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II - 5 UF 37/18 Erlassen am 19.04.

2018
17 F 59/17 Justizb,eschäftigte
als Urkundsbeamtin der
Geschäftsstelle

OBERLANDESGERICHT DÜSSELDORF
BESQHl::U.SS
In der Familien!5ache

betreffend

1.

2.

3.

zugleich Ergänzungspfleger,

hat der 5. Senat für Familiensachen des Oberlandesgerichts Düsseldorf durch die Vorsit-
zende Richterin am Oberlandesgericht
2

beschlossen:

Die Beschwerde des Antragstellers gegen den am 07.02.2018 erlassenen Be-


schluss des Amtsgerichts - Familiengericht - Mönchengladbach-Rheydt wird als
unzulässig verworfen.

Auf die Beschwerden des betroffenen Jugendlichen und der Kindesmutter wird
der am 07.02.2018 erlassene Beschluss des Amtsgerichts - Familiengericht -
t dahin. abgeändert, dass der im Verfahren 17 F 186/15
ergangene Beschluss des Amtsgerichts - .Familiengericht - Mönchengladbach-
Rheydt vom 04.08.2015 aufgehoben wird, soweit der Kindesmutter das Aufent-
haltsbestimmungsrecht und das Recht zur Gesundheitsvorsorge für den Minder-
jährigen vorläufig entzogen worden
und insoweit Ergänzungspflegschaft angeordnet worden ist.

Gerichtskosten werden für das Beschwerdeverfahren nicht erhoben.' Außerge-


richtliche Kosten werden nicht erstattet.

Beschwerdewert: 1.500,00 €

Gründe:

1.
Der am 04.02.2002 geborene Jugendliche stammt aus der

.
Die elterliche Sorge für übte die Kindesmutter zunächst allein aus. Mit Be-
schluss vom 04.08.2015 entzog das Amtsgericht ihr vorläufig im Wege der einstweiligen
Anordnung das Aufenthaltsbestimmungsrecht und weitere Teile der elterlichen Sorge
(Gesundheitsvorsorge, Beantragung von Hilfen zur Erziehung gemäß §§ 27 ff SGB VIII,
Entscheidungsbefugnis über die Ausübung des Zeugnisverweigerungsrechts in Straf-
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und Ermittlungsverfahren) und ordnete insoweit Ergänzungspflegschaft an. In gleicher


Weise wurde bezüglich des jüngeren Kindes verfahren, wobei hier die genannten
Teile der elterlichen Sorge beiden Elternteilen - der Kindesmutter und ihrem Ehemann -
vorläufig entzogen wurden. Hintergrund dieser Maßnahmen nach §§ 1666, 1666a BGB
war Verdacht auf
körperliche Misshandlung und Freiheitsberaubun·g im Haushalt der Kindesmutter und des
Stiefvaters. Die seitens der Kindesmutter und des Stiefvaters eingelegten Beschwerden
blieben erfolglos. und seine wurden durch den Ergänzungspfle-
ger in einer Einrichtung untergebracht.

Sodann leitete das Amtsgericht unter dem Aktenzeichen 17 F 198/15 das Hauptsache-
verfahren ein, welches bislang nicht abgeschlossen ist. Das Verfahren betraf zunächst
beide Kinder, später wurde bezüglich des Mädchens das Verfahren abgetrennt
und unter dem Aktenzeichen 17 F 157 /16 fortgeführt. Das Amtsgericht holte wiederholt
familienpsychologische Gutachten ein, deren Gegenstand - unter anderem - die Frage
war, ob und unter vyelchen Voraussetzungen eine Rückführung der Kinder in den Haus-
halt der Kindesmutter und des Stiefvaters erfolgen könne. Das jüngste Gutachten des
Sachverständigen datiert vom. 23.10.2017. Für den 27.04.2018 ist im Haupt-
sacheverfahren ein Anhörungstermin anberaumt. in dem der Sachverständige zu den
Ergänzungsfragen der Kindesmutter Stellung nehmen soll.

Nach seiner lnobhutnahme lief wiederholt aus den Einrichtungen weg, in de-
nen er untergebracht war, und kehrte in den Haushalt der Kindesmutter und des Stiefva-
ters zurück, wo er von diesen versteckt wurde. Letztmalig entwich er im Mai 2017 aus
einer Pflegestelle in der Eifel. Diesen Vorfall nahmen die Kindesmutter und der Stiefva-
ter, bei denen der Jugendliche bis heute lebt, zum Anlass, einen Antrag auf Aufhebung
des Beschlusses vom 04.08.2015 und auf vorläufige Rückübertragung des Aufenthalts-
bestimmungsrechts und des Rechts zur Gesundheitsfürsorge auf die Kindesmutter zu
stellen. Zur Begründung führten sie an, da s in seiner letzten Pflegestelle
schlecht behandelt worden sei, insbesondere zu wenig Essen, eine unzureichende medi-
zinische Versorgung und keine seinen Fähigkeiten entsprechende Beschulung erhalten
habe. In ihrem Haushalt dagegen werde er gut versorgt und weder misshandelt noch
eingesperrt. Er besuche jetzt die , eine Privatschule, wo er sich
gut eingelebt habe und gute Leistungen zeige.
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Mit Beschluss vom 17.05.2017 hat das Amtsgericht den Antrag zurückgewiesen und die-
se Entscheidung nach Durchführung eines Anhörungstermins durch den angefochtenen
Beschluss vom 07.02.2018 bestätigt. Zur Begründung hat es ausgeführt: Aufgrund der im
einstweiligen Anordnungsverfahren- vorzunehmenden summarischen Prüfung verbleibe
es bei dem Entzug des Sorgerechts für die Teilbereiche Aufenthaltsbestimmung und Ge-
sundheitsfürsorge, da sich aus dem jüngsten im Hauptsacheverfahren eingeholten Sach-
verständigengutachten erhebliche Anhaltspunkte für eine nach wie vor im Haushalt der
Kindesmutter und ihres Ehemannes bestehende Kindeswohlgefährdung ergäben. Insbe-
sondere die Umstände, unter denen der Jugendliche vor den Behörden versteckt worden
sei, stünden einer altersgerechten Entwicklur:ig entgegen. Vor dem Hintergrund, dass die
Kindesmutter nicht mit dem Jugendamt kooperiere und Hilfen nicht wirksam installiert
werden könnten, bleibe der Sorgerechtsentzug verhältnismäßig. Auch die von der Kin-
desmutter vorgetragenen Lebensumstände ihres Sohnes bei seinem Pflegevater ver-
möchten eine Rückübertragung der genannten Teilber.eiche der elterlichen Sorge auf die
Kindesmutter nicht zu rechtfertigen, sondern allenfalls eine Auswechselung der Pflege-
stelle.

Die Kindesmutter und der Stiefvater, die mit ihrer Beschwerde ihren erstinstanzlichen
Antrag weiterverfolgen, weisen darauf hin, dass es in ihrem Haushalt besser
. gehe als in seiner letzten Pflegestelle in der Eifel, wo er physisch. und psychisch miss-
handelt worden sei. Auf den Vorwurf der mangelnden Kooperation erwidern sie, dass das
Verhältnis zum Jugendamt auf beiden Seiten angespannt und belastet sei. Sie seien
bemüht, zu allen betreffenden Gesprächen zu erscheinen, hätten aber den
Eindruck, dass das Jugendamt ihnen oft keine Einladungen zukommen lasse. Die Zu-
sammenarbeit mit der demgegenüber einwandfrei.

Das Jugendamt ve.rteidigt den angefochtenen Beschluss. Aus seiner Sicht ist die beste-
hende Ergänzungspflegschaft nach wie vor erforderlich, um das Kindeswohl von
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min sicherstellen zu können. Denn aus dem Sachverständigengutachten vom 23.10.2017


ergebe sich, , nicht erzie-
hungsfähig seien und bei ihnen keine Veränderungsbereitschaft angenommen werden
könne. Es könne daher nicht ausgeschlossen werden, dass in ihrem Haushalt
nicht sicher sei. Stationäre Jugendhilfemaßnahmen stünden derzeit nicht mehr an, zumal
diese in der Vergangenheit daran gescheitert seien, dass regelmäßig aus den
diversen Einrichtungen und Projektstellen entwichen sei. Man favorisiere jetzt teilstatio-
näre Maßnahm.en, bei denen der Jugendliche im Elternhaus wohnen bleibe. Die aktuelle
Maßnahme in der bekomme gut, da er sie gut an-
nehmen könne, in der Schule engmaschig betreut werde und sich dort eingelebt und in-
tegriert habe.

Die Akten des Amtsgerichts 17 F 198/15 sind beig·ezogen


worden.

II.

1. Die Beschwerde des Stiefvaters ist unzulässig, da ihm die Beschwerdeberechtigung


fehlt. Nach § 59 Abs. 1 FamFG steht die Beschwerde demjenigen zu, der durch den Be-
schluss in seinen Rechten beeinträchtigt ist. Erforderlich ist danach, dass eine durch das
Gesetz und das Recht geschützte Rechtsposition vorliegt. Ein Stiefvater hat in Bezug auf
sein Stiefkind. keine solche Rechtsposition. Er ist nicht sorgeberechtigt und deswegen
durch eine Entscheidung nicht in eigenen Rechten verletzt, durch die die Rückübertra-
gung von zuvor gemäߧ§ 1666, 1666 a BGB entzogenen Teilen der elterlichen Sorge
auf die Kindesmutter abgel.ehnt wird. Auch aus der tatsächlichen Betreuungssituation
kann ein Beschwerderecht nicht abgeleitet werden (KG NJW 2014, 1457 ff).

Die Voraussetzungen des§ 59 Abs. 2 FamFG liegen ebenfalls nicht vor. Hiernach steht
die Beschwerde bei Beschlüssen, die nur auf Antrag erlassen werden, gegen den an-
tragszurückweisenden Beschluss dem Antragsteller zu. In Fällen des § 59 II FamFG
müssen stets auch die Voraussetzungen des Absatzes 1 erfüllt sein, also das Bestehen
eines Rechts (BGH, NJW 2011, 1809). Das ist nach dem Vorausgeführten zu verneinen
(vgl. KG, a.a.0.).
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2. Die nach § 58 Abs. 1 FamFG Beschwerden des betroffenen Jugendlichen und der
Kindesmutter sind demgegenüber zulässig und haben in der Sache den aus dem Tenor
ersichtlichen Erfolg.

Der im einstweiligen Anordnungsverfahren 17 F 186/15 ergangene Beschluss des Amts-


gerichts vom 04.08.2015 ist aufzuheben, soweit der Kindes-
mutter für die Bereiche Aufenthaltsbestimmung und Gesundheitsvorsorge vorläufig die
elterliche Sorge entzogen und Ergänzungspflegschaft angeordnet worden ist. Denn die
Voraussetzungen, unter denen einem Elternteil das Sorgerecht für diese Teilbereiche im
Wege der einstweiligen Anordnung gemäß § 49 Abs. 1 FamFG entzogen werden kann,
liegen jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vor, so dass es insoweit bei dem
alleinigen Sorgerecht der Kindesmutter zu verbleiben hat.

Eine Trennung des Kindes von dem sorgeberechtigten Elternteil ist nach Art. 6 Abs. 3
GG allein zu dem Zweck zulässig, das Kind vor nachhaltigen Gefährdungen zu schützen,
und darf nur unter strikter Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit erfolgen.
Ihren einfachrechtlichen Ausdruck haben diese Anforderungen in § 1666 Abs. 1 und
§ 1666a BGB. gefunden. Dabei berechtigt nicht jedes Versagen der Eltern den Staat, auf
der Grundlage seines ihm nach Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG zukommenden Wächteramts die
Eltern von der Pflege un9 Erziehung ihres Kindes auszuschalten oder gar selbst diese
Aufgabe zu übernehmen. Es gehört nicht zur Ausübung des Wächteramts, gegen den
Willen der Eltern für eine bestmögliche Förderung der Fähigkeiten des Kindes zu sorgen.
Das Grundgesetz hat den Eltern die primäre Entscheidungszuständigkeit bezüglich der
Förderung ihrer Kinder zugewiesen. Das beruht auf der Erwägung, dass die spezifisch
elterliche Zuwendung dem Wohl der Kinder grundsätzlich am besten dient. Um eine
Trennung des Kindes von den Eltern und deren Aufrechterhaltung zu rechtfertigen, muss
das elterliche Fehlverhalten ein solches Ausmaß erreichen, dass das Kind in der Familie
in seinem körperlichen, geistigen oder seelischen Wohl nachhaltig gefährdet wäre (vgl.
BVerfG, FamRZ 2014, 907 ff, BVerfG, FamRZ 2015, 112 ff und BVerfG, FamRZ 2016,
439 ff).
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Dies ist nach bisherigem Ermittlungsstand nicht der Fall. Die oben dargestellten strengen
Anforderungen, die das Bundesverfassungsgericht an die Trennung des Kindes von sei-
ner Familie stellt, sind jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr erfüllt.

Soweit das Amtsgericht auf der Grundlage des im Hauptsacheverfahren vorgelegten Er-
gänzungsgutachten des Sachverständigen Hansen davon ausgegangen ist, dass die im
Ausgangsverfahren festgestellte Erziehungsunfähigkeit der Kindesmutter und die Gefah-
renlage für unverändert fortbestehe, begegnet dies erheblichen Bedenken.
Denn das Gutachten vom 23.1.0.2017 beschäftigt sich ausschließlich mit seiner jüngeren
Halbschwester und trifft seine Feststellungen auf der Grundlage von zwei Gesprächen,
die der Sachverständige -mit und
-
ihrer Pflegemutter geführt hat. Mit den_aktuellen
Lebensumständen des Jugendlichen hat sich der Sachverständige gar nicht
befasst. Seiner Korrespondenz mit der erstinstanzlichen Richterin kann entnommen wer-
den, dass er den Gutachtenauftrag dahingehend verstanden hat, dass eJne Ergänzung
seines ersten Gutachtens nur in Bezug auf das Kind vorzunehmen sei.

Auch der Umstand, dass die Kindesmutter und der Stiefvater in der Vergan-
genheit in ihrem Haushalt versteckt gehalten haben, wenn er aus einer Einrichtung oder
Pflegestelle entwichen war, vermag den Fortbestand der Trennung von Mutter und Kind
entgegen der Auffassung des Amtsgerichts nicht zu rechtfertigen. Denn der Antrag der
Kindesmutter im vorliegenden Verfahren zeigt gerade, dass sie ihren Sohn nicht länger
verstecken will, sondern sich um eine Rückübertragung des Aufenthaltsbestimmungs-
rechts bemüht, damit dieser auch „offiziell" in ihrem Haushalt leben kann. Beeinträchti-
gungen der altersgerechten Entwicklung durch ein Leben in der Illegalität hat Benjamin
daher gegenwärtig nicht zu befürchten.

Die Lebensumstände des Jugendlichen stellen sich aufgrund der - insoweit - überein-
stimry,enden Schilderungen des Jugendamts und der Beschwerdeführer derzeit so dar,
dass l er seit nahezu einem Jahr mit Billigung des Jugendamts im Haushalt seiner Mutter
und seines Stiefvaters lebt und die e besucht, wo er sich integriert
hat und gute Leistungen zeigt. Der Streit der Beteiligten, ob es sich bei dieser Schule um
eine „teilstationäre Jugendhilfemaßnahme mit lntensivbeschulung" oder um eine „ganz
normale Schule" handelt, kann für das vorliegende Verfahren dahinstehen. Solange zwi-
schen dem ugendamt, d r Kindesmutter und dem Jugendlichen Einigkeit darüber be-
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steht, dass der Schulbesuch in der bisher praktizierten Form weiter fortgesetzt und der
Aufenthalt im Haushalt der Kindesmutter beibehalten werden soll, besteht kein Anlass,
dieser weiterhin die elterliche Sorge für die Teilbereiche Aufenthaltsbestimmung und Ge-
sundheitsfürsorge zu entziehen.

Angesichts der strengen Anforderungen die das Bundesverfassungsgericht an die Tren-


nung eines Minderjährigen von seinen Eltern stellt, vermag eine mangelnde Kooperati-
onsbereitschaft des sorgeberechtigten Elternteils mit dem ·Jugendamt für sich allein ge-
nommen eine Herausnahme des Kindes aus einer Familie nicht zu rechtfertigen.

Die Kostenregelung beruht auf§ 81 Abs. 1 Nr. 2 FamFG.


Di.e Festsetzung des Gegenstandwerts beruht auf§§ 40, 41, 45 Abs. 1 Nr. 1 FamGKG.

Es besteht kein Anlass, die Rechtsbeschwerde zuzulassen.