Bremsen anzuziehn,
sich aufs breite Ende zu setzen und zu erklären, sich nicht
von der Stelle rühren zu wollen, es wäre denn, man schleppte
sie mit Gewalt weg. Konfuzius habe am meisten Erfolg
dabei gehabt, das Wüten der Korsikaner und Port-
Royalisten zu mildern; wogegen im Westen Epikur bloß
ein geflügeltes Wort geworden sei, Boccaccio und Rabelais
und Fielding als bloße Literaten betrachtet würden und
sich niemand mehr die Mühe nehme, Bentham zu lesen
oder auch nur John Stuart Mill. Und neuestens habe man
begonnen, die alten Herren aus Port-Royal genauso
schlecht zu behandeln wie die aus Thailand. Kein Mensch
mehr lese Bentham; aber ebenso lese auch kein Mensch
mehr Thomas von Kempten. Das herkömmliche Christen-
tum sei im Begriff, etwas ebenso Diskreditiertes zu werden
wie das Epikureertum. Die Philosophie des Handelns um
des Handelns willen, der Macht um der Macht willen, sei
zu einer festgegründeten Orthodoxie geworden. “Du hast
gesiegt, rafferischer Babbitt!”
“Und nun”, schloß er, “wollen wir unsern Mokka trinken
gehn, wo wir ein wenig bequemer sitzen können.”
Sich behutsam und bedachtsam innerhalb der zerbrech-
lichen Welt seines beginnenden Schwipses bewegend, folgte
Sebastian seinem Onkel in den großen Salon.
“Nein, danke schön”, erwiderte er höflich, als ihm eine
Zigarre angeboten wurde, die sogar noch länger und
dunkler war als die Zigarren Dr. Pfeiffers.
“Dann nimm dir eine Zigarette”, sagte Eustace, während
er sich selbst zu einer Romeo-und-Julia verhalf. Feucht und
liebevoll schlössen sich seine unentwöhnten Lippen um das
Objekt seines Verlangens. Er hielt es ans Flämmchen der
kleinen silbernen Lampe, saugte, und einen Augenblick
später gab die Zitze ihre aromatische Milch, war sein Mund
voll von Rauch. Eustace tat einen tiefen Seufzer der Zu-
friedenheit. Der Geschmack des Tabaks war so neu, eine so
köstliche Offenbarung, wie er es für ihn als jungen Mann
gewesen war; als wäre sein Gaumen jungfräulich und dies
seine erste erstaunliche Einweihung in diesen Genuß. “Du
solltest dich beeilen”, sagte er, “dir das Zigarrenrauchen
anzugewöhnen. Es ist eine der größeren Seligkeiten. Und
etwas viel Dauernderes als Liebe. Und kostet viel weniger
an emotionellem Verschleiß und Verbrauch. Obwohl sich
natürlich”, fügte er, sich Mimis erinnernd, hinzu, “auch die
Liebe beträchtlich vereinfachen läßt. Sehr beträchtlich.” Er
ergriff Sebastian herzlich am Arm. “Das Glanzstück der
Sammlung hast du noch gar nicht gesehn.” Er führte ihn
durchs Zimmer und drehte einen Schalter. Unter dem Licht
sprang ein wunderschönes Stück Mythologie ins Dasein. In
einem grünen Waldtal, mit dem Mittelmeer in der Ferne
und zwei der Küste vorgelagerten Capris, lag Adonis träu-
mend inmitten seiner schlafenden Hunde. Über ihn gebeugt
stand eine blonde verliebte Venus und wollte soeben den
Schleier aus golddurchwirktem Flor, der seine einzige Be-
deckung war, beiseite ziehn, während im Vordergrund ein
Amor spielerisch ihre linke Brust mit einem Pfeil aus des
jungen Jägers Köcher bedrohte.
“Die inkandeszenten Kopulationen der Götter”, sagte
sich Sebastian im stillen, als er bezaubert auf das Bild
blickte. Andre Wendungen begannen ihm zuzufliegen. “Er-
leuchtet von göttlicher Lust.” “Des Himmels lautre buhle-
rische Unschuld.” Aber was grade diese Inkandeszenz hier
so bezaubernd machte, war eine Spur von Ironie in ihrer
Wiedergabe, eine Andeutung — sehr fein durch die zwei
weißen Kaninchen im linken Vordergrund, den Gimpel
zwischen dem Eichenlaub oben, die drei Pelikane und den
Kentauren auf dem fernen Strand vermittelt — daß es alles
ein ganz klein wenig absurd sei.
“Die Praxis der Liebe”, bemerkte Eustace dazu, “ist
selten ganz so anmutig wie in Piero di Cosimos Vorstel-
lung.” Er wandte sich ab und begann die Handzeichnungen
auszupacken, die er am Vormittag bei Greuil gekauft hatte.
“Sie ist einem Degas beträchtlich ähnlicher.” Er reichte
Sebastian die Skizze der Frau, die sich den Nacken trocknete.
“Wenn du verführt werden wirst”, sagte er, “wird's
wahrscheinlich eher von jemand so wie die hier sein als
wie jene dort.” Er machte eine Kopfbewegung gegen Pieros
Venus hin.
Aus seiner privaten Champagnerwelt antwortete Se-
bastian mit einem Kichern.
“Oder vielleicht bist du schon verführt worden?” Eustaces
Ton war scherzhaft. “Aber das geht mich natürlich nichts
an”, fügte er hinzu, als Sebastian abermals kicherte und
errötete. “Drei Worte guten Rats möchte ich dir immerhin
geben. Vergiß nicht, daß dein Talent wichtiger ist als dein
Vergnügen. Und auch nicht, daß das Vergnügen einer Frau
manchmal nicht nur mit deiner Begabung unvereinbar sein
kann, sondern sogar mit deinem Spaß an der Sache. Und
ferner, daß, wenn sich das so trifft, die Flucht deine einzige
Strategie ist.”
Er schenkte etwas alten Kognak in die zwei riesigen
Gläser, die gebracht worden waren, zuckerte die eine Tasse
Kaffee und ließ sich schwerfällig auf das Sofa nieder, wobei
er Sebastian winkte, sich neben ihn zu setzen.
Ganz sachgerecht schwenkte Sebastian das Getränk in
seinem Glas rundum und nippte. Es schmeckte wie der
Geruch von Brennspiritus. Er tauchte einen Würfel Zucker
in seinen Kaffee und knabberte daran, wie er es nach einer
Dosis salpetersauren Chinins getan hätte. Dann blickte er
abermals auf die Zeichnung.
“Was ist das Äquivalent dafür in der Dichtung?” sagte
er nachdenklich. “Villon?” Er schüttelte den Kopf. “Nein.
Das hier ist nicht tragisch. John Donne ist eher ein wenig
so — nur daß er ein Satiriker ist und dieser Mann hier
nicht.”
“Und Swift”, warf Eustace ein, “weiß nicht, wie er die
Schönheit seiner Opfer vermitteln soll. Die faszinierenden
Konturen des Hintergestells einer aristokratischen Witwe,
die köstlichen grünen und blauroten Töne im Gesicht eines
Schulmädchens — er sieht diese Dinge gar nicht, geschweige
denn, daß er sie uns sehen macht.”
Sie lachten beide. Dann schluckte Eustace den Rest in
seinem Kognakglas herunter und schenkte sich noch ein
wenig ein.
“Was ist's mit Chaucer?” meinte Sebastian und blickte
von einer neuerlichen Betrachtung der Zeichnung auf.
“Du hast recht!” rief Eustace entzückt. “Du hast voll-
kommen recht. Er und Degas — sie kannten dasselbe Ge-
heimnis: die Schönheit der Häßlichkeit, die Komik der
Heiligkeit. Also angenommen, du hättest die Wahl?” fuhr
er fort. “Die Göttliche Komödie oder die Canterbury-
Erzählungen — welche geschrieben zu haben wäre dir
lieber?” Und ohne Sebastian Zeit zu einer Antwort zu
lassen, setzte er hinzu: “Ich würde die Canterbury-Erzäh-
lungen wählen. Oh, ohne Zögern! Und als Mensch — wie
unendlich lieber man Chaucer wäre! Die vierzig katastro-
phalen Jahre nach dem Schwarzen Tod zu durchleben und
nur ein einziges Mal in seinem gesamten Werk auf diese
Nöte anzuspielen — und das mit einer komischen Anspie-
lung! Ein hoher Verwaltungsbeamter und ein Diplomat zu
sein und das nicht für wichtig genug zu halten, auch nur
eine einzige Erwähnung zu verdienen! Wogegen Dante
sich in Parteipolitik stürzen muß, und wenn er dann aufs
falsche Pferd gesetzt hat, den Rest seines Lebens in Wut
und Selbstbedauern hinbringt. Rächt sich an seinen poli-
tischen Gegnern, indem er sie in die Hölle tut, und belohnt
seine Freunde, indem er sie ins Fegefeuer und ins Paradies
avancieren läßt. Kann es etwas Alberneres oder Schofleres
geben? Und selbstverständlich, wenn er nicht zufällig der
zweitgrößte Virtuos der Sprache wäre, der je gelebt hat,
fände kein Mensch ein gutes Wort für ihn.”
Sebastian lachte und nickte zustimmend. Der Alkohol
und die Tatsache, daß sein Onkel ihn ernst nahm, seine
Meinungen mit Achtung anhörte, ließ ihn sich sehr glücklich
fühlen. Er trank noch mehr Kognak, und während er an
dem Zuckerwürfel lutschte, mit dem er den Nachgeschmack
zu beseitigen suchte, blickte er abermals auf die Zeichnung
der Frau mit dem Handtuch. Seine gehobene Stimmung
befeuerte seine Begabung, und fast mit Blitzgeschwindig-
keit hatte er einen Vierzeiler beisammen. Er zog Bleistift
und Notizblock hervor und begann zu kritzeln.
“Was schreibst du denn da?”
Sebastian antwortete nicht mit Worten, sondern riß das
Blatt ab und reichte es seinem Onkel. Eustace klemmte das
Monokel ein und las laut:

“Ein andrer braucht, daß ein Bild er mal', Den


ganzen Ovid und das Passional; Degas gelingt's
mit 'ner blechernen Butte, Zwei Steißbacken und
einer pendelnden Dutte.”

159
Er klatschte Sebastian aufs Knie. “Bravo!” rief er.
“Bravo!”
Er wiederholte die letzte Zeile und lachte, bis er husten
mußte.
“Wir wollen einen Tausch machen”, sagte er, als der
Anfall vorbei war und er noch eine Tasse Kaffee und noch
etwas Kognak getrunken hatte. “Ich behalte das Gedicht,
und du sollst die Zeichnung haben.”
“Ich?”
Eustace nickte. Es war wirklich ein Vergnügen, etwas für
jemand zu tun, der so aus ganzem Herzen und mit so unge-
heucheltem Entzücken darauf ansprach.
“Du sollst sie dir mitnehmen können, wenn du nach
Oxford gehst. Eine Zeichnung vonDegas über dem Kamin-
sims — das wird dir fast ebensoviel Ansehn geben, wie in
der Achtermannschaft deines College zu rudern. Überdies”,
fügte er hinzu, “weiß ich, daß du das Ding um seiner selbst
willen gern haben wirst.”
Und das war beträchtlich mehr, so fiel ihm plötzlich ein,
als sich von seiner Stieftochter sagen ließ. Er selbst hatte
nur den lebenslänglichen Zinsengenuß; nach seinem Tod
fiele alles Daisy Ockham zu. Nicht nur die Aktien und
Anteilscheine, sondern auch dieses Haus und alles, was
darin war: die Möbel, die Teppiche, das Porzellan — ja,
sogar die Bilder. Sein absurder kleiner heiliger Sebastian,
seine beiden köstlichen Guardi, sein Magnasco, sein Seurat,
Venus und Adonis — ein Bild, das Daisy ganz gewiß für
zu unanständig hielte, um es in ihrem Salon aufzuhängen,
wo am Ende ihre Pfadfinderinnen, oder was immer sie
waren, es sehen und sich Ideen in den Kopf setzen könnten.
Und vielleicht brächte sie diese Geschöpfe hierher, hier in
die Villa. Schwärme weiblicher Pubertät, die Gesichter
käsig und voller Pusteln, würden durch sein Haus tram-
peln und mit barbarischem Unverständnis über alles, was
sie sähen, kichern. Der bloße Gedanke machte einem übel.
Aber er wäre ja, daran gemahnte er sich, gar nicht mehr
da daß es ihm nahegehn könnte. Und sich im vorhinein
übel werden zu lassen, ohne unmittelbaren Grund zu
solchen Gefühlen, war einfach dumm. Nicht weniger dumm
war es, an den Tod zu denken. Solange man lebendig war,
existierte der Tod nicht, außer für andre Leute. Und wenn
man tot war, existierte gar nichts, nicht einmal der Tod.
Also warum sich kümmern? Besonders, da er sorgfältig
darauf bedacht war, das Ereignis hinauszuschieben. Rauchte
er doch nur eine einzige dieser himmlischen Romeo-und-
Julias, trank nur ein einziges Glas Kognak nach dem
Abendessen . . . Nein: er hatte bereits zwei getrunken;
dieses, das er soeben an die Lippen hob, war das dritte.
Na, machte auch nichts; er würde schon achtgeben, daß es
nicht wieder geschähe. Heute abend feierte er Sebastians
Ankunft. Es kam nicht jeden Tag vor, daß man ein
Wunderkind bewillkommte. Er nippte und ließ den Kognak
im Mund rundum laufen; auf Zunge und Gaumen feierte
der die glücklichste Vermählung mit dem anhaftenden
Aroma der Zigarre.
Er wandte sich an Sebastian: “Einen Penny für deine
Gedanken.”
Der lachte mit einer Spur von Verlegenheit und ant-
wortete, daß sie nicht soviel wert seien. Aber Eustace ließ
sich nicht abweisen.
“Also, zunächst einmal”, sagte Sebastian, “hab ich ...
hmja, ich hab mir gedacht, wie außerordentlich nett du zu
mir bist.” Das war nicht ganz wahr; seine Phantasie war
mit den Gaben beschäftigt gewesen, nicht mit dem Geber.
“Und dann”, fuhr er ziemlich überstürzt fort, denn er
begriff, wie gewöhnlich zu spät, daß sein pflichtgemäßer
Tribut nicht sehr überzeugend klang, “hab ich daran ge-
dacht, was ich alles täte, sobald ich einen Abendanzug
hätte.”
“Zum Beispiel die ganzen Gaiety Girls zum Souper zu
Ciro ausführen, wie?”
Bei der beschämenden Beschäftigung des Tagträumens
erwischt, errötete Sebastian. Er hatte sich vorgestellt, wie
er im Savoy säße, zwar nicht mit der ganzen Girltruppe
des Gaiety-Theaters, aber entschieden mit den beiden
Mädeln, die zu Tom Boveneys Gesellschaft kämen. Und
dann hatte sich eins der Mädel in Mrs. Thwale verwandelt.
“Hab ich recht?”
“Hm ... Nicht ganz”, antwortete Sebastian.
“Nicht ganz!” wiederholte Eustace mit wohlwollender
Ironie. “Du siehst selbstverständlich ein”, fügte er hinzu,
“daß du stets enttäuscht sein wirst?”
“Wovon?”
“Von Mädeln. Von Unterhaltungen. Von Erlebnissen
im allgemeinen. Niemand, der irgendeine Art schöpfe-
rischer Vorstellungsgabe besitzt, kann etwas andres als
enttäuscht sein vom wirklichen Leben. Als ich jung war,
war ich meist unglücklich, weil ich keinerlei Begabung be-
saß — nichts als ein bißchen Geschmack und Gescheitheit.
Heute aber bin ich nicht so sicher, ob man nicht auf diese
Weise glücklicher ist. Menschen wie du sind nicht wirklich
mit demselben Maß zu messen wie die Welt, in der wir
leben. Wogegen Leute wie ich ihr völlig angepaßt sind.”
Er zog die Zitze zwischen seinen dicken, feuchten Lippen
hervor, um von dem Kognak zu nippen.
“Deine Aufgabe ist es nicht, Dinge zu tun”, nahm er
seinen Gedankengang wieder auf, “ja nicht einmal, zu
leben. Sondern Gedichte zu schreiben. Vox et praeterea
nihil, das ist's, was du bist und was du sein solltest. Oder
vielmehr voces, nicht vox. Alle Stimmen in der Welt. Wie
Chaucer, wie Shakespeare. Die Stimme des Müllers und
die Stimme des Pfarrers, die Stimme Desdemonas und
Calibans und Kents und des alten Polonius. Sie alle, ganz
unparteiisch.”
“Unparteiisch”, wiederholte Sebastian nachdenklich.
Ja, das war gut; das war genau das, was er selbst von
sich zu denken versucht hatte, ohne daß es ihm je ganz ge-
lungen wäre, denn solche Gedanken fügten sich nicht in die
ethischen und philosophischen Schablonen, die für unum-
stößlich zu halten man ihn erzogen hatte. Stimmen, alle
Stimmen, die es gab, ganz unparteiisch. Er war begeistert
von dem Gedanken.
“Selbstverständlich”, sagte Eustace, “könntest du stets
einwenden, daß du in deinem geistigen Weltersatz inten-
siver lebst als wir, die wir bloß in der wirklichen Welt
schwelgen. Und ich wäre geneigt, das zuzugeben. Aber das
Malheur ist, daß du dich nicht damit zufriedengeben
kannst, bei deinem wunderschönen Ersatz zu bleiben. Du
mußt hinabsteigen zu Abendkleidung und zu Ciro und
Revuegirls — und vielleicht in die Politik und in Komitee-
sitzungen, Gott sei uns gnädig! Und mit beklagenswerten
Ergebnissen. Weil du dich nicht zu Hause fühlst bei diesen
klumpigen Stückchen von Materie. Sie bedrücken dich, sie
verwirren dich, sie entsetzen dich und machen dir übel und
machen einen Narren aus dir. Und doch bringen sie dich
immer noch in Versuchung und werden dich weiter in Ver-
suchung bringen, werden dich verlocken, dich auf Hand-
lungen einzulassen, von denen du voraus weißt, daß sie
dich nur elend machen und von dem einzigen ablenken
können, das du ordentlich zu tun vermagst, von dem ein-
zigen, dessentwegen die Menschen dich schätzen.”
Es war interessant, so von sich selbst reden zu hören;
aber die anregenden Wirkungen des Alkohols hatten sich
verflüchtigt, und Sebastian fühlte fast plötzlich eine Be-
nommenheit, die alle Gedanken an Gedichte, an Stimmen,
an Abendanzüge auslöschte. Er gähnte verstohlen. Die
Worte seines Onkels kamen wie durch einen Nebel zu ihm,
der sich verdichtete und dann wieder lichter wurde, ihre
Bedeutung für eine kleine Weile durchscheinen ließ, sich
dann wieder hereinwälzte und alles verdunkelte.
“... Fascinatio nugacitatis”, sagte Eustace grade. “Es
wird immer ganz anders übersetzt. Aber wie wundervoll
in der Vulgata! Die Magie der Trivialität — Gebanntsein
von bloßem Tändeln. Wie gut ich diese Faszination kenne!
Und wie fürchterlich stark sie ist! Lappalien nur um der
Lappalien willen. Aber was ist die Alternative dazu? Sich
wie der alte Herr aus Korsika zu benehmen? Oder wie
irgendein gräßlicher religiöser Fanatiker ...”
Abermals drang Dunkelheit in Sebastians Geist ein,
diese Benommenheit, in die nur zitternde Streifen von
Schwindelgefühl und schwachem Brechreiz Abwechslung
brachten. Er sehnte sich danach, im Bett zu liegen. Sehr
deutlich und silbern schlug eine Uhr die halbe Stunde.
“Halb elf, verkündete Eustace. “ ,Zeit, Zeit und eine
halbe Zeit. Den Unschuldigen und Schönen ist nur die Zeit
ein Feind.'“ Er gestattete sich ein Aufstoßen. “Das ist's,
was ich an Champagner so gern habe — er stimmt einen
poetisch. Der ganze wunderschöne Bodensatz aus fünfzig
Jahren wahllosen Lesens kommt an die Oberfläche herauf-
geschwommen. O lente, lente currite, noctis equi!”
O lente, lente ... Begräbnishaft schwarze Pferde kamen
in langsamem Schritt durch den Nebel. Und plötzlich wurde
sich Sebastian bewußt, daß ihm das Kinn auf die Brust
gesunken war. Mit einem Ruck wurde er wieder ganz wach.
“ . . . einen Glauben”,sagt es ein Onkel grade. “Sie
können es nie ohne einen Glauben aushalten. Immer dieses
Bedürfnis nach irgendeinem unsinnigen Ideal, das sie blind
macht für die Wirklichkeit und bewirkt, daß sie sich be-
nehmen wie Verrückte. Und sieh dir die Ergebnisse in
unsrer abendländischen Geschichte an!” Er nahm wieder
einen Schluck Kognak und saugte wollüstig an seiner
Zigarre. “Erst ist's Gott, an den sie glauben, — nicht drei
gasförmige Wirbeltiere, sondern ein einziges. Und was
geschieht? Sie kriegen den Papst, sie kriegen die Inqui-
sition, sie kriegen Calvin und John Knox und die Religions-
kriege. Dann wird ihnen Gott langweilig, und nun gibt's
Krieg und Massaker im Namen der Menschheit. Die
Menschheit und der Fortschritt, der Fortschritt und die
Menschheit! Übrigens, hast du je Bouvard et Pécuchet ge-
lesen?”
Ziemlich verspätet fuhr Sebastian abermals aus seinem
Duseln auf und verneinte.
“Das ist ein Buch!” rief der andre aus. “Unvergleichlich
das beste, das Flaubert je geschrieben hat. Es ist eine der
ganz großen philosophischen Dichtungen der Weltliteratur
_ wahrscheinlich die letzte, die je geschrieben werden wird.
Denn nach Bouvard et Pecudiet gibt's natürlich nichts mehr
zu sagen. Dante und Milton rechtfertigen bloß die Wege
Gottes. Flaubert aber geht den Dingen wirklich auf den
Grund. Er rechtfertigt die Wege des Tatsächlichen. Die
Wege des Tatsächlichen, wie sie nicht nur den Menschen,
sondern auch Gott betreffen — und nicht nur das gasförmige
Wirbeltier, sondern alle die andern phantastischen Erzeug-
nisse menschlichen Schwachsinns, einschließlich natürlich
unsres lieben alten Freundes, des unvermeidlichen Fort-
schritts. Unvermeidlicher Fortschritt!” wiederholte er. “Nur
noch ein einziges unumgänglich notwendiges Massaker von
Kapitalisten oder Kommunisten oder Faschisten oder
Christen oder Ketzern, und wir sind schon da — wir sind
schon in der goldenen Zukunft. Aber wie man gar nicht
erst zu sagen braucht, liegt es bereits in der Natur der
Dinge, daß die Zukunft gar nicht golden sein kann. Aus
dem einfachen Grund, daß niemand je etwas für nichts
kriegt. Für ein Massaker muß stets bezahlt werden, und
sein Preis ist ein Zustand, der eine unbedingte Versiche-
rung dagegen ist, je das Gute zu erzielen, das durch das
Massaker hätte erzielt werden sollen. Und dasselbe trifft
auch auf unblutige Revolutionen zu. Jeder nennenswerte
Fortschritt in Technik oder Organisation muß bezahlt wer-
den, und in den meisten Fällen ist das Soll mehr oder
weniger dem Haben gleich. Ausgenommen natürlich, wenn
es bedeutend größer als sein Gegenwert ist, wie zum Bei-
spiel im Fall der allgemeinen Schulpflicht, des Rundfunks
oder dieser verdammten Flugzeuge. In einem solchen Fall
ist selbstverständlich der Fortschritt ein Schritt rückwärts
und abwärts. Rückwärts und abwärts”, wiederholte er;
und die Zigarre aus dem Mund nehmend, warf er den
Kopf zurück und stieß ein langes keudiendes Gelächter aus.
Plötzlich verstummte er, und sein breites Gesicht zog sich
zu einer Grimasse des Schmerzes zusammen. Er griff sich
an die Brust.
“Sodbrennen”, sagte er, den Kopf schüttelnd. “Das ist
das Unangenehme an Weißwein. Ich habe Rheinwein und
Riesling ganz aufgeben müssen; und zeitweise sogar Cham-
pagner ...”
Eustace schnitt wieder eine Grimasse und biß sich auf
die Lippe. Der Schmerz ließ ein wenig nach. Mit einiger
Schwierigkeit hob er sich aus seinem tiefen Sitz auf die
Beine.
“Zum Glück”, fügte er mit einem Lächeln hinzu, “gibt's
fast nichts, was ein wenig Speisesoda nicht behebt.”
Er steckte die Zitze wieder in den Mund und ging aus
dem Zimmer, durch die Halle und den kleinen Gang ent-
lang, der zu der untern Toilette führte.
Sich selbst überlassend, stand Sebastian auf, entkorkte
den Kognak und schüttete, was noch in seinem Glas war,
in die Flasche zurück. Dann trank er ein wenig Sodawasser
und fühlte sich entschieden besser. Er trat an eins der
Fenster, schob den Vorhang beiseite und blickte hinaus. Der
Mond schien. Vor dem Himmel aufragend, waren die
Zypressen Obelisken fester Finsternis. An ihrem Fuß stan-
den die bleichen, gestikulierenden Statuen, und hinter
ihnen und unterhalb, weit weg, blinkten die Lichter von
Florenz. Und zweifellos gab es Elendsquartiere dort unten,
gleich denen von Camden Town, und Dirnen in Blau an
den Straßenecken und auch den ganzen Gestank und
Stumpfsinn und alle die Miseren und Erniedrigungen. Hier
aber gab es nur Ordnung und sinnvolle Absicht, Bedeut-
samkeit und Schönheit. Hier war ein kleines Stück der
Welt, in welcher menschliche Wesen von Rechts wegen
leben sollten.
Plötzlich, in einem Akt rein verstandesmäßiger Vor-
ahnung, war er sich des Gedichts bewußt, das er über diesen
Garten schreiben würde. Nicht der Zufälligkeiten — der
metrischen Anordnung, der Wörter und Sätze — aber
seiner wesentlichen Form und des Geists, von dem es be-
seelt wäre; der Form und des Geists eines langen, besinn-
lichen lyrischen Gedichts; einer poetischen Reflexion, ge-
steigert bis zu Aufschrei und Gesang und in dieser Inten-
sität erhalten durch etwas wie ein dauerndes Wunder.
Einen Augenblick lang kannte er es vollkommen, sein
ungeschriebenes Gedicht, — und diese Erkenntnis erfüllte
ihn mit außerordentlicher Seligkeit. Dann war es dahin.
Er ließ den Vorhang fallen, ging zu einem Lehnstuhl und
setzte sich, um mit den Problemen der Abfassung zu ringen.
Zwei Minuten später war er fest eingeschlafen.

Auf dem Fensterbrett der Toilette stand eine Aschen-


schale aus Onyx. Sehr sorgfältig, um die fehlerlose Ver-
brennung nicht zu stören, legte Eustace seine Zigarre hin,
wandte sich dann um und öffnete die kleine Hausapotheke
über dem Waschbecken. Das Schränkchen war stets wohl-
versehn, damit er, wenn er je während des Tages irgend-
eine innere oder äußere erste Hilfe brauchte, nicht in sein
Badezimmer hinaufgehn müßte. In zehn Jahren, so sagte
er gern, habe er sich so viel Steigen erspart, wie es ihn
gekostet hätte, auf den Everest zu gelangen.
Aus der Reihe der Medikamente in dem oberen Fach
nahm er das doppeltkohlensaure Natron, schraubte die
Kappe ab und schüttelte vier der weißen Tabletten in die
hohle Linke. Er wollte das Fläschchen soeben zurückstellen,
als ein neuer Anfall dieses seltsam heftigen Sodbrennens
ihn veranlaßte, die Dosis zu erhöhen. Er füllte ein Glas
mit Wasser und begann die Tabletten eine nach der andern
zu schlucken und nach einer jeden etwas Wasser zu trinken.
Zwei, drei, vier, fünf, sechs ... und dann war plötzlich der
Schmerz wie ein rotglühendes Eisen, das sich in seine Brust
bohrte. Er fühlte sich schwindlig, und eine wirbelnde
Schwärze verfinsterte die Außenwelt. Blindlings tastend
glitten seine Hände über die Wand und fanden den glatt
emaillierten Wassertank der Toilette. Er ließ sich tau-
melnd auf den Sitz nieder und fühlte sich fast sogleich
beträchtlich besser. Es mußte dieser verdammte Fisch ge-
wesen sein! Das Rezept erforderte eine Menge Rahm, und
er hatte sich zweimal davon genommen. Er schluckte die
letzten zwei Tabletten, trank den Rest des Wassers und
stellte mit ausgestreckter Hand das Glas auf das Fenster-
brett. Eben als sein Arm völlig gestreckt war, kehrte der
Schmerz zurück — aber in einer neuen Form; denn er war
jetzt auf eine unbeschreibliche Art so ekelhaft wie qual-
voll. Und auf einmal merkte er, daß er nach Atem rang,
von einem Schrecken umklammert, der heftiger war als
jegliche Furcht, die er je zuvor empfunden hatte. Es war
für einige Sekunden ein völlig unbestimmter und unmoti-
vierter Schrecken. Dann schoß der Schmerz auf einmal in
seinen linken Arm — übelkeiterregend, abscheulich, als
hätte ihm einHieb aufs Zwerchfell den Atem verschlagen, als
hätte er einen Tritt in die Genitalien erhalten, — und blitz-
schnell kristallisierte sich die grundlose Furcht zu Angst
vor einem Herzschlag, vor dem Tod.
Der Tod, der Tod, der Tod. Und er erinnerte sich, was
Dr. Burgess ihm gesagt hatte, als er das letztemal bei ihm
in der Ordination gewesen war. “Die alte Pumpe kann
Mißhandlungen nicht unbegrenzt aushalten.” Und Amy —
auch sie ... Aber bei ihr war es nicht plötzlich gekommen.
Das waren damals Jahre und Jahre gewesen, des Liegens
auf Sofas, der Pflegerinnen und Strophantintropfen. Wirk-
lich eine ganz angenehme Existenz. Dagegen hätte er gar
nichts; er würde das Rauchen sogar ganz aufgeben.
Qualvoller denn je kam der Schmerz wieder. Der Schmerz
und diese entsetzliche Todesangst.
“Hilfe!” versuchte er zu rufen. Aber alles, was er her-
vorzubringen vermochte, war nur ein schwaches, heiseres
Jappen. “Hilfe!” Warum kam denn niemand? Diese ver-
fluchten Dienstboten! Und dieser verdammte Junge dort
drüben, gleich auf der andern Seite der Halle, im Salon.
“Sebastian!” Der Schrei erzeugte nicht mehr als ein
Flüstern. “Laß mich nicht sterben. Laß mich nicht ...”
Plötzlich keuchte er mit einem seltsamen, krähenden Laut.
Er bekam keine Luft, keine Luft! Und mit einmal erinnerte
er sich dieses scheußlichen Gletschers, auf den man ihn
Bergsteigen geführt hatte, — zwölf war er damals gewesen.
Keuchend und nach Luft schnappend hatte er dort im
Schnee gelegen und sein Frühstück erbrochen, während sein
Vater danebenstand, mit John und dem Schweizer Führer,
und überlegen lächelte und ihm sagte, es sei nur ein Anfall
von Bergkrankheit. Die Erinnerung schwand; und nichts
blieb, nur dieses Krähen und Nach-Atem-Ringen, dieser
Druck auf den verdunkelten Augen, dieses beschleunigte
Hämmern des Bluts in den Ohren und der Schmerz, der
immer stärker und stärker wurde, als zöge eine mitleidslose
Hand eine Schraube an, bis zuletzt — ah, um Gottes willen!
aber es war unmöglich, zu schreien, — etwas nachzugeben
und zu brechen schien; und plötzlich war es wie ein Zer-
reißen. Der Stachel dieser verdoppelten qualvollen Angst
brachte ihn auf die Beine. Er machte drei Schritte zur Tür
und schob den Riegel zurück; doch bevor er öffnen konnte,
versagten ihm die Knie, und er stürzte zu Boden. Mit dem
Gesicht nach unten auf den Fliesen liegend, rang er noch
ein wenig weiter nach Luft, immer röchelnder und röcheln-
der. Aber es war keine Luft da; nur ein Geruch von Zi-
garrenrauch.

Jäh auffahrend erwachte Sebastian zu dem Bewußtsein,


daß sein linkes Bein eingeschlafen war. Er blickte um sich,
und ein paar Sekunden lang konnte er sich nicht erinnern,
wo er war. Dann fand alles seinen Platz — die Reise und
Onkel Eustace und die seltsame, beunruhigende, fleisch-
gewordene Verkörperung Mary Esdailes. Sein Blick fiel
auf die Zeichnung dort auf dem Sofa, wo sein Onkel sie
hingelegt hatte. Er beugte sich hinüber und ergriff sie.
“Zwei Steißbacken und eine pendelnde Dutte.” Ein echter
Degas, und Onkel Eustace wollte ihn ihm schenken! Und
auch den Abendanzug! Er müßte ihn im Geheimen tragen
und in den Zwischenzeiten verstecken, sonst wäre sein
Vater ganz gut imstande, ihn ihm wegzunehmen. Susan
würde ihm wohl erlauben, ihn in ihrem Zimmer aufzu-
bewahren. Oder Tante Alice; denn in dieser Sache war sie
ebensosehr auf seiner Seite wie Susan. Und zum Glück wäre
sein Vater noch im Ausland, wenn Tom Boveney diese
Gesellschaft gäbe.
Melodisch schlug die Uhr auf dem Kaminsims ihr Bim-
bim und wiederholte sich dann. Bim-bim, bim-bim. Seba-
stian blickte auf und war erstaunt, zu sehn, daß es schon
ein Viertel vor zwölf war. Und es war doch nur kurz nach
halb elf gewesen, als Onkel Eustace das Zimmer verlassen
hatte.
Er sprang auf, ging zur Tür und blickte hinaus. Die
Halle war leer, im ganzen Haus war es still.
Aus Furcht, jemand zu wecken, wagte er nur einen ge-
dämpften Ruf.
“Onkel Eustace!”
Es kam keine Antwort.
War er hinaufgegangen und nicht mehr heruntergekom-
men? Oder vielleicht, so erwog Sebastian unruhig, vielleicht
war er zurückgekommen, hatte ihn schlafen sehn und ihn
gelassen, wo er war, — einfach nur so zum Spaß. Ja, das
war es wahrscheinlich. Und morgen würde er es endlos zu
hören bekommen. In einen Lehnstuhl gekuschelt wie ein
müdes Kind! Sebastian war wütend über sich, weil er so
leicht zwei Gläsern Champagner erlegen war. Der einzige
Trost war, daß Onkel Eustace nicht unangenehm sar-
kastisch werden würde. Ihn nur ein bißchen necken würde,
weiter nichts. Aber es bestand die Gefahr, daß er es in An-
wesenheit andrer täte — vor dieser schauerlichen alten
Teufelshexe und vor Mrs. Thwale; und die Aussicht, in
Gegenwart Mrs. Thwales wie ein kleiner Bub behandelt
zu werden, war besonders widerwärtig und demütigend.
Stirnrunzelnd, in ratloser Unentschiedenheit, rieb er sich
die Nase. Dann beschloß er, da Onkel Eustace offenbar
nicht die Absicht hatte, um diese Zeit nochmals herunter-
zukommen, einfach schlafen zu gehen.
Er schaltete die Lampen im Salon aus und ging die
Treppe hinauf in sein Zimmer. Jemand, so entdeckte er,
hatte für ihn ausgepackt, während er beim Abendessen
war. Sein verblaßter roter Schlafanzug war säuberlich auf
dem feudalen Bett zurechtgelegt; der Zelluloidkamm mit
den drei ausgebrochenen Zähnen und die Bürsten mit den
Holzrücken hatten, wenig passend, ihren Platz inmitten
der Kristall- und Silbergarnitur auf dem Ankleidetisch ge-
funden. Bei dem Anblick wand er sich ein wenig. Was
mußten sich die Dienstboten denken? Während er sich ent-
kleidete, fragte er sich, wieviel Trinkgeld er ihnen bei der
Abreise wohl geben müßte.
Es war spät; aber die luxuriöse Gelegenheit, ein Mitter-
nachtsbad zu nehmen, durfte nicht versäumt werden. Den
Schlafanzug über den Arm, betrat Sebastian das Badezim-
mer, und nachdem er aus gedankenloser Gewohnheit die
Tür hinter sich sorgfältig verschlossen hatte, drehte er die
Wasserhähne auf. Während er dann in der ihn köstlich
einhüllenden Wärme dalag, dachte er an den Garten im
Mondlicht und an das Gedicht, das er schreiben wollte.
Es würde etwas werden wie Wordsworth' Tintern Abbey,
wie dieses Dings von Shelley auf den Montblanc — aber
natürlich ganz anders und zeitgemäß, denn er wollte von
allen Hilfsmitteln der nichtpoetischen wie der poetischen
Diktion Gebrauch machen; wollte das Lyrische durch
Ironie verstärken, das Schöne durch Groteskes. “Ein Ge-
fühl von etwas noch viel tiefer Einverwobnem” — das
war vielleicht ganz in Ordnung im Jahre 1800, aber nicht
heute. Für heute war es zu leicht, zu lässig selbstgefällig.
Heutzutage müßte dieses einverwobne Etwas in Verbin-
dung mit den Greueln dargestellt werden, mit denen es
verwoben war. Und das verlangte natürlich eine ganz
andre Art von Versifizierung. Wechselnd und ungleich-
mäßig, um zum Thema zu passen, das aus Gott-Moll über
Sex-Dur nach Weh-Dur modulieren würde. Er mußte
lachen über seinen Einfall und beschwor das Bild Mary
Esdailes in diesen mondhellen Garten. Mary Esdaile, mit-
ten unter diesen Statuen, so mattweiß wie sie und zwischen
dem Gegitter ihrer schwarzen Spitzendessous noch viel
nackter.
Aber warum Mary Esdaile? Warum nicht ihre Inkar-
nation, ihre wirkliche Gegenwart? So wirklich, daß sie
beunruhigend war, aber schön und schrecklich begehrens-
wert. Und vielleicht war Mrs. Thwale so leidenschaftlich
wie ihr imaginäres Gegenstück, so schamlos verbuhlt wie
die Venus auf Onkel Eustaces Gemälde. Drei drollige
Pelikane und ein Kentaur — und im Vordergrund “des
Himmels lautre buhlerische Unschuld”, die inkandeszente
Kopulation einer Göttin, die gewiß wußte, was sie wollte,
und ihres sterblichen Geliebten. Solche Selbstvergessenheit,
solch lachende Unbeschwertheit! Wollüstig sah er sich als
einen einwilligenden Adonis.
13. KAPITEL

Es war kein Schmerz mehr fühlbar, es war nicht mehr


nötig, nach Luft zu ringen, und der Fliesenboden der
Toilette hatte aufgehört, kalt und hart zu sein.
Jeglicher Laut war verstummt, und es war ganz finster.
Aber in der Leere und Stille bestand noch immer eine
Art von Wissen, ein schwaches Bewußtsein.
Bewußtsein nicht eines Namens oder einer Person, nicht
gegenwärtiger Dinge, nicht irgendwelcher Erinnerungen
an die Vergangenheit, nicht einmal eines Hier oder Dort
_ denn es gab nichts Räumliches, nur ein Da-Sein, dessen
einzige Dimension dieses Wissen davon war, unbesessen
und besitzlos und allein zu sein.
Das Bewußtsein wußte nur von sich selbst, und von sich
selbst nur als einer Abwesenheit alles andern.
Dieses Wissen erstreckte sich in die Abwesenheit, die
sein Objekt war. Erstreckte sich in die Finsternis hinaus,
weiter und weiter. Erstreckte sich in die Stille. Unbe-
schränkt. Es gab keine Grenzen.
Das Wissen wußte von sich als einer grenzenlosen Ab-
wesenheit innerhalb einer andern grenzenlosen Abwesen-
heit, die nicht einmal Bewußtsein besaß.
Es war das Wissen von einer immer völligeren Ab-
wesenheit, einer immer schmerzhafteren Entbehrung. Und
es war bewußt durch eine Art wachsenden Hungers, aber
eines Hungers nach etwas, das nicht existierte; denn es
war nur ein Bewußtsein von Abwesenheit, von völliger
Wesenlosigkeit.
Abwesenheit währte immer länger werdende Dauern.
Dauern von Ruhelosigkeit, Dauern von Hunger. Dauern,
die sich ausdehnten und immer weiter ausdehnten, je
heftiger die rasende Unersättlichkeit wurde; die sich ver-
längerten zu Ewigkeiten der Verzweiflung.
Ewigkeiten des unersättlichen, verzweifelnden Wissens
von Abwesenheit innerhalb von Abwesenheit, überall und
immer, in einem Dasein von nur einer Dimension ...
Und dann war jählings noch eine Dimension da, und
das Immerwährende hörte auf, das Immerwährende zu
sein.
Das, worin das Bewußtsein von Abwesenheit sich wußte,
das, wovon es umschlossen und völlig durchdrungen war,
war nicht mehr eine Abwesenheit, sondern war die An-
wesenheit eines andern Bewußtseins geworden. Das Be-
wußtsein von Wesenlosigkeit erkannte sich als erkannt.
In der dunkeln Stille, in diesem Entleertsein von allen
Sinnesempfindungen, begann etwas, es zu kennen. An-
fänglich sehr matt, aus unermeßlicher Ferne. Allmählich
aber näherte sich die Anwesenheit. Die dämmerige Matt-
heit jenes andern Erkennens wurde heller, und mit ein-
mal war das Bewußtsein ein Bewußtsein von Licht gewor-
den — Licht der Erkenntnis, von der es erkannt wurde.
In dem Bewußtsein, daß da etwas andres war als Ab-
wesenheit, fand die Angst Beruhigung, der Hunger Be-
friedigung.
An Stelle völliger Entbehrung war da dieses Licht, war
da diese Erkenntnis, erkannt zu sein. Und diese Erkennt-
nis, erkannt zu sein, war eine befriedigte, ja sogar wonne-
volle Erkenntnis.
Ja, es war Wonne, erkannt zu sein, auf diese Weise
eingeschlossen zu sein in eine leuchtende Gegenwart, auf
diese Weise durchdrungen zu sein von einer leuchtenden
Anwesenheit.
Und weil das Bewußtsein in sie eingeschlossen war, ganz
von ihr durchdrungen war, bestand auch eine Identifi-
zierung mit ihr. Das Bewußtsein wurde nicht nur von ihr
erkannt, sondern erkannte mit ihrer Erkenntnis.
Kannte nun nicht Abwesenheit, sondern die leuchtende
Verneinung von Abwesenheit, nicht Entbehrung, sondern
Seligkeit.
Hunger war noch immer da, Verlangen nach noch mehr
Erkenntnis einer noch völligeren Verneinung von Ab-
wesenheit.
Verlangen, aber auch die Stillung von Verlangen, auch
Seligkeit. Und dann, je mehr das Licht zunahm, Sehnsucht
nach noch tieferer Befriedigung, nach noch höherer Selig-
keit.
Seligkeit und Sehnsucht, Sehnsucht und Seligkeit. Und
durch immer länger werdende Dauern hellte sich das Licht
immer mehr aus Schönheit zu Schönheit. Und die Wonne,
zu erkennen, die Wonne, erkannt zu sein, wuchs mit jedem
Anwachsen dieser umarmenden und durchdringenden
Schönheit.
Heller, immer heller, durch aufeinanderfolgende Dauern,
die sich zuletzt zu einer Ewigkeit von Wonne ausdehnten.
Eine Ewigkeit strahlender Erkenntnis, gleichbleibender
äußerster Seligkeit. Für immer und ewig.
Allmählich aber begann das Gleichbleibende sich zu
verändern. Das Licht verstärkte seine Helle. Die Anwesen-
heit wurde eindringlicher, die Erkenntnis erschöpfender
und vollständiger.
Unter dem Andrang dieser Verstärkung war das wonne-
volle Bewußtsein, erkannt zu sein, das wonnevolle Teil-
haben an dieser Erkenntnis, bis an die äußersten Grenzen
seiner Seligkeit gedrängt, angedrängt mit einem immer
stärkeren Druck, bis zuletzt diese Grenzen nachzugeben
begannen und das Bewußtsein sich jenseits ihrer wußte, in
einem andern Dasein. In einem Dasein, wo die Erkenntnis,
in eine leuchtende Gegenwart eingeschlossen zu sein, ein
Bewußtsein davon geworden war, von einem Übermaß
von Licht bedrängt zu sein. Wo diese verklärende völlige
Durchdringung als eine von innen her sprengende Kraft
wahrgenommen wurde. Wo die Erkenntnis so eindringlich
leuchtend war, daß das Teilhaben daran die Fähigkeit
dessen, was teilhatte, überstieg.
Die Gegenwart näherte sich, das Licht wurde noch heller.
Da, wo ewige Seligkeit gewesen war, war nun eine un-
endlich verlängerte Ängstlichkeit, eine unendlich verlän-
gerte Dauer von Schmerz und, als der Schmerz sich ver-
stärkte, längere und immer längere Dauer unerträglicher
qualvoller Angst. Es war eine Angst, durch Teilhaben
gezwungen zu werden, mehr zu erkennen, als dem Teil-
habenden möglich war; Angst, erdrückt zu werden von der
Wucht dieses Zuviels von Licht — zusammengepreßt zu
werden zu immer größerer Dichte und Undurchsichtigkeit;
und zugleich Angst, zersprengt und zerbrochen zu werden
von dem Andrang dieser alldurchdringenden Erkenntnis
von innen her, zersprengt zu werden zu kleinen und im-
mer kleineren Bruchstücken, zu bloßem Staub, zu Atomen
bloßen Nichtseins.
Und dieser Staub und die immer mehr zunehmende
Dichte dieser Undurchsichtigkeit wurden von der Erkennt-
nis, an welcher da teilgehabt wurde, als häßlich wahr-
genommen. Wurden gerichtet und für abscheulich befunden,
für aller Schönheit und Wirklichkeit entbehrend.
Unerbittlich näherte sich die Gegenwart, wurde das
Licht heller.
Und mit jeder Zunahme von Dringlichkeit, jeder Ver-
stärkung dieser von außen eindringenden Erkenntnis,
jener von innen drängenden zersprengenden Helle, wuchs
die Qual; der Staub und die verdichtete Dunkelheit wur-
den immer beschämender, wurden, durch Teilhaben, als die
häßlichsten aller Abwesenheiten erkannt.
Ewig beschämend in einer Ewigkeit von Scham und
Schmerz.
Aber das Licht wurde immer heller, qualvoll heller.
Alles Sein wurde Helligkeit — alles außer diesem einen
kleinen Klümpchen undurchsichtiger Abwesenheit, außer
diesen zerstreuten Atomen eines Nichtseins, das sich durch
unmittelbare Wahrnehmung als undurchsichtig und ab-
gesondert erkannte und zugleich, durch ein schmerzliches
Teilhaben an dem Licht, als die häßlichste und beschä-
mendste aller Entbehrungen.
Helle, die die Grenzen des Möglichen überstieg, und
dann ein noch stärkeres, näheres Erglühn, von außen an-
drängend, von innen zersprengend. Und gleichzeitig war
da diese andre Erkenntnis, die, je heller das Licht, immer
durchdringender und vollständiger wurde, diese Erkennt-
nis eines Zusammengeballtwerdens und eines Zersprengt-
werdens, die immer beschämender zu werden schien, als
die Dauern sich endlos verlängerten.
Es gab kein Entfliehn, es gab nur eine Ewigkeit des
Nichtentfliehnkönnens. Und während immer längerer, im-
mer langsamer werdender Dauern vom Unmöglichen zum
Unmöglichen nahm die Helle zu, kam bedrängender und
qualvoller näher.
Auf einmal war da eine neue, sekundäre Erkenntnis,
ein bedingtes Bewußtsein davon, daß, wäre dieses der
Helle Teilhaftigsein nicht, die halbe Qual verschwände.
Es bestünde dann keine Wahrnehmung der Häßlichkeit
dieser geballten oder zerfällten Entbehrung. Es gäbe nur
noch eine undurchsichtige Gesondertheit, selbsterkannt als
etwas andres denn das eindringende Licht.
Ein unseliger Staub von Nichtsein, ein armes kleines,
harmloses Klümpchen bloßer Entbehrung, von außen zer-
malmt, von innen zersprengt, aber noch immer trotz aller
angstvollen Qual Widerstand leistend und sich noch im-
mer weigernd, sein Recht auf ein gesondertes Sein auf-
zugeben.
Jählings erfolgte ein neuer und überwältigender Blitz
des Teilhabens an dem Licht, an der qualvoll beängstigen-
den Erkenntnis, daß es kein solches Recht auf ein Sonder-
dasein gab; daß diese klümprige, zerfällte Abwesenheit
etwas Beschämendes war und verneint werden mußte, ver-
nichtet werden mußte — unverzagt der Strahlung dieser
eindringenden Erleuchtung entgegengehalten und völlig
vernichtet werden mußte, aufgelöst werden mußte in der
Schönheit dieses unmöglichen Erglühens.
Eine unermeßliche Dauer waren die beiden wie im
Gleichgewicht — das Wissen, das sich gesondert wußte, das
sich seines Rechts auf ein Sonderdasein bewußt war, und
die Erkenntnis, die das Beschämende dieser Abwesenheit
erkannte und die Notwendigkeit ihrer qualvollen Vernich-
tung in jenem Licht.
Wie im Gleichgewicht, wie auf eines Messers Schneide
zwischen einer unerträglichen Intensität von Schönheit und
einer unerträglichen Intensität von Schmerz und Scham,
zwischen einem Verlangen nach Undurchsichtigkeit und
Gesondertsein und Abwesenheit und einer Sehnsucht nach
noch vollständigerem Teilhaftigsein des Lichts.
Und dann, nach einer Ewigkeit, kam eine Erneuerung
dieser sekundären und bedingten Erkenntnis: “Wäre nur
kein Teilhaben an dieser Helle, kein Teilhaben .. .”
Und sogleich gab es gar kein Teilhaben mehr, nur noch
ein Sichkennen des Klümpchens und des Staubs; und das
Licht, das alles das erkannte, war eine andre, gesonderte
Erkenntnis. Das qualvolle Durchdrungenwerden von innen
und außen dauerte noch fort, aber es war keine Scham
mehr da, nur ein Widerstand gegen Angriff, eine Vertei-
digung von Rechten.
Allmählich begann die Helle etwas von ihrer Intensität
zu verlieren und sozusagen zurückzuweichen und weniger
bedrängend zu werden. Und plötzlich war es wie eine
Verfinsterung. Etwas schob sich auf einmal zwischen das
unleidliche Licht und das leidende Bewußtsein von dem
Licht als einer, dieser klumpig zerfällten Entbehrung frem-
den Anwesenheit. Etwas von der Art eines Abbilds, etwas,
das an einem Gedächtnis teilhatte.
Ein Abbild von Dingen, ein Erinnern an Dinge — Dinge
mit andern Dingen auf eine beglückend vertraute Art
verbunden, aber noch nicht deutlich wahrnehmbar.
Fast völlig verdeckt, verweilte das Licht schwach und
unbedeutend an den Rändern des Bewußtseins. Im Mittel-
punkt waren nur Dinge.
Noch nicht wiedererkannte Dinge, noch nicht völlig vor-
gestellt oder erinnert, ohne Namen oder auch nur Form,
aber ganz bestimmt da, ganz bestimmt undurchsichtig.
Und nun, da sich das Licht verfinstert hatte und es kein
Teilhaben mehr gab, war Undurchsichtigkeit nichts Beschä-
mendes mehr. Dichte war sich glücklich ihrer Dichte be-
wußt, Nichtsein seines undurchsichtigen Nichtseins. Dieses
Wissen hatte nichts Beseligendes, aber etwas tief Beruhi-
gendes.
Und allmählich wurde dieses Wissen klarer, und die be-
wußten Dinge wurden deutlich und vertraut. Immer ver-
trauter, bis das Bewußtsein auf der Schwelle des Wieder-
erkennens schwebte.
Ein geballtes Ding hier, ein zerfallenes Ding dort. Aber
was für Dinge? Und was waren diese entsprechenden Un-
durchsichtigkeiten, von denen sie gekannt wurden?
Es folgte eine ungeheure Dauer der Ungewißheit, ein
langes, langes Tasten in einem Chaos unoffenbarter Mög-
lichkeiten.
Dann war, was sich bewußt war, jählings Eustace Barnack.
Ja, diese Undurchsichtigkeiten waren Eustace Barnack,
dieser Tanz erregter Stäubchen war Eustace Barnack.
Und dies Klümpchen außerhalb seiner, dies andre Un-
durchsichtige, wovon er das Abbild hatte, war seine Zigarre.
Er erinnerte sich seiner Romeo-und-Julia, wie sie sich
langsam zwischen seinen Fingern in blaues Nichts aufgelöst
hatte. Und mit der Erinnerung an die Zigarre kam die
Erinnerung an eine Phrase: “Rückwärts und abwärts”, und
dann die Erinnerung an ein Lachen.
Worte in welchem Zusammenhang? Lachen worüber?
Keine Antwort. Nur dieses “Rückwärts und abwärts” und
dieser Stumpf von sich auflösender Undurchsichtigkeit.
“Rückwärts und abwärts” und dann das Gelächter und die
jähe Glorie seines Triumphs.
Weit weg, jenseits des Bilds dieses braunen, bespeichel-
ten Zylinders von Tabak, jenseits der Wiederholung dieser
drei Wörter und des sie begleitenden Lachens verweilte
die Helle noch wie eine Drohung. Aber in seiner Freude,
die Erinnerung an Dinge wiedergefunden zu haben, dieses
Wissen von einem sich erinnernden Er-selbst-sein, war sich
Eustace Barnack des Daseins jener Helle fast gar nicht
mehr bewußt.
14. KAPITEL

Sebastian hatte, bevor er ins Bett stieg, die Fenstervor-


hänge zur Seite gezogen, und bald nach halb acht berührte
ein eindringender Sonnenstrahl sein Gesicht und weckte
ihn. Draußen vor dem Fenster waren Vogelstimmen und
Kirchenglocken laut, und zwischen den grauen und weißen
Wölkchen war der Himmel so leuchtend blau, daß Sebastian
beschloß, wie herrlich es sich auch in dem riesigen Bett lag,
aufzustehn und ein wenig auf Entdeckungen zu gehn, bevor
sonst jemand im Haus sich rührte.
Er sprang aus dem Bett, nahm ein Bad, untersuchte
Kinn und Wangen, ob es notwendig wäre, seinen Rasier-
apparat zu verwenden, entschied, daß es nicht notwendig
war, kleidete sich mit Bedacht in ein reines Hemd, die
neuere seiner grauen Flanellhosen und den weniger schä-
bigen seiner beiden ausgewachsenen Sportröcke, von denen
sein Vater gesagt hatte, daß sie bis Juni aushalten müßten.
Nachdem er seinen rebellischen Haaren ein paar letzte
Bürstenstriche verabreicht hatte, ging er hinunter und trat
aus dem Haustor.
Der Garten enthüllte sich in allen Einzelheiten seiner
architektonischen Anlage, mit allen Farben seines Laub-
werks und seiner Frühlingsblumen als fast ebenso roman-
tisch, wie er im Mondlicht gewirkt hatte. Sechs Göttinnen
standen Posten auf der Terrasse, und zwischen dem Mittel-
paar führte eine breite Treppenflucht durch eine Kolonnade
von Zypressen zu einem mit Steinplatten belegten und mit
einer Balustrade eingefaßten Absatz nach dem andern hin-
unter bis zu einem grünen Rasenplatz, den eine niedrige
Mauer abschloß, über die der Blick weiter hinab und zu
einem fernen Wirrwarr brauner und rötlicher Dächer wan-
derte und zu der hoch über ihnen, genau in der Mitte der
Aussicht schwebenden Kuppel des Doms. Sebastian ging
die Treppe hinunter und blickte über die niedrige Mauer.
Unten erstreckte sich ein Abhang mit noch unbelaubten
Weinstöcken wie ein Acker von Totenarmen, die krampf-
haft nach dem Licht langten. Und hier, neben dieser Zy-
presse, wuchs ein uralter Feigenbaum, ganz Knie und
Knöchel und Ellbogenäste, die sich bleich wie Gebeine vom
Himmel abhoben. Wenn man zu ihm emporblickte, welch
ein verschlungenes Muster von Blau und Fahlgrau! “Him-
melsfetzchen”, murmelte er vor sich hin, “gesehn durch ein
Beinhaus. Ein hängender Karner von Gliederfüßern.” Und
da waren sie wieder, diese Kirchenglocken, und ein Geruch
von Holzrauch und Hyazinthen, und hier der erste gelbe
Schmetterling! Und wenn man zurückging an den Fuß der
Treppe und aufwärts blickte, war es, als wäre man inner-
halb etwas von Milton; als schritte man im Lycidas umher
oder in einem der Wortbilder im Verlorenen Paradies.
Majestätische Symmetrie! Und dort oben, auf ihren hohen
Sockeln, standen Artemis und Aphrodite steinfahl vor der
perspektivisch verkürzten Fassade des Hauses. Schön und
zugleich ein wenig absurd. Die passenden Ausdrücke be-
gannen sich einzustellen.

Diana mit ihrer Dogge; und Venus, wie Sie


ihres Hügels Flechten schämig deckt Und
ihren grünbemoosten Sandsteinbusen ...

Und dann gewahrte er plötzlich, daß er, ganz unbeabsich-


tigt, das Sesam-öffne-Dich für sein ganzes Gedicht gefun-
den hatte. “Sandstein”—es war ganz beiläufig aufgetaucht,
als ein einfaches beschreibendes Epitheton. Tatsächlich aber
war es der Passierschein zu seinem ungeschriebenen
Meisterwerk, der Schlüssel und Leitfaden. Und ausgerech-
net der alte Macdonald mit seinem Walroßschnurrbart,
der Physik- und Chemielehrer, war seine Ariadne. Er
erinnerte sich der Worte, die ihn für einen Augenblick aus
dem Dösen geweckt hatten, in das er gewohnheitsmäßig
während dieser Stunden verfiel. “Der Unterschied zwischen
einem Stück Stein und einem Atom liegt darin, daß ein
Atom aufs höchste organisiert ist, ein Stein dagegen nicht.
Das Atom ist als ein bestimmtes Muster gebaut, und so
auch ein Molekül, auch jeder Kristall; der Stein aber, ob-
gleich er aus diesen Mustern besteht, ist ein bloßes Durch-
einander. Erst wenn das Leben auftaucht, beginnt man et-
was wie eine Organisation in größerem Maßstab vor sich
zu haben. Das Leben nimmt die Atome und Moleküle und
Kristalle, aber statt ein Durcheinander aus ihnen zu machen,
wie der Stein das tut, setzt es sie zu seinen eignen, neuen
und komplizierteren Mustern zusammen.”
Die andern hatten nur die Wunderlichkeiten der schotti-
schen Aussprache des alten Mac gehört. Wochenlang waren
die “Moster aus Utommen” ein stehender Witz gewesen.
Für Sebastian aber hatte der Witz einen dunkeln, uner-
kannten Sinn enthalten. Und plötzlich war nun der Sinn da,
klar und verständlich.
Erst die ursprünglichen Muster. Dann das aus Mustern
gemachte Chaos. Und dann die lebenden Muster, aufgebaut
aus Bruchstücken des Chaos. Und was dann? Lebendige
Muster aus lebenden Mustern? Aber die Welt der Menschen
war chaotisch häßlich und ungerecht und stumpfsinnig.
Noch hoffnungsloser störrisch als sogar der Steinklumpen.
Denn der ließ sich wenigstens zu Brüsten und Gesichtern
behauen, wogegen fünftausend mühevolle Jahre der Zivili-
sation nur Elendsviertel und Fabriken und Büros zum Er-
gebnis gehabt hatten.
Er erreichte den Kopf der Treppe und setzte sich auf die
glatten Steinplatten am Fuß des Sockels der Venus.
Und die menschlichen Einzelwesen? dachte er. Als
lebende Muster im Raum, wie unglaublich verfeinert, reich
und vielfältig! Aber die Spur, die sie in der Zeit hinter-
ließen, das Muster ihrer Privatleben — mein Gott, was für
ein greuliches Einerlei! Wie die Wiederholungen auf
einem Streifen Linoleum, wie die Reihenfolge ganz gleicher
ornamentierter Kacheln an der Wand einer öffentlichen
Klosettanlage. Oder wenn sie versuchten, sich auf irgend
etwas Originelles einzulassen, dann waren die sich daraus
ergebenden Schnörkel und Kringel gewöhnlich scheußlich.
Und sowieso endeten die meisten solchen Versuche sehr
schnell in einem Schmierfleck von Vergeblichkeit — und
dann blieb es eben bei Linoleum und Klosettkacheln,
Klosettkacheln und Linoleum bis zum bittern Ende.
Er blickte am Haus hinauf und fragte sich, welches der
vielen mit Läden verschlossenen Fenster Mrs. Thwales
Fenster sei. Wenn diese fürchterliche alte Hexe wirklich
wollte, daß er Sprechunterricht nehme, gäbe ihm das Ge-
legenheit, mit ihr zu reden. Würde er den Mut aufbringen,
ihr von Mary Esdaile zu erzählen? Das wäre selbstver-
ständlich ein wundervoller Eröffnungszug. Er stellte sich
ein Gespräch vor, das mit einem witzigen und ironischen
Geständnis der Phantasien eines Halbwüchsigen begann
und dann mit — hm, es mochte mit allem möglichen enden.
Er seufzte, blickte zwischen den Zypressen hinunter auf
die ferne Kuppel und dann hinauf zu der über ihm aufra-
genden Statue. Was für ein merkwürdiger Anblick einer
Göttin aus der Froschperspektive! Ein grün schillernder
Rosenkäfer kroch langsam über ihr linkes Knie. Oder so
erschien es wenigstens ihm. Aber was würde der Rosen-
käfer sagen, was er da tue? Den sechsfachen Rhythmus
seiner Beine fühlen, den Zug der Schwerkraft an seiner
rechten Seite, den Reiz starken Lichts, das auf sein linkes
Auge fiel, die Wärme und Härte einer Oberfläche, welche
Unterschiede aufwies in Gestalt von Gruben und zackigen
Stalagmiten und Pflanzlichem, das stark roch, aber un-
interessant, da der Geruch nicht ein solcher war, der ihn,
ob er wollte oder nicht, veranlaßte, runde Löcher in Blätter
zu schneiden oder in Blüten zu wühlen? Und was, so fragte
sich Sebastian, tat er selbst hier in diesem Augenblick?
Über was für ein riesenhaftes Knie kroch er selbst? Auf
welches künftige Ereignis zu, welches vorbedachte Schnippen
der Fingerspitze eines Riesen?
Er stand auf und staubte seinen Hosenboden ab; dann
langte er hoch und gab dem Käfer einen kleinen Stups.
Der fiel auf den Sockel herab und lag da mit zappelnden
Beinen auf dem Rücken. Sebastian bückte sich, um ihn sich
anzusehn, und gewahrte, daß der gepanzerte Bauch von
winzigen krabbelnden Zecken bedeckt war. Angeekelt
kippte er das Insekt auf die Füße, wandte sich ab und ging
dem Haus zu. Die Sonne, die für einen Augenblick hinter
Wolken geglitten war, kam wieder hervor, und der ganze
Garten erstrahlte, als wäre jedes Blatt und jede Blume
von innen erleuchtet. Sebastian lächelte freudig und be-
gann die Melodie des ersten Satzes von Susans Scarlatti-
sonate zu pfeifen.
Als er das Haustor öffnete, war er überrascht, Stimmen-
gewirr zu hören, und als er über die Schwelle trat, fand er
die Halle voller Leute — ein halbes Dutzend von der
Dienerschaft, zwei alte Bäuerinnen mit Umhängetüchern
über den Kopf und ein dunkeläugiges kleines Mädchen
von zehn oder zwölf Jahren, das einen Säugling auf dem
Arm trug und in der andern Hand eine große, reglos mit
dem Kopf nach unten hängende gesprenkelte Henne an
den Füßen hielt.
Plötzlich verstummten sie alle. Aus dem dunkeln, ge-
wölbten Korridor zur Rechten drang das Geräusch müh-
sam schleppender Schritte, und einen Augenblick später
tauchte, rückwärts schreitend und ein Paar graubehoster
Beine unter dem Arm, der Butler auf, und dann kamen,
unter dem Gewicht der Leiche gebückt, der Hausdiener
und der Chauffeur. Die eine dicke, gelbliche Hand schleifte,
die Handfläche nach oben, auf dem Boden, und als die
Männer einschwenkten, um ihre Last die Treppe hinaufzu-
tragen, erblickte Sebastian das schwarze Klaffen eines
offenen Mundes und zwei glanzlose, verfärbte Augen, die
starr und blöde glotzten. Dann wurde Stufe für Stufe der
Leichnam hinauf und außer Sicht gehievt. Die gesprenkelte
Henne, die von der Hand des kleinen Mädchens herab-
hing, ließ ein schwaches Gackern hören und versuchte, mit
den Flügeln zu schlagen. Der Säugling brach in ein krähen-
des Lachen aus.
Sebastian wandte sich jäh ab und flüchtete in den Salon.
Die erste, rein animalische Reaktion auf Überraschung und
Entsetzen hatte ihm fast den Magen umgedreht und hef-
tiges Herzklopfen verursacht. Er setzte sich und bedeckte
das Gesicht mit den Händen. Es war ebenso schlimm wie
jenes scheußliche Grausen damals in der Schule, als der
alte Mac sie einen Katzenhai sezieren ließ und ihm übel
wurde und er in einen der Ausgüsse im Laboratorium er-
brach. Und so etwas war jetzt also der arme Onkel Eustace!
Plötzlich ausgelöscht, nichts andres mehr als dieses grauen-
hafte Ding, das sie dort die Treppe hinaufgeschleppt
hatten. Wie Männer ein Klavier transportierten. Und es
mußte geschehn sein, während er selbst hier geschlafen
hatte, hier in diesem selben Lehnstuhl. Vielleicht hatte
Onkel Eustace nach ihm gerufen; und vielleicht hätte er,
wenn er es gehört hätte, etwas tun können, um ihn am
Leben zu erhalten. Aber er hatte nichts gehört; er hatte
einfach weitergeschlafen. Geschlafen wie ein Sack, während
dieser Mensch, der sein Freund war, dieser Mensch, der
anständiger zu ihm gewesen war als irgend jemand sonst,
soweit er sich überhaupt erinnern konnte, — der ihn mit so
außerordentlicher Generosität behandelt hatte ...
Plötzlich, wie ein Blitz, fiel ihm ein, daß er nun sein
Dinnerjackett nicht bekäme. Gestern hatte Onkel Eustace
es ihm versprochen; heute aber war niemand mehr da, das
Versprechen zu halten. Das hieß, daß es aus war für ihn
mit Tom Boveneys Abendgesellschaft; aus mit den zwei
Mädeln, bevor er sie auch nur kennengelernt hatte. Das
ganze Gebäude dieser Gruppe von Tagträumen — die so
vernünftig und greifbar geworden waren, seit Onkel
Eustace ihm auf dem Weg vom Bahnhof den Schneider-
laden gewiesen hatte—fiel in weniger als nichts zusammen.
Der jähe Schmerz seiner Enttäuschung und seines Selbst-
bedauerns trieb Sebastian Tränen in die Augen. Hatte je
ein Mensch solches Pech gehabt?
Dann erinnerte er sich Onkel Eustaces — erinnerte sich
seiner nicht als des Spenders von Abendanzügen, sondern
als des freundlichen, lebhaften Mannes, der gestern abend
sein Freund gewesen und nun nur noch etwas Abscheu-
erregendes war, — erinnerte sich und war von Scham über
seine ungeheuerliche Selbstsucht überwältigt.
“Gott, bin ich ein Scheusal” sagte er sich. Und um seinen
Geist auf die wirklicheTragödie gerichtet zu halten, flüsterte
er immer wieder: “Tot, tot.”
Und dann ertappte er sich auf einmal beim Nachdenken
darüber, welche Ausrede er sich für Tom Boveney erfinden
könnte. Daß er krank sei? Daß er in Trauer sei um seinen
Onkel?
Eine Klingel ertönte, und durch die offene Tür sah Se-
bastian, wie der Diener durch die Halle zum Haustor ging.
Ein paar italienische Worte wurden gewechselt, und dann
wurde ein hochgewachsener hagerer Mann, der elegant
gekleidet war und eine kleine schwarze Ledertasche trug,
die Treppe hinaufbegleitet. Offenbar der Arzt, den man
gerufen hatte, damit er den Totenschein ausstelle. Aber
hätte man ihn gestern abend gerufen, wäre Onkel Eustace
vielleicht noch zu retten gewesen. Und der Grund, daß
man den Arzt nicht gerufen hatte, war der, so sagte sich
Sebastian, daß er eingeschlafen war.
Der Diener kam wie der herunter und verschwand in die
Küchenregion. Es verging Zeit. Dann ließ die Uhr auf dem
Kaminsims ein viermaliges Bim-bim ertönen und schlug
neun. Einen Augenblick später trat der Diener durch die
Tür des Bibliothekzimmers ein und blieb vor dem Lehn-
stuhl, in dem Sebastian saß, stehn und sagte etwas, das sich
dieser nach dem fernen Aroma von Kaffee und gebratenem
Speck als eine Ankündigung des Frühstücks auslegte. Er
antwortete mit einem “Danke”, erhob sich und ging in
das Eßzimmer. Die von Überraschung und Entsetzen her-
vorgerufene Übelkeit hatte sich verflüchtigt, und er fühlte
sich wieder hungrig. Er setzte sich und langte zu. Die Rühr-
eier schmeckten einfach herrlich; der Speck war knusprig
zwischen den Zähnen und köstlich räucherig; der Kaffee
war traumhaft.
Er hatte sich soeben zum zweitenmal von der Orangen-
marmelade genommen, als ihm eine glänzende Idee kam.
Diese Degaszeichnung, die Onkel Eustace ihm geschenkt
hatte ... Was in aller Welt konnte er mit ihr während der
nächsten zwei Jahre anfangen? Sie in seinem Schlafzimmer
aufhängen, damit die alte Ellen sich beklage über so was
Unanständiges? Sie wegschließen, bis er nach Oxford
ginge? Wäre es nicht wirklich viel vernünftiger, das Ding
zu verkaufen und das Geld für einen Abendanzug zu ver-
wenden?
Ein Einschnappen der Türklinke ließ ihn aufblicken. In
Schwarz gekleidet, weiße Rüschchen an Hals und Hand-
gelenken, war Mrs. Thwale lautlos eingetreten. Sebastian
sprang auf, wischte sich hastig den Mund und sagte guten
Morgen. Mit dem Bogen Briefpapier, den sie in der Hand
hielt, winkte Mrs. Thwale ihn zurück auf seinen Sessel und
setzte sich neben ihn.
“Sie wissen natürlich, was geschehen ist?”
Sebastian nickte schuldbewußt. “Man fühlt ... ja, man
fühlt fast Scham über sich selbst.”
Er versuchte gleichsam, es zu sühnen, daß er während
des ganzen Frühstücks mit keinem Gedanken an Onkel
Eustace gedacht hatte.
“Scham darüber, wissen Sie”, fuhr er fort, “am Leben
zu sein.”
Mrs. Thwale sah ihn einen Augenblick lang schweigend
an, dann zuckte sie die Achseln.
“Aber so ist das Leben nun einmal”, sagte sie. “Die
physiologische Verneinung von Ehrfurcht und guten Ma-
nieren und Christentum. Und Sie sind nicht einmal ein
gläubiger Christ, nicht wahr?”
Er schüttelte den Kopf. Mrs. Thwales nächste Worte
waren eine anscheinend beziehungslose Frage.
“Wie alt sind Sie?”
“Siebzehn.”
“Siebzehn?”
Abermals sah sie ihn an; sah ihn so eindringlich an, mit
einem Ausdruck so beunruhigender, unpersönlicher Be-
lustigung, daß er zu erröten begann und die Augen nieder-
schlug.
“Dann ist's doppelt einfältig von Ihnen”, fuhr sie fort,
“sich zu schämen, daß Sie leben. In Ihrem Alter ist man
durchaus alt genug, um zu wissen, was wirklich das Wesent-
liche des Lebens ist. Schamlosigkeit, weiter nichts; pure
Schamlosigkeit.”
Ihr schönes Stahlstichgesicht zog sich zu einer komischen
Maske zusammen, und sie stieß dieses leise, grunzende
Lachen aus. Dann plötzlich wieder anmutig ernst, öffnete
sie ihr Handtäschchen und holte einen Bleistift hervor.
“Es müssen eine ganze Menge Telegramme abgesandt
werden”, sagte sie in ruhigem, geschäftsmäßigem Ton.
“Sie können mir bei einigen Adressen helfen.”
Ein paar Minuten später kam der Butler und meldete,
daß es ihm gelungen sei, Mr. Pewsey telefonisch zu er-
reichen, und daß Mr. Pewsey sich erbötig gemacht habe,
alle nötigen Anordnungen für das Begräbnis zu treffen.
“Danke, Guido.”
Der Butler neigte fast unmerklich den Kopf, wandte sich
um, und ebenso still ging er wieder. Das Ritual seines
Diensts blieb makellos; aber Sebastian hatte sehen können,
daß er geweint hatte.
“Na, das ist eine große Erleichterung”, sagte Mrs.Thwale.
Sebastian nickte. “Dieses ganze Drum und Dran bei Be-
gräbnissen”, sagte er. “Es ist scheußlich.”
“Aber doch wohl weniger scheußlich als die Erkenntnis,
daß das Sterben sogar noch schamloser ist als das Leben.”
“Noch schamloser?”
“Na, man verwest wenigstens nicht dabei, wenn man
Liebe macht oder wenn man ißt oder exkretiert. Wogegen,
wenn man stirbt ...” Sie schnitt eine kleine Grimasse.
“Darum sind die Leute so bereit, Unsummen auszugeben
für Sterbesakramente und Einbalsamierungen und Blei-
särge. Aber was ist's mit diesen Telegrammen?” Sie blickte
wieder auf ihre Liste von Namen. “Mrs. Poulshot”, las sie
vor. “Wo kann man sie erreichen?”
Sebastian wußte es nicht gewiß. Alice und Onkel Fred
waren auf einer Autotour in Wales. Am besten, man
sandte das Telegramm nach London und hoffte, sie werde
es schon erhalten.
Mrs. Thwale schrieb die Adresse nach seinem Diktat.
“Weil wir grade von Schamlosigkeit sprachen”, sagte sie,
während sie nach einem neuen Formular griff, “ich hab
mal ein Mädel gekannt, die ihre Jungfernschaft in der
Nacht des Karfreitags verloren hatte, in Jerusalem — genau
über der Heiligen Grabeskirche. Also, was ist's mit Ihrem
Vater, wo erreichen wir ihn?”
“Er ist gestern abend nach Ägypten gefahren”, ... be-
gann Sebastian.
Durch die offene Tür drang plötzlich der rauhe, be-
fehlende Ruf: “Veronica, Veronica!”
Ohne zu antworten oder eine Bemerkung zu machen,
erhob sich Mrs. Thwale und ging in den Salon, und Se-
bastian folgte ihr. Ein Sturm von schrillem Gebelfer be-
grüßte sie. Schritt für Schritt zurückweichend, während er
auf sie losging, schrie ihnen Foxi VIII. seine Heraus-
forderung entgegen. Sebastian blickte von dem Hund auf
dessen Herrin. Das rotgeschminkte Gesicht der Königin-
Mutter, wie sie so, klein und verschrumpft, neben der
regungslosen Gestalt ihrer Jungfer stand, wirkte noch
phantastischer knallig durch den Gegensatz zu dem Schwarz
ihres Kleids und Huts.
“Kusch!” rief sie blindlings in die Richtung des Lärms.
“Nimm ihn auf, Hortense!”
In Hortenses Armen begnügte sich Foxi mit einem ge-
legentlichen Knurren.
“Ist auch der Junge da?” erkundigte sich Mrs. Gamble,
und als Sebastian vortrat, fragte sie fast triumphierend:
“Na, mein Junge, wie findest du das alles?”
Sebastian murmelte, daß er es schrecklich finde.
“Ich hab's ihm erst gestern gesagt”, fuhr die Königin-
Mutter im selben Ton fort. “Kein dicker Mann hat je die
Siebzig erreicht. Und schon gar nicht ein annehmbares
Alter. Sie haben doch ein Telegramm an Daisy geschickt,
nicht wahr, Veronica?”
“Es geht mit den andern in ein paar Minuten ab”, ant-
wortete Mrs. Thwale.
“Wenn man denkt, daß jetzt diese Nocke das alles erbt!”
rief die Königin-Mutter. “Was kann sie damit anfangen,
das möcht ich wissen? Alle seine Bilder und Möbel. Ich hab
Amy immer gesagt, sie soll sie nicht alles haben lassen.”
Plötzlich wandte sie sich an ihre Jungfer. “Wozu stehst
denn du hier herum, Hortense? Geh weg und tu etwas
Nützliches. Kannst du nicht sehn, daß ich dich nicht
brauche?”
Schweigend ging die Jungfer zur Tür.
“Wo ist Foxi?” schrie die Königin-Mutter in die Richtung
der sich entfernenden Schritte. “Gib ihn mir!”
Sie streckte ein Paar juwelengeschmückter Klauen aus.
Der Hund wurde ihr übergeben.
“Kleiner Foxi-Woxi”, schnarrte Mrs. Gamble liebevoll
und senkte den Kopf, um ihre Wange an dem Fell des Tiers
zu reiben. Foxi erwiderte mit einem Lecken. Die Königin-
Mutter kackelte schrill und wischte sich das Gesicht mit den
Fingern, wodurch sie das Lippenrot über ihr spitzes,
ziemlich behaartes Kinn verschmierte. “Erst dreiund-
fünfzig”, fuhr sie fort, sich wieder an die andern wendend.
“Es ist lächerlich. Aber was sonst kann man erwarten mit
einem solchen Magen? Reich mir den Arm, Junge!” rief
sie scharf.
Sebastian tat es.
“Zeig mir die Stelle, wo er tatsächlich hinüber ist!”
“Du meinst ...?” begann er.
“Ja, das mein ich”, bellte die Königin-Mutter. “Sie
können hierbleiben, Veronica.”
Langsam und vorsichtig setzte sich Sebastian zur Tür hin
in Bewegung.
“Warum redest du nicht?” wollte Mrs. Gamble wissen,
nachdem sie ein paar Schritte schweigend gegangen waren.
“Wenn du dich etwa für Fußball interessierst — ich ver-
stehe eine ganze Menge davon.”
“Mja, nicht eigentlich ... Ich interessiere mich mehr
für ... also für Gedichte und dergleichen.”
“Gedichte?” wiederholte sie. “Schreibst du Gedichte?”
“Ein bißchen.”
“Sehr sonderbar”, sagte die Königin-Mutter. Nach einer
Pause fuhr sie fort: “Ich erinnere mich, daß ich einmal
einige Zeit in einem Haus zu Gast war, wo sich auch Robert
Browning unter den Eingeladenen befand. In meinem
Leben hab ich niemand so viel zum Frühstück essen sehn.
Niemand. Ausgenommen vielleicht König Eduard.
Sie traten aus der Halle in den dunkeln kleinen Korridor.
Die Tür am Ende stand noch immer halb offen. Sebastian
stieß sie auf. “Das ist die Stelle”, sagte er.
Mrs. Gamble ließ seinen Arm los, und noch immer den
Hund haltend, tastete sie sich vorwärts. Ihre Hand kam in
Berührung mit dem Waschbecken; sie drehte einen Hahn
auf und drehte ihn wieder zu; dann tastete sie weiter, be-
rührte den Handgriff, zog daran, und das Wasser ergoß
sich in die Muschel. Foxi begann zu bellen.
“Welcher von den römischen Kaisern war es?” fragte sie
durch den Lärm des Gebells und des rauschenden Wassers.
Der, der im WC hinüberging. Marc Aurel oder Julius
Caesar?”
“Ich glaube, es war Vespasian”, wagte Sebastian zu be-
haupten.
“Vespasian? Nie von ihm gehört”, sagte die Königin-
Mutter nachdrücklich. “Es riecht nach Zigarrenrauch hier”,
fügte sie hinzu. “Ich hab ihm immer gesagt, er raucht zu
viele Zigarren. Reich mir wieder den Arm!”
Sie gingen durch die Halle zurück in den Salon.
“Veronica”, fragte die Königin-Mutter, aufs Geratewohl
in die Finsternis sprechend, aus der ihre Welt bestand,
“haben Sie diese öde Person nochmals angerufen?”
“Noch nicht, Mrs. Gamble.”
“Ich möchte wissen, warum sie sich nicht gemeldet hat?”
Der Ton der alten Dame war ungeduldig und verdrossen.
“Sie wird ausgegangen sein”, sagte Mrs. Thwale ruhig.
“Vielleicht zu irgendeiner Seance.”
“Niemand hat Seancen um neun Uhr morgens. Und
jedenfalls hätte sie jemand zurücklassen sollen, um Telefon-
anrufe zu beantworten.”
“Sie kann sich wahrscheinlich kein Dienstmädchen
leisten.”
“Unsinn!” bellte die Königin-Mutter. “Ich hab nie ein
gutes Medium gekannt, das sich nicht ein Dienstmädchen
leisten konnte. Besonders in Florenz, wo sie spottbillig
sind. Rufen Sie sie nochmals an, Veronica! Rufen Sie sie
jede Stunde an, bis Sie sie erreichen. Und jetzt, Junge, will
ich draußen auf der Terrasse ein wenig auf und ab gehn,
und du sollst mir dabei vom Dichten erzählen. Wie fängst
du es an, ein Gedicht zu schreiben?”
“Mja”, begann Sebastian, “also gewöhnlich...” Er brach
ab. “Es ist wirklich zu schwierig, es zu erklären.” Er wandte
sich ihr zu und lächelte sie auf seine unwiderstehliche, seine
engelhafte Art an.
“So eine dumme Antwort!” rief die Königin-Mutter. “Es
ist vielleicht schwierig, aber es ist gewiß nicht unmöglich.”

Zeit muß enden 193


Zu spät erinnerte sich Sebastian, daß sie sein Lächeln
nicht zu sehn vermochte, und kam sich außerordentlich
läppisch vor. Er entspannte seine Gesichtsmuskeln zu einer
ernsten Miene.
“Sprich weiter!” befahl die alte Dame.
Stammelnd tat er sein möglichstes. “Mja, es ist, als ob ...
ich meine, es ist, wie wenn man plötzlich etwas hört. Und
dann scheint es von selbst zu wachsen — weißt du, wie ein
Kristall in einer übersättigten Lösung.”
“In was?”
“Einer übersättigten Lösung.”
“Was ist das?”
“Oh, mja, es ist... es ist etwas, worin Kristalle wachsen.
Aber tatsächlich”, fügte er hastig hinzu, “ist es nicht ganz
der richtige Vergleich. Es ist mehr wie Blumen, die aus
Samen hervorkommen. Oder sogar wie Modellieren —
weißt du: kleine Klumpen von Lehm dazugeben, und am
Ende ist's eine Statue. Oder noch besser könnte man's ver-
gleichen mit —”
Die Königin-Mutter schnitt ihm das Wort ab.
“Ich versteh keine Silbe von dem, was du da redest”,
schnarrte sie. “Und du mummelst ärger als je.”
“Es tut mir schrecklich leid”, stammelte er, noch weniger
hörbar.
“Ich werde Veronica sagen, sie soll dir jeden Tag eine
Lektion in des Königs Englisch geben, während ich meine
Siesta halte. Und jetzt beginn nochmals, mir von deinen
Gedichten zu erzählen!”
15. KAPITEL

Rückwärts und abwärts”, Gelächter, Zigarre. Während


langer Dauern war nichts andres da. Dies war alles von
sich, was er besaß, alles von sich, was er zu finden vermocht
hatte. Nichts als die Erinnerung an diese drei Wörter, an
ein plötzliches Triumphgefühl und einen bespeichelten
Zylinder aus Tabak. Aber es genügte. Das Wissen war
köstlich und beruhigend.
Indessen verweilte an den Rändern des Bewußtseins das
Licht noch immer; und plötzlich, zwischen zwei Wellen der
Erinnerung, gewahrte er, daß es sich irgendwie verändert
hatte.
Anfangs war die Helle überall gewesen, und überall ein
und dieselbe, eine leuchtende Stille, grenzenlos und gleich-
förmig. Und im Wesen war sie noch immer makellos, noch
immer unbestimmt. Und doch war es, während sie blieb,
was sie stets gewesen, als wäre diese ruhige Grenzen-
losigkeit des Seligseins und Erkennens gestört, beschränkt
worden durch das Eindringen einer Tätigkeit; einer Tätig-
keit, die zugleich ein Gittermuster war, eine Art lebendigen
Rasters; überall vorhanden, unendlich vielfältig, von
äußerster Zartheit. Ein ungeheures, überall vorhandenes
Geflecht sich verknüpfender und auseinanderlaufender
Linien, von Parallelen und Spiralen, von komplizierten
Figuren und ihren seltsam verzerrten Projektionen — alle
leuchtend und aktiv und lebendig.
Abermals kam sein einziges Bruchstück von Selbstheit zu
ihm zurück — dasselbe wie immer, diesmal aber auf irgend-
eine Weise verbunden mit einer bestimmten Figur in
diesem hellen Geflecht vielfältig verschlungener Beziehun-
gen, sozusagen lokalisiert auf einen der unzähligen Knoten-
punkte einander schneidender Bewegungen.
“Rückwärts und abwärts”, und dann das plötzliche
Triumphgelächter.
Aber dieses Muster von Überschneidungen war die Pro-
jektion eines andern Musters, und innerhalb dieses andern
fand er plötzlich ein zweites, größeres Bruchstück seiner
selbst — das Erinnerungsbild eines kleinen Jungen, der aus
einem Wassergraben herauskrabbelte, naß und schlammig
bis über die Knie. Und: “Ätsch, John, ätsch!” erinnerte er
sich, gerufen zu haben; und auf des Jungen “Spring selber,
Feigling!” hatte er nur abermals “Ätsch!” gerufen und vor
Lachen gebrüllt.
Und das Lachen brachte die Zigarre wieder, ganz be-
speichelt, und zugleich mit der Zigarre, irgendwo anders
inmitten des überall sich ausbreitenden Geflechts, die Er-
innerung an einen zwischen den Lippen gefühlten Daumen,
die Erinnerung an den Genuß, endlos lange auf dem WC
zu sitzen, die Knabenzeitung zu lesen und an einer sträh-
nigen Lakritzenstange zu lutschen.
Und wieder zurück von der Projektion zum Projektor,
und hier war das Bild eines riesenhaften festfleischigen
Wesens, das nach Karbolseife roch. Und wenn er nicht
hübsch brav “Töpfchen gemacht” hatte, legte ihn Fräulein
Anna entschlossen übers Knie, gab ihm zwei Klapse und
ließ ihn dann, Gesicht nach unten, auf seinem Gitterbett
liegen, während sie die “Spritze” holen ging. Ja, die
Spritze, die Spritze ... Und es gab auch andre Namen
dafür, englische Namen; denn manchmal war es seine
Mutter, die die lustvolle Qual des Klystiers verabreichte.
Und wenn das geschah, roch das überragende Wesen nicht
nach Karbol, sondern nach Veilchenwurzel. Und obgleich
er natürlich hätte “Töpfchen machen” können, wenn er
gewollt hätte, wollte er nicht — grade um dieser qualvollen
Lust willen.
Die Linien lebendigen Lichts flossen auseinander und
kamen dann in einem andern Knoten wieder zusammen;
und dies war nicht mehr Fräulein Anna oder seine Mutter;
dies war Mimi. Spicciati, Bebino! Und mit einem Auf-
wallen von Jubel erinnerte er sich des weinroten Schlaf-
rocks, der Wärme und Elastizität des Fleisches unter der
Seide.
Durch die Zwischenräume des Geflechts hindurch wurde
er des andern Aspekts des Lichts gewahr — der Ungeheuern,
unterschiedslosen Stille, der Schönheit, der reinen und
strengen, aber fesselnden, begehrenswerten, unwidersteh-
lich anziehenden.
Die Helle näherte sich, wurde stärker. Er wurde ein Teil
der Seligkeit, wurde ein und dasselbe wie die Stille und
die Schönheit. Für immer, für immer.
Aber mit dem Teilhaben an der Schönheit kam Teil-
haben an der Erkenntnis. Und plötzlich erkannte er diese
wiedergefundenen Bruchstücke seiner selbst als das, was sie
so beschämend waren; erkannte sie als bloße Gerinnsel und
Zerfallsei, als bloße Abwesenheiten von Licht, als undurch-
sichtige Entbehrungen, als Nichtse, die vernichtet werden
mußten, emporgehalten werden mußten in diese helle Glut,
in all ihrer Häßlichkeit betrachtet werden mußten im Licht
dieses leuchtenden Schweigens, betrachtet und begriffen
und dann abgetan und verworfen, vernichtet, um der
Schönheit Platz zu machen, der Erkenntnis, der Seligkeit.
Der weinrote Schlafrock fiel vorn auseinander, und er
entdeckte noch ein Bruchstück seines Seins — die Erinnerung
an runde Brüste, wachsweiß, an den Spitzen mit einem
Paar blinder brauner Augen bekrönt. Und in dem molligen
Fleisch tief eingebettet, hatte der Nabel, so erinnerte er
sich, die absurde Prüdigkeit eines viktorianischen Mundes.
“Prünellen und Prismen geben den Lippen eine hübsche
Form.” Adesso commincia la tortura.
Jählings, fast heftig verstärkten sich die Schönheit des
Lichts und die qualvolle Angst, an seiner Erkenntnis teil-
zuhaben; verstärkten sich über die Grenzen des Möglichen
hinaus. Im selben Augenblick aber begriff er, daß es in
seiner Macht lag, seine Aufmerksamkeit abzuwenden, sich
zu weigern teilzuhaben. Absichtlich beschränkte er “ein
Bewußtsein auf den weinfarbenen Schlafrock. Das Licht
erstarb wieder zu Bedeutungslosigkeit. Er war in Ruhe
gelassen samt seinem kleinen Hort an Erinnerungen und
Bildern; durfte sie hegen, endlos genießen — sie bis zur
Identifizierung mit ihnen genießen, bis zur Transsubstan-
tiation in sie. Wieder und wieder, während behaglicher
Dauern von Zigarren und Schlafröcken und Gelächter und
Fräulein Anna und wieder Zigarren und Schlafröcken ...
Und dann kam plötzlich, innerhalb des Geflechts, eine jähe
Verschiebung des Bewußtseins, und er entdeckte noch ein
Bruchstück seiner selbst ... Sie aßen in dieser Kirche in
Nizza, und der Chor sang grade Mozarts Ave verum
corpus — und Männerstimmen füllten die ganze hohle Dun-
kelheit mit leidenschaftlichem Kummer und Sehnen, und
die hohen Knabenstimmen gingen zwischen ihnen ein und
aus, harmonisch, aber herrlich unabhängig in ihrem jung-
fräulichen Anderssein wie das aller Dinge vor dem Sün-
denfall, vor der Entdeckung von Gut und Böse. Mühelos
bewegte sich die Musik von einer Schönheit zur andern. Da
war Erkenntnis von Vollkommenheit, ekstatisch selig und
zugleich traurig, traurig bis zur Verzweiflung. Ave verum,
verum corpus. Bevor die Motette halb vorbei war, liefen
ihm die Tränen über die Wangen. Und als er und Laurina
die Kirche verließen, war die Sonne schon untergegangen,
und über den dunkeln Häuserdächern war der Himmel
leuchtend und heiter. Sie stiegen in ihren Wagen und fuh-
ren auf der Corniche nach Monte Carlo zurück. An einer
Straßenbiegung sah er zwischen zwei schlanken Zypressen
den Abendstern. “Schau!” sagte er. “Wie die Knabenstim-
men.” Aber zwanzig Minuten später waren sie im Kasino.
Es war der Abend, an dem Laurina ihre außerordentliche
Glückssträhne hatte. Zweiundzwanzigtausend Francs. Und
in ihrem Zimmer, um Mitternacht, hatte sie das Geld über
den ganzen Teppich ausgebreitet — hunderte von Gold-
stücken, Dutzende und Dutzende von Hundertfrancs-Schei-
nen. Er setzte sich neben sie auf den Boden, schlang den
Arm um ihre Schultern und zog sie eng an sich. “Ave
verum corpus”, sagte er lachend. Dies war der wahre Leib.
Und nun war er bei einem andern, aber fast identischen
Knoten des Geflechts und erinnerte sich, wie er im hohen
Gras am Rand des Kricketplatzes der Schule lag; wie er
schläfrig durch halbgeschlossene Augenlider hinaufblickte
in die dunstige, fast greifbare Bläue eines englischen Som-
mernachmittags. Und als er so hinaufblickte, geschah etwas
Außerordentliches. Nichts bewegte sich, aber es war, als
wäre da eine ungeheure kreisförmige Geste gewesen, als
wäre etwas wie ein Vorhang weggezogen worden. Allem
Anschein nach blieb dieser blaue, sehnsuchterweckende
Baldachin gleich über den Bäumen dort völlig ungestört.
Und doch war plötzlich alles anders, alles war in Stücke
zerfallen. Der schulfreie Nachmittag, der gewohnte Ver-
lauf des Spiels, die Freundlichkeit vertrauter Dinge und
Geschehnisse — alles war in Stücken. Zertrümmert, sosehr
sie auch physisch unversehrt waren, durch ein unsichtbares
Erdbeben. Etwas war durch die Kruste gewohnter Erschei-
nung durchgebrochen. Ein Lavaerguß aus einer andern,
einer wirklichen Art des Seins. Nichts hatte sich verändert;
aber er nahm alles als völlig anders wahr, nahm sich selbst
als fähig wahr, auf völlig neue Weisen zu handeln und zu
denken, die diesem umstürzenden Anderssein der Welt
gemäß waren.
“Wie wär's, wenn wir nach dem Spiel in die Stadt hin-
eingingen?”
Er blickte auf. Es war Timmy Williams — aber auch
Timmy Williams, so gewahrte er plötzlich, war etwas an-
dres, Besseres, Bedeutungsvolleres als der frettchengesidi-
tige Bengel, mit dem er über Literatur zu reden und zu
schweinigeln pflegte.
“Etwas sehr Merkwürdiges ist mir heute nachmittag pas-
siert”, vertraute er ihm eine halbe Stunde später an, als
sie beim Konditor saßen und Erdbeeren mit Süßrahm
schmausten.
Aber als die Geschichte erzählt war, lachte Timmy nur
und sagte, jeder Mensch habe manchmal Pünktchen vor
den Augen. Die Ursache sei wahrscheinlich nur Verstop-
fung.
Das war natürlich nicht wahr. Aber nun, da die zertrüm-
merte Welt sich wieder zusammengefügt hatte, nun, da
der Vorhang wieder zugefallen und der Lavaausbruch da-
hin zurückgeflossen war, woher er gekommen, — wie hübsch
und behaglich nun alles war! Besser, man machte sich nichts
wissen. Besser, man benahm sich weiter, wie man sich im-
mer benommen hatte, und riskierte es nicht, etwas Selt-
sames oder Unbehagliches tun zu müssen. Nach einem
Augenblick des Zögerns stimmte er in Timmys Gelächter
ein.
Wahrscheinlich nur Verstopfung. Ja, wahrscheinlich nur
Verstopfung. Und wie mit einem Eigenleben ausgestattet,
begann der Refrain sich zu leiern, nach der Melodie von
“Unter den Bambusstauden”.

Wahrscheinlich nur,
Wahrscheinlich nur,
Wahrscheinlich nur Verstopfung;
Wahrscheinlich nur,
Wahrscheinlich nur,
Wahrscheinlich nur Versto - sto - pfung.

Und da capo, da capo — wie diese Drehorgel, die die Me-


lodie vor dem Standesamt in Kensington gespielt hatte,
an jenem Vormittag, als er und Amy heirateten.

Unter den Barn, Unter den Bus,


Wahrscheinlich nur Versto ...
16. KAPITEL

“Also”, sagte Mrs. Thwale, als Foxis Gebell und das


dünne Krächzen der königin-mütterlichen Koseworte in der
Ferne verklangen, “jetzt sind Sie mein Schüler. Vielleicht
hätte ich mich doch mit einer Rute ausrüsten sollen. Straft
man euch mit der Rute in Ihrer Schule?”
Sebastian schüttelte den Kopf.
“Nicht? Wie schade! Ich war immer der Ansicht, daß
solche Züchtigungen beträchtlichen Reiz haben.”
Sie sah ihn mit einem leisen Lächeln an; dann wandte
sie sich ab, um von dem Mokka zu nippen. Es folgte ein
langes Schweigen.
Sebastian hob die Augen und studierte verstohlen ihr
halb abgewandtes Gesicht — das zum Leben erwachte Ge-
sicht Mary Esdailes, das Gesicht der Frau, mit der er in
der Einbildung erforscht hatte, was er für die äußersten
Gebiete der Sinnenlust hielt. Und hier saß sie, züchtig in
Schwarz, mitten in der farbigen Üppigkeit des Zimmers,
ohne eine Ahnung von der Rolle, die sie in seinem pri-
vaten Universum gespielt, von alledem, was sie da getan
und mit sich hatte tun lassen. Messalina in seinem, Lukrezia
in ihrem Kopf. Aber natürlich war sie nicht Lukrezia, nicht
mit solchen Augen, nicht mit dieser Art, stillschweigend
den Raum rings um sich mit ihrer animalisch weiblichen
Gegenwart zu durchtränken.
Mrs. Thwale blickte auf.
“Selbstverständlich”, sagte sie, “müssen wir zu allererst
ausfindig machen, warum Sie mummeln, wenn es doch
ebenso leicht ist, deutlich und zusammenhängend zu
sprechen. Warum tun Sie's?”
“Mja, wenn man schüchtern ist ...”
“Wenn man schüchtern ist”, sagte Mrs. Thwale, “ist es
am besten, so habe ich immer gefunden, sich vorzustellen,
wie der Mensch, dem gegenüber man schüchtern ist, aus-
sähe, wenn er oder sie in einer Sitzwanne hocken würde.”
Sebastian kicherte.
“Es ist ein fast unfehlbares Mittel”, fuhr sie fort. “Alte
und häßliche Leute sehn da so grotesk aus, daß man kaum
ein ernstes Gesicht bewahren kann. Wogegen die jungen,
hübschen so attraktiv aussehn, daß man jede Befangenheit
verliert und sogar jeden Respekt. Also jetzt machen Sie die
Augen zu und versuchen Sie's!”
Sebastian warf einen Blick auf sie, und das Blut raste
ihm ins Gesicht.
“Sie meinen ...?”
Er fühlte plötzlich, daß er die Frage nicht vollenden
konnte.
“Ich habe nichts dagegen”, sagte Mrs. Thwale gelassen.
Er schloß die Augen; und da war Mary Esdaile in
schwarzen Spitzen, Mary Esdaile auf einem blaßroten Di-
wan in der Haltung von Bouchers Petite Morphil.
“Na, fühlen Sie sich jetzt weniger schüchtern?” fragte
sie, als er die Augen wieder geöffnet hatte.
Sebastian sah sie einen Moment an; überwältigt von Ver-
legenheit bei dem Gedanken, daß sie nun etwas davon
wußte, was sich in der Welt seiner Phantasie abspielte,
schüttelte er nachdrücklich den Kopf.
“Nein? Nicht? “fragte Mrs. Thwale, und die tiefe Stimme
modulierte in einem Gurren nach oben. “Das ist schlimm.
Es sieht fast danach aus, daß Sie ein Fall für chirurgische
Behandlung sind. Chirurgische”, wiederholte sie und nippte
abermals an ihrer Mokkatasse und sah ihn die ganze Zeit
mit ironisch funkelnden Augen über den Rand an.
“Immerhin”, fügte sie hinzu, als sie sich den Mund
wischte, “es wird vielleicht doch noch möglich sein, die Hei-
lung mittels psychologischer Methoden zu erzielen. Zum
Beispiel durch Anwendung einer Ungeheuerlichkeit.”
“Durch Anwendung einer Ungeheuerlichkeit?”
“Na, Sie wissen doch, was eine Ungeheuerlichkeit ist?
Ein non sequitur im Handeln. Etwas Folgewidriges. Zum
Beispiel, ein Kind fürs Bravsein zu belohnen, indem man
es tüchtig verhaut und zu Bett schickt. Oder noch besser, es
verhaut und zu Bett schickt aus gar keinem Grund. Das ist
die vollkommene Ungeheuerlichkeit — völlig desinter-
essiert, absolut platonisch.”
Sie lächelte vor sich hin. Diese letzten Worte waren die-
selben, die ihr Vater gern gebrauchte, wenn er von der
christlichen Caritas sprach. Von dieser verfluchten Caritas,
mit der er ihre Kindheit und Jugend vergiftet hatte; in
deren Namen er sich mit einer Horde der Mühseligen
und Beladenen umgeben, was ein Daheim hätte sein sol-
len, in ein bloßes Wartezimmer, einen öffentlichen Durch-
gang verwandelt, sie inmitten der Jämmerlichkeiten und
Häßlichkeiten der Armut auferzogen, sie erpresserisch in
einen Dienst gezwungen hatte, den zu leisten sie nicht ge-
willt war; sie gezwungen hatte, ihre Mußestunden mit
stumpfsinnigen und ungebildeten fremden Leuten zu ver-
bringen, während sie doch nur danach verlangte, allein zu
sein. Und als wollte er dem Schaden noch den Spott hinzu-
fügen, hatte er sie jeden Sonntagabend Korinther I, 13
hersagen lassen.
“Absolut platonisch”, wiederholte Mrs. Thwale und hob
den Blick abermals zu Sebastian. “WieDanteundBeatrice.”
Und nach ein paar Sekunden fügte sie nachdenklich hinzu:
“Eines Tages wird dieses hübsche Gesicht, das Sie haben,
Sie in Unannehmlichkeiten verwickeln.”
Sebastian lachte unbehaglich und versuchte, den Ge-
sprächsgegenstand zu wechseln.
“Aber wo bleibt die Schüchternheit?” fragte er.
“Sie bleibt nicht”, antwortete sie. “Sie verschwindet. Die
Ungeheuerlichkeit verjagt sie.”
“Welche Ungeheuerlichkeit?”
“Na, die Ungeheuerlichkeit, die man sich leistet, wenn
man einfach nicht weiß, was sonst man tun oder sagen
soll.”
“Aber wie kann man das? Ich meine, wenn man schüch-
tern ...”
“Man muß sich selbst Gewalt antun. Als beginge man
Selbstmord. Man muß den Revolver an die Schläfe an-
setzen. Noch fünf Sekunden, und dann geht die Welt
unter. Inzwischen ist alles eins.”
“Aber es ist nicht alles eins”, widersprach Sebastian.
“Und die Welt geht nicht wirklich unter.”
“Nein. Aber sie ist wirklich verwandelt. Die Ungeheuer-
lichkeit schafft eine völlig neue Situation.”
“Eine unangenehme Situation.”
“So unangenehm”, bestätigte Mrs. Thwale, “daß man
gar nicht einmal mehr daran denken kann, schüchtern zu
sein.”
Sebastian sah zweifelnd drein.
“Sie glauben mir nicht?” fragte sie. “Also gut, wir
werden eine Probe inszenieren. Ich bin Mrs. Gamble und
verlange, Sie sollen mir sagen, wie Sie ein Gedicht schrei-
ben.”
“Herrgott, war das nicht schauderhaft!” rief Sebastian.
“Und warum war es schauderhaft? Weil Sie nicht den
Verstand hatten, zu sehn, daß es die Art von Frage war,
die nicht beantwortet werden kann, außer durch eine Un-
geheuerlichkeit. Ich habe lachen müssen, als ich Sie da
von psychologischen Feinheiten herumstottern hörte, die
die alte Dame unmöglich begreifen konnte, auch wenn sie
hätte wollen. Und natürlich wollte sie gar nicht.”
“Aber was sonst hätte ich tun können? Da sie doch wis-
sen wollte, wie ich eins schreibe?”
“Ich werd's Ihnen sagen”, antwortete Mrs. Thwale. “Sie
hätten mindestens fünf Sekunden lang nicht sprechen sol-
len; dann hätten Sie sehr langsam und deutlich sagen
müssen: ,Madam, ich schreibe es mit Tintenstift auf eine
Rolle Klosettpapier.' So, jetzt sagen Sie's!”
“Nein, ich kann nicht .. . Wirklich ...”
Er sah sie mit seinem flehenden, unwiderstehlichen Lä-
cheln an. Aber statt sich erweichen zu lassen, schüttelte
Mrs. Thwale verachtungsvoll den Kopf.
“Nein, nein”, sagte sie, “ich bin ganz und gar nicht
kinderlieb. Und Sie, Sie sollten sich schämen, solche Kniffe
anzuwenden. Mit siebzehn sollte ein Mann Babys in die
Welt setzen, nicht versuchen, selber eins zu sein.”
Sebastian errötete und kicherte nervös. Ihre Unver-
blümtheit war wirklich schrecklich peinlich; und doch war
er mit einem Teil seines Wesens froh, daß sie so sprach,
froh, daß sie nicht, wie das alle übrigen taten, ihn wie ein
Kind behandeln wollte.
“Und jetzt”, fuhr Mrs. Thwale fort, “dieses Mal, wer-
den Sie's sagen — verstanden?”
Der Ton war so kühl befehlend, daß Sebastian ohne
weiteres Zögern gehorchte.
“Madam, ich schreibe es mit Tintenstift —”, begann er.
“Das ist keine Ungeheuerlichkeit”, unterbrach ihn
Mrs. Thwale. “Das ist ein Gelispel.”
“Ich schreibe es mit Tintenstift — “, wiederholte er
lauter.
“Fortissimo!”
“— mit Tintenstift auf eine Rolle Klosettpapier ...”
Mrs. Thwale klatschte in die Hände. “Ausgezeichnet!”
Sie stieß ihr zart grunzendes Lachen aus. Erleichtert
stimmte Sebastian ein.
“Und jetzt”, fuhr sie fort, “sollte ich Ihnen ein paar
Ohrfeigen geben. Ein paar feste, daß es wehtut. Und Sie
werden so verblüfft und zornig sein, daß Sie mich an-
schreien werden: Du verfluchtes Aas! — oder mit etwas von
ähnlicher Bedeutung. Und dann wird der Spaß losgehn.
Ich werde zu kreischen beginnen wie ein Papagei, und Sie
werden anfangen ...”
Die Tür des Salons wurde geöffnet.
“II Signor De Vries”, meldete der Diener.
Mrs. Thwale brach mitten im Satz ab und veränderte
sogleich ihre Miene. Es war eine ernste Madonna, die ihr
Gesicht dem Eintretenden zuwandte, der durchs Zimmer
auf sie zueilte.
“Ich war den ganzen Vormittag aus”, sagte Paul De Vries
atemlos, ihre hingestreckte Hand ergreifend. “Erhielt Ihre
telefonische Nachricht erst, als ich ins Hotel zurückkam,
nach dem Lunch. Es ist erschütternd!”
“Erschütternd”, wiederholte Mrs. Thwale und nickte.
“Übrigens”, fügte sie hinzu, “dies ist der Neffe de« armen
Mr. Barnack, Sebastian.”
“Es muß ein schrecklicher Schlag für Sie sein”, sagte
De Vries und drückte ihm die Hand.
Sebastian nickte und kam sich als ein rechter Heuchler
vor, während er bestätigend mummelte.
“Schrecklich, schrecklich”, wiederholte der andre. “Aber
man darf natürlich nie vergessen, daß auch der Tod leine
Werte hat.”
Er wandte sich wieder an Mrs. Thwale.
“Ich kam her, um zu sehen, ob ich Ihnen irgendwie
behilflich sein kann.”
“Das ist sehr freundlich von Ihnen, Paul.”
Sie hob die Augenlider und warf ihm einen eindring-
lichen, bedeutungsvollen Blick zu; die ungeöffneten Lippen
bebten in einem leisen Lächeln. Dann blickte sie wieder
hinab auf ihre weißen, im Schoß gefalteten Hände.
Das Gesicht Paul De Vries' leuchtete vor Freude auf;
und plötzlich, mit blitzartiger Einsicht, gewahrte Sebastian,
daß der Kerl in sie verliebt war und daß sie es wußte und
es sich gefallen ließ.
Er wurde von wütender Eifersucht überkommen, von
einer um so schmerzlicheren, als ihm ihre Vergeblichkeit
bewußt war, und um so heftigeren, als er zu jung war, um
sie bekennen zu können, ohne sich lächerlich zu machen.
Wenn er ihr sagte, was er fühlte, würde sie ihn einfach
auslachen. Es wäre nur eine neuerliche Demütigung.
“Ich glaube, ich sollte lieber gehn”, murmelte er und
machte ein paar Schritte zur Tür.
“Sie wollen doch nicht am Ende davonlaufen?” sagte
Mrs. Thwale.
Sebastian blieb stehn und blickte sich um. Ihre Augen
waren fest auf ihn gerichtet. Er wich ihrem dunkeln, rätsel-
haften Blick aus.
“Ich hab noch .. . noch ein paar Briefe zu schreiben”,
erfand er; er wandte sich und eilte aus dem Zimmer.
“Haben Sie das gesehn?” fragte Mrs. Thwale, als die
Tür sich geschlossen hatte. “Der arme Junge ist eifersüchtig
auf Sie.”
“Eifersüchtig?” wiederholte De Vries im Ton ungläu-
bigen Staunens.
Er hatte gar nichts bemerkt. Aber er bemerkte natürlich
selten etwas. Es war eine Eigenheit, von der er wußte,
auf die er sogar recht stolz war. Wessen Geist mit wirklich
wichtigen, aufregenden Dingen beschäftigt ist, kann sich
nicht mit den trivialen kleinen Ereignissen des täglichen
Lebens abgeben.
“Tja, Sie werden wohl recht haben”, sagte er mit einem
Lächeln. “Das Verlangen der Motte nach dem Licht. Es ist
wahrscheinlich sehr gut für den Jungen”, fügte er im Ton
eines weisen, wohlwollenden Humanisten hinzu. “Hoff-
nungslose Leidenschaften gehören zu einer gründlichen Er-
ziehung. Auf diese Weise lernen junge Menschen, wie man
Sexualität sublimiert.”
“So? Lernen sie das?” fragte Mrs. Thwale mit einem so
absoluten Ernst, daß ein scharfsichtigerer Mann die Ironie
dahinter erraten hätte.
Aber Paul De Vries nickte nur nachdrücklich.
“Indem sie die Werte romantischer Liebe entdecken”,
sagte er. “Auf diese Weise gelingt ihnen die Sublimierung.
Havelock Ellis weiß einiges sehr Schöne darüber zu sagen
in einem seiner ...”
Da er sich plötzlich bewußt wurde, daß das ganz und gar
nicht war, worüber er wirklich mit ihr reden wollte, unter-
brach er sich.
“Zum Teufel mit Havelock Ellis!” knurrte er, und es
folgte ein langes Schweigen.
Mrs. Thwale saß ganz still und wartete auf das, was,
wie sie wußte, als nächstes geschehn werde. Und — ja, er
setzte sich plötzlich auf das Sofa neben sie, ergriff ihre
Hand und drückte sie zwischen seinen beiden.
Sie hob die Augen, und Paul De Vries erwiderte ihren
Blick mit einem zitternden Lächeln heftigsten Schmachtens.
Aber Mrs. Thwales Gesicht blieb unveränderlich ernst, als
wäre Liebe etwas zu Schwerwiegendes, um darüber zu
lächeln. Mit diesen Nasenlöchern, so dachte sie, sah er aus
wie ein hilflos ergebener Hund. Lächerlich, aber zugleich
auch ein wenig widerlich. Doch es lief immer darauf hin-
aus, zwischen zwei Übeln zu wählen. Sie blickte wieder zu
Boden.
Der junge Mann hob ihre teilnahmslosen Finger an die
Lippen und küßte sie mit etwas wie religiöser Verehrung.
Aber das Parfüm war von einer schwülen und betäubenden
Süße; ihr Hals war makellos glatt und weiß; unter der
gespannten schwarzen Seide konnte er sich die Festigkeit
ihrer kleinen Brüste vorstellen. Schmachten verdichtete sich
jäh zu Begehren. Er flüsterte ihren Namen und legte ihr
plötzlich und ziemlich ungeschickt den Arm um die Schul-
tern und hob mit der andern Hand ihr Gesicht zu dem
seinen. Aber bevor er sie küssen konnte, war Mrs. Thwale
von ihm weggerückt.
“Nein, Paul, bitte, nicht!”
“Aber meine Liebste ...”
Er ergriff ihre Hand und versuchte, sie abermals an sich
zu ziehn. Sie war unnachgiebig und schüttelte den Kopf.
“Ich sagte, nicht, Paul!”
Ihr Ton war gebieterisch; er ließ ab.
“Mögen Sie mich denn gar nicht, Veronica?” fragte er
kläglich.
Mrs. Thwale sah ihn schweigend an und fühlte sich einen
Augenblick lang versucht, dem Narren zu antworten, wie
er es verdiente. Aber das wäre unklug gewesen. Sie nickte
ernst.
“Ich habe Sie sehr gern, Paul, aber Sie scheinen zu ver-
gessen”, fügte sie mit einem plötzlichen Lächeln und in
verändertem Ton hinzu, “daß ich bin, was man eine an-
ständige Frau nennt. Manchmal wünsche ich, ich wäre es
nicht. Aber so ist's eben!”
Ja, so war's eben — ein unübersteigliches Hindernis auf
dem Wege zum modifizierten Zölibat. Und dabei liebte er
sie, wie er nie jemand geliebt hatte. Liebte sie unbeherrsch-
bar, über allen Verstand, bis an den Rand des Wahnsinns.
Liebte sie so sehr, daß der Gedanke an sie ihn verfolgte,
daß er besessen war von dem schönen Dämon ihres Be-
gehrenswertseins.
Die kleine reglose Hand, die er gehalten hatte, erwachte
plötzlich zum Leben und entzog sich ihm.
“Überdies”, fuhr sie ernst fort, “vergessen wir den
armen Mr. Barnack.”
“Zum Teufel mit Mr. Barnack!” konnte er sich nicht ent-
halten herauszuplatzen.
“Paul!” sagte sie tadelnd, und ihr Gesicht nahm einen
Ausdruck von Kummer an. “Nein, wirklich ...”
“Verzeihen Sie!” sagte er durch die Zähne.
Die Ellbogen auf den Knien, den Kopf zwischen den
Händen, starrte er ohne zu sehn auf das Stück chinesischen
Teppichs unter seinen Füßen. Er dachte grollend daran,
wie der Dämon ihn beim Lesen überfallen werde. Es gab
keinen Schutz, kein Austreibungsmittel; sogar die auf-
regendst neuen und wichtigen Bücher waren machtlos gegen
diese Besessenheit. Statt der Quantenmechanik, statt des
Individuationsfeldes wäre es plötzlich das blasse Oval ihres
Gesichts, was seinen Geist füllen würde; es wären ihre
Stimme und die Art, wie sie einen ansah, und ihr Parfüm
und die weißen Rundungen ihres Halses und ihrer Arme.
Und dabei hatte er sich doch seit jeher geschworen, nie zu
heiraten, seine ganze Zeit und alle seine Gedanken und
Energien diesem seinem großen Werk zu widmen, diesem
Brückenbauen, das so offenbar und, wie von der Vorsehung
bestimmt, sein Beruf war.
Ganz plötzlich fühlte er die Berührung ihrer Hand auf
seinem Haar, und als er aufblickte, sah er sie ihn fast zärt-
lich anlächeln. “Sie dürfen nicht traurig sein, Paul.”
Er schüttelte den Kopf. “Traurig und verrückt und
wahrscheinlich auch schlecht.”
“Nein, sagen Sie das nicht”, entgegnete sie und legte
ihm mit einer schnellen Bewegung ihre Finger leicht auf
den Mund. “Nicht schlecht, Paul; niemals schlecht.”
Er ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Wider-
spruchslos überließ sie sie für ein paar Sekunden seiner
Leidenschaft und zog sie dann sanft zurück.
“Und nun”, sagte sie, “möchte ich ausführlich von dem
Besuch bei dem Mann hören, von dem Sie mir gestern er-
zählt haben.”
Sein Gesicht hellte sich auf.
“Sie meinen Loria?”
Sie nickte.
“Oh, das war wirklich aufregend. Er ist der Mann, der
Peanos Arbeit über mathematische Logik weitergeführt
hat.”
“Ist er so bedeutend wie Russell?” fragte Mrs. Thwale,
die sich eines früheren Gesprächs über denselben Gegen-
stand erinnerte.
“Das ist grade die Frage, die ich selbst mir gestellt
habe”, rief der junge Mann entzückt.
“Große Geister haben die gleichen Gedanken”, sagte
Mrs. Thwale.
Mit einem bezaubernd spielerischen Lächeln klopfte sie
mit den Knöcheln erst an ihre eigne Stirn, dann an seine.
“Und jetzt möchte ich von Ihrem aufregenden Professor
Loria hören.”
17. KAPITEL

Nach der Melodie von “Unter den Bambusstauden”, zur


Begleitung von Timmy Williams' wissendem Gelächter,
wieder und wieder:

Wahrscheinlich nur,
Wahrscheinlich nur,
Wahrscheinlich nur Verst ...

Aber das war natürlich nicht wahr. Er hatte immer gewußt,


daß das nicht wahr war.
Und abermals kam ein Bewußtsein von einer alles durch-
dringenden Stille, die leuchtete und lebendig war. Sie war
schön, von einer größeren Schönheit als sogar Mozarts Mu-
sik, als der Himmel nach Sonnenuntergang, als der Abend-
stern zwischen den Zypressen.
Und von diesen Zypressen schien er wegzugleiten über
das Geflecht und entdeckte sich plötzlich in Paestum, in der
windigen Dämmerung eines Herbstabends, und dann im
Tal des Weißen Pferdes in Berkshire, wo der Julisonnen-
schein wie mit unwiderstehlicher Inbrunst herabflutete aus
einer blauen Bucht zwischen bergigen Kontinenten von
Gewitterwolken. Und hier wieder war der Maisgott aus
Copan und hier das Letzte Abendmahl des heiligen Hiero-
nymus. Und dieses Bild von Constable im Viktoria-und-
Albert-Museum und — ja! — Susanna im Bade.
Aber dies war nicht Tintorettos blasse Silhouette einer
marmorgleichen und majestätischen Nacktheit. Dies war
Mimi. Mimi, wie sie auf dem Diwan hockte, kurzbeinig,
opak weiß gegen die grellbunten Kissen.
Und plötzlich hatte er wieder Teil an der unbarm-
herzigen Erkenntnis einer so gräßlichen Abwesenheit, daß
nichts mehr da war als Abscheu vor sich selbst, nichts als
Scham, Selbstverurteilung und Verdammnis.
Um der Pein zu entfliehn, wandte er sich abermals dem
sich öffnenden Schlafrock zu, dem Getätschel und Getändel,
der Zigarre und dem Gelächter. Diesmal aber wollte sich
das Licht nicht verdunkeln lassen. Es wurde im Gegenteil
heller bis zur Unmöglichkeit; wurde noch viel, und uner-
träglich, schöner.
Angst und Schrecken verwandelten sich in Groll, in
leidenschaftliche Raserei von Wut und Haß. Und wie
durch Zauber hatte er sich auf einmal wieder in Besitz aller
seiner vier Wortschätze von Obszönität gesetzt — des hei-
matlichen englischen, der mit Fleiß erworbenen deutschen
und französischen und italienischen.
Das Aufwallen seines Zorns, der Sturzbach dieser Wörter
brachten ihm unverzüglich Erleichterung. Die Eindringlich-
keit des Lichts verminderte sich, und nun gab es kein Teil-
haben mehr an der Erkenntnis, durch die er gezwungen
war, sich selbst als schändlich zu verurteilen. Nichts blieb,
nur fern im Hintergrund diese Schönheit wie der Himmel
nach Sonnenuntergang. Nun aber hatte er diese Lieblichkeit
durchschaut, wußte, sie war nur ein Köder, um ihn in eine
gräßliche Art von Selbstmord hineinzulocken.
Selbstmord, Selbstmord — alle versuchten sie einen dazu
zu überreden, Selbstmord zu begehn. Und hier war wieder
ein Bruchstück seiner selbst, dargestellt durch Bruno in
seiner Buchhandlung, Bruno unterwegs zum Bahnhof. Wie
er einen ansah mit diesen seinen Augen und so sanft von
der Notwendigkeit redete, sich Verzeihung gewähren zu
lassen, und sogar versuchte, einen zu hypnotisieren! Einen
in Selbstvernichtung hineinzuhypnotisieren!
Sozusagen abgleitend, auf eine andre Ebene des Ge-
flechts, befand er sich ganz plötzlich in Fühlung mit einem
Bewußtsein, von dem er sogleich wußte, daß es Brunos war;
mit dem matten und belanglosen Bewußtsein von einem
kahlen Hotelzimmer und gleichzeitig einem überwältigen-
den von dem Licht. Zart blau war es diesmal, blau und
irgendwie musikalisch. Eine Systole und Diastole milden
Strahlens, das tonlos innerhalb der Windungen einer un-
sichtbaren Muschel sang.
Schönheit undFrieden und Zärtlichkeit — sogleich
erkannt und sogleich zurückgewiesen. Erkannt, nur um
gehaßt zu werden, nur um idiomgerecht in vier Sprachen
unflätig beschimpft zu werden.
St. Willibald, der im Zimmer eines viertklassigen Hotels
betete! St. Wunnibald, der seinen Nabel beschaute. Es war
eselhaft. Es war verachtungswert. Und wenn der Narr sich
einbildete, daß er einen durch solche Tricks beschämen
konnte, bis man Selbstmord begehn wollte, irrte er gründ-
lich! Wer, glaubte er denn, war er, daß er da mit diesem
verdammten Licht herumhokuspokte? Aber was immer er
glauben mochte, Tatsache blieb, daß er einfach derselbe
alte Bruno war, einfach ein verstaubter kleiner Buchhändler
mit einem unterentwickelten Verstand und einer überent-
wickelten Suada.
Und dann wurde ihm bewußt, daß Bruno nicht allein
war, daß Brunos Erkenntnis dieses Lichts nicht die einzige
Erkenntnis war. Da war eine ganze Milchstraße verschie-
dener Bewußtsein. Alle leuchtend durch ein Teilhaben an
dem Licht, durch ein Einssein mit dem Licht, das ihnen ihr
Sein gab. Einsgeworden und doch, innerhalb der allum-
fassenden Möglichkeit, als Möglichkeiten erkennbar, die
verwirklicht worden waren.
In dem Hotelzimmer wurde die Erkenntnis dieses zarten,
wohltönenden Strahlenglanzes immer vollständiger. Und
dabei hellte sich die Bläue zu einem noch reineren Erglühen
auf, das Tönen modulierte von Bedeutsamkeit über erhöhte
Bedeutsamkeit nach der letzten Vollkommenheit von Stille.
“Willibald, Wunnibald. In einem viertklassigen Hotel.
Und hoffentlich ist ein deutsches Hochzeitspärchen im
Nebenzimmer!” Bruno, der sich da produzierte, was er alles
mit dem Licht aufführen konnte! Aber das bewahrte ihn
nicht davor, ein dummer kleiner Altwarenhändler zu sein,
ein Trödler von schimmeligem Plunder. “Und wenn er
sich ernstlich einbildet, er kann einen einschüchtern, bis
man sich beschämt fühlt ...”
Jählings war sich Eustace der Erkenntnis des andern
bewußt. Nicht nur von außen her, sondern durch einen Akt
der Identifikation mit ihm. Und sogleich war er sich wieder
der unaussprechlichen Häßlichkeit seines eignen, undurch-
sichtigen und bruchstückhaften Seins bewußt.
Beschämend, beschämend ... Aber er weigerte sich, sich
zu schämen. Er wollte verdammt sein, wenn er sich in
Selbstmord hineinkommandieren ließ! Ja, er wollte ver-
dammt sein, er wollte verdammt sein ...
In der Helle und der Stille waren seine Gedanken wie
Klumpen von Auswurf, wie das Geräusch des Erbrechens.
Und je abstoßender sie zu sein schienen, desto rasender
wurde sein Zorn und sein Haß.
Verdammtes Licht! Verfluchter kleiner Lumpensammler!
Aber nun war keine Ruhe, kein Aufschub mehr im Zornig-
sein zu finden. Sein Haß flammte, aber er flammte ins
Angesicht einer unverdunkelt strahlenden Helle. Die vier
Vokabulare von Obszönität erbrachen sich in eine Stille,
mit der er auf irgendeine Weise identifiziert war, in eine
Stille, die die Häßlichkeit dessen, wovon sie unterbrochen
wurde, nur noch mehr betonte.
Das ganze Hochgefühl von Zorn und Haß, diese ganze
ablenkende Erregung verebbte, und es blieb ihm nichts als
die nackte, negative Empfindung von Ekel, selber schmerz-
haft und zugleich die Ursache vermehrten Schmerzes. Denn
das unverdunkelte Licht, die ununterbrechbare Stille, die
beide Gegenstand seines Ekels waren, zwangen ihn aber-
mals, sich als einen Gerichthaltenden zu erkennen, der sich
verurteilte.
Andre Bruchstücke seiner selbst tauchten auf. Zehn Sei-
ten Proust und ein schneller Rundgang durch den Bargello;
der heilige Sebastian zwischen den Wachsblumen und den
ausgestopften Kolibris und der junge Mann aus Peoria.
Fascinatio nugacitatis. Aber alles Getändel, das ihn einst
bezaubert hatte, war nun nicht nur äußerst ermüdend, son-
dern auch, auf eine negative Art, äußerst böse. Und doch
mußte dabei verharrt werden; denn die einzige andre
Wahl war eine völlige Selbsterkenntnis und Selbstpreis-
gabe: einzig auf das Licht zu achten und sich ihm völlig
auszusetzen.
Also kam jetzt wieder Mimi dran. Und in der Helle, mit
der er nun unentrinnbar identifiziert war, mußte auch bei
diesen verharrt werden — diesen langen Nachmittagen in
der kleinen Wohnung hinter Santa Croce. Endlose kalte
Friktionen; das endlose raspelnde Striegeln, aber ohne
jeden Kitzel. Adesso commincia la tortura. Und es hörte
nie auf, weil er es nicht aufhören lassen konnte, aus Furcht
vor dem, was sonst geschähe. Es gab kein Entkommen
außer auf dem einen Weg, der ihn nur noch weiter in
Gefangenschaft führte.
Auf einmal regte sich Bruno Rontini ein wenig und
hustete. Eustace hatte, um einen Grad entfernt, teil an
einem verstärkten Bewußtsein von dem kahlen kleinen
Hotelzimmer und dem Geräusch der Autos, die im niedrig-
sten Gang die steilen Straßen nach Perugia heraufkamen.
Dann wurde dieses nebensächliche Bewußtsein ruhig bei-
seite geschoben, und es war wieder nur Stille und Helle da.
Oder gab es vielleicht einen andern Weg? Einen Weg,
der einen um diese exkrementalen Klumpen von altem
Gelebtem und die Verurteilung, die sie einem auferlegten,
herumführte? Die Stille und Helle waren schwanger von
der unzweideutigen Antwort: es gab keinen Weg darum
herum, es gab nur einen Weg hindurch. Und über den
wußte er natürlich Bescheid. Er wußte genau, wohin der
führte.
Aber wenn dieser Weg doch eingeschlagen würde, was
geschähe dann mit Eustace Barnack? Eustace Barnack wäre
dann tot. Ganz und gar tot. Ausgelöscht. Vernichtet. Nichts
wäre dann da als dieses verdammte Licht, diese diabolische
Helle in der Stille. Sein Haß loderte abermals auf, und
dann wurde fast sogleich diese genußreiche und aufheiternde
Hitze gedämpft. Nichts blieb ihm außer einem kalten, er-
schrockenen Grauen und der schmerzenden Erkenntnis, daß
sein Haß und sein Grauen gleichermaßen abscheulich waren.
Aber lieber diesen Schmerz als die Alternative; lieber
das Wissen von seiner eignen Abscheulichkeit als das Aus-
löschen jeglichen Wissens. Alles lieber als das! Sogar diese
Ewigkeiten leerer Narretei, diese Ewigkeiten einer allen
Genusses entleerten Luft. Zehn Seiten Proust und die
Gegenüberstellung von Wachsblumen und dem heiligen
Sebastian. Wieder und wieder. Und danach wieder diese
leichenkalten Sinnlichkeiten, das Tätscheln, das Tändeln,
das endlose obligate Betapsen zur Begleitung von “Wahr-
scheinlich nur Verstopfung” und “Ein junger Mann aus
Peoria”. Tausende Male, hunderttausende Male. Und der
kleine Witz von St. Willibald, der kleineWitz von St.Wunni-
bald. Und Pater Barnabas mit seinem Räucherfaß, Pater
Theophil mit seinem Pater Theophil mit seinem Pater
Theophil . . . Und wieder dieselben zehn Seiten Proust,
dieselben Wachsblumen und der heilige Sebastian, die-
selben blinden braunen Brustaugen und die Folter erzwun-
gener Lust, während der junge Mann aus Peoria immerzu
das Kredo murmelte, das Sanktus murmelte, eine Reihe
tadellos idiomatischer Obszönitäten murmelte, in einer
leuchtenden Stille, die jede dieser Millionen Wieder-
holungen nur noch sinnloser als die vorangegangene er-
scheinen ließ, und nur noch jämmerlicher abscheulich.
Doch es gab keine andre Wahl, keine außer der einen,
dem Licht nachzugeben, in dieser Stille aufzugehn. Aber
alles lieber als das, alles, alles lieber ...
Und dann war plötzlich Erlösung da; ein Bewußtsein,
zunächst einmal, daß da noch andre Bewußtsein waren.
Nicht wie bei Brunos scheußlicher Verschwörung mit dem
Licht. Nicht wie diese Milchstraße unzähliger Bewußtsein
innerhalb der Erkenntnis aller Möglichkeit. Nein, nein,
diese Bewußtsein hier waren dem seinen anheimelnd ähn-
lich. Und alle waren sie mit ihm selbst befaßt, mit seiner
eignen geliebten und undurchsichtigen Selbstigkeit. Und
diese Beschäftigung mit ihm war wie die flatternden
Schatten einer Schar von Flügeln, wie das Geschrei und
Gezwitscher unzähliger aufgeregter kleiner Vögel und
schloß das unerträgliche Licht aus, zerschmetterte die ver-
fluchte Stille, brachte Aufschub und Erleichterung, brachte
das beglückende Recht, er selbst zu sein und sich dessen
nicht zu schämen.
Er ruhte da in dem köstlichen zwitschernden Wirrwarr,
dessen Mittelpunkt er geworden war, und wäre glücklich
gewesen, für immer so zu ruhn. Aber noch Besseres war
ihm aufgespart. Plötzlich und ohne vorherige Andeutung
dämmerte eine neue, beseligende Phase seiner Erlösung.
Er war im Besitz von etwas unendlich Wertvollem, von
etwas, dessen er, wie er nun begriff, während der ganzen
Dauer dieser fürchterlichen Ewigkeit beraubt gewesen
war, — einer Gruppe körperlicher Empfindungen. Da
waren diese erregend unmittelbaren und unverzüglichen
Wahrnehmungen der warmen, lebendigen Dunkelheit
hinter geschlossenen Augenlidern; schwach vernehmlicher
Stimmen, nicht erinnerter, sondern tatsächlich dort außen
gehörter; eines Anflugs von Hexenschuß im Kreuz; eines
Tausends undeutlicher kleiner Zug- und Druck- und Span-
nungsempfindungen von innen und von außen. Und was
für eine sonderbare Schwere im tieferen Innern; was für
wunderlich unvertraute Empfindungen von Gewicht und
Umschnürtsein hier vorn vor der Brust!

“Ich glaube, jetzt ist sie soweit”, sagte die Königin-


Mutter in einer Art von krächzendem Bühnengeflüster.
“Sie scheint jedenfalls sehr schnarchend zu atmen”,
stimmte ihr Paul De Vries bei. “Schnarchen deutet immer
auf Entspannung”, fügte er belehrend hinzu. “Darum
können magere, nervöse Leute so selten ...”
Mrs. Gamble schnitt ihm das Wort ab.
“Lassen Sie meine Hand los!” sagte sie. “Ich will mich
schneuzen.”
Ihre Armbänder klirrten in der Dunkelheit. Dann er-
tönte ein Rascheln und ein Schnauben.
“Also, wo sind Sie?” fragte sie und tastete mit ihrer
Klaue nach seiner Hand. “Ah, hier! Hoffentlich halten alle
fest.”
“Ich bestimmt”, erwiderte der junge Mann.
Er sagte es keck; aber der Druck, den er der weichen
Hand zu seiner Rechten gab, war sehnsüchtig zärtlich. Zu
seinem Entzücken wurde der Druck schwach, aber ganz
deutlich erwidert.
In ihrem Hinterhalt in der Dunkelheit dachte Mrs.Thwale
an das schamlose Wesen der Liebe.
“Und was ist's mit Ihnen, Sebastian?” fragte sie, den
Kopf wendend.
“Alles in Ordnung”, antwortete er mit einem nervösen
Kichern. “Ich halte fest.”
Aber das tat auch dieser stinklausige De Vries! Hielt
fest und wurde festgehalten. Wogegen falls er ihr die
Hand drückte, sie das wahrscheinlich der übrigen Gesell-
schaft verkünden und die dann alle einfach vor Lachen
brüllen würden. Dennoch hatte er nicht übel Lust, es zu
tun. Als eine Ungeheuerlichkeit — genauso, wie sie gesagt
hatte. De Vries war verliebt in sie. Und soviel er zu wissen
glaubte, war sie in De Vries verliebt. Also gut: das größt-
mögliche non sequitur unter diesen Umständen wäre es,
wenn er irgend etwas sagte oder täte, was zeigen würde,
daß er selbst in sie verliebt sei. Aber als er tatsächlich so
weit war, daß er die Ungeheuerlichkeit begehn sollte, ihr
die Hand zu drücken, entdeckte er, daß er zögerte. Hatte
er den Mut dazu, oder hatte er ihn nicht? War es das
Wagnis wert oder nicht?
“Es heißt, daß Händehalten einen Einfluß auf die
Schwingungen hat”, verkündete die Königin-Mutter von
ihrem Ende der Kette her.
“Tja, es ist nicht unmöglich”, sagte Paul De Vries
bedächtig. “Im Lichte der allerneuesten Forschungen
über das elektrische Potential der verschiedenen Muskel-
gruppen ...”
In fünf Sekunden, sagte sich Sebastian, den imaginären
Revolverlauf abermals an die Schläfe gedrückt, in fünf
Sekunden werde das Ende der Welt gekommen sein. Es sei
alles eins. Aber noch immer tat er nichts. Es sei alles eins,
alles eins, sagte er sich immer wieder verzweifelt, da spürte
er auf einmal ihre Hand in der seinen lebendig werden.
Ihre Fingerspitzen begannen erstaunlicherweise kleine
Kreise auf seiner Handfläche zu ziehn. Wieder und wieder
köstlich, elektrisierend. Dann gruben sich ohne Warnung
ihre spitzen Fingernägel in sein Fleisch. Nur für eine Se-
kunde, und dann streckten sich die Finger und entspannten
sich, und er fühlte, daß er eine Hand hielt, die so schlaff
und passiv und reglos war wie zuvor.
“Und ferner”, dozierte Paul De Vries, “muß man die
Möglichkeit bedenken, daß mitogenetische Strahlungen ein
Faktor bei den Phänomenen ...”
“Pst-pst! Sie sagt etwas.”
Aus der Dunkelheit vor ihnen kam eine quiekende,
kindliche Stimme.
“Ich bin Bettina”, sagte die Stimme.
“Guten Abend, Bettina!” rief die Königin-Mutter in
einem Ton, der munter und einnehmend klingen sollte.
“Wie geht's drüben auf der andern Seite?”
“Fein”, sagte das Quieken, das, wie Mrs. Byfleet vor
dem Abdrehn des Lichts erklärt hatte, einem kleinen
Mädchen gehörte, das beim Erdbeben von San Franzisko
hinübergegangen war. “Allen geht's fein. Alles fühlt sich
wohl. Aber die arme gute Gladys hier —die ist ganz krank.”
“Ja, es tut uns allen leid, daß Mrs. Byfleet sich nicht
wohlfühlt.”
“Sie fühlt sich gar nicht wohl.”
“Äußerst bedauerlich!” sagte die Königin-Mutter mit
kaum verhehlter Ungeduld. Sie war es gewesen, die darauf
bestanden hatte, daß Mrs. Byfleet die Seance trotz ihrer
Indisposition gebe. “Aber ich hoffe, es wird die Botschaften
nicht stören.”
Das Quieken sagte etwas wie “unser möglichstes tun”,
wurde unzusammenhängend und verstummte. Das Medium
seufzte tief und schnarchte ein wenig. Dann herrschte Stille.
Was bedeutete das? fragte sich Sebastian. Was um
Himmels willen konnte das bedeuten? Sein Herz klopfte
wie ein Schmiedehammer. Abermals den Lauf des Revol-
vers an die Schläfe gesetzt! Noch fünf Sekunden, dann
würde die Welt untergehn. Eins, zwei, drei ... Er drückte
ihr die Hand. Wartete eine Sekunde. Drückte noch einmal.
Aber es kam kein Gegendruck, keine Andeutung irgend-
welcher Art, daß sie auch nur bemerkt hatte, was er getan.
Sebastian fühlte sich von qualvollster Verlegenheit über-
kommen.
“Ich hab immer gern meine erste Seance so bald als
möglich nach der Bestattung”, bemerkte die Königin-
Mutter. “Sogar schon vorher, wenn es sich einrichten läßt.
Man muß das Eisen schmieden, solange es heiß ist.”
Es folgte eine Pause. Sie wurde von Paul De Vries'
eifriger, aber tonloser Stimme unterbrochen.
“Ich muß immer an die Grabrede Mr. Pewseys heute
nachmittag denken”, sagte er. “Sehr ergreifend — fanden
Sie nicht auch? Und so glücklich in der Wortwahl. ,Freund
der Künste und Künstler der Freundschaft'. Er hätte es
nicht besser ausdrücken können.”
“Was ihn nicht hindert”, schnarrte die Königin-Mutter,
“die ekelhaftesten Gewohnheiten zu haben. Wenn Veronica
und dieser Junge nicht hier wären, würde ich Ihnen einiges
von dem erzählen, was ich zufällig über Tom Pewsey weiß.”
“Es ist jemand hier”, verkündete das Quieken über-
raschend. “Er möchte dringend mit euch Leutchen in Ver-
bindung kommen.”
“Sagen Sie ihm, wir warten”, sagte die Königin-Mutter
in einem Ton, in dem man einem Lakaien einen Befehl gibt.
“Eben erst angekommen”, fuhr das Quieken fort.
“Scheint nicht recht zu wissen, daß er hinüber ist.”
Für Paul De Vries waren die Worte, was die frische Spur
eines Hasen für einen witternden Hund; wie der Blitz war
er hinterher.
“Ist das nicht interessant!” rief er aus. “Er weiß nicht,
daß er hinüber ist. Aber das sagen sie alle, von den
Mahayana-Buddhisten bis zu —”
Das Quieken hatte etwas zu stammeln begonnen.
“Stören Sie doch nicht immer!” fuhr ihn die Königin-
Mutter an.
“Verzeihung”, murmelte er.
In der Dunkelheit drückte ihm Mrs. Thwale mitfühlend
die rechte Hand, und im selben Augenblick, desinteressiert
und platonisch, krümmte sie zart ihren rechten Zeigefinger
und zeichnete mitten auf Sebastians linke Handfläche die
fünf Buchstaben L, I, E, B, E, und dann eine andre, unein-
gestehbare Buchstabenverbindung und noch eine.
Prickelnde Bläschen von Lachen stiegen lautlos in ihr auf.
“Er freut sich so, daß ihr alle hier seid”, sagte das
Quieken, das plötzlich deutlich wurde. “Er kann gar nicht
sagen, wie glücklich es ihn macht.”
“Man hätte es vielleicht nicht mit ganz so pathetischem
Nachdruck ausgedrückt”, dachte Eustace. “Aber im Grund
genommen ist's die Wahrheit.”
Das verdammte Licht war nun ganz entschieden er-
loschen; und diese eben erst wiedergewonnenen Empfin-
dungen, die da hopsten und zwitscherten wie zwanzig-
tausend Spatzen, ließen der Stille keine Möglichkeit mehr.
Und wie köstlich sogar ein Hexenschuß sein konnte; und
sogar dieses undeutliche und unvertraute Bauchgrimmen!
Und die Reibeisenstimme der Königin-Mutter — kein
Mozart hatte je süßer geklungen! Natürlich war es ein
unglückseliger Umstand, daß aus irgendeinem Grund alles
durch den Filter dieses Mittlerhirns gehn mußte. Oder
vielmehr dieser eingeschobenen Hirnlosigkeit; denn es war
einfach ein Klumpen mit Organen ausgestatteten Schwach-
sinns, weiter nichts. Man gab ihm ausgesucht gute Witze,
und viermal unter fünfen kamen sie als reinster Unsinn
heraus. Wie jämmerlich war zum Beispiel das zugerichtet
worden, was er gesagt hatte, als dieser Amerikaner über
psychische Faktoren, oder was es sonst war, zu reden be-
gann! Und als er Sebastians Verszeile von den zwei Steiß-
backen und einer pendelnden Dutte zitieren wollte, hatte
dieser Lehmklumpen immerzu verdattert von Pennytüten
geredet. Von Eiswaffeln und Pennytüten. Wirklich idiotisch!
Immerhin, es war ihm gelungen, wenigstens den einen
guten Hieb auf die Königin-Mutter anzubringen, und fast
wörtlich! Denn nicht einmal eine Halbidiotin konnte das
Wort “Krallen” mißverstehn.
Und dann geschah etwas sehr Merkwürdiges.
“Ist es wahr”, fragte Mrs. Thwale plötzlich im Ton
übermäßiger und ganz und gar unwahrscheinlicher Un-
schuld, “ist es wahr, daß es dort, wo Sie sind, weder ein
Freien noch ein Gefreitwerden gibt?”
Die Worte schienen auf einen Hahn zu drücken; es folgte
eine Art geistigen Stoßes, eine fast gewaltsame Verschie-
bung des Bewußtseins — und Eustace entdeckte, daß er sich
wie in lebhafter Erinnerung gewisser Ereignisse bewußt
war, die nicht er selbst erlebt hatte. Ereignisse, die, das
wußte er irgendwie, sich noch gar nicht ereignet hatten. In
einem breitschultrigen Pelzmantel und mit einem unglaub-
lichen Hut, der aus einem Porträt der Kaiserin Eugenie
von Winterhalter hätte sein können, saß Mrs. Thwale auf
einem Podium, umgeben von einer Schar von Marine-
offizieren, während ein Mann mit zersaustem Haar und
der Aussprache des Mittelwestcns in ein Mikrophon schrie.
“Freiheitsschiff”, sagte er immer wieder, “vierhundertund-
neunundfünfzigstes Freiheitsschiff.” Und ganz gewiß, diese
riesige Klippe von Eisen, dort draußen zur Linken, war
der Bug eines Schiffs. Und nun hatte sich Mrs. Thwale
erhoben und schwang eine Champagnerflasche am Ende
einer Schnur, und dann begann die Klippe hinwegzugleiten,
und laute Hurrarufe ertönten. Und während Mrs. Thwale
zu einem Admiral und einigen Kapitänen emporlächelte,
kam De Vries herbeigelaufen und begann ihnen von den
aufregenden neuen Entwicklungen in der Ballistik zu er-
zählen ...
“Ich bin's nicht, der ans Heiraten denkt”, sagte Eustace
scherzend.
Aber was die Schwachsinnige tatsächlich äußerte, war:
“Bei uns hier denken wir nicht ans Heiraten.”
Eustace wollte Einspruch erheben, wurde aber von
seinem Ärger durch das Auftauchen einer zweiten solchen
klaren Erinnerung an noch nicht Geschehenes abgelenkt.
Die kleine Thwale, auf einem Diwan mit einem sehr jun-
gen Offizier, einem dieser bartlosen Kinder, die man wäh-
rend des Kriegs zu sehn bekam. Und wirklich, nein wirklich,
was die sich alles gestattete! Und immer mit diesem leicht
ironischen Lächeln, diesem Ausdruck unbeteiligter Neu-
gier in den glänzenden dunkeln Augen, die stets weit offen
blieben und beobachteten, was immer auch vorgehn mochte.
Wogegen der Junge bei seinem Bemühen, das Lustgefühl
einzubehalten, Scham und Verlegenheit auszuschließen,
seine Augen fest geschlossen hielt.
Die vorbeiziehenden Bilder schwanden ins Nichts dahin,
und bei dem Gedanken an De Vries' Hörner und den un-
vermeidlichen Zusammenhang zwischen Mars und Venus,
zwischen den heiligsten Kreuzzügen und den heillosesten
Kopulationen, begann Eustace zu lachen. “Rückwärts und
abwärts, christliche Krieger!” sagte er in der Pause zwi-
schen zwei Heiterkeitsausbrüchen.
“Er sagt, wir sind alle christliche Krieger”, verkündete

223
das Quieken; und dann, fast sogleich, rief es: “Lebt wohl,
Leutchen, lebt wohl, lebt wohl!”
Lachen; ein Krescendo von Lachen. Dann, ganz plötzlich,
merkte Eustace, daß das beglückende Erleben von Sinnes-
empfindungen von ihm wegzuebben begann. Die Stimmen
dort außen wurden matter und verworrener; das kleine,
dunkle Bewußtsein von Druck, Berührung und Spannung
verblaßte. Und zuletzt blieb nichts übrig, nicht einmal der
Hexenschuß, nicht einmal die idiotische Dolmetscherin.
Nichts als die Gier nach dem, was er verloren hatte, und
diese aus ihrer langen Verdunkelung hinter der Undurch-
sichtigkeit und dem köstlichen Lärm wieder auftauchende
leuchtende Stille des Lichts. Heller und immer dringlicher,
immer ernster und drohender schön. Eustace, der diese Ge-
fahr wahrnahm, richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf
die kleine Thwale und ihren uniformierten Jüngling, auf
den Ungeheuern kosmischen Witz von Kreuzzügen und
Kopulationen. “Rückwärts und abwärts, christliche Krie-
ger!” wiederholte er. Und mit einer entschlossenen An-
strengung lachte er herzlicher denn je.
18. KAPITEL

Es war erst ein wenig nach sieben, als Sebastian am


nächsten Morgen herunterkam, um ungestört wiederum
durch den Garten zu schlendern — einen zweiten Spazier-
gang durch Lycidas in der Richtung auf sein eignes, noch
unbetiteltes und ungeschriebenes Gedicht zu unternehmen.
Es müßte, so hatte er entschieden, mit der Venus auf der
Balustrade — vom Geist aus der Gestaltlosigkeit des Steins
gestaltet — beginnen. Ordnung, aus einem Chaos geboren,
das selbst aus unzähligen geringeren Ordnungen zusammen-
gesetzt war. Und die Statue wäre das Sinnbild eines indi-
viduellen Lebens von möglicher und idealer Vortrefflich-
keit, ebenso wie der Garten als Ganzes das Symbol des
ideal vortrefflichen Lebens einer ganzen Gesellschaft wäre.
Vom ideal Vortrefflichen wollte er auf die Tatsachen der
Häßlichkeit, Grausamkeit, Dummheit und des Sterbens
übergehn. Und danach, in einem dritten Teil, würden
Ekstase und Verstand die Brücken bilden, die vom Tat-
sächlichen zum Idealen führten — von der blauen Schnepfe
und seines Vaters Unerbittlichkeit und Strenge zu Mrs.
Thwale und Mary Esdaile, von der Leiche in der Toilette
zu Theokrit und Andrew Marwell.
Sebastian erwog, wie er das alles klarmachen könnte,
ohne daß es langweilig würde, als etwas geschah, was den
Fluß seiner Gedanken unterbrach. Das kleine Mädchen, das
er gestern, an dem gräßlichen Morgen, in der Halle gesehn
hatte, erschien plötzlich von der Treppenflucht her und
trug diesmal nicht ein Wickelkind oder ein Huhn, sondern
einen großen Korb. Ein wenig erschrocken über seine un-
erwartete Anwesenheit, blieb die Kleine stehn und sah ihn
ein paar Sekunden ungewiß und fast furchtsam an. Sebastian
lächelte ihr zu. Beruhigt durch diese Schaustellung von
Wohlwollen seitens eines der furchteinflößenden signori,
lächelte auch die Kleine, querte, vor übertriebener Ehr-
furcht auf den Spitzen ihrer plumpen Schnürstiefel gehend,
die Terrasse und begann das Blumenbeet zu jäten, das sich
als schmaler Streifen von Farbe und Duft am Fuß der lan-
gen Villafassade hinzog.
Sebastian setzte seine Promenade fort. Aber die An-
wesenheit der Kleinen erwies sich als ein unüberwindliches
Hindernis für ein Weiterarbeiten an seinem Gedicht. Sie
machte nicht etwa Lärm oder gestattete sich irgendwelche
heftige Bewegungen, nein, die Ursache lag tiefer. Was ihn
ablenkte, war die Tatsache, daß sie da mühsam in der Erde
wühlte, während er, die Hände in den Hosentaschen, hin
und her schlenderte. Die Nähe armer Leute verursachte
ihm stets ein unbehagliches Gefühl. Und zu diesem Un-
behagen kam, wenn sie arbeiteten und er anscheinend
nichts tat, ein Gefühl von Scham. Solche Empfindungen
hätten ihn, so vermutete er, in den Fußstapfen seines Vaters
folgen lassen sollen. Aber Politik erschien ihm immer als
etwas so Vergebliches und Unwichtiges. Gewöhnlich rea-
gierte er auf Scham und Unbehagen mit Flucht aus der
Situation, die sie hervorgerufen hatte. Und heute war die
Situation sogar noch schlimmer als gewöhnlich, denn der
Mensch, der da arbeitete, war ein Kind, das hätte spielen
sollen; und als Gegensatz zu der umgebenden Pracht wirkte
die Armut besonders verletzend. Sebastian warf einen
Blick auf seine Uhr, und für den Fall, daß die Kleine zu
ihm hersähe (was sie aber nicht tat), übertrieb er das Ge-
haben eines Menschen, der sich plötzlich bewußt wird, daß
es schon spät ist für etwas Wichtiges, das er zu tun hat, und
eilte ins Haus zurück. Auf halbem Weg zur Eingangstür
erinnerte er sich plötzlich, daß er tatsächlich Grund hatte,
sich zu beeilen. Er wollte nach dem Mittagessen in die
Stadt hinunter, vorgeblich, um sich einige Sehenswürdig-
keiten anzusehn. In Wirklichkeit hatte er aber bereits be-
schlossen, sich für einen Abendanzug Maß nehmen zu las-
sen — vorausgesetzt, daß er vorher seinen Degas verkaufen
könnte.
Er lief in sein Zimmer hinauf und kam dann mit seinem
kleinen Necessairekoffer herunter. Der Salon war leer,
und der alte, hartnäckige Geruch von Onkel Eustaces
Zigarren hatte sich so weit verflüchtigt, daß es hier nur
noch nach Potpourri duftete. Ein langer Finger von Son-
nenlicht durchstach den Raum und erhellte wie mit rätsel-
voller Absicht die drei Pelikane im Hintergrund von
Pieros Gemälde.
Die Handzeichnungen lagen auf dem Tisch mit der
Marmorplatte, der in der mittleren Fensternische stand.
Sebastian ging hin, schlug das braune Papier auseinander
und zog zwischen den zwei schützenden Pappendeckeln
sein Erbteil hervor. Zwei Steißbacken und eine pendelnde
Dutte. Er legte die Zeichnung in den Necessairekoffer
und schloß ihn. Dann faltete er sorgfältig das Packpapier,
wie es gewesen war. Ein Degas oder ein Dinnerjackett —
nun, da der alte, arme Onkel Eustace tot war, gingen sie
niemand mehr etwas an als nur ihn selbst.
Ein hohes, dünnes Stimmchen, das plötzlich leise zu
singen begann, schreckte ihn auf. Er blickte durch das
offene Fenster hinaus. Da, fast unmittelbar unter ihm,
hockte die Kleine, vor der er soeben geflohen war. Ihre
kleinen, erdbeschmutzten Hände bewegten sich vorsichtig
zwischen den Hyazinthen, zogen hier ein Unkraut, dort ein
paar Grashalme heraus, damit alles tadellos und in Ord-
nung wäre für die signori.
“Gobbo rotondo”, sang sie vor sich hin, “che fai in
questo mondo? Dann wurde sie sich irgendwie der frem-
den Anwesenheit über sich bewußt, sah auf und erblickte
Sebastian. Ein Ausdruck von Schuld und Schrecken kam
in ihre Augen; die fast farblosen Wangen wurden dunkel-
rot.
“Scusi, signore”, murmelte sie mit zitternder Stimme.
“Scusi.”
Sebastian, der fast ebenso verlegen war wie das kleine
Mädchen, zog hastig den Kopf zurück, entfernte sich vom
Fenster, bückte sich und ergriff seinen Necessairekoffer.
“Was tun Sie denn da?” fragte eine tiefe, klare Stimme
hinter ihm.
Er fuhr zusammen und wandte sich um. Aber ohne auf
seine Antwort zu warten, war Mrs. Thwale ans Fenster
getreten und blickte hinaus. “Cosa fai?” fragte sie.
Von der Terrasse draußen gab ein verschrecktes Stimm-
chen eine unverständliche Antwort.
Mrs. Thwale zuckte die Achseln und wandte sich ins
Zimmer zurück. “Was haben Sie denn mit der Kleinen
gesprochen?”
“Ich hab nicht”, stammelte Sebastian. “Ich hab nur ...
sie hat gesungen.”
“Und Sie haben ihr zugehört? Und jetzt werden Sie
sich wohl hinsetzen und ein Gedichtchen à la Wordsworth
darüber schreiben — ,Die einsame Jäterin'?”
Er lachte unbehaglich.
“Da drin sind vermutlich Ihre Manuskripte?” Sie wies
auf den Necessairekoffer.
Nur allzu dankbar für diese Vermutung, nickte Sebastian.
“Na, legen Sie sie hin und kommen Sie in den Garten
hinaus!”
Gehorsam folgte er ihr durch die Halle und die Haustür.
“Und wie haben Sie sich bei der Seance unterhalten?”
fragte sie, als er sie auf der Terrasse einholte.
“Oh, es war interessant”, antwortete er unverbindlich.
“Interessant?” wiederholte sie. “Weiter nichts?”
Sebastian errötete und wandte die Augen ab. Sie gab
ihm eine Gelegenheit, etwas darüber zu sagen, was sich
gestern abend abgespielt hatte, — sie zu fragen, was es
bedeute; ihr von Mary Esdaile zu erzählen. Aber die Worte
wollten nicht kommen, wollten einfach nicht.
Mrs. Thwale blickte auf das errötete, qualvoll verlegene
Gesicht neben sich und hätte fast laut herausgelacht. Was
für köstlich komische Situationen sich ergeben könnten mit
einem Menschen, der zu schüchtern war, um zu sprechen!
Die aufreizendsten Handlungen, und kein Wort dabei ge-
äußert, keine Anspielung nachher. Offiziell wäre nichts ge-
schehn; denn es gäbe kein Communique. Tatsächlich aber,
tatsächlich .. .
“Was für ein Kasperltheater”, sagte sie endlich, das
lange Schweigen brechend.
“Sie meinen die Séance?”
Mrs. Thwale nickte.
“Trotzdem, es schien ganz echt zu sein, nicht? Ich meine,
manchmal”, fügte Sebastian hinzu, um sich ein wenig zu
decken, denn er fürchtete, sich gezwungen zu sehn, eine allzu
deutlich ausgesprochene Meinung verteidigen zu müssen.
Aber die Vorsichtsmaßregel war unnötig.
“Durchaus echt”, stimmte sie bei. “Der Tod, wie er Ehr-
furcht und Pietät eine Nase dreht, genauso, wie das Leben
das tut.”
Sie hatten das obere Ende der Treppenflucht erreicht,
und sie blieb stehn, um zwischen den Zypressen auf die
Dächer von Florenz hinabzusehn. Schamlosigkeit im Inner-
sten; aber an der Oberfläche Brunelleschi und Michelangelo,
gute Manieren und Kleider von Lanvin, Kunst und Wissen-
schaft und Religion. Und der Reiz des Lebens bestand
grade in der Unvereinbarkeit von Wesen und Erscheinung,
und die Kunst des Lebens in einer heiklen Akrobatik von
sauts périlleux aus der einen Welt in die andre, einer
Prestidigitation, die stets das obszöne Karnickel auf dem
Grund auch des spiegelndsten Zylinders zu entdecken ver-
mochte und, umgekehrt, die elegante Anständigkeit eines
Huts zur Verfügung hatte, um auch das trächtigste und
laszivste Nagetier zu verbergen.
“Na, wir können hier nicht ewig stehnbleiben”, sagte
Mrs. Thwale endlich. Sie schritten weiter. Wie zufällig
und gedankenlos legte sie Sebastian die Hand auf die
Schulter.
19. KAPITEL

“Eine Handzeichnung zu verkaufen?”


Monsieur Greuil setzte die gelangweilte, verachtungs-
volle Miene auf, die er stets bei solchen Gelegenheiten
annahm. Aber als der Junge sein Köfferchen öffnete und
den Degas zum Vorschein brachte, der erst vor vier Tagen
ce pauvre monsieur Eustache verkauft worden war, konnte
er eine Geste der Überraschung nicht unterdrücken.
“Woher haben Sie dieses Blatt?” fragte er.
“Es ist mir geschenkt worden”, antwortete Sebastian.
“Geschenkt?”
Tout est possible, sagte sich Monsieur Greuil, aber nichts
hatte, soweit er sich erinnerte, jemals darauf gedeutet, daß
der alte Schlemmer homosexuell war.
Im Bewußtsein, sich verdächtig gemacht zu haben, er-
rötete Sebastian.
“Von meinem Onkel”, sagte er. “Sie haben ihn wahr-
scheinlich gekannt. Mr. Barnack.”
“Ihr Onkel?” Monsieur Greuils Miene veränderte sich.
Er lächelte; er nahm Sebastians Hand zwischen seine bei-
den und schüttelte sie.
Einer seiner geschätztesten Kunden. Einer seiner treue-
sten Freunde, erlaube er sich zu sagen. Er sei bouleverse
gewesen von der tragischen Nachricht. Ein unersetzlicher
Verlust für die Kunst. Er könne nur sein aufrichtigstes Bei-
leid aussprechen.
Sebastian stammelte seinen Dank.
“Und der gute Onkel, er hat Ihnen dieses Blatt ge-
schenkt?”
Sebastian nickte. “Grade ein paar Stunden vor ...”
“Vor dem suprême adieu”, ergänzte Gabriel Greuil
poetisch. “Welchen Gefühlswert es für Sie besitzen muß!”
Sebastian errötete noch tiefer. Um sich zu rechtfertigen,
mummelte er etwas davon, daß er keinen Platz habe, wo
er die Zeichnung hinhängen könne. Überdies handle es sich
um eine Geldsumme, die sogleich bezahlt werden müsse, —
beinahe eine Ehrenschuld, fügte er als pittoresken Nach-
gedanken hinzu. Andernfalls hätte er nicht im Traum daran
gedacht, sich von dem Geschenk seines Onkels zu trennen.
Monsieur Greuil nickte mitfühlend; aber seine Augen
glänzten vor berechnender Gier.
“Sagen Sie mir”, fragte er, “aus welchem Grund haben
Sie sich in dieser Angelegenheit grade an mich gewendet?”
“Aus gar keinem Grund”, antwortete Sebastian. Mon-
sieur Greuils Laden sei zufällig die erste Kunsthandlung
gewesen, die er gesehn habe, als er die Via Tornabuoni
entlanggegangen sei.
Das hieß, daß er nicht wußte, wo das Blatt gekauft wor-
den war. Monsieur Greuil lachte fröhlich und klopfte
Sebastian auf die Schulter.
“Der Zufall”, sagte er sentenziös, “ist oft unser sicherster
Führer.”
Er blickte auf die Zeichnung hinab, zog die Brauen zu-
sammen und legte kritisch den Kopf schief.
“Hübsch”, sagte er. “Hübsch. Aber nicht grade eine der
besten Arbeiten des Meisters.” Er tippte mit dem Finger
auf die Hinterbacken. “Man merkt, daß seine Sehkraft
schon nachgelassen hat, hein?”
“Na, ich kann das nicht finden”, sagte Sebastian mit
einem mannhaften Bemühn, sein Eigentum gegen abfällige
Beurteilung zu verteidigen.
Es folgte eine kleine Pause.
“Falls Ihr guter Onkel Ihnen andre Sachen geschenkt
hat”, sagte Monsieur Greuil leichthin und ohne auf-
zublicken, “würde ich mich sehr glücklich schätzen, Ihnen
ein Angebot zu machen. Das letztemal, als ich die Ehre
hatte, seine Sammlung zu besichtigen, haben mir, wie ich
mich erinnere, einige der chinesischen Bronzen großen Ein-
druck gemacht.”
Seine dicken, beweglichen Hände trafen einander in der
Höhe seines Gesichts, als umschlösse und liebkoste er ein
fast geheiligtes Objekt. “Welche Volumen!” rief er enthu-
siastisch. “Welche rhythmische Sinnlichkeit! Und dabei
klein, ganz klein. Man könnte diese Dinger fast in der
Westentasche tragen!”
Er wendete sich Sebastian zu und lächelte einschmei-
chelnd.
“Ich könnte Ihnen ein sehr gutes Angebot für die Bron-
zen machen”, sagte er.
“Aber sie gehören nicht mir. Ich meine ... Er hat mir
nur das hier geschenkt.”
“Nur das?” wiederholte der andre in einem Ton des
Unglaubens.
Sebastian schlug die Augen nieder. Dieses Lächeln, dieser
beharrliche funkelnde Blick bereiteten ihm Unbehagen.
Was versuchte der Kerl anzudeuten?
“Nichts als diese Zeichnung”, beteuerte er und wünschte
um Gottes willen, er wäre an einen andern Händler ge-
raten. “Aber natürlich, wenn Sie kein Interesse haben ...”
Er schickte sich an, die Zeichnung in den Necessaire-
koffer zurückzutun.
“Aber nein, aber nein!” rief Monsieur Greuil, ihm die
Hand auf den Arm legend. “Im Gegenteil. Ich interessiere
mich für alles und jedes von Degas — auch für das Kleinste,
Unbedeutendste.”
Zehn Minuten später war das Ganze vorbei.
“.. . neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwan-
zig. Stimmt, kein?”
“Danke sehr”, sagte Sebastian. Er ergriff den dicken Stoß
Hundertlirescheine und stopfte ihn in seine Brieftasche.
Sein Gesicht war gerötet. Seine Augen glänzten vor Auf-
regung und ununterdrückbarem Triumph. Der Mann hatte
damit begonnen, ihm nur tausend zu bieten. Sehr kühn
hatte er dreitausend verlangt. Sie hatten sich zuletzt auf
zweitausendzweihundert geeinigt. Zehn Prozent über dem
Preis, der die Differenz zwischen Nachfrage und Angebot
halbiert hätte. Im Gefühl, daß er mit Recht stolz auf sich
sein könne, steckte Sebastian die Brieftasche ein und sah,
aufblickend, den Händler ihn mit fast väterlichem Wohl-
wollen anlächeln.
“Ein junger Mann, der seine Ware zu verkaufen weiß”,
sagte Monsieur Greuil, ihm abermals die Schulter tät-
schelnd. “Sie werden eine ganz brillante Karriere im
Geschäftsleben machen.”
“Das Geschäftsleben ist nichts für mich”, sagte Sebastian.
Und als der andre fragend die Brauen hochzog, fügte er
hinzu: “Sehn Sie, ich bin Dichter.”
Ein Dichter? Aber das war Monsieur Greuils eigner
jugendlicher Ehrgeiz gewesen, die Lyrik eines Herzens aus-
zudrücken, das leidet ...

“Les chants désespéres sont les chants les plus beaux, Et


j'en sais d'immortels qui sont de purs sanglots.

De purs sanglots”, wiederholte er. “Mais, hélas, die


Pflicht führte mich andre Wege.”
Er seufzte und fragte dann Sebastian über seine Familie
aus. Zweifellos herrsche in einem so kultivierten Milieu
eine Tradition der Poesie und der schönen Künste? Und
als Sebastian antwortete, daß sein Vater Rechtsanwalt sei,
bestand Monsieur Greuil darauf, daß Mr. Barnack eine
dieser Leuchten des Barreaus sei, die ihre Muße den Musen
widmen.
Die Vorstellung, daß sein Vater je Muße habe oder,
wenn er sie hätte, sie etwas anderm widmen würde als
Blaubüchern, war so komisch, daß Sebastian laut heraus-
lachte. Aber Monsieur Greuil sah gekränkt drein; darum
unterbrach er sich hastig mit einer Erklärung seiner Heiter-
keit.
“Sehn Sie”, sagte er, “mein Vater ist recht eigenartig.”
“Eigenartig?”
Sebastian nickte und begann in seinem abgerissenen, un-
zusammenhängenden Stil eine Schilderung von John Bar-
nacks Laufbahn. Und irgendwie schien es in seiner gegen-
wärtigen Stimmung die natürlichste Sache von der Welt zu
sein, dieses Bild heroisch zu gestalten — die Erfolge seines
Vaters als Verteidiger zu betonen, seine politische Bedeu-
tung hervorzuheben, seine Selbstaufopferung zu unter-
streichen.
“Nein, solche Großherzigkeit!” rief Monsieur Greuil.
Sebastian reagierte auf die Worte, als wären sie ein ihm
selbst geltendes Kompliment gewesen. Eine prickelnde
Wärme lief ihm das Rückgrat hinauf.
“Er hat massenhaft Geld”, fuhr er fort, “aber er schenkt
es alles weg. Für politische Flüchtlinge und dergleichen
Zwecke.”
Das Vergnügen, stellvertreterisch prahlen zu können,
hatte ihn für den Augenblick seinen Haß gegen diese Blut-
sauger vergessen lassen, die nahmen, was von Rechts wegen
ihm gehörte, und ihn sogar ohne Dinnerjackett ließen.
“Da ist zum Beispiel ein Mann namens Cacciaguida ...”
“Sie meinen den Professor?”
Sebastian nickte. Monsieur Greuil sah sich schnell in dem
Laden um und setzte, obgleich niemand da war, das Ge-
spräch in leiserem Ton fort.
“Ist das ein Freund Ihres Vaters?”
“Er kam zum Abendessen zu uns”, antwortete Sebastian
gewichtig, “grade bevor wir nach Florenz fuhren.”
“Ich persönlich”, flüsterte Monsieur Greuil, nachdem er
abermals im Laden umhergeblickt hatte, “halte ihn für
einen großen Mann. Aber erlauben Sie mir, Ihnen einen
guten Rat zu geben.”
Er blinzelte ausdrucksvoll, hob den Zeigefinger an die
schwungvoll modellierten Lippen und schüttelte den Kopf.
“Schweigen ist Gold”, verkündete er orakelhaft.
Das plötzliche Schrillen der Türklingel ließ die beiden
jäh zusammenfahren und sich umblicken wie ein Paar Ver-
schwörer. Zwei Damen anfangs der Vierzig, die eine
ziemlich behäbig und dunkel, die andre blond, sonnen-
gebräunt und sportlich, betraten den Laden. Ein Ausdruck
freudiger Verzückung erschien auf Monsieur Greuils Gesicht.
“Gnädigste Baronin”, rief er aus, “y la reina de Buenos
Aires!”
Sebastian beiseite schiebend, sprang er über einen Gasset-
tone, duckte sich unter dem rechten Arm eines lebensgroßen
gekreuzigten Christus und eilte auf die beiden Damen zu
und küßte ihnen ekstatisch die Hand.
Unauffällig schlüpfte Sebastian aus dem Laden und
schlenderte vor sich hinpfeifend flott die Via Tornabuoni
entlang, in der Richtung zum Dom und Onkel Eustaces
Schneider.
20. KAPITEL

Christliche Krieger, kopulierende Krieger. Und alle diese


Kreuzzüge, diese heiligen Kreuzzüge — und darauf das
Echo: Lüge, Lüge! Der Schlachtengott auch immer der
Schlampengott. Der Gott der großen Bataillone immer und
unvermeidlich auch der Gott der großen Bordelle . ..
Eustace Barnack brauchte sich nicht mehr anzustrengen,
das Lachen zu steigern. Es ertönte nun von selbst, zer-
schmetterte, was von dieser abscheulichen Stille noch übrig
war, verdunkelte und verschluckte das letzte ferne Schim-
mern von Licht. Das ganze Weltall wackelte vor Belusti-
gung, widerhallte von Ungeheuern Heiterkeitsausbrüchen.
Ein ganzer Teil seines intellektuellen Wesens war ihm
plötzlich zurückgegeben. Er erinnerte sich seiner Sammlung
geschichtlicher Witze. Eine Million Toter und Verwundeter
im amerikanischen Bürgerkrieg und die Ansprache von
Gettysburgh und dann diese unterwürfigen furchtsamen
Neger, die man in den kleinen Städten von Georgia und
Louisiana sah. Der Kreuzzug für Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit und dann der Aufstieg Napoleons; der
Kreuzzug gegen Napoleon und dann der Aufstieg des
deutschen Nationalismus; der Kreuzzug gegen den deut-
schen Nationalismus, und dann diese Arbeitslosen, die wie
lebende Leichname im Regen an den Ecken ärmlicher
Straßen standen.
Und dies war Johns Stimme, die ihm da in Erinnerung
kam, — bebend vor unterdrückter Begeisterung redete sie
vom Ende des Laisser-faire und von Produktion für den
Verbrauch und von der Russischen Revolution. Mit andern
Worten, die zweieinhalbfache Bevölkerung Londons aus-
gerottet, damit der einen Gruppe Gewaltmenschen poli-
tische Macht genommen und einer andern gegeben würde;
damit der Verlauf der Industrialisierung um ein Weniges
beschleunigt und um ein Beträchtliches rücksichtsloser ge-
macht würde, als er sonst gewesen wäre. “Rückwärts und
abwärts, antichristliche Krieger!”
Das Gelächter wurde immer lauter. Er war erfüllt von
einem Ungeheuern Hochgefühl, von der Glorie der Welt-
verspottung, der Ekstase der Menschenverachtung.
Albernheit und Mord, Dummheit und Zerstörung! Er
fand die Phrasen auf ihn warten. Und der Beweggrund
war stets Idealismus, die Mittel waren stets Tapferkeit und
Treue — die heroische Tapferkeit und die heroische Treue,
ohne die die Menschen nie imstande wären, bei ihrem
langewährenden Morden und Selbstmorden auszuharren.
Und alle diese Wissensschätze, die so ohne jedes Zögern
in den Dienst der Leidenschaften gestellt wurden! Alles
Genie und alle Intelligenz dem Versuch gewidmet, Ziele zu
erreichen, die entweder unmöglich oder teuflisch waren!
Alle vom letzten Kreuzzug hinterlassenen Probleme gelöst
durch Methoden, die automatisch hundert neue Probleme
schufen! Und jedes neue Problem würde einen neuen
Kreuzzug verlangen, und jeder neue Kreuzzug hinterließe
neue Probleme, damit neue Kreuzzüge sie lösten und ver-
vielfältigten, nach der guten alten Weise.
Und dazu noch die Triumphe der Religion und Natur-
wissenschaft. Der reformierende Protestantismus — der
Pate kapitalistischer Ausbeutung. Franz von Assisi, auf
wunderbare Weise einen mystischen Leib aufrechthaltend,
welcher auch eine politische Organisation und ein Geschäfts-
konzern war. Faraday und Clerk Maxwell und Hertz, uner-
müdlich arbeitend, damit der Äther endlich ein Vehikel für
Lügen und Stumpfsinn würde.
Und dann der Triumph der Bildung — dieser Göttin, der
sein armer Vater fünfzigtausend Pfund dargebracht hatte
und ein polytechnisches Institut aus gelbglasierten Ziegeln.
Schulbildung, zwangsweise und unentgeltlich. Jedermann
war lesen gelehrt worden, und das Ergebnis waren Zeitungs-
magnaten wie Northcliffe und seitenfüllende Reklame für
Zigaretten und Abführmittel und Whisky. Jeder Mensch
ging zur Schule, und überall war die Schulzeit zu einer
Vorstufe militärischer Dienstpflicht gemacht worden. Und
was für herrliche Ausbildungskurse in Geschichtsfälschung
und Selbstbeglückwünschung! Was für eine gründliche
Schulung in den Religionen des Nationalismus! Kein Gott
mehr; aber einige vierzig unfehlbare Außenämter.
Abermals schüttelte sich das ganze Weltall vor Lachen.
21. KAPITEL

Es würde bloß ein ganz intimes kleines Abendessen sein;


und Eustace war schließlich nur ein angeheirateter, kein
Blutsverwandter gewesen. Die Königin-Mutter hatte daher
keinen Grund gesehn, ihre Annahme der Einladung Lady
Worplesdens zu widerrufen. Und zu Hause zu bleiben, um
mit Daisy züsammenzusein, die an diesem Abend einträfe,
— der Gedanke kam ihr gar nicht.
“Du wirst allein meine Enkelin unterhalten müssen”,
verkündete sie Sebastian am Teetisch.
“Allein? Aber ich dachte, Mrs. Thwale ...?”
“Veronica kommt natürlich mit mir.”
Mrs. Thwale warf ein Wort der Beruhigung ein. “Sie
werden sie nicht im geringsten einschüchternd finden.”
“Einschüchternd!” Der Ton der Königin-Mutter war voll
Verachtung. “Sie ist wie Mandelmilchgelee.”
“Also wird's keine Entschuldigung fürs Mummeln geben.
Oder dafür, gar nichts zu reden”, fügte Mrs. Thwale bei-
läufig hinzu, während sie nach einem Stück Zucker langte.
“Das ist nämlich ein kleiner Fehler von Ihnen, den ich
bemerkt zu haben scheine.”
“Das erinnert mich”, sagte die Königin-Mutter. “Wie
kommt er bei seinen Mummellektionen vorwärts?”
“Ich hoffe, er wird Ihnen dieser Tage einmal eine De-
monstration geben können”, antwortete Mrs. Thwale ernst.
“Eine Demonstration? Was für eine Demonstration?”
Es erfolgte nicht sogleich eine Antwort. Sebastian hob
die Augen und warf Mrs. Thwale einen angstvoll flehen-
den Blick zu. Aber das Lächeln, mit dem sie ihn erwiderte,
war ein Lächeln völlig unpersönlicher Belustigung — als
säße sie bei einer Gesellschaftskomödie im Theater.
“Wie schreiben Sie ein Gedicht?” flüsterte sie fast un-
hörbar.
“Was sagen Sie da?” fragte die Königin-Mutter scharf.
Auf dem schrumpeligen Schildkrötenhals wandte sich der
Greisinnenkopf mit einer Folge blitzschneller, blinder Be-
wegungen fragend von einer Seite zur andern. “Was?”
“Nicht, bitte, nicht!” flehte Sebastian, indem er die
Worte stimmlos mit Lippen formte, die vor Bestürzung
zitterten. “Bitte nicht!”
Eine gräßliche Sekunde lang wurde er in Ungewißheit
gelassen, was sie als nächstes sagen würde. Dann wandte
sie sich an Mrs. Gamble.
“Ach, nichts”, sagte sie. “Nur ein kleiner, dummer Scherz,
den wir miteinander bei unsern Mummellektionen haben.”
“Ich hab's nicht gern, wenn Leute kleine Scherze mit-
einander haben”, schnarrte die alte Frau in grollendem
Ton. Mit blicklosen Augen starrte sie gereizt über den Tee-
tisch Mrs. Thwale an. “Ich hab's nicht gern”, wiederholte
sie. “Ganz und gar nicht.”
Schweigend betrachtete Mrs. Thwale den fossilen Skor-
pion aus der Steinkohlenzeit.
“Es wird nicht wieder vorkommen, Mrs. Gamble”, sagte
sie endlich.
Aber als sie bedachte, was die unterwürfigen Worte
wirklich bedeuteten, leuchteten ihre Augen auf, und um
ihre Lippen spielte ein kleines Lächeln heimlichen Triumphs.
Am Vormittag hatte ihr ein Expreßbote einen Brief von
Paul De Vries gebracht — sechs Seiten maschinegeschriebener
Raserei und langer Wörter. Noch kein richtiger Heirats-
antrag. Aber es war kaum zu verkennen, daß Mrs. Gamble
sich bald eine neue Gesellschafterin suchen müßte.
Sie stand auf, trat leise hinter Sebastians Sessel, ergriff
eine einzelne seiner skandalös bezaubernden Locken und
zog an ihr mit einem kurzen, aber sehr schmerzhaften Riß-
Dann ging sie, ohne ihn auch nur mit einem Blick zu streifen,
zu dem Sessel der Königin-Mutter weiter und nahm ihr
die Tasse aus den klauenartigen Händen.
“Lassen Sie midi Ihnen frischen Tee geben”, sagte sie
mit ihrer tiefen melodischen Stimme.

Eine andre wäre vielleicht verärgert gewesen, sich auf


eine solche nachlässige und unhöfliche Art behandelt zu
sehn. Daisy Ockham aber fehlte es so sehr an einem Gefühl
ihrer eignen Wichtigkeit, daß sie kaum auch nur überrascht
war, als der Butler ihr mitteilte, was Mrs. Gamble ihr hatte
sagen lassen.
“Meine Großmutter ist zum Dinner ausgegangen”, er-
klärte sie ihrem Begleiter. “Also werden wir heute abend
allein sein.”
Der Angeredete neigte den Kopf, und mit einer Aus-
sprache, die verriet, daß er nicht an einer der ehrwürdige-
ren und kostspieligeren Bildungsstätten erzogen worden
war, sagte er, das werde ihm bloß ein Vergnügen sein, dem
er gern entgegensehe.
Mager, von scharfen Zügen und mittlerem Alter, mit
braunem, feucht über eine kleine Glatze zurückgebürstetem
Haar, war Mr. Tendring für die Rolle eines hervorragenden
Verteidigers oder eines gesuchten Spezialarzts gekleidet,
aber leider nicht sehr naturgetreu; denn die dunkle, ge-
streif te Hose war schon in ihren besten Tagen von schäbigem
Stoff gewesen, und der schwarze Rock war unverkennbar
fertig gekauft. Nur der steife Kragen erreichte volle Beruf s-
gemäßheit — er war hoch, hatte ausladende Ecken und eine
ungewöhnlich weite Öffnung, aus der Mr. Tendrings Hals
mit dem vorstehenden Adamsapfel jämmerlich ausgemer-
gelt und dabei recht unangenehm, fast unanständig nackt
hervorsah. Eine schwarze Aktentasche, die offenbar zu
Wichtiges enthielt, um dem Diener anvertraut zu werden,
der ihm den Überzieher abgenommen hatte, war unter den
rechten Arm geklemmt.
“Sie werden wohl vor dem Essen in Ihr Zimmer hinauf
-gehn wollen?” sagte Mrs. Ockham.
Wieder neigte er den Kopf, diesmal ohne zu sprechen.
Als sie beide dem Butler zur Treppe folgten, sah sich
Mr. Tendring mit zusammengekniffenen, abschätzenden
Augen um — nahm die Säulen und das Tonnengewölbe der
Halle zur Kenntnis, schoß durch die hohe Flügeltür einen
Blick in die lange, üppige Vista des Salons, gewahrte die
Bilder an den Wänden, das Porzellan, die Teppiche. Der
Gedanke an das viele Geld, das ausgegeben worden sein
mußte, um das Haus zu dem zu machen, was es war, berei-
tete ihm ein fast sinnliches Vergnügen. Er hegte eine hohe,
desinteressierte Achtung für Reichtum, eine zärtliche und
bewundernde Liebe für Geld als solches und ohne Be-
ziehung auf sich oder seine unmittelbaren Bedürfnisse. Von
dieser exotischen und unvertrauten Pracht umgeben, fühlte
er keinen Neid; nur Verehrung, gemischt mit einer heim-
lichen Befriedigung, daß er, der Sohn des Grünzeughänd-
lers, der ehemalige Bürolehrling, sich dieser Pracht nun von
innen erfreute, als Gast, als unentbehrlicher finanzieller
Berater, Steuersachverständiger und Buchhalter ihrer
neuen Eigentümerin. Plötzlich entspannte sich das graue,
scharfgeschnittene Gesicht, und wie ein Schuljunge, dem es
gelungen ist, seine Kameraden zu übertrumpfen, grinste
Mr. Tendring beinahe.
“Das ist ja ein richtiges Palais”, sagte er zu Mrs. Ockham
und ließ dabei zwei Zahnreihen sichtbar werden, die der
Vorstadtzahntechniker so gleißend perlig gemacht hatte,
daß sie sogar im Mund eines Revuegirls unwahrscheinlich
ausgesehn hätten.
“Ja”, sagte Mrs. Ockham zerstreut, “ja.”
Sie dachte, wie ergreifend vertraut ihr alles zu sein
schien. Als wäre es erst gestern gewesen, daß sie ein Schul-
mädchen war, das jede Weihnachten und Ostern nach
Florenz kam, um hier die Ferien zu verbringen. Und nun
waren alle die andern tot. Zuerst ihr Vater; so alt und
ehrfurchtsgebietend, so hoch gewachsen, mit so buschigen
Augenbrauen und so entrückt eingesponnen, daß sein Hin-
gang wirklich gar keinen Unterschied gemacht hatte. Dann
aber ihre Mutter; und für Daisy Ockham war ihre Mutter
zweimal gestorben — das eine Mal, als sie Eustace hei-
ratete, und das andre Mal, für immer, fünf Jahre später.
Und nach Überwindung dieses Seelenleids hatte sie selbst
geheiratet, und es waren die Jahre der Glückseligkeit mit
Francis und dem kleinen Frankie gekommen. Nahezu vier-
zehn Jahre reichsten, intensivsten Lebens. Und dann waren
die beiden an einem herrlichen Ferienmorgen, als die
Möven schrien und die Luft voll von windverwehter
Sprühe war und die großen grünen, glasigen Wellen längs
des Strands zu Schaum explodierten, zum Baden hinunter-
gegangen; Vater und Sohn, des Mannes Hand auf des
Knaben Schulter, im Gehn miteinander scherzend. Eine
halbe Stunde später, als sie ihnen mit der Thermosflasche
voll heißer Milch und den Keks an den Strand hinunter
folgte, begegnete sie den Fischern, die die beiden Leichen
vom Wasser herauftrugen ... Und nun der arme Eustace,
den ihre Mutter geliebt und den sie selbst, aus diesem
Grund, leidenschaftlich gehaßt hatte. Aber dann war ihre
Mutter gestorben, und Eustace hatte sich aus ihrem Leben
entfernt. Er war ein Zufallsbekannter geworden, dem sie
gelegentlich in andrer Leute Häusern begegnete, — und
etwa einmal im Jahr, wenn es Geschäftliches zu besprechen
gab, trafen sie einander nach Verabredung beim Anwalt,
und dann führte er sie, sobald alles erledigt war, gewöhn-
lich zum Lunch ins Savoy, und sie hörte da seiner sonder-
baren, verwirrenden Art zu reden zu, die so völlig anders
war, als alles, was sie daheim hörte, aber sie mußte lachen
und sagte sich, daß er bei alledem wirklich sehr nett sei auf
seine komische Art, wirklich sehr nett und sehr gescheit,
und es schade sei, daß er nicht irgend etwas anfing mit
seiner vielseitigen Begabung und all dem vielen Geld. Ja,
nun war er tot, und all das viele Geld gehörte ihr
— all das Geld und damit auch all die Verantwortung,
es so
zu verwenden, wie es verwendet werden sollte, wie es
Gottes Wille wäre, daß es verwendet würde. Beim bloßen
Gedanken an die künftige Bürde seufzte Mrs. Ockham
tief. Dieses Haus zum Beispiel — was sollte sie nur damit
anfangen? Und die vielen Dienstboten? Es mußten ihrer
ein Dutzend sein.
“Es kam schrecklich plötzlich”, sagte sie auf italienisch
zu dem Butler, als sie die Stiege hinaufzugehn begannen.
Der Mann schüttelte den Kopf, und ein Ausdruck echter
Trauer erschien auf seinem Gesicht. Der signore sei so
gut gewesen, tanto buono, tanto buono. Tränen standen
ihm in den Augen.
Mrs. Ockham war gerührt. Und doch konnte sie diese
vielen Dienstboten einfach nicht alle behalten. Vielleicht
ihnen einen Jahreslohn anbieten, sobald sie ihnen kündigte,
— oder besser einen Jahreslohn und das Geld für die
Verpflegung ...
Aber Mr. Tendring würde das nie erlauben. Sie warf
einen furchtsamen Blick auf das graue Gesicht mit der
scharfen Nase und dem verpreßten, beinahe lippenlosen
Mund. Nie, sagte sie sich abermals, nie. Und schließlich
war das ja, wofür er da war, — sie in Zaum zu halten, sie
davor zu bewahren, irgend etwas allzu Dummes zu tun. Sie
erinnerte sich, was Kanonikus Cresswell ihr immer ein-
hämmerte. “Zu einem Schwindel gehören zwei — der
Schwindler und die Person, die sich beschwindeln läßt.
Wenn Sie sich zu der hergeben, machen Sie sich zur An-
stifterin des Verbrechens — Sie führen einen Unschuldigen
in Versuchung. Also tun Sie's nicht. Tun Sie's nicht!”
Goldeswerter Rat — aber wie schwer es ihr geworden war,
ihm zu folgen! Und nun, da sie statt ihrer schon allzu aus-
kömmlichen jährlichen zwölf hundert Pfund sechstausend
haben würde und dazu ein ganzes Vermögen an Gebäuden
und Möbeln und Kunstwerken, wäre es sogar noch schwerer,
denn sie sähe sich um so viel mehr ausgestreckten Händen
gegenüber. Sie hatte Mr. Tendring abgesehn von andern
Gründen, angestellt, damit er sie vor ihrer eigenen Sen-
timentalität schütze. Und doch konnte sie sich des Gefühls
nicht erwehren, daß die Dienstboten außer dem Jahreslohn
auch das Geld für die Verpflegung bekommen sollten. Es
war doch schließlich nicht die Schuld dieser armen Leute,
daß Eustace so plötzlich gestorben war; und einige von
ihnen waren seit Jahren und Jahren bei ihm gewesen ...
Sie seufzte abermals. Wie schwer, zu wissen, was recht war!
Und dann, wenn man es wußte, mußte man nach diesem
Wissen handeln. Das war ziemlich leicht, wenn niemand
außer einem selbst davon betroffen wurde. Meist aber
konnte man nicht tun, was recht war, ohne fast ebenso-
vielen Leuten wehzutun, wie man wohltat. Und dann lie-
ßen ihre Enttäuschung und ihre Verbitterung einen zwei-
feln, ob man wirklich recht getan hatte. Und dann begann
das ganze Hin-und-her-Überlegen von neuem.

Eine halbe Stunde später, erfrischt durch ein heißes Bad


und einen Kleiderwechsel, betrat Mrs. Ockham den Salon.
Sie hatte erwartet, daß sie hier allein sein werde; und
als aus den Tiefen eines der riesigen chintzüberzogenen
Fauteuils eine kleine Gestalt plötzlich die Beine vorstreckte
und achtungsvoll aufsprang, stieß sie einen fast er-
schrockenen Ruf der Überraschung aus. Schüchtern näherte
sich die Gestalt, und als sie in Sehweite ihrer ziemlich
kurzsichtigen Augen kam, erkannte Mrs. Ockham den
Buben, den sie in der Bezirksbibliothek Hampstead an-
gesprochen hatte; der sie an ihren Frankie erinnert hatte;
der, wie ihr herzzerreißend geschienen hatte, tatsächlich
Frankie war; der ihr kleiner Liebling war, wie er ge-
worden wäre, wenn sie ihn noch ein paar Jahre hätte
behalten dürfen ... Wie oft hatte sie sich seit dieser zu-
fälligen Begegnung vor zwei Wochen Vorwürfe gemacht,
daß sie nicht die Geistesgegenwart gehabt hatte, ihn zu
fragen, wie er heiße und wo er wohne! Und nun stand er
unglaublicherweise hier in Eustaces Salon.
“Sie?” flüsterte sie fassungslos. “Aber ... aber, wer sind
Sie?” Der lebendige Geist Frankies lächelte sie schüch-
tern an.
“Ich bin Sebastian”, antwortete er. “Onkel Eustace ist...
mja, er war mein Onkel”, schloß er lahm.
Plötzlich und recht schwerfällig — denn sie fühlte sich
seltsam schwach in den Knien — setzte sich Mrs. Ockham
auf den nächststehenden Sessel. Noch einen Augenblick,
und sie wäre vielleicht ohnmächtig geworden. Sie schloß
die Augen und tat ein paar tiefe Atemzüge. Es entstand
ein langes Schweigen.
Verlegen und unbehaglich trat Sebastian von einem Fuß
auf den andern und fragte sich, ob er dicht etwas sagen
sollte — “So ein komischer Zufall!” oder: “Das war schreck-
lich gute Schokolade, die Sie mir geschenkt haben.” Aber
sie hatte ja ihren Sohn verloren; darüber sollte er etwas
sagen. “Ich hatte damals gar nicht Zeit, Ihnen zu sagen,
wie leid es mir tut.” Aber das war auch nicht das Richtige,
denn man konnte ja sehn, wie verstört sie offenbar war,
das arme Ding.
Mrs. Ockham blickte auf. “Die Hand der Vorsehung”,
sagte sie leise.
Es standen Tränen in ihren Augen, doch dabei lächelte
sie — ein Lächeln, das das weiche, stumpfe Gesicht ver-
klärte, es fast schön machte.
“Gott will ihn mir wiedergeben.”
Sebastian wand sich. Dies war wirklich gräßlich!
Gott wollte ihr ihren Frankie wiedergeben, dachte Mrs.
Ockham; ja, und vielleicht sich selbst ihr wiedergeben.
Denn Frankie war das lebendige Sakrament gewesen, die
Offenbarung, das unmittelbare Erlebnis der Gottheit.
“Gott ist die Liebe”, sagte sie leise. “Aber was ist Liebe?
Ich hab's nie gewußt, erst bis mein kleiner Bub geboren
war. Dann begann ich zu lernen. Und jeden Tag hab ich
ein bißchen mehr gelernt. Verschiedene Formen von Liebe,
tiefere Innigkeiten — jeden Tag, fast vierzehn Jahre lang.”
Sie schwieg wieder und dachte an jenen windigen Som-
mermorgen und die Fischer, die sich langsam den Strand
heraufmühten; sie erinnerte sich jener ersten Wochen fast
wahnsinniger, empörerischer Verzweiflung und dann der
Monate der Leere: erstarrt, hoffnungslos, halb tot. Kanoni-
kus Cresswell war es gewesen, der sie ins Leben zurück-
brachte. Nach dem Unglück hatte sie sich geweigert, ihm in
die Nähe zu gehn. Gegen ihr besseres Wissen — denn sie
wußte im Herzen, daß er ihr helfen konnte, und wollte sich
doch nicht helfen lassen; sie wollte leiden, in Einsamkeit,
immerdar. Dann fand Mrs. Cresswell irgendwie heraus,
wo sie sich aufhielt; und eines regnerischen Novembernach-
mittags standen die beiden plötzlich vor ihr auf der
Schwelle des ungemütlichen kleinen Häuschens, das sie sich
zum Versteck gewählt hatte. Und statt ihr sein Beileid aus-
zusprechen, mit ihr ihre Tragödie zu bejammern, statt ihr
mitfühlend zu sagen, wie schlecht sie aussehe, zwang Ka-
nonikus Cresswell sie, sich hinzusetzen und zuzuhören, wie
er sie eine feige, sich selbst nachgebende Gefühlsschwelgerin
nannte, eine Meuterin gegen Gottes Vorsehung, eine eigen-
willige Sünderin, die der unentschuldbarsten Verzweiflung
schuldig sei.
Eine Stunde später half Mrs. Cresswell ihr das Häus-
chen in Ordnung bringen und die Koffer packen. Schon am
Abend dieses Tags war sie wieder in dem Freizeitheim für
junge Mädchen, und am nächsten Tag, einem Sonntag,
ging sie zur Frühkommunion. Sie war ins Leben zurück-
gekehrt — aber es war ein verringertes Leben. In der Ver-
gangenheit war Gott fast jeden Tag mit ihr gewesen. Zum
Beispiel, wenn sie Frankie Gutenachtsagen gekommen war
und er aus dem Bett stieg und sich hinkniete in seinem rosa
Schlafanzug und sie miteinander das Vaterunser beteten —
da war Er dagewesen, Unser Vater in dem Himmel ihrer
Liebe. Nun aber vermochte nicht einmal die Kommunion
Ihn ihr nahezubringen. Und obgleich sie die armen Kinder
in dem Heim liebhatte, obgleich sie bereit war, nun viel
mehr für sie zu tun als früher, wo ihre Arbeit nur ein Dank-
opfer für so viel Glückseligkeit gewesen war, war nun das
alles doch nur ein Zweitbestes; es gab niemand, der Fran-
kies Stelle ausfüllte. Sie hatte gelernt, den Willen Gottes
hinzunehmen; aber es war der Wille jemandes in der
Ferne — der sich entzog, nicht sich enthüllte.
Mrs. Ockham nahm ein Taschentuch aus ihrem Hand-
täschchen und wischte sich die Augen.
“Ich weiß, Sie halten mich für eine schrecklich sentimen-
tale Person”, sagte sie mit einem kleinen Lachen.
“Nicht im geringsten”, widersprach Sebastian höflich.
Aber dies eine Mal zumindest hatte die Königin-Mutter
recht gehabt: Mandelmilchgelee war das richtige Wort für
sie.
“Sie sind vermutlich der Sohn Johns?”
Er nickte.
“Dann ist Ihre ... deine Mutter ...”
Mrs. Ockham ließ den Satz unvollendet. Aber ihr Ton
und der Ausdruck von Betrübnis, der in ihren grauen
Augen erschien, deuteten genügend an, was sie hatte sagen
wollen.
“Ja, sie ist tot”, erwiderte Sebastian.
“Deine Mutter tot”, wiederholte sie langsam.
Aber sich den armen kleinen Frankie nur vorzustellen,
ganz allein in einer rauhen, gleichgültigen Welt, und nie-
mand, der ihn liebhatte, wie sie allein fähig war, ihn lieb-
zuhaben! Zu der Liebe in ihrem Herzen fügte sich ein
überwältigendes Mitleid.
Mandelmilchgelee, dachte Sebastian. Mandelmilchgelee
mit Jesussoße. Dann kam zu seiner großen Erleichterung
der Butler herein und meldete, daß das Dinner aufgetragen
sei.
Mit einem Seufzer steckte Mrs. Ockham ihr Taschentuch
weg und sagte dann dem Mann, er solle es auch dem
signore melden. Sie wandte sich wieder an Sebastian und
begann, Mr. Tendring zu erklären.
“Du wirst finden, daß er ein wenig ... na, du weißt
schon, nicht ganz ...” Die wegwerfende Geste deutete zur
Genüge an, was er nicht ganz war. “Aber darunter eine
gute Seele”, beeilte sie sich hinzuzufügen. “Er ist Unitarier,
und er hat zwei Kinder. Und er zieht Tomaten in dem
süßesten kleinen Glashaus in seinem Hintergarten. Und in
geschäftlichen Dingen — also ich weiß nicht, was ich diese
letzten fünf Jahre ohne ihn angefangen hätte. Darum habe
ich ihn aufgefordert, jetzt mit mir herzukommen, — um
mit alledem hier fertigzuwerden.”
Mit einer schlaffen Bewegung allumfassender Untüchtig-
keit wies sie auf Eustaces Kunstschätze.
“Ich wüßte nicht einmal, wo beginnen”, schloß sie verzagt.
Der Klang von Schritten ließ sie sich umwenden.
“Ah, ich habe grade von Ihnen gesprochen, Mr. Tendring.
Ich habe Sebastian — er ist übrigens Mr. Barnacks Neffe —
soeben gesagt, wie völlig verloren ich wäre ohne Sie.”
Mr. Tendring quittierte das Kompliment mit einer leich-
ten Verneigung, schüttelte Sebastian schweigend die Hand,
wandte sich dann von ihm ab und entschuldigte sich bei
Mrs. Ockham dafür, daß er sie hatte warten lassen.
“Ich legte einen Katalog der Einrichtung meines Zim-
mers an”, erklärte er; und als Bestätigung seiner Worte
zog er ein kleines schwarzes Notizbuch aus der Seitentasche
seines Rocks und hielt es zur Besichtigung hoch.
“Einen Katalog?” wiederholte Mrs. Ockham mit einigem
Erstaunen, während sie sich von ihrem Sessel erhob.
Mr. Tendring machte seine verpreßten Lippen noch
schmäler und nickte gewichtig. In der weiten Öffnung sei-
nes anwältlich steifen Kragens regte sich der Adamsapfel
wie ein von eigenem, spasmodischem Leben erfülltes Ding.
Wohlüberlegt und in den Phrasen geschäftlicher Korre-
spondenz und gerichtlicher Aktenstücke begann er zu
sprechen.
“Sie haben mich davon unterrichtet, Mrs. Ockham, daß
der verstorbene Eigentümer keine Versicherung gegen
Feuer oder gegen Diebstahl eingegangen war.”
Überraschenderweise stieß Mrs. Ockham ein kleines, üp-
pig sprudelndes Lachen aus.
“Er hat immer gesagt, er kann es sich nicht leisten.
Wegen des hohen Zolls auf Havannazigarren.”
Sebastian lächelte; Mr. Tendring aber zog die Brauen
zusammen, und der Adamsapfel stieg und fiel heftig, als
wäre auch er schockiert von einer solchen Lästerung weiser
Voraussicht.
“Für meine Person”, sagte er streng, “bin ich nicht dafür,
über so ernste Dinge zu spaßen.”
Mrs. Ockham beeilte sich, ihn zu beschwichtigen.
“Ganz recht”, sagte sie, “ganz recht. Aber ich sehe nicht
ein, was das mit Ihrem Anlegen eines Katalogs zu tun hat,
daß er nicht versichert war.”
Mr. Tendring gestattete sich ein Lächeln. Die Revuegirl-
Zähne blinkten triumphierend.
“Letztere Tatsache”, sagte er, “stellt einen präsumptiven
Beweis dafür dar, daß der Verblichene sich nie die An-
legung eines Inventars seines persönlichen Eigentums an-
gelegen sein ließ.”
Er lächelte abermals, offenbar entzückt von der Schön-
heit seiner Ausdrucksweise.
“Also das ist's, was Sie in ihr schwarzes Büchlein ein-
schreiben?” sagte Mrs. Ockham. “Ist es wirklich notwendig?”
“Notwendig?” wiederholte Mr. Tendring fast entrüstet.
“Es ist eine sine qua non.”
Das war endgültig und zermalmend. Nach einem kleinen
Schweigen schlug Mrs. Ockham vor, zum Essen hineinzu-
gehn.
“Willst du mich nicht zu Tisch führen, Sebastian?” fragte
sie.
Sebastian bot ihr zuerst den falschen Arm und war
schrecklich verlegen und beschämt, als Tante Daisy lächelte
und ihm sagte, er solle auf die andre Seite herüberkommen.
Sich so zu blamieren vor diesem gräßlichen kleinen Pro-
leten ...
“Zu dumm von mir”, murmelte er. “Ich weiß es ganz
gut, wirklich.”
Aber Mrs. Ockham war bezaubert.
“Genau wie Frankie!” rief sie entzückt. “Frankie hat sich
nie merken können, welchen Arm man der Dame reicht.”
Sebastian sagte nichts; aber er begann Frankie satt zu
kriegen.
Vertraulich drückte ihm Mrs. Ockham den Arm, während
sie miteinander ins Eßzimmer gingen.
“Was für ein glücklicher Zufall, daß die andern aus-
gegangen sind an unserm ersten Abend!” sagte sie, fügte
aber schnell hinzu: “Nicht, daß ich die arme liebe Großi
nicht sehr gern habe. Und Veronica ist so ...”
Sie zögerte, weil sie sich erinnerte, wieviel Sorge den
Cresswells der beunruhigende Geist gemacht hatte, der aus
den stillen, glänzenden Augen der Tochter zu gucken be-
gann, noch bevor die aufgehört hatte, Hängezöpfe zu
tragen.
“So hübsch und gescheit”, schloß sie den Satz. “Aber trotz
alledem bin ich schrecklich froh, daß sie nicht hier sind.
Ich hoffe, du bist's auch?” fügte sie hinzu, ihn verschmitzt
anlächelnd.
“Oh, sehr”, antwortete Sebastian ohne viel Überzeugung.
Aber schließlich, so mußte er sich, lange bevor der Abend
vorbei war, eingestehn, war sie gar keine so üble alte
Schachtel. Bißchen Mandelmilchgelee, natürlich; aber wirk-
lich sehr anständig. Sie wollte ihm alle Bände griechischer
und lateinischer Klassiker schenken, die ihr Mann in seiner
Bibliothek gehabt hatte. Und die Donne-Ausgabe der
Oxford Press. Und Saintsburys zwei Bände Kleinere Dich-
ter der Stuartzeit. Und sie war nicht nur gütig — sie war
gar nicht so dumm. Allerdings, sie hatte eingestanden, daß
sie “Verweil bei mir” nie singen könne, ohne zu weinen;
aber sie liebte auch George Herberts Gedichte. Und ob-
gleich sie die rasendmachende Gewohnheit hatte, von
jedem Menschen, den sie kannte, als dem “lieben guten So-
und-so” zu reden oder im allerschlimmsten Fall und
unbarmherzigst als dem “armen lieben”, besaß sie recht
viel Sinn für Humor, und einige der Anekdoten, die sie
erzählte, waren wirklich sehr komisch.
Ihre wertvollste Eigenschaft aber war die, daß sie einem
nie ein Gefühl der Schüchternheit gab. In dieser Hinsicht
war sie wie Onkel Eustace; und bei beiden, so schien es
Sebastian, lag das Geheimnis in einem gewissen Fehlen
von Anmaßung, einer Zurückhaltung davon, auf Rechten
oder Privilegien oder Würde zu bestehen. Wogegen diese
teuflische alte Königin-Mutter nur allzusehr auf ihrer
Würde bestand; die ging darauf aus, auf der andrer Leute
herumzutrampeln. Und verfeinerter tat Mrs. Thwale, so
begehrenswert sie auch war, dasselbe. Es war, als gebrauchte
sie einen stets auf die eine oder andre Weise zur Förderung
ihrer ganz persönlichen Zwecke — und diese Zwecke waren
beunruhigend rätselhaft und unvorhersagbar. Bei Tante
Daisy dagegen war er selber der Zweck, und sie verlangte
von ihm nur, daß er ihr erlaube, das anbetende Mittel zu
seiner eigenen Verherrlichung zu sein. Und das war wirk-
lich sehr angenehm. So angenehm sogar, daß Sebastian
bald mehr tat, als ihr gegenüber bloß nicht schüchtern zu
sein. Er begann sich aufzuspielen und seine Ansichten mit
apodiktischer Gewißheit zu verkünden. Mit Ausnahme von
Susan — und Susan zählte nicht wirklich — hatte er nie
jemand gekannt, der bereit war, so achtungsvoll zuzuhören,
was er zu sagen hatte. Von ihrer Bewunderung angeregt
und ganz unbehindert durch Mr. Tendring, der auch nicht
eine Silbe einwarf und einen seine Anwesenheit völlig
vergessen ließ, wurde er, besonders nach seinem zweiten
Glas Wein, außerordentlich gesprächig. Und wenn eigne
Einfälle ihn im Stich ließen, zögerte er nicht, bei Onkel
Eustace Anleihen zu machen. Seine Bemerkungen über die
innere Verwandtschaft des mittvictorianischen englischen
mit dem italienischen Primitivismus wurden für sehr ori-
ginell und brillant gehalten. Immerhin, auch als der Wein
ihm Mut gemacht und seine Zurückhaltung überwunden
hatte, wagte er es nicht, zu wiederholen, was Onkel Eustace
im Zusammenhang mit Pieros Venus und ihrem Adonis
gesagt hatte. Es war Mrs. Ockham, die schließlich das
Schweigen brach, das sich auf sie beide gesenkt hatte, als
sie nach dem Essen vor dem Bild standen und es be-
trachteten.
“Die Kunst ist doch etwas Sonderbares”, sagte sie, den
Kopf schüttelnd. “Wirklich sehr sonderbar, manchmal.”
Sebastian sah sie mit einem belustigten und bedauern-
den Lächeln an. Ihre Bemerkung hatte ihm das Gefühl
köstlicher Überlegenheit gegeben.
“Kunstwerke sind keine Sittenpredigten”, sagte er an-
züglich.
“Oh, das weiß ich, das weiß ich”, stimmte ihm Mrs. Ock-
ham bei. “Aber dennoch ...”
“Aber dennoch was?”
“Nun, warum sich so viel mit so etwas abgeben?”
Sie hatte sich nicht abgegeben—außer, natürlich, negativ,
insofern sie stets gefühlt hatte, daß die ganze Sache etwas
durchaus Unangenehmes sei. Und nach all den unbestimm-
ten, aber furchterweckenden Warnungen ihrer Mutter vor
dem männlichen Ges'chlecht war sie nur froh gewesen, daß
sich ihr geliebter Francis wirklich sehr wenig abgegeben
hatte. Warum also fanden andre Leute es nötig, soviel
darüber nachzudenken und zu reden, alle diese Bücher und
Gedichte zu schreiben und solche Bilder zu malen wie
dieses, das sie da betrachteten? Bilder, die man, wenn sie
nicht hohe Kunst wären, nicht im Traum in einem anstän-
digen Haus dulden würde, wo unschuldige Buben wie
Frankie, wie Sebastian hier ...
“Manchmal”, fuhr sie fort, “kann ich einfach nicht ver-
stehn -”
“Entschuldigen Sie”, unterbrach Mr. Tendring sie und
drängte sich zwischen die beiden und die mythologischen
Nuditäten.
Erst horizontal und dann vertikal legte er ein Meßband
an das Gemälde. Dann nahm er den Bleistift aus den
perligen Zähnen und machte eine Eintragung in sein No-
tizbuch. Ölgemälde: Antonius und Kleopatra. Antik.
41 Zoll X 20 1/2 Zoll. Gerahmt.
“Danke”, sagte er und ging weiter, zu dem Seurat. Sechs-
undzwanzig mal sechzehn; und der Rahmen, statt vergoldet
und echt handgeschnitzt, ein ganz billig aussehender, in
verschiedenen Farben bemalt wie eins dieser getarnten
Schiffe während des Kriegs.
Mrs. Ockham setzte sich mit Sebastian auf das Sofa,
und während sie den Mokka tranken, begann sie ihn über
seinen Vater auszufragen.
“Er hat sich nicht sehr gut mit dem armen lieben Eustace
vertragen, nicht wahr?”
“Er haßte Onkel Eustace.”
Mrs. Ockham war entsetzt.
“So etwas darfst du nicht sagen, Sebastian.”

254
“Aber es ist wahr”, beteuerte er.
Und als sie begann, es alles mit ihrem weichen, senti-
mentalen Mandelmilchgelee zu ersticken, und drauflos-
muhte, daß Brüder vielleicht nicht immer einer Meinung
seien, aber nie einander haßten, nie wirklich vergäßen,
daß sie Brüder seien, — begann er sich zu ärgern.
“Du kennst meinen Vater nicht”, stieß er hervor.
Und das Heldenporträt ganz vergessend, das er für Ga-
briel Greuil entworfen hatte, legte Sebastian mit einer
erbitterten Schilderung von John Barnacks Charakter und
Benehmen los. Sehr betrübt versuchte Mrs. Ockham ihn zu
überzeugen, daß es alles einfach nur ein Mißverständnis
sei. Wenn er älter würde, begriffe er, daß sein Vater stets
in der besten Absicht handle. Aber diese wohlgemeinten
Beschwichtigungen bewirkten nur, daß Sebastian zu einer
immer maßloseren Ausdrucksweise angeregt wurde. Und
dann wurde durch einen ganz natürlichen Übergang sein
Groll zu einer Klage. Er tat sich plötzlich außerordentlich
leid und begann das auch zu sagen.
Mrs. Ockham war gerührt. Sogar wenn John Barnack
nicht so schlecht war, wie er gemalt worden, sogar wenn er
nicht schlechter war als ein vielbeschäftigter Mann mit rau-
hem Wesen und keiner Zeit für Herzensregungen, wäre
das ganz genug, ein zartbesaitetes Kind unglücklich zu
machen. Mehr als je fühlte sie sich, während sie Sebastian
zuhörte, davon überzeugt, daß Gott es gewesen war, der
sie beide zusammengeführt hatte, den armen, mutterlosen
Buben, die arme Mutter, die ihr Kind verloren hatte, — sie
zusammengeführt hatte, damit sie einander helfen sollten
und, indem sie einander halfen, gestärkt würden, Gottes
Werk in dieser Welt zu tun.
Mittlerweile hatte Sebastian begonnen, die Geschichte
von dem Abendanzug zu erzählen.
Mrs. Ockham erinnerte sich, wie anbetungswürdig Fran-
kie in dem Dinnerjackett ausgesehn hatte, das sie ihm zum
dreizehnten Geburtstag schenkte. So erwachsen und so
rührend kindlich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. In-
dessen aber schien es wirklich hart für den armen Sebastian
zu sein, daß sein Vater ihn einem bloßen politischen Vor-
urteil aufopferte.
“Oh, wie gütig von dem lieben Eustace, ihn dir zu
schenken!” rief sie, als er in seiner Erzählung so weit ge-
kommen war.
Sebastian war gekränkt durch diesen Ton von Ende-gut-
alles-gut, in dem sie das sagte.
“Onkel Eustace hat ihn mir nur versprochen”, entgegnete
er düster. “Dann ... mja, dann ist das geschehn.”
“Also hast du ihn gar nicht bekommen?”
Er schüttelte den Kopf.
“Armer Kerl, du hast wirklich Pech!”
Für Sebastian, in seiner Stimmung von Selbstbedauern,
war es Balsam, sich so bemitleidet zu hören. Sich in diesem
Ton sagen zu lassen, daß er wirklich Pech gehabt hatte,
war so köstlich, daß es fast ein Sakrileg gewesen wäre, die
Handzeichnung zu erwähnen, die zweitausendzweihundert
Lire, den Besuch beim Schneider. Ja, der Gedanke kam
ihm gar nicht, daß er das alles erwähnen sollte. Wie seine
Stimmung und seine Gefühle gegenwärtig waren, erschien
ihm das alles dermaßen belanglos, daß es so gut wie gar
nicht existierte. Plötzlich aber trat es in den Vordergrund
der unmittelbaren Wirklichkeit hervor. Mrs.Ockham neigte
sich zu ihm und legte ihm die Hand aufs Knie; ihr sanftes,
abgeplattetes Gesicht war von einem Lächeln inniger, sehn-
süchtiger Zärtlichkeit verklärt.
“Sebastian, ich möchte dich bitten, mir einen großen Ge-
fallen zu tun.”
Er lächelte bezaubernd und zog fragend die eine Braue
hoch.
“Eustace hat dir ein Versprechen gegeben”, erklärte sie.
“Ein Versprechen, das er nicht mehr einlösen konnte. Aber
ich kann es einlösen. Willst du mir das erlauben, Se-
bastian?”
Er sah sie einen Augenblick an, ungewiß, ob er sie rich-
tig verstanden hatte. Dann, als ihm klar wurde, daß ihre
Worte nur den einen Sinn haben konnten, stieg ihm jäh
das Blut in die Wangen.
“Du meinst ... den Abendanzug?” Er wandte verwirrt
den Blick ab.
“Ich möchte es so gern tun”, sagte sie.
“Es ist schrecklich nett von dir”, stammelte er. “Aber,
wirklich, ich ...”
“Es war ja ein letzter Wunsch des armen Eustace.”
“Ich weiß, aber .. . ”
Er zögerte und fragte sich, ob er ihr von der Handzeich-
nung erzählen solle. Aber sie dächte vielleicht, wie dieser
Mensch, dieser Greuil, offenbar gedacht hatte, daß er sie
nicht verkaufen hätte sollen — nicht so schnell, nicht gleich
nach dem Begräbnis. Und ihr konnte er nicht sagen, daß es
einer Ehrenschuld wegen geschah. Obendrein, wenn er die
Zeichnung überhaupt erwähnen wollte, hätte er das schon
längst tun müssen. Sie jetzt zu erwähnen, hieße zugeben,
daß er unter falschen Vorspiegelungen Tante Daisys Mit-
gefühl genossen und ihre Freigebigkeit herausgefordert
hatte. Und als was für ein Narr stünde er da und auch als
was für ein Schwindler!
“Schließlich”, sagte Mrs. Ockham, die sein Zögern einer
ganz verständlichen Scheu zuschrieb, ein Geschenk von
einer ihm so gut wie Fremden anzunehmen, “schließlich
gehöre ich ja wirklich zur Familie. Eine Stiefcousine ersten
Grads, genau gesagt.”
Wie zartfühlend er war! Liebevoller denn je lächelte sie
ihn an.
Aus der Tiefe seines Unbehagens versuchte Sebastian ihr
Lächeln zu erwidern. Es war nun zu spät für eine Erklä-
rung. Es blieb nichts übrig, als vorwärts- und darauf ein-
zugehn.
“Ja, wenn du wirklich glaubst, daß es recht ist?” sagte er.
“Oh, gut, gut!” rief Mrs. Ockham. “Dann wollen wir
zusammen zum Schneider gehn. Das wird ein großer Spaß
werden, nicht?”
Er nickte und sagte, es werde ein großer Spaß werden.
“Es muß aber der beste Schneider in der Stadt sein.”
“Ich hab einen in der Via Tornabuoni bemerkt”, sagte
er, entschlossen, sie unbedingt von dem Laden beim Dom
fernzuhalten.
Aber was für ein Narr er gewesen war, in solcher Eile zu
sein, die Zeichnung loszuschlagen! Statt sich Zeit zu lassen
und abzuwarten, was sich ergeben würde. Und jetzt stand
er da — mit zwei Abendanzügen. Und es ginge nicht ein-
mal, sich den einen für später aufzuheben. In zwei, drei
Jahren hätte er beide ausgewachsen. Na, schließlich kam es
nicht wirklich darauf an.
“Wenn wir wieder in London sind”, sagte Mrs. Ockham,
“wirst du hoffentlich manchmal in deinem Abendanzug zu
mir zum Dinner kommen.”
“Furchtbar gern”, erwiderte er höflich.
“Du wirst meine Entschuldigung dafür sein, zu allen
Theaterstücken und Konzerten zu gehn, zu denen ich nie
allein ginge, weil ich nicht das Herz oder die Energie
dazu hätte.”
Theater und Konzerte ... Seine Augen leuchteten auf
bei der Aussicht.
Sie begannen von Musik zu sprechen. Tante Daisy schien
zu Lebzeiten ihres Mannes eine große Konzertbesucherin
gewesen zu sein; sie war nach Salzburg gefahren, um Mozart
und die Modernen, nach Bayreuth, um Wagner, nach Mai-
land, um Othello und Falstaß zu hören. Alledem hatte
Sebastian nur einige armselige Abende in der Queen's
Hall gegenüberzustellen. Schier aus Notwehr sah er sich
gezwungen, sich mit einer Art von prahlerischem Besitzer-
stolz über das wundervolle Spiel eines Pianisten zu ver-
breiten, eines alten Freundes, der sich zwar schon vom
Konzertpodium zurückgezogen habe, aber noch immer so
brillant spiele wie nur je, — ein gewisser Dr. Pfeiffer; sie
habe wahrscheinlich von ihm gehört. Nicht? Aber zu seiner
Zeit sei er eine europäische Berühmtheit gewesen.
Im Hintergrund hatte mittlerweile Mr. Tendring alle
Gemälde gemessen und arbeitete sich nun durch das Por-
zellan, den Jade und das Elfenbein durch. Tausende von
Pfunden, sagte er sich von Zeit zu Zeit und kostete wol-
lüstig die Phrase aus, Tausende von Pfunden ... Er fühlte
sich außerordentlich glücklich.
Um ein Viertel nach zehn entstand plötzlich ein kleiner
Aufruhr in der Halle, und einen Augenblick später erklang
wie von einem gespenstischen Exerzierplatz die Stimme
der Königin-Mutter.
“Da ist die arme liebe Großi!” rief Mrs. Ockham, Se-
bastian mitten in einem Satz unterbrechend.
Sie stand auf und eilte zur Tür. In der Halle hatte die
Kammerjungfer Mrs. Gamble den Umhang abgenommen
und war grade dabei, ihr den Zwergspitz einzuhändigen.
“Kleiner Foxi-Woxi!” rief die Königin-Mutter. “Hat er
seine alte Großi-Woßi vermißt? Ja? hat er sie vermißt?”
Foxi VIII. leckte ihr das Kinn und richtete dann sein
Gekläff gegen die Hinzutretenden.
“Meine liebe Großi!”
Glitzernd wie ein ganzer Kronleuchter aus Diamanten,
schwang Mrs. Gamble dahin herum, woher die Stimme
kam.
“Bist du das, Daisy?” schnarrte sie.
Und als Mrs. Ockham bejaht hatte, hielt sie ihr eine
welke, ziegelrote Wange hin und senkte dabei Foxi außer
Beißweite, damit ihre Enkelin während der pflichtgemäßen
Begrüßung in Sicherheit sei.
Mrs. Ockham küßte sie und blieb unversehrt. “Wie ich
mich freue, dich zu sehn!” sagte sie in das Gekläff hinein.
“Warum ist deine Nase so kalt?” fragte die Königin-
Mutter scharf. “Du bist doch nicht etwa erkältet, hoffe ich?”
Mrs. Ockham beteuerte ihr, daß sie sich nie wohler
gefühlt habe, und wandte sich dann an Mrs. Thwale, die
ein wenig abseits stehngeblieben war, eine schweigende,
aufmerksame, lächelnde Zuschauerin.
“Und die liebe kleine Veronica”, sagte sie und streckte
ihr beide Hände hin.
Mrs. Thwale fiel auf das Stichwort ein, indem auch sie
beide Hände ausstreckte.
“Und sie ist schöner denn je!” rief Mrs. Ockham in einem
Ton herzlichster Bewunderung.
“Also, Daisy”, schnarrte die Königin-Mutter, “hör um
Himmels willen auf, so daherzureden wie ein überspannter
Backfisch!”
Zu hören, wie in ihrer Gegenwart andern Leuten Kom-
plimente gezollt wurden, war ihr zuwider. Aber statt den
Wink zu beachten, machte Mrs. Ockham ihr Vergehn mir
noch schlimmer.
“Das tu ich gar nicht”, widersprach sie, während sie ihre
Großmutter beim Arm nahm und zur Salontür steuerte.
“Es ist einfach die Wahrheit.”
Die Königin-Mutter schnaubte ärgerlich.
“Ich hab Veronica noch nie so strahlend aussehend ge-
funden wie heut abend”, fügte Mrs. Ockham hinzu.
Nun, wenn das wahr war, dachte Mrs. Thwale, während
sie den andern folgte, so bedeutete es, daß sie in einem
Narrenparadies gelebt hatte. Da hatte sie sich nun mit der
Überzeugung geschmeichelt, daß sie sich aus ihrem Gesicht
ein ehernes Alibi geschaffen habe, und dabei konnte man
sie lesen wie ein offenes Buch!
Sie schüttelte stirnrunzelnd den Kopf über sich. Es war
schlimm genug, einen hypothetischen Gott zu haben, der
in alle Herzen sah und alle geheimen Wünsche kannte.
Aber sich ins Herz sehn zu lassen von einer Daisy Ockham,
ausgerechnet von ihr, — das war die äußerste Demütigung.
Allerdings, es gab Entschuldigungen. Es geschah nicht
jeden Abend, daß einem ein Paul De Vries einen Heirats-
antrag machte. Aber anderseits waren es grade die außer-
gewöhnlichen und wichtigen Gelegenheiten, bei denen es
am nötigsten war, andern Leuten zu verheimlichen, was
man wirklich fühlte. Und sie hatte den Symptomen ihrer
Jubelstimmung gestattet, sich so deutlich zu zeigen, daß
sogar eine dicke dumme Gans wie Daisy sie entdecken
konnte! Für diesmal war freilich nicht viel Schaden ange-
richtet. Aber es bewies einem wieder, wie vorsichtig man
sein mußte, wie wachsam.
Abermals zog Mrs. Thwale die Stirn in Falten; dann
entspannte sie ihre Gesichtsmuskeln und bemühte sich, eine
Miene distanzierter Gleichgültigkeit anzunehmen. Kein
verräterisches Strahlen mehr. Für die Außenwelt nichts als
das undurchsichtige Symbol einer sich ziemlich fernhalten-
den und leise belustigten Höflichkeit. Aber dahinter, für
sie selbst, was für heitere, bunte Geheimnisse, welch ein
Prickeln stummen Lachens und heimlichen Triumphs!
Es hatte sich nach dem Abendessen ereignet, als der alte
Lord Worplesden, der Amateurastronom war, darauf be-
stand, Mrs. Thwale und die kleine Contessina auf den
Turm hinaufzuführen, auf dem er seinen sechszölligen Re-
fraktor installiert hatte. Ein erstklassiges Instrument, so
rühmte er; von Zeiß in Jena. Aber bei den jungen Damen
der Nachbarschaft war es aus andern Gründen berühmt.
Der Sterngucker nahm einen mit hinein unter die Kuppel
seines Liliput-Observatoriums, und unter dem Vorwand,
das Fernrohr und einen selbst in die richtige Stellung zu
bringen, um die Satelliten des Jupiter zu sehn, griff er einen
ab und dröhnte die ganze Zeit dabei über Galilei drauflos.
Und dann, wenn man sich nicht allzusehr gesträubt hatte,
zeigte er einem die Saturnringe. Und schließlich gab's noch
die Spiralnebel. Die erforderten mindestens zehn Minuten
mühsam genauesten Einsteilens. Junge Damen, die einen
Spiralnebel gesehn hatten, erhielten nächsten Tags
eine große Flasche Parfüm und gleichzeitig eine neckische
Einladung, mit eingeprägter Krone und unterzeichnet “Ihr
untertänigster W.”, bald wiederzukommen und einmal
gründlich den Mond zu erforschen.
Der Parfümvorrat der Contessina war offenbar fast er-
schöpft gewesen; denn es verging fast eine halbe Stunde,
bevor sie und der alte Herr wieder aus dem Observatorium
hervorkamen. Zeit genug für Paul, der unaufgefordert auf
den Turm mitgegangen war, zum Nachthimmel emporzu-
starren und ein bißchen über Eddington zu reden; hinab-
zublicken auf die Lichter von Florenz und laut zu erwägen,
daß sie schön seien, daß auch die Erde ihre Konstellationen
habe; eine kleine Weile zu schweigen und dann etwas über
Dante und die Vita Nuova zu sagen; und wieder zu schwei-
gen und ihre Hand zu halten; und endlich, fast atemlos
und für dieses eine Mal um Worte verlegen, sie zu bitten,
ihn zu heiraten.
Das Ganze war, wie es sich abgespielt hatte, so durch-
aus lächerlich und sie selbst in einer solchen Hochstimmung
gewesen, daß sie fast laut herausgelacht hätte.
Endlich! Der Magnet hatte sein Werk getan; das philo-
sophische Auge war zu guter Letzt der wesentlichen Scham-
losigkeit des Lebens unterlegen. Bei dem Tauziehn zwi-
schen Erscheinung und Wirklichkeit hatte die Wirklichkeit
gesiegt, wie sie immer siegen mußte, immer.
Lächerliches Schauspiel! Aber für sie zumindest hätte der
Spaß wichtige und ernste Folgen. Er bedeutete Freiheit; er
bedeutete Macht über ihre Umgebung; er bedeutete eine
kleine, weich gepolsterte private Welt auch außerhalb ihrer
selbst, nicht bloß innerhalb, — ein eigenes Haus, nicht bloß
eine eigene Loge; ein Appartement im Ritz, nicht bloß ein
innerliches Fürsichsein und eine üppige Phantasie.
“Wollen Sie mich heiraten, Veronica?” wiederholte er
angstvoll, als ihr abgewandtes Schweigen sich von Sekunde
zu Sekunde verlängerte. “Oh, meine Liebste, sagen Sie ja!”
Als sie sich endlich zutrauen konnte, zu sprechen ohne
sich zu verraten, hatte sie sich ihm wieder zugewendet.
Lieber Paul ... unaussprechlich gerührt ... so völlig
überrascht ... ein, zwei Tage warten und erst dann eine
endgültige Antwort ...

262
Die Tür zu dem kleinen Observatorium hatte sich ge-
öffnet, und man hörte Lord Worplesden laut der Contes-
sina empfehlen, die populäreren der Bücher von Sir James
Jeans zu lesen. Das Auge, so überlegte Mrs. Thwale, war
in diesem Fall ein astronomisches und prokonsulares; aber
es war derselbe alte Magnet, ein und dieselbe Schamlosig-
keit. Noch ein paar Jahre, und es käme die letzte Scham-
losigkeit, die des Sterbens.
Unterdessen reagierte hier im Salon die Königin-Mutter
auf Mr. Tendrings Akzent genauso, wie ihre Enkelin es
befürchtet und erwartet hatte. Seine höflichen Erkundi-
gungen nach ihrer Gesundheit hatte sie bloß damit beant-
wortet, daß sie verlangte, er solle seinen Namen buchsta-
bieren; und als er das getan hatte, sagte sie: “Äußerst
merkwürdig!” und wiederholte das Wort “Tendring” ein
paarmal in einem Ton äußersten Abscheus, als müßte sie
gegen ihren Willen von Skunken oder Exkrementen
sprechen. Dann wandte sie sich an Daisy und fragte sie
mit krächzendem Bühnengeflüster, warum, um Himmels
willen, sie einen so schrecklich gewöhnlichen Menschen mit-
gebracht habe. Zum Glück vermochte Mrs. Ockham die
Worte der alten Dame dadurch zu übertönen, daß sie einen
lauten und begeisterten Bericht von ihrer ersten Begeg-
nung mit Sebastian begann.
“Oh, er ist ganz wie Frankie, so?” sagte die Königin-
Mutter, nachdem sie eine kleine Weile still zugehört hatte.
“Dann muß er sehr jung aussehn für sein Alter, sehr baby-
haft.”
“Er sieht süß aus!” rief Mrs. Ockham mit einer senti-
mentalen Salbung, die Sebastian fast ebenso demütigend
fand, wie die Grobheit ihrer Großmutter beleidigend war.
“Ich hab's nicht gern, wenn Jungens süß aussehn”, fuhr
Mrs. Gamble fort. “Nicht, wenn Kerle wie Tom Pewsey
auf der Lauer liegen.” Sie senkte die Stimme. “Wie ist's
mit deinem kleinen Mann da, Daisy, — ist er, wie er sein
soll?”
“Aber, Großmama!” rief Mrs. Ockham entsetzt.
Sie blickte sich ängstlich um und fühlte sich erleichtert,
als sie sah, daß Mr. Tendring auf die andre Seite des
großen Zimmers gegangen war und die Capo-di-Monte-
Figuren in der Vitrine zwischen den Fenstern katalogi-
sierte.
“Gott sei Dank”, hauchte sie, “daß er dich nicht gehört
hat!”
“Ich hätte nichts dagegen”, sagte die Königin-Mutter mit
Nachdruck. “Zuchthaus — das verdienen diese Kerle!”
“Aber er ist nicht so einer”, beteuerte Mrs. Ockham in
erregtem und entrüstetem Flüsterton.
“Das glaubst vielleicht du”, gab die Königin-Mutter zu-
rück, “aber wenn du dir einbildest, auch nur das geringste
davon zu wissen, dann irrst du sehr.”
“Ich will auch gar nichts wissen”, sagte Mrs. Ockham
schaudernd. “Es ist etwas Entsetzliches!”
“Warum dann davon anfangen? Besonders vor Vero-
nica. Veronica”, rief sie, “haben Sie zugehört?”
“Bruchstückweise”, gestand Mrs. Thwale züchtig.
“Siehst du?” sagte die Königin-Mutter im Ton vorwurfs-
vollen Triumphs zu ihrer Enkelin. “Aber zum Glück war
sie verheiratet. Was man von dem Jungen nicht behaupten
kann. Junge”, rief sie befehlerisch in ihre Dunkelheit, “sag
mir was du von dem Ganzen hältst!”
Sebastian errötete. “Du meinst .. . von ... das mit dem
Zuchthaus?”
“Zuchthaus?” wiederholte die Königin-Mutter gereizt.
“Ich frage dich, was du davon hältst, daß du wieder mit
meiner Enkelin zusammengetroffen bist.”
“Oh, das! Ja, das ist natürlich höchst merkwürdig. Ich
meine, es ist ein komischer Zufall, nicht?”
Impulsiv legte Mrs. Ockham ihm den Arm um die Schul-
tern und zog ihn an sich.
“Nicht grade komisch”, sagte sie. “Herzerfreuend, wenn
du willst, — eine besonders glückliche göttliche Fügung. Ja,
wirklich eine göttliche Fügung”, wiederholte sie, und ihre
Augen füllten sich mit Tränen, die ihr so leicht kamen.
Ihre Stimme bebte von Gefühl.
“Göttlich oder nicht göttlich”, schnarrte die Königin-
Mutter, “du redest zuviel von Gott.”
“Man kann gar nicht genug von ihm reden oder an ihn
denken.”
“Das ist Blasphemie.”
“Aber hat etwa nicht Gott ihn mir gesandt?”
Und wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, zog
Mrs. Ockham Sebastian enger an sich. Widerstandslos ließ
er sich umarmen. Er fühlte sich entsetzlich verlegen. Sie
machte ihn öffentlich lächerlich — und genau wie lächerlich,
das verriet ihm Mrs. Thwales Miene. Es war dieselbe
Miene, die er an ihr an jenem Nachmittag gesehn hatte,
als sie ihn mit ihrem Gerede davon quälte, wie er
Mrs. Gamble eine Demonstration einer Ungeheuerlichkeit
geben solle, — die belustigte, unpersönliche Miene der Zu-
schauerin bei einer entzückenden, herzlosen kleinen Sitten-
komödie.
“Und nicht nur Blasphemie”, fuhr die Königin-Mutter
fort. “Es ist geschmacklos, immerzu von Gott zu reden.
Wie wenn man seine Perlen den ganzen Tag trägt, statt
nur am Abend, wenn man entsprechend gekleidet ist.”
“Apropos Abendkleidung”, sagte Mrs. Ockham mit dem
Versuch, das Gespräch auf ein unverfänglicheres Gebiet zu
lenken. “Sebastian und ich haben vereinbart, miteinander
sehr viel ins Theater und in Konzerte zu gehn, sobald wir
wieder in London sind. Nicht wahr, Sebastian?”
Er nickte und lächelte unbehaglich. Dann nahm, zu seiner
Ungeheuern Erleichterung, Mrs. Ockham ihre Hand von
seiner Schulter, und er vermochte ein wenig von ihr ab-
zurücken.
Durch den Vorhangspalt ihrer inneren Loge beobachtete
Mrs. Thwale das alles und war entzückt von dem Stück.
Diese heilige Frau da kribbelte es förmlich vor unbefrie-
digter Mütterlichkeit. Aber gar nicht so unnatürlicherweise
fand der Junge wenig Geschmack daran, zum Opfer dieser
besondern Art von Gelüst gemacht zu werden. Also mußte
die arme fromme Seele Bestechungen anbieten, Theater
und Konzerte, um ihn zu bewegen, ihr Gigolobaby zu wer-
den, sich als Mittel zur Befriedigung ihrer mütterlichen
Libido gebrauchen zu lassen. Aber es gab schließlich auch
andre Formen der wesentlichen Schamlosigkeit — Formen,
die ein Halbwüchsiger anziehender als Muttersehnsucht
fände; es gab, so schmeichelte sie sich, beträchtlich stärkere
Magnete als Daisys Mopsgesicht, Daisys keuschen, aber
überquellenden Busen. Es wäre vielleicht ein amüsantes, ja
sogar interessantes wissenschaftliches Experiment ... Sie
lächelte innerlich. Ja, doppelt amüsant grade deswegen,
was sich heute Abend auf Lord Worplesdens Sternwarte
ereignet hatte; und wissenschaftlich bis zur monströsesten
Ungeheuerlichkeit.
Bei der Erwähnung von Konzerten hatte die Königin-
Mutter, die nie das Gefühl ertragen konnte, von etwas aus-
geschlossen zu bleiben, darauf bestanden, mit von der Par-
tie zu sein, so oft die beiden gingen. Aber moderne Musik,
bei der habe es für sie natürlich seine Grenze. Und bei Bach
fühle sie immer den Wunsch, einzuschlafen. Und Streich-
quartette — sie könne dieses öde Gekratze und Gewinsel
einfach nicht aushalten ...
Plötzlich erschien Mr. Tendring wieder auf der Szene.
“Gestatten Sie”, sagte er, als die Königin-Mutter mit
ihren musikalischen Abneigungen zu Ende war; und er
händigte Mrs. Ockham einen kleinen Zettel ein.
“Was ist das?” fragte sie.
“Eine Diskrepanz”, antwortete Mr. Tendring mit dem
ganzen Ernst, der einem solchen Wort gebührte, das bei
beeideten Bücherrevisoren in Gebrauch stand.
Foxi, der des reichen Hundes untrügliche Augen, Ohren
und Nase für Angehörige der untern Klassen hatte, begann
zu knurren.
“Schon gut, schon gut!” beschwichtigte ihn die Königin-
Mutter und wandte sich an Mrs. Ockham. “Wovon redet
der Mann da?” bellte sie.
“Von einer Diskrepanz”, erklärte Mr. Tendring, “zwi-
schen dieser Quittung, die dem gewesenen Besitzer am
Tage seines ... äh ... Hinscheidens ausgestellt wurde, und
der Zahl der Gegenstände, die tatsächlich in dem Paket
enthalten waren. Er kaufte zwei Stück, aber nun ist nur
eins davon vorhanden.”
“Eins wovon?” fragte Mrs. Ockham.
Mr. Tendring lächelte beinahe verschmitzt. “Ja, vermut-
lich würden Sie ,Kunstwerke' sagen.”
Sebastian wurde plötzlich fast übel.
“Wenn Sie vielleicht hier herüberkommen wollten?”
fuhr Mr. Tendring fort.
Alle folgten ihm zu dem Tisch beim Fenster. Mrs. Ock-
ham betrachtete den einen verbliebenen Degas und dann
den Zettel, auf dem G. Greuil die Bezahlung von zweien
bestätigt hatte.
“Gib her!” sagte die Königin-Mutter, als ihr die Sach-
lage erklärt worden war.
Schweigend befingerte sie den Karton des Passepartouts
und die dünne Quittung und reichte dann beide Mrs. Ock-
ham zurück. Ihr altes Gesicht leuchtete auf.
“Die andre muß gestohlen worden sein”, sagte sie mit
Genuß.
Gestohlen! Sebastian wiederholte das Wort im stillen.
Das war es; sie würden alle glauben, sie sei gestohlen wor-
den. Und natürlich hatte er, wie ihm jetzt zum erstenmal
einfiel, keine Möglichkeit, zu beweisen, daß Onkel Eustace
ihm die Zeichnung geschenkt hatte. Nicht einmal der kleine
Scherz zwischen ihnen bei der Seance war wirklich ein Be-
weis. “Eiswaffeln und Pennytüten” — für ihn war es nicht
mißzuverstehn gewesen. Aber wäre es auch nicht mißzu-
verstehn, wenn er versuchte, es andern zu erklären?
Indessen hatte Mrs. Ockham der unbarmherzigen Ver-
mutung ihrer Großmutter widersprochen. Aber die alte
Dame ließ sich nicht davon abbringen.
“Es ist natürlich jemand von der Dienerschaft”, dabei
blieb sie mit fast frohlockender Genugtuung.
Und dann erzählte sie ihnen von dem Butler, den sie
gehabt hatte, der fast drei Dutzend Flaschen ihres besten
Kognaks getrunken, von dem Hausmädchen, bei dem man
Amys Rubinbrosche gefunden, von dem Chauffeur, der bei
Benzinkäufen und Reparaturen betrogen hatte, von dem
Untergärtner, der ...
Und daß er sogleich hingegangen war und das Ding ver-
kauft hatte — das sähe natürlich bös aus. Wenn er die
Sache nur gleich, als die Leiche gefunden wurde, erwähnt
hätte! Oder aber bei der Seance; die wäre eine großartige
Gelegenheit gewesen. Oder heute vormittag Mrs. Thwale
etwas davon gesagt hätte. Oder es vorhin, als Mrs. Ockham
sich erbötig machte, ihm einen Abendanzug zu schenken,
erwähnt hätte — sogar da, auf die Gefahr hin, daß es so
ausgesehn hätte, als haschte er unter falschen Vorspiege-
lungen nach Mitleid. Wenn er nur, wenn er nur ... Denn
nun war's zu spät. Wenn er es ihnen nun sagte, sähe das
aus, als täte er es, weil er ertappt worden war. Und die
Geschichte von Onkel Eustaces Generosität klänge so wie
etwas, das er, der Eingebung des Augenblicks folgend, er-
funden hatte, um seine Schuld zu bemänteln, — wie eine
besonders dumme und unüberzeugende Lüge. Und doch,
wenn er es ihnen nicht sagte, mochte der Himmel wissen,
was noch daraus würde.
“Aber wir haben kein Recht, auch nur zu denken, daß sie
gestohlen wurde”, sagte Mrs. Ockham, als die Erinnerun-
gen der Königin-Mutter an unehrliches Hausgesinde vor-
derhand versiegten. “Der arme Eustace hat sie wahrschein-
lich aus dem Paket genommen und irgendwo hingetan.”
“Er kann sie nicht irgendwo hingetan haben”, gab die
Königin-Mutter zurück, “weil er nirgends hingegangen ist.
Eustace war in diesem Zimmer, mit dem Jungen, bis er
ins W.C. ging und hinüber ist. Die ganze Zeit — stimmt
das nicht, Junge?”
Sebastian nickte wortlos.
“Kannst du nicht antworten?” fuhr ihn der spukende
Feldwebel an.
“Oh, entschuldige! Ich hab vergessen . . . Ich meine, ja,
er war hier, die ganze Zeit.”
“Hören Sie sich das an, Veronica!” sagte die Königin-
Mutter. “Er mummelt ärger als je.”
Mrs. Ockham wandte sich an Sebastian. “Hast du gesehn,
ob er an dem Abend irgend etwas mit der Zeichnung getan
hat?”
Eine Sekunde lang zögerte Sebastian; dann schüttelte er
in einer ihm jede Überlegung raubenden Panik den Kopf.
“Nein, Tante Daisy.” Er merkte, daß er heftig errötete,
wandte sich ab und beugte sich, um sein verräterisches
Gesicht zu verbergen, noch tiefer über die Handzeichnung
auf dem Tisch.
“Hab ich dir nicht gesagt, sie ist gestohlen worden?”
hörte er die Königin-Mutter triumphieren.
“Ach, Mr. Tendring, warum haben Sie das nur entdecken
müssen!” jammerte Mrs. Ockham.
Mr. Tendring begann etwas Würdevolles von seiner Be-
rufspflicht zu sagen, als er von der Königin-Mutter unter-
brochen wurde.
“Jetzt hör zu, Daisy”, sagte sie. “Ich will nicht, daß du
dich wie eine sentimentale Schwachsinnige benimmst und
plärrst wegen einer Horde nichtsnutziger Dienstboten! Pah,
sie bestehlen dich wahrscheinlich hinten und vorn, eben in
diesem Augenblick.”
“Nein, das tun sie nicht”, rief Mrs. Ockham. “Ich will so
etwas einfach nicht glauben. Und überhaupt, warum sollen
wir uns um die dumme Zeichnung kümmern? Wenn sie
so häßlich ist wie diese hier ...”
“Warum wir uns kümmern sollen?” wiederholte Mr.
Tendring im Ton eines Menschen, dessen heiligste Gefühle
verletzt wurden. “Aber stellen Sie sich doch, bitte, nur vor,
was der gewesene Besitzer für das Objekt gezahlt hat!”
Er ergriff die Quittung und reichte sie abermals Mrs. Ock-
ham. “Siebentausend Lire, Madam! Siebentausend Lire!”
Sebastian fuhr zusammen und starrte ihn an; seine
Augen wurden immer größer, der Mund blieb ihm offen
stehn. Siebentausend Lire? Und dieser Hundsfott hatte
ihm tausend geboten und ihn zu seiner Geschäftstüchtigkeit
beglückwünscht, weil er den Preis auf zweitausendzwei-
hundert hinaufgeschraubt hatte! Zorn und Demütigung
trieben ihm eine jähe Blutwelle ins Gesicht. Was für ein
Narr er gewesen war, was für ein unbeschreiblicher Idiot!
“Siehst du, Daisy, siehst du?” sagte die Königin-Mutter
triumphierend. “Die könnten das Ding für eine Summe
verkaufen, die einem Jahreslohn gleichkäme.”
Es folgte ein kleines Schweigen; dann hörte Sebastian
hinter sich die tiefe, melodische Stimme Mrs. Thwales.
“Ich glaube nicht, daß es jemand von der Dienerschaft
war”, sagte sie und verweilte mit zarter Geziertheit auf
dem Zischlaut. “Ich glaube, es war jemand anders. Nicht
wahr, Sebastian?”
Sebastians Herz begann sehr schnell und stark zu klop-
fen, als hätte er Fußball gespielt. Ja, sie mußte ihn durch
die Tür gesehn haben, als er die Zeichnung in sein Köffer-
chen tat. Und als sie nun seinen Namen aussprach, war er
dessen ganz gewiß.
“Sebastian!” wiederholte Mrs. Thwale leise, als er nicht
antwortete.
Widerstrebend richtete er sich auf und sah sie an. Mrs.
Thwale lächelte abermals so, als wäre sie Zuschauerin
einer Komödie.
“Ich vermute, Sie wissen's genau so gut wie ich”, sagte
sie.
Er schluckte krampfhaft und blickte weg.
“Etwa nicht?” fragte Mrs. Thwale leise.
“M-mja”, begann er fast unhörbar, “vermutlich meinen
Sie ...”
“Selbstverständlich”, unterbrach sie ihn. “Selbstver-
ständlich! Das kleine Mädel, das draußen auf der Terrasse
war.” Und sie wies in die Finsternis hinter den Fenstern.
Überrascht sah Sebastian sie abermals an. In den dun-
keln Augen tanzte etwas wie ein jubelndes Licht, die
lächelnden Lippen sahen aus, als wollten sie sich im näch-
sten Augenblick öffnen, um ein Lachen durchzulassen.
“Das kleine Mädel?” echote die Königin-Mutter. “Was
für eine kleines Mädel?”
Mrs. Thwale begann zu erklären. Und plötzlich, mit
einem überwältigenden Gefühl der Erleichterung, begriff
Sebastian, daß er begnadigt worden war.
23. KAPITEL

Sebastians Gefühl der Erleichterung wich sehr bald Ver-


wirrung und Ungewißheit. Allein in seinem Zimmer, wäh-
rend er sich entkleidete und sich die Zähne putzte, fragte
er sich immer wieder, warum die Begnadigung gekommen
war. Glaubte sie wirklich, das Kind habe es getan? Offen-
bar, so versuchte er, sich selbst zu beteuern, mußte sie das
glauben. Aber es gab einen Teil seines Geistes, der sich
hartnäckig weigerte, diese einfache Erklärung hinzuneh-
men. Und wenn es wahr war, warum hatte sie ihn dann so
angesehn? Was war es nur, was sie so köstlich amüsant
gefunden hatte? Und wenn sie nicht glaubte, daß die
Kleine es gewesen sei, was in aller Welt hatte sie bewogen,
das zu sagen? Die auf der Hand liegende Antwort war,
daß sie ihn die Zeichnung nehmen gesehn hatte, glaubte,
daß er kein Recht darauf habe, und nun versuchte, ihn zu
decken. Aber wenn er sich dagegen ihres seltsamen Lä-
chelns erinnerte, dieses fast ununterdrückbaren Belustigt-
seins, ergab die auf der Hand liegende Antwort keinen
Sinn. Nichts, was sie getan hatte, ergab irgendeinen Sinn,
und mittlerweile mußte er immerzu an diese arme Kleine
denken. Man würde sie gewiß ausfragen und einschüchtern;
und dann würden auch die Eltern in Verdacht geraten; und
zuletzt bestünde Mrs. Gamble natürlich darauf, die Po-
lizei kommen zu lassen .. .
Er schaltete das Licht aus, bis auf die Leselampe über
dem Nachttischchen, und stieg in das riesige Bett. Während
er dann mit offenen Augen dalag, verfertigte er zum
tausendsten Mal eine Reihe von Szenen, in denen er so
nebenbei Onkel Eustaces Vermächtnis gegenüber Mrs.
Thwale und der Königin-Mutter erwähnte, dieser Tante
Daisy sagte, daß er sich ein Dinnerjackett machen lasse von
dem Geld, das er für die Handzeichnung bekommen habe,
und lächelnd Mr. Tendrings argwöhnische Vermutungen
erstickte, bevor sie ausgebrütet waren. Wie einfach es alles
war und wie lobenswürdig er aus der ganzen Sache hervor-
ging! Aber die Wirklichkeit unterschied sich so peinlich
und demütigend von diesen tröstlichen Phantasien, wie die
blaue Schnepfe sich von Mary Esdaile unterschieden hatte.
Und nun war es zu spät, ihnen allen zu sagen, was wirklich
geschehn war. Er stellte sich die Bemerkungen der Königin-
Mutter über sein Benehmen vor — wie Schmirgelpapier in
ihrer Unbarmherzigkeit. Und Mrs.Thwales leises Lächeln
und ironisches Schweigen. Und die Entschuldigungen, die
Tante Daisy für ihn vorbrächte, mit einer so überquellen-
den Sentimentalität, daß ihre Großmutter doppelt bissig
würde. Nein, es war unmöglich, es ihnen zu sagen. Es gab
nur eins — die Zeichnung von Monsieur Greuil zurück-
zukaufen und sie dann irgendwo im Haus zu “finden”.
Aber der Schneider hatte auf einer Anzahlung bestanden,
und daher waren zehn von den zweiundzwanzig kostbaren
Banknoten binnen einer Stunde, nachdem er sie erhalten
hatte, futsch gewesen. Und er hatte noch hundert Lire für
Bücher ausgegeben und sechzig für eine Zigarettendose aus
Schildpatt. So blieben ihm nur noch etwas mehr als tausend.
Würde Greuil ihm für den Rest Kredit geben? Nieder-
geschlagen schüttelte Sebastian den Kopf. Er würde sich
das Geld borgen müssen. Aber von wem? Und mit wel-
cher Begründung?
Plötzlich erklang ein schwaches Klopfen an der Tür.
“Herein!” rief er.
Mrs. Ockham trat ins Zimmer.
“Ich bin's”, sagte sie; sie kam zum Bett herüber und legte
ihm die Hand auf die Schulter. “Es ist schon sehr spät,
fürchte ich,”, fuhr sie, wie sich entschuldigend, fort. “Großi
hat mich endlos aufgehalten. Aber ich konnte einfach nicht
widerstehn, noch hereinzukommen und dir gute Nacht zu
sagen.”
Höflich richtete sich Sebastian auf einen Ellbogen auf.
Doch sie schüttelte den Kopf, und ohne zu sprechen drückte
sie ihn sanft auf das Kissen zurück.
Es folgte ein langes Schweigen, während sie auf ihn
niederblickte — auf den kleinen Frankie niederblickte und
ihr gemordetes Glück, auf die lebendige Gegenwart, diese
zweite lockenköpfige Verkörperung göttlicher Wirklichkeit
niederbückte. Rosig und golden, ein kindlicher Kopf auf
einem Kissen. Als sie ihn so vor sich sah, quoll überwäl-
tigende Liebe in ihr auf wie eine Flut, die aus den Tiefen
dieses großen Ozeans hervorbrach, von dem sie so lange
abgeschnitten gewesen war durch die Ablagerungen einer
hoffnungslosen Dürre.
“Frankie hat auch immer rosa Pyjamas getragen”, sagte
sie mit einer Stimme, die trotz ihrem Bemühn, leichthin zu
sprechen, vor heftiger Gemütsbewegung bebte.
“So?”
Sebastian schenkte ihr eins seiner bezaubernden Lächeln
— nicht bewußt diesmal, nicht absichtlich, sondern weil er
sich gerührt und eine erwidernde Zuneigung zu dieser ab-
surden Frau fühlte. Und plötzlich wußte er, daß dies der
Augenblick war, ihr von der Zeichnung zu erzählen.
“Tante Daisy ...” begann er.
Im selben Augenblick aber, und getrieben von einem so
intensiven Sehnen, daß es sie nicht merken ließ, er ver-
suche etwas zu sagen, sprach auch Mrs. Ockham.
“Würdest du es sehr übelnehmen”, flüsterte sie, “wenn
ich dir einen Kuß gäbe?”
Und bevor er antworten konnte, hatte sie sich hinab-
gebeugt und seine Stirn mit ihren Lippen berührt. Dann
richtete sie sich ein wenig auf und fuhr ihm mit den Fin-
gern durchs Haar — und es war Frankies Haar. Ihre Augen
füllten sich mit Tränen. Abermals beugte sie sich hinab
und küßte ihn.
Plötzlich, überraschend, kam eine Unterbrechung.
“Oh, entschuldigen Sie ...”
Mrs. Ockham richtete sich auf, und beide blickten sie
dorthin, woher die Stimme gekommen war. In der offenen
Tür stand Veronica Thwale. Ihr dunkles Haar hing ihr in
zwei Zöpfen über die Schultern, und sie war in einen lan-
gen weißen Seidenschlafrock eingeknöpft, der sie wie eine
Nonne aussehn ließ.
“Es tut mir leid, Sie zu unterbrechen”, sagte sie zu Mrs.
Ockham, “aber Ihre Großmutter . . .”
Sie ließ den Satz unvollendet und lächelte.
“Soll ich nochmals zu Großi kommen?”
“Sie hat Ihnen noch etwas zu sagen — wegen der ver-
mißten Zeichnung.”
“O du meine Güte!” Mrs. Ockham seufzte tief. “Na,
ich sollte lieber gehn, vermutlich. Soll ich das Licht hier
abdrehn?” fügte sie hinzu, sich wieder an Sebastian wen-
dend.
Er nickte. Mrs. Ockham drehte den Schalter, legte dann
für einen Augenblick ihre Hand an seine Wange, flüsterte:
“Gute Nacht”, und eilte in den Korridor hinaus. Mrs.
Thwale folgte ihr und schloß die Tür.
Allein in der Finsternis, fragte sich Sebastian beunruhigt,
was es sei, was die Königin-Mutter so dringend über die
Zeichnung zu sagen wünsche. Natürlich, wenn er Zeit ge-
habt hätte, Tante Daisy davon zu erzählen, dann käme es
nicht darauf an, was Mrs. Gamble zu sagen hatte. So
aber .. . Er schüttelte den Kopf. So aber würde, was immer
die alte Teufelshexe sagte oder tat, alles ganz gewiß kom-
plizieren und könnte es nur noch schwieriger für ihn machen.
Und dabei käme eine solche Gelegenheit, wie er sie grade
vorhin gehabt hatte, vielleicht nicht wieder; und zu Tante
Daisy zu gehn und ihr kalten Bluts die Sache zu erzählen,
wäre fast zu entsetzlich, um es zu überstehn. So entsetzlich,
daß er sich zu fragen begann, ob es am Ende nicht doch
besser wäre, den Versuch zu machen, die Zeichnung von
Greuil zurückzubekommen. Er war mitten in einer ima-
ginären Unterredung mit dem Kunsthändler, als er hörte,
wie die Tür hinter ihm leise geöffnet wurde. Auf der
Wand, gegen die er blickte, erschien ein Lichtstreifen,
wurde breiter und dann schmäler, und als die Klinke ein-
schnappte, war es wieder ganz finster. Sebastian wandte
sich im Bett herum, dem Rascheln ungesehner Seide zu.
Sie war zurückgekommen, und nun konnte er ihr alles
sagen. Er fühlte sich ungeheuer erleichtert.
“Tante Daisy!” sagte er. “Oh, ich bin so froh ...”
Durch die Bettdecke berührte eine Hand sein Knie, wan-
derte hinauf zu seiner Schulter, zog mit einem Ruck die
Decke weg und schlug sie zurück. Abermals raschelte Seide,
und eine Welle von Parfüm drang an seine Nase — der
süßliche, hitzige Duft, der eine Mischung aus Blumen und
Schweiß war, aus Frühlingsfrische und einer moschus-
schwülen Animalität.
“Oh, Sie sind's ...” stammelte er in erstauntem Flüster-
ton.
Aber da neigte sich schon ein ungesehnes Gesicht über
ihn; ein Mund berührte sein Kinn, fand dann seine Lippen;
und Finger bewegten sich an seinem Hals abwärts und
begannen die Knöpfe seiner Pyjamajacke zu öffnen.

276
24. KAPITEL

Göttlich unschuldig, eine durch hellste Glut zu reinster


Ekstase emporkeuchende Sinnenlust; und in den Pausen
die zärtliche und doch kultiviert witzige Laszivität einer
Mary Esdaile — so würde es sein, hatte sich Sebastian vor-
gestellt. Das war, was er sich erwartet hatte. Gewiß nicht
diese absichtsvollen Hände in der Finsternis, dieses fast
chirurgische Forschen nach der wesentlichen Schamlosigkeit.
Und auch nicht die zarte Völlerei dieser weichen Lippen,
die plötzlich Zähnen und spitzigen Nägeln wichen. Und
auch nicht diese herrisch geflüsterten Befehle; nicht diese
langen Spannen schweigender introvertierter Raserei, diese
unter seinen schüchternen und fast entsetzten Liebkosungen
sich verlängernden Agonien einer verzweifelten Unersätt-
lichkeit.
In seiner Phantasie war die Liebe eine Art heiteren,
ätherischen Rausches gewesen; aber die Wirklichkeit dieser
Nacht war eher wie Wahnsinn gewesen. Ja, schier Wahn-
sinn; zwei Verrückte, die in moschusschwüler Finsternis
miteinander rangen.
“Zwillingskannibalen im Tollhaus ...” Die Phrase fiel
ihm ein, während er die roten und bläulichen Zähnespuren
auf seinem Arm besah. Zwillingskannibalen, die ihre eigne
und einer des andern Identität verschlangen; die letzten
Reste von Vernunft und Anständigkeit auffraßen; die ru-
dimentärsten Konventionen der Zivilisation unkenntlich
machten. Und doch hatte grade darin, in diesem kannibali-
schen Toben, das wirklich Anziehende gelegen. Jenseits
des körperlichen Lustgefühls lag das noch hinreißendere
Erlebnis, völlig außer Rand und Band zu sein, völlig außer
sich, in der Ekstase einer vollständigen Selbstentfremdung.
Mrs. Thwale hatte ihr taubengraues Kleid angelegt und
■per

trug um den Hals das kleine Goldkreuz mit Rubinen, das


ihre Mutter ihr am Konfirmationstag geschenkt hatte.
“Guten Morgen, Sebastian”, sagte sie, als er das Eß-
zimmer betrat. “Wir scheinen den Frühstückstisch für uns
allein zu haben.”
Sebastian blickte bestürzt auf die leeren Sessel und un-
entfalteten Servietten. Aus irgendeinem Grund hatte er
angenommen, daß auch Tante Daisy dasein werde, als
diaperonne bei diesem schrecklich peinlichen Wiedersehn.
“Ja, ich hab mir gedacht ... Ich meine, die Reise ... Die
beiden müssen wohl recht müde gewesen sein ...”
Aus ihrer Loge bei der Komödie sah Mrs. Thwale ihn
mit glänzenden ironischen Augen an.
“Da mummelt er schon wieder!” sagte sie. “Ich werde
wirklich eine Rute kaufen müssen.”
Um seine Verwirrung zu bemänteln, ging Sebastian zur
Anrichte und begann unter die Deckel der Silberschüsseln
zu gucken, um zu sehn, was es auf der Wärmplatte gab.
Was er natürlich hätte tun sollen, so begriff er, während
er sich Hafergrütze nahm, was er hätte tun sollen, als er
sah, daß sie allein waren, war, einfach hinzugehn und sie
auf den Nacken zu küssen und ihr etwas über diese Nacht
zuzuflüstern. Und vielleicht war es noch jetzt nicht zu spät
dazu. Drücke die Mündung des Revolvers an die rechte
Schläfe, zähle bis zehn,und dann stürz dich hinein und tu's!
Eins, zwei, drei, vier . .. Den Teller Hafergrütze in der
Hand, ging er auf den Tisch zu. Fünf, sechs ...
“Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen”, sagte Mrs. Thwale
mit ihrer tiefen, klaren Stimme.
Er sah sie bestürzt an und schlug dann die Augen nieder.
“O ja”, murmelte er, “ja, ... sehr gut, danke.”
An diesen Kuß war gar nicht mehr zu denken.
“So? Wirklich?” Mrs. Thwale verlieh ihrer Frage er-
staunten Nachdruck. “Trotz den Käuzchen?”
“Den Käuzchen?”
“Sie wollen doch nicht sagen”, rief sie, “daß Sie die
Käuzchen nicht gehört haben? Beneidenswerte Jugend! Ich
wollte, ich könnte so fest schlafen wie Sie. Ich war die
halbe Nacht wach!”
Sie nahm einen Schluck Kaffee, wischte sich zierlich den
Mund, biß ein Stückchen bebutterten Röstbrots ab, und als
sie es geschluckt hatte, wischte sie sich abermals den Mund.
“Wenn ich Sie wäre”, sagte sie, “würde ich heute nicht
unterlassen, mir die Fra Angelicos in San Marco anzu-
sehn.”
Die Tür ging auf, und Mr. Tendring kam herein, und
einen Augenblick später Mrs. Ockham. Auch sie hatten die
Käuzchen nicht gehört — obgleich Mrs. Ockham stunden-
lang nicht hatte einschlafen können, weil sie sich dieser
unglückseligen Zeichnung wegen Gedanken gemacht hatte.
Ja, diese unglückselige Zeichnung, diese gottbeschissene
Zeichnung! In seiner Machtlosigkeit leistete sich Sebastian
im stillen einen recht kindischen Ausbruch kräftigen
Schimpf ens, während er seine Rühreier aß. Aber Schimpfen
brachte ihn der Lösung seiner Schwierigkeiten nicht näher.
Und statt die Atmosphäre seines Gemüts zu klären, ver-
stärkten Blasphemie und Obszönität die bedrückende Stim-
mung nur, indem sie ihn sich seiner selbst schämen ließen.
“Werden Sie die Polizei verständigen?” erkundigte sich
Mrs. Thwale.
Sebastians Herz schien auszusetzen. Den Blick nicht vom
Teller hebend, hielt er im Kauen inne, um mit ungeteilter
Aufmerksamkeit zuhören zu können.
“Großi will, daß ich's tue”, sagte Mrs. Ockham. “Aber
ich will's nicht tun, noch nicht. Nicht, bevor wir nicht überall
gründlich gesucht haben.”
Sebastian begann wieder zu kauen — zu früh, wie sich
ergab; denn Mrs. Thwale war durchaus dafür, das kleine
Mädchen holen zu lassen und ins Kreuzverhör zu nehmen.
“Nein, ich werde hingehn und zuerst mit den Eltern
reden”, entgegnete Mrs. Ockham.
Gott sei Dank! sagte Sebastian im stillen. Das hieß, daß
er wahrscheinlich den ganzen Tag Zeit hatte. Und das war
immerhin schon etwas. Aber wie in aller Welt sollte er es
anstellen?
Eine Berührung am Ellbogen schreckte ihn aus seiner
Geistesabwesenheit auf. Der Diener neigte sich über ihn,
und auf der silbernen Anbietplatte lagen zwei Briefe. Se-
bastian nahm sie. Der erste war von Susan. Ungeduldig
steckte er ihn ungeöffnet in die Tasche und besah den zwei-
ten. Der Umschlag war in einer unbekannten Schrift adres-
siert und trug eine italienische Marke. Wer konnte ihm
nur ...? Und dann wurde eine Hoffnung geboren, wuchs
und verwandelte sich im nächsten Augenblick in eine Über-
zeugung, in die positive Gewißheit, daß der Brief von dem
Mann in der Kunsthandlung war; erklärte, daß alles ein
Irrtum, ein Mißverständnis sei; überschwängliche Entschul-
digungen; beigeschlossen ein Scheck ... Hastig öffnete er
den Umschlag, entfaltete das Blatt billigen Geschäfts-
papiers und sah nach der Unterschrift. Bruno Rontini, las
er. Seine Enttäuschung machte sich in jähem Zorn Luft.
Dieser Narr, der an das gasförmige Wirbeltier glaubte!
Dieser leisetreterische Jesus, der versuchte, Leute zu seinen
eignen Idiotien zu bekehren! Sebastian begann den Brief
zu falten, um ihn ungelesen in die Tasche zu stecken, be-
schloß aber dann doch zu sehn, was der Mensch zu sagen
hatte.
“Lieber Sebastian”, las er, “bei meiner Rückkehr gestern
hörte ich die aus mehr als einem Grund betrübliche Nach-
richt vom Tod des armen Eustace. Ich weiß nicht, ob Deine
Pläne durch das Geschehene eine Abänderung erfahren
haben; aber wenn Du in Florenz bleibst, vergiß, bitte,
nicht, daß ich einer der ältesten Einwohner bin und auch
eine Art von Cousin und mich sehr freuen werde, Dir zu
helfen, Dich zurechtzufinden. Du wirst mich für gewöhnlich
vormittags in meiner Wohnung antreffen und nachmittags
in der Buchhandlung.”
“In der Buchhandlung”, wiederholte Sebastian ironisch
im stillen. “Und dort kann er auch bleiben, verflucht noch-
mal.” Und dann fiel ihm ganz plötzlich ein, daß dieser
Narr ihm am Ende von einigem Nutzen sein könnte. Ein
Buchhändler, ein Kunsthändler — sehr leicht möglich, daß
sie einander kannten. Greuil wäre vielleicht bereit, dem
andern einen Gefallen zu tun. Und Onkel Eustace hatte
gesagt, der gute Bruno sei bei aller Beschränktheit recht
anständig. Nachdenklich faltete Sebastian den Brief und
steckte ihn in die Tasche.
25. KAPITEL

Ja, das ganze Weltall lachte mit, lachte kosmisch über


den kosmischen Scherz, wie es sich selbst zuschanden
machte; lachte schallend von Pol zu Pol über die uralte
AUerweltshanswurstiade vom Unheil, das guter Absicht auf
dem Fuße folgt. Ein kontrapunktisches Hohngelächter un-
zähliger Stimmen — schneidend schrillen voltairischen Ge-
kläffs, triumphierend über die ratlosen Agonien des
Stumpfsinns und der Dummheit; dröhnenden rabelaisischen
Gegröls wie von Baßgeigen und Fagotten; jubilierend
über Gedärm und Kot und Kopulation, entzückt kollernd
beim Schauspiel unflätiger Roheit, unentrinnbarer Tier-
natur.
Im Einklang mit der universalen Lustigkeit schüttelte er
sich vor Lachen während langer Dauern zunehmenden Be-
hagens, steigender Erheiterung und stolzer Glorie. Und
mittlerweile war da wieder dieses Licht, war da dieser
Kristall leuchtenden Schweigens und strahlte still durch
alle Scharten des zackenden Gelächters. Gar nicht furcht-
erweckend diesmal, sondern sanft und zärtlich blau wie
vorhin, als er Bruno bei seinen Tricks damit erwischt hatte.
Eine blaue, liebevolle Stille, allgegenwärtig, trotz dem
Gekläff und den Fagotten, aber ohne sich aufzudrängen;
schön, aber nicht von dieser strengen, unerträglichen ernsten
Eindringlichkeit, sondern flehend, als bäte sie bescheiden
darum, bemerkt zu werden. Und da war kein Teilhaben
mehr an einer Erkenntnis, kein Selbstzwang zu Scham und
Verurteilung. Nur diese Zärtlichkeit. Aber so leicht war
er nicht zu fangen, er war gewappnet gegen alle diese
kleinen Listen. Dem flehenden Werben dieses blauen
Kristalls von Stille erwiderte er nur mit den Explosionen
seines verachtungsvollen Gelächters, immer schriller, je
zärtlicher schön das Licht wurde, je demütiger das Schwei-
gen, je sanfter und liebkosender sie um seine Aufmerk-
samkeit warben. Nein, nein, nichts dergleichen! Er dachte
wiederum an die Triumphe der Bildung, die Triumphe der
Wissenschaft, Religion und Politik, und seine Lustigkeit
steigerte sich zu einer Art von Raserei. Ein kosmischer
Paroxismus nach dem andern. Welche Lust, welche Macht
und Herrlichkeit! Auf einmal aber gewahrte er, daß das
Gelächter seiner Beherrschung entwachsen war, daß
es eine riesige autonome Hysterie geworden war, die gegen
seinen Willen beharrte, der Pein zum Trotz, die sie ihm
verursachte; mit einem eignen Leben beharrte, das seinem
Leben fremd war, mit einem eignen Zweck, der mit seinem
Wohlbefinden völlig unverträglich war.
Dort außen, hier innen leuchtete diese Stille mit einer
blauen, beschwörenden Zärtlichkeit. Aber nur nichts der-
gleichen, nichts dergleichen! Das Licht war immer sein
Feind. Immer, ob es blau oder weiß war, rosenrot oder
erbsengrün. Er wurde wieder von einem langen peinigen-
den Krampf höhnischen Gelächters geschüttelt.
Dann erfolgte unvermittelt eine Verschiebung des Be-
wußtseins. Wiederum gelangte er zu etwas noch nicht von
einem andern Erlebtem.
Erbebend von der universalen Epilepsie, zeigte sich ihm
ein offenes Fenster; und da stand der gute John und blickte
hinunter auf die Straße. Und was für ein Gewühl dort
unten, was für ein gellendes Geschrei in diesem goldenen
Gewölk von Staub! Dunkle Gesichter, verzerrt und mit
offenem Mund, dunkle Hände, die sich hochreckten und
sich ballten. Tausende und Tausende. Und von rechts, aus
dem in hellem Sonnenlicht liegenden Platz, und aus der
schmalen Gasse unmittelbar gegenüber dem Fenster dräng-
ten sich Trupps beturbanter, schwarzbärtiger Polizisten in
die Menge und schwangen ihre langen Bambusknüttel. Auf
Köpfe und Schultern, auf dünne Handgelenke, zum Schutz
der erschrockenen, schreienden Gesichter erhoben, — Schlag
auf Schlag, ganz methodisch. Wieder ein Lachkrampf. Die
Gestalten schwankten und zerbrachen wie Spiegelbilder in
einem vom Wind gekräuselten Teich und kamen dann
wieder zusammen, als die lachende Raserei erstarb. Ober-
halb, die blaue Zärtlichkeit, war nicht bloß der Himmel
sondern der helle Kristall lebendiger Stille. Methodisch
droschen die Polizisten weiter drauflos. Der Gedanke an
dieses harte oder weiche, auf Knochen oder Fleisch treffende
Aufschlagen war übelkeiterregend deutlich.
“Entsetzlich!” stieß John zwischen den Zähnen hervor.
“Entsetzlich!”
“Es wäre ein noch viel schlimmerer Anblick, wenn die
Japaner nach Kalkutta kämen”, bemerkte eine andre Stimme.
Langsam, widerstrebend, nickte John.
Der berufsmäßig Liberaldenkende, der verzeihliche
Gründe für einen Knüttelangriff der Polizei fand! Wieder
ein quälender Lachkrampf und wieder einer. Spöttisches
Gelächter riß weiter an ihm, wie die Stöße eines Orkans an
zerfetzten Segeln; kratzte die eigenste Substanz seines
Wesens wie mit eisernen Kämmen und Krallen. Aber durch
die Pein hindurch gewahrte Eustace verschwommen, daß
unmittelbar unter dem Fenster ein junger Bursche bewußt-
los hingefallen war, von einem Schlag auf die Schläfe
gefällt. Zwei andre junge Leute beugten sich über ihn.
Plötzlich drang durch das Gekläff und die Fagotte sozu-
sagen eine Erinnerung an wilde, schrille Schreie und angst-
volles wiederholtes Rufen einer unverständlichen Phrase.
Eine Linie von Stahlhelmen bewegte sich über den Platz
vorwärts. Es folgte eine panikartige Bewegung der Menge,
weg von der sich nähernden Gefahr. Gestoßen und stol-
pernd gelang es den beiden jungen Leuten dennoch, ihren
Gefährten vom Boden aufzurichten. Wie bei einem geheim-
nisvollen Ritual wurde der schlaffe Körper des Burschen
schulterhoch gegen die blaue beschwörende Zärtlichkeit der
Stille gehoben. Nur für weriige Sekunden. Dann warf der
Ansturm des furchtgepackten Mobs die drei um. Die Retter
und der Gerettete waren verschwunden, verschlungen von
dem Getrampel und Gedränge. In blindem Schrecken be-
wegte sich die Menge weiter. Ein Sturm freudlosen, wund-
reißenden Lachens blies sie in Vergessenheit. Nur die
leuchtende Stille blieb, zärtlich, beschwörend. Aber Eustace
war allen ihren Finten gewachsen.
Und auf einmal war da ein andres blutüberströmtes
Gesicht. Nicht das Gesicht des namenlosen jungen Inders;
sondern ausgerechnet Jim Poulshots Gesicht. Ja, Jim
Poulshot! Dieses leere Sortierfach, so offenkundig dazu
bestimmt, den mäßig erfolgreichen Börsenmakler von 1949
zu enthalten. Aber Jim war in Uniform und lag am Fuß
eines Dickichts von Bambusrohr, und drei oder vier kleine
gelbe Männer mit Gewehren in den Händen standen um
ihn herum.
“Verwundet!” stöhnte Jim immer wieder mit schwacher,
gebrochener Stimme. “Doktor holen, schnell! Verwundet,
verwundet ...”
Die kleinen gelben Männer brachen alle zugleich in
lautes, fast gutmütiges Gelächter aus. Und wie von einer
Art heimlicher Sympathie ergriffen, schüttelte sich das
ganze Universum und johlte im Chor.
Dann hob plötzlich der eine der Männer den Fuß und
stampfte auf Jims Gesicht. Ein Schrei wurde hörbar. Der
Absatz des schweren, gummibesohlten Stiefels senkte sich
abermals und, mit noch größerer Gewalt, zum drittenmal.
Blut strömte aus dem zerfetzten Mund und der zerquetsch-
ten Nase. Das Gesicht war kaum noch erkennbar.
Entsetzen, Mitleid, Entrüstung — aber im selben Augen-
blick riß ein Stoß rasenden Gelächters wie mit Krallen an
seinem Wesen. “Das leere Fach”, johlten seine Erinne-
rungen weiter. Und dann, mit ununterdrückbarer Schaden-
freude: “Der Börsenmakler von 1949, der mäßig erfolg-
reiche Börsenmakler.”
Vor dem Bambusdickicht lag der Börsenmakler von 1949
regungslos und stöhnte.
Unter den Bam,
Unter den Bus,
Wahrscheinlich nur Verstopfung.

Die Drehorgel vor dem Standesamt in Kensington und


Timmys Erklärung für das, was auf dem Cricketplatz der
Schule geschehn war.

Wahrscheinlich nur,
Wahrscheinlich nur Versto ...

Die kleinen gelben Männer hatten eine kurze Weile in


triumphierendem Schweigen dagestanden. Dann sagte der
eine von ihnen etwas, und wie um zu veranschaulichen, was
er meinte, stieß er sein langes Bajonett Jim Poulshot in die
Brust. Grinsend folgten die andern seinem Beispiel — ins
Gesicht, in den Bauch, in den Hals und die Geschlechts-
teile — wieder und wieder, bis endlich das Schreien ver-
stummte.
Das Schreien verstummte. Aber das Lachen tönte fort —
das Gejohle, das epileptische, das unbeherrschbare, alles
zerreißende Hohngelächter.
Und mittlerweile hatte die Szene sich wiederholt. Das
blutüberströmte Gesicht, der Greuel der Bajonette, aber
alles irgendwie vermengt mit Mimi in ihrem weinroten
Schlafrock. Adesso commincia la tortura — und dann das
Getändel, das Getätschel, das Geschmudel. Und zur selben
Zeit das Stampfen, das Stechen. Und dazu der heilige
Sebastian, umgeben von den Wachsblumen, und die arme
gute Amy, bebend auf dem Standesamt in Kensington, und
Laurina in Monte Carlo, ave verum corpus, der wahre
Leib, der prüde viktorianische Mund, die braunen, blinden
Brustaugen. Und während die Bajonette immerzu stachen
und stachen, war da diese beschämende Belanglosigkeit
einer Lust, die zuletzt zu einer kalten, sich immer wieder-
holenden Friktion wurde, automatisch und zwanghaft.
Und immerzu das Kläffen und die Fagotte, die eisernen
Zähne, die die eigenste Substanz seines Wesens kämmten
und kratzten. Auf immer und ewig-, eine ewige Qual. Aber
er wußte, worauf das Licht es abgesehn hatte. Er wußte,
was zu tun ihn diese blaue Zärtlichkeit der Stille beschwor.
Nein, nein, nur das nicht! Mit voller Absicht wandte er
sich abermals dem sich auftuenden Schlafrock zu, dem zer-
malmten und unkenntlichen Gesicht, der unerträglichen
Pein von Hohngelächter und kalter Lust, der selbsterzwun-
genen, selbstauferlegten; auf immer und ewig.
26. KAPITEL

Es waren fast ebensoviele Treppenstufen wie in der


Norton Street, aber endlich war der fünfte Stock erreicht.
Bevor Sebastian auf den Klingelknopf drückte, hielt er
inne, um wieder zu Atem zu kommen und sich zu sagen,
daß diesmal die Übelkeit der Schwelle doch gewiß völlig
unbegründet sei. Wer war denn Bruno Rontini überhaupt?
Einfach ein gutmütiger alter Schöps, viel zu anständig,
nach allem, was er gehört hatte, um sarkastisch oder
tadlerisch zu werden, und viel zu sehr ein Fremder, trotz
der etwas unbestimmten Verwandtschaft, um das Recht
zu haben, einem Unangenehmes zu sagen, auch wenn er
wollte. Überdies war es gar nicht so, als wäre er, Sebastian,
im Begriff seine Sünden zu beichten oder etwas dergleichen
zu tun. Nein, nein, er wollte doch nicht auf dieser Grund-
lage um Hilfe bitten! Es würde sich darum handeln, die
Sache ganz beiläufig ins Gespräch einfließen zu lassen, so,
als wäre sie schließlich nicht sehr wichtig. “Übrigens,
kennst du zufällig einen Mann namens Greuil?” Und so
weiter, nebenbei, leichthin. Und da Bruno nicht sein Vater
war, gäbe es keine unangenehmen Unterbrechungen; alles
ginge ganz wie geplant. So daß es wirklich keine erdenkliche
Entschuldigung dafür gab, sich so übel zu fühlen. Sebastian
tat drei tiefe Atemzüge und drückte auf den Klingelknopf.
Die Tür wurde fast sogleich geöffnet, und da stand der
alte Bruno, seltsam leichenhaft und hakennasig, in einem
grauen Sweater und roten gewirkten Pantoffeln.
Sein Gesicht leuchtete in einem begrüßenden Lächeln auf.
“Gut”, sagte er, “gut!”
Sebastian ergriff die ihm hingestreckte Hand, murmelte
etwas davon, daß es riesig freundlich von Bruno sei, ge-
schrieben zu haben, und wandte dann das Gesicht ab, in
einem Übermaß der lähmenden Verlegenheit, die ihn
stets befiel, wenn er mit Fremden sprach. Mittlerweile aber
waren in seinem Schädel der Beobachter und der Wort-
bildner eifrig am Werk. Bei Tageslicht, so hatte er bemerkt,
waren die Augen blau und sehr leuchtend. Blaue Feuer in
Knochenbechern, aber nicht einfach nur von Wahrnehmung
entfacht, und gewiß nicht von der unbeteiligten, unmensch-
lichen Neugier, die aus Mrs. Thwales dunkeln Augen ge-
funkelt hatte, als sie in der vergangenen Nacht plötzlich
das Licht einschaltete und er sie erblickte — auf Händen
und Knien über ihn gewölbt wie ein Bogen von weißem
Fleisch. Eine halbe Minute sah sie ihn wortlos lächelnd an.
In den schwarzen, glänzenden Pupillen konnte er mikro-
skopisch klein sein blasses Spiegelbild erkennen. “,Laien-
pfründner der Natur, erst ich lehrte dich lieben'“, hatte sie
dann gesagt. Und die reine Maske hatte sich zu einer
Grimasse zerknittert, sie hatte diesen kleinen Grunzer eines
Lachens ausgestoßen, den schlanken Arm nach der Lampe
gestreckt und das Zimmer abermals in Finsternis getaucht.
Mit einiger Anstrengung exorzisierte Sebastian seine Er-
innerungen. Er blickte abermals in die leuchtend heitern
und außerordentlich freundlichen Augen da vor ihm auf.
“Weißt du”, sagte Bruno, “ich habe dich beinahe er-
wartet.”
“Mich erwartet?”
Bruno nickte, wandte sich um und schritt ihm voraus
durch eine dunkle Kiste von Vorraum in ein kleines Wohn-
schlafzimmer, worin der einzige Luxusgegenstand, außer
der Aussicht über Hausdächer auf ferne Berge, ein Viereck
von Sonnenlicht war, das wie ein riesiger Rubin auf dem
Fliesenboden glühte.
“Setz dich!” Bruno wies auf den bequemeren der zwei
Stühle, und als sie sich niedergelassen hatten, sagte er nach
einer Pause: “Der arme Eustace!” Er hatte eine Art, so
bemerkte Sebastian, Zwischenräume zwischen seinen Wor-
ten zu lassen, so daß alles, was er sagte, gewissermaßen in
eine Fassung von Schweigen eingesetzt war. “Erzähl mir,
wie es geschehn ist.”
Atemlos vor Schüchternheit und ein wenig unzusammen-
hängend begann Sebastian zu erzählen.
Ein Ausdruck von Betrübnis erschien auf Brunos Gesicht.
“So plötzlich!” sagte er, als Sebastian geendigt hatte.
“So ganz ohne Vorbereitung!”
Die Worte gaben Sebastian ein köstliches Uberlegen-
heitsgefühl. Innerlich lächelte er ironisch. Es war fast un-
glaublich, aber der alte Idiot schien tatsächlich ans Höllen-
feuer und ein seliges Ende zu glauben. Mit einem gewollt
ernsten Gesicht, aber innerlich noch immer vergnügt
lachend, blickte er auf und sah die blauen Augen auf sein
Gesicht gerichtet.
“Du denkst dir, das klingt recht komisch?” sagte Bruno
nach der gewohnten Sekunde absichtlichen Schweigens.
Überrascht errötete Sebastian und stammelte: “Aber ich
hab doch ... Ich meine, ich .. .”
“Du meinst, was jeder Mensch heutzutage meint”, sagte
der andre in seinem ruhigen Ton. “Den Tod ignorieren bis
zum letzten Augenblick; dann, wenn er nicht länger igno-
riert werden kann, sich mit Morphium vollspritzen lassen
und in einem Koma abkratzen. Durchaus vernünftig,
menschlich und wissenschaftlich, wie?”
Sebastian zögerte. Er durfte nicht grob werden, weil er
schließlich wollte, daß der alte Schöps ihm helfe. Überdies
schrak er davor zurück, sich auf einen Wortstreit einzu-
lassen, bei dem er durch seine Schüchternheit im voraus
dazu verurteilt wäre, sich lächerlich zu machen. Dennoch,
Unsinn war Unsinn.
“Ich sehe nicht, was daran unrecht ist”, sagte er vor-
sichtig, aber mit einem leisen Unterton fast wie von Trotz.
Er saß verdrossen abgewendet da und wartete auf eine
rechthaberische Entgegnung des andern. Die kam aber
nicht. Auf einen Angriff vorbereitet, sah sich sein Wider-
stand einem freundlichen Schweigen gegenüber und wurde
irgendwie absurd und belanglos.
Bruno sprach endlich. “Ich vermute, Mrs. Gamble wird
sehr bald eine ihrer Seancen veranstalten?”
“Das hat sie schon getan”, sagte Sebastian.
“Armes altes Geschöpf! So eine Gier nach beruhigender
Gewißheit.”
“Ich muß schon sagen ... Na, es ist ziemlich überzeugend,
glaubst du nicht ...”
“Oh, irgend etwas geht wohl dabei vor, wenn du das
meinst.”
Sich der Bemerkung Mrs. Thwales erinnernd, kicherte
Sebastian wissend. “Etwas recht Schamloses”, sagte er.
“Schamloses?” wiederholte Bruno und blickte erstaunt
auf. “Das ist ein sonderbares Wort dafür. Wie kommst du
dazu, es zu gebrauchen?”
Sebastian lächelte verlegen und schlug die Augen nieder.
“Ach, ich weiß nicht”, sagte er. “Es schien mir grade das
richtige Wort zu sein, weiter nichts.”
Wieder folgte ein Schweigen. Durch den Rockärmel
tastete Sebastian nach der Stelle, wo sie die Spur ihrer
Zähne hinterlassen hatte. Ein Berühren schmerzte immer
noch. Zwillingskannibalen im Tollhaus ... Und dann er-
innerte er sich der verdammten Zeichnung und, daß die
Zeit verging, verging. Wie, zum Teufel, sollte er von der
Sache anfangen?
“Schamlos”, sagte Bruno nachdenklich. “Schamlos . . .
Und doch kannst du nicht einsehn, warum man sich aufs
Sterben vorbereiten soll?”
“Na, er schien vollkommen glücklich zu sein”, antwortete
Sebastian, sich gleichsam verteidigend. “Gut aufgelegt und
amüsant, weißt du, wie er im Leben war. Das heißt, wenn
es wirklich Onkel Eustace war.”
“Wenn”, wiederholte Bruno. “Wenn.”
“Du glaubst nicht ...?” fragte Sebastian mit einiger
Überraschung.
Bruno beugte sich vor und legte ihm die Hand aufs Knie.
“Wir wollen uns ganz klar über die Sache werden”, sagte
er. “Eustaces Körper plus ein unbekanntes, nichtkörper-
liches x ist gleich Eustace. Und für unsere gegenwärtigen
Zwecke wollen wir annehmen, daß der arme Eustace so
glücklich und gut aufgelegt war, wie du zu glauben scheinst.
Schön. Es kommt ein Augenblick, wo Eustaces Körper ab-
getan ist; aber angesichts dessen, was bei der Seance der
alten Mrs. Gamble geschieht, sind wir gezwungen zu
glauben, daß x fortbesteht. Doch bevor wir weitergehn,
wollen wir uns fragen, was es wirklich war, was wir bei der
Seance erfahren haben. Wir haben erfahren, daß x plus
dem Körper des Mediums gleich ist einem zeitweiligen
Pseudo-Eustace. Das ist eine Erfahrungstatsache. Aber
was, genau, ist bei alledem x? Und was geschieht mit dem
x, wenn es nicht mit dem Körper des Mediums verbunden
ist? Was geschieht mit ihm?”
“Der Himmel mag's wissen.”
“Sehr richtig. Also wollen wir nicht vorgeben, daß wir
es wissen. Und wir wollen nicht in den Trugschluß ver-
fallen, zu glauben, daß, weil x plus den Körper des Me-
diums glücklich ist und gut aufgelegt, dieses x allein auch
glücklich und gut aufgelegt sein muß.” Er nahm die Hand
von Sebastians Knie und lehnte sich auf seinem Sessel
zurück. “Die meisten Tröstungen des Spiritismus”, fuhr er
nach einer kleinen Pause fort, “scheinen von schlechter
Logik abzuhängen — von Fehlschlüssen aus Tatsachen, die
bei Seancen beobachtet wurden. Wenn die alte Mrs. Gamble
vom ,Sommerland' hört und Sir Oliver Lodge liest, fühlt
sie sich beruhigt; sie ist überzeugt, daß das Jenseits genau
so sein wird, wie das Diesseits ist. Tatsächlich aber sind
Sommerland und Lodge durchaus vereinbar mit Katharina
von Genua und ...” er zögerte, “ja, und sogar mit dem
Inferno.”
“Dem Inferno?” wiederholte Sebastian. “Aber du stellst
dir doch gewiß nicht vor ... ?” Und mit einem letzten
verzweifelten Versuch, sich zu vergewissern, daß Bruno
einfach ein alter Schöps sei, lachte er laut heraus.
Sein spöttisches Lachen fiel in einen Abgrund wohl-
wollenden Schweigens.
“Nein”, sagte Bruno endlich. “Ich glaube nicht an die
ewige Verdammnis. Aber nicht aus irgendeinem Grund,
den ich bei Seancen entdecken kann. Und noch weniger aus
irgendeinem Grund, den ich im Leben dieser Welt ent-
decken kann. Aus andern Gründen. Gründen, die zu-
sammenhängen mit dem, was ich weiß vom Wesen ...”
Er machte eine Pause, und mit einem vorwegnehmenden
Lächeln wartete Sebastian darauf, daß er mit dem Wort
“Gott” daherkomme.
“ . . . des gasförmigen Wirbeltiers”, schloß Bruno. Er
lächelte traurig. “Der arme Eustace! Es gab ihm ein soviel
größeres Gefühl der Sicherheit, diesen Namen zu verwen-
den. Als änderte sich die Tatsache durch den Namen. Und
doch lachte er immer über andre Leute, wenn sie maßlose
Ausdrücke gebrauchten.”
Jetzt wird er mit seinem Bekehrungsfeldzug beginnen,
sagte sich Sebastian.
Statt dessen aber stand Bruno auf, ging zum Fenster,
und ohne ein Wort fing er geschickt die dicke Schmeiß-
fliege, die gegen die Glasscheibe surrte, und schleuderte
sie hinaus in die Freiheit. Am Fenster stehnbleibend,
wandte er sich um und sprach wieder.
“Du hast etwas auf dem Herzen, Sebastian”, sagte er.
“Was ist es?”
Aufgescheucht, in einer Art panischen Argwohns,
schüttelte Sebastian den Kopf.
“Nichts”, beteuerte er; aber einen Augenblick später
verfluchte er sich dafür, die Gelegenheit verpaßt zu haben.
“Und doch bist du, um davon zu sprechen, hergekom-
men.”
Das Lächeln, das die Worte begleitete, entbehrte jeder
Spur von Ironie oder Gönnerhaftigkeit. Sebastian war
beruhigt.
“Ja, also tatsächlich ...” Er zögerte einige Sekunden
und zwang sich dann zu einem recht theatralischen Auf-
lachen. “Weißt du”, sagte er und bemühte sich, es lustig
klingen zu lassen, “ich bin beschwindelt worden. Beschwin-
delt”, wiederholte er mit Nachdruck; denn auf einmal hatte
er gesehn, wie sich die Geschichte erzählen ließe, ohne
Mr. Tendrings Entdeckung zu erwähnen oder die erniedri-
gend mißlungenen Versuche, die Wahrheit zu bekennen,
— einfach als eine Geschichte vertrauensseliger Unerfahren-
heit und (ja, das wollte er zugeben) kindischer Einfältig-
keit, die schamlos ausgebeutet worden waren und nun um
Hilfe flehten. Immer zuversichtlicher werdend, erzählte
er diese redigierte Version des Geschehenen.
“Mir eintausend zu bieten, wenn er sie Onkel Eustace
für siebentausend verkauft hatte!” schloß er entrüstet. “Es
ist einfach glatter Betrug.”
“Tja”, sagte Bruno gedehnt, “sie haben sonderbare Be-
griffe, diese Händler.” Und keiner sonderbarere, hätte er
auf Grund einer einstigen Begegnung mit dem Mann hin-
zusetzen können, als Gabriel Greuil. Jedoch es wäre nichts
damit gewonnen und könnte vielleicht wirklich Schaden
anrichten, wenn er Sebastian erzählte, was er wußte.
“Aber”, fuhr er fort, “was denken denn die oben in der
Villa von der ganzen Sache? Die müssen sich doch gewiß
wundern?”
Sebastian fühlte, wie er errötete. “Sich wundern?” wie-
derholte er fragend und hoffte dabei und gab vor, nicht zu
verstehn, was damit angedeutet war.
“Sich wundern, daß die Zeichnung einfach so verschwin-
den konnte. Und du mußt wohl nicht wenig beunruhigt
sein, nicht wahr?”
Es folgte eine Pause.
Dann nickte Sebastian wortlos.
“Es ist schwierig, eine Sache zu entscheiden”, sagte Bruno
sanft, “wenn man nicht alle Tatsachen kennt, die von Be-
lang sind.”
Sebastian fühlte sich tief beschämt. “Es tut mir leid”, flü-
sterte er. “Ich hätte erklären sollen ...”
Etwas dämlich begann er die Einzelheiten nachzutragen,
die er vorher weggelassen hatte.
Bruno hörte ihn zu Ende, ohne etwas dazu zu bemerken.
Dann fragte er: “Und du wolltest wirklich das Ganze Mrs.
Ockham erzählen?”
“Ich fing grade davon an”, beteuerte Sebastian, “und
dann wurde sie weggerufen.”
“Du hast nicht daran gedacht, es, statt ihr, Mrs. Thwale
zu erzählen?”
“Mrs. Thwale? Gütiger Himmel, nein!”
“Warum, Gütiger Himmel, nein'?”
“Hm, ja ...” Verlegen suchte Sebastian nach einer mög-
lichen Art, darauf zu antworten. “Ich weiß nicht. Ich meine,
die Zeichnung gehörte ja nicht ihr. Sie hatte nichts damit
zu tun.”
“Aber du sagst doch, daß sie es war, die das kleine Mäd-
chen verdächtigte.”
“Ich weiß, aber ...” Zwillingskannibalen im Tollhaus —
und als das Licht aufflammte, hatte aus den Augen über
ihm der Blick einer Zuschauerin gefunkelt, die durch den
Vorhangspalt einer allereigensten Loge eine Komödie ge-
noß. “Mja, irgendwie ist mir das gar nicht eingefallen.”
“Ach so”, sagte Bruno und schwieg ein paar Sekunden.
“Wenn ich die Zeichnung für dich zurückbekommen kann”,
fuhr er endlich fort, “versprichst du mir, sie sogleich Mrs.
Ockham zu geben und ihr die ganze Geschichte zu erzäh-
len?”
“Oh, das verspreche ich!” rief Sebastian eifrig.
Der andre hielt eine knochige Hand empor.
“Nicht so schnell, nicht so schnell! Ein Versprechen ist
etwas Ernstes. Bist du sicher, daß du imstande sein wirst,
dieses zu halten, wenn du es mir gibst?”
“Gewiß! Ganz sicher!”
“Das war auch Simon Peter. Aber Hähne haben die Ge-
wohnheit, im allerungelegensten Augenblick zu krähen ...”
Bruno lächelte humorvoll, aber auch mit einer Art mit-
leidvoller Zärtlichkeit.
“Als ob ich krank wäre”, dachte Sebastian, während er
dem andern ins Gesicht sah, und war gerührt und zugleich
geärgert — gerührt von so viel Besorgnis seinetwegen, aber
geärgert durch das, was sie beinhaltete: nämlich, daß er
krank sei (todkrank, nach dem Blick dieser leuchtend
blauen Augen zu urteilen), erkrankt an der Unfähigkeit,
ein Versprechen zu halten. Und das war wirklich ein biß-
chen stark ...
“Na”, sagte Bruno, “je schneller wir zu Werk gehn desto
besser, eh?”
Er schälte sich aus seinem Sweater, öffnete einen Kasten
und nahm einen alten braunen Rock heraus. Dann setzte
er sich, um seine Schuhe zu wechseln. Über die Schnür-
riemen gebeugt, begann er wieder zu sprechen.
“Wenn ich etwas Unrechtes tue”, sagte er, “oder auch
nur etwas Dummes, finde ich es sehr nützlich — na, nicht
grade eine Bilanz aufzustellen, nein, eher eine genealo-
gische Tabelle anzulegen, wenn du verstehst, was ich meine.
Eine Art Stammbaum der Missetat. Wer oder was waren
die Eltern, die Vorfahren, die Seitenverwandten? Welches
werden voraussichtlich die Nachkommen sein — in meinem
eignen Leben und in dem andrer Menschen? Es ist erstaun-
lich, wie weit ein bißchen ehrliches Nachforschen bringt:
hinunter in die Rattenlöcher des eignen Charakters; zurück
in die Geschichte des Längstvergangenen; hinaus in die
Umwelt; vorwärts in die möglichen Folgen. Es macht einen
begreifen, daß nichts, was man tut, unwichtig ist, und
nichts ganz nur eigne Angelegenheit.” Der letzte Knoten
war geknüpft; Bruno stand auf. “Ja, ich glaube, das ist
alles”, sagte er, als er den Rock anzog.
“Nur noch das Geld”, mummelte Sebastian unbehaglich.
Er zog seine Brieftasche hervor. “Ich hab nur noch etwa
tausend Lire davon. Wenn du mir den Rest leihen könn-
test ... Ich werd's zurückzahlen, sobald ich nur irgend-
wie ...”
Bruno nahm das Bündel Scheine und reichte einen davon
Sebastian zurück. “Du bist kein Franziskaner”, sagte er.
“Jedenfalls noch nicht — allerdings eines Tages vielleicht,
aus bloßer Selbstverteidigung gegen dich selbst ...” Er
lächelte fast spitzbübisch, stopfte das übrige Geld in die
Hosentasche und griff nach seinem Hut.
“Ich glaube nicht, daß ich sehr lange weg sein werde”,
sagte er, von der Tür zurückblickend. “Du wirst reichlich
genug Bücher finden, um dich zu amüsieren, — das heißt,
wenn du ein Betäubungsmittel willst, — was du hoffentlich
nicht willst. Ja, ich hoffe, du willst das nicht”, wiederholte
er mit plötzlichem, eindringlichem Ernst. Dann wandte er
sich um und ging.
Sich selbst überlassen, setzte sich Sebastian wieder.
Es war natürlich ganz anders verlaufen, als er es sich
vorgestellt hatte; aber sehr gut. Besser, tatsächlich, als er
je zu hoffen gewagt hatte, — nur daß er wirklich wünschte,
er hätte nicht damit angefangen, diese redigierte Version
des Geschehnen zu erzählen. Erst zu versuchen, bessere Fi-
gur zu machen, und dann erniedrigend eingestehn zu müs-
sen, daß es nicht wahr war! Jeder andre hätte die Ge-
legenheit ergriffen, ihm eine fürchterliche Pauke zu halten.
Nicht Bruno, allerdings. Er war dem Mann von Herzen
dankbar für seine Duldsamkeit. Die Anständigkeit zu be-
sitzen, ihm zu helfen, ohne es ihn erst durch eine Predigt
entgelten zu lassen, — das war wirklich außerordentlich.
Und er war auch gar kein Dummkopf. Was er da gesagt
hatte, über die Genealogie einer Missetat zum Beispiel ...
“Die Genealogie einer Missetat”, flüsterte er in die
Stille hinein, “der Stammbaum ...”
Er begann an die Lügen zu denken, die er gebraucht
hatte, und an alle ihre verzweigten Vorbedingungen und
Begleiterscheinungen und Folgen. Er hätte natürlich nicht
lügen sollen; aber andrerseits, wenn nicht diese idiotischen
Grundsätze seines Vaters gewesen wären, hätte er nicht zu
lügen brauchen. Und wenn nicht die Elendsviertel und die
reichen Männer mit Zigarren, wie der arme Onkel Eustace,
gewesen wären, hätte sein Vater nicht diese idiotischen
Grundsätze gehabt. Und doch war Onkel Eustace
grundgütig und anständig gewesen. Wogegen dieser anti-
faschistische Professor — man würde ihm nicht über den
Weg trauen. Und wie langweilig die meisten dieser links-
stehenden Freunde seines Vaters aus den untern Klassen
waren! Wie unaussprechlich öde! Aber öde und langweilig,
so mahnte er sich, für ihn; und das war wahrscheinlich sein
Fehler. Genau so, wie es sein Fehler war, daß dieser
Abendanzug ihm so unentbehrlich vorgekommen war —
weil andre Burschen einen hatten; weil diese Mädel zu
Tom Boveneys Abend kämen. Aber man sollte sich nicht
darum kümmern, was andre Leute taten oder dachten;
und die Mädel würden sich wahrscheinlich nur als wieder
ein Vorwand für sinnliches Tagträumen erweisen, dem
von nun an bestimmt war, durchgeistert zu werden von Er-
innerungen an die Wirklichkeit der gestrigen Nacht un-
vorstellbarer Schamlosigkeit und Selbstentfremdung. Kan-
nibalen im Tollhaus — und die Tür dieses Tollhauses war
verschlossen worden und hatte die letzte Möglichkeit, die
Wahrheit zu sagen, ausgeschlossen. Mittlerweile beteuerte
in einem überfüllten Häuschen am entlegensten, unbesuch-
ten Ende des Gartens vielleicht grade in diesem Augen-
blick bei einem zornigen Kreuzverhör ein Kind unter
Tränen seine Unschuld. Und wenn Schläge und Drohungen
der Kleinen nicht entreißen könnten, was sie nicht wußte,
würde diese alte Teufelshexe, diese Mrs. Gamble, darauf
bestehn, die Polizei rufen zu lassen; und dann würden alle
ausgefragt werden, alle — und natürlich auch er selbst.
Aber wäre er imstande, bei seiner Geschichte zu bleiben?
Und wenn die Polizei sich einfallen ließe, zu Greuil zu
gehn und ihn zu befragen, welchen Grund hätte der, ihr
die Wahrheit vorzuenthalten? Und dann ... Sebastian
schauderte. Aber jetzt war, Gott sei Dank, der gute Bruno
ihm zu Hilfe gekommen. Die Zeichnung würde zurück-
gekauft werden; er würde Tante Daisy die ganze Sache
eingestehn — auf seine unwiderstehliche Art, so daß sie zu
weinen begänne und sagen würde, er sei genau so wie
Frankie, — und alles wäre in Ordnung. Die Kinder seiner
Lügen blieben entweder ungeboren oder würden in der
Wiege erwürgt, und die Lüge selbst wäre wie nie aus-
gesprochen. Ja, für alle praktischen Zwecke könnte man
nun sagen, daß sie nie ausgesprochen worden sei. “Nie”,
sagte sich Sebastian mit Nachdruck, “nie!” Seine Stimmung
hob sich. Er begann zu pfeifen, und plötzlich gewahrte er
in blitzartiger, lustvoller Erleuchtung, wie gut dieser
Gedanke einer Genealogie des Übeltuns in den Plan seines
neuen Gedichts passen würde. Muster aus Atomen; aber
ein Chaos von Molekülen im Stein. Bestimmte Muster aus
lebenden Zellen und Organen und physiologischen
Funktionen; aber ein Chaos menschlichen Tuns und
Verhaltens in der Zeit. Und doch waren sogar in diesem
Chaos Gesetzmäßigkeit und Logik; es gab da eine
Geometrie sogar der Verderbnis. Das Quadrat der Lust war
sozusagen gleich der Summe aus den Quadraten der
Eitelkeit und des Müßiggangs. Die kürzeste Entfernung
zwischen zwei Begierden war die Gewalttat. Und was
war's mit den Lügen, die er erzählt hatte? Was war's mit
Verrat und gebrochenen Versprechen? Wortgebilde began-
nen sich in seinem Geist zu formen.

Belial, seine wulstigen Lippen, und Geiz, Einen


fallenfest schließenden Sphinkter gespitzt, Geben
den lustvoll verlängerten Judaskuß ...

Er zog Bleistift und Notizblock hervor und begann zu


schreiben. “ ... den lustvoll verlängerten Judaskuß.” Und
nach Judas die Kreuzigung. Aber der Tod hatte viele Vor-
fahren außer Habgier und Falschheit; noch viele andre For-
men außer freiwilligem Märtyrertum. Er erinnerte sich
eines Artikels, den er irgendwo gelesen hatte, über die Art
des nächsten Kriegs. “Die toten Kinder”, schrieb er,

“Die toten Kinder wie Unrat auf den Straßen,


Sobald es die Bomber geschaßt, der herzensträge
Biedermann mordet sie, während er schnarcht. Es mordet
Calvin, der Vater eines Tausends Huren,
Auf Kanzeln, vernunftgemäß, als logischen Schluß ...”

Eine Stunde verging, dann knarrte ein Schlüssel in der


Wohnungstür. Erstaunt, und zugleich ärgerlich über die
unwillkommene Unterbrechung, tauchte Sebastian aus den
Tiefen seiner selbstvergessenen Versunkenheit auf und
blickte zur Tür.
Bruno begegnete seinem Blick und lächelte.
“Eccolo!'' sagte er und hielt ein flaches rechteckiges Pa-
ket in braunem Papier hoch.
Sebastian sah hin und konnte sich eine Sekunde lang
nicht denken, was es war. Dann erkannte er es; aber so
völlig hatte er sich selbst überzeugt, daß Bruno Erfolg
hätte und all seine Schwierigkeiten bereits überstanden
seien, daß der tatsächliche Anblick der Zeichnung ihn fast
gleichgültig ließ.
“Ach, das Dingsda”, sagte er, “der Degas.” Dann wurde
ihm klar, daß er schon aus bloßer Höflichkeit etwas wie
Dankbarkeit und Freude zeigen müsse, und er hob die
Stimme und rief: “Oh, ich danke dir, ich danke dir! Ich
kann dir gar nie ... Ich meine, du warst so unglaublich
gütig ...”
Bruno sah ihn an, ohne etwas zu sagen. “Ein kleiner
Cherub in grauer Flanellhose”, dachte er, sich der Phrase
erinnernd, die Eustace auf dem Bahnhof gebraucht hatte.
Und es war wahr: dieses Lächeln war engelhaft, wenn-
gleich berechnet. Dieser junge Mensch hatte etwas schön
und übernatürlich Unschuldiges, auch wenn er, wie jetzt,
so offenkundig Theater spielte. Und nebenbei, warum
sollte er Theater spielen? Und wenn man die Panik in
Betracht zog, in der er vor einer Stunde gewesen, warum
fühlte er sich nun nicht aufrichtig froh und dankbar? Wäh-
rend Bruno in der zarten Schönheit dieses Gesichts da vor
ihm forschte, suchte er vergebens nach einer Antwort auf
seine Fragen. Er konnte nichts andres darin finden als die
grobe Tatsache dieser seraphischen Naivität, die unter der
kindischen Heuchelei bezaubernd hervorschien; dieser
Arglosigkeit sogar absichtlicher Verschlagenheit. Und eben
dieser Arglosigkeit wegen würden die Menschen ihn immer
lieben — immer, zu welchem Tun oder Lassen er auch ver-
führt würde. Aber das war noch keineswegs die gefähr-
lichste Folge davon, ein Seraph zu sein — und zwar ein
Seraph außerhalb des Himmels, der seligen Schau beraubt,
ja sogar ohne eine Ahnung vom Dasein Gottes. Nein, die
gefährlichste Folge wäre die, daß er, was immer er tun
oder lassen mochte, infolge der Schönheit seiner ihm inne-
wohnenden Unschuld dazu neigen würde, sich die heil-
samen Qualen der Zerknirschung zu ersparen. Da er engel-
haft war, würde er geliebt werden, nicht nur von andern,
sondern auch von sich selbst — durch dick und dünn, mit
einer Liebe, die von keiner geringeren Gewalt als der eines
großen Unglücks zu bezwingen wäre. Wiederum fühlte sich
Bruno von einem tiefen Mitgefühl bewegt. Sebastian, der
zur Zielscheibe Vorbestimmte, das zarte und strahlende
Ziel Gott allein wußte welcher unvermuteter Schwärme
von Pfeilen — durchdringender Genüsse, mit Lob vergif-
teter und mit Widerhaken versehener Erfolge; und dann,
wenn die Vorsehung so gnädig wäre, ein Gegengift zu
senden, welcher Schmerzen und Demütigungen und Nieder-
lagen ...
“Du hast etwas geschrieben?” fragte er endlich, Block
und Bleistift bemerkend und sie zum Vorwand nehmend,
um das lange Schweigen zu brechen.
Sebastian errötete und verstaute beides in seine Taschen.
“Ich habe darüber nachgedacht, was du sagtest, grade
bevor du weggingst”, antwortete er. “Darüber, daß Dinge
Stammbäume haben, weißt du ...”
“Und du hast die Stammbäume der Fehler ausgearbeitet,
die du gemacht hast?” fragte Bruno hoffnungsvoll.
“Nein, nicht grade das. Ich habe ... Mja, siehst du, ich
arbeite an einem neuen Gedicht, und das alles schien so
gut hineinzupassen . . .”
Bruno dachte an die Unterredung, von der er soeben
kam, und lächelte mit einer Spur ziemlich wehmütiger Be-
lustigung. Gabriel Greuil hatte zu guter Letzt nachgegeben;
aber keineswegs gute Miene dazu gemacht. Gegen seinen
Willen — denn er hatte sein möglichstes getan, die Szene
zu vergessen, — erinnerte sich Bruno der häßlichen Worte,
die gesprochen worden waren, der leidenschaftlichen
Gesten dieser behaarten und wunderschön manikürten
Hände, des wutverzerrten blassen Gesichts. Er seufzte, legte
seinen Hut und die Handzeichnung auf ein Büchergestell
und setzte sich.
“Das Evangelium der Dichtkunst”, sagte er gedehnt.
“Im Anfang waren die Wörter, und die Wörter waren bei
Gott und die Wörter waren Gott. Hier endet die erste,
letzte und einzige Lektion.”
Es wurde sehr still. Sebastian saß ganz regungslos, mit
abgewandtem Gesicht, und starrte zu Boden. Er schämte
sich und nahm es zugleich übel, daß er gezwungen worden
war, sich zu schämen. Schließlich war doch nichts Schlechtes
am Dichten. Also warum sollte er nicht dichten, wenn er
sich dazu aufgelegt fühlte?
“Darf ich sehn, was du geschrieben hast?” fragte Bruno
endlich.
Sebastian errötete abermals, mummelte, daß es nichts
tauge, reichte dem andern aber schließlich den Schreibblock.
“ ,Belial, seine wulstigen Lippen' “, begann Bruno und
las dann stumm weiter. “Gut”, sagte er, als er zu Ende
war. “Ich wollte, ich könnte die Sache so kraftvoll aus-
drücken. Wenn ich's imstande gewesen wäre”, fügte er mit
einem leisen Lächeln hinzu, “hättest du die Zeit vielleicht
damit ausgefüllt, deinen Missetatenstammbaum zu ermit-
teln statt etwas zu schreiben, das andre Leute vielleicht
dazu bewegen könnte, den ihren zu ermitteln. Aber du hast
eben das Glück gehabt, als Dichter geboren zu werden.
Oder ist es ein Unglück?”
“Ein Unglück?” wiederholte Sebastian.
“Jede gute Fee ist potentiell auch eine böse Fee.”
“Warum?”
“Weil es leichter ist, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr
gehe, denn daß ein Reicher ...” Er ließ den Satz unvoll-
endet.
“Aber ich bin doch nicht reich”, widersprach Sebastian
und dachte grollend daran, was die Knauserigkeit seines
Vaters ihn zu tun gezwungen hatte.
“Nicht reich? Lies deine eigenen Verse!” Bruno gab ihm
den Schreibblock zurück. “Und wenn du das getan hast,
sieh dir dein Bild im Spiegel an!”
“Oh, ich verstehe . . .”
“Und in Frauenaugen — denn die sind auch Spiegel,
wenn sie nahe genug kommen”, fügte Bruno hinzu.
Wenn sie nahe genug kommen — und hinunterblicken
auf die Komödie, und wenn in ihrem Glanz das mikro-
skopische Bild des Laienpfründners der Natur erscheint.
In heftigstem Unbehagen fragte sich Sebastian, was dieser
Mensch wohl als nächstes sagen werde, aber zu seiner gro-
ßen Erleichterung nahm das Gespräch eine weniger per-
sönliche Wendung.
“Und doch —”, fuhr Bruno nachdenklich fort, “einer ge-
wissen Anzahl der innerlich Reichen gelingt es wirklich,
durch das Nadelöhr zu gehn. Bernhard, zum Beispiel. Und
vielleicht auch Augustin, obgleich ich mich stets frage, ob
er nicht etwa das Opfer seines unvergleichlichen Stils war.
Und Thomas von Aquino. Und offenbar Franz von Sales.
Aber es sind wenige, sehr wenige. Die große Mehrzahl der
Reichen bleibt stecken oder versucht es überhaupt nicht.
Hast du je eine Lebensbeschreibung Kants gelesen?” fragte
er wie nebenhin. “Oder Nietzsches?”
Sebastian verneinte stumm.
“Na, vielleicht solltest du's auch lieber nicht”, sagte
Bruno. “Wenn man sie liest, fällt es einem schwer, nicht
unnachsichtig zu sein. Und gar Dante ...” Er schüttelte den
Kopf, und es folgte ein Schweigen.
“Onkel Eustace sprach von Dante”, versuchte Sebastian
das Gespräch wieder in Gang zu bringen. “Am letzten
Abend — kurz bevor ...”
“Was sagte er?”
Sebastian versuchte, so gut er konnte, das Wesentlichste
des Gesprächs wiederzugeben.
“Und er hatte vollkommen recht”, sagte Bruno, als Se-
bastian zu Ende war. “Nur daß Chaucer natürlich keine
Lösung des Problems ist. Auf eine gewisse Art weltlich
zu sein und unübertrefflich gut über diese Welt zu schrei-
ben, ist auch nicht besser, als auf eine andre Art weltlich zu
sein und hervorragend gut übers Jenseits zu schreiben.
Nicht besser für einen selbst, heißt das. Was die Wirkung
auf andre betrifft ...” Er lächelte und zuckte die Achseln.
“ ,Mag Augustin nur seine Plage haben' oder

,e la sua volontate e nostra pace; ell'è


quel mare al quäl tutto si move, ciò
ch'ella crea e ehe natura face.'

Ich weiß, welchen von beiden ich wählen würde. Kannst du


übrigens Dante im Original lesen?”
Sebastian schüttelte den Kopf, versuchte aber sogleich,
sein Eingeständnis von Unwissenheit durch ein wenig
Prahlen wettzumachen.
“Wenn's Griechisch wäre oder Lateinisch oder Franzö-
sisch .. .”
“Leider ist's Italienisch”, warf Bruno völlig sachlich ein.
“Aber Italienisch ist des Lernens wert, und wär's nur um
dessentwillen, was diese Verse für einen tun können. Und
doch —”, fügte er hinzu, “wie wenig sie für den Mann
getan haben, der sie tatsächlich schrieb! Der arme Dante
— die Art, wie er sich auf die Schulter klopft dafür, daß
er einer so vornehmen Familie angehört! Ganz zu schwei-
gen davon, daß er der einzige Mensch ist, dem es je
erlaubt war, den Himmel zu besuchen, bevor er starb!
Und nicht einmal im Paradies kann er aufhören, über
zeitgenössische Politik zu zetern und zu toben. Und so-
bald er zur Sphäre der Kontemplativen gelangt, wovon
läßt er da Benedikt und Peter Damian reden? Nicht von
der Liebe oder der Befreiung oder von der Übung der
Gegenwart Gottes — nein, nein, sie verbringen ihre ganze
Zeit so, wie Dante die seine zu verbringen liebte: indem
sie den schlechten Lebenswandel andrer anprangern und
ihnen mit dem Höllenfeuer drohn.” Traurig schüttelte
Bruno den Kopf. “So eine Verschwendung so ungeheurer
Gaben — es ist zum Weinen!”
“Warum, glaubst du wohl, hat er sich auf diese Weise
verschwendet? “
“Weil er wollte. Und wenn du fragst, warum er es
auch dann noch wollte, als er geschrieben hatte, daß
Gottes Wille unser Friede sei, so ist die Antwort darauf,
daß das eben die Art ist, wie das Genie arbeitet. Es hat
Einblicke in das Wesen der letzten Wirklichkeit, und es
gibt der so erlangten Erkenntnis Ausdruck. Gibt ihr
entweder explizite Ausdruck, in Zeilen wie ,e la sua
volontate è nostra pacé, oder implizite, zwischen den Zei-
len sozusagen, indem es schön schreibt. Und natürlich kann
man über alles schön schreiben, angefangen von Chaucers
Frau aus Bath bis zu Baudelaires affreuse juive und Grays
im Goldfischglas ertrunkener Katze Selima. Und überdies
vermitteln einem die ausdrücklichen Aussagen über die
Wirklichkeit nicht sehr viel, wenn nicht auch sie poetisch
geschrieben sind. Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit Schön-
heit. Die Wahrheit über die Schönheit steht in den Zeilen
und die Schönheit der Wahrheit zwischen den Zeilen.
Wenn diese weißen Zwischenräume bloß leer sind, sind
die Zeilen bloß ... bloß die frommen Lieder im Gesang-
buch.”
“Oder ein später Wordsworth”, warf Sebastian ein.
“Ja, und vergiß den sehr frühen Shelley nicht!” sagte
Bruno. “Der Puerile kann ebenso albern sein wie der
Senile.” Er lächelte Sebastian an. “Nun, also wie ich sagte”,
fuhr er in anderm Ton fort, “explizite oder implizite geben
Genies ihrer Erkenntnis der Wirklichkeit Ausdruck. Aber
sie selbst handeln sehr selten nach ihrer Erkenntnis. Und
warum? Weil ihre ganze Energie und Aufmerksamkeit
von der Arbeit des Schaffens in Anspruch genommen wird.
Sie befassen sich mit Schreiben, nicht mit Handeln oder
Sein. Aber da sie sich nur mit dem Schreiben über das be-
fassen, was sie erkannt haben, hindern sie sich dadurch,
mehr zu erkennen.”
“Was meinst du damit?” fragte Sebastian.
“Erkenntnis ist dem Sein proportional”, antwortete
Bruno. “Man erkennt kraft dessen, was man ist; und was
man ist, hängt von dreierlei ab: was man ererbt hat, wie
die Umgebung auf einen einwirkte und, was man mit Um-
gebung und Erbteil zu tun beschließt. Ein genialer Mensch
erbt ein ungewöhnliches Vermögen, in die letzte Wirk-
lichkeit Einsicht zu haben und dem, was er sieht, Ausdruck
zu verleihn. Ist seine Umgebung halbwegs günstig, wird
er imstande sein, seine Kräfte zu betätigen. Verwendet er
aber alle seine Energien aufs Schreiben und versucht nicht,
sein ererbtes und erworbenes Sein im Lichte dessen, was er
erkannt hat, zu verbessern, kann es ihm nie gelingen, seine
Erkenntnisse zu vermehren. Im Gegenteil, er wird fort-
schreitend weniger wissen, statt mehr.”
“Weniger statt mehr?” wiederholte Sebastian fragend.
“Weniger statt mehr”, bestätigte der andre. “Wer nicht
besser wird, wird schlechter, und wer schlechter wird, ist in
einer Lage, wo er immer weniger und weniger vom Wesen
der letzten Wirklichkeit weiß. Umgekehrt natürlich, wenn
man besser wird und mehr weiß, wird man versucht sein,
mit dem Schreiben aufzuhören, weil die einen ganz in An-
spruch nehmende Arbeit des Dichtens ein Hindernis aut
dem Weg zu weiterer Erkenntnis ist. Und das ist vielleicht
einer der Gründe, daß die meisten genialen Menschen sich
solche unendliche Mühe geben, nicht Heilige zu werden,
— aus reinem Selbsterhaltungstrieb. So haben wir einen
Dante, der engelhafte Verse über den Willen Gottes
schreibt und mit dem nächsten Atemzug seinen Rache-
gelüsten und Eitelkeiten Luft macht. So erhält man einen
Wordsworth, der Gott in der Natur anbetet und Bewun-
derung, Hoffnung und Liebe predigt, während er die ganze
Zeit einen Ichkult treibt, der die Leute, die ihn persönlich
kennen, einfach starr vor Staunen macht. So erhält man
einen Milton, der ein ganzes Epos dem ersten Ungehorsam
des Menschen widmet und beharrlich einen Stolz zeigt, der
seines eigenen Luzifers würdig ist. Und zuletzt”, fügte er
mit einem kleinen Auflachen hinzu, “erhält man Jung-Se-
bastian, der die Wahrheit eines wichtigen allgemeinen
Grundgesetzes erkennt — der Wechselbeziehung alles Bö-
sen — und seine ganze Energie darauf verwendet, nicht
etwa nach seiner Erkenntnis zu handeln — was langweilig
wäre, sondern sie in Verse zu verwandeln — was ihm ein
reiner Genuß ist. ,Calvin, der Vater eines Tausends Huren'
ist recht gut, das gebe ich dir zu; aber etwas Persönliches
und Praktisches wäre vielleicht noch besser gewesen, meinst
du nicht? Immerhin, wie ich schon sagte, im Anfang waren
die Wörter, und die Wörter waren bei Gott, und die
Wörter waren Gott.” Er stand auf und ging zur Küchentür.
“Und nun wollen wir sehn, was wir zu einem Lunch zu-
sammenkratzen können.”
27. KAPITEL

Nach dem Mittagessen gingen sie ein paar Sehens-


würdigkeiten besichtigen, und als Sebastian sich endlich
auf den Heimweg machte, war seine Phantasie von den
Fresken in San Marco und von den Mediceergräbern
erfüllt. Die Sonne stand bereits tief, als er die steile,
staubige Straße zur Villa hinaufging; da waren Schätze
von blauen Schatten, Flächen, nicht von Mauerwerk oder
Stuck, sondern von Bernstein, Bäume und Gras, die von
übernatürlicher Bedeutsamkeit glühten. Glückselig, in einer
Stimmung müheloser Wachheit und Passivität wie ein
offenäugiger Schlafwandler, der sieht, dessen Sehvermögen
aber irgendwie nicht sein eignes ist, der fühlt und denkt,
aber auf eine Weise, die keine persönliche Beziehung mehr
hat, und mit einem völlig freien und unbedingten Geist,
so wanderte er durch den ihn tatsächlich umgebenden
strahlenden Glanz, durch die Erinnerung an das erst vor
so kurzer Zeit Gesehene und Gehörte — an die riesigen
glatten Marmorgestalten, die wie von Licht durchfluteten
Heiligen an den weißgetünchten Wänden der Kloster-
zellen, die Worte, die Bruno gesprochen hatte, als sie aus
der Mediceerkapelle kamen.
“Michelangelo und Fra Angelico — Apotheose und
Deifikation.”
Apotheose — die Persönlichkeit erhoben und gesteigert,
vergöttert, bis die Person aufhört, bloß Mensch zu sein,
und gottgleich wird, einer der Olympier wie dieser leiden-
schaftlich nachdenkliche Krieger, wie diese mächtigen
Titaninnen, die nackt über dem Sarkophag sinnen. Und im
Gegensatz zur Apotheose Vergottung — die Persönlichkeit
vernichtet in Allerbarmen, in Vereinigung, so daß der
Mensch endlich sagen kann: “Nicht ich, sondern Gott in mir.”
Indessen war hier wieder die Ziege, die an den Wistaria-
blüten geknabbert hatte im Licht der Autoscheinwerfer,
am ersten Abend, dem letzten mit Onkel Eustace. Diesmal
aber hatte sie eine halbgekaute Rose aus dem Mundwinkel
hervorstehn — wie Carmen in der Oper, so daß sie nun zu
den vorgestellten Klängen des “Auf in den Kampf,
Toreador” an das Gittertor des Gartens herankam und ihn,
noch immer langsam an der Rose kauend, durch die Stäbe
ansah. In den gelben Augen waren die Pupillen zwei
schmale Schlitze reinster, schwärzester Geistlosigkeit. Se-
bastian streckte die Hand aus und streichelte die lange
Krümmung einer edeln semitischen Nase, liebkoste sechs
warme und muskulöse Zoll eines Hängeohrs und ergriff
dann eins der Teufelshörner. Carmen begann ungeduldig
rückwärtszutreten. Er packte fester zu und versuchte, sie
vorwärtszuziehen. Mit einer jähen, kraftvollen Kopf-
wendung befreite sich die Ziege und sprang die Stufen
hinauf, und ihr großes schwarzes Euter schwabbelte. Auf
der obersten Stufe blieb sie stehn, ließ ein halbes Dutzend
Exkrementpillen fallen, reckte den Hals und rupfte sich
eine andre Rose, für ihr Auftreten im zweiten Akt. Se-
bastian wandte sich ab und ging schlafwandlerisch glück-
lich weiter durch den Sonnenschein des Spätnachmittags
und seine Erinnerungen. Aber auf dem Grund seiner Ge-
danken war er sich unbehaglich der andern, unbeachteten
Wirklichkeiten bewußt — der Lügen, die er gebraucht hatte,
der bevorstehenden Aussprache mit Tante Daisy. Und viel-
leicht war dieses unglückselige kleine Mädchen ausgefragt,
verprügelt, mit Essenentzug bestraft worden? Aber nein,
er weigerte sich, sein Glücksgefühl aufzugeben, bevor es
unbedingt nötig wäre. Carmen mit ihrer Rose und ihrem
weißen Bart; Marmor und Fresken; Apotheose und Deifi-
kation. Aber warum nicht Apotragose und Caprifikation?
Er lachte laut heraus. Und doch hatte ihm, was Bruno sagte,
als sie auf der Piazza del Duomo standen und auf die
Tram warteten, tiefen Eindruck gemacht. Apotheose und
Deifikation — die einzigen Wege, um dem unaussprech-
lichen Überdruß zu entkommen, dem albernen und ent-
würdigenden Greuel, einzig nur man selbst zu sein, nur
menschlich zu sein. Zwei Wege; wirklich aber führte nur
der zweite hinaus ins Freie. Der erste erwies sich, obgleich
er offenbar viel mehr versprach und bei weitem anziehen-
der war, ausnahmslos nur als eine großartige Sackgasse.
Unter Triumphbogen, durch Alleen von Statuen und
Springbrunnen, marschierte man mit großem Pomp auf
endgültige Vereitelung los, feierlich und heroisch, und
stieß mit voller Wucht an die unübersteigliche Schranke
der eignen Selbstheit. Und diese Schranke war natürlich
aus solidem Marmor und mit den Kolossalstatuen der
eignen Kraft, Großmut und Weisheit geschmückt, aber
darum nicht weniger eine Mauer als das grotesk häßlichste
der Laster dort unten in dem alten, allzu menschlichen
Gefängnis. Wogegen der andre Weg ... Aber da war
schon die Tram gekommen.
“Du warst unglaublich gut zu mir”, hatte er gestammelt,
als sie einander die Hand drückten, und dann, plötzlich
von seinem Gefühl fortgerissen: “Du hast mich so viel sehn
machen ... Ich will wirklich versuchen ... wirklich .. .”
Der gebräunte hakennasige Schädel hatte gelächelt, und
die Augen in ihren tiefen Höhlen hatten aufgeleuchtet von
Zärtlichkeit und, abermals, von Mitleid.
Ja, hatte sich Sebastian wieder gesagt, während die Tram
durch die engen Gassen zum Fluß kroch, er wollte es
wirklich versuchen. Versuchen, ehrlicher zu sein, weniger
an sich selbst zu denken, mehr mit Menschen und wirklichen
Ereignissen zu leben und nicht so ausschließlich mit Wör-
tern. Wie gräßlich er war! Selbsthaß und Reue mischten
sich harmonisch mit den Gefühlen, die durch das Spät-
nachmittagslicht und die fesselnde Fremdheit dessen, was
es beleuchtete, hervorgerufen waren, durch San Marco und
die Mediceerkapelle, durch Brunos freundliche Güte und
alles, was er gesagt hatte. Und allmählich hatte seine Stim-
mung aus ihrer ursprünglich ethischen Tonart nach einer
andern moduliert — aus der Exaltation von Reue und
guten Vorsätzen in die Seligkeit losgelöster poetischer
Kontemplation, in diesen himmlischen schlafwandlerischen
Zustand, worin er sich noch immer befand, als er um die
letzte Kehre der Straße kam und die schmiedeeisernen
Torflügel zwischen den schlanken Steinpfeilern erblickte,
die feierliche Prozession von Zypressen, die sich zur Villa
hinzog und um die Kontur des Abhangs dem Blick ent-
schwand.
Er trat durch die kleine Pforte für Fußgänger. Der
feine Kies der Allee machte ein köstlich knirschendes Ge-
räusch unter seinen Füßen. Da kam plötzlich zwischen zwei
hohen Zypressen, zwanzig oder dreißig Schritte vor ihm,
eine kleine schwarze Gestalt in die Zufahrt herausgelaufen.
Mit einem Aufschrecken und einem gräßlichen Gefühl
jäher Leere im Magen erkannte Sebastian das kleine Mäd-
chen mit dem Jätkorb, erkannte die Inkarnation seines
unbeachteten schuldbewußten Gewissens, die Botin einer
Wirklichkeit, die er in seinem schlafwandlerischen Los-
gelöstsein vergessen hatte. Als die Kleine ihn erblickte,
hielt sie inne und stand und starrte ihn mit runden schwar-
zen Augen an. Ihr Gesicht, so gewahrte Sebastian, war
blasser als gewöhnlich, und sie hatte offenbar geweint.
O Gott! . . . Er lächelte ihr zu, rief ein “Hallo” und
schwenkte freundlich die Hand. Aber bevor er noch fünf
Schritte weitergegangen war, hatte die Kleine sich umge-
wendet und war wie ein furchtsames Tier auf dem Fuß-
pfad, den sie gekommen war, hinweggeeilt.
“Bleib doch!” rief er ihr nach.
Aber natürlich blieb sie nicht; und als er zu der Lücke
zwischen den Bäumen kam, war sie nirgends mehr zu sehn.
Und auch wenn er ihr nachgegangen wäre und sie gefun-
den hätte, so überlegte er, hätte es nichts genützt. Sie ver-
stand kein Englisch, und er sprach nicht italienisch. Düster
machte er kehrt und ging weiter, auf das Haus zu.
Niemand von der Dienerschaft war zu sehn, als er ein-
trat, und er hörte keinen Laut aus dem Salon. Gott sei
Dank, die Luft war rein! Er ging auf den Zehenspitzen
durch die Halle und begann die Treppe hinaufzusteigen.
Auf der letzten Stufe vor dem ersten Stock hielt er an.
Laute waren an sein Ohr gedrungen. Irgendwo, hinter
einer dieser geschlossenen Türen sprachen Leute. Sollte er
durch die unsichtbare Blockade schlüpfen und weitergehn
oder den Rückzug antreten? Sebastian zögerte noch, als die
Tür des Raums, der das Zimmer des armen Onkels Eustace
gewesen war, aufgestoßen wurde und die alte Mrs. Gamble
heraustrat, in dem einen Arm dieses Hundevieh, am
andern von Tante Daisy geführt. Ihnen folgte eine blasse,
kuhähnliche Person, in der Sebastian das Medium erkannte.
Dann kam Mrs. Thwale und dicht hinter ihr — zu seinem
Entsetzen — Gabriel Greuil und, offenbar, Mme. Greuil.
“... so ganz anders als die okzidentale Kunst”, hörte er
Greuil sagen. “Sie, zum Beispiel, würden wohl kein Ver-
langen haben, sich als gotische Madonna zu fühlen — nicht
wahr, Madame?”
Greuil schlängelte sich an Mrs. Thwale und dem Me-
dium vorbei und ergriff Mrs. Ockham am Ärmel.
“Nicht wahr?” wiederholte er dringlicher, als sie stehn-
blieb und sich ihm zuwandte.
“Also ich weiß wirklich nicht...” erwiderte Mrs. Ockham
ungewiß.
“Was sagt er da?” fragte die Königin-Mutter scharf.
“Ich kann kein Wort verstehn.”
“So ein Trecento-Faltenwurf —” fuhr Monsieur Greuil
fort, “viel zu hart und emphatisch!” Er schnitt eine Gri-
masse der Qual und umfaßte mit der linken mitleidig lieb-
kosend die Finger seiner rechten Hand, als hätten sich die
soeben in einer Mausefalle gefangen. “Qué barbaridad!”
Noch immer die Augen fest auf die Gefahr am andern
Ende des Korridors gerichtet, trat Sebastian lautlos von
der höchsten Stufe auf die nächsttiefere zurück.
“Ein chinesisches Objekt hingegen —”, fuhr Monsieur
Greuil fort, und statt gequält sah sein volles ausdrucks-
fähiges Gesicht verzückt aus, “un petit bodhisattva, par
exemple ...”
Noch eine Stufe zurück und hinunter.
.... mit seinen Gewändern in Verflüssigung. Wie Butter
im August. Keine Heftigkeit, keine gotischen Falten —
einfach quelques volutes savantes et peu profondes ...”
Wollüstig liebkoste die dicke blasse, behaarte Hand
die Luft.
“Welch ein Fest für die Fingerspitzen! Was für eine
sublime Sensualität! Welche ...”
Noch eine Stufe. Aber diesmal war seine Bewegung zu
jäh. Foxi VIII. wandte seine untrügliche Nase dem Treppen-
haus zu und begann, in Mrs. Gambles Umarmung zappelnd,
wie rasend zu kläffen.
“Aber das ist ja Sebastian!” rief Mrs. Ockham entzückt.
“Komm doch und laß dich Monsieur und Madame Greuil
vorstellen!”
Mit dem Gefühl eines Verbrechers auf dem Weg zur
Hinrichtung stieg Sebastian langsam die letzten drei Stufen
des Schafotts hinauf und ging auf den Block zu. Das Gekläff
wurde noch hysterischer.
“Sei still, Foxi!” schnarrte die Königin-Mutter. Dann
milderte sie Befehl durch vernünftiges Zureden. “Er ist ja
schließlich “, fügte sie hinzu, “ein völlig harmloser Junge.
Völlig harmlos.”
“Sebastian Barnack, der Neffe meines Stiefvaters”, er-
klärte ihn Mrs. Ockham den Greuils.
Sebastin blickte auf und erwartete einem Lächeln iro-
nischen Wiedererkennens zu begegnen, einer wortreichen
Erklärung, daß Greuil ihn bereits kenne. Aber die Frau
neigte nur höflich den Kopf, während ihr Mann ihm die
Hand entgegenstreckte und sagte:
“Entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen.”
“Sehr erfreut”, erwiderte Sebastian murmelnd und ver-
suchte, so auszusehn und sich so zu benehmen wie bei
einem gewöhnlichen, bedeutungslosen Vorgestelltwerden.
“Ohne Zweifel”, sagte Monsieuer Greuil, “teilen Sie die
Kunstliebe Ihres Onkels?”
“Oh, ganz gewiß .. . Ich meine, ich ...”
“Die chinesische Sammlung allein!” Monsieur Greuil
schlug die Hände zusammen und blickte himmelwärts.
“Und daß er das meiste davon in seinem Schlafzimmer
behielt”, fuhr er fort und wandte sich zurück an Mrs.
Ockham, “für keine andern Augen als die seinen! Welches
Zartgefühl, welche Sensibilität!”
“Ich würde das ganze Zeug verkaufen, wenn ich du
wäre, Daisy”, warf die Königin-Mutter ein. “Verkaufs
gegen bar und kauf dir einen Rolls. Es ist eine Ersparnis,
zu guter Letzt.”
“Wie wahr!” hauchte Monsieur Greuil im Ton eines
Mannes, der ehrfürchtig einem Ausspruch Rabindranath
Tagores Bewunderung zollt.
“Also, ich weiß nicht recht, was den Rolls betrifft”, sagte
Mrs. Ockham, die darüber nachgedacht hatte, wie sie das
Geld verwenden könnte, um ihren armen Mädchen zu
helfen. Dann wechselte sie, um weitere Diskussion zu ver-
meiden, hastig den Gesprächsgegenstand. “Ich wollte mit
Monsieur Greuil wegen der Zeichnung sprechen”, fuhr sie
fort, sich an Sebastian wendend. “Darum hat Veronica ihn
nach dem Lunch angerufen, und er hat die Liebenswürdig-
keit gehabt, sogleich herzukommen.”
“Gar keine Liebenswürdigkeit”, widersprach Monsieur
Greuil. “Ein Vergnügen und zugleich eine heilige Pflicht
gegenüber dem Andenken unseres teuren Dahingeschiede-
nen.” Er legte die Hand aufs Herz.
“Monsieur Greuil ist sehr optimistisch”, fuhr Mrs. Ockham
fort. “Er glaubt nicht, daß sie gestohlen wurde. Tatsächlich
ist er fest überzeugt, daß sie sich wiederfinden wird.”
“Daisy, du redest Unsinn”, kläffte die Königin-Mutter.
“Niemand kann überzeugt sein, was diese Zeichnung be-
trifft, außer Eustace. Darum habe ich Mrs. Byfleet wieder
herbestellt — und je schneller wir zu unserer Seance kom-
men, desto besser.”
Es entstand ein Schweigen, und Sebastian wußte, daß
dies der Augenblick war, sein Versprechen zu halten. Wenn
er nicht jetzt handelte, wenn er nicht sogleich die Zeichnung
übergab und erklärte, was geschehn war, könnte es viel-
leicht zu spät sein. Aber in der Öffentlichkeit sein Geständ-
nis zu machen, vor diesem gräßlichen Menschen und der
Königin-Mutter und Mrs. Thwale — die Aussicht war ent-
setzlich. Und doch hatte er es versprochen, er hatte es ver-
sprochen! Er schluckte krampfhaft und fuhr sich mit der
Zungenspitze über die trockenen Lippen. Aber es war Mrs.
Gamble, die sein Schweigen unterbrach.
“Nichts wird mich überzeugen, daß sie nicht gestohlen
wurde”, sagte sie mit Nachdruck. “Nichts außer einer Ver-
sicherung aus Eustaces eigenem Mund.”
“Nicht einmal die Tatsache, daß sie sich schon gefunden
hat?” fragte Monsieur Greuil.
Seine Augen blinzelten, sein Ton und Ausdruck waren
die eines Mannes auf der Schwelle eines entzückten Ge-
lächters.
“Sich schon gefunden hat?” wiederholte Mrs. Ockham.
Wie ein Zauberkünstler ein Kaninchen zum Vorschein
kommen läßt, streckte Monsieur Greuil die Hand aus und
zog mit einem kleinen Ruck das dünne, flache Paket unter
Sebastians linkem Arm hervor.
“In der Originalverpackung”, sagte er, während er den
Bindfaden abstreifte. “Ich erkenne mein papier d'em-
ballage.” Und mit einem Schwung, als wäre es diesmal
nicht ein Kaninchen sondern ein Einhornjunges, zog er die
Zeichnung hervor und überreichte sie Mrs. Ockham. “Und
unser jeune farceur hier”, fuhr fort, “der sich ganz still
verhält und gar nichts sagt, mit einer Trauermiene wie bei
einem Begräbnis ...” Er platzte mit einem lauten Auf-
lachen heraus und schlug Sebastian auf die Schulter.
“Was ist das, was ist das?” schrie die Königin-Mutter
und schoß blinde Blicke von einem Gesicht zum andern.
“Der Junge hat sie gefunden? So?”
“ ,Elle est retrouvee' “, deklamierte Monsieur Greuil.
“,Elle est retrouvée.
Quoi? L'éternité.
C'est la mer allée
Avec le soleil.'
Aber ernsthaft, mein Freund, ernsthaft ... wo? Doch nicht
etwa an dem Ort, wo, wie ich immer sagte, sie sein müsse?
Nicht im ...?” Er machte eine Pause, neigte sich dann vor
und flüsterte Sebastian ins Ohr: “... an dem Ort, wohin
sogar der König zu Fuß geht — enfin, dans le cabinet de
toilette?”
Sebastian zögerte einen Augenblick und nickte dann.
“Es ist dort ein kleiner Zwischenraum zwischen der
Hausapotheke und der Wand”, murmelte er.
28. KAPITEL

Pein und Gejohle. Alpträume von Grausamkeit und


kalter Lust, und dieses ununterdrückbare Hohngelächter,
das unablässig am Kern seines Wesens riß. Immerzu, ohne
Ende. Und die Dauern wurden länger und zunehmend
länger mit jeder Wiederholung der sich immer mehr stei-
gernden Qual.
Nach einer Ewigkeit kam die Erlösung wie mit einem
Ruck, wie durch ein Wunder, kam mit einem plötzlichen
Sturz aus bloßem unzusammenhängendem Nacheinander
in die vertraute Geordnetheit der Zeit; kam mit dem viel-
fältigen Gezwitscher von Sinneswahrnehmungen, dem
flatternden Bewußtsein, einen Körper zu haben. Und dort
draußen lag der Raum; und in dem Raum waren Körper —
sinnlich wahrgenommene Beweise für andre, verwandte
Geister.
“Es sind zwei alte Bekannte bei uns heute abend”, hörte
er die Königin-Mutter mit ihrer gespenstischen Feldwebel-
stimme sagen. “Monsieur und Madame — wie ist übrigens
der Name?”
“Greuil”, und “Gabriel Greuil”, antworteten eine weib-
liche und eine männliche Stimme gleichzeitig.
Und ganz gewiß, es waren die flämische Venus und ihr
grotesker Vulcan.
“,Wo jedes Bild entzücket'“, singsangte er, “,und nur
der Mensch ein Greuil Frere, Bruxelles, Paris, Firenze
Aber wie gewöhnlich verstand die schwachsinnige Dol-
metscherin es alles falsch. Indessen hatte der Kunsthändler
zu ihm über die chinesischen Bronzen zu sprechen begonnen.
Welch einen Geschmack der Sammler solcher Schätze be-
sitze, welche Kennerschaft, welches Feingefühl! Dann kam
in feierlichem Ernst, der in lächerlichem Gegensatz zu
ihrem soubrettenhaften französischen Akzent stand, Ma-
dame Greuil mit etwas über die kalligraphische Polyphonie
dieser Bronzen herausgerückt.
Wie köstlich absurd!
“Er findet Sie komisch”, quiekte die Dolmetscherin und
brach in ein schrilles Kichern aus.
Aber diese Greuils, so gewahrte Eustace plötzlich, waren
viel mehr als bloß komisch. Auf irgendeine Weise waren
sie ungeheuer bedeutungsvoll und wichtig. Auf irgendeine
geheimnisvolle Weise waren sie epochemachend — ja, es
gab kein andres Wort dafür. Sie waren unbedingt epoche-
machend.
Er glaubte an der Schwelle der Entdeckung zu sein,
genau wie und warum sie epochemachend waren, als plötz-
lich die Königin-Mutter hineinplatzte:
“Ich vermute, du beginnst dich nun schon zu Hause zu
fühlen auf der andern Seite”, schnarrte sie.
“Zu Hause”, wiederholte er mit sarkastischem Nachdruck.
Aber diese Schwachsinnige brachte das Wort als eine
recht überschwengliche Feststellung einer Tatsache hervor.
“Na klar, er fühlt sich ganz wie zu Hause”, quiekte sie.
Dann äußerte die Königin-Mutter, es wäre vielleicht
nett für diejenigen, die noch nie an einer Séance teilge-
nommen hatten, wenn er ihnen etwas Beweiskräftiges
sagte; und sie begann eine Reihe ganz idiotischer Fragen
auf ihn abzufeuern. Wieviel habe er für diese Hand-
zeichnungen gezahlt, die er von Monsieur Greuil kaufte?
Wie heiße das Hotel, wo er in Paris gewohnt habe? Welche
Bücher habe er gelesen an dem Tag, in dem er hinüber-
gegangen sei? Und dann ließen sich auch Mrs. Thwale und
die beiden Greuils vernehmen. Und das Gespräch wurde
so unzusammenhängend, so sinnlos trivial, daß er verwirrt
wurde, es schwierig fand, geradlinig zu denken oder sich
auch nur der vertrautesten Tatsachen zu erinnern. Rein
aus Notwehr wandte er seine Aufmerksamkeit von der
Bedeutung dessen, was zu ihm gesprochen wurde, ab und
konzentrierte sich dafür auf den bloßen Klang der Wörter,
auf Tonhöhe und Klangfarbe und Stärke der verschiedenen
Stimmen. Und kontrapunktisch zu diesen Lauten von außen
vernahm er die gedämpften Rhythmen von Blut und Atem,
den ununterbrochenen Strom der Botschaften von diesem,
seinem zeitweiligen Körper. Wärmeempfindungen und
Druckempfindungen, Feuchtendes und Kitzelndes, ein
Dutzend kleiner Schmerzchen und Steifheiten, obskurer
eingeweidlicher Unzufriedenheiten und Befriedigungen:
Schätze körperlicher Wirklichkeit, unmittelbar erlebt und
selber schon so fesselnd, daß es gar nicht nötig war, sich um
andre Leute zu kümmern, daß es gar keinen Sinn hatte,
zu denken oder Mitteilungsversuche zu machen. Es genügte,
einfach dieses Gefühl von Raum und Zeit und den Lebens-
vorgängen zu haben. Nichts sonst war erforderlich. Dies
allein schon war das Paradies.
Und dann wurde Eustace sich durch das dunkle, zwit-
schernde Vogelhaus seiner Sinnesempfindungen hindurch
abermals jener blauen, leuchtenden Stille bewußt. Zart,
unaussprechlich schön, wie die Essenz aller Himmel und
Blumen, wie das stumme Prinzip und der Keim aller
Musik. Und liebevoll, sehnsüchtig, flehend.
Unterdessen aber strömte langsam durch die Nasenlöcher
Luft ein und aus, kühl beim Einatmen, warm, fast bis zur
Unspürbarkeit, beim Ausatmen; und wenn die Brust sich
ausdehnte und zusammenzog, folgte auf die Anstrengung
eine herrliche Mühelosigkeit, auf Spannung ein Entspannen,
wieder und wieder. Und welche Lust, den Wellen des
Bluts zu lauschen, wie sie an die Trommelfelle schlugen,
das Pochen unter der Haut der Schläfen zu fühlen! Wie
fesselnd, die vermischten Geschmäcke von Knoblauch und
Schokolade, Rotwein und — ja — gerösteten Nieren, die auf
Zunge und Gaumen geisterten, zu analysieren! Und dann
wurden auf einmal durch etwas wie ein köstlich harmo-
nisches und koordiniertes Erdbeben aller Muskeln des
Mundes und der Kehle die Ansammlungen von Speichel
geschluckt; und einen Augenblick später verkündete ein
schwaches Kollern von unterhalb des Zwerchfells, daß die
Vorgänge der Verdauung rastlos weitergingen. Das schien
die letzte Bestätigung zu bringen, sein Gefühl paradiesischer
Behaglichkeit zu vervollständigen und zu vervollkomm-
nen. Und auf einmal entdeckte er, daß er sich des heiligen
Sebastians erinnerte und der ausgestopften Kolibris, des
Geschmacks von Zigarrenrauch auf einem von altem Kognak
erwärmten Gaumen, daß er sich Mimis erinnerte und des
jungen Mannes aus Peoria und seiner Sammlung von Tat-
sachen zur Veranschaulichung der lächerlichen und kata-
strophalen Folgen des Idealismus; sich alles dessen nicht
mit Scham oder Selbstverurteilung erinnerte, sondern mit
unverhohlenem Genuß oder schlimmstenfalls mit belustigter
Nachsicht. Das Licht blieb und war überall gegenwärtig;
aber sein Gefühl innerhalb eines Leibes zu sein, war eine
wirksame Schranke gegen alle Einbruchsversuche dieses
Lichts. Hinter seinen Sinnesempfindungen war er sicher
vor jedem Zwang, sich selbst zu erkennen, wie er erkannt
wurde. Und diese Greuils, so gewahrte er nun, diese Venus
mit ihrem schwärzlichen Vulcan, konnten die Werkzeuge
seiner dauernden Erlösung von dieser grausigen Erkennt-
nis werden. Eine lebendige uterine Finsternis erwartete
ihn dort, ein vegetativer Himmel. Von der Vorsehung für
ihn bereit gehalten, von einer Vorsehung lebendigen Flei-
sches, begierig, ihn ganz in sich aufzunehmen, voll sehn-
süchtigen Verlangens, ihn zu halten und zu hätscheln und
zu wiegen, ihn zu nähren mit der ureigensten Substanz
ihres köstlich fleischlichen und blutlichen Seins.
Flehend verstärkte das Licht seine leuchtende Stille. Er
aber wußte, worauf es aus war. Er war gewappnet gegen
solche Listen. Und übrigens war es möglich, sich das Beste
aus Mozart und aus dem Kasino zu holen — von Mimi und
dem Abendstern zwischen den Zypressen; durchaus mög-
lich, immer vorausgesetzt, man besaß einen Körper, der
einen gegen die Listen des Lichts schützte. Und dieser
Schutz war einfach auf Verlangen zu haben; oder wurde
einem vielmehr angeboten, eifrig, mit einer Art geistloser
Begeisterung ...
Auf einmal hörte das Gequieke der Schwachsinnigen auf,
nichts andres als eine Sinnesempfindung zu sein, und be-
gann wieder etwas zu bedeuten.
“Lebt wohl, Leutchen, lebt wohl!”
Und von dort, von außerhalb der Finsternis, kam ein
antwortender Chor von Lebewohlen, die mit jedem Augen-
blick matter, undeutlicher und verworrener wurden. Und
alle diese köstlichen Botschaften von seinem Körper da —
auch die schwanden. In der Volière hörte alles Gezwitscher
und Geflatter auf. Und plötzlich gab es ihm etwas wie
einen Ruck, und er war wieder draußen aus der behag-
lichen Welt, in der die Zeit eine regelmäßige Aufein-
anderfolge und jeder Ort bestimmt und fest war, — draußen
im Chaos und Delirium des entfesselten Geistes. In diesem
undeutlichen Fließen von herrenlosen Bildern und Gedan-
ken und Worten und Erinnerungen, die nahezu selbstän-
dig und unabhängig waren, blieben zwei Dinge bestehn:
die zarte Allgegenwart des Lichts und das Wissen, daß es
eine nährende Finsternis von Fleisch und Blut gab, worin
er, wenn er wollte, Erlösung von dem Licht finden konnte.
Aber hier war wiederum das Geflecht von Beziehungen
und er selbst mitten drin, und er bewegte sich von Knoten-
punkt zu Knotenpunkt, von einer, einem Muster ange-
hörenden Figur zu ihrer seltsam verzerrten Projektion in
einem andern Muster. Bewegte sich, glitt, und auf einmal
war er da und legte vorsichtig seine Zigarre in die Onyx-
schale und wandte sich, um die Hausapotheke zu öffnen.
Es folgte etwas wie ein seitliches Abrutschen, sozusagen
ein Sturz durch die Verschlingungen des Geflechts — und er
wußte, daß er sich an Ereignisse erinnerte, die noch nicht
stattgefunden hatten. Er erinnerte sich eines Tags gegen
Ende des Sommers, eines heißen, wolkenlosen Tags, und
Flugzeuge dröhnten über den Himmel — durch die leuch-
tende Stille. Denn die Stille war noch immer da, leuchtend
und allgegenwärtig liebevoll; war noch immer da, trotz
allem, was auf der langen geraden Landstraße zwischen
den Pappeln geschah. Tausende von Menschen, die sich alle
in der einen Richtung bewegten, alle von derselben Furcht
gejagt. Menschen zu Fuß, die Bündel auf dem Rücken tru-
gen, Kinder auf den Armen trugen; Menschen, die auf
hochbeladenen Karren hockten; Menschen, die Fahrräder
schoben, an deren Lenkstangen Koffer geschnallt waren.
Und hier war Greuil, dickbäuchig und kahlköpfig, und
schob einen grünen Kinderwagen, vollgestopft mit unge-
rahmten Bildern und holländischem Silber und chinesischem
Jade, mit einer bemalten Holzmadonna, die wie betrunken
schwankend dort stand, wo der Kopf des Kindes hätte sein
sollen. In der größeren Üppigkeit ihrer herannahenden
mittleren Jahre humpelte die vlämische Venus ihm nach,
keuchend unter der Last einer blauen Maroquin-Reise-
kassette und ihres Sealskinmantels. “Je n'en peux plus”,
stöhnte sie immer wieder, “je n'en peux plus.” Und manch-
mal, verzweifelnd: “Suicidons-nous, Gabriel!” Über den
Kinderwagen gebeugt, antwortete Greuil nicht und sah sich
nicht einmal um, aber der kleine, spindelbeinige Junge,
der in lächerlich weiter Golfhose neben ihr herging, drückte
der Mutter die Hand, und wenn sie ihm ihr tränenfleckiges
Gesicht zuwandte, lächelte er ermutigend zu ihr auf.
Zur Linken, jenseits einer lohfarbenen Weite von Stop-
pelfeldern und einigen Marktgärtnereien, brannte eine
ganze Stadt, und der Rauch, der hinter den Türmen einer
von der Sonne beleuchteten Kirche in der Vorstadt auf-
wallte, breitete sich, als er höherstieg, durch die leuchtende
Stille zu einem Ungeheuern Trichter bräunlichen Dunkels
aus. Das Geräusch fernen Geschützfeuers erschütterte die
Sommerluft. Aus der Nähe, von einem verlassenen Bauern-
gehöft, kam das rasende Muhen ungemolkener Kühe, und
plötzlich waren die Flugzeuge wieder über dem Ganzen.
Die Flugzeuge — und fast im selben Augenblick wurde ein
andres Dröhnen vernehmbar: auf der Straße, hinter allen
diesen Menschen. Undeutlich zuerst; aber die Kolonne fuhr
mit voller Geschwindigkeit, und mit jeder Sekunde schwoll
der Lärm erschreckend an. Rufen und Schreien und ein
panisches Drängen zum Straßengraben — die Raserei und
blinde Heftigkeit der Furcht. Und plötzlich stand da Greuil,
wie ein Irrsinniger heulend, neben seinem umgekippten
Kinderwagen. Ein Pferd scheute, wieherte, bäumte sich
zwischen den Deichseln; der Karren bewegte sich mit einem
plötzlichen Ruck rückwärts und streifte Madame Greuil mit
wuchtigem Anprall an der Schulter. Sie taumelte ein paar
Schritte, versuchte das Gleichgewicht wiederzugewinnen,
da fing sich einer ihrer hohen Absätze an einem Stein,
und sie fiel aufs Gesicht. “Maman!” schrie der kleine Junge
auf. Aber bevor er sie von der Straße wegzerren konnte,
war das erste der riesigen Lastautos über den zappelnden
Körper gerollt. Für eine Sekunde entstand eine Lücke in
der Schreckensszene und ließ zwischen den Bäumen die
ferne Kirche sichtbar werden, hell vor dem wallenden
Rauch, im Sonnenschein leuchtend wie ein geschliffenes
Juwel. Dann fuhr, ganz gleich dem ersten, das zweite Last-
auto vorbei. Der Körper lag völlig regungslos.
Eustace aber war wieder allein mit dem Licht und der
Stille. Allein mit dem Urgrund aller Himmel, aller Musik
und liebevollen Zärtlichkeit. Und auch mit den Möglich-
keiten alles dessen, was Himmel und Musik und sogar lie-
bevolle Zärtlichkeit zu offenbaren unfähig waren. Für einen
Augenblick, für eine Ewigkeit, war es ein völliges Teil-
haben und Einssein. Dann kehrte qualvoll die Erkenntnis
des Gesondertseins zurück, die beschämende Wahrnahme
seiner eignen, häßlichen und obszönen Undurchsichtigkeit.
Doch im selben Augenblick war auch die Erinnerung an
diese epochemachenden Greuils da, das Wissen, daß sie ihm,
wenn er wollte, Befreiung von diesem Übermaß des Lichts
bringen könnten.
Immer neue Lastautos rollten einher, alle vom selben
Graugrün, voll von Männern und klirrendem Metall. In
der Pause zwischen dem vierten und fünften gelang es Leu-
ten, die Leiche von der Straße wegzuziehn. Ein Mantel
wurde über sie geworfen.
Noch immer weinend ging Greuil nach einiger Zeit zu-
rück, um zu sehn, ob er nicht doch Bruckstücke von der
Krone und den Fingern der Holzmadonna finden könne.
Eine dicke, rotwangige Frau legte dem Knaben den Arm
um die Schultern und führte ihn weg, ließ ihn sich am
Fuß einer Pappel hinsetzen. Der Knabe kauerte da, das
Gesicht in den Händen, und sein Körper zitterte und wurde
von Schluchzen erschüttert. Und plötzlich wurde nicht mehr
von außen an ihn gedacht. Die Qual dieses Schmerzes und
Grauens wurde unmittelbar gekannt, durch ein identifizier-
rendes Mitleiden — nicht als eine seine, sondern als eine
meine. Eustace Barnacks Bewußtsein von dem Knaben war
eins geworden mit dem Bewußtsein des Knaben von sich
selbst; es war dieses Bewußtsein.
Dann erfolgte wieder eine Verschiebung, und wieder war
das Bild des kleinen Knaben nur eine Erinnerung an ein
andres Wesen. Entsetzlich, entsetzlich! Und doch, trotz die-
sem Entsetzlichen, welch eine Wonne war es, die Wellen
des Bluts in den Ohren pochen und pochen zu fühlen! Er
erinnerte sich der warmen, köstlichen Empfindung, voll
von Speise und Trank zu sein, und des Gefühls von leben-
digem Fleisch, des aromatischen Geruchs von Zigarren-
rauch ... Aber hier war wieder das Licht, das Leuchten der
Stille. Nur das nicht, nur das nicht! Entschlossen und ent-
schieden wandte er sich davon ab.
29. KAPITEL

Gleich nach dem Frühstück schlüpfte Sebastian aus dem


Haus und eilte, rannte beinahe, den Abhang hinab zur
Haltestelle der Tramway. Er mußte Bruno sehn, mußte
mit ihm sobald als möglich sprechen und ihm erzählen,
was geschehn war.
Während er dann auf die Tram wartete, wechselte in
seinem Gemüt ein überwältigendes Schuldbewußtsein mit
einem anklägerischen Gekränktsein ab, daß er einem mo-
ralischen Druck ausgesetzt worden war, dem zu widerstehn
über die Kräfte jedes gewöhnlichen Menschen gegangen
wäre. Er hatte sein Versprechen gebrochen — das Ver-
sprechen, das halten zu können er so prahlerisch zuversicht-
lich gewesen war, und nun kam zu seiner Missetat noch
diese Demütigung. Aber wer hätte sich auch vorstellen kön-
nen, daß Greuil dabeisein werde? Wer hätte vorhersehn
können, daß der Kerl sich auf diese außerordentliche Weise
benehmen werde? Eine ganze Geschichte zu erfinden, da-
mit er, Sebastian, sie erzähle, und sie ihm förmlich auf-
zuzwingen! Ja, ihn zum Lügen zu zwingen, sagte er sich
immer wieder zu seiner Rechtfertigung. Ihn gegen sein
besseres Urteil, gegen seinen Willen zu zwingen! Denn
war er nicht wirklich grade daran gewesen, mit der Wahr-
heit herauszurücken, dort im Korridor, vor ihnen allen?
Als dann die Tram kam, hatte sich Sebastian nun schon
überredet, daß es so gewesen war. Er hatte grade den
Mund geöffnet, um Tante Daisy alles zu sagen, als aus
einem unbekannten und dunkeln Grund dieser Aaskerl sich
eingemischt und ihn gezwungen hatte, sein Versprechen zu
brechen. Aber das Pech mit dieser Geschichte war, so über-
legte er, als die Tram über den Lungarno ratterte, daß
Bruno sie anhören und dann nach einem kurzen Schweigen
ganz ruhig ein paar Fragen stellen würde, durch die sie
zusammenfiele wie ein angestochener Ballon. Und er stünde
dann da und würde sich an die schmählichen Restchen noch
einer Lüge klammern und doch der Notwendigkeit nicht
entgehn, die frühere Unwahrheit einzugestehn. Nein, es
wäre besser, Bruno von vornherein die jämmerliche Wahr-
heit zu sagen — daß er gleich begonnen hatte, davonzu-
laufen, und dann, als er sich in die Enge getrieben sah,
Greuil nur allzu dankbar gewesen war dafür, ihm den
Weg gezeigt zu haben, sein Versprechen zu brechen und
seine kostbare Haut in Sicherheit zu bringen.
Aber hier war die Ecke, wo es zu Brunos Wohnung ging.
Die Tram hielt; er stieg aus und begann die schmale Gasse
entlangzugehn. Ja, im Grund war er diesem Greuil tat-
sächlich dankbar gewesen dafür, ihm das Lügen so leicht
zu machen.
“Herrgott, ich bin gräßlich”, flüsterte er vor sich hin,
“wirklich gräßlich!”
Der teerige Geruch von Bologneserwurst kam ihm in die
Nase. Er blickte auf. Ja, hier war sie schon — die kleine
pizzicheria neben dem Haus, wo Bruno wohnte.
Er trat durch das hohe Tor und begann die Treppe hin-
aufzusteigen. Auf dem zweiten Absatz merkte er, daß
Leute von einem höheren Stockwerke herabkamen; und
plötzlich erblickte er jemand, der aussah wie ein Soldat
oder Polizist und mit einer dämlichen Miene angenomme-
ner Majestät über den Treppenabsatz herstolzierte. Se-
bastian drückte sich an die Wand, um ihn vorbeizulassen.
Eine Sekunde später kamen drei Männer um die Biegung
der Treppe in Sicht. Ein Mann in Uniform voran, ein Mann
in Uniform als letzter, und zwischen ihnen, seine alte Reise-
tasche in der Hand, schritt Bruno. Als er Sebastian er-
blickte, zog er sogleich die Stirn in Falten, spitzte die Lip-
pen, um die Notwendigkeit des Schweigens anzudeuten,
und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Dem Wink fol-
gend, schloß Sebastian den schon geöffneten Mund und
versuchte leer und unbeteiligt dreinzusehn. Schweigend
gingen die drei Männer an ihm vorbei, wandten sich dann
einer nach dem andern und verschwanden die Treppe hin-
unter.
Sebastian stand da und horchte auf den Klang der sich
entfernenden Schritte. Wo sein Magen hätte sein sollen,
war eine gräßliche ahnungsvolle Leere. Was bedeutete das
alles? Was konnte es nur bedeuten? Die waren jetzt am
Fuß der Treppe, und nun gingen sie durch den Hausflur.
Dann plötzlich war nichts mehr zu hören; sie waren auf die
Straße hinausgegangen. Sebastian eilte ihnen nach, und
hinausspähend sah er grade noch den letzten der Polizisten
in ein wartendes Auto steigen. Die Tür wurde zugeschla-
gen, der alte schwarze Fiat fuhr an, bog gleich nach dem
Wurstladen links ein und verschwand. Lange Zeit starrte
Sebastian ohne zu sehn auf die Stelle, wo das Auto ge-
standen hatte, und begann dann langsam den Weg zurück-
zugehn, den er gekommen war.
Eine Berührung am Ellbogen ließ ihn zusammenfahren
und den Kopf wenden. Ein hochgewachsener, knochiger
junger Mann ging neben ihm her.
“Sie kamen, um Bruno zu sehn?” fragte er in schlechtem
Englisch.
Sebastian, der sich der Erzählungen seines Vaters von
Polizeispitzeln und agents provocateurs erinnerte, ant-
wortete nicht sogleich. Sein Argwohn drückte sich aber
wohl in seiner Miene aus; denn der junge Mann runzelte
die Stirn und schüttelte den Kopf.
“Nicht haben Sie Furcht”, sagte er fast zornig. “Ich sein
Brunos Freund. Malpighi — Carlo Malpighi.” Er wies mit
der Hand. “Gehn wir hier hinein.”
Vier breite Stufen führten zum Eingang einer Kirche.
Sie stiegen sie hinauf und schoben den schweren Leder-
vorhang beiseite, der in der offenen Tür hing. Am andern
Ende des hohen, gewölbten Tunnels brannten einige Ker-
zen gelb in dem vom Geruch schalen Weihrauchs erfüllten
Zwielicht. Außer einer Frau in Schwarz, die am Altar-
gitter betete, war niemand zu sehn.
“Was ist geschehn?” flüsterte Sebastian, als sie im Innern
waren.
Mit seinem gebrochenen Englisch kämpfend und vor
kummervoller Gemütserregung unzusammenhängend stam-
melnd, versuchte der junge Mann zu antworten. Ein Freund
Brunos — ein Angestellter bei der Polizeidirektion — sei
gestern abend gekommen, um ihn davor zu warnen, was
man vorhabe. In einem schnellen Auto hätte er leicht die
Grenze erreichen können. Es gebe eine Menge Leute, die
fast jedes Wagnis unternommen hätten, um ihm zu helfen.
Aber Bruno habe sich geweigert; er wollte nicht, er wollte
einfach nicht.
Die Stimme des jungen Mannes brach, und in dem
Dämmerlicht konnte Sebastian sehn, daß ihm große Trä-
nen über die Wangen herabrollten.
“Aber was haben die gegen ihn gehabt?” fragte Se-
bastian.
“Er ist denunziert worden, daß er mit einigen von Cac-
ciaguidas Agenten in Verbindung steht.”
“Cacciaguida?” wiederholte Sebastian, und mit einer
neuerlichen Woge dieses gräßlichen Gefühls innerer Leere
erinnerte er sich des Triumphgefühls, als er die zweiund-
zwanzig Banknoten in seine Brieftasche gestopft hatte, und
seines dummen Prahlens mit alledem, was sein Vater ge-
tan hatte, um den Antifaschisten zu helfen. “War es — war
es dieser Kerl, dieser Greuil?” flüsterte er.
Eine scheinbar ungeheuer lange Zeit sah der junge Mann
ihn an, ohne zu sprechen. Tränennaß und seltsam verzerrt
zuckte das schmale, überlange Gesicht unbeherrschbar. Er
stand ganz still, die Arme hingen schlaff herab; aber die
großen Hände ballten sich immer wieder zu Fäusten, als
wären sie von einem gequälten eigenen Leben bewegt.
Und endlich sprach er.
“Es ist alles wegen Sie”, sagte er sehr langsam und in
einem Ton von so konzentriertem Haß, daß Sebastian
furchtsam vor ihm zurückwich. “Alles wegen Sie!”
Einen Schritt vortretend, schlug er Sebastian mit dem
Handrücken ins Gesicht. Der stieß einen Schmerzenslaut
aus und taumelte zurück an einen Pfeiler. Mit zusammen-
gebissenen Zähnen und erhobenen Fäusten stand der andre
drohend vor ihm; dann, als Sebastian sein Taschentuch
hervorzog, um das Blut zu stillen, das ihm aus der Nase
quoll, ließ er plötzlich die Hände sinken.
“Verzeihung”, stammelte er, “Verzeihung!” Und sich
schnell umwendend, eilte er aus der Kirche.
Um ein Viertel vor eins war Sebastian wieder zurück in
der Villa, mit nichts Schlimmerem, was Zeugnis geben
konnte von seinem Abenteuer am Vormittag, als einer ein
wenig geschwollenen Lippe. In der Kirche hatte er sich auf
zwei Stühle gelegt, bis seine Nase aufhörte zu bluten, hatte
seinem Gesicht eine vorläufige Waschung mit Weihwasser
zuteil werden lassen und war dann gegangen, um sich ein
neues Taschentuch zu kaufen und seine Reinigung im
Toiletteraum des Britischen Instituts zu vervollständigen.
Die Ziege war wieder da, als er den Abhang hinauf-
ging; aber Sebastian fühlte dunkel, daß er kein Recht hatte,
stehnzubleiben und sie anzusehn; fühlte sich zugleich viel
zu gräßlich schuldig, um auch nur zu wünschen, sich poeti-
schen Phantasien hinzugeben. Er ging weiter die Straße
hinauf, durch das Gittertor und zwischen den hochragenden
Zypressen dahin, fühlte sich elend und wünschte, er wäre
tot.
Auf der niedrigen Mauer der Terrasse vor der Villa,
am Fuß des Sockels, auf welchem eine moosgrüne Pomona
ihr Füllhorn mit Früchten emporhielt, saß die Königin-
Mutter ganz allein und streichelte den kleinen Hund auf
ihrem Schoß. Als Sebastian sie erblickte, blieb er stehn.
Würde es möglich sein, sich an ihr vorbei ins Haus zu
schleichen, ohne gehört zu werden? Die alte Frau hob
plötzlich den Kopf und sah blicklos zum Himmel auf. Zu
seiner Überraschung und Verwirrung gewahrte Sebastian,
daß sie weinte. Was konnte nur los sein? Dann bemerkte
er die Art, wie Foxi auf ihrem Schoß lag — schlaff wie ein
solches Stückchen braunen Fells, das Frauen um den Hals
schlingen, die Pfoten herabbaumelnd, den Kopf tiefer als
der Körper. Es war unverkennbar: der Hund war tot. Da
er fühlte, daß es nicht recht wäre, sich unbemerkt vorbei-
zustehlen, begann Sebastian mit so schweren Tritten als
möglich über den knirschenden Kies zu gehn.
Die Königin-Mutter wandte den Kopf. “Bist du das,
Daisy?”
Und als Sebastian seinen Namen nannte, sagte sie in
einem Ton fast grollender Enttäuschung: “Ach, du bist's,
Junge?” und dann: “Komm und setz dich hierher!” Sie
tappte mit der Hand auf die sonnenwarme Mauer, zog ein
besticktes Taschentuch hervor und wischte sich die Augen
und die nassen, geschminkten Wangen.
Sebastian setzte sich neben sie.
“Der arme kleine Foxi ... Was ist denn geschehn?”
Die alte Frau tat ihr Taschentuch weg und wandte ihm
ihren blinden Blick zu.
“Weißt du's nicht?”
Sebastian erklärte, daß er den ganzen Vormittag in der
Stadt verbracht hatte.
“Diese dumme Gans, Daisy, glaubt, es war ein Un-
glücksfall”, sagte die Königin-Mutter. “Aber es war kei-
ner. Ich weiß, es war keiner. Die haben ihn umgebracht.”
Ihre dünne, schneidende Stimme zitterte vor wildem Haß.
“Ihn umgebracht?”
Sie nickte mit heftigem Nachdruck. “Um sich zu rächen.
Weil wir dachten, ihre Kleine hat die Zeichnung gestoh-
len.”
“Glaubst du das?” flüsterte Sebastian bestürzt. Bruno
verhaftet, und nun der kleine Hund getötet — und alles
dessentwegen, was er getan oder zu tun unterlassen hatte.
“Glaubst du das wirklich?”
“Ich sag dir, ich weiß es”, schnarrte die Königin-Mutter
ungeduldig. “Sie haben ihm Rattengift gegeben — das
war's, Rattengift. Veronica hat ihn nach dem Frühstück
tot auf der Terrase gefunden.”
Plötzlich stieß sie einen gräßlich unmenschlichen Laut
aus. Sie hob den kleinen, schlaffen Körper von ihrem Schoß,
hielt ihn dicht an sich und drückte ihr Gesicht in das weiche
Fell.
“Kleiner Foxi”, jammerte sie gebrochen. “Kleiner Foxi-
Woxi ...”
Und dann verwandelte sich die knittrige Grimasse der
Verzweiflung abermals in eine Miene heftigen Hasses.
“Die Bestien!” rief sie. “Diese Teufel!”
Sebastian sah sie entsetzt an. Dies war seine Schuld, dies
alles war seine Schuld.
Das Surren eines sich nähernden Autos ließ ihn den
Kopf wenden.
“Es ist der Isotta”, sagte er, froh, einen Vorwand zu
haben, um von etwas anderm zu sprechen.
Der Wagen fuhr im Bogen an den Eingangsstufen vor-
bei und kam dicht vor ihnen zum Stehn. Der Schlag öffnete
sich, und Mrs. Ockham sprang heraus.
“Großi”,rief sie aufgeregt, “wir haben einen gefunden!”
Und unter ihrem Mantel brachte sie eine kleine runde
Handvoll gelbroten Fells zum Vorschein, mit zwei glän-
zenden schwarzen Augen darin und einer schwarzen,
spitzen Schnauze. “Sein Vater hat drei erste Preise gewon-
nen. Hier! Halt die Hände auf!”
Mrs. Gamble streckte ein Paar schwerberingter Klauen
in die Dunkelheit, und das winzige Hundejunge wurde
hineingelegt.
“Wie klein er ist!” rief sie aus.
“Vier Monate alt”, sagte Mrs. Ockham. “Das war's doch,
was die Frau uns sagte?” fügte sie hinzu, sich nach Mrs.
Thwale umwendend, die ihr aus dem Wagen gefolgt war.
“Vier Monate letzten Dienstag”, bestätigte Mrs. Thwale.
“Er ist nicht schwarz, nicht wahr?” fragte die alte Frau.
“O nein! Richtig fuchsrot.”
“Dann ist er auch ein Foxi”, sagte die Königin-Mutter.
“Foxi der Neunte.” Sie hob das kleine Geschöpf an ihr
Gesicht. “So ein weiches Fell!” Foxi IX. wandte den Kopf
und leckte ihr ein wenig das Kinn. Die Königin-Mutter
gab ein glückseliges Gekakel von sich. “Liebt er mich, ja?
Liebt er seine alte Großi?” Dann blickte sie auf, in die
Richtung, wo Mrs. Ockham stand. “Fünf George”, sagte
sie, “sieben Eduarde, acht Heinriche. Aber noch nie war
einer der Neunte.”
“Und Ludwig der Vierzehnte?” warf Mrs. Ockham ein.
“Ich habe von England gesprochen”, verwies die Köni-
gin-Mutter sie. “In England ist man nie weiter gekommen
als bis zu einem Achten. Klein-Foxi hier ist der erste, der
ein Neunter ist.” Sie senkte die Hände. Foxi IX. beugte
sich aus den ihn einschließenden Fingern und beschnupperte
forschend die Leiche Foxis VIII.
“Meinen ersten Zwergspitz hab ich im Jahre sechsund-
siebzig gekauft”, sagte die Königin-Mutter. “Oder war es
vierundsiebzig? Jedenfalls war's das Jahr, in dem Glad-
stone sagte, er werde die Einkommensteuer abschaffen, —
aber er hat sie nicht abgeschafft, der alte Gauner. Vorher
hatten wir Möpse. Aber Ned hat es nicht leiden können,
wie sie schnarchten. Er schnarchte selber — das war der
Grund. Aber der kleine Foxi-Woxi”, fügte sie in anderm
Ton hinzu, “der schnarcht nicht, nicht wahr?” Und wieder
hob sie das winzige Hündchen an ihr Gesicht.
Geräuschlos wie ein Geist erschien der Butler und mel-
dete, daß der Lunch aufgetragen sei.
“Lunch?” rief die Königin-Mutter. Und ohne zu warten,
daß ihr jemand helfe, war sie fast mit einem Sprung auf
den Beinen. Mit einem kleinen dumpfen Plumps fiel der
Leichnam Foxi VIII. zu Boden. “O du meine Güte, ich
hatte ganz vergessen, daß er auf meinem Schoß lag! Heb
ihn auf, Junge, sei so gut! Hortense macht einen kleinen
Sarg für ihn. Sie hat ein Stück von einem alten rosa Seiden-
kleid von mir, mit dem wird sie ihn dann schön aus-
schlagen. Reichen Sie mir den Arm, Veronica!”
Mrs. Thwale trat vor, und sie begannen auf das Haus
zuzugehn.
Sebastian bückte sich und hob mit einer Anwandlung
von Widerwillen den toten Hund auf.
“Armes kleines Tier”, sagte Mrs. Ockham; und als sie
den andern folgten, legte sie Sebastian herzlich die Hand
auf die Schulter. “Hast du einen schönen Vormittag in der
Stadt gehabt?” fragte sie.
“Ganz hübsch, danke”, antwortete er.
“Dir Sehenswürdigkeiten angesehn?” begann sie und
unterbrach sich dann. “Aber ich hab ganz vergessen! Ein
Telegramm von deinem Vater ist gekommen, als du schon
weg warst.” Sie öffnete ihr Handtäschchen, entfaltete ein
Telegrammformular und las laut:” ,ANNAHM KANDIDATUR
KOMMENDE ERGAENZUNGSWAHL RUECKKEHRE SOGLEICH VER-
ANLASSET SEBASTIAN MICH TREFFE VIER NM MITTWOCH COOK
GENUA.' Es ist zu schade!” sagte sie, den Kopf schüttelnd.
“Ich hoffte, wir könnten dich hier bei uns haben bis zum
Ende der Ferien. Ach, und jetzt wird keine Zeit bleiben,
dir deinen Abendanzug machen zu lassen!”
“Nein, das fürchte ich auch”, sagte Sebastian.
Keine Zeit, dachte er, den einen wie den andern Anzug
zu kriegen; denn das Dinnerjackett, das er bei Onkel
Eustaces Schneider bestellt hatte — bestellt, ja, und be-
zahlt — sollte zur ersten Probe grade an dem Tag fertig
sein, an dem er in Genua sein mußte. Es war alles für
nichts gewesen — alle diese Qualen, die er durchgemacht
hatte, alle Schuld und Brunos Verhaftung und dieser jäm-
merliche kleine Hund. Und mittlerweile blieb das Problem
des Abends, den Tom Boveney gab, noch immer ungelöst
und würde mit jedem Tag, der verginge, quälender dring-
lich.
“Es ist zu schade!” wiederholte Mrs. Ockham.
“Was ist schade?” fragte die Königin-Mutter über die
Achsel.
“Daß Sebastian uns so bald verlassen muß.”
“Keine Mum-mellektionen mehr”, sagte Mrs. Thwale,
ein wenig auf dem Wort verweilend. “Aber vielleicht wird
er sich erlöst fühlen.”
“Ihr werdet die Zeit, die noch bleibt, so gut als möglich
ausnützen müssen”, sagte die Königin-Mutter.
“Oh, das werden wir, das werden wir!” beteuerte ihr
Mrs. Thwale und stieß ihren zarten kleinen Lachgrunzer
aus. “Jetzt sind wir an den Stufen”, setzte sie ernst hinzu.
“Fünf Stufen, wenn Sie sich erinnern. Niedrig und sehr
breit.”
30. KAPITEL

EPILOG

Die Abwehrkanonen von Hampstead krachten wie ra-


send drauflos; und obgleich die Wüste weit weg war, ob-
gleich der Alptraum unter jenen niedersausenden Flug-
zeugen lange vorbei war, empfand Sebastian etwas von
der alten, bebenden Spannung — als wäre er eine Violine,
deren Saiten gestimmt wurden, qualvoll scharf und immer
schärfer, bis zum äußersten, bis zum Zerreißpunkt. Bewe-
gung brächte vielleicht Erleichterung, dachte er und sprang
auf — aber zu jäh. Die beschriebenen Blätter, die auf der
Armlehne des Fauteuils lagen, flatterten zu Boden. Er
bückte sich und griff nach ihnen, um sie im Fallen zu er-
wischen, — griff nach ihnen mit der nähern seiner Hände;
aber die nähere seiner Hände war nicht da. Idiot! sagte er
sich. Es war lange her, daß er so etwas getan hatte. Er
zwang sich, methodisch zu sein, und hob die Blätter so-
gleich mit der ihm verbliebenen Hand auf. Währenddessen
verklang der Lärm draußen; und plötzlich herrschte wieder
wohltuende Stille. Er setzte sich.
Scheußlich, abermals diese Erfahrung machen zu müssen!
Aber es hatte wenigstens dies eine Gute: es verhinderte
einen, die Illusion zu hegen, daß man identisch sei mit
einem Körper, der sich in genauem Gegensatz zu allen
Wünschen und Vorsätzen benahm. Neti, neti — nicht das,
nicht das! Darüber war kein Zweifel möglich. Und natür-
lich, so überlegte er, hatte es darüber auch in früheren
Zeiten keinen Zweifel gegeben, wenn er seiner Sinnlichkeit
nein sagen wollte und es nicht konnte. Der einzige Unter-
schied war der, daß es unter den damaligen Umständen
ein Spaß gewesen war, seinem fremden Körper zu unter-
liegen, wogegen es unter diesen nun gräßlich war.
Das Telephon klingelte; er hob ab und sagte: “Hallo?”
“Sebastian, mein Lieber!”
Eine Sekunde lang glaubte er, es sei Cynthia Poyns, und
begann sogleich, sich Ausreden auszudenken, um die bevor-
stehende Einladung abzulehnen.
“Sebastian?” fragte die Stimme, als er nicht antwortete;
und zu seiner Ungeheuern Erleichterung erkannte er, daß
er sich geirrt hatte.
“Oh, du bist's, Susan?” sagte er. “Gott sei Dank!”
“Wer sonst, hast du denn geglaubt?”
“Oh, jemand anders ...”
“Eine von deinen verflossenen Freundinnen vermutlich,
die anruft, um dir eine Eifersuchtsszene zu machen?” Susans
Ton war scherzhaft, aber doch vorwurfsvoll sarkastisch.
“Sie war nicht hübsch genug für dich — das war's wohl?”
“Das war's”, stimmte Sebastian bei. Aber Cynthia Poyns
war nicht nur passiv bildhübsch, sie war auch aktiv senti-
mental und ein literarischer Snob und hatte, obgleich sie
eine so exemplarische junge Mutter war, eine notorische
Schwäche für Männer. “Sollten wir einander nicht ,Glück-
liches Neujahr' wünschen?” fragte er in einem andern Ton.
“Deswegen hab ich angerufen”, sagte Susan.
Und sie setzte hinzu, sie hoffe, er habe das Jahr glück-
bringend begonnen, indem er innig genug gewünscht habe,
daß 1944 endlich den Frieden bringen möge. Vorläufig aber
seien alle drei Kinder erkältet und Robin habe sogar ein
wenig Temperatur. Kein Grund zu Besorgnis, natürlich,
— aber man sei eben doch immer besorgt. Ihrer Mutter da-
gegen gehe es glücklicherweise viel besser, und sie selbst
habe soeben von Kenneth gehört, daß eine Chance bestehe,
er werde auf einen Posten in England versetzt werden, —
und was für ein wundervolles Neujahrsgeschenk das wäre!
Dann übernahm Tante Alice den Apparat und eröffnete
mit ihrem Lieblingsgambit: “Was macht die Literatur?”
“Noch immer bei Bewußtsein”, antwortete Sebastian.
“Aber sie verfällt rapid.”
Scherzhaftigkeit war, wann immer man mit Tante Alice
über Kunst oder Philosophie oder Religion sprach, stets
de rigueur.
“Ich hoffe, bei dir ist ein neues Stück unterwegs”, erklang
die helle, flotte Stimme.
“Glücklicherweise”, sagte er, “habe ich noch etwas davon
übrig, was ich vor fünf Jahren mit dem letzten verdiente.”
“Also folg meinem Rat: investier's nicht im Fernen
Osten!”
Tapfer über finanziellen Ruin scherzend, stieß Tante
Alice ein kleines, glockenhelles Lachen aus; dann fragte
sie, ob er schon die Geschichte von dem amerikanischen
Korporal und dem Erzbischof von Canterbury gehört habe.
Er hatte sie gehört, mehrmals; doch da er Tante Alice
nicht einer ihrer Freuden berauben wollte, bat Sebastian
darum, sie zu hören. Und als sie sie ihm bereitwilligst
erzählt hatte, gab er alle angemessenen Laute von sich.
“Aber hier ist diese Susan schon wieder”, schloß sie.
Und Susan hatte vergessen, ihn zu fragen, ob er sich
Pamelas erinnere, des Mädels mit einer Stumpfnase, die
auch in die fortschrittliche Schule gegangen sei. Sie habe sie
seit Jahren aus den Augen verloren gehabt, bis erst vor
ein paar Wochen. Ein wirklich wundervolles Mädel! So
intelligent und sie wisse soviel! Arbeite an Statistiken für
die Regierung und sei wirklich sehr anziehend, auf diese
pikante, originelle Art, die sie habe, — er wisse schon.
Sebastian lächelte im stillen. Wieder einer dieser pro-
spektiven Ehegemahlinnen, die Susan stets unermüdlich
für ihn aufstöberte. Na, eines Tags würde sie vielleicht die
richtige aufstöbern — und er wäre natürlich sehr dankbar.
Inzwischen aber ...
Inzwischen, so sagte Susan, werde Pamela nächste Woche
wieder in London sein. Sie müßten alle zusammenkommen.
Endlich war sie zu Ende, und er legte auf, mit dem Ge-
fühl dieser sonderbaren Mischung aus humorvoller Zärt-
lichkeit und völliger Verzweiflung, die solche Gespräche
immer in ihm hervorzurufen schienen. Sie warfen ein
Problem auf, nicht das Problem des Bösen sondern des
Gutseins — das marternde Problem gesunden, ehrlichen
überdurchschnittlichen Gutseins.
Er dachte an die liebe Tante Alice, die unermüdlich
ganz in guten Werken aufging, trotz dem sie unaufhörlich
plagenden Rheumatismus. Sie machte undramatisch weiter,
ohne je zu versuchen, die Rolle (und was für eine dankbare
Rolle!) eines Menschen zu spielen, der weitermacht. Der
arme Jim in Malaya gefallen; ihr Haus durch eine Brand-
bombe niedergebrannt, mit allem, was sie besaß; neun
Zehntel ihrer Ersparnisse durch den Fall von Singapur
und Java dahin; Onkel Fred zusammengebrochen unter
dem Schock und der Überanstrengung und zuletzt in Wahn-
sinn geflüchtet. Sie sprach nicht zu viel von diesen Dingen,
und sie sprach nicht, sie zu sehr unterdrückend, zu wenig
von ihnen. Und dabei wurde die alte, fast metallische
Heiterkeit des Gehabens beibehalten; die kleinen Scherze
und die schlagfertigen Antworten wurden noch immer ge-
äußert. Als hätte sie beschlossen, mit fliegendem, an den
Mast genagelten Sinn für Humor unterzugehn.
Und dann Susan und die drei bewundernswert aufer-
zogenen Kleinen, die beispiellos kostbaren Briefe von
Kenneth aus irgendwo im Mittleren Osten und Susans
eigne Kommentare zu Krieg und Frieden, Leben und Tod,
Gut und Böse, die aus den Tiefen einer noch immer fast
unerschütterten Mittelstandsweltanschauung sprudelten.
Mutter, Tochter, Schwiegersohn — wie er sie so mit den
Augen eines Dramatikers betrachtete, konnte er sie als
drei köstlich komische Charaktere sehn. Aber in dem
andern Sinn des Wortes und vom Gesichtspunkt des
Moralisten waren sie drei Charaktere von höchst solidem
Wert, mutig und verläßlich und selbstaufopfernd, wie er
selbst nie gewesen war und nur bescheiden hoffen konnte,
vielleicht zu werden. Ein unbedingtes, unverfälschtes Gut-
sein, aber beschränkt durch eine undurchdringliche Un-
kenntnis von Ziel und Zweck des Daseins.
Ohne Susan und Kenneth und Tante Alice und alle ihres-
gleichen zerfiele die menschliche Gesellschaft. Mit ihnen
versuchte sie unaufhörlich, Selbstmord zu begehn. Sie
waren die Stützen, aber auch das Dynamit; die Trame und
zugleich die Trockenfäule. Grade dank ihrem Gutsein
funktionierte das System so glatt, wie es lief; und dank
ihren Beschränktheiten war das System im Grunde wahn-
sinnig — so wahnsinnig, daß Susans entzückende drei
Kleinen fast gewiß heranwachsen würden, um Kanonen-
futter zu werden, Flugzeugfutter, Panzerfutter, Futter für
irgendeine eines Tausends größerer und besserer Vorrich-
tungen für den Krieg, mit denen bis dahin junge, geschickte
Ingenieure wie Kenneth die Welt bereichert haben würden.
Sebastian seufzte und schüttelte den Kopf. Es gab selbst-
verständlich nur ein einziges Heilmittel; das aber wollten
sie nicht versuchen.
Er griff nach dem Ringbuch, das neben seinem Armsessel
auf dem Boden lag. Fünfzig oder sechzig Seiten gelegent-
licher Aufzeichnungen, von Zeit zu Zeit während der
letzten paar Monate hingeschrieben. Dieser erste Tag des
Jahrs war eine gute Gelegenheit zur Bestandsaufnahme.
Er begann zu lesen:

Es gibt einen höheren Utilitarismus, wie es einen ge-


wöhnlichen oder Wald- und Wiesen-Utilitarismus gibt.
“Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, so wird
euch solches alles zufallen.” Das ist der klassische Aus-
druck für den höheren Utilitarismus — und auch dies:
“Ich zeige euch Trübsal” (die Welt gewöhnlicher, netter,
unregenerierter Menschen) “und das Ende der Trübsal”
(die Welt derjenigen, welche die mit dem göttlichen
Urgrund vereinigende Erkenntnis erlangt haben).
Stelle dem die Schlagwörter gegenüber, die im niede-
ren, populären Utilitarismus impliziert sind. “Ich zeige
euch Trübsal” (die Welt, wie sie heute ist) “und das
Ende der Trübsal” (die Welt, wie sie sein wird, wenn
der Fortschritt und noch ein paar unentbehrliche Kriege,
Revolutionen und Liquidationen ihr Werk getan haben
werden). Und ferner: “Trachtet am ersten nach solchem
allem — Achtung einbringenden Tugenden, sozialen
Reformen, belehrenden Plaudereien im Rundfunk und
dem Allerneuesten, was die angewandte Wissenschaft
zu bieten hat, — und irgendwann, im einundzwanzigsten
oder zweiundzwanzigsten Jahrhundert, wird euch das
Reich Gottes zufallen.”
Alle Menschen werden mit einem gleichen, unab-
dinglichen Recht auf Desillusion geboren. Solange sie
sich also nicht entschließen, auf dieses Recht zu ver-
zichten, bleibt's bei einem dreifachen Hoch auf den tech-
nischen Fortschritt und die Hochschulbildung für jeder-
mann.
Lies, was Äschylos über die Nemesis sagt. Sein Xerxes
nimmt aus zwei Gründen ein böses Ende. Erstens weil
er ein aggressiver Imperialist ist, zweitens weil er ver-
sucht, zuviel Herrschaft über die Natur zu erlangen —
im besondern durch Überbrückung des Hellesponts. Wir
begreifen das Teuflische der politischen Äußerungen
des Machtgelüsts; aber die seinen technischen Mani-
festationen anhaftenden Übel und Gefahren haben wir
so völlig ignoriert, daß wir, ungeachtet unverkenn-
barster Tatsachen, auch weiterhin unsre Kinder lehren,
es gebe keine Sollseite der angewandten Wissenschaft,
nur eine fortlaufende und sich immer mehr ausdehnende
Habenseite. Die Idee des Fortschritts beruht auf dem
Glauben, ungestraft überheblich sein zu können.
Der Unterschied zwischen der Metaphysik der Gegen-
wart und der Metaphysik der Vergangenheit ist der
Unterschied zwischen bloßer Wortemacherei, die für
niemand einen Unterschied macht, und einem Ge-
dankensystem, das mit einer umwandelnden Disziplin
verbunden ist. “Ohne das Absolute erreicht zu haben,
kann Gott nicht ruhen, und hat er es erreicht, ist er ver-
loren und Religion mit ihm.” Das ist F. H. Bradleys
(des Verfassers von “Erscheinung und Wirklichkeit”)
Ansicht, die moderne Ansicht. Sankara war ein ebenso
eifriger Absolutist wie Bradley — aber mit welch einem
Ungeheuern Unterschied! Für ihn gibt es nicht nur eine
diskursive Erkenntnis des Absoluten, sondern auch die
Möglichkeit (und letztlich die Notwendigkeit) einer
unmittelbaren intellektuellen Intuition, die den be-
freiten Geist zur Identifizierung mit dem Objekt seiner
Erkenntnis führt. “Unter allen Mitteln zur Befreiung
steht Bhakti oder andächtige Hingabe obenan. Die eigne
wahre Natur zu erkennen suchen — dies, heißt es, ist
Bhakti. Mit andern Worten, Bhakti läßt sich definieren
als die Suche nach der Wirklichkeit des eigenen Atman.”
Und der Atman ist naürlich das spirituelle Prinzip in
uns, das identisch ist mit dem Absoluten. Den älteren
Metaphysikern ging Religion nicht verloren, sie fanden
sie in der höchsten und reinsten aller möglichen Formen.
Das Trügerische in den meisten Philosophien ist der
Philosoph. Da wir, wie es sich trifft, das Vorrecht ge-
nießen, mit Professor X. bekannt zu sein, wissen wir,
daß, was immer er persönlich sich über das Wesen und
den Wert des Daseins ausdenken mag, unmöglich wahr
sein kann. Und was ist's (Gott helfe uns!) mit unsern
großen Gedanken? Aber glücklicherweise hat es Heilige
gegeben, die schreiben konnten. Uns und dem Professor
steht es frei, von den uns Überlegenen abzuschreiben.
Es ist wunderbar leicht, den Lastern zu entgehn, zu
denen man zufällig keinen Hang verspürt. Ich hasse es,
lange bei einer Mahlzeit zu sitzen, bin gleichgültig
gegen “gutes Essen” und habe einen Magen, der sich
umdreht, wenn ihm mehr als zwei oder drei Kubik-
zentimeter Alkohol eingeflößt werden; kein Wunder
also, daß ich mäßig bin. Und was ist's mit der Liebe
zum Geld? Zu wohlerzogen und zu schüchtern, um
protzen zu wollen, zu ausschließlich mit Wörtern und
Begriffen beschäftigt, um etwas für Grundbesitz oder
Erstausgaben oder “schöne Sachen” übrig zu haben, zu
wenig vorsorglich und zu skeptisch, um mich mit Kapitals-
anlagen abzugeben, habe ich immer (mit Ausnahme von
ein, zwei Jahren studentischer Dummheiten) mehr als
genug gehabt für meine Bedürfnisse. Und für jemand
mit meiner Muskulatur, meiner Art von Begabung und
meiner verhängnisvollen Fähigkeit, stets mit einem
blauen Auge davonzukommen, ist Machtgier sogar noch
weniger ein Problem als Geldgier. Wenn es aber zu den
verfeinerten Formen von Eitelkeit und Stolz kommt, zu
Gleichgültigkeit, negativer Grausamkeit und Mangel
an Barmherzigkeit, wenn es dahin kommt, sich zu
fürchten und zu lügen, wenn es zur Sinnlichkeit kommt...

Ich gedenke — ich gedenke stets der Stätte, wo j'ai


plus de souvenirs que si j'avais nulle ans, wo “Gefühl
in Ruh erinnert” wird, wo es nessun maggior dolore
gibt als lebendig Totes, — jener holden Zeit, die, ach!
niemand zurückbringt. Und alles übrigen. Denn die
neun Musen sind die Töchter der Mnemosyne; Erinne-
rung- ist der wahre Stoff und die Substanz der Poesie.
Und Poesie ist natürlich das Beste, was das menschliche
Leben zu bieten hat. Aber es gibt auch das Leben des
Geistes, und das Leben des Geistes entspricht, auf einer
höhern Windung der Spirale, dem Leben des Tiers.
Der Weg führt aus der tierischen Ewigkeit in die Zeit,
in die streng menschliche Welt der Erinnerung und
Vorahnung; und aus der Zeit, wenn man sich fürs
Weitergehn entscheidet, in die Welt der geistigen Ewig-
keit, in den göttlichen Urgrund. Das Leben im Geiste
ist ausschließlich ein Leben in der Gegenwart, nie in
der Vergangenheit oder Zukunft; das Leben hier und
jetzt, nicht ein Leben, dem man entgegensieht oder
dessen man sich erinnert. Es ist ganz und gar kein Platz
darin für Pathos oder Reue oder ein wollüstiges Wieder-
kauen des köstlichen Futters von vor dreißig Jahren.
Sein intelligibles Licht hat gar nichts zu tun mit der
Sonnenuntergangsverklärung jener herzzerreißenden
guten alten Zeiten vor dem vorletzten Krieg und auch
nichts mit dem Neonschein aus dem technischen Neuen
Jerusalem jenseits des Horizonts der nächsten Revolu-
tion. Nein, das Leben des Geistes ist ein Leben außer-
halb der Zeit, das Leben in seiner Wesenheit und in
seinem ewigen Prinzip. Und darum behaupten sie alle
— alle Menschen, die die beste Eignung haben, es zu
wissen, — daß das Gedächtnis überlebt werden und man
ihm zuletzt absterben muß. Wenn es einem gelungen
ist, das Gedächtnis abzutöten, sagt Johannes vom Kreuze,
sei man in einem Zustand, der nur um einen einzigen
Grad weniger vollkommen und heilbringend ist als der
Zustand des Einsseins mit Gott. Das ist eine Behaup-
tung, die ich beim ersten Lesen unverständlich fand.
Aber nur weil ich mich damals vor allem mit dem Leben
der Poesie befaßte, nicht mit dem Leben des Geistes.
Heute weiß ich durch demütigende Erfahrung, was alles
das Gedächtnis tun kann, um die Erkenntnis des ewigen
Grundes zu verdunkeln und zu hindern. Abtötung ist
stets die Bedingung des Vorgeschrittenseins.

“Abtötung” — das Wort ließ ihn weit abschweifen. Statt


an die Gefahren der Erinnerung zu denken, erinnerte er
sich. Erinnerte sich an Paul De Vries im Jahre 1939 — an
den guten armen Paul, wie er so eintönig eifrig, so intelli-
gent absurd dagesessen und sich über das Tischchen in dem
kleine Café in Villefranche geneigt und geredet hatte, ge-
redet und geredet. Das Thema war natürlich eine seiner
berühmten “Brückenideen” gewesen, durch die er die Insel-
Weltalle des Gesprächs zu verbinden liebte. Eine besonders
“aufregende “ Idee, dabei blieb er und ritt auf dem Wort
herum, das Sebastian immer sosehr aufgereizt hatte, —
eine Verallgemeinerung, die, vielleicht ein bißchen un-
sicher, die Klüfte überspannte, welche Kunst, Wissenschaft,
Religion und Ethik voneinander trennten. Diese Brücke
war überraschenderweise Abtötung. Abtötung des Vor-
urteils, des Todsicherseins und sogar des Gemeinverstands,
um der völligen Objektivität in der Wissenschaft willen;
Abtötung des Begehrens nach Besitz oder Ausbeutung, um
der Betrachtung einer vorhandenen Schönheit oder der
Schaffung einer neuen willen; Abtötung der Leidenschaf-
ten, um eines Ideals von Vernünftigkeit und Tugend willen;
Abtötung des Selbst in allen seinen Aspekten, um der Be-
freiung, um der Vereinigung mit Gott willen. Sebastian
erinnerte sich, daß er mit beträchtlichem Interesse zugehört
hatte — aber gönnerhaft, wie man einem sehr gescheiten
Mann zuhört, der nebstbei auch ein Narr ist, und mit
dessen Frau man überdies, wie es sich traf, am voran-
gegangenen Abend wieder einmal Ehebruch begangen
hatte. An jenem Abend übrigens hatte Veronica für ihn
dieses Sonett Verlaines abgeschrieben:

Ah! les oaristys! les premières maitresses! L'or des


cheveux, l'azur des yeux, la fleur des chairs, Et puis,
parmi l'odeur des corps jeunes et chers La
spontanéité craintive des caresses ...

Nun war in Veronicas Fall nichts Schüchternes an dieser


chirurgischen Spontaneität, und trotz Elizabeth Arden war
der Körper nun fünfunddreißig Jahre alt; und “teuer” —
das war er ihm nie gewesen, nie. Er war nur unwider-
stehlich gewesen, der gefürchtete und fesselnde Vermittler
einer noch vollständigeren Selbstentfremdung, als er mit
irgendeiner andern aller der Frauen gekannt, die er geliebt
hatte oder von denen er sich hatte lieben lassen. Und im
selben Augenblick erinnerte er sich seiner Frau und ihrer
unsäglichen Müdigkeit unter der Last ihrer Schwanger-
schaft, die so seltsam beziehungslos zu sein schien zu einem
so kleinen, vogelflinken und überaus zarten Geschöpf, wie
Rachel gewesen war; erinnerte sich der Versprechen, die er
ihr gegeben hatte, als er Le Lavandou verließ und zu
längerem Aufenthalt zu den De Vries fuhr; der Treue-
gelübde, von denen er, sogar schon als er sie aussprach,
wußte, daß er sie nicht halten werde — obgleich sie ganz
gewiß dahinterkäme. Und natürlich war sie dahinter-
gekommen, viel früher, als er erwartet hatte. Sebastian
erinnerte sich, wie sie einen Monat später in dem Kranken-
haus lag, nach der Fehlgeburt, als die Blutvergiftung ein-
gesetzt hatte. “Es ist alles deine Schuld”, flüsterte sie an-
klagend; und als er in Tränen neben ihrem Bett kniete,
wandte sie ihr Gesicht von ihm weg. Als er am nächsten
Morgen kam, fing ihn Dr. Bulloz am Fuß der Treppe ab.
“Etwas Mut, mein Freund! Wir 'aben sleckte Novellen
über Ihre Frau.”
Schlechte Novellen, und es war alles seine Schuld, seine
Schuld, parmi l'odeur des corps, inmitten des Geruchs von
Jodoform und der Erinnerung an Tuberosen auf dem Sarg.
Rachels Sarg, Onkel Eustaces Sarg. Und an beiden Grä-
bern hatte Veronica gestanden, klösterlich elegant in ihrer
Trauerkleidung, und nur die Extremitäten dieses blut-
warmen weißhäutigen Werkzeugs der Selbstentfremdung
hatten unter der Verkleidung hervorgesehn. Und kaum
zwei Wochen nach Rachels Begräbnis abermals die Kanni-
balen im Tollhaus ... “Es ist alles deine Schuld.” Die
Worte hatten sich immerzu wiederholt, auch in den äußersten
Stadien eines Erlebens von Anderssein, das in seiner Art
fast so absolut war wie das Anderssein Gottes. Aber er
hatte es weiter so getrieben, grade weil es etwas so Nie-
driges war, und eigens zu dem Zweck, noch eine Dosis und
immer wieder den widerlichen Geschmack dieser Mischung
aus Sinnlichkeit, Abscheu und Selbsthaß zu genießen, die
für ihn das nur allzu faszinierende Thema zu guter Letzt
einen ganzen Band ergebender Gedichte geworden war.
Er war grade in das köstliche Ringen um eins dieser
Gedichte vertieft gewesen, als sich jemand neben ihn auf
seine Lieblingsbank auf der Promenade des Anglais setzte.
Erbost wandte er den Blick, um zu sehn, wer in sein ur-
eigenstes Heiligtum eingedrungen war. Es war Bruno
Rontini — aber Bruno zehn Jahre nachher, Bruno, der ent-
lassene Häftling, nun im Exil und sehr weit vorgeschritten
in seiner letzten Krankheit. Ein alter Mann, gebeugt und
entsetzlich abgemagert. Doch die blauen, leuchtenden
Augen in dem hakennasigen Schädel waren voller Freude
und belebt von einer innigen und doch irgendwie unbe-
teiligten Zärtlichkeit.
Sprachlos und von etwas wie Grauen überkommen, er-
griff Sebastian diese dürre Skeletthand, die ihm hinge-
streckt wurde. Dies war sein Werk! Und was es schlimmer
machte — er hatte alle diese Jahre hindurch was er nur
konnte getan, um das Bewußtsein seiner Missetat zu ver-
schütten. Es hatte mit Entschuldigungsgründen und Alibis
begonnen. Er war noch ein halbes Kind gewesen; und über-
haupt, wer hatte nicht schon gelegentlich eine kleine Lüge
gebraucht? Und er hate ja nur aus einer bloßen Schwäche
geflunkert, nicht aus Selbstsucht oder Böswilligkeit. Nie-
mand wäre es eingefallen, eine große Sache daraus zu
machen, wenn nicht dieser unglückselige Zufall gewesen
wäre. Und offenbar war Brunos Maß ohnedies schon voll
gewesen. Bruno hatte seit Jahren auf ihrer schwarzen Liste
gestanden. Diese jämmerlich unbedeutende Sache mit der
Zeichnung war eben zum Vorwand für ein Eingreifen
genommen worden, das früher oder später doch erfolgt
wäre. Nicht mit Aufbietung aller Phantasie war er, Se-
bastian, dafür verantwortlich zu machen. Und zwei Tage
nach Brunos Verhaftung war er auf der Heimreise gewesen;
und sein Vater hatte ihn auf die Wahlkampagne mitge-
nommen — und die war ein großer Spaß gewesen. Und
im nächsten Trimester hatte er ungeheuer angestrengt auf
ein Stipendium hingearbeitet und es zu seiner und jeder-
manns Überraschung auch wirklich gewonnen. Und als er
dann im Herbst nach Oxford ging, hatte ihm Tante Daisy
insgeheim einen Scheck für dreihundert Pfund gegeben,
um seinen Monatswechsel aufzubessern; und in dem be-
rauschenden Gefühl, dieses Geld ausgeben zu können, und
mit all der neuen Freiheit und der neuen Erfolge von
Liebesabenteuern war es nun nicht mehr notwendig ge-
wesen, Entschuldigungsgründe zu finden oder Alibis zu
erhärten: er hatte das Ganze einfach vergessen. Der Vor-
fall entglitt ihm und wurde völlig unbedeutend. Und nun
war plötzlich aus dem Grab seines Vergessens dieser ge-
alterte todkranke Mann mit den blauen Augen auferstan-
den wie ein ununterdrückbarer Lazarus — zu welchem
Zweck? Vorwürfe, Gericht, Verurteilung?
“Die Pfeile!” sagte Bruno endlich. “Alle diese vielen
Pfeile!”
Aber was war mit seiner Stimme geschehn? Warum
sprach er in diesem fast unhörbaren Flüsterton? Grauen
verstärkte sich zu nacktem Entsetzen.
Brunos Lächeln hatte etwas wie humorvolles Mitgefühl
ausgedrückt.
“Die scheinen ja schon ganz tüchtig zu schwirren begon-
nen zu haben”, hatte er geflüstert. “Auf die vorbestimmte
Zielscheibe ...”
Sebastian schloß die Augen, um sich besser das kleine
Haus in Vence in Erinnerung zu rufen, das er für den
Sterbenden gemietet hatte. Mit einem unfehlbar schlechten
Geschmack möbliert und eingerichtet. Aber Brunos Schlaf-
zimmer hatte Fenster auf drei Seiten, und es war eine
breite Veranda da, windgeschützt und von der Frühlings-
sonne erwärmt, und von ihr konnte man über die terras-
sierten Felder jungen Weizens und die Haine von Orangen
und Ölbäumen hinabsehn aufs Mittelmeer.
“II tremolar della marina”, pflegte Bruno zu flüstern,
wenn der Widerschein des Sonnenlichts in gewaltigem
Glanz auf dem Wasser lag. Und manchmal liebte er es,
Leopardi zu zitieren:
... e sovrumani
Silenzi, e profondissima quiete.

Und dann, oft und oft und stimmlos, so daß Sebastian die
Worte nur aus den Lippenbewegungen erraten konnte:

E'l naufragar m'è dolce in questo mare.

Die kleine alte Madame Louise hatte das Kochen und


den Haushalt besorgt; aber ausgenommen die letzten paar
Tage, für die Dr. Borely auf einer Berufspflegerin bestan-
den hatte, war die Pflege des Kranken ausschließlich Se-
bastian zugefallen. Jene fünfzehn Wochen zwischen der
Begegnung auf der Promenade des Anglais und dem fast
komisch eindruckslosen Begräbnis (das, wie er Bruno hatte
versprechen müssen, nicht mehr kosten durfte als zwanzig
Pfund) waren die denkwürdigste Zeit seines Lebens ge-
wesen. Die denkwürdigste und in einem gewissen Sinn die
glücklichste. Freilich, es hatte auch Traurigkeit gegeben
und den Kummer, dem Ertragen eines Leidens zusehn zu
müssen, das zu erleichtern er machtlos war. Und mit dem
Kummer und der Traurigkeit war das nagende Schuld-
bewußtsein einhergegangen, die angstvolle Befürchtung
und das Vorgefühl eines unwiederbringlichen Verlusts.
Aber da war auch der Anblick dieser freudigen Abgeklärt-
heit Brunos gewesen und, nicht allzu entfernt mit ihr ver-
wandt, eine Art Teilhabens an der Erkenntnis, deren na-
türlicher und unvermeidlicher Ausdruck diese Freudigkeit
war, — an der Erkenntnis einer zeitlosen und unendlichen
Gegenwart; an der unmittelbaren und untrüglichen Ein-
sicht, daß es, außer dem Verlangen nach einem Sonder-
dasein, kein Gesondertsein gab — nur eine Wesenseinheit.
Mit der fortschreitenden Verschlimmerung des Kehlkopf-
krebses wurde das Sprechen für den Kranken immer
schwieriger. Aber diese langen Zeiten des Schweigens auf
der Veranda oder in dem Schlafzimmer waren über grade
die Dinge beredt, zu deren Vermittlung Worte ungeeignet
waren, — bestätigte Wirklichkeiten, die ein zur Beschrei-
bung zeitlicher Erscheinungen erfundener Wortschatz nur
indirekt, mittels Verneinungen andeuten konnte. “Nicht
das, nicht das!” war alles, was Sprechen klarzumachen
vermochte. Brunos Schweigen aber war geworden, was es
erkannt hatte, und konnte rufen: “Dies!”, konnte trium-
phierend und freudig rufen: “Dies, dies, dies!”
Es hatte natürlich Umstände gegeben, unter denen
Worte unentbehrlich waren; und da hatte sich Bruno mit
Schreiben beholfen. Sebastian erhob sich und nahm aus
einer Lade seines Schreibtisches den Briefumschlag, worin
er alle die kleinen Zettel aufbewahrte, auf die Bruno mit
Bleistift seine seltenen Wünsche geschrieben hatte, seine
Antworten auf Fragen, seine Bemerkungen und Ratschläge.
Er setzte sich wieder und begann, aufs Geratewohl wäh-
lend, zu lesen.
“Wäre es sehr verschwenderisch, einen Strauß Freesien
zu kaufen?”
Sebastian lächelte, als er sich erinnerte, wieviel Freude
die Blumen gebracht hatten. “Wie Engel”, hatte Bruno ge-
flüstert, “sie riechen wie Engel.”
“Nimm's nicht schwer”, begann die nächste hingekritzelte
Mitteilung. “Heftige Gemütsbewegungen sind nur eine
Sache des Temperaments. Gott kann auch ohne alle Ge-
fühle geliebt werden — mit dem Willen allein. Und so auch
dein Nächster.”
Und daran hatte Sebastian noch eine Aufzeichnung über
dasselbe Thema geheftet. “Es gibt keine geheime Formel
oder Methode. Zu lieben lernt man durch Lieben — indem
man achtsam ist und tut, was, wie man dadurch entdeckt,
getan werden muß.”
Er griff nach einem andern der kleinen Zettel. “Zer-
knirschung ist der Ersatz, womit der Stolz die Reue ersetzt;
die Ausrede des Ich dafür, Gottes Verzeihung nicht anzu-
nehmen. Die Bedingung dafür, daß einem verziehen wird,
ist völlige Selbsthingabe. Der Stolz zieht Selbstvorwürfe
vor, so schmerzlich sie sein mögen, — weil das Ich, dem die
Vorwürfe gemacht werden, nicht preisgegeben wird; es
bleibt intakt.”
Sebastian dachte an den Zusammenhang, in welchem
diese Worte niedergeschrieben worden waren, — seine Lei-
denschaft für Ekel vor sich selbst, sein fast hysterisches
Verlangen nach irgendeiner dramatischen Sühne für das,
was er getan hatte; danach, Buße zu zahlen für seine Schuld
gegenüber Bruno, der am Sterben war, gegenüber der ver-
zweifelten und verbitterten Rachel, die gestorben war.
Wenn er sich doch nur einem großen Schmerz, einer großen
Demütigung hätte aussetzen, irgendeiner heroischen Hand-
lungsweise hätte unterziehen können! Er hatte dafür un-
eingeschränkte Billigung erwartet. Aber Bruno hatte ihn
ein paar Sekunden lang in abschätzendem Schweigen ange-
sehn; dann hatte er mit einem fast spöttisch aufglänzenden
Blick geflüstert: “Du bist keine heilige Johanna, weißt du.
Nicht einmal eine Florence Nightingale.” Und dann hatte
er nach Bleistift und Block gegriffen und zu schreiben be-
gonnen. Damals, so erinnerte sich Sebastian, hatten ihn die
Zeilen durch ihren ruhigen und von ihm gradezu als zy-
nisch empfundenen Realismus schockiert. “Du würdest
nichts leisten und Deine Begabung nur vergeuden, und
Dein heroischer Altruismus würde eine Menge Schaden
stiften, weil Du so gelangweilt und so voller Groll wärst,
daß Dir schon der Gedanke an Gott unausstehlich wäre.
Übrigens würdest Du, zu Deinem guten Aussehn dazu, als
so edel und rührend erscheinen, daß alle Weiber in Deinem
Umkreis Dir nachliefen. Nicht fünfzig Prozent von ihnen
wie jetzt, sondern alle. Als Mütter, als Bettgenossinnen,
als Schülerinnen — jede einzelne. Und natürlich würdest
Du nicht widerstehn — sag selbst!” Er hatte widersprochen,
hatte etwas von der Notwendigkeit des Opferbringens ge-
sagt. “Es gibt nur ein einziges wirksam erlösendes Opfer”,
hatte die Antwort gelautet. “Die Aufopferung des Eigen-
willens, um Platz zu machen für die Erkenntnis Gottes.”
Und ein wenig später, auf einem andern Zettel: “Versuch
nicht, die Rolle eines andern zu spielen. Du mußt heraus-
finden, wie Du Dein inneres Nicht-Selbst in Gott werden
kannst und dabei in der Welt Dein äußeres Selbst bleibst.”
Verdutzt und ein wenig enttäuscht hatte Sebastian auf-
geblickt und gewahrt, daß Bruno ihn anlächelte.
“Du meinst, das ist zu leicht?” war im Flüsterton ge-
kommen. Dann hatte sich wiederum der Bleistift betätigt.
Sebastian suchte unter den raschelnden Zetteln. Hier
war, was der Bleistift geschrieben hatte:
“Wunder zu vollbringen in einer Krise — viel leichter,
als Gott selbstlos zu lieben in jedem Augenblick jedes
Tags! Und darum entstehn die meisten Krisen — weil die
Menschen es so schwer finden, sich in gewöhnlichen Zeiten
zu benehmen, wie es sich gehört.”
Als er damals diese hingekritzelten Zeilen las, war er
plötzlich tief erschrocken über die Größe der ihm gestellten
Aufgabe. Und bald, sehr bald, wäre kein Bruno mehr da,
um ihm zu helfen.
“Allein werde ich es nie imstande sein!” rief er.
Aber der Kranke war unerbittlich.
“Es kann von niemand anderm getan werden”, schrieb
der Bleistift. “Andre können Dich nicht mit ihren Augen
sehn machen. Bestenfalls können sie Dich ermutigen, Deine
eignen Augen zu gebrauchen.”
Dann hatte er als Nachgedanken, auf einem andern
Blatt des Schreibblocks, hinzugefügt: “Und wenn Du ein-
mal begonnen hast, Deine eignen Augen zu gebrauchen,
wirst Du natürlich sehn, daß ein Alleinsein gar nicht in
Frage kommt. Niemand ist allein, wenn er nicht allein sein
will.”
Und wie um zu veranschaulichen, was er meinte, hatte
er den Bleistift hingelegt und auf die von der Sonne be-
leuchtete Landschaft und das Meer geblickt. Seine Lippen
hatten sich bewegt. “ ,Das Korn war auferstehender und
unsterblicher Weizen' .. . Ell'e quel mare al quäl tutto si
move . . . E'l naufragar m'è dolce ... der Schiffbruch in
jenem Meer ...” Er hatte die Augen geschlossen. Nach ein
oder zwei Minuten hatte er sie wieder geöffnet, Sebastian
mit einem außerordentlich liebevollen Lächeln angeblickt
und ihm die knochige Hand hingehalten. Sebastian hatte
sie ergriffen und gedrückt. Der Kranke hatte ihn noch ein
wenig länger mit demselben Lächeln angesehn und dann
die Augen wieder geschlossen. Es war eine lange Stille ge-
folgt. Plötzlich war aus der Küche die dünne, piepsende
Stimme Madame Louises gekommen, die ihren Lieblings-
walzer von vor vierzig Jahren sang. “Lorsque tout est
fini ...” Brunos abgezehrtes Gesicht hatte sich zu einem
Ausdruck von Belustigung zusammengezogen. “Zu Ende?”
hatte er geflüstert. “Zu Ende?” Und als er die Augen öff-
nete, waren sie von innerem Lachen erhellt gewesen. “Aber
es hat grade erst begonnen!”
Lange Zeit saß Sebastian völlig still da. Doch leider war
die Erinnerung an die Erkenntnis, die ihm an jenem Tag
geworden war, etwas ganz andres als die Erkenntnis selbst.
Und am Ende würde vielleicht sogar diese Erinnerung ab-
getötet werden müssen. Er seufzte und wandte sich wieder
seinem Merkbuch zu.

Kriegsschuld — die Schuld an London und Hamburg,


an Coventry, Rotterdam, Berlin. Gewiß, man hat
nichts mit Politik oder Finanz zu tun; man hat das
große Glück, nicht in Deutschland geboren zu sein. Aber
auf eine weniger offenkundige, mehr fundamentale Art
ist man schuldig, einfach weil man undurchdringlich
man selbst war, weil man es zufrieden war, spirituell
ein Embryo zu bleiben, unentwickelt, unerlöst, uner-
leuchtet. Zum Teil zumindest bin ich selbst für meine
Verstümmelung verantwortlich, und an der Hand, die
mir blieb, ist Blut und der schwarze ölige Schmierfleck
von verkohltem Fleisch.
Man sehe sich jede beliebige Bilderzeitschrift oder
irgendein Magazin an. Sensationsberichte (und nur Bö-
ses ist Sensation, niemals Gutes) wechseln mit Unter-
haltungslektüre ab, Bilder von Waffen, Leichen, Ruinen
mit Bildern halbnackter Weiber. Wie ein Pharisäer
pflegte ich zu glauben, es bestehe kein ursächlicher Zu-
sammenhang zwischen diesen Dingen und ich hätte als
strikter Sinnenmensch und Ästhet keine Verantwortung
für das, was in der Welt geschieht. Aber indem man sich
Sinnlichkeit und reines Ästhetentum zur Gewohnheit
macht, macht man sich gottdicht. Sich dieser Gewohnheit
hinzugeben, heißt ein spiritueller Regenmantel werden,
das kleine Winkelchen Zeit, dessen Mittelpunkt man
ist, vor dem geringsten Tropfen ewiger Wirklichkeit be-
schirmen. Aber die einzige Hoffnung für die Welt der
Zeit liegt darin, beständig von dem, was jenseits der
Zeit liegt, durchtränkt zu werden. Als garantiert Gott-
dichte schließen wir aus unsrer Umgebung den einzigen
Einfluß aus, der die verheerenden Energien des Ehr-
geizes, der Lüsternheit und der Machtgier zu neutrali-
sieren vermag. Unsre eigne Verantwortlichkeit mag
weniger auffallend deutlich sein als die der andern;
aber sie ist nicht weniger wirklich.
Der Regen ist vorüber, an den Spinnennetzen hängen
unabgeschüttelt die Wasserperlen, über den Baumwip-
feln ist der Himmel wie ein geschlossenes Augenlid,
und diese Felder und Wiesen sind die flachen, kahlen
Symbole einer vollständigen Resignation.
Unsichtbar in der Hecke, löst ein Zaunkönig perio-
disch den Sperrhaken von seinem winzigen schwirren-
den Uhrwerk. Aus den nassen Ästen oben fallen und
fallen die Tropfen im unvorhersagbaren Rhythmus
einer absolut fremden Musik. Aber die herbstliche Stille
bleibt makellos, und sogar das Rumpeln eines vorbei-
fahrenden Lastautos, sogar das lange Krescendo und
verhallende Brausen einer Staffel Flugzeuge, sogar
meine Erinnerungen an jene Explosionen und alle die
langen Schmerzensnächte sind irgendwie belanglos und
können unbeachtet gelassen werden. Auf der Oberfläche
der Kugel welch ein Geklirr von Eisenzeug! Aber hier,
in ihrem glasigen Mittelpunkt, stehn die drei alten
Hainbuchen und das Gras, die Brombeerranken und der
Stechpalmenstrauch und warten. Und zwischen den
Wiederholungen seiner geistlosen kleinen Erklärung
persönlicher Unabhängigkeit, dort unten am Ende der
Hecke, hält sogar der Zaunkönig gelegentlich inne, um
einen Augenblick lang der Stille innerhalb der Stille zu
lauschen; legt den Kopf schief und ist für eine Sekunde
oder zwei seiner selbst bewußt, wie er wartet, in der
laubigen labyrinthischen Dunkelheit eine Erlösung er-
wartet, von der er keine Ahnung haben kann. Wir aber,
die wir, wenn wir wollen, zu einer vollen Erkenntnis
dieser Erlösung gelangen können, haben ganz verges-
sen, daß es etwas zu erwarten gibt.

Ein wenig der Glückseligkeit, die er während des langen


Alleinseins unter den tropfenden Bäumen gefühlt hatte,
kam ihm wieder. Natürlich war es noch nicht annähernd
damit getan, auf diese Weise die Bedeutsamkeit von Land-
schaften und Lebewesen zu empfinden. Wordsworth mußte
durch Dante ergänzt werden, und Dante durch . . . nun ja,
durch jemand wie Bruno. Aber wenn man nicht götzen-
dienerisch die Manifestation für das Prinzip nahm, wenn
man spirituelle Völlerei vermied und begriff, daß diese
ländlichen Ekstasen nur eine Aufforderung dazu waren, zu
etwas anderm vorzudringen, dann war es natürlich ganz
in Ordnung, gleich Shelley einsam wie eine Wolke dahin-
zuwandern und das sogar dem Papier anzuvertrauen. Er
begann wiederum zu lesen.
Zur großen Überraschung der Neuhumanisten und
der liberalen Kirchenangehörigen hinterließ die Ab-
schaffung Gottes eine wahrnehmbare Leere. Aber die
Natur verabscheut ein Vakuum. Nation, Klasse und
Partei, Kultur und Kunst drangen sogleich ein, um die
leere Nische zu füllen. Für Politiker und für diejenigen
von uns, die zufällig mit einem Talent geboren wurden,
waren die neuen Pseudoreligionen äußerst profitable
Aberglauben, sind es noch immer und werden es (bis sie
das ganze Gebäude der menschlichen Gesellschaft zer-
stört haben werden) auch bleiben. Aber betrachte sie
leidenschaftslos, sub spezie aeternitatis: wie unsagbar
wunderlich, dumm und satanisch sind sie da!
Geschwätz, Tagträumen, Beschäftigung mit den eig-
nen Stimmungen und Gefühlen — sie sind alle verhäng-
nisvoll für das Leben im Geiste. Unter anderm aber ist
sogar das beste Theaterstück oder der beste Roman nur
verherrlichtes Geschwätz und künstlerisch gebändigtes
Tagträumen. Und lyrische Poesie? Einfach nur “Ah!”
oder “Oje!”, “Hu-hu!” oder “Ham-ham!” oder “Ver-
dammt!” oder “Schatzi!” oder “Ich bin ein Schwein!” —
entsprechend umgeschrieben, allerdings, und entwickelt.
Und darum haben manche theozentrische Heilige alle
Kunst mit Stumpf und Stiel verworfen, und nicht nur
Kunst — auch Wissenschaft, Gelehrsamkeit und philo-
sophische Spekulation. Oder man denke an Thomas von
Aquino: der vollendete Philosophievirtuose — aber
nachdem er die einende Erkenntnis der urgründigen
Tatsache erlangt hatte, über welche er so lange Zeit
Theorien gesponnen hatte, weigerte er sich, auch nur
noch ein einziges Wort Theologie zu schreiben. Wie
aber, wenn er zwanzig Jahre früher zur Einswerdung
gelangt wäre? Hätte es dann keine Summa
gegeben?
Und wenn nicht, wäre das etwa zu bedauern gewesen?
“Nein”, hätten wir vor ein paar Jahren geantwortet.
Nun aber beginnen sich einige Physiker zu fragen, ob
scholastischer Aristotelismus nicht vielleicht die beste
Philosophie ist, in deren Begriffen sich die Entdeckun-
gen unsrer zeitgenössischen Wissenschaft ordnen lassen.
(Mittlerweile aber ist natürlich die zeitgenössische Wis-
senschaft, in den Händen zeitgenössischer Menschen, da-
mit beschäftigt, nicht nur Dinge und Lebewesen zu ver-
nichten, sondern ganze Kulturformen. Also sehn wir
uns nur wieder einer neuen Reihe von Fragezeichen
gegenüber.)
Für den Künstler oder den Intellektuellen, der etwa
auch Interesse für die wahre Wirklichkeit hegt und nach
Befreiung verlangt, scheint der Ausweg, wie das ge-
wöhnlich so ist, auf eines Messers Schneide hinzuführen.
Erstens darf er nicht vergessen, daß, was er als Künst-
ler oder Intellektueller tut, ihn nicht zur Erkenntnis des
göttlichen Urgrunds bringt, auch nicht, wenn sein Werk
unmittelbar mit dieser Erkenntnis zu tun hat. Im Ge-
genteil, an und für sich ist das Werk selbst eine Ab-
lenkung. Zweitens, daß Talente den Begabungen fürs
Heilen oder Wunderwirken analog sind. Aber “ein
Quentlein heiligender Gnade ist ein Fuder jener Gna-
den wert, die von den Theologen ,unverdiente' genannt
werden, zu welchen die Begabung für Wunder gehört.
Es ist möglich, solche Gaben zu erhalten und dabei im
Stande der Todsünde zu sein; und sie sind auch nicht
zur Erlösung nötig. In der Regel werden unverdiente
Gnaden den Menschen nicht sosehr zu ihrem eigenen
Nutzen, sondern zur Erbauung ihrer Mitmenschen ver-
liehen.” Aber Franz von Sales hätte hinzufügen können,
daß Wunder nicht notwendigerweise erbauen. Und das
tun selbst die besten Kunstwerke nicht. In beiden Fällen
ist Erbauung nur eine Möglichkeit.
Und eines Dritten muß er gedenken, nämlich, daß
Schönheit ihrem innersten Wesen nach erbaulich ist; da-
gegen Geschwätz, Tagträumen und, der eignen Persön-
lichkeit Ausdruck zu geben, ihrem innersten Wesen nach
nicht erbaulich sind. In den meisten Kunstwerken heben
diese positiven und negativen Elemente einander auf.
Gelegentlich aber werden die Anekdoten und die Tag-
träume gedanklich auf Grundprinzipien bezogen und so
dargestellt, daß die Intervalle zwischen den sie bilden-
den Elementen eine neue, vorher nicht dagewesene
Art von Schönheit schaffen. Wenn das geschieht, werden
die Möglichkeiten der Erbauung voll verwirklicht, und
die unverdiente Gnade eines Talents findet ihre Recht-
fertigung. Allerdings kann das Komponieren eines sol-
chen vollkommenen Kunstwerks keine geringere Ablen-
kung sein als das Komponieren von Schwingmusik oder
Reklametexten. Es ist möglich, über Gott zu schreiben
und in dem Bemühn, gut zu schreiben, seinen Geist der
Gegenwart Gottes völlig zu verschließen. Es gibt nur
ein einziges Mittel gegen solches Vergessen — beständige
innere Sammlung.
Nun, er konnte nicht sagen, daß er sich nicht gebührend
gewarnt hatte, überlegte Sebastian lächelnd, während er
umblätterte. “Minimum einer Arbeitshypothese” lautete
die Überschrift der nächsten Aufzeichnung.
Erforschung der materiellen Wirklichkeit mittels kon-
trollierter Sinneserfahrungen — Forschung, die von
einer Arbeitshypothese in Gang gesetzt und gelenkt,
durch logisches Schließen zur Formulierung einer ratio-
nalen Theorie führt und deren Anwendung durch ent-
sprechendes technisches Handeln zum Ergebnis hat: das
ist Naturwissenschaft.
Keine Arbeitshypothese zu haben, heißt keinen Be-
weggrund dazu haben, mit der Forschung zu beginnen,
keinen Grund dafür, ein bestimmtes Experiment und
nicht ein andres zu machen, keine rationale Theorie, um
mittels ihrer Sinn oder Ordnung in die beobachteten
Tatsachen zu bringen.
Hingegen bedeutet ein Zuviel an Arbeitshypothese,
daß man nur findet, wovon man dogmatisch weiß, daß
es da ist, und alles übrige unbeachtet läßt.
Unter anderm ist auch Religion Forschung: von der
Erforschung, mittels reiner intellektueller Intuition,
der nichtsinnlichen, nichtpsychischen, rein geistigen
Wirklichkeit bis herab zum Formulieren rationaler
Theorien über die Ergebnisse und zum entsprechenden
ethischen Handeln im Licht solcher Theorien.
Was für eine Arbeitshypothese und wieviel von ihr
brauchen wir, um diese Forschung zu motivieren und (in
ihren Anfangsstadien) zu lenken?
Gar keine, sagen die sentimentalen Humanisten;
nur ein ganz klein wenig Pantheismus, sagen die guten
Leute, die es mit dem blauen Dom der Natur halten.
Ergebnis: sie haben keinen Beweggrund, die anstren-
genderen Versuche anzustellen; sie sind unfähig, solche
nicht-sinnliche Tatsachen, wie ihnen etwa begegnen, zu
erklären; sie machen sehr geringe Fortschritte in der
Nächstenliebe.
Am andern Ende der Skala stehn die Römisch-Ka-
tholischen, die Juden, die Mohammedaner, sie alle mit
ihren historischen, hundertprozentig offenbarten Re-
ligionen. Diese Menschen haben Arbeitshypothesen
über die nicht-sinnliche Wirklichkeit — das heißt, sie
haben einen Beweggrund, etwas zu tun, um einiges über
sie zu erfahren. Aber weil ihre Arbeitshypothesen allzu
ausführlich dogmatisch sind, entdecken die meisten nur
das, was sie zu glauben gelehrt wurden. Und was sie
glauben, ist eine Mischung von Gutem, weniger Gutem
und sogar Schlechtem. Aufzeichnungen großer Heiliger
über ihre unfehlbaren Intuitionen von der höchsten
geistigen Wirklichkeit sind da vermischt mit solchen
über die weniger verläßlichen und unendlich
weniger wertvollen Intuitionen spiritistischer Medien
von den niedereren Stufen nicht-sinnlichen Seins; und
zu diesen kommen noch bloße Phantasien hinzu, dis-
kursive Gedankengänge und Gefühlsschwelgereien, in
eine Art sekundärer Objektivität projiziert und ver-
ehrt, als wären sie göttliche Tatsachen. Aber zu allen
Zeiten, und trotz dem durch diese übermäßig ausge-
arbeiteten Arbeitshypothesen auferlegten Vorgabe-
gewicht, setzen einige wenige leidenschaftlich Beharr-
liche die Forschung bis zu dem Punkt fort, wo sie des
intelligiblen Lichts gewahr werden und vereinigt sind
mit dem göttlichen Urgrund.
Für diejenigen von uns, die nicht von Veranlagung
Mitglieder einer organisierten Kirche sind; die entdeckt
haben, daß Humanismus und der blaue Dom der Na-
turverehrung nicht genügen; die nicht zufrieden sind
damit, in der Finsternis spiritueller Unwissenheit, im
Sumpf des Lasters oder diesem andern Sumpf, bloßer
Achtbarkeit, zu verbleiben, scheint das Minimum einer
Arbeitshypothese ungefähr folgendes zu sein:
Daß es eine Gottheit oder einen Urgrund gibt, die
oder der das unmanifestierte Prinzip aller Manifesta-
tionen ist.
Daß der Urgrund transzendent und immanent ist.
Daß es dem Menschen möglich ist, den Urgrund zu
lieben, zu erkennen und von virtueller, der Anlage
nach vorhandener, zu aktueller, verwirklichter Selbig-
keit mit dem Urgrund zu gelangen.
Daß diese einende Erkenntnis zu erlangen, diese
höchste Identität zu verwirklichen, das letzte Ziel und
der Zweck menschlichen Daseins ist.
Daß es ein Gesetz oder Dharma gibt, dem der Mensch
gehorchen muß, ein Tao oder einen Weg, dem er folgen
muß, wenn er sein letztes Ziel erreichen soll.
Daß je mehr vom Ich, von mir und dem Meinen vor-
handen ist, desto weniger vom Grund vorhanden ist;
und daß daher das Tao ein Weg der Demut und des
Mitgefühls ist, das Dharma ein Gesetz der Entselbstung
und eines über das Ich hinausgehenden Bewußtseins.
Und das erklärt natürlich die Tatsachen der Mensch-
heitsgeschichte. Die Menschen lieben ihr Ich und wol-
len es nicht verleugnen; sie wollen nicht einsehn, war-
um sie nicht “ihre Persönlichkeit ausdrücken” und “es
sich gut gehn lassen und herrliche Zeiten haben” soll-
ten. Sie tun das und haben ihre herrlichen Zeiten, aber
auch und unvermeidlich Kriege und Syphilis und Re-
volutionen und Trunksucht und Tyrannei und, man-
gels einer hinreichenden religiösen Hypothese, nur die
Wahl zwischen irgendeinem irrsinnigen Götzendienst
wie Nationalismus und einem Gefühl völliger Vergeb-
lichkeit und Verzweiflung. Unsägliches Elend! Aber
im ganzen Verlauf der aufgezeichneten Menschheits-
geschichte haben die meisten Menschen der Gefahr, ja
der positiven Gewißheit solchen Unheils den Vorzug
gegeben vor der mühseligen Vollbeschäftigung, danach
zu streben, den göttlichen Grund alles Seins zu erken-
nen. Auf die Dauer wird uns genau das gegeben, worum
wir bitten.

Das war ganz richtig, soweit es ging, überlegte Sebastian.


Aber eine der Aufgaben des neuen Jahres wäre es, die
notwendigen Entwicklungen und näheren Bestimmungen
hinzuzufügen. Zum Beispiel, die Beziehungen zu erwä-
gen zwischen dem Urgrund und seinen höheren Manifesta-
tionen — zwischen der Gottheit und dem persönlichen Gott
und dem menschlichen Avatar und dem befreiten Heiligen.
Und ferner gälte es auch, die beiden Methoden religiöser
Annäherung zu erwägen: den unmittelbaren Zugang, der
auf eine identifizierende Erkenntnis des Urgrunds abzielt,
und den mittelbaren, der durch die Rangordnung der
materiellen und spirituellen Manifestationen aufsteigt, —
und beides stets unter der Gefahr, unterwegs irgendwo
steckenzubleiben. Inzwischen aber — wo war die Notiz,
die er sich als einen Kommentar zu einigen Versen in
Percy Heißsporns letzter Rede gemacht hatte? Er blätterte
suchend. Hier war sie.
Wenn man ganz und gar alles sagt, dann neigt das
alles dazu, sich gegenseitig zu nichts aufzuheben. Darum
läßt sich keine ausdrückliche Philosophie aus Shakespeare
hervorschürfen. Aber als eine einbegriffene Metaphysik,
als ein System von Schönheitswahrheiten, das aus den
poetischen Wechselbeziehungen der Szenen und Verse
besteht und den Pausen und Zwischenräumen inne-
wohnt, sogar zwischen Worten wie “erzählt von einem
Schwachkopf, nichts bedeutend”, kommen diese Dramen
einer großen theologischen Summa gleich. Und selbst-
verständlich, wenn man die aufhebenden gegenteiligen
unbeachtet zu lassen gewillt ist — was für außerordent-
liche einzelne Kundgebungen einer vollkommen aus-
drücklichen Weisheit finden sich da! Ich denke dabei
zum Beispiel an die zweieinhalb Zeilen, in die der ster-
bende Percy Heißsporn so nebenbei eine Erkenntnis-
lehre, eine Ethik und eine Metaphysik zusammenfaßt.
Doch Denken ist des Lebens Sklav, das Leben Der
Narr der Zeit; und Zeit, die messend schaut Die
ganze Welt, muß enden.
Drei Sätze, von denen das zwanzigste Jahrhundert nur
den ersten beachtet hat. Die Versklavung des Denkens
durch das Leben ist eines unsrer Lieblingsthemen.
Bergson und die Pragmatiker, Adler und Freud, die
Burschen mit dem dialektischen Materialismus und die
Behaviouristen — alle tuten sie ihre Variationen dar-
über. Der Geist ist nichts als ein Werkzeug zur Verfer-
tigung von Werkzeugen; gelenkt und beherrscht von
unbewußten Trieben, entweder sexuellen oder aggres-
siven; das Produkt gesellschaftlicher und wirtschaft-
licher Kräfte; ein Bündel bedingter Reflexe.
Alles durchaus wahr, soweit es geht; aber falsch,
wenn es nicht weitergeht. Denn wenn der Geist nur eine
Art von Nichts-als ist, liegt es auf der Hand, daß keine
seiner Behauptungen Anspruch auf Allgemeingültigkeit
hat. Aber alle Nichts-als-Philosophen erheben einen
solchen Anspruch, daher können sie nicht wahr sein;
denn wären sie wahr, wäre das der Beweis dafür, daß
sie falsch sind. Das Denken ist der Sklave des Lebens —
zweifellos. Aber wenn es nicht auch etwas andres wäre,
könnten wir nicht einmal diese wenigstens teilweise
gültige Verallgemeinerung machen.
Die Bedeutung des zweiten Satzes liegt hauptsächlich
im Praktischen. Das Leben ist der Narr der Zeit. Indem
sie einfach vergeht, läßt die Zeit aus allem bewußten
Planen und Trachten des Lebens Unsinn werden. Keine
bedeutende Handlung hat je alle oder nur die von ihr
erwarteten Ergebnisse gehabt. Außer unter kontrollier-
ten Verhältnissen oder unter Umständen, wo es möglich
ist, Individuen unbeachtet zu lassen und sich nur an
große Zahlen und Durchschnittswerte zu halten, ist
genaue Voraussicht unmöglich. In jeder aktuellen
Lebenslage sind mehr veränderliche Größen im Spiel,
als der menschliche Geist in Rechnung zu ziehn ver-
mag; und je mehr Zeit vergeht, desto mehr neigen diese
Variablen dazu, sich zu vervielfachen und ihren Cha-
rakter zu ändern. Das sind wohlbekannte und selbst-
verständliche Tatsachen. Und doch ist der einzige
Glaube einer Mehrheit der Europäer und Amerikaner
des zwanzigsten Jahrhunderts der Glaube an eine Zu-
kunft — die größere und bessere Zukunft — von der sie
wissen (!), daß der Fortschritt sie hervorzaubern wird
wie Kaninchen aus einem Zylinderhut. Um dessent-
willen, was ihnen ihr Glaube über eine künftige Zeit
erzählt, die doch, wessen ihr Verstand sie versichert,
völlig unerkennbar ist, sind sie bereit, ihren einzigen
greifbaren Besitz, die Gegenwart, zu opfern.
Seit ich, vor zweiunddreißig Jahren, geboren wurde,
sind ungefähr fünfzig Millionen Europäer und Gott
weiß wieviele Asiaten in Kriegen und Revolutionen
liquidiert worden. Warum? Damit es den Ururenkeln
derer, die jetzt hingeschlachtet oder dem Hungertod
preisgegeben werden, absolut wundervoll gehe im
Jahre des Heils 2043. Und wir befassen uns (je nach
Geschmack und politischer Gesinnung unter den von
Wells, Marx, Kapitalisten und Faschisten gelieferten
Entwürfen wählend) feierlich ernst damit, uns die
wundervollen Zeiten auszumalen, die diese Glückspilze
haben werden. Genau so wie unsre Ururgroßväter um
1840 Visionen davon hatten, was für wundervolle
Zeiten wir um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts
haben würden.
Wahre Religion befaßt sich mit dem Zeitlosen als
etwas Gegebenem. Götzendienerische Religion ist jede,
in der die Ewigkeit durch die Zeit ersetzt ist — entweder
vergangene Zeit in der Form einer starren Tradition
oder künftige Zeit in der Form des Fortschritts zur
Utopie. Und beide sind Moloche, beide fordern Men-
schenopfer in ungeheurer Zahl. Der spanische Katholi-
zismus war ein typisches götzendienerisches Kulttreiben
mit vergangener Zeit. Nationalismus, Kommunismus,
Faschismus, alle die sozialen Pseudoreligionen des
zwanzigsten Jahrhunderts, sind götzendienerisches Kult-
treiben mit künftiger Zeit.
Welches waren die Folgen davon, daß wir seit kurzem
unsre Aufmerksamkeit von der Vergangenheit auf die
Zukunft verschoben haben? Ein intellektueller Fort-
schritt vom Garten Eden zum Lande Utopia; ein mora-
lischer und politischer Vormarsch von erzwungener
Rechtgläubigkeit und dem Gottesgnadentum der Herr-
scher zu allgemeiner militärischer und industrieller
Dienstpflicht, zur Unfehlbarkeit der politischen Lokal-
päpste und zur Vergötzung des Staates. Von vorn oder
von hinten, die Zeit kann nie ungestraft angebetet
werden.
Aber Heißsporns Zusammenfassung hat einen letzten
Satz: Zeit muß enden. Und sie muß das nicht nur, im
ethischen Imperativ und als eschatologische Hoffnung,
sondern sie hat ein Ende, im Indikativ, als nacktes, bru-
tales Erleben. Nur wenn wir auch die Tatsache der
Ewigkeit in Betracht ziehn, können wir den Geist aus
seiner Versklavung an das Leben befreien. Und nur
indem wir entschlossen unsre Aufmerksamkeit der Ewig-
keit zuwenden und vor allem ihr treu ergeben sind,
können wir die Zeit hindern, unser Leben in ein sinn-
loses oder diabolisches Narrenspiel zu verwandeln. Der
göttliche Urgrund ist zeitlose Wirklichkeit. Trachte am
ersten nach dem, so wird dir solches alles — alles, ange-
fangen von einer sinnvollen Auslegung des Lebens bis
zur Befreiung von zwanghafter Selbstvernichtung — zu-
fallen. Oder, das Thema aus der Tonart der Evangelien
in die Shakespeares transponiert: Sei nicht mehr “der
stolze Mensch, des wenigst kundig, wes er meist gewiß,
seins glasig Wesens”, und du wirst aufhören, er zu sein,
der “wie ein zorniger Affe solch tolle Possen vor dem
Himmel treibt, als Engel weinen machen.”

Eine Nachschrift zu dem gestern Geschriebenen. In


der Politik hegen wir einen so festen Glauben an die
offenbar unerkennbare Zukunft, daß wir bereit sind,
Millionen Leben dem Traum eines Opiumrauchers vom
Lande Utopia oder von Weltherrschaft oder von
dauernder Sicherheit aufzuopfern. Wo es sich dagegen
um Naturschätze handelt, opfern wir eine recht genau
vorhersagbare Zukunft unsrer gegenwärtigen Habgier
auf. Wir wissen zum Beispiel, daß der Boden, wenn wir
ihn mißbrauchen, seine Fruchtbarkeit verliert; daß
unsre Kinder, wenn wir Massenmord an den Wäldern
begehn, kein Holz haben und ihre Hochländer ver-
karstet und ihre Täler überschwemmt sehn werden.
Dennoch mißbrauchen wir den Boden weiter und miß-
brauchen den Wald weiter. Mit einem Wort, bei allen
den komplexen Angelegenheiten des menschlichen
Lebens, wo Voraussicht unmöglich ist, bringen wir die
Gegenwart der Zukunft zum Opfer; aber bei den ver-
hältnismäßig einfachen Angelegenheiten der Natur, wo
wir ganz gut wissen, was wahrscheinlich geschehn wird,
opfern wir die Zukunft der Gegenwart auf. “Wen die
Götter verderben wollen, den schlagen sie zuvor mit
Wahnsinn.”
Seit viereinhalb Jahrhunderten sind die weißen
Europäer eifrig damit beschäftigt, die farbigen Völker,
welche die übrige Erde bewohnen, anzugreifen, zu be-
drücken und auszubeuten. Die katholischen Spanier und
Portugiesen begannen damit; dann kamen die protestan-
tischen Holländer und Engländer, die katholischen
Franzosen, die griechisch-orthodoxen Russen, die luthe-
rischen Deutschen, die katholischen Belgier. Immer und
überall folgten der Handel und die Flagge, Ausbeutung
und Bedrückung dem proselytenmachenden Kreuz oder
begleiteten es.
Opfer haben ein langes Gedächtnis — eine Tatsache,
die Bedrücker nie begreifen können. In ihrer Großmut
vergessen sie den Knöchel, den sie sich verstauchten, als
sie auf dem Gesicht ihres Mitmenschen herumtrampelten,
und sind aufrichtig erstaunt, wenn der sich weigert, die
Hand zu schütteln, die ihn prügelte, und keinen großen
Eifer bekundet, sich taufen zu lassen.
Es bleibt aber auch Tatsache, daß eine gemeinsame
Theologie eine der unentbehrlichen Voraussetzungen
des Friedens ist. Aus unverkennbaren und unliebsamen
geschichtlichen Gründen will die Mehrzahl der Asiaten
das Christentum nicht annehmen. Und es ist auch nicht
zu erwarten, daß Europäer und Amerikaner etwa den
ganzen Brahmaismus schlucken werden. Aber die kleinste
erforderliche Arbeitshypothese ist auch der größte ge-
meinsame Faktor.
Drei Telegraphenstangen liegen auf einem Wiesen-
fleck vor meinem Fenster in diesem Landgasthaus —
liegen da ein wenig im Winkel zueinander, aber alle
drei perspektivisch verkürzt, alle leidenschaftlich die
(nun auf einmal unaussprechlich geheimnisvolle) Tat-
sache der dritten Dimension betonend. Zur Linken ist
die Sonne eben im Aufgehn. Jede Stange hat ihren
zugehörigen Schatten, einen oder anderthalb Meter breit,
und die alten Radspuren im Gras, die zu Mittag fast
unsichtbar sind, gleichen Schluchten voll blauer Dunkel-
heit. Als “Aussicht” kann es nichts geben, was belang-
loser wäre; und doch enthält sie irgendwie die ganze
Schönheit, die ganze Bedeutsamkeit und den Stoff aller
Poesie.
Der industrielle Mensch — ein fühlender Wechselstrom-
Motor mit fluktuierender Leistung, gekuppelt an ein
ehernes Rad, das sich mit gleichbleibender Geschwindig-
keit dreht. Und da wundern wir uns, warum das unsre
das goldene Zeitalter der Revolutionen und Geistes-
störungen ist.
Demokratie heißt, dem Machthaber nein sagen zu
können, und man kann ihm nicht nein sagen, wenn man
nicht genug besitzt, um auch dann essen zu können,
wenn man die Gunst des Machthabers verloren hat. Es
kann keine Demokratie geben, wo ...
Sebastian blätterte ein paar Seiten weiter. Dann wurde
sein Blick durch die Anfangsworte einer Aufzeichnung
gefangen, die “am Weihnachtsabend” datiert war.
Heute kam es zu einem fast mühelosen Erlangen von
Stille — Schweigen des Verstandes, Schweigen des
Willens, Schweigen sogar der geheimsten und ganz
unterbewußten Begierden. Dann ein Übergang durch
diese Zustände des Schweigens in die intensiv aktive
Ruhe der lebendigen und ewigen Stille.
Oder ich könnte eine andre Reihe unzulänglicher
Wortzeichen verwenden und sagen, daß es eine Art
von Verschmelzen mit dem harmonierenden Intervall
war, das Schönheit schafft und ist. Indes aber jede
besondere Manifestation von Schönheit — in der Kunst,
im Denken, im Tun, in der Natur — immer eine Be-
ziehung zwischen Existenzen ist, denen selbst keine
Schönheit innewohnt, war dies eine Wahrnehmung, ein
tatsächliches Teilhaftwerden des Paradoxons einer Be-
ziehung als solcher, ganz getrennt von irgend etwas
Bezogenem; das unmittelbare Erleben reinen Intervalls
und des Prinzips der Harmonie, getrennt von alledem,
was in diesem oder jenem konkreten Fall gesondert,
aber harmonisiert ist. Und irgendwo, irgendwie besteht
dieses Teilhaben und dieses Erleben auch jetzt noch,
während ich dies niederschreibe. Besteht trotz dem
höllischen Lärm der Abwehrkanonen, trotz meinen
Erinnerungen und Befürchtungen und gedanklichen
Beschäftigungen. Wenn es immerfort bestehn könnte ...

Aber die Gnade war ihm wieder entzogen worden, und


in den letzten Tagen ... Sebastian schüttelte traurig den
Kopf. Staub und Asche, die Affenteufel, die schwachsinnige
Unheiligkeit der Zerstreuung. Und weil Erkenntnis, die
echte Erkenntnis, jenseits von bloßer Theorie und Buch-
wissen, immer ein Teilhaftwerden war, das einen in das
Erkannte umwandelte, ließ sie sich nie mitteilen — nicht
einmal dem eignen Ich, wenn es in einem Zustand des
Nichterkennens war. Das beste, was man mittels Worten
zu tun hoffen konnte, war, sich selbst daran zu gemahnen
was man einmal unitiv verstanden hatte, und, in andern
den Wunsch nach einem ähnlichen Verstehn zu erwecken
und einige der Vorbedingungen dafür zu schaffen. Er
öffnete sein Merkbuch wieder.
Verbrachte den Abend damit, Leuten zuzuhören, die
über die künftige Organisation der Welt redeten, —
Gott steh uns allen bei! Vergessen sie, was Lord Acton
über Macht sagte? “Macht korrumpiert immer. Absolute
Macht korrumpiert absolut. Alle großen Männer sind
schlecht.” Und er hätte hinzufügen können, daß alle
großen Nationen, alle großen Klassen, alle großen Reli-
gionen oder Berufsgruppen schlecht sind — schlecht in
genauem Verhältnis zu dem Ausmaß, in dem sie ihre
Macht ausnützen.

In der Vergangenheit hat es ein Zeitalter Shake-


speares, ein Zeitalter Voltaires, ein Zeitalter Dickens'
gegeben. Das unsre ist nicht ein Zeitalter eines Dichters
oder Denkers oder Romanschriftstellers, sondern der
Reportage. Unser “Repräsentativer Mann” ist der
reisende Zeitungsberichterstatter, der zwischen zwei
Aufträgen seines Blattes ganz schnell einen Bestseller
hinschreibt. “Tatsachen sprechen für sich selbst.” Welche
Illusion! Tatsachen sind Bauchrednerpuppen. Sitzen sie
einem Weisen auf dem Schoß, lassen sie sich dazu brin-
gen, Worte der Weisheit zu äußern; anderswo sagen
sie nichts oder reden Unsinn oder erlauben sich wahre
Teufeleien.

Muß nachlesen, was Spinoza über Mitleid sagt. Soviel


ich mich erinnere, hält er es dem Wesen nach für uner-
wünscht, insofern es eine Leidenschaft ist, aber relativ
für erwünscht, insofern es mehr Gutes als Schaden be-
wirkt. Mußte gestern die ganze Zeit daran denken,
während ich mit Daisy Ockham beisammen war. Die
gute Tante Daisy! Ihr leidenschaftliches Mitleid ver-
anlaßt sie, alles mögliche Gute und Schöne zu tun; aber
weil es eben nur eine Leidenschaft ist, verbiegt es ihr
Urteil, ist die Ursache, daß sie alle möglichen lächer-
lichen und schädlichen Irrtümer begeht, und verwandelt
sich in eine höchst absurd sentimentale und grundfalsche
Auffassung vom Leben. Sie liebt es zum Beispiel davon
zu reden, daß Menschen durch Leiden verwandelt und
gebessert werden. Aber es ist völlig klar — wenn einen
die Leidenschaft des Mitleids nicht blind macht — daß
das nicht wahr ist. Leiden kann eine Art Gefühlsauf-
schwungs und zeitweise Steigerung von Mut, Duldsam-
keit, Geduld und Nächstenliebe hervorbringen, und tut
das auch oft. Aber wenn der Druck des Leidens zu lange
währt, kommt es zu einem Zusammenbruch und zu Teil-
nahmslosigkeit, Verzweiflung oder heftiger Selbstsucht.
Und wird der Druck beseitigt, erfolgt sogleich ein
Rückfall in normale Zustände von Ungeneriertheit. Für
kurze Zeit erwecken Luftangriffe Gefühle allgemeiner
Brüderlichkeit; aber dauernde Wandlung und Besserung
—die kommen nur ausnahmsweise vor. Die meisten
Leute, die ich kenne, sind unverändert aus der Schlacht
zurückgekehrt; beträchtlich viele sind schlechter, als sie
vorher waren; und einige wenige — solche mit einer
entsprechenden Philosophie und einem Verlangen da-
nach, ihr gemäß zu handeln, — sind besser. Daisy tun
alle so leid, daß sie behauptet, sie seien alle besser. Ich
sprach ihr ein wenig von dem armen Dennis C. und
davon, was Leiden bei ihm bewirkt hat — Trinken,
Rücksichtslosigkeit, Unbekümmertsein um einfachste
Ehrlichkeit, einen völligen Zynismus.
Buddhisten unterscheiden in ihren Schriften zwischen
Mitgefühl und dem “Großen Mitgefühl” — Mitleid im
Rohzustand, als einer bloßen Störung der Eingeweide
und des Gemüts, und grundsätzlichem Mitleid, erleuchtet
von Einsicht in das Wesen der Welt, bewußt der
Ursachen des Leidens und der einzigen Abhilfe. Tun
hängt vom Denken ab, das Denken aber in großem
Ausmaß vom Wortschatz. Ein Wortschatz, der auf den
Jargons der Wirtschaftslehre oder der Psychologie oder
einer sentimentalen Religiosität beruht, das heißt der
Wortschatz, in dessen Begriffen wir heutzutage über
Wesen und Bestimmung des Menschen nachdenken, ist
so ziemlich das schlechteste . . .

Plötzlich ertönte die Türklingel. Überrascht blickte Se-


bastian auf. Wer konnte das sein um diese Stunde? Dennis
Camlin wahrscheinlich. Und wahrscheinlich wieder tüchtig
betrunken. Wie, wenn er die Tür nicht öffnete? Aber nein,
das wäre unbarmherzig. Der arme Kerl schien in seiner
Gegenwart etwas wie Trost zu finden. “Das ist alles
wahr”, sagte er dann meist. “Ich hab immer gewußt, daß
es wahr ist. Aber wenn man sich zugrundrichten will — na,
warum nicht?” Und dann wurde sein Ton trotzig und seine
Worte wurden äußerst unflätig und blasphemisch. Doch
ein paar Tage später war er wieder da.
Sebastian stand auf, ging in den Vorraum und öffnete
die Wohnungstür. Die Gestalt eines Mannes stand da im
Dunkel — sein Vater. Er schrie fast auf vor Erstaunen.
“Aber wieso bist du nicht auf der andern Seite des
Atlantik?”
“Das ist der Reiz des Reisens in Kriegszeiten”, sagte
John Barnack in dem vorsätzlich unerregten Ton, den er
fürs Abschiednehmen und Wiedersehn aufsparte. “Schluß
mit dem Unfug der Fahrpläne oder telegraphischer Ver-
ständigungen. Kannst du mich für die Nacht unterbrin-
gen, übrigens?”
“Selbstverständlich.”
“Nicht, wenn's dir die geringste Mühe macht”, fügte
sein Vater hinzu, während er seinen Handkoffer abstellte
und den Mantel aufzuknöpfen begann. “Ich habe mir nur
gedacht, es wäre leichter für mich, meine Wohnung erst
bei Tageslicht wieder herzurichten.”
Er betrat mit energischen Schritten das Wohnzimmer,
setzte sich, und ohne auch nur zu fragen, wie es Sebastian
ging, oder das Geringste über seine eigne Person zu sagen,
begann er von seiner Tour durch Kanada und die Ver-
einigten Staaten zu reden. Diese bemerkenswerte Schwen-
kung nach links in dem Dominion — ein so auffallender
Gegensatz zu dem, was jenseits der Grenze vorgehe. Aber
ob die Republikaner die Präsidentenwahl wirklich ge-
winnen würden, sei eine andre Sache. Und jedenfalls
werde die künftige Politik der USA. nicht durch irgend-
eine Partei oder irgendeinen Präsidenten entschieden wer-
den, sondern durch die nackte Gewalt der Umstände. Wer
immer gewählt würde, es gäbe nur noch mehr staatliche
Kontrolle, noch mehr Zentralisierung, um mit dem Nach-
kriegschaos fertigzuwerden; hohe Steuern auch weiterhin ...
Sebastian machte die Gebärden und Geräusche verständ-
nisvoller Aufmerksamkeit, aber seine wirkliche Anteil-
nahme galt dem Sprecher, nicht dem Gesprochenen. Wie
müde sein Vater aussah, wie alt! Vier Kriegsjahre Über-
arbeitung, daheim, in Indien, wieder zurück in England,
hatten ihn erschöpft und heruntergebracht; und nun hatten
diese zwei Monate ununterbrochenen Umherreisens im
Winter, täglicher Vorträge und Konferenzen ein übriges
getan. Fast plötzlich war John Barnack aus kraftvoller
Reife ins beginnende Greisenalter geraten. Aber natürlich,
so überlegte Sebastian, wäre sein Vater viel zu stolz, um
das zuzugeben, viel zu willensstark und eigensinnig, um
seinem müden und geschrumpften Körper Zugeständnisse
zu machen. Er, der um des Asketentums willen asketisch
war, würde sich weiter antreiben, sinnlos, bis zum end-
gültigen Zusammenbruch.
“... ein kompletter Trottel”, sagte John Barnack grade
mit einer Stimme, der Verachtung noch lautere Artiku-
lation verlieh. “Und wenn er nicht Jim Tooleys Schwager
wäre, wäre es natürlich keinem Menschen auch nur im
Traum eingefallen, ihm diesen Posten zu geben. Aber
freilich, wenn man die Schwester des Weltmeisters im
Speichellecken zur Frau hat, darf man nach den höchsten
öffentlichen Ämtern langen.”
Er stieß ein lautes, blechernes, wie Eselsgeschrei klin-
gendes Gelächter aus und erging sich dann in einer leb-
haften Abschweifung über oben herrschenden Nepotismus.
Sebastian hörte zu — nicht den Worten, sondern dem,
was sie verbargen und doch so deutlich ausdrückten: seines
Vaters bitteres Gefühl von Zurücksetzung und seinen Groll
gegen eine Partei und eine Regierung, die ihn alle diese
Jahre in Reih und Glied gelassen hatte, ohne Amt, ohne
irgendeine Stellung von Autorität. Sein Stolz erlaubte ihm
nicht, sich zu beklagen, — er mußte sich mit diesen grimmig
sardonischen Hinweisen auf die Dummheit und Verworfen-
heit von Männern begnügen, welchen zuliebe er selbst
übergangen worden war. Allerdings, wenn man sich nicht
davon zurückhalten konnte, zu seinen Kollegen zu sprechen,
als wären sie geistig zurückgebliebene und wahrscheinlich
verbrecherisch veranlagte Kinder, durfte man wirklich
nicht erstaunt sein, wenn sie die Rosinen anderen zuteilten.
Alt, müde, verbittert. Aber das war noch nicht alles,
sagte sich Sebastian, während er das tiefgefurchte, leder-
artige Gesicht betrachtete und der nun ungemäß lauten
und herrischen Stimme lauschte. Das war noch nicht alles.
Auf eine kaum merkliche und kaum erklärliche Weise
machte sein Vater einen Eindruck von Verkrüppelung —
als hätte er sich plötzlich in einen Zwerg oder Buckligen
verwandelt. “Wer nicht besser wird, wird schlechter.” Aber
das drückte es zu stark und zu summarisch aus. “Wer sich
nicht entwickelt, entwickelt sich zurück.” Das war treffen-
der. Ein solcher Mann endete sein Leben vielleicht nicht als
ein ausgereifter Mensch sondern als ein gealterter Fötus.
Völlig erwachsen an Weltklugheit und Berufstüchtigkeit;
embryonisch an Geist und sogar (trotz allen stoischen und
bürgerlichen Tugenden, die er erworben haben mochte) an
Charakter. Mit fünfundsechzig versuchte sein Vater, noch
immer zu sein, was er mit fünfundfünfzig, fünfunddreißig
gewesen war. Aber dieser Versuch, derselbe zu sein, machte
ihn wesentlich zu einem andern. Denn damals war er
gewesen, was ein vielbeschäftigter Politiker in jungen oder
mittleren Jahren sein sollte. Nun aber war er, was ein alter
Mann nicht sein sollte. Und hatte sich so, indem er danach
strebte, unverändert zu bleiben, in etwas schauerlich Ano-
males verwandelt. Und natürlich war er in einem Zeitalter,
das die Gestalt eines Peter Pan, des Knaben, der nicht er-
wachsen werden will, erfunden und die Monstrosität
gehemmter Entwicklung zum Rang eines Ideals erhoben
hatte, keineswegs eine Ausnahme. Die Welt war voll von
Siebzigern, die sich darin gefielen, Dreißigjährige oder
noch Jüngere zu spielen, statt sich auf den Tod vorzu-
bereiten, statt zu versuchen, die spirituelle Wirklichkeit
hervorzugraben, mit deren Verschüttung unter einem
ganzen Berg von Abfall sie ihr Leben verbracht hatten.
Bei seinem Vater war der Abfall natürlich von aller-
höchster Qualität gewesen — strenge Lebensweise, Dienst
an der Öffentlichkeit, umfassendes Wissen, politischer
Idealismus. Aber die spirituelle Wirklichkeit war nicht
weniger wirksam verschüttet, als sie es etwa unter einer
Leidenschaft fürs Glücksspiel gewesen wäre oder unter
einem Besessensein von geschlechtlicher Genußgier. Ja viel-
leicht war sie tatsächlich noch viel wirksamer begraben,
denn der Hasardeur und der Hurer bildeten sich nicht ein,
daß ihre Betätigungen rühmlich seien, und hatten also die
Möglichkeit, dahin gebracht zu werden, sich ihrer zu
schämen und sie aufzugeben; wogegen der wohlunterrichtete
gute Bürger so gewiß war, moralisch und intellektuell im
Recht zu sein, daß er selten die Möglichkeit, seinen Lebens-
wandel zu ändern, auch nur ins Auge faßte. Die Zöllner
waren es gewesen, die das ewige Heil erlangten, und nicht
die Pharisäer.
Mittlerweile war die Rede von Nepotismus abgeschwenkt
und hatte sich unvermeidlich darin festgefahren, was wohl
nach dem Krieg geschehn werde . . . Bis vor ganz kurzem,
so dachte Sebastian, während er zuhörte, war dieser uner-
schütterliche Götzendiener der künftigen Zeit von seiner
Gottheit mit der Gnade einer unerschöpflichen Energie im
Dienste seiner sozialen Lieblingsreformen belohnt wor-
den. Nun jedoch war er statt Pfründner das Opfer dessen,
was er anbetete. Die Zukunft und ihre Probleme hatten
ihn zu verfolgen begonnen wie ein schlechtes Gewissen
oder eine verzehrende Leidenschaft.
Da war zunächst die unmittelbare Zukunft. Auf dem
Kontinent ein so fürchterliches Chaos, daß Millionen Men-
schen die Kriegsjahre im Rückblick buchstäblich als eine
Zeit des Wohlstands erscheinen würden. Und sogar in
England würde sich nebst einem Ungeheuern Gefühl der
Erleichterung ein gewisses Heimweh nach den Einfach-
heiten der Kriegswirtschaft und kriegszeitlicher Organisa-
tion geltend machen. Und in Asien indessen welch ein
politisches Wirrsal, wieviel Hungersnot und Seuchen, was
für Abgründe des Rassenhasses, welche bewußten und un-
bewußten Vorbereitungen für den kommenden Krieg der
Hautfarben! John Barnack hob die Hände und ließ sie
mit einer Gebärde äußerster Hoffnungslosigkeit wieder
sinken. Denn das war natürlich noch nicht alles. Wie von
Furien gehetzt, machte er sich nun daran, die entfernteren
Strecken der Zeit zu erkunden. Und da erhoben sich vor
ihm, bedrohlich wie ein unentrinnbares Schicksal, die fast
zur Gewißheit gewordenen zukünftigen Bevölkerungs-
kurven. Ein England, ein Westeuropa, ein Amerika, in
dreißig Jahren kaum stärker bevölkert als gegenwärtig,
und ein Fünftel der Einwohner Altersrentner. Und gleich-
zeitig mit dieser Hinfälligkeit ein Rußland von mehr als
zweihundert Millionen, vorwiegend jugendlich und so
auftrumpfend zuversichtlich und so imperialistisch gesinnt,
wie England es an einem entsprechenden Punkt seiner
längstvergangenen Phase wirtschaftlicher und demokra-
tischer Expansion gewesen war. Und östlich von Rußland
dann ein China von vielleicht fünfhundert Millionen im
ersten Auftrieb des Nationalismus und der Industriali-
sierung. Und südlich des Himalaya vier- oder fünfhundert
Millionen hungernder Inder, die verzweifelt versuchen,
die Erzeugnisse ihrer um Schandlöhne arbeitenden Fa-
brikarbeiter gegen die Mittel zu tauschen, grad lange ge-
nug leben zu können, daß sich die Bevölkerungszahl um
noch einmal fünfzig Millionen vermehre und die im Durch-
schnitt zu erwartende Lebensdauer sich um noch ein oder
zwei Jahre verringere.
Das Hauptergebnis des Kriegs, so fuhr er düster fort,
werde die Beschleunigung von Vorgängen sein, die sonst
viel allmählicher und weniger katastrophal verlaufen
wären. Das Vordringen Rußlands zur Beherrschung Eu-
ropas und des Nahen Ostens; Chinas Vordringen zur Be-
herrschung des übrigen Asiens; und das Vordringen ganz
Asiens zur Industrialisierung. Die Märkte der Weißen von
Sturzbächen billiger Fabrikswaren überschwemmt. Und
die Reaktion der Weißen auf die Sturzbäche der casus
belli für den kommenden Hautfarbenkrieg.
“Und wie dieser Krieg aussehn wird ... ”
John Barnack ließ den Satz unvollendet und begann
statt dessen von dem gegenwärtigen Elend Indiens zu
reden — Hungersnot in Bengalen, pandemische Malaria,
die Gefängnisse überfüllt mit Männern und Frauen, an
deren Seite er selbst noch vor ein paar Jahren für swaraj
gekämpft hatte. Ein Ton verzweifelter Bitterkeit kam in
seine Stimme. Nicht nur weil er seine politischen Sym-
pathien hatte aufopfern müssen. Nein, die Wurzeln seiner
Verzweiflung reichten tiefer — bis hinab in die Überzeu-
gung, daß politische Grundsätze, so vortrefflich sie auch
sein mochten, fast belanglos waren für das wirkliche Pro-
blem, das ein rein arithmetisches war: eine Sache des Ver-
hältnisses von Nutzfläche zu Bevölkerung. Zuviele Men-
schen, zuwenig Ackerland. Dank der Fortschritte der Tech-
nik und Medizin und dank der Pax Britannica war der
Alptraum eines Malthus für ein Sechstel der Menschheit
zur alltäglichen Wirklichkeit geworden.
Sebastian ging in die Küche, um Tee zu kochen. Durch
die offene Tür hörte er ein jähes Schmettern von Trom-
peten und Saxophonen, dann den jämmerlichen Schwall
gefühlvoll sein wollender Sängerinnen, dann die ruhigere
Intonation einer männlichenStimme, die redete und redete.
Sein Vater hörte offenbar Nachrichten.
Als er ins Wohnzimmer zurückkam, waren die vorbei.
Mit geschlossenen Augen lag John Barnack in den Lehn-
stuhl zurückgesunken und schlief beinahe. So unversehens
überrascht, verrieten das Gesicht und der schlaffe Körper
unsägliche Müdigkeit. Eine Teetasse klirrte, als Sebastian
das Tablett hinstellte. Sein Vater fuhr in die Höhe und
setzte sich auf. Das abgespannte Gesicht nahm wieder sei-
nen gewohnten Ausdruck fast einschüchternder Entschlos-
senheit an, der Körper war wieder gestrafft und alert.
“Hast du schon von dieser Sache mit den Russen und
den Tschechen gehört?” fragte er.
Sebastian schüttelte den Kopf. Sein Vater klärte ihn auf.
Weitere Einzelheiten des zwanzigjährigen Pakts kämen
nun erst heraus!
“Siehst du”, schloß er fast triumphierend, “sie fängt
schon an — die russische Hegemonie in Europa.”
Vorsichtig reichte ihm Sebastian eine randvolle Tasse
Tee. Vor gar nicht so langer Zeit, dachte er, hätte es nicht
geheißen “russische Hegemonie” sondern “sowjetischer
Einfluß”. Aber das war gewesen, bevor sein Vater begon-
nen hatte, sich für Bevölkerungsprobleme zu interessieren.
Und Stalin hatte die alte revolutionäre Politik in bezug
auf Religion jetzt ins Gegenteil verkehrt. Die griechisch-
orthodoxe Kirche wurde wieder als Werkzeug des Natio-
nalismus verwendet. Es gab jetzt Seminare und einen
Patriarchen, der aussah wie Sankt Nikolaus, und Millionen
Menschen bekreuzigten sich vor Ikonen.
“Noch vor einem Jahr”, fuhr John Barnack fort, “hätten
wir den Tschechen das nie erlaubt. Nie! Jetzt haben wir
keine Wahl.”
“Unter diesen Umständen”, meinte Sebastian nach
einem kurzen Schweigen, “wäre es vielleicht ganz gut, ge-
legentlich an manches zu denken, wobei wir eine Wahl
haben.”
“Was meinst du damit?” fragte sein Vater, argwöhnisch
aufblickend.
“Russen hin, Russen her, es steht einem doch immer
frei, dem wahren Wesen der Dinge einige Aufmerksam-
keit zu schenken.”
John Barnack nahm eine Miene verachtungsvollen Be-
dauerns an und brach dann in ein Gelächter aus, das
klang, als würde eine Karrenlast Alteisen auf den Ablade-
platz geleert.
“Vierhundert Divisionen”, sagte er, als der Anfall vor-
bei war, “gegen ein paar hochklassige Gedanken über das
gasförmige Wirbeltier!”
Es war eine Bemerkung ganz im guten alten Stil — aber
mit diesem Unterschied, daß der gute alte Stil nun der
neue Stil eines selbstverbutteten Zwergs war, der es fertig
gebracht hatte, seine eigene spirituelle Abtreibung zu
vollziehen.
“Und doch”, sagte Sebastian, “wenn wir daran dächten
bis . . . bis ...” Er zögerte. “Ja, bis wir tatsächlich einer
seiner Gedanken würden, wären wir offenbar ganz anders,
als wir gegenwärtig sind.”
“Daran ist nicht im geringsten zu zweifeln”, sagte John
Barnack sarkastisch.
“Und diese Art von Anderssein ist ansteckend”, fuhr
Sebastian fort. “Und mit der Zeit würde sich die An-
steckung vielleicht so weit verbreiten, daß diejenigen, die
die größeren Bataillone haben, tatsächlich gar nicht wün-
schen würden, sie zu verwenden.”
Noch eine Ladung Alteisen wurde auf die Rutsche ge-
kippt. Diesmal stimmte Sebastian in das Gelächter ein.
“Ja”, gab er zu, “es hört sich wirklich recht komisch an.
Aber schließlich ist eine Chance von eins in einer Million
besser als gar keine, und gar keine, das ist's, was du dir
erwartest.”
“Nein, das habe ich nicht gesagt”, verwahrte sich sein
Vater. “Es wird natürlich einen Waffenstillstand geben —
sogar einen recht langen.” “Aber keinen Frieden?”
John Barnack schüttelte den Kopf. “Nein, fürchte ich.
Keinen wirklichen Frieden.”
“Weil Friede nicht für diejenigen kommt, die bloß für
den Frieden arbeiten, — sondern nur als Nebenprodukt
von etwas anderem.”
“Einem Interesse für gasförmige Wirbeltiere, wie?”
“Stimmt”, sagte Sebastian. “Friede kann nur bestehn,
wo es eine Metaphysik gibt, die alle gelten lassen und die
zu begreifen einigen wenigen tatsächlich gelingt.” Und
als sein Vater ihn fragend ansah, setzte er hinzu: “Durch
unmittelbare Intuition. Auf die Weise, wie man der Schön-
heit eines Gedichts innewird — oder auch der einer Frau.”
Es folgte ein langes Schweigen.
“Du erinnerst dich vermutlich deiner Mutter nicht sehr
gut, nicht wahr?” fragte John Barnack unvermittelt.
Sebastian schüttelte den Kopf.
“Du warst ihr sehr ähnlich, als du noch ein Junge warst”,
fuhr sein Vater fort. “Es war sonderbar ... fast beäng-
stigend.” Er schüttelte den Kopf und setzte dann, nach
einer kleinen Pause, hinzu: “Ich hätte mir nie vorgestellt,
daß du einmal so werden würdest.”
“Daß ich wie werden würde?”
“Du weißt schon — worüber wir gesprochen haben. Na-
türlich halte ich's alles für Unsinn”, setzte er hastig hinzu.
“Aber ich muß sagen ...” Ein Ausdruck ungewohnter
Verlegenheit erschien auf seinem Gesicht. Vor einer allzu
nachdrücklichen Äußerung von Zuneigung zurückscheuend,
schloß er abwägend: “Es hat dir jedenfalls nicht geschadet.”
“Danke schön”, sagte Sebastian.
“Ich erinnere mich an ihn, wie er ein junger Mann war”,
fuhr sein Vater fort, die Teetasse am Mund.
“Erinnerst dich an wen?”
“Den Sohn des alten Rontini. Bruno — hieß er nicht so?”
“Ja, so hieß er”, sagte Sebastian.
“Er hat mir nicht viel Eindruck gemacht, damals.”
Sebastian fragte sich, ob irgend jemand seinem Vater
je viel Eindruck gemacht habe. Er war immer zu sehr be-
schäftigt gewesen, hatte sich zu sehr mit seiner Arbeit und
seinen Ideen identifiziert, um sich andrer Menschen sehr
bewußt zu sein. Er kannte sie als Verkörperungen juridi-
scher Probleme, als besondere Fälle politischer oder wirt-
schaftlicher Typen, nicht als individuelle Menschen.
“Und doch muß er vermutlich in mancher Hinsicht recht
bemerkenswert gewesen sein”, setzte John Barnack fort.
“Schließlich, du hast ihn dafür gehalten.”
Sebastian war gerührt. Es war das erste Mal, daß sein
Vater ihm das Kompliment zollte, zuzugeben, daß er viel-
leicht kein absoluter Narr sei.
“Ich kannte ihn um so viel besser als du”, sagte er.
Mit einer offenbar recht mühsamen Anstrengung richtete
sich John Barnack aus der Tiefe des Lehnstuhls auf.
“Höchste Zeit, schlafen zu gehn”, sagte er, als verkündete
er eine allgemeine Wahrheit, nicht, als drückte er damit
seine eigne Müdigkeit aus.
Er wandte sich nach Sebastian um. “Was war es eigent-
lich, was du an ihm gefunden hast?” fragte er.
“Was es war?” wiederholte Sebastian gedehnt. Er zö-
gerte und wußte nicht recht, was er antworten sollte. Es
gab da so vieles, was man erwähnen konnte. Diese Auf-
richtigkeit, zum Beispiel, diese außerordentliche Wahr-
haftigkeit. Oder seine Schlichtheit, dieses Fehlen jeglicher
Anmaßung. Oder ein Zartgefühl, so innig und doch so
völlig unsentimental und sogar unpersönlich — aber von
einer Unpersönlichkeit, die auf irgendeine Weise oberhalb
der Ebene des Persönlichen lag, nicht unterhalb; nicht so,
wie etwa seine eigene Sinnlichkeit unpersönlich gewesen
war. Oder auch, daß dann, gegen das Ende zu, Bruno nicht
viel mehr gewesen war als eine Art dünner, durch-
scheinender Schale, die etwas unvergleichbar anderes als
ihn selbst umschloß — eine überirdische Schönheit von
Frieden und Stärke und Erkenntnis. Aber das, so sagte sich
Sebastian, war etwas, das sein Vater nicht einmal zu ver-
stehn wünschen würde. Er blickte endlich auf. “Eins von
den Dingen, die mir am meisten auffielen”, sagte er, “war
dies, daß Bruno einen irgendwie überzeugen konnte, es
sei alles sinnvoll. Nicht durch sein Reden natürlich; ein-
fach durch sein Sein.”
Statt abermals zu lachen, wie Sebastian erwartet hatte,
stand John Barnack schweigend da und rieb sich das Kinn.
“Wenn man klug ist”, sagte er endlich, “fragt man nicht,
ob es alles irgendeinen Sinn hat. Man tut seine Arbeit
und überläßt das Problem des Bösen seinem Metabolismus.
Der ist ganz gewiß sinnvoll.”
“Weil er nicht man selbst ist”, sagte Sebastian. “Nicht
menschlich, sondern ein Teil der Weltordnung. Darum
haben die Tiere keine metaphysischen Sorgen. Da sie mit
ihrer Physis identisch sind, wissen sie, daß es eine Welt-
ordnung gibt. Wogegen die Menschen sich, sagen wir,
mit dem Geldverdienen identifizieren oder mit Trinken
oder Politik oder Literatur. Und nichts von alledem hat
etwas mit der Weltordnung zu tun. Also sind sie natürlich
der Meinung, daß nichts sinnvoll ist.”
“Aber was ist da zu tun?”
Sebastian lächelte, und während er aufstand, ließ er
einen Fingernagel über das Netzgitter des Lautsprechers
gleiten.
“Man kann entweder Nachrichten hören — und natürlich
sind Nachrichten immer schlechte Nachrichten, auch wenn
sie gut klingen, — oder man kann seinen Geist darauf ein-
stellen, etwas anderes zu hören.”
Mit herzlicher Zuneigung ergriff er seinen Vater am
Arm. “Wie wär's, wenn wir nachsehn gingen, ob du im
Zimmer drüben noch etwas brauchst?”