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Der aufständische Anarchismus

Geschichte und Gegenwart


In der heutigen anarchistischen Praxis sind zum einen der Anarchosyndikalismus u
nd zum anderen der „aufständische Anarchismus“ die einzigen nennenswerten libertären Bew
egungen. Wobei hier in Deutschland, wo der Syndikalismus vor allem in den Organi
sationen der „FAU“ beachtenswerten Raum einnimmt, der „aufständische Anarchismus“ im Gegen
satz zu Italien, Spanien und Griechenland eher in die „autonome“ Ecke geschoben wird
, in die des „schwarzen Blockes“.
Neben einer durchaus respektablen Geschichte gehen aber auch heute noch viele in
teressante, ja wichtige Impulse für die libertäre Bewegung auch und gerade von den „Au
fständischen“ aus – bei all der berechtigten Kritik .
All dies will der folgende, etwas längere Beitrag erläutern
Teil 1: Gestern und damals
Aufständischer Anarchismus – der Aufstand als Taktik wurde relativ schnell von einem
Teil der Anarchisten im 19.Jh. ausgegeben. Wohl zu den ersten Aufständen der libe
rtären Geschichte gehören die der „Ludditen“, Textilarbeiter ,die ab 1811 zahlreiche Sab
otageaktionen durchführten und auch später einzelne Personen (Richter und Lebensmitt
elhändler) angriffen .Hier zeigten sich schon die ersten Merkmale des „aufständischen
Anarchismus“
Die „direkte Aktion“, die sich durch den Aufstand artikuliert, oft aus dem Elend und
der Verzweiflung gewachsen, daraus auf das Jetzt und Heute konzentriert, ohne s
ich ein Morgen überhaupt vorstellen zu können oder – wie wir später in Italien lesen könne
n – in der Hoffnung durch den Aufstand sofort zu einer sozialen Revolution und ein
er libertären Gesellschaft zu kommen – eng angelehnt an die Aktionen und Personen de
r so genannten Propaganda der Tat.
Einer ihr Befürworter, Michail Bakunin, war dann auch maßgeblich an einem Aufstand,
dem von 1870 in Lyon, beteiligt – jedoch zu unentschlossen das weitere Vorgehen de
r Kommunarden von Lyon – es bleibt eine Proklamation, vor Tausenden verlesen und v
erteilt. Nach einigen Tagen ist das Experiment durch staatliche Repression beend
et.
Die „Pariser Kommune“ jedoch nimmt sich die Tage von Lyon als Vorbild und versucht b
is zur brutalen Niederschlagung die Ideen des Aufstandes in die Praxis umzusetze
n – ähnliches dann bei den Brüdern Magón in Baja california, Mexiko und in der Ukraine d
urch die Machnow-bewegung.
Durchaus in der Tradition der Aufstände als Mittel zur sozialen Revolution können di
e Aktionen in Spanien der 30erjahre gesehen werden, die von den spanischen Anarc
histinnen und Anarchisten zu einem der größten libertären Experimente genutzt wurden – d
em der spanischen Revolution in der Zeit bis 1939
„Es ist eine Illusion zu glauben, dass einige Kilo Dynamit genügen, um gegen eine Ko
alition von Ausbeutern zu gewinnen“
Die Geschichte des aufständischen Anarchismus und seine verschiedenen Ausdrucksfor
men lassen sich beispielhaft in der Geschichte des italienischen Anarchismus ver
folgen – zum einen waren es Aufstände für eine soziale Revolution, die sich nach ihrem
Scheitern zum anderen oft in individuelle Aufstände niederschlugen. Die wohl erst
e revolutionäre Bewegung, die auf eine soziale Revolution hinarbeitete, ist während
des „Risorgimento“ erwähnt – Carlo Pisacane, einer ihrer Protagonisten, 1818 in Neapel g
eboren, gilt wohl als der Vorläufer des „libertären Sozialismus“ und einer der ersten it
alienischen Anarchisten.
„Aufstände, auch und gerade die gewalttätigen, erregen nicht nur Aufmerksamkeit und öffe
ntliches Interesse für ihr Anliegen, sondern informieren und bilden, mehr als es 1
000 Bände Lehrschriften tun können und führen die Menge für die Ziele der Revolution zus
ammen. Der lehrende Zweck kann nie auch nicht durch Plakate oder Veranstaltungen
ersetzt werden.“
In der Praxis bereitete Pisacane mit einer kleinen Gruppe einen dieser Aufstände i
n Süditalien vor. Sie kaperten ein Dampfboot und befreiten auf der Insel Ponza über
300 Gefangene. Als sie in Sapri an der Westküste von Italien an Land gehen wollen,
werden sie von den dort lebenden Bauern angegriffen, die von den Behörden zuvor v
or mordenden und plündernden Sträflingen in Angst und Schrecken versetzt wurden. Dur
ch diese mangelnde Unterstützung wurde es für die französischen Besatzer ein leichtes,
die Rebellen niederzuhalten. 25 wurden getötet, die anderen eingekerkert. Ein Ged
icht von Luigi Mercantini “Sie waren dreihundert“ und ein Film in den 50erJahren set
zten Pisacane und seinen Gefährten ein Denkmal.
„Wir wollen eine tief greifende Revolution, die die Bedingungen des Lebens für alle
Menschen verwandelt. Durch den Aufstand können wir alle unmittelbar zu neuen Forme
n des gesellschaftlichen Zusammenlebens beitragen .
Wir erwarten nicht, wir können nicht erwarten, dass sich dadurch all unsere Ideen
sofort umsetzen lassen – aber durch den Aufstand können wir günstige Bedingungen schaf
fen für unsere Propaganda und unser Handeln und das können wir erreichen, indem wir
die Menschen auffordern, sich das zu nehmen, was sie im täglichen Kampf brauchen“ (M
alatesta)
Malatesta war es dann auch, der mit massgeblich an den Aufständen 1874 in Bologna
und 1877 in Matese beteiligt war. 1873 schrieb Bakunin sein Hauptwerk „Staatlichke
it und Anarchie“ – zuvor hatte er schon bei den italienischen Anarchisten mit einige
n Artikeln für viel Aufsehen gesorgt. Carlo Cafiero und später Errico Malatesta zeig
ten sich in persönlichen Gesprächen mit ihm sehr beeindruckt – und auch durch die Aufs
tände in Lyon und Paris planten nun Malatesta und Cafiero zusammen u.a. mit Andrea
Costa und Napoleon Papini einen Aufstand in Bologna in der Hoffnung, ihn zuerst
auf Italien und dann in ganz Mitteleuropa ausweiten zu können. In zwei Gruppen so
llten 1000 Leute Bologna besetzen, um dort Bakunin zu empfangen. Es kamen nur ei
nige hundert, die einige Telegrafenlinien unterbrechen konnten, aber schon bald
von der Polizei, die von Spitzeln informiert war, angegriffen und verhaftet wurd
en. Bakunin, schon auf dem Weg, flüchtete als Priester verkleidet, nach Lugano.
„An diesem Morgen des 8.April
Menschen kamen mit roten und schwarzen Fahnen
Im weissen Staub der verlassenen Strassen
Von Augen hinter Vorhängen beobachtet.
Sie hatten die blauen Augen der Meere
Und kamen aus der Stadt
Und sprachen von Freiheit
Vor dem weissen Staub der verlassenen Strassen
In die aufmerksamen Ohren müder Leute.“
Nach dem gescheiterten Aufstand in Bologna war die libertäre Bewegung in Italien s
chwerster Repression ausgesetzt. Unter diesem Eindruck aber auch angerührt von der
elenden Situation der meisten in Italien, beschlossen die inzwischen wieder fre
igelassenen einen erneuten Aufstand – diesmal in den Bergen von Matese in Zentrali
talien. Die Gruppe baute auf die Verzweiflung und die Unzufriedenheit der Bauern
, wollte sie für den Aufstand gewinnen. Von dort sollte diesmal der Funken der Rev
olution ausgehen.
Die Aktion sollte im März beginnen, doch der Schnee verzögerte das Unternehmen bis i
n den April. Am 3. diesen Monats tauchten verkleidet u.a. Malatesta im Dorfe San
Lupo auf und packten schwere Kisten in die dortige Taverne. Doch die Polizei wa
r von einem Verbindungsmann der Aufständischen informiert. In der Nacht vom 7.auf
den 8.April 1877 kam es zu einer Schiesserei, bei dem zwei Polizisten verwundet
wurden, einer dabei tödlich. Die meisten Aufständischen konnten fliehen, bei ihnen M
alatesta und Cafiero, die nach stundenlangem Herumirren in den Bergen die Stadt
Letino erreichten. Sie hissten dort sofort auf dem Turm des Rathauses die schwar
z-rote Fahne, besetzten das Rathaus, hoben die Mehlsteuer auf und verbrannten al
le Gemeindeakten, vor allem die Katasterkarten.
Sie wurden festgenommen und vor ein Gericht gestellt, allerdings dann durch eine
Generalamnestie des neuen Königs Umberto wieder freigelassen.
Auch wenn tausende ihnen nachher zujubelten, war auch hier mehr die eigene Begei
sterung und die Kreativität der Revolutionäre das treibende Element. Wieder waren st
att Hunderte nut 30 gekommen, die Versorgung auch mit Lebensmitteln nicht organi
siert, die einzige Verbindung zu den Bauern entpuppte sich als Verräter. Hier zeig
te sich die Schwäche der „reinen Propaganda der Tat“ – und einige der Aufständischen, vor
allem Malatesta, sollten sich dann mehr und mehr für Organisation und Streiks eins
etzen, ja Malatesta selbst sollte viele spätere Syndikalisten massgeblich beeinflu
ssen.
Andere, vom Scheitern der revolutionären Versuche enttäuscht, rebellierten in indivi
duellen Aufständen gegen einzelne Ziele.
„In ihrer Verbitterung über den unablässigen Kampf und die unausgesetzte Verfolgung du
rch die Regierung wird jede Tat von ihnen gutgeheissen, was immer ihr Charakter
oder ihre Wirkung auf die breiten Volksmassen auch sei, solange ihre Ausführung im
Namen des Anarchismus stattfand.“
Der individuelle Aufstand wird hier zum Ziel, nicht mehr zum Mittel.
Dreimal wurde anschliessend versucht, König Umberto I. umzulegen. Erst Gaetano Bre
sci war am 29.Juni 1900 erfolgreich. Andere italienische Aufständische versuchten
es in anderen Ländern. Bekannt wurden vor allem Luigi Lucheni, Sante Caserio , Sev
erino de Giovanni.
Der Faschismus brachte dem „aufständischen Anarchismus“ eine grössere Bedeutung zurück, ei
ne neue, andere Qualität. Viele Anarchistinnen und Anarchisten griffen nun wieder
zu den Mitteln zurück, die sie zuvor abgelegt oder gar kritisiert hatten. Michelle
Schiró und Gino Lucetti stehen für die individuellen Anschläge auf Mussolini, die Ard
iti del Popolo (höre dazu auch bei „Töne“) für Zehntausende von AntifaschistInnen, allen v
oran AnarchistInnen und KommunistInnen, die diesmal von einer starken Unterstützun
g der Bevölkerung getragen wurden.
Heute und jetzt
Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung. Wir gehören ihr nur in dem Maße an, als w
ir uns gegen sie auflehnen
„Ab einem gewissen Punkt gibt es kein Zurück mehr. Das ist der Punkt, der erreicht w
erden muss“(Kafka)
In den 7oerJahren wurde der „aufständische Anarchismus“ als „Insurrektionismus“ neu defini
ert, wobei dieser Begriff von den Insurgenten selber abgelehnt wird, sehen sie s
ich doch als die Verweigerer jeglicher Ideologie.
Dieser erscheint als der Weg, der täglich erlebten Machtlosigkeit und der totalen
Herrschaft des Staates als Organisation über und in der Gesellschaft zu entkommen
bzw. ihn in kleinen informellen autonomen Basisgruppen durch militante Aktionen
anzugreifen. Sie berufen sich dabei auf vergangene Kämpfe des „aufständischen Anarchis
mus“, der vor allem in Italien und Spanien seinen Geist u.a. in den Kämpfen gegen Knäs
te und damit gegen die ganze Gesellschaft bewahrt hatte. Wenn auch selber autono
m und temporär, haben z.B. die Schriften von Alfredo Bonanno einen starken Einflus
s auf die Insurgenten, vor allem in Italien und Griechenland, in denen der Aufst
and am Ende des Zweiten Weltkrieges durchaus bewährte Praxis war. Die Faschisten w
aren durch die anarchistischen und kommunistischen PartisanInnen in vielen Gebie
ten vertrieben, doch der Vertrag von Jalta brachte durch Stalin die Kommunisten
wieder auf Linie. Griechenland seinerseits geriet jahrzehntelang in eine Militärdi
ktatur. In Italien sorgte die KP für eine Abkehr von militanten Kämpfen.
„Was ist der Anarchismus, was bedeutet es Anarchist zu sein? Warum? Weil er keine
Definition ist, die, wenn sie einmal gefunden wurde, in einem Tresor aufbewahrt
werden kann. Anarchistinnen und Anarchisten sind Individuen, die sich wirklich a
ls solche in Frage stellen, was für eine Beziehung habe ich tagtäglich zu all den Sa
chen, die ich mache – der Anarchismus ist kein Konzept, das mit einem Wort festgen
agelt werden kann, ist keine politische Theorie. Er ist eine Weltanschauung, ein
e Lebensauffassung, und das Leben, egal wie jung oder alt wir sind, ist keine de
finitive Sache. Es ist eine Wette, die wir Tag für Tag neu abschließen müssen“ (Bonanno)
Alfredo M.Bonanno ist wohl der eifrigste Theoretiker des „aufständischen Anarchismus“.
Für den Text „Die bewaffnete Heiterkeit“, 1977 geschrieben, wurde er zu 18 Monaten Ge
fängnis verurteilt, das Buch selber beschlagnahmt. Als Mitherausgeber der zweimona
tlich erschienenden Zeitschrift „Anarchismus“ gab er dort Beispiele im Hinblick auf
die Ziele der Bewegung.
„Wir sind für die Zerstörung des Staates, d.h. dass wir für die körperliche Vernichtung ih
rer Organe und ihrer Vertreter bei der Durchführung des Staates sind. Wir sind geg
en die Bullen, gegen die Obrigkeit, gegen die Bürokraten, gegen Gewerkschaftler, g
egen die Bosse. Wir sind nicht nur gegen die Polizei, gegen Kontrolle, gegen bürge
rliche Justiz, gegen Bürokraten und Gewerkschaften, wir sind auch und gerade konkr
et gegen die Menschen und die Dinge, die in Wirklichkeit jeden Tag die ideologis
chen Formen der täglichen Repression bilden.“
Solche kernigen Sätze befördern natürlich für die VertreterInnen des Staates die absonde
rlichsten Fantasien herbei und so wurde dann Alfredo Bonanno im Rahmen einer Rep
ressionswelle verhaftet und der geistigen Urheberschaft und Mitgliedschaft einer
so genannten anarchistischen revolutionären insurrektiven Organisation angeklagt.
Ähnliches widerfuhr ihm dann im Jahre 2003, wo er wegen Unterstützung und Verbreitun
g umstürzlerischer Propaganda und Chefideologe einer informellen anarchistischen Föd
eration dann im April 2004 mit elf von ursprünglich 68 angeklagten Anarchistinnen
und Anarchisten zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde.
Diese Gruppe, die „informelle anarchistische Föderation FAI“ soll seit 2003 aktiv sein
und wurde bekannt durch Aktionen gegen EU-Politiker sowie Anschläge gegen Einrich
tungen der italienischen Polizei. Diese Gruppe, falls sie existierte und kein Ko
nstrukt der italienischen Justiz nach den bekannten Mustern der „Strategie der Spa
nnung“ war aufgrund ihrer Aktionen umstritten. Nicht nur dass die Initialen „FAI“ verw
irrten und zu einer scharfen Antwort der realen Föderation führten – auf der anderen S
eite schreibt die Insurgentenzeitschrift“ Balaklava“
„Vieles was die FAI macht oder gemacht hat, teilen wir nicht. Jedoch teilen wir vi
ele ihre Meinungen, Die Frage, wie weit ein Mensch in seiner radikalen Praxis ge
hen will, muss und wird nur er wissen. Moralische Barrieren von was, wann, wie u
nd warum etwas gemacht wird, überlassen wir der Linken, die dieses Gebiet sehr gut
dominiert.“
Und sie fordert „Revolutionäre Solidarität“, eines der Grundmaxime der Insurgenten.
„Jede Aktionsgruppe verpflichtet sich, die eigene revolutionäre Solidarität jenen Geno
ssen gelten zu lassen, die verhaftet oder untergetaucht sind. Die Solidarität wird
sich insbesondere durch die bewaffnete Aktion konkretisieren. Durch den Angriff
auf Infrastrukturen und Menschen, die für die Gefangenschaft des Genossen verantw
ortlich sind. Als Unterstützung in der Repression verstehen wir natürlich nicht die
Art eines technischen oder juristischen Beistandes, die bürgerliche Gesellschaft b
ietet genügend Anwälte, Sozialarbeiter und Priester, so dass wir Revolutionäre uns um
andere Dinge kümmern können.“
Dies sieht dann so aus, dass die Situation der Gefangenen in allen Aktionen mit
einbezogen wird – bei Kundgebungen oder bei Anschlägen. Als Beispiel seien hier die
Aktionen im Zusammenhang mit dem Ökoaktivisten Marco Camenisch in der Schweiz gena
nnt.
In der englischsprachigen Welt waren es vor allem die Texte des Philosophen Fera
l Faun, auch: Wolfi Landstreicher und seine Übersetzungen der Schriften von Alfred
o Bonanno, aber auch die der Individualanarchisten Bruno Fillipo und Renzo Novat
ore.
„Anarchie ist nicht eine soziale Form, sondern eine Methode der Individuation. Kei
ne Gesellschaft wird mir mehr als eine beschränkte Freiheit oder nur soviel Wohlbe
hagen zugeben was sie jedem seiner Mitglieder gewährt. Aber ich bin nicht damit zu
frieden und will mehr. Ich will alles, weil ich die Macht habe, es zu überwinden.
Jede Gesellschaft bemüht sich mich auf die erhabenen Grenzen des Erlaubten und des
Verbotenen zu beschränken. Aber ich erkenne die Grenzen nicht an. Weil nichts Ver
boten sein kann und alles denjenigen erlaubt wird, die die Kraft und den Mut hab
en. Folglich ist Anarchie die die natürliche Freiheit der vom verhassten Joch von
geistigen und materiellen Knechtschaften zu befreienden Personen ist, nicht der
Aufbau einer neuen und erstickenden Gesellschaft. Es ist ein entscheidender Kamp
f gegen das Ganze. Anarchismus ist der ewige Kampf einer kleinen Minderheit von
erlesenen Außenseitern gegen alle Gesellschaften, die einander auf der Bühne der Ges
chichte folgen.“(Novatore)
Die Schriften und Texte sind eine Mischung aus den Schriften Bakunins, dem Denke
n Stirners, Veröffentlichungen der Situationisten und des Individualanarchismus, g
etränkt oft in eine akademische und männliche Sprache.
„Jeder gehorcht nur sich selbst und schließt sich mit anderen zweckgebunden zu Verei
nen der Egoisten zusammen“(Stirner)
Als informelle Gruppen ergreifen sie die Initiative, sie lehnen jeden Aufbau, je
des Organisieren ab, es sei denn für den Aufstand selbst. In der ständigen Konfronta
tion mit dem Ziel, dem Staat den Kollaps zu geben.
„Denn wir sind für den sofortigen, zerstörerischen Angriff auf alle Strukturen, Person
en und Organisationen von Kapital, Staat und allen Formen der Unterdrückung.“
Dabei umarmt der Aufständische den Gangster als Lebensstil. Seine Handlungen unter
liegen keinerlei Moral, sondern geschehen im Namen der eigenen Wünsche und der ent
sprechenden Bezugsgruppe. Diebstahl und Bankraub wird zur „revolutionären Expropriat
ion“ um das eigene Leben zu finanzieren.
„Mein Ziel ist es nicht zu arbeiten und Leute zu finden die sich wie ich nicht dar
um kümmern. Ich möchte mit diesen arbeiten, um zu sehen, wie es mit bestimmten Mitte
ln möglich sein kann, den Staat in die Defensive zu zwingen, ihn anzugreifen bis z
ur völligen Zerstörung. Unser bewaffneter Kampf beruht auf den Grundsätzen der Einfach
heit, der direkten Aktion, der Pulverisierung und der generellen Attacke. Als An
archisten sind wir für die maximal mögliche Beteiligung der Menschen im Prozess der
Befreiung der unbedingt getan werden muss.“
So gerinnt der Aufstand als Mittel und Ziel zugleich.
„Wir wollen keine Utopie für den allgemeinen Konsum“
„Konfliktbereitschaft sollte im Kampf gegen die Machthaber als permanentes Element
gesehen werden. Es mag unter Umständen individuelle Gründe geben die Erreichung der
eigenen Ziele mit gewalttätigen Mitteln anzuzweifeln, aber wenn Gewaltlosigkeit a
uf die Ebene eines gewaltlosen Prinzips gehoben wird, dann verlieren die Argumen
te an Wert und alles gleitet in Bahnen der Unterwürfigkeit und des Gehorsams. Und
so ist der Angriff die Verweigerung gegen die Aufopferung des Entgegenkommens un
d des Kompromisses.“
Diese Angriffe, neben den häufigen üblichen banalen Versicherungsschäden, reduzieren s
ich in der Regel in den deutschen Städten auf die oft einzigen sichtbaren Feinde – d
ie Polizisten als Repräsentanten des verhassten Staates.
„Ich bin nicht Eigentümer des Anarchismus. Ich glaube nicht an Eigentum von Ideen. A
narchismus existierte vor mir wie er nach mir existieren wird. Ich kann ihn nur
für mich selbst interpretieren.“
Die Insurgenten verweigern und kritisieren in ihren wechselnden informellen Grup
pen die Organisationen an sich mit all ihrer Organisatoren. Die Zeit, die für den
Aufbau gebraucht wird, ist für sie verlorene Zeit. Zeit, die genutzt werden muss,
um zu kämpfen und den Umsturz vor zu bereiten. In ihrer durchaus berechtigten Krit
ik an dem jetzigen Anarchismus bemerken sie den kreativitästarmen Dogmatismus viel
er ZeitgenossInnen, Fixierung, ja Erstarrung in wirtschaftliche und soziale Meth
oden, ob Syndikalismus oder Föderalismus.
Im aktuellen zustand ist Anarchismus für sie eine zu überwindende linksextreme Ideol
ogie
„Nieder mit allen AnarchistInnen. Es lebe die Anarchie!“
Für sie ist Anarchie formlos, flüssig und eine organische Erfahrung, die vielseitige
und vielschichtige, sowohl persönliche als auch kollektive und immer offene Befre
iungsvisionen umfasst.
„Als AnarchistInnen sind wir an der Herstellung eines neuen Systems oder einer neu
en Struktur, worin wir wohl am ehesten untergeordnet leben sollten. nicht intere
ssiert- so ethisch oder unauffällig ihr Anspruch auch daherkommen mag. Wir können an
deren keine andere Welt liefern, aber wir können Ideen und Fragen aufwerfen und ve
rsuchen jegliche Herrschaft und all das zu zerstören, was uns daran hindert, eine
direkte Beziehung zu unseren Wünschen und Bedürfnissen zu träumen und zu erleben. Für di
e Zerstörung der Zivilisation, für die Wiedervereinigung mit dem Leben.“
Die libertäre Bewegung ist aus der Tradition der Aufstände entstanden und zog Inspir
ation von denen, die an solchen Aufständen beteiligt waren. Vieles beim so genannt
en aufständischen Anarchismus bietet eine nützliche Kritik, aber führt oft zu fatalen
Folgerungen.
„Der Staat ist nicht etwas, was Mensch zerschlagen kann, um zu zerstören .Der Staat
ist vor allem eine Beziehung zwischen Menschen, Der Staat wird zerstört, in dem Me
nsch in andere Beziehungen eintritt“(Landauer)
Bei den heutigen Insurgenten, die den permanenten Aufstand als Ziel haben, sind
viele historische Fehler der individuellen „Propaganda der Tat“ noch enthalten. Glei
chzeitig haben die Herrschenden in allen Ländern ein lebhaftes Interesse daran, da
s Zerrbild vom gewalttätigen Anarchismus als Feind der Menschheit bei zu behalten.
So bleibt für uns andere, Anarchistinnen und Anarchisten, die nicht leichte Aufga
be, gleichzeitig die vermehrten Angriffe des Staates und seiner Instrumente auch
gegen uns abzuwehren , durch unsere täglichen Handlungen die emanzipatorische Kra
ft und die freiheitlichen Ideen des Anarchismus zu propagieren und damit und dab
ei auch eine grundlegende Solidarität zu zeigen mit allen Kämpfenden , auch in den G
efängnissen und allen anderen totalen Institutionen.
„Und wir sind schon der Meinung, dass es unsere Aufgabe als AnarchistInnen ist, Re
volten vorzubereiten. Das können wir jedoch nicht tun, wenn wir uns nicht organisi
eren.Wenn wir nicht auf sie vorbereit sind, werden spontane Revolten genauso sch
nell verschwinden wie sie gekommen sind.“ ------
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