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Zitierweise: Kunzelmann, Daniel (2015): Die stille Politik der Algorithmen. Das Beispiel Facebook. In: Kuckuck.

Notizen zur
Alltagskultur 2/2015.

Daniel Kunzelmann
Die stille Politik der Algorithmen. Das Beispiel Facebook.

In all unserer gemeinsamen Zeit hat er sich mir niemals persönlich vorgestellt. Und doch war er bei
meiner täglichen Feldforschung in Murcia stets präsent, schaute mir lautlos über die Schulter,
analysierte mich und war dabei durchaus sozial: er stellte mir den Freund eines Freundes vor oder
machte mir mehr oder weniger unterschwellige Vorschläge, welche Veranstaltung ich besuchen
(heute eine Versammlung von Podemos!) oder wen ich zu welchem Thema befragen könnte (Javier
zweifelt die Ergebnisse der parteiinternen Vorwahlen an!). Seit heute weiß ich endlich wie er heißt:
EdgeRank. Dies ist die einzig schemenhafte Darstellung, die ich von meinem stillen Begleiter
finden konnte:

Σ = Ue x We x De

Diese Zeichen repräsentieren den News-Algorithmus von Facebook, der dafür verantwortlich ist,
welche „Neuigkeit“ auf der eigenen Profil-Timeline ganz oben erscheint und somit die höchste
Wahrscheinlichkeit hat, tatsächlich gelesen zu werden. Denjenigen, die nun das dringende
Bedürfnis verspüren, gedanklich auszusteigen, weil es sich hier um Mathematik zu handeln scheint,
sei gesagt: gebt EdgeRank eine zweite Chance. In den folgenden Ausführungen geht es nicht um
Code oder Programmierung als formal-mathematische Beziehung von Zeichen, sondern um die
strukturierenden Machtwirkungen, die Algorithmen bei der Herstellung sogenannter
„algorithmisierter Mikro-Öffentlichkeiten“ ausüben.1 Es soll aus kulturwissenschaftlicher
Perspektive veranschaulicht werden, was es bedeutet, wenn wir von der alltäglichen
Handlungsmacht der Algorithmen sprechen? Wo lassen sie sich finden? Wie können wir sie
verstehen? (Wie) handeln sie? Und was haben sie mit Politik(en) zu tun?

„[A]nthropologists of technology have established that any formalization needs to be understood 'in use'.” 2

Murcia: Feldtagebuch, 21.5.2015. Alles beginnt mit einer „analytischen Irritation“, die sich in
einem kurzen Satz ausdrückt, den ich in die Notizapp meines Smartphones eintippe: „Warum lese

1
Vgl. Gillespie 2014.
2
Mackenzie 2006: 6.
ich eigentlich so viele Neuigkeiten von Pedro3?“ Ich sitze in einem roten, klimatisierten Kleinbus,
der sich im Zickzackkurs durch die Seitenstraßen von Murcia schlängelt. Es ist hier ziemlich
mühsam, ohne Auto von A nach B zu kommen. Fahrradwege gibt es kaum und zu Fuß ist man oft
genauso schnell wie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber als Cyberanthropologe, so denke
ich mir jedenfalls, kann man die Zeit im Bus ja effektiver nutzen. Soziale Medien lassen sich im
Sitzen schlicht leichter lesen lassen als beim Gehen – und um einiges gefahrloser. Ich komme
gerade von einem Gespräch mit einer Informantin und bin auf dem Weg nach Hause. Es ist spät. Ich
bin müde. Das Display flimmert trotzdem im Halbdunkel. Denn als ich einstieg, begann
unverzüglich die Routine: in die hintere Hosentasche gegriffen, mehr oder weniger elegant das
Smartphone herausgefischt, Platz genommen, mit dem Zeigefinger den Bildschirm aktiviert, in
derselben Bewegung mit dem Daumen über den Touchscreen gewischt und das kleine weiße „f“ auf
lila Grund angetippt – schon öffnete sich meine Facebook-Timeline mit den aktualisierten
„Neuigkeiten“ des Tages. Die erste Post, die mir ins Auge sticht: „Pedro hat ein Foto von Maria
geteilt“. Neben dem Text finden sich weitere Metainformationen: das Datum des Eintrags, der „21.
Mai 2015, 22:50 Uhr“, sowie das Symbol einer Weltkugel, die mich darauf hinweist, dass Pedro
seinen Beitrag auf „öffentlich“ gesetzt hat, was bedeutet, dass ihn jede Facebook-Nutzerin4
potentiell auf ihrer Timeline finden kann. Auch wenn es mir in diesem Artikel nicht um Pedros
Beitrag an sich, sondern um die Frage, wie die Inhalte der Sozialen Medien innerhalb heutiger
Mikro-Öffentlichkeiten strukturiert werden, soll kurz auf den Kontext der zitierten Feldnotiz
eingegangen werden.

Ahora Murcia oder Cambiemos Murcia? Ein ethnographisches Beispiel

Im Mai 2015 fanden in Murcia zeitgleich sowohl Regional- als auch Kommunalwahlkämpfe statt.
Im erwähnten Facebook-Post teilte Pedro eine Fotomontage mit den Spitzenkandidaten zweier
unterschiedlicher Parteien.5 Links befand sich der Kopf von Oskar Urralburu, dem Kandidaten, der
sich für die neu gegründete Podemos-Partei in der Region Murcia zur Wahl stellte. Sein Foto war
mit lila unterlegt, der typischen Parteifarbe von Podemos. Gleich daneben war der Kopf von Alicia
Morales zu sehen, der Spitzenkandidatin vonAhora Murcia, einer neu gegründeten Partei, die
ihrem Selbstverständnis nach die politischen Ziele von Podemos auf der kommunalen Ebene in

3
Alle Namen wurden im Folgenden geändert. Das empirische Material stammt aus mehrmonatigen
Feldforschungsaufenthalten in Spanien zwischen März 2013 und Juni 2015. Ziel dieser Aufenthalte war die qualitative
Untersuchung der Nutzung Sozialer Medien für politische Zwecke in einem lokalen Kontext.
4
Im Folgenden sind unabhängig von der Endung stets alle Geschlechter gemeint.
5
Hier der Link zur geteilten Mediendatei: https://scontent.xx.fbcdn.net/hphotos-xpt1/t31.0-
8/11216615_10153059504498692_6774632783218752054_o.jpg (aufgerufen am 18.7.2015).
Murcia-Stadt vertrat.6 Das Foto von Alicia Morales wurde mit der Farbe ihrer Partei unterlegt: ein
sattes Grün. Über den beiden nebeneinandergestellten Kandidatengesichtern befand sich die
Aufforderung: „COMPARTE para que nadie se despiste“ („TEILE es, damit niemand sich irrt“) und
darüber der Kommentar, den Pedro selbst hinzugefügt hatte: „#‎AhoraMurcia Claro que Podemos!!!
Está muy claro!!!“ („#‎AhoraMurcia Natürlich Podemos!!! Das ist doch mehr als eindeutig!!!“).7
Was hier suggeriert wird, ist ein einfacher und scheinbar „eindeutiger“ Zusammenhang: lila = grün.
Wer Podemos wählen möchte, muss auf seinen Stimmzetteln einmal „Oskar Urralburu“ (regional)
und einmal „Alicia Morales“ (kommunal) ankreuzen. Pedros geteilter Beitrag scheint also eine
simple Wahlinformation zu enthalten.
Seine „Neuigkeit“ war jedoch weit mehr, denn sie repräsentierte auch eine innerparteiliche
politische Auseinandersetzung, da Murcias Podemos-Mitglieder sich einige Wochen vor Beginn des
Wahlkampfes hoffnungslos in zwei kommunale Fraktionen zerstritten hatten aus denen zwei
konkurrierende, städtische Parteibündnisse hervorgingen: Ahora Murcia und Cambiemos Murcia.
Da keine der beiden Fraktionen – den offiziellen Regeln der Partei folgend – die Insignien und
Farben von Podemos auf kommunaler Ebenen verwenden konnte, herrschte große Uneinigkeit
darüber, wer die Partei nun in der Stadt Murcia tatsächlich repräsentierte. In den Sozialen Medien
gab es dementsprechend auch Wahlinformationen, die Cambiemos Murcia als die legitime
kommunale Vertretung von Podemos darstellten. Ein solcher „Hinweis“ findet sich beispielsweise
in einem Post, den ich nur einen Tag nach Pedros „Neuigkeit“ in einer öffentlichen Facebook-
Gruppe entdeckte.8 Dort heißt es kurz und knapp: „Soy Podemos = Soy Cambiemos“ („Ich bin
Podemos = Ich bin Cambiemos“). Aufbau und Elemente des Posts sind identisch zum oben
erwähnten Beitrag: eine Fotomontage, auf der sich links die Parteiinsignien von Podemos befinden
(ein weißer Kreis auf lila Grund) und rechts das Symbol und die Farben von Cambiemos Murcia
(ein limongrüner Kreis als Grund und darauf acht weiße Punkte, die ebenfalls eine Kreis formen).
Der feine aber signifikante Unterschied der beiden Botschaften liegt in der Art und Weise, wie ich
jeweils an die Inhalte gekommen bin bzw. sie zu mir. Denn nur die erste „Neuigkeit“ wurde mir
vorgeschlagen – als ich im roten Kleinbus meine Facebook-Timeline betrachtete. Die zweite
Meldung wäre mir vorenthalten geblieben, hätte ich nicht aktiv nach ihr gesucht. Die Frage, die sich
nun in Bezug auf die erste mir zugetragene Neuigkeit stellt: Was oder wer strukturiert die Räume

6
Als nationale Partei hatte Podemos beschlossen, bei den Kommunalwahlen nicht „unter eigener Flagge“ anzutreten.
Die Partei hatte es ihren Mitgliedern freigestellt, in Städten und Landkreisen bürgerschaftliche und parteiübergreifende
Bündnisse zu schmieden. Dies führte häufig zu chaotischen Allianzen und undurchsichtigen parteiinternen
Auseinandersetzungen.
7
„Podemos“ heißt wörtlich übersetzt „wir können“ und ist am ehesten vergleichbar mit Barack Obamas Wahlslogan
„Yes, we can“. Im geteilten Beitrag ist sowohl das Wortspiel als auch die Partei selbst gemeint.
8
Vgl.: https://scontent.xx.fbcdn.net/hphotos-xap1/v/t1.0-
9/11350453_501974866624900_1937640802134932022_n.jpg?oh=d9f4c4b954b51d3184cbaab351b0c439&oe=56515
CBD (aufgerufen am 18.7.2015).
heutiger Sozialer Medien?

Mikro-Öffentlichkeiten als „Coded Space“

Was hier als im Folgenden als „Mikro-Öffentlichkeiten“ bezeichnet werden soll, sind medialisierte
Räume, die zeitlich oder thematisch begrenzt existieren – wie im Beispiel des Wahlkampfraumes
Murcia – und die dabei polymedial verfasst sind.9 Solche polymedialisierten Räume werden dabei
zunehmend von Code „durchdrungen“.10 Um diesen Zusammenhang in seinen politischen
Dimensionen zu verstehen, lohnt es sich zunächst, auf die konzeptionelle Unterscheidung von Rob
Kitchin und Martin Dodge zurückzugreifen. Die Autoren thematisieren die All(tags)macht von und
durch programmierte Software.

„Taken together, coded objects, infrastructures, processes, and assemblages mediate, supplement,
augment, monitor, regulate, facilitate, and ultimately produce collective life. They actively shape
people's daily interactions […], and mediate all manners of practices in entertainment, communication,
and mobilities.“11

Ob der Wecker auf dem Smartphone, der Bankautomat im Urlaub oder die Abfertigung am
Flughafen, der Code ist Bestandteil einer Vielzahl an digitalen Technologien, die unseren Alltag
zunehmend mitbestimmen. In gewisser Weise leben wir in „rechnenden Räumen“.12 Dabei lassen
sich analytisch zwei Idealtypen von Räumlichkeit unterscheiden, die durch Code strukturiert sind
„Code/Space“ und „Coded Space“.

„Code/Space occurs when software and the spatiality of everyday life become mutually constituted, that is,
produced through one another. Here, spatiality is the product of code, and the code exists primarily in order to
produce a particular spatiality.“13

So sei der Check-In-Schalter auf einem Flughafen nur solange ein Check-In-Schalter, wie die
diesen Prozess strukturierende Software den sozialen Raum gewährleistet, indem sie die
Abfertigung der Passagiere koordiniert. Sobald der Code/Space zusammenbreche, so Kitchin und
Dodge, werde aus dem Check-In-Schalter ein chaotischer Warteraum, in dem nichts mehr geht:

9
Soziale Medien sind nur ein Teil polymedialer Mikro-Öffentlichkeiten, zu denen sie genauso gehören wie Face-to-
Face-Kommunikation, klassische Medien oder Parteikonvente. Dies habe ich an anderer Stelle anhand dreier
ethnographischer Beispiele veranschaulicht (vgl. Kunzelmann 2015). Das Konzept der "Polymedialität" stammt von
Madianou/Miller 2012.
10
„Code“ ohne Artikel im Singular meint „Programmiersprachen“.
11
Kitchin/Dodge 2011: 9.
12
Zum Begriff der „rechnenden Räume“ sowie für eine idealtypische Unterscheidung: vgl. Koch 2014: 3f.
13
Kitchin/Dodge 2011 : 16.
keine Gepäckaufgabe, keine Bordkarten, keine Flüge. Analog höre ein Supermarkt auf „als
Supermarkt“ zu existieren, sobald das Kassen- und Bezahlsystem nicht mehr funktioniere. In einem
solchen Fall würde derselbe physische Raum (zwangsweise) zu einem temporären Lager
umfunktioniert.14 „Code/Space“ beschreibt, dass Code einen sozialen Raum schafft und stabilisiert.
Als „Coded Space“ hingegen bezeichnen Kitchin und Dodge Räume, in denen Code lediglich eine
unterstützende, aber keine diesen sozialen Raum konstituierende Rolle spielt, wie etwa eine
PowerPoint-Präsentation, bei der der Vortrag auch dann weitergehe, wenn die Software-basierte
Technik versage.

„In coded space, software matters to the production and functioning of a space, but if the code fails, the space
continues to function as intended.“15

Die beiden oben beschriebenen Mikro-Öffentlichkeiten lassen sich ebenfalls als „Coded
Space“ verstehen, denn sie erschaffen zwar, beispielsweise über Soziale Medien, eine zusätzliche,
Software-basierte Ebene politischer Teilhabe, hören aber nicht auf zu existieren, sollte eine
Wählerin oder ein Parteimitglied etwa Facebook nicht (mehr) nutzen. Dieser Coded Space und die
darüber stattfindenden politischen Diskussionen werden von den Akteuren dabei stets über ein
Interface wahrgenommen: den Bildschirm ihres digitalen Mediengerätes. Interfaces sind die
zentralen Schnittstellen heutiger Mikro-Öffentlichkeiten.

„[A]ccording to Webster’s dictionary, ['interface'] means ‘the place at which independent and often unrelated
systems meet and act on or communicate with each other’. In the world of computing, 'interface' is […] used to
describe […] an environment that converts the computer’s bits into humanly comprehensible applications. […]
[A]n interface […] translates the logic of the computer into icons that people can understand, enabling users
to operate their computers.“16

Was aber ist diese „Logik des Computers“, die in dem von mir beschriebenen Fall dazu geführt hat,
dass ich die „Neuigkeit“ von Pedro ganz oben auf der Timeline meines Bildschirms vorfand und
wer führt diese Logik aus?

Vom Interface zur Infrastruktur: der Algorithmus als Aktant

Mit der Akteur-Netzwerk-Theorie lässt sich nicht nur verstehen, dass wir unsere Smartphones als
handelnde Akteure begreifen können, sondern auch, dass hinter deren Interfaces noch eine weitere

14
Ebd.: 16.
15
Ebd.: 18.
16
de Waal 2014: 15f.
Handlungsmacht existiert, durch die der Facebook-lesende Mediennutzer – und potentielle Wähler
– zu einem gewissen Grad in seinem Handeln beeinflusst wird. Diese „secondary agency“ wird
durch die Mathematik der Algorithmen ausgeübt.17
Auch der Coded Space heutiger Mikro-Öffentlichkeiten besteht aus komplexen Netzwerken
„menschlicher und nicht-menschlicher Aktanten“.18 Allerdings erscheint das Interface eines
Smartphones auf den ersten Blick nur bedingt vergleichbar mit dem viel zitierten Latour’schen
Hotelschlüssel.19 Was steckt hinter dem Interface, wenn wir der Empfehlung der Akteur-Netzwerk-
Theorie folgen und dessen „Black Box“ öffnen?20

21
„[H]inter jeder Entität verbirgt sich eine Reihe anderer Entitäten.“

Auf der Ebene der Infrastruktur finden wir Algorithmen, deren Handlungsprogramme neue Inhalte
auf den Bildschirmen der Nutzerinnen generieren, scheinbar banale Meldungen wie „Person X hat
etwas geteilt“, „Person Y geht heute Abend zur Veranstaltung Z“ oder „Veranstaltung Z wurde
abgesagt“. Allerdings ist jede dieser Meldungen auch eine Aufforderung zur Kommunikation:
„ausgesprochen“ durch den Algorithmus. Der Algorithmus selbst lässt sich dabei als eindeutige
Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems beschreiben. Im Fall der Software Facebook
besteht das Problem darin, dass es auf dem Interface jedes Nutzers nur einen begrenzten Platz gibt,
um Informationen darzustellen. In Sozialen Medien gibt es schlicht zu viele „Neuigkeiten“. Hier
helfen Algorithmen. Sie generieren Meldungen nicht nur, sondern weisen ihnen stur eine Ordnung
zu.

„[Algorithms] embody highly refined, often formalised repetitions. [...] [T]hese repetitions themselves
22
accomplish a movement that reduces discord.“

Der Facebook-Algorithmus EdgeRank wählt aus, welche Inhalte „sinnvollerweise“ – gemäß seiner
programmierten Logik – als „Neuigkeit“ erscheinen sollen. Er gewichtet die sinnhaften
Äußerungen menschlicher Aktanten: für ihn „Unwichtiges“ nach unten, für ihn „Wichtiges“ nach
oben.

17
Zum Begriff der „secondary agency“ von Code vgl.: Mackenzie 2006: 8.
18
Latour 2006: 374.
19
Vgl. Ebd.: 370-377.
20
Ebd.: 375.
21
Callon 2006: 187.
22
Mackenzie 2005: 5f. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie ein solch komplexer Algorithmus aussieht: hier
findet sich beispielsweise der sogenannte Viterbi-Algorithmus: https://de.wikipedia.org/wiki/Viterbi-
Algorithmus#Algorithmus (aufgerufen am 18.7.2015).
Wie EdgeRank (unsere) Entscheidungen (mit)trifft: „Σ = Ue x We x De“

EdgeRank selektiert, indem er für jeden inhaltlichen Beitrag einen eigenen „Score“ errechnet.
Allerdings variiert diese Punktzahl von Profil zu Profil, da der Algorithmus die individuellen
Beziehungen zwischen Nutzern jeweils in seine Berechnungen des Beitragsscores einkalkuliert.23
Ein Beitrag, der bei Nutzer X also eine hohe Punktzahl erhält, kann bei Nutzerin Y völlig
untergehen. Dabei ist EdgeRank weder transparent noch statisch. Beides erschwert letztlich eine
konkrete Aussage darüber, wie der Facebook-Algorithmus seine Inhalte tatsächlich ordnet.
Öffentlich bekannt ist nur, dass seinen Berechnungen aus drei Komponenten bestehen:

 dem „Affinity Score“ (u): der Intensität der Beziehung zwischen dem Absender und allen
potentiellen Empfängern einer „Neuigkeit“. Wenn Personen öfter aktiv miteinander
kommunizieren (dazu gehören z.B. „clicking“, „liking“, „commenting“, „tagging“,
„sharing“ oder „friending“), erhört dies die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Nachrichten
jeweils prominent auf der Timeline des anderen erscheinen.

 dem „Edge Weight“ (w): der Gewichtung eines Beitrages nach dem jeweiligen Inhaltstyp.
So werden Fotos und Videos höher gewichtet als „einsame“ Links ohne beschreibenden Text.

 der „Time Decay“ (d): der vergangenen Zeit seit der ursprünglichen Veröffentlichung oder
letzten Interaktion. Ein aktueller Inhalt wird dabei höher gewichtet als ein älterer Post. Je
weiter in der Vergangenheit eine „Neuigkeit“ liegt, desto mehr Punktabzüge bekommt sie.

Um zu veranschaulichen wie EdgeRank quasi „zwischen den Zeilen“ liest, soll hier kurz das
Beispiel von Caleb Garling angeführt werden. Der für The Atlantic schreibende Autor hatte einen
seiner Meinung nach gut recherchierten Artikel geschrieben und den Link anschließend über
Facebook geteilt. Frustriert darüber, dass dieser journalistische Beitrag nach einigen Stunden
lediglich ein einziges „Like“ bekommen hatte, wollte Garling schließlich ausprobieren, wie er bei
einem Großteil seines Facebook-Netzwerkes nach ganz oben auf die Timeline kommen könnte –
was ihm mit folgendem Beitrag auch gelang:

„Hey everyone, big news!! I've accepted a position trying to make Facebook believe this is an important post
about my life! I'm so excited to begin this small experiment into how the Facebook algorithms processes

23
Die Funktionsweise von EdgeRank kann im Folgenden nur rudimentär wiedergegeben werden. Sie ist weit komplexer
als es diese wenige Zeilen suggerieren. Für mehr Informationen: https://www.facebook.com/help/327131014036297/;
https://en.wikipedia.org/wiki/EdgeRank oder http://edgerank.net/ (beides aufgerufen am 18.7.2015)
24
language and really appreciate all of your support!“

Die Frage nach der unsichtbaren und berechnenden Handlungsmacht von Algorithmen, die hier
gerade beschrieben wurde, ist allerdings bei weitem keine rein technische, sondern immer auch eine
politische Frage, denn für alles, was ein Nutzer liest, existiert eine Vielzahl an Informationen, die
dieser nicht liest: aussortiert durch den Algorithmus bekommt er diese Informationen überhaupt
nicht zu Gesicht. Je nachdem wie wirkmächtig eine bestimmte Mikro-Öffentlichkeit ist, kann dies –
je nach Inhalt – durchaus Einfluss auf einen demokratischen Kernprozess haben: auf den Ausgang
einer Wahl. Sollte man Code daher regulieren?

Warum Code mehr ist als Mathematik: die Politik der Algorithmen

Auch Coded Space ist kein „leerer Behälter-Raum“, der einmal mit Kultur gefüllt, mit Algorithmen
bevölkert und dann für alle Zeit „stillgelegt“ wird.25 Räume sind stets dynamisch. Wie Johanna
Rolshoven zeigt, lassen sich konzeptionell drei Raumaspekte voneinander unterscheiden, die
allerdings „ununterbrochen dynamisch aufeinander bezogen“ werden müssen:26

 die alltäglichen Praxen des „erlebten Raumes“

 die symbolischen Ausdrucksformen des „historischen und gesellschaftlichen


Repräsentationsraumes“

 die geronnene Materialität des „gebauten Raum[es]“.27

Ein solches, triadisch-dynamisches Raumverständnis hilft dabei, den Fokus der bisherigen Analyse
entscheidend zu verschieben: von der scheinbar formalistischen Mathematik der
Programmiersprachen hin zur Politik der Algorithmen, die kulturell ausgehandelt wird – im Coded
Space. Dieser hat – ganz im Sinne der Rolshovenschen Unterscheidung – eine Praxis, er
repräsentiert die symbolischen Ausdrucksformen gesellschaftliche Konflikte und er ist gewordene
Materialität. Kurz gesagt: er stellt einen Handlungsraum dar. Um dies näher zu veranschaulichen,

24
Garlings kompletter Post findet sich hier: https://www.facebook.com/cqgarling/posts/10154411986190203 (zuletzt
aufgerufen am 18.7.2015). Für den The Atlantic hat er seine Aktion außerdem auch journalistisch zusammengefasst und
beschreibt wie das Experiment ausgegangen ist: http://www.theatlantic.com/technology/archive/2014/08/tricking-
facebooks-algorithm/375801/ (aufgerufen am 18.7.2015).
25
Vgl. Rolshoven 2012: 157.
26
Ebs.: 164.
27
Allgemein diesem Konzept eines triadisch dynamischen Raumverständnisses: Vgl. Ebd.: 163-166. Johanna
Rolshoven erarbeitet hier außerdem eine äußerst brauchbare Operationalisierung für empirische Forschungen.
lohnt sich ein Blick auf die Arbeiten von Henri Lefebvre.
Genauso wie Stadtplanung mehr ist als eine quantifizierbare und objektive, von Technokraten
ausgeübte Wissenschaft, so ist auch die Architektur digitaler Infrastrukturen alles andere als
unpolitisch. Auch Coded Space, so ließe sich mit Lefebvre argumentieren, „has been fashioned and
molded“28, ist durchweg ideologisch, „a product literally populated with ideologies“:29

„If space has an air of neutrality and indifference with regard to its contents and thus seems to be 'purely'
formal, the essence of rational abstraction, it is precisely because this space has already been occupied and
planned, already the focus of past strategies, of which we cannot always find traces.“30

Die Architektur dieses Coded Space ähnelt dem, was Manuel Castells als „Architektur der
Nacktheit“ bezeichnet hat:

„Es ist die Architektur, deren Formen so neutral, so sauber, so transparent sind, dass sie überhaupt nicht
vorgeben irgendetwas zu sagen.“31

Sie repräsentiert den „vernetzten a-historischer Raum der Ströme, der darauf abzielt, seine Logik
den verstreuten, segmentierten Orten aufzuzwingen“32. Die nackte Logik von EdgeRank bevölkert
die Mikro-Öffentlichkeiten von Murcia genauso wie etwa die von München oder Tel Aviv.33
Führt man die Raum-Analogie weiter, drohen Mikro-Öffentlichkeiten, die Facebook und dessen
Algorithmen in ihren polymedialen Coded Space integrieren, zu dem zu werden, was Lefebvre als
„abstract space“ bezeichnet:34 soziale Räume innerhalb eines „technokratischen und kapitalistischen
Kontextes“35, die von privaten Interessen mit dem Ziel bevölkert werden, diese Räume ihrer
Marktlogik gemäß möglichst effizient „zu managen und auszubeuten“.36

„[T]his formal and quantified abstract space negates all differences.“ 37

Als börsennotiertes Unternehmen existiert auch Facebook innerhalb eines solchen globalen
„abstrakten Raumes“. Dessen Marktlogik folgend konstruiert der Facebook-Algorithmus als Aktant

28
Lefebvre 2009a: 170.
29
Ebd.: 171.
30
Ebd.: 170.
31
Castells 2001: 476.
32
Ebd.: 484. Allgemein zum Verhältnis eines globalen „Raum der Ströme“ und den ihm durchaus Widerstand leistenden
„Raum der Orte“: Vgl. Ebd.: 466-484.
33
Auch in München und Tel Aviv konnte 2014 der Einfluss des Facebook-Algorithmus bei eigenen
Feldforschungsaufenthalten während der dort jeweils stattfindenden Kommunalwahlen beobachtet werden.
34
Vgl. Lefebvre 2009b: 187.
35
Ebd.: 193.
36
Lefebvre 2009a: 170.
37
Vgl. Lefebvre 2009b: 189.
einen virtuellen Raum nach den gleichen scheinbar objektiven, quantifizierbaren Kriterien : Σ = Ue
x We x De. Das Ergebnis seines Handelns sind fragmentierte Timelines, die auf den Interfaces der
Individuen entstehen. Diese individualisierten Timelines erzeugen allerdings gerade keine
gesellschaftliche Heterogenität im Sinne eines demokratischen Pluralismus, da der Algorithmus,
gemäß seines mechanischen Formalismus handelnd, auf der Makroebene eine Vielzahl homogener
Mikro-Öffentlichkeiten hervorbringt: jeder Nutzer bekommt das zu lesen, was er ohnehin schon zu
wissen glaubt. 38 Den Vorschlägen von EdgeRank folgend befindet er sich nun in einem eigens für
ihn konstruierten selbstreferentiellen Kommunikationssystem. Eine Welt außerhalb des Algorithmus
scheint nicht zu existieren.

Fazit: Vom „Recht auf Stadt“ zum „Recht auf Code“?

Die Inhalte, die ein Akteur über Soziale Medien liest, so könnte man das hier vorgestellte Argument
zusammenfassen, hängen nicht nur von ihm selbst ab und wie viel Zeit er vor seinem Interface
verbringt, sondern auch davon, wie das, was er potentiell lesen könnte, von Algorithmen gewichtet,
sortiert und strukturiert wird. Als Aktanten sind diese Algorithmen eine handelnde Entität im Coded
Space heutiger Mikro-Öffentlichkeiten und gleichzeitig erschaffen sie diese Mikro-Öffentlichkeiten
mit.39
Wer programmiert diese Aktanten nach welchen Regeln? Wenn Facebook uns in Zukunft zielsicher
unsere Ehepartner vorschlagen könnte40, warum nicht auch, wen wir wählen sollten? Software ist in
ihrer Spezifität nichts Naturgegebenes.41 Wir sollten den Code hinter den kristallklaren Interfaces
nicht als unpolitisch abtun. Raum ist stets politisch. Der Coded Space algorithmisierter Mikro-
Öffentlichkeiten ist es ebenfalls. Und wenn es ein „Recht auf Stadt“ gibt,42 ließe sich nicht auch ein
„Recht auf Code“ fordern?

38
Zum Widerspruch einer Gleichzeitigkeit von Homogenisierung und Fragmentierung innerhalb kapitalistischer Räume:
Vgl. Lefebvre 1977: 14-16.
39
Zu dieser „doppelten“ Rolle von Algorithmen vgl. erneut Gillespie 2014.
40
Vgl. http://t3n.de/news/charakter-facebook-likes-588310/ (aufgerufen am 18.7.2015).
41
Vgl. Mackenzie 2006: 6.
42
Vgl. Lefebvre 2009b: 193.
Literatur

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