Sie sind auf Seite 1von 2723

PROSA

VON TORSTEN SCHWANKE

CLOUD12
[Inhalt]

PROSA

Von Peter Torstein Schwanke

I. IM ANFANG

„An den Abenden ging Gott mit ihnen spazieren, und sie verständigten
sich still miteinander und ließen sich an ihrem Zusammensein genügen.
Doch manchmal saß Gott neben ihnen... Er erzählte ihnen dann erneut die
Geschichte, die sie nicht oft genug hören konnten: ...wie Er sein Werk mit
seinen am meisten geliebten Geschöpfen gekrönt hatte - mit dem Mann
und ... mit der Männin.“
(Evelyn Minshull)

1. Ewigkeit

HERR, ich bitte Dich um Deinen Beistand, Gott Vater und Sohn und
Heiliger Geist, von heute an für die mir bestimmte Zeit, Dich zu besingen
als den einzigen Gott, den einzig wahren und lebendigen Gott, der sich in
Jesus Christus der Menschheit selbst offenbarte. Lieber Vater, ich will es
nicht wie die Theologen machen, denn du hast mich nicht einen Theologen
werden lassen, ich will es machen wie die Poeten, denn du hast mich einen
Poeten werden lassen. Gob, daß alles in meinem Werk zur Ehre, zum Lob
und zur Verherrlichung Jesu Christi geschieht. Das ist der Sinn meines
Lebens und meines Werkes, die Verherrlichung Christi, den ich liebe von
ganzem Herzen.
Die Weisheit, die wirkliche, wirkende Weisheit, spielte wie ein Kind
vor dem Höchsten. Und die Weisheit war die Schwester des Geistes, und
dieser Geist war die Liebe zwischen dem Ewigen Zeugenden und dem
Kind, der Weisheit, und das Kind war der Sohn, und der Ewige Zeugende
war der Vater, der in der Ewigkeit zeugte aus sich selbst ein Anfangloses,
aus-dem-Vater-Gezeugtes, ein Wesen, Ihm in allem gleich.
Und dies Wesen, das da sein Wesen war und sein innerstes Herz in einem
schönen Wort zusammengefasst, das nennt man auf griechisch: Logos. Die
Hebräer aber nennen es: Memra. Die Chinesen nennen es: Tao. Die
Deutschen nun nennen es: das Wort.
Und Logos war schön, denn sein Vater war vollkommen, sein Zeuger war
vollkommen, und das in vollkommener Liebe Gezeugte konnte nicht
häßlich sein (allein im Sinne des Dichters: faire ist foul and foul is fair, so
konnte es häßlich sein, denn es war die vollendete Schönheit, über allen
irdischen Begriff hinaus schön). Nicht häßlich ist Liebe, sondern die Liebe
ist lieblich, und Lieblichkeit ist schön. So ist, was aus der Liebe kommt
(und Gott ist Liebe) lieblich und schön. Und das ist meine Lilie des
Zeugnisses.
Schön war Logos und in allem das vollkommene Ebenbild des Angesichtes
des Vaters, sein Einziggeborener, der nicht geboren ward, sondern gezeugt,
der Anfanglose, allein aus einem Vater, ohne eine Mutter, nicht Geschöpf
wie die Engel und Menschen und andern Kreaturen, sondern ewig und
derselbe Gott. Was ein Mensch zeuget ist Mensch. Was Gott zeuget ist
Gott. Und Gott zeugte Gott, und Gott liebte Gott, und die Liebe Gottes zu
Gott selbst, ist Gott, denn Gott ist die Liebe. So ist Gott der Liebende, Gott
der Geliebte, Gott die Liebe.
Und der Liebende gab sich seinem Geliebten als der Vater dem Sohne, und
die Liebe, mit der der Geliebte den Liebenden liebte (denn der Geliebte
war der Liebende) war der Geist der Liebe. Und darum nennt man Gott
auch den heiligen Geist der Liebe.
Denn die Liebe war heilig, ist heilig und wird immerdar heilig sein, denn
sie ist vollkommen und ohne Schuld, ohne Fehl und Makel, ohne
Finsternis, denn die Liebe ist ein schönes Licht, ein liebliches Licht, ein
heiliges Licht, als welches man es auch Herrlichkeit nennt, denn es ist ein
Licht von Majestät und Schönheit und reicher Pracht.
Darum heißt es: Deine Stimme ergeht mit Macht / und deine Stimme
ergeht mit Pracht. (Darum auch ist Gott der Erzvater aller Poesie der
Liebe. Darum ist der Geist der Liebe, der Heilige Geist, des Minnesangs
Erzvater, und er sang das Liebeslied der Liebeslieder und das
schmachtende Seufzen - voller Lob - des Mannes, der da „der Geliebte“
hieß.)
Und Gott reimte darum Pracht auf Macht, da er prächtig war in seiner
vollkommenen Vollmacht. Und Gott reimte darum Leben auf Weben, weil
er der Lebendige war, der bis auf den heutigen Tag webt in
Geisteswirkungen. Und Gott reimte darum Stangen auf Fangen, weil er,
der Leidenslose, leiden würde um unsres Heiles willen.
Und Gottes Wille ist der Wille zur Seligkeit und Glückseligkeit und zum
ewigen Heil, darum ist sein Wille heilig, und sein Wille ist heilig, weil er
der Wille des Heiligen ist, und sein Wille ist rein und heilig, weil es der
Wille der Liebe ist, der heiligen Liebe. Und nichts wird er wollen noch je
wollen können was außer der Liebe ist, denn sein Wille ist Liebe, sein
Herz ist Liebe, sein Geist ist Liebe, und sein ewiges Poem der Liebe ist der
menschenliebende Logos.
Diesen will ich mit schönen Worten besingen, denn er ist der schönen
Worte würdig, weil er der Herr der Herrlichkeit ist und der Schöpfer der
Schönheit. Ja, er ist des Preises würdig, denn er ist der Würdige, der
Erhabene, der in sich selber ruhte zu sein in ewiger Ruhe und war in
gleicher Ewigkeit zeugend wirksam.
Diesen will ich anbeten, denn er ist der Anbetungswürdige. Genügt es
nicht, daß geschrieben steht: Gott ist Liebe!? Wer anders sollte Anbetung
verdienen, als der die Liebe ist? Unser aller abgrundtiefste Sehnsucht ist
die Liebe, unser, die wir vor Grundsteinlegung der Welt im Herzen Gottes
waren, im Schoß des Schöpfers, im Gedenken seines Geistes.
Er sah alles voraus, da er die göttliche Weisheit ist und immerdar sein
wird, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er ist allwissende Weisheit, und kein
Geheimnis ist ihm zu tief, nicht einmal das Geheimnis der Tiefe der
Gottheit (und was wäre so tief wie die Tiefe der Gottheit?) denn der Geist,
der Gott ist, ergründet die Tiefe der Gottheit. Dies vermag der Geist, denn
er ist Gott innewohnender Gott von Gott.
Siehe, er ist Ein Gott!
Siehe, er ist der Dreipersonale!
Siehe, er ist drei Personen in Einer Göttlichen Natur!
Oh Gott, anbeten will ich dich wie in meiner ersten Stunde im Reiche des
Lichtes, und darum laß mich Anteil haben an deiner Weisheit, die vor
deinem Throne - spielte! als Kind! Und auch ich bin Kind und will spielen.
Oh laß mich trinken von den Brüsten der Weisheit Erkenntnis um
Erkenntnis. Das weißt du, daß ich ein Kind im Glauben bin, im Glauben,
nicht im Schauen, ein Niemand noch im Schauen, aber einst ein
vollkommener Mann im Schauen, wenn ich schauen darf Dein Angesicht,
Allerschönster!
Gott, laß mich mit Hilfe deines Geistes der Erkenntnis die Weisheit selbst
erkennen tiefer und tiefer, die dein ewiger Sohn ist. Deine Weisheit, o
Gott, ist das Wort, das bei Gott war und Gott ist und unter uns wohnte.
Und der Geist des Wortes wohnt in meinem Herzen. Durch den Geist des
Wortes wohnt das Wort in meinem Herzen und durch das Wort wohnt Gott
in meinem Herzen. Liebe und Wahrheit und göttliche Weisheit wohnen in
meinem Herzen. Oh, Herr! das ist mir zu wunderbar!-
Du bist die Liebe, allmächtiger Gott, der du Recht zu allem hast, denn du
bist die Gerechtigkeit selbst. Es gibt keine Ungerechtigkeit bei dir oder in
dir, denn du bist die Wahrheit und ohne Fehl und Schuld. Denn du bist ein
heiliger Gott, ein reiner Gott. Du bist das ganze, allumfassende Geheimnis,
du bist der Einzige und ein einiger Gott.
Untrennbar bist du der Vater, der Logos, die heilige Liebe. Untrennbar bist
du das Licht, die Seligkeit, das ewige Heil. Untrennbar bist du die Freiheit,
der Trost, die herrliche Schönheit.
Dreiperonaler Gott, du, o Trinität in Union, sei angebeten von mir in alle
Ewigkeit!
Vater, lehre mich durch den Beistand deines Heiligen Geistes, der der
Geist deines Sohnes ist, ob du im Nichts lebtest? Wenn aber ein Nichts
gewesen wäre, in dem du lebtest, dann wäre ja auch noch etwas anderes
gewesen als du, nämlich das Nichts. So aber war weder Nichts noch Ichts,
sondern allein Gott.
Und Gott hatte sein Zuhause in Gott selbst, denn er ist der Zufluchtsort,
der Hort, die Burg. Gott ist sich selbst Heimat, denn der Sohn wohnt durch
den Geist im Herzen des Vaters, und der Vater wohnt durch den Geist im
Herzen des Sohnes, und der Sohn und der Vater lebt im Geist, der Gott ist.
So ist Gott in sich eine ruhende Ewigkeit.
Es gab auch keine Ewigkeit als eine lange, wenn auch sehr lange Folge
von Jahren, sondern es gab nur Gott. Und Gott bewegte sich, denn er
bewegte sich vom Vater zum Sohne, doch die Bewegung geschah nicht im
Raum, denn es gab keinen Raum, sondern im Geist, denn es war nichts als
Gott allein.
Hallelujah, Gott, ich will dich loben, dich, den ich meinen Herrn und
Gebieter nenne! Gott, mein lieber Vater, gewähre mir, mehr und mehr das
Wesen deiner heiligen Liebe zu ergründen, deiner ewigen Liebe, denn da
du die Liebe bist, bist du, o Ewiger, die ewige Liebe.
Und du hast deine Liebe offenbart, indem du offenbart hast, wie der Vater
den Sohn liebte. Immer in deines Herzens Allerheiligsten lebte der Sohn.
Immer ließ der Vater dem Sohn den Segen und die Salbung des Heiligen
Geistes zufließen, es war ein ewiger Fluß vom Vater zum Sohn, denn in
Ewigkeit, vor aller Zeit, zeugte der Vater den Sohn, darum gab es auch
keine Zeit oder Ewigkeit, in der der Sohn nicht wäre gewesen. Und
Zeugen ist das Wesen deiner Liebe, denn der Zeugende gibt vom Eigenen
dem Gezeugten, und deine Liebe ist ein unendliches Geben, darum ist
Geben seliger als Nehmen. Und Seligkeit ist der Kuß deiner Liebe, der
Kuß des Geistes, der Kuß der Liebe auf den Mund des geliebten Sohnes.
Und Seligkeit ist das Anschaun deines schönen Angesichtes, o Gott, und
niemand sah noch den Vater, als nur der Sohn, und wer den Sohn sieht,
sieht den Vater, denn der Abglanz deiner Herrlichkeit und Ausfluß deines
Lichtes, o Vater, ruht auf dem Angesicht des göttlichen Sohnes. Darum
begehre ich, o Herr, dein Angesicht zu schauen, denn dein Angesicht zu
schauen ist der Quell der ewigen Glückseligkeit!
(Gott vergebe mir die Torheit meiner Erkenntnis!)
Und der Sohn liebte, liebt und wird in alle Ewigkeit lieben den Vater, denn
er gab sich ganz hin, seine Liebe war völlige Hingabe. Und der Sohn
vollzog den heiligen Willen des ewigen Vaters, denn er erkannte, daß der
heilige Wille des ewigen Vaters der heilige Wille der ewigen Liebe war
und ist und ewig sein wird! Voller himmlischer Harmonie war das Herz
Gottes gestimmt, und die Harfe des Herzens Gottes spielte die Weise der
Liebe.
Und der Liebeskuß des Geistes ruht auf den Lippen des Sohnes, über
welche Anmut ausgegossen war, und das Herz des Sohnes schlug am
Herzen des Vaters, und der Geist war innigst verbunden mit dem Vater,
war inwendig in dem Sohne.
Und der Geist erkannte die Tiefe der Gottheit, denn er war der Geist aller
Erkenntnis. Und die Fülle der Erkenntnis war in dem Sohne, und der Geist
nahms vom Sohne und gabs durch den Sohn dem Vater wieder. Und der
Geist war der Geist des Dienens, denn der Sohn war ein Diener, denn
Liebe heißt dienen.
Gott vergebe mir, wo ich nicht würdig genug anbeten kann! Gott vergebe
mir, wo meine Worte von der göttlichen Wahrheit des wahren Glaubens
abirren! Ich bin Hauch, Staub, ein Geschöpf, eine Blume, ein bald welkes
Gras. Aber Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit ein und derselbe, der
dreipersonale Eine Gott!
Du bist Licht, und in dir ist keine Finsternis, du wohnest in einem überaus
unzugänglichen Lichte, und der Sohn ist der Ausfluß und Abglanz dieses
Lichtes in solcher einzigartiger Weise, daß er selbst das Licht heißt. Du
bist rein, und in dir ist nichts Böses. Du bist die Liebe, und in dir ist kein
Haß auf irgendein Geschöpf deiner Liebe.
Du bist ein guter Gott, ja, niemand ist gut als Gott allein. Du heißest: der
gute Meister. Und in deinem Gutsein ist beschlossen die lauterste Güte.
Darum war und ist in deinem ewigen Reiche nur die Güte wirksam, die
Reinheit, das Gutsein, die Liebe. Du bist so gut, daß du die Lüge nicht
kennst, und alle deine Verheißungen sind wahrhaftig, und treu stehst du zu
ihnen. Denn du bist der Gott der Wahrheit, und dein Sohn ist die Wahrheit,
und dein Geist heißt der Geist, der in alle Wahrheit führt. Da du wahrhaftig
und wahrhaft und wahr bist, bist du auch vertrauenswürdig. Darum komm
ich mit meinem Vertrauen vor dich und verehre dich. Denn dich ehren, ist
die Quelle des Heils. Du heißest der, der da das Heil bringt, der Heiland,
der da rettet und Seligkeit bringt mit seinen durchbohrten Händen!
O Vater, deine Seligkeit besingen, das wollt ich gerne, dazu hilf mir bitte
durch den Beistand deines Heiligen Geistes! Deinen Sohn hast du
bestimmt zu leiden, um die Seligkeit für deine Geliebten zu erringen. Die
Seligkeit aller derer, die du schaffen wolltest, lag dir an deinem Herzen, so
sehr, daß du dir deinen eigenen Sohn vom Herzen rissest, wie der Pelikan
sich sein Herzblut herausreißt für seine Jungen, um Seligkeit zu erringen
für die Geliebten. Denn du wolltest und willst sie ewiglich an der Seligkeit
deines Herzens teilhaben lassen.
Und dein Herz ist voller Seligkeit, und dein Herz zu kosten, heißt das
Glück zu kosten, und dein Angesicht zu schauen, heißt die ewige
Glückseligkeit. Überschwengliche Freude verheißest du denen, die in dir
leben, in deinem Geiste und auf den Spuren deines Sohnes wandeln, ihnen
verheißest du: Ihr werdet euch noch freuen! und den treuen Knechten:
Gehet ein zu eures Herrn Freude!
Dich schauen, o Herr, von Angesicht zu Angesicht, heißt überfließende
Freude schöpfen aus dem Born des ewigen Lebens, heißt trinken den Wein
der ewigen Glückseligkeit, heißt sattwerden an den Früchten von den
Bäumen unsterblichen Jubels, heißt ewig zu genießen das Manna der
himmlischen Wonne!
Das Leid ist für die Zeit des Wimpernzuckens, aber Freude und
Glückseligkeit sind die ewige Schau, Aug in Auge, da wird kein Leid mehr
sein, kein Weinen aus das Weinen von Freudentränen, kein Schreien außer
der Jachzeschrei der Glückseligkeit, dann wird es, wie am ersten Tag des
Paradieses: Wonnen über Winnen tränken uns wie Ströme der
Glückseligkeit, sie strömen direkt aus dem Bronnen deines Herzens, o
Jesus, es sind ströme deines alleinseligmachenden Blutes!
Herr, du bist das Wort Gottes, die Lateiner sagen: das Verb, das ist den
Grammatikern das Tu-Wort, denn in dir offenbarte sich die mächtigste Tat
Gottes, die Erlösung und Errettung vieler. Du bist das Wort, der
ausgesprochene innere Sinn des Herzens Gottes. Du bist das Wort, der
manifest gewordene Gedanke des Geistes Gottes. Du bist das Wort,
vollendeter Ausdruck der Seele des Vaters, die ganze Liebe des Vaters ist
in dir beschlossen und ausgedrückt.
Du bist das Wort, das Liebeslied Gottes, die vollkommene Liebeslyrik.
Wie der Dichter in einem Wort seinen Gedanken ausspricht, seinen Geist
formuliert, so tat es Gott im Logos; denn Gott ist der Erz-Poet, und Jesus
ist sein Opus der Liebe, Jesus ist der Ausdruck der Liebe des Vaters, der
Liebe des Vaters, die er zu seinen Geliebten hat. Der Satz, der den Logos
ausdrückt, lautet: Gott ist Liebe, oder: Ich hab dich je und je geliebt.
Vater, du trägst den Titel El Shaddai, das ist der, an dem mein Geist und
meine Seele und mein Leib Genüge hat, du bist der: Genug. An dir hat
mein inwendiger Mensch sein Genüge, und gerade in dieser Zeit, da ich
Mangel leide, bist du mein Ein und Alles. Da ich die Kreatur entbehren
muß, bist du der, der mich erfüllen möge mit seinem Geist der Liebe.
Herr, ich begehre deine Herrlichkeit mehr als die vergängliche Herrlichkeit
eines schönen Geschöpfs, denn ich erkannte: Gott ist vielmal größer als
alle seine Geschöpfe zusammen, Gott ist vielmal schöner als sein
schönstes Geschöpf. Ich weiß nicht, welches Geschöpf sein schönstes
Geschöpf ist, und angenommen, es sei der Mensch, welcher Mensch ist
denn der schönste Mensch? Aber ein Geschöpf weiß ich, das in meinen
Augen sehr schön ist, und ist doch nur des Grases Blume und muß bald
davon, ist nur Hauch und Staub und weht dahin, und muß vielleicht, wie
Stroh, ach, ins Feuer! Erbarme dich, Herr, des schönen Geschöpfes!
Und nun, was soll ich sagen, Herr? Ich steh an einer Weggabelung, da
stehen zwei Wegweiser, und auf beiden steht: der Weg schmerzlicher
Leiden! Und ich habe einen Weg zu gehen, ich weiß, der rechte Weg, der
Weg der Tugend und des Gehorsams, ist der Weg des Willens Gottes, aber
auch dieser erscheint mir als ein Leidensweg.
Darin will ich dir aber gehorsam sein, daß ich den Weg beschreite, und
deinen Geboten folgen, die mir diesen Weg weisen. Ich will, wie du es
geboten, mein Kreuz auf mich nehmen und es tragend den Weg
schmerzlicher Leiden beschreiten und es tragend dich preisen und
verherrlichen, o du herrlicher Gott!
Du wirst mit mir diesen Weg der Schmerzen gehen, wirst dich unter mein
Kreuz stellen und mir tragen helfen, so daß ich dein Joch trage, und es ist
leicht, und die Trübsal ist zeitlich und vergänglich, und die Trübsal ist
leicht im Vergleich zur ewigen Glückseligkeit, die bei Gott ist, an der ich
teilözuhaben erhoffe im Glauben an den Retter, den ich zu schauen sehr
begehre! Hallelujah an dem Tage der Schau!
Herr Jesus, du Licht vom unerschaffnen Lichte, selber unerschaffnes Licht,
gezeugt vom Gott des Lichtes, komm mit deinem Licht in meine
Dunkelheit! Herr, du verheißest denen, die dir vertrauen, daß die
Tautropfen deiner Gnade ihre Wüste zu einem Garten macht, daß ihre
Seele wie ein bewässerter Garten blüht und Frucht bringt!
Und der Heilige Geist sprach mit leiser sanfter Stimme zum Vater: „Was
sinnest du? Ich weiß wohl, was du sinnest.“ Und der Vater sprach mit einer
Stimme wie lindes Wetter: „Ich sinne, eine Schöpfung zu schaffen.“ Und
der Sohn sprach mit mildem Tone: „In mir und durch mich willst du eine
Schöpfung schaffen, Vater?“ Und der Vater antwortete dem Sohne: „Das
ist mein Wille, durch mein Wort eine Schöpfung zu schaffen, und es brüte
der Geist überm Chaos.“
Und der Heilige Geist sprach: „Herr, du weißt, wie die Dinge kommen
werden, denn du bist der Allwissende.“ Und der Vater sprach: „Ja, ich
weiß, daß meine Geschöpfe mich verlassen werden.“ Und der Sohn sprach
zum Vater mit der Stimme des Heiligen Geistes: „Und du wirst sie zu dir
zurückholen durch die Erlösung.“ Und der Vater lächelte, wie umwölkt:
„Mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, ich werde dich drum
opfern müssen und hingeben an den Tod.“ Und der Heilige Geist fragte
den Vater: „Ich ich werde erwecke als Geist des Lebens den Sohn?“ Und
der Vater bestätigte: „Ja, Gott der Sohn, das Leben selbst, wird auferstehen
aus dem Reich des Todes.“
Und der Sohn lächelte und sprach zum Vater: „Vater, du siehst die
Geliebten, die du mir geben wirst.“ Und der Vater lächelte und seufzte:
„Ach, ich habe solche Sehnsucht nach meinen Kindern!“ Und der Heilige
Geist fragte den Sohn: „Lieber Sohn des Vaters, du wirst mich senden zu
den Kindern des Vaters?“ Und der Sohn sprach erhabner Stimme: „Ja,
geliebter Geist, ich werde dich senden vom Vater her mit Sausen und
Brausen, daß du wohnest in den Herzen der Kinder.“ Und der Heilige
Geist sprach zum Sohn: „Ich leite sie zu deiner Verherrlichung.“ Und der
Sohn erwiderte: „Ja, verändere sie, auf daß sie mir ähnlich werden und
werden vollkommene Ebenbilder der Gottheit.“
Und der Vater sprach: „Du willst ihr Meister und ihr Führer sein, und
wohinaus?“ Und der Sohn sprach: „In ihrer himmlischen Heimat mögen
sie alle, die du mir gibst, zu deinem Lobe und Preise ewig sein! Ich werde
sie dir zurückgeben, Vater, dann sei Gott alles in allem.“
Und der Vater und der Sohn und der Heilige Geist sprach: „Amen, Amen.“
2. Die Schöpfung

Am Anfang der Schöpfung breitete Gott durch sein Wort den Himmel der
Himmel aus wie einen bunten Teppich, und gründete auf dieser weiten
elysischen Flur einen herrlichen Palast, der kein Ende nahm. Und es ward
das Vaterhaus Gottes, und er wohnte darin und erleuchtete dasselbe durch
seine überaus schöne Herrlichkeit.
Und keiner der zu schaffenden Menschen, die auf Erden leben sollten, sah
dies Vaterhaus Gottes je bisher, aber es mußte herrlich sein, denn Gott
selbst wohnte in Pracht und Majestät. Und es war ihm nicht genung, denn
der Himmel der Himmel konnte nicht fassen die herrliche Schönheit
Gottes, also daß diese überfließend und überquellend war und sich ergoß
in weiteren Schöpfungen nach seinem Herzen.
Und er schuf den nächsten Himmel durch sein Wort, er sprach und er war
da, und es war ein Himmel, der trug den Abglanz seiner herrlichen
Schönheit, und es war das Heiligtum. Gottes Palast aber war das
Allerheiligste, in welchem Gott und das Lamm wohnte. In dem Heiligtum
des nächsten Himmels aber lebten, die er geschaffen durch sein Dichten,
die Himmlischen, welche fast so schön wie Gott.
Und die Himmlischen sahen auf von ihrem Himmel zum Himmel des
Himmels, und sie sahen eine überaus edle herrliche Schönheit das
Wohnhaus Gottes erleuchten, und es war eine so strahlende Schönheit, daß
es ihre Augen blendete. Darum verhüllten sie ihre Augen mit den Flügeln.
Sie verhüllten die Augen mit den Flügeln weniger vor dem Palast der
Himmlischen Unendlichkeit, als vielmehr vor der Schönheit Gottes selbst,
denn sie konnten die schmerzlich-schröckliche Schönheit Gottes zu
schauen nicht ertragen!
Aber sie dienten ihm allezeit und verehrten ihn und hoben ihre weiteren
Flügel, mit denen sie nicht ihre himmlischen Augen erhüllten, sie hoben
ihre Flügel auf zum Himmel der Himmel, hoben ihre Flügel auf zu Gott,
ihn zu preisen mit Lobgebärde.
Und ihre Flügel waren bedeckt mit tausend Augen, wie Schmetterlinge,
denn auf alle Arten und Weisen suchten sie Gott zu erkennen, wie er sie
erkannte, und sie suchten ihn zu schauen, und schauten seinen Sohn, der
war der Herr der Himmlischen Scharen, und sie nannten ihn Zevaoth, den
Gott der Scharen von heiligen Himmlischen!
Und Gott war schöpferisch gesonnen, da schuf er den dritten Himmel, und
es war der Himmel der Erde. Der war ebenfalls ein schöner Himmel, von
einem sanften milden Licht, denn Gott schuf das Licht. Er schuf, um das
Licht zu unterscheiden und die Zeit zu erschaffen, auch die Finsternis.
Und das Licht war überuas kostbar und leuchtender als die schönsten
Edelsteine, weißer Onyx und blauer Lapislazuli und lichtgrüner Smaragd,
oder als Lampione aus Elfenbein und Pergamentpapier. Und das Licht war
süßer als Honig und kostbarer als Gold. Und das Licht war das fließende
Licht der Gottheit, summend wie Bienen, und es war Licht vom
unerschaffnen Lichte, und es stieg herauf der Morgenglanz der Ewigkeit.
Und eie Finsternis war schwarze Nacht, und sie war wie schwarzer Samt
oder Katzenfell, und es war eine Nacht ohne Mond und Sterne. Es war
undurchdringliche Finsternis, und nichst und niemand war zu sehen. Nur
der Geist wehte... Und Gott durchschaute die dichte Finsternis und sah ihr
auf des Abgrunds Grund. Das war der Abyss.
Und Licht und Finsternis ebbten und fluteten wechselnd in harmonischen
Wellen an dem Himmel der Erde.
Die Erde aber war öde Wüste, chaotische Leere, es war auf ihr ein Tohu
und ein Bohu. Auf der Erde wohnte die unendliche Einsamkeit. Es war, als
wäre schon der Tod gewesen, aber es war der Anfang der allerersten
Schöpfung.
Weder entstand die Erde aus dem Lehm, den einer der Götter formte, noch
ward das Chaos von einer Schlange umschlungen und befruchtet wie ein
steinernes Ei, daß sie einen Affen gebäre, noch war die Erde selbst eine
Göttin Mutter, und auch war geschaffen die Erde nicht von einem bösen
Demiurgen, und schon gar nicht entstand die Erde aus Selbstbewegung
und Höherentwicklung aus dem knallenden Nichts. Sondern die Erde ward
geschaffen, weil Gott im Worte seines Sohnes sie schuf, durch diesen
Logos: Jhehi! Und Gott rief mit unendlichen Donnern: Veni creator
spiritus!
Und es kam der schöpferische Geist und schwebte auf dem Wasser. Denn
die Erde in ihrer Ödheit war bedeckt von dunklen Urfluten, welche
stürmten, brausten, wogten, brandeten und alles überfluteten, wie die
Sturmflut von Baltrum Norddeich überflutet, als der Poet ward gezeugt.
Und es waren die Wasser der Tiefe, die Abgrundbronnen, die Ozeane der
Erde, und die Wasser des Himmels, welche aus des Himmels Schleusen
stürzten, vom König der Fischer geöffnet. Und der heilige Geist, er
schwebte überm Wasser, wie eine Taube, und, wie manche Althebriden
sagen, brütete.
Er ist ja die Taube, die der Vater zu seinem Sohne sandte mit dem Briefe:
Ich hab dich lieb! Da darf man wohl auch sagen: Sie brütete, und er brütete
aus dem Chaos die Schöpfung aus, da Gott wollt schaffen aus dem Nichts
ein Ichts.
Alles Gute kommt von oben, und so kommt von oben der gute Geist, und
was entstand, das war, siehe, gut! Da waren Himmel und Erde und Licht
und Finsternis und die Wasser, über denen der weiße Vogel Gottes
schwebte. Und es brach herein der schönste Morgenglanz der Ewigkeit,
denn es war das erste Osterfest der ersten Liebe.
Und der Himmel der Erde und die Erde waren mit dem Vater erbunden
durch einen himmlischen Weg, den die Himmlischen immer beflogen, mit
ihren sechs Flügeln fliegend. Und sie bestaunten die Schönheit der
Schöpfung und freuten sich mit ihrem Schöpfer, daß alles, siehe, von solch
einer außerordentlichen Schönheit war.
Schön war das Licht des ersten Himmels, das Gott aus seinem lichten
Herzen, sich ähnlich erschaffen hatte, es berührte die Seele wie Musik von
goldenen Himmelsharfen, es floß wie die kristallenen Wasser des oberen
Himmels, es leuchtete wie das Ariel-Feuer auf dem Altare des Himmels.
Und schön war die Schönheit der Dunkelheit, denn es war eine Dunkelheit
wie Rabenfedern oder Salomos Haar, und es war eine Dunkelheit, die
schließen ließ aufs unendliche Geheimnis Gott, der selbst noch tausend
und abertausendmal unergründlicher ist als die geheimnisreichste Nacht
der Erde.
Und reich an Schönheit war auch der Chor der Wasserfluten und der Geist
über dem Wasser, die wie der Wind da wehten, denn Gott machte seine
Himmlischen zu einem wehenden, raunenden Wind. Und sie sangen über
den Wassern zusammen mit dem melodischen Rauschen der Wasser selbst,
die in Harmonie eintönten mit den oberen und den unteren Wassern, und
alles brauste wie ein Orgelspiel: Soli Deo Gloria!
Und die wunderschöne Kreation des Erdenschöpfers lag eingebettet in den
Wassern, ein Embryo mit einer sanften Seele in der Mutter Fruchtwasser,
und die Wasser waren angeblickt vom lichten Himmel.
Und in dem Himmel der Himmlischen entstand eine große Bewegung, ein
Rauschen von Myriaden Schwingen, welche alle leuchteten mit ihren
Abermyriaden Augen, und ein großes Chor entstand, ein Lob- und
Freudengesang ging aus von den Anbetungsstätten der Himmlischen,
welche Gott lobpreisten.
Gott hatte sie zu seinen Boten bestimmt, darum hießen sie: Engelinnen.
Und sie waren nach oben bestimmt zu dienen durch Anbetung dem
Allerhöchsten, und sie waren nach unten bestimmt, Botschaften von Gott
an die schönen Kreaturen auszutragen und den Kreaturen zu helfen, den
Kronen der Schöpfung, in Liebesgemeinschaft mit ihrem Schöpfer zu
bleiben.
Und da sie nach oben ihren Lobpreisdienst verrichteten, tönten sie zu den
goldenen himmlischen Harfen ein wunderschönes Werk von
Freudengesängen, und sie sangen Jubel über Jubel, denn es begann das
große Jubeljahr der Schöpfung.
Und sie verhüllten mit zween Schwingen die Augen (denn Gott war zu
schön) und sie verhüllten mit zween Flügeln ihre Leiber (denn sie waren
keusch) und sie hoben zween Schwingen zur Anbetung auf zum Himmel
der Himmel, wo Gott war und ist und sein wird. Und sie priesen ihn mit
allerschönsten Stimmen, welche nur Sterbende und Selige vernehmen.
Und es flutete auf ihr Chrous zu Zevaoth!
Und die Lobpreisengel Luzifer, der Träger des himmlischen Lichtes, und
Gabriel, der Künder, und Michael, der Erzritter, und Ariel, der Hüter des
Altares, standen unterhalb des Thrones Gottes und priesen ihn mit
herrlichem Lobgesang.
„Herr“, sprach der herrliche Luzifer, „du hast mich zu einem Engel der
Freiheit gemacht, zu einem freien Engel, und ich will dir meine Freiheit
darbringen zum Lobpreisopfer. Du hast mich zu einem Engel der
Schönheit gemacht, zu einem herrlichen, und ich will preisen deine
herrliche Schönheit, allmächtiger Gott!“
Weiter sang der schöne Morgenstern unter den Engeln: „Schöpfer der
Engel und der Himmel, ein wenig herrlicher als ich bist Du, denn dein
Thron ist um sieben Stufen höher als der heilige Berg der Versammlung
der Himmlischen. Sei du mein Gebieter, denn du bist der Allerhöchste,
hoch erhaben, würdig zu empfangen Lob und Preis von einem Engel, den
du schön gemacht.“
Und Gabriel, der Bote des Wortes Gottes, der einst grüßen wird die
Jungfrau Maria, hob an zu preisen den allmächtigen Gott: „O du Wort der
Schöpfung, ich preise dich, weil du dich herabbegeben, eine Schöpfung zu
schaffen von drei herrlichen Himmeln, einer wasserumgürteten Erde und
schönen Engeln, demutvollen Dienern und geringsten Knechten.“
Weiter pries der Künder Gottes, der Herold des Herrn, das Wort Gottes:
„Herr, in deiner weisheitvollen Vorsehung siehst du den Fall des
Menschen, und mich erwähltest du, die Kunde von ihrer Errettung zu
ihnen zu bringen. Dafür sei dir meiner Stimme Lob und Preis!“
Und Michael, der goldene Ritter unter den Himmlischen, pries mit einer
Stimme, die geschliffen war wie das Schwert des Geistes und mächtig wie
die Posaune des Jüngsten Tages: „Gewaltiger! Du bist meine Stärke, Herr,
und ich hab dich herzlich lieb! Du bist der allmächtige Gott, der zu allen
Tagen der Ewigkeit das Zepter in den Händen hält und die Kaisergewalt
nicht niederlegt, die Regierungsmacht über die Universen, zu keiner
Sekunde!“
Und weiter pries der starke und gewaltige Erzengel Gott: „Gott meiner
Stärke, du weißt vom Kommen des Bösen, aber uns rufst du zum Streite
gegen deine Feinde, dafür preis ich dich, o mein Gott, daß ich dir mit dem
ganzen Einsatz meines Lebens als streitbarer Schutzengel deines
tausendjährigen Friedens dienen darf, mit Schwert und Posaune, zu
errichten das Reich der Himmel auf Erden, daß hereinbricht auf die arme
Erde der Morgenglanz der Ewigkeit, ich darfs schauen, ich darfs schauen
und dich anbeten!“
Und Ariel, die Glut der Seraphim im Blicke, pries Gott, der die Liebe ist:
„O Vater, von Herzen lieb ich dich! Keiner ist so schön wie du, keiner ist
so sanft und gütig und gnädig wie du. Du bist die preisungswürdige
Weisheit, und dich zu lieben, Vater, ist niemals vergeblich und allein zum
ewigen Glück, denn herzlich liebst du deine guten Engel und den
Menschen, die zu modellieren willst.“
Und weiter pries Ariel Gott mit Feuer: „O Gott, welche Glut der Liebe hast
du mir ins Herz gegeben! Das ist das Feuer deines Altares, Herr, und du
selbst bist das Opfer, das sich in Liebe verzehrt wie in himmlischer Glut
der Passion! Gott, in deinem Sohn erweisest du deine Liebe, der wird
heißen: der Schönste der Menschenkinder! Und Gott, weckt nicht
Schönheit Liebe? Aber du liebst auch die entstellten, verkrüppelten,
blinden und lahmen Kreaturen, die aussätzigen, ekelerregenden,
widerlichen, lästerlichen, ja gottfeindlichen Menschen, den du, du bist die
Liebe!“
Und da war geworden aus Abend und Morgen der erste Tag der Schöpfung
vollendet.
Guter Gott, ich möchte gern ein Lob der Wasser schreiben, und ich würde
auch gern, so wie die alten Poeten es taten, die Muse dazu bitten, die Muse
Melpomene.
Herr, ich danke dir für das Wasser, dies der vier Elemente, welches der
Melancholien Element ist, denn die Melancholischen haben nah am
Wasser gebaut. Und die letzten Tage war mir manchesmal zum Schluchzen
und ich hätte gern das befreiende Naß in meinen Augen und auf meinen
Wangen gespürt. Darum wird mir, dem Manne Tor (das ist hebräisch und
heißt verdolmetscht Turteltaube) das Lob des Wassers zu einer Klage um
Lilith, auf die zu verzichten mir herbe Schmerzen macht. Aber ich weiß,
wenn ich leide nach deinem Willen, ich dafür Lohn der Seligkeit mehre,
denn die die weinen, werden dereinstmal lachen!
Aber nun bin ich zu müd und matt zum Lachen, und näher steht mir
melancholischer Dämmer und das traurige Denken an Lilith. Ich denke an
sie - o Lob des Wassers - wenn ich meine fiebrigen Glieder bade, die so
zerschlagen sind, daß sie im heißen Wasser vor Fieberschauern zittern.
Da denk ich an Lilith und sehne mich nach ihrem gütigen Beistand, aber
du gabst ihre Güte einem andern Hirten, daß wir nicht zueinander kommen
können, wie die Königskinder, zwischen denen sich ein tiefer Graben
befand - o Lob des Wassers.
Da ich nun in den dunklen Wassern der Seele dämmre mit müder
Traurigkeit - o Lob des Wassers - bitt ich dich, Herr, daß du mit dem
stärkeren Elemente kommst, mit Feuer, mich wiederzubeleben, wie dein
Sonnenfeuer das Jahr im Märzen immer wieder belebt, im Monden Abib.
Zum Zeichen dieser Hoffnung bekam ich von meinem Bruder heut ein
Bündel weißer Tulpen. Aber du weißt auch, wie gern ich diese Tulpen
weiterreichte an Lilith, daß sie sie mit Liebe ins Wasser stellte - o Lob des
Wassers - oder lieber noch eine einzige rote Rose. Aber leider nein! Drum
schluchz ich und ist mir weh zumute und meine Seele zerfließt wie ein
dunkler Strom - o Lob des Wassers.
Und wie denn soll ich vergessen ihre Schönheit? Reden die alten Poeten
von der Lethe, dem Fluß des Vergessens, der Psalmist auch vom Land des
Vergessens, aber Dante spricht vom Fluß der Erinnerung alles Guten und
Wahren und Schönen - o Lob des Wassers.
Reiße mich heraus aus dieses Elends tiefen Fluten - o Lob des Wassers -
und diesen stillen Meeren der Traurigkeit, und scheide die Wasser der
Melancholie und Depression von den Strömen der Wonne, und dann laß
mich baden in dem erneuernden Bad der Ströme der Wonne, daß sie da
mächtig brausen wie der hawaianische Ozean.
Herr, ich wüßte gern, ob du die oberen Wasser über der Feste, die du den
Himmel der Erde nanntest, gesammelt zum Gericht über die Menschen,
die du schaffen wolltest und von denen du wußtest in deiner Vorsehung -
ach! daß sie fallen würden?
Waren die oberen Wasser bestimmt für die Sintflut, die Sündflut, die die
Sünder hinwegschwemmen würde, alle Menschen bis auf den Einen und
seine Sieben? O großer erschröcklicher Gott!
Herr und Vater, ich darf mir kein Bild von dir machen, sagt dein zweites
Gebot. Und so leicht ist es, sich von dir ein Bild zu machen, als eines
Despoten (der du nicht bist) oder eines allesversöhnenden Großvaters (der
du auch nicht bist), sondern du bist ein einiger Gott, den wir Menschen auf
Erden nie ganz erkennen werden, sondern für den Himmel ist uns
verheißen, daß wir dich erkennen, wie du uns erkennst, vollkommen.
Aber du hast dich offenbart in der Heiligen Schrift, und darin hast du dich
offenbart als ein Richter der Sünde, als einen zornigen Gott, der Adam aus
dem Paradies mit Eva vertrieb, der die große Flut ließ kommen, der Israel
nach Babylon ließ deportieren, und der, o Jesus, die Händler aus dem
heiligen Tempel zu Jerusalem mit Peitschen heraustrieb und die Pharisäer
nannte Otterngezücht: Wie wollt ihr sicher sein, daß ihr dem künftigen
Zorn entrinnet? Und es wird kommen der Tag des Herrn, da ergehen wird
der Zorn des Lammes, der da ausschenken wird in einem Taumelbecher
den Wein des Zornes Gottes über die Völker und Nationen und Könige
derselben und die große Hure.
Vater, so darf ich dich weiterhin nennen und will dir vertrauen, auch wenn
ich dich nicht immer verstehe. Mit den gewaltigen Wassern über der Feste
des Himmels hast du es niederschütten so lange, und die Wasser der Erde
stiegen über die höchsten Berge sieben Meter, daß Sünder und Vieh darin
ertrunken, bis auf die Gerechten, Noah und seine Familie in der Arche.
Und in der Arche des Glaubens an Jesus Christus ist es möglich, dem
kommenden Zorn zu entrinnen, und in jenes Land zu kommen, wo der
Gerettete wird wie Noah unter einem Weinstock sitzen, denn wir werden
dort mit dem Herrn und Meister trinken vom Gewächs des Weinstocks,
uralten, besten Wein beim Hochzeitsmahl des Lammes.
Von den Wassern will ich dir singen, o Lamm, du Retter meiner Seele!
Hat nicht der Regen, der in Friesland so oft darniedergeht, mich oft
zuhause in meinem Zimmer sitzen lassen bei herbstlichen sauren Äpfeln,
und ich vergrub mich in die schönsten Kinderbücher, daß ich die Welt der
Phantasie bereisen konnte mit dem Segelboot meiner Seele?
Und wie schön war es auch heute, nach langer krankheitsbedingter
Einsamkeit, der Gang durch die dunklen regennassen Labyrinthe der
Innenstadt, da mit so viele wunderschöne Menschen entgegenkamen,
anmutige Männinnen, die den Kragen hochschlugen gegen den nassen
Wind?
Und hast du denn auch am zweiten Tag den Schnee gemacht? Wie herrlich
ist doch der Schnee! So herrlich, daß er mit dem erscheinenden Christus,
wie er selbst sich dem Johannes offenbarte, in Verbindung gebracht wird.
Und wie lieblich und überaus zart und anmutig ist doch der feinste
Schneepuder oder Schneestaub auf den braunen Wimpern eines Mädchens,
wenn es den Liebenden mit den flockigsten Bällen bewirft, lachend, und
sein Herz verzaubert.
Der Schnee, wenn er die Landschaft einweißt, und wenn dann der Himmel
blau und die Sonne weißgolden ist, er hat so einen schönen Abglanz von
der Herrlichkeit Gottes, daß er zu Recht vom Seher als Christi Gewand
geschaut ward. Und er kann nach langem grauen Regen des norddeutschen
Dezembers im tiefsten Winter dann der Seele wieder etwas vom herrlichen
Lichte geben, das unsre Seele so dringend braucht, und braucht nicht nur
das Licht von Schnee und Sonne, sondern das Licht vom Lichte selbst.
Und wie schön wars, in Friesland am Deich spazieren zu gehn, durch das
Maisfeld zum Deich, und dort die Nordsee zu sehn, die manche den
Blanken Hans nennen, mir begegnete sie wie ein silbermatter Spiegel, in
dem der alte grauhaarige Wolkenhimmel sich betrachtete und seine Falten
mit Freude zählte. Und mir war sie wie das Land von kleinen
weißhäutigen Meermädchen, welche auf kleinen schimmelweißen
Seepferdchen aus schaumiger Gischt ans Ufer ritten, um dort mit den
Menschenkindern zu spielen, daß die Mannen in ihrer Philosophie nicht
Lebensfreude vergessen. Denn schöne Mädchen sind ein Quell von
Lebensfreude.
Dies alles trifft die Gewalttat des zweiten Schöpfungstages nicht, gewiß,
ich leb ja in gefallener Schöpfung, und die Wasser, die du, Herr,
sammeltest und voneinander schiedst, die aren in nichtgefallner
Schöpfung. Aber in der Schönheit der gefallnen Schöpfung liegt ein
Abglanz und ein Vorschein heiler Schöpfung, wenn man mit Sehnsucht
und Liebe des Herzens schaut.
Und mit Liebe zum Schöpfer vollendet sich der zweite Tag.
Du, Herr, sammeltest die Wasser des Euphrat, der am Ararat entsprang, die
Wasser des Tigris, der das Zweistromland bewässerte, in dessen
Fruchtbarkeit die Schrift entstand, und Gihon und Pischon strömten in
Eden.
Du ließest entstehen den Quell der Donau, über welchen Hölderlin eine
orgelnde Hymne dichtete, die mir, bevor ich dich kannte, Religion war auf
dem Weg zu dir; und den Vater Rhein, den Strom der deutschen
Märchenerde; und den Neckar, an welchem der Turm von Tübingen ruht.
Du ließest den Quell des gelben Vaters Ägyptens, des lotossäumigen
Nilstroms, im Dunkeln, und ließest die Wasser sich sammeln zum
schwarzen Niger. Die Amazone des Urwalds, den Amazonas, ließest du
werden, und den herrlichen Jangtsekiang (den Blauen Strom) und den
Huanghe (den Gelben Strom) und Majia-He im Reich der Mitte.
Die Rote See machtest du nicht rot. Das Mittelmeer ließest du schaumige
Muscheln tragen. Du teiltest die See, wie man einen Apfel hälftet, und
winktest auf dem Meer mit weißer Hand.
Du ließest werden Ems und Weser meiner Heimat, und die jadegrüne Jade
Frieslands. Du ließest werden die Nordsee, mit dem warmen Golfstrom,
und den Atlantik, den Stillen Ozean mit seinem pazifischen Frieden und
die Indische See mit schönen fruchtbaren Inseln.
Du ließest sich sammeln die Thamis, wo der schwarze Schwan von Avon
singen wird, die Mündung der brabantischen Schelde, wo der
Schwanenritter erschien, und den Schwanenteich zu Norden, wo ein
einsamer Poet in Trauer wandelte - bei den Trauerschwänen beschwör ich
dich, Geliebte!
Und die Jungfrau Terra, rund wie das Schönheitsideal der Tang-Zeit, zog
den Schleier der silbernen Wasser zur Seite und offenbarte ein herrliches
Antlitz, schwarz wie eine schwarze Madonna oder schwarze Jade; mit
Nasenbergen, Wangenhügeln, Augenteichen, Kinriffen, Ohrgrotten und
Lippenwellen. Und die Stirn war umweht von rosigem Wolkenhaar. Und
siehe, sie war schön. An ihrer Stirn trug sie ein Diadem, das heilige Land
von Jerusalem, die Stadt des Morgensternes.
Und Terra trat, die schöne Jungfrau, wie eine meergeborene Göttin
(gezeugt aus des himmlischen Vaters Liebe) mit einem Fuß an den
schwarzen Sandstrand von La Palma. Und sie wanderte zum goldnen Sand
der Sahara (die Erde war wüst) und zum Atlasgebirge, das den Himmel zu
tragen schien wie ein Titane.
Und ihre Brust war der Himalaya. Und ihre Scham (und sie schämte sich
nicht) der Jungfraunberg der Alpen. Ihre Finger waren die Five Mountains.
Ihr Nabel aber, in welchem eine Perle ruhte, war der Merg Moria, denn er
ist der Nabel der Welt, da dort der heilige Tempel des Allerhöchste würde
stehn.
Schöpfer, Gott, du schufest wie ein Künstler, mit jedem Schritt des Werkes
zufrieden und dennoch von kreativer Unruhe weitergetrieben. Ruhe
fändest du erst, wenn dein großer Plan eines Schöpfungsromans in sieben
Kapiteln zuende gebracht. Und auch ich will mich freuen an jedem Tag,
den du werden läßt, und schaffen in meiner Dichterarbeit.
Auch du, Herr, tust bis auf den heutigen Tag deine Werke. Dennoch bin ich
nicht wie du. Ich schaffe aus Vorhandenem, aus Geist und Natur, aus
Kultur und Seele, aus Tag und Traum, aber du, o Gott, du schufest Himmel
und Erde und alles Lebende aus dem Nichts.
Danke, Gott, daß du auf den herrlichen Gedanken gekommen, die Erde zu
schaffen!
Und du, o Schöpfer, bist herrlicher und gewaltiger als deine Schöpfung
von Himmel und Erde. Groß und herrlich bist du und nie genug zu preisen.
In Ewigkeit wird mir der Lobpreis nicht enden, Herr, du Gott des
Himmels!
Und den Poeten schufest du zu deinem Ebenbilde, du legtest
schöpferisches Vermögen in ihn, gabest ihm die Gabe aus Gnade, kreativ
zu sein, gabest Phantasie und Verstand und Glauben, dich als den Geber
aller guten Gaben zu verherrlichen.
Himmel und Erde und Meere, sie scheinen mir wie ein Mythos, sie sind
Fingerzeige und Hinweise auf die Wahrheit, sie sind nicht die Wahrheit
selbst, sondern Schatten der Idee, denn du, o Jesus, bist die Wahrheit
selbst.
Darum laß mich bei aller Mythe nicht vergessen, daß du mein Gott bist,
mein Schöpfer und mein Erlöser und mein Tröster, und dir allein will ich
alle Mythen opfern und sie zu Füßen deines heiligen Thrones im Himmel
dankbar niederlegen.
Ach mein Gott! Mir schien, Gott sei ungnädig und hart, kalt und fern. Ich
verzweifelte an der Wirksamkeit der Gebete, und meinte, Gott erhöre
meine Gebete nicht. Aber dann warf ich mich weinend aufs Angesicht und
betete: „Vater, Vater...“ Und ich bat den Herrn Jesus um seinen Trost, den
heiligen Tröster. Und ich unterwarf mich Gott als sein Knecht.
Und Gott tröstete mich durch seinen Heiligen Geist, der in mir wohnt,
Christus in mir. Und Gott sandte meinen Bruder im Herrn vorbei, der
sagte, mein Dichten sei ein Sammeln von Schätzen im Himmel, denn ich
tät es ja zu Lob und Ehre Gottes. Wer den Lohn nicht auf der Erde hat, der
hat aber ewigen Lohn im Himmel, und dieser Lohn wird größer, goldener
und süßer sein.
Darum preise ich dich, daß ich für dich leiden darf, leiden an meinem
Leben, meinem armen Dasein, und dein Geist befeuert in mir die
Sehnsucht nach deines Sohnes herrlicher Wiederkunft und der Entrückung
in die Lüfte; dein Geist befeuert in mir die Sehnsucht, die heiße Sehnsucht
nach dem ewigen Leben im Paradies, in der schönen Jeruschalajim, der
hochgebauten Stadt. Ach, wär die Stunde da!
Dann wollt ich weiter dich preisen, aber besser, heiliger und
vollkommener, denn du bist der Leiter meines Lebens, der Erlöser meines
Geistes und Leibes und der Tröster meiner Seele und Gemütes. Du bist der
Herr! Du bist die Majestät im Himmel, die Lobpreis verdient, und von der
ich den Lohn allen süßen Trostes und herrlicher Glückseligkeit dankbar
empfangen darf in der Stunde, da ich meinem Heiland gegenüberstehe.
Herr Jesus, ich grüße dich mit dem Kuß der Liebe, und ich bitte dich
demütig, daß du weiterhin all mein Dichten leiten und erfüllen mögest mit
deinem Geist, der mir sagt, daß alles, was lieblich und wohllautend und
eine Tugend, bei mir sein soll.
Du schufest den Ozean des Nordens mit seinem eiskalten Glanz, seiner
metallenen Härte und silbernen Unterkühltheit, mit seinen herrischen
Fluten, seinem männlichen Brausen, wie einen kaltherzigen Frostriesen
machtest du das nördliche Meer, wie einen rationalen Engländer oder
einen germanischen Donnergötzen, der polternd durch die Eisweiten reitet.
Du schufest den Ozean des Südens mit seinen heißen Fluten, seinen
fließenden Silberblicken, seinen geöffneten feuchten Wellenlippen,
stöhnend vor Brunst, wallend vor Leidenschaft, schwülstig in seinem
Aufwallen von stürmischen Gefühlen, welche branden wie ein Meer aus
Feuer, eine wütende See der Leidenschaft, wie einen italienischen Poeten
machtest du den südlichen Ozean, wenn er seine Madonna mit
schluchzendem Mandolinenlaut besingt oder wie eine mittelmeerische
schaumhafte Liebesgöttin, welche bloß und schön auf ihrer Muschel
einherzieht.
Und mitten zwischen ihnen legtest du den Weg der Erde frei, den goldenen
Mittelweg, und da gabest du der Erde Verstand und Gefühl, Leidenschaft
und Vernunft, Poesie und Philosophie, Theologie und Minne, und du
ließest über die Erde kommen drei Zeitalter der Sehnsucht: das Zeitalter
der großen Mythe von der Insel der Glückseligkeit, das Zeitalter der
Jungfrau süßer Minne und das Zeitalter der romantischen Natur mit der
unendlichen Sehnsucht nach dem Ewigen.
Und auch ich, ich wandle auf dieser Erde, die ihre Sehnsucht durch das
Jammertal trägt, daß das Jammertal zu einem Quellgrund wird, und es
fließen daselbst die Brünnlein der Hoffnung, der Hoffnung auf den
Himmel, der Hoffnung auf die Fluten göttlicher Liebe, der Hoffnung auf
das Paradies, und alle Hoffnungen münden in Eine ein, daß ist die
Hoffnung auf die Erkenntnis des Herzens Gottes!
Den Blumenstrauß, den der Hebräer Tor gern der fernen Lilith gebracht
hätte, da er sie liebte, diesen bring ich nun dem dar, der der Schöpfer der
Blumen, und nicht nur der Blumen, sondern auch von Kraut und Gras und
allerlei Bäumen.
Pfingstrosen Chinas schuf der Herr in seiner weisen Voraussicht als
Verheißung auf die Erweckung im Reich der Mitte und als Zierde für den
Päonienblütenpalais von Guefe, der schönsten Frau der Tang!
Lilien schuf der Herr in seiner großen Reinheit zum Zeichen für die
Tugend der klugen Jungfraun, zum Bilde für die großen Mondaugen eines
schönen Weibes.
Rosen schuf der Herr in seiner großen Liebe, und er gab sie den
Menschen, um die Liebe zu ihrer Geliebten in feuriger Minne
auszudrücken. Und er machte ihre Schönheit mit dem Dorn zum Sinnbild
der geheiligten Sünderin. Und er ließ sie blühen im purpurnen Blute, denn
an dem Dorn des Kreuzes vergoß der Herr sein Blut und bewies damit die
Liebe Gottes zu allen Kreaturen.
Veilchen schuf der Herr in seiner unendlichen Barmherzigkeit als Blume
für die lieben Großmütter und ebenso zum Bilde für die veilchenaugigen
Griechinnen, welche anmutige Schwestern sind, und zum Gefäß eines
herrlichen Duftes, der wie Weihrauch aufsteigt mit den Gebeten der
Heiligen.
Vergißmeinnicht schuf der Herr, damit der Mann in seiner unerwiderten
Liebe nicht den Tröster vergesse, der ihm alle Tränen von Wimpern und
Wangen küssen will mit seinen Feuerlippen und Balsammunde.
Passionsblumen schuf der Herr in seiner großen Hingabe an seine
Geschöpfe zur Erinnerung an die Passion seines Sohnes Jesus Christus.
Nelken schuf der Herr in seiner großen Zuneigung für alle jene, welche
Liebe fühlen, aber nicht ausdrücken dürfen, orangene Nelken, welche wie
Morgenröte glühen, verschwiegene Schwestern der roten Rosen.
Und die Bergamotten-Orange schuf Gott an diesem Tage zum Zeichen für
Salomos Liebe, der der Fürst der Liebe geheißen ist, und ein Vorschatte
war des Sohnes, denn die Bergamotten-Orange ist immergrün wie Christus
ewig, und seine Frucht erfrischend.
Die Eiche schuf Gott und den ganzen Eichgrund, auf daß darin
dereinstmalen David dürfe wandelnd, und die Herrschaft seines Sohnes
währe ewig!
Die Blutbuche schuf Gott mit großer Trauer um den Mann Tor, der sich
unter die Blutbuche legen wird und sein Leben auszuhauchen hofft, aber
„Gott fand ihn in seinem Blute liegen und beschloß bei sich, er solle leben
und schön werden“!
Den Wacholder schuf Gott mit Trauer und Versprechen von Trost, auf daß
Elia eines Tages, wenn er sterben wird wollen, daselbst von einem Engel
Gottes gestärkt wird und getröstet mit schlichten, schlichten Dingen, die so
kostbar sind.
Die Zeder schuf Gott an diesem Tag als einen König der Bäume, denn es
wird die Zeder sein ein Zeichen für den Gerechten, welcher alle andern
Menschen überragt. Unter Zedern wird der Fürst der Liebe lagern und
seine Liebe seiner Braut bezeugen.
Die Zypresse schuf Gott an diesem Tage mit großer Liebe für die
Griechen, welche sich am Tage des Todes ihrer Geliebten mit
Zypressenzweigen das Haupt bekränzen und heulen und klagen wie
Klageweiber, denn noch war ihnen der sterbende und auferstehende Gott
in Wahrheit nicht begegnet, der Sieger über den Tod.
Die Myrte schuf Gott an diesem Tage für alle Liebenden, denn in ihrer
Liebe, der Liebe eines Mannes zu einer Frau, hatte Gott ein Abbild
geschaffen seiner Liebe zu seinem himmlischen Volk.
Die Myrrhe schuf Gott mit großer Freude an diesem Tage, und die Narde
in Indien ebenso, denn es würde gebraucht das Harz derselben zum
heiligen Öl für den Propheten, Priester und König, welcher Gesalbter des
Herrn heißt.
Das Gras und des Grases Blume schuf Gott an diesem Tage zum Zeichen
der Demut und Erkenntnis für seine sterblich gewordenen Menschen, denn
sie sollten erkennen, daß des Menschen Leben ist wie Gras und Grases
Blume (die Gänseblümchen auf dem Rasen): Am Morgen und Mittag
wenden sie ihre Häupter und Spitzen der Sonne zu, aber am Abend werden
sie welk und gemäht.
Und sie müssen davon.
Darum lehre mich bedenken, daß ich sterben muß, auf daß ich klug werde
und nach dir frage, Herr, denn du schauest vom Himmel, ob einer der
Menschen klug sei und nach dir frage. Denn wer nach dir fragt, der wird
gewißlich Antwort finden, und wer suchet und bittet und anklopfet, der
wird finden und empfangen und ihm wird aufgetan das Tor zum
himmlischen Jerusalem, so er stirbt in deinem Namen, Jesus.
Und du schufest an diesem Tage auch die Ähren mit ihren goldenen
Halmen, und es ward noch kein Unkraut zwischen den Weizen gesät, denn
noch war der Feind nicht auf den Plan der Heilsgeschichte getreten. Der
Weizen und der Roggen, die Gerste und der Reis, das Sorghum-Korn und
Mais und Hirse und Cous Cous, alle geriten wohl und neigten sich demütig
vor dem sanften Winde, deinem sanften Geiste.
Und zahllos wie die Halme der Gräser auf den weiten Wiesenebenen von
Scharon wird sein die Zahl der Heiligen und Erlösten in der neuen Stadt
am Ende der Zeit, eine unzählige Zahl, und der Same Abrahams, des
Vaters des Glaubens, wird unzählig sein wie die Staubkörner auf der Erde,
die Sandkörner am Meer und die Sterne am Himmel.
Und so atmete aus mit purpurner Glut des Abends der dritte Tag sein
Leben, um sich Gott als Opfer darzubringen.-
Und am Himmel flog hin der Adlerstern. Der Adler war an Jovis’ Throne,
trug seine Befehle und seine Blitze aus. Er holte den griechischen Jüngling
Ganymedes in den Himmel des Jovis, indem er ihn ergriff und in die Höhe
riß: auf Adelers Fittichen, wie es im Liede heißt. Und Ganymed ward
Mundschenk des Göttervaters. Und darum, weil die Seele hinaufsteigt in
ihre Heimat, ließen die Griechen einen Adler aus dem Feuer steigen, wenn
des Toten Glieder Asche wurden. Weil er den allwissenden Adler, der
allein das Licht der Sonne schauen kann, liebte, ließ Jovis ihn an das
Firmament versetzen, wo er in der Milchstraße, nah am Äquator, steht. Er
besteht aus drei Sternen, zum Lobe der Dreieinigkeit, die alle in gleicher
Entfernung von einander stehen; der mittlerste der drei (wie bei den drei
Engeln, die Abraham im Hain Mamre begegneten, der mittlere Engel der
Engel des Herrn war) ist Atair, ein Stern der ersten Größe.
Und am Himmel schuf der Höchste Capella im Sternbild des Fuhrmanns,
und Capella war der himmlische Name der Jungfrau Aega, welche in einer
Höhle ein Kind aufzog, das war Jovis, der geboren worden auf Kreta. Sie
hatte solchen Glanz, daß sie die Giganten blendete, da diese den Himmel
stürmen wollten. Dieser Glanz kam von der Gnade Jovis’, da sie ihn auf
Kreta aufzog, und zum Lohne dafür versetzte er sie ans Firmament. Von
ihr wird auch gesagt, daß sie die Braut des syrinxspielenden Gottes war.
Und am Himmel tauchte Ambrosia auf, eine der sieben Plejaden, der
Töchter des Heroen, der den Himmel auf seinen Schultern trug, Atlas
geheißen von den Griechen. Weil Ambrosia an den Himmel versetzt ward,
ward das Himmelsbrot der unsterblichen Götter Ambrosia genannt, denn
am Himmel ward auch sie mit demselben gespeist, wie es zum Trank den
himmlischen Nektar gab.
Die Plejade Maja ward von Orion sieben Jahre lang umworben, bis sich
Jovis über sie erbarmte (und über ihre triefaugige Schwester Merope) und
sie als Plejade an den Himmel versetzte. Ihre Schwester Electra aber,
dieselbe wird genannt eine Braut des Höchsten, Jovis’ Braut, und darum
ward auch sie zu den Himmlischen gerechnet und bildet mit ihren
Schwestern das Siebengestirn. Die Römer nannten die Plejadenschwestern
Vergiliae, das heißt verdolmetscht Frühlingsgestirn, weil der Frühling die
Jahreszeit der Liebe ist.
Und unter den celestialen Lichtern waren auch zu finden Cassiopeia und
Andromeda, ihre Tochter. Da Cassiopeia stolz war und sich für schöner
hielt als die Meeresnymphen, ward ihre Tochter Andromeda an einen
Felsen gebunden und einem Meeresdrachen ausgeliefert, dem Leviathan.
Sie war schon verdammt, und der Leviathan nahte bereits, als der herrliche
Heros Perseus nahte, ausgestattet mit göttlicher Rüstung, und befreite
Andromeda aus ihren Ketten, rettete sie vorm Rahab-Drachen und freite
sie zur Braut und führte sie in sein Vaterland. Jovis aber versetzte sie (und
ihre Mutter, die späzter Buße tat, als sie sah, daß ihrem Hochmut der Fall
der Tochter gefolgt war) an das Firmament.
Und am Himmel entstanden die vier Gegenden mit ihren Sternen und
Bildern, und die südliche Himmelsgegend ward Antica genannt, die
nördliche Postica, die östliche Antesinistra (der Himmel der Sinesen) und
der Westen Antedexira.
Und am Himmel, aus Gnade und Erbarmen des Höchsten, ist auch
Antinous zu finden, der schönste Jüngling, welcher den Kaiser des Orients
liebte, und aus religiösem Wahnsinn und übergroßer Schwermut ertrank er
im gelben Fluß. Sein Sternbild ist auf der nördlichen Halbkugel zu finden
und besteht aus neunzehn Sternen, wovon einer veränderlich ist, wie auch
des Antinous Gemüt je nach dem Stand der Frühlings- oder Herbststerne
veränderlich war.
Und es ward am Himmelsfirmament der Ara-Altar gefunden, den einige
als einen Opfertisch und andere als ein Weihrauchgefäß darstellen, und auf
diesem Altar sollen die unsterblichen Götter geopfert haben, bevor sie zum
Kampfe gegen die dämonischen Cyclopen auszogen. Und darum besteht
der Altar auch aus sieben Sternen, der Zahl der himmlischen
Vollkommenheit, oder aus vier Sternen, der Zahl der Gestalten vor dem
Throne des Höchsten und der Zahl der Bücher des Lebens.
Und am Himmel ist auch zu finden das Bild des Arcas, der der Stammvater
aller Arkadier wurde, die in dem Hirtenlande Arkadien lebten (auch ich
war in Arcadia). Er war ein Sohn Jovis’ und wurde von einem Wüterich
geschlachtet, dem Jovis zum Mahl vorgesetzt, um zu sehen, ob dieser ein
Gott sei; derselbe aber machte Arcas wieder lebendig und ließ ihn in den
Tempel des Jovis eintreten, von wo er ihn an den Himmel versetzte (und
seine Mutter Callisto ebenfalls): die große Bärin und der Bärenhüter.
Und Arcturus ward am Himmel gefunden, den die Araber Hüter des
Himmels nennen (Haris el Semä), von dem aber auch Ben Jonson meinte,
er sei der verherrlichte Arthur, König des Grales auf der Insel der Seligen,
Avalon.
Und die Argo, das Schiff, mit dem die Argonauten ausfuhren, das goldene
Vlies zu finden (ein Vorschatte des reinen unbefleckten Lammes Christus),
dieses Schiff ward zu seinem ewigen Ruhm ans Firmament versetzt.
Und die Jungfrau des Goldenen Zeitalters, Asträa, ward an den Himmel
versetzt, denn im Himmel herrscht ein ewiges Goldenes Zeitalter, da gibt
es keine Kriege, kein Leid und Geschrei und keinen Tod. Denn als auf der
Erde der Sündenfall stattgefunden hatte, verließ Asträa die Erde und
wandte sich dem Himmel zu (wie auch die Perser sagen, daß die Gottheit
der Liebe den Baum der Unsterblichkeit auf den Mond versetzte).
Auriga ward am Himmel glänzend gemacht, welcher mit seinen Ziegen (er
ist der Hirte) zum Teil in der Milchstraße steht und zum Teil auch
außerhalb derselben. Er steht zwischen den sieben atlantidischen
Jungfraun und der großen Bärin, der Mutter des Hirtenvaters Arkas.
Aurigas erster Stern kann als der glänzendste Stern des gesamten Himmels
gefunden werden.
Der Becher des Gottes aller Poeten steht am Himmel, westlich der
Jungfrau, mit 17o Grad gerader aufsteigung und hundertzwanzig und
einem Sternen. Es ist ein Becher mit Wein, denn in Raserei haben alle
Poeten als Propheten geweissagt (und sie sind Propheten, denn sie sind
Jünger des Sohnes Gottes).
Berenice war eine ägyptische Jungfrau, welche einen Mann mit großer
Treue liebte, und als er in den Krieg zog, schnitt sie sich das lange Haar
mit herrlichen Locken ab und brachte es in den Tempel der Gottheit der
Liebe. Wo es aber nicht wieder gefunden ward, denn es war als das Haar
der Berenice an das Firmament versetzt worden, eine Sternschnuppe nah
am Schweife des Löwen, in vielen Nebeln verschleiert, denn das Haar
einer Jungfrau ist ihr Schleier. So haben die unsterblichen Götter des
Himmels die Treue wahrer Liebe gewürdigt.
Icarius war ein Hirte, der seinen Mitgenossen den Wein der Seligkeit zu
trinken gab, sie aber verschmähten die Heilkraft dieses Trankes und
erschlugen in lästerlicher Trunksucht und Wahnsinn den Hirten, der mit
seiner Tochter Erigone ans Firmament versetzt wurde: Icarius ist der
Bootes.
Brome war eine Nymphe, die den Gott des Weines und des mystischen
Brotes erzog, und ward von dessen Vater an den Himmel versetzt mit ihren
Schwestern als Hyaden.
Und über alle herrschte Chardaniel, wie die Juden den Engel nennen,
welcher der Engel des Firmamentes ist und sieben Myrionen Mal größer
ist als die andern Engel, er strahlt immerfort von zwölf weißen Blitzen.
Und eine Hyade war die Schwester des Hyas, der von einem wilden Tier
zerrissen worden, worüber sie und ihre Schwestern so weinen, daß sie
Regen bringen auf die Erde. Und ihr Name war Cleia.
Und Cygnus war der Sohn des Gottes der Seher. Und er starb aus großem
Leid, weil ihn sein Freund verlassen hatte. Er ward an den Himmel
versetzt, wo er mit dem Haupt nach unten (wie Petrus dereinst in Rom) am
Kreuz des Nordens hängt. Um seinetwillen ward der Schwan, der nicht zu
den unreinen Tieren des mosaischen Gesetzes zählt, sondern der
Kormoran, zum Lieblingstiere der Dichter erwählt. Denn der Schwan, wie
Platon sagt, singt, wenn er seinen Tod kommen sieht in Vorausschau, denn
er freut sich auf die Unsterblichkeit seiner Seele und sein Schwimmen in
den elysäischen Seen. Und darum wird der Schwan von den Chinesen auch
Himmlische Weißgans genannt.
Und da die Jünger der großen Gottheit diese loben mit Zymbeln und
Triangeln, ward die Triangel (Deltoton) an das Firmament versetzt, am Fuß
der Andromeda, die mit ihren klingenden Füßen Lobtanz tanzt, und nahe
am Widder, der geopfert ward an Isaaks statt.
Und zur Mahnung für alle Sünder, sich dem Bösen nicht länger
auszuliefern, sondern an den Retter Christus zu glauben, ward der Drache
ans Firmament geheftet mit feurigen Pfeilen. Er war der lenäische Drache,
welcher zehn Köpfe hatte und von Herkules getötet ward. Er war der
Drache, der in den hesperischen Gärten am Apfelbaum sich ringelte. Er
war der Drache, der aus der deukalionischen Flut auftauchte und den
ganzen Erdkreis versuchte. Er war sogar am Orakel des castilischen
Quells, von welchen giftverpesteten Wassern viele Dichter tranken, bis
Apollon den Drachen tötete, die kastalische Quelle reinigte, und Weisheit
zum Lobe und zur Verherrlichung des allmächtigen Gottes strömt nun
daraus. Ich selbst trank auch davon, es war süß - wie der Kuß meiner Muse
- und trunken von diesen „heilig-nüchternen Wassern“ sing ich nun
Christus meinen Lobpreis!
Und am Himmelsfirmament kniet ein Mann, den man Engonasi nennt, und
er kniet und streckt seine Arme zum himmlischen Vaters aus. Und er kniet
zwischen der Krone und der Leier. Und sein Mitknecht Opiuchos betet mit
an, ein gelber Stern, denn er war ein Asiat, mit den schwarzen Haaren des
nächtlichen Himmels, denn Gott wekcte ihn immer in der Nacht zur
Anbetung auf.
Und zwei Brüder, von denen der eine unsterblich und der andere sterblich,
waren am Firmament zu sehen, und der unsterbliche Zwilling trug eine
Lyra und der sterbliche Zwilling trug eine Keule. Und sie liebten einander
und ließen sich oftmals den friesischen Fischern sehen. Und sie wurden als
Sternbild Gemini genannt.
Und Hesperus liebte die atlantische Tochter Hesperis, die Hoffnungsreiche
ebenfalls ihn, der ihre Hoffnung war. Und er stieg auf den Berg, der den
Himmel trug (den Atlas) und ward in einem großen Sturme
hinweggerissen. Gott nannte den schönen Abendstern Hesperus, weil er
ihn nicht mehr Luzifer nennen wollte. Manchmal nennt man Hesperus, die
Hoffnung, auch Vesperstern, weil er gnädig lächelnd schaut aufs
Vespergebet.
Und die Ozeaniden oder Atlantiden (denn Atlantis im Ozean war die Insel
des Goldenen Zeitlaters) hießen: Arinoe, Ambrosia, Baccho, Bromia, Erato
(nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Muse der erotischen Lyrik),
Eruphia, Eudora, Cisseis, Coronis, Cardia, Nysa, Phäsyla, Polyhymno,
Polyxo, Phäo, Pytho und Synecho. Sie waren Geliebte des Gottes von
Wein und Brot, und wurden deshalb von dessen Vaters ans Firmament
versetzt.
Hydrochous ward am Himmelsfirmament gefunden, aber er leitete, der
Wassermann, kein neues Zeitalter ein, sondern er war nur Zeichen der
Herrlichkeit Christi, des Einzigen, der ein neues Zeitalter eingeleitet.
Die Krone, welche die Gottheit der Liebe einst der Jungfrau Ariadne zum
Geschenk gemacht, als sie sich mit dem herrlichen sterbenden und
wiederkehrenden Gott vermählte, die Krone ward an den Himmel versetzt
und wartet auf die Heiligen, als Krone des Lebens.
Und schließlich ward auch die Lyra jenes Poeten, der um seiner Geliebten
willen in die Unterwelt stieg, wiederkehrte ins Leben durch die Gnade
Gottes und schließlich von wilden rasenden Frauen zerrissen wurde, weil
er ihr Wollust- und Wahnlied nicht singen wollte, sondern wollte weiter
Gott im Himmel mit seiner Lyra preisen, an den Himmel versetzt. Seiner
Lyra wohnte und seinem Gesange solche Macht inne, daß Totes lebendig
wurde und Unbewegliches ihm folgte. Und er besang die unsterblichen
Götter in frommen Hymnen. Diese Lyra ist, wie alles Lyrisches sollte
Prophetisches sein, nah am Schwan zu finden (Cygnus am Kreuz des
Nordens). Und ihr hellster Stern heißt Wega. Es muß Wega einer der
unsterblichen Poeten sein, Dante oder Milton oder Klopstock. Oder ist
Wega eine der Musen, Beatrice oder Laura oder Diotima? Aber alle Sterne,
seien es Wega oder Sterne vierter Ordnung oder die vielen teleskopischen
Sterne, strahlen ihr geliehenes Licht dem Schöpfer zurück, der sich
geoffenbart hat in Christus dem Herrn! Ihm sein Lob und Preis und Ruhm,
jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit! Selah!
Sol (Sonne) trat hervor aus seinem Himmelszelt, wie ein Bräutigam, und
er wusch sich in dem Tau des Morgens, und er kämmte sein goldenes Haar.
Sein weißes Antlitz glänzte vor großer Herrlichkeit, und er legte die
goldene Rüstung an, schirrte die weißen Rosse vor seinen goldenen Wagen
und reiste zum Zenit, von dort aus seinem himmlischen Auge mit
glühendem Blick auf seine Braut zu schauen.
Und er warb um sie im Frühling, da seine Kraft die Rosen belebte, im
Maien, da sein mildes Leuchten die Apfelbäume blühen machte in
rosaweißem Blust, und er warb um sie im Sommer, da seine Hitze die
Nymphen in den Seen erfreute, daß sie sich badeten in der Wärme des
Tages, und er warb um sie mit seinem güldenen Glanz im Herbste, da das
Gold der Bäume wetteiferte mit dem Golde Sols, und da seine glühenden
Blicke auf den weißen Schleier des Nebels fielen, und er warb um sie im
Winter, da der weiße jungfräuliche Schnee mit dem Glanz der Reinheit
Antwort gab auf sein Werben und sagte: „Willst du mich treffen, mich
Frau Erde, so warte bis Frühling, und dann am Sonntag in der Frühe, da
werden wir uns treffen und gemeinsam das Blühen der Liebe feiern!“
Und Sol stand auf dem Gipfel des Himmels, und er vergoß das purpurne
Glühen seines Blutes, und er sank in die tiefe Nacht, am Morgen zu
erstehen, am Sonntagmorgen mit der Herrlichkeit des Morgensternes.
In der Nacht aber waltete die Jungfrau mit ihrem milden Antlitz, Luna, die
schöne Sandte. Sie hatte wahrlich ein Mondgesicht und trug ein weißes
Kleid, bestickt mit Tautropfen und der Zierde der diamantenen Sterne, die
aber verblassten vor der herrlichen Silberglorie ihrer Erscheinung. Und sie
lächelte lieblich zu dem träumerischen Hirten Endymion, der in Karien auf
dem Berge Lat in einer Höhle schlief, und sie küsste ihn mit ihren blassen
Lippen und ließ rinnen die kristallenen Augentropfen aus ihren
Lilienkelchen, und es waren Tropfen der Sehnsucht. Und Endymion
träumte von der Schönheit Lunas, wie sie wandelte am Meere des
Himmels, herzutrat zu ihm und ihn umarmte. Und er sah ihren
Keuschheitsgürtel, den sie um die Hüfte trug, und auf dem Gürtel war ein
Mondstein angebracht. Und die Nacht wob Lunas Haar wie einen
fließenden Schleier um ihr weißes Gesicht, in denen tiefe Augenkelche
schlummernd glänzten. Und Endymion floß über vor Wonne und
himmlischer Lust, denn es war ein so überaus sanftes Licht, das da vom
Antlitz Lunas ausging, und es war so eine romantische Süßigkeit auf ihren
lächlenden Lippen, und es war eine so selige Stille um ihn her, daß er das
leise Singen hörte, und es war das Singen der Nachtigall, die in einem
weißen Rosenbusche saß, und es war die Sprache Lunas:
„Nun biet ich dir Adieu, mein Lieber, denn ich muß scheiden! Ich muß
sinken in die feuchten Wellen der Zeit und untergehen in den Feuern des
Tages, weh mir! Ich klage und weine, siehe, meine kristallenen Tränen
tropfen aus den himmlischen Lilienkelchen auf den schlummernden
Busen, aber ich muß davon, und wir werden uns nimmer wiedersehen.
Adieu denn also, mein Lieber!“ Und Luna schied.
Und da schimmerte herauf die herrliche Morgenröte. Alle Vögel
Griechenlands und Israels, alle Vögel vom Indus bis zum Rhein, hoben
allezeit an, die Morgenröte zu grüßen. Sie streute mit ihren rosigen Armen
weiße und purpurne Rosen über die Flur. Sie trug in ihren langen goldenen
Locken Rosen- und Päonienblüten. Und im Haare, über der Stirn, trug sie
ein wunderbares Diadem, das war der Morgenstern.
Der Morgenstern, den die Heiden nach der schönen Venus benannten, war
geschaffen von Gott zum Gleichnis für den sterbenden und erstehenden
Christus. Er war derselbe wie der Abendstern, der in der Umnachtung sein
purpurnes Blut vergoß, durch die Grabesnacht wanderte, und in seiner
weißen Glorie am Morgen vom Schöpfer erweckt ward.
Und der Morgenstern funkelte in siebenfältig-weißem Licht mit seiner
kristallen-diamantenen Krone am Haupt des Himmels, und er sagte: Schau
mich an, aber anrühren kannst du mich nicht! Und Gott wird diesen
Morgenstern, der aufgegangen ist, in unsern Herzen leuchten lassen, ihr
Christen, denn es wird Christus in unsern Herzen wohnen durch den
Heiligen Geist.
Und Christus wird der Bräutigam sein, der da suchet seine Braut, das ist
sein himmlisches Volk, und Christus wird ihr Tröster sein, der bei allem
Liebesweh (wie Tor um Lilith weinte) der Trost und die Verheißung der
ewigen Seligkeit ist, und Christus wird kommen vom Haupt des Himmels
und uns, die wir an ihn glauben, auferstehen lassen zu ihm in den Äther
hinein, dort mit ihm zu leben in alle Ewigkeit, denn der Morgenstern hat
bereitet eine himmlische Stadt, die herrlicher ist als das Firmament, und es
wird darin wohnen eine Schar, größer als die Schar der Sterne am Himmel,
und die Stadt wird heißen: die neue Jerusalem und wird geheißen werden
mit einem neuen Namen.
Das alles war Gottes Plan, als er Sonne und Mond und Morgenstern und
alle Sterne erschaffen, den Menschen zu leuchten und die Zeit zu messen,
die am Ende aufgehen wird in Ewigkeit.
Damit endete der vierte Tag.
Und Gott schuf die liebliche Nachtigall und gab ihr eine himmlische
Stimme. Und der jugendliche Nachtigallsänger sehnte sich nach der Rose,
welche in purpurnen Farben süß duftete und im Herbste so anmutig die
roten Tücher ihrer Blütenblätter sinken ließ, im Frühling aber blühte in
verschlossener Keuschheit, gewandet in Purpurgewänder. Und er sehnte
sich und sang seiner Sehnsucht die schönsten Hymnen. Er saß in der
Nacht, im silbernen Mondschein und linden Frühlingsduft in einem
Myrtenbusch und sehnte sich nach der persischen Rose und sang:
„O Rose, wie herrlich schön bist du! Deine purpurnen Gewänder stehen dir
so gut, und deine Blütenaugen, und deine feinen Blätterhände, und selbst
deine Dornen, mit denen du deine Keuschheit schützt vor den
Versuchungen durch böse Würmer, alles an dir scheint mir wahre
Schönheit zu sein!
Ich bin bezaubert von deinen Düften, es sind die weltweit berühmten Düfte
des Rosenöles, ein lieblicher Duft, der meine Sängerseele in Verzückung
setzte. Ja, deine Düfte machen mich närrisch, daß ich, wenn ich meditiere
im Mondschein über des Schöpfers Schönheit, an nichts andres denken
kann als an deine Schönheit. Und im Herbste, wenn dunkle Wetter mit
heftigen Stürmen deinen Hain umrauschen und du dein rotes Tuch ganz
keusch zur Erde fallen läßt, dann würd ich dich so gern mit meinen
weichen Vogelschwingen einhüllen und wärmen und dich schützen vor des
Winters scharfer Schneide.
Du bist meine Sehnsucht, denn in deinem Rosenbusch möcht ich mich
gerne bergen und ein Nest in deinen Blüten finden. O wir würd mir im
Maien! wenn du süß duftest und deine Wangen so weiß und rot leuchten,
und deine Augen, die Knospen, so schimmern, und deine Lippen, die
taufeuchten Rosenblütenblätter, zum Kusse gespitzt - mir alles so
antgegenlacht!
Dann würf ich mich gern in deine Arme, aber deine Dornen wehren mir.
Dann macht ich mich so gerne innig eins mit dir, aber wir sind getrennt,
denn du sitzt jenseits des Euphrat und ich diesseits. Und so bleibt mir
nichts, als deinen Purpur zu missen und nur den Purpur meines
Nachtigallenblutes und den Purpur meiner Liebesglut in wehe
schluchzenden Hymnen zu verströmen.
Darum sing ich dir von dem Blut und dem Purpur eines Königs und von
der Schönheit des Schöpfers, daher du deine Schönheit zu danken hast,
Geliebte. Und ich bete in neunfältigen Psalmen zum Schöpfer, daß du
seine Liebe erfährst wie ich, denn er machte dich nicht nur zum Gleichnis
seiner Schönheit, sondern zum Gleichnis der Liebe überhaupt, einer Liebe,
die in Purpurblutströmen verströmt und die Auferstehung ewiger Liebe
feiert!
Und ich würde mich so gern über den Phrat schwingen und mit meinem
Schnabel deine Blüte küssen, o wie würd ich da singen einen herrlichen
Hymnus der Liebe! Aber so sing ich einsam im Myrtenbusch, einsam im
Mondschein, trauernd um deine herrliche Schönheit, die mir nicht
verliehen ist, Elegien in süßen Reimen. O Rose, o Rose, ich lieb dich,
wahrlich, wahrlich, ich singe dir: Ich liebe dich!...
Und von der Treue der Schwäne hat schon manches Lehrbuch geschrieben.
Ich aber will ihre Schönheit rühmen und erzählen, wie sie mir begegnet
sind in den schweren Zeiten.
Ich ging einsam am Schwanensee im Februarnebel, und wie der Nebel floß
meine Seele aus laute Weh- und Schwermut hin, denn ich liebte Diotima,
welche die Göttin meiner Träume war, und ich sah sie, wie Morgaine le
Faye, in einem Zauberbilde durch den Nebel fließen, und ich kehrte in
meine Eremitage zu weinen.
Da trat die Seele eines blauen Schwanes in mein Zimmer und rief mich
zurück zum Schwanensee. Und ich ging zum Schwanensee und sah, das
erste Mal in meinem Leben, einen schwarzen Trauerschwan an der grünen
Pforte auf mich warten. Und ich sah sein Auge, welches aus einem
einzigen Rubin gemacht war, und er vergoß unter den schwarzseidigen
Lidern eine blutige Träne, denn er litt sympathetisch mit meiner
Schwanensängerseele.
Und wir teilten ein Stück vom Brote, und ich redete mit ihm und gab ihm
den Namen Arminion. Und immer, wenn ich zum Schwanensee kam mit
Trauer in der Seele und Umnachtung um meinen klagenden Geist, da
grüßte mich zum Troste Arminion.
Aber eines Tages war er fort, er war erschlagen worden, und seine
Schwanin, Thusnaldea, sie fraß nicht mehr, sie litt und starb aus Treue,
denn sie wollte ihm folgen in den Staub der Erde. Und der Schwanenhirte
flößte ihr ein Öl ein, aber sie weigerte sich der Medizin und starb
Arminion nach.
Und ich hängte meine elegische Harfe wie Jeremia in die Weide, die
Trauerweide, welche sich silbern über den stillen See neigte, und ging
ebenfalls zu sterben, denn auch meine Hoffnung war verschwunden und
dahin. Aber Gott erweckte mich und gab mir meine Harfe wieder, daß ich
den Vater und den Sohn im Geiste preise und rühme!
Und auf dem See ruhten die Enten, die bunten Erpel hatten ihr grünes
Regenbogenkleid an, die Weibchen trugen das franziskanisch-braune
Gewand, daß sie ihre Küken bergen könnten am braunen Schilfufer. Und
um die Enten herum paddelten die Möwen mit aufgeregtem Gemüt und
hofften auf ein Gnadenbrot des Menschen.
In meiner Kindheit sah ich immer in jenem Garten, der das Paradies
meiner Kindheit war, die Amseln bei den Büschen und Sträuchern, die
Männchen im schwarzen Anzug schienen mir besonders herrlich, anders
als bei den Menschen, wo die Schönheit die der Weibchen ist.
In demselben Garten stand eine alte Kastanie, welche ihre mütterlichen
Arme weit breitete. In ihrer Krone nisteten Tauben, welche immer
Ruckediguh riefen und Ruhu-Ruhu. Mir war dies Gurren der Turteltaube
so heimelig und so sehr vertrauenserweckender Wohllaut mit dem Klang
von Heimat und Ruhe, daß ich das Gurren der Turteltaube schöner noch
fand als den Klang des Glöckchens der alten römischen Kapelle, die hinter
der Hecke des Gartens friedlich schlummerte oder in stillen Zeiten des
Gebetes meditierte.
Die Taube wählte Gott, der sie erfand, zum Zeichen des Heiligen Geistes,
so daß der Heilige Geist wie eine Taube niederkam auf den Täufling Jesus.
Halleula dem Heiligen Geist, welcher die Salbung ist, mit welcher der
Messias gesalbt ward, Halleuja dem Heiligen Geist, der der Geist des
Friedens ist (und darum die Taube) und der Geist der Sanftmut (und darum
die Taube) und der Geist der Liebe (und darum die Taube).
Im Meere geschaffen hatte Gott auch den Riesenfisch, den manche für
einen Walfisch hielten, und er schuf ihn zum Zeichen den Propheten Jona,
denn der Prophet würde für drei Tage in seinem Bauch begraben liegen
und auferstehen, Gericht und Gnade zu verkünden.
Ich hatte einen Traum. Da stand vor mir eine Jungfrau, Chiesa geheißen,
sie schien eine Jungfrau von hohem Wert und von himmlischer Geburt. Ihr
Antlitz war so schön, daß es nicht von Fleisch zu sein schien, sondern ein
himmlisches Portrait, dem Antlitz lichter Engel gleich, klar wie der
Himmel, ohne Makel und Flecken. Auf ihren Wangen schien das Rot wie
Rosen, in Lilien gebettet, ausatmend ambrosianischen Wohlduft, mich mit
doppelter Wonne erfüllend, und ihr Duft war in der Lage, die Kranken zu
heilen und die Toten zu beleben. Es war der süße Odor des Geistes.
In ihrem schönen Antlitz flammten zwei feurige Lampen, genährt von des
Schöpfers himmlischem Licht, und die Blicke schossen aus ihren Augen
wie feurige Strahlen, so wunderbar hell, daß es mir mein Sehen beinah
benahm. In ihren Augen versuchte der blinde Liebesgott oft sein Feuer zu
entzünden, aber er hatte keine Macht über ihre Augen, denn mit
schrecklicher Majestät und grimmigem Zorn zerbrach sie seine
wollüstigen Pfeile und ertränkte die niedre Begierde.
Ihre elfenbeinerne Stirn breitete sich wie eine Tafel, auf welche die wahre
Liebe ihre lieblichen Triumphe schrieb und schrieb die Kämpfe ihrer
Göttlichkeit. Alles, was gut und eine Tugend war, stand darauf zu lesen,
denn daselbst wohnte Gutes und Ehre.
Und wenn sie sprach, waren ihre süßen Worte wie tropfender Honig, der
zwischen den Perlen von Zähnen und Rubinrosen von Lippen
hervorströmte mit einem silbernen Klang, der himmlische Musik zu sein
schien.
Auf ihren Augenwimpern saßen viele Grazien unter dem Schatten ihrer
ebenmäßigen Brauen, und jede stattete sie aus mit Grazie. Jede ließ ihr
Sanftheit zukommen. O solch ein glorioser Spiegel himmlischer Gnade
und souveränes Monument sterblicher Gelübde! Wie soll eine
zerbrechliche Feder ihr himmlisches Antlitz beschreiben, in großer Furcht,
durch den Wunsch nach besonderen Worten ihre Schönheit zu
entwürdigen?
So schön schien sie, und tausend mal tausendmal so schön, als sie vor mir
erschien, und war gewandet in gesponnene silberne Seide, mit Gold
bestickt, dessen Fäden glänzten wie zwinkernde Sterne, und der Gürtel um
ihre Taille war von reinem Gold.
Und in ihrer Hand hielt sie eine Lanze und auf ihrem Rücken trug sie
Bogen und Köcher, gefüllt mit stahlgespitzten Pfeilen, womit sie jagte das
böse Tier in siegreichem Lauf. Die Sehne ihres Bogens teilte ihre
schneeigen Brüste, die wie junge Früchte im Maien ein wenig schwellten
und bebten, durch die dünne Seide zeichenhaft zu erkennen.
Und die Jungfrau Chiesa in ihrer Schönheit führte mich in meiner
nächtlichen Phantasie zum Ufer des Meeres und sagte: „Siehe, Ichtys
kommt!“ Und da tauchte auf aus den gewaltigen Fluten der Zeit in großer
Herrlichkeit der Ichtys-Fisch. Er war ganz aus Gold, mit silbernen
Schuppen, seine Schwanzflosse Opal, seine Augen Rubin, seine Kiemen
Smaragd.
Und der Ichtys-Fisch nahm mich auf den Rücken und entführte mich in die
Tiefe. Und ich ward durch einen feuerroten Korallenwald geführt und
spürte, wie ich dadurch verwandelt wurde. Schließlich kamen wir zu dem
Muschelschloß, wo der Ichtys regierte. Das schloß war aus
hundertvierundvierzig Millionen Muscheln gebaut und von einem
herrlichen Perlmuttglanz. Die zwölf Toren waren aus Perlen gebaut. Die
Mauern waren aus unterseeischem Gold. Zu Seiten standen
Korallenbäume mit Meeresfrüchten behangen, und wer von diesen
Meeresfrüchten speiste, würde ewig leben in dieser untermeerischen Welt.
Und Ichtys prophezeite, daß dieses Muschelschloß des Meeresgrundes am
Ende der ersten Schöpfung auftauchen würde aus der Tiefe des Ozeans
(und das sei das wahre Atlantis, von dem die Griechen auch ein
Auftauchen stets sich hatten erhofft) und würde an den Saum des
kristallenen Meeres, an den kanaanitischen Strand gesetzt, von wo der
Strom des Lebens in silbernem Liquor fließen wird. Ich selbst,
prophezeiten Ichtys mir, würde daselbst die Jungfrau Chiesa sehen, und ich
wäre eingeladen zum Hochzeitsfest.
Und mit diesem Traume endete der fünfte Tag der Schöpfung.
Und Gott schuf die Hindin der Morgenröte, die weiß wie Schnee war und
mit braunem Hauch. Und sie war jene, der eine alte hebräische Weise
gewidmet war, eine Melodie, welche die große Ehre hatte, des sterbenden
Christus Worte zu tragen: Eli, Eli, lama asabthani!?
Und es war möglicherweise dieselbe Hindin, dieselbe weiße Hindin,
welche in Eirelonde Thomas den Reimer holte in das Land der Feen, wo
Prinz Oberon in einem christallenen Schloß regierte.
Und Gott schuf das weiße Einhorn, welches so rein war, daß es nur von
einer keuschen Jungfrau gefangen werden konnte. Und es heißt, der Engel
Gabriel, als Jäger verkleidet, trieb das reine Einhorn zur sanften stillen
Jungfrau Maria. Und auch dies ist Christus.
Und Gottes Stimme machte das Einhorn kreißen, und es gebar eine Herde
von Einhörnern, lauter reine unschuldige Tiere, welche leben werden in
dem Wald der Feen unter der Herrschaft des Prnizen Oberon, dem Prinzen
im christallenen Schloß. Und es wird sein der ganze geschaffene
Weltzraum nach dem großen Purgatorium ein ewiges Christ-All, in
welchem Christus Alles sein wird.
Herr, als du den Löwen schufest, den König der Tiere, den mächtigen
Aslan, da machtest du ihn zum Freunde der sulamithischen Gezlle, welche
nicht zu zittern brauchte vor dem Mächtigen, denn er war ihr Freund. Und
sie legte ihre weichen freudebebenden Flanken an seine väterliche Mähne
und schmiegte sich an.
Herr, als du den Wolf schufest, daß er ein Tragiker unter dem Monde sei
und heule in sibirischen Einsamkeiten, da gabest du ihm ein beherztes
Herz, alles Leid, das nach dem Fall der Schöpfung über ihn kommen
würde, zu tragen, und dennoch einst ein treuer Freund des Lammes war er.
Nein, du schufest ihn nicht als Diokletian des Lammes, sondern als
Mitgefährte desselben.
Herr, als du den chinesischen Tiger schufest und den afrikanischen
Elefanten und den amerikanischen Grizzly-Bären, da machtest du sie zu
Gleichnissen deiner Macht und Stärke. Du gabest ihnen Gewalt, nicht zum
Unfrieden, sondern Kraft des Lebens. Und du gabest ihnen weder Feinde
noch machtest du Elende zu ihren Opfern.
Und als du, Herr, die kleinen Füchse schufest, da wolltest du mit ihrem
Purpurpelz einen herrlichen Farbtupfer in die Schöpfung setzen, und du
wolltest sie zu einem Gleichnis der Klugheit machen. Darum heißt es in
den Apokryphen: „Seid lieblich wie die Nachtigall und klug wie die
Füchslein.“ Nicht hattest du im Sinn, die dämonischen Legenden von der
wollüstigen Geisterfüchsin in Umlauf zu setzen, welche Manneskraft und
Mannesleben aussaugt und nichts fürchtet als den Donner. Nein, du
machtest die Füchse niedlich, hübsch und unschuldig. Und sie spielten mit
den kleinen Mäusen Fangspiele, ohne ihre Leben anzutasten.
Und du machtest die vierfüßige Schlange, welche noch klüger war als die
kleinen Füchslein, und du gabest ihr ein glühendes Aug und eine herrliche
Haut, die mit dem Regenbogen im Schillern wetteiferte. Und sie lief und
lief in der Schöpfung umher und pries den Schöpfer. Nicht schufest du sie
als Zeichen des Satan, sondern damit der Herr Jesus zu sagen vermochte:
„Seid wahrhaftig wie die Tauben und weise wie die Schlangen.“ Erst
später ließest du es zu, daß in einer dämonischen Metamorphose Luzifer in
sie fahren konnte.
Herr, du machtest die Eselin und würdest sie eines Tages sprechen lehren,
daß sie unterweise einen falschen Propheten, der auf dem Wege war, Israel
zu verfluchen. Und deine Eselin ließest du sehen den Engel Gottes. Im
Paradiese aber sprach die Eselin immer nur Eines: I-AH, womit sie den
Herrn pries.
So pries mit Stammeln das Schaf mit seinem Bäh-Bäh in Wahrheit den
himmlischen Vater, den seine Kinder Abba nennen, die chinesischen Baba,
die deutschen Papa.
Er, nicht wir uns selbst, hat uns gemacht zu Schafen seiner Weide. Er schuf
die Schafe, die so friedlich und so sanftmütig und so fromm zu ihrem
Hirten schauen. Und er würde seinen Schafen (denn noch war Adam, der
erste Sohn Gottes, nicht geschaffen) einen Hirten erwecken, der sie bei
ihrem namen rufen würde und sie weiden mit großer Langmut und
Barmherzigkeit. Aber schon hatte Gott geschaffen die saftig grünen
Weiden mit den köstlichen Blümlein, schon hatte Gott geschaffen die
stillen frischen Wasser der Quellen und Bäche für ihr Dürsten. Denn Gott
schuf Gras und Kraut, daß es das Herz der Schafe stärke, und das
trunkenmachende Wasser, daß es das Herz der Lämmer erfreue! Gnade
über Gnade, o überfließender Gnadenborn, o überquellender Segensborn, o
Gott, mein Hirte. Du bist Hirte, o Jesus Christus, und würdest selber zu
einem Lamme werden, o Herr!
Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!
Meine Seele war betrübt, da gab mir das heilige Wort den Trost, den Gott
für mich bereitet hatte. Seine Gnade und Barmherzigkeit währt ewig!
Lobet ihn, ihr seligen Engel, ihr seine Diener, die er zu Winden und
Feuerflammen machte, lobet den Herrn, ihr Cherubim und Seraphim!
Lobet ihn, denn Gnade und Gerechtigkeit sind seine Thrones Säulen, lobet
ihn, denn er ist Schöpfer und Erhalter und Vollender des Universums!
Lobet ihn, meine Gedanken, denn er ist sehr sanft und zart und gehet
spazieren auf den Fittichen des unsichtbaren Windes! Loebt ihn, meine
Sinne, denn ein herrliches Feuer und Blitze ohne Zahl gehen aus von
seinem schönen Antlitz! Lobet ihn, meine Phantasie und meine Seele, denn
der Herr ist prächtig geschmückt mit Schöpfungen außerordentlicher
Schönheit!
Ich will bedenken, daß ich Staub bin und wie ein Buschwindröschen,
welches vom Wind entblättert wird und in den Staub sinkt, aber mit all
meinem Odem will ich preisen und rühmen meines Vaters Liebe und
meines Herrn Gnade und des Geistes meines Geistes Tröstungen ohne
Ende! Halleluja dem Allerhöchsten, dem König der Völker, dem Gott
meiner Seele Hallelujah!
Die Heiden in China erzählen nun folgende Mythe, welche noch Reste der
auch an sie geoffenbarten Wahrheit erkennen lassen. Näcmlich nachdem
Himmel und Erde geschaffen waren, durchwanderte die gütige Göttin Nü
Wa die Landstriche zwischen Himmel und Erde. Wunderschön wars auf
der Erde und wunderschön am Himmel strahlte die Sonne, schimmerte der
Mond und funkelten die Sterne. Auf der Erde gediehen Zimtbäume und
blühten Pfingstrosen, Einhörner und Tiger lebten friedlich miteinander.
Überall reges Leben!
Obwohl sich die Göttin an dieser herrlichen Landschaft erfreute, regte sich
Einsamkeit und Traurigkeit in ihrer Seele. Zwischen Himmel und Erde
fehlte ein Lebewesen, welches intelligent sei und welches sie zum Herrn
über die andern Kreaturen machen wollte. Ohne dieses Lebewesen bliebe
die Landschaft mit allem Gezweig und Getier, so schön auch immer,
einsam und öde.
Die Göttin begann, mit beiden Händen den gelben Lehm der östlichen
Erde zu nehmen und, nach ihrer eignen Gestalt, eine kleine Figur zu
formen, die aufrecht stand und geschickt war, klug war und sprechen
konnte. Die Kreatur umtanzte jubelnd ihre Schöpferin, da war Nü Wa
glücklich und tanzte vor Freude.
Aber die Erde war groß und weit, und sie war zu groß, für nur Eine
sprechende Kreatur zu groß, darum holte sie von einem Berg eine
Kletterpflanze, die sie dann an einem Ende in der Hand hielt und das
andere Ende an einen Felsblock band. Dazwischen häufte sie gelben
Lößschlamm auf und schwang dann die Ranke mächtig hin und her, wie
Kinder beim Seilspringen ihr Seil bewegen. Die verspritzten Klümpchen
Schlamm aber bildeten eine weitere Figur, und auf diese Weise entstand
zum Menschen ein Mensch. Und es dauerte nicht lange, da war aus Weib
und Mann eine ganze Menschheit geboren.
Aber mitnichten war die Göttin Nü Wa die Schöpferin, sondern der einzig
wahre, lebendige Gott, welcher sich offenbart als der: Ich bin, der ich bin!
Er allein ist der Schöpfer, der durch das Wort den Menschen schuf, und der
Mensch hieß Adam, und Gott schuf den Menschen zu seinem Schatten und
ähnlichen Bilde, und zu seinem ähnlichen Bilde schuf Gott den Menschen
als Mann und Weib.
Aber nicht schuf Gott den Menschen als Hermaphroditus, als mythisches
Zwitterwesen zwischen Gott Hermes (dem Gott der Diebe ) und Göttin
Aphrodite (der Göttin der Huren).
Auch schuf Gott nicht, wie manche Juden fabeln und Aristophanes im
Symposium lallt, den Menschen als ein Doppelwesen aus einer
männlichen und einer weiblichen Häfte, welche Rücken an Rücken
gewesen, später aber getrennt, wie man einen Apfel hälftet, und darum Zeit
seines Lebens Sehnsucht haben, zueinander zu kommen, jeder Mann zu
seiner angeschaffenen Hälfte.
Oh, warum denn dann hätte Tor, die Turteltaube, solche Sehnsucht gehabt
nach Lilith, der Lilie, dieselbe aber keinerlei Sehnsucht verspürt nach
ihm?...
Gott schuf, indem er den Mann Adam von der Erde Adama nahm und
hauchte ihm Lebensodem ein, den Odem vom Odem Gottes, und schuf
ihm eine vernünftige Seele, damit er sich dadurch von allen andern
Kreaturen unterscheide. Und Gott schuf aus der Herzensseite des Mannes
diesem zum Gegenüber das Weib, welche heißen wird Mutter der
Lebenden, Eva.
Und Gott machte einen Mann und eine Frau, denn so sollten sie in Liebe
zueinander leben. Und Gott schuf, wie die Juden sagen, den Menschen als
Mann und Weib am Vorabend des Sabbat, wie auch die Chinesen und
Platon sagen, der Mensch wurde als letzte Kreatur geschaffen, am sechsten
Tage der Schöpfung, und Gott lehrte den Menschen Demut: denn selbst die
Mücke ward vor ihm geschaffen, die unvernünftig summende; und Gott
gab dem Menschen Herrlichkeit und Würde: denn der Mensch sollte
beherrschen in weiser Liebe die ganze Kreatur. Darum auch begegnete
Sankt Franziskus den Vögeln in solcher christlichen Liebe.
Und Gott ließ Adam und Eva leben bei den fruchtbaren Bäumen des
Paradieses, deren Früchte reicher waren als selbst das dickste Vieh in
Siebenbürgen, wie ein Hundertjähriger sagte.
Und mit der Schöpfung der Tiere und Menschen an Einem Tage - Herr, da
war ich wie ein Vieh vor dir - endete der sechste Tag, und Gott setzte dem
Menschen die Krone auf, und es war die Krone der Berufung zum ewigen
Sabbat.
Damit endete der sechste Tag.
Gott hatte sich in sechs Tagen jede Spezie erschaffen zu seiner
Verherrlichung, alles was auf Erden, im Himmel oder im Meer zu finden,
alle Sterne, alle Vögel und Fische, alle Lämmer und die ersten beiden
Menschen. „Mein Vater wirkt bis auf den heutigen Tag“, sagte der Herr
Jesus zehntausend Jahre später.
Und so begann Jahwe am siebenten Tage seinen Feiertag, den großen
universalen Sabbat, die kosmische Ruhe, den großen Sphairos, er, der
Schöpfer und Erhalter und Vollender des Universums.
Denn das Ziel seiner Schöpfung war das gemeinsame Liebesfreudenfest
von Schöpfer und Schöpfung, ein Hochzeitsfest von Bräutigam und Braut
in unendlicher reiner Liebe, Jubel des Ewigen und seiner Ewigen! Und
Gott sah zu allen Kreaturen und lächelte: Siehe, es ist gut. Und Gott sah zu
den Menschen, Adam und Eva in unverdorbener Unschuld, und lächelte
lieblich und sagte: Siehe, dies ist sehr gut!

3. Eva

Adam ging allein einen weiten Weg, von Kusch nach Gihon, von Gihon
zum Phrat, vom Phrat zurück zum Morijah. Dort legte er sich nieder. Er
weinte, sein Gesicht in den Händen verborgen. Und er weinte vor Gottes
Angesicht, und er w a r Gebet. Sein ganzes weinendes Wesen war Gebet,
ein stummes Schluchzen, ein schluchzendes Flehen.
Gott der Barmherzige sah ihn und hörte ihn in seinem Herzen. Und er
ratschlug mit sich selbst und sagte: „Sohn, wie wollen Wir Adam trösten?“
Und der Sohn sagte: „Da ich vorausschauend meine Menschheit sehe und
weiß um die Sehnsucht des Menschen, der Unser Ebenbild ist, sage ich:
Wir müssen ihm eine Geliebte schaffen, eine, die er lieben kann.“ Und der
Heilige Geist sprach: „Herr, ich will der neuen Schönheit meinen Odem
geben, Geist vom Geiste des Lebens.“ Und Gott der Schöpfer beschloß:
„Im Worte Gottes soll geschaffen werden und beseelt werden mit dem
Geiste Gottes von Mir die, die Adam Geliebte sei.“
Und Gott der barmherzige Vater senkte Adam in einen tiefen barmherzigen
Schlaf. Und in seiner väterlichen Barmherzigkeit nahm er aus Adams Seite
und gestaltete eine schöne Frau, herrlich anzuschauen, und hauchte ihr den
Atem der Liebe in, daß sie wahrhaft lebe.-
Siehe, aber in der Diaspora, im Exil, wandelte der Hebräer Tor, die
Turteltaube, in Arkadien, einsam unter den schönsten Blumen, traurig im
Herbste über das Welken der Blätter, das Sterben der Bäume, den grauen
Schleier des Herbstes, der die bloße Schönheit des Maien verhüllte mit
griesgrämigem Sinn. Anders sah es aus in seinen Träumen, denn da
träumte er von Eden und Edens Süße und Buntheit unsterblichen Lebens:
Freude über Freude, wahres Glück der Seele!
Oh, wenn die Hirten ihre trottenden Schafe auf die Wiesen trieben, dann
irte der Exilant allein durch den traurigen Hain, da die Blätter der
Orangenbäume seufzten und der Oleander so einsam am staubigen
Wegrand stand. Wo ist ein Teich, dessen Wasser kristallinisch genug,
wiederzugeben die reine Struktur der Zypressengestalt seiner schönen
Lilith? Wo ist ein rinnender Bach, rieselnd wie das Wasser des Lebens von
Eden, hier im arkadischen fremden Lande?
Nicht mehr ist der goldene Widder da! Fern ist er gegangen, durch die
Lüfte, über den Hellespont, ins ferne, entrückte Colchis-Chawila, auf der
andern Seite des Meeres! O Sehnsucht, sich zu betten ins goldene Vlies
des Widders, dort zu kosen mit der Lammesseele, dem göttlichen Daphnis,
den Vergil gepriesen, dem Sproß der Götter! Käm er wieder, da wäre
purpurn gefäbrt das Vlies der Lämmer, niemehr wird stechen die giftige
Schlange, und nimmer durch Disteln und Dornen irrte der nackte Fuß des
Exilanten, sondern er wäre in der Heimat wieder! Friede, Friede wird sein,
das Land des Friedens, da dort wandert der schöne Fürst des Friedens,
durch die athenischen Gärten bis zur platonischen Stadt! Aber wie ferne,
wie ferne! „Ich bin nichts als ein Fremder auf Erden, und meine Heimat ist
in der Höhe, o so weit in der Ferne, o so weit in der Ferne“ sang der
arkadische Sänger auf goldener Leier Apollons.
Tor stand die Sehnsucht nach Leben, mitten in einer sterbensmüden,
welkend matten Zeit, da der Sand durch die Uhren rieselte und der
Schatten vorwärts wanderte auf die Nacht zu, die kein Ende nehmen
wollte. Ach wie anders in Eden! -
In Eden wandelte Adam im maienen Sonnenschein über die grünenden
Hügel, da die Zypressen ohne Traurigkeit und die Zedern ohne Stolz sich
erhoben in mächtigen Hainen, umgeben von weisheittriefenden Ölbäumen
und freudetrunkenen Weinstöcken, in deren Schatten die beiden Engel
saßen, einer ein Cherub und einer ein Seraph, und hingen ihre goldenen
Harfen in die grünen Schleier der jungfräulichen Silberbirken am
rauschenden Euphrat. O die Engel waren schön wie Keuschblickende,
jungfräuliche Jüngerinnen des Himmelreiches. Die Engel waren
entsprungen dem Schönheitssinn des Schöpfers.
Dieser selber aber, der die Spiegel der Seelen, die Augen so liebte, daß er
sie vertausendfältigte auf den Flügeln der Seraphim, alle von Liebe
glühend, alle schimmernd in Adams Seele strömend, daß er verzückt
erstand von seiner Ruhe auf moosenem Lager und wandelte bloßen Fußes
durchs tauige Gras, das seine Haut liebkoste mit seinen Spitzen wie mit
Mädchenfingern,- dieser selber aber, der Schöpfer, war die Quelle der
Schönheit, denn aus dieser Quelle entsprang die Musik, die Melodie, die
wohllautende Sprache, die innige Liebesverschlungenheit von Wahrheit
und Schönheit, Wahrheit und Liebe, Liebe und Schönheit. Jahwe war das
bona summa summarum bonum, das Gute und Wahre und Schöne, und
schuf sich Adams Gesang, die ewige Hymnik, und die Geliebte ihm zum
Anschaun der Herrlichkeit Jahwes, als Quelle seiner ewigen Hymnik.
Laß uns doch, Adam, hören die protobiblische Hymne von
Ebenbildlichkeit nach der schöpferischen Liebe Ideal!
„O Herrlichkeit, du vollendetes Wesen der Schönheit, o Leben in
vollkommener Liebe, welche Kuß und Umarmung ist, meines Schöpfers,
der mich an die Brüste der Weisheit legt und auf den Schoß der ewigen
Ruhe, o schöpferische Liebe, halt mich an den Händen und leite mich nun
durch den Hain der Unsterblichkeit, leite mich durch deine schönen
Augen, welche da sind Lammesaugen, welche da sind Taubenaugen, und
birg mich in der milden Mutter Nacht lind liebkosend unter dem Schirme
deiner weißen Schwanenschwingen, und schau mich an aus sanften
himmlischen Augen, wie Monde balsamisch, und umschling mich, daß
meine Seele in deine Seele fließe und wir in eins verschmelzen, und gib
mir den Kuß und den süßen Odor deines Odems! O süße Wonne, o schönes
Leben, o göttliche Liebe! O Preis und Ruhm sei dir, du ewiger Vater auch
der Mondin, die mit dem weißen Gesicht und den balsamishen Blicken
und dem Lächeln der Perlenzähne und betauten Rosenblütenblätterlippen
mir ihr Mondlied singt und murmelt Minne an den Perlenschnüren und
Kränzen goldener Rosen an ihrem Lilienarm und spricht dem Wanderer zu
das innige Nachtlied: Süße Ruh in Gipfeln und Wipfeln, so ruhe auch du...
Diese hast du mit deinem goldenen Finger erschaffen, o ewiger Vater!“
Und aus dem Meer der Magnolienblüten im grünen Gras, gebadet im
Honigseim der Sonne, von himmlischen Amoretten weißer und goldener
Schmetterlinge hymnisch jubelnd umschwungen, von dem Dufte der
Myrrhe und Myrte und Moschus umdüftet, tauchte aus dem Traum der
Sehnsucht, aus einem Traum der Liebe, die erste Liebe, die Neue, Eva!
Rote Rosen in ihren braunen Locken, eines Weibes Haar: Ach läg ich in
diesen Locken gefangen! Der Abendschimmer Hesperien ruht auf diesem
blonden Haupt! Schleier eines Weibes, das unsterbliches Leben in sich hat!
Wie Schimmer der Plejade, die Orion so liebte, die Augen,
segenströmende Monde, voll von himmlischem Feuer, astrale Fackeln aus
Kiefernholz, Blaue Blumen, Traumaugen, Garten-Eden-Sterne voller
Vergiß-mein-nicht, Veilchen mit holdseligen Mädchenblüten,
Lilienmonde! O die blauen Meere, die Mütter des Lebens, o die
veilchenaugigen Töchter der Liebe, o die tiefen Teiche, an den Tauben
sitzen, o an eurem Saume sinnend, findet der Dürstende den
berauschenden violetten Wein der ewigen Liebe!
Lippen wie Rosenblütenblätter, auf denen der Nektar der olympischen
Venus schlummert, lächelnd wie rosige Amoretti, trunken von Ambrosia,
Palmblätter sieghafter Keuschheit! Seligmacherinnen seid ihr, süßer als der
Kakao von Kusch! Rosen, Rosen, Rosen! Eos, die Morgenröte, und Eros in
ihrem Schoße, die Liebe, liegen auf deinem rosenlippigen Mund, wenn du
küssest, Eva! O küss Küsse zahlreich wie die Sterne der Plejade, die Orion
so liebte!
Perlenkränze, lobpreisend das weiße Sternbild der Jungfrau, welche zum
Kreuz des Südens schaut, sind deine Zähne, lauter kleine Schwanenküken,
badend in der roten See deiner Lippen! Deine Zähne sind lauter kleine
Elfeinbeinplektren, mit denen Sappho auf goldener Lyra für Kypris und
Adonis spielte! Deine Zähne sind lauter kleine Elfenbeintürme Davids, in
denen David träumte von Michal, der Prinzessin! Deine Zähne sind lauter
weiße Pergamente oder Papyrusblüten, auf denen siebenzungige Dichter
niederschreiben ihre Oden vom Küssen, Küssen, Küssen! Schneeflocken,
aus den Rosenhimmeln Auroras gesunken mit schaumweißem Tanz!
Goldene Glocken von untermeerischen Domen sind deine Brüste, sind rote
Äpfel vom Baum des Lebens, sind Nährmütter der tröstenden Weisheit und
Gazellenzwillinge, welche hüpfen, sind die Marmorbrüste der Melitta von
Petra Tou Romiou, wenn sie in Marion badet!
O Eva, in der Grotte, o Eva, in der Nacht, o Eva, wo du gesegnet bist mit
Liebe!
Du bist die unsterbliche Geliebte, du bist die Immerneue,-
die immerneue Eva, die immerneue Eva, die immerneue Eva, die
immerneue Eva, die immerneue Eva, die immerneue Eva, die immerneue
Eva!

4. Prophezeiung

Es war einmal ein guter Fürst, und es war einmal eine ängstliche zitternde
Taube, die zitterte und war ängstlich, denn sie sah einen Falken kommen,
der sie packen und fressen wollte. Da flüchtete sich die Taube zum Fürsten
und suchte Schutz bei ihm. Der Fürst gewährte der Taube sicheren Schutz.
Aber der Falke trat auch zu dem Fürsten und sagte: „Gib mir die Taube!“
Und der Fürst sagte: „Laß die arme, zitternde Taube, nim dir eine starke
Wildsau, aber laß die arme, zitternde Taube!“ Und der Falke sagte: „Ich
fresse aber keine Wildsauen, denn ich bin ein Falke, und der Falke will die
Taube fressen!“ Und der Fürst besann sich bei sich selbst und entschloß
sich zu sagen: „Ich will dir Fleisch von meinem Bein geben und es
aufwiegen gegen die Taube, dann kannst du mein Fleisch fressen, und die
Taube geht frei aus.“ Und der Falke war einverstanden, denn des Fürsten
Fleisch war wie Taubenfleisch. Also schnitt sich der Fürst sein linkes Bein
ab und wog es gegen die Taube, denn er durfte (da er ein gerechter Fürst
war) den Falken nicht betrügen. Das Bein wog aber leichter als die Taube.
Daraufhin schnitt er sich das rechte Bein auch noch ab, aber immer noch
war die Taube schwerer als die beiden Beine. Daraufhin schnitt sich der
Fürst alles Fleisch vom Leibe, und da wog es die Taube auf, aber er selbst
stand da als ein blutiges Skelett. Der Falke fraß das Fleisch, und die Taube
war frei und dem Fürsten von ganzem Taubenherzen dankbar. Als der
Falke davongeflogen war, stand der Fürst (denn es war ein wundervoller
Fürst) wieder als ein herrlicher Fürst mit schönem Leibe da und sandte die
Taube aus, den Brief von seiner Liebe an alle Enden der Erde zu tragen.

II. TIAN JING – DAS BUCH DES HIMMELS


ERSTE ABTEILUNG

(Diese Abteilung wird dem Lenz zugeordnet und behandelt das "Wahre
Buch vom Südlichen Blütenland" des Tschuang Tse.)

Der Meister sagte zu seinem Jünger A-Ji: "Tschuang Tse sagt: Der höchste
Mensch ist frei vom Ich, der geistige Mensch ist frei von Werken, der
berufene Heilige ist frei vom Namen.- Was ist das Ich? Es gibt ein
doppeltes Ich, das erste und gute Ich ist ein Spiegel des Himmels, erfüllt
vom Himmlischen Frieden, unsterblich und rein, das zweite Ich wendet
sich dem roten Staub zu, ist irdisch gesinnt und vergänglich und liebt die
Tugend nicht. Vom letzteren ist der Weise frei, er hat es in den Tod
gegeben. Aber seine Persönlichkeit, wie der Atem des Himmels sie
hingehaucht hat, die hat zurecht Bestand. Nach dem Bestand des Wesens
sehnten sich schon viele, sowohl die Herrscher der alten wie die der
neueren Zeit, aber man erreicht nicht lange Dauer durch magische oder
tugendhafte Werke oder aus der Hand der Gui-Geister, sondern allein der
Himmel verleiht die Dauer, da er selbst ewig ist. Im Himmel beginnt der
Weg, da ist die Quelle des langen Lebens immerdar, und wer auf diesem
rechten Wege wandelt, kehrt sich zur Unsterblichkeit. Das ist Sinn und
Ziel des Weisen, des (vom Himmel) berufenen Heiligen, darum sehnt er
sich nicht nach einem irdischen und gar vergänglichen Ehrennamen, wie
die Narren es tun, sondern er ist frei vom eigenen Namen. Ist er darum
namenslos? Das sei ferne! Sondern er ist gerufen nach dem Namen des
Himmels (ich nenne ihn Dao)." Da hob A-Ji seine feinen Brauen, die wie
schlafende Seidenraupen waren, und sagte: "Meister, woher hast du das?"
Worauf der Meister sprach: "Ich hörte einem Klangstein zu, und die Musik
trug mich auf Flügeln in die Unsichtbare Welt der Himmlischen Geister."

Der Meister sah in einer Vision zwei Katastrophen; die eine war geschehen
in der Vergangenheit, eine große Flut, und die andere wird geschehen in
naher Zukunft, ein großes Feuer. Da dachte er sich: Wer kann bestehen?
Nur wer sein Vertrauen auf den Himmel setzt. Wie recht hat doch
Tschuang Tse, wenn er vom Gläubigen sagt: "Eine Sintflut, die bis an den
Himmel reicht, kann ihn nicht ertränken. Gluten der Hitze, in denen
Metalle und Steine zerschmelzen und die Erde und Berge verdorren,
können ihn nicht verbrennen." In vergangener Zeit rettete der Himmel
einen Menschen, den wir Da Yü nennen, in einem Boot (einem Acht-
Leute-Boot); in der kommenden Zeit wird er die Himmelssöhne, die Dao-
Jünger retten durch seine Liebe.

Der Lieblingsjünger des Meisters, A-Ji, kam mit einer Bambusflöte des
Weges von Honan in die Eremitage des Meisters, da hörte der das süße
Flötenspiel und sagte: "Tschuang Tse redet vom Orgelspiel des Himmels.
Was meint er damit? Es gibt verschiedene Orgelpfeifen, die eine ist lang
und die andere kurz, die eine gibt einen tiefen und die andere einen hohen
Ton, aber alle sind gleich wichtig, um eine vollkommene Musik zu
erzeugen. Aber nicht die Pfeifen allein machen die Musik, sondern der
Wind, das ist der Atem des Himmels. Tschuang Tse sagt: Hinter all dem
steht eine treibende Kraft, die macht, daß jene Klänge sich enden und daß
sie sich erheben.- Ist dir aufgefallen, mein lieber Sohn, daß der Weise
zuerst das Ende der Töne anspricht und dann, daß sie sich erheben? So
macht der Atem des Himmels unsern letzten Seufzer, aber er macht auch,
daß wir (um mit den Dichtern zu sprechen) auf einem Gelben Kranich uns
erheben in das Reich der Unsterblichkeit. Ist dieser Atem des Himmels
auch der Geist deiner Musik? Dann soll sie mir gefallen." Daraufhin fing
der Meister an zu singen: "Zhi dao wan dai".

Als zum Meister in seine Einsiedelei ein junger Wahrheitssucher kam, der
den Meister zum Lehrer haben wollte, da setzte der Meister dem
Menschen mit den schönen Augen etwas Reis und grünen Tee vor und
fragte: "Wie ist dein Name, schöner Mensch?" Und der Wahrheitssucher
sagte mit melodischer Stimme: "Mein Vater nannte mich Liang-Yi, aber
wenn du mir einen anderen Namen geben willst?" Da lächelte der Meister
und sagte: "Ich erkenne den Namen an, den dein Vater dir gab. Und du
suchst einen Lehrer in Weisheit? Weißt du, was Tschuang Tse sagte? Er
sagte: Man muß wohl einen wahren Lehrer annehmen, obwohl wir keine
äußere Spur von ihm zu erfassen vermögen. Man kann entsprechend
seinem Glauben an ihn handeln.- Das ist ein Wort, des Bedenkens wert.
Aber welcher Lehrer ist würdig, das man an ihn glaube? Das Dao sei unser
gemeinsamer Lehrer, es ist das Wort der Weisheit und ist älter als Mond
und Lotosblumen. Ja, schon im Anfang war das Dao beim Himmel wie ein
Kind und spielte vor dem Jadethron des Himmels, da es vom Atem des
Himmels alle Erkenntnis der Ewigkeit empfing. Nimm dir das Dao zum
Lehrer, und wenn du es auch nicht siehst mit deinen fleischlichen Augen
(die schön sind wie die einer Prinzessin), dann kannst du im Glauben doch
erkennen, daß das Dao sozusagen eine Himmlische Person ist, und da das
Dao das Wort ist, das der Weg ist, so folge ihm und du bist auf dem
rechten Weg, dem Weg des Himmels, da dich der Atem des Himmels
belebend treibt in die Ewigkeit. Zweifle nicht, Liang-Yi, glaube!"

Und Liang-Yi, der aus Nanking gekommen war in des Meisters einsame
Berghütte auf dem Taishan, wurde ein Jünger des Meisters, bemüht, seine
Lehre von der Wahrheit des Himmels zu erfassen. Da stellte Liang-Yi eine
Frage: "Lieber Meister, als du mich das erste Mal sahst, sprachst du von
meinen Augen, die du nicht verschmähtest, schön zu nennen. Was nennst
du schön?" Da war der Meister einen Augenblick stille und besann sich im
innersten Inneren, da er sich besprach mit dem Geist, und daraufhin gab er
zur Antwort: "Tschuang Tse sagt: Der Berufene sieht die Dinge an im
Lichte der Ewigkeit.- So hab ich deine Augen angesehn, und da hab ich
gesehn, daß deine Augen nach dem Himmel Ausschau halten wie die
fliegenden Vögel, ich merkte: Dieser Mensch hat Phönix-Augen, die
aufschauen. Alles Gute kommt von oben, vom Himmel der Himmel, und
wer viel dahin schaut, dessen Augen werden erleuchtet vom Licht des
Himmels. Du, mein Lieber, hast Augen, die leuchten, als ob du Honig
gegessen hättest, aber nicht vom Honig leuchten deine Augen, sondern von
der Erleuchtung, die in dir wohnt. Was suchst du eigentlich bei mir, da du
schon einen Himmel im Herzen hast?" Da senkte Liang-Yi seine Wimpern
demütig beschämt und sagte: "Ach Meister, du weißt doch wirklich mehr
über mich selbst als ich. Wieviel mehr erkennt mich der Himmel, der
meine Augen so kunstvoll bereitet hat wie die Sterne der Weberin oder des
Hirten."

6
Der Meister stand eines Morgens früh auf (er pflegte immer früh
aufzustehen, mit den Vögeln und dem Morgenstern) und wanderte über
den Taishan; an seiner Seite gingen seine beiden Jünger: A-Ji mit den
Seidenraupenbrauen und Liang-Yi mit den Honigaugen. Auf einen Felsen
setzte sich der Meister und hob die Stimme: "Meine lieben Kinder, was
denkt ihr über folgenden Spruch? Das Dao zu erkennen heißt, des
Himmels Schatzhaus zu besitzen.- Ist das nicht ein ganz herrliches Wort?"
Da sagte A-Ji: "Mir scheint, im Himmel ist eine wunderbare Welt, wenn es
da auch gar ein Schatzhaus gibt. Das müßte aussehen ganz von hellgrüner
Jade und roten Edelsteinen und von außen geschmückt ganz
regenbogenfarben oder smaragden." Da lächelte der Meister und sagte:
"Die hellgrüne Jade ist grün wie das Leben, das dauert, und hell wie das
Licht des Himmels; der rote Nephrit ist rot wie das Herz des Himmels, das
heißt die Liebe, und das regenbogenbunte Drumherum, das ist die Vielfalt
der Himmelssöhne." Da hob Liang-Yi seine Arme zum Himmel und sagte:
"O welch ein Lohn, das Dao zu erkennen, das so reich ist an Liebe und
Licht und Leben! Nach dieser Erkenntnis trachten ein irdisches Leben
lang, das ist ein wertvolles Leben, ja, das hat Sinn." Da freute sich der
Meister über seine Jünger und sagte: "Darum schämen wir uns nicht
unserer irdischen Armut, weil wir im Himmel einen Schatz haben, und wo
unser Schatz ist, da ist unser Herz."

Der Meister schlief wenig; wenn er sich auf seine Bambusmatte legte,
dann nicht, ohne mit dem Himmel zu reden. Oft wachte er in der Nacht auf
und sagte: "Der Himmel hat zu mir geredet: Ich liebe meinen Jünger!" Als
er nach solch einer Nachtwache aufstand, sah er zur aufgehenden Sonne,
die den Taishan vergoldete, setzte dann Wasser für seinen Tee auf, weckte
die beiden Jünger, die in einer Nebenkammer ruhten, und sagte: "Ich denke
über ein Wort des Philosophen nach. Er sagte: Es gibt wohl ein großes
Erwachen, und danach erkennen wir diesen großen Traum.- Was wird das
für ein Erwachen sein? Ich meine, wir werden jubeln wie die Lerchen,
wenn sie sich aufschwingen zum Licht des Himmels. Und wenn wir hier
nur in dunklen Rätseln denken und vieles uns geheimnisvoll und
unergründlich scheint, dann werden wir da Klarheit haben und sehen die
Wahrheit in voller Schönheit und Güte. Die bedrängenden Träume werden
wir abschütteln, uns gern der prophetischen Träume erinnern. Der lichte
Morgen der Ewigkeit wird alle Schatten der Nacht verbrennen mit seinem
heiligen Feuer. Aber mit Pfingstrosenarmen, weiß und rosig, wird uns das
unsterbliche Leben umarmen. O meine Kinder, ich kanns nicht aussagen,
ich glaub, ich müßte ein Poet sein!"

Kurz, nachdem in den Städten und Dörfern der Welt das Neujahrsfest
gefeiert wurde mit dämonischem Zauber, da trat in die Stille der heiligen
Einsamkeit zum Meister mit seinen beiden Jüngern ein junger Mann. Er
trug ein einfaches Bauernlinnen, im Beutel hatte er nur ein wenig Ginseng,
in seiner Hand hielt er einen knorrigen Knotenstock. Aber diese ärmliche
Erscheinung wurde bereichert durch ein himmlisches Lächeln in seinen
Augen und auf seinem ganzen Gesicht. Er neigte sich ehrfürchtig, als er
den Meister sah, und sagte: "Ein Himmlischer Bote befahl mir in einem
Traum, dich aufzusuchen, um von deinen Lippen Worte des Lebens zu
lesen. Siehe, hier bin ich." Da freute sich der Meister, daß der junge Mann
gekommen war, denn er hatte ihn schon erwartet. Der Meister klatschte in
die Hände und rief: "A-Dar, A-Dar, ich habe ein Wort des Philosophen für
dich: Erhebe dich ins Grenzenlose! Und wohne im Grenzenlosen!" A-Dar
dachte nach und fragte: "Meister, deute mir das Wort." Und der Meister:
"Grenzenlos ist der Himmel der Himmel, da ist alle Macht versammelt, die
kein Berg aufhalten kann, die übers Wasser laufen kann von einem Ende
des Himmels bis zum andern, von einem Winkel des Meeres zum andern.
Da hat eine Stadt von Jade das Dao, und diese Stadt selbst soll deine
Wohnung sein. Wer sein Herz an die Ewigkeit bindet, dem scheint das
Menschenleben auf Erden das Dasein einer Eintagsfliege, aber das
bekümmert ihn nicht, denn nach seinem letzten Seufzer ist er daheim!"

A-Dar und A-Ji waren im Gespräch begriffen über die Vögel des Berges,
da sagte der eine, der Spatz sei schöner, und der andere, der Sperling sei
schöner, der eine meinte, eine Frau solle die Haare lang und offen tragen,
der andere meinte, sie solle den Knoten tragen. Sie hatten sich in den
Garten des Müßiggangs, in den Hain der Nichtigkeit verirrt. Der Meister
hörte es eine Zeit lang geduldig sich an und sagte dann: "Ihr redet wie
Poeten. Wann werdet ihr weise? Kennt ihr nicht das Wort: Ich verlasse
mich ganz auf den Geist und nicht mehr auf den Augenschein, der Sinne
Wissen hab ich aufgegeben und handle nur noch nach den Regungen des
Geistes?- Wisst ihr nicht, daß ihr Geist vom Geiste seid, daß euer Atem
Ausfluß ist des Himmlischen Atems? Was meint ihr denn, ist eine Frau
anderes? Fragt nicht, ob sie ein Phönixschmuckstück oder ein
Eisvogelfederschmuckstück im Haar trägt, sondern ob ihr Geist Vertrauen
zum Himmel hat. Lieblich sein, rosige Wangen haben ist nichts, ist wie
schnell verblüht! Aber einen Himmel im Herzen: das ist liebenswert." Da
schämten sich A-Dar und A-Ji, daß sie nicht weiser waren als Besucher in
den Gassen der betörenden Blüten.

10

Noch am folgenden Tage schämten sich die beiden Jünger, und sie trauten
sich nicht mehr unter die Augen des Meisters, darum schütteten sie ihr
Herz Liang-Yi aus. Der trat zum Meister und erzählte ihm alles. Da sagte
der Meister mit einer Stimme voller Barmherzigkeit: "Was den beiden
geschehen ist, das ist heute allgemeines Menschenlos. Der Philosoph nennt
es: ein Abweichen von der himmlischen Wesensart, so daß man die
anvertrauten Gaben Gottes vergißt.- Aber sie mögen sich nicht
bekümmern. Darum ward ja das himmlische Dao irdische Tugend, daß
man diesen Weg gehen kann. Reue ist gut, das sag ihnen, aber sie sollen
sich nicht zergrämen, sondern auf die Güte des Himmels bauen. Sag ihnen
dies: Bereut! Der Himmel ist nahe!"

11

Liang-Yi wollte für eine Zeit in die Welt hinauswandern, er fühlte sich
zum Wanderphilosophen berufen. Er sprach den Meister darauf an, und der
sagte ihm: "Gehe nicht zu den Weisen in den Einsamkeiten. Zum einen
scheint ihnen meine Lehre eine Torheit und Narretei, zum anderen sind sie
bereits auf der Suche nach Unsterblichkeit. Geh vielmehr zu den Studenten
und Melonenverkäufern, zu den Blumenmädchen und Nebenfrauen, geh zu
Beamten und Bonzen, geh zu den Bettlern. Ja, sind sie nicht alle Bettler
um Geist? Sie sind krank an der Seele, weil sie die himmlische Natur
verlassen haben. Darum sagt der Philosoph: Ein Reich, das in Verwirrung
ist, muß man suchen. Vor der Tür des Arztes sind viele Kranke.- Ich sage
dir, die Kranken bedürfen des Arztes. So gehe hin in Frieden, aber kehre zu
Neumond wieder, denn ich habe noch einige Worte für dich, die gut sind,
daß du sie hörest."
12

A-Ji bat den Meister, ihm etwas geschälten Reis kochen zu dürfen, und er
fragte, ob er auch Geschmack fände an etwas Melonentee. Da merkte der
Meister, daß A-Ji ihm dienen wolle. Weit entfernt, hochmütig zu sein,
nahm der Meister dies zur Gelegenheit, den Lieblingsjünger zu belehren:
"Mein Sohn, in der Schrift, über die ich schon öfter gepredigt habe, steht
folgendes geschrieben über das Dienen: Wer ein Diener des Himmels ist,
der weiß, daß der Himmelssohn und er selbst in gleicher Weise vom
Himmel als Kinder angesehen werden.- Wieviel mehr wäre es also gerecht,
wenn ich dir diente!" Das verstand A-Ji, und er verstand es so: Die Kinder
des Himmels sollen einander dienen, so dienen sie auch dem Himmlischen
Vater. Da sagte A-Ji: "Wie schön ist doch das Geräusch, wenn man Reis
wäscht! Darum will ich dir dienen, mein Meister! Du dienst mir schon
genug mit deinem Wort!"

13

Die Hütte war nicht groß und prächtig wie der Kaiserpalast von Tschang-
an, aber es lebte sich ganz herrlich in dieser Eintracht und Einmütigkeit.
Da empfand A-Dar etwas ganz Wunderbares, aber er konnte es nicht in
Worte fassen. Der Meister aber durchschaute seinen Jünger und sagte:
"Mein Freund, wenn du in deine Kammer gehst, dann vergißt du nicht das
Dao, du bewahrst es im Herzen und traust dem Himmel. Das ist recht und
die wahre Tugend. Wer so lebt, auf den trifft das Wort aus der
philosophischen Schrift zu, das da lautet: Zu einem solchen kommen die
Unsichtbaren, um bei ihm Wohnung zu nehmen.- Ja, ich sage dir, in deine
Kammer kommen der Himmel und sein Dao, der Atem des Himmels
säuselt in deiner Wohnung, und das ist des unaussagbaren
Wohlempfindens eigentliche Ursache. O mein Freund, ist das nicht ganz
wunderbar? Der Himmel ist der Hausvater in unserer Hütte, das ist noch
schöner, als wenn selbst der Kaiser Wu-Di in all seiner Pracht uns
besuchte!"

14
Über den Taishan flog ein Zug Wildgänse, weiß und geordnet, denen
schaute A-Dar nach, und da er die Vögel des Himmels verfolgte, dachte er
über den Himmel nach und was noch über dem Blau des Äthers sich
befindet. Der Meister sah seine Blickrichtung und sprach gütig: "Die
Menschen sehen im Himmel ihren Vater, sagt Tschuang Tse, und lieben ihn
persönlich." A-Dar strahlte den Meister an und fragte: "Ist es nicht so, o
Meister, daß wir Himmelskinder viel mehr sind als die nach Süden
ziehenden Wildgänse? Und wenn die schon an die blaue Kuppel dringen,
wieviel höher hinaus gehts dann mit uns! Zum Vater, in seine liebende
Gegenwart! A-ya!"

15

Der Meister sagte: "Im Buch steht geschrieben, daß das Dao von Ewigkeit
besteht, daß es den Geistern den Geist verleiht und die materielle Welt des
Oben und Unten geschaffen hat. Ja, Tschuang Tse sagt: Das Dao ist älter
als das Altertum und doch immer jung.- Ich meine, solch ein Dao ist wert,
zu empfangen Anbetung und Loblieder. Ach, wäre es doch als Mensch
unter uns! Ich wollte diesen Menschen auf den Mund küssen!"

16

A-Ji und A-Dar gingen über die Bergwiesen und betrachteten die schönen
Blumen, die alle so kunstreich gefertigt waren, sie waren hervorragend
modelliert, schöner noch als die großen Standbilder auf den Seelenwegen.
Da sagte A-Ji: "Die Natur ist ein großer Schmelzofen, der Schöpfer ist der
große Gießer." Und A-Dar stimmte in den Lobpreis ein: "Wohin er mich
schickt, soll es mir recht sein." Und da sie einmütig mit den Worten des
Weisen den Schöpfer priesen, tönte eine Stimme vom Himmel: "Es ist
vollbracht!... (Ich schlafe ein, und ruhig werde ich wieder aufwachen...)"

17

Als die beiden Jünger von der Berghöhe zurückkamen, da sie die Stimme
des Dao gehört hatten, kamen sie zur Hütte, die im Schatten immergrüner
Kiefern stand, sie traten ein und sahen den Meister auf dem Boden liegen,
mit der Stirn auf den Planken. Er hatte sie schon bemerkt, schaute kurz
auf, ganz geduldig und gütig lächelnd zitierte er ein Wort des Alten: "Ich
bin eben dabei, mit dem Schöpfer zu verkehren." Die beiden Jünger zogen
sich demütig zurück, und der Meister fiel wieder weinend auf sein
Angesicht.

18

Da der Meister betete, hörte er die sanfte Stimme, mit der ihn der Atem des
Himmels von innen anhauchte, süßer als Honig: "Sie alle sterben; ich
allein bin!" Da empfand der Meister diese unaussagbare Gnade, daß dieser
"Ich bin" sich herabließ von seinem majestätisch-himmlischen Thron und
zu seinem geringsten Knecht auf Erden so barmherzig sprach. O Herr!

19

Nach seiner stillen Zeit rief der Meister seine beiden Jünger (Liang-Yi war
ja bis zum kommenden Neumond auf Wanderschaft) und sagte: "Ich will
euch die Demut und Ordnung lehren. Es heißt: Dem Dao gegenüber muß
der Edle alles eigene Streben aus seinem Herzen verbannen.- Könnt ihr
das? Macht euch auf den Weg! Überwindet euch selbst! Der Mensch ist
sich selbst der größte Drache! Aber der Himmel gibt seinen Jüngern ein
Schwert, diesen Drachen zu richten, es ist das selbe Schwert, mit dem der
große Tang den letzten Tyrannen der Xia-Dynastie vertrieb und das
fromme gottwohlgefällige Königtum der Shang errichtete. Laßt ab von den
Wegen der bösen Leidenschaften, laßt euch vom Atem des Himmels
erfüllen, der der wahre Meister ist und euch auf den Weg des Himmels
führt, den das Dao als Himmelssohn für alle Menschen zwischen den vier
Meeren gebahnt hat zum Vater Himmel! Auf, auf!"

20

Als der Neumond am Himmel stand, dunkel wars die Nacht so ganz und
gar, da kehrte wie eine leuchtende Lampe Liang-Yi wieder zu seinem
Meister, der ihn freudig empfing. Liang-Yi sagte: "Wie irrte ich, als ich
fortging von dir, mein Meister!" Da gab der Meister ein Wort der Weisheit:
"Wenn einer seine Torheit einsieht, so ist er noch nicht ganz betört.- Mein
Sohn, wie freue ich mich, daß wir gemeinsam nun wieder in der Stille dem
Himmel lauschen wollen. Und wenns auch ganz finster um uns ist, das
Dao in uns macht uns zu Lichtern in der Welt, herrlicher als der Mond und
der Himmelsstrom!"
21

Am folgenden Morgen, als die Luft so klar und frisch war auf dem
Taishan, da kam Liang-Yi von seinem Frühgebet zurück in der rosigen
Morgenröte, um den Tee mit seinen Brüdern zu trinken, da sagte er:
"Welch ein Friede zwischen uns!" Der Meister nickte: "Friede mit den
Menschen, das ist menschlicher Friede; Friede mit dem Himmel, o das ist
himmlischer Friede! - Gewiß, der zog in dein Herz ein, Liang-Yi, ich seh
es am Glanz auf deinem Angesicht."

22

"Meine Kinder", sprach der Meister, "meine lieben Kinder, wie lieb ich
den Himmel und das Dao und den Atem des Himmels! Er hat mich
gesegnet in dieser Morgenstunde, angerührt und berührt hat er meine
Empfindung. Seht und suchet, ob ihr die Gottheit fühlen könnt! Wie sagt
der Liebhaber der Weisheit?: Unaussprechliche Unendlichkeitsgefühle
stiegen in mir auf. - O Weite an Weite, Herrlichkeit an Herrlichkeit!
Ewigkeit, Ewigkeit, Kinder! Da sah ich die Jadestadt des Allerhöchsten
und das Dao wie einen Himmelssohn mit ausgebreiteten Armen, mich
willkommen heißend! Myriaden Geister lobten ihn mit ehrwürdiger
Tonkunst! Kinder, ich sage euch: Gerechtigkeit, das ist das Lamm über
uns! A-ya!"

23

A-Ji dachte viel nach, und er fand viele Prinzipien, daß sich sein Geist
verwirrte vor lauter Philosophie. Da sah ihn der Meister ratlos, erkannte
seine Gedanken und sagte: "Laß dich nicht verwirren von Philosophie. Ich
will dir sagen, worauf es in den letzten Dingen ankommt. Wir haben ja die
Alten zum Vorbild, und wie sagt Tschuang Tse?: Die höchsten Menschen
der alten Zeit nahmen die Liebe zum Pfad. - Die Liebe ists!"

24

Liang-Yi hatte eine Stimme, schöner als Musikstein und Kultglockenspiel,


aber er sang keine närrischen Lieder, sondern Lobpreis, und so sang er
dieses Lied des Weisen:
"Wer des Wortes reine Art
Innerlich im Geist bewahrt
Und verliert in keiner Not,
Der wird eines sein mit Gott!"
Da der Meister seinen Jünger so singen hörte, sagte er: "Woher hast du
das, daß du so singen kannst? Ich halte dafür, daß es eine himmlische
Begabung ist. Darum Dank! Denn so erfahre ich wieder, wie schön die
Gesänge der Unsterblichen in den Gefilden der Ewigkeit, oben im
Himmlischen Garten sein werden!"

25

A-Ji, A-Dar und Liang-Yi hatten sich untereinander besprochen, sie hatten
die Lehre des Meisters weiter vertieft und sich gegenseitig ihre
Erkenntnisse mitgeteilt. Dabei waren sie auf eine Frage gestoßen, die ganz
lebendig vor ihren Sinnen stand und sie drängte. Also hob A-Ji als der
Älteste der Drei seine Stimme, wohltönend im Klang, und er sagte zum
Meister: "Ehrwürdiger Meister, eines haben wir, wie wir meinen, noch
nicht ganz verstanden. Du sprichst desöfteren vom Atem des Himmels.
Was ist darunter zu verstehen?" Und der Meister faltete fromm seine
Hände vor der Brust, schlug die Augen zum Himmel auf und hauchte:
"Der Geist, heißt es, entsteht aus dem Dao. - Der Atem des Himmels ist
der Geist des Himmelsvaters, der wie ein Wind weht, so unsichtbar, so von
einem Ende der Erde zum andern dringend. Die Alten lehrten, daß dieser
Geist über die Flut des Anfangs blies, daß aus ihr die Erde auftauchte.
Manche Dichter vegleichen ihn auch mit einem Vogel, der von einem Ende
des Himmels zum andern fliegt. Ich meine, es ist ein singender Vogel, ein
wahrhaft himmlisch singender Vogel, er singt schöner als Himmelsgans
oder Phönix, er singt nicht nur schön, sondern (was erst eigentlich schön
ist) vollkommene Wahrheit. Wenn der Atem singt, so süß, oder säuselt wie
ein Abendlüftchen in den paradiesischen Hainen, dann beginnt der Mensch
aus Lehm erst wahrhaft zu leben, er ist angehaucht mit Leben und voller
Freude, zu der der Himmel ihn geschaffen hat. Ja, der Himmel hat den
Menschen, wie die Alten sagen, aus Lehm geschaffen und ihn mit dem
duftenden Atem des Himmels angehaucht, mit Geist von seinem Geiste,
mit Leben aus der Quelle des Lebens. Ach und Weh über die Menschheit,
daß sie so sehr abgekommen ist vom Weg des Dao und gefallen ist in die
Begierden des roten Staubes! Aber nicht verläßt uns der Atem des
Himmels, sondern als ein Geist der Freude ist er uns in unserer Trübsal,
mitten in des Chaos Mitte, ein Trost, so süß und selig seufzend nach der
Seligkeit. Ach Kinder, wenn ich es sagen könnte, mit welchem
himmlischen Trost ich getröstet wurde in meiner Trübsal, die mich ergriff
über die Nichtigkeit der Welt! Sinn und Seligkeit, Glut und Geist, Friede
und Freude hauchte mir ein der heilige Atem des Himmels. Gewiß, dieser
Hauch ist eine Gottheit, ebenbürtig dem Vater Himmel und dem Dao und
mit beiden eins, kurz: mein Herr!"

ZWEITE ABTEILUNG

(Diese Abteilung wird dem Sommer zugeordnet und behandelt die


Gespräche des Kung Fu Tse, das "Lun Yü".)

A-Ji und Liang-Yi gingen in brüderlicher Eintracht über den Taishan durch
das geheimnisvolle Kiefernwäldchen, als eben die Sonne aufging und die
Lichtung vergoldete. Da flog der Vogel Fong vorüber und sang aus den
Lüften: "Ein Jüngling soll seine Liebe überfließen lassen auf alle!" Da
sagte A-Ji: "Wenn ich recht unterrichtet bin, ist das ein Wort Kung Fu
Tses"; und Liang-Yi sagte: "Das ist eins der Lieblingsworte unseres
Meisters."

A-Dar zweifelte an der Wahrheit des Dao, diesen Zweifel hatte ihm ein
Gui-Geist eingeblasen, und er hatte sich nicht zu wehren gewußt. Aber der
Meister sah A-Dar an seinem zerrissenen Gesichtsausdruck seine innere
Zerrissenheit an und sagte: "Bewahre dies Wort Kungs: Mache Treue und
Glaube zu deiner Hauptsache.- Glaube an die Wahrheit des Dao und
glaube, daß des Dao Liebe treu ist und nach deiner Treue trachtet. Es ist
wie in einer Liebesbeziehung, da Vertrauen und Treue so wichtig sind."

Als nun A-Ji und Liang-Yi von ihrem Spaziergang zurückkamen, da nahm
der erste die Bambusflöte, um ein altes Loblied zu spielen, Liang-Yi aber
verneigte sich vor seinem Meister. Dieser betrachtete seine zwei Jünger
genau, als sähe er mit Feuerkohlenaugen direkt in ihr Herz hinein, und
sagte dann: "Kiu sagte: Ein Mensch ohne Menschenliebe, was hilft dem
die Form? Ein Mensch ohne Menschenliebe, was hilft dem die Musik? -
Lobpreis und Demut, die sind beide nichts wert ohne Liebe."

Eines Abends, der Sturm rüttelte an der Hüttentür, klopfte es, und ein
armer Mann trat herein, machte den Kotau vor dem Meister und sprach:
"Eine Sündenlast zernagt mir die Seele, ich hoffe hier den Frieden zu
finden." Da sah der Meister des armen Mannes Zerknirschung und sagte:
"Wer gegen den Himmel sündigte, hat niemand, zu dem er beten kann;- so
sagt Kiu. Aber einer betet für uns, das ist das Dao, das vor dem Jadethron
des Himmels tönt und für dich eintritt, lieber Yün. Dieses Dao ist deine
Gerechtigkeit: das Lamm über dir, es wäscht dich rein und kleidet dich in
lotosweißes Hanflinnen. Sei getrost und guten Mutes." Da streckte Yün die
Arme zum Himmel aus und rief: "O Himmel, o Himmel, o lieber Vater!
Ich danke dir, daß du mir die Vergebung zugesagt hast durch den Meister,
und ich bitte dich, daß ich sein Jünger werden darf!" Draußen donnerte es,
der Sturm brauste gewaltig wie eine Heerschar über die Hütte hin. Yün
war nun der vierte Jünger des Meisters.

Yün stellte sich den andern drei Jüngern vor und sagte: "Die Welt war
lange ohne Wort Gottes, nun gebraucht der Himmel euren Meister als
Glocke." Er meinte damit ein bronzenes Glockenspiel aus der alten Zeit,
da man Gott spielte auf Glocken Opferlieder. Die Glocke läutet laut, daß
die Schlafenden aus dem Schlaf erwachen und sich des Opfers bewußt
werden. Das ist ein Wort Gottes, vom Himmel her gesprochen, daß das
Lamm geopfert ward, die tugendlose Welt zu versöhnen mit dem Himmel.

Viele Menschen Shandongs waren abergläubisch und wandten sich den


Geistern, der Magie und Zauberei zu, da ging eine abergläubische Familie
den Taishan hinauf, um oben den Jadekaiser anzubeten, das taoistische
Idol. Die Eltern hatten ihre Kinder dabei, die den Meister mit seinen
Jüngern unter einer Krüppelkiefer sitzen sahen, wie er einen Pfirsich
verspeiste, da liefen sie herzu. Die Jünger wollten sie wegschicken, aber
der Meister sprach: "Kennt ihr nicht das Wort Kius: Die Kleinen möchte
ich herzen? - Solch ein Vertrauen, wie die Kleinen zu Vater und Mutter
haben, so vorbehaltlos hingebungsvoll, solch ein Vertrauen sollt ihr zum
Himmel haben, der ein lieber Vater euch ist." Er schenkte den Kleinen ein
paar Pfirsiche und rief ihnen zu: "Sheng ling shi ai!"

Yün hob die Arme zum Himmel und betete: "Ach, daß die Menschen den
Weg verlassen haben und in Untugend leben! Was wäre da möglich, zu
tun? Wenn nun einer käme und spendete dem Volk Gnade, ja wenn einer
käme, der die gesamte Menschheit erlösen könnte; was wäre zu dem zu
sagen?" Und da sandte der Himmel durch das Gebot eines Himmlischen
Boten den Meister zu Yün, da sagte der Meister: "Dschung Ni sagte über
den Erlöser: Göttlich wäre der zu nennen. - Haben diesen Erlöser nicht
schon Yao, Shun und Yü erwartet, war er ihnen nicht durch Schafgarbe
und Schildkröte verheißen: Gut ist es, auf den Wahren Mann zu sehen? Ich
meine, er ist schon gekommen, ein wahrer Gottmensch. A-ya!"

A-Ji und A-Dar hatten Yün befragt, wo er hergekommen, da sagte der


vierte Jünger: "Ich komme aus der Welt des Staubes, aber mit dem Himmel
im Herzen. Da ich Worte der Wahrheit sagte, haben ungerechte Beamte
mich verfolgt. Aber ich sagte mir immer mit einem Wort aus den
Gesprächen: Gott hat den Geist in mir gezeugt, was kann Huan Tui mir
tun? - Als meine Mutter mich in Lüsten empfangen und der Schöpfer mich
im Mutterschoße bereitete, da hauchte mich Gott mit dem Atem des
Himmels an, da hab ich meinen Geist empfangen. Meine Mutter erzählte
mir später, daß ich immer, wenn vom Himmel die Rede war, in ihrem
Mutterbauche hüpfte vor Freude. Der Himmel ist mein Baldachin, wie
könnten mich da die zehn Sonnen stechen?"

Immer, wenn Liang-Yi einen Pirol zwitschern hörte, dachte er an das Wort
des Meisters, der Erlöser wäre schon gekommen, das ließ ihm keine Ruhe,
darum fragte er den Meister, ob der den Höchsten Heiligen gesehen habe
mit eigenen Augen. Da sagte der Meister mit einem Worte Kius: "Den
Gottmenschen zu sehen, war mir nicht vergönnt. - Ich habe die
Offenbarung, daß das Dao auf der Erde gewandelt ist im roten Staub, aber
im vollkommenen De, in vollendeter Tugend. Ist das begreifbar, daß das
ewige Dao uns menschlich begegnete? Das ist mehr, als Götter und Geister
können! Denn das ist Ausdruck der Liebe zu den Menschen (ren)."

10

Zu der Zeit, da die Menschen der Welt das Drachenbootfest feierten, kam
ein junger Mann auf den Taishan, trat vor den Meister, der im Kreis seiner
Jünger an einem Maulbeerbaum saß, und gestand ihm, daß er mit
Blumenmädchen nach den Gesetzen des Kamasutra gelebt habe, wie er es
ausdrückte. Da entrüsteten sich die Jünger und sagten, solch ein Mann der
Untugend habe in ihrem heiligen Kreis nichts zu suchen. Aber der Meister
sah die Schamröte auf den Wangen des jungen Mannes und sah die
silberne Träne an seiner seidigen Wimper, da sagte der Meister mit einem
Wort des Vaters der Lehre: "Wenn ein Mensch sich selbst reinigt, um zu
mir zu kommen, so billige ich seine Reinigung, ohne ihm seine früheren
Taten vorzuhalten. - Da du Scham über deine Schmach empfindest, mögest
du dein altes Leben und den roten Staub der Welt von dir abtun durch eine
rituelle Reinigung, eine Waschung und das Anziehen eines reinen weißen
Gewandes, wie es schon die Shang hielten." Da freute sich der junge
Mann, der To-To hieß.

11

To-To trat gereinigt und geheiligt dem Meister unter die Augen und fragte,
was er nun bedenken solle und an welche Worte er sich nun halten solle.
Da gab der Meister ihm zu seinem Neuanfang ein Wort aus der Schrift des
Vaters der Lehre: "Bis zum Tode treu dem rechten Weg! - Das sollst du
halten, denn wer bis zum Tode nicht vom Weg der Wahrheit abweicht, der
geht am Ende in die Himmelstadt aus Jade ein, der wird wandeln im
Himmlischen Garten unter Pfingstrosen mit seligen Genien!"

12

Und To-To fragte den Meister, ob er, To-To, ein Amt annehmen solle, er
kenne die Klassiker und den Kanon, ja einen Großteil der Oden
auswendig, wäre also geeignet, an der Regierung des Reiches
mitzuwirken. Da schaute der Meister ernst und sagte: "Das Reich des Dao
ist nicht von dieser Welt des roten Staubes. Kennst du nicht das Wort Kius:
Meint ihr, ich möchte in den Armen von Ministern sterben und nicht
vielmehr in den Armen meiner treuen Jünger? - Wes Geistes sind die
politisch Mächtigen? Willst du dem grausamen Qin Shihuangdi dienen
oder dem liebreichen Dao des Himmels? Dem Sklaventreiber oder der
Mutter der zehntausend Wesen? Ein Amt, das ist eitel."

13

Yün fragte, wie man merke, ob man wirklich Vertrauen und Hingabe
gegenüber dem Himmel in sich habe und übe, oder ob man sich mit
religiösen Gefühlen selbst weihräuchere. Da sagte der Meister: "Der Weise
sagte: Wenn das Jahr kalt wird, dann erst merkt man, daß Lebensbäume
immergrün sind. - Siehe, erst wenn du in Not, Bedrängnis und Verfolgung
gerätst, merkst du, ob du dem Himmel vertraust. Liegst du in Seide auf
Samt und Brokat auf einem Kang aus Jade bei Reiswein und gekochtem
Lachs mit Reis vom Yangtse, so magst du zufrieden sein mit deinem
Leben. Aber danke dem Himmel um so inniger, wenn du mit der
neunschwänzigen Peitsche gestraft wirst, wenn man die Knöchelpresse bei
dir anlegt und dich in ein finsteres Loch zu den Ratten wirft. Dann dem
Himmel Ja! zurufen und dankbare Liebe haben zum lieben Himmlischen
Vater, das nenn ich Glauben, der Glaube genannt werden kann."

14

Liang-Yi sagte: "Im Dao wurden der Äther und das Reich der Mitte
geschaffen, es ist unausschöpflich und geheimnisvoll. Und dieses nun,
meinst du, kümmere sich um mich? Ich halte es nach meinem Empfinden
für unnahbar und fern." Da schaute der Meister verständnisvoll in Liang-
Yis schwarze Augen, die schimmerten, und sagte: "Mein Vorbild sagte
angesicht des Todes: Wehe, Gott hat mich verlassen! Wehe, Gott hat mich
verlassen! - Aber wie irrte er darin! Gott verläßt uns nicht, er ist der
Verläßliche. Er ist unnahbar, aber uns so nahe. Vielleicht fühlte Kiu den
Abgrund der Untugend mit seiner ganzen Verworfenheit. Aber flöhe ich
auch zu den Gelben Quellen, siehe, Gott wäre auch da. So sorge dich nicht,
fürchte dich nicht, weine nicht länger, o Liang-Yi. Gott ist mit dir!"
15

A-Ji machte sich viel Gedanken über die Ethik des Altertums, über Sitten-
und Morallehren, den Tugendbegriff und die Auffassung von der Pietät,
das Verständnis der Kinderliebe und Sohnespflicht. Er hatte eine Meinung
ausgebildet, daß diese Tugenden auch für die Jünger seines Meisters vom
Taishan Bedeutung hätten. Davon erzählte er dem im Natürlichen älteren,
im Geistlichen jüngeren Bruder To-To, der nichts anderes zu sagen wußte
als ein Kung-Wort: "Der Vater sei Vater, der Sohn sei Sohn." Er meinte
wohl, daß der Himmel Vater sei und A-Ji Sohn, und so wie der Himmel
wirklich Vater in allem ist, liebevoll und vorbildlich, erzieherisch wirkend
und versorgend, so solle auch A-Ji ein Sohn sein, eine Freude seines
Vaters, in Kinderliebe lebend, gehorsam und dem Wege des Vaters folgend.
Dasselbe bezog To-To auch auf sich.

16

A-Dar sah man eines Abends sich plötzlich oben auf dem Taishan flach auf
den Boden werfen, er kniete nicht nur, er neigte nicht nur seine Stirn zu
Boden, er legte sich auf den Boden und drückte sein Antlitz auf den harten
Felsen. Da pries er den Himmel in einer Zunge, die weder Mandarin noch
Kantonesisch war. To-To, der herbeikam, staunte, schwieg, verharrte, und
erst, als A-Dar sich erhob, fragte To-To, was das alles zu bedeuten habe. A-
Dar sagte mit einem Gespräche-Wort: "Das Wesen des Herrschers ist der
Wind, das Wesen der Geringen ist das Gras. Das Gras, wenn der Wind
darüber hinfährt, muß sich beugen. - A-ya! Der Herrscher ist der Himmel,
und da er mir begegnete, da warf ich mich vor ihm nieder. A-ya! Der
Herrscher Himmel ist wie Wind, wie Hauch, wie Atem, und da er mich
angehaucht hat und seine Liebe ausgegossen in meinem Herzen, darum
preis ich ihn mit der Sprache der Himmlischen Boten." Da sagte To-To
naiv: "Ich konnte deine Zunge nicht verstehen, aber es schien mir, als
sagtest du immer wieder: Friede! Friede!"

17

Als im Sommer in hauchfeiner Sommergaze, flüssig und reizend wie


Libellenflügel, Jungfrauen wandelten über den Taishan bei den
Maulbeerfeldern, da wühlten sie To-Tos Herz auf, und er sah in sich und
fand in seiner Seele Wollust, die den Frieden seines tugendhaften Geistes
aufstörte und verwirrte. Er beichtete das dem keuschen A-Ji, dem
Lieblingsjünger des Meisters, und der sagte: "Wie heißt es doch in dem
Buch der weisen Gespräche? Seine eigenen Sünden bekämpfen und nicht
die Sünden anderer bekämpfen, werden nicht dadurch die geheimen Fehler
gebessert? - Was soll ich nun sagen? Schaue ich in mich hinein, so seh ich
Mängel an Tugend. Will ich dir brüderlich helfen, so sag ich: Überwinde!"
Da seufzte To-To und sagte: "Ach wie weit und fern ist mir die
vollkommene Tugend! Ich bin mehr ein Wurm als ein Mensch!" Aber A-Ji
begann zu singen ein uraltes Loblied aus dem Shijing, in dem der Gott des
Alten Bundes, Shangdi, gepriesen wurde. Das schließlich half dem jungen
To-To.

18

Es war ein herrlicher Sommertag, die Orchideen in den Tälern glänzten,


die Schäfchenwolken am blauen Himmel überm Taishan glänzten, die
Augen glänzten Yin-Ko, dem Jüngling, der da wandelte den Berg hinan
zur Hütte des Meisters. Er traf den Meister, fasste gleich Vertrauen und
sagte: "Ich hatte mich in eine siebzehnjährige Jungfrau verliebt, aber sie
war schon einem anderen versprochen. Ich entschloß mich, aus der Welt in
die Einsamkeit zu flüchten, um den Geist des Himmels zu suchen. Was soll
ich nun aber sagen, da mein Herz noch voller jugendlich-törichter
Schwärmerei?" Der Meister lächelte, er neigte sein Haupt zur Seite und
sah aus einem schrägen Winkel Yin-Ko an und sagte: "Das eine Wort Kius
halte dir vor, wenn dein Schicksal dir widrig scheint: Ich murre nicht wider
Gott. - Ja, was er dir zumißt vom Himmel her, deinen Weg, den sieh an als
einen Ratschluß und Weg himmlischer Liebe, Fürsorge und Güte. Und
wenn du selbst dein Bestes nicht kennst, wenn du dich selbst nicht mehr
verstehst in der Verstrickung deines Gefühles, dann sage mit dem alten
Konfuzius dir dies: Wer mich kennt, das ist Gott. - Ja, was wolltest du
mehr noch wollen? Damit hast du schon alles." Yin-Ko seufzte und sagte:
"Das Dao hat mein Seufzen gehört und mir einen Tröster gesandt."

19

To-To sah Yin-Ko und befreundete sich mit ihm, denn er fühlte, daß sie
eines Geistes seien, ja, beide wußten, der andere ist ebenfalls angehaucht
vom Atem des Himmels, er hat sich eins gemacht mit dem Dao und
erkennt die Herrschaft des Himmels an. Lob und Preis der Gemeinschaft,
die der Himmel gestiftet hat. Da sah der Meister ihre Gemeinschaft und
sagte: "Wohl denen, die die Macht des Geistes an sich wirken lassen.
Dieser Geist ist ein Geist der Einmütigkeit, der Brüderlichkeit, des
Friedens, der Harmonie und der Menschenliebe, der Tugend und des
rechten Weges. Ihr, meine Kinder, ihr kennt die Macht des Geistes. Kiu
sagte: Wenige sind ihrer, die die Macht des Geistes kennen. - Es sind vom
Himmel Erkorene, deren Bund dauerhaft und fest ist. Lobenswert ist
wahrlich diese Liebe zwischen euch!"

20

To-To und Yin-Ko sprachen aus einem Munde, eines Sinnes und Geistes,
als wäre To-To Oberlippe und Yin-Ko Unterlippe, und der eine könne nicht
reden, ohne daß der andere mitrede. Da sagte, ein Wunder des Himmels
war es, da sagte (mit einem Worte aus den Gesprächen) To-To: "Gibt es ein
Wort..." und Yin-Ko ergänzte: "...nach dem man das ganze Leben handeln
kann?" Der Meister war so froh, so froh ihrer Einmut und
Gleichgesinntheit, daß er an den beiden die Antwort ersah: "Die
Nächstenliebe."

21

Als es einmal finstere Nacht war, der Mond von der Erde verdunkelt
wurde, da belagerten grausige Dämonen, schwarze Krieger, die Seele A-
Jis, der er flehte zum Himmel (Gott), daß er ihm helfe, ihn rette und
beschütze. Er fürchtete sich in dem Augenblick nicht mehr vor den
Dämonen, aber er fühlte eine große zitternde Ehrfurcht vor dem
allerheiligsten Gott. Das drückte er am nächsten Morgen Liang-Yi
gegenüber mit folgenden Worten aus: "Kung sprach: Der Edle hat eine
heilige Scheu vor dem Willen Gottes. - Daß das Wirklichkeit und Wahrheit
ist, hab ich erfahren, da mir diese Scheu geschenkt worden ist zum Schutz.
Wahrlich, wer vor Gott heilige Scheu hat, ihn also mit gebotener Demut
und kindlichem Herzen liebt, der ist geschützt, der ist zuhaus in der Burg
des Himmels, der braucht sich nicht länger zu fürchten vor den Dämonen
des Aberglaubens. Diese Scheu vor dem Willen Gottes ist der Anfang der
Erleuchtung und der Weisheit jenseits des Wissens. A-ya!"

22
Nach einer Meditation mit dem Meister, früh am Morgen, sie hatten über
ein heiliges Wort meditiert, das die Liebe des Allerhöchsten ausdrückte,
nach dieser Meditation ging der Himmelsbürger Yün von des Meisters
Hütte fort. Er ging zu den Vertretern einer philosophischen Schule, die
versuchten, das Dao mit geistiger Spekulation zu erfassen. Sie bereiteten
sich vor auf ein politisches Amt, sie wollten einen idealen Musterstaat im
Reich der Mitte gründen nach den Prinzipien des Dao. Yün hatte eine
andere Einsicht. Er sagte zu einem Vertreter dieser Philosophen: "Ihr
studiert die Worte Kungs und versteht sie doch nicht. Ja, ihr versteht ja
nicht einmal die Worte des Dsi Dschang. Wenn ihr nicht einmal die
Erklärungen des Jüngers versteht, wie meint ihr, könnt ihr den Meister
selbst verstehen? Wenn ihr die Jünger nicht liebt, wie wollt ihr den Meister
lieben? Ja, seht in euch, ob ihr Liebe habt. Wie wollt ihr ohne Liebe zur
Wahrheit etwas Wahrhaftiges begründen? Kennt ihr nicht dieses Wort des
Dsi Dschang: Wer der Wahrheit in seinem Verstande zustimmt, ohne daß
sie eine Macht in seinem Leben wird, der ist weder kalt noch warm. - Ja,
ich sage euch, der Himmel wird solche lauen Leute ausspeien! Ich bin
gewiß, das Herz des Himmels ist voll der Glut der Liebe, und ich will
hineingeschmolzen werden, ich will, daß dieses Feuer der Liebe mein Herz
läutert wie Gold und veredelt. Mein Ziel ist die Wahrheit, aber eine
Wahrheit der Liebe, eine andere erkenne ich nicht an. Was ist Wahrheit?
fragt ihr Philosophen. Ich frage: Wer ist Wahrheit? Der Gottmensch ist
Wahrheit, der das Dao ist, der die Liebe des Himmels ist! Aber was red ich
zu verschlossenen Ohren? Euer Verstand hat euer Herz hart und taub
gemacht. Ach, ihr seid wie Schlangen, die den Beschwörer nicht hören! Ihr
seid meinem Herzen eine Last und ein Ach und ein ständiges Flehen zum
Himmel!" Als die Philosophen dies hörten, lachten sie Yün aus und jagten
ihn mit Knüppeln fort.

23

Yin-Ko fragte den Meister, wer Heiliger sei und welche Erkenntnis ihn als
solchen ausweise. Der Meister sagte: "Ich kenne ein Wort Kungs, das da
lautet: Wer Anfang und Ende zugleich besitzt, der nur ist ein Heiliger. -
Wer nun ist Anfang und Ende? Das Dao ists, denn im Dao wurde die Welt
geschaffen, im Dao wird sie enden. Man kann es nun Anfang oder Ende
nennen, es ist einfach wahr, es ist Wahrheit und Wirklichkeit. Der Anfang,
der das Dao ist, ist ein mächtiger Anfang, nicht nur Beginn der Zeit,
sondern urgewaltiges Geschehen. Ein solches vollzieht sich am Heiligen,
wenn der Anfang seiner Weisheit zu ihm kommt, die Wende seines Lebens
zum Ursprung zurück, das ist so unaussprechlich erhaben, gewaltig und
machtvoll und herrlich, o Yin-Ko, da seh ich die Macht der Liebe, die im
Dao mir begegnet, ja, daß der Himmel so an mir gehandelt hat! Diesen
Anfang halt ich, wie ich das Ende ersehne, das Ende, das ein Wirken
herrlich und groß ist und mich heimbringt in das Geheimnis der
Geheimnisse." Yin-Ko sah den Meister mit großen Augen an.

24

To-To, eines Sinnes mit Yin-Ko, trat zum Meister und sagte: "Meister, du
hast Yin-Ko gesagt, wer ein Heiliger ist, du hast gesagt, wer Anfang und
Ende besitzt, ist heilig, geheiligt vom Dao, das da Anfang und Ende und
Wort des Lebens ist. Der Heilige, ist es nicht der, der immer aufs Dao
schaut? Was nun sagst du zum Dao? Ich meine, du hast ein Wort darüber
auf dem Herzen, das wunderbarer ist als das Geschwätz der Philosophen."
Da lachte der Meister herzlich und sagte: "Nicht, daß ich die Alten nicht
ehren würde, ich nehme gern ein Wort des alten Kung auf. Eins seiner
Worte liegt mir besonders am Herzen, er legt es dem heiligen Shun in den
Mund, der da sagte: Wenn die zehntausend Gegenden Sünde haben, so
bleibe die Sünde auf meinem Leib. - Das bedenke, mein Sohn. Du mußt
wissen, daß Shun sich nicht selbst verherrlichen wollte, sondern als ein
Prophet des Altertums sprach und das, was er scheinbar auf sich bezog, auf
einen Gottmenschen bezog. Wer ist nun dieser? Ich meine, wie er Gott und
Mensch ist, der Gottmensch, so ist er Dao und roter Staub zugleich. Ja, er
ist das Wort des Lebens in einer tugendhaften Gestalt. Wäre mir die Gnade
früherer Geburt zuteil geworden, ich wäre in den Westen gewandert, ihn zu
sehen, über die Berge und über die drei Ströme, Euphrat und Tigris und
Jordan, ins exotische Land gezogen wäre ich, dem Gottmenschen seine
Füße zu küssen. Aber nun red ich von ihm, was mein Herz mir sagt. Er ist
der, der sah, daß die Menschen der zehntausend Gegenden sündigten
gegen Gott, indem sie den Himmelsvater verachteten und sich selbst an
seine Stelle setzten, ihre Ahnen oder Götter und Geister mehr liebten als
den Allerhöchsten und ohne Tugend lebten. Da ward das Dao unwürdige
Staubgestalt und nahm bis zu einem fluchwürdigen Tod die Sünde aller auf
sich und warf sich mit ihr in den Tod. Wo ist nun meine Sünde? Siehe, auf
ewig dahin und von mir genommen ist sie fort und ab! A-ya! Aber der
Gottmensch, siehe, zur Rechten des Himmlischen Vaters steht er und redet,
das Dao, mit dem Atem des Himmels: Ich komme wieder!"

DRITTE ABTEILUNG

(Diese Abteilung wird dem Herbst zugeordnet und behandelt das "Li Ji",
das Buch der Riten und Sitten.)

Der Meister versammelte seine Jünger um sich, als da waren: A-Ji, A-Dar,
Liang-Yi, Yün, To-To und Yin-Ko. Er sagte zu ihnen: "Wir wollen von der
Sitte reden, das ist, wir wollen von dem reden, was gut und was böse ist.
Seit unsere Urahnen sündigten, haben wir Erkenntnis des Guten und
Bösen. Aber wer ist gut, als Gott? Gott ist das Dao des Himmels. Im Li Ji
heißt es darum: Was der Himmel dem Menschen bestimmt hat, ist sein
Wesen; was dieses Wesen zum Guten leitet, ist der Weg. Der Weg darf
nicht verlassen werden; dürfte er verlassen werden, so wäre er nicht der
Weg! - Lange Rede mit tiefem Sinn! Kinder, euer Wesen hat euch der
Himmel zugeteilt, er hat euch geschaffen, damit ihr auf dem Wege des
Lebens wandelt. Daher hat jeder den Drang, die Unsterblichkeit zu suchen.
Wer den Weg des Lebens gefunden hat, der hat schon Anteil an der
Unsterblichkeit. Das ist nicht nur langes Leben von hundert Lenzen, das ist
langes Leben immerdar, langes Leben von zehntausend Lenzen! Ihr habt
den Weg, aber weicht nicht zur Rechten und nicht zur Linken! Zur Rechten
ist die Unzucht des Leibes, zur Linken ist der Hochmut des Geistes. Seid
demütig vor dem Himmel, aufrichtig gegenüber dem Dao und betrübt
nicht den Atem des Himmels in euch. Wisset, das Dao ist der einzige Weg,
der zum Himmel führt, zum Vater auf seinem Jadethron!"

Da sagte Yün, der in der Welt gewesen war und die Menschen kannte, da
sagte er mit einem Li-Ji-Wort: "Ach, daß der Weg nicht begangen wird!"
Er hatte eine Last auf dem Herzen, ein Mitleid mit denen, die noch nicht
auf dem Wege des Lebens waren, darum auf dem Wege des Todes waren,
arme Seelen!
3

To-To verstieg sich in Verzückung, Begeisterung und übermütigem Jubel.


Er hielt es für Lobpreis sondergleichen, vom Dao Folgendes zu singen: "O
Weg des Lebens, du bist groß und geheimnisvoll, du bist so fern und
unfassbar, vor allen Universen warst du da, vorm Chaos, vor Licht und
Finsternis, vor Geist und Seele und Leib, in unausschöpflicher
Unergründlichkeit bist du zuhause, Urprinzip des Lebens könnte man dich
nennen, zu heilig, als daß ich mich dir nahen dürfte!" Da mußte A-Ji ihn
rügen, er hielt seinem Bruder im Dao einen Spruch aus dem Sittenbuch
vor, das da lautet: "To-To, ich habe ein Wort für dich, das da lautet: Der
Weg ist nicht ferne vom Menschen. Wenn die Menschen den Weg vom
Menschen entfernen, so kann man das nicht (mehr) den Weg nennen. -
Siehe, mein lieber Bruder, erinnere dich daran, was du hörtest. Die
Weisheit kommt aus dem Hören, die rechte Lehre aus dem Wort (Dao).
Dieses Dao ward, wie unser Meister uns lehrte, Knechtsgestalt im roten
Staub, zwar in unbescholtener Tugend, aber von der Welt verachtet und
gehasst. Wie meinst du nun, daß es unnahbar wäre, wo es doch ebenso
menschlich wie göttlich ist, ja, wenn der Gottmensch die eine Hand zum
Vater ausstreckt, so doch die andere zu dir, deine Hand zu fassen." To-To
sagte: "Ich glaube, der Himmel helfe meinem Unglauben. Hast denn du
das Dao des Himmels gesehen in Knechtsgestalt?" Da sagte A-Ji: "Ich sah
Dao, und siehe, die Augen glühten, das Gewand war weiß wie Schnee." Da
wunderte sich To-To: "Weiß war das Gewand? Ja, trauerte er denn?" Da
sagte A-Ji: "Es war so weiß, weil es ganz aus Licht war."

To-To hatte die Worte A-Jis bedacht und trat mit seinen Überlegungen zu
Yin-Ko, zu dem er sagte: "Wenn Dao lebt als Gottmensch und mir nah
kommen will, wie muß ich dann leben?" Und Yin-Ko sagte: "Dasselbe,
mein Lieber, fragte ich gestern den Meister. Wir sind uns wirklich
seelenverwandt. Siehe, er sagte mit einem Wort aus den Riten: Nach oben
grollt er nicht dem Himmel, nach unten zürnt er nicht den Menschen. - Ja,
damit ist er dem Dao ähnlich, der ist aller Heiligen Vorbild und Erster.
Denn, mein Lieber, der Gottmensch hatte vollendeten Frieden mit dem
Himmel, ein Himmlischer Friede füllte sein Herz, und er hatte Liebe und
Erbarmen für die Menschen, ach die armen Seelen, die ihre Untugend zu
den Gelben Quellen hinabzieht, aber Er, Er zieht sie hinauf in des Himmels
Jade- und Phönixstadt! Wer so ist, der hat Ruhe gefunden im Schatten des
Allerhöchsten, in den wurde die Himmlische Liebe ausgegossen. Das ist
der gute Weg. Ich bin so dankbar, mein Geistbruder, daß wir beide auf
diesem Weg des Lebens sind, geleitet vom Wort der Liebe zum Ziel der
Wallfahrt: der Himmlischen Harmonie mit Gott!"

Der Meister trat vor seine Jünger und sagte: "So weit geht die Offenbarung
des Geheimnisvollen (Li Ji): Ich sah das Dao, ich sah ihn, der da Dao ist,
seine Augen blickten voll Glut der Liebe in mein Herz, sein Herz war aus
Glut, seine Haare waren licht wie der Weisen Haare. Oben war er wie
Licht und Feuer, unten herum aber wie Messing oder Kupfer. Das war ein
Gottmensch. Ja, so weit geht die Offenbarung des Geheimnisvollen, wie
das Li Ji es nennt."

Yün sah man am Morgen auf dem Taishan zum Gipfel gehen, an eine
schöne Stelle, da Kiefern des ewigen Lebens standen, da betete er zum
Himmel. Natürlich nicht zu dem, was die Welt so Himmel nennt, zu den
Sternen und Wolken, nein, er betete nicht zum Sternbild des Drachen. Der
Himmel, zu dem er betete, das war der, den sie im fernen Ju-te-a "Ich bin"
nannten, ein Geist, personhaft. Er betete wie die Alten in Ehrfurcht und
Demut, und da er anbetete, empfing er Kraft vom Himmel, moralische
Orientierung und umfassende Menschenliebe (ren). Davon wußte der
Meister, und er sagte über Yün mit einem Wort aus dem Sittenbuch: "Vom
Himmel empfängt er's täglich neu."

Liang-Yi sah über die Jasmintee-Tasse hinweg zu A-Ji und sagte: "Bruder
im Dao, woher kenn ich dich? Wie kenn ich dich? Was heißt es, einen
Menschen zu erkennen? Das Li Ji sagt: Wer den Menschen kennen will,
darf es nicht unterlassen, den Himmel zu erkennen. - Es ist so: Wir sind
vom Himmel geschaffen, wir sind des Himmels Spezie, ja, kühn bekenn
ich: wir sind Himmelssöhne, Kinder des Vaters (Baba). Siehe, wie es in
einem Lied heißt, wir haben den Himmel im Herzen. Ich kenn den Himmel
in deinem Herzen und sehe, er ist gleich mit dem Himmel in meinem
Herzen. So sind wir eins und einig und einmütig. Diese herzliche
Verbundenheit, vom Himmel geschaffen, nenne ich wahres Erkennen. So
will ich den Himmel erkennen, also daß ich eins mit ihm bin: Ich im
Himmel und Himmel in meinem Herz. Bruder, meinen Himmel will ich dir
schenken! Nennen wir das ai oder ren?"

Der Meister lehrte: "Im Buch heißt es: Die Wahrheit haben, ist des
Himmels Weg; die Wahrheit suchen, ist des Menschen Weg. - Ja, Kinder,
der Himmel hat Wahrheit, ist wahrhaftig, ist nicht nur wahrhaftig, das
heißt, hat nicht nur Wahrheit an sich, sondern ich sage: das Dao des
Himmels ist Wahrheit. Das hat mir nicht Fleisch offenbart, das offenbarte
mir der Himmel, da das Dao sagte: Ich bin die Wahrheit... Dao ist nicht
allein Richtigkeit eines Gedankens, sondern ist das einzig Wahre, das
einzig wirklich Substantielle und Wesentliche. Alles, was sich wahrhaftig
nennen will, muß eins sein mit dem Dao, sonst ist seine Wahrhaftigkeit nur
ein subjektiver Trugschluß, eine sich selbst irreführende Illusion. Darum:
der Mensch erlangt Wahrheit, die Wahrheit über Gott und des Menschen
Bestimmung dadurch, daß er die Wahrheit sucht, das heißt, indem er jenes
Wesen sucht, daß vom Himmel her offenbarte, daß es die Wahrheit im
Wesen ist, also, indem er das Dao sucht. Das sagt den Menschen der Welt:
Sucht die Wahrheit, macht euch auf den Weg! Ja, begehrt denn keiner mehr
nach der Wahrheit?"

Der Meister lehrte: "Noch einmal will ich euch von der Wahrheit predigen.
Dazu berufe ich mich auf ein Wort aus der Schrift: Die Wahrheit ist Ende
und Anfang aller Dinge. Ohne Wahrheit gibt es kein Ding. Darum hält der
Edle die Wahrheit wert. - Wie nun, meine Lieben? Beten wir nicht den
Himmel an als unsern Schöpfer? Sind wir nicht des Himmels Söhne? Aber
ist nicht der Gott des Himmels und das Dao des Himmels identisch, und
sagte nicht das Dao von sich, daß es mit der Wahrheit identisch ist, und
sagte weiter nicht auch das Dao, daß sein Geist ein Geist der Wahrheit ist,
daß dieser Geist der Wahrheit der Atem des Himmels ist? Wer will das
scheiden? Dies nenn ich die wahren Drei Schätze (in Wahrheit Ein Schatz,
meines Herzens Schatz und Liebling)." Da schaute To-To ganz verzückt,
da er hörte, daß Gott ein Liebling sei, denn da war ja nun vollkommen und
auffindbar, was er seit je ersehnte und suchte! Nun fuhr der Meister fort:
"Dieser Geist der Wahrheit, der Geist des Dao, in ihm sind wir geboren. Er
war am Anfang über dem Chaos. Im Dao ist alles geschaffen, durch das
Dao (Es werde) und zum Dao hin. Und da das Dao die Wahrheit ist, wurde
die Schöpfung aus der Wahrheit, durch die Wahrheit und für die Wahrheit
geschaffen. Wir nun, als Geschöpfe ebenfalls, wie sollten wir unsern
Schöpfer nicht ehren und die Wahrheit als unserm Herrn huldigen?"

Der Meister wollte wissen, was nun das Credo und die Konfession seiner
Jünger sei, da sagte A-Ji: "Der höchste Heilige ist, wie das Li Ji sagt, wie
ein tiefer Quell, der Wasser spendet zu seiner Zeit. - Ich meine, dieses
Wasser, das der Höchste Heilige, das der Gottmensch spendet, das ist das
Wasser des Lebens vom Himmel her. Was ist das Wasser des Lebens? Es
ist Erquickung des inneren Lebens, des Geistes, darum muß es selbst Geist
sein, denn nur Geist erquickt den Geist. Der Geist, den der Höchste
Heilige spendet, daß muß der höchste, Heilige Geist sein. Der werde in mir
zu einer Quelle und quelle auf, täglich will ich den Gottmenschen (Dao)
darum bitten, daß sein Geist des Lebens, sein Himmlischer Atem, in mir
lebendig sei und meinen Geist und ganzen Menschen lieblich erfülle!"

10

Daraufhin bekannte Yün: "Wie es im Buch der Riten heißt: Wenn der
Höchste Heilige sich offenbart, dann ehrt ihn sein Volk; wenn er spricht, so
glaubt ihm sein Volk; wenn er handelt, so freut sich sein Volk. - A-ya, Er
offenbarte sich an seinem Tag, er offenbart sich auch heute noch täglich
durch seinen Geist (shen), er wird sich schließlich vollends offenbaren,
indem er wiederkommt, Er, der Gottmensch, der das Dao Gottes ist. Ich
danke dem Himmel (Abba), daß ich zu Seinem Volk zähle, da ich des
Himmlischen Vaters Kind bin, so glaube ich dem Gottmenschen, so freue
ich mich am Dao, so ehre ich den Höchsten Heiligen."

11

Dann zeugte To-To von seinem Glauben: "Es steht geschrieben: Alles, was
Odem hat, ehre und liebe Ihn! Er ist dem Himmel zugeordnet! - A-ya! Mit
Oden und Gedichten, Preis- und Kultliedern, Hymnen und Liebesversen,
großen Psalmen (Da Ya) und kleinen Psalmen (Siau Ya) lobe alles, was
Odem hat, den Herrn der Himmlischen Boten, den Herrn, der wie Jade und
Nephrit auf dem Throne, meinen Herrn! A-ya! Lobet den Herrn!"

12

Und Liang-Yi bekannte: "Ich glaube an des Einzigen Doppelnatur: Echt ist
seine Menschlichkeit... strahlend ist sein Himmlisches... (Li Ji) Darum
nennen wir ihn ja auch Gottmenschen. Er war der beste Mensch, lebte in
vollkommener Tugend (heilig war seine Geburt) und erfüllte alle Gebote
der Menschenliebe vollends. Aber das nicht allein, sondern vom Himmel
hoch da kam er her, im Himmel der Himmel war er von Anfang an
zuhause, strahlend, wie es heißt, leuchtend von himmlischem Licht, da er
das Licht selbst war und ist und sein wird, das Licht, das mich erleuchtete,
ein süßes Licht, so süß, ach!"

13

Und A-Ji besprach sich morgens in der Frühe, vor Sonnenaufgang, mit
Liang-Yi, der Lieblingsjünger mit dem schönen Jünger, und in einem
waren sie sich einig, was da A-Ji nach den Worten des Ritenbuches
formulierte: "(Unser Weg ist,) die Menschen zu lieben und das Ziel sich zu
setzen im höchsten Guten." Da sagte Liang-Yi: "Wie? Ist es nicht so, daß
nur, wer die Menschen liebt, die Kinder des Himmels, daß nur der auch
den Himmel lieben kann? Wer hat das Anlitz des Himmlischen Herrn je
gesehen? Wer nicht seine Kinder, die sichtbar sind, liebt, wie sollte der den
Vater, der unsichtbar ist, lieben können? Darum: laß uns lieben mit Gemüt
und Verstand, Seele, Herz, Geist, hun und po und allen Kräften!" Und A-Ji
ergänzte: "Ja, mein lieblicher Lieber! Und unser Ziel, das ist im höchsten
Guten; und wer ist denn dies? Das ist der Himmel, der Herr des Himmels,
der Vater, Er allein ist gut! Er ist die Quelle allen Gutens, denn alles Gute
kommt von oben. Wie kommen wir dahin, da wir soviel Frevelhaftes in
unserer Körperseele (po) haben, soviel Frevel und Freudenmädchentum,
ach, Liang-Yi, du weißt, wir sind nicht durch und durch gut und rein und
heilig. Wie das werden?" Da hörte der Meister ihr Gespräch und ihre
Besprechung und erbarmte sich der beiden und gab ihnen ein Wort der
Weisheit: "Das Dao ist eure Gerechtigkeit, eure Gerechtigkeit ist das
Lamm über euch (wie das Schriftzeichen verdeutlicht). In alten Zeiten
bereiteten die Priesterhirten ein Lamm vor zum Opfer für Shang-Di, das
der Himmelssohn als Hoherpriester opferte, dies Lamm, rein und
makellos, sollte die Frevel des Volkes tragen. Dies ist nun das Dao selbst
geworden, eure Gerechtigkeit, so ihr euer Herz ihm übergebt und ihm
nachfolgt!"

14

Yün, den man auch das Lied des Himmels nannte, weil er allmorgentlich
einen Psalm im Herzen sang dem Himmel zu, der überdachte eines
Morgens in seiner Stillen Zeit folgendes Wort aus dem Buch: "Er hatte
stets die klare Bestimmung des Himmels vor Augen." Da besprach sich
Yün mit dem Meister: "Meister, was ist meine Bestimmung vom Himmel
her?" Da sprach der Meister: "Des Himmels Sohn ist das Dao, das
vollkommene Ebenbild des Himmels, eins und identisch sind Himmel und
Dao, gleichgesinnt wie Vater und Sohn in Liebe. Diesem Sohn werde
gleich. Das ist die Bestimmung des Himmels." Yün fragte: "Wie kann das
werden?" Da sagte der Meister: "Der Atem des Himmels, in dich gehaucht
vom Himmel bei deiner Erneuerung des ganzen Menschen vom Dao her,
der arbeitet an dir, der wirkt in deinem Inneren als dein Lebensatem
gestaltend, der wird dich umgestalten und dich gleichgestalten dem Dao,
dem erstgeborenen Himmelssohn!"

15

To-To sagte: "Meister, ich leide unterm Hochmut, ich meine, ich, ich bin
nun ein Jünger des Dao, die Menschen der Welt des roten Staubes sind all
eitle Narren. Wie nun? Ich leide darunter." Da sprach der Meister sanft:
"Was will der Himmel, wie du dich zu stellen hast zu den Kindern der
Welt? Was sagt das Li Ji: Nur die Liebe zu den Nächsten ist für ihn
köstlich. - Du willst ihm doch köstlich sein, ein Wohlgeruch und
angenehm seiner Zunge, auf daß er dich nicht ausspeit? So laß dich
erfüllen von der Liebe, die der Schöpfer aus dem Chaos zu allen seinen
Kreaturen hat. Wenn er schon den Eisvogel und die Steinschwalbe liebt,
wieviel mehr das Blumenmädchen, das er freikaufen will! So gehe hin,
achte ihrer Linien nicht, sieh ihr in die Augen, die da Spiegel der Seele
sind, und sieh in dieser Seele die vom Himmel überschwenglich geliebte
Seele!"
16

Da ihre morgentliche Gemeinschaft Liang-Yi, der Schöne, und A-Ji, der


Lieblingsjünger, vor dem Himmel oben auf dem Taishan hatten zum Lobe
der Drei Schätze: Himmel, Dao und Atem des Himmels; da sah es der
Meister und schätzte ein ihr Tun also mit einem Li-Ji-Wort: "Das heißt den
Segen des Himmels erben!" Ja, der Himmel will gelobt werden begeistert
und wahrhaftig, und wer so tut, der ist wahrlich gesegnet.

17

To-To zagte nach einem schrecklichen Traum von einer drei Meter langen
Ratte eines Morgens ganz fürchterlich, da sah ihn der Meister zittern und
beben und sang ihm zu Trost und Erbauung: "Trau dem Dao, denn, wie
geschrieben steht, auf diese Weise hat der Heilige einen sicheren Schutz, in
dem er seine Persönlichkeit bergen kann." Da seufzte To-To ganz schwer
und tief und lang und hingegeben und sagte: "Ja, mein Meister, ich glaube,
das Dao ist ein Zufluchtsort, ist eine Eremitage oben auf den höchsten
Bergen, wo kein fremder Teufel hingelangt, ist wie eine zehntausend Li
lange Mauer um das Reich, daß kein grausamer Barbar eindringt. Ja, wer
unter dem Baldachin des Himmels Zuflucht findet, der kann zum
Allerhöchsten sagen: Bei dir find ich Ruhe, du bist sicher wie eine
Palaststadt. Mein Herr, auf dich traue ich, du Dao Gottes!"

18

Der Meister sagte zu A-Dar eines Abends: "Es steht geschrieben (im Li Ji):
Des Großen Einen Offenbarung heißt Bestimmung, sein Wirken ist im
Himmel." Da sagte A-Dar: "Das ist etwas, meinen Verstand völlig
übersteigend, daß der Himmel alles, was geschieht, bestimmt hat im
Voraus, aber daß der Täter seiner Tat die freie Entscheidung aus seinem
freien Willen heraus hat und damit die volle Verantwortung. Aber ebenso
wundersam nimmt mich, daß das Dao (aus dem das Firmament und das
Reich der Mitte entstanden, und das ewig ist) im roten Staub gewandelt in
der verachtungswürdigen Gestalt eines Dieners und den Tod eines
Verbrechers gestorben sein soll in Ju-te-a, und ist doch noch das volle
ganze Dao, das man auch Gott nennen kann? Ja, wahrlich wundersam ist
der Weg des Himmels."
19

Yün hatte eine Offenbarung bekommen in seiner frühmorgentlichen


Andacht in des Berges Gipfeleinsamkeit, die teilte er mit: "Es steht
geschrieben: Die Liebe ist die Wurzel der Gerechtigkeit. - Ja, denn wenn
der Himmel nicht ein Herz der Liebe hätte, so würde er den Haß vielleicht
dulden, denn den Haß dulden, das heißt ebenfalls hassen. Aber die Liebe
will allüberall nur Liebe und nichts als Liebe, will Liebes allen Menschen,
Herren wie Knechten, Männern wie Frauen, Hauptfrauen wie
Blumenmädchen, Alten wie Kindern, Chinesen wie Barbaren, alles gleich:
Liebe allen Kreaturen! darunter machts der Himmel nicht. Wie sollte er
das Böse der Bösen, den Haß dulden? Er wird den Haß, das Böse, die
Lieblosigkeit ausrotten auf ewig! Gepriesen sei die Liebe, die uns ein
Himmel ist, der Himmel, der uns Liebe ist!"

20

Und Yin-Ko, der Liebliche unter den Jüngern, beschloß, den Meister zu
verlassen, nicht weil er die Welt liebgewonnen hätte, sondern weil sein
Herz brannte für die Verlorenen unten in den Tälern, den im roten Staub
des nichtigen Daseins kriechenden Elenden, und er, Yin-Ko, nahm
Abschied. Der Meister segnete: "Liebe! Liebe! das ist unser Spruch für
dich, Yin-Ko! Siehe, wenn dich auch das Elend der Welt bedrängt, die
schweren schwarzen Wolken der Trübsal dich bedrängen, dich die
Seufzerlüfte der Wehmut anhauchen, Trauer dich umflort, gedenke des Li-
Ji-Wortes: Endgültig entsteht das Glück, wenn große Geisteskraft in
Gemeinschaft mit dem Himmel wirkt.- Ja, daß das so ist, das hab ich selbst
in Weh und Not erfahren, daß da eine Freude ist, die man auch Trauer
nennen könnte, denn sie gleicht nicht den heitern Vergnügungen oder dem
großen und beständigen Glück, sondern ist so weh und süß, so sehnsüchtig
selig, so groß vom Goldglanz des Glückes und zugleich durchsetzt vom
schwarzen Ebenholz der Qual, tiefempfundenes Leben, ach... Du, Yin-Ko,
du mit dem Himmel! das geht jedenfalls gut, wenns auch schwer dich
anficht, gehts zum Guten aus. Und so will ich dies und das dir sagen, es sei
alles lauter Gutes und Liebes dir, ich wills sagen mit einem Li-Ji-Wort:
Früh und spät segnen sie sie; das dringt empor und wird vernommen von
dem höchsten Geist des erhabenen Himmels, und er ist voller Freude.- Ja,
mein Lieber, mein Schöner, mein Freund, das ist wahr: des Segens freut
sich der Geist des Himmels, der ja der Segnende ist, denn wer segnet, der
segnet im Geiste des Himmels, und so segne ich dich: Ich bitte den Geist
des Himmels um den vollgültigen Segen für dich, o du liebenswerter
Mensch! Der Geist des Himmels, der hochheilige, lasse schauen seine
Taubenaugen auf dich, er sei voll Mitleid und Barmherzigkeit zu dir, er
hauche dich an: Tsing an! Friede dir, o Yin-Ko, Friede in der Zeit und
Friede in der Ewigkeit! Und dies will ich dir als letztes Wort mit auf deine
Mission geben, deine Wanderung durch die Täler der Todesschatten, ein
Li-Ji-Wort, mit Wahrheit gedeutet: Der Herr, der dem Himmel opfert, heißt
Himmelssohn; wenn er begraben ist, wird er zum göttlichen Herrscher
(Di).- Ja, wie ist das nun zu verstehen? Der Herr, der ist der, der auch
selbst das Opfer genannt wird, mit dem er hinwegtrug die Sünde der
Menschheit, dies ist dir gültig, so bist du mit dem Himmel ja versöhnt und
lebst in Frieden und Himmlischer Harmonie; dieser Herr nun, er ward
begraben, obwohl er doch so himmlisch war, aber er ward zur großen
Herrlichkeit erhoben, wo er thront auf dem Jadestuhl des Himmels mit
Shang-Di, selbst ist er Di, göttlicher Herr, der sei mit dir, ja, Yin-Ko, der
Herr sei mit dir!" Das sagte der Meister und küsste Yin-Ko mit einem
brüderlichen Kuß der Liebe.

VIERTE ABTEILUNG

(Diese Abteilung wird dem Winter zugeordnet und behandelt Mo-Ti.)

Der Meister nahm all seine drei Seelen zusammen, Geist-, Gemüts- und
Leibes-Seele, denn nachdem Yin-Ko gegangen war zur Mission der
Todestäler, war seine Seele wehmütig wie die kaltfeuchten Nebelstreifen
um des Taishan Gipfelspitze. Die Maulbeerbäume starrten wie Skelette in
der fahlen und bleichen Dämmerung gespenstisch. Da besann sich der
Meister auf seinen Geist, in dem der Atem des Himmels wohnte, und ließ
sich trösten von dem himmlischen Lispeln des Geistes, der ausseufzte
seine Seele, der vorbrachte all seine Traurigkeit vor den Jadethron des
Allerhöchsten, von wo zurückkam eine Aufgabe. So wandte sich der
Meister wieder dem Philosophieren und geistlichen Spekulieren zu. Er rief
seinen Lieblingsjünger A-Ji zu sich, ging mit ihm durch den seufzenden
Nebel, der in den kahlen Bäumen hing, da war ihre Rede aber blühendes
Leben, ja, des Meisters Worte über Mo-Ti waren wie Pfingstrosen, welche
im Winterschnee blühn. Der Meister sprach: "Von den Himmelssöhnen
sagte Mo-Ti, daß sie: die Bevölkerung des Reiches dazu anleiteten, durch
Ackern Shang-Di zu dienen. - Ja, mein Lieber, das wollen auch wir tun,
das Volk lehren die wahre Verehrung, dazu wollen wir selbst als Diener
des Allerhöchsten (Shang-Di) ackern, nämlich zuerst das Unkraut
ausreißen, dann den Boden umpflügen, dann den Samen säen. Das
Unkraut ausreißen heißt, irrige Vorstellungen von dem Allerhöchsten
auszulöschen, etwa die, Er sei ein grausamer Herr, streng und unerbittlich,
nein, sondern wir wollen dem Volk sagen, daß er die Liebe ist! Das möge
dann, möge der Geist es wirken! das möge dann ihre Seelen aufwühlen
und umkehren die Begriffe von Gut und Böse und von Recht und Unrecht,
denn bisher hielten sie das Böse für gut und Unrecht für rechtmäßig, aber
wir, wir säen gleich hinein, und was ist unser Same? Das Wort Gottes! Das
Dao des Shang-Di, das ist der Same, den wir säen, nicht sterblichen Samen
wie die Wollustjünger, sondern unsterblichen Samen aus dem Schoß des
ewigen Vaters: den Sohn (Dao) wollen wir senken in die Seele der
Menschen. Möge der Geist es geben, der Hauch des Heiligen, daß nicht
die Gui-Dämonen kommen und gleich das gute Wort wieder rauben, oder
daß die Dornen und Disteln der Sorgen dieser Welt es erwürgen, sondern
ruhe dies Wort im guten, fruchtbaren Grund des Menschengeistes im
Herzen, auf daß es treibe und die Pfirsiche ewigen Lebens reifen! Das ist
Dienst am großen Shang-Di, dem Herrn und Gott!"

To-To trat zum Meister mit wehmütigem Seufzen, da sein Lieblingsbruder


Yin-Ko gegangen war, da sah der Meister die Trauerschatten dunkeln unter
To-Tos Augen und die Träne perlen an seiner seidigen Wimper, da sagte er:
"Wie sagt Mo-Ti?: Die Menschen sind Eigentum des Himmels.- Siehe, so
geht Yin-Ko mit dem Himmel, der Himmel ist zum Segen über Yin-Ko,
der Himmel geht als Freund und Bruder neben Yin-Ko, der Himmel geht
als treibende Kraft zum Guten hinter Yin-Ko, der Himmel ist gar wie ein
Fels unter seinen Füßen, ja, der Himmel kommt seiner bräutlichen Seele
entgegen als Bräutigam, ja, als Bräutigam im Lamm der Gerechtigkeit, im
Dao Gottes: Shang-Di ist Liebe!" Da seufzte von Herzen To-To noch
einmal und legte all seine Bruderliebe zu Yin-Ko dem Himmel in seine
gütigen Vaterhände: "Abba! bewahre Yin-Ko bis in die Unsterblichkeit, bis
in den Himmlischen Garten hinein!"

Yin-Ko ging aber nun vom Taishan hinab, durch den kahlen
Papiermaulbeerbaumwald, im Herzen die Mission, die Menschen der Täler
zu befreunden mit dem Himmel im Dao, da dachte Yin-Ko an ein Mo-Ti-
Wort: "Als der König die Verheißung Gottes erfüllt hatte", da ward das
Dao wie das Fleisch eines Opfertieres, wie ein Sklave, da ward der
Gottmensch, einst in lauter Herrlichkeit die Freude selbst, mit einem Mal
bestürzt und gar betrübt bis an den Tod... Herr! Diesen, der sich bis zur
Menschlichkeit erniedrigt aus seiner höchst erhabenen göttlichen Gottheit,
den wollte sie den Menschen Shandongs nahebringen, die da aber- und
zaubergläubisch waren und den Magierpriestern nachliefen.

Und Yin-Ko (die Augen leuchteten wie die Liebe, die eine Flamme Gottes
ist) traf auf drei alte Weiber, zahnlose Großmütter von mehr als einem
dutzend Enkeln, die schwatzen und tratschten über das neuste Unwichtige
ihres Dorfes Penglai, an der Küste zum kalten Bo-Hai gelegen, die saßen
inmitten vieler gackernder Hühner auf dreibeinigen Hockern und
schrubbten Fische. Da kam Yin-Ko dazu und sagte: "Friede euch!
Ehrwürdige Großmütter, ich will euch von Shang-Di erzählen. Ihr seid
zum Segen geworden, da ihr habt Nachkommen gegeben und das
chinesische Volk groß gemacht. Gott liebt die Chinesen! Sehet, so sagt
auch Mo-Ti: Wenn die Bevölkerung abnimmt, dann gibt es nicht genügend
Leute, die da Shang-Di dienen.- Ja, nun muß es aber auch so sein, daß ihr
wirklich Shang-Di dient! Aber was will er denn, daß wir tun? fragt ihr. Er
will nicht Opfer von Jade und Nephrit, keine Dreifüße und Tonschalen,
keine Seide und keinen Bambus, weder Weihrauchstäbchen noch
Seelentafeln, er will euer Herz und eure Liebe! Sehet, sein Dao, das Wort
von der Liebe Gottes, ist Gottmensch geworden im fernen Ju-te-a, jenseits
des Euphrat, den sollen wir lieben! Aber wie nennt er sich? fragt ihr?
Sehet, mir träumte heute Nacht ein Traum, ein Himmlischer Bote sagte mir
den Namen des Gottmenschen, den ihr herzlich lieben sollt: YE-SU!"

5
Und Yin-Ko ging weiter und fand zwei Männer, die des Morgens an der
Mole beim Schattenboxen waren, sie rief ihnen zu: "Friede euch! ihr
Männer, mit den Fäusten werdet ihr die Schatten des Unheils nicht
überwinden! Womit aber dann? fragt ihr? Sehet, mit dem Wort Gottes, dem
Wort des allerhöchsten Shang-Di, mit dem Dao der Liebe! YE-SU ist sein
Name! Der in eurem Munde wird Wunder wirken. Aber wenn man, wie
Mo-Ti sagt: die Dienste gegenüber Shang-Di verhindert, dann wird Shang-
Di von oben einschreiten.- Ja, wie nun wollt ihr euch, ihr Schattenboxer,
vor dem kommenden Zorn Shang-Dis schützen? Da sag ich euch in aller
Liebe: YE-SU ist euer Anwalt, euer Schirm und Schutz, auf den vertraut,
und ihr seid entronnen dem schrecklichen Zorn des Allerhöchsten!"

Und Yin-Ko traf auf eine Frau, die da im roten Kleid mit blauem
Seidenumhang und mit einem beinah nackten Säugling auf den Armen
ging mit bloßen Füßen, die nun sprach Yin-Ko derart an: "Friede dir und
dir! Liebe Frau, was meinst du, wie wirst du dem Zorn des Allerhöchsten
entrinnen? Siehe, Mo-Ti sagt: Shang-Di wird Strafen herabsenden, diesen
Leuten Unheil bringen, sie züchtigen und verwerfen.- O Frau, ist das nicht
fürchterlich und zum Entsetzen? Ich sehe, du entsetzt dich. Gut so. Aber
sei getrost, wenn du den Sohn Shang-Dis, den Gottmenschen YE-SU in
deinem Herzen zu lieben dich entschließt (denn er ist wahrlich
liebenswert), so wirst du womöglich gezüchtigt, aber aus Liebe tut Shang-
Di das dann als ein lieber Vater, dich zu ihm und zu YE-SU
zurückzubringen; verworfen wirst du aber nimmermehr, sondern bist
angenommen für Zeit und Ewigkeit, ja, wirst gesegnet mit echtem Leben,
das da dauert in die Unsterblichkeit hinein, welche da zuhaus sein wird im
Himmlischen Garten und in der Jadestadt des Himmels, der Stadt des
Lammes der Gerechtigkeit und des Allerhöchsten, Shang-Di und seinem
göttlichen Sohne YE-SU!"

Und Yin-Ko traf auf einen Familiensohn, der saß über den Schriften über
die Kindespietät, die Sohnesliebe, und grübelte über die Frage des
Aufwandes, den man bei Begräbnissen zu betreiben habe, um als
tugendhaft in den Augen des Himmels zu gelten. Yin-Ko sah das und
sagte: "Wie sagt doch Mo-Ti: Strebte man dadurch (durch pomphafte
Begräbnisse und überlange Trauerzeiten) nach der Gunst Shang-Dis und
seines Geistes, so würde man doch nur Unheil erlangen.- Ja, das ist nicht
der rechte Weg, um als tugendhaft in den Augen des Allerhöchsten im
Himmel zu gelten. Aber welchen Weg kenn ich? fragst du mich? Siehe, es
gibt da nur einen Weg der Wahrheit, der ins Leben führt, welches
unvergänglich ist, und dieser Weg ist das Dao Gottes, das ist der
Gottmensch, vom Himmel zu uns gekommen in die Niedrigkeit des
Irdischen, der da wandelte unter uns im roten Staub der Welt und war doch
nicht von der Welt, sondern von Gott, der starb für unsre Schuld als das
Himmelsopfer, das Lamm des Hirtenpriesters, zu diesem Gottmenschen
gehe, der wiederbelebt wurde von Shang-Di, der nun im Himmel auf dem
Jadestuhl sitzt und deine Liebe begehrt: YE-SU ist sein lieblicher Name!"

To-To nahm nun (da sein geliebter Bruder Yin-Ko nicht mehr auf dem
Taishan in der Bambushütte des Meister weilte) ebenfalls Abschied vom
Kreis der Jünger und ihres Rabbunis, er ging mit dem Segen des Lehrers.
Er ging durch Wälder und Täler, über Berghänge und durch kleine Dörfer,
aber seine Sehnsucht nach Yin-Ko nahm er mit sich, da dachte er dies:
Wenn schon mein glühendes Herz voller Bruderliebe dem Himmel bekannt
ist, sollte da nicht auch jegliche Sünde in meinen Gedanken, ja in meinen
Träumen und in meinem Unterbewußtsein dem Himmel bekannt sein? Das
sagte doch auch der gute Mo-Ti: "Vor dem Himmel gibt es keinen Wald,
kein Tal, keine noch so dunklen, verborgenen menschenleeren Plätze,
sondern sein Licht sieht alles." Ja, darum: Der Himmel (Shang-Di) ist der
Allwissende, sein Dao (YE-SU) ist die Weisheit Gottes. Dies dachte To-To
und beruhigte sich.

To-To traf auf einen jungen Inder, der im Büßergewand wie ein Asket
durch die Ebene lief und verloren und depressiv wie ein aus dem Nest
gefallener Vogel klagte. Da schrie er nach einem Menschenkind, aber der
war schon gestorben und konnte nicht mehr hören. Also sagte To-To zu
dem depressiven Inder: "Auch der Himmelssohn (sagt Mo-Ti) darf nicht
entscheiden, was richtig ist, sondern der Himmel tut dies für ihn.- Wie soll
denn gar ein einfaches Menschenkind das Rechte wissen, das im Alter von
achtzig Jahren sagte: Ich suche die Wahrheit immer noch...? Nein, sondern
ich sage dir: Der Himmel, Shang-Di selbst, der sagte dem Himmelssohn,
ich meine diesmal das Dao, den Sohn Gottes, Er sagte Ihm, was zu tun ist,
ja, der Sohn kam vom Vater und brachte dessen Wort zu den Menschen auf
der Erde, der wahre Sohn des Menschen, er hat die Mission vom Himmel,
dem Himmlischen Vater war er in allem untertan, bis zum Tod am
Fluchholz gar, darum ward er auch erhöht und gekrönt mit Majestät, er ist
das Lamm über uns, unsre Gerechtigkeit. Dem wende dich zu, der wird dir
helfen."

10

Da fragte der Inder, mehr neugierig als aufrichtig suchend: "Was soll ein
Mensch tun, der sich dem Sohn des Himmlischen Vaters zuwendet? Und
was wird ihm gegeben?" Worauf To-To nicht verlegen war und mit Kraft
des Geistes sagte: "Mit einem Wort aus dem Buch des Mo-Ti sag ich dir,
siehe, es steht geschrieben: Wenn er sich den Ansichten des Himmels fügt,
alle Menschen liebt und ihnen hilft, dann wird er Belohnung erhalten.- Ja,
siehst du nicht? Füg dich in die heilige Fuge, die da YE-SU lautet, stell
dich an sein Herz, an seine blutende Seite (eine blutende Liebe ist Seine)
und du kannst beginnen, die Menschen zu lieben; nicht nur die Deinen,
wie es alle Barbaren halten, sondern auch die bedürftigen Nächsten, ja
bald gar die Feinde, die liebe mit einer Liebe, mit der dich Shang-Di durch
das Dao liebt mit dem Kusse seines lieblichen Himmels-Atems... Ja, das
darfst du hoffen, wie die Väter in Ju-te-a ebenfalls, die auf einen
himmlischen Lohn schauten, das darfst du wagen zu hoffen, daß der Sohn
des Himmels dich führt in den Himmlischen Garten, in die Himmlische
Stadt von Jade, in die Gegenwart Shang-Dis, des Allerhöchsten, der dich
herzen will mit herzlicher Liebe. A-ya!"

11

Auf das Wort Liebe reagierte der Inder zurückhaltend, er schien es mit
Wollust zu verwechseln. To-To sah sein fragendes Gesicht und sagte: "Der
Himmel sagte (wie Er durch Mo-Ti sprach): Diese Heiligen lieben alle die,
die auch ich liebe, und sie dienen allen, denen auch ich diene. Ihre Liebe
zu den Menschen ist allumfassend, ihre Hilfe für die Menschen ist groß."
Da staunte der Inder, daß Gott redete. To-To aber gab von sich eine
Hermeneutik, mehr poetisch als philosophisch: "Die Liebe ist der Phönix
am Himmel droben herrlich glühend, aber mir ward sie zu einem Spatz in
meiner Hand. Die Liebe ist eine Königin, schimmernd wie die
Sternstromdame, ja, viel herrlicher noch als jene, aber mir ward sie ein
bettelnder Bruder. Die Liebe ist der himmlische Garten mit Bambushainen
der Poesie und Kiefernhainen des langen Lebens und Pfirsichhainen der
Unsterblichkeit, aber mir ward sie ein Marterholz, da man mich streckt
und mir die Glieder verzerrt. Die Liebe ist mir wie ein himmlischer Bote,
der den Balsam des süßesten Trostes zuseufzt, aber mir ward sie eine
Nacht abgrundtiefer Einsamkeit, da sie in großer Todverlassenheit mir
erschienen ist vom Himmel her, sie, die Liebe, mit langen Haaren, im
braunen Gewand, die Arme ausbreitend, mich zu empfangen an einer Tafel
von Reiswein und Mantou, oh mein Lieber! ich danke der Liebe und liebe
die Liebe, bin verliebt in die Liebe, wenn ich das so sagen darf, verzückt
vor Liebe, die Liebe... was ist sie? Sie ist eine Flamme Gottes! Sie wohnt
für immer in Ihm, in YE-SU!"

12

Und A-Ji ging vom Meister fort, gesegnet zur Mission, und ging zur Küste
und nahm im Hafen ein Boot, eine seetüchtige Dschunke, und segelte
hinüber nach Taiwan, wo er in den Bergen zu den wilden, heidnischen
Menschen vom Stamme der Paiwan ging, die da an totemistische Zauberei
glaubten, was ein Gestank und Greuel dem Himmel ist. A-Ji aber hatte
Liebe für die verlorenen Seelen, die da in Schatten und Todesdunkel saßen.
Er sagte vor dem versammelten Volk auf dem Marktplatz: "Achtet doch
nicht eure Schlangengötter und Totengeister für so hoch! Siehe, Mo-Ti
sagt: Nur der Himmel ist vornhem, nur der Himmel ist weise! - Das ist
wohl wahr, der Himmel ist sehr erhaben, er ist der Schöpfer des Äthers
und des Reiches der Mitte mit den Inseln, er ist der, der diese Berge
machte und den Pazifischen Ozean. Ihr Menschen, der Himmel hat
Schönheit und Pracht zum heiligen Schmuck sich angelegt, Morgensterne
sind die Edelsteine in seinem Diadem, mächtige Gottessöhne dienen Ihm,
dem Erhabenen, Ihm, dem gewaltigen Herrscher, Ihm, dem Allmächtigen,
Ihm, dem Allerhöchsten: Shang-Di ist sein Name in unserer Zunge! Siehe,
die Weisheit des Himmels, die Weisheit Gottes, das ist das Dao Gottes, das
er in Ewigkeit aussprach, das ist jetzt Mensch geworden um eurer
Vergehen willen. Wisst ihr denn nicht, daß ihr den heiligen Himmel
beleidigt, den Herrn, wenn ihr Schlangengötter und Totengeister verehrt?
Er, der Himmel, ist allein verehrungswürdig, Gott! Ihr kränkt und beleidigt
sein heiliges Herz! Aber in seiner Weisheit ist ihm das alles bewußt und
auch der Weg zu eurer Rettung: denn euer Vergehen bringt euch
unweigerlich ewigen Tod! ewige Qual in dem finsteren Reiche unter den
Gelben Quellen, da in neun Regionen die Höllenfeuer geschürt werden
ewig von den Dienern der Finsternis, gräßlich-greulichen Todesdämonen;
Gott aber in seiner Weisheit weiß die Rettung und sagt es euch heute: Traut
dem Dao Gottes, das da Mensch ward, und sein Name ist YE-SU! Er ist
die Weisheit Gottes, er ist der Vornehme, der sich gering machte um
unsretwillen, euret- und meinetwillen, er ist der Schönste aller
Himmlischen, der der häßlichste Menschensohn ward vor lauter Striemen
und Wunden am Fluchholz, da er starb, er, den Gott (Vater Himmel) vom
Tode und aus den Toten auferweckte, daß Er, YE-SU, nun im Himmel
herrscht, mein Herr und mein Gott, wie der heilige Mensch To-Ma ihn
nannte. Dem glaubt, dem Herrn!" Da bekehrten sich viele Paiwanesen in
den Bergen, warfen ihre hölzernen Schlangenidole ins Feuer und beteten
Gott an!

13

Yin-Ko ging auf ein Schiff und reiste nach Japan, denn die Mission nahm
ungeahnte Ausmaße an, da redete sie: "Wie der chinesische Weise Mo-Ti
geredet: Es gibt solche, die ihre Mitmenschen lieben und ihnen helfen, die
den Willen des Himmels befolgen und des Himmels Lohn empfangen, - so
will auch ich euch sagen: Hört auf den Willen des Himmels! Was ist der
Wille des Himmels? Es ist der Wille des Himmels, daß ihr den ewigen
Himmelssohn, das Dao Gottes, den Gottmenschen YE-SU liebt und ihm
traut und euch ihm hingebt mit aller Liebe, die er in euch schütten wird,
glaubt nur, daß er für eure Verfehlungen alle am Fluchholz gestorben ist,
am Kreuz der Lateiner, daß er nicht geblieben ist unter den Gelben Quellen
und nicht geblieben in der Region der neun Höllenfeuer, sondern ward
heraufgerufen von Vater Himmel, seinem Gott und meinem Gott, seinem
Vater und meinem Vater, und ward gerufen, sich zu setzen neben Gott, von
wo er wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Ja,
glaubt an YE-SU, dann könnt ihr somit auch glauben an das ewige Leben
in Gemeinschaft mit Gott, dem Gott des Himmels. Dem und seinem Sohn
und seinem Geiste sei Lob und Preis und Ruhm und Herrlichkeit und
Anbetung und Weisheit und alles Liebesküssen in Ewigkeit! Amen!"
III. ZUR VERLEIHUNG DES GELBEN BAMBUSHUTES –

VON DER KINDLICHEN LIEBE

Einleitung.- Der Gelehrte, der sich selbst nannte „Das Geräusch beim
Reiswaschen“ schrieb einen umfangreichen Essay über die kindliche Liebe
in der sanften Schule der Literaten. Da wir wissen, wie schwer dies
umfangreiche Werk durch seine Schriftzeichenanalyse und
fremdsprachlichen Texte ist, haben wir uns vorgenommen, denen, die
gerne lesen, Anregung zu verschaffen, und denen, die gerne in der
Weisheit des Ostens forschen möchten, einen Einblick zu gewähren, und
allen, die gern ein Buch zur Hand nehmen, inneren Gewinn zu bringen. Es
wird nicht leicht, wenn wir uns der Mühe der Kürzung unterziehen, aber
ohne Fleiß kein Preis, so wird ja auch eine köstliche Mahlzeit nicht ohne
Mühe zubereitet. Diese Mühe wollen wir aber gerne auf uns nehmen,
damit es vielen zur Erbauung gereiche. Das ins-Detail-gehen wollen wir
dabei den Forschern der Wissenschaften überlassen. Wie jener Gelehrte
einen Palast aus Edelsteinen schuf, wollen wir uns begnügen, eine schöne
Jade zu schleifen.

Mein Sohn, vernimm die Bedeutung der Tradition, durch die wir die
Wahrheit mehr und mehr erkennen und mit ihr uns selber. Mögest du
erkennen des Himmels Willen und des Himmels Plan für die Gegenwart.
Man soll der Quelle gedenken, wenn man Wasser trinkt. Darum gedenke
auch der geistigen Traditionsgüter der Weisheit und der kanonischen
Schriften.
Sei gewissenhaft gegen die Vollendeten, folge nach den heiligen
Dahingegangenen, so wendet sich deine Art zur Hochherzigkeit. Darum:
Gib nicht preis die Lehren der Väter.
Die Heiligen der vergangenen Zeiten haben einen Grund gelegt, nicht
allein in ihren Worten, sondern auch in ihren Taten.
Die Summe ihrer Lehre ist die kindliche Liebe zum Vater im Himmel.
Diese kindliche Liebe ist die oberste Tugend. Nur durch sie wird der
Mensch zum Menschen.
Die Kaiser des Altertums pflogen der kindlichen Ehrfurcht vor dem
Himmel, daher hatten sie ihr Amt.
Wenn man die kindliche Liebe senkrecht stellt, reicht sie von der Erde zum
Himmel; wenn man sie waagerecht stellt, reicht sie von einem Ende der
Erde zum andern; wenn man sie auf die Zukunft anwendet, erkennt man
ihre Ewigkeit.
Dreizehn Jahre suchte Konfuzius einen Herrscher, den er unterweisen
konnte. Schließlich kehrte er in seine Heimat Lu zurück und wandte sich
der Unterrichtung seiner Schüler zu. Fortan widmete er sich der Musik und
der Poesie.
Mit fünfzig Jahren ward Konfuzius das Gesetz des Himmels kund, mit
sechzig ward sein Ohr aufgetan. Er glaubte an den Himmel als seinen Gott.
Seine Jünger überlieferten seine Lehre. Man nennt seine Lehre: die sanfte
Schule der Weisen.
Der Meister war seinen Jüngern wie ein Vater seinen Söhnen.
Die Gelehrten sollen sich bemühen um eine fortdauernde Interpretation der
heiligen Schriften, der Klassiker, die da enthalten historische Dokumente,
Weisheitssprüche, Poesie und rituelle Texte.
Wenn die Menschen mit dem Himmel in harmonischer Einheit leben, dann
sind in Einheit auch die Früheren und Späteren und auch die Lebenden und
Heimgegangenen.
Das Leben ist ewig.
In den überlieferten Schriften wird nach dem Willen des Himmels und
dem Sinn des Lebens gefragt. Im Buch der Lieder wird der Himmel
verehrt.
Von den Jüngern wurden geschrieben die Vier Bücher; die Worte des
Meisters sind darin überliefert.
Mein Sohn, die ersten Schriftzeichen wurden auf Knochen geschrieben
und waren Ritualtexte zum Opfer. Daran siehst du, daß um des Todes
willen die Menschen von jeher versöhnt werden wollten mit dem Himmel
und daß ein Opfer der Sühne vonnöten.
Beim Opfer ward der dunkle Wein im Tempel dargebracht.
Schon die Alten wollten die Gemeinschaft mit den verklärten
Heimgegangenen aufrecht halten.
Wer den Schutz des Vaters verliert, lebt furchtsam wie ein streunender
Hund. Ist er in der Ferne, strebe er danach, heimzukehren, wie die
fallenden Blätter eines Baumes zur Wurzel zurückkehren.
Lasse den Weihrauch nicht ausgehen!
Unter dem Himmel seien alle eine himmlische Familie des
Himmelssohnes!
Der Himmel ist Vater. Er ist der Eine, der groß ist. Er ist der Allerhöchste.
Der Herr brachte die lichte Tugend, da mußten die wilden Kuan fliehen.
Der Himmel verleiht Amt und Genossin.
Der Allerhöchste setzte den Himmelssohn ein, über alle Völker zu
herrschen.
Erhaben ist der Allerhöchste, des Volkes Herrscher, erschrecklich ist er,
und oftmals wird sein Wille fälschlich dargestellt.
Erhaben ist der Allerhöchste, er schaut vom Himmel in hehrer Macht, er
blickt forschend in das Reich, ob die Völker Ruhe haben.
Er herrscht über Raum und Zeit.
Der Sohn des Himmels empfing vom Himmel den Befehl, sein Volk zu
regieren.
Alle Lebewesen stammen vom Himmel ab, aber das Menschenvolk ward
vom Himmel gezeugt.
Leib und Seele sind Gabe des Himmels.
Der Himmel leidet mit seinem leidenden Volk.
Der Himmel hilft seinen Kindern, die Harmonie zu erreichen.
Die Menschen können Kontakt mit dem Himmel aufnehmen nur durch die
Vermittlung des Himmelssohnes. Der Himmelssohn ist Vertreter des
Himmels, die Menschen zu regieren, und Vertreter der Menschen, dem
Himmel das Opfer darzubringen.
Konfuzius sprach: Wer mich kennt, das ist der Himmel.
Der Edle habe Scheu vor dreierlei: Vor dem Willen des Himmels, vor
erhabenen Menschen, vor den Worten der Heiligen.
Wie edelgesinnt war König Wen! O lichte Hingabe lebenslang! Vom
Himmel war ihm sein herrliches Königsamt verliehen.
Beim Opfer steigt ein Wohlgeruch auf, den der Allerhöchste riecht und
sich freut.
Der Himmelssohn ist der Erste Sohn. Er heißt auch: die Quelle, der
Anfang. Er ist Vater und Mutter des Volkes. Er erfüllte stellvertretend für
das Volk das Gesetz des Himmels.
Von der Vergangenheit bis heute wurde nicht gesehen, daß zwei Starke um
die Macht kämpften und doch lange an der Macht blieben. Der Himmel
hat nur Eine Sonne, das Land nur Einen König.
Der Vater ist Oberhaupt. Die Mutter ist herzlich. Kindliche Liebe und
Freundlichkeit gegen die Brüder muß man wahren.
Hundert Wohltaten fangen mit der kindlichen Liebe an.
Der Gehorsam des Sohnes ist das Fundament der Menschenliebe.
Mein Sohn, diese Schrift ist kostbar wie ein Opfergefäß aus Bronze. Für
die Kinder und Kindeskinder soll sie immerdar gut bewahrt werden.
Mache Namen und Werke der Alten bekannt. Entscheide, welche
Lobschrift ihnen gebührt. Überliefere den Preis treu den Nachkommenden.
In der Rühmung wird auch deine Persönlichkeit bewahrt.
Sei gehorsam den heiligen Geboten, überliefere Tugenden, Werke und
Worte.
Wenn ein Mensch eine Lobinschrift betrachtet, gedenkt er nicht allein des
Gelobten, sondern auch des Lobenden.
Was die Menschen können, ohne es gelernt zu haben, ist ihr eigentliches
Können. Was die Menschen wissen, ohne darüber nachgedacht zu haben,
ist ihr eigentliches Wissen.
Jedes Kind, das die Mutter auf den Arm nimmt, weiß seine Mutter zu
lieben.
Anhänglichkeit an die Nächsten ist Liebe.
Die Art der heiligen Könige war kindliche Ehrfurcht und Brüderlichkeit.
Die Mutter nimmt das Kind in die Arme, stillt es an ihren Brüsten, hütet
es.
O Vater, du zeugtest mich, o Mutter, du säugtest mich.
O weiter, hoher Himmel, voller Vater- und Mutterhuld!
Ich freue mich des würdigen Herrn, der das Volk wie Vater und Mutter
pflegt.
Groß ist wahrlich die Ursprungskraft des Schöpferischen, alle Wesen
verdanken ihm ihren Anfang.
Der Mensch ist das Würdigste aller Geschöpfe.
Sohn bedeutet Mensch, Sohn bedeutet Meister. Der Himmelssohn ist der
Erste Sohn.
Die die Tugend makellos besitzen, leben langes Leben für und für und
werden nie vergessen.
Die Jungen mögen in Weisheit lauschen den Weisungen der ehrwürdigen
Väter.
Die Art des Vaters ist Liebe, Erbarmen und Gerechtigkeit. Die Art des
Sohnes ist kindliche Liebe, Ehrfurcht und Gehorsam.
Gütiger Himmel, gib uns einen beständigen Geist, auf daß wir nicht
beschämt werden.
Preist man ihn nicht? Ehrt man ihn nicht? Nie wird mans müde bei den
Menschen, den Vater zu preisen!
Mein Sohn, ich begehre, dein Herz gerade zu machen, ruchloses Reden
zum Schweigen zu bringen, verkehrte Worte zu bannen, um so das Werk
der Heiligen fortzusetzen.
Kindliche Liebe und Brüderlichkeit sind die Grundlagen der
Menschlichkeit.
Von allen Kreaturen ist der Mensch die größte. Von allen menschlichen
Taten sind die Taten der kindlichen Liebe die größten.
Die Wahrheit suchen, ist des Menschen Weg. Die Wahrheit besitzen, ist
des Himmels Weg.
Im Anfang war der Weg des Himmels und der Weg der Menschen ein
einziger.
Mein Sohn, nicht deine Zeugung ist das Höchste, sondern daß du das Tao
findest.
Wenn der Allerhöchste kindliche Liebe gebietet, wer wagte es, nicht zu
folgen?
Dem Gelehrten ist das Tun die Vollendung der Erkenntnis.
Ein Kind sollte seinem Vater dienen: Beim Hahnenruf aufstehen, sich
waschen, den Mund spülen, sich kämmen, sich das Haar knoten, es mit
einem Seidenband umschlingen, es mit einem Haarpfeil feststecken, die
übrigen Haare hinter den Schläfen bürsten, den Hut aufsetzen, ihn unterm
Kinn zusammenbinden, die Enden des Bandes herunterhängen lassen, ein
dunkles Gewand anziehen, Knieschützer anlegen und den großen Gürtel,
in den es sein Notiztäfelchen steckt (Worte der Rühmung einzutragen).
In der Ferne dient mancher dem Vater mit Gedichten.
Wildgänse regen laut die Flügel und setzen sich in den Eichenwald. O
endloser blauer Himmel! Wann sind wir in der Heimat? Der wilden Gänse
Flügel rauschen, sie setzen sich in den Dornwald. O endloser blauer
Himmel! Wann kommt das selige Ende?
Rastlose Arbeit! Dem Baum wär Ruhe lieber, aber der Wind hört nicht auf
zu wehen.
Des Edlen kindliche Liebe ist verbunden mit Ehrerbietung. Er tut, was in
seinen Kräften steht, lebt nach der Tugend und hat inneren Frieden.
Mein Sohn, wandle mit Furcht und Zittern, als stündest du vor einem
tiefen Abgrund, als trätest du auf dünnes Eis.
Mein Sohn, lache nicht unbeherrscht und schwatze keine Geheimnisse aus.
Ehrerbietung vor dem Himmel ist Anfang der Weisheit.
Ehrerbietung ist schwierig, sie mag wohl möglich sein, aber Beständigkeit
ist schwierig, sie mag wohl möglich sein, aber das Durchhalten bis zum
Ende ist schwierig.
Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen sei dem Himmel nicht zur
Schmach.
Dem Meister nachfolgen heißt nachzuahmen, nachzuahmen heißt
ähnlichzuwerden.
Das Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern im Schoß der Mutter.
Bei der Schwangerschaft sollte die Mutter sich benehmen, wie sich die
Königinmutter benahm, als sie König Cheng im Schoße trug.
Wenn sie allein war, war sie nicht hochmütig. Wenn sie zornig war,
schimpfte sie nicht.
Man lese der Mutter Gedichte vor und rede zu ihr nur Erbauliches.
Bei der Geburt eines Mädchens wurde in alter Zeit ein Tuch aufgehängt.
Das Tuch heißt Folgsamkeit und Sanftheit.
Man unterziehe das Kind dem Reinigungsbad. Wie einen Pfeil vom Bogen
schieße man die Sünde weit weg!
Wie ein Pfeil das Zentrum der Scheibe treffen soll, so sollst du den Sinn
des Lebens treffen.
Die Kunst ist leicht zu erreichen, schwieriger ist es, das Tao zu erreichen.
Das Tao ist aber wichtiger als die Kunst.
Wenn bei der Namensgebung die Poesie bedacht wurde, waren die Namen
von Menschlichkeit, Sanftheit und Schönheit bestimmt. Wenn bei der
Namensgebung die Weisheit beachtet wurde, nannte man seinen Sohn
Sheng (heilig) oder Hui (barmherzig) oder Tao (Weg).
Das Kind wird von der Mutter aufgezogen. Mit dreizehn Jahren lerne es
Lieder und Musik.
Glücklicher Monat, glückliche Zeit! Sei ehrfurchtsvoll und
vervollkommne deine Tugend. Zehntausend Jahre währe dein Leben!
Empfange die unendliche Segnung immer und ewig!
Heute, mein Sohn, gebe ich dir deinen Ehrennamen: Minziqian! Er ist gut
und schön, er paßt zu dir. Folge dem Jünger des Meisters nach und werde
ein tugendhafter, weiser Mensch. Dein neuer Name ist dein Weg.
Hochzeit ist ein Werk des Himmels. Die Eheschließung dient der
Vermeidung von Unzucht.
Wie eine Wildgans soll die Frau dem Manne folgen. Wie eine Wildgans
soll eine Jungfrau ihre Keuschheit bewahren.
Der Tod bedeutet Trennung von Fleisch-und-Knochen.
Leben und Tod sind vom Himmel vorherbestimmt.
Ich kann abends gut sterben, wenn ich morgens das Tao gehört habe.
Wer das Tao fand, fand den Sinn des Lebens. Der braucht vorm Tode keine
Angst zu haben.
Nur wenn man in der Erde liegt, hat man Frieden.
Der Himmel ist die Quelle aller Lebewesen.
Der Mensch ist das bevorzugte Lebewesen, der Empfänger der Tugenden
des Himmels. Der Befehl des Himmels bestimmt die menschliche Natur.
Das menschliche Schicksal ruht im Willen des Himmels.
Der Edle hat eine heilige Scheu vor dem Willen des Himmels.
In dem Maße, in dem die Menschen nach dem Tao des Himmels leben,
empfangen sie des Himmels Segnungen.
Der Edle soll mehr nach dem Tao verlangen als nach gewöhnlicher Speise,
denn das Tao ist die wahre Speise des menschlichen Herzens.
Der Mensch bekommt vom Himmel die Tugend verliehen mit dem
Auftrag, sie zu verwirklichen.
Der Himmel gibt mit dem Leben auch eine Lebensaufgabe.
Der Himmel schafft nicht nur die Menschen, sondern legt ihnen auch den
Weg des Lebens vor.
Die Heiligen folgten dem Tao des Himmels und verwirklichten die
Tugenden des Himmels.
Mein Sohn, überwinde deine selbstsüchtigen Begierden und stelle die
Sittlichkeit her.
Menschen sollen lernen, menschlich zu sein.
Alle Dinge sind harmonisch, nur die Selbstsucht sät Zwietracht.
Im Herzen des Menschen wohnt das himmlische Prinzip und die
Selbstsucht. Wenn das Diesseits siegt, ist das Jenseits unterworfen; wenn
das Jenseits siegt, ist das Diesseits unterworfen.
Um Selbstlosigkeit zu erreichen, betrachte das Lamm der Gerechtigkeit
über dir.
Der Mensch soll das Tao nicht allein zum eigenen Nutzen hören, sondern
es weitergeben an die anderen Menschen.
Denke täglich darüber nach, ob du treu und zuverlässig bist, die Lehre übst
und als Vorbild weitergibst.
Wer gut singen kann, sollte auch andere seiner Stimme nachfolgen lassen.
Wer gut lehren kann, sollte andere seinem Herzen nachfolgen lassen.
Eis besteht aus Wasser, ist aber kälter als Wasser. Das Messer wird durchs
Schleifen geschärft. Der Edle soll tiefgründig und umfangreich lernen und
erkennen und sich selbst ergründen, so wird er erleuchtet.
Wenn man nicht auf den Himalaya steigt, weiß man nicht, wie hoch der
Himmel ist. Wenn man die überlieferten Worte der Heiligen nicht hörtdann
weiß man nicht, wie reich die Weisheit ist.
Das Wissen ist nicht allein fürs Wissen da, sondern für ein besseres Tun.
Lernen und ständige Übung bringt Freude.
Lernen heißt: wiederholte Übung des Fliegenlernens.
Wenn eine Jade nicht geschliffen wird, dann wird aus ihr kein gutes
Werkzeug werden.
Einem Menschen ohne Menschenliebe, was hülfe dem die Sittlichkeit?
Einem Menschen ohne Menschenliebe, was hülfe dem die Kunst?
Mein Sohn, du brauchst ein großes Herz, denn deine Last ist schwer, dein
Weg ist weit. Die Menschenliebe, die ist deine Last: ist sie nicht schwer?
Im Tode bist du erst am Ziel: ist der Weg nicht weit?
Menschenliebe ist wichtiger, als das eigene Leben zu erhalten.
Was du dir selbst nicht wünschst, das tu du auch den Andern nicht.
Wer sich um die Menschenliebe müht, der hat sie schon. Doch auch
Konfuzius hat die wahre Menschenliebe nicht erreicht.
Ohne Menschenliebe ist der Mensch ein abgestorbenes Stück Holz.
Ehrfurcht ist der Anfang der Menschenliebe.
Sei mit ungeteiltem Herzen treu.
Sei gütig und zur Vergebung bereit.
Übe Menschenliebe an den Elendsten.
Liebe den Himmel über alle Maßen und die Menschen desgleichen.

IV. CYPROS ODER DIE MADONNA MIT DEM GRANATAPFEL

„Singen will ich die Keusche, Blühende, Goldengekränzte,


Ihr ward geweiht mit den Türmen das meerumgürtete Cypros!“
(Homer)

Hilarion, Papas der Maronitischen Kirche von Marion und Patriarch der
Schlüsselinseln grüßt San Marco von Venedig und seine geliebte
Schoschannim
von Susa mit dem Kuß der Liebe!
Ihr Lieben, Ihr bittet mich, Euch von meinem Eiland Cypros zu erzählen,
das
will ich gerne tun. Zuerst will ich Euch berichten, wie es dazu kam, daß
ich
Papas wurde. Ich lebte auf Cypros und dichtete an einem Heldenepos über
die
Schlacht von Salamis, da die Griechen die Perser besiegten, als mir Maria
Metamelia begegnete. Ich liebte sie vom ersten Blick in ihre schönen
Augen
an. Sie war so keusch, daß man sich ihr nicht mit Begehren nahen konnte,
sondern allein mit Bewunderung. Sie nahm sich meiner Seele an, ich
glaube
auch in regelmäßigen Fürbittegebeten. Eines Tages führte sie mich in die
Burg, oben in den Bergen, die nach meinem Namenspatron Sankt Hilarion
benannt ist. Diese alte schöne Burganlage, in einem Wald von blauen
Zedern
gelegen mit weiter Aussicht auf die fruchtbaren Felder, war der der Ort, da
die Religion der Liebe entstand. Ich liebte Maria Metamelia so innig, daß
mir schien, ich sei in einem Feuer verbrannt und als Phönix auferstanden,
als ein Mensch mit einem neuen Herzen. Da trat ich vor die Jungfrau und
schenkte ihr rote Rosen, weiße Rosen und goldene Rosen. Sie aber in ihrer
allgemeinen Menschenliebe, an der sie so reich war, schenkte diese Rosen
der
ganzen Welt. Ich sehe sie noch am Burgfenster stehen und hinausschauen,
voller Sehnsucht, voller lebendiger Hoffnung auf den Himmel... sie sah
"durch den Horizont", wie man in Papua-Neuguinea die Hoffnung nennt.
Sie war
ganz vom Evangelium geprägt, wie ich jetzt zu erkennen vermag. Sie war
allein von Christus geprägt, liebte die Schrift über alle Bücher und
sonstigen Geistesäußerungen, glaubte an die unendliche Gnade Gottes und
hatte einen tiefen Glauben, aus dem heraus sie sich demütig Gott unterwarf
und sagte: "Nicht wie ich will, sondern des Herrn Wille geschehe an mir!"
Ihr Lieben, ein Maler, der aus Italien kam und sie sah, wollte sie malen. Er
nannte sich Alessandro der Büßer, denn er hatte lange Zeit heidnische
Bilder
von Aphroditen gemalt, nun aber hatte er Buße getan und wollte eine
Madonna
malen. Da sah er Maria Metamelia und nahm sie sich zum Model. Sie
liebte die
armen Straßenkinder sehr mit reicher barmherziger Liebe, sowohl die
griechischen als auch die türkischen. Ein kleines Kind aus Medina hatte sie
als Paten angenommen, als es getauft worden war, es hieß Jussuf. Nun saß
sie
also inmitten einer Schar schwarzhaariger griechischer und türkischer
Kinder, der kleine getaufte Jussuf auf ihrem Schoß, einen Granatapfel
haltend, winkte er dem Maler zu. Ich will euch nur schreiben, wie das
Antlitz der Maria Metamelia aussah. Über ihre langen dunkelblonden
Locken
trug sie einen hellroten Schleier, welcher einen transparenten Saum hatte.
Der Schleier fiel über ihre Haare, ließ diese aber noch sichtbar sein, ihr
schönes Antlitz war jedenfalls zu sehen. Sie hatte hellbraune Haut, von der
Sonne Cypros' hellbraun, eine feine schlanke Nase und schmale,
ungeschminkte
Lippen von schöner rötlicher Farbe. Ihre feinen Brauen wölbten sich schön
über den Augen, welche blaugrün waren und mit unendlicher Melancholie
schauten. Sie sah aus wie ein Traum, wie ein melancholischer Traum von
wahrer Schönheit und ewiger Liebe. Überhaupt war sie sehr schwermütig.
Das
nannte sie ihren "Dorn im Herzen". Aber diese Schwermut brachte sie
dazu,
immer wieder nächtelang unter Tränen auf dem Angesicht zu liegen auf
ihrem
griechischen Hirtenteppich in ihrer Zelle und Buße zu tun vor Christus. Er
hat ihr daraufhin reiche Gnade zugesprochen. Denn im Maße der Buße
bemißt
sich das Maß der Gnade. Nun starb sie jung, mit dreiunddreißig Jahren.
Was
die Ärzte auch sagen, ich bin mir sicher, sie starb an ihrer schwermütigen
Sehnsucht der Seele, ihrer Sehnsucht nach dem Paradies Gottes. Ich ward
an
ihr Sterbelager gerufen, der kleine Jussuf saß und hielt ihr schönes Haupt
und weinte, ich kniete zu ihren Füßen und benetzte diese mit bitteren
Tränen. Da schaute sie aus tiefen mondweichen Augen, verzückt gen
Himmel
lächelnd, und flüsterte: "Meinen Heiland seh ich nahen... Gott ist Liebe,
darum liebet einander, liebe Kinder!" Damit verschied sie, indem ihr Engel
ihr den Atem von der süßen Lippe küsste. Ach ihr Lieben, ich kann nicht
dran
denken, ohne traurig und fromm zu werden. Nach Maria Metamelia wollte
ich
keine weitere Frau mehr lieben! Ich ging darum ins Kloster, ward ein
Augustinermönch. Christus berief mich dann in einer Erscheinung am
Tage
Marien Himmelfahrt zum Papas der Maronitischen Kirche. Mit meiner
Vollmacht
als Papas sprach ich die Jungfrau der Barmherzigkeit heilig: Sankta Maria
Metamelia! Ich bin sicher, sie betet für mich. Das Volk verehrt sie und hat
in einer Andachtsgrotte das Bild des Malers Allesandro des Büßers
aufgestellt. Auch eine Ikone, die Sankta Maria Metamelia selbst gemalt
nach
einer Vision aus dem Andachtswinkel ihrer Seele, wird dort in Ehren
gehalten, sie zeigt Christus als den Phönix der Auferstehung im Paradies
des
Ewigen Lebens! - Ihr Lieben, nun will ich Euch also in der nächsten Zeit
in
meinen Episteln dies schöne Eiland vorstellen. Da ihr die klassische Poesie
liebt, werdet ihr auch hören von der Geburt der Aphrodite, welche in den
beiden Homerischen Testamenten "Charis" heißt. Sie sieht gewiß aus,
lieber
Bruder San Marco, wie deine junge Sponsa Schoschannim von Susa.
Homer nennt
Charis "die Keusche, Blühende, Goldengekränzte". Viel Blüten sollen
blühen,
viel Wein getrunken werden, denn ich weiß, Euch freut dies. Schließlich
wollen wir gemeinsam das Osterfest der Cyprioten feiern. Denn Jesus
Christus
lebt wahrhaftig, unser Herr! Dem seien Eure schönen Seelen anempfohlen,
damit grüßt Euch
Papas Hilarion von Marion.

Papas Hilarion schreibt zur Geisterstunde an den Dialektiker vom


Markusplatz
und seine hübsche Johanniterschwester, San Marco und Schoschannim:
Ich grüße
Euch mit dem Kuß der Liebe!
Ihr Lieben, es gibt soviel zu erzählen, womit soll ich beginnen? Ich habe
mich hier in Marion eingerichtet. Die modernen Leute nennen den Ort
Polis,
ich aber als antiker Mensch nenne ihn gut altzypriotisch Marion. Ich
wohne
in einem kleinen Häuschen neben der kleinen Maronitischen Kirche,
verwalte
auch die Schlüssel. Es ist nur eine kleine Kapelle, denn wir sind wenige
Fromme hier, die meisten sind Schismatiker oder Häretiker oder, noch
schlimmer, Ketzer. Nun gut. Was Ihr charismatische Christen "biblische
Haushalterschaft" nennt, das heißt bei mir nach einem prophetischen Wort
"löchriger Beutel", dazu der Haushalt wächst mir über den Kopf. Ich habe
darum eine Haushälterin eingestellt, die liebe Römerin Anna Perennis
Corinna. Sie ist etwa in meinem Alter (ich fühle mich oft so alt!) und ist
sehr fleißig. Sie sagte, sie wollte schon in ihrer Jugend etwas Sinnvolles
für die Menschheit tun. Nun sieht sie wunderlich genug das Sinnvolle
darin,
mir die Alltagssorgen fernzuhalten. Sie kann mir nicht gefährlich werden,
weil Gott mir in einem Traum eine keusche Bruderliebe für sie gab. Sie
grüßt
Euch herzlich.
Ihr Lieben, ich denke gern daran zurück, wie wir in Korinth immer so
schön
zusammengesessen und fleißig in Zungen geredet. Damals sprachen wir
auch
über die Bekehrung des Saulus, der nach seiner Bekehrung Paulus hieß.
Etwas
ähnliches will ich Euch heute erzählen. Es geht in dieser frommen
Legende
der Maronitischen Kirche um Jene, der das Eiland Cypros geweiht ist.
Also
lauschet mit den Ohren Eurer Seele: - Während des großen
Glaubensstreites,
der zum seelenverwirrenden Schisma der Kirche führte, gab es einige, die
die
Bilder der Madonna besonders hassten. Sie konnten nicht glauben, was
über
eins der schönsten von ihnen erzählt wurde. Nämlich der Evangelist Lukas
war
nicht nur ein Arzt, der ein sehr kultiviertes Griechisch sprach (er schreibt
das erlesenste Griechisch des Neuen Testamentes, nur der Dichter des
Hebräerbriefes kommt ihm nah), sondern Lukas war auch ein begnadeter
Maler.
Da er die Mutter unseres Herrn und Gottes Jesus Christus mit eigenen
Augen
sah und sie als die erste Christin, die erste Heilige und Christusgebärerin
ehrte, malte er ein Bild von ihr. Dies Bild befand sich lange Zeit in
Konstantinopel, wo man es andächtig betrachtete. Im Schismatischen
Streit
aber wurde es von protestierenden Menschen aus der Kirche
herabgerissen,
dann warfen es die Bilderstürmer ins Mittelmeer. Der Herr aber, der nach
dem
Psalmisten seinen Thron über der Flut gebaut, bewegte das Mittelmeer,
daß es
das Bild unversehrt an den Strand von Cypros legte. Ich weiß nicht, in
welcher Bucht das schöne Bild angespült wurde. Manche meinen, es wäre
beim
Felsen Petra tou Romiou gewesen. Jedenfalls ward das Bild von einem
Fischer
gefunden und in einer Höhle versteckt. Später, als manche Zyprioten
wieder
zur schönen Religion zurückgefunden, baute man ein Kloster um diese
Ikone
und weihte es der Heiligen Maria vom goldenen Granatapfel. In
zypriotischer
Zunge heißt dies das Kloster der Chrysoroyiatissa. Ich weiß nicht, ob ihr
dies aussprechen könnt, aber es ist ein sehr schönes Wort. Ihr ist also
diese Insel geweiht. Aber nun zu der Bekehrung des Saulus zum Paulus.
Dieselbe Jungfrau begegnete einst dem Jüngling Eustach. Dieser war in
seiner
Jugend ein großer Verehrer Robespierres und dann auch Napoleon
Bonapartes
gewesen und lästerte vielfach den heiligen Namen Gottes. Eines Tages
irrte
er durch einen Zedern- und Zypressenhain auf dem Fünffingergebirge, da
begegnete ihm ein Hirsch. Nun war er ein passionierter Jäger und wollte
gleich mit seiner Flinte diesen Hirschen schießen. Da sah er aber plötzlich
in dem imposanten Geweih des edlen Tieres ein goldenes Kreuz leuchten
und
hörte eine Stimme: Eustach, Eustach, was verfolgst und lästerst du mich?
Da
merkte er, daß Christus lebte, er fiel sogleich mit dem Angesicht in das
Moos des Waldbodens und weinte bittere Tränen der Buße. Als er seine
Augen
wieder auftat, sah er vor sich eine Ikone liegen. Als er das Bild
betrachtete, wurde eine wunderbare Glut in seinem Herzen wach, und er
ward
zu einem großen Liebenden Gottes und der Nächsten. Darum nannte er das
Bild
die Ikone der Heiligen Maria vom Walde. In Venezianischer Zeit ward
unter
diesem Namen der Jungfrau Mutter ein Kloster gebaut, in welcher sich die
Ikone noch heute befindet. - Soweit also für heute. Ich hoffe, Ihr seid noch
nicht auf die Skelettreligion der Häretiker hereingefallen, sondern habt ein
Herz für die schöne Religion, welche in Fülle nur in der Maronitischen
Kirche zuhause ist. Wie dem aber auch sei, verbunden im einzigen und
alleinigen Herrn Jesus Christus grüßt Euch, Euer Euch liebender Bruder
Hilarion von Marion.

An die Geliebten schreibt der Liebende, Papas Hilarion von Marion an die
schöne Schoschannim und den weisen San Marco. Der Gott, der Euch
anschaut
und mit mir viel Geduld hat, segne Euch!
Ihr Lieben, diese Epistel wendet sich besonders an die Edelfrau von Susa,
denn in Eurer letzten Epistel schrieb sie: "Blüten..." Ich höre sie seufzen
dabei, was ich verstehe, da Euer Venedig ja nur aus Marmor und Wasser
besteht. Hier aber weckt alles die Sehnsucht nach dem Garten Eden. Ich
will
dir also, meine Schwester, Cypros zeigen, wie es blühend und gekränzt aus
einem vielfarbigen Blütenmeer sich erhebt in vollkommener Schönheit.
Besonders die Zeit von März bis Mai, allerorten die schönste Zeit des
Jahres, ist sehr blütenreich dies Eiland. Da sind zum einen die vielen
verschiedenen Orchideenarten mit ihrer sinnlichen Schönheit, daneben
aber
auch die nonnenhaften Tulpen, die kriegerischen Jungfraun und Amazonen
der
Schwertlilien durchziehen die Wiesen, der wilde Mohn blutet seine
träumerische Milch und schaut mit schamroten Wangen, der goldene Raps
betört
die Vögel mit seinen betörenden Düften, sinnverwirrend, vor allem lieb ich
die Pfirsichbäume, von denen man in China sagt, sie tragen die Pfirsiche
der
Unsterblichkeit. Im Sommer ist das Eiland ein goldenes, da die
Getreidefelder alles in ein Goldgewand kleiden, bestickt mit den Blüten
der
Oleander. Im Bergland kann man dann auch singen: O Nadelbaum, o
Nadelbaum,
bist auch im Sommer grün! Kommt der Herbst, dann blühen die violetten
und
keusch-weißen Krokusse, die goldenen Glocken der Narzissen, die
zartzarten
Anemonen, die prachtvollen Hyazinthen und die Ophelien von Seelilien.
In den
Wäldern findet ihr vor allem die Aleppo-Kiefer, in hohen Höhen auch die
bizarren Schwarzkiefern. Im Gebirge walden vor allem Zedern als Könige
und
Zypressen als Klageweiber. Der australische Eukalyptusbaum seufzt nach
dem
Flug des australischen Trauerschwanes. Die Olivenbäume sind geziert mit
grünen Smaragden oder jenen köstlichen Früchten, von denen sich Sankt
Petrus
in Rom ernährte, die Zweige allerdings sind der Göttin der Weisheit und
dem
Frieden und Noahs Taube gewidmet. Hier sind auch deine Apfelblüten, o
Schoschannim, zu finden, geschwisterlich leuchtend neben den Birn- und
Kirschblüten. Die Mandelbäume, die vanGogh so herrlich malte, stehen
hier
Modell. In den Ebenen steht der Baum der Daphne, den man auch den
Lorbeer
nennt, benannt nach der Liebe Petrarcas Madonna Laura, welche den
Poeten mit
dem kapitolinischen Lorbeerkranz kränzte. Bananenstauden und
Zitrusfrüchte
geben die schönsten Farbtupfer in Gelb und Orange. Vor allem aber, das
wird
dich freuen, lieber San Marco, wachsen hier die fruchtreichsten
Weinreben.
Besonders vorzüglich ist der Wein von der Mesaoria-Ebene, aber auch von
anderen Weinen will ich dir bei Gelegenheit berichten. Der Stachelbusch
der
Macchia hat hier breiten Raum gewonnen. Daran freuen sich die Ziegen.
Häufiger aber als die Ziege ist das Mufflon Agrinon, das scheue Bergschaf.
Die männlichen Wildschafe haben imposant gewundene Hörner und halten
sich
mit ihren Weibchen vor allem im Troodos-Gebirge auf. Auch findet man
ab und
an noch Wildleoparden und Wildesel, und auch den Hirsch des Eustachius
kann
man, wenn Gott gnädig ist, ab und an schauen, er ist edel und
menschenscheu.
Natürlich schleichen hier auch überall vor den Häusern Katzen den Frauen
um
die Beine. In den Wäldern jagen manche Hasen und Kaninchen, wenige
nur
lieben wie ich die purpurroten Füchse, welche der Dichter Reinecke nennt,
und die behenden Kletterer Eichhörnchen, die man meines Erachtens
völlig zu
Unrecht Rote Waldteufelchen nennt, sie sind sehr lieb. An den Teufel
erinnert mich da mehr die karogemusterte Otter. Nun aber zu meinen
Lieblingen, den Eigentümern von Schwingen: da gibt es auf Cypros die
Seidensänger, die nicht so heißen, weil sie immer flöten, wenn sie ein
Seidenkleid sehen, die Wildtauben, die girren und gurren und turteln wie
die
Weltmeister oder Don Giovanni, aber auch den Vogel Kaiser Friedrichs
von
Sizilien, den Falken, der Minnesänger Königsvogel, aber am
majestätischsten
ist der in den Bergregionen mit Blick in die Sonne segelnde Kaiseradler -
Lang lebe unser Kaiser von Gottes Gnaden! Für Euch aber hab ich zum
Schluß
die Flamingos aufgehoben, die an den Salzseen von Larnaca überwintern
auf
der Reise nach Lanzarote oder La Palma. Da führen die Vogelmännchen
Wettrennen und Balztänze auf, den Weibchen zu imponieren, nähern sich
ihnen
werberisch, und wenn ein Weibchen ganz still hält, ist es einverstanden
und
gibt sein Jawort, dann verschlingen Flamingomann und Flamingoweib die
Hälse
in zärtlich-zierlichen Windungen, was sehr anmutig anzusehen. Ihre rosane
Farbe haben sie übrigens vom Verspeisen der Krebse und Algen. Damit
wären
wir wieder beim Wasser, und das ist ja Cypros Element, darum ist auch
hier
zuhause, guter San Marco, die Venus deiner Venen. Ich freue mich an Euer
beiderseitiger Wonne, wende mich nun wieder in meiner Zelle der Schrift
zu
und grüße Euch mit frommem, ehrerbietigem Gruß!
Hilarion.

Papas Hilarion an die gnadenreiche Schoschannim von Susa und seinen


gelehrten Bruder San Marco von Venedig: Ich grüße Euch mit dem Kuß
der Liebe
und segne Gott um Euretwillen!
Ihr Lieben, diesmal will ich Euch berichten von dem Ort, an dem ich
meinen
Bischofssitz haben, von Marion, und vom Berg der Berge des
Abendlandes, vom
Olympus.
Ich wohne also in Marion, was mir Herzenssache ist. Man nennt es heute
auch
Polis, den Marion ist die Stadt der Städte von Cypros. Es liegt abgelegen
mit schönen Stränden an der Küste des Mittelmeeres. Unter den Achäern
ward
es um 1000 vor Christi Geburt ein Stadtkönigtum, zur Zeit also, da König
David Jerusalem zur Königsstadt machte. Von Persern, Ptolemäern und
Türken
oftmals vernichtet, erstand Marion immer wieder neu. Im pittoresken
Fischerhafen möcht ich mit Euch zwischen bunten Booten und
Weidenkörben
Maränen speisen, ihr Lieben, und dazu Wein von Mesaoria trinken. - Nun
aber
zu der schönen Mythe von Marion, ich will Euch von der Aphrodite von
Marion
erzählen. Aphrodite, die Meerentstiegene, wird von Platon ja Urania
genannt:
die Himmlische. Im nabatäischen Petra nannte man sie Königin des
Himmels,
Melitta. Diese also - wie soll ich sie nennen? ich will sie die Marionische
Aphrodite nennen - stieg beim Felsen Petra tou Romiou an Land und
begab sich
nach Marion. Wo sie ging, wuchsen Myrten, blühten weiße und rote und
goldene
Rosen, schaute schämig der keusche verträumte Mohn, trunken von Milch
des
Trostes, stand von Bienen umsummt da die blühende Linde des Maien,
sangen
Schwalbe und Sperling, girrten die Tauben von ewig treuer Liebe, und
auch
der ewig treue Prophetenvogel, der Schwan flog der Marionischen
Aphrodite
nach, den sie war so weiß, daß er die Himmlische für seine Schwanin hielt.
Über ihr schien der Diamant des Morgens, der Morgenstern, welcher die
Heimat
der Liebenden ist. Es war an einem Freitag im April, als sie zu einer
schattisgen Felsnische zwischen Feigenbäumen trat. Sie legte ihren
rosenroten Mantel ab, zog die lindgrünen Sandalen aus und entkleidete
sich
auch des weißen Seidengewandes und stieg in das Wasser, das da im Bad
der
Felsnische ruhte, und reinigte sich. - Auf der Rückfahrt von Troja kam der
Sohn des Theseus, des Königs von Athen, der Jüngling Akamas nach
Marion. Er
trat an die Feigenbäume und sah eine weiße Schwanin ruhen auf dem
Wasser.
Der Athener war so keusch, daß er die Blößte der Marionischen Aphrodite
nicht schauen konnte und sie also in seiner Seele für eine weiße Schwanin
hielt. Die Jungfrau nun war so keusch, daß sie sich, als sie den Jüngling
sah, ihren purpurnen Mantel einer Königin griff und ihren bloßen Leib
damit
verhüllte. Da erlaubte sie ihm, ihre elfenbeinweißen Schultern zu schauen.
Daraufhin sah er ihr ins Antlitz und war überwältigt von solcher Anmut
und
Schönheit. Ihre Augen waren grün wie das Meer, in dem sich ein blauer
Himmel
spiegelt, ihre Lippen waren wie schmale Rosenblütenblätter. In Liebe
versetzt von solchem Liebreiz, pflückte er die roten Rosen, die am Rande
der
Grotte im Moos wuchsen und schenkte sie ihr. Drei Tage verlebten sie in
reiner herzlicher Liebe. Wenn sie schlief, wachte er und betrachtete die im
Moos Schlafende und begehrte nichts, als ihr eine goldene Locke aus der
schönen Stirn zu streichen. Nach drei Tagen aber mußte die Tochter Zeus
auf
den Olymp, in die Wohnung des Königs der Götter zurück. Akamas lebte
fortan
nur noch von der Erinnerung an die Marionische Aphrodite. - Ihr Lieben,
jenes Bad, in dem die Himmlische badete, nennt man die Fontana
Amorosa. Wer
von diesem Wasser auch nur Einen Tropfen trinkt, wird von
unverlöschbarer
Liebesglut erfasst. Ich gestehe Euch, ich trank davon, und seit jenem
Moment
bin ich erfüllt von hoher heiliger Agape für Sankta Maria Metamelia und
bete, daß die Vorausgegangene auch mich eines nichts zu fernen Tages
nach
sich ziehe in die Seligkeit der Seelen, in das Paradies der Liebe Gottes! -
Nun aber auch noch auf den Olymp zu sprechen zu kommen, das wird
Euch
interessieren, steigt man zwischen Kiefern und Schwarzkiefern, zyprischen
Zedern und Zypressen gewundene Pfade hinan, durch einen
Maulbeerbaumhain,
vorbei an blühenden Pfirsichplantagen, von der Seite von Bergschafen und
aus
den Lüften von Kaiseradlern beäugt, bis man zu den Kaledonia-
Wasserfällen
kommt. Schließlich erreicht man den Ort Troodos. Dort befindet sich ein
Kloster der seligen Jungfrau Maria, die man bei Euch in Venedig ja so
schön
Madonna nennt. Dort befindet sich als Kleinod der Gürtel Mariens, den sie
bei ihrem Heimgang in den Himmel auf der Erde zurückließ. Dies ist der
Gürtel, der, wie ein deutscher Dichter sagte, des tobenden Weltalls
Entzücken zusammenhält. In diesem Kloster bitten viele Liebenden durch
die
Fürsprache der allerseligsten Maria Aphroditissa Gott um Seinen Segen.
Von
diesem Kloster führt ein schmaler Weg zum Ort Omodhos, der dem
Heiligen
Kreuz geweiht ist. Dort saß ich auf einem Stuhl aus Steineichenholz,
diesen
Brief an Euch schreibend, gedenkend an die Splitter vom Heiligen Kreuz,
die
auch mir mein Herz durchbohrten und es zu Tode verwundeten, daß allein
die
Liebe Gottes, meines Heilandes, mich noch heilen kann. -
Es grüßt Euch die Gemeinschaft der Heiligen von Cypros!
Euer
Hilarion von Marion.

Der heilige Sünder Hilarion an die Heiligen Schoschannim und San


Marco: die
Gnade Gottes sei mit uns allen!
Ihr Lieben, Ihr fragt in Eurem lieben Brief, wie es uns mit den Türken
gehe
auf dem Eiland Cypros? Nun, ich will schweigen von all den
Verheerungen, die
sie hier angerichtet, manche Kreuzritterburg in Schutt und Asche gelegt,
manches Kloster zu Ruinen umgewandelt, gar manche Kathedrale in eine
blasphemische Moschee verwandelt, da geleugnet wird, daß Jesus Christus
der
Sohn Gottes! Aber Einen will ich rühmend hervorheben und Eine:
Suleiman den
Prächtigen und seine schöne Geliebte Zulima! Schließlich will ich Euch
noch
von dem ehrenvollen Grab der Großmutter des Königs von Jordanien
berichten. - Suleiman der Prächtige wohnte in einem Palast in der Altstadt
von Famagusta, wie es die Griechen, von Magosa, wie es die Türken
nennen. Er
wohnte innerhalb der Mauern, mit Blick auf den Diamantturm und die
Zitadelle, welche der Markuslöwe schmückt, und welche man die Zitadelle
Othellos nennt, weil hier einst Il Moro, der Mohr geherrscht, welchen sich
Shakespeare zum Vorbild seinees Dramas nahm. Er sah auch durch das
Seetor
nach Varoscha, welches eine Geisterstadt ist. In seinem prächtigen Palast
lebte er wie weiland die Könige von Jerusalem, Armenien und Cypros. Er
wandelte von seinem Palast, welcher aus Elfenbeinzierrat und
Lapislazulimosaiken war, mit türkischen Bädern, turkish delight,
türkischen
Honig kostend, durch das Seetor mit dem adriatischen Löwen an den
Strand,
zur Zeit der letzten Nachtwache, wandelte von Strand zu Strand, von
Bucht zu
Bucht, von Palm Beach zur Corall Bay, bis er in die Bucht von Petra tou
Romiou kam, nah an Paphos-Ktima gelegen. Er war kein strenger
Muselman, wenn
er auch die Suren des Koran alltäglich betend las, so war er doch auf
Cypros
ein großer Genießer unverschleierter Weiber geworden, seinem
Namenspatron
nacheifernd. Nun, er war die Nacht durch gewandert, ein großer Kenner
der
Sterne. Besonders hatte er aufgeschaut zum Sternbild der Jungfrau,
welches
er in orientalischem Götzendienst Ishtar-Fatima nannte. Als er in der Bucht
der Buchten, am Strand der Strände ankam, ging gerade der Morgen
herauf. Er
stand in den braunen Gräsern, scharrte mit den Füßen in den Sandalen in
den
Kieselsteinen. Die Felsen standen grotesk gestaltet in das Meer hinaus.
Das
Wasser war grün, mit weißen Schaumkronen, welche die Wellen an den
Strand
trugen und Suleiman dem Prächtigen zu Füßen legten. Am rosigen, nun
lichtblauenden Himmel stand einsamschön der Morgenstern. Wie ein
Diamant
blitzte sein Licht durch den klaren Äther. Das Grün des Meeres
verschwamm
mit dem Lichtblau des Himmels, darin die Strahlen der jungen Sonne
schwammen. Dies alles ergab eine Art magische Beleuchtung, die sich tief
auf
die Seele Suleimans malte. Da hatte er eine Vision - er fragte sich, ob er
wahnsinnig sei, oder ob ihn gar die Dschinn-Dämonen des Schaitan
versuchten - er sah schweben über dem Meer ein Weib von allerlieblichster
Schönheit. Ihre Haare flossen an ihrem bloßen Leib herab. Die Haut war
hellbraun von der Sonne Cypros. Ihr Antlitz war schmal und von
entzückendem
Liebreiz. Ihre Augen schauten wie funkelnde Morgensterne, verschleiert
von
langen Wimpern. Sie hielt sich mit den schlanken Händen das Haar, wie
gefärbt von zyprischem Henna, vor die Brüste, verschleierte so die beiden
jungen Turteltauben. Suleiman der Prächtige schloß vor Schauer und
Entzücken
die Augen, dies Bild in seiner Seele für immer zu fixieren. Als er die
beiden Augen wieder öffnete, war die Vision verschwunden. Vielleicht war
es
die Fata Morgana gewesen, von der man sagte, daß sie in Messina wohne?
Da
hörte er junges Mädchenlachen. Erstaunt sah er sich um. Da sah er ein
junges
Mädchen in einem weißen Hemdchen und einem curryfarbenen Röckchen
und
tanzte. Sie tanzte hinreißend, beweglich wie eine von Flötenspiel betörte
Schlange, wand sie sich unter den Palmbäumen. Ihre schwarzen Haare, in
lockenden Locken, fielen ihr in ihr braunes Antlitz, welches in
verführerischer Unschuld zu ihm schaute. Suleiman war völlig betört. Sie
bewegte sich und gab alle Posen, die der Mediceischen Venus, die der
Coiischen Venus, die der Venus des Praxiteles, die der Venus Callipigos,
die
der Badenden Venus, lächelnd die die Venus Frigida, und lockte ihn sich
nach, indem sie mit ausgestrecktem Arm ihn zu sich rief. Er wandelte, wie
ein Mondsüchtiger seinem Monde nach, dem hüfteschwingenden Mädchen
nach. Bei
Allah und seinem Propheten, rief Suleiman der Prächtige, wer bist du? Ich
bin Zulima! lachte sie girrend wie eine Turteltaube. Um das Handgelenk
hatte
sie ein Kettchen mit kleinen weißen perlmutternen Muscheln aufgereiht.
Über
die See flogen weiße Lachmöwen. Da hatte der König von Jerusalem,
Armenien
und Cypros eine Braut gefunden. Und er nannte sie seine Zulima Fatima
Ishtar, Rose von Magosa, Augusta von Famagusta, Koralle von der Corall
Bay,
schlanke Palme von Palm Beach, und gemeinsam betraten sie die Moschee
und
trieben Götzendienst. - Nun aber, ihr Lieben, ihr Heiligen von Susa und
Venedig, will ich Euch von der Großmutter Tod erzählen. Jenseits des
großen
Salzsees von Lamaca, da man den auferweckten Lazarus ehrt als
rechtgläubiger
Christ, haben die Ungläubigen eine Grabmoschee errichtet. Diese heißt
Hala
Sultan: geehrte Mutter. Umgeben von Palmen und Zypressen liegt hier die
Amme
Mohammeds begraben. Die Araber nennen sie Umma Haram, und alle
türkischen
Schiffe, wenn sie diesem Orte an der Küste nahekommen, müssen die
Flagge
senken. Hinter der Gebetsnische (wo Christi Gottheit geleugnet wird) führt
ein Durchgang zur Grabkammer. Das Grab ist verhüllt. Über dem
Sarkophag
befindet sich ein großer Stein, der am Todestage der Umma Haram von
Mekka
nach Cypros flog und dort eine Zeitlang über dem Grabe schwebte. Um
ihn
herum liegen drei kleinere Steine, die sich am Vorabend des Todes der
Umma
Haram aus der Millomauer von Jerusalem lösten und übers Mittelmeer
nach
Cypros schwammen. Andere erzählen allerdings, daß Engel diese Steine
vom
Berge Sinai hierher trugen. In einem Nebenraum der Grabkammer befindet
sich
das Grab der Großmutter des Königs von Jordanien. Von dort müssen wir
unbedingt zum Salzsee, der aufgrund eines Fluches des heiligen Lazarus
entstand. Eine Weinrebe (dort wuchsen einst viele Weinstöcke)
verweigerte
dem Heiligen, den Christus von den Toten auferweckt hatte, seine Beeren,
darauf verfluchte Lazarus den Weingarten, und der verwandelte sich in
einen
unfruchtbaren Salzsee. Gott allerdings verwandelt auch die Öde in
Schönheit,
so sammeln sich dort, wie ich Euch schon berichtete, die rosanen
Flamingos.
Auch unsere Seele überwintert am verfluchten Salzsee, aber einst werden
wir
uns erheben und fliegen über das Meer des Todes zur Insel der
Glückseligen,
da die Palmen des ewigen Lebens wachsen! Bis dahin, verschlinget
zärtlich
Eure Hälse, ihr mein liebes zypriotisches Flamingopaar!
Euer Hilarion, Sklave Jesu Christi.

Hilarion von Marion an die liebe Schwester Schoschannim und den Lehrer
des
Evangeliums San Marco: Alles Liebe! -
Ihr Lieben, heute Nacht ist eine stille Melancholie in meiner Seele und ich
denke mit Wehmut an die Zeit zurück, als Sankta Maria Metamelia noch
auf
Erden weilte. Vielleicht vermag mich das Schreiben an Euch ein wenig zu
trösten? -
Man kann von Cypros nicht schreiben, ohne von Paläa Paphos zu erzählen.
Wieder einmal muß ich auf den Fels der Römer zu sprechen kommen,
Petra tou
Romiou. Heute stand ich am dunklen Strand und sah die drei Felsen im
blauen
Meere ruhen, und die Brandung brach sich am Felsen. Der Himmel war
licht und
helle Perlmutterwolken segelten leise durch die Lüfte. Hier soll die
Marionische Aphrodite das erste Mal gesehen worden sein, sie kam gewiß
vom
Morgenstern, dem Reich der Liebe, da die Ideen und Ideale der schönen
Liebe
zuhause sind. Und sie wird ja auch genannt: Mutter der schönen Liebe.
Man
baute ihr in Paläa Paphos, nicht weit vom Strand, ein Heiligtum. Dort
salbte
man einen schwarzen Stein, ich weiß nicht ob es ein schwarzer Onyx war,
mit
Myrrhenöl. Man brachte Weihgeschenke dar, Maronen und Maränen und
Myrtenblüten der Magna Mater. -
An dieser Stelle will ich Euch aus dem Mythenkreis von Paphos erzählen.
Da
ist die Geschichte von Pygmalion: Angewidert von der Hurerei zog sich
der
Künstler in die Einsamkeit zurück und bildete aus Marmor von Mararra
das
Bild der Marionischen Aphrodite. Die Gestalt war ganz aus dem Traum
seiner
Seele aufgestiegen, ich weiß nicht, ob man es auf genialie Inspiration
zurückführen kann. Das Bild entsprach so sehr seinem Ideal, daß er in
Liebe
entbrannte für die Marmorschöne. Die himmlische Liebe erbarmte sich des
träumenden Künstlers und sandte ihm eine zyprische Jungfrau, welche in
unglaublichem Maße dem Ideal seiner Seele glich, das war die schöne
Jungfrau
Galathea. In einem goldenen Muschelwagen, gezogen von schneeweißen
Delphinen, fuhr die schöne Galathea über das Meer. Junge Tritonen bliesen
auf gewundenen Muschelhörnern Lobpreis ihrer Schönheit. Meeresgreise
schwammen um sie und wurden jung unter dem Meereshimmel ihrer
Blicke. Ihr
goldenes Haar wehte im Winde, im Winde wehte ihr rosenroter Mantel,
den sie
um die elfenbeinweißen Schultern geworfen und der die jungen Tauben
ihrer
Brüste keusch verhüllte. Sie fuhr in ihrem goldenen Muschelwagen an den
Strand von Paphos-Ktima, da Pygmalion sann und träumte in seiner
musischen
Melancholie, und küsste ihn, da küsste ihn sein Ideal, da küsste er die Idee
der ewigen Schönheit, die schöne Liebe selbst, die ihm in der Jungfrau
Galathea begegnete. -
Eine andere Mythe sag ich, die nicht ursprünglich aus Cypros stammt,
sondern
aus Delphi, wo der Nabelstein der Welt steht, aber da sie die Liebe zum
Inhalt hat, wird ihrer auch in Paläa Paphos gedacht. Apollo, der Gott der
Propheten und Poeten, liebte unsterblich die schöne Nymphe Daphne. Er
sang
ihr zur "goldenen Leier Apollons" Preisgesänge ihrer Anmut und
Holdseligkeit. Sie aber mochte sich nicht so gepriesen sehen und wollte
vor
allem begehrt nicht werden. Apollo jedoch ließ nicht ab, um sie zu werben,
und stellte ihr nach. Sie aber floh vor dem Stürmischen. In dem
Augenblick,
da er sie erhaschte, flehte sie zum König der Götter, der sie in einen
Lorbeerstrauch verwandelte. Apollo aber hörte nie auf, Daphne zu lieben,
und
da er im Reigen der Musen war, verkündete er das Edikt, daß wahrhaft
heilig
singende Dichter der Liebe sollten werden gekränzt mit dem Lorbeerkranz.
Ihr
Lieben, dieser Ehre wurden Dante und Petrarca teilhaftig, dieser wegen
Beatrice und jener wegen Laura, die er mit Daphne verglich. -
Schließlich will ich Euch erzählen vom Kult des sterbenden und
auferstehenden Halbgottes Adonis. Sein Kult stammte aus dem Vorderen
Orient,
er ward heilig gepflegt in Paläa Paphos. Adonis war der Schönste aller
Menschenkinder, ward aber von einem Untier häßlich entstellt und zu Tode
verwundet. Er starb in einem Hain aus Olivenbäumen in Idalion. Die
schöne
Göttin Anadyomene, welche einst von vielem Volk als Herrin sündiger
Liebe
angesehen, aber den edleren Geistern und Liebhabern der Weisheit eine
Fürstin schöner Liebe war, liebte den Halbgott Adonis sehr und beweinte
ihn
mit bitteren Tränen. Sie saß in ihrer immer sich erneuernden
Jungfräulichkeit und schönen Anmut im fließenden Kleid auf der Wiese,
und
quer über ihren Schoß lag der hingegossne Leichnam des Adonis, des
Sohnes
der Myrrha, nur mit einem Lendentuch bekleidet. Aber im Frühling feierte
man
im Vorderen Orient und im abendländischen Paläa Paphos das Erwachen
des
Adonis. Mit ihm erwachen die Lilien und die Rosen und die ganze Natur.
Da
ziehen singend und tanzend die Jungfraun unter Zither- und Zimbelspiel
ins
Heiligtum und jubeln: Feiert Adonis, kommt und feiert ihn, denn erwacht
ist
Adonis, drum feiert ihn! Da wird dann gepriesen die Heilige Hochzeit, in
der
die Priesterin der Liebe stellvertretend für die Gemeinde der Jungfraun und
Jünglinge sich mit dem schönen Gott vermählt. Dann wandeln alle in den
Heiligen Garten, da sie in weißen Gewändern Reigentänze tanzen
überschwenglicher Freude und seligen Lachens! -
Ihr Lieben, mich hat das Schreiben an Euch wirklich getröstet. Ich
empfehle
Eure Seelen der Fürsprache der Sankta Maria Metamelia und der
allerseligsten
Madonna Maria Aphroditissa: O clemens, o dulce, o venusta Maria! Das
nächste
Mal will ich Euch schreiben von Neu-Paphos und der Geißelsäule des
Paulus.
Ich grüße Euch mit dem Kuß der Liebe, bitte Euch, mir zu schreiben, und
bitte richtet meinen Gruß auch an die Sabinerin und die Versammlung in
ihrem
Haus aus.
Euer
Hilarion von Marion.
7

An San Marco, der mit Wein, und Schoschannim, die mit Olivenöl der
Seele
Hilarions wohltat oftmals in Korinth, wo wir in Zungen sprachen, schreibt
dieser aus Marion auf Cypros: Ich grüße Euch wiederum mit dem Kuß der
Liebe! -
Ihr Lieben, ich hoffe heimlich, Ihr habt das Interesse an Cypros nicht
verloren, darum wag ichs, Euch heute von Neu-Paphos zu schreiben. -
Neu-Paphos, oder die Königliche Domäne Ktima, das im dritten
Jahrtausend vor
Christi Geburt genannt ward Souskia, liegt inmitten von Zitrusplantagen
und
Weingärten. Die Römer nannten es Heilige Hauptstadt aller zyprischen
Städte,
liebevoll: Augusta des Augustus. Paulus und Barnabas, der auf Cypros
geborene Sohn des Trostes, auch Josef geheißen, kamen auf einer
Missionsreise auf dies Eiland. Paulus bekehrte hier Sergius Paulus, den
römischen Prokonsul. Von Pauli Schicksal auf Cypros etwas später mehr. -
Erst will ich Euch in die antiken Häuser führen. Im Haus des Dionysos
befindet sich ein Mosaik vom göttlichen Dulder (Ulyß) in der Meerenge
von
Messina. Im nächsten Raum ist dargestellt der Jüngling Narziß, der von
der
Nymphe Echo abgewiesen worden war und fortan das Echo der Echo das
Bild
seiner Seele liebte. Die himmlische Liebe erbarmte sich des
Schmachtenden
und verwandelte ihn in einer Wiedergeburt in eine Osterglocke, die seinen
Namen trägt. Über einem Tor steht, an die Mutter Erde gleichermaßen und
den
eintretenden Gast: Sei gegrüßet, auch du! Dann sieht man den Weingott
selbst
einziehen, in einem Wagen, gezogen von schwarzen Panthern, Musikanten
begleiten ihn, Bauern ernten Wein, umschwärmt von Hasen und Vögeln.
Dir,
lieber San Marco, möcht ich widmen das Mosaik vom Ersten Weintrinker!
Dionysos ist da zu Gast beim attischen König Ikarios, sie sprechen über
die
Kunst des Weinanbaus, lauschend sitzt dabei die süße Nymphe Akme.
Ikarios
spendet das heilige Getränk einigen Ziegenhirten, die glauben, er wolle sie
vergiften durch das Machwerk der Zauberei, daraufhin erschlagen sie ihn,
Ikarius geht in die Mythologie ein als erster Märtyrer des Weingottes. -
Wie
Apollon die Daphne liebte, das sagt ich Euch schon. Aber wie der König
der
Götter den Jüngling Ganymed liebte, wisst Ihr das auch? Er riß ihn heraus
aus dem Tal der Tränen, auf den Adelers Fittichen trug er ihn in die
Himmelsburg, wo Ganymed Mundschenk der Götter ward. Auch zu sehen
ist ein
Bild der Jungfrau Leda, welche der Gott in Gestalt eines Schwanes
besuchte.
Er umhalste sie, sie gab sich ihm hin in der Umarmung, der Blick des
Schwanes und der Blick der Jungfrau flossen in eins, da ward aus der
Union
der Seelenfunken geboren die schönste Frau Griechenlands, die
Spartanerin
Helena, welche die hohe Siegestrophäe der edlen Griechenfürsten vor den
Toren des asiatischen Ilion war. Im Haus des Äon wird der Preis der
Schönheit unter allen Meermädchen der Jungfrau Kassiopeia zuerkannt;
Zeus,
der Göttervater, Helios, sein Sohn, die Sonne, und die Jungfrau Minerva,
die
Göttin der Weisheit, schauen zu und bestätigen den Sieg Kassiopeias. Im
Haus
des Theseus, des Königs von Athen, ist zu sehen, wie er sich in das
gefährliche Labyrinth begibt, da das Untier in der Mitte lauert, daraus ihn
der Beistand der kretischen Prinzessin Ariadne herausführt. Auch Achilles,
der Freund des Patroklos, ist zu sehen im Bilde. Die drei
Schicksalsgöttinnen, Moiren, schauen ihn an und gemahnen, daß auch
selbst
ein Achill wird nicht seinem Schicksal entgehen. Schließlich im Haus des
Orpheus ist der Dichter-Seher zu schauen, wie er mit der siebensaitigen
Leier, gestimmt auf die Sphärenharmonie, die Bäume des Waldes in seine
Nachfolge ruft und die wilden Tiere zähmt, er, der bis zu den Sternen,
Jungfrau und Schwan und Leier, seine Eurydice liebt, über das Totenreich
hinaus, wie er ihr zuschwor. - - Nun aber zu der fränkischen Kirche des
heiligen Franziskus, der ein zweiter Orpheus war und mit seinem Gesang
die
Spatzen und Sperlinge fromm machte. Vor dem Tor dieser Kirche steht
eine
Säule, an welcher dereinst Sankt Paulus ausgepeitscht worden von den
aufgebrachten Heiden. Er pries ja den Kaiser nicht als Herrn und Gott,
sondern pries den Unbekannten Gott, der seinen Sohn Jesus Christus als
Retter gesandt hat und an einem vorbestimmten Tage als Richter der
Lebenden
und Toten senden wird, wie es das Apostolische Credo bezeugt, und darum
seien alle Menschen aufgerufen zur Buße. Hier in Paphos war Sankt
Paulus
auch in einem geistlichen Kampf mit dem okkulten Zauberer Barjesus, wie
ein
wenig später auch Sankt Petrus ringen mußte geistlich mit Simon Magus,
der
sich als die Kraft Gottes ausgab. Paulus nahm dem Zauberer das
Augenlicht.
Die Blinden von Paphos wallen zur Kirche der heiligen Solomonis an der
Avenue Apostolos Pavlos. Jene Märtyrerin war mit ihren sieben Söhnen im
zweiten Jahrhundert in der Zeit der Christenverfolgung auf Zypern des
roten
Martyriums gewürdigt worden. Ihre Freude im Herrn war der Siegeskranz
und
die Krone des ewigen Lebens! -
Wollen auch wir, ihr Lieben, zu jeder Zeit bereit sein, den Namen des
Herrn
Jesus treu zu bekennen als des einzigen Namens unterm Himmel, in
welchem
Rettung ist, und wollen wir in Seinen Fußtapfen wandeln und unser Kreuz
auf
uns nehmen täglich. Er segne Euch!
Hilarion von Marion.

Hilarion von Marion an San Marco, den Besitzer der Manessischen


Handschrift,
und seine Braut Schoschannim von Susa: Küsset Euch allezeit mit dem
heiligen
Kuß!
Ihr Lieben, eben bin ich von einem Traum erwacht. Vor dem Fenster
meines
Dormitoriums deutet sich die Morgenröte an, doch noch ist der herrliche
Morgenstern nicht aufgegangen. Ein Hahn kräht als Herold des
Morgensternes.
Mir begegnete wie einst dem Propheten Daniel eine Vision auf dem Lager
der
Nacht. Ich hatte mich im Zypressenwald der Mesaoria-Ebene in der tiefen
Nacht verirrt, so träumte ich, und aus dem Gebüsch funkelten Augen
hungriger
Wildleoparden, als zu mir trat der Minnesänger Reinmar (ihr wisst, ich
liebe
die deutsche Poesie). Er trug einen roten Mantel und grüne Beinkleider, in
der Hand hielt er eine Harfe von Elfenbein und auf seiner linken Schulter
saß ein Sperling und auf der rechten eine Nachtigall, welche lieblich
flötete. Da sprach Reinmar zu mir: "Vil liber Hilarion, ic wil dir wiesen
dine minne, diu nahtigal is ire botin. Sanct Maria Metamelia ruft dine sel
in bluomigen himmels aue, diu holde vrouwe!" Da folgte ich him, wir
stiegen
tiefer in den Wald und dann einen Hügelhang hinan, bis wir zu einem
Myrtenhain kamen, da die Spitze des Hügels als Felsen starrte, aus dem
eine
Quelle eintsprang. Über mir ging eben die Morgenröte auf. Da schwebte in
einem langen Gewand aus allerfeinstem allerreinstem weißen Linnen
Sankta
Maria Metamelia herab. Sie trug goldene Sandalen an den bloßen Füßen.
In den
dunkelblonden Locken trug sie einen zarten goldenen Kronreif, geziert mit
Edelsteinen bunt wie der Schweif eines Pfauen. Als ich sie sah, wurden
mir
die Kniee weich, all mein Leben schien mir sündig und unrein. Sie schaute
mich aus ihren himmlischen Augen an, die Licht verbreiteten wie der
Mond in
der Nacht, leuchtend wie die Smaragde an Gottes weißem Thron (Gott
vergebe
mir dies Gleichnis)! Unter dem Blick ihrer Augen überkam mich die
göttliche
Traurigkeit, welche da führt zur Buße. Mit dem weitfallenden Ärmel ihres
schleierartigen Gewandes strich sie mir über die tränenfeuchten Augen.
Als
seien mir von ihrer liebevollen Berührung die Augen des Herzens, die
Augen
des Geistes aufgetan, sah ich in der aufgehenden Morgenröte eine
Erscheinung: Die Mutter meines Herrn erschien in einer Aura von Gold
der
Morgenröte, um ihr Haupt strahlte es wie der Morgenstern. Sie trug ein
Gewand, der auch ihr Haupthaar verhüllte. Ihr Mantel war aus lichtem
Rosenrot und geziert mit goldenen Blumenmustern. Zwei Engel senkten
vom
Himmelszenit eine goldene Krone auf ihr Haar. Da sah ich, daß sie auf
dem
rechten Arm ein Kind hielt, und wundersam genug: dies Kind hatte das
Antlitz
eines mündigen Mannes! Um das Haupt Jesu leuchtete die volle Sonne des
höpchsten Mittags. Er sah mit barmherzigen Blicken in mein Herz - da
flehte
ich: Ach du mein Herr! erbarme dich, und gedenke, daß ich Staub bin!
Und der
Herr wies mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Heilige Schrift,
die geöffnet in seiner Linken lag. Da tönte in meinem Geiste das Wort in
fremder Zunge: "Freut euch an der Barmherzigkeit Gottes und schämt
euch
nicht, ihn zu loben!" -
Mein Herz, ihr Lieben, ist nach diesem Traum voll von Liebe, denn die
Liebe
waltet als Königin im Universum, denn Gott ist die Liebe!
Alles Liebe!
Euer
Hilarion von Marion, Papas der Maronitischen Kirche.

Papas von Marion an die Heiligen von Venedig! Gottes Gnade und Christi
Frieden und die Liebe des Heiligen Geistes seien mit Euch!
Ihr Lieben, in der Maronitischen Kirche singen wir einen "im Stehen
gesungenen" Hymnus, den ich dichtete, er wird genannt: das Marionische
Alpha-Beta Mariens:

Auferstehungszeugin!
Bekennerin!
Christusgebärerin!
Davidsturm!
Eulogia, vor allen Frauen gepriesene!
Fraue Minne!
Gott Sohnes Mutter!
Hagia Aphroditissa!
Immaculata!
Jungfrau!
Kelch der Hingabe!
Liebe Frau von Marion!
Madonna!
Neue Eva!
Osterfreude bezeugende!
Pieta!
Quadrocento-Muse!
Rose ohne Dornen!
Sitz der Weisheit!
Tor von weißem Stein!
Unbefleckte!
Venusta dulce pia Maria!
Wabenhonig-Bienenkönigin!
Xenion des Euangelion!
Yehowah's Magd!
Zofe Gottes!

Ich weiß nicht, ob man in der Kirche Sankt Markus denselben Hymnus
singt.
Aber seht nur, in der Maronitischen Kirche ist vor allem die Liebe unsre
Verkündigung, die Liebe unsre Lehrerin und Meisterin und die Liebe die
uns
inspirierende Weisheit - darum, was in der Liebe gesungen wird, mag Gott
dem
Herrn wohl alles wohlgefallen!
Mit dem Gruß der Liebe grüßt Euch
Hilarion.

10

An San Marco und Schoschannim, die Heiligen, schreibt Hilarion: alle


Tage
denk ich an Euch in herzlicher Bruderliebe.
Ihr Lieben, langsam naht das Ende meiner Berichte vom Eiland Cypros.
Nun
will ich Euch von den Evangelisten erzählen.
Die Stadt Larnaca ist nach dem griechischen Wort Larnax, Sarkophag,
benannt.
Im Altertum nannte man die Stadt Kition. Darum heißt es im Alten
Testament
auch Kittim, wenn Cypros oder der griechische Archipel oder die gesamte
römische Ökumene gemeint ist. Sei gegrüßet, Kition! Am Pfingstfest gibt
es
hier eine Prozession zu Ehren der Rettung Noahs aus der Sintflut. Man
gedenkt der Arche, in der sich das Wort Gottes befand, und der
Muttergottes
des Meeres, in der sich das Wort Gottes befand, aus deren Muschelschoß
sich
die Liebe Gottes in die Welt gebar. Der von den Toten auferweckte heilige
Lazarus, Bruder Mariens und Marthas, die der Herr liebhatte, war einst
nach
Kition gelangt. Mit Maria Magdalena und ihrer Schwester war der Heilige
von
den Juden, die nicht an den Messias Jesus glaubten, in einem Boot
ausgesetzt
worden, Wind und Wellen trieben sie in die Bucht von Kition. Lazarus
wurde
Bischof von Kition. (Magdalena fuhr weiter bis in den französischen Golf
du
Lyon, wo Les-Sainte-Maries-de-la-mer liegen, wovon der deutsche Dichter
Schwanke gerne schrieb.) Im neunten Jahrhundert fand man in Kition den
Sarkophag des Lazarus, daher heißt Kition Larnaca. Auf den Gebeinen des
Heiligen ward die Kirche gebaut, wie in Rom auf den Gebeinen Sankt
Petri, in
Venedig auf den Gebeinen Sankt Markus. Nun zu Barnabas, wie der
zypriotische
Josef von den Aposteln genannt ward: Trostsohn. Der heilige Trostsohn ist
der Nationalheilige von Cypros. Er kam mit dem Apostel Paulus aus
Jerusalem
nach Cypros. Bei einer zweiten Reise auf seine Heimatinsel (wenn auf
Erden
Heimat ist) ward er in der Nähe von Salamis von Juden gesteinigt. "O Tag
an
Salamis Ufern!" dichtete der deutsche Dichter Hölderlin für seine Diotima.
Den Leichnahm des heiligen Trostsohns begrub ein unbekannter Gefährte
an
einem unbekannten Ort. Aber im fünften Jahrhundert ward dem damaligen
zypriotischen Erzbischof Anthemion in einer Vision das Grab des heiligen
Märtyrers offenbart. Anthemion fand das Grab mit den Gebeinen des
Heiligen
in der Nähe von Salamis. Der Leichnam des Missionars hielt in Händen
eine
Abschrift des Matthäus-Evangeliums. Seit jenem Fund hat der Erzbischof
von
Cypros das Recht, mit roter Tinte zu unterzeichnen, welches Recht
ebenfalls
der Papas der Maronitischen Kirche hat, denn rot ist die Farbe der Liebe.
Nun zum Apostel Andreas, Sankt Petri Bruder. Einst segelte der Apostel
entlang der zypriotischen Küste. Der Kapitän seines Schiffes drohte vor
Durst zu erblinden, da erweckte der Apostel eine Quelle an einem Kap,
welches ihm zu Ehren heute Kap Andreas heißt. Ob die dem Kap Andreas
vorgelagerten Klidhes-Inseln, was verdolmetscht Schlüssel-Inseln heißt, so
genannt sind, weil der Träger der Himmelsschlüssel hier
vorübergekommen, ist
mir nicht bekannt, und ich will auch keine Legende erfinden. Jedenfalls
blühen auf den Schlüsselinseln viele rote Himmelsschlüssel.
Ich unterzeichne mit roter Tinte:
Hilarion von Marion.

11
An Schoschannim die Sanfte und San Marco den Herzlichen schreibt
Hilarion
von Marion in frommer Bruderliebe: Seid gegrüßt!
Ihr Lieben, als Onesilos der Herrscher von Salamis war, drängten die
Perser
und Phönizier an. Die Jonier aber besiegten am Schlüssel von Cypros die
Feinde, so schreibt Herodot. Ruhmreiches Qubrus (Cypros), Tyros
genüber,
zwölf Tagereisen groß, wie bist du allen schön gewesen! Auch dem Tiroler
Pilger Martin von Baumgarten, der deine freundlichen Hügel und
wundervollen
Täler pries und deiner Myrten Nachtigallensang. Der Amerikaner pries
deine
Palmen, deren lange Blätter so melancholisch hingen, als er auf dem
Lichterkahn Mahona der Insel nahte. Kennst du dies nicht auch, lieber
Bruder, von deiner Braut, was der Erzherzog Salvator von Österreich
sagte:
Weder Griechen noch Türken sagen Nein, sondern heben nur wortlos den
Kopf
ein wenig. Und wie bewunderte doch der englische Dichter den Ort
Bellapais,
den Ort des schönen Friedens, da er wandelte in stiller nachdenklicher
Liebe
zwischen hohen Säulen und flammenden Orangenbäumen, bei dem
Wappenschilde
des Richard Löwenherz, dem König des Robin Hood und der Maid Marian
von
Sherwood Forest. Und wie lieblich pries der griechische Dichter die
Heimat
der Aphrodite: nie sah er ein Eiland mit solchem weiblichen Liebreiz, nie
atmete er solche süßen Düfte, wenn ihn am Abend Wohlgefühl befiel, da
die
Sonne sank in den Schoß des Meeres, die Kähne schwankten in der Brise
und
Kinder Jasminsträuche trugen am Quai. Da löste das Herz den Gürtel und
gab
sich hin der Liebe und dem Leben. Ist es mit mir, wie ein Dichter sagte:
"Mein Schicksal ist das eines Mannes, der sein Ziel verfehlte"? Ist Sie
doch
vorübergewandelt und vorausgegangen in die schönere Welt, wo aller
Sehnsucht
Ziel: die Liebe des Ewigen ist zuhause! - Letzte Worte über Cypros sind
diese: Durch die Lande ziehen die Poietarides und singen gute
Nachrichten.
Der Erste unter ihnen war Homer, der nach dem Zeugnis des Dichters
Euclos an
Salamis Ufer geboren und dessen erste Schrift das Epenfragment "Cypros"
gewesen. Aber nun zum Osterfest: Wir beginnen mit der Fastenzeit. In
diesem
Jahr enthielt ich mich fastend des Fleischgenusses. In der Woche vor
Ostern
wird das Haus gereinigt und geweißt. Die Frauen backen Falouna, das
käsegefüllte Ostergebäck. Am Gründonnerstag spielen die Kinder mit dem
Osterhasen und malen die Ostereier rot an. Am Karfreitag wird das
Epitaphion, die Nachbildung des Leichentuches Christi, unter einen
tragbaren
Baldachin gelegt, den junge Mädchen mit Blumen und bunten Tüchern
schmücken.
In der Kirche werden die Ikonen schwar verhängt. Nach der abendlichen
Messe
wird das Epitaphion durch Marion getragen. Am Ostersamstag werden die
schwarzen Tücher von den Ikonen genommen. Zur Mitternacht
versammeln sich
die Gläubigen mit Kerzen zur heiligen Messe der Osternacht. Um
Mitternacht
trete ich, als der Papas, hervor und rufe der Gemeinde zu: Christus ist
auferstanden! Und die Gemeinde ruft im Chor: Er ist wahrhaftig
auferstanden!
Am Freudenfeuer verspeisen wir mit den lachenden Kindern das
Osterlamm. -
Ihr Lieben, herzlich sehn ich mich danach, mit Euch dies Osterlamm zu
speisen.
Gott segne Euch!
Hilarion.
12

An Schoschannim von Venedig, die Schöne, und San Marco, neuerdings


Priester
in Jésolo vor den Toren Venedigs, schreibt Euer Bruder Hilarion:
Maranatha!
Ihr Lieben, das Evangelium nach Hilarion endet wie alle Evangelien mit
Himmelfahrt. Mir kam in einer Vision das Himmelfahrtsfest von Venedig
vor
das innere Gesicht. Ich sah dich, meinen lieben Bruder, stark gebaut, mit
kurzen Haaren und bartlos nach römischer Mode, von der Piazza San
Marco in
der goldenen Schwan der Staatsgondel Bucentoro steigen, zwölf Geheime
Räte
an deiner Seite. Du trugest purpurnen Samt und goldenen Schmuck. Es
war
gegen Ende der Nacht, die Geheimen Räte trugen Fackeln von Pinienholz.
In
einem kleinen schwarzen Schwan von Gondel stand mit einer goldenen
Leier der
venezianische Poet Pietro Tortellini dell'Olore, in seinen blonden Haaren
den Lorbeerkranz, den ihm seine Muse auf dem römischen Aventin
verliehen.
Die Mohren vom Glockenturm schlugen mit goldenen Hämmerchen die
erste
Morgenstunde. Das venezianische Edelvolk schwamm in
buntgeschmückten Gondeln
dem Bucentoto hinterher, so schwamm diese herrliche Flotte an Maria
Salute
mit der marmorweißen Schwanenbrust vorüber den Canale Grande hinauf
auf das
offene adriatische Meer. Da vollzogest du die Heilige Hochzeit und
vermähltest dich, wie ein Priester stellvertretend für das Volk von Venedig,
mit der Venus von Venedig, der Adriatischen Aphrodite, und ließest
versinken
den goldenen Ring in das Meer. Und siehe, auf dem grünen Meere lag in
einer
perlmutternen Muschel schlafend die Adriatische Aphrodite, in einem
weißen
Gewand, welches Hals und Schultern frei ließ, und in ihrem
kastanienbraunen
Haar lag ein weißer Schleier, weiß wie Meeresschaum, ihre Augen waren
halb
verhüllt von lilienweißen Lidern, welche wie müder Schnee überm
Silberblick
der Augen schlummerten. Die Lippen waren schwellendes, blühendes
Leben, wie
junge Märzrosen, ihre Gestalt lag hingegossen in melodischer Linie wie
die
Wellen der rauschenden Adria. Und sie fischte mit ihrem schlanken
Händchen
den goldenen Ring aus dem Meer und zog ihn über ihren weißen Finger.
Da
jubelte alles Volk, der Poet sang eine Hochzeitshymne. Über der
rauschenden
Szene lächelte der Meeresstern, und des Poeten Hymne ging aus in einem
Begeisterungsjubel: Ave stella maris! Salve stella matutina! Gloria in
exelsis Amor Dei! - - -
Damit schließt mein zyprisches Evangelium.
Für immer der Eure,
Papas Hilarion von Marion.
Maranatha!

[Inhalt]

CLOUD12
1

WEB6
[Inhalt]

DER GEKREUZIGTE CHRISTUS

Tagebuch der Konversion I


Von Peter Torstein Schwanke

„Sieh, es ist Nacht! Ergebe dich der Nacht!“


(Reinhold Schneider)

22.4.2000

Nur das Gebet (Vaterunser) half mir aus dieser Welttraurigkeit. Besonders
schön die Aus-legung von Reinhold Schneider zu „und führe uns nicht in
Versuchung“, er sagt, Christen müssten oft ein schwereres Kreuz tragen als
Heiden, hätten dafür aber auch die ewige Hoffnung, im Gegensatz zum
vergänglichen Glück der Gottlosen.
Ich mit meiner Schwermut mag das Freuden- und Jubelchristentum der
Charismatiker nicht. Ich liebe Autoren wie Reinhold Schneider, die aus der
Tiefe des Leidens Gott geprie-sen haben. Leid verwandelt uns in das
Ebenbild des Gekreuzigten. „Freude in allem Leide“ ist für mich keine
Fröhlichkeit mit Lachen, sondern Trost und Dankbarkeit, daß der Vater da
ist, ich ihm mein Herz ausschütten kann, der Geist in mir als Tröster, Jesus
der Garant der ewigen Glückseligkeit. - Aber ich kenne in der Bibel keinen
Fall von Liebeskummer. Salomo liebte glücklich. Jakobs Sehnsucht nach
Rahel wird nicht geschildert, und sie ist ihm ja versprochen. David bekam
jede, die er haben wollte. Aber unglückliche Liebe ist Wirkung des Übels,
es wird soetwas im Paradies nicht geben, wo alle lieben ohne Aus-nahme
und vollkommen. Und Melancholie und Schwermut, ist das die
„Traurigkeit der Welt zum Tode“? Eine „göttliche Traurigkeit“ ist die Reue
über die Sünde. Aber ich bin nicht von der Welt und doch schwermütig. Es
kann nicht die Welttraurigkeit zum Tode sein. Aber es ist auch kein Leiden
um Christi willen. Es ist nicht Sauls böser Geist, es ist nicht Elias Angst, es
ist nicht Davids Traurigkeit wegen des Ehebruchs oder seine Angst vor den
Feinden. Warum bin ich so schwermütig? Das zu fragen, scheint unsinnig,
ich werde darauf im Himmel erst eine Antwort bekommen. Luther kannte
Schwermut und empfahl Musik, Komödie, Geselligkeit.

24.4.
War bei Schwester S. Sie las mir zwei Lieder von Jochen Klepper vor, der
die letzten Lie-der vor seinem Tod sehr schwermütig dichtete. Er hatte eine
Jüdin zur Frau und ein halbjü-disches Kind, und zwei Tage, bevor sie ins
KZ abgeholt werden sollten, drehten sie den Gashahn auf und starben mit
Blick auf den segnenden Christus. Jochen Klepper, Rudolf Alexander
Schröder und Reinhold Schneider will ich besser kennenlernen.

27.4.

Las etwas über Goethes Liebesleben. Er traf die Freundin Charlotte von
Stein im Garten, wenn Stallmeister von Stein nicht da war, verherrlichte
sie in Tasso und Iphigenie und lieb-te sie, sie liebte ihn als seine Schwester
und Muse. Aber schließlich reiste er nach Italien und klagte über sein
weimarianisches Unbefriedigtsein, er hätte Charlotte gern besessen, nahm
sich Faustina als Schätzchen und schrieb Erotica. Kann eine idealisierende,
platoni-sche, verzichtende Liebe erfüllend sein?

1.5.

Ich bin mit der Pfingstgemeinde unzufrieden, schon seit etwa Dezember.
Der Lobpreis ist mir zu oberflächlich und ewig-fröhlich, die Gemeinschaft
heuchlerisch fast und oberfläch-lich auf small-talk beschränkt, die
Predigten sprechen mich nicht an, sie sind mir zu welt-lich. Ich fühle mich
in der Gemeinde nicht mehr zuhause, auch das Reden von „Bildern“ und
„Zungenrede“ befremdet mich mehr und mehr. Ich bin ganz vom
Charismatischen weg. Wenn Charismatiker vom Heiligen Geist reden oder
Pfingstler, werd ich mißtrauisch. Ich will gucken, ob ich mir vielleicht eine
evangelikale Gemeinde suche.

2.5.

Leiden um Christi willen ist nicht nur die äußere Verfolgung und
Peinigung des Leibes der Christen durch den Teufel und seine Kinder,
sondern auch das innere Traurigsein der Seele der Christen über die Übel
des Fleisches und der Welt.

5.5.
Ich bin irgendwie in einem dunklen Lybrinth, wo alles sinnlos scheint, ein
lebenslanges Umherirren, und erst der Tod ist der Ausweg.

6.5.

Wenn ich eine textliche Tradition des christlichen abendländischen


Kirchenliedes sehe: Ambrosianus, Tauler, Gerhard, Wesley, Zinsendorf,
Teerstegen, Schröder und Klepper; was ist dagegen die Textkultur des
charismatischen Lobpreises? Oberflächlich, inhaltsleer, literarisch
schlecht. Auch die Tradition von Milton, Sidney und Spenser und anderen
engli-schen Renaissance-Dichtern, Psalmen nachzudichten, ist bei mir zur
Reimbibel geworden.
Franziskus: „Seine Rede war einfach und mächtig, erfüllt von der Glut
der Wahrheit, die in ihm lebte; gerne erzählte er in schlichten Worten ein
Gleichnis, fühlte er sich vom Geiste nicht mehr getragen, so schwieg er.“

8.5.

Das sehr tiefsinnige, fromme Buch Schneiders über Franziskus


durchgelesen. Man muß es langsam lesen, es ist sehr sorgfältig formuliert
und voller tiefer frommer Gedanken. Es lobt Armut, Demut, Gehorsam
und Heiligung. Die Predigt des Franziskus war sein Leben, das dem Leben
Christi ähnlich wurde.
Kleppers Kyrie gelesen, sprachlich hart und karg, aber geistlich fromm
im Leiden, nun nicht mehr Klage, sondern Lob, sagt er, und ob
Lebensbaum oder Dornbusch, es ist von Gott gesandt, mich zu ihm zu
ziehen, er ist nah, und Klepper ersehnte die heilige Jerusa-lem!

10.5.

Waldemar Augustiny „der Glanz Gottes“ gelesen, eine Novelle über den
deutschen Ba-rockmaler Johann Lyß in Venedig, der in sinnlicher
Lebenslust lebte und melancholisch war, weil er Übersinnlich-Göttliches
malen wollte. Ein Kardinal sagte ihm: Sein Beruf ist Berufung, er muß
gehorchen. Er kann sinnliche und seelische Schönheit zur Ehre des schö-
nen Schöpfers verherrlichen. Wenn zu seiner Kunstgabe ein frommes
Leben käme, könne auch ein Abglanz der ewigen Schönheit in seine Werke
fallen.
Lese Schneiders Sonette. Er bekennt sich zu seiner Schwermut, die
ihm von Anfang an gegeben ist, es ist sein Kreuz, er ist auf der Erde nur
Gast, mit Sehnsucht nach der lichten Heimat. Sehr tief, sehr still, sehr
melancholisch die Sonette, gefallen mir ausgesprochen gut.
„Läßt nur ein Herz in Treue sich bereiten, / so kehrt ihm einst, sein Elend
auszu-söhnen, / verklärt der Liebe Morgenglut zurück.“ (Schneider)

13.5.

Goethe sagt: Auf dieser Erdenflur muß man lieben, um zu dichten.


Im Liebesleben Goethes wird Zacharias Werner, der Sonetten- und
Dramen-Dichter er-wähnt, der eheuntauglich und immer verliebt war, ein
Prediger der Liebe, mal der fleischli-chen und mal der geistlichen. Goethe
durfte, als er seinen Bettschatz Christiane hatte, im-mer äugeln und
poetisch schwärmen, aber er blieb doch der Mann seines Hausschätzchens.
Sie schaffte ihm häusliche Behaglichkeit und ein warmes Bett, seine
feminine Inspiration suchte er außes Hauses.
Begeisternd, wie Schneider vom bitter-schwermütigen Todverfallnen
zum heiligen Pro-pheten des ewigen Lebens wurde; ersteres raubt die
Kraft beim Lesen, letzteres gibt Kraft selbst im Schweren.

14.5.

Höre Schubert-Lieder und lese Schneider-Gedichte. Mitternacht und eine


stille Schwermut ist da. Ich habe fünf geistliche Lieder gedichtet.
Vielleicht wird es ein Gesangbuch. Aber meine schöpferische Phase ist
wohl eigentlich noch nicht wieder da. Immer diese einsamen Nächte!

15.5.

Wollte in eine kleine dunkle katholische Kapelle und beten und Eucharistie
feiern.
Leiden gehört zum Christenleben, unschuldiges Leiden. Alles
unschuldige Leiden ist ein Leiden um Christi willen, und ein Segen, weil
es uns Christi Leiden und Tod gleichgestal-tet, uns dem Herrn ähnlich
macht. Wir sehnen uns und seufzen nach der Erlösung. Was heißt aber:
„Freuet euch, und abermals sage ich euch: Freuet euch im Herrn!“ wie
Paulus sagt? Wie hängt das Schicksal der Leiden mit der gebotenen Freude
zusammen?
Im Gebet sagte ich Gott, daß ich es annehmen will, wenn es mein
Schicksal ist, immer ohne Weib zu bleiben. Vielleicht ist es Voraussetzung
für mein Werk? Aber die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Küssen,
Gemeinschaft und Annahme bleibt, besonders an den schwermütig-
einsamen Abenden.
16.5.

„Der Reiz der Schönheit ist in der Tat nicht rein erotisch; fester noch als
das Verlangen bindet der Widerschein, der Tau auf ihren Flügeln, den sie
aus einer unbekannten ersehnten Welt herausträgt. Die schöne Frau ist viel
mehr als sie von sich weiß. Was sie selbst als ihren höchsten Wert
betrachtet, ist nicht ihr Wert. Sie ist unbesiegbar wegen jenes Wider-
scheins, für den sie keine Augen hat.“ Reinhold Schneider. Lewis sagte,
alle irdische Schönheit sei Abglanz und Hinweis auf Gottes Herrlichkeit.
Ich kann nicht anders als glauben, daß Gott schön ist und sicher hat er Sinn
für das Schöne. Jerusalem-Eden ist schön, Jesus ist schön, Maria ist schön,
die Engel sind schön.
Wäre es vorstellbar, daß ich mit einer Frau zusammenlebe? Daß ich
nicht jederzeit ein-sam an meine und anderer Dichter Werke gehen könnte?
Nur um an manchen Abenden nicht die Einsamkeit zu spüren? Man hätte
keinen sexuellen Verzicht mehr zu leisten, aber oftmals einen Verzicht auf
ein Leben in Traum und Phantasie, denn eine Ehefrau wird wahrscheinlich
mehr Prosa als Poesie ins Leben bringen. Und dennoch möchte ich einmal
wieder umarmen und küssen!
Gebet aus dem katholischen Gotteslob: „Mein Herr und Gott, es hat
sich für mich so ergeben, daß ich allein lebe. Manchmal freue ich mich
zwar über meine Freiheit, aber oft drückt mich das Alleinsein, und ich
frage mich, was mein Leben soll. Dann laß mich spü-ren, daß du mich an
einen Platz gestellt, an dem du mich haben willst, so wie ich bin, mit
meinen Gaben und Fähigkeiten, mit meiner Schwachheit und
Unzugänglichkeit, in meiner Einmaligkeit, die du so und nicht anders
gewollt hast. Zeig mir, daß mein Alleinsein nicht Einsamkeit sein muß.
Weil ich frei bin, kann ich vieles tun. Weil ich allein bin, kann ich vielen
etwas bedeuten. Weil meine Liebe nicht gebunden ist, kann sie sich vielen
zuwen-den. So kann auch mein Leben erfüllt sein, wenn ich es nur selbst
annehme und bejahe. Dazu hilf mir.“ Amen.

17.5.
Bin um 2 Uhr morgens aufgewacht von einem Traum, der schön war. Ich
hatte eine Rad-tour im Haschischrausch gemacht und kam an einer
modernen evangelischen Kirche vor-über; als ich sah, daß es eine
evangelische war, sagte ich: Nein, ich wollte ja in eine katho-lische; die
stand daneben, und ein Pfarrer saß davor. Ich sagte: Entschuldigung, dürfte
ich mal in der Kirche beten? Er sagte: Wie? Ich sagte: Ich suche schon den
ganzen Tag eine kleine katholische Kapelle, um eine Andacht darin zu
halten. Er sagte: Ja, wer steckt denn da dahinter? Ich sagte: Ich bin schon
Christ, aber protestantischer, am Anfang meines Christseins war ich
Katholik, und nun bin ich mir über meine Frömmigkeit nicht mehr im
Klaren. Er lächelte, als wolle er mich zur Madonna bekehren, was ich
nicht wollte. Ich wollte ihn erst fragen, ob ich bei ihm beichten könne. Ich
wollte mein Haschischrauchen beichten, tat es aber dann nicht, entweder
weil ich als Protestant nicht zur Beichte zugelas-sen war, oder weil ich
nicht ans Sakrament der Beichte glaubte. Ich ging dann in die Kir-che, die
von einem farbigen Dämmer erfüllt war (von den Glasfenstern). Da saßen
zwei Frauen, eine in meinem Alter, mit grau-beiger Strickjacke, und eine
ältere Frau, die auf-standen und sich erschraken oder verwunderten, als sei
ich zu früh gekommen. Ich sagte, ich sei nur zum Beten gekommen. Sie
zogen sich zurück. Ich setzte mich und fing eben an zu beten, da kam der
Pfarrer zu mir, im schwarzen Talar, beleibt, etwas älter, und sprach mit
warmer, väterlicher, freundlicher, salbungsvoller Stimme mit mir. Ich weiß
nicht mehr, was er sagte. Dann verabschiedete ich mich und stellte beim
Herausschauen aus dem hellen Vorraum fest, daß es die katholische Kirche
ganz in meiner Nähe war, ich war irritiert, denn erst dachte ich noch, ich
sei in einem ganz andern Stadtteil von Oldenburg. Der Pfar-rer gab mir
zum Abschied eine Broschüre über ein esoterisches Fernsehprogramm, in
dem die Überlegenheit der italienischen Rasse über die deutsche
dargestellt wurde, und ein Lie-derheft mit katholischen Liedchen, „Unser
Leben“ hieß es und freute mich sehr. Er fragte, ob ich ein Dichter sei, und
ich bejahte. Das erklärte auch, warum ich den weiten Weg, den ich bis zur
Kirche schon hinter mir hatte, nicht bemerkt hatte: ich war ein Träumer,
und es war recht so, er lächelte liebend-väterlich.... Ich glaube, von der
großen Liebe, die ich spür-te, wachte ich auf, hatte Durst und war wach.
Gott ist also gewiß schön: „Mein Volk wird schauen die Herrlichkeit
des Herrn und die Schönheit unseres Gottes“ (Jesaja 35).
Ich glaube nicht an die Taufwiedergeburt, nicht an die
Transsubstantiation und nicht an die Fürsprache Marias und der Heiligen.
Ich mag am Katholischen die Mystik, besonders die Minnemystik, und
Innerlichkeit und Gebet, was man vielleicht auch bei den älteren Pietisten
findet. Innerlichkeit ist mir ein zentraler Begriff geworden, und heiligen
Ernst will ich und Annahme der Leiden und Gleichgestaltung durch Leiden
(auch Schwermut ist ein Leiden um Christi willen). Jedes Leiden an Geist,
Seele und Leib, das nicht Strafe für eine begangene Sünde ist, sondern von
Gott zugemessen zur Läuterung und Umgestaltung, ist ein Leiden um
Christi willen.
Gestern dachte ich: Ich bin ein Schiff, ich muß nur das Segel des
Gebetes spannen, dann wird der Wind des Heiligen Geistes mich führen in
den Port. Heute fühle ich: Mein Leben ist ein Stück Wrackholz, das im
chaotisch-wogenden Ozean treibt.
Ich hatte sonst das Gebet zu begreifen gesucht als Bitte um konkrete
Dinge, die ich mir wünschte. Manches kam und manches blieb aus,
manches kam spät. Aber ich begriff die Kraft des Gebetes nicht. Das
Lobpreisgebet hatte mich kräftig und lebensfroh gemacht, aber es war
wenig eigenes. In Altensteig die Gebetsspaziergänge mit den Psalmen und
dem evangelischen Gesangbuch, das war Intimität, die mein Herz berührt
hat. Das schöne Gebet gestern nach den Lob-, Segens- und Bußgebeten
aus dem katholischen Gotteslob hat mir Liebe für Gott geschenkt. Das
Wichtigste am Gebet ist die Gemeinschaft mit dem Vater, Intimität,
innerliche Union, die grundsätzlich das Herz verändert.
Ein Wort für den ruhigen, müßigen, stillen Abend: „... die Anleitung zu
einem Schwei-gen vor Gott, das nicht unter dem Erfolgsdruck
überwältigender Emotionen steht, sondern auch mit der Erfahrung der
Nichterfahrung rechnet und diese bejaht.“
Ich mag auch nicht, wie in der Pfingstgemeinde das Abendmahl
gefeiert wird, ohne An-dacht und Versenkung in die Leiden Christi,
sondern mit Fröhlichkeit und Lachen. Wie sehne ich mich nach einer
Frömmigkeit, wie sie die Katholiken bei der Eucharistie haben, dieser
Heiligung und Würde und Ernst und Demut.

18.5.

Sehe eine Messe mit dem Papst auf dem Petersplatz, viel fromme Gebete
zum barmherzi-gen Vater, dem Herrn und Erlöser Christus in der Freude
und durch die Gaben des Heiligen Geistes. In würdiger Feierlichkeit
werden Psalmen gesungen melodisch von Chören. Der Märtyrer und der
Einsamen und Leidenden wird gedacht. Das Volk Gottes wird eine heili-
ge, prophetische Priesterschaft genannt, Tempel Gottes. Ich bin neidisch
auf diese biblische Sprache; wie säkular ist die Sprache in der
Pfingstgemeinde. Aber die Fürsprache Marias und der Heiligen und die
Schlüsselgewalt des Papstes und das Opfer der Eucharistie halt ich nicht
für biblisch. Maria ist tot, sie wird an der ersten Auferstehung am Jüngsten
Tag teilhaben, dann werde ich sie nicht Mutter, sondern Schwester nennen.
Ich kann auch Tote lieben, wie meinen Bruder Reinhold Schneider, so
liebe ich auch meine Schwester Maria, und freue mich, sie beim alleinigen
Herrn und Hohepriester und Fürsprecher Christus zu sehen.
Wenn das Mahl des Herrn kein Sakrament ist, in dem der Leib des
Herrn und sein Blut tatsächlich gegeben werden, dann muß es immerhin
eine heilige Meditation über den Kreu-zestod Christi sein, eine Versenkung
in sein Opfer. Das will ich mit heiligem Ernst bege-hen, nicht mit
Lustigkeit und Spaßigkeit und Tanz, sondern mit Ehrfurcht, in der Furcht
des Herrn.
Teilzuhaben an Christi Leiden, um in einen Christus-Ähnlichen
verwandelt zu werden, ist mein Los. Freude ist mir die Hoffnung auf die
ewige Glückseligkeit und nicht die Teil-habe an zeitlichem irdischem
Glück. In der Pfingstgemeinde predigen sie, wie man auf Erden glücklich
wird. Ich mag die sanguin-hysterische Fröhlichkeit nicht. Die barock-
protestantischen und die pietistischen Liederdichter schufen aus der
Schwermut und dem Leiden heraus.
Zur Einsamkeit: „Nicht an den Menschen fehlt es oder an der
mangelnden Möglichkeit zu sprechen, sondern an der Möglichkeit, es zu
sagen. Das Herz ist nicht mitteilbar und kann deshalb niemand gewinnen.“
Kehrte in Osternburg in die katholishe Kirche ein und betete: Mein
Leben erschien mir als Kreuzweg, und Christus hilft mir, mein schweres
Kreuz zu tragen. Ich zündete eine Kerze vor dem Christus, der als Kind
gekommen ist, fürs Baby an.
Etwas in Schneiders Tagebuch gelesen, aber ich glaub ich mag nicht
mehr. Seine Idee vom Künstler aus Gnaden des Verzichts auf Glück hab
ich verstanden, seine Bemerkungen über das katholische Spanien des 16.
Jahrhunderts aufgenommen, ich will mehr vom be-kehrten Schneider ab
1936 lesen.
Mechthild von Magdeburg schreibt: „Denn Gott erscheint allen in dem
Maße schön, in dem sie hier in der Liebe geheiligt und in den
Tugendwerken veredelt wurden.“

20.5.
Hiob 36,15, Elihu sagt: „Wer aber leidet, wird durchs Leid gebessert, Gott
öffnet ihm die Augen durch die Not.“
Blaise Pascal: „Denn es gibt zwei Prinzipien, die den menschlichen
Willen in die eine oder andere Richtung lenken: die Begierde und die
christliche Liebe. Es ist nicht so, daß die Begierde mit dem Glauben an
Gott und die christliche Liebe mit den Gütern der Erde unvereinbar wären,
aber die Begierde bedient sich Gottes und hat ihre Freude an der Welt, und
die christliche Liebe verfährt umgekehrt.“ - „Verhärte ihr Herz. Und wie?
Indem man ihrer Begierde schmeichelt und ihnen Hoffnungen macht, daß
man ihr freien Lauf läßt.“ Die Gerechten verstehen unter ihren Feinden die
Leidenschaften, die sie von Gott wegbrin-gen wollen.
Die Pein, sagt Mechthild, sei nicht aus dem Himmel, sondern aus dem
Schoß Luzifers, aber sie haben schon manchem den Weg zum Himmel und
zur Seligkeit geebnet. So viel-leicht auch unglückliche Leidenschaft? und
gewiß die Schwermut, die man auch als bösen Geist oder Pfahl im Fleisch
verstehen kann, welchen Gott mir gegeben hat, damit ich sei-nem Sohn
gleichgestaltet werde.
War in der Osternburger Heilig-Geist-Kirche und betete: Wenn ich auf
dem Kreuzweg Jesu gehe und mein Kreuz trage, ist meine Freude, daß
Gott da ist, Jesus meine Hilfe und der Heilige Geist mein Tröster, und ich
eine lebendige Hoffnung habe. Aber diese Freude ist nicht notwendig eine
sanguinische Heiterkeit und Fröhlichkeit, sondern Trost, Dank und
Hoffnung, „Freude in allem Leide“.

21.5.

Ich stelle viel Hochmut fest. Der glückliche Christ sieht auf den
schwermütigen herab und sagt: „Du hast die Erlösung noch nicht erfahren,
noch nicht die Auferstehungsfreude im Heiligen Geist und das heilige
Lachen der Geisterfüllung erfahren“. Der Schwermütige sieht auf die
Fröhlichen herab und sagt: „Du willst dein Kreuz nicht auf dich nehmen,
dich nicht durch Leid in Christus verwandeln lassen, du bist infiziert vom
Zeitgeist der Spaß-Generation.“ Um diese, von Gefühlen begründete
Theologien bauen sich ganze Kirchen, wie mir scheint, vielleicht ist dies
die Differenz zwischen Pietisten und Charismatikern.
Was ist gemeint mit der „Traurigkeit der Welt, die zum Tode führt“? Ist
es Hoffnungslo-sigkeit und Depression der Kinder der Welt angesichts des
Todes? oder ist es alle Traurig-keit, außer der „göttlichen Traurigkeit, die
zur Reue führt“?
Schneider zitiert Papst Innozenz III: „Den Ehelosen quält die
Fleischeslust, den Verhei-rateten das Weib.“
Pascal zitiert Jesus, der sagt: „Wer nicht sein Leben haßt, kann mir
nicht folgen.“ Aber das Gebot: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“
setzt doch voraus, daß es geboten ist, auch sich selbst zu lieben. Sollte man
nicht lieben, was Gott liebt? Und Gott liebt mich. Aber es heißt auch: „Wer
Vater und Mutter nicht haßt, kann nicht mein Jünger sein“ und „Ehre Vater
und Mutter!“ Heißt „hassen“ hier: an die zweite Stelle setzen? Sein Leben
hassen, heißt, es ist nicht das Höchste, sondern Gott zu lieben ist mehr. Auf
dem Thron des Herzens sitzt nicht mehr das Ego, sondern der Heilige
Geist. Erst in Christus ist das Selbst wieder geliebt. Ist das recht gedacht?
Das Leben wird nach vorne gelebt, aber nur nach rückwärts
verstanden, sagt Kierke-gaard. „Glücklich, wen ein leerer Wahn
beschäftigt“, sagt Goethe.

22.5.

Vater, wie die Israeliten in der Wüste die Entbehrung satt waren und nicht
mehr nur vom Manna leben wollten, sondern sich nach dem Fleisch
Ägyptens sehnten, so denk auch ich manchmal, deine Gebote von mir zu
werfen und nach dem Willen meines Fleisches zu leben. Und Vater, wie
Mose die Last zu schwer wurde, die Israeliten zu führen, und er sich eine
Erleichterung seiner Qual erbat oder du mögest ihn sterben lassen, so sehn
ich mich nach Freude oder mehr noch nach dem Abscheiden.
J. meinte, die Schwermut sei die „Traurigkeit der Welt, die zum Tode
führt“, aber könne von Gott zur Heiligung verwandt werden. Die
Schwermut sei eine seelische Behinderung, wie es geistige oder
körperliche gebe. Sie sei das Erbteil der sündigen Natur der Väter. Das
trifft mit Mechthild zusammen, die sagte, die Pein sei aus Luzifers Schoß.
Sie ist das Kreuz, das ich zu tragen habe. Gott gebraucht sie aber, mich zu
ihm zu drängen. So sandte Gott den Juden die Finsternis der
Nationalsozialisten, um den zionistischen Gedanken mächtig werden zu
lassen. Vor dem dritten Reich warben die Juden in Freundlichkeit für die
zionistische Idee, aber erst die Drangsal brachte den israelischen Staat
zustande. So ist das Leid oft wirksamer als die Freude zur Herstellung
einer intensiven Gottesbeziehung.
Pascal fragt, ob man einen Menschen, den man wegen seiner Schönheit
liebt, wirklich liebt? Nein. Liebt man einen Menschen, den man wegen der
Tugend seiner Seele liebt, wirklich? Nein, denn auch die kann, wie die
Schönheit, vergehen. Aber kann man die Sub-stanz der Seele eines
Menschen abstrakt lieben? Nein. Man liebt also den Menschen wegen
seiner Eigenschaften.
Pascal: „Der Glaube umfaßt mehrere Wahrheiten, die einander
scheinbar widersprechen: lachen hat seine Zeit, und weinen hat seine
Zeit... Deren Quelle ist die Vereinigung der zwei Naturen in Jesus
Christus.“ So ist es legitim, eine ernste, liturgische, heilige Messe im
Dunkeln zu feiern, und ebenso legitim, einen fröhlichen Lobpreisabend zu
feiern. Es ist legitim, beim Abendmahl lachend des Auferstandenen zu
gedenken und ebenso legitim, beim Abendmahl ernst und würdig des
Gekreuzigten zu gedenken. Seit kurzem bin ich nicht mehr überzeugt, daß
bei dem Schisma durch die Reformation die Wahrheit allein auf den
Reformatoren lag. Auch bei Katholiken wie Augustinus, Mechthild, Pascal
und Schneider finde ich Glaube und Wahrheit.
Die totale dogmatische Verneinung alles Katholischen führt zu einem
Traditionsverlust, es sei denn, man baue seine Traditionslinie über
Waldenser, Albigenser, Hussiten, Refor-matoren. Wo bleibt da die Mystik?
Mystik ist unter den Evangelikalen ein Schimpfwort, was ich immer schon
bedauerlich fand.
Das Besondere der Poesie ist, daß sie erfreuen und belehren kann. Nur
christliche Poesie kann recht belehren, denn sie lehrt die von Gott
offenbarte Wahrheit. Erfreuen kann mich aber auch nichtchristliche Poesie,
und auch aus ihr kann ein Christ lehren ziehen, z.b. vom Streben der
Menschen nach natürlicher Religion Hölderlin, Rilke, Hesse). Schönheit
und Wahrheit scheinen mir aber nicht identisch. Die Marienverehrung
finde ich schön, halte sie aber nicht für wahr. Eine buddhistische Pagode
finde ich schön, halte sie aber nicht für einen Tempel der Wahrheit. Solche
Schönheit ist ein entstellter Abglanz der wahren Schönheit Gottes. Wenn
Platon von dem Schönen, Wahren und Guten sprach, kann dies in Einheit
nur von Gott erfüllt werden.
Luther nennt den Papst Rattenschwanz des Antichristen, Pascal nennt
die Calvinisten Ketzer und Häretiker. Was soll man darüber denken? Was
ist mit dem Leib Christi und seiner Gegenwart im Abendmahl oder unter
dem Abendmahl oder ist es allein ein Ge-dächtnismahl? Die Evangelikalen
lehren reines Gedächtnismahl und würden an einer Eu-charistie nicht
teilnehmen, es sei erneute Opferung Jesu, das Kreuz sei das alleinige und
endgültige Opfer. Die Katholiken schließen die Protestanten vom
Abendmahl aus, weil sie den Leib des Herrn verunehren würden. Was soll
man darüber denken?
23.5.

Ägypten ist die Welt, die Wüste das Leben der Heiligen in Aussonderung
und das Gelobte Land der Himmel. Die Rotte Korach war ein Bild für die
Namenschristen, die sich der Füh-rung Gottes durch Mose (Christus)
widersetzten und wollten zurück in die Welt: „Ägypten ist das Land, wo
Milch und Honig fließt. Wo ist denn dein Gelobtes Land? Stattdessen
führst du uns in die Wüste.“ Die Wüste ist eine Entbehrungszeit, aber Gott
sorgt für die Seinen und ist mit ihnen. Die Verheißung ist fest. Es gibt
einen Verzicht auf irdische Glückseligkeit, aber eine Verheißung auf das
Paradies. Die in der Wüste sind schon nicht mehr in der Gefangenschaft,
aber noch nicht in dem Land, das Gott ihnen geben will. Wir sind nicht
mehr von der Welt, aber noch nicht im Himmel, der uns aber fest
verheißen ist.

24.5.

Pascal: „Jesus Christus ließ, so scheint mir, nach seiner Auferstehung nur
seine Wundmale berühren. Noli me tangere. Wir sollen uns nur mit seinen
Leiden vereinen.“

25.5.

Ich träumte, daß ich am See Genezareth ging in der heutigen Zeit, da sah
ich auf dem sturmaufgewühlten See ein Boot und in dem Boot den Herrn
und seine Jünger. Der See war sehr romantisch von einer Felsenlandschaft
in der Abendsonne umgeben und Blumen, die Straße war staubig und ein
Kampfgebiet im Krieg zwischen Palästinensern und Israeli-ten.
Meister Eckard: „Willst du recht wissen, ob dein Leiden dein sei oder
Gottes, so sollst du dies hieran erkennen: Leidest du um deiner selbst
willen, in welcher Weise es immer sei, so tut dir das Leiden weh, und es ist
dir schwer zu ertragen. Leidest du aber um Gott und einzig um Gottes
willen, dann tut dir das Leiden nicht weh, und es ist dir auch nicht schwer,
denn Gott trägt die Last. In voller Wahrheit!“

26.5.
Film über Vincent van Gogh. Er liebte seine Cousine, aber die schickte
seine Briefe unge-öffnet zurück. Dann hatte er ein einfaches Weib, die den
brotlosen Künstler verließ. Er lebte in Einsamkeit in Arles, Provence, und
schuf wie ein Besessener, genoß die Gemein-schaft mit Gauguin, stritt sich
aber viel mit ihm, schnitt sich im Wahn das Ohr ab, als der ihn verließ und
die Einsamkeit drohte. Ruhe fand er in der Anstalt, fand wieder zu seiner
Schöpferkraft zurück. Sehnsucht seines Leben: Liebe und Lebensberufung.
Soll ich alle Menschen lieben außer mir selbst? Soll ich mich selbst
hassen? Soll ich doch den Nächsten lieben wie mich selbst. Wenn ich mich
selbst aber hasste, liebte ich den Nächsten schlecht. Und wenn Gott in
meiner Seele wirkende Liebeskraft ist: Gott liebt mich. Ich soll mich aber
selbst verleugnen, nicht eigensüchtig oder selbstsüchtig sein. Was ist der
Unterschied zwischen der Selbstliebe und der Eigensucht? Der natürliche
Mensch ist eigensüchtig, er macht seinen eigenen Willen zu seinem
Gebieter und Gott. Der geistli-che Mensch nimmt seinen eigenen Geist
und Seele und Leib an als von Gott geschaffen, erlöst und geliebt. Er haßt
nicht, was Gott liebt. Aber er liebt sich selbst (wenn er Christus ähnlich ist)
nicht mehr als andere, sondern gibt sich anderen hin. Er nimmt seine
gottgege-benen Schätze an, um sie zu verschenken.

28.5.

Film über die christliche Künstlerin Margreth Knoop-Schellbach, sie sehr,


sehr schön mal-te. Sie malte viele Christusse, schnitzte Kreuze und
Kirchenportale, malte das Leben der Heiligen Franziskus und Elisabeth
von Thüringen. Sie sagte, sie male, was sie malen müs-se, ohne sich
ästhetische Theorien zu machen.
O für ein Schweigekloster! O für die heilige Stille in einer Heiligen
Messe! Jetzt bleibt nur noch die fundamentalistisch-evangelikale
Freikirche oder die katholische Kirche. Gott, sind die Protestanten
abgeirrte Brüder und die katholische Kirche die Eine Kirche? Sind die
Wiedertäufer die wahren Wiedergebornen und die katholische Kirche die
Hure auf dem Tier, Prophetin einer endzeitlich-antichristlichen
Welteinheitsreligion? Gott, ich stehe zwi-schen allen Stühlen.
Mich berührt am Gefühl folgendes Salve Regina: „Sei gegrüßt, o
Königin, Mutter der Barmherzigkeit; unser Leben, unsre Wonne und unsre
Hoffnung; sei gegrüßt! Zu dir rufen wir, verbannte Kinder Evas; zu dir
seufzen wir traurend und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn,
unsre Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu, und nach
diesem Elend zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes. O
gütige, o mil-de, o süße Jungfrau Maria!“
Ostern noch mochte ich nicht in die Messe in Hage gehen, sagte im
Hauskreis zur Of-fenbarung, daß die Hure Babylon vielleicht die
katholische Kirche sei. Nun lese ich auf-merksam das Gotteslob und finde
gläubiges Christentum. Nur „Gottesmutter“ mag ich nicht sagen, wohl
aber Liebe Frau und Mutter meines Herrn. An die Sündlosigkeit Marias
kann ich nicht glauben, weil die Heilige Schrift sagt, daß alle Menschen
Sünder sind, und Maria war ganz Mensch, wenn auch die erste Heilige, die
erste geheiligte Sünderin.

29.5.

Gertrud von LeFort, Hymnen an die Kirche: Die Seele spricht: „Mutter...
bist du gewiß, meine Mutter, daß nicht der Bote des Abgrunds dich betrog?
oder daß Wildlinge aus der Engel Saal dich verhöhnten?“ Die Seele
spricht: „Ich irre wie ein Vogel um meines Vaters Haus, ob ein Spalt ist,
der dein fremdes Licht einläßt, aber es ist keiner auf Erden, außer der
Wunde in meinem Geist.“ Die Kirche spricht: „Ich habe dich überblendet,
daß deine Grenzen verfließen, ich habe dich verschattet, daß du deine
Schatten nicht mehr fändest... Ich bin zum Hohn geworden an deinem
Verstand... auf meiner Stirne wittern die Ufer des Drüben! Darum muß ich
Wildnis sein in deiner Erkenntnis und Vernichtung auf deinen Lippen.“
Die Kirche spricht: „Siehe, die Tage wollen nicht mehr aufstehen vor
Andacht, und die Nächte der Erde sind dunkel geworden vor tiefer
Ehrfurcht.“
Ich bin zornig über die Gebetsarmut der Pfingstler und merke, meine
Frömmigkeit läßt sich zur Zeit wenig mit andern Christen verbinden,
zumindest nicht mit den freikirchli-chen... Ich müßte Eremitenchrist sein
zur Zeit und schweigen wie Nikolaus von Flüe.
Lese über Pater Anselm Grün. Die Mystiker reden vom Ich-Tod, das ist
das Ende des Egoismus. Die Pietisten reden vom Zerbruch der
Persönlichkeit, das ist falsch. Sondern in der Tiefe des Selbst, im Herzen
Gott finden, ist der Weg. Gottes Wort meditiert führt zu Stille, es
entflammt nach Augustinus unsere Sehnsucht, und alle Sehnsucht unserer
Seele zielt auf Christus. In dem Sinn ist Selbsterforschung im Tagebuch
gut. Sankt Benedikt sag-te: Suche die Gemeinschaft und das Ich stirbt. In
Grüns Kloster keine feurige Predigt, son-dern Lesung und Psalmengesang,
keine anstrengende Bibelarbeit, sondern Meditation. „Al-le Einseitigkeit
wird zur Häresie“. Der protestantische Begriff vom Menschen sieht diesen
meist als durch und durch verdorben durch die Sünde an. Die katholische
Anthropologie redet von der Ebenbildlichkeit des Menschen und dem
Funken im Selbst, der durch Chris-tus erlöst und befreit werden muß.
(A.Grün legt fasziniert griechische Mythen aus.)
Aufsatz von einem Charismatiker: Gemeinschaft mit dem
Gekreuzigten. Heute wollen alle Gemeinschaft mit der Auferstehungskraft.
Aber Paulus wollte Anteil am Leiden Chris-ti. Ignatius von Antiochia
wollte zu den Löwen, sich zermalmen lassen und zum Brot Got-tes
werden. Die irischen Mönche sprachen vom „weißen Martyrium“ eines
opferbereiten Lebens, wenn sie das Leben lassen mußten, nannten sie es
das „rote Martyrium“. Die Mön-che des Mittelalters entwickelten
Methoden und Übungen, das Leiden Christi zu erfahren. Zinsendorf und
Teerstegen als christozentrische Mystiker wollten in Innerlichkeit auf den
Gekreuzigten schauen. Die Kreuzwegstationen nachvollziehen. Kreuz-
Jesu-Litaneien. Wir sollen nicht das Leid suchen, sondern Jesus
nachfolgen und alles Leid, das er uns zumutet, bejahen als Gemeinschaft
mit ihm (also auch die Schwermut).

30.5.

Reinhold Schneider: „Mein Herr und mein Gott, entreiße uns der Lüge
unseres Lebens, der Lüge der Eitelkeit und der Lüge der Gefälligkeit, der
Lüge der Angst! Lasse den Glauben in uns wachsen, der die Angst
auslöscht, und schenke uns den Mut, der deinem Sohne auf geradem Wege
entgegengeht durch die Bangnis der Zeit, diesen Glauben, der weiß, daß
kein Herr ist in der Welt außer deinem Sohne!“ Amen.

31.5.

Judith: „Also sind auch Isaak, Jakob, Mose und alle, die Gott lieb gewesen
sind, beständig geblieben und haben viel Trübsal überwinden müssen. Die
andern aber, so die Trübsal nicht haben annehmen wollen mit Gottesfurcht,
sondern mit Ungeduld wider Gott gemurret und gelästert haben, sind von
dem Verderber und durch Schlangen umgebracht.“
Das trifft auf den Hauskreis zu, in der wahren Anbetung schwach, im
Bitten stark: „Un-ser Gebet war kein Gebet mehr, kein Dank, kein
Lobpreis, keine Hingabe, nur die immer unvollständige Aufzählung
unserer Nöte und Ängste.“ (Schneider)
Schneider über die Bekenntnisse: Ein englischer Missionar ging nach
Indien und fand die Form der Hochkirche ungeeignet. Da er aber nicht auf
das Sakrament verzichten wollte, ging er in jede christliche Gemeinschaft,
ohnerachtet ihres Bekenntnisses. Keppler war zerrissen und litt an der
Zerrissenheit der Konfessionen, in der Frage des freien Willens war er für
Melanchton, gegen Luther, in der Lehre vom Abendmahl gegen Luther, für
Cal-vin, und wünschte sich, man kehre zur Einen catholischen Kirche und
dem einfachen christlichen apostolischen Alphabet zurück. Schneider
meint, die Wahrheit sei nicht im Siegen oder Siegenwollen, sondern in der
Liebe. Christus will die Einheit.

1.6.

Christi Himmelfahrt. Herr, in den Freikirchen lehren sie ein calvinistisches


Verständnis des Abendmahles: reines Gedächtnis. In der lutherischen
Kirche sagen sie: Unter und mit dem Brot ist Christus gegenwärtig. In der
katholischen Kirche sagen sie: Brot und Wein ist Fleisch und Blut Christi
durch die Wandlung, und es wird zum Gedächtnis gespeist und getrunken.
Ein Gedächtnis ist es bestimmt, aber nicht wie in der Pfingstgemeinde ein
Ge-dächtnis deines gegenwärtigen Triumphes, sondern ein Gedächtnis
deiner Passion und dei-nes Kreuzestodes. Dazu fehlt mir in der
Pfingstgemeinde Andacht und Ehrfurcht und Ver-senkung in deinen
Kreuzweg und Buße. Als ich in der Messe das sakramentale Brot emp-fing
1994, war es mit heiligem Schauer und Ehrfurcht. Als ich in der Freien
evangelischen Gemeinde 1995 und 96 das Abendmahl feierte, war es
Gemeinschaft, aber ohne Schauer der heiligen Ehrfurcht. Allein das Wort:
Christi Leib für dich gegeben, bewirkte keine Be-sinnung. In der
Pfingstgemeinde wurde mir das Abendmahl mehr und mehr unwichtig. Ich
staunte über Menschen, die dem Abendmahl zentrale Bedeutung zumaßen.
In welcher Ges-talt und Art du gegenwärtig bist, in leiblicher oder in
spiritueller, das weiß ich nicht.
Gotteserkenntnis, hebräisch „jada“, ist dasselbe Wort wie
Geschlechtsverkehr. Intimität zwischen zwei Liebenden, ganzheitliche
Begegnung, das heißt Erkenntnis. Wir können Gott nicht abstrakt und an
sich erkennen, sondern nur in seinem Verhältnis zu uns. Dreifa-che
Offenbarung des einigen Gottes: Schöpfungsoffenbarung des Vaters, Du
sollst, Gott über uns, in der Natur erkennbar und durch Wissenschaft und
Kunst; Heilsoffenbarung durch Jesus, Du darfst, Gott unter uns, erkennbar
in der Geschichte durch die Bibel; per-sönliche Erfahrung des Geistes, Du
kannst, Gott in uns, erfahrbar in der Existenz durch die Erfahrung. Nur in
dreifacher Offenbarung hat sich Gott vollständig offenbart.
Was ich im Moment erlebe, ist Quietismus. „Lehre von der
vollständigen Seelnruhe des Menschen, Taten- und Willenlosigkeit als
höchstes Ziel, religiöses Aufgehen in Gott (Mys-tik). Bedeutender Einfluß
auf den Pietismus. Strömung im Katholizismus des 17. Jahrhun-dert.“
In meiner Angst um die Weiterbewilligung meiner Rente sprechen
mich die Jesaja-Verse an: „Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark
sein.“ - „Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der
Gerechtigkeit wird ewige Stille und Sicherheit sein, daß mein Volk in
friedlichen Auen wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in stolzer
Ruhe.“ Möge Gott mir dies zu dieser Zeit geben.
Schneider: „Luther, der in seinem Arbeitszimmer ein Marienbild
bewahrte bis zum En-de, betont diese Menschheit Mariens in seiner
Predigt zum Sonntag nach dem Christtag: Deshalben, ob die heilige
Jungfrau Maria wohl hoch zu ehren ist ihrer Jungfrauschaft hal-ben, ist
doch ihrer Weibschaft Ehre unermeßlich größer... Und in der Predigt auf
das Evan-gelium am Christtag lehrt Luther ausdrücklich: Der Fluch Hevä
ist nicht über sie gegangen, der da lautet: In Schmerzen sollst du deine
Kinder gebären, aber sonst ist ihr geschehen ganz, wie einem gebärenden
Weibe geschieht... Wir wollen uns auch daran erinnern, daß Bach
alljährlich zu den Festtagen Mariens komponierte und musizierte,
wenigstens die Tage Lichtmeß, Verkündigung und Heimsuchung wurden
in der Nikolai- und Thomaskir-che gefeiert.“
Die Marienanbetung der Katholiken kann ich bei aller Liebe zur
heiligen Jungfrau nicht teilen, sie gibt Maria Ehre, die ihr nicht gebührt.
„Alle Menschen sind Sünder, alle erman-geln ihres Ruhmes bei Gott.“ Da
ist von keiner Ausnahme die Rede. Ich fühle mich abge-stoßen von
rationaler Dogmatik und sehne mich nach emotionaler Innigkeit. Aber wo,
Herr Jesus, ist innige Gemeinschaft? Ich bin zerrissen zwischen
katholischem Stil der Frömmig-keit und protestantischen Dogmen.

2.6.

Omas Geburtstag. Jesaja: „Deine Augen werden den König sehen in seiner
Schönheit; du wirst ein weites Land sehen.“
Herr, du bist mein Erlöser von Selbstsucht, mein Tröster in Trübsal,
meine Stärke in meiner Schwachheit und der Herr und die Quelle meines
Lebens, der mich an meinem in-neren Leben täglich erfrischt und erneuert.
Laß mich jede Tat als Gottesdienst, jedes Wort und jeden Gedanken als
Gotteslob verstehen und vergib mir meine verborgenen Sünden, durch
Christus, meinen Herrn, Amen.
Eine Erzählung von Hesse gelesen und Elegien von Hölty: „Gaukelt
nur, ihr bunten Schmetterlinge! Andre Szenen laden mich zur Grotte, wo
die Schwermut lauschet, der Be-trachtung Mutter.“

3.6.

Schneider über christliche Dichtung. Der Dichter schreibt aus seinem


christlichen Welt-bild: Die Wahrheit war in die Welt gekommen, verbleibt
in ihr und streitet mit dem Vater der Lüge. Das Heil ist wichtiger als die
Kunst, das Heil besteht in der Nachfolge der Wahr-heit. Kunst sucht
Vollendung, um Gott gut und schön verherrlichen zu können. Der oberste
Maßstab ist nicht die Kunst, sondern das geistliche Gewissen. In der Zeit
des Abfalls muß er Verkanntheit und Einsamkeit auf sich nehmen. Sein
Amt ist vielleicht das eines Predi-gers in der Kunst. Vielleicht hat er wie
Tolstoi die Aufgabe, das zu verkündigen, was in der gegenwärtigen
kirchlichen Verkündigung nicht gepredigt wird. Dennoch ist sein Ort die
Kirche. Er leidet an der Scheidung der Kirche von Kunst und Dichtung. Er
muß in seinem Werk der Zeit voraus sein, auch dem Zeitgeist der
kirchlichen Formen. Seit Mitte des 19.Jahrhunderts entwickelt sich wieder
christliche Dichtung, aber nicht mehr getragen vom großen Geist des
christlichen Abendlandes, sondern in eine Zeit des Abfalls hinein, wo der
christliche Dichter einsamer Zeuge der Wahrheit sein muß. (Klopstock,
Novalis, Brentano, Eichendorf, Klepper, Bergengruen, Schröder,
Schneider, LeFort.) „In der Dichtung ver-mählt sich ja ein von Oben
Gekommenes mit der gestaltenden Kraft, dem gesamten Le-bensgehalt
eines in Zeit und Geschichte stehenden Menschen.“ Im Evangelium steht
kein Satz, auf den die Kunst sich berufen könne. Zwar ist von der
Verwaltung der Gaben des Geistes die Rede. Aber ist nicht die
Verwandlung der Wahrheit im schönen Schein gemil-derte Lüge? Kultur
ist kein Anliegen des Christentums, sondern das ewige Leben aller, das
heute beginnen kann. Wie kann man in diesem Widerspruch bestehen?
Was tun, wenn die unvermeidliche Eitelkeit der Künstler die Vision der
Wahrheit entstellt? Christus hat die Dinge zum Gleichnis erhoben, so tun
es auch die christlichen Künstler. Das Wort wird uns richten. Wir werden
uns verantworten müssen für jedes unnütze Wort. Das Werk rettet nicht,
sondern die Wundmale Christi. Das Werk wird im Feuer geläutert, damit
der Christ, der Künstler ist, selig wird. Das Wort ist Echo auf das Wort
Gottes. Des Dichters Wort ist das Grundanliegen seines Werkes, nicht
jeder Satz seiner Kunstfiguren. „Christliche Dich-tung ist Fragment,
Baustätte ungebauter Dome, zertrümmerndes Mal ungestaltbarer Vision,
brechende Brücke, Pfeiler im Strom, geborstene Säule. Diese Trümmer
weisen auf den, der kommen wird unter Aufhebung der Zeit; sie nehmen
das Zerbrechen der Erde voraus. So werden sie zu Zeichen und Zeugen der
Wahrheit. Daß sie die Wahrheit, die frei macht, ins Herz senken, ist ihre
einzige, ihre unabdingbare Macht.“

5.6.

Der katholische Christ des 19.Jahrhunderts, John Newman, schrieb,


daß er Schwierigkei-ten habe, sich mit dem Jüngling vor seiner Bekehrung
zu identifizieren. So geht es mir ja auch.
In Rom herrschte die Kirche über die Welt, Luther unterstellte die
Kirche der Welt. Ist in den Heiligen und Mystikern nicht schönere
Weisheit als in den Predigten Luthers? Wo steht, daß durch die Taufe
wiedergeboren wird? „Wer nicht von neuem geboren wird durch Wasser (!)
und Geist...“ Gott, ich bin so verwirrt, wenn es nach meinen Gefühlen
geht, bin ich katholisch, aber nach meinen Dogmen protestantisch. Die
Herzlichkeit hab ich im ka-tholischen Gottesdienst vermisst. Ich möchte
Maria verehren, aber die Lieder zum Marien-lob scheinen sich zwischen
mich und den anbetungswürdigen Herrn zu schieben. Vater, bitte erleuchte
mich!
Lese Kreuzwegstationen aus dem Gotteslob: „Auch wir sind noch
nicht am Ziel; wir sind unterwegs, oft einsam und verlassen. Die Stunde,
da alles umsonst scheint und uns der letz-te Mut verläßt, kann auch für uns
kommen.“

6.6.

Zu meinem poetischen Werk: „Man muß sich entschließen, auch die


Unvollkommenheiten zu lieben, sonst ist man betrogen.“ (Hesse)
Schneider sagt: Allein ist „der Künstler mit dem Zweifel an seinem
Werk, das gerade in der Überwindung des Zweifels stark werden soll.“ Ich
muß mir wirklich Gedanken machen über das Amt des christlichen
Dichters.
Der heilige Franz von Sales sagt, es sei besser, mit dem Herrn am
Kreuz zu hängen, als es nur zu betrachten. Schneider sagt, das Leiden
annehmen und die drückenden Sorgen dieser Welt mit einem Ja an den
Gekreuzigten, sei der Weg, Ihm ähnlich zu werden. Chris-tus hat das
Leiden der Erde durch sein gottmenschliches Leiden verklärt in einen Weg
zu Gott. Das Letzte eines Christenlebens ist nicht seine Aufgabe
(Charismen), sondern das Kreuz, das sich in der Aufgabe verbirgt. Es sei
das Kreuz der Einsamkeit und Schwermut und des stillen Versagens an
heiliger Dichtkunst oder das Kreuz einer dummen Arbeit, ich will es von
Christus um Christi willen annehmen.
Schneider sagt, die Theologie der Schwermut stehe noch aus. Pascal
betete: Herr, befreie mich von der Traurigkeit, die meine Eigenliebe mir
eingibt, und gib mir teil an deiner Traurigkeit. Der Herr war traurig bis
zum Tode. In den Paulusbriefen liegt der Keim der Theologie der
Schwermut. Es gibt göttliche Traurigkeit, die zur Reue führt: heißt das,
eine Schwermut, die zum Kreuze führt? Schwermut ist Schwermut über
Vergänglichkeit, Nich-tigkeit, Tod und Leere. Sie bezeugt die
Notwendigkeit der Gnade und weiß um die Abhän-gigkeit von Gottes
Gnade und Barmherzigkeit. Schwermut ist Sehnsucht nach Liebe und
Schönheit. Damit ist sie Sehnsucht nach der ewigen Herrlichkeit.
Schwermut kann ein Schicksal und Verhängnis und damit ein zu tragendes
Kreuz sein. Ein Geheimnis ist, wa-rum die Künstler so schwermütig waren
und sind. Das melancholische Temperament bildet die Künstler. Warum
sind Schwermut und Kunst so eng miteinander verbunden? Vielleicht weil
die Schwermut nicht den Genuß des Gegenwärtigen und Vorhandenen
feiert, sondern eine gewaltigere Liebe und Schönheit ersehnt, eine ewige,
die allein ihr Verlangen und Gnadendürsten stillen könnte, und in dieser
gewaltigen Sehnsucht schimmert die Vision der Erfüllung auf, sei es das
Goldene Zeitalter, das Glorreiche Mittelalter, die Romantik oder in
Wahrheit das Himmlische Jerusalem, aller schwermütigen Sehnsucht Ziel.
Was ist göttliche Traurigkeit? Sie wendet sich nicht dem Tode zu, sondern
dem Gekreuzigten, dem Kreuz. Was ist Traurigkeit der Welt? Die ohne
Hoffnung ist, die den Selbstmord stirbt. Göttliche Traurigkeit erhofft über
alles Hoffen den ewigen Trost Gottes. Göttliche Traurig-keit ist
Ergebenheit, Dulden, Mitvollenden der Trübsal und Gottverlassenheit
Christi.

10.6.
Die deutschen Romantiker erfanden den Roman, die Engländer blieben bei
Versen. Die Deutschen griffen auf Katholizismus und Mittelalter zurück,
die Engländer benutzten anti-ke Mythologie. Schneider lehnte die
Renaissance als irdisch und sinnlich ab und griff aufs Mittelalter als
asketisch, mystisch und fromm zurück. Ich mag Antike und Renaissance,
aber in Heiligen und Mystikern und deutscher Romantik ist mehr
Christentum.
Ironisch werd ich von den Evangelikalen schon mit Mystik,
Mönchstum und Eremiten-tum in Verbindung gebracht.
Traurigkeit der Welt gleicht dem Räuber am Kreuz, der Christus
verachtet und im Un-frieden stirbt. Göttliche Traurigkeit gleicht dem
leidenden Räuber am Kreuz, der auf Jesus im Paradies vertraut, und den
eine ewig-lebendige Hoffnung erfüllt. An der Stellung zu Christus, nicht
am Charakter der Traurigkeit selbst, entscheidet sich, ob sie weltlich oder
göttlich ist.
Zur Poesie: „Und Er sprach zu mir: Du bist mein Knecht... durch den
Ich mich verherrli-chen will! Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und
verzehrte mein Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem
Herrn und mein Lohn bei meinem Gott ist.“ Ich schreibe für den Herrn,
und mein wahrer Ruhm ist ein himmlischer. Dem gehorsamen Die-ner und
Arbeiter im Weinberg Gottes winkt vermehrte Seligkeit, wenn er nicht zu
Selbst-verherrlichung, sondern zu Christi Ehre schreibt. Alle
Selbstgefälligkeit und Eitelkeit der Kunst wird im Feuer des Preisgerichts
verzehrt.
Ovid, Metamorphosen: Ein Gott, wer auch immer, schuf Himmel und
Erde und Meer aus dem Chaos. Er schuf den ersten Menschen, „Japetos,
Sohn des Prometheus“, aus einem Erdenkloß und machte ihn zu Seinem
Ebenbild. Im Goldenen Zeitalter gab es keine Müh-sal, nur Frömmigkeit.
Dann stürzte Saturnus in den Tartaros. Krieg und Goldgier und Sün-den
breiteten sich auf der Erde aus. Überall herrschte die Göttin des Wahns.
Jupiter beschloß, die Erde zu überfluten. Vom Schicksal ist es bestimmt,
daß eines Tages Erde und Kosmos im Feuer vergehen. Die Sintflut kam.
Nur zwei Menschen überlebten, die landeten in einem Nachen am Berg
Parnassus (und opferten den Musen). Ein neues Menschenge-schlecht
entstand.

11.6.
Pfingsten. Lese Ludwig Tiecks Dichterleben, über Shakespeare. Marlowe
schrieb, wenn poetische Stimmung ihn ergriff, Robert Green schrieb zu
jeder Zeit. Das Sinnliche muß vom Schöpferischen verwandelt werden in
Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, Ewigen. Das Ewige muß das Irdische
durchdringen, verwandeln und erheben. Gott wurde Mensch, verwandelte
den Menschen und erhob ihn zum reinen ewigen Leben. - Nachruhm
erstreben ist eitel, es kann nicht das wahrhafte Streben eines christlichen
Dichters sein. Sein ist: Zeu-ge Christi zu sein in der Zeit und teilhaftig zu
werden des himmlischen Ruhmes. Was nach seinem Heimgang mit seinem
Werk in der Welt geschieht, legt er begierdelos in die Hände des Heiligen
Geistes. - „...so wird auch das einsame Gemüt des Dichters erst wahrhaft
mit dem Überirdischen vermählt, wenn er den Abglanz desselben im
Irdischen mit liebender Hingebung erkennen mag.“ (Green nach Tieck).
„...ließ ich auf kurze Zeit alle meine Arbeiten ruhen, weil mich kein
Plan reizte, weil es mir unmöglich gewesen wäre, in dieser Stimmung
irgendetwas, wie meine früheren Stücke, zu schreiben“, sagt Shakespeare
im Tieck, so ergeht es mir diese Zeit.

12.6.

Lese Klopstocks Ästhetische Schriften: „Derjenige müßte ein


merkwürdiger Fremdling in der Kenntnis des Menschen sein, der
behaupten wollte, es sei überflüssig, die philosophi-sche, und die
erhabnere Tugend der Religion dem Menschen liebenswürdig vorzustellen.
Es ist dies so wenig überflüssig, daß es notwendig ist.“ Und „die Religion
ist ((in den heili-gen Schriften)) durch Muster der Poesie und der
Beredsamkeit offenbart worden.“ Nach-folge der biblischen Poesie ist der
Weg zu guter Poesie. Der Dichter schöpft aus der Offen-barung
(Klopstock), dient am Geoffenbarten (Schneider). Die Poesie soll bekannte
oder angenommene Gegenstände von einer Seite zeigen, die die
vortrefflichen Kräfte der Seele anregt und die ganze Seele in Bewegung
setzt, und zwar auf Gedanken der Unsterblichkeit und Tugend hin.

13.6.

Lese Schneiders philosophische und ästhetische Essays „Dem lebendigen


Geist“. Er schreibt über Kierkegaards Verhältnis zur Frau: „Das
Unsterblichkeitsbewußtsein muß sich auf das Negative gründen.“
(Kierkegaard) Das Wesentliche in der Beziehung zur Frau ist die
Verweigerung, die Unerreichbarkeit, die Idealität, und das heißt: das ganz
Reale, der religiöse Grund. „Ein negatives Verhältnis zu einem Weibe
weckt im Manne das Unendli-che.“ (Kierkegaard)

14.6.

Kirchenlexikon: „Orthodoxer Theologie geht es nicht um ein rationales


Erfassen des göttli-chen Geheimnisses (mysterion), sondern um das
Erfahren der Gemeinschaft mit dem le-bendigen Gott, das Sein in Christus.
Man betrachtet vor allem die Menschwerdung sowie die Einheit von Kreuz
und Auferstehung. Heil beschränkt sich nicht auf die Sündenverge-bung.
Abendländisches Rechtfertigungsdenken tritt zurück hinter dem Gedanken
der Ver-klärung alles Seins (Seinsmetamorphose) und der Begründung
eines neuen Seins durch die mit der Menschwerdung beginnende
Vergöttlichung (theosis): Gott wurde Mensch, damit die Menschen göttlich
werden; d.h. das Wort wurde Träger des Fleisches, damit die Men-schen
Träger des Geistes werden können (Athanasios d.Gr.). Damit ist nicht die
Umwand-lung der menschlichen Natur in die göttliche gemeint, sondern
eine Erneuerung durch die reale gnadenhafte Einwohnung Gottes im
Herzen der Menschen. Das ewige Leben wird in seiner Fülle erst im
Jenseits offenbar, ist aber durch Christi Kommen in diese Welt bereits im
Diesseits keimhaft gegenwärtig. Von daher verbindet sich im orthodoxen
Denken der Jenseitsbezug mit einer Offenheit für die konkreten
Menschheitsprobleme. Sinn menschli-chen Lebens ist es, sich auf die
Ewigkeit vorzubereiten. Gottesliebe muß sich in der Nächs-tenliebe
erweisen, in der Einheit von Glaube und Werken. Den Werken eignet keine
Ver-dienstlichkeit vor Gott, vielmehr sind sie notwendiger Ausdruck
wahren Glaubens, denn wahrhaftig ist nur der Glaube, der durch die Liebe
tätig ist (Galater 5,6).“
Herr, ich bin ja mystisch geworden. Aber keine protestantische
Gemeinde ist mystisch. Ich finde schöne katholische Litaneien und
Gebete, finde orthodoxe Gedanken interessant, lehne den Rationalismus
des Protestantismus ab. Sind die Pietisten tiefsinnig-innig, oder sind es
auch nur Wortverkündiger? Wo ist eine weltferne dunkle Kapelle? Aber
willst du, daß ich mich in weltferne Innerlichkeit zurückziehe, in Mystik
und stille Spiritualität? Oder soll ich wach, bewußt, gegenwartsbezogen,
realitätsbewußt, verstandesmäßig und praktisch meinen Glauben leben?
Ich würde mich so gern in ein Kloster zurückziehen! Ach Vater! wo willst
du mich haben?
Kierkegaard sagt, die Wahrheit siege nur durch Leiden.

15.6.

Was heißt es, Christi Tod gleichgestaltet werden zu wollen? Ist das nur im
blutigen Marty-rium möglich? Paulus ersehnte die Todesgleichgestaltung,
ersehnte er das Martyrium? O-der ist es auch die Ungeborgenheit im
Sterben, die Gottverlassenheit, das Einsamsein im schmerzlichen Sterben,
die Todesangst? Wenn Paulus ersehnte, den Leiden Christi gleich-gestaltet
zu werden, ersehnte er dann das Leid? Und was heißt in dem
Zusammenhang die Sehnsucht, eins zu werden mit dem Auferstandenen?
Geschieht dies erst in der Auferste-hung von den Toten?
Ich muß mein Leben Christus opfern. Ich opfere ihm um seiner Ehre
willen meinen welt-lichen Ruhm und, wenn er will, um meiner Berufung
zu seiner Verherrlichung willen mei-ne Begier nach einem Weibe. Ich bin
bereit, ihm auch meine Dichtkunst zu opfern, sie soll ein Opfer des Lobes
sein, oder, wenn er will, soll mein Opfer in ihrer Aufgabe bestehen, im
Verzicht auf sie. Man kann das Dasein nur vom ewigen Leben her richtig
bewerten.
Schneider über Novalis und den Tod: „Die Dichtung gibt das Bild des
Lebens, nicht das Leben selbst; wie auf der Höhe des Glaubens der nur das
Leben gewinnt, der gestorben ist und wiedergeboren wurde, so läßt sich
auch wohl von der Kunst an ihrer Stelle sagen, daß der Künstler nur das
Bild des Lebens und der Welt erreicht, der sich von der Welt gelöst hat, in
gewissem Sinne sogar ihr gestorben und dann wieder, frei und von ihren
Gütern nicht beschwert, in sie eingetreten ist. In einer besonderen
Beziehung zum Tode erst kann die letzte Zusammenfassung der
Wirklichkeit in gereinigten Bildern gelingen, mag diese Beziehung nun
eine geheime oder offenbare sein; der unbedingte Abschied erhöht die
Sprache zur Sprache der Kunst.“
Novalis schreibt, daß Christus „als die Geliebte umarmt“ werde.
Welche Idee von Chris-tus verbirgt sich in der Ideal-Liebe? Die Ideal-
Liebe ist das Heilige, Himmlische, darum der Jungfrau Maria so verwandt,
die Lust ist das Irdische, der Venus verwandt. Mein Bild war eine heilige
Jungfrau, die wirkliche Frau war anders, das war der tragische Irrtum.
„Da er (Novalis) sich zu sterben sehnte, entdeckte er, daß er Christi
Sterben an seinem Leibe trug, und war gerettet.“

17.6.
Die Liebe zu einer Frau kann nicht zum Sinn des Lebens werden, daß
hieße, die Frau zu vergöttern. Die Frau kann auch nicht vor finsteren
Mächten schützen. Das und Sinn geben kann nur Christus. Christus muß
die Idee, der Grund jedes Poetischen Werkes sein, denn Christus ist der
„Sinn“, wie man Logos auch übersetzen kann. Kann man „in der Geliebten
Christus umarmen“? Wahre Entsagung besteht darin, sein Heil nicht in der
Frauenliebe, auch nicht in der idealisierten Frau, zu finden, sondern in
Christus allein, wie es die entsa-genden Mönche taten.
Schneider über Chamisso: „Dichtung entspringt nicht in den
Ereignissen, sie ist die Er-füllung eines ursprünglichen, vor allen
Ereignissen gegebenen Auftrags, der im Lebenslau-fe wohl verstärkt und
bestätigt werden kann, jedenfalls aber ihm wie der Künstler dem Stoffe
oder dem Material gegenübersteht.“ Chamisso „geht vom Schmerz um das
Teuerste aus, dessen Verlust eine Gnade für die geläuterte Seele ist“.
Schneider über Droste-Hülshoff: „Gerade darum muß ja in gewissen
Phasen Nacht ohne Trost für den Heimgesuchten sein, als sein Anteil an
Golgatha.“ - „Wer könnte die Versu-chung der Zerstörung, die Neigung
zum Untergang leugnen: einen wesentlichen Klang des deutschen
Gedichts!“
Paul Claudel: „O fühlt ich doch bald mein weites Werk unter mir
auferstehn, o berührt ich doch schon mit den Fingern dies unzerstörbar von
mir Gefügte, ein Ganzes, zusam-mengeschlossen aus all seinen Teilen, dies
wohlgefestigte Werk, das ich schuf aus hartem Gestein, dem Urquell eine
Fassung, mein Werk, die Wohnung Gottes!“

4.7.

Werner Bergengruen: „Ich weiß nicht, von welchem Franzosen das Wort
stammt: Je ne travaille pas, je m’amuse. Ich mache es mir gern zu eigen.
Das heißt, ich arbeite nicht im Dienst von Ideen, Thesen, Programmen,
Ansichten und Zwecken, sondern aus Leiden-schaft und meiner Freude
zuliebe. So habe ich denn auch nicht das Gefühl einer Mission;
dergleichen vermöchte mein Unabhängigkeitsbedürfnis nicht zu dulden.“
Lese die Erzählung Plus Ultra von Gertrud von LeFort, eine Liebe, die
verzichtet, ver-zichten muß und sich verzichtend im Kloster dem Gebet für
den geliebten Menschen wid-met. Der Beichtvater sagte, auch die irdische
Liebe sei (nach Platon) ein Weg zu Gott. Gott lieben in seinem Ebenbild
sei eine Liebe, Gott dargebracht.
9.7.

Ich will ein weites Christentum, Einheit der Christen, lernen von allen
Strömungen, auch Charismatikern und Katholiken. Die extreme Theologie
scheint mir kunst- und poesie-feindlich. Der orthodoxe Dostojewski und
der katholische Novalis sind meine Brüder. Für die Poesie brauch ich ein
weites Verständnis. Die fundamentalistische Theologie schränkt die Poesie
so ein, daß man im Extremfall nur noch die Bibel abschreiben kann,
Deutsche Literatur: In der Karolingerzeit Heliand und Otfried,
Überlieferung heidnischer Spruchdichtung (Odin). Ottonenzeit: Geistliche
und romantische Epen, Das Leben Jesu, Marien-Epen, Rolandslied,
Kaiserchronik. Stauferzeit (1150-1250): aristokratische Ästhe-tik:
Vervollkommnung durch hohe Minne, Rittertum, Ehrfurcht vor Gott.
Höfisches Epos: Wolfram von Eschenbach, Hartmann von Aue, Gottfried
von Straßburg (nach französi-schen Vorbildern). Nibelungenlied und
Kudrun. Minnesang. Spätes Mittelalter: Niedergang der höfischen Kultur;
Oster- und Fastnachtsdramen. Neue Prosaformen der Mystiker. Hu-
manismus und Reformation: Rückgriff auf italienische Formen,
evangelisches Kirchenlied, viele Satiren, Schuldrama des Humanismus,
Entstehung der Briefliteratur. Hans Sachs. Lyrik nach dem Vorbild von
Horaz und Ovid. Volksbücher (Faustus). Barock: Aneignung der Formen
der Renaissance: Opitz-Poetik. Jesuitendrama. Viel Vanitas Vanitatis.
Gryphi-us. Angelus Silesius. Hoffmannswaldau. Schäferdichtung. Das
18.Jhd: vor allem Klop-stock. Empfindsame Dichtung entwickelte sich
unter Einfluß des Pietismus. Neigung zu seelischer Analyse und
autobiographischem Roman. Lessing. Wieland (Rokoko). Anakre-ontiker.
Sturm und Drang nach dem Vorbild Shakespeares, Ossians, Klopstocks.
Neuent-deckung der Ballade. Klassik beeinflusst von deutschem
Idealismus. Goether, Schiller. Romantik: Philosophie Schellings.
Erwachen eines Nationalbewußtseins. Das Geheimnis-volle, Sehnsucht
und Suche, das Chaotische, viele Lieder, Grimms Märchen, Novalis,
Brentano, Eichendorf, Spätwerk Goethes. Rezeption von Calderon.
Zwischen Klassik und Romantik stehen Kleist, Jean Paul und Hölderlin.
19. Jhd: Realismus, Grabbe, Grillparzer, Büchner; vor allem Mörike
(Biedermeier), Stifter, Heine, Droste, Keller und Storm. Hebbel und CF
Meyer. 20. Jhd: Rilke, Hesse, Thomas Mann.
Man kann den bedeutenden Einfluß des Christusgeistes auf die
Literatur feststellen: He-liand, Otfried, Marien-Epen, Mystik, Wolfram,
Kirchenlied, Gryphius, Jesuitendrama, Klopstock, Novalis und Brentano,
Mörike, im 20. Jhd: Schneider, Bergengruen, LeFort, Schröder, Klepper.
Aber mir scheint, der Einfluß nimmt immer mehr ab, die Literatur ent-
fernt sich mehr und mehr von der Offenbarung. Die moderne Literatur in
Deutschland wird im Wesentlichen neuheidnisch, okkult werden und von
Sinnsuche und Suche nach über-sinnlichen Erfahrungen geprägt sein.
Novalis: „Wenn es schon für einen einzelnen Dichter nur ein
eigentümliches Gebiet gibt, innerhalb dessen er bleiben muß, um nicht alle
Haltung und den Atem zu verlieren...“ Könnte ich ein Jesus-Epos ohne
Frauen schreiben? Nein, denn ich tauge nicht zur Darstel-lung des rein
Männlichen. Selbst meine Ritter waren feminin und von bedeutenden
Frauen umgeben. Meine männliche Poesie, David, sind nur
Nachdichtungen der Bibel. Wo ich Eigenes schaffe, heißt es: Maria.-
Die Religion der Liebe beschreibt auch Novalis im Gespräch zwischen
Heinrich und Mathilde: „O Geliebte, der Himmel hat dich mir zur
Verehrung gegeben. Ich bete dich an. Du bist die Heilige, die meine
Wünsche zu Gott bringt, durch die er sich mir offenbart, durch die er mir
die Fülle seiner Liebe kundtut.“ Im zweiten Teil des Ofterdingen zu Be-
ginn spricht zum elenden Pilger die heilige Mutter Maria mit der Stimme
Mathildens zu ihm.
Novalis sagt, man muß Sinn und Verstand, Genie und Talent haben,
eins ohne das ande-re ist Schwäche.
Der Theologe kann in Jesus den Theologen sehen, der Arbeiter den
Arbeiter, der Knecht den Knecht, der König den König, der Arme den
Armen, der Wanderer den Wanderer, der Leidende den Leidenden, der
Sterbende den Sterbenden. Kann der Dichter in ihm den Dichter sehen?
Was ist ein Dichter und ist Christus ein solcher? Die Bibel ist die Poesie
der Poesien, die höchste Poesie, der Heilige Geist ist vollkommner Poet.
Christus, ist er Dichter in den Gleichnissen, in den Lobgesängen, in dem
Vaterunser und der Bergpredigt? Er sagt Wahres schön, er sagt
Offenbarung in alltäglich-weltlichem Gewand. Er ist selbst die
Offenbarung im irdischen Kleid, er ist Logos im Fleisch, er ist ein Gedicht.
Sein Leben ist ein Roman, sein Sterben eine Tragödie, seine Auferstehung
ein Hymnus. Er stirbt mit einer Elegie auf den Lippen: Psalm 22. Es gibt
ein Buch eines christlichen Schriftstellers übers Jesus: „der Sperlinge und
Lilien zu Gleichnissen nahm“, durchaus romantisch. Er sprach
verständlich und zugleich geheimnisvoll. Die Bibel kennt geistliche
Lieder, darin Elegien und Hymnen, Liebeslieder, Tanzlieder,
Geschichtsbücher in mythisch-poetischer Sprache, also dichterische, den
Mythos der Schöpfung, die Phantasieprosa der Offenba-rung, die Romane
der synoptischen Evangelien, die Biographie in lebendiger Darstellung,
theoretische und persönliche Briefe voller Beredsamkeit und ohne
Niedrigkeit. Der regel-mäßige Anfang der Seligpreisungen „Selig sind...“
ist ein poetisches Stilmittel. Die Send-schreiben der Offenbarung sind
poetisch gegliedert mit fast refrainartigen Wendungen. Die Bibel kennt den
hebräischen Rhytmus, das Stilmittel des Parallelismus, die Metapher,
sinngebundenen Reim und Alliteration, Akrostichen, Witz und Ironie,
Satire, Klage und Jubel. Sie ist höchst poetisch und sollte das Muster aller
Poesie abgeben.

10.7.

Die Idee eines Augenblicks bedarf ungeheurer Anstrengungen oder Leiden


zur Verwirkli-chung, aber in der Verwirklichung offenbart und entfaltet
sich die Fülle der inspirierten Idee.
Ich muß über das Verhältnis von Allgemeinem und Individuellem,
Symbol und Person, Wahrheit und Gleichnis nachdenken. Alles Zufällige
muß sich dem Gesetz oder Schicksal unterordnen. Das Symbol muß aber
lebendig sein, das Vergängliche muß aber ein Gleich-nis sein. Um das
Gleichnis wahrhaft zu gestalten, muß man aber die offenbarte Wahrheit
kennen, muß sie so gut kennen, daß man ihren Geist und ihr Wirken auch
im Individuellen erkennt.
Ich glaube, daß Gott, der Gott der Liebe, mein Vater ist. Ich glaube,
daß Jesus Christus, der Herr und Sohn Gottes, mein Retter vom ewigen
Tode ist. Ich glaube, daß der Heilige Geist in meinem Herzen wohnt. Ich
glaube, daß ich aus Gnade Gottes gerettet bin durch den Glauben an den
Herrn Jesus Christus. Ich glaube, daß ich das ewige Leben empfangen
habe. Ich glaube an die Wiederkunft Jesu. Ich glaube, daß ich in ewiger
Glückseligkeit mit Jesus im Paradies Gottes, im Neuen Jerusalem, leben
werde. Ich glaube, daß ich geschaffen bin von Gott, zu Christus hin zu
leben in Zeit und Ewigkeit. Ich glaube an die Liebe Got-tes, die sich in
Christus offenbart hat. Ich glaube, daß die Heilige Schrift das vom
Heiligen Geist inspirierte Wort Gottes ist, das Christus zum Inhalt hat. Ich
glaube, daß das Wort Gottes, Jesus, der Gott ist, von der Jungfrau Maria
geboren worden ist und am Kreuz zur Erlösung starb auch meinen Tod. Ich
glaube, daß das Zentrum christlichen Lebens der ge-kreuzigte Christus ist.
Ich glaube, daß das Zentrum christlichen Lebens die Liebe zu Gott und
den Menschen (den Brüdern, den Nächsten, den Feinden) ist. Amen.
Lese Novalis „Die Christenheit oder Europa“. Wie soll ich zu einem
Verständnis deut-scher Geschichte kommen, wenn ich die Heilsgeschichte,
wenn ich die Kirchengeschichte nicht verstehe. War es das große
christliche Abendland der Päpste, christlichen Kaiser, der Heiligen und
Mystiker, das mit der Reformation als Vorläufer des Rationalismus zerstört
wurde, in Aufklärung und schließlich Neuheidentum zugrunde geht? - Der
Katholizismus ist poetisch fruchtbarer gewesen als der Protestantismus.
„Er hat einen neuen Schleier für die Heilige gemacht, der ihren
himmlischen Gliederbau anschmiegend verrät, und doch sie züchtiger als
ein anderer verrät.“ Novalis.

11.7.

Habe geträumt, daß ich zur Katholischen Kirche konvertieren wollte, aber
der Volkskatho-likenverein empfing mich ohne Liebe. Höhere, gläubige
Katholiken redeten mir ermuti-gend zu, ich solle enthaltsam leben.
„Ich bin die Liebe. Ich habe dich, o Mensch, je und je geliebt.“ Und
der Mensch preist die Liebe. Der Mensch lebte im Garten der Liebe, die
sie ihm alles gegeben hat und mit ihm sprach. Aber er wählte die
Lieblosigkeit. Aber er kann nicht ohne Liebe leben, denn sie ist sein
Leben, sein Licht, sein Sinn. Der Mensch ist zur Liebe geschaffen, zur
Liebe berufen. Er kann nur durch das Opfer, durch das Blut wieder zur
Liebe finden. Die Liebe will sich in das Herz des Menschen ergießen, sie
will ihn wieder in den Garten der Liebe führen, das ist der Himmel.

12.7.

Die Klassiker verabscheuten das Sonett, die Romantiker liebten es.


Schneider und ich lie-ben es auch.
Luther: „Niemand lasse den Glauben daran fahren, daß Gott durch ihn
ein großes Werk tun möchte.“ Durch mich möchte Gott weitere christliche
Poesie schaffen.
Las Eichendorf, Schloß Dürande, das Marmorbild, Arnim, Fürst
Ganzgott und Sänger Halbgott, Tieck, des Lebens Überfluß, Die schöne
Wilde. Alles sehr keusch. Klassiker leb-ten (wie ich) in einer vornehmen
Sprachwelt, Romantiker webten in ihre lyrischen Schwärmereien einfache
Volkssprache ein, aber ohne niedrige Gesinnung, Dinge des all-täglichen
Lebens werden schamlos erwähnt.
14.7.

Las Arnims Isabella zuende. Die gleiche Idee, wie Spenser bei Una und
Duessa, war bei Arnim mit Bella und Golem-Bella. Arnim ist dunkel. Las
Der tolle Invalide und Frau von Saverne. Arnims Stil ist mir fremd, er ist
Dunkel, es kommt keine liebliche Natur vor, aber viele böse Menschen.
Lese Eichendorfs Verspoem Robert und Gusicard. Die Romantik liebt
das Schauerliche, Gespenstische: Arnim und Hoffmann.

16.7.

Im verwilderten Roman oder Godwi ist Brentano beeinflußt vom


„ästhetishen Immoralis-mus“ Heinses und Wielands, artistisch
schwankend zwischen irdischer und himmlischer Minne, Venus- und
Mariendienst, den er später im Alter gewaltsam oder verklärend ent-
schied.
Ich, der Mönch Paphnuti aus dem Kloster Athos, der ich einen
Kommentar zum Hohen-liede Salomonis schrieb, will euch, meine lieben
Griechen, nun ein merkwürdiges Denkmal eurer heidnischen
Vergangenheit geben, eine von mir aufgefundene Schrift über das Leben
der Venus, die ich ins Neugriechische bearbeitete. Damit sie eure Geister
aber nicht verfüh-re, habe ich sie regelmäßig mit erbaulichen
Kommentaren versehen.
Brentano und Mörike haben poetische Erbauungsschriften verfasst.
Mir geht der Titel „Brevier“ durch den Sinn. In älteren Jahren mache ich
vielleicht einmal so etwas, Sermone, oder Fragmente geistlichen Inhalts.
Für mich: „Und ich will mich meiner als eines edlen Gedankens
erfreuen, wenn mich keine lieben sollte.“ Brentano.

17.7.

Im Glauben ist der Wein Blut, das Brot der Leib Christi, im Glauben essen
und trinken wir Christus.

18.7.

Traum: Ich war in eine fremde Stadt gezogen, für einige Wochen. Eines
Abends ging ich auf die Straße, in eine Schenke, wo niedrigster Pöbel saß
und soff und mich schmähte. Ich ging und wußte, ich würde nie wieder
hineingehen. Dann ging ich einsam spazieren, einen steinernen Fußweg
durch Baumreihen. Schließlich kam ich zu meinem Erstaunen in eine
romantische Altstadt, mittelalterlich. Ich stand vor einer schlichten
steinernen Burg. Zur Rechten befanden sich mehrere Kirchen: eine große
katholische, eine kleine katholische Kapelle und eine lutherische, alle im
romanischen Stil. Ich sah mir den Schaukasten der lutherischen Jugend an,
da hingen Plakate von Marx, Lenin, Mao Tsetung. Ich war entsetzt. Dann
trat ich aufgeregt und wild in die katholische Kirche, die ich leer vermutete
und in der ich betend meinen Frieden finden wollte. Es war aber gerade
Heilige Messe. Der Pries-ter in edlem Priestergewand sah mich streng
ermahnend an. Ich setzte mich beschämt auf eine Bank. Die Kirche war
kunstvoll ausgestaltet, die Wände in grün und blau und gold, wohl mit
Bildern und Zierat, die Holzbänke in warmem hellem rotbraun. Die
Besucher Männer und Frauen zwischen sechzig und neunzig Jahren. Der
Priester ging leise mit ei-nem Tablett voll Hostien umher, das Brot
austeilend. Er kam zu mir und sagte, das Brot werde nach streng
päpstlicher Lehre nur an Katholiken ausgeteilt. Ich bekundete, kein Mit-
glied der katholischen Kirche zu sein, fand es aber im Stillen schade, am
Abendmahl nicht teilnehmen zu können. Der Gottesdienst war zuende, ich
ging neben dem Priester einen langen Gang durch einen herrlichen
Vorsaal, im Gespräch. Er war voll von großer mysti-scher Weisheit, voller
tiefgeheimer Wahrhaftigkeit. Aber er ermahnte mich wegen meines wilden
Eintretens in die Kirche. Er unterrichtete mich in der Geheimlehre der
Weisheit. Ich stand mit dem Priester am oberen Ende einer Treppe, die
Stufen ausgelegt mit rotgoldenen weichen Teppichen, die Wände von
feierlichem Dunkel, alles wie ein Gottestempel voller Herrlichkeit, aber
nicht dem Mammon, sondern der Weisheit Gottes geweiht, wie mir schien.
Dann flüchtete ich mit jungen Katholiken schwimmend durch einen Kanal.
- Es ist erstaunlich, der dritte Traum vom Katholischen in den letzten
Wochen. Erst die Empfin-dung großer Liebe, dann die Konversion, dann
der heilige Tempel.
Erster Petrusbrief: Leiden wir, wie auch Christus gelitten hat, ist es
eine selige Freude und Gnade zum Heil, dann kommt die Herrlichkeit und
Seligkeit der Seelen, große Freude.
ETA Hoffmann, Der Goldene Topf, ist voller Phantasie und Poesie,
aber er berührt mei-ne Seele nicht so schön wie Novalis, Eichendorf,
Brentano. Arnim war offen dem Aber-gläubischen, das macht ihn dunkel.

20.7.
Brentanos Gockel durch, niedliche Stellen darin, zB. von der
Mäuseprinzessin Sissi und dem reimenden, wortspielenden Schwälblein.
Aber leider sind die Romantiker Verächter der Juden gewesen. Bettine hat
einmal aus Trotz gegen den antisemitischen Zeitgeist (auch in der
Christenheit) sich mit einem Judenmädchen angefreundet. Große Schuld
lastet auf der Christenheit für ihren Antisemitismus, dem auch der alte
Luther frönte. Papst Johannes Paul II bat die Juden im Namen seiner
Kirche um Vergebung.
Homerübersetzer Voß wird im Brentanomärchen Murmeltier
verspottet. Voß verab-scheute die Romantik, nichtdeutsche Worte, Sonett
und Kanzone. Ich liebe Sonette mehr als die stolpernden deutschen
Hexameter.
Romantischer Briefroman: Der Mönch Narzissus flieht aus den engen
bedrückenden Klostermauern, in die er als Knabe kam, er hat noch keinen
Glauben, stürzt sich in die Weltlust der Frauenliebe, Zauberei,
Naturschwärmerei; bleibt aber im Briefwechsel mit der Nonne Agnes, der
er von seinen Eskapaden berichtet, die ihn gütig lenkt, und schließlich
seine Bekehrung und sein Gang entweder ins Kloster oder zu einem
Bettelorden.

23.7.

Der Dreißigjährige Krieg findet in meiner Seele statt. In mir Tilly und
Gustav Adolf von Schweden.

24.7.

Lese Eichendorf, Dichtergesellen, die lebendig geschilderte romantische


Commedia dell’Arte wird gegen Ende fromm, Einsiedler tauchen auf.
Über Eichendorfs Roman: „Er war der schönen Frau verfallen mit Leib
und Seele. Aber nach durchschwelgten Nächten, zwischen halber Lust und
Reue, versinkt er in tiefe Melancholie, bis ein zehrendes Feuer die müde
Seele in seinen Traummantel hüllt. Nach langem Kranksein tastet er sich
wieder in den Garten: es ist eine entzauberte Welt.“
Kommentar über Novalis: Vorbild des romantischen Romans ist
Goethes Wilhelm Meis-ter. Darin wird das Allgemeinste wie das
Wichtigste mit romantischer Ironie angesehen und dargestellt. Wunderbare
romantische Ordnung entsteht, die keinen Bedacht auf Rang und Wert,
Erstheit und Letztheit, Größe und Kleinheit nimmt. Das Romantische ist
die Naturpoesie und das Wunderbare. Alle Poesie unterbricht den
gewöhnlichen Zustand, das gemeine Leben, fast wie der Schlummer, um
uns zu erneuern und so unser Lebensgefühl immer rege zu halten.
Erzählungen, ohne Zusammenhang, jedoch mit Assoziationen, wie
Träume, Gedichte, bloß wohl klingende und voll schöner Worte, aber auch
ohne allen Sinn und Zusammenhang, wie lauter Bruchstücke aus den
verschiedenartigsten Dingen. Ein Roman muß durch und durch Poesie
sein, eine harmonische Stimmung unseres Gemütes, wo sich alles
verschönert. Die ganze Natur muß auf eine wunderliche Art mit der ganzen
Geisterwelt vermischt sein. Novalis war es natürlich geworden, das
Gewöhnlichste und Nächste als ein Wunder, und das Fremde und
übernatürliche als etwas Gewöhnliches zu betrachten. So umgab ihn das
alltägliche Leben selbst wie ein wundervolles Märchen, und jene Region,
die die meisten Menschen nur als ein Fernes und unbegreifliches ahnen
oder bezweifeln wollen, war ihm eine liebe Heimat.

25.7.

Über Lyrikformen gelesen: Ballade, Romanze, Distichon, Elegie, Ode,


Hymne, Dithyram-bus, Epigramm, Ritornell, Fünfzeiler, Ghazel, Glosse,
Rondel, Sestine, Sonett, Stanzen, Terzine, Triolett, Volkslied. Besonders
liegen mir Sonett und Stanze. Daran seh ich meine Vorbilder: Renaissance
und Romantik.

26.7.

Tiecks Sternbald ist das Schönste, was ich bisher von Tieck gelesen habe,
fromm, voller Seele und Schwärmerei, voller Gedanken über das Wesen
der Kunst. Dürer ermutigt mich dazu, alle Pläne meines Herzens fleißig
auszuführen. Aber Fleiß geht nur in Zeiten der Be-geisterung. Ohne
Begeisterung ist Kunst tot.

27.7.

Die Gedichte Tagores durch, leider die Übersetzung mangelhaft, was


poetische Schönheit betrifft, sie macht aus der Poesie so etwas wie Prosa.
Tagore hat Sehnsucht nach einem persönlichen Gott, gegen den
Aberglauben, für die Ewigkeit des Ungeschaffenen, leider zu Christus
nicht gefunden, doch kann ein christlicher Dichter viel von ihm lernen.
Dürer ist männlicher, strenger als der feminin-liebliche Raffael oder
der schwebende, mystische Tizian, zu Michelangelo hab ich noch keinen
Bezug, er ist auch kernhaft männ-lich. Die deutsche Malerei scheint
erdiger, männlicher, fester als die himmlische italieni-sche. Auch der
deutsche Barock ist nicht so süß und leicht wie die italienische Renais-
sance. Es gibt eine deutsche Schwere, Novalis ist in seiner Todessehnsucht
schwer, Hölder-lin ist in seinen Hymnen schwer, Goethe in seinem Faust I,
Schneider in seinen Sonetten, Rilke ist bei allem Schwebenden des Geistes
schwer, Thomas Mann ist in seinem Doktor Faustus schwer, Hesse ist in
seinem Steppenwolf schwer. Aber Ariost und Boccaccio sind leichter. Ich
möchte wohl die italienischen Versepen besitzen. Ich hätte gern in
englischer oder italienischer Renaissance oder englischer Romantik gelebt,
dann hätte ich mit meiner Lust zu Poemen und Epen etwas werden
können. Die südamerikanische Literatur des 20. Jhd ist sinnlich, irdisch-
fruchtbar, hat gegenwärtig in Europa großen Anklang. Sie haben viel
Phantasie, Neruda und Marquez. Die englische Romantik ist heidnischer
als die deut-sche katholische und im Romantisieren nicht so weit
gegangen, steht der Klassik näher. Keats ist vielleicht der Romantischste
der Briten.
Friedrich Schlegel: „Gegen die Elegien war anfangs viel Einrede von
seiten der strengen Sittlichkeit; wenn aber dem Dichter nichts zu sagen
erlaubt wäre, als was sich in Gegen-wart junger Frauenzimmer sagen läßt,
so möchte wohl überhaupt keine Poesie möglich sein, am wenigsten aber
eine wie die der Alten.“ Nach Lohenstein mit seiner Üppigkeit (barocke
Wollust) kam die strenge Tugend Klopstocks. Goethe fand einen
Mittelweg in seinen Römischen Elegien. Man darf nicht nur auf
Sinnlichkeit aus sein, sie muß in die natürlichen Grenzen gesetzt werden
von Kunst und poetischer Erfindung. Ich denke an Wielands Agathon,
Byrons Don Juan, Goethes Elegien, Heinses Ardinghello.

31.7.

Über Saul: Er war erfolgreich, solange er Gott vertraute und gehorchte,


dann begann sein Abstieg: das Königtum von ihm genommen,
Eifersuchtsanfälle, Jagd auf David, Befragung der Wahrsagerin,
Niederlage bei Gilboa mit dem Tod seiner Söhne und dem Selbstmord
Sauls. Sein Charakter erscheint wie der eines manisch-depressiven
Cholerikers. Er verhielt sich wie ein Alkoholiker: von der Wut zu Tränen
und von den Tränen zur Wut. Psycholo-gisch sehr interessant. Als er von
Gott nicht mehr getragen war, trat seine psychische Labi-lität zutage.
Deutsche Chronik oder Der Seherin Gesicht: Hermann, Bonifazius,
Theophanu und Otto III, Siegfrieds Tod und Gudrun, Dürer, Heinrich von
Ofterdingen Zweiter Teil, Tod Jochen Kleppers. Arminius sterbend: „Von
Teutonien bis Alemannien wird der Heliand der Geni-us des freien
Germanien sein!“

2.8.

Der ständig graue und verregnete Sommer ist fürchterlich. Die Einsamkeit
ist groß. Unge-färbte Liebe, wo ist sie? Ich habe eine Sehnsucht nach
einem Leben, die auf Erden nicht gestillt werden kann. Es muß so
poetisch, licht und voller Liebe sein, wie es nur im Him-mel sein wird.
Selbst in irdischer Poesie ist das nicht zu schildern. Die Häuser der
Ewigkeit werden wirklich aus Rubinen und Smaragden sein, heute ging
mir die unglaublich poeti-sche Schönheit der ewigen Wohnungen auf. Die
Gärten und Wälder werden voll sein von den schönsten Gesängen, alles
licht und lebendig, sehr fruchtbar, sehr friedlich, ohne Un-heimlichkeit.
Und alles wird voller Liebe sein. Es gibt da keine Einsamkeit. Die
Heiligen und Seligen lieben sich alle mit einer vollkommenen Liebe, kein
Neid, keine Abneigung, keine Überheblichkeit, keine Kälte wie auf Erden
auch unter Christen. Kein Zweifel mehr, ob Jesus lebt und das Gebet hört,
er ist sichtbar und allgegenwärtig. Selbst wenn ich A-bendfrieden und
goldnen Sonnenschein und Taubenruf und Baumgrün und Teichstille ha-
be, sehne ich mich nach dem Paradies. Möge Jesus bald mich holen
kommen. Nichts hält mich hier.
Mach End, o Herr, mach Ende.

7.8.

Ich möchte einmal die Petrus-Akte und das apokryphe Petrus-Evangelium


in einem römi-schen, phantastischen Roman schildern. Auch würde mich
ein romantischer Indien-Roman über Thomas interessieren.
Tragisches Thema einer Geistesverwirrung der Christenheit ist der
Kinderkreuzzug. Sie kamen bis ans Mittelmeer, viele starben auf dem
Weg, viele wurden als Sklaven verkauft.
8.8.

Lieber Vater, in letzter Zeit habe ich oft das Gefühl, daß meine Gebete nur
Selbstgespräche sind. Ich finde und fühle dich nicht. Ich bete dennoch, aus
Not... Bewahre mich vor erneu-tem Liebesleid. Die Zeit meiner Mystik im
Mai war so tief, so friedlich, aber ich habe auch viel Einsamkeit erfahren.
Nun habe ich Sehnsucht nach liebevoller, gefühlvoller, zärtlicher
Gemeinschaft, Sehnsucht nach einem verstehenden Freund und Sehnsucht
nach Küssen und Umarmungen. Wie gern würd ich einmal von einer Frau
hören: Ich liebe dich! Vater, du füllst diesen Mangel grad nicht aus. Ich
sehe Jesus nicht, nicht seine Schönheit. Auch darf ich nicht an die Jungfrau
Maria glauben, die selbst im Glauben nicht gegenwärtig ist und nicht
sinnlich erfahrbar. Jesus spricht nicht zu mir. Die Bibel sagt: Ich, Gott, hab
dich je und je geliebt. Ich lese das, Vater, aber es ist nicht so, wie wenn ein
Mensch mir das sag-te. Ich sehe deine Augen nicht, ich höre deine Stimme
nicht, ich werde von dir nicht um-armt. Ich muß entsagen und verzichten,
und das ist mein Kreuz. Wie einsam war Jesus auch in Gethsemane, da die
schlafenden Freunde ihm nicht beistanden. Ach Vater, ich lie-be die Erde
und mein zeitliches Dasein nicht und sehne mich danach, bei dir in deiner
schönen Welt zu sein, und in Liebe gebettet zu sein und ewiger Freude.
Das Leben ist schwer. Wenn du nicht wärst, Vater, würd ich mir das Leben
nehmen. Nun aber hab ich die lebendige Hoffnung inmitten meiner
Traurigkeit. Lob sei Christus, Amen.

9.8.

Eichendorff: „Die heiligen Märtyrer, wie sie, laut ihren Erlöser bekennend,
mit aufgehobe-nen Armen in die Todesflammen sprangen - das sind des
Dichters echte Brüder, und er soll ebenso fürstlich denken von sich; denn
so wie sie den ewigen Geist Gottes auf Erden durch Taten ausdrückten, so
soll er ihn aufrichtig in einer verwitterten, feindseligen Zeit durch rechte
Worte und göttliche Erfindungen verkünden und verherrlichen.“ - Und:
„Wache, sinne und bilde nur fleißig fort, fröhliche Seele, wenn alle die
andern Menschen schlafen! Gott ist mit dir in deiner Einsamkeit, und er
weiß es allein, was der Dichter treulich will, wenn auch kein Mensch sich
um dich bekümmert.“ Sehr schön, genau mein Sinn.
Im alten Venedig hatten die verheirateten Adelsfrauen mit Einwilligung
ihres Ehemanns einen Cavalier servente, der sie morgens am Bett
besuchte, bei der Morgentoilette half, sie zu ihrem Vergnügen ausführte
oder in die Kirche, auch sein Geld stand ihr zur Verfügung. Meistens war
es nicht unzüchtig, manchmal gab sich auch ein Geistlicher dazu her. So
ein Cavalier servente (wahrscheinlich Überrest der älteren Zeit, da die
Gräfin einen Ritter hat-te, der für sie die Lanze brach), so ein Amico bin
ich. Die Ehen wurden in Venedig von der Eltern aus Ökonomie
geschlossen, nicht aus Liebe.

10.8.

Am meisten an Antigone hat mich beeindruckt die Rede vom bräutlichen


Altar, von der Hochzeit im Totenreich. Antigone kann man in
Todessehnsucht schreiben.
Schöne Zisterziensergebete und Andachten gelesen, berührte meine
gottferne Seele. Ich hoffe, im Himmel die total schöne Poesie, den
vollkommenen Gesang dichten zu können, dem ich mich auf Erden nur
von ferne nähern kann.

11.8.

Lese Brentano-Gedichte, voller traumhaften Wohlklangs, das hat was


Himmlisches.

12.8.

Ich weiß nicht zu beten, ich habe kein Verlangen nach der Bibel, pro forma
bete ich ein Vaterunser. Dichtete nachts traurige Geistliche Lieder. Ich
habe Sehnsucht nach einer lyri-schen Sprache voll von Weisheit und
himmlischem Wohllaut, und meine Versuche schei-nen mir nur Gestotter
und Radebrechen. Erst im Himmel kann ich wahre Poesie zustande
bringen. Allgemeines Ungenügen an der Erde.

13.8.

Erwachte mittags voller Haß und Verachtung auf alles. Ohne Gott leben ist
fürchterlich, da lebt keine lebendige Liebe im Herzen. Wüstenzeit. Gott
scheint ferne, scheint tot. Kein Gebet gelingt. Keine Sehnsucht nach Gott,
nach der Bibel. Diese wird langweilig, allzu bekannt, unbedeutend für
mein Leben und nicht schön genug. Gleichzeitig Unglück der Seele, die
Gott entbehrt. Gefühl, ungeliebt zu sein. Alle frommen Sätze sind hohle
Phrasen. Dunkel. - Mich rettet nicht mein Glaube, sondern Gottes Gnade.
Ich ersehne das intime Zwiegespräch mit Gott. Habe eine Sehnsucht nach
Liebe, Geliebtwerden, Glück, Poesie und Leben, die auf Erden wohl nie
gestillt wird. Ach wär ich tot!

18.8.

Lese Tiecks Sonette an Alma im Garten. Der wahre deutsche Petrarkismus


fand in der Ro-mantik statt: Tiecks Alma, Novalis’ Sophie, Brentanos
Sophie. Eichendorff hat (nicht in meinem geliebten Taugenichts) etwas
Biederes, das ich nicht mag. Clemens ist frisch-lebendig, ein Kind. Novalis
lebt im Jenseits. Auch Arnim mag ich nicht sehr, er hat eine dunkle
unerlöste Phantasie. Hoffmann ist zu dämonisch, hat aber blitzhaft
sprachliche Schönheiten. Die Nachtwachen sind satanisch.

19.8.

Schrieb Sonette und Madrigale. Las gerne Tieck (seit seinen Alma-
Sonetten lieb ich seine Dichtungen), der genialste Romantiker in meinen
Augen ist Novalis, der auch schöne anti-ke Oden und Hexameter dichtete,
und der liebe, liebe Clemens Brentano mit seiner ver-zweifelten,
kindlichen Frömmigkeit.
Die „Emanzipation des Fleisches“ war eine Bewegung um 1800, halb
klassisch, halb romantisch, Byron und Heinse vor allem, auch Brentano im
Godwi und Schlegel in Lucin-de. Ich gestehe, ich lese so etwas mit Lust:
Heinses Ardinghello hab ich dreimal gelesen, mein Italien mehr als
Goethes Reise. Und Don Juan mit allerschönstem Genuß, Haidée ist die
wahre Venus. Aber ist nicht Emanzipation des Geistes vom Fleisch das
göttliche Pro-gramm? Aber ist nicht auch Lob der wahren Sinnlichkeit wie
im Hohenliede Aufgabe eines christlichen Dichters?
In der Bibel steht, daß alle Könige der Erde ihre Herrlichkeit in das
Neue Jerusalem ein-bringen werden. So werden alle Meisterwerke der
Kultur im Himmel verherrlicht sein: der Himmelstempel von Peking und
die chinesischen Gärten, der Kölner Dom oder die Aache-ner Pfalz,
Venedig als Märchenstadt etc.
Mein persönlicher Eindruck von Venedig - Piazza und Canale Grande,
Dom, Geschäfts-straße, Rialto, Fischmarkt, Maria del Miracoli, Marco-
Polo-Haus - war das Bild der Venus von Botticelli, also in Wahrheit eine
weiße Geliebte mit langen roten Locken, Flammetta am besten geheißen.
Gotteslob: „Wo Liebe ist, da ist Gott. In ihr können wir Gottes Nähe
erkennen. Wenn wir Liebe haben, zeigen wir den anderen Menschen Gott.“

20.8.

Gebetsaltar für die Entführteaufgestellt: Christusikone, Marien


Verkündigung von Botticel-li, Kerze. - Ich betete schon zur Maria
Misericordia für die Verschwundene, so bang bin ich, das Gebet war aber
ein schöner Traum, und mir schien, Maria lebt. - Eine Wolke von Zeugen
umgibt uns. Ich bildete mir für einen engelhaften Hauch eines Moments
ein ihre Erscheinung. Kann nicht zu Gott beten, betete aus dem Gotteslob
zu Maria, berührt mein Herz. Nach einem freien Lobpreis Marias betete
ich zur benedeiten Frucht ihres Leibes, zum wahren Christkind, dem Kinde
Gottes. Amen, das weiß ich, daß Christus Jesus er-schienen ist am
10.10.94, als das Täubchen in seinem Blute schwamm. Kein Gemälde trifft
ihn, eine Mischung aus Dürers Selbstbildnis und Leonardos Abendmahl.
Ich hätte so gern ein wundertätiges Bild. Ich werde rein katholisch.
Im Augenblick bin ich ganz voll von der Verschwundenen. Sie ist in
meiner Phantasie eine römische Heilige wie Sankt Agnes oder Dorothea
oder Katharina. Ich bin pfingstlicher Katholik. Ich habe solche Sehnsucht
nach dem Trost Marias, der Mutter der Barmherzig-keit, der Königin der
heiligen Jungfrauen, der schönen Fürstin des Himmels, der Trösterin und
Fürbitterin: Maria, hilf!

21.8.

Ich werde wohl als Verherrlicher verschiedener Frauen in die


Literaturgeschichte eingehen oder untergehen.
Ich denke viel an Gott und den Himmel, aber der Mund meines
Herzens ist meist ver-schlossen, nur mit Überwindung entringen sich mir
Worte an Gott, oder nur Stoßseufzer. Das Thema meines Herzens ist zur
Zeit In. in der Seligkeit (oder in großer irdischer Not) und der Gedanke an
die heilige Jungfrau und Mutter Maria. Danke, Gott, für Dantes Buch.
Dante zählt Epikur zu den Ketzern. Hedonismus, ästhetischer
Immoralismus, Emanzipa-tion des Fleisches ist Ketzerei. Ich lese lieber
Bücher, die himmlisch gesinnt sind. Novalis, Dante, Klopstock sind
himmlisch gesinnt.

22.8.
Gebet zu Gott. Und Maria führe sie ihrem Sohne Jesus zu. Maria ist die
Schwester der En-gel. Möchte noch einmal Maria-Hymnen schreiben:
oliva speciosa, o Balsamstrauch, o elfenbeinerner Turm! Aber ich muß
schauen, wie der allmächtige und allwissende Gott meine Frömmigkeit
entwickelt. Maria ist Ecclesia, Braut Christi, Sulamith.
O Maria, schöne Fürstin des Himmels, Braut des Morgensternes! Du
bist die Gnadenrei-che, die Schmerzensmutter, die Jungfrau sonder Makel.
Schön wirst du gepriesen als Bal-samstaude, als Vlies, auf das der Tau des
Geistes sank. Bitte du für mich und trete ein für mich bei Jesus, dem
dornengekrönten König. Führe mich zu ihm und entflamme mein Herz mit
der Liebe, die du zu Gott hast, meine Mutter.

23.8.

Ich versuche unter Menschen zu kommen, aber bin froh wieder allein
zuhause zu sein und einsam trauern zu können um In., die nun ein Engel
ist. Die Kerze brennt vorm Marienbild mit Ähnlichkeit zu der
Verschwundenen und der Ikone. Gotteslob, Musik, Wohlsein in elegischer
Einsamkeit. Ich suche Trost bei Menschen, aber sie trösten nicht, sie
zerstreuen höchstens.

28.8.

Einer fragte, wie es mir ginge. Er zitierte Paulus, der die Christen
ermahnte, die Elenden zu ermutigen, daß sie nicht von „übermäßiger
Traurigkeit verschlungen“ würden. Es ist wie Israel in der Wüste.
Beschränkung auf Manna, keine Fleischtöpfe und Knoblauch und Bier
Ägyptens mehr. Wachteln begehrten sie, das erzürnte Gott. Zu trinken gab
es nur Wasser aus dem Felsen, keinen Wein der Freude. Und dennoch
kamen sie nach Elim, wo Palmen und Quellen rauschten, ein flüchtiger
Vorgeschmack auf das Gelobte Land. Im Gelobten Land wuchsen riesige
Trauben (Wein der Fülle). Die Psalmisten und Hiob berichten von der
Erfahrung eines Christenlebens, das die Dürre kennt, wo Gott sich nicht
lebendig zeigt. Wir sollen treu sein. Die Psalmisten trösten auch über das
trügerische, vergängliche Glück der Gottlosen. Das Evangelium verheißt
nicht Erdenglück, sondern Seligkeit des Himmels.

1.9.
Dichtete im Traum antike Oden.
Lieh Catull aus und kopierte Ovids Liebesgedichte. Lesbia und
Corinna erinnern mich an Eine. Überlege, erotische Elegien zu schreiben.
Las Hiob und klagte Gott mein Elend. Ich lebe ein Hiobs-Leben. Trost gab
mir der spekulative Gedanke an Freitod. Wäre es nur einfach, schmerzlos
und nicht sündig! Ich wäre am allerliebsten tot!

2.9.

Es wäre grausam von Gott, wenn er mich mit diesem Gemüt alt werden
lassen würde. Der Tag des Todes ist besser als der Tag der Geburt, sagt der
Prediger. Verflucht die Stunde, in der man sagte, ein Knabe kam zur Welt,
sagt Hiob. Jerusalem, du hochgebaute Stadt, wollt Gott, ich wär in dir, sagt
der Kirchendichter. Ich würde gern morgen, nachdem ich die Ge-liebte
sah, am Herzinfarkt sterben. Zur Not müßt ich in totaler Verblödung und
Abge-stumpftheit des Gemüts die restlichen Jahre leben. Selbstmord ist
grausam und verboten. Gott scheint mir grausam, daß er mich so leiden
läßt. Warum heißt der Heilige Geist Trös-ter, wenn er nicht tröstet? Warum
im Herzen solche Sehnsucht nach Liebe, wenn mich kei-ne Frau liebt?
Warum solche wahnsinnige Sehnsucht nach dem Paradies, seit sieben Jah-
ren, wenn ich in diesem Jammertal vielleicht noch fünfzig Jahre vegetieren
muß? Das ver-hüte Gott! Ich bete um einen frühen Tod. Wer kann mich
retten? Ich will weinen! Die Ge-liebte wird mich nicht retten, sie wird
mich nicht einmal mütterlich oder fraulich trösten.
Warum hab ich nur meinen Selbstmordversuch überlebt? Majakowskis
Kugel traf, Zwe-tajewas Strick erwürgte sie, Byron ward erschossen, der
selige Novalis starb früh, Jochen Klepper starb am Gas, und ich muß
leben, dieses gottverdammte Erdenleben leben! Ich hab das feste Gefühl,
daß Gott Selbstmord verbietet. Aber ist nicht Jochen Klepper im Him-mel?
Es rettet einen doch nicht die Tugend, sondern der Schrei zu Gott! Aber
schrei ich zu Gott? Gott ist so fern! Er kümmert sich nicht um mich,
teilnahmslos läßt er mich leiden, ein kalter gleichgültiger Alter auf dem
Thron, und ein verherrlichter Herr, der nicht mehr nahe ist, und ein Geist,
der nicht mehr tröstet. Sinnlos scheint mir das Gebet, scheint mir nur
Selbstgespräch. Ich vertraue Gott nicht mehr. Gott ist Gott! Ich verstehe
ihn nicht. Die Gottlosen läßt er glücklich sein, mich aber hat er mit meiner
Bekehrung zum Allerelends-ten gemacht. Seit dem Sankt-Agnes-Tag 93
bin ich dem Tode nah und kenne kein Vergnü-gen an der Welt mehr. Wenn
es nur so schön einfach wäre, sich das Leben zu nehmen, wenn wir nicht
so an diesem elendigen Dasein doch hängen würden, wenn die Angst vor
dem Schmerz und die Angst vor dem Sterben nicht so groß wäre und die
Angst vor Gottes Gericht! Ich fürchte den Zorn und das Gericht Gottes!
Ich fürchte die Hölle! Wer kann ga-rantieren, daß bekehrte Selbstmörder
nicht in die Hölle kommen, wo steht das geschrieben? Wer kann mich in
die Freude retten, wenn Gott mich nicht rettet? Wie soll ich dies Kreuz
tragen? Es scheint mir zu schwer. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich,
Christus, erbar-me dich!

3.9.

Las Catull in hölzerner Nachdichtung, sein Schimpfen gefällt mir nicht.


Die antiken Verse sind in Deutschland entwickelt worden von Ewald von
Kleist, Klopstock, Goethe, Schiller, Voß (Homer), Novalis, Hölderlin,
Schröder.
Otfried führte den Endreim in die deutsche Dichtung ein, den er von
lateinischen Hym-nen hatte. Er vertrieb damit den germanisch-heidnischen
Stabreim. Opitz kanonisierte den Jambus, das war Reformationszeit. Der
gereimte Jambus ist christlicher Vers. Aber auch Klopstock, Novalis,
Schröder eroberten antike Maße für die christliche Kunst. Der Marien-kult
im 10. Jhd. legte die Grundlage für die Minnekultur.
Ach ich bin ein tragischer Mensch! Zerrissen zwischen Heiligkeit und
Sünde, niederer und hoher Minne, Weltverachtung und Genußverlangen,
Eros- und Todestrieb, mit dieser Tragik geh ich unter, Gott gebe bald!
Spiegelt sich in mir Jesu Herrlichkeit? Jesu Kreuz spiegelt sich in mir.
Eli, Eli, lama asa-bthani? Der bittere Kelch, das ist das leidige Leben, ich
will ihn nicht zur Neige leeren, aber Gottes Wille soll geschehen. Präge
mir das Kreuz ein, Herr, laß mich mein Kreuz an-nehmen, hilf mir mein
Kreuz tragen, sende mir einen Menschen (einen Simon von Kyrene), der
mir hilft, mein Kreuz zu tragen. Gib einen Menschen, der zutiefst
mitempfindet und Kraft abzugeben hat an mich und echten, tiefen Trost. O,
laß mich frühen Todes sterben, daß ich bei Jesus bin!

4.9.

David entwickelte die primitive Kunst der Israeliten bedeutend weiter,


zumindest die Mu-sik, er ließ ausgebildete phönizische (!) Musiker
kommen. Ist das wahr? Erst beim Salo-monischem Tempel werden wahre
Musiker-Heere genannt. David war Musiker, durch ihn entstand der
Tempelgesang und das persönliche Lied der frommen Seele. Aber war er
glücklich? Wohl nicht. Vielleicht bei den Schafen. Aber von seiner
Berufung (Salbung) an, ward er gehetzt, gehasst und verfolgt und dichtete
Angst- und Klagepsalmen. Als er König war, steckte er in Krieg und
Bürgerkrieg, kein Grund zum Glücklichsein. Nach seiner sün-digen
Wollust mit Bathseba war Haß und Brudermord in seiner Familie.
Jonathan („deine Liebe ist besser als Frauenliebe“) ward bald von ihm
getrennt durch Sauls Haß, dann starb er im Krieg. Michal, die David liebte,
ward von ihm getrennt, einem andern Mann gege-ben, später verachtete sie
ihn. Er hatte zwar einen Harem von Frauen, aber keine innig-vertraute
Ehegemeinschaft. Joab, sein Kampfgefährte, tötete Absalom, darum gebot
David Salomon, Joab zu töten. Nathan war kein gütiger Beichtvater,
sondern ein strenger Buß-mahner. David war einsam. Wohl darum war er
ein so großer Poet.

5.9.

Über biblische Poetik. Die Bibel ist Gotteswort und Menschenwort, wie
diese beiden Quel-len sich zueinander verhalten, ist ein heiliges
Geheimnis. Jedes Wort ist gottgehaucht (wie ich wohl glaube), aber ganz
in den eigenen Worten des Chronisten, Dichters oder Prophe-ten
ausgedrückt. Gott verwandte die Sprache der Menschen. Er verwandte
auch die menschlichen, kulturell gewachsenen literarischen Formen. Die
orientalischen Volker kannten Hymnus, Klage, Spottlied, Liebeslied etc.
Gott verwandte das. Inwiefern ist da-durch in der Bibel eine neue Qualität
dieser Formen entstanden? Vielleicht ist die Schön-heit verwandt mit der
der heidnischen Poesie, aber in der Bibel sind Schönheit und Wahr-heit
optimal vereint. Vielleicht ist der altägyptische Hymnus schön, aber er hat
keine göttli-che Wahrheit. Welche Entwicklung nahm die menschliche
Seite der hebräischen Poesie? Hat David eine kulturelle Blüte
hervorgebracht? und Salomo diese noch verfeinert? Als ältestes Bibelbuch
wird Genesis, dann Hiob angesehen. Genesis gibt den wahren Mythos in
einem großen Gedicht von Schöpfung und Paradies. Hiob ist in Versen
verfasst. Welche Gestalt haben die hebräischen Hiobsverse? Eine deutsche
Nachdichtung gibt es in Blank-versen. Hiob ist dramatisch, dialogisch,
elegisch, Weisheitsliteratur, voller poetischer Bil-der. Goethe greift in
Faust I auf Hiob zurück. Die liberalen Theologen datieren Deborahs
Triumphgesang (Schlachtlied) in älteste Zeiten, welchen Versrhytmus hat
dieses Lied? In der deutschen Literaturgeschichte las ich, daß das
poetische Mittel des Parallelismus häufig in sakraler Poesie verwandt wird.
Stammt es ursprünglich aus der Bibel oder kannten die Babylonier und
Ägypter es ebenfalls (und Chinesen im Shi-Jing)? Alle Uroffenbarung der
Völker ist in Poesie, in Versen überliefert. Das deutet darauf hin, daß das
Dichterische zum Wesen des Menschen als Ebenbild und damit auch zum
Wesen Gottes gehört. Gott hat auch das Wesen eines Erzpoeten. Die
formalen Aspekte der Dichtkunst, Rhytmus, Melo-die, Wohllaut,
Regelmäßigkeit, kann man in der natürlichen Schöpfung ebenfalls finden.
Der innere Aspekt der Dichtkunst, der verdichtete Ausdruck, gehört
wesentlich zum Reden Gottes. Gott ist kein Schwätzer, sondern ein
wesentlich und gedichtet redender Gott der Wahrheit. Platon redete vom
obersten Prinzip als von dem Wahren, Guten und Schönen. Gott ist wahr
und gut. Jesaja sagt, Gott ist ein Gott der Schönheit, oder, noch
wesentlicher, der Herrlichkeit. Gott dichtete mit seinem Reden (und das
Wort geschah) die gesamte Schöpfung: einen Jaspis, einen Schwan, ein
Röslein, Sie: das sind die Gedichte des Logos Gottes!

6.9.

Bei Einem zum Tee, er zeigte mir Bilder vom Apollon-Tempel,


Zeustempel, Delphi und dem meerumschlungenen Delos der Leto, Mutter
Apollons und der Artemis. Er fand die vielen Götzentempel traurig-
abscheulich („wie Paulus“), aber ich fand herrliche antike Kultur.
Ja, das Leben ist ein Jammertal, trage dein Kreuz, harre auf die
lebendige Hoffnung. Kein Mensch ist in dieser schweren Stunde für mich
da. Petrus und die Zebedäussöhne schlafen, aber ich kann nicht mal zum
Vater beten, und er wird den bitteren Kelch nicht an mir vorbeigehen
lassen. Ich muß den bitteren Kelch, voll schwarzer Galle, in diesem
herbstlichen Garten Gethsemane leeren bis auf die Hefe. Ich hasse mein
Leben. Gott hilft mir nicht. Niemand ist für mich da. Ich bin unendlich
einsam und elend, elend, elend. Da hilft auch kein gegorener Traubenmost!
Einmal hat Sie gesagt, es muß schön sein, zu glauben wie ich. Herr
Jesus, ist es denn schön, so zu glauben wie ich glaube? Was glaube ich
denn noch? Glaub ich, daß du mich hörst? Ich will es glauben, ich muß
einfach darauf vertrauen, auch wenn ich es nicht fühle. Aber Herr, wo ist
denn deine Gnade und Güte? Ich weiß, ich muß mein Kreuz tragen, wenn
ich dir nachfolgen will. Und ich will dir, um jeden Preis! nachfolgen ins
ewige Leben! Das ist meine unendliche Sehnsucht. O Jesus, mir scheint
mein Kreuz zu schwer zu sein. Deine Bibel sagt, Gott gibt nicht mehr zu
tragen auf als einer tragen kann, und Gott hilft auch tragen. Das muß dann
ja stimmen! Ich glaube an das Wort. Aber Herr, das ganze Jahr ist ein
schweres Jahr, ein Jahr großer Leiden. Immer hat es mir geholfen, dir mein
Herz auszu-schütten und in der Heiligen Schrift zu lesen, besonders in den
Psalmen, Prediger und Hi-ob, in den Worten vom Elend. Aber nun wird es
noch einmal schwieriger, Jesus, weil mir das Beten mit dem Mund des
Herzens so schwer fällt. Herr, ich bin hungrig nach Liebe, nach seelischer
und leiblicher. Mir fällt die Einsamkeit so schwer, mein Verlangen treibt
mich um. Ich will von Menschen verstanden werden und sehne mich nach
Mitgefühl. Ich spüre einen Mangel auf so vielen Gebieten. Soviel Mangel,
Gott, den du nicht ausfüllst. Ist das denn der einzige Trost, daß ich eines
Tages im Paradies sein werde? Wie soll ich bis dahin mein bitteres Herz
ertragen? Laß mich bitte wieder fühlen, daß du mich liebst! Ich fühle mich
wie Hiob, wie der Prediger, wie der 22. Psalmist, wie Jesus in
Gethsemane, wie der Gottverlassene am Kreuz, als man ihm Essig und
Galle gab! Elend über Elend! Weh mir! Wo ist der Trost des Heiligen
Geistes, Vater? Ich brauche dich! Gib mir Kraft und Freude, daß ich die
Weltzeit meines Daseins überstehe. Ich flehe dich an um Gnade, großer
Gott, in Jesu Christi Namen. Amen.
Ich glaube nicht, daß Gott mir hilft. Er scheint mir ein ferner,
gleichgültiger, kalter, grau-samer Götze. Er sieht mein Kreuz und denkt:
Da kann noch eine Last drauf, noch bricht Torsten nicht zusammen. Jesu
Schrei am Kreuz ist mein Verzweiflungsschrei, Gott hat sich in seine
Finsternis jenseits zurückgezogen, der dunkle abgewandte Gott, nicht mehr
ver-stehbar, nicht mehr liebenswert.

7.9.

Gestern vorm Einschlafen las ich die Kreuzigung in Lukas. Wie nüchtern,
ruhig, undrama-tisch wird das größte Leiden der Welt dargestellt! Wie
anders hätte es ein Tragiker (etwa des Sturm und Drang) dargestellt.
Warum ist das Neue Testament so wenig poetisch? Wie wird das Leiden
dramatisch und exaltiert im Hiob geschildert!

8.9.

Godwi: „Ich habe zuviel gelitten und hänge noch viel zu innig an meinen
Tränen, den ein-zigen, die mir treu blieben.“
Mir tun gut die Schilderungen und Lieder des todessehnsüchtigen
Einsiedlers in Godwi, sanft und traurig und von stiller schöner Hoffnung
auf besseres Leben jenseits des Grabes. Welchen Wohlklang hat das Wort
„Grab“ für mich! Wichtig in depressiver Verzweiflung ist liebevolle
Menschennähe. Die frommen Ratschläge der Freunde Hiobs sind
überflüssig. Liebe, Sympathie, Freundschaft, Anteilnahme sind die beste
Medizin. Traurige, meidet die Einsamkeit.
Ach ich bekomme nirgends die Liebe, nach der ich mich sehne.
Niemand hilft mir, auch Gott nicht, ich in meiner Elendsschwäche muß
mir selber helfen. „Arzt, hilf dir selber!“
„I’m nothing but a stranger in this world. I’ve got a home on high, so
far away...“

11.9.

Georg Heym liebte die Unglücklichen. Ich dachte gestern an die


Schwermut und das Elend der deutschen Dichter: Lenz, Hölderlin, Kleist,
Brentano, Novalis, Rilke, Heym, Trakl, Lasker-Schüler, Schneider,
Bachmann, Celan; mit ihnen fühl ich mich im Bunde. Auch Goethe im
Werther, Tasso und in der Iphiengie kannte das Dunkel, aber er neigte zum
Ge-sunden, Licht, Geordneten. Edmund Spenser lieb ich wegen seiner
vielen dunklen Klagen (nicht umsonst soll er den Prediger Salomo
nachgedichtet haben). Petrarca war oft einsam und traurig. Der frühe
Neruda war verzweifelt schwermütig (Aufenthalt auf Erden). Goethe
sagte, daß, wie der Regenbogen auf feuchter Wolkenwand, das Gedicht
sich auf Melancho-lie gründe. Hiob: Wo Wasser ist, wächst Papyrus.
Wie hängt Schwermut psychologisch und philosophisch mit der Kunst
zusammen? Selbst Michelangelo, der so tüchtige Gestalten schuf, soll
schwermütig gewesen sein. Im Mittelalter soll es eine allgemeine Neigung
zur Krankheit der Schwermut gegeben haben. Wie steht Schwermut zur
„Frucht des Geistes“, der Freude? Freude in allem Leide? Freude am
Kreuz Christi und dem ewigen Leben! Die Bibel kennt die Schwermut: die
Klagepsal-men, Hiob, Prediger, Lamentationen Jeremias, Christus in
Gethsemane und Paulus: Weh mir elendigen Menschen! Wer wird mich
von diesem Leibe erlösen? Ich hätte nicht übel Lust, abzuscheiden und
beim Herrn zu sein! Kann man ein Lob der Schwermut schreiben? Kann
man etwas loben, was es im Himmel nicht geben wird? Wird es im
Himmel unter-schiedliche Temperamente geben? Wird es Melancholie
geben als gewisse Neigung gewis-ser Erlöster, mehr als andere Heilige
innerlich zu sein, kontemplativ und musisch? Werden alle Menschen im
Himmel vollendete Menschen sein? Gewiß. Aber heißt vollendet sein, daß
alle gleich sind? Mitnichten. Wir werden erlöste, eigene Persönlichkeiten
sein. Es müßte also eine erlöste Melancholie geben. Werden einige Erlöste
mehr Gott tätig dienen und andere ihn mehr beschaulich ergründen?
Werden einige ihn künstlerisch loben? Wird es Kunst im Himmel geben?
oder werden Alle Künstler sein? Was ist Kunst? Kunst ist das
Verherrlichen des Schöpfers und seiner Schöpfung in Schönheit, mit den
Mitteln des Schönen. Was ist Schönheit? Im Himmel wird alles schön sein,
herrlich, von außerordent-licher Schönheit. Schönheit und Wahrheit
werden eins sein. Werden alle im Himmel die gleichen Wesenszüge Jesu
loben? Gibt es objektiv Schönes? „Die Schönheit liegt im Auge des
Betrachters“. Gottes Schönheit und Herrlichkeit, ist sie uns schon
offenbar? Die Rela-tivität der Frauenschönheit, sie hängt wesentlich mit
Liebe zusammen. Was ich liebe, finde ich schön. Liebe ist schön.
Plutarch: „Der Melancholiker hält sich für einen Menschen, den die
Götter hassen und mit ihrem Zorn verfolgen. Ein noch schlimmeres
Schicksal erwartet ihn; er wagt nicht, es abzuwenden oder sich die üble
Lage zu erleichtern. Arzt und tröstenden Freund weist er ab. Laßt mich
meine Sorgen tragen! sagt der Unglückliche: mich, den gottlosen,
verfluchten und den Göttern verhaßten Mann. In Säcke oder schmutzige
Lumpen gehüllt, sitzt er im Freien. Von Zeit zu Zeit wälzt er sich nackt im
Schmutz und bekennt dabei seine Sünde. Die Feiern zu Ehren der Götter
erfreuen sein Herz nicht, sondern erfüllen es mit Schre-cken.“ - Hiob: „So
wurden mir beschieden Monde der Pein, Nächte der Mühsal hat man mir
zugezählt. Gedenke, daß mein Leben nur ein Hauch ist! Nie wieder
erschaut mein Au-ge das Glück!“ - Bunyan spricht in seiner Pilgerreise
vom Sumpf der Verzweiflung. Wenn Leben heißt, den Zustand der
Traurigkeit mehr oder weniger intensiv zu erleben und Schwermut das
Gegenteil von glücklicher Stimmung ist... Exzessive Ausschweifung ist ein
Versuch, gegen die Depression anzukämpfen. Erotisierung ist depressives
Liebesverlangen. Anhänglichkeit ist Depression. Großzügigkeit ist der
Wunsch, Liebe zu erkaufen, eigent-lich depressive Anhänglichkeit. Aus
der Depression geht Aggression hervor, gegen den mich Ablehnenden oder
häufig auch gegen mich selbst. Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit,
Verzweiflung. Keine Freude am Essen. Nachlässige Kleidung. Übermäßige
Beschäftigung mit sich selbst. Trauriger Gesichtsausdruck. Ich habe an der
Fröhlichkeit anderer keine Freude, ärgere mich sogar darüber. Tränen.
Zynismus, Herzenshärte, Aggressionen. „Ich verfluche mein Fleisch und
mein Leben!“ Meinung, die Menschen haben an mir kein Inte-resse.
Furcht, aufdringlich zu sein und unerwünscht. Angst, verlassen zu werden.
Ausweg-losigkeit. Die Vergangenheit besteht nur aus Leiden, die Zukunft
verheißt keine Lösung. Herbst und Winter. Dunkle Farben machen
schwermütig. Weihnachtstage wecken Kind-heitstraumata. Negative
politische Nachrichten betrüben. Nachtwachen machen empfäng-lich für
Schwermut. Stimmungsschwankungen ohne ersichtlichen Grund.
„Überstehn ist alles!“ (Rilke) Künstlerische, intellektuelle Leistungen in
depressiven Phasen hoch. Gegen die Schwermut andenken: Ich hebe meine
Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?! Der Blick nach unten
ist zerstörerisch. Mit fünf Jahren der Großteil des Charakters angelegt.
Stimmungsschwankungen der Pubertät. Schuldgefühle beim ersten
Orgasmus, Scham nach der Masturbation. Im Alter von 40 bis 50 Jahren
häufiger Depressionen. Ent-täuschungen oft unbedeutende Auslöser,
Enttäuschungen durch Lieblosigkeiten der Men-schen. Ablehnung durch
den liebsten Menschen führt zu besonderer Verzweiflung. Leid kann nur
durch die Liebe eines Andern geheilt werden, aber Elende ziehen sich
zurück. Andere sind ganz mit sich selbst beschäftigt und merken oft gar
nicht, daß der Leidende liebevolle Zuwendung braucht. Das Gefühl in
einer Falle zu sitzen und sich nicht befreien zu können. Depression als
Reaktion auf Ablehnung, Liebesmangel. Die Auslöser sind nur die
Oberfläche, der Kern sitzt tiefer. Die alten Völker verabreichten Opiate
und Halluzino-gene. Beziehungs- und Denkstrukturen werden dadurch
nicht verändert. Mariehuana kann Schizophrenie auslösen. Nach der ersten
Euphorie eine um so tiefere Depression. Psycho-therapie soll die
Zuwendung geben. Amoralisches Leben wirkt oft euphorisierend, weckt
danach Schuldgefühle. Der innere Raum des Menschenherzens, der Gott
bestimmt ist. „Ein Christ hat Vergebung, Friede, Kraft, Freude, ein
Lebensziel, Zuversicht.“
Tapfer dulden und auf Gott harren, daß Christus in mir Gestalt
gewinne, ist der Umgang mit Schwermut. Es steht geschrieben, daß Gott
alle Haare auf meinem Haupt gezählt hat und ich ihm mehr wert bin als
viele Sperlinge. Was mir fehlt, ist Glaube! Es steht geschrie-ben, daß Gott
mich nicht über meine Kraft versuchen wird. Auch diesen Herbst nicht! Es
scheint nur so. Die Prüfung ist am Vater vorübergegangen, sie wird mich
nicht zerbrechen. Johannes: „Achtet es für lauter Freude, meine Brüder,
wenn ihr in mancherlei Versuchun-gen geratet, und erkennt, daß die
Erprobung eures Glaubens Geduld wirkt.“ Gott will mich zu einem
tieferen Gleichgestaltetsein mit dem Gekreuzigten kommen lassen. Im
Alten Tes-tament war der Dichter des 22. Psalmes Christus am
ähnlichsten, Isaak auf Moria ebenfalls, Hiob auch sehr. Wie der Stahl
gehärtet wurde? Im Feuer! Preis sei Gott, daß er mich Hiob, David, dem
Prediger gleichgestalten will, den großen Schatten des gekreuzigten
Christus! Aber Paulus spricht auch von der Gleichgestaltung mit dem
Auferstandenen? Christus sag-te zu den weinenden Frauen: „Weint nicht
um mich.“ Je tiefer das Leid, desto größer die Gnade. Gott wird mit der
Versuchung auch den Ausgang schaffen.
Mose: „Ich vermag dies ganze Volk nicht allein zu tragen, es ist mir zu
schwer! Willst du so an mir handeln, so töte mich lieber, wenn ich anders
Gnade vor deinen Augen gefun-den habe, damit ich mein Elend nicht mehr
ansehen muß!“
Meine Seele fühlt sich immer noch einsam und ungeliebt. Wenn ich
doch, Gott, mich in deiner Liebe baden könnte! Ließe ich mir an deiner
Gnade in meiner Schwachheit genügen. Soviele Segnungen konnte ich mir
in Erinnerung rufen, und Christi Blut für mich, und Got-tes Geist in
meinem Herzen! und dennoch fühl ich mich als Wurm! Preis deiner Liebe,
Gott, mit der du mich Wurm geliebet hast!

12.9.

Das Auferstehungsleben Jesu bestand im Brotbrechen, im Fisch- und


Honigwaben-Essen, im Zeigen seiner Wunden, im Auslegen der Heiligen
Schriften und im Segnen.
Die heiligen Dichter haben eine Sehnsucht nach dem Paradies und ein
Leiden an der Gefallenheit. Sie neigen als depressive Menschen zu
Suchtverhalten, sei es im stofflichen oder im emotionellen Bereich. Sie
neigen auch zu Idealisierung. Sie isealisieren die Gelieb-te. Idealisierung
ist Verherrlichung, ein göttliches Grundprinzip der heiligen Poesie. - Die
Literatur, die keine schönen Gegenwelten entwickelt, träumt auch nicht
sehnsüchtig vom Himmel. Ich mag das Utopische in der Literatur. Es gibt
den Eskapismus ins Gemüt und den ins Jenseits. Wir christlichen Künstler
sollen nicht weltlich sein, den Geist der Zeit nicht liebhaben. Das
Wesentliche der Romantik ist Innerlichkeit und Sehnsucht nach dem
Unendlichen. Auch ein christlicher Künstler soll Himmelsbürger sein.

13.9.
Jeremia: „Nie saß ich fröhlich im Kreis der Scherzenden; von Deiner Hand
gebeugt, saß ich einsam; denn mit Grimm hast du mich erfüllt. Warum
ward mein Schmerz denn ewig, ward meine Wunde unheilbar und will
nicht gesunden? Wie ein Trugbach wardst du mir, wie ein Wasser, auf daß
kein Verlaß ist.“ (Jer. 15; 17,18)
Schneider war den Protestanten zu katholisch, den Katholiken nicht
katholisch genug, den Andern zu christlich. Am Ende seines Lebens fügte
er sich nicht mehr in tradierte Glaubens-Denkmuster. Sein Begriff des
Tragischen hieß, der Mensch sei bestimmt, sich im Leiden zu bewähren, er
solle sein Schicksal annehmen, um frei zu werden. Die Tragik des Christen
ist das Vertreten der Wahrheit, die auf Erden als etwas Zerbrochenes
erscheint, von der Welt abgelehnt wird. Schneider als „geborener
Selbstmörder“, Klepper als „Selbstmörder wider Willen“. Im Drama
personifizierte Laster, das Gefängnis der Leiden und die Rettung durch
Buße und Gnade. Die „Wiederkehr des Immergleichen“ in der Ge-schichte
macht historische und doch auch aktuelle Werke möglich. Er war
Monarchist. Er wollte aber das Gottesreich anstelle des Weltreiches. Der
alte Schneider, wie Johannes vom Kreuz, glaubte, als er glaubte, nicht
mehr zu glauben: „Gefordert wird von uns über die Kraft, der felsenfeste
Glaube, daß durch die Untergänge hindurch der Weg des Heiles führt, der
Heimweg.“ Glauben über den Glauben hinaus. Die Christenheit versagte
in Liebe und Gerechtigkeit. Daß die Wahrheit eines Lebens hervorleuchten
kann, muß das Leben viel-leicht gar zerbrochen werden. Daß Christus in
mir Gestalt gewinne, muß ich gekreuzigt werden. Schneider war einsamer
Christ, Einzelgänger. Er schrieb kurz vor seinem Tode, um der Wahrheit
willen sei es besser, mit einer brennenden Frage im Herzen zu sterben, als
mit einem nicht mehr ganz ehrlichen Glauben. Anteil an Christi
Verlassenheit. Leid ist Anteil am Kreuz Christi, kann aber auch
Versuchung zum Unglauben sein. Er war Asket, nicht Zelot. Er hatte
Toleranz ohne Indifferenz. Fatalität der Geburt: Schwermut, Existenz-
angst, Hang zur Einsamkeit. Schopenhauer, Leben ist Leiden. Nietzsches
Rausch. Musik der Deutschen als Todesrausch. Entscheidende Begegnung
mit Kierkegaard, dieser: „O Tod, ich glaube, man tut dir Unrecht. Welche
Bedeutung kannst du nicht dem Leben ge-ben!“ Schwermut wird Passion.
Kierkegaard: „Die Situation der Gleichzeitigkeit mit Chris-tus, das allein
ist Existenz.“ Schneider: „Es ist das Paradox der Botschaft, daß wir in
einem gewissen Sinne krank sein müssen, weil Er sonst nicht zu uns
kommt.“ In der absurden Leere des Atomzeitalters erlitt er seine letzte
Anfechtung, Hoffnungslosigkeit und Klein-glaube. Er erbat ewigen Schlaf
unterm Kreuz, ohne Hoffnung der Auferstehung, verharrte dennoch im
Gebet. „In aller Religion ist die Sehnsucht nach dem Leidenden Gott, dem
Bruder in Schmerzensgefangenschaft, ein Trost. Der Mitleidende ist uns
deshalb auf Erden hilfreicher als der Auferstandene. Krankheit ist eine
Gabe, eine Gnade, Anteil am stellver-tretenden Leiden Christi.“ Es ist
falsch, die Tragik ins Heidentum zu verweisen. Einmal trifft der Weg eines
jeden auf den Kreuzweg des Herrn. „Es gibt eine Stelle ohne Trost. Wir
müssen aushalten, wenn wir sie erreicht haben. Näher als hier können wir
dem Kreuz nicht sein.“ - „Der Schmerz über die göttliche Liebe, die nicht
hilft, ist der schrecklichste der Kreuzigung.“ Selbsthingabe in der Agonie,
im Bewußtsein des unbegreiflichen Gottes. Schneider über Camoes: „...ein
Leiden, aber auch ein Leiden-Wollen“, unergründlichen Schmerz erfährt er
frühzeitig von der Qual der Liebe, aber „gerade Qual wird in der Liebe
gesucht“. Camoes Geliebte als menschliche Bestie...
Das Thema der Todesahnung unter der Wolke der Schwermut: Kleist,
Schopenhauer, Wagner, Nietzsche, Thomas Mann, Hesse, Schneider.
Untergang im Leben, Vollendung im Werk. Konflikt der Vorstellung mit
dem Willen, der Form mit dem Leben, des Dichters mit der „menschlichen
Bestie und dem Meer“. Den Untergang durch Annahme überwin-den. Die
Vernichtung gebiert durch den Dichter das Werk, das idealisiertes Leben
ist. Das Leben wird im Dichter vernichtet, daraus entsteht die Formung
idealisierten Lebens; das ist Dialektik. Schneider konnte nur in Bildern
und Schicksalen denken, nicht in abstrakt-rationalen Theoremen. Natur,
Rausch, Trieb und Macht (Wille) auf der einen, Geist und Ohnmacht
(Vorstellung) auf der anderen Seite: idealistische Metaphysik.
Augustinisches Entweder-Oder: Gottesstaat oder irdische Macht unter der
Herrschaft des Teufels. Schnei-der stellt Elend, Tod, Verfall, Besessenheit,
Untergang Einzelner und ganzer Völker aus-führlich dar. Barocke
Gruftstimmung. Die Geschichte sei „sehr reich an Bildern, die mit den
Mitteln irdischer Wirklichkeit die jenseitige ausdrücken und den Gehalt
einer Epoche in ihrer Beziehung zur Ewigkeit ausdrücken.“ Dichter sind
geschichtliche Figuren, Vorbil-der, sie tragen das Stigma der
Selbstaufopferung für Werk und Auftrag auf der Stirn. „Dichter kommen
entweder zu früh oder zu spät; vorzubereiten, was kommen soll, oder in
die Dauer zu erheben, was vergänglich oder vielleicht schon vergangen
ist.“ Ich bin ein zu Spätgekommener. Die Romantiker waren ebensolche.
„In der Prägung und verpflichtenden Darstellung, nicht in der Erfindung
des noch nie Dagewesenen besteht die schöpferische Tat.“ Schneider
kritisierte an der deutschen Klassik und Romantik die Flucht vor der ge-
schichtlichen Stunde in den reinen Geist. Auch ich fliehe vor dem Geist
der Weltzeit in den Traum des Heiligen Geistes in meiner Seele.
Wollust, Wahn und Tod! gewaltige Urtriebe, vielleicht dämonisch,
beherrschen mein Denken. Licht, Liebe, Güte, Vernunft und Geist sind
nicht in Sicht. Gott ist fern, ich bin allein. Eine Szene an Hiob und Lilith
wühlte mich sehr auf, es ist ein mich sehr anstren-gender dionysischer
Tanz vom Untergang und der zerstörenden Wollust.
Salomo vereinigt die Schwermut (Prediger) und die Lust (Hoheslied).
Das wäre ein inte-ressanter Stoff, diese Mischung aus melancholischer
Weisheit und Genuß der Liebe eines Weibes. Wollust der Verzweiflung,
Todes-Lust!
Gedanken beim Wodka: Goethe kannte Leiden am Geist in Iphigenie
und Tasso, dann wandte er sich der Lust an Faustine zu. Ich hasse den
politisch-katholischen und den fun-damentalistisch-charismatischen
Triumphalismus. Christentum besteht im Leiden. Gegen die Absurdität
Gottes steht nur das Kreuz Christi. Ich finde Christus in der Vergangenheit
am Kreuz, in der Zukunft im Paradies, aber nicht (mehr) in der Gegenwart.
Die Moralität des Christentums und die Liebe Gottes gingen mir fort, aber
das Kreuz Christi steht mitten in meinem Leben. Ich bin ein nordischer,
deutscher, friesischer Typus, aber nicht mir zum Genuß, sondern es ist
mein Kreuz. Das Paradies ist im Südland, sinnlich und sonnig. Ein-samkeit
ist mir ekelhaft. Ich will mich an geistreichen Gesprächen berauschen.
Habe Sehn-sucht nach zügelloser Lust.
„Ich glaube langsam, die Menschen verlieben sich, um unglücklich zu
werden.“
„Er läßt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis.“
(Hiob)

14.9.

Die Frauen wissen von ihrer Schönheit, üben damit tyrannische Macht
über die Männer aus, sie sind menschliche Bestien, she-demons, Lilim.
„Mich ekelt mein Leben.“ Hiob. Eliphas von Teman sagt zu Hiob:
„Siehe, du hast viele unterwiesen und matte Hände gestärkt; deine Rede
hat die Strauchelnden aufgerichtet, und die bebenden Knie hast du
gekräftigt. Nun es aber an dich kommt, wirst du weich, und nun es dich
trifft, erschrickst du!“ Wer hilft mir, wenn ich ertrinke?
Wer in die Nachfolge Christi tritt, wird mehr als vorher leiden, aber er
erfährt auch die Gnade, die sein Leben in ein Opfer verwandelt. Das
Gottesbild zerbricht, aber Gnade be-deutet, daß es Schneider auch als
zerbrochenes weiter in Anspruch nimmt. In dem Tragi-schen sieht er das
Geheimnis des ganzen zeitlich-historischen Lebens. Er betont, daß man es
nicht genau definieren kann, sucht es aber trotzdem immer wieder zu
beschreiben und zu bestimmen. Er findet den Inhalt des Tragischen in der
Literatur, die den Namen Tragödie trägt. Das Tragische bedeutet für ihn,
daß die Lage des Menschen hoffnungslos ist, daß die Ewigkeit mit dem
Zeitlichen in Widerstreit steht, daß durch das Leben ein Bruch geht, daß
aber dennoch ein transzendentes Licht auf den Weg des Menschen beim
Sturz in die Tiefe fällt. Die Welt ist ein zerknicktes Rohr, das ist das
Zeugnis aller abendländischen Tragö-dien. Gegen den billigen
Optimismus, dem Nihilismus und dem Absurden nahe, dialek-tisch
denkend. Mystisch, prophetisch, utopisch. Im Tragischen handelt es sich
um Leiden, Unglück, Widerspruch. Man wird sich des Leidens bewußt und
sucht eine Antwort. Man findet auf das Leiden keine wahre Antwort. Das
Einzelschicksal wird transzendent für das Leiden der Menschheit. Das
Tragische ist ein allgemeinmenschliches Gesetz und unabhän-gig vom
Glauben. Schopenhauers und Buddhas „Leben ist Leiden“. Das Bild eines
Men-schen, dessen Schicksal es ist, sich im Leiden zu bewähren. Antike
Antworten: sich gegen sein Schicksal auflehnen oder es annehmen.
Widerspruch von Notwendigkeit und Freiheit. Notwendigkeit ist objektive
Wirklichkeit, Freiheit ist die subjektive Stellungnahme dazu. Trotz der
Annahme des Schicksals bleibt der Widerspruch zwischen Notwendigkeit
und Freiheit. Es gibt keine Auflösung. Eine letzte Antwort wird nicht
gefunden. (Auch in Hiob nicht.) Im Tragischen liegt eine Tendenz zum
Kreuz. Das „glückliche Ende“ hebt nicht unbedingt das Tragische auf
(Ödipus auf Kolonos.) Im Zentrum des christlichen Glaubens steht das
Kreuz. Das Schicksal des Christen verwirklicht sich im Dunklen. Die
Größe des Christen zeigt sich im Leiden. Das ist auch die Idee des
„russischen Christus“. Die Idee will sich in der Existenz verwirklichen und
geht in ihr unter, das Heilige wird auf Erden zerbrochen.
Ich bin wie ein Panther im Käfig gefangen. Niemand ist da für mich,
ich bin ganz allein, ohne Gott, dem Absurden und der Verzweiflung
ausgeliefert, ohne Trost der Religion.
Pascal: Es gibt nur ein Glück auf Erden, das ist die Hoffnung auf das
ewige Leben! Die Antike: Wen die Götter lieben, den lassen sie jung
sterben! Jeremia: Ach wär ich im Schoß meiner Mutter geblieben!
Nietzsche: „Ich liebe die, die nicht mehr zu leben wissen, es sei denn als
Untergehende...“
Wo ist Gott in dieser großen Trübsal? Ist er mit mir? wie? leidet er mit?
oder beobachtet er und wartet ab? Ach Christus an seinem Kreuz hatte
ebensoviele Fragen! Er sagte nicht: Gott, du hast mich verlassen, weil ich
zur Erlösung für viele zur Sünde und zum Fluch ge-macht werden mußte!
sondern schrie: Mein Gott, warum, warum hast du mich verlassen?
Christus existiert für mich nur noch am Kreuz, in seiner Gottverlassenheit.
Aber es gibt für mich keinen triumphierenden Christus auf dem Thron, der
mächtig mir beisteht. Meine Sehnsucht ist nicht nach einem Paradies, das
wir uns nur irdisch vorstellen können mit Li-lienwiesen, schöner Stadt,
gesungenem Lobpreis, Gespräch mit dem Menschensohn; son-dern meine
Sehnsucht ist das Nichtmehrsein, das Erlöschen aller Leiden, ewige Ruhe!
In einem Tagtraum sah ich ein leeres Kreuz, aus hartem Holz gezimmert:
Christi Kreuz oder meines? Gott hilft mir nicht tragen. Die Frömmigkeit
der glückseligen Christenheit gibt mir weder Trost noch Kraft. Ich muß das
Kreuz tragen, Elend bejahen, aber es ist mir zu schwer, das Kreuz der
Einsamkeit, ich strauchle und falle weinend zu Boden. Wie Maria am
Kreuzweg sagte: Sehet, ob jemand solche Schmerzen kennt, wie ich
erleiden muß! Ich kann nicht um Hilfe beten, weil ich nicht wirklich
glaube, daß Gott lebt, für mich ist, Gebet erhört. Er ist ein Gott an sich,
aber nicht für mich in dieser Stunde. Er war für mich am Kreuz in
Christus, damals starb er meinen ewigen Tod, daß ich vor der Hölle
bewahrt wer-de. Aber ist dies nicht die Hölle, diese Gottesferne? Wehe
mir, ich elendster aller Men-schen!
Eine wies auf die Biographie Joni Tadas hin, daß Gott gerade den
Leidenden helfen kön-ne, daß gerade die Leidenden Erkenntnisse
gewinnen könnten, die den Satten und Zufrie-denen versagt blieben. Wenn
ich wieder an die Gegenwart Gottes glauben könnte! Ich bete einzig das
Vaterunser oder „Vater, ich lege meinen Geist in deine Hände!“ Mehr
nicht.

15.9.

Will nur den müden romantischen Schlummer von Godwi auf meine noch
vom gestrigen Leid wunde, kranke Seele wie Mondenbalsam wirken
lassen.
„Aber was ist das für ein Leben: ganz allein in einem fremden Land!“
Ich bin kein großartiger Erfinder, ich schreibe Seelenbekenntnisse wie
die empfindamen Pietisten und Hesse, auch der Godwi ist weitgehend
autobiographisch. Brentano war in seinen jungen Jahren hin- und her-
gerissen zwischen Venus- und Marien-Dienst, hoher und niederer Minne.
Brentano entschied sich in späteren Jahren für einen streng-asketischen,
büßerischen Mariendienst.

16.9.

Träumte, daß mir jemand in eine Kirchengemeinde ein hebräisches Altes


Testament mit-brächte, plötzlich war es ein englischer Psalter mit weiteren
geistlichen Liedern. Als ich es aufschlug, sah ich einen Film über Jesus,
wie er mit 12 Jahren versuchte, einen Fisch zu fangen. Dann sah ich Maria
auf einem Maultier reitend, sie hatte einen langen Rock an, aber ein bloßes
Knie schaute hervor. Hinter mir in der Kirchenbank flüsterte eine
polnische Alte ein Ave Maria.
Die Rückkehr zur Arbeit als Ersatz für das Glück ist das Prinzip des
Genies, sagt Tho-mas Mann.
Daß ich unter Leonardos Abendmahl die Sixtinische Madonna und die
Venus von Urbi-no hängen habe, zeigt das Nebeneinander von Venus- und
Mariendienst. Es ist der tragi-sche Widerspruch von Reiz und Reinheit,
Askese und Lust, Geist und Fleisch, Genuß und Entsagung. Ein Prinzip
treibt mich immer zum andern.
„Wenn du in den Nächten einsam bist, dann ist da Einer, der dich
liebt...“ Aber was ist das für eine Liebe? Vor zweitausend Jahren schrieb
der Heilige Geist ein Buch, seitdem schweigt Gott. Auf Golgatha erwies er
seine Liebe, seitdem erweist er sie nicht mehr. Wo redet denn Gott? wo ist
er denn zärtlich? Sind nicht die Gebete Monologe? Er flüstert nicht in die
Seele. Soll er durch die Ratschläge der Brüder reden? Die tappen doch
genauso im Dunkeln und sind meistens nicht einfühlsamer als Hiobs
Freunde. Und ob sich „Türen auf-tun“, nun, die tun sich den Gottlosen
auch auf, oft viel weiter. Es ist wirklich ein Tal der Fisnternis, durch das
ich ermattet wandere, aber mein Vertrauen auf die Führung des guten
Hirten ist geschwunden. Soll ich beten, wenn ich nichts ans Gebet glaube?
Soll ich glau-ben, wenn ich nicht glaube? Wie kann man glauben ohne
Glauben? Ja, Christus litt die Gottverlassenheit am Kreuz. Er war einst auf
der Erde und hat geweint. Meine Wohnung wollte ich das Golgatha-Haus
nennen, hier werde ich in den kommenden Jahren meine Passion erleben.
Es gibt keine Hilfe, außer Gott wendet mir wieder sein Angesicht zu und
seine schreckliche Hand läßt von mir ab! Ich trinke das Wasser von Mara,
möge Gott mich bald in Elim erquicken! Vielleicht gibt es auf Erden kein
Elim, sondern erst in der Ruhe der Toten unter dem Kreuz von Golgatha?
Goethe schreibt über Petrarca, dessen Liebe war ein „ewiger
Karfreitag“, Goethe wollte aber einen ewigen Maitag, pfingstliche Freude.
Es ist eine Verzweiflung wie Elia sie nach der großen Gotteserfahrung
hatte. Man kann nichts tun, man muß auf Gott harren.

18.9

Der hohe Minnesang entstand als säkularisierter Mariendienst. Ich habe


eigentlich auch keine Marienreligion (ich hätte sie gerne), aber Maria als
Idee, als Ideal, als Vorbild einer Heiligen kommt in meiner Poesie vor.
Kein Trost der Religion. Es gibt ein von Gott gesichertes Fundament
des Glaubens, aber mein darauf gebautes Haus des Glaubens ist nur noch
eine Ruine. Weder Hiob tröstet noch ein marianisches Gebet, zu dem mir
der rechte Glaube fehlt. An dem Herzen einer warmen liebenden Frau
wollte ich Trost finden, aber Gott mutet mir Entbehrung zu. Die
moralische Rigorosität der Evangelikalen wie der Katholiken schreckt
mich nihilistisch-dionysischen, wilden Kreuzgläubigen ab. Es gibt keine
menschliche Hilfe, außer Gott erbarmt sich wie-der. Einzig eine endlose
Liebesumarmung der Geliebten könnte meinen Schmerz lindern.
Brentano: „... vom Himmel kömmt nur Begierde, und zwar die
unendliche Begierde, die auf Erden keine Hülfe, keinen Frieden findet.
Wer das Haupt im Himmel trägt, dem ver-welkt das Herz in der
drückenden, niederen Sphäre.“

20.9.

Für mich hat „Ehe“ einfach einen faden Klang.- Die Katholiken sind
ebensolche Puritaner wie die Evangelikalen. Die liberalen Evangelischen
sind freier gesonnen, aber dafür auch Synkretisten. Ich bin skeptisch
gegenüber allen christlichen Konfessionen. Ich bin ein chri-stologischer
Freigeist, ein Dionysos am Kreuz. Daß die Christen aber auch immer so
bür-gerlich sein müssen, solche Moralapostel und Anstandsdamen!
Novizin und Fundamenta-list werden mich nicht verstehen können.
„Puritaner“ ist mein Schimpfwort und „Philister“. Wie, wo, wann, mit
wem kann ich endlich das Fest der Wollust feiern?
Brentano: „Oh, es ist ein großer Unterschied zwischen dem Traum der
Liebe und der Liebe des Traumes!“
Ich weiß nicht, was ich nach Godwi noch lesen könnte. Will noch
einmal etwas wie den Godwi lesen: erotisch und christlich, ästhetisch-
immoralisch und tief, genialisch und katho-lisch. Ich bin begierig nach
Erotik, aber mit Religion.
Interessant der Doppelsinn der antiken Elegie: Klagelied und
buhlerisches Lied. Was sagt Platon über den Eros? Diotima nennt ihn einen
Dämon. Die Alten nannten ihn Ältes-ten der Götter, später ward er der
Knabe, der blinde Gott. Die Liebe und die Gerechtigkeit sind den Römern
beide blind, die beiden scheinbar widersprüchlichen Wesenszüge Gottes,
des Gottes, der mich sieht. Einer sagte, Eros lebt von schönen Gefühlen,
die schöne Ge-danken hervorbringen und diese schöne Taten; Agape lebe
von schönen Gedanken, die gute Taten zeugen, diese wiederum gute
Gefühle. Das Wort Eros kommt im Neuen Testa-ment nicht vor, aber Eros
ist der schrecklichste und gewaltigste der Götter! Die Leiden-schaft ist hart
wie die Hölle, unwiderstehlich wie das Totenreich! Eros ist ein
Daimonium, also der gute Geist, der Sokraktes inspirierte.

21.9.

Schneider: „Gott ruft, und der Mensch soll antworten. Aber er versteht im
besten Falle das an ihn ergangene Wort, nicht Gottes Plan. Er sollte
einsehen, daß an einen Andern ein an-deres Wort ergehen kann und es
achten.“ Auch Schneider sagt, in ihm tobe der Dreißigjäh-rige Krieg. Er
wäre zwar katholisch, könne aber die Evangelischen nicht widerlegen und
verstehe sie nur zu gut.“ - „Ich halte die Neigung zum Selbstmord für eine
angeborene Ver-suchung, ein nicht lösbares Problem... Wie ist es mit denen
bestellt, die Dissonanz sein sollen in der unhörbaren Symphonie?“ - „Die
innere Verwundung, die er ((der Selbstmord-versuch)) zurückläßt, vernarbt
nicht. Wer sich auf solche Weise einmal von Welt und Men-schen
geschieden hat, wird sich nie mehr in ungeteilter Gegenwart an ihren Tisch
setzen.“ - „Es kann sein, daß das Leben zerstört wird aus der Sehnsucht
nach einem Übermaß an Le-ben; aber ebensowohl aus wahrhaftiger
Sehnsucht nach Schlaf...“ - Über Camoes: „Das Tödliche der Leidenschaft,
die vernichtende Betörung, die Dämonie der Liebe, das Glück ihrer
Selbstzerstörung und denTriumph ihres Leidens, ihre absolute
Unstillbarkeit hat er mit solcher Macht des Klanges ausgesagt, daß nach
ihm kaum etwas zu sagen bleibt. Er hat sie bis ins Mythische gesteigert...
Die Geliebte ist zugleich Beatrice und wildes Tier und wieder Mutter:
menschliche Bestie.“ Camoes konnte sich nicht losreißen von den Göttern,
er suchte sie ins Christliche zu retten.
Tizians Bild „Himmlische und irdische Liebe“, eine sittsam bekleidete
Tugendfrau und eine reizend Nackte, welche Liebe ist irdisch und welche
himmlisch? Die Bekleidete soll himmlisch sein und die Nackte irdisch?
Tizian scheint es umgekehrt auszulegen: die Be-kleidete ist bodenständig,
die Nackte scheint stürmisch in den Himmel zu fliegen. Nackt-heit der
biblischen Eva im Paradies, Linnenkleider im Neuen Jerusalem? Scham
über die Nacktheit in der Sündenzeit.
„Wenn sie lachte, war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes
gedämpftes Girren“.
Bettine: Schönheit ist göttlicher Geist im Mutterschoß der Natur
gezeugt. Erkenntnis ist die Schönheit des Geistes, höher als leibliche
Schönheit.

22.9.

Idee, den südliche Katholizismus mit der griechischen Mythologie zu


vergleichen, sinnli-che Ausformung der Religion, kunstnaher Kultus,
menschliche Heilige, schöne Madonna; den nördlichen Protestantismus
mit der germanischen, in einsamen, abstrakten, geistigen Welten etwas
gestaltlos verschwindend. Ist es Schicksal und Bestimmung, Protestant zu
sein, hat Gott mich zu einem solchen gemacht? oder ist es meine
menschliche Entschei-dung gewesen? Ich würde gern an Maria und die
Heiligen, die Eucharistie und die Tauf-wiedergeburt glauben. Wenn ich zu
Maria bete, ist es Sünde, weil es nicht aus Glauben des Geistes, sondern
aus einem Wunsch der Seele geschähe.

23.9.

Ihrem beharrlichem Nein verdank ich die Theologie der Schwermut und
die neue Nähe zum Kreuz. Alle Dinge müssen dem, der glaubt, zum
Besten dienen. Ich finde soviel Frie-den in der Heiligen Messe, da ist mir
der Streit der Theologen gleichgültig. Ich will aber auch das Blut Christi
trinken. Ich betete zur heiligen Mutter Maria das Salve Regina frag-
mentarisch: Wende deine barmherzigen Augen mir in diesem Elend und
Tal der Tränen zu und bitte Jesus, meinen Herrn, um Trost und Kraft und
Barmherzigkeit für meine Seele. Dies Gebet stieg aus meinem Gefühl,
nicht aus meinem protestantischen Verstand.
24.9.

Wieviel Klage und Jammer ist in der Bibel, besonders im Alten Testament,
wieviel Zerstö-rung (durch die Sünde), wieviel Gewalt der Feinde und
Klage über das Glück der Gottlo-sen! Der Sündenfall, Sodom und
Gomorrha, die Sintflut, der Turm zu Babel, Ägypten, die Wüste, Sauls
Wahnsinn, Davids Klagelieder, der Prediger Salomo, Hiobs Elend, die
Klage-lieder Jeremias und seine Prophezeiungen, das Leid des Elia, die
Verzweiflung des Jona, der Gottesknecht in Jesaja. Dagegen nur die Idylle
des Hohenliedes und die Halleluja-Psalmen. Im Neuen Testament wird von
Christi Tränen geschrieben, nicht von seinem La-chen. Paulus: Ach ich
elender Mensch! In der Apokalypse breit gemalt das Gericht, am Ende nur
kurz angedeutet das Neue Jerusalem. So auch in meiner Poesie
Hauptgewicht auf dem Elegischen, dem tragischen Ton.
Gott „hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins
Licht... Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und
Mühsal umgeben... Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich
die Ohren zu vor meinem Gebet... Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und
mit Wermut getränkt... Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die
Hilfe des Herrn hoffen. Es ist ein köstlich Ding für einen Mann, daß er das
Joch in seiner Jugend trage. Er sitze einsam und schweige, wenn Gott es
ihm auferlegt, und stecke seinen Mund in den Staub; vielleicht ist noch
Hoffnung.“ (Jeremias Klagelieder.)

25.9.

Gregor der Große: Einem dunklen Gemüt kann nur durch den Anblick des
Leidens gehol-fen werden. Tauler: „Wohin Gott durch das Leiden mit dem
Menschen wolle, dahin folge er Gott und ergebe sich in seinen göttlichen
Willen.“
Eigentlich hätte ich gern einen katholischen Glauben wie Augustinus,
Franziskus, Mechthild, Pascal, Schneider, aber ich finde die rationalen
Argumente des Protestantismus nicht erschütterbar. Mein Herz hat
Sehnsucht nach dem Sakrament und der Heiligen Jung-frau. Maria, ora pro
nobis.

27.9.
Ging um 2 Uhr nachts ans Meer von Baltrum, gewaltiges Donnern der
Wogen, schöner Sternenhimmel, dunkle Erinnerungen an die Gräser und
Wege der Kindheit (einer heilen Kindheit). Ruhiges Gebet: Ich fand bei
Gott nicht Glück, sondern Tragik: einen Hang zum Dunklen und zum Tod.
Als die Laternen erloschen, überkam mich Furcht. Ich bejahe meine
Lebensgeschichte, denn sie führte mich dahin, wo ich jetzt bin: nicht zu
Müßiggang, son-dern an ein tragisches Leben und tiefes Ja zum Kreuz, mit
der Hoffnung und Gewißheit der Ewigkeit. O Ewigkeit, du Donnerwort!

30.9.

Bettine auch und Schneider auch sprechen vom antiken Daimonium: die
Zerrissenheit des Menschen kommt von seiner Sünde gegen sein
innewohnendes Daimonium. Schneider: „Ohne Todessucht keine Magie.“
Ich laß mich nicht mehr therapieren: Todessucht, Ro-manzensucht,
Idealisierung, Kindlichkeit, Eskapismus, erotisches Getriebensein: das bin
ich.
Mönche, Eremiten, Poeten und Seelenkranke sind Höhlenexistenzen.
Will über die Hei-ligen schreiben, wenn ich zu ihnen gefunden habe:
Wüstenväter, Säulenheilige, Maria Ä-gyptiaca, Antonius, Agnes in Rom,
Katharina von Alexandrien, Bonifazius, ganz katho-lisch, mystisch. Ich
könnte einmal ein Romänchen über Maria Ägyptiaca schreiben.
Ich bin maßlos in den Gefühlen. Baltrum war mir heute das Paradies
auf Erden, morgen mein tragisches Schicksal und Passionsdrama. Die
ganze Heilsgeschichte von Eden zum Kreuz lag darin, aber Ostern und
Jerusalem sind nicht in Sicht.
Die schöne Fähigkeit zum hohen Traum und die Unfähigkeit, ihn zu
verwirklichen.
Schneider: „In jeder Inspiration jubelt, verführt uns der Tod.“
Nihilismus, Dekadenz, sie kommen wieder nach diesem Elysium der
Südlichen Nordsee. Gibt es nicht unbelehrbare Tiere, die den gleichen
verhängnisvollen Fehler immer wieder begehen? So geht es mir mit der
Geliebten. Die klugen Ratgeber können mich nicht dressieren und dadurch
vor dem Unheil schützen. Nur gehe ich, anders als die Tiere, sehendes
Auge auf das Schwarze Loch zu.
Zwischen Jugendkraft und Altersweisheit.

1.10.
Der Mensch ist für die „niedere Minne“ geschaffen, für die Ehe. Die „hohe
Minne“ ist nur säkularisierter Mariendienst. Vielleicht sollte der religiös
begangen sein, ich bin unsicher. In der letzten Nacht auf Baltrum betete ich
einen frei improvisierten Rosenkranz mit Beto-nung auf die
Gleichgestaltung meines Lebens mit der Gottesgebärerin und dem
gekreuzig-ten Sohn Gottes.
Liebe ist der Wunsch nach Überwindung der Einsamkeit. Es gibt
schicksalshafte Ein-samkeit und die Einsamkeit des Kreativen, der keinen
Kongenialen fand.

3.10.

Myrten im Talgrund, in der Vision Sacharjas, seien im Judentum ein Bild


für den Eingang zum Himmel gewesen.
Dachte über die Romantiker nach. Bettine jubelt begeistert (fast wie
eine Charismatike-rin) von der Schönheit der Schöpfung und dem Leben
im Geist. Sie hat Tiefsinn und Kunstsinn, aber zeigt wenig Sog in die
Tiefe. Auch Clemens, den ich liebe, träumt sich eine Welt der Schönheit,
eine naive der Märchen, eine erotische in Godwi, eine fromme, aber die
ganze Schwermut mit ihrer tödlichen Schwere ist nicht die seine, vielleicht
war er hysterischen Temperamentes. Novalis aber, auf ihn trifft Schneiders
Wort: „Ohne Todes-sucht keine Magie“. Die Hymnen an die Nacht und die
Zauberwelt des Ofterdingen haben etwas Jenseitiges. Er kennt die
Todessehnsucht. Er ist mir am nächsten von den Romanti-kern.
Mystik ist die Vergeistigung der kindlichen Sehnsucht nach Symbiose.
Ich habe eine christozentrische Mystik des Kreuzes. Symbiose mit dem
Gekreuzigten. Ich darf die totale Identität nicht von einer Frau erwarten.
Todessehnsucht als Sehnsucht nach Lebensfülle, nach der endlich
erreichten völligen Identität mit dem göttlichen Christus, nach vollende-
tem Geliebtsein, ohne Mangel, Todessucht ist Paradiessehnsucht. Gott,
erbarme dich über meine arme kleine hungrige Seele!
Wenn es keine Symbiose gibt, dann gibt es nur Individualität,
Einzelsein, Einsamkeit. Ich suche bei dem einen Menschen den einen, bei
dem andern Menschen den andern As-pekt, aber es gibt kein umfassendes
Verständnis. Ist „holdes Bescheiden“ das Gebot? Re-signation? O wär ich
im Paradies! die Erde ist zu bitter! Die Erde ist ein Planet, da Myrrhe
wächst, gebildet aus Galle, schwimmend in Essig, mit einem Kreuz darauf
mitten in der Wüste!
Ich fühle mich so: wie ein Ertrinkender, das Treibmoor zieht hinunter.
Psalm: Die Was-ser gehen mir an die Kehle! Kein Mensch kann mich
retten, Christus hält mich immer ge-rade mit der Nase über der
Wasseroberfläche, daß ich nicht sterbe. Das Leben ist am Mar-terpfahl, die
Indianer peinigen so, daß man leidet, aber eben nicht stirbt. Gott ist nicht
gnä-dig genug, seine Gnade und Güte wäre mein Tod.
Mein eigenes Leben ist mir ein Rätsel. Wie sollte mir Gottes Wesen
nicht ein noch viel größeres Rätsel sein? Wir haben aus seiner Hand das
Gute empfangen, sollten wir nun nicht auch das Böse empfangen? Gott ist
gütig und schrecklich zugleich.

4.10.

Der Begriff „Sünde“ ist mir seltsam fremd geworden. Schneider schlägt
„Heimsuchung“ vor.
Es gibt eine innere Einsamkeit, die man zu den Menschen mitnimmt.
Die Menschen be-rühren nur die Peripherie meiner Seele, ergreifen von ihr
nicht den Kern. Wenn ich sagte von der „Peinigung durch die Krallen der
grausamen Einsamkeit“, was ich empfinde, wer von den Heiteren
empfände die Worte nicht als übertrieben pathetisch? Pathos heißt doch
Leiden, Mit-Leiden. Der Ausdruck für wahres Leiden muß pathetisch sein.
Einer sagt, Kunst sei Kommunikation. Wer meine Poesie liebt, liebt
mich. Es gibt keine Kommunikation, däucht mich gerade, es gibt nur
Radebrechen der Seele, Stammeln und Stottern und Lispeln des Herzens.
Sagt Poesie tiefer das Herz aus als das persönliche Ge-spräch? Dennoch
der unstillbare Drang nach Kommunikation. Suche, sich auszudrücken und
ein Echo seiner Seele zu finden. Ach wir dialogisieren, als wenn wir
monologisierten.
Wer will ihn heben, den Schatz meiner jungen Weisheit? Ich kann nicht
verstummen, kann nicht schweigen. Ich will daß ein Mensch mein
Tagebuch liest. Ein Mensch muß mich verstehen!
Einheit von Agape und Eros. Agape als der Geist des Eros, Eros ist
Fleisch. Fleischwer-dung des Logos. Die Geliebte ist ein verschlossener
Lustgarten. Sie gedenkt daran, daß sie sein ist, mit Geist und Seele und
Leib, dann gedenkt sie, daß er ihrer ist, er opfert sein Herz, sein Fleisch,
gibt ihr seinen Geist hin. Er, der voller Liebe ist, lebt diese Liebe für sie.
Er gibt sich ihr hin, sie antwortet hingebungsvoll mit einem tiefen
Vertrauen. Sie ist die Schönste unter den Frauen, die Braut ist die Einzige,
die er mit der ganzen Fülle seiner Liebe liebt. Sie ist die Vollendung seines
Traums. Was er schafft an schönen Werken, ist übertroffen von ihrer
Schönheit. Sie ist so schön, weil er sie liebt. Und gäbe es nur sie, und wäre
sie mit ihm vereint, so wäre eine neue Welt der Harmonie der Herzen da.
Ein Myr-rhebund. Die Myrrhe ist die Bitterkeit, das Leid, das der
Bräutigam leiden muß unter der Sonne. Dieses Leiden verkörpert den
göttlichen Bund, den er mit ihrem Herzen geschlos-sen hat, denn zwischen
ihren Brüsten beherbergt sein heißt, Ruhe zu finden am Herzen der
Geliebten, wie sie auch Ruhe findet erst in ihm. Wohl der fruchtbaren
Wirklichkeit der Braut, die den Bräutigam mütterlich aufnimmt und ihren
Leib ihm als Opfer hingibt. Gab die Narde ihren Duft: ein Bild für
schamhaftes Erröten. Die Narde ist eine indische Pflan-ze, die besonders
kostbar und besonders wohlriechend ist. All ihren Reichtum an Arom, an
Odor des Geistes, gibt sie ihm, von seinem Anschaun erweckt, ja, er weckt
den Reichtum ihres Wesen, der ein Wohlgeruch ist dem Liebenden. Dein
Name ist wie Balsamen-Salbe: Der Name wird ausdrücklich auf die Salbe
gereimt, denn ein Trost ist der Name des Bräu-tigams, denn ein
Wohlgeruch ist der Name der Braut. Die Braut heißt nach dem Öl des
Lebens. Ihre Seele ist gesalbt mit dem Öle der heiligen Liebe. Deine
Augen sind Tauben. Es sind reine Tauben, die gut sind und voller Sanftmut
und Frieden. Die Augen sind Tau-ben, weil sie die Liebe so oft angeschaut
haben. Sie trinken von den Wassern des Lebens und fließen über davon,
darum schimmern sie so von stillem Licht. Tauben sind Liebesvö-gel, ihre
Augen als Spiegel der Seele weisen Gestalten wie Engel der Güte auf, lieb
und licht und lind.

8.10.

Nachts übersetzte ich am Hohenlied.

9.10.

„Ach daß das Entsagen dem Begehren die Waage hält!“ Bettine.
„...die scheinheiligen, moralischen Tendenzen seh ich so alle zum
Teufel gehen mit ih-rem erlogenen Plunder, denn nur die Sinne zeugen in
der Kunst wie in der Natur.“ Bettine.
Mein Werk ist ein lebendiger Organismus, ständig aus dem Chaos sich
schaffend, vom Geist geordnet und zu festen Formen gestaltet. So
entstehen aus Leidenschaften, Leiden, poetischen Instinkten und Glauben
Werke, die Bestand haben müssen!
10.10.

„Ach, es ist so schauerlich, mit sich allein sein, in mancher Stunde! Ach,
so mancher Ge-danke bedarf des Trostes, den man doch niemand sagen
kann, so manche Stimmung, die geradezu ins Ungeheure, Gestaltlose
hineinzieht, will verwunden sein.“ Bettine.
Jesus Sirach über die Freunde: Sie sind wie Wein, sie müssen erst alt
werden, dann erst sind sie gut. Den neuen soll man nicht zu schnell
vertrauen. Manche bestehen nicht in der Not und machen sich lustig über
einen Elenden. Man solle keinen alten Freund um eines neuen willen
aufgeben.
„Du bist in sie verliebt, Goethe, es hat mir schon lange geahnt, jene
Venus ist dem brau-senden Meer deiner Leidenschaften entstiegen, und
nachdem sie eine Saat von Tränenper-len ausgesät, da verschwindet sie
wieder in überirdischem Glanz. Du bist gewaltig, Du willst, die ganze Welt
solle mit dir trauern, und sie gehorcht weinend Deinem Wink.“
Bettine zitiert Beethoven: „Da fühlt man denn wohl, daß ein Ewiges,
Unendliches, nie ganz zu Umfassendes in allem Geistigen liege, und
obschon ich bei meinen Werken immer die Empfindung des Gelingens
habe, so fühle ich einen ewigen Hunger, was mir eben er-schöpft schien,
mit dem letzten Paukenschlag... wie ein Kind von neuem anzufangen!“
Du Einzige, die mir den Tod bitter machst!
„Die Kunst ist Heiligung der sinnlichen Natur.“ Geniale Poesie: „Zu
solcher Aufgabe gehört nicht Berechnung, sondern vielmehr Leidenschaft,
oder vielmehr das Erleiden einer göttlichen Gewalt.“ - „Alle Erzeugnisse
der Kunst sind Symbol der Offenbarung.“ - „Die Gabe des Eros ist die
einzige genialische Berührung, die den Genius weckt; aber die an-dern, die
den Genius in sich entbehren, nennen sie Wahnsinn.“ Bettine.

11.10.

Bettines Buch der Liebe wühlt mich so auf. Ich bin strahlend vor Liebe
und süß wie Honig wegen der Goldenen Honigbienenkönigin. Oft war sie
mein bitterer Beifuß, nun ist sie meine herrliche Rose. Beifuß-Rose Ai-Wei
ist ihr chinesischer Name. Etwas am Hohenlie-de nachgedichtet.

12.10.
Bettines Buch der Liebe ist das schönste, was sie je geschrieben hat. „Ja,
die Wehmut ist der Spiegel des Glücks; Du fühlst, Du siehst in ihr
ausgesprochen ein Glück, nach dem sie sich sehnt.“ - „Ach und im Glück
wieder durch allen Glanz der Freude durchschimmernd diese schmerzliche
Wollust. Ja das Glück ist auch der Spiegel dieser aus unergründlichen
Tiefen aufsteigenden Wehmut.“ Gott, der „meiner Inbrunst, meiner
Sehnsucht kühlenden Balsam zuträufelte, der alles Begehren in geistiges
Schauen umwandelte.“
„The night is my companion, the solitude my guide.“
Bettine: „Schönheit erzeugt Begeisterung, aber Begeisterung für
Schönheit ist die höchs-te Schönheit selbst. Sie spricht das erhöhte,
verklärte Ideal des Geliebten durch sich selbst aus.“
Die Geliebte ist das Dornröschen der Nordsee, ihr Mund ist eine
Hagebutte, ihr Leib ein Meer, eine Zitterpappel, ihre Brüste sind
Schiffsglocken, ihr Haar ist rauschenden Dünen-gras. - Das Hohelied ist
ganz für Sie nachgedichtet. Sie ist so vielfältig, und ich will ihr tausend
Hohelieder schreiben.
Bettine: „Vielleicht dringt Gott durch den Geliebten in unser Herz?“ -
„Wo ich nicht in Worten liebkosen kann, da verweile ich nicht lange.“
Schneider: „Ach, was soll ein Herz auf der Welt, das schwer ist von
Liebe und diese Liebe verschenken möchte und niemanden mehr findet,
der sie annimmt!“

14.10.

War in der Heiligen Messe, so schöne Predigt über den Segen einer
christlichen Gemein-schaft, in der man seinen Götzen: seinen Reichtum an
Eigendrehung loslassen könne und Mensch sein. Es wurde ein Lied von
Angelus Silesius vom Kreuztragen gesungen und an-dere Lieder mit
süßmelancholischen Melodien. Der taubstumme Bettler, den ich aus der
Obdachlosenarbeit der Pfingstgemeinde kenne, gab mir während der
Wandlung die Hand, ich freute mich über ihn und gab ihm mein letztes
Geld. Ich ging so beseligt und verklärt aus der Messe, die mir immer so
gut tut. Mir gingen während der Messe die Parolen durch den Kopf, die
Wandlung sei Magie und Zauberei, die Kirche Roms sei heidnisch-okkult
oder die größte Sekte der Welt; all das kam mir nur engherzig und
lächerlich und sektiere-risch vor. Mich berührt der Katholizismus mit
seiner schönen Frömmigkeit.
Fragt ein Jud einen andern in Amerika: Na, bist happy? - Jo, happy bin
ich schon, aber nicht glücklich.

15.10.

Lied der Lieder zuende nachgedichtet. Möchte auch den Prediger


nachdichten: Sinnlosig-keit der Sinnlosigkeiten, alles ist sinnlos, sagt der
Prediger.

16.10.

„The Lord is the only way for you to stop the hurt.“
Das schöne Buch Jesus Sirach gelesen, besonders schöne darin das
Hohelied der Weis-heit, so schön wie die Vermählung Salomos mit der
Weisheit in der Weisheit Salomos. Ich weiß nicht ob Jesus Sirach Gottes
Wort ist, die Katholiken sagen ja, die Protestanten nein.
Hesses Siddharta angefangen. Jesus Sirach und Prediger Salomo
wecken eine Sehnsucht nach der Weisheit in mir. Schneider spricht von
Jugendkraft und Altersweisheit. Noch do-miniert bei mir die Jugendkraft,
die sich in der Begeisterung erotischer Leidenschaft äußert. Ehrfurcht vor
Gott ist der Anfang in der Weisheit, aber wie wächst man in der Weisheit?
Es gibt ein Charisma der Weisheit. Übers Leid kann ich weise reden, aber
gerade in der Liebe bin ich meistens töricht und die wilden Leidenschaften
lassen mich fast die Ehrfurcht vor Gott vergessen. Ach ich armer Tor, wann
werd ich endlich weise? Brecht sehnte sich nach Weisheit und
Freundlichkeit und Güte. Konfuzius und Lao Tse waren weise und Pla-ton
und Sokrates. Schneider war weise. Gott, ich bitte dich, wenn du mich
noch viele Jahre auf der Erde leben lassen willst (was ich gar nicht hoffe),
dann mach mir Reife und Alter sinnvoll durch das Charisma der Weisheit.
Ich bin der törichten Leidenschaften überdrüs-sig.

17.10

Fing an, den Qoheleth nachzudichten. „Haschen nach Wind“ heißt


„Verdruß des Geistes“! - Ich liebe in der Kirche das Bekreuzigen mit
Weihwasser, das Bekreuzigen von Stirn und Mund und Herz, kneite vor
dem Schrein, dem „Christus von Osternburg“. Ich dachte an die Zeit von
93 und 94, als ich glaubte und Katholik war und kein Streit meines Geistes
die Seele störte, ich glaubte naiv wie ein Kind, das war schön. Glauben
heißt nicht Wissen und Verstehen, Glauben heißt wie ein Kind vertrauen
auf die Güte und Allmacht Gottes.
Ich klagte Einem die Sinnlosigkeit meines Dichtens, da es keiner liest.
Nein, sagte er, es sei Gotteslob und darum sinnvoll, auch wenn es keiner
kennt als Gott. Die Werke des Lichts werden von der Welt nicht geliebt.
Mein Hoheslied ist schöner als Luther seins.
Das erste Kapitel des Predigers fertig. Ich sehne mich nach der
Weisheit, wie sie sich Jesus Sirach und Salomo gab, aber je mehr Weisheit,
desto mehr Leiden. - Auch die Klage-lieder Jeremias will ich übersetzen.
Der Hiob ist leider so unendlich lang, aber es wäre eine gewaltige Arbeit.
Ich bräuchte eine große Gemütsruhe und viel Arbeistsamkeit, ich weiß
nicht ob ich das leisten kann.
Okzident und Orient. Klopstock findet orientalische Poesie zu
bilderreich. Ein Theologe fand das Hohelied schwülstig: Gotteslästerung
ist das! Die persische Poesie (Madschnun und Leilah), die indische
Liebeslyrik, das biblische Hohelied sind blumig. Ich bin offen-sichtlich ein
orientalischer Dichter. Novalis in seinen Hymnen an die Nacht, Jean Paul
in seinen ekstatischen Hymnen sind blumig. Ich neige zur Romantik, weil
sie das Gefühl ver-herrlicht. Ich mochte die Vergeistigung der Natur bei
Bettine, bin aber kein Naturphilo-soph. Ich gebrauche viele Naturbilder,
um Menschliches oder Heiliges auszudrücken. Für mich ist die Geliebte
die ganze Natur. Mangofrüchte sind nichts als ein Bild für ihre Brüs-te. Ich
träumte von ihrer Scham als von einer Lilienblüte. Sie ist Meer und
Muschel, sie ist ein Paradiesgarten. Die Tiere, denen Adam in Eden Namen
gab, waren alle Aspekte und Vorschatten Evas. Das ist, glaube ich, das
Renaissance-Konzept der Natur: Vermenschli-chung. CS Lewis sagt zur
Naturliebe: Die Natur gibt ein Bild von Herrlichkeit, die zum Bilde wird
für Gottes Herrlichkeit. Aber die Natur selbst lehrt nichts über Gott und
den Menschen, sondern jeder Mensch legt seinen Geist und seine Seele in
die Natur. Andrer-seits, wer den Gott der Bibel erkannt, sollte der nicht
auch sein Abbild in der Natur finden? Nicht umsonst gibt es
Vegetationsgötter wie Adonis, die Vorschatten waren des Adonai Jesus. Es
gibt Passionsblumen, Passionsfrüchte, Salomosiegel, Mariengras. Es gibt
die A-gonie des Sonnenuntergangs und die Auferstehung des
Morgensterns. Es gibt Gott, den Felsen, der mitten im Meer der tobenden
Völker steht. Schnee ist sein Gewand. Die zwölf Sternbilder sind Israels
Krone (oder Marias), die Sonne ihr Gewand, die Mondsichel ist die
Muschel, auf der sie daherfährt. Das Evangelium ist eine Perle. Menschen
sind Gott wert-voller als Sperlinge und Lilien. Seid arglos wie Tauben und
klug wie Schlangen. Herodes ist ein Fuchs. Die Frommen sind Schafe und
Lämmer. Christus ist der Löwe Juda und das Lamm Gottes. Die Braut ist
eine Gazelle, ihre Augen Tauben. Maria opferte für Jesus zwei reine
Tauben. Das Hohelied ist voller Natur. Am Anfang schuf Gott die Natur.
Am Ende der Bibel ist die Rede vom Baum und Strom des Lebens.
Zeit ist Trug, nur Ewigkeit ist wahrhaftig. Zeit ist eitel und nichtig, nur
Ewigkeit hat Weisheit. Gott ist weise und ewig, ohne Gott weder Weisheit
noch Ewigkeit. Weisheit ist nicht allein Gottesfurcht (Ehrfurcht), die ist
das Fundament. Weisheit ist die rechte Einstel-lung zu den Dingen des
Lebens? Weisheit ist mehr als Klugheit. „Weisheit (sophia) bedeu-tet
Einsicht in die Fülle der Dinge und Lebenszusammenhänge. Der Mensch
gewinnt sie teils aus Veranlagung, teils aus Erfahrung, immer aber als
Gabe Gottes. Gottes Weisheit zeigt sich in dem Wunderwerk seiner
Schöpfung, in der Offenbarung des Heils. Jesus nennt das Alte Testament
die Weisheit Gottes. Die Sprüche nennen die Weisheit eine Person. Das
Neue Testament nennt Christus die personifizierte Weisheit. In ihm sind
alle Schätze der Weisheit. Die gottgeschenkte Weisheit im Alten Testament
schließt künstlerische Fä-higkeiten ein. Weisheit des Menschen findet
nicht immer Lohn auf Erden. Salomo, Josef und Daniel waren weise. Im
Ruf besonderer Weisheit des Menschen standen die Ägypter. Gottes
Gebote auf den Alltag anwenden, war die Aufgabe der Weisheitslehrer.
Jesus Si-rach. Vom Heiligen Geist gewirkte Weisheit kann Geheimnisse
enthüllen.“ Ich will mich zu Füßen Sophias setzen und ihrem
Menschenmund lauschen. Sie redet töricht vom Kreuz, das ist ihre höchste
Weisheit. Sie führt zur Ewigkeit, zur Liebe und zum erfüllten Leben. Sie
hat in der Welt ihr Leid zu tragen und wird verspottet. Sie liebt Anstand
und Reinheit. Die Weisheit ist fromm. Sie streute ihre Samen auch in die
Lehren Konfuzius und Platons.

18.10.

Schiller an Sophie Mereau: „Ihre Phantasie liebt zu symbolisieren und


alles, was sich ihr darstellt, als einen Ausdruck von Ideen zu behandeln. Es
ist dies überhaupt der herrschende Charakterzug des deutschen poetischen
Geistes, wovon uns Klopstock das erste und auffal-lendste Muster gegeben
und dem wir alle... nicht sowohl nachahmen als durch unsre nor-disch-
philosophierende Natur gedrungen folgen. Wie leider unser Himmel und
unsre Erde der eine so trüb und die andre so mager ist, so müssen wir sie
mit unsern Ideen bevölkern und ausschmücken, und uns an den Geist
halten, weil uns der Körper so wenig fesselt. Deswegen philosophieren alle
deutschen Dichter, wenige ausgenommen...“
Clemens warb trotz Aussichtslosigkeit um die Mereau, sie sah seiner
Mutter ähnlich, er beschwor sie, keine weiteren Kinder mit ihrem Mann zu
haben, trotz Zurückweisung blieb er beharrlich werbend, er sah sie als
seine Zwillingsschwester, er allein verstand ihr inners-tes Wesen.
Ich sprach zum Lachen: du bist närrisch! und zum Jubel: wozu dienst
du?
C.S. Lewis schreibt, daß Eros seine eigene Religion stiftet: die
Geschichte des Kennen-lernens ist das Alte Testament, das Gnadegeben
der Geliebten das Neue Testament, die Liebesleiden des Unglücklichen
sind des Eros Martyrium, die seelische Liebe wird zum Gesetzgeber und
definiert Gut und Böse, Erlaubtes und Nichterlaubtes: Erlaubt ist, was der
Liebe gefällt.
Die Geliebte ist meine Religion, sie ist meine Götzin, Gott vergebe
mir. Ich besitze sie mehr in der Einsamkeit, als wenn ich sie sehe und sie
sich entzieht, sie lebt in meinem In-nern. Wie soll man da weise werden,
wenn einen der törichte Amor besitzt und man keine rechte Gottesfurcht
hat? Es müßte jeden Tag hier eine Heilige Messe geben. Gott ist mir ein
Gott mit vielen Göttinnen, die sich alle auf den Namen der Geliebten
reimen.
Ein Freund an Brentano: „Sei doch ein wenig poetisch, und die Poesie
(die Mereau) ist dein. Was geht dich der schweinslederne Band an (ihr
Ehemann), in den sie gebunden ist, du willst sie ja nicht einbinden.“
„Aber mir ist die Ahnung gekommen, als wenn dein Geist sie mehr
interessiere als dein Herz.“

19.10.

Mit Einem über den Prediger gesprochen. „Haschen nach Wind“ (Luther),
„Verdruß des Geistes“ (King James) ist eine hebräische Doppeldeutigkeit.
Es heißt Verlangen, Begehren, Schmachten des Geistes und zugleich
Trachten, Streben nach Wind. Das Schmachten des Geistes ist vergeblich
wie ein Streben nach Wind. Ich sage: „Vergebliches Schmachten des
Geistes“.
Überlege, die Klagelieder Jeremias (Elegie) mit Lang- und Kurzzeilen
(Qinah) in Jam-ben textnah nachzudichten. In Jamben dichtete auch Tur-
Sinai nach, aber er war kein deut-scher Dichter, er radebrecht, die Gute
Nachricht dichtet auch in Versen, aber zu unabhän-gig vom Grundtext.
Clemens mußten die „Berge fern sein, um golden zu erscheinen“. Ist es
die Unerreich-barkeit der Geliebten, die sie so ideal macht? Aber ach die
Einsamkeit! ach das Fernsein vom Herzen!
Clemens an Sophie: Mir fehlt „ein Unnennbares, was mir deine Nähe
gewährt, mehr als irgend die Nähe eines Menschen.“ O Wohlsein und
Glück in Ihrer Nähe! Salomo: „Nichts vermag ein Mensch zu sagen!“
Sophie an Clemens: „...und bekämpfe jenen Hang, stets nach den
Fernen dich zu sehnen. Diese ewige Sehnsucht gehört nur Gott.“ Ja,
Sehnsucht nach dem fernen Lande als Sehn-sucht eigentlich nach dem
Paradies, (mein Israel und China), Sehnsucht nach dem fernen, verklärten
Menschen als eigentliche Sehnsucht nach dem vollkommenen Menschen,
dem Ideal, das ist Jesus.
Ein Hauch von Küsschen wie der Duft einer weißen Jasminblüte auf
ihre glühende Wan-ge...
Unbestimmt fühle ich, daß meine wilde Leidenschaft nicht zum
Katholizismus passt. Da scheint mir Dämpfung, Demut, Tugend und
Keuschheit zu sein, aber mich ziehts zu Sturm, Lebenslust, Stolz und
Genuß.
„Brentano liebte diese Frau als sein in die Welt getretenes Ideal, irdisch
und sinnlich und zugleich als Verkörperung dessen, was seine Phantasie in
kühnsten Träumen ausgemalt hatte.“ Arnim: „Wer dich nicht kennt, würde
dir geradezu sagen, du liebst sie nicht mehr als eine Romanperson.“
Brentanos hitzige Phantasie und ruhelose liebeshungrige Seele, seine
stürmische Schwärmerei und Absolutheit der Liebe.
Rubine des Feuers, Diamanten der Erde, Smaragde des Wassers,
Saphire der Luft, all das ist Sie, Sie ist die Natur, nach der ich mich sehne.
Sie ist die Rose, der Garten, die Lichtung im Walde, die Pinie, die
Hainbuche, der Apfelbaum, Pflaumenbaum, Birnenbaum, Pfir-sichbaum
und Granatapfelbaum, sie ist die Feige und die Dattel, in ihrem
Palmenschatten will ich ruhn, sie ist der reine weiße Lotos im trüben
Teich, sie ist sanft wie eine Wolke, süß wie ein Sommerhimmel oder der
Mai, zärtlich wie Maienblütenblust, melancholisch wie ein Herbstnebel,
tief wie der Winter, sie ist aus tiefem stillem Wasser, von verborge-nem
Feuer, geht mit den Jahreszeiten der Erde in ihrer Kleidung und ist ein
sanfter Wind, sie ist die Königin der Elemente, sie möchte gerne tanzen,
sie ist religiös, sie berherrlicht die Gefühle, sie ist romantisch, sie will tiefe
Gemeinsamkeit, absolutes Vertrauen, absolute Treue in der Liebe, sie will
Einheit von Liebe und Verliebtheit und Verlangen, sie hat Angst vor
Vereinnahmung durch die Freundinnen, sie war ein todtrauriges Kind, ein
schwermütiges Mädchen, sie mag mit Holz arbeiten, interessiert sich für
romantische, mo-dern-naturverbundene Architektur, sie glaubt an das
Prinzip Gottes, die Liebe und Wahr-heit und Güte, sie sehnt sich nach
spiritueller Führung, sie würde an Gott als Person zu glauben beginnen,
wenn sie ihn fühlen würde, sie ist klug, sie interessiert sich für Weltan-
schauung, Religion und Weisheit, sie wird unsicher, wenn sie fühlt, daß sie
in Wirklichkeit dem poetischen Bild nicht entspricht, sie ist schön, sanft
und süß, ihr Lieblingswort ist: Lieb... Sie ist meine Muse, sie hat es mir
erlaubt, sie so zu nennen.
Vorwort zu den poetischen Rosenkränzen: Diese jungen Rosenkränze
sind allesamt ge-zählt und gesungen zur Ehre Gottes. Manche mögen
darüber streiten, ob der Rosenkranz ein rechtes christliches Gebet sei. Ich
sehe in diesen Rosenkränzen die Verherrlichung der geschaffenen
Herrlichkeit und dadurch der schaffenden, ungeschaffenen Herrlichkeit.
Da alle diese Werke aus Liebe geschaffen wurden, weisen sie durch die
Ähnlichkeit der menschlichen mit der göttlichen Liebe deutliche Spuren
der letzteren, höheren auf. Diese Rosenkränze sind alle vom Morgenstern
gestreut worden und von einer klugen Jungfrau gereiht worden zu
Perlenschnüren. Jede dieser Perlen ist eine Sehnsucht nach der Neuen
Jeruschalajim, der schönen Braut Gottes, in deren Mitte der Poet die Liebe
lobt.
Nachdem Sophie mit 36 Jahren bei der Fehlgeburt stirbt, ist Clemens
Leben öde, ausge-brannt, undichterisch, tot. Er sucht Trost in der Religion.
Er träumt oft von Sophie: sehr schön, sehr heilig, wie in der ersten Liebe.
Sie starb: „Ach Gott, ach Gott, stärke mich! Lebt mein Kind?“
Gott möge mir ein ganzes Ja zu meiner Leiblichkeit geben. Ja, Gott
nennt in der hebräi-schen Sprache auch das sexuelle Verlangen Liebe, ein
Element der Liebe, dazu Eros der Seele, Freundschaft der Herzen und
Geister, stille Zuneigung von Natur und Kindern, ge-genseitige Inspiration
des Geistes und Liebe wie Christi Liebe: Er möge sich ihr offenba-ren!
Und das Verlangen bleibt.
Einer meinte: Wenn Schullamyth sagt: Ich bin schwarz, aber schön, so
meint das die Demut der Kirche, die von ihrer Sünde und von ihrem
Geliebtsein weiß. Mir scheint das rassistisch. Sie ist braun von der Sonne
Ägyptens. Ich bin schwarz und schön. Ihr Weißen, seht, ich bin eine
Negerin, und was für eine schöne Negerin!
Gereinigt für die Geliebte. Schenkte ihr Duftöl vom Ylang-Ylang-
Baum und einen Duft-stein mit Schmetterlingsbild. Sie freute sich ebenso
lieblich. Dann waren wir in einer Aus-stellung: 5000 Jahre
Stadtentwicklung von Dammaskus und Aleppo. 3000 Jahre vor Chris-tus
Kultur von Sumer, der Euphrat als Wiege der Menschheit, er entspringt
etwa nördlich von Syrien. Assyrische und ägyptische Herrschaft in Syrien.
Kleine Tontafeln mit Keil-schrift. Kleine Frauengestalten, vielleicht
Ascheren-Bilder. Schmuck, Perlenketten. Brun-nen, Töpfe,
Räuchergefäße. Hellenistische Epoche mit korinthischen Kapitellen, Akan-
thusblätter als Zier, und Friese mit Erosköpfen. Baalskult. Baal wurde in
römischer Zeit mit Jupiter identifiziert. Im 4 Jhd. wurde Syrien Teil des
oströmischen Reiches, in Dam-maskus byzantinisch-orthodoxe Basilika
oder Kathedrale. Um 650 Eroberung durch die Muslime, im Zentrum Bau
der Großen Moschee. Ornamentenkunst. Ein handgemalten Buch mit
naiven Illustrationen, ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Eine Art
Zither. Wasserpfeifen, gläserne Schminkfläschchen, verzierter kupferner
Zuckerhammer, Pfeifen in Samtstickereien gewickelt. Zigarettenspitze.
Moccatässchen von Bronze oder Kupfer. Bunte Ornamente an den
Wänden. Häuser mit Innenhof, Brunnen und schattenden Bäu-men... Dann
waren wir im Café. Sie war so schön! wie sprachen schön über die Liebe
und Kunst. Bedürftige und wertschätzende Lust. Freundschaft in aller
Liebe. Eifersucht. Ge-sprächslosigkeit ihrer Beziehung zum Ehefeind, mit
mir tausche sie sich viel mehr aus. Erzählte ihr von Clemens und Sophie
und Hölderlin und Diotima. Sie solle in mir nur lesen wie in einem Buch,
sie lachte. Aber sie, sagte sie, sei nicht befruchtend für mich. Ich sagte, ich
hätte es nüchtern geprüft und noch keine Frau so befruchtend empfunden
wie sie. Sie sei befruchtend durch ihr bloßes So-Sein, sie sei immer anders,
es sei sehr interessant, sie sei für mich die Summe der Natur. Sie freute
sich von Herzen darüber. Ich verglich sie mit Oma, das sei ein
Kompliment, denn Oma sei mir der liebste Mensch auf Erden gewesen.
Wenn die Geliebte die Natur ist, die Natur ein Bild Gottes, dann ist die
Geliebte ein Bild Gottes. In ihrer Schönheit, Sanftmut, Süße,
Freundlichkeit, Tiefe und Güte liebe ich diese Wesenszüge Gottes.
Qoheleth: Besser der Augen Schauen als der Seele schweifende
Sehnsucht. Im Frühling 98 hörte ich eine Predigt über den Genuß der
Schöpfung. Ich ging zu Ihr und genoß in ihr die Schöpfung.
Der Talmud sagt, der Embryo lese die Thora vor- und rückwärts und
kenne alle Geheim-nisse der Gottheit, aber bei der Geburt schlage ihm ein
Engel auf den Mund. Platon sagt in der Republik, die Seele sinke wie eine
Sternschnuppe aus dem All-Einen nieder, durch-wandere eine Wüste,
tränke von der Lethe und werde geboren. Nur Künstler, Philosophen und
Poeten hätten wenig von der Lethe getrunken und erinnerten sich der
Geheimnisse aus der Welt der Ur-Idee. Wir kommen aus dem Schoß
Gottes, er schuf unsre Seelen aus dem Nichts (was ist das Nichts?) und gab
uns Ähnlichkeit mit sich, schuf uns als Ebenbilder, wir sollen ihn suchen,
er zieht uns, er wird sich offenbaren.
Daß Diotima, die Sokrates über die Liebe lehrte, ihm auch den
Schierlingsbecher reichte! Das ist Tristan und Isolde, Liebe und Tod in
einem, das ist Antigones Hymnus auf das Brautgemach des Hades, das ist
Lammes Liebe am Kreuz und Hochzeit im Jenseits.
Homers Helena „steigt mit gerafftem Gewand leichtfüßig die Stufen
zum skäischen Turm empor, daß die Greise ihr bewundernd nachschauen.“
Isolde Kurz.
„Schönheit ist die Sprache, durch die der Schöpfer seine liebevollen
Gedanken uns im-merzu mitteilt, darum ist sie durch die ganze Schöpfung
ausgegossen.“ (Isolde Kurz)
Ihre Nase ist ein Duftflakon aus ägyptischem Rosenharz. Gott blies
Hans Adam den O-dem in die Nase, der Eva auch?
„... indem er seine unbelohnte Liebe der schönsten Frau als einen
Strahlenkranz um die Stirn legte, mit dem sie durch die Jahrhunderte
geht.“ Isolde Kurz.
Die Nase in der Bibel: „...blies ihm den Odem des Lebens in seine
Nase...“, „...will dir meinen Ring in die Nase legen...“, „solange der Hauch
von Gott in meiner Nase ist...“

22.10.

Einer sagte, die Eskimos hätten viele Worte für Schnee. Ich sagte, die
Griechen viele Wor-te für Liebe, die Hebräer viele Worte für Gott. Was
einem Volk wichtig ist!
Sie ist ihm „das Eine, Wesentliche, wodurch alle Dinge erst ihren Wert
erhalten“. Isolde Kurz.

23.10.

„Die Griechen wußten bei aller Verehrung, daß Aphrodite das Lachen
liebt. Wir sind kei-neswegs verpflichtet, unsere Liebesduette in Moll zu
singen, bebend, ewigkeitstrunken, herzzerbrechend, wie Tristan und
Isolde. Singen wir doch auch wie Papageno und Papage-na.“ CS Lewis.
Galle heißt Mara, das Bittere. Mirjam sah bitter die Not des
Mosekindes. Maria die Bit-tere sah die Passion. Dem einen wird das
Bittere zuviel, er verspritzt Galle; der andere nahm es an und schluckte die
Galle. Wer das Bittere mit Weisheit versteht, dem wird die Galle zum
Guten, er wird barmherzig. Der Ort Mara (2.Mose 15,23). Das Holz des
Lebens machte das bittere Wasser süß. Die Juden kennen vier Gallen:
schwarze, rote, weiße, grü-ne. - Die Scham der Frau heißt Mekem, Quelle
des Ursprungs. Das Geheimnis der Frau. Die Mutter schlechthin.
Keuschheit heißt Bescheidenheit, Verborgenheit, Heimlichkeit,
Unmerklichkeit. Ich will trinken von der Quelle allen Lebens. Nur durch
persönliche Liebe und intimes Vertrauen sich nähern. Eine keusche Frau ist
keine Prüde, sondern eine Ver-borgene. Liebe ist ein Opfer, keine Vorteil
bringende Sache. Liebe ist so unerreichbar wie der Baum des Lebens.
Begegnet man der Frau als Menschen, bestaunt in ihr das Wunder der
Frucht. Sie ist in Liebe gesehen Bild und Gleichnis Gottes. Das
Mannesglied nennt der Hebräer Mila: Beschneidung, oder Zeichen des
heiligen Bundes. Beschneidung ist Wegtun des Äußeren. Der Fromme lebt
den Akt als Verborgenes, Geheimnis.

24.10.

Walter von der Vogelweides Mädchenlieder der sogenannten niederen


Minne haben viel mehr Lieblichkeit und ähneln dem Hohenliede viel mehr
als die Lieder der hohen Minne. Bei beiden Gattungen denk ich an Sie und
will einige Lieder für sie nachreimen
Ich will in dein Haus des Brotes kommen, du Tochter der Fülle, zu dir
und deinem Kind. Ich sah den Stern Deneb im Herzen des Schwanes, dem
am Kreuz des Nordens herrlich fliegt, und Deneb führte mich zu dir. Nun
seh ich dich in Tannennadeln, zwischen Kater und Katze, die den
Gabentisch der Liebe kennen, wie ich, denn von dir kommt die Gabe, die
in meinem Herzen Liebe weckte. In deiner Schönheit, Milde, Sanftmut,
Schamhaftig-keit und Lust seh ich diese Züge der göttlichen Liebe. Du
Ebenbild Gottes, in dir lieb ich als der schönsten Schöpfung in meinen
Augen den Geist, der dich geschaffen, das Wort, das dich ins Leben rief.
Mit demselben Worte will ich dich zur Liebe rufen, komm zur e-wigen
Liebe, der Geist der Liebe wirbt um dich, seufzt dir zu, lehrt dich Weisheit,
deckt deine Makel zu, du Makellose in den Augen wahrer Liebe! Die
wahre Liebe ist Gnade, unverdientes Geschenk, und sucht in deinem
Herzen zu wohnen und begehrt mit der Lei-denschaft eines Bräutigams die
liebende Antwort, das Ja deines Herzens, denn der Geist der Liebe ruft
dich rote Rose, dich weiße Lilie zur Hochzeit eines Lammes, welches für
dich alles zu geben sich nicht scheute, Leib und Leben: Jesus, der dich
liebhat von ganzem Herzen Gottes, und er in mir, und ich, der ich dich
liebe mit der tiefen Liebe eines Poeten, der sich deinem Ruhm
verschrieben hat.
Diamanten sind extrem verdichteter Kohlenstoff. Ihre Augen.
Alraune sind Liebesäpfel. Kapernbeeren stimulieren sexuelles
Verlangen. (Altes Testa-ment)
„Geheimnisvoll und gedankenreich wie eine Tanne war sie.“
(Kierkegaard) „...die zärtli-chen und treuen Umarmungen des
Verstehens...“

25.10.

Es gibt verschiedene Melancholien: die des Wanderers, wenn sich eine


feuchte Nebel-schleppe durch gelbbraunes Laub schleppt; die des
männlich-leidenschaftlich Liebenden, der nicht wiedergeliebet wird; die
des Dichters; die des Frommen angesichts der bitteren Schalheit der Welt.
Ich bin zutiefst traurig und ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, o
wie allein da, und wie ein Waisenkind im weiten Weltall, das so dunkel,
kalt und gleichgültig ist; und wo ist Gott? Könnt ich glauben an die liebe
Mutter Maria, aber ich kann nicht. Gott als Vater und Geist, wo ist da
Wärme und Geborgenheit einer Höhle und eines Brutnestes? Ich mag die
Nestwärme bei Ihr. Ich vermisse eine Mutter.
Maria nähert sich der Geliebten, indem sie mir als Madonna mit dem
goldenen Granatap-fel erscheint, die Geliebte nähert sich Maria, indem sie
schüchtern und schamhaft, sanft und tiefsinnig erscheint. Ich möchte in der
Geliebten Maria finden und in der Madonna Jesu liebendes Herz. Maria ist
die Bittere. Und wieviel Bitterkeit, Schwermut, Angst und Einsamkeit in
der Seele der Geliebten, als sie Kind und Mädchen war. Ich liebe das Mäd-
chen in ihr.
„Anmut ist ausgegossen über deine Lippen“: was mich heute um die
Geliebte weinen ließ, les ich jetzt in der Andacht der heiligen Mutter und
Jungfrau, der Neuen Eva: der Mutter des Lebens, der Braut des Heiligen
Geistes, in ewiger Jugend und ohne Makel. Die Mutter Erde tat sich auf
und der Heiland sprosste hervor.

26.10.
„Heute grüß ich sie von Weitem. Ich bin zu traurig und zu feierlich... zu
feierlich für Kin-der. Und doch Kind.“ (Rilke, die Weiße Fürstin)
Was mich tröstet, ist die Arbeit. Fragment um Fragment entsteht ein
Musentempel, ein Haus Jehowahs.
Lese die trostreichen Zisterzienser-Meditationen zum Hohenlied:
„Nirgends habe ich Trost, nirgends Erholung gefunden, sondern überall
nur Kummer und Schmerz, denn ich habe den, den ich so glühend liebe
und so inständig suche, nicht gefunden.“ Liebe ich Je-howah, liebte ich
Jesus so, wie ich Sie liebe! Würde mich solch eine süße Leidenschaft für
ihn ergreifen, wie ich für sie empfinde! Er würde mich nicht so
verschmähen. Wie soll ich zu Gott finden? Ich suchte Glück und Liebe,
Schönheit und Poesie, Herrlichkeit und Geist bei Ihr. Wo Sie war, war
mein Himmel, wo sie sich weigerte, meine Hölle. Aber sie kann nicht
geben, was meine Seele braucht. Ich zweifle sündig, daß Gott allein geben
kann, was meine Seele braucht. Er mutet mir zu, daß ich an ihn glauben
soll, obwohl ich ihn nicht süpre und erfahre. Ich bin in einer kalten
Fremde, ich aus dem hebräischen Südland, zuhau-se eigentlich bei Eyn
Gedyj; ich muß im kalten Germanien leben! Ich will heim zur Braut
Jeruschalajim, ich will zur Tochter Tsyown, ich will in den Himmel,
Jehowah dort zu um-armen und abzuküssen, zu ruhen an seinem Herzen,
im Sonnenschein seiner liebenden Au-gen. O Jesus komm! O laß mich
bald abscheiden! Ich ertrage das Exil nicht mehr.
Heimsuchung: mit Unerwünschtem, Unangenehmem überfallen,
geplagt werden. Mein Leben ist eine Heimsuchung. Den Frommen dienen
die Heimsuchungen zum Besten.
Jesus: Du mußt den Kelch trinken, den ich getrunken habe... Er war
Bitterkeit des nichti-gen Lebens, er war der Tod in allem Dasein. Jesus
rief: Mich dürstet!... Ihn dürstete nach der Liebe der Menschen. Sie aber
kreuzigten ihn. Dem werd ich gleichgestaltet.
Die Zisterzienser haben mir Sehnsucht nach Tiefe, frommer Stille,
Gebet, Meditation, Andacht, Sakrament, mystischem Wort Gottes und
konzentrierter Liebe zum Bräutigam Jesus gegeben. Jetzt lese ich
Brentano-Gedichte und fürchte mich vor der leidenschaftli-chen Liebe. Ich
will Seelenruhe. Ich will erwiderte Liebe. Ich bin der Liebesleiden über-
drüssig. Gott, mach mich gesund! Aber das ist unmöglich. Sie ist in mein
Herz gebrannt. Das hat etwas von Verurteiltsein zu unglücklicher Liebe,
und das hat etwas von Ver-dammtsein. Verfluchte Erde, die du Sehnsucht
erzeugst nach Milch und Honig, aber nur Staub und Kot gibst.
Lukas 11,27. Eine Frau erhebt ihre Stimme und ruft Jesus zu:
Glückselig der Leib, der dich getragen, und die Brüste, die du gesogen.
Und er sprach: Gewiß... - O glückselige Ma-donna Maria!

27.10.

Clemens Brentano: „Unbeglückt muß ich durchs Leben gehen, / meine


Rechte sind nicht anerkannt; / aus der Liebe schönem Reich verbannt, /
muß ich dennoch stets ihr Schönstes sehen!“

28.10.

Dachte an Selbstmord. Heute tröstete mich eine Predigt über den Himmel.
Jesus in seiner göttlich-süßen Schönheit sehen, mit ihm tafeln, im Palast
Gottes im Himmel der Himmel wohnen, Gott loben, in neuer Kreativität
ihn mit Kunst verherrlichen, zur Harfe Hymnen in Himmelszungen singen,
unendliche Epen voller Wohllaut rezitieren von der Liebe und dem süßen
Herze Jesu, der da ist und nimmer fern. Ach wär ich da! Gott, gib Kraft zur
Ge-duld, zum Überstehen!
Heilige Messe. Nur der Kreuzweg ist der Weg der Auferstehung. Wie
1994 fühl ich eine tiefe, sehr süße, weltentrückende Beseligung durch den
Leib Christi. Mit Gesundung der Seele, tiefer Begegnung mit Gott und
dem Frieden Jesu trat ich aus der Kirche in die Nacht und gehe mit ihm
durch die Zeit gesegnet.

30.10.

Wozu die Mühe meiner Arbeit, wenn es doch keiner liest? Vor dem
Kruzifix: Christus ist auch auf der Erde gescheitert, die Jünger hielten
seinen Tod auch für eine Niederlage. Aber Christus wußte, daß Gott seiner
Niederlage einen Sinn geben wird in der Auferstehung. Dennoch, inmitten
der Niederlage war die kommende Auferstehung ihm kein Trost, sie
erleichterte sein Leiden nicht. Gott gab mir das Charisma meiner Poesie,
ich muß ihn damit verherrlichen, nicht um irdischen Ruhm zu erlangen,
sondern um Gott zu dienen. Das wei-tere Schicksal, das Vergessenwerden
oder der Nachruhm oder auch Erfolg zu Lebzeiten, liegt in Gottes Hand.
Was tut einer, der still in seinem Kämmerlein für alle Welt betet? Er hat
auch keinen irdischen Lohn, sein himmlischer wird um so größer sein.
Rilke: „Ist Schmerz, sobald an eine neue Schicht / die Pflugschar
reicht, die sicher einge-setzte, / ist Schmerz nicht gut? Und welches ist der
letzte, / der uns in allen Schmerzen unterbricht? // Wieviel ist aufzuleiden.
Wann war Zeit, / das andre, leichtere Gefühl zu leisten? / Und doch erkenn
ich, besser als die meisten / einst Auferstehenden, die Selig-keit.“

1.11.

Übersensible Dünnhäutigkeit seit einer Woche, wundes Brüten in der


Seele. Rosenkranz am Arm.

2.11.

Brentanos späte Lieder haben eine Tiefe, die denen seiner Jugend mir zu
mangeln schien. In der Jugend heiteres Spiel, im Alter tiefer Schmerz,
Schmerz um die toten Kinder, vor allem um Sophie, und das Kreuz bitterer
Schwermut. Dennoch ist alles, bis auf ein paar sprachlich karge
Kirchenlieder, von Wortreichtum, blitzenden Schätzen an Reimen, betö-
render Musikalität. Diese späten Lieder und der Godwi, dafür lieb ich
Clemens. Möchte gern seine Briefe an Sophie lesen. Über Brentano:
„Zwischen Diesseits und Jenseits hin- und hergerissen, der tiefsten
weltlichen Leidenschaft verfallen und zugleich voll einer ge-heimen
Sehnsucht nach einer überirdischen Erfüllung seiner Träume, hat Brentano
sein Leben hingebracht. Am Ende blieb ihm das tragische Gefühl der
Vergeblichkeit seiner Dichtung.“

3.11.

Lieder von Brentano gelesen. Er kannte auch Schmerz, Wüste, Bitterkeit,


vergebliche Lie-be, das Kreuz.

4.11.

„Doch in den Begeisterungen / weiß die Jungfrau nichts von allem, / sie
hat nur vor Gott gesungen, / lauschen gleich die Nachtigallen.“ Clemens.
Diese Haltung brauch ich. Dichten im Angesicht Gottes, allein für Jesus,
wenn auch vielleicht der eine oder andre den einen oder anders Vers zu
lesen bekommt.
In den Rosenkranz-Romanzen, von Biondette, eine schöne
Nachdichtung des Hohenlie-des. Ich merke, wie mir durch meine
Übersetzung das Lied der Lieder nahgekommen ist. Auch den Prediger hab
ich jetzt tiefer im Herzen.

5.11.

Las Byrons „Prophecy of Dante“. Er klagt darüber, daß die inspirierten


Poeten, die Rühmer des Himmlischen, auf Erden so arm und verachtet und
elend sein müssen, oft zu Lebzeiten verspottet und erst nach ihrem Tode
nennt der Ruhm ihre Namen.
Ich bin zu spät geboren. Ich hätte 1790 geboren werden müssen. Dann
wären Klopstock und der jüngere Novalis meine Vorbilder, ich hätte mit
Clemens und Bettina und später vielleicht Eichendorff Briefe gewechselt,
und hätte Byron, Keats und Wordsworth ins Deutsche übertragen. Wie
hätte ich wohl geheißen? Ich hätte mir das Pseudonym Porta Petri Cygnus
zugelegt. Ich hätte Lust, einen unhistorischen Roman über die Romantik
zu schreiben und mich hinein, eine Liebe zu Bettine und Karoline. An
Goethe hätte ich den Diwan am meisten geliebt. Es sind drei Phasen:
klassische Empfindsamkeit der Natur, Volksgut, liberaler Katholizismus.
Sein Glauben wendet sich erst am Ende dem kirchlichen ganz zu. Vorher
Anflüge von Pantheismus, Idealismus, Geist und Natur, Innen- und Au-
ßenwelt. Er sehnt sich nach dem Tode, er ist schwermütig, Cygnus im
Saturn. Die Blaue Blume, an der er stirbt, die Gärtnerin, nennt er Deneba.
Man könnte über Walter von der Vogelweide schreiben: Hohe und
niedere Minne, Welt-entsagung und Palästinafahrt.
Zur Russischen Lyrik um 1920. Symbolisten, hohe poetische
Sensibilität als Antwort auf den Prosaismus der vorangegangenen Epoche.
Die Dichter, einst die Romantiker, dann die Symbolisten, dichteten immer
in Stilepochen, waren jeweils modern. Ich bin ein Einzel-gänger. Auch
Kleist und Hölderlin waren Außenseiter und Einzelgänger in ihrer Zeit.
Die Symbolisten suchten bei christlichem Neuplatonismus, erotischer
Mystik und Sophia (Lie-be und Weisheit), genau das interessiert mich
auch, Sophia! Salomo und Heinrich Seuse wählten sie zur Braut.
Man darf nichts für Ruhm oder Literaturgeschichte schreiben, sondern
allein aus Sterben und Lieben der Seele, aus innerer Not, das Gedicht muß
eine Not-wendigkeit sein.
„Weils nicht möglich, daß man quallos singe...“ (Innokentij Annenskij)
6.11.

„Und wisse: der Kranz ward geschlungen / dem Dichter aus Dornen seit
je.“ (Valerij Brjus-sow) - „Den Geist der Schwermut nicht beschmutze!“
(Anna Achmatowa, mir die liebste)

8.11.

Ingeborg Bachmann: „Reinen Fleisches wird sterben, / wer es nicht mehr


liebt, / über Rausch und Trauer / nur mehr Nachricht gibt.“
Das Horn meiner Heimsuchung ist erhoben!
„Dein wehes Herz, vergötternd alle Leiden / vernichtet und verloren
liebeskrank...“
„... gewiß ists, daß nur die Liebe / und einer den andern erhöht.“
Bachmann
„Erlöse mich, ich kann nicht länger sterben!“ Bachmann

10.11.

Eine Freundin sagte, ich wäre nicht der erste Dichter der katholisch würde.
Möchte italieni-sche Lyrik von Petrarca und Dante hören. Brentano und
Rilke haben vielleicht etwas von diesem Wohllaut, nicht die deutsche
Härte Schillers. Warum wirkt die Eucharistie so ver-wandelt auf mich? Ist
es allein die heilige Atmosphäre oder ist es wirklich ein wirksames
Sakrament?
Augustinus: „Und selbst auch die Traurigkeit, die nach den Stoikern
keinen Platz im Geiste des Weisen haben sollte, findet sich in gutem Sinne,
und das besonders bei unsern Schriftstellern.“

11.11.

„...wie geschrieben steht in der Chronik der Mütter des Messias...“ (Schoß
der Morgenröte)

12.11.

Lese über Schneider. Geistige und religiöse Einsamkeit. Freitod wurde von
der Kirche bis ins 4. Jhd anerkannt.
Johannes vom Kreuz und die Nacht: Die Seele muß der Welt entsagen,
die Welt muß ihr Nacht sein. Die Seele muß glauben, der Glaube ist die
Nacht des Verstandes. Die Seele wendet sich zu Gott, der der auf Erden
pilgernden Seele eine unergründliche Nacht ist. Ril-kes Stundenbuch:
Mein Gott ist dunkel. Novalis: Hymnen an die Nacht.

13.11.

Ein Kind ist geboren, ein Sohn ist uns gegeben...

14.11.

In dieser Zeit wäre ich gern ein Philosoph, bin es aber nicht. Ich bin nur
ein traurig Fühlen-der, ein Einsamer inmitten der Menschen, der sich
daseinsunlustig von Tag zu Tag schleppt.
Im Alter wandte sich der Priester-Dichter Paul Claudel von der
Prunksucht der Poesie ab und wandte sich Meditationen über die Bibel zu:
Ein Dichter betrachtet das Kreuz. Ich ha-be viel aus Leidenschaft
geschrieben, ich sehne mich aus der Jugendkraft nach der Alters-weisheit.
Zur katholischen Bewegung des 19. Jhd: Novalis, Brentano,
Eichendorff, und der des 20. Jhd: Bergengruen, LeFort, Schneider, kommt
die des 21. Jhd: dazu will ich mich zählen.

17.11.

Emily Dickinson, Gedichte und Briefe. Zeit ihres Lebens wurde nichts von
ihr veröffent-licht. Leid und Unsterblichkeit ihre Themen und Ekstase des
Lebens. Vielleicht wird gera-de in der Todesnähe die wahre Ekstase des
Lebens entdeckt, eines Lebens im Sinn der E-wigkeit, ewiger Schönheit,
ewiger Liebe und Lust am Schöpfer seiner Schöpfung.

18.11.

Gott fehlt mir so, ich habe solche Sehnsucht, in Jesu Armen an Gottes
Herzen ewige Ruhe, ewigen Frieden zu finden. Aber er ist schrecklich
fern, er ist nicht nah und da, sondern läßt mich allein in diesen verfluchten
Dornen der Erde. Ich mag nicht mehr als Dichter arbeiten, eine Lüge und
sündige Wollust auf die andere häufen, immer dieser schmutzige Schaum
der Poesie.
19.11.

Seh gerstern einen Film über Botticelli. Wer das Modell zu seiner Venus
gab, ist unbe-kannt, hieß es. Die heidnischen Bilder sind voll allegorischer
Zeichen, Blumensprache, Embleme. Später kam der Dominikaner und
Bußprediger Savonarola nach Florenz, wetter-te gegen das korrupte
Papsttum und die sinnlichen Medici. Sandros Bruder war einer der
Anhänger Savonarolas, vielleicht ward auch Sandro von ihm beeinflusst,
er malte mehr und mehr sakrale Bilder, mehr und mehr mit düsterem Ton.
Der Frühling des florentini-schen Humanismus ging zuende, die Zeit der
Medici war vorbei, die Pest kam. Er malte das Gesicht seiner Venus nun
als reizende Madonna mit dem Granatapfel. Er war nie ver-heiratet, auch
Affären sind nicht bekannt. Seine farbigen Illustrationen zu Dantes
Komödie sind leider verlorengegangen, ein Spätwerk.
„Der Wahnsinn, ein bestimmter Wahnsinn, geht oft Hand in Hand mit
der Dichtung. So wie es den vernünftigsten Menschen schwer fallen
würde, Dichter zu sein, fällt es den Dichtern vielleicht schwer, vernünftig
zu sein.“ Pablo Neruda.

23.11.

Machte gestern in Gedanken mein Testament eines Selbstmörders. Auf


meiner Beerdigung sollte „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ gesungen
werden.

25.11.

Schöne Heilige Messe. Ein italienisches Lied wurde vorgetragen, da hörte


ich das berühmte Italienisch, sehr charaktervoll, dazu weich wie
Meerschaum und Fischfleisch, rund wie Orangen im dunklen Laub, ein
Gesang. - Reden von der Dornenkrone und einem König nicht von dieser
Welt, dennoch Immanuel, Gott mitten unter uns.

29.11.

Lamentationen übersetzt: Getränkt mit Wermut und Galle oder


Schierlingstrank und Schlangengift!
Einleitung zu der Hochzeitsekloge: Nachdem Erasmus von Rotterdam
den Text des Neuen Testaments erforscht hatte, wandte er sich wieder
seinen müßigen eitlen Leiden-schaften zu, den humanistischen
Forschungen. Er fand in einer der Bibliotheken der kunst-sinnigen Päpste
ein Manuskript, das eine lateinische Nachdichtung eines griechischen Hir-
tenliedes darstellte. Da er es für eine heidnische Prophetie hielt, wie ja
auch Paulus in A-then zwei griechische Dichter zitierte und zu Propheten
erklärte, schrieb er es ab, kam aber nicht mehr dazu, es in eine lebende
Sprache zu übertragen. In seinen Forschungen über den großen Erasmus
stieß ein Oldenburger Student auf die Handschrift, und da er ein Dichter
war, und des Lateinischen sehr wohl mächtig (errarum humanum est),
dichtete er das naive Hirtenlied nach. Sein Ursprung verliert sich in die
Zeiten Platons, wenn nicht gar Homers.

30.11.

Englische Gedichte. John Donne brachte etwas vorbildlich Neues in die


Renaissance: Er pries nicht die Körperschönheit der Geliebten, sondern die
Union der Seelen.

1.12.

Ummauert, ausweglos, Todessehnsucht. Wodka. Finde keine Worte für


meine Seelennot, alle Klageworte hab ich schon tausendmal ausgespien,
ich mag sie nicht mehr.

2.12.

Die Heilige Messe versöhnte mich mit Weihnachten: In Gottes Liebe


geborgen, erwartet der lichte Himmel uns, der Herr wird auf der Wolke
kommen, wir erwarten ihn mit dem Feuer heiliger Leidenschaft im Herzen.
Sicher, eine ganz heile Seele hat keine tragischen Widersprüche in
sich: Maria und Ve-nus, Sinn und Sinnlichkeit, Seele und Fleisch, aber ich
hab diese Tragik in mir bis zum Grab. Ob eine Vereinigung beider
Prinzipien in Einer Frau möglich ist, weiß ich nicht.

3.12.
Zypern, da müsste eine Geschichte spielen, Zerrissenheit zwischen Venus
und Maria, die gleiche Zerrissenheit, die Fürst Myschkin zwischen Aglaja
und Natassja empfand.
6.12.

Klagelieder: Nun aber liegen sie im Mist!


Populäres Lied über David und Bathseba: „I’m mad about you!“
Im Traum schwärmte ich der Geliebten von ihrer Schönheit vor im
Stile des Hohenlie-des. Sie sagte, ich solle doch deutsch reden, ich sagte,
das sei der Ursprung des Deutschen, Lutherdeutsch, ich lernte gerade,
immer so zu reden. Sie sagte, wenn ihr immer die Juden so hochhaltet, ob
nicht die Ägypter und Römer ebenso schöne Poesie gehabt hätten. Ich
erzählte von Gottes Volk, erkoren zu einem Volk von Propheten des
Messias.

8.12.

Orthodoxe Hymnen zur Christfeier. Ewige Jungfrau, das Paradies, in der


die Frucht des Lebens reifte.

9.12.

Heilige Messe. Wir erwarten den neuen Himmel und die neue Erde, die
Wandlung der Eu-charistie ist Symbol für jene eschatologische Wandlung
und Hoffnungszeichen für die Wandelbarkeit der Umstände.

12.12.

Zu Antigone, Psalm 79: „Sie (die Heiden) haben die Leichname deiner
Knechte den Vö-geln unter dem Himmel zu fressen gegeben und das
Fleisch deiner Heiligen den Tieren im Lande. Sie haben ihr Blut vergossen
um Jerusalem her wie Wasser und da war niemand, der sie begrub...
Rechne uns die Schuld unsrer Väter nicht an... Laß vor dich kommen das
Seufzen der Gefangenen, durch deinen starken Arm erhalte die Kinder des
Todes.“
War bei Kar., so schön, Juri auf dem Arm zu schaukeln.
Die Tragische Trilogie - Kassandra, Orpheus, Antigone - entstand im
Jahre 65 nach Christus. Cygnus war ein junger römischer Dichter gewesen,
der sich in eitel erotischen und spöttisch satirischen Jamben versucht hatte,
als er durch die Predigt des Petrus in den Katakomben Roms sich bekehrte.
Seine Liebe zum griechischen Mythos versuchte er zum Lobe Gottes zu
verwenden, dessen tragisches Schicksal am Kreuz ihm Anlaß zu seiner
Tragödie gab. Juventus und Martial verspotteten ihn deswegen, er erntete
in Rom keinen Ruhm. Sein Werk wurde von den Christen, besonders den
Frauen, durch die Zeit des Mar-tyriums und der Verfolgung
hindurchgerettet, kam in die Hände des Hieronymus, von ihm zu Gregor
dem Großen und durch diesen in die päpstliche Bibliothek, wo es in der
Versen-kung verschwand, bis es im 14. Jhd ein mit Petrarca befreundeter
Bibliothekar entdeckte. Petrarca fertigte eine Übersetzung in die
italienische Vulgärsprache an, die noch Ben Jon-son und Edmund Spenser
bekannt war, aber verlorenging. Das lateinische Original aber bewahrte
Erasmus von Rotterdam für die Nachwelt auf. In der Bibliothek der
Universität von Rotterdam fand ich, durch Zufall oder Vorsehung, die
Abschrift des Erasmus und ü-bersetzte sie in meine deutsche
Muttersprache. Schwanke.
Virgils Wesen spricht mich an. Es gab katholische Virgilverehrung, es
liegt eine Advent-sehnsucht über seinem Werk. Er lebte in stiller
Zurückgezogenheit.
„Die uns das himmlische Feuer leihen, die Götter schenken heiliges
Leid uns auch, drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde schein ich, zu lieben
gemacht, zu leiden.“ Hölderlin.

15.12.

Aufsätze von Theologen zu Kirche und Kunst. Gottes


Schöpfungsoffenbarung umfasst auch den ästhetischen Menschen, Kunst
ist Charisma, soll nicht gegen Schöpfer und Schöpfung sein, muß aber
nicht unbedingt christliche Themen haben.

17.12.

Sehnsucht nach und Angst vor einer Ehe, Hang zur platonischen
idealisierenden romanti-schen Liebe.

21.12.
Werde der Protestanten Brot und Wein an mir vorübergehen lassen. Schlief
mit dem Ro-senkranz. Las die Geburt Jesu aus dem Schoß der Morgenröte,
eine Pfingstlerin: „Außeror-dentlich! So eine Vision hatte ich noch nie!“

22.12.

Von griechischen Mythen geträumt, aufgewacht mit einem liebenden


Gedanken an die Jungfrau Maria.

23.12.

Heilige Messe. Da befiel mich im Angesicht des Kreuzes eine tiefe Angst,
Angst vor einem Leben als unaufhörliche Passion, Angst vor kommender
innerer und äußerer Not. Werden denn meine Sehnsüchte nach Licht, Lust,
Liebe, Leben erst im Jenseits erfüllt? Haben wir keine Verheißung auf
irdisches Glück, sondern nur die Leiden der Nachfolge? Ich habe Angst.
Gleiche Widersprüche zwischen Lust und Weisheit, Welt und Gott,
Venus und Maria, Glück und Leid, Familie und Ideal usw. Wollen die
Hoffnung auf irdische Segnungen nicht aufgeben. Wollen Weite des
Philosophierens.
Gott, mach mein Herz zu einer Krippe, daß Maria Christus sanft
hineinlegt und das Got-teskind mir mein Herz sanft heilend berührt.

26.12.

Heiligen Abend nach der Mitternachtsmesse des Papstes rührte mich das
Lied „Maria durch ein Dornwald ging, da wurden die Dornen Rosen“ zu
Tränen. Ich fühlte meine Ein-samkeit.

27.12.

Film über Jesuiten. Film über David und Bathseba, Thamar und Amnon.
Weltschmerz. Goethe-Lyrik. Selbstmordgedanken. Testament gemacht,
möchte mir die Pulsadern auf-schneiden. Entweder ist Gott das kommende
Jahr gnädig und schenkt Licht, oder ich ster-be. Kyrie Eleison!

28.12.
In diesem Jahr ein Leid aufs andere, die Geliebte, Gottverlassenheit. Nun
hab ich keinen Liebeskummer, denk aber trotzdem an Selbstmord. 1993
war ich einsam, 94 wahnsinnig, 95 des Lebens überdrüssig, 96
gelangweilt, 97 depressiv, 98 traurig, 99 verliebte ich mich... Ist das eine
normale Biographie eines Christen? Wenn sich mein Leben nicht ändert,
fürcht ich auf diese Passionen von Schwermut folgt der Selbstmord.

29.12.

Von Psyche geträumt. Quo vadis, Domine? Christus ging nach Rom und
ließ sich ein zwei-tes Mal kreuzigen. They gonna crucify me again!

30.12.

Charismatischer Prediger will meine „großartige Übersetzung“ des


Qoheleth herausgeben. Halleluja.

2.1. 2001

Der Deuterokanon gehört nach dem Konzil von 389, nach der
Überlieferung der östli-chen Kirchen und der römischen Kirche zur
Heiligen Schrift dazu.

6.1.

Heilige Messe. Getauft in ein neues Leben mit Gott, der Himmel ist offen,
ich bin Gottes geliebter Sohn, er ist alle Tage mit mir.
„Sweet virgin angel, sweet love of my life....“ - „Mystical wife...“ -
„Glamorous nymph with an arrow and bow...“
Marien-Sonett. Möchte gern meine Sehnsucht und Suche nach Maria
in Sonetten aus-drücken.

14.1.

Je begnadeter, desto mehr Anfechtung. Wen der Vater liebt, den züchtigt er.

20.1.
Träumte, daß ich eine Karte an das Jugendideal schriebe. Dann war ich in
Dornum. Da wimmelte es in einem schmuckelosen steinernen Burgturm
oder Kirchenraum von Christen und Tieren. Einer sagte, der Affe wäre der
Antichrist. Die Tiere sehnten sich nach Erlö-sung, aber der Affe rufe die
Tiere auf, gegen den Menschen zu rebellieren. Da jagte eine Ratte wild
durch den Raum, sie war Bote des Antichristen. Ich sagte (wohlwissend,
daß einige Brüder den Papst für den Antichristen hielten), es gäbe nur
entweder Papstkirche oder Kirche des Antichristen. Dann trat eine weiße
Katze auf. Die Katze fraß die Ratte. Ich sagte, die Katze sei die junge
Kirche, sie fraß den Antichristen im Blut ihrer Blutzeugen unter Domitian.
Dann sah ich einen körperlich verkrüppelten Märtyrer von Theben, er
jammerte über seinen verkrüppelten Leib, ich sprach tröstend von seiner
herrlichen Seele im Himmel. Da erzählte er mir von einer Vision im
Martertode: Er sah Maria und Jesus, Maria als Mutter und Jesus als Kind,
und ein Engel war an des Märtyrers Seite. Ich sah das Bild förmlich vor
mir und mußte vor Rührung weinen. Ich fuhr mit einem antikatholischen
Protestanten in einem Auto, wollte aber nur das Bild von Maria und Jesus
malen. Einige Charismatiker sprachen über Rockmusik, ich wollte aber
nur das Bild malen. Schließlich allein in einer alten romanischen Kirche
konnte ich das Bild malen.

21.1.

Jesus Sirach 25,27: „Fall nicht auf die Schönheit einer Frau herein, und
begehre sie nicht deswegen.“ Jesus Sirach 26, 21-24: „Wie die Sonne,
wenn sie aufgeht, an dem hohen Himmel des Herrn eine Zierde ist, so ist
die Schönheit einer guten Frau eine Zierde in ih-rem hause. Ein schönes
Antlitz auf hoher Gestalt ist wie die helle Lampe auf dem heiligen
Leuchter. Schöne Beine auf schlanken Fesseln sind wie goldene Säulen auf
silbernen Fü-ßen.“ Jesus Sirach 36, 24-27: „Eine schöne Frau erfreut den
Mann, und er sieht nichts lie-ber. Wenn sie dazu freundliche und liebliche
Worte spricht, so ist ihr Mann nicht zu ver-gleichen mit andern. Wer eine
Frau erwirbt, erwirbt damit noch mehr: eine Gehilfin, die zu ihm passt,
und eine Säule, an die er sich lehnt... Wo keine Frau ist, da irrt der Mann
seuf-zend umher.“ Jesus Sirach 40,23: „Einem Freund und einem
Gefährten begegnet man ger-ne, aber lieber hat man die Frau, mit der man
lebt.“
Bin ich Johannes, der die Mutter der Schmerzen in den Armen hält?
oder sehn ich mich nach der feurigen Maria Magdalena? oder soll ich
unbeweibter Johannes der Täufer blei-ben, der allein auf den Gekreuzigten
hinweist? (Grünewalds Kreuzigung)
„Wein und Weiber betören die Weisen.“ Ich werde immer ein
Bewunderer der Frauen-schönheit bleiben. Keine pries ich, die mir nicht
schön erschien.

23.1.

Das Schicksal hat mich unterworfen. Ich soll nicht glücklich sein, ich soll
nicht von einer Frau geliebt werden. Sie mögen mich, sie lieben mich
vielleicht als Schwestern, aber es kommt keine Gehilfin. Ich fühl mich wie
von einem Dämon ans Jugendideal gekettet. Ich habe Sehnsucht nach der
Sanftheit der Geliebten. Erträgliche Bitterkeit und Fatalismus in meiner
Seele. Schicksal der Einsamkeit und unerwiderten Liebe.
Meine Madonna, rot wie die Liebe, heilig-weiblich, schwebt über
meiner einsamen Poe-tenhütte, im Gefolge ein Chor Weißer Frauen und
dunkler Kinder. Und der Herr Jesus steht auf, steht zur Rechten Gottes. Da
ist mein Kreuz, ich nenn es Schicksal. Und sterbe einen kleinen Tod. Ganz
tragisch ist mir. Wollt ich Glück und irdische Liebe? wollt ich vorbei an
meinem Schicksal? Wie einsam auch innerlich!
Die Frauen gehen alle an mir vorüber, um Inneres, Idee in mir zu
werden.
Ich komme mir vor wie ein unendlicher dunkler Kosmos mit
ausgesäten Sternen, auf denen Denker und Jungfrauen leben, den aber
allein Gott in seiner Tiefe versteht. Ich ver-steh mein Schicksal nicht. Die
Poesie erhascht nur hier und da einen Zipfel des Logos in diesem Kosmos,
Innenkosmos, Herzenskosmos.

24.1.

Sprechen muß ich mit dem Pfarrer über die Eucharistie und Maria.

25.1.

„Der Dichter sucht das Schicksal zu entbinden, / das, wogenhaft und


schrecklich ungestal-tet, / nicht Maß, noch Ziel, noch Richte weiß zu
finden / und brausend webt, zerstört und knirschend waltet. / Da faßt die
Kunst, in liebendem Entzünden, / der Masse Wut...“ (Goe-the)
26.1.
LeFort, Schweißtuch der Veronika. Veronika bekehrte sich durch eine
Vision der lichten Monstranz in Sankt Peter, war erfüllt von Liebe und
heller Freude, bis sie bald darauf in einer Totenmesse das Abbild des
Dorngekrönten sah: hinein in tiefe Trauer. Schneider nannte es den
Schacht, das Bergwerk. Nicht mehr von der Erde, sondern unterirdisch: im
Grab Christi. Schneider nannte es den „Zauberberg der Mystiker“
(Johannes vom Kreuz).

27.1.

Bitter! Sollen mich doch alle Weiber für immer in Ruhe lassen. Sie sind
wirklich Instru-mente des Teufels. Ich hasse die Liebe, die solche Qual
bereitet. Könnt ich doch einfach alleinstehender Philosoph sein, ohne
Leidenschaft. Verflucht!
Das Leben kommt mir vor wie ein Ungeheuer, die Liebe mit Haß
vergiftet, die Vertrau-teste ganz fremd, die Liebe hart und unbarmherzig
wie ein Wüstenstrauß (wie man so sagt). Ich Gesegneter des Herrn komme
mir vor wie ein Fluchbeladener, wie ein von einem zerstörerischen Dämon
Besessener und Zerrissener. Ich bin die ganze Tragödie, sie offen-bart das
Ungeheuer meines Lebens.
Schrecklicher Blick eines Zerspaltenen in den inneren Abgrund der
Ungeheuer. Völlig außer mir, innerlich in alle Lande zerstreut, ging ich in
die Heilige Messe. Angst, an der Eucharistie zu sündigen. Fragte den
Priester: Darf ich teilnehmen? Er: Heute ja. Nahm es von Anfang bis Ende
knieend, betrat und verließ die Kirche knieend, mich hingebend an das
Gebet der Kirche. Weisheit der Predigt: Berufung Jeremias, wer Profil
entwickelt, muß mit Einsamkeit rechnen. Gott sammelte mich ein und gab
mir elegischen Frieden.

28.1.

Schneiders Wort: „Gerade Qual wird in der Liebe gesucht“, wieder wahr.
Nun bin ich selt-sam stumm.

29.1.
Ich sehne mich nach Altersweisheit. Wahre Weisheit ist melancholische
Einsicht. Die Weisheit Gottes sei meine Freude. Ja zum Geschick, zu den
eigenen Grenzen, diese als Gnade Gottes erkennen. Ich will den
babylonischen Hiob, ägyptische und chinesische Weisheitssprüche, Platon
und die griechische Philosophie kennenlernen. Muß Kierkegaard
ergründen. Um Weisheit bitten. Hoffe auf die Altersweisheit, dafür lohnt es
sich zu leben. Was Dichtung betrifft: Ich hoffe, Gott kann meine eitle
Selbstdarstellung zu seiner Ehre verwenden.
Eine deutete an, daß dem alten Goethe verschiedene Frauen zu einer
einzigen Idealisier-ten zusammengeflossen wären. Das ist mir neu, ich
weiß nicht ob es stimmt, aber das ist vielleicht der einzige Weg, mehr und
mehr von den Weibern fortzukommen und zur Idee der Schönheit oder
Maria als dem Ewig-Weiblichen hindurchzudringen.
„...er liebte sie mit jener wunderbaren, leidlosen Liebe, welche (ich
fühlte es wohl) von allen Wesen dieser Erde einzig dem Dichter
vorbehalten ist zu lieben, ihm, welchem kein Mensch zu helfen vermag,
weil seine tiefsten Schicksale sich gar nicht im Menschlichen vollziehen,
sondern in dem Königreich seiner Dichtung, dort, wo sie gelöst sind von
der furchtbaren Bedrängnis des wirklichen Lebens, wo alle Verwirrung
und Qual, ja die unge-heuerste Tragik nichts sind als grenzenlose
Schönheit, Unberührtheit und flügelndes Glück.“ (LeFort)

31.1.

Romano Guardini, vom Sinn der Schwermut. Der Schwermütige sehnt


sich nach absoluter Liebe und Schönheit, die Wirklichkeit ist ihm zu platt.
Er hält sich für krank, darum ver-schafft er sich Grund zur Krankheit, zieht
das Zerstörerische an. Darum lieb ich immer unglücklich, weil ich keine
Wirklichkeit will, bzw. einerseits will und andererseits fast dämonisch
mein Unglück will.
Eine Schwester liebt Maria als Mutter, ich will sie aber als himmlische
Geliebte verehren, die selige Jungfrau. Unsere Liebe Frau: das macht mich
auf das „unsere“ eifersüchtig. Mei-ne Liebe Frau ist meine Madonna
Maria, meine Madonna Minne. Vielleicht ist das mehr Eros als Religion,
aber ich sehne mich nach der himmlischen Geliebten, der Madonna vom
Schwanenteich zu Norden. Aber Liebe zur Madonna ist, zwar unmöglich
und ideal, aber wie ich gern glauben will, nicht unerwidert, denn sie ist
meine liebste Schwester im Jen-seits. Betet sie für mich?
Gott, ich bin versunken. Dunkel ist in mir, meerisches Brüten des
Gemütes, Unaus-sprechliches. In mir ist Blindheit und Geheimnisvolles,
für das ich keine Worte finde. Ich bin unendlich einsam. Aber du kennst
und verstehst mich. Kann ich mich selbst ergründen? Soll ich es überhaupt
versuchen? Ich möchte in einer stillen dunklen Kapelle kommunizie-ren.
Tod und Wahnsinn, Herr, Dunkel, Schicksal und Zerrissenheit und die
Ungeheuer des Abgrunds: solch ein Buch bräucht ich. Herr, ich schaff es
nicht, von mir wegzusehen, mein Auge starrt gebannt in die Rätsel der
Tiefe. Ich hätte Sehnsucht nach einem Weisheitsleh-rer. Sehnsucht nach
Empfindungen himmlischen Geliebtseins. Daß Maria mir erscheine. Ich
bin lebend begraben und warte auf die Auferstehung. Fühle mich so
unerlöst, aber du bist mein Erlöser. Sei mir gnädig, lieber Herr.
Mir ist so elend. Gott? Ist nicht nur in ferner Nacht, ist in meinem
Herzen und läßt das Kreuz Gestalt gewinnen. Aber wie soll ein Mann ohne
Mut, Kraft und Hoffnung das Elend tragen, er, der Gott nicht spürt, nur
Gottverlassenheit? Worte wie Dämon und Fluch drän-gen sich in meinen
Geist, dabei bin ich Erlöster, Gesegneter des Herrn, Tempel des Heili-gen
Geistes. Wie? Ich verstehe nichts von meinem Herzen und nichts von den
Wegen des Herrn. Menschen ertrage ich heute nicht, denn sie verstehen
mich ja doch nicht. Wenn ich mir selbst ein Rätsel bin, wie sollten mich da
Menschen verstehen? Allein Gott erkennt mich. Aber was, wenn er nicht
trösten will, sondern Leid bereiten? Aber glaube, meine Seele, dies Leid ist
kein Fluch, dies Kreuz ist ein Segen der Gnade!
Alexander Blok, Verse an die Schöne Dame, nachgedichtet. Das ist die
selige Jungfrau. Ich denke dem in letzter Zeit sehr nach. Dichtete Spensers
Hymne an die Himmlische Schönheit nach.

1.2.

Salomo wählte die Weisheit als Braut, eine Schwester wählte Jesus zum
Bräutigam, und ich wähle Maria, die selige Jungfrau, zur Braut? Ist das
Wahn oder Glaube?
Es gibt eine Auslegung des Hohenliedes auf Maria und den Heiligen
Geist. Maria ist eine keusche Sulamith, ein verschlossener Garten, ein
versiegelter Brunnen, ja, aber ist dann auch ihr Schoß ein Kelch, dem nie
der Mischwein mangelt? und hüpfen auch ihre Brüste wie Gazellen? und
biegen sich auch ihre Schenkel wie Juwelenspangen?
Die Kirche lobt Marias Glauben, wie Sara, Mutter, wie Ruth, Erlöste,
wie Ester, Befrei-ung Bringende. Ich nun will allein ihre Schönheit, ihren
Liebreiz besingen? Wie Sulamith, Geliebte, wie Rahel, Geliebte? Im
Stammbaum Jesu stehen Tamar, Rahab, Ruth die Moa-biterin und
Bathseba. Ist Maria sündlos gewesen? Hatte Jesus leibliche Brüder oder
nur Vettern? Blieb Maria nach der Geburt Jesu Jungfrau? Als ich die
Elegie um die Ver-schwundene schrieb, pries ich aus der Doxologie
Mariens die reine Jungfrau, nicht die Mutter. Ich nahm Esther und Ruth
und Sulamith, nicht die Stammutter Sara. Rahel die himmlische, Lea die
irdische Liebe. Rahel gerühmt durch ihren Tod bei der Geburt Benja-mins
bei Bethlehem. Ich bin Benjamin. Ist „Himmelskönigin“ nicht ein Titel der
Aschera, vor deren Verehrung Jeremia warnt? Ist Maria mit Leib und Seele
in den Himmel aufge-nommen worden?
Dante nachgereimt. Francesca, Mathilde, Beatrice, Jungfrau Maria,
Gott. - In der Jugend singt man Venus, in der Reife Maria, im Alter Gott.

2.2.

Mariä Lichtmeß. Suchte vergeblich Botticellis Madonna mit dem


Granatapfel. Ein Autor zog über Botticelli und die Renaissance her, es sei
eine Mischung aus Maria und Venus, Mythos und Christentum, das gleiche
Modell diente zur Venus und zur Madonna, bei Bot-ticelli mit einem
melancholischen Liebreiz (was mir doch so gut gefällt). Raffael war ein
großer Liebhaber der Frauen, ohne sie konnte er nicht arbeiten.
LeFort, Die Ewige Frau. Maria immerwährende Jungfrau, das Bild der
Hingabe von Er-de, Kreatur, Weib und Kirche. Die nicht völlig verderbte
Kreatur ist zur „Miterlösung“ aufgerufen, d.h. zur Hingabe an Gott, zum
„mir geschehe nach des Herrn Willen“. In dem Sinne steht jede Bekehrung
im Zeichen Mariens: Überwältigung, Überschattung durch den Geist,
demütige Hingabe. Geburt des Logos im Herzen. Die Jungfrau spart sich
ganz für die Hingabe an das Mysterium der Liebe auf: Antigone und
Iphigenie, die germanische Seherin, Maria, die heiligen Jungfrauen.
Jungfräulichkeit als Idee des ganz seinem Werk ergebenen Dichters
(Priesters). Im Sichselbstaussagen des charismatischen oder berufenen
Dichters schimmert über sein Ich-Sagen hinaus noch das Charisma, der
Wille des berufen-den Schöpfers durch. Maria wird genannt „Mutter der
schönen Liebe“, die Magd Gottes als Voraussetzung zur Königin des
Himmels. In Maria ist die Entrückung, Verklärung des Gläubigen
prophetisch vorweggenommen. Das Wesen der Frau ist ihr Schleier, Braut
und Witwe und Nonne sind verschleiert. Alles andere ist Bloßstellung. Die
Frau ist nicht zur Selbstverherrlichung, sondern zur Hingabe bestimmt.
Die Mütter leben ihre Begabung nicht selbst, sondern schenken sie dem
genialen Sohn. Marias Glorie ist nicht die einer selbstherrlichen Göttin,
sondern sie wird überglänzt vom Sohn, der Gott ist, dessen Tochter sie ist.
Doxologie Mariens geht in Lobpreis des Agnus Dei über. Weihnacht wurde
an die Jungfrau Maria verkündigt, Ostern an Maria Magdalena. Der
Schleier und die Krone der Regina Coeli ist Gottes Liebe, das Mysterium
Caritatis. Die Musen waren Jungfrauen. Evas Abfall war nicht Sinnlichkeit
oder ein Sinken zur Erde, sondern daß sie selbst wie Gott sein wollte, das
heißt selbstherrlich und nicht mehr dem Ewigweiblichen gemäß Hingabe.
Das hinanziehende Ewigweibliche führt zum Ewiggöttlichen. Selbst die
sinnlich hingege-bene Frau ist Hingabe und damit marianisch. In
gebrochenen Schatten deutet sich das Bild Mariens an, sie selbst aber ist
die Sündlose, das unentweihte Ebenbild Gottes, die ungefal-lene Kreatur
in ihrer völligen Hingabe an den Vater, den Herrn, überschattet und
gesegnet vom Geist, überglänzt vom Sohn in seiner Glorie und seinen
Todesleiden. Insofern Maria Mutter Christi in seinen Todesleiden ist, ist sie
Mutter der Schmerzen, Mutter der Sterben-den und apokalyptische
Madonna der sterbenden Erde. Noch wenn sie, mit Leib und Seele
aufgenommen, von Christus im Himmel gekrönt wird, neigt sie sich
demütig vor ihm. Der letzte Gesang der Göttlichen Komödie beginnt mit
einer Anrufung der verherrlichten Maria und geht über in das Licht der
Dreieinigkeit, das sie überglänzt, in welchem Licht das Ant-litz des
Menschensohnes erscheint. Das letzte Wort ist: die Liebe. Was aber
bedeutet die Verherrlichung der Frau, wenn sie nicht zur
Selbstverherrlichung berufen ist? Dante gab sich Beatrice hin, die ihn zur
Mystischen Rose führte, bis alles vom Licht Gottes über-strahlt wurde. Der
Katholik wendet sich an Maria: Und führe uns zur Frucht deines Leibes,
Jesus. Der Rosenkranz ist eine Meditation über das Evangelium der
Erlösung. Die Doxolo-gie Mariens ist eine Reflexion der Heilsgeschichte.
Sie ist die schöne Ruth und legt sich zu Füßen des Lösers. Virgo, sponsa,
mater. Ist Maria mir - sponsa? Ist sie doch die sponsa des Heiligen Geistes.
Maria ist virgo mater, Maria ist sponsa des Heiligen Geistes, den sie am
Pfingsttag empfing, den Geist der Schöpfung und Geist der Liebe.
Beatrice, Diotima, Frau von Stein: Geistige Hochzeit. Die Frau wird
„erkannt“ als sich Hingebende. In ihr erkennt der Mann die andere Seite
der Totalität, nur durch Erkenntnis der Totalität der göttlichen Schöpfung
kann er den einigen Gott lobpreisen. Die Geliebte dichtet durch ihr Wesen
mit, ist Mitschöpferin, Offenbarerin der anderen Welt, sie ist als Muse
eigentlich Inspirrierende. Nur in Liebe kann der Dichter sie erkennen, er
ringt so leidenschaftlich nach ihrer Wieder-liebe, weil sie mit ihrer Liebe
und Hingabe ihm eine ganze Welt bringen würde. In diesem tieferen Sinn
ist all mein leidenschaftliches Werben um die Geliebte ein Werben ums
Ma-rianische. Die religiöse Freundschaft des Franz von Assissi mit der
heiligen Klara, des Jo-hannes vom Kreuz mit der heilige Theresia von
Avila. In der deutschen Geniezeit und in der ottonischen Zeit blühte die
Kultur der Huldigung an das Weibliche. Allein streng Männliches ist
unfruchtbar. Mysterium caritatis ist bei Dante wie bei Hoffmann, göttlich
oder dämonisch, das gleiche Mysterium, die gleiche Totalität des Seins
herstellend. Die Erkenntnis des Weiblichen ist abhängig von der Höhe des
Schauenden wie des Geschauten. „Das Bild, das der schöpferische Mann
von ihr hinstellt, es ist (in seiner Erhöhung, wie in seiner Erniedrigung)
eben das Bild, das sie ihm darreicht!“ In der anonym mitschaffenden Frau
erfährt der schaffende Mann, daß etwas Größeres eigentlich schafft, das
Leben, oder Gott. Der Dichter ist empfangend wie eine Frau. Die Geliebte
oder Muse verweist auf das über dem Dichter Stehende. Die Braut des
Mannes (wenn auch nur ersehnte oder geistige Braut) ist auch Braut
Christi. Maria weist hin auf Inkarnation, Golgatha, Himmelreich und
Kirche.
Die schönste Mater Dolorosa die ich sah, ist die Pieta Michelangelos,
ganz die Anmut der Jungfrau. „Die sponsa, welche die virgo und die mater
vor dem Antlitz des Mannes vertritt, sie vertritt auch vor ihm die virgo-
mater, sie vertritt das Marientum in Leben und Werk des Mannes, sie stellt
es als die eine Hälfte seiner Wirklichkeit dar.“
Über die Kirche: „Denn die höchste Vernunft spricht ja nicht die dürre
Sprache des blo-ßen Verstandes, sondern sie spricht die Sprache ihrer
Mutter, der Liebe, welche der Anfang ist aller Dinge und darum auch der
Anfang aller Erkenntnis.“ Die Fundamentalisten schla-gen mich mit
Bibelsprüchen tot. Häresie ist einseitige Übertreibung, etwa Biblizismus.

3.2.

Im Geist bin ich Katholik, glaube an die heilige Eucharistie, die selige
Jungfrau Maria, gehe gern in die Kirche wie nach Rom. Nur fürcht ich
mich vor dem Schritt der förmlichen Konversion, da ich schon oft von
Gemeinde zu Gemeinde wechselte, in die Kirche aber nur eintreten mag,
wenn ich sie nicht nach zwei Jahren wieder verlasse. Der Protestantismus
hat biblisches Wissen, die römische Kirche göttliche Weisheit. Fragte
Maria, ob sie mir sponsa oder mater sein wolle. Verzehre das Sakrament
sehr bewußt, es ist mir Speise der Seele, die mich wunderbar verwandelt.
In diesen Tagen, wo ich sehr verliebt in Maria bin, fühl ich mich sehr
versöhnt mit Gott. Ich nannte sie Madonna Minne. Die Kirche nennt sie
Mutter der schönen Liebe, und die schöne Liebe ist Gottes Liebe in Jesus
Christus.
In protestantische Gemeinden kann man ein- und austreten. Die
katholische Kirche ist ein heiliges Geheimnis, dem man sich nur ganz
anvertrauen kann. Zur Zeit bin ich ihr sie liebendes Stiefkind; mit einem
Fuß in und mit einem Fuß außerhalb ihres Tempels. Ich kann meinen
Glauben nicht mit der Ratio aussagen und in kein deutliches Bekenntnis
fas-sen. Den Nichtchristen kann ich nicht mehr dies oder das bekennen,
ich will für sie nur ein „Medium“ der Liebe Gottes werden. Ihre
Gotteslästerungen betrüben mich sehr, und ich bitte Gott, mir Liebe für sie
zu schenken.
Eine Kerze anzündend, wußte ich Maria nur zu sagen, daß ich sie
liebe. O sponsa mea, virgo caritates! O Madonna der Minne, Mutter der
schönen Liebe! LeFort schreibt, die See-le liebt Gott mit der Liebe, der
Geist liebt Gott mit dem Gebet. Ich weiß nicht zu Maria zu beten, aber
meine Seele liebt sie. Es ist ein mächtiger schöner Ausdruck ihrer heiligen
Jungfrauschaft in mir und um mich.
LeFort: „Ich wußte, was er meinte, denn zu ihm waren doch die Dinge
sonst nur in der Scheingestalt der Dichtung gekommen: in der Dichtung,
da hatten sie sich ausleben dürfen, wenn sie nur ihn selbst in Frieden
ließen.“

4.2.

Die immerwährende Jungfrau ist die Idee der Schönheit, auch noch als
Pieta, nicht zerris-senen Angesichtes, sondern die Schönheit einer
bodenlosen Melancholie und Schicksalser-gebenheit. Sie als Gloriana,
Jungfrau Königin, Urania Christi.
Dante verherrlichte vor allem Beatrice, sie wies ihn durch Bernhard
auf die Madonna, deren Gebet ihn Gott schauen ließ. Novalis’ Blaue
Blume war Mathilde, aber die Madonna sprach zu ihm mit Mathildes
Stimme. Petrarcas Lob der triumphierenden Laura mündete in das Lob
Mariens und Christi. Sicher hatte Sophie Mereau für Clemens Brentano
etwas Ma-rianisches. Sie war die Geliebte mit den Zügen seiner Mutter:
virgo-mater als sponsa... Auch Spenser war auf protestantische Weise
marianisch.
Vor meiner Phantasie seh ich Maria, in deren Madonnenmantel ich
eingehüllt bin, aber nicht allein ich, sondern der ganze nächtliche Kosmos.
Ich sehe auch eine alte Kirche, in-nen dunkel, aber erfüllt von einem
goldenen Glanz vieler Kerzen.
Maria, du ewiges Weib, so gnädig, so sanft und süß, sei barmherzig mit
einem Leiden-den, der dich liebt, einem lebensmüden! Erscheine in deiner
vollen reinen himmlischen Schönheit, mit dem Liebreiz deines
Angesichtes, winde mich in dein Haar und laß mich küssen deine Brüste.
Laß meine Seele in dir aufgehen, mein ganzes sterbliches Sein in dei-nen
Armen ruhen. Du wehst im weißen Schleier und weißen Gewande durch
meine innere Landschaft. Deine Blicke sind so weich und voller Traum der
Seele, zuhause ist deine See-le in der unsichtbaren Welt. Deine Augen sind
wie das Meer, wie das Licht des Mondes. Den roten Mantel umgelegt,
erscheinst du in deiner zarten Holdseligkeit, im Glauben von der Liebe
Gottes redend. Du bist Braut des Heiligen Geistes, überwältigt vom Feuer
des Charismas. Du bist mit betörend süßer Stimme Lobpreiserin Gottes,
indem deine Seele über ihre Seligkeit in Gott jubelt. Du bist die
Schmerzensreiche, die den Sohn anschaut am Kreuz und in deren Schoß
der tote Christus niedergelegt wurde. Aber durch seine Aufer-stehung
wurdest du in den Himmel entrückt, wo die Engel dich zu deinem Throne
führten und Christus dir die Krone des ewigen Lebens aufsetzte. Von dort
erscheine mit deiner jungfräulichen, bräutlichen und schwesterlich-
mütterlichen Liebe dem dich Liebenden, erscheine überglänzt vom Glanz
Gottes, und führe mich zu deinem Sohn, dem Sohne Got-tes, deines und
meines Vaters.

5.2.

Mechthild von Magdeburg: Seele, willst du dich betten in Sankt Maria


Magdalenas Liebes-tränen?

8.2.
Theophanie.

„Der Herr hat mir als Lohn eine neue Zunge gegeben, damit will ich
ihn loben.“ (Jesus Sirach, 51,30)
[Inhalt]

WEB6
1

WEB2
[Inhalt]

DIE LIEBE FRAU MARIA

Tagebuch der Konversion II

Von Peter Torstein Schwanke

„Maria, Königin meines Herzens, Liebe Frau, lebe in meinem Herzen. Ich
weihe dir alles, was in mir der Liebe fähig ist, und sei es auch nur ein
Tropfen.“ (Bruder Ephraim)

9.2.2001

Meine Irrfahrt ist abgeschlossen, ich bin nun ein katholischer Poet. Ich will
in den Fußtapfen Jesu wandeln. Klopstock war ein heiliger Mann. Und du,
o schöne liebe mütterliche Mutter, führe mein Leben und wandle es in ein
Magnificat, in einen Psalter. Meine Seele preist den Herrn! Gebe Gott, daß
Mir. mir ein Echo sanfter Schwesterliebe wiedergibt. Heut ist ein Tag des
Auferstandenen: Christus ist auferstanden, Halleluja, Er lebt! „Wie eine
Perle, wertvoll und kostbar, ein Schatz, für den man alles gibt.“ Christus
sprach in dem Sinne, ich solle mich von der Kirche in Erziehung nehmen
lassen. Er weihte mich ein ins Allerheiligste Altarsakrament und die
Verehrung Seiner Mutter. Darum bin ich Katholik. Da Er da in solcher
Theophanie bestimmte, könnte ich zweifeln? Ich zähle mich nicht zu einer
von dreihundert Kirchen, sondern zur Einen, Ecclesia Catholica, deren
Adventsdichter Vergild war. Petrinische, marianische und im wesentlichen
jesuanische Frömmigkeit gilt es zu ergründen. Mein Leben sei ein Opfer
für Christus. Und ich will barmherzig sein. Du bist Christus, der Sohn des
lebendigen Gottes! Herr, laß uns drei Hütten bauen, Mose eine und Elia
eine und dir eine. Aber die Stimme erscholl: Dies ist mein lieber Sohn, Ihn
sollt ihr hören. Und Petrus schaute als Träumer die Verklärung Christi.
Und Christus ging allein in den Ölgarten, und Petrus schlummerte mit den
Donnersöhnen. Und Satan begehrte Petrus zu sieben wie den Weizen, aber
der Herr hat gebetet, daß Petri Glaube nicht aufhört. Und Petrus versprach
als Erster, und alle taten es ihm nach: Und wenn ich mit dir sterben müßte,
ich wollte dich nicht verleugnen. Hab ich in meinem Leben Christus
geleugnet? Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch! Der Herr
sprach: Wirf deine Netze aus, diese Nacht wirst du Fische fangen. Und die
Boote sanken fast vor Überfülle. Ich mache dich zum Menschenfischer.
Bin ich als Poet Menschenfischer? Sollen sie zappeln in den Netzen
meiner Reime! Und Schlüsselübergabe. Und Stuhl Petri. Der heilsame
Schatte des Petrus. Der Brief vom Leiden und der kommenden
Glückseligkeit, meine Theologie. Ich will ernst machen mit der ganzen
Kirche nach dieser Theophanie. Christus zeugte in mir die Sehnsucht nach
der Absolution. Ich will Gott bitten um das Charisma der Ehelosigkeit.
Poet der Mutter im Dienste Gottes will ich sein. Das ist eine Gnade und
Ehre, und weil es eine Gnade ist, muß man demütig sein wie die Mutter
Maria. Ich werde mich vor dem Gericht des Wortes für alle meine Worte
zu rechtfertigen haben.

10.2.

Sie sagten von Jesus, er sei „von Sinnen“, so war ich die Tage nach der
Theophanie von Sinnen.

13.2.

Paulinius trägt Agnes von Rom den Smaragdring an. Sankt Agnes in
langem weißem Gewand, unstofflich, mit goldener Krone, von schöner
Gestalt, eine Jungfrau so erhaben, daß man sie Königin nennen möchte.

14.2.

„Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und verleugne
sich selbst!“
Lese mit ehrfürchtiger Liebe und tiefer Belehrung die Oden des
Propheten-Poeten Klopstock.

19.2.

Salomes Tanz um das Haupt des Täufers.


Hütete den Säugling, er schlief auf meiner Schulter ein, nachdem er an
meinem Hals wie an einer Brust gesogen. Es war so schön, ich konnte es
nicht ertragen! Er hat wasserblaue Augen und so ein weiches breites
Näschen.
Sankt Peter Hille Buch. Will über Petrus schreiben. Liebe ihn wie
einen starken geistigen Vater.
Ich bin der greise Simeon, auf dessen Schulter der Heiland einschlief.
Es ist schön, katholisch zu sein.
In Elses Buch sagt Petrus: „Du wirst meinem Angedenken einen Thron
bereiten.“

27.2.

„Aus der siebenten Generation nach Kain kam die erste uns aus der Bibel
bekannte Dichtung, die des Lamech über seine Mordtat.“ Danach wurden
Saiten- und Blasinstrumente erfunden. Ich glaube aber, daß das Reden
Adams im Paradies Poesie war, Idee der Poesie sozusagen. „Und Lamech
sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla! höret meine Rede, ihr Weiber
Lamechs, merket auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich für meine
Wunde und einen Jüngling für meine Beule.“ Ada war die Mutter von
Jubal, von ihm stammen die Zither- und Flötenspieler. Zilla gebar die
Naama.
Lutherisches Flugblatt: „... wie das griechische Wort für Bruder
(adelphos). Letzteres kann auch Vetter heißen. Daher die unlösbare Frage,
ob Jesus Brüder oder nur Vettern hatte.“
Es waren so überwältigend wunderschöne Frauen in der Universität,
alles Modelle für Venus-Madonnen. Schmerzlich schön! nur wollen sie
nicht küssen!
Kopierte Bilder von Klopstock (er allein) und Dante (knieend neben
der stehenden Beatrice vor Christus inmitten Paulus und Petrus).

4.3.
Milan Kundera: Der Schriftsteller ist von zwei, drei Obsessionen
bestimmt, darum wiederholt er sich.

10.3.

Aus der heiligen Messe komm ich voller Liebe. Raffael malte die
Madonna Diotalevi. Vielleicht kann ich eine Magd Gottes mit Kind noch
schaffen. - Mein Herz war die Schlange. Die Geliebte war sanft, demütig,
liebevoll, hilfsbereit, dienend.
Rilke: „Und jetzt bist du diese ganze Stille. / Doch mein Aufblick wird
dich immer wieder / sammeln in den lieben: Deinen Körper.“ (Lulu)
Sie ist Magdalena die Lauscherin, Martha die Dienerin, Maria die
erschrockene Erde. Oder sie ist Meschiane, in der persischen Mythologie
blühend im Baum als Same in Vereinigung mit Meschia (Adam), die ersten
Menschen. Oder sie ist Morpho, Venus als Vollenderin den Gestalten
vorstehend.

11.3.

Träumte von einem Buch Reinhold Schneiders über die Muttergottes.


Einer wollte eine Bibel kaufen. Träumte von Maria im Jahre drei nach
Christi Geburt. Aß eine Suppe, aber nicht das Lammfleisch darin, des
Fastens wegen.
Maria! Mutter und Jungfrau, Liebe Frau und Himmelskönigin, komm
du zu mir mit sanfter Demut und Gottesliebe. Lehr mich lieben, Madonna.
Und segne meine stille Einsamkeit, sie soll zu deinem Minnelob und
Gottes Preis sein. O Maria, du Reine, komm du zu mir.
Ein wunderschönes Bild von Tizian: Maria Assunta, Marien
Himmelfahrt, so lauter Rot der Liebe!

21.3.

Gott sprach zu Jeremia: Wenn du Edles redest und nicht Gemeindes, sollst
du weiter mein Mund sein.

22.3.

Die Missionare um Sankt Patrick nahmen den Druidenglauben auf und


deuteten ihn um und weihten ihn, sie sahen viele Verwandschaft.
Christentum ist nicht das Nein zu aller religiösen Sehnsucht, sondern
Heimat, Erfüllung, Vollendung.
Tao mildert mein Glänzen und eint mich meinem Staube.

23.3.

Auch Lao Tse war ein Prophet, er gab mir gestern abend etwas Frieden.
Der Heilige Geist spricht zu mir auch durch Lao Tse und apokryphe Jesus-
Worte.

24.3.

Lese italienische Poesie. Dante höher als Petrarca. Lese Vita Nuova

26.3.

Marien Verkündigung. Gestern vorm Einschlafen sah ich die Bucht von
Petra tou Romiou und eine geistig erhabene Venus: Ich bin die große
Königin! Im Schlaf heute nachmittag fasste ich alle Träume von vielen
Frauen und Venus und Minerva der letzten Tage zusammen in einem
einzigen Buchstaben: M, das Ewig-Weibliche.
Gespräch mit einer Freundin. Ich liebe das Ewigweibliche, sprach von
Frau von Stein und Diotima, die Frau als geistige Braut. Darum sei auch
die Doktorarbeit so knöchern, tot, unlebendig, weil es ohne Rücksicht auf
das Weibliche entstand, darum lieb ich auch das Glasperlenspiel nicht, weil
es allein die männliche Welt der Vernunft ist. Weisheit, du bist ein Weib.
Darum lieb ich Lao Tse. Darum lieb ich Maria. Alle hohe Poesie entstand
durch die Befruchtung durch Frauen.
Die letzte Zeit wehte der Geist, lehrte mich mein Engel, sprach Gott zu
mir. Jetzt ist alles tot und nüchtern. Die Bücher raunen nicht mehr
bedeutungsvoll, die Bibel bleibt kalt und stumm, mitten in der Nacht ist es
wie sachlicher Tag. Vielleicht, und diese Erfahrung kommt von Gott, soll
ich geerdet werden? Idee, Litaneien zu schreiben. Will über Maria von
Frankreich schreiben.

27.3.

Las am frühen Morgen wunderschöne Gebete an Maria in den schönen


Gedichten von Charles Péguy, katholischem Dichter von Anfang des 20.
Jhd. Im frühen Sonnenschein ging ich im Wäldchen und besprach mich
mit Königin Maria.
„Das Dekret des Trienter Konzils verbietet auch nicht, zum Gebrauch
und Nutzen der Gläubigen und zum leichteren Verständnis der Worte
Gottes Übersetzungen in der Muttersprache anzufertigen, wie es, mit
Billigung der kirchlichen Autorität, schon vielerorts, wie Wir wissen,
löblicherweise geschehen ist.“ (Pius XII)

30.3.

Minnesang gelesen.

2.4.

Traum von einem Traum oder einem Buch, das ich schrieb, das legte
Gottes Wort mir aus, da sah ich Bilder und hörte Worte von allerschönsten
Engeln, hörte Maria oder die mütterliche Weisheit reden, sah Kerzen:
Komm herein! Mit einem gewaltigen Donnerschlag erwachte ich.

3.4.

Franz Liszt in einem Film: Ich bin halb Zigeuner, halb Priester. Wenn ich
einsam bin, sehn ich mich nach der Welt, bin ich in der Welt, sehn ich
mich nach der Abgeschiedenheit eines Klosters. Durch mein Talent muß
ich der Musik dienen, wie ich Gott dienen möchte, mit Hingabe, Demut
und ohne Eitelkeit. Wenn ich so der Musik diene, habe ich auch Gott
gedient.

4.4.

Las Mittags Briefe von Petrarca über die Provence. Schrieb drei Strophen
an La France: In der Provence möcht ich am liebsten leben. Petrarca
berichtet von manchem Mann, der durch Familiensorge in seiner geistigen
Entwicklung gehemmt worden ist. Sich ganz einem Dienst an Gott
widmen, dazu braucht man Ehelosigkeit. Auch lobt Petrarca die
Einsamkeit. Aber heute möcht ich menschliche Sympathie oder gar Liebe
fühlen.
Goethe späte Gedichte. Sehne mich nach Weisheit. - Mit dem Petrus-
Epos begonnen, 17 Stanzen über die Weisheit.
13.4.

Karfreitag. Päpstlicher Kreuzweg: Wenn wir am elendsten, verachtetsten,


verlassensten sind, ist Gott uns am nächsten. Das erfuhr ich als tiefses
Paradox des Kreuzes im Jahr 1994 und im Jahr 2000.
Herr, mein Gott, du Hort aller wahren Weisheit, ich sehne mich, deine
Geheimnisse noch tiefer zu erforschen, deine Weisheit noch tiefer zu
erkennen, deine heilige Caritas noch heiliger und hingebungsvoller zu
leben. Herr, ich möchte eine dauerhafte geistige Heimat in der
katholischen Kirche finden und darin auch eine Heimat all dessen, was ich
in meinem protestantischen Leben an Gutem und Hohem gewonnen habe.
Ich möchte dir dienen mit meiner Poesie. Ich sehne mich nach der
Schönheit der Weisheit. Ich bitte dich, mir das Charisma der Ehelosigkeit
bis in die Seele zu geben. Durch Christus, deinen Sohn und meinen Herrn,
Amen.
Keiner war so weise wie Salomo, doch die Frauen machten ihn zum
Toren, daß er in Verzweiflung starb.

14.4.

Schneider fragte, ob nicht das dichterische Spiel, der künstlerische Schein


in gewisser Weise gegen die heilige Wahrheit sei. Petrarca wandte sich den
Geisteswissenschaften zu. Paul Claudel, den ich noch kennenlernen muß,
wandte sich von der Poesie zur Bibelbetrachtung. Brentano wandte sich
von Godwi, Märchen und Romanzen ab und wandte sich Schwester
Emmerich und dem Kirchenlied zu.
Mitternachtsmesse. Sehr feierlich, andächtig. In allen, gerade auch in
den Häßlichen, das Schöne und Liebenswerte sehen. Die Schönheit der
Liebe Gottes, der Nächstenliebe. Nur weil der Herr erstanden ist, ist unser
Glaube wahr. Er wirkt, er wirkte in Franziskus, der in jedem Verachteten
die Person Christi sah und darum die Welt verlassen hatte. Bitte für mich,
heilige Maria Magdalena, die der Herr „von dämonischer Schwermut
erlöst und zur Osterfreue befreit hat“. Ich wurde mit Taufwasser besprengt.
Meine Osterkerze ward von einem Engel von Mädchen entzündet, die ihr
Licht an der Feuersäule entzündet hatte. Ich bekam von Christus eine rote
Rose geschenkt. Das „Agape-Mahl“ anschließend war wie in den
Freikirchen und auf Partys schrecklich: alle wussten sich zu lieben und
miteinander zu lachen, ich stand abseits mit meinem Rotwein, der Pfarrer
begrüßte mich und mußte weiter, ich ging traurig. Die Evangelikalen
fragen mich immer nach „Gemeinschaft“, ich bin dazu nicht tauglich. Ich
will einen Priester, der mich leitet, einen christlichen Freund, dem ich
vieles Persönliches sagen kann, und zwei Freundinnen mit Kindern, die
mich mögen und mir Tee oder Essen bereiten. Aber ich möchte mich auch
in Liebe betten, bin aber zur Einsamkeit bestimmt. Ich wünschte, daß Oma
da wäre und mich zu Bett brächte. Ich muß mir an der Liebe Jesu genügen
lassen. Diese rote Rose ist allein Zeichen seiner Liebe zu mir. Ihn will ich
lieben. Ich bin ein einsames Opfer für Gott. Ich will sterben. Sankt
Magdalena, bitte für mich, Sankt Maria, bitte für mich, Sankt Augustin,
bitte für mich, Sankt Agnes, bitte für mich.
Ich habe eine Melancholie, einen stillen Schmerz in meiner Seele diese
Nacht. Wo ist denn die Osterfreude? Ich wäre gern beim Herrn, in dieser
Welt gibt es nur Zwiespalt und Zerrissenheit, Rätsel und Ratlosigkeit,
Ohnmacht und Hilflosigkeit, Einsamkeit und Schwermut. Die kirchlichen
Hochfeste von Weihnachten und Ostern brechen sich in meiner dann
vermehrten Schwermut. Ich sehne mich nach Licht und Liebe, aber es ist
dunkel, und alle sind wir erbärmlich arm an Liebe. Ich bin einsam, Gott ist
nicht spürbar. Ich bin erst zufrieden, wenn ich in Marien Armen ruhe.
Keine andere Frau als Sankt Marien kann mir geben, was ich brauche. Nun
in Gott find ich Ruhe, aber bin ich in Gott? Warum hab ich keine Ruhe,
nur Angst und Getriebensein und Zerrissenheit?

15.4.

Ostersonntag. Menschen kommen und gehen, einsam pilgere ich durchs


Erdental, nur Jesus wird immer bei mir bleiben! Ach ich elender Mensch,
dem keine Osterfreude beschert ist und der nicht weiß warum. Pflücke den
Tag! Morgen bin ich vielleicht tot, das wäre nicht das Schlechteste.

17.4.

Verlaine-Gedichte. Nach seiner Bekehrung zur katholischen Kirche ward


er 20 Jahre lang zwischen Eros und Religion, Orgie und Gebet hin- und
her-getrieben, starb schließlich im Haus einer Hure, die den verelendeten
Herumtreiber aufgenommen hatte.
Perelandra, die grüne Eva des Morgensternes ist eine „Göttin, nackt,
schön, ohne Scham, ihr Gesicht wie in einer kühlen Kirche eine Madonne,
sie kann tanzen wie eine Mänade und forteilen wie eine Artemis“, das
vollkommene Weib. (Lewis)

18.4.

Einerseits ist der Dichter, der sich ganz seinem Werk hingeben will, wie
ein Priester notwendig Jungfrau, andererseits ist er aufgerichtet auf die
geliebte Muse, deren Liebe er begehrt, weil sie ihm die Totalität der
Schöpfung einbringt. Ein reiner Widerspruch, oh Rose: Lust, niemandes
Schlaf zu sein unter sovielen Lidern.
Hebbels Judith, alttestamentliche Sprachgewalt über eine jungfräuliche
Retterin.

19.4.

„Denn die Welt ist schön zu begehren und schal zu begreifen“ (Gertrud
Kolmar).
Eine große Tafel mit Bildern gemacht: Dürers Adam und Eva, daneben
sinnende Magdalena mit Büchern und Kerze und Totenschädel, darüber ein
energischer Petruskopf neben einem Marienkopf aus einer Kreuzigung,
darüber eine zyprische Gottesmutter und Tizians Himmelfahrt Mariens, zu
Seiten der Marien die Magdalena von der Kreuzabnahme Botticellis und
die büßende Magdalena Tizians im losen Kleid, über allem in der Mitte
ragend ein Kreuztragender Christus vermutlich von Dürer.

22.4.

Siehe, viel Wissen erforscht ich und manche Kunde lernte ich und siehe,
das war eitel Haschen nach Wind und vergebliches Seufzen des Geistes.
So gehe hin und liebe deine Mitmenschen, sei barmherzig mit ihnen und
wende dich ihnen zu in Demut, Aufrichtigkeit und kindlicher Herzlichkeit.
Wo viel Wissen ist, ist viel Hochmut.

25.4.

Dogmatische Aussagen zur Evolution liegen noch nicht vor. Die Kirche
hält fest an der Schöpfung des Himmels und der Erde, der geistigen
Engelwelt und der körperlichen materiellen Welt und des Menschen aus
Leib und geistiger Seele durch Gott, hält fest am Urzustand und am
Sündenfall. Allerdings wird bezweifelt daß Genesis 1 und 2 ein
geschichtlicher Bericht ist und nicht eher eine poetische Hymne, in
literarischer Form mosaischer Zeit die ewigen Wahrheiten verkündend.
Warum hat wohl, wie ich hörte, der alte Brentano die Romanzen vom
Rosenkranz verworfen? Sie sind doch fromm, Gott, Christus, Maria, die
Messe, die Buße geliebt, Wollust und Magie und Teufel gehasst, dazu sehr
schöne Verse, auch ein schönes Hoheslied Biondettens. Ist es, daß das
Alter so sehr Weisheit oder Religion will, daß es die Kinderspiele der
Poesie nicht mehr wertschätzt? So Petrarca mit seinen Sonetten, Tolstoi
mit seinen Romanen.

26.4.

Gertrud Kolmar: „Du weißt von unsrer Scheinromantik nichts, die uns am
Tage des Gerichts verläßt, und nichts von goldgetünchten Idealen.“
Die Seele ist eine, nicht zwei, nicht eine geistige und eine sinnliche
Seele hat der Mensch. Die Natur ist gut von Gott geschaffen, er offenbart
in ihr seine Macht und Herrlichkeit und Weisheit, vor allem im
menschlichen Leib.

27.4.

Adam im Paradies besaß immer die Herrschaft seiner Vernunft über seine
Begierlichkeit, besaß keine böse Begierlichkeit. In der Wiedergeburt in der
Taufe wird die Erbsünde ganz vom Gotteskinde genommen, die
verbleibende Begierlichkeit ist keine Sünde, macht aber zur Sünde geneigt.
Ach daß uns manchmal die leibliche Begierlichkeit herrscht über die
Vernunft der Seele!

28.4.

Heute las ich vom Primat des Papstes. Christus ist der Fels, Petrus ist auch
der Fels, ihm ist der Schlüssel gegeben, er ist zum Hirten der Herde
eingesetzt, er war Bischof von Rom und weihte den römischen
Bischofssitz mit seinem Blut, alle römischen Bischöfe sind seine
Nachfolger und damit die Hirten der ganzen Herde.
Wie gewann denn Venus vor Juno und Minerva den Preis? Sie ließ ihr
Gewand fallen!
1.5.

Marien-Tag. Betete die Lauretanische Litanei. Trank mit der Freundin eine
Flasche Wein „von der Insel der Aphrodite“. Betete dem Säugling vor,
Credo und Vaterunser, Gebet zu seinem Schutzengel. Saugte an seinem
Ohrläppchen, was ihm gut gefiel. Sang ihm vor Ma-Ma-Maria und Li-la-
lei.

2.5.

Maria ist „schwarz und schön“, sie ist Brückenbauerin zwischen den
Kulturen. Nicht das Entweder-Oder des religiösen Holocaust gilt, sondern
das Sowohl-als-auch. So gibt es Schwarze Madonnen zu Recht. Ich denke
an die Guan Yin. Katholische Mönche begegnen buddhistischen Mönchen.
Ich denke an eine Widmung Chinas an die Mutter der Barmherzigkeit.
Asketen: „Sie sind keusch aus Bewunderung der Weisheit und aus
Liebe zu ihr, und sie begehren so sehr, ihr Leben mit der Weisheit zu
verbringen, daß sie den Freuden des Leibes gegenüber gleichgültig sind.“
„Wie im Osten, so auch im Westen wetteiferten Dichter darin, immer
neue Bezeichnungen für Maria zu erfinden.“
„Ich würde lieber in Richtung Überschwang irren und ihr übertriebene
Vorzüge zuschreiben, als in Richtung von zuwenig und ihr eine Größe
absprechen, die sie womöglich hat.“

3.5.

Ich muß allein sein, dann bin ich nicht mehr so einsam. „Bei Musik und
Speisen bleiben sie stehen, aber vom Tao will keiner hören. Ich allein bin
elend, aber ich ehre die nährende Mutter.“ Lao Tse. Ich habe das Gefühl,
ein neues Leben, ein neues Glaubensleben, ein neues Lieben und Fühlen
und Denken beginnt, alle alten Bekanntschaften fallen ab, keiner will mich
begleiten in mein neues Leben, ja, es merkt ja nicht einmal jemand. Ich
habe nicht-mehr-mitteilbare Gedanken und Gefühle. Meine Einsamkeit
wird zunehmen.
Nicht mehr säkularisierten Mariendienst (hohe Minne) will ich,
sondern religiösen Mariendienst. Ich will mich der Weisheit als Braut
vermählen. Soll ich, wie Franziskus Frau Armut wählte, Frau Einsamkeit
wählen? Sie ist doch die Magd der Frau Weisheit. Ach ich würde gern jetzt
schon in den Schoß der Kirche. Ich habe Sehnsucht nach Beichte und
Firmung. Ich habe Sehnsucht nach Marien Gemeinschaft. Ich brauche zu
meinem Heil das Ursakrament der Kirche. Die katholische, heilige,
apostolische Kirche ist der Leib Christi, der mystische, ich will kein
abgetrenntes Glied sein. Ich will heim zu meiner Mutter, die mich auch im
tiefsten Protestantismus nicht ließ, darum der häretische Schoß der
Morgenröte, der protestantisch-polemische, aber doch irgendwie
marianische.

4.5.

Eine sagte, Johannes vom Kreuz habe auch sehr vollkommene mystische
Gedichte geschrieben. Die muß ich einmal lesen. Seine mystische Prosa
sei kaum verständlich, sei eine Kommentierung seiner Gedichte. Sie liest
Vita Nuova auf italienisch. Sie erwähnte, daß der alte Petrarca seine
Liebessonette vernichtet haben wollte. Allgemein wird sein Canzoniere als
sein Meisterwerk angesehen, aber ich habe Sehnsucht nach seinen
Weisheitsschriften, nach den Gesprächen über die Weltverachtung.
Welchen Sinn hat das Schmachten des Canzoniere? War Laura mehr als
eine nur schöne Frau? Hätte er einen Canzoniere für die Jungfrau Maria
geschrieben! LeFort sagt, der Dichter brauche das Weib. Ich glaube das.
Muß das ein irdisches, sichtbares Weib sein? oder kann das auch Maria
sein? Ich sagte der Schwester, ich wolle ein Marien-Minnesänger werden.

5.5.

Was ist das für eine Änderung meines Lebens, die ich nicht mitteilen
kann? Ist es das Überzeugtsein von der Wahrheit des katholischen
Glaubens in seiner mystischen Tiefe? Ist es die fromme Liebe zu Maria?
Ist es die Begegnung mit dem Auferstandenen zu Sankt Apollonia? Es ist
nicht eine andere Auffassung in der einen oder anderen „nicht
heilsnotwendigen“ Glaubensfrage, es ist eine Revolution, ein völlig neuer
Glauben, ein völlig neues Denken, Weltempfinden. Dazu kommen die
mystischen Erfahrungen dieses Jahres, die Erfahrungen Christi waren (und
mich in Widerspruch zu den Evangelikalen setzten), es waren Erfahrungen
Marien und Petri, Visionen von David und Agnes von Rom, die Osternacht
mit Magdalena. Es war und ist ein verändertes Verhältnis zur Frauenliebe.
Zum ersten dachte ich an eine entschiedene Widmung meines Herzens an
die Erinnerung des Jugendideals als hohe Minne, platonisch-ideale Liebe;
aber ich dachte auch an den Ursprung der Minne, die Marienliebe, ich
denke an die Ehelosigkeit und die Vermählung mit Frau Weisheit. Die
Schwester sagte: „Das hört sich an, als ob du weißt, was du willst.“ In
diesem Mai sehne ich mich nicht nach Verliebtheit, ich sehne mich danach,
Maria als Mutter Natur zu finden. Die Natur berührt mich, eigentlich von
der romantischen Zeit des Mai 2000 an, wie nie zuvor. Ich habe das
Gefühl, in einer ganz anderen Welt als meine Freunde zu leben, sie werden
mir dadurch fremd.

6.5.

„Dem Himmel ist nichts fremd, der Zweifel und der Glaube nicht. Aller
Schönheit wohnt ein Schmerz inne, aller Hoffnung eine Sehnsucht, allem
Gebet eine große Einsamkeit.“
Bei der Vermählung Mariens mit Josef, sagt die Legende, seien zwölf
Bewerber mit Stäben gewesen. Des Josef Stab blühte. Ein Jüngling liebte
und begehrte Maria besonders innig, aus Enttäuschung zerbrach er seinen
Stab. Raffael malte das. Es heißt, aus Liebeskummer sei er Eremit auf dem
Karmel geworden. Dort aber erklang später der Jubel an die Gottesmutter.
Die Jungfrau, die keinen Mann je erkennen wollte, wäre nie so sein eigen
geworden, wie er es einst ersehnte. Sankt Josef war ja allein ihr Hüter und
Bewahrer ihrer Reinheit. Aber die verschmähte Liebe trieb den Jüngling in
ein gottgeweihtes Leben, in dem er später eine reine heilige Liebe zu
Maria finden sollte. Eine hervorragende Legende!
Der engelgleiche Thomas von Aquin sagt, Freude sei die beste Medizin
gegen Traurigkeit. Maria ist unsere Freude, unsere Wonne, sie ist die
Trösterin der Betrübten, im Stabat Mater Dolorosa heißt es: Laß uns
kindlich mit dir weinen! Die Betrachtung der schmerzhaften Geheimnisse
ihres Rosenkranzes tröste, Tränen gießen die Traurigkeit durch die Augen
aus, sagt Thomas, wir dürfen uns ausweinen vor dem Mutterherzen, das da
Wonne aller Heiligen war und ist. Thomas sagt, die Betrachtung der
Wahrheit lindere den Schmerz.
„Wir sind die Kinder glaubenstreuer Ahnen. Was war für diese Maria?
Fragen wir jene herrlichen Dome, die ihr zu Ehren erbaut, jene Folianten,
die ihr zum Lobe, zu ihrer Verteidigung geschrieben worden, die Gemälde
und Statuen Mariens, zahllos, und dabei wahre Meisterwerke der Kunst,
die Lieder und Hymnen zu ihrer Ehre, sie alle sind Zeugen und Urkunden
der Liebe zu Maria, Beweise, daß die wahre Kultur sich immer an ihren
Namen geknüpft hat. Der Tempel Salomos, ein Wunderwerk an gewaltiger
Schönheit (80 000 Steinmetze arbeiteten daran) ist nach Augustinus ein
Bild Mariens als des Tempels der Barmherzigkeit Gottes.“ Im Liede heißt
es auch: Freue dich, Zion, jauchze, Jerusalem, jubele, Gottesmutter, denn
dein Sohn ist auferstanden! Wenn Maria die Kirche, die wahre Religion,
der Tempel Gottes ist, dann ist auch der Kölner Dom ihr Bild. Wenn sie
das Thema der wahren Kunst ist (Raffael, Dante, Faust Zwei), dann will
auch ich ihr singen, „...ähnlich jenen gothischen Domen, die zu Ehren der
Gottesmutter entstanden und nicht nur im Großen wundervoll
harmonieren, sondern auch im Kleinsten Maß-Werke, in jeder Krabbe und
Kreuzblume Meisterstücke sind.“

7.5.

„Du bist ja die Mutter des Allerhöchsten, darum möchte mein Vertrauen
fast bis zur Kühnheit steigen.“ Sankt Ephraem der Syrer. - Die
Marienfrömmigkeit entfaltete sich im Mittelalter vor allem durch die
Verbindung der Minneliebe für die Dame und der mystischen Liebe zur
Muttergottes. Die Reformatoren ehrten Maria mehr als der heutige
Protestantismus. Dennoch wurde ihre Lehre über Maria von der
katholischen Gegenreformation als häretisch bezeichnet. „Der
gegenreformatorische Aspekt dieser Mariologie zeigt sich auch darin, daß
die neuen Konvertiten ihre Rückkehr zur römisch-katholischen Kirche
durch Akte ausdrücklich marianischer Frömmigkeit manifestieren sollten.“
An der Schwelle zur Neuzeit gibt es eine Art „katholischen Pietismus“,
eine „Religion des Herzens“, die die gelehrten Dogmen der Orthodoxie als
zu abstrakt verwerfen und aus gefühlsmäßiger Liebe blühen. Das führte zu
ketzerisch-abgöttischen Übertreibungen, von den Jesuiten verurteilt. Neue
marianische Frömmigkeit Mitte des 19.Jhd. bis Mitte 20.Jhd. 1942 weihte
Pius XII die Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens. Das Zweite
Vaticanum bremste die isolierte Mariologie. Von Maria-Königin ging man
mehr zu Maria-Magd über, dachte über ihr Verhältnis zum Heiligen Geist
nach. Johannes Paul II hat eine große Marienverehrung, besuchte alle ihre
Wallfahrtsorte dieser Welt und nennt sie am Ende jeder seiner
Interventionen. Seine ökumenischen Bemühungen sind vor allem auf die
Orthodoxe Kirche bezogen. Paul VI rief 1974 zu einer Neubelebung der
Marienverehrung auf. Nur durch die Mariologie ist die rechte Christologie
zu finden. - Mein Gefühl sagt, ich brauche einen „anderen Christus“ als in
den letzten Jahren. Das evangelikale Christusbild ist, da die ganze
Bewegung häretisch ist, gewiß auch nicht rein und wahr. Ich denke jetzt
vor allem an das „süße Herz Jesu“. Ich will mich intensiv mit dem
überlieferten katholischen Glauben beschäftigen, zur Zeit vor allem mit
Maria. So will ich auch zum wahren Christus finden, den der recht
ausgelegten Schrift und der Väter und Kirchenlehrer und Heiligen. Ich
habe Interesse an Theologie gewonnen, an katholischer Dogmatik. Meine
Fragen: Wie unterscheidet man wesentlich „Verehrung Mariens“ und
„Anbetung Gottes“, welche Form sollen, dürfen die Gebete an Maria
haben? Die kirchliche Lehre selbst unterscheidet zwischen dem genauen
Dogma und dem Überschwang der Poesie und der Volksfrömmigkeit. Der
Überschwang der Poesie ist erlaubt als Poesie, aber entspricht nicht der
genauen Lehre des Apostolischen Stuhles. - Maria ist Gottes Geschöpf,
rein Mensch, rein Frau. „Sie muß zunächst in ihrem Wesen als Frau
betrachtet werden. Nicht als eine Frau, die von den anderen Menschen
getrennt wäre, noch als ein Modell passiver Unterwerfung, das die anderen
Frauen den Männern gegenüber nachzuahmen hätten, noch als Symbol
einer idealen Weiblichkeit, die eine gewisse Verachtung der Sexualität und
der fleischlichen Fortpflanzung beinhaltete. Das alles sind Entgleisungen,
die zurecht von den feministischen Bewegungen unserer Zeit angeprangert
werden, und die in der Tat zu häufig die Darstellung der Jungfrau Maria im
Laufe der Jahrhunderte geprägt haben. Die Entwicklung der Kunst ist ein
gutes Beispiel dafür: Wenn Maler wie Georges de la Tour die stille
Innerlichkeit Marias ausgezeichnet wiedergegeben haben, und sie somit
wie ein sublimiertes Bild der Frauenfigur erscheinen konnte, haben andere
Künstler dagegen Maria idealisiert und sie dadurch der Gefahr ausgesetzt,
die simple Projektion eines imaginären Wunsches oder der Ausdruck einer
götzendienerischen Entgleisung zu werden.“ Peguy nennt sie „eine arme
jüdische Frau aus Judäa, das demütigste aller Geschöpfe“, nicht
herausragend wie Miriam, Deborah, Esther oder Judith, mit einem
Allerweltsnamen Maria. Sie war eine treue Tochter Israels und eine
Mutter, die Freud und Leid der Mutterschaft kannte. Von der Jungfrau
wurde sie zur Jungfrau-Mutter, von dieser zur Jungfrau-Mutter-Jüngerin.
Jungfrau vor Gott, Mutter vor dem Sohn, Jüngerin vor dem Geist. Sie ist
„mit Gnade erfüllt“, die Gnade in Maria geht auf eine empfangene und
ungeschuldete Gabe zurück. - „Ambrosius von Mailand (+379), der Vater
des Kirchengesangs, dichtete Hymnen, in den vier völlig gleichartige
Zeilen zu einer Strophe zusammengefasst sind. Die einzelne Zeile besitzt
vier Hebungen. Anfangs wurde der Vers wie in der antiken Lyrik nach
metrischem Prinzip gebaut (jambische Dimeter), später setzte sich, wie
fast überall in der lateinisch verfassten Dichtung das rhytmische Prinzip
durch (steigende Achtsilber).“ Ambrosius dichtete reimlos. Das erste
lateinische Loblied auf Maria dichtete Ennodius (+521). Auffällig am
reimlosen Loblied des Ennodius ist die auf Kosten eines gehobenen
Lobpreises gehende Freude an der genauen theologischen Formulierung.
Im Hymnus des Venantius Fortunatus (ca. 530-600) wird Maria Herrin
genannt. Die lehrhafte Theologie wird vernachlässigt zugunsten einer
Verehrung ihrer Herrlichkeit. In ihm löst sich der poetische Geist vom
theologischen, das Marienlob emanzipiert sich vom Christuslob. 300 Jahre
später entstehen die Sequenzen des Notker des Dichters (+912). Er bricht
mit der Hymnenform. Die Sequenz hat verschiedenartig gebaute Strophen,
von Anfang bis Ende durchkomponiert. Das Lied des Venantius war das
Lied einer Einzelseele und inniger Liebe zur Himmelskönigin. Die
Sequenzen waren Gemeindelieder. Maria wird gelobt als Verkörperung
aller Tugenden (von Edelsteinen symbolisiert). In dem Hymnus Ave Maris
Stella (fallende Sechssilber) wird erstmals Maria nicht allein um Fürbitte
gebeten, sondern es wird zu ihr gebetet. Hermannus Contractus (Hermann
der Lahme) schuf Antiphone und Sequenzen: Salve Regina Misericordia,
ein Mariengruß, ein Gebet an sie. Der Lobpreis ist dem Gebetston
untergeordnet. Zum ersten Mal tauchen die Bilder des Hohenliedes auf.
Ihre leibliche Schönheit wird als Ausdruck ihrer Tugendschönheit
gepriesen, vor dem Konzil von Nicäa dachten z.B. Origines und Johannes
Chysostomus an einige Unvollkommenheiten Mariens. Nun wird sie nach
neuplatonischer Lehre zur Perfectissima, der Tugend- und Leibesschönheit
angehören. Attikus von Konstantinopel (um 400) sagte, ihre Schönheit
übertreffe die aller Frauen des Alten Testaments. Inflation der
Marienhymnik des 12.Jhd., aber in der Bilderwelt kaum Neues. Blüte und
klassische Form in den Sequenzen des Adam von Sankt Victor. Sie wird
gepriesen als Himmelskönigin, Mutter der Barmherzigkeit, aller Tugenden
Reiche, Jungfrau-Mutter. Ausführliche Bilderwelt des Alten Testaments:
Stab Aarons, Reis Jesses mit Blüte Christus, Pforte des Tempels,
Honigstab Jonatans, der Tempel selbst, lichttragende Menorah der sieben
Geistesgaben etc. Neue Form zu Hymne und Sequenz sind die
Grußhymnen (Ave, Salve), die die Doxologien Mariens „im Stehen
gesungen“ aufzählen. Man steigert sich zu asiatisch-hyperbolischem
Lobpreis. DAS LOB MARIENS MÜSSE, FALLS ES ANGEMESSEN
SEIN SOLLE, SO GROSSARTIG SEIN, DASS DER DICHTER SELBST
ES NIEMALS VOLLENDEN KÖNNE. Hinter den ästhetischen
Preisungen innerer und äußerer Schönheit verblasst der theologische
Gehalt. Schon Ambrosius deutete die Braut des Hohenliedes auf Maria,
sieht in der Braut aber vor allem die Seele oder die Kirche. Die
Himmelfahrt Mariens begleitete man ab 550 mit Worten des Hohenliedes.
Hieronymus deutete den Verschlossenen Garten auf die Immerwährende
Jungfrau. Maria ist schön wegen ihrer jungfräulichen Reinheit und
jungfräulichen Mutterschaft. Maria hat ihre Schönheit von Gott. Sie ist
schön als Heilbringerin. Maria ist schön als an allen Tugenden, Keuschheit
und Demut Reiche. Maria ist schön, weil ihre Rede süß ist zum Lobe
Gottes. Maria ist Vorbild aller Kontemplativen. Nicht nur um Fürbitte wird
gebeten, sondern zu ihr selbst wird gebetet als zu der Führerin ins ewige
Leben (Salve Regina). Sie ist auch Vorbild des aktiven Lebens. Als Vorbild
des kontemplativen Lebens ist sie Vermittlerin ihres tieferen Wissens von
Christus. Die Passio Mariae wird aufgesagt, das Stabat Mater entsteht, die
Franziskaner ehren die Mater Dolorosa. Eine Auslegung des Hohenliedes
auf Maria wird in Reimprosa verfasst von Phillip von Harvengt (+1183).
Der Prolog dazu endet mit einem Gedicht in Distichen (Maria als Mond,
Christus als Sonne). Breit wird das Lob der Aurora gesungen. Maria als
Sonne überstrahlt die Sterne aller Heiligen. Bernhard von Clairveaux
deutete Maria als das Große Zeichen, das Weib der Apokalypse. Im 12.Jhd.
entstehen erste volkssprachliche Marienlieder. Das epische „Leben Jesu“
von Frau Ava entsteht, in dem Maria fast keine Rolle spielt. Der Fromme
ist Diener der Herrin Maria, schon ihr Lob gibt ihm Trost und Freude. Im
Gebet zu Maria geht man weit über das orthodoxe Dogma hinaus, bittet sie
um Vergebung und Erlösung. Drei Stufen im Marienlob: „1.Diskussion
ihrer Stellung im Heilsgeschehen, 2. rein ästhetische Würdigung, 3.
Wärme und innige Vertrautheit zu einer Quasi-Göttin.“ In den
volkssprachlichen Marienpredigten des 12.Jhd. wird sie vor allem
gepriesen als Königin und Mutter der Barmherzigkeit. Desweiteren ist sie
Unsere Liebe Frau und Himmelskönigin. Trost und Zuflucht der armen
Sünder. Allein der hohe Minnesang ist Abglanz der Marienverehrung. Der
Kult der Dame (Vrouwe) entstand vielleicht parallel zur Marienverehrung,
aber dem Dichter entging nicht die Verwandtschaft oder Ähnlichkeit.
Vielleicht ist durch die Würdigung Mariens der Frau eine höhere
Würdigung dargebracht worden, sie war nicht mehr Objekt der
Sinnlichkeit, sondern der Verehrung. Aber der wenig mariengläubige
weltliche Dichter konnte leichter seiner Vrouwe als Quasi-Maria huldigen
als der wahrhaft Mariengläubige. Walter von der Vogelweide ist der
einzige Minnesänger der Blütezeit, der auch Verse an Maria geschrieben
hat. Zurückgespiegelt wirft der Minnesang im 13. und 14.Jhd. auf die
Marienverehrung einen merkwürdigen Schein: „Formen erotischer
Verehrung Mariens von Seiten
der Mönche und Geistlichen; die Mönche nennen sich Gatten oder
Geliebte Mariens, und nicht selten finden sich stark sinnliche Elemente in
der Marienverehrung“. Ein geistlicher Dichter polemisiert gegen die
Übertragung der Attribute der Gottesmutter auf sämtliche Frauen, sie allein
ist der hohen Ehren würdig. Heinrich von Morungen, der „marianischste“
Minnesänger, prophanisiert auf irreligiöse Weise die Marienverehrung. - In
Marienlyrik und Minnesang wie in gothischen Domen verborgene
Zahlensymbolik: 150 Psalmen, 150 Ave Marias, 7 Freuden, 7 Leiden, 7
Tugenden Marias, 7 Gaben des Geistes, 7 Sakramente. 28 Tage des
Mondes /Maria) aus 4 x 7. Dreifaltigkeit und dreifache Jungfräulichkeit:
vor, während und nach der Geburt. Das Leben Mariä: 12 Jahre (Mädchen),
40 Wochen (Schwangerschaft), 33 Jahre (Christus), 9 Jahre (bis zur
Aufnahme). Die meisten Traditionen sagen, sie empfing mit 14 Jahren. Sie
lebte 7 Jahre zuhause, 7 Jahre im Tempel. 7 die wichtigste Symbolzahl
Marias. Die 12 Sterne ihrer Krone. Die heilige Brigitta lehrte, Maria habe
63 Jahre auf Erden gelebt. Davon reden auch die Franziskaner. Eine andere
Tradition sagt, sie habe 24 Jahre nach dem Kreuz gelebt und insgesamt 72
Jahre und beruft sich dabei auf Sanct Epiphanius.

8.5.

„...der Greis / liegt im Gebete still und heiß / in der Kapelle, wo ein Bild /
der Gottesmutter rauchgeschwärzt / ihr eingeräuchert Kindlein herzt /
verzeichnet bunt, doch gut genug / da es dem Manne sonder Trug / mit
Andacht so die Seele füllt / denn ganz besonders hat er sich / geweiht der
Jungfrau minniglich.“ (Droste-Hülshoff).
Schob den Säugling im Kinderwagen in die Heilig-Geist-Kirche, da
Messe war, bekreuzigte ihn mit Weihwasser, kniete mit ihm vorm
Tabernakel, zündete für ihn eine Marienkerze und lauschte etwas dem
Gebet des Priesters. Ich glaube, das Kind nahm es gut auf und empfand die
heilige Atmosphäre.

9.5.

Gott der Dreifaltige ist (anders als Zeus) über das Geschlechtliche erhaben.
Er trägt das Urbild des Männlichen und des Weiblichen in sich. Wenn er in
der Religionsgeschichte oft als Mann dargestellt wurde, ist das nicht
notwendigerweise seinem Wesen gemäß, sondern kulturgeschichtlich
bedingt.
Ist des katholischen Dichters Aufgabe in erster Linie religiöse Poesie?
War Wolfram von Eschenbach Katholik? Waren es die Minnesänger? Da
waren der Heliand, die Evangelienharmonie, die Marienlieder. Dann die
Ritterepen. Dann Dantes Commedia, ein religiöses Gedicht. Petrarcas
Sonette als moderner Minnesang, den er später verwarf, sein heidnisches
Epos Afrika, seine gelehrten Weisheitsschriften. Die Ritterepen der
Renaiccance (Ariost, Tasso, Spenser, alle christlich inspiriert) und die
petrarkistischen Sonette der Italiener und Engländer. Französisches
Theater. Lope de Vega und Cervantes. Miltons Paradise Lost und
Klopstocks Messias. Die deutsche Romantik (Natur, Mittelalter, Märchen,
Sehnsuchtsliebe): Novalis Geistliche Lieder, sein Minnesänger-Märchen
Ofterdingen ein Künstlerroman, wie Tiecks Sternbald. Clemens’ Märchen.
Sein Rosenkranz, halb Märchen, halb religiöse Dichtung. Seine
Hinwendung zur Emmerich und dem Kirchenlied. Drostes Geistliches
Jahr. Charles Péguys religiöse Lyrik, sein religiöses Epos Eva. Paul
Claudel, der Dichter des Dogma, Schneiders geistliche Sonette, religiöse
Dramen, Laientheologie. LeForts Ewige Frau (Mariologie), Schweißtuch
der Veronika (über die Sakramente, über das Mysterium Caritatis).

10.5.

Wachte nach wenigen Stunden Schlaf auf und dachte: Urweib - Mutter -
Maria - wühlte mich in ihr Wesen hinein und schlief wieder ein.
Ich wende mich der mariologischen Dogmatik zu. Gerade der
sinnenfreudigste Monat, der Mai, ist der Madonna gewidmet. Italien dient
ihr treuer als Deutschland. Raffael malte sie schöner als Dürer. Die
katholisch-deutschen Romantiker hatten alle Sehnsucht nach Italien.
Eirenaios von Lyon spricht im Jahre 202 von den „in Germanien
gegründeten Kirchen“.

12.5.

Wenn der Logos die menschliche Natur von Maria angenommen hat, hat
Jesu menschliche Seele dann auch ein Gepräge von der Mutter geerbt?
oder hat der Gottessohn nur seinen Leib von Maria? Hat dann sein Leib,
etwa sein Antlitz, Ähnlichkeit mit Maria? „Der Heilige Geist ist es ja, der
in Maria die menschliche Natur Christi aus ihren eigenen weiblichen
Möglichkeiten schöpferisch hervorgebracht hat.“ - Maria ist nicht „die
weibliche Dimension Gottes“ (The Mary Myth). Die Kollyridianerinnen
des 5. Jhd. (Maria-Anbeterinnen) wurden von der Kirche verurteilt.
Verwandt sind sie mit der feministischen Bewegung der Gegenwart. Maria
ist Geschöpf, allerdings das vorzüglichste. - „Wenngleich der
menschgewordene Gottessohn seine leibliche Gestalt seiner Mutter
verdankte, so daß man sagen durfte, er sehe ihr gleich, so wurde doch
Maria ihrem eigenen Sohne vor allem ähnlich, insofern er selbst das Bild
des himmlischen Vaters ist. Sie gab ihm das geistig-leibliche Antlitz; sie
empfing von ihm das geistlich-geistige Angesicht.“ Der Autor wandte sich
gegen die „gnostische Entgeschichtlichung Marias, in welcher Maria sich
zu einer neuplatonischen Idee verflüchtigte“.

13.5.

„Wer also einen Heiligen um Fürbitte anruft, drückt den Wunsch aus, der
Heilige möge mit seiner Liebe zu Gott auch ihn, den Beter, umfangen und
so durch die weckende Kraft seiner von Gottes eigener Liebe genährten
Liebe die Liebesfähigkeit des Beters entbinden und dessen Herz bereit und
aufnahmefähig machen für Gott.“
Den ersten dichterischen Gruß an Maria richtete um 350 Ephräm der
Syrer, dann Ennodius von Pavia im Lied des 5.Jhd., im Abendland die
erste Anrufung Marias bei Augustinus. Papst Paul VI bestimmte 1974, die
Marienfrömmigkeit solle sich gemäß der gegenwärtigen Zeit gestalten und
insbesondere das gewandelte Frauenbild berücksichtigen.

14.5.

Lese Brentanos Rheinmärchen, die er später nicht mehr schätzte. Ich


verstehe das. Sie sind hübsch, niedlich, unterhaltsam, poetisch, aber
welcher tiefere Sinn liegt darin? Poesie soll nicht nur erfreuen, sondern
auch nützen. Nützen kann nur Wahrheit, Weisheit, Religion, Gottesliebe.
Welchen Tiefsinn, welche Kraft zur Erbauung haben Augustinus’
Bekenntnisse! Das stärkt mein Herz wie eine eucharistische Speise.
Ich möchte mehr und mehr von bloß schöner Poesie hinauf zu
geistlich-geistiger, tiefer Poesie. Was wäre eine Weisheit, eine Theologie,
eine Mystik des Rosenkranzes! Aber ich muß tiefer in die Schule der
Kirche der Weisheit gehen, Milch von der Mutterbrust trinken, mich
reinigen lassen von allen Häresien sowohl des Rationalismus als auch der
subjektiven Schwärmerei. Wie Brentano der Anna Katharina Emmerich
diente, Schneider als Laientheologe, LeFort als Marienmystikerin, Claudel
als Bibelbetrachter.
Man liebt, sagt Augustinus, sein Heil mehr, wenn man verloren war
und es wiederfand, als wenn man es immer besessen hatte. So liebte ich
Christus, weil er mich von meiner Gottlosigkeit bekehrte. Auch liebe ich
so die katholische Kirche, weil ich abgeirrt war und heimkehrte zum
wahren Glauben.
Augustinus: „Zurück hielten mich die Nichtigkeiten und Eitelkeit,
meine alten Freundinnen, zerrten mich am Mantel meines Fleisches und
flüsterten mir zu: Was, du willst uns verlassen? Von dem Augenblick an
werden wir nicht mehr bei dir sein in Ewigkeit. Von dem Augenblick an
wird dir dies und jenes nicht erlaubt sein in Ewigkeit. Welche Bilder
brachten sie mir vor die Seele in dem Dies-und-Jenes! welche Bilder, o
mein Gott! Deine Barmherzigkeit wende es ab von der Seele deines
Dieners... Dennoch hielten sie mich auf, und ich zögerte, sie von mir
abzuschütteln und mich loszureißen und hinüberzugehen, wohin ich
gerufen ward, indem die mächtige Gewohnheit sprach: Glaubst du es ohne
jene Dinge aushalten zu können?“

15.5.

Hesekiel 33, 31-33: „Und sie werden zu dir kommen, wie das Volk so
zusammenkommt und vor dir sitzen als mein Volk und werden deine Worte
hören, aber nicht danach tun, sondern ihr Mund ist voll von Liebesweisen,
und danach tun sie, und hinter ihrem Gewinn läuft ihr Herz her. Und siehe,
du bist für sie wie einer, der Liebeslieder singt, der eine schöne Stimme hat
und gut spielen kann. Sie hören wohl deine Worte, aber sie tun nicht
danach. Wenn es aber kommt - und siehe, es kommt! - so werden sie
erfahren, daß ein Prophet unter ihnen gewesen ist.“ Dies Wort stellt die
prophetische Verkündigung des Gotteswortes weit über irdische
Liebeslieder, aber man erkennt, daß das prophetische Wort wie ein
Liebeslied erscheint. Siehe Mechthild von Magdeburg.
Ich bereue den „Schoß der Morgenröte“. Eine evangelische
Seelsorgerin sagte, ich solle annehmen, daß zu jener Zeit mein
Mariaroman meiner Überzeugung entsprach, ich müßte zu meiner
Geschichte stehen, solle mich nicht anklagen. Alles Geschriebene würde
nach einiger Zeit in Frage gestellt. Gott würde mich nicht anklagen, mir
wohl verzeihen. Ich solle getrost sein.
16.5.

Papst Pius II schrieb in seiner Jugend Novellen und Liebeslieder, ward


dann ein tiefreligiöser Mensch. Dem Dichter hatte Kaiser Friedrich den
Lorbeerkranz aufgesetzt.
Die idealisierende Liebe ist so: Ich sehne mich nach einem Ideal, das
in Maria religiöse Wahrheit hat, projeziere das auf die Frau. Die Frau sagt:
Du liebst gar nicht mich, sondern nur das Bild, das du dir von mir machst.
Ja, das stimmt wohl. Eigentlich liebe ich die Jungfrau Maria. Meine innere
Stimme klang heute, Maria sprach: Willst du mein Minnesänger sein? Ob
sie das wirklich gesagt hat?

21.5.

Für allerlei Seelenkrankheiten (Mattigkeit, Trübsal, Schwermut,


Lebensüberdruß, Selbstmordgedanken) gibt der hl. Bernhard als Medizin
die Anrufung des Namens Jesus, sein Aussprechen. So tröstete mich schon
die Herz-Jesu-Litanei.
Die Liturgie (einschließlich des Kirchenliedes) ist Gebet des ganzen
Kirchenvolkes, ein Gerüst, ein Stab, ein Fels für die Seelen. Die poetische,
mystische, Gott individuell erfahrende Seele kann darüber hinausgehen
und ihre Erfahrungen wieder der Kirche in Poesie mitteilen. In der Liturgie
und im Dogma schaff ich mir ein katholisches Fundament. Aber der Schatz
der katholisch-christlichen Weisheit ist so umfangreich, daß es doch
wieder einen individuellen Schatz ergibt.
Petrarca: „Die Poesie steht durchaus nicht im Gegensatz zur Theologie.
Fast möchte ich sagen, die Theologie sei eine von Gott kommende Poesie.
Wenn Christus bald Löwe, bald Lamm, bald Wurm heißt: was ist das,
wenn nicht poetisch?“ Der Scholastik galt die Poesie als niedrigste
Wissenschaft. Die frühchristliche Hymnik ist Glaubensbekenntnis.
Bernhards Theologie ist poetisch. Das Christentum hat sich seinen Sieg
ersungen. Im 2.Jhd nimmt das christliche Carmen poetische Formen der
griechischen Dichtkunst auf. Erstes Beispiel ist der Hymnus „auf den
Erlöser Christus“ des Klemens von Alexandrien: „Christus Jesus,
himmlische Milch, aus den süßen Brüsten der Braut, Geschenk deiner
Weisheit, saugen wir, Kleinkinder, durch den zarten Mund ernährt, mit
Geistestau aus des Logos Brust ganz erfüllt. Lauteres Lob, wahrhaftige
Hymnen dem König Christus als schuldigen Lohn für die Lehre des
Lebens laßt uns gemeinsam singen!“ Klemens Hymne speist sich aus zwei
Quellen: klassisch-griechischer Poesie (Homer, Hesiod, Pindar) und
platonischer und gnostischer Religionsphilosophie. Klassisch geschult
nennt Klemens Jesus „Hirt, Pflüger, Fischer“, redet vom „Pferdezügel,
Vogelschwinge, Steuerruder“. Klemens ist ein belesener, der
Mittelmeerkultur aufgeschlossener Mensch. Der Philosophie entstammen
Vokabeln wie „unerschöpfliches Wort, unermeßliche Zeit, ewiges Licht“.
Fragmente aus dem Schatz der Bildung werden dem Logos zugetragen,
weil sie nach Klemens’ Überzeugung von Ihm und Seiner Inspiration im
Geist der Dichter und Denker ausgegangen sind. Solche humanistische
Offenheit war in der Alten Kirche nicht selbstverständlich. Die Theologie
der Kirche ist meist mehr an attischer Philosophie, weniger an attischer
Poesie interessiert. Die Scholastik würdigte die Poesie nicht. Darum ist
Dantes Virgillob so wichtig, Petrarcas Liebe zur klassischen Poesie so
wichtig.
Ich las, Georges Bernanos stelle das Wesen des Heiligen in das
Zentrum seiner Poesie. Peguy dichtete liturgisch oder predigend. Ich las,
Paul Claudel sei der Dichter auf dem Boden des Dogmas. LeFort
entwickelte ihre Lehre vom Opfer, vom Leid, von der Imitatio Christi, von
der Eucharistie und den Sakramenten. Schneider schrieb eschatologische
Sonette, Betrachtungen über das Kreuz in der Geschichte, Laientheologie
vom Kreuz. Diese Dichter sind in einem ausgesprocheneren Sinne
katholisch als Novalis, Brentano, Arnim, Eichendorf. Ich denke über das
Amt des christlichen Dichters nach. Dabei muß man auch Dante und
Petrarca bedenken. Schließlich muß ich meinen eigenen Weg gehen, Maria
wird bei mir zentral sein.

22.5.

Nachwort zu Gerard Nervals Aurelia: Aurelia ist nicht allein ein Deckname
für Jenny Colon, sondern ein Symbol wie Beatrice in der Vita Nuova. Sie
kann einen Gestaltenwandel eingehen: die vergeblich gesuchte
abgeschiedene Geliebte (Eurydice), die Führerin ins Jenseits (Beatrice),
die Königin und Göttin (Artemis). Alles in allem, sag ich, ist sie ein
Schatte Mariens, deren Preis auch synkretistisch gesungen wird gegen
Ende der Erzählung. Die letzten Manuskriptseiten des Werks fand man in
Nervals Manteltasche, als er sich erhängt hatte.
Wenn ich einmal von einem „Christus untergeordneten Synkretismus“
des Dichtens schrieb, findet das seine Rechtfertigung in der katholischen
Lehre von Offenbarung und Religion. Die Religionen sind auf den
göttlichen, katholischen Glauben hingeordnet. In ihm ist die ganze Fülle
der Offenbarung (die römische Kirche steht dem katholischen Glauben am
nächsten), in den Religionen sind Funken, Schatten, Reste, Sehnsüchte.
Alles dies nahmen die katholischen Missionare auf. In Irland „taufte“ man
den keltischen Druidenglauben, in China griffen die Jesuiten auf die
klassischen Schriften (und das Bild der Guan Yin) zurück. So ging
Klemens von Alexandrien mit klassischer Poesie und Philosophie um. Das
sagt mir zu und ist künstlerisch viel fruchtbarer als der evangelikale
Rigorismus (die Puritaner kämpften gegen das elisabethanische Theater).
Was LeFort von der geistigen Hochzeit des Dichters mit der Geliebten
schreibt, sie sei Mitschöpferin, Ergänzung zur Totalität des Lebens, kann
das auch die heilige Jungfrau Maria sein? oder muß es eine irdische Frau,
eine sterblich Geliebte sein? Ist das Phänomen der idealisierten Geliebten
erledigt, weil ich Maria gefunden habe?
Ist mir die Madonna Geliebte oder Mutter? 1994 war sie geliebte
Gottesmutter, aber war es sublimierte erotische Liebe oder fromme
kindliche Liebe? Die Kirche lehrt fromme kindliche Liebe. Mir scheint
aber, der Frauenliebhaber Raffael malte seine Madonnen aus sublimierter
erotischer Liebe. Kann man die Minne für die Dame auf Maria übertragen
oder ist die mystische Liebe zur Mutter Gottes eine ganz andere? Ist die
Minne platonische Stufenleiter, menschliche Religion des Eros; dagegen
die Offenbarung von Maria als Mutter der Gläubigen spricht? Das Zweite
Vaticanum definiert Marienkult als „aus dem Glauben, nicht aus
Gefühlswallungen“ (sinngemäß). Ist sie denn Jungfrau-Mutter: Geliebte
und Mutter in einem? Italien preist die geliebte Madonna, Deutschland
preist die verehrte Muttergottes. Der Pfarrer sagte, ich solle mit Maria
reden „wie mit einer Freundin“. Maria ist auch (wie die Muse Nervals)
abgeschiedene Geliebte, Führerin ins Jenseits, Königin und Göttin.
Dennoch hatten die Dichter eine Frau, eine Geliebte, eine Stellvertreterin
Mariens (Vikarin Mariens). Vielleicht ist Sie selbst zu erhaben, zu
unnahbar? Es gibt in der Poesie zwei Linien: die Linie Dantes, Beatrice als
Mittlerin zu Maria zu verherrlichen, und die Linie der Hymniker, Maria
selbst zu grüßen. Welchen Weg werd ich gehen? Maria ist doch
preisungswürdiger als die idealisierte Frau, welche auch zur großen Teilen
ihre Attribute von der Königin borgt, Maria ist doch die, die mehr gesegnet
ist als alle anderen Frauen. - In der Sankt-Marien-Kirche stehen zwei
Mariengestalten: In der Kapelle eine nonnenhaftee ältere Mutter, vor der
der Glaube beten kann, und im Chorraum eine junge Madonna ohne Kind,
die Schlange niedertretend, schön und schlank, welche die Seele lieben
kann. Der Geist glaubt, die Seele liebt. Die Seele liebt Schönheit, Jugend,
Jungfräulichkeit, Anmut, Reinheit, Liebreiz. Ja, auch Liebreiz, denn die
Weisheit hat nach der Schrift die Welt mit ihrem Liebreiz gestaltet.

23.5.

Träumte von einem Juden, dem ich sagte, Mutter der Juden sei die
ungehorsame Eva, Mutter der Christen sei die gehorsame Maria.
Nicht allein im Weitersagen des Gotteswortes, sondern in jedem Tun
und Wort des Trostes, der Ermutigung, der aufbauenden Kritik gibt der
Christ das Heil weiter. Für seine Heilsvermittlung ist allein die Liebe
maßgebend. Im liebenden Christen liebt Gott, im die Liebe Empfangenden
empfängt Gott die Liebe. Das Kreuz des Getauften ist Christi Kreuz, in
Leiden und Sterben hat der Christ Anteil am Leiden und Sterben Christi,
besonders im Leiden des Christen wird das Heil wirksam. Der
Auferstandene wirkt in den Sakramenten und im ursakramentalen Handeln
der Kirche und ihrer Glieder.

24.5.

Ich habe so ein Gefühl der Liebe für Maria heute, fast als ob ich sie
begehrte, als ob ich die Sixtina umarmen und küssen wollte, eine
schmachtende Sehnsucht.

25.5.

Träumte von der Kirche, kam in eine kleine Landgemeinde von acht
Schwestern, einer Pfarrerin, bekam ein Einzelzimmer, aber die Pfarrerin
verstand nicht, daß ich als Dichter leben wollte. Ich wollte in der
Nachbargemeinde beim Pfarrer eine Glaubensunterrichtung mitmachen.
Einige Kirchenlehrer sagten, wer nachts wache, werde besonders leicht
von Dämonen versucht. Der Pfarrer sagte, ein Dichter dürfe ruhig nachts
wachen, um in der Stille der Welt zu dichten; wenn die Einsamkeit zu
schwer würde, sei ja die Musik da.
„...so bleibt es unentschieden, ob ich an Bettine denke oder an
Abelone. Nein, Bettine ist wirklicher in mir geworden, Abelone, die ich
gekannt habe, war wie eine Vorbereitung auf sie, und nun ist sie mir in
Bettine aufgegangen wie in ihrem eigenen, unwillkürlichen Wesen.“
(Rilke, Malte)
Angefangen mit Franz Werfel, Das Lied von Bernadette. Gefällt mir
sehr, schöne Sprache, poetisch-realistische Schilderungen. Ich habe viel
Sympathie für Frankreich, das ich in Nerval, Rilkes Malte und jetzt Werfel,
vorher in Peguy und meinem Frankreich-Poem, gefunden habe. Ich würde
gern nach Frankreich reisen. Rom ist eine religiöse Frage, aber von der
Lebensart zieht es mich nach Südfrankreich. - Mit der wunderschönen
Beschreibung Unserer Lieben Frau von Lourdes (nach Werfel) geh ich
schlafen, er nennt sie „die Allerliebste“.

26.5.

Das Brot der Eucharistie ist Frucht der Erde, Gipfel der Evolution, von den
denkenden Kreaturen gebacken, dargebracht Gott. Christus ist seit der
Himmelfahrt die Weltseele, der schöpferische Logos. Er verwandelt die
Frucht der Erde und Menschenarbeit in seinen Leib, daß wir den
kosmischen Christus empfangen, den Leib des Logos überall in der Welt
entdecken und selbst Sakrament werden.

28.5.

Mechthild von Magdeburg: „Die Jungfrau ist hier vor der Heiligen
Dreifaltigkeit / eine Beschirmerin aller Keuschheit / und eine Anwältig der
Versuchten, / die sich mit Reue fürchten.“
Consolatrix afflictorum: Ihr Wallfahrtsort ist Kevelaer, dahin zieht es
mich. Die Madonnenmaler von Kevelaer sagen: Der Mund muß
ausgearbeitet sein, soll aber kein roter Kußmund sein. (Aber die Madonna
küsste Johannes Chrysostomus!)
Als Bernadette die Dame nicht sehen darf, ist sie voller Sehnsucht, wie
ein Geliebter sich nach einer fernen Geliebten sehnt. Als sie ihr das zweite
Mal begegnet, ist sie von einer ersten Hingerissenheit vorgedrungen zu
einer dauerhaften Hingabe. Als die Dame, unendlich geduldig, zu ihr
spricht, ist trotz ihrer Erscheinung von junger Mädchenhaftigkeit ihre
Stimme mütterlich. Sie sagt zu Bernadette: „Ich kann nicht versprechen,
Sie in dieser Welt glücklich zu machen, aber in jener!“ Sie wird die
Allerliebste, Allerlieblichste, Allerschönste genannt. Ich nannte sie
Freundin der Armen, Freundin der Gottsuchen, Freundin der Erdenpilger,
Freundin der Dichter, meine geliebte Freundin, die mich liebt.
Gottesmutter und Königin ist sie sicher, aber diese Titel schaffen solche
Distanz. Trösterin der Heimgesuchten ist sie, unsre Wonne, süße, milde,
gütige Maria.

31.5.

Besuchte den Hochschulseelsorger der katholischen Hochschulgruppe.


Wird nicht meine Welt sein. Die Freundin sprach von Tolstoi: den Glauben
nach innen und nach außen durch die Liebe leben, Jesus wäre auch seinen
Weg gegangen und es war ein einsamer Weg. Ich bräuchte nicht unbedingt
Gleichgesinnte. Wenn ich wirklich tief überzeugt sei, könne ich auch
Gemeinschaft mit Andersdenkenden haben.
Rilkes Gedichte, sein Ja zum einsamen Dichterleben, helfen mir.
Hinterm Haus der Hochschulgemeinde war ein verträumter grüner Garten,
abgeschlossen, mit weißen Türen, da hätt ich gern wie im Klostergarten
gesessen, vielleicht mit einem weisen Alten, und Zen-Gedichte gedichtet,
chinesische Lyrik der Stille oder japanische Haikus. Ich bin ganz für die
Kontemplation. Ich bin für einsame Nächte. Nur manchmal soll mich ein
schönes Mädchen anlächeln. Alle Mädchen sind Marien.

1.6.

Die Schwester schreibt: „Jesus mutet dir Einsamkeit zu.“

2.6.

Omas 100. Geburtstag.

3.6.

Pfingstsonntag. Heilige Messe. Las für Oma das Totenangedenken. Der


Geist ist Feuer, verbrennt zu Asche und gebiert den Phönix. So war und ist
die Kirchenfeindlichkeit des 20. und 21. Jhd. nach Meinung des Priesters
geistgewirkt, verknöcherte Strukturen müssen aufgegeben werden, neue
Kirchenfrömmigkeit entsteht. Noch nie hätte es Päpste von solchem
Format gegeben wie die des letzten Jahrhunderts. Johannes Paul II geht
versöhnend auf die griechische Orthodoxie zu, der Priester sprach von
einer Verbrüderung mit dem Islam. Es müssten nun Gemeinschaften
entstehen, in denen Jesus allein im Mittelpunkt steht.
Noch hab ich protestantische Berührungsängste vor den andern
Religionen. Ich würde gern des Papstes Gedanken zum Buddhismus lesen.
Es ist schöne Poesie aus dem Buddhismus hervorgegangen. Jesuiten
beschäftigen sich mit Zen. Ich habe nicht ein Interesse an Atem- und
Körperübungen, aber an Gedanken der Weisheit. So hab ich auch keine
Angst vor Konfuzianismus und Taoismus. Den wahren Frieden aber finde
ich nur in Jesus. Die katholische Religion nimmt viel von andern Systemen
auf, weil jede Religion und menschliche Sehnsucht auf den göttlichen
Glauben hin geschaffen ist. Islamische Mystik, indische Weisheit,
buddhistische Poesie, das interessiert mich.

4.6.

Der Priester von Notre Dame de Paris sagte zur Zigeunerin: „Ich hatte
meine Ruhe und wollte nichts als meine Ruhe, aber nun seh ich nur dich
und überall dich, in jedem Buch, in jedem Bild, und habe keinen Willen
mehr!“ ...Das seelische Verlangen nach der Geliebten brennt in jeder Fiber,
in meinem Blut. Sie ist umwerfend, tief beeindruckend. Sie ist der Traum
einer Geliebten, einer asiatischen Prinzessin, einer Indianerin, einer
Pantherin, einer demütigen Dienerin Gottes vielleicht. Es ist das Verlangen
nach ihrer Schönheit, das mir meine innere Ruhe raubt.

5.6.

Weihte mich dem Unbefleckten Herzen Mariens, in einem ruhig


formulierten Gebet, vor dem Bild der Sixtinischen Madonna.

6.6.

Papst Pius XII an Maria: „Und wir arme Sünder, wir, denen der Leib den
Aufschwung der Seele hemmt, wir bitten dich, reinige unsere Sinne, damit
wir lernen, schon hienieden inmitten der Lockungen der Geschöpfe Gott
zu lieben, Gott allein.“
Der heilige Märtyrer Maximilian Kolbe betete zu Maria: „Erlaube mir,
dir eine solche Ehre darzubringen, wie sie dir noch niemand dargebracht
hat.“
Schon ETA Hoffmann sagte: Wie schön ist „Ave stella maris!“ und wir
unschön: „Meerstern, wir dich grüßen“.
7.6.

Papst Pius XII: „Aus der Tiefe des Tales der Tränen, in dem die
leidbeladene Menschheit mühsam dahinzieht, aus den Meeresfluten, die
von den Stürmen der Leidenschaften beständig aufgepeitscht werden,
erheben wir unsere Augen zu dir, o Maria...“ Wir „verbannte Kinder Evas“
seufzen zu dir trauernd und weinend. Die Heiligen sind „beseligt in der
Schau deiner leuchtenden Schönheit“!

10.6.

Heilige Messe. Wann wurde mir zum letzten Mal die Liebe erklärt? Mir
stiegen die Tränen auf. Der Gott der Liebe ist die Liebe in aller Liebe.
Liebe zwischen Mann und Frau ist nicht Symbiose, denn wenn wir den
Andern ganz in uns aufnehmen wollen, werden wir selbst entwurzelt und
gehen verloren. Aber groß ist die Sehnsucht des Menschen nach
Vereinigung: mit der Geliebten, mit der Natur, mit Gott. Der Dreifaltige ist
in sich totale Liebesgemeinschaft in Union, aber in drei völlig souveränen
Personen. Im Geheimnis der Dreifaltigkeit liegt das Geheimnis der Liebe.
Mein Christus-Evangelium heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast
du mich verlassen? Mein Petrus-Evangelium heißt: Eine Zeit lang, wenn
es sein soll, Leiden, danach aber eine übergewichtig herrliche
Glückseligkeit der Seele! Amen.
Ich war mit dem Säugling allein im Kinderzimmer. Er lag auf dem
Rücken allein, ich sagte mit schluchzender Stimme: Ach du! und die
Tränen drangen herauf. Da fing auch er an, traurig zu weinen. Ich
ermannte mein weibliches Gemüt und sagte: Sei nicht traurig, du. Da hörte
er wieder auf zu weinen. Ich hab ihn lieb und sag ihm das auch.

11.6.

Du bist ein sehr schöner Mensch, innen und außen, ich hab dich von
Herzen lieb, aber wenn ich bei dir bin, entflammt es mich und alle
Sehnsüchte nach Liebesgemeinschaft erwachen in mir, denn du bist die
Verkörperung so vieler Sehnsüchte meiner Seele!
Nur Bachs „Komm, o süßes, süßes Kreuz, o süßes Kreuz, o komm!“ ist
mir Trost. Ich bin sehr einsam. Die Leidenden sind meine Brüder. Die
Glücklichen stehen bei mir im Verdacht der Gottlosigkeit. Der Bettler im
Winter vor der Kapelle war mehr mir Bruder als die satten Philister in den
Kirchenbänken.

13.6.

Mit dem Säugling ging ich in die Heilig-Geist-Kirche. Er war wach und
gespannt. Daß ich ihm ein Kreuz auf die Stirn tupfte mit Weihwasser,
schien ihn sehr zu freuen. Dann zog ich ihn im Kinderwagen in den
Kirchenraum und sagte: Da ist Jesus, sein Leib. Ich kniete und bekreuzigte
mich. Dann sagte ich: Jetzt gehen wir zur Mutter Maria. Da, wies ich ihm
das Muttergottesbild: Maria und Jesus! Jetzt zünden wir für Maria eine
Kerze an. Wir grüßen dich, Maria, bitte für uns! Dann zeichnete ich mir,
dem Kinde das Gesicht zugewandt, ein Kreuz auf die Stirn und dann auch
ihm: Sei gesegnet im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen
Geistes. Er freute sich und schien dankbar. Wir verabschieden uns vom
Herrn Jesus. Ich betupfte ihn mit Weihwasser am Ausgang, dann gingen
wir, er sah so beseligt aus. Das helle Licht des Tages blendete ihn. Ich
sagte: Das ist gut, das Licht! Aber, nach einer Besinnung, du, wir beide
sind doch Kinder der Nacht. Abends badete die Freundin den Säugling, ein
glückliches wasserplätscherndes Baby. Sie machte ihn bettfertig und sagte:
Man kann auch so einen kleinen Buffodontel zusammen haben, nicht
wahr? Ja, das ist eine schöne Art, einen Buffodontel zusammen zu haben,
wie wir ihn uns 1990 am Golf du Lyon erträumten.
Maria von der Todesstunde, wenn du bei mir bist, dann sterb ich
getrost.

14.6.

Dichte Johannes vom Kreuz (San Juan) nach. O ninfas de Judea!

16.6.

Las Hölderlin „An die Madonna“, er singt darin vom Teutoburger Wald.
Ich war im Herzen so verwirrt-verliebt. Ich denke an Hölderlin und Rilke.
Sie liebten ihre Musen. Hölderlin liebte und sang Diotima, ging dann aber
in den Gesang der großen Hymnen über. Rilke liebte Lou oder Abelone,
ging dann aber in das mystische Preislied vieler Frauen und Prinzessinnen
über.
Rasputin-Film: Der sibirische Mönch, aussehend wie das Leiden
Christi, bekreuzigte sich und sagte: Gott ist gut! Er stand im Licht, er
betete auf Knieen, ihm war die Mutter Gottes erschienen, sie hatte ihn
berührt und ihn gesandt zum bluterkranken Zarewich, den er durch
Handauflegung und ein gutes Wort heilte. Die Zarin vertraute ihm, der Zar
Nikolaus II war skeptisch. Aber Rasputin wußte sich am Hof nicht zu
benehmen, er war wie ein russischer Muschik: versoffen und verhurt. Er
sagte: Ich bin Rußland! Warum gerade ich auserwählt wurde, weiß ich
nicht! Der Zar schickte ihn fort. Das Kind wurde krank. Die Zarin ließ
Rasputin wieder rufen. Er machte sein Testament: Wenn er von Bauern
ermordet wird, sei es nicht schlimm; aber wenn er von der zaristischen
Familie ermordet würde, würde die Zarenfamilie binnen zweier Jahre
sterben. Kein Fluch, sondern Prophetie. Er sollte vergiftet werden, ihm
aber schadete das Gift nicht. Dann wurde er wie ein Hund erschossen. Sein
letztes Wort war: Schmerz! Die Zarenfamilie wurde von den
Bolschewisten ermordet. Wie Rasputin prophezeit, folgte Blut und Terror
und Krieg und Mord.
Im Garten der Geliebten allein dachte ich an Sankt Maria Magdalena,
da dort eine weiße Malve mit rotem Mittelpunkt stand, die Malve von
Magdala, die große Minnerin Christi, wie Meister Eckhard sie nannte. Ich
dachte an Sankt Eva von Eden, die zu Füßen Mariens im Himmel sitzt, im
weißen Gewand, oder im orangenen und lichtgrünen Gewand, wie die
Frucht des Paradieses, die gute Frucht der Glückseligkeit und der süßen
Wonne. Ihr widmete ich die schönen orangen-blühenden Mohnblumen.
Dann muß die violettgelbe Iris mit dem keuschen Blütenschoß die Blume
der Seligsten Jungfrau sein. Ich habe mich dem Unbefleckten Herzen
Mariens geweiht, die Unsere Liebe Frau von Fatima wünschte. Ich
wünsche, mich mit ihr zu vermählen, um Liebe und Friede und Ruhe für
mein Herz zu finden. Maria, führe mich!
Zur Messe ging ich in stiller Freude, die Frucht (Jesus) vom Baum des
Lebens (Maria) speisen zu dürfen, auf daß ich dereinst am himmlischen
Hochzeitsmahl teilhaben darf. Ich bat Maria um Segen für meine
Freundinnen. Die Lesung und Verkündigung war von der Sünderin, die
Jesus die Füße mit Tränen gewaschen, sein Haupt mit Salböl gesalbt. Sie
hat viel geliebt, darum ist ihr viel vergeben worden. O Simon, weil ihr viel
vergeben worden, darum liebt sie viel. O heilige Magdalena! Bei den
Einsetzungsworten donnerte es, und wenn Gott aus dem Donner sprach,
dann sprach er: Dies ist mein Leib! Ich bat Jesus um das Manna und sah
vor meiner Seele einen Granatapfel.
Der Priester sprach von der Inkarnation: Logos ward Fleisch und Blut.
Wir sind Fleisch und Blut Christi. Christus ist nicht „Idee“ oder „Ideal“.
El Greco, Maler der spanischen Gegenreformation, lernte als Kind
byzantinische Ikonenmalerei. Er stand im Dienst der Kirche, lebte in
Toledo mit seiner Lebensgefährtin. Er malte die Hure, die Sünderin, die
büßende Magdalena, den heiligen Franziskus, über einem Totenschädel
meditierend, er malte Maria, mit entblößter Brust Jesus stillend, er malte
das Antlitz Christi mit tieftraurigen Augen. Ein weltliches Bild malte er:
Gaukler am Feuer. Einen Mythos malte er, aus seinem Nachlaß, nur für
sich gemalt, voller Rätsel: Laokoons Kampf mit den Schlangen. Seine
Heiligen waren von ekstatischer, mystisch-verzückter Religiösität,
überirdisch, in lauter Finsternis in einem kühlen reinen Licht.
Ein beseligtes, seliges Glück empfand ich in der Hl. Messe. Es war
wirklich die Frucht vom Baum des Lebens. Ich wiegte mich zum
Halleluja, lachte selig tonlos nur auf dem Antlitz und im Herzen und sang
von Herzen: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, alles was
Odem hat, Psalter und Harfe, wacht auf!“ Ich konnte vor der Eucharistie
nicht tief genug knieen. Das ist wahrer Gottesdienst.

17.6.

Traum: Ich kam zum Priester, er führte mich in sein Wohnzimmer. Wir
sprachen, er fragte, was mein Problem sei. Ich sagte, vielleicht sei der
Kern des Problems mein Selbstmordversuch, seit dem ich nicht mehr
heimisch auf der Erde. Er sah mich an, ob ich sicher sei, daß dies das
Problem sei. Dann trat eine Frau mit langen roten Haaren ein, sie trank
einen Schluck Alkohol. Der Priester sagte zu ihr: Wollen wir diesen hier in
die Kirche aufnehmen? Ein Diakon trat ein. Priester und Diakon griffen
mich, banden mich, wickelten mich ein, machten etwas, wie als ob sie
mich unter Strom setzten, da rief ich: Vater, Ewiger! Das war meine
Bekehrung. Ich trat aus dem Haus und sagte: Maria, Tochter des Vaters,
bitte für mich. Ich kam in eine katholische Altstadt, da sagte Eine zu mir:
Wenn ich wieder auf Abwege gerate, seien Bessere immer mit mir, auch
werde die Weiße Dame immer da sein. Ich war dann bei einem einsamen
alten Mann, wir sprachen davon, daß wir von Anglikanern, Lutheranern
und Baptisten nichts mehr wissen wollten.

20.6.
Der alte Meßdiener, der mich unterwies, wie man den Rosenkranz betet,
sagte, nicht dem solle ich folgen in der Verehrung Mariens, was andere
sagten oder wie die offiziellen Gebete lauten, sondern ich solle meinen
eigenen, ganz persönlichen Weg gehen. Mir schien, er hieß meinen
Wunsch nach der „mystischen Vermählung“ mit Maria für gut und recht.
Es sagte, ich sei ein Mönch in weltlicher Kleidung, ein Freund Mariens.

21.6.

Ich möcht mich für immer begreifen als „Marien Bräutigam“. Sie hat noch
nicht Ja gesagt zu meinem Antrag in der Litanei von der Lieben Frau. 1994
hab ich ihre weiße Hand geküsst. Maria wird immer da sein, wird mich nie
verlassen: „Und wenn mich alle Freundinnen verlassen, dann nimmst du
mich doch auf!“
Maria begegnete mir zwar in der idealisierten Frau, aber Maria ist ganz
anders. Die Frau ist dornenreich, Maria ist die dornenlose Rose. Maria ist
zwar „gebendeit unter den Frauen“, aber sie ist vor allem „mehr gesegnet
als alle anderen Frauen“. Wird die idealisierte Frauenliebe nun ganz in die
Marienliebe aufgehen? Alles durch Maria für Jesus, immer durch Maria zu
Jesus!
Maria hüllte mich heute Morgen in die Wolke stiller Wehmut, einer
weltabgeschiedenen Versunkenheit und innigen Liebe zu ihr.

22.6.

Ich ruh in Maria in Gott.


KANN MARIA MIR DAS SAKRAMENT DER EHE SPENDEN?

23.6.

Traum: Ich ruh in Maria in Jesus, in Jesus in Gott. Vor dem Einschlafen
versenkte ich mich in die Madonna auf dem Sessel und liebte die Madonna
innig-minnig, und sie nahm mich in die Arme.

24.6.

Träumte von inniger minniger Liebe zu Christus.


Ich habe heute zu Sankt Johannis auf Omas Teetisch einen Altar
errichtet, einen vorläufigen: Ein Rosenölgefäß mit Weihrauchstäbchen (für
Magdalena) vor der Ikone vom Schweißtuch Christi, gelehnt an eine Vase
mit Blauer Blume (für Maria), daneben die Heilige Schrift. Vorn ein
goldenes Glöckchen als Zeichen der Wandlung, dazu ein Brötchen und ein
Weinbecher mit Fischmuster, als Gedenken an den eucharistischen
Christus.
Ich wage immer noch nicht zu sagen, daß ich mit Maria „vermählt“
bin. Ich denke so und finde so Frieden vorm Sturm der Leidenschaften. Ich
dichte von Schalak (Schwan), dem Eremiten vom Karmelberge, aber die
Jungfrau hat mir noch kein Ja-Wort gesandt. Sie liebt mich innig, minnig
und wundersüß, ja, aber ein Wort: woher könnte es kommen? Ich denke an
einen Ring. Bin ich auf dem richtigen Weg? Gott, ewiger Vater, darf ich
mir Maria, die Gottesmutter, zur Geliebten wählen? Laß Du sie Ja sagen!
Ich mag nicht „Mutter“ sagen. Ich liebe Sie mehr, wenn ich Madonna,
Liebe Frau, Jungfrau, Maria sage. Mutter erstickt. Ich hatte nie eine
Mutter. Wenn ich krank bin oder elend, ob ich dann eine Mutter will? Wie
aber, daß die Kirche sie als Mutter verkündet: Siehe, Johannes, deine
Mutter! Und ist es gegen die Ehrfurcht vor der erhabenen Gottesmutter, sie
als Geliebte, als Braut zu betrachten? Das eine ist der vorgegebene Weg
der Religion, der Kirche; das andere ist mein ganz subjektiver,
individueller Lebensweg. Der Pfarrer: „Reden Sie mit ihr wie mit einer
Freundin.“ Meine Freundin, mehr noch, meine Geliebte bist du, o Maria,
sei gegrüßt und vieltausendmal geküsst! Das finde ich auch in keinem
kirchlichen Gebet, daß jemand Maria „Muse“ genannt hat.
Maria, wo bist du, über alle Maßen Geliebte? Ich ruhte in deinen
Armen, du versenktest mich wie einen weißen Stein in Gott, in die ewige
Ruhe in Gott. Ich sah dich in der Iris im Garten, in der Dame, deren Haar
den Säugling verschleierte, in dem schönen Mädchen mit dem kleinen
Knaben, in der stillenden Mutter. Heute find ich dich nicht, obwohl ich dir
die Ave murmelte. Wo bist du, Feuersäule, wo bist du, Himmelstreppe?
Alle nennen dich Mutter, ich mag dich nicht Mutter nennen. Liebe Frau, o
sag, darf ich dich Geliebte nennen? Madonna, Freundin des Geistes der
Liebe, darf ich dich Braut nennen, meine Braut, o Liebe Frau? Bitte sprich
zu mir, wie du von mir geliebt sein willst. Ich wäre gern dein Minnesänger
„vom Berge Karmel“.
Ich bin traurig, weil ich mich nicht traue, Maria Geliebte zu nennen,
obwohl sich alles in mir glühend danach sehnt! O Maria, hilf mir, du
Liebe, Schöne, Holdselig-Süße, von Liebe Glühende, Anmutige, innig
Gott Liebende, komm und zeige dich mir! Gib mir durch einen Priester
einen weisen, weisen Rat. Erlaube mir eine unorthodoxe Verehrung.
Rilke: „Vergangen nicht, verwandelt ist was war.“

25.6.

Die Heilige Agnes von Rom hat sich mit dem Jesuskind verlobt, dem
Jesuskinde auf der Madonna Arm.
„Weigert sich aber ihr Vater, sie ihm zu geben, dann hat er ihm soviel
zu zahlen, wie der Brautpreis für eine Jungfrau beträgt.“ (Exodus 22,16) -
Vermählung mit Maria muß im tiefen Geheimnis eine Vermählung mit
dem lieben Christus sein und in Ihm im Tiefsten mit Gott - „Ich lege dich
wie einen Siegelring an meine Hand“, sagte Gott zu einem, zu Serubabel,
glaub ich, und, wie mir schien, 1994 zu mir.
Der heilige Johannes vom Kreuz war Seele, die den Geliebten liebte, er
war die Geliebte. Ich bin ein Liebhaber der Liebsten, von Ihr geliebt, von
der Königin meines Herzens, und singe ihre einen bräutlichen Rosenkranz,
einen Hochzeitstanz. O Rosenkranz-Marie!

26.6.

Mit der Schwester gesprochen. Gott will uns immer ganz persönlich,
jedem anders begegnen. So darf ich Maria als Liebender begegnen. Als
Maria Sonntag fern war, schmachtete ich, ich schmachtete wie ein
unglücklich Liebender. In einem Rilke-Gedicht sprach sie dann abends mit
mir. Das Liebesschmachten, die Sehnsuchtsnacht ist auch das Thema San
Juans. Die Schwester will mir mehr Gedichte von ihm schicken. Bin dabei,
ein zweites Gedicht von ihm nachzudichten.

28.6.

Träumte von Weihrauchduft und der Wolke der Herrlichkeit im


Mosaischen Zelt und in der Katholischen Kirche.

29.6.

Polnischer Priester: Maria ist Königin, ist die Immaculata. Jeder hat ein
anderes Marienbild in sich. Lesen solle ich päpstliche Enzyklika zur
Marienverehrung. Ich sang „Schwarze Madonna, children at your feet“, als
ich von ihm ging. Er hatte meinen Minneweg aber nicht verstanden und
nicht gefördert.
5.7.

Charis heißt Gnade, Liebe, Güte, Schönheit, Sympathie, Gunst, Charme.


Mit dem Weiblichen als Dimension verbindet sich alles, was auf das Leben
hinweist (Entstehung, Schutz, Nahrung); alles was mit Intuition und
Kreativität zu tun hat; auch alles was mit Intimität, Innerlichkeit und
Geheimnis zu tun hat; Gefühl, Aufnahmevermögen und Aufmerksamkeit;
Zartheit, Wärme und Liebe. Die Frau ist Mutter, Braut, Schwester und
Freundin. Die Freundin ist Beatrice. Maria (Tempel des Geistes) ist alles
dies. Geist Rouah ist feminin, lebensspendend und tröstend.
Die Schwester schrieb mir Mariengebete: „Ö Königin des Paradieses,
nimm die Liebe des größten Sünders an, der in Liebe zu dir entbrannt ist!“
(Alfons Maria von Lignori) „Sei gegrüßt, bräutlich geleitest du heilige
Seelen!“ (Hymnos Akathistos) „Du bezauberst mich mit einer Süßigkeit
und einer Trunkenheit, die süßer ist als Wein, durch einen deiner Blicke
halte ich am Kreuz hängend aus, ich halte aus in der Verzückung über dich,
eingeschlafen, festgebunden an dem Baum des neu geschenkten
Paradieses!“ (Bruder Ephraim)

9.7.

Las eine Übersetzung des Hohenliedes mit Kommentar, das Lied ward mit
der Poesie von Theokrit in Verbindung gebracht und mit den Kultgesängen
aus dem Ischtar-Tammuz-Kult.
Inannas Vulva glich einem Salatkopf. Aphrodite ist Schwanin. Ihr
Element ist das Wasser. Inanna ist keine Muttergöttin, sondern eine
erotische Göttin. „Mein Bruder brachte mich in sein Haus, legte mich auf
ein duftendes Honigbett, legte sich auf mein Herzstück, tat es fünfzig Mal,
zungenfertig!“ Sie war Göttin des Kusses und der Masturbation. Die
älteste Poesie war von der Dichterin Enkeduanna aus Babylon, sie dichtete
2300 v.Chr. ihre „Zelebration für Inanna“, dichtete über die Kriege und
Verwüstungen und Blutbäder der Liebe. Archetypischer Widerspruch
zwischen der Mutter und der Geliebten: Demeter und Aphrodite, die
Muttergottes und Maria Magdalena.

10.7.
Irgendetwas von Maria, Grotte, Schleier geträumt, wollte es nicht
vergessen, vergaß es aber im Traum, nur „Massabielle“ blieb mir im Sinn.
Erwachte morgens mit Gedanken an Maria und Elisabeth.

11.7.

Träumte von Maria und der Geliebten, mir scheint, Maria gab mir Weisung
wegen der Geliebten.

12.7.

Die Schwester lud mich nach Lourdes ein.

13.7.

Petrarcas Augustinus: „Deiner Schwachheit Rechnung tragend, verlange


ich nicht von dir, deine Natur völlig abzutöten; doch sollst du sie im
Zaume halten.“ Meine Natur ist sinnlich, wie hält man sie im Zaume, wie
bindet man sie an Gott? Augustinus: „Rastlos wird der Mensch hin und her
geworfen zwischen Trauer und Freude, und sein schwacher Wille vermag
nicht der wilden Begierden Herr zu werden.“ Plato: Halte die Seele rein
von Lüsten des Leibes, dann erhebt sie sich rein und frei zum Schauen
göttlicher Geheimnisse. „Enthaltsam vermag nur der zu leben, dem Gott es
verleiht.“ Meine Sehnsucht, aus den Sturmesmeeren in den stillen Hafen
der Seelenruhe und der Kontemplation zu kommen. Plato sagt, „daß uns
vom Schauen der Gottheit nichts mehr abzieht als fleischliche Begierden
und entflammte Sinnlichkeit“.

14.7.

Traum von einem Weisheitsgedanken: Das Leben bestehe aus Weihnacht


und Ostern, gerade sei Weihnacht und Maria trage mich aus.
Ich will der sinnlich Schönen Seele preisen und die Heiligen und Engel
in ihrem Garten. Nicht Werbung sei mein Gedicht, sondern „ein Wehn im
Wind“, eine Preisung des Ewigen. In der Entsagung mehr Fülle zu sehn als
im Begehren oder in der Erlangung: „Die Kinderlose hat mehr Kinder als
die Hausmutter“.
Augustin zu Petrarca: Du liebtest den Leib und die Seele und den
Namen, daß du einsam deine Zeit verseufztest und wenig an Gott dachtest.
Geh fort, entferne dich, entferne alle Gegenstände der Erinnerung, schau
dich nicht um. Ein schöner Körper entflammt die sinnliche Begierde, ein
süßes Augenspiel weckt dem schon nahezu Geheilten auf ein Neues die
schlafende Liebe. Der Liebeskranke sagt: Ich will und will nicht und will
nicht und will.

15.7.

Träumte, ich suchte auf Baltrum die Bundeslade.


Bin in der Wüste, dürste nach dem Wasser der Liebe, bin ungeliebt,
oder alle Liebe, die ich bekomme, fällt in das schwarze Loch meiner Seele.
Da wird sie gefressen und nichts bleibt. Wer füllt mir das Loch des
Liebeshungers? Gott nicht. Vielleicht ist es sein Wille, daß ich hungere und
dürste nach Liebe. Selig sind, die da dürsten... Und Liebe kommt erst im
Himmel? Auch von der Kommunion geh ich traurig und verzweifelt fort,
dabei ist sie das einzige, was mir an der Messe noch wichtig ist. Aber
warum speise ich die Hostie, wenn sie mich genauso elend wieder entläßt?
Nacht!

18.7.

Ahnung, als wenn der milde weise Gott der Liebe sagte: Steige nicht zu
steil die Himmelsleiter hinan, sei geduldig, dulde deine Sinnlichkeit und
zähme sie. Der Kardinal zum Maler: Du bist berufen, sinnliche und
seelische Schönheit zu gestalten, führe ein frommes Leben, dann kann
auch ein Abglanz überirdisch-heiliger Schönheit auf dein Werk fallen.
Poet, vergiß nicht die Charitinnnen und die Nymphen von Judäa!

19.7.

San Juan sagt, je mehr einer vom Himmel erwartet, desto mehr bekommt
er vom Himmel. O Gottes Brautgemach! Liebe! Trank vom Saft des
Granatapfels! Göttliche Wollust der unsterblichen Seele in Ewigkeit! Und
ein Liebesmartyrium, ein seliger Liebestod, kein Strohtod, sondern im
lodernden Feuer verbrennen! Maria, tritt in das Allerheiligste meines
Herzens, in das Brautgemach, zu dem allein der Bräutigam meiner Seele,
Jesus, den Schlüssel hat. Vermählung Mariens mit dem feurigen Geist in
mir! Vermählung mit Maria ist, wie Sankt Agnes vollzog, Vermählung mit
Marien Kind Jesus.
Der Heilige Geist in mir weht feurig und begehrt die Jungfrau Maria!
Ein Kreuzleben, las ich, ein Leben in Schwachheit und Agonie, im
innersten Herzen der Kirche, wie San Juan und die Kleine Therese, ist
weniger ein Leben von Ordnung und Harmonie, mehr ein Brennen:
Propheten waren Ekzentriker.

20.7.

Träumte von der kleinen Therese als Dichterin.


Bruder Ephraim: „Darum hat ihr Sohn, der ihr Gemahl geworden ist,
wie wir alle es zu werden berufen sind...“ - Vermählung mit Maria, um in
Maria vermählt zu werden mit Jesus in Gott. Dies sei der Sinn meiner
Wallfahrt nach Lourdes. (Dafür mag ich auch einen Ring tragen.)

21.7.

Träumte eine Anrufung Sankt Augustins, war in einer Höhle mit


Felsmalerei, darstellend die Weiße Dame der Iberer. Wachte auf und war
still verliebt in Marien Schönheit.
Bruder Ephraim: das Rot der Liebe duldet es nicht, daß eine andere
Farbe daneben tritt, es kann nur sublimiert werden, heilig werden in Maria,
in Gott glühend, daß es Weiß wird. Maria als Die Verklärte Frau
schlechthin. - Heimsuchung Mariens, Elisabeths Gruß in Ajin Karin.
Lourdes: Hochzeitsreise. Maria in Medjugorje: Liebe Kinder, kommt unter
meinen mütterlichen Mantel. Aber sie ist ja auch die Jungfrau, die am
Kreuz durch ihr Mitleiden der Passion Braut des Sohnes wurde, sagt
Bruder Ephraim. Werde ich mit ihr vermählt, mit ihrem liebenden Herzen,
werd ich mit dem Herzen Jesu vermählt. Will Jesus eine Zeremonie, einen
Ring? Ist nicht vielmehr, wie Mir. sagte, die Vermählung, ein tägliches
Ereignis? Wie in der Ehe: ein Hochzeitsfest, aber dann eine tägliche
Vermählung, und in dieser Ehe scheidet uns der Tod nicht, sondern vereint
uns endgültig. - „O Maria, gewähre mir die Umarmung des Heiligen
Geistes, daß ich unter dem Kuß Gottes sterbe!“ - Maria: Drängt euren
Glauben den Ungläubigen nicht auf, lehrt sie durch euer Beispiel und betet
für sie. Laßt mich eure Mutter sein und eure Verbindung zu tiefem
Glauben, ewigen Leben, Gott. - Ach, warum mag ich nicht Mutter sagen
zu Maria? Ist es das Verlangen meiner Triebe, daß ich sie mehr als
Freundin und Geliebte will? Im Traum ward ich doch von ihr geboren!
Geistig erzieht und lehrt sie mich wie eine Mutter. - Maria spricht: Geh,
trinke an der Quelle und reinige dich! - „Maria, du vollkommene
Schönheit, schöner als das schönste der Menschenkinder, Maria, meine
Taube, meine Vollkommene, in der kein Makel ist, Maria, die du innerlich
schön bist, weil der Weisheit gleichgestaltet, o Schönheit, ich habe dich
gefunden und will dich nicht mehr loslassen, solange du mich in dir so fest
umschließt, bis ich zur Vollkommenheit, zu vollkommenen Form Christi
geboren werde: Mögen mir alle die Charismen und Gaben des Vaters die
ursprüngliche Ebenbildlichkeit bis hin zur Vermählung wiedergegeben
werden!“ Vollendet findet die Vermählung der bräutlichen Seele in Maria
mit dem Bräutigam Jesus beim Hochzeitsmahl des Lammes statt. Aber die
Eucharistie ist schon Teilhabe an diesem Mahl. - Später will ich Maria
auch Mutter nennen, wenn ich erkannt habe, was ihre Mutterschaft
bedeutet. Jetzt will ich sie Braut nennen.
Unstillbare Sehnsucht ist gut, nur in der ewigen Liebesvereinigung mit
Gott wird gestillt unsre glühende Sehnsucht. Augustin: Nicht Gott
gebrauchen zu eigenen Zwecken, sondern sich freuen in Gott, seine Schau
genießen. Pascal: Sinnlichkeit gebraucht Gott, um Freude an der Welt zu
haben; Christliche Liebe gebraucht die Welt, um Freude an Gott zu haben.
Maria: Gott verherrlichen wie Salomo im Hohenliede. Ich: Nahezu eine
sinnliche Liebe zu Jesus haben. In der Eucharistie Jesus als Geliebten
verschlingen. Erwählung: Wir wurden wachgeküsst von Gott, von seinem
Geist. Der Geist gießt sich auf alles Fleisch aus. Auferstehung des
Fleisches. Ich würde gern mit Augustin über Diotima reden. Sublimierung
der Frauenliebe zu Marienliebe, die zu Jesusliebe führt oder eigentlich
schon Jesusliebe ist.
„Wohl den Menschen, die Kraft finden in dir, wenn sie sich zur
Wallfahrt rüsten!“ (Psalm 84) - Trösterin als Braut des Trösters. Maria muß
das Taufwasser sein, das Taufbecken, Braut des Geistes Gottes, in Wasser
und Geist bin ich wiedergeboren. Mein Bekehrung war marianisch: Der
Engel des Herrn erschien, ich sagte Ja, indem ich mit vor Gott als seine
Sklavin niederwarf. - Jesus ist traurig über den Widerspruch, der gegen ihn
erhoben wird. Wer sich der Schule der Weisheit unterzieht, in dem dieser
Widerspruch verstummt, der „tröstet Jesus“: Ich mache Jesus eine Freude!
- Ich bin eifersüchtig auf die Welt, an die sich Maria in Medjugorje richtet.
Ich will, daß sie mit mir ganz allein redet. - O Trösterin, ich weihe mich, o
Braut des Trösters, deinem unendlich zärtlichen Herzen, damit ich anderen
selbst zum Tröster werde. - Maria, ich weihe mich dir, daß ich zum
„Mittler der Mittlerin“ werde und deine Schönheit besinge und in ihr die
Schönheit Gottes, dessen wundervolles Meisterwerk du bist. - Ein Pater
schreibt: Maria sagt uns:

„Nimm mich doch auf, wie du es so oft versprochen hast; halte Wort. Du
hast mir so oft versprochen, nicht nur mir ganz zu gehören, sondern mich
auf eine Weise aufzunehmen, nach der ich dir ganz gehöre. Du hast mir
oftmals Worte wiederholt, die nur diese eine Bedeutung haben. Nun gut,
jetzt nimm mich auf, wie du gesagt hast. Und vor allem: beschäme mich
nicht in meiner Erwartung: so lange warte ich schon, so lange sehne ich
diese Stunde herbei, diesen Augenblick, von dem an du mich ganz in dein
Innerstes aufnehmen und mir nichts mehr vorenthalten wirst!“

Ein, scheint mir, prophetisches Wort an mich. - Mütterliche Freundin!


Schoß, der mich geboren hat! Weisheitsvolle Erzieherin! Und: Braut,
Geliebte, Freundin, Schwester, Königin meines Herzens! - „Meine
Freundin, meine Mutter, meine Taube, Maria, dringe in das Brautgemach
meiner Seele ein, in diese innerste Stätte, die ich ohne dich nicht besuchen
kann. Du Braut Gottes, mache mich dir ganz zu eigen. Meine All-Reine,
bereite im Geheimnis meiner Nacht den Hochzeitsbaldachin vor, für den
der Allerhöchste mich erschaffen hat. Umhülle mich mit dir, wie der Geist
dich mit seinem Schatten bedeckt hat.“ - Der Heilige Geist ist „kostbarer
Zauber jeder fruchtbaren Einsamkeit“. - Maximilian Kolbe: Komm nah
und näher der Immaculata, sie ist wie niemand sonst dem heiligsten
Herzen Jesu nahe. Kommst du ihr nah und näher, kommen auch alle deine
Nächsten des Herzens ihr nahe. - O mein geliebter Jesus, ich möchte Braut
sein deinem Herzen und dir aus Liebe sterben (das Martyrium des
Liebestodes). - Maria strahlt die Schönheit Gottes wieder, sie ist eine
Braut, die durch die Liebe Gottes schön wurde. - „L’Union Mystique à
Marie“. -
„Maria, indem ich mich dir weihe, liefere ich mich der Liebe aus, ihrer
Liebkosung im Hauch des Heiligen Geistes, aber auch ihrem verzehrenden
Feuer.“ - „O Königin des Paradieses, Liebenswürdigste, nimm die Liebe
des größten Sünders an, der in Liebe zu dir entbrannt ist!“ - Maria, Blume
von Galiläa, du fruchtbare Erde, in die der Same des Wortes gesät ward, du
Baum, der die duftende Blüte Jesus hervorgebracht hat, du Salomonischer
Tempel in deiner vollkommenen Architektur, liebe mich, komm und liebe
mich lang und heftig! - Geist, du Kuß der Liebe, zieh mich zu Jesus! Jesus,
laß mich in dir ganz vergehen, in dem Kuß der unendlichen Vereinigung!
Laß mich dich sehen, besitzen, genießen! Ich sehne mich dürstend und
verzehrend nach dir! - Maria, ich überlasse mich deinen Armen, gebe mich
der Wärme deines liebenden Herzens hin, dem Feuerherd der Liebe, ruhe
in der Geborgenheit deines milden Blickes. Du hast eine Vorliebe für mich.
Du umhüllst mich im Elend mit Zärtlichkeit. Es ist einfach, mit dir eins zu
sein. Meine Taube, geschmiegt in die Grotte des göttlichen Felsens, du
bezauberst mich mit Süßigkeit und Trunkenheit, die süßer ist als Süßwein.
Am Kreuz halt ich aus, festgebunden an dich, am Lebensbaum des
Paradieses. - Maria ist das Gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen.
Sie ist ein Fels (Petra), von dem ich Wasser des Lebens trinke. Sie ist die
Rosenpforte ins Paradies, sie ist der Gleichmut der inneren Märtyrer. Blüte
der Unvergleichlichkeit, Granatapfelbaum der Labsal. Ihr Lieben ist über
alles Verlangen groß. Sie ist Gemach der Weisheit, Gemach der Vorsehung.
Brautgemach des unversehrten Verlöbnisses, bräutlich geleitest du heilige
Seelen. O Becher des Jubels! o mystische Rose! - Weisheit Salomos: „Sie
ist schöner als die Sonne, übetrifft jedes Sternbild und ist strahlender als
das Licht. Sie habe ich geliebt und gesucht, ich suchte sie als Braut
heimzuführen und fand Gefallen an ihrer Schönheit. Im Umgang mit Gott
beweist sie ihren Adel.“ - Nun ist die Stunde eines neuen Kana, einer
Hochzeit, bei der die Braut Gottes uns einlädt, den Wein zu trinken, den
Wein der neuen Ausgießung des Geistes, eines neuen Pfingsten der Liebe!
- Aus dem Schoß der Jungfrau, dem Paradies, dem Gelobten Land, fließen
Milch des Trostes und Honig innigster Minne. Saugt euch satt an ihren
tröstenden Brüsten! - Maria: „Wenn ihr betet, seid ihr so schön!“ -

23.7.

„Ich mag dich dicht, obwohl du so bist, wie du bist, sondern weil du so
bist, wie du bist.“
Fand Reinhold Schneider über Camoes und über Portugal. Ja, südlich
sinnlich lieben, eine Sehnsucht so groß, daß sie aus der Welt geht, immer
schmachtend, immer einsam und unglücklich, im schwarzen Mantel der
Schwermut, der Einsamkeit und des Todes, die Geliebte ist Gnade und
Dämon, eine Lust am Leiden, eine Liebe zum Leiden, eine Wollust des
Untergangs. Ich liebe wie ein Portugiese. Darum Ja zur Geliebten, sie ist
mir Schicksal.

25.7.
Worte Jesu an Torsten. Jesus will, daß ich ihn so liebe, wie ich bin, ich
muß nicht erst ein Heiliger werden. Kümmere dich nicht um deinen
Mangel an Tugenden! Zuviel Tugend gibt Jesus mir nicht, weil es meiner
Eigenliebe schmeicheln würde. Nicht nach meinen Talenten oder meiner
Weisheit verlangt er, sondern allein nach dem Gesang meines Herzens.
„Ich habe dich allein zur Liebe geschaffen“! Aus meinem Elend soll die
Liebe zu ihm aufsteigen. Ich soll nicht an ihm zweifeln. „Ich gab dir meine
Mutter“, ich soll ihm alles, alles geben durch ihr reines Herz.
Erwachte nach wenig Schlaf frühmorgens, da liebte mich Maria
unsagbar; wie soll ich sagen? Als wäre ich in ihr, als schliefe ich mit ihr,
solche Liebe, ganz unkörperlich.
Ich weinte, da sah ich das Antlitz des Dorngekrönten. Jesus will mir
Kraft zum Leiden geben, die kleine Therese wollte das Leiden lieben, es
ist ein Martyrium der Seele. Aber die Märtyrer segneten die, die die Löwen
schickten. Ich aber bin arm an Liebe zu denen, die mir zuwider sind.-
Nicht kann ich dir geben, o Herr, nur mein Nichts!

26.7.

Sehne mich danach, mein Leben in der Grotte von Lourdes niederzulegen,
dort wiedergeboren zu werden, und von Jesus durch Marien Hände ein
neues Leben zu empfangen.

28.7. - 5.8.

VIERGE IMMACULEE DE LOURDES

6.8.

Glücklich, in Lourdes gewesen zu sein. Der Besuch der Quelle, das


Sakrament der Versöhnung, das Bild vom Mund der Pieta war
überwältigend. Zärtliche Seelenverwandschaft mit der Schwester.
Interessant, die wilde Jugend mit ihren Romanzen zu beobachten. Tiefe
Gespräche mit Priestern. Frankreichs Süden ist mir das Schönste, was ich
bisher sah. Hab einen kleinen rosanen Rosenkranz mit zehn Perlen aus
Lourdes mitgebracht, Zeichen zärtlichster Intimität, er hängt am Bilde vom
Mund der Madonna. Zuhause erwartete mich ein Buch „Weihe an die
Heiligste Dreifaltigkeit durch das Unbefleckte Herz Mariens“. Die kleine
Therese will Jesus lieben, indem sie ihm Blumen gibt, und wenn sie die
Blumen auch von den Dornen pflücken muß, sie will Jesus Lieder singen,
und je länger und spitzer die Dornen, desto süßer das Lied. Trage seit
Lourdes einen silbernen Rosenkranz-Ring als Zeichen meines Verlöbnisses
mit Maria (in Maria mit Jesus).

9.8.

War bei der Geliebten, das war überwältigend schön! Sie hat so ein
wunderschönes Gesicht, so ein schönes leises Lachen! So schön ihr
Armgelenk mit dem Silberkettchen mit bunten Steinchen aus Lourdes! Sie
freute sich über die silberne Halskette mit dem Anhänger von Sainte
Evelyne, wollte die Heilige kennenlernen! Ich erzählte ihr von der Liebe
der portugiesischen Dichter: Du wirkst südlich auf mich, du entflammst
solche Sehnsucht in mir, die nur durch die Liebesvereinigung mit Gott
gestillt werden kann! Ich schilderte ihr die Erschütterung vor dem Mund
der Pieta. Zum Abschied gab ich ihr einen Kuß auf die warme weiche
Wange, was sie gewährte. Ich bin tief am Herzen von Freude berührt.
1997 bis 2000 war der Psalter mein wichtigstes Buch, 2000 kam der
Koheleth dazu, nun wird es das Hohelied, Weisheit und Jesus Sirach dazu.
Die Perser möcht ich kennenlernen. - Ich bin wie ich bin, mit sinnlicher
Sehnsucht, da will Jesus, daß ich ihn mit sinnlicher Sehnsucht preise, nicht
in platonisch-gnostischer Leibfeindlichkeit eines Asketen. Was ist
Leidenschaft und Begehren?
Die Geliebte: „Inbegriff aller Schönheit“.
Ich danke Gott, daß er mir Magdalena als Heilige in mein Leben
gegeben hat. Sie möge mich lehren, meine Sinnlichkeit, meine sinnliche
Sehnsucht, in Glut der Liebe zu Jesus zu verwandeln. Als solche rief ich
sie auch in Lourdes an. Ich freu mich auf das Paradies, dort Magdalena zu
sehen, und neben Magdalena Eva und Sulamith. Dort werden auch Esther
und Judith sein.
Portugal passt zu Magdalena: Traurigkeit der Sinnlichkeit, Sinnlichkeit
der Traurigkeit. „So bin ich auch“, sagte die Geliebte. Wie es von
Magdalena heißt, war sie Hetäre mit dämonischer Schwermut. Eben tanzte
die Heilige unsichtbar betörend in meiner Wohnung, da erklärte ich ihr
meine Liebe: Führe mich, ich brauche dich!

11.8.
Die Schwester schickte mir einen Rosenkranz von „Unserer Lieben Frau“,
Perlen wie rote und violette Weinbeeren an goldenen Kettengliedern. Ich
sehe portugiesische sinnliche Schwermut, schwermütige Sinnlichkeit
darin, Marias weinrote südliche Schönheit.
Einer erzählte, auf Lanzarote ward eine Marienstatue vom Meer
angespült und durchs Land getragen und die Madonna angerufen gegen die
Dürre. Welche mythische Macht ist in den Kult der Madonna eingegangen:
vom Meere angespült!

12.8.

Persische Mystik von den Poeten geschaffen. Das Lob der irdischen Liebe
ist ein Gleichnis der göttlichen Liebe. Mystik des Weines. Wein ist Tröster
der Betrübten, Freude der Herzen, Blut Christi. Maria ist der schöne Kelch
der Hingabe. Derwische und die Extase, Dionysos und die Extase, San
Juan: Ekstase ist Selbstvergessenheit und Gottversunkenheit.

13.8.

Träumte von Maria, sehr innig, sehr rot, sehr intim, sehr liebevoll, voll
ehrfürchtiger Liebe zu der Gnädigen erwachte ich und küsste innig den
portugiesischen Rosenkranz am Handgelenk.
Die Freundin las mir meine französischen Strophen an die Immaculata
vor und war „sprachlos“, solche eine „Liebes-Hymne“ zu lesen. Sie sagte,
sie fände mich schön.

14.8.

Idee, mir morgen zu Marien Himmelfahrt ein Schreibheft zu kaufen und es


zu füllen mit Sonetten an Madonna Maria.
Tieck: „Und wie liebst du, Liebster? fragte sie. - Daß ich dir ganz
unbedingt gehöre, du ganz mir, sprach der Trunkene: daß unter uns kein
Zweifel waltet, keine ängstliche Furcht uns die kleinste Wahrheit oder
größte Wonne unterschlagen darf, daß du mir keine Faser deines Herzens
verdeckst, daß du jeder Frage mit Liebe und Wahrheit Antwort gibst.“ So
liebt Maria mich, so lieb ich Maria. „Ach, in manchen Momenten glaube
ich, daß ich deiner nicht würdig bin, dann fühle ich dich so viel größer und
herrlicher. Ja, zu deinen Füßen muß ich liegen, im Staube vor dir, und
deine Füße küssen als dein Huldiger oder demütiger Sklave, dem deine
Hoheit, deine Gnade erst die Freiheit schenken kann.“
Ach Mandolinen, Orangen, Brunnen, Mondnächte, melancholische
Poeten und unglückliche Liebende und Nymphen vom Tejo und der Tiber.
Ach eine sulamithische Suleika oder Leilah im Rosengarten Persiens.

15.8.

Ich sehne mich so in den Süden, Südfrankreich oder Portugal! Wo ist das
Buch, das diese Sehnsucht stillen könnte? Ich muß es selber schreiben. Wo
ist poetische, romantische, schwermütige Sinnlichkeit? Ich kann die
Weltmenschen und die kühlen Frauen nicht ertragen. Ich sehne die Nacht
herbei. O Magdalena hilf!
In Indien war Maria erschienen und schenkte einer Armen ihr Lächeln.
Das Gnadenbild wird in Indien zu Marien Geburtstag von Millionen
Pilgern - Christen, Moslems und Hindus - ans Meer getragen. Man badet
im Meer, gedenkt des Meeressternes Maria, welche schiffbrüchigen
Portugiesen an den Strand half, und schert sich die Haare. Den einen ist sie
Mutter Gottes, Mutter des Lebens, Mutter des Universums, den andern die
Muttergöttin, allen die heilige Mutter. Es wird das Magnificat gesungen:
Die Mächtigen stürzt er vom Thron und die Armen erhöht er.

18.8.

Simson: den Löwen der Wollust zerreißen und den Bienenhonig des
Gotteslobes sammeln. Simson, von der Hure und der Philisterin versucht,
wie Salomo von den heidnischen Frauen.

19.8.

Priester von Sankt Marien: Leidenschaft ist gut, sie gibt Kraft und Energie
zum Leben.
Allein in Maria verliebt und ehelos - unglücklich verliebt wie ein
Portugiese in sinnlicher Schwermut?

21.8.

Der väterliche Priester ermutigte mich, mich an der natürlichen Schönheit


der Frauen zu erfreuen. Sublimierung heiße, nicht beim Geschlechtlichen
stehen zu bleiben, sondern Leib und Seele als Geschöpf und Ebenbild zu
ehren und zu lieben, die Frau nicht als die ewige Versucherin verachten.
Ich denke, der Widerspruch zwischen Askese und Sinnlichkeit in mir ist
noch dualistisch, gnostisch, manichäisch, esoterisch, leibfeindlich,
Verachtung der Materie. Ist nicht die Schönheit des Leibes auch ein Lob
der Schönheit Gottes? Inkarnation Gottes nicht in Form eines ätherischen
Schleiers, sondern in einem Wesen aus Fleisch und Blut!
Einer schickte einen Aufsatz vom Anglikaner Lewis zu christlicher
Poesie. Aristotelische Nachahmung sei auch lobenswert als Nachahmung
verehrter Vorbilder. Paulinisch sei, die Frau ahme den Mann nach, der
Mann aber Christus, Christus sei Anglanz Gottes. Das mag ich nicht
leiden! Ich bin Platoniker: Der Mahn ahmt die Frau Muse nach, die Frau
Muse ist das Ebenbild der göttlichen Schönheit. Thomas von Aquin sagt,
es sei vernünftig, daß sich die Vernunft ab und an in der Muße erhole.
Darum, sagt Lewis, sei auch Poesie der Unterhaltung gut.
Camoes: Ihr Frauen, ihr geht so leicht in die Netze roher, gemeiner
Gesellen!
Der Geliebten Traum von Schönheit will ich teilen, die Sehnsucht ihrer
Seele, ihre Schönheit genießen und in meiner Seele verwandeln. Nachts
stille Zärtlichkeit für sie und ein lyrisches Gedicht. Meine Liebe ist Maria.
Darum bin ich besser als freier Mensch bei den Frauen, ich werbe nicht um
die Ehe, ich empfange nur, was Gottes Vorsehung mir an Schönheit und
Freundlichkeit und Grazie zukommen läßt. Zuhause grüß ich die Königin
meiner Einsamkeit. Ja, meine Mutter bist du, wie ich nie eine Mutter
gehabt habe, Gottesmutter, meine Trösterin. Gewähre mir aus deiner
Gnade, dich lieben zu dürfen wie meine Frau, meine Mitbewohnerin,
meine Muse, in deinen Armen der Liebe will ich in den Himmel getragen
werden, in die Heimat meiner Seele. - Und doch, O Jesus, wie gerne würd
ich die Geliebte küssen!

22.8.

Ich hätte gern südliche Leichtigkeit, Genuß an Sonne und Meer und Wein
und schönen Frauen. Aber ich bin ein dunkelblauer Friese mit nordischem
Winter in der Seele, Weh umd Schmerz, und Sehnsucht nach Folkwang...
Es ist in mir blaue romantische Nacht, Traurigkeit und Einsamkeit. Ich
fürchte mich vor dem deutschen Herbst und Winter, den maroden
Stimmungen und den frostigen Schwertern durch das Herz. Ich wäre gern
glücklich. Heute ist die Welt lieblos, voll von Nesseln und Disteln und
Dornen. Wo ist die Rose Maria? Laß mich dich sehen, Maria, die
Schönheit Gottes! Meine Seele ruft an die Königin der Schwermut, aber
meine Seele fürchtet sich vor der Schwermut. Ich sehne mich nach dem
Glück, von einer sterblichen Frau geliebt zu sein.
O Königin Portugals, Fürstin von Fatima! War mit Maria allein.
Sehnsucht nach der Blume in dünner Gaze. Sah Maria innen, als blicke sie,
schwarzgewandet, mit schwarzen warmen Augen (Schönheit der
Schwermut) in meiner dunkle, lichtbegierige Seele, sie mit dem Schmuck
am Handgelenk.
Heute liebe ich keinen Menschen, nur Maria liebe ich, die
portugiesische, die nach Indien will! Der Tag, die Welt, die Zeit ist
grausam. Maria in mir! Alle Frauen außen, einzig Maria innen! Wie sieht
sie aus? Den Mexikanern eine Indiofrau, den Indern eine lächelnde
Somamilch-Mutter, den Afrikanern die schwarze Madonna, den Europäern
die Sixtina und Pieta und Madonna vom Granatapfel, den Russen die
melancholische Ikonenmutter. Mir die Göttin der Schönheit, heute schwarz
wie eine Portugiesin gekleidet, mit Perlenarmband geschmückt, Schmelz
und liebe linde Glut der dunklen Augen, Schwester meiner Schwermut,
meine treu mich liebende Frau (was ich auch tu, sie liebt mich).
Sah einen Film über portugiesische Fado-Musik, Lieder über die
Liebe. Bild einer Portugiesin, im schwarzen Kleid, braune bloße Arme,
schwarzes Haar, dunkle Augen, im Sonnenuntergang auf einer steinernen
Mauer sitzend, am braunen Handgelenk einen silbernen Armreif. Das war
das Ebenbild der Maria, Inbild meines inneren Ideals heute, Königin der
wehmütigen Schönheit, meine Frau, die mich ansah.

23.8.

Der Gottessohn in einer apokryphen Apokalypse: „Das Tor zum


Lebensland steht weit offen!“ Herr, schaffe mir einen weiten Eingang zu
deiner Freude! Sehnsucht nach dem Paradies!
Ich will verliebt sein in Maria, ich bitte Gott darum, ich brauche dies
zu Trost und Heil, ich sage ja: Maria, ich liebe dich, ich liebe dich! Sei mir
der Name Mariens der liebste Frauenname!
GelöbnisanMaria.

25.8.
Maria, der großen Träume Königin, ich lebe quasi eine Ehe, eine treue
Brautzeit mit mir, sie ist allzeit da als Mutter und Frau und Muse.
Inneres Bild: Weihnachten, Maria geht als wahre Mutter unsichtbar
durch das Wohnzimmer meiner Kindheit.

27.8.

Jeder Dichter hatte eine Muse. Einige blieben einer Einzigen ihr leblang
treu. Andere suchten das Weib an sich in den vielen. Auch Tizian und
Raffael liebten die Frauen. Raffael hätte das Madonnenlob ohne seine
Geliebten nicht malen können. Auch Baudelaire hatte eine oder mehrere
Musen. Nicht die bleiche, weiße, verfließender Schleier in die Nacht,
sondern die im Leib, die Reizende, Rote, Engel und Sphinx in einem. Was
will denn Maria? Kann sie allein meine Muse sein? Sie, die ich Königin
der Musen nenne? In Lourdes suchte ich Maria allein, sie war die
Gebendeite unter den Frauen. Wen lieb ich? Kann ich Maria als Einzige
lieben? Sie, die da gesegnet ist mehr als alle Frauen? Sie ist die einzige
Rose ohne Dornen. Aber warum kam ich aus Lourdes mit Camoes? Maria!
Königin, ich will dein Sänger sein. Dich lobt ich im Jugendideal, du warst
mein eigentliches Ideal. Du kennst Raffael und Dante, Michelangelo und
Camoes und weißt, wie die Dichter sind. Führe mich, meine Meisterin,
meine Madonna, daß ich dein Lob singe, auch wenn ich nicht nur
Marienloblieder singe. Dein Bild scheine in meinem ganzen Werk auf.
Aber, Geliebteste, brauch ich auch eine irdische Frau zum Bilde der
Ewigen Frau, die du in Vollendung bist? Und ist es die Geliebte, die ich
singen soll? An ihr seh ich schon seit so vielen Jahren meinen Traum von
Schönheit. Sie ist der Schönheit Inbegriff. Erlaubst du, Herrin, solch ein
Lied? Kann dein Lob daraus entstehen? Siehe Botticellis Muse, wie er sie
als Venus und als Madonna malte. Maria, hilf mir, das Marianische an der
Geliebten zu singen. Willst du, daß sie meine Muse ist? Oder willst du
allein meine ideale Frau, mein Spiegel, mir der Abglanz Gottes sein?
Lenke mein Herz, du Königin meines Herzens!
Ich schließe meine Augen und sehe Marien Handgelenk, geschmückt.
Sie ist die Muse, die nicht von außen kommt, sondern von innen. Sie ist
meine Trösterin, wenn die liebekargenden Frauen mich verwunden. Sie
allein ist wahrhaft „anbetungswert“. Sie ist von himmlischer Schönheit, sie
ist vollendet, vollkommen, das Weibliche in Vollkommenheit, meine Frau.
- Wie ist das Verhältnis von Frauen und der Lieben Frau, von der Königin
der Musen und den jungen Musen?
In mir seh ich eine Maria, die schöner ist als - kaum zu glauben - ja als
selbst die Geliebte! Wie soll ich sie beschreiben? Sie scheint eine
Portugiesin, schlank, im schwarzen Kleid, die Madonna voller Anmut,
voller südlicher Grazie, mit bloßen Armen, makelloser Haut, glatt und
gebräunt, am Arme: Perlen oder Diamanten, ein weißes Gesicht mit
warmen schwarzen Augen, die Haare in einem schwarzen Schleier. Du bist
so schön, so schön, schöner als jedes Mädchen, das ich je liebte! Du bist
die Glut des Südens, der Schönheit und der Liebe! Solch eine Frau, das
hätt ich nie gewagt, zu hoffen, daß mich solch eine Frau liebte, und nun
liebt Madonna mich und lebt mit mir!
Wie gern hätt ich ein portugiesisches Madonnenbild Unserer Lieben
Frau von Fatima! Was geschah in Fatima?
Wo aber bleibt in der Marienliebe der Eros in mir, Sinnlichkeit und
Leidenschaft? Wird Eros sich nicht immer wieder eine Geliebte suchen?
„Dein nackter Busen seinen Duft verschwendet...“ Ich bin kein Asket,
sondern ein leidenschaftlicher Mensch.
Beaudelaire: „Madonna!... und mein Begehren dient dir als Gewand,
das bebt, das sich in Wellen senkt und wieder neu erhebt, sich auf der
Höhe wiegt, im Tal zur Ruhe streckt, und das mit seinem Kuß den weißen
Leib bedeckt.“
Ja, jetzt ist Hälfte des Lebens, ich trete in die Heilige Apostolische
Kirche ein und habe mich mit Maria verlobt, ihr soll mein Gesang, ihr und
allem was sie liebt, gewidmet sein.

30.8.2001

Bei der Geliebten, alles süß und ruhig, schenkte ihr drei rosane Lilien, die
sie und ihren Duft sehr schön fand.
6.9.
Träumte von Sankt Josef als dem Patron der Sterbenden. Er hatte ein
schmales, älteres, gütiges, väterliches Gesicht, dunkelblonde Locken und
einen reichen, aber nicht sehr langen Bart.
8.9.
Las das Nachwort zu den Eichendorff-Gedichten. Der „erotische
Marienkult“ seiner Jugend wirke „pubertär“, erst als er die Frau seines
Lebens, Luise, als Gattin und Mutter gefunden, huldigte er „Mutter und
Kind“ mit „christlichen Wurzeln dieses Kultes“. Ich sollte keine
Nachworte lesen!
Traurig über das Desinteresse der Freundinnen an mir. Sie haben mich
vergessen! Ich werde zum Misanthropen.
10.9
Traum: Ich war in Herford, am Stiftsberg, in einer Schule. Ich trug einen
Rosenkranz am Arm, wollte täglich zum Stiftsberg und der dortigen
Marienkirche wallfahren. Ich sah ein Bild, die Evolution darstellend in den
Armen Gottes, der Adam und Eva den Apfel reichte, Eva auf einer
Muschel. Ein Schüler fragte mich nach Martha und Magdalena. Ein Pastor
sagte, man wisse von der Legende der Magdalena, weil die Heilige einmal
gesagt: „Ich bin Magdalena!“ Da stöhnte ich auf, weil ich die Heilige so
liebte. In einer Gesprächsrunde sagte ich, alle, Nietzsche, Freud und
Dostojewski, hätten ihre Musen gehabt. Ich ging aus dem Schulraum, ein
Mädchen ging neben mir. Sie sagte, die Künstler haben Musen, aber eben
doch immer die Hübschesten, Schönsten. Es sei auch aus moralischen
Gründen besser, manchmal mit Frauen zu feiern, als immer allein zu sein.
Dann saß ich an einer Skulptur von Michelangelo, die Barmherzigkeit
darstellend, eine liegende Frauengestalt mit hübschen Brüsten. Als ich den
Kopf ansah, war es der Geliebten Kopf. Ich erwachte und rief in großer
Liebe: Maria!
„Hat Raffael in der Madonna auf dem Sessel das Irdische zur höchsten
Reinheit erhoben, so scheint er bei der Sistina den Versuch zu machen, das
Göttliche in Irdische Gestalt zu bringen.“
12.9.
Die politischen Fundamentalisten geben nicht das Bild des Islam, sondern
Hafis und Rumi.
13.9.
Ich bin im Sommer, Blumen blühn, Früchte reifen, Frauen sind erwachsen
und schön!
15.9.
Heilige Messe: Frieden und Versöhnung mit den Muslimen, Gerechtigkeit
auch für Arabien, keinen „gerechten, heiligen“ Krieg, Wettstreit der
Weltreligionen in der Liebe.
17.9.
Weihe an Gott kann öffentlich oder privat-geheim abgelegt werden.
„Eremitisches“ Leben? Weihe an Maria; noch nicht ganz vollzogen die
Weihe durch Marien Herz an die Allerheiligste Dreifaltigkeit.
Paul Claudel an André Gide: Sankt Franz hob ein Pergament von der
Straße auf, denn es war S c h r i f t ! Wir dagegen, wie unsorgfältig gehen
wir mit der Schrift anderer um und sogar mit unserer eigenen.
20.9.
Der älteste Liebesbrief der Welt ist aus dem 17.Jhd. vor Christus und auf
Ziegel geritzt an eine ägyptische Prinzessin.
21.9.
Platens Abbassiden zuende. Als Katholik muß man darin zu den Muslimen
halten, sie vertreten den wahren Glauben gegen die Götzendiener. Aber am
schönsten sprach mich die Gestalt der Heliodora an, der Tochter des
Kaisers von Byzanz, eine Christin, die der Liebe zum Kalifensohn entsagte
und sich in ein libysisches Kloster zurückzog. Ich denke an meine alte
Liebe zum schönen Byzanz.
Lese Platens Hafis. Das ist die Geliebte, denn es ist das Lied der
Schönheit. Keats erhob die Schönheit zum Maß der Poesie. Ein Dichter ist
ein Dichter und singt die Schönheit. Lobt der fromme Dichter die
Schönheit der schönen Frau, ist es Lob der Schönheit-schaffenden
Schönheit des Schöpfers.
Nizamis Madschnun und Leila.
22.9.
Welche herrliche Poesie in den orientalischen Doxologien, syrischen,
byzantinischen, auch Ambrosianus, wie will ich das alles mehr und mehr
kennenlernen. Das liturgische Beten soll „von außerordentlicher
Schönheit“ sein. Eines Tages will ich eine Messe und ein Totenangedenken
schreiben, sehr orthodox und sehr poetisch.
23.9.
Ist die Schönheit oder die religiöse Wahrheit das höchste Maß der Poesie?
Vielleicht hat Dante als Einziger die beiden Reiche vereint in seiner
Commedia. Aber ist nicht Gott ein schöner Gott? Und wie schön sind die
Liebeskanzonen des Heiligen Johannes vom Kreuz! Wie schön sind die
orientalischen Hymnen und die byzantinische Liturgie! Soll man Platos
Wahres-Schönes heranziehen? Ist das wahre Wahre nicht immer schön?
Die katholischen Gebete, Bilder, Kirchen sollen schön sein. Welche Rolle
spielt die Imagination und welche das Dogma? Wer wird mir Vorbild sein?
Einst waren Hölderlin, dann Rilke meine Meister. Kommt man aus dem
Alter heraus, wo man Meistern folgt? Nahm nicht der alte Goethe noch
Hafis zum Vorbild? Ich bin doch ein religiöser Dichter. Aber bin ich nicht
auch vor allem ein Liebesdichter? Der göttliche Glaube ist (im Gegensatz
zum trocknen Rationalismus des Protestantismus) ein Glaube an die
Schönheit der Religion. Ihr werdet sehen die Schönheit eures Gottes! Ist
das Thema der Poesie nicht die Schönheit der Schöpfung? Soll meine
Kunst eine sakrale Kunst sein? Soll ich meine Seele aussagen? LeFort: In
der Selbstaussage des charismatischen Dichters sagt sich Gott aus. Und
was ist mit der Ewigen Frau? Salomo dichtete von der Schönheit der
Schöpfung (von der Zeder bis zum Ysop), von der geliebten Frau Sulamith
und von der bräutlichen Weisheit. Michelangelo schuf mit 24 Jahren seine
Pieta: die ideale Schönheit. Er war Platoniker, die Idee der Schönheit war
sein Höchstes Gut. Vor seinem Tode schuf er eine andere Pieta, die Leid-
Entstellte, fragmentarisch: die Häßlichkeit des Kreuzes, die Torheit des
Kreuzes, den Platonikern eine Torheit? Aber die Weisheit Gottes!
24.9.
Tag der Jungfrau der Barmherzigkeit.
Die drei schönsten Frauen der Welt: Die Sixtinische Madonna von Raffael,
die Venus von Botticelli, und meine Geliebte von Gott dem Schöpfer!
25.9.
Platens Ghasele.
29.9
Habe an nichts als an der Geliebten Freude.
Goethes Rat an jüngere Dichter: Schau in dich, kenne dich selbst, schaffe
aus dir und der Natur, häng dich nicht ewig-nachtrauernd an eine
verstorbene oder entfernte Geliebte, sondern sei lebendig, lebe!.
1.10.
Fuhr zur Geliebten mit einem Sulima-Gedicht, war zwei Stunden bei ihr.
Ich kann mich nicht sattsehen. Möchte ihr soviel schenken, ihr in allem das
Leben erleichtern und sie glücklich machen. „Schön daß du da warst“,
sagte sie zum Abschied. Ich solle nicht mehr soviel von meinem Werk
vernichten und werde der Nachwelt nicht vergessen sein. Ich: Dann wird
die Nachwelt auch von dir reden!
Denke an Rumi-Ghaselen, sehr freie Nachdichtung.
Wie herrlich ist Goethes Dialog mit der Houri! Möcht Rückerts Koran
lesen.
2.10.
Lese die Bibel als Literat: Salomo und die Königin von Saba, Gold,
Spezerei, Edelsteine, Affen, Pfauen, Sandelholz, Schiffe, Harfen, Weisheit.
Wie herrlich wäre es, hätte ein alter Perser ein Epos Salomo gedichtet.
Auch lieben sie Jussuf.
Zu Hafis: Die Religion des Herzens, die Religion der Liebe, freies Leben,
fern der Sittengesetze der verdienstlichen Frömmler, fern der Verbote,
allein auf Gnade für Sünder fußend, das Lied von der Liebe inspiriert, vom
erleuchtenden Himmel eingegeben.
Denke an ein Salomo-Poem, Bathseba, Abischag, Sulamith, Astarte.
4.10.
Goethe über den Unterschied zwischen Propheten und Poeten: „Beide sind
von Einem Gott ergriffen und befeuert, der Poet aber vergeudet die ihm
verliehene Gabe im Genuß, um Genuß hervorzubringen, Ehre durch das
Hervorgebrachte zu erlangen, allenfalls ein bequemes Leben. Alle übrigen
Zwecke versäumt er, sucht mannigfaltig zu sein, sich in Gesinnung und
Darstellung grenzenlos zu sein.“ Über Rumi: „...daß der eigentliche
Dichter die Herrlichkeit der Welt in sich aufzunehmen berufen ist und
deshalb immer eher zu loben als zu tadeln geneigt sein wird. Daraus folgt,
daß er den würdigsten Gegenstand aufzufinden sucht und, wenn er alles
durchgegangen, endlich sein Talent am liebsten zu Preis und
Verherrlichung Gottes anwendet. Besonders aber liegt dieses Bedürfnis
dem Orientalen am nächsten, weil er immer dem Überschwenglichen
zustrebt und solches bei Betrachtung der Gottheit in größter Fülle gewahr
zu werden glaubt.“ - „Auch unseren westlichen Dichter loben wir, daß er
eine Welt von Putz und Pracht zusammengehäuft, um das Bild seiner
Geliebten zu verherrlichen.“
„...eine alte Goethesche Weisheit, sich von der Vergänglichkeit der
irdischen Tage innerlich unabhängig zu machen, indem man jede Stunde
nimmt, wie sie ist, und sich eine innere Welt aufbaut, in der die Liebe
herrscht.“
„Im Koran findet sich ein Kapitel, das zwölfte, unter dem Namen Jussuf,
wo von Suleika, Tochter des Pharao und Gemahlin des Potiphar die Rede
ist und ihrer Liebe gegen Jussuf. Da diese Liebe aus dem Anblick der
großen Schönheit Josefs entstanden sein soll und ohne sinnliche
Befriedigung geblieben, so wird sie von den Mohammedanern als ein
Muster keuscher, obgleich brennender Liebe vorgestellt, welche zur Liebe
gegen Gott geführt haben soll, weil man hinzudichtet, daß Suleika sich am
Ende zum wahren Glauben bekehrt habe. Dies hat zum Roman Jussuf und
Suleika von Dschami Gelegenheit gegeben. Die Liebe wird darin als die
Neigung zu allem Schönen, Guten und Edlen vorgestellt und soll sich
durch Betrachtung der sinnlichen Schönheit an Menschen wie an anderen
Geschöpfen zur Liebe und Anbetung des Schöpfers aller Schönheit
erheben. Die Religion wird überall hineingezogen.“
5.10.
„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide!“
6.10.
Luther: „Ja freilich, denn Gott der Herr wird einen neuen Himmel und ein
neues Erdreich schaffen, auch neue Belferlein und Hündlein mit goldener
Haut. Da werden die Blumen, Laub und Gras so lieblich sein wie
Smaragd. Und wird ein großes Licht sein und alles, was hier schön ist,
wird dort nichts sein. Unsre Augen werden glänzen wie fein Silber, unser
Leib wird leicht dem Willen folgen, wie ein Flaum. Wir werden uns
genügen lassen an der Gnade Gottes. Wenn wir die nur haben, lachen uns
alle Kreaturen an.“ Luther: „Gott spricht nicht Worte der Grammatik,
sondern ruft wahre Wirklichkeiten; Sonne, Mond, Himmel, Erde, Du und
Ich, wir sind Worte Gottes, seine Dichtung, Verse, Zeilen seines
Schaffens.“
Ephesus, wo Artemis mit sechs Brüsten vom Himmel gefallen,
Traumdeuter und Heiler und Wahrsager in ihrem Tempel waren, der Bau
stürzte der Legende nach durch Johannes ein, der da begraben liegt und
ewig mit seinem Atem Mannastaub bewegt, weswegen viele wallfahren zu
dem, der nicht stirbt. Dort wird nach Anna Katharina Emmerich Tod und
Himmelfahrt Mariens stattfinden, dort wird sie zur Muttergottes erklärt,
dort wird angeblich Magdalena ihre letzte Ruhe finden (oder in Aix-en-
Provence), dort werden die Siebenschläfer schlafen.
12.10.
An meiner Wand, mir im Rücken der Mund der Pieta und die marmorne
Magdalena von Bernini, vor mir die Sixtina und die Venus von Urbino
unter Leonardos Abendmahl. Wer ist die Venus?
13.10.
Die Flut meiner Leidenschaft stürmt vergebens. Mein Trost: Möge sie
poetische Perlen an den Strand werfen.
Nicht in der Messe, in der Sinnlichkeit such ich Trost, in Venus, nicht in
Christus. Ich fliehe den Trost des Heiligen Geistes, um meinen Schmerz zu
kultivieren.
14.10.
Ich will ihr die Liebe Christi bringen und in ihr Christus verehren. Ich lebe
allein in der Geliebten!
Der Tempel Salomos ist die Braut Jerusalem, die Nymphe des Lämmleins,
das Haus der Weisheit, Tochter Zion, Maria, das ist die Geliebte.
Ich hab zur Geliebten gebetet. Stern des Paradieses am Himmel.
16.10.
Die Geliebte ist das Leben, mein Sommergenius im Sommer meines
Lebens, ist die Mutter der Lebenden, die Neue Eva öffnet mir die Pforte
zum Paradies. Ich sage Pforte und nicht Tor, denn die Pforte zum Paradies
ist weiblich, ist marianisch. Petrinisch sind die Engel darüber und die
Jünger, ihre treuen Freunde.
Die vielen Lilim laß ich, ich singe die lebendige Eva. Meine Neue Eva!
Milton und Péguy sangen Eva. Bei Milton ist es die schöne Sünderin, bei
Péguy die alte Mutter aller Lebenden. In meinem Poem ist sie die Schöne
Braut, die Perfekte Schönheit, und dann die junge Mutter eines Urvolkes.
Ganz von Eva selbst geschrieben. Die Geliebte in Maria lieben, Maria in
der Geliebten lieben! Ihr Abbild, ihre Gestalt! Sulamith, Bild der
göttlichen Mutter!
In Liebestrunkenheit und Rausch ahne ich, ahne ich etwas vom Paradies.
Nicht der kristallene Himmel der Esoteriker, sondern die Über-
Sinnlichkeit, Geist-Leiblichkeit, das Fleisch ganz Seele, die Seele ganz
Fleisch, und alles in Harmonie und Ausgewogenheit, voller süßester
Freude und lichten Jubels der Liebe! - Dann Adam im Staub, Eva mit den
Kindern an seinem Grab. Die Kinder, ein ganzes Volk des Orients, alle
Welt bevölkernd. Gott gebe mir den Geist der Prophetie!
Eine Seidenpfingstrose für Sie, denn sie ist eine dornenlose Rose. Sie ist
wie violette Lavendeljade. Viva Eva! Evoe! Ein Name der Geliebten: La
Vita!
Klopstocks Eva Hexameter, Miltons Blankverse, Péguys Alexandriner.
Goethe sagt, der Deutsche singt Knittelreime (so spricht die Huri mit dem
deutschen Dichter).
Lourdes: Suchen und Jagen und Finden junger Verliebter, eine italienische
Venus, eine angerufene Magdalena von den Sternen, Prozessionen,
schmerzreiche Nächte, Weinseligkeit, Sommerschwüle, Beichte, Glück,
der Kreuzweg, der Mund der Pieta!
17.10.
Sie lachte. O du bist die Einzige in meinem Herzen! Ich darf sie morgen
sehen. Ich liebe sie.

18.10.
Bei Ihr. Fühlte mich ungeliebt, nicht wertgeschätzt, war traurig. Noch eine
Rose mit Dornen! Wehe, Schmerz! Einsamkeit, ohne wahre Freunde. Viel
Ave Maria. Sie sah mir aus hellen blaugrünen Augen in die Seele. Zum
Abschied: Schön daß du da warst. Ich küsste ihr die Hand: Ich hab dich
lieb. O Schmerz des Verzichts auf Gegenliebe! An meiner Wiege stand
Eros, aber nicht Anteros.
Wandte mich zu marianischen Gebeten. „Sie wird sein Ein und Alles auf
dem Weg zu Jesus. Da also diese Seele ganz Maria gehört, gehört Maria
auch ganz ihr.“ - „Nicht länger nennt man dich die Verlassene und dein
Land nicht mehr das Ödland, sondern man nennt dich Meine Wonne und
dein Land Die Vermählte“ (Jesaja 62).
Wenn der Schmerz der Verschmähung kommt, sag ich: Dich kenn ich,
Dorn der Rose, sei gegrüßt, mein Schmerz, da bist du, altes Schicksal.
Dann sah die Geliebte mich an aus lichten reinen klaren Augen, von
traurigen Lidern verhangen. Ach Maria, wie soll ich dich ehren, wenn ich
so verliebt bin? Ich traue auf dich, ewige Herrin, aber all mein Gefühl
glüht für die Geliebte. Sprich zu mir!
20.10.
Sie weiß, daß ich sie liebe, aber sie fühlt es nicht. Wenn sie es fühlte,
könnte es sie bewegen. Vielleicht fühlt nur die selbst Liebenden die Liebe
des Liebenden. Die nur Geliebte nimmt die Liebe nur distanziert und
damenhaft zur Kenntnis. Im besten Fall sagt sie: Ja, du darfst mich lieben,
mir huldigen, aber verlange nichts, nichts für dich selbst (als nur meine
Gedanken einer Dame).
Sieht der Liebende im Geschöpfe Gott oder macht er das Geschöpf zum
Götzen?
Sie: Freundschaft ist nicht Sehnsucht nach Verschmelzung. Sie sehe sich
nicht als Dame, finde es aber schön, so gesehen zu werden. Sie zog sich
zurück, weil sie kein Liebesunglück oder dramatische Leidenschaft
erregen wollte. Ich: Bewege dich auf mich zu, du bringst soviel Leben zu
mir. Ich will doch nur jemanden liebhaben, und wenn es manchmal weh
tut, nun, das ist nicht so schlimm.
Sie ist mein Leben. Ich bin an einen Dorn gebunden, den Dorn einer
schöneren Rose. Ich liebe, um zu leiden, das scheint mir mein Fluch?
21.10.
In Lourdes warf ich mich Madonna zu Füßen, Sie gab mir die Geliebte als
geistige Braut.
Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide! Wer nie sein Brot mit
Tränen aß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!
Liebe ist Sehnsucht nach ganzheitlicher Verschmelzung mit der Geliebten.
Aber mag sein, ich brauche die Sehnsucht zur poetischen Produktion. Sie
darf nicht gestillt werden, das wäre Kastration. So ist das Dichten ein
sublimierter Liebesakt. Der Dichter leidet, um Schönheit zu erzeugen. Er
trägt den Fluch, um Segen zu bringen. Darin ist er Christus gleich. Jedes
Werk ist eine Hostie, in der sich die Seele des Poeten der Welt spendet.
„Um den Plunder im Werk zu vermeiden, muß man den Plunder im Leben
vermeiden“. Mir scheint, jeder Dichter hat seine eigene Sendung, die
Romantiker und Goethe die Natur, Shakespeare und Schneider die
Geschichte, meine ist die Ewige Frau. Darum muß ich LeFort noch einmal
lesen. Es ist mein Evangelium. Darum bin ich Katholik, weil Maria die
Ewige Frau in bezug auf Gott ist.
23.10.
Goethe lobt Byrons Frauengestalten: „Es ist aber auch das einzige Gefäß,
was uns Neueren noch geblieben ist, um unsere Idealität hineinzugießen.
Mit den Männern ist nichts zu tun. Im Achill und Odysseus, dem
Tapfersten und Klügsten, hat der Homer alles vorweggenommen.“
Auch der Liebende und der Dichter seiner Geliebten sind für Gott
geschaffen, der Liebe in allem Lieben. Gott, ein verschmähter Liebhaber,
zärtlich Werbender.
Meine Liebe zur Geliebten nimmt religiöse Formen an. Ich sehne mich
nach ihr. Aber es wird keine ganz erfüllende Gemeinschaft geben. Wann ist
sie mein Götze und wann seh ich Gott in ihr? Ist es Neuplatonismus,
Aufstieg vom Geschöpf zu Gott? Aber wo ist Gott? In dünnen
intellektuellen Lüften? Nicht den Gott der Theologen such ich. Ich habe
Sehnsucht, den Hunger, den die Geliebte weckt, im Sakrament zu stillen,
Liebe zu essen, Jesu Fleisch, ob es mich sättigen kann? oder ist es
irdisches Schicksal, Sehnsucht und Hunger zu haben? Wenn es mich schon
so trunken macht, ihre seelenvolle Schönheit nur still anzuschauen, wie
erst bei Gott, der ihrer Schönheit wesentliche Essenz, das Ideal, die Idee,
die Substanz, das konzentrierte Wesen, die Schönheit selbst, die sich in der
Ewigkeit nicht entzieht, sondern sich ewig mir hingibt! In dem Sinne ist es
das Himmelreich, die Geliebte zu küssen, der Geliebten beizuwohnen, das
wird über-sinnlich in Gott geschehen. Ach wär ich tot, damit ich die
Geliebte in Ewigkeit anschauen kann! Denn Gott ist schön wie die
Geliebte! Aber wie im irdischen Leben die quälende Sehnsucht, den
Hunger ertragen? Soll ich Gott im geliebten Geschöpf suchen oder alle
Kreatur verlassen und in mein Herz schauen? Was ist ins eigene Herz zu
schauen anderes als Eigenliebe, Selbstverliebtheit? geht doch Liebe immer
auf ein Du! Aber wann wird die Geliebte zum Götzen? Die persischen
Liebesmystiker reden bewußt vom Götzen, bejahen diesen Götzendienst
als Mittel zur Vereinigung mit Gott. Wo, wie, in welcher Art kann ich mich
mit Gott vereinigen? Wie schwer fällt mir das Gebet, zu dem Maria
aufruft, wie scheint es mir oft Selbstgespräch und wie oft vermehrt es nur
meine Traurigkeit! Ich sehe zur Zeit nur die eucharistische Kommunion.
24.10.
Hilflos... ausweglos... vergeblich...
25.10.
Etwas von der Helena aus Goethes Faust geträumt.
Nachts ergreift mich eine quälerisch verzehrende Begierde. Gefangen in
Qual, Trauer, Schmerz, Einsamkeit. „Ich bin verflucht!“
1.11.
Goethe über indische Philosophie: Der Jugendliche ist Sensualist, der
Mann Idealist und legt der Geliebten Eigenschaften bei, die diese
eigentlich nicht besitzt, der reife Mann Skeptiker, der Alte begnügt sich
mit Quietismus. Ich im traurigen Sommer meines Lebens bin leider
unheilbarer Idealist.
Hesse: „...scheint mit einem Leid beschäftigt, das er kostend angebissen,
das er wie verbotene Frucht fürchtet und doch liebt und sucht.“
2.11.
Abends wieder dieser Dorn im Herzen. Wie soll ich das Leben überstehen?
Wer kann mir helfen? Wünsche schon wieder, tot zu sein.
3.11.
Lebensangst. Calderon: Was dem Elenden das Leben, ist dem Glücklichen
der Tod. Dauerhaft zerrissenes Herz. San Juan: Die Welt ist ein Raubtier.
Er nennt die Sinnlichkeit den Feind der Seele. Bruder Ephraim sagt, viele
Künstler und Mystiker leiden an Angst, die kleine Therese hatte Angst. Er
empfiehlt, von der kleinen Therese zu lernen, die sterbend sagte: Nun bin
ich ein geheiltes Kind! Fehlende Mutterbindung führt zur Einnahme
giftiger Substanzen. Mama: Tu uns das nicht an, dir das Leben zu nehmen!
4.11.
Der Genius bleibt, die Musen wechseln? Aber hinter allen Musen steht
Maria. Die sponsa im Werk des Mannes vertritt die virgo-mater. Was aber,
wer aber ist Genius? Ist es Charisma? Der berufene Dichter ist eine
charismatische Persönlichkeit, sagt LeFort. Eine Gnadengabe des Heiligen
Geistes, des Meisters, des verherrlichenden Geistes, der da lobpreist die
Schönheit des Schöpfers.
5.11.
Sehne mich nach schönen Marienliedern. Schwäche, Einsamkeit,
Lebensuntüchtigkeit.
6.11.
Firmung: Chrisam: Nimm hin die Gabe des Heiligen Geistes! Priester: Er
war überzeugter Evangelischer und kommt nach reiflicher Überlegung in
die katholische Kirche und bringt die Würdigung des Wortes mit. Das
Grundwort vor allen Worten und Geschichten des Lebens ist das Wort, das
Gott ist. Euphorisches Glück anschließend. Tanz an der Hand des Heiligen
Geistes!
Darum hat Gott mich am Leben gelassen, damit ich seinen Namen auf der
Erde bekannt mache.

[Inhalt]

WEB2
1

WEB12
[Inhalt]

PROSA ROSA SINE SPINA

DER LANGE I UND MAJIA-HE

Mein Junge, laß dir von deiner Großmutter ein Märchen erzählen. Ich
träumte einmal, ich hätte vor sehr langer Zeit in China gelebt. Es war in
der Zeit der Xia-Dynastie, dem goldenen Zeitalter des Matriarchats im
Reich der Mitte. Noch war der Gelbe Kaiser nicht geboren, ihn hatte das
Regenbogenmädchen noch nicht in die Geheimnisse der himmlischen
Musik und der mystischen Liebeskünste eingeweiht, noch waren Yao,
Shun und Yü nicht aufgetreten, es war lange vor der Sintflut. Die Mütter
bestimmten die Gesellschaft und die Mutterbrüder oder Onkel waren den
Kindern der Mutter tausendmal näher und lieber als die natürlichen
Zeuger, die nichts galten. So war das damals. Ja, so ist das auch heute noch
manchmal. Aber zu jener Zeit geschahen große kosmischen Katastrophen.
Die größte kosmische Katastrophe war noch schlimmer als die spätere
Sintflut. Nämlich die großen dämonischen Mächte in den Lüften schufen
zu der einen guten Sonne noch neun weitere Sonnen, so daß der Himmel
die Erde und das Meer und alle ihre Bewohner zu vernichten drohte. Viele
Menschen begannen gegen den Himmel zu rebellieren und zu fluchen,
aber ebenso viele beteten auch zum Himmel, daß er einen Retter senden
möge. Und der Himmel war gnädig und sandte einen Retter, den Herrn.
Das war gewißlich unser lieber Herr Jesus. Aber dieser Name ist für eine
chinesische Zunge schwer auszusprechen, darum nannte sie ihn immer nur
den Langen I. Seine Frau, die Retterin, das war unsere liebe Frau Maria.
Aber weil die chinesische Zunge das R nicht aussprechen kann, darum
nannten sie sie Majia-He. Wenn ich mich recht erinnere, bedeutete Majia-
He soviel wie die Gelbe Maria, weil sie von gelber Hautfarbe wie die
Chinesen war, sie hatte auch ebensolche Schlitzaugen und lange schwarze
Seidenhaare. Nun, der Lange I trug Pfeil und Bogen, er war als ein Krieger
gekommen. Er bat Majia-He, zuhause zu bleiben und für den Erfolg seiner
Mission zu beten. Dann setzte er sich auf seinen mongolischen Renner und
ritt hinaus in die Welt. Droben brannten die neun dämonischen Sonnen, die
grimmigen Feuer des Zornes. Aber der Lange I legte den Pfeil an, spannte
den Bogen und schoß die erste Sonne vom Himmel, die zweite, die dritte,
und so weiter, bis er alle neun Dämonensonnen vom Himmel geschossen
hatte. Die Sonnen fielen in das Bo-Hai, das Gelbe Meer, und verlöschten.
Da ritt der Lange I zurück in seine kleine Hütte in dem unbekannten
Dörfchen Anci. Dort begrüßte ihn unsere Frau Majia-He. Der Ruhm des
Langen I war groß und es sammelten sich Schüler um ihn, die von ihm in
die Kunst des Bogenschießens eingeweiht werden wollten. Denn das
Bogenschießen nach der Lehre des Langen I war eine Mystik. Es ging
dabei darum, von aller Zielverfehlung abzusehen, diese galt als Sünde, und
das Ziel genau in der goldenen Mitte zu treffen, dieses galt als
Gottvereinigung. So sammelten sich zweiundsiebzig Schüler um den
Langen I, aber er wählte zwölf besondere Männer aus, denen er auch noch
tiefere Geheimnisse mitteilte, wie zum Beispiel die Geheimnisse der
ewigen Jugend. Der Anführer dieser zwölf Schüler war Gen, der Fels. Das
war ein starker Mann. Aber der Lieblingsschüler vom Langen I war Yen-
Hui, nach ihm benannte sich später auch der Lieblingsschüler von Kung
Fu Tse.
Aber auch eine Schülerin hatte der Lange I, das war ein Blumenmädchen,
die nannte er immer nur Meh-Meh, Schwesterchen. Er weihte sie ein in die
Geheimnisse des Regenbogenmädchens. Das war eine mystische Lehre,
die die sexuelle Vereinigung des männlichen und des weiblichen Prinzips
zum Gleichnis nahm für die Vereinigung des Menschen mit der höchsten
Gottheit. Der Lange I lehrte nun dreihundert Jahre lang seine Schüler, dann
ging er in eine Bergeinsiedelei, das Kraut der Unsterblichkeit zu suchen.
Er war auf dem Gipfel des Tai-Shan, des Ostberges, allein mit dem
höchsten Herrn des Himmels, der zeigte ihm das Kraut der
Unsterblichkeit. Da brachte der Lange I es zurück in sein Haus und
verwahrte es sorgfältig in einer Truhe. Er sagte: Ich werde nun bald
heimkehren in den Himmel. Nach meinem Tod wird der Himmel euch
zeigen, ob einer von euch würdig ist, das Kraut der Unsterblichkeit zu
kosten. Ich kann es euch nicht erlauben. Denn ihr seid allesamt Sünder, das
heißt, arme Teufel, die das Ziel verfehlen im mystischen Bogenschießen.
Ihr seid des Krautes der Unsterblichkeit allesamt nicht würdig. Da ritt der
Lange I davon und ward nicht mehr gesehen. Nur sieben kleine Kinder,
drei Mädchen und vier Knaben, erzählten, sie hätten ihn auf seinem
mongolischen Schimmel durch den Himmel reiten sehen. Aber die
Menschen glaubten ihnen nicht. Nun sammelten sich die Schüler alle um
Majia-He, um unsere Frau vom Reich der Mitte, die Gelbe Majia. Sie
zählte neunhundert Jahre, als ihr träumte, nun dürfe sie eine Spitze eines
Blattes vom Kraut der Unsterblichkeit kosten. Sie war aber so bescheiden
und hielt sich selbst für den ärmsten aller armen Teufel, daß sie nur mit
ihrer Zunge an der Wurzel des Stengels leckte. Da fuhr sie auf in einem
gewaltigen Wirbel in den Himmel und flog geradewegs auf den Mond zu.
Zuerst sah sie mitten auf dem Mond einen hohen vollen Zimtbaum stehen,
darin saß ein kleiner Schneehase, der zerrieb die Rinde mit einem Stößel in
einem kleinen Mörser zum alchymistischen Puder der Träume, das er dann
über die Erde streute. Aber so wurde der Baum immer kleiner. Wenn nur
noch ein Wurzelstock übrig blieb, war der ganze Mond als lichter
Vollmond von der Erde aus zu sehen. Damals menstruierten die Frauen
noch regelmäßig zu Vollmond.
Aber dann wuchs wieder ein Reis und wieder ein Zimtbaum aus dem
Wurzelstock, und wenn der ganze große breite Baum wieder mitten im
Monde stand, dann war der Mond verfinstert und die Menschen sagten auf
der Erde: Nun ist Neumond. Zu Neumond prophezeiten immer die
Urgroßmütter und die Poeten sangen geheimnisvolle Liebeslieder. Und
Majia-He kam zum Mondpalast, der war ganz aus weißer Jade gebaut. Im
Innern hingen viele Spiegel, so daß der Palast unendlich erschien. In der
Mitte der Unendlichkeit aber stand ein Thron aus einem einzigen
durchsichtigen Jaspis. Dort ließ sich nun Majia-He nieder und war fortan
die Himmelskönigin. Manchmal sehen Menschen, wenn der Mond ihnen
ganz nah kommt, auch die Himmelskönigin lächeln. So erging es viele
Zeitalter später einmal einem Dichter. Der war unsterblich in die schönste
Frau Chinas verliebt, aber natürlich unglücklich, sonst wär er ja kein
Dichter gewesen. Darum zechte er unermeßlich und stieg
sternhagelbetrunken in ein kleines Fischerboot und ruderte auf den Dung-
Ting-See. Der Dichter sah im Spiegel des Sees den Vollmond glühen wie
einen Pfirsich der Unsterblichkeit und im makellosen Spiegel des
Vollmonds sah er das Angesicht der Frau des Reiches der Mitte, der
Gelben Majia. Da warf er sich dem Spiegelbild des Mondes im Dung-
Ting-See entgegen und ertrank im See, so sagen die Ungläubigen. Aber die
Gläubigen sagen, er versank in den Liebesumarmungen der
Himmelskönigin für immer!

DAS HOHE LIED DES REICHES DER MITTE

Das Liebeslied der chinesischen Poesie. Von Shi Tuo-Tang, dem Ersten
Dichter der Tang-Dynastie. Mit seinem Ölmaul soll er mich küssen! Seine
Küsse sind berauschender als der heiße Reiswein! Dein Moschus duftet
stark! Dein Name ist wie Moschus! Darum lockst du die Blumenmädchen
an. Reiß mich an dich! Rasch! Der Himmelssohn führe mich in seine
Duftgemächer! Wir wollen jubeln: A-ya, A-ya! Deine Liebe ist des
Ruhmes würdiger als die dreihundert Becher Reiswein, die der Dichter
zechte! Es gibt nur eine rechte Sitte und wahre Tugend: Dich zu lieben!
Ich bin wie schwarze Jade, ihr Blumenmädchen von Xian, ich bin wie eine
schöne schwarze Jade! Ich bin wie die Zelte der Mongolen und wie die
Teppiche Ming-Huangs! Was schaut ihr die schwarze Jade an? Ich bin
ohne Sonnenschirm in der Sonne spazieren gegangen. Meiner Großmutter
Enkelsöhne sind böse auf mich. Ich soll ihre Gärten pflegen. Aber meinen
eigenen Garten hab ich nicht gepflegt. Geliebter, wo ruhst du am Mittag,
wo spielst du mit Phönix und Drache? Was soll ich irren durch die Gassen
roten Staubes bei den andern Kerlen? Wenn du das nicht weißt, du
Schönste der Schönen, dann laß deine Nymphensittiche frei! Du bist der
Lieblingsstute gleich vor dem Wagen des Kaisers Shi-Huangdi, meine
Geliebte! Wie schön ist die jadezarte Haut deines Angesichts mit dem
Ohrschmuck von Perlen. Wie schön ist dein elfenbeinweißer Hals mit der
Schnur von Münzen. Machen wir dir noch silberne Kettchen mit kleinen
Zauberformeln dran. Wenn der Himmelssohn zu Tische sitzt, dann duftet
meine Orchidee. Mein Geliebter liegt mir wie ein Beutelchen mit
Zimtrinde zwischen meinen Brüsten. Eine Päonie ist mein Geliebter, eine
Päonie auf dem Weg zu den Reisfeldern. Schön bist du, eine wahre
Schönheit, Prinzessin. Deine Augen sind wie Meteore. Schön bist du, stark
und kräftig, Geliebter. Unter dem rauschenden Bambus ist unser Bett.
Pinien und Kiefern sind die Wände unsres Duftgemaches. Ich bin eine
Päonie in den Gefilden von Xian, ich bin eine reine Lotosblüte im Teich.
Eine Lotosblüte unter Nesseln ist meine Geliebte unter den närrischen
Weibern. Ein Pfirsichbaum unter Kiefern ist mein Geliebter unter den
törichten Kerlen. Ich will ruhen im Schatten des Pfirsichbaumes und
seinen süßen Pfirsich mit meinem Gaumen kosten. In das Weinhaus hat er
mich geführt. Seine Fahne über mir ist die flatternde Liebe! Stärkt mich
mit Pflaumenkuchen, labt mich mit Litschi! Ich bin krank vor Liebe! Seine
Linke liegt unter meinem Kopf und mit seiner Rechten streichelt er mich.
Bei den Einhörnern und den weißen Elefantenkühen beschwöre ich euch,
ihr Blumenmädchen in Xian, stört unsre Liebe nicht, bis wir erwachen. Ah,
der Geliebte kommt! Siehe, er kommt! Er springt über den Ostberg, er
hüpft über die Westhügel. Dem Einhorn gleicht mein Geliebter, der
geflügelten Schlange! Draußen steht er! Durch das Fensterloch spioniert er
und lugt durch den Seidenvorhang meines Schlafgemaches. Der Geliebte
säuselt mit glatter Zunge: Steh auf, Geliebte, du Schönheit, und komm!
Vorbei ist der Winter und der Schnee geschmolzen. In den Gärten blühen
die Pfingstrosen. Der Pirol singt. Die Nymphensittiche zwitschern in den
Bambuskäfigen. An den Pfirsichbäumen blüht die Blust. Vor der Schenke
wird Reiswein ausgeschenkt. Steh auf, Geliebte, Schönste der Schönen,
und komm! Meine Elster in der Pinie, mein Zaubervogelweibchen im
Maulbeerbaum, komm, laß mich dein jadegleiches Angesicht sehen und
deine hauchende säuselnde Stimme! Fangt uns die Geisterfüchsin, fangt
uns die Geisterfüchsin, die meine Manneskraft aussaugen will! Der
Geliebte ist mein und ich bin sein, der in den Lotusblumen lagert. Wenn
der Tag verweht und die Schatten lang werden, dann komm, Geliebter, und
sei wie ein Einhorn auf dem O-mi-Berg! Nachts unter meinem
Gazevorhang des Bettes im Schlafgemach, da suchte ich den Geliebten,
aber das Lager war leer. Ich will aufstehen und durch die Gassen des roten
Staubes schweifen an den Häusern der Blumenmädchen vorbei, ob ich ihn
finde. Ich will schauen, ob er auf dem Platz des himmlischen Friedens ist.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Mich fanden die Bonzen auf ihrer Runde
durch Peking. Habt ihr ihn gesehen, den meine arme demütige Seele liebt?
Kaum war ich an den Bonzen und ihren Mönchen vorbei, da fand ich den
Geliebten. Ich umschlang ihn mit meinen jadeweißen Armen. Ich brachte
ihn in das Haus meiner Großmutter, die mich erzogen hat, in die
Ohrenkammer jener, die mir aus dem Buch der Lieder vorgelesen. Bei den
Einhörnern und den Phönixen will ich euch beschwören, ihr
Blumenmädchen in der Welt des roten Staubes, stört mich und den
Geliebten nicht, bis wir unser Liebesspiel zuende gespielt – Sung-Dschou!
Wer ist jene, die da aus der Wüste kommt, wie Rauch von
Weihrauchstäbchen aufsteigend, Weihrauchstäbchen von Zimt und Opium,
duftend wie die Gewürze der Apotheker? Siehe, da ist die Sänfte von
Ming-Huang. Sechzig Bonzen begleiten ihn. Alle tragen Dolche in den
Seidenärmeln, gegen die fremden Teufel von Mitternacht. Eine Sänfte ließ
Kaiser Ming-Huang sich machen aus Tung-Ölbäumen vom Westgebirge,
die Pfosten aus Jade, die Lehnen aus Nephrit, der Sitz von Brokat,
eingelegt mit Perlen. Kommt, ihr Blumenmädchen von Peking und schaut,
ihr Blumenmädchen von Xian, schaut den Kaiser Ming-Huang mit dem
Hochzeitskranz, den seine Kaiserinmutter aus Bambuszweigen geflochten
für den Tag der Hochzeit des Kaisers mit seiner Lieblingskonkubine, der
Nacht seiner schönsten Freuden! Eine himmlische Schönheit bist du,
meine Geliebte, eine himmlische Schönheit bist du! Hinter deiner Seide
schimmern deine Augen wie Meteore. Dein Haar ist glatt wie Seide und
schwarz wie Lack. Deine Zähne sind wie Melonensamen. Deine Lippen
sind wie eine Himbeere. Wie ein Pfirsich ist deine Schläfe unter dem
seidigen Haar. Wie ein Elfenbeinturm ist dein Hals, daran hängen Gong
neben Gong von Pagoden. Deine Brüste sind wie Jujuben-Datteln, zwei
Jujubendatteln, und deine Brustspitzen sind wie Jadekospen auf
Jadegebirgen. Wenn der Tag verweht, will ich zum Weihrauchhügel und
zum Zimtberg. Alles an dir ist Schönheit, Geliebte, du bist eine makelose
Jade! Komm mit mir, meine Braut, komm von dem O-mi-Berg, komm mit
mir herab vom O-mi-Berg! Weg vom Ostberg, weg vom Westgebirge, weg
von den Hügeln der Drachen und Tiger! Verzaubert hast du mich mit der
Magie deiner Blicke und dem Zauber deines Amuletts am Halse. O wie
hinreißend schön sind deine Liebeskünste, Geliebte, meine Braut! Deine
Liebeskünste berauschen mich mehr als dreihundert Becher Reiswein, dein
Schweiß ist betörender als die besten Öle und Essenzen.
Von deinen Lippen, Geliebte, fließt Pfirsichsaft, Pfirsichsaft und Reiswein
sind unter deiner Zunge! Die Düfte deiner Seide sind wie die Düfte einer
Apotheke. Ein japanischer Garten ist meine Geliebte, ein japanischer
Garten in der verbotenen Stadt, ein verschlossener Brunnen. Ein
Lustgarten bist du! Pfirsichbäume mit köstlichen Pfirsichen sprossen in dir,
Jujubendatteln, Pflaumenbäume, Lotos, Orchideen, Päonien,
Chrysanthemen, Bambus! Eine reine Quelle bist du, eine reine Quelle, wie
Wasser, die herabfließen vom Himalaya. Kommt, ihr Winde des Drachen
und des Phönix, blast in diesen Lustgarten, daß die Düfte, daß die
betörenden Düfte mich berauschen! Mein Geliebter komme in seinen
Lustgarten und speise von den süßen Pfirsichen der Unsterblichkeit! Ich
komme in meinen Lustgarten, Enkelin meiner Großmutter, meine Geliebte,
meine Lieblingskonkubine! Ich esse meine Pfirsiche samt den Pflaumen,
ich trinke meinen Reiswein samt der Pflaumenmustunke! O ihr Poeten, ihr
fröhlichen Zecher, kommt und berauscht euch an den Liebeskünsten der
Geliebten! Ich schlief, aber meine demütige Seele war wach. Da, mein
Geliebter pochte so laut wie mein Herz: Mach auf, Meh-Meh, mein
Schwesterchen, meine Geliebte, mein Zaubervogelweibchen, du makellose
Jade-Jungfrau! Mein Kopf ist voll von Tau, aus meinen schwarzen Haaren
tropft der Tau der Nacht. Ich habe meine Seide schon ausgezogen und
mein durchsichtiges Gazehemdchen ganz abgelegt, soll ich mich wieder
anziehen? Ich habe meine kleinen niedlichen Lotossprossenfüße schon
gebadet, soll ich sie wieder beflecken mit dem roten Staub der Welt? Mein
Geliebte führte die Hand durchs Loch, da bebte mein Leib vor Wollust. Ich
erhob mich, dem Geliebten aufzutun. Da troff das Schloß der Pforte von
Gummi arabicum. Ich tat ihm auf, dem Geliebten. Aber da war er
entschwunden. Mir blieb der Atem stocken und zirkulierte nicht mehr vom
Scheitel zu den Fersen, denn er war fort! Ich suchte ihn, aber ich fand ihn
nicht. Ich rief ihn, aber er gab keine Antwort. Da fanden mich die Bonzen
bei ihrem Gang durch die Nacht, die Sittenwächter schlug mich und
nahmen mir meinen leichten Seidenumhang, sie schlugen mich mit der
neunschwänzigen Peitsche, die Sittenwächter. Ich beschwöre euch, ihr
Blumenmädchen, wenn mein Geliebter bei euch liegt, so sagt ihm, daß
seine Geliebte krank ist vor Liebesbegierde! Was hat dein Geliebter denn
vor anderen Kerlen voraus, du Schönste der Schönen? Worin übertrifft
dein Geliebter die anderen Kerle, daß du uns so beschwörst? Mein
Geliebter ist weiß wie Jade und rot wie Nephrit. Er ist der Hauptmann von
Millionen Chinesen. Sein Haupt ist transparent wie Jade. Seine glatten
Haare sind schwarz wie Lack. Seine Augen sind Mandeln, in Tau
gewaschen. Seine Zähne sind wie eine Perlenschnur der Mönche. Seine
Wangen duften wie Gewürze der Apotheker. Seine Lippen sind süß wie
Litschi, sie fließen über von Soyamilch. Seine Finger sind wie Goldbarren
und daran trägt er Ringe von Magiern. Sein Leib ist wie Elfenbein. Seine
Schenkel sind Säulen, um die sich geflügelte Schlangen ringeln. Seine
Gestalt ist wie der Ostberg Tai-Shan, erhaben wie Kiefern des langen
Lebens. Sein Mund ist wie Reiswein, alles ist berauschend an ihm.
Zehntausendfaches Glück dem, der von ihm geliebt wird. Das ist mein
Geliebter, ja das ist mein Go-Go, mein Bruder, ihr Blumenmädchen von
Peking! Wohin ist dein Geliebter gegangen, du Schönste der Schönen?
Wohin verschwand dein Geliebter? Wir wollen ihn in allen Betten suchen.
In seinen Lustgarten ging mein Geliebter, zu den Beeten mit den
Heilkräutern weiser Einsiedler, um im Lustgarten zu spazieren und
Lotosblumen zu pflücken. Ich gehöre meinem Geliebten als seine
ergebenste Sklavin und mir gehört der Geliebte als mein ergebenster
Sklave, er, der zwischen Lotosblumen spazieren geht. Schön wie Peng-lai-
shan bist du, herrlich wie die verbotene Stadt von Peking, himmlisch wie
das Sternbild der Weberin, meine Geliebte! Wende deine Zauberaugen von
mir, denn sie verzaubern mich. Dein Haar ist fein wie Seide, schwarz wie
Lack. Deine Zähne sind Melonensamen. Der Pfirsichwange gleich ich
deine Wange. Sechzig Kaiserinnen hat Ming-Huang, achtzig Konkubinen,
Blumenmädchen ohne Zahl, aber Eine ist seine Geliebte, seine
Auserwählte, die Lieblingin ihrer Mutter! Sie ist das einzigartige
Zaubervogelweibchen, die makellose Jade-Jungfrau!
Erblicken die Blumenmädchen die Geliebte, dann sind sie eifersüchtig,
sehen die Konkubinen und Kaiserinnen sie, dann brennt die Galle in ihnen.
Sie ist schön wie das Lächeln der Morgenröte, sie ist strahlend wie die
Sonne, sie ist inspirierend wie der Mond, den die Dichter besingen beim
Wein. Sie ist schimmernd wie der weiße Sternenstrom, sie ist liebevoll wie
die himmlische Weberin. In den Garten mit den Mandelbäumen stieg ich
und zu dem Dattelbaum, nach den Datteln zu sehen. Ich wollte sehen, ob
die Pflaumenbäume und die Pfirsichbäume schon blühen. Dreh dich im
Kreis, Yang Gue-Fei, dreh dich im Kreis, damit wir dich betrachten
können. Was wollt ihr denn sehen an Yang Gue-Fei? Den Tanz von Phönix
und Zaubervogel! Wie schön sind deine Lotossprossenfüßchen, du
Prinzessin! Deine Hüften sind wie ein Geschmeide eines
Schmiedemeisters. Dein Schoß ist der Becher, aus dem der Himmelssohn
zecht! Deine Brüste sind Jadeberge und deine Brustspitzen Jadekospen der
Unsterblichkeit. Dein Hals ist ein Turm aus Elfenbein mit manchem Gong
daran. Deine Augen sind wie die Teiche der Mandarin-Entenpaare von
Szetschuan. Dein Haupt gleicht dem Westgebirge der Königinmutter Hsi-
Wang-Mu, in deinen Haaren wie in Seideschlangen liegt der Kaiser
gefangen. Wie lüstern bist du und wie aufreizend, o Geliebte, du Geliebte
voll der Wollust! Wie eine Dattelpalme ist dein Leib, dein Schoß ist
gespalten wie eine Dattel. Ich will die Palme besteigen und die Dattel
pflücken. Krüge mit Reiswein sind deine Brüste, ich will mich satt trinken.
Deine Küsse sind wie überfließender Reiswein, der den Zecher betrunken
macht, daß er im Schlafe spricht. Ich gehöre meinem Geliebten als seine
ergebenste Sklavin und mein Geliebter gehört mir als mein ergebenster
Sklave. Mein Geliebter begehrt keine andere Freundin als mich allein!
Komm, mein Geliebter, wir spazieren unerkannt, inkognito durchs Reich
der Mitte und spazieren zu den Feldern der armen Bauern und schlafen in
den Dörfern unter Bambus. Früh wollen wir dann zu den Reisfeldern
gehen, zu sehen, ob der Reis für den Reiswein schon reift, ob die
Pfirsichblüte blüht, ob die Pflaumenblüten blühen. Dort schenk ich dir
meine Ganzhingabe. Die Alraune der Magier schreien. Ach bist du nicht
mein Brüderchen, Go-Go, der mit mir auf den Knieen meiner Großmutter
gesessen? Dann dürft ich dich in aller Öffentlichkeit küssen und kein
Sittenwächter würde zetern. Führen wollt ich dich und dich in die
Ohrenkammer meiner Großmutter bringen, die mich erzogen hat mit dem
Buch der Lieder allein. Dort gäbe ich dir Pflaumenmustunke und
Pfirsichsaft. Seine Linke liegt unter meinem Köpfchen und seine Rechte
streichelt mich. Ich beschwöre euch, ihr Blumenmädchen von Peking, stört
unsre Liebesruhe nicht, bis wir von selber aufwachen. Wer ist sie, die aus
der Mongolensteppe kommt, Arm in Arm mit ihrem Geliebten? Unter dem
Pfirsichbaum der Unsterblichkeit bist du aufgewacht, erleuchtet unterm
Feigenbaum der Religion, dort, wo deine Großmutter heimgegangen ist in
das himmlische Reich der Ahnen. Stärker als der Tod ist die himmlische
Liebe! Eifersucht ist aber heißer als die Hölle. Die Glut der Lust ist eine
Glut des Himmels! Auch das Gelbe Meer und auch der Yang-Tse-Kiang
kann das Feuer der Liebeslust nicht löschen. Gäbe einer auch den
Reichtum des Kaisers von Indien für die Liebe, man würde ihn nur
verspotten. Die du in den Lustgärten wohnst, auf deine hauchende
säuselnde Stimme lauschen die Poeten, die Zecher bei Nacht. Laß mich
dein Liebessäuseln hören. Rasch, rasch, mein Geliebter, tanze wie der
Phönix mit dem Zaubervogelweibchen und fahre in den Himmel wie der
Gelbe Kranich!

DAS FUNDAMENT DES GOTTES J


ODER DER BAUM DER EKSTASE

SALOMO UND SULAMITH

Salomo und Sulamith saßen sich gegenüber. Über ihre Scheitel floß ein
Licht und zwischen ihren Augen brannte eine Sonne, ihr Hals
erschimmerte bernsteinfarben. Auf dem Schoße Sulamiths loderte eine
rosenfarbene Flamme wie ein Stern. Auf ihren Füßen blühten goldene
Blumen. Auf Salomos Schoße loderte eine lilienfarbene Flamme wie ein
Strahl. An seinen Füßen schimmerten Ledersandalen von Schlangenhaut.
Salomo bete Jah an, den Herrn. Und Sulamith rief zur Ischa Chochmah,
der Königin. Die Kraft von Jah drang in Salomo und die schöne Liebe der
Chochmah strömte in Sulamith ein. Salomo wurde stark und feurig, voller
Verlangen, Sulamith zu haschen und zu fangen und zu umfangen. Sulamith
ward scheu und weich und süß, doch voll schelmischer Lust. Salomo und
Sulamith schenkten einander den Süßwein in die Kelche. Salomo sah
Sulamith an, wie Jah die Lieblingin Chochmah ewig anschaut. Sulamith
schaute Salomo an, wie Chochmah die Kraft von Jah bestaunt in Ewigkeit.
Salomo tauchte seinen Finger in ein Gefäß mit Honig und zeichnete
Blumenmuster auf die festen jugendlichen Brüste Sulamiths. Er tropfte
Honig auf ihre lieblichen Lippen und Honig in ihren Nabel, er bestrich ihre
schön gebogenen Schenkel mit dem tropfenden Seim der Wabe und
beträufelte auch die hennagefärbten Zehen der Füße mit dem Nektar der
Biene. Sulamith sprach sehr freundlich zu Salomo und malte mit dem
Honig labyrinthische Linien auf den Körper Salomos, auf die Lenden und
Kniee und versüßte auch noch sein königliches Zepter, das zu der Krone
gehörte. Salomo begehrte den Honig und die Milch unter der Zunge
Sulamiths. Er wollte gewinnen die ganze Liebe Sulamiths. Dazu ist heilige
Reinheit vonnöten. Salomo war geladen wie ein elektrischer Blitz, bereit
sich zu entladen über der schwülen Erde. Sulamith fühlte sich irdisch.
Aber sie liebte den feurigen Salomo. Er aber sah in ihr nicht die irdische
Frau, vielmehr den mystischen Becher der Freude, den Kelch der
Ganzhingabe, den er mit dem Weine des Heiles füllen wollte. Das Lager
duftete nach grünen Kräutern. In dem irdenen Becher glühte der feurige
Wein. Salomo und Sulamith breiteten ihre Arme zur ewigen Anbetung aus.
Sie weihten ihre Liebe der Quelle aller Schöpfung, der ewigen Liebe in
Jah, dem Ewigen! Und Salomo und Sulamith erkannten einander in der
Liebe Gottes .Salomo flog auf dem Sturm wie ein Adler, Sulamith ritt auf
den Flügeln des Windes. In einer Vision erschienen vor ihren geistigen
Augen Adam und Eva nackt im Paradies. Salomo und Sulamith opferten
alle Glut der Liebe und alle Kraft der Ganhingabe der schöpferischen
Kraft, die das Universum geschaffen. Die göttliche Kraft, so beteten sie
zusammen, möge die dargebrachte Liebe und Ganzhingabe zum Heil der
Welt verwenden.
Und Salomo und Sulamith ruhten aus in dem Frieden des göttlichen
Hauches, der ewigen Ruach, wie im Schoß der ewigen Shabbath. Der
Garten duftete und der Wein und Honig schmeckte köstlich. Erfrischend
war ein kühler Windhauch auf dem Salz des Körpers. Das Blut rauschte
leise eine ewige Anbetung Gottes: Jah-Chochmah, Jah-Chochmah, Jah-
Chochmah! Salomo und Sulamith speisten Feigen und Datteln, tranken
Wein und brachen vom Brot. Sie ruhten in einem ewigen Atem, der Ja und
Amen hieß.

SALOMO UND DIE KÖNIGIN VON SABA IM LIBANONWALDE

Die Königin von Saba war vorausgegangen, um die Lichtung im


Libanonwalde der Liebe zu weihen. Der Mond erschimmerte über der
Lichtung. Den Kreis der Lichtung bedeckte sie mit einem reinen weißen
Leinentuch. Auf einen kleinen Steinaltar stellte sie einen Krug mit Wein,
Schalen mit Feigen und Rosinenkuchen, Schalen mit gerösteten Körnern
und Schalen mit Kräutern und Gewürzen und ein Flakon mit duftendem
Öl. Gegenüber dem Altar stand ein bronzener Kessel. Aus dem Kessel
stieg Weihrauch von Onyx, Galbanum und Stakte auf. An den Zedern des
Libanon hingen Leuchter. Sie streute etwas Salz auf die Erde und weihte
die Lichtung dem Heiligen, Gott, dem Herrn. Die Königin von Saba
sprach: Mit Schweiß und Tränen reinige ich die Lichtung von allem Bösen,
Lügenhaften und Häßlichen und heilige diesen Ort zum Heiligtume für das
Sakrament der Liebe. Sie trug einen Schale mit Gerstekörnern im Kreis
und sprach: Mit der Gabe der Erde begrüß ich die Heiligen, mögen sie
unsere Liebe gütig und gnädig betrachten. Dann trug sie Räucherstäbe
über die Lichtung und sprach: Das Feuer vom himmlischen Altare Ariel
reinige diesen Ort. Das Feuer meines Herzens brenne an diesem Ort. Mit
dem Weihrauch ruf ich die Weltseele und die Engel, damit sie unsere
Träume segnen. Sie streute Kräuter und Gewürze auf die Erde. Sie sprach:
O schöpferische Ruach, meine Mutter, o Chochmah, meine Schwester,
heiligt meinen Leib und mein Herz, meine Seele und meinen Geist. Führt
den König in den Wald des Libanon, damit wir uns lieben, wie es die
Vorsehung Gottes vorgesehen. Wenn wir in Liebe ein Herz und eine Seele
geworden sind, möge der Segen Gottes sich auf uns und alle Lebewesen
um uns niedersenken. Mache mich, Frau Weisheit, zu deinem Gleichnis
und Sakrament. Laß alle Schöpfung jubeln, wenn der mit blutigem Wein
gefüllte Silberkelch gehoben wird und sich darbringt! Die Königin von
Saba stand vor dem bronzenen Kessel, hob die Arme zum Himmel und
betete: Heilige Weisheit, sende mir deinen Geweihten, den König, daß er
Herr des Libanonwaldes und Bräutigam der Königin des Südens werde.
Hier bei der Zeder und beim Dornbusch, hier bei den roten Beeren und den
weißen Blüten erwarte ich den Bräutigam. Ich beschwöre dich, Geliebter,
bei den sanften Rehen und den edlen Hirschen, ich beschwöre dich bei der
reinen Taube und dem Falken des Himmels! Bei meiner rosigen Lippe, bei
meinen schwarzen Augen, bei meinen festen Brüsten und meinen
gebogenen Schenkeln beschwör ich dich: Komm, komm bald, mein Herr!
Vom Berg des Libanon und vom Wald des Libanon, aus dem
Libanonwaldhaus ruf ich dich auf diese Lichtung zur Liebesvereinigung
mit der Königin des Südens! Rede, mein Herr, denn deine Geliebte hört.
Und Salomo blies dreimal in sein Schofar-Horn und sprach: Gegrüßet
seiest du, o Königin des Südens! Dein Ruf erreichte mich auf nächtlichem
Pfad. Ich jagte den Hirsch, doch ließ ich ab von ihm, um zu dir zu eilen.
Und sie sprach: Komm, mein Jäger und sage mir, wie schön ich bin und
daß du mich mehr liebst als das Licht. Ich bin die Frau. Wenn du dich mit
mir in Liebe vereinigst, wirst du vereinigt mit dem Ewigweiblichen
werden. Im Ewigweiblichen wirst du neugeboren. Und er sprach: Welcher
Schlüssel eröffnet die Himmelspforte? Und sie sprach: Wirf auf die Erde
einen Silberschekel. Wenn der Silberschekel auf die Erde fällt, auchzt die
Seele aus dem Feuer gen Himmel. Wirb um mein süßes Lächeln! Salomo
trat auf die Lichtung. Da sprach die Königin von Saba: Beantworte meine
Rätselfragen, denn ich will sehen, ob du wirklich weise bist. Siehe, ich bin
jung wie ein neugeborenes Lamm und alt wie der letzte Atemzug eines
Greises. Mein Haupt und meine Füße sind kalt, aber in meinem Herzen
brennt das Feuer. Mein Schoß ist ein Kelch, der nimmer leer ist, aber kein
Mann kann mich in seinen Armen halten. Wer bin ich? Und Salomo
sprach: Du bist die Erde, Adama, unsere Mutter. Und die Königin von
Saba sprach: Ich berühre die Erde, aber nie hab ich den Fuß auf die Erde
gesetzt. Ich wandle auf dem Meer, aber nimmer werden meine Füße naß.
Ich habe vierzehn Töchter, aber keinen Vater und keine Mutter. Wer bin
ich? Und Salomo sprach: Du bist die Mondin. Die Königin von Saba
sprach: Wir sind zusammen geboren, aber wir berühren uns nie. Wir sehen
gleich aus und müssen doch verschieden bleiben. Wir trennen uns nie, wir
sprechen uns nie und müssen zusammen sterben. Wer bin ich? Und
Salomo sprach: Du bist dein eigenes Spiegelbild. Nun darf ich dich lieben?
Sie sprach: Komm näher, Geliebter, und rufe mit mir die ewige Weisheit
an, denn sie ist die Lieblingin Gottes. Niemals dürfen sich Mann und Frau
vereinigen, außer als Sakrament der göttlichen Liebe. Salomo und die
Königin von Saba faßten sich an den Händen und verneigten sich dreimal
vor dem Himmel: O Sophia, Mutter und Königin, Licht in der Finsternis,
fülle uns mit der Liebe und mit der Erkenntnis und mit der göttlichen Lust
der Vereinigung von Braut und Bräutigam! Und Salomo sprach zu Bilkis:
Durch das Licht in deinen Augen schaue ich die verborgene Welt des
heiligen Geistes. Führe mich zwischen Elfenbeintürmen mit Kuppeln von
Sternen, öffne mir die heilige Pforte in die Welt der Träume, Visionen und
Ideen! Bilkis sprach zu Salomo: Komm, Geliebter, ich will dich salben mit
dem heiligen Salböl. Bilkis nahm Salomo den Mantel von den Schultern
und zog ihm seinen purpurnen Rock aus und salbte seine Glieder. Bilkis
sprach: Sei gesalbt mit der Salbung, das ist die Weihe der Ruach ha-
kadosch. Und Salomo nahm Bilkis den Mantel und den Schleier und salbte
ihr Haupt und Brust, die Lenden und die Füße. Er sprach: Sei auch du die
Gesalbte der Ruach ha-kadosch. Du bist meine Inspiration. Du bist die
Kirche des Heiligen Geistes. Und Salomo sprach: Erlaubst du mir, den
efeuumwundenen Keuschheitsgürtel um deine Lenden zu öffnen? Und sie
gewährte es ihm. Mit einem scharfen Messer zerteilte er die Zona
Virginalis aus berauschendem Efeu. Da hob er sein Messer gen Himmel
und rief: Heil dir, Sophia, göttliche Jungfrau! Der Schlüssel zur Pforte in
das Reich der Liebe sei dir geweiht! Und Salomo und die Königin von
Saba legten sich nieder auf das weiße Leinen und deckten sich zu mit ihren
grünen und purpurnen Mänteln. Da seufzte Bilkis: Mein Bräutigam, siehe,
der Pfad zum Herzen und die Pforte des Traums liegt offen vor dir. Die
Perlenpforte ist offen und das Paradies erwartet dich. Das Geheimnis der
heiligen Hochzeit in der Aue des Paradieses kann nur die ewige Frau dem
Mann offenbaren, denn der Leib der Frau ist das Paradies des Mannes.
Und die Königin von Saba tat sich auf und empfing den König von Salem.
Da jauchzte Salomo: Wahrlich, ich wandle durch die Pforte in die Grotte
der Sterne! Bilkis sah am Himmel den Mond wie eine Lotosblüte, Salomo
sah durch den Himmel zücken einen stillen Blitz. Die Lotosblume des
Mondes und der stumme Strahl des Blitzes erleuchteten hell den
nächtlichen Himmel. Im Licht des Himmels weihten der Bräutigam und
die Braut ihre heilige Lust der Ewigen Weisheit, die Weihe der
menschlichen Liebe zum Heil der Welt zu verwenden. Sie leerten den
Wein in einem gemeinsamen Kelch, sie zogen ihre Röcke und Mäntel an
und verließen schweigend vor Seligkeit wie die Engel den Wald des
Libanon. Die Königin von Saba sprach: O Salomo, regiere in Jerusalem als
der Fürst des Friedens und Ebenbild von Jah, dem Gott der schenkenden
Liebe!

DAVID UND ABISCHAG VON SCHUNEM


1

Abischag von Schunem, das schöne holdselige Mädchen trat ein. Sie blieb
so weit entfernt vom alten Dichter David, daß er sie nicht berühren konnte.
Er ssagte zärtlich zu ihr: Ach, Abischag von Schunem, ich bin lebenssatt
und gehe nun bald den Weg allen Fleisches. Ich sehne mich nach dem
Frieden in der Versammlung meiner Ahnen und ich sehne mich nach
deiner Mädchenschönheit. Öffne mir deine Pforte und rufe mich zurück zu
dir, mein Mädchen. Aber das braune Mädchen schwieg. Da sprach der alte
Dichter David wieder: Abischag, mein braunes Mädchen, Geliebte meines
Herzens! Hast du mich vergessen? Hast du mein Angesicht in deinem
Geiste denn nicht mehr gesehen? Aber das Mädchen schwieg. Da hob der
alte Hirte zum dritten Mal seine Stimme: Wenn ich nun verlassen muß das
Land der Lebendigen, ohne deine Liebe zu spüren, dann will ich beten zu
Gott, daß er dein Herz bewege, mir ein Zeichen der Erinnerung, eine
Reliquie unserer Jugendliebe zu schenken. Da holte das braune Mädchen
unter ihrem weißen Schleier eine rote Rose hervor und ließ sie auf die
Erde sinken. Dann zog sie sich zurück. Der alte Dichter war allein mit der
roten Rose und dachte an die schöne Jugend.

In den Gärten von Jerusalem aber verbarg sich Abischag von Schunem
hinter einem Dornstrauch. Im Hintergrund stand ein Davidsturm von
Elfenbein. David kam und trug in einem Beutel die roten Rosenblätter
jener Blume der Erinnerung, die sein Mädchen ihm geschenkt. In seiner
Hand hielt er den Hirtenstab. Er hat die Erziehung seines Sohnes Salomo
beendet und den Sohn in die Obhut des Propheten Nathan gegeben. David
ist nun bereit, heimzuwandeln durch die Pforte des Todes in die
Versammlung der Ahnen. Während er im Freien wandelte, versuchte er
Zeichen zu schauen aus der Jugend der ersten Liebe. Er dachte an Michal.
Abischag ist ganz wie Michal in ihrer Jungfräulichkeit war. Da seufzte er:
Alles ist anders geworden, seit ich zum ersten Mal den blühenden Garten
von Jerusalem durchgewandelt bin. Ach, Abischag, Abischag, heiliges
Mädchen, meine letzte Liebe, höre mich und begleite mich an die Pforte
des Todes. Mädchen, Mädchen, öffne mir die Pforte zur ewigen Jugend,
ins Reich der Herrlichkeit, in das Himmelreich der Freude! Mein
Nachfolger ist gesalbt, auf dem Thron Israels wird ein Davidssohn sitzen.
Er lauschte auf das Wehen des Windes und rief: O Herr, du Vater der
Geister und Herr der Herzen, sende mir Abischag von Schunem, mein
braunes Mädchen. Herr, du hast mich alle Weisheit gelehrt, du hast mir
vom Garten Eden gesprochen. Erhöre mein Gebet und sende mir Abischag
von Schunem, daß sie mich leite an die smaragdene Pforte in das Reich,
das meine Sehnsucht ist! Ich, David, der Sohn Gottes, durch dessen Lieder
die Ruach gesprochen, der Lieblingsdichter Israels, ich bitte dich, König,
sende mir das braune Mädchen an der Pforte des Todes! Da erschien das
Mädchen Abischag von Schunem und sprach zu David: Herr, mein König,
ich hörte ein Wehen in der Luft und eine leise Stimme säuselte um mich:
David, sprach die Stimme. Und so bin ich gekommen, meinem Hirten zu
begegnen. Und David sprach: Ach, braunes Mädchen, meine Jugendliebe
bist du in meinem hohen Alter. Öffne mir den Elfenbeinturm und laß mich
eintreten fröhlich mit dir. Nun komm, und nimm mich in die Arme und laß
mich ruhen in der Beuge deiner Arme. Und Abischag flüsterte: David war
Michals Liebe, aber Michal hat David verloren an die Welt, denn David
war berufen, als Hirte das Gottesvolk zu weiden. Michal ist ohne Kinder
geblieben. Wenn Michal dich heute sehen würde, sie spräche zu dir: Das
ist nicht mehr der Jüngling, den ich geliebt, der jung und stark und schön
war. Du bist gebeugt von der Last der Lebensernstes und des Hirtenamtes
und der Hinfälligkeit deines Fleisches. Du bist dem Tode nahe, Geliebter!
Und David sprach mit leiser Stimme: Mein Mädchen, ich schwöre bei dem
Milan, den ich dir geschenkt hab als Vogel der Liebe, daß ich immer noch
David bin, der Hirte, David, der Dichter. Bei dem grünen Unterrock aus
serischer Seide, den ich dir gestohlen, schwör ich, daß ich immer noch der
Mann bin, der liebt! Und das Mädchen sprach: Still, nicht mehr davon,
schweig von dem Unterkleid, daß du mir gestohlen! Du stehst an der
Pforte des Todes! Und David sprach: Geliebte, süße Königin meines
Herzens, Seele meiner Seele, ich bins, der deine Jungfräulichkeit glich der
dornenlosen Rose. Da öffnete Abischag von Schunem den Elfenbeinturm
beim Dornbusch und er trat ein zu ihr. Da ließ sie ihren Schleier fallen und
stand allein in reiner Schönheit da, in ihren schwarzen Haaren einen Kranz
von Rosen. David kniete vor seinem Mädchen und sprach: Ich, König, ich
knie vor meiner Königin. Meine Liebe, ich schenke dir mein Herz! Das
braune Mädchen sprach: Die Rose ist das Zeichen meiner Liebe. Willst du
mich im Angesicht des Todes zu deiner Geliebten nehmen? Und David
küsste die Rose zwischen Dornenhecken. Und David segnete Abischag
und das braune Mädchen weihte den Hirten, sie küssten einander mit dem
heiligen Kuß der Liebe. Da rief das braune Mädchen: Seid gegrüßt, ihr
Todesengel, ich rufe euch zu Zeugen auf: Ich bin das braune Mädchen, die
unberührte Jungfrau, und der alte sterbende Hirte ist mein Geliebter! Und
da sich der Hirte und die Jungfrau liebten, starb der Hirte und opferte hin
sein Leben dem Herrn, dem Ewigen!

DIE HOCHZEIT SALOMOS UND DER TOCHTER DES PHARAO

Alle versammelten sich im Tempel vor dem Altar. Der Hohepriester stand
im Osten und die Prophetin im Westen. Sie waren Greise. Salomo und die
Tochter des Pharao standen, er im Norden und sie im Süden. Alle
verneigten sich in Richtung des Allerheiligsten. Und der Hohepriester
sprach: In diesem Tempel wohnt Schalom, in diesem Tempel lebt die
Liebe. Wir heißen die Erzengel und die Schutzengel hochwillkommen,
diese Hochzeit mit uns zu feiern. Der Hohepriester betrachtete still das
Tau-Kreuz und berührte die Reliquien des Altares. Er sprach: Die Hochzeit
im Tempel beginnt. Wir feiern die Hochzeit unter dem Segen der Gnade
Gottes. König Salomo, du, und du, o Königstochter, Tochter des Pharao,
kommt, damit ihr geheiligt werdet, wie es alter Brauch ist, wenn
Priesterkönige sich vermählen. Und Salomo und die Tochter des Pharao
knieten vor dem Hohenpriester. Der salbte ihnen die Hände mit dem
heiligen Salböl. Er sprach: Hebt eure Häupter, das ich eure Stirnen mit
dem heiligen Tau-Kreuz der Seraphim und Cherubim besiegeln kann. Der
Hohepriester zeichnete mit dem Salböl das heilige Kreuz des Tau auf die
Stirne Salomos und die Stirn der Tochter des Pharao. Dann sprach der
Hohepriester: O Tochter des Pharao, du bist nach dem Bilde der Weisheit
gebildet. Du bist erfüllt vom Geist der Weisheit. Sei barmherzig und sei
wie eine Mutter zu allen Menschenkindern. Siehe deine Hilfe in deinem
Bräutigam und werde ein Fleisch mit deinem Geliebten. Sieh in ihm dein
inneres Selbst und juble über deinen Geliebten. O König Salomo, du bist
geschaffen als Ebenbild von Jah. Übe Treue und Gerechtigkeit. Halte die
Gebote Gottes und sei barmherzig mit den Armen, Schwachen und
Kleinen. Gebrauche das Schwert des Wortes und den Hirtenstab des guten
Hirten. Durch diese Frau wird dein Leben vollkommen. Sieh in ihr dein
eigenes weibliches Selbst und juble über die Geliebte. Und Salomo und die
Tochter des Pharao fassten sich bei den Händen und küssten sich. Und die
Prophetin hob den heiligen Kelch des Bundes und betete: Komm, Frau
Weisheit, Jungfrau im Sternenmantel, Mutter mit dem schöpferischen
Schoße, Schwester mit den heilenden Händen. Schau nicht auf unsere
Sünden, sondern schau auf diesen heiligen Kelch des Bundes. Du erfüllst
die Menschen mit geistlicher Gnade und vergöttlichst die Menschen zu
Göttern. In dem heiligen Kelch des Bundes begegnen wir deiner Seele und
deinem Blut. Wer deine Gottheit trinkt wie Blut, der wird die Weisheit und
Gnade empfangen. Hier wirst du in ihm gezeugt und geboren. Von hier
wird er ausgesandt in die Welt und hierher darf er zurückkehren als wie zur
Ruhe in deinen Armen, um dich anzubeten und dir sein Leben zu weihen.
Chochmah, Mutter, Schwester und Braut des Königs Salomo, Mutter,
Schwester und Göttin der Tochter des Pharao, Chochmah, fülle den
heiligen Kelch des Bundes mit deiner Gottheit und deiner Allseele und mit
deinem mystischen Blut, damit, die daraus trinken, eingehen in die
Offenbarung der Herrlichkeit Gottes! Und die Prophetin rief den König
Salomo und die Tochter des Pharao und führte sie zum Altar. Die
Prophetin sprach: Dies ist der Kelch des Heils, gefüllt mit dem kosmischen
Leiden der Weisheit, der ewigen Mutter. Vor diesem Kelche werdet ihr
geloben, den andern zu lieben, zu ehren und einander treu zu sein für alle
Tage eures Lebens. Der Bund der Ehe Gottes ist unauflöslich. Indem ihr
von diesem Kelche trinkt, empfangt ihr die Gnade des Herrn und seiner
Herrlichkeit. Schaut den Kelch der Hingabe an als eure Mutter und den
blutigen Wein als euren Freund und Vater. Trinkt das Blut der Traube und
seid gesegnet! In euch sind Adam und Eva wiedergekehrt auf die Erde und
die Erde ist der Garten Eden.

DIE ERSCHEINUNG DER SOPHIA

Auf einem schwarz und silbernen Tische standen sieben weiße Kerzen,
drei rote Rosen und ein Gefäß mit goldenem Honig. Sulamith trug ein
Gewand aus feiner fließender weißer Seide und Salomo einen
schneeweißen Umhang. Weihrauch glühte auf einer Räucherpfanne.
Salomo sprach: Gegrüßet seiest du, Sophia, Königin des Himmels und der
Erde! Diese Wohnung wartet auf dich. Gegrüßet seiest du, Sophia,
fleischgewordne Idee der Schönheit, Tochter Gottes! Gegrüßet seiest du,
Sophia, Jungfrau Israels, Mutter des Messias, des Heilands, Herrin der
Weisheit! Siehe, da sah Sulamith, wie Sophia auf sie herabkam und sie wie
eine Glorie oder ein lichter Schleier umgab. Als Sulamith nun die
Gegenwart der göttlichen Herrin Sophia spürte, sprach sie: Das Gebet ist
erhört und die Jungfrau ist gekommen. Sie hat ihren Sternenmantel
angelegt und ihre Füße auf den Mond gestellt und ist mit dem
Lichtgewand der Sonne zu uns gekommen. Wer sie annimmt, muß würdig
werden, ein Mensch des Friedens, ein Menschenfreund! Und Salomo
nahm nun Sulamith an die Hand und trat mit ihr an den Tisch. Er führte sie
in die Wolke des Weihrauchs. Salomo sprach: O Sulamith, ich spende
deinem Haupte Weihrauch und bewundere die in dir wohnende Weisheit.
O Sulamith, ich spende deinem Körper Weihrauch und bewundere die
durch ihn sich offenbarende Schönheit. Ich spende deinen liliengleichen
Füßen Weihrauch und bitte dich, bei mir zu bleiben. Dann benetzte Salomo
Sulamiths Zunge mit einigen Tropfen Wabenhonigs. Er sprach: Geliebte,
deine Zunge ist süß wie Honig, dein Name, Geliebte, ist süß wie Honig,
deine Küsse, Geliebte, sind süß wie Wabenseim. Siehe, ich spende dir
meinen Honig. Teile die Süße mit mir und spalte die Wabe für mich.
Gleich der Biene mit dem Stachel saug ich den Nektar deiner
Blütenlippen. Salomo küsste Sulamith. Dann salbte er ihre festen
jugendlichen Brüste mit dem Salböl von Myrrhe, Narde, Aloe, Balsam und
küsste die Spitzen ihrer Brüste zärtlich. O Sulamith, sprach Salomo, laß
mich die Schönheit des Reichtums deiner Brüste, deiner festen
jugendlichen Brüste mit duftendem Salböl salben. Laß mich ruhen wie ein
Myrrhebeutel zwischen deinen Brüsten, die wie Gazellen in Lilien hüpfen.
Und Sulamith-Sophia sprach: O König Salomo, du sollst mein König und
Geliebter und Gemahl sein! Solange du mir beiwohnst und mit mir
zusammenlebst in einer heiligen Ehe, sollst du Friedefürst von Israel und
Juda sein. Du sollst stets zwischen den Brüsten Sophias gebettet ruhen und
die Ruach ihres Mundes trinken unter heiligen Küssen der Liebe mit
feurigen Zungen! Zwischen Sophias Brüsten gebettet, wirst du der König
der Juden werden, durch ihre Salbung der Gesalbte heißen! Vor der Macht
Sophias bist du ein kleines Kind. Und Salomo nahm die Rosen vom
heiligen Tische. Vor Sophia verwandelten sich die drei roten Rosen in eine
weiße, eine rote und eine goldene Rose. Sophia führte Salomo zum
mystischen Brautgemach. Sophia, meine göttliche Jungfrau-Braut, sprach
Salomo, öffne mir die Pforte zum Königspalast, ja, öffne mir die Pforte
zum Brautgemach! O göttliche Jungfrau, ohne deine Liebe bin ich nur ein
sterblicher Mann, doch von dir mit göttlicher Liebe geliebt, durch deine
Einwohnung, deine Beiwohnung werde ich von deiner Ganzhingabe
vergöttlicht zu einem unsterblichen Menschen-Gott aus Gnade! Wenn wir
uns vereinigen, Jungfrau, wird das heilige Land im Frieden sein. ...Und
Sophia vereinigte sich mit Salomo.... Und Salomo sprach: Die Rettung ist
gekommen, das Gottesvolk hat die Macht des Gesalbten gesehen. Ich bin
zum Gesalbten geworden, zum Messias Israels, ich werde als Friedefürst
regieren solange die Sonne scheint und der Mond am Himmel steht.
Gegrüßet seiest du, Sophia, Königin des Himmels, Königin des Südens,
gegrüßet und gebendedeit sei dein Name von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und
Sophia sprach durch den Mund der zärtlichen Sulamith: Ich bin die
Gottheit Israels, die Herrscherin der ganzen Welt, ich bin Sophia, ich bin
den heiligen Männern Ein-und-Alles! Ich werde bei euch bleiben bis ans
Ende der Zeit und werde sein in alle Ewigkeit! Gesegnet sei die Frau,
durch die ich spreche, und gesegnet sei die Wohnung, in der meine
Verehrung erneuert wird. Und Sophia schwand von Sulamith. Und
Sulamith und Salomo ruhten in vertrauter Umarmung als Mann und Frau
im Frieden des Ehebettes.

JAH-CHOCHMA

Dunkle Nacht. Schau: Jah saß auf seinem Throne. Jah beschaute die
Formen des Lebens. Chochmah war bei Jah und lag auf einem Kissen zu
Füßen des Thrones. Die Sphärenmusik erklang wie Rauschen des
kristallenen Meeres am Throne. Jah sprach: Himmel und Erde sind
gestaltet aus dem Nichts. Die Nacht und den Tag hab ich, o Jah, der
Schöpfer, geschaffen. Ich will ruhen von meinen Werken. Und Jah
schwieg. Aber Ruhen und Schweigen erzeugt in mir den Drang der Liebe.
Komm, Geliebte! Und Chochma sprach: Ich höre die Stimme Gottes. Ich
bin Chochmah, die bei Ihm war vor aller Zeit und allem Raum und aller
Existenz. Siehe, Schöpfer, ich bin deine Hoffnung, dein Glaube, deine
Liebe. Frage mich, ich werde dir antworten in der Weisheit deines Geistes.
Und Jah sprach: Chochmah, wie kann ich meinem Alleinsein jenseits der
Schöpfung ein Ende bereiten? Und Chochmah sprach: Indem du aus Liebe
Geschöpfe schaffst und ihnen die Fähigkeit gibst, zu lieben, dich vor allem
zu lieben und die Mitgeschöpfe wie sich selbst. Und Jah sprach:
Chochmah, sage mir in dem Geiste meiner Weisheit, wie ich, die einzige
Gottheit, Götter erschaffen soll, die göttlich sind wie ich? Denn einer ist
Gott und ist keine Gottheit außer Ihm. Und Chochmah sprach: Du kannst
in meinen Armen Menschen erschaffen, Ebenbilder deiner Gottheit. Du
kannst mich senden, deine göttliche Weisheit, in dem Schoße einer
Menschentochter selbst ein Mensch zu werden, um die Menschen aus ihrer
Hinfälligkeit zu erlösen und sie durch meine Ganzhingabe zu vergöttern.
Dann werden sie aus Gnade Menschengötter und Menschengöttinnen sein
durch mystische Anteilhabe an meiner Gott-Natur. So wirst du, o Herr, der
einzige Gott sein, aber in mir sind dir gesellt zur Anteilhabe an deiner
Gott-Natur die aus Gnade gezeugten Mitgötter deiner einzigen Gottheit.
Und Jah sprach: In der gesamten Schöpfung seh ich keine Frau, die rein
genug wär, makellos, daß sie würdig wäre, dich in ihrem Schoße zu
empfangen und zu gebären. Ich sehe sie allein in der Idee meines Geistes.
Chochmah sprach: Gib ihr, der makellosen Idee deines Geistes, ein
menschliches Leben. Sie wird geschaffen von deinem heiligen Geist als
makellose Jungfrau. In sie will ich niedersteigen, sie unter Bewahrung
ihrer makellosen Jungfräulichkeit Mutter werden lassen und Gebärerin
meiner Gottheit.

GESANG DER DREIFALTIGKEIT

Die Schechinah sang: O Jah, o Schöpfer, alles Leben ist aus deinem Willen
entstanden. Aus deinem Gedanken kamen Raum und Zeit, aus deinem
Gedanken kamen die Elemente. Ich schaue dich und Licht von tausend
Sonnen strahlt von deinem Antlitz! Und Jah gab seiner Schechinah eine
goldene Harfe, das Lied des Kosmos zu singen. Und es redete Jah: Du, du
bist die Schechinah, du erfüllst die Schöpfung. Wir sind eins, der Herr und
seine Herrlichkeit. Von dir kommt alle Weisheit und die Kunst ist der Lohn
für die Psalmisten, die dir huldigen. Du bist die Inspiration der heiligen
Schriften. Du bist die Verheißung. Gemeinsam mit dir hab ich die Welten
erschaffen. Dein Licht ist der Schimmer von tausend Monden, meine
Schönheit! Und es ist erschienen der Logos und seine Sophia. Und der
Logos schenkte seiner Sophia eine goldene Lilie.Und der Logos sprach:
Wie schön du bist, Geliebte, eine Frau wie eine Aue, zart wie ein Garten.
Deine Harmonie erfüllt das All mit Schönheit. Du bist die Weltseele, du
bist die Makellose. Und Sophia nahm die Posaune der Auferstehung und
reichte sie dem Logos und sprach: O Logos, in dir ist alles Leben
erschaffen. Wenn ich als Weltseele eine Harfe der Harmonie der
Schöpfung bin, so bist du als Weltgeist die Schöpferhand, die meine Harfe
streicht und spielt. Wir sind der Sphäros, der Ur-Ton, in welchem das
vollendete und vollständig erlöste All ertönt als eine Harmonie und ein
kosmischer Gesang der Liebe. Ohne Vereinigung von Weisheit und Wort
gibt es keine Lieder. Und es klang eine Glocke und Ecclesia kam, die Idee
der himmlischen Jerusalem. Sie nahm eine Fackel und reichte sie dem
Heiligen Geist. Und Jerusalem sprach: O Herr, der du Gott bist, Herr, der
du Licht bist, Gott auf Erden und Geist in aller Materie, du, der die Welt
im Innersten zusammenhält als der Geist der Liebe, erfüllt von dir will ich
alle Sterbenden führen in meinen Schoß als in einen Palast der Liebe. Dort
wird der in mir Gestorbene tanzen den Tanz der Engel, der kein Ende
nimmt, und lachen das Lachen des Heiligen Geistes in einer Freude, die
dem Rausch der seligsten Liebestrunkenheit gleicht! Und der Heilige Geist
nahm die Fackel der Liebe und reichte der Jungfrau Ecclesia nun das
Schwert des Wortes und sprach: O Heilige Jungfrau, die die Menschen
nicht kennen und die sie fürchten, ich reiche dir das Schwert des Wortes,
das Wahrheit von Lüge scheidet. Du bist mein Tempel, ich bin der liebende
Gott in dir. Und wenn ich in dir tanze und brause und rausche, dann
prophezeie die Erfüllung aller Verheißungen und das Kommen des
Goldenen Zeitalters, da Gerechtigkeit und Friede sich küssen, sich küssen
im heiligen Kuß der Liebe! Und als die drei Personen der Gottheit so
gesprochen, erwachte der Seher.

MARIEN-SYMPOSIUM

DER PROTESTANT:

Wir Protestanten sind Glieder der heiligen, apostolischen, christlichen


Kirche. Wir sind Söhne der Kirchenväter. Wie die Kirchenväter von
Ephesos bekennen wir: Groß ist die Theotokos! Denn der Engel Gabriel
nennt sie die Begnadete, die Holdselige, denn Elisabeth preist sie als die
Gesegnete unter den Frauen. Und der heilige Paulus, mein Namenspatron,
spricht von Christus, der geboren wurde von einer Frau. Diese Sprüche
halten fest, wie ich wohl weiß, daß Maria Gottes Mutter ist. Darum ist in
Einem Worte alle ihre Ehre inbegriffen, wenn man sie Gottes Mutter nennt,
kann niemand Größeres je und je von ihr sagen. Nicht zu ihrer eigenen
Ehre wird Maria Gottes Mutter genannt, sondern Christi Ehre wegen, der
Herr und Gott ist. Die Theotokos ward verkündet, um die Gottheit Jesu
Christi ins wahre Licht zu stellen. Darum irrt Nestorius, der Maria nur
Mutter der menschlichen Natur Christi nannte, sie nur Christotokos
nannte. Die menschliche Natur Christi und die göttliche Natur Christi sind
vereinigt in der Einen Person Jesu Christi, dessen Mutter Maria ist. O wie
wirklich war die Menschwerdung, wirkliche Inkarnation des Logos in dem
Fleisch und Blut eines geschöpflichen Mutterschoßes! Ja, Maria ist die
Gebärerin unseres Heils, die reine Magd des Herrn, ancilla domini. Die
reine Magd, das ist die reine Jungfrau. Denn siehe, das ist die höchste
Ehre, die man Maria erweisen kann, daß man die gute Tat des Sohnes
Mariens an uns armen Sündern recht erkenne, ehre und zu ihm laufe. Denn
was ist das Größte an Maria? Daß sie uns den Sohn Gottes, den Erlöser
geboren! Aber bedenkt, der Titel Gottes Mutter kann die Abergläubischen
wohl in ihrer heidnischen Unwissenheit verwirren. Ist doch Gott der
ursprungslose Ursprung und der anfanglose Anfang und der grundlose
Urgrund und ist ihm keine Mutter voraus. Aber Maria ist die Sancta Virgo,
sie ist gebenedeit von Gott, weil Gott sie gewürdigt hat, der Welt den Sohn
Gottes zu schenken. Dadurch hat Gott Maria hoch geehrt. Und von dieser
Ehre darf Maria auch selbst im Magnifikat singen. So halten wir fest an
der leibhaftigen Offenbarung Gottes in der Menschheit Christi durch
Maria, die Gottesmutter und heilige Jungfrau. Christus ist geboren aus der
reinen Jungfrau. Wir sollen der Heiligen gedenken, um uns zu erinnern,
welche großen Gnaden Gott den Heiligen erwiesen. Die Mutter Christi
dürfen wir wohl unter die Heiligen zählen. Maria ist die dignissima
amplissimis honoribus, die der höchsten Ehren Würdigste. Denn wir
bekennen mit der Gottessohnschaft Christi auch die Gottesmutterschaft
Mariens. Denn wir glauben, lehren und bekennen, daß Maria nicht bloß
einen pur lauteren Menschen, sondern den wahrhaftigen Sohn Gottes
empfangen und geboren hat. Darum wird sie Mutter Gottes genannt und ist
auch wahrhaftig die Mutter Gottes.

Wir bekennen im Apostolicum, daß Christus ist geboren von der Jungfrau
Maria. Das ist unbestritten. Ja, Maria ist semper virgo, immerwährende
Jungfrau, vor und in und nach der Geburt, wie Luther, Zwingli und Calvin
bekennen. Luther verurteilte scharf den Häretiker des vierten Jahrhunderts,
Helvidius, der behauptete, daß Maria mehrere Kinder gehabt hätte.
Zwinglis glühendste Leidenschaft war die immerwährende
Jungfräulichkeit Mariens. Es steht geschrieben: Josef erkannte Maria nicht,
bis sie ihren erstgeborenen Sohn gebar. Doch dies bedeutet nicht, daß
Maria eine ordinäre Ehe geführt habe. Josef ist der Jungfrau nur zum
Schutze beigegeben worden. Schon daraus, daß Jesus seiner Mutter, der
Frau, am Kreuze den Lieblingsjünger als Sohn anvertraute, ist zu
erkennen, daß sie keine weiteren Kinder gehabt hat. Die im Evanglium
genannten Brüder und Schwestern Jesu sind nahe Verwandte des Herrn.
Wir bekennen also als die Kinder der Kirche der Reformation, daß
Christus ist geboren: Ex Maria, pura, sancta, sempervirgine!
Was sagt die Reformation zur Unbefleckten Empfängnis? Diese Lehre, die
Lehre der Makellosen Konzeption, behauptet die Empfängnis der Jungfrau
im Schoße ihrer Mutter, der heiligen Anna, als eine natürliche Empfängnis,
die durch die Gnade Gottes frei von allem Makel der Erbsünde war. Luther
liebte diese Reinheit Mariens, die ihr gegeben war um der Reinheit und
Sündlosigkeit des Menschensohnes willen. Die heilige Mutter Gottes, die
den Gottessohn im Fleisch geboren, konnte nicht eine gemeine Sünderin
sein. Die Freiheit Mariens von dem Makel der Erbsünde geschah im
Augenblick ihrer Empfängnis als der Vereinigung des Leibes mit der
vernünftigen Seele. Der reformatorische Theologe Valentin Weigel nannte
Maria darum gar eine Inkarnation des Heiligen Geistes. Zwingli nannte
Maria eine reine, heilige, unbefleckte Magd, das heißt Jungfrau. Dennoch
bestritten andere, wie Calvin und Melanchton, diese Lehre. Schließlich
war sie auch in der katholischen Kirche lange umstritten und wurde erst im
neunzehnten Jahrhundert zum unfehlbaren Dogma der Offenbarung
erhoben.

Was lehren wir aber von der Aufnahme Mariens in den Himmel? Das Volk
schwärmt wohl gelegentlich von der Himmelfahrt Mariens, doch ist es
keine Himmelfahrt gleich der Himmelfahrt Christi, sondern eine
Aufnahme in den Himmel durch den in den Himmel gefahrenen Christus.
Die katholische Kirche verkündet, daß die unbefleckte Gottesgebärerin
und immerwährende Jungfrau Maria nach Vollendung ihres irdischen
Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen
worden ist. Wo ist aber für diese Auffassung die Grundlage in der Heiligen
Schrift? Luther kannte das Fest Mariä Himmelfahrt. Er sprach, es stehe
zwar nichts davon im Evangelium, wie Maria im Himmel sei, auch nicht,
wie sie dorthin gekommen, das sei auch nicht nötig zu wissen. Es genügt
zu glauben, daß die Heiligen leben. Er wußte nicht, ob sie im Leib oder
außerhalb des Leibes in den Himmel gefahren sei. Er wollte das Fest
Mariä Himmelfahrt gefeiert sehen. Welcher Christ zweifelt daran, daß die
würdigste Mutter des Herrn bei ihrem Sohn in himmlischen Freude lebe?
Die einen Christen glauben nun einmal, daß Marien Seele im Himmel sei,
ihr Leib aber noch in der Erde ruhe, die anderen Christen aber glauben,
daß sie mit Leib und Seele im Himmel sei. Jeder urteile, wie er will.
Schließlich ist Henoch leiblich in den Himmel aufgefahren und bei Christi
Auferstehung sind viele Heilige leiblich auferstanden. Gewiß ist aber, daß
Maria mit ihrem Sohne Jesus lebe. Aber ist nicht auch Elias leiblich in den
Himmel gefahren, damit die Kinder Israels ein Bild der Unsterblichkeit der
Seele hätten und doch nicht den Leib des Heiligen verehren? So ist auch
die reine unbefleckte Kammer der Gottesgebärerin und Jungfrau Maria, ihr
heiliger Leib, von den Engeln in den Himmel getragen worden. Ja, wir
trauen darauf, daß die reine heilige Magd von Gott erhöht ist über alle
Geschöpfe der Menschen oder seligen Engel, aller Kreaturen im Himmel
und auf Erden und im Meer, bei Christus in der ewigen Freude. Nun aber,
ihr Papisten, werdet wohl bedauern, daß der Körper der Jungfrau im
Himmel ist, ihr hättet sonst wohl eine Kirche um ihre Reliquien gebaut, die
größer als Jerusalem und Rom gewesen wäre...

DER ORTHODOXE:

Herr Jesus Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich über mich
armen Sünder! Dich besingen wir, dich preisen wir, dir danken wir, Herr,
und bitten dich, Gott, zu preisen die selige Gottesmutter und
immerwährende Jungfrau Maria! Im Augenblick der Wandlung des Brotes
und Weines durch den Heiligen Geist in Fleisch und Blut Christi, danken
wir Gott vor allem für unsere allerheiligste, makellose, über alle Heiligen
und Engel gelobte Gottesmutter Maria, die Ewige Jungfrau! Wahrhaft
würdig ist es, dich, Theotokos, selig zu preisen, Allerseligste, Unbefleckte,
Mutter Gottes! Verehrungswürdiger bist du als die weisesten Cherubim
und die vor Liebe brennendsten Seraphim, die du in unversehrter
Jungfräulichkeit den göttlichen Logos geboren, Gottes Gebärerin und
Gottes Mutter, dich preisen wir höher als alle Geschöpfe im Himmel und
auf Erden! Wen aber führt die Herrin der himmlischen Heerscharen an?
Wen führt die Königin der Engel und Mutter der Menschen? Alle im
Glauben Entschlafenen, alle Voreltern, alle Väter und Mütter des
Glaubens, alle Patriarchen, Propheten und Prophetinnen, die Apostelin der
Apostel und die Apostel, die Jungfraun und die Evangelisten, die Märytrer
und Bekenner, alle Heiligen, Witwen und Waisen! Wir danken, wenn wir
der Gottesmutter danken, auch Johannes dem Täufer, dem Apostelkonzil
und besonders danke ich dem heiligen Andreas, meinem Patron, und aller
Heiligen des Orients und Okzidents, auf deren Fürsprache hin uns gnädig
heimsuchen möge der Gott, der Liebe ist! Wir bitten die Gottesmutter um
Fürsprache für alle Heimgegangenen, die universelle christliche Kirche
und die ganze Menschheit und die gesamte Schöpfung. Unserer
allerheiligsten, reinsten, über die Maßen gepriesenen, allen Ruhmes
würdigen Gottesmutter und Ewigjungfrau Maria eingedenk, weihen wir
uns selbst und die gesamte Schöpfung unserm Herrn und Gott, Jesus
Christus! Siehe, die Gottesmutter in der Ikone ist niemals ohne ihren Sohn.
Er ist das göttliche Kind der Gottesmutter. Steht sie aber als unsere
Fürsprecherin vor Seinem Thron, so steht sie dort mit Johannes dem
Täufer. Denn wie Johannes der Täufer die Vollendung des Alten Bundes,
ist Maria der Inbegriff und die Vollendung des Neuen Bundes, die sich
zusammen als Ein Ewiger Bund der Menschheit mit Gott zu Christus, der
göttlichen Weisheit, anbetend wenden. Maria ist der Anbeginn des Neuen
Bundes. Deine Geburt, o Gottesmutter, hat der ganzen Mutter Erde Freude
bereitet. Aus dir ging hervor aus wie aus dem Schoß der Morgenröte die
Sonne der Gerechtigkeit. Er nahm den Fluch hinweg, zerstörte den Tod,
brachte den Segen und schenkte uns ewiges Leben. Darum preisen wir
dich, die Aurora Gottes, die du dem Himmelslicht, das die Sonne ohne
Untergang ist, auf unaussprechliche Weise aus deinem Schoß der
Morgenröte den Leib geschenkt, gesegnete Gottesmutter und heilige
unbefleckte Jungfrau, sei gepriesen! Darum ist der Tag der Verkündigung
des Herrn durch den Engel an die Jungfrau Maria der Anbeginn des Heils
und die Offenbarung des Geheimnisses von Ewigkeit. Gottes Sohn wird
Sohn der Jungfrau, der Engel verkündet der Begnadeten die Gnade. Mit
dem Engel beten wir allezeit: Sei gegrüßt, du Gnadenvolle, freue dich,
Maria, Gott ist mit dir! In der heiligen Weihnacht aber gebiert die Jungfrau
den Seienden, überwesentlichen Gott! Die Mutter Erde gewährt der
Höchsten Macht eine Grotte. Die Himmlischen und die Hirten feiern den
Frieden. Die Weisen des Morgenlands ziehen nach der Weisung der Sterne
zu der Jungfrau und dem Jungfraunkind, dem urewigen Gott und Gottheit
von Urzeit her! Halleluja!

Singen will ich die heiligen Ostern, das Mysterium von Kreuzestod und
Auferstehung zu ewigem Leben! O Christus! Als dich, den Schöpfer und
Gott, am Kreuze hängen sah Jene, die dich als Jungfrau geboren, da rief sie
unter Tränen und Trauer: Mein Sohn, mein Sohn! Wohin ist deine
Schönheit? Siehe, du warst der Schönste aller Menschensöhne! Nun ist an
dir keine Schönheit mehr, du bist der Allerverachtetste, der entstellte
Gottesknecht! Ich ertrage es nicht, den Gerechten so ungerecht gekreuzigt
zu sehen! So klagte Maria. Wir wollen besingen Ihn, der sich aus Ewiger
Liebe für uns kreuzigen ließ! Ihn schaute Maria am Kreuz und sprach:
Wirst du gekreuzigt, entstellt in deiner Schönheit, verflucht, weil du am
Holze hängst, angespieen mit Gift und Galle, du bist doch mein Gott und
mein geliebter Sohn! So klagte Maria. O Jesus, Ströme von Tränen hat mit
blutendem Herzen die Allerreinste über dich vergossen und gerufen: Wie
soll ich nun dir dienen, mein geliebter Sohn? O Gott, o Logos und Sophia!
O meine Wonne! Wie soll ich dein Begrabensein drei Tage lang ertragen?
Es zerreißt mir vor Schmerzen mein Mutterherz! Wer wird mir Wasser
geben, daß meine Augäpfel überströmen von Tränenfluten wie
Wasserbäche? Woher nehme ich all die Ströme, rief die jungfräuliche
Mutter und Frau der Schmerzen, meinen Jesus zu beweinen? Ihr
Schluchten, ihr Seelen alle, schluchzet, schluchzet mit der Frau der
Schmerzen, alle Kreaturen des Kosmos, heult mit der Mutter Gottes um
den gekreuzigten Sohn Marias! So klagte Maria. Siehe, der Gekreuzigte in
seiner Passion am Kreuz, er tröstete seine Mutter und alle Frauen von
Jerusalem und ihre Kinder und die gesamte Menschheit: Weine nicht über
mich, meine Mutter! Du wirst schauen im Grabe deinen Sohn, den du im
Schoß getragen. Aber ich werde auferweckt, ich werde auferstehen in der
Kraft Gottes und verherrlicht im Geist zu ewigem Leben im Reiche
Gottes! Siehe, Magd des Herrn, die dich seligpreisen, alle Kinder und
Kindeskinder, die werde ich, o Frau der Schmerzen, als dein Sohn und
Gott, ich, Christus zur Rechten des ewigen Vaters, werde alle jene erhöhen,
die in Glauben und Liebe dich, o allerseligste Jungfrau, lieben und preisen!
So sprach Christus am Kreuz. So ruft nun die Kirche im Schoß der
Menschheit der allerseligsten Jungfrau zu, die Christus verklärt hat:
Strahle, strahle heller als die Sonne, milder als der Mond, glühender als die
Morgenröte, himmlische Jerusalem! Denn die Gloria Gottes geht auf in
dir! Tanze mit den Engeln und Seligen himmlische Hochzeitstänze,
Tochter Zion, und jauchze im Heiligen Geist als die Braut des Heiligen
Geistes! Mutter Gottes, allerreinste Jungfrau, freue dich, Halleluja, über
die Auferstehung Christi und die Auferstehung der Toten! Siehe, der Engel
des Herrn rief der Jungfrau zu: Freue dich, Maria, voll der Gnade! Und ich
sing auch mit englischer Zunge und mit Menschenzunge: Freue dich,
allerseligste Jungfrau, denn dein Sohn ist auferstanden als die Erstgeburt
aus den Toten! Freue dich, makellose Jungfrau! Freue dich, Menschheit!
Halleluja!

Chaire! Freue dich! Das will ich singen! Es wäre leicht und wäre ohne
Gefahr der Übertreibung der Poesie, ein skrupulöses Schweigen zu
bewahren, o Jungfrau! Dir zu Liebe schöne Hymnen zu singen ist ein
schwieriges Werk. So gib mir, die du meine Braut und Mutter bist, passend
zu meiner Absicht auch die heilige Inspiration! Wohlan, singen wir im
göttlichen Wahnsinn die Schönste der Frauen! Freude dir, du Gipfel,
schwer ersteigbar den Menschen! Freude dir, du Tiefe, schwer erschaubar
den Engeln! Freude dir, du Thron des ewigen Königs! Freude dir, du
Trägerin dessen der hält das All in der Hand wie einen Apfel! Freude dir,
du Luna, die spiegelt den Sol justitiae! Freude dir, du Mutterschoß der
Fleischwerdung Gottes! Freude dir, du Anfang der neuen Schöpfung!
Freude dir, in der der Schöpfer ein Embryo geworden! Freude dir, meine
jungfräuliche Braut! (Maria lächelte...) Freude dir, in den unergründlichen
Rat du Eingeweihte! Freude dir, du gewisse Ruhe der Ruhebedürftigen!
Freude dir, du Vorspiel der Wunder Jesu! Freude dir, du schönste Weisheit
der Lehre Jesu! Freude dir, du Himmelsleiter, auf der Gott selbst zu uns
kam! Freude dir, du Regenbogenbrücke, die von der Erde zum Himmel
führt! Freude dir, du von den Engeln besungenes Wunder und Meisterwerk
des Schöpfers! Freude dir, du Entsetzen und Zittern der Dämonen! Freude
dir, die du empfangen das Überlicht! Freude dir, du von allen Weisen
unergründliche Weisheit! Freude dir, meine jungfräuliche Braut! (Maria
lächelte...) Freude dir, du Paradiesfrucht! Freude dir, du Aue der
Barmherzigkeit! Freude dir, du Tafel der Weisung Gottes! Freude dir, du
Garten der Wonne! Freude dir, du Heim der Seele! Freude dir, du
Brautgemach des Christen! Freude dir, meine jungfräuliche Braut! (Maria
lächelte...) Freude dir, du unverwelkliche Blüte! Freude dir, du keuscher
Flor! Freude dir, du Lebensbaum! Freude dir, du Kleid des Nackten!
Freude dir, meine jungfräuliche Braut! (Maria lächelte...) Freude dir, du
tausendjährige Rose! Freude dir, du Apfel der Schönheit! Freude dir, du
Duft des Menschheitsfrühlings! Freude dir, du Brot des Lebens! Freude
dir, du Wasser des Geistes! Freude dir, du versiegelter Garten,
verschlossener Born, Lustgarten Gottes! Freude dir, meine jungfräuliche
Braut! (Maria lächelte....) Freude dir, du Grenze der grenzenlosen Liebe
Gottes! Freude dir, du Zusammenfall der Gegensätze! Freude dir, du
Schlüssel des Paradieses! Freude dir, du Hoffnung auf die Schöne Liebe!
Freude dir, du unvermählte Braut! Freude dir, du Kelch der Weisheit!
Freude dir, du Brautgemach der Vorsehung! Freude dir, du Weisheit der
Narren! Freude dir, du Muse der heiligen Dichter! Freude dir, du Sophia
der Philosophen! Freude dir, du Königin der Apostel! Freude dir, du Braut
der Patriarchen! Freude dir, du Erleuchtung aller Lebenden! Freude dir,
meine jungfräuliche Braut! Freude dir, Christi jungfräuliche Braut! (Maria
lachte sanft gedämpften Girrens...)
DAS GASTMAHL BEI NATHAN DEM WEISEN

Es war in einer milden Maiennacht im Mittelalter, da in Jerusalem, im


Hause Nathans des Weisen, eines jüdischen Patriarchen, dieser
zusammenkam mit seinen zwei Freunden, nämlich Al-Hafi, einem
islamischen Derwisch, und Curd von Schwaben, einem christlichen
Templer. Sie beschlossen, drei Nächte lang zu feiern, nämlich vom
islamischen Freitag, über den jüdischen Samstag, bis zum christlichen
Sonntag, und kräftig die Becher zu stürzen, denn sie waren alle
gottestrunkene Männer, die den Wein liebten. Die Magd Nathans des
Weisen hieß Daja, sie war eine siebzehnjährige, wunderschöne Christin,
blutjung und bezaubernd. Sie schenkte den Wein ein und diente den
Männern mit gesalzenen Mandeln.
Als erstes hob Nathan der Weise als der Gastgeber seine Stimme und
sprach: Liebe Freunde, wir wollen trinken, bis wir zu tanzen anfangen.
Aber der Wein sei voll der Wahrheit, denn die Wahrheit ist die Weisheit
und die Weisheit ist Gott. Also wollen wir, um den Wein zu heiligen, Gott
verherrlichen, und um Gott zu verherrlichen, den Wein heiligen. Wenn uns
der Geist des Weines inspiriert, dann wollen wir in der bezaubernden
Gegenwart der schönen Daja eine Lobrede auf die Gottheit halten. Ich
schlage vor, daß am Freitag Al-Hafi Gott preist, am Samstag werde ich,
Nathan, Gott preisen, am Sonntag soll Curd von Schwaben Gott preisen.
Schließlich soll die schöne Daja als die Muse dieses Wettstreits dem den
Kranz in die Locken drücken oder den Kuß auf die Lippen, der am
schönsten von Gott gesprochen hat.
Die Männer waren einverstanden. Und so begann Al-Hafi in der
Freitagnacht Gott zu preisen.

AL-HAFI:

Ich nenne mich einen Sufi, denn ich trage das wollene Gewand der Armut.
Armut ist Mystik. Aber ein Sufi ist nicht nur ein Armer, nicht nur ein
Wanderer und Asket und Beter, er ist ein innerer Mensch mit sieben
Qualitäten und einer achten Qualität: Er ist großmütig wie Abraham, der
seinen geliebten Sohn losließ, er ist hingebungsvoll wie Ismail, der sich
geopfert hat, er ist geduldig wie Hiob, er lebt von Zeichen wie der stumme
Zacharias, er ist ein Fremdling in der Welt wie Johannes der Täufer, er ist
arm wie Moses, er ist ein Pilger wie Jesus und wahnsinnig wie
Mohammed! Alle diese Heiligen sagen eines: Lasse dich selber los! Lasse
ab vom tyrannischen Moslemstaat, von den Paschas und Patriarchen, lasse
ab von den Herren des Geldes! Geh in die Wüste und suche Gott! Sei ein
Wüstenvater, ein Eremit, ein einsiedlerischer Mönch, sei ein Bettler! Denn
wir sind alle Bettler vor Gott, das ist gewißlich wahr. Ein Sufi besitzt
nichts und wird von nichts und niemandem besessen. Ein Sufi zieht Gott
allem anderen vor und wird von Gott allen anderen vorgezogen. Ein Sufi
ist ein Safa, er ist ein Mensch der inneren Reinheit. Wer durch Liebe
gereinigt ist, ist rein, wer durch den Geliebten gereinigt ist, ist ein Sufi.
Adam war ein Sufi. Vierzig Tage war er einsam im Garten Eden, bis ihm
Gott den Odem in die Nase blies. Ein Sufi trägt die Freude im Herzen auch
in der Zeit des Kummers. In der Zeit des Kummers tanzt der Sufi und tanzt
sich ekstatisch in die Vereinigung mit dem Geliebten, das ist der
Höhepunkt der Glückseligkeit! In diesem Gipfelpunkt des Tanzes gibt der
Sufi sein Ich auf, wirft es dem Geliebten zu und wird der Geliebte selbst!
Gott ist groß und ist keiner außer ihm und Ich bin sein Prophet! – Daja,
schenke mir ein vom verbotenen Wein!
Meine lieben Freunde, ich wurde in Afghanistan geboren. Als Kind sah ich
das Nichts. Das Nichts war Liebe, war Alles. Tyrannen aber überzogen die
Erde, Theologen verfolgten die mystischen Gottesfreunde. Mein Vater, ein
mystischer Gottesfreund, sah in einer Vision die Schreckensherrschaft der
Barbaren. Ich war in meiner Jugend ein eifriger Gottsucher und suchte
einen greisen Mystiker auf. Er war ein Dichter. Auch ich ward ein Dichter.
Wer kann von Gott reden als allein ein Dichter? Ich pilgerte nach Mekka
und studierte die Lehren meines Vaters, der Plotin und Gregor von Nazianz
studierte. Nach dem Tode meines Vaters lehrte ich den Koran, das schönste
Gedicht der Welt. Nun verstand ich erst den mystischen Geheimpfad
meines Vaters. Die Weltseele Plotins, die Weisheit des Heiligen Geistes
von Gregor von Nazianz und der Barmherzige des Koran begannen einen
dreifaltigen Tanz vor meiner Seele zu tanzen. Da stürmten die Tyrannen,
Barbaren und Mörder unser Land. Aber zu jener Zeit traf ich meinen
Freund, die Sonne des Glaubens. Er stellte mir eine Frage, die so
ungeheuerlich klang, so blasphemisch, daß ich alle meine
Gottesgelehrsamkeit in einem Blitz verlor, vom Kamel stürzte wie Saulus
vor Damaskus und Gott sah! Da begann die große Liebe zwischen dem
Schriftgelehrten und dem Derwisch. Die Liebe loderte so hell, daß ich
alles andere vergaß. Ich saß zu Füßen des Meisters, des Geliebten, aß und
trank nicht mehr und lebte allein von dem Manna seines Wortes und dem
Tau seines Geistes. Er liebte mich so sehr, daß er die berühmtesten
Theosophen Kieselsteine nannte im Vergleich mit mir, dem Rubin seines
Herzens. Er nannte sich selbst: Der Liebende. Ja, er nannte sich: Der Pol
aller Geliebten. Und ich stürzte wie die Sterne diesem Pol zu, in dessen
Feuer ich brannte und doch nicht verbrannte. Die Theologen mißbilligten
meine Liebe, weil ich den religiösen Pflichten nicht mehr nachkam. Auch
kämmte ich Haare und Bart nicht mehr und wusch meine Kleidung und
mein Geschirr nicht mehr. Ich lebte nur noch als Liebender des Pols aller
Geliebten. Da verschwand der Geliebte plötzlich wie ins Nichts. Meine
Seele wollte sich nicht trösten lassen. Ich war elender als der Psalmist,
elender als Jeremias, elender als Hiob! Aber schließlich fand ich den
Geliebten wieder und liebte ihn heißer und inniger als je zuvor! Aber
meine Familie wurde eifersüchtig auf den Geliebten im Geist und
ermordete ihn heimlich. Sie sagten mir, er sei ins Ausland gegangen. Mein
Herz starb den Tod, aber auferstand als der Geliebte! Ich war nicht Ich
mehr, ich war Er! Mein Herz war die Muschel, der Geliebte die Perle! Ich
war der Mensch, mein Herz war Er! Ich war nicht mehr in mir, sondern Er
war in mir! Nun lebte nicht mehr ich, sondern Er lebte in mir! Ich war
verborgen in Ihm, Er war verborgen in Gott! Ich legte meinen Namen ab
und wurde Träger Seines Namens.
Nun sammelten sich Jünger um mich, wir tanzten gemeinsam den Tanz der
Ekstase! Auf den Todesfeierlichkeiten der Freunde tanzten wir die Tänze
der Hochzeit! Wir wurden die tanzenden Derwische, die auf den Gräbern
tanzten, die tanzten im Geiste Gottes, die tanzten mit Gott! Wir waren
berauscht von Gott! Nun beteten nicht mehr wir selbst, sondern Gottes
Geist betete in uns! Gott ließ Gebete in uns strömen und erhörte Seine
eigenen Gebete! Unsre Gebete wurden in uns gebetet mit feurigen Zungen!
Die Leute meinten, wir hätten vom verbotenen Wein getrunken. Aber dann
ward das Gebet in uns – Stille. Ich ging in die Stille, wanderte durch das
Schweigen und verschwand im Nichts. Als ich zunichte ward, da war ich
nichts als Lobgesang zu Gottes Ehre! Ich hatte aufgehört, ein Beter zu
sein, um die Anbetung selbst zu