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Babylonier rechneten mit Trapezformel

Eine Tontafel enthüllt: Schon babylonische Astronomen haben den Lauf von Planeten
mit geometrischen Methoden analysiert - ganze 14 Jahrhunderte vor ihren europäischen
Kollegen.

Von Angelika Franz Freitag, 29.01.2016

Auf den ersten Blick machen die vier kleinen Tontafeln, die Hobbyarchäologen Ende des 19.
Jahrhunderts in Babylon nahe dem Haupttempel Esagila aus der Erde gewühlt hatten, nicht
viel her. Die nur drei bis fünf Zentimeter großen Tafeln aus dem Bestand des British Museum
sind stark verwittert. Darauf notierten irgendwann zwischen 350 und 50 vor Christus
babylonische Priester-Astronomen die Berechnung einer Trapezfigur. Die Entdeckung einer
fünften Tafel aber rückt die Kalkulation nun in ein völlig neues Licht. Die babylonischen
Gelehrten berechneten nicht irgendein beliebiges Trapez - sondern die Bewegung des
Planeten Jupiter mit geometrischen Methoden. Dies berichtet Mathieu Ossendrijver von der
Humboldt-Universität Berlin in der Fachzeitschrift "Science".

"Die Entdeckung ist eine Zufallsgeschichte", gibt Ossendrijver zu. Sie begann mit einem
Geschenk. Im Jahr 2014 überreichte ihm der emeritierte Wiener Altorientalist Hermann
Hunger Fotos einer bislang unbekannten Tafel. "Diese Tafel hätte ich sonst nie zu Gesicht
bekommen", erzählt er. Alle bis dahin bekannten Textfragmente, die sich möglicherweise mit
astronomischen Themen beschäftigen, hatte ein ehemaliger Kurator des British Museum in
einem informellen Katalog zusammengestellt.

Keine Hinweise auf Planeten

Diese Sammlung zirkuliere unter allen Kollegen, die sich mit babylonischer Astronomie
beschäftigen, erzählt der Wissenschaftshistoriker. Die Tafel auf den Fotos aber gehörte nicht
zu dieser Sammlung. Wahrscheinlich schaute der amerikanische Altorientalist Abraham
Sachs sie sich in den 1950er oder 1960er Jahren an, fotografierte sie - und legte dann Tafel
und Fotos wieder bei Seite. "Diese eine Tafel hat mich auf Anhieb interessiert, weil sie an die
Trapezberechnungen erinnert", erzählt Ossendrijver. Auf den vier schon lange bekannten
Tontafeln wird die Fläche einer Trapez-Figur berechnet, erklärt Ossendrijver. Keine der
Tafeln enthalte Zeichnungen und Jupiter sei nicht explizit genannt.
Die neue Tafel erwähnt zwar keine Trapezfigur, enthält aber eine mathematisch völlig
äquivalente Berechnung zu den bereits bekannten Tafeln - und die Kalkulation kann eindeutig
dem Planeten Jupiter zugeordnet werden. So ergaben nun auch die vier bisher als undeutbar
geltenden alten Tafeln plötzlich einen Sinn.

Auf allen fünf Keilschrifttafeln wird die tägliche Positionsveränderung des Jupiters entlang
seiner Bahn insgesamt beschrieben. Die Maßeinheit ist Grad; gemessen wird ein Zeitraum,
der die ersten 60 Tage umfasst, nachdem Jupiter als Morgenstern am Himmel sichtbar
geworden ist. Die zentrale Erkenntnis der neuen Keilschrifttafel Nummer fünf sei, dass
Jupiters Geschwindigkeit innerhalb dieser 60 Tage linear abnehme, erklärt Ossendrijver.
Durch diese lineare Abnahme entstehe eine trapezförmige Figur, wenn man die
Geschwindigkeit gegen die Zeit auftrage.

Geschwindigkeit mal Zeit

Außerdem werde die Zeit, in der Jupiter die Hälfte dieser Wegstrecke zurücklegt,
ausgerechnet, indem das Trapez in zwei kleinere Trapeze zerlegt werde, die jeweils eine
gleichgroße Fläche haben.

Bislang wurde diese Berechnungsmethode den sogenannten Oxford Calculators


zugeschrieben, einer Gruppe scholastischer Mathematiker, die im 14. Jahrhundert am Merton
College in Oxford arbeiteten. Sie formulierten das "Mertonsche Theorem für die mittlere
Geschwindigkeit": Es beschreibt die Distanz, die ein gleichförmig gebremster Körper
zurücklegt, entsprechend der modernen Formel s = t * (u+v)/2, wobei u und v die Anfangs-
und die Endgeschwindigkeit sind und s der Weg und t die Zeit. Etwa zeitgleich entdeckte
Nicole Oresme, Bischof, scholastischer Philosoph und Mathematiker in Paris, grafische
Methoden, um diese Formel zu beweisen. Er berechnete den Weg als die Fläche eines
Trapezes mit der Länge t und den Höhen u und v.

Raffinierter als die Griechen

Während die babylonischen Mathematiker sich schon seit etwa 1800 vor Christus oft und
gerne mit geometrischen Konzepten beschäftigten, schienen diese in den Schriften ihrer
Astronomie-Kollegen auffällig abwesend. Deshalb war die Forschung von einer rein
arithmetischen Astronomie im alten Babylon ausgegangen. "Die Neuinterpretation zeigt, dass
die babylonischen Astronomen zumindest gelegentlich auch geometrische Rechenmethoden
anwandten", sagt Ossendrijver.

In der Zeit, als die babylonischen Tafeln entstanden, berechneten auch die griechischen
Astronomen wie Aristarchos von Samos, Hipparch oder Ptolemäus die Laufbahnen von
Himmelskörpern mit geometrischen Methoden. Doch während die Griechen einfach die
Bahnen der Planeten abbildeten, gingen die Babylonier viel raffinierter vor. Sie rechneten mit
einem Geschwindigkeits-Zeit-Diagramm - eine beeindruckende Abstraktion!

Sabine Bungert

Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen
und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide
veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt.
Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner
fachgerecht mumifizieren.