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G. W alther: Zur innerpsychischen Stl'Ui,tur der Schizophrenie. 57




Untersuchungen bisher immer verwendet habe 1). Ich weiß wohl,
daß g~gen dieses Schema manche .Bedeulten erhoben worden sind,
l
•• man hat ihm vor allem vorgeworfen, es sei zu "statisch", die Analogie

'I mit dem Räumlichen gehe darin zu weit, das eigentümlich Strömende,
''
Ineinanderwogende des Psychischen werde durch diese Betrachtungs-
Zur innerpsychischen
.' Struktur der Schizophrenie 1 ). weise völlig verdeckt. Ich gebe a.uch zu, daß diese Einwände durch-
' . aus nicht unberechtigt sind; das, was ich hier und anderswo über seelische
Von
Dr. phil. Gcrda Walthcr. Strukturzusammenhänge ausgeführt habe und ausführe, könnte man
• •
sicher auch in ganz anderer, z. B. mythisch-symbolischer Weise dar-
• (Eingegangen am 7. Januar 1927.) stellen und es wäre dadurch vielleicht sogar dem dichterisch-intuitiven

.,• Nacherleben näher gerückt, als in der vorliegenden Behancllungs;weise.
Obwohl ich nicht zu den Psychiatern von Fach, ja nicht einmal ;•
'
Aber da es sich hier mm einmal um eine wissenschaftlich exakte De-
zu den Medizinern gehöre, sei es mir doch gestattet, hier zu einem Grenz. ' skription handeln soll, scheint es mir zweckmäßiger, dieses Struktur-
gebiet der Psychiatrie und der geisteswissenschaftlichen Psychologie schema beizubehalten, in dem einzelne Momente des Gesamtseelischen
Stellung zu nehmen: nämlich der innerpsychischen Struktur der Schizo- von den anderen möglichst klar und scharf abgetrennt werden, wenn
phrenie. Als rein philosophisch geschulte Phänomenoiegin muß ich sie auch in. der Wirklichkeit untrennbar ineinander verwoben sind.
natürlich das Problem ganz anders anpacken, als der naturwissen- Das Strukturschema Pfänders, dessen ich mich also hier auch be-
schaftlich geschulte Mediziner. Es kann sich bei meinen Ausführungen diene, faßt die Psyche auf als eine synthetische Einheit von 1. bewußt-
als an der phänomenologischen Methode orientierten Analysen natür- selbstbewußtem und wollendem "Ichzentrum" (dem "Oberbewußt- •

lich nur um die in innerpsychischen Deskriptionen zu erfassende Seite sein", "Vordergrundsbewußtsein"), 2. dem "Selbst" (den verschiedenen ·
des Problems handeln, nicht um die ebenso berechtigte Frage nach Schichten des "Unterbewußtseins") und 3. dem "Grundwesen" [das
der physisch-physiologischen Entstehungsweise u:dd Ursache der auch im Unterbewußtsein liegen wird, wenn es auch durch dieses hin-
schizophrenen Störungen. Ich glaube jedoch, daß die Art, wie die duroh seine Erlebnisregungen ins Oberbewußtsein ent~endet2)).
Schizophrenie hier zu erfassen gesucht wird, nach jener Seite hin er- Diese innerpsychische Dreigliederung der Persönlichkeit kann hier
gänzt wird durch dieneueren Forschtrogen vor allem von Prof. K üppers- natürlich nicht in aller Ausführlichkeit abermals abgeleitet und auf-
Freiburg 2).
gewiesen werden. Sie sei hier nur nochmals so weit skizziert, als dies
Hier jedoch kann und soll es sich nur um eine in innerpsychischer znm Verständnis des folgenden unerläßlich ist. (Ich vel'weise im übrigen
("phänomenologischer" in diesem Sinne) Deskription gewonnen"i Dar-
auf die bereits oben genannten Schriften von Pfänder und mir.) Da-
stellung innerpsychischer Strukturzusammenhänge handeln, die" ohne
nach ist die menschliche Persönlichkeit ein psychophysisch-geistiger
Rücksicht auf genetische und kausale psycho-physisch-physiologische Organismus, dessen "Entelechie", "prospektive Energie" das Grund-
Zusammenhänge für sich betrachtet werden sollen.
wesen darstellt, aus dem es sich analog der Entfaltung eines Kaimes
Ich lege dabei das von A. Pfänder-München in seinen psycholo- allmählich entwickelt, in dem die Art seiner generellen, spezifischen
3
gischen Arbeiten ) erstmals aufgestellte Strukturschema der mensch-
und individuellen Wesenheit schon potentiell vorgezeichnet ist, ähulich
lichen Psyche zugrunde, das auch ich in meinen anderen psychologischen wie schon in der Eichel die Eiche 1md kein anderer Baum, in der tierischen •
1
Im Auszug vorgetragen auf der Tagung der südwestdeutschen Psychiater
) Keimzelle ein Tier einer ganz bestimmten Gattung und Art "enthalten"
in Fxeiburg i. Br., am 23. X. 1926. ist. Der Stoff gleichsam, in dem und durch den sich dieses Grund-
2
Vgl. E. Küppers, Der Grundplan des Nervensystems und die Lokalisation
) wesen auszeugt, ist das· "Selbst", in ihm liegen die psychischen Dis-
des Psychischen. Zeitschr. f. d. ges. Neuxol. u. Psychiatrie '.l'!;, H. 1/2; Übex den positionen imd Funktionen, die psychische Fähigkeit etwa des Sehens,
Sitz der Grundstörung bei der Schlzophxenie. Zeitschx. f. d. ges. Neurol. u.
Psychiatrie \l'S, H. 4/6; Weiteres zur Lokalisation des Psychischen. Ebenda S:l; 1)
Über3 den Ursprung und die Bahnen der Willensimpulse. Ebenda 86, H. 3. - Zur Ontologie der sozialen Gemeinschaften. Halle 1923; Zur Phänomeno-
) A. Pfänder, Zur Psychologie der Gesinnungen. I u. II. Halle 1913 u. ' logie der Mystik. Halle 1923 und Zur Psychologie dex sog. Moral Insanity. Japan.-
1916 1md Grundprobleme der Charakterologie, Utitz' Jahrb. d. Charakterologie dtsch. Zeitschx. f. Wissenschaft u. Technik. 3, H. 5. 1925.
Bd. I. 1. Jahrg. 2 ) Vgl. die diesbezüglichen Ausführungen in meiner "Phänomenologie der

Mystik". . .

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G. Walthor: •

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Zur innerpsychischen Strul<tur der Schizophrenie. 59
Hörens, ·Schmeckens, Tastens usw. Auch die den einzelnen· Gebieten '
entStammenden Wahrnehmungen, Erinnerungen, (anschauliche:p) Vor- automatische Verdrängen schwächerer Erlebnisse irgendwelcher Art
• stellungen, die habituellen Erlebnisse 1) usw. liegen im "Selbst". Nur durch stärkere, das es elaneben natürlich auch gibt, .hat A. Pfänder
...
• • · die geistig-seelischen Fühls- und (höheren) Wissensstrahlen und -ströme nac.hgewiesen 1)]. Es kann auch einen willensmäßigen Entsc.hluß in
• •
· brechen aus dem Grundwesen hervor, haben in ihm ihre "Quelle" 2 ), sich aufnehmen, ilm als .habituelles Wollen dem Selbst einprägen und
ihre Richtung auf bestimmte, konkrete Gegenstände der empirischen zur gegebenen Zeit wieder aktualisieren2). Den Inhalt der Wollungen
'Welt, ihre Erfüllung und Befriedigung einerseits, ihre Abstoßung und entnimmt allerdings das Ich auch nicht sich selbst, er wird ihm, wie
Störung andererseits durch Einzelheiten der raumzeitlichen Erfahrungs- auf den anderen Gebieten, teils aus den Strebungen, Gefühlen usw.
welt erhalten sie erst durch das Zusammenwirken mit den verschie- des Selbst dargebracht, teils steigt er aus den Tiefen des Grundwesens
denen Funktionen und Sphären des "Selbst". Das Ichzentrum schließ. in es auf, wie vor allem bei Gewissensregungen und tiefsten ethischen
lieh ist der bewußte-selbstbewußte "Oberaufseher" und Leiter dieser und religiösen Regungen irgendwelcher Art, die aus den letzten Tiefen
Entfalttmg des Grundwesens in dem Selbst und durch das Selbst. der Persönlichkeit als absolut verbindliche Imperative aufsteigen, sei
Es ist der Sitz des nach außen und iunen gewendeten Bewußtseins es auch im Gegensatz zu den perip.hereren Wollui:tgen, Wünschen und
und Selbstbewußtseins. Es bringt einigermaßen Ordnung in das Ge- Strobungon, die in den verschiedenen Teilen des "Selbst" ihren Ur-
triebe. der aus ·dem Bewußtseinshintergrund sich andrängenden Vor- sprung haben. ·Das Ichzentrum scheint nur über eine gewisse, begrenzte

stellungen, Wahrnehmungen, Strebungen, Wünsche usw., indem es ·psychische Wollens- und Erleheuskraft zu verfügen (vgl. darüber ins-

die einen zurückdrängt, die anderen in sich aufnimmt, sie aktualisiert, besondere meine "Phänomenologie der Mystik"), es scheint, als bedürfe
durchlebt. Während ein Teil der Erlebnisregungen in dem Bewußt. •I
• es immer ·wieder zum reibungslosen Funktionieren eines Kraftzustroms
teils aus dem Selbst, teils aus den Tiefen des Grunclwesens. ·. Es ist
seinshintergrund wieder untertaucht, werden andere vom Ich verstärkt
oder auch erst ausgelöst, indem es etwa zur Wiederbelebtmg einer Er-
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nur die "Aufgipfelung", der Regulator des seelischen Gesamtlebens,
innerung in den Teil des Selbst ;,untertaucht", in dem diese liegt, '~ ohne den dieses nicht nach siiillvollen, verstehbaren, logischen, ethischen
oder indem es einem eben auftauchenden, noch bl1ß im Hintergrund

und eventuell metaphysischen Motivationszusammenhängen ablaufen
~
schwimmenden Gedanken nachgeht und ihn nun ganz in sich hinein- • würde uncl ohne dessen willentliches Eingreifen das Gesamtleben sich

nicht den ethisch-metaphysischen Forderungen des Gl')lildwesens ent •
zieht. Das Ichzentrum kann sich so frei bewegen im "Selbst" (inner- 7' sprechend gegenüber den widerstrobenden Wünschen und Strebungen •
halb gewisser Grenzen natürlich), es kann bald einer visuellen ·wahr-
.nehmung nachgehen, bald von sich aus· sich einem theoretischen im Selbst behaupten könnte.
Gedankengebilde zuwenden, bald einem Gehörserlebnis oder einer Soweit die Struktur der menschlichen Persönlichkeit überhaupt,
Tastempfindung sich ganz hingeben und darüber das visuell Wahi :.J:. die, wie gesagt, hier nur knapp skizziert werden konnte, deren aus-
genommene "aus den Augen verlieren". Es.lmnn einem tiefen Schmerz, -führliche Darlegung in oben erwähnten Sc.hrilten nachzulesen wäre.
:!.: Wie steht es nun mit der Schizophrenie ? Als eine Erkrankung
der im Innern des Selbst aufsteigt, sich ganz hingeben, es ka:im ihn
aber auch unterdrücken, ihn nicht aufkommen lassen. Das Ich ist •
welches oder welcher Teile innerhalb der Gesamtstruktur der Persön-
außerdem der Sitz aller rein formalen intellektuellen Funktionen· (der lichkeit ist sie aufzufassen? Oder ist sie vielleicht eine Störung im Zu-
formal-logischen Funktionen im engsten Sinn), des Urteile:its, Sch!ie. sammenwirken verschiedener dieser Teile des Ganzen ?
ßens usw., den materialen Inhalt für diese Urteile, Schlüsse usw. ent- • ' Die Schizophrenie könnte sein eine Störung des Grundwesens,

nimmt es jedoch den ihm aus den ·verschiedenen Sphären des Selbst etwa eine Verkümmerung desselben. Dann würde der von ihr Befallene
zuströmenden Erlebnissen und den aus dem Grundwesen zu ihm auf. • ganz ocler vor allem sich von den Strebungen des Selbst treiben lassen,
steigenden Gefühls- und (geistig-spirituellen) Wissensstrahlen. Ebenso es würden keine ethisch-metaphysischen Regungen in ihm auftauchen,
ist auch das Ichzentrum der Sitz 'der sozusagen formalen, leeren Willens- die seinem Leben gegenüber dem Chaos der in ihm auftauchenden
funktionen, es kann die auftauchenden Vorstelltmgen, Wahrnehmungen, ·Wünsche und Neigungen einen einheitlichen Sinn und Kern verleihen
Gedanken, Strebungen, Gefühle usw. aus eigener Initiative in sich würden, er würde willenlos dahinleben, getrieben von äußeren Ein-
aufnehmen oder zurückdrängen [daß dies etwas anderes ist, als das ' ' -~
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drücken und willkürlichen inneren Impulsen. Ein derartiges Bild, wie sie
• •
1 ...; 1/
1) Zur Psychologie der Gesinnungen. Teilll, S. 66ff.
2
) Vgl. darüber meine "Ontologie der soz. Gemeinschaften", S. 38ff. •
d

2 ) Vgl. u. a. M. Geiger, Fragmente über den Begriff des Unbowußten und die
) Vgl. darüber meine "Phänomenologie der Mystik", S. 83ff.

psychische Realität. Busserls Jahrbuch f. Philosophie usw. Bd. IV.

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Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie. 61
einer Verldlmmerung des Grundwesens entsprechen müßte, würde aber
viel clwr mit dem der Imbezillität, der Hysterie tmd manchen Formen lassen. Bald ·auch scheint es wie herausgelöst aus dem psychischen
der Psychopathie übereinstimmen, als mit dem für die Schizophrenie Gesamtleben, es ist dann wie abgesperrt in sich selbst und scheint
. Charakteristischen.. Ebenso scheint die Schizophrenie auch nicht ein- weder zum·Selbst noch zu dem Grundwesen überhaupt noch in richtigen •
• •

fach nur ein Wuchern oder auch Wegfallen einzelner Teile des Selbst Kontakt'kommen zu können, oder doch nur noch äußerst mangelhaft
darzustellen, etwa ein Aufgehen des Ich in einem einzelnen Wahnsystem, und stoßweise. Bald wieder ist es, als habe es sich in bestimmte Ge-
in dem es ganz lebt, hinter dem alles andere verkümmert und zurück- dankengänge oder Wendungen verkrampft und damit in die Schichten
tritt. Solche Symptome lmmmen zwar bei der Schizophrenie als ak- des Selbst, aus <lenen diese entspringen, so daß es nur noch diese in
zessorische Einzelzüge auch vor, scheinen aber doch im großen und
ganzen mehr die verschiedenen Formen etwa der Paranoia zu charakteri-
f. stereotyper Eintönigkeit aktualisieren und realisieren kann.
Es sei im folgenden versucht, einige der bekanntesten uncl häufig-
, sieren. Auch durch eine Verkümmerung begrenzter, scharf umrissener sten schizophrenen Störungsarten als eigentliche Störungen des Ich-
Sphären oder Funktionen des Selbst (wie etwa der Erinnerung an die zentrums darzustellen und zu verstehen. (Diesen Störungen ähnliche
Jugendzeit), oder der Störung der räumlichen und zeitlichen Orien- äußere Zustandsbilder finden sich allerdings auch bei anderen Geistes-
tierung als solcher usw. scheint die Schizophrenie nicht wesentlich krankheiten, doch fragt es sich, ob sie dann wirklich dieselbe innere
charakterisiert zu sein, wenn auch dgl. unter anderem bei ihr als Sym- Struktur haben und nicht vielleicht nur äußerlich den schizophrenen
ptom häufig auftauchen wird. Dies scheint vielme.hr für die senile •
Störungen gleichen.)
Demenz u. a. viel eher charakteristisch zu sein. Auch eine Verlang. Der lcatatone St?tpw scheint besonders geeignet, sich als Störung
samung oder Beschleunigung des gesamten Erlebnisstromes als solche
1( des Ichzentrums verstehen zu lassen, wenn auch ä?tßerlich ähnliche
scheint viel eher für Manie und Melancholie, als gerade für die Schizo. l Bilder bei anderen Erkrankungen auf andere Weise vorübergehend

phrenie besonders charakteristisch zu sein, wenn auch dies, wie die 1 vorkommen mögen, z. B. bei reinen Erschöpfungspsychosen oder bei
meisten Einzelsymptome, in ihr hin tmd wieder eine größere Rolle '\ starken Depressionen. Hier ist das Ichzentrum wie abgeschnitten
spielen mag. Es bliebe also nur noch übrig, die Sehizophrenie als eine f:. vom gesamten inneren lmd äußeren Erleben, kein Erlebnis, aus welcher
Störung des Ichzentrums aufzufassen. t...

Sphäre des Selbst oder des Grundwesens auch immer, vermag richtig
In der Tat scheint mir die Schizophrenie in all ihren Abarten eben ~ in es einzudringen, von ihm aktualisiert zu werden; die Brücke zur ge-
die Störung ua1:' l~ol~'P des Ichzentrums zu sein und ich wüßte ni?.'.,i,
•••
samten inneren und äußeren Welt scheint abgebrochen zu sein, wohl
was das Gemeinsame an all den so mannigfachen als Schizophrenie mogen Vorstellungen, Wahrnehmungen, Gedanken oder sonstwelche
aufgefaßten Krankheitsbildern sein· sollte, deren Einzelsymptome so Erlebnisse im Bewußtseinshintergrund auftauchen, aber das Ich kann
·sehr voneinander abweichen, wenn nicht eben dies, daß sie alle nur sie nicht eigentlich sich aneignen, kann sie nicht aufnehmen und voll
aus einer Störung des Ichzentrums, einer Erkrankung in ihm selbst durchleben, sie vermögen es nicht, das Ich in sich hineinzuziehen.
· und seiner Stellung in der Gesamtpersönlichl,eit, sich erklären lassen Sie stehen wie Schemen im Hintergrund, wenn sie überhaupt erlebt
können .. (Wie diese Störung des Ichzentrums psycho-physisch kausal werden, das Ich steht wie verlassen im leeren (psychischen) "Raum";
entstanden, wie ihre physiologische Entstehung genetisch zu begreifen in völliger innerer Dunkelheit, es erlaßt allenfalls noch seinen eigenen
' I •
ist, ist eine äußerst wichtige Frage, die aber nicht hierher gehört, da es ··~ Zustand und kämpft krampfhaft gegen ihn an, während es wie in einen
hier ja nur auf clie deskriptive Analyse der innerpsychischen Struktur "dunklen Trichter versinkt" (wie ein Patient es einmal formulierte).
dieser Störungen ankommt.) . · Daß die Störung im Ichzentrum selbst liegt, nicht etwa im Selbst oder
Das Ichzentrum scheint bei der Schizophrenie irgendwie seine einer Sphäre desselben (wie vielleicht in anderen ähnlichen Fällen),
überragende Funktion als sinnvoller Lenker und Leiter der psychischen •..
geht schon daraus hervor, daß die Vorkommnisse, die während des Stupor-
Gesamtpersönlichkeit und ihres Erlebons eingebüßt zu haben. Daher . . ;.;..

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zustandes um den Kranken herum sich ereignen, nachher oft ganz
genau gewußt und erinnernd reproduziert wird, die betreffenden Teile
der Eindruck des Zerfallens, Auseinanderfallens der Persönlichkeit, I . \"


den sie mehr oder minder deutlich fast immer erweckt. Es ist, als werde des Selbst vermögen .also sehr wohl die diesbezüglichen Eindrücke
das Ichzentrum bald von diesem, bald von jenem Teil des Selbst er- aufzunehmen uncl zu bewahren, so daß sie später, wenn die Störung

griffen mid beherrscht, statt sinnvoll nach bestimmten Motivations- beseitigt, die Brücke zum Ich wieder geschlagen ist, wieder richtig
zusammel!hängen bald diesen, bald jenen Teil zu Worte kommen zu reproduziert werden können. Nur werden diese Eindrücke gleichsam
,' "hinter clem Rücken" des Ich aufgenommen, sie gehen in das Selbst,
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62 G. Walther: • Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie.. • 63


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den Bewußtseinshintergrund und das Unterbewußtsein ein, ohne dabei charakterisierten "Weltuntergangserlebnis bei der Schizophrenie"l)
eigentlich das aktuelle Icherleben voll zu passieren, sie gleiten am Ich vor- vorzuliegen, das so · häufig als erstes Symptom der schweren akuten

bei, ohne in es einzugehen, ohne von ihm eigentlich aufgenommen zu Erkrankung auftritt. (Vielleicht liegt hierin eine gewisse Gesetzmäßig-
'"' •

" werden, sie sind wie abgeschnitten von ihm, es kann nicht teilnehmen keit, daß die Absperrung erst einzelne Erlebnisarten und -komponenten
'


an ihnen. Manchmal aber scheint diese Abspernmg so völlig und plötz . ergreift, um dann immer mehr in sich einzubeziehen, bis schließlich •
lieh vor sich zu gehen, daß die Gedanken nicht einmal mehr wie Schemen im Stupor fast das ganze Erleben abgesperrt ist.) Eine Absperrung,
im Hintergrund stehen bleiben, sonelern sie sind einfach weg, der Kon- wenn nicht Verkümmerung oder gar Verkehrung des Werterlebens,
takt mit dem Selbst ist so völlig abgebrochen, daß das Ich längere oder d. h. der Erfassung des ästhetischen, ethischen oder sonstigen Wertes
kürzere Zeit einfach in sich selbst in einer Art Erlebnisdunkel erstarrt der Gegenstände aller Art, scheint vorzuliegen beim Schmieren mit
(vgl. hierzu meine "Phänomenologie der Mystik", S. 75ff), wir hören Stuhl 11sw., das allerdings nicht :für die Schizophrenie allein charakte-
dann von den Patienten die beweglichen Klagen über "Gedanken- ristisch ist. Möglicherweise entstammt hier dasselbe äußere Verhalten
entzug", "Gedankenverstopfung", . das "Abschneiden, Wegrutschen innerlich jeweils verschiedenen Ursachen, das Schmieren mit Stuhl
der Gedanken". usw. könnte z. B. sowohl durch eine Absperrung des Werterlebens
Diese Absperrungen scheinen nun aber manchmal nicht das ganze (vor allem bei· der Schizophrenie), als auch durch Nichta~tSbildung
Erleben zu umfassen, wie beim Stupor, sondern nur einzelne Gebiete, des Wertungsvermögens (bei Imbezillität) oder auch durch Verkehrung
einzelne Erlebnisgattungen oder einzelne Komponenten im normalen des Wertens, schließlich aber auch durch kompliziertere Vorgänge '
Gesamtaufbau bestimmter Erlebnisgattungen. [Es frägt sich dann, (wie z. B. um Ärzte und Pflegepersonal zu ärgern (Hysterie ! ) ] bedingt
ob hier die Störungen nur im Ichzentrum, oder aber in den betreffenden sein. Möglicherweise bedeuten so dieselben äußeren Verhaltungsweisen
Funktionen (wie wohl oft bei der Hysterie), oder .auch in beiden liegen.] im Gesamtzusammenhang eines Krankheitsbildes jeweils etwas ganz
So kann z. B. die ganze Gefühls- tmd Wertsphäre abgesperrt sein, verschiedenes· 11nd sind demnach auch ganz verschieden zu behandeln
während die bloße Wahrnehmung aller Art ll,!ld das auf sie gerichtete und zu bewerten.
Denken völlig intakt ist. Vor allem die innere Einigungl) mit btr~mm­ Im Gegensatz zur Ab&perrung kann sich die Erkrankung des Ich-
ten Gegenständen der Außenwelt oder auch mit der gesamten Außen- zentrums bei der Schizophrenie in anderen Fällen aber auch im ge-
welt scheint häufig vom Ich abgesperrt zu sein, während alles andere raden Gegenteil äußern: .in einer Art Wehrlosigkeit des Ich dem an-
unverändert fortbesteht. (Daß sie innerlich, . .im Selbst, noch da ist, drängenden Erleben gegenüber, dem sogenannten "Gedankendrängen".
und nur das Ichzentrum nicht an sie heran kann, zeigt sich daraus, Es handelt sich hierbei nicht um das ungehemmt sich überstürzende
daß sie bei Remissionen dauernd oder auch nur für.kurze Zeit zwischen- Dahinsprudeln des Erlebnisstromes, wie bei der Manie mit hemmungs-
durch wieder vollständig realisiert und aktuell erlebt werden kann.) Die losem Rededrang, sondern um etwas anderes. Das Ich hat hier völlig
ganze wahrgenommene Welt steht da wie immer, aber sie steht eigen- die auswählende Herrschaft über die auftauchenden Erlebnisse, Ge-
tümlich fremd (obgleich durchaus als "bekannt") da, es ist, als gehöre danken, Vorstellungen usw. verloren, es vermag sie zu keinem Sinn-
das Ich nicht mehr zu ihr, als habe es nichts in ihr zu suchen, auch ganzen mehr zu vereinen (wie er beim manischen Rededrang und der
wenn der Betreffende mechanisch ~einen gewohnten Geschäften in Ideenflucht trotz aller Sprunghaftigkeit meist noch mehr oder weniger
ihr nachge.ht, es ist, "als ginge ihn das alles nichts an", die Menschen wenigstens ansatzweise erhalten bleibt).· Man hat bei diesen schizo-
·bewegen sich und sprechen wie sonst, aber alles ist wie tot, wie leblos phrenen Faseleien, beim schizophrenen "Wortsalat" meist viel weniger
(es mag hier noch eine Störung der Komponente in der Wahrnehmung den Eindruck, daß das aktualisierende Ich dem ungeheuren, sich
anderer Lebewesen hinzukommen, durch die sie eben als Lebewesen überstürzenden Zustrom von Erlebnissen aller Art gleichsam nicht
erlaßt werden, so wenn: eine Kranke klagt, die Menschen seien nur mehr nachkommt und das Sinnlose und Zerfahrene der Erlebnisäuße-
noch wie Automaten, oder alles sei nur scheinlebendig, eigentlich seien rungen darauf zurückzuführen ist (wie bei der manischen Idceuflucht),
alle tot). Solche Absperrungen vor allem des Einigungserlebnisses, sondern es ist hier, als nehme das Ich wahllos alles auf, was ihm gerade
aber auch anderer normaler Komponenten des Erleheus der Außen- aus dem Bewußtseinshintergrund auftaucht, so, wie es eben auftaucht,
welt oder eines Teiles derselben scheinen mir z. B. bei dem von Wetzel , ohne irgendeine sinnvolle Auslese vorzunehmen, jedoch nicht, weil
1
Vgl. über die innere Einigung Pfänder, Zur Psychologie. der Gesinnungen
)
•' die auftauchenden Erlebnisse sich in rasender Flucht überstürzen.
und meine Ontologie der Gemeinschaften. 1) Zcitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie 18, H. 4/5. 1922.
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64 G. Walther: I Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie. 65


(Der von einem Schizophrenen produzierte "Wortsalat" zeichnet sich nuf der verschiedenen Art der Deuttrog der Primärerlebnisse, auf dem Wahn-
durchaus nicht immer durch besondere Schnelligkeit im Hervorbringen system, in dem sie verarbeitet werden, weniger auf jeweils ganz besonderen
aus, er ist sogar oft durch deutliche Lücken und "Leerstellen" unter· Arten von Primärerlebnisseu. Iu der Deutung der "Stimmen" gibt es nun vor
I allem zwei sich schroff gegenüberstehende Richtungen: die einen, darunter vor


• brochon, wie wenn neben dem wahllosen Aufnehmen der Gedanken usw. • allem ein großer Teil der Kranken selbst, aber auch viele äußere Beobachter

aus dem Bewußtseinshintergrund auch hier ein plötzliches Abreißen ' derselben (besonders unter den Oldmltisten) sind geneigt, die Stimmen ausschließ-
und Abgesperrtsein derselben· nebenherginge.) Vielmehr scheint hier lich auf Gedankenübertragung [Telepathie')], mystische Erlebnisse und spiri·
das Ichzentrum selbst die Fähigkeit verloren zu haben, einen Moti- tistische Einwirkungen u. dgl. m. zurückzuführen. Andere, darunter wohl die über·
wiegende Mehrzahl der heutigen Psychiater, sehen in den "Stimmen" nur die
vationszusammenhang zu überblicken, ihn konsequent weiter zu ver- Auswirkungen krankhafter Gehirnvorgänge und ziehen daraus <len Schluß, daß
folgen und auszuspinnen, es vormag nicht mehr in einer bestimmten auch alle telepathischen, mystischen oder okkulten Erlebnisse nur auf diese Weise
. sinnvollen Richtung weiter zu denken, es kann nicht mehr sozusagen zustande kämen. Mir scheinen beide Seiten zu irren und in unberechtigter Weise
von sich aus alles absperren, was nicht in diesen Sinnzusammenhang auf ein fremdes Gebiet überzugreifen. Zweifellos sind die meisten als "Stimmen"
paßt und das Ausspinnen, was ihn weiterführt, es hat vielmehr jeglichen bezeichneten Erlebnisse bei Geisteskranken rein krankhafte Erscheinungen und es
ist durchaus unberechtigt, wenn die Oldmltisten und Mystiker sie auf andere
Überblick über größere Gedankenzusammenhänge verloren, es ver- Weise erldären wollen. Es ist vollständig berechtigt, wellil' die Psychiater clies
mag höchstens einzelne kurze Sätze oder auch nur einzelne Begriffe mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Andererseits aber verfallen die Psychiater
und Worte oder auch nur Fragmente von solchen zusammenhängend m. E. ihrerseits in einen iihnliohen Fehler, wenn sie ohne genaue und eindringliche
sinnvoll aufzufassen, alle Gedanken usw. brechen immer wieder ab, Prüfung der betreffenden Phänomene alle mystischen, okkulten und telepathischen
Erlebnisse einfach mit den krankhaften "Stimmen" und Halluzinationen identi-
es schieben sich Leerstellen dazwischen, die entweder gar nicht, oder fizieren'). Genauere Untersuchungen würden möglicherweise ergeben, daß die
durch sinnlose Spielereien, durch Verbigerieren usw. ausgefüllt worden. mystischen, telepathischen und okkulten ( = parapsychischen) Erlebnisse eine
Daß hier die Störung im Ichzentrum liegb, nicht etwa im Selbst, läßt genau aufweisbare, nur ihnen eigentümliche innerpsychische Struktur haben, die
sich aber daraus schließen, daß diese Funktionen nach Abklingen .l!_er sie von allen anderen Erlebnisarten durchaus unterscheidet und sie jeweils hei
akuten Schübe oder aber nach Remissionen oft plötzlich wieder ga;:z eingehender Untersuchung der Art ihres Erlebtwerdeus eindeutig erkennen und
• von anderen Erlebnisarten abzugrenzen gestattet•). Domgegenüber würden wahr·
normal :funktionieren, sie liegen gleichsam .im Selbst gebrauchsfertig scheinlieh eingehende innerpsychische Deskriptionen der Art, wie "Stimmen" und
da, das Ich kann sich ihrer nur nicht bedienen. andere Halluzinationen Geisteskranker erlebt werden, zeigen, daß es sich hierbei
Ich komme zu einem der verbreitetsten, allerdings keineswegs auf um grundandere Phänomene handelt, die sich ihrem ganzen Aufbau, ihrer ganzen
die Schizophrenien allein beschränkten Symptome der Psychopatho- immanenten psychischen Qualität nach unvel'wcohsolbar von jenen anderen Erleb-
nissen unterscheiden lassen. Beide zu vel'weohselu wäre dann nur bei Mißachtung
logie: den sogenannten "Stimmen". Auch hier wird wahrscheinlich • dieser grunc:llegenden Unterschiede ihrer inneren Struktur möglich. Es kommt ja
eine nähere Erforschung der betreffenden Phänomene ergeben, daß neuerdings auch häufig genug vor, daß Kranke ihre "Stimmen" auf angeblich
es sich dabei um innerlich grundverschieden charakterisierte Erleb- irgendwo im Zimmer versteckte Radioapparate zurückführen, trotzdem wird es
nisse handelt, die nur nach außen eine gewisse Ähnlichkeit haben und niemand einfallen, deshalb das Radiohören überhaupt als krankhafte Sinnestäuschung
von den Kranken infolge ihrer ungenügenden psychologischen Schulung zu bezeichnen. (Nebenbei: Es wäre vielleicht ganz lehrreich, wenn man psycho·
logisch gebildete Kranke, die "Stimmen" hören, einmal Radio hören ließe und
nicht weiter unterschieden werden. Ich maße mir natürlich nicht an, ihnen dabei die Aufgabe stellte, sich möglichst eingehend darüber zu iiußem, ob
irgendwie Erschöpfendes über die Erscheinung der "Stimmen" hier sie ihre "Stimmen" in derseihen Weise hören und wenn nicht, worin der Unterschied
vorzubringen, doch möchte ich immerhin versuchen anzudeuten, in -
1)
Da, wie ich erfahren habe, viele Psychiater bei dem Begriff "Telepathie"
welchen Richtungen eingehende Untersuchungen derselben sich meines sich recht sonderbare Vorstellungen von dessen Bedeutung machen, möchte ich
Erachtens u. a. bewegen müßten. bemerken, daß ich darunter einzig die von Unbefangenen wohl nicht mehr be-
strittene Tatsache verstehe, daß ein Subjekt A. die Gedanken und Gefühle eines
Eho ich au.f die verschiedenen Phänomene, die dem "HörcnH von "Stirnmenu räumlich von ihm getrennten, von ihm in keiner Form äußerlich wahrgenommenen
zugrunde liegen können, näher eingehe, sei mir noch eine Vorbemerktrog über Subjektes B. innerlich unmittelbar erlebt. Mit parapsychischen Bogriffen wie
die Deutung dieser Stimmen gestattet. Man muß bekanntlich bei allen psycho· "Teleplasma" und "Telekinese" hat dies nichts zu tun.
2 ) Ein besonders drastisches Beispiel für diese Art des Vergehens biotot die
pathologischen Symptomen genau unterscheiden zwischen den Primärerlebnisscn,
den nicht weiter zurückflihrbaren krankhaften Grunderlebnissen und dem sich Abhanc:llung von W. Jacobi: "Die Ekstase der alttestamentlichen Propheten"
darauf aufbauenden Versuch, diese Primärerlebnisse zu deuten und zu erldäron, ( Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens 1920, H. 108). Der Verf. dieser Unter-
ganz gloiohgiiltig, ob der erlebende Kranke selbst, oder seine ihn beobachtende suchung scheint auch nicht die geringste Ahnung von der inneren phünorp.onalen
und hohundelnde Umgebung diese Deutung vornimmt. Die größere Mannig- Eigenart mystischer und ekstatischer Erlebnisse zu haben.
3 ) Vgl. meine "Phänomenologie der Mystik", S. fi3ff., l36ff., 16lff.
faltigkeit und individuelle Differenzierung der verschiedenen Fülle beruht sicher ·
Z. !. d. g, Neur. u. l'sych. 108. 5
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Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie. 67
66 G. Walthor:
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machen, warum sich so oft am Anfang einer schizophrenen Erkrankung ans-
zwischen dem Hören der "Stimmen" und dem Hören des Radios innerlich eigent-
lich besteht.) Genau so irrig wäre es aber, die telepathischen, mystischen usw.
l -" gesprochen metaphysische uncl religiöse Erlebnisse zeigen. (Ein Umstancl, auf
• Erlebnisse einfach mit den krankhaften Sinnestäuschungen gleichzusetzen, weil die • clcn schon Jaspers in seiner Monographie über Strindberg uncl van Gogh hingewiesen
• I<ranken sie als solche deuten. Ein .Arzt vertrat mir gegenüber einmal die Ansicht, hat.) Geracle cler weitere Verlauf dieser Erkrankungen zeigt aber nur zu oft, <laß
• • '
daß es unmöglich sei, einen wesentlichen Unterschied zwischen den Primärerlebnissen •• eben d.iese mystischen, religiösen usw. Erlebnisse beim Fortschreiten cler Krank-

der Mystiker usw. einerseits uncl denen der Geisteskranken andererseits aufzuweisen, • heit clerselben Absperrung uncl Inkohärenz verfallen, wie die ancleren Er-

der Unterschied liege nur in dem, was der eine oder der andere aus so einem Erlebnis '
lebnisse auch, <laß die I<rankheit trotzihnen ihren zerstörenclen uncl zersetzenclon •

macht, der Mystiker gründe darauf ein religiöses, sittlich und kulturell hochwertiges Fortgang nimmt. Gerade <las unterschoiclet ja <loch clen Geisteskranken, cler a"ch
Leben, der Geisteskranke verwickle sich im Anschluß daran in ein abstruses einmal mystische, telepathische usw. Erlebnisse hat, von dem ges1mden Mystiker,
' Telepathen usw. Trotz etwaiger mystischer und okkulter Erlebnisse filllt das Ich
Wahnsystem, das ihn immer lobensuntüohtigor, immer asozialer macht. Auch ! ~

diese Auffassung scheint mir nicht haltbar. Wenn wirklich nicht alle Mystiker uncl heim Schizophrenen sohr oft aber auch wieder in sich zurück, meistens ohne wiecler
Telepathen usw. geisteskrank, alle Geisteskranken Mystiker uncl Telepathen usw. mit der "normalen", in der änß~ren Wirklichkeit verankerten Einbettung zu ver- •

sein sollen, je nachclem, von welchem Stanclpunkt aus man sie betrachtet, clann wachsen. - Festzuhalten ist also:
• 1. Es gibt sicher mystische uncl okkulte - echt mystische und okkulte -
muß auch in clen Primärerlebnissen beicler ein grundlegenclor Unterschiecl auf- •

weisbar sein, genau so, wie <las Radiohören vom Stimmenhören innerpsychisch •
Erlebnisse bei clen Schizophrenen, bei ihnen vielleicht sogar besonclers häufig
primär verschieden sein mnß uncl wie man zur Erklärung <los Radios akustische iufolge cler schizophrenen Loslösung clcs Ich; aber anclererseits gibt es auch
uncl physikalische Gesetze zu Rate zieht, zur Erklärung des Stimmenhörans aber schizophrene Loslösungen uncl Absperrungen des loh, ohne daß es bei den Be.
die Erkraulmngen der Psyche uncl die krankhaften psycho-physiologisohon nncl •
treffenden je zu mystischen ocler olckulton Erlebnissen käme.
anatomischen Störungen des Gehirns untersuchen muß. 2. Trotz cler mystischen "Umkehr" haben sehr viele echte Mystiker niemals
' schizophrene Absperrungen und Ichspaltungen durchgemacht. Beides ist also
Sclbstverstäncllioh soll clamit nicht bestritten werclen, <laß (wie die Olckul- ·-j. '
wohl zu unterscheiden.
tisten usw. behaupten) sich nicht a"ch telepathische, mystische uncl okkulte Er-
lebnisse unter den "St.immen" usw. mancher Geisteskranker befinclen mögen, 3. Selbst wenn die mystischen usw. Erlebnisse mancher Schizophrener echt
jeclooh bilden diese dann eben der~n krankhaften Erlebnissen gegenüber ebenso sein mögen, so vorfallen <loch auch diese sohr häufig der Absperrung, genau so, wie
etwas grundverschicclon Ancleres, wie ihre neben den krankhaften ja meist auch ihre sonstigen "normalen" Erlebnisse. Auch daclurch kommt es zu Störungen, clie
noch bestehenclen normalen Erlebnisse der einen ocler ancleren Art auch ot"las clom gesunden Mystiker usw. ganz fremcl sincl, zu Störungen, die trotz vereinzelter

von dem krankhaften Erleben zu Unterschoiclencles~sincl. Wenn es üborha.;t>t echter mystischer usw. Erlebnisse so einschneiclencl sein können, daß die Ent-
solche mystische, tolopathisoho und okkulte Erlebnisse gibt, so müssen, wie bei wicklung einer echten mystischen Persöulichlceit claclurch völlig unmöglich wird.
den anderen Erlebnisarten auch, bestimmte (natürlich nicht räumlich-psychisch Selbst wo <las Ich nicht von den mystischen uncl okkulte.n usw. Erlebnissen
lokalisierbare) Seiten des Selbst zu ihrer Aufnahme besonclors geeignet uncl be- abgesperrt wircl, sonelern im Gegenteil sich vielleicht dauerncl in ihnen verankert,
fähigt sein. Wenn aber eine Störung cles Verhältnisses zwischen dem Ichzentrum wircl doch das I<rankhaftc, wP.nn es sich um einen Schizophrenen handelt, sich
und dem gesamten Selbst uncl Grundwesen uncl clen aus ihnen ihm zuströmenclen darin äußern, <laß solche Mystiker mit schizophreben Störungen ihres Ichs eben
• Erlebnissen besteht, so wircl clicse Störung vor den Teilen cles Selbst, aus clonen •
nicht eine souveräne Synthese zwischen der mystischen (bzw. okkulten usw.)
die mystischen, telepathischen uncl oldmlton Erlebnisse ihm zuströmen, wahr- Sphäre einerseits, clcr äußeren Wirklichkeit andererseits herzustellen vermögen,
soheinlieh nicht Halt machen, es wird von ihnen ebenso abgesperrt sein, wie von wie der gesunclo Mystiker und vor allem <las religiöse Genie, sonelern daß sie ent-
den anderen auch, infolgeclessen wird es solche Erlebnisse, wenn es wirklich welche weder haltlos uncl willkürlich zwischen beiclen Sphären hin und her pendeln, oder
hat, .nur in krankhafter Weise aufnehmen und verarbeiten können, wie bei allen •
aber sich in den der äußeren Wirklichkeit abgewanclten Sphären so ganz uncl
anclcrcn Erlebnisarten auch. .Selbst wenn also ein Geisteskranker solche tele- ausschließlich autistisch verankern, daß sie in der Außenwelt kein geregeltes,
pathische, mystische und okkulte Erlebnisse hat, werden sie nicht eiufach einen sclbstäncliges Dasein mehr zu führen vermögen. Es fohlt ihnen eben <las über-
Teil seiner I<rankhoit bilden, sonelern sie worden vielmehr ebenso, wie clie sog. georclnete Ich, <las die Erlebnisse aus clen verschiedenon Sphären zu einer höheren
normalen (im Gegensatz zu clen sog. "parapsychischen") Erlebnisse durch die Einheit zu vorbinclen und jecler das Ihre zu geben vermag.
Krankheit in ihrem sinngemäßen Ablauf hehinclert, an der ihrem Sinn entsprechen- Zusammenfassencl kann man also wohl sagen: das I<rankhafte an clen mysti.
clen Einorclnung in <las psychische Gesamtgeschehen verhindert worden. Eine sehen uncl okkulten Erlebnissen Schizophrener liegt nicht darin, <laß sie überhaupt
Vorstärkung oder Bekräftigung clurch krankhafte "Stimmen" ocler dgl. können Zugang haben zu cliesen Sphären, sonelern darin, daß sie die Erlebnisse aus diesen
sie ihrem ihnen eigenen Sinn gemäß ebensowenig erfahren, wie <las sonstige "nor- Sphären nicht einzureihen, nicht mit ihrem Leben in der äußeren Wirklichkeit
male" Seelenleben. zu einem einheitlichen Ganzen verarbeiten l<önnen, so daß beides unverbundon
Man könnte allerclings annehmen, daß clurch die Absperrung des Ich von den neheneinancler steht, statt sich synthetisch zu ergänzen.
Teilen cles Selbst, aus dem ihm gewöhnlich seine alltäglichen Lebenserfahrungen Wohl muß auch der Mystiker in cler "Umkehr" sich aus clor letzten Ver-
zuströmen, es clen Erlebnissen aus den mystischen, okkulten und telepathischen wurzelung seines Lebenssinnes in irgcncleiner äußerlichen Sphäre clcs Selbst heraus-
Schichten cles Selbst eher ermöglicht wircl, an <las Ichzentrum heran uncl in es lösen, um sich dauerncl ganz nur mit allen tiefsten Fasern' seines Seins im göttlichen
hinein zu kommen, woran sie fiir gewöhnlich durch die viel stärkoren Erlebnisse Urgruncl zu verankern. Doch ist dies eben etwas ganz ancleres, als die schizophrene
aus clen anderen Teilen des Selbst verhinclert werden mögen. Eine clorartige Auf- Absperrungcles Ich von den verschiecloncn Teilencles Selbst, clenn trotzder mystischen
fas.sung scheint allerclings nicht ganz unberechtigt und sie wiircle auch verständlich Umkehr strömen ja <lern Mystiker clic Erlebnisregungen aus dem übrigen Selbst

5*


68 G. Walther:
Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie.
69
unvermindert zu, der Sinn seiner Abkehr liegt nur darin, daß rliese Regungen
von einer anderen, höheren Warte aus geprüft und daraufhin in das Ich aufgenom- nur ganz nebenbei im Bewußtseinshintergruncl, während das Ich mit
.'

men oder aber von ihm verworfen werden. seiner vollen Aufmerksamkeit ganz anderen Dingen zugewandt isb. ..''"' .-
...

• • Ich komme zu meinem eigentlichen Thema zurüclt, nämlich zu Es scheint nun in manchen Fällen so zu sein, als dringe die schizo- •

den "Stimmen" der Geisteskranken, die diese selbst so oft als mystische phrene Spaltung nicht nur in die Beziehung zwischen Ich und Selbst

oder okkulte Eingebungen deuten. Es muß sich dabei doch wohl noch ein, so daß dieses als Ganzes vom Selbst abgesperrt wird oder nur

um etwas anderes handeln, als bei den "göttlichen Befehlen" der
Mysten, den telepathischen Mitteilungen und den spiritistischen
II noch ruckweise Zuströme von ihm erhält, sondern die Spaltung scheint
hier gleichsam noch weiter vorzudringen in das Ich selbst, so daß es
I
"Eingebungen aus einer anderen Welt" wenn es wirklich welche gibt. i sich gleichsam in sich zersplittert, sich nicht mehr in einem einzigen
Die große Schwierigkeit bei der Untersuchtmg der "Stimmen" Aufmerksamkeitsstrahl einem bestimmten Gegenstand zuwendet, son-
liegt wohl vor allem darin, daß die Kranken, wenn sie uns schon über- elern vielmehr seine Aufmerltaamkeit, seine Tätigkeit des aktuellen
haupt etwas darüber aussagen, allenfalls noch etwas über den Inl!alt Durchlebens sozusagen in mehrere Brennptmkte auseinanderfällt,
der Stimmen zu berichten wissen, über das, was sie ihnen sagen, daß so daß es gleichzeitig mehrere Erlebnisse aktualisiert, die nun mehr
sie aber meist völlig versagen, wenn sie genau angeben sollen, wie sie oder weniger gleichwertig nebeneinander stehen, ohne dabei von der
diese Stimmen hören, ob und wie sich das Stimmenhören vom ge- übergreifenden Einheit des Ich erlebnismäßig oder sinnvoll zusammen-
wöhnlichen Hören unterscheidet. Manche sprechen von einem "Laut- geschlossen zu werden (wie dies der Fall ist, wenn das Ich im normalen
werden der Gedanken", nicht von einem eigentlichen Hören, viele von Seelenleben schnell von einem Gegenstand zum andern überspringt ohne
einem "inneren" im Gegensatz zum "äußeren" Hören. Soweit ich deshalb die innere Einheit des Erlebons und des Ichgefühls zu verlieren).
mir nun aus den Berichten von Kranken zu vergegenwärtigen suchte, Hierdurch werden dann die Erlebnisse im Hintergrund immer mit ak-
um was es sich bei ihnen eigentlich handeln könnte, scheinen mir tualisiert, viel intensiver erlebt und beachtet, als ihnen an sich zukäme.
beim Stimmenhören u. a. folgende untereinander verschiedene Stö- Sie gewinnen dadurch ein eigenes Leben, werden zu einer Art von
rungen vorliegen zu können. (Daneben ma8 es noch mannigfaö\ e zweitem Bewußtsein im Bewußtsein und so die Quelle vieler krank-
andere krankhafte Störungen, die ein Stimmenhören verursachen hafter Störungen.
können, geben. Es soll sich im folgenden durchaus nur um Hinweise Bei manchen Kranken ist es so, als würden alle Bewußtseinsregungen,
auf einige der vorhandenen Möglichkeiten handeln, durchaus nicht clie im Hintergrund auftauchen, dort schon aktualisiert und dann noch
um erschöpfende und abschließende Darstellungen.) einmal, wenn sie in den eigentlichen Brennpunkt ihres Ichzentrums
Schon im normalen Seelenleben ist das nach außen gerichtete Er- und seiner Aufmerksamkeit eingehen. Die Kranken klagen dann darüber,
leben meist von einem mehr oder weniger vagen Innesein seiner Selbst daß ihnen alle Gedanken, noch "ehe sie sie eigentlich selbst denlmn oder
und des eigenen Erlebens, Ttms und Handeins "nebenwirlilich" 1 ) be- aussprechen innerlich vorgesprochen, vorgedacht werden". Es ist,
gleitet. Dieses dunkle Innesein seiner Selbst tritt allerdings meist fast als könnten sie "selbst" gar nichts mehr tun und denken, alles wird
ganz in den Hintergrund des Bewußtseinslebens zurück, immerhin ist ihnen innerlich vorgesagt, und sie können dann nur noch das solcher-
es gewöhnlich, wenn auch noch so blaß, vorhanden. Wenn ich etwa maßen innerlich Vorgedachte wiederholen. (Der Charakter des Zwangs-
einen nach beiden Seiten steil abfallenden Felsengrat erklommen habe mäßigen ist hier wohl meist noch dadurch verstärkt, daß das Ichzen-
und eine vor mir liegende Lauelsehaft betrachte, so "weiß" ich, trotz- trum hier die Fähigkeit zum selbsttätigen Zurückdrängen und Her-
dem ich ganz dem Anblick der Landschaft zugewandt bin, im Hinter- vorholen von Gedanken und Erlebnisregungen eingebüßt hat.)
grund, daß ich mich auf dem Grat befinde und mich nicht unvorsichtig In anderen Fällen ist es, als wären es vor allem oder nur die Ge-
bewegen darf, wenn ich nicht in den Abgrund stürzen will, der zu beiden danken des eigenen reflexiven Inneseins seiner selbst, die im Hinter-
Seiten des Grates gähnt. Ebenso kommt mir vielleicht, wenn ich etwa grund mitaktualisiert werden, so daß sie aus ihrer sonstigen Neben-
beim Eingießen von Tee diesen etwas daneben schütte so nebenbei wirklichkeit in eine Art selbständiges Bewußtseinsleben im übrigen
im Hintergrund der Gedanke: "was bist du doch für ein ungeschickter Bewußtseinsleben hineingelangen. Wir hören dann von den betreffen-
Kerl", oder "Ungeschick läßt grüßen"! Doch vollzieht sich das alles den Kranken, daß ihre Stimmen ihnen ständig innerlich zuflüstern:
jetzt tut er das, jetzt dies, jetzt geht er ans Fenster, jetzt setzt er sich
1)Über das "Nebenwirkliche" usw. im Psychischen vgl. A. Pfänder, Zur auf den Stuhl, jetzt nimmt er den Löffel und fängt an zu essen usw.
Psychologie der Gesinnungen. Teil II, S. l9ff. •
Diese sinnlosen Konstatierungen von allem, was sie tun und sagen,

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"lt'·' . Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie. 71


~''.' 70 G. Walther:

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die ihr ganzes Tun und Lassen begleiten, bringt die Kranken oft fast (als Stimmen aus der Umgebung, als Äußerungen eines versteckten
' · zur Verzweiflung. Radioapparates usw.), dann aber auch, weil sie immer viel mehr auf
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In wieder anderen Fällen ist es, als gewännen nur besonders starke den Inhalt dieser Erlebnisse (z. B. auf das, was ihnen die Stimmen
• '

· Regungen, die plötzlich aus irgendeinem Teil des Selbst auftauchen sagen), als auf die Art ihres Erlebtwerdens achten, schließlich aber,
. und die im normalen Seelenleben durch eine Art Vorkontrolle des weil sie viel zu wenig psychologisch geschult sind, um die erlebnis- '

Ich gar nicht über die Schwelle des Bewußtseins gelangen würden, mäßigen [die "noetischen" im Sinne Busserls (gegenüber den "noe-
dieses "Vor"leben im Bewußtseinshintergrund, als würden sie dabei matischen")] Eigentümlichkeiten der leibhaftigen Wahrnehmungen
außerdem so intensiviert, daß sie gleichsam widerhallen im Bewußt- einerseits, ihrer sogenannten Sinnestäuschungen andererseits eindeutig
sein und fast hineindröhnen in das im Bewußtseinsvordergrund dahin· zu erfassen und zu schildern, geschweige denn, beide miteinander zu
fließende Seelenleben. Hierher gehören wohl auch diejenigen "Stimmen", vergleichen. Auch viele Psychiater achten meist viel zu wenig auf
die den Kranken fast überlaut (aber, so weit sich eruieren läßt, doch derartige in eingehender innerer Deskription herauszuarbeitende
immer nur "im Innern") etwas zurufen, gewöhnlich unvorherge- Unterschiede.
• Neben dem Aktuellwerden von Gedanken usw., die sonst nur
sehene Befehle oder auch beschimpfende oder drohende Inhalte. Hier
handelt es sich wohl schon mehr um wirkliche Gehörsvorstellungen, "nebenwirklich" als Regungen im Bewußtseinshintergrund auftauchen,
die solchermaßen eine Art Eigenleben gewinnen, nicht nur um bloße gibt es aber auch noch andere Erlebnisse krankhafter Art, bei denen
Gedanken. [Ähnlich wie etwa auch im normalen Seelenleben akustisch die Kranken von ihren "Stimmen" sprechen und sich auch mit diesen
veranlagte Menschen sich die Stimme anderer so lebhaft zu vergegen- unterhalten. Doch handelt es sich hier, streng genommen, um von
wärtigen vermögen, als ob sie dieselbe jetzt Ieibhaft hörten aller- obigen grundverschiedene Erscheinungen und es fragt sich, ob man dabei
clings doch immer ohne den ureigenen Charakter leibhaftiger, ursprüng- noch von eigentlich schizophrenen Störungen sprechen darf, wenn
licher, jetzt erlebter Gehörs- (oder anderer) Wahrnehmungen erreichen wirklich die Schizophrenien nur bei jenen krankhaften Erscheinungen
zu können.) Ob diese Stimmen jemals wirklieb ganz den vorliegen, die durch Spaltungen im Ichzentrum oder Störungen seines
'

ursprünglicher Gehörswahrnehmungen erreichen können, oder ob Kontaktes mit dem Selbst und seinen verschiedenen Schichten zu
nicht doch immer nur auf der Stufe von allerdings äußerst lebhaften, erklären sind. Ich meine hier jene Absperrungen von ganzen psycltischen
vom Erlebenden mit Wahrnehmungen verwechselten Vorstellungen Komplexen im Selbst, die dann plötzlich zu wuchern beginnen und das
stehenbleiben, kann hier nicht· entschieden werden. (Dasselbe gilt na- Ich ganz oder periodisch in sich hineinziehen, so daß es dann noch ein
türlich auch für Gesichts- und andere Halluzinationen.) Ein Kranker zweites, von dem normalen völlig getrenntes, neben diesem herlaufendes
behauptete, seine Stimmen seien "so laut, daß sie auf einer Grammo- oder dieses periodisch unterbrechendes Leben führt. Diese Fälle von
phonplatte aufgenommen werden könnten, sie könnten demnach un- Persönlichlwitsspaltung sind jedenfalls nicht auf die Schizophrenien
. möglich Täuschungen sein", er bezog sie denn auch immer auf andere beschränl,t, noch häufiger sincl sie wohl bei der Hysterie, auch bei der
Menschen in seiner Umgebung, oder, wenn niemand in seiner Nähe Paranoia spielen sie wohl eine hervorragende Rolle, bei der Schizo-
war, auf andere Menschen im Nebenzimmer oder in den unter oder phrenie kommen sie vor allem bei der Dementia paranoides vor. Sie •
über ihm befindlichen Räumen. Trotzdem aber gab derselbe Kranke bieten ein besonders dankbares Objekt für die Psychoanalyse und
zu, er höre sie nur "innerlich" allerdings ohne sie deshalb für minder hypnotische Therapie. Sie sind zweifellos meist als Erkrankungen cles
real zu halten und ohne deshalb aufzuhören, sie Personen seiner Um- Selbst, Wucherungen im Selbst, nicht als Störungen im Ichzentrum
gebung zuzuschreiben. Ob diese Stimmen und Halluzinationen wirklich als solchem aufzufassen. Zut Unterscheidung von den obenerwähnten
den msprünglichen, leibhaftigen Wahrnehmungen der gleichen Art Fällen, möchte ich an einem von Morton Princel) in geradezu klassischer
völlig entsprechen, ob sie sich völlig mit ihnen decken, kann wohl nut Weise analysierten Fall kurz aufweisen, um was es sich hierbei wohl
jemand entscheiden, der solche Halluzinationen neben originären Wahr- handelt (alles Unwesentliche lasse ich dabei weg).
nehmungen erlebt hat und der psychologisch genügend geschult ist, Die Kranke von Morton Prince war ein junges Mädchen, das früher
um'hier bis in die minituösesten Feinheiten hinein alle etwaigen Unter- in sehr guten Verhältnissen gelebt hatte und sich zur Sängerin aus-
schiede deskriptiv zu analysieren. Auch hier müssen die meisten bilden wollte, durch den Verlust ihres Vermögens wurde sie jedoch


Kranken in ihren Selbstschilderungen versagen, einmal, weil sie von 1) Vgl. Morton Prince, An Experimental Study on the Mechanism of Hallu-
vornherein diese Erlebnisse in einer bestimmten Richtung deuten cinations. Brit. journ. of psychol., mcd. selection 2, part. 3.

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72 G. Walther: Zur innerpsychischen Strul<tur der Schizophrenie. /~-- 73


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gezwungen, diese Laufbahn aufzugeben und einen Brotberuf zu er- • Hofe eines spanischen Königs im Mittelalter gewesen und in denen

greifen. Sie ertrug auch diesen Schlag zunächst mit Mut und Gefaßt- sie sich ihr damaliges Leben in absichtlichen, willkürlichen Phantaste-
• heit und ging gewissenhaft ihren neuen Pflichten nach. Plötzlich reien möglichst genau in vielen Einzelheiten ausmalte. Diesen Phan-
w




jedoch stellten sich bei ihr merkwürdige Zustände ein, in denen sie tasien entstammte auch das Jugendbild als Juliana mit offenem Haar,
• sich und ihre Umgebung vollkommen vergaß, vorgab, die Reinkar- •
dessen Erinnerungsbild von dieser Schicht der eigentlichen Juliana-

nation einer Tänzerin zu sein, die am Hofe eines mittelalterlichen Sc.hicht und von dieser als Ganzes dem Vordergrundsbewußtsein weiter-
spanischen Königs gelebt hatte. In diesen Zeiten sprach sie manchmal eine gegeben wurde. Ähnlich verhielt es sich mit dem Briefe. Er war von
andere Sprache, angeblich das Spanisch der damaligen Zeit. Zwischen- dieser Schicht in einer Art übermütigen Laune verfaßt worden, gleich-
durch kam sie wieder zu ihrem normalen Bewu.ßtsein zurück, verfiel sam um zu sehen, wie weit sie gehen könnte, vor allem der Schluß-
aber immer wieder in Zustände, in denen sie nur noch von der spanischen satz "dies ist wahrhaftig eine echte Geisterbotsc.haft" entsprang dieser
Tänzerin wußte und ihr ganzes übriges Sein vergessen hatte. Einmal übermütigen Laune. Die Kranke zeigte sich in der Hypnose in dieser
schrieb sie plötzlich einen Brief, der ihr wie von einer inneren Stimme Schicht fast beschämt darüber, daß es ihr wirklich gelungen sei, sich
diktiert wurde und der sich selbst als "echte Geisterbotschaft" der selbst in ihrem Vordergrundsbewußtsein (1md vielleicht auch andere)
verstorbenen reinkamierten Spanierin "Juliana" ausgab. Ebenso sah soweit zu täuschen, daß sie wirklich hieran glaubte. Durch Vergegen-
sie plötzlich in deutlicher Vorstellung innerlich ein Bild von sich als wärtiglmg dieser in der Hypnose aufgedeckten Zusammenhänge im
Juliana mit offenen Haaren, wie sie als einfaches spanisches Mäd- wachen Bewußtsein gelang es dann, die Kranke vollständig zu heilen,
chen gewesen war, ehe sie an den Hof des Königs kam. f!".ese Vor- die Erinnerung an ihre früheren Tagträumereien auch in ihrem wachen
stellung war so deutlich, daß sie sie abzeichnen konnte. (Eift'e Repro- Vordergrundsbewußtsein wieder zu erwecken und sie damit endg.ültig
duktion ist dem betreffenden Aufsatz von Morton Prince beigefügt.) von ihren tranceartigen Zuständen als "reinkamierte spanische Tän-
Es lag hier also eine vollkommene Spaltung in zwei verschiedene Per- zerin J uliana" zu befreien.
sönlichkeiten vor, clie außer durch clie angebliche Reinkarnation durch -
Auo.h .hier haben wir also eine ganz ausgesprochene Persönlichkeits-
nichts miteinander verbunden waren. In ihren. normalen Zeiten hatte spaltung vor uns, eine Spaltung in zwei einander fast ganz fremd
die Patientin allerdings eine gewisse Erinnerung an ihre Rückfälle gegenüberstehende Persönlichkeiten, die nur durch die Fiktion einer
in die "präexistente" Juliana-Persönlichkeit, als Juliana dagegen Reinkarnation ganz oberflächlich miteinander verbunden sind. Diese
wußte sie nichts von ihrem sonstigen normalen Sein. In mehreren Spaltung (wohl hysterischer Art ?) ist jedoch grundwesentlich ver-
hypnotischen Sitzungen drang nnn Morton Prince in die verschiedenen schieden von den obengeschilderten schizophrenen Spaltungen im Ich-
Schichten des Selbst der Kranken ein, in denen die Juliana-Persön- zentrum. Hier ist nicht das Ichzentrum in sich selbst gespalten,
lichkeit verankert war. Zunächst drang er in die Schicht ein, aus der auch sein Kontakt mit dem ganzen Selbst ist nicht im Sinne einer
heraus clie Kranke als "Juliana" lebte, sie fühlte sich hier "durch und Absperrung oder eines plötzlichen ruckweisen Ab.reißens und Wieder-
durch spanisch", sprach wie von einer Tatsache von ihrem Leben einsetzens gestört, sondern die Abspaltung hat sich hier gleichsam
am Hofe des spanischen Königs und konnte sogar eine genaue Schilde- "unter" dem Ichzentrum, weit "hinter" ihm in den tieferen Unter-
rung einer Vorstellung geben, bei der sie vor dem König getanzt hatte. gründen des Selbst vollzogen. Das, was sich abgespaltet .hat, ist eine
Auf clie Frage, ob der Brief und das Bild hier in clieser Schicht des Erinnerung, jedoch nicht eine Erinner1mg an ein früheres reales Er-

Selbst entworfen resp. entstanden seien, wurde dem Fragenden mit- lebnis, das mm als "früher, zu der und der Zeit Gewesenes, jetzt wieder
geteilt, daß beide aus einer iwch tieferen Schicht des Unterbemlßt- Erinnertes" abermals ins Bewußtsein tritt, sondern es ist die Erinnerung
seins schon als :fertiges Ganzes in cliese Schicht aufgetaucht seien und an ein :früher in willkürlichen Wachträumereien ausgebildetes umfang-
von ihr einfach an das Vordergrundsbewußtsein weitergegeben worden reiches Phantasiegebäude. Und zwar ist diese Erinnerung dabei noch
waren. J.Wwton Prince suchte nun in der Hypnose in diese tiefere Schicht mit einer Fälschung behaftet: dieses Phantasiegebilde tritt nicht ins
weiter vorzudringen, was ihm auch gelang. Dabei stellte sich nun Bewußtsein mit dem Kennzeichen "Erinnerung an ein in früheren
folgendes heraus: in ihrer Jugend, als sie noch in günstigen Verhält- Wachträumen gesponnenes Phantasiegebilde", sondern es gibt sich
nissen lebte, hatte die Kranke sich oft phantastischen Wachträume- aus als Erinnerung an ein früher wirklich Gewesenes, früher (nämlich
reien hingegeben, in denen es ihr vor allem eine Art spielerisches Ver- in einer früheren Existenz) wirklich Erlebtes. Mit dieser Fälschung
gnügen ·bereitete, sich vorzustellen, sie sei einmal eine Tänzerin am behaftet beginnt nun diese Erinnerung an frühere Wachträumereien

I •
...... - - •

G. Walther: Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie. 75


74
in· den Untergründen des Selbst zu wuchern (warum, gehört nicht in ordnung vorher verhindert wurde, nämlich die Unterschlagung der
..

diese Untersuchung, es ist offenbar eine deutliche "Flucht in die Psy- : Ii



Charakteristik des ganzen Komplexes als" Wiedererinnerung an frühere
• chose" angesichts der traurigen Wirklichkeit nach dem Vermögens- I' Wachträumereien", wurden aber nicht vom Ichzentrum im wachen
•• I Vordergrundsbewußtsein vollzogen, sondern sie wurden schon im Selbst
' •

• verlust), bis sich ein in sich geschlossenes Ganzes, eine neue Pseudo- ..'
• ' ohne sein Zutun ausgebildet, das Ich wurde sozusagen hierdurch gerade-
persönlichkeit gebildet hat, die sich nun durch Ergreifung des Ichzen- ,.•

trums zu aktualisieren sucht, was ihr auch gelingt. Diese neue Per- zu vom Selbst betrogen und hintergangen, die eigentliche Störung liegt
sönlichkeit bleibt auch nicht bei einer bloßen Wiederholung der früher also hier, wie gesagt, deutlich im Selbst, nicht im Ichzentrum.
' Derartige Wucherungen im "Selbst" scheinen also prinzipiell ver-
in den Wachträumereien vollzogenen Phantasien stehen, sondern es 'li • schieden zu sein von den schizophrenen Erkrankungen (den Spal-
bilden sich auf ihrer Grundlage noch neue Erlebnisse und Urteile,
die dem Ich als fertiges Ganzes zugehen und von ihm kritiklos einfach
' tungen und Absperrungen) des Ichzentrums, andererseits aber ist es
hingenommen und aktuell durchlebt werden (so die Deutung des Ganzen klar, daß derartige Wucherungen sich eines kranken, seiner nicht
als Wiedererinnerung an eine frühere Inkarnation derselben Seele, mehr "mächtigen" Ichzentrums natürlich viel leichter bemächtigen
so vor allem die Neubildung des Briefes mit de~usatz "dies ist wahr· können, als eines "gesunden" Ichzentrums; das mag ihr häufiges Vor-
haftig eine echte Geisterbotschaft"). Diese g~nze Wucherung mit kommen bei der Schizophrenie erklären.
ihren Neubildungen wird vollständig "hinter dem Rücken des Ich" Eine gewisse Schwierigkeit in der Ausdeutung dieses von illorton
im Unterbewußtsein, in jenem Teil des Selbst, in dem die· Erinnerungen Prince geschilderten Falles liegt allerdings darin, daß es sich . dabei
lagern, vollzogen, plötzlich steht sie ihm als fertiges Ganzes gegenüber nicht um immanente (phänomenologische) Analysen handelt, sondern
und zieht es in sich hinein. Von einer Spaltung des Ich, nicht des Selbst, um eine Analyse sozusagen "von außen", vom beobachtenden Arzt,
ist hier also, wie gesagt, gar nicht die Rede. Eine Absperrung des Ich nicht aber von dem diese Spaltung erlebenden Ich selbst aus (das
liegt hier dagegen insofern vor, als es vollständig ip die neue Pseudo- in diesem Falle wohl auch nicht zu derartigen Analysen imstande ge-
persönlichkeit hineingezogen ist, zeitweise so ~ganz in ihr lebt, daß es wesen wäre). Man könnte einwenden, das Ich habe hier doch irgendwie
von seinem sonstigen normalen Sein gar nichts mehr weiß. Doch kommt mit dem Juliana-Komplex mindestens "geliebäugelt", es sei, wenn
es ja auch normalerweise vor, daß das Ich plötzlich so ganz von irgend- auch nur ganz nebenwirklich, am Enstehen der Spaltung beteiligt
einem Erlebnis ergriffen wird, daß es vorübergehend wenigstens - gewesen, habe sich auch von sich aus mit hineingesteigert (wie in den
sein ganzes sonstiges Sein und Dasein vergißt. Allerdings vermag weiter unten noch zu untersuchenden Fällen). Da hier nur die be-
es dann doch immer wieder auch von sich aus in die anderen treffende Kranlre selbst durch immanente phänomenologische Analysen
Sphären des Selbst zu gelangen und das Gleichgewicht zwischen seinen ihres eigenen Erleheus in der damaligen Zeit diese Frage endgültig
verschiedenen Schichten herzustellen. Diese Fähigkeit scheint es hier beantworten könnte, wird sie wohl, jedenfalls für diesen Fall, nie ganz
eingebüßt zu haben, da die Wucherung (der Juliana-Komplex) völlig geklärt werden. Jedoch kann ich aus meinem Bekanntenkreis einen

unvermittelt und fast uneinfügbar neben dem übrigen Selbst, der Fall von AbspeiTung, Nachwirkung und Wiederauftauchen eines Kom-
''
'
I normalen Persönlichkeit, mit seinem normalen Erleben steht. Doch plexes anführen, der vielleicht einiges Licht auf diese Dinge von
innen gesehen werfen -kann. Allerdings handelt es sich in diesem
,,I ist auch dies gleichsam die "Schuld" des Selbst, nicht des Ichzentrums '

als solchem, vor allem dadurch, daß der Juliana-Komplex nicht als Fall wohl nicht um etwas Krankhaftes, es kam dabei überhaupt nicht
"Erinnerung an frühere, zu der und der Zeit vollzogene Wachträume- zu eigentlichen pathologischen Störungen. Es handelt sich dabei um
reien", sondern als "Rückerinnerung an eine frühere Inkarnation" folgendes :
auftaucht. Daß die Störung nicht eigentlich im Ich, sondern im Selbst Ein junges Mildehen L. G. hörte im Alter von etwa 16-17 Jahren in einem
• liegt, geht auch daraus hervor, daß das loh die Fähigkeit besitzt, den Gespräch die (übrigens unrichtige) Bemerkung fallen, ihre Mutter sei "nicht normal,
Juliana-Komplex wieder der normalen Gesamtpersönlichkeit einzu- sei melancholisch gewesen". Da sie nicht recht wußte, was das ist, sah sie in
ordnen, ihn an die ihm gebührende Stelle als Erinnerung an frühere Meyers Konversationslexikon nach und fand dort eine kurze Schilderung der
Lebenseinstellung der Melancholiker ( Schwernehmen des Lebens, Mißtrauen usw. ),
Wachträumereien zurückzuweisen, sobald die in der Hypnose aufge- die mit der Bemerkung schloß: Melancholie_ sei erblich. Dieser Satz flößte ihr
deckten Zusammenhänge auch ins wache Vordergrundsbewußtsein einen außerordentlichen Schrecken ein, denn sie glaubte daraus entnehmen zu
übergeführt werden und daß die Wucherung damit ein für allemal müssen, sie sei nun selbst auch prädestiniert dazu, melancholisch, also geisteskrank,
ihre störende Macht verloren hat. Die Momente, durch die diese Ein- zu werden. Kurz darauf las sie Gottfried Kellers "Landvogt von Greifcnsee", in


76 G. Walther: Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie. 77
dem bekanntlich in der Erzählung vom "Hanswurste!" ein junges Mädchen ge· Sache zu erinnern sucht, oder über der Lösung einer quälenden Schicksalsfrage
schildert wird, das als Tochter einer geisteskranken Mutter aus Furcht vor der grübelt), während ihr Iohzentrum sozusagen im Inneren der Gefühlsquelle in der
erblichen Belastung nicht heiraten will und dies auch durchsetzt, obwohl es selbst Herzgrube "saß". Das hatte etwas schmerzliches, quälendes an sich, aber sie
nie psychisch erkrankt. Dadurch kam das Mädchen L. G. auf den Gedanken, beschloß, nicht eher in die sie sonst beschäftigende Alltagswirklichkeit zurück-
• •
es dürfe gleichfalls nie heiraten. Es beschloß also, sich ganz seinen Wissenschaft• zukehren, als bis sie der Sache auf den Grund gekommen sei. Plötzlich hatte
Iichen Interessen zu widmen, Männern gegenüber eine rein kameradschaftlich- sie das Gefühl eines fast physischen Schmerzes, bei dem etwas anfzuspringen,
neutrale Haltung einzunehmen und alles zu vermeiden, was auch nur den geringsten sich loszulösen schien, und nun erinnerte sie sich auf einmal jenes längst
Anlaß dazu geben könnte, daß ein Mann sich in es verliebe. Es führte diese Haltung vergessenen Gespräches über ihre Mutter, sah fast die verhängnisvollen Worte
auch mit eiserner Konsequenz durch, so·~ sie schließlich zu einer ganz gewohn- im Kon~rsationslexikon vor sich und erinnerte sich auch deutlich an die
heitsmäßigen Einstellung wurde. Sprecheu konnte es über diese Dinge aber mit Lektüre von Kellers "Landvogt von Grcifensee" uud die Konsequenzen, die sie
niemand. Etwa l-2 Jahre nachdem sie diese Bemerkung über ihre Mutter gehört damals daraus gezogen hatte. Sie durchlebte das aJlcs gleichsam noch einmal
und sie eigentlich auch nie wirklich vergessen hatte, sprach L. G. doch mit einer mit der damaligen Gefiihlsbetonung und zog es nun mit sich sozusagen aus der
älteren Freundin darüber, die gleichfalls aus einer belasteten Familie stammte Herzgrube hinauf ins wache, klare, kritische Vordergrundsbewußtsein. Hier er-
und doch geheiratet hatte. Diese beruhigte sie und sagte ihr, etwas sei "erblich" innerte sie sich, daß ja die Frage ihrer erblichen Belastung für sie berits geklärt
bedeute ja nur eine Möglichkeit, aber nicht eine unentrinnbare Notwendigkeit sei, daß sie ihren beunruhigenden Charakter verloren hatte und somit konsequenter-
für die Nachkommen, auch so zu werden. L. G. wurde dadurch über diese Frage weise auch deren Folge (die Furcht vor Verehelichung und Kindern, die sie sich an
beruhigt, sie glaubte sich nicht mehr zur Melancholie prädestiniert, diese Be- sich wünschte, wie sie sehr wohl wußte) erledigt sein müsse. Jenes lähmende,
fürchtung lag nicht mehr wie ein ständiger Alpdruck auf ihrem ganzen Leben dunkle Hemmungsgefühl vorschwand damit auch mit der Zeit fast völlig. Zwar
und sie vergaß die Sache schließlich ganz. Die als Konsequenz dieser Bofüroh· tauchte es auch nach jener "Autopsychoanalyse" später in entsprechenden
tungon seinerzeit bewußt eingenommene Haltung zur Frage der Ehe und ihrer Situationen noch manchmal auf, wenn auch bedeutend schwächer, doch sagte sich
Stellung zum anderen Geschlecht revidierte sie jedoch nicht gleichzeitig und zwar L. G. dann jedesmal "aha, das ist ja ,das', das ist ja strenggenommen schon er-
mehr aus Zufall: sie war damals ganz in wissenschaftlichen Interessen unter· ledigt, ist ein Gespenst aus früheren Zeiten, das seine Daseinsberechtigung durch
getaucht, erblickte darin das eigentliche Ziel ihres Lebens und fühlte sich bei Aufdeclmng seines Ursprungs ganz verloren hat", und damit verging es schließ.
der lmmeradschaftlich-neutralen Einstellung den Männern gegenüber, die ihr lieh auch wie Nebel in der Sonne um allmählich überhaupt nicht mehr wieder·
inzwischen zu einer zweiten Natur geworden war, durchaus wohl, so daß sie gar zukommen.
nicht das Bedürfnis hatte, sie zu ändern. Als L. G. 23 Jahre alt war, also etwa Derartige Wiederbolebungen "verdrängter" Komplexe und damit
6 Jahre nach jenem Gespräch, in dem ihre Muttor als melancholisch bezeichnet
verbundene Beseitigung der von ihnen verursachten Hemmungen
worden war, wurde sie von einer starken Neigung zu einem jungen Mann ergriffen, •

und immer, wenn sie im Begriff war, in dieser Neigung über das rein freundschaft. sind ja etwas ganz Alltägliches in der Psychoanalyse, man kaun sie
lieh-kameradschaftliche hinauszugehen, stieg etwas wie ein dunkles, Jähmondes in der psychoanalytischen Literatur dutzendweise finden, allerdings
Entsetzen aus der Gefühlsquelle in ihrer Herzgrube') auf, etwas, das sie nicht sind sie dort so gut wie immer von dem Analysator, nicht von dem
erklären konnte und das sie immer wieder zu einer roin kameradschaftlich-neutralen Analysanden dargestellt, wie ja auch in dem obenerwähnten Fall
Haltung jenem jungen Mann gegenüber veranlaßte. Sie konnte sich dies duni<lc,
lähmende Etwas nicht deuten, das bei solchen Gelegenheiten, und auch sonst, von Morton Prince. Wichtig scheint mir nun für unsere Probleme,
wenn sie an die Möglichkeit einer Ehe dachte, immer aus ihrem dunklen Inneren wie sich eine derartige Verschüttung eines Komplexes und sein wieder
heraufstieg. Da es sie quälte und störte, beschloß sie aber, der Sache auf den Bewußtwerden von innen gesehen darstellt, wie dies im obigen,
Grund zu gehen, auch wenn es quälend sein sollte. Sie vergegenwärtigte sich durch keinerlei fremde Hilfe beeinflußten Beispiel von Autoanalyse
deshalb die Fälle, bei denen dieses hemmende Gefühl aufstieg, und bemerkte,
daß es immer bei dem Gedanl<en an Ehe und Kinder - und zwar nur inbezug auf
der Fall ist. Hier hat sich der Komplex ursprünglich allerdings unter
sie selbst - auftrat. Sie stellte sich nun möglichst lebhaft vor, wie es sein würde, iVIitwirkung des Ich im Vordergrundsbewußtsein gebildet (wie ja
wenn sie heiraten und Kinder haben würde und "lauschte" dabei gleichsam nach auch im Julianafall), die Konsequenzen, die daraus gezogen wurden
innen in der innerseelischen "Richtung" in der Herzgegend, aus der jenes dunlde und die darauf sich aufbauende willentliche Einstellung waren vom Ich·
Entsetzen aufzusteigen pflegte, das sich jetzt auch wieder bemerkbar machte zentrum bewußt vollzogen und gebilligt worden. Dann jedoch sanken
bei ihren lebhaften Vorstellungen von Ehe usw. Es strömte wie aus einem nicht
mehr aufzuhellenden inneren Dunkel hervor, sie versenkte sich immer mehr in es, sie ins Selbst (ins "Unterbewußtsein") zurück, wie wohl alle habi-
ließ sich gleichsam in es bis auf seinen Grund hineinziehen, um seinen inneren tuellen Erlebnissel). Diese Willensrichtung regelte mm nur noch durch
Ursprung zu finden. Hier kam L. G. nun gleichsam an einen festen, inneren Entsendung eines dunklen, lähmenden Hemmungsgefühls die Er.
"Verschluß", vergleichbar einem verschütteten Brunneu, über dem es zwar feucht Iebnisse und Handlungen im Vordergrundsbewußtsein, mtr dieses Ge-
ist, aus dem aber das Wasser trotz aller Mühe nicht )dar und unbehindert hervor·
sprudeln kann. In dieses Dunkel bohrte sie nun mit bewußter, absichtlicher An·
fühl drang bis zum Ich vor und wurde von ihm aufgenommen, nicht
strengung innerlich hinein (ähnlich etwa, wie wenn man sich mit aller Mühe einer 1
)Über das Habituelle vgl. u. a. meine ,,Ontologie d. soz. Gemeinschaften",
1) Vgl. meine "Phänomenologie der Mystik", S. 97ff. s. 38 ff.
78 G. Walthcr: Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie. 79

aber die ins Unterbewußtsein versunkene Willensrichtung und ihre Be- lieber davon". Hier ist zwar jener Komplex abgesperrt und vielleicht
''
gründung selbst. Dies ging sogar soweit, daß diese Willensrichtung ' alles, was damit zusammenhängt, aber doch nicht der ganze Erlebnis-
I'
. und ihre automatische Regelung eines Teiles des Vordergrundserlebens l', ' strom, der dem Ichzentrum aus dem Bewußtseinshintergrund zu-
••
· unvermindert fortbestand, nachdem der Komplex, als dessen Konse- ·, strömt, es kann ruhig in einem anderen Teil desselben ganz ungehindert
quenz sie ursprünglich entstanden war (die Furcht vor erblicher Be- fortleben, während jener Komplex vielleicht dauernd oder doch sehr
lastung), bereits im Vordergrundsbewußtsein widerlegt und erledigt war. lange Zeit abgesperrt bleibt. Bei der oben geschilderten typischen
Trotzdem also der ganze Komplex mitsamt der seinerzeit aus. ibm ge- schizophrenen Absperrung des Ichzentrums ist dagegen der ganze
folgerten Konsequenzen ursprünglich vom Ich vollbewußt erlebt worden Erlebnisstrom plötzlich wie unmittelbar hinter dem Ich abgesperrt,
war, lebte ein Teil desselben jetzt noch in den Tiefen des Selbst fort und es komrot überhaupt nicht mehr oder nur ruckweise in Kontakt mit
griff hemmend in das Gesamterleben ein, bis mit großer Mühe der dem Erlebnisstrom (nicht nur einem Teil desselben) und es ist wie
Zusammenhang jener Eingriffe mit dem bereits erledigten, sie be- herausgelöst aus der ganzen normalen Einbettung des Selbst, während
gründenden übrigen Komplex aufgedeckt wurde durch Erinnerung bei jener Verschüttung eines Komplexes nur clieser abgesperrt ist in
an ihre Entstehungsweise und dadurch auch ihnen die Daseinsberech- der "Gefühlsquelle" in der Herzgrube, wobei aber das Ichzentrum
tigung und das Dasein entzogen wurde. Vor dieser Reduktion aber seine Freibeweglichkeit im übrigen Selbst durchaus nicht eingebüßt
war dem Ich immer nur jenes automatisch auftauchende dunkle hat (eben mit Ausnahme jener einen "Stelle", an der der Komplex
Hemmungsgefühl gegeben, das ganz ohne sein Zutun unter gewissen "liegt"), und der Erlebnisstrom, soweit er aus anderen Teilen des Selbst
Umständen auftauchte und dessen Ursprung ihm völlig "entfallen" hervorgeht, ihm völlig ungemindert zuströmen kann. Natürlich kommen
war bis zu einem solchen Grade, daß es ihn sich nur "unter Schmer- bei der Schizophrenie solche Absperrungen von Komplexen a~tclt,
zen" wieder vergegenwärtigen konnte, da er tief unter ibm in den vielleicht sogar, wie schon gesagt, besonders häufig vor, doch sind sie
Gründen des Selbst "verschüttet" war. von der typisch schizophrenen Absperrtrog des lchzentrums, dem
Auf Grund der Kenntnis dieses Falles dürfen wir vielleicht an- schizophrenen "Gedankenentzug" oder "-wegrutschen" meines Er-
nehmen, daß es sich in dem Juliana-Fall von MQ'f'ton Prince wie oben achtens doch eben wesentlich verschieden. Es scheint mir wichtig,
angenommen wirklich um etwas .Ähnliches handelte, wenn auch nur diesen Unterschied im Auge zu behalten, da der Psychoanalytiker
die betreffende Patientin selbst dies restlos bestätigen könnte. Zur Ab- C. G. J~cng 1 ) bekanntlich die schizophrene Absperrung des Ich, das
grenzung derartiger Fälle von der schizophrenen "Absperrung" des Ich- Gedankenabreißen, den Gedankenentzug u. dgl. eben gerade durch
zentrums scheint es mir nun wichtig festzuhalten, daß die Absperrung jene Absperrung von Komplexen erklären will. Auch er gibt aller-
clieser Komplexe gleichsam viel tiefer liegt, als beim "Gedankenentzug". dings zu, daß bei der Schizophrenie außerdem noch eine andere
Diese Komplexe sind durch eine mitunter auftauchende Gefühlsregung Störung vorliegen muß, die sich auf diese Weise nicht erklären läßt.
(in obigem Falle die dunkle, lähmende Hemmung) mit dem Ichzentrum Etwas komplizierter liegen die Dinge nun in anderen Fällen, in
verbunden, und erst deren Quelle in der Tiefe des Selbst (der Kom- denen zwar auch eine Wucherung des Selbst vorliegt, das Ich aber
plex oder ein Teil desselben) ist "verschüttet", das Ichzentrum kann frei- gewissermaßen von vornherein und andauernd "mitwuchert", wenn
beweglich in dem Hemmungsgefühl bis zu dieser "Stelle" hinuntersteigen man so sagen darf. (Auch diese Fälle scheinen mir allerdings mehr
und steht erst dann vor einer Art verschlossenen inneren Tür, hinter zur Hysterie als zur Schizophrenie zu gehören und zu jener höchstens
der es aber etwas ahnt, zu dem es eventuell vorzudringen sucht. Und akzessorisch hinzuzukommen.) Es sind dies jene Fälle, in denen die
auch wenn es nicht vorzudringen sucht, sondern sich wieder dem Kranken von gewissen Erlebnissen einfach nicht wegkommen, sie gleich-
Vordergrundsbewußtsein zuwendet (wie ja oft auch im normalen Leben sam innerlich ständig "wiederkauen", znm Teil allerdings unter Produ-
beim Erzählen von schmerzlichen oder peinlichen Erinnerungen), so zierung von Weiterbildungen und wahnhaften Umdeutungen. Hier-
hat es doch das Gefühl, "halt, das tut mir weh, ich weiß zwar nicht her scheint mir z. B. der von Bornstein2) mitgeteilte Fall eines jungen
recht was es ist, aber ich will es nicht wecken", oder aber: "ich weiß Mädchens zu gehören, das vom Vater und Bruder am Wiedersehen
wohl, wa.s es ist, es ist das und das, aber ich will nicht darüber sprechen, mit seinem Geliebten, der es besuchen wollte, verhindert wurde, nach-

es ist zu schmerzlich" oder "ich kann nicht darüber sprechen, es ist,
1) C. G. Jung, Über die Psychologie der Dementia praecox. Halle 1907.
als schnürte sich etwas in meinem Inneren zu", als "zöge sich mein ') Bornstein, Über einen eigenartigen Typus der psychischen Spaltung (Fall 2).
Herz zusammen", als "versagte mir tlie Stimme, drum schweige ich Zeitschr. f. d. ges. Neuro!. u. Psychiatrie 36.

L I

• •

80 G. Walther: Zur innorpsyohisohon Struktur der Schizophrenie. 81


'
dem es gezwungen worden war, die Verlobung mit ihm aufzuheben. wenn sie iufolge eines stark entwickelten akustischen Gedächtnisses
Es lebte nun jahrelang in der wahnhaften Vorstellung, resp. Erwartung, sich dabei ganz von selbst Stimme und Tonfall vergegenwärtigen,
• der Geliebte sei auf dem Wege zu ihm, sei irgendwo versteckt (auch in mit denen die anderen sich auf diese Weise äußern würden oder ge-
•• •

der Anstalt), allerdings möglicherweise verkleidet, und es könne jeder- äußert haben). Die Kranken wühlen sich hier geradezu auch von sich
zeit plötzlich irgendwo auf ihn stoßen, jederzeit könne er plötzlich aus, d. h. vom Ichzentrum aus, in diese Dinge hinein, das loh tut auch
zu der einen oder anderen Tür hereinkommen, es müsse ihn nur suchen. von sich aus mit und gerät schlie.ßlich so tief hinein, daß es, selbst wenn
Das ganze Verhalten der Kranken war bei Tag und Nacht einzig durch es will, nicht mehr heraus kommt von sich aus. Auch hier können die
diese Erwartung bestimmt. Hier entsteht offenbar nicht, wie in den Kranken schließlich von "Stimmen" und Stimmenhören sprechen,
beiden vorhergehenden Fällen, vor allem bei dem Juliana-Komplex, mit denen sie sich innerlich auseinandersetzen. .Äußerlich mögen solche
eine Art psychischer "Fremdkörper" im Selbst, der das Ichzentrum Zustände von den oben geschilderten Arten des Stimmenhörans auch
auf einmal in sich hineinzieht, sondern ein wirkliches Erlebnis, das gar nicht ohne weiteres zu unterscheiden sein, obwohl es sich innerlich
durchaus sinnvoll und kontinuierlich mit dem bisherigen normalen wieder um ein grundanderes Phänomen handelt. Denn hier ist das
Gesamterleben verbunden ist, türmt sich hier gleichsam plötzlich zu Ich ja nicht einfach von aus der Nebenwirklichkeit andrängenden
einem unüberwindlichen Hindernis auf, über den das weitere Erleben "vor"aktualisierten Erlebnisregungen wehrlos befallen, es ist auch nicht
nicht mehr hinwegströmen kann. Diese "Stauung", über die es nicht gewaltsam von einem ohne sein Zutun wuchernden Komplex im Selbst
hinwegkommt, ergreift sowohl den aus dem Selbst hervorquellenden ergriffen worden, sondern es hat sich in einem zunächst vielleicht die
Erlebnisstrom als auch das in ihm (nicht wie in anderen Fällen neben Grenzen des Normalen kaum überschreitenden Erlebnis so verrannt,
ibm, von ihm abgesperrte) "schwimmende" Ichzentrum. Die Abspaltung daß es daraus nicht mehr zurückfindet zur vollen Wirklichkeit und
'tollzieht sich hier nicht "unter" oder "neben" dem Ich, auch nicht inneren Ausgeglichenheit.
in ihm, sondern die Einheit des in das Selbst eingebetteten Ich und Bei all diesen verschiedenen Erlebnisarten aber kommt es zu
der ihm aus dem Selbst . (und Grundwesen) zuströmenden Erlebnis-
~
einer eigentümlichen Verquickung der inneren Vorgänge mit der
regungen stockt plötzlich in ihrem Weiterleben, macht Halt vor diesem Realität. Nur bei den oben charakterisierten Zuständen der Absperrung
die Stauung verursachenden Erlebnis und kreist innerlich dauernd des Ich vom Selbst besteht meist auch eine mehr ·oder minder
um es herum, bis die Störung behoben ist. Hierzu genügt auch nicht vollständige Absperrung von der umgebenden Außenwelt, wenigstens
eigentlich ein Losreißen des Ich aus der Wuchenmg und ein "Zurecht- im Bewußtseinsvordergrund, da ja das Ich, wie von allen Erlebnis-
rücken" derselben an die ihr eigentlich zukommende Stelle wie bei regtmgen, so auch von denjenigen abgesperrt ist, die ihm clie lebendige
dem Juliana-Komplex. Allerdings muß das Ich sich über diese Stauung Berührung, den kontinuierlichen Kontakt mit der Umwelt vermitteln.
hinwegsetzen, sich aus der "Umklammerung" durch das auslösende Bei der vorzeitigen Aktualisierung der Nebenwirklichkeit und der
Erlebnis frei machen, um sich innerlich darüber erheben zu können, Hintergrundsregungen werden diese dagegen meist in irgendeiner Form
dann .jedoch muß es sich irgendwie (geistig) auseinandersetzen mit in die Umweltswirklichkeit hineinverwoben (die "laut" werdenden Ge-
dem die Stauung auslösenden Erlebnis, um wirklich ganz fertig zu danken werden als Stimmen der Umgebung gedeutet und auch wenn
werden damit. Solange es aber noch darin steckt, arbeitet es sozusagen die Erlebnisse selbst als im Innern des Selbst sich vollziehend aufgefaßt
selbst produktiv mit an der Ausbildung des Komplexes, indem es werden, so wird doch zumindest ihre Verursachung in der Umwelt,
sich immer wieder die einzelnen (hier wirklich geschehenen) Ereig· nicht durch Vorgänge in der innerpsychischen Sphäre gedeutet ( die
nisse vergegenwärtigt und sie immer wieder und wieder von allen Gedanken werden durch andere, eventuell telepathisch; "abgezogen";
Seiten beleuchtet und deutet und mißdeutet. Manchmal werden auch die Stimmen werden durch versteckte Radioapparate verursacht

die realen Erlebnisse in der Phantasie weitergeführt, manche Kranke usw. ). Nur in den seltensten Fällen gelingt es ja, die Krankentrotz
setzen sich andauernd in fiktiven Gesprächen innerlich (oder auch Fortbesteheus solcher krankhaften Störungen dazu zu bringen, die-
laut) mit anderen Personen auseinander, sei es nun, daß sie hierbei selben als krankhafte Vorkommnisse im Innern ihres Selbst aufzufassen,
an die Erinnertmg von früher wirklich geführten Gesprächen anknüpfen, die man zwar nicht beseitigen l'ann, die aber weiter keine Beachtung
oder daß sie sie frei erfinden. Sie vertiefen sich hier so in die fingierte verdienen (so wenig, wie die bei Übermüdung gelegentlich auftretenden
oder erinnerte Situation, daß sie die Personen, mit denen sie sich aus- Trübungen des Augenwassers, die sich als schwarze Punkte und Fäser-
einandersetzen, innerlich oft tatsächlich zu hören vermeinen (besonders chen im Sehfeld bemerkbar machen und die vor allem in keinerlei
Z. f. d. g. Neur. u. Psycb. 108.
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82 G. Walther: Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie. 83


kausalen oder sonstigen Zusammenhang mit den Vorgängen in der aber nicht mit einer gewissen inneren" Schwüle", einem Gefühl der inneren
Realität gebracht werden dürfen). Manchmal sind die Kranken aller- Überhitzung verwechselt werden, der allerdings sehr oft gleichzeitig mit •

• •
dings so in ihre inneren Erlebnisse hineingezogen, daß sie die reale dem Phänomen des inneren Engwerdens auftritt. Es gibt auch Zu- •

• Außenwelt vollkommen aus dem Auge verlieren oder doch nur ganz stände, in denen alles Erleben plötzlich wie in eine kalte innere Starre,
"
kurz in wenigen "lichten Momenten" ihrer inne werden, wenn sie nicht, eine eisige innere Kälte getaucht ist, auch hier kann aber alles wie in die
- • •
wie in dem Juliana-Fall, streckenweise nur in dem Komplex leben, Enge des Selbst gebannt sein. Das, was ich hiermit weine, läßt sich eigent- · •

um dann wieder zeitweise "ganz normal" zu sein. In anderen Fällen lieh kaum definieren, da es sich um ein Urphänomen handelt, am ehesten

'
I
wieder werden zwar die eigene Person und die Personen der Umgebung kann man es sich an der Art klarmachen, wie man sich selbst innerlich
.. völlig falsch gedeutet (bei allen Arten der Verkennung), abet die primi- fühlt bei einem starken, vielleicht allzu starken Affekt, der ja oft nahe
'
tiveren Beziehungen zur Umwelt, die eigentlichen sinnlichen Wahr- ans Pathologische grenzt, nur daß diese innere Einengung bei den Kran-
• nehmungen derselben scheinen trotzdem daneben intakt zu sein, sie ken noch stärker und vor allem ein fast ununterbrochener (wenigstens
'·/
••• • • werden nur eben falsch gedeutet, in ein falsches System verwoben. solange die Krankheit währt) Dauerzustand zu sein scheint, der aller-
• (Die sinnliche Wahrnehmung, etwa der visuelle Eindruck eines Kranken- dings von kurzen normalen Zeiträumen unterbrochen sein mag. [In
zimmers und der darin befindlichen Personen, wird sicher bei vielen dieser inneren Verengerung (die allerdings nicht mit dem normalen
Kranken genau mit dem visuellen Eindruck übereinstimmen, den etwa "engen Horizont", normaler "innerer Enge" von "engherzigen" Men-
ein Normaler von dem allen hat (in manchen Fällen mag es allerdings schen verwechselt werden darf) scheint mir auch eines der wesent-
auch anders sein), trotzdem faßt der Kranke das Zimmer vielleicht lichen Merkmale zu liegen, durch die sich alle lcrankhaften Erlebnisse
als Gemach in einem Schloß, die anderen Personen als Fürsten und von allen echten mystischen Erlebnissen unterscheiden, die im Gegen-
deren Bedienstete auf). In wieder anderen Fällen leben die Kranken satz zu dieser Verengerung (wie schon die Hl. Therese beobachtete)
offenbar· in zwei Welten, sie gleiten aber ständig zwischen der ge- direkt gekennzeichnet sind durch eine unendliche innere Erweiterungl)].
wöhnlichen Welt, wie sie sich auch dem Normalen bietet und ihrer Wenn ein Geisteskranker religiös-mystische Erlebnisse hat, die sich
inneren Welt, oder auch der innerlich umgedeüteten normalen Welt innerhalb dieser inneren Verengerung abspielen, so darf man ziemlich
hin und her, in der normalen Welt stehend "schielt" das Ich sozu- sicher sein, daß sie nicht echt sind, wenn er aber Erlebnisse hat, die •
sagen gleichzeitig innerlich nach der krankhaften Welt, deren es immer durch diese unendliche innere Ausweitung charakterisiert sind, so
gleichzeitig inne ist und umgekehrt. (Dies ist die sogenannte "doppelte darf man ziemlich sicher annehmen, daß mindestens diese Erlebnisse
Buchführung" der Schizophrenen~) echt mystisch-religiöser Natur sind, mögen die Betreffenden auch sonst
Innerlich scheint jedes Leben in krankhaften Sphären immer ge- außerdem wirklich geisteskrank sein.
kennzeichnet zu sein, durch ein Moment, das man als "Verengerung"
..Ahnlieh verhält es sich wohl mit dem, was Pfänder als das "innere
der inneren Erlebnissphäre bezeichnen könnte. Ich meine hiermit Licht" 2) einer Persönlichkeit bezeichnet. Auch dies scheint, besonders
nicht die von dem äußeren Beobachter, vielleicht auch vom Kranken bei schweren Störungen, immer in charakteristischer Weise modifiziert
selbst festgestellte Verengerung der Interessen, Urteilsfähigkeit usw. zu sein. Wahrscheinlich entsprechen allen ausgeprägten psychischen
des Kranken, seine zunehmende Egozentrizität. Dies alles ist vielmehr Erkrankungen auch ganz bestimmte, typische Veränderungen des
eine Folge seiner krv.nkhaften Erlebnisse, nicht aber ein "Quale", inneren Lichtes.
das ihrer inneren phänomenalen Gegebenheit von vornherein anhaftet. Auch das, was Pfänder die innere Spannung, den inneren Tonus
Schon im normalen Seelenleben kann der geübte Beobachter dieses des psychischen Subjektes nennt3), ist, wie er übrigens schon selbst
innere Engwerden an sich beobachten in Fällen, wo er z. B. plötzlich andeutet, beiden verschiedenen Geisteskrankheiten wohl jeweils charakte-
vori einem starken, sehr subjektiven Affekt gepackt wird, etwa einem ristisch modifiziert. Bei der Schizophrenie wird es sich dabei vor allem
sinnlosen Zorn. Hier ist es, als wäre ·der innerpsychische "Raum" um die Spannung zwischen dem Ichzentrum auf der einen Seite, dem
plötzlich verengt, in dem das Ich lebt, zugleich ist es dabei oft, als werde Selbst und Grundwesen auf der anderen Seite handeln, dann aber auch
alles innerlich wie erfüllt von einem Dunst und als würden alle Er- um die Spannung im Ichzentrum selbst; als Folge der Veränderung
lebnisse wie aus diesem "Dtmstkreis'.' des Selbst heraus gestaltet, 1) Vgl. meine "Phänomenologie der Mystik", S. 137, 162, Anm.
während das Ich sonst gleichsam frei und unbeengt nach allen Seiten 2) Grundprobleme der Charakterologie, S. 333ff.
hin in die Wirklichkeit hinein"blicken" kann. Dieser Dunstkreis darf 3) Grundprobleme der Charakterologie, S. 329ff.
6*

.,
84 G. Walther: Zur innerpsychischen Struktur der Schizophrenie. 85
der Spannung zwischen Ichzentrum lmd Selbst wird wohl auch die Kranke suchen wie ratlos innen oder außen einen Halt, etwas, woran
Spannung zwischen dem Ichzentrum und der Außenwelt häufig modi- sie sich klammern können, oft suchen sie sich durch intensives Beten
• fiziert sein. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Schizophrenie in zu retten, das sie dann, aber meist nur für kurze Zeit, beruhigt. Andere
' ' allen Fällen immer um eine, mitunter fast bis zur Unerträglichkeit ge- scheinen sich zu bemühen, sich selbst innerlich zu entspannen, zu
steigerte Spannung') (schon Jaspers hat in seiner Monographie über lösen, ruhig und behutsam das Ich in die Einbettung des Selbst zurück-
Strindber(J und van Gogh kurz hierauf hingewiesen, allerdings ohne gleiten zu lassen in eine Art traum- und gedankenlosen Halbschlaf,
sich in nähere Untersuchungen einzulassen), seltener, wenn überhaupt, jedoch gelingt dies nicht immer. Andere wieder klammern sich
um eine anormale Herabsetzung der Spannung. Die Spannung zwischen krampfhaft an irgendein Erlebnis, eine Wahrnehmung, eine Unter-
Ichzentrum und Selbst scheint bis aufs äußerste gesteigert zu sein, haltung. Die Absperrung scheint oft, aber doch nicht immer und
sie scheint mit dem unerträglichen, aufs höchste beängstigenden Ge- notwendig, von diesen furchtbaren Spannungen begleitet zu sein. Sie
fühl verbunden zu sein, als müsse der innere Zusammenhang zwischen gehören offenbar zu den unangenehmsten und quälendsten Symptomen
Ichzentrum und Selbst jederzeit zerreißen, als müsse der ganze inner- der Schizophrenie und es würde zweifellos eine große Erleichterung für
psychische Bereich plötzlich auseinanderfallen, ein Zustand, der im die Kranken bedeuten, wenn es gelänge, sie irgendwie zu beseitigen
'
I
Moment des "Entzugs", der "Verstopfung", des "Wegrutschens" der
I oder doch einzudämmen, sei es durch Zuspruch, oder, wo dieser nicht
I
'
Gedanken tatsäeblich bis zu einem gewissen Grade vorzuliegen scheint. mehr ausreicht, durch Einspritzungen.
'
I' Das Ich scheint hier ständig in Gefahr zu schweben, aus der Einbettung, Ich bin damit an das Ende meiner Ausführungen gelangt. Ich
der Verankerung im Selbst herausgeschleudert zu werden und gleich- hoffe gezeigt zu haben, daß auf Grund derartiger phänomenologischer
'' sam in den leeren, dunklen (psychischen) "Raum" zu stürzen2).
''
uncl innerpsychologischer Analysen ein großer Teil der charakteristi-
I Auch die Mystiker reden von etwas Ähnlichem aiB einer Art Vorstufe oder schen, primären Symptome der Schizophrenie sich· auf Störungen
'I Einleitung der mystischen Ekstase, doch handelt es sich hierbei offenbar um etwas des Ichzentrums und seines Zusammenwirkens mit Selbst und Grund-
I anderes. Ein wesentlicher Unterschied scheint auch hier wieder in dem Moment
I
der inneren Ausweitung einerseits (beim MystikeJ:I, der inneren Verengerung wesen zurückführen lassen. Natürlich handelt es sich hier nur um einen
'
' andererseits (beim Schizophrenen) zu liegen. Der Mystiker ist auch wie boraus- Anfang zur Erfassung aller die Schizophrenie konstituierenden Stö-
'
' gelöst nus dem gewöhnlichen Eingesenktsein in Selbst, Grundwesen und Außen- rungen. Eine andere Art von schizophrenen Störungen, wie z. B. die
'
welt, auch sein Ich steht wie allein im Weltraum, aber eben im Weltraum, im mannigfachen leiblichen Mißempfindungen (das "Elektrisiertwerden",
'
j unendlich weiten, kosmischen Raum, der es wie von allen Seiten zu umströmen
"Sandrieseln" usw.) lassen sich wahrscheinlich überhaupt nicht auf
• scheint, in den es gleichsam innerlich hincintastet, so daß es seine Unendlichkeit
"Eühlen" kann. Es steht hier auch im Dunkel (wenigstens ehe es vom göttlichen diese Weise durch Störungen im Ichzentrum erklären. Ebenso gewinnt
"Licht" in der unio mystica durchströmt wird), aber es ist das unendlich reiche man, je mehr man sich damit befaßt, immer mehr den Eindruck, daß
'
Dunkel der Gottheit, gleichsam ein lichtgeschwängertes Dunkel, in und hinter diejenigen Symptome der Schizophrenie, die sich weder durch Ab-
dem man das göttliche Licht ahnt und fühlt. Ganz anders das Dunkel des Schizo- sperrungen des Ich, noch durch krankhafte körperliche Vorgänge
" phrenen; es ist eng und kalt und schauerlich, nichts von unendlichem Kosmos,
nichts von lichtgeschwängertem Dunkel ist darin zu finden (außer es handelt erklären lassen, also vor allem die Komplexe und die aus ihnen hervor-
sich eben um ein mystisches Erlebnis bei einem Schizophrenen, siehe oben S. 46 f.). gehenden Halluzinationen, Symbole usw., eben doch nur durch die
Es ist bei dieser schizophrenen Spannung, als müsse der gesamte Er- psycho-analytische Methode im weitesten Sinne gründlich erforscht
lebnisstrom innerlich erstarren und dann auseinandergesprengt werden. werden können. Es müssen eben auch hier, wie überall, die verschie-
Eine ähnliche Spannung scheint außerdem auch noch manchmal das denen Methoden und Forschungsrichtungen, jede von ihrer Seite an-
Ichzentrum selbst zu erfassen, also nicht nur seine Vorbindung mit fangend, zusammen arbeiten, um zu einem letztlich befriedigenden
dem Selbst. Es ist, als sei das Ich selbst mit Sprengstoff innerlich Resultat gelangen zu können.
geladen, der jeden Augenblick explodieren und es selbst in tausend
Splitter auseinanderreißen kann. Dieses Spannungsgefühl scheint
eine fast sinnlose Angst auszulösen bei dem davon Betroffenen, solche
1
Auch in den künstlerischen Erzeugnissen Geistesh:ranker äußert sich wohl
)
bei den Schizophrenen diese Spannung besonders häufig als eigenartiges Charak-
teristicum (so vor allem bei van Gouh).
2
) Vgl. meine "Phänomenologie der Mystik", S. 75ff.

'