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24.4.2018 Der Suizid-Versuch des ver.

di Kaders - Makroskop

Bild: Tobias M. Eckrich / CC BY 3.0, Link

Kommentar | 20.04.2018

Der Suizid-Versuch des ver.di Kaders


Von Hardy Koch

Wer mit einer schwachen Forderung in Lohntarifverhandlungen


geht, der hat nicht erst in der heißen Endphase der Verhandlungen
keine Luft mehr, um dicke Backen zu blasen.

Der Vorsitzende der vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, sieht den
öffentlichen Dienst im Wettbewerb mit anderen Wirtschaftsakteuren. Er hat somit den eigenen Wert
des öffentlichen Dienstes in unserem Gemeinwesen nicht verstanden. Dieser Wert resultiert nicht aus
dem Wettbewerb mit privaten Dienstleistern, sondern aus der Erkenntnis, dass eine Volkswirtschaft
und eine Zivilgesellschaft von nahezu 85 Millionen Menschen ohne eine vernünftige öffentliche
Infrastruktur schlichtweg nicht funktionsfähig ist.

Der Staat und seine Institutionen kann auch gar kein Wettbewerber auf Augenhöhe mit privaten
Akteuren sein, denn als alleiniger demokratisch legitimierter Regulierer darf er sich selbst gar nicht so
weit erniedrigen. Das wissen sogar die Neoliberalen, die den handlungsfähigen Staat zur Befriedigung
ihrer eigenen niederen Interessen dringend brauchen. Wenn auch nur „wohldosiert“.

Diese Wertschätzung gilt auch im Hinblick auf die sogenannte Attraktivität, die die Arbeitgeber
hochhalten, um den Staatsdienst im Werben um IT-Fachleute oder Ingenieure gegenüber der
Privatwirtschaft nicht noch weiter ins Hintertreffen geraten zu lassen. Doch attraktiv müssen die
Beschäftigungsbedingungen überall sein. Und – der öffentliche Dienst muss vor allen Dingen
funktionsfähig sein. Das ist er ganz sicher nur mit qualifiziertem Personal zu angemessenen
Lohnbedingungen. Und diese Lohnbedingungen richten sich eben nicht primär nach den
Haushaltsregeln, sondern nach den allgemeinen Gegebenheiten bezüglich des Bedarfs nach diesen
Dienstleistungen. Im Übrigen muss auch im öffentlichen Dienst das Prinzip des leistungsgerechten
Lohns gelten.

Die Attraktivität der Arbeitsbedingungen des öffentlichen Dienstes hätte also in der Breite gefördert
werden müssen, anstatt spürbare Lohnerhöhungen insbesondere in den unteren Einkommensgruppen
als Kompensation für die Förderung der Besserverdiener zu opfern. Wie kann man es wie Bsirske
zulassen, dass unterschiedliche Beschäftigtengruppen auf offener Bühne gegeneinander ausgespielt
werden? Selbst bei einer Lohnrunde von 0 % hätten sich die Arbeitgeber etwas für das Anwerben und
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24.4.2018 Der Suizid-Versuch des ver.di Kaders - Makroskop

Halten des akademischen Fachpersonals einfallen lassen müssen. Wettbewerb hin oder her. Oder ist
der ver.di-Führungskader, ähnlich wie große Teile der Partei die Linke, gedanklich schon bei Öffentlich-
Privaten-Partnerschaften?

Um den öffentlichen Dienst attraktiver für Beschäftigte mit akademischer Ausbildung zu machen,
benötigen die Arbeitgeber weder ver.di noch Tarifverhandlungen überhaupt. Es steht im Ermessen
eines jeden Arbeitgebers, seine von ihm angebotenen Arbeitsplätze attraktiver zu gestalten und sein
Personal anständig zu entlohnen. Die öffentlichen Arbeitgeber brauchen ver.di nur für den Fall, dass sie
die vorher vollmundig angekündigten Verbesserungen dann doch nicht durchführen können wollen.
Denn, so die Erkenntnis, die Haushaltsrestriktionen hindern sie daran.

Nur sieht man das offensichtlich auch im ver.di-Kader so. Die schwarze Null hat sich also tief in der
Welt der Gewerkschaftsfunktionäre festgefressen.

Gegen eine spürbare Lohnerhöhung in den unteren und mittleren


Einkommensgruppen

Und so hat sich ver.di darauf eingelassen, den Attraktivitätsbonus für die höheren
Einkommensgruppen gegen eine spürbare Lohnerhöhung in den unteren und mittleren
Einkommensgruppen aufzurechnen. Damit haben die Arbeitgeber nicht nur das gewünschte Alibi, um
den unteren und mittleren Einkommensgruppen eine jährliche Erhöhung von mindestens 5 %
vorzuenthalten, sie können auch dem generellen Kaufkraftargument und der Nachfrageseite der
Volkswirtschaft im nationalen und europäischen Kontext entgehen. Was hat ver.di dafür bekommen
außer dem Hinweis darauf, dass sie im öffentlichen Lohngetriebe als Gestaltungsmacht selbstredend
unverzichtbar ist?

Das eigentliche Alibi für die Enthaltsamkeit der Arbeitgeberseite aber liegt in der dreißigmonatigen
Laufzeit des Vertrages. Man schützt sich selbst vor dem dazulernen und notwendigen nachjustieren
der lohnpolitischen und gesamtwirtschaftlichen Realitäten über volle zweieinhalb Jahre. Das ist
ungeheuerlich. So darf man mit den deutschen Beschäftigten und europäischen Nachbarn nicht
umgehen.

Und als zusätzliches Bonbon: Ver.di kann jetzt 30 Monate Betriebsurlaub ansetzen und ab sofort das
organisationsinterne Nachdenken einstellen. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass die ver.di
Mitglieder konfliktbereit und streikfähig sind – wie sie eindrucksvoll bewiesen haben –, ist das
tragisch. Denn sie sind es vor allen Dingen, die man jetzt hinter die Fichte geführt hat. Die
Leitungskader loben vollmundig die Streikbereitschaft ihrer Mitglieder und speisen sie dann mit
Almosen ab. Dieser Vorgang ist mehr als nur bemerkenswert.

Erstaunlich ist das auch, wo sich doch Mitglieder von ver.di schon mehrfach sachkundig auf Makroskop
zu Wort gemeldet haben. Im Unterschied zu Olaf Scholz hat Frank Bsirske also durchaus gute Berater.
Vielleicht muss man das so verstehen, dass die ver.di-Abteilung für Sachverstand und die Abteilung für
Entscheidungsmacht auf unterschiedlichen Bahnen um das deutsche Tarifgebiet kreisen, ohne sich
dabei jemals ernsthaft zu berühren?

Aus beider Observations-Perspektive wäre auch ein Blick in das benachbarte Ausland möglich, wo
man dringend auf eine Stärkung der deutschen Binnennachfrage angewiesen ist. Aber man kreist wohl
lieber um sich selbst und stärkt weiterhin den deutschen Merkantilismus im europäischen
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„Integrationsprozess“. Wenn das mal gut geht.

https://makroskop.eu/2018/04/der-suizid-versuch-des-ver-di-kaders/ 3/3