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Die neue ÖNORM B 2110 und ihre Auswirkungen auf den Bauvertrag

Andreas Kropik

1 Überblick
Die ÖNORM B 2110 „Allgemeine Vertragsbestimmungen für Bauleistungen“ liegt seit
1. Jänner 2009 in einer neuen Ausgabe vor. Auf den ersten Blick unterscheidet sich
diese grundlegend von der Ausgabe 2002. Deshalb dient zunächst ein Streifzug
durch die ÖNORM der allgemeinen Orientierung. Auffällig ist die neue Gliederung
die auch den Anschein des vollkommen Neuen erweckt.

Bekannt sind die Gliederungsebenen

• Vorwort,

• Anwendungsbereich,

• Verweise,

• Begriffe und

• Verfahrensbestimmungen

bereits aus der Vornorm.

Die Begriffsbestimmungen sind erweitert, beispielsweise um jene Begriffe die aus


der ÖNORM B 2117, die zurückgezogen wurde, stammen, aber auch um neue in der
aktuellen Norm verwendete Bezeichnungen wie zB Störung der Leistungserbringung,
Mehr- oder Minderkostenforderung oder Sphäre.

Die Verfahrensbestimmungen haben teilweise eine neue Qualität erlangt. Sie sind
zwar gemäß dem Vorwort der ÖNORM B 2110 nicht Vertragsinhalt, weil das den
Bestimmungen der Abschnitte 5 – 12 vorbehalten ist, gewinnen jedoch über
Verweise aus den Vertragsbestimmungen besondere Bedeutung. Insbesondere
sind dabei folgende Punkte zu erwähnen:

• Ohne Festlegung gelten Pläne, die von den Erfüllungsgehilfen des AG


übergeben werden, als angeordnet (Abschnitt 4.2.4.2).
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• In der Ausschreibung sind alle Umstände, die für die Ausführung der Leistung
von Bedeutung sind, wie zB besondere Erschwernisse oder Erleichterungen,
wozu unter anderem Baugrundverhältnisse oder fallweise Unterbrechung von
Leistungen zählen, bekannt zu geben (Abschnitt 4.2.1.3).

• Der Bieter hat die örtlichen Gegebenheiten zu besichtigen und diese in seinem
Angebot zu berücksichtigen (Abschnitt 4.2.1.4).

Obwohl im Vertragsteil insbesondere zu diesen Punkten Verweise zu finden sind,


sind auch die übrigen Regelungen der Verfahrensbestimmungen, die sich
hauptsächlich auf Hinweise für die Ausschreibung und für die Erstellung von
Angeboten beziehen, von Bedeutung. Es werden hier vorvertragliche
Verhaltensregeln normiert. Dazu gehört es auch, dass ein Auftraggeber bei einer
allfälligen Risikoabwälzung diese eindeutig vornimmt und kalkulierbar darzustellen
hat (Abschnitt 4.2.5). Dazu ist jedoch anzumerken, dass unter dieser
„Kalkulierbarkeit“ vielmehr ein Abschätzen von Risiken als ein Kalkulieren von
Leistungen im Sinne der Baukalkulation zu verstehen ist. Risiken dürfen nicht nach
oben offen, also quasi überhaupt nicht erfassbar sein. Das kann an eine
vertragsrechtliche Grenze stoßen die dann mit Sittenwidrigkeit oder gröblicher
Benachteiligung solch einer Klausel begründet wird.

Im Detail sind die in den Verfahrensbestimmungen zu findenden Kataloge über

• eigene Positionen (Abschnitt 4.2.3) und

• Hinweise auf notwendige Angaben (Abschnitt 4.2.2)

überarbeitet und ergänzt.

Wenn nun die Gliederung weiter verfolgt wird, liegen ab dem Abschnitt 5 die
Vertragsbestimmungen vor:

• Der Abschnitt 5 bezieht sich auf den Vertrag,

• der Abschnitt 6 auf Leistung und Baudurchführung,

• der Abschnitt 7 auf die Leistungsabweichung und ihre Folgen,

• der Abschnitt 8 auf Rechnungslegung, Zahlung, Sicherstellungen,

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• der Abschnitt 9 auf Benutzung von Teilen der Leistung vor der Übernahme,

• der Abschnitt 10 auf die Übernahme,

• der Abschnitt 11 auf die Schlussfeststellung und

• der Abschnitt 12 auf Haftungsbestimmungen.

Ergänzt wird die ÖNORM B 2110 mit Literaturhinweisen.

Der Vorteil der neuen Gliederung liegt darin, dass Themen leichter aufzufinden sind.
Die neue Gliederung schafft eine inhaltliche Straffung und Übersichtlichkeit. Ein
Nachteil besteht darin, dass umgelernt werden muss, weil Bekanntes nicht mehr in
der Reihenfolge zu finden ist wie bisher. Diese Unannehmlichkeit ist jedoch eine
zeitlich endend wollende und die Anwender werden sehr rasch die neue Gliederung
schätzen, da sie Übersicht schafft und das was zusammengehört auch unter die
gleichen Abschnitte ordnet.

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2 Der Vertrag
Im Kapitel 5 (Vertrag), das allgemeine Grundregeln des Vertrages enthält, findet
sich die alte und bewerte Regelung das mit Vereinbarung der ÖNORM B 2110
sowohl Normen technischen Inhaltes als auch die Werkvertragsnormen der Serien B
22xx und H 22xx sowie die ÖNORMEN B 2111 und B 2114 mit gelten. Damit
etabliert sich die ÖNORM B 2110 als Basisnorm des sogenannten
bauwirtschaftlichen Mustervertrages.

Auch in bekannter Weise findet sich eine Festlegung der Reihenfolge der
Vertragsbestandteile. Diese soll dann gelten wenn sich Widersprüche in einem
Vertrag ergeben. Die ÖNORM selbst hält sich im Hintergrund und gilt, soweit die
rechtlichen Vertragsbestimmungen betreffend, an letzter Stelle liegend.

Neu ist eine weitere Zweifelsregelung die für die Vertretung der Vertragspartner gilt
(Abschnitt 5.2.1). Sofern die Vertragspartner nicht selbst auf der Baustelle handeln,
haben sie eine oder mehrere Personen namhaft zu machen, die alle Erklärungen
abgeben und entgegen nehmen sowie alle Entscheidungen treffen können, die zur
Abwicklung des Vertrages erforderlich sind. Damit sollen Zweifel über den
Vertretungsumfang und über die Vertretungsvollmacht von bekannt gegebenen
Personen beseitigt werden. Im Zweifelsfall sollen sie eine umfassende Vollmacht
genießen.

Auf einen weiteren Abschnitt ist besonders hinzuweisen. Änderungen des


Vertrages sind aus Beweisgründen schriftlich festzuhalten (Abschnitt 5.7). Die
ÖNORM B 2110 bleibt somit bei der sich auch aus dem ABGB ergebenden
Formfreiheit, hebt jedoch die bei Rechtsstreitigkeiten immer bedeutsame Frage der
Beweislast hervor. Das schriftliche Festhalten kann daher auch mit einem
Unternehmerischen Bestätigungsschreiben erfolgen. In diesem wird das
festgehalten, was bereits zuvor, wenn zwar auch nur mündlich, aber doch gültig,
vereinbart wurde.

Auch die Umstände die zum sofortigen Rücktrittsgrund vom Vertrag berechtigen,
findet sich in Abschnitt 5. Sie sind bekannt und grundsätzlich der Vornorm
entnommen. Dieser Abschnitt nennt jedoch die möglichen Rücktrittsgründe nicht
abschließend, weil auch Rücktrittsgründe bei Verzug, bei fehlender Mitwirkung des

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Bestellers, bei beträchtlicher Kostenüberschreitung (§ 1170a ABGB) oder bei
Nichtvorlage einer Sicherheitsleistung gemäß § 1170b ABGB bestehen.

Dass ein Bauvertrag partnerschaftlich abgewickelt werden soll, findet sich in


einigen Punkten der ÖNORM B 2110, da sie gemeinsame Aktionen der
Vertragspartner vorsieht. Betreffend Streitigkeit wird das Partnerschaftliche und
Schlichtende hervorgehoben (Abschnitt 5.9.2): Im Sinne einer Streitverhinderung ist
vor einer Streiteinlassung ein Schlichtungsverfahren anzustreben. Es ist zwar keine
Prozessvoraussetzung, jedoch, und jeder der einen Bauprozess miterlebt hat wird
dem beipflichten, eine sinnvolle Aktion, wenn beide Vertragspartner ihren Standpunkt
durch einen Dritten evaluieren lassen. Bewusst sieht die ÖNORM B 2110 kein
Mediationsverfahren vor und vermeint in einer sachgeleiteten Schlichtung ein
besseres Ergebnis zu finden.

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3 Regelungen über die Leistung und die Baudurchführung
Das Kapitel 6 (Leistung, Baudurchführung) beinhaltet bekannte Regelungen
betreffend Beginn und Beendigung der Leistung. Neu ist die Regelung, dass
Fristangaben im Zweifelsfall als Kalendertage zu verstehen sind (Abschnitt 6.1.5).

Der Katalog der Nebenleistungen ist erheblich erweitert (Abschnitt 6.2.3). Fanden
in der ÖNORM B 2110 Ausgabe 2002 lediglich 4 aufgezählte Nebenleistungen
Berücksichtigung, ist der nunmehr vorliegende Katalog auf 16 Punkte angewachsen.
Das ergibt sich vor allem deshalb, weil aus den Werkvertragsnormen der Serie
B 22xx der kleinste gemeinsame Nenner an Nebenleistungen gesucht und dieser in
die ÖNORM B 2110 transformiert wurde. Ob sich das bei den unterschiedlichen
Anwendungsbereichen der ÖNORM B 2110, die grundsätzlich für alle Baugewerke
gültig sein soll, bewähren, und nicht Abgrenzungsprobleme hervorrufen wird, wird die
Zukunft zeigen.

Die Prüf- und Warnpflicht, eine wichtige und leider oft vernachlässigte
Nebenpflichten des Werkunternehmers findet sich auch in Abschnitt 6.2.4.
Änderungen gegenüber früher sind praktisch keine vorhanden. Es besteht
entsprechend der gesetzlichen Normallage weiterhin die Untersuchungspflicht des
Auftragnehmers. Der erhöhte Sorgfaltsmaßstab ergibt sich schon aus dem ABGB
und dem UGB und wird in der ÖNORM B 2110 in bekannter Weise umgesetzt, so
dass der Auftragnehmer mit der ihm zumutbaren Fachkenntnis bei Anwendung
pflichtgemäßer Sorgfalt erkennbare Mängel und begründete Bedenken gegen die
vorgesehene Art der Ausführung dem Auftraggeber unverzüglich schriftlich
mitzuteilen hat. Die Schranken der Erkennbarkeit eines mangelhaften
Auftraggeberbeitrages sind dann gegeben, wenn zur Feststellung eines Mangels erst
umfangreiche, technisch schwierige oder kostenintensive Untersuchungen oder die
Beiziehung von Sonderfachleuten erforderlich wären. Hier lehnt sich die ÖNORM
B 2110 weitgehend an den aus der Judikatur bekannten Rechtssätzen an.

Betreffend der Dokumentation wird weiter das Baubuch und der Bautagesbericht
genannt. Das Baubuch führt der Auftraggeber, die Bautagesberichte führt der
Auftragnehmer. Rechte und Pflichten entsprechen den bekannten Regelungen. Neu
ist eine Verpflichtung gegebenenfalls an einer gemeinsamen Dokumentation
mitzuwirken. Treten Leistungsstörungen auf, deren Ursache oder deren Folgen einer
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Dokumentation bedarf, sind die Vertragspartner verpflichtet an einer gemeinsamen
Dokumentation mitzuwirken (Abschnitt 6.2.7.1). Der fordernde Vertragspartner wird
daher Schritte zu einer Dokumentation einleiten und dem anderen Vertragspartner
den Umstand, dass eine Dokumentation durchgeführt wird, mitteilen. Wichtig ist in
diesem Zusammenhang, dass der sich in der Folge auf die Dokumentation
einlassende Vertragspartner damit eine allfällige Forderung, auch dem Grunde nach,
nicht anerkennt. Diese Regelung ist deshalb bedeutsam, da die Dokumentation auf
einer dynamischen und sich zeitlich jeweils ändernden Baustelle äußerst wichtig ist.
Die Beweismittel laufen mit der Zeit davon. Ob ein Anspruch zu Recht erfolgt, kann
dann anhand der unstrittigen Dokumentation und anhand der Vertragsauslegung
auch noch zu einem späten Zeitpunkt festgestellt werden. Die tatsächlichen
Umstände der Leistungserbringung bedürfen jedoch einer sofortigen
Beweisaufnahme.

Standardregelungen betreffend Arbeitsplätze, Zufahrtswege und Versorgung mit


Infrastruktur finden sich in der ÖNORM B 2110 (Abschnitt 6.2.8.1). Sie sind aus der
Vornorm bekannt und im Bedarfsfall objektbezogen anzupassen.

Auch die immer wieder diskutierte Frage betreffend Einbauten hat keine
grundlegende Neuordnung gefunden (Abschnitt 6.2.8.2). Auf das Vorhandensein
allfälliger Einbauten hat der Auftraggeber dem Grunde nach hinzuweisen. Die
genaue Lage der bekannt gegebenen Einbauten hat der Auftragnehmer zu erheben.
Schadenersatzansprüche aus einer Beschädigung bestehen gegenüber dem
Auftragnehmer nur dann nicht, wenn mit dem Vorhandensein von Einbauten nicht
gerechnet werden musste.

Unter anderem finden sich im Abschnitt 6 auch Regelungen zur Vergütung und
zwar Zweifelsregelungen wann Festpreise oder wann veränderliche Preise gelten
sollen. Festpreise gelten für jene Verträge die innerhalb von 6 Monaten nach Ende
der Angebotsfrist zu beenden sind. Das ist allerdings nur eine Zweifelsregelung.
Individuelle Vertragsbestimmungen gehen vor. Für öffentliche Aufträge ist in diesem
Zusammenhang auf die Regelungen des Bundesvergabegesetzes zu verweisen.

Eine weitere Zweifelsregelung findet sich zur Berichtigung von


Preisaufgliederungen die gegebenenfalls dann notwendig wird, wenn eine
Preisumrechnung nach Preisanteilen vorgenommen werden muss. Im Zweifelsfall

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werden fehlerhafte Preisaufgliederungen nach dem Verhältnis der jeweiligen
Preisanteile ausgehend vom Einheitspreis berichtigt (Abschnitt 6.3.2). Das
Kalkulationsformblätter eine untergeordnete Rolle für die Vertragsauslegung
spielen, zeigt sich aus der Bestimmung, dass bei Unterschieden zwischen den
vereinbarten Preisen und vorliegenden Daten aus Kalkulationsformblättern die
vereinbarten Preise und nicht die Werte aus den Kalkulationsformblättern gelten.

Neu ist eine besondere Risikoübernahme bei Alternativangeboten. Diese betrifft


die garantierte Angebotssumme die ein Unternehmer dann eingeht, wenn er ein
Alternativangebot auf Basis eines Einheitspreisvertrages legt (Abschnitt 6.3.3). Damit
soll sichergestellt werden, dass unzutreffende Mengenangaben des Bieters nicht zu
einem nur scheinbar günstigen Alternativangebot führen. Eine Ausnahme von der
Deckelung ist nur dann gegeben, wenn eine Mengenänderung aus der Risikosphäre
des Auftraggebers stammt. Das liegt zB dann vor, wenn bereits im Amtsentwurf
vorgegebene Mengen lediglich in das Alternativangebot übertragen werden bzw
wenn Mengen aufgrund von Ausschreibungsunterlagen ermittelt werden. Zu denken
ist hier beispielsweise an ein Baugrundgutachten mit dessen Hilfe der Auftragnehmer
das Verhältnis von leichtem zu schwerem Fels ermittelt. Im Abschnitt 7.2.2, die
betrifft die Definition und Festlegung der Risikosphäre des Auftragnehmers, wird
dann auch noch ein über das Risiko des Amtsentwurfes hinausgehendes Risiko,
also nicht nur die garantierte Angebotssumme, zum Risiko des Auftragnehmers.

Der Verzug, ein nicht selten anzutreffender Umstand bei Bauabwicklungen, ist in
Abschnitt 6.5 geregelt. Grundsätzlich hält sich die ÖNORM B 2110 bei der Pönale an
die gesetzliche Normallage und hält fest, dass ein Anspruch auf Vertragsstrafe nur
dann besteht, wenn der Auftragnehmer nicht nachweisen kann, dass er oder seine
Erfüllungsgehilfen den Verzug nicht verschuldet haben. Selbst legt die ÖNORM B
2110 die Höhe einer Vertragsstrafe nicht fest, begrenzt sie jedoch – soweit nicht
anders festgelegt – mit höchstens 5% der ursprünglichen Auftragssumme.
Festgehalten wird, was ohnehin der gesetzlichen Normallage nach ABGB als auch
UGB entspricht, dass die Bestimmungen über das richterliche Mäßigungsrecht
anzuwenden sind.

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4 Die Leistungsabweichung und ihre Folgen
Vollständig neu formuliert sind die Regelungen über Leistungsabweichungen
(Kapitel 7). Bewegte sich die ÖNORM B 2110 alt noch in der Begrifflichkeit einer
Leistungsänderung, einer Änderung der Art der Leistung, einer Änderung des
Umfanges oder der Umstände der Leistungserbringung oder einer Behinderung, so
definiert die ÖNORM B 2110 neu nun den Begriff der Leistungsabweichung und
unterteilt diesen in die Teilbegriffe Leistungsänderung und Störung der
Leistungserbringung. Dabei ist eine Leistungsänderung eine Abweichung die auf
eine Anordnung des Auftraggebers zurückzuführen ist und eine Störung der
Leistungserbringung ist eine Abweichung vom Bau-SOLL die nicht der
Auftragnehmer zu vertreten hat.

Das Bau-SOLL ist das was der Unternehmer zum vereinbarten Entgelt schuldet und
durch den Vertrag, insbesondere im Leistungsverzeichnis, in Unterlagen die der
Ausschreibung beilagen usw beschrieben wird (siehe Abschnitt 3.8). Annahmen die
ein Bieter aus der Ausschreibung gewinnt, müssen objektiv nachvollziehbar sein.
Trotz dem beim Auftraggeber liegenden Beschreibungsrisikos verbleibt das
Kalkulationsrisiko beim Auftragnehmer. Lücken in einer Ausschreibung sind daher
unter einem objektiven Lückenschluss zu sehen und nicht unter dem was der Bieter
subjektiv annimmt. Das würde auch zu nicht vergleichbaren Angeboten führen und
daher den Wettbewerb entarten lassen.

Neu in der ÖNORM B 2110 findet sich eine Zuordnung zu den Sphären der
Vertragspartner (Abschnitt 7.2). Das was in der ÖNORM B 2110 alt nur angedeutet
war, ist nun systematisch eindeutig in Abschnitt 7.2.1 der Sphäre des Auftraggebers
und in 7.2.2 der Sphäre des Auftragnehmers zugeordnet. Die Umstände die der
Sphäre des Auftraggebers zugeordnet sind, sind taxativ aufgezählt, während die
Aufzählung der Umstände die der Sphäre des Auftragnehmers zuzuordnen sind,
demonstrativ aufgezählt sind. Grundsätzlich gilt, dass alle Ereignisse, welche nicht
unter die Sphäre des Auftraggebers fallend beschrieben sind, der Sphäre des
Auftragnehmers zuzurechnen sind. Zur Sphäre des Auftraggebers zählen
insbesondere die zur Verfügung gestellten Unterlagen. Zu verweisen ist jedoch
darauf, dass Lücken, wie bereits zuvor ausgeführt, nicht nach dem subjektiven
Bieterverständnis sondern nach einem objektiven Verständnis auszulegen sind.
Weiters werden alle Ereignisse die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses nicht
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vorhersehbar waren und vom Auftragnehmer nicht in zumutbarer Weise abwendbar
sind der Risikosphäre des Auftraggebers zugerechnet. Damit wird alles
Unvorhersehbare, wie zB Auswirkungen von kriegerischen Ereignissen,
Auswirkungen von Streik, von außergewöhnlichen Witterungsverhältnissen oder
Naturereignissen dem Auftraggeber zugeordnet. Betreffend Witterung und
Naturereignisse gilt das sogenannte 10-jährliche Ereignis als vereinbart. Das ist
jenes Ereignis, dass statistisch alle zehn Jahre eintritt.

Besondere Erwähnung verdient noch der Umstand, dass alle zusätzlichen Risiken
die sich aus Alternativangeboten oder Abänderungsangeboten ergeben, dem
Auftragnehmer zugerechnet werden. Das ist mehr als nur das Risiko aus der
garantierten Angebotssumme (siehe Folge 1 dieses Artikels). Alles was sich als mehr
an Risiken gegenüber dem „Amtsentwurf“ herausstellt und schlagend wird, hat daher
der Auftragnehmer des Alternativangebotes zu tragen. Das gilt es jedenfalls in der
Risikoabschätzung für Alternativangebote zu berücksichtigen.

Die Mitteilungspflichten für den Fall das Ansprüche aus Leistungsabweichungen


begründet werden sollen, sind strenger als in der ÖNORM B 2110 alt formuliert.
Voraussetzung für eine Anpassung der Leistungsfrist und/oder des Entgeltes ist,
dass der Auftragnehmer die Forderung auf Vertragsanpassung angemeldet hat
(Abschnitt 7.4.1). Drei Ausnahmen davon sind zu erwähnen:

• Leistungsänderung die der Auftraggeber angeordnet hat und deren Anspruch


auf Anpassung des Entgeltes oder der Leistungsfrist offensichtlich ist
(Abschnitt 7.3.1) und

• jene Änderungen in Zeit und Geld die auch ohne Anmeldung dem
Auftraggeber erwachsen wären (Abschnitt 7.4.3), also wo die fehlende
Anmeldung seine Entscheidungsfreiheit nicht nachteilig beeinflusst hat
und

• es sich um Leistungen außerhalb des Leistungsumfanges handelt, die zur


Abwendung einer Gefahr dienten oder die eine nützliche Geschäftsführung für
den Auftraggeber darstellen (Abschnitt 7.5).

Der Anmeldung einer Forderung auf Vertragsanpassung kommt besondere


Bedeutung zu. Bei einer Leistungsänderung ist die Anmeldung grundsätzlich vor

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Ausführung der Leistung und bei einer Störung der Leistungserbringung
grundsätzlich ehestens dem Auftraggeber vorzutragen.

Die Anmeldung der Höhe nach hat in prüffähiger Form vorzuliegen. Eine
Konsequenz aus einer verspäteten Vorlage einer Mehr- oder Minderkostenforderung
der Höhe nach ist in der ÖNORM B 2110 nicht festgelegt. Die Vertragspflicht lautet
jedoch, dass eine Forderung ehestens zur Prüfung vorzulegen ist. Forderungen
verfallen bei späterer Bekanntgabe der Höhe nach nicht, können jedoch unter
Umständen Schadenersatzansprüche des anderen Vertragspartners auslösen.

Nicht nur Mehrkostenforderungen sondern auch Minderkostenforderungen regelt


die ÖNROM B 2110. Die genannte Vorgangsweise für eine Vertragsanpassung gilt
daher sinngemäß auch dann, wenn der Auftraggeber Forderungen aus einer
Leistungsabweichung stellt.

Die Mengenänderungsklausel, bekannt unter der Berechnung 20%-Klausel, ist


auch in der neuen ÖNORM B 2110 zu finden (Abschnitt 7.4.4). Sie ist in ihrem
Anwendungsbereich weiter eingeschränkt, weil sie nur für jene
Mengenänderungen gelten soll die ohne Leistungsabweichung eingetreten sind.
Damit beschränkt sich der Anwendungsbereich ausschließlich auf unzutreffende
Mengenangaben im Vertrag.

Eine Nachteilsabgeltung wegen Unterschreitung der Auftragssumme ist nur


dann forderbar, wenn die Auftragssumme um mehr als 5% unterschritten wird
(Abschnitt 7.4.5). Minderung oder Entfall von Teil einer Leistung können zu einem
Nachteil führen. Da Bauverträge oft von Einheitspreisverträgen geprägt sind und bei
einem Einheitspreisvertrag die Mengenansätze auch nur überschlägig ermittelt
werden müssen, ist dieser Schwellenwert gerechtfertigt. Unterschreitet also die
Abrechnungssumme die Auftragssumme um mehr als 5% wegen Minderung oder
Entfall von Teil einer Leistung und entsteht dem Auftragnehmer dadurch ein Nachteil
der nicht anderwärtig abgedeckt ist, so hat der Auftraggeber diesen Nachteil
abzugelten. Zu denken wäre hier beispielsweise an Fehlvergütungen wegen
fehlendem Erlös von zeitgebundenen Kosten oder von umgelegten
Baustellengemeinkosten, aber auch von fehlenden Deckungsbeiträgen bei den
Geschäftsgemeinkosten. Die fehlende Deckung der Geschäftsgemeinkosten als
möglicher Nachteil ist auch in der ÖNORM B 2110 besonders erwähnt.

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5 Rechnungslegung, Zahlung und Sicherstellung
Das Kapitel über Rechnungslegung, Zahlung, Sicherstellungen weist nicht besonders
viele Neuigkeiten auf. Zu erwähnen ist allerdings die geänderte
Verzugszinsenregelung, die Verzugszinsen mit 8%-Punkten über dem
Basiszinssatz vorsieht. Das entspricht der gesetzlichen Normallage.

Besondere Beachtung verdient jedenfalls der sogenannte Vorbehalt nach einer


Schlusszahlung. Nimmt ein Auftragnehmer die Schlusszahlung ohne Vorbehalt an,
so verwirkt er nachträgliche Forderungen, wenn er nicht binnen 3 Monaten nach
Erhalt der Zahlung schriftlich und begründet einen Vorbehalt anbringt (Abschnitt
8.4.2). Die Judikatur legt diesen Punkt sehr streng aus. Die für den Auftragnehmer
harte Klausel wurde mit der neuen ÖNORM B 2110 nicht entschärft.

Betreffend Sicherstellungen ist darauf zu verweisen, dass § 1170b ABGB


(Zahlungsgarantie) nun derart berücksichtigt wurde, dass der Auftragnehmer
betreffend einer Forderung auf Sicherstellung auf die gesetzliche Normallage, die
übrigens im Bauvertrag nicht abgeändert werden kann (zwingendes Recht), verweist.
Mit der Kaution des Auftraggebers, also einer sogenannten Erfüllungsgarantie, wird
auf § 1170b ABGB reagiert und in vergleichbarer Weise auch dem Auftraggeber die
Möglichkeit der Forderung einer Sicherheitsleistung eingeräumt (Abschnitt 8.7.1).
Sowohl dieser Abschnitt der ÖNORM als auch § 1170b ABGB sehen vor, dass die
Kosten der Sicherheitsleistung jeweils der fordernde Vertragspartner zu tragen hat.
Das soll übermäßige Inanspruchnahme einschränken.

Deckungs- und Haftungsrücklass sind weiterhin in bekannter Höhe mit 5% bzw


2% vereinbart. Das der Haftungsrücklass auch aus dem Titel des Schadenersatzes
gezogen werden kann, ist neu; Allerdings deswegen, weil sich die Definition für den
Haftungsrücklass gemäß ÖNORM A 2050 bzw Bundesvergabegesetz geändert hat
und die ÖNORM B 2110 betreffend der Definition des Haftungsrücklasses auf die
ÖNORM B 2110 verweist.

Der Abschnitt 9 über die Benutzung von Teilen der Leistung vor der Übernahme
sieht vor, dass nur dann keine Übernahme durch Nutzung eintritt, wenn der
Auftraggeber vor Beginn der Benutzung erklärt, dass eine Übernahme dadurch nicht
erfolgt.

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6 Übernahme, Nutzung und Schlussfeststellung
Die Übernahme, geregelt im Kapitel 10, sieht weiterhin die förmliche und die
formlose Übernahme vor. Der Judikatur entsprechend ist festgehalten, dass die
Nutzung vertragsgemäß fertig gestellter Leistungen durch den Auftraggeber vor
dem vereinbarten Übernahmetermin als Übernahme gilt. Will der Auftraggeber eine
Leistung von der Übernahme nutzen, so ist das entsprechend zu vereinbaren.
Regelungen dazu finden sich in Abschnitt 9.

Bei der Übernahme vorhandene offensichtliche Mängel sind, bei sonstigem


Anspruchsverlust, auch bei der Übernahme zu rügen. Diese Rechtsfolge der
rügelosen Übernahme trotz Vorhandensein offensichtlicher Mängel findet sich im
Abschnitt 10.6, also unter den Regelungen betreffend der Übernahme und nicht
unter den Gewährleistungsbestimmungen. Nach diesen sind Mängel ehestens zu
rügen.

Die Schlussfeststellung ist in Abschnitt 11 geregelt. Sie dient kurz vor Ablauf der
Gewährleistungsfrist der Feststellung ob noch Mängel offen sind.

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7 Haftungsbestimmungen
Die Haftungsbestimmungen finden sich in Abschnitt 12. Es werden sechs
Themenbereiche angesprochen. Es sind dies

• Gefahr- und Kostentragung,

• Gewährleistung,

• Schadenersatz,

• besondere Haftung mehrerer Auftragnehmer,

• Haftung bei Verletzung von Schutzrechten und

• sonstige Haftungsregelungen gegenüber Dritten.

Die Gefahr für den Untergang der Leistung vor der Übernahme trägt grundsätzlich
der Auftragnehmer, es sei denn, dass ein unabwendbares Ereignis das Bauwerk
beschädigt und der Auftragnehmer alle zur Abwehr der Folgen solcher Ereignisse
notwendigen und zumutbaren Maßnahmen getroffen hat (Abschnitt 12.1.1.).

Die Regelungen zur Gewährleistung entsprechen der gesetzlichen Normallage.


Es ist nunmehr auch die Beweislastumkehr entsprechend dem Gesetz geregelt. Für
einen innerhalb von 6 Monaten nach der Übernahme aufgetretenen Mangel muss
der Auftragnehmer beweisen, dass dieser Mangel zum Zeitpunkt der Übernahme
noch nicht vorhanden war. Danach trifft den Auftraggeber die Beweislast (Abschnitt
12.2.3.3).

Betreffend Schadenersatz regelt die ÖNORM nur Obergrenzen. Bei Vorsatz oder
grober Fahrlässigkeit kann der Ersatz des Schadens samt des entgangenen
Gewinns gefordert werden. In allen anderen Fällen nur der Ersatz des eigentlichen
Schadens; Bei Rücktritt und Personenschäden ohne Begrenzung und in anderen
Fällen begrenzt mit 5% der Auftragssumme. Das ist bereits aus der ÖNORM B 2110
alt bekannt. Für eine Auftragssumme bis 250.000,00 € beträgt die
Schadensgutmachung maximal 12.500,00 € und bei einer Auftragssumme über
250.000,00 € die erwähnten 5% der Auftragssumme, jedoch höchstens 750.000,00
€.

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Die besondere Haftung mehrerer Auftragnehmer, also die sogenannte
Bauschadensregelung ist gegenüber der Vornorm gleich belassen.

Über den Autor:

Andreas Kropik ist Universitätsprofessor für Bauwirtschaft und Baumanagement an der TU


Wien und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens „Bauwirtschaftliche Beratung
GmbH“ (www.bw-b.at). Er war im ON-Komitee maßgebend an der Erarbeitung der ÖNORM
B 2110 beteiligt. Sein Kommentar zur Norm liegt seit Jänner bei
AS+ auf.

Buchtipp:

Andreas Kropik, Der Bauvertrag und die ÖNORM B 2110. 2.


vollst. überarb. Aufl. 2009, 472 Seiten geb., Austrian Standards plus
Publishing, Wien 2009. ISBN: 978-3-85402-182-7;
Info auf www.bw-b.at.

Andreas Kropik, Vergütungsänderung bei Kostenveränderungen im Bauwesen. 1.


Auflage 2007, 260 Seiten, Österreichisches Normungsinstitut, Wien 2007. ISBN 978-3-
85402-097-4. Info auf www.bw-b.at

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