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LUTHER

von Torsten Schwanke

ERSTER TEIL
DER JUNGE LUTHER

ERSTER AKT

(Mansfeld in Sachsen-Anhalt. Vater Hans Luther, Mutter Margarethe, und der kleine Martin.)

VATER LUTHER
Wo ist die goldne Nuß, die ich bewahrte
In der Schatulle hier in diesem Schrank?
MUTTER LUTHER
Gesteh es, Martin, du hast sie gestohlen!
VATER LUTHER
Die Blage! Dafür mühe ich mich ab?
Ein Bauer war ich, hab mich abgemüht,
Ein Bergmann war ich dann geworden, stieg
Tief in den Schoß der schwarzen Mutter Erde.
Sankt Anna wachte über unsern Bergbau.
Und nun besitz ich gar die Bergwerks-Mine.
Nun hab ich es zu etwas Geld gebracht.
Nun möchte ich mein Eigentum genießen
Und sehe, dass mein Sohn ein Räuber ist!
Den Vater sollst du ehren und die Mutter,
So hat es Gott am Sinai geboten!
MARTIN LUTHER
Ich wollte doch nur diese goldne Nuß,
Ich meine... Vater, ach, verzeihe mir!
VATER LUTHER
Geh, Margarethe, hole mir die Rute!
MUTTER LUTHER
Schau, Martin, das hast du verdient, dass du
Jetzt Schläge auf den bloßen Hintern kriegst.
VATER LUTHER
Nur weiter nichts geredet, Margarethe.
Ein Vater, der den Sohn von Herzen lieb hat,
Der züchtigt seinen Sohn auch mit der Rute.
Auch Gott ist ja ein strenger Vater, der
Die Kinder Gottes mit der Rute züchtigt.
Und wer vom Herrgott nicht gezüchtigt wird,
Der darf sich auch nicht Sohn des Vaters nennen.

(Margarethe hat die Rute geholt und reicht sie ihrem Gatten.)

MUTTER LUTHER
Jetzt, Martin, sei ein braver Sohn, bereue,
Dann wird der Vater nicht so kräftig schlagen.
MARTIN LUTHER
(heult)
Ach Vater, Vater, schlag nur kräftig zu!
VATER LUTHER
So ist es recht, du Räuber und du Dieb,
Zeig du nur Reue, weine Reuetränen!
MUTTER LUTHER
Ach lieber Hans, mein guter Eheherr,
Laß mich den kleinen Martin züchtigen.
VATER LUTHER
Ja, Martin, Gnade soll vor Recht ergehen,
Die Mutter wird dich mit der Rute schlagen.
MUTTER LUTHER
So, Martin, leg dich über diesen Stuhl,
Und jetzt hinunter mit dem Hosenboden.
Ich denke, vierzig Schläge sind genug.

(Die Mutter züchtigt Martin. Der beißt die Zähne zusammen und leidet still.)

VATER LUTHER
Das waren vierzig Schläge, Margarethe.
Jetzt komm, wir müssen aus dem Hause gehen.
Du, Martin, bete du zu Gott dem Vater!

(Die Eltern verlassen die Stube.)

MARTIN LUTHER
(betet weinend)
Sankt Anna, weißt du auch, wie weh das tut?
Der Vater ist so streng und meine Mutter
Steht immer auf der Seite meines Vaters
Und ich bin ganz allein in dieser Welt.
Sankt Anna, du beschützt den Bergbau doch,
Und meine Mutter hat mir einst erzählt,
Daß du als Mutter Unsrer Lieben Frau
Einst Jesus mit der Rute hast geschlagen,
Drei Schläge nur auf Jesu sanften Po.
Sankt Anna, nur drei Schläge! Aber ich
Hab vierzig auf mein Hinterteil gekriegt!
Doch hab ich’s ja verdient, Großmutter Gottes,
Weil ich gestohlen und gelogen habe
Und hab verdient den Zorn des Vatergottes
Und hab verdient die ewige Verdammnis,
Wo mich die Teufel mit den Ruten schlagen
Für eine ganze lange Ewigkeit!
Ich will nicht in die Hölle kommen, Anna!
Sag doch dem Vater, deinem Enkel Jesus,
Ich will noch gerne viele Schläge leiden,
Wenn ich dafür nicht in die Hölle komm!
Sankt Georg, mach du mich zu einem Ritter,
Sankt Georg, mach du mich zum Drachentöter!
In Patri, Filius et Spritus
In saeculum et saeculorum Amen.

ZWEITE SZENE

(Eisenach. Der fünfzehnjährige Luther und sein Lehrer, ein Franziskanermönch.)

LUTHER
Ich heiße Martin, Luther oder Luder,
Denn meine Väter hießen Luder, aber
Das deutsche Luder stammt vom Griechischen
Und es bedeutet: Eleutherios,
Und Eleutherios, das heißt: Der Freie!
FRANZSIKANER
Mein Eleutherios, was lehrten dich
Die Brüder vom gemeinschaftlichen Leben
In Magdeburg, der Schule an dem Dom?
LUTHER
Sie lehrten mich die deutsche Muttersprache.
O Magdeburg, du wunderschöne Braut,
Frau Weisheit, du liebst einen Kriegsmann nur,
Der dich im Sturme nimmt und feurig liebt!
Doch, Pater, sprich vom heiligen Franziskus!
FRANZISKANER
Als Franz verlassen seinen Vater hatte,
Den Kaufmann, der den Mammon angebetet,
Als Franz sich mit Frau Armut keusch vermählt,
Da sprach der Herr zu ihm in einem Traum:
Mein Armer, renoviere meine Kirche!
Franz dachte, dass er soll ein Kirchlein bauen,
Bis er erkannte die Berufung, dass
Er soll die Kirche renovieren, die
Gehurt hat mit den Mächtigen der Welt
Und lebte in dem Luxus, dieser Sünde,
Da sollte Franz die reiche Luxus-Kirche
Durch seine reine Armut renovieren.
Die Kirche braucht ja immer die Reform,
Die Kirche reformiert sich immer wieder
Durch ihre heiligen Reformer, die
Durch Heiligkeit die Kirche reformieren.
LUTHER
Die Heiligen, das waren reine Herzen,
Ich aber bin ein abgrundtiefer Sünder.
FRANZISKANER
Doch du hast eine schöne Stimme, Martin,
Du kannst sehr schön die Psalmen psalmodieren.
Laß hören! Sing mir einmal einen Psalm!
LUTHER
(singt)
Gott ist uns eine feste Seelenburg,
Ist unser Schild, sein Wort ist unsre Waffe!
FRANZISKANER
Wir haben nicht umsonst gelehrt Musik
Und Poesie. Wer ist dein Lieblingsdichter?
LUTHER
Vor allen Römern lieb ich den Vergil
Am meisten, er ist doch der Vater Pius.
FRANZISKANER
Vergil ist der Advent-Poet der Kirche!
Er pries den Gottessohn, den Weltenheiland,
Das Friedensreich der ganzen Ökumene
Und auch die Ewigkeit der Mutter Roma.
LUTHER
Ich habe auch verstanden, dass die vierte
Ekloge Prophezeiung ist auf den
Messias, auf den Gott, als Kind geboren,
Der Frieden bringt der ganzen Ökumene.
Doch um die Hirtenlieder von Vergil
Auch richtig zu verstehen, müsste man
Ein ganzes Leben lang mit Hirten leben.
FRANZISKANER
Und die Georgica, das Buch vom Landbau?
LUTHER
Um die Georgica verstehn zu können,
Muß man sein Leben lang ein Bauer sein.
Dort liebe ich zumeist die Bienenzucht.
Vergil vergleicht den Gottesstaat der Bienen
Ja mit dem Reich von Roma, da der Kaiser
Die Bienenkönigin im Stocke ist
Und ihre Drohnen, das sind Roms Soldaten.
FRANZISKANER
Die Bienenkönigin, das ist der Papst,
Die Arbeitsbienen aber sind die Priester.
Und die Änaeis, was sagst du dazu?
LUTHER
Wie Moses Israel geführt hat aus
Ägyptenland, sie durch die Wüste führte,
Sie führte ins Gelobte Land und wie
Dort Israel viel Kämpfe kämpfen musste
Mit den Hevitern und den Amoritern
Und wie zuletzt in Israel geboren
Der Heiland ward, der König aller Völker –
So floh Äneas auch mit seinem Vater
Und seinem Sohn aus Trojas Brandruinen
Und mussten irren übers Mittelmeer
Und kamen von Karthago nach Italien
Und mussten kämpfen dort mit den Latinern
Und gründeten das Neue Troja dort
Und so Äneas ward der Vater Roms,
Bis dann Augustus Cäsar ward geboren
Als Retter und als Friedefürst der Völker.
FRANZISKANER
So haben nicht die Juden nur Propheten,
So haben auch die Heiden die Sibyllen,
Und alle prophezeien Jesus Christus.

DRITTE SZENE

(Universität Erfurt. Martin Luther als Magister der sieben freien Künste, und der
Universitätsprofessor.)

PROFESSOR
So sprechen Sie von Aristoteles!
LUTHER
Wenn Platon visionär Ideen schaute
Als ideale Wesenheiten geistig,
So lehnte Aristoteles das ab.
Was Aristoteles in der Natur sah,
Das war der Stoff und war die Form des Stoffes.
Der Stoff war die chaotische Materie,
Die Form das geistige Prinzip, gestaltend
Den Stoff zu einem Ding. Die Form ist Geist,
Doch existiert sie nicht wie die Idee
Selbständig als ein Wesen rein im Geist,
Die Form ist immer an und in den Dingen.
PROFESSOR
So sprechen Sie von Akt und von Potenz!
LUTHER
Die Potentialität ist Möglichkeit,
Ist bloße Möglichkeit, die übergeht
In die reale Wirklichkeit durch Akte.
Die Akte als die Macht und Wirksamkeit
Erst setzen die Potenz ins reine Dasein.
Wenn ich nun spreche, schreibe oder gehe,
So übe ich den Akt des Gehens, Sprechens
Und Schreibens. Das Subjekt ist dann schon da.
Der Akt des Daseins schafft erst das Subjekt.
PROFESSOR
Wenn nun der Akt des Daseins das Subjekt
Mit Namen Martin Luther erst ins Daseins setzt,
War Martin Luthers Wesen dann schon möglich
In Potentialität? Und kommt nun durch
Den Akt des Daseins Wichtiges hinzu?
LUTHER
Mein Wesen in der bloßen Möglichkeit,
So sagen welche, ist genauso wertvoll,
Wie das durch einen Akt verwirklichte.
Die bloße Möglichkeit von tausend Talern
Ist wertvoll wie die Wirklichkeit derselben.
Doch andre sagen, dass alleine wertvoll
Die pure Existenz, und dass kein Wesen
Bedeutsam ist, allein die Existenz,
Und dass die Gottheit sei die Existenz
In Reinform, doch besitze Gott kein Wesen.
PROFESSOR
Was dazu ist Ihr Kommentar, mein Luther?
LUTHER
Wenn nun die Existenz allein ist wichtig
Und unbedeutsam ist das Wesen, wie
Begreifen wir, dass Menschen nicht allein
Nur existieren wollen, sondern gut
Und selig leben? Nämlich Jesus sagte
Von Judas, der so ganz verzweifelt war:
Es wäre besser, er wär nie geboren!
Denn ist die Existenz verzweiflungsvoll,
So wünscht der Mensch, er wäre nie geworden!
Das Wie der Existenz ist eben wichtig.
PROFESSOR
So sprechen Sie vom Universalienstreit!
LUTHER
Ob die platonische Idee ein Geist
Mit eignem Dasein sei und existiere
Rein in sich selbst als Wesenheit im Geist,
Wie manche sagen, oder ob sie nur
Gedanklicher Begriff von Menschen sei,
Verallgemeinerung realer Dinge,
Wie andre sagen, das ist nun der Streit.
Die an die Realitäten der Ideen
Als Wesenheiten glauben, nennen sich
Als Idealisten also Realisten.
Und die behaupten, dass all die Ideen
Nur menschliche Begriffe sind und nichts
Ganz wirklich existiert als nur die Dinge,
Die nennen wir mit Namen Nominalisten.
PROFESSOR
Und Ihre Position, Magister Luther?
LUTHER
Ich denke, Wahrheit sagen Nominalisten.
PROFESSOR
Und abgesehn von aller Theorie,
Was hat das zu bedeuten für die Praxis?
LUTHER
Wenn unabhängig vom Begriff des Menschen
Als Geister Wesenheiten existieren,
Dann ist das für die Theologie bedeutsam,
Denn dann ist die Idee des Einen Gottes
Bei den Muslimen und des Einen Gottes
In drei Personen in der Christenheit
Ein reines Dogma, das verkündet wird
Von dem Koran bei den Muslimen oder
Vom Papst und den Konzilien in der Kirche
Als Offenbarung, die von oben kommt,
Von Gott geoffenbart und überliefert
Von einer Hierarchie der Heiligkeit.
Wenn aber alles ist Begriff des Menschen,
Dann disputieren wir human und ringen
Um die Erkenntnis, und des Menschen Denken
Betrachtet dann die Realität der Dinge.
Und so die Wissenschaft von der Natur
Kommt auf und so der säkulare Staat,
Nicht mehr der Kaiser als von Gottes Gnaden,
Vielmehr die Fürsten als die Landesväter
Sind die Vertreter des gemeinen Volkes.
PROFESSOR
Magister artium, Magister Luther,
Sie haben ja rebellische Ideen!
LUTHER
Ach, wissen Sie, die menschliche Vernunft,
Die Philosophie ist eine Hure nur!
Der Mensch bleibt ein verdammter Sünder doch!

VIERTE SZENE

(2.Juli 1505. Stotternheim zwischen Mansfeld und Erfurt. Luther als Wanderer allein.)

LUTHER
(singt)
Ach Annchen Tharau, meines Herzens Blut!
Ach Annchen Tharau, du mein liebstes Gut!

(Er pfeift. Nach einer Weile nachdenklich)

O meine Seele, sei jetzt nicht mehr traurig!


Jetzt, wo ich die Juristerey studiere,
Ist doch mein Vater wieder ganz zufrieden.
Er hat ja investiert ins Studium
Des Sohnes, in die ganze Schulausbildung,
Und will sich freuen jetzt an seinem Sohn,
Daß der was werde in der eitlen Welt.
Frau Welt, du eitle buhlerische Dirne,
In deinem Luxus-Laster, geile Hure,
Ja, so ein Advokat gefällt dir gut!
Als Advokat, da kann man vor Gericht
Der armen Witwe ihre Söhne nehmen.
Justitia, du buhlerische Hure,
Der Advokat steckt Geld dir in den Schoß
Und schon begehst du Ungerechtigkeit
An Stätten der Gerechtigkeit, du Hure,
Du blinde Göttin, die du nicht nur Geld nimmst,
Du machst auch deine Advokaten reich.
Und Geld ist alles, was der Welt gefällt,
Geld bringt dem Advokaten Ehre ein,
Geld macht den Sohn beliebt bei seinem Vater!

(Er schweigt)

O Gott, ist deine Stimme doch der Donner


Und machst du Wolken dir zu deinem Zelt?
Wie drohend ballen schwarze Wolken sich
Zusammen an dem zornerfüllten Himmel!
Gott Vater, du in deinem Zorn und Grimm,
Ich bin ein Sünder, durch und durch ein Sünder,
O strafe mich mit deinen Blitzen nicht
Und mit dem Donner deines Weltgerichtes!
Verdorben bin ich, ganz und gar verdorben,
Der Satan reitet mir auf meinem Rücken
Und peitscht mich in die ewige Verdammnis!
Wie groß muß doch dein Zorn sein, Vatergott,
O schlage ruhig nur gewaltig drein!
Die Hure Welt ist eine Lasterhöhle
Voll Luxus, Lästerung und geiler Geldgier!
Die Kirche ward zur Hure Babylon,
Die Priester wurden geile Knabenschänder,
Der Becher deines Zornes ist gefüllt!

(Es beginnt zu donnern.)

Ich fürchte mich vor Gottes Vaterrute!


Und wenn der Zorn des Herrn die Erde richtet
Und alle Sünder in die Hölle schickt
Und nicht auf Erden mehr Gerechte findet
Und nur noch Sünder findet, die geschaffen
Zur ewigen Verdammnis sind, bestimmt,
Vorherbestimmt zur ewigen Verdammnis,
Dann kann ich Gottes Rute nicht entgehen,
Dann muß der Heilige auch mich verwerfen,
Weil ich Kloake voller Unrat bin
Und bin vorm Heiligen ein Kübel Kot!

(Es donnert und blitzt.)

O Gott, in dieser tiefen Todesangst


Erinnr’ ich mich an meinen Kinderglauben.
Ja, wenn ihr werdet nicht wie kleine Kinder!
Ich habe doch als kleiner Knabe stets
Sankt Anna angebetet, diese Mutter
Der Muttergottes, diese große Mutter
Hat all mein Heulen allezeit getröstet.

(Ein Blitz schlägt neben Luther ein. Luther in panischer Todesangst betet weinend und wimmernd.)

Sankt Anna, Mutter du der Muttergottes,


Sankt Anna, du Großmutter unsres Herrn,
Sankt Anna, keusche Gattin des Joachim,
Sankt Anna, Mutter du der Unbefleckten,
Sankt Anna, Schutzpatronin du des Bergbaus,
Sankt Anna, Zuflucht aller kleinen Kinder,
Sankt Anna, Zuflucht aller armen Sünder,
Erbarmen, in dem Namen Gottes, Anna!
(Er kniet sich neben einer Eiche in den Schlamm, hebt die Arme gen Himmel und betet und
schwört.)

O Mutter Anna, wenn du jetzt mich rettest


Vorm jähen Tod und vorm Gerichte Gottes,
Dann schwör ich dir, o große Mutter Anna,
Ich werde Mönch und lebe ehelos
In Armut und gehorsam ganz der Regel
Und leiste Buße ab für alle Sünder
Und sühne alle meine Sündigkeit
Und sühne auch die Sünden aller Christen
Und sühne auch die Sünden aller Ketzer
Und sühne auch die Sünden aller Juden
Und sühne auch die Sünden der Muslime
Und sühne auch die Sünden aller Heiden,
Ich werde Mönch, wenn du mich rettest, Anna!

(Der Himmel klart auf.)

FÜNFTE SZENE

(Erfurt. Kloster der Augustiner-Eremiten. Luther und drei Mönche.)

LUTHER
Als meinem Vater ich gesagt, dass ich
Ins Kloster gehe, Mönch im Orden werde,
Da sagte er im väterlichen Zorn:
Ich habe investiert in deine Schule
Und in dein Studium, du solltest als
Jurist, als Advokat viel Geld verdienen,
Und jetzt gehst du zu deinen Bettelbrüdern,
Zu diesen Eremiten, Müßiggängern,
Die betteln immer nur und beten nur
Und machen alle ihren Vätern Schande.
ERSTER MÖNCH
Auch Abraham, wir lesens im Koran,
Er musste sich von seinem Vater trennen,
Der Vater betete zu goldnen Götzen,
Doch Abraham zum einen Herrn der Sterne.
Da sagte Gott zum frommen Abraham:
Geh, Abraham, verlaß dein Vaterhaus,
Verlaß die ganze Sippe der Verwandtschaft!
ZWEITER MÖNCH
Wir lesen in den Blümlein des Franziskus,
Daß er von seinem Vater sich getrennt,
Sein Vater liebte nämlich sehr das Geld,
Franz aber liebte inniglich Frau Armut.
LUTHER
Ich bin doch nicht wie Vater Abraham,
Ich bin auch nicht so heilig wie Franziskus.
Ich fühle mich so durch und durch als Sünder,
Nicht nur, dass ab und an ich Sünden tu,
Nein, meine ganze menschliche Natur
Ist ganz und gar durchdrungen von der Sünde.
ERSTER MÖNCH
Und darum tust du auch so fleißig Buße,
Du wischst den Boden in dem Klostergang
So blitzblank sauber wie kein andrer Mönch.
Weil du ein Vorbild in der Pflichterfüllung
Und in Beachtung unsrer Ordensregel,
Drum wurdest du zum Diakon geweiht.
ZWEITER MÖNCH
Ich hörte, in dem Anbeginn der Kirche
Auch gabs die Weihe zu dem Diakon
Für Frauen als geweihte Diakone.
Doch unterm Einfluß der Justiz von Rom
Dann wurde abgeschafft die Frauenweihe.
LUTHER
Jetzt bin ich also ein geweihter Priester.
DRITTER MÖNCH
Die erste Messe, die du zelebriertest,
Die gibt dir heute die Gelegenheit,
Uns, deine Brüder, überreich zu segnen.
LUTHER
Ich sag euch, Brüder, sags aus ganzem Herzen:
Als ich zum ersten Mal an dem Altar stand
Und in Persona Christi sprach die Worte:
Dies ist mein Leib, für euch dahingegeben,
Dies ist mein Blut des Neuen Testamentes,
Und als auf dieses Wort hin Brot und Wein
In Blut und Körper Christi ward gewandelt
Und als in meiner Hand, des Sünders Hand,
Lag Christi Fleisch und Blut und Seele, Gottheit,
Traf wie ein Blitz die Ehrfurcht mich vor Gott!
Wie kann der Heiligste der Heiligen
Sich liefern aus den Händen eines Sünders?
Ich zitterte vor Ehrfurcht vor dem Herrn
Und da die Hand mir zitterte vor Ehrfurcht
Und ich in meiner Hand den Kelch des Heils
Mit Blut und Gottheit Christi hielt, da hatte
Ich plötzlich eine abgrundtiefe Angst,
Daß einen Tropfen ich verschütten könnte
Und so entheiligen des Blut des Herrn!
Am liebsten wär ich weggerannt, am liebsten
Hätt ich versteckt mich und gerufen: Berge,
Fallt über mich! O Herr, geh weg von mir,
Ich bin von einer sündigen Natur
Und bin nur Staub vor dem Allmächtigen
Und bin nur Kot vorm Allerheiligsten!
DRITTER MÖNCH
Die Menschen draußen in den Städten denken:
Ein wenig Sünde, gern verzeiht das Gott.
Wer dem lebendigen und wahren Gott
Begegnet ist, dem dreimal Heiligen,
Der weiß, wie durch und durch von Sünde er
Durchdrungen ist, und dass er es nicht wert ist,
Daß Jesus Christus eintritt in den Sünder.
LUTHER
Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Messe
Der allerheiligsten Eucharistie
Am christlichen Altare feiern kann.
Ich bin von tiefer Gottesfurcht erschüttert.
Der Zorn des Vaters liegt auf aller Sünde
Und Gottes heilige Gerechtigkeit
Muß doch für alle Ewigkeit verdammen
Die Sünde, die uns alle ganz verdorben!
DRITTER MÖNCH
Doch sprichst du nie von der Barmherzigkeit.
LUTHER
Barmherzigkeit? Soll Gott denn alles dulden?
Soll Gott – wie eine Mutter ihre Kinder –
Sie alle lieben, wenn sie noch so schlecht sind?
Die Advokaten, den verdorbnen Klerus,
Die kaiserlichen Welttyrannen und
Die Ehebrecher und die Huren alle
Nicht strafen mit dem Feuer der Verdammnis?
DRITTER MÖNCH
Doch Jesus Christus starb für uns am Kreuz!

SECHSTE SZENE

(Im Kloster. Johann von Stempitz, Luthers Beichtvater, und Luther.)

LUTHER
Ich plage mich mit abgrundtiefer Selbstqual,
Weil ich so ganz und gar befleckt von Sünde,
Ich bin nicht nur der Täter meiner Sünden,
Ich bin von einer sündigen Natur!
BEICHTVATER
Mein Martin, in der Taufe Sakrament
Ist dir die Erbschuld Adams abgewaschen.
Der alte Adam ist im Bad gestorben
Und du hast Jesus Christus angezogen.
LUTHER
Der alte Adam kann doch sehr gut schwimmen.
BEICHTVATER
Was die Natur des Menschen nun betrifft,
So ist sie gut, von Gott als gut erschaffen,
Wenn auch verwundet durch die Erbschuld Adams,
Von daher neigt sie auch sehr leicht zur Sünde.
Doch dafür ist das Sakrament der Buße,
Hier will der Herr dich lösen von den Sünden.
LUTHER
Doch um Vergebung zu erlangen, muß
Die Reue wahrhaft sein und diese Reue
Muß Reue sein aus Liebe zu dem Herrn.
Ich aber fühle diese Reue nicht!
Das heißt: Ich fühle diese Liebe nicht!
Ich kann bereuen nur aus großer Angst,
Aus Angst bereuen, aber nicht aus Liebe!
Und diese Reue aus der Angst heraus
Und nicht aus Liebe, ist doch ohne Wert,
Und also kann mir Christus nicht verzeihen!
BEICHTVATER
Die wahre Reue ist auch eine Gnade.
So bitte du den Herrn um wahre Reue.
LUTHER
Ich leiste alle die Gebete ab,
Die vorgeschrieben sind, das Paternoster,
Das Ave gratia plena, das Brevier
Mit allen Horen, doch ich bin zerrissen!
Ich habe keinen Frieden in der Seele!
Ich fühle, dass der Herrgott zornig ist
Mit mir, ja, auf mir lastet Gottes Zorn!
BEICHTVATER
Mein lieber Martin Luther! Unser Vater
Ist zornig nicht mit dir, vielmehr bist du
Erzürnt auf Gott! Aus welchem Grunde denn?
LUTHER
Ich kann nicht glauben, dass ich in den Himmel
Zu Jesus und Maria komme, denn
Ich bin nicht rein! Bin ich im Stand der Gnade?
Die Theologen sagen, dass man das
Nicht wissen kann, ob man im Stand der Gnade
Und ob man einst verstirbt im Stand der Gnade.
Ich glaube nicht, dass ich im Stand der Gnade,
Ich glaube nicht, dass mir das Heil gewiß!
BEICHTVATER
Lebst du nach Jesu Weisungen und betest,
Empfängst die Kommunion mit Jesus Christus,
Bekennst die Sünden alle in der Beichte
Und übst du Nächstenliebe an den Armen,
Darfst du gewiß doch guter Hoffnung sein.
LUTHER
Ich fühle, dass der große Vatergott
Zwar alle meine Mühen und Verdienste
Sich anschaut, aber nie ist es genug!
Solch ein unendlich hocherhabnes Wesen
Wie Gott der Vater, heilig, heilig, heilig,
Verdient ja auch unendliche Verdienste!
Was ist denn schon mein selbstgequältes Streben?
Das Zucken eines Wurmes in dem Kot!
BEICHTVATER
Wir werden alle nicht durch unsre Mühen,
Durch unser Streben in den Himmel kommen.
Der Glaube ist ja eine Gnade Gottes,
Die wir als Bettler nur empfangen können.
LUTHER
Da! Manche glauben, manche leben gottlos!
Wenn Menschen gottlos leben, hat dann ihnen
Gottvater seine Gnade nicht geschenkt?
Und weiß ich, ob ich in der Gnade lebe?
Ist Gott der Vater nicht ein Willkürherrscher,
Der einem Gnade schenkt, dem andern nicht?
Wenn Gott dem einen Menschen Gnade schenkt,
So holt er diesen Bettler in den Himmel.
Dem Menschen aber, welcher gottlos lebt,
Hat Gott verweigert seine Vatergnade,
Als Sohn des Zornes lebt er unbegnadet,
Der Satan reitet ihm auf seinem Rücken,
Er ist vorherbestimmt für die Verdammnis,
Geschaffen für die ewige Verdammnis!
Ich fürchte auch, dass ich vorherbestimmt,
Geschaffen bin zur ewigen Verdammnis!
BEICHTVATER
Die Theologen solltest du studieren,
Der Kirche Gottesbild dir anzueignen.
Geh du nach Wittenberg, studiere du
Die Bibel und der Theologen Lehre.

SIEBENTE SZENE

(Universität von Wittenberg. Luther als Student der Theologie und ein Mitstudent.)

LUTHER
Ich, als ein Augustiner-Eremit,
Was hab ich Augustinus nicht zu danken!
Ich habe siebzig Werke dieses Meisters
Gelesen und ich kann dir gar nicht sagen,
Wie inspirierend dieser Denker ist.
STUDENT
Pelagius behauptete, dass Adam
Und Eva nur für sich allein gesündigt
Und keine Erbschuld draus entstanden sei.
Und Jesus sei allein ein edler Meister,
Ein ganz vollkommner Mensch und unser Vorbild.
Die Menschen könnten doch aus eigner Kraft
Sich selber überwinden, heilig werden.
Wie Adam nicht für alle Welt gesündigt,
Sei Jesus nicht für alle Welt gestorben.
Doch Augustinus setzte ihm entgegen,
Was Paulus lehrte von der Sünde Adams,
Durch die der Tod zur ganzen Menschheit kam.
Und Jesus als der zweite, neue Adam
Gestorben sei am Kreuz für alle Menschen.
Ja, ohne den gekreuzigten Messias
Und ohne sein Verdienst wär für die Menschen
Kein Weg zum Heil, zu Gott im Paradies.
Die sündige Natur des Menschen nämlich
Bedarf der Gnade von dem Herrn, damit
Der Mensch erneuert wird und heilig wird.
LUTHER
Wie aber kommt der Mensch in den Genuß
Der Gnade, und was ist denn eigentlich
Die Gnade anderes als Gottes Freispruch?
STUDENT
Die Gnade ist die Selbstmitteilung Gottes
An seine Kreatur, das Leben Gottes
Wird seinen Kreaturen mitgeteilt
Und zwar durch alle sieben Sakramente.
So in dem Sakrament der Taufe wirkt
Die Gnade, dass die Erbschuld abgewaschen
Vom Menschen wird und dass das Leben Gottes
Im Inneren der Seele jetzt beginnt
Zu leben und zu heiligen den Menschen.
Im Sakrament des heiligen Altares
Wird mit der Gnade als dem Leben Gottes
Der Mensch im Inneren ernährt und wird
Von Mahl zu Mahl verwandelt in den Herrn.
LUTHER
Doch ohne die Bekehrung und den Glauben,
Da nützen nichts die sieben Sakramente.
Aus Gnade – durch den Glauben – wird uns Heil.
STUDENT
Ich hörte aber auch, dass du den Wilhelm
Von Ockham fleißig durchstudiertest, Martin.
So weit ich weiß, sind viele seiner Thesen
Als Häresie vom Lehrstuhl doch verurteilt.
LUTHER
Weil er es wagt, an Aristoteles
Und Thomas gar zu zweifeln, die doch alle
Betrogen mit der Hure der Vernunft.
Nun, Ockham sagt, die Wahrheit über Christus
Ist nicht dem Lehrstuhl des Apostels Petrus
Und auch nicht den Konzilien anvertraut.
So Papst Johann der Zweiundzwanzigste
War Ockhams Meinung nach ein schlimmer Ketzer.
Doch alle die Konzilien haben auch
Sich mannigfach geirrt. Wenn Christus sagt:
Der Hölle Pforten überwältigen
Die Kirche nicht – so heißt das nicht, dass Papst
Und dass Konzilien sich nicht irren können,
Es könnte sogar heißen, dass die ganze
Vereinte Christenheit der Kirche Roms
Vom Glauben abfällt, und allein ein Kindlein,
Ein einziges, ein kleiner Knabe nur
Die Wahrheit über Christus noch bewahrt.
STUDENT
Die Kirche Roms bewahrt den Glauben nicht,
Den Christus den Aposteln anvertraute?
Ein kleiner Knabe nur bewahrt den Glauben?
Ein kleiner Knabe nur von sieben Jahren?
Und meinst du wohl, dass du der Knabe bist?
LUTHER
Ja, wenn ihr nicht wie kleine Kinder werdet!
Nicht von der römischen Ecclesia
Spricht Ockham, sondern von der universalen,
Der wahren Christenheit, der Kirche Gottes.
In dieser universalem Kirche Gottes
Regiert der Papst nicht wie ein Sklavenhalter
Und Herrscher über die Millionen Sklaven
Von Christen Roms, nein, jeder Einzelne,
Ein jeder Christ in Christi Gottesstaat
Beurteilt selbst im eigenen Gewissen
Die Glaubenswahrheit über Gott und Christus.
Denn wenn der Papst ein schlimmer Ketzer ist
Und wenn Konzilien sich schon oft geirrt,
Dann muß der Christ als Individuum
Den Glauben unverfälscht bewahren. Und,
Ja, wenn du willst, ich will der Knabe sein,
Der unverfälscht bewahrt den wahren Glauben.
STUDENT
Der Hochmut kommt doch vor dem Fall, mein Luther.

ACHTE SZENE

(1511. Rom. Luther in der Volksmenge, allein, später tritt eine römische Hure zu ihm.)

LUTHER
O Gott, ich habe meine Lebensbeichte
Vor dir gebeichtet und Vergebung auch
Erlangt von dir. Nun muß ich Buße tun.
Die Treppe zu dem Lateran bin ich
Auf Knieen betend hochgekrochen und
Ich habe für die armen Seelen meiner
Verwandten droben in dem Fegefeuer
Als Stellvertreter Sühne dir geleistet
Und habe für die armen Seelen auch
Die heiligen Reliquien berührt
Und habe einen Ablaß auch erworben.
Ich sehe hier die Massen frommen Volkes
Vielmehr in frommem Aberglauben leben.
Sie rufen Gott nicht an, die Heiligen
Verehren sie wie Göttinnen und Götter,
Vertrauen auf Medaillen, wundertätig,
Die hängen sie als Talismane um,
Und überall die kleinen Götzenbilder,
Die Statuen der Heiligen und Bilder
Der Jungfrau, die sie hier als Göttin ehren,
Sie haben diese Magd des Herrn verwandelt
In eine Artemis von Ephesos.
So ist das Volk. Wie Christus in dem Tempel
Wollt ich die Händler aus der Kirche peitschen!
O Gott, der Klerus ist doch auch nicht besser,
Die Kirchenfürsten leben wie die Reichen
Und feiern Orgien lasziven Luxus’.
Der sechste Alexander, Papst, sogar
Verließ die fünfzigjährige Mätresse
Für seine siebzehnjährige Mätresse!
Ein Petrus, der ein Erotomane ist!
Und Julius der Zweite ist ein Krieger
Und reitet hoch zu Roß als wie ein Feldherr.
Die Priester und die Mönche aber gehen
Zu Huren ins Bordell. Das Rom des Papstes,
Es ist das größte Freudenhaus der Welt!
Aus aller Herren Länder kommen Huren,
Um hier in Rom dem Klerus sich zu schenken.
Und finden sich hier Priester oder Mönche,
Die nicht aus Fleischeslust zu Huren gehen,
Sinds homosexuelle Knabenschänder!
Wo wird das Evangelium verkündet,
Wo leben Christi Jünger keusch und arm?
Ich sehe diesen Sündenpfuhl als wie
Einst Sodom und Gomorrha in der Bibel!
HURE
Na, junger Mönch, wie wär es mit uns beiden?
LUTHER
Jetzt sehe ich im Himmelreich den Wagen
Der Kirche – aber auf dem Wagen steht
Die Hure Babylon, die große Babel!
Die heilige Ecclesia war doch
Als die jungfräuliche Jerusalem
Geplant, die Nymphe-Braut des Lammes Gottes!
Jetzt aber wurde sie zur Hure Babel!
Die wilde Hure, nackt im Scharlachrock,
Hält in der Hand den goldnen Kelch des Blutes
Der Marterzeugen, die sie hingeschlachtet!
Und um sie lodern heiße Scheiterhaufen,
Da brennen Ketzer und da brennen Hexen!
Ich sehe diese Hure Babylon
Paktieren mit den Königen und Kaisern
Und Handel treiben mit den reichen Händlern!
Die Hure Babel auf den sieben Hügeln
Hurt mit den Mächtigen der Erde und
Es finden sich in ihrer reichen Stadt
Viel Huren, Magier und Knabenschänder
Und Lügner und irrgläubige Propheten!
Ich sehe auch das Tier, die Wölfin Rom,
Die Luxus-Hure aller Unzuchts-Laster!
Ein Adler mit dem Evangelium
Fliegt da posaunenblasend durch den Himmel
Und kündet an dem Himmel und der Erde:
Die Hure Babylon, sie ist gefallen!
Gekommen ist das Reich des Christus Jesus
Und aller wahren Christen, die gerecht
Aus Gnade sind – allein – durch ihren Glauben!
HURE
Was schreist du von der Hure Babylon?
Hat Jesus doch die Huren lieb gehabt,
Viel lieber als die Herren Schriftgelehrten!
Die Priester gehn doch gerne zu den Huren,
Weil alle Heiligen die Sünder lieben
Und allermeist die schönen Sünderinnen!
LUTHER
Erbarmen, Gott, mit deiner geilen Kirche!
Die Kirche, dieses Lazarett von Sündern,
Die Kirche reformiere du durch Christus,
Die Kirche reformiere du durch Gnade,
Die Kirche reformiere du durch Glauben!
HURE
Du bist ein wunderlicher Mönch, voll Wahnsinn,
Ich glaube, du bist ein betrunkner Mönch!

NEUNTE SZENE

(Universität. Luther als Doktor der Theologie und einige Studenten.)

STUDENTEN
O Doktor Luther! Etwas von den Psalmen!
LUTHER
Psalm zweiundzwanzig ist die Klage eines
Verzweifelten in tiefer Mitternacht
Der Seele. Scheinbar hat ihn Gott verlassen.
Sein Mark ist ausgeschüttet, seine Zunge
Klebt ihm am Gaumen, Hunde sind um ihn
Und Büffel sind um ihn, er aber ist
Kein Mensch mehr, sondern ist ein Wurm im Kot.
Doch Gott in der Geschichte Israels
Hat immer seinem Volk geholfen und
Auch diesen Mann hat Gott gezogen aus
Der Mutter Schoß. Vom Mutterschoße an
Ist Gott der Gott des elenden Psalmisten.
Was denn betrübst du dich, o meine Seele?
Geduldig warte du auf Gottes Hilfe!
Du wirst dem Herrn noch danken deine Rettung!
STUDENTEN
O Doktor Luther! Etwas über Paulus!
LUTHER
Wie krieg ich einen gnadenvollen Gott?
Sind Sünder wir doch alle, aber Christus
War ganz Gerechtigkeit, und durch den Glauben
An Christus wird den Sündern zugesprochen
Die göttliche Gerechtigkeit des Christus,
Und Gott der Vater schaut die Sünder an,
Und wenn sie sich vereinigen mit Christus,
Schaut Gott der Vater Christus in den Sündern,
So stehen wir gerecht vor Gott dem Vater.
STUDENTEN
O Doktor Luther! Etwas über Adam!
LUTHER
Die ganze Menschheit starb im ersten Adam,
Als Eva hört auf das Wort der Schlange.
Doch Christus ist der letzte Adam, ist
Der neue Adam, stellvertretend für
Die ganze Menschheit starb er an dem Kreuz.
Der erste Adam stammt von Mutter Erde
Und brachte Tod und Sünde in die Welt,
Der letzte Adam stammt von Gott im Himmel
Und ist der Geist, der allen Leben spendet.
STUDENTEN
Maria aber ist die neue Eva?
LUTHER
Das hab ich in der Bibel nicht gelesen.
STUDENTEN
O Doktor Luther! Etwas über Mystik!
LUTHER
Wenn Gottes Geist dich grüßt und Gottes Wort
Sollst du empfangen in dem Ohr und Herzen,
Dann trage du in dir das Gotteswort
Und denke über alles nach im Herzen,
Frucht bringen laß das Gotteswort in dir
Und trage dann, begnadet mit dem Christus,
Den Christus aus und bring ihn in die Welt.
So bist du benedeite Magd des Herrn.
STUDENTEN
O Doktor Luther! Etwas über Weisheit!
LUTHER
Wenn deine Seele ist erfasst von Liebe,
Von Liebe als dem Mittler zu der Gottheit,
So liebst du Wahres, Gutes, Schönes nur.
Du liebst die Schönheit der Natur, der Körper,
Mehr als die Körperschönheit noch die Schönheit
Der Seele, ihre Güte in der Tugend,
Und mehr noch als die schöne Seelengüte
Liebst du die Güte an und für sich, liebst
Das Höchste Gut, die allerhöchste Schönheit!
STUDENTEN
O Doktor Luther! Etwas über Schönheit!
LUTHER
Ein Weib ist schön in ganz bestimmter Hinsicht,
In andrer Hinsicht ist das Weib nicht schön.
Heut zwar erscheint dir schön das junge Mädchen,
Doch morgen nicht mehr schön das alte Weib.
Zwar schön erscheinen dir des Weibes Augen,
Doch nicht so schön des Weibes kleine Brüstchen.
Und dennoch scheint dir schön das schöne Weib,
Doch deinen Freunden scheint das Weib zu dunkel.
Die Gottesschönheit ist doch immer schön,
In allen Teilen schön die Gottesschönheit.
Heut ist sie schön, die Gottesschönheit, und
Auch morgen, immer ist die Schönheit schön.
Und wer sie schaut, der findet schön die Schönheit,
Und unschön findet keiner Gottes Schönheit.
STUDENTEN
O Doktor Luther! Etwas von dem Himmel!
LUTHER
Sankt Thomas sagt, wir werden s c h a u e n Gott,
Anschauen ewiglich die Schönheit Gottes.
Doch Augustinus spricht da vom G e n i e ß e n :
Genießen werden wir die Schönheit Gottes!
Wir werden ewig schmachten nach der Schönheit
Und dennoch stets befriedigt uns die Schönheit!
Obwohl die Schönheit dort uns stets befriedigt,
Wir werden niemals ihrer überdrüssig,
Stets schmachtend – stets befriedigt – sie genießen!

ZWEITER TEIL
SANKT ANNA UND LUTHER

Bin ich doch der Martin Luther,


Der bekannt ist bei den Freunden
Wegen großen Weingenusses,
Frauendienst und Liedersingen.

Denn ich hab dem Volk aufs Maul,


Aufs genäschige geschaut,
Und das Volk hat mir gesagt,
Dass ein Tor bleibt immerdar,

Wer nicht liebt den roten Wein


Und die schönen jungen Mädchen
Und die himmlische Musik,
Also bleiben diese drei.

Lustig ist die Jugendzeit!


Bin ich einmal alt und grau,
Wein ich in Erinnerung
An die wilde Jugendzeit.

In der Jugend spar ich nicht


Meine liebe Jugend auf,
Schließ sie nicht in den Tresor,
Spare sie nicht auf der Bank.

Frisch geliebt ein schönes Weib!


Liebe bringt mir einen Reim:
Einmal liebte ich ein Käthchen,
War ein honigsüßes Mädchen!

Wer in seiner Jugend nicht


Diente einem schönen Mädchen,
Der ist niemals jung gewesen,
Was im Alter er bereut.

O gestrenge Herrin Weisheit!


Heute will ich lustig sein
Und ein Narr in Christo sein,
Später folge ich der Weisheit.

Wenn man will ins Kloster gehen,


Was ich wirklich gar nicht will,
Muss man süße Sünden sammeln,
Dass man was zu büßen hat.

Aber in das Kloster will


Ich nicht gehen, denn nur Männer
Bitten um Barmherzigkeit
In dem düstern Männerkloster.

Wenn schon Klosterleben, dann


Möchte ich ein Glöckner sein
Im belebten Frauenkloster,
Junge Nonnen zu verführen.

Aber nun genug geschwätzt


Von dem jungen Mädchenvolk,
Kichern sie doch töricht nur,
Keine Weisheit ist bei ihnen.

Wer kein junges Mädchen küsst,


Der soll küssen seinen Becher
Mit dem Purpurtraubenblut.
Jesus Christus ist der Wein!

Jesus Christus ist der Wein,


Der soll strömen mir im Blut!
Ja, mein Blut sei Jesu Wein,
Aber bitte kein Verschnitt!

Schenkt mir keinen Essig ein,


Mischt auch keine Galle drunter!
Der französische Messias
Soll mir strömen in das Blut!
Wenn ich dann vom Wein betrunken,
Lieb ich Donna Musica,
Höre gern mir Opern an
Und gemeine Gassenhauer.

Auf den Sternen gibt’s Musik,


So sagt schon Pythagoras,
Und im Himmel gibt’s Musik,
Engel singen dort Choräle.

Die Musik berauscht mein Herz,


Wie der Rotwein mich berauscht,
Wie ein junges schönes Mädchen
Mit der Schönheit mich berauscht.

Paulus glaubte an die Dreiheit,


An den Glauben, an die Hoffnung,
An die Liebe, diese drei,
Doch die Liebe ist die Schönste.

Martin Luther auch wie Paulus


Preist die Dreiheit: Junge Mädchen
Und der Wein vom Frankenreich
Und berauschende Musik.

Also schließ ich meinen Psalm


Von der süßen Lebenslust
Und den Wonnen meiner Jugend
Und ich singe Sela drauf.

Ich hab leider nun studiert


Jura. Fluch den Advokaten,
Bösen Winkeladvokaten,
Die verkaufen arme Kinder!

Was die Witwe hat zu leiden,


Der man ihre Enkel nahm,
Kümmert nicht die Advokaten,
Sie verhöhnen alte Witwen!

Was die Waisenkinder leiden,


Denen Vater starb und Mutter,
Kümmert nicht die Advokaten,
Sie verschachern Waisenkinder!

Die Verbrecher lieben sie,


Sie verteidigen die Mörder,
Schuld und Unschuld ist egal,
Wichtig nur der Sieg im Streit.

Wenn der Nero nur noch lebte,


Der die Christinnen und Christen
Opferte im großen Circus
Seinen Löwinnen und Löwen,

Da die Römerinnen, Römer


Sahen das Martyrium
Als Vergnügen und als Spaß,
Ja, wenn Nero heut noch lebte,

Wollten wohl die Advokaten


Nero gern verteidigen
Vor dem Richter Jesus Christus,
Und es spricht der Advokat:

Hohes Weltgericht, o Richter,


Richter Ihr von Höchsten Würden,
Kaiser Neros Zahl des Namens
Ist sechshundertsechsundsechzig,

Das ist wahr, der ist ein Teufel


Und ein böser Antichrist,
Aber lasset Ihr, o Richter,
Gnade nur vor Recht ergehen,

Und begnadigt noch den Satan,


Dass er in dem Himmel komme!
Was nun diese Zahl betrifft,
Die Sechshundertsechsundsechzig,

Weise ich nur darauf hin,


Dass der weise Salomo
Rente jeden Monat einnahm
Von sechshundertsechsundsechzig

Silberlingen wie einst Judas,


Doch der arme Teufel Judas
Hatte nicht soviel verdient,
Ach, nur dreißig Silberlinge.

Also, Hohes Weltgericht,


Gnade lasst vor Recht ergehen,
Satan sprecht nur frei und Judas
Und die Advokaten auch.

Also spricht der Advokat.


Aber was für ein Gesicht,
Eine selige Vision,
Ich seh Frau Justitia!
Das ist eine große Frau,
Übermenschlich-riesenhaft!
Das ist wohl die hohe Göttin,
Welche Orpheus einst besang?

Lange schwarze Haare trägt


Diese Göttin-Teufelin,
Und vor ihren bösen Augen
Eine rabenschwarze Binde!

In der frechen Rechten hält


Sie die Waage des Gerichts,
Doch die Linke hält sie auf
Und sie bettelt: Gib mir Geld!

Wie einst Zeus zu Danae


Kam im goldnen Regenstrom,
So erfleht Justitia
Auch des Geldes große Gnade.

Käuflich ist die Göttin-Hure


Und sie breitet ihre Beine,
Dass der Freier in das Höschen
Schiebe einen großen Geldschein.

Diese große Göttin-Hure


Ist des Advokaten Gattin,
Seine mystische Gemahlin,
Unfruchtbar ist ihre Ehe.

Unfruchtbar ist ihre Ehe,


Der Justizrat ist entmannt,
Also klauen sie die Kinder,
Klauen arme Waisenkinder.

Gott erlöse mich vom Hass!


Ach, ich hass Justitia,
Dieses böse Hurenmonstrum,
Hasse sie mit heißem Hass!

Gott, zur Buße meines Hasses


Will ich einen Psalm dir singen
Von der schönen Herrlichkeit
Göttlicher Gerechtigkeit.

Einmal gibt es den Prozess,


Eine Akte Martin Luther,
Selig will man mich wohl sprechen,
Vorbild für die deutsche Kirche?
Dann tritt auf in dem Prozess
Laut der Advokat des Teufels,
Und ich höre schon die Rede
Dieses Advokats des Teufels:

Martin Luther ist nicht selig,


Martin Luther ist nicht heilig,
Sondern ein Häretiker,
Feind der Kirche und ein Ketzer.

Martin Luther hat zerrissen


Christi makellosen Leib,
Und die Kirche, Christi Braut,
Ward zerrissen von dem Ketzer.

Martin Luther hat durchbohrt


Mit dem Schwert der Häresie
Jenes makellose Herz
Heiligster Ecclesia.

Und weil Martin Luther hat


Christi schönen Leib zerrissen,
Darum kamen neue Lehren
Auf von neuen Häresien.

Dann wird Gott, das reine Sein,


Gottheit werden der Entwicklung,
Dann wird Gott sich wandeln in
Die Natur und in den Menschen

Und vom Menschen oder mehr noch


Von dem deutschen Philosophen
Als dem menschgewordnen Gott
Wird dann Gott erlöst und wird

Mit der Welt vereinigt Weltgeist.


Und es kommen neue Ketzer,
Welche lehren, die Entwicklung
Braucht nicht mehr den Gott des Werdens,

Sondern die Natur des Menschen


Selbst wird sich entwickeln in
Dialektischen Prozessen
Bis zum Paradies auf Erden.

Dieses wird erreicht durch Kämpfe


Revolutionären Hasses
Und geleitet von der Garde
Der Partei, der Avantgarde,

Die errichten wird auf Erden


Eine Diktatur der Klasse,
Eine Herrschaft der Partei,
Herrschen wird durch Terrorismus.

Und so wird die halbe Erde


Ein Regime des Terrorismus,
Statt des Erdenparadieses
Haben wir die Erdenhölle.

Dieses alles ist das Werk


Martin Luthers, dieses Ketzers.
Schließt ihn aus vom Seelenheil,
Schließt ihn aus der Kirche aus!

Also reden wird des Teufels


Advokat bei dem Prozess
Meiner Seligsprechung, aber
Reden wird der Geist des Herrn,

Nämlich dieser Geist des Herrn


Ist der Advokat des Christen.
Lobpreis diesem Advokaten,
Diesem höchsten Parakleten,

Diesem Tröster aller Christen,


Der vermählt ist seiner Braut,
Unsrer Lieben Frau Maria,
Unsrer lieben Advokatin.

Ave Advocata nostra!


Unter deinen Sternenmantel
Flieh ich Doktor Martin Luther,
Schirme mich vorm Zorne Gottes!

Denn ich sehe, schau, ich sehe


Jesus Christus an dem Himmel
Mit erhobner Rechten seines
Armes mit dem Kelch des Zornes!

Schrecklich ist der Zorn des Lammes!


Bald wird er die Menschheit strafen!
Kommen werden Katastrophen,
Krieg und Terror, Meeresbeben,

Weil die Menschheit abgefallen


Von dem Glauben an den Herrn,
Drohend ist erhoben Christi
Rechte der Gerechtigkeit.

Und nur Unsre Liebe Frau


Hält die Drohung noch zurück
Und erwirkt Barmherzigkeit
Für die schuldbeladne Menschheit.

Ave Advocata nostra!


Schütze mich vorm Zorn des Lammes!
Selbst der Papst muss sich bekehren,
Sich bekehren Patriarchen,

Und bekehren muss sich noch


Doktor Martin Luther! Jesus,
Bete bitte du für mich
Beim gestrengen Vatergott!

Denke ich an meinen Vater,


Der mich zeugte in dem Schoß
Und im Blute meiner Mutter,
Aber Gott die Seele schuf,

Denke ich an meinen Vater,


Denk ich an den kalten Mann,
Dessen Herz ist wie ein Stein,
Der mich oft geschlagen hat.

Ja, ich weiß noch, wie als Kind


Ich die goldne Nuss gestohlen,
Als mein Vater das entdeckte,
Hat er kräftig mich verprügelt.

Vater heißt der Herr im Himmel,


Vater aller Vaterschaft.
Was auf Erden Vater ist,
Ist des Vaters Ebenbild.

Herr, du strenger Vatergott,


Wie viel Buße muss ich leisten,
Deine Liebe zu verdienen?
Wann hab ich genug geleistet?

Wie viel gute Werke muss


Ich den armen Menschen tun?
Nie bist du zufrieden, Vater,
Nie hab ich genug getan.

Deine Liebe kenn ich nicht,


Vater, aber deinen Zorn.
Hoch erhoben ist dein Arm,
Straft die schuldbeladne Menschheit!

Wir sind Sünder, höchster Vater,


Wir sind nichts als Staub vor dir,
Eitelkeit der Eitelkeiten,
Enden einst als Würmerkot.

Aber du bist Gott der Vater,


Du bist Gott der strenge Richter,
Der verdammt der Sünder Seelen
In die ewige Verdammnis!

Bin ich nicht vorherbestimmt


Zu der ewigen Verdammnis?
Reitet nicht der böse Satan
Dreist auf meinem krummen Rücken?

Ich tu Buße, Buße, Buße


Für die Sünden meiner Jugend,
Ja, auf Knieen will ich kriechen
Auf der Pilgerschaft nach Rom.

Auf der frommen Perlenschnur


Will ich zählen Tugendakte
Und den Himmel mir erkaufen
Durch das Gold der guten Werke.

Ablass will ich mir erwerben,


Denn es fürchtet meine Seele
Fast wie ewige Verdammnis
Die Tortur des Fegefeuers!

Vater, strafe meine Seele!


Wen du liebst, o strenger Vater,
Den bestrafst du mit der Rute,
Züchtigst ihn mit Kreuz und Tod!

Schau, es sammeln schwarze Wolken


Sich am tiefen Himmelsdach
Und es zittern starke Eichen
Vor dem kommenden Gewitter.

Wie der Schall so schnell der Regen


Und es platzen die Melonen.
Ach hier steh ich armer Sünder
Und ich kann mich nur noch fürchten!

Donner sind des Vaters Sprache,


Blitze sind des Vaters Sprache,
Wetterwinde, Wirbelstürme,
Erdenbeben, Meeresbeben!

Gott kommt donnernd zum Gerichte


Und von seinem Himmelsthron
Dröhnen Donner laut wie Trommeln,
Zücken Blitze grell und schnell.

Gott ist zornig! Seine Blitze


Sind die Fackeln des Gerichts
Und vor seinen Donnerschlägen
Bebt die schuldbefleckte Menschheit!

Vor dem Donner seiner Wut


Flieht die fluchbeladne Menschheit
In den Schutz der starken Eichen,
Doch die starken Eichen stürzen!

Gottes Zorn im lichten Blitz


Spaltet noch die stärkste Eiche!
Wo ist Schutz und Schirm vor Blitzen?
Wer beschützt mich vor dem Herrn?

Santa Anna!

Anna, Anna, meine Liebe,


Du der Gottesmutter Mutter,
So Großmutter des Messias,
Anna, das bedeutet Gnade,

Denk ich an dein frommes Leben,


Wie du mit Joachim lebtest,
Wie du kinderlos geblieben
Lange Zeit, dein Schoß verschlossen,

Wie du da im Lorbeerbaum
Sahest eine Nachtigall,
Eine Mutter, Küken fütternd,
Die Natur so mütterlich,

Wie du sprachest zu dem Herrn:


Herr, der Sarah fruchtbar machte,
Schenk mir bitte doch ein Kind!
Wenn du mir ein Kindlein schenkst,

Weihe ich mein Kindlein dir,


So wie Mutter Hanna tat
Mit dem Knaben Samuel,
Den sie auch von Gott erbeten.

Schenkst du einen Knaben mir,


Dann ist er vielleicht der Christus.
Schenkst du eine Tochter mir,
Dann ist sie vielleicht die Christa –
Gott verzeih! Ich mein natürlich:
Dann vielleicht ist meine Tochter
Mutter des Messias Gottes,
Ist vielleicht die Mutter Gottes!

Weihen werde ich mein Kind


Und es in den Tempel geben,
Dass es lerne die Torah
Und den Gottesdienst des Herrn.

Also sprachest du, Sankt Anna,


Und ein Engel kam zu dir,
Gabriel vom Himmel kam:
Sei gegrüßt, o Mutter Anna,

Gottes Antlitz seh ich lächeln


Über dir, Begnadete,
Und du wirst ein Kind gebären,
Eine makellose Tochter,

Unbefleckt ist deine Tochter


Seit der Stunde der Empfängnis
Und sie wird die Mutter Gottes
Durch des Geistes Schöpferkraft.

Also sagte Gabriel.


Anna, also gabst du Antwort:
Ich bin eine Magd des Herrn,
Mir geschehe Gottes Wille.

Und du standest in dem Goldnen


Tore von Jerusalem,
Und Joachim kam, umarmte
Dich und küsste dich sehr keusch.

Und jungfräulich ward empfangen


Mariam, die Makellose,
Mariam, die Mutter Gottes,
Mariam, des Vaters Mutter.

Anna, preisen will ich dich


Als der Makellosen Mutter,
Mutter du der Unbefleckten,
Makelloser Konzeption.

Denn in deinem Mutterschoße


Ward, in deinem Ei und Blute,
Anna, in dem Uterus
Mariam von Gott erschaffen.

Gott der Vater ist ein Künstler,


Der beschaut sehr gern sein Kunstwerk.
Und es ist der Schöpfung Krone
Eine schöne junge Frau.

Gott betrachtet als ein Künstler


Liebend gern sein Meisterwerk,
Dies ist Unsre Liebe Frau,
Welche Gott in dir erschaffen.

Zwar die Pfaffen Dominiks


Leugnen, dass Maria ist
Makellose Konzeption,
Sie beflecken gern die Frau –

Doch die Jünger von Franziskus


Und vor allen der Duns Scotus
Glauben an die Unbefleckte,
An die makellose Jungfrau.

Christus ist doch der Erlöser


Aller Kreatur auf Erden,
Also Christus ist Marias
Retter auch und ihr Erlöser.

Christus ist die Weisheit Gottes


Und die Weisheit hat für sich
Selbst ein goldnes Haus geschaffen,
Eine makellose Mutter.

So die Weisheit schuf im Hinblick


Auf die Rettung an dem Kreuz
Ihre eigne Jungfrau-Mutter
Und bewahrte sie vor Schuld,

Gottes Weisheit sie bewahrte


Vor der Erbschuld, die wir alle
An uns haben als das Erbe
Evas, seit sie fiel in Sünde.

Nur in deinem Schoß, o Anna,


Nur in Annas Uterus
Lebt die reine Kreatur,
Allerreinstes Abbild Gottes,

Gottes musterhafte Frau,


Gottes Genius der Frau,
Die Idee der Weiblichkeit,
Die mein reinstes Ideal.
Darum preis ich deinen Schoß
Mehr noch als den Garten Eden,
Weil Maria schöner noch
Als die ungefallne Eva!

Anna, du bist schön und lieblich,


Denn dein Nomen ist ein Omen,
Anna, das bedeutet Gnade,
Das ist griechisch aber Charis.

Anna, du bist Gottes Charis,


Charis aber beim Homer
Ist die Ehefrau Vulkans,
Ist die Göttin Aphrodite.

Anna, du bist Aphrodite,


Aphrodites Liebreizgürtel
Wird ja Charis auch genannt,
Schwör ich bei dem Liebreizgürtel.

Charis oder Gnade, Anna,


Das bedeutet Charme und Liebreiz,
Anmut, Zauber, Huld und Schönheit,
Freundlichkeit und Lieblichkeit.

Und das ist dein Wesen, Anna,


Und ich seh dich im Gesichte,
Zweiundzwanzig Jahre jung,
Sehe ich dich in der Sonne,

Vor dem Tor Jerusalems,


Stehen vor der Goldnen Pforte,
Vor dem Tempel Salomos,
Vor dem goldnen Haus der Weisheit,

Und dein junger Körper ist


Ganz von Sonnenlicht umflossen,
Und ich seh dein Haar im Licht
Glitzern schön wie goldne Locken,

Und ich seh dein Lachen, Mädchen,


Lachenliebende Geliebte,
Deine weißen Zähne sind
Eine fromme Perlenschnur,

Deine blauen Augen strahlen


Wie der himmlische Azur,
Und du segnest mich, o Mutter:
„Dir dankt Gottes Mutter, Luther.“
Und die himmlische Vision
Deines Körpers in der Sonne,
Deines Angesichtes Licht,
Lässt mich denken an den Namen

Gottes, der Hananja heißt,


Gott ist Charme und Huld und Schönheit,
Gott ist Glanz und Lieblichkeit,
Freundlichkeit und Dank und Liebreiz!

Anna, bei der Lichtvision


Deiner Schönheit und bei deinem
Liebreizgürtel schwör ich, Herrin:
Ich will leben ehelos!

Wie der Heiland Jesus sagt,


Manche sind ja schon verschnitten
Von Geburt und mache sind
Von der Welt verschnitten worden,

Aber manche, die verschneiden


Selber sich fürs Himmelreich.
Und Origenes verstand
Das als wörtlichen Befehl

Und er nahm ein scharfes Messer


Und schnitt ab das Mannesglied,
Wie die Priester einst getan,
Die gedient der Großen Mutter,

Jene Galloi, die beschreibt


Lukian in dem Bericht
Von der Göttin Syriens,
Der Eunuchen-Priester dienten.

Aber ich will nicht entmannt


Ohne Glied die Welt durchwandeln,
Aber wie einst Eliezer
Schwor dem Vater Abraham

Und der Diener seine Hand


Schwörend legte an das Glied
Des geweihten Patriarchen,
Also schwöre ich, o Herrin,

Lege meine Hand zum Schwur


Zwischen deine Beine, Herrin,
Du erbitte mir von Gottes
Heiligkeit das Charisma,
Gottgeweiht und ehelos
Auf dem Erdenkreis zu leben.
Denn wie Paulus der Apostel
Schrieb in einer der Episteln:

Wenn der Mann vermählt mit einer


Ehefrau, dann sorgt er sich,
Der Geliebten zu gefallen,
Ist nicht ungeteilt bei Gott.

Wenn er aber ehelos


Ist wie der Apostel Paulus,
Sorgt er sich ums Himmelreich,
Er ist ungeteilt bei Gott.

Dass ich aber ehelos


Leben kann in dieser Welt,
Da doch selbst die große Rom
Ist ein einziges Bordell,

Darum weih ich meine Keuschheit


Deinem Liebreizgürtel, Anna,
Und im mystischen Verlöbnis
Ich vermähle mich mit dir.

10

O du hochgeliebte Anna,
Ich will von der Welt geschieden
Gottes Wort nur meditieren,
Meister sein im Meditieren.

Doch ich will nicht meditieren


Über die gemeine Leere,
Die erfüllt die innre Seele,
Sondern über Gottes Wort.

Denn die Worte der Torah


Und die Worte der Propheten
Und der ganze Psalter Davids
Und das Evangelium

Sind doch inspiriert vom Geist.


In der Menschen Redeweise
Offenbart der Geist des Herrn
Die Mysterien der Gottheit.

Lectio divina nennt man


Doch der Mönche Bibellese,
Lectio divina will ich
Üben morgens und am Abend.

Wenn ich aufsteh von dem Schlaf,


Will ich Gottes Bibel lesen,
Wenn ich nachts dann schlafen geh,
Les zuletzt ich in der Bibel.

Und ich will die Bibel lesen


In dem selben Geist, in dem sie
Auch geschrieben ist, dem Geist des
Auserwählten Gottesvolkes,

In dem Geiste der Apostel.


In dem Sinne Christi les ich
Auch das Alte Testament,
Dann ist auch das Alte jung.

Ohne Altes Testament


Kann man nicht verstehen das
Neue Testament von Christus,
Eins erleuchtet doch das andre.

Anna, Anna, wie sehr lieb ich


Doch das Alte Testament!
Da wird noch geliebt, gehasst,
Wird gemordet und gezeugt!

Wie ich meditieren will,


Anna, will ich sagen dir:
Wie die Kühe wiederkäuen,
Essen will ich Gottes Wort.

So ein Wort muss man historisch


Sich erklären und moralisch
Deuten und auch allegorisch
Im Zusammenhang der Schrift.

Und so lang ich nicht hebräisch


Lesen kann und auch nicht griechisch,
Nehme ich Hieronymus
Und studiere die Vulgata.

Anna, Anna, preisen will ich


Die Vulgata, die Gemeine,
Die erwähle ich von Herzen
Mir zu meiner Busenfreundin.

Die Vulgata, meine Freundin,


Trägt sehr schöne Seidenkleider,
Das bedeutet, das man wörtlich
Und historisch nimmt die Schrift.
Die Vulgata, meine Freundin,
Ist noch schöner splitternackt,
Das bedeutet, das moralisch
Man den Sinn der Bibel deutet.

Die Vulgata, meine Freundin,


Ist vor allem schöne Seele,
Das bedeutet, allegorisch
Legt man aus die Schrift auf Christus.

Die Vulgata, die Geliebte,


Will ich Tag und Nacht durchkämmen,
Bis ich sie so ganz durchdrungen,
Dass wir eins und einig sind.

Dann will ich der Gatte heißen


Der Vulgata, der Gemeinen,
Die nach zwanzig Jahren Ehe
Ist noch immer enge Jungfrau!

11

Anna, Anna, meine Liebe,


Meine Mutter in dem Himmel,
Täglich will ich Messe feiern
Und das Opfer zelebrieren.

Mutter du der Mutter Gottes,


Ist mir doch als höre ich
Deine Stimme zu mir reden
Und mir diese Botschaft geben:

„Du, mein Schatz, sollst dich verlieben


In das Allerheiligste
Sakrament des Hochaltares
Und die Kommunion ersehnen!“

Danke, himmlische Geliebte!


Denken muss ich an Tibull,
Der Frau Delia geliebt hat,
Wie sie der Poet genannt hat,

Die in Wahrheit aber hieß


Hostia, die Vielgeliebte
Hostia war Minneherrin
Dieses römischen Poeten.

Wenn der Priester hebt das Brot,


Ruft er betend: Hostia
Immaculata, makellose
Opfergabe an den Vater!
Also schenk ich alle meine
Liebe dieser Hostia
Immaculata! Hostia
Immaculata ist mein Herzlieb!

Hostia, ich will dich lieben,


Morgens küssen, abends küssen
Will ich Herrin Hostia
Immaculata voller Inbrunst!

Ehelich vereinigen
Will ich mich der Hostia
Immaculata in der Mystik
Der Union mit Gott dem Herrn.

Mystische Union soll sein


Meine eheliche Einung
Mit der Herrin Hostia
Immaculata voll der Gnade!

Anna, Anna, manchmal denk ich,


Wenn ich seh des Heiles Becher:
Das ist nicht das Blut des Christus,
Ach, das ist Marien Milch!

Spricht man von der Eucharistie,


Von der göttlichen Eucharis,
Will ich mich verlieben in
Unsre Liebe Frau Eucharis!

Makellose, Makellose,
Meine Herrscherin Eucharis,
Küss mich mit dem Kuss des Mundes
Und verein dich meinem Leib!

Leibliche Vereinigung
In dem Sakrament der Liebe
Mit der Herrscherin Eucharis
Ich vollzieh im Brautgemach!

Anna, Mutter voll der Gnade,


Bitte du den Christus Jesus:
„Habe du Geduld mit meinem
Armen Doktor Martin Luther,

Wenn er nicht so häufig kommt


Zu dem Sakrament des Leibes,
Wenn er nur im Geiste feiert
Diese mystische Union!“

Also sage du zu Jesus.


Dann durch dein Verdienst, o Anna,
Du ersetze mir vor Christus,
Was mir an Verdiensten fehlt.

12

Anna, meine Quasi-Göttin,


Ich verspreche, viel zu beten.
Denn du stehst auf einem Berg,
Rufend: „Bete, bete, bete!“

Also will ich beten lernen


Von den schönen Psalmen Davids.
Mögen mir Rabbiner singen
Davids Psalmen zu der Harfe.

Lernen will ich, so wie David


Gott die Seele auszuschütten,
Alle Klage, alle Wonne,
Allen Jammer, allen Jubel.

In den Psalmen ist es Gottes


Geist, der uns das Beten lehrt.
Psalmen sind ja Wort des Herrn,
Das uns lehrt, zu Gott zu beten.

Aber nicht nur will ich lesen


Die geschriebenen Gebete,
Sondern mit dem eignen Herzen
Will ich stammeln Lobpreis Gottes.

Gottes Weisheit will ich preisen,


Anfang dies der Gottesfurcht.
Ja, als Sohn des Vaters will ich
Heiligen den Namen Jahwe.

Danken will ich Gott von Herzen


Für die reichen Gnadenströme,
Danken, dass mich liebt der Vater,
Weil ich seinen Christus liebe.

Bitten will ich meinen Gott,


Dass er täglich mir mein Brot gibt,
Alle meine Sorgen wälz ich
Auf die Providentia.

Bitten will ich für das Heil


Der mir anvertrauten Seelen,
Gottes Liebe möge sich
Allen Menschen offenbaren.
Anna, Anna, das Gebet
Ich vergleich mit einem Garten.
Wenn man die Gebete liest,
Schleppt man noch den Wassereimer,

Um den Garten zu bewässern,


Später gräbt man dann Kanäle,
Die den Garten fruchtbar machen,
Wenn man betet mit dem Herzen.

Wenn man dann im Geiste betet,


Kommt der Regen von dem Himmel,
Himmelsregen, Himmelssonne
Machen blühend schön den Garten.

Wenn der Tau des Geistes kommt,


Wachsen Rosen rot der Liebe,
Wachsen Lilien weiß der Reinheit,
Wachsen Veilchen blau der Demut.

Anna, Anna, das Gebet


Ist wie eine Königin,
Junge Mädchenkönigin,
Die zum König Zutritt hat.

Gott der Vater ist der König,


Der die Königin empfängt.
Nicht der Papst hat so viel Großmut
Wie der mütterliche König.

Schließlich will ich Nächte lang


Nur noch Gottes Namen hauchen.
Jahwe, Jahwe, Jahwe hauch ich,
Immer nur den Namen Gottes.

Alle Seufzer meiner Seele


Leg ich in den Herzensruf:
Ach weh mir, ach weh, mein Jahwe,
Herr, o Herr, o Herr, o Gott!

13

Anna, Anna, o Geliebte,


Gottes Jungfrau will ich lieben.
Ward ich doch als Kind getauft
Und Maria stand am Becken.

Hab ich doch als Kind zur Weihnacht


Gottes Mädchen stets besungen,
Sang, wie Mariam und Josef
Beteten zum Gotteskind.
Bis zum Tod in meiner Zelle
Soll das Bild des Mädchens stehen,
Nicht von Menschenhand gemalt,
Von Maria selbst erschaffen!

Keine Heidengöttin ist sie,


Denn die Göttinnen der Heiden
Sind so schwül, lasziv und sinnlich,
Unsre Liebe Frau ist keusch.

Aber ich will auch nicht lästern


Wie Helvetius, der Narr,
Der behauptet, dass die Jungfrau
Söhne, Töchter noch gehabt.

Die vor der Geburt des Herrn


Unberührte Jungfrau war,
Blieb auch bei des Herrn Geburt
Eine unverletzte Jungfrau,

Und nach der Geburt des Herrn


War sie noch intakte Jungfrau.
Christus ist der Gottesknecht,
Unsre Frau die Gottesmagd.

Wenn das Fest von Pfingsten kommt,


Wart ich, dass der Papst verkündet:
„Inkarniert in Unsrer Frau
Ist der Geist der Heiligkeit!“

Makellose Konzeption
Ist der Geist in der Drei-Einheit,
Makellose Konzeption
Ist Maria, Braut des Geistes.

Unsre Frau ist Sakrament


Für des Vaters Mutterliebe.
Anna, Anna, deine Tochter
Ist mein höchstes Ideal!

14

Treu will ich dem Papste sein,


Er soll mir ein Vater sein,
Unter seinem Bischofsmantel
Will ich Gott den Vater lieben.

Die Erneuerung der Kirche


In der Reformation
Durch die Heiligkeit wie weiland
Sankt Franziskus tat, das lieb ich.

Ich will auch die Biblia


Schön ins Deutsche übersetzen,
Dass das deutsche Volk sich nähre
Von dem Wort der Weisheit Gottes.

Und nun, vielgeliebte Anna,


Oder soll ich Manna sagen,
Soll ich Sankt Manna nennen
Meine vielgeliebte Herrin?

Nun, o vielgeliebte Anna,


Weihe ich mein Geist und Fleisch
Deinem liebevollen Herzen!
Führe mich ins Paradies!

DRITTER TEIL
DOKTOR MARTINUS LUTHERS BRIEF ZUM 500. JAHRESTAG DER REFORMATION

Liebe Brüder und Schwestern!

Von der Freiheit von den Geboten:


So sehen wir, dass ein Christenmensch am Glauben genug hat; er bedarf keines Werkes, dass er
fromm sei. Bedarf es denn keines Werkes mehr, so ist er gewisslich von allen Geboten und
Gesetzen entbunden; ist er entbunden, so ist er gewisslich frei. Das ist die christliche Freiheit, der
einzige Glaube, der da macht, nicht dass wir müßig gehen oder übel tun können, sondern dass wir
keines Werkes bedürfen, zur Frömmigkeit und Seligkeit zu gelangen...
Die Werke... sind die ersten Früchte des Geistes. Darum soll des Christen Absicht in allen Werken
frei und nur dahin gerichtet sein, dass er andern Leuten damit diene und nütze sei, nicht anderes
sich vorstelle, denn was den andern not ist.
Allein der Glaube genügt zum Heil:
So sind wir also in uns Sünder und dennoch, sofern uns Gott als gerecht ansieht, gerecht durch den
Glauben.
Vom freien Willen des Menschen:
Es ist also auch dies vor allen Dingen notwendig und heilsam für den Christen zu wissen, dass Gott
nichts zufällig vorherweiß, sondern dass er alles mit unwandelbarem, ewigem und unfehlbarem
Willen sowohl vorhersieht, sich vornimmt und ausführt. Durch diesen Donnerschlag wird der freie
Wille zu Boden gestreckt und ganz und gar zermalmt. Deshalb müssen die, welche den freien
Willen behauptet haben wollen, diese schlagende Erkenntnis entweder verneinen oder verleugnen
oder auf irgendeine andere Weise von sich schaffen.
Auf diese Weise ist der menschliche Wille mitten zwischen beide (Gott und Satan) gestellt, ganz
wie ein Reittier, wenn Gott darauf sitzt, will er und geht, wohin Gott will... Wenn der Satan darauf
sitzt, will er und geht, wohin der Satan will. Und er hat nicht die Entscheidungsfreiheit, zu einem
der Reiter zu laufen oder ihn zu suchen, sondern die Reiter selbst streiten darum, ihn festzuhalten
und zu besitzen.
Ich stehe als Richter sogar über den Engeln des Himmels:
Ich will meine Lehre ungerichtet haben von jedermann, auch von allen Engeln. Denn da ich ihr
gewiss bin, will ich durch sie euer und auch der Engel, wie St. Paulus spricht, Richter sein, dass,
wer meine Lehre nicht annimmt, dass er nicht möge selig werden. Denn sie ist Gottes und nicht
mein; darum ist mein Gericht auch Gottes, und nicht mein.
Derhalben lasse ich euch hiemit wissen, dass ich hinfurt nicht mehr euch die Ehre thun will, dass
ich mich unterlasse wölle, euch oder auch einem Engel vom Himmel, uber meine Lehre zu richten,
oder zu verhören: denn der närrischen Demuth ist gnug geschehen nu das drittemal zu Worms, und
doch nichts geholfen: sondern ich will mich hören lassen, und wie St. Petrus lehret, meiner Lehre
Ursach und Grund beweisen für alle Welt, und sie ungerichtet haben von jedermann, auch von allen
Engeln.
Wenn sie gleich das reine Evangelium wollten lehren, ja wenn sie gleich Engel und Gabriel vom
Himmel wären... Will er predigen, so beweise er den Beruf oder Befehl... Will er nicht, so befehle
die Obrigkeit solchen Buben dem rechten Meister, der Meister Hans heißt (dem Henker).
Denn also wage ich mit Paulus, mir die Erkenntnis zuzusprechen und dir (meinem
Gesprächspartner) sie zuversichtlich abzusprechen.
Mein lieber Schöpfer und Vater, du wirst gnädiglich zu gut halten, dass ich... so schändlich muss
reden wider deine verfluchten Feinde, Teufel und Juden. Du weißt, dass ich´s tu aus Brunst meines
Glaubens und zu ehren deine göttliche Majestät.
Über den Wunsch, den Papst und die Bischöfe zu töten:
So wir Diebe mit Strang, Mörder mit Schwert, Ketzer mit Feuer strafen, warum greifen wir nicht
viel mehr an diese schädlichen Lehrer des Verderbens als Päpste, Kardinäle, Bischöfe und das ganze
Geschwür der Römischen Sodoma mit allerlei Waffen und waschen unsere Hände in ihrem Blut...?
Aber Gott, der da spricht: Die Rache ist mein, wird diese Feinde zu rechter Zeit wohl finden, die
zeitlicher Strafe nicht wert sind, sondern müssen ewiglich im Abgrund der Hölle ihre Strafe haben.
Der Papst ist der Teufel; könnte ich den Teufel umbringen, warum wollte ich´s nicht tun?
Ich fordere, man müsse dem Papst und der Kurie die Zungen hinten zum Hals herausreißen und sie
wie Siegel an den päpstlichen Bullen der Rangordnung nach an den Galgen nageln.
Ich glaube, dass der Papst ein vermummter und leibhaftiger Teufel ist, weil er der Antichrist ist.
Hinrichtung ohne Gerichtsverhandlung für Christen, welche meine Rechtfertigungslehre nicht
befürworten:
Ebenso soll die Obrigkeit auch strafen oder je nicht leiden, die, so da lehren, Christus sei nicht für
unsere Sünde gestorben, sondern ein jeglicher solle selbst dafür genug tun... Moses in seinem
Gesetz gebietet auch, solche Lästerer, ja alle falschen Lehrer zu steinigen. Also soll man hier nicht
viel Disputierens machen, sondern auch unverhört und unverantwortet verdammen solch öffentliche
Lästerung.
Bürgern, die nicht verraten, wenn jemand ohne amtskirchlichen Auftrag predigt, wird die
Todesstrafe angedroht:
Und ein Bürger ist schuldig, wo solcher Winkelschleicher (Prediger ohne amtskirchlichen Auftrag)
einer zu ihm kommt, ehe er denselbigen hört, dass er es seiner Obigkeit ansage und auch dem
Pfarrherrn, des Pfarrkind er ist. Tut er das nicht, so soll er wissen, dass er als ein Ungehorsamer
seiner Obrigkeit wider seinen Eid tut und als ein Verächter seines Pfarrherrn (dem er Ehre schuldig
ist) wider Gott handelt, dazu selbst schuldig ist und gleich auch mit dem Schleicher (der
hingerichtet wird) ein Dieb und Schalk wird...
Von den nicht-lutherischen Christen, zum Beispiel den sogenannten „Täufern":
Uns liegt nun viel daran, diese umgekehrt zu verdammen und als Verdammte bekanntzumachen,
damit die Nachkommen von ihrer Ketzerei abgeschreckt und den zweifelnden und schwankenden
Gewissen geholfen werde.
Sie gelten als Aufrührer und Mörder.
Darum ist ohne Zweifel die Obrigkeit schuldig... und soll... mit leiblicher Gewalt und nach
Gelegenheit der Umstände auch mit dem Schwert strafen. Meister Hansen befohlen!
Christus bestätigt die Todesstrafe:
Dieses Gesetz des Schwertes hat es von Anfang an in der Welt gegeben, ...dass man die Mörder
wieder töten solle. Nach der Sintflut hat es Gott ausdrücklich wieder eingesetzt und bestätigt, indem
er 1. Mose 9, 6 sagte: Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder durch Menschen
vergossen werden. ... Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen, Matth. 26, 52,
was zu verstehen ist wie 1. Mose 9, 6: Wer Menschenblut vergießt usw. Ohne Zweifel verweist
Christus mit diesem Wort auf jene Stelle und will damit jenen Spruch neu einführen und bestätigen.
Frauen mit geistigen oder magischen Fähigkeiten soll man foltern und töten:
Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen... Es ist ein gerechtes Gesetz, dass sie getötet werden.
Sie richten viel Schaden an... sie können auch ein Kind bezaubern, dass es fortwährend schreie und
nicht mehr esse noch schlafe. Schaust du solche Weiber an, wirst du sehen, dass sie ein teuflisches
Gesicht haben. Ich habe deren etliche gesehen... man töte sie nur.
Deshalb töte man sie, weil sie mit dem Teufel Umgang haben.
Wenn sie sich nicht bekehren, werden wir sie den Folterknechten befehlen.
Einige teufelsähnliche Kinder sind wahre Teufel. Sie sollen ertränkt werden:
Wenn man aber von den teufelsähnlichen Kindern erzählt, von denen ich einige gesehen habe, so
halte ich dafür, dass sie entweder vom Teufel entstellt, aber nicht von ihm gezeugt sind, oder dass es
wahre Teufel sind.
Ich empfehle, man solle Wechselbälge und Kielkröppe ersäufen, da ein solches Kind lediglich ein
vom Satan in die Wiege gelegtes Stück seelenloses Fleisch (massa carnis) war.
Ungetaufte Säuglinge sind von ewiger Verdammnis bedroht. Gegner der Säuglingstaufe sollen
getötet werden:
Kindertaufe, Erbsünde... dieweil diese Artikel auch wichtig sind, denn es ist wenig daran gelegen,
die Kinder aus der Christenheit zu werfen und in einen ungewissen Stand zu setzen, ja zur
Verdammnis zu bringen ... Dieweil man doch sieht und greift, dass grobe, falsche Artikel (bei den
Andersgläubigen) sind, schließen wir, dass in diesem Fall die Halsstarrigen auch mögen getötet
werden.
„Ob christliche Fürsten schuldig sind, der Wiedertäufer unchristliche Sekte mit leiblicher Strafe und
mit dem Schwert zu wehren?" (Melanchton)
Ich fordere den Tod für Ehebrecher:
... es wäre besser: tot, tot mit ihm, um bösers Exempels willen zu meiden... Es ist der Obrigkeit
Schuld: Warum tötet man die Ehebrecher nicht?
Foltertod für Prostituierte:
Wenn ich Richter wäre, so wollte ich eine solche französische, giftige Hure rädern und ädern lassen.
„Böse" sind unter uns:
Aus Abraham und den Erzvätern kamen die, die Christus ans Kreuz schlugen, aus der römischen
Kirche ging der Antichrist hervor, aus den Aposteln kamen Judas und die Pseudoapostel, ... aus
Konstantinopel die Türken, aus den Einsiedlern Arabiens - Mohammed, aus dem Weib - der
Ehebruch, aus der Jungfrau - die Hure... aus der Kirche kommen die Ketzer. Aus Speise wird Kot,
aus Wein Urin, aus Blut Eiter. Aus Luther kommen Müntzer und die Aufrührerischen - also was
Wunder, wenn Böse unter uns sind und von uns ausgehen?
Gegen die jüdische Bevölkerung fordere ich ihre Verfolgung:
Wie es unmöglich ist, dass die Aglaster ihr Hüpfen und Getzen lässt, die Schlange ihr Stechen: so
wenig lässt der Jüde von seinem Sinn, Christen umzubringen, wo er nur kann.
... dass man ihnen verbiete, bei uns... öffentlich Gott zu loben, zu danken, zu beten, zu lehren bei
Verlust des Leibes und Lebens...
Wenn ich könnte, so würde ich ihn (den jüdischen Mitbürger) niederstrecken und in meinem Zorn
mit dem Schwert durchbohren.
Der verböste Jude wird nicht ablassen, dich auszusaugen und (wo er kann) dich zu töten. Die Juden
können Arzneien verabreichen, davon der Patient in einer Stunde, in einem Monat, in einem Jahr, ja
in zehn oder zwanzig Jahren sterben muss. Die Kunst können sie.
Diese Taugenichtse und Ausplünderer sind keiner Gnade und keines Mitleids wert.
Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere
Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an
ihnen...; man sollte ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecken, ...unserem Herrn und der
Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien (...) und ihre Häuser desgleichen
zerbrechen und zerstören.
Darum wisse Du, lieber Christ, und Zweifel nichts dran, dass Du, nähest nach dem Teufel, keinen
bittern, giftigern, heftigern Feind habest, denn einen rechten Juden, der mit Ernst ein Jude sein will.
Wenn ein Dieb zehn Gülden stiehlet, so muß er henken; raubet er auf der Straßen, so ist der Kopf
verloren. Aber ein Jüde, wenn er zehn Tonnen Goldes stiehlet und raubet durch seinen Wucher, so
ist er lieber denn Gott selbs.
Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke,
und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein
oder Schlacke davon sehe ewiglich… Zum andern, dass man auch ihre Häuser desgleichen
zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige darin, was sie in ihren Schulen treiben...
Prediger sind die allergrößten Totschläger, weil Gott es befiehlt:
Prediger sind die allergrößten Totschläger. Denn sie ermahnen die Obrigkeit, dass sie entschlossen
ihres Amtes walte und die Schädlinge bestrafe. Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen; all ihr
Blut ist auf meinem Hals. Aber ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen, solches zu
reden...
Über Prediger: Gott hat ein „Amt des Wortes" befohlen.
Gott ist wunderbar, der uns Predigern das Amt seines Wortes befiehlt, mit dem wir die Herzen der
Menschen regieren sollen...
Die Obrigkeit ist strafende Dienerin Gottes:
Die Obrigkeit ist eine Dienerin Gottes. Von sich aus könnte sie keine öffentliche Ordnung erhalten.
Sie ist wie ein Netz im Wasser: Unser Herrgott aber jagt ihr die Fische zu. Gott führt der Obrigkeit
die Übeltäter zu, damit sie nicht entkommen... Gott ist ein gerechter Richter auf Erden. Deswegen
entgeht keiner, der nicht Buße tut, der gerechten Strafe durch die Obrigkeit. Entläufst du mir, so
entläufst du doch dem Henker nicht.
Gott tötet durch Soldatenhand:
Denn die Hand, die das Schwert führt und tötet, ist dann auch nicht mehr eines Menschen Hand,
sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott henkt, rädert, enthauptet, tötet und führt
den Krieg. Das alles sind seine Werke und sein Gericht. Zusammengefasst: Man darf beim
Soldatsein nicht darauf sehen, wie man tötet, brennt, schlägt, gefangen nimmt, usw. Das tun die
ungeübten, einfältigen Kinderaugen, die auch dem Arzt nicht weiter zusehen, als wie er die Hand
abnimmt oder das Bein absägt, aber nicht sehen oder bemerken, dass es um die Rettung des ganzen
Körpers geht. Ebenso muss man auch dem Amt des Soldaten oder des Schwertes mit männlichen
Augen zusehen, warum es so tötet und grausam ist. Dann wird es selber beweisen, dass es ein durch
und durch göttliches Amt ist und für die Welt nötig und nützlich wie Essen und Trinken. Dass aber
einige dieses Amt missbrauchen, ...ist nicht Schuld des Amtes, sondern der Person... sie können
zuletzt doch nicht dem Gericht Gottes, d.h. seinem Schwert entrinnen. Er findet und trifft sie
schließlich doch, wie es auch jetzt den Bauern in ihrem Aufruhr ergangen ist.
Ich rufe zum Krieg und zum Morden der türkischen Kriegsgegner auf:
... weil die Christen... ein jeglicher von seiner Obrigkeit, zum Streit wider die Türken gefordert und
berufen werden, sollen sie tun als die treuen und gehorsamen Untertanen (wie sie denn gewisslich
tun, so sie rechte Christen sind) und mit Freuden die Faust regen und getrost dreinschlagen, morden,
rauben und Schaden tun so viel sie immer mögen, weil sie eine Ader regen können... werden sie
darüber erschlagen, wohlan, so sind sie nicht allein Christen, sondern auch gehorsame, treue
Untertanen gewesen, die Leib und Gut in Gottes Gehorsam bei ihren Oberherrn zugesetzt haben.
Selig und heilig sind sie ewiglich...
Gottes Segen für den Krieg:
So ist es auch: Wenn ich das Amt ansehe, das Krieg führt, wie es die Bösen bestraft, die, die
Unrecht haben, tötet und solchen Jammer ausrichtet, da scheint es ein durchaus unchristliches Werk
zu sein und in jeder Hinsicht gegen die christliche Liebe. Sehe ich aber darauf, wie es die Gerechten
beschützt, Frau und Kind, Haus und Hof, Gut, Ehre und Frieden damit erhält und bewahrt, so ergibt
es sich, wie wichtig und göttlich das Werk ist. Und ich merke, dass es auch ein Bein oder eine Hand
abhaut, damit nicht der ganze Leib stirbt. Denn wenn nicht das Schwert entgegentritt und den
Frieden bewahrt, müsste alles, was es in der Welt gibt, im Unfrieden verderben. Deshalb ist ein
solcher Krieg nichts anderes als ein kleiner, kurzer Unfriede, der einem ewigen, unermesslichen
Unfrieden wehrt, ein kleines Unglück, das einem großen wehrt.
Darum ehrt auch Gott das Schwert mit so hohen Worten, dass er es seine eigene Ordnung nennt
(Römer 13, 1) und nicht will, dass man sage oder denke, die Menschen hatten es erfunden und
eingesetzt. Denn die Hand, die das Schwert führt und tötet, ist dann auch nicht mehr eines
Menschen Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott henkt, rädert,
enthauptet, tötet und führt den Krieg. Das alles sind seine Werke und sein Gericht.
Ich möchte mich fast rühmen, dass seit der Zeit der Apostel das weltliche Schwert und die Obrigkeit
noch nie so deutlich beschrieben und gerühmt worden ist wie durch mich. Sogar meine Feinde
müssen das zugeben.
Und dafür habe ich doch als Lohn den ehrlichen Dank verdient, dass meine Lehre aufrührerisch und
als gegen die Obrigkeit gerichtet gescholten und verdächtigt wird. Dafür sei Gott gelobt! Denn weil
das Schwert von Gott eingesetzt worden ist, um die Bösen zu bestrafen, die Gerechten zu
beschützen und den Frieden zu bewahren, Römer 13, 4; 1. Petrus 2, 14, ist auch überzeugend genug
bewiesen, dass Kriegführen und Töten von Gott eingesetzt sind und, was der Lauf des Krieges und
das Kriegsrecht mit sich bringen. Was ist ein Krieg anderes als Strafe für das Unrecht und das
Böse? Warum führt man Krieg, außer dass man Frieden und Gehorsam haben will?
Ich fordere die Fürsten auf, die aufständischen Bauern zu töten:
Solch wunderliche Zeiten sind jetzt, dass ein Volk den Himmel eher mit Blutvergießen verdienen
kann denn anders sonst mit Beten... Steche, schlage, würge hier, wer da kann. Bleibst du darüber
tot, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmermehr erlangen. Denn du stirbst im Gehorsam
gegenüber dem göttlichen Wort und Befehl.
Ich fordere den Tod von Wucherern:
... so man die Straßenräuber, Mörder... rädert und köpft, wie viel mehr sollte man alle Wucherer
rädern und ädern und alle Geizhälse verjagen, verfluchen und köpfen...
Wir brauchen Tyrannen:
Es ist eine verdammte, verfluchte Sache mit dem tollen Pöbel. Niemand kann ihn so gut regieren
wie die Tyrannen. Die sind der Knüppel, der dem Hund an den Hals gebunden wird. Könnten sie
auf bessere Art zu regieren sein, würde Gott auch eine andere Ordnung über sie gesetzt haben als
das Schwert und die Tyrannen. Das Schwert zeigt deutlich an, was für Kinder es unter sich hat,
nämlich nichts als verdammte Schurken, wenn sie es zu tun wagten.
Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl;
drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.
Über die Frauen:
Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die
Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie
sind darum da.
Es ist ein arm Ding um ein Weib. Die größte Ehre, die das Weib hat, ist, dass wir allzumal durch die
Weiber geboren werden.
Unkraut wächst schnell, darum wachsen Mädchen schneller als Jungen.
Eine Frau hat häuslich zu sein, das zeigt ihre Beschaffenheit an; Frauen haben nämlich einen breiten
Podex und weite Hüften, daß sie sollen stille sitzen.
Sündige tapfer, aber glaube tapferer:
Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer und freue dich in Christus, der Sieger ist über Sünde, Tod
und Welt!
Zorn als die beste Arznei:
Ich habe... keine bessere Arznei als den Zorn. Denn wenn ich gut schreiben, beten und predigen
will, dann muss ich zornig sein; da erfrischt sich mein ganz Geblüt, mein Verstand wird geschärft,
und alle Anfechtungen weichen.
Theologen sind im Himmel:
Es ist sehr fraglich, ob Juristen selig werden, da es doch den Theologen schwer ist, obwohl die
Theologen bereits gerecht und im Himmel sind.
Ich habe Andersgläubige gern, die sich selbst umbringen:
Ich habe die fanatischen und wütenden Schwärmer gern; sie bringen sich selbst um.
Gott muss zeitweise Teufel werden:.
Gott kann nicht Gott sein, er muss zuvor ein Teufel werden... Ich muss dem Teufel ein Stündlein die
Gottheit gönnen, und unserem Gott die Teufelheit zuschreiben lassen. Es ist damit aber noch nicht
aller Tage Abend. Es heißt doch zuletzt: Seine Güte und Treue waltet über uns.
Das Geglaubte verbirgt sich unter dem Schein des Gegenteils.
Gegen Offenbarungen aus Prophetenmund:
Eurem Geist hau ich auf die Schnauzen!
Die Vernunft als Hure des Teufels:
Die Vernunft ist die höchste Hur, die der Teufel hat.
Wer... ein Christ sein will, der... steche seiner Vernunft die Augen aus.
Über die Passivität als Kennzeichen des Christen:
Ein Christ ist vor Gott passiv, weil er hier nur empfängt, und vor den Menschen, denn hier duldet er
nur.
Das Reden ist das Wichtigste:
Mag ich immerhin als hoffärtig, geizig, als ein Ehebrecher, Totschläger, Feind des Papstes und aller
Laster schuldig gefunden werden, wenn ich nur nicht des gottlosen Stillschweigens angeklagt
werde.

Euer Bruder Martin Luder