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Seltsame Medienkorrekturen im Skripal-Fall

03. Mai 2018 Florian Rötzer

Unkommentierte Veränderungen von Berichten verstärken den Verdacht, dass Informationen


manipuliert werden, allerdings nicht von Russland

Unermüdlich graben russische staatliche Medien nach Hinweisen im Fall Skripal und im Fall
des angeblichen Giftgasanschlags in Douma, um das Narrativ der westlichen Regierungen zu
untergraben, das Russland, vielmehr den Kreml und letztlich Putin dafür verantwortlich
macht. In der Regel wird den russischen Behauptungen, beispielsweise den Aussagen der von
Russland präsentierten Zeugen aus Douma, nicht nachgegangen. Sie gelten nur als Taktik, um
die Menschen zu verwirren und die angeblich auf der Hand liegende russische Verantwortung
zu vernebeln. Und die Wahrheit scheint eh kaum mehr jemand wirklich zu interessieren. Die
einen glauben das westliche Narrativ, die anderen halten Russland für unschuldig.
Dazwischen gibt es kaum etwas.

Beide Vorfälle sind noch nicht aufgeklärt. In Syrien sind noch die OPCW-Inspektoren tätig,
so dass noch nicht einmal bestätigt wurde, dass es einen Giftgasangriff gab, geschweige denn,
ob er vom syrischen Militär oder von den islamistischen Rebellen durchgeführt wurde. Im
Fall Skripal liegt der Öffentlichkeit der nicht-geheime OPCW-Bericht über die analysierten
Proben aus dem Blut der Skripals und von den Orten vor. Hier wird allerdings nur der Befund
des Labors von Porton Down bestätigt, aber nicht von Nowitschok, sondern nur von einer
"toxischen Chemikalie" gesprochen, die "angeblich ein Nervengift" sein soll.

Auch wenn die OPCW nicht den Täter überführen soll und Porton Down sowieso schon
erklärte hatte, dass man nicht wisse, woher das Gift komme, ist dieses betont Nebulöse
auffällig. Man will weder von Nowitschok, was nur auf Russland verweisen könnte, wie die
britische Regierung behauptet, obgleich die Formeln schon länger veröffentlicht wurden, noch
überhaupt von einem Nervengift sprechen. Dazu würden passen, dass Nowitschok angeblisch
schnell wirken soll. Wenn es tatsächlich, wie behauptet, am Türgriff von Skripals Wohnung
aufgetragen wurde, dann hat die Wirkung erst nach Stunden und dem Besuch von zwei
Kneipen eingesetzt. Tödlich war das Gift überdies nicht. Julia Skripal scheint schon seit
Tagen wieder gesundet zu sein, Skripal selbst soll sich auf dem Weg zur Besserung befinden.
Besuchen darf die Skripals niemand.

Zu der Frage, welcher "toxischen Chemikalie" die Skripals ausgesetzt waren, wird nun ein
seltsamer Vorfall diskutiert. Bekanntlich wurden die beiden Skripals in das Krankenhaus von
Salisbury unter dem Verdacht eingeliefert, dass sie nicht Nowitschok, sondern dem Opioid
Fentanyl oder auch dem noch stärkeren Carfentanyl ausgesetzt gewesen seien. Einige andere
Menschen seien auch davon betroffen. Das berichtete das Clinical Services Journal am 5.
März: "It followed an incident hours earlier in which a man and a woman were exposed to the
drug Fentanyl in the city centre. The opioid is 10,000 times stronger than heroin." Fenatyl
wird auch als Heroin-Ersatz verwendet. Den Befund berichteten auch zahlreiche Medien, als
die britische Regierung noch nicht den Finger Richtung Russland richtete, was aber sehr
schnell geschah. Auch Devonlive berichtete vom Fentanyl-Verdacht.

Der ursprüngliche Bericht aus dem Clinical Services Journal ist nur noch im Internet Archive
verfügbar. Jetzt findet man unter dem Link denselben Text mit einer kleinen Veränderung,
aber ohne jede Erklärung, warum der ursprüngliche Text verändert wurde: "It followed an
incident hours earlier in which a man and a woman were exposed to a substance in the city
centre." Verändert wurde der Text, nachdem am 26. April Dilyana Gaytandzhieva darauf
gestoßen war. (Update: Tatsächlich wurde unter dem Artikel nun eine Erklärung
veröffentlicht: "Note: This story was updated on 26 April 2018 to remove suggestion (which
was widely speculated and reported at the time of writing) that the substance found was
fentanyl." Das hatte ich gestern nicht bemerkt, möglicherweise auch übersehen. Wenn der
Hinweis bereits mit der Veränderung veröffentlicht wurde, bleibt die Irritation, dass dies
ausgerechnet bei diesem Fall mit enormer Medienaufmerksamkeit erst so spät erfolgt ist.)

Der Blog Moon of Alabama verweist auf Craig Murray, der vermutet (Ergänzung), dass die
britischen Medien von der Regierung im Fall von Skripal unter Druck gesetzt wurden. Es
könnte eine "D Notice" erlassen worden sein, die Medien untersagt, über bestimmte
Ereignisse zu berichten, und ihnen auferlegt, nicht darüber zu sprechen. Bekannt wurde, dass
eine solche "D Notice" verhängt wurde, um die Skripal-Betreuungsperson des britischen
Geheimdienstes MI6 nicht namentlich zu nennen. Es handelt sich um Pablo Miller, der
wiederum mit Christopher Steele von Orbis Intelligence zusammenarbeitet, von dem das
skandalöse Dossier über Donald Trump stammt (Trump, die Russen und "goldene Duschen",
Wie im Kalten Krieg: Trump, die Geheimdienste, Medien, Fake News, "Russland-Dossier"
über Trump: Vorwürfe gegen Hillary Clinton und die Demokraten). Womöglich hat hier
Skripal auch mitgewirkt.

RT suggeriert, dass die britische Regierung die britischen Medien knebelt. Allerdings wurden
eben nicht alle Medienberichte "korrigiert". In einem Polizeibericht ist nur von einer
unbekannten Substanz die Rede, es gebe aber kein Risiko für die Öffentlichkeit.

Vielleicht waren die Rettungsdienste und die Polizei zunächst naiv und sind nicht von einem
Anschlag gegen den Doppelagenten ausgegangen, wie das die britische Regierung schnell
machte. Natürlich kann es sein, dass die ersten Vermutungen falsch waren, aber seltsam ist
doch, dass in veröffentlichten Texten substantielle Änderungen vorgenommen werden, ohne
auf die Korrekturen hinzuweisen? Dass das in einem solchen Fall nicht unbemerkt bleiben
würde, hätte eigentlich berücksichtigt werden sollen. Einfacher wäre gewesen, die erste
Einschätzung einfach stehen zu lassen. Mit der heimlich vorgenommenen Korrektur wird
dagegen der Verdacht geschürt, dass etwas verborgen werden soll.

Fenatyl ist ein starkes Opioid, das intravenös, transdermal, oral oder als Nasenspray
eingenommen werden kann. Es wirkt zwar stärker als Heroin, aber deutlich kürzer. Offenbar
haben die Angehörigen der Rettungsdienste aus den Symptomen wie Bewusstseinsstörungen,
Somnolenz und Atemdepression auf das Opioid geschlossen. Eine Überdosierung ist
verantwortlich für viele Tote. Fentanyl-Derivate wie Carfentanyl könnten auch als Kampfstoff
eingesetzt werden. Auch hier ließe sich eine russische Verbindung herstellen, da im Moskauer
Dubrowka-Theater im Oktober 2002 (Der Mediencoup im Theater) vielleicht Carfentanyl
verwendet wurde, um die tschetschenischen Geiselnehmer auszuschalten (Transparenz auf
russisch). Dabei starben aber auch mehr als 120 Geiseln. (Florian Rötzer)