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Mit der Beendigung des Krieges und der vollständigen Kapitulation des dt. Reiches am 8.

Mai 1945 endeten


12 Jahre Terror, Tod und Größenwahn. Der Nationalsozialismus bzw. der Hitler-Faschismus sei besiegt
worden. Durch die Gründung von 2 neuen deutschen Staaten, der Entnazifizierung/ Entmilitarisierung von
Gesellschaft, Wirtschaft und Justiz und einer jeweils neuen Verfassung glaubte man sich gut gewappnet um
den Nationalsozialismus in allen Belangen vernünftig und nachhaltig überwinden zu können.
Bereits am 13. Januar 1941 auf der in London stattgefundenen Interalliiertenkonferenz einigten sich
zumeist in Vertretung ihrer Exilregierungen, Belgien, Frankreich, Griechenland, Niederlande, Norwegen,
Luxemburg, Polen, Jugoslawien und die Tschechoslowakei darauf, dass die Bestrafung der
Hauptverantwortlichen das Hauptkriegsziel sei. Es sollten, resultierend aus der Einigung der Konferenz nicht
nur jene Täter bestraft werden, die Verbrechen selbst begingen, sondern auch die Mittäter, die darin in
irgendeiner Art involviert waren.
Entgegen dem Willen der Vom dt. Reich besetzten Länder konzentrierten sich die „Großen 3“ Alliierten
hauptsächlich auf die Hauptschuldigen. In einigen Fällen gab es Auslieferungen einzelner Täter an die
Länder in denen sie Verbrechen begangen haben, in denen sie nach dortigem Recht bestraft worden sind.
Während der Nürnberger Prozesse, bei denen die Schuld bzw. Unschuld von insgesamt 24 angeklagten
Hauptschuldigen verhandelt wurde, kam es lediglich zu 19 Verurteilungen.
Zwölf Todesurteile, 7 Freiheitsstrafen, 3 Freigesprochene und 2 bei denen das Verfahren ohne Verurteilung
eingestellt wurde waren die Einzelresultate der Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher. Bis zum 14.
April 1949 folgten 12 weitere Prozesse gegen 39 Ärzte und Juristen, 56 Mitglieder von SS und Polizei, 42
Industrielle und 26 militärische Führer, 22 Minister und hohe Regierungsvertreter. Von den insgesamt 209
Angeklagten wurden 38 Freigesprochen. Es trugen also aus damaliger Sicht in etwa 171 Menschen die
Verantwortung für 12 Jahre Schreckensherrschaft, die beinahe ganz Europa und auch andere Teile der Welt
in Schutt und Asche gelegt hat und die bisher größte, zumeist ethnisch begründete, industrielle
Massentötung zu verantworten hat.

Doch wenn wir nun einmal schauen, was mit jenen geschehen ist, die sich im Sinne des NS-Staates verdient
gemacht haben und dafür Auszeichnungen und Beförderungen erhalten haben, dann muss festgestellt
werden, dass das bisher dunkelste Kapitel deutscher Geschichte weder wirklich beendet noch nachhaltig
überwunden sein kann.
Mit zwei Beispielen möchte ich verdeutlichen mit welcher Ernsthaftigkeit viele NS-Verbrecher in der
Nachkriegszeit Verfolgt und bestraft worden sind und wie groß demzufolge das Interesse war die NS-
Geschichte aufzuarbeiten.

Beispiel 1:

Oswald Rothaug war vor 1945 ehrenamtlich im Sicherheitsdienst des Reichsführers SS tätig, ab 1933 erster
Staatsanwalt in Nürnberg und ab 1937 Direktor des Sondergerichts in Nürnberg. Die Sondergerichte
befassten sich mit Delikten mit besonderer Schwere der Schuld. Rothaug verhängte unzählige Todesstrafen,
wovon ich 2 exemplarisch gesondert erwähnen möchte:
Im Jahre 1942 erging durch seinen Richterspruch die Todesstrafe gegen einen jungen Zwangsarbeiter aus
Polen mit der Begründung: „Die ganze Minderwertigkeit des Angeklagten auf charakterlichem Gebiet ist
offensichtlich in seiner Zugehörigkeit zum polnischen Untermenschentum begründet“
Im gleichen Jahr folgte das Todesurteil gegen Leo Katzenberger. Dieser war angeklagt wegen angeblicher
„Rassenschande nach dem Blutschutzgesetz in Verbindung mit der Verordnung gegen Volksschädlinge“.
Obwohl die Zeugin beteuerte, dass kein Geschlechtsverkehr stattgefunden habe, wurde der jüdisch
stämmige Katzenberger zum Tode verurteilt.
Oswald Rothaug wurde durch die Nürnberger Prozesse wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit am 4.
Dezember 1947 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Wenig später
wurde das Urteil von der dt. Justiz auf 20 Jahre herabgesetzt und am Dezember 1956 wurde Rothaug
vorzeitig nach nicht mal 10 Jahren Haft entlassen.

Das zweite Beispiel ist etwas prominenter, was zugleich auch verdeutlicht, mit welch Vergangenheit man es
hierzulande dennoch zu etwas bringen konnte.
Hans Filbinger