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Ars moriendi

Ars bene moriendi meint buchstäblich übersetzt Die Kunst des guten Sterbens. Eine solche Kunst gab
es tatsächlich vor einem halben Jahrtausend. Es handelte sich dabei um einen Leitfaden in Form
einer Holzschnittfolge, als Bilderserie gefertigt für unsere damals grösstenteils leseunkundigen
Vorfahren.

In jenen Zeiten war jede menschliche Existenz nicht nur quasi permanent durch irgendwelche
lebensbedrohlichen Auswirkungen der jahrhundertealten Geisseltrias "Pest, Hunger, Krieg"
gefährdet, sondern es kam während der endlos wiederkehrenden Pestilenzen, der Serien von
Missernten und der nicht enden wollenden Kriegzüge immer wieder zu massenhaftem Sterben
binnen weniger Tage oder Wochen. Das Resultat: viele Menschen waren seinerzeit in ihrer letzten
Stunde allein auf sich gestellt. Ohne irgendwelchen Beistand hatten sie von hinnen zu gehen. Derlei
betrübliche Aussichten waren für unsere Vorfahren umso bedrückender, als nach damaligen
Vorstellungen die Mächte der Finsternis in den kritischen letzten Augenblicken eines Menschen noch
einmal alles daran setzen würden, um mit List und Tücke seiner bald aus dem Körper weichenden
Seele habhaft zu werden.

Hier setzte der erwähnte Leitfaden an. In nur elf, didaktisch allerdings hervorragend ausgearbeiteten
Holzschnitten führte er drastisch vor Augen, um welche teuflischen Listen es sich bei diesen
Versuchungen mit grösster Wahrscheinlichkeit wohl handeln würde und wie man sich gegen sie auch
allein erfolgreich zur Wehr setzen konnte. Um Allgemeinverständlichkeit zu erzielen, wurde der
Kampf um die Seele personifiziert dargestellt. Moribundus selbst war dabei ein Jedermann von etwa
vierzig Jahren, mit dem sich viele leicht identifizieren konnten. Hatte man sich die elf Blätter erst ein
paar Mal angesehen, wusste man den Inhalt bereits auswendig. Und tat man dies schon in jungen
Jahren, war man anschliessend ein Leben lang für den letzten Kampf gewappnet, wann und unter
welchen Umständen auch immer man sich ihm würde stellen müssen. Man brauchte sich in der
Sterbestunde bloss so zu verhalten, wie im Leitfaden anhand von Moribundus beispielhaft
dargestellt. Genauso wie der dortige Jedermann würde man dann in den letzten Augenblicken auf
Erden allen teuflischen Versuchungen widerstehen und gut, das meinte damals gottwohlgefällig
sterben und somit ganz gewiss in die ewige Glückseligkeit eingehen.

Naiv wäre es nun, diesen seinerzeitigen Bestseller in unseren Tagen einfach nachzudrucken, um auf
diese Weise einer heute weit verbreiteten Ratlosigkeit in Sachen Sterben und Tod zu begegnen.
Gewiss würden sich das manche heutige Zeitgenossen wünschen, denn auch in unseren Tagen sind -
wie damals, wenn auch aus ganz anderen Gründen - erneut viele Menschen in der Sterbestunde
allein auf sich gestellt. Im Gegensatz zu früher kann es für die meisten von uns indes nicht mehr um
das Erlernen eines gottwohlgefälligen Sterbens gehen, nicht mehr um das Einüben eines Rituals mit
dem Ziel, den entscheidenden letzten Kampf um das ewige Seelenheil gegen die anbrandenden
Mächte der Finsternis zu gewinnen. Trotzdem lässt sich aus dem halbtausendjährigen Leitfaden auch
heute noch Wesentliches lernen und massgebliche Folgerungen für eine neue, der heutigen Zeit
angepasste Ars moriendi ziehen. Wir wollen uns die elf alten Holzschnitte deshalb im folgenden
einzeln näher ansehen.

Da ist zum einen die Tatsache, dass man das Alleinsterben damals als Problem erkannte und
daraufhin entschieden nach einer Lösung suchte - und diese auch fand. - Was unseren Vorfahren
gelang, sollte uns Heutigen nicht unmöglich sein - wenn auch wir denn wirklich wollen würden.

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Zum damaligen Erfolg trug die überzeugende didaktische Aufbereitung entscheidend bei. Es gab kein
ausuferndes Zerreden der Problematik; kurz und knapp wurde Ars bene moriendi auf den Punkt
gebracht. Elf Holzschnitte mit einigen eingestreuten Spruchbändern genügten, um das gewaltige
Thema für alle verständlich abzuhandeln. - Wer für unsere Tage eine neue Ars moriendi anstrebt, tut
gut daran, dies als Vorbild zu nehmen.

Die Kunst des guten Sterbens sollte man sich damals möglichst schon in jungen Jahren aneignen, um
daraufhin ohne Furcht vor einem einsamen plötzlichen Sterben durchs Leben gehen zu können und
stets für die letzte Stunde gewappnet zu sein. Die seinerzeitige Ars moriendi war insofern auch
eine Ars vivendi - eine Feststellung, die uns im folgenden als Schlüssel für den Entwurf einer
zeitgemässen neuen Kunst des Sterbens dienen wird.

Dass die frühere Ars moriendi ihren grossen Erfolg als Bilder-Ars in Form von elf Holzschnitten in der
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatte, beruhte damals nicht zuletzt auf der entschiedenen
Nutzung einer ebenso attraktiven wie kostengünstigen und kundenfreundlichen neuen Technik: des -
im Vergleich zu Kupferstichen - weitaus ökonomischeren Drucks von Holzschnitten.

1. a. Versuchung im Glauben

Die Versuchung im Glauben war die schlimmste Versuchung, die man sich vorstellen konnte. Wer in
letzter Minute seinen Glauben auf Erden verlor, dessen Seele kam bestimmt nicht in den Himmel.

Auf dem ersten Bild sehen wir, wie der Sterbende mit zusammengekniffenen Augen in seinem Bette
liegt. Das sorgenvolle Antlitz ist ganz zerfurcht. Die Haare trägt er kurz geschnitten. Der Körper
scheint, soweit das Laken den Blick auf ihn freigibt, stark abgemagert. Man sieht fast die Knochen
durch die Haut hindurch. Zur Rechten und Linken steht je ein Teufel dicht an der Bettkante. Ein
dritter macht sich im Hintergrund am Bettzeug zu schaffen. Ein vierter schliesslich schwebt von oben
links in den Raum ein. Die Teufel halten Schriftbänder in Händen. Darauf steht zu lesen: "Es gibt keine
Hölle", "Mach's den Heiden nach!" und "Töte dich selbst!".

Selbst wenn unsere leseunkundigen Vorfahren diese erläuternden Schriftzüge vor einem halben
Jahrtausend schwerlich entziffern konnten, waren sie dennoch nicht ganz verloren. Auf dem ersten
Bild - wie auch in allen folgenden Abbildungen - sind die Inhalte der Spruchbänder und der
Sprechblasen durch einzeln oder gruppenweise agierende Personen mosaikartig versinnbildlicht.
Schauen wir in der Abbildung eins genau hin, befolgt ganz im Vordergrund ein Mann tatsächlich die
teuflische Aufforderung zum "Töte dich selbst!", das heisst zum Selbstmord. Mit einem Messer
schneidet er sich die Kehle durch (= Mosaikteil 1). Auch knien am Fussende des Bettes zwei gekrönte
Häupter, die Götzendienst verrichten ("Mach's den Heiden nach!"). Man sieht dort, wie ein Mann
und eine Frau ein heidnisches Idol auf der Säule anbeten (= Mosaikteil 2). Schliesslich palavern rechts
neben dem Lager drei Gelehrte. Sie geben zu bedenken, dass noch kein Verstorbener je aus dem
Totenreich zurückgekehrt sei. Man könne also überhaupt nicht sagen, ob es eine Hölle, ja überhaupt
ein Jenseits gebe oder nicht. ("Es gibt keine Hölle." = Mosaikteil 3).

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1. b. Ermutigung im Glauben

Um diesen massiven Glaubensanfechtungen wirksam zu begegnen, treten im zweiten Bild Gottvater


und Sohn, begleitet von der Jungfrau Maria, aus dem Hintergrund hervor, wo sie sich im ersten Bild
befunden hatten. Sie stellen sich rechts neben das Bett und sind somit für den Sterbenden gut

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sichtbar. Hinter und neben ihnen sieht man unzählige Heilige. Heiligenschein reiht sich an
Heiligenschein. Aus dem Alten Testament ist auch Moses herbeigeeilt. Er befindet sich direkt neben
Gottvater. Mittelalterliche Abbildungen zeigen ihn gerne mit zwei "Hörnern", will sagen "Strahlen der
Erleuchtung". Anwesend ist im zweiten Bild überdies der Heilige Geist. Man sieht ihn als Taube auf
dem Baldachin am Kopfende des Bettes. Sie alle spenden dem Sterbenden Trost und ermahnen ihn,
ja nicht den Einflüsterungen der Teufel zum Abfall vom Glauben nachzugeben. Am deutlichsten
macht das der Engel, der mit einem Schriftband "Sei stark im Glauben!" vor den nun aufgeschlagenen
Augen des Moribunden steht. - Die Teufel befinden sich zwar auch immer noch im Raum. Aber sie
liegen jetzt alle ganz erschöpft und platt am Boden. Auf ihren Schriftbändern heisst es: "Wir sind
besiegt"; "Es ist vergeblich"; "Lasst uns fliehen!".

Wie didaktisch geschickt der Künstler zu Wege ging, um zu wiederholtem Hinsehen und damit zum
Auswendiglernen der Bildinhalte einzuladen, zeigt sich hier etwa darin, dass immer neue, oft sogar
belustigende Entdeckungen gemacht werden können. So sind dem Todkranken vom ersten zum
zweiten Bild wie über Nacht die Haare nachgewachsen. Nun trägt er sie in fein gekräuselten Locken.
Auch hat er das Bett und offensichtlich gar das Sterbezimmer gewechselt. Der Boden ist jedenfalls
nicht länger, wie in der ersten Abbildung, mit viereckigen Kacheln ausgelegt, sondern holzbeplankt.
Auch formt sich das Bettgestell am Kopfende zu einem eleganten Baldachin - angemessen vornehme
Ruhestätte für den Heiligen Geist in Form einer Taube. Ebenso elegant sind nun selbst die Beine des
Bette geschweift.

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2. a. Versuchung durch Verzweiflung

Auf dem dritten Bild sind die Teufel wieder ganz in ihrem Element. Zu sechst umzingeln sie das Bett,
gestikulierend und brüllend. Durch Vorhalten seiner Sünden versuchen sie, den Sterbenden zur
Verzweiflung zu bringen. In ihren Schriftbändern und Sprechblasen lassen sie nichts, aber auch gar
nichts aus seinem reichlich turbulenten Leben ausser Acht. Schwere und Anzahl der Sünden scheinen
in der Tat erdrückend. Da heisst es: "Du bist unzüchtig gewesen und hast die Ehe gebrochen"; "Du
warst meineidig"; "Du hast geraubt und gemordet"; "Du warst dein Leben lang ein Geizhals und
unersättlich". Einer der Teufel, rechts vom Bett, hält zudem eine eng beschriebene Tafel in die Höhe,
auf der man gar nicht alles lesen kann, so voll ist sie. Das Schriftband daneben erläutert: "Hier siehst
du dein Sündenregister". Es enthält offenbar nicht nur Todsünden, zu denen alle bisher aufgezählten
Untaten gehören, sondern auch unzählige kleinere, jedoch nie gebeichtete und deshalb auch nie
gesühnte Sünden. In ihrer Gesamtheit mussten aber auch sie ausreichen, um eine Seele der ewigen
Verdammnis anheimfallen zu lassen.

Erneut wird für Leseunkundige durch personifizierte Handlungen verdeutlicht, was in den Bändern
gemeint ist. So steht gleich zur Rechten des Sterbenden ein junges Paar. Die Frau hatte er einst
verführt (= Mosaikteil 1). Daneben hält ein Teufel die Schwurfinger in die Höhe und damit dem
Sterbenden unter die Augen. Dies soll ihn an einen begangenen Meineid erinnern (= Mosaikteil 2).
Am Fussende sitzt ein nackter Mann. Der Todkranke hatte ihn seinerzeit bis aufs Hemd ausgezogen.
Jetzt hält es der dahinter stehende Teufel in Händen, ausserdem einen prall gefüllten Geldbeutel,
den der Sterbende dem Mann geraubt hatte (= Mosaikteil 3). Vor diesen beiden Gestalten liegt ein
anderer Mann rücklings auf dem Boden. Es ist jener Ermordete, von dem im Schriftband die Rede
war. Zur Verdeutlichung des Sachverhalts reckt ein daneben stehender Teufel das Mordwerkzeug,
einen Dolch, in die Höhe (= Mosaikteil 4). Auf der Geldtruhe ganz vorne rechts schliesslich sehen wir
den Sterbenden als Double selbst sitzen. Er ist in blosse Lumpen gehüllt, vor lauter Geiz - so wie es
auf dem Schriftband stand. Vielleicht ist mit diesem Mann aber auch einer jener Almosensuchenden
gemeint, die vom Sterbenden jeweils beim Betteln um einen milde Gabe von der Haustür
abgewiesen wurden (= Mosaikteil 5).

Alle die genannten Unterlassungen, Sünden und Missetaten kamen dem Sterbenden durch diese
nachgestellten Szenen nun wieder in den Sinn, stiegen eine nach der anderen aus seinem Gedächtnis
auf. Es war - ganz entsprechend den Absichten der Teufel - zum Verzweifeln! Gerade Verzweiflung
aber sollte in der Sterbestunde über alles vermieden werden, denn sie stellte die errettende
Barmherzigkeit Gottes zutiefst in Frage.

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2. b. Trost durch Zuversicht

Das vierte Bild wird noch deutlicher. Dort sieht man einige der grossen Sünder aus der Heiligen
Schrift. Trotz der Schwere ihrer Missetaten verzweifelten sie jedoch nicht, so dass ihnen allen das
göttliche Erbarmen zuteil wurde. Als ersten erkennt man zur Rechten des Sterbenden den Apostel
Petrus. Der Schlüssel in seinen Händen ist gar grösser noch als sein Kopf und somit überhaupt nicht
zu übersehen. Nicht zu übersehen ist ferner der Hahn hinten auf dem Bettgestell. Für einmal
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verstehen selbst wir noch, was damit gemeint ist. Auch ohne Spruchband werden sich viele an jene
Stelle im Evangelium erinnern, in der Jesus nach dem Abendmahl Petrus prophezeite: "Wahrlich, ich
sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen" (Matthäus 26,34).

Auch die drei anderen Sünder dürften manche noch heute erkennen. Direkt neben Petrus steht
Maria Magdalena, erkenntlich an ihren langen aufgelösten Haaren und der Salbenbüchse in den
Händen. Sie hatte Christus mit ihren Tränen die Füsse gewaschen, gesalbt und mit ihren Haaren
getrocknet. Hinten links windet sich Dismas, der gute Schächer, am Kreuz. Ihm als reuigem Sünder
verhiess Christus: "Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein" (Lukas 23,43). Und
schliesslich erkennen wir am Fussende des Bettes über dem gestürzten Pferd Saulus, der ob diesem
Ereignis zum Paulus wurde.

Diesmal hat es der Engel leicht: "Verzweifle also auch du nicht", ermahnt und beruhigt er auf einem
Spruchband den Sterbenden. Selbst wenn er noch mehr, ja alle Sünden der Welt begangen hätte,
bräuchte er doch nicht zu verzweifeln, sofern er bloss zerknirscht in sich ginge. Christus wäre in die
Welt gekommen, um die Sünder zu erretten. Seine Gnade sei allemal grösser als sämtliche
Missetaten eines Menschen. Selbst Judas Iskariot hätte mehr dadurch gesündigt, dass er verzweifelte
und sich erhängte, als durch seinen Verrat am Herrn. Ein Teufel in Zwittergestalt eines bocksfüssigen
gehörnten Hundes liegt vorne rechts am Boden. Er sieht sich in die Ecke gedrängt und resigniert. In
seiner Sprechblase liest man: "Hier werde ich nie und nimmer siegen". Ein zweiter Teufel sagt
überhaupt nichts mehr. Er verkriecht sich unter das Bett. Schon sieht man nur noch seine
Hinterbeine und den kurzen Schwanz.

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3. a. Versuchung durch Ungeduld

Inzwischen hat ein anderer Teufel eine neue List ersonnen. Auf dem fünften Bild handelt er ganz
allein. Fast will es scheinen, als ob ihm endlich der ersehnte Erfolg beschieden wäre. Seine
Versuchung ist die Ungeduld. Es sei doch sinnlos, meint er, die schwere Krankheit und das Leiden so
widerspruchslos hinzunehmen, wie es der Sterbende tue, und sie als Prüfung zu betrachten. Damit
könne sich niemand Verdienste erwerben. Vielmehr sei es unerträglich, ja ganz und gar ungerecht,
derart leiden zu müssen. Andere Menschen, zum Beispiel seine Besucher oder Pfleger, wären ja auch
alle gesund. Abgesehen davon würden sie - was für schöne Worte sie im übrigen auch immer
heuchelten - nur auf seinen Tod warten, um ihn beerben zu können.

Ob solcher Einflüsterungen wird der Sterbende schliesslich ganz zappelig. Für einen Moment verliert
er gar die Geduld. Er zieht ein Bein unter der Bettdecke hervor und tritt mit aller Kraft gegen den
Tisch, auf dem die auftragende Magd Schüssel und Becher, Messer und Löffel bereitgestellt hat.
Klirrend fallen Geschirr und Gerätschaften zu Boden. Der umgekippte Tisch bleibt auf der Kante
liegen. Doch nicht genug damit. Der Zorn des Kranken wendet sich nun auch noch gegen die beiden
anderen Personen im Raum: einen Mann und eine Frau, die zu Besuch weilen. Ob sie ihr Mitleid
tatsächlich nicht nur vortäuschten und ihre Anteilnahme nicht nur heuchelten? Der Kranke jedenfalls
scheint davon überzeugt. Wutentbrannt versetzt er dem am nächsten stehenden Mann einen
kräftigen Tritt. Diesem gelingt es gerade noch, seine Hände auszustrecken, um den Sturz besser
aufzufangen.

Der Teufel mit riesigen Fledermausflügeln und grotesk herausgetreckter Zunge lacht sich ins
Fäustchen: "Wie gut hat doch meine List angeschlagen". Diesmal ist im übrigen von einem
tröstenden Engel oder einem Heiligen weit und breit nichts zu sehen. Niemand kühlt dem
Sterbenden den Zorn, versucht ihn zur Räson zu bringen und zu etwas mehr Geduld zu ermahnen.
Auf einem der Schriftbänder - es geht von der besuchenden Frau links oben aus - lesen wir bloss:
"Seht doch, welche Strafen er erdulden muss!"

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3. b. Trost durch Geduld

Doch hat sich der Teufel entschieden zu früh gefreut. Auf dem sechsten Bild eilen dem Sterbenden
nicht nur ein Engel und gleich vier Heilige zu Hilfe, sondern auch Gottvater und Sohn haben sich dicht

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neben dem Haupt des Sterbenden aufgestellt. Bei allen vieren handelt es sich um berühmte
Märtyrer, die damals jedermann sofort an ihren Symbolen erkannte. Im Spätmittelalter gehörten sie
zu den beliebtesten Heiligen überhaupt. Sie galten als grösste Vorbilder für Geduld. Alle vier hatten
sie unsägliche Todesqualen erdulden müssen, diese aber klaglos auf sich genommen. Die heilige
Barbara, am dichtesten beim Sterbenden am Bettrand stehend, trägt als ihr Wahrzeichen den Turm
in Händen, in den man sie eingesperrt hatte. Dahinter erkennt man den heiligen Lorenz. Er zeigt uns
jenen Rost, auf dem er bei lebendigem Leibe geröstet wurde. Neben Barbara steht die heilige
Katharina. Ihr Attribut ist das Rad, mit dem man sie folterte. Der heilige Stephan schliesslich, am
Fussende des Bettes, trägt jene Pflasterbrocken in seiner Schürze, mit denen er gesteinigt wurde.

Beim Anblick dieser vier Heiligen sollte der Sterbende bedenken, dass sein eigenes geduldiges Leiden
einem Fegefeuer vor dem Tod gleichkam. Gott strafe ihn hier und lasse ihn für seine Sünden büssen,
damit er nach dem Tod in Ewigkeit belohnt werden könne. Der Sterbende möge deshalb seine Leiden
in Geduld annehmen und sie ergeben und dankbar ertragen. Selbst Christus habe bei seinem
Kreuzestod so gehandelt und könne somit als Vorbild dienen.

Angesichts derart intensiver Ermahnung und Ermutigung seitens der himmlischen Mächte kann der
Teufel auch hier schliesslich nicht mehr anders, als seine erneute Niederlage eingestehen. Auf dem
Spruchband heisst es: "Meine Mühen sind ganz vergeblich". Vom Munde eines zweiten Unholdes -
auch er verkriecht sich besiegt unter das Bett - geht eine weitere Sprechblase aus: "Da bin ich wie
gefangen und gelähmt".

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4. a. Versuchung durch Hochmut

Doch damit ist der Kampf um die Seele des Sterbenden noch immer nicht zu Ende. Einige weitere
Teufel sind auf die Idee verfallen, es einmal mit Ehrgeiz und Hochmut zu versuchen. Wenn die
Angriffe des Unglaubens, der Verzweiflung und der Ungeduld schon nicht zum Ziel geführt hatten, so
würde der Todkranke vielleicht auf diese Probe hereinfallen? Da stehen sie denn im siebenten Bild
gleich zu fünft um sein Bett herum. In Ihren Händen halten sie drei prächtige Kronen. Sie strecken sie
ihm verlockend über die Bettdecke hinweg entgegen und sagen auf ihren Spruchbändern
scheinheilig: "Wie grossartig du doch in deinem unerschütterlichen Glauben bist!"; "Was du bloss für
eine Geduld an den Tag legst!"; "Da hast du aber die Kronen mehr als verdient". Auch fordern sie ihn
ungeniert auf: "Du dürftest dich ruhig ein bisschen selbst erhöhen". Schliesslich meint der letzte
unverfroren: "Sei doch etwas hochmütiger!"

Diesmal lassen ihn die himmlischen Mächte allerdings keinen Augenblick allein. Die Versuchung zum
Hochmut könnte für den Sterbenden vielleicht doch zu gross werden? So sind denn rechts vom Bett
erneut Gottvater und Sohn sowie die Jungfrau Maria zur Stelle, wiederum gefolgt von einer Reihe
Heiliger. Zwar meinen sie, dass man gar nicht unbedingt zu ihresgleichen gehören müsse, um der
Versuchung zu Hochmut und eitlem Ruhm, zu Überheblichkeit und übermässiger Selbstsicherheit
erfolgreich zu widerstehen. Viele gewöhnliche Menschen hätten das auch schon geschafft. Als
Beweis hierfür entdeckt man an der rechten Bettkante tatsächlich die geretteten Seelen von drei
namenlosen Seligen. In Form kleiner Menschengestalten stehen sie noch vor den Himmlischen, dem
Sterbenden auf Augenhöhe direkt gegenüber.

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4. b. Trost durch Demut

Bleibt auf dem vorigen Bild auch noch unentschieden, ob die Versuchung zum Hochmut Erfolg haben
wird oder nicht, so senkt sich die Waage auf dem achten Holzschnitt wieder eindeutig zugunsten der
himmlischen Kräfte. Nicht weniger als drei Engel bemühen sich hier um den Sterbenden und stehen
ihm aus nächster Nähe bei. Sie halten ein einziges Schriftband in Händen, auf dem geschrieben steht:
"Sis humilis!" - "Bleibe bescheiden!" Im Hintergrund entdeckt man wiederum die göttliche
Dreieinigkeit. Der Heilige Geist erscheint, wie schon auf der zweiten Abbildung, in Form einer Taube.
Auch die Gottesmutter Maria ist wieder zur Stelle. Ausserdem versinnbildlicht ein Heiliger, der rechts
am Fussende des Bettes ins Bild tritt, die angemahnte Demut und Bescheidenheit. Es ist der Eremit
Antonius, leicht erkennbar an seinen beiden Attributen: dem T-Kreuz in der einen und dem Glöcklein
in der anderen Hand. Dieser Einsiedler galt damals als grösstes Vorbild der Selbsterniedrigung. Immer
wenn Antonius vom Teufel in der Einöde versucht wurde und der Satan ihn erhöhen wollte,
erniedrigte er sich selbst.

Wie man in der Abbildung sieht, führen auch beim Sterbenden die teuflischen Versuchungen nicht
zum erhofften Erfolg. Die Abgesandten der Hölle haben keine Chance. Sie liegen am Boden oder
verkriechen sich unter dem Bett. Einer gibt auf seinem Schriftband unumwunden zu: "Ich bin
besiegt". Ein anderer ganz rechts, von dem man nur eine riesenhafte Fratze mit aufgerissenem Maul
erkennt, deutet sein eigenes Gebaren: "So bestrafe ich die Hochmütigen". Und um auch dem letzten
Betrachter klar zu machen, wie er das meint, lässt er gleich drei nackte Verstorbene in seinem
Höllenrachen verschwinden. Zu den dreien gehört auch ein Mönch. Man erkennt ihn an seiner
Tonsur.

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5. a. Versuchung durch zeitliche Güter

Noch geben sich die Höllengestalten jedoch nicht geschlagen. Auf dem neunten Bild stürmen sie ein
weiteres Mal vor. Diesmal haben sie sich vorgenommen, den Sterbenden an seine irdischen
Reichtümer zu erinnern. Ein Leben lang hatte er sie mit aller Gier zusammengerafft - und muss sie
nun doch zurücklassen. Vielleicht würde diese Versuchung bei ihm endlich anschlagen? Die
Erinnerung an seine zeitlichen Güter müsste einen solchen Geizhals und Habsüchtigen doch
eigentlich davon abbringen, sich auf sein Ende vorzubereiten und nur noch an sein Seelenheil zu
denken! Wieso waren sie bloss nicht schon früher darauf gekommen? So musste es ihnen gelingen,
seiner Seele endlich habhaft zu werden.

Also führen sie dem Sterbenden mit weit ausholenden Gesten nochmals all die prächtigen Dinge vor
Augen, die ihm auf Erden wert und teuer waren: das imponierende zweistöckige Haus, den
wohlgefüllten Weinkeller, die schönen Stallungen, in die sein Knecht gerade ein edles Pferd
zurückführt. Weiter im Hintergrund treten - mit sorgenvollen Mienen - Familienangehörige,
Verwandte und Freunde in Erscheinung. Sie scheinen den Sterbenden daran zu gemahnen, dass es
doch eigentlich seine Pflicht wäre, sich um sie zu kümmern - Todesstunde hin oder her. Auf zwei
Schriftbändern, die von den Teufeln ausgehen, ist zu lesen: "Du hast noch eine Reihe von
Vorkehrungen für deine Vertrauten zu treffen" und "Richte deine Aufmerksamkeit auf deine
Schätze!" Ist im Weinkeller nicht bereits ein Dieb auszumachen, der verbotenerweise ein Fass
anzapft?

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5. b. Trost durch Abwendung vom Irdischen

Doch auch diese Versuchungen fruchten nicht, vielleicht auch nur deswegen nicht, weil im zehnten
Bild gleich wieder zwei Engel zur Stelle sind. Der eine spricht mit dem Sterbenden und ermahnt ihn:
"Sei nicht so habgierig!" Der andere spannt am Fussende ein Tuch aus und schirmt so den Blick des
Sterbenden von seinen Verwandten ab. Auf einem Schriftband heisst es zusätzlich: "Richte deine
Aufmerksamkeit nicht länger auf die Vertrauten!" Gott wird sie schon in seine Obhut nehmen. Wie
zur Unterstreichung dessen sieht man auf der rechten Bettseite einige Menschen und Schafe, die
unter dem Schutz des Heilands als Gutem Hirten stehen. Umgekehrt wird der Blick des Sterbenden
freigegeben auf den Gekreuzigten und die trauernde Muttergottes. Auch Christus hat am Kreuz
Abschied nehmen müssen. So möge sich denn der Sterbende jetzt ebenfalls getrost auf seine letzten
Augenblicke konzentrieren und sich durch nichts mehr ablenken lassen. Von den Teufeln ist ein
einziger übriggeblieben. Pferdefüssig hockt er am Boden und sinniert, wie uns die Sprechblase sagt:
"Was soll ich nun bloss noch machen?"

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Die Todesstunde: das glückliche Ende

Damit findet der Kampf um die Seele des Sterbenden sein Ende. Auf dem elften Bild, dem letzten der
Serie, hat er seine Seele bereits ausgehaucht. Ein Engel nimmt sie in Form einer kleinen Gestalt in
Empfang und führt sie, begleitet von drei weiteren Himmelsboten, in die ewige Glückseligkeit.
Während das Antlitz des Verstorbenen nun entspannt wirkt, seine Augenlider geschlossen sind und
ihm die brennende Kerze, die ihm ein Mönch als Sterbebegleiter noch in die Hand gedrückt hatte,
bereits entgleitet, können sich die Teufel noch immer nicht beruhigen. Zu sechst stehen sie am
vorderen Bildrand. Ausser sich vor Wut toben sie: "Warum haben wir uns diese Seele bloss entgehen
lassen!"; "Mich verzehrt die Wut"; "Ich rase vor Zorn"; "Wir sind am Boden zerstört und völlig
verwirrt"; "Nun bleibt uns keine Hoffnung mehr".

Ende gut, alles gut! Wir sind über den glücklichen Ausgang erleichtert. Die himmlischen Kräfte haben
definitiv den Sieg über die Mächte der Finsternis davon getragen. Doch plötzlich stutzen wir. Etwas
an diesem letzten Bild ist anders als bei den zehn vorausgegangenen. Die Bettstatt steht
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andersherum im Zimmer. Vorher war sie stets diagonal von links unten nach rechts oben
ausgerichtet und hatte auf diese Weise viel Raum für die zahlreichen im Vorder- und im Hintergrund
agierenden, mosaikartig plazierten Gestalten gelassen. Im letzten Bild aber ist das Fussende des
Bettes rechts unten und das Kopfende auf halber Höhe links. Dort, wo sich sonst das Haupt des
Sterbenden befand und wir deshalb immer zeurst hinsahen, stösst der Blick nun wie von selbst auf
das Kreuz mit Christus, den Erlöser, den Erbarmer, den Garanten des ewigen Heils. Dadurch wird
bildhaft zum Ausdruck gebracht, dass die Gedanken des Sterbenden im Augenblick des Todes ganz
bei IHM weilen sollten. Möchte ER in seiner Barmherzigkeit und um seines Leidens willen auch diesen
dahingehenden Menschen zu sich nehmen. Als mächtige Mittler und Fürbitter stehen zusätzlich
rechts und links unter dem Kreuz die Gottesmutter Maria und Christi Lieblingsjünger Johannes. Die
Bilder-Ars ist in ihrer Gesamtheit wahrlich ein superbes Beispiel mittelalterlicher Didaktik.

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