Sie sind auf Seite 1von 14

TRIUMPH DER LIEBE

VON PETRARCA
I

Die Jahrszeit, wenn mein Seufzen wird erneuert,


Gekommen war, gerührt gedacht ich da,
Wie meine Liebe und mein Leid begonnen.

Die Sonne hatte schon erwärmt die Hörner


Von Taurus, und des Tithonus Gemahlin
Eilt in der Kühle zum gewohnten Ort.

Lenz, Liebe und Verachtung und Geheule


Erneut mich brachten ins verschlossne Tal,
Vom Herzen fallen mir die schweren Lasten.

Und dort, im grünen Grase, schwach vom Weinen,


Vom Schlaf befangen, sah ein großes Licht ich,
Mit reichlich Kummer, ach, und wenig Freude.

Den Führer der Eroberung, ich sah


Den Wagen des Triumphes, fortzutragen
Glorreiche Ehren auf den Kapitol.

Noch nie hab ich gesehen solchen Anblick.


Entschuldigt dies die Zeit, in der ich lebe,
Beraubt der Tapferkeit, erfüllt von Stolz.

Und ich, begierig, immerdar zu lernen,


Hob meine müden Augen, blickte auf
Zu dieser Szene, wundersam und schön.

Vier Pferde sah ich, weißer als der Schnee,


Auf einem Feuerwagen einen Knaben
Mit Pfeil und Bogen in der Hand und grausam.

Und er war furchtlos, trug nicht Schild noch Rüstung,


An seinen Schultern hatte er zwei Flügel
In tausend Farben, und sein Leib war nackt.

Rings um ihn zahllos waren Sterbliche,


Gefangen die und andere getötet
Und einige verletzt von seinen Pfeilen.

Ich war auf Botschaften begierig, und


So kam ich in die Nähe eines derer,
Die von des Knaben Hand verlorn ihr Leben.

Ich trat noch näher, um ihn anzuschauen.


Und unterm Druck hab ich das Heer erkannt,
Im Anschluss an den König voll von Tränen.
Und keinen kannte ich, denn wenn ich auch
Gekannt hätt einen, so ihr Aussehn doch
Durch Tod war und Gefangenschaft verändert.

Und zu mir trat ein Geist, der nicht so ganz


Verzweifelt wie die andern, sprach mich an
Und sprach: „Dies sind Gewinne hier der Liebe!“

Erstaunt ich sprach zu ihm: „Woher denn kennst du


Mein Antlitz? Denn dich kann ich nicht erkennen.“
Und er: „Die schweren Ketten, die ich trage,

Verhindern das, und auch die trübe Luft.


Doch bin ich dir ein Freund und ward geboren
Wie du einst in dem Lande der Toskana.“

Sein Wort, die edle Weise seiner Rede


Mir taten kund, was sein Gesicht verborgen.
Wir setzten uns an einem offnen Platz.

Er sprach: „Lang sehnte ich mich, dich zu sehen


Hier unter uns. Aus deinen Jugendjahren
Hab ich dir dies Geschick vorhergesagt.“

„Es war so, dass ich von der Liebe Mühen


Betroffen war, damit ich sie verlassen,
Mein Kleid und auch mein Herz war schon vergeben.“

Als dies ich sagte und als er's gehört,


Nicht ohne Lächeln sagte er: „Mein Sohn,
Was doch für eine Flamme dich erleuchtet!“

Ich hab ihn nicht verstanden. Jetzt so sicher


Sind seine Worte fest in meinem Kopf
Bewahrt, als wären sie in Stein gehauen.

Und in der Kühnheit meiner Jugend, geistig,


Die Zunge schnell in Äußerungen, fragt ich:
„Sag mir mit Höflichkeit, wer sind denn diese?“

„Bald“, sprach er, „bald wirst du es selbst erkennen,


Dass selbst du einer bist von ihnen, weißt nicht,
Was für ein starkes Opfer dir gebracht wird.

Dein Aussehn wird erblassen, grau dein Haar,


Ich sage, dass die Bindungen sich lösen,
Wie sehr auch Hals und Fuß Rebellen sind.

Und doch, dein Jugendwunsch, gerecht zu werden,


Dem will ich Antwort geben, sagt der Herr,
Wer Reue hat, der findet Leben, Freiheit.
Der ist es, den die Erde Amor nennt,
Der bitter ist, doch du sollst klarer sehen,
Er soll dein Herr sein, wie er unser ist.

In Jugend lieblich, wilder, wenn er alt wird,


So sagts das Studium, und du wirst wissen,
Man wird dich kennen noch in hundert Jahren.

Geburt gab ihm den Müßiggang, die Unzucht,


Er ward gestillt von süßem, sanftem Denken,
Ein eitles Volk macht ihn zum Herrn und Gott.

Wen er gefangen, der stirbt unverzüglich,


Und andre leider leben noch ihr Leben
In tausend Ketten und mit tausend Riegeln.

Er, der so herrlich und so stolz gezeigt wird,


Der Erste war er, Cäsar, in Ägypten
Ward von Kleopatra im Gras gefesselt.

Jetzt ist er überwunden. Es ist gut,


Dass er, Eroberer der Welt, besiegt ward,
Dass Amor ihn besiegt in Herrlichkeit.

Als Nächster kommt sein Sohn, der liebte auch,


Der edler war, Augustus Cäsar wars,
Der nahm sich Livia zur Ehefrau.

Der Dritte: Nero, grausam, ungerecht,


Schau, er marschiert hier voller Grimm und Zorn,
Ein Weib hat ihn erobert, als er stark war.

Den guten Marcus schau, der wert des Lobes,


Sein Herz und seine Zunge voller Weisheit,
Faustina unterwarf ihn ihrem Willen.

Die zwei voll Angst und Misstraun hier zu Fuß


Sind Dionysius und Alexander,
Die Eifersucht sie plagte vor dem Tod.

Der nächste Mann ist der, der da beweint


Kreusas Tod, nahm eine andre Braut
Dem ab, der tötete Evanders Sohn.

Du hörtest ja von dem, der nicht ergab sich


Stiefmutters leidenschaftlich-wildem Streben
Und der geflohen ist vor ihrem Flehen.

Und doch die Keuschheit brachte ihn zum Tode,


Denn solchen Hass hat zugewendet ihm
Die Liebe Phädras, schrecklich, voller Bosheit.
Und sie erschlug sich selbst. Das war die Rache
Von Theseus, Ariadne, Hippolith,
Der raste voller Liebe in den Tod.

Man klage selbst sich an, nicht Andrer Sünden,


Wer Freude an Betrügereien hat,
Der darf nicht klagen, wenn er selbst getäuscht wird.

Und Theseus in Gefangenschaft, berühmt,


Er zwischen Schwestern, welche beide starben,
Die eine liebte ihn, er liebt die andre.

Und da ist Herkules mit all der Kraft,


Gefangen von der Liebe. Und Achilles,
Von bittrer Traurigkeit erfüllt sein Lieben.

Demophoon ist da, und da ist Phyllis,


Und da ist Jason, mit ihm ist Medea,
Die folgte über Land und Wasser ihm.

Erbarmungslos der Vater und der Bruder!


Sie gegen ihren Liebsten wild und heftig,
Sie könnte seiner Liebe würdig sein.

Hypsipyle kommt nun, die sie beklagt


Der Liebe Barbarei, die sie beraubt.
Dann kommt die schönste Frau von Griechenland,

Mit ihr der Hirte, der sie leider sah,


Vom schönen Antlitz kam ein Wettersturm,
Der wütend hob die Welt aus ihren Angeln.

Dann wirst du auch Oenoene klagen hören


Um Paris, Menelaos um Helene,
Hermine hörst du klagen um Orestes,

Laodamia um Protesilaos.
Argia treu war ihrem Polyneikes,
Im Gegensatz zu Amphiraus' Frau.

So horche auf die Seufzer und die Schreie


Der Liebenden, die ihre Seelen gaben
In Amors Macht, der führte sie hinweg.

Auch kann ich sie dir gar nicht alle nennen,


Nicht Menschen nur, auch Götter sind dabei,
Die Schatten füllen diesen Myrtenhain.

Die schöne Venus schau und mit ihr Mars,


Beladen Hals und Arm und Bein mit Ketten,
Und sieh auch Pluto und Proserpina.
Sieh Juno eifersüchtig und den blonden
Apollo, der verachtet Pfeil und Bogen,
Der ihn verwundet in Thessalien hatte.

Was soll ich sagen? Um es kurz zu sagen,


Die Götter alle sind Gefangne Amors,
Belastet alle sie mit schweren Opfern,

Und Jupiter geht selbst vor Amors Wagen!“

II

Und müde starrend und noch unzufrieden,


Ich drehte um mich jetzt, und schau, ich sah
So Schönes, dass man es nicht sagen kann.

Mein Geist bewegte denkend sich zum Denken,


Da waren zwei, die Seite dort an Seite
Zu Fuß gegangen und gemeinsam weinten.

Wie seltsam war ihr Kleid, das ich bemerkte,


Die fremde Sprache konnt ich nicht verstehen,
Bis sie mein Freund mir richtig übersetzt.

Und als ich ihre Namen wusste, ging ich


Zu ihnen sicher, einer war aus Rom
Und freundlich, und der andre voller Hass.

Zum einen sprach ich: „Edler Masinissa,


Um Scipios willen und des Weggefährten,
Sei nicht gekränkt durch meine Worte bitte.“

Er sah zu mir und sprach: „Ich wüsste gerne,


Wer bist du, dass du so des Zieles sicher
Erkannt hast meine beiden Neigungen?“

„Ich bins nicht wert, gekannt zu sein“, so sprach ich,


„Von solchem Kenner. Diese meine Flamme
Hat nicht die Macht, das Licht so weit zu werfen.

Dein Ruhm erstreckt sich über alle Welt


Und bindet dich ans Volk mit Liebesbanden,
Ans Volk, das sah nie und das wird nie sehen.

Nun sagt, wie ihr mit Friedenshoffnung kommt


(Ich wies auf ihren Führer), wer ihr seid,
Ihr scheint von einem wundersamen Glauben.“

„Dein Mund, bereit, den Namen mein zu sagen,


Beweist, du weißt, wie unsre Namen sind,
Doch will ich reden, um mein Leid zu lindern.
Mit diesem Mann war ich so eng verbunden,
So liebte nicht einmal ihn Laelius,
Und folgte er der Fahne, folgt ich ihm.

Fortuna war ihm immer huldvoll gnädig,


Doch niemals über seines Wertes Maß,
Sein Geist und seine Seele unvergleichlich.

Nachdem die Waffen Romas hatten herrlich


Verbreitet ihre Siege in dem Westen,
Fand Amor uns und mit uns unsre Freunde.

Nie in zwei Herzen süßer schien ein Licht,


Es kann nicht sein. Die Nächte waren kurz,
Für unsre großen Wünsche allzu kurz.

(Vergeblich unsre festlichen Gelübde


Der Ehe!) Jeder Grund für unsre Liebe
Und auch das Eheband ward selbst zunichte.

Denn Scipio, edler als die ganze Welt,


Mit Worten bat er uns, dass wir uns trennen,
Ihn störte Mitleid nicht mit unsern Seufzern.

Es brachte und es bringt mir wehe Schmerzen,


In ihm schien noch die Tugend wunderbar,
Doch Blinde können nicht die Sonne sehen.

Den Liebenden ward großer Untergang


Und so das Urteil eines großen Freundes
Durchkreuzte wie ein Fels die treue Liebe.

Er war zu mir ein Vater, ich sein Sohn,


Verliebt, dem Alter nach ein Bruder, ich
Gehorchte, aber das brach mir das Herz!

So kam denn diese gern zu ihrem Tod,


Zu unterliegen einem fremden Feinde?
Nein, lieber sterben als als Sklave leben!

Ich, der Minister meines eignen Kummer,


Ich bat für sie so voller Leidenschaft,
Ich litt, auf dass nur sie nicht müsse leiden,

Ich brachte Gift wie traurige Gedanken,


Und ich erinnere mich noch sehr gut,
Du wisse, wem zu Liebe tat ich das.

Ich erbte von der Braut ja nichts als Kummer!


Sie selbst verlor ich, alles Glück und Hoffnung,
Die Treue nur zu ihr behielt ich noch.
Jetzt siehe, wenn du findest diesen Tanz,
Sie ist bemerkenswert, die Zeit ist kurz,
Mehr siehst du, als der Tag zu zeigen hat.“

Voll Mitleid dacht ich an die kurze Zeit,


Gewährt der Liebe eines solchen Paares,
Mein Herz war Schnee, der in der Sonne schmilzt,

Und sie begannen wieder, und ich hörte:


„Der Mann ist freundlich in sich selbst, ich denke,
Doch bei den Römern seh ich nichts als Hass!“

„O Sophonisba, Friede sei mit dir,


Von unsern Händen fiel Karthago, das
War dein, fiel dreimal, stand nicht wieder auf.“

Sie sprach: „Sag eine andere Geschichte:


Weint Afrika, hat Rom doch wenig Grund
Zum Lachen, wie du mir erzählen wirst.“

Sie haben sich geliebt, und gingen weiter,


In großer Menschenmenge, beide lächelnd,
Und jetzt vor meinen Augen fortgegangen.

Wie einer, der auf rauer Straße fährt,


Der stoppt bei jedem Schritt und sieht und denkt,
Denkt nach, bewegt sich zögerlich und langsam,

Der Zug der Liebenden so meine Schritte


Ließ ungewiss sein, und ich wollte wissen,
Was für ein Feuer jeweils sie verbrannt.

Da sah ich einen aus der Reihe treten,


Ein Mann, der etwas sucht und etwas findet,
Woher die Scham und Freude zu ihm kommen.

Und einem andern Mann die Frau gegeben,


O Liebe, unerhörte Höflichkeit!
Sie schämte sich und schien doch fröhlich auch

Aufgrund des Tausches: Alle drei gehn vorwärts


Und sprechen über die gehegte Liebe
Und seufzen über Syrien im Krieg.

Ich ging zu diesen Geistern, die zusammen


Auf Einem Wege gingen, und zum Ersten
Ich sagte: „Bitte, warte doch auf mich!“

Er hörte meine Rede auf lateinisch,


Im Antlitz ruhelos, so blieb er stehn,
Bereit dann, meine Wünsche wahrzunehmen,
Er sprach: „Ich bin Seleucus, und dies ist
Antiochus, mein Sohn, der Krieg geführt,
Der aber richtig nicht gehandelt hat.

Und diese hier war meine Frau, doch er


Begehrte nicht, zu sterben für die Liebe,
Ich gab sie ihm und gab sie unserm Land.

Und sie heißt Stratonike, wie du siehst,


Wir sind nicht unterteilt, von unserm Zeichen
Ist unsre Liebe manifest und stark.

Und sie verließ mich, nicht mehr Königin,


Mir schwand das Glück, dem Sohne schwand das Leben,
Ein jeder dachte: Edler ist der andre.

Er starb schon in der Blüte seiner Jugend,


Jedoch die Weisheit seines guten Arztes
Verstand die Ursach seiner großen Not.

In Liebe schweigend er, dem Tode nah,


Gezwungen von der Liebe und der Tugend,
Und meine Vaterliebe war sein Beistand.“

Er sprachs und wandte um sich und begann,


So wie ein Mann von neuem Plan bewegt,
So schnell, ich konnte kaum den Abschied nehmen.

Nachdem der Geist vor meinen Augen schwand,


Nachdenklich zog ich weiter, voller Seufzer,
Mein Herz noch meditierte seine Worte,

Bis eine Stimme sagte: „Bleib nicht stehen,


Bedenk in deinem Denken, es gibt mehr
Zu sehen noch, du weißt, die Zeit ist kurz!“

Ich sah die Freier in Gefangenschaft,


Wie Xerxes führt sein Heer nach Griechenland,
Ein Heer, so weit nur meine Augen reichten.

Von vielen Zungen und von vielen Ländern!


Kaum Einen hab von tausend ich erfahren,
Den Namen, nur von Wenigen berichtend.

Dort Perseus war, von dem ich wusste, dass


Er liebte eine junge Frau aus Kusch,
Andromeda, mit schwarzem Aug und Haar.

Dort war der eitler Freier, der begehrte


Die eigne Schönheit nur im Wasserspiegel,
Dem's schlecht erging, weil er zu viel besessen,
Der ward zur Blüte, die nicht Frucht gebracht,
Und jene, die ihn liebte, ward zur Stimme,
Ward Echo, und ihr Körper ward zu Stein.

Und da war Iphis, der war krank geworden,


Vergeblich liebend, hasste er sein Leben,
Wie viele mehr, die solches Leiden kennen,

Gekreuzigt von der Liebe, sterben wollen!


Moderne sah ich auch, doch muss ich sagen,
Dass ihre Namen ich nicht kann erinnern.

Da waren zwei, Genossen in der Liebe,


Für immer, Ceyx und Halkyone, Nest-
Erbauer an dem Meer zur Winterruhe.

Und in der Näh der beiden sah Aisakos


Ich suchen die Hesperia am Ufer,
Jetzt auf dem Meer, jetzt fliegend durch die Luft.

Die Tochter auch des Nisus sah ich da,


Die flüchtete, und Atalanta rennend,
Besiegt von goldnen Äpfeln, und die Schönheit

Des Hippomenes, die Rivalen alle


Verloren schicksalshaft ihr eignes Leben
Und er allein sich seines Sieges rühmte!

Und unter diesen Sagen-Freiern sah ich


Auch Acis, Galathea in den Armen,
Und Polyphem, in seinem Zorne brüllend.

Ich sah den Ozean den Glaukus tragen,


Doch ohne sie, die ihm allein war lieb,
Ich hörte ihn auch, der zu sehr geliebt.

Und Canens auch und Picus, erst ein König


Von Latium, und dann ein Vogel, sie
Ließ seinen Namen und den Königsmantel.

Ich sah Ederia voll Tränen, sah


Auch Scylla, die in einen Fels verwandelt,
Bedroht war von der Meerflut von Sizilien.

Und jene, mit der Feder in der Hand,


Die schrieb, von Schmerz, Verzweiflung überwältigt,
Und in der andren Hand hielt sie das Messer.

Pygmalion, das Marmorbild erweckend,


Und viele mehr, die oft besungen wurden,
Von Helikon und von Kastalien
Im Frühling, den gewonnen hat ein Apfel.

III

Von einem Wunder war erfüllt mein Herz,


Ich stand gleich einem Menschen, der verstummt,
Im Stillen wartend auf die andre Stimme,

Da sprach mein Freund zu mir: „Was meinst du denn?


Was wendest du den Blick? Ja, weißt du nicht,
Dass ich muss mit der Menge weitergehen?“

„O Bruder (sagte ich) du kennst mich auch,


So eifrig ist in mir die Lust zu lernen,
Dass selbst der Wunsch behindert mir das Lernen.“

Er sprach: „Dein Schweigen kann ich gut verstehen,


Willst wissen du, wer diese Leute sind,
Ich will es sagen dir, wenn es erlaubt ist.

Schau jenen an, der voller Ehre ist,


Pompejus ists, mit ihm Cornelia,
Und Ptolemäus weint und klagt, der starke.

Und hinter ihm sieht nicht der Griechenkönig


Die böse Klytämnestra mit Ägisthos,
Jetzt weißt du auch, dass Amor wirklich blind ist.

Sieh Hypermnestra, treu in ihrer Liebe,


Und Pyramus und Thisbe dort im Schatten,
Leander schwimmend, Hero dort am Fenster.

Odysseus dort bewegt sich in Gedanken,


Die Gattin bittet ihn, zurückzukehren,
Doch Circe möchte ihn nicht gehen lassen.

Der Sohn des Hamilkhar ist dort. So lange


Konnt ihn Italien nicht besiegen, doch
Er fand gefangen von Apuliens Magd.

Und ihr, die kurz geschoren, überall


Ihr Herr folgt ihr, des Pontus Königin,
Doch selbst in Knechtschaft musste er sie lieben.

Es liebte Portia durch Stahl und Feuer,


Und Julia beschwerte sich, Pompejus
Sei kühl geworden durch die zweite Flamme.

Ein Blick nur, schau: Der Patriarch, verspottet


Und dennoch treu, der sieben Jahre lang
Und nochmal sieben Jahre Rahel diente.
O große Liebe, die die Not nicht löscht!
Schau seinen Vater, seines Vaters Vater,
Der mit der Gattin ging ins neue Land.

Schau, wie die Liebe ward zu Grausamkeit


Bei König David, der in seiner Sünde
Zurückgezogen dunkel weinen musste!

Schau, wie des Amor Wolke ganz verdeckt


Den klaren Ruhm des weisesten der Söhne,
Ihn in die Irre führte, weg vom Herrn.

Ein andrer Sohn, der liebt und liebt doch nicht,


Und Tamar, von der Trauer überwunden,
Beschwerte sich beim Bruder Absalom.

Und dicht bei ihnen kannst du sehen Samson,


Mehr stark der Mann als weise, welcher töricht
Sein Haupt gelegt auf seiner Feindin Schoß.

Und dort ist Holophernes, überwunden


Trotz Schwert und Lanze einzig durch die Worte
Und Wimpern einer Witwe und durch Amor.

Und schau, wie mit der Witwe dann die Magd


Bei ihrer Rückkehr trägt den Schreckenskopf,
Um Mitternacht, in Eile, Gott zu danken.

Und Sichem sieht, mit Doppelblut befleckt,


O Schlachtung und Beschneidung, sieh den Vater
Und sieh sein Volk betrogen vom Betrug.

All dies Ergebnis einer schnellen Liebe!


Und sieh Ahasveros, der heilen wollte
Den Liebesschmerz, dass er doch Ruhe fände.

Das eine Band gelöst, er flicht ein neues,


Er sucht nach Medizin für seine Qual,
Ein Nagel treibt den andern aus dem Brett.

Und willst du Zeuge sein von einem Herzen


Voll Lust und Leid und Bitternis und Süße,
Herodes sieh, wie grausam seine Liebe.

Die Liebe brennt, er wendet sich voll Wut,


In Reue seine Furcht erregt die Sünde,
Er weint um Mariamne, die nicht hört.

Hier sind drei Damen, welche gut geliebt,


Sind Procris und Artemisia und
Deidamira. Hier sind auch drei andre,
Die Liebe böse war: Semiramis
Und Byblis sinds und Myrrha voller Scham,
Rechtswidrig war, verzerrt war ihre Liebe.

Hier sind, die Buch um Buch mit Träumen füllen,


Sind Lanzelot und Tristan und die andern,
Die zaubernd führten Pöbel in die Irre,

Ginevra und Isolde und die andern,


Das Paar von Rimini, zusammen gehend,
Für immer seufzend ihre Weheklagen.“

So sprach er. Ich war einer, welcher fürchtet,


Er werde krank, der zittert, eh er hört
Den Klang des Hornes, fühlt der Zukunft Wunden,

War bleich, wie man aus seinem Grabe steigt,


Zur Seite mir erschien ein junges Mädchen,
Die reiner war als selbst die reinste Taube.

Sie fing mich! Und ich habe ihr geschworen,


Sie zu verteidigen, im Kampf mit Männern,
Durch Worte und durch Wege band sie mich.

Und wie ich jetzt es weiß, dann ist mein Freund


Gekommen nah zu mir, er lachte laut,
Ich dacht, er gibt mir eine milde Gabe,

Er sagte leis: „Jetzt kannst du gratis reden,


Bist selber einer jetzt von uns geworden,
Wir alle sind mit gleichem Rot gefärbt.“

Ich war nun einer der Bedauernswerten,


Sind besser andre krank doch als man selber,
Gefangen ich, in Freiheit und in Frieden.

Ich weiß es gut und alles ist zu spät,


Dass ihre Schönheit meine Fessel war,
Ich brannte heiß vor Eifersucht und Liebe.

Ich musste immer schaun ihr schönes Antlitz,


Wie einer, welcher krank ist, Süßes will,
Ob doch die Süßigkeit ihm sicher schade,

Für andere Vergnügen blind und taub,


Mit ihr die Pfade waren so gefährlich,
Ich zittre immer, wenn ich an sie denke.

Gesunken meine Augen waren, feucht,


Mein Herz bedrückt, mein Schutz war ganz zunichte
Und Bach und Berg und Wald und Feld und Fels.
Die Blätter, die ich auszufüllen hatte
Mit Denken und mit Tränen und mit Tinte,
Sind bald zerstört, so schrieb es mir mein Schicksal.

Nun kenne ich genau der Liebe Leben,


Gefangener von Liebe, Angst und Hoffnung,
Auf meiner Stirn geschrieben stand die Liebe.

Die Frau, die ich gejagt, entzog sich mir,


War unbesorgt um mich und meine Leiden,
Stolz auf ihr Werk und meine Kerkerhaft.

Und doch, wenn ich es recht seh, dieser Herr,


Der Herr der Liebe, der die Welt beherrscht,
Er fürchtet sie und lässt mich ohne Hoffnung.

Ich hab nicht Mut mehr zur Verteidigung,


Und er, auf den ich hoffte, führte sie
In Grausamkeit zu andern, nicht zu mir.

Der Liebe Bande fesselten sie nicht,


Rebellisch, ungezähmt ging sie den Weg
Allein, nichts sagte ihr der Liebe Fahne.

Ein Bett, das ihres ist, nur ihres ist,


Ihr Lächeln, ihre Worte, das Verschmähen,
Doch ist sie eine Sonne unter Sternen.

Die goldnen Locken frei jetzt in den Lüften,


Die Augen voll des himmelblauen Lichts
Entzünden mich, zufrieden ich verbrenne!

Wer könnte Worte finden, sie zu preisen


Und ihre Gunst und ihre Höflichkeit?
Ach meine Worte sind nur kleine Bäche.

Ward keine je gesehen schön wie sie


Und wird auch keine je gesehen werden,
Kann keine Zunge würdig von ihr reden.

Ich bin gefangen, aber sie ist frei.


Ich rufe Tag und Nacht zu meinem Stern,
Von tausend Bittgebeten hört sie keins.

Gesetz der Liebe! Aber ungerecht,


Doch muss man ihm gehorchen, das Gesetz herrscht
Im ganzen Universum je und je.

Jetzt weiß ich, was das Herz entzweit und wie


Die Seele Frieden oder Kriege bringt,
Und wie sie jedermann verbirgt die Krankheit,
Des Blutes Exerzitien machen blass,
Von Furcht erfüllt, es stürzt ein heißes Rot
Auf meine Wangen, mich berührt die Scham.

Ich weiß, dass Schlangen sich im Gras verstecken,


Unsicherheit kann tiefen Schlaf verbannen,
Und ohne Krankheit fällt man doch in Ohnmacht.

Ich kenn die Suche nach der schönen Dame,


Ich kenn die Ängste, sie zu finden, weiß es
Und bin ihr doch in Liebe fest verbunden.

Ich kenn die Änderung der Stimmung und


Der Farbe, lange Seufzer, kurze Freude,
Die Seele aus dem Herzen mir entwichen.

Ich konnte abertausendmal mich täuschen


An einem Tag, dann eingefroren sein,
Wenn fern sie, ich verbrannte, wenn sie nah war.

Ich kenne Amor und des Geistes Brüllen,


Das treibt Gedanken aus, auf viele Arten
Das Herz kann leiden, scheiternd bis zur Ohnmacht.

Ich weiß, wie leicht mit Hanf man Seelen fesselt,


Die sanfte Seele, wenn er ganz allein ist,
Und wenn da keiner ist, der ihn verteidigt.

Ich weiß, dass Amor fliegt, den Bogen biegt,


Jetzt droht er, und jetzt zielt er auf dich ab,
Jetzt stiehlt er, jetzt trägt er den Raub davon.

Ich weiß, wie wankelmütig ist sein Handeln,


Bewaffnet seine Hände, blind die Augen,
Leer allen Glaubens jederlei Verheißung,

Wie seine Glut sich nährt von meinem Leben


Und Leidenschaften sind in meinen Venen,
Er brennt von Ewigkeit zu Ewigkeit

Und Süßigkeiten werden Bitternisse.