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Verlag Fuchs AG

Pascal Frey
Wege
zur Literatur
Deutsch am Gymnasium 4

©V
©Verlag Fuchs AG ISBN: 978-3-03743-880-0 Konzept und Gestaltung:
Höchweid 14 «W
«Wege zur Literatur» Springrolls AG, Luzern
6023 Rothenburg Deutsch am Gymnasium 4 (ehemals Triebwerk)
Telefon 041 280 62 66 1. Auflage 2012
Telefax 041 280 60 45 Fotos:
E–Mail: info@verlag–fuchs.ch ISBN: 978-3-03743-870-1 Renato Regli
www
www.verlag–fuchs.ch «Literatur»
Deutsch am Gymnasium 3 Gedruckt auf chlorfrei
1. Auflage, 2012 1. Auflage 2010 gebleichtem Papier

Abdruck und Vervielfältigung ISBN: 978-3-03743-860-2


sowie Erstellen von Kopien «Einfach schreiben»
irgendwelcher Art zu irgend- Deutsch am Gymnasium 2
welchen Zwecken ist – auch 1. Auflage 2009
nur auszugsweise – nur mit
Bewilligung des Verlages ISBN: 978-3-03743-850-3
gestattet. «Sprache und Kommunikation»
Deutsch am Gymnasium 1
1. Auflage 2009

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Vorbemerkungen 2

Vorbemerkungen
Inhalt
An der Mittelschule führen zwei Wege zur Literatur: der Weg der Analyse und der
Weg der eigenen Produktion literarischer Texte. Die literarische Analyse deckt der
Band 3 von «Deutsch am Gymnasium» ab. Der vorliegende 4. Band des Lehrwerks
bietet eine produktionsorientierte Einführung in die Literatur und ins literarische
Schreiben. Literaturnahe Texte selber zu schreiben, erlaubt einen praktischen Zu-
gang zur Literatur.
Der Band «Wege zur Literatur» lässt sich als eigenständiges Lehrmittel im Unter-
richt einsetzen. Er ergänzt den 3. Band «Literatur», ersetzt ihn jedoch nicht.

Lehrmittel
«Deutsch am Gymnasium» ist ein Lehrmittel für das Fach Deutsch an Gymnasien. Es
ist bestimmt für die Hand der Schülerinnen und Schüler. Das Lehrmittel kann auch
in den Lehrgängen der Berufsmaturität und der Fachmittelschule eingesetzt werden.
Dieser Band 4: «Wege zur Literatur» ist besonders gut geeignet für SOL (selbst
organisiertes Lernen).

Praxisnähe
Sämtliche Seiten, alle Anleitungen, Übersichten und Beispiele dieses Lehrmittels
wurden in der Praxis des gymnasialen Deutschunterrichts erprobt. Das trifft insbe-
sondere auf die Formulierungen zu. Der Autor dankt an dieser Stelle all jenen, die
dazu beigetragen haben, die Sprache einfach und verständlich zu machen.

Beispiele
Alle nicht gekennzeichneten Beispiele stammen vom Autor.

Sachregister
Das Sachregister verzeichnet sämtliche Fachbegriffe, die verwendet werden.

Geschlechterneutrale Formulierung
Der Autor dieses Bandes ist sich der Problematik der ausschliesslichen Verwendung
männlicher Formen für geschlechtergemischte Gruppen bewusst. Aus Gründen der
leichten Lesbarkeit wurde auf Doppelformen nach dem Muster «Autorinnen und
Autoren» verzichtet. Mehr Informationen zum Umgang mit geschlechterneutralen
Formulierungen findet man im Band «Sprache und Kommunikation». Deutsch am
Gymnasium 1: «Sprache und Kommunikation», siehe S. 30 f.

Deutsch am Gymnasium
Das Lehrwerk «Deutsch am Gymnasium» besteht aus vier Teilen.

– «Sprache und Kommunikation» – «Literatur»


Deutsch am Gymnasium 1 Deutsch am Gymnasium 3

– «Einfach schreiben» – «Wege zur Literatur»


Deutsch am Gymnasium 2 Deutsch am Gymnasium 4

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Inhaltsverzeichnis 3

Inhaltsverzeichnis

Weg 1: Erzählen 5. Schritt: Bildlich machen 51


6. Schritt: Starke Metaphern bilden 52
1.1 Überblick: Erzählen 10
7. Schritt: Allegorien bilden 53
1.2 Schritte zur Erzählung 11
8. Schritt: Mit Wörtern spielen 54
1. Schritt: Geschichten erzählen 11
9. Schritt: Die Wahrnehmung lenken 55
2. Schritt: Die Geschichte jemandem
10. Schritt: Mit der Grammatik spielen 56
erzählen 12
11. Schritt: Strophen bauen 58
3. Schritt: Den Erzähler positionieren 13
3.3 Versuchsstück: Ein Sonett schreiben 59
4. Schritt: In die Figuren sehen 14
3.4 Abstecher: Konkrete Poesie 60
5. Schritt: Den Erzähler kommentieren
lassen 15
Weg 4: Slammen
6. Schritt: Eine Handlung entfalten 16
7. Schritt: Der Handlung Zeit geben 17 4.1 Überblick: Slammen 62
8. Schritt: Figuren ins Leben rufen 18 4.2 Schritte zum Slammen 63
9. Schritt: Schauplätze beschreiben 20 Einführung: Slam Poetry 63
10. Schritt: Die Figuren mitsprechen 1. Schritt: Seine Stimme finden 65
lassen 21 2. Schritt: Themen finden 66
11. Schritt: Die Figuren erleben lassen 22 3. Schritt: Anfangen 68
12. Schritt: Andeuten und zurückblicken 23 4. Schritt: Stilmittel einsetzen 70
13. Schritt: Spannung erzeugen 24 5. Schritt: Den Text dramatisieren 72
14. Schritt: Montagen bauen 25 6. Schritt: Am Text feilen 74
15. Schritt: Der Erzählung einen Stil 7. Schritt: Rollen spielen 75
geben 26 8. Schritt: Auftreten 76
1.3 Versuchsstück: Eine Kurzgeschichte 9. Schritt: Das Publikum gewinnen 78
schreiben 27 4.3 Checklisten für Slam-Poeten 79

Weg 2: Dramatisieren 5. Übersichten


2.1 Überblick: Dramatisieren 30 5.1 A bis J: Erzählen 82
2.2 Schritte zum Drama 31 5.2 K bis Q: Dramatisieren 94
1. Schritt: Spielen 31 5.3 R bis X: Dichten 101
2. Schritt: Darstellen 32
3. Schritt: Sprechen 33 6. Tafeln: Literaturgeschichte
4. Schritt: Auf der Bühne stehen 34
6.1 Idee und Absicht der Tafeln 110
5. Schritt: Konflikte schüren 35
6.2 Barock 111
6. Schritt: Das Publikum berühren 36
6.3 Aufklärung 112
7. Schritt: Das Publikum zum Lachen
6.4 Sturm und Drang 113
bringen 37
6.5 Weimarer Klassik 114
8. Schritt: Eine Handlung komponieren 38
6.6 Romantik 115
9. Schritt: Klassische Dramen bauen 39
6.7 Frührealismus 116
10. Schritt: Spielfilme drehen 40
6.8 Realismus 117
11. Schritt: Episches Theater machen 42
6.9 Naturalismus 118
2.3 Versuchsstück: Ein Dramolett bauen 44
6.10 Moderne 119
6.11 Expressionismus 120
Weg 3: Dichten
6.12 Kriegs- und Zwischenkriegszeit 121
3.1 Überblick: Dichten 46 6.13 Literatur nach 1945 122
3.2 Schritte zum Gedicht 47
1. Schritt: Verdichten 47 Die literarische Erörterung 123
2. Schritt: Verse schmieden 48 Alle Aufgaben auf einen Blick 125
3. Schritt: Reimen 49 Literaturverzeichnis 126
4. Schritt: Zum Klingen bringen 50 Sachregister 127

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Vorwort 4

Vorwort
Schreibend lesen lernen
«Schreibend lesen lernen» – so lautet das Motto des vorliegenden Lehrmittels. Ler-
nen durch Erfahrung ist ein im Unterricht längst etabliertes Vorgehen. Im Litera-
turunterricht ermöglichen produktionsorientierte Schreibaufgaben Schülerinnen
und Schülern eigene Erfahrungen im Umgang mit Literatur, mit ihren Merkmalen,
Formen und Strukturen.
Der vorliegende Band verfolgt neue Wege des produktionsorientierten Schreibens,
indem er Aufgaben stellt, die in die Struktur und Form literarischer Texte einführen.
Die Schreibaufgaben dienen nicht dem Umgang mit einem bestimmten Text, sondern
führen Schritt für Schritt in die Kunstmittel literarischen Schreibens ein. Damit stel-
len die hier gegangenen Wege ein besonderes Konzept des produktiven Umgangs
mit Literatur dar: Sie führen zum literarischen Verstehen durch eigenes Schreiben.
Warum lernt man eine Fremdsprache im Land der Zielsprache leichter? Weil man
in sie eintaucht und selber mitmacht. Wieso malt man im Kunstunterricht ein Aqua-
rell oder gestaltet eine Collage? Ziel ist natürlich nicht, aus jedem einen Künstler
zu machen, sondern zu erfahren, was es heisst, «Kunst zu machen». Das stimmt
auch für die Literatur: Wer lernt, wie man literarisch schreibt, ist vielleicht noch
kein Schriftsteller, kennt aber immerhin doch die Kunstmittel der Literatur. Er weiss
dann, was die Literatur zur Literatur macht.

Dank
Mein Dank gebührt allen Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen,
die mich tatkräftig unterstützt haben, und meiner Familie, die mich für viele Mo-
nate entbehren musste.

Ganz herzlich danke ich:


– Dr. Daniela Plüss und Claudio Caduff vom Zürcher Hochschulinstitut für Schul-
pädagogik und Fachdidaktik (ZHSF) für die fachliche Begleitung;
– Richi Küttel, Slam-Poet, Slam-Didaktiker und Kulturvermittler, und Rainer von Arx,
Kulturarbeiter, Kleinkunst- und Slam-Poetry-Veranstalter, für viele Ideen und Anre-
gungen zum 4. Weg: Slammen;
– den Klassen G2010A und G2010C der Neuen Kantonsschule Aarau für die Praxis-
erprobung;
– Sylvia von Piechowski für das Korrektorat;
– Simon Meienberg für die grafische Gestaltung und den Satz;
– Renato Regli für die Umschlag- und Kapitelfotos;
– Stefan Hofmeier für die freundliche Überlassung der Fotos der Slammer (Weg 4);
– und schliesslich dem Verleger, Jakob Fuchs, für tausend Kleinigkeiten und mehr,
die die Herstellung eines Buches zu einer grossartigen Sache machen.

Der Autor
Pascal Frey (geb. 1967), Dr. phil., Deutschlehrer an der Neuen Kantonsschule
Aarau, wohnhaft in Solothurn, verheiratet, Vater von zwei Töchtern.

Pascal Frey, Solothurn, Mai 2012

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Handhabung 5

Umgang mit diesem Lehrmittel


Vorbemerkung für Schülerinnen und Schüler
Das richtige Verstehen literarischer Werke setzt einiges Wissen über die Literatur
und ihre Machart voraus. Erst mit diesem Wissen kann man literarische Texte in
ihrer «Literaturhaftigkeit» verstehen. Dieses Buch geht davon aus, dass man besser
lernt, wenn man eigene Erfahrungen macht. Wer probeweise in die Rolle des Autors
schlüpft, erfährt die Wirkungsweise literarischer Texte und die verschiedenen Mög-
lichkeiten des literarischen Schreibens selbst.

Aufbau
Erzählen, Dramatisieren, Dichten
Die verschiedenen Gattungen der Literatur unterscheiden sich im Umgang mit der
Sprache grundlegend voneinander. Deshalb führt nicht ein Weg zur Literatur, son-
dern mehrere. Die drei Wege zum Erzählen, zum Dramatisieren und zum Dichten
sind jeweils identisch aufgebaut.
– Überblick: Die Tafel weist Ihnen den Weg, der Sie zum Erzählen, Dramatisieren
oder zum Dichten führt.
– Schritte: Schritt für Schritt vom Allgemeinen zum Besonderen führt der Weg in
die Gattung ein. Sie werden ausführlich angeleitet, sodass Sie direkt mit Schreiben
beginnen können.
– Versuchsstück: Am Ende jedes Weges steht das «Gesellenstück» bzw. Ihr persön-
liches Kunststück. Die einzelnen Schritte haben Sie zum Fortgeschrittenen ge-
macht.

Slammen
Die Vorgehensweise des 4. Wegs zum Slammen unterscheidet sich von den drei an-
deren. Hier werden Sie Schritt für Schritt eingeführt in die Welt der Slam Poetry und
angeleitet zu einem ersten eigenen Text, von der Themenfindung bis zum Vortrag
vor Publikum.

Übersichten
Die Übersichten haben einen dreifachen Nutzen.
– Überblick: Sie erhalten den Überblick über die Kunstmittel der jeweiligen Gattung.
Zusätzlich werden Sie direkt auf die jeweiligen Seiten in Deutsch am Gymnasium 3:
«Literatur» verwiesen, wo Sie noch mehr Informationen und Beispiele finden.
– Hilfe: Die Übersichten enthalten Schritt-für-Schritt-Anleitungen, die Sie direkt
als Hilfe zur Lösung der Aufgaben verwenden können. Sie verhindern, dass Sie
einmal steckenbleiben.
– Analyse: Im Unterricht am Gymnasium, an der FMS und der Berufsschule müssen
Sie auch Textanalysen und Interpretationen literarischer Texte schreiben. Die Über-
sichten versammeln die Gegenstände, die eine literarische Analyse untersuchen
kann.

Literaturgeschichte
Die Tafeln zur Literaturgeschichte bieten eine Übersicht über die Epochen und eine
Gedankenstütze für deren wesentliche Merkmale.

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Handhabung 6

Wie Sie mit diesem Buch arbeiten können


Dieses Lehrmittel ist eine Anleitung zum Verfassen literarischer Texte. Sie können
es in unterschiedlichen Lernsituationen verwenden.
– Selbststudium: Sie bearbeiten selbständig einzelne Wege oder einzelne Schritte,
z.B. zur Vorbereitung einer Prüfung, und erproben Ihr Wissen in praxisorientier-
ten Aufgaben.
– Unterricht: Sie beschäftigen sich mit einzelnen Arbeitsblättern oder ganzen Ka-
piteln als Ergänzung oder Vertiefung des Unterrichts.
– Nachschlagewerk: Sie schlagen im Sachwortregister und in den Übersichten nach,
wenn Sie mehr über ein Kunstmittel oder ein bestimmtes Thema erfahren wollen.

Die Tabellen
Die Tabellen bieten eine Hilfestellung für die Aufgaben.

Aufgabe 2 Montage von zwei Episoden Thema der Aufgabe 2

Zeit ca. 30 Minuten Richtzeit bis zu ersten


Resultaten
Umfang ca. ½ Seite ungefährer Umfang in Hand-
schrift in A4-Heften
Titel Ein sehr persönliches Erlebnis Titel des entsprechenden
Textes
Vorgaben – zu zweit besonders zu berücksichtigen-
– nicht Ich-Form de Bestimmungen
Referenz Übersicht G, S. 90 Verweis auf entsprechende
Übersicht, die die nötige
Theorie und eine Schritt-für-
Schritt-Anleitung enthält

Arbeitsweise
– Gehen Sie pragmatisch mit den Aufgaben um. Fangen sie an und folgen Sie den
Anweisungen. Es ist nicht nötig, perfekte Texte zu schreiben, sondern es geht dar-
um, die verschiedenen literarischen Mittel auszuprobieren und kennen zu lernen.
Die Idee ist, das Wesen der Literatur durch eigene Versuche selber zu erfahren.
– Beachten Sie die Angaben in den Kästchen. Die Angaben einer Richtzeit und des
ungefähren Umfangs zeigen Ihnen, was erwartet wird.
– Suchen Sie Hilfe in den Übersichten am Ende des Kapitels. Sie enthalten die nö-
tige Theorie und Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

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Handhabung 7

Schrittweiser Aufbau
In welcher Reihenfolge Sie die einzelnen Wege beschreiten, ist Ihnen freigestellt oder
wird von Ihrer Deutschlehrerin bzw. Ihrem Deutschlehrer vorgegeben. Sobald Sie
sich auf einen Weg begeben, beschreiten Sie jedoch mit Vorteil alle Schritte in der
gegebenen Reihenfolge. Die Schritte führen Sie in die Geheimnisse der jeweiligen
literarischen Gattung ein. Sie bauen aufeinander auf und öffnen nacheinander Tür
um Tür. Es wird empfohlen, alle Aufgaben zu lösen und das Versuchsstück erst ganz
am Ende – am besten mit einem spürbaren zeitlichen Abstand – anzugehen.

Die stufenweise Bearbeitung


In der Praxis hat sich bewährt, die einzelnen Wege des Lehrmittels stufenweise zu
bearbeiten. Die Bearbeitung eines Weges nimmt etwa ein Quartal in Anspruch. Dies
kann z.B. so aussehen:

1. SJ 2. Quartal Weg 1: Erzählen


2. SJ 1. Quartal Weg 3: Dichten
3. Quartal Weg 2: Dramatisieren
3. SJ 1. Quartal Weg 4: Slammen

Selbstverständlich ist eine andere Abfolge möglich. Grundsätzlich wird empfohlen,


den produktorientierten Band 4 als Begleitung zur Einführung in die Literatur-
analyse (Deutsch am Gymnasium 3: «Literatur») einzusetzen.

Aufwand und Umfang der Aufgaben


Es braucht viel Zeit, literarische Texte zu schreiben. Tendenziell kann man unendlich
lange an einem Text feilen. Bei den Aufgaben in diesem Lehrmittel geht es jedoch nicht
darum, Meisterwerke zu erschaffen, sondern darum, durch Ausprobieren und Selber-
machen die Kunstmittel der Literatur zu erfahren. Deshalb: Legen Sie einfach los. Die
Zeitangabe im Kästchen zeigt Ihnen den ungefähren Zeitaufwand, den Sie mit konzen-
triertem Schaffen bis zu ersten brauchbaren Resultaten einkalkulieren müssen.

Aufwand
Auf den ersten Blick scheint es so viele Schritte mit vielen Aufgaben zu geben, dass
man sich überfordert fühlen könnte. Doch der Aufwand ist zu bewältigen.

Anzahl Schritte / Aufwand


Aufgaben (Richtzeit inkl. Versuchsstück)

Weg 1: Erzählen 15 Schritte / 30 Aufgaben 12 Stunden


Weg 2: Dramatisieren 11 Schritte /17 Aufgaben 9 Stunden
Weg 3: Dichten 11 Schritte / 23 Aufgaben 8 Stunden
Weg 4: Slammen 9 Schritte / 9 Aufgaben 8 Stunden

Schreibhefte
Sammeln Sie die zu schreibenden Texte in Heften, sogenannten Schreibheften. Alter-
nativ können Sie die Texte am Computer schreiben, ausdrucken und zu Dossiers
zusammenstellen. Führen Sie Ihr Schreibheft übersichtlich: Verweisen Sie bei jedem
Text auf den Weg, den Schritt, den Titel der Aufgabe. Wenn nötig geben Sie auch
eine Quelle an.

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Handhabung 8

Didaktische Vorbemerkung für Lehrpersonen


«Produktionsorientierung» fragt, auf welche Weise Texte «gemacht» werden. Ihr ent-
scheidender Vorteil ist der Einbezug jedes einzelnen Schülers. Damit Schüler aller-
dings nicht mit einer Aufgabe überfordert werden, die voraussetzt, was erst zu lernen
ist («Schreiben Sie eine gute, spannende Kurzgeschichte»), muss das eigene literari-
sche Schreiben etappiert werden. Solcherart produktionsorientierte Aufgaben
– führen spezifisch in die literarische Sprache und die literarischen Formen ein;
– rücken die Form literarischer Werke ins Blickfeld;
– leiten schrittweise an und setzen den Lerngegenstand nicht schon voraus.
Auf diesen Grundsätzen bauen die Aufgaben in diesem Lehrmittel auf:
– Sie führen zu den literarisch-ästhetischen Möglichkeiten und Kniffen.
Zum Beispiel: Wie entsteht Spannung? Oder: Was leistet die Anapher?
– Sie veranschaulichen das Lernziel, dass Literatur gemacht ist, d.h., dass auch
Spannung, coole Geschichten oder lustige Wortspiele nicht vom Himmel
fallen, sondern vom Autor bewusst gestaltet sind.
– Sie bieten anschauliche Beispiele und eine Anleitung zum Nachmachen.

Einsatz im Unterricht
Die Schritte folgen weitgehend dem Aufbau der Kapitel in Deutsch am Gymnasium 3:
«Literatur». Die einzelnen Aufgaben können deshalb problemlos als Übungen im
Unterricht eingesetzt werden, beispielsweise zur Erarbeitung eines Begriffes oder zu
dessen Vertiefung. Auch als Hausaufgaben eignen sich die einzelnen Schritte.

Einsatz als Selbstlernmittel


Grundsätzlich sind alle Aufgaben selbsterklärend. Die einzelnen Schritte bauen
sukzessive aufeinander auf. Deshalb ist «Wege zur Literatur» geeignet
– als längerfristige Hausaufgabe (Quartalsarbeit),
– als Projektgrundlage,
– für SOL (selbst organisiertes Lernen).

Umgang mit Schülerarbeiten


Die Texte, die Ihre Schülerinnen und Schüler im Laufe der Arbeit mit diesem Lehr-
mittel schreiben, haben Werkstattcharakter. Es geht um das Herantasten an die Mög-
lichkeiten der Literatur. Die Texte eignen sich nicht zur Bewertung.
Trotzdem haben Ihre Schülerinnen und Schüler ein Anrecht darauf, dass auf ihre
Texte eingegangen wird. Ihre Schülerinnen und Schüler sollten Möglichkeiten haben,
die eigenen Texte mit anderen zu vergleichen, sie von anderen beurteilen zu lassen.
Nach Möglichkeit sollten diejenigen die Texte lesen und besprechen, die sich mit dem
Lerngegenstand intensiv beschäftigt haben. Deshalb ist es sehr sinnvoll, die Schüler
und Schülerinnen die Texte gegenseitig besprechen zu lassen.
Die Übersichten und Anleitungen können als Checklisten für die Begutachtung der
Texte eingesetzt werden. Das erlaubt den Schülerinnen und Schülern ein autonomes
Vorgehen.
Da die produktionsorientierten Schreibaufgaben dieses Bandes in die Kunstmittel
der Literatur einführen, kann man sie auch als Klassenprüfungsaufgaben einsetzen.
Geschieht das, sollte man aber keine freien Aufgaben stellen (also nicht: «Schreiben
Sie eine Kurzgeschichte»), sondern solche, die die Anwendung bestimmter litera-
rischer Kunstmittel verlangen (z.B.: «Schreiben Sie einen erzählenden Text im
Umfang von ungefähr einer halben Seite, in dem erlebte Rede und ein Erzählerkom-
mentar vorkommen»). Dann hat man auch klare Kriterien für eine Beurteilung und
Benotung.

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Weg 1: Erzählen

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1.1 Überblick: Erzählen 10

Überblick: Erzählen
Die Geschichte

1. Schritt Geschichten erzählen


1 Aufgabe, 20 Minuten S. 11

2. Schritt Die Geschichte jemandem erzählen


2 Aufgaben, 20 Minuten S. 12

Der Erzähler

3. Schritt Den Erzähler positionieren


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 13

4. Schritt In die Figuren sehen


2 Aufgaben, 30 Minuten S. 14

5. Schritt Den Erzähler kommentieren lassen


1 Aufgabe, 40 Minuten S. 15

Die Handlung

6. Schritt Eine Handlung entfalten


2 Aufgaben, 50 Minuten S. 16

7. Schritt Der Handlung Zeit geben


2 Aufgaben, 45 Minuten S. 17

8. Schritt Figuren ins Leben rufen


4 Aufgaben, 80 Minuten S. 18

9. Schritt Schauplätze beschreiben


1 Aufgabe, 30 Minuten S. 20

10. Schritt Die Figuren mitsprechen lassen


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 21

11. Schritt Die Figuren erleben lassen


2 Aufgaben, 45 Minuten S. 22

Spannung und Stil

12. Schritt Andeuten und zurückblicken


2 Aufgaben, 15 Minuten S. 23

13. Schritt Spannung erzeugen


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 24

14. Schritt Montagen bauen


2 Aufgaben, 30 Minuten S. 25

15. Schritt Der Erzählung einen Stil geben


3 Aufgaben, 70 Minuten S. 26

Versuchsstück

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1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 20 und 21 11

1. Schritt: Geschichten erzählen


Im Alltag erzählen wir oft. Wir sprechen zu anderen von unseren Erlebnissen oder
von Ereignissen, von denen wir gehört haben.

Vom alltäglichen zum literarischen Erzählen


Während alltägliches Erzählen an persönliche Erlebnisse und die Ich-Form gebun-
den ist, gelten für den literarischen Erzähler diese Einschränkungen nicht.

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor
allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die
warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der
Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das hölzer-
ne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem
geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf
der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er selbst!
(Heinrich Mann, Der Untertan, 1914)

Der literarische Erzähler kann insbesondere

Position – die Geschichte erzählen, ohne dass er sie erfahren oder


erlebt haben muss;
– eine distanzierte Aussensicht einnehmen, d.h., er kann auch aus
der 3. Person erzählen («Diederich»war ein«weiches Kind»).

Charakteri­ seinen Figuren Eigenschaften und Gewohnheiten zuschrei-


sierung ben («Ungern verliess er im Winter...»).

Kommentar seine Figuren und die Handlungen kommentieren («weiches


Kind, das am liebsten träumte»; «dem geliebten Märchenbuch»).

Innensicht in die Figuren hineinsehen («sich vor allem fürchtete») und


deren Empfindungen kennen («halb so gross wie er selbst»).

Geschichten werden erzählt. Deshalb gibt es immer einen Erzähler.

Aufgabe
«Literarisieren» Sie eine alltägliche Erzählung. Gehen Sie schrittweise vor.
a) Setzen Sie sich mit einer Kollegin oder einem Kollegen zusammen. Erzählen Sie
einander ein persönliches Erlebnis, d.h., eines, das nicht jeder erfahren haben
kann. Erzählen Sie alltäglich, also im Präsens / Perfekt, in Mundart, in Ich-Form.
Schreiben Sie das gehörte Erlebnis auf. «Literarisieren» Sie es:
– Schreiben Sie in der Standardsprache. Erzählen Sie im Präteritum.
Aufgabe Literarisieren einer
alltäglichen Erzählung – Wechseln Sie in die 3. Person. Geben Sie der Person einen beliebigen Namen.
Zeit ca. 20 Minuten – Setzen Sie das Ereignis an einen passenden Schauplatz. Überlegen Sie sich
Umfang ca. ½ Seite
Titel passend zur Erzählung
auch, welche Symbolik der Schauplatz ausstrahlen soll.
Vorgaben – Präteritum – Fügen Sie weitere Kunstmittel des literarischen Erzählens ein (Innensicht,
– persönliches Erlebnis
– Schauplatz
Kommentar, fiktive Ausschmückung usw.). Die Einfügung muss nicht
– Kunstmittel des
literatischen Erzählens
«wahr» sein, also nicht mit der ursprünglichen Erzählung übereinstimmen.
– Figuren b) Lesen Sie die Geschichte, die Ihr Kollege oder Ihre Kollegin geschrieben hat,
Referenz Übersicht A, S. 82
und vergleichen Sie sie mit dem, was Sie erzählt haben.

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1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 25 12

2. Schritt: Die Geschichte jemandem erzählen


In der erzählenden Literatur sind Autor und Erzähler nicht identisch. Während der
Autor sich ausserhalb des Werkes in der Realität befindet, gehört der Erzähler zum
Werk und ist ein Teil der Fiktion. Dennoch erzählt der Erzähler für ein Publikum,
das sich ausserhalb des Werkes in der Realität befindet: die Leser.

Der Erzähler und sein Publikum

Am 4. Mai 1771
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des
Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich
war, und froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mir’s.
(Johann W. Goethe, Die Leiden des jungen Werther)

In diesem Beispiel erzählt der Erzähler («ich») einem fiktiven Zuhörer («Freund»,
«dich») seine Geschichte. Der Autor Goethe kommt im Werk nicht vor.

Der Erzähler erzählt immer für ein Publikum.

Realität
Autor realer Leser ausserhalb
des Werkes

erfindet

Fiktion

für
Erzähler
(ich, Werther) Zuhörer im Text

erzählt

fiktiver Leser
seine Erlebnisse (bester Freund)

Der Erzähler ist Teil des fiktiven Werkes. Die Leser dieses Werkes befinden sich
aber in der Realität. Das ergibt die merkwürdige Konstellation, dass sich ein fikti-
ver Erzähler an ein reales Publikum wendet, die wirklichen Leser nämlich.

Aufgaben
1. Gestalten Sie eine Situation, in der eine Grossmutter oder ein Grossvater den
Aufgaben Erzählung und Grafik
Enkeln ein Märchen erzählt. Das Märchen selber können Sie in der Erzählung
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang ca. ¾ Seiten überspringen. Wichtig ist, dass in Ihrer Erzählung ein Erzähler und ein fiktives
Titel Grossvater erzählt Publikum vorkommen. Um das reale Publikum müssen Sie sich nicht kümmern;
Vorgaben – Grossvater (Gross-
mutter) erzählt
es existiert, sobald jemand Ihren Text liest.
– fiktive Zuhörer Anmerkung: Die von Ihnen zu erzählende Situation ist eine Rahmenhandlung,
– grafische Darstellung
der Szene das Märchen selber ist die Binnenhandlung (Übersicht C, S. 84).
Referenz Übersichten B, C, S. 83 f. 2. Stellen Sie Ihren Text analog zur Grafik oben grafisch dar.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 12 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 27 bis 31 13

3. Schritt: Den Erzähler positionieren


Die Nähe des Erzählers zum Geschehen
Der Erzähler kann aus verschiedenen Blickwinkeln auf das Geschehen blicken.
Dementsprechend gibt er mehr oder weniger preis.

Neutrales Erzählen Personales Erzählen Auktoriales Erzählen

Der Erzähler steht ausserhalb Der Erzähler beobachtet eine Der Erzähler steht ausserhalb
der Erzählung. Er berichtet nur, Figur (3. Person), oder er der Handlung, verfügt aber über
was er sehen und hören kann. schlüpft in die Haut einer Figur Innensicht in alle Figuren. Er
Er verhält sich also gegenüber (1. Person). In beiden Fällen hat weiss sogar mehr als sie, denn
der Handlung wie ein Kino- er Innensicht in diese Figur. er kennt den Verlauf der Hand-
oder Theaterzuschauer. Neutra- lung im Voraus. Er kommentiert
les Erzählen kommt eher selten deshalb die Handlung und die
vor und meistens nur über kurze Figuren.
Passagen.

Die Position des Erzählers gegenüber der Handlung ist seine «Perspektive».

Neutrale Perspektive Personale Perspektive Auktoriale Perspektive


(Beobachtersicht) (Sicht der Mutter) (allwissende Aussensicht)

«Um elf bist du zuhause. Du warst Wieder einmal hatten sie sich Wieder einmal hatten die beiden
schon vorgestern sehr lange aus.» gestritten. Leider. Eigentlich hatte sich um den Zeitpunkt der Heim-
«Ach, Mama, kein Mensch ist am sie heute nachgeben wollen, aber kunft gestritten. Julia wollte nur
Freitag um elf zuhause. Das kannst das weinerliche Geflenne Jans ging das Beste für ihren fünfzehnjähri-
du nicht machen.» Die Tür öffnete ihr auf die Nerven. Sie wollte die gen Sohn. Doch der war wie
sich. «Sag du ihm, dass er nicht Ruhe bewahren, aber sie spürte, immer uneinsichtig und stur. Ihr
immer bis nach Mitternacht draus- wie es in ihr kochte. Gatte Michael war da auch keine
sen rumstreunen soll.» «Ha, jetzt Ihr Mann war ihr keine Hilfe. Der Hilfe. Es stimmte nämlich nicht,
rufst du Papa um Hilfe! Der ist schien sich nichts aus der Sache zu dass er die Sache so sah wie sie.
sowieso auf deiner Seite. Nie darf machen. Es war nur so, dass er sich lieber
ich so, wie ich will …» «Jetzt hab Als Jan sie angriff, hatte sie genug. aus der Sache heraushalten wollte.
ich aber genug von deiner ewigen Es reichte. Schluss. Sie musste Als Jan beleidigend wurde, hatte
Nörgelei. Schluss, aus.» Sie verliess weg, sonst musste sie nur wieder sie für heute genug. Es musste ein
den Raum. Beruhigungsmittel nehmen. Sie Machtwort gesprochen werden.
verliess den Raum. Danach verliess sie den Raum.

Aufgabe 1 Perspektive einhalten


Zeit ca. 30 Minuten Aufgaben
Umfang ca. 1 Seite
Titel Menschen im Fahrstuhl 1. Wählen Sie eine Perspektive. Schreiben Sie aus dieser Perspektive in der dritten
Vorgaben 3 Personen Person eine kleine Geschichte, die in einem Fahrstuhl spielt. Darin müssen genau
Referenz Übersicht B, S. 83
drei Personen vorkommen. Wichtig ist, dass Sie Ihre Perspektive genau einhalten.
Beachten Sie, dass das Erzähltempus das Präteritum ist.
Aufgabe 2 Perspektive überprüfen
Zeit ca. 10 Minuten 2. Überprüfen Sie die Geschichte einer Mitschülerin oder eines Mitschülers darauf,
Referenz Übersicht B, S. 83 ob die Perspektive darin eingehalten wurde.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 13 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 21 und 30 14

4. Schritt: In die Figuren sehen


Ein Erzähler kann von aussen auf das Geschehen blicken (Aussensicht). Ein wich-
tiges Merkmal literarischen Erzählens ist aber der Umstand, dass der Erzähler nicht
nur erzählen kann, was er sieht und hört, sondern auch, was in den Figuren vorgeht,
was sie denken und fühlen. Er verfügt also über eine Innensicht.

Innensicht
Nicht alle Erzähler haben Innensicht in die Figuren. Neutrale Erzähler kennen kei-
ne, personale Erzähler haben nur eine Innensicht in die Figur, aus deren Sicht sie
die Handlung erzählen. Nur auktoriale Erzähler haben Innensicht in alle Figuren.

Er war so schlecht gekleidet, dass mancher, der sich in seine Anmut schickte, sich
geniert hätte, am helllichten Tage in solchen Lumpen über die Strasse zu gehen.
[...] In der Seele des jungen Mannes jedoch hatten sich bereits so viel Grimm und
Verachtung angesammelt, dass er, ungeachtet einer mitunter ganz jugendlichen
Empfindlichkeit, sich seiner Lumpen auf der Straße am wenigsten schämte.
(Fjodor Dostojewski, Verbrechen und Strafe. Übersetzung S. Geier)

In diesem Beispiel sieht der Erzähler in die Psyche des geschilderten jungen Mannes
(«In der Seele ... angesammelt»; «sich seiner Lumpen ... schämte»). Er gibt keine
Gedanken des jungen Mannes wieder, sondern verfügt über ein Mehrwissen, das
seine Figur selber nicht hat. Dazu verwendet er Erzählerkommentar.

Der Erzähler kann in die Figuren hineinsehen. Er weiss, was sie fühlen,
denken, wollen, hoffen, fürchten.

Weitere Möglichkeiten zur Wiedergabe von Innensicht


Die wichtigsten Mittel zur Wiedergabe von Innensicht sind Erzählerkommentar
(siehe Schritt 6, S. 16); Gedankenrede (der Erzähler gibt die Gedanken der Figur
wieder) und erlebte Rede (siehe Schritt 11, S. 22)

Aufgaben
1. Erzählen Sie aus auktorialer Sicht eine Situation, in der eine Figur ein Geheim-
Aufgaben Innensicht / nis verbirgt, das der Erzähler berichtet. Das Geheimnis bleibt in der Handlung
neutrale Sicht
gewahrt, der Erzähler lüftet es aber für die Leser.
Zeit 2 × 15 Minuten
Umfang 2 × ½ Seite
Ihr Erzähler erzählt auktorial, es kommen mindestens zwei Figuren vor, er hat
Titel Geheimnisse Innensicht in eine Figur, Erzählzeit ist das Präteritum.
Vorgaben – auktorial (neutral)
– mind. 2 Figuren 2. Erzählen Sie dieselbe Situation aus der Sicht eines neutralen Erzählers.
– Innenansicht
– Präteritum Tipp: Verwenden Sie dazu Figurenrede. Schreiben Sie nur das, was man sehen
Referenz Übersichten A, B, S. 82 f.
und hören kann. Vermeiden Sie für die neutrale Perspektive die Innensicht!

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 14 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 30 15

5. Schritt: Den Erzähler kommentieren lassen


Steht der Erzähler ausserhalb der Handlung, kann er aus Distanz das Geschehen
und die Figuren kommentieren. Deshalb ist der Erzählerkommentar ein Hauptmerk-
mal des literarischen Erzählens.

Der Erzählerkommentar
Als Kommentar kommen ganze Sätze, wenige Worte oder sogar nur einzelne Wör-
ter in Frage.

Die beiden Mädchen kicherten hinter seinem Rücken. Dabei wollte er sich im-
mer nur ritterlich geben. Er hatte sie zur Schule begleitet, sogar zum Eis einge-
laden. Das hätte er nicht tun sollen, denn jetzt lachten sie ihn nur noch mehr
aus. Seine aussichtslosen Versuche, ihr Vertrauen zu gewinnen, zermürbten ihn
nur. Langsam dämmerte es ihm, dass er schonungslos ausgenutzt wurde.

Der Kommentar verfolgt unterschiedliche Ziele.

Details Der Erzähler berichtet Handlungsdetails, die nur er wissen


kann, die also nicht in der Handlung selbst zu beobachten
sind: «Langsam dämmerte es ihm, dass er schonungslos
ausgenutzt wurde.»

Strukturierung Der Erzähler strukturiert die Handlung durch urteilende


Wortwahl, z.B. «dabei», «immer nur», «sogar».

Urteil Der Erzähler beurteilt die Taten oder Aussagen seiner


Figuren: «Das hätte er nicht tun sollen», «aussichtslos».

Besonderheit des auktorialen Erzählers


Der auktoriale Erzähler kennt von Anfang an die Geschichte, die Figuren und ihre
Absichten. Er weiss sogar mehr als sie, denn er weiss schon, was die Figuren er-
wartet, bevor es geschieht, und er weiss, wieso die Figuren tun, was sie tun, auch
wenn diese es selber nicht wissen. Das erlaubt dem auktorialen Erzähler gewisse
«Manipulationstechniken».

Erwartungs­ Mittels Raumbeschreibung und Figurencharakterisierung


steuerung lenkt der Erzähler die Erwartung des Lesers gegenüber der
Handlung und den Figuren (siehe Schritte 9 und 10, S. 20 f.).

Spannung Mittels Vorausdeutungen, Anspielungen und vieler anderer


Mittel erzeugt der Erzähler Spannung (siehe Schritt 13, S. 25).

Der Erzähler kann mit Dosierung der Informationen die Lesererwartung steuern.

Aufgabe Auktoriales Erzählen


Zeit 40 Minuten Aufgabe
Umfang ½ Seite
Titel Nachdem er gestorben Schreiben Sie eine Geschichte aus einer ausgeprägt auktorialen Perspektive. Wen-
war
den Sie möglichst viele Kommentare und weitere Mittel des auktorialen Erzählens
Vorgaben – auktorial
– 3. Person mit Namen an. Ihre Geschichte trägt den Titel: «Nachdem er gestorben war». Sie muss zu die-
Referenz Übersicht B, S. 83 sem Titel passen.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 15 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 32 16

6. Schritt: Eine Handlung entfalten


Jede Handlung verfügt über verschiedene Bestandteile. Sie spielt an einem Ort mit
Personen, die etwas erleben, denken, tun. Sie dauert eine gewisse Zeit und findet
zu einem gewissen Zeitpunkt statt. Damit die Handlung abgeschlossen ist, muss sie
eine Konsequenz haben. Andernfalls fragen sich die Leser: «Und dann? Was folgt?»

Die Elemente der Handlung

Der makedonische König Alexander traf den Philosophen Diogenes, der nichts
anderes besass als eine Tonne, in der wohnte. Alexander versprach dem Philo-
sophen: «Was immer du dir von mir wünschst, ich werde dir diesen Wunsch
erfüllen.» Diogenes antwortete: «Geh mir ein wenig aus der Sonne.»

Diese berühmte Anekdote enthält trotz ihrer Kürze alle Bestandteile einer Hand-
lung. Jede Handlung verfügt über fünf Elemente.

Z Zeit Zeitpunkt und Dauer des Ereignisses / Handlungsdau-


er (einen Moment)
Ereigniszeitpunkt (offenbar Tag, denn die Sonne
scheint)

O Ort Schauplatz der Handlung (vor Diogenes’ Zuhause)

P Person(en) Handelnde Personen (Diogenes, Alexander)

E Ereignis Geschehen (Alexander verspricht dem Diogenes, ihm


einen Wunsch zu erfüllen)

F Folge Was aus dem Geschehen folgt


(der unerwartete Wunsch des Diogenes)

Handlung = ZOPEF

Aufgaben
1. Untersuchen Sie eine Erzählung oder ein Kapitel eines Romans gemäss der For-
mel ZOPEF.
2. Verfassen Sie eine kleine Geschichte. Achten Sie darauf, dass alle Elemente der
Handlung (ZOPEF) ausgeprägt und leicht erkennbar vorkommen. Ihre Geschich-
Aufgaben Handlung untersuchen /
Handlung komponieren
te beginnt mit dem Satz: «Da war es wieder.»
Zeit ca. 30 Minuten
Umfang Tabelle
Variante: Verfassen Sie selber eine Anekdote über einen Mitschüler oder einen
Titel Da war es wieder Lehrer Ihrer Schule. Achten Sie darauf, dass alle Elemente der Handlung ausge-
Vorgaben ZOPEF prägt und leicht erkennbar vorkommen. Achten Sie darauf, die Anekdote glaub-
Referenz Übersicht C, S. 84
würdig zu gestalten und den Mitschüler oder den Lehrer nicht zu beleidigen.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 16 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 33 bis 35 17

7. Schritt: Der Handlung Zeit geben


Zeit in der Erzählung meint zwei unterschiedliche Zeitspannen. Das Ereignis hat
nämlich eine gewisse Handlungsdauer. Es braucht anderseits eine gewisse Zeit (eine
gewisse Anzahl Seiten), um es zu erzählen.

Das Tempo der Handlung


Aus der Kombination von Erzählzeit (Dauer des Erzählens) und erzählter Zeit
(Dauer der Handlung) ergeben sich folgende Zeitverhältnisse:

Zeitdeckung Zeitdehnung Zeitraffung

Erzählzeit und erzählte Zeit sind Die Handlung dauert länger als Die Handlung dauert weniger
deckungsgleich. das Erzählen (Zeitlupen-Effekt). lang als das Erzählen.
Die Zeitdehnung wird in der
Regel als Spannungselement
eingesetzt.

Ich trat vorsichtig ins Haus. Im Mit einem sachten, um absolute Ins Haus eingestiegen, verschaff-
hinteren Flur konnte ich im Halb- Lautlosigkeit bemühten Auftre- te ich mir einen Überblick. Es
dunkeln nichts erkennen. Oben ten, vorausblickend und berech- blieb alles ruhig. Im ersten Stock
hörte ich ein Geräusch und er- nend, schlich ich über die Schwel- räumte ich das Schlafzimmer und
schrak. Dann war es ruhig. Ich le der Hintertür im Erdgeschoss. das Büro aus. Unten verlor ich
stieg nach oben, Stufe für Stufe. Leise wie eine pirschende Katze keine Zeit mit der Suche. Zuhause
Links war das Kinderzimmer, kein sah ich mich im Flur um. Ich sah türmte ich den Schmuck vor mir
Interesse, vorne das Elternschlaf- nur wenig, es war zu dunkel. Da! auf, zählte das Bargeld.
zimmer. Nichts wie hin, dachte Hörte ich nicht ein Geräusch?
ich und machte ein paar schnelle Nein. Es war wohl nichts. Jedes
Schritte. Haus hat sein eigenes Gebrumm.
Wer lange genug darin wohnt,
nimmt es gar nicht mehr wahr,
merkt es erst wieder, wenn es
fehlt. Da vorn war die Treppe.

Aufgaben
Aufgabe 1 Zeitverhältnis
Zeit ca. 30 Minuten 1. Wählen Sie eine Aufgabe (a, b oder c). Schreiben Sie Ihren Text im entsprechen-
Umfang 3 Seiten den Zeitverhältnis. Die Erzählzeit ist 3 Minuten; das entspricht einem Umfang
Titel Zeitverhältnis-
geschichte von etwa 3 handgeschriebenen Seiten bzw. 1 Seite auf dem PC. Die erzählte Zeit
Vorgaben – Aufgabe zulosen variiert mit der Aufgabe:
– Ich-Form personal
– Präteritum a) Zähne putzen oder Sandwich essen (Zeitdeckung)
Referenz Übersicht E, S. 86 f. b) Schuhe binden oder Hände waschen (Zeitdehnung)
Aufgabe 2 Spannung durch
c) das Zimmer neu streichen oder eine Schulwoche erleben (Zeitraffung)
Zeitdehnung
Zeit ca. 15 Minuten Tipp: Setzten Sie sich in Gruppen so zusammen, dass alle Zeitverhältnisse vor-
Umfang ca. ½ Seite kommen, und lesen Sie die anderen Geschichten.
Titel passend zur Aufgabe
Vorgaben Zeitdehnung 2. Erzählen Sie eine kurze Begebenheit, in der Sie eine Zeitdehnung als Spannungs-
Referenz Übersicht E, S. 86 f. element einsetzen. Beachten Sie Übersicht E (siehe S. 87).

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 17 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 38 und 39 18

8. Schritt: Figuren ins Leben rufen


Figuren werden durch ihre Taten und Äusserungen, aber auch mittels Charakteri-
sierung durch den Erzähler lebendig. Die Charakterisierung entscheidet darüber,
wie sympathisch man als Leser die Figur empfindet.
Man unterscheidet zwischen äusserer und innerer Charakterisierung.

Die äussere Charakterisierung

Ich sah einen wilden Mann auf Ich sah einen Mann auf mich
mich zukommen, der eine große zukommen. Er war von stattlicher
knotige Keule trug. Seine Figur Gestalt. Seine Haut war sonnen-
ging ins Riesenmäßige und die gebräunt, hell blitzten daraus seine
Farbe seiner Haut war von einer blauen Augen. Er war einfach, doch
gelben Mulattenschwärze, woraus sauber in einen grünen wollenen
das Weiße eines schielenden Auges Rock gekleidet. In seinem gefloch-
bis zum Grausen hervortrat. Er tenen Ledergürtel steckten Messer
hatte, statt eines Gurts, ein dickes und Pistole.
Seil zwiefach um einen grünen (Variation)
wollenen Rock geschlagen, worin
ein breites Schlachtmesser bei
seiner Pistole stak.
(F. Schiller, Der Verbrecher aus verlorener Ehre)

Schillers Text lässt die Figur abscheulich und bedrohlich wirken. Die Variation
charakterisiert die Figur wohlwollend, ist tendenziell eher angenehm.

Aufgaben

Der Rote trug ausgefranste Leggins und ein an den Nähten mit Fransen und
Stickereien verziertes Jagdhemd. Die kleinen Füße steckten in Mokassins. Sein
langes schwarzes Haar war in einem helmartigen Schopf geordnet, aber mit
keiner Adlerfeder geschmückt. Um den Hals hingen eine dreifache Kette von
Bärenkrallen, die Friedenspfeife und der Medizinbeutel. In der Hand hielt er ein
Doppelgewehr, dessen Holzteile mit vielen silbernen Nägeln beschlagen waren.
Sein Gesicht, matt hellbraun, mit einem leisen Bronzehauch, hatte fast römi-
Aufgabe 1 Figur umschreiben schen Schnitt, und die Backenknochen standen nur wenig hervor.
Zeit ca. 30 Minuten (Karl May, Der Schatz im Silbersee)
Umfang ca. ½ Seite
Titel Winnetou zum
Grausen
Vorgaben Entwurf einzeln,
danach in 3er- oder
4er-Gruppen
Referenz Übersicht H, S. 91 1. Schreiben Sie den Textausschnitt, in dem Winnetou charakterisiert wird, so um,
dass die Figur möglichst abstossend wirkt. Tragen Sie danach aus den Charak-
Steckbrief einer
Aufgabe 2
Comicfigur
terisierungen von drei oder vier Klassenkameraden die «schlimmsten» Eigen-
Zeit ca. 10 Minuten schaften der von Ihnen beschriebenen Figuren zusammen. Daraus entsteht ein
Umfang Liste, ca. ¾ Seite besonders abscheuliches Porträt (äussere Charakterisierung).
Titel Steckbrief von XY
Vorgaben – Steckbrief (Name) 2. Schreiben Sie eine äussere Charakterisierung in Form eines Steckbriefs (knappe,
– äussere Charakteri-
sierung listenartige Aufstellung der wichtigsten Daten zu einer Person) von einer bekann-
Referenz Übersicht H, S. 91 ten Comicfigur (Donald Duck, Superman, Calvin und Ähnliches).

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 18 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 38 und 39 19

Die innere Charakterisierung

Die Pferdedunkle
Die Pferdedunkle versteht sich nicht mit Menschen. Es fehlt ihr nicht an Worten,
sie liest und schreibt, aber wenn ein Mensch zu ihr redet und eine Antwort
erwartet, verschlägt es ihr die Sprache. Schon dass jemand vor ihr steht, der die
Augen auf sie richtet, schon dass ein Mund sich vor ihr öffnet und Laute formt,
nimmt ihr den Mut. […]
Die Pferdedunkle rettet sich in den Stall zu Pferden. Da stellt sie sich zu Seiten
eines Tieres auf und beruhigt sich an seinen glatten Flanken. Die Pferdedunkle ist
froh, dass sie selbst kein Pferd ist. Sie will nichts sein, das sie als ihresgleichen
empfindet. Nur das Immerfremde ist ihr geheuer. Sie schmeichelt sich nicht ein,
sie liebkost nicht, sie hat keine eigenen Laute; so wenig wie sie verstehen
möchte, will sie verstanden sein.
(Elias Canetti, Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere, 1974)

Diese Charakterisierung einer fiktiven Figur beschreibt Verhaltensweisen, Eigen-


schaften, Eigenarten, Gewohnheiten und Absichten dieser Figur (innere Charakte-
risierung). Verhaltensweisen und Gewohnheiten sind äusserlich sichtbare und in-
nere Eigenschaft zugleich, sie können zur inneren Charakterisierung eingesetzt
werden.

Der Erzähler kann die Sympathie der Leser für die Figur dosieren, je nachdem
wie er die betreffende Figur charakterisiert.

Aufgaben
3. Schreiben Sie analog zum Beispiel eine innere Charakterisierung zu einem der
folgenden fiktiven Charaktere: Der Namenlecker / Der Unterbreiter / Die Selbst-
schenkerin / Die Geworfene / Der Schadenfrische / Der Höherwechsler / Die Sil-
benreine / Die Mannprächtige (nach: Elias Canetti, Der Ohrenzeuge, 1974).
4. Wählen Sie aus jeder Spalte eine Eigenschaft. Setzen Sie diese Eigenschaften in
einer inneren Charakterisierung zu einem Gesamtbild einer Person zusammen.
Sie dürfen weitere Eigenschaften dazunehmen.

Wesen Geheimer Wunsch Ziel Weltanschauung Gewohnheit*


Aufgabe 3 Innere Charakterisierung gutmütig fliegen können um die Welt reisen romantisch kaut Fingernägel
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang ca. ¾ Seite empfindlich besser sein reich sein idealistisch prahlt
Titel nach Wahl
(z.B. Der Namenlecker) aufbrausend abnehmen Pilot werden pessimistisch verspätet sich
Vorgaben – ungewöhnlicher
Charakter prinzipientreu Alex(andra) Karriere machen realistisch verliebt sich
– innere Charakteri- «rumkriegen» schnell
sierung
Referenz Übersicht H, S. 91 missmutig jedermanns Familie gründen optimistisch flucht
Liebling sein
Aufgabe 4 Figur entwerfen
beliebt im Ausland leben in Kneipe utopisch gibt andern
Zeit ca. 20 Minuten
servieren Schuld
Umfang ca. ½ Seite
Titel Name der Figur
* Eine Gewohnheit kann man zwar manchmal sehen, sie wäre also eine äussere Charakterisie-
Vorgaben Einen Charakter bauen rung; sie gibt aber immer auch einen Charakterzug wieder und gehört deshalb zur inneren
Referenz Übersicht H, S. 91 Charakterisierung.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 19 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 36 und 37 20

9. Schritt: Schauplätze beschreiben


Der Schauplatz des Geschehens wird vom Erzähler beschrieben, damit sich die
Leser ein Bild machen können. Die Wahl des Schauplatzes hat aber noch eine an-
dere Aufgabe als die sachliche Schilderung des Handlungsortes. Der Schauplatz
entscheidet auch über die erzeugte Stimmung und die Lesererwartung.

Die Beschreibung
Der Erzähler kann durch die Beschreibung des Handlungsraums eine gewisse Stim-
mung auslösen, die in den Lesern eine Erwartung auf die anzutreffende Handlung
weckt. Der Ort kann deshalb auch symbolisch eine Handlung andeuten.

Über den Baumwipfeln überraschte mich das strahlende Licht der aufgehenden
Sonne. Das hübsche, in zartem Rosa schimmernde Schloss stand auf einer
kleinen Anhöhe. Wir fuhren über eine schmale Strasse, eher ein Weg, mit zierli-
chen Steinen gepflastert und holprig, sodass sich unser Wagen nur im
Schritttempo nähern konnte. Man hörte das Zwitschern der Vögel, im nahen
Wald quakten Frösche.

Diese Beschreibung löst eine fröhlich-gelassene Stimmung aus; symbolisch ange-


deutet ist eine zauberhafte Handlung; man denkt an ein Märchen.

Der Eindruck, den die Leser erhalten, ist abhängig vom Ausschnitt, den der
Erzähler ihnen zeigt. Deshalb kann der Erzähler über die Ortsbeschreibung die
Erwartung der Leser steuern und der Situation die gewünschte Atmosphäre
verleihen.

Aufgabe
Verfassen Sie eine Beschreibung eines Schauplatzes, der zu einer Handlung passt.
Die Beschreibung selber darf über keine Handlung verfügen, sondern muss die ge-
wählte Handlung nur möglich machen. Gehen Sie schrittweise vor (beachten Sie
Übersicht F, S. 88).
a) Auswahl des Schauplatzes. Wählen Sie eine Szene, in der viele Leute und Dinge
vorkommen, z.B. Strassenecke, Szene am Strand, Familienfest.
b) Auswahl der Handlung. Wählen Sie die Handlung, die am Schauplatz spielen
wird (ohne die Handlung selber zu erzählen):
– Es geschieht ein Unglück oder ein Zwischenfall.
– Jemand tut oder jemandem passiert etwas Peinliches.
– Ein unerwartetes Gesicht taucht auf.
c) Wählen Sie Interessantes aus. Die Aufgabe ist nicht, alles zu beschreiben, sondern
Aufgabe Stimmung erzeugen
eine Stimmung zu erzeugen (wichtig ist der Grundsatz, siehe oben im Kästchen).
Zeit ca. 30 Minuten
Umfang ca. ½ Seite
d) Beschreiben Sie die Gegebeneheiten anschaulich.
Titel passend zum Schauplatz e) Nehmen Sie der Beschreibung die Statik. Ziel ist, dass Sie kein Stillleben be-
Vorgaben – Auswahl
– Veranschaulichung
schreiben, sondern die Dynamik des Lebens.
– Dynamik f) Lassen Sie also eine Figur die Dinge, die Sie beschreiben, sehen und erleben.
Referenz Übersicht F, S. 88 f.
Hinweis: Beachten Sie für d) bis f) die Anleitung in Übersicht F (siehe S. 89).

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 20 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 40 21

10. Schritt: Die Figuren mitsprechen lassen


Die Figuren in der Erzählung können nicht nur handeln, sie können auch denken
und miteinander sprechen. Dialoge treiben die Handlung weiter.

Leistung von Dialogen


Genauso wie die Menschen in der realen Welt, sprechen die Figuren in einer fiktiven
Handlung miteinander. Die häufigste Form der Figurenrede ist der Dialog. Denken
die Figuren oder empfinden sie etwas, was vom Erzähler wiedergegeben wird, ge-
hört das ebenfalls zur Figurenrede.

Die Reinigung
In eine Wäscherei kam einmal ein Mann und brachte eine Hose, die einer
gründlichen Reinigung bedurfte, denn sie war durch und durch schwarz vor
Schmutz. Als er sie wieder abholen wollte, reichte ihm die Verkäuferin eine
Plastiktasche und sagte, mehr sei von der Hose nicht übriggeblieben.
«Die ist ja leer», sagte der Mann.
«Ja», sagte die Verkäuferin, «dafür ist dieser entsetzliche Dreck weg.»
«Da haben Sie Recht», sagte der Mann, nahm die Tasche, bezahlte die Rech-
nung und ging. (Franz Hohler, Die Reinigung, aus: Ein eigenartiger Tag, 1979)

Der Dialog ist Teil der Handlung, das heisst, er setzt die Handlung fort. Es ist sogar
möglich, Handlung ausschliesslich in Dialogform zu erzählen (siehe unten Aufgabe 1).

Figurenrede treibt die Handlung voran.

Aufgaben
Aufgabe 1 Alles Figurenrede
1. Formen Sie den 1. Abschnitt und den letzten Satz der Erzählung «Die Reinigung»
Zeit ca. 10 Minuten in Figurenrede (Dialog, indirekte Rede, erlebte Rede, innerer Monolog) um,
Umfang ca. 10 Zeilen sodass nunmehr die gesamte Handlung aus Figurenrede besteht.
Titel Die Reinigung
2. Erzählen Sie eine Geschichte, die nur aus einem Dialog besteht. Erzählen Sie in
Vorgaben – dialogisches Handeln
– ganze Handlung nur der personalen Perspektive in der Ich-Form. Wählen Sie ein Gegenüber:
Dialog
Referenz Übersicht I, S. 92
– einen notorischen Schwätzer, Langweiler, Aufschneider usw., jedenfalls
jemanden, der Sie gewaltig nervte;
Aufgabe 2 Dialoggeschichte – jemanden, den Sie unbedingt zu etwas überreden wollten;
Zeit ca. 30 Minuten – jemanden, der Sie zu etwas ausfragen wollte, über das Sie auf keinen Fall
Umfang ca. 1 Seite
Auskunft geben wollten;
Titel Da hatt’ ich mal ein
Gespräch – jemanden, den Sie gerne mögen und dem Sie gerne etwas Liebes sagen
Vorgaben – zu zweit
– alles Dialog (beachten
würden, sich aber nicht getrauen.
Sie Aufgabe 2, folgen-
de Seite) Tipp: Spielen Sie das Gespräch zuerst mit jemandem durch. Schreiben Sie es
Referenz Übersicht I, S. 92 danach auf.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 21 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 40 22

11. Schritt: Die Figuren erleben lassen


Der allwissende Erzähler weiss Dinge, die in der Figur vorgehen. Diese könnte er als
distanzierter Erzähler berichten. Spannender ist es aber, diese inneren Vorgänge nicht
von der erlebenden Figur zu trennen, sondern sie diese selber erleben zu lassen.

Erlebte Rede
Der Erzähler hat verschiede Möglichkeiten, wiederzugeben, was die Figur erlebt.
Sie unterscheiden sich durch die Distanz des Erzählten zur Figur.

Direkte Rede Erzählerrede Erlebte Rede

Gruber zahlt, steigt vorsichtig Gruber zahlt, steigt vorsichtig Gruber zahlt, steigt vorsichtig
aus. «Ich will nicht den Schmerz aus, denn er will sein Stechen aus (nicht den Schmerz
wecken», denkt er. Trotzdem im Rücken vermeiden, hebt wecken), hebt, diese stinkfaulen
hebt er seinen Koffer selbst aus seinen Koffer selbst aus dem Wiener Taxler, seinen Koffer
dem Kofferraum. «Diese stink- Kofferraum. Diese stinkfaulen selbst aus dem Kofferraum und
faulen Wiener Taxler», denkt er Wiener Taxifahrer, denkt er bei zieht ihn über die Strasse zum
und zieht den Koffer über die sich und zieht den Koffer über Terminal A.
Strasse zum Terminal A. die Strasse zum Terminal A.
(Variation) (Variation) (Doris Knecht, Gruber geht, 2011)

Diese Fassung wirkt ein wenig Der Erzählerbericht gibt den Die inneren Gedanken der
unrealistisch, so als ob die Gedanken der Figur wieder. Der Figur werden vom Erzähler
Figur in einer Art innerer Gedanke wandert von der Figur nicht mehr gekennzeichnet
Ansprache das Wort an sich weg zum Erzähler. («dachte er»), sie bleiben bei
selber richtete. der Figur.

Erlebte Rede und Erzählerrede sind grammatisch nicht zu unterscheiden (beide:


3. Person Präteritum). Bei erlebter Rede wird der Textfluss durch keinerlei Signale
unterbrochen. Das bedeutet auch, dass manchmal nicht klar ist, wem das Wort an-
gehört, dem Erzähler oder der Figur. Damit lässt sich spielen: «Jakob verfolgte die
Symphonie mit lächerlichen Tränen in den Augen.» Wer meint hier «lächerlich»? Ist
es der Autor, der Jakobs Tränen kommentiert? Oder ist es nicht vielmehr die Figur
selber, die denkt: Es ist doch lächerlich, in einem Konzert aus Rührung zu weinen.
Solche erlebte Rede entfaltet ihre Wirkung dadurch, dass der Leser stutzig wird.

Erlebte Rede gibt das Denken und Empfinden der Figur unmittelbar wieder.

Aufgabe 1 Figuren reden


Aufgaben
Zeit ca. 30 Minuten
1. Verfassen Sie eine Passage, in der eine Figur etwas denkt. Schreiben Sie drei
Umfang 3 × ca. ¼ Seite
Titel Innenleben
Fassungen dieser Passage: mit direkter Rede, als reinen Erzählerbericht, mit
Vorgaben 3 verschiedene erlebter Rede. Achten Sie darauf, dass sich die erlebte Rede nahtlos in den Er-
Fassungen
Referenz Übersicht I, S. 92
zählerbericht einfügt.
2. Ergänzen Sie das Gespräch von Aufgabe 2 in Schritt 10 (S. 21) in der Weise,
Aufgabe 2 Gedanken im Gespräch
dass Sie neben dem eigentlichen Dialog wiedergeben, was eine Figur
Zeit ca. 15 Minuten
Umfang ca. ¼ Seite
– gedacht und gefühlt hat;
Titel Die geheimen Gedanken – gedacht hat, was der Gesprächspartner denkt;
Vorgaben erlebte Rede und – gedacht hat, was sie hätte sagen wollen, aber nicht gesagt hat.
Kommentar in Dialog
(von Aufgabe 2, S. 21) – während des Gesprächs in der Umwelt an Vorgängen wahrgenommen hat.
einfügen
Referenz Übersicht I, S. 92
Anmerkung: Diese Aufgabe hat einen erhöhten Schwierigkeitsgrad.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 22 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 35 23

12. Schritt: Andeuten und zurückblicken


Eine Erzählung, die alles erzählt, bevor sie zum eigentlichen Ereignis kommt, wäre
langweilig. Deshalb beginnen Erzählungen in der Regel kurz vor dem entscheiden-
den Ereignis oder – wie bei Kriminalgeschichten häufig – kurz danach. Was aus der
Vorgeschichte wichtig ist, kann der Erzähler mittels Rückblenden an passender
Stelle nachtragen. Demgegenüber sind Vorausdeutungen Spannungselemente.

Rückblende und Vorausdeutung

Jakob war früh aufgewacht und ging zu Fuss ins Büro. Nach dem gestrigen Re-
gen trockneten die Straßen, aber es war ein kühler, unfreundlicher Tag. Im März
war er dreiunddreißig Jahre alt geworden, die Zusammenfassungen eines ver-
strichenen Jahres schienen immer weniger Platz einzunehmen. Ab jetzt würde
die Zeit anders vergehen, langsamer. [...] Die ernsten Gesichter der wenigen
Passanten ärgerten ihn, es war ihnen nichts zugestoßen, dachte er. Seit dem
Tod seiner Mutter ... (Katharina Hacker, Die Habenichtse, 2006)

Rückblende Der Erzähler erzählt, was früher stattgefunden hat,


aber erst an dieser Stelle relevant wird.

Vorausdeutung Der Erzähler deutet etwas an, was erst noch


(meistens im Konjunktiv) geschehen wird.
Die Vorausdeutung ist ein Spannungselement.

Rückblenden erlauben, etwas dann zu erzählen, wenn es für die Handlung


wichtig ist. Vorausdeutungen deuten künftiges Geschehen an.

Aufgaben
1. Fügen Sie im Text von Max Frisch bei […] eine Rückblende ein. Achten Sie darauf,
dass die Handlung tatsächlich zurückspringt. Falls eine Person nur an etwas denkt,
was früher geschah, ist das noch keine Rückblende, denn sie denkt ja jetzt.

Seine Tochter hat jetzt auch gemerkt, dass er nichts zu sagen hat. Er tut
wieder, als sei er beschäftigt. Er schiebt den Rasenmäher. Wenn die Tochter
sich zuhause langweilt, fragt er sie, was sie bekümmern könnte; er erkundigt
sich. Er erlaubt ihr fast alles. Er liest ihre Bücher, um sie zu verstehen – dann
spielt er Ping-Pong mit ihr. [...] (Max Frisch, Tagebuch 1966 –1971)

Aufgabe 1 Rückblende
Zeit ca. 10 Minuten
Umfang ein paar Sätze
Titel Früher
2. Fügen Sie im folgenden Text von H. P. Lovecraft bei […] eine Vorausdeutung
Vorgaben Rückblende, nicht ein. Dazu reicht unter Umständen ein Satz.
Denken der Figuren
Referenz Übersicht E, S. 86
Als am 16. Juli 1923 der letzte Arbeiter sein Werk beendet hatte, übersie-
Aufgabe 2 Vorausdeutung
delte ich ins Kloster. Die Restaurierung dieses verlassenen Steinhaufens war
Zeit ca. 5 Minuten eine außerordentliche Leistung gewesen, zumal es sich um nicht viel mehr als
Umfang ein, zwei Sätze eine Ruine, eine leere, zerfressene Muschel möchte man sagen, gehandelt
Titel Hätte ich gewusst
hatte. [...] (H. P. Lovecraft, Ratten im Gemäuer)
Vorgaben Andeutung mittels
Vorausdeutung
Referenz Übersicht E, S. 86

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 23 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 43 24

13. Schritt: Spannung erzeugen


Spannung ist ein wichtiges Kompositionsmerkmal erzählender Texte. Spannung
braucht einen «Fall», d.h. eine Handlung, die rätselhaft oder verwickelt ist und
nicht im Handumdrehen abgeschlossen werden kann.

Das Spiel mit Andeutungen

Als Max an jenem Morgen zu Max hatte den Ring in einem Max hatte seit Monaten nicht
Alice fuhr, merkte er, dass Schmuckgeschäft in der mehr daran gedacht, doch
ihm ein verbeulter Liefer- Vorstadt gekauft. Dort war er als er seine Klettereisen aus der
wagen folgte. einigermassen erschwinglich. Schublade nahm, fiel ihm
Heute Abend wollte er ihr wieder ein, was das Mädchen
die Frage stellen. Bestimmt. an der Silvesterparty zu ihm ge-
Heute musste es sein. sagt hatte.

Diese möglichen Anfänge sind spannend, denn


– es gibt etwas Mysteriöses: Wir wollen wissen, was und wieso;
– es gibt ein Vorhaben: Wir wollen wissen, ob und wie es gelingt;
– es gibt etwas Angedeutetes, einen «Appetithappen» bzw. «Köder»: Wir wollen
wissen, wie es weitergeht.
Geschichten sind spannend, wenn mindestens eine (besser mehrere) dieser (und
ähnlicher) Strategien angewendet werden. Wichtig dabei ist, dass die Auflösung
nicht bald oder sogar sofort erfolgt, denn mit ihr vergeht die Spannung. Vielmehr
kann die Spannung noch gesteigert werden, wenn weitere Andeutungen gemacht
werden.

Spannung entsteht, wenn man wissen will, was passiert.

Aufgaben
1. Schreiben Sie einen spannenden ersten Satz einer Erzählung. Verfassen Sie ver-
schiedene Versionen. Beachten Sie die Anleitung:
a) Der Protagonist kommt vor …
b) … und handelt (macht etwas).
c) Die Handlung ist eine merkwürdige, seltene oder wichtige Sache.
d) Der Satz ist ein Aussagesatz (kein Fragesatz).
e) Er enthält mindestens einen «Köder», d.h. ein Element, das nicht erklärt
Aufgabe 1 Erster Satz einer
ist, von dem der Leser aber wissen möchte, was es ist bzw. warum es
Erzählung erwähnt wird.
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang 1 Satz in mehreren
f) Der Satz darf auch lustig sein (auch das ist ein «Köder»).
Versionen
Titel Mitten drin 2. Erzählen Sie folgende kleine Geschichte spannend. Achten Sie auf einen guten
Vorgaben gemäss Anleitung ersten Satz, ausserdem auf den «Fall» (z.B. bleibt vorerst offen, wie die Äpfel
Referenz Übersicht D, S. 85 verschwinden) sowie eine Pointe.

Aufgabe 2 Spannend erzählen


Zeit ca. 20 Minuten
Ein indischer Schneider sitzt im Schneidersitz neben einem Korb Äpfel
Umfang ca. ½ Seite bei der Arbeit. Ein Elefant stibitzt einen Apfel um den anderen, bis
Titel nach Wahl (leicht der Schneider ihn mit der Nadel sticht. Der Elefant geht zum Bach, saugt
reisserisch)
Vorgaben Spannungselemente seinen Rüssel voll, kehrt zum Schneider zurück und spritzt ihn ab.
anwenden
Referenz Übersicht D, S. 85

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 24 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 59 25

14. Schritt: Montagen bauen


Neben das traditionelle chronologisch-lineare Erzählen stellt die moderne Literatur
ein Bauprinzip, in dem verschiedene Einzeltexte aneinandergebaut und grosse Zeit-
sprünge vor und zurück gemacht werden.

Die Montage

Böger setzte sich zufrieden zu seinen Akten, überflog noch einmal den Bericht
der Logopädin und fühlte sich mit einem Mal seltsam entfernt von alldem,
was dort dokumentiert war.
Ich sah sie auf einmal vor mir: All jene Laute, bei denen diese Frau und ich uns
einig waren, dass ich sie bereits recht gut beherrschte. Da waren auch Worte
in meiner Erinnerung, die ausschließlich aus den mir einfach erscheinenden
Lauten zusammengesetzt waren, aber sie ließen sich von mir in keine Abfolge
bringen. (Frank Klötgen, Der Fall Schelling, 2010)

Hier ändern sprunghaft von einem Abschnitt zum anderen:


– der Schauplatz (vom Büro des Chefarztes ins Spitalzimmer)
– der Protagonist (von Chefarzt Böger zum rekonvaleszenten, mühsam die Sprache
wieder erwerbenden Schelling)
– die Perspektive (von der 3. Person auktorial zur 1. Person personal)

Montagen erlauben das Erzählen von zeitgleichen oder von weit auseinander­
liegenden Handlungen.
Aufgabe 1 Lebenslauf anordnen
Zeit ca. 10 Minuten
Umfang Grafik
Titel Montage meines Aufgaben
Lebens
Vorgaben 12 Episoden, nicht 1. Wählen Sie ein Dutzend Episoden aus Ihrem Leben (z.B. erster Schultag, Camping-
chronologisch
ferien vor 2 Jahren usw.). Stellen Sie die Episoden grafisch als Montage dar (analog
Referenz Übersicht G, S. 90
dem Schema auf S. 90). Betiteln Sie die Episoden. Ordnen Sie die Episoden nicht
Aufgabe 2 Montage von zwei chronologisch an, sondern springen Sie in Ihrem Lebenslauf vor und zurück.
Episoden
Zeit ca. 20 Minuten 2. Schreiben Sie zwei Episoden auf. Achten Sie beim Übergang von der einen zur
Umfang ca. 1 Seite anderen Episode darauf, dass deutlich wird, wie die beiden Episoden aneinander-
Titel Zweimal mein Leben
montiert sind: Sprung in eine andere Zeit und zu anderem Schauplatz, allenfalls
Vorgaben 2 Episoden, klar als
Montage erkennbar Wechsel des Protagonisten, der Erzählerperspektive und der Person (beachten
Referenz Übersicht G, S. 90
Sie das Beispiel oben).

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 25 16.05.12 07:41


1.2 Schritte zur Erzählung DaG 3: Literatur, S. 49 und 50 26

15. Schritt: Der Erzählung einen Stil geben


Literatur besteht aus Sprache. Deshalb entscheiden Wortwahl und Satzbau über
den Stil eines Textes, also darüber, wie er wirkt. Es ist nicht unerheblich, welche
Wörter, Formulierungen, Metaphern usw. gebraucht werden.

Stil ist nicht gleich Stil

A Ein Hauch von Verachtung stieg in Kruschke auf angesichts der peinlichen
Vorstellung, zu der sich der mit ungleich höherem Einkommen gesegnete
Braunschulte herabliess. (Originaltext)

B Kruschke ärgerte sich. Wie Braunschulte sich aufführte. Das war ja pein-
lich! Bei dem Einkommen, das der hat! Er verkauft sich doch unter Niveau.
(Variation)

C Ein Ansatz von Hohn stieg in Kruschke auf angesichts der unangenehmen
Vorstellung, die Braunschulte gab, der ja einen viel höheren Lohn bezog.
(Variation)

Die Variationen eines Satzes aus Frank Klötgens Roman «Der Fall Schelling»
unterscheiden sich in der Wirkung auf den Leser, d.h. in ihrem Stil:
– Version A ist der Originalsatz. Klötgen verwendet das Wort «Verachtung». Es hat
eine leicht andere Bedeutung als ähnliche Wörter wie «Abscheu» oder «Gering-
schätzung». Figur Kruschke hält die Vorstellung des anderen für «peinlich», nicht
«blöd», «schrecklich», «betrüblich» oder «ärgerlich». Alle diese anderen Wörter
würden die Wirkung des Satzes leicht verändern. Auffällig im Originalsatz ist die
ungewöhnliche Wendung «mit ungleich höherem Einkommen gesegnet». Solche
Wendungen verleihen einem Text seinen eigenen Stil.
– Version B ist parataktisch gebaut. Sie klingt härter, strenger, schneller als die andern.
– Version C entspricht dem Originalsatz A, ausser dass einige Wörter ausgetauscht
wurden. Damit erhält Satz C zwar keinen anderen Sinn, aber doch einen anderen
Stil: «Hohn» und «unangenehm» wirken viel direkter als im Original, ebenso die
klare Aussage über den höheren Lohn. Satz C wirkt ungeschliffener und steifer.

Aufgabe 1 Stilvarianten Durch Variation können Sie den Stil Ihrer Erzählung stark ändern.
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang 4 x 1 Satz
Titel Stil ist nicht Stil
Vorgaben Varianten desselben
Aufgaben
Satzes
Referenz Übersicht J, S. 93 1. Formulieren Sie den ersten Satz einer Erzählung, in der ein Protagonist, ein Ort
und eine erste (Teil-)Handlung vorkommen. Schreiben Sie mindestens 4 Versio-
Aufgabe 2 Eigenen Stil entwickeln nen dieses Satzes, indem Sie die Wortwahl ändern, aber immer denselben Sach-
Zeit ca. 30 Minuten
verhalt wiedergeben. Variante: Lösen Sie die Aufgabe, indem Sie die ersten
Umfang ca. 1 Seite
Titel Der Stil der Erzählung
Sätze einer beliebigen Erzählung variieren.
Vorgaben Überarbeitung einer
eigenen Erzählung 2. Überarbeiten Sie einen der erzählenden Texte, die Sie bisher geschrieben haben
Referenz Übersicht J, S. 93 gemäss der Anleitung bei Übersicht J, siehe S. 93. Achten Sie darauf, Ihrer
Erzählung einen eigenen Stil zu geben, den Sie beibehalten.
Aufgabe 3 Stilrichtungen
Zeit 4 x 5 Minuten 3. Wählen Sie einen Abschnitt (10 bis 15 Zeilen) aus einer Erzählung (am besten
Umfang 4 x ca. ¼ Seite einer eigenen). Schreiben Sie ihn um: einmal parataktischer, einmal hypotakti-
Titel Grundstile
Vorgaben einzeln, zu zweit oder
scher, einmal salopper und einmal gehobener Stil. Beachten Sie: Sie schreiben
zu viert insgesamt 4 Versionen. Vergleichen Sie sie. Sie können auch zu zweit oder zu
Referenz Übersicht J, S. 93
viert arbeiten und je 2 bzw. eine Version schreiben.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 26 16.05.12 07:41


1.3 Versuchsstück DaG 3: Literatur, S. 51 27

Versuchsstück: Eine Kurzgeschichte schreiben


Die Kurzgeschichte gibt in verdichteter Form eine Schlüsselsituation wieder. Sie
springt mitten in die Handlung, lässt Figuren handeln und sprechen, beschränkt
sich auf die Wiedergabe eines Schlüsselmomentes in deren Leben und hört unmit-
telbar wieder auf.

Besonderheiten von Kurzgeschichten

Mit Jugend gestraft


Mädchen kichern. Sie nicht. Sie lächelt. Mädchen kreischen. Sie nicht. Sie
lacht. Mädchen sind dünn. Oder dick. Sie nicht. Sie ist schlank, dabei stark.
Mädchen hüpfen ins Wasser wie Frösche. Sie springt. Mädchen zappeln.
Sie schwimmt. Das Dümmste in einem Strandbad sind Mädchen, dieses
Gekreisch und Getu, dabei sind sie immer nur blond oder braun, zuweilen,
wenn’s hoch kommt, noch schwarz, das ist alles. Nur sie ist rot, das kupferne
Gold ihrer Haare, zumal wenn sie liest und eine Strähne vornüberfällt.
Mädchen sind zum Lesen zu dumm. Sie jedoch liegt, sie liest, das laute Hallo
des Badebetriebs um sie herum, sie liegt auf dem Badetuch und liest, liegt
locker und leicht, nicht wie ein Backfisch verkrampft, ihr Badkleid ist weiss,
Bikini, zwei weisse Kontrapunkte zur Bräune der Haut, zum roten Geleucht der
Haare. […] Ihretwillen kommt er ins Bad, glücklich und traurig in einem, traurig
und seine fünfzehn Jahre bitter verfluchend, den Irrtum seiner zu späten Ge-
burt, für sie geschaffen, doch vom Schicksal mit Jugend gestraft, durch seine
Jugend von ihr auf immer getrennt. So liebt er sie ohne Zukunft. In diesen
Sommertagen geht sein Leben zu Ende, voll Glück, voll Qual. Der Rest wird
Verzicht sein, Trauer und Heimweh nach ihr. Zwei dumme Mädchen albern
vorüber und fuchteln mit Badekappen, dass es ihn anspritzt. Böse blickt er sie
an, und husch, da streckt ihm die eine rasch die Zunge heraus, die andere
kichert und sagt, dass er’s hört, huhu, sagt sie kichernd, ist das ein Gestell,
und spritzt ihm mit der Badekappe extra noch eins.
(Kurt Marti, Mit Jugend gestraft, 1990)

Die Sprache und der Stil der Erzählung

Kürze Kurzgeschichten sparen weniger mit Wörtern als mit erklärenden Kommentaren
des Erzählers.

Aussparung Wenn immer möglich, verzichten sie auf eine eigentliche Beschreibung des
und Andeutung Schauplatzes und eine Charakterisierung der Figuren; diese sollte sich vielmehr
aus der Handlung und den Taten der Figuren selber ergeben. Die Folge des
Ereignisses wird nicht ausgeführt, wohl aber angedeutet.

Anfang und Schluss Sowohl Anfang als auch Schluss sind offen: Weder eine Vorgeschichte noch die
Folgen werden erzählt, sondern nur der Augenblick.

Stil Kurzgeschichten verwenden einen knappen, eher neutralen, berichtenden Stil,


eine einfache Sprache und häufig Dialog.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 27 16.05.12 07:41


1.3 Versuchsstück DaG 3: Literatur, S. 51 28

Der Erzähler

Position Der Erzähler befindet sich ausserhalb der Handlung. Er nimmt eine distanzierte
Aussensicht ein und erzählt in der 3. Person.

Kommentar Der Erzähler verzichtet auf einen Kommentar. Er erzählt als personaler Erzähler
aus der Sicht des Jungen.

Innensicht Zwar verfügt der Erzähler über die Innensicht in den Jungen. Er erzählt aller-
dings nur wenig in der Innensicht.

Die Elemente der Erzählung

Beschreibung / Der Schauplatz wird nicht gesondert beschrieben, sondern ergibt sich aus der
Schauplatz Betrachtung der weiblichen Figur.

Charakterisierung Die beobachtete Figur wird äusserlich charakterisiert. Der beobachtende Prota-
gonist kommt erst spät vor. Er wird vom Erzähler kaum direkt charakterisiert
(z.B. «15-jährig»), sondern indirekt über seine Beobachtungen und Gefühle.

Zeit Typisch für Kurzgeschichten: Die Handlung dauert nur kurze Zeit oder – wie im
Beispiel – hat keine eigentliche Dauer.

Handlung Handlung ist in dieser Kurzgeschichte innere Handlung. Sie ergibt sich aus der
Enttäuschung des Jungen, die sein Leben bestimmen wird.

Anleitung zum Bau von Kurzgeschichten


Verfassen Sie eine Kurzgeschichte. Halten Sie alle Entscheidungen schriftlich fest
(Notizen). Gehen Sie folgendermassen vor:
1. Was soll erzählt werden? Konzipieren Sie ZOPEF. Denken Sie auch an die Fol-
ge des Ereignisses, sonst macht es keinen Sinn. Wählen Sie nur eine handelnde
Person (wenn es um eine Beziehungsgeschichte geht, allenfalls zwei).
2. Wählen Sie die Form (1. Person, 3. Person) und die Perspektive.
3. Konzipieren Sie die Kurzgeschichte:
– Sprung mitten in die Geschichte
– nur das prägende Ereignis erzählen
– so kurze Zeitdauer wie möglich
4. Formulieren Sie einen ersten Satz. Orientieren Sie sich an der Anleitung auf S. 24.
Beginnen Sie kurz vor oder nach dem Eintritt des prägenden Ereignisses.
5. Setzen Sie Spannungselement ein:
– Sprung in die Geschichte
– viel Handlung, keine Erklärung
– nur was unbedingt nötig ist beschreiben, d.h. nur dort, wo es Abweich-
ungen vom Normalen gibt
Aufgabe Kurzgeschichte
schreiben
– aussparen, andeuten statt beschreiben und charakterisieren
Zeit ca. 90 Minuten – Vorausdeutung = Anspielung
Umfang 1 – 2 Seiten 6. Geben Sie Ihrer Erzählung einen Stil (15. Schritt, S. 26, und Übersicht J, S. 93):
Titel nach Wahl
– Verwenden Sie Innensicht, erlebte Rede oder …
Vorgaben Kurzgeschichte:
– nur ein Ereignis – … lassen Sie die Figuren miteinander sprechen.
– wenig Personal
– Sprung mitten in die – Geben Sie ihnen vernünftige Namen.
Geschichte
– aussparen und – Schreiben Sie nicht: «Im Jahr 1952 …», sondern machen Sie die Ereignis-
andeuten
– Spannung erzielen
zeit durch historische Ereignisse, damaligen Wortschatz, damalige Klei-
– offenes Ende dung, Produktenamen usw. deutlich.
– eigener Stil
Referenz Übersichten A – J, – Legen Sie Wert auf einen eingängigen, passenden, leicht rätselhaften,
S. 82 bis 93
aber nicht reisserischen Titel.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 28 16.05.12 07:41


Weg 2: Dramatisieren

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 29 16.05.12 07:41


2.1 Überblick: Dramatisieren 30

Überblick: Dramatisieren
Darstellung

1. Schritt Spielen
1 Aufgabe, 30 Minuten S. 31

2. Schritt Darstellen
1 Aufgabe, 30 Minuten S. 32

3. Schritt Sprechen
1 Aufgabe, 40 Minuten S. 33

4. Schritt Auf der Bühne stehen


1 Aufgabe, 30 Minuten S. 34

Wirkung

5. Schritt Konflikte schüren


2 Aufgaben, 30 Minuten S. 35

6. Schritt Das Publikum berühren


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 36

7. Schritt Das Publikum zum Lachen bringen


3 Aufgaben, 60 Minuten S. 37

Komposition

8. Schritt Eine Handlung komponieren


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 38

9. Schritt Klassische Dramen bauen


1 Aufgabe, 20 Minuten S. 39

10. Schritt Spielfilme drehen


1 Aufgabe, 20 Minuten S. 40

11. Schritt Episches Theater machen


2 Aufgaben, 100 Minuten S. 42

Versuchsstück

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 30 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 67 31

1. Schritt: Spielen
In Dramen und in Spielfilmen agieren Figuren an einem Schauplatz, sie sprechen
miteinander, daraus entsteht die Geschichte. Sie wird also dargestellt. Eine Ge-
schichte darzustellen, ist eine völlig andere Form der Darbietung als eine Geschich-
te zu erzählen. Die Darstellung erfordert, eine Geschichte zu spielen.

Darstellen der Handlung für Publikum

CLAUDIA. Denn hab ich dir schon gesagt, dass der Prinz unsere Tochter
gesehen hat?
ODOARDO. Der Prinz? Und wo das?
CLAUDIA. In der letzten Vegghia, bei dem Kanzler Grimaldi, die er mit seiner
Gegenwart beehrte. Er bezeigte sich gegen sie so gnädig –
ODOARDO. So gnädig?
CLAUDIA. Schien von ihrer Munterkeit und ihrem Witz so bezaubert – –
ODOARDO. So bezaubert?
CLAUDIA. Hat von ihrer Schönheit mit so vielen Lobeserhebungen
gesprochen – –
ODOARDO. Lobeserhebungen? Und das alles erzählst du mir in einem Tone
der Entzückung? O Claudia! Claudia! eitle, törichte Mutter!
(Gotthold E. Lessing, Emilia Galotti, II.4)

Der Dialog im Drama unterscheidet sich vom alltäglichen Gespräch. Er leistet meh-
rere Aufgaben gleichzeitig: Er hat ein Thema (die Tochter Emilia), er führt die
Geschichte weiter (wir erfahren, dass sich der Prinz Emilia genähert hat), er stellt
uns die Figuren vor (wir erfahren, dass Claudia das Hofleben gefällt, ihr eine Ver-
bindung der Tochter mit dem Prinz nicht missfallen würde. Odoardo hingegen tritt
uns als jemand gegenüber, der die Welt kennt und verdeckte Intrigen ahnt), und er
transportiert immer auch die gegenwärtige Gefühlsregung der Figuren (Claudias
Entzückung, Odoardos ungläubiges Staunen).

Im Drama treten Figuren auf, die Rollen darstellen und die miteinander reden.
Die Handlung ergibt sich aus dem Konflikt zwischen den Figuren; sie berührt
das Publikum entweder durch Anteilnahme und Mitgefühl oder durch Lachen
und Komik.

Aufgabe
Bilden Sie eine Gruppe von 4 bis 5 Teilnehmern. Spielen Sie die Szene «Jemand ist in
den falschen Zug eingestiegen» zuerst mehrmals durch und schreiben Sie die Szene
dann auf. Wählen Sie dabei bestimmte Typen für die falsch eingestiegene Person (ag-
Aufgabe Eine Handlung spielen
Zeit ca. 30 Minuten
gressive alte Frau, grossspuriger Tourist, rechthaberischer Akademiker usw.) und für
Umfang ca. 2 Seiten die im Zug Mitreisenden (Schülergruppe, Kegelklub, verschiedene, aber seltsame Ein-
Titel Jemand ist in den zelreisende usw.).
falschen Zug einge-
stiegen (oder eine der
Varianten) Varianten:
Vorgaben – in der Gruppe – Ein Mann kommt aus der Frauentoilette, vor der sich bereits eine Schlange gebil-
– 4 oder 5 klare Rollen
– mehrfach spielen und det hat
schreiben
Referenz Übersichten K, L, M,
– Jemand drängelt am Schalter oder an der Kasse vor
S. 94 bis 96 – Geschäftsleute streiten ums Bezahlen der Rechnung.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 31 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 73 32

2. Schritt: Darstellen
Im Drama kann kein Erzähler Räume beschreiben oder Figuren charakterisieren,
mittels Kommentar die Aufmerksamkeit auf Details lenken oder in der Handlung
zurückspringen. Selbst die kleinste Kleinigkeit muss «dargestellt» werden, und zwar
indem man sie an eine Figur bindet, die entweder spricht oder handelt.

Das Prinzip Darstellung


In einer Szene aus Wedekinds Drama «Frühlingserwachen» sprechen die Klassen-
kameraden Moritz, Robert, Georg und andere miteinander (1. Akt, 4. Szene).

Prosa Dramatisierung
Professor Knochenbruch beobach- (Die Professoren Hungergurt und
tet Schüler seiner Klasse. Wieso, Knochenbruch gehen vorüber.)
denkt er, gibt sich sein bester Schü- KNOCHENBRUCH. Mir unbegreif-
ler gerade mit dem allerschlechtes- lich, verehrter Herr Kollega, wie
ten ab? sich der beste meiner Schüler
(Variation) gerade zum allerschlechtesten
so hingezogen fühlen kann.
HUNGERGURT. Mir auch, verehrter
Herr Kollega.
(Originalversion)

Wieso tritt neben dem Lehrer Knochenbruch auch der Lehrer Hungergurt auf, ob-
wohl der eigentlich nichts zu sagen hat? Dramatisieren heisst: Darstellen durch
Sprechen. Also muss Knochenbruch das, was er denkt, jemandem sagen, sonst ist
es für das Publikum nicht erkennbar. Jedes für die Handlung wichtige Element muss
auf der Bühne von einer Figur gesprochen oder gezeigt werden.

Darstellen heisst: Ohne Figur keine Handlung.

Dramatisieren
Der Dramenautor steht also vor der Aufgabe, alle Elemente einer Handlung zu
«dramatisieren». Ihm stehen dazu einige Kunstmittel zur Verfügung.

Rolle Jede Figur übernimmt eine bestimmte Aufgabe (Übersicht K, S. 94).

Sprechformen Dialoge sind die wichtigsten Bestandteile eines Dramas (Übersicht L, S. 95).

Handlungen Die Schauspieler können vor dem Publikum nicht nur reden, sie können auch
handeln, z.B. eine Ohrfeige austeilen (Übersicht M, S. 96).

Traditionelle Formen Die Wirkung von Dramen ist an die klassischen Formen Tragik und Komik
gebunden (Übersichten N und O, S. 97 und 98).

Aufgabe Handlung
dramatisieren Aufgabe
Zeit ca. 30 Minuten
Umfang – Prosatext ca. 30 Min. Dramatisieren Sie einen Abschnitt einer Erzählung oder eines Romans. Wählen Sie
– Dramatisierung
ca. 2 Seiten
keinen Abschnitt, in dem direkte Rede überwiegt. Achten Sie bei der Dramatisie-
Titel Dramatisieren heisst rung darauf, dass Sie alle Elemente des erzählenden Textes (Erzählerbericht, Be-
darstellen
schreibung oder Figurencharakterisierung, Erzählerkommentar, erlebte Rede usw.)
Vorgaben Elemente in Dialog
übersetzen in geeigneter Form umsetzen. Achten Sie auch darauf, dass der Dialog in etwa das-
Referenz Übersichten K, L, S. 94 f. selbe darstellt, wie der gewählte Abschnitt erzählt.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 32 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 70 und 71 33

3. Schritt: Sprechen
Die Dramenhandlung besteht fast ausschliesslich aus Gesprächen der Figuren un-
tereinander (Dialog) oder einer Figur mit sich selber (Monolog). Das Reden auf der
Bühne ist der wichtigste Bestandteil eines Dramas.

Handeln durch Reden

FRAU GABOR (sitzt, schreibt).


Lieber Herr Stiefel!
Nachdem ich 24 Stunden über alles, was Sie mir schreiben, nachgedacht
und wieder nachgedacht, ergreife ich schweren Herzens die Feder. [...]
(Frank Wedekind, Frühlings Erwachen, II.5)

In dieser Szene schreibt Frau Gabor einen Brief. Normalerweise schreiben wir Brie-
fe, indem wir lautlos Formulierungen hin und her wälzen. Nicht so auf der Bühne.
Frau Gabor liest den Brief vor, der offenbar bereits fertig vorliegt. Sie ersetzt also
gewissermassen die Handlung – das Schreiben des Briefes – durch Reden.

Ohne Reden keine Handlung.

Vielfältige Aufgaben des Dialogs


Das Reden auf der Bühne kann ganz unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Und
es nimmt mehrere Aufgaben gleichzeitig wahr, unter anderem:
– Darstellung des Geschehens, der Meinungen, der Absichten usw. mit dem Zweck,
die Handlung voranzutreiben.
– Charakterisierung der Figur. Dabei kann die Figur über sich selbst sprechen
(Selbstcharakterisierung) oder über andere Figuren (Fremdcharakterisierung).
– Ausdruck der emotionalen Verfassung des Sprechers.
– Reaktion auf das Gegenüber, allenfalls Beeinflussung, Überredung, Bitten, Befehlen
usw.

Aufgabe
Dramatisieren Sie eine kurze Handlung, indem Sie sie in einen Dialog bzw. einen
Monolog übertragen. Gehen Sie von folgender Situation aus:

Elfriede ist genervt von den ewigen falschen Versprechungen ihres Freundes.
Auch heute lässt er sie sitzen. Fünf Minuten vor der Verabredung hat er
eine SMS geschickt und sich entschuldigt. Elfriede beschliesst, sich ohne ihn
einen schönen Abend zu machen, und ihm bei nächster Gelegenheit den
Laufpass zu geben.
Aufgabe Handlung dramatisieren
Zeit ca. 30 Minuten
Umfang ca. 1 Seite
Titel Handeln durch Reden Das dramatische Prinzip heisst «Handeln durch Reden». Dramatisieren Sie die
Vorgaben wenn möglich alle
Elemente in Dialog
Handlung, indem Sie sie Elfriede in Dialogen und Monologen sprechen lassen. Sie
übersetzen dürfen weitere Personen erfinden, z.B. eine Freundin, der Elfriede ihren Kummer
Referenz Übersicht L, S. 95
mitteilt.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 33 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 75 bis 77 34

4. Schritt: Auf der Bühne stehen


Wer vor Publikum auftritt, kann viel mehr machen als nur einen Text aufsagen.
Bereits ohne Hilfsmittel wie Kostüme, Requisiten oder Medien einzusetzen, ist man
in der Lage, seinen Auftritt stimmungsvoll und abwechslungsreich zu gestalten.

Sprechgestaltung
Reden auf der Bühne ist nicht nur die Wiedergabe eines Wortlautes. Mindestens
ebenso wichtig ist die Sprechweise. Dazu gehören insbesondere folgenden Faktoren:
– Geschwindigkeit, Geschwindigkeitsänderungen, Pausen / Zäsuren;
– Stimmausdruck und Sprechweise (ein Märchen klingt anders als Befehle);
– nonverbales Verhalten: Körperhaltung und -bewegungen, Mimik, Gestik, Blick
und Blickrichtung.

Stimme
Ein guter Sprecher liest nicht Wort für Wort, Satz für Satz vor; er verfügt über ein
ganzes Arsenal an Möglichkeiten, das Publikum anzusprechen. Die Wirkung des
Vorgetragenen hängt stark vom Rhythmus ab, der sich bildet aus:

Modulation – Sprechweise: Variationen statt Monotonie


– Wort- und Satzbetonungen: Variationen

Tempo – Wechsel von langsamen und schnellen Passagen


– Einsatz von Pausen

Lautstärke – Wechsel von lauten und leisen Passagen


– Bewusster Einsatz von Flüstern, Rufen, Schreien, Brüllen

Stimmlage – Heben und Senken der Stimme


– Einsatz von Varianten (Singen, liebliches Locken, Mundart
usw.)

Stand, Bewegung, Gestik und Mimik


Neben der Stimme prägen körpersprachliche Ausdruckselemente den Auftritt:

Proxemik Standortwechsel

Kinesik Körperbewegungen

Gestik Gebärden

Mimik Gesichtsbewegungen

Spielen Sie Ihre Rolle mit Ihrem ganzen Körper!

Aufgabe Seinen Körper einsetzen Aufgabe


Zeit mind. 30 Minuten
Umfang nur mündlich Sprechen Sie in einer Gruppe eine Szene (am besten eine eigene) mehrfach. Wenden
Vorgaben – in Gruppe
– Stimme variieren
Sie verschiedene Gestaltungsmittel an.
– gegenseitig
korrigieren Hinweis: Weitere Aufgaben zum Auftritt vor Publikum finden Sie im Weg 4 zur
Referenz Übersicht Q, S. 100 Slam Poetry.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 34 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 81 35

5. Schritt: Konflikte schüren


Der Dramenautor kann nicht gleich verfahren wie ein Romanautor. Aufgrund des
relativ geringen Umfangs von Dramen kann er ein Geschehen nicht in allen Facet-
ten berichten, die Figuren nicht in allen ihren psychologischen Finessen zeigen. Der
Dramenautor muss die Handlung auf einen zentralen Konflikt hin zuspitzen.

Der Konflikt
Damit die Figuren auf der Bühne überhaupt interagieren, müssen sie aneinander-
geraten. Deshalb ist der Konflikt der zentrale Kern jedes Dramas.

Ohne Konflikt keine Handlung.

Selbst wenn der Konflikt ein moralischer Konflikt ist, den der Protagonist mit sich
selber ausmachen muss, machen es die Erfordernisse des Dramatisierens bzw. das
Prinzip Darstellung (2. Schritt, siehe S. 32) nötig, dass der Gegenpol durch eine
Figur verkörpert wird. Deshalb spitzt sich der Konflikt zwischen zwei Figuren (oder
zwei Parteien) zu. Der Konflikt hat einen Protagonisten und einen Antagonisten.

Konflikte aus der Dramengeschichte

Schiller: Der Streit um Thronansprüche steigert sich zum


«Maria Stuart» Streit um weibliche Vorzüge.

Shakespeare: Junge Leute dürfen sich nicht lieben, weil ihre


«Romeo und Julia» Familien verfeindet sind.

Kleist: Der Richter ist zugleich der unbekannte Angeklagte,


«Der zerbrochene Krug» was niemand weiss.

Sophokles: Antigones Bruder darf kein humanes Begräbnis


«Antigone» erhalten, weil der König eisern am Gesetz festhält.

Aufgaben
1. Schreiben Sie einen Streitdialog zwischen Vater und Sohn, Mutter und Tochter,
Vater und Tochter oder Mutter und Sohn über
a) die Länge des abendlichen Ausgangs,
b) die Wahl der Lehrstelle,
c) den neuen Freund / die neue Freundin oder
d) den Entschluss, die Schule zu verlassen.
Aufgabe 1 Streitdialog Achten Sie darauf, dass aus dem Dialog auch die Vorgeschichte und der unge-
Zeit ca. 15 Minuten fähre Charakter der beteiligten Figuren hervorgehen.
Umfang ca. 1 Seite
Titel nach Wahl a) bis d) 2. «Gewissensbisse»: Skizzieren Sie eine Szene zu einem ernsten moralischen Kon-
Vorgaben Streit
flikt, z.B. Ausschaffung krimineller Ausländer, Diebstahl bei Armut, teure Hüft-
Referenz Übersichten K, L, S. 94 f.
operationen bei über Achtzigjährigen o.Ä. Gehen Sie schrittweise vor:
Aufgabe 2 Moralischer Konflikt
– Welche zwei Konfliktpole zeigen sich?
Zeit ca. 15 Minuten – Was für Figuren eignen sich für die Verkörperung der beiden Pole?
Umfang Stichworte (Liste) oder – Überlegen Sie sich, wieso die beiden Figuren (Protagonist und Antago-
Notizen
Titel Gewissensbisse nist) überhaupt aufeinandertreffen.
Vorgaben gemäss Anleitung – Konzipieren Sie aus Ihren Überlegungen eine Dramenszene. (Sie brau-
Referenz Übersichten L, M, S. 95 f. chen nicht die ganze Szene zu schreiben. Eine Liste reicht aus.)

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 35 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 81 und 82 36

6. Schritt: Das Publikum berühren


Dramen wollen das Publikum packen. Dafür gibt es in der abendländischen Dra-
mentradition zwei Wirkungsweisen: die Tragik und die Komik. Tragik entsteht durch
Mitgefühl mit der Figur, der ein Leid widerfährt, das wir selber auch aus unserem
eigenen Leben kennen bzw. fürchten. Deswegen wirkt eine Figur, deren Freund vor
ihren Augen stirbt, auf uns tragisch. (Zur Komik beachten Sie die nächste Seite.)

Das herkömmliche Konzept von Tragik


Wesentliche Voraussetzung für Tragik ist Einfühlung in den Helden. Dabei ist es
nicht so wichtig, ob der Held sympathisch ist oder nicht oder ob er ein Leid selbst-
verschuldet erfährt oder nicht. Allerdings wirken Helden, mit denen wir uns iden-
tifizieren können und die unverschuldet leiden, besonders stark.

Identifikation und Mitleid


Identifikation Für die Einfühlung in den Helden reicht es aus, wenn der Zuschauer sich in der
mit dem Helden speziellen Leidenschaft, die den Helden antreibt, wiedererkennen kann. Deshalb
ist es für den Dramenautor wichtig, dem Helden ein allgemeinmenschliches Ver-
langen zu geben.

Mitleid / Mitfühlen Tragik als Ersatzleid


mit dem Helden, Tragik meint, dass der Zuschauer durch das Leid des Helden berührt wird. Dabei
der leidet bedauert er nicht so sehr den Helden als vielmehr sich selber. Der Held erlebt das
Leid also gewissermassen stellvertretend für den Zuschauer. Ein Vater, dem bei
einem Unglück das Kind stirbt, wirkt deshalb tragisch, weil wir an seiner Stelle
auch tiefen Schmerz empfinden würden.
Tragik
Berührung durch
das Leid des Helden Ohne Tragik (oder Komik) keine Wirkung beim Publikum.

Das moderne Konzept von Tragik


Der moderne Spielfilm macht sich den Umstand zunutze, dass Tragik in jenem kri-
tischen Augenblick entsteht, in dem der Held zu scheitern droht, in dem ihn die
Last seiner Aufgabe zusammenbrechen lässt.
Das bisherige Geschehen hat das Publikum dazu gebracht, sich mit dem Helden zu
identifizieren. Wir leiden in der gefährlichen Situation mit, um wieder aufzuleben,
wenn der totgesagte Held zurückkehrt. Seine Wiederkunft erfüllt uns mit Freude
und treibt uns «Tränen in die Augen».
Aufgabe 1 Tragische Situation
In der klassischen Tragödie stirbt der Held am Ende: Er scheitert endgültig und
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang Skizze, Stichworte lässt den Zuschauer mit seinen Gefühlen allein zurück. Für die Wirkung der Tragik
ca. 1½ Seiten
ist das aber gar nicht nötig. Deshalb kann im Spielfilm der Held am Schluss sieg-
Titel Mitleid
Vorgaben Situation skizzieren
reich und gestärkt zurückkehren, ohne dadurch die tragische Wirkung zu zerstören.
Referenz Übersicht N, S. 97

Aufgabe 2 Tragischer Held


Aufgaben
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang Skizze, Stichworte
1. Entwickeln Sie eine tragische Situation nach klassischem Muster, die die Zu-
ca. 1½ Seiten schauer erschüttert, erregt, ergreift oder erbeben lässt.
Titel Ein moderner Held
Vorgaben Held entwerfen 2. Entwickeln Sie einen tragischen Helden nach modernem Muster. Dabei geht es
Referenz Übersicht N, S. 97 um die Figur und nicht um die ganze Handlung.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 36 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 85 37

7. Schritt: Das Publikum zum Lachen bringen


Die neben der Tragik zweite Art, das Publikum zu berühren, ist die Komik.

Komik

SQUENZ. Antwortet, wie ich euch rufe! – Klaus Zettel, der Weber!
ZETTEL. Hier! sagt, was ich für einen Part habe, und dann weiter!
SQUENZ. Ihr, Klaus Zettel, seid als Pyramus angeschrieben. [...]
ZETTEL. Wenn ich das Gesicht verstecken darf, gebt mir Thisbe auch. Ich will
mit ’ner terribel feinen Stimme reden: «Thisne, Thisne! – «Ach Pyramus,
mein Liebster schön! Deine Thisbe schön, und Fräulein schön!»
SQUENZ. Nein, nein! Ihr müsst den Pyramus spielen, und Flaut, Ihr die Thisbe.
[...]
ZETTEL. Lasst mich den Löwen auch spielen. Ich will brüllen, dass es einem
Menschen im Leibe wehtun soll, mich zu hören. Ich will brüllen, dass der
Herzog sagen soll: Noch ’mal brüllen! Noch ’mal brüllen!
(William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum, I.2, Übers. A.W. Schlegel)

Wirkt das komisch? Ja; einfach dadurch, weil Zettel vorlaut ist und er nicht wahr-
haben will, dass er nicht alle Rollen allein spielen kann. Er ist komisch, weil er sich
so verhält, wie man es nicht soll. Shakespeare spielt hier mit Situationskomik (Über-
sicht O, S. 98).

Ohne Komik (oder Tragik) keine Wirkung beim Publikum.

Komik entsteht meistens durch Übertretungen:

Erwartungsbruch Es geschieht nicht das, was man erwartet hat.

Widerspruch zur Norm Jemand tut etwas, was man eigentlich nicht darf.

Peinliche Ereignisse Jemandem passieren Dinge, die einem selber peinlich


wären.

Anmassung Jemand tut oder sagt etwas, wozu er nicht befugt


Aufgabe 1 Sprachkomik oder imstande ist.
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang ca. ½ Seite Dialog
Titel nach Wahl
Vorgaben Sprachkomik Aufgaben
Referenz Übersicht O, S. 98
1. Schreiben Sie eine kurze Szene mit Sprachkomik. Mit Vorteil dramatisieren Sie
Aufgabe 2 Komischer Typ eine eigene Erfahrung (z.B. jemand hat sich verplappert).
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang ca. ½ Seite, Liste 2. Kreieren Sie einen «komischen Vogel», also einen Typus, der so ausgestattet ist
Titel nach Wahl und sich so verhält, dass er zum Lachen reizt. Skizzieren Sie die Figur und ihre
Vorgaben Typenkomik Handlungen. (Wie ist sie? Wie spricht sie? Was sagt sie? Was tut sie?)
Referenz Übersicht O, S. 98
Variante: Viele Hollywood-Filme setzen auf komische Figuren, z.B. in den Ani-
mationsfilmen. Wählen Sie eine aus und analysieren Sie, wieso diese Figur ko-
Aufgabe 3 Komische Szene
Zeit ca. 20 Minuten misch wirkt.
Umfang ca. ½ Seite Dialog
Titel nach Wahl
3. Schreiben Sie eine Szene, in der jemand etwas Peinliches tut, also etwas, was man
Vorgaben Situationskomik üblicherweise deswegen nicht tut, weil man dafür ausgelacht wird. Achten Sie vor
Referenz Übersicht O, S. 98 allem darauf, dass die Übertretung innerhalb der Szene plötzlich kommt.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 37 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 73 und 97 38

8. Schritt: Eine Handlung komponieren


Die Aufführungsdauer eines Theaterstücks ist auf etwa 3 Stunden beschränkt. Der
Dramenautor muss sich also auf die Darstellung des zentralen Konflikts konzen-
trieren, dabei neben Unwichtigem auch solche Teile weglassen, die nicht darstellbar
sind. Er strukturiert den Ereignisverlauf in einzelne Abschnitte (Akte und Szenen).

Vier Grundsätze der Handlungskomposition


Folgende vier Grundsätze der Handlungskomposition muss sich ein Dramenautor
überlegen:

Figurenkonstellation Wahl von Figuren, die sich eignen, um den zentralen


Konflikt zu verkörpern.

Auswahl Bestimmung des Themas, des Konflikts, des Ereignis-


ses (das den Konflikt auslöst oder ans Licht bringt)
und des Ereigniszeitpunktes.

Konzentration Konzentration auf eine Handlung, den Zeitpunkt des


Geschehens, den auslösenden Moment und einen
geeigneten Schauplatz.

Gliederung Die Bühnendarstellung kennt als Gliederungseinheiten


den Akt und die Szene (9. Schritt, S. 39).

Wichtig für den Bau eines Dramas sind ein zentraler Konflikt und wenige,
aber passende Rollen.

Vorteil der Spielfilmkomposition


Der Spielfilm ähnelt dem Drama. Auch er dramatisiert die Handlung, indem Figu-
ren in Rollen miteinander reden. Die Handlung ergibt sich aus der Konfrontation
zwischen den Figuren; sie berührt das Publikum entweder durch Anteilnahme und
Mitgefühl oder durch Lachen und Komik.
Allerdings kennt der Film einen gewichtigen Vorteil gegenüber dem Drama: Er muss
Aufgabe 1 Handlung komponieren die einzelnen Szenen nicht sukzessiv aneinanderfügen, sondern kann durch harte
Zeit ca. 20 Minuten
Schnitte, Vor- und Rückblenden sowie andere Mittel der Montage die Handlung
Umfang Aufstellung der Ereig-
nisse in einer Liste, ca. «schneiden» (siehe Deutsch am Gymnasium 3: Literatur, S. 98 bis 100).
1½ Seiten
Titel nach Wahl
Vorgaben alle 4 Grundsätze
berücksichtigen Aufgaben
Referenz Übersicht M, S. 96
1. Wählen Sie ein längeres Geschehen aus Ihrem Leben. Dramatisieren Sie dieses
Aufgabe 2 Vergleich mit Film Geschehen, indem Sie alle vier Grundsätze der Handlungskomposition anwen-
Zeit ca. 20 Minuten (ohne den. Fiktionalisieren Sie das Geschehen (d.h., geben Sie den Figuren neue Namen
Visionierung Film)
Umfang Vergleich in Tabelle,
und Wesenszüge, erfinden Sie Handlungselemente dazu, wählen Sie einen pas-
ca. 1½ Seiten senden Schauplatz usw.). Halten Sie die Ergebnisse in Form einer Liste fest.
Titel Dramatisierung im Film
Vorgaben Vergleich Roman – 2. Vergleichen Sie die Verfilmung eines Romans, den Sie gut kennen, hinsichtlich der
Verfilmung
Referenz Übersichten M, P,
Grundsätze der Handlungskomposition. Achten Sie vor allem auf die Auswahl und
S. 96 und 99 Abfolge der Szenen. Halten Sie die Ergebnisse in einer vergleichenden Tabelle fest.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 38 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 80 bis 83 39

9. Schritt: Klassische Dramen bauen


Das traditionelle Drama kennt eine Einteilung in Akte. Wie die Strophe das Gedicht,
das Kapitel den Roman gliedert der Akt das Drama.

Einteilung in Akte
Die Akte übernehmen verschiedene Aufgaben. Der erste Akt dient der Exposition,
d.h. der Darstellung der Figuren und ihres gewohnten Umfelds, während der letz-
te Akt den Konflikt auflöst. Dazwischen kommt es zu einem Auf und Ab des Helden
(Tragödie), zu Verwirrungen, Verstrickungen, Rätseln (Komödie).

Höhepunkt und Peripetie


III.

II. Erregendes Retardierendes IV.


Moment Moment

I. Exposition Katastrophe V.

Aufstieg des Helden Fall des Helden

Das Modell «Klassische Tragödie»


Bis weit ins 19. Jahrhundert war das wichtigste Modell für den Bau von Dramen die
klassische Tragödie mit fünf Akten (das wird erklärt in «Literatur». Deutsch am
Gymnasium 3, S. 80). Der Weg des Helden beschreibt einen Aufstieg und einen Fall.
Dieser Aufbau ist das Grundgerüst einer Geschichte. Er ist gleichsam das Skelett,
das noch mit Einzelheiten und überraschenden Wendungen versehen werden muss.

Die Akte beschreiben eine Dramaturgie von Spannungsaufbau und


tragischer Wirkung.

Aufgabe
Skizzieren Sie eine Tragödie nach klassischem Muster. Gehen Sie schrittweise vor.
Halten Sie die Ergebnisse stichwortartig fest.
a) Legen Sie für Ihren Helden einen brennenden Wunsch fest, der auf eine
Leidenschaft zurückzuführen ist, so geht z.B. der Wunsch nach Erlangen
einer gewissen Position auf Machtstreben zurück.
b) Charakterisieren Sie Ihren Helden mit Namen, Aussehen und ein paar
Aufgabe Klassische Tragödie
Zeit ca. 20 Minuten
charakteristischen Handlungsweisen. Wählen Sie einen Schauplatz.
Umfang Liste, ca. 1½ Seiten c) Legen Sie den Konflikt und den Antagonisten fest.
Titel nach Wahl (Titel ist der d) Legen Sie für jeden Akt einzeln dar, was mit dem Helden geschieht.
Name des Helden)
Vorgaben Aufbau einer Tragödie
gemäss Anleitung; mit
Hinweise: Legen Sie besonderen Wert auf die Krise (das retardierende Moment;
Vorteil arbeiten Sie zu siehe auch den 6. Schritt, S. 36). In der klassischen Tragödie stirbt der Held. Das
zweit
Referenz Übersichten N, P, ist eine besondere Herausforderung, denn der Heldentod muss folgerichtig aus einer
S. 97 und 99 ausweglosen Situation hervorgehen, in der sich der Held befindet.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 39 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 97 40

10. Schritt: Spielfilme drehen


Heute schreibt man keine Komödien und Tragödien nach klassischem Modell mehr.
Ihren Platz hat der Spielfilm eingenommen. Das Grundmuster des klassischen Dra-
mas ist in das Spielfilmmodell übergegangen.

Das Hollywood­Modell
Der klassische Tragödienheld verstrickt sich in eine ausweglose Situation, in die er
sich, getrieben von seinen Leidenschaften und seinem Streben, selber gebracht hat.
Im Unterschied dazu gerät der moderne Spielfilmheld meist eher widerwillig in ein
Abenteuer, das er zu bestehen hat. Die Spielfilme, jedenfalls die meisten aus der
amerikanischen Filmtradition, bedienen sich eines Modells, das schon sehr alt ist.
Viele Mythen verfolgten es, beispielsweise Homers «Odyssee», die Mythen von
Parzival oder der Nibelungen.
Es handelt sich um ein Modell, in dem ein noch ungeformter Held aufbricht, sich
in Prüfungen bewährt, in Krisen zu scheitern droht und schliesslich lebenserfahren
zurückkehrt.

Struktur von Spielfilmen


Spielfilme unterteilen die Handlung nicht in Akte wie die Dramen. Trotzdem ori-
entieren sie sich an der traditionellen Akteinteilung. Die Spielfilmhandlung hat drei
Erzählphasen und zwei Wendepunkte.

Phase 1 (1. Akt) Wendepunkt A Phase 2 (2. Akt) Wendepunkt B Phase 3 (3. Akt)
Neue Aufgabe und Endgültiger Auf- Reise bzw. Prüfun- Erfolgreiches Ankunft bzw.
Trennung von der bruch von zuhause, gen in der fremden Meistern der Krise Rückkehr in die
gewohnten Welt der keine Rückkehr Welt gewohnte Welt
erlaubt

Das Abenteuer macht den Helden erfahrener, erwachsener, er gewinnt Anerken-


nung. Er hat es also nach oben geschafft. Weil er eine schlimme Krise überwunden
hat, spricht man deshalb auch von «Auferstehung».

Besonderheit von Spielfilmhelden


Mehr als im traditionellen Drama ist im Spielfilm die Vorgeschichte des Helden von
Bedeutung. Häufig sind die Helden im Hollywood-Film nämlich auf irgendeine Art
traumatisiert. Das heisst, sie werden getrieben von einem Erlebnis, das in ihrem
früheren Leben stattgefunden hat. Dieses Trauma erklärt die Motive des Helden,
die im Laufe der Handlung offengelegt werden.

Verlust Tod Eltern, Söhne, Töchter, Freunde,


Lebensgefährten, Geschwister
Trennung Eltern, Lebensgefährten
Gewalterfahrung (selber erfahren oder Vergewaltigung, Schläge, Mord-
beobachtet) versuch, Folter / Gefangenschaft

Berufliches oder persönliches Versagen

(Quelle: M. Krützen, Dramaturgie des Films, Frankfurt / Main 2006, S. 50)

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 40 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 97 41

Episodenmodell des Spielfilms

Aufbruch und Rückkehr des Helden

➍ ➎ ➏
➌ ➐
➋ ➑
«point of noreturn»

➊ ➒
1. Akt 2. Akt 3. Akt
«Aufbruch» «Prüfung» «Auferstehung»

➊ Held in seiner gewohnten Umgebung


➋ Herausforderung, Auftrag resp. Sehnsucht. Held will / traut sich nicht, die
Herausforderung anzunehmen
➌ Ermutigung durch Umstände
➍ Eintritt in die fremde Welt
➎ Verbündete, Feinde: Konflikt
➏ Entscheidende Prüfung; Krise durch drohendes Scheitern
➐ Belohnung (muss nicht materiell sein, sie kann in einer Zunahme der Erfah-
rung bestehen. Häufig besteht sie in der Erfüllung eines Wunsches oder im
Gelingen eines Vorhabens)
➑ Flucht, Verfolgung, neue Krise: «Abschlussprüfung»
➒ Rückkehr mit Gewinn (Wissen, Erfahrung, Schatz usw.)

Spielfilme adaptieren das Tragödienmodell von Aufstieg und Fall eines


Helden zu einem Modell von Aufbruch und Rückkehr des Helden. Die Tragik
besteht nicht mehr im Scheitern des Helden, sondern darin, dass der Held
knapp grosser Gefahr entronnen ist.

Grundmuster von Dramen und Spielfilmen


Das traditionelle Dramenmodell und das Episodenmodell des Spielfilms haben et-
liche Gemeinsamkeiten. Es zeichnet sich in der abendländischen Kultur ein Grund-
muster aller dramatischen Handlungen ab.
– Im Mittelpunkt steht immer ein Held (Protagonist), ...
– ... der Herausforderungen gegenübersteht.
– Tragödie: Einem ersten Bestehen folgen die Krise und das endgültige Scheitern.
– Moderner Spielfilm: Einem ersten Scheitern folgen die Krise und das endgültige
Bestehen.
– Dramatische Handlungen haben immer einen klaren Schlusspunkt (Katastrophe
Aufgabe Spielfilmmodell oder Auflösung der Verstrickungen mit Happy End).
Zeit ca. 20 Minuten (ohne
Visionierung Film)
Umfang Tabelle oder Text,
ca. 1 Seite Aufgabe
Titel nach Wahl (im Titel
kommt der Name des Überprüfen Sie an einem Hollywood-Spielfilm das moderne Baumuster. Dabei ist
Helden vor)
es irrelevant, ob Sie eine Komödie untersuchen, einen Abenteuerfilm oder ein «Dra-
Vorgaben Spielfilmmodell in Film
erkennen ma» (damit bezeichnet die Filmwelt eine gefühlsbetonte Geschichte). Halten Sie
Referenz Übersicht P, S. 99
Ihre Untersuchungsergebnisse in geeigneter Form (z.B. Tabelle, Übersicht) fest.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 41 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 91 und 92 42

11. Schritt: Episches Theater machen


Das epische Theater ist eine moderne Dramenform, die auf Bertolt Brecht
(1898 –1956) zurückgeht. Es arbeitet nicht mit Tragik und Komik, nicht mit Ein-
fühlung und Verlachen, sondern mit Verfremdung und Verzerrung. Das epische
Theater will nicht, dass sich der Zuschauer in die Helden einfühlt, sondern will ihn
verblüffen, damit er die Welt hinterfragt.

Besonderheiten des epischen Theaters


Das epische Theater vermeidet die Identifikation mit Personen und Handlung. Es
will den Zuschauern vielmehr einen Spiegel der Realität vorhalten, der die Wirk-
lichkeit aber nicht getreu abbildet, sondern sie verfremdet und damit das Publikum
verstört.

Verfremdung Die dem Zuschauer bekannte Wirklichkeit wird verändert


und überzeichnet wiedergegeben. Der Zuschauer soll sie
überdenken und hinterfragen.

Parabel Das epische Theater zeigt gleichnishafte Geschichten, die


erst durch den Vergleich mit der Wirklichkeit verstanden
werden können. Deshalb nannte Brecht seine Stücke «Lehr-
stücke».

Offener Schluss Das epische Theater verzichtet auf einen klaren Schluss. Die
Zuschauer müssen sich über die Dramendauer hinaus selber
Gedanken um Auswirkungen und Ergebnisse machen.

Das Foto einer Aufführung von Henrik Ibsens «Peer Gynt» im Luzerner Theater
2010 zeigt den Einfluss von Brechts Dramaturgie auf das moderne Theater: Auffäl-
liges (fast unpassendes) Bühnenbild, merkwürdige Requisiten, komponiert zu einem
grellen Bild, übertriebene Gestik, direkter Hilfeschrei ins Publikum, komischer Kon-
trast von Exaltiertheit und Unbeteiligtheit.
© Toni Suter /42T+T Fotografie

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 42 16.05.12 07:41


2. 2 Schritte zum Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 91 und 92 43

Verfremdung

Verfremdung im Dramenganzen
– Sprache: Verfremdung durch falschen Jargon (z.B sprechen Bankiers wie Gauner
oder Bettler wie Herren)
– Versetzung der Handlung in eine fremde und unpassende Umgebung
– Reduktion auf wenige Merkmale (d.h. Einsatz von Karikaturen und Typen)
– «Umgekehrter» Held: Held ist unsympathisch und bietet keinerlei Identifikations-
möglichkeiten
– offener Schluss

Einzelne Verfremdungseffekte
– Überspitzung, Satire, Übertreibung
– Die Handlung wird durch Kommentare unterbrochen.
– Musik und Songs kommentieren ähnlich wie der antike Chor die Handlung, wo-
bei sowohl Musik als auch Gesang schrill und aufdringlich klingen.
– Tafeln oder Spruchbänder, die am Anfang oder am Ende der Szenen gezeigt werden,
liefern Erklärungen, Interpretationen oder den historischen Hintergrund.
– Die Schauspieler reden nicht nur untereinander, sondern sprechen manchmal
direkt zum Publikum.

Brecht führte einen Katalog von dramaturgischen Kniffen ein, die die
Aufgabe 1 Episches Theater
Dramengeschichte stark beeinflusst haben. Sie sind heute sehr verbreitet,
Zeit ca. 40 Minuten
Umfang ca. 5 Seiten, davon
auch in Dramen, die sich nicht als episches Theater verstehen.
ca. 1 Seite eigene Zutat
Titel Verfremdung
Vorgaben Elemente des epischen
Theaters anwenden Aufgaben
Aufgabe 2 Verfremdungseffekt
1. Reichern Sie eine traditionelle Dramenszene mit den Mitteln des epischen Theaters
Zeit Proben mind. 60 Min. an.
Vorgaben – epische Szene in der 2. Manche Verfremdungseffekte wirken erst bei einer Aufführung richtig. Bilden
Gruppe aufführen
– Aufführung ca. 5 Min. Sie eine Gruppe und inszenieren Sie eine Szene nach den Grundsätzen des epi-
Referenz Übersicht Q, S. 100 schen Theaters.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 43 16.05.12 07:41


2.3 Versuchsstück 44

Versuchsstück: Ein Dramolett bauen


Dramen sind üblicherweise Bühnenstücke, die in abendfüllenden Veranstaltungen
aufgeführt werden. Daneben gibt es dramatische Miniaturen wie Sketche, Einakter
oder andere Kurzformen.

Dramolett
Als Dramolett oder Kurzdrama bezeichnet man ein vollständiges Drama in Akten,
in dem die Dialoge allerdings stark verkürzt sind.

1. Akt 2. Akt 3. Akt

Bruno, ein vierzigjähriger Mann, In einer Bar. In der Bar, viel später.
joggt durch den Park. Auf einer
BRUNO. Wie geht’s eigentlich REMO. Ich zahl noch eine Runde.
Parkbank sitzt ein etwa gleich-
deiner Schwester? BRUNO. Zu gütig. Mann, ich
altriger Mann.
REMO. Gut. freue mich, dich wiederzuse-
DER MANN. Bruno? BRUNO. Ich hab sie seit sicher hen. Ich frag mich, warum all
BRUNO. Ehm. Guten Tag. Ken- 30 Jahren nicht mehr gese- unsere alten Kumpels von frü-
nen wir uns? hen. Seit sie schwanger wur- her sich nie bei mir gemeldet
MANN. Erinnerst du dich nicht de. Weiss man inzwischen, haben.
an mich? von wem das Kind ist? REMO. Ich habe eine Idee.
BRUNO. Nein, tut mir leid. REMO. Ja, doch, da gibt es eine BRUNO. Nämlich? Lass hören.
MANN. Ist ja auch schon lange Vermutung. (hastig) Kennst REMO. (stockt)
her. Ich bin Remo, der kleine du aber nicht. BRUNO. Jetzt sag schon!
Bruder Hannas. REMO. Du hast meine Schwes-
BRUNO. Ach so, na dann lass ter geschwängert und sie
uns was trinken gehen. sitzen lassen!
BRUNO (entsetzt, blass gewor-
den). Das kann nicht – …

Diese ersten 3 Akte eines Dramoletts in 5 Akten enthalten alles, was Dramen aus-
zeichnet:
– mehrere Figuren resp. Rollen
– einen Geschehnisort (in Nebentext angegeben)
– einen hier und jetzt ablaufenden Vorgang
– sprachliche Äusserungen der Figuren
– Handlungen der Figuren (in Regieanweisungen aufgezeichnet)
– einen Konflikt

Aufgabe
Schreiben Sie ein Dramolett in 5 Akten zu einem der folgenden Themen: Unver-
hofftes Wiedersehen / Endgültiger Abschied / Aufgedecktes Geheimnis / Unerträg-
liche Gewissensbisse.
Wichtig: Alle dramatischen Kunstmittel (ausser aufführungstechnische) sollten zur
Anwendung kommen:
– Alle Handlungsvorgänge sind dramatisiert, nur der Schauplatz und die Hand-
Aufgabe Dramolett in 5 Akten
Zeit ca. 90 Minuten
lungszeit werden im Nebentext beschrieben (siehe 2. Schritt, S. 32).
Umfang ca. 2 – 3 Seiten – Die Figuren spielen Rollen, sprechen Dialog und Monolog und handeln (die Be-
Titel nach Wahl wegungen und Gesten der Figuren werden in Szenenanweisungen aufgezeichnet
Vorgaben – in Gruppe oder
einzeln
– Es gibt einen Konflikt (siehe 5. Schritt, S. 35).
– alle dramatischen – Die Handlung ist komponiert (siehe 8. Schritt, S. 38).
Kunstmittel einsetzen
Referenz Übersichten K – P, – Setzen Sie Tragik und / oder Komik ein (siehe 6. und 7. Schritt, S. 36 und 37).
S. 94 bis 99
– Halten Sie sich an die Dramenstruktur und bauen Sie 5 Akte (siehe S. 39).

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 44 16.05.12 07:41


Weg 3: Dichten

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 45 16.05.12 07:41


3.1 Überblick: Dichten 46

Überblick: Dichten
Die lyrische Sprache

1. Schritt Verdichten
1 Aufgabe, 20 Minuten S. 47

2. Schritt Verse schmieden


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 48

Klang

3. Schritt Reimen
2 Aufgaben, 60 Minuten S. 49

4. Schritt Zum Klingen bringen


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 50

Bildsprache

5. Schritt Bildlich machen


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 51

6. Schritt Starke Metaphern bilden


2 Aufgaben, 30 Minuten S. 52

7. Schritt Allegorien bilden


3 Aufgaben, 40 Minuten S. 53

Moderne Lyrik

8. Schritt Mit Wörtern spielen


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 54

9. Schritt Die Wahrnehmung lenken


2 Aufgaben, 30 Minuten S. 55

10. Schritt Mit der Grammatik spielen


3 Aufgaben, 45 Minuten S. 56

11. Schritt Strophen bauen


2 Aufgaben, 40 Minuten S. 58

Versuchsstück Abstecher

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 46 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 110 und 111 47

1. Schritt: Verdichten
Der eigentliche Zauber von Gedichten basiert auf dem Zusammenspiel vieler Kunst-
mittel: dem Klang, bildhafter Sprache, besonderem Wortsinn, unüblichem Satzbau,
Reimen.
Das wohl wichtigste Merkmal der lyrischen Sprache ist die Verdichtung. Gedichte
sagen immer mehr, als der blosse Wortlaut vermuten lässt. Jedes Gedicht hat einen
Vorrat an Ungesagtem, d.h. von Bildern, die reich an mitschwingenden Vorstellungen
sind. Es ist weniger der Versbau, als vielmehr die Verdichtung des Inhaltes und das
Spiel mit Sprache und Klang, die Gedichte zu Gedichten machen.

Sprachliche Verdichtung
Niemand würde behaupten, im unten stehenden Beispiel handle es sich nicht um
ein Gedicht. Dieses Gedicht besitzt allerdings weder ein Metrum noch Reime. Auch
die Versform ist nicht entscheidend; leicht könnte der Satz in Prosa umgeschrieben
werden. Allerdings verdichtet es eine weitreichende Aussage auf nur 24 Wörter.
Die Verdichtung macht diesen Satz zu einem lyrischen Text.

Über einige Davongekommene


Als der Mensch Schüttelte er sich
Unter den Trümmern Und sagte:
Seines Nie wieder.
Bombardierten Hauses Jedenfalls nicht gleich.
Hervorgezogen wurde (Günter Kunert, 1987)

Das Wort «Krieg» kommt in diesem Gedicht nicht vor, ebenso wenig das Wort
«Kriegsende». Auch wird nicht ausdrücklich gesagt, dass der Davongekommene
sich nicht aus eigener Kraft gerettet hat. Thema des Gedichts ist die Ächtung des
Krieges, die allerdings nicht kompromisslos, sondern nur halbherzig ausfällt. All
das sagt das Gedicht zwar, aber mit weniger Worten – und vor allem anschaulich.

Dichten kommt von Verdichten. Die Reduktion des Gesagten auf das
Minimum ist ein Hauptmerkmal der Dichtung.

Selber dichten
Verfassen Sie ein Gedicht mit maximal 30 Wörtern, das mit sprachlicher Verdich-
tung arbeitet.
a) Schildern Sie in Prosa auf mindestens einer halben Seite eine Beobachtung an
der Bushaltestelle, im Supermarkt, am Bahnhof, im Freibad. Sie können einen
Text heranziehen, den Sie früher geschrieben haben. Achten Sie darauf, dass Ihre
Schilderung eine Pointe hat. Ein kleiner Höhepunkt genügt vollkommen (z.B.
handelt eine beobachtete Person anders als erwartet).
b) Formulieren Sie die Hauptsache in einem oder zwei Sätzen. Achten Sie auf mög-
lichst aussagekräftige Wörter (Verben, Adjektive, Substantive). Verzichten Sie
so gut wie möglich auf Konjunktionen und Relativpronomen, Verben und Ad-
Aufgabe Sachverhalt verdichten
jektive.
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang 30 Wörter c) Probieren Sie aus, ob Sie noch ein paar Wörter einsparen können, wenn Sie die
Titel nach Wahl Sätze umstellen oder Interjektionen verwenden.
Vorgaben schrittweise vorgehen d) Schreiben Sie die gewonnenen Sätze in Versform auf.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 47 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 114 bis 120 48

2. Schritt: Verse schmieden


Gedichte entstehen nicht «einfach so», wenn jemand einen Eindruck oder eine
Empfindung niederschreibt. Sie sind kunstvoll konstruiert. Es ist nicht verfehlt,
dass man dichten salopp mit der Metapher Verse schmieden bezeichnet. Denn Ver-
se werden hergestellt und bearbeitet.

Vers
Hauptmerkmal von Gedichten ist der Vers. Er ersetzt den grammatisch und inhalt-
lich abgeschlossenen Satz der Prosa. Ein Vers umfasst immer eine Zeile, auch dann,
wenn er auf der nächsten Zeile, also im nächsten Vers, fortgesetzt wird.

Versfuss
Es gibt vier Versfüsse. Manche Wörter entsprechen in ihrer natürlichen Betonung
gerade einem Versfuss.

Die vier Versfüsse Passende Wörter

Jambus getreu / gesagt / hinweg


unbetont / betont: —

Trochäus zärtlich / Zeitung / fangen


betont / unbetont: —

Anapäst unbedingt / Konferenz / motiviert


unbetont / unbetont / betont: —

Daktylus Tatendrang / arbeiten / Möchtegern


betont / unbetont / unbetont: —

Es gibt anderseits Wörter, deren natürliche Betonung keinem Versfuss entspricht:


betrüblich, verzaubert, rebellisch. Sie können trotzdem in Versen eingesetzt werden,
denn im Vers gibt es immer auch unbetonte Funktionswörter: Artikel, Präpositionen,
Pronomen, die die «fehlenden» Silben ergänzen.

Metrum
Verse leben traditionellerweise stark vom Spiel mit unbetonten und betonten Silben.
Werden sie regelmässig abgewechselt, entsteht ein Versmass (Metrum). Es setzt
sich zusammen aus der Wiederholung desselben Versfusses. Die betonte Silbe im
Versfuss nennt man Hebung.

Aufgabe 1 Metren
Zeit ca. 30 Minuten Metrum = Versfuss × Anzahl Hebungen
Umfang 4 × 2 Verse
Titel gemäss Versfuss
Vorgaben – Metren
– 4 verschiedene

Referenz
Metren
Übersicht R, S. 101
Selber dichten
1. Dichten Sie mindestens je 2 eigene Verse mit drei- oder vierhebigen Jamben,
Aufgabe 2 Kadenzen Trochäen, Anapästen und Daktylen. Achten Sie darauf, dass die natürliche
Zeit ca. 10 Minuten
Umfang 2 × 2 Verse
Betonung der Wörter mit dem Metrum übereinstimmt (siehe die Anleitung zum
Titel gemäss Kadenz Bau von Metren in der Übersicht R, S. 101).
Vorgaben 2 verschiedene
Kadenzen 2. Dichten Sie 2 Verse, einmal mit männlichen und einmal mit weiblichen Kaden-
Referenz Übersicht R, S. 101 zen. Bis auf die Kadenzen sollten die Verse so gleich wie möglich sein.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 48 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 121 bis 123 49

3. Schritt: Reimen
Der Reim ist das bekannteste Element der lyrischen Sprache. Reime sind einpräg-
sam, witzig, manchmal eigenartig. Meistens meint man den Endreim. Daneben gibt
es allerdings auch Anfangs- und Binnenreime.

Der Endreim
Der hier vorliegende Kreuzreim in einer
Schläft ein Lied in allen Dingen, sogenannten Volksliedstrophe ist die
Die da träumen fort und fort, häufigste Reimform (weitere Reimfor-
Und die Welt hebt an zu singen, men siehe Übersicht S, S. 102).
Triffst du nur das Zauberwort. Achten Sie beim Reimen auf den Klang,
(Joseph von Eichendorff, Wünschelrute)
nicht auf die Orthografie: auf «Welt»
reimt sich z.B. auch «fällt» oder «bellt»
oder sogar «Held» oder «Geld».

Der Reim ist das auffälligste Klangelement von Gedichten.

Anfangs­ und Binnenreim


Anfangs- und Binnenreime sind im Vergleich zu Endreimen unauffällig. Trotzdem
werden sie relativ häufig eingesetzt.

Binnenreim Wörter reimen sich innerhalb eines Verses.

Anfangsreim Die ersten Wörter von verschiedenen Versen reimen sich.

Stabreim
Eine Spezialform des Anfangsreims ist der Stabreim. Dabei wiederholen sich die
Anfangssilben von aufeinanderfolgenden Wörtern. Er ist eine Variante der Allite-
ration.

Dort die weissen Weiber weisen dir den Weg.

Selber dichten
Aufgabe 1 Volksliedstrophe 1. Schreiben Sie eine Volksliedstrophe in 4 Versen je einmal in Paarreimen, Kreuz-
Zeit ca. 30 Minuten
reimen und umarmendem Reim. Sie können auch eine Strophe aus einem vor-
Umfang 4 × 4 Verse
Titel nach Wahl
handenen Gedicht variieren.
Vorgaben 4 verschiedene 2. Verfassen Sie ein eigenes Reimgedicht. Gehen Sie schrittweise vor.
Reimformen
Referenz Übersichten S und W,
a) Lassen Sie sich von einem Klassenkollegen zwei Wörter geben, und zwar ein
S. 102 und 107 einsilbiges und ein zweisilbiges (entweder ein Substantiv, ein Verb oder ein
Adjektiv). Das Wort darf keine Zusammensetzung sein wie z.B. Walfisch,
Aufgabe 2 Reimmaschine
erzählt oder tragbar. Gut geeignet sind z.B. morgen, Gier, fauchen oder reich.
Zeit ca. 30 Minuten
Umfang 2 × so viele Reimwörter
b) Drehen Sie die beiden Wörter durch die Reimmaschine (siehe S. 102)
wie möglich c) Verfassen Sie ein Gedicht mit mindestens 4 Versen und ebenso vielen Reimen.
Titel Reimgedicht
Verwenden Sie dabei entweder Kreuz-, Paar- oder umarmende Reime.
Vorgaben 2 Wörter durch
Reimmaschine Variante (höherer Schwierigkeitsgrad): Versuchen Sie sich an einem Gedicht
Referenz Übersicht S, S. 102 mit 6 Versen mit verschränktem Reim oder Schweifreim (siehe S. 102).

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 49 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 124 bis 126 50

4. Schritt: Zum Klingen bringen


Die Lyrik ist diejenige Gattung der Literatur, die sich am nächsten der Musik an-
nähert. Denn Gedichte leben von ihrem Klang. Neben Metrum und Reim stehen
dem Dichter weitere Verfahren zur Verfügung, um Gedichte klingen zu lassen.

Assonanz
Das wichtigste Klanginstrument neben dem Reim ist die Assonanz (die Klangfarbe).
Assonanzen erzielt man, wenn man gleiche Vokale oder Diphthonge in verschiede-
nen Wörtern verwendet. Dabei werden nur die betonten Vokale beachtet. Je nach
vorherrschendem Vokal spricht man von dunkler (a, o, u, ö, au) oder von heller
Assonanz (e, i, ä, ü, ei, eu).

Die Klangformen
Halten Sie die verschiedenen Klangformen auseinander.

Alliteration Der Anfangslaut wiederholt sich in aufeinanderfolgenden


Wörtern: Wir Weiber waschen weisse Wäsche

Stabreim Die Anfangssilbe wiederholt sich in aufeinanderfolgenden


Wörtern: Über steile Steine steigen wir …

Assonanz Die betonten Silben wiederholen sich. Dabei müssen die


Wörter nicht aufeinanderfolgen. Sie können sogar über
verschiedene Verse verteilt sein:
Leise schweifen die weissen Möwen
sie heissen uns leise willkommen

Tipp: Die Alliteration gehört heute zu den häufigsten Stilmitteln der Werbesprache.
Sie wirkt deshalb in anderem Zusammenhang meistens kitschig. Seien Sie zurück-
haltend mit dem Einsatz von Alliterationen.

Die Klangfarbe entscheidet über den Ton und die Ausstrahlung des Gedichts.

Selber dichten
1. Spielen Sie mit dem Vokalklang. Schreiben Sie eine Zeile mit ähnlichen oder glei-
chen Vokalen. Variieren Sie diese Zeile sinngemäss, indem Sie die Wörter nach
Klangfarbe wählen. Sie können ausgehen von einem der folgenden Wörter:
Massenstart, Fernweh, Lichtblick, Pogromopfer, Blumenmuster, Mauerbau, Einer-
lei, Feuchtteufel. Variieren Sie Ihren Vers mehrfach. Wählen Sie dann den Vers,
Aufgabe 1 Lautliche Stimmungen
Zeit ca. 20 Minuten der die Stimmung mittels grösster Übereinstimmung von Klangfarbe und Wort-
Umfang 1 – 2 Verse variieren bedeutung auslöst.
Titel Vokalklänge
Vorgaben – Klangbilder auspro-
bieren Beispiel: – Ach, es ist schwarz in der Kammer des kalten Todes
– im Team arbeiten
– Weh, es ist sehr ernst am Fleck des Sterbens
Referenz Übersicht T, S. 103
– Iih, es ist tief finster im Zimmer des letzten Ziehens
Aufgabe 2 Fröhlich klingen
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang ca. 8 Verse
Titel gemäss Anlass
2. Schreiben Sie einen Vierzeiler (eine Volksliedstrophe) zu einem heiteren Anlass
Vorgaben – helle Assonanzen
einsetzen (Geburtstag, Schulabschluss o.Ä.). Tauschen Sie in einem zweiten Schritt, die
– Gedicht zu heiterem
Anlass Wörter so aus, dass alle betonten Silben helle Vokale enthalten. Bauen Sie min-
Referenz Übersicht T, S. 103 destens eine Alliteration oder einen Stabreim ein.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 50 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 127 bis 131 51

5. Schritt: Bildlich machen


Gedichte veranschaulichen abstrakte Begriffe, Situationen oder Umstände. Der
Dichter schreibt nicht «Herbst», sondern: «die Blätter fallen», «die Blüten welken»
oder «die Nebel steigen herauf».

Sprachbilder
Ein Merkmal der lyrischen Sprache ist das Spiel mit Andeutungen und bildhafter
Sprache. Die Lyrik besitzt ein breites Repertoire an sprachlichen Bildern.

Sprachbild Herbstbilder

Assoziation Im Nebel ruhet noch die Welt.

Personifikation Noch träumen Wald und Wiesen.

Symbol Die schönen Früchte fallen ab von jedem Baum.

Vergleich Die Luft ist still, als atmete man kaum.

Metapher O stört sie nicht, die Feier der Natur.

Sprachbilder dienen der Veranschaulichung, Verdichtung und Verblüffung.


Denn: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Selber dichten
1. Modifizieren Sie den Text «Im Bus», indem Sie Sprachbilder einsetzen. Schreiben
Sie das Ergebnis in Versform auf (Katalog, S. 104).

Im Bus
Kinder schauen aus dem Fenster, Mütter suchen ihre Schlüssel, alte Frauen
nesteln in knisternden Tüten, Schüler tuscheln miteinander, der Bus hält
lange.

a) Aus «schauen aus dem Fenster» wird mittels einer einfachen Metapher kleben
an den Fenstern. Fenster lassen sich symbolisch verstehen als Blick nach draus-
sen.
Aufgabe 1 Sprachbilder
Zeit ca. 20 Minuten
b) Achten Sie darauf, Klangelemente (siehe Übersicht T, S. 103 und 4. Schritt
Umfang ca. 10 Verse S. 50) zu benutzen, z.B. werden «Kinder» mittels Alliteration zu «Kleine Kin-
Titel Im Bus der» oder zum Stabreim «Kichernde Kinder».
Vorgaben – dichten heisst Bilder
malen
c) Sie dürfen «Kinder» ersetzen. Kombiniert wird daraus: «Kleine Knöpfe kleben
– schrittweise
vorgehen
am Draussen».
Referenz Übersichten T und U,
S. 103 f. 2. Schreiben Sie ein Gedicht, das einen der folgenden Begriffe veranschaulicht:
Tod, Alter, Frühling, Sommer, Morgen, Abend, Geburt, Wandel.
Aufgabe 2 Assoziationen Verwenden Sie verschiedene lyrische Bilder, um den abstrakten Begriff zu ver-
Zeit ca. 20 Minuten anschaulichen. Gehen Sie schrittweise vor.
Umfang 6 – 8 Verse, gereimt
Titel nach Wahl, z.B. Tod
a) Sammeln Sie Assoziationen zum gewählten Begriff, beispielsweise zu «Herbst»
Vorgaben – Tod, Alter, Frühling, (fallende Blätter, welkende Blüten, farbiges Laub, längere Abende, Kastanien,
Sommer, Morgen,
Abend, Geburt oder
Weinlese, Morgennebel, Kälte usw.).
Wandel
– schrittweise Vor-
b) Wählen Sie aus diesen Assoziationen. Kreieren Sie daraus Vergleiche, Meta-
gehen phern, Personifikationen und andere Sprachbilder (siehe Anleitung in Über-
Referenz Übersichten U, S. 104 f.
sicht U, S. 105).

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 51 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 130 52

6. Schritt: Starke Metaphern bilden


Metaphern brauchen wir auch in der Alltagssprache häufig. So spricht man etwa
von einem «Patt», um auszudrücken, dass unter verschiedenen Mitbewerbern keiner
besser als der andere abschneidet. Einige Spezialformen von Metaphern eignen sich
sehr gut dazu, den herkömmlichen Sinn zu hinterfragen.

Das Oxymoron
Sich Absichtlich widersprechende Begriffe nennt man Oxymora (Sing.: Oxymoron):

dunkler Lichtblick Freudentod


gellende Stille Angstjubel
jauchzende Verzweiflung Demokratie ist Geldherrschaft

Oxymora rufen besonders starke, meist mehrdeutige Bilder hervor.

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends


(Paul Celan, Todesfuge, Anfang)

In diesem Vers liegen gleich zwei Oxymora vor, denn es werden verschiedene Ge-
gensätze kombiniert: «Milch» (weiss) – «schwarz»; «Frühe» – «abends».

Die Synästhesie
Synästhesien kombinieren verschiedene Sinneswahrnehmungen miteinander. Be-
sonders deutlich wird das im 3. Vers, in dem «golden» (Sehsinn), mit «wehn» (Tast-
sinn) und «Töne» (Hörsinn) kombiniert wurde.

Hör’, es klagt die Flöte wieder, Golden wehn die Töne nieder,
Und die kühlen Brunnen rauschen (Clemens Brentano, Abendständchen)

Oxymoron und Synästhesie sind Spezialformen der Metapher.


Sie wirken besonders stark.

Aufgabe 1 Starke Metaphern


Zeit ca. 15 Minuten
Umfang 12 Beispiele Selber dichten
Vorgaben a) 4 Wortgruppen –
Oxymora
b) Neuschöpfungen 1. a) Kombinieren Sie einander widersprechende Wörter oder Wortgruppen zu
c) 4 Synästhesien
Oxymora: «leistungsorientierte Liebe», «schmutzabweisende Hoffnung», «voll-
Referenz Übersicht U, S. 104 f.
automatisierte Trauer» (mindestens 4 Beispiele).
Aufgabe 2 Metapherngedicht
b) Machen Sie dasselbe, aber in anderen Kombinationen als mit Adjektiv und
Zeit ca. 15 Minuten Substantiv (z.B. «Feigheit macht Mut»; «Angstwaghalsigkeit»).
Umfang 4 bis 8 Verse c) Kombinieren Sie Sinnesempfindungen und Körperteile zu Synästhesien: «Ich
Titel nach Wahl
sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand» (mindestens 4 Beispiele).
Vorgaben Oxymora resp.
Synästhesien 2. Verfassen Sie ein Gedicht (oder eine Strophe), in dem Oxymora oder Synästhesien
Referenz Übersicht U, S. 104 f. vorkommen. Bilden Sie möglichst starke und originelle Metaphern.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 52 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 131 und 184 53

7. Schritt: Allegorien bilden


Gedichte versuchen, komplexe Gefühle, Empfindungen oder Erlebnisse auf kleins-
tem Raum auszudrücken. Zur sprachlichen Konzentration sehr gut geeignet sind
Allegorien, die den Leser einen grossen Sinnzusammenhang assoziieren lassen.

Allegorien
Allegorien sind Formen der indirekten Aussage, bei der eine Sache, ein Vorgang oder
ein abstrakter Begriff – meist durch eine Personifizierung – veranschaulicht wird.

Ausformungen von Allegorien


1. Personifikation oder Vermenschlichung liegt dann vor, wenn eine (abstrakte)
Sache sich so verhält wie ein Mensch. Beispiel: Der Abend legt seine Schatten
auf die Sonnenuhren.
2. Von Allegorie spricht man, wenn die Vermenschlichung symbolische Züge be-
sitzt, also ein menschliches Symbol darstellt. So symbolisiert ein im Gedicht
vorkommender Wanderer Reiselust, Fernweh, Sehnsucht. Auch umgekehrt geht
das: So bezeichnet man einen starken, mutigen, draufgängerischen Mann gerne
als «Bullen» oder «Löwen». Die vermenschlichten Tiere in den Fabeln sind Al-
legorien dieser Art.
3. Von Allegorie spricht man ebenfalls, wenn ein ganzes Begriffsfeld durch einen
anderen Begriff (oder ein Begriffsfeld) veranschaulicht wird. Diese Ausformung
der Allegorie zielt also darauf ab zu erklären. Sie vergleicht dazu einen Umstand
mit einem anderen. So kann man leicht einen Vergleich des Lebens mit irgend-
etwas herstellen:

Unser Leben gleicht ... … dem Tanz auf einem Vulkan


… einer Schnecke in der Hölle
… einer rastlosen Reise usw.

Vermenschlichung (z.B. von Jahreszeiten oder Dingen) gehört zu den


ältesten Stilmitteln der lyrischen Sprache.
Aufgabe 1 Personifikation
Zeit ca. 10 Minuten
Umfang 6 Personifikationen Selber dichten
Titel nach Wahl, z.B. Nacht
Vorgaben Dinge oder Abstrak- 1. Bilden Sie ein halbes Dutzend Personifikationen, indem Sie Dinge, Naturerschei-
tes wie Menschen
behandeln nungen (Nacht, Sonne, Kälte usw.) oder abstrakte Begriffe (Geld, Freiheit, Spass
Referenz Übersicht U, S. 104
usw.) menschlich handeln lassen (z.B. «Der Wind streichelt meine Wangen»,
«Geld regiert die Welt»).
Aufgabe 2 Menschliches Symbol
Zeit ca. 10 Minuten 2. a) Schlüsseln Sie folgende menschliche Symbole auf.
Umfang Liste
Vorgaben – menschliche Symbole
– die allegorischen
Eigenschaften
Mauerblümchen Fuchs (in der Fabel)
aufzählen Amazone Lamm (in der Fabel)
Referenz Übersicht U, S. 104

Aufgabe 3 Allegorie
Zeit ca. 20 Minuten b) Bilden oder suchen Sie zwei menschliche Symbole. Überlegen Sie sich zuerst,
Umfang ca. 8 Verse was für Eigenschaften symbolisiert werden sollen, und danach, welches Sinn-
Titel Unser Leben gleicht
Leben allegorisieren
bild oder Tier dafür geeignet ist. Erklären Sie Ihre Ergebnisse.
Vorgaben
Referenz Übersicht U, S. 104
3. Schreiben Sie ein allegorisches Gedicht mit dem Titel «Unser Leben gleicht».

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 53 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht 54

8. Schritt: Mit Wörtern spielen


Gedichte laden dazu ein, mit Wörtern zu spielen. Es eignen sich insbesondere Wör-
ter, die in unterschiedlichem Zusammenhang vorkommen und allenfalls sogar ver-
schiedene Bedeutungen haben.

Wortspiele
Wortspiele entstehen durch den Einsatz von Wörtern in einem ungewohnten Kon-
text oder dadurch, dass die Wiederholung von Wörtern eine andere (gegensätzliche
oder ergänzende) Bedeutung erzeugt. Werden dabei Erwartungen unterlaufen, kann
ausserdem Komik erzielt werden.

Wortfelder und Leitmotive

Wer soll da unsrer gedenken und ohne weiteres


mit Nachsicht? so weiter und so
Das wird sich finden, weiter nichts
wenn es erst soweit ist. keine Nachgeborenen
Uns so fortan keine Nachsicht
bis auf weiteres nichts weiter.
(Hans Magnus Enzensberger, Weiterung)

In diesem Gedicht kommen mehr als zehn verschiedenen Formen von «weit» bzw.
«nach» vor. Der Autor spielt auch damit, dass viele Verbindungen mit «weit» den
Charakter von Redewendungen haben («nichts weiter», «und so weiter» u.a.).

Die Lyrik achtet mehr als jede andere Gattung auf die Wahl der Wörter.

Mehrdeutigkeit ausnutzen
Manche Wörter haben, teilweise abhängig vom Kontext, mehrere Bedeutungen.
Viele Graffiti-Sprüche spielen mit dieser Mehrdeutigkeit. Sie lässt sich gut in lyri-
schen Texten verwenden.

Sie wollen nur unser Bestes, Fanatiker sind zu allem fähig, Heute stehen wir vor dem
aber das kriegen sie nicht. aber sonst auch zu nichts. Abgrund, morgen sind wir
einen Schritt weiter.

Aufgabe 1 Wortfelder Selber dichten


Zeit ca. 20 Minuten
Umfang 4 bis 8 Verse 1. Wählen Sie ein einfaches Wort, das eine Fülle an Bildungen, Ableitungen und
Titel gewähltes Wort
Zusammensetzungen aufweist, z.B. «eigen»: Eigenname, Eigentümer, Eigen-
Vorgaben – analog zu
«Weiterung» schaft, eigenständig, eigenmächtig, eigentlich, eigens, Eignung, sich eignen, un-
– mit Wortfeld spielen
Referenz Übersicht V, S. 106
geeignet. Formen Sie daraus ein Gedicht aus freien Versen.
2. Setzen Sie ein Wort bzw. eine Wortverbindung in unterschiedliche Kontexte,
Aufgabe 2 Wortspiele
durch die eine Mehrdeutigkeit zum Ausdruck kommt. Finden Sie nach Möglich-
Zeit ca. 20 Minuten
Umfang 2 Verse
keit selbst mehrdeutige Ausdrücke oder wählen Sie aus den folgenden Vorschlä-
Titel Spruch gen: sich versprechen – etwas versprechen / etwas umgehen – umgehen mit / über
Vorgaben – Graffiti etwas hinweggehen – über jemanden hinweggehen / etwas wahrnehmen – etwas
– mit Mehrdeutigkeit
spielen für wahr nehmen / wahre Kunst – Ware Kunst / keine Miene verziehen – sich
Referenz Übersicht V, S. 106
verziehen. Dichten Sie daraus einen Spruch.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 54 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht 55

9. Schritt: Die Wahrnehmung lenken


Nachdem man einmal entschieden hat, was man sagen will, gilt der nächste Schritt
der Anordnung der Wörter im Vers. Dadurch lassen sich die Aufmerksamkeit der
Leser lenken und Bedeutungsnuancen erzielen.

Lenkung durch Anordnung der Wörter


Verse bringen mit sich, dass die Endwörter immer besondere Beachtung finden.
Aber auch der Versanfang zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Dasselbe gilt für das
Ende des Gedichts. Aufmerksamkeitsköder sind also Reimwörter, Versanfänge und
der Schluss.
Eine Spezialform der Sinnerzeugung durch Anordnung der Wörter macht sich die
konkrete Poesie zunutze (siehe Abstecher, S. 60).

Lenkung durch Wortwiederholung oder Wortstellung


Die Anordnung der Wörter durch Wortwiederholung lenkt die Aufmerksamkeit.

A (Wortwiederholung) B (Wortstellung)
In den Dünen sitzen. In den Dünen sitzen.
Nichts sehen als Sonne. Nichts sehen als
Nichts fühlen als Wärme. Sonne. Nichts fühlen als
Nichts hören als Brandung. Wärme. Nichts hören als
Zwischen zwei Herzschlägen Brandung. Zwischen zwei
glauben: Herzschlägen glauben:
Nun ist Frieden Nun ist Frieden.

– In der Version A von Günter Kunerts Gedicht «Auf der Schwelle des Hauses»
fallen Wortwiederholungen («Nichts ... als») auf. Der dreifache Vergleich fesselt
die Aufmerksamkeit der Leser. Hier liegt die Betonung klar auf dem dreimal wie-
derholten «Nichts».
– In Version B sind die Verse anders gebrochen. Sofort wechselt die Aufmerksam-
keit auf die Wörter «Sonne», «Wärme» und «Brandung» am Versanfang. Die
Stellung von «als» am Versende betont die Vergleiche. Auffällig am Beispielgedicht
ist auch die Wortstellung am Ende. Aufgrund des Zeilensprungs verlangsamt sich
der Lesefluss, die Wörter werden einzeln betont, vor allem das letzte: «Frieden».
Weitere Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit der Leser durch die Wortstellung zu
lenken, finden Sie im nächsten Schritt, S. 56.

Aufgabe 1 Wortwiederholung
Sowohl die Anordnung als auch die Wortstellung im Vers lenken die Aufmerk­
Zeit ca. 15 Minuten samkeit des Lesers.
Umfang 12 Verse
Titel Schule (oder nach Wahl)
Vorgaben
Referenz
gemäss Anleitung
Übersichten V, W,
Selber dichten
S. 106 f.
1. Dichten Sie ein Gedicht zum Thema «Schule» (oder zu den Themen «Freund-
Aufgabe 2 Wortstellung schaft», «Angst» oder «Hoffnung») in mindestens 12 Versen. Verwenden Sie
Zeit ca. 15 Minuten folgende Wörter in entsprechender Anzahl: mindestens 4× «Schule», 3× «Jeden
Umfang ca. 12 Verse Tag» (am Versanfang), 3× «Nie» (am Versanfang) und 3× «... für mich?» (am
Titel wie Aufgabe 1
Vorgaben Variation der Vers-
Versende).
sprünge 2. Formen Sie Ihr Gedicht analog dem Beispiel um, indem Sie die Verssprünge anders
Referenz Übersicht V, S. 106
legen (siehe S. 56 f.). Welche Nuance in der Aussage stellen Sie fest?

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 55 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 114, 115 und 180 f. 56

10. Schritt: Mit der Grammatik spielen


Gedichte gehen mit der Grammatik frei um, z.B. weil sie Verse statt Sätze enthalten.
Es bieten sich aber noch ganz andere Spielformen an.

Enjambement Zeilensprung des Satzes über den Vers hinaus

Inversion Abweichung von der normalen Wortstellung. Manch-


mal bedingt durch das Metrum. Wirkt auffällig, beto-
nend, merkwürdig

Antithese Verbindung zweier entgegengesetzter Inhalte, erzeugt


Kontraste und Gegensätze

Parallelismus Wiederholung desselben Satzbaus in verschiedenen


Versen. Wird zur Betonung eingesetzt, wirkt eindring-
lich und nachdrücklich

Ellipse Grammatisch unvollständige Sätze; entweder durch


Auslassung des Prädikats oder durch Weglassen der
Funktionswörter (Artikel, Pronomen, Konjunktionen,
manchmal auch Präpositionen)

Wirkung der verschiedenen Spielformen


Enjambement (Hakenstil)
Ausgangspunkt ist ein einfacher Such
Aussagesatz: «Such dir deine Freunde dir deine Freunde
mit Sorgfalt.» Um ihn kantiger zu mit –
machen, könnte man durch Enjambe- Sorgfalt
ments neue Sinnabschnitte erzeugen.

Inversion
Eine weitere Möglichkeit, Nuancen 1. Such deine Freunde mit Sorgfalt dir
zu gewinnen, ist die Inversion: die 2. Deine Freunde such dir mit Sorgfalt
Umstellung der Satzglieder im Vers. 3. Mit Sorgfalt such dir deine Freunde
4. Deine Freunde mit Sorgfalt such dir

Enjambement und Inversion


In Kombination mit dem Enjambe- Deine Freunde
ment werden die Satzglieder aufge- such mit
löst. Das verlangt dem Leser aller- Sorgfalt
dings einiges an Kombinationsgabe dir
ab, verleitet jedoch von den vier
Versionen am meisten zum Denken.

Antithese
Diese zwei Strophen arbeiten mit Deine Freunde Deine Feinde
Gegensätzen (Antithesen): such dir finden sich schon
Freunde – Feinde mit Sorgfalt von allein
Sorgfalt – von allein
suchen – finden

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 56 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 126 und 180 57

Parallelismus
Die Wirkung entfaltet sich gerade Mit Sorgfalt Von allein
durch die Parallelisierung der Aus- such dir finden sich
sagen. Die beiden Strophen deine Freunde deine Feinde
sind grammatisch gleich gebaut.

Ellipse
Durch Weglassen von Wörtern Freunde allein
werden die Verse assoziativer. Die such finden sich
Leser müssen selber mögliche mit Sorgfalt Feinde
Wörter ergänzen. Ellipsen und
Reduktionen wirken stark dadurch,
dass die verbleibenden Wörter
hervorgehoben sind. Zugleich wird
der Text bedeutungsreicher.

Die Wortstellung im Gedicht entscheidet in hohem Masse über die Wirkung


des Gesagten.

Selber dichten
1. Formen Sie einen eigenen Satz um (analog dem Beispiel auf dieser Doppelseite).
Schreiben Sie je eine Version mit deutlichen Enjambements, mit Inversionen,
Aufgabe 1 Mit Grammatik spielen mit einer Antithese, mit Parallelismen und Ellipsen. Schreiben Sie die Ergebnis-
Zeit ca. 15 Minuten se in Versform auf.
Umfang 5 Beispiele Möglicher Ausgangssatz: «Alkohol schenkt dir die Träume des Glücks, doch
Titel Bauweisen
Vorgaben – Inversionen
Träume vergeuden das Gut deiner Zukunft.»
– Enjambements
Referenz Übersicht, S. 56 2. Schreiben Sie ein Gedicht, das mit möglichst wenigen Wörtern auskommt.
a) Schreiben Sie ein Gedicht in 6 freien Versen.
Aufgabe 2 Sätze zu Ellipsen b) Markieren Sie dann die sinntragenden Wörter.
reduzieren
Zeit ca. 15 Minuten
c) Schreiben Sie unter Auslassung der übrigen Wörter diese Kennwörter ab.
Umfang 6 Verse d) Achten Sie jetzt noch auf die Verständlichkeit: Ergänzen Sie allenfalls mit
Titel Alles klar? Funktionswörtern (Konjunktionen, Pronomen, Interjektionen) und Satzzei-
Vorgaben – Reduktion
– Ellipsen
chen.
Referenz Übersicht, S. 56
3. Dichten Sie ein eigenes Gedicht, indem Sie mit Parallelismen und Antithesen
Aufgabe 3 Parallelismen und
experimentieren.
Antithesen gezielt
einsetzen Mögliche Ausgangssätze:
Zeit ca. 15 Minuten
Umfang 4 bis 8 Verse Gestorben war ich vor Liebeswonne …
Titel nach Wahl
Vorgaben – Parallelismen
Begraben lag ich in ihren Armen …
– Antithesen Erweckt ward ich von ihren Küssen ... (Ludwig Uhland, Seliger Tod)
Referenz Übersicht, S. 56

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 57 16.05.12 07:41


3.2 Schritte zum Gedicht DaG 3: Literatur, S. 133 bis 135 58

11. Schritt: Strophen bauen


Strophen sind die Kapitel der Lyrik. Die Strophen bilden eigenständige Sinneinheiten.

Funktion und Wirkung von Strophen


Strophen können aufeinander aufbauen, sich aufeinander beziehen oder einander
widersprechen. Sie heben also die einzelnen inhaltlichen Elemente grafisch vonein-
ander ab. Die grafische Darstellung ist nicht das einzige Mittel, Strophen zu gestalten.
In Nöstlingers Gedicht sind die Strophen auch durch das gleichbleibende Metrum,
die gleiche Anzahl Verse sowie durch die Wiederholung des Reimschemas und ein-
zelner Wörter verbunden.

Auszählreime [...]
Einer ist reich Einer hat Hunger Zu den einen zählst du,
und einer ist arm, und einer hat Brot, zu den andern zähl ich,
einer erfriert einer lebt noch ich hab’s lustig und warm,
und einer hat’s warm. und einer ist tot. also pfeif ich auf dich!
Einer stiehlt und Einer hat’s lustig Ich bin lebendig
einer kauft, und einer hat Sorgen und faul und reich,
einer schwimmt oben und einer kann schenken und ob du schon tot bist,
und einer ersauft. und einer muss borgen. ist mir doch ganz gleich!
(Christine Nöstlinger)

Strophen gliedern die Sinneinheiten eines Gedichts grafisch und inhaltlich.


Innerhalb einer Strophe bleiben Metrum und Reimschema in der Regel gleich.

Selber dichten
1. Setzen Sie die – hier alphabetisch geordneten – Verszeilen des Gedichts «Win-
terlied» von Ulla Hahn wieder zu einem Gedicht in drei Strophen zusammen.
Achten Sie darauf, nach welchen Kriterien Sie die Zuordnung vornehmen.

ach da warst du schon zu weit fiel der erste Schnee


als ich heute von dir ging in deinen Reimen schlief
als ich nach dir rief in die Augen trieb es war
Aufgabe 1 Verse zu Strophen
denn es war die Kälte nicht und dich fragte wer die Nacht
Zeit ca. 10 Minuten
Umfang 3 Strophen die die Tränen mir und es machte sich mein Kopf
Titel Winterlied einen Reim auf Weh vielmehr Ungereimtes
Vorgaben entscheiden Sie auf (Ulla Hahn)
Basis von Kriterien wie:
Inhalt, Reim, Metrum
Referenz Übersicht W, S. 107

2. Schreiben Sie mindestens zwei Strophen eines eigenen oder eines beliebigen
Aufgabe 2 Volksliedstrophe und
Terzine Gedichts um
Zeit ca. 30 Minuten a) in Volksliedstrophen und
Umfang ca. 2 × 8 Verse
b) in Terzinen.
Titel nach Wahl
Vorgaben – 1 Version in
Nehmen Sie dazu Übersicht W (S. 107) zu Hilfe.
Volksliedstrophen
– 1 Version in Terzinen Anmerkung: Diese Aufgabe ist knifflig. Sie bedingt neue Reimwörter, wodurch
Referenz Übersicht W, S. 107
unter Umständen ganze Verse umgeschrieben werden müssen.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 58 16.05.12 07:42


3.3 Versuchsstück DaG 3: Literatur, S. 138 59

Versuchsstück: Ein Sonett schreiben


Das Sonett ist die am strengsten reglementierte Gedichtform. Dennoch kommt es
in der deutschen Dichtung bemerkenswert häufig vor.

Anleitung zum Bau von Sonetten

Nicola Pesce
Ein halbes Jährchen hab ich nun geschwommen
Und noch behagt mir dieses kühle Gleiten,
Der Arme lässig Auseinanderbreiten –
Die Fastenspeise mag der Seele frommen!
Halb schlummernd lieg ich stundenlang, umglommen
Von Wetterleuchten, bis auf allen Seiten
Sich Wogen türmen. Männlich gilt’s zu streiten.
Ich freue mich. Stets bin ich durchgekommen.
Was machte mich zum Fisch? Ein Missverständnis
Mit meinem Weib. Vermehrte Menschenkenntnis.
Mein Wanderdrang und meine Farbenlust.
Die Furcht verlernt’ ich über Todestiefen,
Fast bis zum Frieren kühlt’ ich mir die Brust –
Ich bleib ein Fisch und meine Haare triefen!
(Conrad Ferdinand Meyer)

1. Sonette haben ein strenges Metrum, meistens 5-hebige Jamben oder 5-hebige
Trochäen.
2. Sie haben 14 Verse, …
3. … die sich auf zwei Quartette und zwei Terzette verteilen.
4. Im ersten Quartett gibt es Kreuz-, Paar- oder umarmende Reime.
5. Im 2. Quartett hat es dieselbe Reimart wie im 1. Quartett.
6. Die Terzette reimen sich untereinander meistens als verschränkender Reim, als
Schweifreim oder als aba cbc. Eine Möglichkeit ist auch eine Mischform von
Paarreim und Kreuzreim (aab cbc) wie im Beispielgedicht.
7. Die Quartette ...
8. … und die Terzette bilden jeweils untereinander Sinneinheiten.
9. In der Regel beschreiben die beiden Quartette eine Sachlage. Die beiden Ter-
zette bilden hingegen die Erklärung, den Widerspruch oder den Kontrast dazu.
10. Die Aussage spitzt sich auf eine Pointe im letzten Vers zu.

Selber dichten
1. Verfassen Sie ein eigenes Sonett nach allen Regeln der Kunst zu einem der fol-
genden Themen:
Aufgaben Sonett verfassen zuhause ausziehen wollen / die Welt entdecken /sich selber finden /neu anfangen.
Zeit ca. 60 Minuten
Umfang 14 Verse 2. Lassen Sie Ihr Sonett von einer Mitschülerin oder einem Mitschüler auf seine
Titel Mein Sonett
Vollständigkeit hin gemäss den Kriterien (1 bis 10) überprüfen. Erklären Sie
Vorgaben Kriterien 1 bis 10
Referenz Übersichten R, S und W, allenfalls bewusst vorgenommene Abweichungen. Halten Sie die Kritik und Ihre
S. 101 f. und 107
eigenen Überlegungen schriftlich fest.

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3.4 Abstecher DaG 3: Literatur, S. 139 60

Abstecher: Konkrete Poesie


Im 20. Jahrhundert begann man, mit neuen Formen zu experimentieren. Manche
Gedichte – die «visuelle Lyrik» – funktionieren nur als Bild, vorlesen kann man sie
nicht. «Lautgedichte» hingegen entfalten ihren Witz und ihre Wirkung erst, wenn
sie laut vorgelesen werden.

Konkrete Poesie

Bildgedicht Lautgedicht

1944 1945 ottos mops trotzt


krieg krieg otto: fort mops fort
krieg krieg ottos mops hopst fort
krieg krieg otto: soso
krieg krieg
krieg mai otto holt koks
krieg otto holt obst
krieg otto horcht
krieg otto: mops mops
krieg otto hofft
krieg
krieg […]
krieg
(Ernst Jandl, markierung einer wende) (Ernst Jandl, ottos mops)

Lautmalerei
Eine besondere Form der konkreten Poesie ist das lautmalerische Gedicht. Es spielt
mit der Nachahmung natürlicher Geräusche.

rininininininininDER grununununununununZEN
brüllüllüllüllüllüllüllüllEN hununununununununDe
schweineineineineineineineinE bellellellellellellellellEN
(Ernst Jandl, auf dem land)

Aufgabe 1 Lautgedicht
Zeit
Umfang
ca. 15 Minuten
ca. 2 × 4 Zeilen
Selber dichten
Titel Annas Mann usw.
1. Schreiben Sie mehr oder weniger frei nach dem Muster des Lautgedichtes «ottos
Vorgaben gemäss Muster
Referenz Übersicht X, S. 108
mops» ein eigenes Gedicht mit nur einem einzigen Vokal (oder etwas einfacher:
mit demselben Vokal in allen betonten Silben) über: Annas Mann, Elses Eltern,
Aufgabe 2 Bildgedicht Sigrids Prinz, Rolfs Frosch, Ursels Murks.
Zeit ca. 15 Minuten Überlegen Sie dann, welchen klanglichen Gesamtcharakter die Wahl eines Vokals
Skizze
Umfang
einem Text gibt, welcher Unterschied etwa zwischen einem Gedicht über Lilis
Titel nach Wahl, z.B. Ränder
Vorgaben visuelle Poesie
Kiki und Gudruns Guru besteht.
Referenz Übersicht X, S. 108 2. Komponieren bzw. gestalten Sie ein Bildgedicht zu einem der folgenden Themen:
Ränder, Film, Ordnung, DNS, Bewegung, Orange oder Schweigen. Beachten Sie,
Aufgabe 3 Lautmalerei dass es darum geht, Wörter in eine bildliche Anordnung zu bringen, um dadurch
Zeit ca. 15 Minuten
die Aussage darzustellen (Anleitung in Übersicht X, S. 108).
Umfang ca. 4 Zeilen
Titel Langeweile usw.
3. Schreiben Sie ein lautmalerisches Gedicht – es braucht nur drei bis vier Vers-
Vorgaben lautmalerisch zeilen zu haben, kann aber auch länger sein – über: Langeweile, Trauern, Klagen,
Referenz Übersicht X, S. 108 Frust, Wut, Freude, Heiterkeit, Zärtlichkeit.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 60 16.05.12 07:42


Weg 4: Slammen

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 61 16.05.12 07:42


4.1 Überblick: Slammen 62

Überblick: Slammen
Die Idee

1. Schritt Seine Stimme finden


Seite 65

2. Schritt Themen finden


Seite 66

3. Schritt Anfangen
Seite 68

Der Text

4. Schritt Stilmittel einsetzen


Seite 70

5. Schritt Den Text dramatisieren


Seite 72

6. Schritt Am Text feilen


Seite 74

Im Rampenlicht

7. Schritt Rollen spielen


Seite 75

8. Schritt Auftreten
Seite 76

9. Schritt Das Publikum gewinnen


Seite 78

Checklisten für Slammer

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 62 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 63

Einführung: Slam Poetry


Slam Poetry sind Texte, die vor Publikum gesprochen werden. Sie leben ebenso von
ihrer literarischen Qualität wie von den Vortragskünsten des Autors. Der vortra-
gende Slammer baut in seinem Vortrag Spannung auf, geht mit seinem Text mit und
versucht, das Publikum zu gewinnen. Slam Poetry nimmt Themen für ein breites
Publikum auf: Alltags- und Nachtleben, das Verhältnis der Geschlechter zueinader.
Persönliche Missgeschicke und andere Erfahrungen des Alltags geben den Stoff für
die Slam-Poetry-Texte, in denen sich das Publikum wiedererkennen kann.

Dichtung auf der Bühne


«Slam» ist ein lautmalerisches Wort für das das Zuknallen einer Türe. Das Verb «to
slam» heisst im Englischen also zuknallen, im Tennis auch aufschlagen (des Balls
auf dem Boden). «With a slam» bedeutet mit voller Wucht; ein «slamdunk» ist das,
was wir im Jassen einen Match nennen. Slam Poetry ist eine neue Gattung der Li-
teratur, die 1985 in Chicago von Marc Smith erfunden worden ist. Dichterwett-
kämpfe gab es allerdings auch schon früher. Neu am Slam ist der Umstand, dass
jeder, der einen eigenen Text verfasst hat, mitmachen kann. Und neu ist, dass die
Texte speziell für den Vortrag hergestellt werden. Dichten und Slammen gehören
zusammen.

Poetry Slam Der Anlass, an dem der Dichterwettstreit stattfindet


und die Texte vorgetragen werden

Slam Poetry Texte, die für den Vortrag vor Publikum an


Slam­Text Poetry Slams gemacht worden sind

Slammen Auf der Bühne seine Texte vortragen

Slammer, Slam­Poet Der Dichter an einem Poetry Slam

Spoken Word Bezeichnung für Slam-Poetry-Texte und andere


Formen der gesprochenen Literatur

Die «Gattung» Slam Poetry


Slam Poetry vereint Elemente aus allen drei herkömmlichen literarischen Gattungen:
– Erzählende Prosa durch die Tatsache, dass sie Geschichten erzählt
– Lyrik durch den Umstand, dass Slam-Texte über überdurchschnittlich viele lite-
rarische Stilmittel verfügen
– Dramatik dadurch, dass sie auf der Bühne vorgetragen und damit gewissermassen
aufgeführt werden

Erzählen Dramatisieren Dichten

Slam Poetry

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 63 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 64

Dichter und Publikum


Dichter und Publikum treten einander bei einem Poetry Slam direkt gegenüber.
Dieser Unterschied zu allen anderen Gattungen der Literatur bedeutet eine beson-
dere Herausforderung für den Slammer. Sein Text und sein Vortrag sollen das Pu-
blikum ansprechen; das erreicht der Slammer über die Auswahl der Texte, die aus
seinem Erfahrungsschatz und von Beobachtungen aus dem Alltag schöpfen, und
über die Emotionalität des Vortrags. Das Publikum will berührt und bewegt werden.

Slam­Text

Beobachtung / Bild/Klang/
Erfahrung Thema

Unterhaltung

Slam­Poet Publikum
Identifikation/
Unterstützung

Regeln für den Poetry Slam


1. Man darf nur Texte vortragen, die man selber verfasst hat.
2. Alle Künstler haben dasselbe Zeitlimit auf der Bühne (in der Regel 5 Minuten,
manchmal auch 6 oder 7 Minuten).
3. Es dürfen keine Requisiten oder Kostüme auf die Bühne mitgenommen werden.
4. Reine Gesangsstücke sind nicht erlaubt. Die Texte dürfen jedoch auszugsweise
im Sprechgesang vorgetragen werden.
5. Das Publikum bewertet die Beiträge der Künstler.

Selber slammen
Schritt für Schritt werden Sie angeleitet, einen eigenen Slam-Text zu entwickeln
und vorzutragen. Der letzte Schritt am Ende des Weges ist der Schritt auf die Büh-
ne und damit der Vortrag vor dem Publikum. Im Unterschied zu den übrigen Gat-
tungen sind Slam-Texte nicht nur geschrieben, sondern werden auch laut vorgetra-
gen. Das Wichtigste ist also nicht, was geschrieben ist, sondern wie es im Vortrag
wirkt. Man kommt über die gesprochene Sprache zu einem Slam-Text. Aus diesem
Grund heisst diese Gattung auch Spoken Word – gesprochenes Wort. Worte sollen
nicht bloss gelesen werden: Es gilt, sie klingen zu lassen, ihnen Leben einzuhauchen.

Wichtiger Grundsatz: Lesen Sie die Texte, die Sie entwickeln, von Beginn
der Entstehung an immer wieder laut vor.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 64 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 65

1. Schritt: Seine Stimme finden


Die Anforderung an einen Slam-Text unterscheidet sich von den drei herkömmlichen
Gattungen. Slam-Texte werden angehört, nicht gelesen. Sie müssen deshalb viel
unmittelbarer wirken als geschriebene Texte. Der erste Schritt zum eigenen Slam-
Text sollte also nicht schreiben, sondern sprechen sein.

Sprechweisen am Poetry Slam

Erzählen Slam-Texte erzählen Geschichten mit einem hohen Mass an


Stilfiguren wie z.B. Wiederholungen.

Dichten Viele Slam-Texte sind in Versform abgefasst (mit Metrum und


Reimen oder auch ohne Metrum und Reime).

Rap­Poetry Rap steht für «Rhythm and Poetry». Rap-Poetry gleicht dem
musikalischen Rap, hat aber keine Unterstützung durch Ton.
Der Dichter folgt einem imaginären «Beat» durch die Sprech-
weise. Rap-Texte müssen sich nicht reimen.

Nonsense Manche Texte variieren ein Wort oder einen Klang, ohne
eigentlich etwas zu erzählen (siehe auch Lautgedichte, S. 60).

Hochdeutsch oder Mundart?


1. Versetzen Sie sich in eine Situation, in der Sie sich jeweils auf Hochdeutsch ver-
ständigen. Was wäre, wenn Sie sich auf Schweizerdeutsch ausdrücken würden?
2. Wie wäre es umgekehrt, wenn Sie im vertrauten Familien- und Freundeskreis
plötzlich Standardsprache sprächen?
3. Nehmen Sie einen von Ihnen bereits verfassten Text hervor. Übersetzen Sie die-
sen auf Schweizerdeutsch und lesen Sie sich ihn (wenn möglich laut) vor. Was
tönt besser?
Die Wahl der Vortragssprache ist entscheidend. Derselbe Text wirkt anders in der
jeweilig anderen Erscheinungsform. Beide Erscheinungsformen unserer Sprache
haben Vor- und Nachteile.

Standardsprache Mundart

näher an der Schriftsprache schwierig, Mundart aufzuschreiben


spricht sich schneller, wirkt strenger eher gemächlich, weich, sanft,
oder auch aggressiver dafür aber flüssiger
man ist mehr in einer Rolle man ist mehr man selbst
ist nicht die alltägliche Sprache ist unsere Umgangssprache

Übersetzen
Denken Sie beim Übersetzen von der Mundart in Standardsprache daran, nicht nur
die Wörter zu übersetzen; auch der Satzbau unterscheidet die Mundart von der
Standardsprache. Achten Sie darauf, dass der übersetzte Text natürlich klingt. Hü-
ten Sie sich auch davor, den Text in der Standardsprache zu belassen und ihn erst
beim Vortrag übersetzen zu wollen.

Vorsicht: Mundart ist nicht einfach übersetzte Standardsprache.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 65 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 66

2. Schritt: Themen finden


Poetry Slams leben davon, dass die vorgetragenen Texte das Publikum ansprechen.
Das bedingt, dass Slam-Texte alltägliche Themen aufgreifen, die für die Zuhörer
ein grosses Identifikationspotenzial haben. Nicht jeder Slammer kann jedes Thema
gleich überzeugend auf die Bühne bringen, so wie nicht jeder einen Witz gleich
lustig erzählen kann. Die Auswahl der eigenen Themen ist deshalb wichtig.

Zuerst: Themen finden


Themen liegen buchstäblich auf der Strasse. Hier ein paar Tipps:
1. Notieren Sie einige Tage lang sämtliche Beobachtungen aus dem Alltag, beson-
ders auch alle Arten von Texten, denen man täglich begegnet, die man aber
selten wahrnimmt:
– Werbungen
– Packungsbeilagen
– Aufschriften auf Verpackungen
– Hinweistafeln in Warenhäusern usw.
2. Hören Sie als Zaungast auch den Leuten beim Sprechen zu. Belauschen Sie im
Zug oder im Bus Gespräche.
3. Fertigen Sie einen Katalog von Klischees an:
– Was denken Mädchen von Jungs (und umgekehrt)?
– Was denken Jugendliche von Erwachsenen (und umgekehrt)?
– Was denken Stimmbürger von der Politik?
– Was für Leute kaufen bei H&M ein? Bei Ikea? usw.
4. Achten Sie auf Rollen und Rollenklischees:
Wie verhält sich ein frisch gewählter Bundesrat? Was sagt ein Fussballer nach
dem Spiel? Wie reagiert der Lehrer auf die Verschiebung der Probe? usw.
5. Lesen Sie Zeitungen. Welche Themen dominieren? Interessieren Sie die Leser
wirklich? Warum (nicht)?

Legen Sie sich ein Skizzenheft zu. Notieren Sie sämtliche Beobachtungen
und Ideen.

Das Skizzenbuch ist das unentbehrliche Hilfsmittel des Slam-Poeten.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 66 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 67

Dann: Sein eigenes Thema wählen


Die Anlage eines Skizzenhefts bezweckt, einen grossen Vorrat an Themen anzuhäu-
fen, die einen selber ansprechen. Nun geht es darum, sich aus dem Themenschatz
seine persönlichen Themen auszusuchen. Folgende Fragen helfen dabei:
– Worüber habe ich mich in letzter Zeit am meisten gefreut?
– Worüber habe ich mich in letzter Zeit am meisten genervt?
– Was beschäftigt mich, wenn ich auf den Bus / Zug warte?
– Was wollte ich in der Klasse schon immer einmal sagen?
– Welches Ereignis, das mit mir selber gar nichts zu tun hat, hat mich geärgert?
– Wovon träume ich beim Einschlafen?

Hilfsmittel zur Themenfindung


Inspirationstechniken
Einen weiteren Weg, Themen zu finden, bieten die Inspirationstechniken. Etliche
davon werden in «Deutsch am Gymnasium 2: Einfach schreiben» vorgestellt. Grund-
sätzlich eignen sich alle Inspirationstechniken. Eine besonders geeignete Technik
ist die Frage-Liste. Aus der Beantwortung der Fragen ergeben sich neue Themen
oder wesentliche Elemente für Themen:
– Liebe: Wann beginnt Liebe? Wo endet sie? Was mache ich (nicht), wenn ich lie-
be? Wie teile ich Liebe mit? Was liebe ich?
– Zukunft: Was ist mit der Welt in 10, 20, 100 Jahren? Was mache ich dann? Was
gibt es dann nicht mehr?
– Wörter: Welche Wörter sind in, welche nicht mehr? Welche Wörter klingen gut,
haben Rhythmus (siehe S. 48)? Welche Wörter faszinieren mich? Welche ängsti-
gen mich?
– Orte: An welchen Orten halte ich mich auf, wo gerne, wo weniger? Nach welchen
Orten sehne ich mich?
Diese Listen lassen sich beliebig fortsetzen.

Die wichtigsten Genres beim Poetry Slam


Innerhalb des Poetry Slam gibt es verschiedene Stilrichtungen. Die Grenzen sind
meist fliessend, sie können auch miteinander vermischt werden. Die meisten Slam-
Poeten bedienen sich nicht nur eines Genres.

Alltägliches Kurzgeschichten über aussergewöhnliche Erlebnisse und


alltägliche Beobachtungen, über persönliche Erfolge und
Missgeschicke. Oft gespickt mit Witz und Ironie.

Humorvolles Humorvolle und unterhaltsame Texte, die das Publikum


zum Schmunzeln oder Lachen bringen. Auch Nonsense-
Texte sind möglich.

Nachdenkliches Nachdenkliche Texte, ernste Themen wie Armut, Krieg, aber


auch die persönliche Situation zuhause oder in der Schule usw.

Lyrisches Ob verträumt oder verletzt, frisch verliebt oder gerade


getrennt: alles, was es zu Gefühlen und ihren Nebenwir-
kungen zu sagen gibt.

Kabarettistisches Pointierte Gesellschaftskritik mit dem Anspruch, das Publi-


kum nicht nur zum Lachen zu bringen, sondern auch zum
Nachdenken, auch über sich selbst.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 67 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 68

3. Schritt: Anfangen
Slam Poetry ist eine Form des Erzählens. Am besten wählt man eine kleine Erzäh-
lung aus dem Alltag. Folgen Sie der Anleitung und halten Sie alle Kriterien ein.

Der erste Slam­Text


Thema
Wählen Sie ein Thema aus Ihrem Skizzenheft oder eines der folgenden:
– Mittagsschlange in der Mensa
– In der Migros
– Auf dem Bahnsteig / an der Bushaltestelle
– Zuhause vor dem Fernseher mit der Familie
– Die Mutter / der Vater / der Bruder / die Schwester (nur eine Person auswählen)

Denken Sie daran: Slam­Geschichten kommen am besten an, wenn sie aus dem
Alltag gegriffen und authentisch sind.

Position und Perspektive


In der Regel erzählen Slam-Texte in der 1. Person (aus der personalen Perspektive).
Natürlich sind alle andern Perspektiven auch möglich. Als Anfänger wählen Sie
einfachheitshalber die 1. Person in personaler Perspektive; sie ist am nächsten zum
alltäglichen Erzählen.

Checkliste

– Alltagsereignis, Alltagssituation
– erzählend (nicht erklärend oder beschreibend)
– zum Anfangen wird empfohlen, einen Text in Standardsprache zu entwickeln
– Richtzeit: 3 Minuten (um 3 Minuten lang vorzutragen, benötigt man ca. 3 hand-
geschriebene A4-Seiten)

Lesen Sie Ihren Text immer wieder laut vor. Sie merken dann sofort, wo er holpert.

Überarbeitungsschritte
Wenn Sie mit dem Text so weit sind, dass er die Geschichte erzählt, überarbeiten
Sie ihn in drei Schritten.
1. Ersetzen Sie flaue Wörter durch drastische.
2. Bauen Sie Wiederholungen (Anaphern, ganze Sätze wiederholen, Refrain u.Ä.)
ein. (Mehr Anleitungen dazu im 4. Schritt auf S. 70)
3. Geben Sie dem Text einen Rhythmus. Ersetzen Sie Wörter. Schreiben Sie Sätze
um, bis Ihnen der Text leicht von den Lippen geht.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 68 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 69

Aufbereitung für den Vortrag


Slam-Texte werden nicht nur geschrieben, sondern auch vorgetragen. Das bedeutet,
dass man sie mit verschiedenen Ausdrucksmitteln aufpolieren muss. Überlegen Sie sich,
was Sie sagen wollen. Wollen Sie mit Ihrem Text aufrütteln oder unterhalten? Wollen
Sie die Zuhörer zum Nachdenken anregen, zum Lachen bringen, zu Tränen rühren?

Text und Vortrag aufeinander abstimmen


Ob der Text beim Publikum ankommt, hängt unter anderem davon ab, ob sein Cha-
rakter mit dem Charakter des Vortrags übereinstimmt. Folgende Fragen helfen
Ihnen dabei, den Charakter Ihres Vortrags zu bestimmen.

Stimmung Tragen Sie Ihren Text in nachdenklicher, aggressiver, gehetzter, trauriger oder
fröhlicher Stimmung vor?
Sie können natürlich die Stimmung auch während des Vortrags wechseln.
Tipp: Auch eine nachdenkliche, gehetzte oder traurige Stimmung an der richti-
gen (oder besser: falschen) Stelle kann witzig sein.

Geschwindigkeit Sprechen Sie den Text langsam oder schnell? An welchen Stellen sollte das
Tempo gesteigert, wo gedrosselt werden?

Lautstärke In welcher Lautstärke lesen Sie Ihren Text? Schreien Sie ihn heraus? Oder flüs-
tern Sie? Gibt es Stellen, die laut, und solche, die unbedingt leise vorgetragen
werden müssen, damit sie zum Text passen?

Tonhöhe Lesen Sie mit hoher oder tiefer Tonlage / Stimme? Was wirkt am besten? Was
passiert, wenn Sie die Stimme heben resp. senken? Wo können Sie mit dem Wech-
sel der Tonhöhe eine witzige Wirkung erzielen? Wo erfordert der Text die Anpas-
sung der Tonhöhe? Wo soll man brummen, wo zwitschern, wo heulen usw.?

Pausen Wo erfordert der Text Pausen? An welchen Stellen Ihres Textes sollen die Zuhö-
rer aufatmen oder lachen?
Tipp: Sie können dem Publikum auch keine Atempause gönnen.

Text und Ton aufeinander abstimmen


Für den Vortrag vor Publikum müssen Sie den Text noch stimmlich aufbereiten.
Setzen Sie folgende Elemente ein:
– Tonfall wählen (ängstlich, brav, genervt, hastig, lustig etc.)
– Stimme: hoch / tief, laut / leise, langsam / schnell
– Tempowechsel und Pausen einsetzen

Auch geflüsterte Passagen müssen deutlich hörbar sein.

Tipps für den Vortrag vor Publikum


– Kichern Sie nicht vor dem Publikum.
– Es ist davon abzuraten, permanent sehr laut zu sprechen oder zu schreien; das
ermüdet das Publikum sehr schnell.
– Bauen Sie in einen schnellen, aggressiven Text mindestens eine Stelle ein, die
besinnlich-langsam ist – und umgekehrt.
– Übertreiben Sie ruhig etwas. Testen Sie Grenzen aus.
– Achten Sie auf die Publikumsreaktion.
– Lassen Sie sich nicht ablenken. Ziehen Sie Ihren Vortrag auf jeden Fall durch, so
wie Sie ihn geplant haben.

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4.2 Schritte zum Slammen 70

4. Schritt: Stilmittel einsetzen


Slam-Texte wollen direkt auf ihr Publikum wirken. Das verbindet sie mit der Rhe-
torik. Dementsprechend viele Stilmittel und rhetorische Figuren werden in Slam-
Texten eingesetzt. Das wichtigste Stilmittel sind alle Formen von Wiederholungen.

Die Wiederholung
Slam-Texte werden gesprochen, und zwar nicht selten sehr schnell. Damit das Pu-
blikum überhaupt mitkommt, spielen die meisten Slam-Texte mit Wiederholungen.
Sie strukturieren den Text, sie «hämmern» ihn gewissermassen in die Köpfe der
Zuhörer.

Mädchen, Mädchen

die Mädchen wollen Sterne zählen die Mädchen wollen alles andere vergessen
mit jemandem zusammen mit jemandem zusammen
die Mädchen, die Mädchen, die Mädchen die Mädchen liegen Tag und Nacht wach
die Mädchen wollen Pferde stehlen wegen jemandem
mit jemandem zusammen die Mädchen, die Mädchen, die Mädchen
die Mädchen wollen …
(Jürg Halter, Mädchen, Mädchen, Anfang)

Jürg Halter (Kutti MC) verwendet im Beispieltext alle Formen der Wiederholung:
– Wortwiederholungen («Mädchen»; «jemandem»)
– Anaphern («die Mädchen»; «mit jemandem»)
– Parallelismen («die Mädchen wollen …»; «die Mädchen liegen …»)
– Refrain («die Mädchen, die Mädchen, die Mädchen»)
Die Wiederholung gibt dem Text nicht nur eine durchsichtige Struktur, die den
Zuhörern das Verstehen erleichtert, sie erlaubt auch das Spiel mit unerwarteten
Pointen, wie das Beispiel ebenfalls zeigt: Nachdem dreimal «mit jemandem» wie-
derholt worden ist, ist die Abweichung «wegen jemandem» auffällig und wirkt
wegen des unerwarteten Einsatzes komisch.

Inhaltliche Stilmittel

Jugendsprache Jede Genration hat ihren eigenen Wortschatz, der manchmal fast jedes Jahr
ändert. Schöpfen Sie ruhig aus diesem Wortschatz, achten Sie aber darauf, dass
Aussenstehenden aus dem Zusammenhang klar wird, worum es geht.

Metaphern Metaphern übertragen die Bedeutung eines Wortes auf einen anderen Sinnzu-
sammenhang und machen damit anschaulich, was gemeint ist.

Personifikation Wenn man Dinge vermenschlicht, wirkt das meist witzig: Der Toaster kommen-
tiert das Frühstück.

Vergleiche Zwei Bereiche, die nichts miteinander zu tun haben, werden miteinander in
Verbindung gebracht: «God is a DJ, life is a dance floor.»

Zitate­Collage Floskeln oder Slogans, die alle kennen, vor allem wenn sie unerwartet vorkom-
men oder leicht abgewandelt werden, wirken witzig. Dazu zählen z.B. Merksätze
aus dem Unterricht, Werbesprüche, Liedtexte oder Songtitel, berühmte Aus-
sagen von Persönlichkeiten usw.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 70 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 71

Klangliche Stilmittel

Alliteration Aufeinanderfolgende Wörter, die mit demselben Buchstaben


anfangen: Experimentieren Sie mit Klängen. Wörter mit «kn»
haben einen ganz anderen Klang als Wörter mit «fl»: knut-
schen, knausern, knebeln – fliegen, flauschig, flegeln.

Assonanzen Vokale oder Diphthonge werden innerhalb des Textes mehr-


(Vokalreihen) fach wiederholt. Mit Vokalreihen erreicht man leicht einen
Rhythmus: «Wir sind verreist in die vereiste weisse Weite …»

Binnenreime Hier reimen sich die Wörter innerhalb einer Zeile: «Du schnief-
test und trieftest ganz nass und krass.»

Beat Rap und Reimtexte brauchen einen Takt. Bei der Vorbereitung
nützt Klatschen mit den Händen. Während des Vortrags muss
dann Nicken mit dem Kopf ausreichen.

Endreime Endreime sind ein beliebtes Stilmittel in Slam-Texten. Je mehr


Silben sich reimen, umso besser: «Bilder – wilder» wirkt schon
stärker als «Wut – Mut», wird aber übertroffen von einem leicht
unreinen Reim auf drei Silben wie‚ «Taschentuch – Flaschenzug».

Schüttelreime Anfangslaute von Wörtern werden miteinander vertauscht:


«Es liess sie seine Gunst kalt / Weil sie nur der Kunst galt.»

Du­Form
Eine Möglichkeit, dem Publikum die Identifikation mit dem erzählten Text zu er-
möglichen, ist der Einsatz der Du-Form. Sie funktioniert aber nur bei Texten, in die
sich das Publikum eins zu eins einfühlen kann. Sonst ist die Ich-Form vorzuziehen.

Erfolg haben
Heute wird ein ganz besonderer Tag, du fühlt es, du riechst es, und du gehst zu
allem bereit hinaus ins Treppenhaus, und noch vor der ersten Stufe trittst du
auf eines dieser Spielzeugautos, die für Bälger mit Gewaltambitionen entwickelt
worden sind, also ganz und gar unzerstörbar und mit einem super Fahrwerk, das
dich ohne mit der Achse zu zucken an den Rand der Treppe fährt, wo du den
Death Raker – so heisst das Ding – gegen die Decke des Treppenhauses ab-
schiesst, während du selbst nach hinten fällst und mit dem Kopf auf die Kante der
ersten Stufe aufschlägst, was dich im Nu in eine etwas andere Welt befördert, …
(Tom Combo, Erfolg haben, Anfang)

Unflätige Wörter
Gerade Anfänger neigen dazu, die Freiheiten des Slammens dahingehend auszunut-
zen, möglichst viele unschöne Wörter zu brauchen. Sie sind frei, das zu tun, nur
bedenken Sie, dass sich der Effekt schnell abnutzt. Für das Publikum ist es nicht in-
teressant, wenn jemand dauernd «furzen», «Scheisse», «fuck» und dergleichen sagt.

Setzen Sie schlüpfrige Wörter nur mit Bedacht ein. Sonst wird es peinlich.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 71 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 72

5. Schritt: Den Text dramatisieren


Slam-Texte folgen anderen Regeln als herkömmliche erzählende Texte oder Gedich-
te. Dem slammenden Künstler steht nur ein enger Zeitrahmen zur Verfügung, um
das Publikum für sich zu gewinnen. Denn in der Regel kennt das Publikum den
vortragenden Künstler nicht.

Die Dramaturgie eines Slam-Textes


Ein typischer Slam-Text könnte etwa so aufgebaut sein.

2 4

1 5

Slam-Poet Publikum

1 Holer Das Thema ist so gewählt, dass sich jedermann darin


wiederfinden kann. Ebenso ist das «Ich» erkennbar
und lädt gegebenenfalls zur Identifikation ein.

2 Verstörer Das Unerwartete, der Konflikt, das Morbide. Die Verstö­


rung und Verwirrung kann auch durch die Wahl des
Themas oder die Wahl des Wortschatzes, durch über­
raschende Wendungen oder einen unerwarteten Auftritt
erreicht werden.

3 Lacher Pointe, Sprachwitz, lustiges Zitat, einfach alles, was


das Publikum lachen lässt (das ist die grosse Kunst der
Slam­Poeten).

4 Schmunzler Wiedererkennungseffekt: alles, was jeder im Publikum


auch schon erfahren hat, Gedanken, die jeder hat, aber
keiner auszusprechen wagt, usw.

5 Versöhner Gegenteil des Verstörers. Am Ende muss die Geschichte


positiv ausgehen. So makaber, aggressiv und derglei­
chen der Text auch ist, am Ende sollte man sich mit dem
Publikum versöhnen.

Die Elemente können mehrfach in einem Text vorkommen. Nicht in jedem Slam-Text
muss auf Biegen und Brechen jedes Element auftauchen. Allerdings sind Texte, die
nur Lacher enthalten und sonst belanglos sind, auch nicht wirklich erstrebenswert.

Vergessen Sie nicht, das Publikum zu begrüssen und Ihren Text einzuleiten.
Verabschieden Sie sich am Schluss vom Publikum.

   


4.2 Schritte zum Slammen 73

Die Stimmungsmacher
Setzen Sie verschiedene Passagen mit unterschiedlichen Effekten ein. Die Slam-
Szene unterscheidet drei grundlegende Stimmungselemente.

Lower Bringer Cooler


– stille Passage – schnelle, aggressive – versöhnt Publikum
– berührt, beschäftigt oder witzige Passage – beruhigt Stimmung
oder verstört Publikum – hebt Stimmung

© Bilder: Stefan Hofmeier, Balsthal

Spannung durch Extravaganz


Die Spannung bei erzählenden Slam-Texten lässt sich in etwa gleich erzeugen wie in
der erzählenden Prosa (siehe S. 24). Allerdings gibt es spezifische Spannungsmomen-
te für Slam-Texte. Da diese meistens alltägliche Gegebenheiten thematisieren, kann
Spannung nur schwer aus der Sache selber entstehen. Sie wird hergestellt durch eine
überraschende Herangehensweise.

Typische Situation Der Slam-Poet nimmt eine typische Situation auf, die
wir alle kennen, z.B. den Einkauf bei Ikea.
Die Publikumserwartung ist nun: Was macht er daraus?
Oder: Hat er das Gleiche erlebt wie ich?

Unsinniger Wunsch Der Slam-Poet will etwas sein bzw. vergleicht sich mit
jemanden oder etwas, auf das man selber nie im Leben
gekommen wäre. Ein Beispiel dafür ist Lara Stolls Text:
«Weshalb ich manchmal gerne … » (siehe S. 75).

Überraschende Der Slam-Poet nimmt eine überraschende Perspektive


Perspektive ein (z.B. die eines Hamsters) und beleuchtet so den
Alltag aus einer ungewöhnlichen Optik.

Widerspruch Der Slam-Poet widerspricht klar und deutlich einer


Erwartung oder einem Klischee, z.B. «Skitage oder
Warum ich Schnee hasse».

Pointen
Ziel ist, aus einer alltäglichen Begebenheit eine spannende Geschichte zu formen.
Überlegen Sie sich, was an dieser Geschichte
– besonders, einmalig, einzigartig ist oder sein könnte und
– welche Wendung sie nehmen könnte, auf die man nicht so ohne weiteres kommt.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 73 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 74

6. Schritt: Am Text feilen


Die erste Version eines Slam-Textes überzeugt fast nie. Das ist normal. Daher ist
es nötig, an der Wirkung seines Textes zu feilen. Tragen Sie ihn jemandem vor.

Sich selber und anderen Kritiker sein


Lassen Sie sich so früh, so oft und von so vielen Personen wie möglich Rückmel-
dungen geben. Geben Sie selber auch Rückmeldungen zu Texten Ihrer Kolleginnen
und Kollegen ab. Unterscheiden Sie am besten formal-gestalterische und inhaltliche
Rückmeldungen.

Formale und gestalterische Kriterien


– Wie gefällt mir, was ich gerade gehört habe?
– Wie gefällt mir, was ich gerade gesehen habe?
– Was gefällt mir daran? Was (noch) nicht?
– Was könnte dazu beitragen, dass mir das Gehörte und Gesehene besser gefällt?
– Wo gibt es noch unerwünschte Helvetismen oder Mundart-Verdeutschungen (z.B.
«im Chrankehus» statt «im Spital»)?

Inhaltliche Kriterien
– Was verstehe ich nicht? Wovon kann ich mir kein Bild machen?
– Wie sieht es dort aus, wovon die Rede ist? Kann ich mir das vorstellen?
– Wie sieht die Person aus, von der erzählt wird? Wie spricht sie? Wie ist ihre Stim-
mung? Welche Angewohnheiten hat sie? Wie bewegt sie sich? Wirkt sie natürlich?
– Gibt es Unstimmigkeiten? Werden Dinge gesagt, die gar nicht stimmen?

Alle diese Fragen kann man sich immer wieder selber stellen. Wichtig ist
aber auch, dass Sie Ihre Texte auch von anderen beurteilen lassen.

Fair rückmelden

Positive Kritik hört jeder gerne. Aber sie bringt unser Schreiben und Vortragen
nicht weiter. Negative Kritik muss man erst einmal schlucken, sie motiviert jedoch
dazu, die Sache besser zu machen. Damit sie wirklich weiterhilft, sollte sie ein
paar Kriterien genügen.
– Kritik hebt zuerst das Positive hervor.
– Kritik ist immer sachbezogen und nie persönlich.
– Sie ist so genau wie möglich, benennt die Knackpunkte konkret und macht
allenfalls auch Lösungsvorschläge.
– Sie ist öffentlich, weder anonym noch unter vier Augen.

Ein Poetry Slam ist die perfekte Probebühne für neue Texte, da das Publikum
einem direkt spiegelt, ob sie «funktionieren». Selten funktioniert ein Text
auf Anhieb, meistens muss er mehrfach überarbeitet und öfters vorgetragen
werden. Das kann Wochen oder Monate dauern.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 74 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 75

7. Schritt: Rollen spielen


Einen Slam-Text vorzutragen bedeutet nicht, einfach einen Text vorzulesen. Sie
schlüpfen dazu in eine Rolle, und zwar eine, die Sie sich selber in den Mund und
auf den Leib geschrieben haben. Dieses Rollenspiel hat einen doppelten Vorteil. In
der Rolle kann man sich wohler fühlen, man ist ja nicht man selbst. Und man kann
sich in verschiedene Rollen begeben.

Ich ist nicht ich


Die allermeisten Slam-Texte sind in der Ich-Form geschrieben. Doch heisst das nicht
unbedingt, dass dieses Ich mit Ihnen als Autor identisch sein muss. Je nach Thema
und Text ändert sich das Ich. Erstellen Sie einen Steckbrief zu einer von diesen
«Ich»-Figuren, die in Ihren Texten vorkommen.

«Ich» darstellen
Das Interessante an Slam-Texten ist, dass das sprechende Ich nicht anonym und
gesichtslos bleibt wie ein Ich-Erzähler oder ein lyrisches Ich, sondern dass es vom
Slammer verkörpert wird. Das heisst, der Slammer spielt die Haltungen, Gefühle,
Wünsche, Hoffnungen und dergleichen des sprechenden «Ichs» – er identifiziert
sich mit ihm, ohne es selber zu sein. Es lohnt sich also, sich zu vergegenwärtigen:
– Wer ist «Ich»?
– Wie ist «Ich»? Welche Träume, Hoffnungen, Erfahrungen hat es?
– Wie spricht dieses «Ich»? Welche Wörter braucht es, die ich nie brauchen würde?
– Was will dieses «Ich»? Was davon möchte ich auch?
– Ist dieses «Ich» eine individuelle Person oder Ausdruck eines allgemein verbrei-
teten Wunsches, gewissermassen eine Inkarnation der Allgemeinheit?

«Ich» auf der Bühne


– In welchem Tonfall und in welchem Tempo würde das «Ich» vortragen?
– Wie würde es sich auf der Bühne bewegen, um seine Gefühle und inneren Hal-
tungen auszudrücken?
– Welche Effekte macht dieses «Ich»? Kann ich das alles auch?

Tipp: «Ich» ist nicht «Ich». Schlüpfen Sie in verschiedene «Ichs» und probieren Sie
die Wirkung Ihres Textes solange aus, bis das «Ich» dem Text ganz entspricht.

Mit dem angenommenen Ich lässt sich spielen. Und vor allem: Spielen Sie die
Rolle Ihres angenommenen Ichs!

Weshalb ich manchmal gerne ein John Deere Traktor 7810 Powershift mit
Gewicht in der Fronthydraulik wäre
Wenn ich ein John Deere Traktor 7810 Powershift mit Gewicht in der Front-
hydraulik wäre, dann hätte ich bestimmt keine Frauenprobleme mehr.
Wenn ich nämlich ein John Deere Traktor 7810 Powershift mit Gewicht in
der Fronthydraulik wäre, müsste ich mir morgens nie wieder Gedanken
machen, was ich anziehen soll. Denn ein John Deere Traktor 7810 Powershift
mit Gewicht in der Fronthydraulik ist grün … immer.
(Lara Stoll, Weshalb ich manchmal gerne …, Anfang)

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 75 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 76

8. Schritt: Auftreten
Beim Slam-Auftritt müssen Sie auf der Bühne bestehen. Das klingt schlimmer, als es
ist. Ein paar Übungen können helfen, Unsicherheiten und Lampenfieber abzubauen.

Gestaltendes Sprechen
Sie verfügen über ein ganzes Arsenal an stimmlichen Möglichkeiten, um das Publi-
kum mitzureissen. Die Wirkung des Vorgetragenen hängt stark vom Rhythmus ab,
der sich bildet aus:

Modulation – Variationen in Wort und Satzbetonungen


– Variationen im Sprechstil (Liebeserklärungen klingen
anders als Welthass)

Tempo – Wechsel von langsamen und schnellen Passagen


– Einsatz von Pausen (Experimentieren Sie mit Pausen
an «falscher» Stelle)

Lautstärke – Wechsel von lauten und leisen Passagen


– Bewusster Einsatz von Flüstern, Rufen, Schreien,
Brüllen

Stimmlage – Heben und Senken der Stimme


– Einsatz von Varianten (Singen, liebliches Locken,
Mundart usw.)
– Figurenrede mit anderer Stimme sprechen

Sprechen Sie variantenreich!

Bühnenpräsenz
Ein paar Aufwärmübungen können erreichen, dass man
– präsent ist;
– sicherer mit Unsicherheit umgeht;
– aufmerksam für seinen Körper ist;
– das Publikum wahrnimmt;
– Mut zum Scheitern erlangt.

Aufwärmübungen
– Vokale durch den Raum schicken (schicken Sie Ihren Kollegen Vokale quer durch
den Raum, aber tonlos, ohne sie mit den Stimmbändern zu sprechen).
– Skandieren Sie einen kurzen Text, indem Sie jede einzelne Silbe einzeln sprechen.
Klatschen Sie mit den Händen für jede Silbe. Betonen Sie anfänglich jede einzel-
ne Silbe; machen Sie so lange weiter, bis Sie einen Rhythmus entwickelt haben,
der zum Text passt.
– Gehen Sie langsam im Raum umher. Spüren Sie Ihre Beine, Arme, Verkrampfun-
gen und den Boden unter Ihren Füssen. Ziehen Sie Grimmassen, versuchen Sie
Ihr Gesicht so klein und so gross wie möglich zu machen.
– «Kauen» Sie zur Lockerung der Stimmorgane laut alle Vokale und Diphthonge
durch: o – u – a – e – i – ö – ü – ä – eu – ei – au.
– Sprechen Sie die Vokalreihen, als ob Sie einen riesigen Kaugummi im Mund hätten:
blam, blem, blim, blom, blum, bläm, blöm, blüm, blaum, bleum, bleim.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 76 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 77

Körpersprache
Neben der Stimme prägen körpersprachliche Ausdruckselemente Ihren Auftritt:

Proxemik Positionswechsel resp. Standort

Kinesik Körperbewegungen. Die wichtigste Körperbewegung


ist der ruhige, aufrechte Stand mit Blick ins Publikum.

Gestik Gebärden. Lassen Sie die Hände nicht hängen. Geben


Sie z.B. den Rhythmus mit der Hand an. Aber zappeln
Sie nicht herum.

Mimik Gesichtsbewegungen. Fürs Erste reichen ein Lächeln


und der Blick ins Publikum.

Der Slammer Remo Zumstein auf der Bühne. © Stefan Hofmeier, Balsthal

Lampenfieber
Lampenfieber ist ein Phänomen, das praktisch jeden vor einem Auftritt befällt. Das
Gehirn löst eine Stressreaktion aus. Das hat eine erhöhte Konzentration zur Folge,
was erwünscht ist. Adrenalin macht wach. Die Nebenwirkung ist allerdings eine
hohe Nervosität. Lampenfieber kann man nicht bekämpfen. Man muss lernen, damit
umzugehen.

Hausmittel für den Umgang mit Lampenfieber


– Sich lockern: Kniebeugen, tief einatmen, Mund bewegen usw.
– Von 20 an rückwärtszählen – fehlerfrei!
– Selbstermunterung: «Ich freue mich auf den Auftritt» – «Ich bin gut vorbereitet,
es kann nichts schiefgehen» – «Die anderen kochen auch nur mit Wasser» usw.
– Wissen: Ich darf Fehler machen, alle haben Lampenfieber.
– Sich vor Augen halten: Das Publikum meint es grundsätzlich gut, es ist gespannt
und freut sich auf meinen Auftritt. Das Publikum will, dass er gelingt.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 77 16.05.12 07:42


4.2 Schritte zum Slammen 78

9. Schritt: Das Publikum gewinnen


Wenn schon, denn schon! Wenn Sie auf der Bühne vortragen, dann richtig. Es geht
nicht darum, seinen Text vorzulesen, damit er gelesen ist. Sondern darum, ihn dem
Publikum zu schenken. Ihr Text ist nicht für Sie da, sondern für Ihr Publikum.

Seinen Text gut kennen


Beim Poetry Slam darf man seinen Text mit auf die Bühne nehmen. Es ist also
eigentlich nicht nötig, ihn auswendig zu lernen. Allerdings empfiehlt es sich, ihn so
gut zu können, dass man nur noch gelegentlich und als Gedankenstütze aufs Blatt
schauen muss. Nur dann ist gewährleistet, dass der Text flüssig ankommt. Abgele-
sene Texte wirken unsicher und stockend. Ausserdem hat man während des Vorle-
sens gar keine Zeit für Gestik.

Auf der Bühne


Wie werden Sie zum Star auf der Bühne? Ganz einfach:
– Begrüssen Sie Ihr Publikum!
– Stellen Sie das Mikrofon auf Ihre Höhe ein!
– Sagen Sie Ihren Text an!
– Atmen Sie tief durch!
– Setzen Sie Ihre Stimme gezielt ein!
– Seien Sie präsent – physisch und mental!
– Setzen Sie die Körpersprache ein!
– Reagieren Sie gelassen auf mögliche Störungen!
– Übereilen Sie sich nicht!
– Verabschieden Sie sich vom Publikum!

Die Kriterien eines gelungenen Auftrittes


An einem Poetry Slam wertet das Publikum den Text und den Auftritt. Das geschieht
aber nicht mit undurchsichtigen Praktiken. Beurteilt werden vielmehr immer etwa
die gleichen Kriterien. Allerdings kann die Gewichtung der Kriterien recht unter-
schiedlich ausfallen.

F Bewegt sich der Slam-Poet sicher auf der Bühne?

F Spricht der Inhalt das Publikum an?

F Spricht der Slammer den Text für das Publikum?

F Kann er eine Stimmung aufbauen?

F Ist sein Auftritt dramaturgisch gut aufgebaut?

F Ist seine Rolle authentisch? Passt sie zum Slam-Poeten?

F Passt der Vortragsstil zum Text ?

F Hat der Text Höhepunkte, Pointen, Besonderheiten?

F Kann der Text klanglich / rhythmisch überzeugen?

F Liefert der Text eine neue Sicht auf Altbekanntes?

F Macht der Slammer etwas aus seinem Typ? Hat er Ausstrahlung?

F Lässt der Slammer sich durch Störungen ablenken?

F Hält der Slammer die vorgegebenen Regeln ein?

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 78 16.05.12 07:42


4.3 Checklisten 79

Checklisten für Slam­Poeten


Von der Idee auf die Bühne

beherrsche ich ganz


habe ich noch nicht

sollte ich nochmals

beherrsche ich gut

selbstverständlich
aber nicht perfekt
klappt schon gut,
berücksichtigt

überarbeiten
Text

– Ist mein Thema «alltagstauglich»? Können alle


nachvollziehen, worum es in meinem Text
geht?
– Habe ich mir überlegt, in welcher Rolle ich
eigentlich spreche? Wer ist «Ich»?
– Welches Genre hat mein Text (Erzählung,
Humorvolles, Nachdenkliches, Poetisches)?
– Spreche ich Mundart oder Standardsprache?

– Habe ich genügend passende Stilmittel


eingesetzt?
– Enthält mein Text originelle, witzige,
ausgefallene Wörter, Passagen, Ideen?
– Habe ich ein paar Pointen und / oder «La-
cher»?
– Dauert der Vortrag des Textes nicht länger als
die vorgegebene Zeit (in der Regel fünf
Minuten)?

Publikum

– Spreche ich laut, deutlich, raumfüllend?

– Baue ich Kontakt zum Publikum auf? Schaue


ich das Publikum an? Spreche ich für das Publi-
kum? Stehe ich aufrecht und gerade?
– Moduliere ich meine Stimme? Spreche ich va-
riantenreich? Variiere ich das Tempo? Mache
ich Pausen? Verändere ich die Lautstärke?
– Unternehme ich wirklich alles, dass der Vor-
trag nicht monoton klingt?
– Spreche ich auch mit dem Körper (Gestik,
Mimik)? Weiss ich, was mein Körper sagt?
– Habe ich meinen eigenen Stil gefunden?

– Kann ich den Text auswendig oder zumindest


sehr gut?
– Habe ich die Begrüssung, die Ansage und die
Verabschiedung auf der Bühne vorbereitet?

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 79 16.05.12 07:42


4.3 Checklisten 80

Der eigene Stil


– Welche Art von Slam Texten (an Poetry Slams oder auf YouTube) sprechen mich
an? Welche Art entspricht mir? Welche sicher nicht?
– Bevorzuge ich eher gereimte oder erzählende Texte?
– Spreche ich in der Standardsprache deutlich genug?
– Oder fühle ich mich wohler in meiner Mundart?
– Was sind Themen, die mich momentan oder seit längerer Zeit beschäftigen?
– Welche dieser Themen sprechen auch andere Leute an?
– Spreche ich schnell oder langsam? Laut oder leise? Welche Themen passen dazu?
Welche Themen kann ich verkörpern?

Umgang mit dem Mikrofon


Meistens sprechen Slam-Poeten in ein Mikrofon.
– Vor dem Einsatz einmal sorgfältig schlucken. Je trockener der Mund, desto klarer
die Aussprache.
– Den Mikrofonkopf nicht in der Hand halten. Denn dabei kann ein schriller Pfeif-
ton entstehen.
– Sich nie vor dem Stativ bücken oder hochrecken. Das Mikrofon sollte so hoch
eingestellt sein, dass man bequem davorstehen kann. Üben Sie vorher ein biss-
chen, wie man die Höhe des Stativs einstellt.
– In der Regel soll der Abstand zwischen Mikrofon und Mund nur ein paar wenige
Zentimeter sein.
– Sprechen Sie immer gerade und im gleichen Abstand in das Mikrofon.

Kleine Checkliste für den ersten Auftritt

F Texte auf Papier mitbringen


F Mindestens drei unterschiedliche Texte mitbringen, damit man je nach
Stimmung spontan entscheiden kann
F Dramaturgische Gestaltung der Texte überlegen und vor dem Spiegel einüben
F Anmoderation überlegen (Begrüssung, Titel des Textes, Anekdote über die
Entstehung des Textes u.Ä.)
F Sprechen Sie nicht weiter, wenn das Publikum lacht oder klatscht; es hört
dann nichts.
F Abmoderation überlegen (Scherz, Dank, Verabschiedung u.Ä.)

Checkliste für die Durchführung eines Poetry Slam

F Veranstaltungsraum (ideale Grösse: 50 bis 150 Personen)


F Technik (Mikrofon, Verstärker, Lautsprecher)
F Moderator. Jemand muss dem Publikum die Regeln erklären, die
Slam-Poeten ankündigen, die Punkte der Wertung zusammenzählen usw.
F Punktetafeln für die Wertung durch das Publikum (Noten von 1 bis 10 o.Ä.)
F Zählwand, um die Namen der Slammer und die Punkte aufzuschreiben
F 6 bis 12 Slam-Poeten
F Evtl. Buffet / Getränke

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 80 16.05.12 07:42


5. Übersichten

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 81 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 20 und 21 82

A. Erzählen
Bestandteile erzählender Texte

Erzähler Wer erzählt? Warum erzählt er? Wie stark macht sich der Erzähler bemerkbar?

Handlung und Thema Was passiert? Wem? Wieso? Mit welcher Folge? Was ist das Thema?

Personen Wer handelt? Wie ist diese Person? Wieso handelt sie so?

Schauplatz Wo spielt das Ereignis? Welche Erwartung weckt der Schauplatz?

Dauer Wie beschleunigt der Erzähler die Erzählung? Was berichtet er ausführlich, was
lässt er weg?

Sprache Wie klingt die Geschichte? Wie viel Ironie braucht der Erzähler? Wie macht er
die Sache spannend?

Merkmale des literarischen Erzählens

Merkmal Beschreibung

Fiktion Jede Erzählung fusst auf der Wirklichkeit. Ein literarischer Erzähler ergänzt seine
Geschichte mit einem passenden Schauplatz, mit Spannungselementen, mit
interessanten Personen, mit Witz und Scharfsinn. Vor allem verdichtet er seine
Geschichte, d.h. er lässt viele Dinge in kurzer Zeit passieren.

Position Der Erzähler kann nah am Geschehen oder weit weg stehen. Die Position be-
stimmt den Grad von Subjektivität und Objektivität des erzählten Geschehens.

Perspektive Der Erzähler kann alles wissen, nur die Sicht einer Person haben oder als aus-
senstehender Beobachter erzählen. Die Perspektive bestimmt den Grad an
Information, die der Erzähler den Lesern mitteilt.

Innensicht – Der Erzähler kann in das Bewusstsein der handelnden Figur hineinsehen. Oder
Aussensicht er steht ausserhalb und berichtet, was die Figur sagt oder tut. Innensicht oder
Aussensicht bestimmen die Nähe zur Figur und tragen somit dazu bei, wie stark
sich die Leser in die Figur einfühlen.

Erzählmittel Der Erzähler kann Handlung berichten, Figuren charakterisieren, Orte beschreiben
und Kommentare abgeben (siehe Übersichten C, F und H, S. 84, 88 f. und 91).

Anleitung zum literarischen Erzählen


1. Wechseln Sie von der Ich-Form in die Er-Form.
2. Geben Sie der Figur (den Figuren) einen passenden Namen, das passende Ge-
schlecht und die passenden Eigenschaften.
3. Wählen Sie eine Perspektive. Bestimmen Sie die Position des Erzählers.
4. Wechseln Sie unter Umständen wieder zurück in die Ich-Form, ohne an der Per-
spektive etwas zu verändern. «Ich» ist jetzt nicht mehr identisch mit Ihnen als
Autorin bzw. Autor.
5. Fügen Sie die Sicht der Figur(en) in die Erzählung ein (Innensicht, siehe Über-
sicht I zur Figurenrede, S. 92).
6. Der Erzähler kann nicht nur erzählen, sondern auch Orte und Figuren beschrei-
ben und Kommentare zur Handlung und zu den Figuren abgeben.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 82 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 22 f. und 27 bis 31 83

B. Erzähler
Der allwissende Erzähler
Literarische Erzähler haben viele Möglichkeiten zur Verfügung.

Rückblende Informationen, die weiter zurückliegen, kann der Erzähler


an beliebiger Stelle einfügen.

Vorausdeutung Andeutungen auf etwas, was in der Handlung erst noch


kommt

Bauweise Beliebige Zeitsprünge in der Handlung, nach vorne und


zurück

Kommentar – Der Erzähler nennt Details, die man nicht sehen kann oder
die weiter zurückliegen («Er sah die Ohnmacht kommen,
die ihn drei Tage ausser Gefecht setzen würde.»).
– Der Erzähler strukturiert, v.a. mittels Adverbialen («gleich-
zeitig in einer anderen Stadt», «in ihrer Kindheit»).
– Der Erzähler deutet das Verhalten der Figuren («Er
schoss. Das hatte allerdings keinen nennenswerten
Nutzen.»).

innere Der auktoriale Erzähler kennt nicht nur das Geschehen,


Charakterisierung sondern auch die Figuren ganz genau.

Eigennamen Alle Figuren tragen Eigennamen. Das ist ein Merkmal des
auktorialen Erzählens.

Anleitung zum Bau der Perspektiven


– Die neutrale Perspektive halten Sie ein, wenn Sie ausschliesslich berichten, was
man von dem Geschehen sehen und von den Figuren hören kann. Eliminieren Sie
dazu sämtliche wertenden und urteilenden Ausdrücke (vor allem Adjektive, aber
auch Konjunktionen und Pronominaladverbien wie deshalb, weil, jedoch usw.).
Wichtige Informationen legen Sie den Figuren in einem Dialog in den Mund.
– Die personale Perspektive ist die «gewöhnliche», d.h. die, die wir selber norma-
lerweise einnehmen, weil wir ja auch nur eine Person sind. Ein Trick ist deshalb,
die Erzählung zuerst in Ich-Form zu schreiben und danach in die dritte Person zu
übertragen. Die fokussierte Person darf durchaus einen Namen haben, aber den-
ken Sie daran, sie wird sich kaum selber mit ihrem eigenen Namen anreden.
– Für die auktoriale Perspektive ist es ganz wichtig, dass Sie genau unterscheiden
zwischen dem (erfundenen) Erzähler und den Figuren der Handlung.
Der Erzähler spricht in der Ich-Form über sich (z.B. wenn er die Leser anspricht,
wenn er erklärt, wieso er überhaupt erzählt, usw.), aber in der Er-Form über die
Figuren.
Nennen Sie die Figuren mit Namen, charakterisieren Sie sie, lassen Sie sie ein,
zwei Überlegungen anstellen, so wirkt die Erzählung bereits auktorial.
Wichtigstes und auffälligstes Mittel ist der Kommentar. Dabei sind bereits alle
erklärenden Funktionswörter Kommentare (vor allem Adverbialen wie drei Mo-
nate später, gleichzeitig hinter dem Haus usw.).

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 83 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 32 und 41 f. 84

C. Handlung (Erzählen)
Bestandteile der Handlung

Z Zeit. Die Handlung spielt zu einem Zeitpunkt und hat eine gewisse Dauer.
Die Abfolge der Ereignisse lässt sich variieren.

O Ort. Die Handlung spielt an einem Schauplatz. Die Beschreibung des


Schauplatzes erzeugt auch Atmosphäre.

P Person bzw. Protagonist. Die Handlung wird von Personen erlebt. Nicht
alle Personen sind gleich wichtig. Handelnde Personen bezeichnet man als
Protagonisten. Die Charakterisierung der Personen erzeugt mehr oder
weniger Sympathie gegenüber der Person.

E Ereignis. Erzählen lässt sich nur eine nennenswerte Begebenheit. Andern-


falls wäre es langweilig zuzuhören.

F Folge oder Folgen. Das Ereignis ist nur dann erzählenswert, wenn daraus
eine Konsequenz folgt, sich ein Ergebnis einstellt, wenn es zu einem
Schluss kommt.

Grundsätze des Aufbaus erzählender Texte


Wer eine Erzählung konzipiert, muss ein paar Vorentscheidungen treffen.
– Wahl der Erzählerperspektive (siehe Übersicht B, S. 83)
– Bestimmung der Bestandteile einer Erzählung: Schauplätze, Figuren, Ereignisse,
Folgen, Zeit und Dauer des Geschehens
– Komposition (siehe Tabelle unten)
– Einsatz von Rückblenden und Vorausdeutungen
– Spannungsaufbau (siehe Übersicht D, S. 85)
– Schluss
– Stil der Erzählung (siehe Übersicht J, S. 93)

Aufbau erzählender Elemente

Einstieg – Exposition (Beschreibung des Schauplatzes und der Personen)


oder direkter Sprung in die Geschichte
– Rahmenhandlung oder direkter Sprung in die Geschichte
– Vorgeschichte oder direkter Sprung in die Geschichte

Komposition – Chronologie oder Montage


– Rückblenden und Vorausdeutungen
– Höhe- und Wendepunkte
– Haupt- und Nebenhandlungen
– Spannung und Lösung der Spannung / der Rätselelemente
– Wiederkehrende Elemente (Motive) und Schlüsselstellen zur Steu-
erung der Aufmerksamkeit und des Verständnisses der Leser

Schluss – Pointe oder offener Schluss


– Auflösung der Spannung bzw. der Rätselelemente
– Schluss in der Rahmenhandlung
– Ende erzählt oder offener Schluss

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 84 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 43 85

D. Spannung
Spannung entsteht, wenn die Leser im Unklaren gelassen werden hinsichtlich eines
befürchteten oder erhofften Ereignisses. Spannung entsteht also, wenn ein erwar-
tetes Ereignis nicht oder nicht sofort eintrifft.

Möglichkeiten der Gestaltung von Spannung

Aufbau Sprung mitten in die Geschichte, ohne Hintergründe und Vorgeschichte; ein
«Rätsel» (offene Frage, ungelöstes Problem).
Form Viel Handlung, wenig Erklärung; Einsatz von Vorausdeutungen und Anspielungen.
Perspektive – Personales Erzählen: Die Leser wissen ebenso viel wie der Protagonist. Das
lässt sie mitfiebern.
– Auktoriales Erzählen: Der Erzähler spielt mit den Informationen, die er den
Lesern gibt oder vorenthält. Das lässt sie miträtseln.
Rätsel (der «Fall») Etwas Mysteriöses, ein angefangenes Vorhaben, ein unausgeführter Plan, ein
Fall usw. sind Köder, die den Leser wissen lassen wollen, wie es weitergeht.
Verwicklung Das Rätsel wird nicht sofort aufgelöst, sondern verwickelter und rätselhafter;
und Pointe die Auflösung erfolgt erst als Höhepunkt (Pointe) ganz am Schluss.
Zeitraffung Zeitraffung ist ein Spannungselement, weil viele Dinge in viel kürzerer Zeit
und Zeitdruck geschehen als in der Realität. Der Erzähler kann diesen Effekt künstlich verstär-
ken, indem er den Protagonisten unter Zeitdruck handeln lässt.
Zeitdehnung Ebenso kann die Verlangsamung als Spannungselement eingesetzt werden. Die
Zeit wird zur Zeitlupe oder ganz angehalten, bevor die entscheidende Tat ge-
schieht. Das erzeugt Spannung, weil man wissen will, ob und wie die Tat erfolgt.
Zeitsprung Überspringen einer wichtigen Handlung. Der Leser bleibt im Ungewissen, wie
sich die Handlung entwickelt hat. Er muss Hinweise kombinieren.
«Cliffhanger» Verlassen des Schauplatzes im Moment der grösstmöglichen Gefahr. Wechsel
zu Nebenhandlung oder Zeitsprung.

Erzeugung von Spannung


A. Fall und Rätsel
a) Konstruieren Sie einen «Fall», also eine Begebenheit, die nicht abgeschlossen
ist. Lassen Sie Ursache und / oder Urheber offen, sodass ein Rätsel entsteht.
b) Dosieren Sie die Informationen. Geben Sie nur wenige Hinweise, die den
Leser mitdenken lassen, ihn aber nicht sofort auf die Lösung bringen.
c) Spielen Sie mit der gewählten Perspektive. In der personalen Perspektive tappt
der Erzähler wie die Leser im Dunkeln, in der auktorialen kann der Erzähler
mittels Vorausdeutungen die Spannung schüren.

B. Ungewisser Ausgang
a) Lassen Sie Ihren Protagonisten ein Unterfangen vorbereiten (wenn möglich
ein heikles oder schwieriges).
b) Oder unterbrechen Sie eine Handlung an einer Stelle, wo noch nicht klar ist,
ob sie gelingt.
c) Zögern Sie mittels Zeitdehnung, Zeitsprung oder «Cliffhanger» die Fortset-
zung heraus. Kommen Sie nicht sofort zur Auflösung.
d) Oder lassen Sie den Protagonisten unter Zeitdruck handeln, sodass offen
bleibt, ob er rechtzeitig zurechtkommt.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 85 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 33 bis 35 86

E. Zeit in der Erzählung


Grammatische Zeit

Tempus – prinzipiell das Präteritum


– Vorzeitiges steht im Plusquamperfekt

Tempusverwendung – Abweichung vom Erzähltempus Präteritum


(Präsens als Erzähltempus)
– Tempuswechsel

Endlich tauchte ein Wanderer auf. Aus der westlichen Talschlucht heranstei-
gend, folgte er den Windungen des Saumpfades und näherte sich der Pass-
höhe. [...] Jetzt erreichte er die zwei römischen Säulen. Hier entledigte er sich
seines Ränzchens. (Conrad F. Meyer, Jürg Jenatsch, 1876)

Wenn wir im Alltag «jetzt» sagen, meinen wir die unmittelbare Gegenwart. Gram-
matisch korrespondiert mit «jetzt» das Präsens. Die Verbindung von «jetzt» und
Präteritum wirkt merkwürdig. Doch im erzählenden Text meint das Präteritum aus
Sicht der Figur keine Vergangenheit, sondern deren Gegenwart, und das Zeitadverb
«jetzt» nicht die unmittelbare Gegenwart des Lesers, sondern der Figur. Deshalb
erscheint die Kombination von «jetzt» und Präteritum keine Widersinnigkeit. Ana-
log kann man in der erzählenden Prosa Sätze wie «Heute war Weihnachten» wider-
spruchslos bilden.

Achten Sie bei allen Ihren Geschichten, auch bei Beschreibungen und Charak­
terisierungen, darauf, im Präteritum zu schreiben. Überprüfen Sie auch die
bereits geschriebenen Texte.

Erzählende Zeit

Zeitverhältnisse – Zeitraffung
– Zeitdeckung
– Zeitdehnung

Keine Zeit – Kommentar


– Charakterisierung von Figuren
– Beschreibung von Schauplätzen

Zeitgestaltung – Zeitsprünge (Aussparung von Zeit, in der nichts


passiert)
– Vorausdeutung (Anspielungen auf Ereignisse, die
später stattfinden)
– Rückblende (Einfügen von Handlungsteilen, die
früher geschahen, die aber jetzt erst für die Hand-
lung wichtig werden. Wichtig: Die Handlung muss
zurückspringen. Wenn die Figur nur zurückdenkt,
liegt Figurenrede vor)
– Montage (siehe Übersicht G, S. 90)

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 86 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 33 bis 35 87

Zeitverhältnisse gestalten

1. Zeitraffung ist die normale Darbietungsform. Eine Handlung, die lange dauert
(einen Abend, einen Tag, eine Woche, ein Leben lang, usw.) wird in relativ kur-
zer Zeit erzählt. Das ist möglich, weil man
– Unwichtiges ausspart;
– nichts erzählt, wenn nichts passiert ist;
– Dinge, die sowieso jedem klar sind, gar nicht erzählt oder nur kurz erwähnt;
– Zeitsprünge macht usw.

2. Zeitdeckung stellt sich automatisch im Dialog ein. Sie kann als Mittel eingesetzt
werden, ein wichtiges Ereignis einzuleiten, etwa indem der Aufstieg auf den Berg
in zwei Sätzen, die Ankunft auf dem Gipfel hingegen genau wiedergegeben wird.
Die Zeit verlangsamt sich, und dadurch steigt die Aufmerksamkeit des Lesers.
Tipp: Schreiben Sie möglichst genaue Beschreibungen, zeichnen Sie den Gedan-
kengang des Protagonisten auf. Beide Mittel «schinden» Zeit.

Beispiel: Der Aufstieg war beschwerlich und mühsam. Der Schweiss rann
ihnen die Stirn herab. Oben angekommen, tauschten die Wanderer Blicke
aus. Was sie sahen, war auf den ersten Blick nichts Besonderes. Hier lag
eine Flasche, die ein früherer Gipfelbesteiger liegen gelassen hatte, dort
sah man niedergetrampelten Schnee ...

3. Zeitdehnung kommt am seltensten vor. Sie dient als Spannungselement in sol-


chen Situationen, in denen der Erzähler den Leser auf die Folter spannen will.
Zeitdehnung zu gestalten, ist schwierig; einige Tipps können helfen:
– Reine Beschreibung ist zwar keine Zeitdehnung. Wenn Sie aber die Be-
schreibungselemente in die Handlung integrieren, haben Sie ein Mittel,
die Zeit zu dehnen.
Beispiel: Er schraubte den nicht mehr neuwertig weissen, sondern bereits
von vielen Berührungen gelblich gewordenen Deckel von der Tube. Die
Aufschrift ...
– Auch mit Figurencharakterisierungen lässt sich die Zeit strecken.
– Fügen Sie inneren Monolog oder erlebte Rede ein.
Beispiel: Der Deckel war nicht richtig aufgeschraubt, dachte er. Jemand
anderes musste die Tube zuletzt gebraucht haben ...
– Seien Sie in allen Dingen besonders genau und ausführlich.

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5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 36 und 37 88

F. Raum
Anleitung zum Bau von Schauplätzen
Zwar gibt es eine Verwandtschaft der Beschreibung von Schauplätzen mit der Fo-
tografie. Eine Beschreibung, die wie ein Foto alles, was zu sehen ist, nacheinander
beschreibt, wirkt allerdings langweilig. Es ist deshalb nötig, der Beschreibung Be-
wegung zu verleihen.
– Sie können sich die Aufgabe erleichtern, indem Sie zuerst ein Foto machen und
die Beschreibung auf der Basis des Fotos verfassen. Lassen Sie weg bzw. streichen
Sie wieder, was für den Schauplatz nicht unmittelbar nötig ist.
– Achten Sie beim Umgang mit Requisiten (Pflanzen, Strassenpflaster, Leuchtkör-
per, Gebäude usw.), mit Zeitbestimmungen (Tageszeit, Jahreszeit) und mit der
Witterung (Sonne, Regen, Schneefall, Nebel usw.) auf deren symbolische Wir-
kung. Nebel wirkt unheimlich, feucht, unangenehm und damit ganz anders als
ein strahlend schöner Sommertag.
– Versuchen Sie, die Dinge anschaulich zu beschreiben. Im folgenden Beispiel
schreibt Flaubert nicht: «lag Wäsche im Fenster», sondern: «fröstelte die Wäsche
unter lauen Windstössen», er schreibt nicht: «steht eine Frau gelangweilt am Tre-
sen», sondern: «gähnte die Dame am Tresen zwischen ihren gefüllten Karaffen».

Im Hintergrund der vereinsamten Schenke gähnte die Dame am Tresen


zwischen ihren gefüllten Karaffen; die Zeitungen in den Leseräumen lagen
geordnet auf den Tischen; in den Plättstuben fröstelte die Wäsche unter
lauen Windstössen. (Gustave Flaubert, Die Erziehung der Gefühle, 1869)

Von der Statik zur Dynamik

Bühnenbild zu «A Midsummer Nights Dream». © Stadttheater Luzern 2011

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 88 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 36 und 37 89

Beispiel für eine Beschreibung nach einem Foto


Links vor einer Türe steht ein alter Ledersessel, daneben ein kleines Tischchen
mit einem Leselämpchen. Darüber ein grösseres und zwei kleine Bilder. Die Ter-
rasse geht in den Garten. Es ist Nacht, der Mond scheint sichelförmig. Im üppig
wuchernden Garten steht ein Mann und schaut auf die Terrasse hinüber.

Eine solche Beschreibung wirkt statisch und langweilig. Literarische Beschreibun-


gen sollen lebendiger sein. Eine Möglichkeit ist es, einen Betrachter die Situation
erleben zu lassen, eine weitere ist es, eine Bewegung zu integrieren.

Beispiel für eine literarisch­dynamische Beschreibung


Es war Nacht. Man konnte den sichelförmigen Mond sehen, der die Terrasse
erleuchtet. Dort befand sich niemand, nur die Tischlampe leuchtete sanft,
der Sessel gähnte leer, er schien schon lange nutzlos zu warten. Im Garten
blitzte plötzlich ein Augenpaar auf. Es gehörte einem jungen Mann, der er-
wartungsvoll, aber vorsichtig näher heranschlich.

Anleitung zur Dynamisierung von literarischen Beschreibungen


Nehmen Sie der Beschreibung die Statik. Beschreiben Sie kein Stillleben, sondern
die Dynamik des Lebens.
– Kombinieren Sie unterschiedlich lange Zeitdauern. (Im Beispiel von Flaubert
(S.88) dauert das Gähnen der Barfrau einen kurzen Moment, die Zeitungen liegen
aber lange da.
– Lassen Sie eine Figur die Dinge, die Sie beschreiben, sehen oder beobachten. Das,
was sich die Figur dabei denkt oder was sie empfindet, fügen Sie als Erzähler-
kommentar oder erlebte Rede in die Beschreibung ein (siehe S. 92).
– Dynamik wird erzeugt
– durch Bewegung der Figuren («jetzt kam eine Frau rein, steckte den Kopf
durch eine Tür und lachte breit»).
– durch die Kombination von unterschiedlicher Länge der Handlungen. Das
Sitzen des Kindes währt eine Zeit lang, während die Ankunft der Frau nur
kurz dauert, ebenso die freudige Begrüssung des Kindes.
– durch das Nacheinander («auf dem jetzt ein Kind sass» und danach die
Frau, die hereinkommt).
– durch die Wiedergabe von Eindrücken der beobachtenden Figur, die
hauptsächlich durch erlebte Rede eingefügt wird («was auch immer», «völ-
lig unklar», «gar nichts, eine friedliche Szene, Lamm und Wolf, oder eher
Lämmer»).

Jim ging langsam, um in das Kabuff nebenan zu spähen, ein schlecht be-
leuchteter Verschlag, Spanplatten, die was auch immer abteilten, völlig un-
klar, und nur ein einziger Stuhl, auf dem jetzt ein Kind sass, er blieb stehen,
pulte eine Packung Zigaretten aus der Jeans, zündete sich eine an, weil da
nichts geschah, gar nichts, eine friedliche Szene, Lamm und Wolf, oder eher
Lämmer, jetzt kam eine Frau rein, steckte den Kopf durch eine Tür, die er
nicht bemerkt hatte, und lachte breit, ihre weißen Zähne leuchteten, und
das Kind lief zu ihr, in ihre Arme. (Katharina Hacker, Die Habenichtse, 2006)

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 89 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 59 90

G. Montage
In der Montage sind die Handlungsteile nicht chronologisch angeordnet. Der Er-
zähler springt von Begebenheit zu Begebenheit. Mit Montage bezeichnet man das,
was wir aus dem Film als harten Schnitt kennen. Die verschiedenen Möglichkeiten
der Montage können miteinander kombiniert werden. Dieses Bauprinzip ist ty-
pisch für die erzählende Literatur der Moderne.

Merkmale der Gestaltung von Montagen

Schauplatzwechsel Sprung von einem Schauplatz zu einem anderen

Zeitsprung Sprung von einer Handlungszeit in eine andere

Innensicht Plötzlicher Wechsel vom Bericht der Handlung zur


Innensicht in eine Figur, etwa durch erlebte Rede

Collage / Zitat Kombination unterschiedlicher Textsorten, etwa dann,


wenn sich ein Bibelzitat oder ein Werbeslogan vom
Erzähler unkommentiert eingefügt findet

Simultantechnik Besondere Form der Montage. Sie versucht, das zeit-


liche Nacheinander des Erzählens zu durchbrechen,
und erzählt abwechselnd Handlungen, die gleichzeitig
an verschiedenen Orten geschehen. Sie fügt gleichzei-
tig stattfindende Ereignisse aneinander

Perspektivenwechsel Sprung von einer Perspektive (z.B. 3. Person, auktorial)


in eine andere (z.B. 1. Person, personal)

Grafische Ansicht einer Montage

2015

2010

1995
1. Schultag Geburt Umzug Erster Kuss Beförderung
(Episode 1) (Episode 2) (Episode 3) (Episode 4) (Episode 5)

Die Kästchen symbolisieren die einzelnen Begebenheiten.


Die waagrechte Achse zeigt die Abfolge der erzählten Begebenheiten im Text. Die
senkrechte Achse zeigt die Abweichung von der chronologischen Reihenfolge.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 90 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 38 und 39 91

H. Figur (Erzählen)
Möglichkeiten zur Charakterisierung von Figuren

Direkte Charakterisierung durch Erzähler (auch auktoriale


Charakterisierung Charakterisierung genannt)

Indirekte Charakterisierung durch Selbstdarstellung oder durch


Charakterisierung andere Figuren

Äussere Äussere Merkmale wie Name, Lebensdaten, Aus-


Charakterisierung sehen, Sprache, Auftreten, Umgangsformen,
Gewohnheiten usw.

Innere Eigenschaften (innere Merkmale) wie Wesen, Eigen-


Charakterisierung heiten, Empfindung, Wirklichkeitsbezug, Wertvorstel-
lungen, Entwicklungsfähigkeit, Pläne, Absichten,
Wünsche usw.

Hinweise zur Gestaltung von Figuren


1. Charakterisieren Sie Ihre Figuren nicht zu stark und vor allem nicht nur direkt
(also nicht ausschliesslich auktoriale Charakterisierung). Am wirkungsvollsten
ist es, wenn sich die Eigenschaften der Figur aus ihren Taten und Aussagen ab-
leiten.
2. Nicht nur der Erzähler, sondern auch andere Figuren können eine Figur charak-
terisieren. Wählen Sie eine Kombination aus direkter und indirekter Charakte-
risierung. Indirekte Charakterisierung durch andere Figuren kann in allen For-
men der Figurenrede geschehen.
3. Charakterisieren Sie Ihre Figur mit Vorteil nicht auf einmal, sondern dosiert im
Laufe der Handlung. Das wirkt als moderates Spannungselement.
4. Seien Sie sehr zurückhaltend mit direkter innerer Charakterisierung nach dem
Muster: «Er hatte eben ein sensibles Wesen.» Solche Charakterisierungen wirken
nicht nur plump, der Leser empfindet sie als bevormundend. Spannender ist es,
wenn der Leser selber auf die Charaktereigenart schliessen darf: «Auf seinem
Spaziergang sah er spielenden Kindern zu. Plötzlich fiel ein Junge und schlug
sich die Knie blutig. Er eilte herbei, tröstete den Jungen und musste selber wei-
nen.» So eine Passage wirkt wesentlich stärker als die direkte innere Charakte-
risierung.
5. Selten ist es nötig, ein fotografisch genaues Porträt der Figur zu geben. Beschrän-
ken Sie sich in der Regel auf herausragende Merkmale.
Verwenden Sie die Synekdoche (siehe Übersicht U, S. 104, und DaG 3: Literatur,
S. 179), d.h., machen Sie ein einzelnes Merkmal zum zentralen Unterscheidungs-
merkmal, z.B. «die Blondine», «die Stubsnase», «sein Hinken». Das funktioniert
auch mit inneren Merkmalen: «die Wollüstige», «sein deprimiertes Grübeln»
usw.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 91 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 40 92

I. Figurenrede
Erlebte Rede

Während die Literatur des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahr-
hunderts die Erzählerrede und die Figurenrede noch klar getrennt hat, lässt die
moderne Literatur die Figurenrede in der Regel ohne Überleitung in die Erzähler-
rede einfliessen. Das trifft insbesondere auf die erlebte Rede zu, weil diese sich in
der Form (3. Person Präteritum) von der Erzählerrede nicht unterschiedet.

Jim ging langsam, um in das Kabuff nebenan zu spähen, ein schlecht beleuch-
teter Verschlag, Spanplatten, die was auch immer abteilten, völlig unklar,
und nur ein einziger Stuhl, auf dem jetzt ein Kind sass, er blieb stehen, pulte
eine Packung Zigaretten aus der Jeans, zündete sich eine an, weil da nichts
geschah, gar nichts, … (Katharina Hacker, Die Habenichtse, 2006)

Wer meint: «was auch immer»? Wer urteilt: «völlig unklar» oder «gar nichts»?. Rein
formal betrachtet könnte das ein Erzählerkommentar sein. Viel wahrscheinlicher ist
es allerdings, dass hier Eindrücke der Figur in erlebter Rede wiedergegeben werden.

Die Möglichkeiten der Figurenrede

Dialog Direkte Rede, was die Figuren sagen oder denken (meistens
in Anführungszeichen, in moderner Prosa auch ohne)

Monolog Direkte Rede, was eine Figur sagt oder denkt (meistens in
Anführungszeichen, in moderner Prosa auch ohne)
Innerer Monolog Direkte Rede, was eine Figur denkt (in der Regel ohne An-
führungszeichen)
Redebericht Indirekte Rede, was eine oder mehrere Personen gesagt
oder gedacht haben
Erlebte Rede 3. Person Präteritum, was eine Person denkt oder wahr-
nimmt (ohne Anführungszeichen!)

Hinweise zum Einsatz von Figurenrede


1. Die häufigste Form der Figurenrede ist der Dialog von zwei oder mehr Figuren.
2. Der gesprochene Monolog kommt in der erzählenden Prosa nur selten vor. We-
sentlich häufiger ist der innere Monolog. Er wird eingesetzt, um die Gedanken
(das Selbstgespräch) der Figur wiederzugeben.
3. Im Vergleich zum Dialog wirkt die indirekte Rede zwar schneller, da der Erzäh-
ler aber zusammenfasst, liest man auch schneller darüber hinweg.
4. Die erlebte Rede eignet sich besonders gut dafür, Wahrnehmungen, Gedanken,
Empfindungen oder Regungen einer Figur in einer bestimmten Situation wie-
derzugeben. Sie unterscheidet sich formal nicht von der Erzählerrede (3. Pers.
Prät.) und fügt sich nahtlos und elegant in sie ein. Der unmerkliche Wechsel von
Erzählerbericht und erlebter Rede erzeugt im Leser leichte Verunsicherung und
schürt dadurch seine Aufmerksamkeit.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 92 16.05.12 07:42


5.1 Übersichten: Erzählen DaG 3: Literatur, S. 49 und 50 93

J. Sprache und Stil


Katalog

Stilebene – gehoben oder umgangssprachlich, gewählt oder salopp usw.


– experimentell, jugendsprachlicher Einfluss, Pop-Literatur usw.
– hyperbolisch, lyrisch, bedächtig, actionreich usw.
– Auch Kombinationen sind denkbar.

Wort – Zeitgebundenheit (moderner oder antiquierter Wortschatz)


– Ortsgebundenheit (Standardsprache oder Dialekt)
– Abstraktionsgrad
– Verspieltheit (ungewöhnlicher Wortschatz, Spiel mit den
Worten und / oder Bedeutungen)

Tonlage – schildernd, berichtend, erklärend usw.


– lakonisch, traurig, mitfühlend, aggressiv usw.

Satz – eher parataktischer oder eher hypotaktischer Satzbau


– Verhältnis von Parataxe / Hypotaxe
– Verhältnis von Erzählerrede / Figurenrede
– Ellipsen oder grammatisch korrekte Sprache

Sprachbilder – Verwendung von Metaphern, Vergleichen und anderen


sprachlichen Bildern
– sprechende Namen

Motive Motive (wiederkehrende Gegenstände oder Wörter bzw.


Wortfelder) lenken die Aufmerksamkeit der Leser.

Schlüsselwörter Wörter (manchmal auch Sätze), die eine Unklarheit auflösen

Anleitung für die Formung eines eigenen Stils

1. Wählen Sie zuerst die allgemeine Tonlage. Soll Ihr Text modern, gehoben, jugend-
sprachlich leger oder gar schmierig klingen? Es gibt viele Tonlagen.
2. Der Klang der Erzählung hängt entscheidend von der Wahl der Perspektive ab.
– Neutral erzählte Passagen klingen distanziert, unbeteiligt, zuverlässig.
– Personale Passagen klingen hingegen mitfühlend, persönlich, einfühlend.
– Die auktoriale Perspektive neigt dazu, eine ironische Haltung des Erzäh-
lers aufzubauen; sie klingt abgeklärt, leicht überheblich, professoral.
3. Schreiben Sie zuerst einfach drauflos. Überarbeiten Sie die Sätze aber so lange,
bis Ihre Wortwahl zum gewählten Stil passt.
4. – Wählen Sie einen parataktischen Satzbau. Er beschleunigt die Sätze, wirkt
bestimmt und fortstrebend (geeignet eher für handlungsbetonte Erzählungen).
– Wählen Sie einen hypotaktischen Satzbau. Er liest sich langsamer, wirkt aber
durchdacht, sorgfältig, gründlich (geeignet prinzipiell für gefühlsbetonte Er-
zählungen).
– Kombinieren Sie Hypotaxen mit Parataxen, aber tun Sie das planvoll.
5. Motive lenken die Aufmerksamkeit des Lesers. Beschränken Sie sich auf ein Sach-
motiv und / oder ein sprachliches Motiv. Das Vorkommen von Wörtern aus dem
Wortfeld «klirren» (erklingen, scheppern, poltern, Krach, Knall, usw.) kann z.B.
auf das Auseinanderbrechen einer Beziehung hindeuten.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 93 16.05.12 07:42


5.2 Übersichten: Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 67 bis 69 94

K. Figur (Dramatisieren)
Figuren im Drama
Figuren unterscheiden sich durch
– die Rolle, die sie haben (Spassvogel, Zauderer, Intrigant usw.),
– die Bedeutung, die sie haben (Protagonist, Antagonist oder Nebenfiguren),
– die Aufgabe, die sie haben (Königin, Polizist, Mutter, Schüler usw.),
– ihre Sprechweise (hochnäsig, unglücklich, humorvoll usw.),
– ihr Aussehen (Kostüm, Maske usw.) und
– ihre Handlungen.

Darstellung von Figuren im Drama


Anders als in der Erzählung können die Dramenfiguren nicht vom Erzähler be-
schrieben werden. Der Zuschauer kann ihre Eigenarten erschliessen aus
– Verhalten und Taten,
– Aussagen im Dialog und im Monolog (siehe Übersicht L, S. 95),
– nonverbalem Verhalten (Gestik, Mimik, Blick, Sprechweise, Tonfall, Lautstärke),
– Requisiten und Kostümen.

Typus oder Charakter


Der Grad der Individualisierung einer Figur kann ganz unterschiedlich sein (auch
Mischformen sind möglich).

Typus Charakter

Verkörpert Eigenschaften (Geizhals, Verkörpert menschliche Leidenschaf-


Emporkömmling, Neider usw.) ten und Bedürfnisse

Einfach, austauschbar Komplex, einzigartig

Keine widersprüchlichen Auch widersprüchliche


Eigenschaften Eigenschaften

Publikum muss die Eigenschaft Publikum muss sich mit Figur


erkennen identifizieren

Anleitung für das Erschaffen eines Helden


Das Publikum muss sich mit dem Helden identifizieren können. Deshalb muss der
Held verfügen über
– Eigenschaften, in denen jeder von uns sich wiedererkennt;
– Bedürfnisse (bzw. Leidenschaften), die so universal sind, dass wir alle sie nach-
vollziehen können (Sehnsucht nach Liebe und Verständnis; Verlangen nach Frei-
heit oder Rache; der Wunsch, Unrecht aus der Welt zu schaffen);
– Einzigartigkeit. Obwohl der Held Eigenschaften und Bedürfnisse hat, die wir alle
kennen, muss er sich durch ein Unterscheidungsmerkmal auszeichnen;
– Menschlichkeit. Damit der Held lebensnah wirkt, braucht er auch ein paar Män-
gel. Je mehr Konflikte die Figur beschäftigen, desto interessanter ist sie;
– Entwicklungsfähigkeit. Der Held darf noch nicht ausgereift sein, sondern muss
dazulernen können. Das erklärt, warum die meisten Helden jugendlich sind;
– Identifikation schafft auch der Einblick in die Privatsphäre des Helden.

Held = Mischung aus universalen und originellen Eigenschaften

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 94 16.05.12 07:42


5.2 Übersichten: Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 70 / 71 und 104 / 105 95

L. Reden auf der Bühne


Dialog
Der Dialog hat unter anderem folgende Funktionen:
– sachliche Beratung
– Streitgespräch
– Mittel, Gefühle auszudrücken
– Erhellen von Beweggründen, Zielen und Absichten
– Aneinandervorbeireden, Gesprächsverweigerung usw.
– Einschüchterung, Drohung, Täuschung, Lüge usw.

Besondere Dialogform: Stichomythie


Redner und Gegenredner wechseln sich schnell ab. Der eine nimmt dem anderen
das Wort aus dem Mund. Die Stichomythie dient der Temposteigerung und der
Kulmination. Sie wird oft zur Überredung oder zum Verhör eingesetzt.

Monolog
Der Monolog dient immer der Darstellung der inneren Vorgänge einer Figur:
– Die Figur wägt verschiedene Optionen ab. Sie ringt um eine Entscheidung.
– Sie stellt ihren Gewissenskonflikt dar.
– Sie äussert ihre Gefühle bzw. ihre innere Zerrissenheit.
– Im modernen Drama neue Funktion: Die Figur appelliert an das Publikum.

Besondere Monologform: Beiseitesprechen


Falls andere Figuren anwesend sind, das Gesagte aber nicht für sie bestimmt ist,
spricht die Figur beiseite (für sich). Das Beiseitesprechen informiert das Publikum
über die geheimen Gedanken und Absichten dieser Figur. Beiseitesprechen wird
eher selten eingesetzt.

Anleitung zum Bau von Dialogen und Monologen


1. Dialoge und Monologe müssen ausführlicher sein als Alltagsgespräche oder di-
rekte Rede in der Erzählung, sonst sind sie nicht verständlich. Beispielsweise
sollte der Dialog auch eine Äusserung zum Ort und zum Zeitpunkt enthalten,
die im Drama sonst nicht mitgeteilt werden können.
2. Formulieren Sie alltagsnah, jedoch nicht mit den üblichen Füllseln wie «äh»,
«mhm» usw. Verzichten Sie auch auf Verschleifungen: «Hast’nen Kugi?» für:
«Hast du einen Kugelschreiber für mich?»
3. Achten Sie darauf, dass der Sprecher nicht nach jedem Satz wechselt. Das klingt
unnatürlich (Ausnahme Stichomythie).
4. Beachten Sie, dass der Dialog nie nur die Funktion hat, Informationen mitzutei-
len. Er kann und soll immer zugleich auch die Gefühle, die Hintergedanken usw.
der Figuren transportieren.
5. Experimentieren Sie mit Formen der Kampfrhetorik: Einschüchterung, Drohung,
Lüge, Schmeichelei, Täuschung, Verschleierung usw.
6. Achten Sie vor allem auf allgemeine Verständlichkeit. Aus dem Dialog muss
logisch und emotional nachvollziehbar hervorgehen, warum eine Figur sich so
entscheidet, wie sie das tut.
7. Achten Sie darauf, dass der Dialog die Handlung vorantreibt. Die Figuren sollen
nicht vergeblich sprechen.
8. Streichen Sie alle Formeln (Anreden, Begrüssungen u.Ä.), die nicht unbedingt
nötig sind. Streichen Sie auch unnötig umständliche Formulierungen; aus «Ach,
guten Abend Dorly, du warst aber lange weg» macht man viel kürzer den Dialog-
satz: «Ach Kind, da bist du endlich!»

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 95 16.05.12 07:42


5.2 Übersichten: Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 71 bis 74 96

M. Handlung (Dramatisieren)
Aufbau

Haupt­ und Neben­ Äussere und innere Offene und verdeckte


handlung Handlung Handlung

Die Haupthandlung Die äussere Handlung Neben der offenen,


dreht sich um den ist die auf der Bühne auf der Bühne sichtba-
Protagonisten. Neben- sichtbare Handlung. ren Handlung gibt es
handlungen können Für die Darstellung Ereignisse, die parallel
diese kontrastieren, von innerer Handlung geschehen oder bereits
erklären oder einen (Absichten, Pläne, vergangen sind, von
lustigen Kontrapunkt Gefühlsregungen) denen mittels Boten-
bilden. eignet sich besonders bericht oder Mauer-
der Monolog. schau berichtet wird.

Grundsätze der Handlungskomposition

Figurenkonstellation Wahl von Figuren, die sich eignen, um den zentralen


Konflikt zu verkörpern.

Auswahl Bestimmung des Themas, des Konflikts, des Ereignis-


ses, das den Konflikt auslöst.

Konzentration Konzentration auf eine Handlung, eine Handlungszeit


(damit ist weniger die Dauer gemeint als der auslösen-
de Moment) und auf einen geeigneten Schauplatz.

Gliederung Die Bühnendarstellung kennt als Gliederungseinheiten


den Akt und die Szene (siehe 8. und 9. Schritt, S. 38 f.).

Anleitung zum Bau einer Handlung


Jedes Drama dreht sich um einen Helden und braucht eine Handlung.

Held
– Bietet der Held Identifikationsmöglichkeiten für das Publikum? (siehe Übersicht K,
S. 94)
– Entwickelt sich der Held?
– Hat der Held Charakterfehler und Mängel? (Sie lassen die Figur menschlicher
wirken.)

Handlung
– Gibt es einen Konflikt?
– Gibt es ein Thema?
– Lässt sich die Aussage in einen Satz bringen?
– Wird die Geschichte schrittweise (in Akten) aufgebaut, was es den Zuschauern
erlaubt, sich in den Erzählrhythmus einzufinden?
– Verfügen die Protagonisten über einschlägige Vorgeschichten und nachvollzieh-
bare Motive, die dem Publikum ihre Handlungsweise verständlich machen?
– Wirken ihre Gefühlsbewegungen und ihre Entwicklungsbögen stimmig und rea-
listisch?
– Treiben die Dialoge die Handlung voran?
– Ist die Handlung logisch, widerspruchsfrei und frei von Sprüngen?

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 96 16.05.12 07:42


5.2 Übersichten: Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 79 bis 83 und 88 f. 97

N. Tragik
Mitleid mit scheiterndem Helden

Leidenschaft Fall Identifikationsfigur

Der Held muss von Ausserdem entschei- Der Zuschauer muss


einer Leidenschaft dend ist die Fallhöhe sich mit dem Helden
angetrieben sein, die bzw. der Bekanntheits- identifizieren können.
jeder Zuschauer an grad des Helden. Je (Für die Konzeption
sich selber auch beob- höher gestellt der Held des Helden selber ver-
achten kann. Dadurch ist, desto tiefer kann wenden Sie Übersicht
identifiziert er sich mit er fallen, und umso K, S. 94: Anleitung für
dem Helden, auch stärker wirkt sein Fall. das Erschaffen eines
wenn dieser nicht so Prominente Personen Helden.)
sympathisch ist. (Persönlichkeiten,
historische Personen,
Stars u.Ä.) eignen sich
deshalb besonders gut
für tragische Helden.

Hinweise zum Bau von Tragik nach klassischem Muster


1. Gehen Sie aus von einer Leidenschaft, die sie an sich gut kennen, die aber auch
anderen Menschen eigen ist (Angst, Hass, Neid, Rache, Ehrgeiz, Mitgefühl, Un-
sicherheit, Fernweh usw.).
2. Wählen Sie mit Vorteil eine Persönlichkeit (Politiker, Schauspieler, Staatschef,
Musiker usw.), die bekannt ist und auf die die gewählte Leidenschaft zutrifft.
3. Überlegen Sie sich einen Konflikt, der gewissermassen zwangsläufig entsteht,
wenn die Figur ihre Leidenschaft auslebt. Lassen Sie Ihren Helden unter Gewis-
sensbissen und Entscheidungshemmungen leiden.
4. Konzipieren Sie eine Handlung, die zu einem zwangsläufigen, folgerichtigen und
ausweglosen Untergang des Helden führt.
Anmerkung: Das ist das schwierigste Geschäft des Tragödiendichters.

Hinweise zum Bau von Tragik nach modernem Muster


1. Gehen Sie von einem Charakter aus. Es ist unwichtig, wie die Person aussieht,
welchen Beruf sie ausübt, welche Vorlieben sie hat. Wichtig ist nur: Sie sollte
irgendetwas an sich haben, mit dem sich die Zuschauer identifizieren können.
2. Kreieren Sie eine Situation, die Ihren Charakter herausfordert. Die Figur will
die Herausforderung nicht annehmen. Machen Sie sie zu einem Helden wider
Willen.
3. Bringen Sie ihn in eine Situation, in der er sich bewähren muss (Krise). Gestal-
ten Sie die Situation so, dass er zu scheitern (zu sterben) droht.
4. Lassen Sie Ihren Helden in letzter Minute gestärkt aus der Krise hervorgehen. Er
erwirbt dadurch neue Eigenschaften oder neue Stärke. Sie können die gefährliche
Situation wiederholen. Allerdings muss Ihr Held die neu erworbenen Fähigkeiten
jetzt anwenden.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 97 16.05.12 07:42


5.2 Übersichten: Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 84 und 85 98

O. Komik
Der komische Effekt

Der Zuschauer denkt unwillkürlich mit. Das Gehirn produziert ständig Vorhersa-
gen, es nimmt die möglichen Lösungen vorweg. Wird es zu Annahmen verleitet, die
sich als falsch herausstellen, entsteht Komik.

Komik = Bruch mit der Erwartung.

Formen des Lachens

Lachen Wir lachen über ein gelungenes Sprachspiel, einen Scherz


oder über eine unangemessene Reaktion.

Verlachen Wir verlachen jemanden, der sich ungeschickt, falsch oder


merkwürdig benimmt. Wer sich lächerlich macht, wird aus-
gelacht.

Mitlachen Wir lachen mit jemandem mit, dem etwas endlich geglückt
ist und der sich darüber freut.

Formen der Komik

Sprachkomik Spiel mit Worten (Versprecher, Verwechslung der Wörter,


Ironie, Sprachspiele, Witze usw.)

Typenkomik Kontrast im Verhalten zu anderen handelnden Figuren,


besondere Ernsthaftigkeit, Engstirnigkeit, Unbeholfenheit,
Unwissenheit usw.

Situationskomik Unangemessenes Verhalten in einer bestimmten Situation:


– Falsche Person platzt herein oder jemand sagt etwas
Unpassendes
– Ein Scherz, eine Handlung oder eine Geste wird mehrfach
wiederholt (sog. «Running Gag») usw.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 98 16.05.12 07:42


5.2 Übersichten: Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 80, 84 und 97 99

P. Bauformen von Dramen


Die traditionellen Formen (Tragödie und Komödie) und der moderne Spielfilm
weisen sehr viele Gemeinsamkeiten auf, aber auch kleinere Unterschiede.

Tragödie Komödie Moderner Spielfilm

5 Akte 3 oder 5 Akte 3-teiliger Aufbau

Aufstieg und Fall Verstrickungen des Aufbruch, Bewährung


des Helden Helden und Auflösung und Rückkehr des
der Irrtümer Helden

Held als Charakter Held als Typus Held als Charakter

Identifikation Auslachen des Helden Identifikation


mit dem Helden mit dem Helden

Konflikt durch Leiden- Konflikt als Verirrung Konflikt durch


schaft des Helden und Verwechslung, schwierige Aufgabe
ausgelöst durch Un-
vermögen des Helden

Tragik Komik Tragik oder Komik

Fall des Helden, Kata- Auflösung der Drohendes Scheitern


strophe und Katharsis Verirrung, Happy End des Helden, Krise und
Wiederaufstieg,
Happy End

Ständeklausel, Vers Alltagssprache Alltagssprache


und 3 Einheiten

Verweis Verweis Verweis


DaG 3 «Literatur»: DaG 3 «Literatur»: DaG 3 «Literatur»:
S. 80 – 83 S. 84 f. S. 97

Theater gespielt: Bühnenbild und Schauspieler, Gesten und Mimik, Kostüme und
Requisiten usw. Szene aus Edward Albees Theaterstück «Wer hat Angst vor Virginia
Woolf? © Stadttheater Luzern 2012.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 99 16.05.12 07:42


5.2 Übersichten: Dramatisieren DaG 3: Literatur, S. 75 bis 77 100

Q. Inszenierung
Ein Theaterstück aufführen
Dramen sind dazu gemacht, auf einer Bühne vor Zuschauern aufgeführt zu werden.
Worauf man achten, woran man alles denken muss, zeigt die Tabelle.

Tätigkeit – Stimmausdruck und Sprechweise (Modulation)


des Schauspielers – Kinesik (Körperbewegungen)
– Gestik (Gebärden)
– Mimik (Gesichtsbewegungen)
– Proxemik (Positionswechsel)

Bühne – Schauplatz
– Bühnenbild(er)
– Beleuchtung
– Requisiten

Toneffekte – Musik
– Geräusche
– Toneffekte (z.B. Gewitter)
– Keine Nebengeräusche (Klappern der Schuhsolen usw.)

Erscheinung – Statur, Aussehen


des Schauspielers – Körperhaltung
– Physiognomik (Gesichtsausdruck)
– Maske
– Schminke
– Kopfbedeckung
– Kostüm
– Frisur

Regieanweisung
Regieanweisungen sind Hinweise des Dramenautors für die Schauspieler. Sie gehö-
ren auch zum Dramentext, werden aber von den Schauspielern nicht gesprochen.
Deshalb nennt man sie auch Nebentext. In Regieanweisungen hält der Dramenautor
seine Vorstellungen von
– den Bewegungen der Schauspieler auf der Bühne,
– den Gesten und der Mimik der Schauspieler,
– der Sprechweise und der Sprechgeschwindigkeit des Dialogs,
– dem Bühnenbild und der Bühnenbeleuchtung und von anderen Dingen fest.

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5.3 Übersichten: Dichten DaG 3: Literatur, S. 116 bis 119 101

R. Metrum
Versfüsse

Jambus (pl. Jamben) Besteht aus unbetonter und betonter Silbe.


Alternierend (betont und unbetont wechseln ab).
— Betrúg An vollen Büschelzweigen
Lass dir die Früchte zeigen
(Johann W. Goethe, An vollen Büschelzweigen)

Trochäus (pl. Trochäen) Besteht aus betonter und unbetonter Silbe.


Alternierend (betont und unbetont wechseln ab).
— Líebe In der Liebesnächte Kühlung
Überfällt dich fremde Fühlung
(Johann W. Goethe, Selige Sehnsucht)

Anapäst (pl. Anapästen) Bestehend aus 2 unbetonten und 1 betonten Silbe.


Und ihr drängt euch fröhlich und frei,
— Paradíes aus der kräftigen Wurzel,
Untereinander herauf und ergreift,
wie der Adler die Beute.
(Friedrich Hölderlin, Die Eichbäume)

Daktylus (pl. Daktylen) Bestehend aus 1 betonten und 2 unbetonten Silben.


Siehe, wie schwebenden Schritts
— Königin im Wellenschwung sich die Paare
Drehen, den Boden berührt
kaum der geflügelte Fuss.
(Friedrich Schiller, Der Tanz)

Kadenzen

Männliche Kadenz Der Vers endet auf einer betonten Silbe.


Wirkt bestimmt, hart, abschliessend oder ähnlich.
— ans Land

Weibliche Kadenz Der Vers endet auf einer unbetonten Silbe.


Wirkt vage, weich, abgerundet oder ähnlich.
— vom gewesenen
Tage

Anleitung zum Bau des Metrums


1. Ausgangspunkt sind immer die Hauptwörter (Namen, Substantive, Verben, al-
lenfalls Adverbien). Wählen Sie passende Wörter für ihren Versfuss.
Für Trochäen eignen sich z.B.: Markus, singet, lobend, während
2. Entscheiden Sie sich nun noch für das 2-hebige oder das 3-hebige Metrum. Im
Beispiel liegen nun Daktylen vor: «Markus, der singend und lobend erhört.»
3. Setzen Sie die Wörter in den Vers ein und füllen Sie die fehlenden Silben des
Metrums mit Hilfswörtern auf (Artikel, Präpositionen, Pronomen, Konjunktio-
nen). Die Hilfswörter sind in der Regel unbetont.
4. Gehen Sie für die übrigen Verse gleich vor. Üblicherweise behält man das Me-
trum innerhalb einer Strophe bei.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 101 16.05.12 07:42


5.3 Übersichten: Dichten DaG 3: Literatur, S. 121 bis 123 102

S. Reim
Reimformen

Reiner Reim aaaa Haufenreim


aabb Paarreim
abab Kreuzreim
bccb Umarmender Reim
abcabc Verschränkter Reim
aabccb Schweifreim

Andere Binnen- Wörter reimen sich innerhalb des Verses:


Reimformen reim «Wenige streben, manche beben, viele leben»

Stabreim Besondere Form der Alliteration (Anfangslaute


aufeinanderfolgender Wörter gleichen sich):
«Schwere Schwestern schweben»

Anleitung zum Gebrauch der Reimmaschine


1. Mit der Reimmaschine lassen sich alle möglichen Reime eruieren. Man nehme
eine beliebige Endsilbe wie z.B. -echer:

B D Gl Kl P Pr Schm Spr W

Bl Dr Gn Kn Pf Qu Schn St Z

Br F Gr Kr Pfl R Schr Str Zw

Ch Fl H L Pfr S Schw T

Chl Fr J M Ph Sch Sp Tr

Chr G K N Phl Schl Spl V

(Quelle: Andreas Thalmayr. Lyrik nervt. München (Hanser) 2004, S. 26)

2. Jetzt müssen Sie nur noch die Treffer auswählen.

Becher Blecher Brecher Checher Chlcher Chrecher Decher (oder Dächer)


Fecher (oder Fächer) Flecher frecher Gecher Glecher Gnecher Grecher Hecher
Jecher Kecher Klecher Knecher Lecher Mecher Necher Pecher Pfecher Pflecher
Pfrecher Phecher Phlecher Precher Quecher Recher (oder Rächer) Secher
Schecher (oder Schächer) Schlecher Schmecher Schnecher Schrecher Schwe-
cher (oder schwächer) Specher Splecher Sprecher Stecher Strecher Techer
Trecher Vecher Wecher Zecher Zwecher

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 102 16.05.12 07:42


5.3 Übersichten: Dichten DaG 3: Literatur, S. 124 bis 126 103

T. Klang
Klangkatalog

Alliteration Aufeinanderfolgende Wörter, die mit dem gleichen


Konsonanten beginnen: «Mars macht mobil»

Assonanz Harmonie, die durch die Wiederholung von Vokalen


und Diphthongen entsteht. Nur betonte Vokale wer-
den berücksichtigt.

Dunkle Assonanz Dunkle Klangfarbe, die entsteht aus einem Überge-


wicht der Vokale a – o – u – ö – au.
Wirkt tendenziell ernst, gemessen, gewichtig, traurig
oder ähnlich.

Helle Assonanz Helle Klangfarbe, die entsteht aus einem Übergewicht


der Vokale ä – e – i – ü – ei – eu.
Wirkt tendenziell heiter, zart, sanft, beschaulich oder
ähnlich.

Lautmalerei Auch Onomatopoesie: Nachahmung natürlicher Klän-


ge durch Wörter, z.B. «kikeriki». James Krüss macht
daraus das Thema eines Gedichtes:
Das Feuer
Hörst du, wie die Flammen flüstern,
Knicken, knacken, krachen, knistern,
Wie das Feuer rauscht und saust,
Brodelt, brutzelt, brennt und braust?

Reim Auch der Reim gehört zu den Klangelementen der


lyrischen Sprache, siehe dazu Übersicht S, S. 102

Klingen lassen
1. Der Klang entsteht aus den betonten Vokalen. Aufgrund der Endstellung wirken
die Endreime am kräftigsten.
2. Binnenreime machen die Verse geschmeidig und beschwingt. Sie können zur
Temposteigerung innerhalb einer Strophe eingesetzt werden. Ihre Wirkung ist
stimmungshebend.
3. Assonanzen ähneln Binnenreimen, wirken aber anders. Sie rhythmisieren den
Vers zusätzlich, indem der betonte Vokal nacheinander derselbe ist. Das hat eine
leichte Stakkato-Wirkung (d.h. es wirkt leicht abgehackt): «Wir sind verreist in
die vereiste weisse Weite …»
4. Die Wahl der Klangfarbe ist eine Vorentscheidung. Sie sollte zum gewählten
Inhalt passen. Je besser Klangfarbe und Inhalt übereinstimmen, desto kunstvol-
ler wirkt das Gedicht:
– Dunkle Assonanzen passen eher zu traurigen, gemessenen, melancholi-
schen Gedichten, etwa zu den Themen Tod, Herbst, Vergänglichkeit,
Krieg.
– Helle Assonanzen harmonieren mit heiteren, freundlichen, humorvollen
Gedichten, etwa zu den Themen Liebe, Glück, Frühling, Aufbruch.
Allerdings ist das nur ein Richtmass.
5. Weitere Klangmittel wie Schüttelreim, Stabreim oder Alliteration sollten sparsam
eingesetzt werden. Zu viel des Guten wirkt kitschig.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 103 16.05.12 07:42


5.3 Übersichten: Dichten DaG 3: Literatur, S. 127 –131 / 179 –181 104

U. Bildsprache
Katalog

Allegorie Versinnbildlichung von etwas Abstraktem; häufig in Form einer Vermenschli-


chung. Der Sensemann ist eine geläufige Allegorie für den Tod.
Man spricht auch von Allegorie, wenn man eine abstrakte Angelegenheit als
menschliche Tätigkeit veranschaulicht, z.B. «eine Idee beerdigen».

Assoziation Andeutungen und Umschreibungen. Gedichte arbeiten mit Verknappungen.


Nicht alles muss ausdrücklich gesagt werden. Assoziationen machen trotzdem
klar, worum es geht. Die Assoziationen zu «Rummelplatz» können z.B. sein:
Jubel und Trubel, Heiterkeit, Menschenauflauf, Lärm usw.

Metapher Die Metapher ist die gebräuchlichste Form der Übertragung eines Wortes aus
seinem angestammten Sinnzusammenhang in einen anderen. «Quelle» meint in
gewissen Zusammenhängen nicht Ursprung des Wasserlaufs, sondern Ursprung
der Information.

Metonym Ersetzen eines Wortes durch ein anderes Wort, das in inhaltlichem Zusammen-
hang steht: «graues Haar» für «alter Mensch».

Oxymoron Spezialform der Metapher: Kombination einander absichtlich widersprechender


Wörter: «unausstehliche Nächstenliebe».

Personifikation Spezialform der Allegorie: Dinge handeln so, als wären sie Menschen:
«Ein Brunnen singt», «es klagt die Flöte».

Symbol Zeichen oder Gegenstand, die über das Zeichen oder den Gegenstand hinaus
auf etwas anderes hindeuten: «Rose» für Zuneigung, Verbundenheit. Symbole
sind kulturell festgelegt und können nur selten spontan gebildet werden.

Synonym Ersetzen eines häufig gebrauchten Wortes durch ein anderes, treffenderes oder
selteneres. Aus Bub wird «Knabe», «Junge», «Knirps», «Bengel»‚ «Knopf».

Synästhesie Spezialform der Metapher: Kombination von Sinneseindrücken verschiedener


Sinnesorgane: «hörbare Tiefe»; «klingendes Geld».

Synekdoche Ersetzen des gemeinten Wortes durch einen (oder mehrere) seiner Teile: «Hof-
fen, Hassen, Lieben» für Leben, «Blondine» für Frau mit blonden Haaren.

Vergleich Zwei Bereiche werden miteinander in Verbindung gebracht: «Das Leben gleicht
einer Bühne.» Vergleiche lösen oft Assoziationen aus.

Systematik
Man unterscheidet zwei Bildmuster, nämlich den Austausch eines Begriffs und die
Übertragung von einem Vorstellungsbereich in einen anderen. Manche Sprachbilder
bezwecken anzuregen, indem sie herkömmlichen Vorstellungen zuwiderlaufen, an-
dere wollen genau das Gegenteil, nämlich erklären.

anregend, verblüffend erklärend


Übertragung – Assoziation – Allegorie
eines Vorstellungsbe- – Metapher – Personifikation
reichs in einen anderen – Oxymoron / Synästhesie – Vergleich
Austausch – Metonym – Symbol
des Begriffs – Synekdoche – Synonym

   


5.3 Übersichten: Dichten DaG 3: Literatur, S. 127 –131 / 179 –181 105

Anleitung zum Sprechen in Bildern


Das einfachste Mittel, etwas bildlich auszudrücken, ist der Vergleich. Dinge oder
Gefühle, die wir nicht genau benennen können, beschreiben wir auch in der
Alltagssprache mittels Vergleichen. Nicht jeder Vergleich wirkt lyrisch: «Du hast
ein Gesicht wie ein Vollmond» wirkt völlig anders als «Das weisse Leuchten
deiner Haut wirkt wie der Schein des Mondes in der Nacht».
6. Einfach einzusetzen sind auch Synonyme, Synekdochen oder Metonyme. Schreiben
Sie in Ihrer Alltagssprache auf, was Sie meinen. Ersetzen Sie dann gezielt einzel-
ne Wörter. Besonders wirksam ist die Synekdoche. Hier ersetzen Sie das Ganze
durch einzelne seiner Teile. Spielen Sie mit dem Effekt: «Die Frau liebt das Leben»
wirkt anders als «Die Brünette liebt Reisen, Einkaufen, und Schlafen».
7. Metaphern kommen sehr häufig vor. Viele sind so geläufig, dass man sie gar
nicht mehr als Metaphern erkennt. Versuchen Sie, eigene starke Metaphern zu
bilden. Am einfachsten geht das mit Synästhesien und Oxymora. Orientieren Sie
sich auch an vorhandenen Mustern; so kann man analog zur geläufigen Metapher
Drahtesel (für Fahrrad) eine ungewöhnliche Metapher bilden: Blechelefant (für
LKW). Effektvoll sind Verbmetaphern; sagen Sie nicht einfach: «Der Motor
läuft», sondern der Motor «dröhnt», «schnurrt», «winselt», «kreischt», «jault»
usw. Die einfachen Allegorien und Personifikationen unterlaufen einem fast von
alleine. Häufig stellen wir Dinge lebendig dar: «Der Wind verstrubbelt meine
Haare». Diesen Effekt kann man auch absichtlich einsetzen.

Dämmerung
An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.
(Alfred Lichtenstein, 1911)

Metapher «an einem Fens- so nahe dran, als ob er daran klebte


ter klebt»

Metapher «weiches Weib» anschmiegsame Geborgenheit

Assoziation «grauer Clown» langweilig, abgelebt, traurig o.Ä.


(stünde nur «Clown», wäre die Assoziation:
lustig, unterhaltsam, komisch, Zirkus,
Kinderlachen usw.)

Symbol «Stiefel» Ausgehen, Abschied

Personifikation «Kinderwagen der Kinderwagen, nicht das Kind schreit


schreit»

Metapher «Hunde fluchen» Hunde bellen, das ist ein stehender Aus-
druck, jedes andere Verb fällt auf

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 105 16.05.12 07:42


5.3 Übersichten: Dichten DaG 3: Literatur, S. 114 f. 106

V. Spiel mit Wörtern


Die Wahl und die Stellung der Wörter erfolgen oft aufgrund des Metrums. Die
Anordnung dient auch dazu, die Aufmerksamkeit des Lesers zu lenken. Die Wahl
der Wörter verstösst manchmal bewusst gegen dessen Erwartungen.

Wortstellung

Anapher Wiederholung am Anfang eines Verses.

Epipher Wiederholung am Ende eines Verses.

Inversion Umstellung der üblichen (und grammatisch richtigen)


Wortfolge. Dient der Lenkung der Aufmerksamkeit.

Wortspiele

Wiederholung Entweder als Verdoppelung eines Wortes (Geminatio; «leise,


leise») oder als Wiederholung innerhalb des Gedichts. Wieder-
holungen eignen sich besonders dafür, Wörter zu betonen.

Wortfamilie Wörter mit demselben Wortstamm: einig, vereinigt, Vereini-


gung, uneinig, Einigkeit usw. Wortfamilien eignen sich
besonders gut, um Leitmotive zu gestalten.

Wortfeld Wörter mit ähnlicher oder gleicher Bedeutung: weise, auf-


geweckt, klug, pfiffig, lebenstüchtig, vernünftig, scharfsin-
nig, gescheit, schlau usw. Wortfelder eignen sich besonders
gut für die Bildung von Leitmotiven.

Mehrdeutigkeit Wörter, die unterschiedliche Dinge bezeichnen: z.B. «Fall»


(Problem, Zusammenbruch, Verneigung, Sturz, Demüti-
gung, Gefälle) oder «Platz» (seinen Platz haben, an seinen
Platz gehen, Platz nehmen, auf dem 3. Platz, auf dem Platz
stehen, auf Platz, Platz haben usw.). Solche Wörter eignen
sich für Wortspiele besonders gut.

Wortfelder, Wortfamilien oder Mehrdeutigkeiten lassen sich am besten mit den


Möglichkeiten des PC bilden (Thesaurus, Internet-Wörterbücher).

Anleitung zum Spiel mit Wörtern


1. Die einfachste Form des Wortspiels ist die Wiederholung einzelner Wörter, Wort-
gruppen oder Verse.
2. Häufige Formen der Wortwiederholung sind Anapher und Epipher. Vor allem Ana-
phern wirken stark. Epiphern funktionieren am ehesten da, wo sie Reime ersetzen.
3. Wenn Sie mit den Mitteln der Aussparung arbeiten, also mit der Reduktion der
Anzahl Wörter, erhalten manche Wörter von alleine eine Doppelbedeutung:
Vergleichen Sie «Ach, Sie arbeiten noch für uns» mit «Ach, Sie arbeiten noch»
mit «Ach». Experimentieren Sie damit.
4. Statt mit Reduktion können Sie auch mit Vielfalt dichten: mit Wortfamilien und
Wortfeldern. Nehmen Sie ein Wort, finden Sie möglichst viele Ableitungen, For-
men oder inhaltliche Entsprechungen. Aus diesem Fundus wählen und kombi-
nieren Sie.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 106 16.05.12 07:42


5.3 Übersichten: Dichten DaG 3: Literatur, S. 133 bis 135 107

W. Strophe
Strophen sind die Gliederungseinheiten eines Gedichtes. Sie dienen zur visuellen
Unterteilung der Sinneinheiten.

Innerhalb einer Strophe bleiben Metrum und Reimschema in der Regel gleich,
zwischen den Strophen können sie ändern.

Strophenbau

Quartett – 4 Verse
– festes Versmass
– gereimt

Terzett – 3 Verse
– festes Versmass
– kommt vor allem im Sonett vor

Volksliedstrophe – Vierzeiler
– 4 Hebungen
– Paar- oder Kreuzreim

Terzine – Dreizeiler
– Versmass über die Strophen hinaus im Kreuzreim nach
dem Schema aba cbc dcd usw.
– mindestens 3 Strophen und zuletzt ein einzelner Vers

Moderne Gedichte setzen Strophen häufig nur zur inhaltlichen Gliederung ein.
Solche Strophen können ganz unterschiedlich lang sein. Sie weisen meistens kein
gleichbleibendes Metrum auf.

Anleitung zum Bau einer Strophe


1. Wählen Sie zuerst die Anzahl Verse aus. Üblich sind 4 oder 6 Verse.
2. Wählen Sie das Reimschema aus.
3. Verteilen Sie verschiedene Inhalte auf verschiedene Strophen.
4. Verbinden Sie die Strophen untereinander mit:
– einem Reimschema
– einem gleichbleibenden Metrum
– Anaphern
– Wortwiederholungen (an beliebigen Stellen)
– Wiederholung ganzer Verse oder sogar Strophen

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 107 16.05.12 07:42


5.3 Übersichten: Dichten DaG 3: Literatur, S. 139 108

X. Moderne Poesie
Freie Verse
Moderne Gedichte probieren neue Formen aus. Sie verzichten daher oft auf tradi-
tionelle Formen wie Vers, Metrum und Reim. Ihre Kennzeichen:
– keine Reime
– keine einheitliches Metrum
– unterschiedlich lange Verse
– viele Enjambements, Ellipsen, Inversionen

Konkrete Poesie
Konkrete Poesie ist ein Überbegriff für Gedichte, die zusätzlich zu den sprachlichen
auch grafische (z.B. durch die Anordnung auf dem Papier) und klangliche Elemente
haben. Man unterscheidet insbesondere:

Lautgedicht Gedicht, das mit dem Klang der Laute spielt. Lautgedichte
entfalten zwar ihre Wirkung erst beim Vortrag, d.h.
der Klang wird besonders betont, ohne allerdings auf die
inhaltliche Aussage zu verzichten.

Bildgedicht Gedicht, das in erster Linie durch seine Darstellung wirkt.


Die Bedeutung ergibt sich unmittelbar aus seiner typo-
grafischen Form, und nur daraus.

Anleitung zum konkret Dichten


1. Lautgedichte achten besonders auf den Klang. Dafür sind in erster Linie die Vo-
kale zuständig. Experimentieren können Sie auch mit Konsonanten: Dichten Sie
einmal ein Gedicht, in dem möglichst viele gt- / kt-Laute vorkommen (also z.B.
mit Wörtern wie Jagd, gehenkt, aktuell usw.) Ebenfalls zum Lautgedicht gehört
die Vertauschung von Lauten: «rinks und lechts lassen sich nicht velwechsern,
werch ein illtum» (Ernst Jandl).
2. Bildgedichte erzeugen ihre Aussage durch die Anordnung von Wörtern. Eine
möglichst grosse Übereinstimmung von Sprache und Bild ist das Ziel. Die ein-
fachste Form ist, mit dem Wort «Apfel» einen Apfel darzustellen. Im Beispiel
hat Timm Ulrichs «Unordnung» mit dem Wort «Ordnung» dargestellt.

ordnung ordnung
ordnung ordnung
ordnung ordnung
ordnung ordnung
ordnung ordnung
ordnung unordn g
ordnung ordnung
ordnung ordnung
ordnung ordnung
ordnung ordnung (Timm Ulrichs, ordnung – unordnung, aus:
ordnung ordnung Eugen Gomringer, (Hg.), Konkrete Poesie,
Stuttgart 1978, S. 142)

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 108 16.05.12 07:42


6. Tafeln: Literaturgeschichte

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 109 16.05.12 07:42


6.1 Tafeln: Literaturgeschichte 110

Idee und Absicht der Tafeln


Die Literaturgeschichtstafeln ersetzen keine ausführliche grundgedanken und Ideen aus der jeweiligen Epochen.
Literaturgeschichte, begleiten aber optimal den Unter- Sie bieten einen Überblick über und Gedankenstützen für
richt. Sie versammeln die wichtigsten Begriffe, Hinter- die jeweiligen Epochen.

Weimarer
Klassik Naturalismus Literatur nach 1945

Sturm und Drang Realismus Kriegs­ und Zwischenkriegszeit

Aufklärung Frührealismus Expressionismus /Dadaismus

Barock Romantik Moderne

1650 1725 1775 1825 1875 1925 1975


1600 1700 1750 1800 1850 1900 1950 2000

Zum Epochenbegriff Aufbau der Tafeln


Als Epoche bezeichnet man eine Strömung innerhalb der Jede Tafel enthält ein bis zwei Textbeispiele. Ein kurzer
Literatur während einer gewissen Zeitspanne, in der be- Einführungstext führt ein in die Ideen und die Poetik der
stimmte Themen (Topik) und eine bestimmte Art zu sch- Epoche. Ein Merksatz und eine Tabelle mit dem Basiswis-
reiben (Poetik) vorherrschend waren. sen der Epoche runden den Überblick ab.

Epoche = eigene Themen + eigene Poetik (formale Textbeispiel


Besonderheiten) in einer gewissen Zeitspanne Textausschnitt aus einem Werk der Epoche. Dieser
Textausschnitt wird im Einführungstext besprochen.
Epochen lassen sich selten zeitlich genau abgrenzen. Viel-
mehr überlappen sie einander oder laufen ineinander über.
Die meisten Epochen sind geprägt von einer Gruppe von
Autoren, die sich untereinander über eine bestimmte Poetik, Der Merksatz
eine bestimmte Art, mit der Sprache der Literatur umzu-
Für jede Epoche wird ein Merksatz vorgestellt. Dieser
gehen, verständigt haben.
Merksatz ist gedacht zum Auswendiglernen. Von ihm
kann man die wichtigsten Charakteristika der Epoche ab-
leiten. Wer den Merksatz kennt und erklären kann, hat
das Wesentliche der Epoche im Kopf immer bei sich.

Basiswissen Epoche

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

Die wichtigsten Ausgewählte, im Jede Epoche – Hinweise auf den Entält im Kern die
Autoren Deutschunterricht beschäftigt sich besonderen Um- wesentlichen Merk-
häufig behandelte mit ihren eigenen gang mit Sprache male der Epoche.
Werke Fragen. und Ästethik Auswendiglernen
– Am häufigsten
gebrauchte
Gattungen

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 110 16.05.12 07:42


6.2 Barock 111

Barock
Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura- Moderne Expressio- Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Bestandteile des Emblems

1. Inscriptio (Aufschrift)
In hunc intuens pius esto! (Schau diesen an und sei
fromm!)

2. Pictura (Bild)
3. Subscriptio (Unterschrift) Deutendes Epigramm
Esse pius cupis: Hunc saltem adspice, qui fuit olim,
Tu quod es, et, quod eris, mox erit ipse, cinis.
(Du willst fromm sein: Sieh dir nur diesen an, der
einst war, was du bist, und, was du bald schon
selbst sein wirst: Asche.)

(Claude Paradin: Dévises héroiques. Lyon 1551)

Sowohl das Emblem wie das Sonett sind typische Erschei-


Es ist alles eitel.
nungsformen des Barock.
Du sihst / wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Das Emblem thematisiert die Endlichkeit der Welt (vani-
tas mundi). Im Angesicht des Todes (memento mori) ist Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:
die Lebensaufgabe klar: Nutze deine Tage auf Erden für Wo itzund Städte stehn / wird eine Wiesen seyn /
ein frommes Leben (carpe diem). Das Sonett «Es ist alles Auff der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden.
eitel» thematisiert den Schrecken und die Zerstörung des (Andreas Gryphius, Sonett (1. Strophe), um 1630)
Weltereignisses 30-jähriger Krieg. Auch es macht auf die
Vergänglichkeit (vanitas, Eitelkeit) des menschlichen Le-
bens aufmerksam. Auf die Vanitas und die Zerstörungen
des Kriegs reagiert der Barock mit äusserster Formstren-
ge und grossem Sprachbewusstsein. Ausdruck dafür ist
Martin Opitz’ Regelbuch für die Dichtung: «Buch von der
Deutschen Poeterey».

Barock (17. Jahrhundert)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– Andreas Gryphius – Gryphius: Sonette – Vanitas mundi Hohe Formstren- «Du siehst, wohin du
(1616 –1664) – Martin Opitz: (Eitelkeit der Welt) ge (Sprachge- siehst, nur Eitelkeit
– Hans-Jakob Buch von der – Memento mori sellschaften) als auf Erden.»
Christoffel von Deutschen (Gedenke des Reaktion auf die (Andreas Gryphius)
Grimmelshausen Poeterey, 1624 Todes) Zerstörung durch
(um 1621–1676) 30-jährigen Krieg
– Grimmelshausen: – Carpe diem
und die Vergänglich-
Der Abentheuer- (Nutze den Tag )
keit des Daseins
liche Simplicissi-
mus Teutsch, 1669 Gattungen:
Sonett, Drama

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 111 16.05.12 07:42


6.3 Aufklärung 112

Aufklärung
Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura- Moderne Expressio- Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Immanuel Kant: Was ist Aufklärung? (1784)

«Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.»

der Ausgang des Menschen selbst verschuldeten Unmündigkeit

Ein Prozess, ein Fort- Jeder Einzelne ist für Selbst verschuldet Die Unmündigkeit
schreiten von einem un- sich selber verantwort- deshalb, weil jeder resultiert aus der Unter-
befriedigenden Zustand lich. Keiner kann sich aufgrund seiner ange- ordnung unter Auto-
zu einem besseren hinter den anderen borenen Vernunft selber ritäten wie König und
verstecken. denken kann (und soll). Kirche.

Kants berühmte Definition ist keineswegs die Beschrei-


§ 82
bung eines Ist-Zustandes, sondern eine Aufforderung an
[...] Die Erziehung hat ihr Ziel; bei dem Geschlechte
jeden einzelnen Menschen, sich aufzuklären, d.h., sich zu
nicht weniger als bei dem Einzelnen. Was erzogen
einem selber denkenden, Verantwortung tragenden Mit-
wird, wird zu Etwas erzogen.
glied der menschlichen Gesellschaft zu entwickeln. Das-
selbe bezweckt auch Lessing in seiner philosophischen § 85
Schrift «Die Erziehung des Menschengeschlechts». Wie Nein; sie wird kommen, sie wird gewiss kommen,
Kant ist auch Lessing optimistisch: «Sie wird kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je überzeug-
sie wird gewiss kommen», die Zeit nämlich, in der der ter sein Verstand einer immer besseren Zukunft sich
Mensch «das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl die Bewegungs-
weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind». Auf- gründe zu seinen Handlungen zu erborgen, nicht nötig
geklärte Menschen werden gut handeln, weil sie das Gute haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute
selber erkennen, nicht weil eine Bestrafung (Sühne, Ge- ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt
fängnis) sie dazu veranlasst. sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem bloß heften
Aufklärung ist also immer doppelseitig: einerseits die Ent- und stärken sollten, die innern bessern Belohnungen
wicklung der jedem von uns angeborenen Vernunft, an- desselben zu erkennen.
dererseits die Übernahme von Verantwortung für unser (Gotthold E. Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts)
Tun, unsere Mitmenschen und unsere Gesellschaft.

Aufklärung (18. Jahrhundert)

Autoren Wichtige Werk Themen Poetik Merksatz

– Barthold Hinrich – Brockes: Irdisches – Erziehung und Argumentative und «Aufklärung ist
Brockes Vergnügen in Gott, Bildung zur Mün- wissenschaftliche der Ausgang des
(1680 –1747) 1721–1748 digkeit Texte Menschen aus seiner
– Gotthold Ephraim – Wieland: Die – Moral: gesell- selbst verschuldeten
Lessing Geschichte des schaftliches Zu- Unmündigkeit.»
Gattungen:
(1729 –1781) Agathon, 1766/67 sammenleben (Immanuel Kant)
Aufsatz,
– Christoph Martin – Lessing: Emilia – Naturrecht: Gleich- Lehrgedicht,
Wieland Galotti, 1772 heit der Menschen Fabel,
(1733 –1813) – Lessing: Nathan von Natur aus Bürgerliches
der Weise, 1779 Trauerspiel

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 112 16.05.12 07:42


6.4 Sturm und Drang 113

Sturm und Drang


Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura- Moderne Expressio- Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Friedrich Schiller: Die Räuber

KARL MOOR. Siehe, da fällts wie der Star von


meinen Augen! Was für ein Tor ich war, dass
ich ins Käficht zurückwollte! – Mein Geist
dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit,
– Mörder, Räuber! – mit diesem Wort war das
Gesetz unter meine Füße gerollt – Menschen
haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an
Menschheit appellierte!
(Friedrich Schiller, Die Räuber, 1781, 1. Akt 2. Szene)
Zeitgenössischer Stich zur Schluss-
szene von Schillers «Räuber»

Persönliche Enttäuschung und die Unaufrichtigkeit der


Welt machen Karl Moor zu einem «guten» Räuber, der Genie (1778)
mit dem Faustrecht für mehr Gerechtigkeit kämpft. Diese Genie – propior Deus ...
sozialkritische Haltung und noch viel mehr seine männ- Oder nenn es, beschreib es, wie du willst! Nenn’s
lich-jugendliche Kraft treiben ihn an. Tatendrang, Schaf- Kraft ohne ihresgleichen. Urkraft, kraftvolle Liebe!
fenskraft, Indidivualität zeichnen das Wesen des Sturm Nenn’s Elastizität der Seele oder der Sinne und des
und Drang. Nervensystems, die leicht Eindrücke annimmt und
Lavater porträtiert seinen Freund Goethe als «Genie»: mit einem Zusatze lebendiger Individualität zurück-
innere Energie, die hinausdrängt, Urkraft also, die in den schnellt! Nenn’s unentlehnte, natürliche, innerliche
Werken der Stürmer und Dränger ihren Ausdruck findet. Energie der Seele! Nenn’s Schöpfungskraft; nenn’s
Das Stürmische merkt man auch an der Sprache: Gedan- Menge in- und extensiver Seelenkräfte, Sammlung,
kensplitter, unvollständige Sätze, Synkopen, ein schnelles, Konzentrierung aller Naturkräfte: nenn’s lebendige
stürmisches Fortwärtsdrängen. Darstellungskunst.
(Johann Kaspar Lavater, aus: Physiognomische Fragmente)

Sturm und Drang (1770 bis 1785)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– J. W. Goethe – Goethe: Götz von – Genie = – junge Autoren «Mein Geist dürstet
(1749 –1832) Berlichingen, 1773 Originalität + Tat – weniger Verstand, nach Taten, mein
– J. M. R. Lenz – Goethe: Die – Individualität mehr Herz Atem nach Freiheit!»
(1751–1792) Leiden des jungen (Friedrich Schiller)
– Lebensfülle – Sprache weniger
– F. M. Klinger Werthers, 1774 regelkonform
– Konflikt des
(1752–1831) – Lenz: Die Solda- Einzelnen mit der
– F. Schiller ten, 1776 Gesellschaft Gattung:
(1759 –1805) – Klinger: Sturm und Drama
Drang, 1777
– Schiller: Die Räu-
ber, 1781

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6.5 Weimarer Klassik 114

Weimarer Klassik
Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura- Moderne Expressio- Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Friedrich Schiller: Kalokagathos


Über die ästhetische Erziehung des Menschen
DER SCHöNE MENSCH IST DER GUTE MENSCH
In Schillers Vorstellung ist schönes (= gutes) Handeln
äussere Schönheit innere Schönheit
Ausdruck der inneren Einstellung. Das Handeln ist
= gute Tat = Charakter (Seele)
der Spiegel der Seele. Der Ausdruck «schöne Seele»
Höflichkeit, Neigung,
ist die Übersetzung des griechischen Wortes
Pflichterfüllung, Wollen
«Kalokagathos» also die Kombination von äusserer
Hilfsbereitschaft
und innerer Schönheit. Wenn das Wollen und die
Pflicht übereinstimmen, ist Harmonie erreicht. (sichtbare) Ästhetik (unsichtbare) Ethik

In der idealistischen Vorstellung der Wahlweimarer Goe-


Das Göttliche
the und Schiller steht am Ziel der Menschheitsgeschichte
der gute, edle Mensch. Zu einem solchen muss sich jeder Edel sei der Mensch,
Einzelne erst entwickeln. Der Mensch ist ein Mittelwesen,
Hilfreich und gut!
halb Geist, halb Körper. Er steht vor der Wahl, sich den
naturgesetzlichen Notwendigkeiten der Materie zu unter- Denn das allein
werfen oder sich in die Freiheit des Geistes zu erheben. Unterscheidet ihn
Dazu benötigt er Selbstüberwindung und Disziplin. Für Von allen Wesen,
die beiden Klassiker ist klar: Die Erhabenheit (von «sich Die wir kennen
erheben») ist das Ziel. Sobald wir uns für den Pfad der
(Johann Wolfgang Goethe, Das Göttliche)
Tugend entschieden haben, ist wahre Menschlichkeit mög-
lich. Dann handeln wir schön im Sinne von vorbildlich,
edel und gut. Ein Vorbild einer solchen Gesellschaft sahen
die Klassiker in der antiken griechischen Welt. Auch die
Kunst soll ein Vorbild sein, sie soll das Ziel der erhabenen
Menschlichkeit in einer schönen, harmonischen Form dar-
stellen. Die Form der Kunst wird dadurch wichtig, fast
schon wichtiger als der Inhalt.

Weimarer Klassik (1786 bis 1810)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– Johann Wolfgang – Goethe: Gedichte – Der gebildete und – Strenge Form «Edel sei der
Goethe – Goethe: Egmont, tugendhafte vor- – Orientierung an Mensch / Hilfreich
(1749 –1832) 1788 bildliche Mensch überzeitlichen und gut / Denn
– Friedrich Schiller – Veranschaulichung Formmustern das allein / Unter-
– Goethe: Faust I,
(1759 –1805) des Schönen, scheidet ihn / Von
1808 – Schönheit und
Wahren und Guten allen Wesen / Die wir
– Schiller: Balladen Tugend gehen
in der Kunst kennen.»
ineinander auf
– Schiller: Maria (Johann Wolfgang
Stuart, 1800 Goethe)
– Schiller: Wilhelm Gattungen:
Tell, 1804 Drama, Lyrik

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6.6 Romantik 115

Romantik
Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura- Moderne Expressio- Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Das sind ein paar Beispiele für Symbole, die wir der
– ein Herz aus Stein (weiches Herz, kaltes Epoche der Romantik verdanken. Sie alle haben
Herz) haben mit Gefühlen zu tun, also mit etwas, das man nicht
– der Liebespfeil Amors sehen kann. Deshalb braucht die Romantik
– eine Vollmondnacht oder ein Sonnen­ Symbole.
untergang
– Ruinen von Schlössern oder Kirchen

Die Romantiker interessieren sich für das Innenleben der


Fragmente zur Poetik
menschlichen Seele. Dort treffen sie Gefühle, Stimmun-
gen, Sehnsüchte an, aber auch Schmerz, Enttäuschungen In einem echten Märchen muss alles wunderbar –
und Ängste. Ausdruck geben sie dieser «Innenwelt» in geheimnisvoll und unzusammenhängend sein – alles
Geschichten, die nicht die Realität abbilden, sondern die belebt. Jedes auf eine andre Art. Die ganze
Hoffnungen und Ängste von uns Menschen. Wir nennen Natur muss auf eine wunderliche Art mit der ganzen
sie Märchen. Ein Märchen darf «geheimnisvoll» sein. Im Geisterwelt vermischt sein. […] Die Welt des
Märchen vermischen sich Wirklichkeit und Traum. Gera- Märchens ist die durchaus entgegengesetzte Welt
de das Märchen vermag eine eigene Wahrheit abzubilden, der Wahrheit (Geschichte) – und eben darum ihr so
wie Novalis anmerkt. Denn was in uns drin passiert, ist durchaus ähnlich, wie das Chaos der vollendeten
für uns selber ebenso echt wie die wahrgenommene Rea- Schöpfung. […]
lität. Wer Sehnsucht und Liebesweh erfahren hat, weiss
davon. Novalis nennt das Märchen deshalb die vollende- Das Märchen ist gleichsam der Kanon der Poesie –
te Kunstform. Fast alle kennen zum Beispiel die Kinder- alles Poetische muss märchenhaft sein.
märchen der Brüder Grimm. Doch diese Märchen sind (Novalis, Fragmente zur Poetik)

nicht harmlos, sondern von Grausamkeit geprägt. Auch


die Kunstmärchen Hoffmanns und anderer Romantiker
decken die ambivalente Trennung von Innenwelt und Aus-
senwelt auf.

Romantik (1795 bis 1840)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– Novalis – Novalis: Heinrich – Künstler / Bürger – Fantastische und «Alles Poetische


(1772 –1811) von Ofterdingen, – Fantasie / Wirklich- märchenhafte muss märchenhaft
– E.T.A. Hoffmann 1799 keit Elemente sein.» (Novalis)
(1776 –1822) – Hoffmann: – Innenwelt / – Mysterien,
– Joseph von Eichen- Der goldene Topf, Aussenwelt Dämonen, Spuk
dorff (1788 –1857) 1814 – Fragment
– Erforschung des
– Jacob Grimm – Hoffmann: Der Innenlebens – Romantische Ironie
(1785 –1863) und Sandmann, 1816 (Gefühle, Träume,
Wilhelm Grimm – Eichendorff: Ängste u. Ä.)
Gattungen:
(1786 –1859) Gedichte, 1837
Märchen, Lied,
– Grimm: Kinder- Gedicht
und Hausmärchen,
1812–1815

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6.7 Frührealismus 116

Frührealismus
Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh­ Realismus Natura- Moderne Expressio- Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

In der Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1815 und meier), die eines gemeinsam haben: die Abkehr vom
den europäischen Revolutionen 1848 bilden sich Idealismus, der die Klassik und die Romantik prägt,
zwei einander völlig entgegengesetzte literarische hin zu einer Welthaltung im Hier und Jetzt.
Strömungen aus (Junges Deutschland und Bieder-

Junges Deutschland (JD) Biedermeier (B)


Die Literatur des Jungen Deutschland ist eine politische Ab 1815 bildet sich in Deutschland eine neue Art des
Literatur. Sie befasst sich mit Problemen der Gegenwart Schreibens heraus. Nach den Erschütterungen der Franzö-
und fordert politische Mitsprache, Demokratie und das sischen Revolution und den schrecklichen Erfahrungen der
Ende der Pressezensur. Die Literatur wird zur Stimme der napoleonischen Kriege richten viele Dichter den Blick auf
Unterdrückten und Ausgebeuteten. Davon zeugt Georg Themen aus der unmittelbaren Lebenswelt der Menschen.
Weerths «Hungerlied». Georg Büchner bringt die revolu- Familie, Natur, Heimat und Religion werden zentrale Mo-
tionäre Grundhaltung in seinem Pamphlet «Der Hessische tive in der Literatur. Die Literatur des Biedermeier ist ge-
Landbote» auf den Punkt: «Friede den Hütten, Krieg den prägt durch Mässigung, Entsagung, durch Zähmung der
Palästen!» Die Autoren sind von Zensur und politischer Leidenschaften und die Unterordnung unter das Schicksal.
Verfolgung betroffen. Die meisten Autoren des Jungen Dem Zwiespalt zwischen Ideal und Wirklichkeit wird eine
Deutschland fliehen ins Exil. Der berühmteste Exil-Autor heile poetische Welt entgegengesetzt, die sich in grosser
ist Heinrich Heine in Paris. Landschaftsverbundenheit äussert.

Das Hungerlied Der Weiher


Verehrter Herr König, Er liegt so still im Morgenlicht,
Weißt du die schlimme Geschicht? so friedlich, wie ein fromm Gewissen;
Am Montag aßen wir wenig, wenn Weste seinen Spiegel küssen,
Und am Dienstag aßen wir nicht. […] des Ufers Blume fühlt es nicht; […]
Drum lass am Samstag backen und horcht des Schilfes Schlummerliede;
Das Brot, fein säuberlich – ein lindes Säuseln kommt und geht,
Sonst werden wir sonntags packen als flüstr’ es: Friede! Friede! Friede!
Und fressen, o König, dich! (Annette von Droste-Hülshoff, Der Weiher)
(Georg Weerth, Das Hungerlied)

Frührealismus (1815 bis 1848)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– Georg Büchner – Büchner: Woyzeck, – JD: Politische Re- – JD: Abkehr von der – JD: «Friede den
(1813 –1837) 1836 aktion nach 1815, Romantik; journa- Hütten, Krieg den
– Heinrich Heine – Heine: Gedichte Verfolgung von listische Formen; Palästen!» (Büch-
(1797 –1856) Intellektuellen und Tagesbezug ner)
– Hülshoff: Die
Demokraten – B: Geheimnisvolle – B: «Er liegt so still
– A. v. Droste-Hüls- Judenbuche, 1842
hoff (1797–1848) – B: Rückzug in die Natur und mensch- im Morgenlicht, so
– Stifter: Der Nach-
ländliche Heimat, liche Schicksale friedlich, wie ein
– Adalbert Stifter sommer, 1857
in die Familie und fromm Gewissen.»
(1805 –1868) – Mörike: Gedichte Gattungen:
in die eigenen vier (Droste-Hülshoff)
– Eduard Mörike Wände. Lyrik, Erzählung
(1804 –1875)

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6.8 Realismus 117

Realismus
Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura- Moderne Expressio- Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Theodor Fontane: «Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848» (1853)

«Realismus ist die künstlerische Wiedergabe (nicht das bloße Abschreiben) des Lebens.»

künstlerische Wiedergabe nicht das bloße Abschreiben des Lebens

Fontane legt Wert Realismus ist die Wie- Realismus meint nicht Thema sind sowohl der
auf die künstlerische dergabe des Hier und die fotografisch getreue Alltag als auch mensch-
Wiedergabe, d.h., der Jetzt, der Realität. Abbildung. liche Grunderfahrungen
Künstler wählt aus, ge- wie Liebe, Tod, Enttäu-
staltet, verdichtet usw. schung, Betrug usw.

Wie die Aufklärung ist auch der Realismus eine gesamt-


europäische Epoche. Häufig wird er auch poetischer Re- Das Leben ist immer nur der Marmorsteinbruch,
der den Stoff zu unendlichen Bildwerken in sich trägt;
alismus genannt, denn er beschränkt sich nicht auf die
sie schlummern darin, aber nur dem Auge des Ge-
blosse Beschreibung der Wirklichkeit, sondern zielt auf
weihten sichtbar und nur durch seine Hand zu
eine künstlerische Darstellung der Realität. Träger dieser
erwecken. Der Block an sich, nur herausgerissen aus
Bewegung war das Bürgertum. Bürgerliche Werte und
einem größern Ganzen, ist noch kein Kunstwerk. […]
Ideen spielen eine grosse Rolle; die handelnden Charak-
Realismus ist die Widerspiegelung alles wirklichen
tere sind in der Regel im Bürgertum angesiedelt. Aus die-
Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen im
sem Grunde nennt man die Epoche oft auch bürgerlichen
Elemente der Kunst.
Realismus.
(Theodor Fontane, Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848)
Der Stil des Realismus lässt sich durch drei Eigen­
schaften beschreiben:
1. Detailtreue: In der Schilderung von historischen The-
men oder gesellschaftlichen Verhältnissen soll die
Wirklichkeit möglichst genau nachgeahmt werden.
2. Das wird erreicht durch den vorrangigen Einsatz der
beiden Stilmittel Beschreibung und Dialog.
3. Die Handlung weist eine hohe Wahrscheinlichkeit auf,
ist abgeschlossen und spielt in einem zeitgenössischen
bürgerlichen Milieu.

Realismus (1840 bis 1900)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– Theodor Fontane – Keller: Die Leute – gesellschaftliche – Wirklichkeitstreue «Realismus ist


(1819 –1898) von Seldwyla, Konvention / per- – epische Breite, die künstlerische
– Gottfried Keller 1856 /1874 sönliche Entfaltung Detailreichtum Wiedergabe (nicht
(1819 –1890) – Fontane: Unterm – Glück / Pflicht das bloße Abschrei-
– alltagsnahe
Birnbaum, 1885 ben) des Lebens.»
– Theodor Storm – menschliche Sprache
(Fontane)
(1817–1888) – Fontane: Effi Welterfahrungen – Beschreibungen
Briest, 1894/95 und Dialoge
– Storm: Der Schim-
melreiter, 1888 Gattungen:
Roman, Novelle

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6.9 Naturalismus 118

Naturalismus
Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura­ Moderne Expressio- Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Die Naturalisten streben eine exakte Milieuschilde-


Kunst = Natur – x rung an. Zugleich wollen sie jegliche Subjektivität
eliminieren und möglichst wissenschaftlich sein. So
(Arno Holz, zusammen mit Johannes Schlaf:
Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze, 1891)
kommt Arno Holz zu der Formel «Kunst = Natur − x»,
wobei die Kunst so weit wie möglich der Natur
entsprechen sollte und es also die Aufgabe des
Künstlers sei, das x aus der Formel möglichst klein
sein zu lassen.

Die Wissenschaft und die Technik entwickeln sich in der Die Kunst erhält die Aufgabe, die Menschen minutiös und
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasant. Mehr und genau in ihrem Leben und ihrer Umgebung zu zeigen.
mehr bestimmen sie das Leben der Menschen. Das hat Naturgetreue Gestalten kann der Künstler aber nur schaf-
Auswirkungen auf das Menschenbild der Zeit: der Mensch fen, wenn er die determinierenden Daseinsbedingungen
wird als von Vererbung, gesellschaftlichen Normen und des Menschen genau beobachtet, analysiert und darstellt.
dem neu entdeckten Unterbewusstsein bestimmt (deter- Naturwissenschaftlich exakt, fotografisch getreu und in
miniert) wahrgenommen, Willensfreiheit für unmöglich einem pedantisch eingehaltenen geradlinigen Zeitablauf
erklärt. Der berühmte Satz von Marx, wonach das Be- (Sekundenstil) beschreiben die Naturalisten Alltägliches,
wusstsein vom gesellschaftlichen Stand geprägt sei, defi- Hässliches und Triebhaftes, auch bis dahin tabuisierte
niert die Milieutheorie, die eine weitere Abhängigkeit Themen, denn unerbittliche Wahrheit ist das Prinzip.
(Determinierung) des Menschen zeigt.
Wichtige Themen der naturalistischen Literatur sind einer-
seits das Leben der Menschen des Proletariats, anderseits
Karl Marx: Zur Kritik der politischen ökonomie.
rückt besonders der skandinavische Naturalismus (Ibsen,
Vorwort (1859)
Strindberg) die Familie ins Zentrum der Literatur.
Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr
Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein,
das ihr Bewußtsein bestimmt.

Naturalismus (1880 bis 1900)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– Gerhardt – Hauptmann: Vor – Der Mensch ist – getreue Wiederga- «Kunst = Natur – x»
Hauptmann Sonnenaufgang, durch Milieu und be der Wirklichkeit (Arno Holz)
(1862–1946) 1889 Vererbung vorbe- – Umgangssprache,
– Arno Holz – Hauptmann: stimmt (determi- Dialekt
(1863 –1929) Die Weber, 1892 niert).
– Sekundenstil
– Henrik Ibsen – Hauptmann: Bahn- – Leben der
(1828 –1906) wärter Thiel, 1888 Unterschicht
(Not, Elend) Gattung:
– Holz: Die Familie Drama
Selicke, 1890
– Ibsen: Die Wild-
ente, 1885

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6.10 Moderne 119

Moderne
Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura- Moderne Expressio- Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Das riesige Habsburgerreich geniesst unter der Re- Die Länder an den Rändern des Reiches suchen die
gentschaft von Kaiser Franz Josef ein halbes Jahrhun- Unabhängigkeit, im Reich selber machen sich Antise-
dert Frieden und Stabilität. Wien wird zur Kulturme- mitismus und eine katholisch-konservative Wende
tropole. Gegen Ende des Jahrhunderts machen sich bemerkbar. Die Folge davon sind ein Endzeitgefühl
allerdings diverse Verfallserscheinungen bemerkbar: (Fin de Siècle) und Kulturskepsis.

Der Wiener Philosoph Ernst Mach stellt fest, dass die


Empfindung des eigenen Ich ein labiler Komplex unbe- Hugo von Hofmannsthal:
ständiger Empfindungen, Eindrücke, Gefühle, Assoziati- Prolog zu Arthur Schnitzlers Drama
onen und Erinnerungen sei: «Anatol» (1892)
«Nicht das Ich ist das Primäre, sondern die Elemente (Emp- Also spielen wir Theater
findungen). Die Elemente bilden das Ich.» (Mach, Beiträ- Spielen unsre eignen Stücke
ge zur Analyse der Empfindungen, 1886) Frühgereift und zart und traurig
Das Ich empfindet sich nie als Ganzes, sondern allenfalls Die Komödie unsrer Seele
in einzelnen Bestandteilen (Elementen); es löst sich auf Unsres Fühlens Heut’ und Gestern
in kleine Partikel. Böser Dinge hübsche Formel
Glatte Worte, bunte Bilder
Auf Machs generelle Problematisierung des Subjekts re- Halbes, heimliches Empfinden
agieren die Literaten mit einem Schwelgen in Genuss und Agonie, Episoden.
Schönheit und mit literarischem Impressionismus für den
Sofortgebrauch: Die Kaffeehausliteratur wird geboren. In
ihrem hohen ästhetischen Anspruch bedeutet sie eine Ab- Die Schlüsselwörter in Hofmannsthals Vorwort für
kehr vom Naturalismus. Schnitzlers Einakter «Anatol» betonen die Melancholie
(«frühgereift und zart und traurig»), die Abkehr vom welt-
verändernden Anspruch der Kunst («Agonie»), die Auf-
splitterung des Ganzen in Elemente («halbes Empfinden»,
«Episoden») und die bewusste Betonung des schönen
Scheins («böser Dinge hübsche Formel», «glatte Worte,
bunte Bilder»).

Moderne (1890 bis 1925)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– Arthur Schnitzler – Wedekind: Früh- – Dekadenz, – hohes Form- und «Nicht das Ich ist das
(1862–1931) lings Erwachen, Weltschmerz Stilbewusstsein Primäre, sondern die
– Frank Wedekind 1891 – Sprachkrise («L’art-pour-l´art- Elemente (Empfin-
(1864 –1918) – Schnitzler: Leut- Haltung») dungen).»
– Einsamkeit
– Hugo von Hof- nant Gustl, 1900 – Symbolik (Ernst Mach)
– Erotik
mannsthal – Walser: Geschwis-
– Identität,
(1874 –1929) ter Tanner, 1907 Gattungen:
Ich-Psychologie
– Robert Walser – Kafka: Die Ver- Lyrik, Novelle,
(1876 –1956) wandlung, 1915 Einakter
– Franz Kafka – Hofmannsthal:
(1883 –1924) Gedichte
– Rainer Maria Rilke – Rainer Maria Rilke:
(1883 –1924) Gedichte

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6.11 Expressionismus 120

Expressionismus
Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura- Moderne Expressio­ Kriegs- und Zwi-
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Kurt Pinthus gibt im Jahre 1920 eine Anthologie ex- der Einzige, der den Untergang der Menschheit the-
pressionistischer Dichtung heraus. Sie heisst «Mensch- matisiert. Karl Kraus z.B. nennt sein Riesenwerk, das
heitsdämmerung». Im Vorwort schreibt Pinthus, der sich mit den geistigen und mentalen Ursprüngen
Ruf nach dem «edlen, menschlichen Menschen» ha- des Weltkrieges befasst, «Die letzten Tage der
be in völliger Menschheitsfinternis geendet. Die «mo- Menschheit» (1915 –1922). Verschiedene Gedichte
derne» Literatur entwerfe demgegenüber eine neue tragen den Titel «Weltende», auch das berühmtes-
Kunst und ein neues Menschenbild. Pinthus ist nicht te Gedicht Jakob van Hoddis’.

Jakob van Hoddis: Weltende (1911) Karawane


Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, jolifanto bambla o falli
bambla
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
grossiga m’pfa habla horem
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
égiga goramen
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
higo bloiko russula huju
hollaka hollala
anlogo bung
blago bung
Eine verhältnismässig kleine Gruppe junger und unange- blago bung
passter Autoren empfinden ab der Jahrhundertwende die bosso fataka (Hugo Ball, Karawane)
Zivilisation als mangelhaft: das rasche Wachstum mit den
vielen Veränderungen, die rasant sich ins Riesige vergrö-
ssernden Städte, das zunehmende Tempo, die Elektrifizie-
rung, immer neue Verkehrsmittel (Strassenbahn, U-Bahn, Eine radikale künstlerische Reaktion auf den Irrationalis-
Autos) führen zur Akzeleration der Sinneseindrücke und mus und die Zerstörung des Kriegs ist der 1916 in Zürich
damit zu einem Gefühl der Überforderung. entstehende Dadaismus. Die Dadaisten setzen den expres-
Zivilisationskritik und Grossstadterfahrung versuchen die sionistischen Weg konsequent fort. Auf der Suche nach
jungen Expressionisten mit einer neuen Technik zu verar- einer neuen, unverdorbenen Sprache überwinden sie die
beiten. Ihre Gedichte zeichnen sich aus durch die Montage Grenzen der Logik und der Grammatik in absurden Mani-
unterschiedlicher Einzeleindrücke, die sie in starken Bil- festen, in der Collage oder in einer selbst erfundenen Laut-
dern und Symbolen ausdrücken. sprache, wie das Beispiel «Karawane» von Hugo Ball zeigt.

Expressionisums (1900 –1930)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– Georg Trakl – Kurt Pinthus: – Bedrohung durch – mächtige sprach- Expressionismus:


(1887–1914) Menschheitsdäm- Grossstadt, Massen liche Bilder «Dem Bürger fliegt
– Ernst Stadler merung, 1920 und Technik – Collage und Mon- vom spitzen Kopf
(1883 –1914) – Ernst Toller: – Entfremdung, aus- tage der Hut.»
Masse Mensch, geliefertes Ich (Jakob von Hoddis)
– Alfred – hohes Form-
Lichtenstein 1920 – Krisenbewusstsein bewusstsein
Dada:
(1889 –1914) – Döblin: Berlin Ale- – Sprachskepsis – Lautsprache «Jolifanto bambla
xanderplatz, 1929 (Dada)
Dadaismus: o falli bambla»
– Hugo Ball – Hugo Ball: Lautge- (Hugo Ball)
(1886 –1927) dichte Gattung:
– Kurt Schwitters – Kurt Schwitters: Lyrik
(1887–1948) An Anna Blume

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6.12 Kriegs­ und Zwischenkriegszeit 121

Kriegs­ und Zwischenkriegszeit


Barock Aufklärung Sturm und Weimarer Romantik Früh- Realismus Natura- Moderne Expressio- Kriegs­ und Zwi­
Drang Klassik realismus lismus nismus schenkriegszeit

Die Zeit der Weimarer Republik ist geprägt von öffent- nungen von Kurt Weill. Weills Melodien folgen dem
lichen Aufmärschen linker und rechter Parteien, ist Schwung der Zwanzigerjahre, Brecht verpackt in sein
aber auch eine Zeit des Tanzes, der Geselligkeit, des Stück allerdings vehemente Gesellschaftskritik: «Erst
Vergnügens. Die Roaring Twenties bringen das Kino in kommt das Fressen, dann kommt die Moral», lässt er
die Städte und die Menschen in die Theaterhäuser. seinen Helden Mackie Messer singen.
Brecht mit seinem epischen Theater feiert grosse Erfol-
ge, allen voran «Die Dreigroschenoper» mit den Verto-

Das Leben in der anonymen Grossstadt führt zu einem


unverbindlicheren Umgang der Menschen untereinander. Mascha Kaléko (1907–1975)
Die Literatur der sogenannten Neuen Sachlichkeit – hier Großstadtliebe (Berlin 1920)
am Beispiel eines Gedichtes von Mascha Kaléko – thema-
tisiert die Gefühlskühle und Distanziertheit. Man lernt sich irgendwo ganz flüchtig kennen
Und gibt sich irgendwann ein Rendezvous.
Die Weltwirtschaftskrise beendet abrupt die Ausgelassen- Ein Irgendwas, – ’s ist nicht genau zu nennen –
heit der Zwanzigerjahre. Der Aufstieg des Nationalsozia- Verführt dazu, sich gar nicht mehr zu trennen.
lismus zwingt die Autoren ins Exil oder in die sogenannte Beim zweiten Himbeereis sagt man sich ›du‹.
innere Emigration. Die Erfahrungen mit dem ungewollten Man hat sich lieb und ahnt im Grau der Tage
Exil und die Verarbeitung des Nationalsozialismus werden Das Leuchten froher Abendstunden schon.
zum Hauptthema der Literatur der Zeit. Ein berühmtes Man teilt die Alltagssorgen und die Plage,
Beispiel dafür ist Anna Seghers’ (1900 –1983) Erzählung Man teilt die Freuden der Gehaltszulage,
«Der Ausflug der toten Mädchen» (1943), in dem sie im … Das übrige besorgt das Telephon. […]
mexikanischen Exil am Beispiel einer Schulklasse die
Schicksale der Klassenkameradinnen während der natio- – Hat man genug von Weekendfahrt und Küssen,
nalsozialistischen Herrschaft nachzeichnet. Auch Brecht Läßt mans einander durch die Reichspost wissen
beschäftigt sich im Exil mit diesen Fragen, zum Beispiel Per Stenographenschrift ein Wörtchen: ›aus‹ !
in seinem Stück «Furcht und Elend des Dritten Reichs»
(1939).

Kriegs­ und Zwischenkriegszeit (1914 bis 1945)

Autoren Wichtige Werke Themen Poetik Merksatz

– Thomas Mann – Mann: Erzählungen – Wertewandel – Ironie «Erst kommt das


(1875 –1955) – Brecht: Dreigro- – Weimarer – Erzählerische Fressen, dann
– Hermann Hesse schenoper, 1928 Republik Distanz kommt die Moral.»
(1877–1962) (Bertolt Brecht, Drei-
– Kästner: Fabian, – Neue Sachlichkeit – Episches Theater
groschenoper)
– Hermann Broch 1931 – Exil bzw. innere (Brecht)
(1886 –1951) – Kästner: Gedichte Emigration
– Bertolt Brecht – Broch: Die Verzau- – Nationalsozialismus Gattungen:
(1898 –1956) berung, 1935/53 Erzählung, Roman,
– Erich Kästner – Horvàth: Jugend Episches Theater
(1899 –1974) ohne Gott, 1937
– Ödön v. Horváth
(1901–1936)

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 121 16.05.12 07:42


6.13 Literatur nach 1945 122

Literatur nach 1945


Die Literatur lässt sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr in Epochen
einteilen, zu vielfältig, zu heterogen ist sie. Durch den Einfluss der Unterhaltungsindustrie
und der Massenmedien rückt ihre gesellschaftsbildende Bedeutung in den Hintergrund.

Gattung Beschreibung Autoren und Werke

Trümmerliteratur Die Situation des vom Krieg zerstörten Deutschland – Wolfgang Borchert: Nachts
(1945 –1950) gibt die sogenannte Trümmerliteratur wieder: schlafen die Ratten doch
Thema ist der von Leid und Entbehrung geprägte – Heinrich Böll: Wanderer,
Alltag der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Form ist kommst du nach Spa...
die kurze, schnörkellose Erzählung.
– Günter Eich: Hörspiele

Gruppe 47 Engagierte Autoren haben sich bereits 1947 unter der – Heinrich Böll:
(1947–1967) Leitung von Hans Werner Richter zur Gruppe 47 Ansichten eines Clowns
zusammengeschlossen. Eckpunkte der Gruppe 47 sind – Günter Grass:
eine realistische Schreibweise und eine sozialkritische Die Blechtrommel
Grundhaltung.
– Ingeborg Bachmann:
Die gestundete Zeit

Dokumentarismus Das Dokumentartheater verarbeitet den Originalton – Heinar Kipphardt:


(60er-, 70er-Jahre) aus Erfahrungsberichten, Interviews, Gerichtsverhand- In der Sache J. Robert
lungen usw. Es geht von der Idee aus, den Zuschau- Oppenheimer
ern Stoffe von gesellschaftspolitischer Brisanz ungefil- – Rolf Hochhuth:
tert vor Augen zu führen und so letztlich zur Der Stellvertreter
politischen Bildung beizutragen.
– Peter Weiss:
Die Ermittlung

DDR Die Gründung der DDR galt vielen als Neuanfang, der – Christa Wolf:
(1949 –1989) grosse Erwartungen auslöste. Sozialistischer Realismus Der geteilte Himmel
und der sogenannte «Bitterfelder Weg» führt zu einer – Jurek Becker:
Thematisierung des Arbeitsalltags in der Literatur. Jakob der Lügner
– Christoph Hein:
Der fremde Freund

Deutsche und österrei­ Die österreichische und auch die bundesdeutsche – Martin Walser: Seelenarbeit
chische Literatur Literatur der Siebziger- und Achtzigerjahren waren – Thomas Bernhard:
(1970 –1990) geprägt von einer gesellschaftskritischen Grundhal- Holzfällen
tung. Man hinterfragte Machtverhältnisse, die unter-
– Alfred Andersch:
bliebene Aufarbeitung der Geschichte, Auswüchse der
Der Vater eines Mörders
kapitalistischen Konsumgesellschaft.

Schweizer Literatur Die beiden Grossmeister der Schweizer Literatur – Max Frisch: Stiller/Homo Faber
(1950 –1990) waren Frisch und Dürrenmatt. Beide prägten die – Friedrich Dürrenmatt:
deutsche Literatur wie keine anderen Schweizer vor Der Besuch der alten
oder nach ihnen. Von Frisch sind seine Romane zur Dame / Die Physiker
Identitätssuche von Bedeutung, von Dürrenmatt seine
– Peter Bichsel:
grotesken Theaterstücke. Bichsel hatte entscheiden-
Kindergeschichten
den Einfluss auf die deutschsprachige Kurzgeschichte.
Die 70er-Jahre waren die politischen Jahre der – Otto F. Walter:
Schweizer Literatur (Walter, Zorn u.a.). Wie wird Beton zu Gras
– Fritz Zorn: Mars

Pop­Literatur Die Pop-Literatur wendet sich vor allem der jugendli- – Frank Goosen: Liegen lernen
(90er-Jahre) chen Alltagswelt zu. Die Autoren sind an der Gegen- – Rainald Goetz: Rave
wart interessiert, sie beschreiben genau, suchen aber
– Sven Regener:
keinen tieferen Sinn. Nicht unkritisch gehen sie mit
Herr Lehmann
der unsere Zeit prägenden Warenwelt um.

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6. Literarische Erörterung 123

Die literarische Erörterung


Die literarische Erörterung reagiert auf ein literarisches Werk oder einen Ausschnitt
daraus. In der literarischen Erörterung beantworten Sie eine Frage, die eng mit dem
Text verbunden ist. Ihre eigenen Überlegungen bündeln Sie als Antwort auf diese
Frage. Daraus entsteht die sogenannte These.

These
Als These bezeichnet man einen als Behauptung aufgestellten Satz, der als Aus-
gangspunkt für die weitere Argumentation oder Interpretation dient. Gute Thesen
sind
– nicht allzu knapp (ein bis drei Sätze),
– auf den Text bezogen und am Text belegbar,
– allgemeinverständlich, nachvollziehbar,
– aussagekräftig (lieber provokativ als banal),
– wesentliche Aussagen über den zu erörternden Text.

Der Thesentrichter
Häufig werden Thesen zu allgemein formuliert. Deshalb müssen sie systematisch
eingegrenzt werden. Dieser Vorgang kann als Trichter dargestellt werden:

Beispiel anhand Kleists Lustspiel «Amphitryon»

Thematische Bestimmung:
Amphitryons Ohnmacht

Inhaltliche Einengung:
Amphitryons Tragik ist sein Doppelgänger, von dem er selber nichts weiss, der
allerdings viele von Amphitryons Angehörigen auf seine Seite zieht.

Sprachliche Zuspitzung:

Gute These Weniger gute These

Amphitryon ist ohnmächtig gegenüber Amphitryon hat einen Doppelgänger,


seinem Doppelgänger, da er zuerst der grosse Verwirrung bei seiner Ehe-
lange nichts von dessen Existenz ahnt, frau Alkmene, seinem Diener Sosias
und als es so weit ist, hat Jupiter bereits und den Feldherren auslöst.
Amphitryons Ehefrau und Diener sowie
Teile der Öffentlichkeit auf seine Seite
ziehen können.

Diese These ist gut, weil sie eigene Weniger gut ist diese These, denn sie
Überlegungen zum Text, die über das ist evident (auf ein einfaches Lesever-
einfache Leseverständnis hinausge- ständnis begründet), d.h., jeder, der
hen, zusammenfasst. das Stück Kleists gelesen hat, weiss
das – ohne darüber nachdenken zu
müssen.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 123 16.05.12 07:42


6. Literarische Erörterung 124

Gliederung der literarischen Erörterung


Literarische Erörterungen sind wie jede andere Erörterung aufgebaut (Deutsch am
Gymnasium 1, Sprache und Kommunikation, S. 104 f.). Sie verfügen über eine
Einleitung, einen argumentativen Hauptteil und einen Schluss.

Die literarische Erörterung ist ein ausformulierter Fliesstext, ohne Unter­ oder
Zwischentitel, ohne Tabellen, Listen und ohne Folgerungspfeile (➔).

Einleitung
Die Einleitung muss eine Einführung geben in den besprochenen literarischen Text
und in die Überlegungen, die der Autor der Erörterung angestellt hat. Der erste
Satz (oder allenfalls die ersten paar Sätze) enthält deshalb
– den Titel (Anmerkung: Titel werden in Anführungszeichen zitiert),
– den Autor,
– das Erscheinungsjahr (allenfalls Entstehungsjahr)
– und das Thema des besprochenen Werkes.
Ausserdem führt die Einleitung hin zur These, die ebenfalls bereits genannt wird.

Hauptteil
Der Hauptteil erklärt die These und belegt die einzelnen Aussagen am Text mit
Textbelegen (Zitaten).
Wichtig ist, dass Sie die Analyse der literarischen Merkmale des Textes und deren
Aussagen miteinander verknüpfen und nicht eines nach dem anderen abhandeln.
Beispiel: In Johann Wolfgang Goethes Gedicht «Auf dem See» aus dem Jahr 1789
freut sich ein offensichtlich junger Mensch an einer Bootsfahrt. (Thema)
Die Freude ist allerdings nicht ungetrübt, denn die mittlere Strophe ist traurig. Erst
gegen Ende setzt eine neue Heiterkeit ein. Goethes Gedicht veranschaulicht, wie
ein junger Mensch eine Lebenskrise verarbeitet. (These)

Zitieren
Jedes Zitat, das Sie heranziehen, muss in einem sogenannten Verweis korrekt ange-
geben werden. In Deutsch am Gymnasium 3: Literatur, S. 172 f., finden Sie eine
ausführliche Zusammenstellung aller Varianten und Besonderheiten.

Schluss
Der Schlussteil fasst die Überlegungen zusammen. Ein aussagekräftiger Schlusssatz
schlägt einen Bogen zum Titel.

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 124 16.05.12 07:42


6. Aufgaben auf einen Blick 125

Alle Aufgaben auf einen Blick


Mit den Tabellen lassen sich alle Aufgaben der vier Wege zur Literatur überblicken.
Sie können fortlaufend notieren, welche Schritte Sie bis wann bearbeiten oder welche
Texte Sie bereits geschrieben haben.

Zeitaufwand in Minuten

grosse Schwierigkeiten

einige Schwierigkeiten
mir schon gut bekannt
teilweise neu für mich

keine Schwierigkeiten
schreiben bis

neu für mich

erledigt
Schritte
1. Erzählen 20
2. Jemandem erzählen 20
3. Erzählerposition 40
4. Innensicht 30
5. Kommentar 40
6. Handlung 30
7. Zeit 45
8. Figuren 80
9. Schauplatz 30
10. Figurenrede 40
11. Erlebte Rede 45
Weg 1: Erzählen

12. Rückblende / Vorausdeutung 15


13. Spannung 40
14. Montagen 30
15. Stil 70
Versuchsstück: Kurzgeschichte 90

1. Spielen 30
2. Darstellen 30
3. Sprechen 30
4. Körpersprache 30
5. Konflikt 30
6. Tragik 40
Weg 2: Dramatisieren

7. Komik 60
8. Handlung 40
9. Akte 20
10. Spielfilm 20
11. Episches Theater 100
Versuchsstück: Dramolett 90

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 125 16.05.12 07:42


6. Aufgaben auf einen Blick / Literaturverzeichnis 126

Zeitaufwand in Minuten

grosse Schwierigkeiten

einige Schwierigkeiten
mir schon gut bekannt
teilweise neu für mich

keine Schwierigkeiten
schreiben bis

neu für mich

erledigt
Schritte
1. Verdichten 20
2. Verse 40
3. Reim 60
4. Klang 40
5. Sprachbild 40
6. Metapher 30
7. Allegorie 40
8. Wortwahl 40
9. Wortstellung 30
Weg 3: Dichten

10. Grammatik 45
11. Strophe 40
Versuchsstück: Sonett 60
Abstecher: Konkrete Poesie 45

1. Stimme 20
2. Thema 1W.
3. Anfang 40
4. Stilmittel 30
Weg 4: Slammen

5. Dramaturgie 30
6. Verbessern 30
7. Rollenspiel 30
8. Auftritt 10
9. Publikum 20

Literaturverzeichnis
Petra Anders: Poetry Slam. Live-Poeten in Dichterschlachten. Ein Arbeits- (Hrsg.): Taschenbuch des Deutschunterrichts, Band 2: Literatur- und
buch. Mühlheim an der Ruhr, 2007. Mediendidaktik. Baltmannsweiler (Schneider Hohengehren), Neu-
Katrin Bothe, Günter Waldmann: Erzählen. Eine Einführung in kreatives bearbeitung 2010, S. 311 – 325.
Schreiben und produktives Verstehen von traditionellen und moder- Christopher Vogler: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Über die
nen Erzählformen. Stuttgart 1992. mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos.
Michaela Krützen: Dramaturgie des Films. Wie Hollywood erzählt. Frankfurt am Main, 6. Auflage 2010.
Frankfurt am Main, 2. Auflage 2006. Günter Waldmann: Produktiver Umgang mit Literatur im Unterricht.
Kaspar H. Spinner: Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch 200 / Novem- Baltmannsweiler, 7. Auflage 2010.
ber 2006, S. 6 –16. Günter Waldmann: Produktiver Umgang mit Lyrik. Baltmannsweiler,
Kaspar H. Spinner: Handlungs- und produktionsorientierter Literatur- 10. Auflage 2008.
unterricht. In: Volker Frederking, Axel Krommer, Christel Meier

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Sachregister 127

Sachregister
A Fiktion 12, 82
freie Verse 108
Allegorie 53, 104
Alliteration 50, 71, 103
alltägliches Erzählen 11 G
Anapäst 48, 101 Gestik 34, 77, 100
Anapher 70, 106 Gruppe 47 122
Andeutung 23, 24, 27, 51
Anfangsreim 49
Antithese 56 H
Assonanz 50, 71, 103 Hakenstil 56
Assoziation 51, 104, 105 Handlung (Drama) 31, 32, 33, 38, 42, 96
Aufbau (Drama) 96 Handlung (Erzählung) 16, 82, 84
Aufbau (Erzählung) 84 Handlung (Spielfilm) 38, 40, 41
Aufbau (Slam-Text) 72 Haufenreim 102
Auftritt 34, 78, 80 Held (Drama) 36, 94, 96
auktoriales Erzählen 13, 14, 15, 83 Held (Spielfilm) 40, 41
äussere Charakterisierung 18, 91

B I
Identifikation (Drama) 36, 97
Beiseitesprechen 95 Identifikation (Spielfilm) 64, 72
Beschreibung 20, 28, 84, 86, 88, 89, 117 indirekte Charakterisierung 91
Biedermeier 116 Innensicht 11, 14, 82, 90
Bildgedicht 60, 108 innere Charakterisierung 19, 83, 91
Binnenreim 49, 71, 102 innere Emigration 121
innerer Monolog 92
C Inspirationstechnik 67
Inversion 56, 106
Charakter (Drama) 94, 97, 99
Charakterisierung (Erzählung) 11, 18, 19, 27, 28, 91
Cliffhanger 85 J
Collage 90 Jambus 48, 101
Jugendsprache 70
D Junges Deutschland 116

Dadaismus 120
Daktylus 48, 101 K
Darstellen 31, 32 Kadenz 101
Dauer 16, 82 Kinesik 34, 77, 100
Dialog (Drama) 33, 95 Komik 31, 37, 54, 98
Dialog (Erzählung) 21, 92 Kommentar 11, 15, 28, 83
direkte Charakterisierung 91 Komödie 99
direkte Rede 22, 92 Konflikt 31, 35, 99
Dramolett 44 konkrete Poesie 60, 108
Körpersprache 77
E Kreuzreim 102, 107
Kurzgeschichte 27
Ellipse 57
Endreim 49, 71, 103
Enjambement 56 L
Epipher 106 Lampenfieber 77
episches Theater 42 Lautgedicht 60, 108
Epoche 110 Lautmalerei 60, 103
Ereignis 11, 16 Leidenschaft 36, 97
erlebte Rede 22, 92 Leitmotiv 54, 106
Erzähler 11, 12, 13, 14, 15, 82 Leser 12
Erzählerkommentar 11, 15, 83 Lesererwartung 15, 20
Exilliteratur 121 literarische Erörterung 123, 124
Expressionismus 120

F M
Mehrdeutigkeit 54, 106
Fall (Spannung) 24, 85 menschliches Symbol 53
Fall (Tragödie) 97, 99 Merksatz 110
Figur (Drama) 94 Metapher 51, 52, 70, 104
Figurenrede (Erzählung) 21, 92

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 127 16.05.12 07:42


Sachregister 128

Metonym 104 Sonett 59


Metrum 48, 101 Spannung 15, 17, 23, 24, 39, 73, 85
Mikrofon 80 Spielfilm 36, 38, 40, 41, 99
Mimik 34, 77, 100 Spoken Word 63
Mitleid 36, 97 Sprachbild 51, 93
Moderne 119 Sprachkomik 98
Modulation 34, 76, 100 Sprechgestaltung 34
Monolog (Drama) 95 Stabreim 49, 50, 102
Montage 25, 90 Stichomythie 95
Motiv 84, 93 Stil 26, 70, 71, 80, 93
Strophe 58, 107
Sturm und Drang 113
N Symbol 51, 53, 104
Naturalismus 118 Synästhesie 52, 104
Nebentext 44, 100 Synekdoche 104
Neue Sachlichkeit 121 Synonym 104
neutrales Erzählen 13, 83

T
O Tempus 86
Ort 20, 84 Terzett 107
Ort (Schauplatz) 16, 82 Terzine 107
Oxymoron 52, 104 These 123
Tragik 36, 41, 97
Tragödie 39, 99
P Trochäus 48, 101
Paarreim 102 Trümmerliteratur 122
Parabel 42 Typenkomik 98
Parallelismus 57 Typus 94
Person 16, 82
personales Erzählen 13, 14, 83
Personifikation 51, 53, 70, 104 U
Perspektive 13, 68, 82, 83, 85, 90 umarmender Reim 102
Perspektivenwechsel 90 umgekehrter Held 43
Poetry Slam 63, 64, 66, 67
Pointe 73, 85
Pop-Literatur 122 V
Position 11, 13, 82 Verdichtung 47, 51
Proxemik 34, 77, 100 Verfremdung 42, 43
Vergleich 51, 70, 104
Vers 48
Q Versfuss 48, 101
Quartett 107 Volksliedstrophe 107
Vorausdeutung 23, 83, 86

R
Realismus 117 W
Redebericht 92 Weimarer Klassik 114
Regieanweisung 100 Wortfamilie 106
Reim 49, 102, 103 Wortfeld 54, 106
Rolle 32, 75 Wortstellung 55, 57, 106
Romantik 115 Wortwahl 26, 93
Rückblende 23, 83, 86 Wortwiederholung 55, 70, 106

S Z
Satzbau 26, 93 Zeitdeckung 17, 87
Schauplatz 16, 20, 82, 84, 88, 90 Zeitdehnung 17, 85, 87
Schlüsselwort 93 Zeitdruck 85
Schreibheft 7 Zeitraffung 17, 85, 87
Schüttelreim 71 Zeitsprung 85, 90
Situationskomik 37, 98 Zeitverhältnis 17, 86, 87
Skizzenheft 66 Zitat 124
Slam 63 Zitate-Collage 70
Slam Poetry 63 ZOPEF 16, 84
SOL (selbst organisiertes Lernen) 2, 8

DaG_4_WegeZurLiteratur.indb 128 16.05.12 07:42