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DIE VORLÄUFER GALILEIS

IM 14. JAHRHUNDERT
ANNELIESE MAIER

DIE VORLÄUFER GALILEIS


IM 14. JAHRHUNDERT

STUDIEN ZUR NATURPHILOSOPHIE


DER SPÄTSCHOLASTIK

R O M A 1949
E D I Z I O N I DI ' S T O R I A E LETTERATURA
VIA LANCELLOTTI II
Proprietä letteraria riservata

Edizioni di < Storia e L etteratura Koma


INHALT

E i n l e i t u n g .......................................................................... x
I. Grundbegriffe und Grundprinzipien.
1. Die Wesensbestimmung der Bewegung ^
2 . Das Problem der quantitas materiae . 26
3 . Ursachen und K r ä f t e ............................................... 5 3

II. Mathematisch-physikalische Fragestellungen.


4 . Der Funktionsbegriff in der Physik des 1 4 .

Jahrhunderts .................................................................. 8 1
5 . Velocitas totalis und Momentangeschwindigkeit ur
6 . Impetustheorie und Trägheitsprinzip . . 132
7 . Kontinuum, Minima und aktuell Unendliches 155

III. Weltanschauliche Wandlungen.


8 . Notwendigkeit, Kontingenz und Zufall . . 219
9 . Eine italienische Averroistenschule aus der er­
sten Hälfte des 1 4 . Jahrhunderts . . . 251
10. Der Widerruf des Blasius von Parma . 279

Quellenverzeichnis . 3°i
Handschriftenverzeichnis 305
Autorenverzeichnis 306
EINLEITUNG

Ucher die Naturphilosophie der Spätscholastik ist in den


letzten Jahrzehnten viel diskutiert worden, seit Pierre Duhem 1
nachzuweisen versucht hatte, dass sic die wesentlichen Grundge­
danken der klassischen Physik Galileis und seiner Zeitgenossen
bereits vorweg genommen habe, und dass diese letztere eigent­
lich nur eine Explizierung und Weiterführung der Gedanken
bedeute, die schon im 1 4 . Jahrundert ausgesprochen worden
seien. Diese Ansicht ist vielfach ungeprüft übernommen und,
z.T. mit erheblichen Uebertreibungen, in der Literatur immer
wieder aufs Neue wiederholt worden, sie hat aber auch verschie­
dentlich lebhaften Widerspruch hervorgerufen, ohne dass man
sich im allgemeinen weder auf der einen noch auf der andern
Seite die Mühe gemacht hat, Duhems These an den Quellen
selbst wirklich nachzuprüfen.
Grundsätzlich hat Duhem sicher recht, wenn er in der Na­
turauffassung des 1 4 . Jahrhunderts eine Vorstufe und Vorbe­
reitung der klassischen Physik sehen will; nur hat er im einzel­
nen die scholastischen Lehren oft in zu modernem Sinn inter­
pretiert und zu viel aus ihnen herausgelesen.
Im Ganzen genommen ist die Geschichte der exakten Na­
turwissenschaft im christlichen Abendland, von ihren Anfängen
im 1 3 . Jahrhundert bis in das 1 8 . hinein, eine Geschichte der
allmählichen Ueberwindung des Aristotelismus. Diese Ueber-
windung ist nicht in einer einzigen grossen Revolution erfolgt,
wie man es lange Zeit angesehen hat, und andererseits auch
nicht in einem stetig verlaufenden Emanzipationsprozess, der
sich gleichmässig über die Jahrhunderte erstreckt, sondern in
einer Entwicklung, die sich in zwei grossen Phasen vollzieht,1

1 Besonders in seinen frudes sur Leonard de Vinci; ceux qu'il a lut


•et ceux qui Tont lu, Vol. I-III, Paris 1906, 1909, 1913.
2 EINLEITUNG

von denen die erste ihren Kulminationspunkt im 1 4 ., die zweite


im 1 7 . Jahrhundert hat.
Die Anfänge dieses Prozesses liegen schon bei Roger Bacon
und Albertus Magnus, d. h. die Loslösung vom Aristotelismus
setzt gleichzeitig mit seiner Rezeption ein. Die aristotelische
Naturphilosophie wird keineswegs kritiklos übernommen; in
vielen Punkten bieten sich der Hochscholastik verschiedene In­
terpretationsmöglichkeiten schon in den antiken und arabischen
Kommentatoren, dazu kommen gewisse andere, gleichfalls aus
der Antike überlieferte Erkenntnisse, z.B. das archimedische
Prinzip mit seinen Folgerungen, die mit Aristoteles in Einklang
gebracht werden müssen: kurz, die Philosophen des 1 3 . Jahr­
hunderts standen von Anfang an vor der Aufgabe, kritisch zu
prüfen und sich in Zweifelsfällen zu entscheiden. Das Ergebnis
ist, dass schon damals eine originelle, von Aristoteles verschie­
dene Deutung der anorganischen Natur zu entstehen beginnt,
die freilich zunächst nicht über ein erstes Keimen hinauskommt.
Das Interesse der Hoch Scholastik gilt im allgemeinen andern
Fragen; nur einzelne Denker — Aegidius Romanus ist hier
vor allem zu nennen — liefern für dieses oder jenes Sonder­
problem einen Beitrag. Das ändert sich im 1 4 . Jahrhundert.
Nun bildet sich eine selbständige, vom Aristotelismus, von der
Philosophie und der Theologie weithin unabhängige Art der
Naturbetrachtung heraus, die man mit vollem Recht als phy­
sikalisches Denken bezeichnen kann. Und zwar ist das Spe­
zialgebiet, auf dem sich dieser Uebergang von Naturphilosophie
zu Naturwissenschaft vor allem vollzogen hat, dasselbe, von
dem 3 0 0 Jahre später die moderne Physik ihren Ausgang nimmt:
der Problembereich der Bewegungsvorgänge, d.h. die Mecha­
nik. Hier hat die Spätscholastik tatsächsich den Versuch ge­
macht, die Phänomene systematisch zu erfassen und von weni­
gen einheitlichen Prinzipien aus zu erklären in einer Weise,
die zweifellos eine grossartige Leistung darstellt. Auf diesen
Höhepunkt folgen etwa 2 0 0 Jahre des Stillstands, wenn nicht
des Verfalls, und dann im 1 7 . Jahrhundert die zweite grosse
W elle: die Mechanik Galileis, die Atomistik, das Erwachen der
mathematischen Physik mit Descartes und Leibniz, schliesslich
in Newtons « Philosophiae naturalis principia mathematica »
die Krönung und Zusammenfassung der Leistungen des Jahr­
hunderts.
EINLEITUNG 3

Die Schöpfer und Hauptvertreter der neuen Physik des 1 4 .


Jahrhunderts sind vor allem die Pariser Nominalisten, d.h.
J o h a n n e s B u r i d a n und seine Schule, die hauptsäch­
lich durch drei hervorragende Denker repräsentiert wird: Ni­
colaus von Oresme, der auf mehr als einem Gebiet einer der
genialsten Geister seiner Epoche gewesen ist, und die beiden
Deutschen Albert von Sachsen, der später der Gründer der
Universität Wien wurde, und Marsilius von Inghen, dem die
Universität Heidelberg ihre Entstehung verdankt. Sie sind die
eigentlich spekulativen Köpfe der neuen Bewegung, die sich
um die physikalischen Theorien als solche, um exakte Begriffs­
bestimmungen und Herausarbeitung der Grundprinzipien be­
mühen, ohne sich zu sehr in Einzelprobleme zu verlieren 23. Ne­
ben ihnen hat aber auch eine zweite Richtung, deren Verdienste
bisher noch nicht genügend gewürdigt worden sind, ihren gros­
sen Anteil an dieser Entwicklung gehabt: die Oxforder Philo­
sophen, freilich weniger die Ockhamisten — wie denn über­
haupt der Einfluss Wilhelm von Ockhams auf diesem ganzen
Gebiet minimal gewesen ist — als vielmehr die Mitglieder des
Merton-College, d. h. T h o m a s B r a d w a r d i n e und
seine Schule. Denn wir können auf naturphilosophischem Gebiet
mit demselben Recht wie von einer « Buridan-Schule » von
einer « Bradwardine-Schule » sprechen, auch wenn wir, hier und
dort, über die konkreten Lehrer-Schüler-Beziehungen in den
einzelnen Fällen wenig oder nichts wissen. Ausschlaggebend ist
die Einheitlichkeit der Lehrtradition und der geistigen Physiog­
nomie, die die beiden « Schulen » als solche erscheinen lässt.
Unter Bradwardines Mertonenses finden sich nun gleichfalls
eine Reihe von glänzenden Namen: zunächst seine beiden Ge­
nerationsgenossen und persönlichen Freunde Richard Killington

2 Auf die Buridan-Schule und ihre Leistungen hat Duhem als erster
hingewiesen und sie zum Gegenstand eingehender, auf gründliche Erfor­
schung der Quellen gestützter Studien gemadit, freilich mit Resultaten,
die, wie wir schon sagten, in manchen Punkten der Korrektur bedürfen.
Und nicht nur der Korrektur, auch der Ergänzung. Für Duhem waren
die Pariser Terministen, und nur sie, die « pr&urseurs de Galil£e ». Das
ist entschieden zu einseitig gesehen. Den Naturphilosophen der Buridan-
Schule kommt zweifellos der Hauptanteil an der Schaffung der neuen
Physik der Spätscholastik zu, aber sie sind nicht die einzigen gewesen,
die zu ihr beigetragen hal>cn. Wenn wir von Vorläufern Galileis im 14.
Jahrhundert sprechen wollen, dann gehören auch andere dazu.
4 EINLEITUNG

und W alter Burley, welch letzterer allerdings schon früh nach


Paris ging und etwa zwischen der Pariser und der Oxforder
Schule steht; dann, einer etwas jüngeren Generation angehörig,
Johannes Dumbleton, Richard Swineshead (oder Suisset), der
jahrhundertelang als der « Calculator » bekannt war, und Wil­
helm von Heytesbury, der Hauptrepräsentant der Sophismata-
Literatur, in der neben logischen auch physikalische Probleme
einen breiten Raum einnahmen. Die Stärke der Oxforder liegt
weniger auf spekulativ-theoretischem als auf methodisch-rech­
nerischem Gebiet. Neue physikalische Erklärungsversuche fin­
den sich kaum bei ihnen, dafür haben sie nicht nur in metho­
dologischer Beziehung eine grosse Leistung vollbracht, sondern
haben auch in mancher Einzelfrage tiefer und richtiger gesehen
als die Pariser und haben es vor allem besser verstanden, die
Probleme rechnerisch in Angriff zu nehmen. Neben diesen bei­
den Schulen haben wir schliesslich eine dritte Richtung, die
bisher von der Forschung fast ganz vernachlässigt worden ist,
die aber auch einen wichtigen Anteil an der Entstehung einer
neuen Naturauffassung gehabt h a t: es sind die i t a l i e ­
nischen A v e r r o i s t e n des 1 4 . Jahrhunderts, die we­
niger wegen konkreter wissenschaftlicher Einzelleistungen in
diese Entwicklung hereinzurechnen sind, als wegen ihrer allge­
meinen philosophischen Haltung, die eine tiefgehende Wandlung
in den weltanschaulichen Voraussetzungen des naturwissen­
schaftlichen Denkens zur Folge hat. W ir werden einige dieser
Philosophen kennen lernen, die die historische Kontinuität her-
stellen zwischen dem heterodoxen Aristotelismus des 1 3 . Jahr­
hunderts, der durch die Verurteilungen von 1 2 7 0 und 1 2 7 7 ge­
troffen wurde, und dem Averroismus der Renaissance.
Als Gesamterscheinung gesehen, kann man die neue Na­
turauffassung der Spätscholastik, die sich aus diesen verschie­
denen Komponenten 2 zusammensetzt, mit vollem Recht als

■ Nach Duhcm soll es neben der offiziellen scholastischen N aturphi­


losophie im 13. und 14. Jahrhundert noch eine besondere mehr geome­
trisch eingestellte Statik, die sogenannte « S c i e n t i a d e p o n d e r i ­
b u s » gegeben haben, in der gewisse aus der Antike überlieferte Kennt­
nisse — Schwerpunkt, Hebelgesetz, archimedisches Prinzip, Sätze über den
freien Fall usw. — weiter entwickelt worden seien, z. T. schon mit erstaun­
lichen Ergebnissen. Aber das trifft nicht zu. A!>geschen von einigen über­
lieferten antiken Schriften beschränkt sich diese scientia de ponderibus
EINLEITUNG 5

Vorläuferin der klassischen Physik betrachten: eben im Sinn


einer ersten Phase in einem grossen Entwicklungsprozess, des­
sen zweite und entscheidende Phase ins 1 7 . Jahrhundert fällt.
Und in diesem Sinn können wir auch von Vorläufern Galileis
im 1 4 . Jahrhundert sprechen.
Aber nur in diesem Sinn. Denn im einzelnen weist das
Bild hier und dort oft sehr verschiedene Züge auf. Wir dürfen
uns /nicht täuschen lassen durch eine scheinbare Aehnlichkeit,
die durch die Identität des Gegenstands bedingt is t: die zu
erklärenden Phänomene waren ja im allgemeinen dieselben für
das 1 4 . wie für das 1 7 . Jahrhundert, und infolgedessen stimmen
auch die Ergebnisse, zu denen die Erklärungsversuche das eine
und das andere Mal führen, namentlich gegenüber Einzelpro­
blemen, häufig weitgehend überein. Das ist selbstverständlich
und besagt nichts. Worauf es einzig und allein ankommt, ist,
ob auch die Erklärungsversuche als solche sich decken, d. h.

auf zwei Traktate (oder vielleicht auch nur zwei Versionen desselben Trak­
tats), in denen in unsystematischer Form eine Reihe von Sätzen über
mechanische Probleme zusammengestellt sind und als deren Verfasser im
allgemeinen Jordanus de Nemore gilt. Zu diesen sogenannten « Elementa »
des Jordanus sind nun im 13. Jahrhundert einige Kommentare geschrie­
ben worden: das ist alles. Inhaltlich beschränkt sich diese Literatur auf
einfachste Regeln, zu denen die scholastische Naturphilosophie von sich
aus ebenso gut gelangt ist, oder die sie genau so wie der « auctor de
ponderibus» als überliefertes antikes Gedankengut kannte. Dass von
einer Entdeckung des Prinzips der virtuellen Arbeit durch Jordanus keine
Rede sein kann, ist schon so oft. gegen Duhem. gezeigt worden, dass die
Frage heute als erledigt gelten darf. Tatsächlich ist diese scientia de
ponderibus nicht über die ersten Schritte auf dem Weg zu einer wissen­
schaftlichen Mechanik hinausgekommen. Und diese Bemühungen — die
sich in der Form mehr an Euklid als an Aristoteles orientieren — beschrän­
ken sich auf das 13. Jahrhundert; zu einer Weiterenwicklung dieser Ge­
danken oder gar zu einer Lehrtradilion ist es nicht gekommen. Im 14-
Jahrhundert werden gelegentlich noch Sätze aus Jordanus oder seinen
Kommentatoren zitiert, aber meist schon in ungenauer oder sogar miss­
verstandener Form, die erkennen lässt, dass die Texte selbst nicht mehr
gelesen wurden. Jedenfalls gibt es keine scientia de ponderibus mehr. Erst
an der Schwelle zum 15- Jahrhundert schreibt Blasius von Parma noch
einmal einen Kommentar zu den Elementa des Jordanus. der aber ledig­
lich der Ausfluss eines historischen Interesses ist — Blasius hat auch
sonst gern über ältere Autoren kommentiert — und kein Zeichen für
ein Wiederaufleben dieser Wissenschaft. W ir haben also keinen Grund
in ihr eine weitere Komponente der neuen Physik des 14- Jahrhunderts
zu sehen.
0 EINLEITUNG

ob die Begriffe, Prinzipien, Theorien, mit denen die Phänomene


beschrieben und gedeutet werden, in der Spätscholastik und in
der « Wissenschaft Galileis », wie man zu ihrer Zeit die klas­
sische Physik genannt hat, die gleichen oder wenigstens ver­
wandte sind. Das ist seit Duhem die strittige Frage.
Um sie zu entscheiden, gibt es nur einen W e g : wir müs­
sen versuchen, uns von den physikalischen Theorien des 1 4 .
Jahrhunderts und dem weltanschaulichen Rahmen, in den sie
hineingehören, ein objektives und möglichst exaktes Bild zu ma­
chen, müssen feststellen « wie es eigentlich gewesen ist ». Und
dazu sollen die folgenden Untersuchungen einen Beitrag liefern4.

« Einige von ihnen sind schon in etwas anderer, meist kürzerer Form,
als Aufsätze in folgenden Zeitschriften erschienen: das erste Kapitel in
«Angelicum » XXI, 1944 , S. 97 ff.; das zweite in « Gregorianum » XXVII,
1946, S. 8 9 ff.: das vierte in « Divus Thomas » (Fribourg), III. Serie Bd.
24. 1946. S. 147 ff.; das siebte in « Antonianum » XX, 1945. S. 3 3 1 ff. —
Die vorliegenden Untersuchungen sind wie unsere früheren Veröffentli­
chungen zur spätscholastischen Naturphilosophie, auf die wir gelegentlich
verweisen werden (Das Problem der intensiven Grösse in der Scholastik,
Leipzig-Wien 1 9 3 9 ; Die Impetustheorie der Scholastik, Leipzig-Wien 1940;
An der Grenze von Scholastik und Naturwissenschaft, Essen 1 9 4 3 — wir
zitieren sie im folgenden als I, II, III), hauptsächlich unter Benützung
der Handschriften und Drucke der ßiblioteca Vaticana entstanden. Dem
hochverehrten Scriptor der Apostolischen Bibliothek, Mons. Pelzer, dessen
ständige gütige Unterstützung wir jahrelang bei diesen Arbeiten erfahren
durften, sei auch an dieser Stelle noch einmal unser herzlichster und auf­
richtigster Dank gesagt.
N. B.: [ ] in den Zitaten bedeutet Zusatz, < > Streichung.
I
GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN
1 .
D IE W ESEN SB ESTIM M U N G DER BEW EGUNG

Der Ausgangs- und Mittelpunkt der scholastischen Physik


ist der Begriff der Bewegung, aber ein Begriff der Bewegung,
der eine sehr viel weitere Bedeutung hat als der der galileischen
und nachgalileischen Mechanik und tatsächlich äquivalent ist
dem Begriff des physischen Vorgangs überhaupt. Bewegung
heisst für die aristotelisch-scholastische Philosophie Uebergang
von Potenz zu Akt oder umgekehrt, und sie findet sich darum
überall, wo innerhalb derselben formalen Bestimmtheit der Un­
terschied von aktuellem und potentiellem Sein gegeben ist. Das
ist nach Aristoteles in vier Kategorien der F a ll: Substanz, Quan­
tität, Qualität und Ort *. So fällt unter den allgemeinen Begriff
der Bewegung die generatio und corruptio, d. h. das substan­
tiale Entstehen und Vergehen ; die quantitative Zu-und Abnah­
me, die sich entweder cum adventu bezw. recessu materiae voll­
zieht (augmentatio und diminutio im eigentlichen Sinn, die nur
für Lebewesen ln Frage kommt) oder in einer blossen Volumen­
änderung ohne Vermehrung oder Verlust von Materie besteht
(rarefactio und condensatio 3) ; die qualitative Veränderung oder
alteratio, deren wichtigster Spezialfall das Phänomen der inten­
siven Steigerung oder Verminderung (intensio und remissio)
ist, und schliesslich die lokale Bewegung, die schon Aristoteles
als ursprünglichste und wichtigste Bewegungsart bezeichnet.
Eine präzisere Bestimmung des Bewegungsbegriffs bringt

* Praedic, cap. 14; Phys. III cap. 1; u. ö.


* Aristoteles hat sich allerdings über die letztere nicht eindeutig
geänssert, sodass gelegentlich, unter Berufung auf ihn, rarefactio und
condensatio auch als qualitative Änderungen angesehen werden. Aber die
andere Auffassung überwiegt, und sie wird gleichfalls, mit demselben oder
grösserem Recht, auf Aristoteles zurückgeführt.
10 GRUNDBEGRIFFE UND G RUN DPRIN ZIPIEN

eine Einschränkung, die sich bereits bei Aristoteles findet 3


und die von der Scholastik fast allgemein akzeptiert wurde.
Als Bewegung im eigentlichen, engeren Sinn soll danach nicht
der Ucbergang von Akt zu Potenz oder umgekehrt schlechthin
bezeichnet werden, sondern nur ein Uebergang, der sich all­
mählich und sukzessiv, nicht sprungweise und plötzlich voll­
zieht. Ein Wechsel, der ohne solchen allmählichen Uebergang
erfolgt, wird mutatio genannt und vom motus im strengen
Sinn unterschieden. Eine solche mutatio liegt nach der ziem­
lich allgemein vertretenen Ansicht in dem Vorgang der gene­
ratio und corruptio vor: die Aktualisierung einer substantialen
Form in der Materie oder ihre Rückkehr in die materielle
Potenz soll ein Prozess sein, der nicht nach und nach, son­
dern plötzlich und instantan erfolgt und der darum nicht, oder
nur im weiteren Sinn, als Bewegung anzusehen ist.
Ein wesentliches Moment im Bewegungsbegriff ist also
die Sukzession, und zwar wird sie als eine ursprüngliche und
eigenartige Ordnung nach prius und posterius aufgefasst, die
von Anfang an implicite im Begriff des motus mitgedacht
wird und die zunächst noch nicht ein zeitliches Vor- und Nach­
einander sein soll. Denn für Aristoteles und die Scholastik
ist ja die Zeit gegenüber der Bewegung etwas Abgeleitetes:
sie ist ihr Mass, ist die mensura motus secundum prius et
posterius, d. h. sie ist die Explizierung des im Phänomen der
Bewegung liegenden Sukzessionsmoments. Das ist eine Vor­
stellung, die dem modernen Denken sehr fern liegt, die aber
von grundsätzlicher Bedeutung für die Bewegungslehre der
Hoch- und Spätscholastik geworden ist.
Bewegung ist somit ein sukzessives Erwerben oder Ver­
lieren eines kategorialen Moments, einer sogenannten « per­
fectio », oder, anders ausgedrückt, ein aliter et aliter se habere
hinsichtlich einer der drei Kategorien der Quantität, der Qua­
lität oder des Orts. Nun erhebt sich aber noch die Frage, in
welche Kategorie die Bewegung als solche zu rechnen ist.
Ist sie wesensgleich mit der ft Vollkommenheit >», die durch
sie erreicht wird, gehört sie also selbst in die Kategorie, in
der sie sich vollzieht, oder repräsentiert sie eine besondere
v pässio >» für sich ? Beide Auffassungen lassen sich auf Ari-

Phy*. V cap. 1-2; Metaph. X cap. 12; u. ö.


DIE WESENSBESTIMMUNG DER BEWEGUNG 11

stotelesstellen zurückführen4, sodass die Entscheidung strittig


war. Die Scholastik hat die Frage im allgemeinen in Form
einer eigenartigen Alternative gestellt: ist die Bewegung eine
f o r ma f l u e n s oder ist sie ein f l u x u s f o r m a e ?
Diese Fragestellung hat in der scholastischen Naturphi­
losophie eine ziemliche Rolle gespielt und zwar eine Rolle
besonderer Art. Nicht nur weil die Antwort, die sie gefunden
hat, entscheidend gewesen ist für die ganze Auffassung der
Bewegung mit all ihren Konsequenzen: auch die Problemstel­
lung als solche ist Gegenstand mancher Diskussion geworden.
Denn es war schon sehr früh in Vergessenheit geraten, woher
diese Antithese eigentlich stammt. Sie wurde im allgemeinen
auf eine Averroesstellc zurückgeführt *, die zwar inhaltlich eine
entsprechende Unterscheidung macht, in der sich jedoch die
beiden für die scholastische Vorstellungswelt ungewöhnlichen
Begriffe • nicht finden. So werden denn auch gelegentlich Stim­
men laut, die erklären : ista distinctio nunquam fuit Commen­
tatoris 7, und die sie überhaupt als unsinnig ablehnen. Ver­
einzelt wird auch angegeben, die Antithese gehe auf Avicenna
zurück. Nun findet sich zwar auch in Avicennas Sufficientia,
d. h. in der lateinischen Uebersetzung seiner Physik, eine Stel­
le *, die diese Unterscheidung dem Sinn nach bringt, aber die
beiden fraglichen Begriffe begegnen auch hier nicht.
Tatsächlich ist der Urheber dieser viel beachteten und viel
umstrittenen Fragestellung A l b e r t u s Ma g n u s gewesen.
In einem Kapitel seines Physikkommentars • erörtert er das
Problem: an in praedicamentis sit motus et qualiter sit in
illis. Er will sich grundsätzlich der averroistischen Auffassung
anschliessen, sie aber, da sie ihm dunkel und zweifelhaft zu

* Die erstcre auf Phys. III cap. i, Metaph. X cap. 9; die letztere
auf Praedic, cap. 9.
3 Phys. III comm. 4 (Opera, Ed. Venedig 1550. vol. IV).
9 Denn die Formen sollen ja ihrem Wesen nach unveränderlich sein
— forma est simplici et invariabili essentia consistens sagt ein viel zitier
ter Satz des Liber sex principiorum —: eine forma fluens oder ein fluxus
formae ist also eigentlich eine contradictio in adiecto.
7 So heisst es bei Petrus Aureoli (Sent. II dist. 1 qu. 3 art. I; Ed.
Rom 1596-1606).
8 Sufficientia II cap. 1-2 (Ed. Venedig 1508).
• Phys. III tract. I cap. 3 (Opera. Ed. Borgnet. Vol. III, Paris 1890).
12 G R U N D BE G RIFFE UN D G R U N D PR IN Z IPIE N

sein scheint, etwas klären und präzisieren. Das soll geschehen


durch Aufzählung und Erörterung der Bewegungsthcorien, die
die verschiedenen Aristoteleserklärcr vertreten hätten, und die
schon Avicenna zusammengestellt habe 10. Und in dieser Wie­
dergabe nun fuhrt Albertus jene Begriffe ein, die dann zugleich
zur Interpretation der Averroesstelle dienen. So erklärt es sich
auch, dass die Antithese von forma fluens und fluxus formae
von den Späteren teils Averroes, teils Avicenna zugeschrieben
worden ist.
Averroes selbst formuliert folgendermassen 11: einerseits
unterscheidet sich die Bewegung von der Vollkommenheit, die
durch sie erreicht wird, nur dem Grad, aber nicht dem Wesen
nach; folglich gehört sie von hier aus gesehen in dieselbe
Kategorie wie das Ziel, auf das sie gerichtet ist. Denn die
Bewegung ist nichts anderes als eine Stück für Stück erfolgende
Erzeugung der betreffenden perfectioia. Betrachtet man dage­
gen die Bewegung, insofern sie der Weg zu der betreffenden
Vollkommenheit ist, dann ist sie (ein genus per s e ; denn die via
ad rem ist von der res verschieden. Unter diesem »Gesichtspunkt
stellt die Bewegung in der Tat eine besondere Kategorie dar.
Averroes fügt hinzu, diese letztere Auffassung sei berühmter,
die erstere dagegen richtiger 1S.
Diese Stelle also will Albert interpretieren und präzisie­
ren, indem er die verschiedenen Arten betrachtet, wie die
Bewegung aufgefasst worden ist oder aufgefasst werden kann.
Und diese Aufzählung gibt er, wie gesagt, in ausdrücklichem
Anschluss an Avicenna, freilich mehr in Form einer freien
Paraphrase als einer Wiedergabe des oft recht unklaren Ka­
pitels der Sufficientia.
Es gibt drei Möglichkeiten, wie die Bewegung betrachtet
werden kann : einmal bezogen auf das movens, und von hier
aus gesehen gehört sie in die Kategorie der actio; zweitens
bezogen auf das mobile, und unter diesem Gesichtspunkt ist

i° Sed quia isla solutio Averrois est obscura et dubia, ideo antequam
inquiramus de ea, tangemus omnes diversitates Peripateticorum de genere
motus: et has quidem ante nos videtur tetigisse Avicenna in Sufficientia.
n A. a. O.
12 Motus enim nihil aliud est quam generatio partis post aliam illius
perfectionis ad quam intendit motus.
11 Et iste modus est famosior, ille autem est verior.
DIE WESENSBESTIMMUNG DER BEWEGUNG 13

sie zu den passiones zu rechnen: das habe auch Aristoteles in


jener Stelle der Praedicamenta gem eint; und schliesslich drit­
tens bezogen auf das Ziel der Bewegung — finis et terminus
motus — und von hier aus gesehen erscheine die Bewegung
als fluxus alicuius entis in id quod est terminus motus. So ist
z. B. das Schwarzwerden, das nigrescere, ein fluxus in nigre­
dinem, die augmentatio ein fluxus ad perfectam quantitatem,
die lokale Bewegung ein fluxus ubi.
Die Vertreter dieser Ansicht zerfallen in zwei Klassen:
einige nehmen an, dass dieser fluxus sich von dem Ziel, in
dem er zum Stillstand kommt, nicht nach Wesen und Art
(differentia specifica sive per essentiam) unterscheidet, son­
dern nur «der Seinsform nach (per esse tantum), insofern ihm
ein esse in fluxu zukommt, während das erreichte Ziel ein esse
in quiete aufweist. Nach dieser Auffassung, die Averroes ver­
treten zu haben scheine, gehört der motus in die Kategorie,
in der er sich vollzieht; das nigrescere ist eine nigredo pertran-
siens sive fluens, das ascendere ein ubi fluens usw.
Andere dagegen erklären, jener fluxus entis, als den die
Bewegung sich darstellt, sei nach Art und Wesenheit von seinem
Ziel verschieden. So sei das nigrescere per essentiam et per
differentiam specificam verschieden von der nigredo und sei in­
folgedessen weder eine species qualitatis noch eine Q ualität;
kurz, die Bewegung gehört in eine andere Kategorie als das
Bewegungsziel. Sie repräsentiert einen besonderen fluxus und
ist nicht einfach identisch mit der forma in fluxu oder dem ens
fluens.
Dieser fluxus formae kann nun aber wieder in doppelter
Weise aufgefasst werden; man kann der Ansicht sein, dass
er überhaupt in keine der bekannten Kategorien gehört, son­
dern nur eine via ad rem praedicamenti oder ein principium
ad ipsam is t: diese Ansicht habe Avicenna vertreten. Und
schliesslich kann man annchmen, die Bewegung als solche sei
ein praedicamentum per se, das univoce von den verschiede­
nen Bewegungsarten prädiziert werden kann, derart dass diese
letzteren gleichsam als Spezies unter dem Gattungsbegriff motus
enthalten wären. Aber diese Ansicht lehnt Albert als sententia
debilis a b : die verschiedenen Bewegungsarten haben nichts
Gemeinsames secundum univocationem, sodass kein übergeord­
netes Genus angenommen werden kann.
14 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

So fällt also von den aufgezählten fünf Bewegungstheo­


rien, die unter den vielen opiniones über die Bewegung die
bekanntesten seien, die letzte von Anfang an weg. Eine nä­
here Erörterung der rationes pro et contra führt dann weiter
zur Ausschaltung der beiden ersten Erklärungsversuche: es
ist ein Unterschied, ob man den motus betrachtet in‘ seiner
Beziehung auf das verursachende movens, oder lediglich se­
cundum esse quod habet in mobili. Nur mit der letzteren Be­
trachtungsweise wird das eigentliche Wesen der Bewegung er­
fasst. Aus diesem Grund scheidet die erste Interpretation aus:
die Bewegung ist ihrem Wesen nach höchstens actionis agentis
effectus aber nicht die actio selbst. Aus demselben Grunde ist
auch die Auffassung, der motus sei eine passio, nicht exakt,
denn wieder spielt hier die Beziehung auf die bewegende Ur­
sache herein. Man kann allenfalls sagen: in motu est passio,
insofern bei jeder Bewegung eine Einwirkung des movens auf
das mobile vorliegt, aber nicht: motus est passio.
Für die eigentliche Wesensbestimmung der Bewegung
bleiben also die dritte und vierte Auffassung, d. h. die des
Averroes und die des Avicenna, die Albert durch die Alternative
cf forma fluens oder fluxus formae? » charakterisiert.
Albert entscheidet sich für die averroistische Auffassung,
ohne jedoch die Avicennas ganz ausschliessen zu wollen. Die
Bewegung ist nach seiner Ansicht in derselben Kategorie, in
der sie sich vollzieht, sie ist ihrem Wesen nach gleich dem Ziel,
das durch sie erreicht wird, und unterscheidet sich von die­
sem nicht secundum essentiam, sondern nur secundum esse,
insofern cs eben im einen Fall ein esse in fluxu, im andern
ein esse in quiete is t14.
Aber auch die Avicenna’sche Deutung will er, wie gesagt,

i« Albert erläutert diese Auffassung an folgendem Beispiel: Si nos


imaginemur puncti fluxum facere lineam et terminari fluxum puncti in
aliquo puncto, ubi terminatur fluxus cius, constat quod terminus lineae
in quo stat fluxus puncti intrinsecus est et essentialis lineae: et non pos­
sumus dicere quod punctum terminans fluxum esset alterius essentiae
quam punctum fluens, sed esse est aliud fluentis et stantis per modum
termini. Est autem per omnia simile in quali fluente et terminante fluxum
illum et in quanto fluente et terminante fluxum quanti et sic de aliis.
Ergo eiusdem est motus et terminus motus, et sic patet quod motus
est in eodem praedicamento in quo est terminus motus.
DIE WESENSBESTIMMUNG DER BEWEGUNG 15

nicht völlig ablehnen. Die Annahme, die Bewegung als solche,


sei ein fluxus, der in gar kein Genus gehört, sondern eben
nur via ad genus ist, ist insofern richtig, als die Kategorien
nur eigentliche entia unter sich begreifen: motus autem pro­
pter sui imperfectionem non est ens proprie loquendo, sed est
entis. Insofern enthält die Auffassung, der Avicenna gefolgt
ist, doch einen richtigen Kern. Aber als eigentliche Entschei­
dung des Problems bleibt die andere, in der Albert die wahre
Meinung des Averroes sieht: motus und terminus motus sind
wesensgleich, die Bewegung ist die Form, die durch sie er­
reicht wird, aber eben nicht als forma quiescens, sondern als
forma fluens.
Diese Begriffe, die in der scholastischen nach-albertini-
schen Philosophie bald allgemein geläufig wurden, sind in der
neueren Literatur viel beachtet und nicht immer ganz richtig
verstanden worden ,s. Namentlich der Begriff der forma fluens
hat gelegentlich seltsame Auslegungen gefunden, so als ob
die Scholastik im Gegensatz zu den starren, unveränderlichen
Formen der griechischen Philosophie « fliessende Formen » ge­
kannt hätte und als ob von diesen ein Weg herüberführte zu
den mathematischen Funktionen der Neuzeit oder gar zu der
Fluxionsrechnung Newtons.
Davon ist gar keine Rede; und Albertus Magnus selbst
schliesst diese Deutung mit der Feststellung aus, dass der
Unterschied zwischen ruhender und fliessender Form sich nur
auf das esse und nicht auf die essentia beziehe, d. h. nicht
auf die Form selbst, sondern nur auf die participatio des Sub­
jekts an der Form. Die Formen selbst sind als solche, an sich,
unveränderlich; es werden nur nacheinander verschiedene Spe­
zies desselben Genus (etwa der Farbe oder der Grösse) bezw.,
bei intensiver Steigerung und Verminderung, verschiedene Gra­
de innerhalb derselben Spezies in einem Subjekt realisiert. Das
was fliesst, ist nicht die Form, sondern ihr esse, ihr Realisiert­
sein als inhaerens in einem Subjekt 1‘.

is Vor allem im Anschluss an Duhcms Aufsatz Lc mouvement absolu


et le mouvement relatif, Revue de philosophie VII-IX, 1907-09-
i® Bezw., bei generatio und corruptio — sofern diese überhaupt zu
den Bewegungen gerechnet werden, was Albert in unserm Zusammenhang
tut —, ihr Realisiert-sein in der Materie.
16 GRUNDBEGRIFFE UN® GRUNDPRINZIPIEN

ln diesem Sinn also ist für Albert die Bewegung eine


forma fiuens. Und diese Lösung des Problems ist für die Scho­
lastik auf Jahrzehnte hinaus, bis in die zwanziger Jahre des
14. Jahrhunderts hinein, massgebend geblieben. Die Auffassung
ist fast durchweg die, dass motus und terminus motus, oder,
anders ausgedrückt, motus und forma acquisita per molum
zusammenfallen 1T. Die Bewegung unterscheidet sich nicht von
der Form, « secundum quam *» sie sich vollzieht, Bewegung und
Bewegungsziel sind nicht nur wesensgleich, sondern geradezu
identisch. Eine lokale Bewegung wäre also gleichzusetzen mit
dem Ort, eine qualitative Aenderung mit der betreffenden Qua­
lität, eine quantitative mit der Quantität.
Diese Auffassung ist nicht so absurd, w’ie sie auf den er­
sten Blick erscheint. Denn die Scholastik hat ja, wie wir schon
sagten, von Anfang an im Begriff der Bewegung die Sukzes­
sion mitgedacht. Eine Identifizierung von motus und terminus
motus bedeutet darum für sie ohne weiteres und ohne dass es
nötig war, das ausdrücklich auszusprechen, die Gleichsetzung
der Bewegung mit dem sukzessiven Nacheinander der verschie­
denen termini.
Es ist eine Besonderheit des scholastischen Denkens, die
man auch in anderen Zusammenhängen beobachten kann, dass
bei der begrifflichen Analyse das Zeitmoment gern unterdrückt,
oder richtiger: dass es nicht explicite herausgestellt wird. Im­
plicite wird es wohl mitgedacht, aber zu einer ausdrücklichen
Fixierung kommt es im allgemeinen nicht. Die Begründungen
schwanken von Fall zu Fall, aber der eigentliche Grund ist
immer derselbe: die aristotelisch-scholastische Philosophie hat
keine Möglichkeit gehabt, nicht-statische, sukzessive Phänome­
ne mit ihrem Kategorienapparat wirklich zu erfassen und on­
tologisch einzuordnen. Den Ausw'eg, einen fluxus formae als
besondere Kategorie anzunehmen, hat sie ja, mit Albertus Ma­
gnus, ausdrücklich abgelehnt.
Bei der Bewegung, so wird argumentiert, ist immer nur1

17 Terminus autem motus qui est forma acquisita per motum non
ponitur realiter esse diversus a motu. Nam communiter ponitur quod
forma acquisita per motum et motus sunt idem realiter -, so heisst es z. B.
bei Hervacus Natalis (Sent. I dist. 17 qu. 4; Ed. Venedig 1505)- Ergo
motus est verius forma fluens quam fluxus formae: so formuliert Wil­
helm von Alnwick diese Auffassung (die er selbst ablehnt; s. Anro. 20).
DIE WES EVS BESTIMMUNG DER BEWEGUNG 17

rin terminus auf einmal realisiert, niemals mehrere zugleich.


Die Bewegung ist also tatsächlich in jedem Einzelmoment
identisch mit dem in diesem Moment erreichten terminus, und
sie ist generell gleich der Gesamtheit der termini motus (oder
gleich dem terminus motus als Genus genommen), wobei die
Sukzession dieser letzteren stillschweigend mitgedacht wird.
Zur Wesensbestimmung des motus genügt somit das mobile,
die termini motus — d. h., wenn wir uns auf die lokale Be­
wegung beschränken, die loca quae acquiruntur — und die
Tatsache, dass die verschiedenen termini nacheinander durch­
laufen werden. Das ist aber nichts anderes als die berühmte
und berüchtigte o c k h a m i s t i s c h e Definition der Be­
wegung.
Wir sehen: diese Auffassung ist keineswegs eine Beson­
derheit Wilhelms von Ockham, wie man gemeinhin anzuneh­
men pflegt; sie ist längst vor ihm geläufig und fast allgemein
anerkannt gewesen. Was Ockham hinzufügt und was das Cha­
rakteristische und Wesentliche seines Bewegungsbegriffs aus­
macht, ist die nominalistische Konsequenz, die sich aus diesem
Gedanken ziehen lässt. Ockham 18 untercheidet bei der Wesens­
bestimmung der Bewegung sorgfältig zwischen Real- und No­
minaldefinition : zwischen der Betrachtung de re und de modo
loquendi. Und die Realdefinition nimmt einfach den üblichen
scholastischen Bewegungsbegriff auf ,f. Die Bewegung ist iden­
tisch mit dem mobile, das sich nacheinander (oder, negativ
ausgedrückt, niemals gleichzeitig) an verschiedenen Orten be­
findet, bzw. mit dem Subjekt, das nacheinander verschiedene
Eigenschaften oder verschiedene Quantitäten aufweist. Sie ist
also kein konkretes gegenständliches Moment, das verschieden
wäre von den res permanentes — dem mobile und den termini
motus — , denn auch Ockham denkt wie alle anderen die Suk­
zession implicite mit, ohne sie als selbständiges kategoriales

is Philosophia naturalis ( = Summulae in libros Physicorum Aristote­


lis) pars III cap. 2-7 (Ed. Rom 1637): Sent. II qu. 9 (Ed. Lyon 1495): u. Ö.
1* Et dico quod ad hoc quod aliquid moveatur sufficit quod mobile
continue, sine interruptione temporis et quiete, continue partibiliter acqui­
rat aliquid successive unum post aliud, vel continue et successive seu par­
tibiliter amittat aliquid, sicut . . . ad hoc quod aliquid moveatur localiter
sufficit quod continue sine quiete acquirat unum locum post alium, et
ita quod sine quiete sit in diversis locis successive (Phil. nat. III cap. 6 ).
18 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

Element im Bewegungsbegriff herauszustellen. Vergangenheit


und Zukunft haben keine cxtramcntale Realität, sie haben ein
Sein nur in anim a: das was an der Bewegung wirklich ist,
ist jeweils der momentan erreichte, gegenwärtige Zustand und
der ist von mobile und terminus nicht verschieden.
Diese Auffassung, die sich von der üblichen scholastischen
Interpretation des Bewegungsbegriffs in nichts unterscheidet,
bildet den Ausgangspunkt für die definitio exprimens quid no­
minis, die ihrerseits nun zur völligen Nominalisierung führt.
Wenn die Bewegung keine res distincta a rebus permanenti­
bus ist, dann entspricht dem Begriff motus auch nichts Rea­
les ; er ist lediglich ein W ort, eine Bezeichnung. Man kann
zwar sagen, ein Ding bewege sich, wenn man nämlich aus-
drücken will, dass es sich nicht gleichzeitig in zwei Orten
aufhält, oder nicht gleichzeitig zwei verschiedene Qualitäten
hat usw., aber die abstrakten Begriffe motus, mutatio usw.
haben keine gegenständlichen Korrelate. Sie sind lediglich über­
flüssige und entbehrliche nomina oder vocabula, die magis in­
venta sunt propter venustatem eloquii quam propter necessita­
tem, die aber nicht für irgendeine res extra animam supponie-
ren. Diese Folgerung und nur sie ist das Besondere an Ock-
hams Bewegungstheorie; im übrigen hat er an der herrschen­
den scholastischen Lehre festgehalten.
Die ockhamistische Nominalisierung des Bewegungsbegriffs
hat in der Naturphilosophie jdes 1 4 . Jahrhunderts im allgemei­
nen mehr Ablehnung als Anklang gefunden und hat weniger
direkt gewirkt als indirekt durch den Widerspruch, den sie her­
vorrief. Eine ihrer wichtigsten Folgen war, dass durch sie das
Bewegungsproblem als solches noch einmal zur Diskussion ge­
stellt wurde, und dass die alte Frage « forma fluens oder fluxus
formae ? » von neuem und in sehr präziser Form auflebte.
Man fragt sich gegenüber dieser Nominalisierung: genügt zur
Wesensbestimmung der Bewegung wirklich das mobile einer­
seits und die termini, oder die Form secundum quam sich die
Bewegung vollzieht, andererseits? Ist die Bewegung nicht doch
eine ausserseelische Realität, ein irgendwie gearteter fluxus, der
verschieden ist von den res permanentes? Und zwar wird die
Frage nun mit einer neuen Nuance gestellt. Man hält daran
fest, dass die Bewegung jedenfalls unter einem Gesichtspunkt,
nämlich secundum materiam, eine forma fluens sei, dass sie
DIE WESENSBESTIMMUNG DER BEWEGUNG 19

also von hier aus gesehen tatsächlich mit den nacheinander ein­
genommenen termini identisch ist, aber man wirft nun die Fra­
ge auf, ob nicht ausserdem noch ein weiteres katcgoriales Ele­
ment anzunchmen ist, eben irgend ein fluxus, der formaliter
das eigentliche Wesen jener Realität ausmacht, die man als
Bewegung bezeichnet. Es geht also weniger um die Frage, ob
eine forma fluens o d e r ein fluxus formae, als vielmehr um
die andere: ob eine forma fluens u n d ein fluxus formae an­
zunchmen seien.
Schon in den zwanziger Jahren des 1 4 . Jahrhunderts taucht
dieser Zweifel bei einer Reihe von Scotistcn auf und wird
zugunsten des fluxus formae entschiedenao. Aber es ist zu­
nächst bei Einzelansätzcn geblieben, die nicht zu einer einheit­
lichen Interpretation der Bewegung geführt haben. Das wird
erst anders in der Naturphilosophie der Pariser Terministen-
schule, in jener « neuen Physik », die J o h a n n e s B u r i d a n
und seine Schüler und Nachfolger gelehrt haben. Auch hier
wird der ockhamistische Bewegungsbegriff nicht ohne wei'^
teres akzeptiert, sondern es wird auch hier gefragt, ob die
Bewegung nicht doch etwas Reales, von den res permanentes
Verschiedenes sei, oder anders formuliert, ob nicht neben der
forma fluens ein fluxus additus anzunehmen sei.
Die Antwort präzisiert zunächst das Problem. Buridan 21
und seine Nachfolger, unter denen namentlich Albert von Sach­
sen 22 das Problem klar gesehen und scharf entschieden hat»

2« Sed quid est motus? fragt r. B. Franciscus de Mayronis in seinem


im Jahr 1320-21 entstandenen Sentenzenkoinmentar (lib. II dist. 14
qu. 9 , Ed. Venedig 1520) und antwortet: Dicitur quod non forma fluens
sed fluxus formae, qui non est nisi successio formae. — In besonders klarer
und scharfsinniger Form hat Wilhelm von Alnwick die Frage behandelt
in einer der Quaestiones, die er um 1323 in Bologna disputiert hat: utrum
motus sit de genere termini ad quem (Ms. Vatie. Pal. lat. 1805 fol. 148-
151). Er entscheidet hier: Motus enim est formaliter fluxus quidam suc­
cessivus formae fluentis a termino in terminum. Das Charakteristische
dieses fluxus sieht er in der sukzessiven Kontinuität, sodass sich die nähere
Bestimmung ergibt: Dico ergo quod motus secundum suam rationem for­
malem, cum est fluxus formae coniunctus cum tempore, est per se quan­
titas successiva; die Bewegung ist also formaliter und essentialiter « in
genere quantitatis ».
11 Phys. III qu. 2, qu. 6-9 (Ed. Paris 1509)-
2* Phys. III qu. 4-8 (Ed. Venedig 1504).
20 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

machen zunächst einen Unterschied zwischen dem motus lo­


calis einer- und den übrigen Bewegungsarten andererseits, und
zwar aus der richtigen Erkenntnis heraus, dass bei der Örtli-
rhen Bewegung die Dinge anders liegen als etwa bei der al-
teratio, insofern das Bewegungsziel hier nicht eine dem mo­
bile inhArierendc Vollkommenheit, sondern eine äussere Be­
stimmtheit ist. Während Buridan nun gegenüber der qualita­
tiven Veränderung durchaus an der klassiseh-ockhamistischen
Auffassung festhält und erklärt, dass in diesem Fall die Be­
wegung nichts anderes sei als die forma fluens und somit we­
sensgleich mit dem terminus motus, und dass kein fluxus distinc­
tus ab alterabili et qualitate secundum quam est alteratio an­
zunehmen sei, wird die entsprechende Auslegung für die lo­
kale Bewegung stricte abgelehnt. Hier können Bewegung und
Bewegungsziel nicht zusammen fallen, denn motus est subice-
tive in mobili, locus autem non.
Die lokale Bewegung ist vielmehr ein nicht näher zu be­
stimmendes Inhärens des mobile. Diese Antwort wird illustriert
und begründet an Hand eines eigenartigen Sonderproblems, das
schon im 1 3 . Jahrhundert viel erörtert worden ist. Nach den
Vorstellungen der Scholastik kann nämlich ein Fall gedacht
werden, wo eine lokale Bewegung stattfindet, die sich nicht
relativ zu einem Raum vollzieht, und die darum nicht in einem
ständigen Wechsel des Orts besteht und also nicht als ubi fluens
angesehen werden kann. Es ist die Bewegung der äussersten
Himmelssphäre, die nach der aristotelisch-scholastischen Auf­
fassung «des Raums nicht mehr in loco ist 23, die aber — die
Verurteilungen von 1 2 7 7 haben die gegenteilige Ansicht aus­
geschlossen — durch Gottes Allmacht gleichwohl in Bewegung
versetzt werden kann24. Folglich, das wird an diesem Fall
handgreiflich, muss das moveri etwas sein, das von mobile und
locus verschieden ist, denn letzterer kommt ja überhaupt nicht

*» Der Ort ist für Aristoteles bekanntlich das ultimum continentis,


d h. die innere Oberfläche der umgelrenden Substanz. Eine solche gibt
es aber für den äussersten Himmel nicht: er ist nur continens und nicht
contentum.
84 Und zwar soll das Weltall als Ganzes, gleichsam zu einer einzigen
kompakten Masse verschmolzen, in geradlinige Bewegung versetzt werden,
sodass auch eine relative Bewegung der einzelnen Teile gegeneinander
oder gegen ein festes Zentrum nicht in Frage kommt.
DIE WESENSBESTIMMUNG OER BEWEGUNG 21

in Betrac ht **: es ist ein intrinsece aliter et aliter se habe­


re ” , und der motus localis selbst ist keineswegs nur ein Wort,
sondern er ist ein reales vom mobile verschiedenes und ihm inhä-
rierendes MomentaT, eine res pure successiva oder ein fluxus,

» Natürlich ist der naheliegende Gedanke, dass Gott ebensogut wie


er das gesamte Weltall in Bewegung versetzen, auch einen ausscrwel fliehen
leeren Rauin schaffen konnte, in dem diese Bewegung sich vollziehen
würde, den scholastischen Philosophen auch gekommen. So erklärt i. B. Ri­
chard von Mcdiavilla in nüchternen Worten, dass es seihst Gott nicht
müglich wäre, eine derartige Bewegung ohne einen solchen Raum zu
bewirken (Sent II dist. 14 art. 111 qu. 3). Auch in der Buridan-Schule
ist in anderen Zusammenhangen der Gedanke ausgesprochen worden, dass
eine Bewegung des gesamten Weltall» die Vorstellung eines ausserweltlichcn
leeren R a u m s voraussetzen würde (so von Nicolaus von Oresme, Traite
du ciel et du mondc, livre II chap. 8 , Ms. Paris Bibi. Nat. fonds franr.
1083 fol. 56": vgl. E. Borchcrt. Die Lehre von der Bewegung bei Nico­
laus Oresme, Beitr. zur Gesch. d. Phil. u. Theol. d. M. A. XXXI, 3 S. 47 ff).
Bei der Frage nach dem Wesen der Bewegung w-ird jedoch dieser Ausweg
absichtlich vermieden, denn hier soll ja gerade gezeigt werden, dass es
einen motus localis ohne locus gibt und dass folglich die Bewegung ein
vom Ort und vom mobile verschiedenes Moment sein muss.
*• Zu einer ähnlichen Losung (wenn auch mit anderer Terminologie)
war übrigens schon Duns Scotiis gekommen, aber er hatte sie ausdrücklich
auf die Bewegung der äussersten Himmelssphäre eingeschränkt. An sich
ist für Duns die Bewegung eine forma fluens in dem üblichen Sinn, den
wir oben dargelegt haben (vgl. etwa Op. Ox. I dist. 2 qu. 7). aber ge­
genüber der möglichen Bewegung des äussersten Himmels versagt diese
Deutung natürlich. Duns will darum in diesem Fall — und nur in die­
sem Fall! — annehmen, dass die forma fluens, secundum quam cst per
se motus circulationis, eine forma mere absoluta sei, unabhängig vom Ort
und vom mobile (sine respectu tam ad continens quam ad contentum;
Quodl., qu. U). Und diese absolute forma fluens ist ihrer ontologischen
Bedeutung nach genau dasselbe, was die Späteren meinen, wenn sie von
fluxus formae o. ä. sprechen. Aber, wie gesagt, Duns lässt diesen Ausweg
nur für den fiktiven Fall einer Bewegung des äussersten Himmels zu und
zieht aus diesem Beispiel keine Folgerungen für das Wesen der Bewegung
als solcher, wie es die Späteren getan haben. Für alle übrigen irdischen
und himmlischen Bewegungen bleibt er bei der forma fluens in der
herkömmlichen Bedeutung einer forma secundum quam est fluxus. Diese
Unscharfe in seiner Terminologie hat zu manchen Missverständnissen Anlass
gegeben und hat gelegentlich auch dazu geführt, ihm eine Auffassung
der Bewegung zuzuschreiben, die der tatsächlich von ihm vertretenen ge­
nau entgegengesetzt ist.
27 Das aber nicht dynamisch verstanden werden darf, wie Michalski
(Les courants critiques et sceptiques dans la philosophie du XIV* si&clc,
Bulletin internat. de l'acad. polonaise des Sciences et des lettres. CI. de
Philologie, CI. d ’hist. et de philos.. 1925. S. 242) es getan hat; er hat
22 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

der nicht mehr auf irgendwelche anderen Kategorien zurückge­


führt, sondern einfach in seiner Eigenart konstatiert wirdSl.
Diese Lösung des Problems ist zugleich ein Beispiel für den
Uebergang von der « cognitio propter quid» zur « cognitio
quia », die sich allgemein im 1 4 . Jahrhundert vollzieht, d. h.
von der metaphysischen Erklärung zur phänomenologischen
Beschreibung: Bewegung ist ein ontologisch nicht weiter ana­
lysierbares, real gegebenes und empirisch feststellbares Moment
am mobile, das von diesem und vom Ort verschieden ist, -das
aber nicht näher erklärt werden kann und auch nicht näher
erklärt zu werden braucht.
Diese Wesensbestimmung der Bewegung hat in der Natur­
philosophie des 1 4 . Jahrhunderts eine ziemliche Rolle gespielt.
Aber nicht nur d as; sie hat darüber hinaus auch im eigentlichen
physikalischen Denken, das sich allmählich von der Philosophie
unabhängig zu machen beginnt, eine beträchtliche praktische

den Begriff dispositio, der für Buridan einfach die forma fluens bedeutet
(forma vel dispositio secundum quam mobile sc habet aliter et aliter prius
et posterius) irrtümlich als l>e\vegende Kraft aufgefasst und daraus dann
die weiteren Schlüsse gezogen.
2S Albert von Sachsen fasst diese Lehre in einer Reihe von conclu­
siones so zusammen (Phys. III qu. 7 ): Prima {conclusio) quod mundus
non dicitur moveri propter hoc quod continue se habet aliter et aliter
respectu alicuius extrinseci, und auch nicht (2a) propter hoc quod con­
tinue se habet aliter et aliter ad aliquod cxtrinsecum, si esset (d. h. ge­
genüber einem eventuell existierenden ausserwcltlichen Raum); 3 » quod
mundus dicitur moveri quia continue se habet aliter et aliter intrinsece;
4B illud intrinsecum non est illud mobile, licet sit aliquid sibi inhaerens;
5« illud intrinsecum, secundum quod mobile aliter et aliter se habet, est
ipse motus seu fluxus; 6n quod motus talis est tes distincta a mobili;
7* in omni mobili quod localiter movetur... oportet ponere fluxuin sive
motura inhaerentem mobili, qui successive illi mobili acquiritur. Übrigens
geht Albert von der Frage aus (qu. 6): utrum secundum Aristotelem et
eius Commentatorem ad hoc quod aliquid moveatur localiter, requiratur
aliqua res, quae sit fluxus distinctus a mobili et loco, und bemerkt zu
Beginn; de ista quaestione forte aliter potest dici secundum ista quae
sunt admittenda secundum Aristotelem et Commentatorem, et secundum
ista quae sunt admittenda secundum veritatem. Der zweite Teil der Frage
wird in der folgenden Quaestio mit den eben zitierten conclusiones beant­
wortet. zum ersten erklärt Albert, die wahre aristotelisch-averroistische
Auffassung vom Wesen der Bewegung sei umstritten, aber nach seiner
Ansicht Ixsagc sie folgendes; ad hoc quod aliquid moveatur requiritur et
sufficit mobile et locus et movens. Non tamen ista absolute, sed quod
mobile continue et successive sit in alio et alio loco, supposita immobilitate
DIE WESENSBESTIMMUNG DER BEWEGUNG 23

Auswirkung gefunden. Im allgemeinen haben die Philosophen


«Jer Spätscholastik sich konkreten physikalischen Fragen ge­
genüber genau so verhalten wie die Naturwissenschaftler aller
Zeiten: sie haben an die Stelle der allzu abstrakten philosophi­
schen Begriffe, wo diese unbequem waren, stillschweigend die
naiv-empirischen Begriffe des verwissenschaftlichen Denkens
gesetzt und praktisch mit diesen gearbeitet. So erklärt es
sich, dass in allen kinetischen Problemen statt der forma fluens
und der aristotelischen Raum- und Zeitdefinition tatsächlich eine
rein deskriptive Bestimmung der Bewegung zugrunde gelegt
wird, die den motus localis einfach als sukzessive Ortsverän­
derung fasst ” , und zwar als Ortsveränderung nicht gegenüber
einem ultimum continentis im aristotelischen Sinn, sondern
gegenüber dem empirischen Raum der praktischen Erfahrung,
der derselbe ist, den Galilei gemeint hat und der dann schliess­
lich durch Newton als « absoluter Raum » offiziell in die Physik
eingeführt worden is t3#, und in einer Zeit, von der man das
gleiche sagen kann31. Aber daneben begegnet im 1 4 . Jahrhun­
dert immer wieder eine andere Deutung, in der die Theorie vom

loci... nec requiritur talis fluxus superadditus. Das ist, wenn vielleicht
auch nicht eine exakte Wiedergabe der aristotelischen Doktrin, so auf
jeden Fall eine präzise Formulierung der üblichen Lehre von der forma
flucns.
29 So definiert z. B. Johannes Canonicus (Phys. VI qu. 1. art. l; Ed.
Vencd. 1492) ganz einfach: nihil aliud est moveri localiter quam variare
suum situra quem habet in loco.
80 Wenn dic Spätscholastik allerdings versucht, diese Raumvorstellung,
die im allgemeinen nur eine implizite ist. explicite zu beschreiben, dann
ergibt sich ein Bild, das noch ganz unphysikalisch und sehr mittelalterlich
anmutet: Et doneques hors le ciel est une espace vidc incorporele d'autre
manifrrc que n'est quelconque espace plaine et corporele, tout aussi com
me la duracion appellee cternitc est d’autre manicrc que n’est duracion
temporele ineisme qui seroit perpetuele... Item ceste espace dessus dict*
est infinic et indivisible et est limensite de Dicu et est Dieu ineisme, aussi
comme la duracion de Dieu appellee eternite est infinie et indivisible et
Dieu meisme. So erklärt Nicolaus von Orcsme (Trait£, livre I chap. 24;
ms. cit., fol. 2 i r der als einziger diesen Raum ausdrücklich beschrieben
und anerkannt hat.
»1 Schon die Hochscholastik hat ausser dem sogenannten tempus in
trinsecum, das das Mass jeder einzelnen Bewegung ist, ein tempus extrin
setum gekannt: das Mass der Bewegung des äussersten Himmels, das der
Vorstellung einer absoluten Zeit im Newtonschen Sinn schon sehr nahe
kommt.
24 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

fluxus (ormae durch klingt: der motus localis wird als inhärie-
rende Eigenschaft des mobile, als qualitätsartiger Faktor ge­
dacht, dem freilich immer etwas Unbestimmtes und Ungeklärte -
anhaftet *\ Hätte die Spätschoiastik einen Schritt weiter in
dieser Richtung getan, hätte sie nur versucht, ihre eigenen
Vorstellungen präziser zu fassen und begrifflich zu fixieren, so
wäre sie zu einem Analc»gon des modernen Trägheitsprinzips
gekommen : die Bewegung als eine Art von Eigenschaft oder
Zustand, jedenfalls als ein selbständiges accidens des mobile,
könnte so gedacht werden, dass sie sich, einmal dem Körper
mitgeteilt, von selbst erhält, ohne dass sie wie die aristotelische
Philosophie annimmt zu ihrer Fortdauer einer ständig wirkenden
bewegenden Kraft bedürfte. Wie gesagt, es wäre nur noch ein

»* Eine eigenartige Verquickung beider (.esichlspunktc findet «ich


bei Nicolaus von Oresme. Er will zeigen, dass die aristotelische These
falsch ist: sc le ciel est meu pcrpetuelcment, il convient que la terre
repose ou milieu du ciel. Das geschieht u. a. mit einer Überlegung, die
eine überraschende Einsicht in die Relativität der Bewegung verrät ('Elai­
ta II, chap. 8; fol. 57 ): Item pose (= posö) par ymaginacion que la terrc
feust meue par lespace dun jour de niouvcnient joumal et que le ciel
reposast, et apres ce temps la chousc feust si commc eile est, je di que cn
ce temps le ciel et la terre ne se auroient un ou regait de lautre autre-
ment, quils avoient devant ce temps ne quils ont apres. mes du tout en
tout par semblable maniere, sans point de difforenec, et doneques sc
etre meu esloit avoir soy autrement a autre, lan ne pourroit dirc pourquoy
le ciel reposast en ce temps plus que autre foiz. Weiterhin heisst es dann:
Item estre esthauffe ou autrement altere nest pas soy avoir autrement a
autre corps... et doneques cest soy avoir autrement cn soy meismc et
doneques par semblable estre meu sclon lieu est soy avoir autrement en
soy meismc ou regart de lespace ymaginee immobille, car ou regart de
celle espace, ou selon eile, est inesuree la ysnellete du mouvement de
ces parties, et par ce appart que le mouvement du ciel. ne autre. ne re-
quiert quant est de soy [ne] repos ne mouvement dautre corps, et done­
ques ne vault la conscquencc d’Aristote. qui disoit que, si lc ciel est meu.
la terre repose etc. Et oncor appart, fährt Oresme fort, que mouvement
local est autre chouse que le corps ainsi meu, car cest le corps soy avoir
autrement en soy meisme ou regart de lespace ymaginee immobille, et
tel mouvement est un accident et non pas chouse qui petisse estre sepa
ree de toute autre et par soy estant. Orcsraes Physikkommentar, in dem
er sich vermutlich ebenso wie Buridan und Albert von Sachsen ex professo
zu dem Problem des fluxus superadditus geäussert hat, ist nicht erhalten;
so sind wir darauf angewiesen, seine Ansicht über das Wesen der Bewe­
gung aus derartigen beiläufigen Äusserungen zu erraten, die sich eigent­
lich auf andere Probleme beziehen.
DIE WESENSBESTIMMUNG DER BEWEGUNG 25

kleiner Schritt in der schon eingeschlagenen Richtung nötig


gewesen, und die « neue Physik » des 1 4 . Jahrhunderts hatte
dieses grundlegende Gesetz der modernen Mechanik gefunden :
aber diesen .Schritt hat sie noch nicht getan.
Sie hat die Analogie zwischen Bewegung und qualitativem
Inhärens sozusagen in anderer Richtung weitergedacht, und
zwar in der Vorstellung, die sie sich von der Geschwindigkeit
gemacht hat. Auf der einen Seite ist die Geschwindigkeit, wie
es nicht nur dem empirischen Bewegungsbegriff, sondern auch
der allgemeinen Definition der velocitas entspricht, der in einer
bestimmten Zeit zurückgelegte Weg, auf der andern erscheint
sie in Angleichung an die Verhältnisse bei den Qualitäten als
Intensität der Bewegung.
Das ist von prinzipieller Bedeutung : der motus localis wird
in gewissen Zusammenhängen als intensible Grösse angesehen.
Diese Auffassung der Bewegung hat die Physik des 1 4 . Jahr­
hunderts weithin beherrscht und hat ihr mit ihr eigenartiges
Gepräge gegeben, das sie von der der Neuzeit grundsätzlich
unterscheidet. Gewiss hat sie manche Schwierigkeiten im
Gefolge gehabt und hat Anlass zu manchem Irrtum gegeben,
aber sie hat andererseits auch eine Reihe von wirklichen
Erkenntnissen ermöglicht. So ist sie der Ausgangspunkt für die
zweifellos originellste Leistung des 1 4 . Jahrhunderts geworden,
nämlich für Nicolaus von Oresmes Methode der graphischen
Darstellung, die zwar nicht gerade die analytische Geometrie
Descartes’ vorwegnimmt, wie man lange Zeit angenommen
hatte, die aber doch zu überraschend richtigen Einsichten
über die Beziehungen von Geschwindigkeit und Weg u. a. m.
führt. Und diese Einsichten fliessen unmittelbar aus jener
eigenartigen Wesensbestimmung der Bewegung, die ihrerseits
herausgewachsen ist aus Alberts Frage: forma fluens oder
fluxus formae?
2.
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE

Eine der gemeinsammen Grundlagen der aristotelisch-scho-


lastichen Naturphilosophie und der modernen Physik ist das
Prinzip der Erhaltung der Materie; und zwar nicht nur als allge­
meine metaphysische These, dass etwa die in der Welt vorhan­
dene Gesamtmenge an Materie unveränderlich ist, sondern als
konkreter physikalischer Grundsatz: Materie kann von natür­
lichen Kräften weder erzeugt noch zerstört werden. Das be­
deutet, dass in jedem Fall bei Aenderungen akzidenteller oder
substantieller, physikalischer oder chemischer Art, die sich in
einem geschlossenen System — sine adventu vel recessu ma­
teriae — vollziehen, die Materie, die (direkt oder indirekt)
das Subjekt dieser Vorgänge ist, quantitativ unverändert bleibt.
Aber was heisst das? Um was für eine Quantität handelt cs
sich hier?
Die Physik der Neuzeit kennt drei ursprüngliche Quanti-
tätsbegriffe, auf die sie alle übrigen zurückführt: die räumli­
che Ausdehnung, die zeitliche Dauer und die quantitas mate­
riae oder die Masse. Von diesen dreien sind die beiden ersten
bekannt, solange es eine Naturphilosophie gibt, während der
dritte relativ jung is t: Newton wrar der erste, der ihn in expli­
ziter Form in die Physik einführte und der einen Weg angab,
w’ie die Masse unabhängig von jeder besonderen Theorie über
die Struktur der Materie gemessen werden kann *. Aber schon
lange vor ihm wusste man implicite, dass die körperlichen

i Und zwar durch das Gewicht. Quantitas materiae est mensura eius­
dem orta ex illius densitate et magnitudine coniunctim: mit dieser Defini­
tion beginnen Newtons Philosophiae naturalis principia mathematica (1687).
und in der Erklärung heisst es: Innotescit ca per corporis cuiusdam pon­
dus. Nam ponderi proportionalem esse reperi per experimenta pendulo­
rum accuratissime instituta.
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 27

Substanzen ein Mehr oder Weniger an Materie enthalten, das


in gewissen Grenzen unabhängig ist von ihrem Volumen. Es
sind die Phänomene der rarefactio und condensatio, bezw. die
Differenzen in der Dichte zwischen verschiedenen Körpern, in
denen dieser Unterschied deutlich wird. Ein Körper dehnt sich
bei Erwärmung aus, ohne dass neue Materie hinzukommt; ein
Dampf verliert an Volumen, wenn er komprimiert wird, ohne
dass Materie verloren geht. Anders ausgedrbekt: die Materie
bleibt mengenmässig dieselbe, auch wenn das Volumen sich
ändert; also muss die Quantität der Materie unabhängig sein
von der räumlichen Ausdehnung des Körpers. Aber in welcher
Weise?
An dieser Frage scheiden sich die Theorien. Für die Ato­
mistik, und zwar sowohl die antike wie die des 1 7 . Jahrhun­
derts, liegt hier kein Problem vor. Für sie sind die beiden
Prinzipien, die die Substanzen konstituieren, Atome und vacua,
und die Unterschiede von raritas und densitas, die Vorgänge
der rarefactio und condensatio erklären sich durch die mehr
oder weniger grossen Zwischenräume, die zwischen den ein­
zelnen Atomen bestehen bezw. entstehen. Aber für die aristote­
lisch-scholastische Naturphilosophie, für die es keine Atome und
keinen leeren Raum, sondern nur kontinuierliche materielle
Substanzen gibt, sind die Schwierigkeiten erheblich grösser.
Die Scholastik kennt rarefactio und condensatio unter
zwei grundsätzlich verschiedenen Bedingungen : als Folge einer
akzidentellen Aenderung (oder einer alteratio) und als Folge
einer substantiellen Umwandlung (oder einer corruptio und ge­
neratio). Eine gegebene materielle Substanz kann bei Variierung
der akzidentellen Bedingungen — durch Erwärmung, Kom­
pression usw. — verschiedene Quantität, d. h. verschiedenes
Volumen annehmen *, ohne dass Materie dazukommt oder

* Das wurde gelegentlich durch richtige Experimente nachgewiesen.


So will z. B. Johannes Buridan zeigen, quod aer manens idem secundum
substantiam potest multum rarefieri vel condensari per calefactionem vel
frigefactioncm, quod cxperimentaliter apparet, si fiola vitrea ponatur su­
per carbones, [aer interior] multum rarefiet intantum, quod si os fiolae
ponatur in aqua frigida culo verso superius, cum per parvam moram
temporis aer interior refrigebitur, ille intantum condensabitur, quod opor
tebit aquam ascendere in fiolam usque ad mediam eius repletionem, ne
sit vacuum, quia aer interior condensatus obtinet minorem locum in sub
28 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

verlorengeht, sic kann sich aber auch in eine andere Substanz


verwandeln und infolge dieser substantiellen Umwandlung ein
anderes Volumen annchmen. Für Aristoteles und die Scholastik
sind ja grundsätzlich alle physischen Substanzen ineinander um-
wandelbar, d. h. das numerisch gleiche Stück erster Materie
kann nacheinander verschiedene substantielle Formen aufneh­
men. Das klassische Beispiel ist die Umwandelbarkeit der vier
Elemente ineinander und für diese gibt es nun auch eine quan­
titative Regel: aus einem pugillus terrae — das ist das übliche
Mass _ sollen zehn pugilli aquae oder hundert pugilli aeris
oder tausend pugilli ignis entstehen. Daraus folgt dann umge­
kehrt, dass in einem gegebenen Quantum Erde das Zehnfache
an Materie enthalten ist wie in demselben Quantum Wasser,
das Hundertfache wie in demselben Quantum Luft und schliess­
lich das Tausendfache wie in demselben Volumen Feuer. Das
Entsprechende gilt für nicht-elementare Substanzen, für die
sogenannten mixta, nur dass hier die quantitativen Verhältnisse
nicht so exakt festgclegt sind. Die metaphysische Begründung
sieht die peripatetische Naturphilosophie — abweichend von
der atomistischen Auffassung und gegen sie — in einer Fähig­
keit der ersten Materie, innerhalb gewisser Grenzen grössere
oder kleinere Ausdehnung anzunehmen, je nach der sie bestim­
menden substantialen Form bezw. je nach den besonderen akzi­
dentellen Umständen. Und ein Körper ist dichter, wenn er mehr
Materie unter geringerer Quantität, weniger dicht, wenn er
weniger Materie unter grösserem Volumen enthält: rarum est
ex hoc quod materia recipit maiores dimensiones, densum au­
tem ex hoc quod materia recipit minores dimensiones, et sic si
accipiantur diversa corpora aequalis quantitatis, ununi tarum
et aliud densum, densum habet plus de materia; oder auch so :
rarum est quod habet parum de materia sub dimensionibus ma­
gnis, densum autem quod habet multum de materia sub dimen­
sionibus parvis s. Aber was heisst parum et multum, plus et

duplo quam antequam esset rarior (Phys. I qu. 8, Ed. Paris 1509, korri­
giert nach Vat. lat. 214}). Dasselbe Beispiel findet sich Phys. IV qu. n
in etwas kürzerer Form und ohne die genaue Massangabc. die ja sowieso
nur in besonderen Fällen stimmt.
* So formuliert Thomas (Phys. TV lect. 14, bezw. S. th. III qu. 77
ari. II) die Begriffsbestimmung, die Aristoteles selbst mehr implicite gibt
(Phys. IV cap. 9). — Eine etwas andere Definition von raritas und densitas
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 29

minus de materia ? Auf was für eine Quantität sollen sich diese
Relationen beziehen ? Aristoteles selbst sagt cs nicht, und in
seiner Philosophie ist auch kein Platz für eine von der räum­
lichen Ausdehnung verschiedene Quantität, durch die die in
einem Körper enthaltene Materie gemessen werden könnte4.
Der erste, der diese Schwierigkeit gesehen und energisch
auf sie hingewiesen hat, ist A e g i d i u s R o m a n u s gewe­
sen. Die Lösung, die er vorschlägt, ist in der Tat eine radikale :
er behauptet nichts Geringeres, als dass es — ein unerhörter
Gedanke für die aristotelische Philosophie — zwei Arten von
Quantität in den materiellen Substanzen gibt, eine, durch die
die Menge der Materie, und eine andere, durch die das Volu-

fmelei sich in den Praedicamenta. im Kapitel über die Qualität; rarum


\cro et spissum .. putabuntur quidem quale quid significare: sed aliena
huiusmodi putantur esse a divisione quae circa quale est. Quandam enim
positionem magis videtur partiutn utrumque monstrare. Spissum enim di­
citur eo quod partes sibi ipsis propinquae sunt, rarum vero co quod
distant a se invicem .Diese verschiedenen Bestimmungen der Dichte haben
Anlass zu einer ganzen Reihe von Fragestellungen gegeben; sind raritas
und densitas Qualitäten nmd was für welche) oder gehören sie in die
Kategorie von situs und positio? und entsprechend: sind rarefactio und
condensatio altcrationcs (motus ad quale), sind sie ein Spezialfall von
augmentum und diminutio (motus ad quantum), oder sind sie schliesslich
eine Art von lokaler Bewegung, Itei der nicht das subiectum als Ganzes,
sondern seine einzelnen Teile den Ort wechseln? Die letztere Auffassung
war namentlich bei den Nominalisten des 14. Jahrhunderts beliebt, die
j.< in der Quantität kein selbständiges, von der Substanz realiter verschie­
denes Akzidens sehen wollten.
* Der Ausweg, die Masse durch das Gewicht zu bestimmen, den die
Physik der Neuzeit sei Newton eingeschlagen hat, war für die Scholastik
verschlossen. F.inmal aus methodischen Gründen, denn eine derartige Zu­
rückführung einer extensiven Grösse — was die quantitas materiae not­
wendig ist — auf eine intensive bietet zwar die Möglichkeit, jene durch
diese zu messen, erklärt aber nicht ihr Wesen, lasst also das eigentliche
Problem ungelöst; und dann aus sachlichen; die Annahme einer durchgän­
gigen Korrespondenz von Gew’icht und Masse setzt voraus, dass die Materie
als solche schwer ist. Aber diese Voraussetzung hat die aristotelisch-scho­
lastische Philosophie nicht gemacht: es gibt für sie auch « leichte » Sub­
stanzen, und dieselbe Materie, die unter der Form der Erde schwer ist.
wird leicht, wenn die Erde sich in Feuer verwandelt. Gravitas und levitas
sind aber für Aristoteles und die Scholastik konträre Gegensätze, die sich
wie Kraft und Widerstand verhalten (vgl. u. S. 71). und nicht nur rela­
tive (kontradiktorische) Unterschiede wie raritas und densitas, die lediglich
ein Mehr oder Weniger innerhalb derselben Mass-Skala zum Ausdruck
bringen.
30 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

nwn bestimmt ist. Am schärfsten und präzisesten hat er diese


These in seinem Physikkommentar formuliert8. Es geht hier
um die alte Frage, ob zur Erklärung der rarefactio und con­
densatio bezw. der Unterschiede hinsichtlich der raritas und
densitas die Annahme einer atomistischen Struktur der Mate­
rie mit vacuitates interpositae, oder mit foramina vel pori re-
pleni extraneo corpore, notwendig ist. Diesen Theorien wird
die aristotelische Auffassung als die richtige entgegengestellt:
nicht darum sind einzelne Körper dichter oder weniger dicht
als andere, weil sie mehr oder weniger porös sind, sed quia ma­
teria quae potest esse multa vel pauca potest occupare magnum
et parvum locum et esse sub magnis et parvis dimensionibus.
Quando ergo multum de materia est sub parvis dimensionibus,
corpus est densum, sed quando parum est de materia sub magnis
dimensionibus, corpus est rarum... Declaravimus enim in quo­
dam tractatu nostro theologico, et in philosophia *, cum tempus
aderit, intendimus hoc diffusius declarare, videl. quod in ma­
teria est duplex genus quantitatis, unum per quod habet ma­
teria quod sit tanta et tanta, ut quod sit multa vel pauca, aliud
per quod habet materia quod occupet tantum et tantum locum,
ut magnum vel parvum. Nec est idem materiam esse tantam
et tantam et eam occupare tantum locum, nam si ex aqua fiat
aer, tanta materia quanta est in uno pugillo aquae erit in decem
pugillis aeris. Remanebit ergo ibi tantum de materia, quia nihil
ibi deperditur, sed non remanebit ibi occupatio tanti loci. Non
est ergo eadem quantitas per quam materia habet quod sit tanta
et per quam habet quod occupet tantum locum. Raritas ergo et
densitas non accipitur secundum vacuitates..., sed accipitur se­
cundum analogiamT harum quantitatum ad invicem.
Hier ist also mit klaren und deutlichen Worten gesagt,
dass die Materie (unter der Form eines physischen Objekts)
einerseits viel oder wenig ist, andererseits einen grösseren oder
kleineren Raum erfüllt, dass es also in ihr, oder richtiger: in
den materiellen Substanzen zwei generell verschiedene und von

8 Phys. IV text. 84 (Ed. Venedig 1502).


« Die Handschriften des Physikkommentars, die uns zugänglich waren
(Vat. lat. 830. Urb. lat. 183. Pal- lat. 1039). haben auch die Verweisung
« in philosophia ».
7 D. h. secundum proportionem im mathematischen Sinn; es ist eine
buchstäbliche Übernahme des griechischen terminus technicus.
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 31

einander unabhängige Quantitäten gibt. Und die grössere oder


geringere Dichte eines Körpers ist bestimmt durch das Verhält­
nis dieser beiden Quantitäten.
Diese Stelle liefert uns zugleich einen Beitrag zur Datierung
und Chronologie der ägidianischen Schriften. Denn mit dem
Tractatus theologicus, in dem Aegidius nach seiner eigenen
Angabe die Lehre von der duplex quantitas bereits dargelegt
hat — auf die Verweisung « in philosophia » werden wir noch
zu sprechen kommen —, können nur die Theoremata de corpore
Christi gemeint sein, in denen sich tatsächlich lange Ausfüh­
rungen über dies Problem finden. Die Theoremata sind nun
aber, wie E. Hocedez gezeigt hat \ wahrscheinlich kurz vor
Weihnachten 1276 erschienen. Der Physikkommentar ist also
jedenfalls danach anzusetzen : andererseits ist er früher entstan­
den als der Traktat De gradibus formarum, denn er wird dort
e r w ä h n t u n d dieser letztere ist nach Hocedez’ Nachweis zwi­
schen Weihnachten 1277 und Ostern 1278 veröffentlicht wor­
den. Der Kommentar zur Physik dürfte also auf 1277 zu da­
tieren sein.
Die 44. propositio der Theoremata de corpore Christi 1#
bezieht sich auf die Frage, wie im sacramentum altaris die Vor­
gänge der rarefactio und condensatio, deren Möglichkeit durch
die Erfahrung feststeht, zu erklären sind. Die Schwierigkeit
besteht darin, dass in der geweihten Hostie und im konsekrier-
ten Wein, in denen ja nur die species sensibiles erhalten bleiben
und nicht die Substanz, und zwar weder die substantiale Form
noch die Materie, derartige Veränderungen anscheinend kein
Subjekt haben. Denn Verdichtung und Verdünnung ohne Ma­
terie scheint undenkbar; und auch die Lösung, dass die Quan­
tität die Stelle des Subjekts gegenüber den andern Akzidentien
vertritt, versagt hier, weil es ja in diesem Fall gerade die
Quantität ist, die sich ändert. Ein und dieselbe formale Be­
stimmtheit kann aber nicht zugleich das subiectum und die
termini einer Bewegung darstellen. Es ist dies ein auch von
andern gern erörtertes Problem, das verschiedenartige Lösun-*

* Richard de Middleton, Löwen 1925. S. 460 ff.: Le premier quodlibet


d'Henri de Gand (1276). Gregorianum IX. 1928, S. 92 ff.
• Darauf hat schon Hocedez a.a.O. hingewiesen.
i° Opera I, Rom 1555.
32 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

Ren gefunden hat, aber im allgemeinen keine, die über den


Spczialfall hinaus von prinzipiellem Interesse wäre. Für Aegi­
dius dagegen wird es zum Ausgangspunkt seiner Theorie der
duplex quantitas; die Erklärung, die er gibt, besteht eben in
der Annahme zweier generell verschiedener Quantitäten, durch
deren Verhältnis raritas und densitas bestimmt ist und die, als
Akzidentien, beide nach der Wandlung erhalten bleiben, auch
wenn keine Materie mehr vorhanden ist.
Wir folgen dem Gedankengang im einzelnen ll. Aegidius

ii Der lateinische Text lautet: Notandum ergo, quod in materia panis


et vini et in materia omnium generabilium et corruptibilium est duplex
quantitas et duplex genus dimensionum. Sunt enim ibi dimensiones deter­
minatae et indeterminatae: est enim materia generabilium tanta et tanta
et occupat tantum et tantum locum. Dicimus enim quod tantum de ma­
teria. quantum est in uno pugillo aquae, est in decem pugillis aeris, nec
tamen tantum locum occupat materia ut est sub uno pugillo aquae quan­
tum occupat ut est sub decem pugillis aeris: nullum enim horum habet
materia per seipsam. Non enim per se est tanta et tanta, ut multa vel
pauca, nec per se occupat tantum et tantum locum, ut magnum vel par­
vum. Materia enim per se est pura potentia. Et quia essentiale est ma­
teriae esse in potentia, quidquid actualitatem aliquam vel distinctionem
importat non habet materia de se, sed acquirit illud ut est sub tali forma
accidentali vel substantiali. Oportet ergo dare formam et perfectionem
aliquam per quam materia est tanta et tanta, et per quam occupat tan­
tum et tantum locum: hoc autem necesse est esse quantitatem... Si ergo
ostendere poterimus quod non est eadem quantitas per quam materia est
tanta ct per quam occupat tantum locum, et rursum, si poterimus decla­
rare quod quantitas illa, per quam res est materia tanta, praecedit quan­
titatem illam, per quam materia occupat tantum locum, et quod in prima
quantitate... tamquam in subiecto fundatur alia quantitas..., facile erit
sustinere, quomodo in sacramento altaris salvari potest per rarefactionem
et condensationem motus augmenti et dirainutionis...
Nam quantitas illa per quam materia est tanta possunt dici dimensio­
nes indeterminatae, sed dimensiones determinatae dici possunt quantitas
per quam materia occupat tantum locum. Utrum autem sic loqui de di­
mensionibus indeterminatis ct determinatis sit secundum intentionem Com­
mentatoris qui primus visus est ista notabilia invenisse, et utrum sit
dare alias dimensiones indeterminatas in materia praeter has de quibus
loculi sumus, et quot modis accipiuntur dimensiones determinatae et in­
determinatae, declarare non est praesentis speculationis: alibi enim (Do­
mino concedente) proponimus hanc materiam diffusius pertractare...
Primo enim ostendendum est quod quantitas illa per quam materia
est tanta non est eadem cum quantitate per quam materia occupat tan­
tum locum, et quod dimensiones indeterminatae non sunt caedem per
essentiam cum dimensionibus determinatis, loquendo de dimensionibus
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 33

konstatiert zunächst, dass in der Materie des Brotes und Wei­


nes, und allgemeiner in der Materie aller irdischen Substanzen,
zweierlei Quantitäten und zweierlei Dimensionen anzunehmen
sind. Er will sie als dimensiones indeterminatae und determi­
natae bezeichnen und den Unterschied darin sehen, dass die
Materie in den irdischen Substanzen einerseits so und so viel
ist, andererseits so und so viel Raum erfüllt. Denn bekannt­
lich ist ebenso viel Materie in einem gegebenen Volumen
Wasser wie im zehnfachen Volumen Luft enthalten: offensicht­
lich nimmt also dieselbe Materie im einen Fall nicht ebenso
viel Raum ein wie im andern. Aber die Materie als solche ist
weder viel oder wenig, noch nimmt sie einen grösseren oder
kleineicn Raum ein; denn sie ist nichts als reine Potenz. W as
sich irgend an Aktualität und an unterscheidenden Merkmalen
in ihr findet, ist auf Rechnung einer substantialen oder acci-

indeterminatis. ut hic loqui incepimus. Secundo manifestabitur quod quan­


titas illa per quam materia est tanta est prior illa per quam occupat
tantum locum, ut est ei subiecta..
Primum duplici via ostenditur. Prima talis est: si duo aliqua sunt
idem per essentiam, corrupto uno corrumpitur et aliud; sed potest re­
manere materia tanta absque eo quod remaneat occupatio tanti loci. Eigo
non est eadem quantitas per quam materia est tanta et per quam occupat
tantum locum. Cum enim ex aqua fiat aer. remanet materia tanta.... sed
non remanet occupatio tanti loci, quia plus occupat de loco ut est sub
forma acris quam ut est sub forma aquae. Dimensiones ergo indeter­
minatae. loquendo de eis ut hic loquimur, non sunt eaedem per essentiam
cum dimensionibus determinatis. Secunda via talis est: quando aliqua duo
sunt idem per essentiam, si potentia alicuius agentis se extendit ad
unum illorum, oportet quod se extendat ad aliud; sed virtus naturalis
agentis potest immutare quantitatem materiae prout occupat tantum
et tantum locum. Naturaliter enim fieri potest quod materia occupans
parvum locum postea occupet maiorem locum, quia naturaliter ex aqua
fit aer et ex aere ignis; sed nulla virtus naturalis agentis potest immutare
quantitatem illam per quam materia est tanta et tanta: non enim natu­
raliter fieri potest quod parum de materia fiat muhura, quia tunc ex
grano milii posset fieri mons unus et turris una et posset aliquid augeri
eo non rarefacto et nullo addito... Non est ergo eadem quantitas per
quam materia est tanta et per quam occupat tantum locum, quia virtus
agentis naturalis se extendit ad unam quantitatem et non ad aliam. Di­
mensiones ergo indeterminatae non sunt eaedem cum dimensionibus de­
terminatis. quod primum dicebatur declarandum.
Quod autem hae dimensiones praecedant illas et eis sint subicctae,
per easdem vias declarari potest per quas ostensum est eas non esse
easdem...
34 G R U N D B E G R irrt UMD GRUNDPRINZIPIEN

dentalen Form zu setzen, von der tie informiert i»t. E» mut«


also irgend eine Form oder Vollkommenheit geben, durch die
die Materie einerseits viel oder wenig ist und andererseits viel
oder wenig Raum einnimmt: und diese formale Bestimmtheit
muss in beiden Fällen notwendig den Charakter der Quantität
haben.
Wenn sich aber zeigen lässt, so schlicsst Aegidius, dass
cs nicht ein und dieselbe Quantität ist, durch die das Mehr
und Weniger der Materie bestimmt ist, und durch die das Vo­
lumen, das sie einnimmt, gemessen wird, dann ist eine Erklä­
rung für die Vorgänge der Verdichtung und Verdünnung im
sacramentum altaris möglich. Denn dann ist ja in der einen
Quantität __ der quantitas materiae — ein Akzidens gefunden,
das gegenüber der andern — dem sich ändernden Volumen —
die Rolle des Subjeks übernehmen kann.
Zunächst gibt Aegidius eine Begründung für die gewählten
Bezeichnungen « dimensiones determinatae et indeterminatae »:
zweifellos kann man die Quantität, die die Menge der Materie
angeben soll, als « unbestimmte Dimension » bezeichnen, wäh­
rend das Volumen, das sie einnimmt, die bestimmte reprä­
sentiert. Freilich, so fügt er ausdrücklich hinzu, ob diese Un­
terscheidung im Sinn des Averroes ist, der als erster diese
Begriffe eingeführt zu haben scheine, oder ob es nicht noch
andere dimensiones indeterminatae in der Materie gibt als die,
von denen hier die Rede ist, und auf wieviele Weisen es sie
gibt, das ist eine Frage für sich, die er im Augenblick nicht
erörtern will, da in einem späteren Zusammenhang ausführlicher
von diesem Problem gehandelt werden soll.
Dann wird noch einmal wiederholt und präzisiert, um was
es geht: zuerst ist zu zeigen, dass die Quantität, durch die das
Viel oder Wenig der Materie bestimmt ist, nicht identisch ist
mit der Quantität, die das Volumen misst, und dass die dimen­
siones indeterminatae essentiell verschieden sind von den di­
mensiones determinatae, wobei diese Begriffe immer in dem
angegebenen Sinn zu verstehen sind; und als zweites soll
dargetan werden, dass die Quantität der Materie — modern
gesprochen — die ontologische Priorität hat vor der Quantität
des Volumens und gleichsam die Grundlage und Voraussetzung
für sie bildet.
Der erste Nachweis wird mit zwei Argumenten geführt.
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 35

Kinmal : wenn zwei gegenständliche M om ente w esensm ässig


identisch sind, dann w ird m it dem einen auch das andere zer­
stört. D as ist aber bei unsern beiden Q u a n titä te n nicht der
F a ll: die M aterie kann m engenm ässig dieselbe bleiben,
während sich ihr Volum en ä n d e rt, w enn z. B. au s W a s s e r L u ft
wird. Die dim ensiones indeterm inatae — im m er verstanden
gem äss der gegebenen Definition — sind also w esensm ässig
nicht identisch m it den dim ensiones d eterm inatae. D a s zw eite
A rgum ent besagt ; wenn zwei gegenständliche M om ente w esens­
m ässig identisch sind, dann m uss sich die K raft eines ag en s,
das auf das eine von ihnen cinzuw irken v erm ag , auch auf
das andere erstrecken. Aber auch das ist bei den betrach teten
Q uantitäten nicht der F all. Denn es gib t natürliche K rä fte, die
das Volumen der M aterie vergrössern oder verkleinern können,
aber cs gibt keine, die ihre M enge zu verändern verm öchten.
Auf natürlichem W eg ist es nicht m öglich, d ass au s w enig
M aterie viel w ird, denn sonst könnte aus einem G etreidekorn
ein B erg oder ein T urm w erden, oder allg em ein er: es könnte
sich etw as v ergrössern ohne rarefactio und ohne d ass etw as
Neues dazukom m t.
D am it ist der erste Teil der gestellten A ufgabe g e lö s t: es
ist gezeigt, dass es nicht dieselbe Q u a n titä t ist, durch die die
M enge und durch die das Volum en der M aterie angegeben
wird. Die dim ensiones indeterm inatae sind also verschieden von
den dim ensiones determ inatae. Und auf dem selben W e g und
mit denselben A rgum enten, die noch einm al kurz w iederholt
werden, lässt sich auch d e r zw eite Teil nach weisen : d ass näm ­
lich die unbestim m ten D im ensionen den bestim m ten v o rau fg e­
hen und ihnen gew isserm assen als gegenständliche U n terlag e
dienen. D am it ist zugleich eine E rk läru n g der ra rita s und den­
sitas, bezw. der rarefactio und condensatio gefunden, die auch
gegenüber den V orgängen in der gew eihten H ostie und im
gew eihten W ein nicht v e r s a g t: nam ex hoc est aliquid rarum
quia dim ensiones indeterm inatae subiectae sunt m agnis dim en­
sionibus d eterm inatis, et ex hoc densum quia illae eaedem di­
m ensiones indeterm inatae subiciuntur parvis dim ensionibus de­
term inatis.
E s gibt also — das ist das w esentliche E rg eb n is dieser
D arlegungen __ in der M aterie tatsächlich eine duplex quan­
titas : eine, die die M enge, und eine, die das Volum en ausdrückt.
36 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

Aegidius bezeichnet sie als dimensiones indeterminatae und di­


mensiones determinatae, wobei er freilich diese Begriffe in
anderm Sinn verstehen will, als Averroes sic verstanden hatte.
Nähere Erläuterungen will er an anderer Stelle geben: wir
dürfen wohl annehmen, dass er dasselbe literarische Projekt
meint, auf das er sich im Physikkommentar mit dem Ausdruck
« in philosophia >» bezogen hat.
Gemeint sind zweifellos seine Quaestionen zur Metaphysik,
die etwa gleichzeitig mit dem Kommentar zur Physik entstan­
den sein dürften 12. Denn hier wird in der Tat, in einer Quae­
stio des 8. Buchs, in ausführlichster Form gezeigt, dass cs
verschiedene Arten von dimensiones indeterminatae gibt und
wie sie sich unterscheiden 13 — genau wie Aegidius es ange­
kündigt hat.

Allerdings findet sich in Phys. III text. 37 die folgende Verweisung;


dubitaret forte aliquis utrum substantia sil idetn quod substantiae esse...
Dicendum quod de hac quaestione in quibusdam nostris editionibus theo­
logicis et in quibusdam nostris quaestionibus sub nobis in metaphysica
recollectis diffusius diximus. Das Zitat bezieht sich einerseits auf die
Theoremata de corpore Christi und den Kommentar zu Sent. I. ande­
rerseits in eindeutiger Weise auf dic Quaestiones metaphysicalcs (und zwar
auf lib. VII qu. 3). Danach wären aber die Quaestionen zur Metaphysik
vor und nicht nach der Physik entstanden. Man findet in der scholastischen
Literatur ja häufig derartige Unstimmigkeiten in den Zitaten. Im vorlie­
genden Fall möchten wir folgende Ixisung Vorschlägen: der Physikkom­
mentar ist unverkennbar eine vom Autor ausgearbeitete editio (oder ordi­
natio), die vermutlich nicht sofort, sondern erst einige Zeit nach der lec­
tura redigiert wurde, während die Quaestionen zur Metaphysik, wie Aegi­
dius selbst sagt, eine recollectio (oder reportatio! darstellen, die während
der Vorlesung von einem Hörer niedcrgeschricben worden ist. Es ist
also gut möglich, dass die Reihenfolge der beiden Vorlesungen eine andere
ist als die der Veröffentlichungen. Die Verweisung in Phys. IV würde
dann aus dem mündlichen Vortrag stammen, die in Phys. III erst in der
Ausarbeitung eingefügt worden sein, als die reportatio der Mctaphysik-
vorlesung schon vorlag. Am wahrscheinlichsten scheint uns, dass Aegidius
gleichzeitig — und zwar im Studienjahr 1276-77 — über Physik und
Metaphysik gelesen hat, sodass die Hörer ohne weiteres verstehen konnten,
was mit in philosophia gemeint war; das Futurum cum tempus aderit
erklärt sich natürlich daraus, dass der Hinweis bei der Erläuterung des 4.
Buchs der Physik gegeben wird und sich auf das zweifellos später kom­
mentierte 8- Buch der Metaphysik bezieht.
11 Metaphysicalcs quaestiones (Edd. Venedig 1499. 1501, 1552; Hand­
schriften sind keine erhalten) lib. VIII qu. 5: utrum dimensiones intermi­
natae natae sint terminari a terminatis. In der vorhergehenden Quaestio
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 37

Wieder folgen wir dem (iedankcngang der einschlägigen


Stelle Schritt für Schritt l4. Zuerst soll gezeigt werden, inwie-

wird die Frage erörtert: utrum dimensiones interminatae praecedant for­


mam sul>$tantialcra in materia, und (in allgemeiner Form) bejaht.
Die Stelle lautet (wir folgen der Ed. 1552, die den besten Text
bietet, und korrigieren nur gelegentlich nach den beiden andern): Primo
videndum est quomodo dimensiones indeterminatae praecedunt formam
substantialem in malcria. Et est dicendum quod est reperire duplices d i­
mensiones indeterminatas quae praecedunt formam substantialem in ma­
teria. Ad quod declarandum oportet duo videre, scii, quod ibi sunt di­
mensiones et quod illae sunt indeterminatae. Primum patet sic, quia quod
unus pugillus terrae sit densior uno pugillo aquae, hoc non est ex eo
quod aqua sit magis porosa...; nec est ex hoc quod paries magis pro­
pinquae iaceant ad invicem quam [in] aqua (aequaliter enim iacent, cum
uirumquc sit continuum); sed est ex hoc quod in pugillo terrae est magis
de materia quam in pugillo aquae..., et ex hoc patet quod in materia
est invenire multum et paucum... Cum autem materia per se sit penitus
in potentia, a se non habet quod sit mulla vel pauca, oportet igitur quod
hoc habeat ab aliqua quantitate. Haec ergo quantitas est in materia et
ante omnem formam sulistantialem. quod sic patet: nam non est ratio
aliqua quare natura non potest facere ex grano milii montem nisi quia plus
est de materia in monte quam in milio. Si ergo natura posset super
inultum et paucum de materia, ita quod posset facere de pauca materia
multam, tunc posset etiam facere ex grano milii montem faciendo de
pauca materia multam penitus, nullo addito et sine rarefactione. Quod
ergo de minori faciat maius vel e contrario, nullo addito nec rarefacto
vel dempto nec condensato, est omnino contra rationem augmenti et di-
minutionis. Igitur natura non potest super multum et paucum de materia,
immo limitate constituit formas substantiales et determinatas in materia
quas potest successive in materia inducere et removere (et in hoc etiam
natura differt ab arte, quia ars solum potest subiectum transmutate
quantum ad formas accidentales, non autem quantum ad formas substan­
tiales, sed natura quantum ad utrasque se extendit). Ultra autem formant
substantialem et sibi consequentia non se extendit natura vel actio ipsius.
Ex quo patet quod quantitas, in qua fundatur multum et paucum de
materia, non est de accidentibus consequentibus formam substantialem in
materia, est igitur illa quantitas ante formam substantialem in materia.
Restat igitur videre qualiter illa quantitas sit indeterminata; et hoc
patet sic: nam dicitur quantitas indeterminata quae indeterminatum lo­
cum occupat. Multum enim et paucum in materia sunt per quae potest
occupari locus; non autem locum determinatum occupat in actu, quia
eadem multitudo materiae aliquando occupat minorem locum, u t in uno
pugillo terrae, aliquando maiorem, ut quando ex illo uno pugillo fiunt
decem aeris; et pro tanto dicitur dimensio indeterminata. Igitur habe­
mus unum modum dimensionum indeterminatarum praecedentium sub­
stantialem formam in materia, et hunc modum dimensionum indeterm i­
natarum non videtur venari Avcrroes in Dc substantia orbis. — Nunc
38 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

fern überhaupt unbestimmte Dimensionen der substantialcn


Form in der Materie voraufgehen. Und dazu ist nun zu sagen,
so erklärt Aegidius gleich von vornherein, dass cs zwei Arten
von dimensiones indeterminatae gibt, die der substantialen Form
voraufgehen. Um das zu erklären, muss zweierlei dargetan
werden : einmal, dass es in der Materie Dimensionen gibt, und
zweitens, dass sie unbestimmt sind. Das erste erhellt wieder

sidendum csi de secundo modo dimensionum indeterminatarum ct hunc


magis venatur Avcrroes. Unumquodque itaque corpus et est corpus et
est tale corpus, ut ignis est corpus et est tale corpus... Et quia corpus
sequitur dimensiones, corpus simpliciter sequitur dimensiones simpliciter,
et hoc corpus has dimensiones; et dimensiones simpliciter sunt priores
his dimensionibus, sicut corpus hoc corpore. Sunt etiam indeterminatae,
quia non respondet eis locus determinatus, sed locus simpliciter. Sic igitur
habemus duplices dimensiones indeterminatas praecedentes formam sub­
stantialem in materia.
Differunt autem in hoc, quoniam primae dimensiones indeterminatae
praecedunt omnem formam in materia, tam specialem quam generalem...;
■ed secundae dimensiones indeterminatae non praecedunt omnem formam
in materia quia non praecedunt formam corporis simpliciter, immo sequun­
tur, sed solam formam specificam scii, huius corporis, puta ignis vel
zeris. — Ex hac differentia prima sequitur 2“ differentia inter has di­
mensiones. quia primae dimensiones indeterminatae fundantur in materfa
prima simpliciter ut in subiecto, secundae autem dimensiones indeter­
minatae non fundantur in materia prima ut in subiecto, sed in composito
ex materia ct forma, non enim praecedunt corpus simpliciter, sed corpus
tale. — Ex hac differentia secunda 3» differentia sequitur, scit, quod
primae dimensiones indeterminatae realiter praecedunt formam substan­
tialem, secundae autem non nisi secundum modum considerandi... — Ex
his sequitur 4“ differentia, et est quod primae dimensiones indetermina­
tae realiter differunt a dimensionibus determinatis, secundae autem di­
mensiones indeterminatae non differunt secundum rem a dimensionibus
terminatis, sed solum secundum rationem, non enim realiter differt uni­
versale a particulari nec distinguitur ab eo nisi secundum rationem...
Primae autem dimensiones interminatae a terminatis realiter differunt,
quia materia eiusdem multitudinis vel paucitatis est sub uno pugillo ter­
rae et decem aquae factae ex illo uno pugillo, determinatae vero dimen­
siones occupant maiorem locum determinatum sub forma aquae quam
terrae. Cum autem in transmutatione terrae in aquam dimensio indeter­
minata maneat, quia eadem est multitudo materiae utrobique, non autem
maneat dimensio determinata eadem, quia non idem locus aquae determi­
natus manet, patet quod dimensio indeterminata realiter differt a deter­
minata. — Ex his sequitur 5* differentia, quod primae dimensiones inde­
terminatae comparantur ad terminatas sicut materia ad formam, secundae
vero indeterminatae comparantur ad terminatas sicut forma confusa magis
ad formam particularem...
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 39

aus dem üblichen Beispiel: in einer Handvoll Erde ist mehr


Materie als in einer Handvoll W asser; das kann aber nicht
in einer Eigenschaft der Materie seinen Grund haben — denn
die Materie ist reine Potenz —, sondern das muss auf ein
formales Moment, d. h. eine Quantität zurückgehen. Und diese
Quantität ist in der Materie vor aller substantialen Form. Denn
dass auf natürlichem Weg aus einem Getreidekorn nicht ein
Berg werden kann, hat seinen Grund lediglich darin, dass im
Berg mehr Materie (unabhängig von und vor der substantia­
len Form) ist als im Getreidekorn.
Es folgen einige grundsätzliche Bemerkungen über den
Wirkungsbereich der natürlichen Kräfte: sie haben keine Macht
über die Materie, sondern nur, und auch nur in beschränktem
Umfang, über die substantialen Formen und was aus ihnen folgt.
Und, so fügt Aegidius hinzu, natürliche Kräfte und künstliche,
d. h. solche, die vom Menschen herrühren — natura et ars —
unterscheiden sich darin, dass die letzteren nur Aenderungen in
den Akzidentien herbeiführen können, aber nicht in den substan­
tialen Formen, während die ersteren auf beide einzuwirken
vermögen. Aber auf das Viel oder Wenig der Materie haben
auch sie keinen Einfluss. Daraus folgt, dass die Quantität, in
der diese Mengenunterschiede begründet sind, nicht zu den Ak­
zidentien gehört, die aus der substantialen Form folgen, dass
sie also vor dieser in der Materie vorhanden sein muss.
Es bleibt noch die Frage, inwiefern diese Quantität « unbe­
stimmt » ist. Die Antwort ist einfach: diejenige Quantität heisst
indeterminata, die ein unbestimmtes Raumvolumen erfüllt. Nun
sind aber das « Viel » und « Wenig » der Materie Bestimmun­
gen, die eine Raumerfüllung (eine extensive Grösse) ausdrük-
ken, aber nicht einen bestimmten aktuell erfüllten Raum be­
deuten, denn dieselbe Menge Materie kann ja bekanntlich bald
einen grösseren bald einen kleineren Raum einnehmen. Eben
aus diesem Grund spricht man von unbestimmten Dimensionen.
Damit haben wir also e i n e Art von dimensiones inde­
terminatae, die der substantialen Form in der Materie vorauf­
gehen, und, so unterstreicht Aegidius, diese Art von unbestimm­
ten Dimensionen hat Averroes in jener berühmten Stelle aus
dem ersten Kapitel seines Traktats De substantia orbis offfen-
bar n i c h t gemeint.
40 G K t7 ff9 M C ftirrt UWD CBUWVmiW/.lFIBI«

Daneben gibt e* noch eine /weite Ar t ; eben die, die Avrr-


roe» im Auge gehabt hat, und die nun in der üblichen Weite
beschrieben wird. Jeder Körper ist einerseits Körper im allge­
meinen Sinn, anderervitt dieser bestimmte spezifisch untere hie-
dene Körper. Luft ist z. B. einerseits materielle Substanz im
generellen Sinn, andererseits diese* spezielle Element. Wenn
sie sieh nun in Feuer verwandelt, so wird sie alt Luft zerstört,
d. h. als dieae konkrete körperliche Substanz, aber nicht als
materielle Substanz überhaupt. Die Körperhaftigkcit schlechthin
geht also der besonderen KArperhaftigkeit logisch und ontolo­
gisch vorauf. Und entsprechend verhält es sich mit den Di­
mensionen, die der einen und der andern zukommen. Denn
genau so wie der konkret bestimmte Körper seine Dimensionen
hat, so auch der Körper schlechthin, und zwar sind die letzte­
ren, die Dimensionen schlechthin, den bestimmten Dimensionen
gegenständlich vorgeordnet und sind ihrerseits unbestimmter
Natur, denn es entspricht ihnen nur eine Raumerfüllung im
allgemeinen, aber keine bestimmte.
Das Ergebnis ist also: es gibt tatsächlich zweierlei dimen­
siones indeterminatae, die der substantialen Form in der Ma­
terie voraufgehen. Sic unterscheiden sich, so präzisiert Aegi­
dius seine I.chrr weiterhin, in fünffacher Weise: i) Die ersten
dimensiones indeterminatae — nennen wir sic die acgidianischcn
im Gegensatz zu den averroistischen — gehen j e d e r sub­
stantialen Form in der Materie vorauf, die zweiten nur der spe­
zifischen Form d i e s e s konkreten Körpers, nicht aber der
Form des Körpers schlechthin. 2) Die acgidianischcn dimen­
siones indeterminatae haben als Subjekt die erste Materie selbst,
die averroistischen dagegen ein Kompositum aus Materie und
Form, nämlich den Körper schlechthin ; denn sic gehen ja nicht
der Körperlichkeit als solcher — d. h. der corporeitas im aver­
roistischen Sinn — vorauf, sondern der substantialen Form die­
ses bestimmten Körpers. 3) Die aegidianischen unbestimmten
Dimensionen gehen der substantialen Form realiter vorauf, die
averroistischen dagegen nur secundum modum considerandi.
4) Dementsprechend unterscheiden sich die aegidianischen di­
mensiones indeterminatae von den dimensiones determinatae
secundum rem, die averroistischen dagegen nur secundum ra­
tionem, so wie sich das universale vom particulare nicht rea­
liter sondern nur secundum rationem unterscheidet. Dass zwi-

t
DA» PROBLEM OCR QUAKTITA» MATERIAR 41
«rhen d e n a#-gidiani*rhen bestimmten und unbestimmten Di­
mensionen wirklich ein realer Unterschied besteht wird wieder
mit dem alten Argument erläutert: dieselbe Menge Materie,
die in einer Volumeneinheit Erde ist, ist in den zehn Volumen-
einheiten Wasser, die aus derselben Materie werden, wenn die
Erde si< h in Wasser verwandelt; die dimensiones determinatae
ändern sich also, während die dimensiones indeterminatae er­
halten bleiben, folglich müssen sie »ich realiter unterscheiden.
5) Dir aegidianischen dimensiones indeterminatae schliesslich
verhalten sich zu den bestimmten Dimensionen wie die Materie
zur Form, die averroistischen dagegen nur wie eine allgemeinere
und unbestimmtere Form /u einer speziellen.
Aus der duplex quantitas ist also nun eine duplex quantitas
indeterminata geworden : zwei unbestimmte Quantitäten, die
beide der substantialen Form in der Materie voraufgehen, de­
nen aber eine einzige quantitas determinata, die. Ausdehnung
oder das Volumen des Körpers, entspricht. Zwischen diesen
beiden Arten von dimensiones indeterminatae bestehen mehre­
re Unterschiede, von denen der wichtigste und entscheidende
der ist, dass die eine dieser Quantitäten sich realiter von der
quantitas determinata oder dem Volumen unterscheidet, während
die andere in ihr aufgeht und nur in der logischen Analyse von
ihr zu trennen ist. Mit andern Worten : es gibt eine besondere,
von der Ausdehnung verschiedene und begrifflich genau fass-
und unterscheidbare Quantität der Materie, der jedoch kein
eigenes Mass zukommt, d. h. die nicht direkt messbar ist, —
eine Feststellung, die in absolut richtiger Weise den wirklichen
physikalischen Sachverhalt trifft.
Diese Lehre, so neu und eigenartig sie ist, hat zunächst
offenbar keine Beachtung gefunden. Es folgen die Jahre des
Exils für Aegidius, in denen cs um ihn und seine Lehren über­
haupt stiller geworden ist. Erst nach seiner Rückkehr an die
Pariser Universität, 1285, leben die alten Kontroversen wieder
a uf ,ft. Und nun kommt es auch sehr bald zu einer ausdrückli­
chen Kritik an seiner Theorie von der doppelten quantitas.
T h o m a s S u t t o n erörtert in seinem wahrscheinlich
1285 gehaltenen II. Quodlibet u die Frage : utrum species in sa-

10 Vgl. F.. Hocedez, Gilles de Rome et Henri de Gand, Gregorianum.


VIII, 1927. 9. 358 ff.
10 Vgl. P. Gloricux, La litt£ratunc quodliW tiquc I, S. 291 ff.
42 G ftU N üB E C R irrS UND GRUNDPRINZIPIEN

cramento altaris possint condensari et rarefierilT und setzt sich


in diesem Zusammenhang eingehend mit der Lehre des Aegi­
dius auseinander. Die Frage als solche wird zunächst bejaht :
die heiligen Spezies können Verdichtung und Verdünnung er­
fahren, wie aus der Erfahrung feststeht; sed de modo quo sit
condensatio vel rarefactio, est difficultas magna, und zwar aus­
ser den allgemeinen Schwierigkeiten u , die die Erklärung der
raritas und densitas und ihrer Veränderungen bietet, noch eine
spezielle. Denn es scheint sich hier um eine transmutatio sine
subieeto zu handeln, und auch die Auskunft, die Quantität an
die Stelle des Subjekts treten zu lassen, versagt hier. Es sind
die üblichen Erwägungen, die immer diesem Problem gegen­
über angestellt werden. Thomas seinerseits sieht keine andere
Lösung als die Annahme, dass im sacramentum altaris derar­
tige Vorgänge nur miraculose möglich seien. Auch Aegidius
hatte diesen Ausweg in seinen Theoremata de corpore Christi
in Erwägung gezogen, aber als eine « positio omnino absurda >»
abgelehnt: derartige Aenderungen hängen von Bewegungsvor­
gängen und natürlichen Temperaturschwankungen ab, fugere
ergo difficultatem hanc, quod hoc supernaturaliter fiat, videtur
omnino ridiculum. Thomas von Sutton ist in dieser Beziehung
anderer Ansicht, und er weist nun umgekehrt die aegidianischc
Lösung des Problems entschieden zurück. Dabei legt er aber
seiner Kritik ohne weiteres den averroistischen Begriff der di­
mensiones indeterminatae zugrunde, ohne zu berücksichtigen,
dass Aegidius einen ganz andern meint.
Er gibt zunächst zu, dass als Subjekt derartiger Verän-

u Quodl. II qu 18 (Ottob. lat. 1126 fol. 89’-90'l.


Unter diesen ist eine besonders interessant: eine materielle Sub­
stanz ist ein Kontinuum und bleibt es trotz Verdichtung und Verdün­
nung. Aber in einem Kontinuum können die Teile nicht grösseren oder
kleineren Abstand von einander halten. Es ist ein Problem, das von vie­
len aufgeworfen wurde und das z.T. seltsame Lösungen gefunden hat.
Richard von Mediavilla z.B. wollte nichts weniger als eine gegenseitige
Durchdringung der materiellen Teilchen annehmen, d. h. das Prinzip von
der impenetrabilitas der Materie aufgeben. Auch Suttons Lösung ist nicht
viel besser; er nimmt an. dass die einzelnen Teile des Kontinuums als
solchen mehr oder weniger komprimiert sein können. Im allgemeinen hat
man. namentlich im späteren 14. Jahrhundert, den Ausweg aus dieser
Aporie in einem Rekurs auf den Unendlichkeitsbegriff gesucht (vgl. u.
S. 167 Anm. 24).
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 43

derungen dic quantitas indeterminata angesehen werden kann,


und präzisiert, was er darunter verstehen w ill: Quod autem
quaeritur, utrum subiectum istarum transmutationum sit quan­
titas indeterminata vel determinata, dico quod quantitas inde­
terminata est subiectum ; et voco nunc quantitatem indetermi­
natam quantitatem prout est indifferens ut fiat maior per rare-
factionem et ut fiat minor per condensationem, quantitatem de­
terminatam vero voco eandem quantitatem prout determinatum
locum occupat. Et si quaeritur, utrum quantitas indeterminata
sit eadem cum quantitate determinata, dico quod est eadem
secundum essentiam et non est alia secundum numerum, quam­
vis aliqui aliter dicant; et probant hoc duabus rationibus. Es
folgt eine Wiedergabe der beiden aegidianischen Argumente:
destructis dimensionibus terminatis non destruuntur indetermi­
natae, und: die Kräfte der agentia naturalia erstrecken sich
nur auf dic quantitas determinata und nicht auf die indeter­
minata, quia agens naturale non potest facere quod materia mi­
nor fiat maior vel c converso. Sutton erklärt kurzerhand von
dem einen wie von dem andern dieser Beweisgründe : peccat in
materin. Aber seine Einwände zeigen eigentlich nur, dass er
den springenden Punkt der neuen Theorie nicht verstanden hat.
Nunquam enim, erwidert er auf das erste Argument, destruun­
tur dimensiones determinatae sicut nec interminatae. Verum est
quod hoc bene destruitur a quantitate quod occupet tantum lo­
cum praecise, sed hoc non est ipsam destrui, sed hoc est ipsam
magis extendi vel magis comprimi, ipsa manente secundum suam
essentiam. Eadem enim dimensio fit maior per rarefactionem
et minor per condensationem. In analoger Weise wird das zwei­
te Argument widerlegt. Denn, so heisst es schliesslich, illa ea­
dem quantitas secundum unam considerationem est indetermi­
nata et secundum aliam est determinata. Quando autem quan­
titas sic extenditur, ut occupet maiorem locum, materia minor
fit maior, et quando sic comprimitur, ut occupet minorem lo­
cum, tunc materia maior fit minor, tanta enim est materia quan­
ta est dimensio, sicut tanta est albedo quanta est superficies. Tu
dices quod non, quia tanta est materia in uno pugillo aquae
quanta est in decem pugillis aeris. Et ego dico quod hoc est
falsum ; non est tanta m ateria: non est in actu tanta, sed solum
est in potentia tanta, quia ex uno pugillo aquae possunt fieri
decem pugilli aeris, et ideo materia unius pugilli aquae est tanta
44 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

in potcnlia quanta est in actu materia decem pugillorum aeris...


Dicendum est igitur quod eadem secundum rem est quantitas
determinata et indeterminata.
Diese Bemerkungen Suttens gehen natürlich an der eigent­
lichen Schwierigkeit vorüber, und vor allem: sie widerlegen
Aegidius nicht, denn das Problem, das dieser lösen wollte, be­
steht ja gerade darin, eine Erklärung für die potentiellen Volu­
mina zu finden, die den materiellen Substanzen ausser ihren
aktuellen Dimensionen zukommen.
Aegidius hat auf diese Kritik nicht direkt und nicht sofort
geantwortet. Erst einige Jahre später — 1289, in seinem IV.
Quodlibet — nimmt er in einem andern Zusammenhang noch
einmal Stellung zu dem Problem *\ Und die£e Stellungnahme
ist leider ein endgültiger Rückzug. Aegidius unterscheidet jetzt
nicht mehr zwei quantitates indeterminatae, er kennt nur noch
eine einzige und zwar die ursprüngliche averroistischc, die der
substantialen Form in der Materie voraufgehen und die Indi­
viduation ermöglichen soll. Diese quantitas indeterminata, so
lehrt Aegidius jetzt, kann ihrerseits in verschiedener Weise de­
terminiert werden. Immer aber ist der Unterschied zwischen
quantitas indeterminata und determinata derselbe: per dimen­
siones indeterminatas habet materia quod occupet locum, per
determinatas vero quod occupet tantum locum. Von einer quan­
titas, durch die die Materie tanta et tanta ist, ist nicht mehr die
Rede, es scheint sogar, dass Aegidius sich gar nicht mehr
erinnert, jemals das Vorhandensein einer solchen Quantität ge­
lehrt zu haben — oder sich vielleicht auch nicht mehr erinnern
will.
Die quantitas indeterminata der Materie kann in vierfacher
Weise zu einer quantitas determinata werden : i° per aliam et
aliam formam substantialem ... Nam tantum de materia quan­
tum est sub uno pugillo terrae et est sub decem aquae, sub cen­
tum aeris ct sub mille ignis. Semper ergo remanet tantum de
materia... sed non semper remanet occupatio tanti loci. Habet
ergo materia per quantitatem ut occupet locum, sed quod occu­
pet tantum et tantum locum habet per quantitatem non secun­
dum se et absolute, sed secundum quod est sub alia et alia sub-

iv Quodl IV qu. 1 (Ed. Venedig. 1304): utrum aliquid agens divi­


num possit facere duo accidentia eiusdem speciei in eodem subiecto.
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 45

stantiali forma. __ 2* determinatur quantitas in materia per


aliam et aliam qualitatem. Nam secundum quod quantitas ma­
teriae est coniuncta raritati vel densitati, sic occupat maiorem
et minorem locum. Kadern ergo quantitas potest occupare maio­
rem et minorem locum secundum quod est coniuncta alii et alii
qualitati. Indeterminate ergo sc habet quantitas ad occupatio­
nem loci, determinatur autem tam per formam substantialem
quam per qualitatem... Kx hoc etiam patet quod... bene dictum
est, prout in q u i b u s d a m a l i i s o p e r i b u s r e c o l i ­
m u s n o s d i x i s s e quod per dimensiones indeterminatas
habet materia quod occupet locum, per terminatas vero quod
occupet tantum vel tantum locum (!). — 30 quantitas materiae
determinatur per aliam et aliam quantitatem, nam eadem quan­
titas materiae potest esse sub maiori et minori superficie... Et
eadem quantitas materiae ut est sub forma aquae habebit su­
perficiem ad magnitudinem unius pugilli, facta autem sub forma
aeris habebit superficiem ad magnitudinem decem pugillorum.
Cum ergo ipsa superficies sit quaedam quantitas et cum per
aliam superficiem terminatur materiae quantitas, bene dictum
est quod quantitas materiae potest terminari per aliam et aliam
quantitatem... 40 modo determinatur quantitas materiae per
seipsam aliter et aliter acceptam. Nam sicut in aliis formis po­
test accipi ratio universalitatis et specialitatis, et eadem forma
sumpta generaliter determinatur per seipsam sumptam speciali­
ter, sic et in quantitate est hoc accipere. Nam sicut eadem res
potest considerari ut est corpus et ut est tale corpus, sic et in
dimensionibus...
Die frühere Theorie klingt hier und da noch an, so bei der
Beschreibung des ersten Bestimmungsmodus, wo ausdrücklich
fcstgestellt w ird: semper remanet tantum de materia (ohne dass
freilich irgend welche Konsequenzen daraus gezogen würden),
oder wenn Aegidius zeigen will, dass bei dem dritten Modus
sich dimensiones indeterminatae und determinatae realiter von­
einander unterscheiden, weil — das ist der Grundgedanke des
etwas komplizierten Nachweises — sie mit Volumen und Ober­
fläche zusammenfallen, die beide wirkliche Dimensionen und
zwar realiter verschiedene Dimensionen darstellen, derart dass
das in seiner Grösse unbestimmte Volumen der Materie durch
eine konkrete Oberfläche präzisiert wird. Das ist alles, was von
der duplex quantitas der früheren Schriften übriggeblieben ist.
46 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

Aegidius verzichtet offenbar auf die einstige Lehre — die Art,


wie er sic erwähnt, zeigt das deutlich — und er tut cs, indem
er ihr einen neutralen und farblosen Anstrich gibt, der der Kri­
tik keine Angriffspunkte mehr bietet. Aus der kühnen und
grossartigen Forderung einer besonderen quantitas materiae,
die essentiell verschieden ist von der Ausdehnung der materiel­
len Substanz — zweifellos einer der « modernsten » Gedanken
der ganzen scholastischen Naturphilosophie —^ ist nun eine un­
ter den vielen Interpretationen des averroistischen Lehrstücks
von den dimensiones indeterminatae geworden.
Die ursprüngliche Lehre des Aegidius wird in den folgen­
den Jahren und Jahrzehnten in der Literatur noch gelegentlich
gestreift. So greift G o t t f r i e d v o n F o n t a i n c s in sei­
nem XI. Quodlibet (1294) noch einmal auf sie zurück und
zwar anlässlich desselben Problems, aus dem heraus sie seiner­
zeit aufgestellt worden war, nämlich der Erklärung von rarefac-
tio und condensatio in der geweihten Hostiea#. Dass Aegidius
inzwischen, freilich in anderm Zusammenhang, seine Lehre re­
vidiert hatte, lässt Gottfried unberücksichtigt und erörtert nur

sp Quodl. XI qu. 3 (Philosophes beiges V ed. J. Hoffmans. Löwen


1932): utrum ad hoc quod quantitas remanens (seil, in sacramento alta­
ris) possit transmutari oporteat praeter quantitatem determinatam ponere
aliam quantitatem indeterminatam. Übrigens soll Gottfried in dieser Quae­
stio eine seltsame Theorie der rarcfactio und condensatio vertreten haben,
nämlich: quod est omnino alia et alia quantitas in rarcfactione et conden­
satione specicruin. ita scii, omnino quod nihil prioris remanet in poste­
riori nec pars aliqua posterioris praefuit in priori. Diese Ansicht refe­
riert Duns Scotus (Op Ox. IV dist. 12 qu. 4) als ”una opinio" und wider­
legt sie ausführlich, und in der Wadding.Ausgabe lesen wir zu ihr das
Schol iu in ; Opinio Gotfrcdi in rarefactione et condensatione totam prae­
cedentem quantitatem deperdi et aliam omnino novam fieri, und am
Rand: Gotfr. quodlib. l l q. 3 et Burlaei. Aber bei Gottfried findet
sich diese Auffassung an der angegebenen Stelle nicht, und. soviel wir
sehen, auch sonst nicht. Diese eigenartige Lehre hat ihr genaues Ana­
logon unter den Theorien der intensio et remissio formarum (vgl. II
S. 52 ff.), und sie wird auch dort, und zwar vor allem von den Scotisten,
Gottfried zugeschrieben. Auch in unserm Scholium heisst es weiter: Idein
tenet Gotfredus de qualitate in augmento vel diminutione, scii, quod tota
qualitas praexistens pereat. Dass Burlaeus, der ja auch am Rand genannt
ist, die intensive Änderung der Qualitäten so gedeutet hat, stimmt, aber
Gottfried hat diese Lehre nicht vertreten, weder für die rarefactio und
condensatio, noch für die intensio und remissio formarum.
DAS PROBLEM DER QUANTITAS MATERIAE 47

die ursprüngliche Theorie Jl, und zwar in einer Form, die das
Wesentliche an ihr besonder» klar erfasst und präzis formuliert.
Gottfried erklärt: dicendum quod duplex invenitur modus ponen­
di dimensiones indeterminatas in materia : unus antiquus, verus
et rationalis, si bene et recte intelligitur; alius novus qui ratio­
nalis non videtur. Primus modus videtur esse Commentatori»,
et est inductus propter necessitatem materiae ad hoc quod si­
mul habeat esse sub pluribus lormis substantialibus vel succes­
sive, quoniam subiectum formae substantialis est m ateria;...
hanc autem plurificationcm non potest habere materia nisi per
quantitatem formaliter... Alius modus ponendi est hoc, cum in­
veniatur in materia esse tantum vel tantum, scii, multum vel
paucum, et occupare tantum de loco vel tantum (quia in uno
pugillo terrae plus est de materia quam in uno pugillo aquae
usw. : das übliche Beispiel), nullum horum habet materia de se,
quia non est nisi potentialitas quaedam ; ideo oportet quod hoc
habeat secundum aliquem actum non substantialem sed acciden­
talem. Et quia quidquid importat magnitudinem vel pluralita­
tem ad quantitatem pertinet, ideo oportet utrumque modorum
praedictorum quantitati convenire; et oportet quod quantitas
per quam materia est tanta non sit eadem cum ista per quam
materia occupat tantum locum, quia variata ista non variatur
illa... Et huiusmodi quantitas dicitur quantitas indeterminata,
quia manet sub diversis dimensionibus terminatis, quae sunt
quantitates secundum quas aliquid occupat locum.
Gottfried selbst lehnt diese Theorie ab 22 : es gibt nur eine
einzige Quantität in den materiellen Substanzen, die in ihrem
Mehr oder Minder durch dic raritas oder densitas der betreffen­
den Substanz bedingt ist — also eine Betrachtungsweise, die
Aegidius inzwischen selbst schon in seinem IV. Quodlibet einge-*

*1 Gottfrieds Kritik l>e/ieht sich nicht auf Aegidius' II. Quodlibet,


qu. l i, wie in der zitierten Ausgabe angegeben wird; dort handelt es
sich uin ein zwar verwandtes aber grundsätzlich anderes Problem : utrum
de costa Adac sine additione materiae potuerit fieri Eva, d. h. ob eine
Vergrösserung des Volumens ohne rarefactio und ohne additio materiae
(für Gott) möglich oder in sich widerspruchsvoll ist.
22 F.inc ausführliche Auseinandersetzung mit Gottfrieds eigener Ausle­
gung der dimensiones indeterminatae findet sich bei Thomas de W ylton
in einer Quaestio seines Quodlibet (utrum in materia generabilium prae­
cedat aliqua dimensio formam substantialem inducendam, Borgh. 36
fol. 87'-90’), aber auf Gottfrieds Kritik an Aegidius geht Thomas nicht ein.
48 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

führt hatte, die aber um zu einer wirklichen Lösung und nicht


zu einem Zirkel zu führen, eine andere Definition der Dichte
erfordern würde als die übliche aristotelisch-scholastische **.
Jacob von Viterbo, der Nachfolger des Aegidius als
General der Augustiner-Eremiten, hat 1295/96 in seinem II 1.
Quodlibet die Frage diskutiert: utrum in sacramento altaris seu
in accidentibus sub quibus existit sacramcntalitcr corpus Chri­
sti possit salvari motus augmenti nisi ponantur differre dimen­
siones terminatae ab interminatis u . Ob er hier auf Gottfrieds
Kritik geantwortet, oder ob er selbst Stellung gegen Aegidius
genommen hat, vermögen wir nicht zu sagen, da uns leider kei­
ne der wenigen Handschriften zugänglich war, die von sei­
nem III. Quodlibet existieren.
Auch später, in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhun­
derts begegnen noch manchmal Angriffe auf die Lehre von der
duplex quantitas, die aber meistens daneben treffen, weil sic
das Problem entweder missverstehen oder es mit andern ver­
mengen 24; aber dann wird sie allmählich vergessen. Anhän­
ger hat sie jedenfalls keine gefunden.

u Es ist dieselbe Auffassung und derselbe Zirkel, den inan Newtons


Dcfiniton der Masse so oft vorgeworfen hat: quantitas materiae est men­
sura eiusdem orta ex illius densitate et magnitudine coniunctira (vgl. ob.).
Denn wenn die Masse als Produkt aus Dichte und Volumen definiert
wird, kann man nicht umgekehrt die Dichte als Verhältnis von quantitas
materiae und Volumen definieren, sondern muss in ihr einen ursprüng­
lichen (qualitativen) Faktor sehen, was zweifellos für Aegidius und
Gottfried leichter war und weniger prinzipielle Schwierigkeiten bereitete
als für Newton. In welchem Sinn dieser letztere seine Definition verstan­
den hat. ist in der Tat bis heute umstritten.
M Vgl. P. Glorieux, La littärature quodliWtique II. S. 144 ff.
So bringt der Verfasser des VIII. dem Hervaeus Natalis zugeschrie­
benen Quodlibet (Ed. V’cnedig 1513) die aegidianische Lehre von der dop­
pelten quantitas in Zusammenhang mit der viel erörterten Frage, ob der
Materie als solcher und unabhängig von jeder Quantität eine Art von Aus­
dehnung zukomme (qu. 10: utrum alia sit dimensio materiae et dimensio
quantitatis). — Dieselbe Verwechslung begegnet in der Ausgabe des Sen­
tenzenkommentars von Joh. de Bassolis Paris 1516. in einer Verweisung
am Rand zu lib. II dist. 12 qu. 3 art. III (nicht im Text selbst). — Ein
anderes Missverständnis, das sich etwa bei Hervaeus (Sent. IV dist. 12 qu.
12 art. III) und noch hei Gregor von Rimini (Sent. II dist. 12 qu. 2 art. I)
findet, besteht in der Identifizierung der aegidianischen dimensiones inde
terminatae mit den averroistischen und einer entsprechenden Kritik. Wir
müssen uns ein Eingehen auf die Einzelheiten hier versagen.
DAS PROBLEM DER QUANT IT A8 MATERIAE 49

Die Frage selbst ist offen geblieben: auch für die Spat­
scholastik gibt es offiziell keine vom Volumen verschiedene
quantitas materiae. Aber implicite hat das 14. Jahrhundert in
seiner Auffassung der raritas und densitas durchaus eine sol­
che anerkannt _ in der Buridan-Schule findet sich sogar schon
die Bezeichnung « massa » für sie *• — und mit ihr gerechnet.
So beginnt Richard Swineshead den Traktat De raritate et
densitate seines Liber calculationum 31 folgendermassen : Sequi­
tur inquirere penes quid raritas et densitas attendantur. In qua
materia solae duae positiones sunt inventae rationabiles, quarum
una ponit quod raritas attenditur penes proportionem quanti­
tatis subiecti ad eius materiam et densitas attenditur penes
proportionem materiae ad quantitatem. Secunda ponit quod ra­
ritas attenditur penes quantitatem... in comparatione ad mate­
riam, usw. Für Swineshead ist also die Dichte — auf die selt­
same Unterscheidung zwischen raritas und densitas, die na­
türlich sinnlos ist, kommt er übrigens im weiteren Verlauf
nicht zurück — irgendwie bestimmt durch das Verhältnis **
zwischen der Quantität des Subjekts (oder dem Volumen) und
der Masse.
Und so ist es durchweg: die Quantität der Materie wird
von den Naturphilosophen des 14. Jahrhunderts allgemein im­
plicite als eine besondere Grösse angesehen, und sie stellt so­
gar einen wichtigen physikalischen Faktor dar, der in verschie­
denen Zusammenhängen eine Rolle spielt. So etwa in der scho-

*• Und zwar nicht nur in der Formel « tota massa primae materiae ».
die auch sonst begegnet, sondern in der ganz präzisen Bedeutung eines
terminus technicus. So stellt z. B. Albert von Sachsen folgende Überlegung
an (Phys. I qu. 6. Ed. Vened. 1504): si sit una vesica plena aeris, tunc
comprimenti ipsam vesicam aliquid in ipsa vesica resistit — aber was?
Offenbar weder die Materie, noch die forma aeris, denn beide können
zweifellos sub minori extensione existieren; und dasselbe güt für die Qua­
litäten. Dico, so löst Albert das Problem, quod nec materia aeris resistit,
nec forma absolute, sed forma existens in tanta massa materiae. Unde
bene verum est. quod forma aeris potest esse sub minori quantitate, quan­
do non esset in tanta massa materiae, cum tamen est in tanta massa ma­
teriae, tunc non potest stare in materia quantumcumque densa: ipsa est
illud quod resistit comprimenti. — Man pflegt sonst in Newton den ersten
zu sehen, der die Bezeichnung massa für die quantitas materiae ange­
wandt hat.
*1 Edd. Padua 1480. Pavia 1488. Venedig 1520.
m Vgl. u. S. 98 Anna. 33.
50 GRUNDBEGRIFFE UND G RUNDPRINZIPIEN

lastichen Auffassung von der Kraftkapazität der einzelnen


Substanzen. Das Prinzip « forma multiplicatur et dividitur se­
cundum multiplicationem et divisionem materiae in qua est .*
bezieht sich ja nicht nur auf substantiale Formen, sondern auch
auf Qualitäten und Kräfte. Für diese besagt es: je mehr Ma­
terie ein Körper enthält, desto mehr enthält er an Wärme oder
Kälte, an Feuchtigkeit oder Trockenheit, an bewegender
Kraft usf. Und das gilt ganz allgemein auch für die Fälle,
wo das Mass der Materie nicht einfach zusammenfällt mit dem
des Volumens. So soll z. B. ein glühendes Stück Eisen nicht
nur mehr Wärme enthalten als ceteris paribus ein kleineres
Stück, sondern auch als eine 'gleich grosse Flamme, weil es
dichter ist und folglich mehr Materie enthält. Und dieses plus
oder minus der Qualität — Swineshead nennt cs die multitudo
formae — ist wohl zu unterscheiden von ihrer Intensität: die
Flamme ist ja zweifellos heisser als das glühende Eisen, und
trotzdem soll sie « weniger » Wärme enthalten.
Das ist eine erste Ahnung von dem Unterschied zwieschen
Wärmemenge und Temperatur, die allerdings noch übersieht,
dass die Wärmekapazität einer Substanz nicht einfach propor­
tional ihrer Dichte ist, sondern von einem besonderen Faktor
abhängt.
Ein interessantes Beispiel bietet ferner jenes berühmte und
viel diskutierte Problem, warum ceteris paribus ein Stein oder
ein Stück Eisen weiter geworfen werden kann als ein gleich
grosses Stück Holz oder eine Feder. Dicam, so antwortet etwa
Buridan2*, quod causa huius est, quia receptio omnium formarum
et dispositionum naturalium est in materia et ratione materiae;
ideo quanto plus est de materia, tanto illud corpus plus potest
recipere de illo impetu 30 et intensius, sicut etiam ferrum plus
potest recipere de caliditate quam lignum vel aqua eiusdem
quantitatis. Und Albert von Sachsen 81 gibt als Grund für die­
selbe « experientia » a n : quia lapis habet plus de materia et
est magis densus quam pluma, plus recipit de illa virtute mo-
tiva et diutius eam retinet quam pluma, et sic diutius move-

2* Phys. VIII qu. 12.


80 D. h. von jener vif motrix, die ihm der W erfende m itgeteilt hat;
zum Begriff des impetus a. u. S. 64 f.
•i Phys. VIII qu. 13.
DAS PR O BLEM DER QUANTITAS MATERIAE 51

tur... quam pluma. Auch hier ist also die Voraussetzung, dass
die K raftkapazität eines Körpers proportional ist seiner Masse:
eine Vorstellung, die zweifellos wieder etwas Richtiges enthält,
wenn sie auch nicht so allgemein zutrifft, wie die Scholastik
angenommen hat. Aber jedenfalls ermöglicht sie in gewissen
Fällen eine befriedigende Deutung der Phänomene. Ein grosses
Stück Eisen z. B. ist schwerer als ein kleines, oder auch als
ein gleich grosses Stük Holz, weil es mehr Materie enthält und
folglich mehr gravitas aufnehmen kann. Allerdings gilt für die
Scholastik auch das Um gekehrte: eine grosse Menge Dampf
oder »Rauch ist leichter als eine kleine, weil sie mehr Materie
enthält und folglich mehr levitas aufnehmen kann, was für uns
natürlich ein absurder Gedanke ist. Ein sinnvolles Ergebnis
hat dagegen wieder die Anwendung auf den Trägheitswider­
stand der schweren Körper. Ein Stein setzt einer vis motrix,
die ihn in Bewegung setzen will, einen grösseren Widerstand
entgegen als etwa eine Feder. Das ist eine Erfahrungstatsache,
die natürlich als solche von jeher bekannt war. Und die Erklä­
rung wird wieder im Unterschied der quantitas materiae hier
und dort gesucht. Denn die allgemeine Regel über die Kraft­
kapazität gilt auch für die resistentia, die zurückgeht auf das
Bestreben der materiellen Körper, in Ruhe zu bleiben, und die
wir noch kennen lernen werden : je mehr Materie ein Körper
enthält, desto mehr enthält er von dieser vis resistiva. Damit
ist aber nichts anderes gesagt, als dass der Trägheitswiderstand
eines Körpers proportional seiner Masse ist. Es ist einer der
Fälle, wo die Scholastik von ganz andersartigen Vorausset­
zungen aus zu denselben Resultaten gelangt wie die moderne
Physik.
Aber trotz all dem ist es nie zu einer wirklichen begriffli­
chen Klärung der quantitas materiae gekommen, oder gar zu
einer Definition, die tatsächlich eine quantitative Erfassung der
Masse ermöglicht h ä tte s*. Dieses Versagen hat seinen Grund

aa Es bleibt bei Umschreibungen wie der folgenden, die Swineshead


a.a.O. gibt: Pro istis est notandum quod plus est de materia in pedali
terrae quam in pedali ignis..., ut si ignis generetur ex terra, tota eius
quantitas m aioratur et sic totum fieret rarius quam nunc est, nihil tamen
deperdet de materia nec acquiret. Et ideo nunc est plus de materia in
illa terra quam in quantitate aequali ignis generandi, non intelligendo
ly plus sic quod tota materia sit maior quantitative, sed quod aequaliter
52 GR U N D B E G R IF FE UND G R U N D P R IN Z I P IE N

in prinzipiellen Schwierigkeiten. Es handelt »ich hier um eine


Grösse, die nicht direkt zugänglich ist und deren indirekte Er­
fassung nur unter Voraussetzungen möglich ist, die im Rahmen
der aristotelisch-scholastischen Naturphilosophie nicht gemacht
wurden. Gelöst wurde das Problem erst Jahrhunderte später;
aber es ist schon sehr viel, dass die Scholastik cs überhaupt
gesehen und gestellt hat.

est de materia terrae sicut erit in fine in igne generando: et nunc est
plus de illa materia in quantitate terrae quam est in quantitate aequali
ignis generandi. Eine exaktere Bestimmung hat nicht einmal der Calcu­
lato) /u gel)cn vermocht.

I
3.
URSACHEN UND KRAEFTE

Die Scholastik unterscheidet mit Aristoteles vier Arten von


Ursachen: causa materialis, causa formalis, causa finalis und
causa efficiens. Dic erste, die conditio sine qua non, die als
Ursache eine lediglich passive Rolle spielt, bietet für die Physik
kein Problem. Aber auch die causa formalis nicht. Die späteren
Jahrhunderte haben in ihrer Polemik gegen die aristotelisch­
scholastische Naturphilosophie die Rolle der Form als wirkenden
Prinzips im scholastischen Weltbild übertrieben und entstellt.
In Wirklichkeit liegen die Dinge viel einfacher. Die Formal­
ursache hat nielmals den Charakter eines wirkenden Prinzips,
aus dem ein Geschehen oder eine Veränderung folgt. Sie erklärt
lediglich ein Sein oder einen Zustand. Dafür etwa, dass ein
compositum ein Stein ist, ist die substantiale Form der lapi-
deitas die causa formalis, oder dafür, dass ein Körper weiss ist,
die .albedo, an der er partizipiert. Aber niemals ist die albedo
die Ursache dafür, dass der Körper weiss wird : zur Erklärung
dieses Vorgangs bedarf es einer causa efficiens, eines wirklichen
physischen agens. Das ist oft vergessen oder absichtlich
übersehen worden, wenn man der Scholastik vorgeworfen hat,
sie suche die Natur mit ihren substantialen und akzidentalen
Formen zu erklären. Die Formalursache hat ihren Platz in der
metaphysisch-ontologischen Deutung der W elt, nicht in der
physikalisch-dynamischen Naturerklärung. Es gibt freilich
einige (akzidentale) Formen — wir werden sie noch kennen
lernen die auch den Charater von causae efficientes haben
können, aber in diesem Fall wirken sie als aktive Prinzipien
im Naturgeschehen insofern sie causa efficiens und nicht insofern
sie causa formalis sind.
Auch die causa finalis hat in der N aturbetrachtung bei
weitem nicht die Rolle' gespielt, die die Späteren der Scho-
54 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

lastik zum Vorwurf gemacht haben. Gewiss gilt der Grund­


satz: omne agens agit propter finem, aber die finalen Ursa­
chen wurden so wenig wie die formalen als aktive Prinzipien
angesehen, aus denen das Naturgeschehen sich erklären lässt.
Denn eine Grundforderung der scholastischen Metaphysik und
Naturphilosophie, an der unbedingt festgehalten wird, besagt,
dass jeder Finalursache eine causa efficiens korrespondiert,
durch die sie realisiert wird.
Das Naturgeschehen wird somit nach der Auffassung der
Scholastik genau so wie für die moderne Physik beherrscht
von der Kausalität der causa efficiens, und zwar durchgängig.
Die Naturphilosophie des 14. Jahrhunderts erkennt durchaus die
AllgemeingQltigkeit des Kausalprinzips an : alles, was ist, alles,
was geschieht, hat seinen zureichenden Realgrund, hat seine
causa efficiens. Welcher Art die Ursachen im einzelnen Fall
sind, spielt dabei keine Rolle; sie können physischer Natur
sein, können in freien Willensentscheidungen, im Wirken der
Himmelskräfte, in unmittelbarem göttlichem Eingreifen bestehn.
Denn einen geschlossenen physischen Kausalzusammenhang
fordert die Scholastik nicht; so etwas wie ein Prinzip der
Erhaltung der Energie, das ein Hereinwirken psychischer oder
übernatürlicher Kräfte in das Naturgeschehen ausschüessen
würde, gibt es für sie ja nicht l . Es wird nur gefordert, dass
die Ursachen, seien sie physisch oder psychisch, irdisch oder
Überirdisch, natürlich oder okkult, den Charakter einer causa
efficiens haben, d. h. mit der Kausalität einer solchen wirken.
Jeder Vorgang in der Welt hat also eine causa efficiens,
jede Bewegung im besonderen hat eine bewegende Ursache.

1 Oie Schwierigkeiten für die Scholastik beginnen erst gegenüber der


Annahme eines universalen Oeterminismus, wie sie auch begegnet (vgl. u.
Kap. 9). Wenn alle Vorgänge dieser Welt Ijcslimmt sein sollen durch die
Bewegung der Himmel be/w. durch das Wirken der Intelligenzen, die
diese bewegen und hinter denen als letzte und höchste Ursache Gott
steht, dann erhebt sich natürlich die Frage, wie mit dieser Voraussetzung
die menschliche Willensfreiheit in F.inklang zu bringen ist. Oie Willens
akte als kausal bedingte Wirkungen anzuseheu, geht nicht an: sie können
nicht Glied oder Ende einer Kausalreihe sein, sondern höchstens der An­
fang einer solchen: und dieses letztere ist für die Scholastik ohne weiteres
möglich; sie kann unl>cdcnkli(h freie Willenscntscheidungcn als Ursachen
physischer Vorgänge betrachten, ohne dadurch mit irgend welchen Grund-
■li/cn ihrer Metaphysik oder Physik in Konflikt zu geraten.
URSACHEN UND KRÄFTE 55

Omne quod movetur ab aliquo movetur: das ist eines der wich­
tigsten Grundprinzipien der scholastischen Naturphilosophie.
Und dieses Prinzip wird, wenn es sich um Vorgänge der anor­
ganischen Natur handelt, zu dem Grundsatz: omne quod mo­
vetur a b a 1 i o movetur. Denn eine eigentliche Bewegung a
sc, eine Bewegung, bei der movens und motum im selben
Subjekt ihren Sitz haben, gibt es nur bei Lebewesen. Hier ist
die Seele das movens, der Körper das motum. Aber sonst
fordert Aristoteles und zunächst auch die Scholastik — die
weitere Entwicklung werden wir gleich kennen lernen —, dass
Beweger und Bewegtes verschiedene supposita sind.
Das aktive Prinzip nun, das einen Körper zu einem mo­
vens macht, ihn also befähigt, einen andern zu bewegen, wird
als vis motrix (vis motiva, virtus movens o. ä.), kurz: als be­
wegende Kraft bezeichnet. Umgekehrt wird unter einer bewe­
genden Kraft die Ursache einer Bewegung verstanden und es
wird angenommen, dass einer konstanten Kraft ceteris paribus
eine Bewegung mit konstanter Geschwindigkeit, einer sich
ändernden Kraft eine Bewegung mit wechselnder Geschwindig­
keit entspricht.
ln dieser Auffassung liegt der wesentliche Unterschied
zwischen der scholastischen und der modernen Dynamik, der
zusammen mit jenem andern Gegensatz in der Deutung der
Bewegung — als intensible Form auf der einen Seite, als La­
geveränderung in einem absoluten Raum und in einer absolu­
ten Zeit auf der andern — die so andere Physiognomie der
mittelalterlichen Mechanik bedingt. Für uns ist die gleichför­
mige Bewegung ein Zustand, der genau so wie die Ruhe zu
seiner Erhaltung keiner Krafteinwirkung bedarf, sondern von
selber weiterdaucrl. Eine Kraft, die auf einen gleichförmig be­
wegten Körper wirkt, ruft darum eine Bewegungsänderung
(nach Grösse oder Richtung) hervor. Für die Scholastik da­
gegen ist eine gleichförmige Bewegung die W irkung einer
konstanten vis motrix, derart, dass ohne Kraft keine Bewegung
möglich ist und dass bei Erlöschen der Kraft die Bewegung
sofort aufhört.
Diese Beziehungen werden uns noch beschäftigen. Zu­
nächst interessiert uns eine andere Frage: was für Kräfte hat
denn die Scholastik überhaupt gekannt und zum Aufbau ihres
Weltbild» hcrangezogen ? Wir sehen grundsätzlich von
56 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

überirdischen und okkulten Kräften ab, und berücksichtigen


nur die irdischen und natürlichen. Diese zerfallen in zwei Klas­
sen: ein agens wirkt entweder a natura oder ab intellectu.
Wir haben also einerseits die Verstandes- und willensmflssig
bestimmten Kräfte, d. h., wenn wir uns auf die physikalischen
Problemzusammenhänge beschränken, wir haben einerseits ani­
malische Muskelkräfte und solche, die von diesen direkt oder
indirekt abhingen, andererseits eine Reihe von anorganischen
« natürlichen » Prinzipien. Diese letzteren nun bestehen aus den
sogenannten Elementarqualitäten, d. h. aus den Qualitäten,
die den -vier Elementen als solchen zukommen und aus denen
alle übrigen Qualitäten und anorganischen Kräfte abgeleitet
werden sollen, freilich ohne dass es in den einzelnen Fällen zu
wirklichen Erklärungen gekommen wäre. Es sind die vier qua­
litates alterativae Wärme und Kälte, Feuchtigkeit und Trok-
kenheit. Dazu kommen noch zwei qualitates motivae, deren
Rolle allerdings nie ganz eindeutig gewesen ist: gravitas und
levitas. Aristoteles führt sie einerseits als sekundäre Qualitä­
ten ein, die als solche aus den übrigen ableitbar sein sollen,
erkennt sie aber an andern Stellen auch wieder als ursprüngli­
che, selbständige Qualitäten an. Die Scholastik hat sich im
allgemeinen der zweiten Auffassung angeschlossen und hat
gravitas und levitas als gleich ursprüngliche Elementarquali­
täten neben die vier qualitates primae gestellt, und sie alle
sechs —<und nur sie — als aktive Qualitäten angesehen. Und
zwar werden diese Qualitäten als « aktive » bezeichnet, weil sie
im Gegensatz zu den andern nicht nur als Formursachen, son­
dern auch als causae efficientes wirken: ein warmer Körper
erwärmt einen andern, ein kalter kühlt ihn ab, aber ein weisser
Körper macht einen andern nicht weiss (wenigstens nicht di­
rekt), ein harter nicht hart usw. Für gravitas und levitas liegt
der Fall allerdings etwas anders — und daraus sind auch die
erwähnten Unklarheiten über ihre Natur entstanden —, denn
ein schwerer Körper macht einen andern ja auch nicht schwer
usf. Dic qualitates motivae sind vielmehr, auf diese Lösung
einigt man sich schliesslich, « aktiv » in anderem Sinn, nämlich
insofern sie eine örtliche Bewegung erzeugen.
Die formae substantiales dagegen sind keine aktiven For­
men, d. h. sie können nicht als aktive Prinzipien, als unmit-
URSACHEN UND KRÄFTE 57

telbare causae efficientes in das Naturgeschehen eingreifen3.


Es gilt die Regel, dass substantiale Formen niemals direkt
und immediate wirken, sondern nur vermittelst ihrer Akziden-
tien, d. h. ihrer aktiven Qualitäten, während umgekehrt diese
letzteren niemals die eigentlichen causae principales sind, son­
dern causae instrumentales, die kraft der zugeordneten sub-
stantialen Form wirken. Die Kausalerklärung aus formae sub­
stantiales, die man der Scholastik später so zum Vorwurf ge­
macht hat, ist also richtig zu verstehen, und ist, richtig ver­
standen, gar nicht so abwegig, wie es zunächst scheint. Es
ist wie mit den causae formales und den Zweckursachen : für
die nächste, physikalische Erklärung der Phänomene fordert
die Scholastik genau so wie die spätere Naturwissenschaft eine
Zurückführung auf transeunt-kausale Ursachen bezw. auf
aktive Prinzipien. Das weitere Suchen nach dahinterstehenden
Finalursachen einer-, substantialen Formen andererseits gehört
in die Metaphysik und ist ein Problem anderer Art.
Es bleibt noch die Frage, was für vires motrices im en­
geren Sinn die Scholastik gekannt hat, aus welchen Kräften
sie die eigentlichen Bewegungsvorgänge — die motus locales
— unmittelbar abgeleitet hat. Die Antwort ist einfach. Abge­
sehen von den natürlichen Bewegungen, d. h. der Gravitation
und der Aufwärtsbewegung der leichten Substanzen, die ein
Problem für sich bilden, das uns noch beschäftigen wird, wer­
den die Bewegungsvorgänge ausschliesslich auf animalische
Muskelkräfte zurückgeführt, bezw. auf Kräfte, die aus sol­
chen abgeleitet sind. Anorganische Kräfte werden im allgemei­
nen nicht zur Erklärung mechanischer Vorgänge herangezo­
gen, obwohl man natürlich wusste, dass z. B. aus Erwärmung
und Abkühlung lokale Bewegungen folgen. Aber Wärme und
Kälte sind für die Scholastik keine eigentlichen Bewegungs­
kräfte, sie können für sie nur indirekt — über die Qualitä­
ten raritas und densitas o. ä. — motus locales hervorrufen3.

2 Nur ganz vereinzelt — etwa von Wilhelm von Ockham — wird in


besonderen Fallen auch ein unmittelbares Wirken der substantialen For­
men angenommen.
* Elektrische Kräfte kennt die Scholastik nicht, obwohl ihr einige W ir­
kungen vertraut waren, die tatsächlich auf solche zurückgehen. Sie werden
aber mehr oder weniger den okkulten Phänomenen an die Seite gestellt;
jedenfalls wird keine nihere Erklärung für sie gesucht. Und die magne-
58 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

Wirkliche vires motrices sind etwa die Kraft des Pferdes, das
einen Wagen zieht, oder die Kraft Sokrates’ — der ja immer
die Lieblingsfigur in allen Beispielen ist —, der einen Stein
trägt. Also immer Kräfte, die organisch oder willcnsmässig
bestimmt sind und die infolgedessen eine Reihe von problema­
tischen Momenten, mindestens von nicht exakt fassbaren Fak­
toren, enthalten.
Attraktionskräfte sind grundsätzlich ausgeschlossen, über­
haupt Kräfte, die in distans wirken A. Es ist ein Fundamental­
prinzip der aristotelisch-scholastischen Naturphilosophie _ und
im Grunde auch der ganzen späteren Naturphilosophie und
Naturwissenschaft —, dass Fern Wirkungen jeder Art im Be­
reich irdischer Kräfte ausgeschlossen sind: es gibt nur Berüh­
rungskausalität, der bewegende und der bewegte Körper müs­
sen in Kontakt sein.
Diese Bedingung ist bei den Bewegungsvorgängen, die
für die Scholastik die normalen sind, auch erfüllt: wenn nämlich
ein mobile durch animalische Muskelkräfte bewegt, wenn also
etwa ein Gegenstand gestossen, gezogen, hochgehoben oder
sonstwie direkt bewegt wird. In solchen Fällen ist einerseits
ein vom Bewegten verschiedener Beweger vorhanden, wie der
Grundsatz « omne quod movetur ab alio movetur » es fordert,
andererseits sind movens und motum in unmittelbarer Berüh­
rung.
Nun gibt es aber Vorgänge in der Natur, wo diese beiden
Prinzipien offenbar nicht erfüllt sind, wo entweder kein äus-

tische Anziehung, die eine wohlbekannte und viel beachtete Erfahrungs­


tatsache war, wird iin allgemeinen auch nicht auf physische Krähe zu.
rückgeführt, sondern erfährt eine rein metaphysische Deutung: durch eine
species, die vom Magneten ausgeht, soll im Eisen ein Streben auf «Ver­
vollkommnung », d. h. aber auf Vereinigung mit dem Magneten, ausge­
löst werden, das sich dann auf nicht näher geklärte Weise — und jeden­
falls. ohne dass eine eigentliche vis motrix angenommen wird — in
lokale Bewegung umsetzt.
* Es gibt auch hier Ausnahmen. So wird gelegentlich — von Roger
Bacon und einigen andern, die sich ihm anschliessen (vgl. III S. 175 ff.) —
die Gravitation auf eine eigentliche Attraktion zurückgcfiihrt. ganz ver­
einzelt auch die magnetische Anziehung. Der einzige, der in bewusster
Abweichung von der herrschenden scholastischen Lehrmeinung grund­
sätzlich und in allgemeiner Form Femkräfte zugelassen hat. ist Wilhelm
vor. Ockham gewesen (vgl. II S. 40 f).
URSACHEN UND KRÄFTE 59

serer Beweger vorhanden, oder wo dieser nicht in Kontakt mit


dem motum ist. Es sind die beiden klassischen Fälle der G r a ­
v i t a t i o n und der Bewegung des p r o i e c t u m s e p a ­
r a t u m. Ein fallender Körper bewegt sich, ohne dass ein
äusserer Beweger auf ihn einwirkt, mindestens ohne dass ohne
weiteres eingesehen werden kann, wer der Beweger ist. Und
ein fliegender Pfeil oder ein geworfener Stein, der den Bogen
bezw. die schleudernde Hand verlassen hat, ist jedenfalls nicht
mehr in Kontakt mit seinem movens. Diese beiden Fälle, die
viel diskutierte Probleme darstellten, wurden der Anlass zu
einer Weiterbildung der mechanischen Grundvorstellungen und
zur Entstehung eines eigenartigen Kraftbegriffs, der sich we­
der bei Aristoteles noch in der Physik der Neuzeit findet, son­
dern ein Specificum der spätscholastischen Naturdeutung dar­
stellt.
Betrachten wir zunächst das Problem der G r a v i t a ­
t i o n 4. Die Voraussetzung der aristotelisch - scholastischen
Gravitationstheorie ist die Lehre vom locus naturalis der Ele­
mente. Jedes Element hat seinen natürlichen O r t: das schwer­
ste, die Erde, zu unterst, oder richtiger: zu innerst, um den
Erdmittelpunkt herum, darum herum in konzentrischen Kugel­
schalen die übrigen Elemente geordnet nach der abnehmenden
Schwere, bezw. der zunehmenden Leichtigkeit: W asser, Luft
und Feuer. Teile eines Elements, die aus ihrem natürlichen Ort
entfernt sind, haben das Bestreben, in diesen zurückzukehren.
Die daraus resultierende Bewegung ist der motus naturalis der
Elemente, das Streben nach dem natürlichen Ort die gravitas
bezw. levitas. Gravitas im absoluten Sinn kommt nur dem rei­
nen Element Erde, levitas nur dem reinen Element Feuer zu ;
die elementa media Wasser und Luft — die beiden « Medien »
der modernen Physik! — sollen relativ schwer und relativ
leicht sein je nach dem Ort, in dem sie sich befinden. So ist
das Wasser gegenüber Luft und Feuer, oder, wie die Schola­
stik sagt, in loco aeris bezw. ignis, schwer, gegenüber Erde
(in loco terrae) leicht, und die Luft entsprechend •. Aber ihre5*

5 Zu den Einzelheiten der scholastischen Gravi tat ionstheorie verweisen


wir auf unsere früheren Ausführungen (III S. 143 ff.).
® Im eigenen natürlichen Ort schliesslich ist ein Element weder schwer
noch leicht, weil hier ja keine Bewegungstendenz mehr besteht
60 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

« natürliche Bewegung » interessiert im allgemeinen nicht; man


pflegt sie in den Erörterungen über die Gravitation nur als
Medien und nicht als selbständige gravia oder levia zu berück­
sichtigen. Die gravitas und levitas der corpora mixta schliess­
lich ist ein Problem für sich, auf das wir noch kommen werden.
Der freie Fall eines Körpers, der aus dem unvermischten
Element Erde besteht, repräsentiert also das ideale Beispiel, an
dem das Phänomen der Gravitation zu studieren istT. Tatsäch­
lich kommen nach der Auffassung der Scholastik die Elemente
als reine Substanzen inicht vor, die Beziehung auf sie ist viel­
mehr eine Abstraktion, durch die eine exakte theoretische Er­
fassung der Gravitation ermöglicht werden soll.
Die Scholastik hat also das Hilfsmittel der methodischen
Abstraktion gelegentlich durchaus anzuwenden gewusst. Sie
hat nur nach modernen Begriffen nicht immer zweckmässig
abstrahiert. Das ist auch hier der Fall. Die moderne Physik
nimmt bei der Untersuchung der Fallbewegung auch metho­
dische Vereinfachungen vor, aber Vereinfachungen anderer A rt:
sie bezieht die Bewegung auf das Vacuum, abstrahiert also von
den Besonderheiten des Mediums, macht aber über die Natur
des grave selbst keine einschränkenden Voraussetzungen. Die
Scholastik wählt das umgekehrte Verfahren: sie betrachtet das
nach ihren Begriffen einfachste Beispiel des schweren Körpers,
nimmt aber hinsichtlich des Mediums keine Abstraktion vor *.
Dieser Standpunkt ist bedingt durch eine Reihe von Ansichten
grundsätzlicher Art, insbesondere über die Rolle des Wider­
stands bei der Bewegung, die wir noch kennen lernen werden.
Es versteht sich von selbst, dass durch diese Art der Fra­
gestellung die ganze Behandlung des Gravitationsproblems eine7

7 Wir beschranken uns auf dieses und lassen die natürliche Aufwärts,
bewegung der levia ausser Betracht, was im übrigen auch schon die scho­
lastischen Philosophen überwiegend getan haben.
• Aus diesem Grund ist auch eine Annahme, die für die aristotelisch-
scholastische Philosophie ganz selbstverständlich, aber der Auffassung der
modernen Physik konträr entgegengesetzt ist. nicht gar so falsch: dass
nämlich ein Körper umso schneller fällt, je schwerer er ist. Denn wir
beziehen die Fallbewegung auf das Vakuum, die scholastischen Philoso­
phen dagegen auf das medium plenum, und da ist es durchaus zutreffend,
dass etwa ein Stück Eisen schneller fällt als ein gleich grosses Quantum
einer leichten und porösen Sul>stanz.
URSACHEN UND KRÄFTE 61

andere wird als in der späteren Physik. Man kann nicht sagen,
dass die Scholastik das Problem falsch gestellt hat, aber sie
hat es unzweckmässig gestellt; und die Folge ist, dass sie nicht
nur manchen Umweg zur Erreichung richtiger Ergebnisse ge­
macht hat, sondern dass sie auch auf manchen unnötigen Irr­
weg geraten ist.
Ein ausserhalb seines natürlichen Orts befindliches grave
strebt also nach diesem hin. Der locus naturalis wird dement­
sprechend als causa finalis der Fallbewegung angesehen. Aber
damit ist, wie wir wissen, noch keine zureichende physikali­
sche Erklärung gegeben. Eine causa finalis erfordert immer
eine korrespondierende causa efficiens. Und hier liegt das eigent­
liche Problem, das als eine der schwierigsten « quaestiones
physicae» angesehen wurde*. W as ist die wirkende Ursache,
oder, anders gefragt, was ist die bewegende Kraft, das mo­
vens, das die natürliche Bewegung verursacht?
Aristoteles sieht in der Gravitationsbewegung noch einen
richtigen motus ab alio, eine Bewegung, die einen wirklichen
äusseren Beweger hat. Und zwar einen doppelten : einen we­
sentlichen und einen akzidentiellen. Das movens per se ist für
ihn die Kraft, die das grave hervorgebracht hat, die also in
das betreffende Stück erster Materie die forma terrae einge­
führt, oder die aus einem Quantum einer andern Substanz ein
Quantum Erde gemacht hat. Die natürliche Bewegung erfolgt
also a generante. Dieses generans ist aber für die aristote­
lisch-scholastische Philosophie in überirdischen Kräften zu su­
chen : die eigentlichen Ursachen der substantialen generatio
und corruptio sind die Intelligenzen, die die Himmel bewegen.
Sie werden damit auch zur wesentlichen, primären Ursache der
Gravitation. Neben dieses movens per sc tritt nun aber noch
ein movens per accidens, das die Bewegung im konkreten
Einzelfall wirklich auslöst. Denn als Beweger eines schon er­
zeugten grave, das sich ausserhalb seines natürlichen O rts be­
findet, kann ja nicht wohl das generans angesehen werden. Ari­
stoteles gibt folgende Lösung: der unmittelbare Beweger ist
der removens prohibens, d. h. der, der das Hindernis be-

• « Haec quaestio inter omnes physicas quaestiones gravissima est »:


so beginnt Nicoletto Vemias seine Qaestio über die Ursache der Fallbc-
wcgung (Quaestio de gravibus et levibus, Vened. 1504).
62 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

seitigt, das dem Fall entgegensteht : der etwa die feste Unter­
lage entfernt, auf der das grave ruht, oder die Schnur durch-
schneidct, an der cs hängt. Er heisst Beweger « per accidens »,
weil die Acnderung, die er herbeiführt, nur eine akzidentielle ist
und nicht wie die generatio des grave eine essentielle.
Es kann nicht wunder nehmen, dass diese Lösung nicht
befriedigt hat. Schon Avcrroes hat eine andere vorgeschlagen,
die aber in der Scholastik noch weniger Anklang gefunden hat.
Er nimmt an, dass das grave von sich aus das Medium in Be­
wegung setzt und dass das bewegte Medium dann das grave mit
sich reisst, sodass dieses letztere sich nur per accidens selbst
bewegt, so wie der Schiffer im Schiff, der das Schiff in Be­
wegung «setzt .und dann von diesem bewegt wird.
Die averroistische Theorie wurde in der Scholastik nur
ganz vereinzelt akzeptiertln. Im grossen und ganzen hat man
die Lösung des Problems auf einem andern W eg gesucht. Die
Zentralfrage für die scholastische Physik ist d ie: die angege­
benen Beweger genügen zwar, um das grave in Bewegung zu
setzen, was aber ist das movens des schon in Bewegung be­
findlichen Körpers, wer setzt die begonnene Bewegung fort?
Denn jede Bewegung erfordert doch einen Beweger. Die ziem-i

i1' In ihrer genuinen Form hat sie. wie es scheint, überhaupt keine
Anhänger gefunden: diejenigen, die Avcrroes in seiner Gravitationstheorie
folgen wollten, stimmen ihm zwar darin zu, dass die Fallbewegung nicht,
wie Aristoteles will, ein « motus per se ». sondern ein « motus per acci­
dens » sei: aber das averroistische «per accidens» wird durchweg (in
verschiedener Weise) urngedeulet. Ein interessantes Beispiel hierfür bie­
tet Siger von Brabant, der in drei verschiedenen Schriften sich grundsätz
lieh der averroistischen Theorie anschliessen und im motus naturalis
eine Bewegung per accidens sehen will— und der dreimal dieses « per
accidens » in verschiedener Weise interpretiert. Die diei Schriften sind
die Quaestiones naturales, die Impossibilia und die von uns in der Hs.
Borgh. 114 gefundenen Quaestionen zu Phys. II (vgl. unsern Artikel Nou-
velles questions de Siger de Brabant sur la Physique d ’Aristote, Revue
phil. de Louvain 44. 1946. S. 497 ff., zur Gravitationstheorie im besonde­
ren S. 502 f ). In den Siger zugeschriebenen, aber in ihrer Echtheit ange-
zweifelten Quaestiones in Ph)sicam, die in Philosophes lielges XV ediert
sind, wird dagegen die übliche aristotelische Lehre vertreten (was uns III,
S. 158 und 226. veranlasst hat, in der Gravitationstheorie eine der Dok­
trinen zu sehen, in denen Siger seine Ansicht geändert hat; ob das wirklich
der Fall ist, oder ob die edierten Quaestionen ihm eben doch nicht an-
gehdren, wollen wir nicht entscheiden).
URSACHEN UND KRÄFTE 63

lie h allgemein akzeptierte Antwort lautet: der motor remotus


ist das generans, der motor proximus dagegen die substantiale
Form des grave, die ihrerseits vermittelst der Qualität der gra­
vitas bewegt ; denn substantiale Formen können ja nicht unmit­
telbar wirken. Daneben bleibt das removens prohibens als akzi-
dentiellc, auslösende Ursache.
Diese Auffassung Hess sich in ihren einzelnen Punkten mit
Aristotelesstellen belegen. Denn Aristoteles spricht gelegentlich
davon, dass das Prinzip der Gravitationsbewegung die « natu­
ra » des grave sei, und unter « natura » hat man unter ande­
rem auch die substantiale Form verstandem; andererseits
kennt er, wie wir schon sagten, gravitas und levitas als Qua­
litäten.
Innerhalb dieser Gravitationstheorie vollzieht sich nun im
14. Jahrhundert eine bemerkenswerte Wandlung. Die Erklä­
rung als solche bleibt dieselbe, aber die Bedeutung, die den
einzelnen Faktoren zugeschrieben wird, verschiebt sich etwas.
Denn est ist ja immer noch die Frage, welches der drei Mo­
mente — generans, forma substantialis und gravitas — als das
movens proprie dictum anzusehen ist. Und hier nun rückt der
Akzent allmählich von dem generans, das für Aristoteles der
eigentliche Beweger war, hinüber zunächst auf die substantiale
Form und dann weiter auf die gravitas. So wird aus der Be­
wegung ab alio nach und nach eine Bewegung ab intrinseco.
Bei dieser Akzentverschiebung handelt es sich nicht nur
um eine Nüance in der Interpretation, wie es auf den ersten
Blick scheint, sondern um eine Umstellung von grundsätzlichem
Charakter: an die Stelle des äusseren, vom motum verschie­
denen und mit ihm in Kontakt befindlichen movens ist nun eine
dem motum i n h ä r i e r e n d e Kraft als Bewegungsprinzip
getreten. Die Gravitationsbewegung wird danach nicht verur­
sacht von einer äusseren Kraft, weder von einer stossenden oder
ziehenden Nahkraft, wie später die mechanistischen Erklärungs­
versuche des 17. Jahrhunderts wollten, noch von einer in
distans wirkenden Attraktionskraft, sondern sie ist eine Be­
wegung, die ihre vis movens in sich selbst trägt, bei der das
mobile sozusagen von innen heraus auf etwas hinstrebt11. Und

11 Diese Auffassung steht übrigens noch hinter der berühmten Deu­


tung der Gravitation, die Copemicus gegeben hat fDe revolutionibus or-
64 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

die Richtung dieses Strebens, aber nur sic, ist bestimmt durch
die causa finalis, d. h. durch den natürlichen Ort.
Aehnlich hat sich die Entwicklung in dem andern Problem
vollzogen. Wenn ein Stein geschleudert oder ein Pfeil abge­
schossen wird, was ist dann das bewegende Prinzip, nachdem
das proiectum sich von dem ursprünglichen Beweger getrennt
hat? Aristoteles hatte auch in diesem Vorgang einen motus ah
alio gesehen, hatte angenommen, dass das proiciens dem Me­
dium eine abgeleitete Kraft mitteilt und dass diese dann, immer
schwächer werdend und allmählich erlöschend, das proiectum
noch ein Stück weiter bewegt. Das 14. Jahrhundert setzt an
die Stelle dieser Auffassung die sogenannte I m p e t u s t h e o -
r i c : es nimmt an, dass der Werfende nicht der Luft, sondern
dem proiectum selbst eine abgeleitete Kraft — den « impetus '»
— mitteilt, und dass dieser nach der Trennung vom proiciens
den geschleuderten Gegenstand als inhärierende Kraft weiter-
bewegt. Auch diese Bewegung ist also ein von einer inneren
Kraft bewirktes Hinstreben auf ein Ziel, und wieder ist die
Richtung dieses Strebens — und nur sie — bestimmt durch
eine causa finalis. Nur ist cs diesmal keine Finalursache « a
natura», wie bei der Gravitation, sondern eine causa finalis,
die « ab intellectu » w irkt: die Bewegung ist determiniert durch
das Zielsctzcn des Werfenden. Aber die Ursache, die die
Bewegung wirklich hervorbringt, ist wie immer die korrespon­
dierende causa efficiens — in diesem Fall der impetus.
Man hat in dieser Impetusiheoric eine Vorahnung des
Trägheitsprinzips der modernen Mechanik sehen wollen,a.
Aber davon kann keine Rede sein. Der Begriff einer inhäric-
renden Kraft, die ihren eigenen Träger bewegt, ist vielmehr
das genaue Gegenteil unseres Trägheitsprinzips. Es ist eine
Vorstellung, die aus dem Grundsatz fliesst: « omne quod mo­
vetur ab aliquo movetur » : jede Bewegung erfordert nicht nur
für ihre Entstehung, sondern auch für ihre Fortdauer einen
Beweger; in Fällen, wo kein äusseres movens vorhanden ist,
genügt «— das ist der Schritt, den die Scholastik über Aristo-

hium caeleitium. tap. 9; vgl. III, .8. 171 f.). und die meiitcn« in viel zu
moderner Weiar nU erste Formulierung dei allgemeinen Gravitalionage-
»etzes von der Anziehung der Mauen interpretiert wird.
1» Vgl. u. Kap. 6-
URSACHEN UND KRÄFTE 65

teles hinaus getan hat — die Annahme einer inhärierenden


Kraft. Das Trägheitsprinzip der modernen Mechanik dagegen
besagt, wie wir wissen, dass die (gleichförmige) Bewegung sich
von selbst erhält, ohne dass zu ihrer Fortdauer eine Kraft
erforderlich ist. Das ist eine grundsätzlich andere Auffassung,
die mit der Impctusthcoric nicht in Parallele gesetzt werden
kann.
Es gibt also in der scholastischen Mechanik __ wenn wir
noch einmal zusammen fassen dürfen — zwei Arten von bewe­
genden Kräften im engeren Sinn. Die erste Gruppe umfasst die
vires motrices, die eine Bewegung ab alio hervorrufen, wo also
movens und motum als supposita getrennt sind, jedoch mitein­
ander in Kontakt stehen. Die zweite Klasse bilden die Kräfte,
die ab intrinseco wirken, wo also die vis motrix dem mobile
inhäriert, oder anders gesagt: wo die Kraft ihr eigenes subie-
ctum und nicht ein « aliud » bewegt. Diese inhärierende Kraft
begegnet in doppelter Form: als bewegendes Prinzip der na­
türlichen Bewegung in Gestalt von gravitas und levitas, und
als Ursache «der gewaltsamen Bewegung beim proiectum sepa­
ratum in der Form des impetus.
Die erste Art von Kräften ist natürlich nicht nur der ari­
stotelisch-scholastischen Naturphilosophie, sondern ebenso gut
der modernen Mechanik geläufig. Höchstens mit dem Unter­
schied, dass die Neuzeit die mechanischen Kräfte ausschliesslich
in methodischer Abstraktion betrachtet und sich nur für ihr
Mass interessiert, während die Scholastik das gegenständliche
Moment im allgemeinen in seiner ganzen Konkretheit in ihre
physikalischen Betrachtungen aufnimmt, also etwa mit der Kraft
rechnet, mit der Sokrates einen Stein aufhebt oder bewegt, und
dabei modifizierende Nebenfaktoren, die organisch oder willens-
mässig bedingt sind, durchaus mitberücksichtigt. Das ist
wenigstens zunächst der Fall. Im späteren 14. Jahrhundert
macht sich allmählich ein zunehmender Grad von Abstraktion
bemerkbar: man bezeichnet die Kräfte, wie wir es auch tun,
mit Buchstaben und fragt nur noch in Einzclfällcn, welchen
konkreten Nebenbedingungen sie unterworfen sind; und vor
allem: man fängt an zwischen physikalisch wesentlichen und
unwesentlichen Nebenbedingungen zu unterscheiden und nur die
ersteren zu berücksichtigen. So besteht in dieser Beziehung
kein prinzipieller Unterschied zwischen der spätscholastischen
«6 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

und der modernen Mechanik. Anders liegt dagegen der Fall


bei der zweiten Gruppe von vires motrices: inhärierende Be­
wegungskräfte kennt weder Aristoteles noch die moderne Phy­
sik. Das ist eine ganz neuartige Vorstellung, die der Dyna­
mik des 14. Jahrhunderts ihr eigenes, sehr originelles Gepräge
gibt und einen der wichtigsten und charakteristischsten Züge
der spätmittelalterlichen Naturauffassung ausmacht.

II

Aber die vires motivae allein genügen nicht zur dynami­


schen Erklärung der Bewegungsvorgänge. Damit ein motus
zustande kommt, ist für die peripatetische Physik nicht nur
eine bewegende Kraft erforderlich, sondern auch eine v i s
r e s i s t i v a . Und zwar ist die Rolle des Widerstands die,
dass er die Sukzession in der Bewegung verursacht. An sich
erfolgt für die scholastische Naturphilosophie jede Kausalwir­
kung instantan 13; wenn also nicht noch ein anderer Faktor
mitwirkte, würde eine bewegende Kraft ihren Effekt in instanti
und nicht sukzessiv, in tempore, hervorbringen : es würde nur
mutationes und keinen motus geben. Der Faktor nun, der die
Aenderung zu einer sukzessiven macht, ist eben der Wider­
stand. Die Scholastik hat darum in der resistentia geradezu die
« causa successionis in motu » gesehen. Je grösser der Wider­
stand im Verhältnis zur bewegenden Kraft ist, desto stärker

n Vereinzelt findet sich auch die Auffassung (und zwar im Anschluss


an Alhazen). dass die Kausalwirkung nicht eigentlich instantan, sondern
mit unendlicher Geschwindigkeit erfolgt. So lesen wir zum Beispiel bei
Petrus Johannis Olivi (Scnt. II, qu. 26. in der Edition Jansens Bd. II
S. 448): Est quorundam perspectivoruin opinio, ut auctoris Perspectivae
(d. h. eben Alhazcns) quod agentia corporalia agunt impressiones suas in
tempore licet nobis imperceptibili. Mit dem fortschreitenden 14. Jahrhun­
dert begegnet diese Ansicht dann häufiger, insbesondere hinsichtlich der
Ausbreitung des Lichts, die, wie mit der Zeit ziemlich allgemein ange­
nommen wird, nicht in einem dauerlosen Augenblick sondern in einem
unendlich kleinen Zcitintervall erfolgen soll. Der Gedanke einer endlichen
Lichtgeschwindigkeit ist dagegen noch nicht aufgetaucht.
URSACHEN UND KRÄFTE 67

ist natürlich seine bremsende, retardierende W irkung. Sind vis


motiva und vis resistiva gleich gross, dann kompensieren sie
sich gegenseitig, und es kommt keine W irkung zu standet4.
Ist die bewegende Kraft aber grösser als der W iderstand, dann
ist die Geschwindigkeit der entstehenden Bewegung umso
intensiver, je grösser die Kraft im Verhältnis zum W iderstand
ist. Mit andern W orten: die Geschwindigkeit hängt ab vom
Quotienten aus vis motrix und resistentia. In welcher W eise,
werden wir noch sehen, nicht jedoch, das sei gleich gesagt,
in der Form einer einfachen Proportionalität: wenigstens nicht
mehr für das 14. Jahrhundert.
Die Frage ist nun d ie: was für Widerstände hat die spät­
scholastische Physik gekannt? Sehen wir ab von den vires
alterativae — wenn ein Körper erwärmt wird, wirkt seine Kälte
als Widerstand, und die alteratio erfolgt umso langsamer je
grösser der Widerstand ist — und beschränken uns auf die
eigentlich mechanischen Widerstände, dann lautet die Antwort :
einerseits gegensätzliche Kräfte, d. h. gewaltsame Kräfte, die
auf das (oder in dem) mobile wirken und die der vis motiva
entgegengesetzt sind (oder wenigstens eine ihr entgegengesetzte
Komponente haben) : etwa ein Druck oder Zug, der von aussen
auf das mobile ausgeübt wird, oder ein impetus, der ihm
mitgeteilt is t; andererseits gewisse innere Tendenzen im mo­
bile. Die letzteren sind es, die uns vor allem interessieren ; denn
hier zeigt sich nun noch einmal von einer andern Seite das
eigenartige, von der modernen Physik grundsätzlich verschie­
dene Gesicht dieser spätmittelalterlichen Dynamik. An inneren
Tendenzen, die sich als Widerstände äussern, haben wir zu­
nächst das Bestreben einer jeden materiellen Substanz, in ihren
natürlichen Ort zu gelangen, bezw. wenn sie sich in ihm be­
findet, in ihm zu verbleiben ; d. h. also die gravitas und levitas,
die wir unter anderem Gesichtspunkt als bewegende K räfte
kennen gelernt haben. Wenn Sokrates einen Stein aufheben
will, dann ist der Widerstand, den er erfährt und der sich im

1« Dasscllic gilt, wenn der Widerstand grösser ist als die vis m otrix,
wenigstens in dem Fall, wo der entere nicht selbst eine aktive Kraft ist:
wenn etwa Sokrates versucht, einen Stein zu l>cwegcn, dessen W iderstand
seine Kräfte übersteigt. In den Fällen, wo zwei aktive Kräfte aufeinander
wirken, wird stillschweigend die grössere als vis motiva, die kleinere als
vis resistiva angesehen.
«a a m m n n itu iiirri und o « u n d n «in z iim z n

Grwu ht Au»»rit *•, nicht« nndem »I» du» Bcilrrbpn «lc» Stein»,
in »einem natürlichen Ort zu bleiben.
/ u dieser ernten Tendenz kommt eine zweite hinzu: jeder
K brpn, «Irr »ich in seinem natürlichen Ori belimlrt, liat «In»
Beatirbrn, in Ruhr /u bleiben, bezw. wenn er bewegt wird,
In den Ruhezustand eurüc k/nkrhrrn. K» i«t ein Widerstand,
der »ich bei der horizontalen Bewegung gellend innebl, wAhrend
<ler erste »irh einer vertikalen l.agcver Änderung etgegrnsetzl.
Bin Herd i. B., da» einen Wagen zieht, spürt diesen zweiten
Widerstand und nur «Uesen, denn der Wagen befindet »ich ja
in »einem natürlichen Ort, »«»da»» «lie Schwerkraft keine Kölle
spielt; wAhrend einem impetu», «ler einen geschleuderten Stein
mler einen fliegenden Heil brwrgt, als Widerstand sowohl die
grnvita», d. h. die Bewegung»tendenz nach «lern natürlichen Ort,
entgegenwirkt, wie da» Bestreben in «len Ruhezustand zu-
rückzukehren. Die Scholastik hat, wenigsten» grundsätzlich,
»ehr wohl verstanden, eine Bewegung, bezw. «lie sie verursa-
chemlen vires motricc», in ihre Komponenten zu zerlegen —
auch ohne Parallelogramm der KrAftel
Wir kftnnen «lieses Bestreben in Ruin* zu bleiben, bezw.
wietler zur Ruhe zu kommen, die T r A g h e i t «ler materiel­
len Substanzen nennen, «Ittrfen dabei aber nicht vergessen, dass
dieses scholastische « TrAgheitsprinzip » mit «lein unsern nur
in der einen Hälfte übereinstimmt: ein Körper, der sich in Ruhe
befindet, hat für das Mittelalter und für die moderne Mechanik
das Bestreben, in dieser Ruhelage zu verharren, wfthren«! ein
Körper, «ler in gleichförmiger Bewegung ist, für uns die Ten­
denz hat, in diesem Bewegungszustand zu verbleiben, für die
Scholastik dagegen die, in die Ruhelage zurückzukehren. Das
ist ein ganz fundamentaler Unterschied, «ler uns noch beschäf­
tigen wird **. Der verschietlenen Auffassung der Trägheit ent­
spricht die verschiedene Bestimmung des Kraftbegriffs: für die
Scholastik ist, wie wir wissen, eine vis motrix die Ursache
einer Bewegung, d. h. einer konstanten Geschwindigkeit, für

Denn pondus und gravilas werden identifiziert: das Gewicht Ist


nu.hu anderes als die verhinderte Bewegungstendenz. Darin hat die Scho,
lastik klarer gesehen als manche der Naturphilosophcn des 17. Jahrhundert.
>• Vgl. u. Kap. 6.
URMACI I l . N UND KMfTK 69
uns .l.iKrK( n dir l'rMuhc einer ( irs« hwimligkriUAndrrunif (ri-
nrr |lrs< lilrumgmig),
Au«*mt (linsen beiden « natürlicher» Tendenzen »», der gra-
vitnn (lir/w. levita») und der l'rflgheit, xpicll noch eine dritte,
etwas anders geartete eine Rolle : jede materielle Substanz strebt
nach « Kontinuität », , l d. h. sie »ctzt jedem Versuch, ihre Teile
nuseinamler/ureisscn, einen Widerstand entgegen. Da» macht
sich nicht nur bemerkbar, wenn etwa eine Axt ein Stück Holz
spaltet, sondern auch, und das ist für die allgemeine Mechanik
grundsAtzlich wichtiger, im Widerstand, den das Medium dem
mobile und damit indirekt dem movens leistet und den wir Mo*
dernen als Reibungswiderstand zu bezeichnen pflegen
Im allgemeinen wirken alle drei Arten von W iderstanden
zusammen •*, aber es gibt auc h Fälle, wo die eine oder andere

ir Utiumquidque corpus naturale appetit suam continuitatem , quia via


unita est fortior scipsa dispersa (Buridan. Phys. IV qu. 9). Fs scheint,
dass Roger Baum als erster diesen Begriff cingcführt hat.
i* l)ic Scholastik macht (dirigens im Gegensatz zur modernen Mecha­
nik keinen prinzipiellen Unterschied zwischen diesen drei Arten von W i­
derstand. Wir selten in der Schwere eines Kftrpers und im Rcihungswi-
dersland des Mediums eigentliche mechanische Kräfte, die von derselben
Art sind wie die bewegenden und infolgedessen von diesen zu subtrahieren
sind (gegebenenfalls nach dein Parallelogramm der Kräfte), im T rägheits­
widerstand der Massen dagegen einen Faktor anderer Art, durch den zu
dividieren ist. Und nur dieser letztere spielt in der Beziehung zwischen
Kraft. Widerstand und Beschleunigung eine Rolle (die Kraft ist propor­
tional dem Produkt aus Masse und Beschleunigung, oder, anders gesagt:
die Beschleunigung hängt ah von dein Quotienten aus Kraft und Tr.tg-
heitiwiderstand). Das 14. Jahrhundert hat dagegen ohne weiteres vorausge­
setzt. dass alle Widerstände unter sich und mit den vires motivae gleich­
artig sind (dass sic, modern ausgcdnickt. dieselbe physikalische « Di
inension » haben) und dementsprechend die Grundregel, dass für die
Geschwindigkeiten die Proportion von Kraft und Widerstand massgebend
ist, auf alle Widerstandsarten ausgedehnt. Auch das ist einer der wesent­
lichen Unterschiede zwischen den physikalischen Vorstellungen des 14.
Jahrhunderts und der Neuzeit.
*® ...quae quidem resistentia, so formuliert schon Thomas die übliche
leh re (Phys. IV Icct. 12). potest esse ex tribus. Primo quidem ex ipso
situ mobilis: cx hoc enim ipso quod movens intendit transferre mobile
ad aliquod ubi, ipsum mobile in alio ubi existens repugnat intentioni
inotoris. 2* ex natura mobilis, sicut apparet in motibus violentis ut cum
grave proicitur sursum; y cx parte medii. Omnia enim haec tria acci­
pienda sunt simul ut unum resistens, ad hoc quod causctur una causa
tarditatis in motu.
70 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

Komponente wegfällt. Wir haben schon Beispiele dafür ge­


nannt: das Pferd, das einen Wagen zieht, hat nur die Trägheit
des mobile und den Reibungswiderstand des Mediums (der der
Fläche, auf der es sich bewegt, wird nicht berücksichtigt) zu
überwinden, während umgekehrt bei einem senkrecht in die
Höhe geworfenen Stein nur die gravitas und der Widerstand
des Mediums dem bewegenden impetus entgegenwirken. Eben­
so fällt bei der Fallbewegung der Trägheitswiderstand weg, und
es bleibt hier infolgedessen als einzige resistentia der Reibungs­
widerstand des Mediums; mindestens soweit cs sich um reine
gravia handelt. Aber wir wissen, dass der Begriff des elemen­
tum purum Tür die Scholastik eine Abstraktion is t: tatsäch­
lich sind für sie alle materiellen Substanzen sogenannte mixta,
die aus sämtlichen vier Elementen, in verschiedener Mischungs­
proportion, bestehen. Dic « gravia », die in der Natur wirklich
Vorkommen, sind darum lediglich Verbindungen, in denen die
schweren Bestandteile überwiegen, die aber auch leichte enthal­
ten. Und die levitas dieser leichten Bestandteile bildet nun auch
einen Widerstand, der bei der Fallbewegung zu berücksichtigen
ist.
Diese eigentümliche Vorstellungsweise, die sich erst im
14. Jahrhundert voll ausgebildet hat, wirft ein interessantes
Licht auf die Schwierigkeiten, die der scholastischen Mechanik
aus ihren eigenen Grundbegriffen erwachsen sind. Sie hat ihre
Wurzel in den Aporien, die sich aus der Betrachtung des freien
Falls im Vakuum ergeben. Denn wenn der einzige Widerstand,
der bei der Fallbewegung der gravitas entgegenwirkt, die Re­
sistenz des Mediums ist, dann folgt daraus, dass der freie Fall
im Vakuum — wenn ein solches existierte — ohne Widerstand,
d. h. aber instantan erfolgen würde. Aristoteles hatte das ohne
weiteres angenommen und darin einen der Beweisgründe gegen
das Vakuum gesehen. Aber die Scholastik kannte ausser der
aristotelischen Auffassung noch eine andere und hat sie ihr vor­
gezogen, nämlich die Theorie des Avempace, dessen Schriften
zwar nicht erhalten sind und auch der Scholastik nicht bekannt
waren, von dessen Lehre aber Averroes ausführlich, übrigens
in ablehnendem Sinn, berichtet. Nach Avempace erfolgt die
natürliche Bewegung im Vakuum keineswegs in instanti, son­
dern mit einer gewissen Normalgeschwindigkeit, derart dass
die Reibung des Mediums lediglich eine Modifikation dieser
URSACHEN UND KRÄFTE 71

Geschwindigkeit hervorruft: es ist also die richtige Auffassung,


die auch die moderne Physik vertritt. Und diese Auffassung
versuchte die Scholastik nun mit den Mitteln der aristotelischen
Naturphilosophie zu beweisen.
Dieser Versuch hat sich in zwei Phasen vollzogen. In einer
ersten, die schon mit Albertus Magnus und Thomas einsetzt,
wird der Nachweis erbracht, dass ein Körper ein ausgedehntes
Kontinuum unter allen Umständen nur sukzessiv durchlaufen
kann, und dieses « successive » wird ohne weiteres in dem Sinn
interpretiert, dass die Bewegung mit einer gewissen endlichen
Geschwindigkeit erfolgt. Erst im 14. Jahrhundert kommt es zu
der Einsicht — Nicolaus von Oresme war anscheinend der erste,
der sie ausgesprochen hat —, dass mit dem Nachweis der
Sukzession des Vorgangs noch nichts über seine Geschwindig­
keit erkannt ist, dass er sich vielmehr unendlich schnell abspie­
len kann und dass man damit nicht über das aristotelische « in
instanti », das nun auch nicht mehr im Sinn eines dauerlosen
Augenblicks sondern im Sinn einer unendlich kleinen Zeit
aufgefasst wird, hinausgekommen ist. Man versucht darum,
das Problem von anderer Seite her zu lösen, indem man in
den corpora mixta einen inneren Widerstand annimmt, der in
den gravia aus der levitas ihrer leichten Bestandteile (und in
den levia umgekehrt aus der gravitas der schweren Kompo­
nenten) bestehen soll. Es stehen sich also einerseits die Gesamt-
gravitas der schweren Teile, andererseits die Gesamtlevitas der
leichten gegenüber, und der grössere W ert wird als vis moti-
va, der kleinere als vis resistiva betrachtet, und es wird ange­
nommen, das die Fallgeschwindigkeit durch den Quotienten
beider bestimmt is t 20. Es ist überflüssig zu sagen, dass ein
wirkliches Berechnen dieser Faktoren nicht in Betracht kam.
Es handelt sich ja auch nur um das grundsätzliche Problem,
und das ist auf diese Weise gelöst: es ist ein Widerstand
gefunden, der auch im Vakuum nicht verschwindet, und der die
Avempacesche These mit aristotelischen Prinzipien erklärt

20 Daraus ergibt sich dann auch, dass wenigstens die mixta eiusdem
compositionis unabhängig \on ihrem Gewicht im Vakuum gleich schnell
fallen: ein Resultat, das allerdings für die Scholastik eher ein Bedenken
gegen die aufgcstellte Theorie als eine Bestätigung für sie darstellte.
*1 Auf derselben Grundlage wird noch ein anderes gleichfalls aus der
Antike überliefertes Naturgesetz theoretisch erklärt, nämlich das archL
72 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

Diese ganzen Schwierigkeiten, die das Problem des freien


Falls der Scholastik bereitet hat, flicssen aus der Vorstellung,
die sie von den natürlichen Dispositionen der materiellen Kör­
per hatte. Für die moderne Mechanik bestehen sic nicht. Nach
unserem Trägheitsprinzip hat ein Körper ja überhaupt keine
Bewegungstendenz, sondern lediglich das Bestreben in seinem
Zustand, sei es der Ruhe, sei es der gleichförmigen Bewegung
zu beharren. Das gilt auch gegenüber der Schwerkraft. Denn
die gravitas ist für uns kein inneres Bewegungsprinzip, sondern
eine von aussen wirkende Kraft, die wie jede andere den
Trägheitswiderstand des mobile überwinden muss, und dieser
Widerstand bleibt natürlich auch im Vakuum. Hier fällt nur
der relativ geringe Reibungswiderstand des Mediums weg, so-
dass für uns im (iegensatz zur Scholastik, für die hier ein
schwieriges Problem liegt, der freie Fall im Vakuum die reine,
ungestörte Form der Fallbcwegung repräsentiert 2a.

medischc Prinzip und was damit zusammenhängt. d. h. die Abhängigkeit


de» Gewichts eine» Körper» von der Natur des Mediums, oder, wie die
Aristoteliker sagen, von der Natur des Orts, in dem er sich befindet.
Waaser und Luft sind ja relativ schwer l>ezw. leicht, ausserdem ist ein
Element in seinem eigenen natürlichen Ort weder schwer noch leicht.
Dementsprechend variiert natürlich dic gravitas bezw. levitas eines mixtum
je nach dem Ort, in dem cs sich befindet. Wir haben diesen ganzen
Problemzusammcnhang an anderer Stelle ausführlich erörtert und wollen
hier nicht darauf zurückkoromen (III S. 236 ff.; zu S. 246 Anm. l sei
übrigens noch nachgetragen, dass Nicolaus von Orestnc diese Lehre auch
in seinem Trail6 du cicl et du monde, livre IV, chap. 2. nur in anderem
Zusammenhang, berührt und sie dort im Gegensatz zu seinem früheren
lateinischen Kommentar zu De caelo et mundo ablehnl).
** Noch unter einem andern Gesichtspunkt bedeutet die Fallbcwegung
für die scholastische Dynamik ein schwieriges Problem, mit dem sie abei
auch glücklich fertig geworden ist: nach ihren Voraussetzungen entspricht
einer konstanten Kraft bei gleich bleibendem Widerstand eine konstante
Geschwindigkeit; eine beschleunigte Bewegung setzt also entweder eine
zunehmende Kraft oder einen abnehmenden Widerstand voraus. Soweit
die bewegenden Kräfte animalische Kräfte oder impetus sind, kann diese
Bedingung ohne weiteres als erfüllt angesehen werden. Aber bei der Gra­
vitationsbewegung liegt der Fall anders. Die gravius ist zweifellos eine
konstante Kraft — das Gewicht eines Körpers ändert sich ja nicht bei
der Bewegung — und doch ist der freie Fall keine gleithförmigf. umdern
eine beschleunigte Bewegung; eine Erfahrungstatsache, die sellntwrstind
lieb nicht nur dem Mittelalter sondern schon der Antike bekannt war.
Es ist wieder ein Problem, das für die moderne Mechanik nicht existiert,
f.m r konstante Kraft erzeugt ja für uns an sich und immer eine gleich*
URSACHEN UND KRÄFTE 73

UI

Im Ganzen genommen ist also die Scholastik nicht nur in


der Bestimmung ihrer Bewegungskräfte, sondern auch in der
Deutung der Widerstände ziemlich andere Wege gegangen als
die moderne Mechanik. Es bleibt eine letzte Frage. Man pflegt
als die Grundlagen der klassischen Dynamik die drei New­
ton'sehen Gesetze zu betrachten, von denen das erste das Träg­
heitsprinzip 39 und das zweite den KraftbegrifF24 formuliert.
Wir haben gesehen, wie es mit den analogen Vorstellungen in
der Dynamik des 14. Jahrhunderts steht. Was ist nun aber
mit der dritten « lex » Newtons, die das R e a k t i o n s p r i n -
z i p ausspricht ? Kennt die Scholastik dazu eine Parallele
oder nicht? Das Newton'sehe Gesetz besagt bekanntlich, dass
jeder actio eine gleich grosse reactio entspricht: actioni contra­
riam semper et aequalem esse reactionem. W as Newton genau
darunter verstehen wollte, war schon seinen Zeitgenossen nicht
ganz klar, vermutlich weniger, als man heute in dieses Gesetz

förmig beschleunigte Bewegung. Aber der Scholastik erwächst hier aus


ihrem Kraftbegriff eine nicht leichte Aufgabe, für die die verschieden­
artigsten Losungen vorgeschlagen wurden (zu den Einzelheiten s. III
S. 181 ff-). Di« interessanteste und genialste ist die der Buridanschule:
die Fallbeschleunigung wird mit Hilfe der Impeiuttheorie erklärt. Die
Schwerkraft soll nämlich nicht nur eine (konstante) Bewegung, sondern
ausserdem einen impetus im gTave erzeugen, in derselben Weise wie die
vü proicicns im proiectum einen impetus erzeugt, und dieser « impetus
acquisitus » addiert sich zur gravitas und verstärkt sie. Der Prozess wie.
derholt sich — anders als bei der Projektionsl>ewegung, wo es sich um
einen einmaligen Vorgang handelt — in jedem Augenblick von neuem,
denn die gravitas wirkt ja immer weiter, und die Folge ist. dass sie und
mit ihr die Fallgeschwindigkeit ständig wächst. Das ist eine durchaus mög­
liche Erklärung der Fallbeschleunigung — die übrigens in ihrem G rund­
gedanken noch im 17. Jahrhundert und sogar bei keinem Geringeren als
Hu>gens begegnet — und zugleich ein neues Beispiel dafür, wie eine
Erfahrungstatsache \on grundsätzlich verschiedenen theoretischen Voraus­
setzungen aus gedeutet werden kann, derart dass die Ergebnisse hier und
dort « richtig » sind.
u 1* lex: corpus omne perseverare in statu suo quiescendi vel mo­
vendi uniformiter in directum, nisi quatenus illud a viribus impressis co.
gitur statum suum mutare (Philosophiae naturalis principia mathematia,
1687)
** 2* lex: mutationem motus proportionalem esse vi motrici impressae.
74 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

hmeinzulegen pflegt. Jedenfalls hängt es auf das engste mit


seinem Kraftbegriff zusammen. Wenn z. B. ein grosser und
schwerer, schnell bewegter Körper, nennen wir ihn a, auf einen
kleinen ruhenden (b) trifft, dann wirkt er mit einer Kraft auf
ihn ein, die proportional ist der Masse von b und der Beschleu­
nigung, die dieser erfährt. Und b wirkt nun nach dem New­
ton’schen Gesetz mit derselben «« Kraft » zurück, d.h. es erteilt
dem Körper a eine Bewegungsänderung in umgekehrter Rich­
tung (also in unserm Fall eine Retardation), derart dass das
Produkt aus der Masse a und der Grösse der erfahrenen Retar­
dation gleich ist dem Produkt aus der Masse b und der Be­
schleunigung, die b erfährt. Wenn nun die Masse a sehr viel
grösser ist als die Masse b, dann ist die Bewegungsanderung,
die a erleidet, entsprechend kleiner, sodass u.U. die reactio,
obwohl sie gleich gross ist wie die actio, unmerkbar bleibt.
Das sind Vorstellungen, die dem scholastischen Denken
natürlich sehr fern liegen. Aber auch die aristotelisch-scholasti­
sche Philosophie kennt ein Prinzip der Reaktion, und es ist
sogar Gegenstand endloser Diskussionen geworden, die sich
durch zoo Jahre — von der Mitte des 14. bis in das 16. Jahr­
hundert — hingezogen haben. Omne agens in agendo repatitur.
Nur hat man nie an die Möglichkeit einer Gleichheit von actio
und reactio gedacht. Im Gegenteil: gerade hier liegt für die
Scholastik die Hauptschwierigkeit. Denn mit diesem Reaktions­
prinzip scheint eines der Grundgesetze der aristotelischen Me­
chanik in Widerspruch zu stehen. Wir wissen, dass jede Be­
wegung (im weitesten Sinn) entsteht durch das Wirken einer
bewegenden Kraft gegen einen Widerstand, dass aber für das
Zustandekommen einer derartigen Wirkung erforderlich ist,
dass die wirkende Kraft grösser ist als die vis resistiva. Wie
ist es nun möglich, dass die letztere eine reactio ausübt, dh.
dass die Rolle von agens und patiens sich sozusagen vertau­
schen, da doch in diesem Fall die wirkende Kraft notwendig
die kleinere ist? Das ist das Problem.
Um es richtig zu verstehen, muss man auch hier zunächst
fragen, was unter den Begriffen actio und reactio eigentlich
verstanden worden ist. Denn das scholastische Gesetz gilt genau
wie das Newtons nur für Wirkungen in einem ganz bestimmten
Sinn. Es ist keineswegs so, dass in der Ueberwindung der
resistentia, die sich bei jeder Bewegung und jeder Veränderung
URSACHEN UND KRÄFTE 75

vollzieht, schon ein repati des agens im Sinn dieses Prinzips


angenommen wurde. So wird die Rückwirkung der mechani­
schen Widerstände, die sich bei der lokalen Bewegung bemerk­
bar macht, höchstens als « reactio privativa »> aufgefasst, aber
nicht als « reactio proprie dicta ». Eine solche liegt vielmehr
nach der Auffassung der Scholastik — die Gründe dafür
werden wir noch kennen lernen — nur dann vor, wenn es sich
um a l t c r a t i v e K r ä f t e handelt. Wenn z. B. ein kal­
ter Körper erwärmt wird, dann übt seine Kälte eine eigentliche
« reactio » auf die eindringende W’ärme aus und verringert sie.
Und hier erhebt sich nun die Frage: wie ist das möglich? Wie
kann die Kälte des passum auf die Wärme des agens zurück­
wirken, wo sie nach Voraussetzung doch notwendig kleiner sein
muss als diese? Dies Problem hat die Spätscholastik jahrhun­
dertelang beschäftigt wie kaum ein anderes. Wir wollen auf
die Einzelheiten der Diskussion nicht eingehen, sondern nur
kurz skizzieren, welcher Art die Lösungen waren, die vorge­
schlagen wurden. Von den einen, zu denen z.B. Blasius von
Parma gehört, wird eine reactio überhaupt abgelchnt, andere
wollen nur eine indirekte Rückwirkung des passum anerkennen.
Und zwar in doppelter Weise. So meint etwa Richard Swines-
head, es gäbe wohl eine reactio, aber nicht secundum eandem
contrarietatem, d. h. nicht hinsichtlich derselben Qualitäten.
Wenn das agens z. B. durch seine Wärme auf das patiens
wirkt, dann wirkt "dieses nicht durch seine Kälte zurück, son­
dern durch seine Feuchtigkeit, durch die die Trockenheit des
agens getroffen wird. Wilhelm von Hcytesbury dagegen lehrt
eine indirekte Reaktion, die sich nicht secundum eandem par­
tem vollzieht: es sind andere Teile des agens, von denen die
Wirkung ausgeht, als die, die die reactio erfahren. Die Bu­
ridan-Schule schliesslich hat eine direkte Reaktion angenom­
men, mit folgender Voraussetzung, durch die das dynamische
Gleichgewichtsprinzip gerettet werden soll: die Aktions- und
Reaktionsfähigkeit einer gegebenen Qualität sind nicht gleich
gross, sondern je stärker die eine desto schwächer ist die andere.
Eine Wärme, die z. B. eine activitas ut 8 hat, reagiert mit der
Stärke 2, umgekehrt wirkt eine Kälte, die etwa eine actio ut 6
hervorbringt, mit der Kraft 4 zurück : ein wechselseitiges Ein­
wirken der beiden Qualitäten aufeinander ist also möglich. Das
ist natürlich eine phantastische Vorstellung, die aber trotzdem
76 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

viele Anhänger gefunden hat. Es ist schade, dass die Spätscho­


lastik, z. T. in ihren besten Denkern, so viel Energie an diese
unsinnigen Probleme verschwendet hat, anstatt auf Gebieten
weiter zu arbeiten, wo sie schon Grosses geleistet hatte und
auf dem besten Weg zu Grösserem war.
Eine reactio gegenüber mechanischen Kräften kennt die
Scholastik dagegen, wie gesagt, nicht. Im allgemeinen wird
diese Frage überhaupt nicht aufgeworfen. Die meisten unserer
Philosophen beschränken sich auf die Feststellung, dass es
beim motus localis nur eine « uneigentliche » reactio gebe, und
führen Beispiele wie die folgenden an : wenn zwei Gläser zu-
sammenstossen, zerbrechen beide, oder zwei Schwerter, die
aufeinander prallen, werden beide schartig usf. Kurz: es sind
nur Beispiele für eine reactio, die von der dritten natürlichen
Tendenz der materiellen Substanzen, dem sogenannten Streben
nach Kontinuität der Teile, ausgeht. So wird auch immer aus­
drücklich bemerkt, dass bei der Reaktion im motus localis nur
die unmittelbar getroffenen Teile zurückwirken, aber nicht, wie
gegenüber alterativen Kräften, das ganze passum. An die Mög­
lichkeit, dass auch die natürliche Bewegungstendenz im pas­
sum oder seine Trägkeit eine « eigentliche » reactio ausüben
könnte, denkt man überhaupt nicht.
Wenn wir uns fragen, was der Grund dafür sein kann, so
kommen wir auf eine Feststellung von prinzipiellem Interesse.
Es ist nicht die Verschiedenheit der Kräfte, sondern es ist die
Verschiedenheit der K a u s a l i t ä t , mit der sie wirken, die
diesen Unterschied bedingt.
Die aristotelisch-scholastische Metaphysik kennt, wie wir
wissen, vier verschiedene Arten von Kausalität, entsprechend
den vier Klassen von Ursachen, die sie annimmt: causa ma­
terialis, formalis, finalis und efficiens. Aber um diesen Unter­
schied handelt es sich hier nicht. Für die eigentliche Physik
kommt, auch das haben wir gesehen, unmittelbar nur die causa
efficiens in Betracht. Der springende Punkt ist nun aber der,
dass tatsächlich auch die causae efficientes nicht alle mit der­
selben Art von Kausalität wirken, sondern dass hier ein tief­
gehender Unterschied vorliegt, der keineswegs erst mit dem
14. Jahrhundert auftaucht, sondern schon immer, seit Aristo­
teles, vorhanden war, aber eben noch nicht klar zum Bewusst­
sein gekommen is t: es gibt agentia naturalia, die sich ihr pas-
URSACHEN UND KRÄFTE 77

sum assimilieren, und solche, die es nicht tun. Der erste Fall
ist repräsentiert durch die alteratio, der zweite durch den mo­
tus localis. Wenn ein calidum einen andern Körper erwärmt,
so assimiliert es sich zweifellos sein passum, eine vis motrix,
die einen Körper bewegt, dagegen nicht.
Das ist der Unterschied, aus dem sich die einseitige An­
wendung des Reaktionsprinzips erklärt. Der G rundsatz: omne
agens in agendo repatilur, setzt die Assimilationskausalität vor­
aus und bezieht sich auf diese und nur auf diese. Nach dem
ursprünglichen aristotelischen Kausalbegriff sucht das agens
ja überhaupt sich das passum anzugleichen — causa aequat ef­
fectum —, und das Reaktionsprinzip besagt nun eben, dass
auch das passum das gleiche Bestreben gegenüber dem agens
hat. Auf die Kausalität der vis motrix lässt sich das nicht über­
tragen : wenn z. B. in einem senkrecht in die Höhe geworfenen
Stein der bewegenden Kraft, d. h. dem impetus, die gravitas
als Widerstand entgegenwirkt, so zerstört sie zwar den impetus
allmählich, aber sie assimiliert ihn sich nicht 25, während bei
einer alteratio, etwa einem Erwärmungsprozess (nach schola­
stischen Begriffen) tatsächlich eine wechselseitige Assimilation
stattfindet.
Dieser Unterschied von assimilierender und nicht-assimi-
lierender Kausalität fällt noch unter einen andern Gesichtspunkt,
der uns wieder auf den Ausgangspunkt unserer B etrachtun­
gen zurückführt. Jeder physische V organg, so haben wir g e­
sehen, hat ausser einem zureichenden Realgrund eine F inalur­
sache, d. h. ein Ziel das durch ihn verwirklicht wird. Causa ef­
ficiens und causa finalis sind ontologisch betrachtet, « secun­
dum rationem », immer verschieden, aber sie können in gew is­
sen Fällen genau so wie Form- und W irkursache2* « secundum
rem » zusammenfallen, d. h. sie können durch dieselbe (akziden-
tale) Form repräsentiert sein. Und der Unterschied, den wir
zwischen der Wirkweise der alterativen, assimilierenden
Kräfte und der der vires motrices festgestellt haben,
besteht eben darin, dass bei den ersteren causa finalis
und causa efficiens zusammenfallen, bei den letzteren nicht.

25 Daher die Bezeichnung « reactio privativa » fü r diese Art d e r


Rückwirkung.
2« Vgl. ob. S. 53-
78 GRUNDBEGRIFFE UND GRUNDPRINZIPIEN

Eine vis motrix, die einen Körper in Bewegung setzt,


wirkt nur als causa efficiens und ist nicht zugleich das
Ziel der von ihr verursachten Bewegung: — das liegt aus­
serhalb. Eine Qualität dagegen, die sich eine andere assi­
miliert, ist sowohl wirkende Kraft wie terminus und finis der
bewirkten Veränderung; mit andern Worten : sie ist zugleich
causa formalis, causa finalis und causa efficiens. In dem Kampf,
den die späteren Jahrhunderte gegen die scholastische Natur­
philosophie der Formen und Qualitäten geführt haben, sind
diese Beziehungen oft missverstanden worden : man hat in vielen
Fällen die assimilierende Kausalität der causa efficiens mit der
Finalkausalität verwechselt und hat dementsprechend gegen ei­
ne Physik der (aktiven) Zweckursachen polemisiert, die es in
Wirklichkeit nie gegeben hat. Die Spätscholastik hat die Ur­
sachen, mit denen sie die Naturvorgänge kausal-genetisch
erklären wollte, genau so gut im Sinn der causa efficiens ver­
standen wie die moderne Physik, nur hat sie sich im einzelnen
von diesen Ursachen und ihrem Wirken ein anderes Bild ge­
macht als die spätere Zeit.
II
MATHEMATISCH - PHYSIKALISCHE
FRAGESTELLUNGEN
DER FUNKTIONSBEGRIFF IN DER PHYSIK
DES 1 4 . JAHRHUNDERTS

Das wichtigste methodische Hilfsmittel der modernen Phy­


sik, das allein eine exakte Naturwissenschaft möglich gemacht
hat, ist der Gebrauch der mathematischen Funktion in der
Beschreibung der Naturvorgänge. Darum ist, seit durch Du-
hems Untersuchungen die Aufmerksamkeit auf die Physik des
14. Jahrhunderts gelenkt worden war und man in ihr eine Vor­
bereitung oder gar Vorwegnahme der klassischen Mechanik
glaubte sehen zu dürfen, oft die Frage gestellt worden, ob
und wie weit die Spätscholastik auch schon mit Funktionen
gearbeitet hat.
Die Antwort auf diese Frage — das ist in den Meinungs­
verschiedenheiten über sie oft übersehen worden — hängt zu­
nächst und wesentlich davon ab, was man unter einer Funktion
versteht. Denn der Begriff der Funktion kann mancherlei be­
deuten, und seine Definition hat sich, seit er offiziell in die
Mathematik eingeführt worden ist, mehrfach geändert. Dass
die Spätscholastik die Funktion im Sinn der modernen Ma­
thematik nicht gekannt hat, ist selbstverständlich; anderer­
seits ist es ebenso selbstverständlich, dass nicht nur sie, son­
dern schon Aristoteles mit dem Phänomen der funktionellen
Abhängigkeit wohl vertraut war. Ohne das wäre ja eine W is­
senschaft von der Bewegung im weitesten Sinn gar nicht mög­
lich gewesen. Man wusste natürlich, dass in der Natur Abhän­
gigkeiten bestehen derart, dass die Aenderung einer Grösse
durch die einer andern bedingt is t: dass etwa einer grösseren
Kraft eine grössere Wirkung entspricht, dass bei der lokalen
Bewegung der zurückgelegte W eg mit der Zeit wächst, dass
ceteris paribus das Gewicht abhängt von der Grösse des Kör­
pers 'usw. Man wusste ferner, dass in vielen Fällen diese Ab­
hängigkeiten eine gewisse Regelmässigkeit aufweisen. Die Fra-
82 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

ge ist nun aber die, ob man versucht hat und wie weit es
gelungen ist, diese R e g e l m ä s s i g k e i t a l s s o l c h e
zu erfassen. Denn das Wesen der mathematischen Funktion
—. wie man sie auch im einzelnen definieren mag — besteht
jedenfalls darin, dass sie eine Rechenregel darstellt, durch die
das Abhängigkeitsverhältnis von zwei (oder mehreren) verän­
derlichen Grössen zum Ausdruck gebracht wird *.
Für die Neuzeit gibt es zwei Möglichkeiten, eine Funktion
auszudrücken: durch eine in mathematischen Symbolen ge­
schriebene Funktionsgleichung oder durch eine Kurve in einem
Koordinatensystem. Diese beiden Möglichkeiten hat das 14.
Jahrhundert zweifellos nicht gekannt. Die Funktionsgleichung
im strengen Sinn — man versteht unter ihr eine Gleichung
zwischen veränderlichen Grössen, während die gewöhnliche al­
gebraische Gleichung Beziehungen zwischen festen (bekannten
und unbekannten) Werten ausspricht — ist erst gegen Ende
des 17. Jahrhunderts aufgekommen ; auch Galilei hat sie noch
nicht gekannt. Und ähnlich steht es mit der koordinatenmäs-
sigen Darstellung von Funktionen. Man hat im Anschluss an
Duhem in Nicolaus von Oresmes graphischen Symbolen, die
uns noch beschäftigen werden a, einen ersten Anfang der ana­
lytischen Geometrie sehen wollen, aber zu Unrecht. Oresmes
Methode der graphischen Darstellung setzt zweifellos ein Wis­
sen um funktionelle Abhängigkeiten voraus — ein Wissen das,
wie wir sehen werden, auch in andern Zusammenhängen bei
ihm begegnet und das um die Mitte des 14. Jahrhunderts nichts
Besonderes war —, aber sie soll diese Abhängigkeiten nicht
zum Ausdruck bringen. Und darauf kommt es an. Oresme hat
mit seinen geometrischen Symbolen etwas ganz anderes gewollt.1

1 Ein klassischer Fall derartiger Bemühungen um die Fonnulierung


einer Abhängigkeilsbeziehung durch eine mathematische Funktion ist der
berühmte Streit um das Krüftemass im 17. Jahrhundert. Man war sich
von jeher klar darüber, dass die Wirkungsfähigkeit eines bewegten Kör­
pers — etwa eines fliegenden Pfeils oder eines Wurfgeschosses — abhängt
von seiner Geschwindigkeit. Das hat nicht nur das 17. Jahrhundert, son­
dern schon das Altertum und das Mittelalter gewusst. Die Frage, um die
die Kontroverse entbrannte, war nun aber die, welcher Art diese Abhän­
gigkeit ist: ob die « lebendige Kraft » einfach proportional ist der Ge­
schwindigkeit, wie Descartcs und seine Schule wollten, oder ob sic bestimmt
ist durch das Quadrat der Geschwindigkeit, wie Lcibniz annahm,
a Vgl. u. Kap. 5.
DER FUN K TIO NSBEG RIFF 83

Die Spätscholastik muss also, wenn sie wirklich Funktio­


nen gekannt und in ihrer Phyhik angewandt hat, diese Funk­
tionen in anderer Weise ausgesprochen haben. Als Ausdrucks­
mittel stand ihr das zur Verfügung, was die Historiker der
Mathematik « Wortalgebra » genannt haben : ein Literalkalkül,
der zwar schon für die Grössen, mit denen gerechnet wird,
Buchstaben anwendet, der aber noch keine Symbole für die
Beziehungen zwischen diesen Grössen und für die Operationen,
die mit ihnen vorgenommen werden, kennt, sondern diese noch
mit Worten beschreibt *. Wenn z. B. Socrates sich mit der dop­
pelten Geschwindigkeit bewegt wie Plato, so bezeichnet man
a
nicht die eine Geschwindigkeit mit a, die andere mit -----» son*
2
dern man nennt die eine a, die andere b und bemerkt in W or­
ten dazu, dass die letztere die Hälfte der ersteren sei. Und vor
allem, um den wichtigsten Punkt zu nennen: noch fehlt das
Gleichheitszeichen (oder ein Aequivalent dafür) ; die Gleichheits­
beziehung muss immer in einem Satz ausgesprochen werden.
Aber das sind formale Aeusserlichkeiten, die nur die Mit­
teilung des Erkannten und nicht die Erkenntnis selbst betreffen :
mathematische Gleichungen waren der Scholastik trotzdem wohl
vertraut, nur hat sie sie eben statt durch einfache und über­
sichtliche Formeln in einer schwerfälligen und oft schwer ver­
ständlichen Sprache ausgedrückt. Und dasselbe wird — soviel
können wir von vornherein sagen — für ihre Funktionsglei­
chungen gelten, wenn sie solche gekannt hat.
Von diesen Voraussetzungen aus ist also die F rage zu
stellen, ob die Spätscholastik tatsächlich —. im Rahmen der
gegebenen formalen Möglichkeiten — bei der Beschreibung und
Erklärung der Naturvorgänge Funktionen angewandt hat. H at
sie sich überhaupt um exakte Rechenregeln dieser Art bemüht
— hat sie überhaupt das Problem gesehen, das hier liegt? Und
wenn ja, haben ihre Bemühungen zu einem Resultat geführt,
ist sie in dieser Beziehung einen Schritt über Aristoteles und
die Hochscholastik hinausgekommen ?8

8 Es ist derselbe Literalkalkül, der in den ersten Jahrzehnten des 14.


Jahrhunderts in fast alle Gebiete eindringt, auch solche, die sich eigentlich
einer quantitativen Erfassung entziehen, und der die Ausdrucksform d e T
berüchtigten calculationes gewesen ist (vgl. u. S. 97 f.. 113 f.).

L
<4 MAI HZ MATIS« II ZHYSIKAI.ISCHK rAArlZSTZI.I.UNÜZN

W ir meinen, «Ih m dirsr Fragen zu bejahen sind, Un«l zwar


Ul e», wenn man von trivialen Abhängigkeiten »bliebt, die zu
allen Zeiten ala «clbstverstAndii« h ((alten — «Ins« etwa bei g|«-i« h-
m ässigrr Geschwindigkeit in «ler «Inppclten Zeit der «kippelte
Wcjf zurOek((rle((t wir«l, oder da»* ein Stück Kisen halb io
•chwer ist wie ein «Inppelt »o grosses — ein bestimmte« (iebiet
der Physik Kewesen, auf dem »ich «lie»e Fntwirklung vollz«i|(cn
hat : die Dynamik,
Kür die aristotelisch-scholastische Philosophie entsteht jede
Bewegung, wie wir wissen, au« der W irkung einer bewegenden
Kraft ((e((en einen Witlcrstand *. Bewegung ohne Kraft |(ibt
es nicht — omne quod movetur ab aliquo movetur _, ande­
rerseits aber auch nicht ohne W iderstand : eine Kraft, der kein
W iderstand entgegenstünde, würfle in instanti wirken, würde
also die Ortsveränderung augenblicklich und nicht sukzessiv
herbeiführen. Schliesslich kommt Hcwegung nur zustande, wenn
die K raft den W iderstand zu überwinden vermag, d. h. wenn
die vis motiva grösser ist als die vis resistiva; ist sic gleich
gross oder kleiner, so bleibt sic wirkungslos und cs entsteht
keine Bewegung. Ist sic aber starker, so hängt die Geschwin­
digkeit der resultierenden Bewegung ab einerseits von der Grös­
se der K raft, andererseits (in umgekehrtem Sinn) von der
Grösse «les W iderstands; oder anders ausgedrükt: die Ge­
schwindigkeit ist bestimmt durch das Verhältnis' von Kraft und
W iderstand *.
Dieses Prinzip bildet die Grundlage der ganzen aristolischcn
Dynamik. Aristoteles hat cs mehrfach ausgesprochen, in ver­
schiedener Form, je nach dem Zusammenhang, in dem er es
b rauchte: cs ist für ihn die selbstverständliche Voraussetzung
aller Betrachtungen über die Bewegung. Ucbcrdies hat er im4

4 Das gilt an sich für alle Arten von llcivcgiing, aber tatsächlich wird
•chon von Arinotelei nur der motus localis eingehend behandelt; er
begnügt sich mit einer kurzen Übertragung der Ergebnisse auf alteralio
und augmetitatio, und die Scholastik ist ihm, mindestens zunächst, darin
gefolgt.
* A proportione aequalitatis vel minoris inaequalitatis agentis ad re.
sistentiam non provenit actio, sed oportet quod virtus agentis excedat vir­
tutem resistentiae, et quanta est maior proportio maioris inaequalitatis
agentis ad resistentiam, tanto agens fortius agit vel velocius movet vel
agit ad longiorem distantiam etc. (Buridan. Phys. I qu. 12).
DER rb lU tT IO N S R E O R irr es
7. Buch »einer Physik * eine Anzahl von Kinzelrcgcln aufgestellt,
rlic das dynamische Grundprinzip illustrieren »ollen, aber ohne
»ic auf eine allgemeine Formel zu bringen. Da» Suchen nach
dieser Formel wird dann für da* 14. Jahrhundert die Aufgabe,
deren Lösung zur Aufstellung von F'unktionsglcichungcn führt.
Die aristotelischen Kegeln lauten folgendcrmassen: wenn
ein movens A ein mobile B in der Zeit D über die Strecke C
bewegt, so bewegt dieselbe oder eine äquivalente Kraft die
Hälfte von B in der Zeit D über die doppelte Strecke, bezw.
in der Hälfte der Zeit D über die ganze Strecke C ; oder, wie
schon Averroes vereinfachend zu diesen beiden ersten Regeln
hinzugefügt hat: dann bewegt dieselbe Kraft A die Hälfte von
B mit der doppelten Geschwindigkeit. W eiter: dieselbe Kraft
A bewegt das mobile B in der halben Zeit über den halben
Weg, bezw. die halbe Kraft bewegt das halbe mobile in der
vollen Zeit über den ganzen Weg. Dagegen gilt nicht umge­
kehrt, dass die halbe Kraft das ganze mobile (oder die volle
Kraft das doppelte mobile) mit der halben Geschwindigkeit
bewegt: es kann geschehen, dass in diesem Fall überhaupt
keine Bewegung zustandekommt, dann nämlich, wenn die Kraft
durch die Halbierung (bezw. durch die Verdoppelung des mo­
bile) gleich oder kleiner geworden ist als der Widerstand.
Schliesslich: die doppelte Kraft bewegt das doppelte mobile
mit derselben Geschwindigkeit wie die einfache das einfache.
Das Wesentliche an diesen Regeln ist also folgendes: aus
der Verdoppelung der bewegenden Kraft oder der Halbierung
des Widerstands folgt ceteris paribus die doppelte Geschwin­
digkeit, dagegen folgt nicht immer aus der Halbierung der
Kraft oder der Verdoppelung des Widerstands die halbe Ge­
schwindigkeit (sondern nur dann, wenn die Kraft nach wie vor
grösser als .der Widerstand ist).
Die Kommentare zur aristotelischen Physik aus dem 13.
Jahrhundert und aus den ersten drei Jahrzehnten des 14. lassen
dieses Kapitel entweder ganz uncrörtert oder begnügen sich
mit einer einfachen Wiedergabe und Erläuterung der aristote­
lischen M einung1, ohne neue Fragen aufzuwerfen. Zu Verall-

* Phys. VII cap. 5.


T Eine überraschende Abweichung liest man bei Albertus Magnus,
Phys. VII tract. II cap. 5, im Text der Ilorgnct-Ausgabc: Si quantitas A
86 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

gemeinerungen kommt es» nicht, man beschränkt die betrachte­


ten Fälle immer mit Aristoteles auf Verdoppelung und Halbie­
rung der einzelnen Faktoren. Es wird höchstens versucht die
Regeln etwas einfacher zu formulieren und sie übersichtlicher
zu gruppieren V
T h o m a s B r a d w a r d i n e war es, der als erster das
Problem in allgemeiner Form gestellt hat. In seinem 1328 ent­
standenen Tractatus proportionum • setzt er sich das Ziel, die
exakte mathematische Regel zu finden, durch die die Abhän­
gigkeit zwischen Kraft, Widerstand und Geschwindigkeit be­
stimmt ist. Der physikalische Sachverhalt als solcher wird dabei
als gesichert vorausgesetzt. Es handelt sich lediglich darum,
diesen Sachverhalt mathematisch zu formulieren, oder, so kön­
nen wir mit vollem Recht sagen : es handelt sich darum, für
die dynamischen Grundprinzipien die adäquate Funktionsglei­
chung zu finden ,0. Und zwar muss die gesuchte Funktion fol­
genden Bedingungen genügen : im Fall einer proportio maioris
inaequalitatis zwischen Kraft und Widerstand (wenn also die
vis motiva grösser ist als dic resistentia) hängt die Geschwin­
digkeit ab von dem Quotienten 11 beider Grössen ; im Fall einer
proportio aequalitatis oder minoris inaequalitatis (wenn die

movet quantitatem B per totam longitudinem C in toto tempore D ...tune


similis quantitas... movebit medietatem ipsius B in codcin tempore D per
paulo longius spatium quam sit C. Aber ein Vergleich mit alleren Drucken,
etwa den Edd. Venedig 1494 und 1517. zeigt, dass hier ein Versehen der
Herausgeber vorliegt: es muss heissen: per duplo longius spatium.
■ Und cs wird schliesslich versucht, die Begriffe Kraft und Widerstand
präziser zu fassen, als Aristoteles es getan hatte, und inslresondere eine
Reihe ton Nebenbedingungen zu bcrücksicfttigen. die die Wirkung modi­
fizieren können. Diese Bemühungen führen allmählich dazu, dass man in
den Bewegungsregeln statt mit der absoluten Grösse der Kraft und des Wi
derstands mit dem posse agere jener und dem posse resistere dieser rechnen
will. Aber die postulierten dynamischen Prinzipien als solche biedren von
diesen Korrekturen unberührt.
• Ed. Venedig 1505- Zu gelegentlichen Kontrollen benützen wir die
Handschriften Vat. lat. 1108 fol. 69 81; ibid. fol. 104-119'; Vat. lat. 2185
fol. 2V-27': Vat. lat. 4529 fol. 23-29: Oltob. lat. 179 fol. 92-98.
Man möchte beinahe sagen: Bradwardine wollte die Principia ma­
thematica philosophiae naturalis seines Jahrhunderts schreiben.
n « Proportion » bedeutet in der scholastischen Terminologie immer
Quotient (oder Bruch) und schliesst kein Vergleichsmoment ein.
DIR FUNKTIONSBEGRIFF 87

Kraft dem Widerstand gleich ist oder kleiner als er) ist die
Geschwindigkeit gleich null.
Bradwardines Traktat beginnt mit den Worten ,a : Omnem
motum successivum alteri in velocitate proportionari contingit IJ,
quapropter philosophia naturalis quae de motu considerat pro­
portionem motuum et velocitatum in motibus ignorare non de­
bet. Et quia cognitio illius est necessaria et multum difficilis,
nec in aliqua parte philosophiae tradita est ad plenum, ideo
de proportione velocitatum motuum fecimus istud opus. W as
zur Diskussion steht, sind also nicht die Geschwindigkeiten als
solche ln ihrer Abhängigkeit von vis motiva und resistentia,
sondern die proportiones velocitatum in motibus, d. h. die
Unterschiede und Aenderungcn in den Geschwindigkeiten. In
welcher Weise ist die Aenderung der Geschwindigkeit durch
die Aenderung von Kraft und Widerstand bedingt? Das ist
das Thema des Traktats. Und die betrachteten Aenderungcn
sind nun nicht mehr wie bei Aristoteles nur Verdoppelung und
Halbierung, sondern die verglichenen Werte können in jedem
beliebigen Verhältnis zueinander stehen.
Der Traktat zerfällt in vier Kapitel, von denen das erste
das mathematische Rüstzeug liefert: die Proportionsrechnung,
das zweite « more Aristotelis» die irrigen Ansichten aufzählt
und widerlegt, das dritte schliesslich die eigene, richtige Lehre
bringt, während das vierte noch einige etwas andersartige Spe­
zialprobleme erörtert14.
Opiniones erroneae ad propositum pertinentes sunt quattuor,
erklärt Bradwardine zu Beginn des zweiten Kapitels. Es sind
folgende: Prima ponit proportionem velocitatum in motibus se­
qui excessum potentiae motoris ad potentiam rei m otae; d. h.
flas Verhältnis der Geschwindigkeiten soll der Differenz zwischen

»2 Der Prolog, der im Druck dem eigentlichen Traktat voraufgeht, ist


nicht von Bradwardine.
i3 Im Druck heisst es convenit, während die hs. Überlieferung — wir
verdanken den Hinweis Mons. Pelzer — offenbar durchweg contingit har.
i* Es behandelt das Problem der Rotationsbewegung, aber unter einem
rein kinematischen und nicht dynamischen Gesichtspunkt: was heisst Ge­
schwindigkeit bei einem mobile, dessen einzelne Punkte sich verschieden
schnell bewegen? usw. Es sind dies viel diskutierte Fragen gewesen, die
Bradwardine nicht als erster gestellt hat und die in einen andern Zusam­
menhang hinein gehören (vgl. u. Kap. 5).
88 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Kraft und Widerstand folgen 14: eine Theorie die natürlich


nicht ernsthaft in Betracht kommt und auch sofort abgelehnt
wird. Sie ist manchmal Averrocs zugeschrieben worden, der
bei der Kommentierung der aristotelischen Regeln einmal
bemerkt: et hoc est ita quod velocitas propria unicuique motui
sequitur « excessum » potentiae motoris super potentiam mo­
ti aber aus dem Zusammenhang folgt ohne weiteres —
und das ist auch fast immer richtig erkannt worden —, dass
er nicht den arithmetischen, sondern den geometrischen
« Ueberschuss », d. h. die Proportion, meint.
Die zweite irrige Lehre nimmt an proportionalitatem in
motibus sequi proportionem excessus motoris super potentiam
rei m otae: also das Verhältnis der Geschwindigkeiten soll
durch das Verhältnis der Differenzen bestimmt sein17. Auch
diese Auffassung scheidet sofort aus, und ebenso die letzte,
vierte: quod nulla est proportio sive excessus potentiae mo­
toris ad potentiam resistivam. Der Sinn ist der, dass intensive
Grössen wie Kraft und Widerstand überhaupt nicht messbar
und somit nicht quantitativ vergeichbar sind. Das ist natürlich
auf dem Standpunkt der Scholastik an sich ein berechtigter
Einwand. Er wird widerlegt mit dem Hinweis auf zahlreiche
Aristoteles- und Averroes-Stellen, wo intensive Grössen als
wirkliche Quantitäten angesehen und Proportionen zwischen
ihnen angenommen werden, und ausserdem mit einem Beispiel
aus der Erfahrung: der Musik.
W'irklich in Betracht zu ziehen und ernsthaft zu widerlegen
ist für unsern Autor eigentlich nur die dritte opinio, die behaup­
tet proportionem velocitatis in motibus manente eodem motore,
vel aequali, sequi proportionem passorum et manente eodem
passo, vel aequali, sequi proportionem motoris18. Diese Theorie
ist nach Bradwardine, obwohl sie sich scheinbar auf eine Reihe
von Aristoteles- und Averroes-Stellen stütze und auch per ra­
tionem beweisen lasse, in doppelter Beziehung verfehlt: ista
positio est dupliciter redarguenda, i° super insufficientia, 2°

i» Es seien und v2 die Geschwindigkeiten, und m2 dic bewe­


genden Kräfte, und ra die Widerstände, dann würde nach dieser Auf­
fassung gelten: wt : v 2 = (m — rf) — <m2 — r^.
i« Phy*. VII comin. 35 (Ed. Vened. 1550).
” v, : Tä = (ra, - r. ) ; <m, - v- t
i» Diese Lösung wäre in /.eichen so zu schreiben: v = m : r.
DER FUNKTIONSBEGRIFF 89

super mendacio. Sie genügt nicht, denn sie berücksichtigt nicht


die Fälle, wo sowohl movens wie motum sich ändern; und
sie ist falsch, denn es folgt aus ihr : quodlibet mobile a quolibet
motore potest moveri. Wenn eine gegebene Kraft ein mobile
mit einer gewissen Geschwindigkeit bewegt, so bewegt sie
nach dieser Regel das doppelte mobile mit der halben Ge­
schwindigkeit, das Vierfache mit einem Viertel der Geschwindig­
keit, usw. in infinitum. Mit andern Worten : es ist in dieser
Lösung nicht berücksichtigt, dass die Kraft immer grösser sein
muss als der Widerstand, und dass im umgekehrten Fall oder
bei Gleichheit beider überhaupt keine Bewegung entsteht. Da­
mit ist aber eine wesentliche Bedingung, der die gesuchte Regel
genügen muss, nicht erfüllt.
Diese abgelehnten Theorien sind (abgesehen von der vier­
ten, die ja einen andern Charakter hat) in der Form, in der
Bradwardine sie präsentiert, nichts anderes als ebenso viele
Funktionsgleichungen in dem Sinn, der für die Scholastik allein
in Frage kommt : es sind Rechenregeln — ausgesprochen in
der schwerfälligen Sprache des 14. Jahrhunderts, aber leicht
übersetzbar in moderne mathematische Zeichenschrift —, die
die Beziehungen zwischen den einzelnen W erten einer abhän­
gigen Variabein (der Geschwindigkeit) und zweier unabhängi­
ger (Kraft und Widerstand) ausdrücken. Nur sind sie falsch,
denn sie tragen den vorausgesetzten physikalischen Bedingun­
gen nicht, oder nicht genügend, Rechnung.
His ergo ignorantiae nebulis demonstrationum flatibus
effugatis superest ut lumine scientiae resplendeat veritas: mit
diesen Worten beginnt das dritte Kapitel, das nun endlich die
« richtige » Lösung bringen soll. Scientia autem veritatis ponit
quintam conclusionem dicentem quod proportio velocitatum in
motibus sequitur proportionem potentiae motoris ad potentiam
rei motae. Das ist nich ganz exakt formuliert aber was
Bradwardine meint, ist klar und geht auch eindeutig aus dem
unmittelbar folgenden Text hervor. Wörtlich genommen hat
seine These keinen Sinn : durch das Verältnis von Kraft und
Widerstand ist die Geschwindigkeit bestimmt, aber nicht die
proportio velocitatum ; letzetere hängt ab — und das will Brad-

i» Die Stelle lautet nicht nur im Druck, sondern auch in den zitierten
Handschriften 90.
90 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

wardine nuch sagen — von der proportio proportionum poten­


tiae motoris ad potentiam rei motae.
Die Aenderung der Geschwindigkeit folgt niso der Aende-
rung des Quotienten aus Kraft und Widerstand: das ist die
grosse Entdeckung, die Bradwardine gemacht zu hat>en glaubt.
Der moderne Leser fragt sich zunächst etwas überrascht, worin
das Neue dieser Entdeckung eigentlich besteht? Sie besagt
doch genau dasselbe, nur etwas anders formuliert, wie clic dritte
«opinio erronea»? Dieser Anschein mag der (irund gewesen
sein, warum diese mit soviel Aufwand verkündete Theorie, die,
wie wir sehen werden, eine sehr wesentliche Rolle in der spiit-
sc holas tischen Naturphilosophie gespielt hat, von der modernen
Forschung bisher immer übersehen worden ist.
Für Bradwardine hat die Feststellung, dass die Geschwin­
digkeit sich wie der Quotient aus Kraft und Widerstand ändert,
eine ganz andere Bedeutung. Sie besagt zunächst — das ist
der wörtliche Inhalt des Satzes — : der doppelten Geschwindig­
keit entspricht eine Verdoppelung des Quotienten aus Kraft und
Widerstand, der dreifachen eine Verdreifachung usw., d. h.
wenn die Proportion aus vis motiva und resistentia sich verdop­
pelt, verdreifacht, verfünffacht usf., so folgt aus diesen Aen-
derungen eine Verdoppelung, Verdreifachung, Verfünffachung
der Geschwindigkeit. Aber — und hier liegt der springende
Punkt — Verdoppelung, Verdreifachung usw. einer Proportion
bedeutet, das hat das einleitende Kapitel dargelegt, nicht wie
bei einer einfachen Grösse Multiplikation mit 2 oder 3, sondern
ein zwei- bezw. dreifaches Multiplizieren mit sich selbst, d. h.
Quadrierung bezw. Erhebung in die dritte Potenz usw. ao.

Diese Terminologie erklärt sich so: der Ausgangspunkt ist die so­
genannte Regel vom medium interpositum, die sich in moderner Zci-
a a b a
chenschrift so schreiben lässt:-----= -----• -----f oder allgemeiner: ------ —
c b c n
a b c m
---- ------ ------ —------ , d. h. eine gegebene Proportion lässt sich in belie-
b c d n
biger Weise in derartige Komponenten zerlegen. In dem Fall nun,
a b 8 4 a
wo ----- =■-----ist (etw a-------- -----), sagt man, die proportio ---- enthalte
b c 4 2 c
a
zweimal die proportio---- oder sie sei dupla oder duplex oder du-
b
DER FU N K TIO N SB EC R irr 01

Die Entdeckung Bradwardine» besteht also darin, dass


einer Quadrierung des Quotienten von Kraft und Widerstand
eine Verdoppelung der Geschwindigkeit, einer Erhebung in die
3., 4., 5., Potenz eine Verdreifachung, Vervierfachung, Vcr-
fünffachung entspricht; oder dass umgekehrt die doppelte Ge­
schwindigkeit eine Quadrierung von Kraft und Widerstand
voraussetzt, die dreifache eine Erhebung in die dritte Potenz
usw. In analoger Weise korrespondiert der halben Geschwindig­
keit die Quadratwurzel auf der andern Seiteai, einem Drittel
der Geschwindigkeit (die Kubikwurzel usw. Die Funktionsglei­
chung, die Bradwardine zwischen Kraft und Widerstand einer-,
der Geschwindigkeit andererseits gefunden hat, ist also modern
gesprochen eine logarithmische Abhängigkeit, die man in Zei­
chen so schreiben könnte (wenn v die velocitas, m und r mo-

' 8 48 8 8 4
plicata gegenüber der letzteren 4V
, 2 4 2 4 4 2
Für die andern Fülle gilt die Regel: proportio composita ex maiori et
minori est maior quam dupla minoris et minor quam dupla maioris. Wenn
9 9 5
etwa ---- in die Faktoren zerlegt wird ---------- . dann ist in der
2 5 2
Tat ----grösser als und kleiner als * Entsprechend dieser
Terminologie bezeichnet man auch ganz allgemein die M ultiplikation
von Proportionen (Brüchen) als « Addition », die Division als « Subtrak­
tion ». — Übrigens ist die Regel vom medium interpositum im 14.
Jahrhundert Gegenstand einer Kontroverse gewesen, auf die wir schon
früher hingewiesen haben (III S. 184): der Streit ging darum, ob sie nur
für den Fall a > b > c (also für unechte Brüche) oder ob sie allgemein
gilt. Denn für den Fall a < b < c würde sich aus ihr ergeben, dass das
2 2 3
Ganze kleiner ist als seine Teile (etw a---- = ---------- ), was als absurd
5 3 5
empfunden wurde. Die Lösung wird schliesslich in einer Unterscheidung
von componi und produci bei Proportionen gesucht, die dem Sinn nach
etwa eine Unterscheidung von « bestehen » und « entstehen » bedeutet:
die Regel soll allgemein für das produci gelten, al>er nicht für das com­
poni, d. h. man kann wohl sagen, dass ein Bruch aus zwei grosseren
entsteht (producitur), aber nicht dass er (wertmässig) aus ihnen besteht
(componitur).
Oder die medietas der entsprechenden Proportion: das Wort m e­
dietas, bezogen auf Brüche bedeutet immer die Quadratwurzel. Diese T e r­
minologie. die im 14. Jahrhundert allgemein üblich ist, hat manche Miss­
verständnisse verursacht.
t2 M A T H E M A T ISC H 'PH Y SIK A LISC H E rtA G E S T E L L U H C E H

m
***** und resistentia bezeichnen) : v = log— denn in dieser Glei-
f •
rhung entspricht allerdings der Multiplikation und Division auf
der eisen Seite das Potenzieren und Wurzelziehen auf der an­
ni . . .
dem: a . v = kig(— )*. Und tatsächlich ist mit dieser Lösung
die Schmierigkeit vermieden, die sich aus dem Verbot der pro­
portio aequalitatis und minoris inaequalitatis ergibt. Die Gefahr,
dass das Verhältnis von Kraft und Widerstand durch die vor­
genommenen Aenderungen gleich oder kleiner als eins werden
könnte, besteht nicht mehr. Denn wenn diese Aenderungen
nicht mehr in Multiplikation und Division, sondern ausschliess­
lich in Potenzierung und Wurzelziehen bestehen, so bleibt der
W ert des Quotienten notwendig immer grösser als eins: eine
noch so hohe Wurzel eines unechten Bruches ist immer wieder
ein unechter Bruch und wird niemals gleich oder kleiner als eins.
Die genuine Meinung des Aristoteles hat Bradwardine mit
seiner Funktionsgleichung allerdings nicht getroffen. Aristoteles
hat zweifellos als generelles Gesetz die Regel angenommen,
die Bradwardine als dritte opinio erronea ablehnt. Aber er hat
dieses Gesetz eben nicht in einer allgemeinen Formel ausge­
sprochen, sondern nur eine Reihe von Einzelfällen betrachtet.
Für Bradwardine ist nun bezeichnenderweise die Frage nicht
die: stellt die neu gefundene Funktion eine richtige induktive
Verallgemeinerung der aristotelischen Einzclregeln dar, sondern
die umgekehrte: stimmen die aristotelischen Regeln, drücken
sie tatsächlich, wenn auch nicht in genereller Form, den rich­
tigen Sachverhalt aus? Folgt aus einer Verdoppelung der Kraft
oder aus einer Halbierung des Widerstands wirklich immer die
Verdoppelung der Geschwindigkeit? Das ist der Inhalt der
folgenden conclusiones des dritten Kapitels. Und die Antwort:
sie stimmen in einem Spezialfall, dann nämlich, wenn das
Verhältnis von Kraft zu Widerstand 2:1 ist, wenn also die
Multiplikation mit 2 und die Multiplikation mit sich selbst
(Verdoppelung und Quadrierung) praktisch zusammenfallen. In
allen andern Fällen stimmen sie nicht, sondern die resultierende
Geschwindigkeit ist entweder grösser oder kleiner als die dop­
pelte ” .

22 Si potentia moventis ad potentiam sui moti sit dupla proportio,


potentia motiva duplicata movebit idcin motum praecise in' duplo velo-
DEI F CMC TI ONS BEGRIFF 93

An dem ursprünglichen dynamischen Grundprinzip, dass


die Geschwindigkeit bestimmt ist durch das Verhältnis von
Kraft und Widerstand, ist damit nichts geändert; es ist nur
an die Stelle der einfachen Proportionalität zwischen der
Geschwindigkeit einer- und dem Kraftquotienten andererseits ein
komplizierteres Abhängigkeitsverhältnis getreten.
Tatsächlich ist es eine komplizierte Lösung, zu der Brad­
wardine gekommen ist, aber man kann nicht eigentlich sagen,
dass sie falsch sei: « falsch » vom Standpunkt der moderinen
Physik aus ist die ganze aristotelisch-scholastische Mechanik,
denn durch das Verhältnis von Kraft und Widerstand ist die
Beschleunigung und nicht die Geschwindigkeit bestimmt. So
wäre jede Funktionsgleichung, die die aristotelischen Voraus­
setzungen zum Ausdruck bringt, verkehrt. Aber darum handelt
es sich jetzt nicht. Bradwardine hat wie alle seine Zeitgenossen
die /physikalische Theorie als solche für richtig gehalten, und
er hat sie in eine für alle Werte gültige Formel zu fassen ge­
sucht, derart, dass sämtliche Bedingungen erfüllt sind. Und
dieser Versuch ist ihm gelungen 2\

cius (bezw.: eadem potentia movebit medietatem eiusdem moti velocitate


praecise dupla). Si potentia moventis ad potentiam sui moti sit maior
quam dupla proportio, potentia motiva geminata eiusdem moti duplam
velocitatem nequaquam attinget (bezw.: eadem potentia movente medie­
tatem eiusdem moti, velocitas moti nullatenus fiet dupla). Si potentia
moventis ad potentiam sui moti sit minor quam dupla proportio, dupla
potentia movente idem motum ultra duplam velocitatem excrescet (bezw.;
eadem potentia movente medietatem eiusdem ultra duplam velocitatem
transibit). Machen wir uns diese etwas komplizierten Einzelregeln an einem
Zahlenbeispiel klar. Wenn etwa das Verhältnis von Kraft zu Widerstand
3 : 2 (also kleiner als die proportio dupla) ist, und die Kraft wird ver­
doppelt, dann ergibt sich für die Bestimmung der Geschwindigkeit das
Verhältnis 6: 2. Einer doppelten Geschwindigkeit müsste aber die Qua-
/ 3 \* 9 6 . 9
drierung entsprechen I ---- J = -----. Da n u n ---- grösser ist a ls -----, folgt in
diesem Fall aus der Verdoppelung der Kraft eine grössere Geschwindigkeit
als die doppelte. Wenn das Verhältnis von Kraft zu Widerstand dagegen
grösser ist als 2 : 1, ist es umgekehrt.
23 Der Bradwardincschen Funktion scheint allerdings ein wesentli­
ches Moment zu fehlen, das bei einer richtigen Funktion im strengen
Sinn unerlässlich ist: es besteht nicht die Möglichkeit, für jeden Wert
der unabhängigen Variabein den der abhängigen unmittelbar zu berechnen.
Doch das hat rein äusserliche Gründe. Zunächst ist ja keine Masseinheit
festgesetzt, d. h. es ist nicht gesagt, welchem Verhältnis von Kraft und
Widerstand die Geschwindigkeit eins entsprechen soll; aber das ist
94 M A T H E M A T IS C H -PH Y SIK A L IS C H E FR AG ESTELLU N GEN

Dagegen hat die Bradwardinesche Funktion — wir wollen


sie im Folgenden kurz so nennen — einen andern Nachteil, der
bei ihrem Urheber selbst noch nicht deutlich in Erscheinung
tritt, sich aber sehr bald bei seinen Nachfolgern bemerkbar
m a c h t: sie führt tatsächlich zu einem doppelten Mass für die
Geschwindigkeit. Nach der üblichen Terminologie verstand man
unter einer velocitas ut a eine Geschwindigkeit, mit der in der
Zeiteinheit _ etwa einer Stunde a Wegeinheiten zurückge­
legt werden. W ird nun etwa die Proportion von Kraft und
^Widerstand als 2:1 oder 3:1 vorausgesetzt — ein wirkliches
Messen kam ja nicht in F rage — , so hatte man vor Bradwardine
ohne weiteres angenommen, dass die resultierende Geschwindig­
keit *ut 2 bezw. ut 3 in dem angegebenen Sinn sei. Das wird
nun aber anders. Denn wenn aus dem Verhältnis 9:1 zwischen
K raft und W iderstand nicht die dreifache, sondern die doppelte
Geschwindigkeit folgen soll wie aus dem Verhältnis 3:1, so
istj klar, dass die so gewonnene Masszahl nicht mehr einfach
den in einer gegebenen Zeit zurückgelegten W eg bedeuten
kann.
K u rz: es kommt zu der doppelten Fragestellung, die sehr
bald allgemein üblich geworden i s t : penes quid attenditur ve­
locitas tam quam penes causam ? u n d : penes quid attenditur
tamquam penes effectum ? Das Mass « tamquam penes effe­
ctum » ist gegeben durch den in einer gewissen Zeit zurück­
gelegten W eg. Es taucht jedoch niemals die Formulierung auf,
die Geschwindigkeit sei bestimmt durch die Proportion von W eg
durch Z e it: Proportionen gibt es nur zwischen quantitates
eiusdem generis, und als solche werden zwar vis motiva und
vis resistiva, nicht aber W eg und Zeit angesehen. Das ist der

die kleinere Schwierigkeit. Die grössere liegt in der Kompliziertheit


der vorausgesetzten funktionalen Beziehung: wir haben gesehen, dass es
sich, m odern ausgedrückt, um eine logarithmische Abhängigkeit handelt.
Aber m it Logarithm en konnte das 14. Jah rh u n d ert noch nicht rechnen.
So wird die Abhängigkeit der Geschwindigkeit von Kraft und W iderstand
im m er durch eine implizite Funktion ausgedrückt, d. h. durch eine For­
mel, die zwar angibt, wie das V erhältnis zweier Geschwindigkeiten sich
aus den respektiven Kräften und W iderständen berechnen lässt, die aber
nicht erlaubt, aus einer gegebenen Proportion von Kraft und W iderstand
den korrespondierenden Geschwindigkeitswert selbst explicite abzulesen.
Aber das sind rein technische Schwierigkeiten, die sich aus dem Fehlen
eines ausreichenden m athem atischen Form a lappa rats ergeben.
D ER E U N K T IO N S B E C R irr 95

Grund, warum die Bem ühungen um das M ass der velocitas


ta m q u a m penes effectum nicht auch zu analogen F ra g e ste llu n ­
gen geführt haben wie die M assbestim m ung « tam quam penes
causam ». Die letztere nun ist nichts anderes als die Rrad-
wardincsche F unktion, durch die die G eschw indigkeit auch
gem essen w ird, aber in anderer W e is e : nicht durch den W e g ,
der mit ihr /u rü ck g e lcg t w ird, sondern durch d as K ra ftv e rh ä lt­
nis, aus dem sic entsteht. D as eine M ass-System ist n atü rlich
grundsätzlich genau so berechtigt wie das andere, die S chw ie­
rigkeit liegt nur darin, dass für das 14. Ja h rh u n d e rt kein
U ebergang von dem einen zum andern m öglich ist 34. Die beiden
Problem gruppen werden denn auch im m er so rg fä ltig au se in a n ­
der gehalten und entw ickeln sich m it der Z eit zu zwei selb­
ständigen und voneinander ziemlich u n ab h än g ig en W isse n s­
gebieten.
Bradw ardines T ractatu s proportionum h a t eine ung eh eu ere
W irk u n g gehabt 3S, eine weit g rössere, als m an im allgem einen
annimmt. W ir können drei K ategorien von literarischen N ach­
folgern und F ortsetzern seiner Lehre unterscheiden : einm al
die sogenannten « proportionistae », die V erfasser d er zahllosen,
m eist anonymen P roportionen-T raktate, die sich au fs e n g ste
und m eist ohne selbständige Gedanken an B radw ardine an leh ­
nen und seinen T ra k ta t im wesentlichen einfach abschreiben und
bestenfalls paraphrasieren. Diese bieten an sich selbst kein In­
teresse und sind bem erkensw ert nu r als Z eugnis für die V er­
breitung und das Ansehen der B radw ardineschen S chrift 2‘.

Diese Schwierigkeiten wären in derselben Weise zu lösen, wie die


in der vorhergehenden Anmerkung angedeuteten; nämlich durch Wahl
einer Masseinheit, d. h. durch die Festsetzung, welcher Proportion von
Kraft und Widerstand die velocitas u t / im üblichen Sinn entsprechen soll:
dann wäre der Übergang von der Betrachtung tamquam penes causam zu
der tamquam penes effectum wenigstens grundsätzlich möglich. Al>er auf
diesen Gedanken sind die Philosophen des 14 . Jahrhunderts noch nicht
gekommen; ihre Physik ist — wir werden das in einem späteren Zusam­
menhang ausführlicher sehen — trotz der weitgehenden mathematischen
Formulierungen, zu denen sie schon gekommen ist, immer eine Physik
ohne Messen geblieben.
29 Dafür spricht auch die ungewöhnlich grosse Anzahl Handschriften,
die von ihm erhalten sind.
2« Von diesen anonymen Abhandlungen seien zwei genannt, die sich
über den Durchschnitt erheben:-Chis. E IV 109 fol. 2 1 8 -2 3 7 (Inc. Cuius-
M MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Die zweite Kategorie besteht aus denen, die Bradwardines


neue Lehre als bekannt und anerkannt voraussetzen, die mit
ihr arbeiten und auf ihr weiterbaucn, ohne sie nocheinmal aus*
drücklich wiederzugeben. Es sind diejenigen unter Bradwardi­
nes Mertonenses *T, die später als « calculatores » bekannt wa­
ren : Richard Swineshead (oder Suisset) vor allem, der in sei­
nem Liber cak'ulationum *• — einem Buch, das für die ganze
nafurphilnsophisohe Orientierung der Spätschnlastik bestimmend
geworden ist — Bradwardines Traktat als selbstverständliche
Voraussetzung betrachtet; Wilhelm von Heytesbury, dessen
Schrift De motibusn ohne Bradwardine undenkbar wäre und
der seinerseits grössten Einfluss gehabt h at; der anonyme Ver­
fasser des weit verbreiteten und viel beachteten Tractatus de
sex inconvenientibus *•; und viele andere: Schüler, Nachfolger
und Nachahmer, Kommentatoren der Genannten. Auch Johan­
nes Dumbleton, der an sich etwas abseits steht, gehört in die­
sen Zusammenhang: im III. Teil seiner Summa logicae et phi­
losophiae naturalis11 widmet er eine Reihe von Kapiteln dy-

libet potentiae ad suam virtutem resistivam est aliqua proportio), und


ein Exkurs in dem anonymen Sentenzenkommentar des Vat. lat. 986 (fol.
56-571). der gleichfalls einen regelrechten Proportionen-Traktat, in eng
ster Abhängigkeit von Bradwardine, darstellt. Wir möchten überhaupt,
aus verschiedenen Gründen, annehraen, dass dieser Scntenzenkommentar
aus dem Kreis der Bradwardine-Schule stammt.
*T Bradwardine ist von den socii des Merton-College — von « seinen »
Mertonenses. wie er sie in der Widmung der Summa de causa Dei nennt
— offenbar kurzweg als doctor noster bezeichnet worden. Jedenfalls ist
unter dem doctor noster, den Thomas Buckingham in seinem Sentenzen­
kommentar mehrfach zitiert, Bradwardine zu verstehen. Denn in der Hs.
Vat. lat. 4353 ist er einmal genannt und zwar im Text: ad idem arguo
et faciam formant quam fecit doctor noster Bardvardinus anno proximo
ad istam eandem conclusionem (fol. 80’; im Druck Paris 1505 fehlt an
der entsprechenden Stelle, fol. c. 2’, der Name, und ebenso in der Hs.
Pal. lat. 329 fol. 98). Das Zitat — es handelt sich um das Problem, ob
die privatio boni schon ein Uebel sei — bezieht sich vielleicht auf eines
der uns nur bruchstückweise erhaltenen Quodlibeta Bradwardines.
*• Edd. Padua 1480. Pavia 1488, Venedig 1520.
29 Oder de tribus praedicamentis; cd. Venedig 1494.
19 Ed. Venedig 1505- Der Autor ist wahrscheinlich ein Schüler Hey-
tesburys.
Vat. lat. 954, Vat. lat. 6750. Pal. lat. 1056.
DER rU N K T IO N S B E G R IT F 97

nautischen Problemen und behandelt sie ganz im Sinn B rad­


w ardines •*.
Das Interessengebiet der calculatores w ar von A nfang an
ein sehr weites, und es hat sich m it der Z eit immer noch m ehr
ausgedehnt, bis es schliesslich in den Schülergenerationen fast
alle W issenszw eige um fasste. Diese E ntw icklung h at es m it
sich gebracht, dass auch der A nw endungsbereich der B radw ar-
dineschcn F unktion ständig gew achsen ist. Z unächst durch
A usdehnung auf alle möglichen Spezialprobleme des m otus lo­
calis: was wird z. B. aus der G eschw indigkeit bezw. ihrer
A bhängigkeit von K raft und W iderstand, wenn die eine oder
der andere sich gleichförm ig oder ungleichförm ig ändern, oder
wenn ein Körper sich durch ein in seinen verschiedenen Teilen
verschieden dichtes Medium bew egt usw. ? Richard Sw ineshead
bringt in dem T ra k ta t De motu locali seines Liber calculatio­
num nicht weniger als 49 Regeln, die sich a u f solche Sonder­
fälle beziehen. W eiter wird das dynam ische G rundgesetz all­
mählich auf die andern B ew egungsarten ü b ertragen, d. h. au f
die qualitativen und quantitativen A enderungen, die B radw ar­
dine selbst ja noch nicht berücksichtigt hatte. U nd hier werden
nun natürlich die analogen Spezialprobleme aufgew orfen wie
bei der lokalen Bewegung, sodass sich unendliche V ariations­
möglichkeiten ergeben. Schliesslich findet die B radw ardinesche
Funktion mit der Z eit ganz allgemein A nw endung au f alle P ro­
bleme, welcher A rt auch immer, in denen proportionale Ab­
hängigkeiten Vorkommen, bis in die M etaphysik, E thik und 32

32 An K om m entaren zur aristotelischen Physik, d. h. an S chriften, in


denen die eigentlichen physikalischen T h eo rien ex professo e rö rte rt w u r­
den. ist uns aus dem O xforder Kreis d e r B radw ardinc-N achfolger n u r ein er
erhalten: der K om m entar W alter B urleighs, d e r a b er fast m e h r in d ie
geistige A tm osphäre von Paris als von O xford geh ö rt (vgl. u.). Von R i­
chard Killington, d e r wie B urlaeus dem Freundeskreis B radw ardines ange
hörte, wissen wir, dass e r Q uaestionen zur Physik verfasst h at; sie w erden
verschiedentlich von an d ern A utoren zitiert u n d gelegentlich auch von ihm
selbst, so in einer seiner Q uaestionen zu den Sentenzen (qu. 3. Vat. lat. 4353
fol. 41): ut alias probavi legendo phisicam . A ber sie sind n ich t e rh alte n .
Sie scheinen n a c h B radw ardines T ra k ta t (1328) e n tsta n d en zu sein, denn
aus Zitaten in dem schon erw äh n ten anonym en S entcnzenkom raentar in
Vat. lat. 986 (fol. 56) geht hervor, dass K illigton in diesen Q uaestionen
das Problem der p ro p o rtio velocitatum ganz im Sinn B radw ardines be­
h andelt hat.
98 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Theologie hinein. Das 14. Jahrhundert das wird uns noch


in anderm Zusammenhang beschäftigen — hat ja mit einer
Unbefangenheit ohne Gleichen die abstraktesten Begriffe nach
ihrer (intensiven) Quantität mit einander verglichen und ist da­
bei immer von der Fiktion ausgegangen, dass diese Quanti­
täten exakt ausdrückbar seien. Und wo immer nun derartige
Vergleiche die Form einer proportionalen Beziehung annehmen,
d. h. wo immer eine Grösse durch das Verhältnis zweier anderer
bestimmt ist, da gilt es als ausgemacht, sofern im einzelnen
Fall nicht ausdrücklich eine andere Meinung vorgezogen wird,
dass die Abhängigkeit durch die Bradwardinesche Funktion
geregelt is t33.
Die dritte Gruppe schliesslich bilden die grossen Pariser
Naturphilosophen, mit denen die Bradwardinesche Funktion
Eingang in die eigentlichen physikalischen Theorien findet.
Denn auch Johannes Buridan und seine Schüler haben die Brad­
wardinesche Lehre ohne weiteres akzeptiert und sie als wesent­
lichen Bestandteil in ihre eigenen physikalischen Systeme auf­
genommen. Und zwar ohne Ausnahme: Buridan selbst in sei­
nem Physikkommentar34*, Nicolaus von Oresme in seinem Trak­
tat De proportionibus proportionum ” , Albert von Sachsen in
seiner Physik34 und im Tractatus proportionum3738, Marsilius
von Inghen in seinen Abbreviationes zur Physik33.
Das Bild ist in den Hauptzügen bei allen dasselbe33, aber

33 Die beiden positiones über raritas und densitas, von denen


Suisset in seinen Calculationes berichtet (vgl. ob. S. 49) und deren Unter­
schied Thomdike (A history of magic and experimental Science III, 1934,
S. 378) nicht zu sehen vermag, unterscheiden sich eben dadurch, dass die
eine für die Abhängigkeit der Dichte von Masse und Volumen die ari­
stotelische, die andere die Bradwardinesche Funktion annimt.
3* Phys. VII qu. 7 und 8. Ed. Paris 1509- Dic Expositio textus zur
Physik (Vat. lat. 2162 fol. 1-56) referiert nur den aristotelischen Text.
38 Ed. Venedig 1505. Oresmes Physikkommenlar ist nicht erhalten.
38 Phys. VII qu. 7 und 8, Ed. Venedig 1504.
3T Edd. Vened. 1496, 1505 u. ö.
33 Phys. VII Notab. II cap. 5, Ed. Venedig 1521- Ebenso in den
Duns Scotus fälschlich zugeschriebenen Quaestioncn zur Physik (üb.
VII qu. 7), die wahrscheinlich auf einen Kommentar des Manilius zurück­
gehen.
3* Auch W a l t e r B u r l e i g h (Burlacus) ist hier zu nennen, der
zwar ursprünglich ein Mitglied des Merton-College und wahrscheinlich
ein persönlicher Freund Bradwardines war, aber schon um 1320 nach
DER rU N K T IO N S B E G R irr 99

es weist im einzelnen Nuancen auf, die z. T. recht interessant


und aufschlussreich sind. B u r i d a n g eh t geradezu aus von
einer Kritik an den aristotelischen Regeln. E r stellt zunächst die
Frage, ob die beiden ersten richtig sind, d. h. — wenn man
beide Regeln in einer Form el zusam m enfasst — ob sich bei
gleichbleißender K raft und H albierung des mobile die doppelte
Geschwindigkeit ergibt, und will dann m agis generaliter de illis
regulis fragen, utrum sint universaliter verae. E r kom m t zu
dem Ergebnis, dass die Regeln nicht schlechthin für alle Fälle
gelten, denn die allgemeine Beziehung zwischen K raft, W ider­
stand und Geschwindigkeit ist anderer A r t : proportio veloci­
tatum motuum non attenditur penes proportionem resistentia­
rum manente eodem vel aequali motore, und andererseits : pro­
portio velocitatum motuum non debet attendi penes proportio­
nem moventium ad invicem stante eadem vel aequali resistentia,
denn es gilt .nicht allgemein : si virtus movens duplatur, velo­
citas duplatur. Deinde, so fährt Buridan fort und form uliert
damit die wesentliche V oraussetzung, die diesen ganzen Ueber-
legungen zugrunde liegt, etiam nos supponim us quod movens
debet esse fortius quam resistentia, ita quod m oventis ad mo­
bile debet esse proportio maioris in aeq u alitatis; a b e r : propor­
tio velocitatum non debet attendi secundum proportionem exces­
suum quibus moventia excedunt mobilia (dam it wird die zweite
opinio erronea Bradwardines a b g e le h n t; die erste erw ähnt Bu­
ridan g a r nicht). Als richtige Lösung bleibt schliesslich nur
eine M öglichkeit: velocitas attendi debet penes proportionem
maioris inaequalitatis moventis ad resistentiam . Und daraus
folgt sofort, quod istae duae regulae Aristotelis de quibus quae­
rebatur, habeant veritatem in quibuscumque proportio m otoris
ad resistentiam est dupla, sed in aliis non sunt verae, sicut
ponuntur. Prima pars huius conclusionis ex hoc patet, quia si a
est duplum ipsius b, et illa medietas sit c, tunc a est duplum
ipsi b et quadruplum ipsi c, ergo a movet c dupliciter velocius
quam b. Consequentia patet, quia proportio quadrupla est du­
pla ad proportionem duplam, ergo velocitas ad velocitatem de-

Paris gegangen ist. Das 7. und 8. Buch seines Physikkonunentars sind


jedenfalls nach B uridans Physikkom m cntar entstanden. Burleigh geht a u f
die Bewegungsgesetze n u r kurz ein (Phys. VII text. 35-37). aber in einer
Torrn, die deutlich die Abhängigkeit von B uridan zeigt.
100 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

bet esse dupla. Et ego declaro assumptum, quia duplum di­


citur alicui quod continet ipsum vel aequale sibi bis, sed ita
est, quod proportio quadrupla continet bis duplam... Sed a*
pars conclusionis declaratur tam ex praedictis quam exempla-
riter, xjuia si 6 movent a, proportio est tripla, et si auferatur
medietas duorum, tunc 6 movent unum et est proportio sex-
tupla et non movebunt dupla velocitate, quia proportio scxtupla
non est dupla ad triplam. Non enim continet duas triplas, sed
continet solum unam triplam cum una dupla, quia 6 primo con­
tinet bene unam triplam quae est trium ad unum, sed ultra
non continet nisi unum duplam, quae est sex ad illa tria. Du­
pla autem ad triplam esset proportio 9 ad unum, quia contineret
duas triplas, scii, unam trium ad unum et aliam novem ad illa
tria... ergo non 6, sed 9 moverent unum dupliciter velocius
quam tria unum 40.
Es bleibt noch die Frage, wie die aristotelischen Regeln zu
verstenen sind, denn dass der Philosoph einfach geirrt habe,
wird doch nicht so ohne weiteres angenommen. Buridan findet
den Ausweg, dass Aristoteles das Halbieren von movens und
motum so aufgefasst habe, dass der « richtige » Sinn heraus­
kommt : Si ergo illae regulae Aristotelis debeant poni universali­
ter verae, oportet quod sic intelligantur quod si aliquod movens
movet aliquod mobile per aliquod spatium in aliquo tempore et
illud mobile sic diminuatur quod proportio moventis ad ipsum
sit dupla proportioni in qua prius se habebat movens ad mobile,
tunc movens movebit illud mobile per duplex spatium in aequali
tempore et per aequale spatium in dimidio tempore41.

*9 Die Art der Ableitung lässt keinen Zweifel an der Abhängigkeit


von Bradwardine. Wir wissen nicht, auf wann Buridans Quacstionen zur
Physik zu datieren sind. Aber es spricht nichts gegen die Annahme und
vieles dafür, dass sein Kommentar, und zwar in den beiden Redaktionen,
die von ihm erhalten sind, nach Bradwardines Tractatus proj>ortio-
num (1328) entstanden ist.
<1 Bei den Erörterungen, ob die aristotelischen Regeln allgemein gel­
ten, tritt noch eine andere Schwierigkeit auf, die aus dem Kraftbegriff
der scholastischen Physik fliesst. Wir haben gesehen, dass das 14- Jahr­
hundert an Bewegungskräften, die von aussen, ab alio, bewegen, nur die
animalischen Muskelkräfte kennt. Bei den Bemühungen um die dynami­
schen Grundregeln nun werden im allgemeinen die Kräfte in abstracto
betrachtet, d. h. sie werden einfach als Grössen a, b usw. angesehen,
ohne dass man auf ihre ontologische Bestimmung zurückgeht. Aber gele-
DER FUNKTIONSBEGRIFF 101

N i c o l a u s v o n O r c s m e s Traktat De proportio­
nibus proportionum ist vermutlich g e g e n die Mitte des Jahr­
hunderts entstanden, also eine Reihe von Jahren nach Brad-
wardines Traktat und zu einer Zeit, wo die Bradwardinesche
Funktion schon ziemlich allgemein anerkannt war. So kann
er gleich in medias res gehen : Omnis rationabilis opinio de
velocitate motuum, so beginnt seine Abhandlung, ponit eam
sequi aliquam proportionem. Prima quidem proportionem ex­
cessus potentiae motoris ad resistentiam sive potentiam rei
motae. Alia vero proportionem resistentiae manente eadem po­
tentia vel aequali, vel proportionem potentiarum manente eadem
resistentia vel aequali. 3* proportionem potentiae motoris ad
resistentiam sive potentiam rei motae, quam veram reputo,
et quam Aristoteles et Averroes tenuerunt.
Oresme identifiziert also stillschweigend die Bradwardine­
sche Lehre mit der aristotelisch-averroistischen. Sie wird noch
etwas präziser formuliert, und zwar als suppositio zu Beginn
des vierten Kapitels, das eine Reihe von Proportionsproblemen
aus der Bewegungslehre erläutern soll, während die drei ersten
Kapitel rein mathematisch sind: velocitas sequitur proportio­
nem potentiae motoris ad mobile seu ad resistentiam eius, unde
proportio unius velocitatis ad alteram est sicut proportio pro-

gentlich erinnert man sich doch auch dieser letzteren. So wendet Buridan
gegen die Allgemeingültigkeit der aristotelischen Regeln ein: Videtur mihi
quod istae regulae non sunt intelligendae de motoribus voluntariis et
liberis, nisi posito casu, quod moverent maxima velocitate qua possent
movere talia mobilia. Ausserdem machen sie die Voraussetzung, dass die
bewegenden Kräfte konstant sind, die nach der Auffassung der Scholastik
in der Natur auch nie erfüllt ist. Et ex his videtur mihi esse inferendum,
quod istae regulae raro vel nunquam inventae sunt deduci ad effectum...
Tamen regulae sunt conditionales et verae, quia si essent conditiones ob­
servatae, quae in regulis sunt supplendae, ita esset sicut regulae ponunt.
Nec propter hoc oportet dicere quod illae regula sint inutiles et fictitiae,
quia licet conditiones illae non adimpleantur per potentias naturales, ta­
men simpliciter possibile est quod adimpleantur per potentiam divinam.
Etiam istae regulae bene sunt utiles, quia tendunt ad illam veritatem insi­
nuandam universaliter; penes proportionem maioris inaequalitatis moto­
ris ad mobile attenditur velocitas motus et augmeniatur velocitas... intel-
ligendo per motorem congregationem ex omnibus active facientibus ad
velocitatem et intelligendo per mobile congregationem ex omnibus concur­
rentibus facientibus ad retardationem. Es ist ein schönes Beispiel für die
Auffassung, die das 14. Jahrhundert vom Wert und Sinn der methodischen
Abstraktion in der Naturbetrachtung hatte.
102 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

portionis potentiae unius motoris ad suum mobile ad proportio­


nem potentiae alterius motoris ad suum mobile, Bradwardincs
Regel wird also auch hier als bekannt und bewiesen vorausge­
setzt. Oresmc halt sich nicht weiter mit ihr oder mit der Wider­
legung der falschen Ansichten auf. Ihn interessieren die Anwen­
dungen. Und da ist zunächst wieder das Problem der aristoteli­
schen Regeln. Das Ergebnis ist natürlich dasselbe wie bei Buri­
dan : quod istae regulae sunt falsae: si aliqua potentia movet ali­
quod mobile aliqua velocitate, dupla potentia movebit idem mobile
in duplo velocius; ct ista : si aliqua potentia movet aliquod
mobile, eadem potentia poterit subduplum movere duplo velo­
cius. Auch Oresmc zeigt zunächst, dass die Regeln stimmen,
wenn die bewegende Kraft doppelt so gross ist wie der Wider­
stand ; sed adverte, heisst cs dann weiter, si proportio b ad c
sit minor quam dupla — b soll die Kraft bedeuten, c den Wi­
derstand —, cum proportio a ad b sit duplum per positum (wenn
also die Kraft verdoppelt wird) sequitur quod proportio a ad
c erit plus quam dupla ad proportionem b ad c ... ergo a
movebit c plus quam in duplo velocius quam b moveat.. Aber
dann erhebt sich die Frage: Quid ergo dicemus de Aristotele
7° Phys. quia videtur ponere huiusmodi regulas reprobatas? Di­
cendum est quod sunt falsae nisi addatur ad primam : si aliqua
potentia moveat aliquod mobile a p r o p o r t i o n e d u p l a ,
dupla potentia movebit etc. ; et similiter ad secundam: si ali­
qua etc. a p r o p o r t i o n e d u p l a , eadem movebit etc.
Et ita possumus glossare et dicere quod ita sunt intelligen-
dae regulae, et forte quod Aristoteles non dicit hoc sed est
vitium in translatione, et si dixit, forte subintellexit, vel for­
te etc.
Oresmes Vermutung, dass dic überlieferte Form der ari­
stotelischen Regeln auf einen Uebersetzungsfehlcr zurückzu­
führen sei, hat bei den beiden jüngeren Vertretern der Buri­
danschule, die überhaupt in vielem von Oresme abhängen, An­
klang gefunden. Auch A l b e r t v o n S a c h s e n ist der
Ansicht, quod forte ex vitio translationis positae sunt falsae
tales regulae quae creduntur esse positae de mente Aristotelis,
licet non ita sit, et ita potest dici pro excusatione Aristotelis4S.
Und eine ähnliche Aeusserung werden wir bei MarsiÜus von

«* Phy$. VII qu. 8-


DER rU NK TIO N SBEGRIFF 103

Inghen finden. Doch verweilen wir noch einen Momen bei Al­
bert. In der Behandlung des Problems selbst bringt er nicht
viel Neues; er schliesst sich einerseits an Bradwardine, an­
dererseits an Buridan und Oresme an, aber seine klare und
prAzise Zusammenfassung ist, wie in manchen sonstigen Proble­
men, mehr als die der andern zum Vorbild für die späteren
Autoren geworden. Albert hat sich zunächst in seinem Physik-
kommehtar zu der Frage geäussert, und dann noch einmal
in seinem Tractatus proportionum, der später entstanden zu
sein scheint. Albert verweist auch in der Physik, bei den einlei­
tenden mathematischen Erörterungen auf ihn : Haec omnia in
tractatu proportionum patebunt. Die beiden Darstellungen stim­
men nicht nur inhaltlich, sondern auch weitgehend in der For­
mulierung überein. W ir folgen der späteren: Prima conclusio:
proportio velocitatum in motibus non attenditur penes propor­
tionem potentiarum motivarum inter se (denn daraus würde
folgen, dass auch aus der proportio aequalitatis eine Bewegung
entstehen kann). 2* conci. : proportio velocitatum in motibus
non attenditur penes proportionem resistentiarum inter se
(denn sonst würde eine Bewegung ex proportione minoris inae­
qualitatis erzeugt werden können). 3* conci. : proportio velo­
citatum in motibus non attenditur penes proportionem exces­
suum seu differentiarum ipsarum potentiarum moventium super
resistentias. 4* conci. : proportio velocitatum in motibus atten­
ditur penes proportionem proportionum potentiarum motivarum
ad suas resistentias, et hoc est, quod solet dici: proportio ve­
locitatum sequitur proportionem geometricam.
In Form einer Reihe von Correlaria erfolgt dann schliess­
lich die Kritik an den aristotelischen Regeln, die natürlich zu
dem üblichen Ergebnis führt: sie gelten nur für den Fall,
dass zwischen potentia moventis und potentia moti das Ver­
hältnis 2:1 besteht, sonst sind sie falsch. Wie statt dessen
die « richtigen » Beziehungen zu denken sind, wird Fall für
Fall erörtert, in starker Anlehnung an Bradwardine, nur viel
klarer als bei diesem. Eines der Zahlenbeispiele, die Albert
anführt, möge noch einmal illustrieren, dass unsere Philoso­
phen wirklich mit der Bradwardineschen Funktion Ernst ge­
macht haben: Patet, nam sit a sicut 4 et moveat b mobile
sicut j3, et duplicetur a et fiat ut 8. Dico quod B non movet
b ut 3 praecise in duplo velocius, immo plus quam in duplo
104 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

velocius. Nam proportio 8 ad 3 componitur ex proportione 8


ad 4 et 4 ad 3 ideo proportio 8 ad 3 est maior quam du­
pla ad proportionem 4 ad 3, igitur velocitas qua 8 movent
3, est maior quam dupla ad velocitatem, qua 4 movent 3.
Bei M a r s i l i u s v o n I n g h e n schliesslich, dem
Jüngsten unter den Begründern der « neuen Physik », ist die
Situation dieselbe. Zunächst werden die falschen Lösungen
abgelehnt und die Bradwardinesche als die richtige nachge­
wiesen, und dann wird von ihr aus geprüft, ob bezw. wie
weit die aristotelischen Regeln stimmen. Das Resultat lautet
natürlich wieder: sie sind richtig für den Fall, dass Kraft und
Widerstand in dem Verhältnis 2 :1 stehen, in allen andern Fäl­
len sind sie falsch. Sed diceres, wendet auch Marsilius ein ;
quare Aristoteles ponit regulas istas, si non sunt universaliter
verae44? ...Respondetur quod forte fuit vitium in translatione
et quod Aristoteles regulas non sic scripsit.
Wir übergehen dic zahlreichen weniger bekannten und
anonymen Autoren des 14. Jahrhunderts, die das Problem in
derselben Weise — teils in unmittelbarer Abhängigkeit von
Bradwardine, teils in mittelbarer unter Anlehnung an die Buri­
dan-Schule — behandeln. Die Lehre ist in seltener Einmütig­
keit von den Philosophen der Spätscholastik angenommen wor­
den und hat ihre Naturphilosophie in allen Zweigen beherrscht.
Erst gegen Ende des Jahrhunderts wird eine Stimme laut,
die sich gegen die Bradwardinesche Funktion wendet: B l a ­
s i u s v o n P a r m a , der um die Jahrhundertwende, haupt­
sächlich in Pavia, lehrte, hat einen Kommentar in Quaestionen-
form zu Bradwardines Tractatus proportionum geschrieben44,

♦* Auch Buridans Einwand kehrt wieder: Item non concurrunt istae


regulae ad effectura d. h. sie lassen sich nicht auf die tasächlichen Vor­
gänge in der Natur anwenden. Respondetur, quod nusquam concurrunt
ad effectura, sed ex hoc non sequitur quin sint utiles pro sciendo in
ordine ad quid attenditur motus velocitas, stante quod maneat identitas
virtutis motivae. et specialiter multum subtiliant intellectum.
“ Vat. lat. 3012 fol. 137-163’. Die Hs. hat am Schluss einen Bcsilzer-
vennerk, in dem es heisst: istas quaestiones... emi... anno domini 1406 die
29 augusti et istas pro parte correxit magister Blaxius de Parma huius
operis compilator... Später ist sie dann im Besitz des nachmaligen Papstes
Sixtus IV. gewesen; fol. 164' heisst es-, ad usum magistri Francisci de
Ruvere de Saona hic liber concessus est. — Die Quaestionen müssen vor
DER rU N K TIO N SBEGRIFF 105

in dem er einen von der herrschenden Meinung abweichenden


Standpunkt vertritt. Zunächst45 wird am Mathematiker Brad-
wardine Kritik geübt, in mehrfacher Beziehung. Wir wollen
dem verwickelten und keineswegs sehr klaren Gedankengang
nicht im einzelnen folgen. Das Ergebnis seiner Kritik, soweit
sie unser Problem betrifft 4‘, ist dieses: Bradwardine hat geirrt,
wenn er s a g t: proportio octupla est tripla ad duplam, oder:
nonecupla est dupla ad triplam. Es ist vielmehr zu unterscheiden
zwischen duplum und duplicatum, triplum und triplicatum usw.,
derart, dass duplum eine Verdoppelung der « denominatio»
(des Zahlenwerts) der Proportion bedeutet (d. h. eine Multi­
plikation mit 2 ) , während die duplicatio die Multiplikation der
Proportion mit sich selbst meint, also die Quadrierung; ent­
sprechend heisst triplum dreifach, triplicatum dritte Potenz
usf. Das Verhältnis 9:1 ist also nicht das duplum von 3:1,
sondern das duplicatum, und ist das duplum von 4 ^ : 1 ; 8:1
ist nicht tripla ad proportionem duplam, sondern triplicata usw.
Leider ist Blasius nicht konsequent in der Anwendung dieser
Terminologie, sodass manche Unklarheiten entstehen.
Wenn nun die Geschwindigkeit4T bestimmt ist durch das
Verhältnis von Kraft und Widerstand — und an dieser Grund­
regel hält natürlich auch Blasius fest —, so gibt es zwei Mög­
lichkeiten, wie die Aenderungen der Geschwindigkeit von den
Aenderungen der Proportion zwischen Kraft und Widerstand
abhängen können : die doppelte Geschwindigkeit kann bedingt
sein durch eine dupla proportio potentiae moventis ad resisten­
tiam, oder durch eine duplicata, die dreifache durch eine tripla

1391 entstanden sein: der Codex Ven. Marc. lat. VIII. }8 enthält fol. 8 -
37 eine 1391 geschriebene Handschrift von ihnen.
«# Qu. 6. fol. 142'-143-
48 Diese Beziehungen hangen, wie wir schon sagten, aufs engste mit
dei Regel vom medium interpositum zusammen (Anm. 20). Blasius eigreift
dementsprechend auch lebhaft Partei in i le T Kontroverse um diese letztere
und zwar sieht er, vielleicht als erster, die Lösung in der Unterscheidung
von componi und produci l>ei Proportionen. Et ob hoc, bemerkt er dazu,
multi nescientes distinguere inter partes componentes et partes producen­
tes in multos errores ceciderunt ut magister Thomas Brardvardin... Et
in eundem errorem cecidit magister Albertus de Saxonia in suo tractatu.
Similiter magister Nicholaus Orem in textu suo de proportionibus pro­
portionum.
47 Qu. 10, fol. 149’-151’.
]M MATHIMATISCH rHYSIKALISCMS FRACSSTMXUNGKN

oder «ne triplicata usf. Oder anders ausgedrückt: das Ver­


hältnis der (ieachivindiffkeiten kann dem Verhältnis der Pro­
portionen als solcher oder dem ihrer denominationes folgen.
Blasius hat also die Wahl «wischen «wei Funktionsglcichungcn
und ei entscheidet sich, gegen Bradwardine, für die «weite.
Kr «Ihlt aunächst in der üblichen Weise die falschen
Ansichten auf und lehnt sie ab, und unter diesen wird nun
auch, als Irntte, die Rradwardines mit aufgeführt. Nunc sequitur
alia secta in proposito, quae tamen n modernis vera reputatur.
Pm qua secta ponitur ista conclusio: velocitas in motibus in­
sequitur proportionem potentiae motoris ad resistentiam, et pro­
portio velocitatis insequitur proportionem potentiarum moven­
tium ad resistentias, et intelligendum est semper dc proportio­
ne geometrica et non aliter. Ista conclusio videtur esse specia­
liter magistri in tractatu suo dc proportionibus; aber: licet haec
opinio communiter teneatur, ipsa est reprobanda. Die richtige
Lösung besagt vielmehr: in omni motu proportio velocitatum
est attendenda penes proportionem denominationum [propor­
tionum] 4* potentinrum moventium ad resistentias. Was Blasius
allerdings an Beweisen für diese seine These und an Argumenten
gegen die Bradwardines anzuführen hat, ist wenig gehaltvoll;
auf die Schwierigkeit, die Bradwardine zu seiner Entscheidung
veranlasst hatte und die den springenden Punkt des ganzen
Problems ausmacht, geht er gar nicht ein : dass nämlich bei
Gleichheit von Kraft und Widerstand die Geschwindigkeit
gleich null sein muss, während die denominatio der proportio
aequalitatis natürlich gleich eins ist.
Uebcrdies ist Blasius nicht nur nicht konsequent in der
Terminologie, er ist auch nicht konsequent im Festhalten am
eigenen Standpunkt. Der Gesichtspunkt wechselt dauernd.
Blasius geht, oft innerhalb desselben Beispiels, von dem eigenen
Standpunkt zu dem communis modus loquendi, d. h. der Brad-
wardinesehen Lehre, über und umgekehrt, ohne ausdrücklich
darauf hinzuweisen, sodass er sich mehr als einmal in scheinbare
Widersprüche verwickelt. Und nicht nur das: ehe er endgültig
das Thema verlässt und sich einer neuen Problemgruppe zu­
wendet, will er das Gesagte noch einmal wiederholen, ut cu­
pientes de proposita quaestione generaliter sub eorum magistris*•

*• D u Wort fehlt in der Handachrift.


DER rt/N K T IO N S B E G R irr 107

respondere possint, non recurrendo ad aliam quaestionem prius


determinatam, und in dieser Zusammenfassung “ stellt er sich
nach einigen Thesen, die die eigene Ansicht mehr andeuten als
darlegcn, endgültig auf den herkömmlichen Standpunkt, mit
der Begründung: quia ista dici non sunt consueta, aliter pro­
cedo me magis communi modo loquendi conformando. Es folgt
dann die Kritik an den aristotelischen Regeln, ganz in der
üblichen Weise unter Voraussetzung der Bradwardineschen
Theorie.
Dieselbe Haltung nimmt Blasius auch in einer Expositio s0
und in Quaestioncn zur Physik 51 ein, von denen jedenfalls die
letzteren nach dem Proportionenkommentar entstanden sind *f.
Er steht hier vollständig auf dem Boden der Bradwardineschen
Lehre, ohne ein W ort der Kritik oder eine Andeutung, dass
auch eine andere Lösung möglich i s t ,J.
Es ist kein Wunder, dass unter diesen Umständen Blasius’
Polemik keinen grossen Eindruck gemacht hat. Ihre W irkung
ist offenbar nicht über seinen Schülerkreis hinausgegangen *4.
Jedenfalls hat J o h a n n e s M a r l i a n i , der einige Jahr-

«• Fol. 152 -154.


Vat. lat. 2159 fol. 1-88'.
Vat. lat. 2159 fol. 61-225: eine weitere Handachrift. die ziemlich
lücken- und fehlerhaft ist und überdies im 7- Buch abbricht. findet sich
in Vat. lat. 3012 fol. 2’-HO'.
Es handelt sich, wie in den Explicit der einzelnen Bücher gesagt
ist. um recollectionei (d. h. um Reportationen) nach Quaestionen zur
Physik, die Blasius im Jahr 1397 ln Pavia disputiert hat. Die Quaestionen
zum Tractatus proportionum müssen vor 1391 verfasst sein (vgl. Anm. 44).
« Fol. 45-45'. bezw. fol. 203-210. — In seinem T raktat D e m o t u
(Barb. lat. 357 fol. l-lö"). der überwiegend "von der velocitas penes effec­
tum handelt, begnügt Blasius sich mit folgender Verweisung: quia de
velocitate penes causam multae inveniuntur reprobatae falsae opiniones,
ideo praesupponitur totum, quod alibi de hoc investigatur (fol. 1).
3« Eine unverkennbare Nachwirkung Blasius’ finden wir in der
Quaestio de additione qualitatis ad qualitatem secundum fratrem Giorgium
dc Pera (Chis. E IV 109 fol. 237’-248’. scripta... anno domini 1395), auf
die wir schon früher aufmerksam gemach haben (III S. 184) Der Autor
nimmt Blasius' Kritik an Bradwardine auf. z. T . mit ziemlich starken
Ausdrücken (er spricht von terribilis grossities u. ä.). und verweist im
übrigen auf eine Quaestio dc communi entitate (! vielleicht dc continui­
tate?) permanentium et successivorum, die er in England disputiert und
in der er Bradwardine ausführlicher widerlegt habe.
108 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

zehnte später gleichfalls in Pavia lehrte 85 und der auch an


der Bradwardineschen Funktion Kritik geübt hat, und zwar
dieselbe wie Blasius, keine Ahnung davon, dass ihm darin schon
jemand zuvorgekommen war. Zu Beginn seiner Quaestio de
proportione motuum in velocitate5*, die 1464 entstanden i s t 8T,
entschuldigt er sich ausdrücklich, dass er Einspruch zu erheben
wagt gegen eine sententia communis et vulgatissima... omnium
qui hac tempestate et qui hactenus supra ducentesimum annum
in his artibus floruerunt. Die mathematisch-terminologische Kri­
tik an Bradwardine führt zu demselben Ergebnis wie die des
Blasius, nur äussert sich Marliani viel entschiedener als dieser.
Praemitto, so bemerkt er einleitend, quod Thomas Bardvardin,
qui quasi fundator dicitur fuisse communis opinionis in hac
materia... quasdam suppositiones mathematicas praemisit, quae
verae sunt et ex quibus male ab eo intellectis multas subintulit
conclusiones falsas. Es folgt eine Aufzählung dieser falschen
Schlüsse. Wir gehen auf die Einzelheiten — die Argumentation
ist etwas anders als bei Blasius — nicht ein; das Ergebnis ist
kurz dieses: bei den Proportionen ist genau so wie bei den
einfachen Zahlen zu unterscheiden zwischen Verdoppelung und
Multiplikation mit sich selbst5I, nur für die Zahl 2 bezw. die

Einen wertvollen Beitrag zur Biographie und Bibliographie Marlia­


nis gibt M. Clagett, Giovanni Marliani and late medieval physics, New
York 1941; aber das Gesamtbild, das er von der spätscholastichen Natur­
philosophie entwirft, ist in vielen Punkten verzeichnet. Das gilt insbeson­
dere von dem Kapitel über das peripatetische Bewegungsgesct/. Clagett
hat Bradwardines Lehre völlig missverstanden (S. 135 ff.) — er sieht in
ihr nur eine neue Formulierung der klassischen Theorie von der ein­
fachen proportionalen Abhängigkeit — und beurteilt infolgedessen die
Kritik Marlianis dem er seinerseits den ganz unberechtigten Vorwurf
macht, Bradwardine nicht richtig verstanden zu haben, von einem fal­
schen Standpunkt aus. z.T. auch, was die mathematischen Einzelheiten
anbelangt. So ist z.B. die Unterscheidung von c o m p o n i und p r o ­
d u c i bei Proportionen lange vor Marliani geläufig gewesen und be­
deutet etwas ganz anderes als Clagett annimmt (vgl. ob. Anm. 20).
*• Die Ed. Pavia 1482 war uns nicht zugänglich; wir benützen die H».
Vat. lat. 2225 fol. 11-37'.
»T Die Hs. Florenz Bibi. Naz. Conv. soppr. J. VIII. 29 »ragt dieses
Datum.
*» Übrigens zitiert er zu dieser Unterscheidung Richard Killington
(und denkt vermutlich an dessen Physikkommentar, vgl. Anm. 32): quod
et subtilis philosophus Ricardus Glienton concessit declarans quod non
DER FUNKTIONSBEGRIFF 109

Proportion 2:1 fallen beide zusammen. Und es gilt allgemein,


entgegen der herrschenden Lehre 5*, dass das Verhältnis zwi­
schen Proportionen gleich ist dem Verhältnis ihrer denomina­
tiones. Aber damit ist die Lösung für das eigentliche Problem
noch nicht gefunden, wodurch das Verhältnis der Geschwindig­
keiten bestimmt ist. Denn gegen die einfachste und nächst
gelegene Lösung, die Blasius ohne weiteres angenommen hatte,
erhebt sich für Marliani nun jenes Bedenken, das bei Blasius
unberücksichtigt geblieben w ar: dass nämlich aus der proportio
aequalitatis keine Bewegung folgen darf, dass ihr also, modern
ausgedrückt, der Geschwindigkeitswert null entsprechen muss.
Marliani kommt zu folgendem Ergebnis: universaliter talis
est proportio motuum... qualis est proportio proportionum ex­
cessuum potentiarum motivarum supra suas resistentias ad suas
resistentias *°. Um die Geschwindigkeit zu erhalten, ist also

omnis proportio duplicata aut triplicata respectu alicuius est vere dupla
aut tripla ad illam (fol. 25'). Was für Schlüsse Killington hieraus gezo­
gen hat, wird nicht gesagt; offenbar keine gegen Bradwardines Bewe­
gungsgesetz. denn das hätte Marliani wohl erwähnt.
5® Et fateor, antwortet Marliani auf den Einwand, dass die gegen­
teilige Ansicht durch die Autorität ipsius Bardvardini. Albertoli (d. h.
Albert* von Sachsen), Marsilii (von Inghen). Nicolai Oren, Buridan. Pauli
Veneti et quasi omnium modernorum gestützt sei. me semper plurimum
ammirationis accepisse, cum legerem publice proportiones Bardvardini aut
Albertoli, quando scii, ratione tam deboli nihilque concludenti conclusio­
nes suas demonstrare videbantur — wir erfahren also nebenbei aus dieser
Kritik, dass um die Mitte des 15- Jahrh. in Pavia nicht nur über die
Proportiones Bradwardines, sondern auch über die Alberis von Sachsen
gelesen wurde — ... Profecto, si hi viri sine ratione posuissent conclusio­
nes suas nudas minime illas probantes, magis ine... movissent ad eorum
opinionem. Credidissem enim illos viros aliquas occultas rationes non a
me cognitas habuisse. Sed cum conclusiones suas posuerunt solummodo
moti rationibus quas adducunt et nihil moventibus, et ad oppositum ego
rationes efficaces habeam mathematicorum etiam et philosophorum dictis
magis consonantes, oppositum teneo.
c9 Art. III conci. 8. Wenn wieder m die bewegende Kraft, r den
Widerstand, v dic Geschwindigkeit bedeutet, dann wäre also; v = (m—r)
: r. — Es folgen eine Reihe von conclusiones, die die gefundene Lösung
in der üblichen Weise auf alle möglichen Sonderfälle anwenden. Die
letzte (24 ) schlicsst mit den Worten: multas alias conclusiones ad instar
ccnclusionura Calculatoris in tractatu suo de regulis motus localis, se­
quendo tamen conclusionem octavam et proinde sententias conclusionum
variando, inferre poteris, d. h. also; indem man die Funktionsgleichung
Bradwardines durch die Marlianis ersetzt.
110 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

zunächst der W iderstand von der Kraft abzuziehn und dann


ist diese Differenz durch den Widerstand zu dividieren. Für
den Fall, dass beide Grössen einander gleich sind, ergibt sich
aus dieser Formel für die Geschwindigkeit in der Tat der W ert
n u ll: die Hauptbedingung, die an die gesuchte Funktionsglei­
chung gestellt wird, ist also — anders als bei Blasius von
Parma — erfüllt. Und die Lösung, das muss man Marliani
zugestehen, ist einfacher als die Bradwardines.
Marlianis Kritik hat auch keine merkbare W irkung g e h a b t:
die herrschende Lehre bleibt die Bradwardines, bis dann mit
der klassischen Mechanik des 17. Jahrunderts die grosse Re­
volution kommt, die sich weniger gegen die mathematische
Formulierung als gegen die Substanz der aristotelisch-schola­
stischen Dynamik wendet und endgültig etwas Neues an ihre
Stelle setzt.
Aber Mailianis Lösung ist von prinzipiellem Interesse,
denn sie zeigt noch einmal in einer andern Form, dass die
Spätscholastik tatsächlich die mathematische Funktion in der
Erfassung physikalischer Zusammenhänge bewusst angewandt
hat und dass sie sich vollkommen darüber klar war, was das
Wesentliche bei dieser Anwendung ist. Der Umstand, dass die
dynamischen Gesetze, die auf diese Weise exakt formuliert wer­
den sollten, als solche nicht stimmen und dass darum die gefun­
denen Regeln notwendig falsch ausfallen mussten, hat in diesem
Zusammenhang nichts zu sagen. Noch einm al: der physikalische
Tatbestand wird vorausgesetzt, und die Aufgabe, die die Spät­
scholastik sich von Bradwardine an stellt, ist die, eine einheit­
liche für alle W erte gültige Rechenregel zu finden, die die
vorausgesetzten physikalischen Abhängigkeiten zum Ausdruck
b rin g t Es ist eine Aufgabe, die keineswegs einfach ist, denn
die Voraussetzungen sind derart, dass die Lösung zunächst
unmöglich erscheint. Dass nun die Spätscholastik trotzdem mit
dem Problem fertig geworden ist, zeigt ein solches Verständnis
für W esen und Bedeutung der Methode als solcher, dass in
dieser Beziehung — vielleicht mehr als in mancher andern —
die Naturphilosophie des 14. Jahrhunderts mit vollem Recht
als Vorläuferin der modernen Physik angesehen werden kann.
5.
VELOCITAS TOTALIS UND
MOMENTANGESCHWINDIGKEIT

Die moderne Physik pflegt die Bewegungsvorgänge unter


doppeltem Gesichtspunkt zu betrachten und in der Wissen­
schaft von ihnen zwei Zweige zu unterscheiden: die Dynamik
und die Kinematik. Die erstere fragt nach den Ursachen der
Bewegungen und Bewegungsänderungen, d. h. nach den Kräf­
ten, die sie hervorrufen, den Widerständen und ihren Wirkun­
gen usw., die letztere abstrahiert von all dem und beschreibt
und vergleicht lediglich die Bewegungen als solche. Es ist genau
dieselbe Unterscheidung, die das 14. Jahrhundert, nach Brad­
wardines Tiactatus proportionum (1328), in expliziter Form
gemacht hat und die durch die doppelte Problemstellung cha­
rakterisiert w urde: penes quid attenditur velocitas tamquam
penes causam ? u nd: penes quid attenditur tamquam penes ef­
fectum 1?
Aber während im ersten Fall die Formulierung des Grund­
prinzips, auf das sich die dynamische Betrachtung der Bewe­
gungsvorgänge stützt, problematisch ist __ die Lösung wird,
wie wir wissen, in der Bradwardine'sehen Funktion gefunden —,
fällt diese Schwierigkeit im zweiten Fall weg. Hier werden ein­
fach die aristotelischen Definitionen unverändert übernommen :
die Geschwindigkeit ist (tamquam penes effectum) bestimmt
durch das Quantum der in einer gegebenen Zeitspanne — als
Einheit wird meist die Stunde genommen — erworbenen « Voll­
kommenheit », in der sich die Bewegung vollzieht. Die velocitas

1 So beginnt z.B. Alben von Sachsen nach einem mathemalischen Ein­


leitungskapitel den eigentlich physikalischen Teil seines Tiactatus pro­
portionum mit den Worten: His visis videndum est de principali intento,
scii, penes quid attenditur proponio velocitatum in motibus. Et 1° penes
quid tamquam penes causam, 2° tamquam penes effectum.
112 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE F R A G E S T E L L U N G E N

augmentationis bezw. diminutionis wäre also bestimmt durch


die erworbene bezw. v e r l o r e n e Q u a n t i t ä t , die velocitas alteratio-
nis durch d i e gewonnene o d e r verlorene Qualität, die Geschwin­
digkeit der lokalen Bewegung schliesslich durch die Gesamtheit
der nacheinander eingenommenen ubi, d. h. durch den zurück­
gelegten Weg.
Die Beziehung zwischen der erworbenen Vollkommenheit
und der Z e i t i s t aber nicht — wir sagten es schon * — als
Proportion zwischen den beiden Grössen aufzufassen. Denn es
sind ja keine quantitates eiusdem generis, und nur zwischen
solchen gibt es Proportionen. Die Folge ist, dass die Geschwin­
digkeit für die Scholastik tatsächlich bestimmt ist durch den
zurückgelegten Weg, den erreichten Intensitätsgrad, das er­
langte Volumen schlechthin, ja dass sie geradezu mit diesen
Grössen identifiziert wird. Das Bewusstsein, dass es sich im
Grunde nicht um den Grad, das Volumen, den Weg als solchen,
sondern um das betreffende Mass pro Stunde handelt, ist zwar
immer implicite vorhanden, aber es kommt in der Definition,
und auch oft genug in der Anwendung, nicht zum Ausdruck.
Letzten Endes ist es dieselbe Situation wie bei der ontologischen
Wesensbestimmung der Bewegung: das Zeitmoment wird still­
schweigend mitgedacht, ist aber begrifflich nicht zu fassen.
In den einzelnen Fällen treten noch eine Reihe von Son­
derproblemen auf. Ist etwa bei der rarefactio die Geschwindig­
keit einfach zu messen durch das in einer bestimmten Zeit neu
erworbene Volumen oder nicht vielmehr durch das Verhältnis
zwischen dem Gesamtvolumen am Anfang und am Ende eines
bestimmten Zeitintervalls, u. a. m. Analoge Fragen erheben
sich gegenüber dem Prozess der alteratio, insbesondere der in­
tensio und remissio. Auch bei der lokalen Bewegung können
in besonderen Fällen ähnliche Probleme auftreten. Man kann
etwa beim freien Fall unter velocitas die Geschwindigkeit der
Bewegung als solcher verstehen, oder die Geschwindigkeit der
Annäherung an den natürlichen Ort oder schliesslich die der
Entfernung von der ursprünglichen Ruhelage. In den beiden
letzten Fällen ist dann auch nicht einfach der zurückgelegte
Weg, sondern das Verhältnis des zurückgelegten oder noch

* Vgl. ob. S. 94.


VELO CITA S T O T A L IS UND M O M E N T A N G E SC H W IN D IG K E IT 113

zu rü ckzu legenden W eg s zum G e s a m t w e g z u berücksichtigen ».


Da diese F ragen le d ig lic h definitori sehen C h arak ter haben, sind
d i e A n t w o r t e n bis zu einem gew issen G rad willkürlich —. eine
Definition ist ja nicht « richtig » oder « falsch », sondern m ehr
oder w eniger zw eckm ässig — und liefern darum zw ar reich­
lichen Stoff für die D iskussion, führen aber zu keinen E rg eb ­
nissen von wirklichem E rkenntnisgehalt.
Alle diese Definitionen der G eschw indigkeit haben t r o t z
ihrer V e r s c h i e d e n h e i t eines g e m e i n s a m , d a s s i e von den son­
stigen Definitionen dieser A rt u n te rsc h e id et: sie geben keine
m etaphysische W esensbestim m ung, sondern sie schreiben einen
W e g vor, wie das betreffende gegenständliche M om ent zu m es­
sen ist. E s sind also Definitionen g a n z in der A rt, wie sie die
moderne Physik grundsätzlich fordert. Freilich sind w ir hier
an einem P u n k t angelan g t, an dem die g rö sste V orsicht bei
der Beurteilung der scholastischen Leistungen geboten ist. T a t­
sache ist zunächst, dass die Philosophen des 14. Jah rh u n d erts
nicht einfach bei den ab strak ten Form eln stehen geblieben sind,
sondern dass sie sie wirklich an gew andt haben, und zw ar
bereits in quantitativ exakter, m athem atischer Form . Dem 14.
Jahrhundert stand für solche B em ühungen ein w ichtiges H ilfs­
m ittel zur V erfügung : die B uchstabenrechnung. Schon seit dem
13. Jah rh u n d ert h atte der L iteralkalkül in der M athem atik in
immer wachsendem M ass Anw endung gefunden. M an illustriert
die zu beweisenden Sätze nicht m ehr an Zahlenbeispielen, son­
dern man bezeichnet die m athem atischen Grössen durch B uchsta­
ben und rechnet mit diesen, was eine V ereinfachung und zu­
gleich eine V erallgem einerung der A ussagen und Beweise bedeu­
tet. Etw a seit den 20er Jahren des 14. Ja h rh u n d erts w ird es
dann üblich, diese M ethode auch au f andere Gebiete auszudeh­
nen. Denn als « Q uantitäten » sind ja nicht n u r die num erischen
und räumlich-zeitlichen Grössen anzusehen, sondern auch die
intensiven, d. h. jede physische oder seelisch-geistige Q ualität
im weitesten Sinn, die ein intensives M ehr und M inder aufw eisen
kann. D arunter fallen aber fast alle Begriffe, m it denen die P hi­
losophie und die Theologie arbeiten : die W ah rh eit, der Glaube, *

* In diesen Fällen, wo die G eschw indigkeit auch tam q u a m penes


-effectum durch eine P roportion bestim m t ist, w ird d ie A bhängigkeit n a ­
türlich w ieder in Form d e r B radw ardine’schen F un k tio n gedacht.
114 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

die V ollkom m enheit usf. sind intensive Grössen, genau so wie


die W ärm e oder eine andere Sinnesqualität. Man spricht darum
m it der gleichen Selbstverständlichkeit etwa von einer caritas
ut a oder von verschiedenen Graden der Seligkeit, die sich wie
a und b verhalten, wie man eine W ärm e ut a auf eine Kälte
ut b wirken lässt. So kommt es zu den berüchtigten calculati­
on es, von denen kein W issensgebiet verschont geblieben ist.
D ie hauptsächlichen calculatores sind zunächst die Merto-
nenses gew esen . Schon Bradwardine fängt an, die Argumen­
tation in term inis — das ist die offizielle Bezeichnung dafür —
system atisch anzu wenden, und dasselbe, vielleicht noch in
stärkerem M ass, können wir bei Richard Killington und Walter
B urleigh b eob ach ten “4. In der jüngeren Generation, bei Wilhelm
von H eytesbury und Richard Sw ineshead, den die Zeitgenos­
sen und die folgenden Jahrhunderte ja einfach den Calculator
schlechthin nannten, wird die M ethode dann zur reinsten Manie.
W ir sagten schon, dass die Stärke der Bradwardine-Schule
w eniger in den grossen Theorien und den spekulativen Syn­
thesen la g , als in der scharfsinnigen und methodisch oft sehr
gew andten Behandlung der Einzelprobleme. D ie Oxforder haben
eine V orliebe für eine Art von logischer und physikalischer Ka­
suistik. Je schw ieriger, subtiler, komplizierter ein Fall, desto
interessanter ist er. Und die M ethode, mit der diese Fälle in
A ngriff genom m en werden, ist durchweg die der calculationes.
D iese neue Form der W issenschaft greift dann rasch um sich
und wird fast überall akzeptiert, ganz besonders in der zweiten
H älfte des Jahrhunderts, seitdem die W erke Heytesburys und
Sw inesheads auf dem Kontinent, vor allem in Italien, bekannt
wurden und einen ungewöhnlichen, Jahrhunderte dauernden
Einfluss ausübten.
W irklich am Platz und sinnvoll ist eine derartige rechne­
rische Behandlung natürlich nur bei Problemen, die sich auf
grundsätzlich messbare Grössen beziehen. Aber dieser Unter­
schied hat — das darf man nicht übersehen — für die Scholastik
nicht bestanden. Sie hat grundsätzlich alles für direkt messbar
gehalten und hat auf der andern Seite nichts oder fast nichts

4 Ebenso bei T h o m as B uckingham (vgl. ob. S. 96). dessen wohl Anfang


d e r 30 e r Ja h re en tstan d e n er S entenzenkom m entar ein er d e r ersten ist,
in denen die M ethode d e r calculationes begegnet.
VELOCITAS TOTALIS UND MOMENTANGESCHWINDIGKEIT 115

wirklich gemessen. Denn diese ganzen, oft recht komplizierten


calculationes sind auch in Fällen, wo sic sich auf quantitativ
erfassbare Phänomene beziehen, tatsächlich immer ein Rechnen
ohne Messen geblieben : nicht nur ein Rechnen ohne Messen im
konkreten Einzelfall, d. h. ohne Experiment, sondern auf weiten
Gebieten ein Rechnen ohne die grundsätzliche M öglichkeit des
Messens. Dem 14. Jahrhundert fehlt, kurz g esa g t, völlig das
Hilfsmittel der indirekten Massbestimmung. Räumliche und zeit­
liche Quantitäten sind selbstverständlich auch für jene Zeit
direkt messbar 5. Sobald es sich jedoch um Phänomene handelt,
die nicht unmittelbar auf räumliche und zeitliche Grössen zu­
rückzuführen sind, wie Intensitäten, Kräfte usw ., dann wird
garnicht der Versuch gemacht, irgendwie an Hand der Erfah­
rung wenigstens ungefähre Masse festzusetzen, sondern es wird
statt dessen von Anfang an a priori und meist völlig willkürlich
eine Zuordnung zwischen der zu messenden Grösse und einer
beliebigen Zahl vorgenommen, wobei die Vorstellung der physi­
kalischen Dimension überhaupt nicht auftaucht. Man kommt so
zu einem Rechnen, das keinerlei Kontakt mit der Erfahrung und
keinerlei Möglichkeit der Verifizierung an dieser hat, und das
andererseits über das auf diesem Gebiet tatsächlich Erreichbare
und Erreichte falsche Vorstellungen gibt.
Besonders deutlich wird das bei den Problemen, die sich
auf qualitative Veränderungen beziehen. Die Frage, wie etwa
eine intensive Steigerung wirklich zu messen ist, wird niemals
berührt. Man rechnet mit Proportionen zwischen Intensitäten,
mit Intensionsgeschwindigkeiten usw ., z. T. schon in kompli­
ziertester Form, aber man fragt niemals wie denn eigentlich
der Grad einer Intensität oder der quantitative Unterschied
mehrerer Intensitäten wirklich zu bestimmen oder durch welche
Masseinheiten er auszudrücken ist. Ein Beispiel möge das deut­
licher machen : eine Intensität « ut 2 », oder allgemeiner « ut
a », soll sich etwa in einer Stunde verdoppeln oder soll sich um
eine andere Intensität « ut b » vermehren, und es wird dann
gefragt, mit welcher Geschwindigkeit sich die intensive Stei­
gerung vollzogen hat. In dieser W eise werden die Grössen fest-

s Auch Gewichte, aber diese spielen in der Physik des 14 - Ja h rh u n ­


derts kaum eine Rolle: die Scholastik hat ja nicht wie wir die Masse (die
quantitas m ateriae) durch das Gewicht gemessen (vgl. ob. S. 29 Anm. 4).
116 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

gesetzt, ohne dass man nach der Masseinheit oder auch nur
nach der Messbarkeit derartiger intensiver Grössen fragt. Die
willkürlich festgesetzten Zahlen genügen als Ausgangspunkt
für die ferneren Ableitungen und Rechnungen, für die die gege­
benen Definitionen den Weg w'eisen. Alles Weitere erfolgt dann
auch in exakt mathematischer, einwandfreier Form. Nur fehlen
eben die notwendigen empirischen Grundlagen, sodass das Gan­
ze ein Rechnen a priori bleibt.
Analoges gilt für die Probleme der rarefactio und conden­
satio, obwohl hier die grundsätzliche Möglichkeit des Messens
bestand. Auch hier begnügt man sich mit willkürlichen Zuord­
nungen zwischen physikalischen Quantitäten und absoluten
Zahlen und fängt dann an zu rechnen: ein Volumen « ut a »
möge sich z. B. bei gleichbleibender Materie in einer Stunde
um ein Volumen « ut b » vermehren, welches ist die velocitas
rarefactionis ? usw.
Bei der lokalen Bewegung liegen die Verhältnisse in dieser
Beziehung anders und einfacher; dafür tauchen aber eine Reihe
von anderen Schwierigkeiten auf. Die Geschwindigkeit ist gleich
dem in einer gewissen Zeit zurückgelegten W eg: wie nun aber,
wenn in einem Körper sich nicht alle Teile oder alle Punk­
te mit der gleichen Geschwindigkeit bewegen, wie etwa bei der
Rotationsbewegung, wo ja zweifellos der Weg der äusseren
Punkte in derselben Zeit grösser ist als der der inneren ? Penes
quid attenditur velocitas im Fall einer derartigen « difformen »
Geschwindigkeit ?
Wir stossen hier auf eine Art der Fragestellung, die im 14.
Jahrhundert in verschiedenen Zusammenhängen eine grosse
Rolle gespielt hat. Es sind die Begriffe des uniformis und dif-
formis, des uniformiter difformis und difformiter difformis, die
einerseits im Gebiet "der Kinematik begegnen, andererseits auf
Qualitäten und Intensitäten Anwendung gefunden haben. Wenn
z. B. ein Körper in allen Punkten dieselbe Temperatur apf-
weist, dann ist er uniformiter calidum ; ist das nicht der Fall,
difformiter calidum. Und entsprechend hat ein Körper, bei dem
sich alle Punkte gleich schnell bewegen, eine velocitas unifor­
mis, deformiert er sich dagegen während der Bewegung oder
rotiert er um einen festen Punkt oder eine feste Achse, dann
ist seine Geschwindigkeit difform. ln der difformitas gibt es
noch Unterschiede, wie die beiden letzten Beispiele zeigen. Sie
VELOCITAS TOTALIS UND MOMENTANGESCHWINDIGKEIT 117

kann, natürlich nicht nur bei Geschwindigkeiten sondern auch


bei Qualitäten, in sich eine gewisse Regelmässigkeit aufweisen,
wie etwa die difformitas der Rotationsbewegung (im Gegensatz
zu der Ungleichförmigkeit einer mit einer unregelmässigen De­
formation verbundenen Transationsbewegung) : man spricht in
diesem Fall von velocitas bezw. intensitas uniformiter difformis.
Das Problem: penes quid attenditur velocitas ? wird in
diesem Fall zu der Frage: durch die Geschwindigkeit welchen
Punktes ist eine derartige difforme Geschwindigkeit bestimmt?
oder, wie die Scholastik formuliert: der Geschwindigkeit wel­
chen Punktes entspricht — correspondet — eine difforme Be­
wegung? Im allgemeinen wird die Frage auf die einfachsten
Fälle des motus uniformiter difformis, d. h. eben die Rotations­
bewegung beschränkt. Es ist wieder eine blosse Definitionsfrage
und die Antwort darum willkürlich. Man kann natürlich die
Geschwindigkeit eines rotierenden Körpers, als Ganzes betrach­
tet —• die für unsere Vorstellungen keine physikalische Grösse
ist —. nach Belieben der Geschwindigkeit des schnellsten oder
des mittelsten oder sonst eines ausgezeichneten Punktes « ent­
sprechen » lassen. Die Antworten schwanken zwischen den bei­
den Möglichkeiten des schnellsten oder des mittleren Punktes.
Wir finden aber z. B. bei Richard Swineshead auch die Er­
wägung, dass man eine solche Bewegung einerseits unter dem
Gesichtspunkt der Schnelligkeit, andererseits unter dem der
Langsamkeit betrachten kann und dass sie dann quoad veloci­
tatem der Geschwindigkeit des schnellsten, quoad tarditatem
der des langsamsten Punktes entspricht: ein deutlicher Beweis,
wie wenig konkreten Problem- und Erkenntnisgehalt diese Fra­
gen und die darauf gegebenen Antworten haben.
Anders liegt der Fall dagegen, wenn es sich um Ge­
schwindigkeiten handelt, die nicht wie die bisher betrachteten
ungleichförmig quoad partes (oder quoad subiectum) sind, son­
dern die eine sogenannte difformitas quoad tempus aufweisen,
d. h. wenn das Problem der beschleunigten Bewegung zur Dis­
kussion steht. Ein Körper, der eine einfache Translationsbewe­
gung ausführt, bei dem also kein Unterchied in der Ge­
schwindigkeit der einzelnen Punkte besteht, kann eine zeitlich
konstante Geschwindigkeit haben derart, dass er in gleichen
Zeiten immer gleiche Strecken zurücklegt, er kann sich aber
auch mit ungleichförmiger Geschwindigkeit bewegen, kann eine
118 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Beschleunigung oder Retardierung erfahren, sodass die Bewe­


gung immer schneller oder immer langsamer wird. Und diese
Beschleunigung kann ihrerseits wieder gleichförmig oder un­
gleichförmig sein. Dementsprechend unterscheidet man auch
unter dem Gesichtspunkt quoad tempus den motus uniformis und
difformis, und unterteilt weiterhin in uniformiter und difformiter
difformis •. Gegenüber solchen Bewegungen gewinnt die Fra­
ge: penes quid attenditur velocitas? eine objektive Bedeutung,
_ hier wird tatsächlich aus dem blossen Suchen nach einer
Definition ein eigentliches physikalisches Problem.
Zunächst besteht die Antwort nur in einer einfachen Defi­
nitionserweiterung. Die allgemeine Definition der Geschwindig­
keit — wir beschränken uns auf den motus localis; für die
andern Bewegungsarten gilt mutatis mutandis dasselbe — als
der in einer gegebenen Zeit zurückgelegte Weg, gilt zunächst
nur für die zeitlich uniforme Geschwindigkeit. Nachdem aber
einmal die Frage für ungleichförmige Bewegungen gestellt
war 7, wurde die Definition stillschweigend, und zwar nicht nur
bei einzelnen Autoren sondern allgemein, auch auf die zeitlich
difforme Bewegung ausgedehnt, d. h. auf die Bewegung die
in den verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Geschwindigkeit
aufweist. Der in einer bestimmten Zeit zurückgelegte Weg,
gleichgültig ob er mittels einer konstanten oder einer beliebig
beschleunigten Bewegung zurückgelegt worden ist, ist einfach
per definitionem die Geschwindigkeit, die sogenannte v e l o ­
c i t a s t o t a l i s , der betreffenden Bewegung. Infolgedessen
haben zwei Bewegungen dieselbe Totalgeschwindigkeit, wenn
beide Male am Ende derselben Zeitspanne derselbe Weg zurück­
gelegt worden ist, ohne Rücksicht darauf, wie die Vorgänge
sich im einzelnen abgespielt haben. Das ist wieder eine Vorstel-•

• Ira 14. Jahrhundert ist verschiedentlich vorgcsch lagen worden, die


beiden Arten von Gleichförmigkeit und Ungleichförmigkeit auch in der
Terminologie zu unterscheiden und die eine als uniformitas und diffor-
mitas, die andere als regularitas und irregularitas zu bezeichnen, aber
diese Unterscheidung hat sich nicht durchgesetzt.
T Während Erörterungen über Bewegungen, die difforra quoad su­
btectum sind, schon um die Wetide des 13. und 14. Jahrhunderts auf­
tauchen. begegnen die entsprechenden Fragen für die zeitlich difforme
Bewegung ent relativ spät, jedenfalls nach Bradwardine: er selbst be­
trachtet im 4. Kapitel seines Traktats (vgl. ob. S. 87) einige Probleme
der enten Art, berücksichtigt die zweite aber noch nicht.
VELOCITAS TOTALIS UND M OM EN TA N GESCH W IN D IGK EIT 119

lung, die dem modernen physikalischen Denken völlig: fernliegft,


wie denn überhaupt dieser velocitas totalis in unserem natur­
wissenschaftlichen Begriffsapparat nichts entspricht.
Die Frage kann aber auch anders und zwar in analoger
Formulierung wie bei der difformitas quoad partes gestellt wer­
den : durch die Geschwindigkeit in welchem Zeitpunkt ist eine
derartige Bewegung bestimmt? oder: der Geschwindigkeit in
welchem Zeitpunkt entspricht sie? Der Unterschied ist nur der,
dass die Antwort auf diese Frage nicht mehr willkürlich ist,
und zwar aus dem Grunde, weil hier anders als in den übrigen
Fällen sowohl die Geschwindigkeit jedes einzelnen Punktes, wie
die velocitas totalis der Gesamtbewegung einen bestimmten phy­
sikalischen Sinn haben.
Die « Totalgeschwindigkeit » einer gegebenen zeitlich dif-
formen Bewegung ist, so haben wir gesehen, einfach gleich
dem in der Gesamtzeit zurückgelegten Gesamtweg. W enn sie
nun der Geschwindigkeit eines ausgezeichneten Zeitpunkts kor­
respondieren soll, so heisst d a s: wenn das mobile sich mit einer
konstanten Geschwindigkeit bewegen würde, die der Geschwin­
digkeit im gewählten Moment entspricht, dann würde es in der
selben Gesamtzeit denselben Gesamtweg zurücklegen. Es ist
klar, dass unter diesen Umständen die Wahl des Zeitpunktes
nicht mehr beliebig ist. Die Antwort auf die gestellte Frage
hat darum nicht mehr den Charakter einer Definition, sondern
den einer Aussage, die sich auf tatsächliche Beziehungen zwi­
schen physikalischen Grössen richtet und wahr oder falsch sein
kann.
Wieder beschränkt man sich im wesentlichen auf den Fall
der velocitas uniformiter difformis. Und hier kommt es nun ziem­
lich allgemein zu der Erkenntnis, dass eine gleichförmig be­
schleunigte Bewegung der Geschwindigkeit des mittleren Zeit­
punkts « entspricht ». Velocitas uniformiter difformis correspon-
det gradui medio: das ist die übliche Formel. Damit ist gesagt,
dass der mit einer gleichförmig beschleunigten Bewegung zu­
rückgelegte Weg gleich ist dem Weg, den ein mobile in der­
selben Zeit mit der Geschwindigkeit des mittleren Zeitpunkts
zurücklegen würde. Und das ist völlig richtig. W ir Modernen
pflegen diesen Weg zu berechnen, indem wir das Integral der
Geschwindigkeit über die Zeitdauer der Bewegung bilden. Sei
etwa a die Beschleunigung, t die Zeit, dann ist die Geschwin-
120 MATHZMATISCH'PHYSIKALIBCHZ PRÄGEST!LLUNCEK

digkeit in jedem Moment a . t , und das Integral, d. h. der in


einer bestimmten Zeit zurückgelegte Weg, ist ausgedrückt
durch die Formel: — ta. Und die Regel, die die Scholastik ge-
2
funden hat, besagt in anderer Form genau dasselbe: die Ge­
schwindigkeit, die das mobile im «mittleren» Zeitpunkt erreicht
hat, ist a i , und diese multipliziert mit der Zeit ergibt den Weg

a i . t = —ta. Freilich war das 14. Jahrhundert noch weit davon


2 2
entfernt, die gefundene Erkenntnis in dieser Weise zu formulic-
• ren. Noch dachte man weder daran, die Geschwindigkeit als
Funktion der Zeit (und eines Beschleunigungskoeffizienten) zu
betrachten noch daran, den Weg durch Multiplikation von
Geschwindigkeit und Zeit zu berechnen. Wir sagten ja schon,
dass der Zeitfaktor praktisch überhaupt in diesen ganzen Ge­
schwindigkeitsbestimmungen vernachlässigt und dass jedenfalls
die Geschwindigkeit nicht als Proportion von Weg und Zeit auf­
gefasst wird. So kommt es auch zu keiner eigentlich mathe­
matischen Formulierung dieser Regel, sondern man drückt sie
als Aequivalenzbeziehung aus —* correspondet gradui medio —,
und auch ihr Beweis erfolgt mehr in Form von allgemein lo­
gischen Erwägungen, in denen namentlich die Symmetrie des
Vorgangs relativ zum « mittleren » Punkt eine Rolle spielt, als
durch mathematische Deduktionen. Aber sachlich trifft sie das
Richtige, das ist 'ausser Frage*.

* Es ist seit Duhcra eine umstrittene Frage, welche Bedeutung dieser


Erkenntnis zuzuschreiben ist. Die Regel, nach der für eine gleichförmig
beschleunigte Bewegung der zurückgelegie Weg zu berechnen ist, hat in
der klassischen Physik eine grosse Rolle gespielt, weil sie sich auf den
freien Fall anwenden lässt, und von Anfang an auf ihn bezogen wurde:
die Fallbewegung ist ja eine gleichförmig beschleunigte Bewegung, und
unsere Regel wird darum als eines der sogenannten Fallgesetze bezeichnet.
Die Frage ist nun die, ob sie auch für das 14. Jahrhundert eine ähnliche
Bedeutung gehabt hat, mit andern Worten; ob das 14. Jahrhundert ge­
wusst hat, dass die natürliche Bewegung der schweren Körper einen raotus
uniformiter difformis darstellt, auf den die Formel correspondet gradui
tnedio angewandt werden kann? Diese Frage ist, wie wir an anderer
Stelle ausführlich gezeigt haben (III S. 213 ff ) ganz entschieden zu ver­
neinen. Keiner von all den Philosophen des 14. Jahrhunderts, die sich
so eingehend mit dem Problem der difformen Geschwindigkeit beschäftigt
VELOCITAS TOTALIS UND MOMENTANGESCHWINDIGKEIT 121

Es erhebt sich jedoch eine andere Schwierigkeit: in diese


Ueberlegungen spielt offenbar noch ein anderer Geschwindig­
keitsbegriff als der uns bisher bekannte herein. Wenn von der
Geschwindigkeit des mittleren Zeitpunkts oder von einer gleich­
bleibenden oder sich ändernden Geschwindigkeit während einer
gewissen Zeit die Rede ist, so ist nicht an eine velocitas to­
talis, nicht an den in der betreffenden Zeit zurückgelegten Ge­
samtweg gedacht sondern an die Geschwindigkeit, die das mo­
bile in einem bestimmten Augenblick hat, kurz an die M o ­
m e n t a n g e s c h w i n d i g k e i t . Und hier stehen wir nun
vor einem der schwierigsten Probleme, auf die das 14. Jahrhun­
dert gestossen ist.
Die Scholastik hätte an sich die Momentangeschwindigkeit
aus dem Begriff der velocitas einer gleichförmigen Bewe­
gung ableiten können; denn wenn Geschwindigkeit gleich ist
dem in einer bestimmten Zeit zurückgelegten Weg, so wäre

haben, ist auf den Gedanken gekommen, dass sich in der Fallbewegung
ein konkretes Beispiel dafür bietet. Und nicht nur das. Die Scholastik
wusste zwar, dass die Fallbewegung eine beschleunigte Bewegung ist und
nahm auch im allgemeinen an, dass die Geschwindigkeit in gleich massiger
Weise zunimmt. Aber sie kam zu keiner klaren Erkenntnis, dass diese
Zunahme proportional zur Zeit erfolgt. Es gibt hier nämlich zwei Möglich­
keiten, zwischen denen noch Dcscartes und Galilei in ihren Anfängen
geschwankt haben: die Zunahme der Fallgeschwindigkeit kann proportional
zur Zeit, sic kann aber auch proportional zum zurückgelegten Weg erfol­
gen. Die beiden Annahmen bedeuten nicht dasselbe .denn der zurückge-
legtc Weg ist proportional nicht zur Fallzeit, sondern zu ihrem Quadrat,
cs ist darum nicht gleichgültig, ob man die Fallgeschwindigkeit mit der Zeit
oder mit dem Weg wachsen lässt. Und das hat das 14. Jahrhundert noch
nicht gewusst. Es ist zwar richtig, dass in der Buridan-Schule gelegentlich
ausgesprochen worden ist, dass die Fallgeschwindigkeit mit zunehmender
Zeit wächst, wir finden aber auf der andern Seite bei denselben Autoren
genau so gut die Vorstellung, dass die Geschwindigkeit proportional zum
zurückgelegten Weg zunimmt, ohne ausdrückliche Entscheidung für die
eine oder für die andere Auffassung. Der Grund ist einfach der, dass die
Spätscholastik zwischen diesen beiden Möglichkeiten gar keinen Unter­
schied macht, dass sie die beiden Gesichtspunkte vielmehr als gleichbedeu­
tend betrachtet und darum die Ergebnisse, ohne ausdrücklich darüber
zu reflektieren, als äquivalent ansieht. Kurz: das Problem wurde gar nicht
gesehen, und so können wir auch nicht gelegentliche Äusserungen im einen
oder andern Sinn als Entscheidung einer Frage ansehen. die überhaupt
nicht gestellt wurde. Es geht darum auch nicht an. in jener Äquivalenz­
regel über den motus uniformiter difformis eine wenigstens implizite
Entdeckung der Fallgesetze zu sehen.
122 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

cs folgerichtig anzunehmen, dass die Momentangeschwindigkeit


gleich ist dem (unendlich kleinen) Weg, der in dem betrach­
teten Augenblick zurückgelegt wird, und von hier wäre es nur
noch ein kleiner Schritt zu der Erkenntnis gewesen, dass die
Geschwindigkeit gleich ist dem Differentialquotienten von Weg
nach Zeit. Es ist verständlich, dass das 14. Jahrhundert diesen
Schritt noch nicht tun konnte. Aber es hat auch garnicht den
Weg eingeschlagen, der nach dieser Richtung führt, hat gar-
niebt versucht, vom allgemeinen Geschwindigkeitsbegriff aus zu
einer Definition der Momentangeschwindigkeit zu gelangen. Es
ist statt dessen nach der anderen Seite weitergegangen und hat
den seltsamen Begriff der velocitas totalis eingeführt und sich
damit die Möglichkeit genommen, die Momentangeschwindig­
keit präzis zu definieren.
Die Lösung, die die Scholastik fast allgemein akzeptiert
hat, liegt auf einer andern Ebene; sie besteht in der Einführung
eines zweiten ganz anders gearteten Geschwindigkeitsbegriffs,
der mehr metaphysisch als physikalisch ist und gar keine Be­
ziehung zu jenem ersten h a t: die Geschwindigkeit wird, kurz
gesagt, angesehen als I n t e n s i t ä t d e r B e w e g u n g .
W ir kennen den Ideenkreis, aus dem diese Vorstellung
stammt: es ist die Auffassung der Bewegung als qualitätsar­
tiger, intensibler Grösse, die der ontologischen Wesensbestim­
mung des motus localis als fluxus formae entspricht •. Sie war
immer latent vorhanden und hat sich immer in gewissen Zu­
sammenhängen mehr oder weniger bemerkbar gemacht; aber
erst im 14. Jahrhundert, wo zum ersten Mal die Geschwindig­
keitsprobleme ex professo behandelt werden, tritt sie wirklich
deutlich hervor und nimmt eine beherrschende Stellung ein. Die
lokale Bewegung ist ein accidens intrinsecum des mobile und
die Geschwindigkeit ist die Intensität dieses accidens. Sie kann
konstant sein, sie kann aber auch variieren, kann ein intendi
und remitti erfahren wie die Qualitäten, derart, dass die In­
tensität in jedem Augenblick eine andere ist.
Diese Interpretation hat vor allem die Folge, dass die so
gefasste Geschwindigkeit sich jeder Möglichkeit einer quan­
titativen Erfassung entzieht. Der Fall liegt genau so, wie bei
den Intensitätsbestimmungen einer Qualität: es bleibt bei aprio-•

• Vgl. ob. S. 25.


VELOCITAS TOTALIS UND MOMENTANGESCHWINDIGKEIT 123

rischen Zuordnungen. Man setzt fest, dass ein mobile, in einem


bestimmten Zeitpunkt eine velocitas ut 2, ut 4, allgemeiner
ut a hat, ohne dass gefragt wird, was denn das heisst, auf
welche Masseinheit sich denn diese Zahlen beziehen sollen.
Und auf Grund dieser Angaben werden dann mit den gewählten
Grössen scheinbar exakte Rechnungen durchgeführt, denen aber
natürlich jeglicher Kontakt mit der Realität und damit jede
physikalische Bedeutung fehlt.
Eine besonderes Relief gewinnt diese Auffassung der
Geschwindigkeit mit ihren Konsenquenzen in N i c o 1 a u s
v o n O r e s m e s etwa um die Jahrhundertmitte entstandener
Theorie von den configurationes intensionum 10, in der man
die erste Entdeckung der analytischen Geometrie hat sehen
wollen.
Wir können hier auf diese Lehre und ihre Bedeutung nicht
im einzelnen eingehen ll. Nur die Hauptpunkte seien hervor­
gehoben. Oresme will zur Verdeutlichung der Begriffe die mög­
lichen Fälle von Uniformität und Difformität bei Qualitäten und
Geschwindigkeiten durch graphische Symbole darstellen und
geht dabei folgendermassen vor: ein subiectum —. einfach­
heitshalber beschränkt er sich meist auf das Beispiel einer ge­
raden Linie — sei der Träger einer Qualität, etwa der Wärme.
Dann wird auf einer Linie, der longitudo, die dem Subjekt ent­
spricht (bezw. auf diesem selbst) in jedem Punkt senkrecht
dazu der Grad oder die « latitudo » aufgetragen, die die Qua­
lität in diesem Punkt aufweist. Ein entsprechendes Verfahren
wird angewandt, wenn das subiectum eine Fläche ist. Ist es
ein Körper, so denkt man ihn sich in unendlich viele Flächen
aufgeteilt und jede einzelne Fläche in der vorgeschriebenen
Weise behandelt. Soll die zeitliche Aenderung einer Intensität
betrachtet werden, so wird die Zeit durch eine Gerade reprä-

Er hat sie in zwei Werken entwickelt, die beide nur handschrift­


lich erhalten sind; im Tractatus de configurationibus intensionum (Vat.
lat. 3097 fol. 1-22', und Chis. E IV 109 fol. 97-159) und in Quaestioncn
zu Euklids Geometrie, die wir in zwei vatikanischen Handschriften e n t­
deckt haben (Vat. lat. 2225 toi. 90-98’, und Chis. F IV 66 fol. 22’-40;
vgl. II 9. 116 ff.).
Wir verweisen auf unsere ausführliche Darstellung in III S. 288 ff.
Vgl. auch unsem Aufsatz, La doctrine de Nicolas d’Oresme sur les confi­
gurationes intensionum, Revue des Sciences phil. et thfol. 32, 1948, S. 52 ff.
124 M ATHEM ATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

sentiert, die die Stelle der longitudo einnimmt, und die Inten­
sitäten in jedem Zeitpunkt wieder durch die senkrecht dazu
aufgetragenen latitudines. Dieselbe Darstellungsmethode wird
schliesslich auf die Geschwindigkeiten übertragen. Soll die Uni­
formität oder Difformität einer Bewegung quoad subiectum
illustriert werden, dann wird in jedem Punkt der longitudo der
entsprechende Geschwindigkeitsgrad aufgetragen, den das mo­
bile in diesem Punkt aufweist; handelt es sich um die Unifor­
mität oder Difformität quoad tempus, dann geschieht dasselbe
mit jedem Punkt der Strecke, die Zeit repräsentiert: die
konstruierten latitudines stellen hier die Momentangeschwindig­
keiten in jedem Zeitpunkt dar. Die Frage, ob diese Intensitäts­
oder Geschwindigkeitsgradc eigentlich messbar und wie sie zu
messen sind, wird nicht aufgeworfen ; Oresme begnügt sich
wie alle seine Zeitgenossen mit willkürlichen Massfestsetzungcn
und macht nur zur Bedingung, dass der einmal gewählte Mass­
stab beibehalten, dass also etwa die doppelte Intensität durch die
doppelte Strecke dargestellt wird usw. Freilich sind auch das
rein apriorische Festsetzungen, denn die Grössenverhältnisse
zwischen den einzelnen Intensitäten und Geschwindigkeiten sind
natürlich genau so wenig quantitativ fassbar wie diese selbst.
Diese ersten Schritte des Oresmeschen Verfahrens haben
in der Tat eine gewisse Aehnlichkeit mit analytischer Geometrie.
Aber diese Aehnlichkeit hört bereits beim nächsten Schritt auf.
Denn Oresme geht nun nicht daran, die obersten Punkte der
aufgetragenen Linien zu verbinden und damit eine Kurve in
einem Koordinatensystem zu gewinnen, sondern er nimmt die
aufgetragenen Linien in ihrer Totalität, d.h. er nimmt das
Gesamtbündel der parallel zueinander in den einzelnen Punkten
konstruierten Linien und betrachtet die flächenhafte Figur
(bezw. den geometrischen Körper), die diese « lineae intensio­
nis » miteinander bilden ia . Die Intensität in ihrer Gesamtheit
betrachtet wird also durch eine Fläche bezw. einen Körper reprä-

12 Oresme ist zwar wie die Mehrzahl seiner Zeitgenossen davon ül>er-
zeugt. dass eine Linie nicht aus Punkten, eine Fläche nicht aus Linien,
ein Körper nicht aus Flächen — kurz, dass ein Kontinuum nicht aus indi­
visibilia besteht (vgl. u. S. 159). aber in diesem besonderen Fall trägt er
kein Bedenken aus einer unendlichen Menge von Linien eine Fläche bezw.
einen KörpeT entstehen zu lassen, oder umgekehrt, wie wir vorher gesehen
haben, einen Körper in unendlich viele Flächen zu zerlegen.
VELOCITAS TOTALIS UND M O M EN TA N GESCH W IN D IGK EIT 125

sentiert. Das ist natürlich etwas ganz anderes als analytische


Geometrie. Oresme geht dann tatsächlich noch einen Schritt
weiter und sieht in diesen geometrischen Figuren und Körpern
nicht nur Repräsentationen von Qualitäten mit einer bestimmten
Intensitätsverteilung, sondern er sieht in ihnen geradezu eine
Eigenschaft dieser Qualitäten selbst, die der Gestalt bei kör­
perlichen Gebilden entsprechen soll. Kurz, er nimmt an, dass
auch den Qualitäten als solchen eine ausgedehnte F igur zu­
kommt X3, und dass eine Reihe der Wirkungen, die die einzelnen
Qualitäten auszeichnen, auf Rechnung dieser Figur zu setzen
istu . Das ist nach seiner eigenen Auffassung der wesentliche
Gehalt seiner Entdeckung, das Neue, das er glaubt gesehen zu
haben ls.

i* So spricht Oresme ganz unbefangen von qualitates triangulares,


quadrangulares, semicirculares usw. und meint damit nicht etwa, dass das
subiectum dieser Qualitäten ein Dreieck oder ein Viereck oder ein H alb­
kreis sei, sondern dass die Qualitäten als solche die betreffende Gestalt
haben. Wie wörtlich er das meint, geht aus folgender Überlegung her-
v o t , auf die er mehrfach zurückkommt (vgl. III S. 344 f ): an sich, so
hat Oresme schon gleich zu Beginn festgestellt, ist die W ahl des Mass-
stabcs für die latitudines willkürlich, vorausgesetzt dass die Proportiona­
lität gewahrt bleibt. Es gibt aber Fälle, wo diese W illkür aufhört und
wo sozusagen die Natur selbst den Masstab vorschreibt: dann nämlich
wenn es sich um halbkreisförmige oder quadratische configurationes h an ­
delt. Denn würde man in diesen Fällen den Masstab ändern, so würden
die betreffenden Qualitäten aufhören, quadratisch oder semicirculär zu
sein, und das geht nicht an. Diese Argumentation, die für moderne Be­
griffe natürlich absurd ist, zeigt sehr gut, welches Mass von konkreter
Realität Oresme seinen configurationes zugeschrieben hat.
r« So soll z.B. eine Qualität mit einer spitzen configuratio anders wir­
ken als dieselbe Qualität, wenn die configuratio ein stumpfes Dreieck ist,
genauso wie etwa ein spitzes Stück Eisen eine andere W irkung hervor­
bringt als ein stumpfes. Dass diese Unterschiede bei den configurationes
auch vom Masstab abhängen, übersieht Oresme.
i® Tatsächlich hat Oresme mit seiner Darstellung der Intensitäten
von Anfang an nichts anderes beabsichtigt als die E inführung dieser con­
figurationes, in denen er einen bis dahin unbekannten physikalischen Fak­
tor glaubt entdeckt zu haben. Die übrigen Möglichkeiten, die in seiner
Methode liegen und auf die die moderne Forschung so viel Gewicht
gelegt hat, hat er wahrscheinlich gar nicht gesehn; mindestens hat er sich
nicht dafür interessiert. Die Oresme'sche Methode wäre zweifellos ein vor­
zügliches Hilfsmittel gewesen, um gewisse funktionelle Abhängigkeiten,
die die Spätscholastik nur in impliziter Form kannte — zum Beispiel die
Dradwardine’sche RegelI — in expliziter Form darzustellen; aber m an h a t­
te gar nicht das Bedürfnis das zu tun. Wozu auch? Die Fragen, auf die
126 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Für die Geschwindigkeiten gilt grundsätzlich dasselbe,


doch tritt hier dieser letztere Gedanke etwas zurück: es ist ja
schliesslich nicht so ganz einfach, von der körperlichen Gestalt
einer Bewegung zu sprechen. Und das mag auch der Grund
gewesen sein, warum Oresme im allgemeinen die Geschwindig­
keiten etwas vernachlässigt und meist die Uebertragung der ge­
fundenen Resultate nicht ausdrücklich selbst vornimmt, sondern
sie dem Leser überlässt.
Im einzelnen ergeben sich folgende Feststellungen : wenn
die longitudo eine Linie ist (also entweder ein lineares Subjekt
oder die Zeit darstellt) dann wird eine gleichförmige Intensität
oder Geschwindigkeit durch ein Rechteck repräsentiert, eine
uniformiter difforme durch ein Dreieck, difformiter difforme
schliesslich durch beliebige andere Figuren. Analoges gilt in
entsprechender Uebertragung, wenn die longitudo eine Flä­
che ist.
Mit diesen Zuordnungen ist zugleich eine andere Möglich­
keit gegeben. Figuren und körperliche Gestalten haben einen
Flächeninhalt bezw. ein Volumen und lassen sich also messen,
Wenn nun konstatiert ist, dass Qualitäten und Geschwindig­
keiten in einem gewissen Sinn körperliche Gestalt haben, so
kommt ihnen auch ein entsprechendes Mass zu : Oresme nennt
es quantitas qualitatis, bezw. quantitas velocitatis und versteht
zunächst nichts anderes darunter, als den Flächen- oder Raum­
inhalt der Figuren und Körper, die den betreffenden Akzidcn-

ein solches Verfahren Antwort gegeben hätte, sind im 14. Jahrhundert


noch nicht gestellt worden. Und Oresme unterscheidet sich in dieser Be­
ziehung durchaus nicht von seinen Zeitgenossen. So hat er niemals daran
gedacht, etwa die Bradwardinc’sche Funktion, die doch in seiner Physik
eine zentrale Rolle gespielt hat (vgl. Kap. 4), mit seiner « Methode »
darzustellen. Es wäre natürlich ohne weiteres möglich gewesen: die lon­
gitudo wäre in diesem Fall der Quotient aus Kraft und Widerstand, die
latitudo die Geschwindigkeit, und cs würde sich dann ebenso wie in den
andern Fällen eine bestimmte « configuratio » ergeben. Der grundlegende
Unterschied ist nur der, dass diesen configurationes keine reale physika­
lische Bedeutung zugeschrieben wird, und deswegen interessieren sie nicht.
Mit blossen graphischen Darstellungen, die nichts anderes sein wollen
als mathematische Symbole, hat das 14. Jahrhundert noch nichts anzu­
fangen gewusst: man hat zwar das äussere Verfahren der analytischen
Geometrie bereits entdeckt, aber man ist von der methodischen Einstellung,
die diesem Verfahren erst seinen tieferen Sinn gibt, noch meilenweit
entfernt.
VELOCITAS TOTALIS UND MOMENTANGESCHWINDIGKEIT 127

lien zukommen. Irgendeine reale oder gar in modernem Sinn


physikalische Bedeutung haben diese Begriffe zunächst nicht.
Was Oresme vorschwebt, ist ungefähr die Gesamtmenge an
Intensität oder Geschwindigkeit, die in einem gegebenen Sub­
jekt oder während einer gegebenen Zeit vorhanden ist. Unter
diesem Gesichtspunkt können nun auch die verschiedenen Uni­
formitäten und Difformitäten miteinander verglichen werden.
Das Verfahren, das Oresme für einen solchen Vergleich wählt,
ist in der Durchführung etwas umständlich, aber das Grund­
prinzip besteht natürlich in der Berechnung und dem Vergleich
der Flächeninhalte bezw. Volumina. Zwei räumlich oder zeitlich
ausgedehnte Qualitäten oder zwei Geschwindigkeiten sind in
ihrer Quantität dann einander äquivalent, wenn die ihnen zu­
kommenden Figuren flächengleich sind. Insbesondere ergibt
sich, dass eine uniformiter difforme Geschwindigkeit — für die
Qualitäten gilt natürlich dasselbe — äquivalent ist einer unifor­
men mit dem Intensitätsgrad des mittelsten Punktes. Denn die
erstere ist ja durch ein Dreieck repräsentiert, und das ist natür­
lich flächengleich einem Rechteck von halber Höhe, das seiner­
seits eine velocitas uniformis medii gradus darstellt. Damit ist
zugleich die viel diskutierte Frage beantwortet, welchem Grad
eine uniformiter difforme Qualität oder Geschwindigkeit ent­
spricht, und zwar in einer Weise beantwortet, die zugleich
der Frage selbst einen neuen und speziellen Sinn gibt. Das cor-
respondere heisst nun für Oresme nichts anderes, als dass die
«<quantitates » qualitatis bezw. velocitatis übereinstimmen.
Diese ganzen Ueberlegungen, die sich zunächst auf keinen
eigentlich physikalischen Sachverhalt beziehen, führen nun in
ihrer Anwendung auf Geschwindigkeiten zu einem überraschen­
den Ergebnis, das freilich mehr den Charakter eines zufälligen
Fundes als einer wirklichen Entdeckung hat. Solange die Ge­
schwindigkeiten in ihrer Gleichförmigkeit oder Ungleichför­
migkeit quoad subiectum betrachtet werden, haben die gewon­
nenen Ergebnisse so wenig physikalische Bedeutung wie bei
den Qualitäten. Die Geschwindigkeitsquantität etwa einer Ro­
tationsbewegung wäre die Gesamtheit sämtlicher verschiedener
Geschwindigkeiten aller Punkte des rotierenden Körpers, in
einer einzigen kaum vollziehbaren Vorstellung zusammengefasst,
und das ist keine physikalische Realität. Zunächst gilt dasselbe
auch von der Geschwindigkeitsquantität einer beschleunigten
128 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Bewegung, d.h. eines motus difformis quoad tempus. Sie ist


nichts anderes als die Totalität der aufeinanderfolgenden Ge­
schwindigkeiten, die irgendwie simultan in ihrer Gesamtheit
vorgestellt werden sollen. Ein Begriff also, der unserem heuti­
gen Denken völlig fern liegt und dessen Massbestimmung eben­
so wenig Sinn hat wie im andern Fall. Nun kommt aber bei
der Durchführung eines speziellen Beispiels eine überraschende
Wendung. Oresme will nämlich zeigen dass unter gewissen
Bedingungen die Geschwindigkeit eines mobile unendlich gross
werden kann, während seine quantitas velocitatis endlich bleibt.
Es handelt sich um die Anwendung einer Erkenntnis, die schon
vor Oresme geläufig war. Man wusste, dass es Flächen und
Körper gibt, die nach einer Dimension ins unendliche gehen und
die doch einen endlichen Flächen- bew. Rauminhalt haben. Das
Beispiel, das Oresme wählt, und das wir fast in derselben Form
schon in einem Traktat Swinesheads lT finden, der etwa zwan­
zig Jahre vor dem Oresmes entstanden ist, ist folgendes: eine
Fläche vor| zwei Quadratfuss (genauer: ein Rechteck von zwei
Fuss Länge und einem Fuss Höhe) wird nach « partes propor­
tionales » geteilt, d.h. sie wird fortlaufend nach einem bestimm­
ten Verhältnis geteilt in der Weise, dass immer der letzte der
entstehenden Teile und nur dieser weitergeteilt wird. In Oresmes
Beispiel ist das Teilungsverhältnis die proportio dupla, d. h. die
fortgesetzte Halbierung. Mit andern W orten: die Fläche wird
zerlegt in die (konvergente) unendliche Reihe: i + ~ -f- —
I I . » 4
-\ ------------------( = 2). Diese So entstehenden Teile werden
8 2"
treppenförmig aufeinander gestellt, derart dass eine Treppe
entsteht mit einer Basis und einer Stufenhöhe von je einem
Fuss, die unendlich viele immer schmaler werdende Stufen hat
und darum selbst unendlich hoch wird. Der Flächeninhalt beibt
natürlich der ursprüngliche von zwei Quadratfuss.
Diese Figur deutet Oresme nun im Sinn seiner Lehre von
den configurationes: er sieht in ihr die Darstellung einer un­
gleichförmigen Geschwindigkeit — wir beschränken uns auf
die velocitates und übergehen die analogen Betrachtungen für14

14 Ttact. III cap. 8 (vgl. III S. 333 ff.).


1T De motibus dist. 8 (Erfurt. Ampi. Fol. 135 fol. 461)-
VELOCITAS TO TALIS UND MOM ENTANGESCHW INDIGKEIT 129

Qualitäten, die zu keinem Ergebnis von wirklichem Erkenntnis­


gehalt führen __, und zwar genauer einer Bewegung, die im
ersten proportionalen Teil einer Stunde mit einer gewissen Ge­
schwindigkeit erfolgt, im zweiten mit der doppelten, im dritten
mit der dreifachen usw., in infinitum. Es ist also eine Geschwin­
digkeit, die in endlicher Zeit unendlich gross wird, deren quanti­
tas velocitatis aber endlich bleibt. So weit bringt die Darlegung
nichts prinzipiell Neues. Doch nun ändert sich die Situation mit
einem S chlag : Oresme setzt nämlich auf einmal mit der gröss­
ten Selbstverständlichkeit, und ohne ein W ort der Erklärung
oder der Rechtfertigung hinzuzufügen, diese seine quantitas
velocitatis gleich mit der üblichen velocitas totalis, die aus ganz
andern Zusammenhängen stammt und die, wie wir wissen, per
definitionem identisch ist mit dem zurückgelegten W e g l*. Mit
andern Worten : er geht ohne Begründung und nur in ganz bei­
läufiger Form von dem einen Geschwindigkeitsbegriff zu dem
andern über, und so wird nun der Flächeninhalt der Figur, der
ja die quantitas velocitatis repräsentiert, unvermerkt zum zu­
rückgelegten Weg. Damit hat nun Oresmes Geschwindigkeits­
quantität nicht nur eine physikalische Bedeutung gewonnen,
sondern ist zu einem wichtigen Begriff geworden, der grund­
sätzlich den Zugang zu einer ganzen Reihe von Erkenntnissen
öffnet.
Oresme hat jedoch die möglichen und z.T. sehr nahe lie­
genden Konsequenzen aus seinem Schritt nicht gezogen *\ Er

...si mobile m overetur in prima parte proportionali illius temporis


taliter divisi aliquali velocitate et in secunda moveretur duplo velocius
et in tertia triplo et in quarta quadruplo etc. consequenter in infinitum
scraper intendendo, velocitas totalis esset praecise quadrupla ad veloci­
tatem primae partis, ita quod istud mobile in tota hora pertransiret prae­
cise quadruplum ad illud quod pertransivit in prima medietate illius
horae (loc. cit.).
18 Insbesondere vermisst man die Anwendung auf den Fall des motus
uniformiter difformis, die die Regel ergeben hätte, dass bei einer derar­
tigen Bewegung der zurückgelegte Weg gleich ist dem Weg, der mit der
Geschwindigkeit des m ittleren Zeitpunkts durchlaufen würde, kurz, jenes
Cesclz, das nun sonst in Form einer Äquivalcnzregrl auszusprechen pflegte,
Duhem hat dieses Gesetz als « Orcsmeschc Rege! » bezeichnet und es im
Sinn des Fallgesetzcs verstehen wollen. Aber mit Unrecht. Denn einmal
war es den Oxforder Philosophen schon bekannt zu einer Zeit, als Oresmes
Traktate sicher noch nicht geschrieben waren, und dann hat Oresme
diese Regel gar nicht ausdrücklich formuliert. Sie ergibt sich nur indi-
130 M A T H E M A T IS C H -PH Y SIK A L IS C H E F R A G E S T E L L U N G E N

beschränkt sich darauf, den Gedanken, ohne ihn weiter zu er­


läutern, noch auf einige Spezialfälle anzuwenden, aber in einer
Weise, die deutlich erkennen lässt, dass er ihm keine besondere
Bedeutung beimisst und insbesondere keine neue Erkenntnis in
ihm sieht. Jedenfalls ist sich Oresme der T ragw eite seiner « Ent­
deckung »> nicht bewusst geworden.
Mit der gleichen nachlässigen Selbstverständlichkeit wird
dann diese Methode der W egberechnung in der Folgezeit ange­
wendet. Denn die O resm e’schcn Figuren haben lange weiter ge­
lebt 20 und wurden allgemein a k z e p tie rt: sie dienten in allen
denkbaren Zusammenhängen als Illustrationsm ittel und wurden
häufig von Buchschreibern und später auch Druckern sogar
Texten beigegeben, deren Autoren, wie z.B. die Oxforder cal­
culatores, zu ihren Lebzeiten Oresmes Lehre von den configu­
rationes gar nicht gekannt oder w enigstens keine Notiz von ihr
genommen hatten. Gegenstand der wissenschaftlichen Diskus­
sion waren diese Figuren bei den Späteren (vom 15. Jahrhun­
dert an) nicht mehr. Man wusste allgemein, was sie bedeuten
sollten und man wandte sie ohne E rklärung und Beweis an.
So « wusste » man auch, dass der Flächeninhalt einer Figur, die
eine Geschwindigkeit repräsentiert, den zurückgelegten Weg
ausdrückt und hat diese V oraussetzung ohne weiteres auf die
kompliziertesten und unregelmässigsten Bewegungen ausge­
dehnt. So hat die Spätscholastik unbew usst aber richtig oft die
schwierigsten Integrationen vollzogen.
Denn objektiv betrachtet ist Oresmes Schluss, ist insbeson­
dere der Uebergang von der M omentangeschwindigkeit zu der
velocitas totalis völlig in Ordnung. W enigstens, wenn man die
Momentangeschwindigkeit in moderner W eise fasst als Diffe­
rentialquotient des W egs nach der Zeit, d. h. als den unendlich
kleinen Weg, den das mobile in einer unendlich kleinen Zeit
zurücklegt. Der Gesamtweg ist dann das Integral, d.h. die Sum­
me der unendlich vielen unendlich kleinen W ege, die in der

rekt, wenn man eben die Anwendung macht, die Oresme selbst nicht
gemacht hat. Im übrigen ist er so wenig wie irgend einer seiner Zeit­
genossen auf den Gedanken gekommen, die Regel auf die Fallbewegung
anzuwenden, oder überhaupt in dieser letzteren ein Beispiel für den mo­
tus uniformiter difformis zu vermuten (vgl. Anm. 8).
29 Wir finden sie noch bei Galilei in einer Form, die an der Abhän­
gigkeit von der alten Oresmc’schen Methode keinen Zweifel lässt.
VELOCITAS TOTALIS UND MOMENTANGESCHWINDIGKEIT 131

Gesamtzeit zurückgelegt worden sind. Dieses Integral kann


aber auf graphischem W eg gefunden werden: wenn man in
einem Koordinatensystem, in dem die Abszisse die Zeit darstellt
und die Ordinate die Geschwindigkeit, in jedem Zeitpunkt die
zugeordnete Geschwindigkeit aufträgt, dann repräsentiert das
Flächenstück, das begrenzt ist durch die so entstehende Kurve,
durch die Abszisse und durch die Anfangs- und Endordinate,
das Integral der Geschwindigkeit über den betreffenden Zeitab­
schnitt, d.h. es repräsentiert den zurückgelegten Weg. Das ist
aber genau das, was Oresme gemacht hat.
Sachlich ist also sein Verfahren vollständig berechtigt, und
bei flüchtigem Zusehen könnte in der Tat der Eindruck ent­
stehen, dass es sich hier um eine Leistung handelt, die über
die Möglichkeiten des 14. Jahrhunderts weit hinaus zu liegen
scheint. So hat Duhem die Situation aufgefasst. Dabei hat er
aber eines übersehen : dass nämlich Oresme von seinen Voraus­
setzungen aus diesen Schritt eigentlich nicht tun konnte und
ihn im Grund auch nicht getan hat. Denn der Begriff der Mo­
mentangeschwindigkeit, von dem er ausgeht, ist ja ein ganz
anderer, ist nicht der in einer unendlich kleinen Zeit zurück­
gelegte unendlich kleine Weg, sonder ist die nicht näher defi­
nierte und jedenfalls mathematisch nicht fassbare Intensität der
Bewegung. Von hier gibt es keinen Uebergang zu dem zurück­
gelegten W eg, und wenn Oresme ihn tatsächlich doch vollzo­
gen hat, so ist das im Grunde nichts anderes als eine jener
genialen Nachlässigkeiten, die öfters bei ihm begegnen und mit
denen er mehr als einmal intuitiv das Richtige getroffen hat.
Aber der tiefgehende und grundsätzlich bedingte Gegensatz zwi­
schen den beiden Geschwindigkeitsbegriffen der Scholastik, die
in der velocitas totalis und der Momentangeschwindigkeit deut­
lich werden, ist damit nicht überwunden.
6.
IMPETUSTHEORIE UND TRAEGHEITSPRINZIP

Seit Duhems Forschungen pflegt man die spätscholastische


Impetustheorie und das Trägheitsprinzip, das zur Grundlage der
modernen Mechanik geworden ist, in enge Verbindung zu brin­
gen, d.h. man pflegt in der Impetushypothese eine erste Ent­
deckung des Prinzips der Inertialbewegung zu sehen.
Vorurteile haben im allgemeinen ein zähes Leben; auch
wissenschaftliche, insbesondere wenn sie sich auf einen grossen
Namen berufen können. So wird cs wohl auch noch einige Zeit
dauern, bis diese Auffassung durch eine richtigere ersetzt sein
wird. Denn tatsächlich stellen die Impctuslehre und der Satz
von der Erhaltung der gleichförmigen Bewegung zwei völlig
verschiedene physikalische Theorien dar, die nur das eine ge­
mein haben, dass sie dasselbe Phänomen erklären wollen.
Dieses Phänomen ist die anscheinend von selbst erfolgende
Bewegung eines proiectum separatum — eines geworfenen Stei­
nes, eines abgeschossenen Pfeils usw. — : also die Bewegung
eines mobile, das keinen wahrnehmbaren Beweger hat und von
dem der Satz « omne quod movetur ab alio movetur » anschei­
nend nicht gilt.
In diesem Fall gibt es vier und nur vier Erklärungsmöglich,
keiten: i) das proiectum wird von dem ursprünglichen Bewe­
ger, dem proiciens, mittels Fernwirkung weiterbewegt; 2) es
wird vom Medium bewegt; 3) es hat die bewegende Kraft in
sich selbst; 4) die Bewegung erfolgt überhaupt ohne vis mo-
trix. Die erste Auffassung begegnet ganz selten : Wilhelm von
Ockham hat sie zunächst vertreten, aber später dann auch
aufgegeben *. Die zweite Lösung ist die aristotelische 2: das1

1 Sent. II qu. 18. bezw. qu. 26 (Ed. Lyon 1495); vgl. II S. 39 ff.
* Genau genommen ist die aristotelische Lehre nur eine — aber zwei­
fellos die wichtigste — von mehreren Ausprägungen, die diese zweite
ErVlirungsmöglichkeit gefunden hat; \gl. II S. 8 ff-
IM P E T U S T H E O R IE U ND TRAGHEITSPRINZIP 133

ursprüngliche movens teilt der Luft eine gewisse, allmählich er­


löschende virtus m otiva mit, die das proiectum noch ein Stück
weiterbewegt. Die dritte Auffassung ist die Impetustheoric, und
die vierte das Trägheitsprinzip der modernen Mechanik. Und
diese beiden letzteren wollen wir nun etwas näher betrachten
und mit einander vergleichen.
Zunächst ein W ort über die historische Entwicklung der
Impetustheorie, die wir an anderer Stelle ausführlicher darge­
stellt haben *. Der Gedanke, dass das primum movens nicht
wie Aristoteles wollte dem Medium, sondern dem proiectum
selbst eine abgeleitete Kraft mitteilt, die die weitere Bewegung
verursacht, ist schon im späteren Altertum ausgesprochen wor­
den und dann wieder bei den arabischen Philosophen. Ob die
scholastischen Philosophen davon Kenntnis gehabt haben, ist
nicht mit Sicherheit zu sagen. Jedenfalls taucht in der Hoch­
scholastik — sei es spontan, sei es unter arabischem Einfluss
__ schon hier und da die Vorstellung auf, dass es natürlicher
und befriedigender wäre, die vis motrix nicht im Medium, son­
dern im proiectum selbst zu suchen 4, aber es kommt noch zu
keiner eigentlichen, theoretischen Klärung. Die hat erst das 14.
Jahrhundert gebracht. Und zwar scheint der erste, der den
Gedanken in Form einer wissenschaftlichen Hypothese ausge­
sprochen hat, F r a n c i s c u s d e M a r c h i a gewesen zu

» Zu den Einzelheiten vgl. II und die Nachträge in III S. 198 ff.


« Insbesondere finden sich bei Thomas mehrere Stellen, in denen er
unverkennbar sich die Impetushypothese zu eigen macht, obwohl er ex
professo die aristotelische Theorie vertreten hat (II S, 2} ff ). Die inte­
ressanteste dieser Stellen, die bisher in der Literatur unbeachtet geblie­
ben war und auf die wir selbst auch erst nachträglich aufmerksam ge
worden sind (III S. 198), findet sich Phys. VIII lcct. 8. Es handelt sich
um die Rolle des removens prohibens bei der natürlichen Bewegung, das
ja das grave « per accidens » bewegen soll (vgl. ob. Kap. )): Dicitur enim
movere per accidens et non per sc sicut si sphaera, id est pila, repercu­
tiatur a pariete, per accidens quidem mola est a pariete non autem per
se. sed a primo proiciente per se mota est: paries enim non dedit ei
aliquem i m p t t u m ad motum sed proiciens, per accidens autem fuit quod,
dum a pariete impediretur nc secundum impetum in rectum ferretur,
eodem impetu manente in contrarium motum resihvit. Und analog ist
die Verteilung der Rollen von generans und removens prohibens bei der
Fallbewegung zu verstehen. — Die Erklärung der Rcflexionsbewegung. die
Thomas hier gibt, ist dieselbe, die später die klassischen Vertreter der
Impetustheoric gegeben haben.
134 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

sein. In seinem S e n ten zen k o m m en tar4, der 1319-20 e n tstan d e n ­


ist, v e rtritt er die A nsicht, dass der erste B ew eger dem proiec-
tum eine « vis derelicta » m itteilt, die nach der T ren n u n g noch
eine W eile w eiterw irk t und dann e rlis c h t: es ist also genau die
aristo telisch e abgeleitete K ra ft, n u r dass sie nicht der L uft,
sondern dem gew orfenen K örper ü b ertrag en w erden soll.
T atsäch lich ist F ran ciscu s de M archia auch davon über­
zeugt, dass A ristoteles g ru n d sätzlich die richtige L ösung g efu n ­
den habe : die B ew egung des proiectum separatum w ird v eru r­
sacht ab aliqua v irtu te per m odum actus prim i derelicta ab
ispo prim o m otore ; es fra g t sich n u r, wo diese K ra ft zu su ­
chen ist und w as sie i s t : Sed tunc est dubium ubi sit huiusmodi
v irtu s subiective, u tru m videl. sit in corpore g rav i m oto vel in
ipso m edio, e t quid in se sit fo rm aliter? Die erste F ra g e ist
abw eichend von A ristoteles zu b e a n tw o rte n : melius videtur
quod huiusm odi v irtu s sit in corpore m oto quam in medio, quid­
quid de hoc d ix erit Philosophus et C om m entator. Und die A nt­
w o rt a u f die zweite F ra g e la u te t: diese vis derelicta — M ar­
chia k e n n t den A usdruck « im petus » noch nicht — ist eine
form a quasi m edia, denn sie ist nicht perm anenter N atu r wie
die gew öhnlichen Q u alitäten , die n u r vergehen, wenn sie zer­
stö rt w erden, und sie ist auch nicht ein blosses successivum wie
die B ew eg u n g , das n u r in A b h än g ig k eit von seiner U rsache exi­
stie rt und gleichzeitig m it dieser au fh ö rt, sondern sie ist ein
M itteldin g zw ischen beiden, das an und für sich n u r eine be­
s c h rä n k te L eb en sd au er h a t und das nach einer gew issen Zeit,
auch ohne Z e rstö ru n g von aussen, von selber erlischt *. Die
A bw eichung von A ristoteles b esteh t also hauptsächlich in der
A nsicht über den T rä g e r dieser abgeleiteten K ra ft; sie selbst
w ird noch g an z so bestim m t, wie A ristoteles sie gedacht hatte.

5 Sem. IV qu. 1 . Der K om m entar ist n u r handschriftlich erhalten.


W ir haben dic Q uaestio über die Im pctusthcoric (Scnt. IV qu. I, nach
d er H andschrift Chis. B VII 1 1 3 ) in II S. 49 ff. wiedergegeben.
• Dico quo d triplex est genus form arum . Est enim aliqua forma sim­
pliciter successiva sicut m otus et talis sim ul transit et desinit <cssantc
m ovente. Alia est sim pliciter perm anens ut albedo. T e rtia est quasi media,
q u ia nec sim pliciter successiva u t m otus, nec sim pliciter perm anens, quia
non potest perm anere cessante causa eius nisi ad m odicutn tem pus ta n ­
tum . cuiusnuxli est ista virtus tnotiva a prim a v irtu te causata (\gl II S.
61 f.. /H le 483 91 unserer W iedergabe det Textes; ähnlich /,. 236-243).
IMPETUSTHEORIE UND TRÄGHEITSPRINZIP 135

Die G ründe, die für diese K o rre k tu r a n g e fü h rt w erden, sind


zum Teil rein spekulativer N a tu r, zum Teil beziehen sie sich
aber auch schon au f eine Reihe von « a p p aren tia », die durch
die neue A uffassung leichter zu erklären sind als durch die a ri­
stotelische.
Franciscus de M archias T heorie der P ro jek tio n sb e w eg u n g
hat innerhalb des F ran zisk an ero rd en s eine g ew isse W irk u n g g e ­
habt, aber nicht durchw eg Z u stim m u n g gefunden. Schon sein
unm ittelbarer N achfolger als baccalarius sen ten tiariu s in P a ris,
Franciscus M ayronis, der im S tu d ien jah r 1320/21 die Sentenzen
erklärte, setzt sich m it ihr auseinander, lehnt sie ab er a b T.
Und m öglicherw eise hat auch W ilhelm von O ckham M arch ias
These im Auge, wenn er ausdrücklich den G edanken z u rü c k ­
weist, dass dem proiectum selbst die bew egende K ra ft ü b e rtra ­
gen werden könnte ’. Aber bei andern O rd en sg en o ssen ist auch
eine positive N achw irkung zu k o n s ta n tie re n : N icolaus B oneti
schliesst sich M archias A uffassung an 9, und ebenso Jo h a n n e s
Canonicus ,0, beide w ahrscheinlich schon in den 20er Ja h re n und
jedenfalls, ehe Buridan seine Im petustheorie a u fg e ste llt h a tte .
Ob J o h a n n e s B u r i d a n F ran c iscu s de M a rc h ia ’s
Theorie von der vis derelicta g e k an n t h a t, als er sich diesen
Problemen zuw andte, ist schw er zu sag en . V ie lle ic h t; v ielleicht
ist er aber auch durch eigene Reflexion zu einer an alo g en L ö ­
sung gekom m en. Auf jeden Fall hat die L ehre bei ihm nun eine
präzisere und selbständigere Form angenom m en als bei M arch ia.
Zunächst in der H altu n g A ristoteles g e g en ü b e r : fü r B u rid an

t Scnt. II clist. 14 qu. 7 (vgl. II S. 7 6 f.). Dieser K ritik schliesst sich


H m nbertus de C arda in seinem Sentenzenkom m entar an (Vat. lat. 1091;
vgl. III 9. 1 9 9 ).
8 Scnt. II qu. 26 (vgl. II S. 43).
0 Phil, naturalis V cap. l (vgl. III S. 198 f.).
19 Phys. IV qu. 5 . M. Clagctt (Some general aspccts of physics in
the middle ages, Isis 3 9 . 1948. 9. 29) weist au f diese Stelle h in (allerdings
mit der Angabe Phys. III qu. 5 ), bezieht a b e r die Ä usserung ü b e r d ie
Im pciuslhcoric auf G eraldus O donis, was nicht stim m t. Jo h an n e s C a n o ­
nicus zitiert zwar kurz vorher G eraldus, geht aber d an n zur ersten P erson
über: quando d icitu r de m otu proicctorum ... dico q u o d res p ro iecla
movetur m aterialiter (dic Ed. Ven. 1492 h at « n a tu ra lite r », was auch
Clagctt zitiert und was keinen Sinn gibt; w ir k o rrig ieren nach d e r H a n d ­
schrift Vat. lat. 3013. fol. 4 7 ) v irtu te proicientis et non a p a rtib u s m edii
per quod fertur. Johannes C anonicus h at sich ü b e rh a u p t gern an F ra n ­
ciscus de Marchia angcv blossen, wie w ir noch sehen w erden.
136 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

handelt es sich nicht mehr um eine relativ geringfügige Kor­


rektur der an sich « richtigen » aristotelischen Teorie, sondern
um eine entschiedene Abkehr von dieser. Ista quaestio, so be­
ginnt er seine Erörterung des Problems u , iudicio meo est
valde difficilis, quia Aristoteles prout videtur mihi, non deter­
minavit eam bene. Denn eine ganze Reihe von Erfahrungstat­
sachen finden durch diese Theorie keine Erklärung oder stehen
geradezu in Widerspruch mit ihr. Ideo, so lautet das Ergebnis
dieser Kritik, videtur mihi dicendum quod motor movendo mo­
bile imprimit sibi quendam impetum vel quandam vim motivam
illius mobilis ad illam partem ad quam motor movebat ipsum,
sive sursum sive deorsum sive lateraliter vel circulari ter... et ab
illo impetu movetur lapis postquam proiciens cessat movere.
Der erste Beweger teilt also dem proiectum eine bewegende
Kraft oder einen impetus mit — Buridan scheint der erste
gewesen zu sein, der diese Bezeichnung als Terminus technicus
für diese bestimmte Art von Kraft gebraucht hat —, der es
nach der Trennung vom proiciens weiter bewegt und zwar
entweder in geradliniger oder in kreisförmiger Bewegung,a.
Auch für Buridan erhebt sich nun die Frage: quae res
sit ille impetus? Aber die Antwort lautet nun, anders als für
Marchia, quod ille impetus est res naturae permanentis. Und
zwar scheint es ihm wahrscheinlich, quod ille impetus est una
qualitas innata movere corpus, und ebenso wahrscheinlich, quod
sicut illa qualitas mobili cum moto imprimitur a motore, ita
ipsa a resistentia vel inclinatione contraria remittitur, corrum­
pitur vel impeditur sicut et motus. Für Buridan ist also der
impetus nicht mehr ein Kraftüberbleibsel, das nur ad modicum
tempus dauert und nach einiger Zeit von selbst vergeht, sondern
er ist eine richtige qualitas motiva und als solche permanenter
Natur und erlischt nur, wenn er von entgegengesetzten Kräften
vernichtet wird. Die Kräfte, die ihn zerstören, sind dieselben,
durch die auch die Bewegung zerstört wird, nämlich äussere12

11 Phys. VIP1 qu. 12. Wir haben diese Quaestio gleichfalls in II (S. 81
ff.) wiedergegeben. Dasselbe Problem wird, etwas kürzer, in De caelo et
mundo (ed. E. A. Moody, Cambridge-Mass. 1942) HI qu. 2 behandelt.
12 Denn zu den Erfahrungstatsachen, die die Impetustheorie erklären
sollte, gehört auch die weiterdauerndc Rotationsbewegung der « mola
fabri » u. a. m.
IM PETUSTHEORIE UND TRÄGHEITSPRINZIP 137

Widerstände die das mobile und damit indirekt auch die bewe­
gende Kraft hindern (vor allem der Reibungswiderstand des
Mediums) und innere Bewegungstendenzen im mobile selbst, die
dem impetus entgegen wirken: d. h. das Streben nach dem
natürlichen Ort (oder die gravitas) und die inclinatio ad quietem,
denn nach der Auffassung der Scholastik hat ja jeder gewaltsam
in Bewegung versetzte Körper das Bestreben, in den Ruhe­
zustand zurückzukehren Is. Der impetus wird also von den
Widerständen zerstört, die er zu überwinden hat, um das
proiectum zu bewegen. Anders ausgedrückt: der impetus ver­
braucht sich, wie jede künstlich erzeugte Kraft, indem er wirkt
und dadurch, dass er wirkt.
Zu diesen beiden Formen der Impetustheorie, die von Fran-
ciscus de Marchia und Buridan vertreten wurden, ist im 14.
Jahrhundert noch eine dritte hinzugekommen, die eine Weiter­
bildung und Verbesserung der Buridanischen sein wollte,
nämlich die des grossen Buridan-Schülers N i c o l a u s v o n
O r e s m e . Was Oresme an Buridans Lehre zu beanstanden
hatte, war Folgendes: zu den Erfahrungstatsachen, die eine
Theorie der Projektionsbewegung zu erklären hatte, gehörte
für das Mittelalter auch ein Scheinphänomen, von dessen
Realität man im Anschluss an ein wahrscheinlich falsch ver­
standenes Aristoteleswort 14 jahrhundertelang überzeugt war,
nämlich die anfängliche Wurfbeschleunigung. Man nahm an,
dass ein proiectum nicht sofort nach der Trennung vom proi-
ciens seine Geschwindigkeit verlangsamt, sondern dass es
zunächst eine Beschleunigung erfährt, sodass der Höhepunkt
der Geschwindigkeit ungefähr in der Mitte der Bewegung lieg t;
erst dann beginnt die Retardation. Buridan scheint von der
Richtigkeit dieser « experientia » nicht überzeugt gewesen zu
sein 15, jedenfalls trägt er ihr in der Fassung seiner Impetus-

Vgl. ob. Kap. 3.


1« Vgl. II S. 101 ff.
15 Er hat diesem Problem in seinem De caelo-Kommcntar eine eigene
Quaestio gewidmet (vgl. III S. 204 Anm. 2): Utrura proiccta moventur
velocius in medio quam in principio vcl in fine. Buridan verneint die
Frage; der impetus nimmt vom Moment seiner Entstehung an kontinuier­
lich ab, ideo continue motus fit tardior. « Aliqui » behaupten zwar das
Gegenteil, doch dazu bemerkt Buridan: ego hoc non sum expertus, ideo
nescio si est verum.
138 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

th e o rie kein e R ech n u n g . U nd das ist nun der P u n k t, an dem


O re sm e cin setzt *•. Um dieses Phänom en, von dessen R ich tig ­
k e it e r ü b e rz e u g t ist, zu erk lären , p o stu liert er k u rzerh an d ,
d a ss d e r im petus nicht wie jede andere bew egende K raft der
sch o lastisch en M echanik eine k o n stan te G eschw indigkeit, son­
dern d a ss er eine B eschleunigung bew irken soll. Aber dam it
is t das Problem noch n ich t g a n z gelöst. O resm e nim m t näm lich
abw eichend von B uridan und ähnlich wie M archia an, dass der
im petus n u r von b e sc h rä n k te r D au er ist und d a ss, um die bis
zur M itte der B ew eg u n g an h alten d e B eschleunigung zu erk lären ,
eine g a n ze Serie von sukzessiv entstehenden und jew eils w ieder
erlöschend en im p etu s erforderlich ist. Infolgedessen soll die
b e sc h le u n ig te B ew eg u n g — d. h. die durch den ersten im petus
e rz e u g te b esch leu n ig te B e w e g u n g ! — als solche w ieder einen
neuen im p etu s erzeu g en , dieser w ieder eine beschleunigte Be­
w e g u n g u sw ., bis die neuen im petus so schw ach w erden, dass
sic d u ic h die W ifie rstän d e z e rstö rt w erden, w orauf dann die
R e ta rd a tio n d er B ew eg u n g b eg in n t. D as G anze ist eine höchst
kom plizierte und u n k lare T heorie, die zudem voll von W id e r­
sprüchen ist und die sich vor allem in keiner W eise m it den
allgem ein a n e rk a n n te n m echanischen G rundregeln v e rträ g t lT.
T atsäc h lic h ist dieser V ersuch, B u rid an s Im p etu stheo rie zu
k o rrig ie re n , auch so g u t w ie u n b each tet geblieben.
A l b e r t v o n S a c h s e n , der im G rossen und G anzen
fa st ebenso s ta rk von O resm e wie von B uridan a b h än g t, hat
sich in diesem F all g a n z au f die Seite B uridans g e ste llt; nur

iß In seinem lateinischen K om m entar zu De caclo et m undo (E rfurt


A m pi. 4» 2 9 9 und 4 0 325) und in seinem T ra itö du cicl et du m oiulc
(P aris Bibi. N at. fonds fran^. 1083); vgl. II S. 100 ff. Auch in den Quod-
lib e ta ist von d er Im p etu sth eo rie die R ede (vgl. III S. 200). Orcsmes
P hysikkom m entar, a u f d en er m ehrfach verweist, ist ja leider nicht e r ­
h alten .
17 Ü brigens h a t Leibniz, d e r auch noch von der R ealität d er a n fä
lichen W u rfb csch leu n ig u n g überzeugt war, eine E rklärung gegeben, die
d e r Oresm es ganz analog ist, n u r dass sie nicht von den Voraussetzungen
der Im p etu sth eo rie sondern vorn T rä g h eitsp rin zip au sg eh t: nicht n u r die
G eschw indigkeit, die dem proiectum im M om ent der T re n n u n g m itgeteilt
w ird, soll e rh a lte n bleiben, sondern auch die B eschleunigung (T h eo ria
m otus concreti, art. 23). Diese Losung ist n atü rlich m it den G rundregeln
d e r klassischen M echanik ebenso wenig in Einklang, wie die Orcsmes
m it den G ru n d reg eln seiner M echanik.
IMPETUSTHEORIE UND TRÄGHEITSPRINZIP 139

in ein paar Einzelheiten spürt man N achklänge O resm c’scher


Gedanken und Form ulierungen, aber in allem W esentlichen
folgt er der Im petustheorie B uridans. Insbesondere halt er mit
diesem daran fest, dass der im petus perm anenter N a tu r ist und
dass er zw ar von den W iderständen zerstö rt w ird, ab er nicht
einfach von selbst erlischt. Mit M a r s i l i u s v o n I n g h e n
wird das anders. E r sieht im im petus, genau so wie F ran ciscu s
de M archia und O resm e, ein q u alitätsartig es M om ent (dessen
genauere kategoriale B estim m ung jedoch nicht g an z sicher i s t ) ,
das nur kurze Zeit dauert und dann von selbst v erg eh t. Diese
Auffassung ist dann für die ganze Folgezeit — bis Galilei —
die übliche gew orden. Die einzigen, die im im petus eine Q ua­
lität perm anenter N atu r gesehen haben, w aren B uridan und
Albert von Sachsen.
Die Im petustheorie ist in ihren A nfängen ausschliesslich
in P aris zu H ause. Aus O x f o r d ist bisher kein V e rtre te r
aus dem 14. Jah rh u n d ert bekannt gew orden 1#. A llerdings sind
verschiedene O xforder K om m entare zur P hysik — z. B. der
K illingtons und der F itzralp h s — und zu den Sentenzen nicht
erhalten, oder noch nicht w ieder aufgefunden, sodass vielleicht
die Zukunft noch Feststellungen brin g t, die unser h eu tig es
Bild modifizieren. Bis jetzt kennen w ir jedenfalls aus O xford
nur negative Aeusserungen zur Im petustheorie 19, von denen
die deutlichste die R ichard S w ineshead’s ist. In seinem in den
30er Jahren entstandenen T ra k ta t De m o tib u s 20 e rk lä rt er
nämlich von der Im petushypothese: ...p ra e s e n s solutio q u o ­
cumque careret fundam ento, nisi solus defectus considerandi
praestare sibi possit originem .
Alles in .allem bleibt also die Im petustheorie im 14. J a h r­
hundert auf zwei begrenzte g eistig e M ilieus b esch rän k t, in denen
sic sich sozusagen in zwei sukzessiven W ellen entw ickelt h a t :
es ist einerseits die Gruppe von F ran z isk an e rn , die sich im
Anschluss an F ranciscus de M archia m it ihr b efasst haben.

18 M. D. C henu glaubte im 1 3 . Ja h rh u n d e rt eine A n d eu tu n g d er


Im petushypothese in O xford feststellen zu können, doch h an d e lt es sich
hier u.E. um einen andern G edanken (vgl. unten).
19 Vgl. II S. 9 7 ff. Auch W alter B urlaeus. der ja eigentlich m eh r
nach Paris als nach O xford gehört, h at die Im p etu sth eo ric abgelehnt.
29 Erfurt Ampi. 29, 135 fol. 4 l '- 4 2 ‘, vgl. IIS S. 201-
140 MATHEMATISCH'PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

andererseits die Buridanschule. Die Priorität gehört den Fran­


ziskanern, die Wirkung auf die Zukunft Buridan. Tatsächlich
beginnt schon Ende des 14. Jahrhunderts die allmähliche Aus­
breitung der Buridanschen Lehre (vermittelt hauptsächlich durch
Albert von Sachsen, dessen Schriften stärkere Verbreitung fan­
den und mehr wirkten als Buridans eigene), und mit der Zeit
■wird die Impetustheorie in immer weiteren Kreisen akzeptiert.
Schon Ende des 15. Jahrhunderts heisst es von ihr: in isto
modo concordant fere omnes philosophi 3I, und hundert Jahre
später: iam communis est in schola 33.
Tatsächlich hatte die Impetushypothese um 1600 die ari­
stotelische Theorie fast ganz verdrängt und galt allgemein als
die richtige Lehre: nicht nur bei den Philosophen, ob sie nun
Vertreter oder Gegner des Aristotelismus waren, sondern auch
bei den Physikern. Selbst Galilei gehört noch zu ihren Anhän­
gern. Im Lauf des 17. Jahrhunderts scheiden sich dann die We­
ge wieder aufs Neue. Es entsteht eine neue Mechanik, die sich
der Impetustheorie genau so entgegenstcllt, wie diese sich im 14.
Jahrhundert der aristotelischen Theorie entgegengestellt hatte,
und die dann ihrerseits in allmählicher Entwicklung zur herr­
schenden Lehre wird und die Impetustheorie verdrängt.
Diese neue Mechanik gibt, wie wir wissen, das aristote­
lisch-scholastische Grundprinzip auf, dass jede Bewegung zu
ihrer Weiterdauer einen Beweger erfordert (und dass mit dem
Erlöschen der vis motrix im selben Augenblick auch die Be­
wegung erlischt), und postuliert, dass die gleichförmige, d. h.
die mit konstanter Geschwindigkeit erfolgende geradlinige Be­
wegung, und nur sie, genau so wie die Ruhe ein Zustand ist,
der sich von selber erhält und zu seiner Fortdauer keiner Kraft­
einwirkung bedarf. Diese Auffassung der Bewegung ist ein
Ausfluss einer neu aufkommenden Auffassung von der Trägheit
der Massen : ein materieller Punkt, der sich in (gleichförmiger)
Bewegung befindet, hat nicht mehr wie für die Scholastik die
natürliche Tendenz, in den Ruhezustand zurückzukehren, son­
dern er hat im Gegenteil das Bestreben, in diesem Bewegungs­
zustand zu verharren. An die Stelle der inclinatio ad quietem

« Petrus Tartaretus in seinem Physikkommentar (vgl. II S. 134).


*» Antonius Rubio in seinem Physikkommentar (Madrid 1603: vgl.
II S. 164 f ).
IM PETU STHEORIE UND TRÄGHEITSPRINZIP 141

tritt die Tendenz zur Inertialbewegung. Folglich stellt die Träg­


heit der Massen im Fall der Projektionsbewegung nicht wie
für die Impetustheorie einen Widerstand dar, der die bewegen­
de Kraft und mit ihr die Bewegung allmählich zerstört: die vis
inertiae ist vielmehr dasjenige Moment, das die Bewegung recht
eigentlich erhält und sie, wenn keine äusseren Widerstände
vorhanden wären, in alle Ewigkeit erhalten würde.
Das ist die dynamische Theorie, die im 17. Jahrhundert
die Impetuslehre abgelöst hat. Ihre Vertreter glaubten, etwas
völlig Neues und andersartiges an die Stelle der spätscholasti­
schen Auffassung zu setzen, und derselben Ansicht waren auch
die Philosophen, die an dieser letzteren fcsthielten und die neue
Lehre ablehnten 23. Erst die Forschung des 20. Jahrhunderts
hat anders geurteilt und hat sich auf den Standpunkt gestellt,
dass zwischen den beiden mechanischen Theorien kein Gegen­
satz, sondern eine tiefgehende Aehnlichkeit bestehe und dass in
der Impetustheorie tatsächlich schon das Trägheitsprinzip der
klassischen Mechanik ausgesprochen sei.
Wie es damit steht, wollen wir nun etwas näher unter­
suchen. Dass es sich ontologisch betrachtet um zwei völlig
verschiedene Erklärungsversuche desselben Phänomens handelt,
sagten wir bereits **. Hinter der Impetushypothese einerseits
und dem Prinzip der Inertialbewegung andererseits stehen so
verschiedene und unvereinbare Anschauungen vom Wesen der
Bewegung, der Kraft, der Trägheit der Massen, der Rolle der
Widerstände usw., dass von hier aus an eine Parallele zwischen
ihnen gar nicht zu denken ist. Wir wollen auf die Einzelheiten
nicht noch einmal zurückkommen. Was uns jetzt beschäftigen
soll, ist die physikalisch-mathematische Seite des Problems.
Es wäre ja denkbar — und diejenigen, die um jeden Preis in
der Impetustheorie eine Vorwegnahme des klassischen Träg­
heitsprinzips sehen wollen, haben gerade diese Möglichkeit
wiederholt betont —, dass trotz der Unterschiede in der meta-
physisch-ontologischen Erklärung der Vorgänge die rein phy­
sikalische Deutung hier und dort übereinstimmt.
Insbesondere in zwei Punkten glaubte man eine solche Ue-
bereinstimmung feststellen zu können. Einmal sollte der Scho­

tt Vgl. II S. 171 f.
»■* Vgl. oben S. 64 f.
142 M ATHEMATISCHPHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

lastische impetus dem dynamischen Moment in der Incrtial-


bewegung korrespondieren, das die spätere Zeit als kinetische
Energie bezeichnet hat; und zweitens meinte man, Buridan
habe mit seiner Annahme, dass der impetus permanenter Natur
sei, jedenfalls das physikalische Gesetz entdeckt, dass eine
durch keine Widerstände gestörte Bewegung in alle Ewigkeit
fortdauem würde, auch wenn er diesem Gesetz eine andere
philosophische Deutung gegeben habe als die klassische Mecha­
nik. Sehen wir zu, wie cs sich damit verhält.
Wenn wir die Impetustheorie und das Inertialprinzip unter
dem Gesichtspunkt ihrer physikalischen Bedeutung vergleichen
wollen, so liegt der wesentliche Unterschied zwischen ihnen
nicht so sehr in der Auffassung der Bewegung und ihrer Ur­
sachen, als vielmehr in der verschiedenen Rolle, die der Träg­
heit der Massen hier und dort zugeschrieben wird. Dieser Un­
terschied lässt sich durch eine kurze Formel ausdrücken: durch
die vis inertiae wird für die klassische Mechanik die Bewegung
des proiectum erhalten, für die Scholastik wird sie zerstört.
Aus diesem Unterschied ergibt sich als erste Folgerung,
dass von einer gegenständlichen Korrespondenz zwischen im­
petus und kinetischer Energie keine Rede sein kann. Unter
kinetischer Energie, daran sei noch einmal erinnert, versteht
man die Fähigkeit Arbeit zu leisten, die einem bewegten Kör­
per innewohntZ i. Es war natürlich eine von jeher geläufige
Erfahrungstatsache, dass ein proiectum separatum eine gewisse
Arbeit zu leisten vermag — dass etwa ein geschleuderter Stein
den Gegenstand auf den er trifft zertrümmert usw. —, und es
galt der Scholastik für selbstverständlich, dass die Kraft,
die diese Wirkung hervorbringt, dieselbe ist, die auch die Be­
wegung verursacht, ob man diese Kraft nun im Medium oder
im bewegten Körper selbst suchte. Für die klassische Mechanik
liegt der Fall natürlich anders. Sie kann die Wirkungsfähig­
keit des bewegten Körpers nicht auf eine bewegende Kraft
zurückführen, denn eine solche gibt es für sie ja gar nicht. Es

28 Sie wurde im Lauf der Geschichte mit verschiedenen Namen be­


zeichnet: das Mittelalter kennt keinen Terminus technicus, sondern ver­
wendet die üblichen Ausdrücke vis, virtus (gelegentlich ictus) fur sic; Ga­
lilei spricht von impeto o momento, Descartes von quantitl du mouve-
ment, Leibniz von force vive. Heute pflegt man im allgemeinen « kine­
tische Energie» (oder auch « lebendige Kraft ») zu sagen.
IMPETUSTHEORIE UND TRÄGHEITSPRINZIP 143

muss also eine andere Erklärung gefunden werden. Die nächst­


gelegene war diese: die kinetische Energie ist einfach eine
Folge der Bewegung als solcher, die ihrerseits ja als selbstän­
diger, sich von selbst erhaltender Zustand aufgefasst wurde.
Und zunächst ist es auch dabei geblieben, namentlich für Dcs-
cartes und seine Schule, die ja ein rein phoronomisches Ideal
verfolgen und alles Sein und Geschehen in der Welt lediglich
aus Bewegungen erklären wollen. Aber mit der allmählich fort­
schreitenden Einsicht in die mechanischen Grundgesetze ver­
tieft sich auch diese Auffassung. In Newtons Principia ma­
thematica philosophiae naturalis, die die Summe dieser ganzen
Entwicklung ziehen, ist die physikalische Natur der kinetischen
Energie endgültig geklärt: sie ist nichts anderes als die Träg­
heit der Massen — der bewegten Massen — als solche 2‘. Eben­
so wie eine Kraft erforderlich ist, um die Trägheit eines ruhen­
den Körpers zu überwinden und ihn in Bewegung zu setzen,
ebenso ist eine Kraft nötig, um einen gleichförmig bewegten
Körper zur Ruhe zu bringen, denn von sich aus hat er das
Bestreben, im Bewegungszustand zu verharren. Und wieder
sind actio und reactio einander gleich 3T: der bewegte Körper20

20 Die Definitio III der Principia lautet: Materiae vis insita est po­
tentia resistendi, qua corpus unumquodque, quantum in se est. perseverat
in statu suo vel quiescendi vel movenli uniformiter in directum... vis
insita etiam nomine significantissimo vis inertiae dici possit. Exercet vero
corpus hanc vim solummodo in mutatione status sui per vim aliam in
se impressam facta; estque exercitium illud sub diverso respectu ct resi­
stentia et impetus: resistentia quatenus corpus ad conservandum statum
suum reluctatur vi impressae, impetus quatenus corpus idem vi resistentis
obstaculi difficulter cedendo conatur statum obstaculi illius mutare. Vul­
gus resistentiam quiescentibus et impetum moventibus tribuit, sed motus
et quies, uti vulgo concipiuntur, respectu solo distinguuntur, neque sem-
per vere quiescunt quae vulgo tamquam quiescentia spectantur. Es ist
wohl überflüssig zu sagen, dass « impetus » hier in allgemeinem Sinn als
Stoss oder Wucht verstanden ist. und nicht den scholastischen impetus
bedeutet. Der Ausdruck begegnet bei Newton (und bei andern, vgl. unten
Anm. 37) oft in dieser allgemeinen und unbestimmten Bedeutung. —
Wir fügen noch den Kommentar hinzu, den die beiden Franziskaner Th.
Le Seur und F. Jacquier in der Ausgabe Genf 1739 zu dieser Definition
gegeben haben ... Vis illa inertiae eadem est in corporibus motis et
quiescentibus: tam enim resistunt corpora actioni qua a quiete ad motum
concitantur quam actioni qua a motu ad quietem reducuntur. Eadem
quippe vis requiritur ad motum datum producendum et ad eundem
extinguendum.
,T Vgl. oben S. 73 ff.
144 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

leistet dieselbe Arbeit (in umgekehrter Richtung), die erfor­


derlich ist, um ihn zur Ruhe zu bringen. Eine Kanonenkugel
etwa, die von einer Mauer zum Stillstand gebracht wird, zer­
trümmert die Mauer kraft ihrer Trägheit, d. h. kraft ihres
Bestrebens im Bewegungszustand zu verharren. Diese Fähig­
keit des bewegten Körpers Arbeit zu leisten, pflegt man aber
als kinetische Energie zu bezeichnen. Kinetische Energie und
Trägheit sind also in der Tat identisch. Daraus folgt aber, dass
von einer Analogie zwischen impetus und kinetischer Energie
keine Rede sein kann. Es handelt sich vielmehr buchstäblich um
konträr entgegengesetzte Begriffe, denn die kinetische Energie
meint genau dasjenige gegenständliche Moment, das nach mit­
telalterlicher Auffassung den impetus zerstört.
Aber ausser dieser vermeintlichen Parallelität in der phy­
sikalischen Bedeutung sollte auch eine gewisse quantitative
Aequivalenz zwischen impetus und lebendiger Kraft bestehen.
Es ist bekannt, dass das Problem der quantitativen Bestimmung
dieser letzteren im 17. Jahrhundert eine grosse Rolle gespielt
hat. Im sogenannten Streit um das Kräftemass ging es eben
um die Frage, wie die der Inertialbewegung eigentümliche ki­
netische Energie zu messen sei. Darüber, dass sie proportional
der Masse des bewegten Körpers ist, war man sich einig; strit­
tig blieb nur die Art der Abhängigkeit von der Geschwindig­
keit. Galilei und ebenso Descartes wollten eine einfache Pro­
portionalität annehmen (k —m.v, wo k die kinetische Energie,
m die Masse und v die Geschwindigkeit bedeuten soll) ; Leibniz
dagegen postulierte eine Abhängigkeit vom Quadrat der Ge­
schwindigkeit (k = ^ m .v a). Die letztere Ansicht wurde dann in
der Folge als die richtige erkannt, aber erst nach langen Dis­
kussionen.
Duhem glaubte nun, dass der scholastische impetus auch
proportional dem Produkt aus Masse und Geschwindigkeit ge­
dacht worden sei, also in derselben Weise, in der Galilei und
Descartes das Kräftemass angenommen hatten. Aber auch das
stimmt nicht. Richtig ist, dass der impetus proportional der
Masse, oder der « quantitas materiae » wie die Scholastik sagte,
gesetzt wurde. Ein Stein etwa fliegt weiter als eine Feder,
weil er mehr Masse enthält, und darum mehr impetus aufneh­
men kann. Es ist ein Sonderfall der allgemein geläufigen An­
nahme, dass die Kraftkapazität eines Körpers von seiner quan-
IMPETUSTHEORIE UND TRÄGHEITSPRINZIP 145

titas materiae abhängt 2‘. Ferner ist richtig, dass die Grösse
des impetus irgendwie von der Geschwindigkeit abhängen soll,
mit der das proiectum im Moment der Trennung bewegt wird,
und dass umgekehrt die Geschwindigkeit des proiectum se­
paratum gleichfalls irgendwie von der Stärke des impetus ab­
hängt. Also eine funktionelle Abhängigkeit zwischen impetus
und Geschwindigkeit besteht schon. Es fragt sich nur, genau
wie im klassischen Streit um das Kräftemass, welcher Art von
Abhängigkeit hier anzunehmen ist. Darauf kommt alles an.
Duhcm selbst hat betont, dass in den einschlägigen Stellen bei
Buridan und seinen Nachfolgern niemals ausdrücklich gesagt
wird, was für eine Abhängigkeit vorausgesetzt wird. Er nimmt
jedoch an, sie sei als einfache Proportionalität gedacht wor­
den, und schliesst eben daraus, dass die physikalische Dimen­
sion des impetus dieselbe gewesen sei, die Galilei und Descartes
ihrem « momento» und ihrer « quantite du movement » zu­
geschrieben hatten. Aber diese Annahme ist unberechtigt.
Zunächst ist zweierlei zu unterscheiden, nämlich die Be­
ziehung zwischen impetus und Geschwindigkeit im Moment
der Trennung von proiciens und proiectum, d.h. im Entstehungs­
moment des impetus, und die Beziehung zwischen impetus und
Geschwindigkeit nach der Trennung. Die Angaben in unseren
scholastischen Texten beziehen sich nur auf den ersten Fall:
motor movendo mobile imprimit sibi quendam impetum... et
quanto motor movet illud mobile velocius tanto imprimet ei
fortiorem impetum 2*; movens imprimit moto non solum motum
sed communiter aliquem impetum... et quanto est motus ve­
locior, tanto etiam fit ille impetus intensior 30; usw. Vermutlich
ist in diesem Fall wirklich an eine einfache Proportionalität
gedacht. Aber für einen Vergleich mit der kinetischen Energie
kommt natürlich nur die zweite Phase in Betracht: die Be­
ziehung zwischen impetus und Geschwindigkeit in dem frei
fliegenden proiectum. Und über diese Beziehung brauchten
Buridan und seine Schüler sich nicht ausdrücklich zu äussern,
denn sie fällt sebstverständlich unter die allgemeinen Gesetze,
die die Abhängigkeit zwischen bewegender Kraft, Widerstand

m Vgl. oben S. 50 ff.


*• Buridan. Phy*. VIII qu. 12.
>9 Buridan, De caelo. III, qu. 2.
14« M ATHEM ATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

und Geschwindigkeit regeln, und die ffir eins 14. Jahrhundert


in der Bradwardine’schen Funktion ihren gültigen Ausdruck
gefunden hatteni l . Danach ist die Geschwindigkeit, modern
ausgedrürkt, bestimmt durch den Logarithmus des Quotienten
von impetus und Widerstand, bezw. von impetus und Masse,
wenn wir von allen übrigen Widerständen abschcn wollen. Um­
gekehrt wäre der impetus durch die Formel m.aTauszudrücken,
wobei a eine beliebige Konstante ist. Das ist aber etwas total
anderes als das Kräftemass Galileis und Descartes’. Von einer
Parallele zwischen impetus und kinetischer Energie kann also
auch unter quantitativem Gesichtspunkt keine Rede sein.
Der Hauptberührungspunkt, den man zwischen der Im­
petustheorie und dem modernen Trägheitsprinzip glaubte fest­
stellen zu können, liegt aber in einem andern Moment, nämlich
in der von Buridan gemachten Annahme (die dann die Nach­
folger mit Ausnahme Alberts von Sachsen aufgegeben haben),
dass der impetus permanenter Natur ist, d. h. dass er, wenn
er nicht zerstört würde, in infinitum weiterdauern würde. Denn
damit scheint, wenn auch in anderer Formulierung und mit
anderer ontologischer Interpretation, dasselbe physikalische
Gesetz ausgesprochen zu sein, das zur Grundlage der klassi­
schen Mechanik w urde: eine von aussen nicht gestörte gleich­
förmige Bewegung würde in alle Ewigkeit fortdauern. Ist das
richtig? Man könnte zunächst einwenden, dass der Erhal­
tungssatz der modernen Physik nur für geradlinige Bewegun­
gen gilt, während Buridan auch kreisförmig wirkende impetus
anerkannt hat, die die fortdauernde Rotationsbewegung etwa
eines Schleifrades oder eines Kreisels erklären sollten : eine
Vorstellung, die an sich schon gegen den behaupteten Charak­
ter seiner Impetustheoric spricht. Doch wollen wir davon ab-
sehen und nur fragen : folgt aus Buridans Prinzip der Erhal­
tung des impetus, wenn wir es auf geradlinig wirkende im­
petus beschränken, das Prinzip der Erhaltung der Bewegung?
Würde sich auch für Buridan ein proiectum bei Ausschaltung
aller Widerstände mit konstanter Geschwindigkeit in alle Ewig­
keit weiter bewegen?
Stellen wir zunächst fest, was Buridan selbst über diesen

*> Vgl. oben Kap. 4.


IM PE T U ST H E O H IE UND TRAGHEIT8PRINZ1P 147

Punkt gesagt hat. Er hat sich nämlich in der Tat mehrfach


dazu geäussert und zwar immer anlässlich desselben Problems :
der Himmelsbewegung. Die Bewegung der Himmelssphären,
die ja von Engeln oder Intelligenzen hervorgebracht wird, ist
für die Scholastik eine Bewegung, die sich ohne irgendwelche
W iderstände vollzieht. Die Frage, wie das im einzelnen zu
denken ist, bleibt allerdings offen, nur die Tatsache als solche
gilt als feststehend. Buridan spricht nun folgende Hypothese
a u s 32: Adhuc esset ponibilis una imaginatio nescio an fatua.
Vos scitis quod multi ponunt quod proiectum post exitum a
proiciente movetur ab impetu dato a proiciente et movetur
quamdiu durat impetus fortior quam resistentia. E t in infinitum
duraret impetus, nisi diminueretur et corrumperetur a resisten­
te contrario vel ab inclinante ad contrarium motum. Et in mo­
tibus caelestibus nullum est resistens contrarium, ideo cum in
creatione mundi Deus quamlibet sphaeram movit qua veloci­
tate voluit, ipse cessavit a movendo, et per impetum illis
sphaeris impressum semper postea duraverunt illi m o tu s33.
Ein impetus, der einer Himmelssphaere als bewegende
Kraft mitgeteilt wäre, wäre also nicht nur selbst unvergäng­
lich, da nichts da ist was ihn zerstören könnte, sondern er
würde auch eine in infinitum dauernde (freilich nicht gleich-

»2 Metaph. XII qu. 9 (Ed. s. 1. 1518): ähnlich Phys. VIII qu. 12,
und Phys. IV qu. 9.
*3 Ein ähnlicher Gedanke war schon lange vor Buridan ausgesprochen
wordeu und w a r von Robert Kilwardby in einer Stelle, auf die M. D.
Chenu aufmerksam gemacht hat (Les reponses de S. Thom as et de Kil­
wardby ä la consullation de Jean de Verceil, in M61anges M andonnet I,
Pari» 1930. S. 191 ff.). Hier findet sich folgende Ansicht über die Ursache
der Himraclsbewegung; T ertii ponunt quod sicut corpora gravia et levia
moventur a propriis inclinationibus ad loca ubi quiescant, sic corpora cae­
lestia sibi naturalibus inclinationibus quasi ponderibus m oventur in loco
circulariter... Unicuique enim stellae vel orbi indidit Deus inclinationem
quasi propri ponderis ad motum quem peragit... Et sicut gravium pondera
et levium movent ipsa regulariter nec exorbitare perm ittunt, ita est de
ponderibus singulorum corporum caelorum et ipsis corporibus. Chenu
wollte in dieser Stelle eine erste Ahnung der Impetushypothese sehen,
aber dazu besteht eigentlich kein Anlass: die Himmelsbewegung wird
vielmehr in Analogie zur irdischen « natürlichen » Bewegung der gravia
und levia erklärt, aber von einer Parallele zur Projektionsbewegung, wie
bei Buridan, ist noch keine Rede. Gott hat den Himmeln oder den
Sternen ein « pondus », aber keinen « impetus » mitgeteilt.

i
f
V
148 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCH! FRAGESTELLUNGEN

förmige, sondern kreisförmige) Bewegung hervorbringen. Für


die Vorginge in den überirdischen Regionen nimmt Buridan
also tatsächlich ein ungefähres Analogon zum Gesetz von der
Erhaltung der Bewegung an. Dürfen wir nun aber daraus
schliessen, dass auch im Bereich des irdischen Geschehens ein
impetus, dem keine Widerstände entgegenwirkten, unvergäng­
lich wäre und dass er eine unendlich dauernde Bewegung her­
vorbringen würde? Dass er unvergänglich wäre, ohne Wei­
teres. Aber daraus folgt keineswegs, dass er auch eine in in­
finitum dauernde Bewegung hervorbringen würde. Eine Kraft,
der kein Widerstand entgegenwirkt, würde vielmehr nach den
Vorstellungen der Scholastik überhaupt keine Bewegung er­
zeugen M, andererseits liegt es aber in der Natur des impetus
als einer künstlich und gewaltsam dem mobile aufgedrängten
Bewegungskraft, dass er in der Ueberwindung der Wider­
stände sich verbraucht. Anders gesag t: der impetus wird durch
dieselben Widerstände, die zum Zustandekommen einer Be­
wegung unerlässlich sind, allmählich zerstört.
Aber auch wenn wir von diesen spezifisch scholastischen
Voraussetzungen absehen und das Problem von einem allge­
meineren Standpunkt betrachten, ist das Ergebnis dasselbe. Es
gibt in der Inertialbewegung ein Moment, von dem man schlech­
terdings nicht abstrahieren kann, und das ist die Trägheit des
bewegten Massenpunktes. Man kann von äusseren Hindernis­
sen und Kräften absehen, aber nicht von der Masse des pro-
iectum. Und der Unterschied zwischen scholastischer und klas­
sischer Mechanik ist eben der, dass diese Trägheit von der
letzteren als der eigentliche bewegungserhaltende Faktor auf­
gefasst wird, von der ersteren dagegen als Widerstand gegen
diese Bewegung und den sie verursachenden impetus. Und die­
ser Widerstand, der in der Tat unter keinen Umständen aus­
geschaltet werden kann, zerstört mit Notwendigkeit den im­
petus. Es gibt also gar keinen Ausweg : die Möglichkeit einer
in infinitum dauernden gleichförmigen Bewegung des proiec-
tum ist vom Standpunkt der Impetustheorie aus grundsätzlich
ausgeschlossen.
Buridan hat mit gutem Grund nur von den Himmelsbe­
wegungen gesprochen,wo eben, wie gesagt, für die Scholastik

»« Vgl. Oben S. 66 K.
IM PETU STHEORIE UNI) TRAGHEITSPRINZIP 149

ein Fall vorlag, in dem auf besondere Weise eine widerstands­


lose Bewegung möglich sein sollte. Eine analoge Anwendung auf
die irdische Mechanik zu machen ist ihm nicht eingefallen und
konnte ihm nicht cinfallen. Davon also, dass Buridan das phy­
sikalische Gesetz von der Erhaltung der Inertialbewegung als
solches entdeckt und es nur metaphysisch anders gedeutet habe
als die Folgezeit, ist gar keine Rede.
Es bleibt noch ein letzter Punkt zu klären, nämlich die
Frage, aus welchen Beweggründen im 17. Jahrhundert eigent­
lich die Impetustheoric aufgegeben und durch das Prinzip der
Inertialbewegung ersetzt worden ist. Auch hier sind die wirk­
lichen Zusammenhänge oft missverstanden worden. Mit der
im klassischen Jahrhundert erfolgenden grundsätzlich-metaphy­
sischen Umstellung, die die scholastischen Formen und Quali­
täten durch eine rein mechanistische Naturerklärung ersetzen
wollte, hat der Uebergang von der Impetustheorie zur Mecha­
nik des Trägheitsprinzips nicht das Mindeste zu tun 3\ Was
die mechanistische Naturphilosophie abschaffen wollte, waren die
Qualitäten als Kausalfaktoren im physischen Geschehniszusam­
menhang und die Finalursachen 3‘, aber nicht die mechanischen

*6 R. Masi (Nota stilla storia dei principio d'inerzia, Rivista di filo-


sofia ncoscolastica 40. 1948. S. 121 ff.) hat diese Vermutung ausgesprochen,
und zwar gegen unsere in 11 vertretene Auffassung der ImpetustheoTie.
Wir können nicht auf die Einzelheiten eingchcn, hoffen aber, dass durch
unsere hier gegebenen Ausführungen manches klar gestellt wird.
3« Man wollte, anders ausgedrückt, die Kräfte ausschalten, die mit
einer final bestimmten Kausalität wirken: einerseits die alterativen Qua­
litäten (Wärme, Kalte usw.), denen eine assimilierende Kausalität zuge-
schricbcn wurde, die die Späteren gern mit Finalkausalität verwechselt
haben, und andererseits die « natürlichen Orte » und die ihnen korrespon­
dierenden « natürlichen » Bewegungstendenzen (gravitas und levitas). Die
materiale Umbildung des Weltbildes durch die mechanistische Philosophie
(vgl. hierzu unsere Untersuchung Die Mechanisierung des Weltbilds im
17. Jahrhundert, Leipzig 1938), d. h. der Versuch alles qualitative Sein
und Geschehen in der Welt auf die Bewegungen der letzten, sich nur
durch Grösse und Gestalt unterscheidenden Körperpartikel zurückzuführen,
trifft die eigentliche Physik und Mechanik sonst nicht. Tatsächlich ist im
17. Jahrhundert der Bereich der makroskopischen und der mikroskopi­
schen Naturerklärung immer scharf auseinander gehalten worden. Man
wusste sehr wohl, dass die letztere « noch » rein spekulativer N atur war
und sich in keiner Weise an der Erfahrung verifizieren liess. während in
der erstcren. der sogenannten «, philosophia experimentalis » für Hypothe-
150 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Bewegungskräfte. Der einzige, der den Versuch machte ohne


solche auszukommen, war Descartes, aber dieser Versuch wurde
schon von seinen Zeitgenossen als gescheitert angesehen. Die
grosse Mehrzahl der Philosophen und Physiker des 17. Jahr­
hunderts hat ohne weiteres Bewegungskräfte zugelassen, und
zwar Bewegungskräfte die grundsätzlich durchaus denselben
kategorialen Charakter haben wie die scholastischen vires mo-
trices und sich nur in ihrer physikalischen Bestimmung von
ihnen unterscheiden. Denn die mechanischen Kräfte, die das
17. Jahrhundert kennt und anerkennt, sind genau so wie die der
Scholastik qualitätsartige Akzidentien, die gewisse mechanische
Kausalwirkungn hervorbringen können, nur dass diese Kausal­
wirkungen jetzt nicht mehr Bewegungen mit konstanter Ge­
schwindigkeit sondern nur noch Bewegungsänderungen sind.
Der Unterschied gegenüber der Scholastik ist lediglich der, dass
man die Bewegungskräfte eben nicht mehr als « Qualitäten »,
sondern als « causae mechanicae» angesehen und auf eine
nähere Wesensbestimmung verzichtet hat 0T. Also von diesem

sen kein Platz sein sollte: ihre Aufgabe war nach einem Wort Newtons
(am Schluss der Principia) « propositiones deducere ex phaenomenis et
reddeTe generales per inductionem ». So hat sich die entstehende klassische
Physik im Ganzen ziemlich unabhängig von der gleichzeitig aufkomraen-
den mechanistischen Naturphilosophie im engeren Sinn — die ja auch
bald als Irrweg erkannt und aufgegeben wurde — entwickelt.
*T Grundsätzlich ausgeschlossen waren für das 17. Jahrhundert ledig­
lich Aitraklionskrüfte, die in der Tat als « Qualitäten » galten. Das war
ja auch der Grund, warum Newton sich nicht cntschliessen konnte, die
Gravitation durch eine allgemeine Anziehung der Massen zu erklären,
und zu seinem berühmten « Hypothese* non fingo » seine Zuflucht nahm
(in einem Scholium generale am Schluss der Principia, nachdem er vorher
ein paar hundert Seiten lang praktisch mit derartigen Attraktionskräften
gerechnet hatte). Als einwandfrei galten lediglich Kräfte, deren Wirkung
in Zug und Stoss besteht. Bezeichnend für diese Einstellung ist eine
Äusserung in Leibniz' Antibarharus physicus pro philosophia reali contra
renovationes qualitatum scholasticarum et intelligcntiaruin chimaericarum
(Phil. Schriften, ed. Gerhardt, VII S. 337 ff.; die kleine Schrift ist wahr­
scheinlich kurz nach dem Erscheinen der Principia Newtons. 1 6 8 7 . ent­
standen). Hier heisst cs: Vcrae vires corporeae non sunt nisi unius gene
ris. nempe quae per impetus impressos exercitentur, veluti cum corpus
aliquod proiectum est (dabei ist allerdings unter « impetus » nicht der
scholastische impetus verstanden, sondern lediglich die Kraft, die das proi-
ciens vor der Trennung auf das proiectum ausübt: also eine Kraft, die
IMPETUSTHEORIE UND TRÄGHEITSPRIXZIP 151

Gesichtspunkt aus bestand nicht der geringste Anlass, die Im­


petustheorie durch eine andere zu ersetzen.
Diese Wandlung erfolgte vielmehr aus demselben Grunde,
der seinerzeit die Philosophen des 14. Jahrhunderts veranlasst
hatte, an Stelle der aristotelischen Theorie die Impetuslehre zu
setzen: die traditionelle Auffassung genügte nicht mehr, um
gewisse neu beachtete Phänomene zu erklären, d. h. sie leistete
nicht mehr, was man vor allem von einer naturphilosophischen
Theorie verlangte: salvare apparentia. Seltsamerweise war nun
aber die Beobachtung, die in erster Linie zu einer Revision
der Impetustheorie führte, keine neue Entdeckung, die erst
einer experimentierenden und messenden Generation zugänglich
gewesen wäre, sondern eine Erfahrungstatsache, die die Scho­
lastik auch schon hätte konstatieren können. Es ist die Fest­
stellung, dass eine Kugel, die auf einer glatten horizontalen
Ebene in Bewegung versetzt wird, keineswegs die Tendenz zeigt
zur Ruhe zu kommen, sondern im Gegenteil die, sich immer
weiter zu bewegen. Es handelt sich hier um einen Sonderfall
der Projektionsbewegung, bei dem praktisch alle Widerstände
weitgehend ausgeschaltet sind: die Einwirkung der Schwer­
kraft fällt weg, denn die Kugel bewegt sich ja auf einer ebenen
festen Unterlage, und der Reibungswiderstand der Unterlage
kann durch geeignete Wahl des Materials gleichfalls sehr einge­
schränkt werden. Es bliebe also nur die inclinatio ad quietem
des mobile — und die Erfahrung* zeigt eben in diesem Fall,
dass diese inclinatio offenbar nicht existiert.
Das 14. Jahrhundert hat diese experientia, die ja eigentlich
im täglichen Leben leicht zu machen war, nicht beachtet, hat sie
mindestens nicht in Zusammenhang mit der Impetustheorie

ihrer Natur nach Druck- oder Stosskraft ist). Die Annahme von At­
traktionskräften dagegen — und das geht gegen Newton, dessen « Hypo­
these* non fingo » keiner seiner Zeitgenossen ernst genommen hat — ist
ein Rückfall i n b a r b a r i s m u m p h y s i c u m e t o c c u l t a s s c h o l a s t i c o r u m q u a l i ­
t a t e s . Dieser Vorwurf ist allerdings insofern unberechtigt, als die Schola
stik ja Attraktionskräflc genau so streng abgelchnt hat wie das 1 7 . Jahr­
hundert. aber er ist sehr charakteristisch für die Grundhaltung Leibniz'
und seiner Zeitgenossen: Kräfte die irgendwie tuit anziehender, assimilie­
render, final bestimmter Kausalität wirken, sind « scholastische Qualitä­
ten » und als solche abzulehnen, während Kräfte, die mit transeunter,
sozusagen treibender Kausalität wirken, ohne weiteres anerkannt werden.
152 M ATHEM ATISCH'PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

gebracht: ein Zufall, dem cs möglicherweise zuzuschreiDen ist,


dass die Spätscholastik das Trägheitsprinzip eben noch nicht
entdeckt hat
Erst Galilei hat versucht, in exakt-systematischer Form
diesen Vorgang aus der Impetustheorie zu erklären *•, aber

*• Ob eine solche Entdeckung allerdings zu einer Revision der mecha­


nischen Grundprinzipien geführt hätte, ist noch sehr die Frage. Tatsäch­
lich hatte man im 14- Jahrhundert eine andere Beobachtung gemacht,
die auch die Entdeckung des Trägheitsprinzips hatte veranlassen können,
ohne dass die entsprechenden Folgerungen daraus gezogen worden waren.
Man wusste, dass cs weniger Kraft erfordert, einen schon in Bewegung be-
findlichcn Gegenstand {etwa einen Wagen) weiter zu licwegen, als den
ruhenden in Bewegung zu setzen, was natürlich gegen die Regel ist, dass
bei gleicher Kraft und gleichem Widerstand immer die gleiche Geschwin­
digkeit erzeugt wird. Nicolaus von Oresmc löst diese Schwierigkeit folgen
dermassen (De caelo qu. 31, Ampi. Qu. 299 fol. 32’): Alia opinio est quae
supponit quod facilius est continuare motum quam incipere et addere
ad velocitatem quam eam incipere... Im probatur primo quia non est ibi
proprie augmentum potentiae nec diminutio resistentiae, ergo semper
manet eadem velocitas... Item probatur quod ceteris paribus non sit diffi­
cilius incipere motum quam continuare. Arguo sic. Quilibet excessus super
resistentiam qui sufficit continuare, sufficit incipere motum, ergo non
est difficilius etc. Quod probatur, quia vel est in infinitum difficilius, et
hoc non. quia tunc requireretur infinita virtus vel infinitus excessus ad
incipiendum. Si sit difficilius solum finite, sit ergo in duplo, et sit A exces­
sus qui sufficit incipere, ergo quarta pars A sufficit continuare, quia quis­
cumque excessus sufficit ad continuandum, ut posset demonstrari et dic­
tum est primo huius, ergo secunda pars ipsius A, quae est dupla ad quar­
tam sufficit incipere, quia solum est duplo difficilius. Et eodem modo
argueretur si poneretur quod esset quadruplo difficilius aut centuplo aut
quolibet. Ergo sequitur quod quiscumquc excessus sufficit incipere motum
sicut continuare etc. Denselben Beweis finden wir bei Albert von Sachsen,
der ihn jedenfalls von Oresme übernommen hat (De caelo 1 qu. 14 art. 1).
Das Ganze ist ein anschauliches Beispiel für eine der später so berüchtig­
ten « calculationes ». mit denen gelegentlich Erfahrungstatsachen, die un­
bequem waren, einfach aus der Welt kalkuliert wurden. Vielleicht wäre
es der experientia von der rollenden Kugel, wenn man sie beachtet hätte,
auch so gegangen.
Er war nicht der erste, der auf das Phänomen aufmerksam gewor­
den is t: dieses Verdienst scheint Nicolaus Cusanus zu gebühren (in De
ludo globi, Opera I, Basel 1625. S. 123). Aber er versucht keine mecha­
nische Erklärung, sondern beschränkt sich auf eine neu-platonisch ge­
färbte philosophische Begründung: die Kugel kommt nicht zur Ruhe,
weil ihr infolge ihrer rotunditas ein motus rotundus (das heisst jedenfalls:
die Bewegung auf einer Kugelfläche mit dem Erdmittelpunkt als Zentrum,
sgl. die übernächste Anm.) « natürlich » ist. Gewaltsame Bewegungen, die
IM PE TU ST H E O R IE UND TRAGHEITSPRINZIP 153

dieser Versuch führte, wie cs nicht anders möglich war, zu


einer tatsächlichen, zunächst noch impliziten Aufgabe der Im-
petustheoric. Seine Erklärung ist folgende40: ein schwerer
Körper hat eine natürliche Neigung für die Bewegung zum
Erdmittelpunkt hin und eine Abneigung gegen die entgegenge­
setzte. Einer Bewegung gegenüber, die weder das eine noch
das andere ist, verhält er sich indifferent. Wenn also eine Kugel
auf einer horizontalen 41 Fläche in Bewegung versetzt wird,
und wenn von allen zufälligen und äusseren Hindernissen
abgesehen wird, so besteht gar kein Anlass, warum der die
Kugel bewegende impetus verringert oder zerstört werden soll:
die Bewegung wird also in infinitum weiter dauern. Von dem
natürlichen Bestreben des Körpers in die Ruhelage zurückzu­
kehren, das nach der Auffassung der genuinen Impetustheorie
den impetus zerstört, ist mit keinem W ort die Rede.
Galilei hält also zwar noch an dem scholastischen Impetus­
begriff fest, d. h. er nimmt an, dass die Bewegung von einer
dem motum inhärierenden Kraft verursacht wird, aber er gibt
das scholastische Trägheitsprinzip a u f: der Körper hat keine
inclinatio ad quietem mehr, sondern lässt sich ohne Widerstand
zu leisten gleichförmig weiter bewegen. Das heisst aber ganz
einfach: der bewegte Körper hat die natürliche Tendenz, in
diesem Bewegungszustand zu verharren (denn wenn er sie nicht
hätte, würde er Widerstand leisten). Das ist aber nichts anderes
als das Tägheitsprinzip der klassischen Mechanik, mindestens
in der einen möglichen Formulierung. Die andere, korrespon­
dierende : dass eine solche Bewegung keine bewegende Kraft
erfordert, sondern sich von selber erhält, hat Galilei noch

von einem impetus verursacht sind, erlöschen dagegen impetu qui impres­
sus est deficiente, denn auch für Cusanus dauert der impetus nur eine
bexhränktc Zeit und erlischt dann von selbst.
«9 Sie findet sich sowohl im Dialogo sopra i due massimi sistemi del
mondo (Opere, Ed. Nazionalc. V ll S. 172 ff.) wie in den Discorsi intorao
a due nuove sticn/c (VIII, S. 268. S. 336 u. ft.). Wir haben diese Erklä­
rung auch in II (S. 169) wiedergegeben, sic aber dort nicht ganz richtig
interpretiert, was wir mit der obigen Darstellung korrigieren möchten.
«1 Im Dialogo betont Galilei ausdrücklich, dass diese horizontale Flä­
che in Wirklichkeit nicht eine mathematische Ebene, sondern eine Kugel
flache mit dem Erdmittelpunkt als Zentrum ist; in den Discorsi fehlt
eine entsprechende Bemerkung. Auch in dieser Beziehung ist die richtige
Erkenntnis erst nach und nach durch die Erfahrung gekommen.
154 M ATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

nicht ausgesprochen, d. h. er hat noch nicht die vollen Konse­


quenzen aus seiner Erkenntnis gezogen 41. Aber auf jeden Fall
hat er den entscheidenden Schritt getan, der zur Ucbcrwindung
der Impetustheorie führte — und er hat ihn getan, indem er
eine Erfahrungstatsache zu deuten suchte, die das 14. Jahrhun­
dert übersehen hatte.
Darum noch einmal: der Uebcrgang von der Impetustheo­
rie zum Prinzip der Inertialbewcgung hat nichts zu tun mit
irgendwelchen weltanschaulichen Wandlungen, es wird einfach
eine physikalische Theorie durch eine andere ersetzt, die den
zu erklärenden Phänomenen besser gerecht wird. Und dieser
Uebcrgang vollzieht sich in ganz analoger Weise wie der
entsprechende im 14. Jahrhundert: hier und dort hat man zu­
nächst durchaus die Absicht, bei der traditionellen Erklärung
zu bleiben und will diese nur in Einzelheiten modifizieren, um
gewisse apparentia zu retten. Aber diese Einzelheiten, so stellt
sich nachträglich heraus, sind von so fundamentaler Bedeutung,
dass sie das ganze alte Gebäude zum Einsturz bringen. Im
14. Jahrhundert bezog sich die Korrektur auf das « subiectum »
der bewegenden Kraft, im 17. auf die Rolle der vis inertiae
— und in beiden Fällen wurde mit diesen anscheinend gering­
fügigen Modifikationen eine neue Epoche in der Geschichte des
physikalischen Denkens eingeleitet.
Lassen wir doch Galilei und seinen Zeitgenossen den
Ruhm, als erste das Incrtinlprinzip gefunden und damit Wege
eröffnet zu haben, von denen die Jahrhunderte vor ihnen noch
keine Ahnung hatten; wir nehmen damit unsem scholastischen
Natuphilosophen nichts von ihren Verdiensten. Denn das, was
sie gegeben haben, war auch etwas Neues und Grosses, und
etwas das für ihre Zeit genau dieselbe Bedeutung hatte wie die
Entdeckung des Trägheitsprinzips für die folgende Epoche.

42 Es ist ja bekannt, dass die klassische Formulierung des Trägheits-


prin/ips nicht von Galilei, sondern im Kreis Dcscartcs' zum ersten Mal
ausgesprochen wurde.

A r
7.
KONTINUUM. MINIMA UND AKTUELL UNENDLIC HES

Das Problem des Kontinuums ist für alle Zeiten, von Zeno
dem Eleaten an bis zur modernen Physik und Mathematik und
den ontologischen Bemühungen der f»egenwart um die Kate­
gorien und Antinomien der Wirklichkeit, das Rätsel gewesen,
an dem sich die Problematik des Unendlichen in ihrer eindring­
lichsten und augenfälligsten Form präsentiert. Es ist darum
kein Wunder, dass die Frage nach dem Wesen und der Struk­
tur des Kontinuums, sei es des mathematischen, sei es des
physisch-materiellen, in jeder höher entwickelten Philosophie
starkes Interesse gefunden hat. Das gilt nicht nur, wie allgemein
bekannt ist, für die Philosophie des Altertums und die der
Neuzeit — von Nicolaus Cusanus an —, es gilt auch, was im
allgmeinen ignoriert zu werden pflegt, für die Scholastik des
13. und 14. Jahrhunderts, deren Leistungen auf diesem Gebiet
durchaus nicht zu unterschätzen sind. Sie hat nicht nur eine
ganze Reihe der « Paradoxien des L:nendlichen », die sich im
Phänomen des Kontinuums manifestieren, richtig gesehen, oder
hat andererseits die verschiedenartigsten Möglichkeiten einer
atomistischen Struktur der physischen Kontinuen erwogen, sie
hat sogar in mehr als einem Fall Lösungen gefunden, die dann
Jahrhunderte später als richtig erkannt wurden.
Der Ausgangspunkt ist für die Scholastik, im Anschluss
an Aristoteles1, die Frage nach der realen Existenz des Unend­
lichen. Es handelt sich dabei nicht um das mathematisch Unend­
liche — das ohne weiteres anerkannt wird — sondern um das
physische. Ist in der Welt ein unendlich Grosses oder ein
unendlich Kleines irgendwie realisiert? Und zwar gibt es hier
eine doppelte Ausprägung : die Realisierung ist denkbar in kon-*

* Phjra. III. cap. 5-8.

Jk v
156 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

tinuierlichen und diskreten Grössen, in magnitudines und in


multitudines oder numeri. Die Lösung des Problems fliesst aus
zwei Postulaten, die die Natur der Materie betreffen und die
zu den prinzipiellen Voraussetzungen der aristotelischen Me­
taphysik gehören. Es ist einmal die Annahme von der Endlich­
keit der in der Welt vorhandenen ersten Materie und zweitens
der Grundsatz von der kontinuierlichen, nicht-atomistischen
Struktur dieser Materie. Die materia prima als solche ist un­
begrenzt teilbar, oder richtiger: es liegt in ihr kein Hindernis
für eine immer weiter gehende Teilung.
Aus diesen beiden Voraussetzungen folgt die aristotelische
Antwort: es gibt keine unendlich grossen magnitudines, denn
die Welt ist endlich, aber es gibt unendlich kleine: jedes quan­
tum continuum kann unbegrenzt weiter geteilt werden. Bei den
diskreten Grössen, den numeri, dagegen ist es umgekehrt. Wie­
der handelt es sich nicht um die mathematische Zahl, sondern
um die konkrete Anzahl, d. h. um die Reihe der ganzen Zahlen.
So gibt es keine unendlich kleine Anzahl — die Null wird nicht
als Zahl angesehen —, wohl aber eine unendlich grosse, ent­
sprechend den unendlich kleinen magnitudines, die bei fort­
laufender Teilung des Kontinuums entstehen und deren Anzahl
natürlich unendlich gross wird.
Wir haben also auf der einen Seite die nach oben unend­
liche, nach unten begrenzte Zahlenreihe, auf der andern das
nach oben beschränkte, aber unendlich teilbare Kontinuum.
Freilich ist dieses « unendlich » — das unendlich Grosse (in­
finitum per appositionem) der numeri einer-, das unendlich Klei­
ne (infinitum per divisionem) der magnitudines andererseits —
für Aristoteles kein aktuell Unendliches, sondern ein potentiel­
les, und zwar ein potentielles, das nur in einem nie endenden,
sukzessiven Prozess in Akt übergeführt werden kann. So wächst
die Zahlenreihe ins Unendliche, ohne dieses Unendliche jemals
wirklich zu erreichen, und so geht die Teilung des Kontinuums
ins unendlich Kleine, ohne jemals in letzten unendlich kleinen
magnitudines ihr Ende zu finden. Es ist, modern ausgedrückt,
die unendliche oder infinitesimale Grösse nicht im Sinn des
Transfiniten, sondern des Indefiniten : eine veränderliche Grösse,
die gegen Null oder gegen Unendlich geht, aber immer endlich
bleibt; oder es ist, um mit Aristoteles zu sprechen, eine Potenz,
die successive zu Akt wird, aber niemals simul Akt is t; oder
DAS PROBLEM DES KONTINUUM S 157

es ist schliesslich, wie die Scholastik mit einem glücklichen


Ausdruck die aristotelischen Begriffe formuliert hat, nicht ein
infinitum in facto esse, sondern ein infinitum in fieri *.
Die Scholastik hat überhaupt durch eine Reihe treffender
Formulierungen und Definitionen die aristotelischen Begriffe zu
präzisieren gewusst. So hat sie namentlich den Unterschied
zwischen der aktuell unendlichen bezw. infinitesimalen Grösse
und der Grösse, die über alle Grenzen wächst bezw. sich der
Null nähert, klar herausgestellt und hat richtig gesehen, dass
das Wesen des infinitum in fieri darin liegt, dass es ein b e ­
l i e b i g Grosses oder b e l i e b i g Kleines is t: während das
infinitum in facto esse soviel heissen soll wie « tantum quod non
maius » (quoad continua), bezw. « tot quod non plura » (quoad
discreta), bedeutet das infinitum in fieri « non tantum quin
maius » bezw. « non tot quin plura »; und umgekehrt das ak­
tuell unendlich Kleine: wita parvum quod non minus », das po­
tentielle : « non ita parvum quin minus »». Unendlich — das
« unendlich », das allein in Betracht kommt — heisst also: be­
liebig gross bezw. beliebig klein, aber niemals so gross oder
so klein, dass nicht noch ein grösserer oder ein kleinerer Wert
existierte.
Der Punkt, das schlechthin Ausdehnungslose oder das
simpliciter indivisibile, wird von Aristoteles nicht als Grösse

2 Noch mit einem weiteren Gegensatzpaar wird der Unterschied von


aktuell und potentiell unendlich bezeichnet: infinitum categorematice et
syncategorematice sumptum. Das Begriffspaar stammt aus der Logik der
cxponibilia. In calegorematischcm Sinn wird ein Bestimmungswort gc
braucht, wenn es an der Stelle des Prädikats (oder auch: hinter dem
Nomen) steht, in syncategorcmutischem, wenn es an der Stelle des Sub­
jekts (oder vor dem Nomen) seinen Platz hat. Und es ist nichts weiter
als eine terminologische Festsetzung, dass der categorematische Gebrauch
dem Bestimmungswort « unendlich » die Bedeutung des infintum in actu.
der syncategorematische die Bedeutung des infinitum in potentia verleiht.
Infiniti homines erunt würde also heissen: es wird potentiell unendlich
viele Menschen gehen, d. h. non tot quin plures; homines infiniti sunt,
oder homines sunt infiniti dagegen: es gibt aktuell unendlich viele Men­
schen. Schliesslich ein letzter Gesichtspunkt: eine Linie z. B. kann in
sensu diviso in unendlich viel Punkten geschnitten werden, nicht aber
in sensu composito\ d. h. sie kann in jedem beliebigen ihrer unendlich
vielen Punkte, aber sic kann nicht (zugleich) in allen geschnitten werden.
Das infinitum in sensu diviso entspricht also dem potentiell, das infini­
tum in sensu composito dem aktuell Unendlichen.
158 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

angesehen, so wenig wie die Null als Zahl betrachtet wird: er


ist für ihn weder endlich noch unendlich, sondern fällt über­
haupt nicht unter den Massbegriff \ Seine Realität ist von
Aristoteles nirgends ausdrücklich bestritten und oft implicite
anerkannt worden. Aber jedenfalls bedeutet er für ihn kein
aktuell unendlich Kleines.
So kommt es, dass das Problem der Teilbarkeit des Kon­
tinuums, das durch die Feststellungen über das Unendliche
eigentlich schon erledigt scheint, noch einmal unter anderem
Gesichtspunkt aufgerollt wird. Aristoteles stellt zu Beginn des
6. Buchs seiner Physik die Frage nach der Struktur des Kon­
tinuums : ist es unendlich teilbar in dem Sinn, dass jeder noch
so kleine Teil immer wieder ins Unendliche teilbar ist — besteht
es also aus semper divisibilia? Oder findet die Teilbarkeit im
Unendlichen ein Ende, besteht das Kontinuum aus indivisibilia,
aus Punkten? Es ist das ein neues Problem gegenüber den
vorangegangenen Erörterungen über das Unendliche, denn die
Punkte sind ja keine unendlich kleinen magnitudines, sondern
sind etwas schlechthin Ausdehnungs- und Grössenloses. Aristo­
teles entscheidet sich im ersten Sinn : das Kontinuum besteht
nicht aus indivisibilia, sondern aus semper divisibilia; und
seine arabischen Kommentatoren haben — wie es scheint gegen
bestimmte Theorien innerhalb der arabischen Philosophie —
seine Ansicht durch eine Reihe von scharfsinnigen Argumenten
unterstrichen und illustriert.
Die Scholastik hat sich auch in dieser Fragestellung Ari­
stoteles angeschlossen. Fast alle Philosophen des 13. und viele
des 14. Jahrhunderts haben die Realität der Punkte, Linien
und Flächen anerkannt. Natürlich nicht in dem Sinn, dass in
der Natur isolierte Punkte oder isolierte Linien usw. Vorkom­
men sollen, sondern in dem, dass der Punkt als Begrenzung
der Linie, die Linie als Begrenzung der Fläche, die Fläche als
Begrenzung des Körpers konkrete Realität besitzen sollen. Und
nicht nur als so verstandene « terminantia »; den indivisibilia
kommt auch die Rolle des « continuans » zu : es gibt auch im
Innern einer Linie Punkte, im Innern einer Fläche Linien (und
damit weiterhin Punkte) usf., und zwar haben sie hier die
Funktion des potentiellen terminans, als Begrenzung der Teil-

• Phys. III cap. 4-

«UkJ»
DAS PROBLEM DES KONTINUUMS 159

linien, die potentiell in der Linie enthalten sind. Das gilt na­
türlich auch für beliebig kleine Teillinien. Mit andern Worten:
das Kontinuum, das ja potentiell unendlich viel Teile enthält,
enthält jedenfalls .auch unendlich viel Punkte. Die Frage ist
nun aber die, ob es nur Punkte enthält, d. h. ob es aus Punkten
besteht — utrum componitur ex punctis — und umgekehrt in
Punkte zerlegt werden kann *.
Das Problem wird auch von denen erörtert, die den indi­
visibilia jegliche konkrete Realität absprechen und ihnen nur
eine ideelle, mathematische lassen wollen: den Nominalisten.
Man formuliert die Frage nur etwas anders: gesetzt, es gäbe
realiter Punkte, die im strengen Sinn unteilbar, d. h. ausdeh­
nungslos sind, würde dann das Kontinuum aus Punkten be-
stehn ?
Die meisten Philosophen des 13. und 14. Jahrhunderts
haben mit Aristoteles die Frage verneint und haben angenom­
men, dass das Kontinuum buchstäblich ins Unendliche teilbar
sei, dass es also aus semper divisibilia und nicht aus indivisi­
bilia bestehe. Vertreter dieser Auffassung sind z. B. Roger
Bacon, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Siger von Bra­
bant, Aegidius Romanus, Richard von Mediavilla, Duns Scotus,
Walter Burlaeus, Wilhelm von Ockham, Johannes Buridan und
seine Schule (Nicolaus von Orcsme *, Albert von Sachsen, Mar-
silius von Inghen) — um nur die hervorragendsten Namen zu
nennen. Die Lehre selbst hat sich gegenüber der aristotelischen
wenig verändert und sich jedenfalls nicht in grundsätzlich be­
deutsamer Weise weiter entwickelt. Sie wird mit dem fort-

* Die Frage wird in gleicher Weise für die sukzessiven Koni innen
wie Zeit und Bewegung gestellt: besteht die Zeit aus unteilbaren instantia,
d. h. dauerlosen Augenblicken, die Bewegung aus unheilbaren mutata esse,
oder sind beide unbegrenzt teilbar? Aristoteles leitet ja die Kontinuität
der Zeit aus der der Bewegung und die letztere aus der des räumlichen
Kontinuums ab. sodass die Probleme und Resultate sich ohne weiter«
von diesem auf jene übertragen lassen.
s Toutz maihematiciens supposent que toutz corps et toute quantite
continue est divisible sens fin et que nulle teile quantite ne est composee
de clioses indivisibles: so schreibt Nicolaus von Oresme in seinem 1377
entstandenen Trait* du ciel et du monde (livre III. chap. 2. Paris Bibi.
Nat. fonds fran^. 1083 fol. 97). Orcsme ist allerdings nicht ganz konse­
quent gewesen: in anderm Zusammenhang arbeitet er. wie wir gesehen
haben, mit der Fiktion, als ob die Kontinuen aus indivisibilia aufgebaut
seien (vgl. ob. S. 124).

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160 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

schreitenden 14. Jahrhundert immer mehr im logisch-logisti-


schcn Stil der Zeit formuliert, aber der sachliche Gehalt bleibt
derselbe. Nuancen im einzelnen linden sich natürlich, von denen
eine erwähnt sei: die Scholastik ist in der Art, wie sie sich die
ins Unendliche gehende Teilung des Kontinuums vorstellt, einen
Schritt über Aristoteles hinausgegangen. Dieser hatte den Pro­
zess auf eine fortgesetzte Halbierung beschränkt, während die
Scholastik allgemein eine divisio secundum partes proportiona­
les — das ist der terminus technicus — mit beliebiger Pro­
portion zulässt. Die Teilung kann etwa so gedacht werden,
dass zunächst das Ganze und dann weiterhin jeder entstehende
Teil nicht nur halbiert, sondern nach Belieben in Drittel, Viertel,
Zehntel, Tausendstel zerlegt wird. Aber abgesehen von solchen
mehr formalen Fortbildungen ist die Theorie von der compositio
continui immer die aristotelische geblieben.
Interessanter sind, wie immer, die Ausnahmen. Denn cs
ist auch vorgekommen, dass die aristotelische Auffassung ab-
gclehnt und die compositio ex indivisibilibus gelehrt wurde. Und
zwar begegnet diese Theorie in doppelter Form, von denen die
eine, unter Berufung auf Aristoteles, auf Plato, die andere auf
Demokrit zurückgeführt wird. Die « platonische » Lehre lässt
das körperliche Kontinuum aus Flächen, die Fläche aus Linien,
die Linie aus Punkten — und damit letzten Endes alle Konti-
nuen aus Punkten — bestehen. Nach der « demokritischen »
Auffassung dagegen soll das körperliche Kontinuum aus letzten
unteilbaren Körpern, die Fläche aus unteilbaren Flächen, die
Linie aus unteilbaien Linien: kurz, jedes Kontinuum aus Kon-
tinuen oder magnitudines derselben Spezies wie das Ganze auf­
gebaut sein •. Diese magnitudines sind auch « indivisibiles »,•

• Thomas Bradwardine nennt in einem Tractatus de continuo, den


M. Curt/c in einer Thorner Handschrift entdeckt hatte (vgl. Zeit
schrift für Mathematik und Physik, XIII, 1868. S. 85 ff.) und von dem
E. Stamm eine weitere Handschrift in Erfurt gefunden hat (Isis, XXVI,
1936-37. S. ljff.: die Hs. findet sich in Ampi. Qu. 386: fol. 17-48) die
verschiedenen Ansichten über die compositio continui und ihre Vertreter,
soweit sie ihm bekannt waren. Da uns keine der beiden Hss. zugänglich
war, müssen wir uns an die Zitate halten, die sich bei den genannten
Autoren finden, besonders in ausführlicher Form bei Stamm. Danach hat
Bradwardine folgende Möglichkeiten gekannt, das Kontinuum aus indi­
visibilia aufzubauen; entweder mit Demokrit aus unteilbaren Körpern oder
DAS PROBLEM DES KONTINUUMS 161

aber in anderem Sinn als die Punkte; sie sind nicht schlecht­
hin ausdehnungslos, sondern sie sind quantitativ nicht weiter
teilbar T. Häufig werden sie einfach als Atome bezeichnet, unter
willkürlicher Erweiterung der ursprünglichen Bedeutung des
Begriffs, gelegentlich heissen sie auch minima
Die Ansicht, dass das Kontinuum aus Punkten bestehe,
also die sogenannte platonische Fassung der Lehre, klingt
vereinzelt schon im 13. Jahrhundert an • und begegnet dann
mehrfach im 14. : bei Heinrich von Harclay, Geraldus Odonis
O. F. M. und Nicolaus von Autrccourt,0.

atoma (er erkennt al>cr richtig, dass die genuine Dcmokrit'schc Lehre
anders zu verstehen ist: non tamen est verisimile quod tantus philosophus
posuit aliquod corpus indivisibile..., sed forte per corpora indivisibilia
intellexit paries substantiae indivisibiles et voluit dicere substantiam com­
poni ex substantiis indivisibilibus) oder aus Punkten. Diese letztere Lehre
zerfällt in verschiedene Untergruppen. das Kontinuum soll entweder aus
endlich viel Punkten bestehen, wie Pythagoras. Plato und Waltherus mo
demus angenommen hätten, oder aus unendlich vielen. Und hier finden
sich wieder zwei Nuancen: einmal können es unndlifh viele puncta im­
mediate coniuncta sein, und das habe Henricus modernus gelehrt, oder
puncta ad invicem mediata. Als Vertreter dieser letzten Auffassung wird
Lincof (d. h. Lincolnicnsis; Robert Grosseteste) genannt. Wer unter W al-
t e r u s m o d e r n u s und H e n r i c u s m o d e r n u s zu verstehen
ist. werden wir sehen; jedenfalls nicht, wie Stamm meint. Walter Bur-
leigh (der ausdrücklich der aristotelischen Lehre gefolgt ist) und Heinrich
von Gent, (der niemals als « modernus » hätte bezeichnet werden können).
7 Das Wort i n d i v i s i b i l e wird tatsächlich allgemein in zwei
verschiedenen und wohl unterschiedenen Bedeutungen gebraucht. Einmal
hat es den Sinn von ausdehnungslos (sine extensione), und zwar entweder
simpliciter: der Punkt, oder secundum unam dimensionem, bc/w. secundum
duas dimensiones: die Fläche oder die Linie. Die andere Bedeutung ist
unteilbar im gewöhnlichen Sinn (sine partibus, oder auch non partibile).
» So bei Duns Scotus (Op. Ox., II, dist. 2 qu. 9), denn das componi
ex minimis, das er von dem componi ex indivisibilibus unterscheidet —
er lehnt beide ab —, ist in diesem Sinn zu verstehen.
® Bradwardine nennt (vgl. Anm. 6) Robert Grossctcstc als Vertreter
dieser Auffassung, freilich mit einer Nilance, die eher besagt, dass das
Kontinuum unendlich viel Punkte enthalte — und das hat Grosseteste
sicher gelehrt (vgl. Anm. 25) —. als dass cs aus solchen bestehe. Offenbar
hat er diese letztere Frage noch gar nicht gestellt.
Walter Chatton O. F. M. hat sie gleichfalls vertreten und zwar in
quadam determinatione Oxoniensi. wie Adam Woodham berichtet (Sent.
III, dist. 14 qu. 11, Vat. lat. 1110 fol. 84); auch Gregor von Rimini zitiert
.ihn in diesem Sinn (ScnL II, dist. 2, qu. 2. art. 1). Doch scheint Chatton,
162 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Heinrich von Harclay hat sich zu der Frage in einer nicht


erhaltenen Quaestio 11 geäussert, deren Inhalt uns aber durch
die ausführliche Polemik überliefert ist, die ihr der Franziskaner
Wilhelm von Alnwick, der unmittelbar nach Harclay in Oxford
gelehrt hatte, in einer seiner um 1323 in Bologna abgehaltencn
Determinationes widmet,J. Alnwick selbst vertritt übrigens im
Anschluss an Duns Scolus, dessen direkter Schüler er ist, den
üblichen aristotelischen Standpunkt.
Achnlich liegt der Fall bei Geraldus Odonis. Auch er hat
das Problem in einer besonderen Quaestio behandelt, die zwar
nicht völlig verloren ist — in einer vatikanischen Handschrift
findet sich wenigstens ihr Anfang u , aus dem sich immerhin
schon die eigene Stellungnahme Geralds ergibt — von der aber
doch der grösste Teil fehlt; und auch seine Gedanken kennen

der offenbar vor allem die Realität der indivisibilia, gegen Ockham, nach-
weisen wollte, sich auf folgenden Schluss beschränkt zu hab en : Deus
potest facere lineam indivisibilem secundum latuin et similiter punctum
omnino indivisibile, igitur ex talibus componitur continuum (11. cc ). Nach
Woodham soll Chatton gelehrt haben omne continuum componi ex indi­
visibilibus finitis (vgl. hierzu Anrn. 22). Chatton dürfte der Walthern»
modernus Bradwardines sein (Anrn. 6).
»* Vgl. Fr. Pelster, Heinrich von Harclay, Kanzler von Oxford, und
seine Quaeslionen, Miscell. Franz. Ehrlc I, Rom 1924. S. 328 f.
1* Pal. lat. 1803 fol. 6’-17: utrum in maiori quantitate sint plures
partes in potentia quam in minori. Hier will er im I. art. zeigen quod
nullum infinitum est maius alio infinito, und im II., quod quantitas con­
tinua non componitur ex indivisibilibus. Die ganze Quaestio richtet sich
gegen Heinr. v. Harclay, der im Text zwar nur als unus doctor bezeich­
net wird, aber am Rand genannt ist: magister Henricus cancellarius quon­
dam Oxoniae; und zwar wendet sich der erste Artikel gegen Ansichten,
die Harclay in einer der uns erhaltenen Quacstionen vertreten hat (utrum
mundus potuit fuisse ab aeterno. Borgt). 171 fol. 22 -24), während der
zweite gegen eine heute nicht mehr (oder noch nicht) bekannte Quaestio
geht, die von der Struktur des Kontinuums gehandelt haben muss. Hein­
rich von Harclay ist ohne Zweifel der Henricus modernus Bradwardines
(s. Anra. 6).
11 Vat. lat. 3066 fol. 14: Quaeritur utrum continuum componatur ex
indivisibilibus et resolvatur in indivisibilia, vel componatur ex semper divisi­
bilibus et resolvatur in semper divisibilia. Das Fragment schliesst an dic
Quaestio an: utrum lumen augeatur per adventum novae partis ad priorem
utraque remanente (fol. 10-14), die mit den Worten schliesst: Ista quae­
stio et immediate sequens est cuiusdam probissimi viri scii, fratris Gcrardi
Oddonis.
DAS PROBLEM DES K ON TIN U UM S 163

wir genau durch die Polemik eines gleichzeitigen Kollegen (und


Ordensgenossen) : Johannes Canonicus O. F. M.14.
Nicolaus von Autrecourt schliesslich hat die Frage in einem
Kapitel seines Traktats Exigit ordo executionis11 eingehend
erörtert **. Alle drei nun erklären — Autrecourt freilich nur als
opinio probabilis: er will nicht entschieden Stellung nehmen —,
dass das Kontinuum im eigentlichen Sinn aus Punkten bestehe,
ohne jedoch die mannigfachen und schwerwiegenden Argumen­
te, die von der Gegenseite erhoben wurden, in befriedigender
Weise widerlegen zu können IT.
Die Ein wände sind zunächst prinzipieller N atur: indivi­
sibile indivisibili additum non facit m aius: wenn der Punkt
wirklich ausdehnungslos im strengen Sinn ist, so können noch
soviel Punkte kein Quantum ausmachen, wenn nicht, so er­
geben unendlich viel Punkte eine extensiv unendliche Grösse;
und andererseits: Punkte können kein Kontinuum bilden, denn
sie können sich nicht berühren. Aber für diese (und verwandte)
Bedenken, die schon auf Aristoteles zurückgehen, liess sich
durch Reflektion über den Begriff des Quantums einer-, den
der Berührung andererseits wenigstens eine relative Lösung fin­
den. Aehnlich stand es mit einer andern Gruppe von Argumen­
ten, deren Haupttypen der Zenonische Beweis von Achill und
der Schildkröte und die später so genannte « rota Aristotelis »
bilden. Die « ratio Achilles » x* besagt: wenn das räumliche

14 Phys. VI qu. l (Ed. Venedig 1492): utrum quodlibet continuum


componatur ex semper divisibilibus et dividatur in semper divisibilia.
Art. I: opinio fr. Gerardi Odonis; art. I I ; praedicta opinio improbabitur
et ponetur opinio propria. Die lelrtere wird allerdings nicht recht klar.
Offenbar ist Johannes nicht ganz in das Problem eingedrungen, er bemerkt
wenigstens: in hac materia omnes dubie loquuntur et nunquam ab
aliquo doctore potui illam materiam bene intelligere.
»s Oxford. Bodl. Canon. Misc. 43 fol. 1-24’. Wir benützen eine Foto­
kopie dieser Handschrift, die uns Mons. Pelzer liebenswürdigerweise zur
Verfügung gestellt hat, da uns die auf Grund derselben (einzigen) Hs.
gemachte Edition von J. R. O'Donnell in Medieval studics I, Toronto
1939. S. 179 ff » nicht zugänglich war.
1« Fol. 8-10’: De indivisibilibus.
i» Als positives Argument stand eigentlich nur ein einziges zur Ver­
fügung: eine Kugel, die sich auf einer Ebene bewegt, beschreibt zweifellos
eine Linie. Da die Kugel die Ebene aber in jedem Moment genau in einem
Punkt berührt, muss die entstehende Spurlinie aus Punkten bestehen.
1* Quod quidem probatur per unam rationem quae fuit longo tem­
pore dicta Achilles (Autrecourt loc. cit.).
164 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Kontinuum aus Punkten, das zeitliche aus Augenblicken besteht,


dann kann es keine Unterschiede in der Geschwindigkeit geben,
denn in jedem Zeitpunkt wird von jedem mobile ein Raum­
punkt zurückgelegt. Und die « rota Aristotelis » *•: wenn von
zwei konzentrischen starr miteinander verbundenen Kreisen der
kleinere einmal auf einer Geraden abrollt, so entspricht jedem
Punkt der Kreisperipherie ein Punkt der entstandenen Strecke.
Gleichzeitig mit dem inneren Kreis ist aber auch der äussere
abgerollt und zwar — da beide starr miteinander verbunden
sind — auf einer Strecke von derselben Länge. Die beiden
Kreise müssen also gleichviel Punkte enthalten, denn sie sind
beide Punkt für Punkt auf dieselbe Strecke abgebildet. Diese
Einwändc Hessen sich durch die Ueberlegung auflösen: das
langsamere mobile bewegt sich nicht in jedem Augenblick um
einen Punkt weiter, sondern ruht jeweils einen oder mehrere
Augenblicke in einem erreichten Punkt. So erklären sich die
Unterschiede in der Geschwindigkeit, und in analoger Weise,
mutatis mutandis, die Gleichheit der Abbildstrecke bei verschie­
denem Kreisumfang.
Erheblich mehr Schwierigkeiten haben die sogenannten
« geometrischen Beweise » bereitet, die das 14. Jahrhundert
im allgemeinen auf Duns Scotus zurückführt, die sich aber
tatsächlich schon bei Algazel finden und auch schon vor Duns
benutzt worden sind, so z. B. von Roger Bacon. Aber sie
haben in der Tat ihr volles Gewicht erst durch Duns erhalten
und werden fast immer in der Form gebracht, die er ihnen
gegeben h a t” . Sie zeigen, kurz gesagt, dass Linien (bezw.
Flächen), die durch Parallel- oder Zentralprojektion ausein­
ander hervorgehen, unabhängig von ihrer Grösse gleichviel
Punkte enthalten müssen, denn derartige Figuren sind einander
Punkt für Punkt zugeordnet. Die beliebtesten Beispiele sind
einerseits die konzentrischen Kreise: jeder Radius, der vom
Zentrum aus gezogen wird, schneidet jeden Kreis in einem
und nur einem Punkt; und andererseits die Seiten und die Dia-*•

*• Die Bezeichnung « rota Aristotelis» ist erst später üblich gewor­


den, namentlich im 16. Jahrhundert bei den unmittelbaren Vorläufern
Galileis, die übrigens dieselbe Losung gegeben haben wie die Scholastiker
des 14. Jahrhunderts.
M Op. Ox. 11 disl. 2 qu. 9 .
DAS PROBLEM DES K O N T IN U U M S 165

gonale eines Q uadrats: werden die gegenüber liegenden Seiten


Punkt für Punkt durch parallele Geraden verbunden, so schnei­
det jede dieser Geraden die Diagonale in einem und nur einem
Punkt. Seiten und Diagonale bestehen also aus gleichviel Punk­
ten, und ebenso die konzentrischen Kreise.
Diese Argumente sind für die Scholastik die entscheidenden
Einwändc gegen die Punktstruktur d.es Kontinuums geworden.
Denn sie wurden tatsächlich nicht gelöst. Der Ausweg, der
gegenüber dem Argument « Achilles » oder der rota Aristotelis
eingeschlagen wurde, versagte hier, denn das Sukzessionsmo­
ment spielt ja in diesem Fall keine Rolle. Und die andern
Auswege, mit denen die Vertreter der compositio ex punctis
diese Schwierigkeiten zu umgehen suchten, führten faktisch
nur dazu, die Unhaltbarkeit der eigenen Position deutlich zu
machen. Nach Heinrich von Harclay sollen Seite und Diagonale
eines Quadrats in der Tat gleichviel Punkte enthalten, nur
dass die Punkte der Diagonale von den schneidenden Parallelen
nicht secundum situm rectum, sondern secundum situm obli­
quum getroffen werden, wodurch sich die grössere Länge der
Diagonale erklärt. Dieselbe Antwort findet sich bei Geraldus
Odonis. Beide werden natürlich mit dem Hinweis widerlegt,
dass rectum und obliquum Eigenschaften einer ausgedehnten
Grösse, aber nicht eines Punktes sind. Noch verblüffender ist
die Lösung, die G. Odonis für die konzentrischen Kreise findet:
Radien, die durch zwei unmittelbar benachbarte Punkte des
grösseren Kreises gehen, sollen nämlich keinen W inkel mitein­
ander bilden, sondern eine einfache Linie darstellen, sodass die
kleinere Peripherie nicht in zwei Punkten, sondern nur in einem
geschnitten wird. Und Nicolaus von Autrecourt behauptet gar,
dass nicht von jedem Punkt des äusseren Kreises aus eine Ge­
rade nach dem Zentrum gezogen werden kann, sondern dass
es Punkte gibt, für die das nicht möglich ist. Er fügt aller­
dings entschuldigend hinzu: describo ut videatur, quia forsan
sic loquendo non utor terminis geometriae **.

Er will überhaupt diese ganzen Oberlegungen nur causa exercitii


bringen und die eigentliche Lösung denen überlassen, die die von ihm n u r
für wahrscheinlich gehaltene Lehre wirklich vertreten. Quoniam, so fügt
c t hinzu, res quae dicuntur imaginationis minus bene veniunt ad spiri­
tum meum quam res intellectus quae dicuntur maioris abstractionis.
166 MATHEMATISCHPHYSIKALISCHE TRAGESTELLUNGEN

Die eigentliche Schwierigkeit, auf die unsere Philosophen


hier gestossen sind, liegt nicht sowohl in der Annahme, dass
das Kontinuum aus Punkten bestehe, sondern in der Voraus­
setzung, die sie über die Menge dieser Punkte machen. Es
gilt nämlich stillschweigend für selbstverständlich, sowohl bei
den Vertretern wie bei den Gegnern dieser Lehre, dass ein
gegebenes Kontinuum, wenn es aus Punkten besteht, aus einer
bestimmten Anzahl von Punkten bestehen muss, derart, dass
eine grössere Linie oder eine grössere Fläche mehr Punkte
enthält als eine kleinere. Dieser certus numerus ist gelegent­
lich als sehr grosse endliche Zahl aufgefasst worden, vor al­
lem von den Gegnern ” ; aber diese Deutung ist natürlich prin­
zipiell unmöglich: eine endliche Punktmenge kann niemals, und
sei sie noch so gross, eine ausgedehnte Grösse ausmachen. Es
bleibt die andere Möglichkeit: die Kontinuen bestehen aus

** Nec potest dici sicut communiter dicunt tenentes huiusmodi com­


positionem ex indivisibilibus, quod componitur ex finitis tantum indivi­
sibilibus, heisst es z. B. bei Gregor von Rimini (Seni. II dist. 2 qu. 2
art. l). Und Nie. v. Autrecourt will annchmcn quod continuum demon­
strabile ad sensum vel imaginationem ex punctis finitis non componitur,
et in hoc fieret recessus ab opinione omnium rorum qui posuerunt con­
tinuum esse compositum ex indivisibilibus (sondern: quod... componitur
ex infinitis punctis). Bei andern Autoren, z. B. Joh. Buridan (Phys. VI
qu. 2) begegnet man der Ansicht, dass die «geometrischen Beweise » sich
nur gegen ein Modell des Kontinuums richten, das aus endlich viel Punkten
l*steht. In all diesen Fällen handelt es sich zum Mindesten um eine un­
zulässige Verallgemeinerung, die vermutlich auf ein Missverstehen des
« certus numerus » zurückgeht. Aller cs hat zweifellos auch Vertreter der
Auffassung gegeben, dass das Kontinuum aus einer endlichen Anzahl von
Punkten besteht. Dass Walter Chatton in diesem Sinn zitiert wurde,
sagten wir schon. Und derselben Ansicht scheint Geraldus Odonis gewesen
zu sein, denn er lehnt — wenigstens nach der Wiedergabe des Johannes
Canonicus, loc. cit. — mit den üblichen Argumenten die Möglichkeit
von aktuell unendlich vielen Teilen im Kontinuum ab; andererseits soll
aber das Kontinuum aus Punkten bestehen. So bleibt nur die Lösung,
dass es eben aus endlich viel Punkten aufgebaut ist. Eine ähnliche Auf­
fassung begegnet auch in dem einige Jahrzehnte jüngeren Tractatus de
continuo eines frater Johannes Gedeonis, der sich im Vat. lat. 3092 findet
(fol. 113’-124: er beginnt: Circa compositionem continui proponuntur
quattuor quaestiones. Prima utrum rationes per quas Philosophus probat
coutinuuin esse divisibile in infinitum concludant de necessitate, und
Khlicsst: Explicit tractatus de continuo editus a reverendo domino fratre
Iohanne Gedeonis baccalario parisiensi sacrae theologiae) und der gegen
einen magister Henricus de Monte Gardiuo gerichtet ist (vgl. u. Anin. 45).
DAS PROBLEM DES KONTINUUM S 167

(aktuell) unendlich viel Punkten; und die Folge: cs gibt Grös-


senuntcrschiede im Unendlichen; ein numerus infinitus kann
grösser oder kleiner sein als ein anderer M.
Das ist der eigentlich problematische Punkt in diesen gan­
zen Kontroversen. Im allgemeinen wurde als ohne weiteres
evident angesehen, dass unendlich gleich unendlich is t: das
infinitum ist einfach das (nicht erreichbare) Ende der Zahlen­
reihe, und dieses Ende ist immer dasselbe, auf welchem Weg
man sich ihm auch nähert. Daraus folgt, dass die Anzahl der
proportionalen Teile in jedem Kontinuum, unabhängig von
seiner Grösse, dieselbe is t: non sunt plurcs partes in toto quam
in eius medietate, nec in caelo quam in grano milii 3*.
Demgegenüber wurde nun von den Vertretern der com­
positio ex punctis die Behauptung aufgestellt, dass es grös-
senmässig verschiedene infinita gäbe. Schon im 13. Jahrhun­
dert finden sich Vertreter dieser Auffassung: Robert Grosse­
teste hat sie auf das Bestimmteste vertreten 35, und ebenso

» Der Gedanke, dass das Kontinuum, als unendliche Menge betrach


tet, von anderer Mächtigkeit ist als die unendliche Menge der ganren
Zahlen, dass also das « unendlich». das einem Kontinuum entspricht,
nicht durch ein infinitum aus dem Unendlichkeitsbereich der Zahlenreihe
ausgedrückt werden kann, lag der Scholastik natürlich noch fern. Für sie
ist jede unendliche Menge « abzahlbar » im modernen Sinn, d. h. we­
sensgleich der Menge der ganzen Zahlen.
*« So Albert von Sachsen. Phys. III qu. 14 art. 2. Dieser Gedanke
findet gelegentlich auch in physikalischen Problemen Anwendung. So bie­
tet das Phänomen der rarefactio und condensatio u. a. folgende Schwie­
rigkeit: wie kann ein Kontinuum — und jede physische Substanz stellt
ja ein materielles Kontinuum dar — sich ausdehnen oder zusammenziehen,
ohne dass leere Zwischenräume entstehen oder dass umgekehrt die ma­
teriellen Teilchen sich gegenseitig durchdringen (was z. B. Richard de
Mediavilla angenommen hatte, Quodl. II qu. 15. Ed. Brescia 1)91)?
Hier bietet der Rekurs auf die unendliche Anzahl der Teile im Kon­
tinuum. die unabhängig von der Grösse des Volumens immer dieselbe
ist und immer dieselbe bleibt, wenn nicht eine Losung, so doch einen
Ausweg, der namentlich im 14. Jahrhundert gern benutzt wird.
30 In der oben (Anm. 12) zitiertenQuaestio Alnwicks heisst es
Item pro ista opinione adduxit (nämlich Heinr. v. Harclay) auctoritatem
domini Lyncolniensis qui super 4. phys. cap. de tempore dicit quod
unum infinitum est maius alio et quod sunt plura puncta in maiori
magnitudine quam in ininori... Dicit etiam sic: credo, sicut alibi diximus«
quod numerus infinitus ad numerum infinitum potest se habere in omni
proportione numerali et non numerali. Aliquis enim numerus infinitus
duplex est ad alium numerum infinitum et triplus et sic secundum
168 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Wilhelm von Auvergne (oder von Paris) *• Im 14. Jahrhundert


wurde sic dann von Heinrich von Harclay wieder aufgenom-

tetrras spciics proportioni*, et aliquis numerus infinitus se habet ad alium


senindum quod diameter <e habet ad costam (scii, quadrati). Alnwick
liemerkt zu dieser Stelle: est sciendum quod illa verba dominus Lyncol-
niensis scripsit manu sua in margine libri phys. quem non studiose nec
complete exposuit sicut librum posteriorum, sed quando aliqua imagi­
nario notabilis sibi excurrebat, ibi scripsit ne taberetur a memoria sua.
sicut et multas alias cedtdas scripsit..., quae omnia haltentur Oxoniac in
libraria fratnim minorum, sicut oculis propriis vidi (A. Pelzer hat schon
auf diese Stelle aufmrksam gemacht, Revue N6oscol. de phil., 1921 . S. 397
Anm. 1). Ob die so entstandenen Randbemerkungen (in denen Alnwick
nicht eigentlich den Ausdruck einer « authentischen » Lehrmcinung sehen
will) mit dem sonst Grossetesle zugeschriebenen Physikkommentar iden­
tisch sind — was sich auf Grund des ausführlichen Zitats leicht feststellen
Hesse —, konnten wir nich nachprüfen, weil uns von diesem letzteren
keine Handschrift zugänglich war. Jedenfalls besteht keine Übereinstim­
mung mit der mehrfach gedruckten sogenannten Summa zur Physik, deren
Echtheit sowieso für zweifelhaft gilt: sic steht in unserem Problem ganz
auf aristotelischem Standpunkt und enthält keine Andeutung der zitier­
ten Lehre.
M In seinem Traktat De universo, der zwischen 1231 und 1235 e n t­
standen ist, heisst es (Opera I, Paris 1674, S. 917): Nec te conturbet
error quorundam imbecillorum qui nesciverunt nec potuerunt scire quod
super infinitum, aut maius infinito, posset aliquid esse, cum nec pueri­
les etiam intellectus latere possit, quin maior sit infinitas punctorum
unius lineae totius quam medietatis, cum haec sit pars et illa totum .
Et eodem modo se habet de medietate et quarta atque de quarta et
octava et ita in infinitum. Declarata item est iam libi, et per Aristotelem
et per multas alias vias, infinitas continui generaliter et quia non potest
esse pars continui nisi continuum. Quare declaratum est tibi simul infi­
nitas uniuscuiusque partis omnis continui; tu autem sentis apud intel­
lectum tuum et imaginationem luam, quia omnis pars universaliter m inor
est suo toto, et quoniam contrarium non recipit intellectus tuus vel im a­
ginatio tua, sive totum et pars finita sint, sive infinita. Etiam dixi tibi
in praecedentibus quia qui posuerunt tempus infinitum non possunt
negare nec unquam negasse dicti sunt, totum tempus quod praecessit
diluvium universale, quod fuit temporibus \n c , minus fuisse toto tem ­
pore quod praecessit hanc horam in qua pracsentialiter sumus, licet se­
cundum Aristotelem et sequaces suos utrum que infinitum fuerit: eodem
modo se habet de infinitate punctorum cuiuscumque lineae ad infinitatem
punctorum cuiuscumque suae partis. Was nun aber dic Struktur des Kon­
tinuums als solche angeln, so erklärt Wilhelm anschliessend an diese
Stelle ausdrücklich und ausführlich, dass zwar jedes Kontinuum unendlich
viele Punkte enthält, aber nicht aus ihnen besteht. Eine analoge Auffas­
sung hat vielleicht auch Robert Grosseieste vertreten (vgl. Anm. 9).
DAS PROBLEM DES K O N TIN U U M S 169

men 11. Argumente die für diese Ansicht sprechen, gibt es ge­
nug : angenommen etwa, die Welt bestünde ab aeterno, so wä­
ren bis heute unendlich viel Tage vergangen, aber auch unend­
lich viel Jahre oder unendlich viel Monate, und doch wäre
zweifellos die Anzahl der Tage grösser als die der Jahre oder
Monate. Oder die Anzahl der Teile eines Kontinuums, das nach
der Proportion i :iooo geteilt ist, wäre — wenn die Teilung
wirklich bis ins Unendliche realisierbar wäre — grösser als
wenn die Teilung nach dem Verhältnis i \2 erfolgt. Auf der
andern Seite beweisen aber die « geometrischen Argumente »
das Gegenteil: ein grosses und ein kleines Kontinuum bestehen
offenbar aus gleichviel Punkten. W ir haben gesehen, wie die
Vertreter dieser Theorie diese Schwierigkeit zu umgehen ver­
suchten : sie ersetzen tatsächlich, ohne sich dessen bewusst zu
werden, die Punkte durch ausgedehnte Grössen. Der Versuch,
das Problem von der andern Seite, d. h. vom unendlich Grossen
aus, zu lösen, wurde nicht gemacht, wenigstens zunächst nicht.

21 In der Quaestio utrum mundus potuit fuisse ab aeterno, Borgh. 171


fol. 22’-24’ (vgl. ob.). Harclay ist wegen dieser Lehre von mehreren seiner
Oxforder Kollegen angegriffen worden. Ausser Thomas Bradwardine und
Wilhelm von Alnwick, die wir schon nannten, hat sich auch Thomas
von Wylton gegen sie gewandt in einer Quaestio seines Quodlibet, die
sich auch sonst gegen Harclay richtet (an ista simul stent quod motus
sil aeternaliter a Deo productus cum hoc quod Deus sic produxit m un­
dum libere quod potuit ipsum non produxisse, Borgh. 36 fol. 71-79’;
vgl. u. Anm. 92). Übrigens verweist Wylton in diesem Zusammen­
hang (f. 76) auf eine Quaestio über das Kontinuum: sicut patet in
quaestione sequenti de divisione continui, in der er sich m it der ana­
logen Quaestio Harclays auseinandergesetzt zu haben scheint; doch ist
weder die eine noch die andere erhalten. Nach Wilhelm von Alnwick
hat Harclay sich m it seiner I'hese ausdrücklich auf Robert GrossetcMe
berufen (vgl. Anm. 25; die Verweisung muss in der verlorenen Frage über
das Kontinuum gestanden haben, denn in der uns erhaltenen Quaestio
ist Grosseteste nicht genannt, wenigstens nicht in der Hs. Borgh. 171).
Andererseits zeigen die Argumente, mit denen er sie beweisen will, eine
auffallende Ähnlichkeit mit denen Wilhelms von Auvergne. Wenn Harc­
lay sich also wirklich an Grosseteste anlchnt. so würde daraus folgen, dass
die Äusserungen dieses letzteren weitgehend mit denen Wilhelms über­
eingestimmt haben. Es erhebt sich dann die Frage, der wir hier nicht
uachgehen wollen, wie die Abhängigkeit zu denken ist und welchem von
beiden die Priorität zukommt, was insofern nicht ohne Interesse ist, als
mit der These, dass ein Unendlich grosser sein kann als ein anderes, im
Grunde der erste Schritt auf dem Weg getan wurde, der zur modernen
Mengenlehre führt.
170 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Denn es ist eine der spezifischen Besonderheiten des unend­


lich Grossen, auf die die Scholastik hier gestossen is t: diejeni­
ge, die die moderne Mengenlehre im sogenannten Acquivalcnz-
satz ausgeprochen hat. « Aequivalent » nennt man zwei Men­
gen, wenn jedem Glied der einen ein Glied der andern zugeord­
net werden kann, und umgekehrt. Und der Aequivalenzsatz
besagt, dass eine unendliche Menge einer Teilmenge äquivalent
sein kann. Zwei konzentrische Kreise sind gewiss nicht «gleich»
im Sinn der elementaren Mathematik, denn der eine kann an
Umfang ein Vielfaches des andern sein, aber sie sind « äqui­
valent », weil eine wechselseitige Zuordnung zwischen ihren
Punkten möglich is t: diese Zuordnung wird eben hergestellt
durch die von dem gemeinsamen Zentrum ausgehenden Radien.
Entsprechendes gilt für die Seiten und die Diagonale des Qua­
drats.
Im späteren 14. Jahrhundert ist es allmählich zu einer
richtigen Erkenntnis dieser Beziehung zwischen unendlichen
Grössen gekommen, und zwar in Formulierungen, die denen
der modernen Mengenlehre erstaunlich verwandt sind. Insbe­
sondere ist die charakteristische Relation der gliedweisen Zuord­
nung exakt erfasst worden.
Albert von Sachsen, der selbst die unbegrenzte Teilbar­
keit des Kontinuums und das «n allen Fällen gleiche (uner­
reichbare) Unendlich lehrt, stellt die Frage: utrum infinitum
posset esse maius vel minus alio, si essent plura infinita, seu
utrum sit unum comparabile alio?21 und verneint sie mit fol­
gender Ueberlegung: Prima suppositio est, quod nihil potest
fieri maius quam sit solum ex alia ordinatione et situatione par­
tium, nec potest fieri minus sine subtractione vel condensatio­
ne. Similiter nulla multitudo potest fieri maior multitudo sine
additione unitatis, nec minor sine subtractione. Secunda sup­
positio, quod quaecumque sibi invicem supposita vel per ima­
ginationem applicata sunt: si unum non excedit aliud nec ex­
ceditur, unum eorum nec est maius nec est minus alio. Et si­
militer de multitudinibus, quae sic se habent quod cuilibet uni­
tati in una correspondet unitas in alia: carum una non est
maior altera neque minor. Daraus folgt die conclusio: nullum
infinitum altero infinito est maius aut minus, scit, corpus cor-*•

*• De caelo et mundo I qu. 10 (Ed. Vened. 1492).


DAS PROBLEM DES KONTINUUMS 171

pore, superficies superficie, multitudo multitudine, tempus tem­


pore, virtus virtute; denn : omne infinitum potest taliter aptari
sine diminutione vel augmentatione, quod alterum infinitum
non excedet ipsum nec excedetur ab eo, vorausgesetzt dass die
verglichenen unendlichen Grössen eiusdem rationis sind, dass
also Körper mit Körper, Zahlen mit Zahlen usw. verglichen
werden 3*. Das wird an verschiedenen Beispielen bewiesen,
insbesondere wird in etwas umständlicher, aber begrifflich kla­
rer Form gezeigt, dass die Reihe der ungeraden Zahlen in
dieser Weise der der ganzen Zahlen überhaupt Glied für Glied
zugeordnet werden kann, dass also die Anzahl der einen nicht
kleiner ist als die der andern. Andererseits gilt aber zweifellos,
quod portio alicuius non est aequalis illi cuius est portio ct
cum quo est eiusdem rationis: hoc videtur per se notum. Und
daraus folgt: aliqua duo infinita non sunt aequalia. Wenn nun
einerseits, so schliesst Albert weiter, zwischen unendlichen
Grössen ein Vergleich nach maius und minus ausgeschlossen
ist, andererseits aber doch nicht alle unendlichen Grössen ein­
ander gleich sind, so folgt daraus, dass unendliche Grössen,
wenn sie existierten, unvergleichbar unter einander wären.
Albert hat also richtig gesehen, dass zwischen infinita, die
einander nicht gleich sind im Sinn der euklidischen Mathema­
tik, die also etwa im Verhältnis von Teil und Ganzem stehen,
eine Beziehung bestehen kann, die die Relation grösser und
kleiner ausschlicsst. Er hat weiter diese Beziehung richtig er­
fasst als wechselseitige Korrespondenz der Glieder. Während
nun aber die moderne Mathematik diese Besonderheit als ein
positives, charakteristisches (und sogar definitorisches) Merk­
mal der unendlichen Menge fasst und sich damit den Weg
öffnet für eine ganz neue Theorie des Unendlichen, sieht die
Scholastik nur etwas Negatives in ihr, ein Paradoxon, das aus
der absurden Annahme eines aktuell Unendlichen fliesst und
vor dem sie resigniert. Es ist einer der Fälle, wo das 14. Jahr­
hundert bis an die Schwelle modernster Erkenntnisse heran­
gekommen ist, abei sie noch nicht zu überschreiten vermochte.
Wir wenden uns der z w e i t e n Gruppe von Theorien zu,
die das Kontinuum aus indivisibilia aufbauen wollen: denen,

Mit dieser Einschränkung vermeidet Albert unbewusst den üblichen


Fehler, abzahlbare Mengen und Kontinueu zu tergleichen (s. Anm. 23)-
172 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

die der sogenannten demokritischen Lehre folgen, nach der


jedes Kontinuum aus unteilbaren magnitudines eiusdem speciei
cum toto bestehen soll, und zwar — man findet beide Auffassun­
gen — entweder aus unendlich kleinen oder aus endlichen. Die
Schwierigkeiten und Bedenken, auf die diese Theorien stossen,
sind noch gewichtiger als bei der compositio ex punctis; denn
hier ist schon der Begriff der magnitudo indivisibilis in sich
widerspruchsvoll. Wodurch soll diese Unteilbarkeit, die nicht
schlechthin Ausdehnungslosigkeit ist, denn bedingt sein? Das
ist der entscheidende Einwand, der sich gegen die Annahme
von minima mathematica, seien es infinitesimale, seien es end­
liche, richtet. Trotzdem hat die Lehre in ihren beiden Formen
Vertreter gefunden.
Der Hauptrepräsentant der ersten Version ist Gregor von
Rimini gewesen 3B. Er schliesst kurzerhand aus der unendlichen
Teilbarkeit des Kontinuums im aristotelischen Sinn, die er in
der üblichen Form darlegt, auf die aktuelle unendliche Ge-
teiltheit: constat quod omne continuum habet plures partes et
non tot finitas numero quin plures, et omnes suas partes ac-
tualitcr et simul habet; ergo omne continuum simul et actualitet
habet partes infinitas. Diese Teile sind magnitudines, unend-*

** Sem. 1 disl. 42-44 qu. 4: II dist. 2 qu. 2 art. I (Ed. Vened. 1522).
Dieselbe Ansicht hat der Dominikaner Roben Holkot \ertreten. ohne sie
weiter i u entwickeln; sie wird nur beiläufig ausgesprochen in einigen Ar­
gumenten ru der Fragt: an Deus potuit producere mundum ab aeterno
(Sem II qu. 2 an. 5; Ed. Lyon 1518). Duhem (Etudes II S. 599 ff.) wollte
in Holkots Stellungnahme zum L'nendlichkeiuproblem eine merkwürdig
grosse Verwandtschaft mit der Gregors erkennen, die insofern eine Schwie­
rigkeit darstelltc. als aus inhaltlichen Gründen eine Abhängigkeit Gre­
gors ron Holkot ausgeschlossen scheint, wahrend die umgekehrte Vermu­
tung sich aus chronologischen Rücksichten verbietet. Uns scheint, dass
diese Schwierigkeit leicht zu losen ist: die (übrigens nicht allzu grosse)
Ähnlichkeit erklärt sich nicht aus einer direkten \bhingigkeit. sondern
aus der Gemeinsamkeit des Ausgangspunkts für die ganze Problembehand­
lung. der für beide unzweifelhaft bei Richard Filzralph und Adam Wood
ham zu suchen ist. auf die wir gleich zu sprechen kommen werden
Übrigens scheint auch Bardwardine sich ni einer ähnlichen Auffassung
bekannt zu haben nach Ablehnung aller übrigen Möglichkeiten schliesst
er: unde sequitur et elicitur omne continuum ex infinitis continuis similis
speciei cum illo componi, id est linea omnis componitur ex infinitis lineis
et omnis superficies ex superfiriehus infinitis et ita de aliis (conci. 140
seines Tractatus de continuo; vgl. Anm. 6). Er hat aber offenbar den Ge­
danken auch nicht weiter ausgefübrt.
DAS PROBLEM DES KONTINUUMS 173

lieh kleine ausgedehnte Grössen, und keine Punkte _ den


letzteren spricht Gregor mit Ockham überhaupt jegliche Re­
alität ab — : cuiuslibet magnitudinis sunt infinitae partes quarum
quaelibet est magnitudo, und zwar sowohl sumendo ly infinitae
syncategorematice wie categorematice. Denn für Gregor gilt
überhaupt: generaliter de quibuscumque de inesse et de praesen­
ti vere dicitur quod sunt infinita syncategorematice, vere etiam
dicitur quod sunt infinita categorematice et e converso. Die
üblichen Einwände gegen diesen Schluss erklärt er für falsa et
irrationabiliter dicta, ohne sie eigentlich zu widerlegen.
In der Verteidigung seiner Lehre geht Gregor vor allem
von einer Auffassung des Problems und einer Form der Ar­
gumentation aus, die um 1330 in Oxford sich herausgebildet
hatten. Wir müssen kurz auf ihre Geschichte eingehen. Der
Ausgangspunkt ist folgender: das Hauptargument, das für das
Kontinuum statt der potentiellen Teilbarkeit eine aktuelle Ge-
teiltheit in unendlich viele partes proportionales zu verlangen
schien, bestand in der Ueberlegung, dass ja im Kontinuum
alle Teile gleichzeitig gegeben sind, dass also die unendliche
Anzahl in diesem Fall nicht ein infinitum in fieri sein kann,
sondern notwendig ein infinitum in facto esse sein muss. Man
pflegte mit einer neuen terminologischen Unterscheidung, die
sich schon bei Ockham findet31 und die dann später in Oxford
allgemein geläufig wird, den Seinsmodus der potentiell unend­
lich vielen Teile im Kontinuum, sofern dieses letztere actualiter
— de incsse et de praesenti, wie Gregor sich ausdrückt — ge­
geben ist, als ein esse in actu zu bezeichnen, und sofern die
unendliche Geteiltheit angenommen wird, von einem esse in actu
separato zu sprechen32, wobei dies letztere dadurch charak­
terisiert ist, dass die einzelnen Teile als selbständige von ein-

*» Sein. II qu. 8.
*» Mit andern Worten: das aristotelische « in potentia » nird in die­
sem und nur in diesem Fall, wo die betrachtete unendliche Menge eine
« multitudo aliquorum facientium per se unum in actu »i s t — wo sie
also als Ganzes gegeben ist — mit dem Terminus « in actu » bereich net.
und das aristotelische « in actu » mit dem neu gebildeten « in actu se­
parato ». Ockham hat übrigens diesen Zusammenhang noch gut gesehen
(loc. clt.), erst später glaubt man mit dieser Unterscheidung Aristoteles ru
korrigieren.
172 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

die der sogenannten demokritischen Lehre folgen, nach der


jedes Kontinuum aus unteilbaren magnitudines eiusdem speciei
cum toto bestehen soll, und zwar — man findet beide Auflassun­
gen — entweder aus unendlich kleinen oder aus endlichen. Die
Schwierigkeiten und Bedenken, auf die diese Theorien stossen,
sind noch gewichtiger als bei der compositio ex punctis; denn
hier ist schon der Begriff der magnitudo indivisibilis in sich
widerspruchsvoll. Wodurch soll diese Unteilbarkeit, die nicht
schlechthin Ausdehnungslosigkeit ist, denn bedingt sein? Das
ist der entscheidende Einwand, der sich gegen die Annahme
von minima mathematica, seien es infinitesimale, seien es end­
liche, richtet. Trotzdem hat die Lehre in ihren beiden Formen
Vertreter gefunden.
Der Hauptrepräsentant der ersten Version ist Gregor von
Rimini gewesen 30. Er schliesst kurzerhand aus der unendlichen
Teilbarkeit des Kontinuums im aristotelischen Sinn, die er in
der üblichen Form darlegt, auf die aktuelle unendliche Ge-
teiltheit: constat quod omne continuum habet plures partes et
non tot finitas numero quin plures, et omnes suas partes ac-
tualiter et simul habet ; ergo omne continuum simul et actualiter
habet partes infinitas. Diese Teile sind magnitudines, unend-

s* Sent. I dist. 42-44 qu. 4; II dist. 2 qu. 2 art. I (Ed. Vened. 1522).
Dieselbe Ansicht hat der Dominikaner Robert Holkot vertreten, ohne sie
Heiter zu entwickeln; sie wird nur beiläufig ausgesprochen in einigen Ar­
gumenten zu der Frage: an Deus potuit producere mundum ab aeterno
(Sent. II qu. 2 art. y, Ed. Lyon 1518)- Duhem (Etudes II S. 399 ff.) wollte
in Holkots Stellungnahme zum Unendlichkeitsproblera eine merkwürdig
grosse Verwandtschaft mit der Gregors erkennen, die insofern eine Schwie­
rigkeit darstelltc, als aus inhaltlichen Gründen eine Abhängigkeit Gre­
gors von Holkot ausgeschlossen scheint, während die umgekehrte Vermu­
tung sich aus chronologischen Rücksichten verbietet. Uns scheint, dass
diese Schwierigkeit leicht zu lösen ist: die (übrigens nicht allzu grosse)
Ähnlichkeit erklärt sich nicht aus einer direkten Abhängigkeit, sondern
aus der Gemeinsamkeit des Ausgangspunkts für die ganze Problembehand-
lung, der für beide unzweifelhaft bei Richard Fitzralph und Adam Wood
ham zu suchen ist, auf die wir gleich zu sprechen kommen werden,
übrigens scheint auch ßardwardine sich zu einer ähnlichen Auffassung
bekannt zu haben, nach Ablehnung aller übrigen Möglichkeiten schliesst
er: unde sequitur et elicitur omne continuum ex infinitis continuis similis
speciei cum illo componi... id est linea omnis componitur ex infinitis lineis
et omnis superficies ex superficiebus infinitis ei ita de aliis (conci. 140
seines Tractatu« de continuo; vgl. Anm. 6). Er hat aber offenbar den Ge­
danken auch nicht weiter ausgeführt.
DAS PROBLEM DES K O N T IN U U M S 173

lieh kleine ausgedehnte Grössen, und keine Punkte — den


letzteren spricht Gregor mit Ockham überhaupt jegliche Re­
alität ab — : cuiuslibet magnitudinis sunt infinitae partes quarum
quaelibet est magnitudo, und zwar sowohl sumendo ly infinitae
syncategorematioe wie categorematice. Denn für Gregor gilt
überhaupt: generaliter de quibuscumque de incsse et de praesen­
ti vere dicitur quod sunt infinita syncategorematice, vere etiam
dicitur quod sunt infinita categorematice et e converso. Die
üblichen Ein wände gegen diesen Schluss erklärt er für falsa et
irrationabiliter dicta, ohne sie eigentlich zu widerlegen.
In der Verteidigung seiner Lehre geht Gregor vor allem
von einer Auffassung des Problems und einer Form der Ar­
gumentation aus, die um 1330 in Oxford sich herausgebildet
hatten. W ir müssen kurz auf ihre Geschichte eingehen. Der
Ausgangspunkt ist folgender: das Hauptargument, das für das
Kontinuum statt der potentiellen Teilbarkeit eine aktuelle Ge-
teiltheit in unendlich viele partes proportionales zu verlangen
schien, bestand in der Ueberlegung, dass ja im Kontinuum
alle Teile gleichzeitig gegeben sind, dass also die unendliche
Anzahl in diesem Fall nicht ein infinitum in fieri sein kann,
sondern notwendig ein infinitum in facto esse sein muss. Man
pflegte mit einer neuen terminologischen Unterscheidung, die
sich schon bei Ockham findet 31 und die dann später in Oxford
allgemein geläufig wird, den Seinsmodus der potentiell unend­
lich vielen Teile im Kontinuum, sofern dieses letztere actualiter
— de inesse et de praesenti, wie Gregor sich ausdrückt — ge­
geben ist, als ein esse in actu zu bezeichnen, und sofern die
unendliche Geteiltheit angenommen wird, von einem esse in actu
separato zu sprechen32, wobei dies letztere dadurch charak­
terisiert ist, dass die einzelnen Teile als selbständige von ein-

Sent. II qu. 8.
33 Mit andern Worten: das aristotelische « in potentia » wird in die
s e m und n u r in diesem Fall, wo die betrachtete unendliche Menge eine
« m ultitudo aliquorum facientium per se unum in actu » i s t — wo sie
also als Ganzes gegeben ist — mit dem Term inus « in actu » bezeichnet,
und das aristotelische « in actu » mit dem neu gebildeten « in actu se­
parato ». Ockham hat übrigens diesen Zusammenhang noch gut gesehen
(loc. cit.), e n t später glaubt man mit dieser Unterxheidung Aristoteles zu
korrigieren.
174 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

ander getrennt und unabhängig bestehende magnitudines zu


denken sind >s.
Es scheint, dass Richard Killington, der Schüler und
Freund Bradwardines, die Auffassung vertreten hat, dass das
Kontinuum aus unendlich vielen derartigen, in actu separato
existierenden magnitudines aufgebaut sei. Bestimmtes wissen
wir darüber allerdings nicht; in seinen Sophismata, die Gregor
zitiert, vertritt er diesen Standpunkt nicht 3\ sondern hält noch
an der traditionellen Auffassung fest. Sein Physikkommentar,
in dem er sich zweifellos näher zu dem Problem geäussert hat,
ist nicht erhalten 3S, und von seinem Sentenzenkommentar haben
wir nur wenige Quaestionen, von denen keine ex professo unser
Problem behandelt 3\ Aber wir kennen seine Ansicht auf indi­
rektem Weg: Adam Woodham bemerkt ausdrücklich, Killing­
ton habe in dieser Weise das Kontinuum aufgefasst8T.
Und gegen Killington vor allem scheint sich Richard
Fitzralph 31 gewandt zu haben, mit einer Reihe von Argumen-

33 Sic quod sunt aliqua distincta et actualiter divisa, ita quod quod­
libet istorum habet per sc esse distinctum et separatum a quolibet alio
in actu: so erläutert Robert Halifax (im unten zitierten Zusammenhang)
diesen Begriff; und analoge Definitionen fiden sich bei Killington. Fitz­
ralph, Woodham. u. a.
34 Hss.: Vat. lat. 3066. 3088. 4429-
33 Vgl. ob. S. 97 Anm. 32.
3« In einer von ihnen findet sich wenigstens eine beiläufige Bemer­
kung: bei Erörterung der Frage, ob Gottes Allmacht aktuell unendliche
Grössen schaffen könnte, die Killington bejaht, führt er unter den ratio­
nes contra istam positionem folgenden Einwand an: si aliquis numerus
foret infinitus, maxime foret verum de partibus proportionalibus in con­
tinuo, quod ille numerus foret infinitus. Consequens est falsum, quia Deus
tunc posset facere illas distare per distantias proportionales, et ita foret
aliqua ultima proportionalis, quod est impossibile (qu. 3; Vat. lat. 4333
fol. 40)- Leider fehlt die Auflösung dieses Einwands, sodass wir nicht
wissen, was Killington zurückweisen und was er zugeben wollte.
3T Vgl. u. Anm. 42.
38 Sent. II qu. l art. l; Vat. lat. 11517 fol. 125'-126. Zwischen Fitz­
ralph und Killington scheinen auch sonst Meinungsverschiedenheiten be­
standen zu haben, wie wir nicht nur aus einer weiteren Andeutung Wood-
hams entnehmen können (Sent. II dist. 1 qu. 3; Vat. lat. m o fol. U 1),
sondern vielleicht auch aus einer Bemerkung Killingtons in der erwähnten
Qu. 3 aus seinem Sentenzenkommentar (fol. 38). Hier spricht er von
einem argumentum fundatum super Averroym, qui mihi est nullius
auctoritatis. Das dürfte auch gegen Richard Fitzralph gehen, dessen
averroistische Neigungen ja bekannt sind.
DAS PROBLEM DES KONTINUUM S 175

ten, mit denen sich dann wieder Gregor in erster Linie aus­
einandersetzt. Fitzralph will zeigen, dass die Annahme von
aktuell unendlich vielen partes proportionales im Kontinuum
(die « totaliter divisae » zu denken wären) zu Widersprüchen
führt und infolgedessen unmöglich ist. Seine Argumente be­
ruhen alle auf einem Grundgedanken: wenn die Anzahl der
proportionalen Teile eine aktuell unendliche multitudo wäre,
dann müsste es einen letzten Teil geben, und das ist unmöglich.
Folglich kann das Kontinuum nicht actualiter unendlich viele
partes proportionales enthalten.
Die Notwendigkeit eines letzten Teils wird in verschiedener
Weise gezeigt: wenn z. B. zwei lineare Kontinuen a und b
an einander grenzen, von denen das erste in partes proportiona­
les geteilt ist, und wenn ein mobile sich über die Gesamtstrecke
a + b bewegt, dann durchläuft es notwendig den letzten Teil
von a, ehe es nach b gelangt, also muss dieser existieren; die
Unmöglichkeit u. a. mit folgender Ueberlegung: man könnte
sich die proportionalen Teile eines Kontinuums so vorstellen,
dass sie abwechselnd schwarz und weiss sind — welche Farbe
hat dann der letzte Teil? Dieses letztere Argument findet sich
allerdings noch nicht bei Fitzralph selbst, wenigstens nicht in
seinem Sentenzenkommentar3*, aber es ist sehr beliebt bei
denen, die sich seiner Argumentation angeschlossen haben. Und
das sind nicht ganz wenige gewesen. Seine Beweise haben
offenbar starken Eindruck gemacht. Adam W oodham40 be­
kennt geradezu, dass er zunächst der entgegengesetzten Ansicht
zugeneigt habe, d. h. dass er annehmen wollte, die unendlich
vielen Teile des Kontinuums könnten actualiter getrennt von
einander existieren41, und dass er dann und zwar überzeugt

s# Auch sein PhysikkomraentaT. den er in unserm Zusammenhang


ausdrücklich zitiert — er verweist auf das, was er alias... in una quaestione
sexti libri phys. scilicet utrum continuum componatur ex indivisibilibus
gesagt habe (fol. 123) — ist nicht erhalten.
« Sent. III dist. 14 qu. 10. Vat. lat. m o fol. 77-80. Von seinem
Traktat De divisione et compositione continui war uns keine Hs. zu­
gänglich.
** Hic posset videri alicui, sicut mihi aliquando videbatur, quod Deus
posset simul producere infinita aequalia, et movebat me ad hoc istud:
quod... partes proportionales infinitas, ut mihi tunc videbatur, potest
Deus facere esse simul ab invicem diversas actu. Er denkt mit jenem « ali
quando» wohl an folgende Stelle aus dem ersten Buch: argumentum ta-
176 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

durch die Argumente Fitzralphs, die er wörtlich wiederholt,


seine Meinung geändert habe, und nun die via communis vor­
ziehe Auch der Cambridger Franziskaner Robert Halifax
schliesst sich Fitzralph (und Woodham) aufs engste an *3, und
ebenso manche anderen kleineren, z. T. anonymen Autoren, auf
die wir hier nicht weiter eingehen wollen.
Es ist diese Form des traditionellen Standpunkts gewesen,
gegen die sich Gregor in ausführlichen Widerlegungen wendet,
in denen er vor allem zeigen will, dass die Annahme eines

men efficacissimum. quod Deus posset simul facere infinita actu ab in­
vicem distincta esset illud, quod alias prosequar de partibus proportio­
nalibus magnitudinis alicuius, quarum primam potest separare in fine
primae medietatis horae et secundam in fine secundae partis proportio­
nalis ipsius temporis dati et sic usque ad finem horae (Sent. I dist. 17
qu. 5. Vat .lat. 955 fol. 163). Offenbar hat Woodham zwischen dem
ersten und dein dritten Buch 9eine Ansicht geändert.
a* Via communis est mihi probabilior pro nunc (fol. 79). Er fügt
allerdings hinzu: Ad argumenta autem praedictae positionis dico quod
probabilitas magna apparet in illo sumpto de possibilitate secandi ab
invicem omnes partes proportionales, imaginando continuum illo ordine
quo argumentum imaginatur, totaliter ah invicem distinctas et dispositas,
sicut imaginatur Kilmenton (Killington) et multi alii. Aber jetzt gefallt
ihm folgende Ansicht besser: quod scii, impossibile cst quamliliet partium
proportionalium totaliter ab invicem distinctarum in toto etiam per divinam
potentiam actu esse divisam a quavis parte de numero carundem, ct hoc
quia hoc fieri includit repugnantiam. Hoc autem ostendere ostensive est
difficile. Arguitur tamen a quodam doctorc sic: und nun folgen Wort
ffiVr Wort die Argumente Fitzralphs, die auch am Rand als solche be­
zeichnet sind (argumenta Firapli).
Sent. I dist. 2 (im Rahmen der Quaestio: utrum sola divina es­
sentia sit perfectio infinita); Vat. lat. 1111 fol. 62’-70; Vat. lat. 4333
fol. 106-116 (mit unwesentlichen Abweichungen). Dass Haliiax ausdrück­
lich erklärt, die Menge der proportionalen Teile des Kontinuums sei
eine multitudo infinita in actu, ist nur eine scheinbare Abweichung, denn
er unterscheidet dieses « in actu » sorgfältig und mit viel Verständnis von
dem « in actu separato », das auch er nicht anerkennt. Im späteren 14.
Jahrhundert begegnet diese Auffassung noch öfters (z. B. bei Blasius von
Parma, der in einem Zusammenhang, den wir noch kennen lernen werden
— s. u 5. 287 — bemerkt: ...tunc daretur multitudo animarum actualitcr
infinita; hoc est contra Aristotelem... Sed forte dices, quod istud non est
inconveniens nec contra Philosophum, quia Philosophus solum vult quod
non detur multitudo rerum naturalium per se seorsum actualiter existen-
timn infinita. Dico « per se seorsum cxistentiuin » propter partes pro­
portionales huius continui cuius infinita cst multitudo partium propor­
tionalium. sed non per se seorsum existentium). Es hleibt ira Grunde
immer der aristotelische Standpunkt, der nur etwas anders formuliert ist.
DAS PROBLEM DES KONTINUUM S 177

letzten Teils bei aktuell unendlichen Mengen nicht nur nicht


erforderlich sei, sondern auf einer falschen Vorstellung vom
Unendlichen beruhe, womit er nicht ganz unrecht hat. Freilich
bleibt auch an seinem eigenen Standpunkt im einzelnen manches
unklar, insbesondere was die (aktuell) unendliche Anzahl der
magnitudines betrifft, aus denen das Kontinuum aufgebaut
sein soll. Gregor hält daran fest, dass diese Anzahl, unabhän­
gig von der Grösse des Kontinuums, immer dieselbe ist, und
fügt ohne nähere Erläuterung hinzu : Nec in hoc est differentia
inter corpus parvum et magnum; sed differentia est, quod
partes eiusdem proportionis hinc inde non sunt aeque magnae,
sed in maiori maiores, et in minori minores. Gregor ist sich
wohl kaum bewusst geworden, dass er hier ein wichtiges Pro­
blem berührt, das die Scholastik sonst übersehen h a t: nämlich
die Frage, ob es im Gebiet des Infinitesimalen Grössenunter­
schiede gibt, ob ein unendlich Kleines das Mehrfache eines
andern sein kann usw., kurz, die Frage, die den Zugang zur
Differentialrechnung öffnet.
Aber auch die Theorie einer eigentlich atomistischen
Struktur des Kontinuums hat einen Vertreter gefunden. N i -
c o l a u s B o n e t i O. F. M.44, ein unmittelbarer Schüler
des Duns Scotus, der freilich in mehr als einer Beziehung von
seinem Lehrer bewusst abgewichen ist, stellt sich auf den
Standpunkt, dass das Kontinuum aus endlich vielen unteilbaren
minima derselben Art wie das Ganze besteht. Er kommt zu
seiner Entscheidung in unserm Problem durch eine eingehende
Widerlegung zunächst der aristotelischen Auffassung (quod
continuum cst compositum ex quantitatibus divisibilibus in alias
quantitates) und dann der « platonischen » (quod continuum
* cst constitutum ex punctis numero infinitis). Es bleibt die
« demokritische >* Ansicht: quod continuum est compositum ex
quantitatibus indivisibilibus, ut corpus ex indivisibilibus corpo­
ribus ut ex atomis, quae sunt corpora indivisibilia ; superficies
etiam secundum cum componitur cx superficiebus indivisibilibus,
et linea cx lineis indivisibilibus, non autem cx punctis, sicut
dicebat Plato. Und zwar besteht jedes Kontinuum nach dieser
Lehre aus endlich vielen nicht weiter teilbaren Quantitäten der
betreffenden Art. Concludimus ergo, so schlicsst Bonet, cum

44 Praedic. II (De quantitate); Ed. Vened. 1505-


178 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Democrito quod omne continuum est compositum ultimate ex


indivisibilibus et in illa ultimate resolvitur: nec est compositum
ex infinitis indivisibilibus, sed ex numero finitis. Adhaereas
cui volueris, vel peripateticis vel platonicis; Democritus tamen
videtui* -loqui rationabilius.
Das ist das entschiedenste Bekenntnis zum Atomismus, dem
wir in der Scholastik begegnen. Bonet postuliert einfach schlecht­
hin die atomistische Struktur des Kontinuums, so wie andere
die atomistische Struktur der Materie postuliert haben, ohne
sie auf metaphysische oder physikalische Gründe zurückzu­
führen. Eine solche Auffassung steht in der Scholastik ganz
vereinzelt d a 4S. Sie ist viel radikaler und andererseits viel
konsequenter als der Atomismus, den Nicolaus von Autrecourt
nicht lange nach Bonet gelehrt hat und der 1346 zusammen
mit andern Thesen aus seinem Traktat Exigit ordo executionis
verurteilt wurde. Autrecourt lehrt auf der einen Seite, wie
wir gesehen haben, den Aufbau des Kontinuums aus Punkten,
auf der andern erklärt er im Anschluss an Demokrit, dass
alles Entstehen und Vergehen und alle qualitativen Verände­
rungen in der Natur (und ebenso die Lichtvorgänge) auf die
Bewegung von corpora atomalia zurückzuführen seien 44. Das
wäre an sich kein Widerspruch: die Annahme von Atomen
verträgt sich durchaus mit der Theorie, dass das Kontinuum
als solches unendlich teilbar ist bezw. dass es aus Punkten
besteht. Nur ist im Fall Autrecourts die atomistische Hypo­
these in keiner Weise begründet. Denn sie kann für ihn nicht
wie für die Atomistik der Antike und die des 17. Jahrhunderts
eine Eigenschaft der Materie (ihre Solidität oder Undurchdring-46

46 Sie scheint übrigens einen Anhänger gefunden zu haben in dem


magister Henricus de Monte Gardino, den wir schon nannten (vgl.
Anm. 22). Johannes Gedeonis zitiert (Vat. lat. 3092 fol. 123) ausführlich
Bonets Lehre und wirft magister Henricus vor, sich ihr angeschlossen
zu haben. Ein Henricus a Montejardino O. F. M. hat mehrere Bibclkom-
mentare verfasst und ist in Waddings Annales unter dem Jahr 1344 als
bekannter Prediger in Genua genannt.
44 Die Hauptstellen finden sich im Traktat Exigit ordo executionis
(Ms. dt. fol. 6’) und zwar wörtlich so, wie sie unter den verurteilten
Sätzen aufgeführt sind (vgl. Dcnifle, Chartul. univ. Paris II S. 581), obwohl
Autrecourt. wie es in der Verurteilung heisst, erklärt haben soll, er habe
diese Gruppe von Salzen entweder garnicht oder nicht in der angeführten
Form ausgesprochen.
M INIM A NATURALIA 179

lichkeit) zum Ausdruck bringen. Aber wie soli dic Unteilbar­


keit seiner Atome sonst zu erklären sein ? Autrecourt sagt es
nicht; er übernimmt einfach den demokritischen Gedanken, so
wie ihn Aristoteles überliefert hat, ohne näher auf ihn einzuge­
hen. Man hat den deutlichen Eindruck, dass sein Atomismus le­
diglich in dem Bedürfnis der Polemik gegen Aristoteles seinen
Ursprung hat, die ja überhaupt dem ganzen Traktat sein Ge­
präge gibt. Demgegenüber ist die atomistische Theorie Bonets
nicht nur viel exakter, sondern auch viel besser fundiert. Sie
fliesst aus einem Postulat über das Wesen des Kontinuums, das
allerdings eine etwas radikale Lösung des alten Problems d a r .
stellt, aber eine Lösung, die im Grunde nicht mehr prinzipielle
Schwierigkeiten enthält als die Theorien, die die unendliche
Teilbarkeit des Kontinuums oder seinen Aufbau aus unendlich
vielen Punkten oder unendlich vielen minima postulieren.

II

Uebrigens hat die Scholastik nicht nur mathematische mi­


nima gekannt, sondern auch m i n i m a n a t u r a l i a , die,
freilich unter völlig anderem Gesichtspunkt als dem Demokrits,
doch auch eine Art von Atomen darstellen und die jedenfalls
die Struktur des Kontinuums noch einmal von anderer Seite
her problematisch machten.
Der Ausgangspunkt ist der Grundsatz, der in der aristo-
telisch-scholastichen Philosophie allgemein gilt, dass jede
substantiale Form sich eine bestimmte innerhalb gewisser
Maximal- und Minimalgrenzen liegende Quantität determi­
niert. Der Satz bezieht sich zunächst auf Lebewesen und
Pflanzen, für die er in der Tat banal ist: es gibt keine be­
liebig grossen oder beliebig kleinen Menschen, ein Baum kann
nicht ins Unbegrenzte wachsen usf. Die Regel wird dann aber
auf Substanzen aller Art ausgedehnt, insbesondere auch auf
die sogenannten homogenen, d. h. die kontinuierlichen, in sich
gleichförmigen Stoffe, die dadurch charakterisiert sind, dass
jeder Teil und sei er noch so klein wesensgleich mit dem
180 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Ganzen ist. Beispiele für solche homogenea sind die vier


Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer ; weiter gibt es aber
auch homogenea mixta, die gleichfalls als substantielle Kon-
tinuen im strengen Sinn angesehen wurden, wie Milch oder
Fleisch. Namentlich das letztere bildet im Anschluss an Ari­
stoteles das klassische Beispiel in unserem Zusammenhang.
Auch für derartige Substanzen soll also gelten, dass sie
ad maximum und ad minimum begrenzt sind. Dass ihrer
Realisierung eine obere quantitative Schranke gesetzt ist, folgt
schon aus der Endlichkeit der in der Welt vorhandenen Materie.
Aber die Annahme einer Minimalgrenze hat jedenfalls nicht
in der Natur der Materie ihren Grund.
Sie beruht aut einer wenig klaren Aristoteles-Stelle41,
deren Grundgedanke folgender ist: Tiere oder Pflanzen sind
an gewisse quantitative Grenzen nach oben und nach unten
gebunden ; folglich gilt dasselbe für ihre Teile. Derartige Teile
sind aber bei den Pflanzen die Früchte, bei den Lebewesen das
Fleisch und die Knochen. Manifestum est igitur quod impos­
sibile est carnem aut os aut aliquid quantumcumque esse ma­
gnitudine, aut in maius aut in minus, Offenbar ist Aristoteles
sich nicht bewusst geworden, dass diese Folgerung zwar für
das « in maius » schlüssig ist, aber nicht für das « in minus »,
denn die Teile können natürlich beliebig klein sein, auch wenn
das Ganze es nicht ist. Er nimmt dann noch einmal diese Fest­
stellung mit den Worten auf: carnis autem determinata est
quantitas et magnitudine et parvitate, und schliesst dann weiter
— der Zusammenhang interessiert uns nicht _: manifestum
est quod ex minima carne nullum segregabitur corpus; erit
enim minor minima.
Aus dieser Stelle 44 hat die Scholastik die These heraus­
gelesen : est dare minimam carnem ; und allgemeiner: es gibt
minima naturalia, nicht nur für die heterogenea wie Tiere und
Pflanzen, sondern auch für die homogenea.
Natürlich erhebt sich dann das weitere Problem: wie47

47 Phy». I cap. 4.
«* Auch De sensu et sensato cap. 6 wird in diesem Zusammenhang
gern zitiert, wo von minima hinsichtlich der Wahrnehmbarkeit die Re­
de ist.
MINIMA NATURALIA 181

verträgt sich diese Feststellung mit der Annahme einer unend­


lichen Teilbarkeit des physisch-materiellen Kontinuums?
Diese Frage hat verschiedene Lösungen gefunden. Die
nächstgelegene war die, hier ein rein metaphysich-ontologischcs
Problem zu sehen und einfach zu erklären, die materielle Sub­
stanz sei zwar — in abstracto betrachtet — als Materie und
als Quantität unendlich teilbar, nicht aber als geformte Mate­
rie, d. h. als Substanz. M. a. VV. : das Hindernis für die
Teilbarkeit liegt nicht auf Seiten der Materie oder der Quan­
tität, sondern auf Seiten der substantialen Form. Diesen
Standpunkt hat Thomas von Aquin eingenommen: dicendum
quod licet corpus mathematice acceptum sit divisibile in infi­
nitum, corpus tamen naturale non est divisibile in infinitum.
In corpore enim mathematico non consideratur nisi quantitas,
in qua nihil invenitur divisioni repugnans, sed in corpore na­
turali invenitur forma naturalis, quae requirit determinatam
quantitatem sicut et alia accidentia. Unde non potest inveniri
quantitas in specie carnis nisi infra aliquos terminos determi­
nata 4I.
Aegidius Romanus hat diesen Gedanken weitergeführt.
Er unterscheidet folgendermassen 50: Quantum autem tripliciter
considerari potest. Primo secundum se et ut quantum est.
Secundo ut habet esse in materia. Tertio ut habet esse in ma­
teria sensibili et ut dicit quid naturale. Ein quantum im ersten
Sinn kann unendlich gross oder unendlich klein sein: das infi­
nitum mathematicum wurde ja nie als problematisch angesehen.
Für Quantitäten im zweiten Sinn gibt es dagegen eine obere
Grenze, die aus der Endlichkeit der Materie folgt, aber keine
untere: das materielle Kontinuum ist unendlich teilbar. Ein
quantum der dritten Art schliesslich, das betrachtet wird nicht
nur ut existit in materia et in rebus, sondern ut existit in his
rebus et in his corporibus et ut dicit aliquid naturale, ist sowohl
nach oben wie nach unten begrenzt: quantum ut est naturale
non vadit in infinitum in maius nec in minus. In maius non,
quia ut dicitur in 2° de anima omnium natura constantium est
certa ratio et terminus eorum magnitudinis et augmenti. In
minus etiam non vadit quantum ut est naturale in infinitum,*

*9 Phy». I lcct. 9.
40 Phy». III texi. 60 (JEd. Vcned. 1502).
182 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

quia ut declarabatur in i° huius est dare minimam carnem et


minimam aquam. An anderer Stelle 51* stellt Aegidius geradezu
die F rage: utrum corpus continuum sit divisibile in infinitum?
und antw ortet: Notandum ergo quod corpus continuum esse di­
visibile in infinitum potest intelligi dupliciter: vel in eo quod
corpus naturale, vel in eo quod continuum. Si intelligatur in eo
quod corpus naturale, sic non vadit divisio in infinitum, immo
est devenire ad aliquid quod secundum quod huiusmodi non est
ulterius divisibile, et si contingeret ipsum ulterius dividi, expo­
liaretur a natura sua. Est enim dare minimam carnem et mi­
nimam aquam. Die homogenea sind also wohl in materieller
Beziehung, nicht aber als Substanzen ins Unendliche teilbar;
bei einer Teilung, die über die Minimalgrenze hinausgeht,
würde die betreffende Substanz ihre Natur verlieren. Wie dieses
expoliari a natura sua näher zu verstehen ist, sagt Aegidius
n ichtaa.
Eine andere Interpretation der minima naturalia geht auf
Roger Bacon zurück. In der ersten seiner beiden Quaestionen-
sammlungen zur Physik, die beide sehr früh, jedenfalls vor
1250, entstanden sind, erörtert er die Frage: utrum corpus
sensibile continuum sit divisibile in infinitum 53. Der Gedan-
Vengang ist kurz folgender: ein corpus sensibile continuum
kann unter doppeltem Gesichtspunkt betrachtet w erden: uno
modo ratione qua continuum et sic divisibile cst in infinitum...
alio modo consideratur continuum sensibile ratione qua natu­
rale, et hoc modo materia et forma determinatur et ex illis
componitur; et hoc modo non est in infinitum in dividendo
abire, sed stare est ad materiam et formam. Die begrenzte
Teilbarkeit hängt aber nicht von der Natur der Materie ab,
sondern von der der Form, und nicht von der Form, insofern
sie das Sein verleiht, sondern insofern sie das principium operis
ist. Mit andern Worten : auch die geformte Materie oder die
Substanz ist an sich unendlich teilbar, nur hinsichtlich ihrer
vollen Wirkungsfähigkeit gibt es ein Minimalquantum. Und
das ist noch einmal in doppeltem Sinn zu verstehen: quaeritur,

51 In den Quaestionen zu De gener, ei corr. I (qu. 10: Ed. Vened. 1505).


s* Vielleicht klingt hier die Auffassung Sigers an; vgl. unten.
5* Quaestiones super 4 libros phys. (Opera hactenus inedita, fase. VIII,
edd. Delorme-Steele. 1928, S. 151 ff.). Wir korrigieren den Titel, der dort
so lautet:... sensibile vel continuum..., was sinnlos ist.
MINIMA NATURALIA 183

dato quod sit stare in forma prout est operis principium, utrum
hoc sit quia amplius operari non possit, aut quia non reperit
proportionale sibi resistens. Die Antwort lautet: für homo-
genea simplicia, d. h. für die vier Elemente, gilt die zweite
Lösung, für mixta dagegen die erste. Warum Bacon diese
Unterscheidung macht, wird nicht recht k la r; sie ist später
von denen, die an seine Lehre anknüpften, stillschweigend
aufgegeben worden. Während somit ein Element unter geeig­
neten Bedingungen immer wirken kann — scintilla ignis sem-
per operaretur, si inveniret proportionale, quantum est de se —,
ist ein mixtum unterhalb einer gewissen quantitativen Grenze
dazu nicht mehr fähig. Et nota, fügt Bacon hinzu, quod duplex
est operatio: quaedam animalis, ut immutare sensum,... alia
naturalis ut convertere nutrimentum (das als Beispiel betrachtete
mixtum ist wieder das Fleisch).
Bacon nimmt also eine Art von Wirkungsminima an. Die
kontinuierlichen Substanzen sind zwar unbeschränkt teilbar,
nicht nur als Materie und als Kontinuum, sondern auch als
Substanz; aber unterhalb einer gewissen Grenze hört ihre
W irkungsfähigkeit auf. Denn für die Kräfte, das ist eine
allgemein anerkannte Regel, gilt wie für alle natürlichen For­
men : forma dividitur secundum divisionem materiae in qua e st;
je kleiner ceteris paribus das Quantum Materie ist, dem sie
inhäriert, desto kleiner ist die Menge der betreffenden Kraft s4f
und wenn sie gar zu klein ist, dann wirkt sie nicht mehr. In
unserm F a ll: dann ist die betreffende Substanzpartikel nicht
mehr wahrnehmbar und kann nicht mehr ihre spezifischen ope­
rationes naturales ausüben. In diesem Sinn gibt es minima,
an denen die Teilbarkeit der kontinuierlichen corpora sensibilia
ihr Ende findet.
Diese Deutung der minima naturalia hat einen starken
Einfluss g e h a b t: Albertus Magnus, Siger von Brabant, Richard
von Mediavilla knüpfen unmittelbar an sie an und entwickeln
die eigene Lehre aus ihr heraus.
Albertus Magnus äussert55 anlässlich jener Aristoteles-
Stelle in Phys. I : licet enim in continuo mathematico non
sit accipere minimum, tamen in physicis corporibus minimum

e* Vgl. ob. S. 50 ff.


89 Phys. I tract. II, cap. 13.
184 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

accipitur et maximum, quia omnium natura constantium termi­


nus quidam est et determinata ratio magnitudinis sive dimen­
sionis in parvitate et magnitudine. Hoc autem probabimus in
primo libro de generatione et corruptione. Und tatsächlich
heisst es dort 5‘ — das Thema ist die Auseinandersetzung mit
Demokrit — : licet enim non sit accipere minimum in partibus
corporis secundum quod est corpus..., tamen est in corpore
physico accipere ita parvam carnem, quia si minor accipitur,
operationem carnis non perficiet: et hoc est minimum corpus
in eo quod corpus: et hoc vocavit atomum Democritus. Et quia
hoc materiale est ad totum corpus, ideo dixit ex talibus physica
corpora componi, et non erravit, si de compositione quantitativa
et physica intellexerat: sed erravit in hoc quod non vidit com­
positionem essentialem primam quae est ex forma et materia :
minima enim caro composita est ex forma et materia.
Albert übernimmt also einfach den Gedanken Bacons von
den minima secundum operationem, ohne sich die Mühe zu
machen, ihn näher zu begründen, und identifiziert dann diese
minima ohne weiteres mit Demokrits Atomen. Oder richtiger :
er deutet und korrigiert Demokrits Lehre im Sinn seiner eigenen
Minimathcorie. Dieses Bekenntnis zum Atomismus, das ja
immerhin etwas Ueberraschendes hat, ist also cum grano salis
zu verstehen.
Eine entschiedene Ablehnung findet die Lehre von den mi­
nima secundum operationem in den Quaestionen zur Physik,
die Siger von Brabant zugeschrieben worden sindS7. Sie sei
nicht nur in sich falsch, so erklärt der Autor, sondern auch
gegen die Absicht des Philosophen. Aristoteles habe etwas ganz
anderes gemeint — womit Siger zweifellos recht hat — : di­
cendum secundum Aristotelem... quod in rebus naturalibus est
dare minimum separatum quod potest salvari in natura sua per
se, sed in toto non est dare aliquod minimum quo minus non*•

*• De gener, ei corr. I tract. 1 cap. 12.


Phys. I qu. 26 (Philos. beiges XV, cd. Ph. Delhaye, Löwen 1941).
Ob Siger wirklich der Verfasser ist. ist allerdings zweifelhaft, denn die
(Quaestionen weichen in vielen Punkten von ucn Lehren ab, die dieser in
den sicher echten Schriften vertreten hat (vgl. z. B. u. S. 240. und unsern
Aufsatz Nouvelles questions de Siger de Brabant sur la Physiquc d’Ari-
stote, Revue phil. de Louvain 44. 1946. S. 499 ff ) Doch wollen wir ihn,
bis zum Beweis des Gegenteils, dafür halten.
MINIMA NATURALIA 185

contingit dare. Es gibt für jede homogene Substanz ein mini­


mum derart, dass kleinere Quanten des betreffenden Stoffs nicht
für sich existieren könnten, sondern sich alsbald in die umge­
bende Substanz verwandeln würden. Das ist eine Vorstellung,
die der aristotelisch-scholastischen Philosophie aus verschiede­
nen Zusammenhängen geläufig ist. Die Substanzen sind ja für
sie grundsätzlich ineinander umwandelbar, auch die Elemente,
und dieser Prozess soll vornehmlich dann eintreten, wenn ein
sehr kleines Quantum einer Substanz mit einem sehr grossen
einer andern in Berührung kommt. Ein Tropfen Wein etwa —
das ist das meist zitierte Beispiel •• , der in ein grosses
Gefäss voll Wasser fällt, würde sich in W asser verwandeln.
Dieses Prinzip wendet Siger nun auf das Problem der mi­
nima an : si dividatur aliquid in aliquas partes et quaelibet pars
in alias, erit devenite ad aliquam partem ita parvam quae ra­
tionabiliter resolvatur in continens, ut dicit Aristoteles libro
de sensu et sensato. Et huius ratio est quia natura non tan­
tum dat esse, sed virtutem conservandi in esse et conti­
nendi. Et iterum in continuis, si in maiori est maior virtus, et
in minori erit minor. Si igitur natura dat virtutem conservandi
in esse, et ipsa finita est, quare est aliquod minimum illius
virtutis, et in maiori corpore est maior virtus et in minori
minor, quare erit devenire ad aliquid ita parvum, quod si di­
vidatur non amplius manebit. Diese Begründung knüpft deut­
lich an Bacons Auffassung an, nur werden die Wirkungsmi-
nima jetzt zu eigentlichen Kraftminima. Quaelibet virtus na­
turalis, so formuliert später Johannes von Jandun dieselbe
V orstellung8*, est determinata... ad minimum in quo potest
subsistere seorsum. Daraus folgt ohne weiteres, dass es minima
innerhalb des Ganzen — minima inexistentia nennt sie dass
spätere 14. Jahrhundert im Gegensatz zu den minima per se3

3S Aus Aristoteles, De gener, et corr. I cap. 10. Ein analoges Beispiel


findet sich in De sensu et sensato cap. 6-
ß® Phys. VI qu. l (Ed. Vcned. 1551). Jandun erörtert das Problem an
mehreren Stellen, z. B. auch in den Quaestionen zu De substantia orbis
(qu. 8). immer in engstem Anschluss an Sigcrs Gedankengang. Das gilt
ganz besonders von Phys. I qu. 16 (an naturalia ad maximum et mini­
mum term inata sint). Vielleicht ist in dieser Übereinstimmung ein Argu­
ment zu Gunsten der umstrittenen Echtheit der Siger’schen. Quaestionen zu
sehen.
186 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

existentia — nicht gibt; Teile, die nicht vom Ganzen getrennt


werden, können beliebig klein sein. In was sollten sich die unter
der Minimalgrenze liegenden Teilchen denn auch verwandeln ?
Doch wieder nur in dieselbe Substanz, von der sie nicht ge­
trennt werden und die darum für sie das continens darstellt.
Die Theorie der minima naturalia in dieser Fassung be­
rührt also das Problem der unendlichen Teilbarkeit der sub­
stantiellen Kontinuen nicht, sie behauptet nur die Existenz von
m i n i m a s e p a r a t a und weist damit in andere Zusam­
menhänge. Es ist diese Form der Lehre, die dann die herr­
schende geworden ist. Freilich noch nicht sofort.
Richard von Mediavilla greift noch einmal auf Bacons
Auffassung zurück *°. Er fragt, utrum magnitudo naturalis sit
divisibilis in infinitum, und antwortet mit folgenden drei The­
sen: i. quod magnitudo mathematica est divisibilis in infini­
tum ; 2. quod magnitudo naturalis quantum ad actum essendi
est divisibilis in infinitum ; 3. quod quantum ad actum secun­
dum qui est generare sibi simile et movere se et movere sensum
non est divisibilis in infinitum. Eine « natürliche Grösse » __ si­
cut magnitudo considerata in aere et in igne — ist als Sub­
stanz und zwar in ihrem vollen substantiellen Sein, mit allen
ihren Eigenschaften und Kräften, unendlich teilbar; posset ta­
men devenire ad partes ita parvas, quod nullo modo possent
conservari in esse in virtute creata tantum, et hoc propter
debilitatem virtutis in illis partibus. Deus tamen illas conser­
vare posset. So habe vermutlich auch Aristoteles seine These
de came minima verstanden. Sed hoc non obstat, quoniam ipsa
caro posset dividi sine fine, supposito quod ipsae partes con­
serventur. Unde ad excludendum omnem controversiam : Deus
posset sic dividere carnem sine fine, quod quaelibet pars habe­
ret materiam et formam carnis et sic ex parte sua divisibilis
est in infinitum, quantum ad actum primum. Richard lehnt also
Sigers minima separata ab, freilich mit einem Argument, das
das Problem in eine andere Sphäre verweist.
Hinsichtlich des actus secundus liegt der Fall dagegen
anders. Gott könnte das Feuer z. B. in so kleine Funken tei­
len, dass noch kleinere nicht mehr imstande wären, andere
Substanzen in Feuer zu verwandeln (d. h. zu verbrennen),

Quodl III qu. ) (Ed. Brescia 1)91)-


MINIMA NATURALIA 187

oder das Medium zu teilen, d. h. sich zu bewegen oder


schliesslich die Sinne zu reizen, d. h. wahrgenommen zu werden.
Sic ergo patet, schliesst er, quod sensibile potest esse ita par­
vum quod quamvis esset sensibile in actu primo inquantum
habet formam ipsius sensibilis, tamen non esset actu sensibile
quantum ad actum secundum, qui est movere sensum. Das
gilt natürlich nur für Partikel, die für sich existieren : für sie,
aber nicht für Teile innerhalb des Ganzen, gibt es eine Minimal­
grenze hinsichtlich der Möglichkeit des aktuellen Wirkens. Das
ist eine Präzisierung der Bacon’schen Lehre, die wohl nicht
unabhängig von Sigers Interpretation der minima naturalia ist.
Die materiellen Substanzen sind also an sich und in sich
in jeder Beziehung, auch hinsichtlich des actus secundus, un­
begrenzt teilbar, und die Annahme von minima welcher Art
auch immer beeinträchtigt in keiner Weise und unter keinem
Gesichtspunkt die unendliche Teilbarkeit natürlicher Konti­
nuen. Das ist das Ergebnis, zu dem Richard — genau wie
auf anderm W eg Siger — tatsächlich kommt, freilich noch
ohne es in dieser grundsätzlichen Form auszusprechen.
Es war Duns Scotus, der als erster bewusst zu dieser Ent­
scheidung gekommen ist und damit das Problem prinzipiell ge­
löst hat. Bei der Erörterung über die Struktur des Kontinuums**
wird der Einwand betrachtet: wenn es keine « minima secun­
dum materiam » gibt, so kann es doch « minima secundum
formam » geben. Diese Unterscheidung kann nach Duns in dop­
pelter Weise verstanden werden *3. Einmal kann sie besagen:
quanta secundum quod quanta sunt divisibilia in infinitum, non
autem secundum quod naturalia; das wäre also die Auffassung,
die einerseits Thomas und Aegidius, andererseits Roger Bacon
und die ihm gefolgt sind, vertreten haben. Oder es kann der
Unterschied zwischen pars quae potest esse per se actu und

«i Joh. Canonicus, der Richards Lehre über die minima naturalia ein­
fach undiskutiert, z. T. wörtlich, übernimmt, gibt ein sehr anschauliches
Beispiel hierfür: Cum ad hoc quod aliquod corpus moveatur naturaliter
per medium requiritur in ipso virtus determinata potens medium dividere,
posset igitur Deus dividere grave in tantum quod ultra non haberet vir
tutem ad dividendum medium nec cadendum deorsum (Phys. VI qu. i
art. II).
M Op. Ox. II dist. 2 qu. 9-
•)3 Eigentlich in dreifacher, doch scheidet die dritte Möglichkeit so­
fort aus.
188 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

pars secundum potentiam videl. pars ut existit in toto gemeint


sein, et tunc redit in idem cum alio dicto antiquo, quod est
dare minimum quod potest per se exislere, non autem mini­
mum in toto, quo non est minus existens in eo in potentia.
Aber beide Auffassungen sind für Duns unhaltbar. Die erste
ist zwar insofern richtig, als dic ratio formalis der Teilbarkeit
die quantitas und nicht die naturalitas ist, sicut si diceretur
quod animal inquantum habet oculos videt, non inquantum
habet manus. Das schliesst aber nicht die schlechthinige Teil­
barkeit a u s: ex hoc non sequitur quod simpliciter ei non con­
veniet quod convenit ei secundum quantitatem, denn auch das
Lebewesen sieht « simpliciter ». Ita igitur absolute est ornne
naturale divisibile in semper divisibilia in infinitum.
Auch die zweite Auslegung hält der Kritik nicht stand,
denn ebenso gut wie die (unendliche) Teilbarkeit wesentlich ist
für das quantum als solches, so ist es wesentlich für den Teil
als solchen, dass er für sich existieren kann. Et si dicas, quod
statim converteretur in continens: ista responsio non videtur
esse ad intellectum quaestionis. Quaerimus enim minimum po­
tens per se esse ex ratione intrinseca, h. e. cui per aliquod in­
trinsecum repugnat contradictorie minus eo per se esse. Nulla
autem ratio huius impossibilitatis intrinseca assignatur, si to­
tum corrumpatur. Denn angenommen, es gäbe nur eine einzi­
ge Substanz, etwa Wasser, in der Welt, so wäre sie ohne
Zweifel in infinitum teilbar. Non enim repugnat formae aquae
ista parvitas M.
Diese Auffassung des Problems ist für die Folgezeit mass­
gebend geworden. Die Theorien, dass die substantiellen Konti-
nuen unter irgend einem Gesichtspunkt nicht unendlich teilbar
seien, hören auf; es wird sogar kaum mehr das Problem ge­
stellt. Was bleibt, ist lediglich die Lehre von den m i n i m a
s e p a r a t a , die auf dem Gedanken beruht, dass Kräfte un­
terhalb einer gewissen Grenze sich gegen die auf sie einwirken-

•« Wilh. v. Alnwick lehnt sich in dieser Unterscheidung und in der


Kritik und Ablehnung beider Standpunkte genau an Duns an (in einer der
Determinationes des Pal. lat. 1805. vgl. u. S. 263: utrum minimus ignis
possit corrumpi, fol. 151-155); auch Walter Burlaeus macht in deutlichem
Anschluss an Duns die gleiche Unterscheidung, aber ohne Kritik und
Stellungnahme: er lässt die Frage offen (Ph\s. III, Ed. Vened. 1491. fol. 17).
MINIMA NATURALIA 189

den äusseren Kräfte nicht behaupten können, was eine substan­


tielle Umwandlung- ihres Substrats zur Folge hat Aber auch
diese minima werden mit der Zeit immer mehr relativiert: man
kommt zu der Ansicht, dass der vorausgesetzte Zerstörungspro­
zess sich jedenfalls nicht instantan sondern sukzessiv vollzieht,
sodass also mindestens vorübergehend Quanten des betreffen­
den Stoffs existieren, die unter dem Minimalwert liegen“ ; und
zu der weiteren Erkenntnis, dass man kaum von absoluten mi­
nima sprechen kann, sondern dass die Grösse der Quanten, die
den äusseren Kräften noch Widerstand zu leisten vermögen,
von der Natur dieser Kräfte, d. h. von der Natur der umge­
benden Substanz abhängt,r. Das Ergebnis dieser Entwicklung,
die sich durch das ganze 14. Jahrhundert hinzieht, ist schliess­
lich, dass die Existenz von minima naturalia überhaupt abge­
lehnt wird, mindestens für homogenea
Für heterogenea natürlich ist es anders; für sie bleibt die
Regel, dass jede Substanz nur innerhalb einer Maximal- und
einer Minimalgrenze realisiert sein kann. Im übrigen bleibt die
Frage « utrum entia naturalia sint determinata (oder auch: ter­
minata) ad maximum et ad minimum » nicht auf Substanzen
beschränkt, sondern sie wird, mit dem fortschreitenden 14.
Jahrhundert in immer wachsendem Umfang, auf alle möglichen
andern gegenständlichen Momente ausgedehnt: auf Intensitä­
ten, Geschwindigkeiten, zeitliche Dauer, räumliche Distanzen

es Dico, so formuliert etwa YVilh. v. Otkhara die übliche Auffassung,


quod non est dare minimum naturale quin seinper posset dividi in partes
minores in infinitum retenta eadem forma naturali... et ad Philosophum
dico quod intelligit quod est dare minimum naturale et minimam carnem
quae non potest existcre per se et resistere agenti extrinseco corrumpenti
(Sent. II qu. 8 G, Ed. Lyon 1495).
«« Dic These von den minima naturalia wird dementsprechend ein­
geschränkt: quod sic est dare parvam quantitatem quod sub tali vel minori
non posset naturaliter aliquod corpus seorsum ab aliis de sua specie salvari
l u n g o c t n o t a b i l i t e m p o r e , sed continue tenderet ad corrup­
tionem et cito corrumperetur a corporibus sibi propinquis: so heisst es
bei Buridan (Phys. I qu. 13, Ed. Paris 1509)-
«7 So Albert von Sachsen. Phys. I qu. 10 art. III (Ed. Vened, 1504).
fl" Der Gedanke klingt schon bei Buridan an und noch deutlicher bei
Albert von Sachsen. Marsilius von Inghen schliesslich formuliert ihn unum­
wunden; Ex infinite modica materia potest forma rei homogeneae produci
(Abbreviationes super 8 libr. phys. I Notab. 3. Ed. Vened. 1521).
190 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

usf., ohne dass diese Versuche zu Ergebnissen von wirklichem


Erkenntniswert geführt hätten ‘\
Von den verschiedenen Gesichtspunkten, under denen die­
ser ganze Problcmzusammenhang betrachtet wurde, ist indes­
sen einer von prinzipiellem Interesse. Man war sirh nämlich
allmählich darüber klar geworden, dass die in Frage stehenden
Grenzwerte — maximum und minimum — in doppelter Weise
aufgefasst werden können. Sehr anschaulich ist dieser Unter­
schied etwa im pscudo-scotistischen Physikkommentar10 for­
muliert. Für jedes Ding, so heisst es zunächst, gibt es zwei
termini, einen a parte magnitudinis und einen a parte parvi­
tatis. Et tunc res naturalis vel terminatur ad illum terminum
ex parte magnitudinis inclusive, et tunc ille terminus est maxi­
mum sub quo potest esse res naturalis, quia sub illo potest
et sub nullo maiori, sed sub quolibet minori (usque ad illum
sub quo non potest esse propter parvitatem). Si vero res na­
turalis terminatur exclusive ad illum terminum, tunc terminus
ille vocatur minimum sub quo non potest esse, quia sub illo
non potest nec sub aliquo maiori sed sub quolibet minori. Das

«* Dasselbe gilt von den gleichfalls gern erörterten Fragen, die «ich
auf die latitudines oder die perfectiones specierum beziehen und die in
ihrer Art auch vom Problem des Kontinuums handeln. Wir wollen hier
nicht näher auf sie eingehen; nur eine literarhistorische Bemerkung sei
gestatten. In N ic o l a u s v o n O r e s m e s Tractatus de configurationi­
bus intensionum findet sich, wie wir schon an anderer Stelle mitgeteilt
haben (III S. 303), folgende Verweisung (lib. I cap. 20, Vat. lat. 3097
fol. 4): per Dei gratiam hoc — es handelt sich um ein geometrisches
Problem — ostendam in tractatu de perfectionibus rerum. Wir glauben
nun diesen Traktat, oder ein Stück von ihm, gefunden zu haben, und
zwar möchten wir eine Reihe der anonymen Quaestiones des Vat. lat. 986,
die bisher alle als Quaestionen zu den Sentenzen angesehen wurden, mit
ihm identifizieren. Es sind die letzten neun Fragen, die unmittelbar Ores­
mes Traktat De communicatione idiomatum in Christo voraufgehen und
die selbst unverkennbar Oresmesches Gepräge tragen. Sie handeln durchweg
de perfectionibus rerum (bezw. specierum), und es ist in ihnen auch m ehr­
fach von dem erwähnten geometrischen Problem die Rede. Sie beginnen:
Consequenter quaeritur an universaliter entium alterius rationis alterum
in infinitum sit perfectius et nobilius essentialiter allero; und enden: Et sic
patet de ista materia totali quid sentiendum sit etc. (fol. 123-133'; s. die
einzelnen Quaestionentitel in A. Pelzers Katalog der Vat. lat. 679*1134,
S. 456 f ).
Dem wahrscheinlich ein Kommentar des Marsilius von Inghen zu­
grunde liegt. Die zitierte Stelle findet sich lib. I qu. 12.
MINIMA NATURALIA 191

Entsprechende gilt für den terminus ex parte parvitatis; er


kann inclusive verstanden werden als ein minimum quod sic
— das ist die übliche Bezeichnung — : so wie etwa die mi­
nima naturalia im allgemeinen aufgefasst wurden, nämlich als
minimum, in dem die betreffende Substanz noch existieren kann,
oder exclusive als maximum quod non : das minimum naturale
einer Substanz wäre dann diejenige Grösse, in der sie gerade
nicht mehr existieren kann T1.
Diese Unterscheidung taucht schon früh au f; zunächst
noch nicht in der Anwendung auf maxima und minima, aber
bei einer grundsätzlich verwandten Frage, bei der es auch
darum geht, innerhalb des unendlich teilbaren Kontinuums an
einer bestimmten Stelle eine Zäsur vorzunehmen und diese be­
grifflich präzis zu fassen. Es ist das Problem des i n c i p i t
e t d e s i n i t , dem schon Petrus Hispanus ein Kapitel seiner
Parva logicalia widmet 12 und das seitdem zu den klassischen,
immer wieder erörterten Fragen gehört. Das Ende einer zeit­
lichen Dauer, etwa des Lebens, kann als ultimum instans in
esse oder als primum instans in non esse aufgefasst werden,
umgekehrt kann man den Anfang als ersten Moment des Seins
oder als letzten des Noch-nicht-seins ansehen. Gibt es etwa
einen ersten Augenblick, in dem zwei Körper sich berühren,
oder einen letzten, in dem sie sich noch nicht berühren? einen
letzten, in dem ein Körper sich noch bewegt, oder einen ersten,
in dem er ruht? und umgekehrt: einen ersten, in dem er sich
bewegt oder einen letzten, in dem er noch ruht? usw.
Von hier aus kommt es dann allmählich zur Uebertragung
der Fragestellung auf die maxima und minima im weitesten
Sinn. Gibt es etwa —. das ist eines der beliebtesten Beispiele
— ein Maximalgewicht, das Sokrates gerade noch, oder ein
Minimalgewicht, das er gerade nicht mehr heben kann? All­
gemeiner: ist die Leistungsfähigkeit einer gegebenen KraftS o*

So hat z. B. Buridan die minima naturalia aufgefasst, vgl. Anm. 66;


übrigens auch Joh. Baconthorp, der sich in einer kurzen Bemerkung zu
unserem Problem äussert (Scnt. II dist. 4 qu. l art. III).
72 Summulae logicales tract. VII (= Parva logicalia) cap. 7. Incipit
und desinit sind zwei « exponibilia », und es handelt sich um die Regeln,
nach denen die propositiones de incipit et desinit auszulegen sind. Incipit
kann heissen: nunc est, immediate ante hoc non fuit, oder, non est, im­
mediate post erit; desinit entsprechend.
192 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

bestimmt durch das maximum was sie leisten, oder durch das
minimum was sie nicht leisten kann (durch das maximum
quod sic oder das minimum quod non)? und umgekehrt: ist
die Widerstandsfähigkeit einer passiven Kraft oder resistentia
beschränkt durch die kleinste unter den Kräften, von denen sie
überwunden wird — durch das minimum quod sic —, oder
durch die grösste unter denen, die sie nicht zu überwinden
vermögen — das maximum quod non T* ? Gibt es eine grösste
Entfernung, in der man einen Gegenstand noch sieht, oder eine
kleinste, in der man ihn nicht mehr sieht? Gibt es ein maximum
an Lichtintensität, das man in gegebener Entfernung gerade
noch, oder ein minimum, das man gerade nicht mehr
wahmimmt? Gibt es — auch das ist ein beliebtes Beispiel —
ein minimum an Materie, de qua potest educi forma asini, oder
ein maximum quod non? Das Problem wird auch auf theolo­
gische Fragen ausgedehnt: gibt es ein minimum an Leistung
durch das ein sittliches Gebot gerade noch erfüllt wird, oder
ein maximum quod non, das ihm nicht genügt? usf. Die Li­
teratur des 14. Jahrhunderts ist unerschöpflich an derartigen
Problemen.
Sie werden mit einem unendlichen Aufgebot an Geduld
und Scharfsinn durchdiskutiert, es werden alle Argumente er-71

71 Potentia enim activa aut terminatur per maximum in quod potest,


aut per minimum in quod non poterit potentia illa data. Potentia enim
Socratis activa cum ipsa finita fuerit, erit dare maximum quod Socrates
sufficit portare, aut minimum quod non, et ita de aliis similibus quibus­
cumque. Sed potentia Socratis passiva, cuiusmodi est virtus visiva, c con­
verso se habet. Modo quia non est dare maximum quod Socrates potest
videre vel minimum quod non potest, sed maximum quod ipse videre
non potest vel minimum quod ipse potest. Idem etiam in aliis accidit.
Signato enim quocumque passivo, quod non a quolibet potest pati, erit
dare maximum a quo ipsum pati non potest vel minimum a quo potest.
So formuliert Wilhelm Heytesbury das Problem (Regulae ad solvendum
sophismata tract. V: de maximo et minimo. Ed. Vened. 1494). Bei allen
derartigen Fragen, die sich auf maxima und minima secundum potentiam
beziehen, wird übrigens die Kraft, deren Leistungs- oder Widerstandsfähig­
keit durch maximum oder minimum bestimmt werden soll, als b e ­
k a n n t vorausgesetzt, wie Heytesbury ja ausdrücklich sagt. Es handelt
sich hier also nicht etwa um Versuche, ein Kräftemass zu finden, wie
man gelegentlich gemeint hat. Das wäre eine Fragestellung, die der Scho­
lastik überhaupt völlig fern lag und die in diesem besonderen Fall von
vornherein au^eschlotsen ist: der Auigangspunkt sind hier immer gegebene
(oder wenigstens fiktiv gegebene) Grössen.
MINIMA NATURALIA 193

wogen, die für die eine oder für die andere Lösung sprechen
und es wird sorgfältig untersucht, welchen das Hauptgewicht
beizulegen ist. Meistens liefert ein Aristoteleswort das entschei­
dende Kriterium. So z. B. in vielen der Fragen de incipit et
desinit: nach Aristoteles gibt es für ein Lebewesen keinen ul­
timum instans in esse, sondern einen primum instans in non
esse, d. h. Aristoteles betrachtet den Moment des Todes nicht
als Ende des Lebens sondern als Anfangs des Nichtseins. Diese
Regel wird dann zur Norm für alle einschlägigen Fragen. Es
kommt auch vor, dass mehrere einander widersprechende Ent­
scheidungskriterien vorliegen. Das ist der Fall bei der Frage,
ob die Leistungsfähigkeit einer gegebenen Kraft durch das ma­
ximum in quod sic oder durch das minimum in quod non be­
stimmt ist, und der analogen für die Widerstände. Hier gilt
einerseits eine aristotelisch-averroistische Regel, die nach ihrem
Wortlaut, wenn auch nicht nach ihrem eigentlichen Sinn, die
Alternative entscheidet: dass nämlich eine aktive Kraft durch
das maximum in quod potest zu definieren ist, eine passive
oder negative (ein Widerstand) durch das minimum in quod
non potestr4. Andererseits ist es eines der Grundprinzipien der
scholastischen Mechanik TS, dass eine gegebene Kraft jeden Wi­
derstand zu überwinden vermag, der kleiner ist als sie selbst
— die Scholastik hat ja ohne weiteres vorausgesetzt, dass Kräfte
und Widerstände, welcher Art auch immer sie sind, sich unmit­
telbar vergleichen lassen —, dass sie dagegen einen Widerstand,
der ihr gleich oder grösser als sie ist, nicht überwinden kann.

f* Aristoteles meint tatsächlich mit dieser Regel' etwas ganz anderes:


er setzt fest (De caelo I cap. n ), dass das pvue einer Kraft durch das
maximum ihrer Leistungsfähigkeit anzugeben ist, das non poue durch
das minimum. Wenn etwa Sokrates 100 Pfund heben kann, so kann er
zweifellos auch 50 oder 20 heben, aber sein possc ist durch das maximum
und nicht durch einen kleineren Wert zu charakterisieren. Umgekehrt,
wenn er nicht imstande ist, 20 Meilen zurückzulegen, so kann er auch
nicht 50 oder 100 zurilcklegcn, aber sein non posse ist durch das minimum
und nicht durch einen grosseren Wert zu beschreiben. «Semper ad plu
rimum dicimus ». Averroes hat die Regel dann im selben Sinn auf passive
Kräfte ausgedehnt. Es handelt sich hier also un ein ganz anderes maximum
und minimum als in unserem Problem — was z. B. bei Thomas von
Aquin (De caelo I lect. 25) noch ganz klar ist —, aber man hat. wie
cs ja oft geschehen ist, das Zitat wörtlich angewendet, ohne auf seine
ursprüngliche Bedeutung zurückzugehen.
TB Vgl. oben S. 67 und 85.
104 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FEAGEBTELLUHGEH

Damit ist aber gesagt, dass es für eine aktive Kraft (für pas­
sive gilt die entsprechende umgekehrte Ueberlegung) ein mi­
nimum quod non gibt, aber kein maximum quod sic. Die beiden
Kriterien, die /üi die Lösung dieser Frage zur Verfügung
stehen, widersprechen sich also, und die Entscheidung im ein­
zelnen Fall hängt davon ab, welchem von beiden der betreffende
Autor den Vorzug gibt. So haben z. B. Johannes von Jandun T*
und Richard Swincshead11 im erstcren Sinn entschieden: die
Kräfte sind durch das maximum quod sic begrenzt; während
mehr naturphilosophisch orientierte Autoren wie Johannes Bu­
ridan und seine Schüler sich auf das physikalische Prinzip
stützen und sich für das minimum quod non entscheiden. So
heisst es z. B. bei Buridan Tl: posito quod a est potentia le-
vativa ponderis magni, non est dare maximum pondus, quod
a potest levare. Und der Beweis: ponamus ergo quod a levat
b tamquam maximum quoti ipsa potest levare secundum adver­
sarium. Tunc est aliquantus excessus ipsius a ad b. Et tunc
ipsi b apponatur pondus tantum quod resistentia sit aequalis
virtuti a, et illud quod apponitur vocetur c. Constat tunc quod
a non poterit levare compositum ex b et c. Sed tunc, quia c
est divisibile, auferatur medietas eius et alia medietas remaneat
cum b, quae vocetur d. Tunc ergo a excedit compositum ex
b et d, et per consequens potest levare ipsum, et tamen illud
compositum est maius quam b. Ergo b non erit maximum quod
a poterat levare.
Buridan hat mit diesem Beweis in besonders klarer Form
das ausgesprochen, was der eigentliche Kern all dieser Be­
mühungen um maxima und minima war, und was man sonst
im allgemeinen in ziemlich schwerfälligen und umständlichen
logischen Formulierungen auszudrücken suchte: dass es näm­
lich in allen fraglichen Fällen e n t w e d e r ein maximum quod
sic o d e r ein minimum quod non (bezw. ein minimum quod
sic oder ein maximum, quod non) gibt, aber nicht beide zu­
gleich, denn die Existenz des einen Wertes schliesst die des
andern aus. Und der Grund: es würde sich in jedem Fall um
unmittelbar benachbarte diskrete Werte innerhalb einer kon-

7# Phys. VI qu. 1.
77 Liber calculationum, tract. 10: De maximo et minimo.
7* Phys. I qu. 12.
MINIMA HATUBALIA 105

tinuierlichen Skala handeln ; und da* gibt e* nicht. Zwischen


zwei Punkten eine* Kontinuums, *eien sie einander noch so
nah, liegt immer eine Distanz, die in infinitum teilbar ist, oder,
ander* ausgedrückt: liegen immer unendlich viel Punkte.
Diese Eigenschaft des Kontinuums war der Scholastik,
das haben wir gesehen, an sich noch aus andern Zusammen­
hängen geläufig. Das prinzipiell Interessante und Neue der
mannigfachen und vielgestaltigen Probleme dieser Art liegt auch
nicht in dem Ergebnis als solchem, sondern in dem Weg, der
zu ihm führt. Das 14. Jahrhundert hat nämlich mit seinen
unzähligen Einzelerörterungcn de maximo et minimo und de
incipit et desinit tatsächlich, wenn auch nur implicite, eine
Regel gefunden, die Jahrhunderte später als axiomatische W e­
sensbestimmung des Kontinuums erkannt wurde.
Es ist das Prinzip des sogenannten Dedekind’sehen Schnit­
tes T*, das in der Umkehrung des folgenden an sich trivialen
Satzes b esteh t: ein lineares Kontinuum — eine geometrische
Linie, ein beliebiges Intensitätskontinuum, eine Zeitstrecke
usw. — wird durch jeden seiner Punkte in zwei Stücke geteilt,
derart, dass alle Punkte der einen Gruppe links liegen von
allen Punkten der andern, bezw. dass alle W erte der einen
Klasse kleiner sind als alle W erte der andern. Die Umkehrung
ergibt das Axiom : zerfallen alle Punkte eines linearen Kon­
tinuums in zwei Klassen der geschilderten Art — enthält etwa
die eine alle W iderstände, die eine gegebene Kraft überwin­
den, die andere alle, die sie nicht überwinden kann — , so gibt
es einen und nur einen Punkt, der diese Einteilung (diesen
« Schnitt ») hervorbringt. Das ist genau das, was die Scholastik
auch erkannt hat, nur hat sie diese Erkenntnis nicht in all­
gemeiner Form ausgesprochen und auch gar nicht auszuspre­
chen versucht. Das hat seine Gründe gehabt. Denn es bleibt
noch die Frage, in welche Gruppe der teilende Punkt selber
zu rechnen i s t : ist er als maximum in der Klasse der kleineren
Werte oder als minimum in der der grösseren anzusehen? Und
gegenüber dieser F rage ist das 14. Jahrhundert andere Wege
gegangen als das 19. Soweit es sich um die Wesensbestim­
mung des mathematischen Kontinuums handelt — und das hat 79

79 Es geht zurück auf Dedekinds Schrift Stetigkeit und irrationale


Zahlen, 1872.
196 MATHFMATISCHPHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Dedekind allein berücksichtigt, während die Scholastik gerade


dafür kein Interesse hatte —, ist die Entscheidung willkürlich,
und der teilende Punkt kann nach Belieben der einen oder der
andern Gruppe zugewiesen werden. Für die Scholastik dagegen,
die in allen Fällen reale Kontinucn, seien es räumliche, zeit­
liche, intensive betrachtet hat, war es durchaus nicht gleich­
gültig, ob der strittige Wert als maximum quod sic oder als
minimum quod non anzusehen ist, sondern für sie lag gerade
hier das entscheidende Problem. Und dieses Problem ist nicht
durch eine allgemeine Formel zu lösen, sondern lediglich da­
durch, dass in jedem einzelnen Fall nach einem Kriterium ge­
sucht wird, das die Frage entscheidet. Die Philosophen des
14. Jahrhunderts haben darum gar keinen Anlass gehabt, die
Erkenntnis, zu der sie tatsächlich gelangt waren, in genereller
Form auszusprechen.
Es ist dies ein typischer Fall: die Spätscholastik bleibt
hier wie in vielen andern Zusammenhängen in der Fülle der
Einzelerkenntnisse stecken, ohne induktiv zu allgemeinen Re­
geln und Gesetzen aufzusteigen. Nicht weil sie den Induk­
tionsschluss nicht gekannt oder weil sie grundsätzlich das in­
duktive Verfahren zu Gunsten des rein deduktiven ausge­
schlossen hätte — davon ist gar keine Rede —, sondern ein­
fach, weil ihr Interesse in andere Richtung ging, sodass die
Aufstellung allgemeiner Formeln nicht erforderlich war und
gar keinen Sinn gehabt hätte. Die Folge war allerdings, dass
die Ergebnisse, zu denen die Scholastik gekommen ist, von
den späteren Zeiten nicht als solche erkannt und gewürdigt
wurden, sondern wieder in Vergessenheit gerieten und neu
gefunden werden mussten — wie vieles andere, was das 14.
Jahrhundert schon entdeckt und geleistet hatte.

III

Das Problem des Kontinuums stellt für die Scholastik den


einzigen Fall dar, in dem die Annahme eines in der Welt
realisierten aktuell Unendlichen überhaupt in Betracht gezogen
werden konnte, ohne von vornherein mit philosophischen oder
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 197

theologischen Grundüberzeugungen in Widerspruch zu geraten.


Sonst, in jedem andern Fall, sind infinita in actu prinzipiell
ausgeschlossen. Der Grund, warum die Anzahl der letzten Teile
des Kontinuums eine Ausnahme bildet, liegt auf der Hand:
es handelt sich hier ja um eine unendliche Menge unendlich
kleiner Glieder, die als Ganzes eine endliche Grösse darstellt
(um eine multitudo infinita aliquorum per se facientium unum,
wie die Scholastik sagte), sodass die grundsätzlichen Schwie­
rigkeiten wegfallen, um derentwillen die infinita in actu von
der aristotelisch-scholastischen Philosophie a priori ausgeschlos­
sen wurden. Darum bildete die Frage, ob im Fall des Kon­
tinuums aktuell Unendliche Mengen anzunehmen sind oder
nicht, kein weltanschauliches, sondern ein rein philosophisches
Problem, das je nach der persönlichen Ansicht des Einzelnen
positiv oder negativ entschieden werden konnte. Aber in allen
übrigen Fällen, in denen der Unendlichkeitsbegriff hereinspielt,
war eine derartige Diskussion unmöglich, denn die Antwort
stand fest: im Bereich der geschaffenen Welt gibt es unend­
liche Grössen nur in potentia *°, aber nicht in actu, wobei diese
Potenz richtig zu Verstehen ist: als ein unendliches fieri, das
niemals das Ziel erreicht, oder als eine Potenz, die niemals
vollständig in Akt übergeführt werden kann •*.
Damit war jedoch das Problem des Unendlichen für die

so Und zwar gab cs für die Scholastik, mindestens für die Mehrzahl
der scholastischen Philosophen, potentiell unendliche Werte für jede Grös­
senart, auch für räumlich-extensive Grössen oder magnitudines. Diese letz­
teren hatte Aristoteles ausgeschlossen, denn für ihn war mit der End
lichkeit der in der Welt vorhandenen, nicht zerstörbaren aber auch nicht
vermehrbaren Materie die Möglichkeit einer ins Unendliche gehenden
Vergrösserung (infinitum per appositionem) ausgeschlossen. Für die christ­
lichen Philosophen ist diese Schwierigkeit durch einen Rekurs auf die
Schöpferkraft Gottes zu überwinden, die natürlich nicht an die einmal
geschaffene Materie gebunden ist, sodass die Annahme eines infinitum in
fieri auch für magnitudines den meisten gerechtfertigt erscheint.
Die Scholastik hat den Seinsinodus dieser infinita auch als actus
permixtus potentiae bezeichnet, ohne im übrigen damit ein neues sachliches
Moment einzuführen. Jeder Bewegungszustand, jedes sukzessive Sein, jedes
fieri ist nach der üblichen Definition ein actus entis in potentia secundum
quod in potentia, d. h. aber eine Mischung aus Akt und Potenz. Das
würde auch gelten, wenn der terminus des fieri ein endlicher wäre. Jeden-
falls drückt der actus permixtus potentiae der Scholastik nicht einen
höheren Aktualitätsgrad aus als die Potenz, die Aristoteles den infinita
zuschreibt (wie Duhcm gemeint hatte).
198 MAIHEMATISCH'PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN
Scholastik noch nicht gelöst. Wenn man auch nicht fragen
konnte, ob es neben dem infinitum in ficri nicht auch ein in*
finitum in facto esse gebe, so konnte man doch fragen, und
hat gefragt, ob es nicht der Allmacht Gottes möglich wäre
oder möglich gewesen wäre, ein solches zu schaffen. Und
dieses Problem ist im Grunde identisch mit dem Unendlichkeits­
problem, wie es die späteren Jahrhunderte gestellt haben.
Denn die Unmöglichkeit des infinitum in actu hat für dieje­
nigen, die sie behaupten, ja nicht in einer Beschränktheit der
Allmacht Gottes ihren Grund, sondern lediglich in den Anti­
nomien, die im Begriff des Unendlichen als solchem liegen.
Gott kann alles schaffen, was nicht in sich widerspruchsvoll
ist, und wenn man fragt, ob er ein infinitum in actu hätte
schaffen können, so fragt man damit genau wie in den fol­
genden Jahrhunderten, ob der Begriff des infinitum in actu in
sich widerspruchsvoll ist oder nicht. Für die Hochscholastik
ist er cs gewesen, eben wegen der Paradoxien, die ihm anhaf­
ten und von denen wir die wichtigsten schon kennen gelernt
haben, und auch im 14. Jahrhundert haben die meisten diesen
Standpunkt eingenommen. Doch hat es daneben auch eine Reihe
von Philosophen gegeben, die ein aktuell Unendliches in dem
angegebenen Sinn für möglich gehalten haben und die damit
die Vorläufer der Infinitisten des 17. Jahrhunderts wurden.
Die bisherigen Forschungen *3 haben erst drei derartige Ver­
treter des aktuell Unendlichen im 14. Jahrhundert festgestellt:
Johannes Bassolis, Robert Holkot und Gregor von Rimini M,
von denen uns die beiden letzten schon bekannt sind. Die Liste
lässt sich aber noch um eine Reihe von Namen erweitern,
wobei wir uns, um nicht zu ausführlich zu werden, auf die erste
Hälfte des Jahrhunderts beschränken wollen ,4.81*

81 P. Duhem, frudes sur Leonard de Vinci II, S. 37 ff. und 368 ff.:
H. frie, Le trailc de l'infini de Jean Mair, Paris 1938, Einleitung und
Anhang.
81 Ausserdem meint Duhem, Durandus de S. Porciano habe eine deut­
liche Hinneigung zum infinitistischen Standpunkt gezeigt; aber das kann
man aus Durands Äusserungen (Sent. I dist. 43 qu. 2) nicht wohl heraus­
lesen. Er kennt zwar — wie alle »eine Zeitgenossen — die Argumente,
die für das aktuell Unendliche angeführt zu werden pflegten, aber er
lehnt sie deutlich genug ab.
M Einzelheiten und ausführlichere Belegstellen zum Folgenden siehe
in unserm Aufsatz Diskussionen über das aktuell Unendliche in der ersten
Hälfte de 14. Jahrhunderts, Divus Thomas XXV, 1947, S. 147 ff. und 317 ff.
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 199

Zunächst sei noch einmal unterstrichen, dass es sich für


die Scholastik bei diesem Problem nicht um das mathematisch
Unendliche gehandelt hat, sondern um das in der physischen
Wirklichkeit realisierbare infinitum. Man pflegte darum ent­
sprechend den verschiedenen Grössenarten, die hier in Betracht
kommen, die Frage in vierfacher Form zu stellen: ist ein in­
finitum in actu möglich i) für multitudines oder numeri (Men­
gen) , 2) für magnitudines oder extensive (räumliche) Grössen,
3) für intensive und schliesslich 4) für zeitliche Grössen?
Die letzte Frage wurde als besonders problematisch emp­
funden. Es ist das alte, schon in der Hochscholastik viel erör­
terte Problem, ob die Welt von Ewigkeit her hätte bestehen
können, oder anders ausgedrückt, ob Gott die Welt hätte ab
aeterno erschaffen können? Es gehört zu den Fragen, an denen
sich im 13. Jahrhundert die Meinungen schieden. Dass die Welt
de facto einen Anfang und damit nur eine endliche Dauer in
der Vergangenheit gehabt hat, steht den christlichen Philo­
sophen gegen Aristoteles fest. Aber wieder ist die Frage, ob es
nicht hätte anders sein können, ob der Begriff einer zwar
geschaffenen aber doch von Ewigkeit her bestehenden Welt in
sich widerspruchsvoll wäre. Denn darauf kommt es immer wie­
der an : wenn kein solcher Widerspruch nachzuweisen ist, so ist
ohne weiteres zuzugeben, dass Gott die Welt hätte ab aeterno
schaffen können. Es ist zugleich die Frage, ob die Annahme
eines Weltanfangs — der novitas mundi, wie man im Gegen­
satz zur aeternitas zu sagen pflegte — beweisbar, oder ob sie
nur ein Glaubensartikel sei. Auf den letzteren Standpunkt ha­
ben sich Thomas *s und seine Schule gestellt: die Frage gehört
für sie zu denen, die Aristoteles in der Topik als problemata
neutra bezeichnet hat '*; d. h. man kann beide Ansichten mit
derselben Wahrscheinlichkeit, oder umgekehrt: man kann keine
beweisen. Es ist dieselbe Auffassung, die später Kant in dem
Lehrstück von den Antinomien vertreten hat. Im 13. Jahrhun­
dert hat sie leidenschaftlichen Widerstand von Seiten der Fran-83

83 Opusuilmn de aeternitate mundi, Sent. II dist. 1 qu. 1 art. 5;


Quodl. III qu. 31: Quodl. XU qu. 7; S. th. I qu. 46 art. 2; u. ö.
88 Die Auffassung, dass das Ewigkeitsproblem ein problema neutrum
sei, ist nicht, wie Michalski und mit ihm andere meinten (vgl. fJie,
a.a.O. S. 67 n. 3), erst gegen Mitte des 14. Jahrhunderts aufgetaucht, son­
dern findet sich schon durchweg in den Diskussionen des 13. Jahrhunderts.
200 MATHZMATISCHPHTSIKAUSCHZ IHAGESTELLUNGEN

zisknner erfahren. In den verschiedenen Listen, die die doktri-


nalen Gegensätze zwischen Dominikanern und Franziskanern
aufzählen, ist regelmässig auch dieses Lehrstück angeführt. Von
den beiden grossen wcltgeistlichcn Philosophen der Hochscho­
lastik hat sich Gottfried von Fontaine* ,T auf die Seite der Tho­
misten, Heinrich von f i e n t auf die der Franziskanerschulc
gestellt. Mit Duns Scotus kommt dann eine gewisse Wendung
in der Haltung der letzteren. Er selbst entscheidet sich nicht
eindeutig — doctor videtur esse problematicus in hac quaestio­
ne, bemerkt das Scholion der Wadding-Ausgabc zu der betref­
fenden Stelle '• — aber in seiner Schule findet sich mehr als
einer, der die Möglichkeit einer ab aeterno geschaffenen Welt
zugibt.
Das Seltsame ist nun aber das, dass von all diesen Vertei­
digern der Ewigkeit der Welt im 13. Jahrhundert und in den
Anfängen des 14. keiner die Möglichkeit eines aktuell Unendli­
chen hat zugeben wollen. Die Gegner haben ihnen allerdings
vorgeworfen, dass die Annahme einer ab aeterno bestehenden
Welt eine unendliche vergangene Zeit und damit ein infinitum
in actu postuliere, und haben alle Argumente angeführt, die man
seit Aristoteles gegen das aktuell Unendliche vorzubringen
pflegte. Aber ohne rechten E rfolg; denn Thomas erklärt kur­
zerhand : per has rationes sufficienter probatur, quod non sit
infinitum in actu ; n e c h o c e s t n e c e s s a r i u m a d
aeternitatem m u n d i *°. Und das ist die Haltung
aller die ihm in diesem Punkt gefolgt sind.
Die Vertreter der aeternitas mundi fassen nämlich die abge­
laufene unendliche Zeit genau so auf wie die künftige: als ein
infinitum in fieri. Ebenso wie die künftige Zeit ins Unendliche
geht, oder wenigstens gehen kann, in dem Sinn dass in infi­
nitum ein Tag auf den andern folgt, ohne dass jemals der
letzte erreicht wird, ebenso hätte auch umgekehrt, nach rück­
wärts gesehen, ein Tag dem andern voraufgehen können, ohne
dass jemals der erste erreicht wird. Es ist wie bei einer Linie,
die dieselbe ist und in derselben Weise ins Unendliche geht.

” Quodl. II qu. 3.
*• Quodl. I qu. 7-8.
*• Op. Ox. II diit. 1 qu. 3.
Im Seitfen/cnkoraineniar. I. c.
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 201

ob man sie nach rechts oder nach links verfolgt. Auf diese
Weise treffen natürlich die einschlägigen Gegenargumente
nicht •*, denn alles, was gegen die Möglichkeit eines aktuell
Unendlichen angeführt wird, wird ohne weiteres zugegeben mit
dem Hinweis, dass eine solche ja gar nicht behauptet werden
soll, und dass somit alle Schwierigkeiten in demselben Grad
lösbar oder unlösbar sind wie gegenüber dem künftigen infini­
tum in potentia, das ja auch die Gegner anerkennen.
Im 14. Jahrhundert tritt nun in dieser Beziehung eine
grundsätzliche Wandlung ein. Jetzt kommt es allmählich zu
der Auffassung, dass die unendliche vergangene Zeit, wenn sie
möglich wäre, ein aktuell Unendliches darstellen würde. Und
zwar ist Heinrich von Harclay, soviel wir sehen, der erste
gewesen, der diese Ansicht vertreten hat •*. Er weist darum,
von diesem Standpunkt aus, die thomistische Auffassung der
aeternitas ab ante zurück und erklät Thomas* Argumentation

•1 Die gewichtigsten und immer wiederholten waren die folgenden:


wenn die Welt ab aeterno hatte bestehen können, dann hätte Gott jeden
Tag eine unsterbliche Seele erschaffen können: cs gäbe also heute aktuell
unendlich viele Seelen, was unmöglich ist; oder: er hätte jeden Tag einen
Stein erxhaffen und die entstandenen Steine alle zusammenfügen können;
dann gäbe es heute eine aktuell unendliche magnitudo, was ebenso un­
möglich ist. Diese Erwägungen werden durchaus als berechtigt anerkannt:
Cott hätte selbstverständlich jeden Tag einen Stein machen können—
nec tamen in hac die posaunt esse facti lapides infiniti; potest tamen
facere (scii. Deus) in infinitum lapidem post lapidem, et fecisse in infi­
nitum lapidem ante lapidem (nicht: ab infinito lapidem post lapidem!),
sicut etiam potest dividere continuum in infinitum... noti tainen potest
facere quod sit actu divisum; et sic de aliis (Gottfried von Fontaines. I. c.).
»2 In der Quaestio utrum mundus potuit fuisse ab aeterno (Borgh. 171
fol. 22'-24'i vgl. oben Anra. 12 und Anm. 27). gegen die sich dann
sowohl Thomas von Wylton wie Wilhelm von Alnwick gewandt ha­
ben, beide allerdings von verschiedenen und unter einander gleichfalls
entgegengesetzten Vosaussetzungen aus: Thomas von Wylton vertritt näm­
lich die t h o m i s t i s c h e Auffassung, d. h. er ist gleichfalls davon überzeugt,
dass die Welt hätte ab aeterno bestehen können, aber er sicht in dieser
aeternitas ein potentiell Unendliches; .Alnwick dagegen steht auf dem
traditionellen franziskanischen Standpunkt, dass eine aeternitas ab ante
ausgeschlossen wäre. Übrigens lehnt Wylton die Entscheidung Harclays
mit der charakteristischen Bemerkung ab: Ista imaginatio licet subtilis
sit circa infinitum et super rationes subtiles fundetur, tamen viam com­
munem et antiquam melius vel minus male intelligo (1. c., Borgh. J6.
ftd. 757-
202 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

als « rudis fuga ». Einen Versuch die aktuelle Unendlichkeit


der vergangenen Zeit näher zu beschreiben und in ihrer Eigen­
art zu bestimmen, macht er allerdings noch nicht.
Zu einer Klärung in diesem Sinn, d.h. zu einer exakteren
Wesensbestimmung der aktuellen sukzessiven Unendlichkeit
kommt cs dann in einer interessanten Auseinandersetzung zwi­
schen Petrus Aureoli und Franciscus de Marchia. Aureoli **
erklärt nämlich, dass das Unendliche als solches immer Sukzes­
sionscharakter habe: consistit in quadam successione, ita quod
ratio infiniti... non sit ratio permanens... sed potius ratio suc­
cessiva. Die Seinsform des Unendlichen ist darum immer eine
Mischung von Akt und Potenz, wie bei der Bewegung. Diese
Wesensbestimmung soll ganz allgemein für das Unendliche in
jeder Form gelten, nicht nur für die fortschreitende Addition
der Zahlenreihe oder den Teilungsprozess des Kontinuums, wie
man cinwenden könnte, sondern auch für die simultane Unend­
lichkeit : illud quod non potest intelligi nisi per modum cuius­
dam processus, includit successionem in sua propria ratione;
ein Unendliches kann aber nur in dieser Weise, per modum
cuiusdam processus, vorgestellt werden. Man kann also in vol­
ler Allgemeinheit sagen : ratio infiniti est formaliter successiva.
Folglich schliesst schon der Begriff des infinitum in actu (oder
in facto esse) als solcher einen Widerspruch ein, da er zwei
formell entgegengesetzte Bestimmungen enthält: permanens und
successivum. Denn, so meint Aureoli, der Begriff der actuali«
tas ist gleichbedeutend mit permanenter und simultaner Existenz.
In diesem Punkt nun ist Franciscus de Marchia anderer
Meinung *4. Er wendet gegen Aureolis Wesensbestimmung des
Unendlichen ein, dass sie nur für das infinitum in potentia zu­
treffe, aber nicht für das infinitum in actu, und dass Aureoli
darum mit seinen Argumenten tatsächlich immer nur ein Unend­
lich bekämpfe, das faktisch nichts anderes sei als das infini-

*s Sent. I dist. 44 qu. unica (Ed. Rom 1)96).


M In einer Quaestio zu Beginn des zweiten Buchs seines Sentenzen-
komroentars: utrum creatio cuiuscumque rei creabilis fuerit possibilis ab
aeterno. Marchias Sentenzenkommentar ist in zwei (oder drei) Redaktionen
erhalten, für die wir die Handschriften Vat. Chis. B VII 113, Vat. lat.
943 und Vat. lat. 4871 benutzt haben (vgl. unsem Aufsatz in Divus Tho­
mas. 9. )22 f.) Dass die Kritik gegen Petrus Aureoli geht, ist im Vat.
lat. 94). fol. 12. ausdrücklich am Rand vermerkt: ad rationes Aurioli.
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 203

tum in fieri. Und nur für dieses letztere, also etwa für die
künftige unendliche Zeit, gelte, dass der Seinsmodus ein actus
permixtus potentiae sei. Für eine unendliche vergangene Zeit
dagegen liege der Fall anders: Ad evidentiam solutionis omnium
earum (scii, rationum) est sciendum quod omnes istae rationes,
sive factores earum, imaginantur quod, si fuisset tempus prae­
teritum infinitum, tantum fuisset in potentia infinitum. Hoc
autem supposito factae rationes sunt insolubiles. Sed ego ima­
ginor totum contrarium. Dico enim quod si tempus praeteritum
fuisset infinitum, non fuisset infinitum in potentia sive in actu
permixto potentiae, sicut illi imaginantur et sicut futurum est
infinitum, sed fuisset infinitum in actu, non quidem in actu
manente, sed in actu praetereunte. So heisst es in der einen Re­
daktion ** seines Sentenzenkommentars; in der andern *• folgt
auf die entsprechende, etwas kürzer formulierte Stelle die
F rag e: Sed quomodo tempus fuerit actu infinitum, cum non
fuerit totum simul? Dico quod sicut aliquid habet entitatem,
ita habet actualitatem. Ideo sicut ens successivum, cuiusmodi
est tempus et motus, sit aliud ens ab ente permanente, ita habet
aliter actualitatem, scii, in praetereundo partem post partem,
non autem in simul essendo sicut ens permanens. Ideo sicut
totum ens permanens est in actu simul manente, sic motus infi­
nitus a parte ante est infinitus in actu praetereunte. Hier ist
nun also explicite und mit aller Klarheit ausgesprochen, dass
eine vergangene aeternitas ein aktuell Unendliches wäre, und
zwar ein Unendliches, das eine besondere entitas und mit ihr
eine besondere actualitas hätte, die von der der permanentia
verschieden wäre. Neben das infinitum in actu secundum ma­
gnitudinem et secundum multitudinem et secundum intensionem
stellt sich nun also ein infinitum in actu secundum successionem
als eine besondere und selbständige Art des aktuell Unendli­
chen.
Abgesehen von dieser besonderen Schwierigkeit, die im
Problem des zeitlich Unendlichen liegt, ist die Frage nach der
Möglichkeit eines infinitum in actu grundsätzlich die gleiche für
alle Grössenarten. Es geht ja immer um das Eine, und nur um
das Eine, die Widerspruchslosigkeit des Unendlichkeitsbegriffs

Chig. B VII 113. fol. 121121’.


•« Vat. lat. 943 fol. 12.
204 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

als solchen aufzuzeigen *T, und wenn das in einem Fall gelun­
gen ist, so ist damit der Nachweis eigentlich auch für alle
andern Falle geführt — genau so wie die Entscheidung über
die Struktur des Kontinuums, wenn sie einmal getroffen ist,
in gleicher Weise für räumliche, zeitliche und intensive Konti-
nuen Gültigkeit hat. Ueberdies, und das ist von den scholasti­
schen Autoren nur zu oft mit aller Ausführlichkeit dargelegt
worden : aus der Möglichkeit der infinitas in actu für eine Grös­
senart folgt, direkt oder indirekt, dieselbe Möglichkeit für alle
andern *\ Aber es ist im allgemeinen bei dieser theoretischen
Feststellung geblieben, ohne dass man sie praktisch angewandt
hätte. In dieser Beziehung sind unsere Philosophen hinsichtlich
des Kontinuums konsequenter gewesen. Die Frage nach der

,T Oder richtiger die Argumente, mit denen die Gegner den Begriff
als widerspruchsvoll nachweisen, zu widerlegen, denn um etwas anderes
handelt es sich im allgemeinen nicht. Letzten Endes steht in diesen Fra­
gen ja einfach Behauptung gegen Behauptung, ohne dass Beweise weder
auf der einen noch auf der andern Seite möglich wären. Im Grunde sind
es zwei Modelle des Unendlichen — die einzigen, mit denen wir unend­
liche Grössen der Anschauung nahe bringen können —, die gegen einan­
der ausgespiclt werden: die einen versuchen, etwa im Fall eines eindi­
mensionalen infinitum, der Linie so weit zu folgen, wie sie es vermögen,
und konstatieren, dass die Linie kein Ende hat, sondern (potentiell) unend.
lieh ist; die andern dagegen postulieren ein irgendwie gegebenes Ende und
nehmen zwischen diesem und dem Anfang einen (aktuell) unendlichen
Zwischenraum an (das berüchtigte und viel angegriffene infinitum inter­
medium zwischen zwei termini). Es ist klar, dass zwischen den Vertretern
dieser beiden Standpunkte nicht nur keine Verständigung, sondern eigent­
lich auch keine Diskussion möglich ist.
®» Die immer wiederkehrende Überlegung von den unendlich vielen
Seelen und den unendlich vielen Steinen, deren Möglichkeit aus einer
möglichen aeternitas ab ante folgen würde, kennen wir schon (vgl. Anra. 91).
Andererseits folgt etwa aus der Möglichkeit einer aktuell unendlichen
magnitudo die unendliche Anzahl von (endlichen) Teilen, in die sie zerlegt
werden kann und die unendliche Zeitdauer, die diese Zerlegung in An­
spruch nehmen würde, usw. Kategorisch abgclehnt wurde dagegen (mit
Recht) der direkte Schluss von der extensiven oder numerischen U nend­
lichkeit auf die intensive: wenn etwa jeder der unendlich vielen T eile
des Kontinuums eine bestimmte Intensität (irgendeiner Qualität) hätte, so
hätte das Ganze keineswegs eine unendliche Intensität. Es ist ein oft
soTgebrachtcs und oft widerlegtes Argument gegen die unendliche Geteilt-
heit des Kontinuums. Ebenso wäre, wenigstens nach der herrschenden
Auffassung der Schluss von der Ewigkeit der Bewegung auf die unendliche
virtus des Bewegers unzulässig. U. s. w.
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 205

Möglichkeit des aktuell Unendlichen dagegen wird fast immer


Fall für Fall, für jede einzelne der vier in Betracht kommen­
den Grössenarten besonders, entschieden, ohne dass man die
wechselseitigen Abhängigkeiten berücksichtigt hätte, es sei denn
um die Einwände zurückzuweisen, die die Gegner des infinitum
in actu aus diesen Zusammenhängen herleiteten. So sind unter
denen, die das aktuell Unendliche grundsätzlich zulassen, die
unbedingten Infinitisten die Ausnahme; in den meisten Fällen
trifft man auf irgendeine Beschränkung, derart dass die eine
oder andere Grössenart ausgeschlossen wird.
Heinrich von Harclay z.B., der die Möglichkeit der aeter­
nitas ab ante im Sinn der aktuellen Unendlichkeit so energisch
verteidigt hat, lässt das aktuell Unendliche durchaus nicht für
alle Grössenarten zu. Seine Auffassung ist kurz gesagt die, dass
es zwar aktuell unendliche multitudines (oder numeri) und
aktuell unendliche gerade Linien geben könnte, aber keine ak­
tuell unendlichen Flächen und Körper und auch keine aktuell
unendlichen intensiven Grössen.
Der « Beweis » für diese Auffassung besteht in der Ueber-
legung, das der progressus in infinitum dem Wesen der Zahl
als solcher nichts nimmt, und dass die infinitas in äctu dem
Begriff der multitudo nicht widerspricht. Analoges gilt für die
gerade L inie: infinitas non tollit naturam lineae rectae; linea
ergo recta posset esse infinita in actu, quantum est a parte
sui. F ü r Flächen und Körper dagegen gilt umgekehrt: super­
ficiei et corpori et omni figurae repugnat contradictorie infi­
nitas, sicut potest demonstrative probari. Leider wird dieser
Beweis nicht geführt. Aus diesen Voraussetzungen folgt dann
weiter, quod motui et tempori non repugnat infinitas extensiva,
denn : tempus et motus habent dimensionem linearem tantum •*.

Eigentlich liegt der Fall umgekehrt: Harclav ist von der (mögli­
chen) aktuellen Unendlichkeit von Zeit und Bewegung überzeugt und um
sie zu « beweisen » erkennt er sie grundsätzlich den linearen Kontinuen
als solchen zu. Aber m it einer Einschränkung: für gerade Linien, die in
rc naturali verwirklicht sind, ist die aktuelle Unendlichkeit ausgeschlos­
sen, denn fü r sie gilt der Grundsatz, omnium natura constantium est
term inus m agnitudinis, der auch der Lehre von den maxima und minima
naturalia zugrunde liegt. Dieses Hindernis fällt jedoch für Zeit und Be­
le g u n g weg, denn die sind in re naturali nur secundum aliquid indivi
sibile cius verwirklicht: es sind niemals zwei Teile der Zeit oder der
Bewegung gleichzeitig in einem Subjekt, sondern einer geht und der an-
206 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Aber nun erhebt sich eine Schwierigkeit in Form des


alten, immer wieder angeführten Arguments: wenn die Welt
von Ewigkeit her bestehen könnte, so hätte Gott jeden Tag
einen Stein erschaffen können und es gäbe heute in der Summe
aller dieser Steine eine aktuell unendliche magnitudo. Das ent­
sprechende Argument für die unsterblichen Seelen, von denen
Gott auch jeden Tag hätte eine schaffen können, sodass es
heute eine aktuell unendliche Anzahl von ihnen gäbe, kann
Harclay ruhig zugeben, denn die Möglichkeit aktuell unend­
licher numeri hat er ja anerkannt (und im Fall des Kontinuums
nicht nur die mögliche, sondern sogar die wirkliche Existenz).
Aber aktuell unendliche magnitudines sind auch für ihn ausge­
schlossen. Die Lösung, die er findet, ist etwas verblüffend : si
mundus fuisset ab aeterno, non potuit Deus continue fecisse
lapidem, nisi tandem destruxisset Iapides factos. Näheres er­
fahren wir leider nicht darüber.
Wilhelm von Ockham, der auch zu den Infinitisten des 14.
Jahrhunderts ,0# gehört, macht gleichfalls Einschränkungen. Er
stellt sich auf den Standpunkt, dass ein infinitum in actu mög­
lich ist hinsichtlich der multitudo, der magnitudo und der (ver­
flossenen) Zeit, dass es aber keine aktuell unendlichen Inten­
sitäten geben könnte. Er kommt zu dieser Auffassung von der
Ueberzeugung aus, dass der Begriff der creatio ab aeterno

dere kommt, et hoc modo non repugnat infinitas rei naturali. Haec ergo,
so schliesst Harclay ab, est causa vera, ut credo, quare tempus et motus
possunt esse infiniti in actu. Mit andern Worten: dic Möglichkeit der ein­
dimensionalen aktuellen Unendlichkeit ist auf die successiva beschränkt.
Harclay lässt also tatsächlich das infinitum in actu nur für numerische
und zeitliche Grössen zu.
100 Man pflegt ihn im Anschluss an Duhem zu denen zu zählen, die
das aktuell Unendliche abgelehnt haben. Aber Ockham hat sich, was
Duhem (a.a.O. S. 41) übersehen hatte, an verschiedenen Stellen in verschie­
denem Sinn zu dem Problem geäussert. Stent. I dist. 17 qu. 8 — es ist
die Stelle Duhems — erklärt er sich anlässlich der Frage, ob es einen
höchsten Grad der caritas gebe, sehr energisch nicht nur gegen das in­
tensive infinitum in actu, sondern auch gegen aktuell unendliche Quan­
titäten und Zahlen; aber Sent. II qu. 8 und Quodl. II qu. 5 (beide Male
bei dem Problem der creatio ab aeterno) vertritt er die oben wiederge­
gebene Auffassung. Die beiden scheinbar entgegengesetzten Entscheidungen
stehen in Wirklichkeit jedoch in bestem Einklang: Ockham versteht näm­
lich hier und dort unter dem aktuell Unendlichen nicht dasselbe (vgl.
u. S. 213).
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 207

jedenfalls nicht als widerspruchsvoll nachgewiesen werden kann.


Daraus folgert er dann, dass auch die Möglichkeit aktuell
unendlicher numerischer und extensiver Grössen zugegeben wer­
den muss, während er denselben Schluss für intensive Grössen
mit allem Nachdruck zurückweist und mit einer Reihe von
(nicht sehr gewichtigen) Argumenten zu widerlegen sucht.
Johannes Bassolis 101102, den schon Duhem als Anhänger des
aktuell Unendlichen genannt hat, macht dagegen keinerlei Un­
terscheidungen : Dico... quod Deus potest facere infinitum in
actu et secundum magnitudinem et secundum multitudinem et
perfectionem et virtutem. Und dasselbe gilt für die Unendlich­
keit der vergangenen Zeit,0?.
Einen ähnlichen Standpunkt nimmt Franciscus de Marchia
ein 103 — wieder gegen Aureoli, der das aktuell Unendliche
grundsätzlich und in jeder Form abgelehnt hat104 — dico
quod Deus potest facere effectum infinitum... et secundum ma­
gnitudinem et secundum multitudinem et secundum intensio­
nem. Dass und in welcher Weise er auch die aeternitas ab
ante für möglich gehalten hat, haben wir bereits gesehen.
Noch zwei andere Franziskaner, die in den zoer Jahren
des 14. Jahrhunderts in Paris lehrten, haben sich zum aktuell
Unendlichen bekannt: Franciscus Mayronis und Nicolaus Bo-
neti. Der erstere stellt sich auf den Standpunkt1##, Gott kön­
ne zwar ein actualiter infinitum secundum multitudinem et
secundum magnitudinem schaffen, auch ein intensive infinitum,
aber kein sukzessiv Unendliches, quia illud Deus non potest

101 Sent. I dist. 43 qu. unica und II dist. 1 qu. 3 (Ed. Paris 1516-17)-
102 Allerdings steht eine eigenartige Auffassung des aktuell Unend­

lichen hinter dieser Entscheidung. Bassolis erklärt nämlich: quantitas exce­


dens omnem magnitudinem determinatam est actu infinita, sed quacum­
que quantitate mensurae determinatae est dare maiorem, ergo est dare
quantitatem actu infinitam. Im allgemeinen pflegte man genau das als
die Definition des potentiell Unendlichen anzusehen. Auch sonst trifft man
ru f manche Unklarheiten in den beiden Quaestionen.
ros in einer Quaestio zu Sent. I dist. 2’ utrum prima causa possit
producere extra se aliquem effectum actu infinitum (Chis. B VII fol. 28'-
33’; Vat. lat. 4871 fol. lOO-lOl1).
104 Aureoli gehört sogar zu den wenigen, die für ausgedehnte Grössen
(magnitudines) auch die Möglichkeit eines infinitum in fieri ablehnen
(vgl. Anra. 80).
10s Sent. I (Conflatus) dist. 43-44 qu. 10 (Ed. Vened. 1520).
208 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

simul creare, quod habet partes repugnantes: huiusmodi est es­


se successivum. Es steht dieselbe Vorstellung dahinter wie bei
Aureoli: die actualitns ist ihrem Wesen nach ein permanentes
und simultanes Sein, dem natürlich das esse successivum wi­
derspricht. Nicolaus Boneti1M, der ja hinsichtlich des Konti­
nuums von unendlich vielen Teilen nichts wissen wollte, ist im
übrigen ein so überzeugter Infinitist, dass er die Schwierigkei­
ten, die dem Begriff des aktuell Unendlichen anhaften, gar
nicht mehr als solche empfindet. Auf die üblichen Einwände
gegen die aeternitas ab ante, dass nämlich aus der Möglichkeit
einer unendlich langen Zeitdauer die Möglichkeit von aktuell
unendlichen magnitudines und multitudines folgen würde, ant­
wortet er einfach: dubium de infinitate in actu non concludit,
quoniam modernis philosophis non apparet aliqua impossibilitas
quin sit possibilis infinitas actualis 10T.

>«• Phys. VII cap. l.


»07 Auf den Einwand, da» ein infinitum intermedium zwischen zwei
termini (vgl. Anm. 97) unmöglich sei, antwortet er mit einer Überlegung,
die einen überraschend modernen Gedanken enthält: Respondeo tibi: non
oportet tempus clausum infra duo instantia necessario esse finitum; denn,
imaginetur linea circularis permanens actu infinita et continua, et divi­
datur in puncto sic ut fiant duo puncta in actu, ct distent aliquantulum
ab invicem, nec sil linea primo circularis modo circularis sed semicircularia
vel plus quam semicircularis, vel, si vis, fiat ista linea recta, quae primo
fuit circularis — d. h„ dic unendliche Kreislinie soll an einem Punkt
aufgeachnitten und auseinandergebogen werden —; et peto, si hacc linea
infinita quae primo fuit circularis, antequam incideretur in puncto, si
sit nunc infinita? Et patet quod sic, quoniam omne positivum quod prius
erat in illa linea, quando erat circularis, nunc est in ea, nec aliquid est
ablaturo, sed solum duo puncta quae tunc erant in ea in potentia, nunc
sunt in linea in actu: prius autem, quando erat circularis, erat infinita,
ergo et nunc est infinita; sed nunc habet duo puncta terminantia ipsam.
Ergo linea potest esse infinita, licet claudatur infra duo puncta in actu.
Ergo similiter tempus, quod est quaedam linea successiva, poterit esse
infinitum et tamen habere dua instantia terminantia ipsum. Ronet konsta­
tiert also, dass zwei Punkte, die einen endlichen Abstand von einander
haben, gleichzeitig die Endpunkte einer unendlich langen Linie sein kön­
nen. Das ist aber genau die Auffassung der modernen Mathematik, wenn
sic annimmt, dass eine gerade Linie, die nach rechts und links ins Unend­
liche verläuft, eine sich im Unendlichen schliesscnde Kreislinie ist: je
zwei Punkte der Geraden sind einerseits durch eine endliche Distanz ge­
trennt und bilden andererseits die Endpunkte einer unendlich langen Linie,
die sozusagen hinten herum verläuft (und die gleichfalls eine aufgeschnit­
tene Kreislinie ist). Das einzige, was an Donets Gedankengang noch fehlt.
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 209

Auch in Oxford finden wir fingen linde der aocr Jahre


noch einmal einen Anhänger des aktuell Unendlichen : cs ist Ri­
chard Killington. Teneo, so erklärt er ,#t, quod Deus potest
facere infinitum secundum quid, sed non posset facere simpli­
citer infinitum, quod undique secundum omnes suas partes
quantitativas et qualitativas... foret infinitum. Killington er­
kennt damit die Möglichkeit des aktuell Unendlichen im übli­
chen Sinn an, denn die Finschränkung auf das « secundum
quid », die die göttliche Vollkommenheit für die Kreatur aus-
schliessen soll, wird explicite oder implicite von allen Infiniti-
sten des 14. Jahrhunderts gemacht. Der Beweis wird dann der
Reihe nach für die einzelnen Arten des infinitum in actu ge­
führt : für das extensive, das intensive und das numerische
Unendlich.
Mit Richard Fitzralph setzt dann eine starke und nachhal­
tige finitistische Reaktion ein, die sich zunächst wohl gegen
Killington gerichtet hat. Fitzralph sieht nämlich in seinen Ar­
gumenten gegen die unendliche Anzahl der Teile im Kontinuum,
die wir bereits kennen 1M, einen Beweis gegen die Möglich­
keit aktuell unendlicher Mengen überhaupt. Das ist natürlich
eine unzulässige Verallgemeinerung. Aber hinter der Ueberzeu-
gung, dass jede aktuell unendliche Menge _ auch solche bei
denen die Gesamtheit der Glieder nicht wie beim Kontinuum
ein endliches Ganzes bilden — ein letztes Glied haben müsste
(und somit nicht unendlich sein kann) mag eine Vorstellung
stehen, die uns schon begegnet ist: dass nämlich eine aktuell
unendliche multitudo im Gegensatz zur potentiellen ein « certus
numerus » sei uo. Von hier aus würde Fitzralphs Auffassung
verständlich werden. Jedenfalls erklärt er ganz allgemein, auf
Grund dieser Ueberlcgungen über die Notwendigkeit und Un-

ist die Erkenntnis, dass seine unendlich lange Kreislinie notwendig eine
linea recta sein muss.
10» in jener schon erwähnten Quaestio aus seinem .Sentcnzcnknmmen-
tar (vgl. Anm. 36).
,p# S. 175 . Diese ganzen Fragen werden wieder anlässlich des Problems
erörtert utrum includat contradictionem Deum produxisse mundum ab
aeterno (Sent. II qu. 1 art. 1. Vat. lat. 11517 fol. 122-126*)-
»1# Crcgor von Rimini wirft ihm das auch vor (Sent. II dist. 2 qu. 2
art. 1): cum autem additur quod impossibile est imaginari etc., dico quod
si alicui hoc est impossibile, hoc ideo est quia imaginatur partes in certo
numero et aliquam earum ultimam.
210 MATHEMATISCH PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

möglichkeit des letzten Teils: Ideo videtur mihi omnino quod


nec partes proportionales in continuo, nec puncta in linea, nec
aliqua entia, immo nec aliqua cognoscibilia vel creabilia sunt
infinita, accepto illo termino « infinita » categorematice U i .
Fitzralphs Auffassung des Unendlichen hat eine ungewöhn­
liche Wirkung gehabt. Eine ganze Reihe von Philosophen, auch
ausserhalb Oxfords, haben sich ihm nicht nur in seiner Theorie
des Kontinuums *, sondern auch in der Ablehnung des aktuell
Unendlichen überhaupt angeschlossen.
Mit Gregor von Rimini kommt dann eine energische Zu­
rückweisung des Fitzralphsehen Finitismus und eine bedin­
gungslose Anerkennung des aktuell Unendlichen ,13. Nicht nur
dass Gregor das Kontinuum aus (aktuell) unendlich vielen
Teilen aufbauen wiil, er hat ganz allgemein, wie wir schon
sagten, den Schluss vom syncategorematischen Unendlich auf
das categorematische zugelassen. Das Ergebnis ist kurz gesagt
dieses1,4: Gott kann infinita in actu in jedem Sinn schaffen,
unendliche magnitudines so gut wie unendliche Intensitäten,
eine unendlich lange abgelaufene Zeit so gut wie eine multi-

i u Fitzralph geht noch einen Schritt weiter: er will nicht nur das
infinitum in actu ausschliessen, sondern auch das infinitum in potentia
oder in fieri. Dies letztere ist für ihn aber einfach das sukzessiv Unend­
liche, dessen Potenz die Aktualisierbarkeit einschlicsst, und das auch Ari­
stoteles abgelchnt hatte. Das syncategorematische Unendlich dagegen er­
kennt auch Filzralph im üblichen Sinn des infinitum in fieri an (vgl. Anm.
2). Das Ganze ist also mehr eine terminologische als eine sachliche Diffe­
renz gegenüber der herrschenden Auffassung,
na S. ob. S. 175 f.
na Robert Holkot, den Duhem neben Joh. Bassolis und Gregor von
Rimini auch als Vertreter des aktuell Unendlichen genannt hatte ist dage­
gen nicht eigentlich zu den Infinilisten zu rechnen. Seine Anerkennung
des infinitum in actu beschränkt sich auf die l>ciläufigc Bemerkung über
die Teile im Kontinuum (Anm. 30); für alle übrigen Fälle lehnt er die Mög­
lichkeit aktuell unendlicher Grössen ab. Holkot ist von Duhem und ira
Anschluss an ihn von andern ganz entschieden überschätzt worden, vor
allem in seiner Originalität: in seinen Ausführungen zum Unendlichkeits­
problem findet sich kaum ein eigener Gedanke; sie sind nichts anderes
als ein Mosaik fremder Meinungen, die zudem nicht immer unter einan­
der in Einklang stehen. Ausser den Spuren Fitzralphs und Woodhams
trifft man vor allem die Heinrich von Harclays, und Wilhelm von Aln-
wkks; auch Erinnerungen an Wilhelm von Ockham lassen sich konsta­
tieren. Holkot hat also jedenfalls die Literatur seiner Zeit gut gekannt,
i»« Sent. I dist. 42-44 qu. 4.
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 211

tudo actu infinita. Es gilt ganz allgemein, so stellt Gregor mit


einer Spitze gegen Petrus Aureoli fest, quod non repugnant
neque sunt ineompossibiles actualitas et infinitas.
Diese Unterschiede in der Auffassung des aktuell Unend­
lichen bei den Autoren des 14. Jahrhunderts sind aber in
Wirklichkeit noch mannigfaltiger als es auf den ersten Blick
scheint. Denn sie beschränken sich nicht auf die Frage, für
welche Grössenarten ein infinitum in actu möglich wäre, sondern
gehen auf den Begriff des Unendlichen als solchen. Unsere
Philosophen haben nämlich unter dem aktuell Unendlichen
nicht alle dasselbe verstanden : es wurden mit demselben Ter­
minus zwei ganz verschiedene Begriffe bezeichnet, ohne dass
man sich über diese Mehrdeutigkeit immer klar war.
Die Scholastik pflegte, wie wir wissen, das infinitum in
fieri mit der Formel zu beschreiben : non tantum quin maius
(für magnitudines), bezw. non tot quin plures (für numeri),
oder im Anschluss an Aristoteles mit der ausfürlicheren Defi­
nition, die dasselbe besagt: infinitum est cuius quantitatem ac­
cipientibus semper est aliquid extra accipere. Das aktuell
Unendliche oder das infinitum in facto esse wird dementspre­
chend zunächst in analoger Weise definiert als tantum quod
non maius, bezw. tot quod non plures. In aristotelischer For­
mulierung: infinitum est quo nihil est maius, oder, in Um­
kehrung jener Definition des potentiell Unendlichen : infinitum
est cuius nihil est extra sumere.
Das infinitum in actu wäre danach also das überendliche
Maximum aller Grössen derselben Art. Daneben gibt es aber
noch eine andere Definition : infinitum est quod excedit quod-
cumque finitum ultra omnem proportionem determinatam. Das
ist natürlich ein ganz anderer und viel weiterer Begriff der
insbesondere die Möglichkeit zulässt, dass es mehrere infinita
in actu eiusdem rationis gibt, die sich unter einander grössen-
mässig unterscheiden n *, was natürlich bei einem Unendlich im

i n Eine cluas andere, sehr schöne Formulierung für den Unterschied


der beulen Uncndlichkeilsbegriffe finden wir bei Nicolaus von Aulre-
court. 1. c. (fol. 9 r): infinitum extensive venit apud intellectum vel per
nihil habere extra se, ut antiqui videntur intellexisse, vel quia in eo
non erat accipere aliquem communem mensuram per quam mensureTetur
totum.
ii* Allerdings haben durchaus nicht alle Vertreter dieses Unendlich-
212 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

Sinn eines Maximum ausgeschlossen ist. Wir geben das infi­


nitum in actu in dieser zweiten Bedeutung am besten mit dem
modernen Begriff des Transfiniten wieder.
Im Bereich des Infinitesimalen liegen die Dinge grund­
sätzlich ähnlich, sind aber hier nicht so deutlich zum Bewusst­
sein gekommen. Die übliche Definition des aktuell unendlich
Kleinen — ita parvum quod non minus 117 — bezeichnet ein
Minimum, und das unendlich Kleine ist ja auch fast durchweg
in diesem Sinn aufgefasst worden (als indivisibile). Mit einer
Ausnahme: wir haben gesehen, dass Gregor von Rimini eine
andere Vorstellung vom Infinitesimalen hat und dass für ihn
die unendlich kleinen magnitudines, aus denen er das Kon­
tinuum aufbauen will, keine minima im üblichen Sinn sind,
sondern lediglich Quanten, die kleiner sind als jedes noch so
kleine endliche Quantum, die sich aber untereinander grössen-
mässig unterscheiden. Das ist das genaue Analogon zum Be­
griff des unendlich Grossen, quod excedit quodeumque finitum
ultra omnem proportionem determinatam; nur hat die Scho­
lastik für dieses unendlich Kleine, das wir heute als Differen­
tial bezeichnen würden, noch keine Formel gefunden.
Der erste, der diese beiden Begriffe des aktuell Unend­
lichen klar geschieden hat, wenn auch noch nicht in Form
einer ausdrücklichen Distinktion, scheint Wilhelm von Ockham
zu sein. Er lehnt die Möglichkeit eines infinitum in actu im
Sinn des Maximum kategorisch ab m : es gibt keine unendlich
grossen Maxima und es kann keine geben, weder bei inten­
siven, noch bei extensiven, noch schliesslich bei numerischen

keitsbegriffs — wir werden sie gleich kennen lernen — angenommen,


dass ein infinitum grosser sein könne als ein anderes. Eine ganze Reihe
von ihnen hat an der Auffassung festgehalten, dass Unendlich gleich
Unendlich ist. Wir kennen bereits die Schwierigkeiten, die in diese Frage
hereinspielen und die eine wirkliche Lösung für das 14- Jahrhundert noch
unmöglich machten (s. ob. S. 170 f.). Auf Jeden Fall aber kann man umge­
kehrt sagen: diejenigen die zwischen unendlichen Grössen ein Mehr
oder Weniger und Proportionen angenommen haben, haben den Unend­
lichkeitsbegriff im Sinn des Transfiniten und nicht im Sinn eines Maxi­
malwerts verstanden.
u» für multitudines fehlt die entsprechende Formel: unendlich kleine
numeri gibt es ja nicht (vgl. ob. S. 156): die kleinste Zahl ist die zwei,
in Sent. I dist. 7 qu. 8-
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 213

Grössen, ebensowenig wie es unendlich kleine Minima gibt


Das aktuefl Unendliche, dessen Möglichkeit er für magnitudi­
nes, multitudines und successiva anerkennt 13% ist im Sinn
eines Transfiniten aufgefasst. Das geht schon daraus hervor,
dass er ausdrücklich Grösscnunterschiede im Unendlichen
zulässt ,JI.
Aus demselben Grund ist kein Zweifel, dass auch Heinrich
von Harclay, obwohl er sich nicht ausdrücklich darüber aus­
gesprochen hat, an infinita in actu nicht im Sinn von Maximal­
werten sondern von transfiniten Grössen denkt; denn er ist ja
einer der eifrigsten Verteidiger der These gewesen, dass ein
Unendlich grösser sein kann als ein anderes.
Entsprechendes gilt auch für Richard Killington: unter
den wenigen Sätzen, in denen er sich in den uns erhaltenen
Quaestionen zum Uncndlichkeitsproblem äussert, heisst es aus­
drücklich quod unum infinitum potest esse alio maius. Er hat
also jedenfalls das aktuell Unendliche nicht im Sinn eines
Maximum aufgefasst.
Johannes Bassolis dagegen meint mit seiner Anerkennung
des aktuellen Unendlichen unverkennbar das infinitum cuius
nihil est extra sumere, oder quo nihil est maius; und ebenso
Petrus Aureoli i*122 in seiner Ablehnung (die sich vielleicht gegen
Bassolis richtet).
Wie Franciscus de Marchia das aktuell Unendliche ver­
stehen will, brauchen wir nicht erst aus seinen Aeusserungen
zu erschliessen ; er sagt es selbst mit aller Deutlichkeit: infi-

iii Dico quoci veraciter loquendo acut in quibuscumque permanen­


tibus divisibilibus in infinitum, cuiusmodi sunt omnia continua... secun­
dum multos non est dare minimum quin quocumque dato potest fieri
minus per divinam potentiam, ita non potest dare maximum quin quo­
cumque magno dato potest fieri maius. Zu der Unmöglichkeit der minima
vgl. ob. S. 189 Anra. 65-
129 Sent. 11 qu. 8 und Quodl. II qu. J. Auf diese Weie erklärt sich
der scheinbare Widerspruch in den Entscheidungen, die Ochkam hier und
in Sent. I gibt (vgl. Anm. 100).
tat Concedo quod infinita essent excessa ... et quod unum infinitum
esset maius alio, sicut revolutiones lunae excedunt revolutiones solis (wenn
die Welt ab aeterno bestanden hatte).
122 Aureoli will aus diesem Grunde im Kontinuum nicht einmal po­
tentiell unendlich viele Teile anerkennen, denn daraus würde folgen,
dass in jeder noch so kleinen Grösse alle Teile wären: infinitae enim par
tes sunt omnes partes et infinita puncta sunt omnia puncta.
214 MATHEMATISCH-PHYSIKALISCHE FRAGESTELLUNGEN

nitum in actu est quod excedit quodcumque finitum ultra omnem


proportionem determinatam acceptam vel acceptabilem laa. Dic
Ansicht Franciscus’ Mayronis lässt sich dagegen aus der kur*
zen Quaestio, die er unserm Problem widmet, nicht erkennen.
Jedenfalls ist er davon überzeugt, dass cs im Unendlichen keine
Grössenunterschiede gibt, und versteigt sich sogar zu der
Behauptung: infinilies infinitum non excedit simpliciter infi­
nitum.
In sehr klarer Form hat sich andererseits Nicolaus Roncti
geäussert. Er unterscheidet explicite und sehr genau zwischen
den beiden Unendlichkeitsbegriffen _ wa$ vor ihm keiner
getan hat —, und er erkennt sie alle beide als möglich an :
Dupliciter autem intelligitur de infinitate actuali: uno modo
quod non sint tot quin plures, cum illa accepta sint infinita,
ut si ponitur quod sint actu infiniti lapides vel infiniti asini,
adhuc tamen possunt produci alii lapides et alii asini, et ideo
in tali infinitate non sunt tot quin plures adhuc possent esse.
Secundus intellectus de infinitate actuali est iste, quod sint
tot in actu quod plura non possint esse, quia omnia sunt actu
posita... Primus intellectus videtur esse possibilis, et etiam se­
cundus.
Gregor von Rimini schliesslich, der radikalste Infinitist
aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, sagt gleichfalls
klar und präzis, wie er das aktuell Unendliche verstehen will:
der Begriff soll nicht ein tantum quod non maius oder ein tot
quod non plures ausdrücken, d. h. er soll nicht im Sinn eines
Maximum gebraucht werden, sondern in der Bedeutung des

1“ ln Scnt. I, 1. c. Grossen unterschiede iin Unendlichen will er aber


nicht zulassen, mit der Begründung, der man auch sonst oh l»cgcgnet.
dass gleich und ungleich, grösser und kleiner passiones quantitatis fini­
tae seien und nicht auf unendliche Grössen angewandt werden könnten.
Derselben Ansicht, unter deutlicher Abhängigkeit von Franc, de Marchia.
ist Joh. Canonicus, der an sich dem Unendlichkeitsproblein gegenüber eine
nicht ganz klare Haltung einnimmt (vgl. Anm. 14). In Phys. III qu. 3
lehnt er, im Anschluss an Petrus Aureoli, die Möglichkeit des infinitum
in actu fur multitudines, magnitudines und intensive Grössen ab, während
er in Phvs. VIII qu. 1 sie für Zeit und Bewegung (im Sinn der aeternitas
ab ante) anerkennt, mit Ausführungen, die fast wörtlich von Franc, de
Marchia abgeschrieben sind. Insliesonderc folgt er ihm in der Auffassung
der besonderen Aktualität des sukzessiv Unendlichen und in der Annahme,
dau alle infinita grüssenmässig gleich sind.
DAS PROBLEM DES AKTUELL UNENDLICHEN 215

Transfiniten : grösser als jede vorstellbare endliche Grösse oder


Zahl,a*. Es ist der komplementäre Begriff zu seinem unendlich
Kleinen, freilich mit einem Unterschied, den wir schon kennen :
im Infinitesimalen gibt es für Gregor maius und minus und
Proportionen, im unendlich Grossen dagegen nicht.
Es ist ein buntes und mannigfaches Bild, das diese ver­
schiedenen Ansichten über das infinitum in actu in ihrer Ge­
samtheit bieten. Ein sehr bezeichnendes Wort hat Richard
Fitzralph dafür gefunden. Er schliesst seine Quaestio über die
Ewigkeit der Welt, das Kontinuum und das Unendlichkeits­
problem mit den W orten115: Nolo ulterius implicare me in
hoc sophismate quia est chaos infinitum. Damit ist die Situation
treffend charakterisiert. Die verschiedenen Deutungen des
Unendlichkeitsbegriffs, die mancherlei Postulate, die mehr oder
weniger a priori getroffenen Entscheidungen, die Fülle von Ar­
gumenten, von Zweifeln und Einwänden, und vor allem die
Antinomien des Unendlichen als solchen, machen in der Tat
diesen ganzen Problemzusammenhang zu einem der schwierig­
sten und kompliziertesten. Nicht nur für die Scholastik. Und
wir müssen billigerwcise anerkennen, dass die Autoren des 14.
Jahrhunderts sich im Grunde in diesem Chaos nicht schlechter
zurechtgefunden haben als die Philosophen späterer Jahrhun­
derte.

m Gregor bildet hier einige neue termini, um den Gegensatz des


so verstandenen aktuell Unendlichen /um potentiell Unendlichen auszu­
drücken. Statt non tantum quin maius will er für das infinitum in fieri
sagenquantocum que finito maius, und für das infinitum in actu : maius
quaniocumque finito. Der Sinn dieser Unterscheidung eigibt sich aus der
üblichen terminologischen Festsetzung, dass durch die Stellung des expo-
nibile ausgedrückt wird, ob es in categorematischem oder in syncategore-
matischem Sinn zu verstehen ist. Im ersten Fall, wenn das quantocumque
voransteht, hat es syncategorcmatisrhe Bedeutung und ist in sensu diviso
gemeint: grösser als jede beliebige endliche Grösse; wenn cs dagegen nach-
steht, hat es die catgorcmatische Bedeutung des sensus compositus: grösser
als alle endlichen Grössen. Es ist eine geschickte Formulierung, aber man
darf in diesen Distinktionen nicht mehr suchen, als in ihnen steckt (wie
es Duhem getan hat).
>*9 Vat. lat. 11517 fol. 126'.
WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN
8.
NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UND ZUFALL

Eine der hauptsächlichen metaphysischen Grundlagen der


klassischen Physik ist das sogenannte Kausalprinzip, das fol­
gende zwei Postulate um fasst: wenn die zureichenden Real­
gründe für das Eintreten einer Wirkung gegeben sind, so tritt
sie mit Notwendigkeit (d. h. immer und immer in derselben
Weise) ein, und umgekehrt: jeder physikalische Vorgang hat
eine oder mehrere Ursachen, von denen er mit Notwendigkeit
hervorgebracht worden ist. Selbstverständlich sind die Ursa­
chen, die hier gemeint sind, im Sinn der causa efficiens ver­
standen.
Dieses Prinzip, oder diese beiden sich ergänzenden Prin­
zipien galten jahrhundertelang für selbstverständlich. Erst in
unserer Zeit wurde ihre Gültigkeit von der sogenannten akau-
salen oder indeterministischen Physik in Frage gestellt. Man
zog die Möglichkeit in Betracht, dass das Eintreten einer Kau­
salwirkung bei völlig gleichen gegebenen Ursachen und völlig
gleichen Bedingungen nicht mit schlechthiniger Notwendigkeit
sondern nur mit grosser Wahrscheinlichkeit erfolgt, dass also
von einer durchgängigen Determiniertheit im physikalischen
Geschehniszusammenhang keine Rede sein kann. Seltsamer­
weise hat fast dasselbe Problem auch in der Philosophie des
13. und 14. Jahrhunderts eine Rolle gespielt, wenn auch mit
andern Voraussetzungen und andern Hitergründen. Man hat
sich gefragt, ob alles in der Welt mit Notwendigkeit geschieht,
oder ob es Kontingenz und Zufall gibt, und zwar wurde bei
dieser Fragestellung durchaus nicht nur, und auch gar nicht
einmal in erster Linie, an die Kontingenz der freien Willens­
handlungen gedacht. Die stand ausser Zweifel — mindestens
für den christlichen Aristotelismus; dass es daneben noch an­
dere Strömungen gab, die in verdeckter Form gerade diese
Kontingenz ausschltessen wollten, werden wir noch sehen. In
f

220 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

den Diskussionen über Notwendigkeit, Kontingenz und Zufall


ging es jedenfalls zunächst darum, ob im Bereich der rein phy­
sischen Vorgänge alles de necessitate erfolge, oder ob es Ur­
sachen gäbe, die nicht mit Notwendigkeit wirken und umge­
kehrt Effekte, die nur contingenter oder gar nur durch Zufall
zustande kommen.
Erst im Lauf des 14. Jahrhunderts hat sich die Auffassung
durchgesetzt, die dann im Kausalprinzip der klassischen Physik
weiterlebte, dass im Geschehniszusammenhang der physischen
Welt, soweit keine willensmässigen Faktoren eingreifen, tat­
sächlich eine durchgängige Notwendigkeit der kausalen Ab­
hängigkeitsbeziehungen herrscht; vorher, namentlich im 13.
Jahrhundert, war man allgemein der Ansicht, dass das nicht
der Fall sei, sondern dass es neben der Notwendigkeit des
natürlichen Seins und Geschehens auch Kontingenz und Zufall
gebe.
Dass diese Auffassung mehr war als nur eine indifferente
philosophische Meinung, die nach Belieben angenommen oder
abgelehnt werden konnte, zeigen uns die Verurteilungen von
1277: eine der als irrig erklärten Thesen besagt quod nihil
fit a casu, sed omnia de necessitate eveniunt, et quod omnia
futura quae erunt de necessitate erunt et quae non erunt im­
possibile est esse, et quod nihil fit contingenter, considerando
omnes causas *.
Das war die Einstellung in den siebziger Jahren des 13.
Jahrhunderts; fünfzig Jahre später hat man nichts mehr dabei
gefunden, eine durchgängige Determiniertheit des physischen
Geschehens anzunehmen. Was sich in der Zwischenzeit ab­
gespielt hatte, war eine sehr bedeutsame Wandlung in der Auf­
fassung und der Wertung der Begriffe necessitas und contin­
gentia. Und diese wollen wir nun, sow'eit es möglich ist, in
ihrer Entwicklung verfolgen.
Die Aufgabe ist darum nicht ganz einfach, weil die scho­
lastischen Philosophen, soviel sie über Notwendigkeit und Kon­
tingenz diskutierten a, selten klar und deutlich ausgesprochen1

1 Art. 21 .
* Die wichtigsten Stellen, an denen Fragen über necessitas und con­
tingentia erörtert wurden, sind folgende: die Kommentare zu 1‘eriherra.
I cap. 9. wo von den Aussagen über die futura contingentia die Rede
ist; zu Metaph. VI (= V, cap. 2*3» nach moderner Zählung), wo nach-
NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UND ZUPALL 221

haben, was sie unter diesen Begriffen genau verstehen wollten.


Sie haben das als bekannt vorausgesetzt und haben dabei oft
genug übersehen, dass mit derselben Terminologie nicht immer
dasselbe gemeint war, was natürlich zahllose Schwierigkeiten
und Missverständnisse zur Folge hatte.
Die Scholastik hat den Begriff Notwendigkeit in vielen
Bedeutungen gekannt. Wir haben nicht die Absicht, sie alle
aufzuzählen, denn in unserm Zusammenhang interessiert nur
eine Gruppe: diejenige, die aus der Kausalbeziehung von Real­
grund und Real folge fliesst. Entsprechend den vier Arten von
Realgründen, die die Scholastik kennt3, gibt es vier Arten
von Seinsnotwendigkeit, die Thomas folgendermassen unter­
scheidet : Necessitas dicitur multipliciter. Necesse est enim quod
non potest non esse, quod quidem convenit alicui uno modo
ex principio intrinseco, sive materiali sicut cum dicimus quod
omne compositum ex contrariis necesse est corrumpi, sive for­
mali sicut cum dicimus quod necesse est triangulum habere
tres angulos aequales duobus rectis. Et haec est necessitas
naturalis et absoluta. Alio modo convenit alicui quod non possit
non esse ex aliquo extrinseco, vel fine, vel agente; fine quidem
sicut cum aliquis non potest sine hoc consequi aut bene consequi
finem aliquem, ut cibus dicitur necessarius ad vitam et equus
ad iter. Et haec vocatur necessitas finis quae interdum etiam
utilitas dicitur. Ex agente autem hoc alicui convenit, sicut cum
aliquis cogitur ab aliquo agente ita quod non possit contrarium
agere; et haec vocatur necessitas coactionis *. Wir haben also
auf der einen Seite eine doppelte necessitas a s e : die der causa
materialis und die der causa formalis; auf der andern eine
doppelte necessitas ab alio: die necessitas finis (oder ex sup­
positione finis) und die Notwendigkeit, die der Kausalität der
causa efficiens entspricht. Und dieser letzteren steht als Ge­
gensatz die Kontingenz im eigentlichen Sinn gegenüber5.

gewiesen wird, dass nicht alles in der Welt mit Notwendigkeit geschieht,
sondern dass cs kontingente Ereignisse gibt; zu Phys. II cap. 4-6. wo
eine Reihe von Fragen über casus und fortuna gestellt wird; und schliess­
lich zu Scnt. I dist. 38, wo cs um die Priiszienz Gottes hinsichtlich der
futura contingentia geht.
* Vgl. ob. S. 53.
4 S. th. I qu. 82 art. I.
15 Nur in uneigentlichein Sinn spricht man. wie wir noch sehen wer­
den, auch von einer Kontingenz der materialen Ursachen.
222 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

D ie beiden Begriffe n ecessitas und co n tin g en tia bezeichnen


ih re r n ä c h ste n B edeutung nach die M odalität, die dem ag erc
d e r c a u sa efficiens und dem fieri ih rer W irk u n g z u k o m m t; also
die M o d alität eines G eschehens und nicht eines Seins. E rst
in zw eiter Linie ch arak te risie re n sie auch das Sein des E ffe k ts :
e tw a s ist « n o tw en d ig », w enn es de necessitate von einem
a n d ern h e rv o rg e b ra ch t ist, es ist « k o n tin g e n t », w enn das nicht
d er F all is t; und en tsp rech en d es g ilt für das zu k ü n ftig e Sein
ein er K a u s a lw irk u n g : ein Effekt ist n ecessariu s in cau sis, wenn
er au s schon g eg eb en en U rsachen m it N o tw en d ig k eit folgen
w ird , er ist co n tin g e n s in causis (oder ein fu turum c o n tin g e n s),
w enn d a s n ich t der F a ll ist, sondern w enn er eintreten oder nicht
e in tre te n k a n n — m it an d ern W o rte n : w enn e r n u r m öglich ist.
M an findet m anchm al g erad ezu die B ezeichnung « possibilitas »
fü r die c o n tin g e n tia in cau sis, w ährend der A usdruck K ontin­
g e n z re se rv ie rt bleibt fü r die g e g en w ärtig en co n tin g en tia, und
also die S ein sm o d alität a u sd rü c k t, die in der T erm inologie der
m o d ern en Philosophie « T atsäch lich k eit » g e n an n t w ird. Aber
im allgem einen w ird dieser U nterschied nicht g e m a c h t; man
v e rw en d e t den B egriff K o n tin g en z in gleicher W eise für die
beiden K a te g o rie n der M öglichkeit und der T atsäch lich k eit,
d. h. als A u sd ru ck fü r die M o d alität sowohl des k ü n ftig en wie
des g e g e n w ä rtig e n n ich t-n o tw en d ig en Seins und G eschehens.
W e n n m an nun a b er fra g t, w as die aristotelisch-schola­
stisch e P hilosophie g e n a u e r u n te r diesen Begriffen verstanden
h a t, so e rg ib t sich zu n äch st, d ass das Begriflfspaar N otw endig­
k e it un d K o n tin g en z zwei g an z verschiedene G egensätze meint.
Jed e a n o rg a n isc h e U rsach e, jedes « ag en s a n a tu ra » w irkt
n ach A risto teles m it N o tw en d ig k eit, d. h. im m er und im m er in
d erselben W eise, ein ag en s libere (ein ag en s ab intellectu)
d a g eg e n m it K o n tin g en z d e ra rt, dass es u n ter gleichen Bedin­
g u n g e n einen E ffekt h erv o rb rin g en oder nicht hervorbringen
k a n n V E s ist d as ein fu n d am en taler U nterschied swichen den

• Die klassische Stelle steht in M etaph. IX ( = V III cap. 5 nach h e u ­


tiger Z ählung). T h o m as e rlä u te rt sie so (lect. 4): P onit differentiam p rae­
d ictaru m p o te n tia ru m (ratio n aliu m e t irrationaliu m ), dicens quod in po­
ten tiis in a tio n a lib u s neccsse est: q u an d o passivum ap p ro p in q u a t activo in
illa dispositione q u a passivum potest p ati et activum potest agere, necesse
est quod u n u m p a tia tu r et alteru m agat... In potentiis vero rationalibus
non est necessarium : non enim nccesse est aedificatorem aedificare quan-

0. T. C.
FAKOLTESl
KÖTQPHAKfcSl
NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UND ZUFALL 223

beiden Gruppen von w irkenden K räften , die die Scholastik


u n te rsch e id e t: die einen sind causae determ inatae, die mit me­
chanischer N otw endigkeit auf ein bestim m tes Ziel hinw irken
und immer wirken (oder w enigstens im m er zu w irken bestrebt
sind), w ährend die andern causae indeterm inatae sind, die ce­
teris paribus mit einer « contingentia ad utrum libet » wirken
oder nicht wirken können.
Aber neben dieser K ontingenz der F reiheit g ib t es für die
Scholastik noch eine zweite, nämlich eine K ontingenz der n a­
türlichen Ereignisse. Bei dieser handelt es sich nicht um die
M odalität des agere auf Seiten der U rsache, sondern um die
M odalität des fieri auf Seiten des Effekts. Denn obwohl jedes
agens naturale mit N otw endigkeit w irkt, tritt der Effekt nicht
immer m it N otw endigkeit ein, sondern kann per accidens durch
andere U rsachen oder durch die m angelnde D isposition im
patiens oder sonst irgendw ie vereitelt werden. In diesem Fall
spricht man von « kontingenten »> E reignissen, wobei das W o rt
K ontingenz nicht m ehr die U ndeterm iniertheit des W irk en s,
sondern die U nsicherheit im Zustandekom m en der W irk u n g
bezeichnet. D er G egensatz zu d i e s e r K ontingenz ist die
M odalität derjenigen Effekte, die schlechthin immer und un­
vermeidlich eintreten, wenn die sie anstrebenden U rsachen g e­
geben sind.^D as klassische Beispiel für diese letztere ist die
B ew egung der H im m elskörper: der Sonnenaufgang z. B. erfolgt
« m it N otw endigkeit », « u t sem per ». Ihnen stehen die kon­
tingenten Ereignisse gegenüber, die eintreten oder nicht ein­
treten können. Sie zerfallen in zwei bezw. drei K la ss e n : es
gibt contingentia ut frequenter (oder ut in pluribus, ut in
maiore p a rte ), die in der M ehrzahl der Fälle von den sie an ­
strebenden U rsachen wirklich hervorgebracht und nur in den
selteneren Fällen per accidens vereitelt w e rd e n ; und es gibt
um gekehrt contingentia ut raro (oder ut in paucioribus, u t
in minore p a rte ), die in den selteneren Fällen realisiert w erden
und häufiger nicht Zustandekommen. Man h at auch um gekehrt
diese contingentia u t raro m it den Fällen identifiziert, in denen

tum eum que sibi m ateria appropinquaret... Assignat autem causam p rae­
dictae differentiae dicens quod potentiae irrationales ita se habent quod
una est factiva tantum unius et ideo praesente passivo necesse est quod
faciat illud unum cuius est factiva. Sed una et eadem potentia rationalis
est factiva contrariorum .
224 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

per accidens die von den betreffenden Ursachen angestrebten


contingentia ut frequenter nicht oder anders als beabsichtigt
verwirklicht werdenT. So ist das klassische Beispiel für ein
contingens ut in pluribus der Mensch, der mit fünf Fingern,
für ein contingens ut in minore parte der, der mit sechs Fingern
geboren wird. Es wird fast immer ausdrücklich unterstrichen,
dass das « ut raro » nicht zeitlich zu verstehen ist — denn sonst
wäre eine Sonnen- oder Mondfinsternis auch n kontingent »“ —
sondern bezogen auf die das Ereignis anstrebenden Ursachen.
Schliesslich bleibt noch ein dritter Fall: die contingentia
ad utrumlibet oder ut aequaliter. Es war eine gern diskutierte
Frage, ob es solche in der Natur gebe oder nicht. Die Schwie­
rigkeit, die man hier zu finden glaubte, hat eigentlich mehr
terminologische als sachliche Gründe. Denn der Begriff eines
Effekts, der ebenso oft eintritt wie er verhindert wird, bietet
ja eigentlich kein Problem. Aber gegenüber dieser Kontingenz
verschiebt sich der Gesichtspunkt und schwankt die Termino­
logie *. Einerseits hat man die Indifferenz der Materie, die in
gleicher Weise entgegengesetzte Wirkungen aufnehmen kann,

T So erklärt z. B. Bacon (Communia naturalium pars II dist. 5 cap. 3) :


sciendum igitur quod quaedam sunt semper ex suis causis, quaedam
frequenter et in maiori parte, quaedam in minori parte. Ea quae sunt
•ernpcr, sunt necessaria respectu suarum causarum... Ens vero in maiori
parte non est necessarium respectu suae causae; et ideo ex defectu eius
fit ens in minori.
• Oder, wie es etwa bei Marsilius von Inghen heisst (Abbrev. zur
Phys. II Notab. 3 qu. 1): effectus non dicitur fortuitus quia raro evenit
in tempore, quia tunc conclusiones magnae philosophorum dicerentur
fortuitae.
• Ein Einwand, auf den man gelegentlich trifft, lautet (in der Formu­
lierung Bacons, 1. c.): nullum ens potest indifferenter et aequaliter esse
et non esse simul et semel. Aber darum handelt es sich natürlich nicht,
sondern cs fragt sich, ob ein futurum contingens denkbar ist. das mit
gleicher Wahrscheinlichkeit eintreten oder in seinem Eintreten verhindert
werden kann, bezw. ein gegenwärtiges, das ebenso gut hätte nicht eintre­
ten können. Eine solche Vorstellung enthält nicht mehr, oder sogar weni­
ger Schwierigkeiten als die eines contingens ut raro. Aber man hat eben
die Fragestellung gegenüber den contingentia ad utrumlibet von Anfang
an anders verstanden. Dazu kam die Autorität des Averroes, der die Mög­
lichkeit derartiger contingentia, gegen Avicenna, bestritten hatte mit der
Begründung: A contingente autein aequaliter nulla actio provenit, secun­
dum quod est contingens aequaliter, quoniam natura eius est natura
materiae, non natura formae (Phys. II comm. 48).

A. 1 .
NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UND ZUFALL 225

als Kontingenz ad utrumlibet bezeichnet, mit einer Erweiterung


der Begriffsbedeutung, die sonst auf den Bereich der causae
efficientes beschränkt blieb; und andererseits verstand man all­
gemein unter der contingentia ad utrumlibet im prägnanten
Sinn die Kontingenz der freien Willenshandlungen. Und so
stellte man die Frage, ob es im Bereich der natürlichen Ur­
sachen ein Analogon zu dieser Kontingenz gebe (statt zu fra­
gen, ob es natürliche Wirkungen gebe, dic ut aequaliter ein-
treten). Die Antwort lautete verneinend, denn jedes natürliche
agens ist eine causa determinata, ist auf eine bestimmte Wir­
kung hin ausgerichtet, es kann aber nicht von sich aus nach
Belieben diese Wirkung hervorbringen oder nicht hervorbrin­
gen 1#. An diesem Punkt eihebt sich nun aber ein Einwand,
der ernsthafte Schwierigkeiten bereitet hat. Er ist unter dem
Paradoxon des Buridan’schen Esels bekannt: ein Esel hat
ja für die Auffassung, der Scholastik keine Willensfreiheit, son­
dern ist als ein agens naturale anzusehen; wenn er also in
gleicher Entfernung zwischen zwei gleich grossen und gleich
beschaffenen Heubündeln steht, so muss er in der Tat verhun­
gern, denn nihil quod est ad utrumlibet exit in actum, nisi
per aliquid determinetur ad unum n , und ein solcher determi­
nierender Faktor, der beim Menschen in einer entsprechenden
Lage durch eine freie Willensentscheidung gegeben wäre, fehlt
beim Esel. Wir werden sehen, zu was für sonderbaren Ergeb­
nissen die Lösungsversuche für dieses Problem geführt haben13.
Kehren wir zum Begriff der necessitas zurück. Wir haben
also, kurz gesagt, auf der einen Seite die Notwendigkeit, mit
der die Ursachen wirken, und auf der andern die, mit der
die Effekte zustande kommen n . Wir können sie mit einer mo-

>9 Palet etiam, heisst es i. B. bei Durandus de S. Porciano (Sent. I


dist. 38 qu. 3, Ed. Vened. 1371). quod contingens ad utrumlibet nun­
quam dicitur per comparationem ad causam agentem ex necessitate na­
turae, illa enim semper est determinata ad unum, nisi impediatur quod
fit ut raro, sed dicitur per comparationem ad causam agentem libere,
quae potest agere et non agere.
** Thomas. Phys. II lect. 8-
J* Vgl. u. S. 249 Anra. 53 und S. 297 ff-
u Hervaeus Natalis unterscheidet in einer Quaestio utrum, si Deus
ageret cum necessitate naturae, omnia de necessitate evenirent (Quodl. II
qu. 4, Ed. Vened. 1486) zwischen der contingentia causae in causando
und der contingentia effectus in habendo esse a causa: das ist genau der
Unterschied, den wir meinen.
226 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

demen Unterscheidung als d y n a m i s c h e und s t a t i ­


s t i s c h e Notwendigkeit bezeichnen. Denn tatsächlich ist der­
selbe Unterschied gemeint: die necessitas, mit der die natür­
lichen agentia immer wirken und immer auf denselben Effekt
ausgerichtet sind, ist nichts anderes als die dynamische Ge­
setzmässigkeit der modernen Physik, und die necessitas und
contingentia des immer oder nicht immer eintretenden Effekts
meint das gleiche gegenständliche Moment, das wir heute als
Wahrscheinlichkeit oder als statistische Gesetzmässigkeit be­
zeichnen. Man kennt die Ursachen im einzelnen nicht, die ein
bestimmtes Ereignis hervorbringen, und man begnügt sich da­
rum mit der statistischen Feststellung seines mehr oder weniger
häufigen Auftretens und bemisst danach die Notwendigkeit
bezw. Kontingenz oder, modern gesprochen, den Grad der
Wahrscheinlichkeit, der ihm zukommt. Der scholastischen con­
tingentia ut frequenter entspricht eine Wahrscheinlichkeit von
mehr, der ut raro von weniger als 50%, während der neces­
sitas des ut semper der Grenzfall der hundert-prozentigen
Wahrscheinlichkeit korrespondieren würde.
Hätte die Scholastik diese Begriffe schon so präzis unter­
schieden wie die Physiker des 20. Jahrhunderts, dann wären
viele Schwierigkeiten vermieden und auch eine ganze Reihe von
Fragen überflüssig geworden, die man über Notwendigkeit
und Kontingenz stellte. Aber das war eben nicht der Fall. Man
hat vielmehr einerseits die necessitas ut semper, die dem Ef­
fekt zukommt, auch auf die Ursachen bezogen und von causae
necessariae bezw. contingentes gesprochen, je nachdem ob die
Ursachen mit (statistischer) Notwendigkeit ihre Wirkungen
hervorbringen oder nicht; und man hat umgekehrt den Effek­
ten die (dynamische) Notwendigkeit zugeschrieben, mit der
die sie erzeugenden Ursachen wirken. Avicenna galt als der
erste, der in dieser Weise jedes Geschehen und jedes Sein als
« notwendig p hinsichtlich seiner Ursachen erklärt h atte14:
omnis effectus est necessarius respectu suae causae “ . Aber

i« Nicht ganz mit Recht, denn schon Aristoteles setzt sich mit dieser
Auffassung auseinander, die einige « antiqui » vertreten halten.
15 Metaph. VI cap. unicum. (Urb. lat. 187. fol. 51'-62’). in einer Stelle,
die wie die meisten in der lateinischen Übersetzung höchst unklar ist
(fol. 56*07): De necessitate quoque et possibili iam nosti, quod si fuerit
causa quae est omni causato, causa illa erit nccesse esse respectu univer*
NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UND ZUFALL 227

es ist natürlich nicht die Notwendigkeit des ut semper, die


damit dem Kffekt zugeschrieben wird. Gelegentlich wurden die
beiden Arten von Notwendigkeit ausdrücklich als necessitas ab­
soluta (oder necessitas simpliciter) und necessitas conditionata
unterschieden *•, wobei die erste die Notwendigkeit des ut sem­
per bedeutet und die zweite die Notwendigkeit eines Effekts
respectu suae causae, aber im Grossen und Ganzen hat man
ohne weitere Unterscheidung den Terminus « necessitas » für
beide Notwendigkeitsbegriffe gebraucht, bezw. umgekehrt die
beiden Arten von Notwendigkeit als eine einzige betrachtet,
und eben versucht die daraus entstehenden Schwierigkeiten
nach bestem Vermögen aufzulösen.
Wir haben nicht die Absicht, diesen Verwechslungen im
einzelnen nachzugehen, sondern wir wollen umgekehrt sehen,
was die Scholastik trotz dieser Unklarheit in den Grundbegrif­
fen an positiven Erkenntnissen erreicht hat. Und das ist nicht
wenig gewesen.

•itatis causatorum esse absolute. Si vero fuerit causa alicuius causati, ipsa
erit necesse respectu illius causati. Et illud causatum qualecuraquc fuerit
est possibile esse in se. Summa autem horum haec est, quod causatum
quantum in se est, est id cui non est neccsse esse per se... Ipsum igitur
per scipsum sine conditione essendi sibi causam vel non essendi sibi
causam, est possibile esse, nec est necesse sine dubio nisi propter causam...
Sed cum causato fuerit necessitas, causae quoque erit necessitas. Alioquin
causa esset adhuc possibilis nec esset necesse suum esse, et sic neccsse
esse esset causatum. Eveniet igitur quod esset necesse et non propter ipsam
causam, quoti est absurdum. Igitur causae erit necessitas respectu sui
inquantum ipsa comparatur suo causato... Inquantum autem causa non­
dum refertur ad causatum, causatum esse non est necesse, quia non est
necesse suum esse nisi inquantum causa refertur ad illud. Also einerseits
ist der Effekt notwendig hinsichtlich seiner Ursache, andererseits ist die
Ursache (d. h. das Wirken der Ursache) notwendig hinsichtlich ihres
Effekts: das ist nichts anderes als das Kausalprinzip mit seinen beiden
Komponenten.
10 Sehr klar hat schon Bacon in seinen wahrscheinlich vor 1250 ent­
standenen Quacstionen zur Physik diesen Unterschied formuliert (Quae­
stiones in 4 libros Phys., edd. Dclorme-Steele. Opera hactenus inedita
fase. VIII, 1928, S. 94). Er antwortet auf die Frage utrum ea quae fiunt
a natura, fiant ex necessitate et semper, dass die Natur mit einer neces­
sitas conditionata wirke, quia principiis naturalibus concurrentibus natu­
rae est agere, unde principiis suis existentibus, nunquam non est causa.
Und auf den Einwand: nihil quod fit a causa potente impediri vel ab
agente, fit ex necessitate, antwortet er; dicendum quod fieri ab agente
potente impediri non prohibet fieri de necessitate conditionata, sed solum
de necessitate absoluta.
228 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

W ir betrachten zunächst die dynamische Notwendigkeit


(die necessitas respectu causarum), die als einzige in der klas­
sischen Physik der folgenden Jahrhunderte wfeitergelebt hat.
Noch einmal: von der Kontingenz der freien Willenshandlungen
und den Versuchen, im Rahmen eines allgemeinen Determi­
nismus auch diese in Zweifel zu ziehen, sehen wir für den
Moment völlig ab. Dies Problem wird uns später noch beschäf­
tigen. Hier handelt es sich einfach um die Notwendigkeit, die
der transeunten Kausalität der natürlichen causae efficientes
zukommt. Und da ist nun zu sagen, dass die Scholastik in
erstaunlich präziser Weise die Allgemeinherrschaft dieser Kau­
salität und der mit ihr verbundenen Notwendigkeit erkannt hat.
Die Klärung der Vorstellungen gerade in diesem Punkt
hat sich an einem besonderen Problem vollzogen, nämlich an
der Frage, ob es Z u f ä l l e in der Welt gibt und wie sie
zu erklären sind 1T.
Zufällige Ereignisse sind für die Scholastik im Anschluss
an Aristoteles solche Wirkungen, die praeter intentionem agen­
tis eintreten l#, und sie werden je nachdem ob das agcns ein

i? Das Problem wird im Anschluss an Aristoteles Phys. II cap. 4-6


erörtert, und zwar in den verschiedenen Physikkommentaren, die uns aus
dem 13. und 14. Jahrhundert erhalten sind, von unwesentlichen Nuancen
abgesehen durchweg in derselben Weise.
i* Die genaue Definition, in der die scholastischen Philosophen alle
Momente zusammenfassen, die Aristoteles loc. cit. als charakteristisch für
die zufälligen Ereignisse erwähnt, lautet: casualia und fortuita sind
Wirkungen die extra semper et frequenter, und per accidens eintreten.
hervorgebracht von einem agens propter aliquid, aber praeter intentionem
agentis. Man hat dann zunächst gefragt, ob das « extra semper et fre­
quenter » nur die contingentia ut raro meint, oder auch dic contingentia
ad utrumlibet: eine viel diskutierte Frage, die Avicenna bejaht, Averroes
verneint hatte. Man hat weiter gefragt, ob alle contingentia ut raro als
« zufällig » anzusehen seien: sie erfolgen jedenfalls per accidens, sie wer­
den ferner, da jedes agcns propter aliquid wirkt, von einem solchen her­
vorgebracht, und erfolgen zweifellos auch praeter intentionem agentis,
denn sonst wären sie contingentia ut frequenter und nicht ut raro. Eine
Reihe von Autoren des 13. Jahrhunderts, Albertus Magnus z. B., haben
denn auch ohne weiteres die contingentia ut raro mit den zufälligen Ereig
nissen identifiziert. Aber andere, Roger Bacon z. B., machen einen Unter­
schied: ein Ereignis ist nicht schon dann ein zufälliges, wenn die betref
(ende Ursache schlechthin propter aliquid wirkt, sic muss propter ali­
quid aliud wirken, derart, dass das eintrelende Ereignis im prägnanten
Sinn « praeter intentionem agentis » ist. Das wird mit folgendem anschau­
lichen Beispiel erläutert: ideo cum aliquis confricat barbam suam otiose,
NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UND ZUFALL 229

agens a natura oder ein agens ab intellectu ist, als casualia


oder fortuita bezeichnet. Die klassischen Beispiele für diese
beiden Arten von zufälligen Vorkommnissen sind einerseits der
Dreifuss, der beim Heruntcrfallen auf seine drei Beine zu stehen
kommt, oder wieder der Mensch, der mit sechs Fingern ge­
boren wird, und andererseits der Mann, der ein Grab gräbt
und einen .Schatz findet, oder der auf den Markt geht um zu
kaufen und dort einen Schuldner trifft, von dem er die fällige
Geldsumme einzieht. Casualia und fortuita sind also Wirkun­
gen, die von dem sie hervorbringenden agens nicht beabsich­
tigt sind. Es gilt zwar der Grundsatz: omne agens agit propter
finem, aber er ist offenbar nicht umkehrbar : es gibt in der
Welt Ereignisse, die anscheinend nicht von einer bestimmten,
auf sic ausgerichteten Ursache mit Notwendigkeit hervorge­
bracht sind. In der Terminologie der Scholastik: es gibt Vor­
gänge, die keine causa per se haben, sondern nur eine causa
per accidens. Und diese letztere bezeichnet man — in Ueber-
cinstimmung mit Aristoteles und dem Sprachusus — als « Zu­
fall ». Aber dann erhebt sich natürlich die Frage: was ist der
Zufall, wie sind casus und fortuna ontologisch zu bestimmen ?
Die Einführung eines Fatums o. ä. wird natürlich völlig ab­
gelehnt ; ebenso wenig wird ein direktes Eingreifen der gött­
lichen Vorsehung in jedem Einzelfall in Erwägung gezogen.
Von einem rein formalen Standpunkt aus kommt man zu der
Antwort: die Ursache der zufälligen Ereignisse ist dasjenige
agens, dem diese Ereignisse passieren, oder anders gesagt:
das sie unvermutet und unbeabsichtigt hervorbringt. Im Fall
der casualia wäre also die « natura» als der verursachende
Zufall (casus) anzusehen, der den Dreifuss auf seine drei
Beine fallen lässt oder den Menschen mit sechs Fingern er­
zeugt, im Fall der fortuita das agens ab intellectu, das den
Schatz findet oder dem Schuldner begegnet. Die natura oder
die intellektbegabte Ursache soll einerseits die causa per se
sein für die von ihr beabsichtigte Wirkung (das Herunterfallen
des Dreifusses, das Graben des Grabes), andererseits die causa
per accidens für die nicht beabsichtigten (das Fallen auf die

quod possibile est, et cadant pili de barba, non est casuale: sed cum
propter finem aliquem confricat barbam, ut propter pruritum aliquem
vel propter aliquid aliud et cadant pili, tunc pili sunt casuales (Commu­
nia naturalium, loc. cit ).
230 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

drei Füsse, das Finden des Schatzes). Eine eigentliche Lösung


des Problems ist das natürlich nicht; und sie wurde im allge­
meinen auch nur als eine vorläufige Auskunft betrachtet x*.
Denn damit ist ja immer erst die causa per accidens festgestellt,
und, das ist eine grundsätzliche Forderung, jedes ens per
accidens ist auf ein ens per se zurückzuführen. Aber was ist
nun die causa per se, auf die die zufälligen Ereignisse zu­
rückgehen ?
An dieser Frage hat sich nun die Erkenntnis von einem
durchgängig determinierten Kausalzusammenhang im physi­
schen Geschehen in besonders deutlichem Masse durchgesetzt.
Das Ergebnis, und zwar bei allen Autoren, ist dies, dass für
die zufälligen Ereignisse immer eine causa ordinans anzunch-
men ist, von der sie nicht per accidens, sondern per se, wenn
auch nicht unmittelbar so doch über eine mehr oder weniger
lange Reihe von Zwischenursachen hervorgebracht werden.
Fragt man nach der causa proxima einer zufälligen W irkung,
so ergibt sich zunächst keine bestimmte causa per se, sondern
ein concursus causarum, aber beim Zurückgehen auf die cau­
sae remotae trifft man immer auf eine ordnende gemeinsame
Ursache. Manchmal schon sehr bald. Für diesen Fall pflegt
man das Beispiel der zwei Diener anzuführen, die von demselben
Herrn auf verschiedenen Wegen an denselben Ort geschickt
werden, ohne dass der eine vom Auftrag des andern w eiss:
ihr Zusammentreffen ist « zufällig » für jeden von ihnen beiden,
denn keiner hat es beabsichtigt, aber es ist notwendig hinsicht­
lich der causa ordinans, die hier in dem Willen des Auftrag­
gebers zu suchen ist. In andern Fällen ist die Lösung nicht so
einfach 20 ; und manchmal kommt der processus in causis erst

i» Quod au lern fortuna sil causa agens a proposito, nou potest pro­
bari nisi ex usu loqucnlium. heisst es t. R. lxri Wilhelm von Ockham (Phil,
naturalis pars II cap. 11).
Eine eigenartige Auffassung finden wir in Ockhains Quaestiones zur
Physik, von denen der Vat. lat. 956 eine Handschrift enthüll (fol. 32’-59):
ex istis sequitur quod casuale vel fortuitum noti sunt nomina absoluta
sed relativa, quia idem effectus numero est effectus per se respectu duo­
rum et fortuitus respectu unius, sicut eadem causa numero sumpta cum
alio dicitur causa per se effectus fortuiti, et sumpta per se dicitur causa
per accidens et fortuna (qu. 129, fol. 34’). Ockham nimmt also abweichend
von den andern Autoren an, dass der concursus mehrerer Ursachen als
eine causa per se angesehen werden kann.
NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UND ZUFALL 231

gegenüber der ersten Ursache zum Stillstand: für die prima


causa gibt es keinen Z ufall31. Das heisst aber: an sich be­
trachtet gibt es überhaupt keinen Zufall in der Welt, sondern
nur in relativem Sinn, «in respectu », d. h. nur bezogen auf
besondere partikuläre Ursachen und nur für denjenigen, der
den concursus causarum nicht zu übersehen vermag.
Das ist nichts anderes als das Bekenntnis zu einem durch­
gängigen Determinismus hinsichtlich des physischen Ge­
schehniszusammenhangs, oder anders ausgedrückt: die Aner­
kennung der Allgemeingültigkeit des Kausalprinzips. Die
Ilauptautorilät, auf die man sich in diesem Zusammenhang
immer beruft, ist wieder Avicenna **. In der Tat hat dieser
schon die Auffassung vertreten, dass es Zufälle nur in relativem
Sinn gebe, und dass ein und dasselbe (una et eadem res) oft
unter einem Gesichtspunkt notwendig, unter einem andern
zufällig sei *s. Sed quando perfecte considerata fuerit, et assi­
gnatae fuerint omnes eius dispositiones, fiet necessaria.
Genau das ist dic Auffassung der Scholastik hinsichtlich
des Zufalls gewesen : jedes Ereignis hat eine causa (proxima
oder remota), der gegenüber es nicht zufällig, sondern beab­
sichtigt ist und von der es mit der Notwendigkeit abhängt,
die aus der Kausalrelation zwischen Ursache und W irkung
fliesst. In diesem Sinn erfolgt alles im Bereich des physischen
Geschehens mit Notwendigkeit.
Aber nur in diesem Sinn: d. h. nur de necessitate condi-
tionata. Der Unterschied von Notwendigkeit und Kontingenz
in jener andern Bedeutung, die die Scholastik als necessitas21

21 Das ist schon in den Verurteilungen von 1277 konstatiert worden;


eine der verurteilten Thesen lautet: quod aliqua possunt casualiter eve­
nire respectu causae primae, et quod falsum est omnia esse praeordinata
a causa prima, quia tunc evenirent dc necessitate (art. 197).
2* Sufficientia I cap. 13: De fato et casu. Wir benützen den Druck
Venedig 1508 und korrigieren gelegentlich nach der Handschrift Urb.
lat. 186.
2a Die Stelle ist iin lateinischen Text wieder kaum verständlich: quia
una et eadem res aliquando ex uno respectu est saepe sed necessaria, ex
alio respectu est utrumlibct sed raro. Averroes hat diesen Gedanken Avi-
«ennas so wiedergegeben: non est impossibile invenire unum quod dicatur
esse necessarium in respectu alicuius et casuale in respectu alterius. Und
die Scholastik pflegte ihn so zu formulieren: idem est necessarium respectu
unius et contingens respectu alterius, ut dicebat Avicenna (Buridan, Phys.
H qu. l l ; bei andern Autoren ähnlich).
2i2 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

absolut« (oder simpliciter) bezeichnet hat, wird dadurch nicht


aufgehoben. Viele der necessaria respectu suarum causarum sind
in « absolutem « Sinn kontingent. Denn notwendig’ in dieser
zweiten Bedeutung des Begriffs ist ja, wie wir wissen, nur
eine Wirkung, die ut semper eintritt, d. h. die von den sie
nnstrebrnden Ursachen immer und unvermeidlich hervorgebrneht
wird.
Wir wenden uns nun diesem zweiten Notwendigkeitsbegriff
zu. Wir haben ihn den statistischen genannt und haben auf die
Aehnlichkeit hingewiesen, die die necessitas und contingentia
dieser Art mit der « Wahrscheinlichkeit » der modernen Physik
hat. Diese Aehnlichkeit geht noch weiter. Denn die KinStellung
der aristotelisch-scholastischen Philosophie gegenüber diesen
statistischen Modalbcgriffen war dieselbe wie die der modernen
Physik gegenüber der tiesetzmfissigkeit der Wahrscheinlich­
keit : man hnttc damals wie heute das Bedürfnis, für diese
Begriffe eine ontologische Deutung zu finden und sic, wenig­
stens grundsätzlich, auf dynamische Abhängigkeiten zurückzu­
führen. Aus weh hem Grund bewirken gewisse Ursachen ihre
Effekte immer und andere nur häufig oder gar nur selten ?
Das war die Frage, die man sich stellte.
Der Scholastik boten sich zwei Lösungen : die des A v i -
c e n n a und die des A v e r r o e s . Letzterer hatte in einer
berühmten Stelle seines Physikkommentarsu die Auffassung
Avicennas wiedergegeben und zu widerlegen bezw. zu korrigie­
ren versucht. Die scholastischen Philosophen haben sich im
allgemeinen an diese Avcrroes-Stellc gehalten, ohne auf die
authentischen Acusserungen in Avicennas Sufficientia zurückzu­
greifen, denn diese letzteren sind im lateinischen Text, der ja
bekanntlich Wort für Wort zunächst aus dem Arabischen ins
Spanische und dann vom Spanischen ins Lateinische, übertragen
worden ist, so dunkel, dass der Sinn kaum zu verstehen ist.
Bei Avcrroes heisst cs: Et debes scire quod differentia inter
contingens ut in pluribus et necessarium non est, quod con­
tingens ut in pluribus habet impedimentum ut in paucioribus,
ut dicit Aviccnna,... immo contingens ut in pluribus est illud,
in cuius natura est possibilitas ut actio eius deficiat in minori
parte, et ideo invenitur illi impedimentum extrinsecum. Ncces-

*« Phy». II coinm. 48.


NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UNO ZUFALL 233

sarium vero quod non hübet hoc in sua natura, ideo non in­
venitur impedimentum illi exstrinsecum. Aviccnna hat aUo das
* ut semper » einfach damit erklflrt, dass der Effekt in seinem
fieri durch nichts behindert wird, während die contingentia ut
frequenter in selteneren Fallen, dic contingentia ut raro in der
Mehrzahl der FAIle verhindert werden ” . Diese Erklärung
entspricht genau seinem Notwendigkeitsbegriff. Charakteri­
stischer Weise bezeichnet Avicenna das Moment der Unver­
meidlichkeit (das wut semper ») nicht als « necessitas ». Für
ihn gibt es nur die Notwendigkeit der Kausalrelation als sol­
cher ; und seine Erklärung des ut semper, ut frequenter, ut raro
bleibt im rein statistischen Bereich: Ursachen, die in ihrem
Wirken nie behindert werden, bringen ihren Effekt immer her­
vor ; solche die manchmal aber nicht oft gestört werden brin­
gen ihn meistens, und solche, die häufig verhindert werden,
selten hervor. Damit ist noch einmal konstatiert, dass es ver­
schiedene Häufigkeitsgrade im Eintreten von Kausalwirkungcn
gibt, aber es ist nichts damit erklärt. Oder höchstens soviel,
dass das Nicht-zustande-kommcn eines Effekts in äusseren
Hindernissen seinen Crund hat — aber das galt von vornherein
für selbstverständlich. Averrocs hatte darum vollständig recht,
wenn er diese Auslegung nicht für falsch, aber für unzulänglich
hielt. Er selbst geht einen Schritt weiter und fragt nach dem
ausschlaggebenden Faktor, durch den diese Verschiedenheit
bedingt ist. Und er findet ihn in der Möglichkeit bezw. Un­
möglichkeit des Versagens auf Seiten der Ursachen : kontin­
gent ist, was von Natur aus in seinem Wirken versagen (defi­
cere) kann; notwendig, was nicht versagen kann. Die Scho-24
24 Sufficientia, loe. eit.; die Stelle lautet: Dicemus igitur quod rerum
quaedam sunt semper, quaedam vero saepe vel frequenter... quaedam vero
non sunt semper nec saepe, sed quae sunt saepe ita sunt quod non sunt
ruro. Krgo esse eorum, postquam non potest esse quin sit. aut erit ex
consuetudine seu natura solius rei, aut non erit sic. Et cum non fuerit
sic, aut causa ea egebit alia pari causa aut participe aut removente prohi­
bens, aut non egebit... Sed cum non eguerit pari aut parteripr. ui dixi­
mus, oportet ut saepius sit per se. nisi prohibeat aliquid aut adversetur
sibi aliquid, quia propter hoc fallit in raro. Quapropter oportet ut, cum
nihil prohibuerit nec repugnaverit aliquid et servaverit naturam suam,
tunc proveniat solito cursu. F.t haec est differentia inter semper et saepe,
eo quod ei quod est semper non adversatur aliquid contrarium. Unde
sequitur, ut quod est saepe conditione removendi contraria et prohilientia
fiat necessarium.
234 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

lastik fasst dann diese « possibilitas deficiendi » als impedibili-


tas auf und formuliert die averroistische Anscht so: necessarium
non est quod non habet impedimentum seu quod procedit a
causa non impedita, sed quod non est natum impediri 2*.
Also nicht das tatsächliche, sondern das mögliche Verhin­
dert- oder Nicht-verhindert-sein macht den Unterschied zwi­
schen Kontingenz und Notwendigkeit aus: diejenigen Ursa­
chen, so hat man diese These ziemlich allgemein aufgefasst,
die so geartet sind, dass sie keinen Gegensatz haben, oder so
stark sind, dass sie jeden Gesensatz überwinden können, wir­
ken mit Notwendigkeit, d. h. bringen ihren Effekt immer
und unter allen Umständen hervor. Die averroistische Begriffs­
bestimmung der necessitas und contingentia geht also über
die avicennistische insofern hinaus, als sie tatsächlich eine dy­
namisch-ontologische Begründung gibt, die die Häufigkeit in
der Realisierung des Effekts auf bestimmte Momente in den
Ursachen zurückführt 2T.
Die weitere Verfolgung dieses Gedankens führt dann zur
Aufstellung von Rangordnungen der verschiedenen Ursachen,
je nach dem Notwendigkeitsgrad, mit dem sie wirken. Bekannt
ist vor allem die thomistische Dreigliedcrung: es gibt einen
triplex gradus causarum, nämlich die unvergängliche und un­
veränderliche göttliche Ursache, die unvergängliche aber ver-

»• Sigcr von Brabant, De necessitate et contingentia <ausarum (vgl. u.).


Buridan gibt die Definition Avicennas folgendcmiassen wieder, necessa­
rium est quod non habet nec potest habere impedimentum extrinsecum,
et contingens est, quod habet impedimentum extrinsccum; die des Aver-
roes: necessarium est, in cuius natura non est possibilitas ad deficiendum
sive ad oppositum; et contingens est. in cuius natura est possibilitas ad
deficiendum (Phy«. II qu. 11). In der ersten Definition ist allerdings das
<i nec potest habere » zu streichen!
*T Man trifft in der modernen Literatur gelegentlich auf die Ansicht,
Averrocs hal>c an die Stelle der avicennistischcn « necessitas ab alio » eine
4 necessitas a sc » gesetzt (vgl. Überweg-Gever, S. 320). aber das trifft ab­
solut nuht zu. Auch Aveiroes meint selbstverständlich die necessitas ab
alio, die der Kausalität der causa efficiens entspricht; von einer Notwen­
digkeit a se (die der rausa formalis und der causa materialis zukämr) ist
in diesem ganzen Zusammenhang nie und nirgends die Rede. Der Unter
schied in der Auffassung der l>eiden Philosophen ist ein ganz anderer,
wie wir gesehen haben: Aviccnna versteht unter necessitas durchweg die
dynamische Notwendigkeit der Kausalrclation und Avcrroes dir statistische
de« aristotelischen « ut semper ».
NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UND ZUFALL
235

änderliche Kausalität der Himmelskörper, und schliesslich die


vergänglichen und veränderlichen causae particulares. Hinsicht­
lich der ersten Ursache ist alles in der Welt notwendig, hin­
sichtlich des Wirkens der corpora caelestia dagegen ist man­
ches, und hinsichtlich der Partikulär-Ursachen ist vieles kon­
tingent ; aber die Dinge und Geschehnisse erhalten, das wird
von allen Autoren betont, ihre Seinsmodalität von den nächsten
Ursachen und nicht von den causae remotae. So heisst eine
Wirkung schlechthin « kontingent », wenn sie es ihrer causa
proxima gegenüber ist, auch wenn sie hinsichtlich der höheren
Ursachen « notwendig » is t; und umgekehrt kann eine Ursache,
die an sich mit absoluter Notwendigkeit wirkt, mittelbar kon­
tingente Effekte hervorbringen, wenn die Zwischenursachen
causae impedibiles sind.
Für die Hochscholastik ist der überwiegende Gesichtspunkt,
unter dem Notwendigkeit und Kontingenz betrachtet werden,
der statistische mit seiner ontologischen Begründung, in der
man durchweg Averroes gefolgt ist. Es gibt danach natürlich
nur ganz wenig « notwendige » Dinge und Vorgänge in der
Welt, und nur ganz wenige Ursachen, die de necessitate wir­
ken, während der Begriff der Kontingenz sehr umfassend ist.
Die (dynamische) necessitas conditionata, die ja durchaus allem
natürlichen Sein und Geschehen zuerkannt wird, wird nur als
ein nebensächliches Moment betrachtet, das die Kontingenz
nicht beeinträchtigt. Am deutlichsten tritt diese Einschätzung
der beiden Arten von Notwendigkeit an einem Problem zu Ta­
ge, das im sechsten Buch der Metaphysikkommentare erörtert
zu werden pflegte. Es geht um jene Aristoteles-Stelleu , wo
gegen einige alte Philosophen — unter denen Leukipp zu ver­
muten ist — gezeigt werden soll, dass nicht alles in der Welt
mit Notwendigkeit geschieht, sondern dass es kontingente
Ereignisse gibt. Die Notwendigkeit, deren durchgängige Gül­
tigkeit jene « antiqui » behauptet hatten, ist natürlich die ne­
cessitas conditionata der Kausalrelation ; die Notwendigkeit da­
gegen, deren Allgemeinherrschaft bestritten werden soll, ist
die necessitas absoluta des ut semper. So kommt es, dass in
diesen Commenta zunächst das Kausalprinzip eine oft über­
raschend scharfe Formulierung erfährt, worauf dann gezeigt

Metaph. V cap. 2-3. nach moderner Zählung.


236 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

wird, dass es trotzdem nicht gilt, sondern dass es Kontingenz


in der Welt gibt.
Wir betrachten einige Beispiele.
T h o m a s führt in diesem Zusammenhang zunächst aus” :
Sciendum... quod Avicenna probat in sua Metaphysica, quod
nullus effectus sit possibilis in comparatione ad suam causam,
sed solum necessarius... Et hoc videtur contra hoc, quod Phi­
losophus hic dicit... Sed sciendum, quod dictum Avicennae in-
telligi debet: supposito quod nullum impedimentum causae ad­
veniat. Necesse est enim causa posita sequi effectum nisi sit
impedimentum, quod quandoque contingit esse per accidens...
Si tamen cum hoc quod dictum est, quod posita causa necesse
est sequi effectum, ponatur etiam alia positio, scii, quod cuius­
libet quod fit et corrumpitur necesse sit esse aliquam causam
per se et non per accidens... sequitur omnia esse de necessitate.
Deutlicher — und richtiger — kann man das Kausalprinzip
nicht formulieren. Es folgt überdies noch der ausdrückliche
Nachweis, dass alles, was per accidens geschieht, auf eine cau­
sa ordinans zu beziehen ist, die je nach den Umständen — und
hier wird nun die dreifache Ordnung von Ursachen aufgestellt,
von der wir schon gesprochen haben — eine causa particularis,
eine causa caelestis oder schliesslich die höchste Ursache selbst
sein kann. Bezogen auf diese letztere gibt es nichts, was ab
ordine eius exeat. Aber trotzdem ist dadurch die Kontingenz
in der Welt nicht aufgehoben, derart, dass alles de necessitate
geschehen würde. Denn jetzt ist es auf einmal eine andere Not­
wendigkeit, von der die Rede ist. Und von dieser andern Not­
wendigkeit ist zu sagen, dass sie weder durch die Kausalität
der corpora caelestia noch durch die der höchsten Ursache
gesetzt ist. Durch die Himmelskörper nicht, denn obwohl deren
Bewegungen und Wirkungen, quantum in ipsis est, Notwen­
digkeit haben, tamen efFectus eorum in istis inferioribus potest
deficere... Et ita relinquitur quod huiusmodi effectus non ex
necessitate, sed contingentes proveniant. Hinsichtlich der höch­
sten Ursache liegt die Lösung in einer andern Ebene: ad di­
vinam providentiam pertinet non solum quod faciat hoc ens,
sed ut det ei contingentiam vel necessitatem, derart, dass es
aus seinen nächsten Ursachen mit Notwendigkeit oder Kon-*•

*• Metaph. VI leci. 3.
N O TW EN D IG K E IT, KO NTIN GEN Z U N D ZU FALL 237

tingenz folgt, oder, anders gesagt, dass seine nächsten Ursa­


chen causae impedibiles oder non impedibiles sind.
Eine eigenartige Auffassung über die beiden Arten von Not­
wendigkeit finden wir bei S i g e r v o n B r a b a n t : er will
die avicennistische Notwendigkeit der Kausalrelation vollstän­
dig unterdrücken und sie als eine logische Suppositionsnotwen-
digkeit erklären. Siger hat sich ausführlich über das Problem
geäussert in seinem Traktat De necessitate et contingentia
causarums# und hat ausserdem über das Spezialproblem von
casus und fortuna in den Quaestionen zum II. Buch der Physik
gehandelt, die wir kürzlich in einer vatikanischen Borghese-
Handschrift gefunden haben **. Die Formulierungen sind in den
beiden Werken oft von einer verblüffenden Aehnlichkeit: ein
weiterer Beweis für die Echtheit unserer Quaestionen, die frei­
lich schon durch äussere Gründe hinreichend gesichert ist.
Die erste Frage über den Zufall 32 lautet: utrum aliquid
sit a casu et fortuna. Videtur quod non, heisst es zunächst:
omnis effectus respectu suae causae est necessarius. Und im
Weiteren geht es nun darum, diesen Satz in seiner Gültigkeit
einzuschränken. Das geschieht mit der Unterscheidung von ne­
cessarium simpliciter und necessarium ex suppositione. Ein Ef­
fekt ist zwar notwendig ex suppositione causae: non tamen
ille effectus est necessarius simpliciter, cum eveniat ex suppo­
sitione causae in dispositione in qua causa. Et suppositio suae
causae non est necessaria simpliciter — suae dico causae, in
dispositione in qua causa —, ideo etc. Et ideo dicit Avicenna,
quod omnis effectus est necessarius respectu suae causae. Ve­
rum est in dispositione, in qua causa est talis effectus. Und
darum ist zur Auflösung des ursprünglichen Einwands zu sa­
gen : ad primum argumentum dicendum quod omnis effectus
respectu suae causae sub dispositione et accidentibus in qua
causa est, omnis talis effectus sic accipiendo est necessarius.
Et quia non necesse est semper causam esse in dispositione tali,
ideo effectus non est simpliciter necessarius.

80 F.d. Madonnct. Philosophe» beiges VII S. 111 ff.


Borgh. 114 fol. 15-18': vgl. unsem Artikel Nouvelles questions de
Siger de Brabant sur la Physique d’Aristote, Revue phil. de Louvain 1946.
S. 497 ff.
82 Wir haben a.a.O. die Quaestionen über casus und fortuna ira
vollständigen Wortlaut wiedergegeben (S. 503 ff.).
238 W ELTA N SC H A U LIC H E W ANDLUNGEN

Mehr als aus diesen Quaestionen, die unser Problem ja


nur beiläufig streifen, erfahren wir aus dem Traktat De neces­
sitate et contingentia causarum. Siger geht hier von dem Be­
griff der absoluten Notwendigkeit aus 33 und will zeigen, dass
nicht alles in der Welt de necessitate geschieht, sondern dass
es Kontingenz gibt. Das Ergebnis lautet: Summatim ergo cum
Aristotele dicendum, quod solum illa futura necessario fient,
quae fient a causa per se non impedibili, non solum prima sed
proxima; et quia non omnia futura sunt talia, sed quaedam
eorum accidentia, quaedam autem fient ex causis impedibilibus
licet non impeditis, ideo non omnia fiunt necessario. Aber dann
erheben sich einige Einwände, von denen uns vor allem der
übliche auf Avicennas Notwendigkeitsbegriff gestützte interes­
siert, dass j e d e Wirkung hinsichtlich ihrer Ursache «not­
wendig » sei. Siger erwidert darauf: dicendum quod, sicut dicit
Aristoteles I“ De caelo et mundo, ille qui sedet, dum sedet,
habet potentiam ad standum, sed qui sedet, dum sedet, non
habet potentiam ad standum dum sedet. Iuxta quod dicit libro
Periherm. quod esse quod est, quando est, necesse est esse;
non tamen quod est, necesse est esse. Sic etiam causa ut in
pluribus non impedita, etiam quando non est impedita, possi­
bile est non evenire effectum, licet non sit possibile quod a
causa non impedita non eveniat effectus quando non est im­
pedita ; et cum34 necessitas sit quaedam impossibilitas aliter
se habendi, apparet quod in eventu effectus a causa impedibili
est quaedam necessitas, videl. quod causa ut in pluribus, exi-
stens in dispositione in qua habet causare effectum et non im­
pedita, non est in potentia ut non causet effectum, sic se ha­
bens. Et nisi esset talis necessitas, nihil a causis talibus eve­
niret. Et hanc necessitatem intellexit Avicenna, quando dixit
quod omnis effectus respectu suae causae est necessarius. Ista
autem non est necessitas simpliciter... Non percipientes autem1

11 Er gibt folgende Definition für diese Notwendigkeit einerseits auf


Seiten der Ursache: causa per sc cui non potest accidere impedimentum
nec causat per mediam causam impedibilem, est causa necessaria sui ef­
fectus; andererseits auf Seiten des Effekts: Omnis effectus qui evenit a
causa per se non impedibili, necessario evenit.
•« In der litierten Ausgabe heisst es hier « »amen », was keinen Sinn
gibt. Wir vermuten, dass ein cu (cum) in der Handschrift irrtümlich als tn
(tamen) gelesen worden ist, was ja leicht passieren kann.
N O T W E N D IG K E IT , K O N T IN G EN Z UND ZU FALL 23»

praedictas necessitates, inciderunt in diversos errores, ita ut


quidam attendentes quod causa non impedita et universaliter
existens in illa dispositione in qua habet causare effectum, non
est in potentia ad non causandum ipsum, sic se habens, dixerunt
omnia necessario evenire; et ex praemissis apparet in quo er­
raverunt. Weiter unten kommt er noch einmal auf diesen Ein­
wand zurück: Cum ergo arguitu»* quod omnia futura necessa­
rium est fore antequam sint, quia omnis effectus evenerit cx
causa respectu cuius suum esse est necessarium secundum Avi-
cennam..., dicendum quod causa effectus ut in pluribus, per
se accepta non est necessaria ad effectum ; ipsa etiam accepta
ut non impedita, impedibilis tamen remanens, non est etiam ad
effectum necessaria. Sed verum est, quod accepta ut non im­
pedita et ut se habet in dispositione in qua est causa, non est
in potentia ut non causet effectum ; et sic hoc intellexit Avi-
cenna, quod omnis effectus respectu suae causae est necessa­
rius, quae necessitas non est nisi sicut omne quod est esse ne­
cessarium quando est.
Siger fasst also die avicennistische Notwendigkeit der Kau­
salrelation im Sinn der logischen Suppositionsnotwendigkeit
au f: vorausgesetzt, dass eine Ursache wirkt, kann sie, solange
sie wirkt, nicht nicht-wirken, also wirkt sie de necessitate;
ebenso wie Sokrates, solange er sitzt, notwendig sitzt, denn
er kann, vorausgesetzt, dass er sitzt, nicht (gleichzeitig)
stehen.
Diese Auffassung scheint uns eine Weiterentwicklung der­
jenigen zu sein, die Siger in den Quaestiones zur Physik ver­
treten h a t 3S. Auch dort begegnet schon mehrfach jene (bei
andern Autoren nicht übliche) Formel zur näheren Bestimmung
der Ursache: sub dispositione in qua causa est, und auch die
necessitas ex suppositione (als Ausdruck für die necessitas con-
ditionata) findet sich schon. Aber für den Siger der Quaestionen
wirkt eine nicht verhinderte Ursache mit einer deutlich im
Anschluss an Avicenna verstandenen realen Notwendigkeit, für
den Siger des Traktats dagegen nur mit logischer 3‘.•*

•* Wenn unser Eindruck richtig ist, würde das heissen, dass die Quae­
stionen ru Physik vor dem Traktat De necessitate entstanden sind.
»« Von Sigers Quaestionen zur Metaphysik sind die zum VI. Buch
sicht erhalten.
240 W ELTA NSCHA ULICH E W A N D LU N G EN

In den Quaestionen zur aristotelischen Physik, die unter


dem Namen Sigers im XV. Band der Philosophes beiges ediert
worden sind *•T, findet sich in den Kapiteln über casus und
fortuna im zweiten Buch kein Anklang an diese A uffassung;
umso grösser ist dagegen, worauf schon B. Nardi aufmerksam
gemacht hat ” , die Ueberemstimmung mit den Darlegungen
in Thomas’ Metaphysikkommentar. Wir wollen das hier nicht
näher verfolgen, sondern nur ein paar Formulierungen wieder­
geben, die für unser Problem bemerkenswert sind.
Zunächst wird gezeigt, wie es bei der Erörterung des
• Zufalls » üblich ist, dass hinsichtlich der ersten Ursache alles
*mit Notwendigkeit geschieht, und dann wird festgestellt, dass
man trotzdem nicht sagen kann, quod omnia de necessitate eve­
niunt Es folgt zur Begründung die thomistische dreifache
Stufenordnung der Ursachen hinsichtlich der Notwendigkeit
und Kontingenz — causa divina, corpora caelestia und causae
particulares —, mit der abschliessenden Bemerkung: quia ef­
fectus naturas suas accipiunt immediate ex particularibus cau­
sis, ideo per respectum ad eas iudicamus ipsos, ita quod si sint
necessarii respectu earum et ipsae non recipiunt impedimentum,
dicimus effectus necessario evenire; si autem sint contingentes
respectu earum, dicimus contingenter evenire; si autem acci­
dant per accidens ex eis, dicimus per accidens evenire... Et
cum arguitur, quod omnis causa in actu non potest non ponere
suum effectum, dicendum quod ponit effectum sed non ex neces­
sitate. Sed, si sit causa in actu, per se ponit effectum, et si
ex necessitate causa in actu, ponit effectum ex necessitate, et
si non, non, et ita proportionaliter. Es ist ganz die thomistische
Auffassung.
W ir begnügen uns mit diesen Beispielen. Die Grundein­
stellung ist, bei allen Nuancen im einzelnen, im 13. Jahrhun­
dert überall dieselbe: die vorwiegende Bedeutung des Termi­
nus necessitas ist die ■ absolute » Notwendigkeit des ut sem-
per. Unter diesem Gesichtspunkt ist der grösste Teil alles
Seins und Geschehens « kontingent» und hat nur nebenbei,
hinsichtlich seiner Ursachen, eine gewisse bedingte Notwendig-

*T Lib. H qu. 16-24 (ed. Ph. Delhaye. 1941).


•• Gioraale critico della filosofia italiana, 1943 . S. 83 ff-
N O T W E N D IG K E IT , K O N TIN G EN Z UN D ZU FA LL 241

keit, eine necessitas secundum quid (oder secundum aliquid),


die neben jener andern kaum ins Gewicht fällt.
In diese Auffassung kommt zu Beginn des 14. Jahrhunderts
eine entscheidende W endung: die necessitas absoluta der Hoch-
-holastik tritt zurück und verschwindet allmählich ganz, min­
destens aus der Terminologie der entstehenden Naturwissen­
schaft, und an ihre Stelle tritt als einzige Notwendigkeit die
dynamische, d. h. die Modalität der kausalem Abhängigkeits­
beziehung. Nun sind die natürlichen Vorgänge nicht mehr bloss
necessarii secundum quid und an sich kontingent, sondern sie
rind umgekehrt an sich notwendig und contingentes secundum
quid, insofern die sie hervorbringenden Ursachen in ihrem Wir­
ken verhindert werden können. Kontingenz im eigentlichen Sinn
haben nur noch die freien Willenshandlungen.
Der erste, der mit vollem Bewusstsein und voller Klarheit
diesen neuen Standpunkt eingenommen hat, scheint uns F r a n -
c i s c u s de M a r c h i a gewesen zu sein ** — jener selbe
italienische Scotist, der der erste scholastische Entdecker der
Impetustheorie war und der auch in manchen andern natur-
philosophischen Problemen eigene und z. T. sehr bedeutsame
Ideen gehabt hat. Er erörtert in seinem Sentenzenkommentar
(der im Studienjahr 1319-20 entstanden ist), zur 38. Distinktion
des ersten Buchs, das Problem der praescientia Gottes hinsicht­
lich der futura contingentia und stellt zunächst eine einleitende
Frage: quomodo contingentia sit in r e b u s Die Antwort
lautet: Dico quod duplex est contingentia: quaedam est con­
tingentia per accidens, quaedam per se. Contingentia per ac­
cidens est qua effectus est contingens in ordine ad causas per
accidens concurrentes cum causis per se, et haec est contin­
gentia effectuum naturalium, scii, generabilium et corruptibi­
lium, qui propter concursum causarum accidentalium cum cau-

3® Wir wollen damit keineswegs ausschliessen, dass die Umstellung sich


nicht schon vorher, allmählich und mehr oder weniger unliewussi, voll
zogen hat. Im Grunde setzt ja schon die scotistische These, dass die Kon­
tingenz in der Welt abhunge von der Kontingenz, mit der die erste Ursa­
che wirke, eine andere Auffassung und vor allem eine andere Wertung
der Kontingenz voraus als sie die Hochscholastik hatte. Aber jedenfalls
scheint uns Franciscus de Marchia der erste gewesen zu sein, der diese
neue Auffassung auf eine Formel gebracht hat.
40 Chis. B VII 113 fol. 94-94’-
242 W E LTA N SC H A U LIC H E W A N D L U N G E N

sis per se possunt impediri et non impediri, ideo eveniunt con-


tingenter non ex causis per se, quantum est ex sc, quia causae
per se necessario agunt, quantum est ex se..., sed eveniunt
contingenter propter causas per accidens (quae tamen causae
per accidens licet sint causae per accidens respectu unius ef­
fectus, sunt tamen causae per se alterius effectus), et ideo talis
contingentia est c o n t i n g e n t i a secundum quid,
non simpliciter, quia effectus solum contingens est in ordine
ad unam causam particularem comparatus, non autem est con­
tingens comparatus ad totum ordinem causarum simul concur­
rentium, quia positis omnibus causis effectus naturalis necessa­
rio sequitur nec potest impediri per aliquam causam naturalem,
quia tunc illa causa faceret ad positionem illius effectus, et ideo
sine illa causa non haberentur omnes causae. Ideo talis con­
tingentia, quae est in ordine ad unam causam impedibilem per
aliam causam vel cx parte agentis vel ex parte patientis, et
non in ordine ad totum ordinem causarum simul, est contingen­
tia secundum quid et non simpliciter41. Ideo talis contingentia
est contingentia per accidens et non per se, quia est in ordine
ad causas accidentales et non in ordine ad causas essentia­
les nisi inquantum concurrunt cum causis accidentalibus. Est
contingentia secundum quid et non simpliciter. Est contingentia
privativa et non positiva, quia non est contingentia in ordine
ad causas in ultima dispositione in qua possunt agere effectum,
sed est in ordine ad causas in dispositione in qua non possunt
pro tunc agere effectum...; ideo est contingentia privativa et

41 Eine ähnliche Auffassung wird übrigens schon in Sigers Traktat


De necessitate et contingentia causarum als Einwand erwähnt (und abge-
khnt): Si adhuc... arguitur, quod ex illis non declaratur quod sit aliquod
eveniens contingenter nisi secundum quid, sed omnia sunt simpliciter ne­
cessaria sicut licet aliqua causa ex qua sequitur effectus, absolute et sola
considerata, nata sit impediri, ipsa tamen considerata ut stat sub toto
ordine causarum cum absentia impedimenti ad effectum, est necessaria
nec potest impediri; et sic effectus quando refertur in suam causam ab­
solute, contingcntiam habet secundum quid, seu secundum aliquid, ut
secundum illam causam consideratam. Sed cum necessitas vel contingentia,
simpliciter et sine determinatione dicta, in eventu alicuius effectus debeat
attendi in comparatione ad totum ordinem causarum et ad omnia quae
habent iuvare vel impedire eventum effectus, sic autem considerando even­
tum futurorum, omnia sunt necessaria... d ic e n d u m quod causa, ex qua
sequitur effectus, secundum se et absolute considerata bene est impedibilis...
Ob Franciscus de Marchia diese Stelle gekannt hat?!
N O T W E N D IG K E IT , K O N TIN G EN Z UND ZU FALL 243

non positiva, quia provenit ex privatione debitae dispositionis


causarum requisitae ad agendum, et non provenit ex disposi­
tione debitae perfectionis. Est contingentia extrinseca et non in­
trinseca, quia provenit ex impedimento extrinseco alterius cau­
sae concurrentis et non ex dominio causae impedibilis, ideo
talis contingentia venit ab extrinseco. Contingentia vero p e r se
est, qua effectus est contingens in ordine ad causas essentiales,
non in ordine ad causas accidentales, quia remotis omnibus cau­
sis accidentalibus vel eis positis potest effectus poni ab eis vel
non poni... Et ista est contingentia actuum liberi arbitrii, qui
actus positis omnibus causis in ultima dispositione possunt poni
et non poni ab eis. Et talis contingentia est contingentia per
se et non per accidens, quia quod effectus non ponitur in esse
non venit ex concursu alicuius causae accidentalis impedientis,
sed venit ex contingentia talis causae. Ideo est contingentia
simpliciter, non secundum quid, quia ista contingentia non est
in ordine ad unam causam impedibilem per aliam, sed est in
ordine ad totum ordinem causarum requisitarum, quia positis
omnibus causis requisitis potest effectus poni et non poni...
Ideo est contingentia positiva et non privativa, quia ista con­
tingentia non provenit ex privatione debitae dispositionis cau­
sarum in qua natae sunt agere, sed provenit ex plenitudine per­
fectionis causarum quae in ultima dispositione existentes pos­
sunt agere et non agere. Ideo est contingentia intrinseca et
non extrinseca, quia talis contingentia non venit ex impedimen­
to alicuius causae extrinsecae, sed venit ex praedominio talis
causae super effectum. Et haec est contingentia perfecta41.

«a Marchia ist allerdings nicht ganz konsequent gewesen, denn als gu­
ter Scotist will er andererseits nachweisen, dass die Kontingenz per acci­
dens auf eine Kontingenz per se zurückzuführen sei. nämlich auf die des
göttlichen Wirkens: omne per accidens reducitur ad per se. Sed contin­
gentia causarum naturalium non potest reduci ad causalitatem per se
necessariam ipsorum, quia ex causalitate necessaria non sequitur causalitas
contingendae praecise, cum ex causis tantum necessariis non sequatur ef­
fectus contingens. Ergo talis contingentia per accidens reducitur ad aliquam
contingentium per se, sed non ad contingentiam per se voluntatis huma­
nae, curo non dependeat a voluntate humana, sed reducitur ad contin­
gentiam per se causae separatae. Igitur causa prima agit contingenter, quia
nisi ageret contingenter, nil eveniret in rebus contingenter, sed omnia eve­
nirent necessario. Das ist natürlich, genau genommen, im Widerspruch
zu seiner vorher vertreteten Auffassung der contingentia secundum quid.
244 W ELTANSCHAULICHE W ANDLUNGEN

Das ist sozusagen der bieg der avicennistischen Notwen­


digkeit über die aristotelisch-averroistische, oder, anders aus­
gedrückt : damit ist der Primat des Kausalprinzips der dyna­
mischen Notwendigkeit über die statistische necessitas des ut
semper anerkannt. Diese Umstellung ist zunächst und im Tief­
sten eine weltanschauliche, die sich in einer Umwertung der
Begriffe Notwendigkeit und Kontingenz ausdrückt: das Vor­
nehmere ist jetzt und in der Folgezeit die Ko n t i n g e n z d i e
nicht mehr in erster Linie die impedibilitas, sondern die Frei­
heit bedeutet, während die necessitas nun äquivalent ist dem
Verursacht- bezw. Determiniert-sein und nicht mehr die
inevitabilitas ausdrückt. Aber die neue Erkenntnis hat auch
eine methodologisch-naturwissenschaftliche Seite, und die be­
steht in der richtigen Auffassung der zureichenden Gründe, aus
denen eine Wirkung folgt: auch die causae naturales, die einen
Effekt verhindern könnten, sind zu diesen Gründen zu zählen,
und infolge dessen kommt jeder effectus naturalis mit Not­
wendigkeit zustande, wenn alle Ursachen gegeben sind. Was
übrig bleibt, ist nur eine privative, äusserliche, relative con­
tingentia per accidens. Bei dieser Auffassung verliert natürlich
die necessitas absoluta ihren Sinn — auch wenn das nicht aus­
drücklich gesagt wird —, und wird zu einem Spezialfall der
allgemeinen dynamischen Notwendigkeit. Auf der andern Seite
steht dann die positive, innere, absolute und vollkommene con­
tingentia per se, die den freien Willenshandlungen und nur
ihnen zukommt, und die nicht aus einem Mangel und einem
Hindernis fliesst, sondern aus der vollen Herrschaft der Ursa­
che über ihren Effekt.
Eine unmittelbare Resonanz dieser Auffassung Marchias
finden wir bei einigen gleichzeitigen bezw. wenig späteren Sco-
tisten. A n f r e d u s G o n t e r i , der « auditor et defensor
Duns Scoti » setzt sich in seinem wahrscheinlich 1323/24 ent­
standenen Sentenzenkommentar öfter mit einem « Frater Fran-
risru s» auseinander. V. Doucet, der das erste Buch dieses

** Die geringe Einschätzung, die umgekehrt die Hochscholastik für


die Kontingenz hatte, kommt sehr schön in einem Wort Thomas’ zum
Ausdruck: dicendum quod contingentia dupliciter possunt considerari: uno
modo secundum quod contingentia sunt, alio modo secundum quod in cis
aliquid necessitatis invenitur. N ih il e n im est a d eo c o n tin g e n s, q u in in se
a liq u id necessarium h abeat (S. th. 1 qu. 86 art. 111).
NO TW EN D IG K E IT. KO NTIN GEN Z UND Z U fA L l. 245

Sentenzcnkommentars in der Handschrift Vat. lat. 1113 ent­


deckt und auch das wahrscheinliche Datum festgestellt h at44,
vermutete schon, dass dieser fr. Franciscus nicht, oder wenig­
stens nicht in allen Fällen, Franciscus de Mayronis sei, an
den man zuerst geflacht hatte, sondern dass es sich um Fran­
ciscus de Marchia handle. In unserem Problem nun ist die
Abhängigkeit von Franciscus de Marchia (obwohl er in diesem
Zusammenhang nicht zitiert wird) ganz deutlich. Anfredus
stellt die Frage: utrum Deus habeat determinatam scientiam
futurorum contingentium **, und schickt wie Marchia eine ein­
leitende Betrachtung über die Kontingenz als solche voraus: In
ista quaestione primo videndum est quomodo et quot modis
est contingentia in rebus. Ad cuius evidentiam sciendum est
quod triplex est contingens, scii, ut in pluribus et ut raro et
ad utrumque. Contingens ut in pluribus intenditur in causis
naturalibus impedibilibus, et contingens raro sive a casu ei op­
ponitur et evenit per accidens. Et in talibus est contingentia
extrinseca et per accidens, quia causae naturales omni impe­
dimento excluso necessario causant, et ideo potens cognoscere
omnem concursum causarum impedientium potest determinate
cognoscere effectum contingentem... Sed in causa contingenter
agente ad utrumque et libere, qua potest effectus poni vel non
poni, attenditur contingentia per se et intrinseca, secundum
quod aliquis per liberum arbitrium est principium suorum ac­
tuum virtuosorum vel vitiosorum 4*.
Noch sehr viel deutlicher ist die Abhängigkeit von Mar­
chia, bis in die Formulierungen hinein, bei J o h a n n e s C a ­
n o n i c u s , der sich überhaupt in vielen Fällen mehr oder
weniger wörtlich an Franciscus de Marchia anlehnt, oft unter
ausdrücklicher Zitierung, ebenso oft aber auch stillschweigend.
Dies letztere ist bei unserm Problem der Fall, obwohl Johannes
Canonicus gerade hier besonders wortgetreu abgeschrieben hat.
Er fragt im II. Buch seines Physikkommentars47: utrum in

** Fran/isk. Studien, 1938. S. 201 ff.


45 Hist. 38 qu. unica; fol. 168.
4« Und weiter heisst es wieder wie bei Marchia mit dem klassischen
scotistischen Argument: et causa prima huius contingentiae est divina vo
luntas. quae est causa prima omnium motionum... quae, si necessario age
ret, nil esset contingens in rebus.
4T Qu. 4 art. IT fF.d. Veneti. 1492).
246 W E L T A N S C H A U L IC H E W ANDLUNGEN

rebus sit aliqua contingentia, und antwortet: duplex est con­


tingentia ; quaedam enim rerum contingentia est per accidens,
et est qua effectus est contingens in ordine ad causas actuales
accidentales concomitantes causas per se et ipsas impedientes.
Et ista contingentia est ipsorum naturalium generabilium et
corruptibilium. Huiusmodi enim effectus causarum naturalium,
quantum est ex causis per se ipsorum, necessario proveniunt.
Quod autem contingenter proveniunt, hoc est ex causis per
accidens concomitantibus causas per se ac ipsas impedientes.
Causae enim naturales per se dispositae, remoto impedimento,
non possunt non agere, quia necessario agunt... Ex quo patet,
quod contingentia effectus causarum naturalium habet quattuor
conditiones: i* est quod est contingentia per accidens, non per
se. Est enim huiusmodi contingentia ex parte indispositionis
materiae, non autem in ordine ad aliquam causam per se. 2 % con­
ditio est quod est contingentia secundum quid, non simpliciter,
quia est in ordine ad aliquam unam causam ut impedibilem per
aliam ; non est autem in ordine ad totum ordinem causarum
requisitarum. 3* conditio est quod est contigentia privativa non
positiva, provenit enim contigentia huiusmodi ex privatione
seu ex defectu alicuius dispositionis causarum. Causae enim
debitae ultima dispositione privatae non agunt. 4* conditio est,
quod est contigentia extrinseca non intrinseca, quoniam non
est ex aliquo impedimento intrinseco, sed ex aliquo extrinseco
accidente. — Secundo est alia contingentia per se, qua quidem
effectus est contingens in ordine ad eius causas per se, quoniam
positis omnibus per se causis, et remoto omni impedimento,
ipse effectus posset poni et non poni. Et huiusmodi contingen­
tia est contingentia actuum humanorum sive voluntatis... Et
ista contingentia sicut prima habet quattuor conditiones: i a est
quod est contingentia per s e ; non est enim ex aliquo tali ac­
cidente concomitante sicut prima. 2“ conditio est, quod est con­
tingentia simpliciter, quoniam non est in ordine ad unam cau­
sam ut impedibilem per aliam, sed in comparatione ad totum
ordinem causarum requisitarum. 3* est quod est contingentia
positiva et non privativa, quoniam non est ex privatione ali­
cuius debitae dispositionis, sed ex plenitudine perfectionis ip­
sius causae. 4* est quod est contingentia intrinseca, non ex-
trinseca, quoniam non ex aliquo impedimento extrinseco sinit
N O T W E N D IG K E IT , K O N T IN G E N Z U N D ZU E A L L 247

prima, sed ex perfecto dominio causae respectu sui effectus


contingentis. Et ista est perfecta contingentia.
Aber auch unabhängig von Marchia ist einige Jahre später
derselbe Gedanke im Kreis der Pariser Nominalistcn aufge­
taucht, nämlich bei J o h a n n e s B u r i d a n , bei dem al­
lerdings die metaphysisch-weltanschauliche Seite dieser Um­
stellung eine etwas andere, mehr skeptische Note hat. Wieder
handelt es sich um die Erklärung jener Stelle aus Metaph.
VI und die Frage, utrum omne futurum de necessitate eve­
niet 4*. Zunächst heisst e s : arguitur quod sic, mit einer Reihe
von Argumenten; dann ab er: oppositum tenet Aristoteles et
fides catholica. Ista quaestio, so geht es weiter, est valde dif­
ficilis et est una opinio quae attribuitur reverendo Platoni quod
omne quod potest esse, erit, et non est possibile quin ipsum
erit. Diese Ansicht beruht auf zwei Voraussetzungen : i) quod
impossibile est quod aliquid fiat, nisi praecedant causae suffi­
cientes ad hoc quod ipsum fiat et etiam nisi praecedant eo
modo quo sunt sufficientes, ita quod non sit impedimentum ** ;
2) quod quandocumque positae sunt causae sufficientes eo
modo quo sunt sufficientes, scii, quod non sit impedimentum,
ad hoc quod aliquid fiat, oportet quod illud fiat5#. W ir haben
damit eine Formulierung des Kausalprinzips mit seinen zwei
Komponenten, die in ihrer Exaktheit ganz modern anmutet
und die präziser ist als manche der Formulierungen, die das
Jahrhundert der klassischen Physik dafür gegeben hat. Aber
hinsichtlich der gestellten Frage, ob alles in der Welt mit Not­
wendigkeit geschieht, bleibt Buridan zunächst noch auf dem

«» Metaph. VI qu. 5 (Ed. s. 1 . 1518).


49 Credo, so fügt Buridan ausdrücklich hinzu, quod illa propositio
est vera et concedenda.
so Et ipse Plato, so geht die Stelle weiter, credidit illam propositio­
nem esse veram imnio etiam in voluntariis. Buridan lässt zwar bei der
Erörterung dieser Meinung deutlich durchblicken. dass er die Gründe
« Platos » für einleuchtend und schwer widerlegbar hält; aber die E nt­
scheidung. zu der er schliesslich kommt, ist natürlich im Einklang mit
Aristoteles und dem christlichen Glauben; et tunc solvitur ratio Platonis,
quia sua secunda propositio negaretur de agente libero, sed concederetur
de non libero, scii, illa propositio quae dicit quod positis causis suffi­
cientibus eo modo quo sunt sufficientes ad aliquid producendum, ita quod
nihil sit impediens, sequitur necessario productio; hoc enim csl falsuin
de voluntate propter cius libertatem.
248 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

traditionellen Standpunkt stehen: es gibt trotz der durchgän­


gigen Herrschaft des Kausalprinzips « Kontingenz» in de»
Welt, denn Buridan erklärt für kontingent im eigentlichen
Sinn, was manchmal ist und manchmal nicht ist: hoc enim
vere et realiter est contingens, quod aliquando est et aliquando
non e st; und Entsprechendes gilt von der Kontingenz des
Geschehens: quia non est necessario quod non semper cst, nec
fit necessario quod non semper fit, nec movetur necessario,
quod non semper movetur, inimo contingenter. Nec illi dixe­
runt, heisst es dann aber weiter, quod omnia quae evenirent
de necessitate evenirent, sed dixerunt, quod de quocumque ef­
fectu qui imposteruni eveniet, iam positae sunt tales causae,
scii, entia quae nunc sunt, ex quibus necessario sequitur, quod
illa necessario evenient — d. h. mit dynamischer Notwendig­
keit! — ct propter quae nunc iam posita inevitabile est, quin
illud eveniret, licet eveniret contingenter — d. h. nicht mit
statistischer Notwendigkeit! —, quia non semper eveniet. Iit
si aliquis posset videre clare connexiones rerum et omnes po­
tentias earum, ipse videret necessitatem conscqucntine. Sed
nullus potest videre nisi solus Deus.
Das Ergebnis, zu dem Buridan auf diesen Umwegen ge­
langt, ist also dieses: im physischen Kausalzusammenhang
herrscht tatsächlich eine durchgängige Notwendigkeit, und die
vermeintliche Kontingenz im Sein und Geschehen ist nur in der
Unzulänglichkeit unseres Erkcnncns, aber nicht in einem ge­
genständlichen Moment begründet Äl.
Aus der Schule Buridans sind fast keine Texte erhalten,
die sich mit unserem Problem befassen. Kommentare zur Me­
taphysik haben wir weder von Nicolaus von Oresmc, noch von
Albert von Sachsen, noch von Marsilius von Inghcn. Der Phy-

91 Dieselbe Auffassung gilt auch gegenüber dein .Spc/iulproblcui de»


Zufall*. «Zufällig» für uns ist, was wir nicht vorausschcn mul vorauswis­
sen können; aus diesem Grund bezeichnet man Sonnen- und Mondfinstci
nisac nicht als zufällig, obwohl sie auch praeter intentionem agentis ein
treten, denn sie sind zweifellos nicht ausdrücklich beabsichtigt: talia non
vocamus a casu, quia a nobis praescita sunt vel praesciri |>ossunt. Buridan
eiwahnt dann noch die übliche Erklärung, dass ein Ereignis nicht darum
« zu fällig » sei. weil cs seitlich selten, sondern weil es selten Iu ordine
ad causam a qua provenit einlrete. fügt nlier hinzu: rtrrdo quod prima
solutio sit siifficicntior.
NOTWENDIGKEIT, KONTINGENZ UND ZUFALL 240

sikkommentar Oresmes ist nicht erhalten; der Alberts und


ebenso die Abbreviationes zur Physik von Marsilius handeln
im II. Buch nur in der üblichen Weise von casus und fortuna,
ohne sich über allgemeinere Fragen zu äussern. Einen Kom­
mentar zu den Sentenzen haben wir nur von Marsilius; aber
er geht bei den einschlägigen Fragen nicht auf das Problem
der Kontingenz als solcher ein. So bleibt nur ein einziger
Text: in den pseudo-scotistischen Quaestionen zur Physik, die
wahrscheinlich ein Werk des M a r s i l i u s v o n I n g h e n
sind51, ist ausführlich von Notwendigkeit und Kontingenz die
Rede, Die 13. Quaestio des IT. Buchs lautet: utrum omnia
eveniant de necessitate; und das Ergebnis ist in folgenden zwei
Thesen zusammengefasst: Prima conclusio: aliquid evenit con­
tingenter. Probatur, quia voluntas nostra est libera libertate
contradictionis; igitur aliquid evenit contingenter. Secunda con­
clusio: si non esset libertas voluntatis, omnia evenirent de
necessitate, ita ut de facto res sunt taliter dispositae, qualiter
ad ipsas de necessitate sequerentur omnia futura, circumscripto
libero arbitrio, quod potest impedire eventus aliquorum et etiam
prohibere, quae evenirent aliter, si non esset libera voluntas.
Probatur supponendo i° quod ad productionem alicuius effec­
tus requiruntur omnes causae requisitae ad productionem il­
lius effectus et eo modo dispositae, qualiter sufficiunt producere
illum cfTectum; a° supponitur quod positis causis necessario
requisitis et sufficientibus ad productionem alicuius effectus et
eodem modo dispositis qualiter sufficiunt illum effectum pro­
ducere, de necessitate producitur ille effectus. Nur eine Aus­
nahme gibt c s: narn positis omnibus causis requisitis et suffi­
cienter dispositis eo modo quo sufficiunt effectum illum produ­
cere, adhuc a g e n s l i b e r u m potest illum effectum non
producere *\ Hier ist nun von der necessitas des ut semper

Im II. Hand der Wadding-Ausgubc; der Text stimmt überein mit


dem sehr seltenen Druck Lyon 1518. der unter dem Namen Joannes
Marcilius Iugncu erschienen ist (und von dem die Hihi. Marciana in Ve­
nedig ein Exemplar besitzt).
Gegen diese Entscheidung werden dünn einige Eiuwündc vorge­
bracht, u. a. folgender: Contra conclusionem arguitur.,, quia circumscripta
libertate voluntatis adhuc si unus canis famelicus poneretur aeque distan-
tcr inter duo* panes, a quorum quolibet aeque movcTctur aequaliter oin
nino, tunc non est ratio, (piare magis vadit ad unum quam ad alterum.
250 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

und der zugehörigen contingentia in rebus naturalibus über­


haupt nicht mehr die Rede: die einzige Notwendigkeit, die
für den natürlichen Ablauf der Dinge in Betracht kommt, ist
die (dynamische) Notwendigkeit der kausalen Abhängigkeits­
beziehung.
Das ist die Auffassung gewesen, die sich im Lauf des 14.
Jahrhunderts allmählich durchgesetzt hat und die dann von
der Philosophie und der Naturwissenschaft der Neuzeit über­
nommen worden istM. Der Begriff der « Kontingenz » bleibt
reserviert für die freien Willenshandlungen und was mit ihnen
zusammenhängt; den natürlichen Geschehnissen wird die
durchgängige « Notwendigkeit » zugeschrieben. Und tatsäch­
lich hat man, wie wir noch sehen werden, schon vor der Mitte
des 14. Jahrhunderts in erster Linie an die freien W illensent­
scheidungen gedacht, wenn man die Frage stellte, ob alles in
der Welt mit Notwendigkeit geschehe oder ob es kontingente
Ereignisse gebe. Die « Kontingenz » der natürlichen Vorgän­
ge bildete kein ernsthaftes Problem mehr — um dagegen auch
die Kontingenz der Freiheit auszuschlicssen, oder mindestens
in Frage zu stellen, bedurfte es anderer Voraussetzungen und
anderer Einflüsse, als sie in der Gedankenwelt des christlichen
Aristotelismus gegeben w'aren.

niti determinat se contingenter ad eundum ad alterum illorum. W ir haben


also hier den B u r i d a n s c h c n E s e l , der bisher in der L iteratur
des 14. Jahrhunderts noch nicht nachgewiesen worden ist, in der Gestalt
eines Hundes zwischen zwei Broten, in der er uns später noch einmal
begegnen wird (S. 297). Marsilius gibt folgende Lösung des Problems: dico
quod canis per motum phantasiae statim determinatur ad alteram partem,
et hoc d e n e c e s s i t a t e et ideo non potest stare per tem pus saltem
diu indifferenter, quin determinetur ad unuin.
m Erst die Physik des 20. Jahrhunderts hat die Begriffe der statisti­
schen Notwendigkeit und Kontingenz (als « Wahrscheinlichkeit ») wieder
ausgenommen, freilich von andern Voraussetzungen aus und ohne die scho­
lastischen Vorstellungen zu kennen.
9.

EINE ITALIENISCHE AVERROISTENSCHULE


AUS DER ERSTEN HAELFTE DES 14. JAHRHUNDERTS

Die Frage, ob ,und in welchem Sinn es einen lateinischen


Averroismus im 13. und 14. Jahrhundert gegeben habe, ist noch
immer ein umstrittenes Problem. Neuerdings wurde sogar die
Ansicht ausgesprochen *, dass die berüchtigte These von der
Einheit des Intellekts, in der man die Quintessenz des Aver­
roismus zu sehen pflegt, von den mittelalterlichen « Averro-
isten » nicht wirklich als Doktrin vertreten wurde und nicht
als solche, sondern nur als Aristotelesinterpretation zur Diskus­
sion stand. Es hätte also im 13. und 14. Jahrhundert über­
haupt keine Averroisten im Sinn von wirklichen Anhängern
der averroistischen Lehre gegeben — mindestens, was dieses
eine Lehrstück anbelangt. Aber in andern Punkten hat es sich
damit doch anders verhalten. Zunächst hat ohne Zweifel in der
Hoch- und Spätscholastik ein Averroismus bestanden in dem
Sinn, dass gewisse Spezialtheorien des Kommentators, was
z. B. die Konstitution der materiellen Substanz u. a. anbe­
langt 3, als solche weiterlebten und von einer ganzen Richtung
vertreten wurden. Aber nicht nur das. Auch gewisse Thesen
von den 1270 und 1277 in Paris verurteilten « averroistischen »
Sätzen haben noch im 14. Jahrhundert Anhänger im eigent­
lichen Sinn gefunden, die in ihnen nicht nur eine richtige In­
terpretation der aristotelischen Meinung, sondern die objektive
W ahrheit gesehen und dies mehr oder weniger offen ausgespro­
chen haben. Es hat also jedenfalls auch jener Komplex von
philosophischen Lehren weitergelebt, der sich zusammensetzt
aus einem heterodoxen, d. h. nicht christlich modifizierten

* B. Nardi, Sigieri di Brabante ncl pensiero del rinascimento italiano,


Rom 1945. S. 105 U.
* Vgl. III S. 41 f l
252 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

Aristotelismus, aus avcrroistischcm und avicennistischem Ge­


dankengut, aus astrologischen Theorien arabischen oder jüdi­
schen Ursprungs und manchem andern, und den man, wie De
Wulf es treffend ausdrückts, mit einer denominatio a potiori
« Averroismus » genannt hat. Besondere Bedeutung kommt
einer Reihe von Sätzen zu, deren Inhalt ein schrankenloser De­
terminismus ist: ein Determinismus, der alles Geschehen in der
Welt aus einer mechanischen Notwendigkeit heraus erklären
will, die nicht nur die menschliche Willensfreiheit ausschliesst,
sondern auch das Walten der göttlichen Vorsehung in der
Ordnung der kontingenten Ereignisse.
Das Aufkommen und Sich-durchsetzen derartiger Ansich­
ten ist natürlich von prinzipieller Bedeutung für die Wandlung
der weltanschaulichen Grundlagen, auf denen die Naturwissen­
schaft der Spätscholastik beruht. Die Ueberzeugung, dass alles
in der Welt bis in die letzten Einzelheiten hinein und bis in
alle Ewigkeit determiniert ist, zunächst durch die erste Ursache
und weiterhin durch nähere, geschaffene causae, nämlich die
Himmel bezw. die Intelligenzen, die sie bewegen, kann zwei­
erlei Konsequenzen haben und hat sic tatsächlich gehabt: auf
der einen Seite entwickelt sich ein alle Grenzen der Vernunft
hinter sich lassender Astrologismus, auf der andern zeigt sich
eine zunehmende Mechanisierung und Materialisierung des
Weltbilds, die eine wichtige Komponente in der sich bilden­
den neuen Naturauffassung darstellt. Aber nicht nur das. Die­
ser Averroismus bedeutet auch vom methodologischen Stand­
punkt aus einen wirksamen Faktor in der Entstehung einer

* Histoire de la philosophie m&iievalc II, Löwen 1936. S. 359. « Ich


verstehe. so erklärt Grabmann (Mittelalterliches Geistesleben II S. 289).
unter dem lateinischen Averroismus nicht bloss die Lehren des Avcrrocs,
insofern sie auch in ihrem Gegensatz zur christlichen Weltanschauung
von Professoren der Artistenfakultät fcstgehalten wurden, sondern über
haupt jenen an der Artistenfakultät vertretenen philosophischen Aristote­
lismus, der unter dem Einfluss der arabischen Philosophie alle Fragen
auch weltanschaulicher Tragweite lediglich secundum viam philosophorum,
ohne praktische Rücksichtnahme auf die Lehren des Glaubens und der
kirchlichen Theologie zu behandeln und 7u lösen versucht *. Tatsächlich
entsprechen eine Reihe d«r verurteilten « averroistischen » Sätze nicht nur
nicht der wirklichen Lehre des Kommentators, sondern stehen sogar in
direktem Widerspruch zu ihr. Wir werden einigen Beispielen dieser Art
begegnen.
FIN E BOLOGNESER AVERROISTENSCHULE 253

von Theologie und orthodoxer Philosophie unabhängigen, me­


thodisch und weltanschaulich auf sich gestellten, autonomen
Naturwissenschaft. Denn Hand in Hand mit der Wandlung
in den Grundanschauungen geht eine allmählich wachsende
Emanzipierung von den christlichen Dogmen, die sich im Lauf
der Zeit immer stärker bemerkbar macht und die vor allem
immer bewusster wird. Freilich wird sie nie offen zugegeben.
Man sucht vielmehr den Ausweg in einer Fiktion, die diese
Loslösung einerseits verhüllen, andererseits rechtfertigen soll,
nämlich in dem — später so genannten — Prinzip der doppelten
Wahrheit, das in steigendem Mass zu dem Mittel wird, mit dem
man die neuen philosophischen Anschauungen und die christ­
lichen Ucberzeugungen wenigstens formell in Einklang zu brin­
gen sucht.
Der Schwerpunkt dieser ganzen Entwicklung hat sich
schon im 14. Jahrhundert von Paris auf Italien verschoben,
das ja in den folgenden Jahrhunderten zum klassischen Land
des Averroismus werden sollte.
Ein anschauliches Beispiel für die Anfänge dieses Prozes­
ses bietet uns eine Sammlung von Quaestionen, die in den
20er, 30er und 40er Jahren des 14. Jahrhunderts in Bologna
disputiert wurden, und die uns der vatikanische Codex Ottob.
lat. 318 in Abschriften aus dem 15. Jahrhundert bewahrt h a t4.
Der Band ist unter mehr als einem Gesichtspunkt interessant:
er macht uns mit einer Reihe von Bologneser Philosophen aus
diesen Jahrzehnten und ihren Werken bekannt, von denen wir
sonst wenig oder nichts wissen; er vermittelt uns ausserdem
einen Einblick in den Lehrbetrieb der Artistenfakultät und
lässt schliesslich deutlich werden, welches die herrschende phi-

« Vgl. unsere ausführliche Beschreibung der Handschrift in « Quellen


und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken » XXXIII.
1944. S. 136 ff. Schon im Jahr 1776 hat G. Marini, der damalige Präfekt
des Vatikanischen Archivs, auf diese Handschrift aufmerksam gemacht und
zwar in einem Brief an G. Fantuzzi, den Verfasser der Noti/ic degli scrit-
tori Bolognesi (Lettere inedite di G. Marini, cd. E. Carusi, II, Cittä del
Vaticano 1938. S. 124 f; Mons. Pelzer hat uns seinerzeit auf diesen Brief
und damit auf den Codex hingewiesen), aber sie ist in der Literatur
bisher, abgesehen von einer kurzen Erwähnung bei V. Doucet, Descriptio
Cod. 172 Assisii, Archivum Franciscanum Historicum XXV, 1932. 8. 386.
nicht berücksichtigt worden.
254 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

losophische Richtung in diesem zweiten Viertel des 14. Jahr­


hunderts in Bologna gewesen ist.
Eine Spezialität der Bologneser Universität war die Insti­
tution der repetitiones *. Es gab sogenannte repetitores oder
lectores — sie entsprechen ungefähr, aber nich ganz, den bac-
calarii der nordischen Universitäten • —, die die Vorlesungen
oder Disputationen der magistri mit den Studenten noch ein­
mal durchzunchmen und sie ihnen zu erläutern hatten. Für
derartige Repetitionen haben wir nun in unserem Band einige
sehr schöne Beispiele. Der Repetitor geht im allgemeinen so
vor, dass er die Quaestio — ob es sich nun um eine Quaestio
aus einem Kommentar zu Aristoteles, d. h. einer Vorlesung,
oder um eine quaestio disputata, eine der regelmässig stattfin­
denden « ordentlichen » Uebungen in Disputationsform han­
delt 1 — auf ihren wesentlichen Gehalt reduziert. Er zählt kurz
die rationes principales auf, d. h. die Argumente, die zu Be­
ginn der Quaestionen angeführt zu werden pflegten und die
zunächst das Gegenteil von dem zu demonstrieren hatten, was
der Autor als die richtige Ansicht vertreten wollte. Es folgt,
meist nur mit einem kurzen Satz, die Entscheidung, die der
betreffende Professor gefällt hat — ad hanc quaestionem res­
pondit (oder dixit) magister — und dann, wieder in schema­
tischer Form, die Argumente, mit denen er sie bewiesen hat.
Schliesslich die Auflösung der rationes principales; sie wird
freilich nicht immer ausdrücklich gegeben *.
Die repetitio tritt somit neben die beiden andern Formen,
in denen uns sonst die aus dem Lehrbetrieb hervorgegangenen
Kommentare oder Quaestionen überliefert sind: die ordinatio,5*7

5 Vgl. R. Rashdall, The univenitics of Europe in the middlcages I,


Oxford 1936 . S. 249 f.
• Vgl. A. Sorbelli, Storia della universitä di Bologna I, Bologna 1 9 4 0 .
S. 176 ff.
7 Die sogenannten Quaestiones quodlibetales, d. h. die öffentlichen
Disputationen der magistri « de quolibet ad voluntatem cuiuslibet » kamen
als Gegenstand von repetitiones wohl weniger in Betracht.
* Manchmal findet sich auch folgende kleine Abweichung im Schema:
nach Auf/ählung der rationes principales (d. h. der Scheingründe für die
falsche Lösung) folgt die der argumenta in oppositum (die bereits den
Beweis für die richtige Lösung vorwegnehmen), dann kurz die responsio
und schliesslich die Widerlegung der eingangs aufgeführten Scheinar­
gumente.
EIN E BOLOGNESER AVERROISTENSCHULE 255

d. h. die vom Autor selbst ausgearbeitetc und zur Veröffentli­


chung bestimmte Redaktion, und die reportatio oder recollec-
tio, die Nachschrift eines Hörers, in der im allgemeinen der
Gedankengang und das Hin und Her der Disputation bewahrt
wird, ohne die schematische Reduktion auf das Wesentliche,
wie sie in den Repetitionen vorliegt. Auch von solchen Rc-
portationen haben wir Beispiele in unserm Band. Es kann na­
türlich Vorkommen und ist in Bologna, wie unser Codex zeigt,
vorgekommen, dass ein und dieselbe Person bald als Repor­
tator, bald als Repetitor wirkt, d. h. dass sie einerseits in
einer Vorlesung reportata niederschreibt, andererseits repetitio­
nes nach Quaestionen eines Magisters veranstaltet. So begeg­
nen wir einem Anselmus Guittus oder de Guittis aus Como,
der offensichtlich in beiden Richtungen tätig war und überdies
auch eigene Disputationen abgehalten hat. W ir kommen auf
einige Einzelheiten noch zurück.
Der Repetitor hat sich aber im allgemeinen nicht auf eine
zusammenfassende Wiedergabe der Gedanken des Professors
beschränkt. Er hat, vielleicht angeregt durch Fragen, die ihm
gestellt wurden, häufig den einen oder andern Einfall weiter
ausgeführt, hat noch Argumente oder Gegenargumente mit
ihren Auflösungen hinzugefügt, kurz, hat kleine Exkurse ver­
anstaltet, die dann entweder von ihm selbst oder von einem
der Schüler niedergeschrieben wurden. Solchen Variationen
zum Thema begegnen wir gleichfalls in beträchtlicher Anzahl
in unserm Band; sie sind überwiegend schon äusserlich ge­
kennzeichnet durch ein « extra » am Rand. Manchmal finden
sich derartige Exkurse auch zu Wiedergaben, die nicht den
Charakter einer repetitio, sondern den einer reportatio haben.
Freilich ist es nicht immer ganz einfach, mit Sicherheit zu
sagen, um welche Form es sich im einzelnen Fall handelt,
wenn auch im allgemeinen die Unterscheidung zwischen repe­
titio und reportatio — d. h. zwischen einer mit didaktischen
Absichten redigierten Wiedergabe, die bestimmten formalen
Prinzipien folgt, und einer einfachen Nachschrift — leichter ist
als die zwischen ordinatio und reportatio, die oft erhebliche
Schwierigkeiten bietet. Uebrigens finden wir auch zu ordina­
tiones, d. h. zu schon veröffentlichten Schriften gelegentlich
ein « extra » in unserm Band, in einem Fall sogar eine deutli-
256 WELTANSCHAULICHE WANDLUNCEN

che repetitio *: es war in Bologna anscheinend üblich, nicht


nur Vorlesungen, sondern auch schon edierte Werke in der
geschilderten Weise zu repetieren und zu glossieren.
Ferner scheint es Sitte gewesen zu sein, dass die Repe­
titoren der Artistenfakultät auch in den theologischen « Stu­
dia » der Dominikaner und Franziskaner — die Universität
Bologna hatte ja bis zum Jahr 1364 keine eigene theologische
Fakultät — ihre Wiederholungen und Uebungcn abhiclten.
Wir erfahren aus dem Explicit eines dieser « extra », dass der
schon genannte Anselm Guittus im Jahr 1344 bei den Domi­
nikanern über eine Quaestio des Matthäus von Gubbio, den
wir gleich näher kennen lernen werden, vorgetragen hat: Istas
rationes fecit magister Ansclmus Guittus de Cumis in scolis
Praedicatorum etc. 134410. Im gleichen Jahr hat derselbe An-
selmus auch bei den Franziskanern eine solutio gegeben, ob
in einer eigenen Disputation oder in einer repetitio, wissen wir
nicht: Hanc solutionem sive responsionem semel dedit magister
Anselmus 1344 in domo Minorum ,l. Andererseits hat er in
früheren Jahren recollectiones oder reportationes nach Quae-
stionen des Scotisten Wilhelm von Alnwick, also wieder im
Studium der Franziskaner, niedergeschrieben12, und hat auch
einmal unter Gregor von Rimini, d. h. im Studium der Au­
gustineremiten, disputiert, wie wir aus einer Randbemerkung
erfahren: aliter respondit semel in Bononia magister Anselmus
de Cumis sub fratre Gregorio de Rimini IS. Es haben also je­
denfalls freundschaftliche und kollegiale Beziehungen zwischen
der Artistenfakultät und den Theologen schulen der einzelnen
Orden bestanden.
Betrachten wir nun etwas näher die Autoren und Schrif­
ten, mit denen uns dieser Codex bekannt macht. Zwei Namen

• Nach einer Quaestio Johanns von Jandun (utrum magis ct minus


different specie, fol. 50’*56). Mindestens schliesst sich das Slück. das ganz
den Charakter einer repetitio hat, an eine Quaestio Janduns an, wie aus
folgender Bemerkung liervorgchl: Praeter has dictas 13 rationes, quas
fecit mgr. Johannes de Jandono in sua quaestione, pono alias rationes
(fol. 52).
Fol. 185’; 'gl. u. Anm. 32.
»» Fol. 24’; vgl. u. Anm. 33.
« Vgl. u. 9. 263-
u Fol. i n . F.« handelt sich um das Problem, ob unter Individuen
derselben Spezies ein ordo (eine Rangordnungi atminehmcn sei.
EINE BOLOGNESER AVERROISTENSCHULE 257

haben wir schon genannt : Anselm von Como und M a t ­


t h ä u s v o n G u b b i o . Dieser letztere ist die Hauptper­
son unseres Bandes, der nicht weniger als 17 Quaestionen
enthält, die Matthäus im Kxplicit ausdrücklich zugeschrieben
werden, und ausserdem noch einige anonyme, die ihm sehr
wahrscheinlich zugehören, und eine Reihe von repetitiones nach
Quaestionen von ihm. Matthäus von Gubbio war 1334-1347 Pro­
fessor der Philosophie in Bologna 14. Man trifft auch in andern
Handschriften gelegentlich auf seinen Namen. So haben wir
in Vat. lat. 3066 zwei Quaestionen von ihm gefunden u : U-
trum idem accidens numero possit remanere in generato et
corrupto (fol. 2’-3) w, und: Utrum propositio de praeterito
fuerit prius vera de praesenti. Diese letztere schliesst: Explicit
quaestio disputata per reverendum magistrum Matheum de U-
gubio in civitate Bononiensi anno domini M.ccc.xlilT (fol.
7*-8’). Diese zweite Quaestio ist gegen W a l t e r Bur­
l a e u s gerichtet und zwar gegen die solutio, die dieser « 4*
Phys. tractatu de tempore» gegeben habe. Burlaeus hat da­
rauf seinerseits in einer Quaestio geantwortet, die sich gleich­
falls in unserem Codex (unmittelbar anschliessend) findet, und
die eigentlich von einem ganz andern Thema handelt: utrum
contraria adaequata in virtutibus agant et patiantur ad invi­
cem u . Aber in der Auflösung der argumenta principalia er-

14 Vgl. S. Mazctti. Repertorio di tutti i professori antichi e modemi


della famosa universitä... di Bologna, Bologna 1847, S. 204. Dieser Matthäus
von Gubbio ist möglicherweise identisch mit dem Magister Matthäus von
Bologna, auf den M. Grabmann aufmerksam gemacht hat (Mittelalterliches
Geistesleben I S. 139).
i* Vgl. III S. 127.
i« Die Quaestio hat kein ausdrückliches Explicit. am Schluss ist aber
von der Hand des Textschreibers als Verfasser Magister Matheus ange­
geben. Vielleicht stammt auch die unmittelbar voraufgehende Frage von
ihm: utrum accidens possit intelligi sine subiecto (fol. l'-2). die ja ein
verwandtes Thema behandelt und auch in der Gedankenführung viel
Achnlichkeit zeigt.
11 Ferner nennt W. Wislockis Katalog der Krakauer Bibliothek Dicta
magistri Matey de Eugubio Bononiae commorantis super Praedicamenta
(Cod. 737); und kürzlich hat C. Piana O. F. M. auf einen Kommentar
zu den Meteorologica aufmerksam gemacht, der sich im Cod. Faesul. 161
der Bibi. Laurenziana zu Florenz findet (C. Piana, Nuovo contribulo allo
studio dclle correnti dottrinali nell'universitä di Bologna nel tec. XIV,
Antonianum XXTII, 1948. S. 221 ff.).
i* Vat. lat. 3066 fol. 8’-10’. Die Quaestio, von der bisher sonst keine
258 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

gibt sich die Gelegenheit zu einer Erwiderung 11: et quia qui­


dam reverendus socius, so heisst es hier, p r i d i e in qua­
dam quaestione < n o n > negavit quod aliqua propositio de
praeterito sit [vera] quae nunquam habuit aliquam veritatem
de praesenti, ideo contra eum probo istam conclusionem, quod
est possibile dare aliquam propositionem veram de praeterito
quae nunquam habuit aliquam veritatem de praesenti. Bur-
laeus hat also gleich am folgenden Tag auf Matthaeus’ Aeus-
serungen geantwortet, und zwar gleichfalls in einer öffentli­
chen Quaestio. Das bedeutet aber, dass Burlaeus sich im Jahr
1341 in Bologna aufgehalten und dort offenbar an der Artisten­
fakultät gelehrt und disputiert hat 20. —
Doch bleiben wir bei Matthaeus von Gubbio. Die Sammlung
des Ottobonianus macht uns etwas eingehender mit dem Werk
dieses Mannes bekannt, der offenbar in den 30er und 40er
Jahren des 14. Jahrhunderts in Bologna eine ziemliche Rolle
gespielt hat. Wir zählen seine Quaestionen im einzelnen auf,
zunächst die ihm ausdrücklich zugeschriebenen, die überwie­
gend den Charakter von Reportationen haben:
1) Utrum intelligentia intelligat motum caeli ... Explicit
quaestio determinata per magistrum Matheum de Eugubio in
Bononia, recollecta per magistrum Andream de Regno Apuliae
(fol. 1-2).
2) Utrum actus intelligendi, quo intelligentia intelligit
Deum, sit idem cum Deo... Expl. qu. disputata per magistrum
Matheum de Eugubio in Bononia (fol. i9*-2o’).
3) Utrum similitudo rei seu species sit eiusdem speciei

Handschrift bekannt ist. wird im Explicit ausdrücklich Burlaeus zugcschric-


ben: Explicit quaestio Burlaei viri prudentissimi de actione contrariorum.
Scripsi anno domini M.ccc-xlvij dic vi aprilis complevi (es ist derselbe
Schreiber, der auch die andern Quaestionen geschrieben hat). Sie erörtert
ein Spezialproblem der Reaktionstheorie (vgl. ob. Kap. 3), nämlich die
Frage, ob bei gleicher Starke von agens und patiens eine gegenseitige gleich
grosse actio und reactio, oder ob überhaupt keine Wirkung stattfindet.
»» Fol. 10 (ad septimum).
*0 Im November 1343 finden wir ihn in Avignon, wie wir schon an
anderer Stelle rnitgeteilt haben (Zu Walter Burleys Politikkommentar, Re-
cherches de phil. et th<5ol. anc. et m£di£v. XIV, 1947, S. 332 ff.): ein Exem­
plar seines Politikkommentars, Borgh. 129, ist mit einem Widmungsschrei­
ben an Clemens VI. versehen, das am 23- November 1343 in Avignon
geschrieben ist. Burlaeus scheint also seine letzten Jahre im Süden zuge­
bracht zu haben.
EINE BOLOGNESER AVERR0ISTEN8CHULE 259

seu essentiae cum re ipsa ... Expl. qu. disputata per mgr**
Matheum de Eugubio in Bononia, recollecta per mgr*** An-
dream de Regno Apuliae (fol. 2o’-22).
4) Utrum omnes homines naturaliter scire desiderent
... Expl. qu. disp. per mgr“m Matheum dc Eugubio in Bo­
nonia (fol. 22-22’).
5) Utrum intellectus et voluntas intellectiva essentialiter
sint idem ... Expl. qu. disp. per mgr"" Matheum de Eugubio
in Bononia (fol. 22-23’).
6) An in maiori quanto sint plures partes eiusdem pro­
portionis [quam in minori] 71 . . . Expl. qu. disp. per mgr**
Matheum de Eugubio in Bononia (fol. 71-72’).
7) Utrum infinit[o] possit dici maius aliqu[id] ... Expl.
qu. disp. per mgr"“ Matheum dc Eugubio in Bonomia (fol.
73-73’) •
8) Utrum illud quod intelligunt motores caelorum seu
orbium sit unum et idem vel aliud et aliud, v. gr. ut quod
intelligit motor solis sit aliud ab eo quod intelligit motor sa-
tumi ... Expl. qu. disp. per mgr"“ Matheum de Eugubio in
Bononia (fol. 95-100’).
9) Utrum aliqua species possit imprimi in memoria
... Expl. qu. disp. per mgr’m Matheum de Eugubio (fol.
(164-165).
10) Utrum actus intelligendi hat in instanti ... Expl.
qu. disp. per mgrum Matheum de Eugubio (fol. i 65’- i 67).
11) Utrum cogitativa quae ponitur virtus iudicativa et
virtus quae syllogizat de particularibus... sit reflexiva supra
suam essentiam vel supra suum actum ... Expl. qu. disp. per
mgr““ Matheum de Eugubio in Bononia (fol. 167-168).
12) Utrum sit dare intellectum agentem vel propter quid
ponatur, si ponitur *2. Die Quaestio ist unvollständig, am
Schluss heisst e s : Quaestio mgr* Mathei de Eugubio quam
non complevit (fol. 170’-173’).21*

21 Die Quaestio, und ebenso die folgende, bezieht sich mehrfach auf
die entsprechende Quaestio Wilhelms von AInwick: utrum in maiori quan­
titate sint plures partes in potentia quam in minori (Pal. lat. 1805 fol.
6’-17). Dic Frage wird von Matthaeus übrigens im üblichen aristotelixhen
Sinn entschieden (vgl. ob. Kap. 7).
*3 Hier setzt sich Matthaeus eingehend mit einer Ansicht Taddeo*
von Parma (vgl. u.) auseinander, die dieser in seinen Quaestionen zu De
anima vertreten hat.
200 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

13) Utrum igni* ardeat <ub terra ...Expl. qu. disp. per
mgr"" Mathetim de Eugubio super 2• Meteor., recollecta per
Anselmum de C'umis (fol. 181')**.
14) Quia solet dici quod unitas generis sumitur ab uni­
tate apparentis... ideo quaeritur qua unitate ipsum apparens...
sit unum ... Expl. qu. disp. per mgru™ Matheum de Eugubio
1334 de mense Madii in Bononiu (fol 182-183).
15) Utrum intellectus possit intclligere plura simul ut
plura 94 ...Expl. qu. disp. per mgr*" Matheum de Eugubio
in Bononia, recollecta per mgr"" Andream de Regno Apuliae
(fol. 183’-185).
16) Utrum visio seu actus videndi fiat per extramissio-
nem spirituum visualium vel per receptionem et intromissionem
specierum et indolorum causatorum a re visa ... Expl. qu. dis-
putatata et determinata per mgrum Matheum de Eugubio in
Bononia (fol. 187-189).
17) Utrum poli mundi sint mobiles vel omnino immo­
biles ... Expl. qu. disputata et determinata per mgr“® Ma­
theum de Eugubio, recollecta per Anselmum de Cumis anno
*333 (fol- *89’-i9 i’).
Ferner enthält unser Band noch einige repetitiones nach
Quaestionen von Matthäus, in denen er zwar nicht im Explicit
genannt ist, wohl aber im Text als derjenige, der die Dispu­
tation geleitet und entschieden h a t:
18) Utrum omnia eveniant de necessitate (fol. 88-90).
19) Utrum species et imago quae est organum mediante
quo aliqua res cognoscitur, utrum etiam pro tunc illa species
cognoscitur (fol. 161 *-163).23

23 Unmittelbar vorauf gehl eine anonyme Quaestio, die sich gleich­


falls auf Meteor. II bezieht: utrura vapor elevatus a vino si condensetur,
vertatur in naturam aquae vel vini... Expl. quaestio super secundo Me­
teor. (fol. 181)- C. Piana hat a.a.O. gezeigt, dass beide Quaestionen aus
Matthaeus’ Kommentar zu den Meteorologica stammen, wie wir schon in
dem oben angeführten Aufsatz in «Quellen und Forschungen», S. 144
Anm. 1. vermutet hatten.
Die Hs. hat: plura absoluta respectiva; der richtige W ortlaut
ergibt sich aus dem weiteren Text.
** Die Quaestio bringt eine Auseinandersetzung mit Angelo von Arez-
10 den wir noch näher kennen lernen werden. Seine Ansicht wird m it
einem nicht sehr geistreichen Witz lächerlich gemacht, offenbar mit E r­
folg: et tune scolares inciperunt omnes ridere (fol. 162').
EINE BOLOGNESE* AVERR01RTENSCHULE 201

20) Utrum lumen ponatur propter medium (fol. 163-


•63 ’).
21) Utrum magnitudo sit sensibilis per »e (fol. 163').
22) Utrum figura »it sensibili» per se *• (fol. 164).
Schliesslich möchten wir nach dem Stil und der Art der
Beweisführung annehmen, dass die anonyme Quaestio utrum
quantitas sit per se divisibilis (fol. 2-4) auch von Matthäus
stammt. Uebrigens hat er auch einen Kommentar zur aristo­
telischen Physik verfasst; er zitiert ihn einmal mit den W or­
ten : de eo pertractavi satis diffuse in fine V physicorum (fol.
2 2 ' ) %1. Vielleicht gehören die eine oder die andere der ano­
nymen Quaestionen in unserem Band diesem Kommentar an,
doch können wir darüber nichts Genaueres sagen.
Von Anselm von Como, dem Reportator und Repetitor
Matthäus’, haben wir in unserem Band ausser den W ieder­
gaben nach andern Autoren eine eigene Quaestio mit dem Da­
tum 1335 über das Verbleiben der Elemente in den mixta.
Der Anfang fehlt offenbar; unser Text beginnt: Dico quod
aliquid mixtum potest corrumpi. Darüber hat der Buchschreiber
angegeben: Quaestio an elementa maneant sub propriis for­
mis in mixto. Das Explicit lau tet: Expl. qu. determinata per
magistrum Anselmum de Guittis de Cumis in Bononia 1335 (fol.
195-205). Die Quaestioa* stammt möglicherweise auch aus
einem grösseren Zusammenhang, vielleicht einem Kommentar
zu De generatione et corruptione, wo diese Frage am Ende
des ersten Buchs erörtert zu werden pflegte. Ausserdem haben
wir ein Quodlibet von Anselm, das er gleichfalls im Jahr 1335,
zweifellos auch in Bologna, disputiert h a t: Incipit quodlibet
determinatum per magistrum Anselmum de Cumis 1335. Sicut
vult Commentator tertio de anima comm. 37* omne ens est

2« Fenier scheint uns noch ein am Rand all « extra » bezeichnetes


Stück: probo quod caelum habeat materiam (fol. 12*-13*), das sich an
die gleichlautende Frage des Petrus de Bonifatiis (s. u. S. 264) anschliesil,
eine repetitio nach einer Quaestio des M atthäus zu sein. Wenigstens ist
sie in der üblichen Form aufgebaut, und als responsio wird angegeben:
ad quaestionem dixit magister Matheus de Eugubio in scolis...
>2 M atthäus’ Physikkommentar wird auch fol. 44 (am Rand) zitieTt,
in einem « e x tra » , das wahrscheinlich von Anselm von Como stammt.
“ Sie bringt gleichfalls eine eingehende Auseinandersetzung m it Tad-
c'eo von Parma.
262 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

vel sensibile vel intelligibile... Expl. quodlibet determinatum


per magistrum Ansclmum de Guittis de Cumins (fol. 205 *-223).
Das Quodlibet soll, wie aus der Einleitung hervorgeht, aus
folgenden fünf Quacstionen bestehen, von denen in unserem
Text jedoch die vierte fehlt: 1. Quid sit principium individua-
tionis in rebus compositis ex materia et forma; 2. utrum in
conversione alimenti in nutritum acquiratur aliqua nova forma
in materia alimenti; 3. utrum pars motus dum fit sit futura ;
4. utrum motus reflexivus sit unus motus continuus; 5. utrum
abstractio fantasmatum ab intellectu agente sit aliquid aut nihil.
Anselm verweist hier mehrfach auf Ausführungen, nament­
lich zu Problemen der Erkenntnistheorie, die er an anderen
Stellen gegeben habe oder geben wolle, u. a. in deutlicherer
Form auf eine Quaestio utrum solus intellectus agens producat
actum intelligendi *\
Ferner sind folgende Exkurse zu Werken anderer Autoren
ihm mit Sicherheit zuzuschreiben : ein « Extra », das am Rand
als solches bezeichnet ist, über das Problem der intensio et
remissio formarum (fol. i37’-i4 i’) 30. Es schliesst sich in unse­
rem Codex an den bekannten Traktat Walter Burleighs über
dasselbe Thema an, bezieht sich aber inhaltlich nicht ausge­
sprochen auf diesen, sondern behandelt das Problem mehr oder
weniger selbständig, übrigens unter starker Berücksichtigung
der Lehre Petrus Aureolis3l, der ja gleichfalls in die Bolo­
gneser Tradition hineingehört und auch in andern Stücken
unseres Bandes gern zitiert wird. -Ausserdem finden sich Glos­
sen Anselms zu der 15. Quaestio des Matthäus von Gubbio
(fol. i 8 5 ’- i 86 ) 3a, zu Johannes von Janduns Quaestio utrum
aeternis repugnat habere causam efficientem (fol. 24-26’) 33,*•

*• Fol. 213. 220’, 222’, 223- Er verweist ferner an zwei Stellen auf
»einen nicht naher bezeichnten Lehrer (doctor meus: vielleicht ist Mat
thüus gemeint?), der sich zum Thema der ersten und dritten Quaestio
geäussert habe (fol. 210. 216’).
Der Verfasser nennt sich im Text: sed mihi Anselmo de Cumis
non placet ista responsio (fol. 140’).
»1 Vgl. zu dieser I S. 50f.
*J Es sind die rationes, die Anselm in scutis Praedicatorum vorgetra­
gen hat (vgl. ob. S. 236).
33 Hier findet sich die solutio, die Anselm in domo Minorum gegeben
hat (S. 256).
EINE BOLOGNESER AVERROISTENSCHULE 263

und zu zwei Quaestionen Wilhelms von Alnwick: utrum poten­


tiae animae sint eaedem cum essentia animae realiter (fol. 29-
37) 34, und : utrum asserere mundum fuisse ab aeterno fuerit
de intentione Aristotelis (fol. 4 2 ,-5° ’)' Die letztere ist von
Anselm auch reportiert, wie sich aus einer Bemerkung im Text
ergibt, die auch aus andern Gründen recht interessant und
bezeichnend is t: Tertia via ad hoc ostendendum erat ex aucto­
ritatibus sanctorum. Sed quia huiusmodi auctoritates non mul­
tum conveniunt apud philosophos saeculares et laicos, ideo ego
Anselmus de Guittis de Cumis pertranseo eas (fol. 46’).
Von dem eben genannten Franziskaner und Scotisten
Wihelm von Alnwick enthält unser Codex im ganzen fünf
Quaestionen, die wir nicht alle aufzählen wollen. Sie finden
sich auch in andern Handschriften, insbesondere in Pal. lat.
1805, der aus einer Sammlung von 28 « determinationes »
Wilhelms bestehtS5. Die meisten von ihnen scheinen in Bolo­
gna disputiert worden zu sein. Bei zweien sagt es unser Codex
ausdrücklich, von einer Reihe von andern (neun im ganzen)
versichert es eine Handschrift der Biblioteca Laurentiana in
Florenz. Und zwar kann als sehr wahrscheinlich gelten, dass
Wilhelm um 1322 oder 1323 in Bologna gelehrt hat. Dazu
stimmt auch die Form, wie in diesen Quaestionen Thomas von
Aquin zitiert w ird: nicht als Sanctus, sondern als frater Tho­
mas (fol. 29).
Weiter begegnen wir in unserm Band noch einigen Auto­
ren, die nur mit einem oder zwei Stücken vertreten sind. So
findet sich eine Quaestio von dem Averroisten Angelo von
Arezzo 3‘, der 1322 doctor artium in Bologna wurde und noch

a* Fol. 30 nennt Anselm sich selbst: sed si ego Anselmus de Guittis


de Cumis vellem...
»8 Die Quaestionen im Ottob. lat. 318 und im Pal. lat. 1805 stimmen
im Grossen und Ganzen überein (soweit zwei verschiedene reportationes
übereinstimmen, denn auch im Palatinus handelt es sich um solche), mit
Ausnahme der Quaestio: utrum scientia vel habitus (Pal.: utrum habitus
scientiae) sit in intellectu, die im Ottobonianus in Form einer repe­
titio vorliegt und das übliche Schema einer solchen zeigt. Der Vergleich
mit der reportatio derselben Quaestio, die sich im Palatinus findet, ist
interessant für das Studium der einzeihen Formen.
•« Vgl. über ihn M. Grabmann, Mittelalterliches Geistesleben 11
S. 261 ff.
264 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

1328 dort gelesen hat*T: utrum subiectum sit causa efficiens


passionis... Expl. qu. determinata per mgr“® Angelum He
Arezio in Bononia (fol. 75-80’) ; eine von Zilfrodus aus Pia-
cenza, der von 1329-1333 in Bologna Philosophie las *•: utrum
intellectus possibilis ad actum intellectionis eliciendum concur­
rat effective... fuit quaestio mgr' Zilfrodi de Placentia (fol.
168-170) ; und eine von einem Augustincreremiten Petrus de
Bonifatiis: utrum caelum habeat materiam... Expl. qu. deter­
minata per fratrem Petrum de Bonifatiis de ordine Heremita-
rum S. Augustini (fol. 8-13’). Schliesslich haben wir noch
zwei Quaestionen von Magister Cambiolus oder Cambius aus
Bologna ” , von denen die eine das Datum 1333 tr ä g t: utrum
elementa maneant in mixto secundum proprias formas aut so­
lum secundum esse virtuale4*... Expl. qu. determinata per
mgr"® Cambiolum Bononiensem in Bononia quam disputavit
1333 (fol. 4 ’-8), und: utrum virtus nutritiva sit semper in actu
secundo... Expl. qu. disputata per mgr®" Cambium Bononien­
sem (fol. 27-29).
Ausserdem enthält der Codex einige anonyme Quaestionen,
von denen wir nur die wichtigsten aufzählen wollen. Da ist
zunächst eine Quaestio: utrum forma substantialis suscipiat
magis et minus (fol. I5’-I9 '), die wie verschiedene Verweisun­
gen auf die quaestio praecedens u. ä. zeigen, einem grösseren

st S. Maneni, ». a. O. S. 2). M auetti bezeichnet ihn ab Sohn des


dottor Riniero d’Arezzo della famiglia Giambiglioni.
ss S. Mazetti, a. a. O. S. 151 (Giifrcdo da Piacenza). Er dürfte iden­
tisch sein mit Zilfredus aus Piacenza, von dem Vat. lat. 2141 fol. 122'-128
eine Quaestio enthält: utrum dicendo homo est animal, animal in ista
actuali praedicatione positum praedicetur adaequatum homini aut supe­
rius ad hominem... Expl. qu. determinata a mgr°. Zilfredo de Placentia.
Auch das Ms. 748 der Krakauer Universitätsbibliothek (vgl. Wislockis Ka­
talog) enthält eine Quaestio, die zweifellos von demselben magister Zil­
fredus stammt, denn ihr Explicit lautet (fol. 9*): Explicit quaestio deter­
minata Bononiae anno Christi 1346 in diebus martii per Magistrum Zyf-
fridum doctorem eximium et subtilissimum disputatorem.
*• G. Fantuzzi will ihn in seinen Notizie degli scrittori Bolognesi III,
1783. S. 25 f. mit Cambio Zambeccari identifizieren, der um 1350 gelebt
habe. Aber dieser Cambio ist nach Mazzetti. a.a.O. S. 326. Jurist gewesen,
sodass es sich doch wohl um einen andern handelt.
Der Gegenstand der Diskussion ist genauer die Theorie Taddeos
von Parma übet das Verbleiben der Eletnente in der Mischung (vgl. III
S. 139 Anm. l).
EINE BOLOGNESER AVERROISTEN8CHULE 265

Ganzen angehört, wohl einem Aristoteleskommentar41*, und


deren Verfasser nach dem ganzen Stil und der Einstellung dem
Problem gegenüber Cambiolus sein könnte4a. Weiter haben
wir zwei Quaestionen über ein Argument, das auch Matthäus
von Gubbio behandelt hat (qu. 18) nämlich ob alles in der
W elt mit Notwendigkeit geschieht: utrum de necessitate om­
nia eveniant, an sit aliquid casuale et fortuitum (fol. 81-88),
u n d : utrum omnia eveniant de necessitate aut aliqua sic et
aliqua non (fol. 91-95). Die erstere4a stammt gleichfalls aus
einem grösseren Komplex, wohl aus einem Kommentar zu
Phys. II, wo dieses Problem inhaltlich hingehört; die zweite
scheint eine selbständige Quaestio zu sein, genauer eine re­
portatio nach einer solchen. W ir möchten annehmen, dass beide
von demselben Verfasser sin d : in der ersten Quaestio wird
nämlich auf spätere Ausführungen verwiesen, wo der Autor
hofft, das Gesagte besser klarlegen zu können 44, und die haben
wir vielleicht in unserer zweiten Quaestio vor uns. Die innere
Verwandtschaft der beiden ist bis in die Einzelheiten der Ar­
gumentation hinein so gross, dass diese Vermutung sich auf­
drängt. W er der Verfasser ist, lässt sich nicht erkennen ; aus
inhaltlichen Gründen und auch wegen einiger Verweisungen
am Rand möchte man an Matthäus von Gubbio denken, von
dem wir ja wissen, dass er einen Physikkommentar geschrieben
hat und dessen Haltung unserem Problem gegenüber mit der
der beiden anonymen Quaestionen übereinstimmt. Aber es ist
nicht sein Stil. Die Art der literarischen Präsentation und der
Gedankenführung legt eher die Vermutung nahe, dass der
Verfasser auch dieser beiden Quaestionen C a m b i o 1 i ist **.

41 Und zwar kommt entweder ein Kommentar zu Phys. V oder zu De


gener. et corr. I in Betracht.
Die hier erörterte Frage steht ja in engster Beziehung zu dem
Thema der ersten Quaestio determinata Cambiolis.
«i Es ist eine reportatio mit verschiedenen Randbemerkungen des
Reportators. von denen einige in den T ext hineingeraten sind. Der Stil
diescT Anmerkungen lässt an Anselm von Corao als Reportator denken.
44 Sic dicatur ad praesens ad dictas instantias, quia forte alias de
isto melius videbitur (fol. 86).
4« Noch eine weitere anonyme Quaestio sei erwähnt, die weniger au»
inhaltlichen als aus formalen Gründen bemerkenswert is t: utrum totum
essentiale de genere substantiae sit aliud ab omnibus partibus simul sum­
ptis (fol. 59'-66; die Quaestio ist unvollständig, sie bricht m itten im
266 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

Wir kommen zur inhaltlichen Betrachtung. Schon die Auf­


zählung der tituli quaestionum unserer Sammlung zeigt die
starke Orientierung am Aristotelismus und sie zeigt ferner, dass
auch in Bologna die Philosophie im zweiten Viertel des 14.
Jahrhunderts schon ganz das charakteristische Gepräge ihrer
Zeit aufweist: ein vorherrschendes Interesse an naturphiloso­
phischen, psychologischen, erkenntnistheoretischen und logi­
schen Fragen, und zwar ein Interesse, das schon ein wenig
die Neigung für die Sophismata im engeren Sinn des W or­
tes zeigt, d. h. für Probleme, die in sich widerspruchsvoll sind,
oder für die die Entscheidung im einen wie im anderen Sinn
mit der gleichen Wahrscheinlichkeit gegeben werden kann. Es
mag überraschen, dass in Bologna schon so früh gewisse Fra­
gen begegnen, die in Paris und Oxford um jene Zeit eine grosse
Rolle spielten und die sich dann von dort aus erst in der zwei­
ten Jahrhunderthälfte auch in Italien allgemein verbreitet ha­
ben sollen — aber wir werden unsere Ansichten über die Ideen­
entwicklung im 14. Jahrhundert und die wechselseitigen
Abhängigkcitsbezichungen mit der Zeit wohl noch in man­
chem Punkt korrigieren müssen. Doch das eigentliche Interes­
se, das unsere Quaestioncnsammlung bietet, liegt nicht hier.
Eine nähere Prüfung der Texte ergibt nämlich — was in den
Titeln nur zum Teil zum Ausdruck kommt —, dass wir hier
einen ausgesprochen a v e r r o i s t i s c h eingestellten Aristo­
telismus vor uns haben.
lieber die Entstehung des italienischen Averroismus, der
gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Padua aufzublühen be­
gann und im 15. und 16. Jahrhundert seine Glanzzeit hatte,

Satz ab). Sie liefert nicht nur ein besonders lebendiges llild einer derar
tigen Disputation (fol. 62: hanc rationem conati sunt solvere quidam
socii veritatis amatores. 1* ad eam dixit unus socius per ccdulara...;
quidam autem alius praedictae rationi respondit...; confirmo, scii, solu­
tionem istius ukirai socii; fol. 62’: responsiones illae non valent..., quod
ostendo sic usw.), sondern gibt auch einen gewissen Aufschluss über die
Art, wie der Magister die Disputation vorbereitet hat. Zu Beginn, nach
Aufzählung einiger argumenta principalia heisst es nämlich: Has ratio
nes inveni in quodam scripto cuiusdam commentatoris sive expositoris
super 1* phys., quem intilulavi iuniorem expositorem... Ad eandem con­
clusionem sunt quaedam aliae raiones... Has alias rationes inveni praeter
ultimam in quodam quaterno mihi concesso, quis autem prius fecerit
has rationes, ignoro.
EINE BOLOGNESER AVERROISTENSCHULE 267

ist bisher noch sehr wenig bekannt. Sicher ist, dass er etwa
ein halbes Jahrhundert später einsetzt als der Pariser, zu ei­
ner Zeit also, als es in Paris selbst schon ziemlich still um
den Averroismus geworden war, — als er jedenfalls als phi­
losophische Richtung dort keine beherrschende Rolle mehr
spielte. Wir wissen durch Grabmanns Forschungen, dass in
den 20er Jahren des 14. Jahrhunderts in Bologna einige aus­
gesprochene Averroisten lehrten: Taddeo von Parma und An­
gelo von Arezzo 4‘. Und es scheint, dass eine persönliche Lehr­
tradition die Verbindung zwischen diesen Bologneser Aver­
roisten und den Parisern hergestellt h a t: Grabmann hat eine
solche im Magister Gentile da Cingoli aufgezeigt, dessen Hö­
rer und Repetitor Angelo war, und der seinerseits an der Pa­
riser Artistenfakultät studiert h a tte 4T. Ein wichtiges Binde­
glied zwischen Paris und Bologna ist ferner der bekannte Aver-
roist Johannes von Jandun gewesen. Freilich nicht persönlich
-— er hat nie in Bologna gelehrt —, aber durch seine Schrif­
ten, die in Italien offenbar damals schon so gut wie in den
folgenden Jahrhunderten stärkste Verbreitung gefunden ha­
ben ** und anscheinend auch zum Gegenstand von Lehrubun-
gen oder repetitiones gemacht wurden, wie uns das genannte
Beispiel in unserem Band zeigt. Schliesslich darf in diesem Zu­
sammenhang auch Petrus Aureoli nicht vergessen werden, der
in mancher Beziehung eine ausgesprochene Hinneigung zum
Averroismus zeigte und von dem wir wissen, dass er um 1312
in Bologna lehrte. Wir erwähnten schon, dass er auch in den
Quaestionen unseres Codex gern zitiert wird.
Aber wie auch die Uebermittlung im einzelnen gewesen
sein mag, jedenfalls begann in den 20er Jahren des 14. Jahr­
hunderts in Bologna der Averroismus sich bemerkbar zu ma­
chen. Und unser Band beweist uns nun, dass er in den bei­
den folgenden Jahrzehnten weiterbestanden und an Umfang
zugenommen hat. Doch auch zur Geschichte des Averroismus
in den 20er Jahren selbst liefert er uns noch einen Beitrag.4*8

44 M. Grabmann. Mittelalterliches Geistesleben II S. 239 ff- und 261 ff.


4T M. Grabmann, Gentile da Cingoli. ein italienischer Aristoteleserklä­
rer aus der Zeit Dantes, Sitzungsber. der Bayer. Akad. der Wissensch.
phil.-hlst. Kl. 1940. Heft 9.
48 Das zeigt u. a. die grosse Anzahl von Handschriften, die sich von
seinen Werken in italienischen Bibliotheken befinden.
268 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

Die Sammlung enthält, wie wir schon sagten, eine Quaestio


Angelos von Arezzo, die u. W. bisher noch nicht bekannt ist.
.Sie bringt eine Auseinandersetzung mit Ansichten, die in Sco-
tistenkreisen viel vertreten wurden und zwar scheint sie sich
im besonderen gegen Wilhelm von Alnwick zu richten, der die
fraglichen Lehren in einer in unserm Band öfters zitierten und
offenbar ziemlich umstrittenen Quaestio4* verteidigt hat. Es
hat sich hier vielleicht um einen Gegenangriff gehandelt, den
Angelo gegen Wilhelm geführt hat.
Denn Wilhelm von Alnwick hat seinerseits eine starke Po­
lemik, wenn nicht gegen Angelo persönlich — wir kennen bis
jetzt zu wenig von diesem letzteren, um hier Bestimmteres sa­
gen zu können —, so doch gegen den Averroismus im allge­
meinen 50 geführt, und zwar in seinen determinationes, von de­
nen, wie wir wissen, die meisten, vielleicht alle, in Bologna
entstanden sind. In ihnen werden eine Reihe von typisch aver-
roistischen Thesen, darunter einige berühmte und berüchtigte
Sätze51 diskutiert, in einer Weise, die auf Schritt und Tritt
den entschiedenen Gegner des Averroismus zeigt. Wilhelm, ein
persönlicher Schüler des Duns Scotus und in seiner eigenen
Lehre Vertreter eines gemässigten und etwas freien Scotismus,
ist bisher, nach seinen sonstigen Schriften, nicht als Anti-*•

*• Utrum voluntas humana possit movere se ad actum volendi. Pal.


lat. 1803 fol. 137’-148. Sie wird im Ottob. lat. 318 häufig zitiert als
Wilhelms quaestio de voluntate.
w Sie richtet sich u. a., in der Widerlegung konkreter Einzellchren,
auch gegen Thomas de Wylton (der als Vertreter eines augustinisch ge­
färbten Averroismus bekannt ist), wie im Pal. lat. 1805 verschiedentlich
am Rand hervorgehoben ist. Aber in der Hauptsache ist cs eine Polemik
gegen ungenannte « averroystae ».
st Z. B. Utrum ratione naturali possit evidenter ostendi Deum intel-
ligere aliud a se ipso (Pal. lat. 1805 fol. 17-34); utrum ratione naturali
possit evidenter ostendi quod anima intellectiva sit forma corporis humani
(fol. 43'-52’); utrum ratione naturali possit evidenter ostendi ipsam esse
immortalem (fol. 52 -60*); utnim ratione naturali possit evidenter ostendi
quod multiplicetur ad multiplicationem corporum humanorum (fol. 60’-66);
utrum possibile fuerit entia successiva ut motum et tempus fuisse ab aeter­
no (fol. 66-74); utrum possibile fuerit entia permanentia alia a Deo fuisse
ab aeterno (fol. 74-84); utrum Deus de necessitate produxit mundum
(fol. 92'-101*); utrum Deus cognoscit futura contingentia per essentiam
«uam r»praesentantem vel per voluntatem suam determinantem (fol. 107-
112). Auch dic oben genannte im Ottob. (und ira Palatinus) enthaltene
Quaestio über die Ewigkeit der Welt gehört in diesen Zusammenhang.
EINE BOLOCNESER AVERROISTENSCHULE 269

Averroist bekannt. Wenn nun seine Bologneser Quaestionen in


so ausgesprochenem Mass diesen Charakter aufweisen, so
können wir darin auf jeden Fall — auch ohne die eigentli­
chen Motive für diese Polemik zu kennen — eine neue Bestä­
tigung der Grabmannschen Feststellungen sehen, dass schon
in den 20er Jahren des 14. Jahrhunderts in Bologna ein aus­
geprägter Averroismus bestanden hat.
In den folgenden Jahrzehnten hat sich dieser Averroismus
befestigt und ist offenbar in Bologna zu der herrschenden Leh­
re geworden. Das lässt sich an dem zufälligen Ausschnitt, den
die Texte des Ottob. lat. 318 bieten, für die 30er und 40er
Jahre deutlich feststellen. Die genannten Quaestionen, die ano­
nymen so gut wie die der Magistri Matthäus, Anselmus, Cambioli
usw. weisen fast durchweg ein ausgesprochen averroistisches
Gepräge auf. Und cs besteht eine deutliche Kontinuität zu den
Lehrern der 20er Jahre; Taddeo von Parma wird häufig zi­
tiert und ebenso Angelo von Arezzo. Nicht immer mit abso­
luter Zustimmung; es haben sogar ziemliche Meinungsverschie­
denheiten bestanden, die sich aber meistens auf die Feststel­
lung der wahren Meinung des Kommentators beziehen und da­
mit im Rahmen eines grundsätzlichen Averroismus bleiben. So
will Matthäus von Gubbio unter Umständen die Ansicht Aver-
roes’ in anderm Sin interpretieren als Taddeo von Parma es
getan hatte, und in andern Punkten weicht wieder Anselm von
Como von der Auffassung seines Lehrers Matthäus ab. Noch
ein weiterer Name wird genannt, offenbar gleichfalls ein Aver-
roist, der in der Lehre vom intellectus agens und seiner Rolle
im Erkenntnisprozess den Kommentator anders verstehen will
als Matthäus von Gubbio; ein Magister Maminus de Mediola­
no (fol. 173). Anscheinend hat dieser Bologneser Averroismus
schon von Anfang an innere Gegensätze und Spannungen auf­
zuweisen, die natürlich andererseits ein Zeichen dafür sind,
dass die neue Lehre wirklich Wrurzel geschlagen hat und zu
einem lebendigen und lebensfähigen Faktor geworden ist. In
der Tat hat ja der italienische Averroismus, der aus diesen
Anfängen herausgewachsen ist, zweieinhalb Jahrhunderte wei­
terbestanden und eine grossartige Blütezeit erlebt.
Es sind keine überragenden und auch keine revolutionä­
ren Geister gewesen, die in diesen Jahrzehnten in Bologna den
Averroismus vertreten haben, denn sonst hätte sich nicht so
270 WELTANSCHAULICHE WANDLUNGEN

völlig jede Spur von ihnen verloren. Und sie waren offenbar
auch nicht geneigt, zu Märtyrern für ihre Ueberzcugungen zu
werden : von irgendwelchen Prozessen oder Verurteilungen ist
aus diesen Jahren nichts bekannt. Es ist mehr ein Averroismus
im kleinen, der keine grossen eigenen Leistungen aufzuwei-
sen hat, aber der eine Tradition schafft und damit die