Sie sind auf Seite 1von 177

Verlag Fuchs AG

Pascal Frey Sprache und


Kommunikation
Deutsch am Gymnasium 1

©Verlag Fuchs AG ISBN: 978-3-03743-851-0 Konzept und Gestaltung:


Höchweid 14 «Sprache und Kommunikation» Springrolls AG, Luzern
6023 Rothenburg Deutsch am Gymnasium 1
Telefon 041 280 62 66 2. Auflage 2013 Fotos:
Telefax 041 280 60 45 Renato Regli
E–Mail: info@verlag–fuchs.ch ISBN: 978-3-03743-860-2
www.verlag–fuchs.ch «Einfach schreiben» Gedruckt auf chlorfrei
Deutsch am Gymnasium 2 gebleichtem Papier
2. Auflage, 2013 1. Auflage 2009

Abdruck und Vervielfältigung ISBN: 978-3-03743-870-1


sowie Erstellen von Kopien «Literatur»
irgendwelcher Art zu irgend- Deutsch am Gymnasium 3
welchen Zwecken ist – auch 1. Auflage 2010
nur auszugsweise – nur mit
Bewilligung des Verlages ISBN: 978-3-03743-880-0
gestattet. «Wege zur Literatur»
Deutsch am Gymnasium 4
1. Auflage 2012

Die zweite Auflage ist inhaltlich nahezu unverändert. Sie kann im Unterricht ohne Einschränkun-
gen neben der ersten Auflage verwendet werden.
Inhaltsverzeichnis 2

Inhaltsverzeichnis

1. Sprache 3. Rhetorik
1.1 Linguistik 3.1 Redetheorie
– Das Wesen der Sprache 8 – Rede, Referat, Präsentation 64
– Erscheinungsformen von Sprache 9 – Die Redesituation 65
– Standardsprache und Varietäten 10 – Der Standardaufbau ohne Fisimatenten 66
– Kleine Geschichte der – Kleiner Exkurs zur Zuhörerpsychologie 67
deutschen Sprache 12 – Die Anfänge 68
– Der alemannische Sprachraum 15 – Du-Orientierung 69
– Phonetik 16 – Die Körpersprache 71
– Aussprache 17 – Der Zielsatz 73
– Betonung der deutschen Wörter 18 – Die Grundfehler – Ein (nicht ganz
1.2 Sprachbetrachtungen ernst gemeinter) Ratgeber 75
– Rätsel Sprache 19 3.2 Vor und während der Präsentation
– Spracherwerb 21 – Die Vorbereitung (Inventio) 77
– Wortschatz 22 – Die Gliederung (Dispositio) 78
– Lehn- und Fremdwörter 24 – Die Sprache (Elocutio) 80
– Redewendungen 25 – Das Einüben (Memoria) 81
– Sprachwandel 26 – Das freie Sprechen
– Sprechakte 27 (Actio, Pronuntiatio) 82
– Sprache und Denken 28 – Die Visualisierung 83
– Sprache und Macht 29 – Einsatz von Medien 84
– Gleichberechtigung in der Sprache 30 – Checkliste Rhetorik 86
– Die Rechtschreibreform 32
4. Argumentieren
2. Kommunikation
4.1 Argumentieren
2.1 Kommunikationstheorie – Das Argument 88
– Was ist Kommunikation? 36 – Beweisen 89
– Das Kooperationsprinzip 38 – Typen von Argumenten 90
– Kommunikation ist Handeln 39 – Scheinautorität und Fehlschluss 91
– Man kann nicht nicht kommunizieren 40 – Scheinargument 92
– Beziehungs- und Inhaltsaspekt 41 – Deduktion und Induktion 93
– Die vier Seiten einer Botschaft 43 – Allgemeine Aussagen 94
– Kommunikation ist digital und analog 44 4.2 Überzeugen
– Symmetrie und Komplementarität 45 – Überzeugen 95
– Das Organonmodell 46 – Manipulieren 96
– Das Nachrichtenmodell 47 – Verhalten in Gesprächen 97
– Die kommunikative Basis 48 – Konflikte vermeiden 98
– Die Funktionen der Kommunikation 50 – Konflikte lösen 99
– Checkliste Kommunikation 51 – Die VIR-Strategie 100
2.2 Kommunikationsfähigkeit 4.3 Erörtern
– Kommunikationsfähigkeit 52 – Erörtern 101
– Kommunikation und Selbstwertgefühl 53 – Sammlung von Gedanken und Stoffen 103
– Gesprächsblocker 54 – Gliedern einer Erörterung 104
– Checkliste: Gesprächsführung 56 – Formen der Erörterung 106
2.3 Diskutieren
– Die Diskussion 57
– Diskussionsformen 58
– Jugend debattiert 59
– Leitfaden Diskutieren 62
Inhaltsverzeichnis 3

5. Lesen 7. Anhang
5.1 Sachtexte erschliessen 7.1 Die Maturarbeit
– Sachtexte 108 – Arbeitsschritte 144
– Lesetechniken 109 – Arbeitsplan 145
– Die SQ3R-Methode 110 – Themengewinnung 146
– Markieren 112 – Literatursuche und Verarbeitung 147
– Notizen 113 – Konzeption 148
– Visualisieren 115 – Zitate und Fussnoten 149
5.2 Medientexte erschliessen – Literaturverzeichnis / Quellenverzeichnis 151
– Das Medium ist die Botschaft 116 7.2 Layout
– Informationsquellen 117 – Schrift und Satz 152
– Darstellungselemente des – Gestalten mit Text 154
Zeitungsartikels 118 – Gliederung 156
– Die Zeitungsressorts 120 – Die grafische Darstellung 157
– Journalistische Regeln 121 7.3 Checklisten
– Boulevardjournalismus 122 – Analyse von Sachtexten 159
– Erarbeitung längerer Sachtexte 160
6. Schreiben – Thesenbildung 161
– Gestaltendes Sprechen 162
6.1 Der Schreibprozess
– Rückmeldung 164
– Schreiben 126
– Komma 165
– Schreibkommunikation 127
7.4 Rhetorische Figuren
– Textmerkmale 128
– Klang- und Inhaltsfiguren 166
– Stil 130
– Wortfiguren 167
– Schreiben als Prozess 131
– Satzfiguren 168
– 1. Problemorientierung 132
– Wirkung rhetorischer Figuren 169
– 2. Planungsfähigkeit 133
Bibliografie 170
– 3. Textwissen 134
Glossar 171
– 4. Formulieren 135
– 5. Überarbeiten 137
6.2 Verständlich schreiben
– Die 5 Gebote 138
– Merkmale der Verständlichkeit 140 Sachregister 174

Übersicht

Das Lehrwerk «Deutsch am Gymnasium» besteht aus vier Teilen.

– «Sprache und Kommunikation» – «Literatur»


Deutsch am Gymnasium 1 Deutsch am Gymnasium 3

– «Einfach schreiben» – «Wege zur Literatur»


Deutsch am Gymnasium 2 Deutsch am Gymnasium 4
Vorbemerkungen 4

Vorbemerkungen
Inhalt
Deutsch gehört an Schweizer Mittelschulen zu den sogenannten Grundlagenfächern.
Das Fach Deutsch bildet eine Grundlage für andere Fächer und damit für den Schul-
erfolg. Dieses Buch vermittelt den Stoff der Bereiche Sprache und Kommunikation
im Fach Deutsch an Schweizer Gymnasien. Band 3 vermittelt die Literatur. Das
vierbändige Lehrwerk «Deutsch am Gymnasium» umfasst auch zwei prozessorien-
tierte Einführungen in das Schreiben von Sachtexten und in die Literatur (Band 2
bzw. Band 4).

Lehrmittel
«Deutsch am Gymnasium» ist ein Lehrmittel für das Fach Deutsch an Schweizer
Gymnasien. Es ist bestimmt für die Hand der Schülerinnen und Schüler. Es versam-
melt alle für das Fach Deutsch relevanten Inhalte. Das Lehrmittel kann auch in den
Lehrgängen der Berufsmaturität und Fachmittelschule verwendet werden.

Aufbau
Die Kapitel können in beliebiger Reihenfolge erarbeitet werden. Sind Sachverhalte
oder Begriffe vorausgesetzt, werden sie mittels Querverweis erschlossen.

Glossar
Das Glossar erklärt grundlegende Begriffe aus dem Fach Deutsch, die im Text vor-
ausgesetzt werden, z.B. den Begriff «finites Verb». Begriffe, die im Text definiert
werden, z.B. «Kohärenz» erscheinen nicht im Glossar. Sie können über das Sach-
register gefunden werden.

Sachregister
Das Sachregister verzeichnet sämtliche Begriffe, die im Text eingeführt werden.
Von Maturandinnen und Maturanden darf erwartet werden, dass sie diese Begriffe
kennen und ihre Anwendung beherrschen.

Praxisnähe
Sämtliche Seiten, alle Anleitungen und Beispiele dieses Buches wurden in der Pra-
xis des gymnasialen Deutschunterrichts erprobt. Das trifft insbesondere auf die
Formulierungen zu. Ich danke an dieser Stelle all jenen, die dazu beigetragen haben,
die Sprache klar und verständlich zu machen.

Geschlechterneutrale Formulierung
Der Autor dieses Bandes ist sich der Problematik der ausschliesslichen Verwendung
männlicher Formen für geschlechtergemischte Gruppen bewusst. Wo möglich wer-
den daher beide Formen nach dem Muster «Schülerinnen und Schüler» verwendet.
Allenfalls kommen neutrale Formen wie «Lehrpersonen» zum Einsatz. Dennoch
war eine durchgehend geschlechterneutrale Formulierung nicht praktikabel. Mehr
zu diesem Thema finden Sie auf S. 31 dieses Bandes.
Vorwort 5

Vorwort
Der vorliegende Band «Sprache und Kommunikation» des Lehrwerks «Deutsch am
Gymnasium» enthält den Stoff des Faches Deutsch an Schweizer Gymnasien in den
Bereichen Sprache, Kommunikation, Rhetorik, Argumentieren, Lesen und Schrei-
ben. Den Bereich Literatur finden Sie in Band 3.
«Sprache und Kommunikation» eignet sich gleichermassen als Selbstlernbuch und
als Begleitbuch zum Unterricht. Seine Darstellungsweise und das Register machen
den Band zu einem praktischen Nachschlagewerk.
Mit Ausnahme des ersten Kapitels «Sprache» sind die Kapitel als Einführungen
und Anleitungen konzipiert. Dabei wurde grösster Wert darauf gelegt, den Stoff so
zu vermitteln, dass er aus sich selbst heraus verständlich und motivierend ist.
Auf jeder Seite finden Sie zu jeweils einem Thema die relevanten Informationen
übersichtlich und anschaulich dargelegt. Sie können die Kapitel in beliebiger Rei-
henfolge bearbeiten. Innerhalb der Kapitel empfiehlt es sich jedoch, dem gegebenen
Aufbau zu folgen.
Der Anhang ist der Serviceteil von «Sprache und Kommunikation». Hier finden Sie
Informationen, die Sie im Laufe Ihrer Zeit am Gymnasium früher oder später nut-
zen werden.

Pascal Frey, Solothurn, Juni 2013


Dank 6

Dank
Dank
Mein Dank gebührt allen Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen,
die mich tatkräftig unterstützt haben, und meiner Familie, die mich für viele Mo-
nate entbehren musste.
Ganz herzlich danke ich:
– Dr. Daniela Plüss und Claudio Caduff vom Zürcher Hochschulinstitut für Schul-
pädagogik und Fachdidaktik (ZHSF) für die fachliche Begleitung;
– Sandra Neuber-Koch für das Lektorat;
– Mirjam Caspers für das Korrektorat;
– Krisztina Armbruszt für die Erstellung des Glossars;
– Marcel Schmid und Beat Knaus für manche Idee und Anregung;
– der Klasse 2006A der Neuen Kantonsschule Aarau für die Praxiserprobung, ins-
besondere Valentina Suter, Martina von Arx, Fabian Felder, Simon Kalberer, Ben-
jamin von Wyl, Fabian Weiersmüller;
– Simon Meienberg für den Satz;
– Armin Meienberg für die grafische Gestaltung und die Seiten zum Layout;
– Renato Regli für die Umschlag- und Kapitelfotos;
– und schliesslich dem Verleger Jakob Fuchs für tausend und mehr Kleinigkeiten,
die die Herstellung eines Buches zu einer grossartigen Sache machen.

Abdruckrechte
– «My mother in Law», S. 30
www.CartoonStock.com
– Kinderinnen, S. 31
www.josos-cartoons.de
– Finden Sie die Fehler? S. 32
Dieter E. Zimmer, Die ZEIT Nr. 45, 3. November 1989
– Ceci n’est pas une pipe, S. 116
Margritte Rene, Ceci n’est pas une pipe, © 2009 ProLitteris Zürich
– Berlusconi, S. 124
blick.ch; KEYSTONE / AP / GREGORIO BORGIA
– Bill Waterson, Calvin und Hobbes, S. 130
CALVIN AND HOBBES © 1993 Watterson. Dist. By UNIVERSAL PRESS SYN-
DICATE. Reprinted with permission. All rights reserved.
Es war nicht in allen Fällen möglich, die Rechteinhaber der Texte und Abbildungen
zu eruieren. Berechtigte Ansprüche werden im Rahmen üblicher Vereinbarungen
abgegolten.

Der Autor
Pascal Frey (geb. 1967), Dr. phil., Deutschlehrer an der Neuen Kantonsschule
Aarau, wohnhaft in Solothurn, verheiratet, Vater von zwei Töchtern.

Solothurn, Juni 2013


Pascal Frey
1. Sprache
1.1 Linguistik 8

Das Wesen der Sprache


Sprache ist ein System von Symbolen (Laute und Zeichen / Buchstaben), mit denen
Bedeutungen erzeugt werden. Sie ist ein Mittel zum Ausdruck und Austausch von
Informationen (Erkenntnisse, Vorstellungen) zwischen Menschen sowie zur Fixie-
rung und Tradierung von Erfahrung und Wissen.

Sprache als Zeichensystem


Sprache verwendet Zeichen. Ein Zeichen besteht aus einer Vorstellung (das Ge-
meinte, Dinge, die man ausdrücken will) und aus einem Lautbild (einem Wort).
Das Gemeinte und die Bezeichnung dafür seien wie die zwei Seiten eines Blattes
Papier, bemerkte der Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure (1857–1913). Ein
Vorstellung
Zeichen hat also zwei Ebenen, es kann durch folgende Figur dargestellt werden.

Lautbild
Vorstellung
Vorstellung

Lautbild
Lautbild

Arbitrarität und Konvention


Die beiden Seiten des Zeichens – Vorstellung und Lautbild, Inhalt und Ausdruck,
Gemeintes und Gesagtes – sind eng miteinander verbunden. Einer Vorstellung – in
der Linguistik spricht man von Begriff – ordnen wir ein Wort zu. Welches Wort wir
der Vorstellung zuordnen, ist auf der Ebene des individuellen Sprechers nicht zu-
fällig, sondern durch Übereinkunft (Konvention) in der Sprachgemeinschaft gege-
ben. Einen Baum nennen wir B–A–U–M, und nicht etwa H–A–U–S.

Vorstellung

arbor Lautbild / Begriff


arbor

Die Abbildung zeigt indes schon, dass andere Sprachen der Vorstellung Baum ein
anderes Lautbild zuweisen. Welchesarbor Lautbild welcher Vorstellung zugewiesen wird,
ist beliebig, die Linguistik nennt das «arbiträr». Die Zuordnung ist deswegen arbiträr,
weil das Lautbild ein Symbol ist für die Vorstellung, nicht die Vorstellung selber.

Vorstellung – Symbol – Wirklichkeit


Das Verhältnis zwischen der Vorstellung, dem sprachlichen Begriff und der Wirk-
lichkeit kann man in einem Dreieck darstellen.

Vorstellung /Gedanke
Vorstellung /Gedanke
Codierung Wahrnehmung

Codierung Wahrnehmung
Vorstellung /Gedanke
Zeichenbeziehung
Begriff/Lautbild Wirklichkeit /Bezeichnetes
Codierung Zeichenbeziehung Wahrnehmung
Begriff/Lautbild Wirklichkeit
Mehr Informationen und ausführlichere Modelle zum Verhältnis /Bezeichnetes
von Wirklichkeit,
Vorstellung und Symbol finden Sie im Kapitel Kommunikation.
Zeichenbeziehung
Begriff/Lautbild Wirklichkeit /Bezeichnetes
1.1 Linguistik 9

Erscheinungsformen von Sprache


Jede Sprache neigt dazu, Dialekte (räumliche Unterscheidungen) und Soziolekte
(gesellschaftliche Unterscheidungen) zu bilden. Prinzipiell müssen wir auch unter-
scheiden zwischen der mündlichen Form einer Sprache und ihrer schriftlichen Form.
Jede Einzelsprache ist heterogen: das heisst, es gibt verschiedene Ausformungen
der Sprache.

Die deutsche Sprache – die deutschen Sprachen


Deutsch, vor allem das gesprochene Deutsch, ist so wenig wie jede andere Sprache
homogen. Es gliedert sich in viele Varietäten, also unterschiedliche Verwendungen
von Sprache.

Deutsch

Dialekt Standardsprache Umgangssprache Idiolekt

Herkömmliche Diejenige Aussprache- Sprachform des Die Sprachbeherr-


lokale Sprachform form des Deutschen, überregionalen und schung des einzelnen
des familiären die auf artikulatorische öffentlichen Gesprächs. Sprachteilnehmers.
Rahmens und des Deutlichkeit und über-
Sie ist von den Zentren Sie ermöglicht es ihm,
privaten Gesprächs. regionale Verständlich-
beeinflusst und wird Sprache zu verstehen
keit abzielt.
auch an Radiosendern und zu verwenden.
Sie ist die im öffentli- gesprochen. Darunter fallen die
chen Rahmen verwen- einzelne, individuell
dete Sprachform. gefärbte Äusserung
Standardsprache spricht sowie das individuelle
man in der Schule, im sprachliche Verhalten.
Beruf, in der Kirche, an
öffentlichen Anlässen,
mit Fremdsprachigen.

Die oft verwendeten In der Schweiz, aber Das Sprachverhalten


Begriffe wie auch in Österreich (Performanz) ist ein-
«Hochsprache», und manchen Teilen gebettet ins Sprach-
«Hochdeutsch» oder Deutschlands ist wissen (Kompetenz).
«Schriftsprache» meistens der lokale Kompetenz bezeichnet
sind synonym, aber Dialekt die Umgangs- dabei das theoretische
irreführend. sprache. Wissen, Performanz die
tatsächliche Anwen-
dung im persönlichen
Sprachverhalten.
1.1 Linguistik 10

Standardsprache und Varietäten


Die Sprache gliedert sich nicht nur in regionale Varietäten. Auch innerhalb eines
Dialektareals sprechen nicht alle Menschen die gleiche Ausprägung der Sprache,
sondern eine Ausprägung (Varietät), die abhängig ist von Alter, sozialer Herkunft,
Beruf, Gruppe, Familie usw.

Elaboriertes und restringiertes Sprachvermögen


Der britische Soziolinguist Basil Bernstein (1924 – 2000) stellte fest, dass die An-
gehörigen unterschiedlicher Schichten derselben Sprachgemeinschaft sich auf
Grund ihres unterschiedlichen Sprachgebrauchs, ihres Wahrnehmungsvermögens
und ihres Denkens unterscheiden. Das Sprachverhalten der Oberschicht hat besser
ausgebildete kognitive Fähigkeiten zur Folge, man nennt es «elaboriert». Das wie-
derum bedeutet, dass die Sprache, die der Einzelne spricht respektive zu sprechen
im Stande ist, über seinen gesellschaftlichen Status entscheidet. Der ausgebildete
Sprecher verfügt also über bessere berufliche, soziale und wirtschaftliche Chancen
als der Sprecher, der über ein eingeschränktes – restringiertes – Sprachvermögen
verfügt. Bernstein nannte dies die «Defizithypothese». Der amerikanische Linguist
William Labov (geb. 1927) stellte der Defizithypothese seine sogenannte Differenz-
hypothese gegenüber. Sie besagt, dass das restringierte Sprachvermögen ebenso viel
ausdrücken kann wie das elaborierte, nur mit anderen Mitteln.

Elaboriertes Sprachvermögen Restringiertes Sprachvermögen

längere Sätze kürzere Sätze

komplexer Satzbau (Hypotaxen) einfacher Satzbau (Parataxen); und-Stil


vollständige Sätze unvollständige Sätze
differenzierte Wortwahl kleiner Wortschatz
strukturierende Markierungen, z.B. weniger strukturierende Markierungen
«daraufhin meinte ich»
explizit (ausdrücklich) implizit (mitgemeint)
geplant redundant (verdoppelnd),
repetitiv (wiederholend)

kaum Füllwörter viele Füllwörter


grammatisch richtig ungrammatisch

Fahrerflucht (elaboriert) Angefahren und liegen gelassen


Ein Auto hat am Samstagmittag ein Velo zu (restringiert)
Fall gebracht. Der Fahrer bog rechts ab und Samstagmittag. Ein Auto fällt brutal einen
streifte dabei den Fahrradfahrer. Doch er hat Velofahrer! Und der Fahrer hat sich nicht
sich nicht etwa um das Opfer gekümmert, um das Opfer gekümmert – er ist sofort
sondern suchte das Weite. abgehauen!
Beide waren kurz vor drei Uhr vom Kunst- Auto und Velo waren kurz vor drei vom
museum in Richtung Dufourstrasse unter- Kunstmuseum her in der Dufourstrasse. Das
wegs, wie die Polizei mitteilte. Als der hat die Polizei gesagt. Der Autofahrer will
Fahrzeuglenker nach rechts ins Brunngäss- nach rechts ins Brunngässlein abbiegen und
lein abbiegen wollte, touchierte er mit sei- streift ein Velo. Der Velofahrer stürzt und ist
nem Wagen ein Fahrrad, das – vom Auto- verletzt. Jedoch der Autofahrer fuhr davon
fahrer offenbar unbemerkt – aufgeholt und hat sich nicht darum gekümmert.
hatte. Der Velofahrer stürzte und erlitt Ver-
letzungen. Der fehlbare Autolenker fuhr je-
doch davon, ohne sich um den Verunfallten
zu kümmern.
1.1 Linguistik 11

Fachsprachen
Fach- oder Expertensprachen haben in der Regel mit bestimmten Berufen zu tun.
Sie sickern allerdings in gewissen Fällen in die Standardsprache ein – wie z.B. Tei-
le der Computerfachsprache oder der Wirtschaftssprache. Der fachsprachige Wort-
schatz ist manchmal sehr umfangreich und übersteigt insgesamt den Wortschatz
für den täglichen Gebrauch um ein Mehrfaches. Kennzeichnend für Fachsprachen
ist ihre überregionale Verbreitung. Sie gelten als besonders exakt.

Ein Beispiel:
Die Seemannssprache – eine Auswahl aus Tausenden von Seemannswörtern:

Die Rahen werden derart gedreht, dass sie etwas mehr in die Quer-
abbrassen
schiffrichtung zu liegen kommen.

Entfernung von Masten, Segel, stehendem und laufendem Gut,


abtakeln siehe Takelage eines Segelschiffs.

(Abk.: Bb) linke Seite des Schiffes (in Fahrtrichtung blickend); in


Backbord
Hafeneinfahrten und Fahrrinnen die linke Seite von See aus.

Rah (auch Raa oder Rahe) Bestandteil der Takelage eines Segelschiffs.

weiss abgesetzter Farbgang über dem schwarzen Rumpf; soll beson-


Bubikragen
dere Schnelligkeit und Eleganz demonstrieren.

Soziolekt (Jargon)
Soziolekt heisst die Sprachverwendung innerhalb einer bestimmten Gruppe. Auf-
fällig sind unübliche Bezeichnungen wie «blechen» für «bezahlen» oder «Kies» für
«Geld». Soziolekte zeichnen sich durch eine emotional geprägte und eine bildliche
Ausdrucksweise aus. Für Sprecher, die einen bestimmten Jargon nicht beherrschen,
wirkt dieser wie eine Geheimsprache. Berühmtestes Beispiel ist das Jiddisch, die
Sprache der deutschen Juden, die im Hochmittelalter entstanden ist. Mittlerweile
sind viele jiddische Wörter in die Umgangssprache eingeflossen: «malochen» (für
«hart arbeiten»), «Moos» (für «Geld»), «meschugge» (für «verrückt»).

Jugendsprache
Jugendsprache ist eigentlich ein Jargon. Sie ändert ihre Erscheinungsform nach
kurzer Zeit und veraltet schnell. Was heute «cool» und «in» ist, kann in wenigen
Monaten bereits «abgehalftert» und peinlich wirken.
Das Hauptmerkmal der Jugendsprache ist ihr eigener Wortschatz, der begrenzt ist,
dafür umso häufiger verwendet wird und zum Ziel hat, sich von der Standardspra-
che respektive der Umgangssprache abzuheben.
Beliebt sind Superlative wie «mega», anstössige Ausdrücke wie «geil», Füllwörter
wie «irgendwie», Abkürzungen wie «Alk» und Anglizismen wie «chillen». Jugend-
liche verwenden tendenziell viele englische Ausdrücke; dabei durchlaufen die Wör-
ter mitunter eine beachtliche Veränderung. Aus dem Englischen to disrespect bei-
spielsweise machten Hip-Hop-Musiker to diss im Sinne von «beschimpfen».
Deutschsprachige Jugendliche wiederum entwickelten daraus «dissen» im Sinne von
«ausgrenzen». Auch die Grammatik wird verändert. Jugendliche lassen gerne Wör-
ter aus: «Kommst? – Auf jeden!» Auffallend ist die Steigerung von Wörtern mit
un-, was die herkömmliche Grammatik verbietet: «am uncoolsten».
1.1 Linguistik 12

Kleine Geschichte der deutschen Sprache


Jede Sprache verändert sich im Laufe der Zeit. Die deutsche Sprache gehört zu den
indoeuropäischen Sprachen und entwickelte sich als eigenständige Sprache ab dem
6. Jahrhundert.
Indoeuropäisch, früher auch Indogermanisch genannt, ist die Bezeichnung für eine
Reihe verwandter Sprachen, zu der die meisten europäischen, aber auch asiatische
Sprachen gehören. Die Bezeichnung stammt vom deutschen Sprachforscher Franz
Bopp (1791–1867). Bopps Untersuchungen ergaben eine auffällige Ähnlichkeit der
altindischen Sprache, des Sanskrits, mit den europäischen. Eine stark vereinfachte
Darstellung gibt einen Überblick:

indoeuropäisch

italisch germanisch indo-iranisch baltisch-slawisch griechisch

Latein: Deutsch: Altindisch: Litauisch: Griechisch:


mater, duo, suinus, Mutter, zwei, matár, dva(u), asti mótyna, du meter, dýo, hýinos,
est Schwein, ist Tschechisch: esti
Französisch: Englisch: matka, dva
mère, deux, est mother, two,
Italienisch: swine, is
madre, duo, è Schwedisch:
moder, två, svin
Isländisch:
móðir, tveir, svín

Erste (germanische) Lautverschiebung


Für die Entwicklung des Germanischen aus dem Verband der indoeuropäischen
Sprachfamilie heraus war die erste Lautverschiebung verantwortlich. Sie setzte im 1.
Jahrtausend v. Chr. ein und endete nicht später als 300 v. Chr. Als Erster dargestellt
hat sie der deutsche Germanist Jacob Grimm (1785 –1863). Die Lautverschiebung
betrifft zur Hauptsache die Verschlusslaute. So wurden aus dem stimmlosen p, t und
k bzw. aus ihren behauchten Varianten ph, th und kh oft Reibelaute (f, ch, engl. th).

lateinisch: pater deutsch: Vater


englisch: father
schwedisch: fader
griechisch: treis, lateinisch: tres englisch: three
lateinisch: canis, centum deutsch: Hund, hundert

Aus den stimmhaften Verschlusslauten b, d und g wurden, von Ausnahmen abge-


sehen, die stimmlosen Verschlusslaute p, t und k:

lateinisch: labium deutsch: Lippe


schwedisch: läpp
lateinisch: duo, dezem englisch: two, ten
schwedisch: två
lateinisch: genu deutsch: Knie
schwedisch: knä
1.1 Linguistik 13

Die deutsche Lautverschiebung (zweite Lautverschiebung)


Ab dem 6. Jahrhundert begann man, manche Konsonanten anders auszusprechen.
Aus dem germanischen «thaúrp» wurde «dorf», aus «fadar» «fater» oder aus «stop-
pon» «stopfen». Mit dem Abschluss der zweiten Lautverschiebung im 8. Jahrhundert
beginnt die Geschichte der deutschen Sprache. Die niederdeutschen Dialekte haben
diese Lautverschiebung nicht vollzogen.

Altniederdeutsch Althochdeutsch

plegan, appul pflegan, apful


tiochan, settian ziohan, setzan
opan offan
sokian suohhen (suchen)

Geografische Unterteilung
Man unterteilt die deutsche Sprache nach geografischer Lage. Niederdeutsch spricht
man in Norddeutschland auf dem flachen Land wenige Höhenmeter über Meer.
Oberdeutsch spricht man in Süddeutschland und der Schweiz. Die mittel- und
oberdeutschen Dialekte bezeichnet man als Hochdeutsch (in Abgrenzung zu Nie-
derdeutsch).

Hamburg

(alt-) niederdeutsch Berlin


(= altsächsisch)
ab 8. Jh.

mitteldeutsch Osten
Köln ab 1100

Westen Prag
ab 8 Jh.
HO CHDEUTSCH
oberdeutsch
ab 8. Jh.

München
Wien

Basel
1.1 Linguistik 14

Historische Unterteilung
Geschichtlich gliedert man die deutsche Sprache in 4 Epochen.

750 – 1050 Althochdeutsch – synthetischer Sprachbau theodiscus


ahd. – zwei Tempora theodisce
– i-Umlaut («hiutu» heute,
«setjan» setzen)

1050 – 1350 Mittelhoch- – Abschwächung der Endsilben- diutisc


deutsch vokale (ahd. lisist liest du) diutschiu
mhd. – Auslautverhärtung («kluoc»
klug)
1350 – 1650 Frühneuhoch- – vereinfachte Flexion teutsch
deutsch – Diphthongierung (mhd. wîn
frnhd. wein; mhd. hûs haus)
– Monophthongierung (mhd.
guot gut; mhd. wüeste
wüste)
ab 1650 Neuhoch- – ab 1530 Ansätze zu einheit- deutsch
deutsch licher Grammatik
nhd. – erste Orthografien
– Sprachpatriotismus
(nach Brundin 2004)

Die Herausbildung der Schweizer Mundarten


Die beträchtlichste Entwicklung vom Mittelhochdeutschen zum Frühneuhochdeut-
schen ist der Umbau der Vokale. Während viele Diphthonge (Doppellaute) zu
Monophthongen (Einzellauten) wurden, gab es umgekehrt Monophthonge, die
diphthongiert wurden. Die Schweizerdeutschen Mundarten haben diese Verände-
rung zum grössten Teil nicht mitgemacht. Die Beispiele zeigen das gut:

Mittelhochdeutsch Frühneuhochdeutsch Schweizerdeutsch

Diphthongierung mîn mein miis


tiurez (/türes/) teures tüüre
hûs Haus Huus

Monophthongierung liebe (/liäbä/) lieber liäbe


guoter guter guete
brüeder Bruder Brüeder

Das Schweizerdeutsche «Liäbe guete Brüeder» ähnelt also weitgehend der mittel-
hochdeutschen Lautung. Das unterscheidet die Schweizerdeutschen Mundarten von
der Standard-Hochsprache.
1.1 Linguistik 15

Der alemannische Sprachraum


Die Deutschschweizer Dialekte gehören auf Grund gemeinsamer Sprachmerkmale
zu den alemannischen Dialekten. Zusammen mit anderen Dialektgruppen zählt das
Alemannische zum Oberdeutschen, mit diesem zum Hochdeutschen.

Die Bezeichnung «alemannisch» geht auf die Alemannen zurück. Die alemannischen
Dialekte können aber nicht mit der Sprache der Alemannen gleichgesetzt werden.
Aus diesem Grund bevorzugen die Linguisten die Bezeichnung «westoberdeutsche»
Dialekte.

Oberrhein- Schwäbisch
alemannisch
Kempten
Mülhausen Ravensburg
Basel
Belfort
Bodensee-
Zürich
alemannisch

Hochalemannisch
Bairische
Bern
Dialekte
Chur

Französisch
Rätoromanisch
Höchstalemannisch

Bellinzona

Domodossola
Italienisch

Kartoffel auf Alemannisch


Kardoffel
Landau
Ansbach

Erbbirn, Ärbbirn
Grumbeere

Tübingen

Wilobad
Grombire
Stuttgart

Strassburg Grumbire
Tübingen

Eibira
Erdäpfel
Erdäpfel
Aidäpfel
Eardäfel

Freiburg Tuttlingen

Neustadt Herdäpfel

Bodabira
Lindau
Herdöpfel
1.1 Linguistik 16

Phonetik
Die Phonetik beschreibt die Sprechlaute [griech. phoné ‚Stimme, Laut, Ton’] und
die Bedingungen ihrer Erzeugung. Sie beschäftigt sich also nur mit der gesproche-
nen Sprache.

IPA-Zeichen
Die zur Schreibung der Laute verwendete Lautschrift folgt dem Zeichensystem der
International Phonetic Association (IPA). Einige Beispiele zeigt die Tabelle. Eine
vollständige Liste der Zeichen befindet sich im Duden Band 1: Rechtschreibung.

IPA Umschreibung Beispiel

offenes kurzes a Kamm [kham]

dumpfes etwas helles a, zwischen a und æ, wie besser [´b s ]


er am Wortende
offenes helles a, zwischen a und ä [ ] schweizerdeutsch
Märt (Markt)
[´m t]
unbetontes e Falle [´fal ]

Lautbildung
Die Laute der deutschen Sprache werden an unterschiedlichen Orten gebildet. Die
Abbildung gibt einen Überblick über die Sprechwerkzeuge.

Die Bildung der Konsonanten ist ab-


hängig von der Artikulationsweise:

Lippen m, p, b
Gaumen
Lippen / Zähne f, w, pf

Lippen Zähne / Zunge n, t, d, s, r


Zäpfchen
Zähne
Zungenrücken Zungenrücken sch, ch (weich)

Gaumen ng, k, g, ch, h


Kehlkopf
Zäpfchen r

Konsonanten Es gibt stimmhafte (mit den Stimmbändern gebildet) Konsonanten (m, n, b, w, d,


g, s, h) und stimmlose Konsonanten (p, t, k, s, f, ch, sch, r).

Vokale Die Bildung der Vokale ist abhängig von der Mundöffnung und der Lippenstellung.
Vokale sind immer stimmhaft. Einige Vokale gibt es in einer offenen und einer ge-
schlossenen Version (loben vs. hoffen).
– Mund und Lippen offen, Zunge flach: a
– Laut vorne (bei Mundöffnung), Lippen halboffen, Zunge mittel: e
– Laut in Mundhöhle, Lippen gerundet, Zunge mittel: o
– Laut in Mundhöhle, Lippen nach oben gewinkelt, Zunge halbhoch: u
– Laut vorne, Mund fast geschlossen, Lippen stark geöffnet, Zunge hoch: i
1.1 Linguistik 17

Aussprache
Die Aussprache der deutschen Standardsprache weicht von der Orthografie leicht ab.
Andererseits gibt die Orthografie eine Reihe von Hinweisen zur Aussprache der Wörter.

Laute und Buchstaben


Wir Schweizer lernen in der Regel die Standardsprache zuerst in ihrer schriftlichen
Form in Gestalt von Rechtschreiberegeln als «Schriftsprache». Erst verhältnismässig
spät lernen wir, sie auch zu sprechen. Es ist deshalb notwendig, sich mit einigen
Tücken der Aussprache vertraut zu machen, mit dem Ziel, flüssig und hindernisfrei
die Standardsprache sprechen und vorlesen zu können.

Diphthonge werden anders gesprochen als Maus, Zaun. Bein, Wein. Reue, Mäuse.
geschrieben: au AO; ei AE; eu OE Auf Freud folgt Leid. Wie die Zeit, so die Leut.

Nach A, O, U und AU spricht man das CH hinten rau. In Sache. Loch. Buche. Rauch. Schlucht. Dach. Rachsucht.
allen anderen Fällen wird es weich gesprochen. Licht. frech. reich. euch. Bücher. Mach dich nicht wichtig.
Das Gleiche sucht sich, das Rechte findet sich.

-ig am Wortende und vor -keit verschleift zu -ich. ewig. wichtig. König. Müdigkeit.
Aber: Königreich. ewiglich. lediglich.

chs X bei untrennbarer Einheit. Luchs. Dachs. wachsen. sechs. Wachs.


Aber: Lachsack. sich selber.

stimmhaftes ‚s’ vor bzw. zwischen Vokalen. singen. summen. sausen. lesen. soso! Amsel.
Geht ein stimmloser Konsonant voraus, wird s auch vor Konsonant. einsam.
Vokal stimmlos. Aber stimmlos: Auch so. Treibsand.

Graphem-Phonem-Beziehung
Die Schreibung einer Silbe (Graphem) und die Lautung einer Silbe (Phonem) be-
dingen einander. Insbesondere die Länge der Vokale wird in der deutschen Ortho-
grafie mittels Dehnungs- resp. Kürzungsmerkmalen kenntlich gemacht.
Grundregel: Folgt nach Vokal nur ein Konsonant, spricht man ihn lang. Folgen zwei
oder mehr Konsonanten oder ein Doppelkonsonant, spricht man ihn kurz. «Som-
mer» spricht man also nicht mit langem Konsonanten, sondern mit kurzem Vokal.

Dehnung h / ie / ee sehr, Begehren, Miete, siegen,


Meer, verheeren.

Kürzung zwei oder mehr Konsonanten oder locken, krachen, singt, Schimpf.
Doppelkonsonanten Mitte, Sommer, Stimme, stellen.

Spezialfälle
Der sogenannte
Auslautverhärtung Vokalansatz
Schwa-Laut
Stimmhaftes b, d oder g Wörter, die mit Vokal Der Laut ‚e’ (IPA-Zeichen
im Auslaut eines Satzes beginnen, dürfen nicht [ ]) in Vorsilben und
werden stärker gespro- mit den vorausgegange- Endungen wird immer
chen – fast wie p, t, k – nen Lauten verschmolzen offen und unbetont oder
und stärker behaucht. werden gar nicht gesprochen

Herr von Ribbeck auf Ein Esel begegnete einem Mücke oder gegangen
Ribbeck im Havelland, [...] Elefanten. Habe ach!
Längst wölbt sich ein Philosophie und leider
Birnbaum über dem Grab. auch … Früh übt sich.
1.1 Linguistik 18

Betonung der deutschen Wörter


1.Grundwörter
Deutsche Grundwörter werden auf der ersten Silbe betont. Beispiele: die Schule,
die Tonne, kommen, kam, mit, während, mager, eitel. Die Flexion (Deklination,
Konjugation, Komparation) beeinflusst die Betonung nicht. Beispiele: die Schulen,
die Tonnen, gekommen, kamen, magerer, am eitelsten.

2. Ableitungen
Der Akzent
a) bleibt an derselben Stelle wie beim Grundwort, wenn eine nicht-betonte Vorsilbe
oder eine Adjektiv- resp. Substantivendung dazukommt (z.B. be-, ge-, ver-, -ig,
-bar, -keit, -heit, -ung).
Beispiele: bekómmen, die Verárbeitung die Vertéidigung, die Éitelkeit, bráuchbar.
Die akzentlosen Wortteile werden nie betont, auch wenn das Grundwort nicht
mehr klar erkennbar ist wie z.B. in «Geschäft».
b) wechselt, wenn ein betonter Verbzusatz zum Grundwort hinzukommt. Verbzu-
sätze (ab, an, auf, aus, bei, ein, empor, fort, los, mit, nach, nieder, weg, weiter,
wieder, da, dar, her, hin, vor, zu) sind abtrennbar.
Beispiele: ábfahren – ich fahre áb; fórtgehen – ich gehe fórt, dárbieten – ich bie-
te dár. Nicht abtrennbar sind die Verbzusätze bei abgeleiteten Substantiven. Sie
behalten dennoch ihre Betonung. Beispiele: das Ábkommen, die Éinschulung,
das Éinkommen.

3. Komposita (Zusammensetzungen)
Das linke Wort trägt den Akzent.
Beispiele: die Báustelle, das Wóhnzimmer, hímmelblau.
Ausnahmen:
Das Jahrhúndert, das Jahrtáusend, das Jahrzéhnt, der Kilométer.

Bei Dreierzusammensetzungen ist der Aufbau des Kompositums entscheidend. Das

´
erste Wort des linken Teils bekommt den Hauptakzent ( ). Das erste Wort des
rechten Teils erhält den Nebenakzent ( ).
`
Beispiele:
Báustelle + Táfel Gróss + Báustelle
links rechts links rechts

Báu + stelle n+ tàfel Gróss bàu + stelle


1. links 2. links 1. rechts 1. links 1. rechts 2. rechts

Báustellentàfel Gróssbàustelle

4. Abkürzungen und Kurzwörter


Abkürzungen werden in der Standardsprache auf dem letzten Buchstaben betont.
In der Schweiz hingegen betont man den ersten Buchstaben. Beim Aussprechen
werden die Konsonanten wie im Alphabet mit langem a, langem e oder kurzem e
resp. au verbunden. Beispiele: WC, ETH, AHV, VW, SBB.
Bei Zusammensetzungen, die aus einem Buchstaben und einem Wort bestehen, liegt
der Akzent auf dem Buchstaben. Beispiele: die Ú-Bahn, die S-Bahn.
Kurzwörter werden meistens auf der ersten Silbe betont.
Beispiele: die Úno, die Náto, das Fóto, das Kílo.
1.2 Sprachbetrachtungen 19

Rätsel Sprache

«Die menschliche Sprache, nicht mit den Kommunikationssystemen der Tiere


gleichzusetzen, ist bis heute eines der grossen Rätsel der Menschheit. Es gibt
niemanden, der abschliessend erklären kann, wie die Sprache entstand, seit
wann es die menschliche Sprache gibt bzw. wie viele Sprachen es auf der Welt
gibt, ob alle Sprachen auf eine Ursprache zurückgehen und dergleichen mehr.»
(Ernst 2004, S. 57)

Wie viele Sprachen gibt es?


Um diese Frage zu beantworten, muss man zuerst entscheiden, ob z.B. «Deutsch»
nur als eine Sprache gilt oder nicht vielmehr als mehrere: Alemannisch, Bairisch,
Ostfriesisch, Plattdüütsch, Schwyzerdütsch usw. Und gilt Schwyzerdütsch als eine
Sprache, oder sind es wiederum mehrere? Was hier für die deutsche Sprache dar-
gelegt ist, gilt analog auch für Französisch, Spanisch (die Katalanen bestehen dar-
auf, Katalonisch zu sprechen, nicht Spanisch) und alle anderen Sprachen. Sprach-
grenzen sind nur ganz selten auch Staatsgrenzen. Wie viele Sprachen es gibt, ist
letztlich eine Frage der Zählweise. Je nachdem kommen die meisten Wissenschaft-
ler auf 4000 bis 6000 Sprachen, die derzeit weltweit gesprochen werden.

Uralische Sprachen: Indoeuropäische Sprachen: Sino-tibetische Sprachen:


Finnisch, Deutsch, Griechisch, Chinesisch,
Ugrisch… Russisch… Tibetisch…

Paläo-sibirische Sprachen: Afro-asiatische Sprachen:


Korjakisch, Sprachen der Welt Ewe, Tschadisch,
Tschuktschisch… Arabisch, Hebräisch…

Austronesische Sprachen: Turksprachen:


Malayisch, Türkisch,
Polynesisch… Kirgisisch…

Gibt es eine Ursprache?


Der englische Richter Sir William Jones (1746 – 1794) beherrschte angeblich 13
Sprachen und kannte sich in weiteren zwei Dutzend sehr gut aus. Im Jahr 1786
stellte er fest, dass die altindische Sprache Sanskrit mit Latein, Griechisch, Keltisch
und Gotisch so viel Ähnlichkeit hat, dass diese Sprachen alle aus einer gemeinsamen
Quelle stammen müssen. Diese Erkenntnis begründete die Sprachgeschichte. Die
Sprachhistoriker rekonstruierten Stück für Stück die gemeinsame Quelle, die vor
allem in Deutschland zunächst Indogermanisch genannt wurde. Heute ist üblicher-
weise die Rede von Indoeuropäisch. Über 140 Sprachen in Europa und Asien gehen
auf sie zurück. Inzwischen ist sich die Forschung darüber einig, dass diese Urspra-
che vor rund 6000 Jahren gesprochen wurde. Wo genau und wie sie gesprochen
wurde, darüber darf weiter gerätselt werden, und auch darüber, ob die Sprachwur-
zeln weiter als 6000 Jahre zurückreichen. Neben Indoeuropäisch gibt es nämlich
noch andere Sprachfamilien (siehe Abbildung oben).
1.2 Sprachbetrachtungen 20

Können Tiere sprechen?


Auch Tiere haben untereinander Verständigungssysteme. Allerdings gibt es ent-
scheidende Unterschiede zur menschlichen Sprache. Die Biene kann ihren Kolle-
ginnen zwar klarmachen, in welcher Richtung ein blühendes Feld liegt, aber nicht:
«Ich habe einen Bären gesehen, der unseren Honig klaut. Fliegt hin und stecht ihn
in die Nase.» Für solche Botschaften fehlen den Bienen sozusagen die Worte. Die
sogenannten Tiersprachen haben nur recht einfache Funktionen: Rivalen ausboten,
vor Gefahren warnen, Gemeinschaft bilden usw.
Über Sachverhalte, die zeitlich oder örtlich fernliegen, oder sogar über abstrakte
Sachverhalte zu sprechen, das leistet keine Tiersprache. So etwas wie: «Lass uns
mal darüber reden, wie wir die nächsten Sommermonate planen wollen» gibt es bei
Tieren nicht. Und damit ist die Frage, ob Tiersprachen eine Grammatik haben, das
Kernmerkmal aller Sprachen, noch gar nicht angesprochen.

Seit wann spricht der Mensch? oder: Woher kommt die Sprache?
Bevor die Menschen anfangen konnten, Wörter zu entwickeln, mussten sie erst
einmal fähig werden zu denken. Und bevor sie sich Gedanken machen konnten,
mussten sie erst einmal Begriffe entwickeln, das heisst, sie mussten in der Lage sein,
einen Unterschied zu erkennen zwischen dem Baum, den sie vor ihren Augen sahen,
und dem Bild von diesem Baum, das sie in ihrer Erinnerung hatten. Die Fähigkeit,
sich bewusst ein Abbild von etwas in Erinnerung zu rufen oder sich ein Bild von
etwas zu machen, gilt als Grundlage für das Denken im menschlichen Sinn – und
das ist wiederum die Basis für das Sprechen. Es war deshalb ein revolutionärer
Schritt, als unsere Vorfahren anfingen, Begriffe zu bilden.

Die Entwicklung der


Sprechwerkzeuge erfolgt Homo habilis Homo erectus Homo sapiens Neandertaler Cro-Magnon- Homo sapiens
Mensch sapiens
mit der Entwicklung des vor mehr als vor rund 1 Mio. seit 400 000 vor rund 130 000 vor 40 000 bis seit rund 10 000
Homo Sapiens Sapiens 1 Mio. Jahren Jahren Jahren bis 30 000 Jahren 10 000 Jahren Jahren

Doch Köpfchen alleine genügt nicht zum Sprechen. Der Mensch brauchte auch die
Organe dazu. Vor gut zwei Millionen Jahren, als unsere Vorfahren anfingen, Begrif-
fe zu bilden, taugten ihre Stimmorgane noch nicht zum Sprechen. Gestik und Mimik
spielten am Anfang der Sprache wahrscheinlich eine ganz wesentliche Rolle.
Ganz entscheidend fürs Sprechen ist die Kontrolle über den Atem. Im Prinzip ist
die menschliche Sprache ja nichts anderes als das Ausatmen von Luft, die durch
die Stimmbänder, den Kehlkopf, die Zunge, den Rachen, die Zähne und die Lippen
in bestimmte Schwingungen versetzt wird. Das allerdings ist nur möglich, wenn
man die Stimmorgane willentlich steuern kann. Alle körperlichen Voraussetzungen
zum Artikulieren hatte der Mensch erst vor etwa 200 000 Jahren. Bis zu diesem
Zeitpunkt dürfte es nicht möglich gewesen sein, mehr als ein paar Grunzlaute von
sich zu geben. Vor rund hunderttausend Jahren begann der Mensch mit dem Spre-
chen im heutigen Sinne.
1.2 Sprachbetrachtungen 21

Spracherwerb
Um eine Sprache zu «erwerben», braucht es zwei Fähigkeiten. Man muss in der
Lage sein, spontan Sprache zu erzeugen, und man muss die Äusserungen der ande-
ren verstehen. Im Wesentlichen unterscheidet man den Erstspracherwerb – den
kindlichen Spracherwerb – und den Zweitspracherwerb – das ist der Fremdspra-
chenerwerb. Die Muttersprache «erwirbt» man, die Zweitsprachen «erlernt» man.

Der kindliche Spracherwerb


Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896 –1980) vertrat die Über-
zeugung, Denken sei unabhängig von der Sprache und gehe ihr voraus. Er ist der
Meinung, dass sich logische Strukturen bereits im Denken von Kleinkindern nach-
weisen lassen, und zwar bevor diese zu sprechen begännen. Für die These der
Sprachunabhängigkeit des Denkens sprechen aber nicht nur Befunde aus der Ent-
wicklungspsychologie. Man kann z.B. eine Idee im Kopf haben, aber kein Wort
dafür – und umgekehrt! Denken ist also nicht per se schon Sprache.
Es wäre aber auch verfehlt, Sprache und Denken voneinander zu trennen. Andere
Spracherwerbsforscher betonen deswegen die Bedeutung der Kommunikation zwi-
schen Kindern und Erwachsenen für die Entwicklung des kindlichen Denkens und
Sprechens.

A. Vom Babblen zum Sprechen (im 1. Lebensjahr)

Kleinkinder brüllen artikulieren


«bababa» / «gaga» silbische Phase / Lallphase
Training der Laute Reduktion der möglichen Laute auf das
Lautreservoire der Muttersprache

B. Vom Einwort zum Satz

Einwort-Äusserungen ab zirka 12 bis zirka 20 Monate


Zweiwort-Äusserungen ab zirka 18 bis zirka 27 Monate
Mehrwort-Sätze bis etwa 4 Jahre
Komplexe Satzstrukturen ab etwa 4 Jahren

Mehrsprachenerwerb
Die erste erworbene Sprache (Erstsprache) wird traditionell als Muttersprache be-
zeichnet. Erwirbt ein Kind zugleich zwei «Muttersprachen», ist es bilingual. Wei-
tere erlernte Sprachen nennt man Zweitsprachen oder Fremdsprachen.
In der kindlichen Spracherwerbsphase lernt man Sprachen intuitiv. Das heisst, das
Kind leitet aus den gehörten Äusserungen Strukturen ab, und zwar nach regelmäs-
sigen Prinzipien (es generalisiert). Das kann zu Übergeneralisierungen führen:
«Papa hat gesitzt und gelest» analog zu «Papa hat gesagt und geschaut». Es dauert
eine Weile, bis Kinder das Regelsystem (generative Grammatik) einer Sprache so
weit beherrschen, dass sie sie sicher und angemessen anwenden können.
Für das Erlernen von Sprachen nach der kindlichen Spracherwerbsphase muss man
in der Regel zuerst die deskriptive Grammatik und das Vokabular dieser Sprachen
beherrschen, bevor man in ihr zu sprechen und zu verstehen beginnt. Aufenthalte
im Sprachraum fördern die Sprachbeherrschung, sind jedoch nicht mit dem kind-
lichen Spracherwerb gleichzusetzen.
1.2 Sprachbetrachtungen 22

Wortschatz

«Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht,
was je gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der
Menschen.»
(Anfang des Johannes-Evangeliums)

Als Wortschatz einer Sprache bezeichnet man die Menge aller Wörter, die Sprecher
dieser Sprache zur Verfügung haben. Doch wie viele Wörter gibt es überhaupt? Wie
viele davon kennt eine einzelne Sprecherin oder ein einzelner Sprecher?

Der Wortschatz der Standardsprache


Der «Duden Band 1: Rechtschreibung» verzeichnet in seiner 25. Auflage rund
135 000 Stichwörter, das 10-bändige «Grosse Wörterbuch der Deutschen Sprache»
von Duden, das umfassendste Wörterbuch der Gegenwartssprache, verzeichnet
schon 220 000 Wörter und rund 300 000 Bedeutungsangaben (3. Auflage 1999).
Wir können also davon ausgehen, dass es in der deutschen Sprache rund 200 000
allgemeingebräuchliche Wörter der Standardsprache gibt – darin eingeschlossen
die geläufigen Fremd- und Lehnwörter (z.B. Freelancer). Dazu kommen allerdings
die Mehrfachbedeutungen von Wörtern, dazu kommen unzählige Ad-hoc-Wörter
zum einmaligen Gebrauch, wie wir sie in der Alltagssprache laufend produzieren.
Und vor allen Dingen: dazu kommen die zusammengesetzten Wörter. Gilt «Fens-
tersims» als eigenes Stichwort, ist «Fensterhöhe» wiederum kein eigenes, genauso
wenig wie «Fensterbruch» oder «Fensterspalt». Auch die abgeleiteten Wörter wie
z.B. die Diminutive («Löffelchen») gelten dem Duden nicht als eigene Wörter. Tat-
sächlich gibt es ein Mehrfaches der 200 000 Wörter.

Mundarten
Zusätzlich zu den Wörtern der Standardsprache gibt es spezifisch mundartliche
Ausdrücke. Das «Schweizerische Idiotikon» [von griech. idios: eigentümlich] ver-
sammelt in 16 Bänden rund 150 000 nur in der Schweiz gebräuchliche Ausdrücke
der verschiedenen Mundarten.
1.2 Sprachbetrachtungen 23

Fachwortschatz
Jenseits der allgemeinen Wörterbücher wie dem Duden gibt es das Vokabular der
Fach- und Sondersprachen. Jedes Handwerk hat einen Spezialwortschatz. Nach den
Spezialwörterbüchern zu schliessen besitzt eine grössere Wissenschaft wie die Ju-
risprudenz 10 – 20 000, die Medizin sogar 250 000 Fachwörter. Ähnlich ist es um
die Biologie oder die Chemie bestellt. Ihr eigentliches Vokabular besteht aus einigen
tausend Wörtern, aber für jede chemische Verbindung gibt es mindestens ein Wort,
und da die Zahl der bekannten organischen Verbindungen schon mindestens fünf
Millionen beträgt, zählt auch ihr Wortschatz Millionen (Schätzung von Zimmer
1990, S. 57).

Aktiver und passiver Wortschatz


Wie viele Wörter der deutschen Sprache ein einzelner Sprecher wirklich kennt, ist
eine andere Frage. Nicht alle Wörter kommen gleich häufig vor. Die deutsche Spra-
che verfügt über nur rund 1000 Funktionswörter (Pronomen, nicht abgeleitete
Verben, Präpositionen, Adverbien, Konjunktionen). Wenn man alle normalen All-
tagssituationen zusammennimmt, Wohnen, Essen, Verkehr, Gesundheit und so fort,
so kommt man auf die Zahl 2000. Für den Alltag reichen 2000 Wörter. Mit 4000
Wörtern versteht man rund 80% eines beliebigen Textes, mit 1300 Wörtern versteht
man 90% eines einfachen Alltagsgespräches. Die übrigen Prozente verteilen sich
allerdings auf alle übrigen Wörter.

80%
Verständnis

mehrere
100 000
Wörter

4000 Wörter

Mit rund 4000 Wörtern versteht man 80% eines Textes. Auf die
übrigen 20% verteilen sich die anderen mehreren 100 000 Wörter.

Verglichen mit den rund 200 000 allgemeingebräuchlichen und mehreren Millionen
Fachwörtern ist diese Zahl 4000 verblüffend niedrig. Tatsächlich kennt man in
seiner Muttersprache abhängig von seinem Bildungsgrad viel mehr Wörter. Unter-
schieden werden muss zwischen dem passiven Wortschatz – den Wörtern, die man
(auch losgelöst vom Zusammenhang) versteht – und dem aktiven Wortschatz – den
Wörtern, die man selber verwendet. Der aktive Wortschatz ist immer eine Teilmen-
ge des passiven Wortschatzes. Zwar beherrschen Muttersprachler mehr Wörter als
Fremdsprachige, aber auch die aktiven Wortschätze der Wörter-Profis wie Schrift-
stellerinnen und Journalisten übersteigen nur selten die Zahl 20 000. Der aktive
Wortschatz eines durchschnittlich Gebildeten dürfte bei rund 10 000 liegen. Der
Passivwortschatz dürfte in der Regel mindestens viermal so gross sein. Zusätzlich
dazu kommen alle Wörter, die man sich aus dem Zusammenhang erschliessen kann.
Der aktive Wortschatz verändert sich relativ schnell. Im Laufe des Lebens kommt
man schon auf 40 000 Wörter, die man einmal oder öfter gebraucht hat.
1.2 Sprachbetrachtungen 24

Lehn- und Fremdwörter


Lehnwörter stammen ursprünglich aus anderen Sprachen. Sie wurden im Hinblick
auf Lautung (Aussprache und Betonung), Schreibung und Flexion so angepasst,
dass sie uns nicht mehr fremd vorkommen (Fenster, Wein, Streik, Drache). Ein
Fremdwort wurde aus einer anderen Sprache übernommen und ist in Schreibung
und Aussprache noch als fremdes Wort zu erkennen (Trottoir, Restaurant, Compu-
ter). Die Grenze zwischen Fremd- und Lehnwort ist fliessend. «Recycling» ist ein
Fremdwort, das allerdings in die deutsche Sprache integriert wird, wenn wir Glas
«recyceln» oder eine Blechdose bereits «recycelt» ist.

Die Fremdwörter sind in Etappen in die deutsche Sprache gekommen.

1. Lateinische Lehn- und Fremdwörter


Lateinische Wörter strömten über lange Zeit in die deutsche Sprache:
– zur Römerzeit: Strasse, Frucht, Sichel, Fenster, Koch.
– zur Zeit der Christianisierung (6. – 9. Jahrhundert, über Kirche und Klöster): En-
gel, segnen, Bischof, Delikt.
– durch die Einführung des römischen Rechts im Deutschen Reich Ende des 15.
Jahrhunderts: Akte, Familie, Konferenz, Advokat.
– im Zeitalter des Humanismus (15. / 16. Jh.): Addition, Professor, Sekunde.
– während der industriellen Revolution: Industrie, Lokomotive.

2. Griechisch
Seit dem Ende der Antike war das Lateinische die Sprache der Wissenschaft. Kon-
kurrenz erhielt es durch das Griechische mit dem Zeitalter des Humanismus. Fast
alle Wissenschaften sind mit griechischen Begriffen benannt: Geografie, Philoso-
phie, Physik, Biologie usw.

3. Italienisch und Französisch


In der Zeit der Entstehung der grossen Handelsgesellschaften seit dem Ausgang des
Mittelalters wurden bei uns kaufmännische Ausdrücke aus dem Italienischen ein-
gebürgert (Konto, Saldo). Das Italienische ist auch in der Kunst (Torso, Fresko)
und der Musik (forte, andante) prägend.

Zur Zeit des Barocks und der Aufklärung galt es in Deutschland als unfein, sich in
der eigenen Muttersprache auszudrücken. Das Französische war das Idiom der gu-
ten Gesellschaft. Bis heute ist der Löwenanteil der deutschen Fremdwörter franzö-
sischen Ursprungs – in der Schweiz noch ausgeprägter als in Deutschland: Kusine,
Friseur, Annonce, salopp.

4. Englisch
Mit dem technischen und industriellen Siegeszug der USA im 20. Jahrhundert ist
der Strom französischer Ausdrücke ins Deutsche von der englischen Sprache abge-
löst worden. Vor allem technische – Aviatik, Informatik – und ökonomische Termi-
ni stammen aus dem Englischen bzw. im engeren Sinne dem Amerikanischen: Mee-
ting, Computer, Steward, Manager. Auch die Jugend- und die Werbesprache sind
geprägt von Anglizismen.

Deutsche Wörter in anderen Sprachen


Deutsche Wörter wandern eher selten in andere Sprachen ein, etwa «bratwurst»,
«rucksack» oder «kindergarten» ins Englische; «bunker», «leitmotiv» oder «weltan-
schauung» ins Französische.
1.2 Sprachbetrachtungen 25

Redewendungen
Redensarten, Redewendungen, Sprichwörter, idiomatische Verbindungen – mit die-
sen und anderen Begriffen benennt man sprachliche Wort- und Sinnmuster, die als
eine Art «sprachliche Fertigbauteile» bezeichnet werden könnten. Redewendungen
drücken auf bildliche Weise komplexe Sachverhalte aus. Der Satz Sie hat ihm einen
Bären aufgebunden ist nicht verständlich, will man ihn wortwörtlich entschlüsseln.
Andererseits funktioniert die Wendung nur in genau dieser Form, man kann nicht
etwa sagen: Sie hat ihm einen Wolf aufgebunden.

Herkunft
Auffällig viele Redewendungen haben einen ländlichen Hintergrund und entstam-
men einer archaisch geprägten Gesellschaft: mit den Hühnern ins Bett gehen, et-
was auf dem Kerbholz haben, den Stier bei den Hörnern packen sind Wendungen
aus der mittelalterlichen Agrargesellschaft. Das erklärt auch, dass viele Redewen-
dungen ausgesprochen drastisch klingen: Er ist dumm wie Bohnenstroh. Da hast
du dich ins eigene Fleisch geschnitten.
Eine grosse Gruppe von Redewendungen sind bildhafte Vergleiche: schnaufen wie
ein Pferd, hungrig wie ein Wolf, so weiss wie Schnee.

Metaphorik
Viele Redewendungen wirken metaphorisch, weil sie zur bildlichen Umschreibung
neigen: jemanden auf Händen tragen, offene Türen einrennen, aus allen Wolken fallen.
Auch die dichterische Sprache neigt dazu, Wörter in besonderer Weise zu verwen-
den und damit neue Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen. Von diesen poetischen
Metaphern sind die Redewendungen abzugrenzen: der goldene Mittelweg ist eine
geläufige Redensart; das goldne Himmelsfeuer eine poetische Metapher.

Konventionalität
Zwei Eigenschaften zeichnen Redewendungen aus: Sie sind hochgradig konventi-
onell und sie sind zumeist nicht in eine andere Sprache übersetzbar, jedenfalls nicht
wortwörtlich. Es gibt die Redewendung jemandem Knüppel zwischen die Beine wer-
fen, nicht etwa «Stöcke» oder «Pflöcke», und nicht etwa «schiessen» oder «legen»,
sondern eben nur und ausschliesslich: jemandem Knüppel zwischen die Beine wer-
fen. Ebenso darf man nicht sagen mit halbem Bein im Grabe stehen oder auf die
Hunde kommen, sondern nur: Er steht mit einem Bein im Grabe; sie ist ganz schön
auf den Hund gekommen. Für Fremdsprachige sind Redewendungen nur mit gros-
sem Aufwand lernbar.
Im Englischen existiert die Redewendung I know x like the back of my own hand,
auf Deutsch hiesse das wortwörtlich: Ich kenne x wie meinen eigenen Handrücken.
Das sagt aber niemand; wir brauchen an dieser Stelle die Redewendung: Ich kenne
x wie meine Westentasche, oder in der Schweiz: …wie meinen Hosensack. Diese
Redewendung – wörtlich übersetzt – wäre wiederum auf Englisch (oder in einer
beliebigen anderen Sprache) ungebräuchlich, wenn nicht gar unverständlich.
1.2 Sprachbetrachtungen 26

Sprachwandel
Indem wir die Sprache tagtäglich gebrauchen, wandelt sie sich. Manche Verände-
rungen fallen auf, etwa wenn neue Wörter auftauchen, andere erfolgen schleichend,
etwa wenn ein Wort seine Bedeutung wechselt. Auch die Grammatik der Sprache
ändert sich, wenn auch nur sehr langsam. Ein Satz wie folgender gilt heute den
allermeisten Sprechern als korrekt, vor wenigen Jahrzehnten hätte er als falsch ge-
golten: «Ich mag sie sehr, weil mit ihr kann man Pferde stehlen.»

Ursachen von Sprachwandel


1. Effizienz Veränderungen, die entstehen, weil Sprecher oder Schreiber aus Gründen der Zeit-
ersparnis und Bequemlichkeit eine reduzierte Sprache verwenden. So entstand «Auto»
aus «Automobil» oder «bloggen» aus «über einen Weblog meine täglichen Mitteilun-
gen zugänglich machen» (Weblog ist seinerseits eine Verkürzung aus web logbook).

2. Individualismus Eine wichtige Kraft des Sprachwandels ist die Maxime «Rede nicht so wie die an-
deren, damit du herausstichst».

3. Gruppenbildung Moden, ausgelöst durch Gruppen (Politik, Jugend usw.) oder durch Fachbereiche
(etwa den Einfluss der Wirtschafts- oder Computersprache), bewirken Sprachwan-
del.

Entwicklung des Wortschatzes


A) Fachwortschatz In den Wissenschaften erfinden Menschen für die Dinge Bezeichnungen. Diesen
Wortschatz nennt man Terminologie.

B) Eigennamen Manche Wörter werden erfunden. Dazu gehören sämtliche Namen. In einem nor-
malen Warenhaus findet man schon etwa 60 000 unterschiedliche Markennamen.
Aber auch Journalisten und Behörden erfinden Wörter, die sie brauchen, um neue
Sachverhalte zu bezeichnen, z.B. den Begriff «Flatrate» für einheitlichen Steuersatz.
Manche setzen sich durch, andere verschwinden wieder.

C) Sondersprachen Familien, Altersgruppen, soziale oder regionale Gruppen neigen dazu, einen eigenen
Wortschatz zu entwickeln. Oft werden solche Wörter mit den Jahren allgemeinge-
bräuchlich und erweitern den Wortschatz. Beispiel dafür sind jugendsprachliche
Ausdrücke, die in den allgemeinen Wortschatz übergegangen sind, wie «cool», «su-
per», «tote Hose» oder «abschminken».

Wörter und Unwörter


Die «Gesellschaft für deutsche Sprache» in Wiesbaden wählt seit 1977 ein «Wort
des Jahres». Sie stützt sich vor allem auf Belege aus den Medien. Seit 1991 wählt
eine Jury an der Universität Frankfurt am Main das «Unwort des Jahres».
Das Wort und das Unwort des Jahres belegen, wie gerade der Wortschatz der deut-
schen Sprache sich stetig wandelt.
Beispiele für das Wort des Jahres: Szene (1977); Umweltauto (1984); Reisefreiheit
(1989); Multimedia (1995); Teuro (2002).
Beispiele für das Unwort des Jahres: ausländerfrei (1991); Rentnerschwemme
(1996); Gotteskrieger (2001); Entlassungsproduktivität (2005).
1.2 Sprachbetrachtungen 27

Sprechakte
Sprache bildet die Wirklichkeit nicht nur ab, sie kann auch neue Wirklichkeit kre-
ieren. Die Sprechakte – auch Sprechhandlungen – beruhen auf der Tatsache, dass
man mit der sprachlichen Äusserung nicht nur Sachverhalte beschreiben, sondern
auch Handlungen vollziehen kann, etwa dann, wenn man etwas anordnet, verspricht
oder jemanden warnt.

Performativer Akt
Ein Sprechakt, so definierte der amerikanische Philosoph John L. Austin
(1911 –1960), ist eine Handlung, die nur mittels einer sprachlichen Äusserung
vollzogen wird. Ein drastisches Beispiel wäre etwa eine Beleidigung.

Versprechen Ich lade dich heute ins Kino ein.

Warnung Vorsicht, der Hund ist bissig.

Vermählung Hiermit erkläre ich euch für Mann und Frau.

Solche Äusserungen nennt man performativ [von engl. to perform ‹vollziehen›].


Äusserungen mit Abbildcharakter nennt man konstativ (von lateinisch: feststellend):
«Heute habe ich verschlafen». «Der Kaffee wird immer teurer». Nicht immer ist es
einfach zu entscheiden, ob die Äusserung performativ oder konstativ ist:

Beispiele

Bern liegt an der Aare. konstativ

Das Bankett ist hiermit eröffnet. performativ

Ich trage die Verantwortung. klingt performativ, ist konstativ

Der Angeklagte ist schuldig. klingt konstativ, ist performativ

Phasen des Sprechaktes


Lokution Der Akt des Sprechens (phonetische Sprache
(von lat. loqui ‚reden, sprechen’) Bildung der Laute, semantische
Bedeutung der Wörter usw.)

Illokution Der Handlungszweck der Äusserung, Sprecher


(lat. Präposition in: innerhalb; die Absicht, die der Sprechende
also während des Sprechens) verfolgt: eine Wette, ein Lob, eine
Definition usw.

Perlokution Die Wirkung, die Folge der Äusse- Adressat


(lat. Präp. per: durch, wegen; rung, die der Sprecher erreichen will.
also wegen des Sprechens)

Gelingen der Sprechakte


Auf Sprechakte kann man naturgemäss nicht mit «ja» oder «nein» oder «Das ist
nicht wahr»! reagieren. Dafür haftet ihnen eine andere Eigenschaft an: Sie müssen
von gewissen Umständen begleitet werden. Mein Haus kann ich meinem Bruder
nur vermachen, wenn ich Haus und Bruder habe. Vor dem Hund kann man nur
gewarnt werden, wenn ein gefährlicher Hund droht. Deshalb können Sprechakte
misslingen. Ein Sprechakt ist dann erfolgreich, wenn er zur Gänze durchgeführt
wird, also wenn auch der perlokutionäre Effekt eintritt.
1.2 Sprachbetrachtungen 28

Sprache und Denken


Gibt es ein Denken ohne Sprache? Das ist eine Frage für die Philosophen. Jedenfalls
kann man sicher sagen, dass der beste Gedanke nichts nützt, wenn man ihn nicht
mitteilen kann, wenn man ihn also nicht «in Worte fassen» oder «ausdrücken» kann.
Es gibt eine enge Verbindung von Sprache und Denken.

Wortschatz und Denken


Sprache beeinflusst das Denken. Die Anzahl der Wörter, die man kennt, bestimmt,
wie exakt man die Dinge bezeichnen kann. Die Wörter einer Sprache bestimmen,
wie differenziert man die Dinge nennen kann. Gibt es nur ein Wort für Schnee, ist
Schnee Schnee, allenfalls Neuschnee oder Matsch. Man kann nichts benennen, wo-
für es in einer Sprache kein Wort gibt. Der deutsche Linguist Franz Boas
(1858 –1942), ein Experte für das Inuit, hat herausgefunden, dass die Eskimos für
Eis und Schnee eine Vielzahl von Ausdrücken kennen, die ihnen erlaubt, Schnee je
nach Alter, Zusammensetzung, Lage usw. zu bezeichnen.

Jeden Gedanken setzen wir in Sprache um. Bei dieser Um- oder Übersetzung von
Denken in Sprache entscheiden wir auch, auf welcher Abstraktionsebene wir un-
seren Gedanken mitteilen wollen. Ein und dieselbe Bedeutungsvorstellung lässt sich
wahlweise als: Das Auto hat eine Panne.
oder: Der VW hat eine Reifenpanne.
oder: Der Käfer hat einen platten linken Vorderreifen.
und so weiter ausdrücken, je nachdem, wie viel Information aus unserer Bedeu-
tungsvorstellung wir gerade für mitteilenswert halten.

Die «Sapir-Whorf-Hypothese»
Der amerikanische Ethnolinguist Benjamin Lee Whorf (1897–1941) und sein aka-
demischer Lehrer Edward Sapir (1884–1939), beide beeinflusst von Franz Boas,
studierten die nordamerikanischen Indianersprachen. Dabei gewannen sie die An-
sicht, dass die Sprache nicht nur ein Mittel zur Übersetzung von Gedanken in ein
Reproduktionsmittel sei, sondern dass die Sprache selbst die Gedanken der Sprach-
teilnehmer sozusagen «programmiert».
Whorf war der Ansicht, dass das Weltbild einer Sprachgemeinschaft durch die
Sprache vorgegeben werde. Wir lernen die Welt auf eine Weise zu sehen, die uns
die Sprache lehrt, weil sie uns die Begriffe und damit auch die Auffassung der Welt
liefert. Dies nennt Whorf «sprachliches Relativitätsprinzip», es ist heute als «Sapir-
Whorf-Hypothese» bekannt. Es bedeutet, dass verschiedene Einzelsprachen zu ver-
schiedenen Denkweisen und zu unterschiedlichen Weltbildern führen, was letztlich
auf einen «sprachlichen Determinismus» (Steuerung des Denkens durch die Spra-
che) hinausläuft.
Die Hypothese des sprachlichen Determinismus gilt im Zeichen der «political cor-
rectness» als verpönt. Aber immerhin kann nicht geleugnet werden, dass die Grund-
annahmen Sapirs und Whorfs gut beobachtet sind. Landwirte beispielsweise kennen
Dutzende von Ausdrücken für verschiedene Arten von Unkraut.

Psycholinguistik und Neurolinguistik


Die Psycholinguistik untersucht die psychologischen Mechanismen der Sprachver-
arbeitung, das heisst die Fähigkeiten des Menschen, die Spracheindrücke zu verar-
beiten, was Denken und Gedächtnis voraussetzt. Die Neurolinguistik untersucht
die Gehirnregionen, die für die Sprache zuständig sind. Sie misst Gehirnaktivitäten
und untersucht Sprachstörungen.
1.2 Sprachbetrachtungen 29

Sprache und Macht


Sprache steht in engem Zusammenhang mit der Gesellschaft. Sie ist ein gesellschaft-
lich wirksames Instrument sowohl zur Kommunikation zwischen den Einzelnen als
auch zur Überzeugung, Werbung, Verführung breiter Massen. Insofern ist Sprache
auch ein Mittel zur Ausübung von Macht.

Überzeugen und verführen


Wer jemanden überzeugen will, braucht Argumente, Erklärungen, er versucht, einen
Sachverhalt begreiflich und verständlich zu machen, ihn in Worte zu fassen. Mittels
sprachlicher Techniken können Menschen von Dingen oder Vorstellungen begeistert
werden. Davon profitiert beispielsweise die politische Rede.

Fassliches Beispiel für die Verführungskraft der Sprache ist die Werbung. Die Wer-
besprache ist eine bestimmte Form der Rhetorik, die bezweckt, einen Kunden dazu
zu verführen, das Produkt zu kaufen. Dabei dient ein Bild als Blickfänger, die Spra-
che leistet Verführungsarbeit. Mehr Informationen zur Manipulation finden Sie im
Kapitel Argumentieren ab S. 95.

Lügen
Sprache kann lügen. Das heisst, ein Sprecher kann Aussagen machen, von denen er
weiss oder vermutet, dass sie unwahr sind, und die er mit der Absicht äussert, dass
die Hörer sie trotzdem glauben. Dies geschieht meist, um einen Vorteil zu erlangen
oder um einen Fehler oder eine verbotene Handlung zu verdecken und so Kritik oder
Strafe zu entgehen. Gelogen wird aber auch aus Höflichkeit, aus Scham, aus Angst,
zum Schutz anderer Personen oder um die Pläne des Gegenübers zu vereiteln.

Die Nachrichtenwert-Theorie
Insbesondere Massenmedien sind besorgt darum, dass ihre Nachrichten von vielen
Menschen konsumiert werden. Sie sind also daran interessiert, die Nachrichten so
aufzubereiten, dass sie möglichst vielen Menschen gefallen. Die Nachrichtenwert-
Theorie erforscht, welche Nachrichten Menschen besonders locken. Sie ist damit
gleichzeitig auch eine Theorie der Beeinflussungsmöglichkeiten durch die sprach-
liche Darstellung eines Ereignisses.

Tragweite Prominenz

Konflikt Dramatik

Neuigkeit Nachrichtenfaktoren Nähe

Sex Gefühle

Fortschritt Kuriosität

Je ausgeprägter und vollzähliger diese Faktoren vertreten sind, desto mehr Men-
schen fühlen sich stark von der Nachricht angezogen, wobei diese Faktoren nicht
etwa dem tatsächlichen Ereignis anhaften müssen, sondern nur der Nachricht. Be-
sonders der Boulevardjournalismus nutzt die Nachrichtenfaktoren aus: mehr Infor-
mationen dazu auf S. 122 ff.
1.2 Sprachbetrachtungen 30

Gleichberechtigung in der Sprache


Political Correctness
Aus den Vereinigten Staaten schwappte am Ende der 1980er-Jahre eine Sprachkri-
tik-Welle auf Europa über, die auf diskriminierende Phänomene der Sprache auf-
merksam macht. Sie geht davon aus, dass beispielsweise «Putzfrau» abwertend ist,
weil das männliche Pendant «Putzmann» nicht existiert. «Politisch korrekt» ist eine
Sprache, die niemanden diskriminiert. Deshalb sollte man von «Raumpflegerin»
sprechen. Auch «Neger» ist verpönt, besser ist «Schwarzer», noch besser «Farbiger».
Politisch korrekte Sprache arbeitet mit Euphemismen. Euphemismen haben eine
lange Tradition. So spricht man von «Verteidigungsministerium», auch «geistig
Behinderter» ist allgemein gebräuchlich.

Before After
political correctness political correctness

www.CartoonStock.com

Sprache und Emanzipation


In den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts entstand eine feministisch gepräg-
te Sprachkritik, die untersuchte, inwieweit das Sprachverhalten die Geschlechter-
bilder prägt. Sie sieht es als Aufgabe, auf die sprachlichen Unterdrückungsmecha-
nismen hinzuweisen und Gegenvorschläge auszuarbeiten.
«99 Kolleginnen und 1 Kollege sind 100 Kollegen», beklagte die Linguistin Luise
F. Pusch (geb. 1944) 1984 in ihrem vielbeachteten Buch «Das Deutsche als Män-
nersprache» die männliche Dominanz in der Sprache. So gibt es beispielsweise
viele geschlechtsspezifische Berufsbezeichnungen: Kaufmann, aber nicht *Kauffrau;
Minister, aber nicht *Ministerin, Hebamme, aber nicht *Hebammerich, Serviertoch-
ter, aber nicht *Serviersohn usw.
Puschs Kritik zielt in zwei Richtungen: auf das Sprachsystem und auf den Sprach-
gebrauch.

1. Kritik am Sprachsystem
Kritisiert wird das Fehlen von parallelen femininen Bildungen in der Grammatik:

die Studentin der Student


die Studentinnen die Studenten
die Studenten

Hierbei gibt es zwei Probleme: Es gibt keine geschlechtsunabhängige Singularform


*das Student; und auch keine ebensolche Pluralform *die Students.

2. Kritik am sexistischen Sprachgebrauch


Es ist unhöflich, wenn Frauen in der maskulinen Form mitgemeint sind.
1.2 Sprachbetrachtungen 31

Möglichkeiten der Gleichberechtigung der Sprache


Die harte Forderung der feministischen Sprachwissenschaft ist die Abschaffung des
Suffixes «-in», denn dieses Suffix zementiere die Behandlung der Frau als Anhängsel
des Mannes. Diese Forderung hat sich nicht durchgesetzt. Eine Reihe von anderen
Massnahmen sind weiterhin im Gespräch:

Beidnennung Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schüler.

grosses I KollegInnen, SchülerInnen. Das grosse I ist weit verbreitet, aber eher als umgangs-
sprachlich zu werten. Es provoziert einige Schwierigkeiten: Eine SchülerIn oder
Ein SchülerIn oder EinE SchülerIn?

www.josos-cartoons.de

Schrägstrich Student / in, Schüler / innen. Eine Variante davon ist die Klammer: Student(in),
Schüler(innen). Das Problem der Artikelwahl gibt es auch hier: Ein Schüler / in
oder Eine Schüler(in).

generisches Statt dass wie bisher die Frauen in der maskulinen Form mitgemeint sind, sollen
Femininum die Männer in der femininen Form mitgemeint sein: «Alle Ärztinnen des Spitals
sind aufgefordert, bis ...»

Partizip Präsens Gebrauch von Partizip-Präsens-Formen wie die «Studierenden» statt die «Studenten».

geschlechtsneutrale Durchgehender Gebrauch von geschlechtsneutralen Bezeichnungen nach folgendem


Bezeichnungen Muster:

der Mensch

die Frau der Mann


die Frauen die Männer
die Menschen

Im oben dargelegten Beispiel würde man z.B. nicht «die Studenten» sagen, sondern
«die Studentenschaft» oder «die Studierenden». Damit lässt sich allerdings das Pro-
blem der fehlenden geschlechtsneutralen Singularform nicht umgehen (*das Student).
1.2 Sprachbetrachtungen 32

Die Rechtschreibreform
Hatte noch Goethe nach seiner eigenen Manier geschrieben, wurde in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts überall in Europa eine Regelung der Rechtschreibung
unerlässlich. Im deutschen Sprachraum war es die private Initiative von Konrad
Duden (1829 –1911), der 1880 ein «Wörterbuch der deutschen Sprache» veröffent-
lichte, das die deutsche Schreibung vereinheitlichte.

Die erste Orthographische Konferenz tagte 1876. Sie beschloss unter anderem die
Abschaffung des «th» an vielen Stellen: Thal, Thor. Die zweite Orthographische
Konferenz im Jahr 1901 führte die im 20. Jahrhundert gültige Rechtschreibung auf
der Grundlage von Dudens Wörterbuch ein. Weitere Reformversuche, so z.B. im
Jahr 1954 zur Einführung der «gemässigten Kleinschreibung», scheiterten. Einzig
in der Schweiz setzte sich in den 1930er-Jahren durch, «ß» durch «ss» zu ersetzen
(z.B. im Kanton Zürich wurde das Esszett auf den 1. Januar 1938 abgeschafft).

Notwendigkeit einer Rechtschreibreform


Im November 1989 hielt der deutsche Publizist Dieter E. Zimmer (geb. 1934) ein
Plädoyer für eine Reform der deutschen Orthografie. Als Beleg für deren Notwen-
digkeit fügte er folgendes Diktat an.

Finden Sie die Fehler?


«Diesen Text haben wir einige Die folgenden Sätze enthalten 75 Rechtschreibfehler (mehrere Fehler in einem Wort
Male diktiert. Das Experiment zählen als einer). Ob jemand sie ohne Blick in den Duden alle findet?
ging aus wie erwartet. Niemand 1. Irgendjemand fletzte sich auf dem Divan neben dem Büffett, ein An-
konnte ihn fehlerfrei schreiben. derer räckelte sich rhytmisch auf der Matraze, ein Dritter plantschte
Jene Versuchskaninchen, die im Becken.
nicht von Berufs wegen mit Tex-
2. Man stand schlange und Kopf, lief Ski und Eis, sprach Englisch, und
ten umgehen, machten im
wer Diät gelebt und Haus gehalten hatte, hielt jetzt Hof.
Durchschnitt 44 Fehler;
3. Auf gut Deutsch heißt das, die lybische Firma hat pleitegemacht, aber
Deutschlehrer 39; und Korrek-
toren auch noch 16. (Als der
die selbstständigen Mitarbeiter konnten ihre Schäfchen ins Trockene
Autor, der diese Sätze zusam- bringen.
mengebaut hatte und mit ihren 4. Alles Mögliche deutet daraufhin, daß sich etwas ähnliches widerholen
Tücken also vertraut ist, sich wird, obwohl alles Erdenkliche getan wurde, etwas derartiges zu ver-
den Text nach einigen Wochen hindern und alles zu anulieren.
diktieren ließ, machte er selber 5. In einem nahegelegenen Haus fand sich das nächst gelegene Telefohn,
auch wieder 11.) Je professio- im Portemonaie der nummerierte Bong.
neller die Schreiber, um so we- 6. Im Zenith ihres Rums wagten sie die Prophezeihung, man werde trotz
niger Fehler machten sie bei den minutiöser Prüfung weiter im Dunkeln tappen und aufs beste hoffen,
Wortschreibungen – Wörter prä-
und in soweit werde alles beim Alten bleiben.
gen sich ein, und dann be-
7. Auch wer aufs ganze geht und überschwänglich sein bestes tut, tut
herrscht man ihr Schriftbild. Im
manchmal Unrecht, hält es aber gern für rechtens.
Bereich der Getrennt- und Zu-
sammenschreibung und der
8. Er war stattdessen bemüht, den zugrunde liegenden Konflikt – also
Groß- und Kleinschreibung den Konflikt, der ihrem Dissenz zugrundeliegt und allen Angst macht
aber, diesen beiden Hauptprob- – zu entscherfen, und infolge dessen kam er mit allen ins Reine.
lemzonen der deutschen Ortho- 9. Wie kein Zweiter hat sich der Diskutand dafür starkgemacht, auch die
graphie, müssen auch Profis vor weniger brillianten Reflektionen der Coryphähen ernstzunehmen.
der Willkür kapitulieren.» (Die- 10. Daß es nottut, alles wieder instandzusetzen, darf ein Einzelner nicht
ter E. Zimmer in: Die ZEIT Nr. infrage stellen.Worttrennungen: Exa-men; Ex-otik; Hek-tar; ig-noriert;
45, 3. November 1989) Lan-dau-er; Li-no-le-um; Psy-chi-a-ter; Psych-olo-ge; pä-da-go-gisch;
pä-do-phil; Pä-de-rast; Sow-jet; Sy-no-nym.
1.2 Sprachbetrachtungen 33

Die Hauptprobleme
In seinem Diktat hat Dieter E. Zimmer die Hauptschwierigkeiten der «alten Recht-
schreibung» genannt. Es sind dies vor allem Unregelmässigkeiten in folgenden Bereichen:
1. Gross-Kleinschreibung, vor allem bei Adverbien: «im wesentlichen», aber «im
Freien».
2. Zusammen-Getrenntschreibung, vor allem in Zusammensetzungen zwischen
Substantiv und Verben oder Adjektiven: «radfahren», aber «Auto fahren»; «leid-
tun», aber «schön tun».
3. Silbentrennung, vor allem bei Lehnwörtern: «Examen», aber «Exotik».
4. Stammsilben: «schneuzen», aber: «Schnauze». Darunter fallen auch Zusammen-
setzungen: «Schiffahrt», aber «Schiff-Fahrt».

Die Reform
Eine «Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung» unter Feder-
führung des «Instituts für deutsche Sprache» in Mannheim nahm 1977 die Arbeit
auf. Erste Vorschläge für eine radikale Reform – gemässigte Kleinschreibung, «Fi-
losofie» statt «Philosophie», «Sat», «Bot», «Sal» für «Saat», «Boot» und «Saal» –
wurden heftig bekämpft und 1988 fallen gelassen.
Die Reform 1996 strebte primär eine grosse Regelmässigkeit an, die möglichst vie-
le «Ausnahmen» eliminiert. Sie trat auf 1. August 1998 in Deutschland, Österreich
und der Schweiz in Kraft. Sie war von Anfang an umstritten. Bereits 1996 wehrten
sich Schriftsteller an der Frankfurter Buchmesse gegen die Reform. Der Druck nahm
zu, als sich die meisten überregionalen Zeitungen und die Buchverlage anschlossen.

Die Reform der Reform


Zwischen 2004 und Februar 2006 erarbeitete der «Rat für deutsche Rechtschrei-
bung», der Nachfolger der «Zwischenstaatlichen Kommission», eine Reihe von
Empfehlungen für Änderungen. Die Neuerungen, die zum grossen Teil eine Paral-
lelität von «alter» und «neuer» Rechtschreibung bedeuten, traten auf 1. August
2006 mit einer Übergangsfrist von einem Jahr in Deutschland, Österreich und der
Schweiz in Kraft. In der Zwischenzeit haben die grossen Zeitungen wie der «Spie-
gel», die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» oder die «Neue Zürcher Zeitung» und
viele Buchverlage die neue Rechtschreibung in ihrer reformierten Gestalt akzeptiert.
Sie bevorzugen tendenziell die «alten» Formen.

Die neuen Regeln betreffen vor allem die reformierte Gross- und Klein- sowie die
Zusammen- und Getrenntschreibung.

Adjektiv und Substantiv mit einer eigenen Bedeutung: Die Grossschreibung des Adjektivs ist erlaubt (der Runde Tisch, das
Schwarze Brett); Wörter wie eislaufen (zwischenzeitlich gefordert: *Eis laufen) wurden in ihre frühere Form zurückversetzt.

Verben und Adjektive/Verben dürfen zusammengeschrieben werden, wenn sie zusammen eine andere Bedeutung haben als
isoliert. Zum Beispiel: «heilig sprechen» oder «kennen lernen» (Reform 1996) kann wieder zusammengeschrieben werden.

Worttrennung: Die Abtrennung einzelner Vokalbuchstaben am Wortanfang oder -ende wie bei «E-sel» oder «Klei-e» ist nicht
zulässig; ck wird so behandelt wie ch (la-chen) und nicht mehr wie früher mit k-k getrennt (*Bäk-ker). Zweifelsfälle dürfen
sowohl als auch getrennt werden: Psych-iater und Psy-chiater.

Zeichensetzung vor und: Bei selbstständigen Sätzen, die mit «und» oder «oder» verbunden sind, ist die Benutzung von
Kommata zur Gliederung des Satzes weiterhin freigestellt.

Zeichensetzung vor zu-Infinitiv: Ein Komma bei Infinitivgruppen ist nicht mehr freiwillig: Ich liebe es, mit dir zu feiern. Hier ist
das Komma obligatorisch.
1.2 Sprachbetrachtungen 34

Die Auflösung des Rechtschreiberätsels

Korrekt nach «alter Rechtschreibung» Korrekt nach aktueller Rechtschreibung (seit 2006)
(vor 1996) (markiert sind die Problemfälle) (Duden 24. Aufl.) (markiert sind die Abweichungen
zur «alten» Rechtschreibung)

1. Irgend jemand fläzte sich auf dem Diwan neben 1. Irgendjemand fläzte sich auf dem Diwan neben
dem Büfett [oder Buffet], ein anderer rekelte dem Büfett [oder Buffet], ein anderer rekelte
[oder räkelte] sich rhythmisch auf der Matratze, [oder räkelte] sich rhythmisch auf der Matrat-
ein dritter planschte im Becken. ze, ein Dritter planschte im Becken.
2. Man stand Schlange und kopf, lief Ski und eis, 2. Man stand Schlange und kopf, lief Ski und eis,
sprach Englisch, und wer diät gelebt und hausge- sprach Englisch, und wer Diät gelebt und haus-
halten hatte, hielt jetzt hof. gehalten [oder Haus gehalten] hatte, hielt jetzt
3. Auf gut deutsch heißt das, die libysche Firma hat Hof.
Pleite gemacht, aber die selbständigen Mitarbei- 3. Auf gut Deutsch heißt das, die libysche Firma
ter konnten ihre Schäfchen ins trockene bringen. hat Pleite gemacht, aber die selbstständigen
4. Alles mögliche deutet darauf hin, daß sich etwas Mitarbeiter konnten ihre Schäfchen ins Trocke-
Ähnliches wiederholen wird, obwohl alles Erdenk- ne bringen.
liche getan wurde, etwas Derartiges zu verhin- 4. Alles Mögliche deutet darauf hin, dass sich et-
dern und alles zu annullieren. was Ähnliches wiederholen wird, obwohl alles
5. In einem nahe gelegenen Haus fand sich das Erdenkliche getan wurde, etwas Derartiges zu
nächstgelegene Telefon [oder Telephon], im verhindern und alles zu annullieren.
Portemonnaie der numerierte Bon. 5. In einem nahe gelegenen Haus fand sich das
6. Im Zenit ihres Ruhms wagten sie die Prophezei- nächstgelegene Telefon [oder Telephon], im
ung, man werde trotz minuziöser [oder minutiö- Portmonee [auch Portemonnaie] der numme-
ser] Prüfung weiter im dunkeln tappen und aufs rierte Bon.
Beste hoffen, und insoweit werde alles beim alten 6. Im Zenit ihres Ruhms wagten sie die Prophezei-
bleiben. ung, man werde trotz minuziöser [oder minuti-
7. Auch wer aufs Ganze geht und überschwenglich öser] Prüfung weiter im Dunkeln tappen und
sein Bestes tut, tut manchmal unrecht, hält es aufs Beste hoffen, und insoweit werde alles
aber gern für Rechtens. beim Alten bleiben.
8. Er war statt dessen bemüht, den zugrundeliegen- 7. Auch wer aufs Ganze geht und überschwäng-
den Konflikt – also den Konflikt, der ihrem Dis- lich sein Bestes tut, tut manchmal unrecht [oder
sens zugrunde liegt und allen angst macht – zu Unrecht], hält es aber gern für rechtens.
entschärfen, und infolgedessen kam er mit allen 8. Er war stattdessen bemüht, den zugrunde lie-
ins reine. genden [oder zu Grunde liegenden] Konflikt –
9. Wie kein zweiter hat sich der Diskutant dafür also den Konflikt, der ihrem Dissens zugrunde
stark gemacht, auch die weniger brillanten Refle- liegt und allen Angst macht – zu entschärfen,
xionen der Koryphäen ernst zu nehmen. und infolgedessen kam er mit allen ins Reine.
10. Daß es not tut, alles wieder instand zu setzen, 9. Wie kein Zweiter hat sich der Diskutant dafür
darf ein einzelner nicht in Frage stellen. stark gemacht [oder starkgemacht], auch die
weniger brillanten Reflexionen der Koryphäen
ernst zu nehmen.
10. Dass es nottut, alles wieder instand zu setzen
[oder in Stand zu setzen], darf ein Einzelner
nicht in Frage [oder infrage] stellen.

Worttrennungen: Ex-amen; Exo-tik; Hekt-ar; igno- Worttrennungen: Ex-a-men; Exo-tik; Hek-t-ar; ig-
riert; Land-au-er; Lin-ole-um; Psych-ia-ter; Psy-cho- no-riert; Lan-d-au-er; Li-n-ole-um; Psy-ch-i-a-ter;
lo-ge; päd-ago-gisch; pä-do-phil; Päd-erast, Psy-cho-lo-ge; pä-d-a-go-gisch; pä-do-phil; Pä-d-
So-wjet, Syn-onym erast, So-w-jet, Sy-n-o-nym
2. Kommunikation
2.1 Kommunikationstheorie 36

Was ist Kommunikation?


Im Alltag verstehen wir unter Kommunikation so viel wie Gespräch oder Mitteilung
oder vielleicht auch Austausch. Das entspricht in etwa der Etymologie: Kommuni-
kation ist abgeleitet vom lateinischen «communicare», das so viel wie «gemeinsam
machen» bedeutet.
Die Kommunikationswissenschaft ist relativ neu. Sie entstand erst im Laufe des 20.
Jahrhunderts, systematisch betrieben wird sie seit etwa einem halben Jahrhundert.
Schaut man genauer hin, wird schnell klar, dass «Kommunikation» nicht mit «Ge-
spräch» gleichzusetzen ist.

Lewis Carroll, Alice im Wunderland.


7. Kapitel, «Eine verrückte Teegesellschaft»

Vor dem Hause stand ein Baum Alice ihn zurecht. «Das tut man nicht.»
und darunter ein Tisch, an dem der 40 Der Hutmacher riß verblüfft die Augen
Märzhase mit dem Hutmacher Tee auf, sagte aber nur: «Warum gleicht
trank. Eine schlafend zwischen ihnen ein Rabe einem Schreibpult?»
5 liegende Haselmaus benutzten sie als Na, jetzt wirds lustig! dachte Alice.
Ellenbogenstütze, während sie sich Die raten Rätsel, und das macht Spaß.
über ihren Kopf hinweg unterhielten. 45 «Ich glaub, das krieg ich raus», sagte
«Reichlich unbequem für die Hasel- sie. «Willst du damit sagen, daß du
maus!», sagte sich Alice. «Aber sie eine Antwort darauf finden kannst?»,
10 schläft ja, deshalb wird es ihr wohl fragte der Märzhase. «Genau!», ant-
nichts ausmachen.» wortete Alice.
Der Tisch war lang und voll von 50 «Dann solltest du sagen, was du
Gedecken, trotzdem hockten die drei meinst», bemerkte der Märzhase.
enggedrängt an einer Ecke. «Kein Platz «Natürlich», antwortete Alice hastig.
15 mehr!», riefen sie Alice entgegen. «Wenigstens…, wenigstens mein ich,
«Gar nicht wahr, hier ist noch reichlich was ich sage. Das ist dasselbe, weißt
Platz!», erwiderte Alice entrüstet und 55 du.»
setzte sich am anderen Tischende in «Das ist durchaus nicht dasselbe»,
einen hohen Lehnstuhl. widersprach der Hutmacher.
20 «Nimm dir etwas Wein!», sagte der «Du könntest dann ebensogut sagen:
Märzhase einladend. Alice spähte Ich sehe, was ich esse! sei dasselbe wie:
über den Tisch, konnte aber nur Tee 60 ich esse, was ich sehe.» «Du könntest
entdecken. «Ich sehe keinen Wein!», schließlich ebenso gut sagen: Mir ge-
sagte sie. «Ist auch keiner da!», ant- fällt, was ich kriege! sei dasselbe wie:
25 wortete der Märzhase. Ich kriege, was mir gefällt!», fuhr der
«Dann ist es unhöflich von dir, mir Märzhase fort.
welchen anzubieten!», versetzte Alice 65 «Du könntest ebenso gut sagen: Ich
ärgerlich. atme, wenn ich schlafe! sei dasselbe
«Es ist auch unhöflich von dir, dich wie: Ich schlafe, wenn ich atme!»,
30 uneingeladen an unseren Tisch zu set- ergänzte die Haselmaus, die offenbar
zen», sagte der Märzhase. im Schlaf reden konnte. «Und mit dir
«Ich wußte nicht, daß es euer Tisch 70 ist es auch dasselbe!», schloß der Hut-
ist», rechtfertigte sich Alice. «Er ist für macher. Damit brach die Unterhaltung
viel mehr Leute gedeckt.»«Du müßtest ab, während sich Alice vergeblich über
35 dir mal die Haare schneiden lassen», Raben und Schreibpulte den Kopf zer-
sagte der Hutmacher, der Alice bisher brach. Schließlich zog der Hutmacher
nur neugierig angestarrt hatte. «Laß 75 eine Uhr aus der Tasche, betrachtete
die taktlosen Bemerkungen!», wies sie besorgt, schüttelte sie und hielt sie
2.1 Kommunikationstheorie 37

sich ans Ohr. «Welches Datum haben die Jahre an?» «Natürlich nicht», ant-
wir eigentlich heute», fragte er Alice. wortete Alice lebhaft, «denn es bleibt
«Den vierten», antwortete Alice nach 90 so lange Zeit immer ein und dasselbe
80 kurzer Überlegung. «Dann geht sie Jahr.»
zwei Tage nach», stellte der Hutma- «Das verhält sich mit meiner Uhr ganz
cher seufzend fest […] Alice guckte genauso», sagte der Hutmacher.
ihm neugierig über die Schulter. «Was Alice starrte ihn verblüfft an. Sie begriff
für eine putzige Uhr! Die zeigt ja die 95 den Sinn seiner Worte nicht, obgleich
85 Tage an und nicht die Stunden!» sie vernünftig klangen. «Ich versteh
«Warum sollte sie auch!», brummte dich nicht!», gestand sie so höflich,
der Hutmacher. «Zeigt deine Uhr etwa wie sie konnte.

Gespräch und Kommunikation


Alice und die Teegesellschaft unterhalten sich. Sie sprechen miteinander, oder bes-
ser gesagt: Sie sprechen zueinander. Kann man hier von Kommunikation sprechen?
Wohl nicht.

Verstösse gegen die Kommunikation


Das Gespräch zwischen Alice, dem Hutmacher und den anderen verstösst an vielen
Stellen gegen das Kooperationsprinzip (siehe nächste Seite):
1. «Kein Platz mehr», riefen sie Alice entgegen, obwohl der Tisch für viele Leute
gedeckt war. Die Teeleute sagen etwas, was nicht wahr ist. (Z. 14 f.)
2. «Nimm dir etwas Wein», fordern sie Alice auf, obwohl kein Wein da ist. Sie sagen
etwas, was nicht wahr ist. (Z. 20)
3. Der Hutmacher sagt aus heiterem Himmel: «Du müsstest dir mal die Haare schnei-
den lassen.» Er wechselt unangekündigt das Thema. (Z. 34 f.)
4. Das Rätsel: «Warum gleicht ein Rabe einem Schreibpult?» lässt sich nicht lösen.
Es enthält zu wenig Information. (Z. 41 f.)
5. Das folgende Wortgefecht, das einsetzt mit «Dann solltest du sagen, was du
meinst», spielt damit, dass Wörter auch eine übertragene Bedeutung haben kön-
nen. Die drei Teeleute nehmen die Wörter allerdings wortwörtlich. (Z. 50 – 64)
6. Auch die Aussage «Und mit dir ist es auch dasselbe!» lässt sich nicht verstehen,
weil sie zu wenig Informationen enthält. (Z. 69 f.)
Das logische Fazit ist dann auch, dass Alice eingestehen muss: «Ich verstehe nicht.»
Für die Kommunikation gelten folgende Bedingungen:

1. Kommunikation ist der Prozess der Übermittlung eines Inhaltes. Es braucht


mindestens zwei Teilnehmer. Selbstgespräche sind keine Kommunikation.

2. Ziel der Kommunikation ist Verständigung.

3. Kommunikation ist der Vorgang, wie Verständigung zu Stande kommt.


2.1 Kommunikationstheorie 38

Das Kooperationsprinzip
Das Kooperationsprinzip
Verhalte dich so, dass dich dein Kommunikationspartner verstehen kann!

Der englische Philosoph Herbert Paul Grice (1913 –1988) hat die Bedeutung des
Sprechers besonders hervorgehoben. Es ist vom Sprecher abhängig, ob der Zuhörer
verstehen kann, was der Sprecher sagt. Der Zuhörer kann nämlich nicht wissen,
was der Sprecher sagen wollte. Deshalb sollte sich der Sprecher kooperativ verhal-
ten. Grice nannte dies das Kooperationsprinzip.
Grice untersuchte, was eine Äusserung kooperativ macht. Es handelt sich um 4
Regeln (sogenannte Konversationsmaximen). Genau diese Regeln sind es auch,
gegen die der Märzhase, der Hutmacher und die Haselmaus im Gespräch mit Alice
verstossen.
Beachten Sie: Es heisst «die Maxime».

Maxime der Quantität Sag (mindestens!) so viel wie nötig, damit der andere
dich verstehen kann.
Maxime der Qualität Sag nichts, was du nicht meinst, oder dann sag, wie
du das Gesagte meinst. Sag nichts, was falsch ist oder
wovon du meinst, dass es falsch ist, oder dann sage,
dass es falsch ist.
Maxime der Relation Sag nur Dinge, die zum Thema gehören; wechsle nicht
unangekündigt das Thema.

Maxime der Modalität Sei klar und deutlich; vermeide Unordnung, vermeide
Mehrdeutigkeit; gebrauche die Wörter nur in der
Bedeutung, die sie gewöhnlich haben.

Also: Vermeide Missverständnisse!


Denn: Kommunikation ist partnerorientiert.

Der Grundsatz der Kommunikation


«
Wie sage ich das,
was ich sagen will,
so, dass der andere es so versteht,
wie ich es meine?
Kommunikation hat zum Zweck, dass die Kommunikationspartner verstehen kön-
nen, was der Sprecher sagt. Deshalb ist es die Aufgabe des Sprechers, für Verstän-
digung zu sorgen.

Der Sprecher hat dafür zu sorgen, dass seine Zuhörer ihn verstehen können.

Kommunikation ist streng genommen also nichts, was «einfach passiert». Geplap-
per oder Small Talk sind keine partnerorientierte Kommunikation. Partnerorien-
tierte Kommunikation findet erst dann statt, wenn der Sprecher seine Äusserung
geplant, zielgerichtet und absichtlich «konstruiert». Kommunikation ist also ein
bewusstes «Handeln».
2.1 Kommunikationstheorie 39

Kommunikation ist Handeln


Partnerorientierte Kommunikation entsteht dann, wenn der Sprecher überlegt, was
er wem unter welchen Umständen mit welchen Medien übermitteln will und wie er
alle möglichen Störungen im Voraus ausschliessen kann.
– Kommunikation ist intendiert (beabsichtigt) und partnerorientiert.
– Kommunikation wird konstruiert, d.h. von der Sprecherin bzw. dem Sprecher
gemacht.
– Kommunikation geschieht nicht «einfach so».
– Mit seiner Äusserung steuert der Sender, wie der Empfänger die Äusserung ver-
stehen soll.

Die 5 Axiome der menschlichen Kommunikation


Der österreichisch-amerikanische Psychologe Paul Watzlawick (1921–2007), einer
der Vorreiter der konstruktivistischen Kommunikationswissenschaft, untersuchte
in seiner grundlegenden Studie über die «Menschliche Kommunikation» 1967 die
Bedingungen gelingender Kommunikation.
Dabei stellte er fünf Axiome (Grundsätze, grundlegende Bedingungen) der mensch-
lichen Kommunikation auf.

1. Man kann nicht nicht kommunizieren.

2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.

3. Kommunikation ist geprägt von der Interpretation durch die Teilnehmer.

4. Kommunikation hat eine digitale und eine analoge Seite.

5. Kommunikation ist entweder symmetrisch oder komplementär.

Die folgenden 5 Abschnitte gehen jeweils auf eines dieser Axiome Watzlawicks ein
und variieren entsprechend den Grundsatz der Kommunikation.

Kommunikation

mündlich schriftlich medial

– Gespräch – Brief/Mail – TV
– Unterricht – Gebrauchsanweisung – Radio
– Rede – Literatur – Zeitung
– usw. – usw. – usw.

– Inhalt und Beziehung – Inhalt überwiegt – Inhalt überwiegt


gleichwertig – nur digital – vorwiegend digital
– digital und analog – komplementär – komplementär
gleichwertig
– symmetrisch oder
komplementär

Kommunikation ist geprägt von der Interpretation durch die Teilnehmer


2.1 Kommunikationstheorie 40

Man kann nicht nicht kommunizieren


1. Axiom
Alles Verhalten ist Kommunikation. Ein Empfänger interpretiert jede Äusserung
als vom Sender konstruierte, beabsichtigte, relevante Äusserung. Und zwar auch
jene, die der Sender gar nicht so gemeint hat. Dem Empfänger bleibt auch gar nichts
anderes übrig, da er nicht in der Lage ist zu unterscheiden, welche Signale vom
Sender absichtlich, welche unabsichtlich gesendet wurden.

Beispiel
Grüsst mich ein Bekannter nicht, kann ich nicht abschliessend entscheiden, ob er
sauer auf mich oder nur vorübergehend in Gedanken versunken ist.

Schwierigkeiten
Neben der verbalen Kommunikation (Sprache) gibt es non-verbale Äusserungen:
Mimik, Gestik, Haltung, An- oder Abwesenheit, Pünktlichkeit usw. Sogar Schwei-
gen ist als Kommunikation interpretierbar (das weiss jeder, der schon vergeblich
auf einen Anruf gewartet hat). Bereits die Wahl des Mediums ist Kommunikation:
Wer einen Liebesbrief auf Papier eines normalen Schulblocks per B-Post erhält,
wird sich seine Sache denken.
Deswegen hat Paul Watzlawick auch das Axiom: «Man kann nicht nicht kommuni-
zieren» aufgestellt. Alle mehr oder weniger unabsichtlichen Äusserungen werden
vom Empfänger als absichtliche Kommunikation verstanden. Der Empfänger kann
nicht unterscheiden, welche Signale intendiert sind und welche nicht, weil er nicht
die Gedanken des Senders lesen kann.

Es ist unvermeidlich, dass auch unabsichtliches Verhalten als Zeichen


genommen und interpretiert wird.

Auch unabsichtliche Äusserungen werden interpretiert, und zwar meistens genau-


so wie beabsichtigte. Deshalb gilt:

Vermeide nichtintendierte (unbeabsichtigte) Kommunikation.


Denn: Der Sender einer unbeabsichtigten Kommunikation kann nicht steuern, wie
der Empfänger sie versteht.

Der Grundsatz der Kommunikation


«
Wie sage ich das,
was ich sagen will,
so, dass der andere es so versteht,
wie ich es meine?
2.1 Kommunikationstheorie 41

Beziehungs- und Inhaltsaspekt


2. Axiom
Das zweite Axiom – jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungs-
aspekt – macht auf einen psychologisch wichtigen Umstand der Kommunikation
aufmerksam. Mittels Sprache stellen Menschen untereinander Beziehungen her, sie
signalisieren ihre Sympathie, machen Machtverhältnisse klar, begrüssen und verab-
schieden sich usw. Jede kommunikative Äusserung ist durchmischt von Beziehungs-
und Inhaltsaspekten. In der gesprochenen Sprache überwiegt der Beziehungs-, in
der geschriebenen der Inhaltsaspekt.

Inhalt Beziehung

– Information – Begrüssungsformeln
– Mitteilung – Zwischenmenschliche Nachfragen
– Zeitungsbericht, usw. («Wie geht’s?»)
– Small Talk («Schönes Wetter,
nicht wahr.»), usw.

Viele Alltagsäusserungen haben die Funktion, Nähe herzustellen: «Guten Tag, wie
geht’s?», «Heute ist das Wetter mal wieder schlimm draussen» usw. Das sind nicht
einfach Floskeln, sondern sie erfüllen eine wichtige Funktion im menschlichen Zu-
sammenleben. Man nennt das die «phatische Funktion» der Sprache. Sie ist ein
Merkmal der gesprochenen Sprache. Die geschriebene Sprache verwendet sie in der
Regel nicht.

Tante: Na, Thomas, erzählst du mir so lange etwas?


Thomas: Was soll ich denn erzählen?
Tante: Aber Spatz, es gibt doch immer etwas zu erzählen.
Was macht denn die Schule?
Thomas: Ooooch, die ist blöd!
Tante: Na, das ist aber gar nicht schön. Erinnerst du dich, wie du einge-
schult wurdest? Mama erzählte, wie viel Freude du dabei hattest.
Thomas: Das war auch eine ganz andre Schule!
Tante: Na, das wird schon werden … manchmal muss jeder halt die
Zähne zusammenbeissen. Es kann ja auch nicht immer alles wie
im Himmel sein. Sag mal, wann habe ich dich eigentlich zum
letzten Mal gesehen?
Thomas: Weiss ich nicht mehr.
Tante: War das nicht an deinem 10. Geburtstag?
Thomas: Vielleicht.
Tante: Ach, ich bin ja auch nicht böse. In deinem kleinen Leben passiert
ja auch so viel, wie sollst du da noch wissen, was alles im letzten
Jahr passiert ist.
Thomas: Mmmmhh!

Thomas spricht mit seiner Tante, weil er der Mutter einen Gefallen tun will, weil
die Tante eine Verwandte ist, weil sie zu Besuch ist, vielleicht aus anderen Gründen,
aber jedenfalls nicht, weil er mit ihr sprechen will. Thomas spricht also, obwohl er
nichts zu sagen hat und auch gar nichts sagen will. Und das trifft eigentlich auch
auf seine Tante zu.
2.1 Kommunikationstheorie 42

Phatische Kommunikation
Ist es ratsam, zu reden, wenn man nichts zu sagen hat? Kann man überhaupt nur
dann reden, wenn man etwas zu sagen hat? Dem amerikanischen Soziolinguisten
Samuel I. Hayakawa (1906 – 1992) zufolge ist die Antwort ein klares Nein. Sehr
häufig unterhalten wir uns, um persönliche Nähe herzustellen, Schweigen zu über-
brücken oder um höflich zu sein. Und das ist ganz gut so, denn die phatische Spra-
che dient dem menschlichen Zusammenleben.

Nur ein kleiner Anteil von Äusserungen im Alltagsleben kann als rein informativ
bezeichnet werden, meint Hayakawa. Die Fähigkeit, Sprache für informative Zwe-
cke zu gebrauchen, entstand in der Sprachentwicklung erst relativ spät. Lange
vorher befähigten uns Laute, aus denen sich später Sprache entwickelte, Instinkte
und Bedürfnisse, innere Zustände wie Hunger, Angst, sexuelle Wünsche zum Aus-
druck zu bringen. Noch heute neigen wir dazu, zuerst unseren inneren Zustand
auszudrücken (Au! Mein Zahn tut weh!). Was wir «Small Talk» nennen, hat eben-
falls diesen Charakter. Es gibt zahllose tägliche Situationen, in denen wir einfach
deswegen sprechen, weil es unhöflich wäre, es nicht zu tun.
Aus diesen gesellschaftlichen Gebräuchen ist es möglich, den allgemeinen Grund-
satz abzuleiten, dass es eine wichtige Funktion der Sprache ist, Schweigen zu verhin-
dern. Es ist uns unmöglich, nur dann zu reden, wenn wir «etwas zu sagen» haben.
Zweck des Sprechens ist also nicht die Vermittlung von Information, sondern die
Herstellung einer Gemeinsamkeit. Die Gemeinsamkeit des Redens ist das wichtigste
Element der gesellschaftlichen Konvention; der Gesprächsstoff ist zweitrangig.

(Nach Samuel I. Hayakawa, Die Sprache des sozialen Zusammenhalts, aus: ders., Semantik. Sprache im
Denken und Handeln, Darmstadt 1967.)

Flirten
Es ist uns Menschen unangenehm, nicht zu reden, wenn wir in Gesellschaft sind.
Diesen Umstand macht sich übrigens das Flirten zunutze. Es dient der Kontaktauf-
nahme mit den anderen. Dabei ist es unwichtig, ob der andere fremd oder bereits
bekannt ist. Ebenfalls unwichtig sind die Gesprächsgegenstände. Es ist nicht nötig,
über den Literaturnobelpreis zu sprechen. Über das Wetter zu sprechen, hat diesel-
be Funktion: das unangenehme Schweigen zu verhindern und Gemeinsamkeit her-
zustellen.

Der Grundsatz der Kommunikation


«
Wie sage ich das,
was ich sagen will,
so, dass der andere es so versteht,
wie ich es meine?
2.1 Kommunikationstheorie 43

Die vier Seiten einer Botschaft


3. Axiom
Das dritte Axiom – jede Kommunikation ist geprägt von der Interpretation durch
die Teilnehmenden – zielt auf die psychologisch relevante Bedeutung der Interpre-
tation der Äusserung. Der deutsche Psychologe Friedemann Schulz von Thun (geb.
1944) hat dieses Axiom weiterentwickelt zu folgendem Modell:

Sachebene
Sachebene

Selbstkundgabe

Selbstkundgabe

Appellseite

Appellseite
Sender Sender Nachricht
Nachricht Empfänger
Empfänger

Beziehungsseite
Beziehungsseite

Schulz von Thun geht von der Annahme aus, dass jede Äusserung (Nachricht) nach
vier Aspekten (Seiten) hin interpretiert werden kann – und zwar jeweils sowohl
vom Sender als auch vom Empfänger. Es kann also sein, dass der Sender eine an-
dere Seite fokussiert als der Empfänger. Darin liegt seines Erachtens eine Haupt-
quelle von Missverständnissen.

1. Auf der Sachseite informiert der Sprechende über den Sachinhalt, d.h. über
Daten und Fakten (intendiert).
2. Die Selbstkundgabe umfasst das, was der Sprecher über sich selber zu erkennen
gibt (absichtlich oder unabsichtlich).
3. Auf der Beziehungsseite kommt zum Ausdruck, wie der Sender zum Empfänger
steht und was er von ihm hält.
4. Was der Sender beim Empfänger erreichen möchte, wird auf der Appellseite
deutlich.

Beispiel

Sachinformation Appell
Die Ampel zeigt «freie «Fahr los.»
Fahrt» an.
Sachinformation Appell
Die Ampel zeigt «freie «Du, da vorne ist grün!» «Fahr los.»
Fahrt» an.

Beziehungshinweis Selbstoffenbarung
«Du reagierst «Du, da vorne ist grün!» «Ich bin ungeduldig.
langsamer als ich.» Ich will selbst ans Steuer.»

Beziehungshinweis Selbstoffenbarung
Der Grundsatz der Kommunikation
«Du reagierst «Ich bin ungeduldig.
«
langsamer als ich.» Ich will selbst ans Steuer.»
Wie sage ich das,
was ich sagen will,
so, dass der andere es so versteht,
wie ich es meine?
2.1 Kommunikationstheorie 44

Kommunikation ist digital und analog


4. Axiom
Dieses Axiom bezieht sich fast ausschliesslich auf die gesprochene Sprache.

Digital Analog

– Wortwahl – Bewegung und Position im Raum


– Satzbau – Grundstellung, Körperhaltung
– Aufbau der Rede – Blickkontakt
– Stimme und Intonation
– Gestik
– Mimik

Gesprochene Äusserungen «Mitgemachte» Äusserungen


Information Beziehung

Nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch die nonverbalen Äusserungen (z. B.
Lächeln, Wegblicken) teilen etwas mit. Die digitale Kommunikation dient der In-
formationsvermittlung, die analoge Kommunikation dient der Herstellung von Be-
ziehung. Mehr dazu im Abschnitt Körpersprache im Kapitel Rhetorik auf S. 71.

Kongruenz
Kommunikation gelingt bei Übereinstimmung zwischen analoger und digitaler Bot-
schaft und wenn die Kommunikationspartner beide Teile der Botschaft in gleicher
Weise interpretieren. Kommunikation misslingt bei Nichtübereinstimmung oder bei
Unklarheiten einer der beiden Botschaften oder dann, wenn eine oder beide Botschaf-
ten unterschiedlich interpretiert werden. Wenn die analoge und die digitale Aussage
übereinstimmen, ist die Botschaft kongruent. Probleme entstehen dadurch, dass bei-
de Ebenen mehrdeutig sein können und vom Kommunikationspartner interpretiert
werden müssen. Das ist insbesondere bei ironischen Äusserungen der Fall.

Beispiel
Aus Unachtsamkeit schüttet ein Serviceangestellter einem Gast Wein über die Klei-
der. Er entschuldigt sich in aller Form. Der Mann antwortet: «Macht nichts, kann
jedem mal passieren.» Dennoch merkt der Angestellte, dass der Gast verärgert ist
und ihn als ungeschickt und für den Beruf untauglich ansieht. Die analoge Kom-
munikation widerspricht in diesem Fall der digitalen.

Der Grundsatz der Kommunikation


«
Wie sage ich das,
was ich sagen will,
so, dass der andere es so versteht,
wie ich es meine?
2.1 Kommunikationstheorie 45

Symmetrie und Komplementarität


5. Axiom
Kommunikation ist entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die
Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder auf Ungleichheit beruht.
– Eine symmetrische Beziehungsform zeichnet sich dadurch aus, dass die Partner sich
bemühen, Ungleichheiten untereinander zu minimieren, sie streben nach Gleichheit.
– In komplementären Beziehungen ergänzen sich unterschiedliche Verhaltensweisen
und bestimmen den Austausch. Die Beziehungsgrundlage besteht hierbei in der
Unterschiedlichkeit der Partner. Häufig drückt sich diese Unterschiedlichkeit in
einer Unterordnung aus, d.h. der eine hat die Oberhand über den anderen.

symmetrische komplementäre
Kommunikation Kommunikation
Kommunikations- Geschwister Lehrerin – Schülerin
partner Freunde Vorgesetzter – Untergebe-
ner

Kommunikations- Gespräch (auch Streit) Rapport, Rechenschaft


formen gemeinsame Ferienplanung Interview
Rede
Medien Telefonat Zeitung, TV, Radio
Dialog Brief, SMS, Mail

Die komplementäre Kommunikation überwiegt


Wichtig ist die Einsicht, dass nicht eine Kommunikationsform der anderen überle-
gen ist. Je nach Kommunikationssituation, die abhängig ist vom Anlass, von den
Partnern, von der Art der mitzuteilenden Botschaft, von den zur Auswahl stehenden
Medien, wird Kommunikation nolens volens symmetrisch oder komplementär.
Je nachdem, was ich mit meiner Äusserung bezwecken will, spielt es allerdings sehr
wohl eine Rolle, ob die Kommunikationssituation vom Partner als symmetrisch oder
komplementär aufgefasst wird. Wenn Chefs am Familientisch bei der Wahl des TV-
Programms gleich sprechen wie zu ihren Untergebenen, kommt das schlecht an.

Der Grundsatz der Kommunikation


«
Wie sage ich das,
was ich sagen will,
so, dass der andere es so versteht,
wie ich es meine?
2.1 Kommunikationstheorie 46

Das Organonmodell
Eines der berühmtesten Modelle, die die Beziehung von Sprache zur Wirklichkeit
darstellen, stammt vom deutschen Psychologen Karl Bühler (1879 – 1963) aus dem
Jahr 1934. Er nannte es «Organonmodell» nach dem griechischen Wort «organon»
(Werkzeug). Sprache war für Bühler also ein Mittel zum Zweck der Kommunikation,
eine Vorstellung, die auf den antiken griechischen Philosophen Platon zurückgeht.

Zeichentheorie und Kommunikation


In sein Organonmodell integrierte Bühler das Zeichenmodell, wonach die sprach-
lichen Zeichen (Z) einem aussersprachlichen Gegenstand oder einem Begriff ent-
sprechen. Mehr zur Zeichenhaftigkeit von Sprache finden Sie im Kapitel Sprache
auf Seite 8 und im Glossar.

Darüber hinaus zeigt Bühlers Modell, dass das Zeichensystem Sprache der Kom-
munikation zwischen einem Sprecher (Sender) und einem Zuhörer (Empfänger)
dient. Auf einer dritten Ebene zeigt sein Modell, dass das Gesagte – also das sprach-
liche Zeichen, das Wort resp. der Satz (das Dreieck) – und das Gemeinte – also die
Vorstellung (der Kreis) – nicht ganz identisch sind.

Gegenstände und Sachverhalte

Darstellung

Ap
uck
Ausd
r Z pe
ll
er
ng
Sen

pfä
der

Em

Der Grundsatz der Kommunikation


«
Wie (Zeichen) sage (Ausdruck) ich (Sender) das (Gegenstand /
Sachverhalt),
was ich sagen will (Darstellung),
so (Appell),
dass der andere (Empfänger) es (Zeichendreieck)
so versteht (Vorstellung beim Empfänger),
wie ich (Vorstellung beim Sender) es (Zeichenkreis) meine?
2.1 Kommunikationstheorie 47

Das Nachrichtenmodell
Kommunikation ist der Übertragungsprozess einer Äusserung – die Kommunikati-
onswissenschaft spricht auch von Botschaft oder Nachricht – von einem Sender zu
einem Empfänger. Einen Übermittlungsstrang vom Sender zum Empfänger bezeich-
net man als Kanal.
Für den «Transport» vom Sender zum Empfänger muss die Botschaft vom Sender
verschlüsselt, übertragen und vom Empfänger entschlüsselt werden.

St1 St2 St 3 St 4 St 5

Vorstellung Vorstellung
VS VE
S Code Medium E

Begriff

Codierung Decodierung

Die Vorstellung (V) muss vom Sender (S) in einen Code «übersetzt» (codiert) wer-
den; damit wird aus der Vorstellung Sprache. Es gibt eine Reihe von verschiedenen
Codes (Laute, Schrift, Töne, Zahlen usw.). Der Code braucht eine «Verpackung»,
ein Medium (Brief, Zeitung, Telefon, Radio usw.), das ihn zum Empfänger (E)
transportiert. Der Empfänger wiederum übersetzt das Lautbild zurück (er deco-
diert) in eine Vorstellung.

Störungen
An allen Übertragungsstellen kann es zu Störungen (St) kommen. Einige von un-
zähligen Beispielen:

Störung 1 Dem S gelingt es nicht, seinen Gedanken in Form zu bringen


(in Worte zu fassen).
Störung 2 Es fehlen dem S die passenden Wörter.
Störung 3 Der Text ist unleserlich oder enthält zu viele sinnstörende
Orthografie-Fehler.
Störung 4 Der Brief, die SMS kommt nicht beim E an.

Störung 5 Der E versteht die Sprache oder die Wortwahl nicht.

Probleme der Codierung


Dieser relativ komplizierte technische Vorgang der Kommunikation bringt es mit
sich, dass die Vorstellung bei der Ankunft beim E nie identisch ist mit derjenigen,
die der S gesendet hat. Warum? Der Prozess der Decodierung unterliegt zahlreichen
Einzelentscheidungen. Der Sender schickt «Baum» und denkt dabei vielleicht an
eine Linde; beim Empfänger löst das Lautbild «Baum» aber spontan den Gedanken
an eine Tanne aus.

Das Transportmodell der Nachrichtenübermittlung weist Schwächen auf. Vor allem


berücksichtigt es nur Formen der Kommunikation, die eindimensional bzw. nach-
einander von S zu E verlaufen, aber nicht gleichzeitig, wie in der menschlichen
Kommunikation häufig.
2.1 Kommunikationstheorie 48

Die kommunikative Basis


Es ist nicht so, dass der Sender einen Sinn übermitteln und damit eine Verständi-
gung von Sender und Empfänger herstellen kann. Vielmehr findet Verständigung
statt, wenn das Weltwissen und das Sprachwissen der Kommunikationspartner
mindestens teilweise deckungsgleich sind. Ausserdem muss sicher sein, dass beide
am Prozess der Kommunikation überhaupt teilnehmen wollen.

Situationsdeutung
Wenn eine Zeitung ins Haus kommt, die Abonnentin oder der Abonnent sie aber
nicht liest, wenn das TV-Gerät läuft, aber niemand zusieht, dann ist gemäss dem
Transportmodell streng genommen die Kommunikation abgeschlossen. Faktisch
kommt aber keine Verständigung zu Stande, wenn der Empfänger nicht teilnimmt.
Erst wenn alle Kommunikationspartner an einer Kommunikationssituation teilneh-
men, kann es überhaupt erst zu Verständigung kommen. Ein Beispiel: Wenn Sie im
Unterricht aus dem Fenster gucken und träumen, kommt keine Verständigung zu
Stande – obwohl Sie anwesend sind. Das heisst, Sie deuten die Situation anders als
der Lehrer.

Die kommunikative Basis

Situationsdeutung Situationsdeutung
S E

Denotation
VS S Code Medium E VE
Konnotation
Sprachwissen S Sprachwissen E

Weltwissen S Weltwissen E

Kommunikative Basis

Jeder Sprecher verfügt über ein Sprachwissen – die Anzahl grammatischer Struk-
turen und Wörter seiner Muttersprache und aller ihm bekannten Fremdsprachen
– und über ein Weltwissen – seine Erfahrungen, seine Erlebnisse, seine Gedanken,
alle Dinge, die er gelernt hat. Erst wenn sich sowohl Sprachwissen als auch Welt-
wissen von Sender und Empfänger überschneiden, gibt es eine kommunikative
Basis, auf der allein Verständigung möglich ist.
2.1 Kommunikationstheorie 49

Vergrösserung der kommunikativen Basis


Es ist dem Sender, und nur dem Sender, jederzeit möglich, die kommunikative Ba-
sis zu vergrössern, indem er nämlich Wörter definiert, die er braucht, und Dinge
erklärt, die er sagt.

Denotation und Konnotation


Der Empfänger versucht, die erhaltene Nachricht zu entschlüsseln und den ur-
sprünglichen Sinn zu rekonstruieren. Er denotiert sie. Gleichzeitig und ohne dass
er es will, konnotiert er auch: Er denkt sich seine Sache dazu. Sendet Freundin
Petra z.B. die SMS «Helga hat einen neuen Freund», versteht Anna zwar diesen
Satz, denkt sich vielleicht aber noch: «Was hat Petra nur immer mit Helga?» Sie
ergänzt die Nachricht also unwillentlich.

Weltwissen und Kommunikation

Eine sehr grosse Anzahl von Rezipienten wird erkennen, dass dieses Bild eine Land-
schaft im Winter darstellt. Das ist für Kulturkreise, die keinen Schnee kennen, al-
lerdings nicht selbstverständlich. Eine weniger grosse Menge wird wissen, dass es
sich um ein berühmtes Gemälde handelt, wird aber nicht angeben können, um wel-
ches. Eine noch kleinere Menge wird wissen, dass es sich um ein Gemälde des Ma-
lers Pieter Bruegel d.Ä. handelt. Nur wenige kennen seinen Titel («Jäger im Schnee»)
und können das Entstehungsjahr (1565) und / oder den heutigen Besitzer (Kunst-
historisches Museum Wien) angeben. Einem noch kleineren Kreis schliesslich ist
bekannt, dass dieses Bild im Filmklassiker «Solaris» von Andrej Tarkowski (1972)
eine dramaturgisch wichtige Rolle spielt. (nach Ernst 2004, S. 233)

Das Beispiel zeigt, dass die kommunikative Basis stark abhängig ist vom
jeweiligen Empfänger. Was wiederum belegt, wie sehr der Sender sich an den
Empfänger anpassen muss. Das kann er tun, indem er alle relevanten Dinge
erklärt, damit der Empfänger sie auch verstehen kann.
2.1 Kommunikationstheorie 50

Die Funktionen der Kommunikation


Es gibt verschiedene Funktionen der Kommunikation, die wir nach ihrer Hauptaus-
richtung gliedern können.

Die Funktion In welcher Situa- Beispiele Wo findet bzw.


der Kommu- tion wird sie braucht man
nikation gebraucht? diese Funktion?

Information wenn es sich darum «Der Zug nach – Reiseführer


handelt, Mittei- Neuchâtel fährt um – Zeitung
lungen zu machen 12h 30.» – Stundenplan
oder Erklärungen zu – usw.
geben

Erklärung wenn es sich darum «Ein Kühlschrank – Gebrauchsan-


handelt, jemandem besteht aus einem weisung
etwas verständlich Schrank, der isoliert, – Rezept
zu machen einem Kühlaggregat.» – usw.

Überzeugung wenn es sich darum «Versäumt es nicht, – Disput


(Appell) handelt, jemandem in dieses Konzert zu – politische Rede
eine Meinung gehen, das ist eine – Werbung
oder einen Rat einmalige Gelegenheit!» – Ratschlag
näherzubringen – Befehl
– usw.

Ausdruck wenn Gefühle «Ich danke dir herzlich – Tagebuch


(Emotion) (Zorn, Freude, für deinen lieben Gruss – Roman
Trauer, Liebe, von vorgestern.» – Freundesbrief
Angst) geäussert – Gedicht
werden – usw.

Poesie wenn der Rhyth- «Ich will mit dem – Gedicht,


mus, der Klang, gehen, den ich liebe. – Wortspiele
der Sinn der Wörter Ich will nicht aus- – Glückwünsche
besonders betont rechnen, was es – Liebes briefe
werden; kostet. – usw.
wenn der Satzbau Ich will nicht
oder der Wortsinn nachdenken,
unüblich ist ob es gut ist.
(mehr dazu in Ich will nicht wissen,
Deutsch am ob er mich liebt.
Gymnasium 3: Ich will mit ihm gehen,
«Literatur») den ich liebe».
(Bertolt Brecht)

Phatik wenn es sich – «Hallo, wie geht’s Konversation


darum handelt, die dir?» (fast nur in
Kommunikation – «Das ist aber wirklich mündlicher
in Gang zu der Gipfel, also so Kommunikation)
bringen oder was.»
aufrechtzuerhalten
2.1 Kommunikationstheorie 51

Checkliste Kommunikation
«Wie sage ich das, was ich sagen will, so, dass der andere es so versteht, wie ich es
meine?» So lautet der Grundsatz der Kommunikation. Denn nur der Sender hat die
Möglichkeit, sich an die Situation und den Kommunikationspartner anzupassen.

Gelingende Kommunikation ist nicht blosses Reden, selbst ein Gespräch ist unter
Umständen keine Kommunikation. Damit Verständigung zu Stande kommt, muss
Kommunikation partnerorientiert sein. Partnerorientierte Kommunikation liegt
dann vor, wenn ein Sender bewusst und zielgerichtet seine Äusserungen gestaltet.
Dabei sieht er sich einer Reihe von Fragen gegenüber:

– Wer ist mein Gesprächspartner, mein Publikum?


– Welches ist unsere gemeinsame kommunikative Basis?
– Was erfordert die konkrete Kommunikationssituation?
– Wie kann ich meine Äusserung der kommunikativen Basis und der
Kommunikationssituation anpassen?
– Welche möglichen Störungen (Missverständnisse) muss ich befürchten und ver-
meiden?

Hauptproblemzweige

Problem Was tun?

Kommunikation muss partnerorientiert Konversationsmaximen einhalten


sein

Problem der unbeabsichtigten Unbeabsichtigte Kommunikation


Kommunikation vermeiden

Verständigungsblocker

Problem Was tun?

Störungen mögliche Störungen vorausahnen und


vermeiden; mehrere Kanäle benutzen
(z.B. E-Mail und Telefon)

Konnotation(en) unbeabsichtigte Konnotationen


vorausahnen und ausschliessen

Kommunikative Basis verfehlt Schnittmengen vergrössern


(Sprachwissen und Weltwissen
erklären)

abweichende Situationsdeutung sicherstellen, dass Empfänger dieselbe


Situationsdeutung hat

Kommunikations-Psychologie

4 Seiten einer Botschaft klar machen, welche Seite der Bot-


schaft gemeint ist
2.2 Kommunikationsfähigkeit 52

Kommunikationsfähigkeit
In Stelleninseraten vor allem für Führungskräfte wird immer wieder eine Anforde-
rung an den Stellenbewerber genannt: Kommunikationsfähigkeit.

In diesem Inserat sind die Anforderungen an die «Kommunikationsfähigkeit» aus-


führlich genannt:

Anforderungen | Als idealer Kandidat haben Sie sich nach einem Studium an
einer Hochschule (ETH oder Universität) in Unternehmensführung weiterge-
bildet. Sie weisen langjährige Berufs- und Führungserfahrungen […] auf. Sie
besitzen einen umfassenden Leistungsausweis, der Sie als bestandene und er-
folgreiche Führungskraft auszeichnet, die sich bewährt und erfolgreich mehr-
stufig Personal geführt hat. Wir suchen die teamfähige, kompetente, kommu-
nikative und zielorientierte Führungsperson, welche von den Mitarbeitenden
als Vertrauensperson wahrgenommen wird. Dank Ihrem Einfühlungs- und
Durchsetzungsvermögen sowie einem ausgeprägten Verhandlungsgeschick
sind Sie erfolgreich im Umgang mit Kunden, Behörden und Partnern.
(oprandi&partner. personnel recruitment. Gefunden am 4. Oktober 2008 um 15.10 Uhr auf
www.topjobs.ch)

Kommunikationsfähigkeit hat offenbar mit Teamfähigkeit, Zielorientierung, Ver-


handlungsgeschick, Einfühlungs- und Durchsetzungsvermögen zu tun.

Kommunikationsfähigkeit = Einfühlungsvermögen + Durchsetzungsfähigkeit


2.2 Kommunikationsfähigkeit 53

Kommunikation und Selbstwertgefühl


Alle genannten Eigenschaften sind erlernbar. Sie gehören zur Kommunikation vor
allem deswegen, weil es sich um Fähigkeiten handelt, die im Umgang und Austausch
mit anderen zur Geltung kommen.

Einfühlungs- und Durchsetzungsvermögen


1. Das Geheimnis guter Kommunikation ist das Sich-Hineinversetzen in andere.
2. Deswegen ist Teamfähigkeit eine Kommunikationsfähigkeit.
3. Kommunikation basiert auf der Rückmeldung der Kommunikationspartner.
4. Je positiver die Rückmeldungen ausfallen, desto angenehmer ist es für mich.
5. Positive Rückmeldungen steigern mein Selbstwertgefühl.
6. Je genauer ich die Wirkung meiner kommunikativen Äusserungen kenne, desto
genauer kann ich sie steuern und desto wahrscheinlicher ist eine positive Wirkung.
7. Positive Wirkungen steigern das Wissen um meine kommunikativen Äusserungen.
Sie steigern mein Selbstwertgefühl.
8. Je grösser mein Selbstwertgefühl, desto sicherer und erfolgreicher kommunizie-
re ich.

Fazit: Erfolgreiche Kommunikation basiert auf einem gesunden Selbstwertgefühl.

Selbstsicherheit
These 1 Kommunikation funktioniert umso besser, je mehr ich über mich und
meine Wirkung auf andere Menschen weiss.
These 2 Kommunikation funktioniert umso besser, je gleichwertiger die Ge-
sprächspartner sind (resp. sich verhalten), d.h. je weniger ihr jewei-
liges Selbstwertgefühl differiert.

Eine Überlegung am Beispiel: Selbst wenn ich mit einem Bundesrat einen Termin
für seinen Auftritt aushandeln soll, gilt die These der Gleichwertigkeit, obwohl der
Bundesrat im Gegensatz zu mir ein «hohes Tier» ist. Wenn ich mit klaren Vorstel-
lungen auftrete, komme ich schneller ans Ziel, als wenn ich duckmäuserisch mich
nicht einmal recht getraue, ihn anzusprechen.

These 3 Ein gesundes Selbstwertgefühl garantiert die Gleichwertigkeit und


führt zu erfolgreicher Kommunikation.
These 4 Zur Selbstsicherheit gehört, dass ich mich selbst ernst nehme. Das
Extrem wäre Selbstüberschätzung. Sie gilt es zu vermeiden.
These 5 Zur Selbstsicherheit gehört, dass ich meine Kommunikationspartner ernst
nehme. Das Extrem wäre Selbstverleugnung. Sie gilt es zu vermeiden.
These 6 Wenn meine Selbstsicherheit steigt, kommuniziere ich erfolgreicher.
These 7 Wenn ich erfolgreicher kommuniziere, steigt meine Selbstsicherheit.

Fazit: Kommunikationskompetenz hat viel damit zu tun, dass man in die Rolle eines
Kommunikationspartners schlüpft. Das kann man lernen, denn Kommunika-
tion ist eine Technik.

Selbstsicherheit und damit erfolgreiche Kommunikation sind lernbar.


2.2 Kommunikationsfähigkeit 54

Gesprächsblocker
Kommunikationsfähigkeit hat viel mit der Fähigkeit zu tun, ein Gespräch führen
zu können. Sobald einer der Gesprächspartner manipulative Mittel einsetzt, ist dies
allerdings schwierig. Als Manipulation gilt die Einflussnahme auf den Verlauf eines
Gespräches in einer Weise, dass der eine Gesprächspartner das Gespräch dominiert
(«das letzte Wort hat»). Geschieht das, bricht das Gespräch ab oder es wird auf
eine persönliche Ebene übertragen. Man nennt das auch «Kampfrhetorik». Deswe-
gen ist es wichtig, solche Gesprächsblocker zu erkennen und zu vermeiden.

Gesprächsblocker
offensiv defensiv
offen Sich gross machen Gespräch abbrechen
z.B.: «Ich als dein Vater…» z.B. «Da duld’ ich keine
Widerrede, basta!»
versteckt Andere klein machen Ausweichen
z.B.: «Woher willst du das z.B. «Darüber können wir später
wissen…» nochmals reden…»

Dieses Schema zeigt die Grundsätze. Folgende Manipulationstechniken lassen sich


ihm zuordnen.

Sich gross machen


1. Imponiertechnik 2. Überrumpelungstaktik

Ziel: Sie sollen beeindruckt werden. Ziel: Es soll verhindert werden, dass Sie
Zeit zum Nachdenken haben.
Der Gesprächspartner hebt seinen Sie werden zu einer sofortigen
Status, Rang, seine Bedeutung, sein Meinungsäusserung gezwungen, eine
Alter besonders hervor. schnelle Entscheidung wird verlangt.
«Ich als erfahrene Expertin…» «Wir haben das bereits beschlossen.»
«…, womit ich mich schon lange «Meinen Sie nicht auch, es ist besser,
beschäftige, …» wenn…»

Andere klein machen


3. Andere klein machen 4. Persönlich werden

Ziel: Sie sprechen dem Gesprächs- Ziel: Sie sollen sich schuldig fühlen
partner die Kompetenz ab.
Es werden Autoritäten, Zahlen, Ein sachliches Problem wird als
Statistiken zitiert, die im Moment gar persönliche Schwierigkeit des anderen
nicht überprüft werden können. dargestellt, so dass der sich nicht
mehr traut, den Wahrheitsgehalt des
Gesagten zu hinterfragen.
«… gemäss den Bestimmungen ist das «Aber Sie haben doch selber einmal
nicht möglich.» gesagt, …»
«Das ist nicht wahr.» «Das glaubst du ja selber nicht!»
«… auch der Direktor ist meiner «Nur weil du nichts davon verstehst,
Meinung heisst das noch lange nicht …»
«Das ist doch reine Haarspalterei!»
2.2 Kommunikationsfähigkeit 55

Gespräch abbrechen
5. Allgemeinplätze 6. Killerphrasen

Ziel: Sie sollen eine Meinung, die Ziel: Sie sollen eingeschüchtert werden
(angeblich) alle teilen, nicht in bzw. das sachliche Gespräch wird
Frage stellen. abgeschnitten.
Allgemeinplätze sind floskelhafte Mit diesen allgemeingebräuchlichen
Redewendungen, die häufig pointiert Formulierungen soll ein echtes
formuliert den sogenannten gesunden Gespräch und damit eine echte
Menschenverstand ausdrücken. Gegen Auseinandersetzung verhindert
sie kann nichts eingewendet werden. werden. Ein sachliches Gespräch wird
unterbunden.
«Das war doch schon immer so!» «Aber als emanzipierte Frau sollten Sie
«So etwas tut man einfach nicht.» doch wissen …»
«Arbeit hat noch niemandem «Das weiss doch jeder!»
geschadet.» «Da könnte ja jeder kommen …»
«Lass uns später darüber sprechen!»

Ausweichen
7. Ignorieren 8. «Monologisieren»

Ziel: Der Gesprächspartner lenkt vom Ziel: Sie kommen nicht zu Wort,
Thema ab, indem er über etwas haben keine Chance, Bedenken
anderes spricht. anzubringen.
Man speist den anderen mit leerem Der Gesprächspartner verhindert
Gerede ab; man redet über etwas ganz durch einen Redeschwall oder durch
anderes; man gibt dem anderen Recht, ständiges Unterbrechen, dass ein
damit der zufrieden und still ist. Dialog zustande kommt.
«Ja, ja, mach nur!» «Lassen Sie mich nur noch rasch
«Ach übrigens, hast du nicht auch meinen Gedanken zu Ende führen …»
schon daran gedacht, (anderes «Wenn ich auch einmal etwas
Thema) …?» anmerken darf …»
«Sicher ist das so, da hast du ganz
recht, aber meinst du nicht auch, …»

Alle Strategien der Manipulation zielen darauf ab, sich über den Gesprächspartner
hinwegzusetzen und die eigene Ansicht nicht im argumentativen Dialog überzeugend
darzulegen, sondern sie mittels dieser Manipulationstechnik «durchzudrücken» (sie-
he Seite 96).

Massnahmen gegen Gesprächsblocker:


– Den anderen zur Rede stellen, nachfragen, ihn zwingen, zu argumentieren.
– Den anderen direkt ansprechen, z. B.: «Wieso ignorierst du mich eigentlich?»

Lassen Sie sich nicht manipulieren. Versuchen Sie umgekehrt auch nicht, Ihre Ge-
sprächspartner zu manipulieren. Gute Argumente überzeugen wesentlich mehr.
Sie finden im Kapitel Argumentieren auf S. 95 –100 mehr Informationen dazu.
2.2 Kommunikationsfähigkeit 56

Checkliste: Gesprächsführung
Gespräche können leicht in Streit ausarten.

So führen Sie ein konstruktives Gespräch:

1. Ich nehme eine Körperhaltung Kopf hoch! Schultern gerade


ein, die Selbstsicherheit (und zwar auch am Telefon)!
ausstrahlt.

2. Ich achte auf meine Stimme. Sie ist ruhig und fest.

3. Ich lasse meinen Gesprächs- Ich lasse Ihn allenfalls Ärger


partner ausreden. ablegen.

4. Ich vermittle meinem «Ich verstehe» / «Ja, das habe ich


Gesprächspartner, dass ich ihn auch schon gedacht» usw.
verstanden habe.

5. Ich rechtfertige mich nicht, … … sondern bleibe sachlich und


ruhig.

6. Ich beschuldige den anderen Ich zeige stattdessen Verständnis:


nicht. «Ich weiss, Sie haben viel Arbeit.»
«Ich weiss, dass Sie das nicht
absichtlich…» «Es muss ein
Irrtum sein.»

7. Ich lasse mich nicht abbringen, Ich wiederhole, was ich möchte,
beharre auf meinem Recht. wie eine Schallplatte mit Sprung.
«Ja, das mag schon sein,
aber ich möchte …»

8. Ich bleibe bei der konkreten Nicht: «Das ist immer so…»,
Situation und vermeide sondern: «Ich habe mich heute
Verallgemeinerungen. sehr geärgert, weil …»

9. Ich fasse zusammen, was Sachlich und objektiv


erreicht wurde.

10. Ich biete eine Lösung an. «Wenn Sie das tun, könnte ich
ja …»

Halten Sie sich (meistens) an diese Grundsätze. So erreichen Sie im Gespräch Ihre
Ziele, ohne Ihre Gesprächspartner zu verletzen.
2.3 Diskutieren 57

Diskussion
Eine Diskussion (von lat. discutio: zertrümmern, beseitigen, vertreiben) ist ein Gespräch
zwischen zwei oder mehreren Teilnehmern (Diskutanten), in dem über ein bestimmtes
Thema gesprochen (diskutiert) wird, wobei jede Seite ihre Argumente vorträgt.
Diskussionen können unterschiedliche Ziele haben: anderen die eigene Position
mitteilen, mit anderen Meinungen umgehen, jemanden überzeugen wollen, aufein-
ander eingehen, gemeinsam klären, miteinander streiten.

Grundlegende Diskussionsformen
Kommunikationsform Interview Kommunikationsform Streitgespräch

Leiter

A1 B1
Befragter Interviewer
A2 B2

Publikum Publikum

Kommunikationsform Besprechung Kommunikationsform Podiumsdiskussion

A Leiter

B E A C

C D B D

Publikum

Diskussionsanlässe
Ziel der Beschreibung Diskussionsformen
Diskussion

Klären Es geht darum, herauszufinden, was die – Interview


Diskutanten bevorzugen. Man fragt einander – Prioritätenspiel
aus. Im Vordergrund steht die Darlegung.

Gedanken Die Diskutanten legen ihre Meinung dar. – Rundgespräch


austauschen Allenfalls versuchen sie, sich zu einigen. – Besprechung
Im Vordergrund steht die Auslegung der – Freies Gespräch
Gedanken. – Aquarium (Fishbowl)

Positionen Die Diskutanten nehmen feste Positionen – Podium


vertreten ein, die sie vertreten. Sie versuchen zu – Debatte
überzeugen, meistens nicht das Gegenüber,
sondern das Publikum. Im Vordergrund
stehen möglichst überzeugende Argumente.

Entscheid Verschiedene Positionen müssen – Einigungsgespräch


finden zusammengeführt werden (z.B. wenn – Beschlussfassung
es darum geht, etwas gemeinsam zu – Streit (siehe S. 98 –100)
unternehmen). Vor- und Nachteile werden
abgewogen. Im Vordergrund steht der
Entscheid, der möglichst viele (alle)
Teilinteressen abdeckt.
2.3 Diskutieren 58

Diskussionsformen
Prioritätenspiel
Das Prioritätenspiel macht Einstellungen zu einem Thema deutlich und zwingt dazu,
diese zu begründen und mit anderen auszutauschen. Durch die Vorgabe, zu einer
Gruppenentscheidung zu kommen, findet ein Abwägen verschiedener Argumente statt
und es besteht die Notwendigkeit, sich zu einigen. Regel: Nur argumentieren, nicht
manipulieren. Zum Beispiel das Thema: Was ist für Sie Lebensqualität? Sie müssen
sich auf z.B. acht Aussagen in der Gruppe einigen und diese in eine Rangliste bringen.

Gute Verkehrsverbindungen; Ruhe; mir etwas Luxus leisten können; Bildung /


Weiterbildung; grosses Kulturangebot; Anerkennung in der Öffentlichkeit fin-
den; bekannt sein; hohes Einkommen; sinnvolle und befriedigende Arbeit; mög-
lichst viel Freizeit; Sport / Fitness; ausreichende Altersvorsorge; seriöse Politik
und Medien; intakte Umwelt; gemütliches und stressfreies Dasein usw.

Aquarium (Fishbowl)
Als Aquarium bezeichnet man eine halboffene Form des Rundgesprächs. Eine be-
stimmte Zahl von Diskussionsteilnehmern sitzt im Kreis, mehrere Stühle bleiben
leer. Das Gespräch beginnt. Sollte sich jemand aus dem Publikum äussern wollen,
darf er sich auf einen der freien Stühle setzen und am Gespräch teilnehmen.

Regeln:
– Es dürfen nur so viele «Gastteilnehmer» mitdiskutieren, wie es freie Stühle hat.
– Jeder Teilnehmer im Diskussionskreis darf diesen jederzeit verlassen.
– Leere Plätze im Diskussionskreis können von jedem Teilnehmer besetzt werden.
– Seitengespräche sind zu vermeiden.

Podiumsgespräch
Bei einer Podiumsdiskussion oder einem Podiumsgespräch kommen Fachleute oder
Vertreter von Interessengruppen zum Gespräch vor einer grösseren Zuhörerschaft
zusammen, um ihre Auffassungen darzustellen und zu vergleichen. Auch Übertragun-
gen von Diskussionen in Radio und Fernsehen funktionieren wie Podiumsdiskussionen.
Der Begriff leitet sich von Podium = Bühne ab und bezeichnet die Möglichkeit für die
Diskutanten, ihre Ansichten einem grösseren Publikum zu präsentieren.

Debatte
Eine Debatte (franz. débattre: (nieder-)schlagen) ist ein Streitgespräch, das im Un-
terschied zur Diskussion formalen Regeln folgt und üblicherweise zur inhaltlichen
Vorbereitung einer Abstimmung dient. Thema einer Debatte ist eine Sachfrage. Der
Begriff wird heute meist im Zusammenhang mit Aussprachen in einem Parlament
(Nationalrat, Ständerat usw.) verwendet. In einer Debatte werden die Für- und
Wider-Argumente zu einer These in kurzen Reden vorgetragen. Das Ziel des De-
battenredners ist es, die Zuhörer von den eigenen Argumenten zu überzeugen.
Deshalb zeichnet sich ein guter Redner nicht nur durch gute Argumente, sondern
auch durch überzeugende rhetorische Fähigkeiten aus.
2.3 Diskutieren 59

Jugend debattiert
Ziel des Projektes «Jugend debattiert» ist, dass möglichst viele Jugendliche in der
Schweiz das Debattieren lernen und Spass am spielerischen Meinungsaustausch
bekommen. Denn ohne gute Debatten gibt es keine gute Politik.

Die Debattenform
– Je zwei Personen vertreten die Pro- bzw. Contra-Position in einer aktuellen Frage,
die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.
– Eine Person überwacht die Redezeiten. Es gibt keine Gesprächsleitung, aber ge-
naue Regeln (siehe unten bei den Phasen).
– Die Positionen (Pro 1, Pro 2, Contra 1, Contra 2) werden unmittelbar vor Beginn
der Debatte ausgelost.
– Es handelt sich in der Regel um vorbereitete Debatten. In die Debatte dürfen
keinerlei Notizen mitgenommen werden. Während der Debatte dürfen jedoch
Notizen gemacht werden.

Die Phasen einer Debatte

Eröffnungsrunde: Stellung beziehen


Ablauf / Regeln:
– Jede Person hat Redezeit ohne Unterbrechung, um ihren Standpunkt zur Frage
darzulegen.
– Pro und Contra wechseln sich ab, die Pro-Seite beginnt: P1 – C1 – P2 – C2
Leitgedanken:
– Was ist jetzt? Was soll sein? Was genau soll dazu geschehen? Vorschlag oder
Kritik mit Bezugnahme auf Vorredner.
– Redezeit möglichst ausschöpfen.
– Wichtig ist der Zielsatz als Antwort auf die Streitfrage (siehe S. 73 f.).

Freie Aussprache: Abgleich und Klärung


Ablauf / Regeln:
– In einem freien Wortwechsel werden die Argumente geklärt.
– Es gibt keine Gesprächsleitung.
Leitgedanken:
– Worüber sind wir uns einig? Worüber streiten wir?
– Was genau bewerten wir verschieden (Streitpunkt)?
– Inwiefern ist die Streitfrage für alle relevant?
– Was soll dieser Streit letztlich entscheiden (Interessen-, Werte-, Güterabwägung,
Kosten, Dringlichkeit)?

Schlussrunde: Erneut Stellung beziehen (Entscheidung)


Ablauf / Regeln:
– Jede Person hat – in der gleichen Reihenfolge wie in der Eröffnungsrede –
Redezeit, um die Debatte aus ihrer Sicht zusammenzufassen und erneut Stellung
zu beziehen.
– Es dürfen keine neuen Argumente eingebracht werden.
Leitgedanken:
– Die Debatte hat meine Meinung bestätigt / verändert.
– Wichtig war für mich…, und das ist wichtig, weil…
– Zielsatz (mehr zum Zielsatz erfahren Sie im Kapitel Rhetorik auf S. 73 f.)
2.3 Diskutieren 60

Normal- und Kurzform der Debatte


Normalform Kurzform
Eröffnungsrunde je 2 Minuten Eröffnungsrunde je 1 Minute
Freie Aussprache 12 Minuten Freie Aussprache 6 Minuten
Schlussrunde je 1 Minute Schlussrunde je 1 Minute

Total: 24 Minuten Total: 14 Minuten

Die Beurteilungskriterien einer Debatte

Sachkenntnis 1. Hat XY die zentralen und genügend Fakten zur Sachfrage


eingebracht, und zwar in einem Umfang, dass am Ende der
Debatte die für die Öffentlichkeit wichtigen Fragen diskutiert
worden sind?
2. Hat XY genug Wissen zu benachbarten Themen eingebracht,
die mit der Sachfrage in engem Zusammenhang stehen?
3. Ist es XY gelungen, das Wissen und die Argumente wirksam
einzubringen, nämlich im passenden Moment?
4. Ist es XY gelungen, das Wissen sprachlich so zu
vereinfachen, dass auch wenig informierte Zuhörende
seinen Ausführungen folgen konnten (dazu gehört u.a. die
Erklärung von Fachbegriffen)?
5. Hat XY mit eigenem Sach- und Allgemeinwissen die
Ausführungen anderer Debattierender widerlegen oder
bestätigen können?

Ausdrucks- 1. Hat sich XY sprachlich gut verständlich und klar ausgedrückt,


vermögen fliessend und sicher gesprochen?
2. Hat XY wichtige Punkte sprachlich verändert wiederholt und
beispielsweise ein ihr / ihm wichtiges Argument nicht immer
genau gleich vorgebracht?
3. Hat XY während des Sprechens durch Stimme, Aussprache,
Mimik und Körperhaltung wichtige Stellen markiert und
dadurch die Lebendigkeit erhöht (und z.B. Monotonie
vermieden)?
4. Hat XY treffende eigene sprachliche Formulierungen
verwendet, die sich der Zuhörerschaft einprägen, und diese
Formulierungen an zentralen Stellen eingesetzt?
5. Hat XY in der Eröffnungsrede einen originellen und
passenden Einstieg und in der Schlussrunde einen sprachlich
übersichtlichen Abschluss gefunden?
2.3 Diskutieren 61

Gesprächs- 1. Ist XY in einem guten Mass auf Argumente der Gegenseite


fähigkeit eingegangen, um sie zu widerlegen?
2. Hat XY auf Mittel, die eine andere mitdebattierende
Person abwerten, verzichtet (z.B. abschätzige Mimik oder
Gestik, häufiges Unterbrechen) und versucht, ein soziales
Gesprächsverhalten zu zeigen (z.B. die seit längerem
unbeteiligten Mitdebattierenden wieder ins Gespräch
einzubeziehen)?
3. Hat XY eigene Schwächen in der Argumentation, die von
der anderen Seite aufgedeckt wurden, offen eingestanden
und versucht, sie auszugleichen?
4. Hat XY den Debattanten der eigenen Seite inhaltlich
unterstützt, d.h. seine Argumente aufgegriffen und
weiterentwickelt?
5. Hat XY gesprächsleitende Fähigkeiten gezeigt (z.B. an
toten Punkten des Gesprächs den Stand der Dinge
zusammengefasst, in der Schlussrunde die zentralen Fragen
erkannt)?

Überzeu- 1. Hat XY die Argumente immer gut begründet und nicht


gungskraft einfach nur behauptet?
2. Hat XY grundsätzlich eine Haltung gezeigt, die Interesse
an der Sache beweist, und auf Mittel der Effekthascherei
verzichtet (z.B. unangebrachte Sprüche, Witze,
Informationen, die nichts zur Sachfrage beitragen, sondern
nur ein gutes Licht auf die Person werfen)?
3. Hat es XY geschafft, während der Debatte natürlich
zu bleiben und nicht alles auswendig gelernt
herunterzuhaspeln?
4. Hat XY mit einer Haltung für das Gemeinschaftsinteresse
argumentiert und Privatinteressen vermieden?
5. Hat XY positive Reaktionen vom Publikum bekommen, gab
es Anzeichen dafür, dass er / sie hier überzeugend wirkte
(z.B. anerkennendes Lachen)?

Mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Dialog – Jugend debattiert. Postfach 221, 4566 Halten,
www.jugenddebattiert.ch.
2.3 Diskutieren 62

Leitfaden Diskutieren
Diskussionen sollten möglichst zu einem Ziel führen. Oft haben sie eine Diskus-
sionsleitung, die dafür sorgt, dass alle Teilnehmenden zu Wort kommen und nie-
mand dominiert. In der Regel wird die Diskussionszeit begrenzt.

Tipps zur erfolgreichen Gesprächsführung

1. Bereiten Sie sich auf das Gespräch vor! Werden Sie sich darüber klar, was
Sie erreichen wollen! Stellen Sie sich auf Ihre Gesprächspartner ein: Welche
Argumente werden sie vorbringen?

2. Hören Sie den anderen geduldig zu, nehmen Sie sie ernst und bemühen Sie
sich, sie zu verstehen.

3. Lassen Sie den anderen ausreden – seinen Ärger abladen! Warten Sie, bis
alle Dampf abgelassen haben.

4. Erheben Sie nicht die Stimme! Bemühen Sie sich, ruhig und gelassen zu
bleiben. Wirklich gehört wird nur eine ruhige, bestimmte Stimme.

5. Verteidigen und rechtfertigen Sie sich nicht, sondern beschreiben Sie, was
Sache ist.

6. Fällen Sie keine Werturteile, sondern beschreiben Sie Ihre Eindrücke. Nicht:
«Deine Haltung ist unverständlich», sondern: «Ich verstehe deine Haltung
nicht.»

7. Bleiben Sie beim momentanen (Streit-)Punkt! Graben Sie nicht altes Zeug
aus.

8. Behaften Sie den andern nicht auf seiner früheren Meinung. Nicht: «Aber
du hast doch selbst gesagt, …»

9. Fahren Sie keine Geschütze auf, die der Situation unangemessen sind.
Nicht: «Du bist ja bekannt dafür, dass …»

10. Vermitteln Sie den anderen das Gefühl, dass Sie wirklich zugehört haben!
«Ich verstehe dich gut, auch mir ist …»

11. Lassen Sie sich nicht überrumpeln! Lassen Sie sich Zeit zum Nachdenken.
Fragen Sie nach.

12. Verweisen Sie auf Gemeinsamkeiten. «Hierin sind wir uns einig.»

13. Bieten Sie Alternativen an! «Wenn du …, dann könnten wir doch …»

14. Fassen Sie zusammen, was bisher erreicht wurde!

(nach J. Raz, Formen und Ziele von Diskussionen, Koblenz 1974 und Hohenadl 1997, S. 55)

Mehr zur Gesprächsführung finden Sie im Kapitel Argumentieren im Abschnitt


Überzeugen, auf den Seiten 95 – 100.
3. Rhetorik
3.1 Redetheorie 64

Rede, Referat, Präsentation


Der Begriff Rhetorik stammt aus der Antike und bezeichnet die Wissenschaft der
wirkungsvollen Gestaltung öffentlichen Redens. Darunter fällt auch die Kunst der
Überredung und der Beeinflussung.

Rede oder Referat


Einer spricht, viele hören zu. Das ist der Grundsatz, der durchaus variiert werden
kann. Eine Gruppe präsentiert. Oder nur wenige hören zu. Man trägt vor mit Ein-
satz von Medien, dann spricht man von Präsentation, oder ohne Medien, das nennt
man Rede oder Referat. Die hier beschriebene Kommunikationssituation ist kom-
plementär: der Redefluss geht in eine Richtung – von der Rednerin zu den Zuhö-
rerinnen.
Zu den komplementären und symmetrischen Kommunikationssituationen finden
Sie mehr Informationen im Kapitel Kommunikation, auf S. 45.

Reden vor Publikum – kein Graus

Reden vor Publikum muss nicht schlimm sein!


Rhetorik ist lernbar.
Lernen Sie, Ihr Publikum zu verführen.
3.1 Redetheorie 65

Die Redesituation
Die drei Beteiligten einer Rede
In einer Redesituation gibt es drei Beteiligte, zwischen denen Verhältnisse entstehen.
Der Redner versteht sein Thema – oder eben nicht; die Zuhörerinnen vertrauen der
Rednerin – oder eben nicht. Sie interessieren sich für ihr Thema – oder eben nicht.
In allen Fällen ist es Sache des Redners, dafür zu sorgen, dass die Rede erfolgreich
ist, d.h. dass die Zuhörer aufmerksam sind, sich für das Gesagte interessieren und
verstehen, was der Redner sagt.
Rednerin

Sachwissen Glaubwürdigkeit

Thema Interesse Zuhörerinnen

Themenorientierung
Welche Informationen brauche ich? Welche Medien habe ich?
Tendenz: Am besten mache ich ein Powerpoint oder viele Folien.

Rednerorientierung
Was kann ich gegen das Lampenfieber tun?
Was mache ich mit meinen Händen?
Tendenz: Am besten lerne ich es auswendig, dann vergesse ich sicher nichts.
Zuhörerorientierung
Was von dem, was ich zu sagen habe, interessiert meine Zuhörer?
Welche Beispiele passen?
Tendenz: Am besten, ich formuliere aus der Situation heraus.

Zuhörerorientierung
Die erfolgreiche Rede ist zuhörerorientiert, oder wie die Gesprächspsychologie sagt:
sie ist du-orientiert. Das heisst, der Redner denkt von der Disposition seiner Rede
bis zum Vortrag vor dem Publikum konsequent vom Anspruch des Publikums aus.
Dessen Hauptansprüche kennt jeder, der schon einmal in der Zuhörerposition war:
Die Rede soll klar sein, leicht verständlich und vor allem nicht langweilig.

Ratschläge für die gute Rednerin, den guten Redner und alle, die es werden wollen.

1. Denken Sie sich in die Lage des einzelnen Zuhörers hinein. Was weiss er schon,
was findet er am Thema spannend, lustig, interessant?
2. Überlegen Sie, was für Wörter der durchschnittliche Zuhörer kennt.
Verwenden Sie einen vielfältigen, aber nicht abgehobenen Wortschatz.

3. Formulieren Sie frei und sprechen Sie langsam. Auswendig vorgetragene oder
abgelesene Texte wirken langweilig und sind oft unverständlich, weil sie meis-
tens zu schnell vorgetragen werden.
3.1 Redetheorie 66

Der Standardaufbau ohne Fisimatenten


Aller guten Dinge sind drei. Jeder längere Redebeitrag hat drei Teile: eine Einleitung,
einen Hauptteil mit einzelnen Aspekten (A), einen Schluss. Die Einleitung vermit-
telt das Thema und die Position der Rednerin, der Hauptteil begründet, führt aus,
illustriert, erklärt usw., der Schluss fasst zusammen und endet im Zielsatz mit der
Hauptbotschaft in prägnanter Formulierung.

Die Bauteile einer Rede

Hauptteil
Anmerkung
Jeder Teil braucht einen
Mini-Einstieg und einen
Einleitung

Mini-Schluss, und sei es

Schluss
A1 A2 A3 nur, dass Sie sagen:
«Das war der 1. Punkt.
Ich komme zu meinem
2. Punkt.»

15% 75% 10%


Sag, was du Sag es Sag, was du
zu sagen hast gesagt hast

Kleiner Elefantenkorso
Wenn wir mehrere Aspekte für die Rede aufbereiten, dann unterscheiden sie sich
vielleicht in ihrer Länge, ihrer Gewichtung, ihrer Aktualität oder auch in ihrer Ori-
ginalität. In jedem Fall muss man entscheiden, welche Reihenfolge die sinnvollste ist.

1.

A1 A2 A3

2.
A1 A2 A3

3.
A1 A2 A3
Der Elefantenkorso zeigt augenscheinlich, dass Variante 1 den Eindruck hinterlässt,
dem Redner sei nach einem zwar guten Start nichts Rechtes mehr eingefallen. Auch
die goldene Mitte (Variante 2) mildert diesen Eindruck kaum. Erst Aufbau 3 ver-
mittelt den Eindruck einer permanenten Steigerung.
3.1 Redetheorie 67

Kleiner Exkurs zur Zuhörerpsychologie


Das jeweils zuletzt Gehörte bleibt besser haften als das früher Gesagte. Es wurde
noch nicht durch Neues überlagert. Der Redner sollte sich das zunutze machen und
die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Ende hin zu einem Höhepunkt treiben,
auf dem er mit einem prägnanten letzten Satz, dem Zielsatz, die Hauptaussage sei-
ner Rede respektive seinen Appell formuliert.

Die Aufmerksamkeit des Publikums


grosse Aufmerksamkeit

Zielsatz

Überleitung

A3
A2
A1
Zeit

E Hauptteil S

Die Aufmerksamkeit seitens der Zuhörerinnen und Zuhörer ist niemals gleich blei-
bend hoch. Sie sinkt nach einem Anfangshoch schnell ab auf eine Art «Stand-by-
Modus». Die Rednerin muss den Zuhörern also aus diesem Zustand helfen.
Die Kurve zeigt einen Idealverlauf der Zuhöreraufmerksamkeit, der sich nicht au-
tomatisch einstellt. Die Aufmerksamkeitskurve ist bedingt durch:

1. die Anordnung der Aspekte (analog Elefantenkorso S. 66)

2. die Herstellung einer aufmerksamen Atmosphäre vor Beginn der Rede

3. die Erwartungshaltung des Publikums

4. das Vorhandensein von Überleitungen zwischen den Teilen

5. die Publikumsführung

1. Die Anordnung der Argumente entscheidet über den allgemeinen Eindruck, den
man von der Rede erhält. Steigerungen im Laufe der Rede wirken anregend.
2. Wer spricht, bevor Ruhe eingekehrt ist, kann es auch sein lassen. Die Herstellung
von Ruhe ist verantwortlich dafür, dass die Aufmerksamkeit zu Beginn hoch ist.
3. Die Erwartung seitens des Publikums am Anfang ist in aller Regel hoch; es ist
gespannt auf das Thema, das Temperament des Redners, die Erklärung des Sach-
verhaltes usw. Diesen Anfangsbonus gilt es sorgsam zu verwalten. Dennoch: Nach
dem Beginn sinkt die Aufmerksamkeit, auch wenn man noch so souverän auftritt.
4. Eine gute Strukturierung der Teile hilft dem Publikum, die Aufmerksamkeit zu
dosieren. Jede strukturierende Bemerkung – «und ich komme zum nächsten Fall»;
«schliesslich»; «daraus folgt also» – trägt dazu bei, den Zuhörer aus dem vor-
übergehenden «Stand-by-Modus» zu wecken.
5. Gute Publikumsführung ist das A und O einer guten Rede. Wichtig ist, auf das
Publikum einzugehen, und zwar nicht mit Fragen («Wer hat etwas nicht verstan-
den?»), sondern mit Denkanregungen, Wiederholungen und Alltagsnähe.
3.1 Redetheorie 68

Die Anfänge
Es lohnt sich, besonders lange am Einstieg Ihrer Präsentation zu feilen. Am Anfang
hört Ihnen jeder zu. Wenn Sie gleich zu Beginn etwas bieten, das Interesse erzeugt,
in den Vortrag hineinzieht, haben Sie schon sehr viel gewonnen: die Aufmerksam-
keit und den guten Willen Ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer.

Aktivierender Einstieg
Offene oder ungelöste Fragen zu Beginn in den Raum stellen. Die Zuhörerinnen
mit dem verlockenden Nutzen des Themas ködern. Die Zuhörerinnen für das The-
ma einnehmen, etwa durch Fragen, z.B. so: «Meine Damen und Herren, wer von
Ihnen hat als Kind gerne mit Wasser gespielt? Ich bitte um Ihr Handzeichen (dabei
auch selbst die Hand heben). Und wer fand es toll, am Lagerfeuer zu sitzen? Wer
hat gerne Tiere versorgt? Was haben Sie da versorgt? Danke schön. – Ich frage Sie
nun: Wo in unserer Stadt haben Kinder heute die Möglichkeit zu solchen schönen,
aufregenden Spielen?» (Erste Folie mit Fotos von fünf trostlosen Spielplätzen…).

Es ist hierbei nicht nötig – ja oft sogar störend und ablenkend – , dass Sie wirk-
lich einzelne Zuhörer zum Sprechen auffordern. Vielmehr bezweckt der aktivie-
rende Einstieg, in den Köpfen der Zuhörerinnen die Bereitschaft für Ihr Thema
zu wecken.

Orientierende Eröffnung
Zu Beginn Ziel und Motiv der Rede nennen. Bei längeren Vorträgen die Gliederung
vorstellen. Kurz erzählen, wie man selbst auf das Thema gestossen ist. Hintergrund-
informationen liefern (wichtig hierbei: nicht bei Adam und Eva beginnen!).

Unerwartet anfangen
Mit provozierender, zu Widerspruch reizender These beginnen, zum Beispiel aus
der Gegenposition argumentieren.

Optischer Köder
Start mit einem «optischen Köder» – auf Folie, Flipchart, Beamer usw. oder mit
einem mitgebrachten Gegenstand.

Verknüpfungen
An ein aktuelles Ereignis oder an ein Erlebnis anknüpfen, am besten an eines, das
Sie mit der Zuhörerschaft gemeinsam erlebt haben. Auf bekannte Persönlichkeiten
verweisen: «Wie Willi Ritschard zu sagen pflegte: Manche Menschen haben für
alles Lösungen, weil sie die Probleme nicht sehen.»
Suchen Sie nach einer passenden Geschichte aus der Praxis, dem Alltag, der Le-
benswelt des Publikums, die den Bezug zu Ihrem Thema herstellt. Sie soll das The-
ma interessanter und verständlicher sowie die Zuhörenden neugierig machen.

Je näher Sie an der Lebenswelt Ihres Publikums sind, desto grösser wird des-
sen Aufmerksamkeit sein.
3.1 Redetheorie 69

Du-Orientierung
Wann immer Sie vor Publikum sprechen, sprechen Sie für dieses Publikum. Das
Publikum hat ein Recht darauf, dass Sie es ansprechen. Auf der Ebene des Inhalts
heisst das, Sie wählen jene Gegenstände aus, die das jeweilige Publikum tatsächlich
interessieren. Auf der Ebene der Formulierung heisst das, Sie formulieren publi-
kumsorientiert beziehungsweise du-orientiert.

Du-Orientierung spricht unmittelbar an


Beispiel: Folgende Formulierungen sollen bezwecken, eine Schulklasse von der
Wichtigkeit eines bestimmten Faches zu überzeugen. Die Publikumsorientierung
wird dabei in unterschiedlichen Graden berücksichtigt.

Formulierung Grad der Du-


Orientierung
1. «... von dem wir überzeugt sind, dass es in den Schulalltag
gehört.»
2. «Dann lernt man aus der Sicht von xy den Alltag sehen.»
3. «Es gibt dann keine Unklarheiten mehr.»
4. «Kennt ihr nicht auch das Gefühl, ...»
5. «Es sollte eingeführt werden.»
6. «Wir möchten euch unser Fach vorstellen.»
7. «... dann würden wir lernen,...»
8. «Wüsstest du nicht auch gerne, wie xy funktioniert?»

Vom «Es» zum «Wir» zum «Du»


Es (Formulierung 3 und 5)
Sätze, die mit «es» formuliert sind, können nur in den seltensten Fällen du-orientiert
sein. Sie signalisieren «es ist so», «man muss», auch «jedermann sollte». Insbeson-
dere Sätze mit «man sollte» wirken auf das Publikum abstossend: Wer sagt mir
denn, was ich sollen muss, ich will doch gar nicht sollen, warum soll ich sollen
müssen? Damit provozieren Sie eine Abwehrhaltung des Publikums – das Gegenteil
von dem, was wir als Rednerin und Redner anstreben.

Ihr (Formulierung 2 und 6)


Sobald das Publikum mit «euch» oder «ihr» oder dergleichen angesprochen wird,
entsteht eine Zweiteilung: hier der Redner, dort das Publikum. Vermeiden Sie das
nach Möglichkeit. Sie wollen ja Ihr Publikum auf Ihre Seite ziehen.

Wir (Formulierung 1 und 7)


Sobald es Ihnen gelingt, ein Wir-Gefühl herzustellen, haben Sie Ihr Publikum ange-
sprochen. Dabei muss man allerdings unterscheiden zwischen einem Redner-Wir
(Satz 1) und einem Wir, das Rednerin und Publikum gemeinsam einschliesst (Satz 7).

Du (Formulierung 4 und 8)
Angesprochen werden können die Zuhörenden, wenn das Gesagte sie etwas angeht.
Das leistet jene Formulierung, die jede einzelne Zuhörerin, jeden Zuhörer anspricht.
Dies funktioniert aber nur, wenn das Gesagte auf jeden Einzelnen auch tatsächlich
zutrifft. Satz 8 wirkt nicht, wenn der Angesprochene nicht wissbegierig ist. Dassel-
be gilt für Satz 4. Trifft jedoch das Gesagte zu, liegt eine optimale Publikumsorien-
tierung vor: «Kennt ihr nicht auch das Gefühl, in manchen Schulstunden augen-
blicklich einschlafen zu können?»
3.1 Redetheorie 70

Von der Sache zum Publikum


Sache Publikum dort – Wir alle Jeder von uns
Redner hier
Es ist so. Willkommen Wir alle Du und ich
Man sollte das. (ihr da draussen) gemeinsam haben manches
zu unserer gemeinsam
Präsentation

Schwierigkeiten der du-orientierten Formulierung


a) Du ist nicht gleich du
Nicht jeder Satz, der ein Du enthält, ist du-orientiert. Das zeigen die folgenden
Beispiele:

– «Du sollst ja schliesslich kommen, weil du es willst.»


– «Ich bin sicher, dass du davon auch profitieren wirst.»
– «Du weisst ja selber, dass du nicht immer genau zuhörst.»

b) Aggressivität
Du-Formulierungen können aggressiv wirken, vor allem wenn sie gehäuft einge-
setzt werden. Mit diesem Effekt lässt sich aber auch spielen. Man kann ihn gezielt
einsetzen, um damit die gewünschte Wirkung zu erzielen.
Beispiel:

«Menschen verschmutzen die Umwelt. Auch du! Wie viel Müll verursachst du
nicht jeden Tag …» (effektvolle Denkpause). «Schon als Kind hast du Berge
von Papierwindeln verdreckt.»

Varianten der Du-Orientierung


Du-Orientierung heisst nicht, dass jeder Satz ein Du enthalten muss. Du-Orientie-
rung lässt sich auch herstellen mit

a. Denkpausen

b. guten Beispielen, die aus dem Leben gegriffen sind, am besten aus dem
Leben der Zuhörenden

c. Alltagstauglichkeit der Argumentation und der Beispiele

d. Verweis auf gemeinsame Erlebnisse, Kindheitserinnerungen, gemeinsame


Kenntnisse und Erfahrungen («Das kommt mir genauso vor wie bei ‹Despe-
rate Housewives›»)
3.1 Redetheorie 71

Die Körpersprache
Inhalt und Glaubwürdigkeit

Digital: Verbal Analog: Non-verbal


Wortwahl Bewegung und Position im Raum
Grundstellung, Körperhaltung
Satzbau Blickkontakt
Stimme und Intonation
Aufbau der Rede Gestik
Mimik

Inhalt Glaubwürdigkeit

Eine Anregung zur Illustration des Sachverhaltes: Sprechen Sie den Satz «Ich freue
mich, euch begrüssen zu dürfen» – untermalen Sie Ihre Aussage indessen mit mög-
lichst vielen gegensätzlichen nonverbalen Signalen. Mehr Informationen zur digi-
talen und analogen Kommunikation finden Sie auf S. 44.

Wirksamkeit
Albert Mehrabian von der University of California hat die «Wirkung von Aussagen»
untersucht.
Körpersprache

Wortinhalt
55%
7%

38% Stimme

Im direkten Gegenüber bewerten wir Personen


– zu 55% durch die Körpersprache
– zu 38% über den Klang der Stimme
– zu 7% über den Wortinhalt ihrer Aussagen

Das Verblüffende an der Untersuchung von Mehrabian ist, dass für die Wirkung
einer Rede auf das Publikum offensichtlich der Inhalt eine untergeordnete Rolle
spielt. Eindruck machen viel mehr die Körpersprache und die Stimmmittel. Bitte
ziehen Sie die Checkliste zum «Gestaltenden Sprechen» auf S. 162 f. heran.

Notwendige Natürlichkeit der Körpersprache

«Mimik und Gestik lassen sich nur schwer manipulieren. Daher ist es wichtig,
dass sich diese beiden körpersprachlichen Bereiche möglichst natürlich entfal-
ten. Verbale und nonverbale Botschaften sollten weitgehend übereinstimmen,
denn die Zuhörenden lassen sich nur durch einen in sich stimmigen ganzheitli-
chen Eindruck überzeugen. Eine redliche Rhetorik beschränkt sich daher darauf,
den körpersprachlichen Aspekt bewusst zu machen, durch solide Vorbereitung
eine größere Sicherheit zu geben und allenfalls auf körpersprachliche «Stör-
Signale» aufmerksam zu machen.»
Gora 2001, S. 16
3.1 Redetheorie 72

Die Elemente der Körpersprache

Position im Raum
Suchen Sie sich die richtige Position im Raum aus, bis Sie merken: Sie sind das
Zentrum.

Grundstellung, Körperhaltung
Stehen Sie mit beiden Füssen fest auf dem Boden. Machen Sie sich gross, d.h.
strecken Sie sich und heben Sie den Kopf in die Waagerechte.

Bewegung
Gehen und stehen Sie aufrecht. Machen Sie wenige, aber sichere Bewegungen.
Geben Sie Ihren Bewegungen Sinn. Wechseln Sie nicht nur ‚einfach so’ Ihren
Standort. Standortveränderungen können als non-verbale Signale eingesetzt
werden, die das Verstehen erleichtern. Sie können z. B. dann, wenn Sie eine
Gegenposition vorstellen, einen Schritt zurück machen.

Blickkontakt
Schauen Sie die Leute an, zu denen Sie sprechen (das ist nicht dasselbe wie sie
anstarren). Versuchen Sie anhand der nonverbalen Reaktionen des Publikums
wahrzunehmen, ob Sie irgendetwas an Ihrer Vortragsweise ändern müssen.

Lautstärke
Erst, wenn Sie das Gefühl haben, Sie sprächen etwas zu laut, sprechen Sie laut
genug.

Stimmfarbe und Sprechmelodie


Lächeln Sie beim Sprechen innerlich – klingen Sie freundlich. Sprechen Sie Ihre
Sätze so abwechslungsreich aus, dass man Ihnen entspannt zuhören kann
(mehr dazu siehe S. 162 f.).

Tempo / Rhythmus
Sprechen Sie nicht zu schnell, nicht zu langsam. Und: Eine Pause wirkt manch-
mal mehr als hundert Worte.

Dialekt
Sprechen Sie natürlich dialektfrei.
Anmerkung: Es ist unnötig, die bundesdeutsche Aussprache zu imitieren.

Gestik
Sprechen Sie mit den Händen. Dazu eine kleine Anekdote: Schmuel sieht zum
ersten Mal ein Telefon. Die Postbeamtin erklärt ihm: «Mit der linken Hand he-
ben Sie das Hörrohr ab, und mit der rechten drehen Sie die Kurbel.» – «Schön»,
entgegnet Schmuel, «aber womit rede ich dann?»

Mimik
Freuen Sie sich. Lächeln Sie Ihr Publikum prinzipiell an.
3.1 Redetheorie 73

Der Zielsatz
Der Exkurs zur Zuhörerpsychologie (siehe oben S. 67) zeigt, dass die Aufmerksam-
keit beim Publikum am Ende der Rede am höchsten sein muss: Was man zuletzt
gehört hat, bleibt am besten.
Deswegen kommt dem letzten Satz, dem Ziel der Rede, dem Zielsatz also, beson-
dere Bedeutung zu.

Zweck des Zielsatzes


Der Zielsatz muss insbesondere:

1. der Höhepunkt der Rede sein (d.h. in direkter Linie aus dem Gesagten
hervorgehen)

2. die Hauptaussage beinhalten

3. bündig, kurz und prägnant sein

Konkret heisst das:


– Der Zielsatz ist ein Aussagesatz (kein Fragesatz);
– der Zielsatz ist ein Hauptsatz (kein Nebensatz: «Aus dem eben Gesagten geht
ganz klar hervor, dass, ich meine, man muss das einmal laut und deutlich sagen,
auch jenen, die das nicht hören wollen, dass man eben noch einmal über das
Ganze nachdenken sollte.»);
– der Zielsatz ist kurz (Faustregel 7 Wörter).

Der Zielsatz muss noch Wochen später in den Ohren der Zuhörer nachklingen!

Beispiel
Angenommen, Sie wollen Ihrer Zuhörerschaft vom Erwerb einer kleinen Katze als
Haustier abraten, beispielsweise weil kleine Katzen laut miauen, überaus anhänglich
(Warum sitzt sie ausgerechnet auf der Tastatur?) und tollpatschig sind (Was schep-
pert denn nun schon wieder?), so wäre ein passender Zielsatz der:
«Kleine Kätzchen sind keine Schätzchen.»
Allenfalls taugen auch längere Einheiten, die sprachlich aber wohlgestaltet sein
müssen, wie dieser Zielsatz zeigt:
«Lieben Sie ein ruhiges Haus, schmeissen Sie das Kätzchen raus.»

Wichtigster Satz
Der Zielsatz ist der wichtigste Satz der ganzen Rede:
1. Er steht am Ende, bleibt also den Zuhörern und Zuhörerinnen im Kopf.
2. Er signalisiert den Höhepunkt und das Ende der Rede.
3. Er fasst das eben Gesagte zusammen.
4. Er gibt abschliessend nochmals die «Botschaft» wieder.
Das alles geschieht aber nur, wenn der Zielsatz auch ordentlich formuliert ist.
3.1 Redetheorie 74

Formulierung des Zielsatzes

Als Beispiel ein mögliches abschliessendes Votum eines Redners:


«Allenfalls könnte man sagen, es sei in der Tat das Beste für die Karriere-
chancen aller Kinder, man würde ein Lateinobligatorium an der Sekundar-
schule einführen.»

Niemand würde bezweifeln, dass dieser Satz nicht nachhaltig in den Köpfen der
Angesprochenen hängen bleibt. Der Zielsatz sollte stattdessen knapp und aussage-
kräftig sein.

Eine Liste möglicher Zielsätze von weniger gut bis ausgezeichnet:


Pflichtfach Latein an Sekundarschulen – mehr Chancen für Ihre Kinder.
Latein an der Sek, ein Muss für gute Karriere.
Wer Latein in der Sekundarschule besucht, hat ein Erfolgsticket im Job gebucht.
Latein für unsere Kinder macht ihre Karriere linder.
Latein muss sein.
Latein in aller Frühe, später keine Mühe.

Zielsätze beurteilen
Beurteilen Sie folgende Zielsätze:
1. Das Lateinobligatorium führt zu Karrierechancen.
2. Für eure Kinder: Wählt Latein, lernt Latein, profitiert von Latein.
3. Dank Obligatorium ist niemand am Ende seines Lateins.
4. Kinder mit Latein werden immer die besten sein.
5. Es muss ein Lateinobligatorium eingeführt werden.
6. Ein Lateinobligatorium ist das Beste für die Karriere der Kinder.
7. Beste Chancen dank Latein an der Sek.
8. Wollt ihr gute Chancen für euer Kind, wählt Latein, und zwar geschwind.

Zitate als Zielsätze


Als Zielsätze eignen sich insbesondere berühmte Aussprüche, die jeder schon einmal
gehört hat. Sie haben den Vorteil, besonders gut im Gedächtnis haften zu bleiben.
Sie können dabei auch sinngemäss angepasst werden. Wichtig ist aber: Wählen Sie
nur dann ein Zitat, wenn es auch wirklich zu Ihrem Thema passt und Ihre Haupt-
aussage unterstreicht! Ansonsten ist ein selbstgemachter Satz vorteilhafter.

Beispiele:
– Ich habe gesprochen, ihr habt es gehört, ihr kennt die Fakten, trefft eure Ent-
scheidung. (Aristoteles)
– Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das
Gegenteil ist schon schwieriger. (Kurt Tucholsky)
– Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. (Albert Einstein)
3.1 Redetheorie 75

Die Grundfehler
Ein (nicht ganz ernst gemeinter) Ratgeber
Wer die folgenden 10 Punkte beachtet, der braucht sich um das Misslingen seiner
Rede nicht zu sorgen, und sei der Inhalt noch so brillant und tiefgründig.

1. Übertreiben Sie durch Untertreibung


– «Ich freue mich, dass Sie so zahlreich zu meinem Vortrag erschienen sind.»
– «Vielen Dank, dass Sie meinem Vortrag so angeregt zugehört haben.»
– «Mit meinen bescheidenen Mitteln werde ich versuchen …»
Falls sich diese Tiefstapeleien bestätigen, wecken Sie Aggressionen. Falls sie
sich nicht bestätigen, wecken Sie ebenfalls Aggressionen.

2. Sprechen Sie in langen Sätzen


Je länger die Sätze, desto geringer die Gefahr, dass Sie verstanden werden. Aus-
serdem würden Sie ja durch den kurzen Satz gezwungen, auf den Punkt zu
kommen.

3. Entschuldigen Sie sich


«Entschuldigen Sie vielmals, dass ich mich nicht besser vorbereiten konnte.»
Wieso sollten Sie sich denn auch vorbereiten, wenn Sie schon sprechen müssen.
Nur Anfänger bereiten sich vor. Profis entschuldigen sich lieber gemäss dem
Motto: Allein der gute Wille zählt.

4. Benutzen Sie möglichst viele Fremdwörter


Es klingt hervorragend, wenn Sie Ihre Rede mit zahlreichen und recht ausge-
fallenen Fremdwörtern «garnieren». «Die normative Kraft des Faktischen» klingt
doch viel besser als «Sachzwang».

5. Setzen Sie Füllwörter ein


Beliebte Füllwörter sind etwa «echt», «eigentlich», «irgendwie». Ist das eigent-
lich nicht echt irgendwie wahr? Eine weitere Sitte ist der umständliche Ge-
brauch des Konjunktivs: «Ich würde sagen, dass …». Auch Selbstverständlich-
keiten wie «Meiner Meinung nach …» kommen immer gut an.

6. Führen Sie während Ihres Vortrags Privatdiskussionen


Bei Zwischenfragen und Zwischenrufen lassen Sie sich ruhig auf einen «Privat-
krieg» ein. Konzentrieren Sie sich nur nicht auf die gesamte Zuhörerschaft.

7. Verstecken Sie sich hinter Ihrem Rednerpult oder hinter PowerPoint


So können Sie auf keinen Fall von Ihren Zuhörern «erkannt» werden. Ausser-
dem sehen Sie nicht so genau, was im Raum vorgeht.

8. Gestikulieren Sie mit Händen und Füssen


Nutzen Sie zusätzlich Ihr A4-Redemanuskript (rechte Hand), um Ihre Ausfüh-
rungen zu unterstreichen. So können Ihre Zuhörer Ihre Nervosität am Zittern
des Stichwortzettels ablesen.

9. Sprechen Sie ausführlich


Halten Sie sich nicht an vorgegebene Zeiten. Überziehen macht nicht nur Spass,
sondern gehört zum guten Ton.

10. Formulieren Sie doppeldeutige Aussagen


«Ich vermisse viele, die nicht hier sind»; verwenden Sie Tautologien: «weisser
Schimmel», «letztes Schlusslicht», das kann bestimmt zu einem unvorhergese-
henen Heiterkeitserfolg führen. Vor allem, wenn Sie danach den Faden nicht
wieder finden.
Frei nach: Duden, Reden gut und richtig halten! Ratgeber für wirkungsvolles und modernes Reden.
2. Aufl. Mannheim 2000
3.2 Vor und während der Präsentation 76

Vor und während der Präsentation


Antike Rhetorik
Für die Vorbereitung einer Rede kennt die antike Rhetorik fünf Erarbeitungsphasen.

Name Beschreibung

Inventio Ermitteln Sie mögliche Aspekte und Fragestellungen. Überlegen


Sie, wofür Sie stichhaltige und wirkungsvolle Ideen haben.

Dispositio Wählen Sie eine begrenzte Zahl von Aspekten aus. Ordnen Sie
diese gemäss den Kriterien eines wirkungsvollen Aufbaus.

Elocutio Überlegen Sie sich den Redetext. Formulieren Sie ihn keinesfalls
schriftlich aus, sondern erstellen Sie ein Stichwortkonzept.
Legen Sie die Präsentationsmedien fest.

Memoria Lernen Sie den Text keinesfalls auswendig, sondern merken Sie
sich die Hauptpunkte, den Aufbau und den Zielsatz.

Actio / Pronuntiatio Testen Sie Ihre Stimmmittel und die Körpersprache, am besten
vor Ort und vor Publikum.

Der Mut zur Lücke

Stoffgebiete, aus
denen der Vortrag
schöpfen könnte.

Teilthema 1 Teilthema 2 Teilthema 3


Schwerpunkt Schwerpunkt Schwerpunkt

«Tränen des Abschieds» Eine Botschaft – maximal «Fetzige» Titelwahl!


= Mut zur Lücke drei Schwerpunkte!
Aus dem Stoffgebiet stark Der Vortrag braucht eine Ein zugkräftiger Vortragstitel
begrenzte Teilthemen «Botschaft» und möglichst (möglichst in Thesen- oder
mit wenigen Schwerpunkten nur drei Kernaussagen. Frageform) macht die Zuhörer
auswählen. Auf welche schon vorab neugierig.
interessante Details verzichte
ich und weine ihnen die
«Tränen des Abschieds» nach?

Grundsatz: Weniger ist mehr. Wählen Sie aus der Stofffülle das aus, was für das
jeweilige Publikum das Wichtigste, Neueste oder Interessanteste ist.
3.2 Vor und während der Präsentation 77

Die Vorbereitung (Inventio)


AIDA
Die angelsächsische Rhetorik arbeitet mit dem Akronym AIDA.

Attention Interest Desire Action

Ich errege die Ich wecke das Ich erwecke den Ich begleite meine
Aufmerksamkeit Interesse für mein Wunsch in jedem Ausführung mit
des Publikums Thema und meine einzelnen Zuhörer, Handlungen, die
und sorge dafür, Inhalte, indem ich meine Meinung meine Argumente
dass es ganz Ohr das auswähle, was zu seiner eigenen unterstreichen und
ist, bevor ich mit für das Publikum zu machen, indem veranschaulichen.
Reden beginne. von Interesse sein ich die speziellen Die «Action» soll
könnte. Vorteile meiner für eine beständig
Meinung für ihn hohe Aufmerk-
hervorstreiche. samkeit sorgen.

Überzeugen
Ansprechen lässt sich jemand nur, wenn er dem, was ihm angetragen wird, auch
für sich ganz persönlich etwas abgewinnen kann. Für den Redner heisst das, er muss
die Vorteile und Vorzüge seiner Position für die anderen speziell hervorheben. In
Bezug auf ein grösseres Publikum heisst das, dass jeder Einzelne jeweils für sich
überzeugt werden muss.
Überzeugen lässt sich nur jemand, der auch zuhört. Also muss die Rednerin bestän-
dig darauf bedacht sein, die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen und Zuhörer hoch
zu halten.

Checkliste

1. Was ist der Zweck und das Ziel meiner Äusserung? Was will ich errei-
chen? Diese Position vertrete ich.

2. Was von dem (siehe 1.) kann für den Empfänger wichtig sein?

3. Ich betone ganz besonders die für den Empfänger wichtigen positiven
Eigenschaften meiner Position.

4. Jedes neue Argument begleite ich mit Anschauungsmaterial und / oder


sonstigen Aufmerksamkeitsinstrumenten, um die Aufmerksamkeit jedes
Einzelnen zu sichern.

5. Ich stelle beständig eine persönliche Betroffenheit oder / und einen per-
sönlichen Bezug jedes Einzelnen zu meiner Position her.

Die Formel AIDA dient dazu, die Argumente auf das Publikum auszurichten. Wen
interessiert was am meisten, was erhascht die grösste Aufmerksamkeit, was wünscht
sich das Publikum? Aufmerksamkeit, Interesse, Wunsch und Handlung sind publi-
kumsorientierte Kriterien. Beachtet man sie bei der Ausgestaltung der Argumente,
geht man – automatisch – auf die Zuhörerschaft ein!
3.2 Vor und während der Präsentation 78

Die Gliederung (Dispositio)


Übersichtliche Gliederung erleichtert das Zuhören
Je klarer und übersichtlicher die Rede gegliedert ist, desto freier kann die Rednerin
sprechen. Denn was gut gegliedert ist, ist nicht nur viel verständlicher für die Zu-
hörer, sondern lässt sich auch leichter merken. Die Grobstruktur der Gliederung
spielt also auch für das Gedächtnis eine wichtige Rolle.

«Einfachheit ist die höchste Stufe der Vollendung.» (Leonardo da Vinci)

Das Baukastenprinzip
Der «richtige» Aufbau eines Vortrags existiert nicht. Der Aufbau ist abhängig vom
Thema, von den Erwartungen und Voraussetzungen des Publikums, der konkreten
Redesituation, insbesondere den momentanen Umständen, sowie der Persönlichkeit
des Redners. Im Folgenden einige Grundstrukturen, die sich flexibel verwenden
lassen (Baukastenprinzip).

a) Zwei-Punkte-Gliederung
1. Schein Sein 2.
1. Schein Sein 2.
1. Schein Sein 2.
1. Inneres Äusseres 2.
1. Inneres Äusseres 2.
1. Inneres Äusseres 2.
1. Nachteile Vorteile 2.
1. Nachteile Vorteile 2.
1. Nachteile Vorteile 2.

b) Drei-Punkte-Gliederung

1. Einleitung Ist-Zustand 1.
1. Einleitung Ist-Zustand 1.
1. Einleitung Ist-Zustand 1.

2. Hauptteil Soll-Zustand 2.
2. Hauptteil Soll-Zustand 2.
2. Hauptteil Soll-Zustand 2.

3. Schluss Lösungsweg 3.
3. Schluss Lösungsweg 3.
3. Schluss Lösungsweg 3.

c) Fünf-Punkte-Gliederung

1. Aktivierung von Vorwissen


1. Aktivierung von Vorwissen
1. Aktivierung von Vorwissen
2. Hinführung zum Thema
2. Hinführung zum Thema
2. Hinführung zum Thema
3. Information
3. Information
3. Information
4. Schlussfolgerung
4. Schlussfolgerung
4. Schlussfolgerung
5. Vorschlag
5. Vorschlag
5. Vorschlag
4. Schlussfolgerung

3.2 Vor und während der Präsentation 5. Vorschlag


79

d) Fünf-Punkte-Gliederung (divergierend)

Problem

1.

2. 3.
Lösung 1 Lösung 2
Kompromiss

4.

5.
Neue Konsequenz

e) Fünf-Punkte-Gliederung (linear)

Anknüpfung
Anknüpfung
1.
1. («Die eben
(«Die ebengeäusserte
geäusserteMeinung
Meinungwar
warja…»)
ja…»)

Eigene Position
Eigene Position
2.
2. («Ich hingegen
(«Ich hingegenmeine…»)
meine…»)

Begründung
Begründung
3.
3. («Dafürspricht...»)
(«Dafür spricht...»)

Fazit
Fazit
4.
4. («Deshalb
(«Deshalbmeine
meineich,
ich,wir
wirkönnten...»)
könnten...»)

Lösung
Lösung
5.
5. («Ich
(«Ich schlage
schlagedaher
dahervor,
vor,wir
wiralle...»)
alle...»)

f) Fünf-Punkte-Gliederung (parallel)

1.
1. 3.
3.
AA hat
hat festgestellt…
festgestellt… BBdagegen
dagegenversuchte
versuchtezu
zuzeigen…
zeigen…

2.
2. 4.
4.
…und
…und damit
damit begründet,…
begründet,… …und
…undzeigt
zeigtuns,
uns,wie…
wie…

5.
5.
Fügen
Fügenwir
wirbeide
beideMeinungen
Meinungen
doch
dochzu
zueiner
einerzusammen
zusammen
3.2 Vor und während der Präsentation 80

Die Sprache (Elocutio)


Der geschriebene Satz bleibt stehen und lässt sich langsam oder schnell, einmal
oder mehrmals lesen – wie es dem jeweiligen Leser angemessen ist.
Der gesprochene Satz ist, kaum hat er den Mund der Sprecherin verlassen, in Se-
kundenbruchteilen bereits wieder …

Unterschied gesprochene – geschriebene Sprache


geschrieben gesprochen

– hypotaktisch Satzbau – parataktisch


– lang Satzlänge – kurz
– komplex Struktur – einfach
– hoch Informationsdichte – gering
– elaboriert Stil – umgangssprachlich

geschrieben gesprochen

Die Bipolarität der Welt hätte beinahe Die Aufteilung der Welt in zwei
zu einer atomaren Eskalation geführt. Machtblöcke hätte beinahe einen
Atomkrieg ausgelöst.
Albert Einstein wurde am 14.3.1879 in Albert Einstein wurde 1879 in Ulm
Ulm geboren und starb am 18.4.1955 geboren. Er starb 1955, im Alter von 76
in Princeton bei New York. Jahren, in den USA.

Der soziale Rechtsstaat hat den Welchen Verfassungsauftrag hat der


verfassungsrechtlichen Auftrag, soziale Rechtsstaat? Die Grundsätze der
die Verwirklichung des Prinzips der Freiheit und der Gleichheit garantieren
Freiheit auf Kosten der Gleichheit zu ein Gleichgewicht: Freiheit darf nicht zu
verhindern, und das gilt natürlich auch Ungleichheit und Gleichheit darf nicht
umgekehrt. zu Unfreiheit führen.

Fazit: Es ist ein Fehler, eine Rede, ein Referat oder eine Präsentation schriftlich auf-
zusetzen. Die Sprache wird dadurch zu komplex und fürs Zuhören ungeeignet.
Dasselbe gilt für auswendig gelernte Texte. Viel besser ist es, die Rede in Stichwor-
ten zu gliedern und mündlich einzuüben.

Sich selbst treu bleiben


Formulierungen, die Ihnen daheim am Schreibtisch unter Aufbietung aller Geistes-
kräfte gerade noch eingefallen sind, werden Ihnen vor Publikum nicht zuverlässig
zugänglich sein. Benutzen Sie deswegen Ihren gewohnten Wortschatz. Es ist nicht
notwendig, dass Sie vor Ihren Zuhörern Formulierungen «schrauben». Bleiben Sie
natürlich, bleiben Sie sich selbst treu. Ihr stärkstes Überzeugungsmittel ist und
bleibt Ihre Glaubwürdigkeit, die Einheit von dem, worüber Sie reden, und dem,
was Sie tun.

Rhetorische Figuren
Ein Redebeitrag kann mehr oder weniger geplant ausfallen. Oft wirkt eine kalkulier-
te Abweichung vom Alltagsgebrauch der Sprache besonders stark. Bereits die antike
Rhetorik kannte dafür Muster, die für Effekte und Variationen sorgen, die sogenann-
ten rhetorischen Figuren. Sie finden ein Verzeichnis im Anhang auf S. 166 – 169.
3.2 Vor und während der Präsentation 81

Das Einüben (Memoria)


Eine gute Vorbereitung ist die halbe Rede – und erspart Ihnen schlaflose Nächte
und Lampenfieber.

Einstudieren
– Bewahren Sie den Überblick über die Struktur des ganzen Vortrags, statt sich im
Auswendiglernen von Einzelheiten zu verzetteln.
– Symbol-Technik: Spick mit Piktogrammen, Ausrufezeichen, Farben usw. versehen.

Legen Sie besonderes Augenmerk auf den Anfang und den Schluss: Der Anfang ist
zentral für den Verlauf des Vortrags, der Schluss bleibt am längsten in Erinnerung.
Siehe oben: «Die Anfänge» und «Der Zielsatz».

Lernen Sie Ihren Text auf keinen Fall auswendig!

Vorbereiten
– Proben Sie am besten vor einem realen Publikum und lassen Sie sich von ihm ein
ausführliches Feedback geben.
– Lassen Sie sich stören, d.h. üben Sie mindestens einmal unter erschwerten Bedin-
gungen: mit überlaut eingeschaltetem Fernseher oder Radio (mit vielen akusti-
schen Abwechslungen).
– Denken Sie daran: Das Publikum will kein Versagen des Redners – im eigensten
Interesse wünschen die Zuhörerinnen und Zuhörer dem Redner und damit auch
sich selbst, dass es gut wird.
– Üben Sie frühzeitig auch den Einsatz Ihrer Medien.
– Die bestmögliche Generalprobe findet im selben Raum statt, in dem auch die
Rede stattfindet – idealerweise schon mehrere Tage vorher. Gewöhnen Sie sich
an die Perspektive von vorn und machen Sie sich mit Raum und Raumtechnik
vertraut.

Benutzen Sie auch in der Einübungsphase nur stichwortartige Spickzettel.


3.2 Vor und während der Präsentation 82

Das freie Sprechen (Actio / Pronuntiatio)


Vom Ablesen zum freien Sprechen
Ausgangspunkt Methoden Ziel
Bedürfnis nach Das freie Ablesen Die freie Rede
Sicherheit bzw. Die Kärtchen-Methode
Angst vor dem Die Stichwort-Gliederung
«Nicht-mehr-Weiter-
wissen»

(nach Gora 2001, S. 32)

Der Spick
Der Zweck des Spickzettels ist nicht, Ihr ganzes Referat zu umfassen – Sie sollten
möglichst frei sprechen und nicht ablesen. Allerdings besteht ein legitimes Bedürf-
nis nach einem «Rettungsring», falls man einmal nicht weiter weiss.
Material: stabile Karte A6.

Wichtig: Beschreiben Sie nur eine Seite. Verzichten Sie auf Sätze. Setzen Sie allen-
falls Farben und Piktogramme ein. Aber: Der Zielsatz – der wichtigste Satz der Rede
– soll ausformuliert sein!

Lassen Sie sich auf keinen Fall von einzelnen Zuhörern, Zwischenrufen oder
dergleichen ablenken.
3.2 Vor und während der Präsentation 83

Die Visualisierung
Es macht Ihre Präsentation ungleich wirkungsvoller, wenn es Ihnen gelingt, die zu
vermittelnden Sachinhalte durch unterschiedliche Sinne in die Köpfe Ihrer Zuhö-
rerinnen und Zuhörer zu bringen. Was man hört, bleibt weniger leicht haften, als
was man hört und sieht. Eine sinnvolle Visualisierung spricht die Sinne an, d.h. sie
schafft sinnliche Erlebnisse, und das ist das Gegenteil von Langeweile.
Dabei macht es nichts, wenn Sie Neuland beschreiten, solange Sie zwei Regeln
beachten:
1. Die Visualisierung soll Ihren Vortrag unterstützen – nicht umgekehrt. Es wäre ver-
kehrt, die Vortragsaussage zu verbiegen, nur damit sie zur Veranschaulichung passt.
2. Visualisieren Sie vor allem das, was Ihre Zuhörer dauerhaft behalten sollen:
Kernaussagen, Methoden, Abläufe, Ergebnisse, Beziehungen, Massnahmen ...
Am besten eignet sich eine Zeichnung von Hand. Sie umfasst alle Optionen, die
Ihnen bei der Gestaltung am PC nicht oder nur mit grossem Aufwand zur Verfügung
stehen. Die Handzeichnung wirkt auch viel unmittelbarer und persönlicher als eine
vorgefertigte Grafik – und sie passt sich in den allermeisten Fällen der Rede genau-
er an. Ausserdem ist die Handzeichnung in der Regel viel schneller erstellt.

Methoden
1. Abläufe sollten von links nach rechts, von oben nach unten dargestellt werden.
2. Pfeile kennzeichnen Abläufe, Linien Verbindungen. Mit der Dicke von Linien
und Pfeilen kann eine Rangfolge dargestellt werden.
3. Setzen Sie Farben ein. Farben heben Unterschiede hervor. Mit Farben können
Sie die Aufmerksamkeit steuern. Leuchtende helle Farben schaut man zuerst an.
4. Strichmännchen genügen in den meisten Fällen durchaus.
5. Versuchen Sie, wo immer es möglich ist, Worte durch Zeichen und Piktogramme
zu ersetzen.
3.2 Vor und während der Präsentation 84

Der Einsatz von Medien


Ein Bild sagt mehr als tausend Worte? Sicher, aber nur, wenn das Bild das Wort
unterstützt und nicht konkurrenziert. Es gibt eine Reihe verschiedener Methoden,
Anschauungsmaterial, Bilder, Darstellungen und Visualisierungen in Ihre Präsen-
tation zu integrieren.

Wichtig ist: Entscheiden Sie sich vorab für ein Medium! Eine Kombination der Me-
dien multipliziert die Schwierigkeiten der Handhabung. Alle visuellen Medien haben
ihre Tücken. Überlegen Sie sich daher gut, ob die Vorteile die potenziellen Schwie-
rigkeiten überwiegen.

Overheadfolien
Klarsichtfolien verwendet man mit Hellraumprojektoren. Das Zimmer muss dazu
leicht verdunkelt sein. Eine Schwierigkeit ist, den richtigen Standort zu finden,
damit man etwas auf der Folie zeigen kann, jedoch nicht im Sichtfeld steht.

Vorteile Nachteile

Einfach herzustellen Oft improvisiert / von schlechter


Qualität

Geringe Vorbereitungs- und Zu viele Folien sind kontraproduktiv


Produktionszeit Quantität geht oft vor Qualität

Können spontan ergänzt werden Projektor steht zu sehr im Blickfeld

Wandtafel
Dieses klassische Medium eignet sich in erster Linie für den spontanen Einsatz und
für kurze Anschriften (Schlüsselwörter).

Vorteile Nachteile

Für die schrittweise Entwicklung eines Probleme bei der Platzeinteilung, kann
Ablaufs geeignet nicht aufbewahrt werden

In jedem Schulzimmer vorhanden Farbige Kreide schwer zu löschen

Erlaubt die spontane Entwicklung Kein Blickkontakt mit Publikum


einer Idee
3.2 Vor und während der Präsentation 85

Flipchart
Als Flipchart bezeichnet man grosse Plakate, die vor der Präsentation vorbereitet
wurden oder im Laufe der Präsentation beschriftet werden.

Vorteile Nachteile

Technisch einfach, benötigt keinen Mühevolles Vor- und Zurückblättern,


Strom und keine Verdunkelung Papier und Stifte kostspielig

Vertrauenerweckendes Medium, Qualität abhängig von der Handschrift


Arbeit an einem realen Bild, erlaubt und dem grafischen Talent des
Spontaneität, als Gedankenstütze Schreibenden
verwendbar

Kann lange zur Verfügung stehen Archivieren wegen des Formats


schwierig

Powerpoint-, Beamer-Präsentation
Powerpoint-Präsentationen (PPP) erfreuen sich seit einigen Jahren wachsender Be-
liebtheit. Das ist verständlich, laden sie doch den Redner dazu ein, sich hinter der
Präsentation zu verstecken. Für die PPP gelten jedoch dieselben Regeln wie für den
Redner – sonst überfordern oder langweilen sie das Publikum.

Vorteile Nachteile

Brillante Darstellung Handhabung muss gelernt werden

Vielfalt durch Ton, Bild, Animation, Bei Tageslicht schlechter erkennbar


Video als Folien

Relativ schnelle Anpassung und Teuer in der Anschaffung, Technik


Aktualisierung kann Probleme machen

Schaut (wenn gut gemacht) Vorbereitung aufwändig. Nur für


hübsch aus wiederholte Präsentationen lohnend

Erlaubt viele Details Oft überfüllt

Signalisiert Kompetenz Überfordert das Publikum oft


oder langweilt
3.2 Vor und während der Präsentation 86

Checkliste Rhetorik
Sprechen Sie nur Inventio Was genau will ich sagen?
so sachorientiert – Erste Schritte Wer ist mein Publikum?
wie nötig. – Auswahl der Welche Inhalte will ich vermitteln?
Stoffe Was ist mein Ziel?
Was will ich erreichen?

Je genauer Sie – am besten schriftlich – diese


Fragen beantworten, desto erfolgreicher wird
Ihre Präsentation sein. Gehen Sie immer vom
jeweiligen Publikum aus.

Sprechen Sie Dispositio Ist meine Aussage erkennbar, und zwar


strukturiert. Gliederung in der Einleitung, im Hauptteil und im
Schluss?
Habe ich meine Rede auf den Zielsatz
hin ausgerichtet?
Habe ich mich auf die richtigen drei
Gesichtspunkte beschränkt (abhängig
vom Publikum!)?
Bleibe ich beim Thema?
Welche Medien setze ich zweckmässig
ein?

Sprechen Sie Elocutio Ist meine Rede nur so sachorientiert wie


verständlich. – Formulierung nötig?
– Einfachheit Habe ich wirklich gute und anschauliche
– Verständlich- Beispiele?
keit Gelingt es mir, den Sachverhalt
angemessen zu vereinfachen?
Ist mein Zielsatz fetzig genug?
Habe ich gute du-orientierte Beispiele?

Sprechen Sie Memoria An welchen Stellen plane ich Mitdenk-


möglichst frei. – Einüben Pausen ein?
– Vorbereitung Erlaubt mir mein Spick, frei zu sprechen,
aber doch sicher zu sein?
Habe ich alle Fachwörter
nachgeschlagen, die ich brauche?
Richte ich meine Formulierung aufs
Publikum aus (Du -Orientierung)?

Sprechen Sie Actio / Habe ich genug geübt, um fehlerfrei


möglichst Pronuntiatio und ohne zu stottern sprechen zu
du-orientiert. – Freie Rede können?
– Körper- Achte ich auf gute Aussprache?
sprache Versuche ich auch wirklich, spontan
– Publikums- zu formulieren (oder kann ich es
orientierung auswendig)?
Achte ich auf gestaltendes Sprechen
(Betonungen, Stimmvariationen,
Tempowechsel, Pausen, Effekte)?
Körpersprache: Stand, Haltung, Blick,
Lächeln, Gestik?
4. Argumentieren
4.1 Argumentieren 88

Das Argument
Ein Argument begründet oder widerlegt eine Aussage. Eine zusammenhängende
Darlegung von Argumenten nennt man Argumentation. Werden verschiedene Ar-
gumente zu einem Sachverhalt zusammengetragen und geprüft, spricht man von
Erörterung.

Begründung
Diese vier jungen Leute erklären, welche Berufswahl sie getroffen haben. Jede und
jeder von ihnen «begründet» die eigene Wahl. Aber auf sehr unterschiedliche Weise.

Stephanie: Matthias: Alexandra: Stefan:


«Ich verreise so schnell «Ich mache das KV, denn «Ich gehe an die Kan- «Ich beginne keine Mit-
wie möglich nach Spa- was soll man schon an- tonsschule. Dann kann telschule, denn ich will
nien, denn dort habe ich deres machen?» ich nachher Zahnärztin Geld verdienen, damit ich
die besten Voraussetzun- werden.» mir ein Rennrad kaufen
gen, meinen Traumjob zu kann.»
lernen: Dolmetscherin.»

Wirklich überzeugend ist nur Stefans Argument: Er erklärt seine Entscheidung und
erläutert sie mit einem Beispiel – ein gutes Argument. Dabei ist es unerheblich, ob
man seine Wahl gutheisst. Alexandras Argument fehlt die eigentliche Begründung.
Stephanie begründet zwar gut und gibt auch ein Beispiel; allerdings ist ihr Argument
wenig stichhaltig, es trifft nur für sie selbst zu. Matthias’ Argument ist völlig halt-
los, da er weder begründet noch ein Beispiel gibt.

Das Argument
Ein Argument besteht aus mindestens drei Teilen.

These Begründung Beispiel


(Behauptung, Meinung)

Die Senkung der Löhne Denn wenn die Wer weniger verdient,
drosselt den Konsum. Arbeitnehmer- kann weniger ausgeben.
einkommen sinken, Seit ich nur noch 12
sinkt auch der Konsum. Franken statt 15 die
Wenn der Konsum sinkt, Stunde bekomme, kaufe
sinkt die Produktion. ich weniger.
4.1 Argumentieren 89

Gültigkeit von Argumenten


Jedes Argument besteht aus den drei Teilen These, Begründung, Beispiel. Manchmal
genügt ein Begründungssatz nicht, manchmal benötigt man mehr als einen. In diesem
Fall wird das zweite B (das Beispiel-B) um eine Position nach hinten verschoben.

Der Argumentationstempel

These

Begründung

Begründung

Begründung
A = TBBBBB

Beispiel

A = T B B B B

Argument These Begrün- – Beispiel – weitere usw.


Behauptung dung – weitere Begründung
Ansicht (obliga- Begründung – weiteres
Meinung torisch) – Beleg Beispiel
– Beweis – weiterer Beleg

Es ist auch häufig der Fall, dass statt des Beispiels ein Beleg (Zitat, Statistik usw.)
oder ein Beweis (siehe nächste Seite) herangezogen wird.

Zirkelschluss
Ein Zirkelschluss ist ein Argumentationsfehler, bei dem die Begründungen die These
nicht belegen können, weil sie ihrerseits nicht gesichert sind. Die These wird durch
Schlussfolgerung aus Prämissen (Voraussetzungen) abgeleitet, deren Gültigkeit
fragwürdig ist.
Beispiele:
– Die moderne Medizin ist unmenschlich, weil Ärzte kaum Zeit haben, sich um
die Patienten zu kümmern.
– Wer sich zum Sonnenbaden an die Sonne legt, sollte sich mit Sonnenschutzmit-
tel einreiben, denn diese schützen vor der Sonne.
– Viele Jugendliche gehen in Diskotheken, um sich nicht unterhalten zu müssen,
denn in Diskotheken wird laute Musik gespielt.

Ein Zirkelschluss liegt vor, wenn die Begründung für die These selber nur eine These
ist, die erst begründet werden muss.

Anmerkung: Auch der Cartoon auf S. 92 enthält einen Zirkelschluss.


4.1 Argumentieren 90

Beweisen
Manche Argumente gelten als Beweise. Sie leuchten ohne weitere Erklärung ein.

Einsichtige Argumente
Fakten- Die These wird mit einer Beispiel: «Die Schweiz ist ein
argument unstrittigen, verifizierbaren Binnenland. Ihre natürlichen
Tatsache gestützt. Diese Handelspartner sind die
Art von Argument ist leicht Nachbarländer.»
nachvollziehbar. Handelt es sich
beim Faktum jedoch um einen
Einzelfall, ist dieses Argument nicht
sehr beweiskräftig.

Normatives Die These wird mit allgemeinen, Beispiel: «Der wichtigste


Argument weithin akzeptierten Rohstoff der Schweiz ist die
Wertmassstäben (Normen) Bildung. Jeder in die Bildung
verknüpft. Man nennt es auch investierte Franken ist gut
«moralisches» Argument. Je angelegtes Geld.»
unbestrittener die Norm ist, desto
einsichtiger ist es.
Analogie Eine These wird dadurch ab- Beispiel: «Aus der besten
gesichert, dass der Autor ein Fussballmannschaft wird
Beispiel aus einem anderen nichts, wenn die Spieler nur
Lebensbereich heranzieht, das an ihrem persönlichen Gewinn
den dargestellten Sachverhalt interessiert sind. Das gilt
allgemeinverständlich illustriert. ebenso für das Symphonie-
orchester, ...»

Indirektes Ein Umkehrschluss untermauert die Beispiel: «Die Gegner der


Argument eigene These mit der Falsifizierung Rechtschreibreform behaupten,
des Gegenteils (indirekter Beweis). dass die Schüler mit den neuen
Regeln mehr Fehler machen
würden. Es zeigt sich jedoch,
dass die Fehlerquote seit der
Einführung gesunken ist.»

Argumente aus der antiken Rhetorik


Die antike Rhetorik unterscheidet Argumente auch nach der Art, wie sie das Pub-
likum ansprechen.

Argumentum Argumentum Argumentum Argumentum


ad baculum ad misericordiam ad populum ad antiquitatem

Die Begründung stützt Die Begründung zielt Die Begründung Begründung durch
sich auf Befürchtungen auf das Mitleid der bedient die Gefühle der Verweis auf das
der Adressaten. Adressaten ab. Volksmenge. Herkommen.
Sie werden alles, was Denken Sie an all die Warum sollen wir ändern, Wäre die alte Recht-
Sie einst mühsam kleinen ABC-Schützen, was sich bewährt hat. schreibung wirklich
erlernt haben, wieder die dem Wirrwarr der Wer weiss denn schon, schlecht, hätte sie wohl
umlernen müssen, falls alten Rechtschreibung ob etwas taugt, was kaum fast ein ganzes
die neue Rechtschreibung unschuldig ausgesetzt die hohen Professoren Jahrhundert gehalten.
eingeführt wird. sind. ausgetüftelt haben.
4.1 Argumentieren 91

Scheinautorität und Fehlschluss


Scheinautorität
Manche Menschen neigen dazu, ihre Ansicht mit dem Verweis auf angeblich allge-
meingültige Umstände oder Autoritäten zu unterstreichen. Das ist sinnlos und un-
nötig, wie das folgende Beispiel zeigt.

Tatsache Begründung Beispiel


Wer in der Badewanne Falls der Föhn ins Was- Das haben Wissen-
sitzt, darf den Haarföhn ser fällt, löst er einen schaftler bewiesen.
nicht benutzen. tödlichen Stromschlag
aus.

Der Verweis auf fiktive Wissenschaftler – hier sogar unüberprüfbar – ist unnötig.
Das Argument wird dadurch nicht «wahrer». Denn entweder stimmt die Begrün-
dung – oder eben nicht. Auch im letzteren Fall würde sie durch den Verweis auf
Scheinautoritäten nicht überzeugender. Das zeigt das folgende Beispiel.

Tatsache Begründung Beispiel

Winterreifen sind Allwetterreifen sind Das sagt mein kleiner


unnötig. mindestens ebenso gut Bruder.
und kosten viel weniger.

Entlarven Sie Scheinautoritäten: Jeder Verweis auf jemanden oder etwas, was im
Moment nicht überprüfbar ist, ist als Begründung, Beleg oder Beispiel ungeeignet.
Darunter fallen Verweise auf TV und Radio («Das habe ich kürzlich im Fernsehen
gesehen»), auf Wissenschaften («Das haben medizinische Untersuchungen gezeigt»)
oder den «gesunden Menschenverstand» («Das sieht doch jeder ein»).

Fehlschlüsse
Als Fehlschluss oder Trugschluss bezeichnet man einen Schluss, bei dem die abge-
leitete Aussage nicht aus den angeführten Gründen oder aus nur angenommenen
Voraussetzungen folgt. Dies bedeutet nicht sofort, dass die abgeleitete Aussage auch
falsch ist: Ein Fehlschluss gibt keinerlei Aufschluss über den tatsächlichen Wahr-
heitsgehalt der abgeleiteten Aussage. Fehlschlüsse kommen häufig zu Stande, indem
man unterschiedliche Angaben miteinander vergleicht.

Tatsache 1 Die organisierte Bericht von Prof. Dr. G. Heine, Universität


Kriminalität in der Bern, Co-Direktor des Instituts für
Schweiz nimmt zu. Strafrecht und Kriminologie, erschienen
in: Gropp / Sinn (Hrsg.), Organisierte
Kriminalität und kriminelle Organisationen,
Giessen 2007.
Tatsache 2 Die Einwanderung aus 2009 sind rund 17 000 Deutsche in die
Deutschland in die Schweiz eingewandert. Ende 2009 lebten
Schweiz nimmt rapide breits über 250 000 deutsche Staatsbürger
zu. in der Schweiz.
Fehlschluss Die Deutschen brin- Problem:
gen die organisierte Zwei miteinander unverbundene
Kriminalität in die Sachverhalte werden aufeinander bezogen.
Schweiz.
4.1 Argumentieren 92

Scheinargument
Argumente können richtig aufgebaut (A = TBB) und trotzdem falsch sein. Man
spricht dann von Scheinargumenten.

Beispiel 1 (Anfänger)

In letzter Zeit habe ich oft gehört, dass es gar nicht schädlich sei, Zigaretten zu
rauchen. Viele meiner Freunde sind der Meinung, der Körper brauche Nikotin
und Teer genauso wie z.B. Vitamine. Ich kann diese Meinung selber bestätigen,
denn obwohl ich seit drei Jahren täglich mindestens zwanzig Zigaretten rauche,
fühle ich mich kerngesund.

Probleme
Das Argument blendet die schädigende Langzeitwirkung des Rauchens aus. Ausser-
dem ist es ausschliesslich auf die persönliche Erfahrung gestützt. Es stützt sich auf
Scheinautorität («viele meiner Freunde») und einen Fehlschluss (Nikotin so nötig
wie Vitamine).

Beispiel 2 (Fortgeschrittene)

Wenn kleine Kinder quengeln, muss man ihnen eine starke Ohrfeige geben.
Das ist für das Kind sicherlich eine lehrreiche Erfahrung. Da ihm Grenzen gesetzt
wurden, versucht es das nächste Mal, den Konflikt lieber verbal zu lösen, da
diese Lösung schmerzloser ist.

Problem
Quengeln ist bereits eine Form der verbalen Äusserung für Kleinkinder. Diese Äus-
serung zu bestrafen und von ihnen eine formulierte Sprachäusserung zu verlangen,
bedeutet, etwas zu verlangen, was Kinder nicht vermögen. Hier wird erfolglos ver-
sucht, aus einer falschen Prämisse (Voraussetzung) eine logische Schlussfolgerung
zu ziehen (Fehlschluss).
4.1 Argumentieren 93

Deduktion und Induktion


Logisch aufgebaute Argumente können entweder von der Einzelbeobachtung zum
Allgemeinen (Induktion) oder vom Allgemeinen auf das Besondere (Deduktion)
verlaufen.

Deduktion
Die Deduktion (von lat.: deducere = herabführen) ist eine Schlussfolgerung vom
Allgemeinen auf das Besondere. Sie bezeichnet das Verfahren, aus gegebenen Prä-
missen (Voraussetzungen, Beobachtungen) auf logischem Wege die notwendig fol-
genden Schlüsse abzuleiten.

Beispiel: Die Rechtschreibreform versucht die Unregelmässigkeiten in der Ortho-


grafie auszumerzen. Man muss weniger Regeln kennen; und diese Re-
geln gelten immer. Es ist also abzusehen, dass die Fehlerhäufigkeit beim
Schreiben abnehmen wird.

Immer angenommen, die Prämissen sind wahr, so ist die deduktive Schlussfolge-
rung zwingend. Die meisten Typen von Argumenten sind deduktiv.

Deduktion
Das Allgemeine

Vom Allgemeinen auf


das Besondere

Das Besondere

Vom Besonderen auf


das Allgemeine

Induktion
Das Allgemeine

Induktion
Induktive Argumente stützen sich auf Beobachtungen und Erfahrungen. Dabei wird
von Einzelfällen auf das Allgemeine geschlossen. Es ist zwar rational, die Schluss-
folgerung für wahr zu halten, wenn alle Prämissen wahr sind, sie ist jedoch nicht
zwingend wahr, sondern nur in gewissem Grade wahrscheinlich.

Beispiel: Bei allen bisherigen Versuchen, die Rechtschreibung zu reformieren,


zeigte sich, dass die Leistungen der Schüler nachliessen. Also werden
die Leistungen der Schüler bei Einführung der aktuellen Rechtschreib-
reform weiter nachlassen.

Auch wenn die Aussage «Alle bisherigen Reformen führten zu schlechteren Leis-
tungen» durch empirische Studien ausnahmslos bestätigt sein sollte, gilt das Argu-
ment nicht zwangsläufig. Die Gültigkeit induktiver Argumente ist umstritten.
4.1 Argumentieren 94

Die Allgemeine Aussage


Allgemeine Aussagen sind Ausdrücke und Aussagen, die nicht offenkundig falsch sind.

So oft richtig wie falsch


Eine Allgemeine Aussage wie «Unsere Gesellschaft ist kinderfeindlich» ist nicht
offenkundig falsch. Jeder und jedem fallen sofort allerlei Beispiele dafür ein. Einiges
spricht immer dafür, dass unsere Gesellschaft kinderfeindlich sei. Damit sind All-
gemeine Aussagen so gut wie unwiderlegbar.
Auch die Allgemeine Aussage «Heutzutage wird viel über x gesprochen» ist nicht
falsch: Zu jeder Zeit wird viel geredet, u.a. auch über x. Solche Allgemeine Aussa-
gen treffen immer ein bisschen zu.

Argumentativ wertlos
Allgemeine Aussagen haben einen entscheidenden Fehler: Sie sind fast genauso oft
falsch wie richtig! Jeder findet problemlos Beispiele, wo sich etwas gerade nicht
ums Geld gedreht hat, wo die Leute nicht kinderfeindlich waren usw. Eine Allge-
meine Aussage ist daher ohne argumentativen Wert.
Denn erstens lässt sich der Wahrheitsgehalt von Allgemeinen Aussagen nicht ob-
jektiv bestimmen. Wer aus einem Vortrag kommt, von dem er nur die Hälfte ver-
standen hat, weil Kindergeplärr die andere Hälfte übertönte, hat eine andere Ansicht
über Kinderfeindlichkeit in der Gesellschaft als Eltern von plärrenden Kinder in
der Eisenbahn, die sich strafende Blicke der Mitreisenden gefallen lassen müssen.
Zweitens könnte der Wert einer Allgemeinen Aussage nur anhand eines allgemein
anerkannten Massstabes entschieden werden. Doch wer hat so einen Massstab für
z.B. Egoismus? Wer kann schon definitiv sagen, dieses Verhalten sei egoistisch,
jenes jedoch nicht?

«sollen»
Ein Problem für sich stellen Aussagen mit «sollen» dar: «Jeder sollte sich um seine
Mitmenschen kümmern.» Damit kommen Sie in einen grossen Erklärungsnotstand:
Wer sagt denn, was wir «sollen»? Warum wissen Sie, was richtig für alle ist? Und
warum soll man denn etwas sollen?

Ausprägungen von Allgemeinen Aussagen


Zu den Allgemeinen Aussagen im weiteren Sinne zählen alle Arten von Plattitüden,
Halbwahrheiten, Pauschalurteilen, Klischees, Gemeinplätzen und anderen Besser-
wissereien.
– ... die Toleranz in unserer Gesellschaft nimmt ab. – Wir Menschen sind so geschaffen, dass wir ständig
– ... ist ein grosses Problem der heutigen Zeit. auf der Suche nach Veränderungen, nach etwas
– Kinder träumen vom Erwachsenwerden, weil sie Neuem, Besserem sind.
denken, dann seien alle Schranken geöffnet. – Die schönste Zeit ist die Jugend.
– … bezieht sich auf ein gesellschaftliches Phänomen. – Wie man mit xy umgeht, ist von Mensch zu Mensch
– Kinder sollten lernen, mit dem Fernseher umzuge- verschieden.
hen. – Was für einen gut ist, kann jeder selber entscheiden.
– Xy bedeutet für jeden etwas anderes. – Heutzutage ...

Vermeiden Sie Allgemeine Aussagen in jedem Fall!


Tipp: Formulieren Sie aus Ihrer persönlichen Sicht (ich) statt im Namen einer
grossen Gruppe (Gesellschaft, Jugend, heutzutage usw.).
4.2 Überzeugen 95

Überzeugen
Überzeugen heisst, jemanden durch einleuchtende Gründe oder Beweise dazu brin-
gen, etwas als richtig, wahr oder notwendig anzuerkennen. Überzeugen ist ein
kommunikatives Handeln, bei dem der Sprechende die freiwillige Zustimmung des
Partners erhält. Dies kann durch rhetorische Mittel, Beweise, Argumente oder Tat-
sachen erfolgen.
Voraussetzungen für das Überzeugen sind:
– das Vertrauen des Partners, dass er keine Nachteile erleidet;
– die Gültigkeit der Argumente;
– die Relevanz der Argumente für die angesprochene Person.

Überreden
Überreden ist nur unscharf von Überzeugen abzugrenzen. In der Regel zielt Über-
reden auf eine kurzfristige Wirkung, während Überzeugen anhaltend wirken will.
Strategien des Überredens sind:
– gegnerische Argumente im Voraus entkräften;
– Einbezug gegnerischer Standpunkte in den eigenen Standpunkt;
– Identifikationsangebote schaffen: «Hättest du denn nicht auch Lust, mal wieder ...»;
– sich auf allgemeine Positionen stellen: «Das ist doch immer so.» usw.;
– Kampfrhetorik mehr dazu auf S. 54 f.;
– Ausnützung der Unzufriedenheit des Gegenübers;
– schmeicheln.

Die Psychologie des Überzeugens


Die psychologische Forschung unterscheidet zwei Wege.
zentrale Route A. Die zentrale Route spricht den Verstand des Gegenübers an und arbeitet dabei
mit Argumenten.
periphere Route B. Die periphere Route macht sich andere Mechanismen zunutze. Einige der be-
liebtesten Vertreter-Tricks gehören dazu:
– «Foot-in-the-door»-Technik: Man erbittet sich einen kleinen Gefallen, den das
Gegenüber praktisch nicht ausschlagen kann. Wenn man den Fuss dann einmal
in der Tür hat, rückt man mit der wahren Forderung heraus. Weil Menschen
nicht widersprüchlich erscheinen wollen, geben sie der folgenden grösseren
Bitte häufig nach.
– «Door-in-the-face»-Technik: Man fragt nach einem so grossen, unverschämten
Gefallen, dass praktisch jeder ablehnt. Dann bittet man um etwas sehr viel
Geringeres (die wahre Forderung) und hat gute Chancen, dass das Gegenüber
diese Bitte nicht schon wieder ausschlagen möchte und zustimmt.

Der amerikanische Psychologe Robert B. Cialdini (geb. 1945) zeigte die Door-in-
the-face-Technik 1975 in einem Experiment:
Die Vergleichsgruppe wurde gefragt, ob sie Jugendliche in den Zoo begleiten
würde: Nur 17 Prozent stimmten zu. Die zweite Gruppe Versuchspersonen wurden
daraufhin gefragt, ob sie zwei Stunden pro Woche für ein Jugendzentrum arbeiten
würden – die Antwort war daraufhin überwiegend «nein»; auf die Folgefrage, ob
man bereit sei, wie oben Jugendliche einmalig in den Zoo zu begleiten, stimmten
dreimal so viele der Versuchspersonen wie in der Vergleichsgruppe zu.

Überzeugen hat auch mit rhetorischem Geschick zu tun. Mehr dazu im Kapitel
Rhetorik.
4.2 Überzeugen 96

Manipulieren
Soll das Publikum überzeugt werden und erhält es nachvollziehbare Argumente?
Oder will der Autor seine Leserschaft manipulieren? Appelliert er an die Gefühle?
Die Beantwortung dieser Fragen ist oft nicht leicht, denn die Übergänge zwischen
Überzeugen und Überreden sind fliessend. Beachten Sie zu diesem Thema auch die
Gesprächsblocker auf S. 54 f.

Das ABC der Manipulation

Auf die Person zielend Abwertung Der Redner wertet andere Positionen ab.

Ad personam Die Rednerin attackiert ihren Gegner persönlich.

Aufwertung Der Redner stellt die Sachverhalte, die seiner Position


nützen, über Gebühr heraus.

Erzeugen eines Der Redner bezieht die Zuhörer so in seine Rede ein,
Wir-Gefühls dass sie seine Position unversehens übernehmen.

Gefühlsappell Der Redner appelliert an die Gefühle seiner Zuhörer


und versucht sie damit für sich und seine Sache zu
gewinnen.

Ethische Die Rednerin appelliert an das Pflichtgefühl ihrer


Argumentation Zuhörerinnen.

Schmeichelei Die Rednerin versucht die Zuhörerinnen für sich zu


gewinnen, indem sie schmeichelt.

Tatsachen verdrehend Ablenkung Die Rednerin äussert sich zu Sachverhalten, die für die
Aussage unerheblich sind.

Bewusste Täuschung Die Rednerin macht falsche Angaben oder wertet


Sachverhalte tendenziös aus.

Gemeinplatz Die Rednerin flüchtet sich in allgemeine Aussagen, weil


ihr die Argumente fehlen.

Pauschalisierung Der Redner gebraucht unsachliche Verallgemeinerungen


(siehe S. 94).

Tabuisierung Der Redner verschweigt Wichtiges oder verbietet,


darüber zu sprechen.

Totschlag-Argument Die Rednerin gebraucht ein Argument, das scheinbar


überzeugend und unwiderlegbar klingt (ohne es jedoch
zu sein), um ihr Gegenüber zum Schweigen zu bringen.

Über- / Untertreibung Der Redner macht bei den Zuhörern Eindruck durch
Überzeichnung der Realität.

Verdrehung Die Rednerin reisst einen objektiv richtigen Sachverhalt


aus dem Kontext und stellt ihn so dar, dass er ihre
Argumentation stützt.

Verschleierung Der Redner täuscht seine Zuhörer durch bewusst


ungenaue Aussagen über seine wirklichen Ziele.
(nach Gigl, 2006, S. 123 f.)
4.2 Überzeugen 97

Verhalten in Gesprächen
Wer überzeugen will, braucht zunächst ein Publikum, das überzeugt werden will.
Das bedeutet in erster Linie, dass es für die Überzeugungsarbeit vorbereitet werden
muss. Wer verstimmt, abgelenkt oder gelangweilt ist, wer sich nicht ernst genom-
men fühlt, kann nicht überzeugt werden.

Kundin: Also, was Sie mir da angedreht haben, ist wirklich die Höhe!
Das können Sie gleich wieder zurückhaben!
Verkäuferin: Ja wieso denn, hat es etwa nicht geklappt? Jetzt sagen Sie mir
doch einfach, was Ihnen nicht gefällt.
Kundin: Hier, da schauen Sie mal Ihren miesen Apparat an! Der taugt
rein gar nichts!
Verkäuferin: Jetzt regen Sie sich doch bitte nicht so auf. Bisher hat sich noch
kein Kunde beschwert.
Kundin: Werden Sie bloss nicht frech. Schliesslich haben Sie mir diesen
Mist aufgeschwatzt, Sie sind schuld, und wenn Sie mir nicht
glauben, dass das Ding reine Geldmacherei ist, dann probieren
Sie es doch selbst mal aus!
Verkäuferin: ...

Konflikte vermeiden
Ein Gespräch, das so anfängt wie das Beispiel, endet fast unweigerlich im Streit,
also dem Gegenteil von Überzeugen. Wie soll die Verkäuferin antworten?

1. Ausreden lassen – nicht: «Ja ja, ich weiss schon.»


– sondern: schweigen, zuhören

2. Nicht kontern, – nicht: «Bloss weil Sie zu hysterisch sind, mir zu


nicht ironisch oder erklären, wieso der Apparat nicht geht!»
persönlich werden – sondern Wir-Gefühl aufbauen: «Das geht mir
auch so», «so was kenn’ ich auch gut»

3. Eigene Meinung – nicht: «Sie verstehen noch den einfachsten Dreh


zurückhalten nicht.»
– sondern: beipflichten (so weit wie möglich)

4. Gemeinsamkeit «Ich kenne das, oft freut man sich, und dann geht
herstellen das nicht.»

– Ausreden lassen hat zwei Vorteile: Der Gesprächspartner kann erstens «Dampf
ablassen», zweitens fühlt er sich ernst genommen. Das Problem: Ruhig zuhören
ist nicht immer einfach.
– Einverständnis zeigen statt verletzen.
– Signalisieren, dass man das Problem ernst nimmt. Sachlich bleiben.
– Sich auf die Seite des Gesprächspartners stellen, Konfrontation vermeiden.

Anmerkung: Besonders wichtig ist, auf besserwisserische Einwände zu verzichten.


Vermeiden Sie insbesondere «sollen»-Sätze!
4.2 Überzeugen 98

Konflikte vermeiden
Oft sagen wir nicht das, was wir eigentlich denken. Häufig aus Höflichkeit, etwa
dann, wenn wir jemanden unverdient loben oder jemandem schmeicheln. Aber auch
andere Regungen sind dafür verantwortlich, dass wir allenthalben nicht das sagen,
was wir eigentlich meinen. Gewisse Gefühlsausbrüche führen dazu, dass wir unse-
re Äusserungen nicht gut genug planen, sie «rutschen uns einfach raus».

Ernst nehmen
Überzeugungskraft bedeutet auch, das Gegenüber ernst zu nehmen. Erst dann ist
die Grundlage dafür gelegt, dass ein Dialog zu Stande kommt. Wenn der andere
verärgert ist, weil ich ihn beleidigt habe oder weil er sich nicht ernst genommen
fühlt, ist er nicht bereit, von mir überzeugt zu werden.

Das Beispiel: Jemand bittet mich, ihm meinen Taschenrechner auszuleihen («Gib
mir schnell deinen Taschenrechner»). Das möchte ich aber nicht.
Auf die Schnelle fallen einem viele mögliche Antworten ein; aber
die sind allesamt patzig: «Nein», «Dir nicht», «Auf keinen Fall!»,
«Rechne doch im Kopf», «Nicht schon wieder» usw.

Solche Antworten sind verletzend. Sie verhindern einen Dialog. Was tun? Es lohnt
sich, ein paar Faustregeln zu beherzigen. Sie bezwecken, den Kommunikations-
partner für sich einzunehmen und ihm das Gefühl zu geben, gut aufgehoben zu
sein und ernst genommen zu werden.

Höflich sein

1. Ich-orientiert formulieren falsch: «Dir geb’ ich ihn nicht.»


richtig: «Ich verleihe meine Sachen
nicht.»

2. Keine Aussagen über andere falsch: «Du kannst ihn sicher nicht
machen richtig bedienen.»
richtig: «Mein Rechner ist ganz neu.»

3. Sichtbar machen, dass ich alle falsch: «Meinen Taschenrechner


gleich behandle kriegst du nicht.»
richtig: «Ich gebe meine Sachen
niemandem.»

4. (Allenfalls) Schuld auf sich nehmen falsch: «Sicher nicht.»


richtig: «Sorry, es tut mir leid, aber ich
gebe ihn nie.»

Die Beherrschung dieser Faustregeln ist eine Vorbedingung für die Überzeugungs-
arbeit und übrigens auch für Kommunikations- und Diskussionsfähigkeit ( dazu
mehr im Kapitel Kommunikation auf S. 52 – 62).
4.2 Überzeugen 99

Konflikte lösen
Treffen verschiedene Ansichten aufeinander, entstehen oft Schwierigkeiten. Das
muss nicht sein. Es gibt einfache Schritte zur Lösung.

1. Ursache und Wirkung nicht verwechseln


Oft verwechseln wir Ursache und Wirkung, stürzen uns auf die Symptome und
vergessen die tiefer liegenden Ursachen.

Beispiel 1: In der Klasse herrscht ein schlechtes Klima. Das ist die Wirkung.
Mögliche Ursachen: kein Teamgeist, viel Konkurrenz, Überlastung, zu wenig
Platz, Angst vor Promotionskonferenz usw.

Beispiel 2: Ein Termin wird nicht eingehalten. Das ist die Wirkung. Mögliche
Ursachen: falsche Planung, Überforderung, Informationspannen usw.

2. Probleme behandeln
a) Erkennen
Feststellen, dass ein Problem vorliegt. Die Symptome erkennen.
Methode: Gemeinsam alle Fakten und Gefühle zusammentragen (aufschreiben),
«Dampf ablassen».
b) Benennen
Ein Problem präsentiert sich nicht allen Betroffenen gleich. Es lohnt sich daher,
sich darüber zu verständigen und nach einer Bezeichnung zu suchen.
Methode: Untersuchung der zusammengetragenen Symptome und Suche nach
einem gemeinsamen Nenner.
c) Analyse
Suchen und erkennen der Problemursachen.
Methode: Es gilt, Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Was hat das Problem
verursacht? Zerlegen Sie das Problem in Einzelursachen.

3. Entscheiden
Wer?
Alle am Problem unmittelbar Betroffenen werden zur Entscheidungsfindung einge-
laden. Es wird eine Liste aller möglichen Lösungsmassnahmen erstellt.
Dieser Prozess fördert die Mitverantwortung und die Konsensbereitschaft. Alle
tragen zur Lösung bei, niemand fühlt sich ausgeschlossen und übergangen.

Wie?
Nun stehen Sie vor dem Ziel, die Lösung des Problems zu finden. Die bisherigen
Schritte haben verhindert, dass die Lösung auf Grund persönlicher Vorlieben oder
Hierarchien «gefunden» wurde. Dieser Schritt bezweckt, allen die Vorteile eines
eventuellen Entscheides aufzuzeigen. Das ist gerade für die Beteiligten wichtig, die
diesen Entscheid nicht unbedingt wünschen. Wird später dieser Entscheid tatsäch-
lich gefällt, sind darauf alle vorbereitet.

Was?
Setzen Sie die gemeinsam gefundene Lösung schrittweise um. Vergessen Sie nie,
alle Beteiligten über diese Schritte zu informieren.
4.2 Überzeugen 100

Die VIR-Strategie
Als VIR-Strategie wird eine Überzeugungsstrategie bezeichnet, die dafür sorgt, in
einer potenziell konfliktträchtigen Situation eine Einigung zur allgemeinen Zufrie-
denheit zu erzielen. Der Vorteil dieser Strategie liegt darin, dass sie ermöglicht, die
eigenen Interessen durchzubringen, ohne jemanden zu verletzen.
Einsatzort der VIR-Strategie sind Einigungsgespräche, also Gespräche, in denen
verschiedene Interessen aufeinandertreffen.
– In der Familie: Wohin fahren wir in die Ferien?
– In einer Gruppe Freundinnen: Was machen wir heute Abend zusammen?
– Vor dem Kino: Welchen Film schauen wir an?
Im Alltag und vor allem im Berufsleben gibt es zahllose solche Situationen.

V = Verstehen
Den anderen verstehen und vor allem Verständnis zeigen sind Vorbedingungen
einer Einigung (siehe auch Seite 97).

Signalisieren Sie, dass Sie die fremden Wünsche und Ansichten ernst nehmen und
würdigen. Geben Sie Ihren Gesprächspartnern das Gefühl, willkommen und ernst
genommen zu sein.

I = Interessieren
Die Strategie sieht vor, Ihre Gesprächspartner auszuhorchen. Fragen Sie, was sie
möchten, was sie denken. Fragen Sie vor allem nach: Wieso möchten Ihre Ge-
sprächspartner das, was sie möchten? Zerlegen Sie die fremden Wünsche in mög-
lichst viele Teilwünsche. Es ist einfacher, einige Teilwünsche zu befriedigen als einen
Maximalwunsch.
Versuchen Sie, die Gesprächsleitung zu übernehmen und damit der fragende Part
zu sein. Versuchen Sie, Ihre eigene Ansicht nicht zu äussern oder höchstens in klei-
nen Portionen. Signalisieren Sie andererseits für alle geäusserten Positionen Ver-
ständnis. Bleiben Sie ruhig und höflich.

Signalisieren Sie, dass Sie die fremden Ansichten akzeptieren und teilen. Geben Sie
Ihren Gesprächspartnern den Eindruck, Sie stünden auf ihrer Seite.

R = Regeln
Rufen Sie zu einer gemeinsamen Lösungsfindung auf. Bitten Sie Ihre Gesprächs-
partner um Lösungsvorschläge. Zerlegen Sie die Lösungsansätze in möglichst viele
Teillösungen. Setzen Sie möglichst viele verschiedene Teillösungen möglichst vieler
verschiedener Gesprächspartner zu einer Lösung zusammen. Je mehr Teillösungen
Sie kombinieren, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ihre Gesprächspart-
ner diese Lösung akzeptieren. Achten Sie bei der Zusammensetzung der Lösung
darauf, nur Teillösungen zu berücksichtigen, die Ihrer eigenen Meinung, Ihrer Po-
sition entsprechen. Sagen Sie das aber nicht!

Signalisieren Sie, dass Sie möglichst alle Positionen unter einen Hut bringen wollen.
Geben Sie Ihren Gesprächspartnern das Gefühl, sie hätten sich in der Diskussion
durchgesetzt.
4.3 Erörtern 101

Erörtern
In Erörterungen werden Probleme, Sachfragen oder Meinungen von verschiedenen
Seiten – Aspekten – beleuchtet. Erörterungen werden immer argumentativ geführt.

Erörtern ist eine Technik


Sie dient der Meinungsbildung. Erörtern meint
– sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen;
– das Für und Wider einer Entscheidung abwägen;
– Argumente auf ihre Stichhaltigkeit prüfen;
– eine eigene Meinung entwickeln und sie begründet vertreten;
– ein fundiertes Urteil fällen.

Anforderungen an die Erörterung


– Erkennen des Problems. Genaue Analyse der Fragestellung.
– Bei einer textgebundenen Erörterung müssen Sie sich zuerst mit dem Standpunkt
des Verfassers vertraut machen.
– Durchdenken des Problems. Überlegen Sie, welche Aspekte die Fragestellung be-
inhaltet.
– Darstellen verschiedener Gesichtspunkte (man bezeichnet sie als «Aspekte»).
– Ein begründetes abschliessendes Urteil fällen.

Von nichts kommt nichts


Die Schwierigkeit einer Erörterung besteht darin, dass Hintergrundwissen einge-
bracht werden muss, das sich nicht aus der Frage selbst oder dem vorgelegten Text
ergibt. Dieses Hintergrundwissen muss individuell und selbstständig erworben wer-
den. In jedem Fall müssen Fakten sachlich richtig dargelegt werden.

Erörterungstypen

Fragestellung Text
(Problemerörterung) (textgebundene Erörterung)

Erörterungstypen

linear (steigernd) dialektisch (pro und kontra)


– Ergänzungsfrage – Abwägung
– sachbezogene Auseinandersetzung – Entscheidungsfrage
– wertbezogene Auseinandersetzung

Ergebnis

– Klärung des Problems


– Beantwortung der Frage
– eigenes Urteil
4.3 Erörtern 102

Gliederungsschemata

Darlegung des eigenen Steigernde Erörterung Abwägung zweier


Standpunktes (linear) (linear) gegensätzlicher Positionen
(Stellungnahme, Urteil) (Ergründung) (dialektische Erörterung)

Wieso ich ein Haustier Wieso brauchen Soll man Haustiere halten?
halte. Menschen Haustiere?

Einleitung Einleitung Einleitung

Hauptteil Hauptteil Hauptteil

Begründung 1 Aspekt 1 Position A1

Position B1

Begründung 2 Aspekt 2 Position A2

Position B2

Position Ax

Begründung x Aspekt x Position Bx

Schluss Schluss Schluss

Schrittweises Vorgehen
Eine Erörterung muss vorbereitet sein. Wer einfach drauflos schreibt, wird weder
einen ordentlichen Aufbau noch eine überzeugende Argumentation erzielen. Gehen
Sie schrittweise vor. Etwa so, wie wenn Sie Ihr Zimmer neu streichen wollen: Auch
da überlegen Sie sich zuerst den Stil des Neuanstrichs, wählen dann die Farbe,
kaufen sie, stellen die Möbel weg, decken den Teppich und die Leisten ab. Der
eigentliche Anstrich ist nur der logische Schlusspunkt des Vorgangs. Ganz so ver-
hält es sich auch mit der Erörterung: Die Niederschrift ist der logisch letzte Schritt.

Die nächsten drei Seiten führen Sie durch die Vorbereitung einer Erörterung.
4.3 Erörtern 103

Sammlung von Gedanken und Stoffen


Erörtern setzt voraus, dass Sie das Thema verstanden haben. Diese erste Hürde
lässt sich leicht nehmen.

Strategien zum Erfassen des Themas


1. Aufgabenstellung umformulieren: Von Fragesatz in Aussagesatz, vom Aphoris-
mus in den Fragesatz usw.
2. Auffinden von Schlüsselwörtern.
3. Klärung unklarer Begriffe. Manchmal wirkt es Wunder, ein Wörterbuch zu kon-
sultieren.
4. Sofern erlaubt und Zeit zur Verfügung steht, recherchieren Sie.

Stoffsammlung
Der wichtigste Schritt der Vorbereitung einer Erörterung ist die Stoffsammlung,
also die Sammlung all dessen, was Sie bereits zu diesem Thema wissen oder wissen
möchten. Wählen Sie eine Methode, die Ihnen liegt.
– Lose Gedankensammlung (Brainstorming)
– Mindmap
– Clustertechnik ( mehr dazu im Anhang auf S. 146)
– Stichwortliste
Gehen Sie in zwei Schritten vor:
1. Sammlung aller Gedanken, Einfälle, Wissensbrocken usw. ohne «Schere im
Kopf». Sammeln Sie möglichst viel.
2. Ordnen Sie gemäss einer Technik, die Ihnen liegt, und den Anforderungen der
Textsorte gemäss. Zögern Sie nicht, Einfälle wieder zu streichen!

Beispiel
Beispiel einer Stoffsammlung für eine Abwägung anhand einer Stichwortliste.

Position A Position B
Haustiere sind Lebenselixiere. Haustiere gehören nicht in die Wohnung.

1. jemand ist da a. man nimmt ihnen die Freiheit

2. treu und lieb b. in der Stadt unnötig

3. man kümmert sich um jemanden c. Hunde gehören nicht in die Wohnung,


Vögel nicht in den Käfig

4. man wird nicht egoistisch d. isolieren einen von anderen Menschen

5. es gibt auch in der kleinsten Hütte e. sollen bloss Langeweile vertreiben


Platz
6. man ist nicht allein f. sollen bloss Einsamkeit verdrängen

7. man teilt mit jemandem Freud und g. machen sowieso, was sie wollen
Leid
8. HT gehören zum Alltag h. HT statt Kinder = Selbstbetrug

Das einfachste Ordnungssystem ist, für eine Position jeweils die Gegenposition zu
finden (z.B. 5. vs. c.).
4.3 Erörtern 104

Gliedern einer Erörterung


Eine Erörterung setzt sich zusammen aus einer Einleitung, einem Hauptteil und einem
Schluss – ganz ähnlich wie die Rede ( dazu mehr im Kapitel Rhetorik auf S. 66 f.).

Einleitung
Eine gelungene Einleitung:
– umreisst das Thema, seine Hintergründe, den Schreibanlass;
– macht deutlich, welche Aspekte im Thema enthalten sind;
– führt zum Kern der Sachfrage und zum ausgewählten Aspekt hin.
Damit die Einleitung das leisten kann, sollten Sie keine persönlichen Erlebnisse und
Erfahrungen an den Anfang stellen. Folgende Möglichkeiten eignen sich besser:
– ein passendes, anschauliches Beispiel von allgemeinem Interesse
– die Beschreibung eines allgemein bekannten Zustandes
– Bezug auf gemeinsame Erfahrungen
– ein Zitat, ein Sprichwort, allenfalls eine Definition
– Hinweise auf die Bedeutung des Themas
Weitere Möglichkeiten und Hinweise im Kapitel Rhetorik im Abschnitt «Die Anfänge».

Beispiel:
– ungünstiger Anfang:
«Kürzlich fuhr ich wieder mal im Zug und im Nebenabteil sprach ein Typ
die ganze Zeit laut in sein Handy. Das nervt».
– guter Anfang:
«Wer hat sich nicht schon geärgert über laute Handy-Gespräche in öffentli-
chen Verkehrsmitteln!»
Machen Sie aus Ihrer persönlichen Erfahrung («ich») ein verallgemeinerbares
Beispiel («wir»).

Hauptteil
Der Hauptteil ist der argumentative Teil. Die Überzeugungskraft der Argumente
wächst proportional zu ihrer unmittelbaren Einsichtigkeit und Alltagsnähe. Man un-
terscheidet gemäss der Fragestellung drei Typen der Erörterung; dazu mehr auf S. 102.

Schlussteil
Im Schlussteil formulieren Sie Ihr Fazit. Gleichzeitig sollten Sie darauf achten, hier
alle aufgenommenen Fäden, etwa in der Einleitung angeführte Gedanken oder Bei-
spiele, wieder aufzunehmen und miteinander zu verknüpfen. Die Erörterung endet
mit einem Zielsatz.

Einleitung

Hauptteil

Schluss
4.3 Erörtern 105

Der Schlussteil
Der Schlussteil enthält eine Zusammenfassung, die
1. die Argumente zusammenfasst;
2. kurz ist;
3. keine Formulierungen enthält, die identisch sind mit jenen im Hauptteil.
Der Schlussteil enthält einen Zielsatz.
Tipps für die Formulierung des Zielsatzes:
1. Er ist ein Aussagesatz.
2. Er umfasst – als Faustregel – sieben Wörter.
3. Die Hauptaussage muss enthalten sein.
4. Er soll «gut» klingen.
Mehr zu Zielsätzen finden Sie im Kapitel Rhetorik im Abschnitt «Der Zielsatz»
auf S. 73 f.

Titel
Der Titel einer Erörterung enthält nicht die Fragestellung, sondern Ihre persönliche
Antwort auf die Fragestellung. Das aber kann keine Frage sein, sondern ist immer
eine Aussage, die Sie kurz und den Anforderungen von Titeln entsprechend formu-
lieren (kein finites – konjugiertes – Verb, in der Regel keine Artikel, kein Schluss-
punkt, kurz und ein wenig reisserisch). Tipps für die Formulierung des Titels:
1. Der Titel fasst die Aussage zusammen.
2. Der Titel ist keine Frage.
3. Er sollte nicht länger als fünf Wörter sein.
4. Er darf offen formuliert sein, um neugierig zu machen.

Titel schaffen Leseanreize


Welcher Titel wirkt reizvoller: «Handys nerven» oder: «Lieber ohne»?
Der zweite Titel lässt vieles offen: Ohne was? Wieso ohne? Lieber als was? Diese
offenen Fragen wirken als Anreiz, den Text zu lesen. Der Titel hat seine Funktion
erfüllt.

Beispiele für gute Titel zum Thema Haustiere

– Nie mehr allein


– Gesund mit Hund
– Küche ohne Katzenklo
– Alleine froh statt Hundefloh

Auch Titel, die zwar nicht unmittelbar auf Haustiere anspielen, aber trotzdem
den Hauptgedanken in sich tragen, sind geeignet:
– Wage Verantwortung!
– Glück – selbst gemacht
– Treue Zweisamkeit
– Ohne geht es auch
4.3 Erörtern 106

Formen der Erörterung


Problemerörterung
Die Problemerörterung bezeichnet eine Auseinandersetzung mit einer komplexen
Frage, die nicht in einem Satz zu beantworten ist. Das zu erörternde Problem ist
dabei als Frage oder Aussage formuliert, oft in Form eines Zitates (Aussage einer
berühmten Person). Der Problemerörterung liegt in der Regel kein längerer Text zu
Grunde. In der Problemerörterung geht es darum,
– eine Aussage zu analysieren, sie zu hinterfragen und ein begründetes
Urteil abzugeben;
– divergierende Meinungen einander gegenüberzustellen und abzuwägen;
– Urteile zu fällen.

Beispiel
Muss sich das Gymnasium hinsichtlich Organisation und Bildungsinhalten verän-
dern, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts zu genügen?

Texterörterung (textgebundene Erörterung)


Im Zentrum der Texterörterung steht die Auseinandersetzung mit einem Text, in
der Regel mit einem Sachtext, einem Zeitungsartikel oder einer Rede. Sie geht
schrittweise vor. Nachdem Sie die Kerngedanken des Textes festgemacht haben,
folgt Ihre persönliche Auseinandersetzung mit diesen.
In der Texterörterung geht es darum,
– die Kernaussagen des Textes zu erfassen: Was sagt er, warum, wann, aus welchem
Anlass, zu welchem Zweck?
– die Kernaussagen zu kommentieren und mit der eigenen Lebenswirklichkeit in
Verbindung zu bringen;
– sich selber gegenüber den Kernaussagen zu positionieren.
Die Texterörterung besteht aus zwei Teilen:
1. Darlegung des Textinhaltes
2. Eigene Stellungnahme

Literarische Erörterung
Der literarischen Erörterung liegt ein Ausschnitt aus einem literarischen Text oder
eine Frage aus der Literatur zu Grunde. Manche Aufgaben sind eng mit einem lite-
rarischen Werk verbunden, gehen von einer Figur oder einer im Werk geäusserten
Ansicht aus. Andere Aufgaben beziehen sich auf den Vergleich zweier Werke. Mög-
lich sind auch Themen, die sich auf Gattungen, Epochen oder die Poetik beziehen.
In der literarischen Erörterung geht es darum:
– einen thematischen oder inhaltlichen Aspekt eines literarischen Werkes zu unter-
suchen;
– eine literarische Figur, ihren Charakter oder ihr Verhalten zu kommentieren;
– Motive zu analysieren;
– Stellung zu beziehen zu der gestellten Frage.
Beispiel zu Friedrich Dürrenmatts «Die Physiker»:
Die Bedingungen der modernen Welt schliessen nach Dürrenmatt Tragik und Hel-
dentum aus. Legen Sie diese Weltsicht Dürrenmatts anhand einer selbst gewählten
Figur aus Dürrenmatts Stück «Die Physiker» dar.
Eine literarische Erörterung ist nicht dasselbe wie eine Textanalyse oder eine Interpre-
tation. Zu letzterer gibt es Anleitungen in Deutsch am Gymnasium Band 3: «Literatur».
5. Lesen
5.1 Sachtexte erschliessen 108

Sachtexte erschliessen
Lesen heisst konstruieren

Luat eienr Stduie der Cambrdige Unievrstiät speilt es kenie Rlloe in welcehr
Reiehnfogle die Buhcstbaen in eniem Wrot vorkmomen, die eingzie whctige
Sahce ist, dsas der ertse und der lettze Buhcstbaen stmimt. Der Rset knan in
eienm völilegen Duchrienanedr sein und knan trtozedm prboelmols gelseen
wreden. Das ist, weil das menchsilche Ague nicht jeedn Buhcstbaen liset. Ert-
suanlcih, nihct?

Mit solchen Leseexperimenten hat der britische Linguist Graham Rawlinson 1976
nachgewiesen, dass man Texte auch versteht, wenn die Buchstaben vertauscht sind.
Der Versuch zeigt, wie sehr unser Leseverständnis von unserem Vorwissen geprägt
ist, und belegt damit: Lesen heisst konstruieren. Anders gesagt: Je mehr Vorwissen
wir aktivieren können, desto schneller und leichter verstehen wir Texte.

Überblick: Lesen im Lehrwerk «Deutsch am Gymnasium»


Sachtexte Literatur

– Fachliteratur – Dramen
– Zeitungsartikel – Lyrik
– usw. – usw.

Deutsch am Gymnasium 1 Deutsch am Gymnasium 3


«Sprache und Kommunikation» «Literatur»

Fachliteratur
Mit dem Begriff Sachtext (auch Gebrauchstext, pragmatischer oder funktionaler Text
genannt) wird jeder Text bezeichnet, dessen Absicht es ist, Fakten darzustellen und
über Dinge zu informieren.
Während Ihres Studiums an der Mittelschule und an der Hochschule begegnet Ihnen
ganz unterschiedliche Fachliteratur:
– Lehrmittel wie das hier vorliegende.
– Wissenschaftliche Literatur, z.B. ein Artikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift.
– Populärwissenschaftliche Artikel in Wissenschaftsmagazinen wie «Geo» oder «P.M.».
– Sachbücher machen Fachwissen einem Laienpublikum anschaulich.
– Monografien. Als Monografie bezeichnet man eine vollständige Abhandlung eines
einzelnen Gegenstandes. Im Gegensatz zum Lehrmittel, das einen Einstieg in den
Sachverhalt bietet, vertiefen ihn Monografien.
– Lexika: Ein Lexikon, das einen Überblick gibt über alle Wissensgegenstände, be-
zeichnet man als Enzyklopädie. Daneben gibt es Lexika, die sich auf bestimmte
Gegenstände konzentrieren (z.B. «Was lesen? Ein Lexikon zur deutschen Literatur»).
– Handbücher: Ein Handbuch ist eine geordnete Zusammenstellung der Gegenstän-
de eines bestimmten Wissensgebietes.

Die folgenden Seiten helfen Ihnen, Fachliteratur möglichst effektiv zu erarbeiten.


5.1 Sachtexte erschliessen 109

Lesetechniken

Notizen
Lesetechniken SQ3R Markieren Exzerpte Visualisieren
Abstracts

Lesetechnik: Erste Tipps


– Je grösser Ihr Vorwissen ist, desto leichter verstehen Sie den Text.
– Je umfangreicher Ihr Wortschatz ist, desto leichter fällt es Ihnen, einen Text zu
lesen – und umso schneller können Sie ihn verstehen.
– Randbemerkungen helfen Ihnen, konzentriert zu lesen und den Überblick zu be-
halten.
– Verlieren Sie keine Zeit mit Kommentaren, begnügen Sie sich mit wenigen Zei-
chen: ? (Unklarheiten), ! (wichtige Stelle), – (bin nicht dieser Meinung), + (das
finde ich auch) usw. Jedes Zeichen ist möglich: Seien Sie allerdings konsequent,
wenn das ? einmal «Frage an den Text», ein andermal «unklare Textstelle», ein
drittes Mal «da muss ich noch mal nachlesen» bedeutet, produzieren Sie eine
Konfusion, die Ihr Leseverständnis mehr behindert als fördert.
– Markieren Sie wichtige Textstellen (siehe unten S. 112).
– Legen Sie eigene Notizen an (siehe unten S. 113 f.).

Konzentration und Lesetempo


Konzentration und Lesetempo können durch Kniffe und Übung verbessert werden.

1. Ziele setzen
Nehmen Sie sich eine bestimmte Textmenge in einer bestimmten Zeit vor. 200
Wörter pro Minute oder 20 Seiten pro Stunde sind kein ehrgeiziges Ziel, anders
sieht es aus bei 300 Wörtern oder 30 Seiten im selben Zeitraum. Richten Sie sich so
ein, dass Sie in dieser Zeit nicht gestört werden. Gönnen Sie sich eine Belohnung
oder Pause, falls Sie die Lesemenge in der vorgesehenen Zeit bewältigt haben.
2. Nicht zurückblicken
Nehmen Sie sich vor, die Abschnitte nur einmal zu lesen. Lesen Sie von Anfang an
«richtig», d.h. aufmerksam.
3. Ganze Zeilen ins Auge fassen
Folgen Sie mit den Augen nicht den einzelnen Wörtern. Fokussieren Sie die Mitte
der Zeile und nehmen die ganze Zeile auf einmal auf. Fokussieren Sie bei langen
Zeilen höchstens ein zweites Mal.
4. Diagonal lesen (querlesen)
Manchmal reicht es, sich einen groben Überblick zu verschaffen. Ein Verfahren
dazu ist das «diagonale» Lesen. Lesen Sie nur die Hauptwörter: Substantive und
Verben – denken Sie sich den Rest dazu. Steigern Sie mit der Zeit das Tempo.

Die Augen
Schnelleres Lesen ist für die Augen nicht schädlich. Es hilft aber der Konzentration,
die Augen mit einer kleinen Augengymnastik zu erfrischen:
1. zehnmal blinzeln, 2. Lider gut zudrücken und so weit wie möglich öffnen (min-
destens dreimal), 3. Augen rollen und 4. Augenbrauen heben.
Wichtig: genügend, aber kein grelles oder flackerndes Licht. Augenabstand zum
Text ±30cm. Sitzen Sie entspannt und ohne gekrümmten Rücken. Trinken Sie ge-
nug, aber essen Sie während des Lesens nicht.
5.1 Sachtexte erschliessen 110

Notizen
Die SQ3R-Methode
Lesetechniken SQ3R Markieren Exzerpte Visualisieren
Abstracts

Notizen
Lesetechniken SQ3R Markieren Exzerpte Visualisieren
Abstracts

Informationen sicher erarbeiten


Die SQ3R-Methode (auch Fünf-Schritt-Methode) bezeichnet eine 1946 von Francis
Pleasant Robinson entwickelte Lesemethode. Sie eignet sich besonders für das Er-
arbeiten umfangreicher Fachtexte.

Read

Read
Questions Recite

SQ3R

Questions Recite
Survey Review
SQ3R
1. Survey – Überblick verschaffen
Verschaffen Sie sich als Erstes einen Überblick über den Text: das Inhaltsverzeich-
Survey nis, Klappentexte, das Impressum, Überschriften, StrukturRsowieeviewRegister oder
Glossar bereiten Sie auf den Inhalt vor. Dieser Schritt dient dazu, Ihr Vorwissen
und Ihre bisher gemachten Erfahrungen zu aktivieren. Die Vernetzung des neuen
Wissens ist damit vorbereitet.

2. Questions – Fragen an den Text stellen


Im zweiten Schritt sollten Sie sich überlegen, was Sie von dem zu lesenden Text
wissen wollen. Filtern Sie die Schwerpunkte heraus. Nicht immer muss man alles
lesen, damit man die Fragen beantworten kann. Ausserdem: Wer vor der Lektüre
Fragen stellt, wird den Text mit mehr Interesse lesen. Eine Auswahl möglicher Fra-
gen an einen Text:
– Wovon ist die Rede? Was erfahre ich Neues?
– Welche Fakten sind für meine Fragestellung wichtig?
– Welche Absicht verfolgt der Autor?
– Welche Meinung habe ich zu der Position des Autors?
– Welches Vorwissen muss ich mir erworben haben?
– Was sind für mich die neuen Erkenntnisse?
– Welche Thesen stellt der Autor auf?
– Was will ich bzw. was brauche ich zu wissen?
5.1 Sachtexte erschliessen 111

Notizen
Lesetechniken SQ3R Markieren Exzerpte Visualisieren
Abstracts

3. Read – Lesen
Der Hauptschritt befasst sich nun mit dem Text. Lesen Sie den Text abschnittswei-
se. Vollziehen Sie die wichtigen Informationen nach. Bearbeiten Sie den Text mit
Randbemerkungen oder Ähnlichem. Schlagen Sie in Enzyklopädien nach, wenn
Ihnen Informationen fehlen.

Lesen Sie methodisch. Markieren Sie und legen Sie Notizen an.
Mehr dazu auf den folgenden Seiten.

4. Recite – Wiederholen
Read
«Aus den Augen, aus dem Sinn.» Wenn Sie nach diesem Motto lesen, können Sie
es bleiben lassen. Nach jedem Sinnabschnitt sollten Sie diesen rekapitulieren. Über-
legen Sie sich, ob Sie die Antworten auf Ihre Fragen auch gefunden haben. Zur
Stützung des Gedächtnisses empfiehlt es sich, Notizen, Exzerpte, ein Mindmap, ein
Cluster oder eine Visualisierung anzulegen. Je kreativer Sie dabei vorgehen, desto
mehr bleibt hängen. Mehr dazu auf S. 115.
Questions Recite
5. Review – In Erinnerung rufen
SQ3R
Der letzte Schritt ist die Überprüfung. Rufen Sie sich anhand Ihrer Notizen oder
Ihrer Visualisierung den Inhalt in Erinnerung. Falls Sie Lücken feststellen, sollten
Sie zurück zu Schritt 3.

Survey Review
ÜFLAR
Die SQ3R-Methode ist auch bekannt unter ihrer deutschen Entsprechung ÜFLAR.
Einzig Schritt 4 weicht ein wenig davon ab.
Ü = Überblick gewinnen
F = Fragen stellen
L = Lesen
A = Antworten auf die Fragen finden
R = Repetieren des Gelernten

Vor- und Nachteile der SQ3R-Methode


Das mit der SQ3R-Methode erfasste Wissen ist wesentlich besser im Gedächtnis
gespeichert, da die Schritte viel Eigeninitiative erfordern. So ist die Wahrschein-
lichkeit der korrekten Wissensablage höher als beim «normalen» Lesen.
Diese Methode ist anfangs aufwändig und zeitintensiv. Mit etwas Übung lässt sich
diese Methode effektiv anwenden.
5.1 Sachtexte erschliessen 112

Markieren
Notizen
Lesetechniken SQ3R Markieren Exzerpte Visualisieren
Abstracts

Markierungen als Lesehilfen


Eine Lesehilfe stellt das Markieren dar. Sinn und Vorzüge des Markierens sind:
– Markierungen helfen, einen Text zusätzlich zu strukturieren;
– sie erleichtern beim Lernen und Wiederholen die Orientierung und bringen
einen Zeitgewinn;
– sie fördern durch strukturierende Darstellung die bessere visuelle Aufnahme und
das Behalten.

Querlesen Markieren Exzerpieren Visualisieren


1.2. Sprachbetrachtungen 25
1.2. Sprachbetrachtungen 25 1.2. Sprachbetrachtungen 25

Redewendungen
Redewendungen Redewendungen 1.1. Linguistik 12

Redensarten, Redewendungen, Sprichwörter, idiomatische Verbindungen – mit die- Redensarten, Redewendungen, Sprichwörter, idiomatische Verbindungen – mit die-
Redensarten, Redewendungen, Sprichwörter, idiomatische Verbindungen – mit die-
sen und anderen Begriffen benennt man sprachliche Wort- und Sinnmuster, die als Kleine Geschichte der deutschen Sprache
1.
eine Art «sprachliche Fertigbauteile» bezeichnet werden könnten. Redewendungen
sen und anderen Begriffen benennt man sprachliche Wort- und Sinnmuster, die als sen und anderen Begriffen benennt man sprachliche Wort- und Sinnmuster, die als
drücken auf bildliche Weise komplexe Sachverhalte aus. Der Satz «Sie hat ihm einen
eine Art «sprachliche Fertigbauteile» bezeichnet werden könnten. Redewendungen eine Art «sprachliche Fertigbauteile» bezeichnet werden könnten. Redewendungen Jede Sprache verändert sich im Laufe der Zeit. Die deutsche Sprache gehört zu den
Bären aufgebunden» ist nicht verständlich, will man ihn wortwörtlich entschlüsseln.
drücken auf bildliche Weise komplexe Sachverhalte aus. Der Satz «Sie hat ihm einen drücken auf bildliche Weise komplexe Sachverhalte aus. Der Satz «Sie hat ihm einen indoeuropäischen Sprachen und entwickelte sich als eigenständige Sprache ab dem
Andererseits funktioniert die Wendung nur in genau dieser Form, man kann nicht
Bären aufgebunden» ist nicht verständlich, will man ihn wortwörtlich entschlüsseln. Bären aufgebunden» ist nicht verständlich, will man ihn wortwörtlich entschlüsseln. 6. Jahrhundert.
etwa sagen: «Sie hat ihm einen Wolf aufgebunden».
Andererseits funktioniert die Wendung nur in genau dieser Form, man kann nicht Andererseits funktioniert die Wendung nur in genau dieser Form, man kann nicht
etwa sagen: «Sie hat ihm einen Wolf aufgebunden». etwa sagen: «Sie hat ihm einen Wolf aufgebunden». Indoeuropäisch, früher auch Indogermanisch genannt, ist die Bezeichnung für eine
Reihe verwandter Sprachen, zu der die meisten europäischen, aber auch asiatische
Herkunft
Sprachen gehören. Die Bezeichnung stammt vom deutschen Sprachforscher Franz
Herkunft Herkunft Auffällig viele Redewendungen haben einen ländlichen Hintergrund und entstam- Bopp (1791–1867). Bopps Untersuchungen ergaben eine auffällige Ähnlichkeit der
men einer archaisch geprägten Gesellschaft: mit den Hühnern ins Bett gehen, etwas altindischen Sprache, dem Sanskrit, mit den europäischen. Eine stark vereinfachte

2.
Auffällig viele Redewendungen haben einen ländlichen Hintergrund und entstam- Auffällig viele Redewendungen haben einen ländlichen Hintergrund und entstam-
auf dem Kerbholz haben, den Stier bei den Hörnern packen sind Wendungen aus der Darstellung gibt einen Überblick:
men einer archaisch geprägten Gesellschaft: mit den Hühnern ins Bett gehen, etwas men einer archaisch geprägten Gesellschaft: mit den Hühnern ins Bett gehen, etwas
mittelalterlichen Agrargesellschaft. Das erklärt auch, dass viele Redewendungen
auf dem Kerbholz haben, den Stier bei den Hörnern packen sind Wendungen aus der auf dem Kerbholz haben, den Stier bei den Hörnern packen sind Wendungen aus der
ausgesprochen drastisch klingen: Er ist dumm wie Bohnenstroh; Da hast du dich ins
mittelalterlichen Agrargesellschaft. Das erklärt auch, dass viele Redewendungen mittelalterlichen Agrargesellschaft. Das erklärt auch, dass viele Redewendungen
ausgesprochen drastisch klingen: Er ist dumm wie Bohnenstroh; Da hast du dich ins ausgesprochen drastisch klingen: Er ist dumm wie Bohnenstroh; Da hast du dich ins
eigene Fleisch geschnitten.
indoeuropäisch
eigene Fleisch geschnitten. eigene Fleisch geschnitten. Eine grosse Gruppe von Redewendungen sind bildhafte Vergleiche: schnaufen wie
ein Pferd, hungrig wie ein Wolf, so weiss wie Schnee.
Eine grosse Gruppe von Redewendungen sind bildhafte Vergleiche: schnaufen wie Eine grosse Gruppe von Redewendungen sind bildhafte Vergleiche: schnaufen wie
ein Pferd, hungrig wie ein Wolf, so weiss wie Schnee. ein Pferd, hungrig wie ein Wolf, so weiss wie Schnee. italienisch germanisch indo- baltisch- griechisch
Metaphorik iranisch slawisch
Metaphorik Metaphorik Die dichterische Sprache neigt dazu, Wörter in besonderer Weise zu verwenden

3.
und damit neue Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen. Von diesen poetischen Me- Latein: Deutsch: Altindisch: Litauisch: Griechisch:
Die dichterische Sprache neigt dazu, Wörter in besonderer Weise zu verwenden Die dichterische Sprache neigt dazu, Wörter in besonderer Weise zu verwenden
taphern sind die Redewendungen abzugrenzen: der goldene Mittelweg ist eine ge- mater, duo, suinus, Mutter, zwei, matár, dva(u), asti mótyna, du meter, dýo, hýinos,
und damit neue Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen. Von diesen poetischen Me- und damit neue Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen. Von diesen poetischen Me- est Schwein, ist Tschechisch: esti
läufige Redensart; das goldne Himmelsfeuer eine poetische Metapher.
taphern sind die Redewendungen abzugrenzen: der goldene Mittelweg ist eine ge- taphern sind die Redewendungen abzugrenzen: der goldene Mittelweg ist eine ge- Französisch: Englisch: matka, dva
läufige Redensart; das goldne Himmelsfeuer eine poetische Metapher. läufige Redensart; das goldne Himmelsfeuer eine poetische Metapher. Ohne selber Metaphern zu sein, wirken Redewendungen dennoch metaphorisch, mère, deux, est mother, two,
weil sie zur bildlichen Umschreibung neigen: jemanden auf Händen tragen, offene Italienisch: swine, is
Ohne selber Metaphern zu sein, wirken Redewendungen dennoch metaphorisch, Ohne selber Metaphern zu sein, wirken Redewendungen dennoch metaphorisch, madre, duo, è Schwedisch:
Türen einrennen, aus allen Wolken fallen.
weil sie zur bildlichen Umschreibung neigen: jemanden auf Händen tragen, offene weil sie zur bildlichen Umschreibung neigen: jemanden auf Händen tragen, offene moder, två, svin
Türen einrennen, aus allen Wolken fallen. Türen einrennen, aus allen Wolken fallen. Isländisch:
móðir, tveir, svín
Konventionalität
Konventionalität Konventionalität Zwei Eigenschaften zeichnen Redewendungen aus: Sie sind hochgradig konventi-
onell und sie sind nicht in eine andere Sprache übersetzbar, jedenfalls nicht wort- Erste (germanische) Lautverschiebung
Zwei Eigenschaften zeichnen Redewendungen aus: Sie sind hochgradig konventi- Zwei Eigenschaften zeichnen Redewendungen aus: Sie sind hochgradig konventi-
wörtlich. Es gibt die Redewendung jemandem Knüppel zwischen die Beine werfen, Für die Entwicklung des Germanischen aus dem Verband des Indoeuropäischen
onell und sie sind nicht in eine andere Sprache übersetzbar, jedenfalls nicht wort- onell und sie sind nicht in eine andere Sprache übersetzbar, jedenfalls nicht wort-
nicht etwa «Stöcke» oder «Pflöcke», und nicht etwa «schiessen» oder «legen», son- heraus war die 1. Lautverschiebung verantwortlich. Sie setzte im 1. Jahrtausend v.
wörtlich. Es gibt die Redewendung jemandem Knüppel zwischen die Beine werfen, wörtlich. Es gibt die Redewendung jemandem Knüppel zwischen die Beine werfen,

4.
dern eben nur und ausschliesslich jemandem Knüppel zwischen die Beine werfen. Chr. ein und endete nicht später als 300 v. Chr. Als Erster dargestellt hat sie der
nicht etwa «Stöcke» oder «Pflöcke», und nicht etwa «schiessen» oder «legen», son- nicht etwa «Stöcke» oder «Pflöcke», und nicht etwa «schiessen» oder «legen», son-
Ebenso darf man nicht sagen mit halbem Bein im Grabe stehen oder auf die Hunde deutsche Germanist Jacob Grimm (1785 –1863). Die Lautverschiebung betrifft zur
dern eben nur und ausschliesslich jemandem Knüppel zwischen die Beine werfen. dern eben nur und ausschliesslich jemandem Knüppel zwischen die Beine werfen.
kommen, sondern nur: Er steht mit einem Bein im Grabe; sie ist ganz schön auf den Hauptsache die Verschlusslaute. So wurden aus dem stimmlosen p, t und k bzw.
Ebenso darf man nicht sagen mit halbem Bein im Grabe stehen oder auf die Hunde Ebenso darf man nicht sagen mit halbem Bein im Grabe stehen oder auf die Hunde
Hund gekommen. Die korrekte Beherrschung von Redewendungen zeichnet den aus ihren behauchten Varianten ph, th und kh oft Reibelaute (f, ch, engl. th).
kommen, sondern nur: Er steht mit einem Bein im Grabe; sie ist ganz schön auf den kommen, sondern nur: Er steht mit einem Bein im Grabe; sie ist ganz schön auf den
elaborierten Sprecher aus. Für Fremdsprachige sind sie nur mit grossem Aufwand
Hund gekommen. Die korrekte Beherrschung von Redewendungen zeichnet den Hund gekommen. Die korrekte Beherrschung von Redewendungen zeichnet den
lernbar. Im Englischen existiert die Redewendung I know x like the back of my own
elaborierten Sprecher aus. Für Fremdsprachige sind sie nur mit grossem Aufwand elaborierten Sprecher aus. Für Fremdsprachige sind sie nur mit grossem Aufwand lateinisch: pater deutsch: Vater, engl. father
hand, auf Deutsch hiesse das wortwörtlich: Ich kenne x wie meinen eigenen Hand-
lernbar. Im Englischen existiert die Redewendung I know x like the back of my own lernbar. Im Englischen existiert die Redewendung I know x like the back of my own schwedisch: fader
rücken. Das sagt aber niemand; wir brauchen an dieser Stelle die Redewendung Ich
hand, auf Deutsch hiesse das wortwörtlich: Ich kenne x wie meinen eigenen Hand- hand, auf Deutsch hiesse das wortwörtlich: Ich kenne x wie meinen eigenen Hand- griechisch: treis, lateinisch: tres englisch: three
kenne x wie meine Westentasche. Diese Redewendung – wörtlich übersetzt – wäre
rücken. Das sagt aber niemand; wir brauchen an dieser Stelle die Redewendung Ich rücken. Das sagt aber niemand; wir brauchen an dieser Stelle die Redewendung Ich lateinisch: canis, centum deutsch: Hund, hundert
wiederum auf Englisch (oder in einer beliebigen anderen Sprache) ungebräuchlich,
kenne x wie meine Westentasche. Diese Redewendung – wörtlich übersetzt – wäre kenne x wie meine Westentasche. Diese Redewendung – wörtlich übersetzt – wäre
wenn nicht gar unverständlich.
wiederum auf Englisch (oder in einer beliebigen anderen Sprache) ungebräuchlich, wiederum auf Englisch (oder in einer beliebigen anderen Sprache) ungebräuchlich, Aus den stimmhaften Verschlusslauten b, d und g wurden, von Ausnahmen abge-
wenn nicht gar unverständlich. wenn nicht gar unverständlich. sehen, die stimmlosen Verschlusslaute p, t und k:

lateinisch: labium deutsch: Lippe, schwedisch: läpp


lateinisch: duo, dezem englisch: two, ten, schwedisch: två
lateinisch: genu deutsch: Knie, schwedisch: knä

Methode
Am besten verfährt man beim Markieren nach folgenden Grundsätzen:
– Lesen und bearbeiten Sie den Text abschnittweise.
– Wenn Sie Antworten zu den Leitfragen (siehe oben SQ3R, 2. Schritt) gefunden
haben, markieren Sie Schlüsselbegriffe oder Kerngedanken.
– Ordnen Sie Ihre Markierungen nach Farbe, Schriftdicke, Nummerierungen oder
einem ähnlichen Element (Wichtigkeit, Neuheit, Funktion usw.) zu.
– Seien Sie sparsam mit Markierungen, insbesondere mit dem Leuchtstift. Faustre-
gel: Wenn mehr als 10% eines Textes markiert sind, verliert die Markierung ihren
gliedernden Sinn.

Mögliche Fehler
– Zu viel markiert. Diese Gefahr droht besonders dann, wenn Sie schon beim ers-
ten Lesen markieren. Es erscheinen Ihnen alle Sätze oder Begriffe neu und wich-
tig, ohne dass der Gesamtkontext ihren Stellenwert relativiert. Das Markieren
verliert seinen Wert als Strukturierungshilfe.
– Vollständig markierte Sätze mindern die Übersichtlichkeit.
– Das erste Lesen dient dem Verstehen. Das Markieren dient dem Gliedern, Her-
vorheben und Lernen. Deshalb setzt es eine bewusste Entscheidung voraus.
Diese kann nicht gleichzeitig mit dem Verstehen erfolgen.

Zusammenfassende Regeln
– Erst lesen, dann markieren.
– Sparsam und gezielt markieren.
– Überprüfen, ob die Markierung den Text sinnvoll strukturiert.
– Das Markierungssystem beibehalten und konsequent anwenden.
5.1 Sachtexte erschliessen 113

Notizen
Notizen
Lesetechniken SQ3R Markieren Exzerpte Visualisieren
Abstracts

Notizen erleichtern das Verstehen


– Notizen dienen der Erinnerung. Die Erfahrung zeigt, dass Gelesenes schnell ver-
gessen wird. Notizen helfen, es bei Bedarf rasch in Erinnerung zu rufen.
– Die Lernpsychologie lehrt, dass Informationen erst dann zu einem dauerhaften
Besitz werden können, wenn wir sie zu unseren eigenen machen. Notizen vollzie-
hen diesen Schritt vom Fremden zum Eigenen.
– Notizen entlasten das Gedächtnis.
– Notizen erhöhen die Aufmerksamkeit. Wer Notizen anlegt, liest aufmerksamer.

Anfertigen von Notizen


Niemals ist es notwendig, alles mitzuschreiben. Notizen beschränken sich auf
– Hauptpunkte;
– Schlüsselwörter;
– Daten, Namen;
– Fachausdrücke.

Notizen zwingen, Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen.


Wesentlich ist:
– für Sie Neues;
– vom Text (oder der Referentin) besonders betonte Sachverhalte;
– Fakten wie Namen, Zahlen, Daten, die kaum aus dem Gedächtnis
rekonstruiert werden können.
5.1 Sachtexte erschliessen 114

Notizen
Lesetechniken SQ3R Markieren Exzerpte Visualisieren
Abstracts

Exzerpte
Als Exzerpt bezeichnet man eine sinngemässe oder wortwörtliche Wiedergabe einer
Textstelle. Ein wörtliches Exzerpt entspricht einem Zitat; es sind die Regeln einer
genauen Zitation zu beachten (siehe S. 149 f.). In der Regel kommentiert man das
Exzerpt mit eigenen Gedanken, Zweifeln, Hinweisen usw.

Exzerpieren Sie nur wichtige Textstellen, die Sie wörtlich weiterverwenden müssen.
Andernfalls eignen sich Notizen besser.

Exzerpieren Schlagwort

«Man notiert Exzerpte, indem man entweder den Inhalt Wörtliches Zitat
einer Stelle mit eigenen Worten umreisst oder die Stelle
wörtlich unter Verwendung von Anführungszeichen zitiert
oder beide Formen miteinander verbindet. Wichtig ist
dabei die eindeutige Verzeichnung der Quelle mit genauer
Angabe der Seitenzahlen und den vorgenommenen
Kürzungen, besonders, wenn vielleicht das Buch später
nicht mehr verfügbar ist.»

Standop, Ewald: Die Form der wissenschaftlichen Arbeit, Quellenangabe


Dortmund, 3. verb. Aufl. 1965, S. 15.

Abstract
Als Abstract bezeichnet man eigenständige Kurzfassungen von Sachtexten. Abs-
tracts sind
– objektiv, sie enthalten sich jeder Wertung;
– so kurz wie möglich;
– verständlich, in klarer, nachvollziehbarer Sprache;
– vollständig: sie enthalten alle wesentlichen Sachverhalte des zusammengefassten
Textes;
– genau: sie geben Inhalte und Meinung des Originals wieder.

Verfassen Sie ein Abstract, wenn Sie einen Sachtext über längere Zeit «speichern»
wollen oder wenn Sie den Gehalt eines Sachtextes für andere zugänglich machen
wollen.

Mehr Informationen zum Anfertigen von Notizen und zur Mitschrift finden Sie im
Band Deutsch am Gymnasium 2: «Einfach schreiben».
5.1 Sachtexte erschliessen 115

Visualisieren
Notizen
Lesetechniken SQ3R Markieren Exzerpte Visualisieren
Abstracts

Wissen aneignen
Man spricht davon, dass man sich Wissen «aneignet», d.h. fremdes Wissen zu eige-
nem Wissen macht. Das Visualisieren eignet sich wie kaum eine andere Methode
dazu, fremdes Wissen zu durchdringen und zu eigenem Wissen zu machen.
Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, wie Sie Sachverhalte und Informationen
-visualisieren können.

1. Mindmap
Der englische Ursprung offenbart Sinn und Ziel des Mind-Maps: Es geht um das
Kartografieren von Gedanken. Es handelt sich um eine Methode, Gedanken zu
sammeln und zu ordnen.

Notizen
Lesetechniken SQ3R Markieren Exzerpte Visualisieren
Abstracts

2. Konzeptkarte
Die sogenannte Konzeptkarte verzeichnet die Abhängigkeiten von Begriffen (oder
Informationen) untereinander.

Gondoliere Sänger

unterhält die
bringt Hotelgäste
Aschenbach
zum Hotel

Platonische Liebe
Aschenbach Tadzio

löst Reiselust in
Aschenbach aus

Fremder Polnische
Familie

Konzeptkarte (Personennetz) zu: Thomas Mann, Der Tod in Venedig.


5.2 Medientexte erschliessen 116

Das Medium ist die Botschaft


«The medium is the message» behauptete der kanadische Medientheoretiker H. Mar-
shall McLuhan (1911–1980). Die Form beeinflusst den Inhalt. Dieselbe Nachricht
wird in einer Gratiszeitung anders dargestellt als in einer seriösen Tageszeitung.

«The medium is the message»


McLuhan macht darauf aufmerksam, wie sehr die Form des Mediums den Inhalt
der Botschaft prägt.

Beispiel: Über ein Ereignis wie die Wahl eines Präsidenten kann schriftlich (z.B.
in der Zeitung), visuell (Fotos in einer Zeitschrift) oder audiovisuell
(Fernsehen) berichtet werden.

In allen Fällen muss sich der Inhalt den Gegebenheiten des Mediums fügen. Das
Fernsehen benötigt Bild und Ton. Bevorzugt wird «Original»-Ton und «Original»-
Bild: Am Bildschirm wird vermutlich jemand zu sehen sein, der zu dem Ereignis
etwas sagt. Für einen Zeitungsartikel ist das nicht nötig.
Das Medium wird den Bericht in jedem Fall in seine Formen pressen. Kein Ereignis,
kein Bericht über das Ereignis kann unabhängig von seinem Verbreitungsmedium
wahrgenommen zu werden.

Beispiel für die – unmögliche – Trennung von Medium und Botschaft.


© 2009 ProLitteris, Zürich, René Magritte
5.2 Medientexte erschliessen 117

Informationsquellen
Woher kommen die journalistischen Informationen?

Pressemitteilungen, Pressekonferenzen
Jedes Ressort verfügt über Redaktoren und Redaktorinnen. Aber nur in den regio-
nalen Ressorts (Stadt, Region, Kanton, allenfalls Schweiz) «machen» die Redakto-
ren die Informationen selber. Sie kennen sich mit den Umständen und Persönlich-
keiten vor Ort aus. Oft gelangen Parteien, Verbände, Unternehmen oder andere
Gruppierungen direkt an die Redaktion mittels Pressemitteilungen. Für wichtigere
Anlässe werden auch Pressekonferenzen einberufen. Darin werden Journalisten
verschiedener Medien gleichzeitig informiert.

Reporter
Als Reporterinnen und Reporter bezeichnet man in der Regel freiberufliche Journa-
listen, also Journalisten, die nicht auf einer Zeitungsredaktion angestellt sind. Nicht
alles macht eine Redaktorin selber. Häufig entscheidet sie sich, die «Geschichte» an
einen Reporter zu delegieren, der der Sache nachgeht und den Artikel schreibt.

Korrespondenten
Reporter in fernen Städten nennt man Korrespondenten (von korrespondieren: in
geschäftlicher Verbindung stehen). Korrespondenten sind auswärtige Berichterstat-
ter, die meistens für mehr als ein Medienorgan tätig sind. Qualitätszeitungen zeich-
nen sich dadurch aus, dass sie ein grosses Netz an Korrespondenten unterhalten.

Nachrichtenagenturen
Nachrichten- und Presseagenturen sammeln Nachrichten und verarbeiten sie zu
vorgefertigten Meldungen, die die Zeitungshäuser abonnieren können. Nachrich-
tenagenturen beliefern Medien rund um die Uhr mit einem nicht versiegenden Nach-
richtenfluss. Da viele Zeitungen nicht alle Ressorts mit viel Personal besetzen kön-
nen, übernehmen sie Meldungen von Nachrichtenagenturen. Das wiederum führt
zum sogenannten «Mainstreaming»: in verschiedenen Zeitungen steht dieselbe
Agenturmeldung. Agenturmeldungen sind mit ihrem Kürzel gekennzeichnet.

Auswahl internationaler Nachrichtenagenturen


AP (The Associated Press) USA
Reuters GB
dpa (Deutsche Presse-Agentur) BRD
ddp (Deutscher Depeschendienst) BRD
AFP (Agence France-Presse) Frankreich
Keystone (Bildagentur) USA

Schweizerische Nachrichtenagenturen
SDA Schweizerische Depeschenagentur
AG für Wirtschaft-Publikationen Wirtschafts- und Finanzagentur

Si Sportinformation
AP The Associated Press Büro Schweiz
5.2 Medientexte erschliessen 118

Darstellungselemente des Zeitungsartikels

1 Logo

2 Überzeile / Spitzmarke

3 Schlagzeile

4 Untertitel
5 Durchschuss

6 Quelle

7 Vorspann

8 Artikel mit Alinea

5 Durchschuss

9 Bild, Bildlegende

5 Durchschuss

10 Zwischentitel

11 Überlauf

12 Aufriss Gaza: Bodenoffensive könnte bevorstehen. S. 5


13 Balken, Linien, Kästchen
5.2 Medientexte erschliessen 119

1 Logo / Impressum
Der Namenszug, das Signet der Zeitung. Angaben zum Verlag, zu den Heraus-
gebern, zur Erscheinungsweise, zu den Werbemöglichkeiten, den Preisen,
manchmal zur Auflagenhöhe.

2 Überzeile (auch Spitzmarke genannt)


Führt mit knappen Wörtern in das Thema ein.

3 Schlagzeile (Headline)
Fasst den Kern des Artikels knapp zusammen.

4 Untertitel
Erweitert die Aussage der Schlagzeile um einen wichtigen weiterführenden As-
pekt des Themas.

5 Durchschuss (weisser Raum)


Unbedruckte Flächen zur Hervorhebung von Text oder Bild.

6 Quelle
Die Quellzeile nennt den Autor oder die Agentur. Die Quelle kann auch am
Schluss des Artikels genannt werden.

7 Vorspann (Lead)
Bezeichnet die zusammenfassende Einleitung eines Artikels. Er ist meist fett
oder kursiv gedruckt.

8 Artikel mit Alinea


Der Fliesstext wird als Artikel bezeichnet, unabhängig vom Inhalt. Oft wird die
erste Zeile eines Absatzes der Übersicht halber eingezogen (Alinea). Journalis-
ten unterscheiden «Geschichten» (Berichte), Editorial (Geleitwort des verant-
wortlichen Redakteurs), Leitartikel (von der Meinung der Redaktion gefärbter
Überblicksartikel über ein Thema), Glossen oder Kolumnen, Kommentare, Re-
portagen, Interviews, Porträts u.ä.

9 Bild und Bildlegende


Dienen der Information oder Unterhaltung und sind ein wesentliches Gestal-
tungselement.

10 Zwischentitel
Dienen als Einstiegshilfen in den Artikel. Dank Zwischentiteln erkennt man
schneller, welche Themen und Argumente angesprochen werden.

11 Überlauf
Ist die Fortsetzung eines Artikels auf einer der folgenden Seiten; er erlaubt der
Zeitung, möglichst viele Meldungen auf der Frontseite unterzubringen.

12 Aufriss
Inhaltsübersicht mit Kürzestzusammenfassung und Verweis auf Ressort und /
oder Seite.

13 Balken, Linien und Kästchen


Betonen, trennen und halten zusammen. Kästchen, oft durch Hintergrundraster
und Schriftvariation verstärkt, machen Texte zu einem ähnlichen Blickfang wie
Bilder.
5.2 Medientexte erschliessen 120

Die Zeitungsressorts
Die Redaktion einer voll ausgebauten Tages- oder Wochenzeitung besteht aus ver-
schiedenen Ressorts, denen Redaktoren oder Redaktorinnen zugeteilt sind. An der
Spitze der Redaktion steht der Chefredaktor. Bei fast allen Zeitungen gibt es die
sechs klassischen Ressorts.

Standardressorts
Inland (Schweiz, Politik)
Zum Inlandressort gehören etwa die Berichterstattung über die Arbeit der Parla-
mente, der politischen Parteien und der Regierung sowie die Berichterstattung über
Abstimmungen, Wahlen. Themen wie Umweltschutz, Verkehr, Sozialpolitik, nati-
onale Sicherheit, Kriminalität und Rechtssprechung gehören zum Inland.

Ausland
In der Auslandredaktion laufen die Meldungen von Nachrichtenagenturen und Aus-
landkorrespondenten ein. Namhafte Zeitungen unterhalten eigene Auslandbüros in
den wichtigsten Hauptstädten.

Wirtschaft
Typische Gebiete der Wirtschaftsberichterstattung sind Wirtschafts-, Währungs-
und Konjunkturpolitik, Staatshaushalt, Steuerwesen und Börsenkurse, Meldungen
aus Wirtschaftsorganisationen, Firmen-, Verbands- und Branchennachrichten, der
Arbeitsmarkt und Statistiken.

Kultur (Feuilleton)
Das Feuilleton befasst sich mit Kultur im weitesten Sinne. Schwerpunkte können
Literatur, Theater, Oper, bildende Kunst, Film sein. Auch Beiträge zu Religion,
Wissenschaft, Technik, Architektur und Städtebau, auch Rätsel und Comic-Strips
finden Aufnahme ins Feuilleton. Immer öfter beschränken sich die Zeitungen auf
die blosse Anzeige von Neuerscheinungen, neuen Filmen oder Theaterstücken.

Region
Im Regional- oder Lokalteil werden alle Themen von Politik über Wirtschaft, Kul-
tur bis Sport behandelt, die für die lokale Leserschaft von direkter Bedeutung sind.
Fast alles, was im Lokalteil erscheint, wird von lokalen Journalisten vor Ort recher-
chiert. Das Lokalressort ist deshalb in der Regel das personell am stärksten besetz-
te Zeitungsressort.

Sport
Das Sportressort berichtet über regionale, nationale und internationale Sportereignisse.

Weitere Themengebiete
Neben den sechs klassischen Ressorts gibt es je nach Zeitungstyp in der Regel fol-
gende Zeitungsseiten:
– Vermischte Meldungen (Ausserordentliches und Unfälle) / Ausgehtipps / Das re-
gionale Kinoprogramm / Das Fernseh- und Radioprogramm / Die Wetterprogno-
sen, allenfalls mit Angaben zum Pollenflug usw.
– «Digital», «Finanzen», «Motor» usw.: Seiten zu Spezialthemen.

Beilagen
Viele Zeitungen produzieren in regelmässigen Abständen Beilagen. Beliebte Themen
sind Reisen, Wissenschaft und Technik, Bildung, Auto und Motor, Literatur. Die
Beilagen dienen hauptsächlich als Inserateträger.
5.2 Medientexte erschliessen 121

Journalistische Regeln
Zwei Trennungsregeln
Obwohl die Bandbreite der medialen Textformen enorm ist, können wichtige Ge-
meinsamkeiten angegeben werden. Grundsätzlich gelten für dieWerbung
Redaktionelles Herstellung von
Texten in Printmedien folgende Trennungsregeln:

Redaktionelles Werbung

Wenn ein Printmedium für den Abdruck eines Beitrags eine finanzielle Gegenleis-
tung erhält, so spricht man von Werbeanzeigen, die klar erkennbar sein müssen und
vom unabhängigen redaktionellen Teil des Mediums zu trennen sind.

Objektivität Subjektivität

Diese Trennungsregel
Objektivität unterscheidet die objektive Darstellung der Fakten von deren
Subjektivität
subjektiver Bewertung. Während sich die traditionellen journalistischen Darstel-
lungsformen wie Bericht oder Interview auf die neutrale Wiedergabe von Sachver-
halten beschränken, bildet der Kommentar oder die Kolumne die subjektive Mei-
nung eines namentlich genannten Journalisten ab.

Qualitätskriterien
Die Stiftung Schweizer Presserat dient der freiwilligen Selbstkontrolle der Medien-
schaffenden. Mit der Erklärung der Pflichten der Journalistinnen und Journalisten
haben sich die Medienschaffenden folgenden Qualitätskriterien für journalistische
Produkte verschrieben.

Journalistinnen und Journalisten akzeptieren folgende Pflichten

1. Sie halten sich an die Wahrheit.


2. Sie verteidigen die Freiheit der Information.
3. Sie veröffentlichen nur Informationen, Dokumente, Bilder und Töne, de-
ren Quellen ihnen bekannt sind.
4. Sie bedienen sich bei der Beschaffung von Informationen keiner unlaute-
ren Methoden.
5. Sie berichtigen jede von ihnen veröffentlichte Meldung, deren materiel-
ler Inhalt sich ganz oder teilweise als falsch erweist.
6. Sie wahren das Berufsgeheimnis und geben die Quellen vertraulicher In-
formationen nicht preis.
7. Sie respektieren die Privatsphäre der einzelnen Personen.
8. Sie respektieren die Menschenwürde und verzichten in ihrer Berichter-
stattung in Text, Bild und Ton auf diskriminierende Anspielungen.
9. Sie vermeiden in ihrer beruflichen Tätigkeit als Journalistinnen und Jour-
nalisten jede Form von kommerzieller Werbung und akzeptieren keinerlei
Bedingungen von Seiten der Inserenten.
10. Sie nehmen journalistische Weisungen nur von den hierfür als verant-
wortlich bezeichneten Mitgliedern ihrer Redaktion entgegen und akzep-
tieren sie nur dann, wenn diese zur Erklärung der Pflichten der Journalis-
tinnen und Journalisten nicht im Gegensatz stehen.
(Quelle: www.presserat.ch)
5.2 Medientexte erschliessen 122

Boulevardjournalismus
Infotainment
Für den Journalismus grundlegend ist die Unterscheidung zwischen «hard news»
(Information) und «soft news» (die der Unterhaltung dienen).

Information Unterhaltung

Diese Grenze wurde in den letzten Jahrzehnten immer durchlässiger. Für die zu-
nehmend zu beobachtende Verquickung von Nachrichtenvermittlung und Unter-
haltung prägte der US-Medientheoretiker Neil Postman (1931–2003) den Begriff
Infotainment [engl. «information» und «entertainment»]. Infotainment fokussiert
auf Emotionen, Sensationen, Personen.

Boulevard
Die Strategien des Infotainments finden hauptsächlich im sogenannten Boulevard-
journalismus Anwendung. Ihren Namen hat die Boulevardzeitung von der franzö-
sischen Bezeichnung für eine grosse (Ring-)Strasse, auf der sie ursprünglich ver-
kauft wurde – im Unterschied zu den traditionellen Presseerzeugnissen, die im
Abonnement nach Hause geliefert wurden. Vier dominierende Boulevardzeitungen
aus Deutschland, aus der Schweiz, aus Österreich und aus Grossbritannien:

Merkmale des Boulevards


Boulevardzeitungen pflegen
– sensationsorientierte Aufmachungen;
– grossflächige Fotos und
– plakative Schlagzeilen.
Bilder und Überschriften nehmen den überwiegenden Platz ein, die Texte sind in
der Regel kurz, werden allerdings oft mittels hoher Sprachökonomie verdichtet
(z.B. Verzicht auf Konjunktionen und Nebensätze). Auf Hintergrundinformationen
wird in der Regel verzichtet.

Themen des Boulevards


In Boulevardzeitungen werden vor allem Themen behandelt, die Emotionen anspre-
chen. Sachliche Nachrichten werden nach Möglichkeit personifiziert, d.h. an einer
Person festgemacht und diese ins Zentrum gerückt. Der Personenkult überwiegt
die Sachberichterstattung. Deswegen bevorzugt der Boulevard Prominente. Neben
den Prominenten und den Sensationen ist der Sport das wichtigste Element des
Boulevards.
Der Boulevardjournalismus der Massenmedien ist besorgt darum, dass er von mög-
lichst vielen Menschen konsumiert wird. Deshalb werden die Nachrichten so auf-
bereitet, dass sie möglichst vielen Menschen gefallen. Mehr Informationen dazu
finden Sie auf S. 29.
5.2 Medientexte erschliessen 123

Die Boulevardisierung der Medien


Boulevardjournalismus gibt es auch in anderen Medien, insbesondere im Fernsehen.
Vor allem seit private Fernsehsender zu senden begonnen haben, ist zu beobachten,
dass die Themen der Sendungen immer weniger nach journalistischen Kriterien,
sondern nach dem Geschmack der grossen Masse der Zuschauer ausgewählt wer-
den. Qualitative Berichterstattung wird zunehmend verdrängt durch Plauder- und
Sensationsfernsehen.
Eine Erscheinung neuerer Zeit sind die Sonntagsblätter. Auch die Sonntagsausgaben
von renommierten Zeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung, des Tages Anzeigers
und der Mittellandzeitung weisen klare Tendenzen zur Boulevardisierung auf.
In neuerer Zeit werden Boulevardblätter auch gratis verteilt als sogenannte Pend-
lerzeitungen. Sie werden ausschliesslich durch Inserateeinnahmen finanziert und
sind daher verkappte Werbeträger.

Die Technik des Boulevardjournalismus'


Zwar sind zwischen den einzelnen Titeln der Boulevardpresse gewisse Unterschie-
de auszumachen, im Grundsatz arbeiten jedoch alle Boulevardzeitungen nach ähn-
lichen Prinzipien:

Das Layout des Boulevardjournalismus'


– überdimensionierte Schlagzeilen;
– übergrosse Fotografien;
– grelle Aufmachung;
– unklare Ordnung (keine Ressorts).

Die Sprache des Boulevardjournalismus'


– Kurzsatzstil (Parataxen);
– zahlreiche Frage- und Ausrufesätze;
– Hang zu Superlativen;
– Tendenz zur Umgangssprache.

Der Umgang des Boulevardjournalismus' mit Informationen


– Pauschalisierung und Vereinfachung;
– Distanzlosigkeit: Der Boulevard-Journalist gibt sich als intimer Kenner der Person
aus, die im Zentrum des Artikels steht.
– Kurzfristigkeit: Die Informationen erscheinen nicht im grösseren Zusammenhang,
sondern nur in ihrem aktuellen Sensationswert.
– Privatisierung und Personalisierung (Home-Storys): Amtsträger werden nicht in
ihrer Funktion, sondern bei der Ausübung ihrer Hobbys, in ihrer Familie, in den
Ferien vorgestellt.
– Vereinfachung (schwarz-weiss);
– Anbiederung: Erzeugung eines Wir-Gefühls. Schlagzeile der Bild-Zeitung zur
Wahl Benedikts XVI.: «Wir sind Papst!»
5.2 Medientexte erschliessen 124

Beispiel

Schlagze ile in grossen Lettern


reisserisch (Ausrufezeichen)
Emotionalisierung

grelle Aufmachung, Vermutung


(«anscheinend») statt Information

kurze, einfache Sätze, Pauschali-

Quelle: http://www.blick.ch/news/ausland/frauen-vergewaltigt-berlusconi-macht-witze-110586, gefunden auf www.blick.ch, aufgeschaltet am 26.01.2009


sierung, Verallgemeinerung

Sachverhalt verkürzt und verzerrt


wiedergegeben, Vereinfachung
durch Auslassung

grosses Bild als Blickfang


(Bild aus der Froschperspektiver
bewirkt, dass Berlusconi arrogant
beziehungsweise überlegen
wirkt.)

Hang zur Umgangssprache

– nacherzählend
– nicht selbst recherchiert
– unsachlich auf Person gezielt
– unklare Urheberschaft
(«laut Medienberichten»)

Betonung der Kontroverse

Entpolitisierung / Vereinfachung:
Schwarz-Weiss-Modell

Anbiederung / Kumpelhaftigkeit,
Hang zur Verleumdung
6. Schreiben
6.1 Der Schreibprozess 126

Schreiben
Schreiben ist neben Sprechen und Körpersprache eines der Hauptmedien mensch-
licher Kommunikation.

Schreiben im Lehrwerk «Deutsch am Gymnasium»


Schreibend schreiben lernen Schreibend Literatur verstehen
– Schreiben im Alltag – Kreatives Schreiben
– Schreiben im Beruf – Erzählungen
– Schreiben im Studium – Gedichte
– usw. – usw.

Deutsch am Gymnasium 2 Deutsch am Gymnasium 4


«Einfach schreiben» «Wege zur Literatur»

Schreiben ist schwer


Wieso ist das Schreiben so schwer? Alle, die schon einmal für ein Publikum ge-
schrieben haben, wissen, dass Schreiben nicht nur bedeutet, etwas auf ein Blatt
Papier zu bringen. Schreiben ist so schwer, weil man gleichzeitig viele Dinge be-
rücksichtigen muss. In diesem Kapitel geht es darum, zu zeigen, welche Dinge –
Textmerkmale – das sind. Kein Mensch kann an alles gleichzeitig denken. Deshalb
zeigt dieses Kapitel auch, wie man den Schreibprozess in Etappen einteilt.

Mündliche und schriftliche Kommunikation


Der Verfasser eines Textes muss eine Reihe von Dingen planen, die ein Sprecher
im Dialog schnell und nach Bedarf anpassen kann.

Mündlichkeit (Oralität) Schriftlichkeit (Literalität)

Anwesenheit beider situationsentbunden (nur


Kommunikationspartner hypothetische Interaktion von
Autorin und Leser)

Produktion und Rezeption simultan, Produktion und Rezeption nicht


wechselseitiges Reagieren simultan. Reaktion allenfalls zeitlich
versetzt möglich.

Nonverbale Kontaktsignale (Mimik, Kontaktsignale fehlen, allenfalls


Gestik, Stimmdynamik, Betonung unzulänglich durch Interpunktion
usw.) ersetzt.

– Wiederholungen – Vermeidung von Redundanz


– spontan, assoziativ – ausführlich
– emotional – stärker distanziert
Einfacherer Wortschatz Grössere Wortschatzvarianz
Offene, dialogische Struktur Strukturierung durch Kohärenz und
Kohäsionsmittel
(nach M. Fix, Texte schreiben. Paderborn, 2. Auflage, 2008. S. 65 f.)
6.1 Der Schreibprozess 127

Schreibkommunikation
Abgesehen von wenigen Ausnahmen – etwa Tagebüchern – verfolgt das Schreiben
eine kommunikative Absicht. Wir wollen jemandem etwas mitteilen oder überlie-
fern, wir erzählen jemandem etwas, wir erklären oder beschreiben für jemanden.
Für das Schreiben gelten also dieselben Grundsätze wie für die mündliche Kom-
munikation (vgl. S. 38 f.).

Vermeide Missverständnisse!
Denn: Kommunikation ist partnerorientiert.

Die Schreibkommunikation hat zum Zweck, dass die Leser verstehen können, was
der Autor sagt. Deshalb ist es die Aufgabe des Autors, für Verständigung zu sorgen.

Der Autor hat dafür zu sorgen, dass seine Leser ihn verstehen können.

Texte sind Medien


Die Schrift ist ein gebräuchlicher «Code» für den Kommunikationsprozess.
Für die Schrift kommen verschiedene Medien in Frage:
a) Papier: Buch, Aufsatzheft, Zeitung usw.
b) die elektronische Übermittlung: Mail, SMS, Internetseiten usw.

Codierung Decodierung
Produzent Text Rezipient

gemeinsamer Zeichenvorrat

Grundsatz der Schreibkommunikation


Der Grundsatz der Schreibkommunikation lautet:

«
Wie schreibe ich das,
was ich schreiben will, so,
dass andere mein Anliegen verstehen?
Anmerkung
Selbst wenn literarische Texte ebenfalls eine Kommunikationsabsicht verfolgen,
wirken sie auf anderen Wegen als informative, darstellende, argumentative, be-
schreibende, erklärende oder appellierende Texte.
Mehr zu literarischen Texten im Band Deutsch am Gymnasium 3: «Literatur».
6.1 Der Schreibprozess 128

Textmerkmale
Die Eigenschaft des «Text-Seins» bezeichnet man als Textualität, die sprachwissen-
schaftliche Untersuchung von Texten ist die Textlinguistik. Die Textlinguistik un-
tersucht die Kriterien, die ein Text aufweisen muss, damit er seine Aufgabe in der
Schreibkommunikation erfüllen kann. Diese Kriterien beziehen sich einerseits auf
die Merkmale des Textes selbst (Kohäsion und Kohärenz), andererseits auf die
Merkmale einer Kommunikationssituation, aus der der betreffende Text entsteht
bzw. in der er eingesetzt wird (Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität).

A. Textimmanente Textualität
1. Kohärenz (Ausführlichkeit)
Mit Kohärenz wird der inhaltliche logische Aufbau innerhalb des Textes bezeich-
net. Kohärent ist ein Text, der genügend Informationen mitteilt, die es erlauben,
den Gedankengang des Autors zu verfolgen.

«Für mich ist klar, dass das tägliche Durchschnittsgedudel an unseren Radios
nicht den Musikredaktoren zuzuschreiben ist. Denn: Der Wurm muss dem Fisch
schmecken.»

Eine Redensart («Der Wurm muss dem Fisch schmecken») wird hier nur halb
wiedergegeben; es fehlt: «und nicht dem Angler». Was die Redensart belegen soll,
wofür sie Beispiel sein soll, steht hier nicht.
Dies ist ein Beispiel für fehlende Kohärenz. Die normale Reaktion des Autors
dieser Zeile wäre: «Ja, aber das ist doch völlig klar!» Das stimmt vielleicht für
den Autor, aber nicht für den Leser. Es ist die Aufgabe des Autors, so zu schrei-
ben, dass der Leser den Text verstehen kann.

2. Kohäsion (Zusammenhalt)
Kohäsion bezieht sich auf den Zusammenhalt des Textes. Gemeint sind die for-
malen Mittel, welche Beziehungen zwischen den Sätzen signalisieren. Es handelt
sich dabei sowohl um grammatische Elemente wie Kongruenz (Übereinstimmung
in Person, Numerus und Tempus) als auch um Wortwiederholungen, Umschrei-
bungen oder Querverweise. Besonders Pronomen («sie», «jener»), Konjunktionen
(«deshalb», «während») und Pronominaladverbien («nämlich», «dabei») dienen
der Kohäsion.

«Die Schönheiten einer Pflicht sind manchmal schwierig zu finden. Eine Pflicht
suchen wir uns nicht selber aus, sondern sie wird uns übertragen, von der Natur,
unseren Mitmenschen oder der Verantwortung, die wir übernommen haben. Dies
will aber nicht heissen, dass Pflichten immer nur eine Belastung sind. Für mich
haben Pflichten auch eine schöne Seite, nämlich ...»

Die kursiven Wörter nehmen jeweils eine Aussage des Vorsatzes wieder auf und
führen so den Gedanken folgerichtig und klar verständlich fort. So ist es richtig,
so muss es sein. Während ein einzelner Satz dadurch gekennzeichnet ist, dass er
eine unabhängige sprachliche Form darstellt – in sich abgeschlossen in Grammatik,
Sinn und Aussage – , bestehen Texte aus Sätzen, die in ihrer grammatischen Kon-
struktion in den Zusammenhang eingebettet sein müssen. Die Verweisstruktur
ergibt ein Beziehungsgeflecht. Je enger das Geflecht ist, desto genauer ist der Text.
6.1 Der Schreibprozess 129

B. Situationsbezogene Textualität
Zusätzlich zu den texteigenen Kriterien kommen die situationsbezogenen Kriterien
ins Spiel: Texte sind auch dadurch bestimmt, dass ein Sender sie mit einer bestimm-
ten Absicht (Intention) produziert und ein Empfänger sie als solche akzeptiert.
Ein Empfänger «akzeptiert» einen Text, den er in seine Vorstellungswelt «einbauen»
kann (der also erwartete und bekannte Elemente enthält) und der für ihn informa-
tiv ist (der also unerwartete und neue Elemente enthält).

3. Intentionalität
Unter Intentionalität versteht man die Absicht des Produzenten. Erst wenn der
Autor bekannt gibt, was er mitzuteilen gedachte, kann ich ermessen, ob ich ver-
standen habe.

4. Akzeptabilität
Betrifft die Intentionalität den Textproduzenten, so meint die Akzeptabilität die
Einstellung des Rezipienten. Akzeptabilität ist sowohl die Bereitschaft des Au-
tors, den Text so zu gestalten, dass der Leser ihn verstehen kann, als auch die
Bereitschaft des Lesers, den Text im Sinne des Produzenten zu lesen.

5. Informativität
Informativität ist der Grad der Neuheit der dargebotenen Information. Er pendelt
immer zwischen Altem (Bekanntem) und Neuem (Unbekanntem) und ist unter
anderem abhängig vom Vorwissen des Lesers.

Textmerkmale im Kommunikationsmodell
Intentionalität und Akzeptabilität nehmen im Kommunikationsmodell den Platz der
Situationsdeutung ein. Die Informativität bezieht sich auf das Medium.

Weltwissen

Sprachwissen

Schreiber Text Leser


(Produzent) Informativität (Rezipient)
Motivation Motivation

Intentionalität Akzeptabilität

Diese Darstellung zeigt, welche Dimensionen im Vorgang des Schreibens zusammen-


spielen. Das Modell selbst wird im Kapitel Kommunikation auf S. 48 erklärt.
6.1 Der Schreibprozess 130

Stil
Der Begriff Stil bezeichnet die auffälligen, charakteristischen Elemente eines geschrie-
benen Textes. Zu unterscheiden ist zwischen «einen Stil haben» und «Stil haben».

Zeigen Sie, dass Sie Stil haben


Für die Formulierung von Texten, die für ein Publikum bestimmt sind, ist ein Stil
anzustreben, der nicht manieriert oder vulgär ist, sondern zivilisiert oder kultiviert.
Zeigen Sie, dass Sie Stil haben.
– Jemand hat einen Stil, orientiert also sein Verhalten konsequent an einem von ihm
vertretenen Wertkonzept.
– Jemand hat Stil, wenn er sich innerhalb eines geschmacklichen Kanons sicher bewegt.

CALVIN AND HOBBES © 1993 Watterson. Dist. By UNIVERSAL PRESS SYNDICATE. Reprinted with permission. All rights reserved.

Stilhöhe Einsatz Merkmale


einfacher Stil Leser unmittelbar – ungezwungen
(Umgangssprache); und kollegial / familiär – anschaulich
an Mündlichkeit ansprechen – gefühlsbetont
angelehnt – kleiner Wortschatz
– einfacher Satzbau

mittlerer Stil seinen Standpunkt – sachlich


(Standardsprache) oder einen Sachverhalt – treffende Ausdrucksweise
«zivilisiert» neutral und sachlich – bewusst differenziert
darlegen – Verbalstil
erhabener Stil feierliche Stimmung – gewählte, nicht alltägliche
(gehobene Sprache) erzeugen, die die Wortwahl
«kultiviert» Würde des Themas – Euphemismen
unterstreicht – keine direkte Ansprache des
Publikums
formeller Stil ergibt sich meist – umständlich
«manieriert» unbewusst, wo – schwerfällig
möglichst genau, – korrekt, aber weder leben-
sachlich und distanziert dig noch anschaulich
erörtert wird – Nominalstil
derber, vulgärer Stil Anbiederung ans – vulgäre Wörter
Publikum – Scherze auf Kosten
anderer
– verletzend, diskriminierend
6.1 Der Schreibprozess 131

Schreiben als Prozess


Ebensowenig wie die mündliche Kommunikation ist das Schreiben etwas, was «ein-
fach passiert». Schreiben ist geplant, zielgerichtet und «konstruiert». Wie jede Form
der Kommunikation ist Schreiben ein bewusstes Handeln.

Vom leeren Blatt zum verständlichen Text


Schreiben verläuft «krisenhaft» als ein allmählicher Aufbau von Schreibstrategien,
die immer wieder überprüft und nachgebessert werden müssen. Der geschriebene
Text ist das Produkt eines Prozesses, in dessen Verlauf zahlreiche Aspekte koordi-
niert werden müssen:
– die eigene Subjektivität, die eigene Meinung;
– die sachliche Komplexität eines Themas oder eines Anliegens;
– die formalen Anforderungen eines Textes;
– die Erwartungen der Leserinnen und Leser.

Die Darstellung zeigt die Dimensionen, die im Schreibprozess ineinander greifen


(Ovale). Es ist unerlässlich, sie zu ordnen und in einen Ablauf zu bringen (1. – 5.).

zweifeln
verwerfen
schreiben

Impuls erhalten auswählen schreiben überarbeiten


planen
vorhaben ordnen
überdenken
Material sammeln

1. Schreibanlass 2. Themenfindung 3. Arbeitsstrategie 4. Entwurf 5. Redaktion


Planung entwickeln
Endfassung
Problem- Planung – Textwissen Formulierung Überarbeitung
orientierung – Strukturierung

Schreibkompetenzen
Schreiben ist nichts, was «einfach geschieht». Es setzt gewisse Fähigkeiten – man
spricht auch von Kompetenzen – voraus.
1. Problemorientierung und Zielsetzungskompetenz
2. Planungsfähigkeit und inhaltliche Kompetenz
3. Textwissen und Strukturierungskompetenz
4. Formulierungsfähigkeit
5. Fähigkeit des Überarbeitens
Diese Kompetenzen legen auch offen, wonach ein Text beurteilt wird. Ein fertiger
Text ist nicht einfach «gut» oder «schlecht», sondern entspricht mehr oder weniger
den geforderten Kompetenzen.

Schreibkompetenzen = Beurteilungskriterien für Texte


6.1 Der Schreibprozess 132

1. Problemorientierung
Interdependenzen im Schreibprozess

Warum und Was schreibe ich? Wie baue ich den Text Wie formuliere ich den Wie überarbeite ich den
für wen schreibe ich? auf? Text? Text?
– Problemorientierung – Planungsfähigkeit – Textwissen – Formulierungsfähigkeit – Überarbeitungsfähigkeit
– Zielsetzungskompetenz – Inhaltskompetenz – Strukturierungs-
kompetenz

Anforderungen an die Problemorientierung


Mit Problemorientierung ist die subjektive Beteiligung gemeint. Von wenigen
Schreibanlässen abgesehen schreiben Sie, weil Sie etwas zu sagen haben. Es ist
deshalb wichtig, dass Ihre Leserinnen und Leser den Schreibanlass, Ihre Schreib-
motivation und Ihre Position kennen.
Anforderungen an die Problemorientierung sind:
– Themenbezug und sachliche Richtigkeit;
– Angemessenheit des Reflexionsniveaus;
– formale Homogenität;
– Abgeschlossenheit.

Problemorientierung und Zielsetzungskompetenz


Die Problemorientierung verlangt auch eine klare Zielsetzung, d.h., sie besteht im
Setzen eines konkreten Schreibziels auf Grund der Analyse des Schreibvorhabens
und der Lesererwartung. Sie ist die Fähigkeit, ein persönliches Anliegen zu formu-
lieren und publikumsorientiert zu kommunizieren.

Landwirtschaft,
Landschaft
ruhige Lage
Natur, Ruhe,
Esskastanien Heimat

Natur im und um kein Verkehr


das Dorf

Was verbindet mich mit meinem Dorf? Berge

Heimat Familie /
Verwandte

Geborgenheit Wunschloses
Glück
Ureinwohner

Raum zum Leben

Beispiel einer Auseinandersetzung mit einem Thema (Problem)

Schreibkommunikation – Problemorientierung
Der Grundsatz der Schreibkommunikation angewendet auf die Problemorientierung
lautet also:

«
Wie schreibe ich das,
was ich schreiben will, so,
dass andere mein Anliegen verstehen?
6.1 Der Schreibprozess 133

2. Planungsfähigkeit
Interdependenzen im Schreibprozess

Warum und Was schreibe ich? Wie baue ich den Text Wie formuliere ich den Wie überarbeite ich den
für wen schreibe ich? auf? Text? Text?
– Problemorientierung – Planungsfähigkeit – Textwissen – Formulierungsfähigkeit – Überarbeitungsfähigkeit
– Zielsetzungskompetenz – Inhaltskompetenz – Strukturierungs-
kompetenz

Treffen von Vorentscheidungen


Nachdem Sie das Problem verstanden haben und nachdem Sie wissen, was Sie
dazu zu sagen haben, müssen Sie Vorentscheidungen treffen:
1. Was ist von Ihnen verlangt: Verstehen, klären, eigene Ansichten, ein Urteil, eine
Auskunft usw.?
2. Stellen Sie die Adressatenfrage: Schreibe ich einen Text für ein Fachpublikum, das
mit der Thematik vertraut ist, oder für uninformierte Leser?
3. Teilen Sie sich die Zeit ein. Meistens lässt sich im gegebenen Zeitrahmen nur ein
Bruchteil dessen realisieren, was Sie an Plänen und Gedanken im Kopf haben.
Planungsfähigkeit meint die Fähigkeit, eine genaue Vorstellung vom Produkt des
Schreibens zu entwickeln.

Planungsfähigkeit und Inhaltskompetenz


Planungsfähigkeit bedeutet letztlich auch Inhaltskompetenz: Bescheid wissen über
die Sache, d.h. Vorwissen aktivieren, neue Informationen oder neues Wissen zu-
sammentragen. Weitere Informationen dazu finden Sie auf S. 146 f.

Initiative
Schreibziel

Information
Wissenserwerb

Planung
Korrektur

Produktion

Korrektur

Verifikation

Schreibkommunikation – Planungsfähigkeit
Der Grundsatz der Schreibkommunikation angewendet auf die Planungsfähigkeit
lautet also:

«
Wie schreibe ich das,
was ich schreiben will, so,
dass andere mein Anliegen verstehen?
6.1 Der Schreibprozess 134

3. Textwissen

Interdependenzen im Schreibprozess

Warum und Was schreibe ich? Wie baue ich den Text Wie formuliere ich den Wie überarbeite ich den
für wen schreibe ich? auf? Text? Text?
– Problemorientierung – Planungsfähigkeit – Textwissen – Formulierungsfähigkeit – Überarbeitungsfähigkeit
– Zielsetzungskompetenz – Inhaltskompetenz – Strukturierungs-
kompetenz

Anforderungen des Textes


Im Gegensatz zum Sprechen, während dem Sie die Reaktionen auf das Gesagte in
der Regel sofort spüren, verlagert sich das Gewicht beim Schreiben auf die Anfor-
derungen des Textes. Ein Text ist keine Ansammlung von einzelnen Sätzen; jeder
Satz steht in engem Zusammenhang mit allen anderen.
Schriftliche Äusserungen beschränken sich nicht auf Einzelsätze. Miteinander ver-
bundene und aufeinander aufbauende Äusserungen bezeichnen wir als Texte. Die
Merkmale von Texten werden auf S. 128 f. erklärt.

Textsortenwissen
Textsorten sind konventionell geltende Muster für sprachliche Handlungen. Jede Text-
sorte verfügt über formale Merkmale. Textsorten unterscheiden sich in ihrer kommu-
nikativen Funktion. Sie unterscheiden sich ferner gemäss den Schreibabsichten.

Schreibabsicht mögliche Textsorte

Informationen festhalten Notiz (z.B. Einkaufszettel)


Erinnerungen festhalten Tagebuch
Gefühle schildern Gedicht
Sich präsentieren Bewerbungsschreiben
Eine Meinung bilden Erörterung

Alles Weitere über Textsorten finden Sie im Band Deutsch am Gymnasium 2:


«Einfach schreiben».

Strukturierungskompetenz
Die Textstruktur ist abhängig von der Textsorte und der Leserführung. Eine sinn-
volle Textgliederung nimmt die Leser «an der Hand» und führt sie durch den Text,
und zwar so, dass sie bei jedem Schritt begreifen, was gesagt wird und wieso es
gesagt wird.

Schreibkommunikation – Strukturierungskompetenz
Der Grundsatz der Schreibkommunikation angewendet auf die Strukturierungs-
kompetenz lautet also:

«
Wie schreibe ich das,
was ich schreiben will, so,
dass andere mein Anliegen verstehen?
6.1 Der Schreibprozess 135

4. Formulieren
Interdependenzen im Schreibprozess

Warum und Was schreibe ich? Wie baue ich den Text Wie formuliere ich den Wie überarbeite ich den
für wen schreibe ich? auf? Text? Text?
– Problemorientierung – Planungsfähigkeit – Textwissen – Formulierungsfähigkeit – Überarbeitungsfähigkeit
– Zielsetzungskompetenz – Inhaltskompetenz – Strukturierungs-
kompetenz

Die sprachliche Ausgestaltung


Texte bestehen selbstverständlich aus Sprache: aus Wörtern und Sätzen, die aufei-
nander abgestimmt und miteinander verbunden sein müssen. Doch erst in dem
Moment, in dem ich weiss, was ich wem sagen will, nachdem ich also eine Kom-
munikationsabsicht bestimmt und das Material strukturiert habe, kann ich mich an
die sprachliche Ausgestaltung machen.

Das Formulierungsfeld
Die Formulierung muss wesentliche im Schreibprozess erforderliche Kompetenzen
gleichzeitig berücksichtigen. Die folgende Darstellung zeigt eine Übersicht. Dar-
aus folgt, dass Formulieren erst erfolgen kann, wenn die Voraussetzung in den
ersten Schritten des Schreibprozesses dazu geschaffen worden sind.

Problemorientierung
– Bezug zur Aufgaben-
stellung
– Präzision der Begriffe
und Formulierungen

Textkompetenz Inhaltskompetenz
– sprachliche Korrektheit – Überzeugende Darstel-
– stilistische Angemessen- lung einer gehaltvollen
heit Formulieren Position
– bewusste und wirkungs- – Entwicklung einer
volle Verwendung der eigenen Zielsetzung
sprachlichen Mittel

Strukturierungskompetenz
– Aufbau
– Gestaltung
– Leserführung

Formulierungsfähigkeit
Die Formulierungsfähigkeit umfasst das verfügbare Sprachwissen in Wortwahl,
Rechtschreibung und Satzbau. Darunter fällt die Fähigkeit, die Formulierungen und
die Wortwahl anzupassen
– an die Sachlichkeit des Themas;
– an die angemessene Stilebene;
– an das Zielpublikum;
– an die gewählte oder geforderte Textsorte;
– und nicht zuletzt an Ihre eigene Kommunikationsabsicht.
6.1 Der Schreibprozess 136

Checkliste Formulieren
Das Formulieren verknüpft die verschiedenen Kompetenzen. Deshalb sind Formu-
lierungskriterien gleichzeitig auch Kriterien für Problemorientierung, Inhaltskom-
petenz, Textkompetenz und Strukturierungskompetenz.

eher eher
1. Textkompetenz und Strukturierungskompetenz ja nein
ja nein

Wird die Textsorte eingehalten?


Leserführung: Gelingt es mir, so durch den Text zu
führen, dass die Leserin bzw. der Leser sich jederzeit
zurechtfindet?
Textlogik: Stimmt es, dass es keine sinnstörenden
Wörter, keine logischen Brüche und fehlenden
Übergänge gibt?
Gibt es keine Unklarheiten und offenen Fragen zum
Text? Hat man alles verstehen können?
Ist der Text verständlich, originell, flüssig, lebendig
geschrieben?
Passt die Wortwahl? Ist der Wortschatz vielfältig und
abwechslungsreich?

eher eher
2. Problemorientierung und Inhaltskompetenz ja nein
ja nein

Kommt das Kommunikationsziel des Textes zum


Ausdruck?
Verfügt der Text über eigene Ideen, Witz,
Originalität? Reagiert der Text auf die Problem-
stellung?
Befinden sich die Formulierungen auf einem der
Textsorte angepassten Reflexionsniveau? Gibt es
keine Allgemeinplätze, Binsenweisheiten usw.
(siehe S. 94)?
Wird sachlich, genau und inhaltlich richtig formuliert?
Sind die Aussagen durch Zitate, Beispiele belegt?

Schreibkommunikation – Formulierungskompetenz
Der Grundsatz der Schreibkommunikation angewendet auf die Formulierungskom-
petenz lautet also:

«
Wie schreibe ich das,
was ich schreiben will, so,
dass andere mein Anliegen verstehen?
6.1 Der Schreibprozess 137

5. Überarbeiten
Interdependenzen im Schreibprozess

Warum und Was schreibe ich? Wie baue ich den Text Wie formuliere ich den Wie überarbeite ich den
für wen schreibe ich? auf? Text? Text?
– Problemorientierung – Planungsfähigkeit – Textwissen – Formulierungsfähigkeit – Überarbeitungsfähigkeit
– Zielsetzungskompetenz – Inhaltskompetenz – Strukturierungs-
kompetenz

Der Wille zur Überarbeitung


Überarbeitungsfähigkeit bedeutet, das Geschriebene darauf zu prüfen, ob es dem
Anliegen und der Absicht entspricht, ob es dem Zielpublikum und dem Thema an-
gemessen ist. Das setzt wiederum eine Bereitschaft voraus, sich mit dem einmal
niedergeschriebenen Text nicht zufrieden zu geben, sondern ihn auf die Publi-
kumstauglichkeit zu trimmen.

nein

Wortwahl

Kohäsion

ja
Rohfassung Kohärenz o.k.? Endfassung

Orthografie

Interpunktion

Wieso überarbeiten?
Leserführung, Rechtschreibung und Zeichensetzung dienen nicht der Produktion
von Texten, sondern ausschliesslich der leichteren Lesbarkeit von Texten. Wirkt die
Berücksichtigung von Orthografie und Interpunktion, Kohärenz und Wortwahl im
Schreibprozess noch eher störend, sollten sie für die Endfassung eines Textes sorg-
fältig überprüft werden. Denn Sie schreiben einen Text selten für sich, sondern für
andere.

Schreibkommunikation – Das Überarbeiten


Der Grundsatz der Schreibkommunikation angewendet auf das Überarbeiten lautet
also:

«
Wie schreibe ich das,
was ich schreiben will, so,
dass andere mein Anliegen verstehen?
6.2 Verständlich schreiben 138

Verständlich schreiben
Verständlich schreiben ist wahrlich schwer. Einige Hinweise sollen Ihnen helfen,
die gröbsten Fehler gar nicht erst zu begehen. Andere helfen Ihnen, Ihren Text ver-
ständlicher zu gestalten.

Die 5 Gebote (zum Auswendiglernen!)


Die folgenden Gebote helfen Ihnen, Ihre Texte auf einfache Weise aufzubessern.

1. Keine wenn-Sätze, vor allem keine wenn-dann-Sätze

Die Geschichte mit der Oma fand ich traurig, weil wenn man Feste immer
mit denselben wichtigen Menschen feiert und wenn plötzlich jemand
fehlt, so wird es nie mehr dasselbe sein.
Wir feiern immer mit denselben mir wichtigen Menschen. Stürbe einer,
fehlte er mir. Feiern wäre nicht mehr dasselbe.

2. So wenig dass-Sätze wie möglich

Dass ist eine häufig gebrauchte Konjunktion. Nicht jedes dass lässt sich ver-
meiden, aber immerhin viele. Vor allem gehäuft darf dass nicht vorkommen.
Ich bin überzeugt, dass es mit der richtigen Musik unmöglich sein wird, dass
die Leute nicht tanzen.
Mit der richtigen Musik werden die Leute gewiss tanzen.

3. Keine Passivsätze

Ich finde, dass die Öffnungszeiten flexibler gestaltet werden sollten.


Ich halte flexible Öffnungszeiten für sinnvoller.

4. Keine und-Anschlüsse

Der Text besteht aus vielen Dialogen und ist im Präteritum geschrieben. Da
baut der Verkäufer eine Fabrik und der Wald und seine Luft werden ver-
schmutzt. Der Elch kommt zum Verkäufer und möchte eine Gasmaske. Der
Verkäufer hat sein Ziel erreicht und kann sich einen guten Verkäufer nennen.
In dem aus vielen Dialogen bestehenden Text will ein Verkäufer einem Elch
eine Gasmaske verkaufen. Zu diesem Zweck baut er eine Fabrik, die die Luft
so verpestet, dass die Elche Gasmasken benötigen. Er ist also tatsächlich ein
guter Verkäufer.

5. Keine substantivierten Verben und Adjektive

Die Umgangssprache neigt dazu, Verben zu substantivieren: am Lesen, beim


Essen, vorm Zähneputzen, im Gehen usw. In der geschriebenen Form wirkt das
schwerfällig und plump.
Dasselbe gilt für substantivierte Adjektive: etwas Schönes, manch Preiswertes
usw.
Beim Lesen von Sachtexten ist man immer fast am Einschlafen.
Wer Sachtexte lesen muss, könnte manchmal einschlafen.

Mit etwas Übung werden Sie diese fünf wichtigsten Formulierungsfehler vermeiden.
6.2 Verständlich schreiben 139

Beispiel zu den 5 Geboten

Auch dass er hier, in der BRD, besser bezahlt wird, und dass er, als Doktor der
Chemie, hier endlich das Mass an Anerkennung bekommen wird, das er seines
Erachtens verdient, hat sicher bei der Fällung des Entscheides, in der BRD zu
bleiben, eine wichtige Rolle gespielt.

Anleitung
1. Leicht verständlich sind deutsche Sätze – wie übrigens französische, spanische
und englische auch – , solange sie nach dem Muster «Wer macht was» aufgebaut
werden (Subjekt – Prädikat – Objekt[e]). Damit lassen sich Passivsätze («bezahlt
wird») vermeiden.
2. Ergänzen lassen sich Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätze mit Adverbialen, nach
Wunsch mit Attributen.
3. Alle zusätzlichen, nicht unmittelbar zum Ausgangssatz gehörigen Informationen
sollten in eigenen Sätzen (in abhängigen Nebensätzen wie z.B. Relativsätzen
oder Hauptsätzen) formuliert werden.
4. Gerade substantivierte Verben oder substantivierte Adjektive («Fällung des Ent-
scheides», «seines Erachtens») lassen sich einfach in Nebensätzen (oft sogar in
Hauptsätzen) auflösen.

Analyse:
Auch dass er hier, in der BRD, besser bezahlt wird und dass er, als Doktor der Che-
mie, hier endlich das Mass an Anerkennung bekommen wird, das er seines Erachtens
verdient, hat sicher bei der Fällung des Entscheides, in der BRD zu bleiben, eine
wichtige Rolle gespielt.

Ergebnis:
Er entschied sich, in der BRD zu bleiben.
Zwei Gründe haben diesen Entscheid beeinflusst.
In der BRD sind die Löhne höher.
Ausserdem erhält ein Doktor der Chemie mehr Anerkennung.
Beides war ihm wichtig.
6.2 Verständlich schreiben 140

Merkmale der Verständlichkeit


Das Hamburger Modell
Das Psychologenteam Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun und Reinhard
Rausch ist in seiner Studie «Verständlichkeit in Schule, Verwaltung, Politik und
Wissenschaft» (München / Basel 1974; spätere Auflagen: «Sich verständlich ausdrü-
cken», München, 8. Aufl. 2006) der Frage nachgegangen, durch welche Kriterien
sich verständliche Texte auszeichnen. Es sind dies vier textimmanente Kriterien:
– Einfachheit
– Gliederung / Ordnung
– Kürze / Prägnanz
– anregende Zusätze
Aus dieser empirischen Studie ist das sogenannte Hamburger Modell (oder der
«Hamburger Verständlichkeitsansatz») hervorgegangen, das für die vorliegende
Checkliste abgewandelt und mit anschaulichen Beispielen versehen wurde.

Beispieltext

Ich sah schon einige James-Bond-Filme (überhaupt bin ich ein grosser Filmlieb-
haber) und neulich auch den neusten: «Ein Quantum Trost».
Beim neuen Film finden die Handlungen zu schnell statt. Man hat Mühe, die
einzelnen Szenen genau zu verfolgen.
Die originellen technischen Funktionen (fliegende oder schwimmende Autos,
schiessende Kugelschreiber) sind nicht mehr vorhanden, die der James Bond
immer hatte. Auch die schönen Landschaften fehlen. Und das Gute und das
Böse differenzieren sich nicht mehr so stark wie bei den alten Filmen.
Beim neuen Film wird jedoch dem Publikum gezeigt, dass der James Bond ver-
letzt werden kann und nicht unbedingt mehrere Frauen haben muss.
Die alten James-Bond-Filme sind typische Agentenfilme mit schönen Land-
schaften, humorvollen Szenen, viel Technik und vielen schönen Frauen. Wobei
der neue Bond-Film eher ein normaler Actionfilm ist. Man sollte sich wieder
dem alten Bond annähern.

Dieser Text verstösst gleich in mehrfacher Hinsicht gegen die geforderten Kriterien
des verständlichen Schreibens. Er soll im Folgenden nach den vier Verständlich-
keitsmerkmalen analysiert und verbessert werden.
Verständlich ist ein Text, der einfach, geordnet, klar und anregend geschrieben ist.

einfach Präzision jeweils auf der Ebene:

geordnet Logik – Wort

klar Leserfreundlichkeit – Satz

anregend Anreiz – Text


6.2 Verständlich schreiben 141

1. Leserfreundlichkeit
Behandeln Sie Ihre Leser als Freunde.

problematisch Erklärung / Hinweis

Die originellen technischen Funktionen – Abstrakte Ausdrucksweise;


(fliegende oder schwimmende Autos, – die Beispiele sind in einer Klammer in
schiessende Kugelschreiber) sind nicht mehr den Satz geflickt
vorhanden, die der James Bond immer hatte. – störende Wortstellung
– Leser muss vermuten: im neuen Film?
Und das Gute und das Böse differenziert sich Abstrakte, ungenaue Begriffe,
nicht mehr so stark wie bei den alten Filmen. substantivierte Adjektive

dass der James Bond Grammatischer Fehler

problematisch wünschenswert

– ungeläufige und abstrakte Begriffe – geläufige, konkrete Wörter


Wort
– Nominalstil (Häufung von Nomen) – Verbalstil (Verb im Zentrum)

– verschachtelte Sätze – elegante Sätze


– missverständliche oder störende – übersichtliche Wortstellung
Satz
Wortstellung
– grammatische Fehler

unverständliche Passagen oder nur – einfaches Textverständnis


durch Vermutungen erahnbare Text – nachvollziehbarer Text
Aussagen

2. Logik
Führen Sie Ihre Leser durch den Text.

problematisch Erklärung / Hinweis

Ich sah schon einige James-Bond-Filme und Unlogisch: Geht es um einen Vergleich
neulich auch den neusten: «Ein Quantum oder doch nicht?
Trost».
Beim neuen Film finden die Handlungen zu
schnell statt.1 Man hat Mühe, die einzelnen 1
Wieso? Beispiele? Vergleiche?
Szenen genau zu verfolgen.2 2
Wieso? Beispiele? Vergleiche?

problematisch wünschenswert

fehlende, unlogische, ungenaue Kohäsion (klare Anschlüsse)


Wort
Anschlüsse (Konjunktionen, Pronomen)

– fehlende Information Kohärenz (genügend Information)


Satz
– implizite (nur mitgemeinte) Aussage

– zusammenhanglose Sätze – logische Gedankenreihung


– Gedankensprünge – Text, der den Leser an der Hand
Text
– Text, der den Leser sich selbst nimmt und führt
überlässt
6.2 Verständlich schreiben 142

3. Präzision
Verwöhnen Sie Ihre Leser mit treffenden Wörtern und klaren Gedanken.

problematisch Erklärung / Hinweis

Ich sah schon einige James-Bond-


Filme (überhaupt bin ich ein grosser Überflüssige Information, die ablenkt
Filmliebhaber) und neulich auch den
neusten: «Ein Quantum Trost».
Man sollte sich wieder dem alten Bond Wieso? Wer ist qualifiziert, das zu
annähern. fordern? Von wem?

problematisch wünschenswert

austauschbare Allerweltswörter – aussagekräftige Verben


Wort – treffende Begriffe
– Metaphern

– Aussagen mit «sollen» (siehe S. 94) – keine unnützen Forderungen (sollen)


– überladene, überlange Sätze Satz – schlanke, klare Sätze
– Informationen auf Sätze verteilt

keine klare Informationshierarchie – zielgerichtete Textgestaltung


(Hauptsächliches in Nebensätzen, – strukturierende Elemente
Text
Unwichtiges vor Wichtigem) (Pronomen, Modaladverbien,
Satzzeichen)

4. Anreiz
Wecken Sie das Interesse Ihrer Leser.

problematisch Erklärung / Hinweis

Die alten James-Bond-Filme sind typische


Agentenfilme mit schönen Landschaften, Was ist typisch daran?
humorvollen Szenen, viel Technik und vielen Wortwiederholungen
schönen Frauen. Wobei der neue Bond-Film
eher ein normaler Actionfilm ist. Was ist ein «normaler» Film?

problematisch wünschenswert

Wortwiederholungen attraktive Wortwahl


Wort (sehen Sie dazu auch die Listen mit
den rhetorischen Figuren im Anhang)

– Floskeln – abwechslungsreicher Satzbau


Satz
– gleichförmiger Satzbau – Einsatz von Konjunktionen

– Allgemeine Aussagen spannende Textgestaltung


– nicht erkennbarer Textaufbau Text (Witz, anregende Gedanken)
7. Anhang
7.1 Die Maturarbeit 144

Arbeitsschritte
Eine Facharbeit ist eine schriftliche Abhandlung eines Themas. In der Regel be-
stimmt die Schülerin oder der Schüler das Thema mit oder sogar selbst. Häufige
Formen in der Schweiz sind Diplomarbeit, Maturarbeit oder Vertiefungsarbeit. Vor
allem die Maturarbeit ist den Anforderungen des Universitätsstudiums ähnlich und
soll einen Einblick ins wissenschaftliche Arbeiten ermöglichen.

Anforderungen
1. Selbstständige Erarbeitung eines gegebenen oder selbst gesetzten Themas.

2. Voraussetzung für die Facharbeit ist eine systematische fachliche Informations-


basis, die vor allem auf der Erschliessung der zum Thema vorliegenden Fachli-
teratur beruht.

3. An jeder Stelle muss deutlich werden, was übernommen wurde und was eigene
Erkenntnisse sind.

4. Dem Leser muss die Möglichkeit gegeben werden, die Ausführungen nachzuvoll-
ziehen und zu überprüfen (dazu dienen Zitate, Belege, Fussnoten, Literatur- resp.
Quellenverzeichnis).

5. In der Regel wird eine Reflexion über den Arbeitsprozess und die Ergebnisse der
Arbeit verlangt.

6. Häufig ist die Facharbeit interdisziplinär oder multidisziplinär angelegt. Sie ist
also nicht an die Grenzen eines Schulfaches gebunden, sondern kann verschie-
dene Methoden oder Fragestellungen miteinander verbinden.

Facharbeit
Folgende Arbeitsschritte führen zur Facharbeit:

1. Themengewinnung

2. Literatursuche und Literaturverarbeitung

3. Erstellen einer Gliederung / Konzeption

4. Formulierung einer Rohfassung

Pause – Abstand zur eigenen Arbeit gewinnen

5. Überarbeitung der Rohfassung (inhaltlich, strukturell, sprachlich)

6. Fertigstellung der Endfassung (Layout, Gestaltung, Grafiken,


Korrekturlesen, Inhalts- und Literaturverzeichnis)

Tipp: Je genauer Sie wissen, worauf Sie hinauswollen,


desto leichter fällt Ihnen die Arbeit.
7.1 Die Maturarbeit 145

Arbeitsplan
Erstellen Sie so früh wie möglich einen Arbeits- bzw. Zeitplan.

Beispiel für einen Arbeitsplan


Arbeitsschritte Woche / Aufwand Vorgehen benötigt Bemerkungen

1. Themen- 1 Woche Absprache mit Termin abmachen


gewinnung bis spätestens 5.6. Lehrer / Clustern

2. Literatursuche 2 Wochen Bibliotheken Benutzerausweis Exzerpieren


und Verarbeitung bis 19.6. Internet Kantonsbibliothek

3. Gliederung, maximal 1 Woche Mind-Map / Karteikarten Donnerstag


Konzeption spätestens 25.6. Standardaufbau besorgen
4. Rohfassung 3 Wochen PC in den Ferien
fertig 12.7.
Pause mindestens 1 Woche Sommerferien
5. Überarbeitung 2 Wochen inhaltlich, strukturell, kapitelweise je 3 Durchgänge
sprachlich 2 Stunden

6. Endfassung 2 Wochen Layout Illustrationen


Abgabe 20.9. Abbildungen
Reserve mindestens 1 Woche

Arbeitsjournal anlegen
Legen Sie gleich zu Beginn ein Arbeitstagebuch an. Darin notieren Sie jedes Mal,
wann und wie lange Sie an Ihrer Facharbeit gearbeitet haben, was Sie gemacht, mit
wem Sie gesprochen, welche Bücher Sie ausgeliehen resp. bearbeitet haben usw.
Das Arbeitsjournal dient Ihnen dazu, den Überblick zu behalten. Es sollte:
– übersichtlich sein (tagebuchartig: Datum, Vorgehen, Ziele u. dgl.);
– Auskunft geben über geleistete Arbeit;
– den Arbeitsprozess für Aussenstehende nachvollziehbar werden lassen.

Portfolio anlegen
Als Portfolio bezeichnet man eine Sammlung von Objekten zu einem bestimmten
Thema. Es ist ein hilfreiches Verfahren zur Erarbeitung und Vertiefung eines The-
mas. Mögliche Inhalte des Portfolios:
– Notizen, Skizzen, Ideen;
– Exzerpte (siehe S. 114) und Zitate (siehe S. 149 f.);
– Kopien und Ausdrucke;
– Bilder und Fotos.

Vorteile des Portfolios:


– Es ermöglicht, systematisch vorzugehen. Wenn ausreichend Material zusammen-
getragen worden ist, lassen sich gezielt und schnell die Inhalte und Ziele der
Facharbeit evaluieren.
– Es dokumentiert anschaulich den Arbeitsprozess.
– Es hilft, Ziele zu klären und Kriterien zu formulieren.
– Es fördert die Fähigkeiten zur Reflexion und Bewertung.
Das Portfolio ist die Basis einer vertiefenden Analyse eines Themas. Dort legen Sie
das gesammelte Material ab, auf dessen Basis Ihre Facharbeit zügig und zielgerichtet
entstehen kann.
7.1 Die Maturarbeit 146

Themengewinnung
Strategien zur Aktivierung des Vorwissens
Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, das Vorwissen zu aktivieren. Bewährt
haben sich insbesondere die zwei beschriebenen Möglichkeiten.

1. «Clustern»
Das Cluster-Verfahren [engl. cluster = Büschel; Menge] ist eine Methode, die die
Assoziationen zu einem Ausgangswort räumlich darstellt.

Comics

Zukunft Bücher
andere usw.
Welten

Science Technik
Fiction
Utopien Künstliche
Intelligenz
usw.
usw.

Filme
Special
Effects

2. Fragen formulieren und beantworten


– Was weiss ich bereits zum Thema?
– Was interessiert mich? Was ist für mich das spannende Element? Wieso interes-
siert mich das? Ist es überhaupt lohnenswert (neu, vertiefungswürdig, erkennt-
nisfördernd usw.)?
– Welche möglichen Erkenntnisse könnten auch für andere interessant sein?
– Wer kennt sich mit diesem Thema aus? Wen kann ich fragen?
– Welche Methoden kann ich anwenden (Literaturrecherche, Feldstudie, Befra-
gung, Reportage usw.)?
– Wie viel Zeit habe ich zur Verfügung?
Ausführliche Informationen zu weiteren Strategien zur Aktivierung von Vorwissen
finden Sie im Band Deutsch am Gymnasium 2: «Einfach schreiben».

Tipp: Wählen Sie ein Thema, das Ihnen nicht zu nahe geht, das nicht zu persön-
lich ist. Es ist schwer, sich sachlich mit einem Thema auseinanderzusetzen,
das einem am Herzen liegt.

Anregungen für Facharbeiten im Fach Deutsch


Themen im Fach Deutsch können sehr verschiedenen Bereichen entnommen wer-
den. Im Mittelpunkt können z.B. stehen: Literaturgeschichte, Poetik (Gattungen,
Erzähltechnik), Verarbeitung geschichtlicher Erkenntnisse, literarische Figuren,
ihre Handlungsweisen, Motive, Kinder- und Jugendliteratur, Literatur von / über
Frauen, Rezeption von Literatur, literarisches Leben in einer gewissen Zeit (z.B.
Wien um die Jahrhundertwende), Theater, Literatur und Film, Literatur und Musik,
Literatur und bildende Kunst, Kommunikations- und Sprachbetrachtungen, Sprach-
gebrauch, Auseinandersetzung mit Medien. Und schliesslich können auch kreative
Texte (Kinderbuch, Erzählung, Comic, Filmdrehbuch, Drama usw.) im Zentrum
einer Facharbeit stehen.
7.1 Die Maturarbeit 147

Literatursuche und Verarbeitung


Literatur suchen
Broschüren
Online-Datenbanken Statistiken
Suchmaschinen Ansprechpersonen

Behörden/
Internet
Organisationen

Befragung/
Materialsuche Archive
Experimente

Stadtarchiv
Kantonsarchiv
Bundesarchiv
Bibliotheken

Mediothek Schlagwortregister
Kantonsbibliothek Bibliografien
Universitätsbibliothek Literaturverzeichnisse
in Fachbüchern

Literatur auswählen und gewichten


Im Allgemeinen gibt es zu jedem Thema eher zu viel als zu wenig Fachliteratur. Sie
müssen also aus der Fülle auswählen.
1. Orientierendes Lesen
Manchmal genügt ein Blick auf den Klappentext, das Vorwort, das Inhaltsver-
zeichnis, die Zusammenfassung, das Erscheinungsjahr, um zu entscheiden, ob
die Veröffentlichung für Sie in Frage kommt.
2. Gezieltes Lesen
Manchmal reicht es aus, nicht das gesamte Buch / den gesamten Artikel zu lesen,
sondern nur das zu überfliegen, was mit dem eigenen Thema zusammenhängt.
Auch hier lässt sich anschliessend entscheiden, ob eine vertiefende Textarbeit
sinnvoll ist.
3. Systematisches Lesen
Markieren, Notizen anlegen, exzerpieren, zitieren, ein Abstract schreiben, eine
Visualisierung zeichnen. Dazu mehr auf den Seiten 109 –115.

Sachtexte analysieren
Lesen Sie intelligent – glauben Sie nicht alles ungeprüft. Eine Checkliste zur Ana-
lyse von Sachtexten (Quellenanalyse) finden Sie auf S. 159.

Fachliteratur erarbeiten
Eine Anleitung zur nachhaltigen Erarbeitung von Fachliteratur finden Sie im Kapi-
tel «Lesen» auf den Seiten 108 –111.
Berücksichtigen Sie auch die Checkliste «Erarbeitung längerer Sachtexte» im An-
hang auf S. 160.
7.1 Die Maturarbeit 148

Konzeption
Die Facharbeit verfügt über mindestens die drei Teile Einleitung, Haupt- und
Schlussteil. Ergänzt werden diese drei Teile durch ein Inhaltsverzeichnis und einen
Anhang, der unter anderem das Literaturverzeichnis enthält.

Einleitung
Eine gelungene Einleitung
– umreisst das Thema, seine Hintergründe, den Schreibanlass;
– macht deutlich, welche Aspekte und / oder persönliche Motive im Thema
enthalten sind;
– führt zum Kern der Sachfrage und zum ausgewählten Aspekt hin.
Damit die Einleitung das leisten kann, sollten Sie keine persönlichen Erlebnisse und
Erfahrungen an den Anfang stellen. Folgende Möglichkeiten eignen sich besser:
– ein passendes, anschauliches Beispiel von allgemeinem Interesse;
– die Beschreibung eines allgemein bekannten Zustandes;
– Hinweise auf die Bedeutung des Themas.

Hauptteil
Der Hauptteil untersucht das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. Der Anspruch
an eine wissenschaftliche oder wissenschaftsähnliche Arbeit beruht auf einigen
Grundsätzen. Merkmale des wissenschaftlichen Arbeitens sind:
– Das Vorgehen folgt einem Konzept, d.h. einer systematischen, geordneten Ver-
knüpfung von Gedanken und Erkenntnissen zu klaren Aussagen.
– Die Aussagen beruhen nie auf blossen Vermutungen, sondern werden wider-
spruchsfrei und nachvollziehbar dargelegt.
– Die Aussagen beruhen auf einem Forschungsstand, d.h., die bisher gemachten
Erkenntnisse anderer werden in die eigene Forschungsarbeit einbezogen.
– Dabei stützt man sich nie auf bloss eine Informationsquelle, sondern auf meh-
rere verschiedene.
– Die herangezogene Fachliteratur (die sogenannte Sekundärliteratur) wird richtig
zitiert (siehe S. 149) und im Literaturverzeichnis (siehe S. 151) erwähnt.
– Das Vorgehen ist oft theoriegeleitet, d.h., es stützt sich auf Vorgehensweisen, die
in den entsprechenden Fächern üblich und erprobt sind.
– Durchweg werden die für das jeweilige Fach üblichen Fachausdrücke und Be-
griffe verwendet.
– Verwendet wird Fachliteratur (siehe S. 108); für Anmerkungen können Fussno-
ten (siehe S. 150) verwendet werden. Der Hauptteil wird in Kapitel eingeteilt;
mehr dazu unter dem Stichwort Gliederung auf S. 156.

Schlussteil
Im Schlussteil formulieren Sie Ihr Fazit. Der Schlussteil enthält
– eine Zusammenfassung der Hauptaussagen. Eilige Leser müssten sich ein Bild über
Ihre Arbeit anhand der Einleitung und der Zusammenfassung machen können;
– eine Reflexion: Wurde das erreicht, was zu erreichen war oder was Sie erreichen
wollten? Welche Erkenntnisse konnten gewonnen werden? Welche Beobachtun-
gen und Erfahrungen haben Sie im Arbeitsprozess gemacht?

Gestaltung
Gliederungsbeispiele für Facharbeiten finden Sie auf S. 156.
7.1 Die Maturarbeit 149

Zitate und Fussnoten


Zitat
Es ist unerlässlich, dass Sie deutlich machen, welche Gedanken von anderen Auto-
rinnen und Autoren stammen und welche die eigenen sind.
1. Sie übernehmen Aussagen anderer wortwörtlich (direktes Zitat).
2. Sie formulieren Gedanken anderer in eigenen Worten (indirektes Zitat).
In beiden Fällen muss darauf hingewiesen werden, dass es sich um fremdes Gedan-
kengut handelt.
Folgende Grundsätze für das Zitieren müssen beachtet werden:
– Zitate müssen überprüfbar und nachvollziehbar sein.
– Zitate dürfen nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Der von der Au-
torin resp. dem Autor beabsichtigte Sinn der Aussage muss erhalten bleiben.

Warum korrekt zitieren?


– Sie vermeiden damit ein Plagiat. Als Plagiat bezeichnet man die unrechtmäs-
sige Aneignung fremden Gedankengutes auf wissenschaftlichem oder künstle-
rischem Gebiet. Indem Sie korrekt zitieren, markieren Sie das fremde
Gedankengut.
– Geistige Erzeugnisse unterstehen dem Urheberrecht. Verstösse können geahn-
det werden. Fliegt ein Plagiat auf, wird Ihre Facharbeit ungültig.
– Es ist unnötig, das Rad neu zu erfinden. Jede Arbeit steht auf den Schultern
ihrer Vorfahren. Das ermöglicht Ihnen, schnell zu den Ihnen wichtigen und
neuen Schlüssen zu gelangen.
– Indem Sie sich nicht mit fremden Federn schmücken, lassen sich Ihre eigenen
Gedanken erkennen.
– Auch Sie selber sind dankbar, wenn Sie nachvollziehen können, wieso jemand
auf einen Gedanken gekommen ist.

Der «hippokratische Eid» der Facharbeit


Der Eid des Hippokrates, benannt nach dem griechischen Arzt (um 460 bis 370 v.
Chr.) formulierte die ärztliche Ethik. Das Ethikgebot für Verfasserinnen und Ver-
fasser einer Facharbeit lautet:

Belegen Sie alles, was Sie sich von irgendwo oder irgendwem angeeignet haben.
Geben Sie nichts als eigene Idee aus, was Sie – und sei es auch indirekt – übernom-
men haben.

Zitierkonventionen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu zitieren. Am leserfreundlichsten ist es, wenn die
Quellenangabe in unmittelbarer Nähe des Zitats steht.
1. Vollständige Quellenangabe:
Wolf Schneider: Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte. Reinbek bei
Hamburg (Rowohlt), 2. Auflage 2007, S. x.
Falls Sie allerdings über viele Seiten hinweg dieselbe Quelle zitieren, ist das unöko-
nomisch. Wird mehrfach aus demselben Werk zitiert, weicht man auf eine Kurzzitie-
rung aus.
2. Kurzzitierung:
Variante A (modern): Schneider (2007), S. x.
Variante B (herkömmlich): Schneider, Deutsch!, S. x.
Falls Sie die Kurzzitierung anwenden, muss der gesamte Werktitel nach dem Muster
der vollständigen Quellenangabe in einem Literaturverzeichnis (Quellenverzeichnis)
angegeben werden, dort allerdings ohne Seitenangabe.
7.1 Die Maturarbeit 150

Wörtliches (direktes) Zitat


« ... » «Zitate stehen immer in Anführungszeichen.» (Mein Deutschlehrer)
Der Urheber des Zitats muss immer angegeben werden, entweder
Verweis
in Klammern (s.o.) oder im Text: «Zitate stehen immer in
auf Urheber
Anführungszeichen», sagt unser Deutschlehrer.
Texte (Bücher), aus denen man zitiert, müssen im Verweis so
Verweis auf
angegeben werden, dass man sie eindeutig auffinden kann: «Zitat»
Text
(Autor, Titel, Druckort und -jahr).
Bei Zitaten aus Büchern oder anderen Texten muss zusätzlich die
S. 32 Fundstelle angegeben werden, d.h. die Seite, auf der die zitierte
Textstelle zu finden ist (Verweis, S. xy).
Die gebräuchlichen Abkürzungen sind: S. für Seite; Z. für Zeile;
S.
f. bedeutet: und die folgende Seite / Zeile;
f.
ff. bedeutet: und die folgenden Seiten / Zeilen, z.B. S. 32 ff.
Zitiert man unmittelbar nacheinander aus demselben Werk, kürzt
ebd.
man die Zitierung ab mit: ebd. S. 25 (für ebenda).
[…] Bei Auslassungen innerhalb eines Zitats setzt man […].

«Werktitel» Buchtitel werden ebenfalls durch «...» zitiert, aber ohne Verweis.

Sinngemässes (indirektes) Zitat


1. Die zitierten Ausführungen werden mit eigenen Worten wiedergegeben.
2. Das indirekte Zitat wird nicht durch « ... » gekennzeichnet.
3. Das indirekte Zitat wird eingeleitet durch den Urheber und in indirekter Rede
wiedergegeben: Paul Watzlawick meint demgegenüber, dass man nicht nicht kom-
munizieren könne (Watzlawick 1969, S. 50).

Fussnoten als Quellenangabe


Unmittelbar im Anschluss an das Zitat wird durch eine hochgestellte Ziffer1 auf
eine Fussnote aufmerksam gemacht.

Fussnoten für Anmerkungen


Fussnoten können auch für die Wiedergabe von Informationen verwendet werden,
die den Haupttext ergänzen oder erläutern, die aber im Haupttext den Lesefluss
beeinträchtigen würden.
Fussnoten enthalten im Allgemeinen
– Quellenangaben (s.o.);
– Definitionen, Begriffsabgrenzungen;
– Kommentare;
– weitere Literaturempfehlungen.
Jede Fussnote beginnt mit einem Grossbuchstaben und endet mit einem Punkt.

Hinweis: Setzen Sie Fussnoten zurückhaltend und mit Bedacht ein. Häufig wirken
sie lästig oder irritierend.

1 Sie befindet sich in der Regel am Fusse derselben Seite. Sie enthält entweder die vollständige Quellen-
angabe oder die Kurzzitierung.
7.1 Die Maturarbeit 151

Literaturverzeichnis / Quellenverzeichnis
Bibliografie Im Literaturverzeichnis, manche bevorzugen den Begriff Quellenverzeichnis oder
Bibliografie, werden diejenigen Werke angegeben, die Sie direkt oder indirekt zitiert
oder sonst verwendet haben.

1. Selbstständig erschienene Quellen


A. Werke von einem Autor
Name, Vorname: Titel. Untertitel. Verlagsort (Verlag oder Reihe), Auflage
Jahr. Schneider, Wolf: Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte. Reinbek
bei Hamburg (Rowohlt), 2. Aufl. 2007.
B. Werke von bis zu drei Autoren
Name, Vorname des 1. Autors / Name, Vorname des 2. Autors / Name, Vorna-
me des 3. Autors: Titel. Untertitel. Verlagsort (Verlag oder Reihe), Auflage Jahr.
Watzlawik, Paul / Beavin, Janet H. / Jackson, Don D.: Menschliche Kommu-
nikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern (Huber), 4. Aufl. 1974.
C. Werke von mehr als drei Autoren
Name, Vorname des 1. Autors (u.a.): Titel. Untertitel. Verlagsort (Verlag oder
Reihe), Auflage Jahr.
Beutin, Wolfgang (u.a.): Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen
bis zur Gegenwart. Stuttgart (Metzler), 4. überarbeitete Aufl. 1992.
D. Sammelbände
Name, Vorname des Herausgebers (Hg.): Titel. Untertitel. Verlagsort (Verlag
oder Reihe), Auflage Jahr.
Bolliger, Luis / Obschlager, Walter / Schütt, Julian (Hg.): jetzt: max frisch.
Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2001.

2. Unselbstständig erschienene Quellen


A. Aufsätze in Sammelbänden
Name, Vorname des Autors: Titel. Untertitel. In: Name, Vorname (Hg.): Ver-
lagsort (Verlag oder Reihe), Auflage Jahr, Seitenangabe.
Brock-Sulzer, Elisabeth: Biografie: ein Spiel. In: Bolliger, Luis / Obschlager,
Walter / Schütt, Julian (Hg.): jetzt: max frisch. Frankfurt am Main (Suhr-
kamp) 2001, S. 196 – 199.
B. Aufsätze in Zeitschriften
Name, Vorname des Autors: Titel. Untertitel. In: Name der Zeitschrift, Band-
nummer, Jahr, Seitenangabe.
Staub, Martial: Im Exil der Geschichte. In: Zeitschrift für Ideengeschichte,
Heft II / 2008, S. 5 – 23.
C. Artikel in Zeitungen
Name, Vorname des Autors (falls vorhanden): Titel. Untertitel. In: Titel der
Zeitung, Erscheinungsdatum, Seitenangabe.
Ziauddin, Bruno: Sechs Tipps für unsere deutschen Neuzuzüger. Der Weg
zur Integration. In: Tages-Anzeiger, 2. Dez. 2008, S. 11.

3. Internetquellen
Zitiert werden Internetfunde unter Angabe der Fundstelle (URL) und des Fundda-
tums. Name, Vorname: Titel. Untertitel. Datum der Aufschaltung. URL (Stand
und Abfragedatum).
H. Schwarz, M. Kerschbaumer: Tipps für eine erfolgreiche Präsentation. Ein kleiner
Leitfaden mit Übungen für Schüler / innen und Lehrer / innen des BG / BRG Kir-
chengasse. Graz. 2002. http: // www.kirchengasse.asn-graz.ac.at / PraesTechn.htm,
gefunden am 30.12.08.
7.1 Die Maturarbeit 152

Layout: Schrift und Satz


Lesbarkeit der Schrift beim Layout
Die Lesbarkeit ist das wichtigste Kriterium bei der Wahl einer Schrift. Grundsätz-
lich gilt: Schriften mit Serifen (Füsschen) sind besser lesbar als serifenlose Schrif-
ten.

Serifen Schrift mit Serifen Schrift ohne Serifen

ihlr
Die Serifen leiten das Auge und verbinden die Buchstaben visuell miteinander: Der
Lesefluss wird unterstützt.

Beispiel mit Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
Serifenschrift vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach ver-
lässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Beispiel mit
serifenloser Schrift

Beispiele für Serifenschriften: Beispiele für serifenlose Schriften:


– Times –
– Garamond –
– – Trade Gothic
– Life – Syntax

Fette Schrift Halbfette und fette Schriften sind schlechter lesbar. Sie sollten nur für Auszeich-
nungen, Titel oder sehr kurze Texte eingesetzt werden.

Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss lo-
gisch vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet
nach verlässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Grossbuchstaben (Versalien) sind viel schwieriger zu lesen als Kleinbuchstaben.

Versalien DIE WAHL EINER SCHRIFT IST EINE ERNSTE ANGELEGENHEIT. DER
GESTALTER MUSS LOGISCH VORGEHEN UND SICH AUF DAS WESENT-
LICHE KONZENTRIEREN. ER ENTSCHEIDET NACH VERLÄSSLICHEN
KRITERIEN, WIE LESBARKEIT UND KONTRAST DER SCHRIFT.
7.1 Die Maturarbeit 153

Schrift und Farbe beim Layout


Farbe kann als Mittel der Auszeichnung verwendet werden. Für längere Texte sind
Farben mit Vorsicht einzusetzen. Das Auge wird gereizt und ermüdet rasch.

Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach ver-
lässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach ver-
lässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Negative Schriften, farbige Hintergründe, hinterlegte Fotos und Muster sind grund-
sätzlich sehr schlecht für die Lesbarkeit grösserer Textmengen.

Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach ver-
lässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach ver-
lässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach ver-
lässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Laufweite und Zeilenabstand


Um eine optimale Lesbarkeit zu erreichen, müssen Schriftgrösse, Laufweite
(Buchstabenabstand) der Schrift und Zeilenabstand aufeinander abgestimmt wer-
den.

zu enge Laufweite Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch vor-
gehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach verlässlichen
Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

zu grosse Laufweite D i e Wa h l e i n e r S c h r i f t i s t e i n e e r n s t e A n g e l e g e n h e i t . D e r G e s t a l -
t e r m u s s l o g i s c h v o r g e h e n u n d s i c h a u f d a s We s e n t l i c h e k o n z e n -
trieren. Er entscheidet nach verlässlichen Kriterien, wie Lesbar-
keit und Kontrast der Schrift.

zu kleiner Zeilenabstand Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach ver-
lässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

zu grosser Zeilenabstand Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach ver-
lässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.
7.1 Die Maturarbeit 154

Layout: Gestalten mit Text


Auszeichnungen
Titel und Auszeichnungen im Text sollen sich klar von der Grundschrift abheben.
Geeignete Auszeichnungen sind fette Schriften, Grossbuchstaben. Für sanfte Aus-
zeichnungen sind auch Kursivschriften brauchbar.

geeignet: Die Wahl einer Schrift ist eine ernste ANGELEGENHEIT. Der Gestalter muss
fett, versal, kursiv logisch vorgehen und sich auf das WESENTLICHE konzentrieren. Er entschei-
det nach verlässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

ungeeignet: Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
unterstreichen, sperren vorgehen und sich auf das W e s e n t l i c h e konzentrieren. Er entscheidet
nach verlässlichen K r i t e r i e n , wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Das Mischen einer Serifenschrift mit einer serifenlosen Kontrastschrift ist für Aus-
zeichnungen die idealste und einfachste Lösung. Durch den Schriftmix stehen für
die Textgestalter mehr Schriftschnittvarianten (z.B. fett, kursiv) zur Verfügung, um
den Text zu gliedern.

Titel
optimal: Die WAHL einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss lo-
fette Kontrastschriften gisch vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet
nach verlässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Blocksatz und Flattersatz


Der Blocksatz ist die lesefreundlichste Satzart. Die Zeile darf dafür aber nicht zu
kurz sein. Optimal für einen guten Blocksatz sind 80–100 Zeichen (Buchstaben
und Wortabstände) pro Zeile.

Blocksatz ideal Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach ver-
lässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Blocksatz zu schmal Die Wahl einer Schrift bei schmalen Spalten: Die Wahl einer Schrift
ist eine ernste Angele- Flattersatz setzen! ist eine ernste Ange-
genheit. Der Gestalter legenheit. Der Gestal-
muss logisch vorgehen ter muss logisch vorge-
und sich auf das We- hen und sich auf das
sentliche konzentrie- Wesentliche konzent-
ren. Er entscheidet rieren. Er entscheidet
nach verlässlichen Kri- nach verlässlichen Kri-
terien, wie Lesbarkeit terien, wie Lesbarkeit
und Kontrast der und Kontrast der
Schrift. Schrift.
7.1 Die Maturarbeit 155

Textgliederung beim Layout


Um die Lesefreundlichkeit und Übersichtlichkeit von grösseren Textmengen zu
unterstützen, muss der Textblock gegliedert werden. Einzüge markieren Textab-
schnitte und dienen der Orientierung in grossen Texmengen.

Einzug 1 Die Wahl einer Schrift


Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss
logisch vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet
nach verlässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.
Er vergleicht die Strichführung und sucht den idealen Grauwert. Modische
Strömungen, zeitgeistiger Firlefanz und persönliche Vorlieben haben bei der
Wahl einer guten Schrift keinen Einfluss.
Der Typograf ist ein Profi, sein Entscheid ist sachlich und unbestechlich.
So sollte es jedenfalls sein. So funktioniert das aber nicht, wenn der Gestalter
in einem multikulturellen und interdisziplinär organisierten ...

Einzug 2 Die Wahl einer Schrift


Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss logisch
vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet nach
verlässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.
Er vergleicht die Strichführung und sucht den idealen Grauwert. Modische
Strömungen, zeitgeistiger Firlefanz und persönliche Vorlieben haben bei
der Wahl einer guten Schrift keinen Einfluss.
Der Typograf ist ein Profi, sein Entscheid ist sachlich und unbestechlich. So soll-
te es jedenfalls sein. So funktioniert das aber nicht, wenn der Gestalter in
einem multikulturellen und interdisziplinär organisierten ...

Initialen Eine Initiale (Grossbuchstabe aus einer anderen Schrift oder mit einem grösseren
Schriftgrad) ist ein guter Blickfang und markiert den Texteinstieg.

Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Der Gestalter muss
logisch vorgehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Er entscheidet
nach verlässlichen Kriterien, wie Lesbarkeit und Kontrast der Schrift.

Aufzählungen Aufzählungen sind übersichtlich und lockern den kompakten Textblock auf.

Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Kriterien dafür sind:
– Lesbarkeit
– Strichstärke
– Schriftschnitt
Modische Strömungen, zeitgeistiger Firlefanz und persönliche Vorlieben haben
bei der Wahl einer guten Schrift keinen Einfluss.

Die Wahl einer Schrift ist eine ernste Angelegenheit. Kriterien dafür sind:
Lesbarkeit
Strichstärke
Schriftschnitt
Modische Strömungen, zeitgeistiger Firlefanz und persönliche Vorlieben haben
bei der Wahl einer guten Schrift keinen Einfluss.
7.2 Layout 156

Gliederung
Gliederungsschemata
Die Maturarbeit, Facharbeiten und wissenschaftliche Arbeiten an der Universität
gliedern sich in die drei Teile Einleitung (mehr dazu auf S. 104), Hauptteil (mehr
dazu auf S. 104) und Schlussteil (mehr dazu auf S. 105).
Der Hauptteil gliedert sich in Unterkapitel, die sich nach dem wissenschaftlichen oder
dem gestalterischen Gliederungsschema darstellen lassen.

Wissenschaftliches Gestalterisches
Gliederungsschema Gliederungsschema

A. Einleitung Inhaltsverzeichnis

B. Hauptteil Einleitung
Hauptteil
1. Hauptaspekt
Erster Hauptaspekt
1.1. Unterpunkt
1. Unterpunkt
1.1.1. Einzelaspekt
Einzelaspekt 1
1.1.2. Einzelaspekt
Einzelaspekt 2
1.1.3. Einzelaspekt
Einzelaspekt 3
1.2. Unterpunkt
2. Unterpunkt
1.2.1. Einzelaspekt
Einzelaspekt 1
1.2.2. Einzelaspekt
Einzelaspekt 2
1.2.3. Einzelaspekt
Einzelaspekt 3
2. Hauptaspekt
Zweiter Hauptaspekt
2.1. Unterpunkt
1. Unterpunkt
2.1.1. Einzelaspekt
Einzelaspekt 1
2.1.2. Einzelaspekt
Einzelaspekt 2
2.1.3. Einzelaspekt
Einzelaspekt 3
2.2. Unterpunkt
2. Unterpunkt
2.2.1. Einzelaspekt
Einzelaspekt 1
2.2.2. Einzelaspekt
Einzelaspekt 2
2.2.3. Einzelaspekt
Einzelaspekt 3
C. Schluss Schluss

Anhang Anhang
Literaturverzeichnis Literaturverzeichnis
(Quellenverzeichnis) (Quellenverzeichnis)
Diverse Hilfsteile: Glossar, Dank, Diverse Hilfsteile: Glossar, Dank,
Stichwortregister; verwendete Stichwortregister; verwendete
Formulare oder Fragebögen; usw. Formulare oder Fragebögen; usw.

Das wissenschaftliche Schema numme- Das gestalterische Schema orientiert


riert die Hauptaspekte (1., 2. bis x.). sich am selben Gliederungsprinzip wie
Diese wiederum können in Unteraspek- das wissenschaftliche Schema, verzich-
te (Untertitel) gegliedert werden (1.1., tet aber auf die ausdrückliche Aufzäh-
1.2. usw.). lung, sondern ersetzt die Nummerie-
In den einzelnen Unteraspekten lassen rung durch gestaltende Elemente
sich auch die Titel durchnummerieren (Schriftdicke, Schriftgrösse, Einzüge
(1.1.1., 1.1.2., 1.1.3. usw.). usw.).
7.2 Layout 157

Die grafische Darstellung


Grafische Darstellung: Visualisieren von Informationen durch das Zeichnen von
Linien, Kreisen, Balken, Säulen oder Farbflächen. Somit können Daten schneller
überblickt und in eine Beziehung zueinander gebracht werden.

Das Kreisdiagramm (Kuchendiagramm)


Darstellung von Der Kreis wird verwendet, wenn man einzelne Anteile eines Ganzen, häufig in Pro-
Teilen eines Ganzen zenten, darstellen will. Es werden somit die Verhältnisse der einzelnen Bestandteile
zueinander aufgezeigt. Der Kreis vermittelt dem Betrachter das Gefühl der Vollstän-
digkeit.
Aus diesem Grund eignet er sich besonders gut für die Darstellung der Teile eines
Ganzen (z.B. sämtliche Ausgaben eines Staates).
Exportländer eines Unternehmens

Frankreich 62% England 27%

Italien 11%

Beispiel: Ein Unternehmen exportiert nach England 27% seiner Produkte, nach
Italien 11% und nach Frankreich 62%. Im Kreisdiagramm kann dargestellt werden,
in welches Land das Unternehmen einen wie grossen Anteil der für den Export bes-
timmten Produktion liefert.

Das Balkendiagramm (Säulendiagramm)


Darstellung von Beim Balkendiagramm oder beim Säulendiagramm werden absolute Zahlen mitein-
Rangfolgen ander verglichen (z.B. der Export verschiedener Länder in Milliarden $).
Das Balkendiagramm und das Säulendiagramm sind identisch. Der einzige Unter-
schied besteht darin, dass die Darstellung beim Balkendiagramm horizontal und
beim Säulendiagramm vertikal ist.
Das Balkendiagramm wird häufig gewählt, um eine Rangfolge darzustellen.
BIP in Mrd. US-$ im Jahre 2008
Quelle: World economic outlook 2007

USA 13845 Mrd.

Japan 4384 Mrd.

Deutschland 3322 Mrd.

Indien 1099 Mrd.

0 2000 4000 6000 8000 10000 12000 14000 $

Beispiel: Damit man das Bruttoinlandprodukt verschiedener Länder vergleichen


kann, trägt man die absoluten Zahlen (z.B. BIP in Mrd. CHF) in ein Balkendia-
gramm ein. Dabei entsteht eine Rangordnung. Damit eine sinnvolle Aussage mög-
lich wird, muss das Bruttoinlandprodukt in den einzelnen Ländern nach den glei-
chen Grundsätzen berechnet werden.
7.2 Layout 158

Das Kurvendiagramm (Liniendiagramm)


Darstellung von Das Kurvendiagramm kann eine Entwicklung gut darstellen. In ein Kurvendia-
Entwicklungen gramm können auch mehrere Kurven eingezeichnet werden. Dadurch lassen sich
die Kurven miteinander vergleichen. Es muss aber darauf geschaut werden, dass
nicht zu viele Kurven in ein Diagramm gezeichnet werden, da sonst die Übersicht
verloren geht.

Inflationsrate in der Schweiz

6.5%

Quelle: BFS
6%

5.5%

5%

4.5%

4%

3.5%

3%

2.5%

2%

1.5%

1%

0.5%

0%
1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 Zeit

Die Veränderung der Darstellung (Manipulation)


Es muss beachtet werden, dass grafische Darstellungen sehr einfach missbraucht
werden können, um den Betrachter absichtlich irrezuführen (zu manipulieren).
Beispiel: Die Umsatzkurve einer Unternehmung vermittelt einen anderen Ein-
druck, je nachdem, wie man die Einteilung der Achsen verändert.

56
Die Einteilung der ver-
55
tikalen Achse beginnt
54
nicht mehr bei 0. Der
53
Eindruck entsteht, als
52
hätte es viel grössere
51
Umsatzschwankungen
50
gegeben.
00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10

120
110 Realität:
100
90
Der Umsatz bleibt
80 während mehreren
70 Jahren relativ konstant.
60
50
40
30
20
10
0

00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10

Die Wahl der Achseneinheit ist daher sehr entscheidend. Wer eine Grafik liest, muss
sich zuerst fragen, ob die Einteilung der Achsen sinnvoll gewählt worden ist. Die
gleiche Feststellung trifft auf das Säulen- und das Balkendiagramm zu.
7.3 Checklisten 159

Analyse von Sachtexten


Texte, denen sich Informationen entnehmen lassen, bezeichnet man als Quellen. Eine
kleine Quellenkunde dient Ihnen, zu entscheiden, wie zuverlässig eine Quelle ist.

A. Kontext
Die Analyse des Kontexts klärt vorab folgende Fragen:
1. Wer hat den Text geschrieben? Wie qualifiziert ist der Autor?
2. Wann wurde der Text verfasst? Wo ist er erschienen?
3. Aus welchem Grund, zu welchem Anlass oder zu welchem Zweck wurde der Text
geschrieben?
4. Um welche Textsorte handelt es sich? Welche Rückschlüsse lässt das zu?
5. Was ist über die Wirkung dieses Textes bekannt?
6. Woher hat die Autorin ihre Kenntnisse? Wie verlässlich sind ihre Informationen?
Es macht einen erheblichen Unterschied, ob es sich um einen für die Öffentlichkeit
bestimmten Zeitungsartikel oder um ein privates Tagebuch handelt, ob die Autorin
einen Sachverhalt für ein Handbuch zusammenfassen oder ob sie ihn in einer Rede
einer breiten Zuhörerschaft vorstellen will.

B. Text
Die Textanalyse klärt folgende Fragen:
1. Welches Thema wird in vorliegendem Text behandelt?
2. Wo liegt der Kern des Problems? Auf welchen speziellen Aspekt geht die
Autorin ein?
3. Wird auf einen historischen, aktuellen gesellschaftlichen oder sonstwie ausserhalb
des Textes liegenden Sachverhalt Bezug genommen?
4. Welche – allenfalls falsche – Argumentation braucht die Autorin ( siehe auch
S. 89 bis 94)?
5. Welche appellativen und manipulativen Mittel setzt der Autor ein ( siehe auch
S. 54 und 96)?

Kernfragen der Textanalyse


– Welche Kernaussagen hat der Text? Wie wird der Gegenstand behandelt?
– Um welche Gegenstände oder Fakten geht es in dem Text?
– Welche Textsorte liegt vor?
– Wie wird der Gegenstand behandelt? Subjektiv oder objektiv? Rational oder
emotional? Darstellend oder wertend?

Absicht und Wirkung


– Welche Intention verfolgt der Autor? Will er informieren, appellieren, manipu-
lieren?
– Welche Einsichten will er vermitteln? Welche Werte werden betont oder vermit-
telt?
– Unter welcher Perspektive erscheint der Gegenstand? Welche ideologischen oder
politischen Bindungen sind erkennbar?
– Wo sind im Text Behauptungen nicht mehr belegt?
– An welche Zielgruppe richtet sich der Autor?
– Welche Zusammenhänge bestehen zwischen dem Text und den Bildern, Grafiken,
Karikaturen?
7.3 Checklisten 160

Erarbeitung längerer Sachtexte


Viel Material Was tun, wenn – Legen Sie für Ihre Fragen (auch möglich: Themen) je ein eigenes Sichtmäppchen
gefunden Sie das Thema an. Legen Sie die Informationen fortlaufend ab. Benutzen Sie jedesmal ein einzelnes
bestimmt und viel Blatt Papier. Alle Sichtmäppchen zusammen bilden Ihr Portfolio.
Material gefunden – Beschriften Sie die Seiten immer mit Datum, Thema und dem zugehörigen Text.
haben? – Sprechen Sie so häufig wie möglich mit allen möglichen Menschen darüber. Mit
der Zeit trennen Sie dadurch überflüssige Informationen (z.B. allgemein Bekanntes,
nicht direkt zum Thema Gehöriges oder zu sehr in die Tiefe Reichendes) von den
nötigen Informationen.
– Vorsortieren: Legen Sie vor der Erarbeitung fest, welche Texte Sie lesen (wenn Sie
Texte lesen, die Sie nicht brauchen, verlieren Sie Zeit und Energie).

Viel Stoff zu Was tun, um sich – Legen Sie sich eine Strategie zurecht: Beginnen Sie mit den einfachen Texten, das
erarbeiten viele Informationen sind jene zu Dingen, über die Sie viel Vorwissen haben. Denken Sie daran: Je mehr
aus verschiedenen Vorwissen Sie haben, desto leichter lernt es sich.
Büchern anzu- – Arbeiten Sie mit Exzerpten und Abstracts (siehe S. 114). Beide Mittel erleichtern
eignen? die Erarbeitung und die Ablage – und damit die Übersicht.

Schwieriger Was tun, wenn ein – Titel, Inhaltsverzeichnis, Vorwort, Klappentext lesen.
(oder langer) Text zwar wichtig, – Allenfalls: zuerst ein Abstract dieses Textes lesen (z.B. im Internet oder in einem
Text aber schwierig ist? Handbuch).
– Struktur beachten (Zwischentitel).
– Schlagen Sie prinzipiell alle unbekannten Wörter nach.
– SQ3R-Methode anwenden (siehe S. 110 f.).

Material Was tun, wenn – Gewichten Sie die Inhalte der einzelnen Mäppchen: Welche beantworten die
zusammen- Ihr Portfolio Fragen? Welche geben interessante Hintergrundinformationen? Welche reagie-
stellen gefüllt ist und Sie ren auf Probleme im Zusammenhang mit dem Thema? Welche sind überflüssig?
zum Schreiben usw.
übergehen – Erstellen Sie Visualisierungen oder Mind-Maps ( siehe auch S. 115).
sollten? – Suchen Sie allenfalls zusätzliche Illustrationen.

Material / Was tun, wenn – Eine Zeitachse erstellen: Ordnen Sie die Informationen chronologisch.
Informationen Sie in der Fülle – Ein Alphabet erstellen: Ordnen Sie die Informationen alphabetisch.
ordnen des Materials zu – Karteikarten beschriften: Karteikarten lassen sich leicht umstellen.
ertrinken drohen? – Ein erstes Inhaltsverzeichnis erstellen.
– Alternative Inhaltsverzeichnisse erstellen.
– Stellen Sie Lücken fest. Stopfen Sie sie gezielt.
7.3 Checklisten 161

Thesenbildung
Als These bezeichnet man einen als Behauptung aufgestellten Satz, der als Aus-
gangspunkt für die weitere Argumentation oder Interpretation dient. Demgegenüber
wird als Hypothese eine Vermutung bezeichnet, die durch Überprüfung verifiziert
oder falsifiziert werden muss, damit sie zu einer These wird.

Von der Hypothese zur These


1. Ersten Eindruck notieren
Ob man sich das eingestehen will oder nicht, man wird immer vom ersten Ein-
druck geleitet. Je bewusster Sie sich den ersten Eindruck machen, desto weni-
ger unbewusst einflussreich wird er sein.
2. Analyse
Auswertung der Sachverhalte, Feststellung der Tatsachen, Zusammentragen
der Daten.
3. Hypothese aufstellen
Aus der Analyse (und dem ersten Eindruck) kristallisieren sich erste Vermu-
tungen heraus. Formulieren Sie sie so genau wie möglich zu einer Hypothese
(oder zu mehreren Hypothesen).
4. Hypothese verifizieren, falsifizieren, revidieren
– Verifizieren nennt man die Überprüfung der These auf ihre Übereinstim-
mung mit den Sachverhalten.
– Falsifizierung meint den Vorgang, in dem Sie Ihre Hypothese auf Unstim-
migkeiten und Abweichungen vom Sachverhalt überprüfen. Überprüfen Sie
auch, ob Ihre Hypothese wahrscheinlich ist.
– Revidieren Sie anschliessend Ihre Hypothese. Die Revision muss Unstim-
migkeiten eliminieren und Belege für die Richtigkeit der Hypothese finden.
5. These formulieren
Nach Absolvierung des Schritts 4 verfügen Sie über genügend Datenmaterial,
das Ihnen erlaubt, eine griffige, stimmige These zu formulieren.

Kriterien für gute Thesen


Damit die These (siehe auch S. 89) leisten kann, was sie soll, müssen alle der fol-
genden Kriterien erfüllt sein.
– kurz (1 bis 3 – ausformulierte – Sätze)
– allgemeinverständlich; nachvollziehbar (keine Spekulationen)
– belegbar / textbezogen
– korrekt
– neue Erkenntnisse beinhaltend
– provokativ (nicht evident)
– aussagekräftig
– widerspruchsfrei
Thesenbeispiele zum Bruderzwist in Schillers Drama «Die Räuber»:
A. Der Mythos von Kain und Abel ist das Paradigma aller Darstellungen des Bru-
derzwists.
B. Franz ist wie Kain eifersüchtig auf seinen Bruder. Beide fühlen sich benachteiligt
und gedemütigt und fügen ihren Brüdern heimtückisch Schaden zu.

Beurteilung
A. ist zwar kurz, korrekt, nachvollziehbar, bringt aber keine neuen Erkenntnisse,
ist weder aussagekräftig noch provokativ. Sie taugt als These wenig.
B. verfügt über einen Textbezug, weist auf einen neuen Aspekt hin (Heimtücke)
und bietet eine Basis für eine vertiefende Auseinandersetzung.
7.3 Checklisten 162

Gestaltendes Sprechen
Die Vorleserin, der Rezitator verfügt über ein ganzes Arsenal an Möglichkeiten,
einen Text einem Publikum so vorzutragen, dass dieses mitgerissen wird.
Die Wirkung des Vorgetragenen hängt stark von der Aussprache, der Betonung,
dem Sprechtempo, der Lautstärke, dem Rhythmus und vielem mehr ab. Es gilt, sich
vom schülerhaften Wort-für-Wort-Lesen und -Sprechen zu befreien und den Sinn
des Gelesenen zu entfalten, Schwerpunkte hervortreten zu lassen und Wichtiges
von weniger Wichtigem zu unterscheiden.
Konkret geht es darum, Aussprache (Artikulation, Phonetik), Stimmmittel und
Körpersprache miteinander zu kombinieren: Modulation (Variationen in Betonung,
Klang und Stimme), Tempo, Lautstärke, Rhythmus, Mimik, Gestik.

Gestaltendes Lesen = Phonetik + Stimme + Körpersprache

Text kennzeichnen = Vortrag gestalten


Überlegen Sie sich für den Text, den Sie vortragen möchten, wo welche Möglichkeit
passt und zeichnen Sie die Lesezeichen ein. Sie können sich selbstverständlich auch
eigene Zeichen ausdenken.

lauter vor und nach dem Wort einfügen, das laut zu


sprechen ist

leiser vor und nach dem Wort einfügen, das leise zu


sprechen ist

Stimme heben vor der Passage einzufügen, während der die


Stimme erhoben werden soll

Stimme senken vor der Passage einzufügen, während der die


Stimme gesenkt werden soll

langsamer unter das Wort / die Wörter zeichnen

schneller unter das Wort / die Wörter zeichnen

betonen das Wort / die Wörter unterstreichen

Pause zwischen die Wörter zeichnen, für lange Pause zwei


Zeichen

skandieren d.h. jede Silbe betonen

Zäsur kurzes Innehalten, mit Betonung fortfahren

Anregung
Geben Sie folgendem Stabreim mittels Intonation, Rhythmus, Tempo, Tonhöhe und
Modulation einen Sinn:
Wenn hinter Fliegen Fliegen fliegen, fliegen Fliegen Fliegen nach.
7.3 Checklisten 163

Gestaltendes Sprechen: Indikatoren

beherrsche ich ganz selbstverständlich


beherrsche ich einigermassen
übe ich als Nächstes

muss ich noch üben

beherrsche ich gut


hier stehe ich
Sie können folgende Indikatoren als Checkliste
für Ihr gestaltendes Lesen benutzen sowie zur Selbsteinschätzung.

1. Vortragsgeschwindigkeit anpassen

2. Atmosphäre schaffen – mit raumfüllender Stimme sprechen (d.h.


kräftig, nicht schreiend)
3. Körperhaltung: aufrecht, ruhig (nichts zappelt), gelöst, Atmung
bewusst, überlegt
4. Sich auf den Text einstellen, den richtigen Ton finden
(ein Märchen klingt anders als eine Gruselgeschichte)
5. Vorauslesen / -denken (mit den Augen, den Gedanken immer schon
eine Zeile weiter sein)
6. Figurenrede mit verstellter Stimme sprechen
(Rotkäppchen tönt anders als der Wolf)
7. Variantenreich sprechen: lauter / leiser, Stimme heben / senken,
langsamer / schneller, betonen usw.

8. Pausen / Zäsuren machen, Satzzeichen beachten

9. Mit Körper sprechen: Gestik, Mimik (nicht übertreiben)

10. Kontakt mit dem Publikum halten (anschauen)

11. Korrekte Aussprache gemäss den Phonetik-Regeln (siehe S. 17)

12. Nicht «singen», d.h. nicht mundartlich sprechen, Vokale nicht zu


lange halten (v.a. nicht die langen)

13. Korrekte Wortbetonungen (nicht mundartlich)

14. Einen eigenen Stil finden


7.3 Checklisten 164

Rückmeldung
Ein wichtiger Aspekt gemeinsamen Lernens ist eine Nachbearbeitung. Dazu gehört
neben der Selbstbeurteilung auch eine Fremdbeurteilung durch das Publikum. Münd-
liche Rückmeldungen kommen nach Präsentationen in der Klasse oder Gruppe, nach
Diskussionen und für schriftliche Texte zum Einsatz. Informationen zur schriftlichen
Rückmeldung finden Sie im Band Deutsch am Gymnasium 2: «Einfach schreiben».

Geben Sie eine Rückmeldung


Ihre Mitschülerin, Ihr Mitschüler hat sie verdient.

Sagen Sie nicht einfach «gut»


Gut sind wir alle, das versteht sich von selbst. Aber mit der Rückmeldung «gut»
kann man nichts anfangen. Stützen Sie Ihre Rückmeldung auf persönliche Beob-
achtungen oder gegebene Kriterien.

Seien Sie in Ihrer Beurteilung konstruktiv


– Die Rückmeldung sollte konkret sein. Beziehen Sie sich auf konkrete Einzelhei-
ten («die Lautstärke fand ich zu leise»); Verallgemeinerungen («mir hat es nicht
gefallen») helfen nicht.
– Die Rückmeldung sollte realistisch sein. Melden Sie Dinge zurück, die sich auch
wirklich verbessern lassen. «Der Lärm von draussen störte mich beim Zuhören»
hilft nicht weiter.
– Die Rückmeldung sollte unmittelbar sein. Sie sollte direkt nach Abschluss der
Präsentation, der Diskussion stattfinden.
– Die Rückmeldung sollte persönlich sein. Nehmen Sie die Person ernst, d.h. auch,
dass Sie sich mit ihrer Haltung, Meinung, Ideologie auseinandersetzen dürfen.
Eine Rückmeldung wie «Deine Ansicht zum Islam kann ich nicht gutheissen» ist
erlaubt.

Regeln zur Formulierung konstruktiver Rückmeldungen


Ihre Rückmeldung sollte subjektiv formuliert sein. Nur weil Sie als Zuhörer die
Präsentation als zu kurz empfunden haben, heisst das nicht, dass sie alle anderen
auch als zu kurz empfunden haben. Formulieren Sie deshalb Ihre Rückmeldung
ich-orientiert, das wirkt fair und nicht verletzend.

nicht so: sondern so:


Die Präsentation war viel zu leise. Ich empfand deine Stimme als zu leise.
Du hast nie ins Publikum geschaut. Du hast mich nie angeschaut.
Du sprachst über die Köpfe des Ich fühlte mich nicht angesprochen.
Publikums hinweg.

Regeln für die Adressaten der Rückmeldung


– Nicht rechtfertigen: Sie sollen sich nicht rechtfertigen. Eine Rückmeldung basiert
auf persönlichen Wahrnehmungen. Es steht dem Adressaten frei, ihr zu entneh-
men, was er will.
– Aussprechen lassen, nicht widersprechen: Hören Sie aufmerksam zu.
– Bedanken Sie sich für die Rückmeldung. Denken Sie daran, dass die Rückmel-
dung ein Angebot ist. Ob Sie es annehmen, ist Ihre Entscheidung.
7.3 Checklisten 165

Komma
Das Komma trennt Sätze
Satz Ein Satz besteht aus einem finiten Verb. Oder: Jedes finite Verb
ergibt einen Satz. Das Komma kommt vor die Konjunktion oder das
Relativpronomen zu stehen.

Also 2 finite Verben = 2 Sätze = 2 Satzzeichen (Punkt und Komma)

Beispiel Sie wusste wieder einmal nicht, wo man Kommas setzt.

Bemerkung zu + Infinitiv wird wie ein Satz behandelt, wenn vor dem zu noch
mindestens 1 Wort steht.
Beispiel Sie wussten wieder einmal nicht, wo die Kommas zu stehen kommen.

Das Komma trennt Einschübe und Nachträge


Einschub Ein Einschub (Apposition) beschreibt ein Satzglied näher. Vor
und nach dem Einschub folgt ein Komma.
Beispiel Meine beiden Kätzchen, beide noch klein, fressen ungeheuer viel.

Nachtrag Appositionen können ans Ende des Satzes zu stehen kommen,


dann spricht man von Nachtrag. Auch Ausrufe können
Nachträge sein.

Bemerkung 1 Kommen und / oder hinter das Komma zu stehen, das Einschübe
und Nachträge abtrennt, steht das Komma trotz und / oder.
Beispiel Rufen Sie ihn, und zwar sofort. Holen Sie ihn, zum Teufel!

Bemerkung 2 Die enge Apposition (= nachgestelltes Attribut, meist


Eigenname) wird nicht mit Kommas abgetrennt.

Beispiel Papst Johannes Paul II, der Kanton Bern, Bundesrat Huber

Bemerkung 3 Relativsätze können ebenfalls eingeschoben werden.

Beispiel Meine beiden Kätzchen, die beide noch klein sind, fressen
ungeheuer viel.
Bemerkung 4 Adverbiale sind keine Einschübe.
Beispiel Der Zug hält zwischen Aarau und Olten dreimal.

Das Komma trennt die Einheiten der Aufzählung


Aufzählung: Eine Aufzählung (Akkumulation) reiht mehrere Elemente
desselben Satzgliedes aneinander.
Beispiel: Eine Art irrsinniger Spannung, eine blanke Wut hatte das Tier
ergriffen. (2 Subjekte)
Bemerkung: Vor und oder oder setzt man kein Komma.
Beispiel: Elsa betrachtete ihre Handtasche, dachte nach und kramte dann
den Fotoapparat heraus.
7.4 Rhetorische Figuren 166

Rhetorische Figuren
Klangfiguren spielen mit den Lauten
verwandt mit
Figur Erklärung Beispiele Wirkung
Gegenteil von

Alliteration Mehrere Wörter – Mit Kind und Kegel eindringlich, Assonanz


(Stabreim) beginnen mit dem – Fröhliche Feiertage spielerisch
gleichen Laut

Apokope Ausfall eines Manch’ schöne Stund’ beschwingt Synkope


unbetonten Lautes am teilt’ ich mit dir.
Ende eines Wortes

Emphase Betonung eines Wortes – Er ist auch nur ein betonend, hervor- – Ausruf
Mensch! hebend, auffordernd – Hyperbel
– Sei ein Mann! – Interjektion

Interjektion Ausrufewort; meist Aua! Oje! Uups! umgangssprachlich Ausruf


lautmalerisch

Synkope Ausfall eines unbeton- gnäd’ger Gott beschleunigend Apokope


ten Vokals im Innern
eines Wortes

Kommunikative Figuren sprechen die Zuhörer direkt an


verwandt mit
Figur Erklärung Beispiele Wirkung
Gegenteil von

Anrede Wendung an den Leser – Sehr geehrte Gäste! auffordernd Apostrophe


oder an die Gesprächs- – Liebe Kinder!
partnerin

Apostrophe Aussage über oder – Tod, wo ist dein eindringlich, Anrede


Frage an eine Person, Stachel? auffordernd
die nicht anwesend ist – Lieber Gott, so steh
mir bei!

Ausruf Ausdruck einer – Zum Teufel damit! eindringlich, Emphase, Interjektion


Gemütsbewegung – Alles aussteigen! auffordernd

Parenthese Einschub (mit Meine neuen Nachbarn kommunikativ, Ellipse


Gedankenstrich oder sind – im Gegensatz zu genau
Klammern) den alten – sehr nett.

Rhetorische Frage Scheinfrage, die keine – Finden Sie nicht provokativ, Hyperbel
Antwort erwartet auch? auffordernd
– Wer kennt das nicht?

Stilbruch Ausdrucksweisen Die junge Generation unterhaltend, Euphemismus


aus verschiedenen hat keinen Bock auf provokativ
Stilebenen werden Arbeit.
gemischt
7.4 Rhetorische Figuren 167

Wortfiguren spielen mit der Bedeutung einzelner Wörter


verwandt mit
Figur Erklärung Beispiele Wirkung
Gegenteil von

Antithese Entgegenstellung – Reich und Arm eindringlich Akkumulation


von Gedanken und – Wo viel Licht ist, ist auch
Begriffen viel Schatten.

Euphemismus Umschreibung eines – Entsorgungspark (statt anschaulich, Neologismus


(meist) negativen Sach- Müllhalde) oft metaphorisch,
verhaltes mit beschöni- – Reinigungskraft (statt aber verharmlosend
genden Worten Putzfrau)

Hyperbel Übertreibung – Italien hat haushoch anschaulich, Emphase


verloren. unterhaltend
– Sie redet wie ein
Wasserfall.

Ironie Gegenteil dessen, was – Das ist aber eine schöne überraschend, indirekt, Litotes
gemeint ist Bescherung. kommunikativ
– Heute siehst du aber
wieder gut aus.

Litotes Verneinung des – Das ist nicht schlecht. auflockernd, indirekt, Ironie
Gegenteils – Keine uninteressante eindringlich betonend
Frage.

Metapher übertragene, bildhafte – Es regnet Bindfäden. anschaulich – Oxymoron


Bedeutung eines – Sie hat einen messer- – Pleonasmus
Wortes scharfen Verstand. – Vergleich

Metonymie Das Gemeinte wird – Goethe lesen statt: Ein auflockernd, Periphrase
durch einen ver- Werk von Goethe lesen anschaulich
wandten Begriff – Ein Glas trinken
bezeichnet

Neologismus Wortneuschöpfung – Technologiepark anschaulich, Euphemismus


– Handy überraschend

Oxymoron zwei sich scheinbar – weiser Narr anschaulich, – Metapher


widersprechende – die armen Reichen metaphorisch – Paradoxon
Begriffe

Paradoxon scheinbar widersinnige – Dümmer als der spannend, Oxymoron


Behauptung Dümmste überraschend
– Im Rückschritt liegt der
Fortschritt.

Periphrase Umschreibung – Staatsdiener (= Beamter) unterhaltend, – Metapher


– Zweitfrisur (= Perücke) anschaulich – Euphemismus

Pleonasmus doppelte Wiedergabe – kleiner Zwerg anschaulich, – Hyperbel


desselben Sachverhaltes – weisser Schimmel betonend – Oxymoron

Synonym sinnverwandtes Wort – Samstag = Sonnabend vielfältig, genau, – Litotes


– glänzend = brillant, anschaulich – Metapher
blendend

Synonymie Aneinanderreihung – Das ist mein Grund und eindringlich, – Hyperbel


sinnverwandter Wörter Boden. spannend – Akkumulation
– Ich bin entrüstet,
empört, erschüttert.

Wortspiel Einsatz doppeldeutiger So fürchten sie kein unterhaltend, – Litotes


Wörter Handeln, aber handeln nie bekräftigend – Euphemismus
aus Furcht. – Chiasmus u.a.
7.4 Rhetorische Figuren 168

Satzfiguren spielen mit der Anordnung der Wörter im Satz

verwandt mit
Figur Erklärung Beispiele Wirkung
Gegenteil von

Akkumulation Anhäufung von zwei «Habe nun, ach! Philosophie, eindringlich – Asyndeton
oder mehr Begriffen (der Juristerei und Medizin, überredend – Polysyndeton
letzte wird meist mit und leider auch Theologie – Synonymie
«und» aufgezählt) durchaus studiert!» (Goethe)

Anapher Wiederholung von «Wale – wie sie leben, wie sie eindringlich – Epipher
Worten und Wort- lieben, wie sie leiden.» (GEO) – Anadiplose
gruppen am Satzanfang

Anadiplose letztes Wort des ersten «Ich habe kein bisschen eindringlich – Anapher
Satzes ist das erste des Fantasie. Fantasie ist für – Epipher
folgenden mich ein totales Fremdwort.»
– Kyklos
(Martin Walser)

Asyndeton Aneinanderreihung von Er verfolgte seine anschaulich, – Polysyndeton


Wörtern ohne Bindewort Bewegungen mit einem abwechslungs- – Akkumulation
ratlosen, missgünstigen, reich
unsicheren Blick.

Chiasmus symmetrische Überkreuz- – «Eng ist die Welt und das anschaulich, – Parallelismus
stellung von semantisch Gehirn ist weit.» (Schiller) unterhaltend – Wortspiel
und / oder syntaktisch – «Die Kunst ist lang, und – Inversion
einander entsprechenden kurz ist unser Leben.»
Satzgliedern (Goethe)

Ellipse Auslassung von Wörtern – Ohne Wenn und Aber überraschend, Parenthese
– Je schneller, desto besser auflockernd

Epipher Wiederholung von «Wohl dem, der gelernt hat, eindringlich – Anapher
Worten und Wort- zu ertragen, was er nicht – Anadiplose
gruppen am Satzende ändern kann, preiszugeben
– Kyklos
mit Würde, was er nicht retten
kann.» (Schiller)

Inversion Umstellung des normalen – Zum Schlusse kommen wir. spannend, – Parallelismus
Satzbaus – Endlich ist der Sommer da. überraschend – Chiasmus

Klimax (meist dreigliedrige) Ich bitte Sie, ich beschwöre eindringlich, – Kyklos
Steigerung Sie, ich flehe Sie an. spannend – Synonymie

Kyklos Wiederholung eines Loyale Mitarbeiter wissen: eindringlich, Anadiplose


Wortes / einer Wort- Erfolgreiche Manager sind spannend
gruppe am Satzanfang angewiesen auf loyale
und am Satzende Mitarbeiter.

Parallelismus gleicher Aufbau der Sätze «Das Schiffchen (1a) fliegt anschaulich, Chiasmus
in aufeinander folgenden (1b), der Webstuhl (2a) kracht eindringlich
Sätzen (2b).» (Heinrich Heine)

Polysyndeton Aneinanderreihung von Und er verfolgte seine verstärkend, – Asyndeton


Wörtern mit bewusster Bewegungen mit einem eindringlich – Akkumulation
Wiederholung des ratlosen und missgünstigen
Bindewortes und unsicheren Blick.
«...und es wallet und siedet
und brauset und zischt.»
(Schiller)

Vergleich Verbildlichung mittels Toren gibt’s wie Sand am anschaulich Metapher


Vergleich Meer.
7.4 Rhetorische Figuren 169

Rhetorische Mittel und ihre Wirkung

unterhaltend, auflockernd eindringlich, hervorhebend

– Asyndeton – Akkumulation
– Chiasmus – Alliteration
– Hyperbel – Anapher
– Metapher – Anadiplose
– Metonymie – Antithese
– Neologismus – Emphase
– Oxymoron – Epipher
– Periphrase – Kyklos
– Pleonasmus – Parallelismus
– Synonym – Polysyndeton
– Vergleich – Synonymie

spannend, überraschend ein Wort für das andere


– Ellipse – Euphemismus
– Inversion – Ironie
– Ironie – Litotes
– Klimax – Metapher
– Litotes – Metonymie
– Paradoxon – Neologismus
– Parenthese – Oxymoron
– Stilbruch – Periphrase
– Wortspiel – Synonym

provokativ, aufrüttelnd verstärkend durch Aufzählung

– Anrede – Akkumulation
– Apostrophe – Asyndeton
– Ausruf – Klimax
– Emphase – Polysyndeton
– Hyperbel – Synonymie
– Ironie
– Paradoxon
– Rhetorische Frage
– Stilbruch

Weitere rhetorische Figuren finden Sie in Deutsch am Gymnasium 3: «Literatur».


Bibliografie 170

Bibliografie
– Beck, Klaus: Kommunikationswissenschaft.
Konstanz (UTB Basics) 2007.
– Brundin, Gudrun: Kleine deutsche Sprachgeschichte.
München (UTB) 2004.
– Crystal, David: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache.
Frankfurt (Campus) 1995.
– Ernst, Peter: Germanistische Sprachwissenschaft.
Wien (UTB Basics) 2004.
– Fix, Martin: Texte schreiben. Schreibprozesse im Deutschunterricht.
Paderborn (Schöningh UTB), 2. Aufl. 2008.
– Gigl, Claus: Abiturwissen Deutsch. Erörterung.
Stuttgart (Klett) 2005.
– Gigl, Claus: Abiturwissen Deutsch. Referat, Präsentation, Rhetorik.
Stuttgart (Klett) 2006.
– Gora, Stephan: Schule der Rhetorik. Ein Lese- und Arbeitsbuch.
Leipzig (Klett) 2001.
– Hajnal, Ivo / Item, Franco: Schreiben und Redigieren – auf den Punkt ge-
bracht! Das Schreibtraining für Kommunikationsprofis.
Frauenfeld, Stuttgart, Wien (Huber) 2000.
– Hohenadl, Christa: Kommunikationstraining: richtig hören, verstehen, reden.
Stuttgart (Klett) 1997 (4. Aufl. 2005).
– Lindauer, Thomas / Sturm, Afra / Schmellentin, Claudia: Die Neuregelung der
deutschen Rechtschreibung.
Bern, Generalsekretariat EDK. Aktualisierte und erweiterte Aufl. 2006.
– Naef, Regula D.: Rationeller Lernen lernen.
Weinheim und Basel (Beltz), 6. Aufl. 1974.
– Schneider, Wolf: Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergass.
Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1994.
– Schuh, Horst / Watzke, Wolfgang: Erfolgreich reden und argumentieren.
München (Hueber) 1983.
– Schweizer Presse.
Zürich 2001.
– Watzlawick, Paul / Beavin, Janet H. / Jackson, Don D.: Menschliche Kommuni-
kation. Formen, Störungen, Paradoxien.
Bern (Huber), 4. Aufl. 1974 (Original 1967).
– Will, Hermann: Mini-Handbuch Vortrag und Präsentation.
Weinheim und Basel (Beltz), 2. Aufl. 1997.
– Zimmer, Dieter E.: Wie viele Wörter hat der Mensch? Das innere Lexikon. In:
ders.: Die Elektrifizierung der Sprache.
Zürich 1990, S. 53 – 74.
Glossar 171

Glossar
A dialogisch
Im Dialog, also im Gespräch untereinander entstehend.
Akronym
Aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter gebildetes
Kurzwort. Beispiel: SBB für Schweizerische Bundesbah- digital
nen. Mit «digital» werden in der Linguistik nicht etwa die elek-
tronischen Medien wie SMS oder Computer bezeichnet.
analog Digital («zeigend») meint eine nach Regeln (vgl. «Kon-
Als analoge Äusserungen bezeichnet die Linguistik nicht- vention») festgelegte Zeichensprache, z.B. die Schrift, die
sprachliche Äusserungen, beispielsweise Gestik oder Mathematik oder Musiknoten. Digitale Zeichen haben
Seufzlaute wie «ach!» oder «mmmh». Das analoge Zei- mit dem Dargestellten eine symbolische Beziehung. Vgl.
chen hat mit dem Dargestellten eine Ähnlichkeitsbezie- auch «Symbol». Gegenteil: analog.
hung («analog» = ähnlich), z.B. Lächeln = Freude.

Anglizismus E
Im Deutschen verwendeter englischsprachiger Ausdruck. Euphemismus
Häufig ein Ausdruck, der im britischen Englische oder Beschönigende, mildernde Umschreibung eines Sachver-
amerikanischen Englisch gar nicht existiert, z.B. Shop- haltes.
ping Center.

Artikulation F
Deutliche Aussprache; Bildung der Laute mit Hilfe der
finites Verb
Sprechwerkzeuge. Auch: Gliederung des Gesprochenen.
Ein in Person, Tempus, Genus und Numerus gesetztes
Verb. Gegenteil: Infinitiv.
Aspekt
Gesichtspunkt, Standpunkt, Betrachtungsweise.
Flexion
Beugung der Nomen und Adjektive nach Zahl, Fall und
Person bzw. der Verben nach Person, Tempus, Genus und
B Numerus.
Begriff
Wort, das eine Vorstellung bzw. die Gesamtheit wesent-
licher Merkmale einer Idee oder Wahrnehmung umfasst. G
Der Begriff ist nicht die Vorstellung oder die Idee selber,
generative Grammatik
sondern die Bezeichnung dafür. Deswegen können die
Sie wird aus dem Gehörten erzeugt ( = generiert) deskrip-
Inhalte von Begriffen von Mensch zu Mensch variieren.
tive Grammatik.
Der Begriff «Baum» löst nicht bei allen Menschen diesel-
be Vorstellung aus. Das trifft umso mehr auf abstrakte
Gestik
Begriffe wie «Freiheit» oder «Gerechtigkeit» zu.
Äusserungen mittels Armen, Händen, Kopf, allenfalls
Schultern und Beinen.
Bildlegende
Erklärung einer Abbildung.
Glossar
Verzeichnis der Fachausdrücke innerhalb eines Buches
oder eines Faches.
C
Code Graphem
Als Code bezeichnet man eine Zeichenfolge, die in einer Kleinste bedeutungstragende geschriebene Einheit. Bei-
Sprechergemeinschaft konventionell angewendet wird. spiel: Baum ist ungleich Saum ist ungleich Traum usw.
Dabei gibt es neben der Schrift und den Lauten der
Sprechsprache auch vielerlei andere Codes («Codices»):
Noten, Zahlen, Verkehrsschilder usw. H
Hypotaxe
Satzkonstruktion mit abhängigen Nebensätzen. Gegen-
D teil: Parataxe.
deskriptiver Grammatik
Ist die in Lehrbüchern dargelegte Beschreibung (Deskrip-
tion) der Sprache.
Glossar 172

I Mimik
Äusserungen mittels Gesichtszügen, z.B. Lächeln, mit den
intendiert / Intention Augen starren usw.
Absichtlich, geplant, vorsätzlich. Absicht, Vorsatz.
Modulation
Interaktion Variation in Betonung, Klang und Stimme in der gespro-
Aufeinander bezogenes Handeln zweier oder mehrerer chenen Sprache.
Personen. Sprachliche Kommunikation ist die wichtigste
Form zwischenmenschlicher Interaktion.

Interpunktion
N
Satzzeichen-Setzung. Nominalstil
Schreibstil, der sich durch die Häufung von Substantiven
Intonation (Nomen) auszeichnet. Besonders häufig in der Amtsspra-
Betonung der gesprochenen Sprache. Jedes Wort hat ge- che oder in der Wirtschaftskorrespondenz anzutreffen:
nau eine betonte Silbe. In einem Satz gibt es eine Satzbe- «Unter Bezugnahme auf obige Abmachung mit Bitte um
tonung und allenfalls eine Nebenbetonung. Kenntnis zuhanden Ihrer Abteilung teilen wir mit, dass
baldmöglichst die Abrechnung in Angriff genommen wer-
den muss.»
Kennzeichen des Nominalstils sind Substantivierungen
K von Verben («Weigerung» von weigern), Komposita
kognitive Fähigkeit («Schulhausneubaufremdfinanzierung»), Funktionsverb-
Fähigkeit, die Aussenwelt über Verstandestätigkeit wahr- gefüge («in Erwägung ziehen» statt «erwägen»), Häufung
zunehmen und selbstständig in ein Beziehungsnetz zu von Präpositionen («kraft des Gesetzes», «von Haus
knüpfen. Die Fähigkeit zu lernen und eigenständig Be- aus»), abhängige (Genitiv-)Attribute («Stellvertreter des
griffe zu bilden. Ministers»). Der schwerfällige Nominalstil ist zu vermei-
den. Vorzuziehen ist der Verbalstil.
Komparation
Steigerungsformen des Adjektivs: Positiv, Komparativ,
Superlativ. P
Parataxe
Konvention
Satzkonstruktion aus Hauptsätzen. Gegenteil: Hypotaxe.
Regeln, die innerhalb einer Gesellschaft stillschweigend
gelten.
Phonem
Kleinste bedeutungstragende lautliche Einheit. Die Aus-
sprache von Bahn zu Bann unterscheidet sich dadurch,
L dass a einmal kurz und einmal lang ausgesprochen wird.
Linguistik Es handelt sich deshalb um unterschiedliche Phoneme.
Wissenschaft der menschlichen Sprache; Sprachwissen-
schaft. Piktogramm
Zeichen, das eine Information durch vereinfachte grafi-
sche Darstellung vermittelt. Piktogramme sind Ikonen
M (siehe «Zeichen»), sie zeichnen sich durch Ähnlichkeit
Medium / Medien mit der Information aus. Die Silhouette einer Frau auf
Als Medium bezeichnet man sämtliche Möglichkeiten, der Tür zur Damentoilette ist ein Piktogramm. Dieses
Gedanken von einem Sender zu einem Empfänger zu Piktogramm verweist allerdings auf das Vorhandensein
«transportieren». Das Medium der gesprochenen Sprache einer Damentoilette und wird damit zu einem Symbol,
ist die Luft bzw. die Schallwellen, ein Medium der ge- denn zwischen grafischer Darstellung (Frau) und Sach-
schriebenen Sprache ist z.B. Papier (Brief, Zeitung usw.). verhalt (Toilette) gibt es keine Ähnlichkeitsbeziehung
Daneben gibt es akustische Medien (Schallplatten, CD), (siehe «Symbol»).
elektromagnetische Medien (Telefon) und elektronische
Medien (TV, Radio, Internet u.a.). Als Massenmedien be- Produzent / in
zeichnet man Medien, die von einem oder wenigen Sen- Die Urheberin resp. der Urheber einer sprachlichen Äus-
dern viele Empfänger auf einmal erreichen (Zeitung, Ra- serung.
dio, TV, Werbung).
Glossar 173

Q T
Querverweis Terminus
Verweis von einer Stelle eines Buches auf eine andere, wo Festgelegte Bezeichnung; Fachbegriff. Die Fachbegriffe
das Thema oder der Begriff ebenfalls bzw. vertiefter ab- eines Faches zusammen nennt man Terminologie. Siehe
gehandelt wird. S. 26.

textimmanent
R Aus dem Text heraus ersichtlich; eine dem Text innewoh-
nende Eigenschaft.
Redundanz
Das Vorhandensein von überflüssigen, für die Informati-
on nicht nötigen Elementen. Eine massvolle Redundanz
hilft indessen dem Verständnis. Gesprochene Sprache ist V
redundanter (verfügt über mehr Redundanz) als geschrie- verbal / nonverbal
bene Sprache. Die verbalen Sprachäusserungen sind die von einem Pro-
duzenten mit Intention formulierten Wörter und Sätze.
Rezeption Als nonverbale Äusserungen bezeichnet man die körper-
Verstehensprozess beim Empfänger einer gesprochenen sprachlichen Elemente wie Gestik, Mimik, Lautstärke
Äusserung oder beim Leser eines Textes. usw. Geschriebene Sprache ist nur verbal. Siehe dazu
auch «analog» und «digital».
Rezipient / in
Die Empfängerin resp. der Empfänger einer sprachlichen Verbalstil
Äusserung. Als Verbalstil bezeichnet man Formulierungen, die das
Verb ins Zentrum setzen. «Zu seinen Sachen kam er wie
Rhetorik die Weiber zu schönen Kindern: Sie denken nicht daran
Die Kunst des freien Sprechens vor Publikum. Auch die und wissen nicht wie» (Goethe). «Jetzt werden Seehelden
Kunst des Überzeugens. aus Korsaren, aus Raubschiffen zieht sich eine Marine
zusammen, und eine Republik steigt aus Morästen em-
por» (Schiller). Der Verbalstil zeichnet sich durch die
S Abwesenheit all der Merkmale des «Nominalstils» aus; er
verfügt stattdessen über Rhythmus und Schwung. Der
Symbol Verbalstil ist anzustreben.
Ein Symbol ist ein Zeichen, das mit dem Dargestellten
keinerlei Ähnlichkeit hat. Es wird «zufällig» (arbiträr)
einem Inhalt zugeordnet und gilt mittels Konvention, d.h.
Übereinkunft in einer Sprachgemeinschaft. Beispiele sind Z
die Verkehrssignale. Sprachliche Zeichen sind fast aus- Zeichen
schliesslich symbolisch. Siehe dazu auch «Zeichen» und Ein Zeichen steht stellvertretend für das Bezeichnete
«digital». («aliquid stat pro aliquo»). Dabei kann unterschieden
werden zwischen dem Ikon (Piktogramm), das eine Ähn-
synthetischer Sprachbau lichkeitsbeziehung von Zeichen zum Bezeichneten auf-
Ein synthetischer Sprachbau ist in der Sprachtypologie weist (z.B. die Skizze eines Fahrrades), dem Index, der
nach Wilhelm von Humboldt und August Wilhelm Schle- eine Kausalitätsbeziehung von Zeichen zum Bezeichneten
gel ein Sprachbau, in dem die grammatische Funktion aufweist (z.B. zeigen die 40 Grad auf dem Fieberthermo-
eines Wortes durch Flexion kenntlich gemacht wird. Da- meter hohes Fieber an, dieses wiederum zeigt Krankheit
durch werden neue Wörter «synthetisiert». Sprachen, in an), und dem Symbol, das zwischen Zeichen und Bezeich-
welchen dieses Konzept vorherrscht, nennt man synthe- netem keinerlei Ähnlichkeit aufweist, sondern durch Kon-
tische Sprachen; z.B. heisst «zu meiner Mutter» auf Un- vention bestimmt ist (z.B. das Fahrverbotsschild). Sprach-
garisch in einem Wort «anyukámhoz» oder kürzer «any- liche Zeichen sind fast immer Symbole.
ámhoz»; «ich bin gewesen» heisst «voltam». Weitere
Sprachklassen sind isolierender und analytischer Sprach-
bau.
Sachregister 174

Sachregister
4 Seiten einer Botschaft 43 «Door-in-the-face»-Technik 95
5 Gebote 138 Du-Orientierung 69
Durchschuss 118 f.

A
A=TBB 88 f. E
aktiver, passiver Wortschatz 23 «ebd.» 150
Aktivierender Einstieg 68 Eigennamen 26
Akzeptabilität 129 Einigungsgespräch 100
Allgemeine Aussage, Allgemeinplatz 94 Einleitung 104
Althochdeutsch 13, 14 Einzug 155
analog 44, 71 elaboriertes Sprechen 10
Analogie 90 Empfänger 47
Anfang 68 Erarbeitung von Fachliteratur 147, 159 f.
Anmerkung 150 erörtern 101 ff.
Anreiz 142 Exzerpt 114
Appell, appellieren 43
Apposition 165
Aquarium 58 F
Arbeitsjournal 145 «f.», «ff.» 150
Arbeitsplan 145 Facharbeit 144 ff.
Arbitrarität 8 Fachliteratur 108
Argument 88 ff. Fachwortschatz 26
Aufmerksamkeit 67 Faktenargument 90
Aufriss 118 f. falsifizieren 161
Ausdrucksvermögen 60 Fehlschluss 91
Ausführlichkeit 128 fette Schrift 152
Auslautverhärtung 17 Feuilleton 120
Aussprache 17 Flattersatz 154
Axiome der Kommunikation 39 ff. Flipchart 85
«Foot-in-the-door»-Technik 95
Formulierung 135 f., 138 f., 140 ff.
B freies Sprechen 82
Begründung 88 f. Fremdwort 24
Behauptung 88 f. Fünfsatz 78 f.
Betonung 18, 162 Funktionen der Kommunikation 50
Beurteilungskriterien für Texte 136 Fussnote 150
Beweis 90
Beziehung 41, 43, 71
Bibliografie 151 G
Bildlegende 118 f. generative Grammatik 21
Blocksatz 154 Germanisch 12
Boulevard 122 ff. Gesprächsblocker 54 f.
Gesprächsfähigkeit 61
Gesprächsverhalten 97
C Gestaltendes Sprechen 162
Cluster 146 Gestik 72
Code 47, 127 Gliederung einer Rede 78
Gliederungsschema 156
Grafik 157 f.
D
dass-Sätze 138
Debatte 58 H
Deduktion 93 Handbuch 108
Defizithypothese 10 Hochdeutsch 13
Denotation 49 höflich sein 99
deskriptive Grammatik 21 Hypothese 161
diagonales Lesen 109, 112
Diagramm 157 f.
Dialekt 9, 15 I
Differenzhypothese 10 Ich-Orientierung 98, 164
digital 44, 71 Idiolekt 9
direktes Zitat 150 Impressum 119
Diskussion 57 indirektes Argument 90
Diskussionsform 58 indirektes Zitat 150
Sachregister 175

Indoeuropäisch 12,19 Markieren 112


Induktion 93 Maturarbeit 144 ff.
Informativität 129 Medium 47, 116, 127
Infotainment 122 Mimik 72, 162 f.
Inhaltsfigur 166 Mind-Map 115
Initial 155 Mittelhochdeutsch 14
Intentionalität 129 Modalität, Maxime der 38
Internetquellen 151 Modulation 162
IPA-Zeichen 16 Monografie 108
Mündlichkeit 126

J
Jargon 11 N
journalistische Pflicht 121 Nachrichtenagentur 117
Jugendsprache 11 Nachrichtenmodell 47
Jugend debattiert 59 ff. Nachrichtenwert-Theorie 29
Neuhochdeutsch 14
Niederdeutsch / Oberdeutsch 13
K nonverbal 40, 44, 71
Kanal 47 normatives Argument 90
Kapitälchen 154 Notiz 113
Klangfigur 166
Kohärenz 128
Kohäsion 128 O
Komma 165 Oralität 126
Kommunikationsfähigkeit 52 Organonmodell 46
Kommunikationssituation 48, 127, 129 orientierendes Lesen 147
kommunikative Basis 48 Overhead-Folie 84
Kompetenz 9
Komplementarität 45
Konfliktlösung 97 ff. P
Konnotation 49 Passivsätze 138
konstativ 27 Pauschalität 94
konstruktive Rückmeldung 164 Pendlerzeitung 122
Kontext 159 Performanz 9
Konvention 8 performativ 27
Konversationsmaxime 38 Phatik 41 f.
Konzeption 148 Phonetik 16
Konzeptkarte 115 Plagiat 149
Kooperationsprinzip 38 Planungsfähigkeit 133
Körpersprache 71 f., 162 f. Podiumsgespräch 58
Korrespondent / in 117 Political Correctness 30
Kursivschrift 154 Portfolio 145, 160
Kurzzitierung 149 Powerpoint 85
Prämisse 92 f.
Präsentation 64
L Präzision 142
Laufweite 153 Pressemitteilung / Pressekonferenz 117
Lautschrift 16 Problemerörterung 106
Lautverschiebung 12 f. Problemorientierung 132
Lead 118 f. Produzent 127
Lehnwort 24 Publikumsorientierung 67 ff., 77
Lesbarkeit 153
Leserfreundlichkeit 141
Lesetechnik 109 ff. Q
Literalität 126 Qualität, Maxime der 38
literarische Erörterung 106 Quantität, Maxime der 38
Literatursuche 147 Quellenanalyse 159
Literaturverzeichnis 151 Quellenverzeichnis 151
Logik 141 Querlesen 109

M R
Mainstreaming 117 Rechtschreibreform 32 ff.
Manipulation 54 f., 96 Redaktor / in 120
Sachregister 176

Rede 64
Redewendung 25 U
Referat 64 Überarbeitung 137
Relation, Maxime der 38 Überlauf 118 f.
Reporter / in 117 Überreden 95 f.
Ressort 120 Überzeugen 77, 95
restringiertes Sprechen 10 Überzeugungskraft 61
revidieren 161 Umgangssprache 9
Rezipient 127 und-Anschlüsse 138
rhetorische Figur 166 ff. unterstreichen 154
Rückmeldung 164 Unwort des Jahres 26
Urteil 89
S
Sachkenntnis 60 V
Sachtext 108 Varietät 10
Sapir-Whorf-Hypothese 28 verbal 40, 44, 71
Satzfigur 168 verifizieren 161
Scheinautorität 91 Versalien 152
Schlagzeile 118 f. Verständlichkeit 138 ff.
Schlussfolgerung 93 Vertiefungsarbeit 144 ff.
Schlussteil 105 Verweis 150
Schreibkommunikation 127 VIR-Strategie 100
Schreibkompetenz 131 ff. Visualisierung 83, 115
Schreibprozess 131 ff. Vokalansatz 17
Schrift 152 Vorspann 118 f.
Schriftlichkeit 126
Schriftwahl 155
Schwa-Laut 17
Selbstoffenbarung 43
W
Selbstständige Arbeit 144 ff. Wandtafel 84
Sender 47 f. Weltwissen 48 f.
Serifen 152 wenn-Sätze 138
situationsbezogenen Textualität 129 Wirkung 71, 162
«sollen» 94, 97 wissenschaftliches Arbeiten 148
Soziolekt 10, 11 Wort des Jahres 26
sperren 153 f. Wortfigur 167
Spitzmarke 118 f. Wortschatz 22
Spracherwerb 21
Sprachgeschichte 12 ff.
Sprachwandel 26 Z
Sprechakte 27 Zeichen 8, 173
Sprechtempo 72, 162 f. Zeilenabstand 153
SQ3R 110 f. Zielsatz 73 f.
Standardaufbau einer Rede 66 Zitat 149 f.
Standardsprache 9, 10 Zitierkonvention 149
stimmhaft / stimmlos 16 Zuhörerorientierung 65
Stoffsammlung 103 Zuhörerpsychologie 67
Störung 47
substantivierte Verben / Adjektive 138
Symmetrie 45

T
Tatsache 89
Terminologie 26
Textanalyse 159
Texterörterung 106
Textlinguistik 128
Textmerkmale 128
Textsortenwissen 134
Textualität 128
Textwissen 134
Themengewinnung 146 Ins Sachregister nicht aufgenommen wurden die rhetorischen
These 88 f., 161 Figuren. Sie finden sie auf den Seiten 166 – 169. Ebenfalls nicht
Titel 105 aufgenommen wurden die Begriffe im Glossar.