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P R A X I S

Todesbescheinigung NRW
Das Ausfüllen birgt erhebliche Probleme, die auch durch größte ärztliche Sorgfalt
nicht auszuräumen sind – Folge 2 der dreiteiligen RhÄ-Reihe „Ärztliche Leichenschau
und Todesbescheinigung“

von Brigitte Hefer und Markus Wenning*

D
as Ministerium für Arbeit, deszeichens ist jedem Arzt in der Anhaltspunkte für äußere Einwir-
Gesundheit und Soziales Regel auch ohne Hilfsmittel vor Ort kungen gibt, die den Tod zur Folge
NRW (MAGS) erwägt die möglich. hatten. Hierunter zählen zum Bei-
Einführung eines amtlichen Lei- Darüber hinaus werden in der spiel Selbsttötung, Unfälle oder Un-
chenschauers, um die Qualität der Todesbescheinigung Angaben zum fallfolgen, Tötungsdelikte oder To-
Leichenschau zu erhöhen. Mit die- Todeszeitpunkt, zur Todesart, zur desfälle in Zusammenhang mit ärzt-
sem Beitrag wird die dreiteilige Ar- Infektionsgefährdung, zur Todesur- lichen Eingriffen.
tikelserie fortgesetzt, die sich be- sache und ihrer Kausalität sowie ge- „Bei ungeklärter oder nicht natür-
fasst mit den Verpflichtungen und gebenenfalls zur Art eines Unfalls licher Todesart unterbricht die Ärz-
Problemen für Ärztinnen und Ärz- gefordert. tin/der Arzt – will sie/er sich nicht ei-
te in NRW aus Hieraus ergeben sich folgende nem möglichen Vorwurf der Strafver-
➤ dem Bestattungsgesetz NRW Probleme: eitelung aussetzen – nach sicherer
➤ der Todesbescheinigung NRW Feststellung des Todes die weitere Lei-
➤ der Liquidation nach der chenschau sofort, unterrichtet unver-
Feststellen des Todeszeitpunktes
Gebührenordnung für Ärzte züglich die Polizeibehörde und verhin-
und die Möglichkeit der Verbesse- In der Regel ist eine retrospekti- dert bis zum Eintreffen der Polizei
rung durch die amtliche Leichen- ve Festlegung des Todeszeitpunkts nach Möglichkeit Veränderungen an
schau diskutiert. durch den Arzt mit den Mitteln vor der Leiche und am Auffindeort.“1
Das Bestattungsgesetz NRW er- Ort spekulativ. Der Arzt dient damit als „Ver-
mächtigt das zuständige Ministe- waltungshelfer“ der Verfolgung von
rium, durch Rechtsverordnung die Der Todeszeitpunkt kann erhebliche (z. B. Rechtsinteressen, zum Beispiel
erbrechtliche) Konsequenzen haben. Die
Anforderungen an die Todesbe- Anforderung an die Festlegung des To-
beim Erkennen fremdverschuldeter
scheinigung NRW festzulegen. Die deszeitpunktes soll diesen Interessen ge- Todesfälle und der Wahrnehmung
Todesbescheinigung ist ein amtli- recht werden. Die einfache Leichenschau mutmaßlicher Interessen des Ver-
nach dem Bestattungsgesetz NRW erfüllt
ches Dokument. diese Anforderungen nicht.
storbenen (wie zum Beispiel Versi-
cherungsleistungen an Hinterblie-
bene bei Tod durch Unfallfolge).
Feststellung des Todes Feststellen der Todesart

Die sichere Todesfeststellung an- Der Arzt hat im Rahmen der


„Spurenarme Tötungsdelikte“
hand mindestens eines sicheren To- Leichenschau festzustellen, ob es
Methodische Probleme Madea2 formuliert das Problem
wie folgt:
Die Leichenschau muss an den Möglichkeiten gemessen werde, die dem Arzt vor Ort zur
Verfügung stehen. Das sind in der Regel seine fünf Sinne unter teilweise erschwerten Um- „Häufig bereitet die Interpreta-
weltbedingungen (zum Beispiel Lichtverhältnisse). Damit kann er Anhaltspunkte für ei- tion von Untersuchungsergebnissen
nen nicht natürlichen Tod feststellen, zum Beispiel das „Messer im Rücken“. Stellt der Arzt an der Leiche dann Probleme, wenn
keine Anhaltspunkte fest, kann und soll (sonst gäbe es die Rubrik „unklar“ nicht) er da-
raus nicht automatisch auf einen natürlichen Tod schließen. Wie bereits ausgeführt un- es sich um dezente Veränderungen
terlaufen den Ärzten bereits formale Fehler bei der Klassifikation der Todesart. handelt, die nicht offensichtliche
Der Arzt, der den Toten, seine Krankengeschichte und sein Umfeld nicht kennt, müsste Hinweise für eine gewaltsame To-
grundsätzlich die Rubrik „unklar“ ankreuzen und – um sich nicht „dem Vorwurf der Straf-
vereitelung auszusetzen“ – jedes Mal unverzüglich die Polizeibehörden unterrichten, da- desart darstellen. Dies betrifft be-
mit diese ermitteln können. sonders die Untersuchungen von…
Aber auch wenn der Arzt das Umfeld und den Patienten kennt und sogar mit dem Able- alten Menschen,… bei welchen be-
ben des Patienten rechnen konnte, ist das Erkennen eines natürlichen Todes mit den Mit-
teln des Arztes vor Ort problematisch, wie die im ersten Teil der Serie erwähnten, bei der sonders häufig so genannte spuren-
Leichenschau nicht erkannten Tötungsdelikte in einem Altenheim belegen. arme Tötungsdelikte vorkommen.
*
Dipl.-Ing. Dr. med. Brigitte Hefer ist Referentin im Ressort medizinische Grundsatzfragen der Ärztekammer Nordrhein
Dr. med. Markus Wenning ist Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Westfalen-Lippe
1
„Anleitung zum Ausfüllen der Todesbescheinigung NRW“, Ministerialblatt NRW Nr. 37 vom 9. September 2003
2
Madea, Burkhard; Dettmeyer, Reinhard: Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung, in: Dtsch Ärztebl 2003; 100:A 3161-3179 [Heft 48]

18 Rheinisches Ärzteblatt 8/2006


P R A X I S der behandelnde Arzt akut nicht er-
reichbar ist, für nachträgliche Er-
mittlungen keine Zeit bleibt.
Die Todesursachenstatistik stellt eine
Lösungsansatz dienen der Gewinnung von Daten wichtige Grundlage für gesundheitspoliti-
Das Erkennen der häufig dezenten Zei- zur Todesursachenstatistik und über sche Entscheidungen dar und sollte auf
chen für einen nicht natürlichen Tod kann valider Datenbasis fußen. Die Erhebung
problematisch sein und sollten wegen Erkrankungen als Grundlage für ge-
dieser Daten ist mit der alleinigen äuße-
des hohen zu schützenden Rechtsgutes sundheitspolitische Entscheidungen. ren Leichschau ohne Zeit für weitere Er-
in hierzu besonders geschulte und quali- Wie valide sind diese Daten, mittlung der medizinischen Daten in der
fizierte Hände gelegt werden. Regel nicht möglich. Die wenigsten To-
Unbeschadet der Forderung nach qualifi- wenn sie mit der alleinigen äußeren
desursachen sind postmortal ohne Ob-
zierter Leichenschau kann durch Verbes- Leichschau in der Regel gar nicht duktion feststellbar.
serung der Systematik das Erkennen nicht erhoben werden können?
natürlicher Todesfälle, zum Beispiel durch
einen für alle Todesfälle eines Gebietes „In ca. 15 Prozent aller Todesfäl- In einem Leserbrief zum oben zi-
zuständigen amtlichen Leichenschauer, le in Krankenhäusern besteht eine tierten Artikel von Madea heißt es:
gefördert werden. Das systematische Ver- Diskrepanz zwischen klinischer „Die Schlussfolgerungen sind
folgen von Todesfällen und Häufungen in
einer Region – etwa die Häufung von To- Hauptdiagnose und Sektionsbe- einfach und doch weitreichend: Die
desfällen in dem Pflegeheim – deckt sta- fund, die mit Folgen für Therapie Leichenschau gehört aus der Hand
tistische Abweichungen auf und kann sie und Überleben der Patienten ein- des Hausarztes in die eines Spezia-
einer Überprüfung zuführen.
hergeht. Diese Fehlerquote kann listen (Pathologe, Gerichtsmedizi-
nur durch eine systematische klini- ner, Coroner, neu zu definierende
Probleme mit der Polizei
sche Autopsie erkannt und benannt Zusatzbezeichnung), der die Mög-
Stellt der Arzt einen unklaren oder sowie durch einen intensivierten lichkeit haben muss, postmortal an
nicht natürlichen Tod fest, ist er ver- klinisch-pathologischen Diskurs zu- die medizinischen Daten heranzu-
pflichtet, die Polizei zu rufen. Immer künftig verringert werden“, heißt es kommen, größere rechtliche Zu-
wieder berichten Ärzte, dass die hin- in der Stellungnahme „Autopsie“ griffsmöglichkeiten auf Obduktio-
zugerufene Polizei den Arzt drängt, des Wissenschaftlichen Beirats der nen hat, … und der keine wirtschaft-
die Todesart zu ändern („natürlich“ Bundesärztekammer3. lichen, persönlichen und räumli-
statt „unklar“) oder eine zweite To- In einer Publikation aus dem In- chen Interessenskonflikte mit den
desbescheinigung auszustellen. stitut für Rechtsmedizin der Rheini- Angehörigen und deren Umfeld
Eine Todesbescheinigung ist eine amtli- schen Friedrich-Wilhelms-Universi- hat.“
che Urkunde. Das Ändern einer von ei- tät in Bonn4 wird eine Übereinstim-
nem anderen Arzt ausgestellten Todesbe- mung zwischen Angabe der Todes-
scheinigung ohne dessen Einverständnis Fazit
oder das Ausstellen einer „zweiten Todes- ursache in der Todesbescheinigung
bescheinigung“ ist Urkundenfälschung. und Todesursache nach Obduk- Von den auf der Todesbescheini-
tionsbefund nur in 52 Prozent aller gung NRW geforderten Angaben ist
Interessenkonflikte Fälle, bezogen auf Heiminsassen nur dem Arzt mit den Mitteln vor Ort
in 40 Prozent der Fälle gefunden. allein die Feststellung des Todes
Wenn auch die Einschaltung der Der behandelnde Arzt kann ge- zweifelsfrei möglich, alle weiteren
Polizei nicht gleichzusetzen ist mit gebenenfalls aus der Krankenge- Angaben zum Todeszeitpunkt, zur
Verdacht auf ein Fremdverschulden, schichte die Todesursache und zum Todesart, zur Todesursache und
werden diese Begriffe von den An- Tode führende Erkrankungen ab- Kausalkette müssen in der Regel
gehörigen häufig gekoppelt, und da- leiten. Dennoch bleibt auch bei rein spekulativen Charakter haben.
mit wird das Vertrauensverhältnis sorgfältig durchgeführter Leichen- Das Ausfüllen der Todesbeschei-
zwischen Arzt und Patient belastet. schau die Todesursache oft unklar. nigung birgt unter den derzeitigen
Dies kann auch wirtschaftliche Im Gegensatz zum Krankenhaus Rahmenbedingungen der Leichen-
Interessen des Arztes berühren, wird außerhalb des Krankenhauses schau unlösbare Probleme methodi-
wenn sich die Angehörigen zum Bei- ein großer Teil der Leichenschauen scher, ethischer, formaler und
spiel einem anderen Arzt zuwenden. an fremden Verstorbenen durchge- grundsätzlicher Art, die durch ärzt-
Lösungsansatz führt, soll heißen, Krankengeschich- liches Bemühen um eine sorgfältige
Die Belastung des Vertrauensverhältnis- te und Verlauf sind den Ärzten nicht und korrekte Durchführung der
ses zwischen Arzt und Patient durch Ein- bekannt. Leichenschau nach Bestattungsge-
schalten der Polizei und der mögliche
wirtschaftliche Interessenkonflikt kön- Hier bleibt häufig allein die setz NRW nicht auszuräumen sind.
nen durch eine Entkoppelung von haus- Rücksprache mit dem behandeln- Zur sorgfältigen Erhebung die-
ärztlicher Tätigkeit und amtlicher Lei- den Arzt, um nach dessen Angaben ser Angaben sollten wegen des ho-
chenschau aufgelöst werden.
Todesursache und zum Tode füh- hen zu schützenden Rechtsgutes
rende Erkrankungen zu ermitteln. und der gesundheitspolitischen Be-
Todesursache und Kausalkette
Die Todesbescheinigung muss je- deutung neue rechtliche und finan-
Die Erhebung der Daten zur To- doch unverzüglich ausgestellt und zielle Rahmenbedingungen ge-
desursache und ihrer Kausalkette ausgehändigt werden, so dass, wenn schaffen werden.
3
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärztekammer: Stellungnahme zur „Autopsie“, in Dtsch Ärztebl 2005; 50:C 2498-2505 [Heft 50] vom 16.12.2005
4
Madea, Burkhard; Dettmeyer, Reinhard: Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung, in: Dtsch Ärztebl 2003; 100:A 3161-3179 [Heft 48]

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