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I japanisch-Deutsche Zeitschrift fiir Wissenschaft und Tuhnik.

ZUR PSYCHOLOGIE DER SOGENAN'N TEN


"MORAL INSANITY"
von
Dr. GERDA WALTHER. .
Die Verfasserio gehört zu den jungphänomenologen Münchener Richtung. Sie ist
Spezialschülerin des Münchener phänomenologischen Psychologen Prof. A. Pfänder .und
Geheimrat Husserls in Freiburg i. Br. Sie hat reine Philosophie, Psychologie, Soziologie
und Nationalökonomie studiert, außer in München und Freiburg auch in Heidelberg (bei
Geh. Rickert und Prof. jaspers). Im Frühjahr 1921 promovierte sie in München mit einer
Dissertation "Zur Ontologie der sozialen Gemeinschaften" (abgedruckt in Band VI von
Husserls Jahrbuch). Außerdem erschien von ihr ein "ausführliches Sachregister .zu Husserls
Ideen zu einer reinen Phänomenologie" . und ein Buch "Zur Phänomenologie der Mystik"
(beides bei Niemeyer in Halle).

n der Psychiatrie des vorigen Jahrhunderts war vielfach von der


I sogenannten ·"moral insanity", dem "mo·ralischen Irresein" .als einer
eigenen Krankheit die Rede. Auch in unse~er Zeit wird dieses .. Wort von
Laien (und dazu gehören auch die nicht psychiatrisch gebildeten Arzte) noch
vielfach gebraucht. In der eigentlichen Psychiatrie findet es sich allerdings
heute kaum mehr, wenigstens nicht im Sinne einer besonderen Krankheit,
sondern nur noch als ein Symptomkomplex, der sich in den verschiedensten
Geistesstörungen und Geisteskrankheiten findet und dem jeweils . das alfer
Verschiedenste zugrunde liegt, je nachdem, ob es sich um einen Fall von
Kretinismus, von Hysterie, von Schizophrenie, von manisch-depressivem
Irresein usw. handelt.
Wenn frühere Zeiten von einein moralischen Irresein sprachen, so lag
dem meist bewußt oder unbewußt die Vorstellung zugrunde, daß es sich um
die Erkrankung eines eigenen "moralis~hen Sinnes" beim Menschen handle,
daß der Mensch sozusagen ein eigenes moralisches "Organ" habe, mit dem
er die ethischen Werte erfaßt, und daß dieses "Organ" nun bei denen, die
"moralisch irrsinnig" sind, erkrankt sei. Während der Vorherrschaft der
naturalistisch-positivistischen Philosophie und Weltanschauung trat dann die
Auffassung mehr und mehr in den Vordergrund, daß es im Grunde ge-
nommen gar keinen zeitlos gültigen ethischen Wert gebe. Die ethischen
Gebote wurden nun in soziale Nützlichkeitswerte umgedeutet, die sich nur
durch die Macht der gesellschaftlichen Organisationen, vor allem des Staates
und der Kirchen, Geltung verschafft hätten. Was den Verkehr der Menschen
mit einander möglichst reibungslos sich abwickeln ließ, was für das Leben
der Gruppen vorteilhaft war (Gemeinschaftssinn, Tapferkeit, Gehorsam usw.),
das wurde nach dieser Ansicht von den Gruppen durch Gesetze erzwungen ,
durch die Tradition und die öffentliche Meinung gefordert. Diejenigen
Gruppen, denen die Ausbildung dieser "sozialen Nützlichkeitswerte" bei
ihren Mitgliedern am besten gelang, waren dann infolge einer Art natürlichen
Auslese im Kampfe ums Dasein überlegen und hatten die anderen überdauert.
Die Individuen, die diesen "sozialen Nützlichkeitswerten" nicht entsprachen,
waren aber im Grunde genommen nicht schlechter als die anderen, die es
taten, sondern sie waren nur eben "unsozial" und mußten von den sozialen
Mächten als soziale Schädlinge beseitigt werden, wenn dies vielleicht auch
von einem anderen Standpunkt aus, etwa vom ästhetischen Standpunkt, oder
vom Standpunkt des schrankenlosen Individualismus aus, bedauerlich sein
Gerda Waltlzer : Zur Psychologie der sogenannten " rrioral insanity" . 175

mochte. Für diese Argumentation war natürlich auch der Begriff eines
moralischen Irreseins unzutreffend; wer den Gesetzen der sozialen Macht-
organisationen nicht folgte, war eben unsozial, aber nicht geistesgestört in
irgend einem Sinne und andere ethische Gebote als die sozialen Nützlich-
keitswerte gab es ja für diese Weltanschauung nicht. Es würde hier zu weit
führen, diese Philosophie gründlich zu widerlegen, aber es ist auch nicht
nötig, da diese Weltanschauung schon von den verschiedensten Seiten wider-
legt worden ist und auch seit Beginn des 20. Jahrhunderts mehr und mehr
zurückgedrängt. wird. In Philosophie, Soziologie und Psychologie bricht sich
mehr und mehr die Erkenntnis Bahn, daß die Vergemeinschaftung des
Menschen nicht etwas zu seinem natürlichen Individualsein von außen hinzu
gekommenes ist, daß nicht der isolierte Mensch der Urtypus des Menschen
i$t, der sich dann vergesellschaftet hat "im Laufe der Entwicklung" und
durch diese Vergesellschaftung in seinen "ursprünglichen Instinkten" mehr
oder weniger ·vergewaltigt wurde. Ich stehe durchaus auf der Seite derer,
die der Ansicht sind, daß der Mensch von Anfang an, seinem Wesen nach
eben schon vergesellschaftet ist. (Vergl. darüber insbesondere u. a. die dies-
bezüglichen Schriften von Max Scheler, F. Thönnies, E. Spranger, H. Freyer,
Th. Litt usw., um nur einige davon zu nennen.) Das Grundwesen, die
"Entelechie" des Menschen ist eben von vornherein schon auf die mehr oder
weniger intensive und innige Verbindung des Menschen mit seinesgleichen
hin angelegt. Die ethischen Gebote aber sind die zeitlos gültigen Normen
für die adäquate Auszeugung und Verwirklichung dieses menschlichen Grund-
wesens1) nach seiner allgemein menschlichen, wie auch nach seiner speziellen
und individuellen Seite hin, sowohl inbezug auf das, was das Wesen des
Menschen von seinem Verhalten zu den anderen Menschen, als auch was es
von seinem Verhalten zu der Natur, zu den verschiedenen Kulturgebieten,
zu Gott und schließlich zu sich selbst fordert. Diese Gebote und Normen
sind zeitlose Wesensgesetze, die sich aus der Wesensstruktur des · menschlichen
Grundwesens ableiten, aber sie modifizieren sich je nach den kulturellen und
natürlichen Verhältnissen, unter denen die Menschen leben, wie auch nach
dem Grad der Entwicklung des Einzelnen und seiner Gemeinschaft. Neben
Bestimmungen, die nur den vergänglichen Interessen und Erfordernissen der
verschiedenen sozialen Gruppen dienen, haben sie ihren Niederschlag gefu.tden
in den staatlichen Gesetzen, den traditionellen Sittengesetzen und einem Teil
d~r religiösen Gebote der verschiedenen Völker. Sie werden von den einzelnen
Menschen meist einfach hingenommen und automatisch befolgt, oder aus
Furcht vor den Machtmitteln der sozialen Gruppen, vor allem des Staates,
der Kirche und der "öffentlichen Meinung" berücksichtigt. Sie können aber
au~h einsichtig erkannt werden durch konzentrierte Versenkung in ihren Sinn
und ihre Bedeutung und in ihre Beziehung zum menschlichen Grundwesen
und seinen Wesensgesetzen. Wenn der Mensch aus den Tiefen seines Grund-
wesens herauslebt, kann er allerdings auch spontan die Richtigkeit eines
'Feiles dieser Gesetze intuitiv erfassen oder auch in einer gegebenen Situation
die ethische Norm für sein Verhalten spontan erleben in der "Stimme des
Gewissens". ("The Small jnner Voice" bei Mahatma Gandhi. Vergl. auch
1) Über das "Grundwesen" im hier gemeinten Sinne vergl. insbesondere A. Pfänder
"Grundprobleme der Charakterologie", Utitz' Jahrbuch der Charakterologie, Berlin 1924
und die ersten Abschnitte meiner "Phänomenologie der Mystik". (S. 41 ff., 46 ff., 72 ff.,
83 ff.)
176 japanisch-Deutsche Zeitschrift für Wissenschaft und Technik.

darüber die ersten Abschnitte meiner "Phänomenologie der Mystik" .) Diese


spontanen Gewissensregungen sind Regungen des Grundwesens, in denen sich
das von ihm Geforderte zu erkennen gibt. Sie dürfen ja nicht verwechselt
werden mit den gewohnheitsmäßigen Reaktionen, wie sie durch Erziehung,
soziale Anpassung usw. bei den meisten Menschen bestimmten Situationen
gegenüber automatisch auftreten, obwohl beide inhaltlich übereinstimmen
können. Leider ist es nicht möglich, hier auf diese subtilen psychischen
Strukturverhältnisse noch ausführlicher einzugehen.
Der Mensch ist jedoch nicht nur ein Naturwesen, wie Pflanzen und
Tiere, sondern außerdem noch eine geistige Persönlichkeit. Das heißt er hat
die Fähigkeit, sich selbst bis zu einem gewissen Grade zu erkennen und sein
Verhalten nach innen und außen spontan selbsttätig zu bestimmen. Ich kann
die brennende Lust haben, von einem Baum in einem fremden Garten1 an
dem ich gerade vorbeigehe, eine Frucht abzubrechen; schon strecke ich die
Hand danach aus, da fällt mir ein, daß es unrecht ist, sich fremdes Gut
anzueignen; ich schwanke hin und her und obwohl mich niemand sieht,
"zwinge ich mich" schließlich dazu, die Frucht nicht zu pflücken - oder
aber "ich lasse mich gehen" und esse die verbotene Frucht doch. Hier habe
ich, wie schon die sprachliche Formulierung andeutet, zu mir selbst und
meinen Strebungen usw. selbst innerlich Stellung genommen und im ersteren
Falle habe ich auch in ihren Ablauf spontan eingegriffen. Etwas anderes
dagegen wäre es gewesen, wenn ich plötzlich gesehen hätte, daß die Frucht
faul ist und ich daraufhin "keine Lust mehr gehabt hätte", sie zu essen.
Hier habe nicht ich die Begierde überwunden, sondern sie ist von selbst
vergangen. Oder wenn mir plötzlich der Gedanke gekommen wäre, daß ich
meinen Zug versäumen würde, wenn ich mich mit dem Pflücken der Frucht
aufhielte und ich daraufhin schnell weiter laufe, auch dann habe ich nicht
auf Grund eines Werturteiles eine Strebung überwunden, sondern sie ist
durch eine andere Strebung (den Zug zu erreichen) zurückgedrängt worden,
die stärker war als sie selbst. Nicht in allen Fällen bestimmt also das Ich
von sich aus, was ein Mensch tut oder nicht tut, immer aber ist es bei
seinem Tun beteiligt. Die erste Strebung, die Frucht zu ergreifen, mußte
das Ich erfassen und dieses hätte sie, wenn auch automatisch, in eine
Handlung umsetzen müssen, um sie zu verwirklichen ; denn durch die bloße
Vorstellung der Handlung (der Ergreifung der Frucht) wurde diese noch
nicht wirklich ergriffen 1) und das Ich, das sogenannte "Selbstmachtzentrum" 2)
im Menschen konnte ihr seine Zustimmung versagen und sie dadurch an der
Verwirklichung hindern. Ebenso mußte die Vorstellung, daß ich meinen Zug
nicht erreichen würde, das Ich ergreifen, sie mußte das Ich erfassen, oder es
mußte sich von ihr erfassen lassen, damit sie die Fähigkeit bekam, die
andere vom Ich bereits aufgenommene Vorstellung (die Frucht zu pflücken)
zu überbieten und deren Verwirklichung zu verhindern. Daß Ich kann also
von sich aus bestimmte Vorstellungen, Wünsche, Handlungsimpulse usw.
zurückdrängen und verhindern, oder es kann sich ihnen hingeben und öffnen
und sie verwirklichen, andererseits aber kann es auch anderen, gleich-
zeitigen Strebungen, Vorstellungen usw. sich öffnen und hingeben und ihnen
1) Vergl. M. Geiger: " Fragment über den Begriff des Unbewußten und die psychische

Realität" . (Husserls "Jahrbuch für Philosophie etc." Bd. IV, 1921.)


2) Vergl. Pfänder : " Zur Psychologie der Gesinnungen" II. (Husserls Jahrbuch,
Bd. II 1916, S. 66 ff.)
Gerda Walther: Zur Psychologie der sogenannten "moral insanity". 111

erlauben, die anderen, die es zuvor erfüllten, zurückzudrängen. Gewöhnlich


verläuft dies alles mehr oder weniger automatisch, aber immerhin hat das
Ich, das Selbstma~htzentrum im Menschen, die Fähigkeit und Möglichkeit,
sich hier von sich aus aktiv eingreifend zu verhalten, oder rein passiv sich
treiben zu lassen, es ist insofern also in bedingtem Sinne mitverantwortlich
für sein Tun und Lassen. Ebenso ist es auch imstande, Vorstel·lungen,
Strebungen, Sollensimpulse usw., die im gegebenen Augenblick gerade nicht
in ihm lebendig sjnd, in es gerade nicht aktiv einströmen, aus dem Unter-
bewußtsein heraufzulocken. Dies gelingt allerdings nicht immer, aber eine
gewisse Möglichkejt dazu ist dem Selbstmachtzentrum doch gegeben. Ich
kann mich z. B. bemühen, mich an etwas zu erinnern, auch wenn es mir
gerade nicht "voq selbst" einfällt, ich besinne mich, strenge mich an, bis
ich es ,"habe". Epenso kann ich mein Gewissen "fragen", was ich tun soll,
ich kann in mein Inneres zurückhorchen, ob dies oder jenes ethisch besser
sei, oder vielleicht etwas anderes, an das ich noch garnicht gedacht habe.l)
Es fällt einem nicht immer das ein, dessen man sich zu erinnern sucht, das
Gewissen antwortet einem auch nicht immer, wenn man es in einem ethischen
Konflikt befragt, aber es sind dem Ich da doch immerhin gewisse Möglich-
keiten gegeben und durch Übung kann es sie auch in hohem Grade ausbauen
und kräftigen. -
Wir sehen also: es gibt zeitlos gültige, wenn auch je nach den natür-
lichen und historischen Umständen modifizierte ethische Werte. Diese sind,
mit anderen Geboten vermischt, in den staatlichen, sittlichen und kirchlichen
Gesetzen und Moraltraditionen teilweise enthalten. Sie werden meist ganz
unüberlegt im Glauben an diese Autoritäten übernommen, können aber auch
einsichtig erfaßt werden durch. Versenkung in ihren Sinn und ihre Beziehung
zum menschlichen Grundwesen. Sie offenbaren sich vor allem in der "Stimme
des Gewissens". Der Mensch hat in sich ein Selbstmachtzentrum, das sich
dieser Stimme des Gewissens öffnen, das sie befragen kann und das die
Strebungen, Wünsche, Vorstellungen usw., die aus dem Inneren des Menschen
auftauchen, unterdrücken oder überwinden kann, wenn sie den ethischen
Geboten und der Stimme des Gewissens zuwiderlaufen. Das müssen wir im
Auge behalten, wenn wir uns nun unserem eigentlichen Thema: der moral
insanity, zuwenden.
Ein Mensch, der "moralich irrsinnig" ist, ist offenbar ein Mensch, der
den ethischen Normen in seiner d a u e r n d e n Lebenseinstellung nicht ent-
spricht. (Also nicht nur in einmaligen vorübergehenden Entgleisungen. Hier
schon von moralischem Irresein zu sprechen, wäre nicht gerechtfertigt.)
Ebenso muß es sich wirklich um e t h i s c h e Gesetze im eigentlichen Sinne
handeln, nicht nur um beliebige Gebote sozialer Gruppen, mit denen die
ethischen Normen nur verquickt sind. (Die Mohammedaner und die Juden
dürfen z. B. kein Schweinefleisch essen, ihre Kirche verbietet es ihnen.
Angesichts der hygienischen und klimatischen Verhältnisse, unter denen die
Juden und die Mohammedaner lebten, als dieses Verbot an sie erging, war es
gewiß auch sehr zweckmäßig. Trotzdem wird man wohl nicht sagen dürfen,
daß ein Mohammedaner oder ein Jude, der trotzdem Schweinefleisch ißt, ein
e t h i s c h es Gesetz verletzt habe. Außer natürlich, wenn er damit eine
.symbolische Handlung der Nichtachtung ethischer und religiöser Verbote
1) Vergl. darüqer u. a. meine "Phänomenologie der Mystik" S. 41 ff., 46 ff.
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überhaupt begehen wollte.) Ferner kann man nur da von moral insanity
sprechen, wo ein Mensch auf Grund irgendwelcher Mängel i n s e i n e r
i n n e r p s y c h i s c h e n S t r u k t u r diese dauernde Nichtachtung morali-
scher Werte zeigt, nicht aber, wenn er sie, durch höchste äußere Not ge-
zwungen, einmal verletzt. (Wenn also ein Kind, das nahe am Verhungern
ist, einem reichen Bäcker ein Brötchen stiehlt, so darf man auch noch nicht
von moral insanity sprechen.) Ebenso darf man auch nicht von moral
insanity sprechen, wenn höheren Werten zuliebe, ein niedrigerer Wert verletzt
wird. (So gilt es, in Europa wenigstens, als unsittlich, wenn ein Mensch sich
vor fremden Menschen, vor allem vor fremden Menschen des anderen Ge-
schlechtes, vollständig entkleidet, trotzdem wäre es nicht unsittlich, wenn ein
Mensch, um einen anderen vor dem Ertrinken zu retten, sich vor einer
großen Menschenmenge völlig entkleidete, um besser schwimmen zu können.)
Wenn nun aber keine Nothandlung, keine Verwechslung ethischer Werte mit
anderen Werten, die mit ihnen verbunden sind, vorliegt und auch keine
Zurücksetzung eines niedrigeren Wertes gegenüber einem höheren, welche
Mängel in der innerpsychischen Struktur des Menschen kann man dann als
" moral insanity" bezeichnen und wie kann man · sie eventuell bekämpfen?
Moral insanity im schlimmsten Sinne liegt wohl da vor, wo ein Mensch
" gewissenlos" im wörtlichsten Sinne ist, wo er eben kein Gewissen hat. Ob
dergleichen wirklich vorkommt, ist allerdings fraglich . Bei schweren Ge-
wohnheitsverbrechern, Lustmördern usw. könnte man es fast annehmen. Ob
diese Menschen wirklich gar kein Gewissen, also auch kein Grundwesen
haben (das ja die Quelle des Gewissens ist) kann man allerdings von außen
wohl nie feststellen. Bei den Vertretern dieses Typus, die nie auch nur die
geringste Reue über ihre Tat zeigen, trotzdem ihr Intellekt gut entwickelt
sein mag (das zeigt oft die Raff~niertheit, mit der sie ihre Taten ausführen),
scheint es ja fast so. Man kann sie allenfalls dazu bringen, einzusehen, daß
ihre Taten den bestehenden Gesetzen widersprechen, daß sie für die Allge-
meinheit äußerst schädlich sind, aber zu einem negativen Werturteil über ihr
Verhalten, einem echten Selbstunwertgefühl kommt es bei diesem Typus·
allerdings doch nie. Hier scheint also wirklich echte moral insanity, voll-
ständige "Gewissenlosigkeit" vorzuliegen. Möglich ist es allerdings immerhin,
daß auch hier das Grundwesen und seine Gewissensregungen nur gleichsam
verschüttet, vielleicht durch ungünstige Milieu- und Erziehungsverh'ältniss·e
nie " geweckt" worden sind. 1 ) (Jedenfalls aber darf man diesen äußeren Um-·
ständen nicht allein die Schuld geben, denn es gibt ja auch Fälle; in denen
besonders " sittlich veranlagte" Menschen durch die Unsittlichkeit ihrer Um-
gebung so abgestoßen werden, daß sie die sittlichen Werte 'viel strenger
befolgen, als es der Durchschnittsmensch im Allgemeinen tut.) Die einzige
Heilungsmöglichkeit wäre hier eine Erweckung des Grundwesens und des
Gewissens. Aber das ist eine sehr schwere Aufgabe, zu deren Lösung eine
fast übermenschliche seelische Kraft und Ein·fühlungsfähigkeit nötig wäre, in
sehr vielen Fällen wird es aber auch dann noch zu spät sein, da die innere
Verhärtung, die Verschüttung des Grundwesens schon zu weit fortgeschritten·
ist. Dann gibt es zur Sicherung der menschlkhen Gesellschaft nur den .Weg.
der Unschädlichmachung, sei es durch lebenslängliche Inhaftierung, Über-
1) Vergl. dazu und zu dem Folgenden vor allem auch 0 . von Hildebrandt: " Sittlich-
keit und ethische Werturteile", abgedruckt in Husserls " J ahrbuch für Philosophie etc." ,
Bd. V, 1922.
Oerda WaUher: Zur Psyclwlogie der -sogenannten "moral insanity". 179

siedJung in einen abgeschlossenen Bezirk (Sträflingskolonie), aus dem keine


Rückkehr möglich ist, usw. .
Dasselbe gilt natürlich erst recht für ausg~sprochen minderwertige
Menschen, die nicht nur an moralischem, ·sondern an allgemeinem Irresein
leiden, .also vor allem von Imbezillen, Kretins und anderen Schwachsinnigen
alle.r Art. Hier sind nicht nur die_ moralischen Funktionen der Psyche, also
vor allem das . Gewissen, sondern überhaupt sämtliche höheren Funktionen,
die den Menschen eigentlich . erst zum -M~nschen machen, verkümmert oder
verschüttet. At,tch hier kommt wohl nur eine lebenslängliche Inhaftierung
(in einer Irr,enanstalt) in Frage, wenigstens bei bösartigen Individuen. _
. Etwas· qnders liegt es schon bei denjenigen Verbrechern, die auf Grund
einer krankhaften Wahnidee eine verbrecherische Handlung begehen. Hier ist
vielfach das Grundwesen Ul!d somit auch das Gewissen nkht eigentlich ver-
kümmert oder verschüttet, sondern es ist nur gleichsam überwuchert von
einem bestimmten ~Komplex von gefühlsbetonten..Vorstellungen und Strebungen.
Diese Menschen können in allen Dingen, die nicht mit ihrem Komplex
zusammenhängen, durchaus normal und auch ethisch intakt sein, sie haben
ein Grundwesen und empfangen auch von ihm richtige Ge.wissensimpulse.
Sobald es sich aber um Dinge handelt, die mit dem betreffenden Komplex
in irgend einem Zusammenhang stehen, werden sie von den Automatismen
des .. Unterbewußtseins1) gleichsam aufgefangen und zurückgedrängt, ehe sie
f
zu d~m Ichzentrum im Vordergrundsbewußtsein · dringen können. In der
psychiatrischen Literatur ist z. B. der Typus eines Mörders bekannt, der die
fixe Idee bekam, daß er hochgradig minderwertig sei und keine Nachkommen
haben dürfe, er ermordete deshalb alle seine Kinder im Schlaf, ebenso auch
seine· Frau (und zwar "aus Mitleid", damit sie den Tod ihrer Kinder nicht
überleben müsse). Er war dabei ein äußerst gefühlvoller Mensch, der sonst
kaum eine Fliege töten konnte und über jede kleine Aufmerksamkeit, die
ihm in der Anstalt erwiesen .wurde, echte Tränen der Rührung vergießen
konnte. Solche Typen sind durchaus nichts Seltenes in der psychiatrischen
Praxis. Hier . i$t es also nur eine innerseelische Wucherung, die sich an einer
bestimmten Stelle zwischen das Ichzentrum und das normale Seelenleben mit
seinen normalen Gewissensimpulsen geschoben hat. Sie wird sich vor allen
bei Menschen finden, die an Schizophrenie, an Paranoia, an manisch-
depressive.m Irresein, an bestimmten Formen der Hysterie und an vorüber-
gehenden traumatischen Psychosen leiden. Eine Heilung ist natürlich nur
möglich, wenn es gelingt, die seelische Wucherung (eben das sogen. "Trauma")
zu beseitigen, die sich zwischen das Ichzentrum im Vordergrundsbewußtsein
und das Gewissen gelagert hat. In. leichteren Fällen ~ird dies wohl auch fast
immer , möglich sein (vor allem durch eine geeignete Psychoanalyse, durch
Hypnose u. dergl. mehr). Wo es sich ·nicht nur um eine einmalige trauma-
tische· Psychose handelt, kann allerdings in vielen Fällen die Gefahr bestehen,
daß dieselbe oder eine andere Wucherung sich später wieder einstellt und .
von neuem Störungen des normalen Seelenleben~ verursacht. (So vor allem
bei Hysterie und Schizophrenie, bei der Paranoia wird eine völlige Heilung
ohnehin fast nie möglich sein.) .
Ähnlich liegt es, wo in sogenannten "Dämmerzuständen" (vor allem bei
Hy~terie, · Schizophrenie und manisch-depressivem Irresein) das normale Be-
l) Vergl. hierUber u. a. Morton Prince: " An experimental study of the mechanism
of halluzinations" in " the British Journal of Psychology" (Medical selection) Vol. 11, Part 3.
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wußtsein, also auch das normale ethische Empfinden für kurze Zeit außer
Kraft gesetzt wird. Nur daß es hier nicht ein bestimmter Komplex von
Vorstellungen, Gefühlen und Strebungen ist, der sich zwischen das normale
Seelenleben und das Ichzentrum im Vordergrundsbewußtsein lagert, sondern
eine dumpfe Bewußtseinstrübung, die das ganze Seelenleben gleichsam ver-
. dunkelt oder betäubt. In den vorhergehenden' Fällen lag die Störung vor
allem im Unterbewußtsein und seinen Wucherungen einerseits, in einer Ab-
schneidung der vom Grundwesen ausgehenden Gewissensregungen vom Ich-
zentrum andererseits. Hier dagegen scheint die Störung sich dem Ichzentrum
selbst zu nähern. Dieses scheint hier die überlegene Stellung plötzlich zu
verlieren, die es im normalen, wachen Seelenleben dem seelischen Leben
gegenüber mehr oder weniger einnimmt, es verliert das normale Ionesein
seiner Selbst und seiner raum-zeitlichen Umgebung und versinkt in einer Art
Halbschlaf ins Unterbewußtsein. Menschen, die von einem derartigen
"Dämmerzustand" befallert werden, wissen nicht mehr recht, wer sie sind,
wo sie sich befinden, woher sie kommen, wohin sie gehen: sie gleichen
Nachtwandlern und bewegen sich wie im Traum; manchmal, aber relativ
selten, kommt es dabei zur Verübung von Verbrechen, oder doch unmoralischen
Handlungen weniger schwerer Natur. Nach einigen Stunden oder Tagen ist
dieser Dämmerzustand dann wieder ebenso plötzlich verschwunden, wie er
gekommen ist und die Betroffenen sind gewöhnlich wieder im Großen und
Ganzen als normal zu betrachten. Gewöhnlich wissen sie garnichts davon,
daß sie von einem Dämmerzustand befallen waren und was sie während
seiner Dauer getan und erlebt haben. Ähnlich, wie bei der Hypnose, scheinen
sie in einem Bezirk ihres Unterbewußtseins untergetaucht gewesen zu sein,
der normalerweise mit dem wachen Bewußtseinsleben nicht in Kontakt steht.
Solange sie sich in einem derartigen Dämmerzustand befinden, müssen diese
Menschen als unzurechnungsfähig und unverantwortlich betrachtet werden,
danach kann man sie gewöhnlich wieder für die Praxis im weiteren Sinne als
"normal" bezeichnen (obwohl vielleicht doch eine dauernde krankhafte
Disposition diesen Dämmerzuständen zugrunde liegt.) Eine Heilung könnte
hier nur auf einer Beseitigung oder Verhütung solcher Dämmerzustände
beruhen, doch ist über ihre Ursache bisher noch so wenig bekannt, daß wir . ..,
hierbei noch völlig im Dunkeln tasten. (Manche Formen legen den Gedanken
nahe, daß es sich um eine Art innere Vergiftung im Gehirn handelt, aber
auch das ist noch nicht sicher.)
Um eine Störung des Ichzentrums scheint es sich auch in den Fällen
zu handeln, wo die moral insanity auf einer Art Willensschwäche beruht.
Diese Menschen wissen ganz genau , daß sie etwas Unrechtes tun, sie wissen
ganz genau) daß sie es nicht tun sollten ; sie geben es durchaus zu und
machen sich nachträglich die bittersten Vorwürfe, daß sie so gehandelt
haben,!) aber sie haben nicht die Kraft, der Versuchung zu widerstehen. Es
geht ihnen wie Medea: "video meliora proboque, tarnen deteriora sequor !"
(Ich sehe das Gute urtd billige es, dennoch tue ich das Schlechte.) Manchmal
1 ) Man darf dies natürlich nicht mit jenen Fällen verwechseln, in denen manche

Menschen sich selbst in Gegenwart anderer mit den heftigsten Vorwürfen und Anklagen
überschütten, wenn sie etwas Unrechtes getan haben, weil sie diese Vorwürfe und An-
klagen von den anderen erwarten und ihnen dadurch vorbeugen wollen, daß sie nun selbst
sie erheben und so womöglich noch von den anderen getröstet werden in ihrer angeblichen
Reue, statt die verdiente Zurechtweisung zu erfahren.
Gerda Waltlzer: Zur Psychologie der sogenannten "moral insanity". 181

stellt sich dieses Bewußtsein von der Schlechtigkeit ihres Verhaltens bei
diesen Menschen erst ein, wenn die Tat schon vorüber ist; sehr oft aber
wissen sie sofort, wenn sich eine derartige Regung, etwas Schlechtes zu tun,
einstellt: das ·ist nicht recht, das darf ich nicht tun; aber sie tun es trotz-
dem. Das Ichzentrum hat nicht die Kraft, sich gegen diese Regungen erfolg-
reich zu wehren, sie zurückzudrängen oder zu überwinden. So folgt es ihnen,
wenn auch vielleicht anfangs widerstrebend. Diese Menschen entschuldigen
sich dann- manchmal damit, daß "es stärker war als sie'"', daß "ihre Natur
zu schwach" sei. Man kann dabei beobachten, daß diese Schwäche des Ich-
zentrums solchen "Versuchungen" gegenüber immer größer wird, je öfter es
sich gehen läßt; es ist, als würde es ·dadurch immer schwächer, dagegen
wächst seine Kraft jedesmal, wenn der Mensch "sich selbst" überwunden hat.
Das mag einerseits an der größeren Übung liegen, andererseits auch auf das
gesteigerte Selbstvertrauen (das natürlich bei jeder inneren Niederlage ab-
nimmt, bei jedem inneren Sieg wächst) zurückführbar sein. Hier hat man
eigentlich kein Recht von moral insanity zu sprechen. Das Gewissen und
sein Einfluß auf die Erkenntnis ist durchaus intakt, nur hat der Mensch
hier nicht die Kraft, das Erkannte auch zu verwirklichen. Es kommt hier
also vor allem ·darauf an, den Willen und das Selbstvertrauen der be-
treffenden Menschen zu stärken. (Hierher gehört vor allem Trunksucht,
vielleicht auch Kleptomanie, soweit es sich dabei nicht nur um ein Symptom
l einer bestimmten geistigen Erkrankung oder allgemeiner Entartung und Ver-
kommenheit handelt.) Bei diesen Regungen, denen das Ich nicht wider-
stehen kann, handelt es sich gewöhnlich um ganz beliebige "Versuchungen",

' wie sie eben das Leben mit sich bringt. Manchmal handelt es sich aber
auch nur um ganz bestimmte Regungen krankhafter; vor allem perverser
Natur (wie z. B. bei den sogen. "Exhibitionisten"), denen die Betreffenden
nicht widerstehen können. Sie vermögen sich sonst durchaus zu beherrschen,
aber in gewissen Fällen, entweder unter bestimmten äußeren Umständen,
oder aber inbezug auf gewisse Gebiete, verspüren sie ein unwiderstehliches
Verlangen, etwas zu tun, was sie nicht sollen und gerade das Bewußtsein,
daß sie es nicht sollen, erhöht noch das Verlangen, es nun gerade zu tun.
So haben Kinder manchmal ein großes Verlangen, bei einer feierlichen
Gesellschaft plötzlich die Zunge heraus zu strecken, oder es kommt vor, daß
ältere, hoch anständige Damen ein brennendes Verlangen spüren, in der
Gesellschaft einmal etwas Unanständiges zu sagen oder zu tun, obwohl sie
darüber sehr erschrecken und sich garnicht erklären können, wie sie darauf
kommen. Im letzteren Falle handelt es sich um eine Art fixe Idee, die oft
schnell wieder verschwindet und sich auch nicht wiederholt. Manchmal fangen
aber auch tiefergreifende geistige Störungen mit solchen Anzeichen an. Es
kann sich aber auch um ein Symptom einer unbewußten Störung im Unter-
bewußtsein handeln, eine Art Trauma, das aber noch nicht zu einem
wuchernden Komplex angewachsen ist. Hier handelt es sich nicht mehr um
bloße "Willensschwäche", sondern um eine Störung, die (durch Psychoanalyse,
eventuell durch Hypnose) aufgedeckt und beseitigt · werden muß.
Der Laie ist manchmal geneigt, jedes dem gewöhnlichen Verhalten nicht
ganz entsprechende Verhalten schon als " moral insanity" zu bezeichnen, doch
ist dies in sehr vielen Fällen durchaus nicht gerechtfertigt. Wenn z. B. ein
junges Mädchen sich bei einer schweren Erkrankung eines Verwandten
besonders lustig zeigt und fröhliche Gesellschaft aufsucht, so ist das vielleicht
182 ' japanisch-Deutsche Zeitschrift für Wissenschaft und Technik.

ungewöhnlich, aber es muß noch nicht ein Zeichen moralischer Minder-


wertigkeit sein. Vielleicht steht ihr der Verwandte aus irgend einem (viel-
leicht berechtigten) Grund nicht · so nahe, wie man annimmt, oder sie will
nur ihren Schmerz übertäuben oder vor anderen verbe{gen, indem sie sich
nun in so extreme Lustigkeit stürzt. Das ist vielleicht ungewöhnlich, eventuell
nicht ganz normal, aber rein auf Grund eines solchen Verhaltens schon von
moral insanity zu sprechen, ist doch nicht berechtigt.
Manchmal .liegen nun die Verhältnisse so, daß es nicht eigentlich an
mangelnder Will'enskraft auf Seiten des . Ichzentrums liegt, wenn ein Mensch.
trotz heimlichen besseren .·Wissens seine Gewissensimpulse nicht befolgt;·
sondern er sucht sie sich auszureden, sie zu entkräften und sie durch die
spitzfindigsten und raffiniertesten Argumentationen zu betäuben, wenn .sie·
' gar zu eindringlich mahnen. (Dies geschieht natürlich nicht in voll bewußten
inneren Disputationen und · Erwägungen, sondern · halb unbewußt.) . Die
Menschen reden sich ·dann ein, daß sie es ja nur dieses eine Mal so machen ;
oder, daß es· im Grunde garnicht so schlimm sei; daß es· nur übertriebene
Beeinflussung durch veralterte Morallehren seien, wenn sie sich in ihrem
Vorhaben stören lassen; daß , "alle anderen" es "auch so machen" und sie·
im Leben die Dummen ·sein und den Kürzeren ziehen würden, wenn sie es·.
nicht genau so machten, wie "die anderen". Wenn "die anderen" anständig
wären, würden sie es ja auch sein, aber die Welt sei nun .einmal so schlecht
heutzutage, da müsse man ·mitmachen oder untergehen. Außerdem täten sie ,
es ja aus den löblichsten, ~ besten ·Absichten, um vorwärts zu kommen im
Leben ; damit- ihre Kinder .es einmal besser haben, wie sie selbst usw. , usw.
Ob es nicht, auch anders ginge, ob sie nicht schließlich auch auf andere
Weise vorwärts kommen könnten, ob die Ziele, die sie erstreben, wirklich
diese Opfer an moralischen Werten lohnen, das sind Gedankengänge, auf die
sie sich garnicht erst einlassen, weil sie unbequem und lästig sind. Andere.
sind manchmal geneigt, hier schon von moral insanity zu sprechen, doch ist
das auch hier wohl 'kaum gerechtfertigt. Das Gewissen ist an sich durchaus
normal, auch an der Willenskraft würde es an sich nicht fehlen, fixe Ideen
I und traumatische Komplexe liegen auch nicht vor, sondern es ist eine halb
bewußte, halb unbewußte innerliche Unaufrichtigkeit sich selbst gegenüber,
I ein Umdeuten des eigenen Verhaltens . und ein Verdrängen und Hinweg-
disputieren der Gewissensimpulse.
I Noch weiter wird dieses Verhalten bei einem anderen Typus getrieben,>
der allerdings hart an der Grenze des Normalen steht, sie teilweise zweifellos ·
schon überschritten hat. (Er findet sich besonders häufig bei Hysterikern
und jenen· Entartungs.typen, die in der Psychiatrie als "geborene Dirnen",
"geborene Vagabunden~ ' usw. bekannt sind.1 )) ' Es handelt sich hier um
Menschen, die zwar meist einen ungeheuer scharfen Blick . haben für die
kleinsten moralischen · Fehltritte ihrer Mitmenschen, die sie mit, im gegebenen
Augenblick wirklich echter, Entrüstung geißeln. Dabei tun sie selbst. aber
genau dasselbe wie die andern, ·Oft sogar sehr viel Schlimmeres. Macht man.
sie aber darauf. aufmerksam, so sind sie einfach nicht imstande, es einzusehen,
sondern fühlen sich in der grausamsten Weise verkannt und mit Unrecht
verurteilt. Und dies ist durchaus nicht immer Heuchelei , wie man vielleicht
glauben möchte. Sie sind. vielmehr, im gegebenen Augenblick, wirklich über-
1) Vergl. z. B. u. a. das auch ..fiir psychi'atrische LaHm leicht verst ändliche Buch
von Dr. Hans Gruhle "Psychiatrie fi:ir Arzte".
Gerda Walther: Zur Psychologie der sogenannten "moral insanity". 183

zeugt von ihrer Unschuld und Güte und der Bosheit und Lieblosigkeit des
anderen. Man steht hier vor einem Rätsel und glaubt immer wieder, daß es
sich doch nur um raffinierte Heuchelei handelt, bis f!lan sich überzeugt, daß
dies . Verhalten 'Wirklich manchmal einer echten Überzeugung entspricht.
Hier handelt es sich also offenbar um eine absolute Unfähigkeit, sich selbst
objektiv richtig zu sehen, denn daß sie sonst ethische Werte und Unwerte
gut erkennen, zeigt ihre Beurteilung anderer. Diese Menschen sind voll-
kommen . veräußerlicht, d. h. sie leben in höchster Intensität in . der sie·
umgebenden Welt, oder sie stürzen sich in irgend eine Leidenschaft, ein
wirkliches oder vermeintliches Interesse, eine Aufgabe, eine vermeintliche
Mission, eine eingebildete (oder doch psychogene) Krankheit usw. Sie können
es gewöhnlich nicht vertragen, allein zu sein, sie stürzen sich von einer Zer-
streuung in die andere, betäuben sich. Sie haben geradezu Angst davor,
sich selbst ruhig und sachlich gegenüber zu treten und sträuben sich (meist.
unbewußt) in geradezu raffinierter Weise gegen alle und alles, was sie dazu,
veranlassen wilL Ihr Ichzentrum läßt sich meist ganz hemmungslos von jeder·
Regung hinreißen, die gerade in ihrem Seelenleben auftaucht. Nur . dadurch
ist es erklärlich, daß sie die widersprechendsten Verhaltungsweisen zeigen und
in mehr oder weniger weiten Grenzen "zu allem fähig" sind. Es ist, als habe
hier das Grundwesen seine formgebende Macht über das Getriebe der seelischen
Regungen verloren, vermittelst derer sie bei anderen Menschen doch im
Großen · und Ganzen im Sinne einer einheitlichen Persönlichkeitsart schort im
Unterbewußtsein (also schon ehe sie in das Vordergrundsbewußtsein und .das
Ich eintreten) einer gewissen automatischen Auslese unterstehen. Diese
"prospektive. Energie" (im Sinne Driesch's) des Grundwesens scheint , beim
normalen Menschen gleichsam "von hinten", in den Tiefen des Unterbewußt-·
seins dem seelischen Geschehen die Form einer bestimmten Persönlichkeit
aufzuprägen. Dies wird normalerweise ergänzt durch das Verhalten des
bewußten Ich, des Selbstmachtzentrums, das, wie wir schon sahen, auch 'von
sich aus noch einmal eine gewisse Herrschaft und Auslese den seelischen
Regungen, Impulsen, Vorstellungen, Gefühlen, Strebungen, Wünschen usw.
gegenüber ausübt. Die ethischen Gesetze fordern, wie wir schon andeuteten,
daß es sich dabei an den Gewissensregungen des Grundwesens orientiert.
Bei dem eben geschilderten Typus scheint es nun so zu liegen, daß sowohl
das Grundwesen, als auch das Ich diese formgebende Macht dem seelischen
Geschehen gegenüber mehr oder weniger eingebüßt hat; vor allem das
Grundwesen. Daraus erklärt sich dann auch die absolute Wahllosigkeit,
Unbeständigkeit und innere Unordnung, die das Seelenleben solcher Menschen
aufweist. Dazu kommt dann noch ihre große Suggestibilität, ihre Beein-
flußbarkeit und ihre groß·e Anpassung . an i_hre jeweilige Umgeb~mg, deren
Stimmungen, Urteile und Wertungen. Dabei ist es aber durchaus nicht so,
daß diese Menschen etwa imn1er oder auch nur im Großen Ganzen schlecht
wären. Sie können sehr sympathische und ethisch wertvolle Züge und Ver..,
haltungsweisen zeigen, nur sind sie darin eben durchaus unzuverlässig.
(Obwohl sie. natürlich auch, man könnte sagen zufällig, u. a. einmal zu-
verlässig und beständig sein können.) Unter den Regungen ihres Inneren,
von denen sie sich wahllos hinreißen lassen, können natürlich auch sehr oft
Regungen .ihres Gewissens und ihres, oft sehr wertvollen, Grundwesens sein.
Es verhält sich bei diesem Typus also durchaus · nicht so, ·daß solche Menschen,
wie der zuerst betrachtete Typus, scheinbar garkein oder ·doch nur ein völlig
184 japanisch-Deutsche Zeitschrift für Wissenschaft und Technik: ·.

verkümmertes oder verschüttetes Grundwesen haben. Wenn es .das VO


Charakteristikum des ausgereiften, erwachsenen Menschen ist, daß bei ihm
das Grundwesen diese formgebende Tätigkeit in Verbindung mit dem ·Selbst- GE
machtzentrum ausübt, während das. seelische Leben beim Kinde noch nicht
so fest zwischen diese beiden normierenden Faktoren eingespannt ist, dann
ist vielleicht der eben geschilderte Typus durch eine gewisse irtfantile Zurück-
II gebliebenheit in der innerspsychischen Struktur charakterisiert. (Dies
scheint überhaupt eines der wesentlichen Kennzeichen der Hysterie zu sein.)
Aber auch hier kann man wohl nur in den schlimmsten Fällen von einer
moral · insanity sprechen. Was hier vorliegt, ist gewöhnlich Willensschwäche,
Al
fahrun
verbunden mit einer Störung der automatischen Normierung 'durch das Chirur
Grundwesen. Eine Heilung müßte also vor allem darauf hinauslaufen, einer- zu ne
seits die Willenskraft zu stärken, andererseits die Verbindung zwischen Ich kritisc
und Grundwesen zu stärken und zu befestigen, damit das Ich b e w u ß t Kongre
die ungezügelte Wahllosigkeit im Ablauf des seelischen Geschehens ein- Ende
dälnmen kann, wo das Grundwesen nicht mehr die Kraft und Macht hat, über
diese Regelung a u t .? m a t i s c h vorzunehmen. -. SC hUI
Dieser kurze Uberblick mag genügen, um zu zeigen, welche Mannig- 1870,
faltigkeit von grundverschiedenen Störungen des seelischen Geschehens und von 0
der innerpsychischen Struktur sich unter dem einen Wort der "moral empfoh
insanity" verbergen. je nachdem~ welcher dieser Typen vorliegt, muß auch Körpen
die Behandlung grundverschieden sein. Was bei dem einen angebracht, ist den Mt
bei dem anderen völlig nutzlos, oft sogar schädlich. Es ist für die psychia- sie anh
trische, juristische und pädagogische Praxis eine äußerst schwierige Aufgabe plantati
festzustellen, welche dieser Typen nun jeweils in einem. bestimmten Fall wurde,
vorliegt und dann die entsprechende Behandlung dieses Falles dar an an- und ve
zuknüpfen. Dies ist umso schwieriger, als sich in der Praxis gewöhnlich nicht letzten
nur in sich abgeschlossene Exemplare des einen oder anderen Typus finden, gebrach
sondern mannigfache Mischformen die Eigenschaften der verschiedenen Typen mit an
mit einander verknüpfen. Lehre •
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AN UNSERE LESER. decken.
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Einige unserer Leser haben den Wunsch ausgesprochen, über unsere jüngeren noch (Berlin)
weniger bekannten Mitarbeiter Näheres zu erfahren. Wir haben diesem Wunsche durch für die
die Anmerkung am Kopfe des vorstehenden Aufsatzes zum ersten Mal Rechnung getragen. zu häuf
Wir möchten bei dieser Gelegenheit unsere Leser auffordern, uns .~ei der Aus-
gestaltung unserer Zeitschrift weiter recht eifrig zu unterstützen. Die Außerung vop hervor,
Wünschen bezüglich der Gegenstände, die in unseren Blättern behandelt werden sollen, ganzen l
sind uns besonders wertvoll. Ebenso sind wir für jede Mitteilung darUber, welche unserer gedeckt
bisherigen Aufsätze vornehmlich Interesse gefunden haben, dankbar. Auch alle anderen UnterlaJ
an uns gelangenden Anregungen, Fragen und WUnsche werden von uns sorgfältig erwogen
und nach Möglichkeit berücksichtigt werden. gemach1
Die Schriftleitung. Vorgäng