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Esther Matolycz

Kommunikation in der Pflege

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Mag. phil. Esther Matolycz
Wien, Österreich

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ISBN 978-3-211-89011-0 SpringerWienNewYork


Inhaltsverzeichnis

Statt einer Einleitung: zum Umgang mit diesem Buch 1


I. Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie.
Grundlagen 7
1. Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und
ihre Bedeutung für die Pflege 10
1.1 „Das strengt mich mehr an als alles andere“
(Man kann nicht nicht kommunizieren) 10
1.2 „Das haben Sie ja gut gemacht!“ (Inhalts- und
Beziehungsaspekt von Kommunikation) 17
1.3 „Ich kann nicht anders, weil . . .“ (Die Interpunktion
von Ereignisfolgen) 23
1.4 „Und manches lässt sich gar nicht sagen“
(Digitale und analoge Kommunikation) 29
1.5 „Es schaukelt sich immer weiter auf“
(Symmetrische und komplementäre Interaktion) 34
2. Friedemann Schulz von Thun: Die Anatomie einer
Nachricht und die Bedeutung für die Pflege 39
2.1 „Das kann man so und anders verstehen“
(Die Anatomie einer Nachricht) 39
3. Florence Nightingale über Kommunikation
in der Pflege 53
3.1 „Flüstern im Zimmer“ (Geräusche und Erwartungen) 53
3.2 „Wie man ungenaue Informationen bekommt“
(Informationen geben und bekommen) 57
3.3 „Gekünsteltes Verhalten“ (Mit Patienten sprechen) 62
3.4 „Ratschläge, die den Kranken verhöhnen“ (Mangel
an Einfühlungsvermögen) 65
4. Verstehen und verstanden werden 69
4.1 „Pflege – unser Ding“ (Symbolischer
Interaktionismus) 70
4.2 „Das heißt, sie mögen das nicht . . .“
(Paraphrasierung, Verbalisierung und Empathie –
Elemente guten Zuhörens) 86
4.3 „So eine Gemeinheit!“ (Spiegeltechnik) 95

Inhaltsverzeichnis V
4.4 „Darin sehe ich keinen Sinn“ (Kongruenz und
Ich-Botschaften: ein Für und Wider) 100
4.5 „Rein prophylaktisch“ (Fach- und andere
Sprachen – manchmal der Versuch, Grenzen
abzustecken) 109
4.6 „Das ist mehr, als jemandem in die Augen zu
sehen!“ (Sich-Identifizieren und Rückfragen –
aktives Zuhören und Antworten unter den
besonderen Bedingungen der Pflege) 117
II. Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle
Problemfelder und Lösungsansätze 125
1. „1 + 1 = 3“ (Kreisläufe oder Spiele) 126
2. „Wie ich es auch mache: Immer ist es falsch!“
(Double-Bind) 133
3. „Wir pflegen hier nach Böhm!“ (Die „Bibel“ in Gruppen
nach W. R. Bion) 143
4. „Das will ich ihr die ganze Zeit schon zeigen . . .!“
(Komplementäre Schismogenese) 149
5. „Könnten wir bitte ernst bleiben?“ (Störungen haben
Vorrang) 156
6. „Ihr Ton gefällt mir nicht“ (Metakommunikation und
„Therapeutenfalle“) 162
III. Pflegeabhängigkeit und Kommunikation 167
1. „Sie waren sicher einmal eine schöne Frau“
(Die besondere Asymmetrie der Kommunikation
in der Pflege) 168
2. „Was der nur immer mit dieser Allergie hat!“
(Die Botschaft hinter der Botschaft) 174
3. „Den Fraß können Sie behalten, Schwester!“
(Affekt, Angst und Aggression) 179
IV. Transkulturelle Pflege und Kommunikation 185
1. „Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen
den Kulturen – worum es dabei geht) 185
1.1 „Ein Mordstheater ist das immer“ (Die Äußerung
von Gefühlen am Beispiel Italiens, Spaniens und
der Türkei) 187

VI Inhaltsverzeichnis
1.2 „Da weiß man’s nie genau“ (Nähe und Distanz am
Beispiel Chinas, Indiens und Ghanas) 193
1.3 „Andere Länder . . .“ (Kommunikation im Team am
Beispiel der Philippinen) 198
1.4 „Mehr als nur ‚kein Schweinefleisch‘“
(Kommunikation und Interaktion mit muslimischen
Patienten) 204
V. Kommunikationspartner und ausgewählte
Gesprächssituationen in der Pflege 211
1. Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 213
1.1 „Schön, dass Sie da sind?“ (Das Aufnahme- oder
Erstgespräch) 213
1.2 „Zwischen Tür und Angel“ (Das „beiläufige“
Gespräch und die sogenannte
Alltagskommunikation) 221
2. Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen
von Klienten der Pflege 231
2.1 „Ich kenne meine Mutter!“ (Kommunikation mit
Angehörigen von Klienten der Langzeitpflege) 231
2.2 „Seit zehn Tagen warte ich darauf“ (Mit
Beschwerden und Kritik von Angehörigen
umgehen) 237
VI. Literaturverzeichnis 247
VII. Sach- und Personenverzeichnis 251

Inhaltsverzeichnis VII
I. Klassiker der Kommunikations-
und Pflegetheorie. Grundlagen

Noch heute, fast achtzehn Jahre später, erinnere ich mich gut an den
ersten Praktikumstag meiner Pflegeausbildung. Wie ich es im theore-
tischen Unterricht gelernt hatte, wollte ich mich bei allen Patienten
vorstellen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Und natürlich wollte
ich auf der Abteilung, einer großen, internistischen Station, möglichst
das hinterlassen, was man einen guten Eindruck nennt.
Am Gang sah ich die Rufanlage blinken und ging ins Zimmer. Eine
wohl 80-jährige Frau flüsterte immer wieder: „Das ist lauter Mist, den
die mir hier geben, lauter Mist, alles Gift“ und ließ mich nicht aus den
Augen. Eine andere Patientin verlangte „die Schüssel bitte, schnell!“,
eine dritte war offenbar kurz davor, sich zu übergeben. Die Nieren-
schale, nach der ich – hektisch auf der Suche – eine ausgebildete
Schwester fragte, die schnell auf einen Schrank deutete, kam keine
Sekunde zu früh.

Zuerst gab ich den Vorsatz auf, mich bei jedem Patienten persönlich
vorzustellen, dann auch die Erwartung, großartige Gespräche zu füh-
ren.
In einem anderen Patientenzimmer, in das ich nach diesem Erlebnis
von der Schwester, die sich um mich kümmern sollte, mitgenommen
wurde, saß eine alte, mürrisch wirkende Frau. Jetzt durfte ich mich
vorstellen. Sie sah mich kurz an, sagte „soso“ und beachtete mich
dann nicht weiter.
Die Schwester, die mich anleitete, zwickte die alte Frau mit Daumen
und Zeigefinger ganz leicht in die Nase, hielt sie fest und wackelte
ein wenig damit: „Haaa-llo!“ Das war gar nicht gut. Das Gesicht, das
wusste ich bereits, war eine sehr intime Zone, da hatte man nicht ein-
fach so hinzugreifen. Es war auch deutlich zu sehen, dass der Patien-
tin nicht nach Scherzen und Kindereien zumute war. Doch überra-
schenderweise lachte sie auf, wollte gar nicht mehr aufhören und
hielt die Hand der Schwester fest.

Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen 7


Eine runde Sache schien das mit den Gesprächen und überhaupt der
Kommunikation nicht zu sein. Den Regeln jedenfalls folgte sie nicht.
Was mir auch bald klar war: Kommunikation fiel erst so richtig auf,
wenn sie nicht funktionierte. Und jene, denen sie gelang, wirkten auf
mich oft, als würden sie intuitiv agieren, also vielschichtige Situatio-
nen unmittelbar erfassen und entsprechend handeln.
Es kam, und diesen Eindruck gewann ich im Lauf der Zeit immer
mehr, sehr oft auf Zwischentöne und Stimmungen an, die es wahrzu-
nehmen und auf die es zu reagieren galt.
Ebenso oft waren es aber wenige klare Worte, die – endlich ausge-
sprochen – den gesamten Blick auf eine Sache ändern und damit
zum hilfreichen Steuerungsmechanismus werden konnten.
Und manchmal ließ es sich schlicht nicht fassen, was genau es war,
das diejenigen taten oder einsetzten, denen Gespräche und mensch-
liches Miteinander aller Art so gut wie immer zu gelingen schienen.

Wie kann nun ein Fahrplan aussehen, dem dabei – bewusst oder un-
bewusst – jeweils gefolgt wird?
Zuerst ist es wichtig, möglichst viel über das Wesen menschlicher
Kommunikation zu wissen und möglichst viele verschiedene Mecha-
nismen zu kennen, da es wesentlich ist, vielschichtige Situationen
zunächst erfassen zu können. Um es anhand eines Bildes zu sagen:
um also sehen zu können, in welcher Gegend man sich überhaupt be-
findet.
Sachlagen richtig zu erfassen und zu analysieren erfordert neben dem
Wissen darum natürlich immer auch Übung und Erfahrung.

In einem weiteren Schritt geht es daher darum, mögliche Arten, sich


in den verschiedenen Gegenden kommunikativ zu verhalten, einzu-
setzen. Dafür kommen meist mehrere Kommunikationsarten in Frage,
weshalb ich auch in der Einleitung dazu aufgefordert habe, sie nicht
als „Rezept“ zu verstehen.
Letztlich sind die Kenntnis verschiedener Felder, Mechanismen und
Methoden der Kommunikation wichtig, um sich dieses Wissens be-
wusst bedienen zu können.

Allerdings ist gelungener, zwischenmenschlicher Verständigung ge-


rade diese Bewusstheit meist nicht anzusehen – weshalb sie wie In-

8 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


tuition wirken kann, was sie manchmal auch ist. Aber: Kommunikati-
ves Handeln, das allein auf dieser Grundlage entsteht, lässt sich we-
der absichtsvoll wiederholen noch bewusst einsetzen.
Genau das aber ist in der Pflege, in der Kommunikation, Teil des pro-
fessionellen Handelns und oft notwendig.

Zunächst möchte ich nun einige wesentliche Grundlagen vorstellen,


auf denen die moderne Kommunikationswissenschaft aufbaut. Dann
soll Florence Nightingale zu Wort kommen: Was sie bereits 1860 für
die Pflege forderte, hat (auch wenn es noch nicht benannt war) doch
mit dem zu tun, was uns in diesem Zusammenhang heute beschäftigt.
Am Ende des ersten, großen Kapitels möchte ich mich Prozessen
rund um gegenseitiges Verstehen widmen.

Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen 9


Statt einer Einleitung:
zum Umgang mit diesem Buch

Dieses Buch hat sich die Bewältigung gleich zweier Drahtseilakte


zum Ziel gesetzt: Es möchte zum einen praktische Hilfestellung für
den Pflegealltag geben und zugleich über die Theorie der Kommuni-
kation informieren. Zum anderen sollen dabei sowohl weitgehend Be-
kanntes als auch weniger populäre Ansätze und Denkmodelle vorge-
stellt werden.
Immer aber ist letztlich die Beantwortung von Fragen, die sich für
Pflegende im Praxisalltag auftun und die vielleicht ratlos machen,
das Ziel dieses Buches.
Auf dem Weg dorthin will das Buch zunächst dazu beitragen, Blick-
winkel zu ändern und zu helfen, zwischenmenschliches Miteinander
zu verstehen – und in der Folge, es bewusst und aktiv zu gestalten.

Dazu sollen jeweils Probleme, die sich in der Praxis ergeben können,
gezeigt, benannt und analysiert werden. Schließlich werden prakti-
sche Handlungsorientierungen vorgeschlagen, die sich aber nicht als
Rezept im Sinne einer jeweils einzig möglichen Lösung begreifen.
Vielmehr ist der Leser1 dazu aufgefordert, kreativ zu sein und die ge-
gebenen Hinweise als Vorschläge und Orientierungshilfen zu verste-
hen, zu denen es selbstverständlich immer auch Alternativen gibt.

Dabei gehe ich zumeist nach folgendem Prinzip vor:


Zu Beginn jedes größeren Kapitels wird ein kurzer Überblick über sei-
nen Inhalt gegeben. Die einzelnen Unterkapitel beginnen jeweils mit
einem oder mehreren praktischen Beispielen aus dem Feld der
Pflege.
In der Folge wird erklärt, um welche Theorie oder welches Phänomen
aus der Kommunikationswissenschaft es sich dabei handelt. Schließ-
lich werden Tipps für die Pflegepraxis gegeben – es wird also über-

1 Zugunsten der leichteren Lesbarkeit wurde auf geschlechtsneutrale Formulierun-


gen verzichtet. Selbstverständlich sind aber jeweils beide Geschlechter gemeint.

Statt einer Einleitung: zum Umgang mit diesem Buch 1


legt, was die besprochene Theorie oder das besprochene Phänomen
Pflegenden zu sagen hat.

Kommunikation zu gestalten und zu optimieren funktioniert nicht


nach „Kochrezept“. Diesbezügliche Kompetenzen werden Schritt für
Schritt durch den immer wieder geübten Wechsel von Perspektiven
erworben, wobei in manchen Situationen das Wissen um bestimmte
Phänomene allein schon ausreichen kann, um die eigene Haltung
und damit das Wesen der (kommunikativen) Beziehung zu Anderen
zum Vorteil aller Beteiligten zu verändern.

Mitunter können ganz unterschiedliche Gefühle und die eigene Einge-


bundenheit in eine Sache verhindern, dass jener gedankliche Schritt
getan wird, der aus der emotionalen Beteiligung an einer Situation he-
raus führt und der notwendig ist, um sie quasi „mit Abstand“ zu be-
trachten, also zu reflektieren.
Weiters sind einerseits Zeit, andererseits Distanz zum Arbeitsalltag
gefragt, oft auch der Mut, eigene Anschauungen auf den Kopf zu stel-
len oder Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen.

Die berufliche Pflege ist ein weites Feld, und sie auszuüben, ohne zu
kommunizieren – was eigentlich nur bedeutet, dass zwischen Lebe-
wesen Bedeutungen vermittelt werden (Burkart 1998: 35) – ist nicht
möglich. Vor allem aber sei gesagt, und hier möchte dieses Buch
eine Hilfe sein: Gelingende Kommunikation verhindert nicht nur Pro-
bleme, Fehler und Missstimmungen, sondern schafft Möglichkeiten,
die Interaktion (also die Prozesse der Wechselbeziehung) zwischen
Menschen bewusst zu gestalten und zu erleben.

Der erste Teil des vorliegenden Buches beschäftigt sich mit den theo-
retischen Grundlagen der Kommunikation. Das geschieht jeweils vor
dem Hintergrund typischer Beispiele aus dem Pflegealltag, anhand
derer die zugehörige Theorie der Kommunikation erklärt wird: das
sind zuerst die sogenannten „pragmatischen Axiome der Kommuni-
kation“ nach Paul Watzlawick und dann die „Anatomie einer Nach-
richt“ nach Friedemann Schulz von Thun.
Am Ende eines jeden Unterkapitels sind – wie bereits erwähnt – Tipps
und Orientierungshilfen für die Pflegepraxis zu finden.

2 Statt einer Einleitung: zum Umgang mit diesem Buch


Die anschließenden Ausführungen, die der Übersetzung von Florence
Nightingales „Notes on Nursing“ (Bemerkungen zur Krankenpflege),
die erstmals 1860 (!) erschienen, entnommen sind, werden wiederge-
geben und interpretiert. Ansonsten folgt dieser Teil des Buches nur
teilweise dem oben angeführten Schema, da anstelle der Handlungs-
orientierungen versucht wird, Entsprechungen zu Nightingales Aus-
führungen in heutigen Kommunikations- und Interaktionsmodellen zu
finden – mit, so viel sei schon verraten, zum Teil erstaunlichen Ergeb-
nissen.
Danach werden – wieder dem eingeführten Schema folgend – Phäno-
mene der Kommunikationstheorie in den Blick genommen, und zwar
solche, die sich mit Prozessen des Verstehens beschäftigen.

Der zweite Teil des Buches hat spezielle Problemfelder der Kommuni-
kation zum Inhalt: Es wird etwa überlegt, warum sich gewisse „Spiele“
und Kreisläufe immer zu wiederholen scheinen, was es mit Situatio-
nen, in denen man nur das „Falsche“ sagen und tun kann, auf sich
hat, und wie man sich daraus löst. Und es geht um die Frage, warum
– um ein großes Wort zu bemühen – selbst in der Verständigung das
Ganze mehr ist als bloß die Summe seiner Teile.
Weiter widme ich mich einem Phänomen, das es in nahezu allen Pfle-
geteams gibt: der Berufung auf ein bestimmtes Pflegekonzept oder
Besprechungsprotokoll, das mit dem Psychoanalytiker Wilfried R.
Bion als „Gruppenbibel“ verstanden werden kann. Warum das proble-
matisch ist, möchte ich, wie auch in allen anderen Unterkapiteln, wie-
der anhand praktischer Beispiele zeigen und schließlich theoretisch
erklären; am Ende werden ebenfalls Tipps für die Praxis gegeben.
In gleicher Weise werde ich auch darstellen, warum gerade (auch) in
der Pflege den sogenannten Störungen unbedingt der Vorrang zu
geben ist und welche Rolle der Begriff „Metakommunikation“ dabei
spielt bzw. welche Gefahren damit verbunden sind.

Der dritte Teil denkt darüber nach, welchen Einfluss die Pflegeabhän-
gigkeit eines Menschen auf seine und/oder die Kommunikation derer,
die ihn pflegen, hat.
Dabei werden, im gewohnten Schema, die Asymmetrie von Bezie-
hung und Kommunikation zwischen Pflegenden und zu Pflegenden
sowie das Phänomen der „Botschaft hinter der Botschaft“ betrachtet.

Statt einer Einleitung: zum Umgang mit diesem Buch 3


Weiters beschäftigt sich dieser Teil des Buches mit der Bedeutung
von Affekten, Aggressionen und Ängsten für das sprachliche Mitei-
nander und zeigt auf, wie sie sich äußern können und wie mit ihnen
umzugehen ist.

Der vierte Teil beschäftigt sich mit der Interaktion zwischen Menschen
aus verschiedenen Kulturkreisen in der Pflege, wobei die Besonder-
heiten aus beispielsweise afrikanischen oder asiatischen Ländern in
den Blick genommen werden – im Zentrum stehen auch hier Phäno-
mene, die für unser Fach von herausragender Bedeutung sind. Dazu
gehören der Schmerzausdruck und seine Funktion, unterschiedliche
Verständnisse von Nähe und Distanz, die Frage, wie mit Differenzen
im interkulturellen Team umzugehen ist oder was es bedeutet, mit
muslimischen Klienten der Pflege in Interaktion zu sein.

Teil fünf hat verschiedene Situationen zum Thema, die sich überall
dort ergeben können, wo im Berufsfeld „Pflege“ kommuniziert wird.
Ich habe mich dabei für jene Situationen entschieden, von denen ich
denke, dass sie sowohl für möglichst viele Kollegen interessant als
auch auf viele Felder übertragbar sind. Den Anfang bilden Überlegun-
gen rund um das Aufnahme- oder Erstgespräch, weiter beschäftigt
sich das Kapitel mit der sogenannten „Alltagskommunikation“ – in
der etwa dem Humor zentrale Bedeutung zukommt, aber auch kleine
und größere „Machtspiele“ Thema sind – und schließlich möchte ich
der Kommunikation mit Angehörigen Aufmerksamkeit widmen. In die-
sem Kontext werden die „berühmten“ Beschwerden und mögliche
Widerstände behandelt. Auch hier wird für die unterschiedlichen Sze-
narien zumindest ein Fallbeispiel aus der Praxis gezeigt, um danach
die zugehörige Theorie zu erörtern (wobei dabei zum Teil auf bereits
Ausgeführtes zurückgegriffen wird). Schließlich werden wieder jeweils
Tipps und Handlungsorientierungen für die Pflegepraxis gegeben.

Selbstverständlich sind dabei nicht alle Begrifflichkeiten und Pro-


bleme, mit denen man es im Zusammenhang mit der Kommunikation
in der Pflege zu tun bekommt, aufgeführt. Oft habe ich mich in einer
Sache auch auf einen zentralen Aspekt beschränkt.
Wer aber das Phänomen beispielsweise der Gewalt in der Pflege-
Kommunikation vermisst, dem sei zugesagt, dass er nicht enttäuscht

4 Statt einer Einleitung: zum Umgang mit diesem Buch


werden wird. Dieses sensible Thema wird innerhalb der einzelnen Ka-
pitel wiederholt behandelt, zudem werden natürlich Handlungsorien-
tierungen zu dessen größtmöglicher Vermeidung gegeben.

Das Buch muss nicht notwendig „von vorne nach hinten“ gelesen wer-
den, auch wenn diese Lesart sicherlich – besonders im fünften Teil –
sowohl Verständnis als auch Lektüre erleichtert. Prinzipiell können die
einzelnen Teile auch unabhängig voneinander studiert werden.
Ich hoffe, mit diesem Buch Orientierung und Hilfe im Pflegealltag so-
wie informative Einblicke in das große Feld der Kommunikationswis-
senschaft geben zu können.

Statt einer Einleitung: zum Umgang mit diesem Buch 5


1. Paul Watzlawick:
Fünf Axiome der Kommunikation
und ihre Bedeutung für die Pflege

Der Psychotherapeut Paul Watzlawick (1921–2007) begründete ge-


meinsam mit anderen Forschern fünf sogenannte Axiome 2 der Kom-
munikation. In der Kommunikationswissenschaft ist die Rede von
den „pragmatischen“ (in diesem Fall den „verhaltensmäßigen“) Axio-
men (Watzlawick et al. 2007, S. 13).
Sie beschäftigen sich mit der Frage nach dem Wesen von Kommuni-
kation und machen dabei Aussagen über sie.
Wo immer Menschen miteinander in Beziehung treten, sich zueinan-
der verhalten, haben sie es mit dem zu tun, was diese Grundsätze be-
schreiben.
Selbstverständlich ist auch das Miteinander zwischen Pflegenden
und zu Pflegenden davon betroffen.
Zunächst aber soll, wie in der Einleitung angekündigt, die Pflegepra-
xis Thema sein.

1.1 „Das strengt mich mehr an als alles andere“


(Man kann nicht nicht kommunizieren)
Aus der Praxis (Nicht „denken“ müssen)

Martha bittet darum, heute „im hintersten Winkel“ die Medikamenten-


bestellung machen zu dürfen. „Ich will nicht denken müssen“, sagt sie.
Inge, die Leiterin der Inneren Station, erfüllt den Wunsch Marthas, die
seit zehn Jahren auf 6B in der Pflege arbeitet.
„Manchmal kann ich nicht mehr, da will ich mein Hirn ausschalten“,
erklärt sie später Monika, die ihre erste Praktikumswoche hat. „Aber
bei der Medikamentenbestellung musst du ja denken“, meint die.

2 Ein Axiom ist ein Grundsatz, auf den weitere Teile einer Wissenschaft aufbauen. Er
kann nicht bewiesen, allerdings auch nicht widerlegt werden.

10 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


„Stimmt“, sagt Martha, „aber warte zwei Jahre, dann weißt du, was
ich meine.“

Aus der Praxis (Danilo)

Frau Eisen wartet in der Ambulanz der Unfallchirurgie. Als auf dem
Bildschirm im Warteraum ihr Name aufblinkt, geht sie ins Behand-
lungszimmer eins. Ohne Blickkontakt mit ihr aufzunehmen oder sie
zu begrüßen, nimmt der Arzt ihren Finger, hält ihn vor sich hoch und
meint, zum Pfleger gewandt, nur: „Seeehr schön.“ Dann: „Keine
Naht, nur Reinigung und so weiter.“ Daraufhin lässt er Frau Eisens
Finger los und tippt etwas in den Laptop, ohne die Patientin anzuse-
hen. Auch der Pfleger, auf dessen Namensschild „Danilo“ steht,
scheint kein Mann großer Worte zu sein. Er tätschelt Frau Eisens Fin-
ger, während er eine Kompresse auf die Wunde drückt, lächelt und
beginnt mit der Wundreinigung.
„Ok“, sagt er, nachdem er sterile Pflasterstreifen so um die Wunde ge-
legt hat, dass sie nicht klafft. Dann legt er einen Verband an. „Teta-
nus?“, fragt der Arzt Danilo, und bevor sich dieser an Frau Eisen wen-
den kann, sagt sie: „Vor acht Jahren, aber da bin ich nicht sicher.“
„Also dann!“, ruft der Arzt, während er Danilo zunickt und von einer
Schwester die nächste Patientin ins Behandlungszimmer rufen lässt.
Danilo holt die Fertigampulle und bereitet auf einem Tablett Tupfer zur
Desinfektion vor. „Angst?“, will er wissen und Frau Eisen verneint.
„Los geht’s“, sagt der Pfleger und zwinkert der Patientin mit einem
Auge zu.

„Das da bleibt“, sagt er als er den Alkoholtupfer auf die Einstichstelle


drückt und deutet auf den Verband. „Fünf Tage.“ Er grinst und hält
Frau Eisen mit gespielter Drohgebärde den ausgestreckten Zeigefin-
ger vor die Nase.
„Wie war’s?“, fragt ihr Mann draußen, als sie aus dem Behandlungs-
zimmer kommt.

Man kann nicht nicht kommunizieren

Paul Watzlawick sagt über Kommunikation – und das ist für die Ana-
lyse unserer Beispiele wichtig – Folgendes:

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 11
„Es muss ferner daran erinnert werden, dass das ‚Material‘ jeglicher
Kommunikation keineswegs nur Worte sind, sondern auch alle para-
linguistischen3 Phänomene (wie z. B. Tonfall, Schnelligkeit oder Lang-
samkeit der Sprache, Pausen, Lachen und Seufzen), Körperhaltung,
Ausdrucksbewegungen (Körpersprache) usw. innerhalb eines be-
stimmten Kontextes umfaßt – kurz, Verhalten jeder Art“ (Watzlawick
et al. 2007, S. 51).

Dass Kommunikation auch ohne Worte stattfinden kann, ist bekannt.


Selbstverständlich wird auch durch Gesten, Mimik oder eben Körper-
sprache etwas vermittelt, das beim Gegenüber ankommt. Für uns zu-
nächst interessant ist jener Teil des Zitates, in dem vom „Verhalten“
die Rede ist.
Der Arzt, der ganz offensichtlich vermeiden möchte, mit Frau Eisen zu
kommunizieren, zeigt nämlich genau durch sein Verhalten (er nimmt
ihren Finger, hält ihn in die Luft als gehöre er niemandem, er wendet
sich an den Pfleger, statt die Patientin direkt anzusprechen), dass er
nicht beabsichtigt, ein Gespräch mit ihr zu führen. Kommuniziert hat
er natürlich auch – und zwar, dass er, im alltäglichen Verständnis von
Kommunikation – eben nicht kommunizieren will.
Tatsächlich gelungen ist ihm nur eines, nämlich die Vermeidung eines
Wortwechsels.

Schließlich habe das Verhalten, so Paul Watzlawick, „vor allem eine


Eigenschaft, die so grundlegend ist, daß sie oft übersehen wird: Ver-
halten hat kein Gegenteil, oder um dieselbe Tatsache noch simpler
auszudrücken: Man kann sich nicht nicht verhalten. Handeln oder
Nichthandeln, Worte oder Schweigen haben alle Mitteilungscharakter
(. . .). Der Mann im überfüllten Wartesaal, der vor sich auf den Boden
starrt oder mit geschlossenen Augen dasitzt, teilt den anderen mit,
daß er weder sprechen noch angesprochen werden will, und gewöhn-
lich reagieren seine Nachbarn richtig darauf, indem sie ihn in Ruhe
lassen“ (Watzlawick et al. 2007, S. 51).

3 Damit ist alles das gemeint, was auch „neben“ der rein sprachwissenschaftlichen
Betrachtung eine Rolle spielt.

12 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


„Eine einzelne Kommunikation“, so Watzlawick, „heißt Mitteilung
(message) 4 (. . .). Ein wechselseitiger Ablauf von Mitteilungen zwi-
schen zwei oder mehreren Personen wird als Interaktion bezeichnet“
(Watzlawick et al. 2007, S. 50f).
Ob Letztere zwischen Frau Eisen und dem Arzt stattgefunden hat,
lässt sich aus dem Beispiel nicht ersehen – wir wissen nichts darüber,
ob die Patientin mit Verunsicherung, Gekränktheit oder Missbilligung
auf dessen Versuche, wechselseitigen Austausch zu vermeiden, rea-
giert und ob sie diesbezügliche Signale gesendet hat.

Kommunikation funktioniere nämlich, wie Watzlawick ausführt, auch


einseitig, auch wenn es dazu eines Senders und eines Empfängers
bedürfe. Bei Letzterem komme schließlich etwas an. Seine (in unse-
rem Fall Frau Eisens) Reaktion darauf aber müsse nicht zwingend
vom Sender (z. B. dem Arzt) wahrgenommen werden.
Weiters führt Watzlawick aus: „Man kann auch nicht sagen, daß Kom-
munikation nur dann stattfindet, wenn sie absichtlich, bewußt und er-
folgreich ist, d. h., wenn gegenseitiges Verständnis zustande kommt“
(Watzlawick et al. 2007, S. 52).
Wechselseitiges Miteinander dagegen wäre in seinem Verständnis be-
reits Interaktion.
Diese wiederum fand zwischen dem Arzt und Frau Eisen womöglich
nicht statt. Dazu hätte er anhand ihrer Reaktionen wahrnehmen müs-
sen, dass er die Patientin vielleicht verunsichert, eventuell sogar ge-
kränkt hat. Die Interaktion fand offensichtlich vorrangig zwischen Pfle-
ger und Patientin statt:
Danilo hat mit Frau Eisen interagiert und die beiden konnten sich ver-
ständigen – sogar so gut, dass Frau Eisen später zu ihrem Mann sa-
gen wird, dass „ein sehr netter und lustiger philippinischer Pfleger da
war.“
Kommuniziert haben alle Drei, indem sie Nachrichten gesendet und
auch empfangen haben.

Die Figur Danilos, die ich beispielhaft für viele andere Kollegen ge-
wählt habe, soll Pflegende vor allem entlasten: Gelingendes, interak-
tives Miteinander bedarf keiner kommunikativen Standards, keines

4 Anm.: also: „Nachricht“

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 13
perfekten Satzbaus und keiner lang andauernden Gespräche, zumin-
dest nicht grundsätzlich.
Es ist vielmehr möglich, dass alles, worauf es ankommt, durchaus
auch in wenigen Gesten, Worten und Bewegungen vermittelt wird.
Das soll nun kein Aufruf zu Wortkargheit oder „Kürze“ sein. Selbstver-
ständlich ist es wünschenswert, ja eigentlich Pflicht, dass Pflegende
sich vorstellen und Patienten über das, was sie tun, informieren.
Beispielsweise lässt aber ein Ambulanzbetrieb, in dem – oft in der
Nacht – viele Patienten in kurzer Zeit versorgt werden müssen, nicht
immer lange Dialoge zu. Gerade für die Pflege wird, was Kommunika-
tion betrifft, gerne geraten, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen und
sich Zeit zu nehmen. Selbstverständlich wäre das auch auf unfallchi-
rurgischen Ambulanzen, im Nachtdienst oder dann, wenn acht „Auf-
nahmen“ am Gang warten, wünschenswert. Doch das ist schlicht
nicht immer machbar.
Natürlich hätte Danilo besser daran getan, sich zumindest vorzustel-
len und mehr Information zu geben, aber selbst mit seinem kommuni-
kativen „Minimalprogramm“ konnte das Nötigste an Verständigung
stattfinden und transportiert werden. Darüber hinaus fühlte die Pa-
tientin sich bei ihm offenbar in guten Händen.
Der Arzt entschied sich für einen Weg, der ihm zeit- und energiespa-
rend erscheinen mochte. Vielleicht wollte er sich auch einfach auf
nichts allzu „Nahes“ einlassen. Danilo arbeitete ebenfalls unter Bedin-
gungen der Zeitknappheit, sah aber, was (unbedingt) notwendig war
und tat es im Rahmen seiner Möglichkeiten – und Frau Eisen ist zu-
mindest zufrieden.

Das erste Beispiel zeigt etwas, das meines Erachtens in der Pflege
weitgehend tabuisiert wird – nämlich den Umstand, dass der
Wunsch, nicht zu kommunizieren, vor allem aber nicht zu inter-
agieren, einerseits häufig vorhanden ist und andererseits gerne ver-
steckt wird. „Ich will nicht denken müssen“, sagt Martha. Als Monika
entgegnet, dass die Medikamentenbestellung gerade damit verbun-
den sei, meint Martha nur: „Warte zwei Jahre, dann weißt du, was ich
meine.“

„Patientenferne“ Tätigkeiten sind in der Pflege nicht unbeliebt – im


Gegenteil. Wer sie ausübt, begründet das aber selten damit, sich

14 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


nicht mit Klienten verständigen und/oder auseinandersetzen zu wol-
len, sondern gibt – wie Martha – andere Gründe dafür an.
Interaktion ist anstrengend – muss man dabei doch die Reaktionen
des Gegenübers miteinbeziehen und gedanklich vorwegnehmen, zu-
dem befindet man sich in ständigem Austausch mit Anderen. Das gilt
für das Patientenzimmer wie für den Sozialraum.
Rückzugsmöglichkeiten sind für Pflegende Mangelware und wer –
wie Martha – sagt, dass er „nicht denken“ will, meint oft nur, dass er
auch einmal für sich sein und sich nicht acht, zehn oder zwölf Stun-
den am Tag der aufmerksamen Wahrnehmung und Rückmeldung die-
ser Wahrnehmungen widmen kann oder will.

Ich denke, dass es sich dabei um ein so nachvollziehbares wie legiti-


mes Bedürfnis handelt. In dem Moment nämlich, in dem Pflegende
auch nur in Anwesenheit ihrer Klienten tätig sind, kommt Watzlawicks
Axiom zum Tragen:
„Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick et al. 2007, S. 53).
Das hat viel mit Bewusstheit, auch Anstrengung zu tun, die allerdings
(wie von Martha) nicht unbedingt bewusst wahrgenommen und schon
gar nicht ausgesprochen wird.
Manchmal ist wohl der Rückzug (in Sozialräume, in denen man alleine
ist, in Spülräume, Depots oder ins Stationszimmer) die einzige Mög-
lichkeit, zu verhindern, dass ein Verhalten wie das des Arztes zum
„Dauerprogramm“ wird.
So sehr nämlich Kommunikation und Interaktion Aufgaben der Pflege
sind, so sehr ist es, im wahrsten Sinn des Wortes, notwendig, sie
manchmal unterlassen zu können – und zwar ganz bewusst. Wird sie
dann wieder aufgenommen, soll und kann dies ebenso bewusst ge-
schehen.

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 15
Für die Praxis:
· Kommunikation besteht nicht nur aus Worten (= verbale Kom-
munikation), sondern auch aus Blicken, Gesten, Mimik, Berüh-
rungen oder der Körperhaltung (= nonverbale Kommunikation5),
überhaupt aus jedem Verhalten, das
· von einem Empfänger wahrgenommen wird, und zwar
· unabhängig davon, ob der Sender das beabsichtigt hat oder
nicht.
· Jede ankommende Mitteilung (auch Gestik, Mimik oder Bewe-
gung) ist Kommunikation.
· Erst der wechselseitige Ablauf solcher Mitteilungen wird als Inter-
aktion bezeichnet.
· Nachdem man sich nicht nicht verhalten kann, gilt der Satz: „Man
kann nicht nicht kommunizieren.“
· Gerade im Krankenhaus sind wir mit Menschen konfrontiert,
denen der Tagesablauf und die Gegebenheiten, die Pflegefach-
sprache, die Untersuchungen und das gesamte Terrain fremd
sind. Umso sensibler und aufmerksamer beobachten sie alles,
was rund um sie vor sich geht.
· Pflegenden muss bewusst sein, dass sie ständig beobachtet
werden und ihr Verhalten, gerade dann, wenn direktere Formen
der Kommunikation unterbleiben (müssen, etwa aus Zeitmangel),
von Patienten als Informationsvermittlung gewertet wird, auch:
dass diese dabei zu Interpretationen neigen können.
· Der Versuch, in Anwesenheit Anderer nicht zu kommunizieren, ist
von vorneherein zum Scheitern verurteilt, da genau das nicht ge-
lingen kann. Gezeigt wird dabei in der Regel nämlich nur, dass
man nicht kommunizieren will.
· Besonders Pflegende brauchen kommunikationsfreie Zeiten,
also Zeiten, in denen sie alleine sind und sich zurückziehen kön-
nen! Diesbezügliche Wünsche weisen nicht auf unsoziales Verhal-
ten oder mangelnde Professionalität hin, sondern sind ein Grund-
bedürfnis auch und gerade dann, wenn mit Menschen gearbeitet
wird.

5 Also eben: Kommunikation ohne Worte

16 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


1.2 „Das haben Sie ja gut gemacht!“
(Inhalts- und Beziehungsaspekt
von Kommunikation)
Aus der Praxis (Verbesserungsvorschläge)

Marion hat ihre Ausbildung zur Krankenschwester vor drei Jahren be-
endet und ist seit einer Woche auf der Neurologie beschäftigt. Davor
hat sie eine Ausbildung zur Wundmanagerin gemacht. Christel, die
schon acht Jahre lang auf der Abteilung arbeitet, hat einen Patienten
aufgenommen, mit ihm das Aufnahmegespräch geführt und gerade
seinen Dekubitus verbunden, da seit über einer Woche ein Hydrokol-
loidverband angelegt war.
Marion hat zugesehen, steckt nun die Hände in die Taschen ihres Ka-
sacks und sagt: „Das haben Sie ja gut gemacht.“
„Fein“, meint Christel kurz, desinfiziert sich die Hände und fährt den
Verbandswagen aus dem Zimmer.
„Auf Körperwärme kann man den Verband vorher noch bringen, dann
ist es perfekt“, sagt Marion draußen zu Christel. Die geht weiter, ohne
der Kollegin zu antworten.

„Unsere Wundmanagerin wird dir sagen, wie das funktioniert“, flüstert


Christel Ute ins Ohr, als diese später ein Wundprotokoll anlegt.

„Eigentlich ist es ganz ok, nur ein Abteilungsfossil gibt es dort wohl.
Der darf man nichts vorschlagen, da ist sie gleich beleidigt“, erzählt
Marion am Abend ihrem Mann, der fragt, wie der Tag gelaufen ist.

Aus der Praxis (Hintergründe)

Stationsleitung Hannelore ist krank. Irene vertritt sie für eine Woche.
„Kannst du bitte heute mit Tamara Frau Kaum baden und eine Anti-
Dekubitus-Matratze einbetten?“, sagt Irene bei der Dienstübergabe
zu Michaela.
„Ich weiß nicht“, gibt Michaela zurück, „ob das heute zu schaffen ist.
Wir haben ja auch noch Herrn Schall, du weißt, wie lange das mit ihm
immer dauert, und evaluieren muss ich auch noch.“

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 17
„Schon, aber darum kommt ja Tamara zu dir in die Gruppe“, meint
Irene, „und Ulli ist ja auch noch da.“
„Tamara“, betont Michaela, „ist zum Lernen bei uns, die sollte eigent-
lich einmal bei einer Gastroskopie zusehen, wenn sie schon auf der
Inneren Praktikum hat.“
„Das mit Frau Kaum wäre aber wichtig“, meint Irene.
„Herr Schall ist auch wichtig, und Tamaras Praktikum auch“, sagt Mi-
chaela.
„Versucht es einfach“, schlägt Irene vor.
Zu Mittag zeigt sich, dass Frau Kaum nicht gebadet wurde und keine
Anti-Dekubitus-Matratze bekommen hat.
„Hätte ich noch schneller machen sollen, was meinst du?“, fragt Ta-
mara später Manuela, eine Krankenpflegehelferin.
„Vergiss das“, antwortet diese, „es war ja klar, dass es so gekommen
ist, das weiß auch jeder. Da ging es um etwas anderes.“

Inhalts- und Beziehungsaspekt von Kommunikation

„Wenn man untersucht“, so Paul Watzlawick, „was jede Mitteilung ent-


hält, so erweist sich ihr Inhalt vor allem als Information. Dabei ist es
gleichgültig, ob diese Information wahr oder falsch, gültig oder ungül-
tig oder unentscheidbar ist. Gleichzeitig aber enthält jede Mitteilung
einen weiteren Aspekt, der viel weniger augenfällig, jedoch ebenso
wichtig ist – nämlich einen Hinweis darauf, wie ihr Sender sie vom
Empfänger verstanden haben will. Sie definiert also, wie der Sender
die Beziehung zwischen sich und dem Empfänger sieht, und ist in die-
sem Sinn seine persönliche Stellungnahme zum anderen“ (Watzla-
wick et al. 2007, S. 53).

Was sich zwischen Irene und Michaela, auch zwischen Marion und
Christel abspielt, ist ein so großes wie häufig vorkommendes kommu-
nikatives Problem.
Bleiben wir fürs Erste bei Irene und Michaela.
Die Erwähnung der „unbeteiligten“ Kollegin Manuela sagt etwas aus,
das auf den Kern der Sache hinweist: Eigentlich ging es weder um
Zeitmangel noch um die Unmöglichkeit, bestimmte Pflegeinterventio-
nen durchzuführen, also gar nicht um den Inhalt des Dialoges bei der
Dienstübergabe.

18 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Es gibt, was unter den Mitgliedern des Teams offenbar bekannt ist,
ein Problem, das auf Ebene der Beziehung zwischen Michaela und
Irene liegt. Ausgetragen wird es aber nicht dort, sondern anderswo,
nämlich auf Ebene des Inhaltes des Gesprächs, das sich um Pflege-
interventionen dreht.
Wir wissen zunächst nichts Genaues darüber, wie Irene und Michaela
zueinanderstehen. Es zeigt sich, dass Irene eine Anweisung gibt und
Michaela sie nicht ausführt.
Wir wissen zunächst auch nichts Genaues über den Ablauf des Pflege-
alltages auf dieser Abteilung oder das übliche Arbeitstempo Michae-
las, aber ein Bad und das Einbetten einer Anti-Dekubitus-Matratze be-
deuten jeweils einen nicht unbeträchtlichen Arbeitsaufwand, der zu
allen anderen Aufgaben noch dazukommt.
Machen wir einen Zeitsprung und hören, was man sich auf der Abtei-
lung – jeweils unter vier Augen – nach dem Mittagessen erzählt:

„Unerträglich, wie Irene Chefin spielt, kaum dass Hannelore nicht da


ist.“ (Michaela)

„Hast du das gesehen? Normalerweise ist das für Michaela kein Pro-
blem, die schafft das schon. Und Tamara und Ulli hatte sie auch noch
in der Gruppe. Aber nein, kaum kommt etwas von mir, macht sie es
prinzipiell nicht. Ich bin sicher, sie findet morgen wieder einen Grund,
es nicht zu tun.“ (Irene)

„Wenn sie morgen wieder beginnt, herumzukommandieren, bin ich ab


Mittwoch krank, das weiß ich.“ (Michaela)

Die (inhaltliche!) Aufforderung Irenes, nämlich Frau Kaum zu baden


und ihr eine Anti-Dekubitus-Matratze zu geben, wird von Michaela
als „Kommandieren“ und „Chefin-Spielen“ verstanden. Die (inhalt-
lich!) nicht erfolgte Ausführung dieser Aufforderung begreift Irene als
bewussten Widerstand. Wie sich aus den späteren Aussagen der bei-
den ersehen lässt, will Irene ihre Position als Vertretung der Stations-
leitung ganz klar behaupten – und Michaela will ebenso klar zeigen,
dass sie nicht beabsichtigt, Irenes Position zu akzeptieren.

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 19
Sowohl Irene als auch Michaela lesen aus dem, was die Andere sagt
oder tut, etwas heraus, das nichts mit der Sache selbst zu tun hat,
und zwar etwas, das mit der Beziehung zwischen beiden im Zusam-
menhang steht. Beide mögen mit ihren Vermutungen recht haben.

Tatsache bleibt, dass hier Ebenen verschwimmen und möglicher-


weise beide ihr Tun von der Art ihrer Beziehung zueinander abhängig
machen. Diese dominiert dann auch das Geschehen – und auch
wenn inhaltlich weiter über Frau Kaum, das Bad und die Matratze ge-
sprochen wird, geht es letztlich um das Verhältnis zwischen Irene und
Michaela.

Bei Christels und Marions Kommunikation geht es ebenfalls nicht


(mehr) hauptsächlich um die Frage, ob der Hydrokolloidverband
durch Reiben auf Körpertemperatur gebracht werden soll. Thema ist
nämlich (geworden), wer wem etwas sagen darf und wer welche Rolle
im Interaktionsgefüge einnimmt. Ist es Marion, die Jüngere, die Chris-
tel „zu sagen hat“, wie man den Spezialverband anwendet, oder ist es
letztlich Christel, die über mehr (und langjährige) Erfahrung verfügt?

In beiden Fällen sind „Beziehungsdefinitionen“ anstelle dessen getre-


ten, was für die Pflege wichtig ist. Sie werden meist über all das trans-
portiert, was neben der rein sprachlichen (also inhaltlichen) Vermitt-
lung eine Rolle spielt:

Paul Watzlawick sagt dazu, dass diese „Beziehungsdefinition“ nun


vom Anderen akzeptiert oder abgelehnt werden könne. Er könne ihr
aber auch „eine andere Definition geben.“
In jedem Fall habe dieser Aspekt der Interaktion zwischen Menschen
nichts mit dem Inhalt ihres Gesprächs zu tun, „sondern mit den
gegenseitigen Definitionen ihrer Beziehung“ – und zwar auch dann,
wenn sie weiter beim „Thema“ blieben (Watzlawick et al. 2007, S. 54).

In dieser Denkweise ist jene Ebene der Kommunikation, die über die
Überbringung einer Information (etwa die Irenes: „Kannst du heute
mit Tamara Frau Kaum baden und eine Anti-Dekubitus-Matratze ein-
betten“) hinaus geht und immer vorhanden ist, eine Metakommuni-
kation (vgl. dazu etwa Watzlawick et al. 2007, S. 56), also eine Mittei-

20 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


lung, die etwas über die Mitteilung selbst mitteilt („Kommunikation
über Kommunikation“). Das kann ein Blick, die Betonung bestimmter
Worte oder die Bezugnahme auf Dinge sein, die zwischen den beiden
vorgehen und von denen sie wissen – z. B. auch eine (gemeinsame)
Vorgeschichte.

In der rein sprachlichen Vermittlung (also jener, die frei von jeder non-
verbalen Kommunikation wie Mimik, Gestik oder Tonfall ist), fehle
einem Satz diese sogenannte „metakommunikative Verstehensan-
weisung“ (Watzlawick et al. 2007, S. 56).
Werde er ausgesprochen, könne er auf verschiedene Arten mitgeteilt
und damit auch verstanden werden, denn:
Nimmt man den Satz, den z. B. Irene sagt, und betont dabei jeweils
ein anderes Wort, so zeigt sich bald, dass er völlig unterschiedliche
Bedeutungen annehmen kann.
Das zweite Axiom Watzlawicks lautet demgemäß:
„Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsas-
pekt, derart, daß letzterer den ersten bestimmt und daher eine Meta-
kommunikation ist“ (Watzlawick et al. 2007, S. 56).

Was können Irene, Michaela, Marion und Christel nun tun,


um diese Vermischung der Ebenen zu vermeiden?
Grundsätzlich sollen Probleme, die es auf persönlicher, also auf Be-
ziehungsebene gibt, auch dort geklärt werden. Christel täte gut da-
ran, anzusprechen, dass sie sich von Marion bevormundet fühlt –
ebenso Michaela bei Irene.
Auch könnte Marion zu Christel sagen, dass sie den Eindruck hat, sie
sei „grundlos“ beleidigt – sie habe ihr ja nur einen Vorschlag zur Ver-
besserung ihres Handlings mit dem Verband machen wollen.

Dagegen spricht allerdings, dass derlei Gespräche mitunter eine Art


von Nähe mit sich bringen, die vielleicht gar nicht gewünscht ist –
und dieser Aspekt scheint mir vielfach vernachlässigt.
Es ist nämlich kein Zufall, dass die „wirklichen“ Schwierigkeiten je mit
Dritten besprochen werden – Michaela, Irene, Marion und Christel
wenden sich dabei vorzugsweise an jene Kollegen (oder Menschen
aus ihrem Umfeld), von denen sie annehmen, dass sie die eigene Mei-
nung teilen.

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 21
Der „Vorteil“ dessen ist, dass zunächst gedanklich und emotional
keine „schwierigen“ Reaktionen, keine Betroffenheit des jeweils An-
deren, auch keine gröberen Meinungsverschiedenheiten eingeplant
werden müssen, denn genau das macht Kommunikation (besonders
mit weniger vertrauten Menschen) anstrengend.
Der Schritt über diese Grenze kann ein Gewinn sein, und das ist häu-
fig der Fall. Er kann sich aber auch als etwas herausstellen, das zu-
mindest einem der beiden „zu tief“ oder zu nahe geht. Genauer be-
schäftige ich mich mit solchen Situationen im Kapitel II 1.; auch
andere in diesem Buch besprochene Phänomene führen immer wie-
der an dieses Problem heran und zeigen Lösungswege auf, die aller-
dings vielschichtig sind – wie das Problem selbst.

Für die Praxis:


· Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungs-
aspekt, wobei
· der zweite oft wesentlicher ist als der erste, er geht nämlich über
den Inhalt hinaus und
· sagt gleichzeitig, wie der Inhalt einer Mitteilung zu verstehen ist,
indem
· er auch etwas über die Beziehung des Senders der Nachricht zu
ihrem Empfänger aussagt.
· Das kann durch Blicke, die Betonung einzelner Worte, Gesten
oder die (heimliche) Bezugnahme auf eine gemeinsame Vorge-
schichte in einer Sache geschehen.
· Es ist wichtig zu wissen, dass die Beziehung zwischen Sender
und Empfänger oft viel bedeutender ist als der Inhalt einer Nach-
richt.
· Man sollte deshalb bemüht sein, die beiden Ebenen zu trennen.
Auch wenn ein Kollege mit – beispielsweise – „Besserwisserei“
oder „Beleidigtsein“ anstrengt, soll das vom Inhalt der Sache ab-
gegrenzt und (trotz allem!) das getan werden, was „inhaltlich“
richtig ist (etwa den Hydrokolloidverband anzuwärmen oder Frau
Kaum das Bad und die Matratze zukommen zu lassen).
· Es macht kaum Sinn, derlei „Vermischungen“ direkt in der Situa-
tion anzusprechen. Das soll in einer ruhigen Minute geschehen,
vor allem dann, wenn das Problem bestehen bleibt und sich viel-
leicht wiederholt. Wie ein solches Ansprechen funktionieren kann,
beschreibe ich im Kapitel I 4.4.

22 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


· Der Inhalt dieses Axioms ist besonders für das kollegiale Miteinan-
der in der Pflege von großer Bedeutung, da sich hier vielfach In-
halte von Mitteilungen mit persönlichen Beziehungen vermischen,
und zwar dergestalt, dass quasi „sachliche“ Nachrichten gerade
dort vermittelt werden, wo die Botschaft eigentlich im Bereich
des zwischenmenschlichen „Miteinanders“ angesiedelt ist (zu in
Nachrichten enthaltenen Botschaften vgl. auch Kapitel I 2.1).

1.3 „Ich kann nicht anders, weil . . .“


(Die Interpunktion von Ereignisfolgen)
Aus der Praxis (Die Schwester, die es immer eilig hat)

„Was kann ich für Sie tun?“ Petra hat Nachtdienst, draußen warten
ein Mann und eine Frau, die noch aufgenommen werden müssen.
Sie betritt das Zimmer von Frau Dorn, die geläutet hat. Die Patientin
sagt: „Nein, nein, Schwester, nicht schon wieder davonlaufen, zuerst
einmal brauche ich die Schüssel.“
„Bringe ich Ihnen“, entgegnet Petra und sagt, während sie das Zim-
mer verlässt, um sie zu holen: „Sonst noch etwas?“
Frau Dorn scheint zu überlegen. „Machen Sie bitte das Fenster auf
und dann will ich einen Tee.“ Petra hat den Tee draußen am Wagen
und bringt ihn sofort, nachdem sie das Fenster geöffnet hat. „So, nun
wünsche ich Ihnen eine gute Nacht!“, sagt sie und will sich umdrehen.
„Ich habe gelesen, dass Abführmittel gar nicht gesund sind“, will Frau
Dorn eine Unterhaltung beginnen.

„Das ist ein Wahnsinn mit der“, sagt Petra draußen zu Ursula, ihrer
Kollegin. „Ab dem Moment, in dem ich im Zimmer war, hat sie über-
legt, wie sie mich aufhalten kann, und natürlich gerade jetzt, wo der
Stress am größten ist. Ich konnte sie gerade noch abwimmeln. Mal
sehen, was ihr als Nächstes einfällt.“
„Ich weiß“, meint Ursula, „mir hat sie vorhin erklärt, dass die Schwes-
tern sowieso nur davonrennen, keine nimmt sich Zeit und so weiter.
Kennen wir alles.“

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 23
Aus der Praxis (Herr Mondschein)

„Schwester, Schwester, Schwester“, ruft Herr Mondschein. Er sitzt im


Tagraum des Pflegeheims und beobachtet die Pflegenden. Diese lau-
fen geschäftig hin und her, manchmal bleibt jemand kurz bei ihm ste-
hen und sagt: „Nicht schreien, Herr Mondschein, wir sind ja da.“ Dann
hält Herr Mondschein kurz inne und schaut. Kaum ist er wieder allein,
holt er Luft und schreit, oft noch lauter als zuvor: „Schwester, Schwes-
ter, Schwester.“ Manchmal streckt er die Hand aus und versucht, das
Pflegepersonal zu erwischen.
„Ja, Herr Mondschein, warum rufen Sie denn den ganzen Tag?“, fragt
der Seelsorger, der durch die Abteilung geht und den Bewohnern
einen guten Morgen wünscht. „Weil die Schwestern mir dauernd da-
vonlaufen, keine bleibt stehen“, erklärt der Mann.

„Eine Ungeheuerlichkeit ist das“, ereifert sich eine Besucherin, „die


Schwestern lassen den armen Mann schreien und rennen einfach
weiter.“
„Wissen Sie“, erklärt Ulla ihr, „das geht nicht anders, er schreit ohne
Pause nach uns, ganz egal was wir tun.“

Die Interpunktion von Ereignisfolgen

Von außen betrachtet scheinen Kommunikationsabläufe zunächst, so


Watzlawick, Beavin und Jackson, ein ununterbrochenes Hin und Her
von Mitteilungen zu sein. Allerdings, und nun kommen wir auch schon
zum Kern der Sache, lege jeder, der an Interaktionen teilnehme, ihnen
eine Struktur zugrunde, die als „Interpunktion von Ereignisfolgen“ be-
zeichnet werde (Watzlawick et al. 2007: 57ff).
Wer interpunktiert, setzt sozusagen einen Anfang innerhalb eines ei-
gentlich kreisförmigen Ablaufs von Ereignissen.
Je nachdem, wo dieser Anfang gesetzt wird, scheinen dieselben Ein-
zelbotschaften kommunikativer Abläufe einmal die Ursache einer
Reaktion und einmal die Reaktion selbst zu sein.
Das klingt komplizierter als es ist und soll anhand der genannten Bei-
spiele verdeutlicht werden: Fragt man Frau Dorn, warum sie nach im-
mer neuen Gründen sucht, Petra für sich zu beanspruchen, wird sie
sagen: „Ich kann nicht anders, weil sie es immer eilig hat.“

24 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Fragt man Petra, warum sie immer bemüht ist, das Zimmer von Frau
Dorn so schnell als möglich zu verlassen, wird sie zur Antwort geben:
„Ich muss das so machen, weil sie mich sonst ewig aufhält.“

Einmal ist Petras Eile der Grund für Frau Dorns Versuche, Petra aufzu-
halten – und einmal sind eben diese Versuche der Grund für Petras
Eile.

Dasselbe lässt sich mit Herrn Mondschein und den Pflegenden durch-
spielen:
Aus deren Sicht laufen sie an Herrn Mondschein vorbei, weil er dau-
ernd schreit.
Aus seiner Sicht schreit er dauernd, weil alle ihm „davonlaufen“.

Dasselbe lässt sich auch im Zusammenhang mit Praxisanleitern und


„desinteressierten“ Schülern, die jeweils „ihre Aufgabe nicht wahr-
nehmen“ (sie fragen nichts, weil man ihnen nichts zeigt oder man
zeigt ihnen nichts, weil sie nicht fragen) und anhand vieler anderer Si-
tuationen, die uns täglich begegnen, exerzieren.

Grundsätzlich neigen wir also dazu, und hier ist zugleich der Knack-
punkt in der Sache, das eigene Verhalten als Reaktion auf das eines
Gegenübers zu begreifen und nicht etwa umgekehrt. Die Interpunk-
tion ist „ein wesentlicher Bestandteil jeder menschlichen Beziehung“,
die Frage ist nur, wie sie gesetzt wird: „Diskrepanzen auf dem Gebiet
der Interpunktion sind die Wurzeln vieler Beziehungskonflikte“ (Watz-
lawick et al. 2007, S. 58), denn natürlich macht es einen Unterschied,
ob ein Patient so fordernd erlebt wird, dass die „Flucht“ aus dem Zim-
mer die (auch mit Blick auf die zur Verfügung stehende Zeit!) einzige
Möglichkeit scheint, oder ob er es ist, der sein Verhalten als ständige
Reaktion darauf wahrnimmt, dass man dauernd vor ihm „davonläuft“.
Das Axiom, in dem das zusammengefasst ist, lautet: „Die Natur einer
Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe
seitens der Partner bedingt“ (Watzlawick et al. 2007, S. 61).

Nun könnte man sich fragen, wer tatsächlich „angefangen“ hat, aller-
dings „ist dieser Ausgangspunkt meist allen Partnern längst nicht
mehr erinnerlich“ (Watzlawick et al. 2007, S. 61). Wenn wir an Petra

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 25
und Frau Dorn oder Herrn Mondschein und die Pflegenden denken, so
zeigt sich, dass die „Rollenverteilung“ sich irgendwann derart einge-
spielt hat, dass diese für die Problemlösung tatsächlich in den meisten
Fällen unerheblich ist – geht es doch in der Regel nicht um ein beson-
deres Ereignis, welches das (beidseitige) Verhalten begründet hat,
sondern es ist das Verhalten selbst, das die Kette aufrecht erhält.

Das Problem (und damit auch ein Teil seiner Lösung) liegt für die Auto-
ren „hauptsächlich in der (. . .) Unfähigkeit, über ihre individuellen Defi-
nitionen der Beziehung zu metakommunizieren“ (Watzlawick et al.
2007: 59). Das bedeutet, dass die Beteiligten meist nicht in der Lage
sind, aus dem Kreislauf, in dem sie sich befinden, „auszusteigen“, die
Sache quasi von außen zu betrachten und miteinander über die Art in
der sich zueinander verhalten, zu sprechen.

Das ist, zugegeben, viel verlangt. Gerade Klienten der Pflege sind häu-
fig so mit sich selbst beschäftigt, dass ein derartiger Perspektiven-
wechsel nicht möglich scheint – und auch für Pflegende ist es (aus
verschiedenen Gründen) schwierig, so etwas zum Inhalt eines Ge-
spräches zu machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Petra und
Frau Dorn dieses Kommunikationsproblem einfach „auf den Tisch le-
gen“ und die unterschiedlichen Auffassungen besprechen können.

Was in der Pflege helfen könnte,


wäre allerdings Folgendes:
Nachdem der Kreislauf, innerhalb dessen jeweils sozusagen inhaltlich
reagiert wird, durchbrochen werden muss, könnte Petra Frau Dorn
ganz einfach ihre Wahrnehmung der Situation rückmelden, indem sie
etwa sagt: „Frau Dorn, ich habe das Gefühl, Sie überlegen, während
ich eine Sache erledige, schon, was die nächste sein könnte.“
Das wäre für Frau Dorn eine Möglichkeit, endlich direkt auszuspre-
chen, was sie beschäftigt, nämlich: „Sie haben ja nie Zeit. Sie laufen
mir dauernd davon.“
Damit wäre zumindest eine Ebene geschaffen, die sich von jener der
gegenseitigen Reaktionen (von denen noch dazu jede der beiden
meint, sie sei die einzige Möglichkeit) abhebt.
Petra könnte nun sagen: „Ach, Frau Dorn, mir bleibt im Moment tat-
sächlich nichts anderes übrig, als schnell zu machen, aber wenn es

26 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


ein wenig nachlässt mit der Arbeit, dann komme ich und nehme mir
Zeit für Sie.“

Nun ist das kein Allheilmittel, aber Frau Dorn hat zumindest auf einer
anderen Ebene als jener des Verhaltens von Petra vermittelt bekom-
men, dass deren Möglichkeiten eingeschränkt sind und ihr Wunsch
sich nicht erfüllen wird, so sehr sie sich auch darum bemüht.
Trotzdem mag es sein, dass Frau Dorn darauf nicht reagiert. Anderer-
seits haben wir es auch mit Klienten wie Herrn Mondschein zu tun, die
einer so rationalen Argumentation vielleicht aufgrund demenzieller Er-
krankung oder anderer Umstände nicht zugänglich sind. Trotzdem
muss der Kreislauf durchbrochen werden, da seine Fortsetzung für
beide Interaktionspartner höchst anstrengend ist und vor allem beide
unzufrieden zurücklässt.
Die Pflegenden hätten also noch die Möglichkeit, etwas für Herrn
Mondschein (oder auch Frau Dorn) völlig Unerwartetes zu tun. Das
ist, zugegeben, mit Zeitaufwand verbunden, aber das Verharren im
Kreislauf kostet zumindest ebenso viel an Ressourcen.
Man könnte Frau Dorn durch ein Verhalten überraschen, das den
Kreislauf von „Petra beeilt sich, weil die Patientin so fordernd ist –
die Patientin ist so fordernd, weil Petra sich beeilt“ usw. durchbricht.

Das könnte z. B. so aussehen:


Petra geht – trotzdem sie es eilig hat – mit einer bewusst anderen Hal-
tung ins Zimmer und sagt, wenn oder bevor Frau Dorn mit ihren Auf-
zählungen beginnt: „Ich nehme mir jetzt Zeit für Sie. Überlegen Sie
nur ganz in Ruhe, ich beginne einmal, und dann sage Sie mir der
Reihe nach, was Sie gerne hätten.“ Frau Dorn wird zunächst über-
rascht sein, dann die Lage nutzen. Wenn sie fürs Erste fertig zu sein
scheint, kann Petra sich neben Frau Dorn stellen und – ohne, dass
diese darum gebeten hätte, fragen: „Sagen Sie, kann ich noch etwas
für Sie tun?“ – womit der Kreislauf sich zunächst sogar umgekehrt
hätte.
Wichtig ist aber, dass sein Durchbrechen bewusst geschieht. Würde
Petra sich „nur“ etwas mehr Zeit lassen, ist es möglich, dass Frau
Dorn das gar nicht wahrnimmt, sondern sich immer noch zu schnell
„abgefertigt“ fühlt – die zugehörige Aussage: „Ich nehme mir jetzt
Zeit für Sie“ ist also von Bedeutung.

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 27
Im Fall von Herrn Mondschein könnte eine solche unerwartete Reak-
tion z. B. so aussehen, dass die Schwester einen Sessel nimmt und
sich fünf Minuten zu ihm setzt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Durchbrechen eingefahre-


ner Kreisläufe in der Regel einerseits „unter dem Strich“ weniger zeit-
aufwendig ist als zuvor gedacht (Frau Dorn und Herr Mondschein ho-
len sich Aufmerksamkeit und Zuwendung auf anderen Wegen ja doch,
wenn sie diese nicht so bekommen wie gewünscht) – und es anderer-
seits in jedem Fall effizienter ist als das Verharren in Interaktionsmus-
tern, innerhalb derer die Bedürfnisse der Beteiligten jeweils unerfüllt
bleiben.

Für die Praxis:


· In „Kreisläufen“, an denen zwei Interaktionspartner beteiligt sind,
neigt jeder der beiden dazu, sein Verhalten als Reaktion auf das
des Anderen zu werten.
· Aus solchen Kreisläufen kann nur ausgebrochen werden, indem
sie klar angesprochen werden, indem also darüber metakommu-
niziert wird. Das ist nicht immer einfach, aber eine denkbare Lö-
sung.
· Im Rahmen der Pflege empfiehlt es sich oft (besonders wenn wir
es mit belasteten Klienten zu tun haben, die sehr in ihrer Sicht der
Dinge „gefangen“ sind, was sich im Zustand von Angst, Sorge
oder auch mangelhafter, situativer Orientierung befinden), etwas
zu tun, das den Kreislauf anderweitig unterbricht. Das kann
eine ganz unerwartete Reaktion sein, die die Pflegeperson setzt.
Wichtig dabei ist, dass das auf eine Weise geschieht, die
· der Klient ganz bewusst spüren und annehmen kann. Es genügt
also nicht, sich für beispielsweise Frau Dorn mehr Zeit zu nehmen
– Petra sollte ganz klar sagen: „Ich nehme mir jetzt Zeit für Sie.“
· Das bedeutet zwar im Moment tatsächlich ein Mehr an (zeitlichem)
Aufwand, aber das Durchbrechen eines solchen Kreislaufs, der
sich sonst quasi endlos fortsetzt, macht sich im Endeffekt bezahlt
und ist letztlich die einzig mögliche Lösung für Probleme in der In-
teraktion, die darin begründet sind, dass beide Interaktionspartner
den Ablauf von Ereignisfolgen unterschiedlich interpretieren. Ich
komme auf dieses Phänomen nochmals im Kapitel II 1. zu spre-
chen.

28 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


1.4 „Und manches lässt sich gar nicht sagen“
(Digitale und analoge Kommunikation)
Aus der Praxis (Unterstützung beim Essen)

„Und natürlich fragen Sie den Patienten, wie es ihm geht und infor-
mieren ihn vor jedem Arbeitsschritt“, sagt Ulla im Unterricht, als sie
verschiedene Pflegeinterventionen rund um die Unterstützung bei
der Nahrungsaufnahme bespricht.
Im Praktikumsblock denkt Susanne, Auszubildende im ersten Jahr, an
diese Worte, als sie Frau Huber zum Essen motivieren soll. „Die mag
nicht recht“, sagt die Stationsleitung zu ihr, „da müssen Sie sich Mühe
geben.“ Susanne denkt an alles, was sie im Unterricht gehört hat. Sie
stellt sich bei der Patientin vor, sagt ihr, was es zu Mittag gibt und fragt,
wie es ihr geht. Frau Huber wirkt desinteressiert bis mürrisch und rea-
giert kaum. Nach zehn Minuten gibt Susanne auf. „Lass mich nur ma-
chen“, sagt Krankenpflegehelferin Nadia, „ich weiß schon, wie das bei
ihr geht.“
Nadia setzt sich zu Frau Huber und fährt ihr mit dem Daumen über den
Handrücken, ohne ein Wort zu sagen. „Das ist was“, sagt sie, „dauernd
stehen wir mit etwas anderem da, und jetzt auch noch das. Stimmt’s?“
Sie schiebt Frau Huber einen Löffel Suppe in den Mund. „Was ist das
überhaupt?“, fragt Nadia und grinst. „Wollen Sie’s wissen?“ Frau Hu-
ber schüttelt den Kopf, schluckt aber. „O. K.“, lacht Nadia. Frau Huber
isst nicht nur die Suppe, sondern das ganze Menü.

Digitale und analoge Kommunikation

Grundsätzlich ließen sich, so Watzlawick, Beavin und Jackson, Ob-


jekte auf zwei verschiedene Arten zum Gegenstand von Kommunika-
tion machen. Die eine Möglichkeit sei, Dingen einen Namen zu geben.
Dabei handle es sich um sprachliche Zuordnungen, die Objekten ge-
geben werden, um sie zu bezeichnen. So verstünden wir in der deut-
schen Sprache unter der Buchstabenfolge „H-u-t“ eine Kopfbe-
deckung, es handle sich dabei also um ein „(. . .) Übereinkommen für
diese Beziehung zwischen Wort und Objekt (. . .)“, aber „außerhalb die-
ses Übereinkommens ergibt sich keinerlei weitere Beziehung, mit Aus-

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 29
nahme der sogenannten onomatopoetischen Wörter“ (Watzlawick et
al. 2007, S. 62).
(Ein „Onomatopoetikum“ ist ein lautmalerisches Wort, etwa „Wau“ –
und wenn man es hört, denkt man an das Bellen eines Hundes).
Die Kommunikationsform, in der Objekten bestimmte sprachliche
Zuordnungen gegeben sind, nenne man digital. Dieses „Mitteilungs-
material ist weitaus komplexer, vielseitiger und abstrakter als analo-
ges“ (Watzlawick et al. 2007, S. 66).
Als analog nämlich werde jene Kommunikation bezeichnet, die u. a.
im Ton der Sprache, der Gestik oder Mimik liege (Watzlawick et al.
2007, S. 63f).

Sowohl die digitale als auch die analoge Kommunikation haben eine
bestimmte Funktion, wie in folgender Ausführung der Autoren deut-
lich wird:
„Wenn wir uns nun erinnern, dass jede Kommunikation einen Inhalts-
und einen Beziehungsaspekt hat, so wird deutlich, dass die digitalen
und die analogen Kommunikationsweisen nicht nur nebeneinander
bestehen, sondern sich in jeder Mitteilung gegenseitig ergänzen. Wir
dürfen ferner vermuten, dass der Inhaltsaspekt digital übermittelt
wird, der Beziehungsaspekt dagegen vorwiegend analoger Natur ist“
(Watzlawick et al. 2007, S. 64).

Geht man davon aus, dass in digitaler Form, also durch Worte, vor-
rangig der Inhalt einer Botschaft vermittelt wird, so wird mit dem
analogen Teil der Kommunikation etwas über die Beziehung, das
„Wie“ mitgeteilt, in der sich Sender und Empfänger zueinander befin-
den.
Uns allen sind bestimmte Grußformeln bekannt – ich denke etwa da-
ran, dass in vielen Berufen den Mitarbeitern zunehmend einzelne
Satzbausteine, Begrüßungen oder Verabschiedungen vorgeschrie-
ben sind, etwa: „Wir heißen Sie herzlich willkommen“ oder „Was
kann ich für Sie tun?“ Nun ist durchaus denkbar, dass derlei Formeln
so zum Einsatz kommen, dass man sich als Passagier oder Kunde
weder willkommen fühlt noch den Eindruck hat, dass einem tatsäch-
lich jemand helfen möchte. Selbstverständlich kann das aber auch
sehr gut funktionieren – was ich damit sagen möchte, ist, dass digita-
len Kommunikationsanteilen allein etwas Entscheidendes fehlt –

30 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


und darum ist es so schwierig, sie – und sei es in bester Absicht – zu
standardisieren.

Analoge Kommunikationsanteile leisten nämlich das, was digitalen in


gewissem Ausmaß fehlt, und zwar die klare „Definition von Beziehun-
gen“. Umgekehrt würde der Versuch, Digitales in Analoges zu über-
setzen, „einen wesentlichen Verlust von Information“ mit sich bringen
(Watzlawick et al. 2007, S. 67).

Was bedeutet das nun für die Pflege?


Watzlawick, Beavin und Jackson betonen, dass überall dort, „wo die
Beziehung zum zentralen Thema der Kommunikation wird“, sich „di-
gitale Kommunikation als fast bedeutungslos“ erweise. Als Beispiele
sprechen sie etwa „Liebesbeziehungen, Empathie, Feindschaft,
Sorge“ und den „Umgang mit sehr kleinen Kindern oder schwer ge-
störten Patienten“ an (Watzlawick et al. 2007, S. 64), wobei unter
„Störung“ gravierende Probleme in der Interaktion zu verstehen sind.
Denken wir nun an demenziell erkrankte Klienten, an Patienten, die
sich im Zustand großer Angst, Sorge oder Unsicherheit befinden,
wird deutlich, in welchem Ausmaß analoge Kommunikationsanteile
als die eigentliche „Sprache der Pflege“ begriffen werden können.
Ich möchte hiermit in keiner Form die Bedeutung der digitalen Ver-
ständigung mindern, denn gerade das „Senden“ von inhaltlicher In-
formation, die im Krankenhausalltag Orientierung schaffen und damit
Sicherheit geben soll, bedarf wiederum unbedingt der digitalen Ver-
mittlung.
Allerdings klärt sich mit der Unterscheidung der Funktion beider For-
men, warum so manche, auch gut gemeinte, Erklärung auf taube Oh-
ren zu stoßen scheint, da vielleicht anderes im Vordergrund steht.

Vielfach wird von verbaler und nicht- oder nonverbaler Kommunika-


tion gesprochen – und grundsätzlich wird darunter auch dasselbe ver-
standen wie unter digitaler und analoger Vermittlung. Es darf jedoch
nicht vergessen werden, dass auch die sprachliche Verständigung
von analogen Anteilen begleitet wird – indem das Gesagte in einer be-
stimmten Satzmelodie, unter Hervorhebung einzelner Worte oder in
einem bestimmten Tonfall vorgebracht und zugleich von Mimik und
Gestik begleitet wird.

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 31
Für Frau Huber steht offenbar nicht die inhaltliche Informationsver-
mittlung im Vordergrund, der Patientin ist es – nach einem bereits
achtwöchigen Aufenthalt auf der Station – egal, ob es heute Brokkoli-
oder Spargelcremesuppe gibt oder wie die Schwester heißt, die sie
ihr serviert. Davon kann und darf nun natürlich nicht ausgegangen
werden – es wäre der Frau wohl auch egal oder sogar recht gewesen,
hätte Nadia ihr diese (inhaltlichen) Informationen gegeben.
Wesentlich für die Patientin war etwas anderes, nämlich offenbar die
Definition der Beziehung zwischen ihr und der Pflegenden. Nadia
konnte das innerhalb weniger Momente klarlegen, zwischen Susanne
und Frau Huber stellte sich die erforderliche Nähe allem Anschein
nach nicht ein.
Was Nadia tut, mag von außen betrachtet einfach und vielleicht sogar
unprofessionell aussehen. Beides ist nicht der Fall. Natürlich hat sie
gegenüber Susanne einen entscheidenden Vorteil: Sie ist über das
Stadium des „Probierens“ bereits hinausgetreten – und hier gebe ich
auch schon die Antwort auf die Frage nach Nadias Geheimnis:
Selbstverständlich kocht auch sie nur mit Wasser. Und ebenso selbst-
verständlich hat Verständigung manchmal mit Faktoren zu tun, die
nur bedingt beeinflussbar sind. Wir kennen das von uns selbst: Je-
mand „erinnert“ uns an bekannte, vertraute Menschen und wir öffnen
uns schnell. Oder aber wir empfinden Antipathie und senden entspre-
chende Botschaften.
Zu kommunizieren bedeutet zunächst immer, sich anzunähern und et-
was auszuprobieren. Das gelingt ein Mal besser und ein anderes Mal
weniger gut. Je mehr Möglichkeiten jemand hat, sich zu verhalten –
und hier kommen die vielfältigen analogen Anteile zwischenmenschli-
cher Interaktion ins Spiel – desto größer sind seine Chancen, eine zu
„treffen“, die das Gegenüber erreicht.
Ich rate dabei zu kleinen Schritten, wobei die Reaktion des jeweils
Anderen aufmerksam beobachtet werden muss. Hält er den Blick
oder weicht er aus? Wie reagiert er auf Berührung? Beginnt er von
sich aus zu sprechen oder verhält er sich eher abwartend? Jedes die-
ser Signale, die auch dann ausgesendet werden, wenn jemand nicht
kommunizieren möchte, kann als kleiner „Wegweiser“ verstanden
werden (vgl. Kap. I 1.1).
Susanne täte nicht gut daran, ihr Erlebnis mit Frau Huber als Scheitern
oder als Misserfolg zu werten. Sie hat ihre Interaktionsmöglichkeiten

32 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


nun erweitert – und meiner Erfahrung nach eignen sich Auszubildende
die unterschiedlichen Arten, sich kommunikativ zu verhalten, ebenso
schnell an wie andere pflegerische Fähigkeiten und Fertigkeiten. Das
Wissen um die unterschiedlichen diesbezüglichen Möglichkeiten und
deren Bewusstmachung erleichtert diesen Prozess allerdings ent-
scheidend – macht es doch einen Unterschied, ob zufällig das „Rich-
tige“ getroffen wird oder man um bestimmte Phänomene weiß und
ihren Einsatz daher absichtsvoll (und vorsichtig) ausprobieren kann.

Für die Praxis:


· Als „digitale“ Anteile von Kommunikation werden jene bezeich-
net, die „reinen“ Inhalt transportieren, also Worte.
· Als „analog“ gilt alles, was darüber hinaus vermittelt, wie eine
sprachliche Nachricht zu verstehen ist.
· Analoge Anteile von Kommunikation sind nicht nur Mimik, Gestik
oder Körpersprache, sondern auch die Betonung einzelner Worte,
die Satzmelodie oder der Klang der Stimme.
· Auf digitale Weise werden Inhalte vermittelt, auf analoge Weise
sozusagen Beziehungsbotschaften.
· Dieser Umstand erklärt, warum es möglich ist, dass ein- und der-
selbe Satz, von verschiedenen Menschen ausgesprochen, ganz
unterschiedliche Wirkungen haben kann – und auch, warum
Kommunikation, die anhand (schriftlicher) Standards vorgegeben
ist, nicht zwingend funktionieren muss.
· Besonders im Umgang mit Klienten, die der Bedeutung von Wor-
ten nicht (mehr) zugänglich sind, kann analoge Kommunikation
als „Sprache der Pflege“ verstanden werden, welche Verständi-
gung auf „zweiter Ebene“ ermöglicht.
· Genaue Beobachtung dessen, was Klienten (auch analog!) aus-
senden, ermöglicht es uns zu überprüfen, ob und wie die „Bezie-
hungssprache“ verstanden wird. Gerade für diese Kommunika-
tionsform kann es keine Standards geben. Hier darf und soll,
wenn auch vorsichtig, ein wenig „experimentiert“ werden. Wich-
tig dabei ist vor allem, sensibel für sowohl digitale als auch ana-
loge Rückmeldungen zu sein.

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 33
1.5 „Es schaukelt sich immer weiter auf“
(Symmetrische und komplementäre Interaktion)
Aus der Praxis (Die Suche nach dem Schal)

„So, dann noch die andere Tasche.“ Victoria steigt auf einen Sessel
und holt die Reisetasche aus Frau Mosmanns Schrank. „Genau
schauen!“, ruft Frau Mosmann und Victoria kramt in allen Seitenfä-
chern.
„Na?“, fragt die Patientin und Victoria schüttelt ohne aufzusehen den
Kopf. „Das gibt es nicht. Bringen Sie mir meine Handtasche“, befiehlt
Frau Mosmann energisch und Victoria holt das Gewünschte vom Gar-
derobenhaken. Die Patientin nimmt ein Adressbuch aus der Handta-
sche und hält sie Victoria hin: „Hängen Sie das zurück, aber ordent-
lich. Und dann rufen Sie die Nummer hier an“, sie hält das Buch mit
dem Daumen auf einer bestimmten Seite offen, „und wenn mein
Mann abnimmt, geben Sie mir das Handy. Wenn nicht, versuchen Sie
es in fünf Minuten noch einmal.“
An der Zimmertür klopft es, dann steht Birgit im Zimmer. „Vicky, da
bist du ja!“, sagt sie zu ihrer Kollegin, die verzweifelt aussieht. „Wir
haben dich gesucht“, sagt Birgit noch, hat sich dann aber ein Bild
von der Situation gemacht.
„Frau Mosmann“, sagt sie, „was können wir für Sie tun?“
„Die soll da bleiben“, deutet die Patientin auf Victoria, „ich brauche sie
noch.“
„Vielleicht kann ich Ihnen helfen?“ bietet Birgit an. „Nein, es geht um
meinen Seidenschal“, gibt Frau Mosmann zurück, „das soll die an-
dere Schwester hier machen.“
„Es ist so“, sagt Birgit, „dass meine Kollegin in der Pflege benötigt
wird – wie wir alle. Um einen Seidenschal zu suchen haben wir, um
ehrlich zu sein, keine Zeit. Ich kann mir schon vorstellen, dass das für
Sie wichtig ist, aber leider ist es unter den gegebenen Umständen
nicht möglich.“
Frau Mosmann atmet tief ein und aus, seufzt und verdreht die Augen,
akzeptiert aber, was Birgit sagt und packt das Adressbuch ein.

34 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Symmetrische und komplementäre Interaktion

Im obigen Beispiel haben wir es mit zwei unterschiedlichen Formen


von Interaktion zu tun, von denen eine besonders deutlich wird – und
zwar jene, die Watzlawick, Beavin und Jackson als „komplementäre
Interaktion“ bezeichnen (Watzlawick et al. 2007, S. 68ff).

Das Verhalten von zwei Menschen kann „spiegelbildlich“ sein – was


seine Ursache darin hat, dass die Beziehung zwischen beiden auf
„Gleichheit“ beruht. Es ist egal, um welches Verhalten es sich dabei
handelt – „da die Partner sowohl in Stärke wie Schwäche, Härte wie
Güte und jedem anderen Verhalten ebenbürtig sein können.“ In die-
sem Fall spricht man von „symmetrischer Interaktion“. Dabei wird da-
nach gestrebt, Unterschiede zu vermindern und ein möglichst großes
Maß an „Gleichheit“ zu erreichen. Beide kommunizieren also nach
demselben Grundmuster, das sich dabei eventuell steigern kann; ein
typisches Beispiel dafür ist, wenn zwei Menschen je von besonders
dramatischen Ereignissen erzählen und einander dabei „überbieten“
wollen.

In der (wie in unserem Beispiel zwischen der Patientin und Victoria


stattfindenden) „komplementären“ Interaktion hingegen beruht eine
Beziehung auf Ungleichheit und es gibt darin zwei verschiedene „Po-
sitionen“, wobei Einer die „superiore“ (also überlegene), der Andere
die „inferiore“ (also untergeordnete) Position einnimmt; es kommt so-
mit zu einem Ungleichgewicht (Watzlawick et al. 2007, S. 69).

Worauf dieses Ungleichgewicht auch immer beruht (die Autoren füh-


ren dabei verschiedene gesellschaftliche Kontexte oder Beziehungs-
formen an), das Wesentliche dabei ist, dass diese unterschiedlichen,
„aber einander ergänzenden Verhaltensweisen sich gegenseitig aus-
lösen. Es ist nicht etwa so, dass ein Partner dem anderen eine kom-
plementäre Beziehung aufzwingt; vielmehr verhalten sich beide in
einer Weise, die das bestimmte Verhalten des anderen voraussetzt,
es gleichzeitig aber auch bedingt“ (Watzlawick et al. 2007, S. 70).

Menschen können sich im Rahmen der verschiedensten Beziehun-


gen also symmetrisch oder komplementär zueinander verhalten,

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 35
einmal beruht das Miteinander auf Gleichheit, einmal auf Ungleichheit.
Wesentlich dabei ist, dass es gerade beim „ungleichen“ Verhalten im-
mer beide Interaktionspartner sind, die die Aufrechterhaltung bzw.
die Festigung der derart gestalteten Beziehung ermöglichen.
Frau Mosmann verhält sich also zu Victoria, wie sie es eben tut, da Vic-
toria das Spiel mitspielt. Das zeigt sich besonders, als Birgit, die mit
Frau Mosmann symmetrisch kommuniziert, Teil der unangenehmen
Szenerie wird: In zwei Sätzen beendet sie den Kreislauf, in dem Victo-
ria immer mehr zur Dienstbotin und Frau Mosmann zur „Herrin“ der
Lage wird. Birgit hätte auch „mitspielen“ können, sie tat es aber nicht.

Das Problematische an der Sache ist, dass diese Muster nicht leicht
zu durchbrechen sind, sobald die Rollen erst einmal verteilt wurden –
was Birgit für sich verhindern konnte.
Die Kommunikation in unserem Beispiel ist, sowohl was ihre sprachli-
chen als auch ihre nichtsprachlichen Anteile betrifft, recht eindeutig:
Frau Mosmann befiehlt vom Bett aus, Victoria durchwühlt, ohne Blick-
kontakt halten zu können, die Taschen der Patientin und befindet sich
durchgängig in der abhängigen, rechtfertigenden Position.
Natürlich ist das gerade im Rahmen der Pflege auch umgekehrt gut
denkbar – jeder kennt das Bild der „strengen“ Krankenschwester, die
wie ein Feldwebel kommandiert, während der Patient immer kleiner
und unterwürfiger wird.
Birgit hingegen kommuniziert (wenn auch in abgeschwächter, vor al-
lem aber sehr höflicher Form) in symmetrischer Weise mit Frau Mos-
mann.

Zunächst sollen diese Ausführungen dabei helfen, sich alles, was


Kommunikation ausmacht und (mit-)bestimmt, bewusst zu machen.
Victoria hat in der Situation wohl ein unangenehmes Gefühl, wird
später auch sagen, dass sie sich „wie eine Dienstbotin behandelt“
fühlte.
Hilfreich wäre für sie, zu reflektieren, mit welchen sprachlichen und
nichtsprachlichen Signalen sie womöglich Unterlegenheit signalisiert
und somit Frau Mosmann in ihrem Verhalten bestätigt.

Es ist darum von Bedeutung, zu wissen, welche (eigenen) Worte, For-


mulierungen oder Gesten man selbst mit der „überlegenen“ Rolle in

36 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Verbindung bringt – und welche eher dazu führen, dass man sich klein
und hilflos fühlt.
Ebenso kann überlegt werden, welche Botschaften einen ruhigen,
schüchternen und unsicheren Patienten oder auch Auszubildenden
oder Kollegen aus der Reserve locken können und welche umgekehrt
geeignet sind, dominanten Gesprächspartnern zu signalisieren, dass
man nicht beabsichtigt, sich an bestimmten kommunikativen Spielen
zu beteiligen. Könnte sie aktiv auf ein solches Instrumentarium zu-
rückgreifen, fiele es Victoria leichter, aus dem Kreislauf auszusteigen,
bevor er sich erst festigen kann.

Es geht hier eindeutig nicht darum, die beiden Interaktionsformen als


gut oder schlecht zu kategorisieren. Gerade komplementäres Verhal-
ten ist, wie auch Watzlawick, Beavin und Jackson betonen, in unter-
schiedlichen Kontexten (etwa im Zusammenhang mit bestimmten
Formen des Lehrens und Lernens) durchaus angebracht (Watzlawick
et al. 2007, S. 69).
Die Muster können allerdings so übertrieben werden, dass sie das
Handlungs- und Reflexionsvermögen zumindest eines Interaktions-
partners erheblich einschränken.

Für die Praxis:


· Symmetrische Kommunikation beruht auf Gleichartigkeit der In-
teraktion zweier Menschen.
· Komplementäres Rollenverhalten zeichnet sich meist dadurch
aus, dass eine Person „den Ton angibt“ und die andere ihr sozu-
sagen „folgt“. Dabei ist es wichtig, zu wissen, dass jede der bei-
den Personen mit ihrem Verhalten das der anderen erst ermög-
licht und somit den Kreislauf unterstützt.
· Zunächst ist komplementäre Interaktion nichts grundsätzlich
Schlechtes. Es gibt durchaus Klienten, die eine „starke“ Pflege-
person wünschen. Gefährlich daran ist aber, dass die Ein- und
Übernahme von Rollen so ausgeprägt sein kann, dass sich beim
„unterlegeneren“ Partner tatsächlich Hilflosigkeit (Klienten, die
schließlich Ressourcen verlieren) oder (wie bei Victoria) das Ge-
fühl von Ohnmacht einstellt.
· Pflegende sollen immer wieder überprüfen, welche Rolle sie in
einem Interaktionsgefüge einnehmen und durch welche kommu-

Paul Watzlawick: Fünf Axiome der Kommunikation und ihre Bedeutung für die Pflege 37
nikativen Gesten sich diese Rolle auszeichnet, damit sie bei Be-
darf wieder verlassen werden kann.
· Wichtig ist das Bewusstsein, dass die komplementäre Interak-
tionsform nur „überleben“ kann, wenn beide Partner sich aktiv da-
ran beteiligen. Steigt der Eine (etwa Victoria) aus, muss auch der
Andere (Frau Mosmann) seine Rolle aufgeben.

38 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


2. Friedemann Schulz von Thun:
Die Anatomie einer Nachricht und
die Bedeutung für die Pflege

2.1 „Das kann man so und anders verstehen“


(Die Anatomie einer Nachricht)
Aus der Praxis (Die Fliege)

Anna hat einen Zehnstundendienst hinter sich und ist müde. Sie wird
mir später erzählen, dass sie sich in solchen Situationen auch auf den
Feierabend nicht freuen, sondern nur an den Dienst am nächsten Tag
denken kann. In ihrer Pflegegruppe waren heute acht Aufnahmen zu
bewältigen und drei Frischoperierte zu betreuen. Die Tochter eines
Patienten hat sich mehrfach über das Essen beschwert, der Stations-
arzt ist nicht da und wird durch eine Kollegin vertreten, die die abtei-
lungsinternen Abläufe kaum kennt und ein Anruf der Blutbank steht
auch noch aus.
Auf Zimmer elf muss Anna einen Verband bei Frau Ahorn wechseln.
Als sie damit fertig ist, deutet Frau Zeisig, die neben Frau Ahorn liegt,
zur Wand und sagt: „Schwester, sehen Sie, hier ist eine Fliege.“
„Tut mir leid, ich habe zu tun“, gibt Anna zurück und verlässt das Zim-
mer, bevor Frau Ahorn oder Frau Zeisig noch etwas sagen können.
„Die Zeisig glaubt auch, dass wir ihre Dienstmädchen sind“, sagt sie
bei der Dienstübergabe und verdreht die Augen.
„In solchen Momenten“, sagt Anna, „frage ich mich, ob ich im richti-
gen Beruf bin.“

Aus der Praxis (Validation):

Elena ist neu auf der Chirurgie. Am Donnerstagabend ihrer ersten


Woche im Dienst findet die Teamsitzung statt und ein wichtiger Bespre-
chungspunkt dabei ist, dass der Anteil an geriatrischen, demenziell er-
krankten Patienten ständig zunimmt. „Ich habe einen Validationskurs
gemacht“, meldet Elena sich zum ersten Mal während der Sitzung zu

Friedemann Schulz von Thun: Die Anatomie einer Nachricht 39


Wort. „Das ist fein“, entgegnet die Stationsleitung, „wie wäre es, wenn
du uns einmal ein kleines Referat darüber halten würdest?“ Elena sagt
nicht viel dazu und ist unsicher, ob es richtig war, das zu erwähnen. An-
schließend geht man zum nächsten Besprechungspunkt über.
In der Pause wendet sich Elena an Monika, die ihr sympathisch ist:
„Da habe ich mir ja etwas eingebrockt. Ein Referat zu halten ist so
ziemlich das Letzte, was ich will.“ Monika grinst. „Die Chefin ist die
Gutmütigkeit in Person. Die wollte dir garantiert eine Freude machen.“
Am nächsten Tag pflegen Elena, Inge und Susanne, die schon seit
acht Jahren auf der Abteilung arbeitet, Frau Gruber. Sie ist demenziell
erkrankt, beschimpft die drei als „Luder“ und gibt Inge einen Fußtritt.
„Die Schwester Elena validiert uns jetzt bei Ihnen etwas vor, dass es
nur so kracht, Sie werden sehen“, sagt Inge und Susanne lacht.
Ich erlebe Elena als humorvolle, äußerst hilfsbereite, spontane und
engagierte Person, der ihr Beruf Spaß macht und der an zielgerichte-
tem, strukturiertem Handeln gelegen ist. So nehme ich sie sowohl in-
nerhalb des Teams als auch im Gespräch mit mir wahr.

Aus der Praxis (Berta Pappenheim)

Ute hat seit einem halben Jahr die Ausbildung zur Lehrerin für Ge-
sundheits- und Krankenpflege beendet und unterrichtet am Ausbil-
dungszentrum L. Heute nimmt sie im Fach „Gesundheitsförderung“
das Thema „Abwehrmechanismen“ mit der Gruppe durch. Hans
macht die Ausbildung zum Krankenpfleger, hat aber davor Psycholo-
gie studiert.
Ute bespricht den Abwehrmechanismus der Verdrängung und hat
sich ausführlich mit der Bedeutung dieses Phänomens für die Pflege
befasst, da meldet sich Hans zu Wort: „Ich weiß nicht, wie weit Berta
Pappenheim hier bekannt ist, ich kenne da aber eine sehr interes-
sante Ausführung.“ Ute bedankt sich bei Hans für seinen Beitrag und
erklärt daraufhin der Gruppe, was es mit dieser bekannten Patientin
Sigmund Freuds auf sich hat. In Rahmen einer Weiterbildung erzählt
Ute mir von dieser Situation: „Da war ich mir sicher, dass er sich über
mich lustig macht oder dass er mich kontrollieren will“, sagt sie, „ich
war dann immer nervös, wenn ich in diese Gruppe musste und habe
bei der Unterrichtsvorbereitung ständig darüber nachgedacht, was er
mir vielleicht voraus hat.“

40 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Woraus Kommunikation besteht

Grundsätzlich braucht sie, so das psychologische Modell der zwi-


schenmenschlichen Kommunikation, einen Sender, eine Nachricht
und einen Empfänger, wobei die Nachricht vier unterschiedliche As-
pekte oder Seiten hat; es sind dies
erstens: Sachinhalt (oder: Worüber ich informiere)
zweitens: Selbstoffenbarung (oder: Was ich von mir selbst kund-
gebe)
drittens: Beziehung (oder: Was ich von dir halte oder wie wir zueinan-
der stehen)
und viertens: Appell (oder: Wozu ich dich veranlassen möchte).
(Schulz von Thun 2006, S. 25ff)

Frau Zeisig sagt im ersten Beispiel zu Anna: „Schwester, sehen Sie,


hier ist eine Fliege.“
Nehmen wir nun diese Nachricht quasi auseinander, so zeigt sich,
dass der Sachinhalt dieser Nachricht klar ist. Frau Zeisig informiert
ganz einfach darüber, dass sich im Zimmer eine Fliege befindet.
Was die Selbstoffenbarung betrifft, könnte nun sein, dass Frau Zei-
sig zeigen will, dass sie eine genaue Beobachterin ist, dass ihr nichts
entgeht und ihr die Fliege lästig ist (oder ihr Sorgen macht) oder viel-
leicht, dass sie nach einem Gesprächsthema sucht.
Über die Beziehung zwischen Anna und Frau Zeisig könnte dieser
Aussage grundsätzlich entnommen werden, dass Frau Zeisig Anna
für eine Pflegeperson hält, mit der man auch ein wenig plaudern
kann. Ebenso gut ist aber möglich, dass die Patientin in Anna tatsäch-
lich jemanden sieht, der für alle ihre Belange (inklusive der „Fliegen-
entfernung“) zuständig ist (es kann auch durchaus sein, dass sie
Anna ärgern will und versucht, ihr gegenüber eine Art Macht auszu-
spielen: „Sehen Sie, Schwester, wenn ich nur will, dann finde ich et-
was und Sie müssen mir ja helfen!“). Dies führt uns zum Appell, zu
möglichen Aufforderungen, die in dieser Nachricht stecken könnten:
Auch hier ist wieder Verschiedenes denkbar. Frau Zeisig könnte Anna
damit quasi bitten: „Plaudern Sie ein wenig mit mir!“ oder „Bleiben Sie
noch ein wenig da!“ oder aber „Entfernen Sie die Fliege!“, vielleicht
auch: „Loben Sie mich doch dafür, dass ich so genau hinsehen
kann!“ oder „Machen Sie einen kleinen Witz, damit die Atmosphäre

Friedemann Schulz von Thun: Die Anatomie einer Nachricht 41


hier im Zimmer nicht mehr so angespannt ist!“, schließlich: „Bedienen
Sie mich, egal wie und egal womit.“

Wie diesen Ausführungen unschwer zu entnehmen ist, macht es zu-


nächst einen Unterschied, welchen der vier Aspekte einer Nachricht
wir wahrnehmen, auf welchen wir uns konzentrieren, unter welchem
Blickwinkel wir ihn also betrachten – ich komme später noch darauf
zurück.
Abgesehen davon macht es aber auch einen Unterschied, was nun
wirklich auf einer dieser vier Seiten gemeint war. Will Frau Zeisig (z. B.
auf Appell-Ebene) nun einen kleinen Witz hören, will sie, dass die
Fliege entfernt wird, oder möchte sie ein wenig plaudern?
Ist (auf Ebene der Selbstoffenbarung) gemeint, dass Frau Zeisig nach
einem Gesprächsthema sucht, oder dass ihr die Fliege lästig ist?
Die Nachricht selbst sei, so Schulz von Thun, „das ganze vielseitige
Paket mit seinen sprachlichen und nicht-sprachlichen Anteilen“ und
sie „enthält viele Botschaften gleichzeitig“ (Schulz von Thun 2006,
S. 33).
Woraus besteht nun aber ein solches Paket an Botschaften?

Botschaften in einer Nachricht

Grundsätzlich können Botschaften in einer Nachricht explizit oder


aber implizit enthalten sein.
Was das bedeutet, drückt Friedemann Schulz von Thun folgenderma-
ßen aus: „Explizit heißt: ausdrücklich formuliert. Implizit heißt: ohne
dass es direkt gesagt wird, steckt es doch drin oder kann zumindest
‚hineingelegt‘ werden“ (Schulz von Thun 2006, S. 33). Weiter sagt er,
dass das für alle vier Seiten einer Nachricht gelte, also können sowohl
auf Sach- und Selbstoffenbarungs- als auch auf Beziehungs- wie Ap-
pellebene explizite und implizite Botschaften enthalten sein.

Während bei expliziten Botschaften klar ist, wodurch sie ausgedrückt


werden, muss man bei impliziten Botschaften auf anderes als auf
Worte allein achten. So könnte Elena aus unserem zweiten Beispiel
in ihrem Satz: „Ich habe einen Validationskurs gemacht“ das Wort
„Ich“ betont haben. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte sie damit
implizit betont, dass sie über die Fähigkeit zu validieren im Gegensatz

42 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


zu den anderen Teammitgliedern verfügt. Das würde auf das gesamte
Fallbeispiel ein anderes Licht werfen, als es vielleicht zunächst, beim
bloßen Lesen, scheint.

Hans könnte seine Feststellung: „Ich weiß nicht, wie weit Berta Pap-
penheim hier bekannt ist, ich kenne da aber eine sehr interessante
Ausführung“ tatsächlich herablassend formuliert haben, den entspre-
chenden Tonfall kann man sich unschwer vorstellen. Er könnte das
Wort „hier“ betont haben, damit hätte er die Kollegen im Klassenraum
tatsächlich abgewertet bzw. zum Ausdruck gebracht, dass er sein ab-
solviertes Studium im Gegensatz zur Pflegeausbildung als anspruchs-
voll erachtet. Demgemäß wäre klar, dass er auf Selbstoffenbarungs-
ebene kundgetan hätte, dass er sich den anderen Kursteilnehmern
überlegen wähnt, und nicht etwa dass er (was auch denkbar wäre),
Ute einen guten Tipp geben möchte.
Noch befinden wir uns auf Ebene der verbalen Kommunikation und es
zeigt sich, dass der Tonfall (herablassend, ermutigend, gönnerhaft
etc.) Botschaften innerhalb einer Nachricht transportiert (vgl. Kap. I
1.4).

Friedemann Schulz von Thun führt weiter aus, dass man nun anneh-
men könne, dass die expliziten Botschaften die eigentlichen Haupt-
botschaften seien, während die impliziten „etwas weniger wichtig am
Rande mitlaufen“, erklärt aber, dass das Gegenteil der Fall sei: „ – die
‚eigentliche‘ Hauptbotschaft wird oft implizit gesendet. Manche Sen-
der haben geradezu eine Meisterschaft darin entwickelt, ihre Aussage
durch implizite Botschaften an den Mann zu bringen, um sie notfalls
dementieren zu können (,das habe ich nicht gesagt‘)“ (Schulz von
Thun 2006, S. 33).

Eine andere Möglichkeit, eine Botschaft implizit zu vermitteln, sind


weitere nonverbale Kommunikationsanteile wie Mimik, Gestik oder
Körperhaltung. Im zweiten Fallbeispiel sagt die Stationsleitung zu
Elena: „Das ist fein. Wie wäre es, wenn du uns einmal ein kleines Re-
ferat darüber halten würdest?“ Würde sie sich dabei langsam zurück-
lehnen und die Hände verschränken oder zwischen den beiden Sät-
zen eine deutliche Pause machen und Elena von oben bis unten
mustern, wäre das eine klare, implizite, nichtsprachliche Botschaft.

Friedemann Schulz von Thun: Die Anatomie einer Nachricht 43


Wenn wir dieses Spiel weiter treiben und uns vor diesem Hintergrund
Inges Aussage am nächsten Tag („Die Schwester Elena validiert uns
jetzt bei Ihnen etwas vor, dass es nur so kracht, Sie werden sehen“,
sagt Inge und Susanne lacht) so vorstellen, dass Inge Elena dabei zu-
zwinkert, zeigt sich, dass die dargestellten Gesprächssituationen in
Abhängigkeit zu den impliziten Botschaften der einzelnen Nach-
richten ihre Gestalt vollkommen verändern können.

Friedemann Schulz von Thun spricht in diesem Zusammenhang von


qualifizierenden Botschaften (Schulz von Thun 2006, S. 33f):
„Über die Stimme, über Betonung und Aussprache, über begleitende
Mimik und Gestik werden teils eigenständige und teils ‚qualifizie-
rende‘ Botschaften vermittelt. Mit ‚qualifizierend‘ ist gemeint: Die Bot-
schaften geben Hinweise darauf, wie die sprachlichen Anteile der
Nachricht ‚gemeint‘ sind.“

Der Tonfall, die Betonung einzelner Worte oder die Mimik können also
quasi erklären, wie der „Sender“ das, was er sagt, meint – dann kön-
nen diese Botschaften als qualifizierend gelten.
Sie können aber auch für sich alleine stehen – ein Schulterzucken
etwa, das nicht im Zusammenhang mit einem verbalen Teil des
„Nachrichtenpaketes“ steht.

Von „rein nicht-sprachlichen Nachrichten“ wie etwa dem Weinen,


Schweigen (oder auch Schulterzucken etc.) sagt der Autor, dass das
Modell der verschiedenen Aspekte einer Nachricht auch auf sie ange-
wendet werden könne, wobei allerdings die Sachebene meist fehle
(Schulz von Thun 2006, S. 34).

Angenommen, Hans würde während Utes Unterricht ein Kreuzwort-


rätsel lösen und wüsste, dass dies gesehen wird. Damit würde er
kundtun, dass er sich langweilt und auf Beziehungsebene vielleicht
zum Ausdruck bringen, dass er Utes Bemühungen wenig Respekt
entgegenbringt. Auf Appellebene würde er seine gesamte Um-
gebung indirekt dazu auffordern, ihn nicht in ein Gespräch zu verwi-
ckeln.
Bislang haben wir uns lediglich mit den „Sendern“ von „Nachrichten-
paketen“ und deren komplexem Inhalt beschäftigt.

44 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Eigentlich ist es aber der Empfänger, der die Nachricht letztlich ent-
schlüsselt. Wie er das tut, soll Gegenstand der folgenden Überlegun-
gen sein.

Wie Nachrichten empfangen werden

Ute erzählt mir, dass Hans‘ Beitrag im Unterricht tatsächlich auch mit
Blick auf nichtsprachliche, implizite Botschaften neutral auf sie ge-
wirkt hat, er habe kein Wort besonders betont, sich ansonsten am
Unterricht beteiligt und insgesamt einen interessierten und aufmerk-
samen Eindruck gemacht. „Trotzdem“, sagt sie, „war ich sofort unsi-
cher und habe zu Hause nachgelesen, ob ich etwas Falsches gesagt
habe, und mich seitdem doppelt und dreifach gut vorbereitet“, die
Nervosität habe angehalten.

Auch Elena ist, wenn wir die Situation kurz analysieren, der Meinung,
dass ihre Kollegin Monika recht hat: „Die Stationsschwester war
freundlich, als sie das mit dem Referat vorgeschlagen hat, da war
auch an den Gesten nichts Besonderes, sie hat mich eher aufmun-
ternd angesehen.“
Was Susanne und Inge betrifft, sieht sie die Sache anders. Inge hat
Susanne einen kurzen Seitenblick zugeworfen, diese hat gelacht und
Elena fühlte sich ausgeschlossen und hat „bei den beiden ein ungu-
tes Gefühl, und zwar genau seit dieser Besprechung.“

„Kann sein“, sagt Anna zu mir, „dass die Zeisig gar nichts wollte, aber
im Grunde ist es schon so, dass es immer dieselbe Leier ist. Schwes-
ter hier, Schwester da, überall sollen wir schnell und freundlich und
professionell und was weiß ich sein. Das verstehe ich ja, aber irgend-
wann, vor allem nach zehn Stunden und das schon den dritten Tag
hintereinander, reicht es mir auch.“
Ich kann mir gut vorstellen, was Anna empfindet. „Und“, meint sie
schließlich, „es ist auch egal, ob sie jetzt wollte, dass ich die Fliege
verscheuche oder ob sie reden wollte, ich hätte weder für das Eine
noch für das Andere Zeit gehabt.“

Folgen wir nun weiter den Ausführungen Schulz von Thuns. Er


schreibt, dass jede Nachricht nicht nur vier Seiten habe, sondern

Friedemann Schulz von Thun: Die Anatomie einer Nachricht 45


auch noch auf vier Ohren empfangen werden könne. Der Empfän-
ger könne grundsätzlich auf jede der vier Seiten einer Nachricht rea-
gieren. Er könnte sich also, je nachdem, ob er auf die Sachinforma-
tions-, die Selbstoffenbarungs-, die Beziehungs- oder die Appellseite
einer Nachricht reagiert, etwa fragen:

„Wie ist der Sachverhalt zu verstehen?“


„Was ist das für ein Typ? Was ist mit ihm?“
„Wie redet er eigentlich mit mir? Wen glaubt er, vor sich zu haben?“
„Was soll ich tun, denken, fühlen aufgrund seiner Mitteilung?“ (Schulz
von Thun 2006, S. 45)

Gespräche nähmen, so der Autor weiter, je nachdem, auf welchem


der vier Ohren der Empfänger gerade vorrangig aufnimmt, einen ent-
sprechenden Verlauf. Er spricht vom

„Sach-Ohr“, vom
„Beziehungs-Ohr“, vom
„Selbstoffenbarungs-Ohr“ und vom
„Appell-Ohr“ (Schulz von Thun 2006, S. 44ff)

Anna hat eindeutig mit dem Appell-Ohr auf Frau Zeisigs Äußerung
reagiert. Egal, ob Frau Zeisig wegen der Fliege besorgt war, ein wenig
plaudern, die vielleicht angespannte Stimmung „entschärfen“ wollte
oder tatsächlich erwartet hat, dass Anna das Insekt entfernt: In jedem
Fall lässt Annas Reaktion („Tut mir leid, ich habe zu tun“) Frau Zeisig
wahlweise unzufrieden, peinlich berührt, beleidigt, gekränkt oder
aber mit dem Gefühl, falsch verstanden worden zu sein, zurück.

„Immerhin war ich höflich“, sagt Anna, als wir über die Situation spre-
chen, „ich habe sogar gesagt, dass es mir leidtut.“ Ich verstehe An-
nas Situation und Position. Sie hat allerdings durch das Verlassen
des Zimmers die – vordergründig – höfliche Nachricht qualifiziert und
zum Ausdruck gebracht, dass es ihr „reicht“, wobei Frau Zeisig das
durchaus auf sich beziehen könnte.
„Was hätte ich denn machen sollen?“, meint Anna, „schließlich ist sie
erwachsen und könnte auch sehen, dass ich seit sieben Uhr morgens
da war.“

46 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Was ist wirklich zu tun oder zu sagen, wenn der Zeitdruck groß ist,
noch andere Aufgaben zu erledigen sind und man als Pflegeperson
den Eindruck hat, das Anliegen eines Patienten könne warten? Was,
wenn man sich hin- und hergeschickt oder herablassend behandelt
fühlt, was wäre, wenn Frau Zeisig tatsächlich eine Art Machtspiel be-
treiben würde?

Ich überlege gemeinsam mit Anna, was Frau Zeisig weiter tun oder
empfinden könnte.
Angenommen, Frau Zeisig ist nun unzufrieden, weil tatsächlich Letz-
teres der Fall ist (auch wenn dies unwahrscheinlich ist). Wahrschein-
lich wird sie wieder läuten und entweder auf die Fliege Bezug nehmen
oder sich etwas anderes einfallen lassen, um Anna „in die Pflicht“ zu
nehmen.
Auch Anna glaubt nicht, dass es so war, wobei sie sagt: „Frau Zeisig
sicher nicht, aber es gibt schon Patienten, die so sind.“
Wäre es so gewesen, hätte Annas Verhalten sie aber wohl geradezu
provoziert, weiter zu machen, da Anna sich – unausgesprochen – auf
das ebenfalls unausgesprochene (also nicht direkt angesprochene)
Machtspiel eingelassen hätte.

Anna hätte z. B. (auf Sachebene) fragen können: „Wie kann ich Ihnen
helfen?“
Dann hätte Frau Zeisig (ebenfalls auf Sachebene) sagen müssen:
„Entfernen Sie die Fliege“ oder etwas Ähnliches.
Darauf wieder hätte Anna mit Fug und Recht antworten können, dass
dafür im Moment keine Zeit wäre und das nicht ihre erste und unmit-
telbarste Aufgabe sei – Anna hätte ihren kleinen Triumph gehabt und
Frau Zeisig würde es – vor dem Hintergrund der aktuellen Information
– auch schwerer gemacht, wegen Nebensächlichkeiten zu läuten.

In allen anderen Fällen, da sind uns Anna und ich schnell einig, lässt
sich die Sache auch in einer Weise lösen, durch die weniger Gefühle
der Kränkung, Beleidigung oder Unsicherheit zurückbleiben. Abhän-
gig davon, in welcher Beziehung sie zu Frau Zeisig steht oder mit wel-
chem Ohr sie hinhört, könnte Anna sagen: „Die Biester sind sogar bei
uns im Dienstzimmer, da ist mehr los“ und den kleinen Witz machen,
den Frau Zeisig sich vielleicht erhofft hat, oder: „Wirklich? Sehen Sie,

Friedemann Schulz von Thun: Die Anatomie einer Nachricht 47


das ist mir gar nicht aufgefallen.“ Oder sie könnte einfach auf Selbst-
offenbarungs- bzw. auf Beziehungsebene antworten: „Ach, Frau Zei-
sig, ich habe so viel zu tun, da sehe ich das gar nicht. Aber wenn
man den ganzen Tag liegt, ist das anders, stimmt’s?“
Und je nachdem, wie Frau Zeisig reagieren würde, könnte Anna klar
Stellung beziehen und sagen, dass sie selbst schon müde sei, mor-
gen wieder da sein werde und dann mehr Zeit zum Plaudern habe
oder ihr aber erklären, dass die Fliege in der aktuellen Situation nicht
gefährlich sei.

Elena ist zunächst nicht sicher, ob sie die Aufforderung der Stations-
schwester mit dem Appell-, dem Beziehungs- oder dem Selbstoffen-
barungsohr „gehört“ hat. Das kleine Referat ist ihr aber kein Problem
mehr, das Verhalten der Kolleginnen Inge und Susanne hingegen be-
lastet sie.
Es liegt auf der Hand, dass die beiden vorrangig das Beziehungs- und
das Selbstoffenbarungsohr „eingeschaltet“ hatten.
Die Botschaften, die bei ihnen angekommen sind, lauten: „Ich kann
etwas, das du nicht kannst“, vielleicht sogar: „Ich bin euch eine Kon-
kurrenz“ oder: „Euch zeig‘ ich schon, wie’s geht.“

„Das ist mir nur so rausgerutscht“, sagt Elena zu mir. Ich kann daran
nichts Falsches finden, zwar war ich auf dieser Besprechung nicht an-
wesend, kann mir aber, so wie Elena berichtet, durchaus vorstellen,
was geschehen ist. Sie hat lediglich (und wohl auch völlig neutral) mit-
geteilt, dass sie ausgebildete Validationsanwenderin ist, als zur Spra-
che kam, dass man es im Pflegeteam mehr und mehr mit alten und
demenziell erkrankten Patienten zu tun bekommt. Es stellt sich später
heraus, dass Elena für die Vorbereitung des Referates zwei Stunden
Dienstzeit angerechnet bekommt.
In Pflegeberufen werden die unterschiedlichen Tätigkeiten traditionell
hierarchisiert, wobei „patientenfernes“ Tun in der Regel höher bewer-
tet wird als die direkte pflegerische Arbeit.
Was sich auch herausstellt, ist, dass Inge, mit der ich auch ins Ge-
spräch komme, einerseits „nichts vom ‚Schwafeln‘ hält“, andererseits
aber die Ausbildung zur Validationsanwenderin begonnen hat. Diese
musste sie jedoch abbrechen, da sie die Mehrfachbelastung als al-
leinerziehende Mutter nicht bewältigen konnte.

48 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Tatsache bleibt, dass Elena auf Sachebene „gesendet“ und zumindest
Inge auf Beziehungsebene bzw. mit dem „Beziehungs-Ohr“ „empfan-
gen“ hat.
Bliebe Elena nun auf Sachebene (und würde sie Inge in der Situation
erklären, warum sie Frau Gruber unter den gegebenen Umständen
nicht validieren kann), würde das Problem nicht gelöst, sondern sich
wohl nur weiter verschleppen.
Langfristig scheint es in dieser Situation sinnvoll, zur Metakommuni-
kation (also zur Kommunikation über Kommunikation) zu wechseln,
die im Kapitel II.6 besprochen wird.

Hans hat Ute auf Sachebene angesprochen, worin sie auch selbst
sicher ist. Ute hat ebenfalls auf Sachebene geantwortet, und doch ist
für sie etwas offen geblieben: Ute fühlt sich trotzdem auf Beziehungs-
ebene („Ich sitze hier vor jemandem als Schüler, dem ich in Psycholo-
gie überlegen bin“) und auf Selbstoffenbarungsebene („Ich weiß mehr
als du“) angesprochen und ist demnach auch in Zukunft auf diesen
beiden „Ohren“ höchst empfindlich, quasi in Daueralarmbereitschaft.
Ute hätte, wie auch Elena, in der Gesprächssituation nichts anders
machen können und doch liegen die Dinge anders als in der Interak-
tion zwischen Elena und Inge: Die Kommunikation verläuft auf je glei-
cher Ebene, Hans verhält sich korrekt und hilfsbereit, Ute wiederum
bemüht sich, seinen Ansprüchen und ihren eigenen gerecht zu wer-
den.

Sie hat nun zwei Möglichkeiten. Sie kann Hans auf Selbstoffenba-
rungsebene etwas über sich kundtun: Sie könnte beispielweise sa-
gen: „Sehen Sie, Herr F., Sie sind ausgebildeter Psychologe, ich selbst
unterrichte aus diesem Fach nur indirekt und soweit es für die Belange
der Gesundheitsförderung und Pflege notwendig ist und stehe noch
am Beginn meiner Lehrtätigkeit. Ich greife dabei einerseits auf meine
persönlichen Erfahrungen, andererseits auf die Theorie zurück, wobei
ich oft den Eindruck habe, dass Sie in vielem genauer Bescheid wis-
sen als ich.“
Wie ich Hans einschätze, wäre das kein Problem. Ich kann mir im Ge-
genteil vorstellen, dass er abwinken und Ute wahrscheinlich versi-
chern würde, dass ihr Unterricht gut und interessant sei.

Friedemann Schulz von Thun: Die Anatomie einer Nachricht 49


Die zweite Möglichkeit die Ute hat, ist, Hans einfach ins Unterrichts-
geschehen einzubeziehen und ihm beispielsweise anzubieten, auf
Grundlage seines Studiums und Detailwissens ein Referat über Berta
Pappenheim und die Anfänge der Psychoanalyse zu halten. Ich rate
ihr, ihm dabei unbedingt ihr eigenes Interesse am Thema zu vermit-
teln.
Ute, die ja die eigentliche Expertin für die Situation ist, hat sich, wie
sie mir erzählt, „aufgrund eines Bauchgefühls“ für Variante zwei ent-
schieden.
„Meine Bedenken sind so gut wie weg“, sagt sie in einer der nächsten
Weiterbildungsveranstaltungen, „Hans hat das Referat gehalten, aber
vor allem habe ich das Gefühl, dass er jetzt besonders freundlich ist.
Irgendetwas hat sich aufgelöst.“

Pflegende und die vier Seiten einer Nachricht

Ich denke, dass Friedemann Schulz von Thuns Modell gerade Pfle-
genden etwas zu sagen hat.

Einerseits haben sie ihr Tun der Orientierung an den Bedürfnissen der
Klienten verschrieben,
andererseits ist ihnen an einer genauen Beobachtung gelegen, sie
wollen und dürfen unter keinen Umständen Sachinhalte, also Tat-
sachen und Informationen, übersehen oder überhören.
Weiters arbeiten sie unter Bedingungen hoher und vielfältiger Belas-
tung,
haben kaum bis wenig Rückzugsmöglichkeiten und kommunizieren
vielfach „nebenher“ und
schließlich gibt es auch noch ihre eigenen Bedürfnisse.

Das kann dazu führen, dass Pflegepersonen sich zwar zum Ziel set-
zen, ständig auf allen vier Ebenen zu empfangen, sich selbst zugleich
aber nur (mehr) gestatten, auf Sach- oder Appellebene zu senden.
Klienten wiederum senden oft vorrangiger- und verständlicherweise
auf der Selbstoffenbarungs- und der Beziehungsebene und haben um-
gekehrt (was ebenfalls nachvollziehbar ist) wenig „Ohr“ für die Selbst-
offenbarung der Pflegenden selbst.

50 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Denkt man nun daran, dass der Beziehungsaspekt häufig den Inhalts-
aspekt dominiert (vgl. Kap. I.1.2), so scheint es verständlich, dass es
gerade im Rahmen der Pflege häufig zu schwer aufzulösenden Miss-
verständnissen kommt. Denn hier wird einerseits mit bestimmten
Schwerpunkten gesendet und empfangen und andererseits fehlen
oft Zeit, Raum, Muße und häufig (auf beiden Seiten) die Gelassenheit,
den Wechsel der verschiedenen Ebenen zu reflektieren.

Auch sind Klienten oft gar nicht in der Lage, sich sprachlich oder auf
Sachebene zu äußern (man denke an komatöse, im Bewusstsein ein-
geschränkte, mangelhaft oder gar nicht orientierte Menschen, vgl.
Kap. III) und schließlich kommen oft noch kulturbedingte Probleme
hinzu, da Kommunikation nicht überall auf die gleiche Weise verstan-
den wird (vgl. Kap. IV).

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen scheint es unumgänglich,


Lösungswege zu suchen, sich vor allem aber bewusst zu machen,
dass Kommunikation keine „runde“ Sache ist und sie oft nur den Um-
ständen entsprechend, unter denen sie stattfindet, gelingen kann.

Für die Praxis:


· Die Elemente jeder Kommunikation sind: Sender, Nachricht und
Empfänger.
· Nachrichten haben vier Aspekte (vier Seiten) und können auf
Ebene des Sachinhaltes, der Selbstoffenbarung, der Beziehung
und des Appells gesendet werden.
· Nachrichten sind im Grunde Pakete aus mehreren Botschaften.
· Botschaften können explizit oder implizit ausgedrückt werden.
Das bedeutet, dass sie klar formuliert sein oder aber auf anderen
Kanälen mitgesendet werden können.
· Dafür wieder kommen neben sprachlichen auch nichtsprachliche
Kanäle wie Tonfall, Betonung einzelner Worte, Mimik, Gestik oder
insgesamt die Körperhaltung in Frage.
· Nichtsprachliche Nachrichten können auch als Nachricht für sich
stehen, wobei ihnen meist die Sachebene fehlt. Weiters gibt es
die Selbstoffenbarungs-, Beziehungs- oder die Appellebene (bei-
spielsweise beim Weinen).

Friedemann Schulz von Thun: Die Anatomie einer Nachricht 51


· Nicht nur der „Sender“ sendet, sondern auch der „Empfänger“
empfängt auf mehreren Kanälen.
· Die Kombinationen zwischen der Ebene, auf der gesendet und
der, auf der empfangen wird, bestimmt maßgeblich den Verlauf
der weiteren Kommunikation.
· Wird auf einer anderen Ebene „empfangen“ als „gesendet“ (da
ein Empfänger vielleicht überhaupt vorrangig auf einer dieser
Ebenen empfängt), kann es zu Missverständnissen, Missstim-
mungen und Ärger kommen.
· Das Modell Schulz von Thuns ist in gewisser Weise praxistaug-
licher als das Watzlawicks, da man sich, sobald es zu Kommuni-
kationsproblemen kommt, an den vier Seiten einer Nachricht
orientieren und überlegen kann, was ihr Inhalt, ihre Beziehungs-
botschaft, ihr Appell ist oder was der Sender damit über sich
selbst aussagt. In der Folge kann darüber nachgedacht werden,
mit welchem „Ohr“ man selbst „hingehört“ hat. Das ermöglicht
einen raschen Wechsel von Perspektiven.

52 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


3. Florence Nightingale über
Kommunikation in der Pflege

Für dieses Kapitel verlasse ich den formalen Rahmen, den ich einge-
führt habe. Anstatt des Beispiels aus der Praxis möchte ich jeweils
Zitate aus Florence Nightingales Werk „Notes on Nursing“ („Bemer-
kungen zur Krankenpflege“), das 1860 entstanden ist und nun in der
neuen Übersetzung von Christoph Schweikardt und Susanne
Schulze-Jaschok vorliegt, meinen Überlegungen voranstellen.
Florence Nightingale, die als Pionierin der Krankenpflege gilt, wusste
offenbar genau um den Stellenwert der Kommunikation im Zusam-
menhang mit pflegerischem Tun. Manches von dem, was sie be-
schreibt, lässt sich quasi eins zu eins mit heutigen Kommunikations-
theorien übersetzen. Sie spricht, wenn sie es auch nicht so benennt,
von Kongruenz, Echtheit, nennt explizit den Begriff der Suggestiv-
frage, betont die Wichtigkeit klarer Sachaussagen und verurteilt das,
was sie „gekünsteltes Verhalten“ nennt.
Im ersten Kapitel möchte ich vorstellen, was Florence Nightingale
über Geräusche und (kommunikative) Erwartungen von Patienten
sagt.

3.1 „Flüstern im Zimmer“


(Geräusche und Erwartungen)
Florence Nightingale über Geräusche und Erwartungen

Geräusche, die eine Erwartung schüren


„Ich war oft erstaunt über die Gedankenlosigkeit (die völlig unbeab-
sichtigt zur Grausamkeit wird), wenn ein Freund oder Arzt ein langes
Gespräch im Zimmer oder Gang neben dem Krankenzimmer führt.
Der Patient erwartet nämlich entweder, dass sie jeden Augenblick he-
reinkommen, oder sie waren gerade bei ihm, und er weiß, dass sie
nun über ihn sprechen. Ist er ein liebenswürdiger Kranker, so wird er
versuchen, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten und

Florence Nightingale über Kommunikation in der Pflege 53


nicht zu lauschen – aber dies macht die Sache nur noch schlimmer,
denn seine Aufmerksamkeit wird so stark beansprucht und die An-
strengung dabei ist so groß, daß man froh sein kann, wenn es ihm da-
nach nicht stundenlang schlechter geht“ (Nightingale 2005, S. 79f).

Flüstern im Zimmer
„Findet ein geflüstertes Gespräch gar im selben Zimmer statt, so ist
das vollends grausam. Es läßt sich nämlich nicht umgehen, daß der
Patient seine Aufmerksamkeit unwillkürlich aufs Zuhören richtet und
dadurch belastet wird. Auf Zehenspitzen zu gehen und dabei sehr
langsam etwas im Zimmer zu tun, ist aus genau denselben Gründen
verletzend. Ein fester, leichter, schneller Schritt, eine sichere, rasche
Hand sind erforderlich, nicht der langsame, zögerliche, schlurfende
Fuß, die furchtsame, unsicherere Berührung“ (Nightingale 2005, S. 80).

„Ich brauche folgendes wohl kaum hinzuzufügen: Die andere übliche


Vorgehensweise, nämlich die eines Arztes oder Freundes, den Patien-
ten zu verlassen und danach seine Meinung über das Ergebnis seines
Besuches genau vor der Tür des Patienten oder im Nebenraum mitzu-
teilen – aber in Hörweite oder mit Wissen des Patienten – ist mög-
licherweise von allen die schlimmste“ (Nightingale 2005, S. 81).

(Beziehungs-)Botschaften, nonverbale oder


analoge Kommunikation und Interpretationen

Die Begriffe, die ich in dieser Zwischenüberschrift anführe, gab es


1860 noch nicht – trotzdem sind sie in Nightingales Ausführungen
Thema.
Längere Gespräche nämlich, die neben dem Patienten geführt wer-
den, ohne dass er ihnen genau folgen kann, machen ihn neugierig,
ängstigen ihn vielleicht – weiß er doch nicht, ob und wie seine Krank-
heit oder sein Verhalten besprochen werden.
Spontan fallen mir dazu die manchmal unglücklichen Bedingungen
ein, unter denen Visiten, bei denen ja sowohl Ärzte als auch Pflegende
zugegen sind, stattfinden.
Sie werfen einander Blicke zu, verwenden in der Kommunikation un-
tereinander Abkürzungen („Gastro schon da?“, „Gerinnung ok?“, „i.v.
läuft weiter“), während der Patient oft verzweifelt versucht, was er

54 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


hört und sieht, zu deuten. Er kann dabei, wie im Kapitel I 2. ausge-
führt, Sach-, Beziehungs- und Appellseite einer Nachricht verwech-
seln, überhaupt: Botschaften und Nachrichten „empfangen“, wo (an
ihn) gar keine gesendet wurden.

Florence Nightingale pflegte verwundete Soldaten. Wir haben es


heute mit einer anderen Klientel zu tun – doch egal, ob es sich um
einen jungen Patienten nach einer Appendektomie oder eine demen-
ziell erkrankte Bewohnerin eines Pflegeheims handelt – niemand fühlt
sich gern „besprochen“ und vom Gespräch ausgeschlossen.
Wie Nightingale weiter ausführt, kann der Betroffene versuchen, das
Unangenehme an der Situation auszublenden. Mit großer Wahr-
scheinlichkeit wird sein Ansinnen aber sein, sich einen Reim auf das
Geschehen bzw. den Inhalt des Gesprächs zu machen. Nun mag
man einwerfen, dass die Ärzte wie auch Pflegenden bei der Visite ar-
beiten und es unter Bedingungen des Zeitdrucks, der Kommunikation
im Mehrbettzimmer und in Gruppen ums Bett stehend oft schlicht un-
vermeidbar ist, dass der direkte Kontakt zum Patienten abreißt –
schließlich muss man sich auch untereinander verständigen.
Bei Visiten und Besprechungen, die neben dem Patienten stattfinden,
treffen zwei Dinge aufeinander: Einerseits kann der Patient dazu nei-
gen, alles, was er sieht und hört, auf sich selbst zu beziehen, falsch-
oder überzuinterpretieren und letztlich mehr Angst zu haben, anstatt
aufgeklärt worden zu sein. Andererseits mögen gerade Pflegende
und Ärzte ihrerseits wieder Angst vor „grundlos“ erregten und aufge-
brachten oder „dauerfragenden“ Patienten bzw. deren Angehörigen
haben, was genau zu jener Spirale gegenseitigen Missverstehens (in
der Folge zu Flucht) und beidseitiger Verstärkung des „problemati-
schen“ Verhaltens führen kann, das in diesem Buch mehrmals Thema
ist (etwa in Kapitel I 1.3 oder II 1).

Ich vergleiche im Unterricht und in Vorträgen das Verhalten von Pa-


tienten gerne mit jenem flugängstlicher Menschen; Letztere können
ja ebenso dazu neigen, ununterbrochen aus Mimik und Gestik der
Crew oder der anderen Passagiere etwas ablesen zu wollen.
Was hilft, sind Aufklärung und Information, häufig auch Humor. Sind
Stewardess oder Steward – aus welchen Gründen auch immer – nicht
greifbar, verstärken sich die Unsicherheiten dieser Fluggäste in der

Florence Nightingale über Kommunikation in der Pflege 55


Regel – womit sich der Kreis zurück zur Situation der Patienten, von
denen Florence Nightingale spricht, schließt: Sie sind genau in dem
Ausmaß besorgter, in dem sie sich sowohl auf inhaltlicher als auch
auf Beziehungsebene von der Kommunikation ausgeschlossen füh-
len. Und sie können auch dazu neigen, unsichere Berührungen, leise
oder schlurfende Schritte zu interpretieren und dadurch (weiter) ge-
ängstigt zu werden. Soll nun jeder Schritt, jede Geste und jedes Wort
auf die Goldwaage gelegt werden? Ich verneine entschieden und ver-
suche im Folgenden eine andere Antwort zu geben.

Die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren

Ich denke, was wir aus Florence Nightingales Texten mitnehmen kön-
nen, ist Folgendes: Unter bestimmten Bedingungen müssen jede Art
von Flucht und jeder Versuch, nicht (direkt) mit dem Patienten zu kom-
munizieren, zwangsläufig und sogar doppelt scheitern.

Unter „bestimmten Bedingungen“ verstehe ich besonders ängstliche


Patienten oder solche, die sich bezüglich ihrer Situation im Unklaren
fühlen.
Nun ist es schon grundsätzlich nicht möglich, nicht zu kommunizieren
(vgl. Kap. I 1.1), da wir immer Botschaften aussenden, uns immer in
irgendeiner Weise verhalten.
Versuchen wir nun bewusst, uns einem direkten Gespräch mit dem
Patienten zu entziehen, indem wir im Beisein des Betroffenen mit Kol-
legen oder Angehörigen bzw. Angehörigen anderer Berufsgruppen
sprechen, oder versuchen, Blicken auszuweichen, müssen wir damit
rechnen, dass unsere Botschaften (womöglich völlig falsch) interpre-
tiert werden. Das gilt besonders für nonverbale, analoge Kommunika-
tion (vgl. Kap. I 1.4). „Flüchten“ wir nämlich, ist damit zu rechnen,
dass sich die Unsicherheit des Gegenübers (und eventuell seine Ver-
suche, uns doch zu „greifen“) verstärkt, vielleicht werden auch „ver-
steckte“ Botschaften gesendet (vgl. Kap. III 2).

Es gibt nun zwei Dinge, die wir tun können. Zum einen gilt es, bei sehr
unsicheren Klienten zu versuchen, besonders missverständliches Ver-
halten (Tuscheln, Flüstern, „Fachgespräche“ neben und nicht mit ihm)
zu vermeiden.

56 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Zum anderen macht es Sinn, auf ängstliche Klienten zuzugehen und
ganz klar zu fragen, was sie verunsichert. Häufig stößt man dabei auf
eine ganze Reihe von Interpretationen, die wirklich überraschen kön-
nen.
Der Umstand, dass ich etwa eine Gruppe von Schülern das Bett eines
Patienten richten ließ und es bei einem anderen selbst machte, veran-
lasste Letzteren beispielsweise zur der Vermutung, bei ihm sei „etwas
nicht in Ordnung“ und er habe „eine ansteckende Krankheit“. Derlei
Missverständnisse lassen sich – auch durch das aufmerksamste Vor-
gehen – nicht völlig vermeiden. Es gilt lediglich, sie zeitgerecht aufzu-
klären, in diesem Fall genügte ein einziger Satz. Meine Überraschung
erheiterte den Patienten dann übrigens selbst.

3.2 „Wie man ungenaue Informationen bekommt“


(Informationen geben und bekommen)
Florence Nightingale über die Wichtigkeit
klarer Informationen, über Suggestivfragen und Humor

Entschiedenheit
„Bei Kranken sind vor allem Kürze und Entschiedenheit nötig. Sorgt
dafür, dass Ihr Eure Gedanken ihnen gegenüber kurz und entschieden
ausdrückt. Welche Zweifel und Bedenken Ihr auch habt, dürft Ihr
ihnen gegenüber nie äußern, nicht einmal Kleinigkeiten (insbesondere
dann nicht, würde ich meinen). Behaltet Euren Zweifel für Euch, Eure
Entscheidungen dagegen tut ihnen kund. Bei Leuten, die laut denken,
zeigt sich der ganze Gedankengang wie bei Homer unmittelbar bei
seiner Entstehung. Sie teilen alles mit, was sie zu einer bestimmten
Schlußfolgerung geführt und von ihr weggeführt hat. Solche Leute
sollten nie mit Kranken zu tun haben“ (Nightingale 2005, S. 91).

Unschlüssigkeit
„Wenn Ihr dem Patienten zu einer bestimmten Stunde eine Luftverän-
derung an einem gewissen Ort vorschlagt, in der nächsten Stunde
aber einen anderen Ort, so hat er sich doch in jedem Fall sofort be-
reits eine Vorstellung davon gemacht, Bewohner des einen Ortes zu

Florence Nightingale über Kommunikation in der Pflege 57


sein. Er ist in Gedanken über das ganz Anwesen gegangen, und Ihr
habt ihn dadurch, dass Ihr seine Vorstellungen durch eine andere ver-
drängt, so ermüdet, als ob Ihr ihn tatsächlich über beide Orte geführt
hättet“ (Nightingale 2005, S. 92).

Suggestivfragen
„Mit Fragen, wie man sie jetzt (aber in zu allgemeiner Form) an Patien-
ten oder über sie stellt, würde man überhaupt keine Information über
sie bekommen, selbst wenn die befragte Person jede Information
geben könnte. Eine solche Frage wird im Allgemeinen als Suggestiv-
frage gestellt, und das besondere Merkmal dabei ist: Die Leute den-
ken nie daran, wie die Antwort auf die Frage lauten muß, bevor sie
sie stellen. Ein Beispiel: „Hatte er eine gute Nacht?“ (. . .) Tatsächlich
erhielt man die gleiche Antwort bei zwei Patienten – einem, der fünf
Mal 24 Stunden völlig ohne Schlaf verbrachte und daran verstarb,
und einem anderen, der einmal nicht wie in einer normalen Nacht
durchgeschlafen hatte. Warum kann man nicht die Frage stellen: Wie
viele Stunden hat . . . geschlafen?“ (Nightingale 2005, S. 162f), und an
anderer Stelle: „Suggestivfragen führen immer zu ungenauer Informa-
tion“ (Nightingale 2005, S. 164).

Zum Thema „Eigenheiten“ von Patienten


empfiehlt Florence Nightingale im Zusammenhang
mit der Hilfestellung beim Essen Folgendes:
„Das Öffnen des Fensters wird den einen Patienten dazu befähigen,
seine Kost zu sich zu nehmen, das Waschen seines Gesichts und der
Hände einen anderen, (. . .); ein vierter, der ein niedergeschlagener
Selbstmörder ist, benötigt ein wenig Aufheiterung, um ihn in Essens-
stimmung zu versetzen. Die Krankenschwester muntert ihn auf, indem
sie Abwechslung in seine Ideen bringt“ (Nightingale 2005, S. 175).

Soft skills und Informationsmanagement


bei Florence Nightingale

Schon was den ersten Teil des Zitats betrifft, decken sich die Vorstel-
lungen Nightingales mit dem, was heute im Grunde genommen für
alle Disziplinen der Pflege gilt. Man bemüht sich um Informationsma-
nagement – genauer: Verständlichkeit, Klarheit und Eindeutigkeit,

58 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


was besonders auch im Rahmen einzelner Handlungsaufforderungen
oder Fragen als wichtig gilt. Für die Kommunikation mit demenziell er-
krankten Menschen gehört es zum Standardprogramm, dass nicht
mehrere Fragen gleichzeitig gestellt werden dürfen, da man zusätzli-
che Missverständnisse vermeiden will.

Selbstverständlich ist das „laute Denken“, von dem im obigen Zitat die
Rede ist, zu einem Teil eine ganz individuelle Gewohnheit. Anderer-
seits aber sorgt diese im Rahmen der Pflege und in der Kommunika-
tion mit alten, desorientierten oder mangelhaft orientierten, unsicheren
oder ängstlichen Klienten und im Zusammenhang mit Fremdsprach-
lichkeit für besondere Schwierigkeiten. Patienten mit geringer Compli-
ance und/oder herabgesetzten kognitiven Fähigkeiten können auf die
laut ausgesprochenen „Gedankengänge“, von denen bei Nightingale
die Rede ist, tatsächlich mit Rückzug oder unter Umständen aggressiv
reagieren. Vor allem dann, wenn Pflegende in recht kurzer Zeit viel
sprechen, lässt sich in der Praxis beobachten, dass demenziell er-
krankte Klienten diese Kommunikationsweise verärgert lautmalerisch
nachahmen („tä-tä-tä-tä-tääää“), da es sie verunsichert, dass sie ihr
nicht (mehr) folgen können.

Ich halte diesen Teil des Werks für besonders interessant – beschäf-
tigt sich die „Pionierin der Krankenpflege“ darin doch mit etwas (dem
„lauten“ Denken), das vielfach wohl unbewusst geschieht. Wir bemü-
hen uns im Rahmen der Pflege um Verständlichkeit (vgl. Kap. I 4) und
Sachlichkeit, wollen – gerade im Rahmen der Dokumentation – wert-
frei arbeiten und nicht zu viel interpretieren.
Heute spricht man von „soft-skills“ (weiche Fähigkeit, Fertigkeit) und
„kommunikativer Kompetenz“ – Florence Nightingale beschreibt
1860 bestimmte Probleme mit anderen (eindringlichen und eingängi-
gen) Worten – und ich möchte betonen, dass sie meines Erachtens
manches, das sich ansonsten schwer fassen lässt, sehr genau auf
den Punkt bringt.
Begleitet jemand nämlich alles, was er tut, mit Kommentaren, korri-
giert sich selbst laufend und merkt es vielleicht noch nicht einmal, ver-
hindert das – je nach Klient der Pflege – gelingende Verständigung.
Die Antizipation (die geistige Vorwegnahme, die Vorstellung) eines
Spaziergangs nach A, der dann aber doch nach B führt, kann für Klien-

Florence Nightingale über Kommunikation in der Pflege 59


ten der Pflege anstrengend sein. Mehrere Aufforderungen zugleich
können widersprüchliche Botschaften enthalten und einen (abhängi-
gen) Gesprächspartner ins Double-Bind treiben (vgl. Kap. II 2).

Pflegende, die in der Lehre tätig sind, werden mich wohl darin bestäti-
gen, dass „lautes Nachdenken“ durch die Lehrperson (was gerade
„Neulingen“ häufig einfach passiert) problematisch ist. Der Auftrag:
„Lesen Sie von Seite 20 bis Seite 35, nein, Entschuldigung, bis
Seite 45, machen Sie sich dazu Gedanken und halten Sie das Wich-
tigste fest, das heißt – . . .“ etc. enthält mehrere Aufforderungen zu-
gleich und, wie Florence Nightingale sagt, einen „Zweifel“. Die Mög-
lichkeit, dass sich Unruhe ausbreitet, ist gegeben.
Würde es sich um eine Aufgabe handeln, die im Zusammenhang mit
einer zu benotenden Leistungsüberprüfung (Test, Abschlussarbeit)
steht, ist dies nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich – es
geht für die Auszubildenden schließlich um etwas Wichtiges.
Man kann in so einem Fall vor allem eines tun, nämlich von vorne be-
ginnen und die Doppeldeutigkeiten und Fragen durch eine eindeutige
Klarstellung ausräumen. Das kann durchaus humorvoll geschehen –
wichtig ist, dass es stattfindet.

Selbstverständlich trifft das Gesagte auf die direkte Pflege von Klien-
ten stärker zu als aufs Unterrichtsgeschehen – der Mechanismus aber
ist derselbe.
Man kann zunächst nur versuchen, sich „lautes Nachdenken“ be-
wusst zu machen – das allein steigert die Chance, dass es irgend-
wann unterbleibt.
Geschieht es trotzdem oder kommt es zu „Programmänderungen“
(z. B.: kein Bad heute, es findet dafür morgen statt), empfiehlt es sich,
sie so deutlich wie klar anzusprechen. Manches muss dabei schlicht
mehrfach erklärt werden.

Was die Suggestivfragen angeht, habe ich Nightingale in dieser Sa-


che hauptsächlich zitiert, um zu zeigen, wie differenziert sie ihre Ge-
danken zum, wenn man so will, Informationsmanagement schon
1860 verschriftlicht hat. Ungenaue Informationen bekommt man dem-
nach, wenn die Fragen suggestiv gehalten sind – wenn also die Ant-
wort schon mehr oder weniger darin vorgegeben scheint („Hatte er

60 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


eine gute Nacht?“). Ähnlich verhält es sich natürlich mit Fragen wie
„Die Schmerzen sind schon besser, oder?“ bzw. „Es geht Ihnen doch
schon besser, nicht?“

Besonders was die Frage nach der „guten“ Nacht betrifft, möchte ich
eine Passage aus dem Ergebnis einer pflegewissenschaftlichen Stu-
die zitieren: „Außerdem ist der rituelle Aspekt der allgemeinen Be-
findensfrage aufzudecken, da Patienten auf diese Frage häufig in all-
tagsweltlicher Manier antworten und sich nicht zu ihrem tatsächlichen
Befinden äußern“ (Weinhold 1997, S. 194).

Ich setze beides zueinander in Beziehung, da man die Frage: „Hatte


er eine gute Nacht?“ heute wohl mit „Haben Sie gut geschlafen?“
übersetzen könnte und mit der „Befindlichkeitsfrage“, die Weinhold
anspricht, eine Formulierung wie etwa „Wie geht’s?“ (Weinhold 1997,
S. 193) gemeint ist. Beides enthält einen „rituellen“ Aspekt. Die Frage
nach dem Befinden („Wie geht’s?) ist im Alltagsverständnis zum Teil
zur Grußformel geworden (vgl. dazu auch Bodenheimer 2004,
S. 271f), die Frage „Haben Sie gut geschlafen?“ ist ihrerseits einem
Morgengruß vergleichbar.
Wenn es in der Pflege ausdrücklich um das Befinden geht, muss
trotzdem darauf geachtet werden, dass nicht, wie Weinhold es nennt,
„in alltagsweltlicher Manier“ geantwortet, sondern sich auch wirklich
zu allfälligen Beschwerden geäußert wird. Haben Pflegende diesen
Verdacht, empfiehlt es sich, anders oder genauer zu fragen und die
Aufmerksamkeit des Befragten auf das eigentliche Thema des Inte-
resses zu lenken, etwa: „Haben Sie noch Angst vor der Operation?“
oder „Haben Sie (noch) Schmerzen?“

Auch was ihre Haltung gegenüber dem Humor in der Pflege (vgl.
Kap. V 1.2) betrifft, ist Florence Nightingale quasi topaktuell: Wo Irene
Bischofberger einen „Standard für Humor und Lachen in der Pflege“
entwickelt hat (Bischofberger 2002, S. 255ff), traut sich die Pflegepio-
nierin schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts weit nach vorn und
empfiehlt sogar, einen – möglicherweise – depressiv verstimmten, sui-
zidalen Patienten (den „niedergeschlagenen Selbstmörder“) „aufzu-
heitern.“

Florence Nightingale über Kommunikation in der Pflege 61


Dass auch die pflegetheoretischen Reflexionen Nightingales nicht ge-
rade trocken zu lesen sind, soll folgende kurze Passage zeigen, in der
sie darüber nachdenkt, „warum es (Anm.: in „Privatfamilien“) so wenig
gute Krankenschwestern gibt“:
„Die Absicht, die Leute damit verfolgen, eine Krankenschwester zu
haben, ist nicht, dass sie pflegen soll – sie wissen nicht, was ‚Kran-
kenpflege‘ ist –, sondern sie wollen ein Arbeitstier. Das ‚Treppauf-
Treppab-Rennen‘ und das ‚Sitzen am Krankenbett‘ verlangt man in
der Tat gnadenlos dem armen Einzelwesen, genannt Krankenschwes-
ter, ab. Ich sollte sie Fahrstuhl nennen.“ (Nightingale 2005, S. 76).

3.3 „Gekünsteltes Verhalten“


(Mit Patienten sprechen)
Florence Nightingale über „gekünsteltes Verhalten“,
„schwatzhaft ausgesprochene Hoffnungen“ und „das
Schauerbad einfältiger Hoffnungen und Ermutigungen“

„Gekünsteltes Verhalten ist wie Flüstern oder Gehen auf Zehenspit-


zen besonders unangenehm für Kranke. Eine gekünstelt wirkende ru-
hige Stimme, eine gekünstelt wirkende mitfühlende Stimme, wie die
eines Bestatters bei einem Begräbnis, führt dazu, dass ihre Nerven
zum Zerreißen gespannt sind. Ratschläge, wie ich sie gegeben habe,
stiften mehr Unheil, als dass die nützen, wenn sie nur dazu führen,
dass die Menschen gekünstelt so tun, als ob sie gefasst und ruhig
seien, wenn sie bei den Kranken sind. Da ist es fast besser, wenn
man seinen gewohnten Lärm macht“ (Nightingale 2005, S. 81).

„Es mag scheinen, dass ‚Schwatzhaft ausgesprochene Hoffnungen‘


eine seltsame Überschrift sei. Aber ich glaube wirklich, es gibt kaum
eine größere Sorge die Kranke zu ertragen haben, als die unheilbaren
Hoffnungen ihrer Freunde. Es gibt keine einzige Gewohnheit, gegen
die ich mich mit mehr Nachdruck lang und breit aussprechen könnte
– und zwar aufgrund tatsächlicher persönlicher Erfahrung (. . .). Ich
möchte alle Freunde, Besucher und Betreuer von Kranken ganz drin-
gend auffordern, von diesem häufig unternommenen Versuch abzu-

62 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


lassen, den Kranken ‚aufzuheitern‘, indem man ihre Gefährdung ge-
ring nennt und die Wahrscheinlichkeit ihrer Genesung übertreibt“
(Nightingale 2005, S. 150); und an anderer Stelle:

„Wenn (. . .) der Patient nichts sagt außer dem Shakespeareschen


‚Oh!‘, ‚Ah!‘, ‚Jawohl!‘ und ‚Fürwahr!‘, um der Unterhaltung über sich
schneller zu entkommen, bedrückt ihn der Mangel an Anteilnahme.
Er fühlt sich einsam inmitten der Freunde. Er spürt, wie gut es ihm
tun würde, wenn eine einzige Person da wäre, zu der er einfach und
offen sprechen könnte, ohne dass er dieses Schauerbad einfältiger
Hoffnungen und Ermutigungen auf sich lenken würde“ (Nightingale
2005, S. 152).

In den hier wiedergegebenen Textpassagen verurteilt Florence Nigh-


tingale das, was sie „gekünsteltes Verhalten“ nennt – und trifft auch
damit einen Anspruch moderner Kommunikations- und Interaktions-
theorie.
Was Kommunikation in der Pflege angeht, orientiert man sich heute
gerne an den Begriffen der Kongruenz (vgl. Kap. I 4.4), aber auch der
Empathie (vgl. Kap. I 4.2), die beide zentrale Elemente der Gesprächs-
psychotherapie nach Carl Rogers sind – und die das heutige Verständ-
nis von Kommunikation entscheidend mitbestimmen (und ohne die
kein aktuelles Pflegelehrbuch mehr vorstellbar ist).
Betont ruhiges, unnatürlich leises, vielleicht langsames Sprechen ist
zunächst weder schlecht noch falsch. In Situationen aber, in denen
es nicht angebracht ist, weil „etwas in der Luft liegt“ – ich denke hier
ganz besonders an Ärger – erzeugt es nicht zwingend Ruhe, sondern
unter Umständen das Gegenteil.
Wie und in welcher Weise kongruentes Reagieren, Sprechen und Inter-
agieren sinnvoll ist, wird an anderer Stelle in diesem Buch (Kap. I 4.4)
besprochen.
Hier möchte ich vor allem dem letzten Absatz, in dem Nightingale
vom „Oh!“, „Ah!“, „Jawohl!“ und „Fürwahr!“ spricht, Aufmerksamkeit
widmen.
Dort sind Gespräche gemeint, die Patienten mit Besuchern („Freun-
den“) führen. Heute würden diese Patienten im Rahmen solcher Un-
terhaltungen vielleicht „Wirklich?“, „Ja?“, „Na so was“ oder „Da hast
du recht“ sagen – und es ist ebenso vorstellbar, dass auch Pflegende

Florence Nightingale über Kommunikation in der Pflege 63


jenes kommunikative Verhalten, das derlei Antworten provoziert und
das Florence Nightingale verurteilt, mitunter an den Tag legen. Wie
können solche Dialoge aussehen? Ich möchte kurz einen durchspie-
len:

„Frau Müller, das haben Sie ganz, ganz fein gemacht. Wirklich sehr
fein!“
„Wirklich?“
„Aber absolut. Sie werden sehen, wenn Sie so weitermachen, dann
rennen Sie uns bald allen hier davon. Sie sehen ja auch schon wieder
aus wie das blühende Leben, das muss ich Ihnen schon sagen.“
„Ja?“
„Na, aber absolut. Wirklich. Ich sage Ihnen, Sie sind unsere Schnell-
ste hier auf der Station!“
„Na so was.“
„Ja, aber Sie müssen weiter so brav sein, das müssen Sie mir schon
versprechen, weil die folgsamen Patienten, das sind ja die besten,
stimmt’s?“
„Da haben Sie recht, Schwester.“

Stellt man sich vor, dass Frau Müller 86 Jahre alt, voll orientiert und
Diabetikerin mit Sehschwäche, Zehengangrän und zwei amputierten
Zehen ist, mit einem reziproken Gehgestell gerade fünf Meter vom
Bett zur Zimmertür bewältigt und dann wieder mit dem Rollstuhl zu-
rückgeschoben wird, fällt es nicht schwer, sich weiter vorzustellen,
dass sie versuchen wird, „der Unterhaltung über sich schneller zu ent-
kommen“ – wie Nightingale es nennt –, dass sie also das Weite su-
chen würde, wenn sie nur könnte.
Sie kann – zurecht – einen Mangel an Anteilnahme beklagen, da der
Pflegende „die Wahrscheinlichkeit ihrer Genesung übertreibt“. Sie
wird sich – ebenfalls zurecht – nicht für „voll“ genommen fühlen.
Nun ist die Patientin offenbar höflich und freundlich. Würde sie sagen:
„Reden Sie keinen Blödsinn“, wäre in der Pflegedokumentation wohl
zu lesen, dass Frau Müller mit Aggressionen auf die Kommunikations-
versuche reagiert.
Nun ist es für Pflegende nicht einfach, sofort wieder auf das Gespräch
mit orientierten Bewohnern oder Patienten „umzuschalten“, wenn sie
zugleich oft mit schlecht, mangelhaft oder gänzlich desorientierten

64 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Klienten zu tun haben (was gerade in geriatrischen Pflegeeinrichtun-
gen der Fall ist).
Eine Hilfe dazu soll im folgenden Kapitel geboten werden. Es beschäf-
tigt sich u. a. mit dem, was heute als „Empathie“ bezeichnet wird. Em-
pathie und Kongruenz (vgl. auch Kap. I 4.4) können helfen, das kom-
munikative Verhalten Pflegender besser gelingen zu lassen.

3.4 „Ratschläge, die den Kranken verhöhnen“


(Mangel an Einfühlungsvermögen)
Florence Nightingale über „Ratschläge, die den Kranken
verhöhnen“ und mangelndes Einfühlungsvermögen

„Kein Hohn ist so hohl wie die Ratschläge, mit denen die Kranken
überschüttet werden. Es macht für den Kranken keinen Sinn, etwas
zu sagen, denn was der Ratgeber will, ist nicht, die Wahrheit über
den Zustand des Patienten zu kennen, sondern es so drehen, dass
sein eigenes Argument unterstützt wird, was auch immer der Kranke
sagen mag. Dieses wird – man muss es wiederholen – ohne irgend-
eine Erkundigung über den wirklichen Zustand des Patienten vorge-
bracht. ‚Aber ich wäre unverfroren und unanständig, wenn ich eine
solche Erkundigung anstellen würde‘ sagt der Ratgeber. Das ist wahr,
aber noch viel unverfrorener ist es, seinen Rat zu geben, wenn man
nichts über die Wahrheit wissen kann und zugibt, daß man sich auch
nicht danach erkundigen konnte. (. . .) Wenn Ihr hört, daß man zu ihm
(Anm.: dem Patienten) sagt, 1. daß ihm nichts fehle, und daß er eine
Aufmunterung brauche, 2. daß er dabei sei, Selbstmord zu begehen
und daß er will, daß man einschreite (. . .) – dann solltet Ihr wissen,
daß Euer Patient all den Schaden erleidet, den ein Besucher ihm zufü-
gen kann.
Wie wenig man die wirklichen Leiden der Krankheit kennt oder ver-
steht! Wie wenig kann ein gesunder Mensch, sogar eine Frau, sich in
das Leben eines Kranken hineinversetzen!“ (Nightingale 2005, S. 155).

Hier spricht sich Florence Nightingale eindeutig gegen zwei Dinge


aus: Einerseits bemängelt sie, dass diejenigen, die Patienten besu-

Florence Nightingale über Kommunikation in der Pflege 65


chen, sich gedanklich zu wenig in deren Situation versetzen. Anderer-
seits wendet sie sich dagegen, dass jemand, der nichts „vom wirkli-
chen Leiden der Krankheit kennt oder versteht“, Ratschläge erteilt.
Wenn damit zunächst auch hier Besucher (und nicht Pflegende) ge-
meint sind, so möchte ich doch versuchen, die Aussprüche, die Nigh-
tingale wohl als typisch für eine bestimmte Art der Kommunikation
ausmacht, „übersetzen“:
Wo Angehörige, wie Nightingale ausführt, früher zu einem Patienten
sagten „daß ihm nichts fehle, und daß er eine Aufmunterung brauche“,
könnte man heute wohl hören: „Na komm, Opa, ist ja nicht so schlimm,
das wird schon wieder. Schau, morgen kommt der Hans, hier be-
kommst du ein gutes Essen und alle kümmern sich um dich“. Wo ihm
damals gesagt wurde, „daß er dabei sei, Selbstmord zu begehen und
daß er will, daß man einschreite“ geht es, wenn man so will, schon
mehr zur Sache. Heute mag das so klingen: „Also weißt du, Opa, lang-
sam reicht’s. Willst du dich umbringen, wenn du nichts mehr isst und
nicht mehr aufstehst und gar nicht tust, was die Schwestern von dir
wollen? Nein, weißt du, wenn du ehrlich bist, dann willst du ja nur,
dass alle um dein Bett tanzen und dich verwöhnen.“

Es braucht, denke ich, nicht viel Fantasie, um diese Sätze in solche


umzuwandeln, die auch von Pflegenden stammen könnten. Wo im
Text dann weiter ausgeführt wird, dass der „Ratgeber“ die Wahrheit
gar nicht kenne, sondern es nur „so drehen“ will, „daß sein eigenes Ar-
gument unterstützt wird, was auch immer der Kranke sagen mag“,
drängt sich der Vergleich mit dem auf, was der Pädagoge Erich Schüt-
zendorf, der sich mit der Kommunikation und Interaktion in geriatri-
schen Pflegeeinrichtungen beschäftigt, als „Scheindialoge“ bezeich-
net: Mit alten Menschen werde, so Schützendorf, oft so gesprochen
wie mit kleinen Kindern. Als Beispiel führt er folgenden „Dialog“ an:

„Wollen Sie das trinken?


Nein, ich will nicht.
Sie müssen was trinken.
Nein.
Wollen Sie lieber Saft?
Nein.
Was wollen Sie denn?

66 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Nichts.
Nichts gibt es nicht.“ (Schützendorf 1999, S. 53).

Jemandem, der so mit Patienten oder Bewohnern spricht, dem man-


gelt es nicht nur an Einfühlungsvermögen, sondern er erweckt auch
den Eindruck, dass es ihm vorrangig um etwas anderes geht – näm-
lich genau um das, wovon auch bei Florence Nightingale die Rede
ist: Ihm liegt daran, dem eigenen Willen – dem, was er meint, dass
der Patient braucht – Geltung zu verschaffen und es durchzusetzen.
Was kann nun gegen diese „Blindheit“, die nicht einmal böse gemeint
sein muss, unternommen werden?

Empathie

Carl Rogers (vgl. auch Kap. I 4.2) sagt über die Empathie, die er auch
als „einfühlendes Verstehen“ bezeichnet: „Die innere Welt des Klien-
ten mit ihren ganz persönlichen Bedeutungen so zu verspüren, als
wäre sie die eigene (doch ohne die Qualität des ‚als ob‘ zu verlieren),
das ist Empathie“ (Rogers 2004, S. 216).
Entscheidend dabei ist auch die Bemerkung in der Klammer: Die Qua-
lität des „als ob“ nämlich steht dafür, dass das fremde Leid nicht zum
eigenen gemacht wird. Einfühlendes Verstehen stellt die Fähigkeit in
den Vordergrund, bis zu einem gewissen Grad aus der Warte des Ge-
genübers, des Anderen zu sprechen, sich so weit in ihn hineinzuver-
setzen, dass es möglich wird, sich ein Bild über dessen Bedürfnisse
zu machen. Gelingt das, kann es auch nicht mehr so leicht gesche-
hen, dass den Bemühungen um Andere (auch wohlmeinend!) die ei-
genen Vorstellungen zur Grundlage des Handelns gemacht werden.
Nun sind wir selbst noch keine sechs Wochen in einem Extensions-
bett gelegen, waren vielleicht noch nicht drei Monate im Kranken-
haus, mussten nicht die diagnostischen und therapeutischen Maß-
nahmen durchlaufen, die Klienten der Pflege oft täglich über sich
ergehen lassen – und doch können wir uns annähernd (wenn auch ab-
strakt) zumindest vorstellen, was das bedeuten mag. In solchen Mo-
menten sind wir – auch und gerade was Kommunikation angeht, auf
der sicheren Seite und es werden uns ganz von selbst Sätze und Akti-
vitäten einfallen, die wir sagen oder die wir setzen können, um unse-
rem Gegenüber seine Lage zu erleichtern.

Florence Nightingale über Kommunikation in der Pflege 67


Es gibt allerdings auch Umstände, unter denen wir gar keinen Zugang
zur inneren Welt der Klienten haben – wenn etwa ein demenziell er-
krankter Mensch ohne für uns ersichtlichen Grund tobt, schreit oder
sich ängstigt. Ich schlage Auszubildenden in der Pflege für solche Si-
tuationen gerne eine einfache (Einfühlungs-)Übung vor: Wenn wir
nämlich auch nicht wissen, was genau einen Menschen, in dessen
Gefühlswelt wir gar nicht vordringen können, bewegt (und wenn er
sich uns zudem verbal nicht mitteilen kann oder will), so haben wir
doch eine Möglichkeit: Wir können versuchen uns vorzustellen, was
mit uns selbst geschehen müsste, damit wir uns derart ängstigen
oder so aggressiv sind wie der Klient neben uns.

Wenn wir uns dann fragen, was uns gut täte, so ist das, zugegeben,
nur eine Krücke, die uns auch im Umgang mit dem Klienten ein Stück
helfen kann – zumindest ein wenig. Sie verhindert allerdings mit
Sicherheit eines: dass wir uns zu flachen Ratschlägen wie „Das wird
schon wieder“ oder unterschwelligen Beschuldigungen wie „Der
braucht ja nur Aufmerksamkeit“ hinreißen lassen und dabei völlig
über die Bedürfnisse des Anderen hinweggehen.
Damit bin ich zu Ende dieses Kapitels wieder bei Florence Nightingale
angelangt. Sollten wir in dieser kleinen Einfühlungs-Übung nämlich ir-
ren, ist es immerhin noch möglich zu versuchen, die Reaktionen des
Anderen zu deuten und eine andere Strategie zu probieren (vgl. dazu
auch die Überlegungen zur sogenannten „impliziten Meta-Sensibili-
tät“, die im Kapitel zur interkulturellen Kommunikation IV 1.3 und IV
1.4 angesprochen werden).
Gleichförmige (fast bin ich versucht zu sagen „billige“) Ratschläge,
emotionslose Scheindialoge, auch der Gebrauch von „Killerphrasen“
(also Aussprüchen, die jede Verständigung verhindern) werden durch
den Zustand einer verstehenden, einfühlenden Beteiligung an der Si-
tuation Anderer jedenfalls verhindert.

68 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


4. Verstehen und verstanden werden

Sobald Menschen etwas verbindet, lässt sich beobachten, dass sich in


ihrem Miteinander sprachliche Gemeinsamkeiten in Form der Verwen-
dung bestimmter Begriffe oder Redewendungen, sogenannte „Codes“
herausbilden, die verschiedene Funktionen erfüllen. Auch wir Pflegen-
den bedienen uns einer eigenen Fachsprache, die von Klienten nur be-
dingt bis gar nicht verstanden wird, wobei das, so der Pflegeperson tat-
sächlich daran gelegen ist, verständlich zu sein, in der Pflegepraxis
nicht unbedingt zu einem großen Problem werden muss.
Das vorliegende Kapitel möchte sich zwar auch damit, vorrangig aber
mit Schwierigkeiten beschäftigen, die durch andere Umstände ent-
stehen.

Einerseits nämlich geben Fachsprachen auch Macht und ermög-


lichen dem, der sie verwendet, sich zu distanzieren und abzugrenzen.
Andererseits wird oft ein gemeinsames Verständnis verschiedener Be-
grifflichkeiten vorausgesetzt, das gerade dort nicht gegeben ist, wo es
selbstverständlich scheint. Wann immer ich beispielsweise Pflegende
frage, wodurch sich für sie „gute Pflege“ auszeichnet, fallen die Ant-
worten sehr unterschiedlich aus. Hier muss auch erwähnt werden,
dass es „die“ Pflegenden nicht gibt, sondern sie selbst schon eine
höchst inhomogene Berufsgruppe darstellen. In diesem Zusammen-
hang spielen sowohl das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen
als auch das oft völlig unterschiedliche professionelle Selbstverständ-
nis eine Rolle.

Weiters haben wir es in der Pflege häufig damit zu tun, dass das per-
sönliche Befinden von Klienten in Worte gefasst und dokumentiert
werden soll. Das ist nicht selten schwierig, da in diesem Rahmen die
Beschreibung von Gefühlen und Empfindungen zwar einerseits statt-
findet, andererseits aber nicht vorausgesetzt werden kann, dass
diese Begriffe für Pflegende und Patienten jeweils mit ähnlichen oder
denselben Bedeutungen verbunden sind.
Die folgenden Ausführungen wollen sich also mit allerhand Widrigkei-
ten im Zusammenhang mit gegenseitiger Verständlichkeit beschäfti-
gen. Dabei wird sich zeigen, dass im Feld „Pflege“ und seinen vielfäl-

Verstehen und verstanden werden 69


tigen Interaktionen sich die Verständnisfrage nicht nur hinsichtlich der
Kommunikation zwischen Angehörigen der Berufsgruppe und Klien-
ten stellt, sondern dass gerade der Kommunikation der Pflegenden
untereinander große Aufmerksamkeit zukommen muss.

Im Zusammenhang mit Prozessen des Verstehens kommt dem Wis-


sen darüber, ob und wie eine Nachricht beim Anderen angekommen
ist, große Bedeutung zu. Wie man sich ein Bild davon machen kann,
ob und wie weit das der Fall ist, sollen die Ausführungen zur Para-
phrasierung zeigen.
Die Spiegeltechnik ist ein Instrument, mit dem dem Gegenüber ge-
zeigt werden kann, dass man selbst eine Nachricht empfangen hat
und sie angekommen ist. Wie man schließlich das eigene Befinden
kommuniziert und darüber Rückmeldung gibt, möchte ich im Zusam-
menhang mit dem Begriff der Kongruenz und der Technik des Sen-
dens der sogenannten Ich-Botschaft erörtern. Zunächst aber zu
einem Phänomen, das vielleicht abstrakt scheint, allerdings auch Me-
chanismen beschreibt, die uns täglich begleiten.

4.1 „Pflege – unser Ding“


(Symbolischer Interaktionismus)
Aus der Praxis (Pflegekultur)

Regina ist Auszubildende in der Pflege im ersten Jahr und beginnt


heute ihr Praktikum auf der Gynäkologie. Davor war sie im städti-
schen Altersheim und hat im Fachbereich „Langzeitpflege“ prakti-
ziert, wobei das zugleich den Anfang ihrer praktischen Ausbildung –
davor gab es durchgängig theoretischen Unterricht – bildete.
Regina ist gespannt und zugleich ist ihr ein wenig mulmig. Sie kennt
die Akutpflege nicht und hat sich vorgenommen, nur das zu tun, worin
sie völlig sicher ist und ansonsten sofort zu fragen, um nur ja nichts
falsch zu machen.
Während der Dienstübergabe – alle Pflegepersonen sitzen im Sozial-
raum um einen großen Tisch – läutet eine Patientin: Frau Franz, 86 Jahre
alt und offensichtlich desorientiert, weint, hat sich den Morgenmantel
angezogen und möchte ihr Zimmer verlassen. Regina hakt sich bei ihr

70 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


ein, wie sie es im Altersheim auch immer getan hat, und redet auf die
alte Dame ein, die sich schließlich ins Dienstzimmer mitnehmen lässt.
Regina nimmt eines der Gläser, die am Gang für Patienten bereitste-
hen, schenkt sicherheitshalber ungesüßten Tee aus der Aluminium-
kanne ein (sie weiß nicht, ob die Frau Diabetikerin ist) und bietet ihr
kurzerhand einen Platz im Sozialraum an. Frau Franz setzt sich zu
den Schwestern, nimmt ihr Teeglas in die Hand und zupft an ihrem
Katheterbeutel.
Ein paar Schwestern werfen einander befremdete Blicke zu. „Lassen
Sie sie jetzt da“, sagt die Stationsschwester zu Regina, „aber eigent-
lich ist das bei uns nicht üblich. Das beginnt schon bei der Hygiene.
Und dann ist hier der Zutritt für Patienten überhaupt verboten.“
Im Gespräch mit der Praxisanleiterin erklärt Regina am Nachmittag,
dass in ihrem ersten Praktikum nach dem Modell Erwin Böhms ge-
pflegt wurde. „Dort war es ganz normal, dass wir verwirrte Bewohner
mit zu uns genommen haben“, sagt sie.
„Man sollte sich gut überlegen“, meint die Stationsleitung später zur
Praxisanleiterin „ob das erste Praktikum Langzeitpflege sein kann.
Die kommen dann zu uns und glauben, das Chaos aus dem Pflege-
heim ist normal.“

Aus der Praxis (Isolation und Empathie)

In einem Pflegeheim werde ich Zeuge einer Diskussion, die dadurch


ausgelöst wird, dass Anna Herrn Maier im Rollstuhl in den Aufent-
haltsraum schiebt. Dort spielt die Gedächtnistrainerin eine CD mit
Schlagern aus den Fünfziger Jahren. „Lass ihn doch im Zimmer“, ruft
Peter, der die Medikamente für die nächste Woche vorbereitet, „der
will das doch gar nicht.“ Herr Maier nestelt an seiner Jacke. „Steht im
Pflegeplan“, gibt Anna zurück, „wir sollen ihn zu den anderen setzen!“
„Willst du, dass man dich irgendwohin schiebt, wenn du einmal alt
bist, und dann musst du dir so eine Musik anhören?“, fragt Peter. „Da
bin ich lieber allein.“
Anna zieht den Pflegeplan für Herrn Maier aus dem Stapel, den Peter
neben sich liegen hat. „Soziale Isolation. Steht da, das ist die Pflege-
diagnose. Ziel ist, dass er wieder an Aktivitäten teilnimmt. Maßnahme
ist, dass wir dafür sorgen sollen, dass er am Programm beteiligt ist.
So ist das, Herr Pfleger.“

Verstehen und verstanden werden 71


Peter grinst und sagt: „Na ja, da steht viel. Isolation hin, Pflegediag-
nose her. Isolation ist für mich etwas anderes. Er hat einen Balkon im
Zimmer, er hat einen Nachbarn, es tut sich den ganzen Tag etwas.
Fernsehen kann er, Radio hören auch.“
„Mir tut er leid“, besteht Anna darauf, dass Herr Maier im Aufenthalts-
raum bleiben soll.
„Sieht er vielleicht traurig aus? Irgendwelche Isolationsschäden?“, will
Peter von Anna wissen, er ist sichtlich belustigt. „Ich bin sicher, dass er
sich freut, weil er sonst eben keinen Kontakt hat“, bleibt Anna bei ihrer
Überzeugung, während Peter meint: „Und ich bin sicher, dass er lieber
im Zimmer bleibt, als diese Musik zu hören und zum Beispiel der
Wewerka beim Mitsingen zuzuhören.“

Aus der Praxis (Pflegeverständnis)

Nejra ist Bosnierin und hat in ihrer Heimat die medizinische Schule
absolviert, die dort auf Pflegeberufe vorbereitet. Ich begegne ihr im
Rahmen einer Ergänzungsausbildung, die sie machen muss, um hier
als Krankenschwester arbeiten zu können – wie zu Hause in Bosnien.
Ihr ist das, wie sie mir erzählt, nicht unangenehm. „So kann ich erst
mein Deutsch verbessern, dann werde ich sehen.“ Nejras Haltung
wirkt auf mich durchgängig positiv, Nejra selbst ist neugierig und
scheint mir voller Energie und Tatendrang. Die Ergänzungsausbildung
schließt auch Praktika in verschiedenen Bereichen der Pflege ein. Als
wir gemeinsam ihre erste Praktikumswoche reflektieren, nimmt Nejra
die Praxis-Mappe, sieht mich an und sagt: „Es ist unglaublich. Ein-
fach nur unglaublich.“
Ich will wissen, was so unglaublich ist. „Hier bei euch“, sagt Nejra,
„also, keine Ahnung, aber was die Krankenschwestern hier tun – das
ist für mich ein fremder Beruf.“ Sie erzählt mir, dass sie, als die Venen-
kanüle eines Patienten nicht mehr funktionierte, fast wie im Reflex ins
Dienstzimmer gehen wollte um eine neue zu holen und sie ihm zu le-
gen, sie habe aber zum Glück schon im Unterricht gehört, dass das
hier eine ärztliche Tätigkeit sei. „Den ganzen Tag“, sagt sie, „muss
ich mich zurückhalten, und wenn ich den Schwestern zusehe, wenn
sie diese Pläne schreiben, dann ist mir das so fremd und ich frage
mich, wer wohl die wichtigen Dinge macht.“

72 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Nejra ist mir sympathisch und ich glaube, ihre Situation verstehen zu
können.
Im Unterricht zeigt sich etwas, das sie mit vielen ihrer Kolleginnen aus
beispielsweise Bosnien teilt: Wenn die Unterrichtsinhalte aus dem Be-
reich der Überwachung der Vitalfunktionen (wie Blutdruck- oder Puls-
messung) Thema sind, wenn von Verbandsmaterialien, dem Setzen
von Injektionen oder dem EKG die Rede ist, verstehen wir einander
sofort. Über Bereiche wie den Pflegeprozess, die Pflege nach den
AEDLs, das Konzept der Basalen Stimulation oder die Dokumenta-
tionspflicht in der Pflege hingegen können wir uns kaum verständigen
– und das hat nichts oder nur sehr wenig mit allfälligen sprachlichen
Barrieren zu tun.

Es gibt kein Ding „an sich“ – das Konzept


des symbolischen Interaktionismus

Das Konzept des „symbolischen Interaktionismus“ wurde vom Sozio-


logen Herbert Blumer begründet, der sich dabei an den Überlegun-
gen und Ideen seines Lehrers, dem Sozialpsychologen und -philoso-
phen George Herbert Mead orientiert.
Das Konzept beruht auf drei Prämissen (also Annahmen oder Voraus-
setzungen), die ich später noch kurz anführen möchte.

Zunächst sollen aber – in stark verkürzter Form – einige grundsätz-


liche Vorstellungen über menschliches Interagieren und Handeln ge-
zeigt werden, die wiedergeben, wie der symbolische Interaktionismus
das Verhalten von Menschen und deren gesellschaftliches Miteinan-
der sieht (Blumer 2004, S. 28ff), wobei ich mich auf einige wenige
Ausführungen Blumers beschränke.

Gruppen von Menschen bestehen aus handelnden Individuen, wobei


dieses Handeln wieder aus vielen verschiedenen Aktivitäten besteht,
die ein Mensch im Lauf seines Lebens ausübt. Dabei setzt er sich mit
unterschiedlichen Situationen auseinander und handelt in Abhängig-
keit davon. Der Autor führt weiter aus, dass „Gesellschaft“ nach der-
zeitiger soziologischer Auffassung entweder als Kultur oder als so-
ziale Struktur verstanden wird, und sagt dazu, mit Blick auf dieses
Handeln:

Verstehen und verstanden werden 73


„Gleichgültig, ob man Kultur als Konzept nun als Brauch, Tradition,
Norm, Wert, Regel oder Ähnliches definiert, sie ist eindeutig abgeleitet
von dem, was die Menschen tun. Ähnlich bezieht sich die soziale
Struktur in jedem ihrer Aspekte, wie sie durch solche Begriffe wie so-
ziale Position, Status, Rolle, Autorität und Ansehen wiedergegeben
werden, auf Beziehungen, die aus der Art der Interaktion zwischen ver-
schiedenen Personen abgeleitet sind. Das Leben einer jeden mensch-
lichen Gesellschaft besteht notwendigerweise in einem fortlaufenden
Prozess des Aufeinander-Abstimmens der Aktivitäten ihrer Mitglieder“
(Blumer 2004, S. 29).

Menschen, die handeln, interagieren miteinander. Sie nehmen in ihren


Aktivitäten Bezug aufeinander und reagieren aufeinander.
Der Prozess dieser sozialen Interaktion formt das Verhalten der Indivi-
duen schließlich auch: Menschen, die miteinander interagieren, müs-
sen die Absichten und Reaktionen des jeweils Anderen beachten. Da-
bei kommt es wieder zu eigenen Reaktionen und es können eigene
Handlungen, Absichten und Vorhaben beispielsweise geändert, über-
prüft oder durch andere ersetzt werden.

Diese sozialen zwischenmenschlichen Interaktionen können nun


„nichtsymbolisch“ oder „symbolisch“ sein. Als Beispiel für „nichtsym-
bolische“ Interaktionen führt Blumer das Beispiel eines Boxers an,
der einem Schlag auszuweichen versucht – in dieser Handlung wird di-
rekt auf die eines Anderen „geantwortet“, ohne sie vorher interpretiert
zu haben (Mead bezeichnet dieses Phänomen als „die Konversation
von Gesten“).

Im Gegensatz dazu werden bei „symbolischen“ Interaktionen (die


Mead „den Gebrauch signifikanter Symbole“ nennt) die Handlungen
des jeweils Anderen erst interpretiert. Würde der Boxer also, so Blu-
mer, die Schlagbewegung des Gegners als Täuschungsmanöver iden-
tifizieren, hätte er bereits symbolisch interagiert, indem er die Geste
des Anderen interpretiert hätte.
Der Autor führt nun aus, dass auch im menschlichen Zusammenleben
oft nichtsymbolisch interagiert werde, nämlich da, wo man „unreflek-
tiert auf körperliche Bewegungen des Anderen, seinen (Gesichts-)Aus-
druck und seine Stimmlage“ reagiert; auf symbolischer Ebene hin-

74 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


gegen versuche man, die Bedeutung der Handlung des jeweils An-
deren zu verstehen.
Dabei sei wichtig, dass das nur funktioniere, wenn eine solche Bedeu-
tung auch zur Gänze verstanden werde. Sei dies nicht der Fall und
komme es zu Missverständnissen, „ist die Kommunikation unwirk-
sam, die Interaktion ist verhindert, und die Entwicklung einer gemein-
samen Handlung ist blockiert“ (Blumer 2004, S. 30).

Menschen interpretieren bestimmte „Zeichen“, also Symbole, immer


aus ihrer Welt heraus, die sich aus den verschiedensten „Objekten“ zu-
sammensetzt – wobei dieser Begriff hier für alles steht, worauf man
sich in irgendeiner Form beziehen kann.
Solche Objekte können Gegenstände wie Computer, Autos oder
Möbelstücke sein, oder auch, wie Blumer sagt, „soziale Objekte wie
Studenten, Priester oder ein Präsident“ oder „abstrakte Objekte wie
„moralische Prinzipien, philosophische Lehrmeinungen oder Ideen
wie Gerechtigkeit, Ausbeutung oder Mitleid.“ (Blumer 2004, S. 32).
Es kommt also darauf an, welche Bedeutung ein solches „Objekt“
für jemanden hat. Demgemäß wird es nämlich von ihm gesehen,
spricht er darüber oder handelt in Bezug darauf.

Im Konzept des symbolischen Interaktionismus gehe man demnach


davon aus, so der Kommunikationswissenschafter Roland Burkart
(Burkart 1998, S. 51ff), dass der Mensch nicht nur in einer natürlichen,
sondern auch in einer symbolischen Umwelt lebe.
Symbole und ihre Bedeutungen bilden sich aus dem jeweils eigenen
Erleben und Erfahren von Menschen heraus.
Wenn sie nun kommunikativ zueinander handeln, wollen sie „Bedeu-
tungen ‚miteinander teilen‘“ und müssen dazu „Zeichen als Symbole
(für bestimmte Bedeutungen) gebrauchen“, treten also auf diese
Weise miteinander in Beziehung. Diese Versuche einer symbolisch
vermittelten Interaktion sind aber nur dann erfolgreich, wenn es
gelingt, sich miteinander in einer Sache zu verständigen, wenn
sie also für beide dasselbe bedeutet.

Burkart drückt das so aus: „(. . .) menschliche Kommunikation setzt


einen Vorrat an Zeichen voraus, welche für die jeweiligen Kommunika-

Verstehen und verstanden werden 75


tionspartner dieselben ‚Objekte‘ (Gegenstände, Zustände, Vorstellun-
gen, Anschauungen, Ideen usw.) symbolisieren.“
Signifikante Symbole (wie Mead sie bezeichnet) seien also Zeichen,
die bestimmte Vorstellungsinhalte ausdrücken und sie auch beim An-
deren auslösen (Burkart 1998, S. 53).

Nun könnte man sich, so Burkart weiter, aber fragen, wieso sich über-
haupt je signifikante Symbole herausbilden können, die für mehrere
Menschen Gültigkeit haben, gibt es doch im symbolisch-interaktio-
nistischen Verständnis „kein Ding ‚an sich‘, sondern vielmehr jeweils
‚ein Ding für mich‘“ (Burkart 1998, S. 52).
Hier relativiert er nun und erklärt, dass Menschen sich ihre Symbole
und Bedeutungen zwar aus ihrem eigenen Erleben und Erfahren
samt den dazugehörigen Zusammenhängen bilden würden, dass
aber diese „Erlebniswelt grundsätzliche Gemeinsamkeiten zu jener
der übrigen Mitmenschen aufweist“ (Burkart 1998, S. 54f); ein Auto
sei letztlich etwas, womit die meisten Menschen der Industriegesell-
schaft ähnliche Vorstellungen verbinden würden.
Unterschiedlich seien allerdings die „Erlebnisdimensionen“ im Zu-
sammenhang mit diesem Symbol. Ein Auto könne ebenso gut als Mit-
tel zum Zweck wie auch als Statussymbol erlebt werden.

Diese Erlebnisdimensionen seien abhängig von (und entstehen im)


persönlichen Tätigkeits- und Erfahrungsbereich von Menschen und
es liege laut Burkart auf der Hand, dass ähnliche Erfahrungen und Tä-
tigkeiten das Vorhandensein bestimmter gemeinsamer Erlebnisdi-
mensionen wahrscheinlich machen würden – und ebenso umgekehrt.

Bevor wir nun quasi „in die Praxis“ zurückkehren, möchte ich, wie ein-
gangs angekündigt, nun noch einmal die drei Prämissen des symboli-
schen Interaktionismus nach Burkart wiedergeben:

„1. Menschen handeln ‚Dingen‘ gegenüber auf der Grundlage von Be-
deutungen, die diese Dinge für sie besitzen.
2. Die Bedeutung dieser Dinge entsteht in/wird abgeleitet aus den
sozialen Interaktionen, die man mit seinen Mitmenschen eingeht.

76 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


3. Diese Bedeutungen werden im Rahmen der Auseinandersetzung
mit ebendiesen Dingen in einem interpretativen Prozeß bemüht
und auch abgeändert“ (Burkart 1998, S. 51).

Pflegekultur, Pflegeverständnis und Empathie

Nun wollen wir für die Pflegepraxis einerseits verstehen, warum Ver-
ständigung so oft nicht gelingt – und auch, wo uns überall das Modell
des „symbolischen Interaktionismus“ begegnet.
Andererseits wollen wir überlegen, wie mit Problem der manchmal
kleinen oder nicht vorhandenen Schnittmenge gemeinsamer Be-
deutungen umzugehen ist.

Beginnen wir bei Regina. Mit Blick auf das eben Besprochene zeigt
sich zunächst, dass es weder mit Dummheit noch mit der Unfähigkeit,
sich etwa auf neue Situationen einzustellen (also mit mangelnder Fle-
xibilität) zu tun haben muss, wenn sich jemand in einer Weise verhält,
die uns zunächst wenig nachvollziehbar scheint.
In Reginas Fall wurde die Sache besprochen und Regina hatte die
Möglichkeit, sich zu erklären. Hätte sie weniger Glück gehabt, wäre
sie vielleicht gleich als unfähig oder auch einfältig abgestempelt wor-
den, obwohl sie nur getan hat, was sie aus ihrem Tätigkeits- und Er-
fahrungsbereich in der Pflege bislang kannte.

Gerade pflegerisches Tun verlangt ein hohes Maß an Kreativität: Unter


Bedingungen des Mangels an personellen, oft auch räumlichen, sel-
ten materiellen Ressourcen werden manchmal Notlösungen gesucht
und gefunden, Gegenstände zweckentfremdet oder entwickeln sich
oft Umgangsweisen und Gebräuche, die nur für einen bestimmten Pa-
tienten, nur für einen bestimmten Zeitraum oder in einer bestimmten
Situation gelten.
Da werden bestimmte Lagerungsbehelfe zweckfern benutzt, weil es
so am besten funktioniert, da wird ausnahmsweise ein demenziell er-
krankter Bewohner eines Pflegeheims per „Du“ und Vornamen ange-
sprochen. Da kann es in der geriatrischen Langzeitpflege, in der nach
dem Pflegemodell von Erwin Böhm gearbeitet wird, toleriert werden,
dass eine Bewohnerin sich nur am Abend wäscht, weil sie es ihr Le-
ben lang so getan hat, da herrscht im Bereich der Langzeitpflege

Verstehen und verstanden werden 77


eine ganz andere „Pflegekultur“ als auf Akutstationen und vieles mehr.
Haben wir es nun mit Auszubildenden, Praktikanten, vielleicht einer
Kollegin, die wieder in ihren Beruf zurückkehrt und davor zehn Jahre
in der extramuralen Pflege tätig war, zu tun, so muss uns klar sein,
dass sich deren Erfahrungsbereiche mit den unseren nicht nur nicht
decken müssen, sondern dass es Dinge gibt, die sie auf ganz be-
stimmte Weise erlebt und erfahren haben und es für sie selbstver-
ständlich ist, das auch weiterhin zu tun.

Das mag nun banal klingen.


Andererseits: Die teils recht verhärteten Fronten zwischen den ein-
zelnen Disziplinen unseres Fachs sind bekannt. Kollegen aus dem
Bereich der Akutpflege sind häufig überzeugt davon, dass in Wohn-
heimen für alte Menschen „pflegerisch nichts getan wird“ – und inte-
ressanterweise ist umgekehrt dasselbe der Fall: „Die im Krankenhaus
haben keine Ahnung.“

Ich erlebe das auch mit Auszubildenden, die oft der Meinung sind,
dort oder da gebe es „fast keine Arbeit“ – wobei sie die jeweiligen Si-
tuationen mit jenen vergleichen, die ihnen bereits bekannt sind.
Nur vordergründig unverständlich ist, dass sich diese Ansicht auch
während des Praktikums nicht zwingend ändern muss. Denn: Denkt
man im Konzept des symbolischen Interaktionismus, befremdet das
wenig: „Naja, für uns Schüler gibt es immer etwas zu tun, aber die
Schwestern tun fast nichts“, wird dann gerne gesagt. Diese Ansicht
ist eben darauf begründet, dass die Arbeit im Dienstzimmer, an den
Aufnahmen, im Zusammenhang mit Pflegediagnostik und -Planung
nicht wahrgenommen wird, da sie – wenn überhaupt – nur aus der
Theorie bekannt ist.
Es gibt (noch) keine Wahrnehmung dafür, was es bedeutet, sich alle
Informationen für eine komplette Pflegeanamnese zu besorgen.
Pflegearbeit wird, besonders zu Beginn der praktischen Ausbildung,
vorwiegend beispielsweise mit der Ganzkörperwaschung oder der
Unterstützung beim Essen und Trinken gleichgesetzt. Organisatori-
sches bzw. planendes Tun gilt dagegen als „wenig“ Arbeit, die noch
dazu oft quasi unsichtbar ist, da sie im Dienstzimmer und nicht unmit-
telbar am Patienten stattfindet. Hier gibt es also hinsichtlich des Be-
griffs „Pflegearbeit“ einen unterschiedlich großen Bedeutungsvorrat.

78 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Reginas Problem ist allerdings ein anderes, es hat aber auch mit dem
zu tun, was ich in diesem Zusammenhang als Pflegekultur bezeich-
nen möchte:
Für die Stationsleitung gilt das, was Regina tut, als „Chaos aus dem
Pflegeheim“, und tatsächlich gibt es dort – und überhaupt in Pflege-
einrichtungen, die sich als Wohnbereiche verstehen – eine völlig an-
dere Kultur im Umgang mit Hygienerichtlinien, mit Abgrenzung,
Fremdheit und Vertrautheit als in der Akutpflege und umgekehrt.
Wo einmal (im Sinne Erwin Böhms) „Seelenpflege“ und Biografiearbeit
im Vordergrund stehen, sind anderswo Vitalzeichen und -werte das
zentrale Element pflegerischen Tuns und wieder woanders geht es um
Hilfe zur Selbsthilfe.
Es gibt nun verschiedene Wege, auf denen mit fremden, pflegeri-
schen Bräuchen, Traditionen, Regeln und Normen umgegangen wird:
Eine Sache wäre nun, im Sinne einer Beliebigkeit alles und überall gel-
ten zu lassen. Das allerdings ist nicht Ziel dieser Ausführungen.
Eine andere Sache ist es, mit Verständnis auf unterschiedliche Be-
deutungsvorräte zu reagieren, die Pflegende mit Blick auf unter-
schiedliche Pflegekulturen haben können.

Krankenpflegehelferin Ursula, die von dem Gespräch zwischen Regina


und der Praxisanleiterin nichts weiß, sieht, wie Regina später am Vor-
mittag verschiedene Utensilien zum Verbandswechsel in den Schrank
neben dem Bett einer Patientin legt. Sie weiß ebenfalls nicht, dass die-
ses Vorgehen in der Einrichtung, in der Regina zuvor tätig war, gängige
Praxis ist. „Also irgendwie kommt mir vor“, sagt Ursula zu einer ande-
ren Kollegin, „langsam sind die Schülerinnen wirklich zu nichts mehr
zu gebrauchen. Kaum lasse ich die Neue fünf Minuten aus den Augen,
räumt sie den halben Verbandswagen in den Patientenschrank ein. Von
Hygiene hat die, glaube ich, noch nicht sonderlich viel gehört.“

Nehmen wir nun an, die ohnehin schon ängstliche Regina spürt, wie
über sie gedacht wird und wird dadurch noch unsicherer, macht viel-
leicht tatsächlich einen Fehler, der nichts mit unterschiedlichen Pfle-
gekulturen zu tun hat, und wird deswegen zur Rede gestellt. In der
Folge könnte sich ohne weiteres eine unglückliche Spirale ergeben,
die weder Regina noch die Pflegenden auf der Station aufzulösen in
der Lage sind.

Verstehen und verstanden werden 79


Dazu kommt noch, dass sich gerade in der Pflegepraxis nicht immer
sofort zeigt, ob ein Handeln richtig oder falsch, sinnvoll oder wenig
sinnvoll war, da man im Zusammenhang mit der Forderung nach der
Orientierung an den (oft vermuteten), eben subjektiven Bedürfnis-
sen Anderer wieder zur Interpretation gezwungen ist:
Denken wir an Herrn Maier. Anna und Peter können sich nicht darauf
einigen, ob der alte Mann nun zufrieden ist, im Aufenthaltsraum zu sit-
zen oder nicht.
Genau genommen beginnt ihr Problem aber schon damit, dass sie
unterschiedliche Ansichten über die Begriffe eines „zufriedenen Le-
bens im Pflegeheim“, der Isolation, der sinnvollen Beschäftigung
oder der Teilnahme an Gruppenaktivitäten mitbringen.
Für Peter genügt es, dass sich „im Zimmer etwas tut“ und dass Herr
Maier die Gelegenheit hat, fernzusehen. Nach Annas Ansicht muss
Herr Maier auch beschäftigt sein, und zwar am besten gemeinsam
mit anderen Bewohnern, eben in der Gruppe.

Die Pflegeforscherin Penny Powers merkt in ihrem „Diskurs der Pflege-


diagnosen“ an, dass im Rahmen einer Studie (Wake et al. machten sich
1991 auf eine „multinationale Suche nach Definitionsmerkmalen von
Pflegediagnosen“, die sich über sechs Länder erstreckte) beispielhaft
gezeigt werden konnte, dass es – selbst bei einer Stichprobe – keine
gemeinsamen Definitionsmerkmale für die Pflegediagnose „Hoff-
nungslosigkeit“ gab und dass die gemeinsamen Merkmale für die Pfle-
gediagnose „Angst“ nur „Panik“ und „Nervosität“ waren (Powers 1999,
S. 133).

Pflegende werden grundsätzlich zur Empathie, zur Einfühlsamkeit


aufgerufen, können sich aber letztlich nur an ihrer eigenen Erfah-
rungswelt orientieren und müssen versuchen, anhand ihrer Beobach-
tungen abermals zu interpretieren. Vielfach ist (nicht nur) jener Teil
des Pflegeprozesses, den wir als Evaluation bezeichnen, darauf ange-
wiesen, dass Bedeutungen geteilt werden – und zwar einerseits zwi-
schen Patient und Pflegeperson, andererseits auch zwischen den
Pflegenden untereinander.

Selbstverständlich funktioniert das Modell in alle Richtungen: Nicht


wenige Patienten oder deren Angehörige neigen dazu, Pflege als et-

80 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


was zu betrachten, das große Nähe zum Service aufweist: Sie geben –
durchaus in gut gemeinter Absicht – „Trinkgeld“, bezeichnen Pfle-
gende als „brav“ oder „tüchtig“ und finden nichts dabei, der Schwester
kleine Botengänge oder – im extramuralen Bereich – Haushaltstätig-
keiten aufzutragen. Gerade hier ist es verständlich, dass sich Gefühle
der Kränkung einstellen oder Pflegende sich in ihrer Kompetenz nicht
gewürdigt fühlen.

Ich erinnere mich gut an eine Szene, die auf eine weitere Schwierig-
keit verweist: Eine Praktikantin brachte eine Patientin ins Bett, die zu-
vor am Tisch gesessen war. Die Frau, die demenziell erkrankt, des-
orientiert und apathisch war, gab einen kurzen Laut von sich, der
wohl alles hätte bedeuten können. „Siehst du“, sagte eine Schwester,
die dabei stand, „sie hätte noch draußen sitzen bleiben wollen.“
Die Schwierigkeit, die ich ansprechen möchte, ist die, dass wir es im
Zusammenhang mit derlei kommunikativen Prozessen eben nicht nur
mit dem Problem der oft nicht geteilten Bedeutung zu tun haben (da
zwischen den Bedeutungsvorräten der Interaktionspartner eben keine
Schnittmenge zustande kommt), sondern dass zusätzlich noch an-
dere Dinge eine Rolle spielen können – etwa das Verhältnis, in dem die
beiden Interagierenden zueinander stehen (vgl. Kap. I 1.2). Selbstver-
ständlich werden Sätze wie der zuvor angeführte – wie überall anders
– nämlich ebenso gesagt, um weniger sympathischen Kollegen „eins
auszuwischen“. Es wird dort Interesse an inhaltlichen Aspekten vorge-
geben, wo eigentlich die Beziehung zueinander von Belang ist.

Nejra teilt mit vielen Kollegen, die in anderen Ländern einen Pflegebe-
ruf erlernt und ausgeübt haben, die Erfahrung, hinsichtlich ihres Ver-
ständnisses von Pflege ganz anders sozialisiert worden zu sein als
es in etwa Deutschland, Österreich und der Schweiz üblich ist. Dass
sich die Bedeutungsvorräte Pflegender, deren vorrangiges Aufgaben-
gebiet das war, was hier als ärztliche Tätigkeit gilt (etwa die selbst-
ständige Durchführung der gesamten intravenösen Therapie), nicht
mit den unseren – die ja gerade an der Emanzipation von der Medizin
arbeiten – decken, liegt auf der Hand.
Auch dass Pflegenden, die in ihrer Ausbildung eine „medizinische“
Schule besucht haben, unsere Pflegephilosophie (die wiederum stark
auf Eigenverantwortlichkeit und auf der Betonung eines eigenständi-

Verstehen und verstanden werden 81


gen Pflegeprozesses beruht, der ihnen in dieser Form völlig fremd ist)
zunächst nur wenig zu sagen hat. Genau wie Nejra erleben sie die Er-
gänzungsausbildung, die sie absolvieren müssen, oft als Vorbereitung
auf einen Beruf, mit dem sie sich zunächst kaum identifizieren können,
und müssen ihr Handeln erst im pflegerischen Miteinander an dem,
was gefordert wird, ausrichten.

Allerdings beschränkt sich dieses Phänomen nicht auf Kollegen, die


aus anderen Ländern zu uns kommen, sondern wir erleben die Folgen
eines Phänomens, das durch unterschiedliche pflegerische Soziali-
sation entstanden ist, auch anderswo. Ein Beispiel dafür sind die ver-
schiedenen „Pflegegenerationen“: Die Rolle, die Position oder der
Status der Pflegenden selbst, ebenso jener der Auszubildenden in
der Pflege, haben sich laufend gewandelt bzw. tun es immer noch.
Mit einem „Wir hätten uns das nie getraut“, wird also vielleicht eine
junge Pflegeperson, die gerade ihre Ausbildung beendet hat, von einer
„Altgedienten“ für jenes Kommunikationsverhalten gerügt, das aktuell
als professionell gilt und für das sie in der Schule gelobt wurde. Das ist
z. B. dann denkbar, wenn sie sich klar und deutlich von der Ausübung
bestimmter Tätigkeiten abgrenzt.

Auch hier möchte ich allerdings wieder darauf verweisen, dass bei
Weitem nicht alle kommunikativen Probleme zwischen den „Pflegege-
nerationen“ auf mangelnde gemeinsame Bedeutungsvorräte zurück-
zuführen sind. Wohl gibt es zwar häufig die Bewusstheit dessen,
dass sich mit Blick auf Rolle, Position und Status etwa von Pflege-
schülern vieles geändert hat, zugleich ist aber, wie die Autorin Renate
Dörner beschreibt, der „blanke Neid“ eine Regung, die in der Ausbil-
dungssituation durchaus zum Tragen kommen kann. Anleitende Pfle-
gepersonen haben demnach mit eigenen Erinnerungen an und Ent-
täuschungen über die eigene Ausbildung zu kämpfen (Dörner 2004,
S. 30) und zeigen dies mitunter auf unterschiedliche Weise. Umge-
kehrt leiden auch Auszubildende häufig unter ihrer Situation und zei-
gen sich nicht immer kooperativ.

Hier ist aber, wie gesagt, grundsätzlich von Situationen die Rede, in
denen Verständigung nicht stattfindet, da ein Kommunikationspartner
dem anderen im wahrsten Sinn des Wortes verständnislos gegen-
übersteht.

82 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Für die Praxis:
· Im Rahmen pflegerischen Handelns kommunizieren und verhal-
ten wir uns zu- und miteinander. Dabei richten wir sowohl unser
Pflegeverständnis (etwa: Welche Rolle nimmt die Pflege im Ge-
füge der Gesundheitsberufe ein, wo verortet sie sich, was will sie)
als auch unsere Pflegekultur (z. B.: Was hat Vorrang, ist ein „or-
dentliches“ Patientenzimmer wichtiger als das momentane Befin-
den des Patienten, wie wichtig ist uns Distanz, Nähe, Vertrautheit)
je danach aus, welche Erfahrungs- und Tätigkeitsbereiche uns
nahe sind. Daraus wieder ergibt sich, welche
· Vorräte an Bedeutungen wir haben, die wir einzelnen Situatio-
nen, Utensilien, Begrifflichkeiten, Zuständen etc. zuordnen. Auch
für Pflegende gibt es nicht „das ‚Ding‘ an sich“ – es ist immer
auch ein „,Ding‘ für den Einzelnen“. Als Beispiel dafür können
etwa die einfachen und häufig benutzten Begriffe Wohlbefinden,
Ganzheitlichkeit und Bedürfnisorientierung gelten:
Wenn wir nämlich auch gerne der Meinung sind, dass Klarheit da-
rüber herrscht, was diese Begriffe für die Pflege bedeuteten, so
zeigt sich im Gespräch bald, dass nicht immer alles so eindeutig
ist, wie es auf den ersten Blick scheint.
· Es ist sogar möglich, dass sich Pflegende in derlei Angelegenhei-
ten überhaupt nicht einig sind, da sie aus unterschiedlichen Dis-
ziplinen und Arbeitsbereichen kommen und da sie, was bei-
spielsweise Bildungswege oder Herkunftsländer betrifft, eine
inhomogene Gruppe bilden. Das ist übrigens ein Problem, das
sich mit der Akademisierung unseres Fachs meines Erachtens
noch verstärken wird.
· Auch haben Pflegende, sowohl was die persönliche als auch die
pflegerische Sozialisation betrifft, völlig unterschiedliche Er-
fahrungswelten. Das macht es möglich, dass einzelne Begriffe (in
unserem Beispiel der der Isolation) für einzelne Pflegepersonen
völlig unterschiedlich besetzt sind – selbst wenn Pflegeziele und
-Maßnahmen standardisiert und vorgegeben sind.
· Insgesamt sind wir also quasi die Summe unserer gesamten,
eben auch pflegerischen Erfahrungen und haben nun zwar jeweils
Bedeutungsvorräte zur Verfügung, es bleibt aber immer die Frage
offen, ob wir unterschiedliche „Dinge“ (Utensilien, Begriffe,
Ziele, Idealvorstellungen) mit denselben Bedeutungen verse-
hen – ob es also eine Schnittmenge zwischen den Bedeutungs-
vorräten der einen und der anderen Pflegeperson gibt.

Verstehen und verstanden werden 83


· Das ist deswegen wichtig, da wir aufgrund der Bedeutungen
handeln, die Dinge für uns haben. Gibt es im Zusammenhang
mit der Bedeutung keine Einigkeit, ist dies auch im Zusammen-
hang mit dem Handeln der Fall.
· Ist die Bedeutung des einen oder anderen Utensils (das trifft wohl
vor allem auf Auszubildende, neue Kollegen oder Um- oder Wie-
dereinsteiger zu) unklar, ist das in der Regel kein großes Problem
– durch Beobachtung, Versuch, durch Fragen oder durch die
Reaktionen des Umfeldes bilden sich hier neue Erfahrungs- und
Erlebnisdimensionen aus, wobei auf diese Weise auch gelernt
wird.
· Je abstrakter das „Ding“ aber wird, desto weitreichender sind die
Folgen mangelhafter oder ausbleibender Verständigung. Gelingt
der Schritt der Interpretation eines Begriffes wie etwa „Isolation“
nicht in dem Sinn, dass die Pflegenden darunter zumindest Ähn-
liches verstehen, wird, wie im Beispiel mit Hans und Anna, letzt-
lich aneinander vorbeigehandelt, -gepflegt und auch -geredet,
kommt es zu Missverständnissen und bleiben Unverständnis
oder Verständnislosigkeit zurück. Das bedeutet für die Pflege
nun Verschiedenes.
· Zunächst: Unverständnis muss nicht gleich Verständnislosig-
keit sein – wenn etwas nicht nachvollziehbar ist, macht es meist
Sinn, diesen Umstand anzusprechen. Das ist in jenem Ausmaß
leichter, in dem wir uns bewusst machen, dass das unverständli-
che Handeln des je Anderen (seien es nun Patient oder Kollege,
Vorgesetzte oder Auszubildende) nicht zwingend Unwissen, Igno-
ranz, Bosheit oder Achtlosigkeit zur Ursache hat, sondern dass
es sich uns manchmal ganz einfach deshalb nicht erschließt, weil
Situationen, Begriffe, Ideologien (also Werthaltungen), auch Ge-
genstände oder etwa ein Pflegeverständnis tatsächlich aus einer
für uns fremden Welt kommen.
· Ein „Mehr“ an Bedeutungsvorräten erhöht die Wahrschein-
lichkeit einer Schnittmenge mit den Bedeutungsvorräten des
Anderen – auch dann, wenn es „nur“ einseitig ist.
Pflegende, die mit Patienten, Auszubildenden, Angehörigen an-
derer Berufsgruppen, Vorgesetzten, Angehörigen von Patienten
oder miteinander zu tun haben, wird es mit Sicherheit helfen, hier
über einen vollen „Speicher“ verfügen zu können. Wer versteht,
warum jemand wie handelt, leidet meist weniger unter dessen
Tun. Eine gewisse Wendigkeit in Bezug auf die Erlebniswelten An-
derer ist nicht nur hilfreich, sondern auch spannend – und macht
uns nebenbei zu gelassenen Interaktionspartnern. (Um keine

84 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das bedeutet mitnich-
ten, dass sich auf diese Weise alle kommunikativen Probleme lö-
sen lassen – wenigstens aber ein Teil davon; denken wir nur an
Regina).
· Neugierde ist gut und wichtig. Nun ist klar, dass nicht immer
und überall Praktika gemacht werden können (das geschieht übri-
gens gerne, um dem, was man als „Betriebsblindheit“ bezeichnet,
entgegen zu wirken – und die hat nicht wenig mit den besproche-
nen Phänomenen zu tun). Allerdings erfährt man oft wie nebenbei
interessante Dinge aus der Berufsgeschichte der Pflege, wenn
man sich erzählen lässt oder nachfragt, warum was wie gedacht
oder gemacht wurde.
Mir sind viele Pflegende bekannt, die Auszubildende darum bit-
ten, nur frei heraus zu sagen, wenn sie woanders etwas gesehen
haben, das auf der eigenen Station vielleicht hilfreich sein könnte.
Ich denke, ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass das so gut
wie immer jene Kollegen sind, die mit Auszubildenden kaum Pro-
bleme haben.
· (Team-)Brainstormings tun gut. Pflegende, die täglich miteinan-
der arbeiten, wissen oft erstaunlich wenig darüber, wie Andere ihre
Ausbildung erlebt haben, was der Einstieg in den Pflegeberuf für
sie bedeutet hat, welche Werte und welches Pflegeverständnis
sie haben. Eine gute Übung wäre daher einerseits, wann immer
möglich, ein gemeinsames Nachdenken darüber als Bespre-
chungspunkt in Teamsitzungen einzuplanen. Auch ist es hilfreich,
wenn Pflegende für sich selbst klar beantworten können, was für
sie gute Pflege, was Bedürfnisorientierung ausmacht, wo pflegeri-
sche Professionalität beginnt und wo sie endet, überhaupt: was an
einem Arbeitstag wichtig ist, wann er als gelungen gilt oder wo für
jeden einzelnen „Schluss“ ist. Besonders interessant ist es auch,
Pflegeleitbilder einer Einrichtung unter diesem Blickwinkel im
Team zu betrachten und typische „pflegerische Redewendungen“
mit persönlicher Bedeutung zu füllen (vgl. dazu auch Kap. II 3).

Verstehen und verstanden werden 85


4.2 „Das heißt, sie mögen das nicht . . .“
(Paraphrasierung, Verbalisierung und Empathie –
Elemente guten Zuhörens)
Aus der Praxis (Inge und Frau Stein)

„Dass aber auch gar nichts funktioniert! Und ich sag’s Ihnen, diese
Nacht war eine Katastrophe, nichts funktioniert, Schwester“. Frau
Stein hat das kleine Marmeladenpaket vom Frühstückstablett in der
Hand.
Inge ist den ersten Tag aus dem Urlaub zurück und leitet heute die
Pflegegruppe, in der – neben zehn anderen Patienten – auch Frau
Stein zu versorgen ist. Im Nebenzimmer ruft eine Demenz-Patientin
unentwegt „Schwester, Schwester, Schwester!“, deren Zimmernach-
barin regt sich darüber auf und will unbedingt den Arzt sprechen.
Inge geht es ein wenig zu schnell, dass der Alltag sie wieder hat. Sie
denkt daran, dass ihre junge Kollegin Claudia bei der Dienstübergabe
gerade erzählt hat, dass sie im Nachtdienst furchtbare Zahnschmer-
zen hatte und ist sich sicher, dass Claudia alles getan hat, was ihr
möglich war. Claudia gilt als Pflegeperson, die dazu neigt, die Bedürf-
nisse Anderer ihren eigenen vorzuziehen und die es jedem recht ma-
chen will.
„Wissen Sie was“, sagt Inge zu Frau Stein und bemüht sich um ein
Lächeln, „wir sind alle nur Menschen.“
„Ja, ja“, wird Frau Stein nun lauter, „haltet nur alle zusammen, Sie und
diese Pfuscher.“
„Wissen Sie, was ‚diese Pfuscher‘ alles zu tun haben?“, kann sich
Inge nur mit Mühe zurückhalten.
„Das wird so schlimm nicht sein“, bleibt Frau Stein stur, „da habe ich
mehr zu tun, das können Sie mir glauben!“
„Frau Stein“, ist Inge nun wirklich böse, „ich glaube nicht, dass Sie
das beurteilen können.“
Frau Stein nimmt die Marmeladepackung zwischen Daumen und Zei-
gefinger: „Hundert von denen habe ich jeden Morgen in der Hand,
hundert.“
„Das macht die Nachtschwester nicht, das wird in der Küche verteilt!“
sagt Inge.

86 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


„Wer redet denn von der Nachtschwester, die Arme hat Zahnweh,
hören Sie mir mit der auf, die in der Küche sind gemeint. Ich arbeite
im Hotel und weiß Bescheid – und in diesem Haufen da unten funktio-
niert gar nichts. Wenn wir so pfuschen würden, ich sag’s Ihnen“, Frau
Stein ist rot im Gesicht, „oder ihr. Aber die dort unten – gestern haben
sie sogar die Hälfte von meiner Spätmahlzeit vergessen, die ganze
Nacht habe ich Hunger gehabt, jetzt ist hier wieder eine gezuckerte
Marmelade, die ich nicht essen darf.“

Aus der Praxis (Frau Hall)

Frau Hall, eine 86-jährige demenziell erkrankte Patientin, soll am


Nachmittag gebadet werden, da ein medizinisches Ölbad verordnet
wurde. Inge und zwei Krankenpflegehelferinnen bringen sie mit dem
Rollstuhl ins Bad und wollen sie auf den Patientenlift setzen. Frau
Hall verkrampft sich und beginnt zu schreien, als sie das Wasser ein-
laufen sieht. „Sie brauchen keine Angst zu haben“, sagt Uschi, das tut
nicht weh!“ Frau Hall schreit weiter und versucht, die Hände von sich
wegzustoßen. „Schauen Sie, wir helfen zusammen, es passiert ihnen
nichts!“, will Maria Frau Hall beruhigen, aber die kreischt und zetert.
Inge und Uschi reden leise und freundlich auf die Frau ein, während
sie ihr Morgenmantel und Nachthemd ausziehen. „Sehen Sie, da ist
ein schönes Schaumbad, das haben Sie früher doch auch gern ge-
macht, ein bisschen baden“, meint Inge schließlich und streichelt
über Frau Halls Unterarm. Als die Drei sie in den Patientenlift heben,
kämpfen sie gegen den gesamten Widerstand, den die Patientin leis-
ten kann, an. Das Bad selbst verläuft nicht anders. Weder das warme
Wasser noch das Rückenwaschen oder das Aroma-Öl können die
alte Frau beruhigen – sie jammert, klagt und bleibt angstvoll.

Was einen guten Zuhörer ausmacht

Im Kapitel „Verstehen und verstanden werden“ wollen wir uns einer-


seits schrittweise einigen Begriffen nähern, die mit dem in Verbindung
gebracht werden, was man gutes, auch „aktives“ Zuhören nennt. An-
dererseits soll unsere Verständlichkeit als Sender Thema sein. Zu-
nächst möchte ich den Begriff der Paraphrase oder Paraphrasie-
rung erklären.

Verstehen und verstanden werden 87


Frau Stein und Inge sprechen, wie sich im Gesprächsverlauf heraus-
stellt, nicht von ein- und derselben Sache. Frau Stein beschwert sich
über das Personal in der Küche, Inge, gerade erst zurück vom Urlaub,
fühlt sich verständlicherweise überfordert und bezieht das, was sie
hört auf das, was ihr im Moment die größten Sorgen bereitet: den rei-
bungslosen Ablauf der Pflege in ihrer Gruppe, für die sie heute verant-
wortlich ist und auf ihre Kollegin Claudia, die ihr offenbar nahe steht.

Frau Steins Diabetes ist, wie Inge später erfährt, erst vor Kurzem diag-
nostiziert worden und die Patientin wird gerade auf ihre Diät einge-
stellt, die sie als starke Einschränkung erlebt. Muss sie nun die Mar-
melade (wie sie es gelernt hat) darauf kontrollieren, ob sie Zucker
enthält und sich über Broteinheiten und Spätmahlzeiten Gedanken
machen, wird sie zusätzlich mit der großen Änderung, die die Erkran-
kung mit sich bringt, konfrontiert. Insofern sind „die da unten in der
Küche“ ein willkommenes Ventil, mit dessen Hilfe sich Frau Stein,
wenn auch indirekt, abreagieren kann – wenngleich es gut möglich
ist, dass ihre Wut eigentlich ihrer Erkrankung gilt.

Inge wird im Laufe der Unterhaltung auch wütend, und zwar auf Frau
Stein, deren Anschuldigungen sie sich sozusagen anzieht wie einen
Schuh. Zwar denkt Inge, dass sie sich gegen Claudia richten, ist aber
selbst Teil des Pflegeteams. Und die Aussage Frau Steins, dass
„nichts funktioniert“, empfindet sie eindeutig als an dessen Adresse
gerichtet, verteidigt sich und die anderen Pflegenden aber zugleich
gegen die vermeintlichen Vorwürfe.
Frau Stein interpretiert nun Inges Worte, und die interpretiert die
Worte von Frau Stein, wobei das Missverständnis ganz am Anfang
entsteht – nämlich als Frau Stein mehrere Aussagen hintereinander
tätigt und sich dabei, ohne das zu erklären, auf die Marmeladepa-
ckung in ihrer Hand bezieht.
In solchen Situationen lässt sich die Spirale gegenseitiger Missver-
ständnisse vermeiden, indem ganz am Anfang abgeklärt wird, wovon
die Rede ist.
Eine Paraphrase ist eine Umschreibung eines Sachverhaltes oder
Texts, man versucht dabei, das Gesagte – quasi erklärend – in eige-
nen Worten wiederzugeben.

88 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


In unserem Beispiel könnte das so klingen: „Sie ärgern sich über die
Nachtschwester?“ Hier hätte Frau Stein sofort die Gelegenheit ge-
habt, zu berichtigen.
Ich rate übrigens, Paraphrasen nicht zwingend mit den Worten „Das
heißt also . . .“ einzuleiten. Das mag im Einzelfall passend sein, kann
dem, der paraphrasiert wird, aber das Gefühl geben, seine Äußerun-
gen müssten „übersetzt“ werden.

Der amerikanische Konfliktmediator Marshall B. Rosenberg empfiehlt


die Paraphrase (Rosenberg 2004, S. 118ff), um Aussagen wiederzuge-
ben, die stark emotional geladen sind, schränkt aber auch dahin ge-
hend ein, dass nur dann zu paraphrasieren sei, wenn es zu größerem
Verständnis oder aber Mitgefühl beitrage. Seine Aussage, dass es
Zeit spare, lässt sich, betrachtet man die (auch emotionale) Eskala-
tion der Situation, gerade mit Blick auf die Pflege dahin gehend ergän-
zen, dass damit tatsächlich oft unnötiger Ärger vermieden wird.
Dabei kann versucht werden, mit eigenen Worten die Vermutungen
hinsichtlich wahrgenommener Emotionen, Aussage-Inhalten oder
sogar (versteckten) Wünschen zu formulieren, also etwa: „Sie ärgern
sich jetzt so richtig über das, was in der Nacht passiert ist?“ Auch da
hätte Frau Stein wohl schon korrigiert und gesagt, was sie so sehr
ärgert.

Wie sich übrigens später herausstellte, bezog sich die „furchtbare“


Nacht Frau Steins darauf, dass sie am Abend eine andere als die ver-
einbarte Zwischenmahlzeit bekommen hatte – nämlich Joghurt, das
sie nicht mag.

Gerade Klienten der Pflege (wie auch die Pflegenden selbst) erleben
häufig Gefühle der Überforderung und Frustration, wobei im Moment
nicht genau auszumachen ist, was nun eigentlich das Problem ist. Pa-
raphrasen würden, so Rosenberg weiter, dem Anderen außerdem da-
bei helfen, noch einmal zu überdenken, was er gesagt hat und viel-
leicht seine Empfindungen zu ordnen.
So kann die Paraphrase einerseits ein Instrument zur Strukturie-
rung stark gefühlsgeladener Äußerungen sein, andererseits Miss-
verständnisse vermeiden helfen und schließlich bekundet sie
schlicht und einfach Aufmerksamkeit.

Verstehen und verstanden werden 89


Wie mit Beschwerden oder mit Unmutsgefühlen, die Patienten äu-
ßern, umgegangen werden und wie es gelingen kann, sich nicht von
den eigenen Affekten leiten zu lassen, wird im Kapitel III 3 gezeigt –
im vorliegenden Kapitel soll noch die grundlegende Technik des Spie-
gelns Thema sein, die auch ein Element gelingenden Umgangs mit
negativen Emotionen ist.
Die Paraphrase selbst dient nicht vorrangig der Deeskalation, son-
dern soll gewährleisten, dass Gesagtes auch richtig verstanden
wurde.

Frau Hall äußert keine Wort-Botschaft, sie sagt nichts, das man zu-
sammenfassen könnte. Die Pflegenden interpretieren das, was sie
mit ihrem Körper (sie verkrampft sich, sieht zum einfließenden Wasser
und schreit) und durch Weinen, Klagen und Schimpfen anzeigt, zwar
völlig richtig und reagieren darauf. Weder sind die beruhigenden
Worte falsch noch der beschwichtigende Tonfall.
Frau Hall würde es zunächst aber wohl helfen, sich verstanden zu
fühlen. Für die alte, demenziell erkrankte Frau ist der Schritt, in dem
Uschi, Inge und Maria sofort auf ihre eigenen Interpretationen reagie-
ren, zu groß.
Überhaupt neigen wir in der Pflege dazu – besonders im Umgang mit
Klienten, von denen wir annehmen, dass sie „sachlichen“ Erklärun-
gen schwer zugänglich sind – Gespräche oder Interaktionen nur zu
schnell von Angst, Wut oder Zorn weglenken zu wollen und in eine
Art Beschwichtigungsmodus zu verfallen.
Das mag seine Ursache darin haben, dass auf vieles tatsächlich mit
Weinen, Angst, eventuell auch Hysterie reagiert wird. „Sie braucht die
Badewanne nur zu sehen, schon geht es los“, sagt Uschi über Frau
Halls Reaktion.

Ich verstehe Uschi. Allerdings ist es eine Sache, die Angst, die je-
mand hat, zum Thema zu machen und eine andere, wenn Angst
durch bestimmte Reizwörter hervorgerufen wird.
Ich erinnere mich gut an mein Praktikum auf der Kinderabteilung, das
ich während meiner Ausbildung absolvierte.
„Es ist nicht einfach“, sagte die ausgebildete Kinderkrankenschwes-
ter damals zu mir, „da erkläre ich dem Kind, dass wir jetzt ein EKG
schreiben, also dass aus dem Gerät eine lustige Papierschlange he-

90 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


rauskommt und das Kind ist neugierig. Dann sagt die Mutter noch
‚Brauchst keine Angst haben, die Schwester tut dir nicht weh‘, und
schon kann es vorbei sein mit dem Frieden. Das Kind hört nur mehr
‚weh‘ und schreit.“
Natürlich hatte sie recht. Gewisse Reizwörter machen eben Angst
und wir tun daher gut daran, sie zu vermeiden. Auf derselben Abtei-
lung wurde übrigens, wenn aus der liegenden Venenkanüle Blut ent-
nommen wurde, den Kindern gegenüber nicht von einer Blutabnahme
gesprochen, sondern nur davon, dass „wir jetzt etwas heraustropfen
lassen“, „erst beim Christian, dann bei der Ulli“ usw. Die Kinder sahen
diesem schmerzfreien Vorgang dann (zumeist) mit zwar vorsichtiger,
immerhin aber mit Neugier zu. Dort kam auch keine Spritze, sondern
„das Bienchen, das sogar zwei Flügel hat“ (die Plastikteile auf den
Seiten der Venenverweilkanüle) zum Einsatz.

Was ich – im Gegensatz zum klaren Aussprechen problematischer


Begriffe vorschlage, ist die Technik des Verbalisierens von Gefühlen.
Dabei werden Emotionen, die im Anderen vermutet werden, in Worten
ausgedrückt. Damit geht meist Erleichterung einher – das Unklare,
Angstmachende wird aufgegriffen und der Klient fühlt sich verstanden.

Zu Frau Hall könnte man also sagen: „Ich weiß, Sie fürchten sich. Weg
vom Zimmer, so viele Leute hier und laut ist es auch.“ Uschi könnte
Frau Hall dabei ansehen und ihre Hände nehmen.
Jemandem das Gefühl zu vermitteln, wahrgenommen und verstan-
den zu werden, ist der logisch folgende Schritt, wenn der Kommuni-
kationspartner darauf angewiesen ist, dass jene Botschaften „ankom-
men“, die er nur durch Gestik, Mimik oder Laute, also analog (vgl.
Kap. I 1.4) „senden“ kann. Das gilt auch und gerade dann, wenn er
das nicht bewusst tut, sondern wenn sie als Ausdruck von Verzweif-
lung und Hilflosigkeit gelten müssen.
Da Angst und Aggression einander bedingen können, empfiehlt sich
die Technik des Verbalisierens auch dann, wenn angreifendes und/
oder abwehrendes Verhalten im Spiel sind, am besten aber noch, be-
vor die Angst zur Aggression führt.

Die Idee der Verbalisierung leitet sich daraus ab, dass die Empathie,
das einfühlende Verstehen, ein tragendes Element der Gesprächsfüh-

Verstehen und verstanden werden 91


rung in der klientenorientierten Therapie (die wieder der Humanisti-
schen Psychologie zugeordnet wird) nach Carl Rogers ist, die von
ihm begründet wurde und auch als „Gesprächspsychotherapie“ be-
kannt ist.
Neben der Wertschätzung, dem bedingungsfreien Akzeptieren und
der Kongruenz (die in diesem Kapitel noch Thema sein wird) wurde
die Empathie zu einem zentralen – auch viel strapazierten – Begriff
für alle, die in professioneller Weise mit anderen Menschen in Bezie-
hung treten.

Empathie bedeutet nach Rogers, dass der Therapeut ein sehr genaues,
einfühlendes Verstehen für die Welt des Klienten entwickelt und „dass
er fähig ist, von den Fragmenten des so Verstandenen einiges Wesent-
liche mitzuteilen.“ (Rogers 2004, S. 216). Der Therapeut solle demnach
die innere Welt des Klienten zwar selbst spüren, sich dabei aber immer
dessen bewusst bleiben, dass es nicht seine eigene ist. Er dürfe sich
nicht in der Angst, Wut oder Unsicherheit des Gegenübers verstricken
und solle ihm schließlich vermitteln können, was er spürt. In der Psy-
chotherapie solle weiter versucht werden, Bedeutungsgehalte dessen,
was der Klient erlebt, anzusprechen und ihm so letztlich Entwicklung
zu ermöglichen. Dabei, so betont Rogers, gehe es nicht um eine wer-
tende Art des Verständnisses, die von außen komme, sondern: Die
Welt des Anderen solle eben nicht mit den eigenen Augen gesehen
werden, vielmehr solle das Erleben, das im Anderen abläuft, erfasst
werden. Der Therapeut solle sozusagen sehen und fühlen wie der
Klient, ohne dabei aber seine Identität zu verlieren (Rogers 2004,
S. 216f).

Nun kann das, was Rogers für den therapeutischen Prozess fordert,
nicht eins zu eins für die Interaktion unter den Bedingungen pflegeri-
schen Tuns gelten. Er spricht aber klar davon, dass es allein schon
nützlich sei, die Bereitschaft zum Verstehen mitzuteilen und nennt
(was besonders für die Pflege von Bedeutung ist) auch „verwirrte,
ausdrucksunfähige oder bizarre“ Menschen (Rogers 2004, S. 217),
die dadurch ein Gefühl der Wertschätzung erfahren und erleben wür-
den, dass ihre Empfindungen und Ansichten es wert seien, verstan-
den zu werden.

92 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Zugleich warnt Rogers auch vor übergroßen Ansprüchen und betont,
dass niemand ein solches Einfühlungsvermögen ständig aufrecht er-
halten könne, es sei allerdings möglich, sich dem anzunähern.
Diese Empathie, der Versuch, die innere Welt des Gegenübers zu ver-
stehen und letztlich etwas davon auszudrücken hat, wie Rogers schon
sagt, Einzug auch in die Beratung und Schulung von Führungsperso-
nen gehalten. Er merkt ganz klar an, dass es dabei um „feinfühliges Zu-
hören“ gehe, darum, „unterschwelligen Sinngehalt zu erfassen“, „den
der andere mit Worten, Gebärden und Körperhaltung ausdrückt“ – das
ermögliche ein freieres, auch intensiveres Reagieren auf die Bedeu-
tung dessen, was geäußert wurde (Rogers 2004, S. 217). Allerdings
grenzt der Autor die von ihm beschriebene Art des Verstehens deutlich
von bloßem Wiedergeben dessen, was das Gegenüber gesagt hat, ab
und spricht sich auch deutlich gegen ein „Pseudoverstehen“ aus (Ro-
gers 2004, S. 218).

In unserem Beispiel ginge es, möchte man die Empathie, von der Ro-
gers spricht, nun auf die Pflege anwenden, also darum zu versuchen,
zu spüren, was in Frau Hall vorgeht, diese Emotionen – jedenfalls in
Bruchstücken – auszudrücken, also zu verbalisieren um ihr das Ge-
fühl zu vermitteln, verstanden zu werden und gut aufgehoben zu
sein.
In einem weiteren Schritt können wir, wollen wir uns vom Gedanken
an „Kochrezepte“ für die Interaktion in der Pflege verabschieden, da-
rauf vertrauen, dass wir an den Reaktionen Frau Halls weiter sehen
können, was ihr gut tut.
Wir wollen also, gerade mit Blick auf Klienten, die sich nicht (mehr)
sprachlich ausdrücken können, den Zwischenschritt gehen, zunächst
ihre Gefühle der Angst und Unsicherheit auszusprechen und zu zei-
gen, dass sie bei uns angekommen sind. Das soll helfen, „Blind-
schüsse“, ein falsches Tempo oder (vor-)eilig gesetzte Beschwichti-
gungsversuche zu vermeiden, wobei sich die Angst dann – wie im
Fall Frau Halls – doch ihren Weg nach außen sucht bzw. (wie im Bei-
spiel der Mutter, bei deren Kind ein EKG geschrieben wurde) dadurch
erst ausgelöst wird.

Verstehen und verstanden werden 93


Für die Praxis:
· Paraphrasen sind kurze Wiedergaben dessen, was der Ge-
sprächspartner gesagt hat. Sie helfen, zeitgerecht Missverständ-
nisse zu vermeiden, können Gesagtes strukturieren und sind so-
mit auch dem Andern mitunter eine Orientierungshilfe. Sie
zeigen außerdem Aufmerksamkeit. Paraphrasen sind besonders
dann angebracht, wenn es sich um stark emotionsgeladene Bot-
schaften handelt, die in einem Gespräch vermittelt werden.
· Einer der zentralsten Aspekte gelingender Kommunikation ist,
dass es glückt, dem Anderen zu vermitteln, dass er verstanden
wurde. Das allein ist oft schon eine gute Möglichkeit, Eskalatio-
nen zu vermeiden: Wer nicht mehr versuchen muss zu vermitteln,
wie (schlecht) er sich fühlt, ist viel eher bereit sich in Richtung
einer Lösung seines Problems zu orientieren. Er ist somit nicht
mehr damit beschäftigt, Unmut, Ärger oder Angst „anzubringen“.
Besonders gut lässt sich Verstehen mit der Verbalisierung der
(vermuteten) Gefühle des Gegenübers zum Ausdruck bringen
und zeigen („Sie fühlen sich jetzt vielleicht sehr ohnmächtig.“)
· Um verbalisieren zu können, muss man sich allerdings auf den In-
teraktionspartner einlassen – und hier kommt der (viel strapa-
zierte) Begriff der Empathie, des einfühlenden Verstehens, ins
Spiel.
· Insgesamt haben wir es dabei aber nicht mit bloßem „Wiederho-
len“ dessen, was der Andere sagt, zu tun, sondern es geht um et-
was anderes: Es soll versucht werden, den Sinngehalt, das, was
ihn beschäftigt, hinter seinen Äußerungen, Gesten oder seinem
Verhalten zu erspüren und es – damit er entlastet wird – quasi in
den Raum zu stellen. Ist dies damit verbunden, dass zugleich Ver-
stehen signalisiert wird, stehen die Chancen gut, dass das Ge-
genüber (und damit die gesamte Situation) entlastet wird.

94 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


4.3 „So eine Gemeinheit!“ (Spiegeltechnik)
Aus der Praxis (Blutabnahme)

Frau Korn, eine 30-jährige Patientin, die auf der orthopädischen Ab-
teilung liegt, wurde für halb neun Uhr morgens eine Blutabnahme an-
gekündigt, für die sie nüchtern sein muss. Ihre Nachbarin frühstückt
und Frau Korn hat großen Appetit. Die Ärztin kommt mit Verspätung.
Wie viel es genau ist, weiß Marion nicht, wird später aber auf zwanzig
Minuten tippen. „Ich hab’s eilig“, sagt sie zu Marion, „muss dann in
den OP, tut mir leid“. „Kein Problem“, sagt Marion, „es ist nicht viel
heute, die Leute warten schon, sie sind alle auf den Zimmern.“
Als Marion um halb zehn zur Morgenrunde zu Frau Korn kommt, hat
diese ihr Frühstück schon gegessen, liegt bereits wieder im Bett und
begrüßt Marion mit den Worten: „So ein Theater, da kommt sie eine
volle Stunde zu spät und wir Patienten müssen warten und können
uns nicht wehren. Das nächste Mal esse ich etwas, dann könnt ihr
sehen, wie ihr eure Sache auf die Reihe bekommt! Um halb neun hatte
ich einen Termin zur Blutabnahme und man lässt mich eine ganze
Stunde lang mit nüchternem Magen warten!“
„Ach, Frau Korn“, sagt Marion, „wissen Sie, das mit den Terminen
kann hier im Krankenhaus nicht so genau sein, da kommt schon
manchmal etwas dazwischen. Aber sehen Sie, eine Stunde kann es
gar nicht gewesen sein. Jetzt ist es halb zehn und Sie haben schon
gefrühstückt, das waren wohl nur zwanzig Minuten Verspätung.“ Ma-
rion deutet auf die Uhr, die an der Wand hängt.
„Blödsinn!“, ruft Frau Korn, „diese Uhr geht falsch.“
Marion vergleicht mit der Uhr, die sie in der Knopfleiste ihres Kasacks
eingehängt hat. „Nein, Frau Korn, das stimmt schon so!“
„Und dann“, ereifert sich die Frau, „was wissen Sie schon, wie schnell
ich esse, glauben Sie, ich brauche für diese vertrocknete Semmel da
eine dreiviertel Stunde?“ Marion seufzt. „Lassen Sie mich jetzt in
Ruhe, ich muss das erst verdauen“, ruft Frau Korn und dreht sich um.
„Und mein Bett mache ich selbst.“

Verstehen und verstanden werden 95


Aus der Praxis (Der schmutzige Spiegel)

Frau Derndel ist 67 Jahre alt und lebt im Pflegeheim. Sie ist trockene
Alkoholikerin, infolge ihrer Erkrankung kognitiv eingeschränkt und af-
fektinstabil, in allen feinmotorischen Fähigkeiten beeinträchtigt, an-
sonsten aber mobil und weitgehend selbstständig. „Idioten!“, schreit
sie am Sonntagmorgen und versucht, Schwester Ingeborg hinterher
zu laufen, die gerade auf dem Weg zur Garderobe ist, um sich umzu-
kleiden. „Idioten!“, ruft sie wieder, zittert und klammert sich an Inge-
borgs Mantel fest. „Na Hallo“ sagt diese, „was ist denn los?“
„Gerade habe ich meinen Spiegel im Bad geputzt, alles hat geblitzt
und war sauber. Dann kommen diese hirnlosen Idioten und spritzen
alles wieder voll, alle Arbeit umsonst, diese Idioten, die!“
Ingeborg weiß, dass Frau Derndel schon motorisch nicht in der Lage
ist, den Spiegel über ihrem Waschbecken im Zimmer zu reinigen, das
hier noch nie gemacht hat und nicht einmal über die nötigen Utensi-
lien verfügt.
„Wirklich!“, sagt sie zu Frau Derndel und hebt auch die Stimme, „So
eine Sauerei!“
„Ja“, ruft die Bewohnerin und stampft mit dem Fuß auf. „Ein starkes
Stück“, ruft Inge und klopft sich mit der Faust auf den Oberschenkel:
„Meine Güte, also da würde ich mich auch ärgern, wenn ich gerade
geputzt hätte und dann kommt jemand und macht alles wieder
schmutzig, na hören Sie!“
Frau Derndel weint jetzt. „So was, so was, so was“, wiederholt Inge-
borg immer wieder und geht mit der Frau in ihr Zimmer. Der Spiegel
ist, wie sie vermutet hat, völlig sauber. Frau Derndel schluchzt noch
einmal kurz: „Schweine, die!“
Als Inge später mit dem Frühstück kommt und fragt: „Na?“, bestellt
die Klientin eine Semmel und blättert in einer Zeitschrift.

Die Spiegeltechnik

Die Wurzeln der Technik des „Spiegelns“ sind ganz ursprünglich in


der Psychoanalyse nach Sigmund Freud zu finden, in der davon aus-
gegangen wird, dass sich in der Situation der (psychoanalytischen)
Therapie alte Beziehungsmuster samt den ihnen zugehörigen Ge-
fühlsregungen und Konflikten wiederholen, was sich im Konzept der

96 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


sogenannten Übertragung (später auch der Gegenübertragung) nie-
derschlägt.
Freud verwendet an einer Stelle die Metapher von einer Spiegelplatte
und spricht davon, dass der Arzt dem Analysierten „wie eine Spiegel-
platte“ zeigen solle, „was ihm gezeigt wird“ (Freud 1999, S. 384).
Ein anderer Vertreter der Psychoanalyse, Heinz Kohut, begreift den
Prozess des Spiegelns zunächst als empathische Reaktion der Mut-
ter auf das, was das Kind zum Ausdruck bringe: Sie gebe seine Be-
dürfnisse direkt und unmittelbar wieder, woraus das Kind ein Gefühl
des Angenommen- und Verstandenseins entwickle; diese Erfahrun-
gen sollen aber ebenso Erwachsenen in der Therapieform der Ana-
lyse ermöglicht werden (Kohut 1989, S. 294f).
In der bereits erwähnten klientenorientierten Therapie nach Carl Ro-
gers nimmt diese Methode, auch im Zusammenhang mit dem Begriff
der Empathie, eine zentrale Rolle ein, wobei vom Therapeuten das zu-
rückgegeben und gezeigt werden soll, was vom Gegenüber vermittelt
wurde.
Damit ist (u. a.) das Spiegeln von Gefühlsinhalten in Form von Gestik
und Mimik gemeint.

In dieser Form konnte die Technik schließlich auch ihren Einzug in die
Kommunikationstheorie finden und in der Pflege wurde sie von der
Begründerin der Validation, Naomi Feil, in die von ihr für die Interak-
tion mit demenziell erkrankten alten Menschen entwickelte Methode
integriert und kommt in diesem Rahmen zur Anwendung (vgl. dazu
Feil 2002).
Brigitte Scharb, die in Erweiterung der Validation die „spezielle vali-
dierende Pflege“ begründete, beschreibt, dass sie im Zusammenhang
mit „Spiegeltechniken“ versuche, „in Körperhaltung, Mimik und Ges-
tik, Atmung, Tempo der Bewegungen“ und der Stimmqualität „Gleich-
klang“ mit ihrem Gegenüber zu erzielen, wobei die Bewegung subtil
nachgeahmt werde. Das könne sich ausdrücklich auch auf verbale Äu-
ßerungen beziehen. Sagt der Klient, so Scharb weiter, „laut und scharf:
‚So eine Gemeinheit! Die sind ja alle blöd!‘ so werde ich im gleichen
lauten scharfen Ton ihn und sein Gefühl bestätigen: ‚Das ist eine Ge-
meinheit! Die sind alle blöd!‘“
Die Autorin warnt allerdings davor, diese Methode bei Klienten, die
sich nach Feils Klassifizierung im Stadium der „mangelhaften Orien-

Verstehen und verstanden werden 97


tierung“ (also in einer „leichten“ Stufe der Desorientiertheit) befinden,
anzuwenden, da diese sich dadurch verspottet und respektlos behan-
delt fühlen und mit Rückzug reagieren würden (Scharb 2005, S. 86).
Die Technik eignet sich in der von der Autorin beschriebenen Form
für Klienten, die sich in einem fortgeschrittenen Stadium einer demen-
ziellen Erkrankung befinden.

Wie kann diese Technik uns nun im Beispiel von Frau Korn, die ja voll
orientiert und nicht demenziell erkrankt ist, bieten?
Wie auch andere Techniken, die im Zusammenhang mit der Methode
der Validation (die ja zum Ziel hat, alle Gefühle des Gegenübers für
valid, also „gültig“ zu erklären und das auch zu vermitteln) zur Anwen-
dung kommen, eignet sich nämlich auch die Spiegelung im Prinzip für
jeden, mit dem wir es zu tun haben. Sie muss nur in adäquater Weise
angewandt werden.

Marion könnte, anstatt der erregten Frau Korn – in bester Absicht – zu


erklären, dass die Verspätung der Ärztin nie und nimmer eine ganze
Stunde ausgemacht hat, ganz einfach ihre Gefühle der Wut und der
Verärgerung aufgreifen und schlicht sagen: „So etwas! Da kann ich
aber verstehen, dass Sie sich ärgern!“
Im Sinne der Empathie und auch der Echtheit könnte sie auch versu-
chen, sich vorzustellen, wie es ihr selbst ginge, würde sie sich unge-
recht behandelt, ignoriert und vergessen fühlen – und wäre in der un-
glücklichen Situation, zugleich zu spüren, dass sie denen, die ihr das
vermeintliche Unrecht angetan haben, auch noch mehr oder weniger
ausgeliefert ist.

Denken wir an uns selbst: Wenn wir uns beim Öffnen einer Ampulle
schneiden, entfährt uns nicht selten ein Kraftausdruck. Was wir in die-
sem Moment gar nicht brauchen könnten, wäre eine Kollegin, die uns
erklärt, wie sich das hätte vermeiden lassen – das wissen wir selbst.
In diesem Moment möchten wir, dass unser Ärger beim Anderen an-
kommt, dass er ihn mit uns teilt.
Besonders wenn Menschen auf Einschränkungen und Einbußen, die
sie aufgrund eines körperlichen Gebrechens hinnehmen müssen, mit
heftiger Abwehr reagieren, kann es dazu kommen, dass sie dabei

98 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


stark affektgeladen sind und sich das dementsprechend zeigt. Da
kann ein Insult-Patient laut rufen: „Blöder linker Fuß!“
Natürlich bestätigen wir sein Gefühl nicht, indem wir seine Worte wie-
derholen. Ebenso schlecht wäre es aber, zu sagen: „Na, das wird
schon wieder!“ oder „So dürfen Sie nicht über sich sprechen.“
Auch hier empfiehlt sich, gewissermaßen das Gefühl oder den Affekt
verbal zu spiegeln und z. B. zu sagen: „Ja! So was!“ oder aber mi-
misch und gestisch (etwa durch Verziehen des Gesichts) in spiegeln-
der Weise Anteil zu nehmen.
Ich empfehle nun ausdrücklich nicht, diese Technik zu üben, da meine
Überzeugung ist, dass in dem Moment, in dem wir dem Klienten emo-
tional und affektiv nahe und zugleich echt sind, uns das von selbst ge-
lingen wird.

Dem Zustand emotionaler und affektiver Nähe sowie der Echtheit nä-
hern wir uns einerseits, indem wir versuchen, uns die Situation des
Klienten quasi gefühlsmäßig vorzustellen. Verstehen wir den Anlass
seiner Verzweiflung nicht, so können wir uns sicher in die Lage einer
ähnlichen affektiven Befindlichkeit versetzten, indem wir uns selbst
kurz in eine Situation hineindenken, die uns in ähnlicher Weise ver-
zweifeln ließe.
Man könnte nun einwenden, dass man Klienten nicht in wahnhaften
oder irrealen Vorstellungen bestätigen soll – dem schließe ich mich
selbstverständlich an. In Anwendung der Spiegeltechnik gibt Inge-
borg Frau Derndel aber nicht recht, sondern bringt lediglich zum Aus-
druck, dass sie verstanden hat, was sie so ärgert, bestätigt also ihr
Gefühl ohne in die Beschimpfung der (nicht vorhandenen) „anderen“
einzufallen. Ingeborg geht von sich selbst aus („Meine Güte, also da
würde ich mich auch ärgern, wenn ich gerade geputzt hätte“ etc.)
ohne Frau Derndels Behauptungen zu bestätigen – was sie bestätigt,
ist ihr momentanes Gefühl der Wut und des Sich-ungerecht-behan-
delt-Fühlens.

Verstehen und verstanden werden 99


Für die Praxis:
· Sehr starke Affekte wie Zorn oder Wut können schnell und wirk-
sam entlastet werden, indem dem Anderen gespiegelt wird, was
er ausdrückt und was ihn quält.
· Die Methode des Spiegelns soll dem Gegenüber dazu verhelfen,
sich verstanden und angenommen zu fühlen, indem seine (auch
unschönen) Gefühle quasi bestätigt werden.
· Dazu kann man sich – je nach Situation des Klienten – durchaus
verschiedener analoger Signale bedienen, ebenso aber digitaler.
· Ärger zu spiegeln, den Patienten äußern, hat nichts damit zu tun,
Schuldeingeständnisse zu machen. Es ist etwas anderes, zu sa-
gen: „Ja! Das ärgert einen, nicht wahr?“ als quasi für den Grund
des Ärgers verantwortlich zu zeichnen.

4.4 „Darin sehe ich keinen Sinn“


(Kongruenz und Ich-Botschaften:
ein Für und Wider)
Aus der Praxis (Hanna und Frau Greindl)

Als ich eine Gruppe von Auszubildenden auf eine Station eines Pfle-
geheims begleitete, lernte ich Schwester Hanna kennen. Ich glaube
nicht, dass sie sich explizit mit Kommunikationstheorien auseinander-
gesetzt hat. Deutsch ist nicht ihre Muttersprache und in dem Land, in
dem sie ihre Pflegeausbildung gemacht hat, ist die Kommunikation
kein so zentrales Thema wie in deutschsprachigen Ländern. Ich gebe
meine Beobachtungen – leicht verfremdet – wieder, weil Hanna, wohl
ganz intuitiv, einiges von dem, was Thema dieses Kapitels ist, anwen-
det und sie für mich überhaupt ein Kommunikationsprofi ist.
Sie wäscht also mit einer anderen Schülerin die 79-jährige Frau Greindl,
die nach mehreren Insulten seit über zehn Jahren bettlägerig und pfle-
geabhängig ist und als „schwierige“ Bewohnerin gilt. Sie schimpft und
schreit, wirft manchmal an die Wand, was sie erwischen kann und redet
oft praktisch ohne Unterbrechung, wobei sie dann meist die Pflegen-
den beschimpft. „Nein!“, schreit sie, als Hanna und die Schülerin zu ihr
ans Bett kommen. „Sie wollen nicht?“, fragt Hanna und bleibt vor Frau

100 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Greindls Bett stehen. „Fort mit Ihnen!“, schreit Frau Greindl, „meine
linke Seite tut weh. Ich gehe zur Chefin und beschwere mich über
euch, nur, dass Sie das wissen!“
„Bitte“, sagt Hanna, „machen Sie das nicht.“ Die Frau schreit noch
einmal: „Gehen Sie weg!“, mustert Hanna aber neugierig. „Gehen Sie
nicht zur Chefin!“, sagt Hanna. „Schauen Sie, sie ist neu hier“ und deu-
tet auf die Schülerin. Ich kann sehen, wie Frau Greindl die Macht, die
sie zu haben glaubt, genießt. „Wenn wir nur Gesicht und Hände und
hinten waschen, dürfen wir das?“, hakt Hanna nach. Frau Greindl
überlegt. „Aber nicht die linke Seite!“, fordert sie und Hanna sagt:
„Gut.“
Frau Greindl beginnt schon zu toben, als die Schülerin ihr das Nacht-
hemd auszieht. „Tut das weh?“, fragt Hanna, während sie Handtuch,
Waschlappen und Bettwäsche vorbereitet. „Ja!“, brüllt Frau Greindl
und Hanna fragt: „Wo am meisten?“, woraufhin die Frau ihre Hand
zeigt: „Da!“
„Lass die Hand“, sagt Hanna zur Schülerin und zwinkert ihr zu.
Das Waschen selbst funktioniert dann einigermaßen. Frau Greindl
schreit manchmal, worauf Hanna kurz sagt: „Das ist für mich zu laut!“
Beim zur Seite drehen hilft Frau Greindl nicht mit. Wie ich beobachten
kann, aber wohl nicht aus Angst. „Wissen Sie“, sagt Hanna zu ihr, „das
ist sehr anstrengend für mich, wenn ich Sie ganz alleine drehen muss.
Und zu Hause habe ich drei kleine Kinder, die muss ich manchmal tra-
gen.“
Als Hanna die Patientin dann anweist, sich auf die Seite zu drehen,
macht sie mit, will aber zuerst wissen, wie die Kinder heißen. Hanna
nennt ihre Namen und die Frau ist eine Zeit lang zufrieden, lässt auch
noch zu, dass die beiden die Bettwäsche wechseln. „Anders!“, kom-
mandiert sie dann, „mehr anders!“ „Ich weiß nicht, was Sie jetzt wol-
len“, meint Hanna und hält Frau Greindl den Kissenbezug hin, die
schließlich auf die Nackenrolle deutet: „Das!“

Aus der Praxis (Ilse und Frau Greindl)

An einem anderen Tag ist Ilse bei Frau Greindl. „Verschwinden Sie“,
schreit die, „ich will Sie hier nicht.“ „Schauen Sie, draußen scheint die
Sonne“, sagt Ilse, „da machen Sie uns aber ein schlechtes Wetter.“ Die
Schülerin kommt dazu und fragt, ob sie helfen kann. „Ja, wir sind hier

Verstehen und verstanden werden 101


sehr beschäftigt, kommen Sie nur. Und lassen Sie sich von Frau
Greindl nicht irritieren, sie meint das nicht so“, sagt Ilse, „stimmt’s,
Frau Greindl, eigentlich sind Sie ganz lieb. Ich bin sicher, dass Sie mit-
helfen werden.“
„Meine linke Seite tut weh. Ich gehe zur Chefin und beschwere mich
über euch, nur, dass Sie das wissen!“, setzt Frau Greindl wieder an.
„Nein, nein, Sie sind ja eine ganz Liebe, das weiß ich, Sie gehen sich
nicht beschweren“, sagt Ilse und bereitet die Waschschüssel vor. Die
Bewohnerin schimpft und zetert. „Blöde Kuh!“, sagt sie zu Ilse.
„Also das muss jetzt nicht sein“, gibt diese im selben Tonfall, in dem
sie die ganze Zeit spricht, zurück, obwohl deutlich zu erkennen ist,
dass sie sich ärgert. Weiter sagt sie: „Und, Frau Greindl, ich hätte
gern, dass Sie jetzt mithelfen.“
„Hätte gern, hätte gern“, macht Frau Greindl Ilse nach. „Ich finde das
nicht schön“, meint Ilse schließlich mahnend und Frau Greindl tritt
nach ihr.

Kongruenz

Die Kongruenz ist, wie auch die Empathie, ein tragendes Element der
klientenorientierten Therapie nach Carl Rogers. Der Begriff bedeutet
soviel wie „Übereinstimmung mit sich selbst“ (Rogers 2004, S. 213),
heute ist in diesem Zusammenhang – auch in der Pflege – häufig von
„Echtheit“ die Rede.
Rogers meint damit zunächst, dass der Therapeut das leben und sein
solle, was er wirklich sei und in seiner Beziehung mit dem Klienten of-
fen, echt und ohne Fassade seine Gefühle und Einstellungen leben,
sich demnach nicht verleugnen solle (Rogers 2004, S. 213ff).
Dabei solle die Vielschichtigkeit der Gefühle gelebt werden, und wenn
der Zustand der Kongruenz, so Rogers, auch nicht ganz zu erreichen
wäre, so könne man sich ihm doch in dem Ausmaß annähern, in dem
die eigenen Gefühle zunächst keine Angst machen.
Weiter ist dort zu lesen, dass sich im Zusammenhang mit seiner For-
schung zu zeigen schien, dass gerade im Umgang mit „unmotivierten,
wenig geschulten, widerstrebenden und langfristig hospitalisierten
Menschen“ (Rogers 2004, S. 214) jene Therapeuten am erfolgreichs-
ten waren, die sich innerhalb der therapeutischen Beziehung „echt“
im Sinne dieser Übereinstimmung mit sich selbst zeigten.

102 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Auch das ist für die Pflege von Bedeutung und auch hier kann, was
Rogers ursprünglich mit Blick auf den (psycho-)therapeutischen Pro-
zess entwickelt hat, in Teilen auf unser Fach angewendet werden.

Was aber ist nun im Anschluss an Rogers‘ Überlegungen zu tun,


wenn man unangenehme, negative Gefühle hat? Er fragt zunächst,
wie sich der Therapeut fühlt, der Ablehnung, Ärger oder Langeweile
verspürt.
Und er spricht sich eindeutig dafür aus, echt zu bleiben anstatt Anteil-
nahme, Interesse und Zuwendung vorzutäuschen.
Nun können wir, mag man einwerfen, gerade in der Pflege, etwa am
Bett eines Patienten, nicht einfach zum Ausdruck bringen, dass wir
keine Lust haben, dass wir lieber zu Hause an der Einrichtung der
neuen Küche arbeiten würden oder Ähnliches.
Zum einen muss zunächst bedacht werden, dass Rogers sich dabei
auf das bezieht, was im Rahmen der Begegnung mit einem Klienten
oder eben dem Gegenüber zutage tritt. Grundsätzliche Unlust, etwa
einen Arbeitstag zu beginnen, hätte in dieser Form der Echtheit inner-
halb einer Begegnung also keinen Platz.
Zum anderen sagt Rogers auch, dass damit nicht gemeint sei, dass
mit jedem Vorwurf und mit jedem aufkeimenden Gefühl sofort und un-
überlegt herausgeplatzt werden solle. Ziel sei es vielmehr, nahe am
eigenen Erleben zu sein, das eben vielschichtig sei und sich stets än-
dere. Dauere ein unangenehmes Gefühl aber an, so schulde der The-
rapeut seinem Klienten darüber Ehrlichkeit in dem Sinn, dass er ihn
daran teilhaben lasse – allerdings unter der Voraussetzung, dass er
auch dabei ständig in Kontakt mit den eigenen Regungen bleibe.
Wichtig sei es auch, dabei über das eigene Gefühl (in seinem Bei-
spiel: Langweile im Kontakt mit einem Studenten) zu sprechen und
nicht zu sagen: „Sie sind langweilig“ – was eine Bewertung des Ande-
ren wäre.

Rogers empfiehlt weiter, die ganze Bandbreite der eigenen Wahrneh-


mung mitzuteilen, etwa wenn man sich mit der Langweile, die man
empfinde, unglücklich fühle. Hier wird übrigens das gefordert, was
Schulz von Thun als „Selbstoffenbarung“ bezeichnet.

Verstehen und verstanden werden 103


Wenn eigene Empfindungen mitgeteilt werden, ändern sie sich oder
lässt sich mitunter ihre Ursache erkennen (in Rogers Beispiel war es
die zu große innere Distanz zu dem Studenten). Diese Distanz verlor
sich, wie der Autor weiter beschreibt, im Moment der Mitteilung –
ebenso wie die Langeweile – und zwar während er „vielleicht ein we-
nig bange“ auf die Antwort des Gegenübers wartete. Zusätzlich ent-
wickelte er, so Rogers weiter über sein eigenes Empfinden, eine neue
Sensibilität gegenüber allem, was der Gesprächspartner nun mitteilte
– etwa für die Betroffenheit in seiner Stimme (Rogers 2004, S. 215).

Nun haben wir es in der Pflege oft mit Klienten zu tun, die in ihren
Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkt sind. Denken wir an
Menschen mit Beeinträchtigungen der Sinneswahrnehmung (wie
schwerhörige Klienten), an Patienten mit affektiven Störungen (etwa
depressive Menschen) oder an demenziell Erkrankte, deren kognitive
Fähigkeiten gemindert sind, so wird klar, dass die Forderung nach
Kongruenz den Bedürfnissen der Pflege angepasst werden muss.

Hanna ist in einem moderaten Sinn kongruent. Sie spielt Frau Greindl
kein Theater vor, macht kein Geheimnis daraus, dass sie gekommen
ist, um die Körperpflege durchzuführen und geht zugleich, so weit es
ihr möglich ist, auf die Bedürfnisse der Patientin ein.
Sie hat keine Angst, auch ihren eigenen Unmut („Das ist für mich zu
laut“, „. . . ist sehr anstrengend für mich“) zu zeigen, nimmt sich in die
Begegnung zu Frau Greindl sozusagen mit. Ihre kurzen, gezielten Auf-
forderungen sind echt und kommen im Gegensatz zu dem, was Ilse
sagt – auch wenn sie es gut meint – bei der alten Frau an.

Ilse richtet die Fassade der allzeit freundlichen Schwester auf, ohne
dabei ihren eigenen Bedürfnissen nahe zu sein. Frau Greindl spürt
das und beginnt, Ilse anzugreifen. Es mag durchaus sein, dass die
Bewohnerin sich, wenn auch unbewusst, eine „echte“ Regung Ilses
wünscht.
Hannas Bitte an Frau Greindl, nicht zur Chefin zu gehen (was, wie
Hanna weiß, ohnehin keine Konsequenz hätte), gibt der alten Frau
das Gefühl, ein wenig Macht zu haben – und Hanna wieder gibt es ihr
gern. Sie ist dazu in der Lage, weil sie nicht mit der Bewohnerin kämp-
fen muss, sondern Energie zur Verfügung hat, da sie sich auf jene kur-

104 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


zen, ehrlichen Kommentare und Gesten beschränkt, die ihrer Stim-
mung entsprechen. Sie beteuert nicht (wie Ilse), dass Frau Greindl,
die schimpft und schreit, „eine ganz Liebe“ ist, sondern bleibt zumin-
dest in der Nähe ihres eigenen Empfindens. Frau Greindls zeitweilige
Kooperation wieder kommt Hanna entgegen und so setzt sich ein
Kreislauf in Gang, der – wieder im Gegensatz zu Ilses Interaktion mit
der Bewohnerin – aus echten Aktionen und Reaktionen besteht.

Bevor ich den nächsten Begriff erläutere und seine Anwendung zeige,
noch eine kurze Anmerkung:
Der Begriff der Kongruenz wird auch in einem anderen Zusammen-
hang verwendet, nämlich für die Übereinstimmung verbaler (also
sprachgebundener) und nonverbaler (Mimik, Gestik, Körperhaltung
etc.) Kommunikation. Stimmen sie nicht überein, werden zeitgleich un-
terschiedliche Botschaften gesendet: Wenn ich etwa zu einer Gruppe
von Auszubildenden sage: „Sagen Sie mir, was Ihnen dazu einfällt, ich
höre Ihnen aufmerksam zu“ und dabei in meinem Terminplaner blät-
tere, liegt Inkongruenz hinsichtlich meines verbalen und nonverbalen
Kommunikationsverhaltens vor. Besonders bei Patienten, die bei-
spielsweise nach etwaigen Schmerzen befragt werden, empfiehlt es
sich, auf derlei einander widersprechende Botschaften zu achten.

Ich-Botschaften

Ruth C. Cohn, Begründerin der sogenannten themenzentrierten Inter-


aktion (TZI) und – wie Carl Rogers – eine der bedeutendsten Vertrete-
rinnen der Humanistischen Psychologie, entwickelte in ihren „TZI-
Hilfsregeln“ ein Konzept, das heute als das „Senden von ‚Ich-Bot-
schaften‘“ bekannt ist. Es gelangt ebenfalls im Rahmen der pflegeri-
schen Interaktion zur Anwendung – wenn es auch, wie ich zeigen
möchte, häufig wohl falsch verstanden wird.

Ursprünglich zur Anwendung innerhalb der Kommunikation in Grup-


pen gedacht, entwickelten sich manche Empfehlungen Cohns auch
außerhalb des Kontextes der TZI heraus zu quasi allgemeingültigen
Kommunikationsregeln. Zwei dieser Regeln, die sich besonders auf
die sogenannte Ich-Botschaft beziehen, möchte ich zunächst wie-
dergeben:

Verstehen und verstanden werden 105


„Vertritt Dich selbst in Deinen Aussagen; sprich per ‚Ich‘ und nicht per
‚Wir‘ oder per ‚Man‘.“

„Halte Dich mit Interpretationen von anderen so lange wie möglich zu-
rück. Sprich stattdessen deine persönlichen Reaktionen aus“ (Cohn
2004, S. 124f).

Verallgemeinernde Wendungen wie „man tut“, „wir glauben“ oder „je-


der denkt“ werden laut Cohn vor allem in Situationen gebraucht, in
denen der Sprechende die Verantwortung für das, was er sagt, nicht
voll übernehmen möchte. Die Regel, per „ich“ zu sprechen, verfolge
nach der Autorin das Ziel, Projektionen zu vermeiden und Aussagen
zu machen, für die man selbst verantwortlich zeichne, und weder die
eigene Kreativität noch eigene Irrtümer hinter einer Allgemeinaussage
zu verstecken.

Über Interpretationen sagt Cohn, dass sie grundsätzlich zwar ange-


bracht sein können, häufig aber nichts anderes als „Selbstbewunde-
rungsspiele“ seien und dass „nicht-interpretative, direkte persönliche
Reaktionen zum Verhalten anderer“ zu „spontaner Interaktion“ führen.
Sie empfiehlt in diesem Sinn statt etwa „Du redest, weil du immer im
Mittelpunkt stehen willst“ zu sagen: „Bitte rede jetzt nicht, ich möchte
nachdenken“ oder „Ich möchte selbst reden“ (Cohn 2004, S. 126).

Natürlich haben diese Ich-Botschaften auch den Vorteil, dass damit di-
rekte Aufforderungen vermieden werden können, ebenso Schuldzu-
weisungen. Es macht einen Unterschied, ob ich zu einer Gruppe von
Auszubildenden oder Studierenden sage: „Sie sind zu laut“ oder „Bei
diesem Geräuschpegel fällt es mir schwer, für alle hörbar zu sprechen.“
Für Patienten klingt es deutlich anders, ob ich sage: „Sie helfen aber
gar nicht mit“ oder aber „Wenn Sie jetzt mitmachen, ist es für mich
(für uns beide) leichter“.

Hanna sagt zu Frau Greindl:


„Das ist für mich zu laut“ anstelle von „Sie schreien zu viel.“
und: „Das ist sehr anstrengend für mich, wenn ich Sie ganz alleine
drehen muss. Und zu Hause habe ich drei kleine Kinder, die muss ich
manchmal tragen“ statt „Sie helfen gar nicht mit!“

106 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


und: „Ich weiß nicht, was Sie jetzt wollen“ statt „Sie kommandieren
nur!“
Auch wenn nur die dritte Aussage, die hier wiedergegeben ist, mit
dem Wort „ich“ beginnt, handelt es sich selbstverständlich bei allen
Dreien um Ich-Botschaften. Weiters gibt, was wieder ein Hinweis auf
Kongruenz ist, Hanna auch noch etwas von sich preis, nämlich, dass
sie zu Hause manchmal drei kleine Kinder tragen muss. Frau Greindl
reagiert gerade auf diese recht persönliche Aussage gut und möchte
deren Namen wissen.

Ein falsches Verständnis von Ich-Botschaften

Manches von dem, was Ilse sagt, klingt vordergründig wie eine Ich-
Botschaft.
„Ich bin sicher, dass Sie mithelfen werden“, sagt Ilse nämlich zu Frau
Greindl und interpretiert dabei deren Verhalten, das allerdings im ge-
nauen Gegensatz zu Ilses Interpretation steht. Diese scheint auch
nicht von Echtheit getragen zu sein und ist ganz vordergründig eher
Aufforderung denn Ich-Botschaft.
Weiters sagt Ilse: „Ich hätte gern, dass Sie jetzt mithelfen“ – und
drückt auch hier nur zum Schein aus, was sie empfindet, denn eigent-
lich ist ihre Aussage eine klare Aufforderung. Über Ilses Wahrneh-
mung oder Empfindung erfahren wir auch hier nichts.
„Ich finde das nicht schön“, meint Ilse schließlich, was aber, wie ihr
Tonfall zeigt, eigentlich eine Ermahnung ist.

Gerade im Zusammenhang mit der Absicht zu erziehen, zu lehren, zu


leiten, zu führen oder zu lenken hat die Ich-Botschaft in die Alltags-
kommunikation in einer Form Einzug gehalten, die ihrem eigentlichen
Sinn zuwiderläuft
Unter Vorgabe dessen, eigene Gefühle anzusprechen, versuchen Er-
zieher, Lehrer, Führungskräfte und eben auch Pflegende einerseits
eben dies zu vermeiden, wollen andererseits aber auch keine klare
Aufforderung aussprechen.
Äußerungen wie: „Ich wünsche mir, dass (dieses oder jenes bis mor-
gen erledigt ist)“ oder: „Ich hätte gern . . .“ oder „Ich bin überzeugt da-
von, dass Sie . . . tun werden“ sind keine Ich-Botschaften. Denn sie
geben keine Auskunft über die Befindlichkeit dessen, der sie aus-

Verstehen und verstanden werden 107


spricht, und kommen letztlich auch als so ungeschickte Vertuschung
einer Aufforderung oder eines Befehls daher, dass ihnen ein solcher
sogar vorzuziehen wäre. Ein Befehl ist zumindest ehrlich – auch im
Sinne von echt oder kongruent – sodass er für den Empfänger meines
Erachtens leichter anzunehmen ist als eine emotionslos und völlig un-
empathisch gesendete Ich-Botschaft.

Für die Praxis:


· Inkongruentes Verhalten, in dem man völligen Abstand vom ei-
genen Befinden nimmt und anstelle dessen gleichförmige, emo-
tionsfreie Interaktion setzt, ist häufig Ausdruck des Versuches,
etwa aufgebrachte Klienten zu beruhigen.
· Es zeigt aber in der Regel nicht die gewünschte Wirkung, sondern
kann im Gegenteil Aggression, Unbehagen oder Misstrauen
erzeugen.
· In sinnvoller Weise kongruent zu sein, bedeutet nicht, sich sei-
nen Gefühlen und Affekten unkontrolliert zu überlassen, sondern
sie in quasi „verträglicher“ Gestalt zu leben.
· Dabei ist die Ich-Botschaft eine Hilfe: Indem die eigenen Gefühle
an- und ausgesprochen bzw. auch analog gezeigt werden, wird
nicht die Person des Gegenübers zum Gegenstand dessen, was
ausgesendet wird, sondern das, was ihr Verhalten in einem selbst
auslöst.
· Kongruenz, also Echtheit, kann Pflegenden helfen, innerlich am
Interaktionsgeschehen beteiligt zu bleiben, zugleich Verständi-
gung ermöglichen und dient auch der eigenen Entlastung.
· Gerade Pflegende stellen oft den Anspruch an sich, alles ertragen
und aushalten zu müssen. Allerdings schafft diese Haltung oft
erst recht (kommunikative) Schwierigkeiten und Probleme, da
Gleichgültigkeit Klienten tatsächlich dazu bringen kann, dem Ge-
genüber „echte“ Reaktionen entlocken zu wollen. Häufig sind
diese Versuche mit Aggression verbunden.
· Aufforderungen sollten jedoch nicht als „Ich-Botschaft“ getarnt
werden. Es ist besser, zu sagen: „Frau Müller, bleiben Sie doch
im Tagraum“, als: „Frau Müller, ich wünsche mir, dass Sie im Tag-
raum bleiben“, da es sich dabei tatsächlich um eine Aufforderung
und keinen „echten“ Wunsch handelt. Und dabei tut Klarheit
ebenso gut, wie im Zusammenhang mit der kongruenten Äuße-
rung eigener Gefühle.

108 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


4.5 „Rein prophylaktisch“
(Fach- und andere Sprachen – manchmal
der Versuch, Grenzen abzustecken)
Aus der Praxis (Ida)

Ida hat ihre Ausbildung zur Krankenschwester vor drei Jahren been-
det. Sie könnte sich auch andere Berufe vorstellen, hat sich letztlich
aber für eine Ausbildung in der Pflege entschieden und ist damit sehr
zufrieden – jedenfalls meistens. Herr Müller, den sie heute versorgt,
hat Besuch von seiner Frau, die gerade am Gehen ist. Ida hört noch,
wie er sagt: „Und wegen der Bauchspritzen erkundige ich mich.“
Ida will Herrn Müller erklären, worum es sich dabei handelt, da meint
er: „Ach, danke, Schwesterlein, aber ich frage dann den Arzt. Aber
wissen Sie, mein Kühlschrank im Zimmer scheint kaputt zu sein –
können Sie da etwas veranlassen?“
Bei der Abendrunde kommt Ida mit Krankenpflegehelferin Ulli zu
Herrn Müller. Sie blättert in der Pflegedokumentation und sagt, zu ihr
gewandt: „Wunde sieht nach p.p-Heilung aus, morgen können wir sie
dann mit Folie versorgen. Mobilisation wie üblich bei post-op, Darm-
management noch fraglich, Compliance gegeben, i.v. läuft weiter,
wird wohl bald auf per os umgestellt, Pflegeinterventionen evaluiere
ich dann.“ Ida merkt wohl, dass Herr Müller einerseits nicht alles ver-
standen hat, sie andererseits aber nicht um Übersetzung bitten
möchte. Er meint: „Na, ihr habt aber auch ein ganz schönes Latein.“
„Der soll nur ja nicht glauben, dass wir nur dazu da sind, das Zimmer
in Ordnung zu halten“, sagt sie am Gang zu Ulli.

Pflegefach- und Wissenschaftssprache

Die Wissenschafts- und auch die Fachsprache sind grundsätzlich von


dem Bemühen geleitet, Missverständnisse im Austausch unter Men-
schen zu vermeiden, die sich mit Forschung und/oder professioneller
Ausübung einer Sache beschäftigen.
Die Wissenschaftssprache unterscheidet sich von der „Alltagsspra-
che“ dadurch, dass sie über eine Terminologie verfügt. Eine solche
Terminologie besteht (vgl. auch Kap I 4.1) aus einer Reihe von Sym-

Verstehen und verstanden werden 109


bolen, sogenannter „Termini“, von denen möglichst eindeutig fest-
steht, was sie bedeuten. So sollen Sprachbarrieren im Zusammen-
hang mit der Verständigung in einer bestimmten Sache vermieden
werden (Burkart 1998, S. 123f).

Abgesehen von Formalwissenschaften (wie etwa der Mathematik), die


sich einer Formel- oder Zeichensprache bedienen, hat man es in ver-
schiedenen Wissenschaften oder Wissenschaftsbereichen damit zu
tun, dass demselben Wort jeweils völlig unterschiedliche Bedeutun-
gen zugeordnet sind. Zusätzlich finden in manchen Wissenschaftsbe-
reichen auch Worte aus der Alltagssprache Verwendung. Im Vorgang
der Definition werden Worten daher ganz bestimmte Bedeutungsin-
halte zugewiesen (Burkart 1998, S. 124).

Wenn professionell Pflegende oder Pflegewissenschaftler über ihr


Fach sprechen, tun sie dies also zum einen unter Verwendung einer
bestimmten Terminologie (man denke hier an viele Begriffe aus der
Anatomie, Physiologie oder Pathologie – insgesamt der Medizin, der
Pflegewissenschaft selbst oder auch anderen Bezugswissenschaften
der Pflege – wir sprechen von „Harnkatheterismus“, „Pflegeinterven-
tion und -diagnostik“, „Inkontinenzversorgung“ „Wund- und Schmerz-
management“ u.v.m. oder verorten etwa einen Pilz als „inguinal“).
Andererseits gibt es Worte, die in anderen Fachsprachen oder im All-
tagsgebrauch auch eine andere Bedeutung haben – denken wir nur
an die „Lagerung“ eines Klienten oder an die Begriffe „Selbstständig-
keit“, „Aufklärung“, „(Lebens-)Aktivität“ oder „Beobachtung“, deren
Bedeutung für die Pflege auf ganz bestimmte Weise definiert ist und
verstanden wird.

Sabine Bartholomeyczik führt – unter Bezugnahme auf ein Zitat der


Pflegewissenschaftlerin Norma Lang – ein weiteres wichtiges Anlie-
gen der sprachlichen Professionalisierung der Pflege aus: „Es
muss eine Sprache geben, die die Inhalte der Pflege klar und eindeu-
tig bezeichnet, die etwas kommunizierbar und damit sichtbar macht.
Damit erst wird der so bezeichnete Gegenstand diskursfähig und
kann auch eingefordert werden.“ Weiters berichtet die Autorin von In-
terviews mit Pflegenden, in denen sich gezeigt habe, dass es auch
Angehörigen der Berufsgruppe häufig schwer falle, ureigene, pflegeri-

110 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


sche Tätigkeiten zu benennen und dabei vielfach von „Betreuen, Ver-
sorgen“ und Ähnlichem gesprochen werde (Bartholomeyczik 1997,
S. 15).

Umgekehrt aber verstünden heute fachfremde Personen auch von


pflegefachlichen Gesprächen nur wenig, was allerdings nicht bedeute,
dass die dabei verwendete Sprache „die Kriterien einer kontext-
unabhängigen verständlichen und einheitlichen Fachsprache“ erfüllen
könne (Bartholomeyczik 1997, S. 19).

Wenngleich es also erst gilt, eine Pflegefachsprache zu entwickeln, die


Pflegenden dabei helfen kann, ihr Fach in allen Dimensionen benenn-
bar und damit diskutierbar zu machen, stimmt es ebenfalls, dass Klien-
ten der Pflege häufig tatsächlich nicht wissen (können), was unter ein-
zelnen Begriffen zu verstehen ist. Der Psychologe Rolf Müller zeigt
dies durch eine Studie und anhand in der Pflege recht häufig verwen-
deter Begriffe wie „einen Zugang legen“, „Blasentraining durchführen“
oder „jemanden fixieren“ (Müller 1997, S. 139f).

Nun halte ich es, was den beruflichen Alltag betrifft, tatsächlich nicht
für das vorrangige Problem, dass Klienten in der Mehrzahl nicht ver-
stehen, wovon Pflegende sprechen. Ich glaube nämlich nicht, dass
es Pflegenden schwer fällt oder es ihnen nicht möglich ist, sich so
auszudrücken, dass sie von ihren Klienten (oder von anderen Angehö-
rigen der eigenen Berufsgruppe) verstanden werden.
Dass doch manchmal im „Pflegelatein“ gesprochen wird, hat meines
Erachtens häufig mit einem Problem zu tun, auf das ich hier hinweisen
möchte, nämlich mit Abgrenzung und Distanzierung. Dies spricht
die Linguistin Gisela Brünner dort an, wo sie über Fachsprachen
sagt, dass diese schließlich auch zum „Image und zur gesellschaft-
lichen Anerkennung einer Berufsgruppe“ beitragen würden (Brünner
1997, S. 45).
Auf ein weiteres interessantes Problem weist Ursula Geissner hin: Der
Pflege fehle, so die Autorin, eine Wissenschaftssprache, die ihre Be-
zugspunkte klar benenne und theoretisch begründe. Im Zusammen-
hang etwa mit dem häufig verwendeten Begriff der „Ganzheitlichkeit“
verorte sich die Pflege eher in „holistischen Spielereien“ und „diffusen
esoterischen Begriffen“ (Geissner 1997, S. 107).

Verstehen und verstanden werden 111


Ein anderes Problem schließlich ist für die Autorin, dass Pflegende
entweder in einer Art „Kürzelsprache“ (Dokumentationsstil) infor-
mieren, oder aber, werden sie darum gebeten, genau und ausführlich
erzählen würden (narrative Form der Mitteilung), was wiederum „na-
turwissenschaftlich geprägte Zuhörer“ wie etwa Ärzte zum Unter-
brechen und Zusammenfassen animieren könne – und das, obwohl
die erzählende Weitergabe von Informationen in Psychotherapie
oder Supervision ausdrücklich erwünscht sei, da ihr Vorteil im „Ange-
bot des unbewerteten Materials“ liege (Geissner in Zegelin 1997,
S. 109).

Pflegende sollen im Alltag nun einerseits für die Klienten verständlich


bleiben, sich in der Informationsweitergabe kurzfassen, und zugleich
– auch hier schließe ich mich den Ausführungen Geissners uneinge-
schränkt an – fehlt es der Disziplin an einer Wissenschaftssprache,
deren Bezugspunkte für bestimmte Begrifflichkeiten klar und eindeu-
tig dargelegt sind. Ich möchte an dieser Stelle zu Ida und dem, wofür
sie die Pflegefachsprache verwendet, zurückkehren, zuvor aber noch
auf etwas hinweisen:

Bekanntermaßen steht die berufliche Pflege im deutschsprachigen


Raum erst am Beginn ihrer Verwissenschaftlichung (vgl. dazu etwa
Moers 2001, S. 72) und kämpft, wie auch andere Felder, darum, in
der Alltagswahrnehmung als Disziplin, deren Praxiswissen durch For-
schung generiert wird, anerkannt zu werden.
Pflege hat es, wie etwa auch die Pädagogik, mit vielschichtigen Situa-
tionen zwischenmenschlichen Miteinanders zu tun (vgl. dazu etwa
Holoch 2001), was wieder bedeutet, dass sich wesentliche Teile pfle-
gerischen Tuns im Bereich der Interaktion und Kommunikation, im
„Zwischenmenschlichen“ bewegen.
Dieser Umstand kann mit sich bringen, dass auch professionellem,
pflegerischem Handeln mitunter Nähe zum Alltagshandeln (im Sinne
eines „Das kann ja jeder“) unterstellt wird und weiter vermutet wird,
hier genügen etwa ein wenig Freundlichkeit und guter Wille.

So fordern die Linguistin Gisela Brünner und der Germanist und So-
ziologe Reinhard Fiehler in ihren „Thesen zur Entwicklung des Pflege-
berufs“ Untersuchung und Beleg darüber, dass die Durchführung im

112 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Rahmen der beruflichen Pflege geleisteter, interaktiver und kommuni-
kativer Tätigkeiten eben nicht von „beliebigen Personen erbracht“
werden könne, sondern dass es dazu professionellen Wissens und
Könnens bedürfe (Brünner und Fiehler 1997, S. 49).
Doch nicht nur im Zusammenhang mit dieser Form pflegerischen
Tuns, sondern auch mit Blick auf „klassische“ Pflegetätigkeiten wie
die Unterstützung bei der Körperwaschung, beim Essen und Trinken
u.v.m. kämpfen manche Disziplinen der Pflege damit, dass es in der
Außen- oder Fremdwahrnehmung nicht immer ausreichende Abgren-
zung zum Alltagshandeln gibt – ein Schicksal, das die Pflege mit der
Pädagogik teilt: Auch Erziehung oder Unterricht werden nur zu gerne
als etwas betrachtet, das „jeder kann“, da wir alle in irgendeiner Form
mit Kindern zu tun haben.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Pflegende dazu nei-


gen können, durch die Verwendung möglichst vieler Fachbegriffe zu
zeigen, dass das, was sie tun, kein Alltagshandeln ist. Dieses Motiv
scheint mir, wenn auch vielleicht unbewusst, so doch ein Grund dafür
zu sein, dass manchmal „Pflegelatein“ gesprochen wird – auch da,
wo wir uns eigentlich um Verständlichkeit bemühen sollten.

Das Motiv der Abgrenzung durch Sprache mag also eine Falle sein,
in die mitunter getappt wird – und zwar nicht nur gegenüber manchen
Klienten oder deren Angehörigen, sondern auch innerhalb des Pflege-
teams. Dort stehen Pflegende, die sich stark an der Wissenschaftlich-
keit der Pflege orientieren und denen die Emanzipierung des Fachs
wichtig ist, Anderen gegenüber, die sich eher als „klassische“ Helfer
und Dienstleister begreifen.
Mit anderen Worten: Es gibt Pflegende, die sich gerne an der Theorie
unseres Fachs orientieren, die, wie man so schön sagt, eher „kopflas-
tig“ sind, sich gerne an Arbeitsgruppen und -kreisen beteiligen und
Kongresse besuchen.
Und es gibt Pflegende, die gut und gerne vor allem praktisch arbeiten,
wahre Meister darin sind, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, die auch
in der größten Hektik Ruhe bewahren und die direkte Pflege am Klien-
ten als das zentrale Element ihres Tuns erachten. Ich erlebe oft, dass
derlei unterschiedliche Interessen, Fähigkeiten und Fertigkeiten be-
wertet und gegeneinander ausgespielt werden.

Verstehen und verstanden werden 113


Zudem kommen die Angehörigen der – inhomogenen – Gruppe der
Pflegenden aus verschiedensten Umfeldern und haben zum Teil un-
terschiedlichste Bildungsbiografien. Da prallt vieles aufeinander, wird
einander dieses und jenes vorgehalten, sich gegeneinander abge-
grenzt und voneinander distanziert – eben auch und gerade durch
Sprache.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer weist Pflegende zudem


als Berufsgruppe aus, die einerseits über wesentlich weniger Freihei-
ten in der Gestaltung ihres Tuns verfüge als etwa Ärzte, Sozialpäda-
gogen oder Psychotherapeuten, die sich andererseits manchmal aus
dem eigentlichen Wesen der Interaktion ausgeschlossen fühle und
die zudem darunter leide, in ihrer Kompetenz immer wieder – und je
nach Bedarf – „an- und ausgeknipst“ zu werden (Schmidbauer 1992,
S. 161ff).
Ida scheint mir dafür ein gutes Beispiel.

Wäre sie nun kongruent, wäre sie echt, würde sie direkt auf Selbstof-
fenbarungsebene sprechen, könnte sie zu Herrn Müller z. B. sagen:
„Also, ich fühle mich von Ihnen dem Arzt gegenüber abgewertet!“
oder: „Es ist schon so, dass ich mehr weiß und kann als nur das Zim-
mer zu versorgen“.
Es steht außer Frage, dass sie das nicht tun wird – und das ist meines
Erachtens verständlich. Warum sollte Ida auch kundtun, dass sie ge-
kränkt ist?
Hier stößt das, was in der Kommunikation „richtig“ ist, an seine Gren-
zen: Natürlich würde das Gespräch durch eine Selbstoffenbarung auf
die Ebene gelenkt, auf der sich das Problem befindet, selbstverständ-
lich würde Herr Müller sofort spüren, dass das, was er eben gesagt
hat, Ida trifft.
Was sie zunächst getan hat, hat der Pädagoge Erich Schützendorf so
treffend benannt, dass ich es hier auszugsweise wiedergeben möchte:
„Pfleger(innen), denen ständig ‚auf den Kopf gemacht‘ wird, fühlen
sich ausgenutzt, überfordert, gedemütigt und gekränkt.“ Sie revan-
chierten sich dafür, so der Autor weiter, „mit einem ‚pling‘, mit einer
kleinen Gehässigkeit“ und schließlich:
„Es ist einfach so, daß sich Pflegende ein ‚pling-Konto‘ einrichten,
von dem sie bei passender Gelegenheit zurückzahlen. Die Rückzah-

114 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


lung kann unmerklich geschehen, Hauptsache ist, daß die innere Bi-
lanz stimmt.“
Er heißt dies nicht gut, sagt dazu aber Folgendes: „Wer sein Konto mit
kleineren Gehässigkeiten ausgleicht, so hoffe ich, muß nicht zu stär-
keren Mitteln der Gewaltanwendung greifen. Ich befürchte allerdings,
daß Pflegende, die man mit unerträglich erlebten Menschen alleine
läßt, leicht die Grenze zwischen ‚plings‘ und Gewalt überschreiten“
(Schützendorf 1999, S. 92f).

Was Ida getan hat, ist (im kommunikationstheoretischen Sinn) nicht


richtig – aber verständlich. Eigentlich wollte sie ihren Beruf von dem
eines Dienstmädchens abgrenzen und ihm (und indirekt auch sich
selbst) den Wert geben, den er verdient.
Langfristig könnte Ida nun freilich daran arbeiten, sich durch Bemer-
kungen wie die Herrn Müllers nicht verunsichern zu lassen. Im Ge-
spräch mit Ida nämlich stellt sich – wenig überraschend – heraus,
dass sie tatsächlich darunter leidet, dass ihre Ausbildung und die ab-
solvierten Fortbildungen in vielen Momenten ihrer Tätigkeit und für
Patienten wie Herrn Müller anscheinend nicht zählen.

Als wir gemeinsam über das Problem nachdenken, sagt Ida, dass sie
es nicht richtig finde, sich auf diese Weise zu „revanchieren“ – nur hin
und wieder geschehe das eben: bei manchen Kollegen, Patienten
und ihren Angehörigen.
Was hilft, ist ein stabiles, ich nenne es hier „pflegerisches“ Selbstwert-
gefühl – und im Moment, so weit es eben möglich ist, auf innere Dis-
tanz zum Geschehen zu gehen und zu versuchen, sich in die Lage
etwa von Herrn Müller zu versetzen. Dann könnte er vielleicht als Pati-
ent gesehen werden, der selbst unsicher ist oder sich ausgeliefert
fühlt. Und in diesem Moment wäre es Ida wohl auch unmöglich, ihm
eine Portion Pflegelatein zu servieren.

Ich habe dieses Beispiel bewusst gewählt, weil ich der Meinung bin,
dass sich die Frage nach der „Verständlichkeit“ unserer Fachsprache
eher in diesen Zusammenhängen stellt als im Zusammenhang mit der
Fähigkeit Pflegender, sich verständlich auszudrücken.
Was die Kommunikation und eventuell manche „Grabenkämpfe“ (zwi-
schen eher wissenschaftlich und eher praxisorientierten Pflegenden)

Verstehen und verstanden werden 115


im Team betrifft, kann es hilfreich sein, daran zu arbeiten, dass alle in
ihren besonderen Fähigkeiten wahrgenommen werden, also dass
eine Art des Könnens nicht mehr wiegt als ein andere. Im Gegensatz
zu der Szene, die sich zwischen Ida und Herrn Müller abgespielt hat,
macht es im Team und untereinander wohl eher Sinn, Standpunkte
klar darzulegen und nötigenfalls auf Ebene der Selbstoffenbarung zu
wechseln, wenn vielleicht einerseits „Wissenschaftslatein“ serviert
oder es andererseits als Wichtigtuerei verstanden wird.

Für die Praxis:


· Fachsprachen spielen für die Pflege eine ebenso wichtige Rolle
wie für andere Disziplinen – sie gewährleisten u. a. Verständigung
innerhalb der Berufsgruppe.
· Für die Pflege erfüllt eine klare Fach- bzw. Wissenschaftssprache
noch einen anderen Zweck: es soll damit pflegerisches Tun sicht-
bar und damit diskutierbar gemacht werden.
· Zugleich fehle es der Pflegefachsprache, so Ursula Geissner, an
einer Wissenschaftssprache, die ihre Bezugspunkte klar benenne
und theoretisch begründe. Stattdessen würde häufig auf unklare
Rahmen und Zusammenhänge zurückgegriffen – die Autorin
nennt als Beispiel den Begriff der „Ganzheitlichkeit“.
· Von Pflegenden wird – besonders im Zusammenhang mit Kommu-
nikation – vieles gefordert: einerseits sollen sie (etwa gegenüber
den Klienten) „verständlich“ bleiben, was natürlich wichtig ist. An-
dererseits sollen sie sich (in der Weitergabe von Informationen ge-
genüber Ärzten) kurzfassen und in einer Weise kommunizieren, die
dem naturwissenschaftlichen Verständnis von Informationsweiter-
gabe entgegenkommt. „Detailgenau und stimmungsvoll erzählen
zu können“ zählt aber für Ursula Geissner, und dem schließe ich
mich an, zum Fachjargon der Pflegenden“ (Geissner in Zegelin
1997, S. 109).
· Zugleich dient eine Fachsprache auch dem Prestige einer Berufs-
gruppe oder eines Fachs und der Abgrenzung nach außen. In bei-
dem hat es die Pflege aufgrund der (scheinbaren) Nähe vieler ihrer
Aufgaben und Inhalte zum „Alltagshandeln“ besonders schwer.
· Es kann nun dazu kommen, dass Pflegende verstärkt dazu nei-
gen, die Pflegefachsprache zur Abgrenzung zu gebrauchen und
zwar besonders dann, wenn sie sich von Klienten der Pflege, de-
ren Angehörigen, von Angehörigen anderer Berufsgruppen oder
auch Teammitgliedern abgewertet fühlen. Ich halte das insge-

116 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


samt für ein größeres, weil nur „zwischen den Zeilen“ angespro-
chenes Problem als jenes, für die Klienten grundsätzlich ver-
ständlich zu sein oder zu bleiben.
· Mit durchmischtem „Pflegelatein“ mag also etwa versucht wer-
den zu zeigen, dass Pflege „mehr ist als nur Bettenmachen“. Im
Zusammenhang mit diesem Problem halte ich es für sinnvoll, das
eigene Selbstbewusstsein zu stärken – was allerdings ein langer
Weg ist, der keine schnelle und einfache Lösung erlaubt.

4.6 „Das ist mehr, als jemandem in die Augen


zu sehen!“ – (Sich-Identifizieren und Rückfragen –
aktives Zuhören und Antworten unter den
besonderen Bedingungen der Pflege)
Aus der Praxis (Gerechtigkeit)

Die 65-jährige Frau Giebel hatte einen Insult und liegt auf der neurolo-
gischen Abteilung. Aufgrund einer Hemiplegie ist sie auf die Unter-
stützung anderer angewiesen, was ihr als aktive Frau, die gerne reist,
eine besondere Belastung ist. Mit ihrer Zimmernachbarin, einer zwan-
zig Jahre jüngeren, ausnehmend gut aussehenden Frau, die einen
Bandscheibenvorfall hatte, versteht sie sich gar nicht. Frau Habel ist
Kunsthistorikerin und hat am Tisch allerhand Bücher liegen, die sie
für ihre Arbeit braucht und isst Reduktionskost, um, wie sie betont,
nur ja nicht zuzunehmen.
Frau Giebel braucht fast in allem, was sie tun möchte, Hilfe.
Schwester Gerti war mit der Auszubildenden Christa bei ihr, hat sie in
den Rollstuhl gesetzt und auf die Toilette gebracht, die dem kleinen
Zimmer von Frau Giebel und Frau Habel angeschlossen ist.
„Hier stinkt’s noch immer“, sagt Frau Habel mit einem Seitenblick
zum Bad, als das Mittagessen kommt. „Schwester“, sagt sie dann,
„meine Nachbarin hat Angst, sich zu erkälten, aber ich denke schon,
dass noch einmal gelüftet werden muss, nicht wahr?“
Die Luft im Zimmer ist tatsächlich stickig und die Abteilungshelferin,
die das Essen bringt, öffnet das Fenster.

Verstehen und verstanden werden 117


Beim Essen rinnt Frau Giebel – aufgrund der Halbseitenlähmung – die
Suppe über den Unterkiefer. Sie bemüht sich, so zu essen, wie sie es
bei der Ergotherapeutin gelernt hat und das ganze Szenario ist ihr
peinlich. Frau Habel blättert in einer Kunstzeitschrift.
Bei der Mittagsrunde kommt Christa zu Frau Giebel. Die Speisetab-
letts sind abserviert und Frau Habel ist bei der Physiotherapie. „Frisch
ist es hier“, sagt Christa, „soll ich nicht zumachen?“ und geht zum
Fenster.
„Na, die wollte das“, murmelt Frau Giebel und schaut mit bedeu-
tungsvollem Blick zum Bett ihrer Nachbarin, die nicht da ist.
Christa schließt das Fenster, sieht Frau Giebel an fragt: „Kann ich
Ihnen helfen?“ Diese kann nicht mehr an sich halten und sagt: „So
eine große Dame, lackiert sich hier die Nägel und spielt Prinzessin,
kann nur an sich denken, mehr kann sie nicht. Und schlaue Bücher
lesen. Hier sind wir aber im Krankenhaus und nicht auf der Moden-
schau.“
Christa hat ihr aufmerksam zugehört und sagt: „Hier werden alle Pa-
tienten gleich behandelt. Sie sollten nicht über ihre Nachbarin schimp-
fen, sondern sich mit ihr vertragen. Sehen Sie, jetzt war das Fenster
den ganzen Vormittag zu, dann war es kurz offen, und wenn Frau Ha-
bel kommt, ist es wieder zu, dann ist es ja in Ordnung.“ Christa tät-
schelt Frau Giebels Handgelenk. Diese schweigt, als Christa geht.
„Was sticht denn bitte unseren Giebel?“, witzelt Ute bei der Dienst-
übergabe. „Hat vorher geweint wie ein Kind, aber herauszubringen ist
nichts aus ihr.“

Aus der Praxis (Große Fragen)

Der Mann von Frau Giebel hatte ein Gespräch mit der Stationsärztin,
die ihn darüber aufgeklärt hat, dass nicht zu erwarten ist, dass sich
die Halbseitenlähmung von Frau Giebel wieder ganz zurückbildet.
„Sie wird Pflege brauchen“, sagt die Ärztin.
Zwar hat er so etwas schon geahnt, sich aber nicht getraut, diesen
Gedanken fertig zu denken. Als er das Zimmer verlässt, in dem die
Besprechung stattgefunden hat, ist er aufgewühlt und alles scheint
sich im Kreis zu drehen. Die nächste Schwester, auf die er trifft, ist
Gerti. Er erzählt ihr, was er gehört hat. „Wie wird das zu Hause wer-
den?“, fragt er.

118 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Gerti bittet ihn ins Dienstzimmer, sorgt für eine ruhige Gesprächsat-
mosphäre und erklärt ausführlich, dass es verschiedene Hilfsmittel
gibt, bietet ihm Kataloge von Bandagisten an, sagt weiter, dass auch
mobile Pflege möglich sei, dass alles von der Pflegestufe abhänge,
vom Grad der Pflegeabhängigkeit und von anderen Faktoren – etwa
davon, was Herr Giebel selbst zu leisten imstande sei. „Ich habe ihn“,
wird sie mir später erzählen, „aber im gesamten Gespräch nicht mehr
erreicht, er ist irgendwie starr geworden und es kam nichts mehr. Die
Kataloge hat er liegen gelassen.“

Identifiziert-Sein

Wenn man es genau nimmt, haben sowohl Christa als auch Gerti kor-
rekt gehandelt und kommuniziert. Christa hält sich an das, was sie im
Ethik-Unterricht gehört hat und will gerecht sein.
Gerti sorgt, wie es in jedem (Pflege-)Kommunikationsratgeber ge-
wünscht und vorgeschlagen wird, für die berühmte „ruhige Atmo-
sphäre“, gibt Herrn Giebel die gefragten Informationen und bietet Zu-
satzmaterial an.
Beide hören aufmerksam, „aktiv“ zu, sind bei der Sache und widmen
sich ihrem Gesprächspartner voll und ganz. Trotzdem läuft beide
Male etwas schief.
Bleiben wir zunächst bei Christa und tun wir, wie auch schon ansatz-
weise im Punkt „Spiegeltechniken“ (vgl. Kap. I 4.3) einen Schritt zu
uns selbst – ein wenig habe ich dort schon (im Beispiel mit der Am-
pulle) verraten, worauf es ankommt. Stellen wir uns also vor, wir wür-
den am Abend unserem Partner oder einer Freundin von einem Klien-
ten oder Vorgesetzten erzählen, über den wir uns am Tag geärgert
haben. Und stellen wir uns weiter vor, er oder sie würde entgegnen:
„Das ist aber gar nicht schön, wie du über deine Patienten/deine Che-
fin sprichst.“
Wir würden uns nicht verstanden fühlen, und zwar aus einem einfa-
chen Grund: Unser Gegenüber hätte sich nicht mit uns identifiziert,
sondern mit dem (nicht anwesenden) Dritten.
Ich meine damit nicht, dass der Gesprächspartner quasi „nur zu uns
halten“ darf. Sehr wohl nämlich könnten wir mit einer Aussage wie
„Naja, schau, das Ding hat aber zwei Seiten“ oder „Du musst ihn/sie
auch verstehen“ umgehen, wenn vielleicht im Moment auch nicht

Verstehen und verstanden werden 119


ganz so gut wie mit einer ganz spontanen Bestätigung unseres eige-
nen Empfindens (etwa: „Würde ich auch nicht aushalten“ oder: „Na,
der/die ist ja mühsam“).

Sich-Identifizieren wird gemeinhin (und nicht in der Bedeutung, die


der Begriff der „Identifizierung“ in der Psychoanalyse hat) als bei-
spielsweise Empathie oder auch „seelische Ansteckung“ (Laplanche
und Pontalis 1980, S. 220) verstanden – und genau so wäre er in un-
serem Beispiel auch zu begreifen: Frau Giebel fühlt sich neben der an-
deren Frau klein, alt und hilflos. Noch dazu hat diese in ihrer Wahrneh-
mung in der Sache mit dem Fenster „gewonnen“. Was Frau Giebel
jetzt braucht, ist jemand, der ganz mit ihr und ihrem aktuellen Bedürf-
nis fühlt, und nicht einen Verweis auf den – für sie im Moment abstrak-
ten – Begriff von Gerechtigkeit.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Christa schlecht über Frau
Habel sprechen soll – darum geht es auch gar nicht. Worum es geht,
ist ihre innere Haltung – sie kommt nämlich gar nicht bei Frau Giebel
an, was ihr auch gar nicht anzulasten ist – sie meint es schließlich
gut.

Frau Giebel würde aber das angenehme Gefühl, eine „Verbündete“ zu


haben, brauchen.
„Ihnen ist im Moment gar nicht nach Dame?“, könnte Christa fragen
und würde sicher zu hören bekommen, was in der Patientin vorgeht
und könnte dann entsprechend reagieren. Sie könnte sagen: „Na, las-
sen Sie sie halt!“ und ebenso bedeutungsvoll grinsen, wie Frau Giebel
zuvor auf das Bett von Frau Habel geschaut hat.
Nein, das ist nicht „gerecht“. Aber es wäre zugleich, denkt man sich in
die Lage von Frau Giebel, mehr als nur verständlich. Diese hätte dann
nämlich auch einen kleinen Sieg zu verbuchen, vielleicht den einzigen
für die nächsten Wochen und Monate.

Aber auch hier gilt: Es geht nicht in erster Linie darum, Frau Giebel
recht zu geben. Wichtig ist nur, eine gezwungen „neutrale“ Haltung
aufzugeben, die letztlich kein echtes „Spüren“ zulässt, sondern im Ge-
genteil Distanz erzeugt – auch bei Christa. Lässt diese sich nämlich auf
das Empfinden der Patientin ein, kann sie durchaus sagen: „Aber, naja,
sehen Sie . . .“ und bekommt dann mit größter Wahrscheinlichkeit eine

120 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


Antwort und müsste nicht hinter der „spanischen Wand“ moralisieren-
der, pädagogisierender Sollenssätze versteckt und damit für Frau Gie-
bel unerreichbar bleiben.
Wenn nicht klar ist, was genau im Anderen vorgeht, kann nachgefragt
werden. Das führt zum nächsten Beispiel und damit zu Gerti, da Sich-
Identifizieren und die Rückfrage miteinander zu tun haben können.

Rückfragen

Auch Gerti meint es gut – und sie macht ebenfalls, folgt man den Re-
geln der Kommunikation, nichts falsch. Sie sorgt für angemessene At-
mosphäre, hält Blickkontakt und tut, was sie kann.
Will sie sich aber mit Herrn Giebel identifizieren, sich von dem, was in
ihm vorgeht, im positiven Sinn „anstecken“ lassen, gibt es nur eine
Antwort auf seine Frage („Wie wird das zu Hause werden?“), und die
lautet: „Wie denken Sie denn, dass es zu Hause werden wird?“

Wenn Gerti mit dem, was in Herrn Giebel vorgeht, „angesteckt“ ist,
wenn sie also weiß, was in ihm vorgeht, was er sich vorstellt und ver-
mutet, wird ihr ganz von selbst klar sein, was sie ihm antworten kann,
ohne ihn (wie es geschehen ist) zu überfordern, sie muss dann quasi
nicht „ins Blaue“ antworten. Nähe zu den Emotionen und Affekten An-
derer bedingt kommunikative Handlungsfähigkeit.

Sowohl Identifizierung als auch Rückfragen verlangen nur vordergrün-


dig mehr Energie bzw. Zeit.
Eine aufgelöste, in ihrer Wahrnehmung stets „verlierende“ Frau Giebel
wird sich möglicherweise ganz zurückziehen und jede Compliance
aufgeben. Es könnte auch sein, dass sie auf andere Weise versucht,
Aufmerksamkeit zu gewinnen, endlich verstanden zu werden und bei
den Pflegenden „anzukommen“.
Was ihren Mann betrifft: Mit großer Wahrscheinlichkeit wird er auf die
Frage, die ich oben vorschlug, ein „Thema“ vorgeben. Bei diesem
könnte Gerti bis zum nächsten Gespräch bleiben, wobei anzunehmen
ist, dass er sich Schritt für Schritt in die neue Situation einfinden wird.

Natürlich neigen Klienten und Angehörige, die uns nahe sind, weil wir
uns mit ihnen identifizieren und sie uns an sich heran lassen, dazu,

Verstehen und verstanden werden 121


selbst Fragen zu stellen oder etwas von uns einzufordern. Befinden
sie sich aber auf jener Kommunikationsebene, auf der man Interak-
tion mit ihnen erreicht, verkraften sie es durchaus, wenn „im Moment
keine Zeit“ für ihre Anliegen ist. In Abhängigkeit von ihrer Situation
spüren sie das – da Interaktion ein Prozess ist, in dem sich die beiden
Gegenüber aufeinander beziehen – dann durchaus auch selbst. Wenn
nicht, können wir sie, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben,
auf später vertrösten, dann nämlich vertragen ihre Wünsche und Be-
dürfnisse eher Aufschub.

Für die Praxis:


· Sich in einem Gespräch auf jemanden einzulassen bedeutet im-
mer auch, sich mit ihm zu identifizieren, die Welt ein Stück aus
seinen Augen zu sehen. Aus dieser Perspektive mögen dann Be-
griffe wie etwa „Gerechtigkeit“ und „Objektivität“ – zumindest für
Momente – nur eine untergeordnete Rolle spielen. Allerdings:
· In diesem Identifiziert-Sein geht es nicht darum, ungerecht ge-
genüber abwesenden Dritten zu sein und alles das, was das Ge-
genüber im Moment stört, auch selbst als störend zu bezeichnen
– vielmehr hat es mit der Anerkennung von Gefühlen zu tun, die
nun einmal da sind. Abgesehen davon: Menschen, die sich in der
Situation einer Frau Giebel befinden, haben es tatsächlich schwe-
rer als etwa Frau Habel, die objektiv gesehen dasselbe Recht auf
„Mitbestimmung“ im Zimmer (Fenster auf, Fenster zu) hat, wie
ihre Nachbarin. Allerdings kann die Unterstützung durch die
Schwester für Frau Giebel die innere Bedeutung von tiefer gehen-
der Solidarität annehmen – und wenn Christa ihr zuzwinkert oder
auf andere, analoge (vgl. Kap. I 1.4), vielleicht nonverbale Weise
Verständnis zeigt, kann das für Frau Giebel ebenfalls so wertvoll
sein, dass sie das geöffnete Fenster darüber vergisst.
· Ich denke, dass auch Pflegende gut daran tun, sich zwar prinzi-
piell am Gedanken der „Chancengleichheit“ für alle Klienten zu
orientieren, sich aber zugleich zu verinnerlichen, dass in Situatio-
nen wie der oben geschilderten ein Hinweis darauf eigentlich nur
als Zurechtweisung verstanden werden kann, der eher an den
Umgang mit Unmündigen, Zu-Belehrenden denken lässt als an
einfühlende Kommunikation unter „Gleichberechtigten“.
· Rückfragen sind ein gutes Mittel, mit „großen“ Fragen umzuge-
hen, da sie es ermöglichen, sich ein ungefähres Bild über die in-
nere Welt des Gegenübers zu machen und es damit nicht mehr

122 Klassiker der Kommunikations- und Pflegetheorie. Grundlagen


nötig ist, quasi „ins Blaue“ zu antworten. Fragt Herr Giebel also,
was der Satz „Ihre Frau wird Pflege brauchen“ bedeutet, so emp-
fiehlt sich zurückzufragen, was er sich selbst zum momentanen
Zeitpunkt (zumindest ungefähr) darunter vorstellt.

Verstehen und verstanden werden 123


II. Wenn Kommunikation schwierig wird –
spezielle Problemfelder und Lösungsansätze

In den vorangegangenen Kapiteln haben wir uns zunächst mit Grund-


lagen der Kommunikation beschäftigt, überlegt, woraus sie besteht,
was allgemein über sie ausgesagt werden kann, was die erste „Pfle-
getheoretikerin“ Florence Nightingale darüber sagt und schließlich,
was es mit dem Verstehen und dem Verstandenwerden auf sich hat.
Selbstverständlich wurde dabei immer schon auf mögliche Probleme
hingewiesen, das Kapitel oft anhand einer schwierigen Situation aus
der Pflegepraxis eingeleitet.
Manchen Problemfeldern, die ich hier besprechen möchte, ist ge-
meinsam, dass sie aufgrund vielschichtiger Dynamik entstehen. Es
handelt sich dabei also nicht nur um etwa ein Missverständnis inner-
halb eines Dialogs, mangelnde Empathie oder eine „unglücklich“ ge-
sendete Botschaft, sondern um bereits manifeste Interaktionsmuster,
die die gesamte Kommunikation beeinflussen. Umgekehrt nimmt in
solchen Fällen auch dieselbe wieder Einfluss auf die Entwicklung der
Beziehung zwischen den Interagierenden.
Anderen Problemfeldern, die hier Thema sein sollen, ist gemeinsam,
dass sie sich nicht direkt zeigen, sondern unter der Oberfläche liegen.
Dies sorgt ebenfalls dafür, dass das kommunikative Miteinander nicht
gelingt und man nicht zum Kern der Sache kommt.
Das Phänomen der „Gruppenbibel“, das von W. R. Bion beschrieben
wurde, sorgt in Gruppen gerne dafür, dass keine Entwicklung stattfin-
den kann – es scheint mir gerade für die Pflege besonders interes-
sant. Und schließlich sollen hier auch „ausweglose“ Situationen, mit
denen wir es gerade in der Pflege immer wieder zu tun bekommen,
behandelt werden.

Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze 125


1. „1 + 1 = 3“ (Kreisläufe oder Spiele)
Aus der Praxis (Susanne und Brigitte)

Susanne hat die Zusatzausbildung für die Intensivpflege und Nierener-


satztherapie absolviert und war fünf Jahre auf einer kardiologischen In-
tensivstation beschäftigt. Nach der Kinderpause arbeitet sie nur halb-
tags und hat sich für eine „normale“ Bettenabteilung, eine „Innere“
entschieden, da sich dort die Dienste leichter mit ihrem Familienleben
vereinbaren lassen. Sie fühlt sich wohl auf der Station, spürt aber, dass
„irgendetwas nicht stimmt“.
Brigitte bezeichnet sich als „typische Innere-Schwester“ und ist seit
sechs Jahren auf derselben Station beschäftigt. „In der Infusion ist Ka-
lium, das muss langsam tropfen“, sagt Susanne zu Brigitte, während
sie Herrn Berger versorgen. „Beim Cava-Verbinden müssen wir auf-
passen“, meint sie dann. Sie hat, während Brigitte mit der Ganzkörper-
waschung des Patienten begonnen hat, im Dienstzimmer auf einem
Tablett alles für den Verbandswechsel des zentralvenösen Katheters
vorbereitet und kommt mit den Utensilien ins Zimmer. „Hab‘ ich vorher
schon gemacht“, sagt Brigitte nur und drückt Susanne einen Stapel
Bettwäsche in die Hand. „Und vorher kannst du abtrocknen, da!“, sie
deutet auf das Frotteehandtuch, das neben der Waschschüssel liegt.
„Wie wird der Dekubitus verbunden?“, fragt Susanne und Brigitte gibt
zurück: „Mache ich dann.“ Zu Herrn Dorf, dem Nachbarn von Herrn
Berger, der auf die Toilette begleitet werden möchte, sagt Brigitte:
„Meine Kollegin geht mit Ihnen, ich sehe mir hier noch kurz die Wunde
an.“
Später erledigt Brigitte die Pflegedokumentation und Susanne sagt:
„Wir dürfen das Lagerungsprotokoll nicht vergessen.“ Brigitte gibt Su-
sanne keine Antwort und schreibt den Pflegebericht weiter.
„Und, wie war’s mit ihr?“, fragt Ulla später Brigitte, die zur Antwort
gibt: „Alle Systeme normal. Wollte sich wichtig machen, wie immer.“
„Die Arbeit auf der Station ist ganz ok, aber abgesehen von der Wasch-
schüssel darf ich dort nichts angreifen“, wird Susanne in der Kantine
einer ehemaligen Kollegin von der Intensivstation berichten, die sie
dort in einer Pause trifft.

126 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


Individualität und Interaktion

Sieht man dieses Fallbeispiel an, könnte man zunächst versucht sein
zu überlegen, wer „schuld“ ist. Es zeigt sich auch bald eine Parallele
zu dem, was im Kapitel I 1.3 besprochen wurde, nämlich der Inter-
punktion von Ereignisfolgen, wie Paul Watzlawick sie beschreibt. Su-
sanne könnte also sagen: „Sie lässt mich keine interessanten Aufga-
ben übernehmen und ignoriert mich“ und Brigitte demgemäß: „Sie
stellt sich dauernd in den Mittelpunkt und macht sich wichtig“.
Susanne könnte weiter behaupten: „Ich zeige, was ich kann, weil ich
nichts tun darf“ und Brigitte: „Ich lasse sie nichts tun und ignoriere sie,
weil sie sich dauernd wichtig macht“.
Versucht man, das Problem zwischen beiden zu lösen, genügt es
nicht, sich auf das zu konzentrieren, was Susanne und Brigitte jeweils
tun, sondern es ist notwendig, sich dem zuzuwenden, was zwischen
beiden geschieht.
Die moderne Kommunikationspsychologie erkläre, so Friedemann
Schulz von Thun, „persönliche Eigenarten als Ausdruck der derzeiti-
gen kommunikativen Verhältnisse“ (Schulz von Thun 2006, S. 82). Das
bedeutet, dass das Verhalten von Susanne und Brigitte im Miteinander
zwischen den beiden entstanden ist. Es genügt demnach nicht, eine
Schuldige oder Täterin zu suchen und die zweite beteiligte Person
zum „Opfer“ zu erklären, sondern es wird nach Wechselwirkungen
Ausschau gehalten. Und dabei wird sich zeigen, dass es sich um ein
ganz bestimmtes Muster des Verhaltens handelt, das beide Beteiligten
mitspielen. Wenn also zwei Kolleginnen miteinander Nachtdienst
haben und die eine nichts tut, die andere hingegen alles, so hat die
eine diese Möglichkeit nur, weil die andere sie ihr bietet.

Zunächst ist diese Sichtweise nicht unbedingt immer angenehm. Ei-


nerseits nämlich neigen wir dazu, das eigene Verhalten als Reaktion
auf das, was ein Anderer tut, wahrzunehmen – was wiederum erklärt,
dass sich in Auseinandersetzungen meist jeder im Recht fühlt (Schulz
von Thun 2006, S. 85f).
Andererseits ist es für jemanden, der sich innerhalb eines solchen
Wechselspiels ungerecht behandelt fühlt (in unserem Beispiel also
wahlweise Brigitte oder Susanne) angenehmer, sich als Opfer fühlen
und den anderen als Täter betrachten zu können – muss doch in der

„1 + 1 = 3“ (Kreisläufe oder Spiele) 127


Sichtweise des Wechselspiels von den Beteiligten auch darüber
nachgedacht werden, was sie selbst zum „Gelingen“ des Spiels bei-
tragen.
Umgekehrt bietet diese andere Art der Betrachtung natürlich auch
Vorteile:
Einerseits sei sie, so Schulz von Thun weiter, „ent-individualisierend“,
andererseits „ent-moralisierend“. Das bedeutet erstens, dass das,
was zwischen Menschen geschieht, nicht vorrangig deren „Eigenar-
ten“ zugeschrieben wird.
Zweitens bedeutet es, dass es keinen „bösen Täter“ und kein „armes
Opfer“ mehr gibt, was Schuldzuweisungen und moralische Bewertun-
gen unangemessen erscheinen lässt (Schulz von Thun 2006, S. 83).
Die besondere Chance der sogenannten „interaktionistischen“ Sicht-
weise ist, dass jemand, der seinen eigenen Anteil an der unglück-
lichen Situation erkennt, damit auch Macht hat etwas daran zu än-
dern (Schulz von Thun 2006, S. 85).

Hier möchte ich betonen, dass nicht alle Probleme, die uns in Kommu-
nikation und Interaktion begegnen können, auf das eben Ausgeführte
zurückzuführen sind. Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen
sich jemand unfair verhält, den Anderen quasi „abwürgt“, ihm in einem
Gespräch keine Chance lässt u. v. m. Denken wir an die Pflege, so
haben wir es oft mit Angehörigen, Klienten, Kollegen oder Vorgesetz-
ten zu tun, die es uns in der Tat schwer machen, ihnen noch freundlich
und gelassen zu begegnen. Hier ist aber die Rede von sogenann-
ten „Kreisläufen“ oder „Spielen“ im Zusammenhang mit zwischen-
menschlichem Miteinander, die bereits festgefahren sind und in denen
die Situation demgemäß ausweglos scheint, die tatsächlich unterbro-
chen werden müssen. Dazu aber genügt es, wenn einer der Beteiligten
damit beginnt – dann nämlich funktioniert die Sache nicht mehr.
Das Gesagte bezieht sich ausdrücklich auf Beziehungen, die länger
andauern, auf sozusagen etablierte Systeme und die Art, wie sich bei-
spielsweise Menschen, die miteinander arbeiten (durchaus auch
Klienten oder deren Angehörige und eben Pflegende), zueinander ver-
halten – Schulz von Thun spricht von einer „systematisch missglück-
ten Form des Aneinandergeratens“ (Schulz von Thun 2006, S. 87) und
betont, dass es dabei um eine Eigendynamik und weniger um die Ei-
genarten der jeweils Beteiligten gehe.

128 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


Ausstieg aus dem Spiel

Derlei Spiele oder Kreisläufe können, so Schulz von Thun, nur aufge-
löst werden, indem sich die Akteure zunächst bewusst machen, dass
die Interaktion nicht nur aus „äußerlich sichtbaren und wirksamen Ver-
haltensweisen“, den sogenannten „Äußerungen“ der Beteiligten,
sondern auch aus ihren „inneren Reaktionen“, den sogenannten „In-
nerungen“ bestehe (Schulz von Thun 2001, S. 30).

Susannes Verhalten löst eine innere Reaktion bei Brigitte aus, worauf-
hin sich Brigitte in einer bestimmten Weise verhält.
Brigittes Verhalten löst eine innere Reaktion bei Susanne aus, worauf-
hin sich Susanne in einer bestimmten Weise verhält.
Und der Kreislauf beginnt von vorn.
(Selbstverständlich ist es egal, ob man dabei mit Susanne oder Bri-
gitte beginnt, da es sich um einen Kreislauf handelt, bei dem es letzt-
lich egal ist, wer ihn in Gang gesetzt hat. Das Ergebnis bleibt das-
selbe).

Damit der Kreislauf unterbrochen wird, müssten Susanne und Brigitte


ihre Innerungen zum Thema machen und sich nicht mehr vorrangig
mit der Äußerung, also dem Verhalten der jeweils Anderen, beschäfti-
gen.
Im Gespräch zwischen Brigitte und Susanne stellt sich heraus, dass
Brigittes innere Reaktion auf Susannes Verhalten („Sie stellt sich dau-
ernd in den Mittelpunkt und macht sich wichtig“) folgende ist: Brigitte
fühlt sich neben der ausgebildeten Intensivschwester unsicher und
hat Angst, in deren Augen alles falsch zu machen, was mit zentralve-
nösen Kathetern, Motorspritzen oder der Infusionstherapie zu tun hat.
Susannes innere Reaktion auf Brigittes Verhalten („Sie lässt mich
keine interessanten Aufgaben übernehmen und ignoriert mich“) ist so-
gar recht ähnlich: Sie ist ihrerseits der Überzeugung, dass man ihr
nichts zutraut, dass sie nicht ernst genommen wird und versucht um
so mehr zu zeigen, was sie kann.

Im Zusammenhang mit solchen Kreisläufen kann, gerade wenn sie


sehr hartnäckig sind und sich weiter und weiter drehen, grundsätzlich
danach gefragt werden, was die Beteiligten davon haben, dass ein

„1 + 1 = 3“ (Kreisläufe oder Spiele) 129


ganz bestimmtes Spiel von allen Beteiligten aufrechterhalten wird und
sich nicht durchbrechen zu lassen scheint. Das ist nicht immer ein-
fach, da sich „unter der Oberfläche vielleicht noch ein anderer Kreis-
lauf“ dreht, der der Befriedigung unbewusster Bedürfnisse dient
(Schulz von Thun 2001, S. 35).
Solche Reflexionen allerdings sollen unter Anleitung eines Psychothe-
rapeuten stattfinden. Ich möchte auch ausdrücklich betonen, dass
diese Ausführung (und auch die folgende) nicht zum „Psychologisie-
ren“ verleiten soll – wobei dieses Problem im Kapitel II 6 noch ausführ-
licher behandelt wird.
Es scheint mir wichtig, zu zeigen, wie hier Interaktion und damit Kom-
munikation funktioniert, und dass es für Pflegende von Bedeutung ist,
um grundlegende diesbezügliche Grundsätze zu wissen. In vielen Fäl-
len sind es weder besonders in die Tiefe führende noch im offenen
Miteinander unlösbare Konflikte, die – wie am Beispiel Susannes und
Brigittes zu sehen ist – ein gutes bis zumindest für beide Seiten er-
trägliches Miteinander unmöglich machen.
Vielmehr mangelt es hier schlicht an Kommunikation darüber, was in
jedem der Beteiligten vorgeht.

Wenn ich mich hier auch nicht allzu sehr mit Details tiefenpsycholo-
gisch orientierter Interaktionskonzepte beschäftigen möchte, so ist
mir doch daran gelegen, die sogenannte Kollusion nach Jürg Willi zu
erwähnen (Willi 1990).
Der Schweizer Psychiater analysiert damit Prozesse innerhalb von
Zweierbeziehungen, die er als unbewusstes „Zusammenspielen“ be-
schreibt, in dem jeder der beiden Partner ein – eben unbewusstes –
Interesse verfolge. Das geschehe, da diese Kollusion eigentlich dem
Versuch der Bewältigung (bzw. der Abwehr) eines Grundkonfliktes
diene, der mit unterschiedlicher Rollenverteilung gelebt werde – was
zunächst für beide Beteiligten zwar passend scheine, im Grunde
aber eine Form der Kompensation und eben Abwehr darstelle.
Der Psychiater und Psychoanalytiker Stavros Mentzos spricht in die-
sem Zusammenhang davon, dass „auch Institutionen solche Abwehr-
und kompensatorischen Funktionen erfüllen“, wobei in bestimmte Zu-
sammenspiele ebenfalls zwei Seiten, nämlich der Einzelne und die In-
stitution, involviert seien und die „von der Institution angebotene
Rolle“ quasi als „Neben-Service“ derartigen Bedürfnissen entgegen-

130 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


käme (Mentzos 1997, S. 259). Selbstverständlich handelt es sich
auch dabei um unbewusste Prozesse.
S. Roßmanith nennt das Konzept der Kollusion mit klarem Hinweis
auf die Beziehung zwischen Arzt und Patient (Roßmanith 1999,
S. 112f) und erwähnt dabei das sogenannte Helfersyndrom, wie es
Wolfgang Schmidbauer beschreibt, der das dabei entstehende Zu-
sammenspiel als „Helfer-Schützling-Kollusion“ bezeichnet (Schmid-
bauer 2000, S. 108ff).
Wie diesen Anmerkungen unschwer zu entnehmen ist, scheint mir so-
wohl ein Blick auf innerpsychische Prozesse als auch auf die Institu-
tionen Krankenhaus oder Pflegeheim lohnend, will man sich einge-
hender mit Interaktionskreisläufen und -spielen, mit denen wir es in
der Pflege zu tun haben, beschäftigen. Ich empfehle weitergehend In-
teressierten daher Schmidbauers „Klassiker“.

Im folgenden Kapitel allerdings soll wieder vorrangig die Kommunika-


tion Thema sein und gezeigt werden, was es mit „ausweglosen“ kom-
munikativen Situationen auf sich hat, in denen wir es mit sogenannten
Doppelbindungen zu tun haben, und wie man sich im Gespräch aus
ihnen befreit. Zunächst möchte ich aber noch Handlungsorientierun-
gen zum eben Besprochenen geben.

Für die Praxis:


· Manchmal nehmen Interaktionen einen Verlauf, der nach be-
stimmten Mustern verläuft. Kennzeichnend für diese Muster ist,
dass dabei die Verhaltensweisen des einen ein bestimmtes Ver-
halten des anderen Interaktionspartners auslösen und dass beide
der Meinung sind, in dem, was sie tun, jeweils das Verhalten des
Gegenübers quasi zu beantworten.
· Dabei sind, mit Friedemann Schulz von Thun gesprochen, viel-
fach die sogenannten Äußerungen, also die Inhalte sich daraus
ergebener Gespräche und Handlungen, das Thema, nicht aber
die Innerungen, worunter die „innere“ Triebfeder für ein bestimm-
tes Verhalten zu verstehen ist.
· Die letztlich einzige Möglichkeit, aus derlei verfahrenen Mustern
auszubrechen, ist es, die Innerungen, also die Antriebe, vielleicht
Ängste anzusprechen, die ein bestimmtes Verhalten verursachen,

„1 + 1 = 3“ (Kreisläufe oder Spiele) 131


und nicht auf der Ebene der Äußerungen zu bleiben. Denn da-
durch wird der Kreislauf nur fortgesetzt, nicht aber durchbrochen.
· Wichtig dabei ist, nicht zu „psychologisieren“ und dem Anderen
nicht grundlegende Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Wei-
ters soll versucht werden, alle moralisch-wertenden Dimensionen
aus solchen Analysen fernzuhalten. Letzteres nämlich führt nur
weiter in die Spirale, Ersteres widerspricht der gängigen, kommu-
nikationspsychologischen Auffassung, dass in den allermeisten
Situationen aktuell auftretende Probleme Ausdruck der derzeiti-
gen, kommunikativen Verhältnisse und ihrer Wechselwirkungen
sind. In dieser (wichtigen und lösungsorientierten) Sichtweise
wird dem Muster, dem Kreislauf mehr Bedeutung zugemessen
als den individuellen (Charakter-)Eigenschaften derer, die an ihm
beteiligt sind.
· Was diese Sichtweise schwierig macht, ist der Umstand, dass
beide Seiten sich überlegen müssen, was sie zur Aufrechterhal-
tung eines solchen Kreislaufs beitragen. Der Umstand, dass die-
ser Blickwinkel auch zur sogenannten Ent-Individualisierung
entstandener Probleme beiträgt, da diese als Ergebnis einer
Wechselwirkung begriffen werden, mag ihn wiederum angenehm
erscheinen lassen, da es schließlich nicht um Schuldzuweisun-
gen geht.

132 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


2. „Wie ich es auch mache:
Immer ist es falsch!“ (Double-Bind)
Aus der Praxis (Katharina)

Herr Berger ist Patient auf der Chirurgie. Er wurde aufgrund eines Co-
lon-Karzinoms operiert und soll nun postoperativ mobilisiert werden.
Die Prognose der Ärzte ist gut, zugleich steht seine Familie aber
noch stark unter dem Einfluss des Geschehens. Herrn Bergers Toch-
ter ist etwa 40 Jahre alt, wirkt sehr sportlich und gepflegt und gilt,
ganz im Gegensatz zu Herrn Berger, als „schwierig“. Sie hat mehrere
Telefonnummern angegeben, unter denen sie jederzeit erreichbar ist,
und verbringt viel Zeit bei ihrem Vater. Frau Hall, so ihr Name, ist so
besorgt wie verzweifelt und hat sich im Internet über Diagnose, Thera-
pie und auch Pflege informiert.
Die Auszubildende Katharina unterstützt Herrn Berger beim Essen,
Frau Hall steht daneben. Herr Berger reagiert nur langsam, legt die
Hand zwar manchmal neben den Teller, tut dann aber weiter nichts,
so gut Katharina und seine Tochter ihm auch zureden.
„Lassen Sie ihn das selbst tun“, sagt sie zu Katharina. Wenn diese
dann abwartet, ruft Frau Hall: „So helfen Sie ihm doch!“ Nimmt Katha-
rina daraufhin den Löffel und will ihn zum Mund des Patienten führen,
hört sie: „Nein, er muss es selbst können!“
Katharina ist nervös und bemüht sich, der Tochter von Herrn Berger
alles recht zu machen. „Helfen Sie ihm dabei, dass er selbstständig
isst“, verlangt diese schließlich.

„Tun sie alles, was Sie können, damit ich nur ja schnell wieder nach
Hause kann!“, bittet eine junge Patientin nach einer Appendektomie.
Als Katharina später in ihr Zimmer kommt, um den Verband zu wech-
seln, und ihren Freund kurz nach draußen bittet, sagt die Patientin:
„Bitte, Schwester, Sie wollen das aber nicht ausgerechnet jetzt ma-
chen!“

Katharina erzählt Schwester Ulla von den Zwickmühlen, in denen sie


sich befindet. „Ist ganz normal“, gibt diese zurück, „was glaubst du?
Gerade war ich bei der Neumann, die ist auch gut. Erst hat sie ge-

„Wie ich es auch mache: Immer ist es falsch!“ (Double-Bind) 133


brüllt: ‚Wickeln Sie mich!‘, weil sie etwas für den Stuhlgang bekom-
men hat. Kaum komme ich mit der Einlage, schreit sie: ‚Entwürdigen
Sie mich nicht mit so was!‘ Da soll man irgendetwas richtig machen.“

Aus der Praxis (Frau Bill)

Frau Bill, 79 Jahre alt, lebt im Pflegeheim. Nach mehreren Insulten ist
sie nur eingeschränkt mobil und zusätzlich adipös. Sie wird täglich
bei der Ganzkörperwaschung unterstützt, dann in den Rollstuhl ge-
setzt – was zumindest zwei Pflegepersonen erfordert – und verbringt
den Tag meist im Aufenthaltsraum. Dort sieht Frau Bill, die voll orien-
tiert ist, fern. Ansonsten isst sie gerne und ist froh, wenn sie dabei
ihre Ruhe hat. Pfleger Hans spricht sie oft im Vorbeigehen darauf an,
wenn sie nascht. „Das dürfen wir dann wieder heben“, sagt er zum
Beispiel.
Am schlimmsten ist für die Bewohnerin aber die tägliche Waschproze-
dur. „Mithelfen und locker lassen“, ruft Helga immer. Frau Bill kann es
nicht richtig machen, das ist ihr noch nie gelungen. Will sie mithelfen,
kann sie nicht locker lassen. Lässt sie locker, kann sie sich nicht ab-
stützen, um mitzuhelfen.
„Da sind wieder drei Kilo Schokolade dazugekommen“, stöhnt Hans,
während er Frau Bill mit Helga in den Rollstuhl hievt. „Ja, mein Kreuz!“,
stöhnt diese.
„Ich weiß, ich bin euch zu schwer, ihr Lieben, meine Goldstücke“ sagt
Frau Bill dann. „Sie brauchen sich nicht zu bedanken und es soll
Ihnen nicht peinlich sein“, mahnt Helga. Und: „Wenn Sie etwas selbst-
ständiger wären, wäre es für uns alle leichter, Sie können das ja.“
Am Nachmittag sieht Helga, dass Frau Bill versucht, sich am Haltegriff
an der Wand im Aufenthaltsraum hochzuziehen. „Was machen Sie da,
Frau Bill?“, ruft sie, „also, Sie müssen schon sitzen bleiben! Was mei-
nen Sie, was los ist, wenn Sie stürzen!“

Double-Bind

Die Theorie des sogenannten Double-Bind geht auf die Palo-Alto-


Gruppe (ein Team von Forschern, die sich mit Kommunikation, Fami-
lien- und Psychotherapie beschäftigen) um Gregory Bateson (1904–
1980) zurück, der das Phänomen im Sammelband „Schizophrenie

134 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


und Familie“ (Bateson 2002) gemeinsam mit anderen Forschern aus-
führlich beschreibt. Der Titel des Werkes gibt Aufschluss darüber, in
welchem Zusammenhang er es untersucht: Die Autoren stellen die
Hypothese vor, dass schizophrene Störungen ihren Ursprung zumin-
dest teilweise in bestimmten Strukturen (familiärer) Interaktion und
Kommunikation haben.
Diese Ansicht gilt bis heute als umstritten – nicht aber die Theorie des
Double-Bind.
Batesons Schüler Paul Watzlawick entwickelte, aufbauend auf das
Werk Gregory Batesons, seine „Theorie menschlicher Kommunika-
tion“ (vgl. Watzlawick 2007) und identifiziert sowohl Double-Bind als
auch das ihm innewohnende Paradox als Bestandteile menschlicher
Alltagskommunikation.

Ein Double-Bind (auch: Doppelbindung) bezeichnet die doppelte


Bindung eines Menschen an paradoxe (hier: einander ausschlie-
ßende) Botschaften und Signale, meist sind das Handlungsvor-
schriften.
Eine bekannte paradoxe Aufforderung lautet: „Sei spontan!“ (Watzla-
wick 2007, S. 190). Die Widersprüchlichkeit liegt dabei darin, dass sie
zwei Aufforderungen enthält, nämlich die, spontan zu sein. In dem
Moment, in dem der so Aufgeforderte diesem Befehl folgt, ist er nicht
mehr spontan, da das Wesen der Spontanität darin besteht, dass aus
eigenem Antrieb gehandelt wird. Und tut jemand eben das, kann er
nicht zugleich der Aufforderung folgen.

Paradoxe und widersprüchliche Handlungsaufforderungen sind


nicht dasselbe. Im Fall widersprüchlicher Handlungsaufforderungen
ist es möglich, sich zwischen zwei verschiedenen Möglichkeiten zu
entscheiden, und zwar zugunsten der einen oder der anderen. Eine
paradoxe Handlungsaufforderung ist dadurch gekennzeichnet, dass
keine der beiden Alternativen tatsächlich offen steht. Allen zwei Auf-
forderungen soll quasi „zugleich“ nachgekommen werden, was aber
nicht möglich ist, da das „Erfüllen“ der einen das „Erfüllen“ der ande-
ren ausschließt (Watzlawick 2007, S. 201).
Nun könnte man einwenden, dass einem solchen Double-Bind-Be-
fehl ja nicht Folge geleistet werden muss. Double-Bind-Situationen
zeichnen sich aber durch mehr als diesen Befehl aus, nämlich durch

„Wie ich es auch mache: Immer ist es falsch!“ (Double-Bind) 135


1. eine bindende Beziehung, in der Einer vom Anderen mehr oder
weniger „abhängig“ bzw. auf ihn angewiesen ist;
2. einen „paradoxen“ Befehl, der innerhalb dieser Beziehung gege-
ben wird und der eben dadurch gekennzeichnet ist, dass er befolgt
werden muss, aber nicht befolgt werden darf, um befolgt zu wer-
den.
3. Der „Abhängige“ in dieser Beziehung ist nicht in der Lage, ihren
Rahmen zu verlassen und, die Paradoxie dadurch aufzulösen, in-
dem er sagt, wie absurd die Aufforderung ist. Er kann also nicht
darüber „metakommunizieren“, das heißt, er kann nicht über die
Art der Kommunikation sprechen (Watzlawick 2007, S. 179). Viel-
mehr ist ihm wichtig, „auf die gegebene Kommunikation adäquat
zu reagieren“ (Weakland 2002, S. 225).

Sluzki et al. führen zur Art solcher Beziehungen (wenn auch die typi-
sche Double-Bind-Struktur innerhalb von Familien und innerhalb de-
rer zwischen Eltern und Kind entsteht) noch aus, dass besonders im
Fall von Krankheit die Abhängigkeit des Einen durch die Situation
selbst bedingt sei. Hier kann es also auch zu Doppelbindungen kom-
men.
Die Autoren weisen auf ein weiteres Merkmal dieses Double-Bind hin,
nämlich darauf, dass es sich dabei um keine einmaligen Ereignisse
handle, sondern dass die Doppelbindung ein – immer wieder auftre-
tendes – Muster in der Interaktion sei, das zwischen zwei oder mehre-
ren Personen stattfinden könne (Sluzki et al. in Watzlawick und Weak-
land 1990, S. 291).

John H. Weakland nennt ganz klar auch die „Anstaltssituation“, also


den (längeren) Aufenthalt in organisierten Einrichtungen, als Situation,
in der es zu Doppelbindungen kommen könne, wobei „Einzelperso-
nen oder Gruppen Rollen übernehmen, die jenen der Eltern parallel
laufen“ (Weakland 2002, S. 237).
Er nimmt dabei Bezug auf eine kritische Untersuchung, in der von A.
Stanton und M.S. Schwartz 1954 gezeigt wurde, dass psychiatrische
Patienten auf Uneinigkeiten innerhalb des Behandlungsteams mit Ag-
gression, Anspannung, Überaktivität u.v.m. reagieren und vermutet
selbst noch das Symptom des Rückzugs (Weakland 2002, S. 237ff).
Er nimmt an, dass die Patienten sich ebenfalls in einer Form der Dop-

136 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


pelbindung befanden, da sie es offenbar allen Behandelnden, auch
denen, die untereinander gegensätzlicher Meinung waren, recht ma-
chen wollten, was natürlich nicht gelingen konnte.
Im Zusammenhang mit der Pflege kann hier der Bezug zur Langzeit-
pflege oder zur Pflege in Wohnbereichen nicht ausbleiben – und auch
in der Akutpflege muss da, wo sich längerfristige Beziehungen zwi-
schen Pflegenden, Klienten und Angehörigen entwickeln, an die Mög-
lichkeit von Doppelbindungen in der Interaktion gedacht werden.
Auch Bateson u. a. betonen, dass gerade das Krankenhausmilieu
Double-Bind-Situationen schaffe. Darin würden beispielsweise oft
Handlungen zum Wohle des Personals gesetzt, die dem Patienten
aber als etwas anderes (das nämlich zu seinen Gunsten geschieht)
verkauft würde (Bateson 2002, S. 39f), was ebenso Widersprüchlich-
keiten erzeuge.

Grundsätzlich kann man auf drei verschiedene Arten aus diesem In-
teraktionsmuster aussteigen. Eben das ist dem im Double-Bind „Ge-
fangenen“ aber nicht möglich. Wäre er nämlich in der Lage, sich einer
der folgenden Reaktionen zu bedienen, könnte er sich aus der Dop-
pelbindung lösen:

1. Die Absurdität der Aufforderung (Anm.: Weakland spricht hier auch


von „Inkongruenz“) wird als solche benannt, es findet also (mit
Watzlawick) „Metakommunikation“ statt, indem der Betroffene
ganz einfach sagt, dass es sich um einen Befehl handelt, der nicht
durchführbar ist.
2. Es wird ebenso mit einer „doppelsinnigen“ Botschaft geantwortet.
3. Dem Absurden der Aufforderung wird mit Humor begegnet und so-
mit aufgezeigt (Weakland 2002, S. 225f).

Herrn Bergers Tochter, Frau Hall, verlangt im Grunde genommen Un-


mögliches von Katharina, indem sie nämlich fordert: „Helfen Sie ihm
dabei, selbstständig zu essen!“ Wenn man nun folgern könnte, dass
sie es nicht „so meint“, sondern eigentlich möchte, dass ihr Vater da-
bei unterstützt wird, bestimmte Dinge wieder zu erlernen, zeigt sich in
der Praxis, dass Katharina auch dabei nichts richtig machen kann.
Hilft sie dem Mann, soll er „es selbst können“, wartet sie hingegen,
soll sie „doch helfen“.

„Wie ich es auch mache: Immer ist es falsch!“ (Double-Bind) 137


Für die junge Patientin, deren Freund sie besucht, soll sie alles tun,
was ihr möglich ist, allerdings am besten, ohne sich dabei zum erfor-
derlichen Zeitpunkt in deren Zimmer zu begeben.
Ulla berichtet von einer ähnlichen Zwickmühle: Eine Patientin will ge-
wickelt werden und benutzt selbst ein Wort, dass die Inkontinenzver-
sorgung in die Nähe der Entwürdigung rückt, um sich, kaum dass Ulla
dem Wunsch nachkommt, in einer Weise darüber zu beschweren, die
seine Erfüllung unmöglich macht.
Besonders typisch für die Pflege allerdings ist die Situation Frau Bills:
Sie soll mithelfen und locker lassen, wobei ohne Muskelanspannung
keine aktive, zielgerichtete Bewegung durchgeführt werden kann. Sie
wird durch die Klagen von Hans und Helga praktisch dazu aufgefor-
dert, in irgendeiner Form zu deren Situation Stellung zu nehmen. Tut
sie es aber, wird sie dafür gerügt. Und schließlich soll sie, ein „klassi-
sches“ Pflegeproblem, zugleich „etwas selbstständiger“ werden –
aber quasi ohne sich zu bewegen und ohne es zu versuchen.

Paradoxien und Widersprüchlichkeiten in der Pflege

Pflege als solche stellt uns vor oft paradoxe bzw. widersprüchliche
Aufgaben: Wir sollen aktivieren und mobilisieren, und das (eigentlich)
ohne zu nötigen und ohne Schmerzen zuzufügen, wir sollen Mündig-
keit und Selbstständigkeit von Patienten fördern und befinden uns zu-
gleich innerhalb eines Systems, in dem Rückfragen, Kritik oder Ableh-
nung verschiedener (Pflege-)Maßnahmen als „Zeit- und Nervendiebe“
gelten.
Wir sollen überwachen ohne einzuschränken, beobachten, ohne dis-
tanzlos zu sein, Menschen versorgen und zugleich dafür sorgen,
dass die Versorgung sich irgendwann erübrigt. Wir wollen, dass sich
Klienten aus der Pflegebedürftigkeit entwickeln, indem wir Pflege aus-
üben.

Das Wesen der „pflegerischen“ Beziehung

Klienten der Pflege befinden sich oft in jener Form der Abhängigkeit,
die als konstituierend für Situationen der Doppelbindung gilt. Sie sind
dann tatsächlich auf die Gunst der Pflegenden angewiesen, können
häufig allein weder für Körperpflege noch für Nahrungsaufnahme sor-

138 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


gen, sich nicht oder nur eingeschränkt (fort-)bewegen, bestimmte In-
formationen nicht selbst beschaffen u. v. m. Pflegende übernehmen –
gerade in Bereichen des Langzeit- und Wohnbereichs – die Rolle pri-
märer Bezugspersonen, die mit viel Macht ausgestattet sind.
Sie unternehmen – ob bewusst oder unbewusst – oft „erzieherische“
Bemühungen (Schützendorf 1999, S. 64f), verstärken „Wohlverhal-
ten“ positiv und sanktionieren unerwünschtes Verhalten in der einen
oder anderen Form.
Pflegende können autoritär auftreten (Schützendorf 1999, S. 54f) und
Klienten „Vergünstigungen“ entziehen oder sie durch Klagen, Stöhnen
und Jammern – wie in unserem Beispiel – in die Defensive und selbst-
verständlich auch in Doppelbindungen treiben. Sie können sich über
Patienten lustig machen, ereifern und ihnen schließlich erzählen, all
das geschähe zu ihrem Besten. Ich erinnere mich an einen Pfleger, der
eine dickleibige Pflegeheimbewohnerin regelmäßig während der Mahl-
zeiten (im Speisesaal) darauf hinwies, dass sie zu dick und zu schwer,
außerdem zu wenig beweglich, sei. Als sie sich schließlich nach einem
„Mobilisationsversuch“ (sie wurde von ihm genötigt, unter seiner An-
leitung recht schnell in ihr Zimmer zu gehen) übergab und zu weinen
begann, erklärte er ihr, dass alle diese Maßnahmen zu ihrem Besten
seien (ich bin übrigens bis heute davon überzeugt, dass er selbst da-
ran glaubte).

Die Pflegenden selbst sind Klienten und ihren Angehörigen zwar nicht
in dieser direkten Form „ausgeliefert“, können sich aber häufig nicht
aus der Situation ausklinken oder zurückziehen (wenn sie etwa allein
oder zu zweit im Dienst bzw. einer Gruppe von Patienten oder Bewoh-
nern zugeteilt sind). Sie sind durch Leid, Verzweiflung und Trauer von
Klienten oder deren Angehörigen in manchen kommunikativen Mög-
lichkeiten eingeschränkt und müssen daher oft Ambivalenzen und
eben Doppelbindungen ertragen, ohne dies (zumindest im Moment)
thematisieren zu können. Auszubildende in der Pflege leiden beson-
ders unter diesem Umstand, da sie häufig noch nicht in der Lage
sind, Bitten, Aufforderungen, Befehle oder Wünsche auf ihre Sinnhaf-
tigkeit hin zu überprüfen oder das aktuelle Geschehen zu reflektieren.
Verzweiflung, Schmerz und vielleicht Sterbefälle, die neben ihnen „ge-
schehen“, hindern sie daran, sich zur Wehr zu setzen oder absurde
Forderungen (wie die Frau Halls) zu entlarven.

„Wie ich es auch mache: Immer ist es falsch!“ (Double-Bind) 139


Klienten und Angehörige wieder haben eine andere Form von Macht:
Sie sind in der Lage, Pflegende einen ganzen Nacht- oder Abenddienst
sozusagen zu engagieren und für sich zu beanspruchen – und auch
hier ist es zunächst unerheblich, ob das um der Sache willen oder aus
Not, ob es bewusst oder unbewusst geschieht.

Double-Binds in der Pflege auflösen

Was Klienten der Pflege betrifft, bleibt uns nur, zu versuchen, sie mög-
lichst wenigen Double-Binds auszusetzen, und zwar in deren Inte-
resse, im Interesse der Pflege und durchaus auch in unserem eigenen.
Strukturen der Doppelbindung stehen im Verdacht, langfristig psychi-
sche Probleme bis hin zu Erkrankungen auszulösen und es mag gut
sein, dass besonders unterwürfiges, aggressives oder lethargisches
Verhalten stark pflegeabhängiger Klienten seine Ursache im wieder-
holten Auftreten derartiger Kommunikations- und Interaktionsstruktu-
ren hat. In der Regel können sie sich keiner der drei genannten „Kunst-
griffe“ bedienen, die es ermöglichen würden, sich daraus zu befreien.

Die erste Möglichkeit zum Ausstieg ist für Pflegende, ganz klar die Ab-
surdität der Forderung zu benennen, wenn auch – wie im Beispiel Ka-
tharinas – verständlicherweise nicht unbedingt im selben Moment.
Die Metakommunikation (also die Kommunikation über Kommunika-
tion) scheint im Zustand der Verzweiflung, in dem Frau Hall sich befin-
det, nicht angebracht. Und Verzweiflung ist, denken wir nur an Ange-
hörige, die einen Sterbenden begleiten, im Rahmen der Pflege oft
gegeben. Wären die Situationen, in denen Gespräche stattfinden, tat-
sächliche Gesprächs-Situationen und liefe gerade Wesentliches nicht
so oft nebenher, wäre das einfacher.
So bleibt Katharina, will sie auf sich achten und sich – was notwendig
ist! – aus der Doppelbindung befreien, nur, die Unmöglichkeit zu pas-
sender(er) Gelegenheit zum Thema zu machen. So könnte sie etwa
vor dem Zimmer zu Frau Hall sagen, dass ihr daran gelegen sei, dass
Herr Berger selbst isst, er dazu aber Zeit benötige und abgewartet
werden müsse, oder aber dass im Moment noch keine weitere Akti-
vierung möglich sei. Gut ist es, nach der Klarlegung der Unmöglich-
keit ihrer Aufforderung eine Erklärung darüber folgen zu lassen, was
hingegen machbar ist.

140 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


Kommunikative Double-Binds können auch aufgelöst werden, indem
mit einer ebenfalls doppelsinnigen Botschaft geantwortet wird. Weak-
land führt hier folgendes Beispiel an: Die – paradoxe Aufforderung
„Möchten Sie nicht das Fenster öffnen?“ (die dem Empfänger ja ei-
gentlich befiehlt, den Wunsch des „Senders“ zu haben), könnte mit
„Ich möchte nicht, aber wenn Ihnen etwas daran liegt, will ich das für
Sie tun“ (Weakland 2002, S. 226) beantwortet werden.
Für Frau Hall ist das (aufgrund der Situation, in der sie sich befindet)
wohl nicht angebracht, aber im Beispiel mit der jungen Patientin kann
durchaus geantwortet werden: „Ich will sie nicht stören, sollte mir aber
schon Ihre Wunde ansehen.“ Das ist weder unhöflich noch unpassend,
es befreit nur davon, sich an derartige Wünsche gebunden zu fühlen.

Die dritte Lösung wäre, Doppelbindungen mit Humor zu begegnen;


das kann je nach Situation entschieden werden und ist, gerade im Be-
reich der Langzeitpflege, in dem die Klienten gut bekannt sind und
man weiß, was ihnen zuzumuten ist, jedenfalls zu empfehlen. Es er-
spart nämlich den schnellen Wechsel auf die Beziehungsebene oder
die Ebene der Selbstoffenbarung. Und, wie ich im Kapitel I 4.5 schon
erwähnte, es gibt Gründe dafür, dass Pflegende sich nicht immer un-
mittelbar genau dorthin begeben wollen.

Für die Praxis:


· Sogenannte Double-Binds sind Aufforderungen, denen man –
einfach gesagt – nicht nachkommen kann, ohne in irgendeiner
Weise etwas „Falsches“ zu tun oder zu sagen. Damit es dazu
kommen kann, braucht es einerseits eine sogenannte bindende
Beziehung, in der Einer vom Anderen mehr oder weniger „abhän-
gig“ bzw. auf ihn angewiesen ist, andererseits einen „paradoxen“
Befehl.
Er wird innerhalb dieser Beziehung gegeben und ist dadurch ge-
kennzeichnet, dass er „befolgt werden muß, aber nicht befolgt
werden darf um befolgt zu werden“.
Der „Abhängige“ in dieser Beziehung ist nicht in der Lage, ihren
Rahmen zu verlassen und die Paradoxie dadurch aufzulösen,
dass er sagt, wie absurd die Aufforderung ist. Er kann also nicht
darüber „metakommunizieren“, was zugleich die erste Mög-
lichkeit ist, dem Double-Bind zu entkommen.

„Wie ich es auch mache: Immer ist es falsch!“ (Double-Bind) 141


Der Betroffene müsste ganz einfach sagen, dass es sich um
einen Befehl handelt, der nicht durchführbar ist.
· Weiters könnte, um sich aus diesem Gefangensein in einer para-
doxen Aufforderung zu befreien, ebenso mit einer „doppelsinni-
gen“ Botschaft geantwortet werden, was ein sehr schwieriges
Unterfangen ist.
· Die dritte Möglichkeit, das Double-Bind aufzulösen, ist, dem Ab-
surden der Aufforderung mit Humor zu begegnen und somit
aufzuzeigen.
· Doppelbindungen gelten als höchst ungesunde Kommunika-
tions- und Interaktionsform und sowohl Pflegende als auch ihre
Klienten können darin gefangen sein. Ich halte es, was dieses
komplexe Phänomen betrifft, zunächst für einen praktizierbaren
Rat, immer wieder danach Ausschau zu halten und sich in Ruhe
zu überlegen, wodurch es sich in der aktuellen Situation bemerk-
bar macht, wer davon betroffen ist – und in weiterer Folge zu ver-
suchen, sich auf die Ebene der Metakommunikation zu begeben –
das muss gar keine große Sache sein.
· Der Hinweis auf das Absurde, auf den Widerspruch, kann (je nach
Gesamtzusammenhang) auch humorvoll gegeben werden.

142 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


3. „Wir pflegen hier nach Böhm!“
(Die „Bibel“ in Gruppen nach W. R. Bion)
Aus der Praxis (Allerhand Bibeln)

„Können wir die Wewerka nicht immer erst um elf versorgen?“ schlägt
Elli vor, „die fragt fast jeden Tag darum und jedes Mal ist es eine De-
batte in der Gruppe. Dann kommen wir halt erst gegen elf zu ihr.
Wenn sie dann doch früher möchte, dann geht das ja trotzdem.“
„Naja, dann haben wir ein Chaos. Helfen wir ihr genau dann, wann sie
will, müssen wir’s bei den anderen auch tun, das geht nicht“, meint
Sonja.
„Da ist dann eigentlich schon die Zeit zum Mittagessen-Austeilen“,
meint Ute.
„Das geht nicht mit der Böhm-Pflege zusammen“, sagt Ulla, worauf
auch Sonja, Ute und der Rest des Teams der Abteilung 3A des Senio-
renheims ihr beipflichten: „Stimmt. Das verträgt sich nicht mit der Ak-
tivierung“ oder: „Das passt nicht zur Biografiearbeit.“

„Ich sehe Sie an vielen Orten der Pflege“, sagt die Stationsleitung der-
selben Einrichtung zu einer Pflegenden, die einen Schnuppertag hin-
ter sich hat und die dem Team „komisch“ vorkommt, „aber bei uns
sehe ich Sie nicht – aus einem einfachen Grund: Mir scheint, dass
Sie nicht mit unserem Pflegeleitbild harmonieren. Fachlich kann ich
nicht sagen, dass ich den Eindruck habe, Sie wären der Sache nicht
gewachsen – im Gegenteil. Auch mit den sozialen Kompetenzen
stimmt es ja eindeutig. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie im extramu-
ralen Bereich gut aufgehoben sind.“

In einer Besprechung der Pflegelehrer wird die Situation des Auszu-


bildenden Hubert besprochen. Er wurde im letzten Praktikum negativ
beurteilt. „So wird das nichts mit dem“, sagt Ina, die seit zwei Jahren
an der Schule unterrichtet.
„Was kann er nicht? Wo fehlt es genau?“, will Maria wissen, die sich
in Ausbildung zur Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege befin-
det und noch nicht lange dabei ist. Ina seufzt und sieht sich in der
Runde um. „Geschicklichkeit fehlt ihm“, sagt sie schließlich. „Soziale

„Wir pflegen hier nach Böhm!“ (Die „Bibel“ in Gruppen nach W. R. Bion) 143
Kompetenz auch“, ergänzt Karl. „Geschicklichkeit ist auch Übungs-
sache“, meint Maria. „Und soziale Kompetenz ist auch eine Frage
der Entwicklung, er ist ja erst 19 Jahre alt.“
„Eigentlich“, sagt die Schulleiterin schließlich, „ist es ganz einfach. Er
kann die Theorie nicht in die Praxis umsetzen. Und ohne diese Fähig-
keit wird es nicht gehen. Nie und nimmer.“ Karl und Ina nicken – über-
haupt ist man sich einig und geht zum nächsten Besprechungsthema
über.

Die „Gruppenbibel“ nach Wilfried R. Bion

Wilfried R. Bion, dessen Forschungen sich u. a. mit Gruppenphäno-


menen beschäftigen, benennt und beschreibt ein Phänomen namens
„Bibel“ in Gruppen oder „Gruppenbibel“ (Bion 1991, S. 113ff). Es
scheint mir besonders für Pflegende, die ja vorrangig in Teams arbei-
ten, von Bedeutung und ist mir im Lauf der Jahre, die ich in und mit
Teams und Gruppen von Pflegenden verbracht habe, immer wieder
begegnet. Zunächst möchte ich erklären, was damit gemeint ist.

Es gebe, so Bion, in Gruppen manchmal die Tendenz, sich zu einer


Art „Gruppen-Bibel“ (Bion 1991, S. 117) zu bekennen und sich ihr ge-
genüber in eine Form der Abhängigkeit zu begeben. Zu einer solchen
„Bibel“ könne ein bestimmtes Protokoll, eine Vereinbarung oder
Idee, auch die gemeinsame Geschichte einer Gruppe werden
(Bion 1991, S. 113ff).

In dieser „Bibel“ würden anerkannte Ideen, so Bion weiter, „populari-


siert“ und im Zuge dessen um alles erleichtert und beschnitten, was
„schmerzhafte Anstrengung“ bedeuten könnte. Damit sichere man,
dass die „Bibel“ vor allem von jenen gelobt und hochgehalten werde,
die „Entwicklungsschmerzen ablehnen“.
Das bedeutet also, dass solche Inhalte oft in stark vereinfachter,
wenig komplexer – ich nenne es „handlicher“ – Form weitergereicht
werden und man sich auf sie bezieht. Damit werde, so der Autor wei-
ter, das Denken auf einer „platten und dogmatischen“ Ebene stabili-
siert.
Bildet sich nun eine andere Gruppe (oder kommt jemand), die (der) sich
für neue Ideen stark macht, so werden diese Versuche mit Verweis auf

144 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


die Regeln der „Gruppenbibel“ unterbunden. Da deren Inhalte verein-
facht und „flach“ sind, werden die „anderen“ im Gegenzug anspruchs-
voller – und zwar oft so, dass sich keine weiteren Anhänger für die
neue Idee mehr finden lassen.
Auf diese Weise weichen beide Gruppen der unangenehmen Kon-
frontation des Einfachen mit dem Neuen, vielleicht Komplizierten
oder kompliziert Scheinenden, aus. Die Anhänger der „Gruppen-
bibel“ sind in der Regel in der Überzahl, da deren Regelwerk eingän-
gig, einfach und leicht wiederzugeben ist, und – das ist das Wesent-
liche – sie bleiben es durch den Prozess des Einander-Ausweichens
auch.

Die Bedeutung des Phänomens


„Gruppenbibel“ für die Pflege

Zuerst: Gruppenbibeln werden nicht bewusst eingesetzt. Sie sollen


verhindern, dass neue Ideen oder Werte einerseits das gewohnte
Miteinander, andererseits die gewohnte Arbeitsweise bedrohen. Bevor
es also zur Entwicklung oder zu Prozessen des Hinterfragens kommen
kann, kommt die „Gruppenbibel“ zum Einsatz. Und das geschieht un-
bewusst und steht im Dienst der Abwehr von Neuem, auch von viel-
leicht unangenehmen Auseinandersetzungen, die letztlich aber Ent-
wicklung bedeuteten könnten. Aus dieser „Bibel“ zu predigen ist so
einfach wie sicher, da es über ihre Inhalte weitgehend Einigkeit gibt.
Sie sind in der Regel einfach und sie sind so konzipiert, dass man
ihren schwer widersprechen kann.
Für die Pflege stelle ich auch fest, dass sie teilweise so breit gefächert
sind, dass quasi für jeden Bedarf etwas dabei ist. Was könnten nun
typische Inhalte solcher „Bibeln“ für die Pflege sein und wie entstehen
sie?

In allen Pflegeeinrichtungen gibt es Pflegeleitbilder und meist auch be-


stimmte Pflegemodelle und -konzepte, die (bevorzugt) angewendet
werden. Das ist zunächst etwas Positives, besonders dann, wenn der
einzelne Pflegende die Schlagworte, die in diesen Zusammenhängen
auftauchen, mit ganz praktischer Bedeutung füllen kann.
„Wir pflegen ganzheitlich“ ist oft zu hören, oder „bedürfnisorientiert“
oder „uns ist Orientierung an den Ressourcen unserer Bewohner wich-

„Wir pflegen hier nach Böhm!“ (Die „Bibel“ in Gruppen nach W. R. Bion) 145
tig“ – natürlich auch ein „gutes Zeitmanagement“ oder „ökonomisches
Arbeiten“.
Gegen keinen dieser Begriffe ist etwas einzuwenden. Was die Sache
aber schwierig macht, ist, dass gerade in der Praxis solche Begriffe
gerne als Platzhalter für alles Mögliche herhalten müssen – und auch
können, da sie nur sehr wenig mit direkter oder affektiver Bedeutung
gefüllt sind.
Haben Auszubildende Probleme, sind sie entweder „nicht teamfähig“,
„nicht praxisorientiert“ oder nicht in der Lage, Klienten „ganzheitlich“
zu versorgen. Das kommt natürlich vorzugsweise dann zum Tragen,
wenn die eigentlichen Schwierigkeiten nicht an- und ausgesprochen
werden sollen. Ich denke, dass viele Worte zu einer Art Killerphrase
verkommen, und dass es die Tendenz gibt, in ihrer Verwendung auftau-
chende Probleme gefährlich zu verkürzen, Kritik nicht klar zu formulie-
ren, Konflikte zu verschleiern und neue Ideen im Keim zu ersticken.
Dazu eignen sich viele dieser Begriffe gut, weil sie sich als Begründung
für fast alles verwenden lassen.

Wo nämlich (wie im ersten Beispiel) Entwicklung stattfinden oder be-


stehende Strukturen und Arbeitsweisen hinterfragt werden müssten,
wird stattdessen auf das Pflegemodell nach Böhm und die Biografie-
arbeit verwiesen, womit Änderungsvorschläge ganz einfach „abge-
würgt“ werden.

Ähnlich verhält es sich auch mit der Mitarbeiterin, die – aus welchen
Gründen auch immer – im Team nicht erwünscht scheint. Man will
sich weder auf das Wagnis einer differenzierten Rückmeldung einlas-
sen noch sich überlegen, was an ihr – trotz guter fachlicher und auch
menschlicher Eignung – „komisch“ ist.
„Das hat gerade noch gefehlt“, sagt Sonja am Gang zu Ute, „zerrt die
Leute am Nachmittag wieder heraus, macht sie rebellisch, und dann
dürfen wir das auch immer tun.“
Natürlich ist, wenn ein Team erweitert werden soll, Angst vor dem
„Eindringling“ da – das ist auch nicht verwunderlich, sondern völlig
verständlich. Und natürlich haben die „eingesessenen“ Mitglieder
Sorge, dass sich alles ändert, sich die Neue vielleicht als jemand ent-
puppt, der die kleinen Freiheiten, die sie im Lauf der Jahre erkämpft
und etabliert haben, bedroht, wenn auch nicht in böser Absicht. „Als

146 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


wir am Nachmittag kurz zusammengesessen sind, ist sie dauernd
draußen hin- und hergelaufen. Das war’s dann mit unserem Kaffee“,
berichtet Ute.
„Wir konnten uns nicht zur Gänze einigen“, sagt die Stationsleitung zu
den beiden, „der Schnuppergast wird sich vielleicht eher in Richtung
extramuraler Pflege orientieren“. Zur Leitung der Nachbarstation sagt
sie: „Die hätte uns alles auf den Kopf gestellt, das sage ich dir.“

Ähnlich ist es auch im Lehrerteam. Man hört sich neue Ideen zwar an,
findet sie vielleicht auch interessant. Letztlich beruft man sich aber
auf jene Teile der „Gruppen-Bibel“, die hier „Theorie-Praxis-Verhält-
nis“ und „soziale Kompetenz“ heißen. Die Gefahr, die von der neuen
Lehrerin ausgeht, ist, dass sie Werte, über die es stillschweigende
Übereinkünfte gibt, in Frage stellt. Hubert hat in der Praxis – bekann-
termaßen – wenig Probleme mit Patienten und Klienten, gilt dort im
Gegenteil als sehr beliebt.
„Ich bin nicht der Meinung, dass er so ungeschickt ist“, sagt Maria,
„ich habe ihn in der Praxis begleitet.“ „Ich weiß schon, dass er viel
kann“, sagt Ina, „aber er ist eben ein Theoretiker, und das allein nützt
ihm nichts, er muss es auch umsetzen können.“
„Das tut er doch!“, gibt Maria zurück.
„Er arbeitet zu wenig praxisorientiert“, bleibt Ina hart.
Hubert hat in Wahrheit eine Übereinkunft verletzt, die nie direkt ausge-
sprochen wurde und die dem Team wohl auch gar nicht bewusst ist:
Er hat sich geweigert, Hol- und Bringdienste zu übernehmen und das
damit begründet, dass er in Ausbildung zum Krankenpfleger ist: „Ich
kenne den Weg ins Labor.“
Wollte das Team sich damit auseinandersetzen, müssten ungeschrie-
bene Regeln hinterfragt und neu diskutiert oder vielleicht überlegt
werden, wann und unter welchen Bedingungen Auszubildende dies-
bezügliche Ansprüche stellen dürfen oder ob nicht in der Pflege man-
ches neu zu diskutieren wäre.
Auch hier wird die „Gruppenbibel“– ohne, dass sich die, die sie ein-
setzen, darüber im Klaren sind – dazu verwendet, Entwicklung und
Emanzipation (der Pflege von der Medizin, der Auszubildenden vom
Hinnehmen) und ihre Anstrengungen zu vermeiden.

„Wir pflegen hier nach Böhm!“ (Die „Bibel“ in Gruppen nach W. R. Bion) 147
Besonders in der Pflege, in der Prozesse der Verwissenschaftlichung
und Professionalisierung immer neue Konfliktpotenziale – gerade mit
Blick auf die Praxis – bieten, hat die Existenz solcher „Bibeln“ große
Bedeutung. Denn sie bietet die Illusion eines festen Rahmens, der
vordergründig Sicherheit und ein klares Regelwerk zu geben scheint,
auf das man sich „mit Fug und Recht“ berufen kann.

Für die Praxis:


· „Gruppenbibeln“ gibt es in der Pflege viele – Konfliktfelder
ebenso. Es ist nachvollziehbar, dass sich viele Angehörige der
Berufsgruppe einen klaren Rahmen oder ein klares Regelwerk,
auf das sich berufen werden kann, wünschen.
· Problematisch wird es erst, wenn mit diesen Regelwerken, Proto-
kollen, Leitbildern oder Ähnlichem zwei Dinge geschehen: Wenn
ihnen nämlich einerseits in unreflektierter Weise eine Art „Füh-
rungsrolle“ zugeschrieben wird oder sie anderereits (gerade, um
sie gegen vielleicht komplexer vorgetragene „Angriffe“ von außen
zu schützen) vereinfacht werden, ohne dass man ihnen in dieser
Vereinfachung noch gerecht wird; auch affektive Bedeutung
haben die Inhalte der Gruppen für die, die sich von ihnen aber so-
gar leiten lassen, häufig keine mehr.
· Schließlich verkommen sie auf diese Weise häufig zu einer Art
Platzhalter, dessen Bedeutung innerhalb eines gewissen Rah-
mens austauschbar ist und auf den sich Gruppen vor allem dann
berufen, wenn sie sich gegen (neue) Entwicklungen schützen wol-
len.
· Der Prozess des „Erhebens“ einzelner Regelwerke zur „Gruppen-
bibel“ im Verständnis Bions sowie ihr Einsatz geschehen unbe-
wusst.
· Ich halte es (wie auch schon im Kapitel I 4.1 vorgeschlagen) für
eine gute Team-Übung, eine Art Hit-List der am häufigsten bemüh-
ten, vielleicht eingeforderten Begriffe („Ganzheitlichkeit“, „Praxis-
orientierung“ etc.) zu erstellen und sie dann mit praktischer Bedeu-
tung zu füllen. Dass es dabei zu Diskussionen kommen wird, ist so
absehbar wie wichtig. Eines darf aber nicht erlaubt sein: hinter eine
„Bibel“-Vokabel anstelle eines Fragezeichens einen Punkt zu set-
zen.

148 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


4. „Das will ich ihr
die ganze Zeit schon zeigen . . .!“
(Komplementäre Schismogenese)
Aus der Praxis (Steffi und Anna)

Steffi leitet seit zehn Jahren eine chirurgische Station und ist das, was
man eine herzensgute Seele nennt. Mit ihr nicht zurecht zu kommen
ist schwer, da sind sich alle einig.
Anna, seit einer Woche neu auf Steffis Abteilung, sieht das anders
und steht mit dieser Meinung allein da. „Was zwischen den beiden
los ist, das erkläre mir einmal jemand. Ich glaube, ich träume“, sagt
Raumpflegerin Gerti, die ebenfalls auf Steffis Abteilung arbeitet und
Anna von früher kennt.

Anna braucht am Freitag Urlaub. „Ich hätte gern den Freitag frei“, sagt
sie zu Steffi. „Unmöglich“, gibt diese zurück, „da brauche ich Sie.“
„Frau Beil auf Zimmer hundertzehn kann das Menü eins unmöglich
essen“, berichtet Anna. „Kann ich mir nicht vorstellen“, antwortet
Steffi, „versuchen Sie es bitte noch einmal.“
„Verbandsdepots in Ordnung zu bringen ist nicht Schwesternarbeit“,
meint Anna. „Selbstverständlich ist das Aufgabe eines jeden Team-
mitglieds, wenn Not am Mann ist“, sagt Steffi, „ich wünsche mir,
dass das um fünfzehn Uhr erledigt ist, da kommt die neue Lieferung.“

Anna verbindet Herrn Hammers Dekubitus nur einmal, statt wie vor-
geschrieben, zweimal täglich. Steffi geht zu Herrn Hammer und holt
den zweiten Verbandswechsel nach. „Die andere Schwester hat ge-
sagt, zweimal am Tag ist zu viel“, erzählt der Patient. „Nein, das ist
schon notwendig“, sagt Steffi.
„Kommen Sie, ich nehme Sie mit, wenn ich Frau Grander lagere“, for-
dert Anna den Auszubildenden Thomas auf. „Nein, Thomas, das geht
nicht, ich möchte Sie heute bei der Visite dabei haben“, holt Steffi ihn
aus dem Zimmer, noch bevor Anna mit der Lagerung der Patientin be-
gonnen hat.

„Das will ich ihr die ganze Zeit schon zeigen . . .!“ (Komplementäre Schismogenese) 149
„Die Dienstbesprechung dauert nächsten Mittwoch ausnahmsweise
eine halbe Stunde länger, weil das neue Transferierungsprotokoll vor-
gestellt wird, da kommt jemand von dieser Firma“, teilt Steffi dem
Team mit, „ihr bekommt die Zeit natürlich gutgeschrieben, ok?“
„Das geht bei mir nicht“, sagt Anna, „da habe ich niemanden mehr,
der bei meinem Sohn bleibt.“
„Dann weiß ich nicht, wie Sie mit dem System arbeiten wollen!“, ant-
wortet Steffi.

„Ich verstehe das nicht“, sagt Ulla in der Pause zu den Anderen, „die
Steffi ist doch sonst nicht so. Normalerweise wäre das kein Thema,
dass jemand früher geht. Nur mit Anna tut sie so komisch.“
Gerti, die Anna kennt, pflichtet ihr bei und meint: „Mit Anna ist es das-
selbe. Ich kenne das nicht von ihr, dass sie so stur ist. Eigentlich ist
sie total unkompliziert. ‚Alles geht‘ ist ihr Lieblingsspruch. Aber bei
Steffi schaltet sie wegen jeder Kleinigkeit auf stur.“

Aus der Praxis (Klaus und Ute)

Ute ist Praxisanleiterin und bei den Auszubildenden beliebt. Es ist be-
kannt, dass sie sich gut an ihre eigene Schulzeit erinnert, sich dafür
einsetzt, dass die Praktikanten wenig Botendienste übernehmen und
dafür viel „zu sehen“ bekommen sollen, wie sie betont.
Mit Klaus ist es anders. Als seine Lehrerin ihn auf der Abteilung be-
sucht, erklärt er ihr, er werde „ohne Pause hin und her geschickt“.
„Klaus, bringen Sie Frau Schacht ins Röntgen“, fordert Ute Klaus auf,
der die Augen verdreht und sagt: „Schon wieder! Dazu bin ich aber
nicht hier!“

„Normalerweise bin ich nicht so“, sagt Ute zu Klaus‘ Pflegelehrerin,


„aber ihm will ich die ganze Zeit zeigen, dass sein unmögliches Ver-
halten nichts bringt. Es stimmt, bei Klaus bin ich anders als bei den
übrigen Schülern. Würde er ein Mal, nur ein einziges Mal ohne Kom-
mentar einer Aufforderung dieser Art folgen, wäre das wahrscheinlich
die letzte. Aber so – nein. So mache ich weiter, bis er das lernt.“

„Sonst habe ich kein Problem damit, etwas zu tun – dafür bin ich ja
hier“, erzählt Klaus der Lehrerin, „aber da will ich ihr die ganze Zeit

150 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


schon zeigen, dass es nicht fair ist, was sie betreibt. Schwester Ute
macht mich zum Abteilungs-Laufburschen. Es stimmt auch, mich in-
teressiert das immer weniger. Am Anfang habe ich mich noch be-
müht, meinen Unwillen nicht nach außen zu tragen. Jetzt mache ich
kein Geheimnis mehr daraus. Sie soll schon sehen, dass etwas nicht
stimmt.“
Tatsächlich gilt Klaus ansonsten eher als pflichtbewusster und fleißi-
ger Schüler.

Aus der Praxis (Inge und Frau Früh)

Frau Früh ist 48 Jahre alt, alkoholkrank und gilt als schwierige, unko-
operative und aggressive Patientin. „Verschwinden Sie“, ruft sie, als
Inge mit den Medikamenten kommt.
Inge spricht betont leise und freundlich. „Frau Früh“, sagt sie, „sehen
Sie, ich habe hier Ihre Medikamente.“
„Hauen Sie ab!“ Die Patientin wird lauter.
„Aber, Frau Früh.“ Inge spricht noch ein wenig freundlicher und greift
Frau Früh leicht ans Handgelenk.
„Du blödes, kreuzdummes Weib!“ Frau Früh schreit jetzt.
„Aber, aber“, sagt Inge leise.
Frau Früh reißt Inge den hellblauen Medikamentendispenser aus der
Hand und wirft ihn gegen die Wand, sodass die Tabletten herausfallen.
„Frau Früh, Sie brauchen die Medikamente doch!“ Inge flüstert jetzt
fast, während Frau Früh nun brüllt: „Fort mit Ihnen, fort mit Ihnen,
fort!“

Komplementäre Schismogenese

Unter einer Schismogenese wird die Entstehung einer Trennung oder


Spaltung verstanden – für die Kommunikation bedeutet der Begriff
die Bildung eines „Grabens“ zwischen zwei Gesprächspartnern. Die
Linguistin Deborah Tannen beschäftigt sich in ihren Analysen mit die-
sem Konzept, das schon von Gregory Bateson beschrieben wird.
Unter „komplementären“ versteht Paul Watzlawick (vgl. Kap. I 1.5) ei-
nander ergänzende, kommunikative Verhaltensweisen – sie stehen im
Gegensatz zur „synchronen“ Interaktion und Kommunikation, die auf
Gleichartigkeit der Partner beruht.

„Das will ich ihr die ganze Zeit schon zeigen . . .!“ (Komplementäre Schismogenese) 151
Sind sich zwei Menschen darüber, was ein „normales“ Gesprächsver-
halten ist, annähernd einig und Einer spricht anders (etwa lauter) als
der Andere, werden sie sich einander im Gespräch üblicherweise an-
nähern. Das geschieht schnell und quasi nebenbei.
Gehen ihre Vorstellungen über die gängige Gesprächslautstärke aller-
dings auseinander, so ist die Verschiedenheit zunächst mit Unbeha-
gen verbunden. Nun kann es dazu kommen, dass der, der lauter
spricht, sein Verhalten verstärkt, also noch lauter wird. Dies soll den
Leiseren der beiden dazu bringen, selbst ein wenig hörbarer zu spre-
chen. Dieser allerdings verstärkt, wenn wir es mit dem Phänomen der
komplementären Schismogenese zu tun haben, sein leises Sprechen
ebenfalls, was den Anderen dazu bewegt, in einem weiteren Regu-
lationsversuch seine Lautstärke nochmals anzuheben. Das Gegen-
über wird, möglicherweise um zu signalisieren, dass nach seinem Da-
fürhalten zu laut gesprochen wird, noch leiser (Tannen 1992, S. 154).

Jeder der beiden verstärkt also durch sein kommunikatives Verhalten


das des Anderen, und zwar genau in die gegenteilige Richtung von
der, die eigentlich gewünscht ist. Die Übertreibung soll eigentlich aus-
gleichen und regulieren, führt aber gerade nicht dazu, sondern vertieft
den kommunikativen Graben zwischen den Gesprächspartnern.
Der Laute will dem Leisen durch ein Mehr an Lautstärke zeigen, dass
etwas nicht stimmt, der Leise hat sozusagen denselben Gedanken –
in die entgegengesetzte Richtung.

Nun kann man sich unschwer vorstellen, dass dieser Prozess nicht
nur im Zusammenhang mit der Lautstärke von Gesprächen funktio-
niert, sondern etwa mit Schweigen und Vielsprechen (der „Schwei-
ger“ möchte dadurch, dass er sich noch mehr zurücknimmt, dem
„Plauderer“ zeigen, dass er ihm zu viel redet, der „Plauderer“ spricht
mehr, um umgekehrt dem Ruhigeren zu signalisieren, dass dieser zu
wenig sagt usw.), mit Humor und Ernsthaftigkeit, Sprechtempo, dem
Gebrauch von Fach- bzw. Alltagssprache und vielem mehr, vor allem
auch in der Interaktion und hier im Zusammenhang mit bestimmten
Handlungen wie die Betrachtung der Praxisbeispiele zeigt:

Steffi ist eine Stationsleitung vom Typ „gute Seele“ – und Anna gilt als
höchst kooperative und wendige Pflegeperson. Im Zusammenspiel
der komplementären Schismogenese lässt sich einerseits Anna im-

152 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


mer weniger sagen, vorschlagen oder auftragen, und wird anderer-
seits Steffi immer mehr zu autoritären Führungskraft.

Ähnlich verhält es sich mit Klaus und Ute. Beide verstärken ihr Verhal-
ten: Ute schickt Klaus tatsächlich in einem für sie unüblichen Ausmaß
auf allerhand Botendienste – und der lehnt genau das mit einer ihm im
Grunde fremden Vehemenz ab.
Sowohl die Situation zwischen Steffi und Anna als auch die zwischen
Ute und Klaus lässt sich auf ein unterschiedliches Verständnis von
Führungs- bzw. Anleitungsverhalten zurückführen – wobei selbst da
gar nicht mehr so sicher ist, wie die Dinge nun eigentlich liegen. Denn
interessanterweise geben ja alle Beteiligten an, sonst „nicht so“ zu
sein – und tatsächlich ist es das Wesen der komplementären Schismo-
genese, dass die Beteiligten sich dabei auch in für sie unüblicher
Weise, also inkongruent, verhalten (vgl. Kap. I 4.4). Das wird auch im
dritten Beispiel, also zwischen Inge und Frau Früh, deutlich – Inges Art
zu kommunizieren entspricht weder der Situation noch, so ist anzu-
nehmen, ihrem inneren Empfinden.
Dabei wird aber noch etwas anderes deutlich: nämlich, dass die Pro-
zesse, die mit dem genannten Phänomen einhergehen, keineswegs
immer bewusst sein müssen.

Und schließlich muss auch hier (wie in Kapitel I 1.3 und II 1) mit Debo-
rah Tannen noch einmal darauf verwiesen werden, dass wir alle häufig
zu folgender Denkweise neigen: Wir gehen davon aus, dass was wir
sagen und tun eine Reaktion auf das Verhalten Anderer ist, und blen-
den dabei den Umstand aus, dass diese dasselbe denken. Auch sie
begreifen das, was sie selbst sagen oder tun, als Reaktion auf unser
Verhalten.
Tauchen nun Probleme auf, versuchen wir zwar, sie zu lösen, denken
dabei aber in Intentionen, also Absichten, und nicht in Verhaltenswei-
sen (Tannen 1992, S. 156). Wie die Kapitelüberschrift sagt, soll durch
eine bestimmte Art zu kommunizieren und/oder zu interagieren, et-
was gezeigt werden – und zwar bewusst oder unbewusst.
Woran dabei in keinem Fall gedacht wird, ist, wie das eigene Verhal-
ten auf das Gegenüber wirkt oder wirken kann, und was es in ihm
auslöst. Der Fehler ist also eindeutig, genau das nicht gedanklich
durchzuspielen.

„Das will ich ihr die ganze Zeit schon zeigen . . .!“ (Komplementäre Schismogenese) 153
Steffi könnte sich überlegen, wie alles, was sie tut, auf Anna wirkt –
diese wiederum könnte sich dasselbe mit Blick auf Steffi überlegen –
im günstigsten Fall würden sich beide in derlei festgefahrenen Situa-
tionen auf die Ebene der Metakommunikation begeben (vgl. Kap. II
6), die hier tatsächlich helfen würde.
Eine andere Lösung wäre, ganz bewusst aus dem Kreislauf auszustei-
gen. Paul Watzlawick beschreibt das Problem des „Mehr desselben“
wie folgt: Auf der Suche nach einer Lösung versucht sich jemand in
einer bestimmten Taktik, wenn das nichts nützt, wird nicht die Vor-
gangsweise geändert, sondern dasselbe Verhalten wiederholt bzw.
verstärkt: „(. . .) führt der damit steigende Leidensdruck zur scheinbar
einzig logischen Schlussfolgerung, nämlich der Überzeugung, noch
nicht genug zur Lösung getan zu haben. Man wendet also mehr der-
selben ‚Lösung‘ an und erreicht damit genau mehr desselben Elends“
(Watzlawick 2007, S. 29).

Selbstverständlich kann das „Mehr desselben“, das hier gezeigt wird,


in Beziehung zur komplementären Schismogenese gesetzt werden,
da dabei genau getan wird, was Watzlawick zeigt. Insofern kann ihrer
Dynamik auch dadurch entkommen werden, dass das Verhalten ge-
ändert wird – und zwar das eigene, da sich zunächst nur an dieser
Schraube drehen lässt. Wichtig dabei ist, dass dies klar und deutlich
geschieht. Die geänderte Strategie steht für ein Ausbrechen aus dem
Kreislauf und muss zwangsläufig Einfluss auf das Geschehen zwi-
schen beiden Interaktionspartnern haben.

Für die Praxis:


· Manchmal gehen die Ansichten zweier Menschen darüber, was
„normales“ Gesprächsverhalten ist, auseinander. Der Eine spricht
lauter, der Andere leiser, der Eine mehr, der Andere weniger.
Kommt es nun zum Kreislauf der komplementären Schismoge-
nese, so steht zumeist am Anfang, dass der Versuch des einen
Interaktionspartners, das Verhalten des anderen (vielleicht mög-
lichst dezent) zu korrigieren, nicht auf metakommunikativer Ebene
erfolgt (vgl. Kap. II 6), sondern auf Ebene des Handelns.
· So kann jemand, der das Gefühl hat, sein Gegenüber spreche zu
viel, selbst vielleicht dazu übergehen, immer weniger zu sagen,
um so den Anderen dazu zu bewegen, weniger zu sprechen. Die-

154 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


ser wiederum spricht mehr, um vielleicht dem Gegenüber zu sig-
nalisieren, es sei zu ruhig.
· Das Ergebnis dabei ist meist Folgendes: Jeder der Beiden ver-
stärkt durch sein kommunikatives Verhalten das des Anderen,
und zwar genau in die gegenteilige Richtung von der, die eigent-
lich gewünscht ist. Der kommunikative „Graben“ zwischen bei-
den wird verstärkt und schließlich verhalten sich beide in für sie
untypischer Weise und verstärken das noch, indem sie immer
mehr von demselben tun.
· Was nicht geschieht, ist, sich zu überlegen, wie das eigene Ver-
halten auf das Gegenüber wirkt oder wirken kann, und was es in
ihm auslöst. Dies gedanklich durchzuspielen, wäre jedoch der
erste Schritt zur Problemlösung, die übrigens ganz schnell erfol-
gen könnte, indem nur einer der beiden sein Verhalten ändert.
· Nun müssen diese Prozesse nicht immer bewusst ablaufen, aller-
dings kann auch dann ein Blick von außen auf die Situation Wun-
der wirken. Wann immer man also an sich ein eigentlich untypi-
sches Verhalten bemerkt, kann das zum Anlass genommen
werden, den gedanklichen Schritt aus der Situation, in der
man sich im Moment befindet, herauszutun. Das ist zugleich der
Anfang vom Ende des Kreislaufs der komplementären Schismo-
genese.

„Das will ich ihr die ganze Zeit schon zeigen . . .!“ (Komplementäre Schismogenese) 155
5. „Könnten wir bitte ernst bleiben?“
(Störungen haben Vorrang)
Aus der Praxis (Die Fortbildung)

Hans ist Pflegelehrer und führt in einem Krankenhaus eine zweitägige


innerbetriebliche Fortbildung über Pflegeorganisation durch. Er teilt
Handouts aus und schaltet den Beamer ein, als in den letzten Reihen
gekichert wird. Er hört sich das eine Weile an und sagt schließlich:
„Könnten wir bitte ernst bleiben?“
Die Teilnehmer bemühen sich sichtlich um Aufmerksamkeit, aller-
dings wird nach wenigen Minuten wieder gelacht. Hans will wissen,
ob er mitlachen darf und in den letzten beiden Reihen wird es zu-
nächst leiser. Als sich wieder ein Raunen und Tuscheln einstellt und
die Teilnehmer je zu zweit miteinander zu flüstern beginnen, verliert er
langsam seine Entspanntheit. Er kennt weder die Gruppe noch das
Krankenhaus näher und will einerseits die angefragten Inhalte vermit-
teln, andererseits die Sache zunehmend hinter sich bringen. „Liebe
Kolleginnen und Kollegen“, sagt er, „so kann ich nicht unterrichten.
Ich bitte Sie eindringlich um Aufmerksamkeit.“
Nun wird es ruhig, allerdings scheint es um die Aufmerksamkeit ge-
schehen. Die Pflegenden in den Bänken werfen einander bedeutungs-
volle Blicke zu. Fragen werden kaum gestellt. Am zweiten Tag der Fort-
bildung will ein Pfleger wissen, wann „das Ding durchgedrückt wird.“
Hans versteht nicht und fragt nach. Bald entsteht eine rege Diskus-
sion, in deren Verlauf sich zeigt, dass die Gruppe die (unbegründete)
Befürchtung hat, dass zwei Abteilungen des Krankenhaus zusam-
mengelegt und einer gemeinsamen Bereichsleitung unterstellt werden
sollen, was, so die eigentliche Angst, mit Zwangsversetzungen des
Stammpersonals verbunden sein könnte. Hans bittet die Pflegedirek-
tion um eine kurze Stellungnahme, bei der alle Bedenken ausgeräumt
werden können, und in deren Verlauf sich auch zeigt, wie das Gerücht
entstehen konnte. Als die Sache geklärt ist, zeigen sich die Teilneh-
menden interessiert, leider ist die Zeit nun knapp und Hans bedauert,
dass das Problem nicht vorher zur Sprache kommen konnte.

156 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


Aus der Praxis
(Frau Stiefel und das kleine Buch)

Ulla und Iris möchten Frau Stiefel, eine 78-jährige Patientin, die nach
einem Oberschenkelhalsbruch auf der Unfallabteilung liegt, mobilisie-
ren. Frau Stiefel wirkt manchmal situativ desorientiert, das kommt al-
lerdings nur phasenweise vor. Heute redet sie oft von einem „kleinen
Buch“. Ulla will das Thema immer wieder auf das Aufstehen zurück-
lenken, Frau Stiefel hingegen offenbar nicht. Zuerst möchte sie „Trop-
fen gegen die Aufregung“ nehmen, dann kramt sie mit der linken
Hand in der Lade des Nachtkästchens, als Ulla ihr eigentlich sagen
will, wie sie das Gewicht verlagern muss, um aufstehen zu können.
Je mehr die Pflegenden verhindern wollen, dass Frau Stiefel sich ab-
lenkt, desto weniger scheint ihnen das zu gelingen. Als sie mit der
Frau endlich ein paar Schritte gehen, wirkt diese unaufmerksam und
dreht sich dauernd in Richtung ihres Bettes um. „Ich muss noch auf
die Toilette“, gibt sie schließlich an.
„Das hätte ihr auch früher einfallen können“, sagt Ulla zu Iris. Iris holt
den Toilettenstuhl und meint dann: „Das wird so nichts.“
Als Frau Stiefel fertig ist, fragt Iris: „Was ist denn los? Ich habe das
Gefühl, dass Sie gar nicht gehen wollen, sonst machen Sie das doch
auch gerne mit uns.“
Es stellt sich heraus, dass Frau Stiefels Sohn auf einer Geschäftsreise
ist und sie mit ihm vereinbart hat, dass er sich melden soll, wenn er
zurück ist. Da es schon Nachmittag ist, sorgt Frau Stiefel sich und
will ihren Sohn eigentlich zu Hause anrufen, weiß seine Telefonnum-
mer aber nicht auswendig und wollte deshalb in der Lade des Nacht-
kästchens das „kleine Buch“, also das Adressbuch suchen. Deshalb
drehte sie sich dauernd in Richtung des Telefons am Klapptisch, um
nur ja keinen Anruf zu versäumen. „Wenn das so ist“, meint Iris,
„dann rufen wir doch einfach bei Ihrem Sohn zu Hause an.“ Gesagt,
getan. Die Schwiegertochter hebt ab und beruhigt Frau Stiefel, die
sich im Tag geirrt hat: Ihr Sohn kommt erst morgen zurück. Nach
dem Telefonat geht die Patientin mit Ulla und Iris bis zum Schwestern-
stützpunkt.

„Könnten wir bitte ernst bleiben?“ (Störungen haben Vorrang) 157


Warum Störungen Vorrang haben

Die Begründerin der „themenzentrierten Interaktion“, Ruth Cohen, un-


terscheidet in ihren Überlegungen, die sie vor allem im Zusammen-
hang mit dem Geschehen in Gruppen tätigt, zwischen sogenannten
Tiefenstörungen, deren Ursache in der Kindheit liege, und akuten
Störungen und Verstimmungen, wobei sie über Letztere sagt:

„Es sind meist akute unausgesprochene Stimmungen und Verstim-


mungen, die Störungen in Gruppenmitgliedern aufkommen lassen:
Störungen aus Außenbeziehungen oder gerade Geschehenem. ‚Wenn
du mir das nur vorher gesagt hättest‘, ist wohl der häufigste erstaunte
und entspannende Satz, der Lücken schließt. Die unwahrscheinliche
Anzahl von kleinen Verstimmungen, die aus irgendeinem Grunde nicht
gesagt werden und sich zu Schützengräben und Festungswällen ver-
festigen, durch die Menschen, Beziehungen und Arbeit leiden, ist
auch geübten Gruppenleitern immer wieder ein fast unglaubliches Er-
lebnis“ (Cohen 2004, S. 184).

Auch Friedemann Schulz von Thun berichtet von seinen Erfahrungen


damit, in Trainingskursen und Arbeitsgruppen eine Metakommunika-
tion, also eine Kommunikation über die Kommunikation (vgl. auch
Kapitel II 6.), einzuführen, die es ermögliche, auch persönlichen Be-
langen Raum zu geben und sich nicht nur auf das Sachliche be-
schränken zu müssen (Schulz von Thun 2006, S. 133).

Ruth Cohen kommt zu folgendem Schluss: „Störungen haben de facto


den Vorrang, ob Direktiven gegeben werden oder nicht. Störungen fra-
gen nicht nach Erlaubnis, sie sind da: als Schmerz, als Freude, als
Angst, als Zerstreutheit; die Frage ist nur, wie man sie bewältigt. Anti-
pathien und Verstörtheiten können den einzelnen versteinern und die
Gruppe unterminieren; unausgesprochen und unterdrückt bestimmen
sie Vorgänge in Schulklassen, in Vorständen, in Regierungen. Verhand-
lungen und Unterricht kommen auf falsche Bahnen oder drehen sich
im Kreis. Leute sitzen am Pult und am grünen Tisch in körperlicher Ge-
genwart und innerer Abwesenheit. (. . .) Die unpersönlichen ‚störungs-
freien‘ Klassenzimmer, Hörsäle, Fabrikräume, Konferenzzimmer sind
dann angefüllt mit apathischen und unterwürfigen oder mit verzweifel-

158 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


ten und rebellierenden Menschen, deren Frustration zur Zerstörung
ihrer selbst oder ihrer Institution führt“ (Cohen 2004, S. 122).
Störungen zu thematisieren ist demnach also kein Luxus, sondern
Notwendigkeit, wenn gewährleistet sein soll, dass Teilnehmer an Ar-
beitsgruppen aller Art, aber auch Klienten der Pflege, sich an dem,
was im Moment gefordert ist, beteiligen. Alles, was sie daran hindert
und was – mehr oder weniger unterschwellig – Aufmerksamkeit und
Energie bindet, muss also zur Sprache gebracht werden, damit man
sich der eigentlichen Sache (wieder) widmen kann.
Insofern wird Hans, sollte er in Zukunft bei seinem Unterricht eine
ähnliche Situation wie zuvor beschrieben erleben und Unruhe wahr-
nehmen, die sich augenscheinlich nicht unterdrücken lässt, diese ein-
fach ansprechen.
Ulla könnte eine Patientin wie Frau Stiefel, die offensichtlich mit ihren
Interessen ganz und gar nicht bei ihrer eigenen Mobilisation ist, fra-
gen, weshalb das so ist.

Wie mit Störungen sinnvoll umzugehen ist

Schulz von Thun lässt allerdings nicht unerwähnt, dass im Zusammen-


hang mit dem, was ich eben forderte, auch zwei große Ängste einher-
gehen können: einerseits die, dass etwas „aufbrechen“ könnte, ande-
rerseits, dass das Thematisieren von Störungen zu viel Zeit koste. Was
die Zeitproblematik betrifft, so sagt der Autor klar, dass die Anwesen-
heit unbearbeiteter Störfaktoren langfristig mehr Zeit und Energie be-
anspruche, als ein klares Ansprechen allfälliger Unaufmerksamkeit
oder Unbeteiligtheit. Dem schließe ich mich an.
Da, wo davon die Rede ist, dass etwas „aufbrechen“ könnte, dass also
viel Unterdrücktes an die Oberfläche gelangt, das die Beteiligten über-
fordert, meint der Autor, dass viele Menschen sich von einem „persön-
lich-zwischenmenschlich-sachlichen“ Kommunikationsstil bedroht
fühlen können: Die (direkte) Beschäftigung mit Zwischenmenschli-
chem sei ungewohnt, auf Sachebene fühle man sich zu Hause. Die
Selbstoffenbarungs- und Beziehungsebene hingegen sei ein verhält-
nismäßig fremdes Terrain (Schulz von Thun 2006, S. 133). Es wäre
aber nun, so meint er, verfehlt, hier in schnellem Tempo eine Änderung
der kommunikativen Gewohnheiten zu fordern, dies vollziehe sich na-
turgemäß langsam.

„Könnten wir bitte ernst bleiben?“ (Störungen haben Vorrang) 159


Eine weitere Gefahr sei schließlich auch, dass die Sache sich in das
andere Extrem bewegen würde, und dass die „durch den ständigen
Sach-Appell jahrelang unterdrückte Emotionalität“ das eigentliche
Anliegen zum Kippen bringen könne und allen Raum fordere (Schulz
von Thun 2006, S. 134).

Nun ist es denkbar, dass in der Gruppe, in der Hans vorträgt, Probleme
zur Sprache kommen, die im Rahmen der Fortbildung tatsächlich kei-
nen Platz haben. Frau Stiefel wiederum könnte auch persönliche Pro-
bleme haben, die zwar angehört werden müssen, vielleicht aber nicht
so leicht zu lösen sind wie der ausgebliebene Anruf ihres Sohnes.
Pflegende sind, egal ob sie Aufgaben in der Unterstützung und Be-
gleitung von Klienten, in der Leitung oder der Lehre wahrnehmen, we-
der psychotherapeutisch tätig noch kann und soll versucht werden,
jene Probleme, die Ruth Cohen als „Tiefenstörungen“ bezeichnet,
aufzulösen oder zu bearbeiten. Kommt also ein Teilnehmer einer Ar-
beitsgruppe im Rahmen einer Fortbildung oder Besprechung zu dem
Schluss, dass er tiefer gehende persönliche Probleme mit sich oder
etwa einem anderen Teilnehmer hat, so muss hier eine Grenze gezo-
gen und auf geeignete Personen, Veranstaltungen oder Einrichtungen
wie etwa Supervision, Psychotherapie oder Coaching verwiesen wer-
den. Gleiches gilt natürlich auch für Klienten der direkten Pflege.
Selbstverständlich schließt gerade im letzten Fall eine Begleitung zu
Pflegender in jedem Fall ein, dass Probleme, Ängste und Sorgen an-
gesprochen werden können. Pflegende sind im Rahmen ihrer Berufs-
ausübung auch zur Beratung angehalten, (gesprächs-)therapeutische
Interventionen können und sollen jedoch von Pflegepersonen nicht
gesetzt werden.
Es liegt auf der Hand, dass hier die Grenzen nicht immer durchgängig
gezogen werden können, ich möchte aber versuchen, im folgenden
Kapitel noch ein wenig mehr Klarheit in die Sache zu bringen.
Was Störungen in Situationen, die das, was geschehen soll (Mobilisa-
tion, Vermittlung eines Lehrinhaltes etc.) betrifft, sei aber festgehalten,
dass der Versuch, offenkundige Unruhe oder einen Mangel an Auf-
merksamkeit zu ignorieren, nichts bringt. Ich rate hier, kurz und klar
(am besten in Form einer präzisen Frage) den Störfaktor ausfindig
zu machen. Ulla könnte zu Frau Stiefel einfach sagen: „Sie wirken so
abgelenkt. Kann ich Ihnen helfen?“, Hans könnte sich mit Worten wie

160 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


diesen vor die Gruppe stellen: „Ich sehe, dass Sie sich redlich bemü-
hen, aufmerksam zu sein – aus irgendeinem Grund scheint das nicht
zu gelingen. Hat es mit mir oder dem Thema der Weiterbildung zu
tun?“ In einem weiteren Schritt kann, wenn eine Rückmeldung
kommt, versucht werden, die Probleme zu beseitigen (und in den al-
lermeisten Fällen handelt es sich um Dinge, die sich tatsächlich aus
der Welt schaffen lassen). Ansonsten kann auf geeignete Perso-
nen, Einrichtungen oder Settings verwiesen werden. Sollte Letz-
teres notwendig sein, empfiehlt es sich, ganz bewusst eine kurze
Pause zu gewähren, bevor es zurück „zur Sache“ geht.

Für die Praxis:


· Was von außen als „Störung“ einer Unterhaltung, eines Unter-
richts oder sonst im Rahmen von Interaktionen wahrgenommen
wird, ist oft ein aktuelles Problem, das ein Klient, eine Gruppe
oder überhaupt ein Interaktionspartner im Moment hat.
· Es tritt entweder zutage, indem es die Aufmerksamkeit offensicht-
lich auf sich zieht (etwa andauerndes Gemurmel in einer Gruppe)
– oder, wird dies unterbunden, z. B. in Form dessen, dass die ak-
tive Beteiligung an einer Sache leidet.
· Störungen zu „verbieten“ (indem man etwa wiederholt um Auf-
merksamkeit ersucht) macht keinen Sinn, da sie sich dann, wie
gesagt, ihren Weg anderweitig suchen.
· Sie sollten vielmehr klar angesprochen und direkt zum Thema ge-
macht werden. Erfahrungsgemäß lassen sich aktuelle Probleme
häufig sehr schnell lösen. Ist das nicht der Fall, bietet sich an, in
der Sache auf geeignete Settings oder Personen zu verweisen,
die bei Lösungen oder Klärungen helfen können. „Störungen“ zu
unterdrücken macht jedenfalls in keinem Fall Sinn – es muss zu-
mindest der Raum gegeben werden, der nötig ist, damit das zu-
grunde liegende Problem von dem oder den Betroffenen ange-
sprochen werden kann – oft muss dabei auch ganz explizit
nachgefragt werden.
· Allerdings soll ein solches Aussprechen nicht gegen den Willen
der Beteiligten forciert werden: Manches will nicht an- oder aus-
gesprochen sein. Hier verhilft oft ein klarer Hinweis auf die stö-
rende Unaufmerksamkeit dazu, sie wenigstens so weit einzu-
schränken, dass sie das weitere Geschehen nicht behindert.

„Könnten wir bitte ernst bleiben?“ (Störungen haben Vorrang) 161


6. „Ihr Ton gefällt mir nicht“
(Metakommunikation und
„Therapeutenfalle“)

Aus der Praxis (Frau Storch)

Frau Storch, die wegen einer Curettage auf der gynäkologischen Ab-
teilung liegt, sagt zu Ilse: „Schwesterchen, machen Sie mir dann das
Bett frisch, ich habe Kaffee über die Decke geschüttet.“ Ilse tut, was
die Patientin möchte, als diese sagt: „Schwesterchen, wo geht’s zum
Röntgen?“
Am Nachmittag gibt Ulla Frau Storch und ihrer Zimmernachbarin je
einen Fieberthermometer. Beide sind fieberfrei. Wenig später kommt
wieder Ilse zu den beiden. „Ich werde dem Arzt ausnahmsweise
nichts sagen“, Frau Storch baut sich vor Ilse auf und hat die Hand in
die Hüfte gestützt, „aber das ist vielleicht eine Fahrlässigkeit. Ihre
Kollegin hat unsere Fieberthermometer verwechselt. Ich habe
36,01 Grad und meine Nachbarin 36,82. Das ist bitte schon ein Unter-
schied. Wir werden Ihre Schlampereien nicht dulden.“ Ulla ist wütend,
als Ilse ihr von dem Ereignis erzählt, nimmt die Pflegedokumentation
und legt sie den beiden Patientinnen vor. „Abgesehen davon, dass
die Werte stimmen, geht es letztlich darum, dass Sie fieberfrei sind.
Ob Sie nun 36,1 oder 36,8 Grad haben, ist nur in den seltensten Fäl-
len von Bedeutung.“
„Dann ist es ja gut, Schwesterchen“, sagt Frau Storch nur und Ulla är-
gert sich, Ilse ebenso. „Wir könnten darum pokern, wer am Abend
wieder reingehen und sich ‚Schwesterchen‘ nennen lassen darf.“

Was Metakommunikation ist

Schulz von Thun bezeichnet die sogenannte „explizite Metakommuni-


kation“ als eines der besten „Heilmittel“ für gestörte Kommunikation.
Das funktioniere, indem ausdrücklich über die stattfindende Kommu-
nikation gesprochen werde. Im Gegensatz zur expliziten gäbe es, so
der Autor weiter, noch die „implizite“ Metakommunikation, die in jeder

162 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


Nachricht als „So-ist-das-gemeint-Anteil“ enthalten sei und nicht
ausgesprochen werde.
Uns soll hier die explizite Metakommunikation beschäftigen. Mit
Schulz von Thun ist sie „eine Kommunikation über die Kommunika-
tion, also eine Auseinandersetzung über die Art, wie wir miteinander
umgehen, und über die Art, wie wir die gesendeten Nachrichten ge-
meint und die empfangenen Nachrichten entschlüsselt und darauf
reagiert haben“ (Schulz von Thun 2006, S. 91).
Wichtig sei, so der Autor weiter, dass sich die Kommunikationspart-
ner dabei sozusagen auf Distanz zum Inhalt des Gesprächs begeben
und nicht das „Was“, sondern das „Wie“ thematisieren würden.

In unserem Beispiel könnten sowohl Ilse als auch Ulla, die sich von der
Art, in der Frau Storch mit ihnen spricht, gestört fühlen, nicht (mehr) nur
auf Inhaltsebene reagieren. Das wäre insofern hilfreich, als Ullas Reak-
tion, in der sie sich den Vorwürfen gegenüber verteidigt hat, ja offen-
sichtlich nichts nützt. Frau Storch ist weiterhin fordernd, beschuldi-
gend und vor allem herablassend gegenüber den Pflegenden, die
darunter offenbar und verständlicherweise leiden. Es macht hier also
Sinn, die kommunikative Ebene des Sachinhalts (Temperatur und Fie-
berthermometer) zu verlassen und sich der Art zu widmen, in der die
Patientin mit den Pflegenden spricht („Schwesterlein“, „Schlampe-
reien“ etc.)

Was an der Metakommunikation problematisch ist

Nun gibt es sie überall, die begnadeten „Metakommunizierer“, die in


der Lage sind, über einfachste Dinge zu sprechen, als kämen sie ge-
rade aus dem Kommunikationskurs. Schulz von Thun warnt in die-
sem Zusammenhang davor, eine „Imponiersprache der Eingeweihten
„zu entwickeln und wissenschaftlich distanziert und auf einer hohen
Warte das Geschehen zu analysieren“ (Schulz von Thun 2006, S. 91).
Würde nun Ilse in solcher Weise an Frau Storch herantreten, wäre das
vor allem deshalb problematisch, da es der Sache ein Gewicht gäbe,
die sie schlicht nicht hat. Meiner Erfahrung nach lassen sich nämlich
gerade in der Pflege Kommunikationsprobleme häufig dadurch lösen,
dass sie nicht auf einen solch (halb-)wissenschaftlichen Sockel ge-
stellt, sondern schlicht mit – vorzugsweise augenzwinkernder – Ge-

„Ihr Ton gefällt mir nicht“ (Metakommunikation und „Therapeutenfalle“) 163


lassenheit angesprochen werden, ich möchte weiter unten darauf zu-
rückkommen.

Angenommen, Ilse würde nun Frau Storch mit den Worten „Mit gefällt
nicht, wie Sie mit mir reden“, auf die für sie unangenehme, kommuni-
kative Situation ansprechen, so ist leicht vorstellbar, dass Frau Storch
ihr Verhalten wiederholen, sogar steigern könnte. „Die Störung erfährt
dann“, so Friedemann Schulz von Thun, „nur eine Ebenen-Verlage-
rung“ (Schulz von Thun 2006, S. 93); es käme dazu, dass Frau Storch
sich auch in der Metakommunikation so verhalten würde wie zuvor.
Meines Erachtens würde eine so formulierte Ich-Botschaft (in der Ilse
etwas über ihre Gefühle sagt anstatt das zu bewerten, was Frau
Storch tut), obwohl prinzipiell richtig, die Sache auf eine Ebene zie-
hen, die schon beim Lesen ein eigenartiges Empfinden bereitet. Das
ist deshalb der Fall, weil das derart direkte Ansprechen mancher Zwi-
schentöne zwischen Fremden oft sehr rasch eine unverhältnismäßig
persönliche Ebene herstellt – und das strengt an. Nicht umsonst wer-
den derlei Dinge oft lieber hinter der Tür und mit unbeteiligten Dritten
zum Thema gemacht, als mit den unmittelbar Betroffenen bespro-
chen zu werden.

Was – vom kommunikationspsychologischen Standpunkt aus be-


trachtet – richtig ist, ist weder immer praktikabel noch zielführend.
Dazu kommt, dass, wer metakommuniziert, sich leicht und ungewollt
in die Rolle eines Gesprächstherapeuten gedrängt fühlen kann. Auch
werden dabei hierarchische Ebenen durch- oder überschritten, be-
kommt das Geschehen einen weiteren, unangenehmen Beige-
schmack. Was könnte Ilse also tun?

Metakommunikation „light“

Ich empfehle in Ilses Situation zunächst etwas, das ich als Metakom-
munikation „light“ bezeichne: Selbstverständlich soll die Kommunika-
tion selbst zum Thema gemacht werden, allerdings nicht in einem un-
verhältnismäßigen Rahmen. Meines Erachtens genügt, gerade in der
„Pflegebeziehung“, oft ein Halbsatz: „Bitte sagen Sie nicht Schwester-
chen zu mir“, könnte Ilse kurz und klar sagen, dann aber sofort wieder
zum eigentlichen Thema zurückkehren. Ein Blick oder Schweigen kön-

164 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


nen dem Gegenüber ebenfalls anzeigen, dass soeben eine Grenze
überschritten wurde – und in vielen Fällen scheint mir Humor („Übers
Schwesterchen bin ich schon ein paar Jahre hinaus“ oder Ähnliches)
spannungsgeladene Situationen oft am allerbesten zu entschärfen –
ich gebe aber zu, dass dies – je nach Persönlichkeit – mehr oder weni-
ger Übung erfordert.
Im Fall der Anschuldigung mit den vertauschten Fieberthermometern
geht es tatsächlich mehr „zur Sache“. Aber selbst hier kann zunächst
versucht werden, die Spannung aus der Situation zu nehmen: „Ich
versehe Ihre Verärgerung ja“, könnte Ulla beschwichtigen (und damit
auf eine Leichtvariante der Metakommunikation ausweichen), „aber
sehen Sie, Frau Storch, ich versichere Ihnen, dass das nicht so
schlimm ist.“ „Meiner Kollegin ist es sicher nicht angenehm, für fahr-
lässig gehalten zu werden“ wäre eine weitere Möglichkeit. Sollte Frau
Storch sich nach wie vor ereifern, ist auch ein kurzes: „Halt, so bitte
nicht!“ angebracht.

Ich rate zu dieser abgewandelten Form des „Sprechens über das


Sprechen“, da sich kleinere Missstimmungen auf nicht allzu expliziter
Ebene oft effizienter bereinigen lassen als wenn sie sozusagen auf
das Silbertablett gelegt werden. Nützt das alles nichts, bleibt immer
noch die Möglichkeit, jemanden ins Nebenzimmer zu bitten und klar
zu sagen: „Mir macht Ihr herablassender (ausfallender, herrischer
etc.) Tonfall tatsächlich Probleme, weil ich mich dadurch nicht ernst
genommen (herumkommandiert etc.) fühle.“ In der Regel sehen sich
gerade Patienten dadurch aber in einer Rolle, in der sie sich gar nicht
befinden wollen, empfinden sie sich doch häufig als am unteren Ende
eines „asymmetrischen“ (vgl. Kap. III 1.) Kommunikationsgefälles.
Geht es um Gespräche und das (kommunikative) Verhalten unter In-
teraktionspartnern, die mit denselben Möglichkeiten ausgestattet
sind, also etwa Kollegen, steht einer expliziten Metakommunikation
weniger im Weg. Hier lohnt es sich meist eher, klar und deutlich aus-
zusprechen, was Unbehagen bereitet und die Art des Miteinanders
zum Thema zu machen, da beide über die gleichen kommunikativen
Mittel verfügen.

„Ihr Ton gefällt mir nicht“ (Metakommunikation und „Therapeutenfalle“) 165


Für die Praxis:
· Grundsätzlich steht der Begriff „Metakommunikation“ für ein
„Sprechen über das Sprechen“, also darüber, wie innerhalb eines
Gesprächs miteinander umgegangen wird. Das bezieht sich nicht
auf den Inhalt der Kommunikation, sondern darauf, wie sie statt-
findet. Damit sind etwa der Tonfall, eine bestimmte Art zu spre-
chen oder (wie in unserem Beispiel) bestimmte Ausdrucksweisen
(„Schwesterchen“) und damit quasi „Zwischentöne“ gemeint.
· In der Regel wird empfohlen, sich, sollte es Schwierigkeiten
geben, auf die metakommunikative Ebene zurückzuziehen und
zum Thema zu machen, auf welche Weise Nachrichten, die ge-
sendet wurden, entschlüsselt, empfangen und aufgefasst wur-
den. Ich teile diese Ansicht im Prinzip, rate aber gerade Pflegen-
den im Gespräch mit Klienten zunächst zu einer Art „leichten“
Metakommunikation, bei der zwar signalisiert wird, dass es kleine
Missstimmungen gibt, diese aber nicht sofort quasi auf das Sil-
bertablett gelegt werden müssen.
Das hat folgenden Grund: Klienten der Pflege befinden sich, was
viele Teile der Interaktion und Kommunikation betrifft, ohnehin am
unteren Ende der diesbezüglich asymmetrischen Beziehung, so-
dass vieles schwerer wiegt als zwischen Menschen, die hier über
die gleichen Möglichkeiten verfügen – wie etwa Kollegen unter-
einander.

166 Wenn Kommunikation schwierig wird – spezielle Problemfelder und Lösungsansätze


III. Pflegeabhängigkeit und Kommunikation

Die Situationen, in denen Pflege stattfindet, sind vielfältig und könn-


ten, was ihre kommunikativen Bedingungen betrifft, unterschiedlicher
nicht sein. Ein Gespräch zwischen einer Pflegeperson auf einer chirur-
gischen Abteilung und einem jungen Patienten, der zur Appendekto-
mie aufgenommen wird, gestaltet sich anders als eines, in dem ein in
einer geriatrischen Wohneinrichtung praktizierender Pfleger versucht,
mit einer demenziell erkrankten Frau Kontakt aufzunehmen. Pfle-
gende bringen je unterschiedliche persönliche Befindlichkeiten und
kommunikative Möglichkeiten in verschiedenartigste Situationen mit.
Menschen, die einer der vielen Formen von Pflege bedürfen, können
ebenfalls gut oder schlecht gestimmt sein und mehr oder weniger die
Fähigkeit haben, das Geschehen rund um das Aussenden und den
Empfang von Botschaften zu reflektieren.
Im vorliegenden Kapitel möchte ich versuchen, ausgesuchte Ele-
mente auszumachen, die Kommunikation, die im Pflegekontext statt-
findet, mitbestimmen können.
Wer – in welcher Form auch immer – der Pflege bedarf, ist in manchen
Belangen seines Lebens von Anderen abhängig. Das hat natürlich
Auswirkungen auf das kommunikative Geschehen. Zunächst möchte
ich mich darum auch mit der Asymmetrie beschäftigen. Ein weiteres
Phänomen, mit dem man es im Zusammenhang mit pflegerischem
Geschehen immer wieder zu tun bekommen kann, ist das der „Bot-
schaft hinter der Botschaft“. Häufig ist das Phänomen bereits eine
Folge der asymmetrischen Interaktions-, auch Kommunikationsstruk-
tur rund um das Miteinander in Einrichtungen, in denen gepflegt wird.
Ein besonderes Augenmerk soll hier auf die Langzeitpflege gelegt
werden.
Weiters soll Affektivität samt Angst und Aggression Thema sein, und
zwar einerseits jene, die Klienten der Pflege empfinden können, ande-
rerseits die, die Pflegende selbst betrifft.

Pflegeabhängigkeit und Kommunikation 167


1. „Sie waren sicher einmal eine schöne Frau“
(Die besondere Asymmetrie
der Kommunikation in der Pflege)
Aus der Praxis (Operationsvorbereitung)

Herr Müller liegt auf der Chirurgie und wird von Susanne auf die Opera-
tion vorbereitet. Dazu gehört ein Einlauf. Susanne führt alle Arbeits-
schritte durch, kündigt sie Herrn Müller auch jeweils an und führt die
Pflegehandlung korrekt aus. Dem Patienten ist die Situation sichtlich
peinlich. „Ich habe das zu Hause auch schon einmal bei mir selbst ge-
macht“; sagt er. „Ja?“, gibt Susanne zurück, „Sie hätten es auch gerne
selbst tun können. Wäre Ihnen das lieber gewesen?“ „Nein, Schwes-
ter“, beteuert Herr Müller. „Es wäre, wie gesagt, kein Problem gewe-
sen. Wir zwingen hier ja niemanden zu etwas, das er auch selbst
kann.“ Herr Müller nestelt an seinem Nachthemd und legt sich ins Bett.
„Danke, Schwester“, sagt er und Susanne verlässt das Zimmer. Als ei-
nige Zeit später Carmen, Praktikantin auf der Abteilung, den Patienten
fragt, ob er wegen der Operation ein wenig nervös sei, bestätigt er das.
„Das habe ich mir gedacht“, sagt Carmen, „Sie sind ganz weiß im Ge-
sicht. Aber“, lacht sie, „wissen Sie, wenn Sie dann im Operationssaal
sind, sind Sie der Mittelpunkt, nach allen Regeln der Kunst. Was mei-
nen Sie, wer da alles gleichzeitig auf Sie aufpasst!“ Als der Transport-
dienst Herrn Müller zur Operation abholt, halten beide, Herr Müller und
Carmen, die Arme nach oben und drücken je beide Daumen. Erst zwin-
kert Carmen mit den Augen und ruft „Genießen Sie’s!“, dann zwinkert
der Patient zurück und lacht. Seine Frau bedankt sich später bei Car-
men.

Aus der Praxis (Mittagessen)

Frau Katz lebt im Pflegeheim. Sie gilt als schwierige und mühsame
Bewohnerin. Sie sieht schlecht, ist mit einem Gehwagen mobil und
verlangt, sobald sie eine Schwester sieht, nach Einlagen oder Augen-
tropfen. Erklärungen ist sie schwer zugänglich. Ein Mal im Monat
muss sie montags auf die Augenambulanz zur Kontrolle. Dann löchert

168 Pflegeabhängigkeit und Kommunikation


sie bereits am Sonntag alle Pflegenden, will wissen, wann der Trans-
portdienst sie abholen wird, verlangt stapelweise Einlagen, möchte
mit der Schwester üben, wie sie gewechselt werden, und läutet am
Sonntag ab Mitternacht, damit sie in der Früh nur ja bald genug fertig
ist. Am Essen hat sie immer etwas auszusetzen. Heute teilt Regina
das Mittagessen aus. Sie steht vor dem Wagen, in dem in Warmhalte-
behältern Fleisch und Beilagen sind. „Kann ich statt der Kartoffeln
Reis haben?“, fragt Frau Katz und stellt sich neben Carmen, die das
Mittagessen auf Teller verteilt und es den Pflegenden in die Hand
drückt, die es dann den einzelnen Bewohnern bringen. „Sie warten,
bis Sie dran sind“, meint Regina nur und ignoriert Frau Katz.
Später sagt sie: „Reis ist aus.“
„Da ist doch noch welcher“, gibt die alte Frau zurück. „Aha, auf ein-
mal sehen Sie etwas!“, ruft Regina, während Frau Katz wartet. „Ich
kann nicht mehr stehen“, jammert sie. „Wozu glauben Sie, dass Sie
einen Speiseplan ausfüllen, wenn Sie dann nur Extrawürste wollen!“,
schimpft Regina. „Ich habe heute solchen Appetit auf Reis“, bettelt
Frau Katz. „Es tut mir leid, es geht nicht“, sagt Regina, obwohl noch
genug Reis da ist.

Pflegeabhängigkeit und Asymmetrie in


Interaktion und Kommunikation

„Pflege ist“, so das Standardwerk „Pflege Heute“, „eine menschliche


Interaktion mit einer asymmetrischen Beziehungsstruktur. Der Patient
oder Pflegeempfänger befindet sich in einem Abhängigkeitsverhält-
nis: Die Pflegenden haben einen Wissens- und Informationsvor-
sprung, sie sind körperlich und oft auch geistig handlungsfähiger. Die
Beziehung findet zudem i. d. R. in einem hierarchisch geprägten Um-
feld statt (Krankenhaus, Heim etc.)“ (Menche 2004, S. 68).

Ich möchte noch ergänzen, dass Patienten (wie Herr Müller) oft kaum
oder gar nicht bekleidet sind, wenn mit ihnen gesprochen wird und es
vorkommt, dass die Visite das Zimmer betritt, während sie beim Essen
sind. Klienten der Pflege liegen oder sitzen häufig, während die Pflege-
person steht, sie müssen sich vor Fremden übergeben, ihre Ausschei-
dungen tätigen oder befinden sich in Zuständen, in denen sie starke
Ängste und/oder Schmerzen haben. Sie können in einem geringeren

„Sie waren sicher einmal eine schöne Frau“ 169


Ausmaß über ihr eigenes Äußeres bestimmen als jene, die mit ihnen
umgehen, sich unattraktiv fühlen und Unbehagen und Verlegenheit
bis hin zu Scham empfinden. „Sie waren sicher einmal eine schöne
Frau“, sagt Regina z. B. manchmal, wenn sie Frau Katz beim Haarewa-
schen hilft – und meint das nicht böse.
Häufig müssen Pflegeempfänger um die Möglichkeit eines Gesprächs
bitten und sind, so sie dies nicht tun, auf Zuwendung und die Eröff-
nung kommunikativer Situationen durch Andere angewiesen – sowie
auch darauf, dass diese sie auch aufrechterhalten, können sie doch je-
derzeit zu einer anderen Tätigkeit gerufen werden oder das „Setting“
aus anderen Gründen verlassen. Für Menschen, die sich in Kranken-
häusern oder Pflegeeinrichtungen befinden, sind Vieraugengespräche
oft ein seltener Luxus. Häufig müssen sie in Kauf nehmen, dass, wenn
über Intimes geredet wird, auch Dritte oder überhaupt Gruppen von
Menschen anwesend sind.

Der Soziologe Ludwig Amrhein, der sich mit Machtbeziehungen und


sozialen Konflikten in der stationären Altenpflege beschäftigt (Am-
rhein 2005), weist Altenpflegeeinrichtungen als „totale Institutionen“
im Verständnis Irving Goffmans aus, die durch große Machtunter-
schiede geprägt seien. Befragungen, die Amrhein durchführte, zeigen,
dass die Bewohner solcher Einrichtungen auch von den Pflegenden
(und auch, was den Bereich des Rahmens von Kommunikation be-
trifft) als abhängig erlebt werden – leiten Heimbewohner doch ihre An-
liegen oder Fragen häufig mit den Worten „darf ich“ oder „muss ich“
ein (Amrhein 2005, S. 420).
Der Pädagoge Erich Schützendorf spricht davon, dass es besonders
im Rahmen der Langzeitpflege häufig dazu komme, dass von alten
Menschen auf „restriktive und unbarmherzige Weise“ ein bestimmtes
Verhalten erzwungen werde (Schützendorf 1999, S. 64) und gibt an,
dass dies im Bereich der Kommunikation durch „Mißachtung, Ein-
und Überreden, Ermahnung, Drohung, Drohgebärde, Schimpfen,
Schweigen oder Beleidigung“ geschehe (Schützendorf 1999, S. 63).
Selbstverständlich, und auch das geben beide Autoren an, hätten
auch Klienten der Pflege die Möglichkeit, bestimmte Machtmittel ein-
zusetzen und würden es auch tun, indem sie sich nicht an der Thera-
pie beteiligen, die Pflegenden ihrerseits beschimpfen oder ihnen phy-
sische oder verbale Gewalt antun.

170 Pflegeabhängigkeit und Kommunikation


Der Rahmen aber, in dem Kommunikation eröffnet, durchgeführt und
beendet wird, lässt sich durchgängig als einer ausweisen, in dem die
Pflegenden in ihren diesbezüglichen Möglichkeiten eindeutig bevor-
zugt sind; das Ungleichgewicht zeigt sich dabei auch in Körperhal-
tung und -position oder Bekleidung.
Ebenso zeigt es sich in den Inhalten: Pflegende thematisieren heikle
Themen wie Körperlichkeit, Ess-, Trink- und Ausscheidungsverhalten
von Klienten, was umgekehrt nicht oder kaum geschieht – und schließ-
lich ist nochmals der Informationsvorsprung und quasi der „Heimvor-
teil“ von Pflegenden zu nennen, der einzig im extramuralen Bereich
(also der Hauskrankenpflege) eine gewisse Umkehrung erfährt.

Kleine Lösungen: Der Blick von außen

Zum Umgang mit derlei Problemen wird Pflegenden häufig angeraten,


für eine ruhige Gesprächsatmosphäre zu sorgen und sich verständ-
lich auszudrücken. Ich behaupte aber, dass dies den Kern der Sache
nicht trifft. Gehen wir zurück in die Praxis. Susanne spricht in dersel-
ben Situation und unter ähnlichen Rahmenbedingungen mit Herrn
Müller wie danach Carmen – beide Male hat der Patient Angst und ist
unsicher, im Fall Susannes ist ihm wahrscheinlich die Pflegesituation
(Einlauf) noch zusätzlich unangenehm.
Was Carmen tut, ist schwer durch Regeln und Empfehlungen standar-
disierbar – auch unternimmt sie offenbar gar keine besonderen dies-
bezüglichen Versuche. Susanne hingegen hält sich an die Vorschrift,
sich verständlich auszudrücken bzw. den Patienten über jeden Ar-
beitsschritt zu informieren.
Es ist anzunehmen, dass Carmen mit einem Blick die Lage erfasst hat:
Hier liegt ein erwachsener Mann, der auch als solcher behandelt wer-
den möchte und zugleich ihrer Aufmerksamkeit und ihres Zuspruchs
bedarf. Nun kann gut sein, dass Herr Müller bereits im Rahmen eines
Gesprächs von Susanne oder einer anderen Pflegenden über die Um-
stände des Eingriffs aufgeklärt wurde. Trotzdem tut ihm gerade jetzt,
quasi „zwischen den Zeilen“, etwas Aufmunterung und sogar ein klei-
ner Witz gut. Ich denke, dass das Wesentliche an Carmens Vorgehen
ist, dass sie Herrn Müller den Rahmen, in dem er sich befindet, verges-
sen lässt, ohne die Umstände, die nun einmal Tatsache sind, außer
Acht zu lassen. Das Geheimnis scheint mir hier weder in dem kleinen

„Sie waren sicher einmal eine schöne Frau“ 171


Witz („Genießen Sie’s!“) zu liegen noch in einer bestimmten Ge-
sprächstechnik. Worüber Carmen (vielleicht, weil sie „erst“ Prakti-
kantin ist) aber verfügt, ist der Blick von außen – sie hat noch keine
„Alltagsbrille“auf, durch die sie die Ungleichheiten der Gesprächs-
situation als gegeben annehmen könnte.

Wie der Asymmetrie nämlich entgegenzuwirken ist, erklärt sich im


Grunde von selbst – wir Pflegenden wissen, dass es Sinn macht,
halb bekleideten Klienten einen Morgenmantel anzubieten, uns wäh-
rend eines Gesprächs auf Augenhöhe zu begeben und nicht während
des Essens im Tagraum zu fragen, ob jemand schon Stuhl gehabt hat.
Ich beobachte häufig, dass „Außenstehende“, also Besucher oder Zi-
vildiener, auch Praktikanten wie Carmen ganz intuitiv Ungleichheiten
im Kommunikationsrahmen zu relativieren versuchen.

Pflegende meinen es nicht böse, wenn sie diese „Kleinigkeiten“ außer


Acht lassen – und Regina kennt Frau Katz tatsächlich besser als die
Dame vom freiwilligen Besuchsdienst, die sich vielleicht über die
„ruppige Art“ Reginas empören wird – was wiederum Regina ärgern
könnte – sie „weiß ja, wie das mit Frau Katz so ist“.
Was in der Pflege hilfreich sein kann, ist, sich immer wieder in die Lage
eines Klienten hineinzuversetzen. Vielleicht ist das Verhalten von Frau
Katz bereits eine Folge des permanenten Ungleichgewichtes in ihrer
Lebenssituation – gerade auch, was Verbales anlangt, denn nicht zu-
letzt da versucht sie ja auch, sich dagegen zu wehren.
Das gelingt vielleicht nicht immer. Carmen hat offenbar gut wahrge-
nommen, was Herr Müller im Moment empfindet, und oft genügt es,
an einer einzigen Schraube im Interaktionsgefüge zu drehen, damit
sich auch die Kommunikation ändert.
Pflegenden braucht nicht gesagt zu werden, durch welche Worte,
Mimik oder Gestik Achtung und Würdigung eines Gegenübers signa-
lisiert wird – es muss viel eher daran gearbeitet werden, dass die „All-
tagsbrille“ Pflegender es nicht verhindert, diesbezüglichen dringen-
den Bedarf wahrzunehmen. Der bewusste Blick von außen scheint
mir hier ansatzweise eine Lösung zu sein. Wenn ich in der geriatri-
schen Pflege unterrichte, nehme ich manchmal ein kleines Heft mit,
in denen Profis Über-80-Jährige fotografiert haben, die sie im Kaffee-
haus, auf Reisen oder im eigenen Garten zeigen. „Ein Gewinn für alle

172 Pflegeabhängigkeit und Kommunikation


ist es“, sage ich dann, „gerade alte Menschen, auch wenn wir ihnen
im Pflegeheim, im Nachthemd und samt Inkontinenzversorgung be-
gegnen, immer auch ein wenig so zu sehen, wie es diese Fotografen
tun.“

Für die Praxis:


· Die Beziehung zwischen Pflegenden und den Empfängern von
Pflege ist, was ihre kommunikativen Möglichkeiten betrifft, asym-
metrisch.
· Das bedeutet, dass Pflegende etwa über einen Informationsvor-
sprung verfügen und meist sie es sind, die Gespräche beginnen
und beenden können und dass sie unter Bezugnahme auf institu-
tionelle oder andere Zwänge bestimmte Zuwendungen gewähren
und auch entziehen können.
· Die Asymmetrie dieser Interaktion zeigt sich auch darin, dass
Pflegende oft körperlich und geistig handlungsfähiger sind als
ihre Klienten, sowie in Körperhaltung, -position und Bekleidung.
· Es ist nun wichtig, diese Asymmetrie der Möglichkeiten ins kom-
munikative Handeln einzubeziehen – oft wiegt Gesagtes unter
diesen Bedingungen schwerer (vgl. auch Kap. II 6).
· Nun liegt auf der Hand, dass durch Worte, Mimik oder Gestik Ach-
tung und Würdigung eines Gegenübers signalisiert werden. Wich-
tig ist dabei, dass die „Alltagsbrille“ Pflegender es nicht verhin-
dert, diesbezüglichen dringenden Bedarf wahrzunehmen.
Asymmetrien wollen – zumindest ansatzweise – ausgeglichen
werden. Der bewusste Blick von außen scheint mir hier ansatz-
weise eine Lösung zu sein.
· Häufig genügt es, an einer einzigen kleinen Schraube zu drehen
(sich auf Augenhöhe zum Klienten zu begeben, einen Morgen-
mantel oder die Zahnprothese anzubieten), damit sich die ge-
samte Situation zum Vorteil beider Interaktionspartner ändert.

„Sie waren sicher einmal eine schöne Frau“ 173


2. „Was der nur immer mit dieser Allergie
hat!“ (Die Botschaft hinter der Botschaft)
Aus der Praxis (Eine Allergie?)

Brigitte leitet auf einer Inneren Abteilung zwei Pflegeschülerinnen im


Praktikum an. Als sie Herrn Blei versorgen, bittet dieser Brigitte, doch
seinen Rücken anzusehen, da er befürchte, hier eine Allergie zu
haben. „Nein, ich sehe hier nichts“, sagt Brigitte – „haben Sie Juck-
reiz?“ „Nicht direkt“, gibt Herr Blei zur Antwort.
„Das fragt er seit gestern immer wieder“, sagt Auszubildende Else in
einer kurzen Pause zu Brigitte. Als sie mit den beiden wieder ins das
Zimmer von Herrn Blei und seinem Nachbarn kommt, fragt Herr Blei
Brigitte erneut, ob sie sich die Sache nicht doch noch einmal ansehen
könnte. „Gerne!“, antwortet sie und fragt Herrn Blei dann, ob sonst
alles in Ordnung sei. „Alle sind hier sehr nett und behandeln mich
sehr gut, das sind ja alles Spezialisten“, sagt er, „denen kann man
voll und ganz vertrauen“. „So ist es“, sagt Brigitte, „aber es hätte ja
sein können, dass Sie trotzdem noch Fragen haben, das ist immer
möglich.“ Herr Blei sieht Brigitte von der Seite an und will dann wis-
sen, ob nicht Allergien eine häufige Nebenwirkung mancher Medika-
mente seien. „Das kann, aber es muss nicht so sein. Denken Sie,
dass es bei Ihnen so ist?“ Herr Blei wirkt verlegen und flüstert jetzt.
„Nicht, dass Sie glauben, ich vertraue den Ärzten und Schwestern
hier nicht“, sagt er, „aber seit ich hier bin, habe ich andere Medika-
mente als meine eigenen bekommen, und es könnte ja sein, dass ich
die nicht vertrage“. Der Patient kramt einen kleinen Zettel aus der
Lade des Nachtkästchens, auf dem alle Medikamente, die er zu
Hause eingenommen hat, eingetragen sind. Brigitte nimmt den Zettel
und geht zum Stützpunkt, holt die Mappe des Patienten und sieht
sich die Sache an.
Als sie zurück kommt, lacht sie. „Das ist ganz einfach, Herr Blei“, er-
klärt sie. „Zu Hause haben Sie dreimal täglich eine große, rote Tab-
lette genommen. Hier sind nun plötzlich dreimal täglich zwei gelbe
und eine orangefarbene Pille. Die beiden gelben sind dasselbe wie
eine von den roten – die gelben haben je fünfzig Milligramm, eine rote
hat hundert. Das haben die Kollegen so gemacht, weil die roten aus

174 Pflegeabhängigkeit und Kommunikation


sind, es ist aber exakt dasselbe. Und die orangefarbenen Tabletten
sind als Schutz für den Magen gedacht.“
Herr Blei erklärt Brigitte, ihm sei bei der Visite gesagt worden, er be-
käme „etwas für den Magen“. Er habe gedacht, das seien kleine Brief-
chen „mit einem Pulver zum Auflösen“. So etwas aber habe er nicht
bekommen. „Stimmt, weil das für den Magen ja die orangefarbenen
Tabletten sind.“ Der Patient ist sichtlich erleichtert und sagt zu Bri-
gitte, er habe sich nicht getraut zu fragen, um nicht lästig oder miss-
trauisch zu erscheinen. „Das ist aber auch ein dummer Zufall“, sagt
Else, als sie das Zimmer verlassen haben.

Die Botschaft hinter der Botschaft

Das Standardwerk „Pflege Heute“ fordert Pflegende dazu auf, im Zu-


sammenhang mit im Allgemeinen tabuisierten Gesprächsthemen wie
Ängsten, Tod und Sterben, dem Klagen über Schmerzen oder der ei-
genen Sexualität von Patienten sensibel dafür zu sein, dass sie unter
Umständen eine „Botschaft hinter der Botschaft“ aussenden, da sie
manches eben nicht direkt ansprechen wollen (Menche 2004, S. 65).
Im Beispiel oben scheint es zunächst einfach: Herr Blei hatte offenbar
die Befürchtung, sich durch klares Nach- und Rückfragen unbeliebt
zu machen und schickte die Angst vor einer Allergie quasi vor, wobei
es ihm aber eigentlich um den für ihn unverständlichen Austausch sei-
ner Medikamente ging.
Der Kommunikationswissenschafter Schulz von Thun sagt über den
„Appell auf leisen Sohlen“, dass die Wünsche, die sich dahinter verste-
cken, oft weder dem Sender noch dem Empfänger einer Botschaft be-
wusst seien und ohne bewusste Absicht dazu dienen könnten, im
Empfänger ein bestimmtes emotionales Klima zu erzeugen (Schulz
von Thun 2006, S. 221). Was Herrn Blei betrifft, ist das nicht zu erken-
nen, es mag auch sein, dass er – wenn auch seine Angst vor einer Aller-
gie keine Erfindung, sondern Tatsache ist – mehr oder weniger bewusst
darauf hofft, dass sich aus diesem Thema heraus eine Gesprächssitua-
tion ergeben könnte, die zur Aufklärung seiner (dringenden!) Frage
führt.

Anders verhält es sich mit Klienten der Pflege, die innerhalb von fünf-
zehn Minuten zehnmal oder öfter läuten und Nichtigkeiten (Fenster öff-

„Was der nur immer mit dieser Allergie hat!“ (Die Botschaft hinter der Botschaft) 175
nen, Fenster schließen, Salbe am Nachtkästchen nach links oder nach
rechts legen etc.) verlangen. Hier liegt es auf der Hand, dass auch die
beste und freundlichste Erledigung dieser Wünsche keine Erleich-
terung bringt. Der heimliche Appell Herrn Bleis mag gelautet haben:
„Beschäftige dich, wenn auch auf Umwegen, mit meinen ‚neuen‘ Me-
dikamenten!“ Der heimliche Appell der berühmten Klienten, die stun-
denlang wegen Nichtigkeiten läuten, laut jammern oder schreien, mag
schlicht sein: „Geh nicht schon wieder weg, kümmere dich um mich,
bleib da!“
Eine Funktion,die, so Schulz von Thun, solche Appelle u. a. hätten, sei
„sich die Verletzung zu ersparen, die durch die Zurückweisung eines
offen vorgetragenen Wunsches entstehen würde“ (Schulz von Thun
2006, S. 225).

Herrn Blei geht es wohl nicht um „Verletzung“ – er möchte lediglich


nicht als misstrauisch gelten. Wer allerdings ständig läutet, ohne
dass es dafür nachvollziehbare Gründe gibt, der würde vielleicht oft
gerne sagen: „Schwester, bleiben Sie ein bisschen bei mir“ – und
auch und besonders dann, wenn er oder sie als launisch, missmutig
und/oder aggressiv gilt – häufig sind solche kommunikativen Verhal-
tensweisen ja gerade Folgen einer Interaktions-Spirale aus (unbe-
wusster, indirekter) Forderung nach Aufmerksamkeit und ebenso indi-
rekter Zurückweisung: In dem Moment, in dem die Pflegeperson das
Fenster schließt und gleich darauf mit den Worten: „Recht so?“ das
Zimmer verlässt, sinnt der „lästige“ Patient bereits nach dem nächs-
ten „Grund“, aus dem er läuten könnte.

Wann und wie darauf zu reagieren ist

„Wie können wir denn ahnen, welcher Patient was wie warum ge-
meint hat?“, will Else von Brigitte bei der Nachbesprechung wissen.
Ich würde ihr Folgendes antworten: Grundsätzlich tun Pflegende gut
daran, das, was Klienten sagen, auch als das zu nehmen, was es ist.
Wiederholt sich aber (so wie im Fall Herrn Bleis) ein Verhalten immer
wieder – und so, dass es uns fast eigenartig erscheint, lohnt sich ein
zweiter Blick auf die Sache. Ich rate hier auch dazu, gegebenenfalls
vorsichtig nachzufragen, vielleicht auch einfach das eigene Empfin-
den auszusprechen, etwa: „Herr Blei, ich habe das Gefühl, dass ir-

176 Pflegeabhängigkeit und Kommunikation


gendetwas Sie beschäftigt. Möchten Sie mir vielleicht sagen, ob
Ihnen etwas Sorgen macht?“ In Situationen wie diesen, die sich leicht
auflösen lassen, ist das kein großes Problem. Im günstigsten Fall
kommt das, was vielleicht ängstigt, zur Sprache und wird aufgeklärt
oder zumindest angesprochen.
Im Fall der „Dauerläuter“, die nicht nur „Botschaften hinter der Bot-
schaft“, sondern tatsächlich eindringliche, verdeckte Appelle aussen-
den, rate ich dazu, eine solche Vermutung nicht auszusprechen (also
nicht zu sagen: „Sie läuten ja nur, damit ich wieder komme!“), sondern
gleich direkt auf den vermuteten Appell einzugehen.
Es ist – so meine Erfahrung – eine für beide Seiten entlastende Erfah-
rung, wenn sich die Pflegeperson, anstatt energisch die Salbentube
in Sichtweite der Patientin zu rücken (oder Verärgerung zu äußern),
zwei Minuten an deren Bett setzt und fragt, wie es ihr geht oder ein-
fach sagt: „Das ist wohl gar nicht leicht, hier immer nur zu liegen,
stimmt’s?“

Es macht also Sinn, sich erst dann auf die Suche nach verdeckten
Aufforderungen oder Botschaften zu machen, wenn ein Verhalten,
eine Frage oder eine Äußerung unverhältnismäßig erscheint, man als
Pflegeperson (wie Else bei Herrn Blei) nichts damit anzufangen weiß
und/oder wenn es, wie im Fall des „Dauerläutens“ und „nichtiger“
Wünsche, ein Hinweis auf einen tiefer liegenden emotionalen Wunsch
zu sein scheint. Letztere lassen sich auch (vgl. Kap. I 1.4) ihrem We-
sen gemäß eher durch nonverbale, analoge Kommunikationsformen
(die Hand nehmen, ein wohlwollender Blick, einfaches Dableiben) be-
friedigen – und Unklarheiten wie in unserem Beispiel können allein
durch einfaches Ansprechen beseitigt werden.

Für die Praxis:


· Das Verhalten (selbstverständlich aber auch Worte) können Ap-
pellcharakter haben. Entscheidend dabei ist, dass dies dem, der
derlei „Botschaften hinter der Botschaft“ aussendet, nicht zwin-
gend bewusst sein muss.
· Für die Pflege hat das insofern besondere Bedeutung, als Patien-
ten sich in einem für sie fremden Umfeld befinden, das, neben Er-
krankung und/oder Pflegeabhängigkeit, Angst machen kann. In

„Was der nur immer mit dieser Allergie hat!“ (Die Botschaft hinter der Botschaft) 177
der Folge ist es möglich, dass deswegen etwas „zwischen den
Zeilen“ und sehr indirekt zum Ausdruck gebracht wird, da unter
Umständen der Mut fehlt, es klar auszusprechen.
· Was Pflegende nun ganz praktisch tun können, ist, nicht überall
„Botschaften hinter der Botschaft“ zu vermuten, sondern viel-
mehr dann, wenn ihnen ein bestimmtes Verhalten/eine be-
stimmte Frage eigenartig oder unpassend erscheint und sich
womöglich ständig wiederholt, an dieses Phänomen zu den-
ken.
· Was dann hilft, ist die einfache Rückmeldung, dass das, was ge-
rade geschieht, schwer einzuordnen ist (etwa: „Ich habe das Ge-
fühl, dass Sie etwas beschäftigt. Möchten Sie mir vielleicht sa-
gen, ob Ihnen etwas Sorgen macht?). Die meisten Klienten
greifen eine solche Aufforderung dankbar auf. Im Fall stets sich
wiederholenden Verhaltens (etwa Dauerläuten) gibt es meist
einen bestimmten „Verdacht“, z. B. jenen, dass jemand „nur“ ein
wenig Aufmerksamkeit möchte. Hier rate ich, diese Vermutung
nicht auszusprechen, sondern es zunächst damit zu versuchen,
das vermutete Bedürfnis zu befriedigen. Natürlich können be-
stimmte Verhaltensweisen von Klienten Pflegende ärgern. Das
folgende Kapitel beschäftigt sich mit Affekten, Ängsten und Ag-
gressionen und bringt auch dieses Thema zur Sprache.

178 Pflegeabhängigkeit und Kommunikation


3. „Den Fraß können Sie behalten,
Schwester!“ (Affekt, Angst und Aggression)
Aus der Praxis (Schlangenfraß)

Frau Kerber ist ehemalige Lehrerin und lebt nach mehreren Insulten
im Pflegeheim. Sie zu versorgen ist mühsam. Sobald ihr etwas nicht
gelingt, sagt sie die immer gleichen Sätze: „Ach, Schwester, ich mit
meinem kaputten Hirn, ich bin zu blöd, mir etwas zu merken.“ Oder:
„Ihr seid ja so arm mit mir alten, hässlichen Frau.“ Frau Kerbers Mann
kommt sie täglich dreimal besuchen. Er beschimpft die Pflegenden
bei jeder Gelegenheit. „Den Schlangenfraß können Sie behalten, wer
soll das essen!“, schreit er Irmgard an. Als sie später kommt, um Frau
Kerber ihrer Halbseitenlähmung wegen beim Essen zu unterstützen,
sieht er auf die Uhr und sagt: „Das Tablett steht jetzt seit zehn Minu-
ten am Tisch. Gekommen ist niemand. Wissen Sie, wenn Ihr Job Sie
nicht interessiert, dann suchen Sie sich eben einen anderen. Aber ob
Sie etwas finden, wo Sie fürs Kaffeetrinken bezahlt werden, das weiß
ich nicht.“ Herr Kerber wirkt ruhig. Nur wenn man genau hinsieht,
merkt man, dass seine Handgelenke zittern.

Aus der Praxis (Die alte Hexe)

Gisela versorgt die demenziell erkrankte Frau Schuh, die während der
Körperpflege ohne Pause schimpft und zetert. Sie bemüht sich, ruhig
zu bleiben, auch als Frau Schuh den Schlauch des Harnbeutels vom
Dauerkatheter zieht und der Urin sich im frisch gemachten Bett ver-
teilt. Gisela wechselt die Bettwäsche und erträgt das Geschrei der Be-
wohnerin. Erst als diese heftig an ihren Haaren reißt, packt die Pfle-
gende die Hand der alten Frau, schiebt sie mit Schwung zurück und
sagt: „Jetzt ist aber Schluss, du alte Hexe!“

Affekt, Angst und Aggression

Dass die Pflege (gerade demenzkranker Menschen) mit Wut, Ärger und
Aggression verbunden ist, wird nicht nur in diesen beiden Praxisbei-
spielen deutlich, sondern ist auch Gegenstand von Pflegeforschung

„Den Fraß können Sie behalten, Schwester!“ (Affekt, Angst und Aggression) 179
und rückt dadurch immer mehr vom „Pflegetabu“ in Richtung eines
Phänomens, dem sich mehr und mehr auch auf sachlicher Ebene ge-
nähert werden kann.

Der Soziologe Ludwig Amrhein spricht von „alltäglichen – physischen


und verbalen – Aggressionen der Pflegekräfte“ (Amrhein 2005, S. 420),
führt als Beispiel dafür etwa den Satz „Oh Gott, hast du wieder gefres-
sen wie ein altes Schwein“ an und weist das Pflegeheim „als Ort aus,
an dem subtile und niederschwellige Formen aggressiven und gewalt-
tätigen Verhaltens gegen Bewohner alltäglich sind“ (Amrhein 2005,
S. 418); umgekehrt würden auch Pflegende Opfer verschiedenartiger
Übergriffe durch ihre Klienten.

Wir wollen uns zunächst mit verbalen Aggressionen beschäftigen, die


von Pflegenden ausgehen. Sie hätten, so der Autor weiter, nicht etwa
ein grundlegend schlechtes Denken über die Bewohner zur Ursache,
sondern seien Folge eines nicht professionellen Umgangs mit Belas-
tungen, wobei dann die schwächsten Glieder der „Pflegehierarchie“
von „überforderten Pflegekräften als ‚Blitzableiter‘“ benutzt würden.
Woran es so handelnden Pflegenden mangle, sei u. a. Affektkontrolle
(Amrhein 2005, S. 420).

Wollen wir nun überlegen, wie Kommunikation auch noch unter den
Bedingungen hoher Affektivität gelingen, wie verbale Aggression ver-
mieden werden kann, müssen wir uns zunächst beiden Phänomenen
widmen.
Affekte sind starke Gefühlsregungen (wie Ärger, Zorn, Freude etc.),
die meist von körperlichen Empfindungen begleitet werden und so
stark sein können, dass sie in der Lage sind, das, was man rationales,
also vernünftiges Denken und Handeln nennt, zu verhindern (vgl.
dazu etwa Csef 2003, S. 106). Teilweise beschreibt die Alltagssprache
das Wesen von Affekten bildhaft: Jemandes Herz hüpft vor Freude, er
kocht vor Zorn oder befindet sich im Zustand rasender Wut, ist viel-
leicht blind vor Liebe oder verstummt vor Glück.
Selbstverständlich äußert sich ein Affekt auch in der Sprache selbst –
und ganz affektfrei kann und soll sie auch nicht sein; im gesproche-
nen Wort spielt, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, immer
auch ein zumindest affektives Moment mit (Kuhn 2003, S. 69). Insge-

180 Pflegeabhängigkeit und Kommunikation


samt sind Affekte in der Lage, menschliches Miteinander zu beleben
und zu gestalten, können festigend oder zerstörend wirken; affekt-
arme Beziehungen können einen farblosen Charakter haben (Csef
2003, S. 107).

Verschiedene Empfindungen (wie etwa Wut, Ärger oder Ekel) können


nun der Aggression zugrunde liegen, müssen sie aber nicht zwingend
auslösen. Angst kann auf unterschiedliche Weise in Interaktion mit
Aggression stehen: Sie kann sie zwar einerseits hemmen (wenn etwa
Sanktionen befürchtet werden), kann aber andererseits auch gera-
dezu ihr Motor sein (Hülshoff 2006, S. 160), ebenfalls kann Frustration
zu Aggression führen (Hülshoff 2006, S. 163).

Herrn Kerbers Bedürfnisse wurden über lange Jahre frustriert. Anstatt,


wie es geplant war, mit seiner Frau nach ihrer Pensionierung auf Rei-
sen zu gehen, besucht er sie nun täglich im Pflegeheim. Selbstver-
ständlich bleiben auch Irmgards und Giselas Wünsche nach vielleicht
Anerkennung und einer gewissen Unversehrtheit unbefriedigt – und
als mögliche Ursache für die Aggression Frau Schuhs scheint Angst
sehr wahrscheinlich.
Herr Kerber und Gisela reagieren verbal aggressiv, Gisela „kommuni-
ziert“ zusätzlich noch durch den kräftigen Griff an Frau Schuhs Unter-
arm, dass sie genug hat. Was ist nun mit dem Affekt, der bestehen-
den Empfindung, vielleicht auch Aggression zu tun, die auch Irmgard
überwältigen kann?

Pflege, Kommunikation und Affekt

Affekte wie Wut oder Ärger überkommen uns also vor allem dann,
wenn wir überfordert sind, unsere Grenzen überschritten wurden
oder vielleicht Angst oder Frustration empfinden.
Für die Pflege wird häufig „professionelle“ Kommunikation gefordert,
man wünscht sich von Pflegenden Geduld und Verständnis. Was aber,
wenn, wer Anderen beistehen und helfen möchte, angeschrien, viel-
leicht geschlagen oder gestoßen oder – wie im Fall Irmgards – bewusst
abgewertet wird? Hier haben wir es mit Affekten zu tun, die beide Kom-
munikationspartner übermannen können – und überlassen sich ihnen
auch beide, so kann dies einen Kreislauf in Gang setzen, innerhalb des-

„Den Fraß können Sie behalten, Schwester!“ (Affekt, Angst und Aggression) 181
sen sich Kommunikation in synchroner (gleichartiger) Weise aufschau-
kelt (vgl. Kap. I 1.5). Da würde Irmgard dann ebenfalls mit (unterschwel-
ligen) Beschimpfungen reagieren und Herr Kerber würde sein Kommu-
nikationsverhalten wahrscheinlich wiederholen bzw. verstärken.
Irmgard könnte versuchen, Herrn Kerber zu beschwichtigen (sich
eventuell entschuldigen, alle „Schuld“ auf sich nehmen und um jeden
Preis wieder Ruhe herstellen wollen – vgl. Satir 2002, S. 71f), wobei
dann das kommunikative Verhalten der beiden komplementär wäre,
sich also gewissermaßen ergänzen würde.

Beides ist nicht zielführend und lässt zumindest einen der Interaktions-
partner hilflos zurück. Virginia Satir empfiehlt für den Umgang mit Kon-
flikten die „kongruente“ Kommunikationsform, von der sie sagt: „Bei
dieser Reaktionsmöglichkeit zielen alle Teile der Botschaft in die
gleiche Richtung – die Stimme spricht Worte, die mit dem Gesichts-
ausdruck, der Körperhaltung und dem Ton der Stimme zusammenpas-
sen“ und: „Bei kongruenter Reaktion entschuldigen Sie sich tatsäch-
lich, wenn Sie einsehen, dass Sie etwas getan haben, was Sie nicht
wollten. Sie entschuldigen sich für eine Handlung, nicht für Ihre Exis-
tenz. Manchmal muss man kritisieren und bewerten. Wenn Sie dies
auf eine ausgleichende Art und Weise tun, so bewerten Sie eine Hand-
lung und Sie beschuldigen nicht die Person; Sie bieten dann gewöhn-
lich etwas Neues an“ (Satir 2002, S. 78f).
Versuchen wir, das Gesagte für die Pflege zu übersetzen und auf un-
ser Feld, in dem wir es häufig auch mit ungerechtfertigten Beschwer-
den und/oder Gesprächspartnern zu tun haben, die (etwa im Fall de-
menzkranker Menschen) einer rationalen Erklärung nicht zugänglich
sind:
Hier kommt es oft zu Empfindungen, die sich nicht abschalten lassen
– und man versucht das besser auch gar nicht.
Ärger und Aufregung dürfen bleiben, müssen allerdings eine „verträg-
liche“ Gestalt annehmen. Starke Affekte wie den Giselas können oft
allenfalls aufgeschoben werden und z. B. am Schwesternstützpunkt
„ausgelebt“ werden.
Ich spreche mich im Rahmen meiner Vortragstätigkeit immer wieder
dafür aus, dass Pflegende die Möglichkeit haben müssen, einander
(auch ganz spontan) sagen zu können, was sie gerade geärgert hat,
ohne deshalb als „unprofessionell“ gelten zu müssen. Affekte, die

182 Pflegeabhängigkeit und Kommunikation


ständig geschluckt und verdrängt werden, suchen sich ihren Weg auf
subtile Weise nach außen.

In direkten Gesprächssituationen kann Folgendes geübt werden: Man


versucht, sobald man sich ärgert, Aussagen mit dem Wort „Ich“ zu
beginnen – dem schließt sich fast zwangsläufig eine Äußerung des ei-
genen Erlebens, also etwa: „Ich ertrage es ganz schlecht, wenn Sie
mit mir schreien“ – das ist besser als die Beschuldigung „Sie schreien
(immer) mit mir!“
Gelingt dies nicht, soll zumindest, wie auch Virginia Satir empfiehlt,
versucht werden, Handlungen zu bewerten und nicht die Person, die
sie tätigt, also besser: „Damit, dass Sie mit mir schreien, komme ich
nicht zurecht“ als: „Sie mit Ihrer Schreierei . . .“

Auch Pflegende haben das Recht, verärgert zu sein. Überzogene For-


derungen nach unbedingter Höflichkeit können dazu führen, dass in
inkongruenter, teilnahmsloser Weise eine inadäquate, emotionslose
„Service-Freundlichkeit“ zum kommunikativen Programm wird, die
erst recht Aggressionen auslöst.
Demenziell erkrankten Menschen, die die Grenzen Pflegender über-
schreiten, kann mit einem kurzen, bestimmten „Nein!“ und dem Her-
stellen (auch körperlicher) Distanz besser (weil eben kongruent) be-
gegnet werden als mit hinnehmenden Beschwichtigungsversuchen.
Wer sich im Moment außerstande sieht, in verträglicher, zugleich aber
ehrlicher Weise zu kommunizieren, kann immer noch sagen: „Ich
möchte darüber in ein paar Minuten mit Ihnen sprechen, lassen Sie
mir kurz Zeit!“ und den Raum verlassen, um sich zu sammeln.
Die Ursachen verbaler Aggression von Bewohnern, Patienten und
ihren Angehörigen, die gegenüber Pflegenden geschieht, hat ihre Ur-
sache häufig in Angst und Verzweiflung, weswegen es auch wichtig
ist, dass nicht der Mensch, der laut, ausfallend oder ungerecht ist, be-
wertet und kritisiert und nicht ihm als Person ein „Stopp!“ signalisiert
wird, sondern lediglich seiner Art zu kommunizieren.
Pflegende verfügen, so meine Erfahrung, über recht gute Möglichkei-
ten, mit Äußerungen von Not und Verzweiflung umzugehen, und das
selbst dann, wenn sie ungerechtfertigterweise Opfer von Anschuldi-
gungen werden. Wiederholt sich derlei kommunikatives Verhalten
aber ständig, können sie nicht immer schlucken und einstecken,

„Den Fraß können Sie behalten, Schwester!“ (Affekt, Angst und Aggression) 183
ohne Gefahr zu laufen, sich emotional gar nicht mehr am Geschehen
zu beteiligen.

Ein weiterer kleiner „Trick“, um auch in kritischen Situationen, in de-


nen man verbal attackiert wird, die Kontrolle zu behalten, findet sich
außerdem im Kapitel V 2.2.

Für die Praxis:


· Es kommt vor, dass Pflegende gegenüber Klienten in verbaler
(oder anderer) Form Aggression zum Ausdruck bringen. Die ge-
schieht meist nicht in böser Absicht, sondern ist Folge von Über-
forderung. Umgekehrt werden Pflegende aber auch selbst Opfer
verschiedenartiger Übergriffe durch Klienten.
· Aggressionen haben mit Affekten und Empfindungen zu tun, die
in Pflegenden hoch kommen können. Die Frage dabei darf und
soll nicht sein, wie Anspannung, Wut oder Ärger unterdrückt wer-
den können, da davon auszugehen ist, dass sie sich sonst auf un-
terschwellige Weise ihren Weg nach außen bahnen und damit
noch weniger kontrollierbar sind.
· Der Anspruch, den Pflegende häufig sich selbst gegenüber haben
oder mit dem an sie herangetreten wird, ist, dass sie zu ertragen,
zu erdulden, hinzunehmen und zu „schlucken“ hätten. Das ist so
unmöglich wie gefährlich.
· Affektivität und auch Gefühle des Unmuts gegenüber Situationen,
Umständen, auch Klienten dürfen also bleiben, sollen aber in eine
„verträgliche“, für alle Seiten akzeptierbare Form gebracht wer-
den.
· Das kann einerseits bedeuten, dass dem eigenen Ärger im Kolle-
genkreis Luft gemacht werden darf, ohne dass dies als unprofes-
sionell gilt. Andererseits gibt es Möglichkeiten, in kongruenter
Weise Unmut zu äußern, ohne dabei zu verletzen. Eine einfache
Formel dabei ist, einerseits von dem, was man selbst empfindet,
zu sprechen und andererseits das Verhalten, das einem entgegen-
gebracht wird, zu bewerten – nicht aber die Person, die sich so ver-
hält.
Manchmal (und sofern möglich) kann es auch schon genügen,
sich im wahrsten Sinn des Wortes Raum zu verschaffen und die Si-
tuation kurz zu verlassen – das allein kann eine wertvolle Hilfe sein.

184 Pflegeabhängigkeit und Kommunikation


V. Kommunikationspartner und
ausgewählte Gesprächssituationen
in der Pflege

Nachdem nun Grundlagen der Kommunikation, besondere Schwie-


rigkeiten, weiter die Pflege und das kommunikative Miteinander zwi-
schen den Kulturen besprochen wurden, möchte ich mich schließlich
einigen ausgewählten Gesprächssituationen in der Pflege widmen. Es
sind dies für die Verständigung zwischen Pflegenden und ihren Klien-
ten das Aufnahme- oder Erstgespräch6 und das „beiläufige“ Ge-
spräch, also das, was „nebenher“ an kommunikativem Miteinander
geschieht.

Was die Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen von


Klienten der Pflege betrifft, habe ich mich für den Rahmen der Lang-
zeitpflege entschieden – man hat hier mehr und länger miteinander
zu tun – und zwangsläufig kann es schließlich auch zu dem kommen,
was als „Beschwerde“ oder „Kritik“ zu bezeichnen ist.
Ein wenig möchte ich die folgenden Praxissituationen auch als Übung
verstanden wissen, was allerdings nur für den Fall gilt, dass die voran-
gegangen Kapitel bereits gelesen wurden. Ist dies nicht geschehen,
kann selbstverständlich auch hier „eingestiegen“ werden.
Wichtig ist mir dabei, zwei Dinge zu betonen: Erstens möchte ich
mich bei den genannten Gesprächsformen je auf deren Besonderhei-
ten konzentrieren. Das bedeutet, dass sie von den zuvor besproche-
nen Grundlagen und Problemfeldern auch betroffen sind bzw. sein
können, das aber nicht unbedingt eigens erwähnt wird. Zweitens ist
es meine Absicht, jeweils nur einem oder zwei Phänomenen, denen
man im Zusammenhang mit den genannten Gesprächssituationen
begegnen kann, Aufmerksamkeit zu widmen.

6 Den aktuellen Entwicklungen in der Pflege gemäß müsste hier eigentlich vom pfle-
gerischen Anamnesegespräch die Rede sein. Nachdem die Erhebung der Pflege-
anamnese aber in unterschiedlichen Settings geschieht, bleibe ich beim Begriff
des Aufnahme- oder Erstgesprächs. Das, wovon in diesem Kapitel die Rede ist,
kann selbstverständlich auf alle Arten pflegerischer Datensammlung angewendet
werden.

Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege 211


Das vorliegende Buch soll sich in seiner Gesamtheit nicht auf Aufzäh-
lungen oder „kommunikative Kochrezepte“ beschränken, sondern
will vor allem zur eigenständigen Planung, Reflexion und Steuerung
professioneller Kommunikation in der Pflege (mit-)verhelfen. Dabei ist
es, so meine ich, je von zentraler Bedeutung, manche Gegebenheiten
unter bestimmten Vorzeichen zu sehen und sich manche Besonder-
heit bewusst zu machen. Dabei ist kommunikatives Geschehen natür-
lich trotzdem durch eine Vielzahl von Faktoren (mit-)bestimmt.

212 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


IV. Transkulturelle Pflege und
Kommunikation

1. „Die sind da nicht so locker“


(Kommunikation zwischen den Kulturen –
worum es dabei geht)

Im Rahmen institutionalisierter Pflege treffen Menschen unterschied-


licher sozialer Herkunft, Nationalität und Religion aufeinander. Sei es,
dass sie miteinander arbeiten, sei es, dass Klienten der Pflege aus an-
deren Ländern kommen, Migrationshintergrund haben, oder umge-
kehrt von Menschen gepflegt werden, die einer anderen Nationalität
angehören.

Dagmar Kumbier und Friedemann Schulz von Thun sprechen in der


Einführung zu ihrem Sammelband „Interkulturelle Kommunikation“
von den Herausforderungen, die der Umgang mit Menschen aus an-
deren Kulturen, die „andere Wertvorstellungen und Verhaltensweisen
haben“, mit sich bringt und weisen ihn zugleich als Teil unseres All-
tags aus (Kumbier und Schulz von Thun 2008, S. 11f). In östlichen
Kulturen beispielsweise sei eher ein „Kollektivismus“ in den Werthal-
tungen anzutreffen, in westlichen tendenziell der „Individualismus“ –
wer demnach „kollektiv“ denke, definiere sich in erster Linie über die
Zugehörigkeit zu einem Ganzen wie Nation, Familie und Ähnlichem.
Individuelles Denken hingegen zeichne sich durch die Betonung der
Selbstverwirklichung und den Wunsch nach persönlicher Entfaltung
aus (Kumbier und Schulz von Thun 2008, S. 14).
Nun liegt es nahe, dass Kommunikation mit derlei Ideologien zu tun
hat. Kommen nun Menschen unterschiedlicher Herkunft ins Ge-
spräch, kann es (vor allem wenn die – oft gegensätzlichen Denk- und
Handlungsweisen – zu gegenseitigen Vorwürfen werden), zu dem
kommen, was die Autoren wie folgt ausdrücken: „Der Verdacht liegt
nahe, dass interkulturelle Unterschiede häufig zum Ausgangspunkt

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 185


und zum Motor von Teufelskreisen werden – und dass diese Teufels-
kreise besonders schwer zu durchschauen sind, weil das Verhalten
von Menschen aus einer anderen Kultur besonders fremd und unver-
ständlich erscheint“ (Kumbier und Schulz von Thun 2008, S. 22f).

Selbstverständlich werden im Zuge der pflegerischen Interaktionen


naturgemäß die unterschiedlichsten Bereiche berührt – man bekommt
es mit verschiedenen Formen der Religionsausübung, der Ess- und
Trinkgewohnheiten, der Geselligkeit oder der Körperpflege zu tun.
Die Pflege eines Landes sei, so Susanna Alban im Vorwort zum Stan-
dardwerk „Multikulturelle Pflege“ (Alban et al. 2000), durch das kultu-
relle Umfeld und den sozialen Hintergrund der Pflegenden geprägt.
Schon innerhalb der eigenen Kultur könne es dabei zu „schichtspezi-
fischen Missverständnissen und Kommunikationsstörungen“ kom-
men – Alban spricht weiter von „interkulturellen Missverständnissen“,
die noch dazu häufig nicht als solche anerkannt, sondern als „Mangel
an gutem Benehmen“ oder „Charakterfehler“ des Gegenübers inter-
pretiert würden (Alban et al. 2000); bestimmte Fragen könnten „im
Extremfall zum Abbruch der Kommunikation führen“.

Wozu will das vorliegende Kapitel Pflegenden nun verhelfen? Es liegt


auf der Hand, dass hier keine (und nicht einmal eine fragmentarische!)
Beschreibung des möglichen kommunikativen Verhaltens von Men-
schen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund gegeben werden
kann. Das liegt zum einen daran, dass die Auswahl der Nationalitäten
allein schon problematisch wäre, zum anderen daran, dass es „die“
oder „den“ Angehörigen einer bestimmten Nationalität, Kultur oder
Ethnie gar nicht gibt. Was ich aber leisten möchte, ist, den Blick für
zumindest einige kommunikative Phänomene zu schärfen, die sich
im Zusammenhang mit pflegerischem Tun ergeben können.
Es geht mir dabei nicht um Vollständigkeit, sondern darum, Folgen-
des zu zeigen: Etwas, das in der einen Kultur und dem ihr eigenen Ver-
ständnis von Kommunikation als für ihr Gelingen zentral erachtet wird,
kann in einer anderen als Hinderungsgrund gelten, also als das ge-
naue Gegenteil.

Nun bin ich nicht der Meinung, dass all die unterschiedlichen Zu-
gänge zu Kommunikation und Interaktion gekannt werden müssen,

186 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


damit ein Miteinander zwischen den Kulturen gelingt. Wichtig scheint
mir hier vielmehr, zu wissen, wonach dabei grundsätzlich gefragt wer-
den kann. Scheint also Kommunikation mit Angehörigen anderer Kul-
turen nicht zu gelingen, soll sich die Spirale gegenseitigen Nicht- oder
Anders-Verstehens nicht verstärken, sondern zeitgerecht durchbro-
chen werden können, indem die Möglichkeit eines interkulturellen
Missverständnisses in Betracht gezogen wird.
Wenn man so will, geht es mir um die Förderung einer diesbezüglichen
Sensibilität, die auch als Meta-Sensibilität (Kumbier und Schulz von
Thun 2008, S. 24) bezeichnet werden kann und auf die ich noch Bezug
nehmen werde.
Das erklärt auch, warum ich bestimmte Phänomene nur beispielhaft
und mit Blick auf die eine oder andere Nationalität zeigen will – sie sol-
len ihr aber weder selbstverständlich noch ausschließlich zugeordnet
werden. Kommunikatives Verhalten möchte ich ebenso wenig natio-
nalitätenbezogen empfehlen, sondern lediglich das Vorstellungs- und
Verständnisrepertoire Pflegender erweitern; dies allein ermöglicht
meiner Meinung nach interkulturelle Verständigung.

1.1 „Ein Mordstheater ist das immer“


(Die Äußerung von Gefühlen
am Beispiel Italiens, Spaniens und der Türkei)
Aus der Praxis (Morbus Orientalis)

Elvira hat Nachtdienst und erhält gegen 23 Uhr die Meldung, dass
eine Patientin auf ihrer Station aufzunehmen ist. Vom Gang ist lautes
Schreien zu hören. Die ältere Frau auf der Liege der Rettungsleute
wird von einer Gruppe von Menschen begleitet. Elvira begrüßt die
Frau, die ihre Hand umklammert hält und sich immer wieder mit krei-
senden Bewegungen auf den Bauch deutet.
Am Schwesternstützpunkt steht Andreas, ein Pfleger von der Nach-
barstation. „Weißt du, was du tun kannst?“, fragt er, lacht und sagt
dann: „Ich mache das immer so bei denen: Beim Blutdruckmessen
frage ich sie, was mehr weh tut – Manschette oder Bauch? Wenn sie
dann auf die Manschette deuten, weißt du, dass es ein klassischer

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 187


Morbus Orientalis ist. Die brüllen wie verrückt, das gehört bei denen
dazu. Ein Mordstheater ist das immer.“

Expressive Gefühlsäußerungen und ihre Funktion

Susanna Alban beschreibt das Kommunikationsverhalten in der Tür-


kei einerseits als stark ritualisiert. Am Beginn von Begrüßungen stün-
den – wie es auch uns bekannt ist – Grußformeln. Dem könne sich, so
man einander kenne, eine nach immer gleichen Regeln verlaufende
„Abfolge von Fragen und Antworten zum Befinden aller Familienmit-
glieder, Verwandten und Bekannten“ anschließen. Verwandtschafts-
bezeichnungen seien viel differenzierter als in unserem Sprachge-
brauch, es werde z. B. „zwischen älter und jünger oder zwischen der
Seite des Mannes und der Frau“ unterschieden.
Andererseits seien, so Alban weiter, „expressive Gefühlsäußerungen
oft untrennbar mit den Gefühlen verbunden“ und „verbale Mitteilun-
gen“ manchmal nur dann verständlich, wenn die nonverbalen Bot-
schaften dabei genau beobachtet und einbezogen würden (Alban et
al. 2000, S. 253).

Für Italien spricht die Autorin die Schmerzäußerung explizit an: Grund-
sätzlich könne Schmerz, besonders, wenn er chronisch sei, „heftig
und laut zum Ausdruck gebracht werden“, was dazu diene, „Leid mit-
zuteilen und sich Unterstützung zu sichern“. Besonders interessant für
die Pflege sei, dass es dafür aber, so Alban, nicht üblich sei, über den
Schmerz zu sprechen.
„Dramatische Schmerzäußerungen wie Jammern oder Schreien bei
Arztbesuchen können zu Missverständnissen führen“, es könne etwa
(wie in unserem Beispiel) dazu kommen, dass diese Patienten als
„wehleidig und theatralisch oder als Simulanten angesehen“ werden
(Alban et al. 2000, S. 253). Ähnliches gibt Alban auch für Spanien an,
ergänzt allerdings, dass Schmerz im Allgemeinen „nicht gut ausgehal-
ten“ werde, „die Patienten bitten um schmerzstillende Mittel oder
Maßnahmen“ (Alban et al. 2000, S. 253).
Interessant ist zum Thema Schmerzausdruck auch, dass ausländi-
sche Patienten bei Schmerzen Todesangst haben können – was mit
den vielen, teilweise lebensbedrohlichen Infektionskrankheiten zu er-
klären ist, die es in den Herkunftsländern teilweise noch gibt: „Wer an

188 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


Schmerzen leidet, befürchtet, eine solche Krankheit zu haben“ (Be-
cker et al. 2006, S. 49).

Diese Ausführungen könnten nun dazu verleiten, Angehörigen einzel-


ner Nationalitäten ein bestimmtes Verhalten zuzuordnen. Das wäre
falsch, besonders dann, wenn man sich von Details leiten ließe und
nun etwa davon ausginge, dass spanische Patienten eher um ein
Schmerzmedikament bitten würden als italienische und dergleichen.
Der Knackpunkt liegt vielmehr da, wo Alban – wieder über Spanien –
sagt, dass die Selbstbeherrschung und das Wahren von Contenance,
von Fassung, dort nicht – wie etwa in Deutschland – als Idealverhal-
ten gelte.

Vor diesem Hintergrund wird klar, warum Menschen, die während


ihrer eigenen Sozialisierung die Selbstbeherrschung als anzustre-
bende Fertigkeit kennen lernten, es als „Morbus orientalis“ und Ähn-
liches bezeichnen, wenn südländische Patienten Gefühle, Ängste
und Schmerzen expressiv zum Ausdruck bringen: die Funktionen
der Schmerzäußerung sind schlicht andere. Südländische Patien-
ten wollen sich häufig (und natürlich nicht grundsätzlich!) eher Zu-
spruch und Unterstützung als vorrangig ein Medikament gegen die
Schmerzen sichern. Für Angehörige unseres eigenen Kulturkreises
bedeuten (Schmerzens-)Schreie einen Notfall.
Der Teufelskreis, der auf Missverständnissen zwischen den Kulturen
fußt und den ich anfangs angesprochen habe, könnte nun (auf beiden
Seiten unbewusst) einsetzen. Andreas könnte Frau Kucuk, die zeigen
will, dass sie Angst und Schmerzen hat, ein wenig zur Beherrschung
„erziehen“ wollen, immer natürlich vorausgesetzt, dass er ihr Jam-
mern und Schreien für ein „Theater“ hält. Frau Kucuk möchte sich
vielleicht Unterstützung sichern und ihrer Angst vor dem Verlassen-
werden, vielleicht auch ihrer Orientierungslosigkeit, noch mehr Aus-
druck verleihen.

Einschätzungen und ihre Folgen

Die Pflegewissenschafterin Christa Hüper und die Pädagogin Rose-


marie Kerkow-Weil besprechen in ihren Ausführungen zum Schmerz
im Migrationskontext Studienergebnisse, die zeigen, dass Pflegende

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 189


die Schmerzen ihrer Patienten je nach Ethnizität unterschiedlich beur-
teilen, wobei auch sozialer Status und Bildungsgrad eine Rolle spielen
(Hüper und Kerkow-Weil 2001, S. 292); weiters auch die Sympathie,
die in dem Maß steigt, in dem Verhaltensmerkmale bekannt und ver-
traut sind (Hüper und Kerkow-Weil 2001, S. 297) – was bei Migranten
naturgemäß weniger häufig als bei Angehörigen des eigenen Kultur-
kreises der Fall ist. Weiter, und hier komme ich auch ganz klar zum
Kommunikationsproblem, berichten die Autorinnen darüber, dass ge-
rade Patienten mit Migrationshintergrund häufig wenig ärztliche Auf-
klärung über die Hintergründe des aktuellen therapeutischen oder
diagnostischen Geschehens zuteil wird – was oft zur Folge hat, dass
Pflegende die mangelhaften Informationen vervollkommnen sollen.
Das wieder ist kaum möglich, da der Spielraum, in dem Pflegende be-
rechtigt sind, Auskünfte zu geben, unklar definiert ist. Das wieder führt
häufig dazu, dass sie Interaktionen mit den betroffenen Patienten ver-
meiden und dies mit Zeitmangel begründen – was wiederum zu Kon-
flikten führt, die ihre Ursache nicht in der Beziehung zum Patienten
haben. Häufig folgern die Patienten deshalb sogar eine Feindseligkeit
gegenüber Migranten (Hüper und Kerkow-Weil 2001, S. 298f).

Kleine Lösungen

Sehen wir uns nun der Verzweiflung gegenüber, die durch Schmerz
und Orientierungslosigkeit bedingt wird, bleibt die Frage nach guten
und richtigen Reaktionen offen. Pflegende sind nicht zur Aufklärung
berechtigt, meist unter Zeitdruck und wollen wohl häufig vermeiden,
sich unter diesen Bedingungen klagenden, schreienden und gestiku-
lierenden Patienten zu stellen. Was kann Elvira in einer solchen Situa-
tion für Frau Kucuk tun? Die berühmte „Flucht nach vorn“, deren Ziel
in diesem Fall wohl der Schwesternstützpunkt ist, scheint vor dem
Hintergrund des eben Ausgeführten nicht sinnvoll.
Ich bin davon überzeugt, dass sich alles Wichtige tatsächlich gestisch
ausdrücken lässt. Was würde uns selbst gut tun, befänden wir uns in
einem fremden Land im Krankenhaus, wüssten nicht, wie uns ge-
schieht und verstünden die Sprache nicht? Vielleicht würden wir nach
einer flüchtenden Pflegeperson rufen, diese könnte ihr Verhalten eben
deshalb verstärken und am Ende blieben wohl ausweichende Blicke
und eine Menge ergebnisloser Verständigungsversuche zurück.

190 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


Natürlich hat Elvira auch andere Patienten zu versorgen und muss
Frau Kucuk unweigerlich irgendwann „verlassen“. Es macht aber
einen Unterschied, ob sie das tut, während sie Angst vor der Konfron-
tation mit der Frau hat, oder ob sie ihr zuvor noch ein paar Sekunden
oder Minuten der Gemeinsamkeit bei aller Verschiedenheit zugesteht.
Was, mag man nun fragen, soll Frau Kucuk denn mitgeteilt werden,
wenn es noch keine Diagnose gibt, und wie kann das geschehen,
wenn keine gemeinsame Sprache gesprochen wird?
Die Frage, welche Reaktionen sich Patienten wünschen, die ihren
Schmerz laut äußern, beantworten die Autoren des Leitfadens zur in-
terkulturellen Verständigung mit (türkischen) muslimischen Patienten
wie folgt: Laute Schmerzäußerungen müssen nicht immer bedeuten,
dass der Schmerz nicht aushaltbar ist und ein Schmerzmittel benötigt
wird, sondern können auch dafür stehen, dass Zuwendung und Auf-
merksamkeit erwartet werden, oft helfe schon „gutes Zureden oder
eine tröstende Geste“ (Becker et al. 2006, S. 50). Das deckt sich mit
den Ausführungen Susanna Albans, die davon spricht, dass Schmerz-
ausdruck oft dazu diene, sich Unterstützung zu sichern.
Ich denke, dass es besonders in solchen Fällen zu teilen gilt – und
zwar durchaus auch Ratlosigkeit. Elvira kann Frau Kucuk ins Zimmer
begleiten und ihr ohne jedes Wort mitteilen, dass sie mit ihr fühlt. Sie
kann mit den Schultern zucken, auf die Infusionsflasche deuten, auf
den schmerzenden Bauch der Frau deuten und lächelnd die Augen
verdrehen, den Kopf schütteln und wieder auf die Infusionsflasche
zeigen, vielleicht Frau Kucuks Hand drücken. Die Patientin wird auch
zwischen den Kulturen verstehen, dass ihr hier jemand wohlgeson-
nen ist und ihr – und das ist die wichtigste Botschaft an der Sache –
beisteht.
Meiner Meinung nach sind Pflegende häufig der Meinung, Probleme
von Patienten lösen zu müssen. Ein Händedruck, ein wissender Blick
– also Gesten, die für analoge (nonverbale) Verständigung stehen, ge-
währleisten dies nicht. Sie ermöglichen aber zumindest Verständi-
gung in dem Sinn, dass Beistand signalisiert wird – und das ist etwas,
das ich mit Blick auf Situationen wie jene in unserem Beispiel für die
„kleine“ kommunikative Lösung halte.

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 191


Für die Praxis:
· Anhand des Beispiels „Schmerzausdruck“ wird deutlich, dass be-
stimmte Phänomene im Zusammenhang mit Kommunikation und
Interaktion in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Funk-
tionen haben können. Auch die Bewertung bestimmten Verhal-
tens erfolgt dabei oft anders und weicht vom Bekannten, Ge-
wohnten ab.
· Die Fülle an Interaktionsmustern und damit im Zusammenhang
stehenden Denkweisen erlaubt uns nicht, sie alle zu kennen.
Wenn es auch hilfreich ist, über ein großes Wissensrepertoire be-
züglich unterschiedlicher Sicht-, Verhaltens- und Kommunika-
tionsweisen in verschiedenen Kulturen zu verfügen, ist der Weg
zur gelingenden interkulturellen Kommunikation im Rahmen der
Pflege doch ein anderer.
· Worum es nämlich geht, ist die Fähigkeit, sich von eigenen Vor-
stellungen und Bewertungen bestimmten Verhaltens zu distanzie-
ren, und (auch ohne zunächst genau zu wissen, wofür die
„fremde“ Art, sich auszudrücken, tatsächlich steht) es zumindest
für möglich zu halten, dass sie anderswo von der eigenen Denk-
weise abweichend bewertet werden kann.
· Schmerzen oder Gefühle expressiv auszudrücken kann etwa in
anderen Verständnissen von Interaktion zum Ziel haben, sich Un-
terstützung zu sichern – wohingegen die Tugend der Selbstbe-
herrschung, wie wir sie kennen, mitunter gar nicht als erstrebens-
wert gilt.
· Ich denke auch, dass Pflegende sich oft abverlangen, alle Pro-
bleme, die sich für Klienten auftun können, an Ort und Stelle zum
Verschwinden bringen zu müssen. Für eine „kleine“ Lösung halte
ich es hier, zwar jederzeit Unterstützung, zugleich aber durchaus
auch Nicht-Verstehen oder Ratlosigkeit zu signalisieren. Wichtig
ist meines Erachtens in erster Linie, dass es zu Verständigung
kommt – wie lückenhaft auch immer. Ist diese Möglichkeit prinzi-
piell vorhanden, kann man sich auf diesem Weg in kreativer Weise
weitere Informationen verschaffen. Näher erläutere ich das am
Beispiel des Verhaltens im Zusammenhang mit Nähe und Distanz.

192 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


1.2 „Da weiß man’s nie genau“ (Nähe und Distanz
am Beispiel Chinas, Indiens und Ghanas)
Aus der Praxis (Süßigkeiten)

Frau Yang ist Chinesin, 45 Jahre alt, Diabetikerin und wegen starker
Blutzuckerschwankungen auf der Inneren Abteilung. Über ihre Le-
bensumstände ist wenig bekannt, „Sie ist auf einmal mit den Aufnah-
meunterlagen da gestanden“, sagt die Stationsärztin. Trotz Insulinthe-
rapie bleibt der Blutzucker der Patientin instabil und innerhalb des
Pflegeteams tut sich der Verdacht auf, dass Frau Yang Süßigkeiten
isst. Man verständigt sich mit Händen und Füßen. Als Ida bei der Blut-
zuckerkontrolle eine Tafel Schokolade auf dem Nachtkästchen Frau
Yangs liegen sieht, nimmt sie sie, deutet auf die Patientin und macht
ein fragendes Gesicht. Diese schaut auf den Boden und neben Idas
Füßen vorbei. Ida greift Frau Yang auf die Schulter, will ihr zeigen,
dass alles nicht so schlimm ist. Frau Yang sieht nicht auf, sondern
weiterhin auf den Boden.
„Irgendwie glaube ich, dass sie ein schlechtes Gewissen hat“, meint
Ida bei der Dienstübergabe und erzählt von der Schokolade und Frau
Yangs Reaktion auf ihre fragenden Gesten. Im Lauf der nächsten Tage
beobachten die Pflegenden die Patientin recht genau. Diese wieder
wirkt verschreckt und schüchtern – was Ida in ihrer Theorie vom
schlechten Gewissen der Patientin bestätigt.

Nähe, Distanz und Kommunikation


in verschiedenen Kulturen

Bevor ich nun kommunikative Gebräuche zeige, die mit Nähe, Distanz,
auch mit Respektsbekundungen zu tun haben, möchte ich noch ein-
mal auf eines hinweisen: Es gibt nicht „den“ Chinesen oder „den“ In-
der, was mehrere Gründe hat. Manche Menschen verhalten sich in für
ihre Nationalität recht typischer Weise, andere tun das weniger – was
wieder unterschiedliche Gründe haben kann. Menschen mögen mit
Gebräuchen des (neuen) Landes, in dem sie nun leben, mehr oder we-
niger vertraut sein, können mehr oder weniger Bereitschaft haben, sie
sich anzueignen und sind schließlich auch schlicht verschieden. Wenn

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 193


wir beispielsweise von Indien sprechen, lassen sich einzelne Teile des
Landes hinsichtlich kommunikativer und interaktiver Gebräuche oft so
wenig miteinander vergleichen, wie das für verschiedene europäische
Länder gilt – „der“ Europäer, „die“ Europäerin kann Schweizer, Englän-
der, Bulgarin oder Französin sein – und auch innerhalb dieser Länder
werden einzelnen Menschengruppen regionale Unterschiede nachge-
sagt, die zudem mehr oder weniger klischeehaft sind. Susanne Albers
sagt etwa für Indien, dass dort „die Unterschiede zwischen Land und
Stadt, Mann und Frau, Jung und Alt, Nord und Süd, Ost und West“
sehr groß seien (Alban et al. 2000, S. 94).

Es gilt also auch für das vorliegende Kapitel, dass es nicht vorrangig
zum Ziel hat, „typische“ Verhaltensweisen von Menschen aus China
oder Indien zu zeigen, sondern zu vermitteln, wie unterschiedlich Wer-
tigkeiten im Zusammenhang mit zwischenmenschlicher Verständi-
gung gesetzt sein können. Vor allem soll gezeigt werden, wie viel Unsi-
cherheit erzeugt werden kann, wenn ein Verhalten, das als erwünscht
oder üblich gilt, sich nicht einstellt.
Das Problem, das sich auftut, ist nur vordergründig das des Nicht-
verstehens. Was die Sache wirklich schwierig macht, ist etwas ande-
res: nämlich der Umstand, dass Ida Frau Yangs Mimik und Gestik
ausschließlich vor ihrem eigenen kulturellen Hintergrund und von ihrer
eigenen Sozialisation ausgehend betrachtet und begreift.
Der (Denk-)Schritt, der das Einsetzen der bekannten Spirale gegen-
seitiger Missverständnisse verhindern könnte, wäre also, davon aus-
zugehen, dass eine bestimmte nonverbal/analog (vgl. Kap. I 1.4) ge-
sendete Botschaft für Angehörige anderer Kulturen, Ethnien oder
Nationalitäten schlicht eine andere Bedeutung haben kann als die ver-
traute, bekannte.

Susanna Alban beschreibt, dass es in China üblich sei, Dinge indirekt


und „durch die Blume“ mitzuteilen – was zur Folge haben könne, dass
„Chinesen bei Menschen aus westlichen Ländern oft überall Andeu-
tungen und indirekte Hinweise wittern, wo gar keine sind“ und selbst
dazu neigen würden, Verlegenheit oder Betroffenheit durch Lächeln
oder Lachen zum Ausdruck zu bringen. Umarmungen und Schulter-
klopfen hingegen seien nicht üblich und gälten sogar als unhöflich (Al-
ban et al. 2000, S. 52), die Geste des Schulterzuckens sei gar nicht

194 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


bekannt. Ein Nicken müsse kein „Ja“ bedeuten sondern drücke Auf-
merksamkeit im Sinne von „ich höre“ aus – und zur Seite und umher-
zusehen, wenn man jemandem zuhört, gelte als Ausdruck von Höf-
lichkeit (Alban et al. 2000, S. 53).

Über Indien berichtet Susanna Alban, dass es keine Worte für „Danke“
und „Bitte“ gebe und beides z. B. durch Mimik oder Tonfall ausge-
drückt werde; ebenso gebe es bei der Anrede kein Wort für „Herr“
oder „Frau“ – was, so die Autorin, in westlichen Ländern unhöflich wir-
ken und Ursache von Missverständnissen sein könne.
Inder hingegen empfänden die „deutsche Sprache als hart, abgehackt
und aggressiv und haben oft den Eindruck, dass Deutsche sich strei-
ten“ (Alban et al. 2000, S. 94). Sie würden dazu neigen, vieles lieber
„freundlich-schmeichelnd“ und „durch die Blume“ als offen und direkt
zu sagen, seien „sensibler als Menschen aus westlichen Ländern“ und
„ihre Gefühlsäußerungen könnten im Westen leicht als ‚kitschig‘ einge-
stuft werden“. Auch sei das Bedürfnis nach Einhaltung von Hierar-
chien und Positionen stärker als etwa in Deutschland, wo Partner-
schaftlichkeit und Kollegialität im gegenseitigen Umgang als hohes
Gut gälten (Alban et al. 2000, S. 95).

Ghana wird von Alban als Land beschrieben, in dem Hierarchien eben-
falls eine große Rolle spielen: Bei der Begrüßung sei es wichtig, „Hö-
herstehenden den gebührenden Respekt zu erweisen“ und aus den
vielfältigen Grußritualen lasse sich das Verhältnis zweier Menschen zu-
einander „ablesen“. „Kritik oder Ermahnungen müssen durch eine Ent-
schuldigung oder einen Scherz umschrieben werden“. Es gelte als De-
monstration von Überlegenheit, wenn die Arme „in Wartestellung“ vor
dem Körper verschränkt werden, gestenreich zu sprechen hingegen
mache einen guten Eindruck. Obwohl Augenkontakt in Gesprächen
als notwendig gelte, ist es „beleidigend, jemandem ins Gesicht zu star-
ren“ (Alban et al. 2000, S. 74).

Nun scheint es nachvollziehbar, dass gerade, wenn die verbale Kom-


munikation nur eingeschränkt oder gar nicht möglich ist, die Körper-
sprache und ihre Zeichen umso mehr an Bedeutung gewinnen (vgl.
Holzbrecher 2004, S. 26) – die eben getätigten Ausführungen zeigen
aber, dass nonverbale Kommunikation im interkulturellen Kontext so
notwendig wie – unter Umständen – auch missverständlich ist.

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 195


Was aber ist nun zu tun, um Kommunikation mit Blick auf die Phäno-
mene der Distanz und Nähe (die häufig körpersprachlich zum Aus-
druck kommen) so gut als möglich gelingen zu lassen?

Bewusstmachung, Deutung und Korrektur

Andreas Altorfer und Marie-Louise Käsermann beschäftigen sich mit


Bedeutung und Besonderheiten der nonverbalen Kommunikation im
Rahmen transkultureller Pflege und kommen dabei zu folgenden, pra-
xisbezogenen Handlungsorientierungen:
Fühlt eine Pflegeperson sich vom ihre fremden Gegenüber sehr stark
abgestoßen oder aber auch angezogen, sei dies bereits ein Hinweis
dafür, dass sie Informationen verarbeitet habe. Das könne zu „Stö-
rungen des kommunikativen Austausches und zur Störung der Er-
reichung außerkommunikativer Ziele“ führen – was bedeute, dass
dadurch etwa Pflegehandlungen misslingen können. Negative Emp-
findungen solle man sich, so die Autoren, möglichst bewusst ma-
chen – sie könnten damit zu tun haben, dass eigene Erwartungen an
ein bestimmtes Verhalten oder bestimmte Ausdrucksformen ent-
täuscht wurden. Nun gelte es weiter, sich in Erinnerung zu rufen,
dass diese nicht zwingend aufgrund absichtsvoller Verletzung be-
stimmter Normen, die für die Pflegeperson (und ihren eigenen kultu-
rellen Hintergrund) gelten, geschehen seien, sondern dass der Andere
ebenfalls Wert- oder Verhaltensmaßstäben folge, die für ihn selbstver-
ständlich seien (Altorfer und Käsermann 2001, S. 179).

Deute die Pflegeperson „die nonverbalen Gegebenheiten beim Ge-


genüber unangemessen“, so könne dies „auf die gedeutete Person
unangenehm und abstoßend wirken“, was sich, so die Autoren weiter,
in Erregung und Rückzug zeigen könne. Diese Zeichen können von
Pflegenden daher als „unspezifische Hinweise auf eigene Fehldeutun-
gen verstanden und zum Anlass für Korrekturmaßnahmen genom-
men werden“ (Altorfer und Käsermann 2001, S. 179). Es sei, so die
Autoren weiter, auch notwendig, ein bestimmtes Verhalten nicht un-
bedingt als „Eigenschaft“ des Gegenübers zu sehen (etwa Verstockt-
heit im Fall von Rückzug), sondern in Betracht zu ziehen, dass es sich
dabei vielleicht um eine Reaktion des Anderen auf das eigene Verhal-
ten handle. Pflegende können in solchen Situationen also „eine für sie

196 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


unerwartete Reaktion des Gegenübers als Kommentar zum eigenen
Verhalten werten und dieses selbst in der Folge korrigierend modifi-
zieren“ (Altorfer und Käsermann 2001, S. 180).
Denken wir an Frau Yang, könnte Ida versuchen, das „eigenartige“
Verhalten der Klientin entweder als – ihr selbst unbekannte – Kommu-
nikationsnorm in Betracht zu ziehen (in China gilt es unter Umständen
tatsächlich als höflich, beim Zuhören auf den Boden und am Boden
umher zu sehen). Oder sie könnte versuchen, was Frau Yang tut, in
Bezug zu ihrer eigenen kommunikativen Annäherung an sie zu setzen
– es könnte sich dabei schließlich auch um eine Respektsbekundung
handeln. Die Zuschreibung: „Sie hat ein schlechtes Gewissen“ ist tat-
sächlich eine Zuschreibung, mit der Frau Yang ein bewusstes „Fehl-
handeln“ unterstellt wird – nämlich das, trotz bekannter Diabeteser-
krankung heimlich Schokolade zu essen.

Im günstigsten Fall nähme Ida das ihr eigenartig erscheinende Verhal-


ten der Patientin zum Anlass, zu überlegen, ob dieses vielleicht etwas,
das sie selbst getan hat oder tut, kommentiert. In weiterer Folge
könnte sie sich fragen, ob sie Frau Yang, die sich immer weiter zu-
rückzieht, vielleicht falsch verstanden hat – und letzten Endes könnte
sie ihre eigenen Reaktionen korrigieren.
Ich möchte vermeiden, dass die Begriffe „Fehldeutung“ und „Korrek-
tur“ nach der Zuweisung von Schuld an Pflegende klingen – welche
noch dazu, wie Ida, in bester Absicht handeln. Ein Begriff, der mir in
diesem Zusammenhang gut gefällt, ist der des Ausprobierens: Im
Rahmen interkultureller Kommunikation können und müssen wir es
tatsächlich – in Abhängigkeit von der Reaktion des Gegenübers – mit
verschiedenen Gesten, Nähe- und Distanzstufen, Blicken, Worten
und Mimik probieren, da Metakommunikation (also „Kommunikation
über Kommunikation“, vgl. dazu auch Kapitel IV 1.3) in den seltensten
Fällen möglich ist. Wichtig scheint mir dabei, dass es im Fall nicht ge-
lingender Verständigung nicht zu Schuldzuweisungen oder (Selbst-)
Vorwürfen kommt. Interkulturelle Kommunikation ist mitunter schwie-
rig und erfordert Gelassenheit. Im folgenden Kapitel möchte ich wei-
ter den Begriff der Meta-Sensibilität besprechen, der in jedem Bereich
interkultureller Kommunikation von Bedeutung, ja vielleicht der zent-
rale Motor ihres Gelingens, ist.

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 197


Für die Praxis:
· Stellt sich in einer kommunikativen Situation beim Gegenüber ein
Verhalten, das in unserem Kulturkreis quasi „erwartet“ wird, nicht
ein oder tritt an seine Stelle ein völlig anderes, kann das negative
Empfindungen bei uns auslösen.
· Im ungünstigen Fall ist das der Beginn einer Spirale gegenseitiger
Missverständnisse, die auch das Erreichen außerkommunikativer
Ziele (etwa Pflege) scheitern lassen können.
· Es ist daher wichtig, sich unangenehme Gefühle bewusst zu ma-
chen und zunächst daran zu denken, dass die Verletzung be-
stimmter Normen durch Angehörige anderer Kulturkreise ja nicht
absichtsvoll geschieht, sondern dass manches tatsächlich Be-
deutungen hat, für die es in unserem Denken möglicherweise
nicht einmal eine Entsprechung gibt.
· Lässt sich beim Gegenüber etwas beobachten, dass auf Erre-
gung oder Rückzug hinweist, so kann man dies zum Anlass neh-
men, über mögliche, eigene Fehldeutungen des „fremden“ Ver-
haltens nachzudenken – und zwar ohne sich dabei etwas
vorwerfen zu müssen.
· Interkulturelle Kommunikation hat mit Beobachtung, Interpreta-
tionsversuchen, mit Ausprobieren, Deuten und notwendig auch
mit ständigen Korrekturversuchen zu tun. Das gilt, wie bespro-
chen, z. B. im Zusammenhang mit Nähe- und Distanzstufen, Bli-
cken, Worten, Gesten und Mimik. Die Ausführungen zur soge-
nannten Meta-Sensibilität im folgenden Kapitel mögen eine Hilfe
für einen weiteren Schritt dabei sein.

1.3 „Andere Länder . . .“ (Kommunikation im Team


am Beispiel der Philippinen)
Aus der Praxis (Victoria, Jewel, Gerlinde und Thomas)

Victoria lernte ich kennen, als ich Mitte der 90er-Jahre als „Neue“ in
das Team eines Pflegeheims kam. Sie war damals schon über fünf-
zehn Jahre dort tätig und erzählte mir, vor ihrem ersten Flug nach
Österreich habe ein Priester, der ihr die Arbeit dort vermittelte, auf
den Philippinen das Gefrierfach eines Kühlschranks geöffnet, Eis und

198 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


„Schnee“ von den Seiten gekratzt, ihr in die Hand gelegt und gesagt,
dass das bei ihrer Landung in Österreich überall am Boden liegen
würde. Victoria glaubte ihm nicht und ist, so erzählte sie mir weiter, in
Sommerkleidern in das fremde Land geflogen.

Thomas ist Inder, Jewel Philippinerin. Beide fühlen sich wohl in Wien
und arbeiten gern auf ihrer Abteilung. Gerlinde ist Wienerin, versteht
sich, wie sie sagt, „bestens“ mit ihren ausländischen Kollegen. Diese
sehen das wie Gerlinde, fühlen sich aber manchmal dadurch gestört,
dass sie dazu neigt, Verben nicht korrekt zu gebrauchen. „Wenn du
Frau Meier Essen geben, dann langsam machen“, sagt sie z. B. zu Je-
wel. Und erklärt in der Supervision, dass „vor allem die Philippinerin-
nen zu allem Ja und Amen sagen“, sie „machen den Bewohnern alles
und lächeln immer nur, egal, was passiert. Das macht mich manchmal
aggressiv.“
„Du, wasch‘ mich sauber, dir muss man das sagen, du bist im
Schlamm geboren“, sagt Frau Acht, eine 90-jährige, orientierte Be-
wohnerin zu Jewel. Diese lächelt und sagt: „Macht nichts.“
„Insgesamt“, darin ist sich das Team der Abteilung, auf der Gerlinde,
Thomas und Jewel arbeiten, einig, ist es ein „schönes und interessan-
tes Miteinander, wir verstehen uns alle gut!“

Miteinander und Integration

Auf den Philippinen sei, so Susanna Alban, „Einhelligkeit“ in der Kom-


munikation von herausragender Bedeutung. Andere Meinungen wür-
den zurückgehalten oder eventuell mit einem einleitenden „Vielleicht
. . .“ als Alternative vorgeschlagen. Es werde vermieden, direkt zu kriti-
sieren, wohingegen „verschleiernde“ Aussagen durchaus üblich seien.
Sich zu schämen, schüchtern oder peinlich berührt zu sein, gelte als
Verhalten, das sozial anerkannt sei – laute Reaktionen, „direkte vernei-
nende Aussagen“ hingegen seien zu vermeiden. Beim geselligen Bei-
sammensein zu schweigen gelte als unhöflich – spreche man aber mit
sozial höher stehenden Menschen, werde es als Ausdruck von Res-
pekt betrachtet. Gefühle, auch Gedanken würden meist nonverbal
zum Ausdruck gebracht (Alban 2000, S. 186); alte Menschen würden
uneingeschränkt respektiert und „immer in der Höflichkeitsform ange-
redet“ (Alban 2000, S. 187).

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 199


Dem Ergebnis einer 1999 auf acht Inneren Abteilungen des Wiener All-
gemeinen Krankenhauses durchgeführten Fragebogenerhebung, in
der die multikulturelle Teamzusammensetzung „besonders beachtet
wurde“ (Grundböck et al. 2001, S. 110), ist zu entnehmen, dass Multi-
kulturalität im Pflegeteam mehrheitlich als nicht belastend, sondern im
Gegenteil als wichtige Ressource im Zusammenhang mit der Betreu-
ung von Patienten erlebt wird. Als Schwierigkeiten, die Zusammenar-
beit verschiedener Nationalitäten betreffend, werden „Sprachpro-
bleme, unterschiedliche Ausbildungen oder berufliche Erfahrungen
und ein divergierendes Berufsverständnis“ genannt, was von den
Teammitgliedern als „mühsam“ erlebt wird (Grundböck et al. 2001,
S. 115). Als „förderliche Maßnahmen“ für die Zusammenarbeit werden
von den Befragten „Deutschkurse, Verständnis für andere Kulturen
und Fortbildungen über Gesprächsführung“ genannt (Grundböck et
al. 2001, S. 126).

Dass es trotzdem zu Spannungen und Schwierigkeiten in der Zusam-


menarbeit kommen kann, möchte ich anhand einiger Aussagen von
pflegenden Migranten zeigen. Der Umstand, dass es sich dabei um
Ergebnisse einer Studie handelt, die in Deutschland durchgeführt
wurde, soll nicht zu dem Schluss verleiten, dass diese Probleme dort
besonders groß sind – die entsprechenden Aussagen könnten wohl
auch von ausländischen Pflegenden in Österreich oder der Schweiz
getätigt worden sein. Yvonne Ford gibt in ihrer Studie für deutsche
Krankenhäuser an, dass in Frankfurt insgesamt 25%, in manchen
Krankenhäusern sogar 35% aller Pflegenden im Ausland geboren
und ausgebildet wurden bzw. aus einem anderen Land kommen; für
die Altenpflege wird geschätzt, dass dies auf fast die Hälfte des Pfle-
gepersonals zutrifft (Ford 1997, S. 167).

Die Autorin zitiert im Zusammenhang mit der Frage


nach den Konsequenzen sprachlicher Kommunikationsdefizite
ausländischen Pflegende:
„Weil mein Deutsch schlecht ist, glauben die anderen Kranken-
schwestern, dass ich fachlich schlecht bin.“
„Wenn unser Stationsarzt Visite macht, fragt er direkt nach einer deut-
schen Krankenschwester.“

200 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


„Anfangs war es sehr schlimm. Ich sprach kaum ein Wort Deutsch.
Ich durfte nur auf Anordnung Patienten waschen und füttern. Bei den
Visiten durfte ich nicht mitgehen. Schüler durften mehr machen als
ich, obwohl ich über vier Jahre Krankenpflege in meinem Land stu-
diert hatte und über fünf Jahre als Krankenschwester auf einer chirur-
gischen Station gearbeitet hatte.“
„Meine Pflegedienstleitung sagte, ich solle erst einmal Deutsch ler-
nen, bevor ich Wünsche äußern könnte.“ (Ford 1997, S. 169f).

Meta-Sensibilität – das Zauberwort?

Pflegende aus anderen Ländern werden mitunter für fachlich


„schlecht“ gehalten, weil ihr sprachliches Ausdrucksvermögen in der
fremden Sprache beschränkt ist. Es kommt vor, dass ihnen weniger
zu- und anvertraut wird als Auszubildenden, sie dürfen zum Teil weni-
ger Wünsche äußern als inländische Kollegen und können auch in an-
deren Belangen Opfer von Benachteiligung werden.
Mit der bekannten Freundlichkeit, die philippinische Kollegen alten
Menschen entgegenbringen, reagieren diese Pflegenden mitunter
auch auf inhaltliche („Du bist im Schlamm geboren“) und formal-
sprachliche Übergriffe („Du kommen zu mir“).

Die Frage, wie sich interkulturelle Kommunikation im Team gestalten


lässt, ist zunächst aus der Perspektive der Kommunikationstheorie zu
beantworten: Werden Kontakt, Kommunikation, Verstehen und Miss-
verstehen klar kommuniziert, erhöht das die Chancen auf gegenseiti-
ges Verstehen (Kumbier und Schulz von Thun 2008, S. 24) – Metakom-
munikation, also Kommunikation über Kommunikation, das Sprechen
darüber, wie wir miteinander sprechen, wäre somit anzustreben.
Ich stelle mir Jewel vor, wie sie Frau Acht oder Gerlinde auffordert,
doch bitte anders mit ihr zu sprechen. Das kann und wird ihr in dem
Ausmaß gelingen, in dem sie mehr Zeit in einem deutschen, österrei-
chischen oder vielleicht Schweizer Pflegeheim verbracht hat und je
mehr sie der Landessprache mächtig ist. Yvonne Ford spricht aller-
dings an, dass „oft auch solche Pflegekräfte noch erhebliche Defizite
in der Verständigung haben, die bereits seit vielen Jahren hier in
Deutschland wohnen und arbeiten“ und weder seien die deutschen
Kollegen auf die Zusammenarbeit mit den ausländischen Pflegenden

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 201


vorbereitet worden, noch diese auf das Leben und die Arbeit in
Deutschland (Ford 1997, S. 168).
Aus der Befragung von Grundböck, Seidl und Walter (s. o.) geht her-
vor, dass Multikulturalität häufig als wichtige Ressource in der Betreu-
ung von Patienten erlebt wird.
Was die verbale und nonverbale Verständigung dieser pflegenden
Kollegen wie auch ihre „traditionellen“ Sichtweisen angeht, bin ich
nicht der Meinung, dass ihnen unser Verständnis von (kommunikati-
ver) Professionalität einfach „übergestülpt“ werden sollte, sondern
halte es im Gegenteil für angebracht, auch hier „ganzheitlich“ zu den-
ken. Sollen wir, wie in der Kommunikationstheorie geraten, uns nun
aber auf Ebene der Metakommunikation begeben – also quasi darü-
ber sprechen, wie man in welchem Land spricht?

Dagmar Kumbier und Friedemann Schulz von Thun sprechen davon,


dass der „Königsweg“ der Metakommunikation „ins nächste Fettnäpf-
chen führen“ könne, da diese „offensive Direktheit“ als „unhöflich, be-
fremdend, verunsichernd und verstörend“ empfunden werden könne.
Das „interkulturelle Repertoire“ solle, so die Autoren weiter, „auch die
Fähigkeit zur impliziten Meta-Sensibilität enthalten: feinfühlig zu mer-
ken, was los ist, und (ohne das anzusprechen) einen behutsameren
Weg aus der Sackgasse einzuschlagen“ (Kumbier und Schulz von
Thun 2008, S. 24).

Wenn Jewel lächelt, obwohl Frau Acht sie unterschwellig beschimpft,


wenn Victoria auf Ungleichbehandlung mit „unverhältnismäßiger“
Freundlichkeit reagiert, so bleibt zu fragen, ob hier explizites, also kla-
res und eindeutiges Sprechen über die Art, zu kommunizieren, zielfüh-
rend ist – ist diese doch Ausdruck eines tief verwurzelten Verständnis-
ses von menschlichem Miteinander und steht sie nicht allein für
Wortwahl, Satzmelodie, Mimik und Gestik.

Es ist meine Überzeugung, dass feinfühliges, verstehendes Miteinan-


der, in dem auch ohne Worte andere Wege vorgezeigt und dann in
Bezug zum eigenen Verständnis von professionellem Handeln ge-
setzt werden, mehr Chancen auf „Ansteckung“ im positiven Sinn hat,
als klare Aufforderungen zu einem bestimmten kommunikativen Ver-
halten, das von Kollegen aus anderen Kulturkreisen in keinerlei Bezie-
hung zu ihrem Wahrnehmen und Empfinden gesetzt werden kann.

202 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


„Dauerlächeln“ oder das (uns eventuell fremd anmutende) Übergehen
eigener Bedürfnisse erzeugt nach unserem Dafürhalten unter Um-
ständen Aggressionen und gilt als ungesund.
Ich halte es für richtig, etwa Jewel in einer ruhigen Minute über „un-
ser“ Verständnis von „professionellem“ kommunikativen Handeln
und Authentizität aufzuklären. Falsch erscheint mir, ihre Fähigkeiten
und alles, was sie erlernt und sich angeeignet hat, als unprofessionell
abzutun, und ihre andere Form der Verständigung mit ihrem pflegeri-
schen Können gleichzusetzen, es womöglich abzuwerten.
Insofern erscheint mir das, was Kumbier und Schulz von Thun als
Meta-Sensibilität bezeichnen, als das Mittel der Wahl, wenn es um
interkulturelle Kommunikation im Team geht.

Für die Praxis:


· Ein Miteinander zwischen verschiedenen Kulturen im Pflegeteam
ist spannend und kann alle Seiten voneinander profitieren lassen.
Dass es auch Schwierigkeiten – gerade was die Kommunikation
untereinander betrifft – mit sich bringen kann, liegt, betrachtet
man die Aussagen Betroffener in den obigen Ausführungen, auf
der Hand.
· Nun wird für Probleme, die im kommunikativen Miteinander lie-
gen, meist Metakommunikation empfohlen (vgl. auch Kap. II 6).
Was aber ist zu tun, wenn sich unterschiedliche Verständnisse
davon, was richtige oder wünschenswerte Verständigung ist,
auch auf dieser Ebene niederschlagen? Die sogenannte Meta-
Sensibilität stellt hier eine denkbare Alternative dar: Hier soll ver-
sucht werden, feinfühlig zu merken, wenn sich Unbehagen ein-
stellt – und in der Folge auf anderem Weg als durch offensives
An- und Aussprechen nach einer Lösung gesucht werden.
· Das könnte etwa das Vorzeigen anderer kommunikativer Möglich-
keiten sein. In aller Regel gelingt dabei mit der Zeit eine „positive
Ansteckung“, überhaupt dann, wenn ein solches Vorzeigen von
Gelassenheit geprägt ist und das „andere“ Verhalten nicht verur-
teilt oder abgewertet wird. Schließlich aber kann immer noch ver-
sucht werden, sich in passendem (ruhigen) Rahmen (behutsam!)
über unterschiedliche Vorstellungen im Zusammenhang mit ver-
baler, mimischer oder gestischer Verständigung, Nähe, Distanz
u.v.m. auszutauschen.

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 203


1.4 „Mehr als nur ‚kein Schweinefleisch‘“
(Kommunikation und Interaktion
mit muslimischen Patienten)
Aus der Praxis (Tabus)

Gül ist praktizierende Muslima und liegt auf der gynäkologischen Sta-
tion, da unklare Beschwerden abzuklären sind. Sie spricht nicht gut
Deutsch, weshalb die Schwiegermutter, die schon länger in Deutsch-
land lebt, oder deren Sohn, Güls Ehemann, zum Übersetzen kom-
men.
„Auf Zimmer zehn gibt’s nichts Neues“, sagt Doris bei der Dienstüber-
gabe, „alle sind nett und freundlich, reden aber wenig mit uns“, und
Susanne ergänzt: „Ansonsten ist es eine Gruppenveranstaltung.“
Als Susanne die Abendrunde macht, hat sie das Gefühl, dass bei Gül
etwas nicht stimmt. Auf mehrmaliges Nachfragen schweigt diese
aber – und der Ehemann betont, dass alles in Ordnung sei. Susanne
versucht, als er das Krankenhaus verlassen hat, noch einmal mit Gül
zu sprechen – sie wirkt nicht gesprächsbereit, dabei aber sehr höflich.
Am nächsten Tag kommt Güls Schwiegermutter wieder und nach län-
gerem Hin und Her ergibt sich ein Gespräch zwischen ihr, Gül und Do-
ris, die wieder Tagdienst hat. „Schwarz“, sagt die Schwiegermutter
immer wieder und wirkt verlegen, Gül deutet schließlich in Richtung
der Toilette.

Tabus und „schwierige“ Themen

In einem Leitfaden zum Umgang mit


muslimischen Patienten geben die Autoren,
was die Kommunikation betrifft, folgende Hinweise:
Im islamischen Kulturkreis sind bestimmte Themen im Gespräch
mit Außenstehenden oder auch dem anderen Geschlecht tabu.
Dazu gehört, dass weder „sexuelle Themen“ noch „familiäre Pro-
bleme“ mit Fremden besprochen werden. Wenn Probleme im Sexual-
bereich angesprochen werden, so geschieht dies nur indirekt. Beson-
ders trifft dies, so die Verfasser weiter, auf Migranten der ersten
Generation zu.

204 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


Das Thema „Schwangerschaft“ wird von Frauen gegenüber einem
Mann nicht angesprochen, auch über Blutungen bei Schwangeren
spricht man häufig nicht, da es die Angst gibt, jemand könne etwas
„Böses wünschen oder herbeireden“.
Sind ältere Personen ledig, kann die Frage nach dem Familienstand
als Hinweis auf einen Makel empfunden werden; ebenso können un-
verheiratete muslimische Frauen von der Frage nach Kindern peinlich
berührt sein – wie auch verheiratete Kinderlose, da einerseits der Ge-
schlechtsverkehr vor der Ehe verboten ist, andererseits Kinderlosig-
keit als Makel gilt (Becker et al. 2006, S. 71f).

Für Frauen gilt, dass Schmerzen, wenn sie im Genitalbereich auftre-


ten, „teilweise in eine andere Körperregion verlagert werden“, wobei
die Patientin dann versucht, „den Blick des Arztes auf Umwegen
doch zur eigentlichen Schmerzstelle hinzulenken (Becker et al. 2006,
S. 75).
Es kann vorkommen, dass es den Patienten unangenehm ist, über
Vorgänge wie „Stuhlgang, Wasserlassen, Auswurf und Erbrechen“
zu sprechen.
Kommt eine muslimische Patientin (wie Gül) mit ihrem Mann ins Kran-
kenhaus, so versteht er sich häufig als Ansprechpartner (Becker et al.
2006, S. 79).

Kommunikative Gebräuche

Werden allerdings die Grenzen des nur eingeschränkt üblichen,


kommunikativen Kontaktes mit Menschen des anderen Ge-
schlechts eingehalten – zwischen Mann und Frau wird intensiver
Blickkontakt häufig sehr eindeutig als Zeichen der Annäherung ver-
standen (Becker et al. 2006, S. 81), können körperlich-kommunika-
tive Gesten durchaus begrüßt werden – gleichgeschlechtliche Pfle-
gende können also durchaus einmal die Hand eines Patienten
nehmen. Das gilt insbesondere auch deshalb, da in der Türkei die An-
gehörigen Tag und Nacht bei ihm bleiben können. Ist dies nicht mög-
lich, „müssen die Krankenhausmitarbeiter bis zu einem gewissen
Grad auch die Zuwendung der Angehörigen für den Patienten erset-
zen“ (Becker et al. 2006, S. 37).

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 205


Der Mediziner und Philosoph Ilhan Ilkilic weist allerdings ausdrücklich
darauf hin, dass sowohl islamische Umgangsformen als auch die
Bereitschaft, das Kranksein als Ausnahme bzw. Notlage zu be-
trachten, unterschiedlich wahrgenommen und gelebt würden – wo-
durch in der Praxis vielfältige Verhaltensformen entstünden. Ein Hän-
dedruck des Arztes, so Ilkilic weiter, könne einer muslimischen
Patientin peinlich sein – es ist aber eben so gut möglich, dass sie
diese „westliche Begrüßungsform“ akzeptieren und sich bei ihrer Un-
terlassung beleidigt fühlen könnte. Der Autor empfiehlt daher, „schon
bei der Aufnahme über die Wertvorstellungen des Patienten zu spre-
chen“ (Ilkilic 2005, S. 32).

Weiters weist er darauf hin, dass in der Praxis der Einsatz eines Dol-
metschers oft unverzichtbar sei, wobei hier häufig jemand vom Kran-
kenhauspersonal einspringe. Schwierig dabei sei, dass dadurch zu-
nächst das „klassische Arzt-Patient-Verhältnis“ gestört werde, da der
Patient in Anwesenheit einer fremden, womöglich gegengeschlechtli-
chen Person, über Intimes sprechen solle. Werden Verwandte zuge-
zogen, um zu übersetzen, so könne „die Schamgefühl- oder Ver-
trauensproblematik“ zum Teil gelöst werden, dafür aber – je nach
Situation – andere Probleme auftauchen: Bestehe nämlich, so Ilkilic,
zwischen „dem Patienten und dem Dolmetscher ein Autoritätsver-
hältnis“, könne das die Kommunikation beeinträchtigen: „Eine erst
aus der Türkei gekommene, frisch verheiratete türkische Frau
geht mit ihrer Schwiegermutter zum Gynäkologen, um sich über Mög-
lichkeiten der Empfängnisverhütung zu informieren“ (Ilkilic 2005,
S. 26f).

Noch einmal: Meta-Sensibilität

Auf Gül mögen einige der angesprochenen Schwierigkeiten zutreffen,


andere nicht. Wir sehen, dass zunächst die hierarchisch höher ste-
hende Verwandte, die noch dazu Deutsch spricht, die vorrangige An-
sprechpartnerin ist, bzw. auch Güls Ehemann. Es ist ihr sichtlich un-
angenehm, manche Beschwerden zum Thema zu machen – wie sich
später herausstellt, ist ihr Stuhl (aufgrund der Einnahme eines Eisen-
präparates) schwarz verfärbt, was ihr und den Angehörigen Sorgen
bereitet.

206 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


Die Missverständnisse, die sich im Gespräch mit muslimischen Pa-
tienten und ihren Angehörigen ergeben können (und nicht notwendig
müssen!), haben mit vielen unterschiedlichen Dingen zu tun.
Einerseits ist uns die große Bedeutung der Familie zum Teil fremd und
wir kennen manche Hierarchisierungen innerhalb der Verwandtschaft
nicht in so starkem Ausmaß. Wir wissen nichts darüber, wie das Ver-
hältnis zwischen Gül und ihrer Schwiegermutter bzw. ihrem Ehemann
tatsächlich aussieht, ob Gül gerne in dem für sie fremden Land lebt
oder wie wichtig ihr die Ausübung ihrer Religion ist.
Diese Fragen haben teilweise mit dem Umstand zu tun, dass Gül
Muslima ist. Nun können wir im Rahmen der Pflege nicht alle Fragen,
die sich durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und
Religionen auftun, beantworten – und derlei zur Gänze in einem Auf-
nahmegespräch zu erheben, scheint weder sinnvoll noch möglich.
Was ist nun mit Blick auf die Kommunikation interessant?
Wichtig erschiene mir in dem Zusammenhang, Gül und den Verwand-
ten drei Dinge zu vermitteln: Erstens, dass man gerne ansprechbar ist,
zweitens, dass es bezüglich Religiosität und der anderen Sitten und
Gebräuche keinerlei Vorurteile gibt, und drittens, dass man sich die
Dinge in Ruhe ansehen kann. Meiner Meinung nach lässt sich das be-
werkstelligen, indem mit Gül und ihrer Schwiegermutter Blickkontakt
gehalten oder vielleicht Güls Hand genommen wird. Es muss dazu,
wie weiter oben im Zusammenhang mit der Meta-Sensibilität ausge-
führt, keineswegs alles an- und ausgesprochen werden, das Wesent-
liche tut sich quasi zwischen den Zeilen. Ich bin überzeugt davon,
dass Nicken, Lächeln, Kopfschütteln und vor allem – auch wortloser,
rein gestischer – Humor geeignete, kommunikative Mittel sind, um
Nähe zu vermitteln. Das scheint mir selbst dann der Fall, wenn ver-
schiedene Gesten in einem anderen Kulturkreis ganz andere Bedeu-
tungen haben als in unserem. Kommunikation ist schließlich ein größe-
res Ganzes, und ist, um (abgewandelt) ein großes Wort zu bemühen,
mehr als nur die Summe ihrer Teile. Das bedeutet, dass Pflegende
durchaus authentisch kommunikativ handeln können. Was mögliche
Missverständnisse betrifft, kann man sich etwa der Technik des (mimi-
schen) Spiegelns bedienen (vgl. Kap. I 4.3), abwarten und ausprobie-
ren. Natürlich ist es dazu notwendig, negative Empfindungen, die man
spürt, nicht wegzudrängen, sondern sie schnell zu überprüfen: „Was
ist mir jetzt unangenehm? Die Reaktion meines Gegenübers? Meine

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 207


eigene?“ und im Fall unerwarteter, „inadäquater“ (also nicht „entspre-
chender“ Reaktionen) noch einmal hinzusehen.
Es macht Sinn, ein solches Verhalten des Anderen, wie gesagt, nicht
als grundlegende Charaktereigenschaft zu sehen, sondern auch in
Betracht zu ziehen, dass es eine Reaktion ist, die entweder meinem
eigenen Verhalten oder der Summe der Umstände, unter denen man
aufeinander trifft, zuzuschreiben ist.
Wie oben ausgeführt, benennen Kumbier und Schulz von Thun das
als „implizite Meta-Sensibilität“, nämlich „feinfühlig zu merken, was
los ist, und (ohne das anzusprechen) einen behutsameren Weg aus
der Sackgasse einzuschlagen“ (Kumbier und Schulz von Thun 2008,
S. 24).

Diese Feinfühligkeit, wie ich sie verstehe, setzt sich zusammen aus
der blitzschnellen Bewusstmachung der eigenen Gefühle, und dem
Versuch, das, was das Gegenüber uns kommunikativ bietet, zu deu-
ten. Außerdem, das eigene Verhalten von außen zu betrachten und
es zur Reaktion des Gegenübers in Beziehung zu setzen.
Ein „behutsamerer Weg aus der Sackgasse“ ist meines Erachtens
durch vorsichtiges, mimisches, gestisches, verbales Ausprobieren
einzuschlagen, wobei auch hier versucht werden kann, die Sache auf
eigene Empfindungen und darauf, wie sie wohl „von außen“ aussieht,
zu überprüfen.
Voraussetzung dafür scheint mir das, was ich „wohlwollende Gelas-
senheit“ und „interessierte Offenheit“ nennen möchte, weiter die Fä-
higkeit, allgemeine Belastungen des Arbeitsalltags von der aktuellen
Situation zu trennen. Das vielleicht Wichtigste, das es in derlei Interak-
tionen mitzubringen gilt, ist meiner Meinung nach die Bereitschaft, frei
von jeder Art der Schuldzuweisung zu bleiben, sollte Kommunikation
einmal nicht glücken – das gilt für die eigene Person ebenso wie für
das Gegenüber.

Was hier vielleicht kompliziert klingt, habe ich bereits Auszubildende


im ersten Jahr ganz selbstverständlich auf Abteilungen tun sehen.
Sicher, es mag das geben, was man „kommunikative Talente“ nennen
mag.
Ich behaupte aber, dass es möglich ist, auch unter schlechtesten Be-
dingungen (unterschiedliche Muttersprachen, Aufenthalt in einem

208 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


fremden Land, Angst, Unsicherheit etc.) das eigentlich Wesentliche
(nämlich das Gefühl: der/die ist mir wohlgesonnen, will mir Gutes) zu
vermitteln und zu verstehen.
Wer nun mit Unsicherheit in eine solche kommunikative Situation
geht, den fordere ich abschließend auf, eine kleine Reise mit mir zu
machen: ins voll besetzte Flugzeug, in dem die Stewardess dem flug-
ängstlichen Passagier ein wenig länger als den anderen zulächelt; ins
Internetcafé, in dem eine Frau mit Kopftuch steht, erst auf die Uhr
deutet, dann mit dem offenen Handteller nach links und rechts winkt
(„geschlossen“) und mit Händen und Füßen erklärt, dass sie uns gern
helfen würde, wenn sie könnte. Auf den ländlichen Markt in Griechen-
land, auf dem ich zu verstehen geben wollte, dass ich keine ganze
Melone, sondern ein kleines Stück wollte und in Folie eingeschweißt
ein ganzes Messer-Set angeboten bekam – hatte ich doch mit der
Hand Schneidebewegungen ausgeführt. Manchmal wurde das Ziel
„Verständigung“ sofort erreicht, manchmal gar nicht. Was sich aber
jeweils unmittelbar einstellte, war das Gefühl, dass sich mit der kom-
munikativen Situation, in der man sich befindet, arbeiten lässt. Wenn
das der Fall ist, hat man es mit impliziter Meta-Sensibilität zu tun –
auch dann, wenn sie nicht absichtsvoll angestrebt wird.

Für die Praxis:


· In der Ausübung der (islamischen) Religion gibt es – in Abhängig-
keit von den verschiedensten Einflussfaktoren – große Unter-
schiede.
· Sowohl islamische Umgangsformen als auch die Bereitschaft,
das Kranksein als Ausnahme bzw. Notlage zu betrachten, wer-
den je unterschiedlich wahrgenommen und gelebt – was in der
Praxis wieder zu völlig verschiedenen Verhaltensformen führt.
· Sinnvoll erscheint es, im Zuge der Pflegeanamnese (zumindest in
einem gewissen Rahmen) zu erheben, wie es mit diesbezüglichen
Wertvorstellungen des Patienten aussieht und ob es besondere
Wünsche gibt. Dies ist aber nicht zur Gänze möglich, weshalb es
vor allem wichtig ist, im pflegerischen Tun („meta“-)sensibel zu
beobachten und zu reagieren.
· Voraussetzung dafür scheint mir das, was ich „wohlwollende
Gelassenheit“ und „interessierte Offenheit“ nennen möchte.

„Die sind da nicht so locker“ (Kommunikation zwischen den Kulturen) 209


· Werden Dolmetscher zugezogen, muss bedacht werden, dass
einerseits das „klassische“ Zweiergespräch zwischen Pflegeper-
son und Klienten nicht mehr möglich ist, und dass die Anwesen-
heit eines Dritten die gesamte Situation ändert. Wie oben an-
gesprochen, können andere Denkweisen mit Blick auf das
Geschlechterverhältnis, die Annäherung an „westliche“ Verhal-
tensnormen, Nähe und Distanz u. v. m. hier nochmals zum Tragen
kommen.
· Was es in derlei Interaktionen mitzubringen gilt, sind meines
Erachtens Interesse am Anderen, vielleicht Unbekannten, Neuen;
die Bereitschaft zu Offenheit und Vertrauen auf die eigene Meta-
Sensibilität, die sich innerhalb von Sekundenbruchteilen einstel-
len kann. Wichtig scheint mir auch, frei von jeder Art der
Schuldzuweisung zu bleiben, sollte Kommunikation einmal nicht
glücken – das gilt für die eigene Person ebenso wir für das Ge-
genüber.

210 Transkulturelle Pflege und Kommunikation


1. Kommunikation zwischen
Pflegenden und Patienten

1.1 „Schön, dass Sie da sind?“


(Das Aufnahme- oder Erstgespräch)
Aus der Praxis (Ausschnitt aus einem Erstgespräch)

Marion: „Und nun, Frau Baumann, muss ich noch wissen, wie das bei
Ihnen zu Hause mit dem Waschen ist. Wie sieht es damit denn aus?“
Frau Baumann (sieht zur Tür): „Doch, geht. Zwar anstrengend, aber
geht.“
Marion: „Das bedeutet, Sie schaffen das momentan ganz alleine?“
Frau Baumann (sieht wieder zur Tür, bemüht sich dann, sich auf Ma-
rion zu konzentrieren): „Ja, genau, so ist das.“
Marion: „Das ist fein. Gut, wir machen es so: Wir werden sehen. Wenn
sich zwischendurch etwas ändern sollte – und das kann kurzfristig
einmal der Fall sein – wenn Sie also etwas brauchen, Frau Baumann,
dann helfen wir Ihnen auch gerne, aber das wissen Sie ja, nicht
wahr?“ (Marion lächelt).

In der Folge nimmt das Erstgespräch seinen Verlauf, in dem Religions-


zugehörigkeit, Erwartungen an den Krankenhausaufenthalt, Hör- und
Sehbehelfe in derselben Weise zur Sprache kommen. Ich möchte hier
nur noch sein Ende wiedergeben.
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, fragt Marion am Ende des
Gesprächs und die Patientin antwortet: „Ist das hier die Abteilung 3A?“
„Ja, ganz genau“, antwortet Marion „also, wenn Sie Fragen, Wün-
sche, Beschwerden haben, dann wenden Sie sich an mich oder an
die Kollegen, in Ordnung?“
Frau Baumann nickt und sagt: „Vielen Dank, Schwester.“

Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 213


Aus der Praxis (Wie das Gespräch mit
Frau Baumann auch verlaufen hätten können)

Gerda: „Und mit der Körperpflege, wie ist es da?“


Frau Baumann (sieht zur Tür): „Doch, geht. Zwar anstrengend, aber
geht.“
Gerda: „Und das Religionsbekenntnis?“
Frau Baumann (sieht wieder zur Tür, bemüht sich dann, sich auf
Gerda zu konzentrieren): „Evangelisch A. B.“
Gerda: „Und irgendwelche Prothesen, andere Heilbehelfe, Sonsti-
ges?“
Frau Baumann: „Zahnprothese oben und unten und die Krücken,
sonst nichts.“

In der Folge nimmt dieses Gespräch seinen weiteren Verlauf, in dem


noch andere Themen in derselben Technik „abgefragt“ werden. Ich
möchte auch hier nur mehr sein Ende wiedergeben:
Gerda (macht sich Notizen): „Gut. Nun müssen Sie mir aber etwas
verraten: Sie schauen andauernd zur Tür. Warum denn das?“
Frau Baumann: „Ist das hier die Abteilung 3A?“
Gerda (nimmt Frau Baumanns Hand): „Ja, ganz genau. Darum
schauen Sie zur Tür?“
Frau Baumann: „Ja.“
Gerda (lacht): „Haben Sie Angst, dass Sie sich verlaufen haben? Nein,
im Ernst. Ist das für Sie wichtig?“
Frau Baumann erzählt, dass ihre Nachbarin gesagt habe, eine Be-
kannte sei „genau auf der Abteilung 3A“ gestorben, nachdem sie ope-
riert worden sei. Die Patientin hat nun die Vermutung, sie sei auf jener
Station des Krankenhaus gelandet, die für die „schwersten Fälle“ sei.
„Wenn man auf 3A kommt“, habe die Nachbarin gesagt, sei das „ein
ganz schlechtes Zeichen“. Als der Portier ihr die Aufnahmepapiere ge-
geben habe und sie dann ausgerechnet auf die Abteilung 3A schickte,
sei es „mit ihren Nerven vorbei“ gewesen, berichtet die Patientin noch.
Gerda streichelt die Hand der 70-jährigen Frau und erklärt ihr, dass
auf 3A „vom Fußpilz bis zum ‚schweren Fall‘ alles liegt“ und weiter,
dass sie, wenn alles nach Plan liefe, wovon auszugehen sei, in spä-
testens zwei Wochen wieder zu Hause sei und die Nachbarin über
das Missverständnis aufklären könne. „Und, wissen Sie was?“, sagt

214 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


Gerda noch, „wenn Sie wieder einmal eine Sorge überkommt, dann
hängen Sie sich einfach fest an meine Schürze, ja?“
Frau Baumann nimmt Gerdas Hände und drückt sie: „Ein Schatz sind
Sie!“

Fakten- oder Patientenorientierung?


Kriterien für professionell geführte
pflegerische Erstgespräche

In ihrer linguistischen Untersuchung von Erstgesprächen in der Pflege


fragt Sabine Walther nach verschiedenen interessanten Teilaspekten
– etwa danach, ob es sich beim Kommunikationstyp dieser pflegeri-
schen Aufgabe eher um ein Interview denn ein Gespräch handeln
soll, welche der beiden Formen eher Patientenorientierung ermög-
licht und wann die Gefahr der vorrangigen Betonung reiner Fakten im
Vordergrund steht (Walther 2001, S. 37ff).
Dem Wesen eines Interviews entsprechend erfolge, so die Autorin
weiter, dort der Wortwechsel eher fakten- denn patientenorientiert,
weshalb sie eindeutig den anderen Kommunikationstyp empfiehlt:
„Nur wenn man die Äußerung des Gesprächspartners bzw. der Ge-
sprächspartnerin in den Verlauf des Wortwechsels einbezieht, ist ein
patientenorientiertes Gespräch möglich“ (Walther 2001, S. 39).

Walther fragt weiter, was eigentlich die Professionalität von pflegeri-


schen Erstgesprächen ausmacht und benennt (auch unter Bezug-
nahme auf den deutschen Berufsverband für Pflegeberufe) dabei
„Sach- und Handlungskompetenz“, die es ermöglichen würden, he-
rauszufinden, welche Bedürfnisse, Möglichkeiten oder auch Pro-
bleme die Klienten der Pflege haben. Die Sachkompetenz umfasse
Fachwissen über das Erstgespräch selbst, weiters über „die notwen-
dige pflegerische Behandlung bzw. Betreuung“, über „Interaktion und
Gesprächsführung“ sowie in gewissem Ausmaß auch „medizinisches
Fachwissen“. Die Handlungskompetenz zeige sich dadurch, dass
sich dieses Wissen im Erstgespräch auch widerspiegle.
Schließlich wird als wichtiges Kriterium die Patientenorientierung ge-
nannt, was etwa bedeute, dass das Gespräch „nicht einseitig auf
(z. B.) somatisch orientierte Themen ausgerichtet sein“ solle und die
„von beiden Gesprächspartnern angesprochenen Themen“ außerdem

Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 215


„zueinander in Beziehung gesetzt werden“ müssten: Die Pflegeperson
dürfe sich demnach „nicht auf das Abfragen von Daten beschränken,
sondern muß sich an den Äußerungen des Patienten orientieren“, der
auch die Gelegenheit bekommen müsse, Fragen zu stellen und „die für
ihn wichtigen Themen und damit einhergehenden Umstände anzu-
sprechen“ (Walther 2001, S. 40).

Bevor ich einige Ergebnisse aus Walthers Studie


darstellen möchte, sollen kurz
einige Begriffe geklärt werden:
Patientenorientiertes Gesprächsverhalten richtet sich nach den
aktuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten des Patienten, stellt seine
Befindlichkeit, auch seine Ängste in den Vordergrund.
Funktions- oder faktenorientiertes Gesprächsverhalten rückt den
Informationsgewinn ins Zenrum des Geschehens, wobei das, was der
Patient empfindet, in den Hintergrund gedrängt werden kann.
Offene Fragen sind Fragen, die eine große Bandbreite an Antworten
ermöglichen – etwa: „Wie gestalten Sie die Körperpflege zu Hause?“,
„Was sind Ihre bisherigen Eindrücke vom Krankenhausaufenthalt?“
oder „Was essen Sie gern?“
Das hat zur Folge, dass der Befragte verhältnismäßig frei antworten
kann.
Geschlossene Fragen halten die Antwortmöglichkeiten eher gering,
etwa: „Können Sie sich selbst waschen?“, „Gefällt es Ihnen bei uns?“
oder „Schmeckt das Essen?“

Häufige Probleme

Sabine Walther (die das Vorgehen examinierter Pflegender und Aus-


zubildender gesondert untersucht hat) benennt für Erstere als „Cha-
rakteristika und Probleme der Gesprächsführung“ u. a. Folgendes:
Es wird den Patienten der Zweck des Gespräches oft nur unzurei-
chend deutlich gemacht.
Oft fällt es Pflegenden schwer, die „Laienperspektive“ einzunehmen,
fehlendes Wissen der Patienten wird „zu selten berücksichtigt“.
Nicht immer haben die Patienten genug Zeit, nachzudenken – die Ver-
teilung der Pausen im Gesprächsverlauf „erfolgt fast ausschließlich
funktionsorientiert“, weiters:

216 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


„Die Pflegenden nehmen durch geschlossene Fragen und feststel-
lende Äußerungen Einfluss auf Inhalt und Umfang der Antworten der
Patienten; selbstständiges Erzählen der Patienten wird dadurch be-
hindert.“
Häufig gehen Pflegende auf „Anspielungen, Probleme oder Ängste
der Patienten“ nicht ein.
Sie nutzten auch selten „Gesprächshandlungen, mit denen sie sich
individuell auf den einzelnen Patienten beziehen, indem sie ihn bei-
spielsweise beruhigen oder Verständnis und Interesse bekunden“
(Walther 2001, S. 248).

Insgesamt attestieren die Ergebnisse der Untersuchung (examinier-


ten) Pflegenden ein zu stark funktions- bzw. zielorientiertes, sprachli-
ches Handeln – es steht dabei eben die Informationssammlung im
Vordergrund (Walther 2001, S. 249).

Gangbare Wege für die Praxis

Nun sind die Ergebnisse, zu denen Walther kommt, interessant – und


in der Folge lässt sich daraus ableiten, dass Pflegende sich um Pro-
fessionalität bemühen sollen, was sich zunächst dadurch zeigen soll,
dass kein Interview, sondern tatsächlich ein Gespräch geführt wird.
Wichtig dabei ist, dass der Klient über dessen Zweck aufgeklärt wird
und es einordnen kann. In seinem Verlauf ist es wünschenswert, dass
die Pflegeperson auf das, was ihr Gegenüber sagt, auch tatsächlich
eingeht und sich daran orientiert.
Verständlichkeit (vgl. Kap. I 4.1 und I 4.5) ist dabei ebenfalls wichtig,
noch wesentlicher aber scheint mir, dass – sollte die Pflegeperson
doch den einen oder anderen Begriff aus dem „Pflegejargon“ verwen-
den – der Patient das Gefühl hat, nachfragen zu können.
Offene Fragen sollen zum freien Sprechen einladen, Pausen so ge-
setzt werden, dass sie den Bedürfnissen des Patienten entgegenkom-
men: Sie müssen ihm ein Nachdenken ermöglichen und dürfen nicht
lediglich der thematischen Strukturierung des Gesprächs dienen.
Der entscheidende Punkt scheint mir aber zu sein, dass Pflegende
auf, wie Walther sagt, „Anspielungen, Probleme und Ängste“ der Pa-
tienten eingehen – und an dieser Stelle möchte ich etwas zur Sprache
bringen, das sich aus meinen praktischen Erfahrungen speist.

Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 217


Vorweg aber eines dazu: Ich schließe mich den Ausführungen Sabine
Walthers uneingeschränkt an und nichts von dem, was ich hier sage,
soll sie in Frage stellen. Worauf ich hinaus will, ist etwas anderes.
Zwischen Gerda und Frau Baumann kommt es zu dem, was ich hier
„Funkenflug“ nennen möchte – die beiden kommen einander so
nahe, dass jene Sorge der Patientin, die tatsächlich fast ihr gesamtes
Denken bestimmt, zum Thema wird – zwischen Marion und Frau Bau-
mann passiert dies nicht.
Gerda macht, genau genommen, vieles, was beim Erstgespräch ei-
gentlich vermieden werden soll, und das bei Marion unterbleibt:
Gerda „interviewt“ ganz klassisch, verwendet Fachausdrücke („Kör-
perpflege“, „andere Heilbehelfe“) und bietet andererseits ihre Unter-
stützung unter Verwendung von Vokabeln an, die gar nicht professio-
nell klingen („. . . dann hängen Sie sich einfach fest an meine Schürze,
ja?“ anstatt „. . . dann bin ich gerne für Sie da.“). Schließlich widmet
sich Gerda auch jenem Teil von Frau Baumanns Verhalten, der das
Gespräch eigentlich stört (nämlich ihr ständiges Zur-Tür-Sehen) und
gibt ihm Platz (vgl. auch Kapitel II 5).
Ich habe Pflegende aus dem slawischen Raum im Gespräch mit ver-
zweifelten Angehörigen von Pflegeheimbewohnern erlebt – und ge-
hört, dass diese Kollegen zu den Töchtern alter, demenziell erkrankter
Menschen nichts weiter sagten als: „Was kann man machen“, dabei
ihre Hand nahmen und sie „einfach nur“ ansahen. Es kam zu dem,
was ich weiter oben „Funkenflug“ nannte.
Ebenso erinnere ich mich an Gespräche, die gut strukturiert waren und
in denen, von außen betrachtet, zwar gemeinsame Lösungen überlegt
wurden, aber sich die, für die sie gedacht waren, gedanklich längst aus
der Situation verabschiedet hatten. Sie gaben formal wohl die eine
oder andere Antwort, hatten dabei jedoch längst wieder die im Raum
umherirrende Mutter oder Oma im Blick.
Und natürlich gab es die Kombination „korrekte“ Kommunikation plus
Erfolg (Funkenflug) und klarerweise „unkorrekt“ geführte Gespräche,
in denen kein Funke überspringen konnte.

„Wie soll man’s denn nun richtig machen?“, mögen Pflegende sich
nun fragen und dabei an die vielen verschiedenen Ansprüche und zu-
gleich an die knappe Zeit denken. Natürlich bieten ein möglichst guter
Rahmen (und hier ist alles das gemeint, was Walther empfiehlt) und

218 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


zunächst wohlwollende Gelassenheit die besten Voraussetzungen für
das Gelingen solcher Gespräche.
Wer auf professionelle Weise kommuniziert, muss weiter über die
Möglichkeit verfügen, die Situation, in der er das tut, zu reflektieren –
also, sie selbst auch von außen zu betrachten. Bleibt er nicht allein da-
bei, sondern stellt das her, was man „affektive Nähe“ nennt – versetzt
er sich also in die Situation des Gegenübers, beobachtet es aufmerk-
sam und hat vor allem die dringende Lust und Neugierde, in dessen
Welt vorzudringen – hat man große Chancen, die Sorgen des Gegen-
übers so gut zu erfühlen, wie das im Beispiel Gerdas der Fall ist.

Weiter ist der Mut, für ein paar Momente zu scheitern, gefragt: Gute
Kommunikation zeichnet sich auch dadurch aus, jederzeit das Bild,
das man sich von der Situation macht, durch ein anderes zu ersetzen
– indem etwa feinfühlig und schnell auf die Signale, die empfangen
werden, reagiert wird.
Der Begriff der Toleranz scheint mir strapaziert und zugleich wichtig.
Wer sich durch Empfindungen, die in ihm hoch kommen, oder durch
die Bewertung von Aussehen, Geruch oder Verhalten des Gegen-
übers (nachhaltig) verstören lässt, strahlt das mit großer Wahrschein-
lichkeit aus und das Zustandekommen wirklicher Nähe wird verhin-
dert.
Aufrichtiges Interesse lässt sich durch großen Raum, den man dem
Anderen für seine (kommunikativen) Eigenheiten gibt, vermitteln –
und das wieder ist nicht unbedingt und schon gar nicht ausschließlich
an Eröffnungsphasen, Frageform oder Sprachverwendung im kom-
munikativen Miteinander gebunden. Was wiederum nicht bedeutet,
dass sie es nicht maßgeblich erleichtern können.

Für die Praxis:


· Die Frage, wodurch sich professionell geführte Erst- oder Aufnah-
megespräche auszeichnen, werden in der diesbezüglichen Litera-
tur dahin gehend beantwortet, dass ihr Kommunikationstyp
grundsätzlich eher der des Gesprächs denn der eines Interviews
ist – was gewährleisten soll, dass kein bloßes „Abfragen“ stattfin-
det, sondern auch die Bedürfnisse und Anliegen des Patienten
Raum haben.

Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 219


· Man könnte somit auch sagen, dass der Patientenorientierung
gegenüber der Faktenorientierung der Vorzug gegeben werden
soll.
· Neben fachlicher Kompetenz kommt auch dem Wissen und den
Fertigkeiten mit Blick auf die Gesprächsführung selbst Bedeu-
tung zu, was sich etwa darin zeigt, dass der Patient immer wieder
ins Gespräch einbezogen und ausreichend über dessen Zweck
aufgeklärt wird.
· Anspielungen und Ängste der Patienten sollen schließlich aufge-
nommen und verarbeitet werden, wobei es eine wichtige Rolle
spielt, dass Pflegende auch die Perspektive von Laien einzuneh-
men in der Lage sind.
· Ich schließe mich allen diesen Empfehlungen an, möchte sie aber
um den Hinweis darauf erweitern, dass diese spezielle Form des
Gesprächs grundsätzlich auch dann gelingen kann, wenn „for-
male“ Fehler gemacht werden, und habe daher auch mit Absicht
ein Beispiel gewählt, in dem das der Fall ist.
· Das hat seinen Grund darin, dass affektive, gefühlsmäßige Nähe
zum Gegenüber auch in ganz kurzer Zeit, trotz vielleicht sogar
brüchiger Sprache oder nicht verstandener Fachausdrücke, zu-
stande kommen kann – und dass umgekehrt „korrektes“ Ge-
sprächsverhalten allein kein Garant für gelingende Verständigung
ist, wenn es der Pflegeperson nicht gelingt, gefühlsmäßige Betei-
ligung zu signalisieren.
· Gefühlsmäßige Beteiligung kommt zustande, wenn den Eigen-
heiten des Gegenübers viel Raum gegeben wird, wenn der, der
das Gespräch führt, es zugleich auch immer „von außen“ be-
trachtet, wenn er tatsächlich neugierig auf das ist, was der An-
dere zu sagen hat. Weiter darf er sich nicht dazu verleiten lassen,
ein Bild, dass er sich von der Situation oder dem Patienten
gemacht hat, als gegeben hinzunehmen, sondern muss vielmehr
bereit sein, es jederzeit zu ändern.
· Schließlich ist dem, was das Miteinander vielleicht stört, Vor-
rang zu geben – oft liegt genau darin etwas, das es zu entdecken
gilt.

220 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


1.2 „Zwischen Tür und Angel“
(Das „beiläufige“ Gespräch und
die sogenannte Alltagskommunikation)
Aus der Praxis (Madame)

Veronika kommt in der Früh zu Frau Kron ins Zimmer, die geläutet hat.
„Bitte nur ganz kurz die Schüssel“, sagt sie – und wenig später: „Ich
brauch‘ nur noch meine Spritze“. Veronika erklärt Frau Kron, dass die
Spritze abgesetzt wurde und sie stattdessen Tabletten bekommt.
„Gut“, gibt sich diese zufrieden, „dann helfen Sie mir bitte noch kurz
mit Waschen und so.“
„Wir machen noch Dienstübergabe, aber ich komme dann gleich“,
sagt Veronika, während sie schon das Nachtkästchen für die Ganz-
körperwaschung vorbereitet. „Ist die Nachtschwester noch da?“, will
Frau Kron wissen. „Ja“, entgegnet Veronika, aber die macht auch
noch Dienstübergabe und geht dann nach Hause.“
„Na, und wenn jetzt die Patienten dringend etwas brauchen?“
„Naja, in Notfällen geht das schon“, erklärt Veronika, „wenn geläutet
wird, kommt ja auch immer jemand. Aber ganz mit dem Waschen an-
zufangen, das geht halt erst in einer halben Stunde.“
„Halt, halt, Madame“, sagt Frau Kron, „ich habe nur um ein bisschen
Hilfe gebeten, das wird ja wohl nicht wieder gleich zu viel sein.“

Aus der Praxis (Grenzüberschreitungen)

Herr Huber wird von Susanne und Kerstin versorgt. Er leidet unter
starkem Durchfall und wird im Bett gepflegt. „Ist schon wieder was
da“, sagt er. Susanne meint: „So, dann drehen Sie sich auf die Seite,
dann helfen wir Ihnen.“ Herr Huber dreht sich mit Hilfe der beiden um
und sieht an die Wand. „Keine Angst, Sie fallen nicht aus dem Bett,
wir sind ja zwei Starke! So, jetzt müssen wir nur schnell mal da . . .“
„So, jetzt nehmen wir die Unterlage heraus, Sie halten einfach ruhig,
dann schaffen wir das schon!“
„Mit vereinten Kräften“, ergänzt Herr Huber.
„Genau, so machen wir das“, sagt Susanne.

Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 221


An dieser Stelle möchte ich einen Teil eines Praxisbeispiels von Iren
Bischofberger im Wortlaut wiedergeben, das sich hier nahtlos an-
schließen könnte – man stelle sich also statt des Herrn Müller ruhig
weiterhin Herrn Huber vor:

„(. . .) er wollte sich sogleich wieder bei uns für den unangenehmen
Geruch entschuldigen, aber meine erfahrene Kollegin ließ ihn gar
nicht erst zu Wort kommen, sondern sie meinte spontan: „Machen
Sie sich mal keine Sorgen, den Geruch kriegen wir gleich wieder aus
dem Zimmer raus. Und wissen Sie, ich arbeite nun schon sehr lange
in meinem Beruf, aber ich habe noch nie jemanden gepflegt, der Par-
füm scheißt.“ Herr Müller blickte sie zunächst verdutzt an. Aber sofort
hellte sich sein Gesicht auf, und er begann herzhaft zu lachen. Eine
für ihn unangenehme Situation hatte sich völlig unerwartet entschärft.
Er wirkte sehr erleichtert. Derselbe Spruch war auch bei späteren „Ak-
tionen auf dem Thron“ eine wertvolle Hilfe (. . .)“ (Bischofberger 2002,
S. 45).

Tätigkeitsbegleitende Kommunikation

Christine Weinhold beschreibt in ihren theoretischen Vorüberlegun-


gen zur sogenannten „tätigkeitsbegleitenden“ Kommunikation in der
Pflege, dass es sich dabei um „Gesprächssequenzen“ handle, „mit-
tels derer Pflegekräfte vor, während oder nach einer praktischen Tä-
tigkeit diese ankündigen, erklären oder in anderer Art und Weise the-
matisieren.“ Es könne auch vorkommen, dass eine Tätigkeit zwar
thematisiert, aber nicht ausgeführt werde; die Kommunikation be-
gleite dann deren Planung.
Pflegerische Handlungen würden mittels dieser Form der Kommuni-
kation also „sprachlich strukturiert, wobei das primäre Ziel die Erledi-
gung dieser Tätigkeiten ist“ (Weinhold 1997, S. 139).

Grundsätzlich unterscheidet die Autorin zwei Arten pflegerischen


Tuns, die sich nicht nur in ihrem Wesen, sondern (zumindest in dem
Rahmen, in dem von ihr beforscht) auch in der dabei stattfindenden
Kommunikation unterscheiden:
Es sind dies zum einen die „stellvertretend ausgeführten Tätigkeiten“
wie etwa die Körperwaschung, die Unterstützung beim Ausscheiden

222 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


oder der Nahrungsaufnahme – also Dinge, die der Patient, ließe es
seine Situation zu, selbst ausführen würde.
Andererseits gibt es die „nicht stellvertretend ausgeführten Tätigkei-
ten“ wie etwa das Messen des Blutdrucks oder Pulses.
Pflegende neigen, so eines der Ergebnisse der Forschung Weinholds,
dazu, im Rahmen der nicht stellvertretend ausgeführten Arbeiten den
Patienten weniger Mitspracherecht bezüglich ihrer eigenen Wünsche
einzuräumen als im Zusammenhang mit den stellvertretend ausge-
führten Tätigkeiten: Lehnt ein Patient beispielweise die Mundpflege
ab oder möchte keine Salbe, wird dies von den Pflegenden akzep-
tiert. Zeigt aber ein Messinstrument (Fieberthermometer) kein akzep-
tables Ergebnis, so muss die Messung wiederholt werden (Weinhold
1997, S. 168).

Die Verwendung von Abtönungspartikeln

Im Rahmen unseres Handelns müssen notwendig Intim- und


Schamgrenzen überschritten werden, wobei auf der anderen Seite
auch versucht wird, sie so weit als möglich zu respektieren. Auf der
Suche nach (kommunikativen) Mechanismen, mittels derer sowohl
Pflegende als auch Klienten der Pflege diesen Umstand so weit als
möglich versuchen zu bewältigen, stößt Weinhold auf bestimmte „Ab-
tönungspartikel“ (Weinhold 1997, S. 141ff).
Abtönungspartikel sind Worte, die dazu dienen, Einstellungen und/
oder Erwartungen des Sprechenden Ausdruck zu verleihen, also Aus-
sagen in bestimmter Weise zu „tönen“. Typische Beispiele für solche
Worte sind:

auch, eben, eigentlich, halt, mal, ruhig, überhaupt, schon, wohl, viel-
leicht, aber etc.

Ein Beispiel für die Verwendung eines Abtönungspartikels sind etwa


die Fragen:
„Warum sind Sie eigentlich gekommen?“ oder
„Haben Sie überhaupt schon etwas gegessen?“

Frau Kron verwendet solche Worte, indem sie sagt:


„Bitte nur ganz kurz die Schüssel“;

Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 223


„Ich brauch‘ nur noch meine Spritze“;
„dann helfen Sie mir bitte noch kurz mit Waschen und so“ und
„Ich habe nur um ein bisschen Hilfe gebeten, das wird ja wohl nicht
wieder gleich zu viel sein.“

Veronika sagt:
„Wir machen noch Dienstübergabe, aber ich komme dann gleich.“

Nun können diese Worte unterschiedliche Funktionen erfüllen, sie die-


nen im Zusammenhang mit Grenzüberschreitungen etwa der Baga-
tellisierung („nur schnell mal da . . .“). Ebenso können Patienten mit
dem Wort „schnell“ andeuten, dass es sich um ein „kleines“ Anliegen
handelt („Geben Sie mir schnell die Zeitung?“, vgl. hierzu Weinhold
1997, S. 48) – es soll also relativiert werden.
Wenn Pflegende (wiederholt) Aufforderungen an Patienten richten
(müssen), kann die Direktheit von Aufforderungen abgeschwächt
werden („Machen Sie geschwind noch einmal den Arm frei“, vgl.
auch Weinhold 1997, S. 147).
Abtönungspartikel können auch ganz klar Beleidigungen sein, die
unterschwellig etwa andeuten, jemand habe sich über etwas (zu viel
Arbeit) beschwert: „Das wird ja wohl nicht wieder gleich zu viel sein“).
Dieselbe Funktion erfüllt übrigens auch der Zusatz „Madame“, mit
dem Frau Kron Veronika anspricht.

Einerseits muss im Pflegealltag damit umgegangen werden, dass, In-


tim- und Schamgrenzen überschritten werden müssen – andererseits
hat man es auch mit ständigen Aufforderungen zu tun, die von Klien-
ten an Pflegende und umgekehrt von Pflegenden an Klienten gerich-
tet werden.
Pflegende hören dabei häufig Satzsequenzen, die – formal gesehen –
höfliche Bitten sind, „im institutionellen Kontext aber den Charakter
einer Aufforderung“ haben, „der sich die Krankenschwester nicht ent-
ziehen kann“ (Weinhold 1997, S. 143) – und selbstverständlich ist dies
auch umgekehrt der Fall: „Könnten Sie den Oberkörper freimachen“
ist in der Tat eine von der Pflegeperson an den Patienten gerichtete
Aufforderung, die ebenso wie eine höfliche Frage klingt wie: „Schwes-
ter, kann ich die Schüssel haben?“

224 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


Was im Zusammenhang mit den besprochenen Phänomenen rund
um die „tätigkeitsbegleitende“ Kommunikation in der Pflege auffällt,
sind zunächst wohl zwei Dinge:
Einerseits geschieht – auch mit Worten – vieles, um die Überschrei-
tung intimer Grenzen zu bewältigen, andererseits stehen eine Menge
Bemühungen im Dienst, (wiederholte) Aufforderungen, Bitten, Wün-
sche und Anliegen quasi zu entschärfen und ihnen einen anderen
Charakter zu geben.
Beides trifft für beide Richtungen, in die Botschaften gesendet wer-
den, zu: sowohl vom Klient zur Pflegeperson als auch umgekehrt.

Dagegen ist, so denke ich, nichts zu sagen. Ich fordere Pflegende al-
lerdings auf, empfundenen Unmut in Kommunikation und Interaktion
nicht zu schlucken, sondern sich ihn bewusst zu machen. Gerade das
Gesprächsverhalten von Frau Kron kann unter Umständen schwer zu
ertragen sein. Die unterschwelligen leisen Andeutungen „zwischen
den Zeilen“ lassen Veronika mit einem „unguten Gefühl“, wie sie spä-
ter sagt, zurück.
Die Bewusstmachung des Unmuts hat folgenden Zweck: Wie Paul
Watzlawick ausführt (vgl. Kap. I 1.2), dominiert innerhalb kommunika-
tiver Begegnungen die Beziehungsebene häufig die inhaltliche.
Würde Veronika nun auf die unterschwelligen Angriffe der Patientin
auf inhaltlicher Ebene reagieren, würde sie z. B. sagen: „Wann ich
Zeit habe, kann ich noch nicht sagen. Es ist vielleicht gegen zehn,
vielleicht aber auch gegen elf Uhr möglich.“ Sie könnte auch erst we-
sentlich später kommen und das recht einfach durch institutionelle
Zwänge („Notfall“, „Zwischenfall“, „Anderes war wichtiger“, „Andere
Patienten brauchten dringend etwas“ etc.) begründen. Hier zeigt sich
auch die Asymmetrie der Kommunikation in der Pflege (vgl. Kap. III 1)
wieder deutlich.
Dann wären aber die kommunikativen Ebenen verlagert: Es würde
dort auf inhaltlicher Ebene reagiert, wo das Problem eigentlich auf
der Ebene der Beziehung (nämlich in den Angriffen, die Frau Kron
„zwischen den Zeilen“ platziert) liegt.
So etwas geschieht im Rahmen von Kommunikation häufig – und
nicht immer gibt es Raum und/oder Notwendigkeit, das aufzuklären:
Jemand der vom Verhalten und vielleicht Redefluss eines Verkäufers
unangenehm berührt ist, verzichtet eventuell darauf, ein Produkt zu

Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 225


kaufen (und besorgt es sich anderswo), auch dann, wenn es ihn inte-
ressiert.
Im Rahmen der Pflege haben wir es aber meist mit längeren, oft inten-
siveren Beziehungen zu tun und ein „Austragen“ auf inhaltlicher
Ebene ist häufig problematisch. Gerade, wenn diese Gefahr gege-
ben ist, gilt: Wenn ich auch im Kapitel III 1 geraten habe, nicht sofort
die sogenannte Metakommunikation zu bemühen, macht es durch-
aus Sinn, etwa das Wort „Madame“ anzusprechen oder ganz klar auf
die Abtönungspartikel einzugehen, also zu sagen: „Frau Kron, wenn
Sie von ‚wieder gleich zu viel‘ sprechen, klingt das für mich, als hätten
Sie diesen Eindruck häufiger.“ In vielen Fällen kommt dann das zu
Sprache, was eigentlich Thema ist und bietet sich die Gelegenheit,
vielleicht ein Missverständnis aufzuklären.

Allerdings: Selbstverständlich gibt es im Ansprechen solcher Angriffe


oder Abwertungen viele verschiedene Stufen – und wer es tut, kann
das Gespräch diesbezüglich auch steuern. Eine sehr direkte Möglich-
keit wäre etwa, zu sagen:
„Frau Kron, wenn Sie von ‚wieder gleich zu viel‘ und ‚Madame‘ spre-
chen, fühle ich mich angegriffen.“
Hier müssen Pflegende in sehr kurzer Zeit viele verschiedene Kom-
ponenten einbeziehen: Handelt es sich um eine Patientin, die eine
sehr ungünstige Diagnose erfahren hat und verzweifelt ist, kann viel
mehr ertragen und „eingesteckt“ werden, als wenn es sich – und ja,
das gibt es – schlicht um Klienten handelt, die Pflegende abwerten
wollen.
Hier liegt, was die feinen Nuancierungen betrifft, viel in unserem eige-
nen Ermessensspielraum, und besonders die Reaktionen von Patien-
ten, die schon sehr lange stationär aufgenommen sind und sich sehr
hilflos und unsicher fühlen, können dann recht heftig sein.
Ich empfehle, die Situation unter Einbeziehung der gegebenen Um-
stände aus der Distanz zu betrachten und dann zu überlegen, wel-
ches Register man ziehen will.
Wichtig ist aber, dass, wenn eine sehr persönliche und direkte Ebene
angepeilt und auch erreicht wird, auch den Rahmen dafür zu bieten,
die Sache aufzuklären (und nicht etwa das Zimmer zu verlassen oder
die Angelegenheit mit einem „Nun wissen Sie ja Bescheid“ oder Ähn-
lichem abzutun).

226 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


Ich kann mich an viele eigene Erfahrungen erinnern, in denen schon
ein kleiner Hinweis auf unterschwellige Beleidigungen genügte, damit
Klienten ihr Verhalten änderten – und empfehle ein solches Vorgehen
auch.
Humor ist auch hier etwas, das mir als gute Möglichkeit erscheint, die
Sache zwar anzusprechen, aber nicht unnötig in einen Bereich zu
bringen, der sehr viel emotionale und affektive Beteiligung auf beiden
Seiten nach sich zieht. Veronika könnte z. B. sagen: „Wissen Sie, Frau
Kron, wäre ich eine Madame, säße ich zu Hause mit Scharen von
Dienstboten. Jetzt bin ich aber hier und wir werden’s schon gut mitei-
nander schaffen.“ Tut sie das mit wohlwollender Gelassenheit (und
ohne bittere Ironie), zwinkert sie vielleicht dabei, stehen die Chancen
gut, dass Frau Kron, auch ohne dass dies explizit zum Thema ge-
macht wird, wahrnimmt, dass ihre Andeutungen nicht unkommentiert
„geschluckt“ werden.

Humor in der tätigkeitsbegleitenden Kommunikation

Müssen Intimgrenzen überschritten werden oder hat man es mit


Asymmetrie und Abhängigkeit zu tun (und beides sind Umstände,
unter denen tätigkeitsbegleitende Kommunikation in der Pflege u. a.
stattfindet), können Angst und/oder Spannung entstehen, die danach
drängen, abgebaut zu werden.
Irene Bischofberger erläutert in ihrem Werk einerseits gängige Humor-
Theorien und setzt sie in Beziehung zur Pflege, und überlegt anderer-
seits, wie Humor so eingesetzt werden kann, dass er den Bedürfnis-
sen von Patienten gerecht wird und der Schuss nicht nach hinten los
geht.
Uns soll hier die „Erleichterungstheorie“ im Zusammenhang mit Hu-
mor beschäftigen. Damit ist vorrangig gemeint, dass ein Entspan-
nungseffekt eintritt, der dann im Vordergrund steht – und somit die
verursachende Situation in entlastender Weise von der Bildfläche
schiebt. Die Autorin hält dies (gemeinsam mit anderen Theorien zum
Humor), „gerade für helfende Berufe hilfreich und erhellend“, da dabei
auf „zentrale Elemente des Lebens mit Krankheit“ hingewiesen würde
– beispielsweise „Leben mit peinlichen Situationen“ (Bischofberger
2002, S. 37).

Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 227


Nun ist es mit dem Humor so eine Sache. Natürlich kann er falsch ver-
standen werden, zum falschen Zeitpunkt in ungünstiger Weise plat-
ziert sein oder um den kleinen, entscheidenden Zwischenton zu
schrill, zu schwarz, zu derb oder zu seicht sein. Ich denke, dass es
aber, besonders wo er den Zweck der Entlastung erfüllen soll, schlicht
genügen kann, ihn überhaupt einzusetzen – jedenfalls solange er, wie
Bischofberger sagt, zum „Humorstil“ des Patienten passt und mit sei-
nem übereinstimmt.
Das klingt vielleicht komplizierter, als es ist: Wir alle greifen in einer an-
gespannten Situation die Möglichkeit, sie durch Lachen zu entlasten,
gerne auf und sind nicht unbedingt zimperlich, wenn auch die ganz
persönliche Humor-Präferenz nicht getroffen wird. Ziel ist dabei
schließlich nicht, sich auf hohem, hintergründigen Niveau zu amüsie-
ren, sondern eine angespannte Lage zu „ent-spannen“. Bischofberger
drückt das (meines Erachtens) Wesentlichste dabei so aus: „,Lachen
mit‘ und nicht ‚Lachen über‘ muss im Zentrum stehen“ und meint wei-
ter: „Für mich stand in all den Jahren der Beschäftigung mit dem Kon-
zept Humor nie das Risiko oder der Misserfolg im Vordergrund, denn
negative oder unerwünschte Auswirkungen können grundsätzlich bei
allen pflegerischen Interventionen und auch bei bester Vorbereitung
auftreten“ und: „Viel mehr als potenzielle Risiken beschäftigt mich,
dass Humor kranken Menschen und deren Angehörigen noch immer
vielenorts vorenthalten wird, weil es ‚ja nichts mehr zu lachen gebe‘“
(Bischofberger 2002, S. 80).

Zu Anfang meiner beruflichen Pflegetätigkeit traute ich mir nicht zu,


Humor einzusetzen, und ich denke, das ist so nachvollziehbar wie nor-
mal: Ist man kein diesbezügliches Naturtalent, hat man zu Anfang
durchaus anderes zu tun, als sich um gut eingesetzte Spässchen im
Pflegealltag Gedanken zu machen. Im Lauf meiner Tätigkeit in der ge-
riatrischen Langzeitpflege ergab sich mit der Zeit allerdings ein kleines
Repertoire an Bemerkungen, die es– zugegeben – nicht mit dem feinen
englischen Humor aufnehmen können, dafür aber sehr wohl dazu ge-
eignet sind, peinliche oder unangenehme Zustände zu entlasten.
Wenn es „passt“ (und das ist in der jeweiligen Situation tatsächlich
meist zu spüren), kann auch die Melancholie alter Menschen manch-
mal ein wenig gelöst werden: Die abendliche Pflege und Inkontinenz-
versorgung eines alten Ehepaares, das ich pflegte, zog manchmal be-

228 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


dauerndes Nachdenken über frühere Zeiten nach sich: „Jaja, heut‘
sind wir nichts mehr wert“, sagte die Frau manchmal, und ihr Mann
entgegnete etwas wie „. . . und liegen in den Windeln“. Natürlich muss
die Trauer und Bedrückung in diesen Botschaften wahrgenommen
werden, ich tat das auch eine ganze Weile lang ausschließlich in erns-
ter Weise. Eines Abend wagte ich mich einfach nach vorn: „Jaja, das
sagt ihr jetzt, aber kaum, dass ich draußen bin, geht’s doch wieder
heimlich rund.“ Beide nahmen diesen – losen – Witz zum Anlass, die
Spannung im Zusammenhang mit Scham und Peinlichkeit einfach
wegzulachen; das tat uns allen (Dreien!) so gut, dass ich an der Zim-
mertür noch nachsetzte: „und dass mir morgen keine Klagen kommen,
wir sind ein anständiges Haus!“ Auch das kam so gut an, dass diese
und ähnliche Sätze sich zu einem kleinen kommunikativen Ritual zwi-
schen uns entwickelten. Ich behaupte bis heute, dass dieser (damals
zufällig entdeckte) Weg, mit der Bedrückung über (Pflege-)Abhängig-
keit und auch Verluste nicht nur zu diesem Ehepaar passte, sondern
überhaupt eine der besten Möglichkeiten ist, mit dem, was tätigkeits-
begleitende Kommunikation in der Pflege mitunter so schwierig
macht, umzugehen.

Für die Praxis:


· Tätigkeitsbegleitende Kommunikation kündigt eine praktische
Tätigkeit an, erklärt sie oder macht sie in anderer Weise zum
Thema.
· Tätigkeitsbegleitende Kommunikation findet demgemäß auch
statt, während Intim- oder Schamgrenzen im Zuge pflegeri-
scher Interventionen überschritten werden müssen.
· Sowohl Pflegende als auch Klienten können nun versuchen, im
Rahmen des sprachlichen Miteinanders diesen Umstand zu rela-
tivieren, bagatellisieren oder abzuschwächen (etwa durch die
sogenannten „Abtönungspartikel“, z. B. „Können Sie nur mal
kurz . . .“). Mitunter können Gefühle der Ohnmacht, denen Klien-
ten häufig ausgesetzt sind, auch dazu führen, dass sie Pflegende
bzw. deren Tun abwerten oder beleidigen. In diesem Fall kann
und soll das klar angesprochen werden – man kann sich dabei
unterschiedlicher Möglichkeiten bedienen, die der momentanen
Befindlichkeit des Klienten jeweils angepasst sind.

Kommunikation zwischen Pflegenden und Patienten 229


· Die „abtönenden“ Mechanismen der Relativierung oder Ab-
schwächung im Zusammenhang mit der Überschreitung von Kör-
pergrenzen sind andererseits probate Mittel, entstehende Span-
nungen auszugleichen.
· Ebenso hat der Einsatz von Humor hier Platz: Er ist unter Um-
ständen in der Lage, Erleichterung und Entspannung herbeizufüh-
ren – und wird in aller Regel von Klienten der Pflege dankbar an-
genommen. Ich bin der Meinung, dass Pflegende viel zu häufig
davor zurückschrecken, ihn anzuwenden.

230 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


2. Kommunikation zwischen Pflegenden
und Angehörigen von Klienten der Pflege

Pflegende haben nicht nur mit den Klienten der Pflege, sondern auch
mit ihren Angehörigen zu tun. Das können Eltern, Kinder, Freunde, Be-
kannte oder Nachbarn sein. Gemeinsam ist ihnen eine mehr oder min-
der intensive Beziehung oder eben ein verwandtschaftliches Verhält-
nis zu denen, die von Pflegenden versorgt werden.
Ebenso unterschiedlich, wie es sich mit der Kommunikation mit Klien-
ten der Pflege selbst verhält, ist dies für Gespräche mit ihren Angehö-
rigen der Fall.
Ich habe mich hier für die Besprechung zweier typischer Probleme
entschieden, mit denen in einer Weise umgegangen werden kann,
die zu übertragen auch auf andere kommunikative Situationen im Zu-
sammenhang mit pflegerischem Tun möglich ist: Es ist dies einerseits
das, was sich unter dem Begriff der „inneren Widerstände“ zusam-
menfassen lässt und womit man es zu tun bekommt, wenn pflegende
Angehörige misstrauisch, fordernd oder ängstlich wirken und dies die
Interaktion schwierig zu machen oder ihr Gelingen schier zu verhin-
dern droht.
Andererseits möchte ich mich dem professionellen Umgang mit Be-
schwerden von Angehörigen unserer Klienten widmen.

2.1 „Ich kenne meine Mutter!“


(Kommunikation mit Angehörigen
von Klienten der Langzeitpflege)
Aus der Praxis (Widerstände)

„Das kann was werden, da steht uns einiges bevor“, sagt Laura,
nachdem Herrn Messers Frau angerufen hat. Er wurde vor zwei Wo-
chen auf der Abteilung „Regenbogen“ des städtischen Pflegeheims
aufgenommen, nachdem seine Frau ihn über fünf Jahre zu Hause ge-
pflegt hat.

Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen von Klienten der Pflege 231
„Und, nicht vergessen, er braucht seine Vitamintropfen und Leinsa-
men, da muss man ihn immer erinnern, was haben Sie denn schon
für eine Ahnung, wie sehr ihm das hilft“, macht Laura die Anruferin
nach. „Nicht auszudenken, was wäre, wenn ihr das wieder vergesst“,
beteiligt sich Hans. „Und ich werde mir das ansehen, Punktum“, rufen
Jewel, Yasmin und Rosa im Chor.
„Achtung, ich glaub‘, sie kommt!“, flüstert Laura. Frau Messer steht
schon vor der Teeküche und studiert das Programm der Seniorenani-
mation, das an der Wand hängt. „Singen mag er nicht, das ist nichts
für ihn. Sitzgymnastik vielleicht. Ich werde mir das ansehen. Hilft mir
jetzt jemand, meinen Mann ins Bad zu bringen?“ Frau Messer geht
energisch voraus ins Zimmer ihres Mannes. Laura steht auf. „Und
nicht, dass du ihn wieder halb umbringst, grob, wie du immer bist“,
grinst Hans, „ich werde mir das nachher ansehen.“
Laura bemüht sich nach Kräften, es der Frau recht zu machen – sie
weiß, dass sie die Pflege nur schwer aus der Hand geben kann und
will ihr die Ängste nehmen. „Machen Sie sich keine Sorgen“, sagt sie,
„wir erinnern Ihren Mann schon an seine Tropfen, da, sehen Sie, da
steht die Flasche schon.“
„Vorsichtig, er stürzt, er stürzt“, ruft Frau Messer, als Laura den Mann
aufsetzt. „Keine Angst, ich halte ihn sicher, wir machen es vielleicht
anders als Sie zu Hause, aber es funktioniert auch.“
„Sehen Sie, da haben Sie’s. Er wäre jetzt fast gestolpert, so wie Sie
ihn da am Arm genommen haben. Ich hab’s genau gesehen!“, ereifert
sich Frau Messer weiter.
„So, jetzt ist erst einmal Ruhe, bis sie ihn oben gewaschen hat“, sagt
Laura eine halbe Stunde später in der Teeküche, „aber nachher, zum
Aufstehen, geht einer von euch. Ich halte das nur ein Mal am Tag aus.“

Angehörige von Klienten der Langzeitpflege

Pflegende in Langzeitpflegeeinrichtungen gehen auch Beziehungen


mit den Angehörigen ihrer Klienten ein. Im Gegensatz zur Akutpflege
werden die Bewohner aber meist nicht irgendwann wieder aus der
Einrichtung entlassen, sondern leben ständig darin. Das schließt
auch soziale Kontakte und langfristigere Beziehungen ein, was sich
wiederum auf die Situation der Pflegenden auswirkt – man muss
sich, so es Probleme gibt, arrangieren.

232 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


Besonders am Anfang ist es wichtig, dass es zu einem Miteinander
kommt und diejenigen, die einen nahen Verwandten oder Bekannten
in eine Pflegeeinrichtung bringen, nicht den Eindruck haben, nun gar
nichts mehr mitbestimmen und -gestalten zu können.
Wer den Prozess des Umzugs eines nahen Angehörigen begleitet, er-
lebt viele gegensätzliche Gefühle zugleich – er mag zunächst Erleich-
terung verspüren, da er ihn aufgehoben weiß. So groß diese Erleich-
terung auch sein mag, können zugleich Verlust, Sorge, Eifersucht und
Misstrauen gegenüber den Pflegenden, Versagens- und Schuld-
gefühle u.v.m. erlebt werden. War die erbrachte Pflegeleistung zu
Hause sehr intensiv, kann es dazu kommen, dass die (ehemals)
hauptverantwortlich pflegenden Angehörigen Schwierigkeiten haben,
die Verantwortung ganz aus der Hand zu geben und daran festhalten
wollen.
Selbstverständlich gibt es auch im Bereich der Akutpflege Angehö-
rige von chronisch Kranken, denen Pflegende immer wieder begeg-
nen und die manchmal viel Zeit mit „ihrem“ Patienten verbringen –
hier gilt, was in diesem Kapitel besprochen wird, natürlich ebenso.
Um zur Kommunikation zu kommen: Ein Erst- oder Aufnahmege-
spräch, in dem das Gefühl eines Miteinander vermittelt wird und das
es Angehörigen ermöglicht, sich auch in Zukunft als Akteure im Pfle-
geprozess fühlen zu können, ist eine sehr gute Voraussetzung – und
natürlich soll diese Haltung auch in der weiteren Interaktion vermittelt
werden. Vielfach haben sie sich beträchtliche Pflegeexpertise ange-
eignet – und wissen zudem vieles über die speziellen Bedürfnisse,
Vorlieben, Abneigungen oder die Biografie des Klienten. Wie ist aber
in Gesprächen, im Umgang miteinander vorzugehen, damit sich das,
was man ein „gutes“ Verhältnis nennt, einstellt? Wie ist Widerstand
und Misstrauen zu begegnen, die sich – gibt es für Angehörige doch
meist mehrere, einander entgegengesetzte Empfindungen zugleich –
mit großer Wahrscheinlichkeit (mehr oder weniger) zeigen?

Innere Widerstände als Verbündete

Zunächst macht es Sinn, einzukalkulieren, dass es bei der Unterbrin-


gung eines Verwandten in eine Pflegeeinrichtung dazu kommen kann,
dass Angehörige Unsicherheiten oder Misstrauen äußern, vielleicht
sogar zu „kontrollieren“ scheinen.

Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen von Klienten der Pflege 233
Es kann Pflegenden helfen, dies nicht als Misstrauen gegenüber ihren
Fähigkeiten oder ihrer Leistungsbereitschaft zu verstehen, sondern
als das, was es (meist) ist: als Ausdruck von Unsicherheit und einem
– wodurch auch immer begründeten – Widerstand, plötzlich alles aus
der Hand zu geben und vom Akteur zum Zuseher zu werden. Das gilt
auch, wenn die Pflege von den Angehörigen zuvor nicht selbst geleis-
tet wurde: Der Umzug des Lebenspartners oder Elternteils in eine Ins-
titution ist immer auch mit der Unberechenbarkeit des Neuen ver-
bunden, und diese macht – je nach Situation – mehr oder weniger
Angst.

Christoph Thomann und Friedemann Schulz von Thun sprechen in


einem anderen Zusammenhang vom Umgang mit inneren Widerstän-
den von Klienten: Sie zeigen Hilfen für die Kommunikation in schwie-
rigen Gesprächssituationen, in denen Klienten eine Prozessbeglei-
tung oder Klärungshilfe in Anspruch nehmen, wobei es sich um
Trennungsangelegenheiten oder die Beratung von Unternehmen han-
deln kann (Thomann und Schulz von Thun 2003, S. 87ff).

Die Autoren zeigen anhand eines Beispiels, welches Vorgehen sie


empfehlen: Ein Klient, der Sorgen hat, Besprochenes würde aus der
Gruppe hinausgetragen, wird vom Klärungshelfer nicht davon über-
zeugt, dass er dahin gehend nichts zu befürchten habe, sondern be-
kommt folgende Antwort:
„Genau, Sie haben somit allen Anlass, vorsichtig zu sein – und ich
würde Sie bitten, da auch selbst auf sich aufzupassen. Wenn Sie mer-
ken, dass das Gespräch eine Richtung nimmt, die Ihnen nicht behagt,
dass Sie dann sofort protestieren, ist das recht?“ (Thomann und
Schulz von Thun 2003, S. 87f).

Der Klient verliert tatsächlich langsam sein Misstrauen und entschei-


det sich für die Kooperation. Die Autoren empfehlen sogar für den
Fall, dass ein anderes Mitglied der Gruppe auf unbedingter Offenheit
bestünde, da dies unabdingbar sei, als Klärungshelfer korrigierend
einzugreifen und die Eigenständigkeit und Entscheidungsfreiheit der
einzelnen Teilnehmer zu betonen.
Man fordert Herrn Müller also auf, sich aktiv an der Gewährleistung
dessen zu beteiligen, was ihm wichtig ist, nämlich Diskretion – er soll

234 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


selbst Acht geben, ob etwas geschieht, das ihm diesbezüglich unan-
genehm ist.
Die Rechnung geht auf: „Wohlgemerkt:“, so die Autoren weiter, „Kein
Wort davon, dass Herr Müller doch ‚Vertrauen haben sollte‘ oder Ähn-
liches! Oder gar, dass er sich doch selber einmal fragen müsste, ob
seine Haltung zu einer Verständigung beizutragen in der Lage sei
(. . .)“, und:

„Paradoxerweise wächst die Bereitschaft zur persönlichen Aussage


in dem Maße, wie der Klärungshelfer den Widerstand dagegen akzep-
tiert“ (Thomann und Schulz von Thun 2003, S. 88).

Macht Laura nun die Widerstände Frau Messers zu ihren Verbünde-


ten, könnte sie im Fall der Tropfen – anstatt zu beteuern, die Pfle-
genden würden schon darauf achten, dass Herr Messer sie ein-
nimmt, Folgendes sagen: „Ich verstehe Ihre Sorgen, und das ist
wirklich eine wichtige Sache. Was halten Sie davon, wenn wir ein
Schild für Ihren Mann anfertigen, das ihn an die Einnahme erinnern
soll?“ – und dann z. B.: „Worauf, denken Sie, reagiert er am besten?
Ein Foto von der Flasche und darunter die Uhrzeit oder etwas ande-
res?“
Was das Stürzen betrifft, wäre Folgendes denkbar: „Klar, das ist eine
Gefahr, das stimmt. Wir haben zwar unsere Techniken, aber Sie ken-
nen Ihren Mann ja. Sehen Sie, wir machen es so“, (Laura könnte die
Griffe vorzeigen) – „gibt es etwas, wovon Sie denken, dass er es
anders gewohnt ist, oder glauben Sie, dass er damit gut kann?“

Im Fall der Animation könnte man Frau Messer einen Wochenplan


ausdrucken, ihn ihr mit den Worten: „Sie haben recht, es ist schon
wichtig, dass es das Richtige ist. Sie kennen seine Vorlieben ja – wür-
den Sie das für uns ankreuzen und dann geben wir gemeinsam Acht,
dass er nicht im falschen Programm landet?“, geben.

Das alles hat nichts damit zu tun, sich die Pflege vorschreiben zu las-
sen – und normalerweise geschieht dies auch in der Folge nicht. Das
Paradox, von dem die Autoren sprechen, tritt tatsächlich ein – und es
ist gut möglich, dass nach wenigen solcher Vorschläge Frau Messer
ohnehin bereit ist, die Pflegenden „machen zu lassen“.

Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen von Klienten der Pflege 235
Schließlich steht es außer Frage, dass sie ihr Handwerk beherrschen –
der springende Punkt ist ein anderer: Es geht darum, dass Bedenken
und Widerstände nicht negiert und als unnötig abgetan werden,
da Frau Messer genau dann nämlich alles daran setzen wird, die Pfle-
genden vom Gegenteil zu überzeugen. Dadurch entsteht zwangsläu-
fig eine Art Struktur von Fronten.

Verbündet man sich hingegen mit den Bedenken, entsteht Zusam-


menarbeit. Und quasi „nebenbei“ fühlt die Angehörige sich als (Mit-)
Akteurin und auch verstanden. Ich halte diese kleine Technik weder
für eine Finte noch für einen Trick, sondern bin – nicht zuletzt durch ei-
gene Praxiserfahrung – überzeugt davon, dass es sich dabei lediglich
um die Befriedigung zweier grundlegend wichtiger Bedürfnisse han-
delt: zum einen um die Möglichkeit, sich nicht aus der Interaktion aus-
geschlossen, zum anderen darum, sich schlicht ernst genommen zu
fühlen.
Letztlich spart die „Verbündung mit dem Widerstand“ auf beiden Sei-
ten Energie.

Für die Praxis:


· Angehörige von Klienten der Pflege sind gerade im Bereich der
(geriatrischen) Langzeitpflege wichtige Interaktionspartner,
weshalb es von Bedeutung ist, sie von Anfang an nicht als „An-
hängsel“, sondern als Personen wahrzunehmen, mit denen es
ebenso in einen Beziehungsprozess einzusteigen gilt wie mit
dem Klienten selbst. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es
sich um sehr nahe Angehörige handelt, die (mehrmals) täglich zu
Besuch kommen.
· Der Beginn einer solchen Interaktion ist so wichtig wie häufig
auch problematisch. Angehörige, die ihren Partner oder ihr Eltern-
teil ins Pflegeheim „begleiten“, können eine Menge unterschied-
licher Empfindungen zur gleichen Zeit haben: Erleichterung,
Schuldgefühle, Angst, allein zu sein u. v. m.
· Das kann dazu führen, dass sie den Pflegenden mehr oder weni-
ger große Widerstände – die wiederum bewusst oder unbewusst
sein können – entgegenbringen.
· In solchen Situationen macht es keinerlei Sinn, zu beruhigen
oder zu beschwichtigen zu versuchen – das Mittel der Wahl ist

236 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


die sogenannte „Verbündung mit dem Widerstand“, im Rahmen
derer etwa bestimmte Ängste ernst genommen, ausgesprochen
und aufgegriffen werden. Schließlich können die Angehörigen
dazu aufgefordert werden, sich (ist die Angst etwa, dass der
Gatte im Rahmen der Animation im Pflegeheim etwas tun soll,
das ihm unangenehm ist) aktiv an der Problemlösung zu beteili-
gen (etwa auszusuchen, an welchen Aktivitäten er teilnehmen
soll und an welchen nicht).

2.2 „Seit zehn Tagen warte ich darauf“


(Mit Beschwerden und Kritik
von Angehörigen umgehen)
Aus der Praxis (Frau Perl)

Frau Perl steht am Schwesternstützpunkt der Chirurgie und wartet.


„Kann ich etwas für Sie tun?“, fragt Maria. „Also, Schwester, das
muss ich Ihnen schon sagen – so geht es einfach nicht. Meine Mutter,
Frau Juliane Perl, liegt seit drei Wochen bei Ihnen. Niemand kümmert
sich richtig um ihre Fingernägel und die Haare sind nicht gewaschen
worden. So geht es nicht.“ Maria tippt dem Haustechniker, der hinter
ihr vorbeigeht, an die Schulter, gibt ihm mit den Worten: „Nimmst du
das mit?“ ein Formular in die Hand und wendet sich gleich wieder
Frau Perl zu.
Diese holt nun weiter aus und meint: „Und, nur damit Sie es wissen,
meine Mutter isst keine Erbsen und das haben wir beim Aufnahmege-
spräch gesagt – und was gibt es dreimal in der Woche als Beilage?
Erbsen.“
„Wir schauen, ja?“, sagt Maria. „Hoffentlich!“, sagt Frau Perl und ver-
lässt den Stützpunkt. Nach zehn Minuten kommt sie zurück und hat
ein Stück Pflaster in der Hand. „Das ist abgegangen!“, ruft sie und
hält es Maria hin. „Das war wahrscheinlich von der Blutabnahme, das
braucht er nicht mehr“, entgegnet Maria und tippt weiter Pflegebe-
richte in den Laptop.

Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen von Klienten der Pflege 237
Aus der Praxis (Frau Karl)

Frau Karl stellt sich neben die Auszubildende Ingrid, die auf der Pflege-
abteilung des Seniorenheimes die Speisetabletts im Wagen überprüft
und mit dem Austeilen beginnen möchte. Frau Karl hat ein Unterhemd
in der Hand und beschwert sich lautstark: „Wie lange, Schwester, wie
lange denken Sie, haben wir das gesucht? Und wo ist es zum Vor-
schein gekommen? Beim Nachbarn. Da haben wir euch extra einen ei-
genen Wäschekorb gebracht, damit ihr Ordnung in dieses Chaos be-
kommt – eine solche Schlamperei habe ich noch nie erlebt, nur damit
Sie’s wissen.“
„Beim Nachbarn kann das gar nicht gelegen sein“, sagt Ingrid, „der ist
im Krankenhaus.“
„Sie wissen genau, was ich meine“, ist Frau Karl nun noch wütender,
„bei seinem Nachtkästchen eben.“
„Das haben Sie geöffnet?“, fragt Ingrid und Frau Karl ruft: „Ich werde
mich bei der Stationsleitung über Sie beschweren, das sage ich
Ihnen!“, dann verschwindet sie mit dem Unterhemd in der Hand auf
dem Gang.
„Alles ok?“, fragt Hans im Vorbeigehen. „Jaja, nur wieder die Beuer-
Schwiegertochter, wie immer.“

Beschwerden und Beschwerdeführer

Das vorliegende Kapitel will sich ausdrücklich nicht mit dem Be-
schwerdemanagement beschäftigen, sondern die Kommunikation im
Zusammenhang mit persönlichen Beschwerden, die von Angehöri-
gen von Klienten der Pflege geäußert werden, ins Zentrum stellen.
Mit dem Begriff der Beschwerde werde, so die Organisationsentwick-
lerin Monique Vergnaud, im Allgemeinen „die Äußerung eines Kunden
bezeichnet, die eine Unzufriedenheit ausdrückt und mit einer Forde-
rung an die Einrichtung verbunden ist“ (Vergnaud 2002, S. 3).
„Klassische“ Beschwerden stünden häufig mit subjektiven Empfin-
dungen im Zusammenhang (Vergnaud 2002, S. 5); sie können auf ver-
schiedenen Wegen entgegengenommen werden (Vergnaud 2002,
S. 12ff), wobei uns der Umgang mit den sogenannten „persönlichen“
Beschwerden interessiert.

238 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


Wer sie entgegennimmt, müsse in der Lage sein, die Kritik, die mit der
Beschwerde verbunden sein könne, „von seiner Person und seiner Ar-
beit zu trennen“, ansonsten könne es „schnell zu emotionalen Eskala-
tionen kommen, indem sich sowohl der Beschwerdeführer als auch
der Mitarbeiter in eine destruktive Rechtfertigungsposition begeben.“

Trete nach einer Erstbeschwerde eine sogenannte Folgebeschwerde


auf, so zeige dies, dass aus Sicht des Beschwerdeführers der Be-
schwerdeanlass nicht behoben wurde. Folgebeschwerden seien meist
schon mit gesteigerter Unzufriedenheit verbunden, da zum eigent-
lichen Problem noch der Unmut über die als unzureichend empfun-
dene Beschwerdebearbeitung hinzukomme (Vergnaud 2002, S. 9f).

Grundsätzlich zählen Klienten der Pflege sowie deren Angehörige zu


möglichen Beschwerdeführen.
Wo Monique Vernaud über die Motivation spricht, die im Pflegebe-
reich dazu führt, dass Beschwerden geäußert werden, unterscheidet
sie für die zweite Gruppe (also die der Angehörigen) zwischen Be-
schwerden, die „Kooperationsangebote“ sind und solchen, die der
Kompensation eigener Defizite oder Schuldgefühle dienen (etwa,
einen eigenen Elternteil nicht selbst zu pflegen). Übermäßige Be-
schwerdeführung sei demnach ein Ausdruck von Hilflosigkeit und
Überforderung (Vergnaud 2002, S. 21).

Überträgt man dies auf direkte Klienten der Pflege (also Patienten
oder etwa Bewohner von Pflegeheimen), so liegt auf der Hand, dass
analog zu dem, was über ihre Angehörigen gesagt wird, es ebenso
Beschwerden gibt, die Angebote zur Zusammenarbeit sind – und
eben solche, die der Kompensation dienen – wofür eine Vielzahl von
Gründen denkbar sind: Angst, Verzweiflung, Unsicherheit, Scham,
Verlegenheit, Gefühle der Abhängigkeit u.v.m.

Abgesehen davon gebe es, so die Autorin weiter, durchaus „Kunden,


die ständig und an jeder Kleinigkeit etwas auszusetzen haben“ –
diese Kundengruppe aber würde ihr Verhalten grundsätzlich nur
schwer ändern, „da es ihnen gerade nicht um die inhaltliche, kon-
struktive Auseinandersetzung mit der Einrichtung“ ginge (Vergnaud
2002, S. 21).

Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen von Klienten der Pflege 239
Beschwerden würden, so die Autorin weiter, im Gesundheitswesen
meist an die „Basismitarbeiter des Pflegebereichs weitergegeben“,
wobei sie weder immer die Pflege direkt – sondern häufig Bereich der
Verwaltung oder Hauswirtschaft – betreffen würden, noch immer be-
gründet seien (Vergnaud 2002, S. 83). Zeitmangel sei einerseits üb-
lich, anderseits problematisch, da Beschwerden dadurch verloren
gingen, „nicht ernst genommen werden (können)“ und Unzufrieden-
heit bestehen bliebe.
„Zeitersparnis“ könne in diesem Bereich aber gerade dazu führen,
dass später mehr Zeit als eigentlich nötig investiert werden müsse,
um etwa „Unklarheiten oder falsche Sachverhalte aufzuklären“ (Ver-
gnaud 2002, S. 83).

Bevor ich zurück zur Praxis komme, möchte ich kurz ausführen, was
ich als die zentralen Ziele im direkten kommunikativen Umgang mit
Angehörigen (und selbstverständlich auch Klienten der Pflege), die
Beschwerden äußern, erachte.

Beschwerdemanagement ist weiter gefasst als die Annahme von Be-


schwerden im Gespräch, dessen Ziele vorrangig sind:
– dem Beschwerdeführer den Eindruck zu vermitteln, dass sein An-
liegen „angekommen“ ist und bearbeitet wird, und
– die Sammlung der notwendigen Informationen zur Weiterbearbei-
tung der Beschwerde (die, je nach Dringlichkeit der Angelegenheit
und nach Handhabung des Beschwerdemanagements in der Ein-
richtung, völlig unterschiedlich aussehen kann).

Ich denke, dass der (oft versehentlich) vernachlässigte erste Punkt


recht häufig der Ausgangspunkt für längere „Beschwerdekarrieren“
ist.

Beschwerden und Kritik begegnen

Frau Perl äußert nach kurzer Zeit schon weitere Beschwerden, begibt
sich offenbar förmlich auf die Suche nach immer neuen Problemen,
die ihr die Aufmerksamkeit der Pflegenden sichern sollen. Ich will Ma-
ria keinen Vorwurf machen.

240 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


Sie ist wohl
– entweder vom Geschehen rund um sich vereinnahmt
– oder (und das lässt sich aus der Darstellung der Situation nicht er-
sehen) legt es auf ein kleines Machtspiel mit Frau Perl (nach dem
Motto: „Du kriegst mich nicht“) an.
– oder aber ihr ist die Wirkung ihres Handelns nicht bewusst, viel-
leicht hält sie es für korrekt. Es mag durchaus sein, dass sie weiß,
dass man sich um die Anliegen Frau Perls kümmern wird und die
Sache daher für nicht weiter wichtig hält.

Für den ersten oder den dritten Fall fehlt es ihr tatsächlich an Be-
wusstsein darüber, wie wichtig es ist, in der Annahme von Beschwer-
den zwei bestimmte Signale zu setzen.
Wichtig ist, Frau Perl zu vermitteln, dass ihre Beschwerde „angekom-
men“ ist und Maria beabsichtigt, sie zu bearbeiten. Nicht erforderlich
sind zunächst Entschuldigungen und/oder Schuldeingeständnisse,
auch Rechtfertigungen sind fehl am Platz – ich komme noch darauf
zurück.

Als besonders zielführend erweist sich hingegen, die Beschwerde


von Frau Perl zu wiederholen, z. B. so: „Guten Tag, Frau Perl. Die Fin-
gernägel Ihrer Mutter sind nicht geschnitten und die Haare sind nicht
gewaschen?“ Frau Perl würde die Wiederholung wohl als Interesse an
ihrem Anliegen werten. Nun könnte Maria – je nachdem, wie sich das
Gespräch entwickelt (und je nachdem, wie viel Zeit sie tatsächlich hat)
– Frau Perl anbieten, sich die Sache anzusehen. Selbst wenn ihr nun
die Fingernägel und Haare der Patientin von deren Tochter gezeigt
werden und sie das (ausführlich) kommentiert, kostet Maria die Ange-
legenheit wohl höchstens fünf Minuten. Weiters könnte sie die Toch-
ter der Patientin nun entweder über die weitere Vorgangsweise in-
formieren bzw. auch erklären, warum was nicht durchgeführt wurde
– in jedem Fall macht es aber Sinn, das mit den Worten „Ich verstehe
gut, dass Sie es gerne anders gehabt hätten“ („. . ., dass Sie das
stört“, „. . ., dass Sie nun das Gefühl haben, die Haar- und Nagel-
pflege wurde vernachlässigt“ oder Ähnliches) einzuleiten.
Dann können Vorschläge bezüglich des weiteren Vorgehens gemacht
werden: „. . . wird noch heute/morgen durchgeführt“, „. . . wird in den
nächsten beiden Tagen geschehen“ – und gegebenenfalls kann erklärt

Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen von Klienten der Pflege 241
werden, warum das Gewünschte noch nicht erfolgen konnte. Gibt es
Dinge, die – obwohl von Angehörigen gewollt – auf der Abteilung
(etwa aufgrund organisatorischer Gegebenheiten) nicht Standard sein
können, empfiehlt sich durchaus, das anzusprechen.
Sollte die Beschwerde Frau Perls gelautet haben, ihrer Mutter seien
die Nägel nicht lackiert worden (was tatsächlich nicht vorrangige Auf-
gabe der Pflege ist), macht es ebenfalls Sinn, davor zu signalisieren,
dass das Anliegen verstanden wurde – also: „Ich kann verstehen,
dass Sie das gerne so hätten, aber in Anbetracht der personellen Res-
sourcen ist uns das nicht möglich.“

Was, wenn Maria schon am Stützpunkt keine Zeit für Frau Perl hat?
Ich würde ihr für diesen Fall empfehlen, Frau Perl etwa zu sagen: „Ich
kümmere mich gern um Ihr Anliegen und habe in zehn Minuten Zeit.
Geht das in Ordnung?“
Sollte Maria tatsächlich ein kleines Machtspiel im Auge haben („Du
kriegst mich nicht, ich sitze am längeren Ast“), so mag es zwar im Mo-
ment lustvoll sein, Frau Perl, „auflaufen“ zu lassen. Deren Reaktion
zeigt sich aber schon bald: Je intensiver Maria versucht, sie abzuwür-
gen und loszuwerden, desto angestrengter versucht Frau Perl, genau
das zu verhindern. Wäre sie weniger hartnäckig, würde sie vielleicht
resignieren, sich aber (unabhängig davon, ob ihr Anliegen „gerechtfer-
tigt“ war oder nicht!) jedenfalls ungerecht behandelt fühlen und ihre
Beschwerde entweder anderswo vorbringen, zumindest aber die Pfle-
genden „im Auge behalten“ und möglicherweise nach einer weiteren
Gelegenheit suchen, ihrem Ärger Luft zu machen.
Es ist also tatsächlich zeitökonomischer (und deutlich weniger ener-
gieaufwendig), nach dem oben genannten Prinzip vorzugehen – das
ich (mit wenigen Ausnahmen, auf die ich im nächsten Absatz zurück-
komme) für jedes Entgegennehmen von Beschwerden empfehle.
Interessant sind dazu auch die Ausführungen zur Spiegeltechnik im
Kapitel I 4.3.

242 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


Beschwerdekarrieren, aufgebrachte Angehörige und
emotionale Kontrolle

Frau Karl hat, wie sich aus dem Beispiel ablesen lässt, offenbar schon
eine längere Beschwerdekarriere hinter sich. Hintergrund ihrer Ge-
schichte ist, dass ihr Schwiegervater auf Betreiben seines Sohnes in
die Pflegeeinrichtung aufgenommen wurde, von der sie nichts hält –
sie sähe ihn lieber in einer anderen. Aus diesem Grund ist ihr eigent-
lich daran gelegen, zu beweisen, dass „hier nichts funktioniert“, dass
man „auf alles zehn Tage warten muss“ und die Pflege „einfach nur
schlecht“ ist.
Selbst in dieser Situation empfehle ich, wenn es möglich ist, in der
oben vorgeschlagenen Weise vorzugehen. Was Ingrid tut, mag ihr
zwar kurzfristig Erleichterung verschaffen, dem Problem aber geht
sie damit aus dem Weg.
Je weniger Raum man der Angehörigen gibt, desto mehr davon wird
sie fordern – und umgekehrt. Im günstigsten Fall gelingt es, Frau Karl
zu jenem Punkt hinzuführen, an dem das weitere Vorgehen beschlos-
sen und die Sache (auch für sie) abgehakt sein muss – zumindest im
Moment. Man kann also sein Bedauern zum Ausdruck bringen, dass
das Unterhemd des Schwiegervaters unter dem Nachtkästchen des
abwesenden Zimmernachbarn aufgefunden wurde (was mit einer Ent-
schuldigung nichts zu tun hat – der Satz: „Ich kann verstehen, dass
Sie das ärgert“ ist ebenso wenig eine Entschuldigung wie ein Schuld-
eingeständnis!) Weiters kann man anbieten, den bestmöglichen Rah-
men dafür zu schaffen, dass Ähnliches nicht mehr geschieht, zugleich
aber erwähnen, dass das selbst bei besten Vorkehrungen in einer
Pflegeeinrichtung, in der auch demenziell erkrankte Bewohner leben,
nie ganz auszuschließen ist.

Natürlich ist mir aus der Praxis bekannt, dass es Monologe von Be-
schwerdeführern gibt, die beleidigend, laut und nicht enden wollend
sind.
Im Fall von Beleidigungen ist klar, dass Pflegende sie sich nicht gefallen
lassen müssen. Wie auch in der Alltagskommunikation (vgl. Kap. V 1.2)
ist es hilfreich, die aktuelle Situation einzubeziehen: Handelt jemand
aus Verzweiflung oder empfundener Hilflosigkeit oder hat es mit der
Lust, Andere abzuwerten oder herumzukommandieren, zu tun?

Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen von Klienten der Pflege 243
Emotionale Beteiligung im Sinne großer Betroffenheit oder großer
Wut schränkt das eigene kommunikative Repertoire empfindlich ein.
Ich empfehle im Unterricht und in Vorträgen zunächst eines: Auch
räumlich einen Schritt zurückzugehen und folgende Frage zu stellen,
nötigenfalls auch zwei Mal: „Wie kann ich Ihnen jetzt helfen?“
Dies lenkt das Gegenüber in Richtung einer Lösungsorientierung und
ist häufig in der Lage, emotionale Monologe zu durchbrechen. Je
nachdem,wie gelassen man ist, ist es für Pflegende auch eine Mög-
lichkeit, zu sagen: „ich verstehe ja, dass Sie das betrifft. Ich würde
Ihnen gerne helfen. Was kann ich jetzt tun?“
Das Wort „jetzt“ ist dabei von großer Bedeutung, da es von dem, was
war (oder empfunden wurde), weglenkt.

Einen weiteren, wirkungsvollen „Trick“ erwähnen die Autoren Thomas


Wilhelm und Andreas Edmüller in ihrem „Trainingsbuch“, das helfen
soll, Manipulationen zu erkennen und abzuwehren. Ich möchte die
Autoren zitieren:

„Wir kennen einen Seelsorger, der hat folgenden Trick, um emotionale


Kontrolle zu bewahren. (. . .) Auf seinem Schreibtisch hat er eine kleine
Plexiglasscheibe stehen und auf dieser Scheibe steht ein Wort, das
lautet ‚INTERESSANT‘. Und immer dann, wenn er mit einer unfairen
Attacke konfrontiert wird, blickt er auf diese Scheibe und denkt: ‚inte-
ressant‘.
Was er dadurch erreicht ist im Grunde eine Art Distanz zu sich selbst
und der Situation. Er befindet sich in einer Art Beobachtungsmodus
wie ein Forscher, der von außen die Phänomene um ihn herum be-
trachtet. (. . .)“ (Wilhelm und Edmüller 2005, S. 10).

Nun kann nicht die (alleinige) Lösung sein, sich im Fall langwieriger
„Beschwerdekarrieren“ darauf zu beschränken, sich stets einander
ähnelnden Dialogen zu stellen und mit der einen oder anderen „Krü-
cke“ zu versuchen, quasi „das Schlimmste“ – nämlich Eskalation und
beidseitigen Kontrollverlust – zu verhindern.
Gerade in Frau Karls Fall scheint es notwendig, längerfristig einen Ter-
min zu vereinbaren, in dem Stationsleitung und/oder hauptverant-
wortlich Pflegende und die Schwiegertochter gemeinsam nach Lö-
sungen suchen.

244 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


Nicht zuletzt möchte ich darauf hinweisen, dass mit stetigen Be-
schwerden auch unbewusste „Botschaften hinter der Botschaft“ (vgl.
Kap. III 2) gesendet werden können.
Ich möchte dies zum Abschluss des Kapitels ausnahmsweise noch
mit einem weiteren Praxisbeispiel illustrieren:

Die Angehörige eines Klienten, der an Morbus Parkinson erkrankt war


und den ich pflegte, kam – nachdem sie jahrelang als freundliche und
verständnisvolle Angehörige galt – immer wieder an den Schwestern-
stützpunkt und äußerte zur je gleichen Tageszeit Beschwerden im Zu-
sammenhang mit einer ganz bestimmten Pflegeintervention. So sehr
wir uns auch bemühten – es war ihr nicht mehr recht zu machen. Ir-
gendwann (ich war gerade wieder mit ihr gegangen, um ihren Mann,
der nicht ansprechbar war, in dieser Sache zu versorgen) sagte ich,
halb zu mir selbst, halb zu ihr: „Na, Sie haben sich den Ruhestand
sicher auch anders vorgestellt.“
Was folgte, war eine Erzählung über die Erkrankung ihres Mannes und
die Auswirkungen auf das gemeinsame Leben – und schließlich eine
Beschreibung ihrer eigenen körperlichen Beschwerden.
Wir beschlossen daraufhin im Team, die Frau immer wieder nach
ihrem Befinden zu fragen. Das bekannte gute Verhältnis war tatsäch-
lich in kurzer Zeit wiederhergestellt.

Nun soll diese „runde“ Geschichte nicht zu dem Schluss verleiten, die
Frage: „Wie geht’s denn Ihnen?“ sei in der Interaktion mit Angehöri-
gen von Langzeitpflegepatienten ein kommunikatives Allheilmittel.
Nicht zu leugnen ist aber, dass die vielfältigen Belastungen, denen
nahe Verwandte oder Bekannte von chronisch kranken oder pflege-
abhängigen Menschen ausgesetzt sind, gerne übersehen oder abge-
wertet werden – und die Frage nach deren eigenem Wohlbefinden
eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das (kommunikative) Mit-
einander haben kann.

Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen von Klienten der Pflege 245
Für die Praxis:
· Wer Beschwerden ausspricht, drückt damit eine Form von Unzu-
friedenheit aus und hat meist eine bestimmte Forderung an die
Einrichtung.
· Wichtig ist, dass, wer Beschwerden entgegen nimmt, in der Lage
ist, sie sowohl von seiner Arbeit als auch seiner Person zu tren-
nen. Das gilt besonders für den Bereich der Pflege, da sich hier
sowohl Klienten als auch deren Angehörige in Ausnahmesituatio-
nen befinden können, die wieder Gefühle der Ohnmacht und Ver-
zweiflung bedingen – was sich (mitunter) in einer bestimmten Art
der Beschwerdeführung bemerkbar machen kann.
· Abgesehen davon gibt es natürlich auch die sogenannten „chro-
nischen Nörgler“ – wobei es häufig schier unmöglich scheint,
ihnen etwas recht zu machen.
· Im Zusammenhang mit der Kommunikation rund um die Äuße-
rung von Beschwerden geschieht das Wichtigste zu Anfang:
Dem Beschwerdeführer muss vermittelt werden, dass sein Anlie-
gen „angekommen“ ist und bearbeitet wird. Geschieht dies nicht,
wird er seine Aufmerksamkeit wahrscheinlich weiteren Unmuts-
äußerungen widmen und versuchen, anderweitig zu deponieren,
was ihn beschäftigt.
· Im Umgang mit erregten, verärgerten Angehörigen empfiehlt sich
– in gewissem Umfang – etwa die Spiegeltechnik (vgl. Kapitel I
4.3).

246 Kommunikationspartner und ausgewählte Gesprächssituationen in der Pflege


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Hamburg
Zegelin A (Hg) (1997) Sprache und Pflege. Ullstein Mosby, Berlin/Wiesbaden

250 Literaturverzeichnis
VII. Sach- und Personenverzeichnis

A Biografiearbeit 143, 146


Bion, W.R. 3, 125, 143–144, 148, 247
Abtönungspartikel 223–224, 226, 229 Bischofberger, Irene 61, 222, 227–228, 247
Abwehr 40, 91, 98, 130, 145, 250 Blumer, Herbert 73–75, 247
Affektivität 167, 180, 184 Böhm, Erwin 71, 77, 79, 143, 146
Affektkontrolle 180 Brainstorming 85
Aggression 179 Brünner, Gisela 111–113, 247
Alltagsbrille 172–173
Alltagskommunikation 4, 107, 135, 221, C
243
Altorfer, Andreas 196–197, 247 Cohen, Ruth 158–160, 247
Ambivalenz 139
Amrhein, Ludwig 170, 180, 247 D
analog 29–33, 54, 56, 100, 122, 177, 191
Angehörige 4, 55–56, 70, 80, 84, 110–111, Deeskalation 90
113–116, 121, 128, 137, 139–140, Definition 20, 26, 31–32, 80, 110
148, 183, 186–187, 189–190, 194, Desorientiertheit 98
198, 205–207, 211, 218, 228, digital 29–31, 33, 100
231–234, 236–240, 242–243, Doppelbindung 131, 135–142, 249
245–246 Double-Bind 60, 133–137, 140–142, 250
Anstaltssituation 136
Appell 46, 48, 50–51, 55 E
Appellebene 50
Appell-Ohr 46 Edmüller, Andreas 244, 250
Asymmetrie 3, 167–169, 172–173, 225, Empathie 31, 63, 65, 67, 71, 77, 80, 86,
227 91–94, 97–98, 102, 120, 125
Ausdrucksbewegung 12 Empfänger 13, 16, 18, 22, 30, 41, 45–46,
Außenbeziehungen 158 51–52, 108, 141, 169–170, 173, 175
außerkommunikativ 196, 198 Entspannungseffekt 227
Äußerungen 89, 94, 97, 107, 129, 131–132, Ereignisfolge 23–24, 28, 127
183, 188, 191, 195, 216–217, 246 Erstgespräch 4, 211, 213, 215, 249
Axiom 2, 10 Ethik 119, 248
Ethnizität 190
extramural 78, 81, 143, 147, 171
B
Bateson,Gregory 134–135, 137, 151, 247,
F
250 Fachsprache 16, 69, 109–112, 115–116,
Beavin 250 247
Bedeutungsvorrat 78 Feil, Naomi 97, 248
Beobachtungsmodus 244 Fiehler, Reinhard 112, 113
Beschwerdeführer 238–240, 243, 246 Ford, Yvonne 200–201, 248
Beziehungenskonflikt 25 Freud, Sigmund 40, 96–97, 158, 180, 248
Beziehungsaspekt 18, 21–22, 30, 51
Beziehungsbotschaft 33, 52 G
Beziehungsdefinition 20
Beziehungsebene 21, 44, 48–50, 56, 141, ganzheitlich 83, 116, 145–146, 148, 202
159, 225 Gesprächspsychotherapie 63, 92, 249
Beziehungsmuster 96 Gesprächssituationen 44, 183, 211, 234
Beziehungs-Ohr 46, 49 Gleichklang 97

Sach- und Personenverzeichnis 251


Goffman, Irving 170 K
Gruppenbibel 3, 125, 144–145, 147–148
Käsermann, Marie Luise 196–197, 247
H Kerkow-Weil, Rosemarie 189–190, 248
Killerphrase 68, 146
Helfersyndrom 131 Klärungshelfer 234–235
Hierarchien 195 klientenorientiert 92, 97, 102
Hysterie 90 Kohut, Heinz 97, 248
Kollektivismus 185
I Kollusion 130–131, 250
Kommunikationsanteile 30–31, 43
Ich-Botschaft 70, 100, 105–108, 164 Kommunikationsgefälle 165
Imponiersprache 163 komplementär 34–35, 37–38, 149,
Inhaltsaspekt 30, 51 151–155
Inkongruenz 105, 108, 137, 153, 183 Kongruenz 53, 63, 65, 70, 92, 100, 102,
Innerungen 82, 129, 131 104–105, 107–108, 137
Intentionen 153 Körpersprache 12, 33, 195
interagieren 14, 63, 73–74, 81, 125, 153 Kumbier, Dagmar 185–187, 201–203, 208,
Interaktion 2–4, 13, 15–16, 20, 24, 27–28, 248
31–32, 34–38, 49, 63, 66, 70, 73–78,
81, 84, 90, 92–94, 97, 105–106, 108,
112, 114, 122, 125, 127–131, 135–
L
137, 140, 142, 151–152, 154, 158, 161, Laienperspektive 216
165–167, 169, 172–173, 181–182, Langzeitpflege 70–71, 77, 137, 141, 167,
186, 190, 192, 204, 208, 210, 215, 225, 170, 211, 228, 231–232, 236, 245
231, 233, 236, 245, 247–250
Interaktion, komplementäre, symmetri-
sche 2–4, 13, 15–16, 20, 24, 27–28, M
31–32, 34–38, 49, 63, 66, 70, 73–78,
Machtbeziehungen 170, 247
81, 84, 90, 92–94, 97, 105–106,
Mead, George Herbert 73–74, 76
108, 112, 114, 122, 125, 127–131,
Mentzos, Stavros 130–131, 248
135–137, 140, 142, 151–152, 154,
Metakommunikation 3, 20–21, 49, 137,
158, 161, 165–167, 169, 172–173,
140, 142, 154, 158, 162–166, 197,
181–182, 186, 190, 192, 204, 208, 210,
201–203
215, 225, 231, 233, 236, 245, 247–250
Meta-Sensibilität 68, 187, 197–198,
Interaktion, themenzentrierte 2–4, 13,
201–203, 206–207, 209–210
15–16, 20, 24, 27–28, 31–32, 34–38,
Migrant 190, 200, 204
49, 63, 66, 70, 73–78, 81, 84, 90,
Mitteilungscharakter 12
92–94, 97, 105–106, 108, 112, 114,
muslimisch 4, 191, 204–207, 247–248
122, 125, 127–131, 135–137, 140,
142, 151–152, 154, 158, 161,
165–167, 169, 172–173, 181–182, N
186, 190, 192, 204, 208, 210, 215,
225, 231, 233, 236, 245, 247–250 Nachricht 2, 13, 22–23, 33, 39, 41–46,
Interaktionismus, symbolischer 70 50–52, 55, 70, 162–163, 166
interkulturell 4, 68, 185–187, 191–192, 195, Nationalität 185–187, 189, 193–194, 200
197–198, 201–203, 247–248 Nightingale, Florence 3, 9, 53–68, 125, 249
Interpretationen 16, 54, 57, 90, 106 nonverbal 54, 56, 105, 122, 177, 188, 191,
Interpunktion 23–25, 127 194–196, 199
intuitiv 8, 100, 172
O
J
Objekt 29–30, 75–76, 122
Jackson 250 Onomatopoetikum 30

252 Sach- und Personenverzeichnis


P Sich-Identifizieren 117, 120–121
Sozialisation 82–83, 194
Palo-Alto-Gruppe 134 Spiegeltechnik 70, 95–97, 99, 242, 246
Paradox 135–136, 138, 141–142, 235, 250 sprachliche Zuordnungen 29–30
Paraphrase 87–90, 94 Stanton, A. 136
Paraphrasierung 70, 86–87 Störungen 3, 104, 135, 156, 158–161, 186,
Pflegeabhängigkeit 119, 167, 169, 177 196, 248–250
Pflegekultur 70, 77–79, 83 Suggestivfrage 53, 57–58, 60
Pflegelatein 111, 113, 115, 117 symmetrisch 34–37, 165–167, 169
Pflegepraxis 1–2, 4, 10, 69, 77, 80, 125,
248
Pflegetheorie 7
T
Pflegeverständnis 72, 77, 83–85 Tabu 14, 175, 180, 204
Projektion 106 Tannen, Deborah 151–153, 249
prophylaktisch 109 Tätigkeitsbegleitende 222, 225, 227, 229
Psychologie 40, 49, 92, 105, 127, 249 Terminologie 109–110
Teufelskreis 186, 189
R Thomann, Christoph 234–235, 249
Tiefenstörungen 158, 160
Religion 185–186, 207, 209, 213–214
transkulturell 185, 196, 248
Rogers, Carl 63, 67, 92–93, 97, 102–105,
Transkulturelle Pflege 248
249
Rosenberg, Marshall B. 89, 249
U
S
Übertragung 97
Sachebene 44, 47, 49, 51, 159
Sachinhalt 41, 50–51, 163 V
Satir, Virginia 182–183, 249
Schamgefühl 206 Validation 39, 42, 48, 97–98, 248
Scharb, Brigitte 97–98 Verbalisierung 86, 91
Schismogenese, komplementäre 149, Vergnaud, Monique 238–240
151–155
Schulz von Thun, Friedemann 2, 39, W
41–46, 50, 52, 103, 127–131,
158–160, 162–164, 175–176, Walter, Sabine 202, 248–249
185–187, 201–203, 208, 234–235, Watzlawick, Paul 2, 10–13, 15, 18, 20–21,
248–249 24–25, 29–31, 35, 37, 52, 127,
Schützendorf, Erich 66–67, 114–115, 139, 135–137, 154, 225, 249–250
170, 249 Weakland, John H. 136–137, 141,
Schwarz, M.S. 204, 206, 228 249–250
Selbstbeherrschung 189, 192 Weinhold, Christine 61, 222–224, 250
Selbstbewunderungsspiele 106 Wertvorstellungen 185, 206, 209
Selbstoffenbarung 41–43, 46, 48–51, 103, Wilhelm, Thomas 244, 247–250
114, 141, 159 Willi, Jürg 130, 172, 250
Selbstoffenbarungsebene 43, 49, 114 wohlwollende Gelassenheit 208–209, 219
Selbstoffenbarungs-Ohr 46
Sender 13, 16, 18, 22, 30, 41, 43–44, Z
51–52, 87, 114, 140–141, 165, 175,
180, 191 Zegelin 112, 116, 247–248, 250

Sach- und Personenverzeichnis 253