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Nr. 19 / 5.5.

2018
Deutschland € 5,10
Printed in Germany
Ungarn Ft 2350,-
Spanien/Kanaren € 6,70
Tschechien Kc 185,-
Slowakei € 6,60
Spanien € 6,50
Polen (ISSN00387452) ZL 32,–
Portugal (cont) € 6,50,–
Norwegen NOK 82,–
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Wie ein besserer Kapitalismus die Welt gerechter machen kann

Analyse einer gestörten Beziehung Affären Dreißigjähriger Krieg


Die Deutschen und Das System WDR: »Tatort«-Chef Der Ursprung
ihre Hassliebe zu Russland soll Frauen belästigt haben der »German Angst«
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Das deutsche Nachrichten-Magazin
meine Ansprüche
Hausmitteilung
erfüllt? Für mich
Betr.: WDR, Schöneberger, Dreißigjähriger Krieg, SPIEGEL EXPEDITION
Lebensqualität pur!
Mehr als zwei Monate lang recherchierten Laura Backes, Ann-Katrin Müller und
Lars-Olav Beier in der deutschen Film- und Fernsehbranche, um Fälle von Macht-
missbrauch aufzudecken. Wiederholt trafen sie dabei Frauen – Schauspielerinnen,
Regisseurinnen, Agentinnen –, die Angst hatten: vor einigen sehr mächtigen Männern
an den Schaltstellen der Fernsehproduktion. Diese Redakteure können darüber ent-
scheiden, wer Karriere macht und wer nicht. Und einige nutzen ihre Macht. Von
sexuellen Übergriffen erzählten die Frauen, wie sie von Redakteuren öffentlich-recht-
licher Sender begrapscht, bedrängt wurden. Und ein Name fiel dabei immer wieder:
Gebhard Henke, 62, seit 1987 Fernsehredakteur beim WDR – und als solcher einer
der mächtigsten Männer des Senders. Seite 72

Es hat zwei Jahre gedauert, bis Barbara Schöneberger ein-


willigte, sich vom SPIEGEL porträtieren zu lassen. Nun jedoch
bot die Entertainerin dem Redakteur Alexander Kühn reich-
lich Gelegenheit, sie zu beobachten – etwa bei der »NDR
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

Talk Show«, beim Deutschen Fernsehpreis oder bei den Auf- Mein Haus. Meine Welt.
nahmen für ein Musikvideo. Der ungewöhnlichste Treffpunkt
aber war ein Berliner Hotelzimmer: Während Schöneberger
Fragen beantwortete, föhnte ihr Visagist ihre Haare, schmink-
te sie und rasierte ihre Beine. »Schöneberger ist so offen wie
wenige deutsche Prominente«, sagt Kühn, »trotzdem schafft
Kühn, Schöneberger sie es, ihr Privatleben für sich zu behalten.« Seite 56

Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg,


die deutsche Urkatastrophe mit mehr als fünf Mil-
lionen Toten. Wie Deutschland beim Gedenken an
LORENZ KIEFER / DER SPIEGEL

die Opfer versagt, hat Redakteur Guido Kleinhub-


bert in Lützen bei Leipzig festgestellt. Nach der Werte schaffen. Wohn- und
Schlacht am 16. November 1632 wurden fast alle
Gefallenen in eilig ausgehobenen Löchern entsorgt. Lebenskonzepte verwirklichen.
Einer der Toten bekam jedoch eine Sonderbestat-
tung: der schwedische König Gustav II. Adolf. Sein Mit hohen Qualitätsstandards
Leichnam wurde einbalsamiert und nach Schweden Kleinhubbert und dem umfassenden Service
eskortiert. In Lützen selbst entstand eine opulente
Gedenkstätte, die noch immer mit schwedischem Geld finanziert wird. So gut wie eines Baupartners, der weiß,
gar nichts erinnert dagegen an die mehr als 6000 Söldner, die auf dem Feld verreckt
sind. »Ihre Gebeine stecken noch zum größten Teil im Boden, aber es gibt nicht was Sie wollen. weberhaus.de
einmal einen anständigen Gedenkstein«, berichtet Kleinhubbert. Seite 104

Den größten Abenteuern aller Zeiten widmet sich SPIEGEL


EXPEDITION, das neue Magazin des SPIEGEL-Verlags. Jede
Ausgabe erzählt die Geschichte einer welthistorisch bedeut-
samen Fahrt ins Unbekannte, aus jenen Zeiten, als große
Teile der Erde noch »Terra incognita« waren. Das erste Heft
befasst sich mit dem Deutschen Alexander von Humboldt,
der 1796 seine Beamtenkarriere aufgab – und als junger, aben-
teuerlustiger Aussteiger auf die Reise seines Lebens ging. Wohnmedizinisch empfohlen
Humboldt drang in die Wildnis Lateinamerikas vor, überlebte von der Gesellschaft für Wohnmedizin,
Erdbeben und Hurrikane, experimentierte mit Pfeilgift und Bauhygiene und Innenraumtoxikologie e. V.
Zitteraalen und erklomm die eisigen Höhen der Anden. Auch
wenn er es für »sehr ungewiss, fast unwahrscheinlich« hielt,
»dass wir lebendig zurückkehren«, brachte Humboldt einen Forschungsschatz mit,
der seinen Ruhm begründet hat. SPIEGEL EXPEDITION »Alexander von Humboldt«
erscheint am Dienstag.

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 3


Inhalt
72. Jahrgang | Heft 19 | 5. Mai 2018

Titel Religion Der Historiker


Günter Morsch, Leiter der
Gesellschaftsmodelle Ist der Gedenkstätte Sachsenhausen,
Kapitalismus reformierbar? 10 fordert den Staat auf,
Antisemitismus entschieden
Karrieren SPIEGEL-Gespräch zu bekämpfen . . . . . . . . . . . . . . 50
mit dem Romanautor
Alexander Schimmelbusch
über vulgären Reichtum Gesellschaft
und Vermögensober-
grenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Früher war alles schlechter:
Nachruf auf die Kohle /
Gehören Bäume zu deutschen
Deutschland Hochzeiten? . . . . . . . . . . . . . . . . . 54

ALEXANDER ZEMLIANICHENKO / DPA


Leitartikel Die schwarze Eine Meldung und ihre
Null als Ziel der Haushalts- Geschichte Ein junger
politik wird zu Unrecht Amerikaner schenkt seinem
verspottet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Vater einen neuen Arm
aus Plastik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Meinung Im Zweifel links /
So gesehen: Boris Palmer Karrieren Der Erfolg der
gibt den Sarrazin . . . . . . . . . . . . . 8 Fernsehunterhalterin

Zahl der Ausreisepflichtigen


Kriegsfurcht und Barbara Schöneberger . . . . . . 56

nach Westafrika steigt / Russlandromantik Ortstermin Zu Besuch in


Union uneins über Deutschlands Funklöchern 60
Finanzstrafen in der EU / Seitdem Außenminister Heiko Maas die Tonart
Bundesländer fordern verschärft hat, diskutiert nicht nur die SPD über
Geldbußen für Diesel- Wirtschaft
hersteller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Deutschlands Russlandpolitik. Ukraine,
Syrien, Skripal – lässt sich die Eskalation zwischen VW hat Ärger in Australien /
Außenpolitik Die Deutschen Moskau und dem Westen noch stoppen? Seite 28 Scholz will keine Facebook-
streiten, wie sie mit Steuer / Üppiger Vorruhe-
Putins Russland umgehen stand für Fluglotsen . . . . . . . . . 62
sollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Welthandel Präsident
Parteien Die CDU Donald Trump versucht,
debattiert ihr Verhältnis Amerikas Partnerländer
zur AfD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 auszutricksen . . . . . . . . . . . . . . . 64
ROBERT GALLAGHER / DER SPIEGEL

FDP Parteichef Lindner über Analyse Die gefährliche


das Frauenproblem der Strategie von Telekom-Chef
Liberalen und seine Kritik Timotheus Höttges . . . . . . . . . 67
an der Kanzlerin . . . . . . . . . . . . 38
Start-ups Wie es einem
Rüstung Das Zerwürfnis deutschen Unternehmen
zwischen Ministerin von der gelang, besser als Google
Leyen und ihrer wichtigsten zu sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Beamtin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Feminismus und Rassismus
Statistik Warum die deutsche Medien
Angst vor Gewaltkriminalität Von den beiden großen Themen ihrer Generation
so übertrieben ist . . . . . . . . . . . 42 handeln die Debütromane zweier junger #MeToo Übergriffe, Anzüg-
lichkeiten, Machtmissbrauch:
NRW Umweltministerin
US-Autorinnen. Melissa Broder schreibt radikal die Vorwürfe gegen
Christina Schulze Föcking über weibliche Verzweiflung, Brit Bennett den WDR-Fernsehfilmchef
stolpert durchs Amt . . . . . . . . 48 subtil über afroamerikanischen Alltag. Seite 118 Gebhard Henke . . . . . . . . . . . . . 72

4 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Ausland Geschichte » German Angst« –
wie das Inferno des
Wie Fidel Castros ameri- Dreißigjährigen Krieges
kanische Geliebte im Konflikt die Deutschen prägte . . . . . . 104
mit den USA vermittelte /

ABEDIN TAHERKENAREH / DPA


Protestführer in Armenien Landwirtschaft Miete die
soll Premier werden . . . . . . . . . 78 Biene – eine Internetplattform
bringt Imker und Bauern
Diplomatie Das Ringen zusammen . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
der Europäer um das Atom-
abkommen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Biologie Neue Methoden
enthüllen bislang unsichtbare
Nahost Eine palästinensische Bereiche des Erbguts . . . . . . 114
Familie versucht, den Die Entscheidung
israelischen Zaun zu über-
winden, um in ihr Das Ultimatum des US-Präsidenten läuft ab, Kultur
einstiges Dorf zurück- Donald Trump könnte das Atomabkommen
zukehren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Deutsche Künstlerin zeigt
mit Iran platzen lassen. Die Europäer wollen Trump-Film in New York /
USA Neue Wendung im Fall das unbedingt verhindern, aber mindestens zwei Neue »Weissensee«-Staffel /
Stormy Daniels ............. 90 Probleme haben sie noch nicht gelöst. Seite 80 Kolumne: Zur Zeit . . . . . . . . . 116

Whistleblower Chelsea Autorinnen Melissa Broder


Manning über ihr Leben und Brit Bennett sind
heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 die neuen Stars der

Großbritannien Die Geschichte


Keine Angst! US-amerikanischen
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
eines Prinzen, der vergebens In Deutschland fürchten sich viele Menschen vor
versuchte, ein normales Gewaltkriminalität. Dabei zeigt auch die neue Identität Sigmar Gabriel
Leben zu führen . . . . . . . . . . . . 92 über Thea Dorns
Kriminalstatistik, dass sie hier so sicher leben wie neues Buch »deutsch,
in kaum einem anderen Land. Vielleicht nicht dumpf« . . . . . . . . . . . . . . 124
Sport müsste man ihnen das öfter mal sagen. Seite 42
Glauben Arabischer Atheist
Tischtennis-Weltmacht China / trifft intellektuelle Christin:
Magische Momente: SPIEGEL-Gespräch
Friedhelm Funkel über mit Sibylle Lewitscharoff
seinen sechsten und Najem Wali über
MARK CUTHBERT / UK PRESS VIA GETTY IMAGES

Bundesliga-Aufstieg . . . . . . . . 95 das Kreuz und die


Vollverschleierung . . . . . . . . . 126
Fußball Das neue Nachwuchs-
zentrum des FC Bayern – Ausstellungskritik »Wander-
Rezept gegen den Transfer- lust« in der Alten National-
wahnsinn? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 galerie Berlin . . . . . . . . . . . . . . 131

Funktionäre Der DFB hat über


Jahre die Entourage Franz
Beckenbauers bezahlt . . . . . 100

Wissenschaft Hol schon mal die Kutsche


Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
Wie werde ich die vielen Die Hochzeit von Prinz Harry und der US- Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
Medikamente wieder los? / Schauspielerin Meghan Markle verzückt Großbri- Leserservice . . . . . . . . . . . . . . . . 132
Meteorit liefert Hinweis auf Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
verborgenes Mondwasser /
tannien und die Welt. Der einstige Rüpel-Prinz Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 134
Einwurf: Abschied wird gefeiert wie nie – für einen Moment lässt er Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
von der Unterschrift . . . . . . . 102 das Volk die Brexit-Tristesse vergessen. Seite 92 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 138

Titel-Illustration: Zohar Lazar für den SPIEGEL 5


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Nullen, schwarz und rot


Leitartikel Warum Olaf Scholz keine neuen Schulden machen sollte

S
chon der Name ist für viele eine Zumutung. Schwar- Was bis heute als Austeritätspolitik verspottet wird, war
ze Null, das klingt nach Stillstand und nach CDU, in Wahrheit praktizierter Keynesianismus, dessen Erfolge
nach Wolfgang Schäuble und Betriebswirtschaft. offenkundig sind. Der Schuldenabbau schützt die nächste
Kalt hört es sich an – und konservativ. Generation vor übermäßigen Kreditlasten und verschafft
Und so ist es kein Wunder, dass sich prominente Vertre- der Regierung Handlungsspielraum, falls die Zeiten wieder
ter der politischen Linken in diesen Tagen über kaum einen rauer werden. Die gute Wirtschaftslage spült mehr Steuer-
anderen Politiker so aufregen können wie über SPD-Finanz- geld in die öffentlichen Kassen, sodass der Staat mehr aus-
minister Olaf Scholz. Der sich geradezu »sklavisch an den geben kann. Zugleich hat die Regierung genügend Geld ge-
ausgeglichenen Haushalt kettet«, wie Juso-Chef Kevin bunkert, um internationale Verpflichtungen in Europa oder
Kühnert moniert. Der eine Politik betreibt, die nach An- bei der Verteidigung zu schultern.
sicht des früheren Grünenpatriarchen Joschka Fischer »spä- Notorische Defizitländer wie Italien dagegen stehen
tere Generationen verfluchen werden«. Der einfach weiter- vor einem doppelten Risiko: Bricht die Wirtschaft ein,
macht wie sein Amtsvorgänger, obwohl doch die halbe sind sie kaum in der Lage, neue schuldenfinanzierte Aus-
Welt die Deutschen bedrängt, mehr auf Pump zu leben. gabenprogramme zu starten. Steigen die Zinsen, könnte
Die »rote Null« titelte diese ihre Kreditlast bald untrag-
Woche die »taz« über Scholz. bar werden.
Dass die viertgrößte Indus- Das Problem der deut-
trienation der Erde eine un- schen Finanzpolitik ist des-
barmherzige Sparpolitik ohne halb nicht die schwarze Null,
Rücksicht auf die Konjunktur es sind die falschen Priori-
betreibe, ist eine Geschichte, täten bei den Ausgaben.
die auch hierzulande gern er- Zwar stellt die neue Regie-
zählt wird. Sie hat nur einen rung mehr Geld bereit, um
Haken: Sie stimmt nicht. In marode Schulgebäude zu er-
MARIAN KAMENSKY / TOONPOOL.COM

Wahrheit hat sich Deutschland neuern, Straßen zu sanieren


geradezu buchstabengetreu an und moderne Kommunika-
die Regeln des britischen Öko- tionsleitungen zu verlegen.
nomen John Maynard Keynes Doch für eine echte Wende
gehalten, der vor einem Drei- reicht das nicht aus. Seit
vierteljahrhundert die soge- Jahrzehnten nimmt der An-
nannte antizyklische Fiskalpoli- teil der Investitionen am
tik erfand. Die schwarze Bundesetat ab, und der
Null ist einer ihrer eindrucks- Trend wird sich auch unter
vollsten Anwendungsfälle. der neuen Regierung fortset-
Wie es die Lehre des englischen Professors vorsieht, leg- zen. Deutschland vernachlässigt die Zukunft und lebt von
te die Bundesregierung in den Jahren 2008 und 2009 ein der Substanz.
gigantisches Konjunkturprogramm mit Abwrackprämien, Stattdessen gibt die schwarz-rote Koalition wie ihre Vor-
Kurzarbeitergeld und Steuersenkungen auf, als die Wirt- gänger viel Geld aus, um ihre jeweilige Klientel mit frag-
schaft nach der Finanz- und Bankenkrise dramatisch einge- würdigen Leistungen zu erfreuen. Das Kindergeld wird er-
brochen war. In der Folge stiegen die deutschen Staats- höht, obwohl Regierungsstudien sagen, dass es unter den
schulden gemessen an der Wirtschaftskraft um ein Viertel deutschen Familienleistungen zu den am wenigsten wirksa-
an. Internationale Organisationen wie die OECD oder der men gehört. Die Mütterrente soll angehoben werden, dabei
IWF lobten Deutschlands mutiges, auf Pump finanziertes kommen viele Empfängerinnen aus eher besser gestellten
Ausgabenpaket, das überraschend schnell Erfolge zeigte. Seniorenhaushalten. Ein Baukindergeld wird eingeführt,
Die Wirtschaft gewann wieder an Fahrt, und die Bundes- das im Kern der früheren Eigenheimzulage entspricht, die
regierung konnte zu jenem zweiten Teil der keynesiani- wegen erwiesener Erfolglosigkeit vor Jahren schon einmal
schen Lehre übergehen, den nicht wenige ihrer Anhänger abgeschafft worden war.
lieber verdrängen würden. Um den Boom nicht gefährlich Die richtigen Prioritäten beim Geldausgeben zu setzen –
anzuheizen, fuhr Berlin die staatliche Kreditaufnahme zu- das ist die eigentliche Aufgabe, die sich Scholz in seiner
rück; nicht abrupt, sondern allmählich, wie es im Lehrbuch Amtszeit stellt. Es geht darum, den Etat auf die Zukunft
steht. Dieses Jahr, so zeigt die Statistik, wird die Schulden- auszurichten. Und einen neuen Namen müsste Scholz sei-
last erstmals seit einem Jahrzehnt wieder unter das Vorkri- ner Politik auch endlich geben. Der Streit über die schwar-
senniveau fallen. ze Null sollte ausgestanden sein. Michael Sauga

6 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


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Meinung So gesehen

Das Geheimnis
Jakob Augstein Im Zweifel links
des Erfolges
Friedensnobelpreis für Trump? Boris Palmer steht eine große
Karriere bevor.
Die »Madman«-Theorie Aus amerikanischer Sicht war es G Kaum wird es draußen schön,
geht auf Richard Nixon immer absurd, dass die USA den wird es auch schon unschön: Man
zurück. Er wollte die Löwenanteil der westlichen Rüstungs- geht durch die Fußgängerzone,
Nordvietnamesen glau- ausgaben tragen. Trump, ganz Ge- denkt sich nichts Böses, und dann
ben machen, er sei un- schäftsmann, will »Tit for tat«. Wenn kommt ein wild gewordener Rad-
berechenbar, rücksichtslos die Europäer nicht für die zerstöre- fahrer daher, im Zickzack! Mit offe-
und gefährlich – dann würden rischen Interventionskriege der USA nem Hemd! Und Kopfhörern! Und
sie klein beigeben. Das funktionierte zahlen wollen, sollen sie das sagen. dann auch noch dunkelhäutig!
nicht. Die Nordvietnamesen hatten Aber das trauen sie sich ja auch nicht. So ist es Boris Palmer ergangen,
zwar allen Grund, Nixon tatsächlich Trump taumelt und twittert schein- dem grünen Tübinger Oberbürger-
für unberechenbar, rücksichtslos und bar ziellos über die Weltbühne. Und meister, so hat er es berichtet, und
gefährlich zu halten, aber sie waren erreicht damit mehr als der von den als dann nachgefragt wurde, warum
fest entschlossen, ihm Widerstand zu Liberalen dieser Welt verehrte Barack er denn auf die Hautfarbe des Rüpel-
leisten bis zur letzten Patrone. Viel- Obama. Vielleicht ist die Außen- und radlers hingewiesen habe, antwor-
leicht bestand das Problem darin, dass Großmachtspolitik einfach ein Pflaster,
Nixon zwar ein skrupelloser Hund das Narzissten und Psychopathen ent-
war – aber nicht verrückt. Da hat gegenkommt. Es heißt ja auch, die Vor-
Donald Trump bessere Karten, da er – standsetagen von Banken und Groß-
sein gefälschtes Gesundheitszeugnis konzernen seien ein Dorado für Leute
hin oder her – zweifellos schwer einen mit Persönlichkeitsstörungen.
an der Waffel hat. Und dennoch, oder Wenn der Friedensprozess in Korea
gerade darum, ist seine außenpoli- glückt, wäre das ein außenpolitisches
tische Strategie bislang von Erfolg Glanzstück. Barack Obama hat den
gekrönt. Wenn man Trump den Gefal- Friedensnobelpreis im ersten Jahr sei-
len tun und von Strategie reden will. ner Präsidentschaft bekommen – und
Korea? Trump scheint bewirkt zu in acht Jahren nichts getan, um ihn sich tete Palmer: »Das gehört sich für
haben, was seit Langem nicht gelang: zu verdienen. Vielleicht bekommt niemand und für einen Asylbe-
Nord und Süd an den Verhandlungs- Donald Trump ihn am Ende seiner Prä- werber schon dreimal nicht.« Soso,
tisch zu bewegen. Handelskrieg? sidentschaft für echte Verdienste. Das dunkle Hautfarbe ist gleich Asyl-
Trump hat nicht nur gute Aussichten, setzt allerdings voraus, dass er bis bewerber, riesige Aufregung, Tübin-
ihn zu gewinnen, sondern auch gute dahin nicht Iran mit Krieg überzogen gens grüner Stadtverband distanziert
Argumente. Im Schnitt liegen die ame- hat. Und das ist alles andere als sich, viele Menschen sind angewi-
rikanischen Importzölle bei 3,5 Pro- sicher – siehe »Madman«-Theorie. dert, andere angetan. Palmer schreibt
zent, die europäischen bei 5,2 Prozent. auf Facebook lange Erklärungen
Dass Trump da verärgert ist, kann man An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan und setzt eine Antirassismusgrafik
verstehen. Verteidigungsausgaben? Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. darunter, alles nicht so gemeint, man
kennt das.
Und wie man das kennt, es ist die
Kittihawk Voraussetzung für politischen Erfolg.
Wer Aufmerksamkeit haben will,
muss einfach einer Partei bei- und
dann Positionen vertreten, die mög-
lichst wenig mit dieser Partei zu tun
haben. Hätte Thilo Sarrazin (SPD)
auch nur ein Viertel seiner Bücher
verkauft, wenn er in der CSU wäre?
Wäre Angela Merkel (CDU) als SPD-
Vorsitzende noch Kanzlerin? Und
Sahra Wagenknecht (Linke) die
beliebteste AfD-Politikerin? Niemals.
Palmer weiß das, und darum wird er
noch groß Karriere machen – viel-
leicht gar als Außenminister unter
dem künftigen Bundeskanzler Olaf
Scholz. Apropos Scholz: In welcher
Partei war der noch? Stefan Kuzmany

8 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


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Titel

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Welten
Gesellschaftsmodelle 200 Jahre nach der
Geburt von Karl Marx ist die Kritik am
Kapitalismus allgegenwärtig. Die Ungleichheit
innerhalb der Länder nimmt zu, die Umwelt
wird weiter zerstört. Zugleich befeuert
die Digitalisierung Ängste vor dem sozialen
Niedergang. Gibt es Alternativen?

10
SEAN GALLUP / GETTY IMAGES

Demonstranten vor dem G-20-Gipfel


im Juli 2017 in Hamburg

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 11


Titel

W
as eigentlich soll das sein: der Kathrin Hartmann, den Ökonomen Hans- nen heraus so verändern, dass er mensch-
Kapitalismus? Ständig taucht Werner Sinn, den Philosophen Richard lich und demokratisch wird, also: gut.
das Wort in den Debatten auf, David Precht, die Netzaktivistin Anke »Man kann ja auch die Waffenindustrie
in den Talkshows. Die Diskus- Domscheit-Berg und den Soziologen nicht von innen so verändern, dass sie kei-
sionen darüber füllen Bibliotheken. Und Harald Welzer. nen Schaden anrichtet.« Der Kapitalismus,
doch scheint das Wort ständig etwas an- sagt sie, lasse sich nicht austricksen. Es
deres zu bedeuten. Was ist eigentlich so schlimm müsse schon etwas Neues her.
Von Karl Marx bis zu G 20, vom TTIP- am Kapitalismus? Oder: Ihr Lieblingsthema ist das, was sie »die
Protest bis zum Grundsatzprogramm der Kathrin Hartmann regt sich auf. grüne Lüge« nennt. Das Greenwashing der
SPD, jeder benutzt es, jeder führt es im Konzerne. Der Selbstbetrug ökologisch be-
Munde – und dabei wird es uneindeutig Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man aus wegter Konsumenten, die glauben, im
und verwaschen, es franst aus. Eigentlich einem Gespräch mit Kathrin Hartmann wohligen Wohlstand ließe es sich genauso
erklärt es nichts mehr. herausgehen kann: wahnsinnig schlecht weiterleben wie bisher, nur eben grün und
Und doch, merkwürdigerweise, bleibt gelaunt oder wahnsinnig gut. fair und sauber.
das Wort gefühls- und ressentimentbela- Wahnsinnig schlecht: weil die Globali- Das Problem sei nur, dass drum herum
den wie kaum ein anderes. sierungskritikerin in 15 Minuten erklärt, Ausbeutung und Sklaverei und Armut und
Schon bei der Frage, wann der Kapita- warum ein bisschen Biowurst, etwas Fair- Umweltzerstörung weitergingen wie ge-
lismus als historische Epoche begonnen Trade-Kaffee und viel guter Wille nichts habt, meint Hartmann. »Der Kapitalismus
hat, wird es schwammig. Mit der Erfin- bringen auf dem Weg in eine bessere Welt. ist in seinem Kern immer noch der Kampf
dung des Geldes, des Marktes oder des Und dass alles, was der normal bewegte aller gegen alle, er beruht in seinem Grund-
Bankwesens? Und ist jede Wirtschafts- Konsument so macht, bloß der Verfesti- satz auf Ausbeutung – darüber kann auch
form, die am Privateigentum festhält, gung des Status quo dient. noch so viel nachträgliche Umverteilung
schon Kapitalismus? Wahnsinnig gut: weil sie den Konzernen nicht hinwegtäuschen.«
Das unbestreitbar Neue am modernen mit Wut und Wonne den Kampf ansagt – Sie hat mittlerweile mehrere Bücher
Kapitalismus, wie er seit knapp zwei Jahr- und sie in ihrer Konsequenz nicht verzwei- und Filme zum Thema veröffentlicht. Sie
hunderten die westliche Wirtschaft formt, felt wirkt, sondern fröhlich. Und weil sie tourt durch die Republik, diskutiert, de-
ist seine Dynamik. Sie entsteht, weil Unter- zumindest eine Ahnung davon hat, wie sie monstriert. Und lässt sich nicht auf Kom-
nehmen ihr verdientes Geld nicht anhäu- aussehen könnte, eine bessere Welt. promisse ein. »Der Kapitalismus«, sagt sie,
fen, sondern gleich wieder investieren, vor- Kapitalismuskritik, unter uns, kann ja »hält sein Versprechen nicht, dass die Rei-
zugsweise in neue Technik, die dazu führt, sehr nervtötend daherkommen. Recht- chen alle mit nach oben ziehen.«
dass noch mehr und noch billiger produ- haberisch. Und auf eine Weise ins eigene Natürlich hat sie die aktuellen Statisti-
ziert und noch mehr Geld verdient wird. Scheitern und die Ausweglosigkeit ver- ken parat. Die Oxfam-Studie, nach der
Und immer so weiter. liebt, dass man doch lieber Kapitalist acht Superreiche genauso viel Vermögen
Auf diese Weise wuchs das Vermögen, bleibt. Vor allem: Das ewige Genöle mün- haben wie die unteren 50 Prozent der Welt-
wuchs die Masse der Konsumgüter, wuchs det selten in Lösungen. bevölkerung. Oder die vom Deutschen In-
die Wirtschaft in einem bis dahin nie ge- Was soll man denn tun? Es gibt ja bisher stitut für Wirtschaftsforschung errechneten
kannten Maße. Allerdings kam es auch zu nichts Besseres, oder? Außer vielleicht: an- Daten für Deutschland, wonach 45 Haus-
einer völlig neuen Ballung ökonomischer ders einkaufen. halte so viel besitzen wie die ärmste Hälfte
Macht. Öde. der Bevölkerung.
Heute benutzen das Wort »Kapita- Hartmann zertrümmert erst einmal die Das sind nicht nur Zahlen. »Es geht um
lismus« fast nur seine Kritiker. Vor allem Idee, der Kapitalismus könne sich von in- Spaltung«, sagt Hartmann. »Man hat sich
bündelt der Begriff das Unbehagen am schon fast daran gewöhnt: hier der Leis-
aktuellen Wirtschaftssystem. An der Ten- tungsträger, dort der Sozialschmarotzer.«
denz, allem einen Preis zu geben. An der Und das ist es auch, was sie dem gegen-
Tendenz, für den wirtschaftlichen Vorteil wärtigen wirtschaftlichen System am vehe-
jede Moral fahren zu lassen. An der Ten- mentesten vorwirft: »Es bringt Menschen
denz, das Anhäufen von Geld zum Selbst- gegeneinander auf.«
zweck zu erheben. An der Tendenz zur Sie kann an einem Beispiel erklären, wie
Ungleichheit. An der Tendenz, Menschen sie das meint. Sie wohnt im 4. Stock, und
und Umwelt auszubeuten. wenn sie mal was bestellt, dann klingelt
Die Digitalisierung scheint diese Ent- der DHL-Bote garantiert nicht bei ihr, son-
wicklungen zu potenzieren. Sie schafft noch dern wirft bloß eine Benachrichtigung in
schneller unglaubliche Vermögen, drängt den Briefkasten. Und sie muss dann zur
den Einzelnen noch gezielter zum Konsum, Post und hat das Theater. Und natürlich
verbraucht noch mehr Energie. Sie macht nervt sie das.
den Einzelnen, der seine Arbeitskraft an- »Aber ich finde es unerträglich, dass
bietet, noch leichter ersetzbar durch andere ich mich über den DHL-Boten aufregen
FLORIAN GENEROTZKY / DER SPIEGEL

Menschen irgendwo auf der Erde – oder muss«, sagt sie. »Ich bin sauer auf ihn, und
durch Roboter und Algorithmen. Und sie eigentlich müsste ich sauer auf die DHL
macht alles und jeden noch stärker bere- sein, weil die ihn ja so mies bezahlt, dass
chenbar, manipulierbar, ausnutzbar. er die Pakete nicht hier raufschleppen mag
Dieses Unbehagen ist Grund genug, und auch nicht kann.«
200 Jahre nach Karl Marx’ Geburt noch Jeder auf der Suche nach seinem Vorteil.
einmal die Fragen zu stellen: Was könnte Jeder für sich. Das, sagt Hartmann, sei das
nach dem Kapitalismus kommen? Ist er eigentliche Problem: die Vereinzelung des
reformierbar? Gibt es etwas Besseres? Globalisierungskritikerin Hartmann Menschen in seiner Funktion als Markt-
Fragen an die Globalisierungskritikerin »Es geht um Spaltung« teilnehmer. Ihre Gegenutopie ist die Ge-

12
UWE MEINHOLD / DDP IMAGES
Verhülltes Marx-Monument in Chemnitz 2008: Viele haben den Kapitalismus weggewünscht, aber er ist geblieben

meinschaft. Oder, in einem alten Wort: Lässt sich der Kapitalismus auch wenn er sich manchmal so gibt. Die
»Solidarität«. reformieren? Oder: Auch Frage ist: Was könnte nach ihm kommen?
»Man muss das Solidarische erleben, um Hans-Werner Sinn war mal links. Man braucht ja schließlich Ideen, wenn
zu wissen, was es heißt«, sagt sie. »Sonst man voranschreiten will, wenn etwas bes-
versteht man nicht, welche Kraft darin Der Kapitalismus, so viel steht fest, ist ser werden soll. Und darin zumindest be-
steckt. Was Solidarität einem gibt, kann Kummer gewohnt. Nicht nur Karl Marx steht Einigkeit, dass es durchaus besser
einem Geld niemals geben.« hat ihn totargumentiert. Viele, viele Men- werden könnte.
In Griechenland war sie, wo sie Men- schen, darunter sehr, sehr kluge, haben ihn Über 800 Millionen Menschen hungern.
schen getroffen hat, die solidarische Apo- zerlegt und zerhackt, seziert und entlarvt, Zwei Milliarden Menschen leben kauf-
theken gründeten, solidarische Kliniken. ihm den Kampf angesagt und ihn zu zäh- kraftbereinigt von weniger als 3,20 Dollar
In Bangladesch war sie, wo Kleinbauern men versucht, ihn kritisiert und verflucht – am Tag. Die Meere sind überfischt und
sich zusammentun. In Indonesien, wo sich und ihn vor allem weggewünscht. vermüllt. Die Luft ist verdreckt. Die indus-
ganze Dörfer zusammenfinden, um gegen Aber der Kapitalismus ist immer ge- triebedingte Erderwärmung sorgt für Dür-
die Palmölindustrie und deren Monokul- blieben. ren, Überflutungen, extreme Wetterlagen.
turen anzukämpfen. Es gibt ihn angelsächsisch und rheinisch Der Reichtum der Superreichen steigt in
Sie träumt nicht von Katastrophe und und neoliberal und radikal, als Turbo- und geradezu obszöner Weise. Und die Digi-
Umsturz und Revolution. Aber schon vom Kasinovariante, als Staats-, Finanz- oder talisierung scheint diese Entwicklung noch
Systemwechsel, der vielleicht in der Ni- grünen Kapitalismus, in insgesamt angeb- zu befördern.
sche beginnt. In der Allmende-Wirtschaft lich mehr als 750 verschiedenen Arten. Ein An vielen dieser Phänomene hat das au-
beispielsweise, in der die Nutzung ge- wandlungsfähiger Bursche mit beeindru- genblickliche Wirtschaftssystem, also das,
meinsamer Ressourcen gemeinsam gere- ckender Überlebenstechnik. was etwas diffus als »der« Kapitalismus
gelt wird. Oder überall da, wo genossen- Der Ökonom Joseph Schumpeter bezeichnet wird, zumindest eine Mit-
schaftliche Ideen umgesetzt werden – in sprach vom »evolutionären Charakter« schuld. Zweifellos hat »der« Kapitalismus
Wohnbau-, Energie-, Bank-, Pflegepro- des Kapitalismus. Er sei kein Zustand, son- auch Gutes gebracht – mehr Wohlstand,
jekten. dern »eine Methode der ökonomischen auch global, etwa die Halbierung der Zahl
Was kommt, da ist sie sich sicher, werde Veränderung«. der von Armut bedrohten Menschen welt-
etwas wirklich Neues sein und nicht bloß Und doch, auch das ist wahr, ist er eine weit in den letzten 25 Jahren – aber alles
ein neuer Anstrich. Und es werde einen historische Erscheinung. Etwas, das in das scheint manchmal überschattet zu sein
langen politischen Kampf erfordern. »Die seiner modernen Form vor 200 Jahren in von dem, was er zerstört.
Zukunft«, sagt sie, »kann man nicht her- der Welt aufgetaucht ist, etwas, das es so Womöglich gibt es ja Alternativen. Viel-
beischmusen. Es kommt der Punkt, an vorher nicht gab und deshalb auch wieder leicht braucht es endlich Alternativen. Jen-
dem die Menschen, die ausgebeutet wer- verschwinden kann. Der Kapitalismus ist seits von Sozialismus und Kommunismus
den, anfangen, sich zu wehren.« nicht die Schwerkraft, ist kein Naturgesetz, und anderen Ismen. Womöglich muss ein

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 13


Titel

neuer Kapitalismus her, vielleicht auch et- tend erlebt, erst, um der Armut zu ent- balancieren, dass am Ende insgesamt das
was gänzlich Neues. Aber was? kommen, später, um einen bescheidenen ökonomisch Beste herauskommt. Doch
Noch ist nicht einmal in Umrissen er- Wohlstand abzusichern. Kapitalismus ist mehr als nur Markt. Erst
kennbar, was da kommen könnte. Selbst Auch wenn Sinn – wenig überraschend die unglaubliche Anhäufung von investier-
im Marx-Jahr 2018 wird bislang vor allem – »die Suche nach einem völlig anderen tem Kapital, die es seit 200 Jahren gibt,
die Dekonstruktion des Kapitalismus rauf System« für, Pardon, »Kokolores« hält, so schaffte etwas historisch Neues: ein Wirt-
und runter analysiert, wird vage seine »Ak- folgt daraus nicht, dass er »den Status quo schaftswachstum, wie es das nie zuvor
tualität« beschworen, aber darüber, dass verteidigen möchte«, wie er sagt. gegeben hat, und eine völlig neue Kon-
der Kapitalismus tatsächlich in die Krise Er sieht, dass »der Finanzmarktkapita- zentration von Vermögen und ökono-
geraten sein könnte, kommt die Debatte lismus völlig außer Kontrolle geraten ist«. mischer Macht.
meist nicht hinaus. Er hält es »für pures Wunschdenken, dass »Das eine bedingt wahrscheinlich das
Und die Frage ist ja auch: Wann genau eine Marktwirtschaft automatisch zur De- andere«, sagt Sinn. »Hätte man durch
hört der Kapitalismus auf, Kapitalismus mokratie führt«. Und, ja, auch ein Hans- staatliche Eingriffe verhindert, dass die
zu sein? Gibt es diese Grenze überhaupt? Werner Sinn zweifelt daran, »dass Wirt- Reichen reich werden dürfen, hätte es
Ist sie hilfreich? schaftswachstum die Menschen wirklich wohl auch dieses Wachstum nicht gege-
Wahr ist, dass es Kapitalismus in Rein- glücklicher macht«. Vielleicht, sagt er, ben.« Er sagt das wissenschaftlich neutral,
form nirgends gibt – und es ihn wahr- »sind die Menschen in einer konsumorien- beobachtend, ohne jede Wertung.
scheinlich nie gegeben hat. Spätestens seit tierten kapitalistischen Welt mit hohem Sein Menschenbild ist keines, das für
dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist er Einkommen gar nicht mal glücklicher als die Spezies besonders schmeichelhaft ist.
Teil eines größeren Deals geworden, der früher, weil man sich da beschieden hat Aber er hält es für realistisch. »Unser gan-
da lautet: Der Kapitalismus muss »liefern«, und glücklich war bei kleineren Einkom- zes Denken ist an Rangpositionen orien-
wie es der Soziologe Wolfgang Streeck menspositionen«. tiert. Es geht immer um die Frage, an wel-
genannt hat. Und zwar: Vollbeschäftigung, Aber – und dieses Aber ist riesengroß, cher Stelle der Skala man steht, das ist ein
soziale Sicherheit, wachsenden Wohl- natürlich – das alles ändert nichts an seiner ungeheurer Antrieb.«
stand, mehr Freizeit, Aufstiegschancen Überzeugung, dass »die Erfindung der Allein diese Triebkräfte des Kapita-
für jeden. Auf den Punkt gebracht: Nicht Märkte vor 10 000 Jahren die größte kul- lismus zu betrachten sei jedoch allenfalls
alle profitieren gleich, aber alle profitieren turelle Erfindung der Menschheit ist«. das halbe Bild, meint Sinn. Reine Markt-
irgendwie. Ohne Markt sei Kultur kaum zu denken. wirtschaft gebe es nirgends, sondern über-
Hans-Werner Sinn ist vielleicht der Letz- Keine funktionierende Ökonomie und all nur »gemischte Systeme«, in unter-
te, den man fragen sollte, ob man den Ka- auch keine Philosophie. schiedlicher Ausprägung. »Es findet ja
pitalismus nicht besser abschaffen sollte, Erst im Studium sagte sich Sinn von lin- Umverteilung statt in allen Systemen, die
könnte man meinen. Er ist der bekanntes- ken Ideen los, weil er irgendwann verstan- Frage ist bloß, in welchem Ausmaß.« In
te Ökonom der Deutschen, auch heute den habe, dass der Staat dem Markt nicht Deutschland liegt das Verhältnis der Staats-
noch, zwei Jahre nach seiner Pensionie- überlegen sei, dass Marktwirtschaft nicht ausgaben zur Wirtschaftsleistung, die so-
rung – und er ist den meisten Menschen Chaos bedeute, sondern dass »aus der De- genannte Staatsquote, bei 44 Prozent, in
vor allem als eher kühler Talkshow-Gast zentralisierung die Ordnung entsteht«, eine, Frankreich bei 57 Prozent, in den USA bei
im Gedächtnis, der dem Volk versucht zu wie er sagt, »nicht triviale Erkenntnis«. 38 Prozent.
erklären, warum so grausam klingende Nur Märkte, das ist sein schärfstes Für Sinn ist diese Umverteilung grund-
Dinge wie die Hartz-IV-Reformen un- Argument, können Anreize setzen, die sätzlich gerechtfertigt. Allerdings verrin-
bedingt sein müssen. Sinn wurde nicht individuell wirken und für jeden Markt- gere sie die Leistungsanreize. »Es muss
nur wegen seines markanten Abraham- teilnehmer die Vor- und Nachteile so aus- irgendwo ein Optimum geben. Unklar ist
Lincoln-Barts zur Marke, sondern auch nur, wo.«
wegen der strengen Art, seine eigenen Ar- Sinn sieht allerdings eine Stelle, an der
gumente zu präsentieren und die der man den heutigen Kapitalismus durchaus
Gegenseite zu zerlegen. radikaler verändern könnte. Und zwar so,
Aber auch Sinn war mal jung. Auch dass man den mühseligen und immer um-
Sinn war mal links, als Student, als fast strittenen Prozess der Umverteilung ab-
alle links waren. Er hat sich erregt über kürzen könnte: durch eine Beteiligung der
Ungerechtigkeiten und über den Kapita- Arbeitnehmer an den Unternehmen »in
lismus. In seiner Autobiografie, die vor großem Stil«. Es wäre ein Schritt, der den
Kurzem erschienen ist, beschreibt er, wie uralten Gegensatz zwischen Arbeit und
er demonstriert und wohl auch »Ho, Ho, Kapital, den Karl Marx formuliert hat, zu-
Ho Chi Minh« gebrüllt hat*. Ganz genau mindest einebnen würde.
kann er sich daran nicht mehr erinnern. »Man muss den Menschen ein zweites
Doch wenn man diese Schilderungen liest Standbein neben dem Arbeitseinkommen
und wenn man mit ihm spricht, spürt man: geben«, sagt Sinn. »Man muss sie auf die
Er ist ein strenger Denker, dieser Sinn, Kapitalseite bringen. Gerade jetzt. Durch
B. HASELBECK / WIRTSCHAFTSWOCHE

aber kalt ist er nicht. Aktienbesitz in breiter Hand, Vermögens-


Als er für ein paar Wochen in London bildung, auch Immobilien.«
arbeitet, gerade zur Zeit der Reformen ei- Wenn es stimme, dass die Kapitalseite
ner Margaret Thatcher, nimmt er das zu den Gewinnern der Digitalisierung gehö-
Elend um ihn herum wahr, es empört ihn. re, und einiges spreche dafür, dann wäre es
Er selbst kennt Armut ebenfalls. Als wichtig, rechtzeitig dafür zu sorgen, dass dies
Kind habe er die Eltern immer nur arbei- geschehe. »Dann muss man hinterher auch
nicht mühsam umverteilen. Es ist besser,
* Hans-Werner Sinn: »Auf der Suche nach der Wahr- Ökonom Sinn die Menschen pflanzen frühzeitig das Saat-
heit«. Herder; 672 Seiten; 28 Euro. »Ho, Ho, Ho Chi Minh« kapital, das sich dann weiterentwickelt.«

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MARC-STEFFEN UNGER
Berufstätige nach Feierabend in London: Vernichtung von mutmaßlich Millionen Arbeitsplätzen

Was geschieht, wenn dem mit dem Menschen macht? Der Kapita- Am besten funktioniert der Kapita-
Kapitalismus die Arbeit lismus steht ja nicht bloß technisch-öko- lismus, wenn bei der Arbeit äußerste Dis-
ausgeht? Oder: Richard David nomisch infrage, sondern vor allem philo- ziplin herrscht – und im Konsum äußerste
Precht träumt von einer sophisch. Disziplinlosigkeit. Das war ja auch das
Insel des Sozialismus. In ihrem gerade auf Deutsch erschiene- Neue am Kapitalismus. Er führte zu einer
nen Bestseller »Die Donut-Ökonomie« be- Adelung der Arbeit, die es zuvor in der
Das Erstaunliche an der derzeitigen Lage richtet die Wirtschaftswissenschaftlerin Geschichte nicht gegeben hatte, und zu
ist: Selbst in einer ungewöhnlich langen Kate Raworth von einem Projekt in Ko- einer Heiligsprechung des Konsums, die
wirtschaftlichen Wachstumsphase, wie sie lumbien, bei dem im Jahr 2005 zufällig auch neu war.
Deutschland gerade erlebt und von der ausgewählte arme Familien eine Prämie Der Philosoph Richard David Precht ist
viele profitieren, ist der Unmut so groß, von umgerechnet 15 Dollar im Monat be- alles andere als faul. Er schreibt zehn Bü-
dass ihn etwa die neue Große Koalition kamen, wenn eines ihrer Kinder regelmä- cher in zehn Jahren, redet auf Kongressen,
mit milliardenschweren Wohltaten zu- ßig am Unterricht teilnahm. Auf den ersten talkt im Fernsehen, reist unablässig durch
schütten muss. Und noch so viele Wohl- Blick war der Anreiz ein Erfolg. Die Wahr- die Republik. Er ist einer der produktivs-
taten sorgen nicht dafür, dass die Kritik scheinlichkeit für den Schulbesuch stieg ten Denker des Landes und könnte gera-
am Kapitalismus abebbt. bei diesen Kindern. dezu ein Symbol sein für die Versprechen
Der Ausgleich zwischen Oben und Un- Doch es gab einen Nebeneffekt: Bei der Arbeits- und Leistungsgesellschaft.
ten scheint nicht mehr zu funktionieren, den Geschwistern der geförderten Kinder Und doch ist sich Precht sicher, dass eben-
jedenfalls nicht gut genug, um Aufruhr im sank die Bereitschaft zum Schulbesuch, diese Arbeits- und Leistungsgesellschaft,
System zu vermeiden. Das ist zum Beispiel da sie keine Prämie bekamen – der ne- wie sie sich in den letzten 200 Jahren ent-
auch ein Problem für eine Partei wie die gative Effekt war sogar stärker als der wickelt hat, irgendwann an ihr Ende kommt
SPD, die für Umverteilung steht. positive. und nur eine Episode in der Geschichte der
Vielleicht gelingt es noch ein paarmal, Kapitalismus ist eben auch eine Frage Menschheit bleiben wird. Er findet das alles
das System zu reparieren, zu stabilisieren, der Werte. Intrinsische Motive und solida- andere als schlimm. »Ein freier Mann im
wenn eine jeweils neue Regierung an ein rische Effekte verpuffen allzu oft, sobald antiken Griechenland hat sich dadurch de-
paar Schräubchen dreht – und alles wieder Geld ins Spiel kommt. finiert, dass er nicht gearbeitet hat, und er
zu neuer Balance findet. Aber reicht das Der Kapitalismus ist voll von solchen hat sich ja trotzdem nicht gelangweilt.« Für
bloße Funktionieren? widersprüchlichen Effekten. Am stärksten den Wohlstand sorgten damals die Sklaven,
Gehen die Zweifel an der Legitimität aber sind diese zwei: erstens die Grund- Frauen und Ausländer. Diesen Part, meint
des Kapitalismus nicht längst viel weiter, überzeugung, dass das Streben des Einzel- Precht, würden in Zukunft mehr und mehr
bis hin zur Frage, was das dauernde Schie- nen nach dem eigenen Vorteil am Ende zu die Roboter und Computer übernehmen.
len nach dem eigenen Vorteil, das ständige einem besseren Leben für alle führt. Zwei- Precht macht das gern, die angeblich
Aufrufen eines Preises für alles Mögliche tens das Verhältnis von Arbeit und Konsum. neuen Dinge als etwas zu beschreiben, was

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 15


Titel

gar nicht so neu ist. Er zertrümmert gern Die Idee wird schon länger diskutiert. das ein Wertewandel möglich werde. »Wir
die Gewissheiten des Status quo, etwa die Es gibt mehrere Modelle, von kleinen schaffen eine Insel des Sozialismus im Ka-
Selbstgewissheit der Deutschen, dass ihr Grundeinkommen, die eher Hartz IV äh- pitalismus«, sagt Precht.
Fleiß sie noch aus jeder Krise gezogen hat, neln, bis hin zu so weitreichenden Kon- Der Kapitalismus bleibe bestehen. Es
oder den wirtschaftspolitischen Konsens zepten wie dem von Precht (Hans-Werner lohne sich ja, weiter zu arbeiten. Aber es
aller Parteien, dass es am Ende nur auf ei- Sinn ist übrigens gegen beide Varianten. sei nicht mehr die einzige Option. »Wenn
nes ankomme: Jobs, Jobs, Jobs. Die kleinen Modelle hält er für nicht ori- der existenzielle Druck wegfällt, dann ist
»Ich sehe das als normale, fast lineare ginell und die großzügigen Modelle für un- plötzlich Platz da für andere Dinge, etwa
historische Entwicklung«, sagt Precht. Zu bezahlbar, aber das nur nebenbei). für die Frage: Was kann ich denn Sinnvol-
Beginn der industriellen Revolution hätten Die entscheidende Frage ist jedoch: Wie les machen?«
die Arbeiter oft noch 80 Stunden in der soll ein solches System entstehen? Aus pu- Es gebe schon heute ein tiefes Unbe-
Woche geschuftet, heute liege die Arbeits- rer Menschenfreundlichkeit? hagen, wie man diese moralischen Fragen
zeit einer Vollzeitkraft bei 41 Stunden. Der Precht gibt eine andere Antwort. Eine und die eigene Jagd nach ökonomischem
nächste Schritt werde eben sein, dass »sehr ökonomische. Die Vernichtung der Ar- Vorteil noch verbinden könne. Gerade die
viele Leute nicht mehr gezwungen sein beitsplätze durch Robotisierung und künst- Jüngeren zweifelten an den alten Status-
werden, arbeiten zu müssen«. Precht weiß liche Intelligenz werde in den nächsten symbolen, an dem teuren Auto, an Karrie-
genau, dass er da einen Epochenbruch in Jahren zu einer Krise der Kaufkraft führen. ren im Eckbüro. »Viele spüren die Leer-
niedliche Schrittchen verpackt. Der Konsum werde einbrechen, die Wirt- stelle«, sagt Precht, »paradoxerweise fül-
Und natürlich weiß er, dass nichts bri- schaft ins Schlingern geraten. len sie die oft bloß mit mehr Konsum, um
santer ist, als am politischen Ziel der Voll- »Doch was hat ein Konzern davon, dass sich für fehlenden Sinn in der Arbeit zu
beschäftigung zu rütteln. Schließlich wer- er seine Produkte mithilfe der Roboter im- entschädigen.«
den Digitalisierung und Robotisierung der mer besser und immer billiger herstellen Richard David Precht interessieren die-
Arbeitswelt und die damit einhergehende kann, wenn nicht mehr genug Menschen se Mechanismen der Doppelbödigkeit. Er
Vernichtung von mutmaßlich Millionen das Geld haben, diese Produkte zu kau- hat sich lange mit dem Kapitalismus und
Arbeitsplätzen in der Politik derzeit eher fen?« Es müsse also auf anderem Wege mit seinen philosophischen Wegbereitern
nicht als Chance diskutiert, sondern als Geld ins System gepumpt werden als über beschäftigt, etwa mit John Locke, dem
Katastrophe. Darum halten alle Parteien Erwerbsarbeit. Verfechter des Privateigentums und der
am Ziel der Vollbeschäftigung fest. Am Doch die ökonomischen Verwerfungen Menschenwürde, der zugleich in den Skla-
»Mythos Vollbeschäftigung«, sagt Precht, seien noch der geringste Teil der Probleme, venhandel investierte und den Indianern
an der »Illusion Vollbeschäftigung«. die kommen würden. Es werde eine mas- das Recht auf ihr Land absprach. »Die
Precht sieht die Entwicklung nüchtern. sive Wertekrise geben. »Die Menschen de- Kunst, moralisches Denken und kommer-
Wenn man alles so laufen lasse wie jetzt, finieren ihren Selbstwert heute extrem zielles Handeln so im Bewusstsein zu spei-
dann führe der Vormarsch der Roboter zu über ihre Erwerbsarbeit – aber wo steht chern, dass sie dort nicht zusammentref-
Massenarbeitslosigkeit und Elend. Zu der Selbstwert noch, wenn viele Menschen fen, kennzeichnet nicht nur unsere heutige
Millionen Arbeitslosen und vermutlich ökonomisch tatsächlich nicht mehr ge- Zeit, die Kakao genießt, dessen Bohnen
einem Erstarken radikaler Parteien. »Und braucht werden?« von Kindern geerntet werden. Diese
dann haben wir eine andere Republik«, In dieser Konstellation sei das bedin- Kunst ist mindestens so alt wie die Anfän-
sagt er. Aber so weit müsse es nicht kom- gungslose Grundeinkommen nicht nur die ge des liberalen Kapitalismus selbst«,
men, wenn man rechtzeitig einige politi- Lösung der ökonomischen Frage – indem meint Precht. »Aber vielleicht kann man
sche Reformen durchsetze. Und die wich- es das dringend benötigte Geld ins System den Menschen in dieser Hinsicht ja ein
tigste dabei sei: das bedingungslose Grund- schießt –, sondern auch das Vehikel, über wenig zivilisieren.«
einkommen. Geld für alle.
Precht hat zu diesem Thema eine Streit- Passen Digitalisierung und
schrift verfasst. »Jäger, Hirten, Kritiker« Sozialismus zusammen?
heißt das Buch, das am vergangenen Mon- Oder: Anke Domscheit-Berg
tag erschienen ist (SPIEGEL 17/2018). Der will von China lernen.
Titel dieser »Utopie für die digitale Gesell-
schaft« ist einem berühmten Marx-Zitat Die erste Stellenanzeige, die das Online-
entlehnt, demzufolge es im Kommunismus unternehmen Amazon schaltete, endete
jedem möglich sein soll zu tun, wozu er ge- mit dem Satz: »Es ist einfacher, die Zu-
rade Lust habe: zu jagen, Viehzucht zu trei- kunft zu erfinden, als sie vorauszusehen.«
ben oder zu kritisieren. Er beschreibt darin, Es ist kein Zufall, dass Amazon diesen
»dass der gewaltige Umbruch unserer Zeit Satz des Informatikers Alan Kay zitierte
nicht notwendig ins Elend führen muss, und damit gleich die eigene Firmenphilo-
sondern dass er die Chance enthält auf eine sophie umriss. In den IT-Konzernen Ame-
lebenswerte Zukunft«. rikas wird über kaum etwas anderes nach-
Und das wichtigste Element dieses Zu- gedacht als über die Zukunft, und nirgends
kunftsentwurfs ist eben das bedingungs- sonst scheint man sich so sicher zu sein,
lose Grundeinkommen. Precht schwebt Teil dieser Zukunft zu sein. Oder tut zu-
vor, dass jeder Bürger etwa 1500 Euro im mindest so.
MATTHIAS JUNG / LAIF

Monat erhält. Ohne Ausnahme. Es gibt Leider sieht es nicht so aus, als ob bei
keine Bedürftigkeitsprüfung, und jeder Amazon, Google, Facebook und Uber
kann dazuverdienen, ohne stärker besteu- eine gezähmte Variante des Kapitalismus
ert zu werden als heute. Es soll keinen entstünde. Was dort als digitaler Kapita-
Extraabzug beim Einkommen geben. Be- lismus oder Plattformkapitalismus gedacht
zahlen will Precht das Ganze über eine Philosoph Precht wird, fördert tendenziell die Ungleichheit
Finanztransaktionsteuer. Festhalten an der »Illusion Vollbeschäftigung« und schwächt die Staaten, macht den ein-

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CHRIS MCGRATH / GETTY IMAGES
Humanoider Roboter ADA GH5: Ist der Anstieg der ungleichen Einkommensverteilung auf die enormen Einkünfte der Silicon-Valley-Elite zurückzuführen?

zelnen Menschen entbehrlich oder zumin- Es wäre ja schon viel, so scheint es, überhaupt die Internetkultur des Teilens,
dest in hohem Maße abhängig. wenn die Europäer in dieser von anderen etwa von Wissen. »Da wächst das Neue
Die Digitalisierung, so zeigen Studien, dominierten Zukunft überhaupt die demo- schon wie ein Pilz ins System hinein«, sagt
beschleunigt vor allem in den USA die herr- kratischen und sozialen Standards halten sie, »und es nimmt heute bereits dem
schende Ungleichheit noch. Mancher For- könnten. Kapitalismus etwas von seiner Macht und
scher sagt, dass der Anstieg der ungleichen Aber müsste da nicht mehr kommen? seiner Schärfe.«
Verteilung der Einkommen nicht unwesent- Wie könnte ein eigener, ein positiver Zu- Domscheit-Berg ist in erster Linie Inter-
lich auf die enormen Einkommen der Elite kunftsentwurf aussehen? Gibt es noch die netaktivistin und Digitalisierungsdeuterin.
des Silicon Valley zurückzuführen sei. Vision einer Digitalisierung, die nicht to- Neuerdings ist sie auch Bundestagsab-
China ist der andere Teil der Welt, dem talitär ist, sondern egalitär? geordnete, parteilos, gewählt über die Liste
die Zukunft zu gehören scheint, vor allem Was Anke Domscheit-Berg als Zukunfts- der Linkspartei. Davor war sie mal Mit-
und zuerst ökonomisch. Hier wird gerade modell vorschwebt, könnte man einen di- glied bei den Grünen und bei den Piraten.
das große Experiment durchgeführt, einen gitalen Sozialismus nennen. Aber das mag Und davor hat sie für McKinsey gearbeitet,
Kapitalismus durchzusetzen, der bloß öko- sie nicht. »Das Wort weckt die falschen As- für Accenture und Microsoft. Sie hat in
nomische Freiheit kennt und keine politi- soziationen, und es passt auch nicht.« Sie ihrem Leben schon ein paar Karrieren
sche. Wohlstand statt Wahlen. Auch dort hat ja nichts gegen Privateigentum, nicht gemacht, und sie hat viele Veränderungen
entwickelt sich eher eine Verschärfung des einmal gegen Reichtum, wenn er nicht ge- erlebt. Die wichtigste: den Untergang der
Kapitalismus und keinesfalls seine Über- rade obszön ist. Der Begriff allerdings, den DDR. Sie war 22 Jahre alt, als ihr Staat
windung. sie vorschlägt, ist auch erklärungsbedürftig, verschwand, ein Gesellschaftssystem ob-
Lange dachte man, es sei nur eine Frage und schlagkräftig ist er ebenfalls nicht: solet wurde.
der Zeit, wann den ökonomischen Freihei- Commonismus. Domscheit-Berg kennt sich also mit Um-
ten in China auch politische Freiheit folgen Ihre Idee: Es gibt noch Markt und Preise brüchen aus. Und vielleicht macht sie das
würde. So, als ob es ein Naturgesetz wäre, und Unternehmertum. Aber es steht nicht auf so bemerkenswerte Weise cool in Be-
dass der ökonomische Liberalismus und mehr die Anhäufung von privatem Besitz zug auf alles, was mit Zukunft zu tun hat.
die Demokratie notwendigerweise zu- im Mittelpunkt der Wirtschaft, sondern das Sie hat ja erfahren, dass es nach dem Ende
sammenfinden müssen. Doch das Gesetz Gemeinwohl. Klingt naiv, muss es aber des Alten besser werden kann, wenn man
gibt es nicht. Stattdessen setzt das Land nicht sein. sich auf das Neue einlässt.
die digitale Technik für einen neuen Tota- Domscheit-Berg leitet den Begriff ab Sie hat tausend Dinge gemacht, aus-
litarismus der Überwachung ein. von den Gemeinschaftsgütern (»Com- probiert, verworfen. Aber zwei Konstanten
Interessanterweise nutzen sowohl die mons«), wie es sie in der Landwirtschaft gibt es in ihrer Biografie dann doch: Sie
USA als auch China die technischen Mög- gab und gibt, und von den Commons- ist links, und sie schwärmt für die Möglich-
lichkeiten der Digitalisierung genial bis Lizenzen bei gemeinsam programmierter, keiten der digitalen Gesellschaft. Vor allem
brutal. Und Deutschland? Und Europa? frei zugänglicher Software. Ihr Vorbild ist glaubt sie, dass beides »natürlich« zu-

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 17


Titel

sammengehöre, das politisch Linke und de. »Wenn die Chinesen so vorausschau-
das Digitale. end Politik machen können, dann heißt
Sie sieht in der Digitalisierung »die größ- das, es ist möglich. Auch für andere Ziele,
te Chance überhaupt«, einen Gegenent- für demokratisch legitimierte, für die Um-
wurf zum Kapitalismus hinzubekommen. setzung einer gemeinwohlorientierten,
In Bezug auf die Veränderung der Arbeits- positiven Zukunftsvision. Man muss nicht
welt teilt sie ungefähr, was Precht sagt, und alles den Märkten überlassen.«
sie zögert keine Sekunde, das, was an Ver-
nichtung von Arbeitsplätzen und sozialer Gibt es einen besseren
Umwälzung aufs Land zurollt, mit dem Kapitalismus? Oder: Harald
Ende der DDR zu vergleichen. Welzer wünscht sich
Der eigentliche Witz an der Digitalisie- eine Politik der Sehnsucht.

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL


rung sei aber: Sie könne – in immer mehr
Bereichen – irgendwann den Preis so gut Was also kommt nach dem Kapitalismus?
wie abschaffen. Und wo es fast keinen Eine neue Epoche des Glücks, ein neuer
Preis mehr gebe, da komme der Kapita- Anlauf zu mehr Gerechtigkeit, Gleichheit,
lismus an seine Grenzen. Mit allem, was Brüderlichkeit?
kaum etwas koste, könne der Kapitalismus Die Antwort hängt davon ab, wie man
einfach nicht umgehen. die ökonomische Entwicklung der nächs-
Aber was dem Einzelnen als Arbeitneh- Abgeordnete Domscheit-Berg ten Jahre einschätzt. Kaum zu bezweifeln
mer wie ein Albtraum erscheine – dass »Warum trauen wir uns nicht?« ist, dass sich die Trends, die den modernen
das, was er produziert, unfassbar billig Kapitalismus seit 200 Jahren kennzeichnen,
wird –, sei gesellschaftlich ein Traum. An Gesellschaft eigentlich so klein und über- verstärken werden. Die Digitalisierung ist
dem jeder partizipieren könne, wenn man lasse das Feld den menschenfreundliche- ein Erzeuger enormer Ungleichheit. Sie be-
es nur politisch klug anstelle. ren unter den Milliardären, fragt sie. Kon- günstigt Monopole. Sie kann sehr wenige
Domscheit-Berg erzählt eine Geschich- kret: »Wenn sich ein Bill Gates aufmachen Menschen in sehr kurzer Zeit sehr reich ma-
te, um das zu erklären. Eine wahre Ge- kann, die Malaria auszurotten, warum chen. Und sie kann innerhalb weniger Jahre
schichte von einem Schreiner in Südafrika, kann das die Weltgemeinschaft nicht?« komplette Branchen umwälzen, Millionen
der sich mehrere Finger weggehobelt hatte. Man müsse sich nur trauen, eine Vision Arbeitsplätze vernichten, die Gewichte des
Der Schreiner nahm über das Internet für die Zukunft zu entwickeln und eine Welthandels verschieben.
Kontakt zu einem Spezialisten auf, mit konkrete Strategie daraus abzuleiten und Ökonomisch sind das alles keine neuen
dem zusammen er eine künstliche Hand umzusetzen. »Das Silicon Valley macht Phänomene. Sie dürften sich allerdings in
baute. Die Geschichte sprach sich herum, vor, dass es geht. Die Chinesen machen es einem Tempo abspielen, das historisch neu
überall auf der Welt meldeten sich Men- vor. Warum trauen wir uns nicht?« ist. Und selbst wenn auf lange Sicht die
schen, denen eine Hand fehlte. Die beiden Der Staatskapitalismus in China sei na- Digitalisierung wieder mehr Arbeitsplätze
luden die Baupläne ins Internet, frei ver- türlich ein unerträgliches, totalitäres Sys- schaffen würde, ist es unwahrscheinlich,
fügbar für jeden. Für einige Hundert Dol- tem, sagt Domscheit-Berg. Aber er zeige, dass diese neuen Jobs so schnell entstehen,
lar kann sich nun jeder eine Hand an- wie weit die Möglichkeiten der Steuerung wie die alten verschwinden.
fertigen lassen. gingen. Seit Jahren arbeitet China am so- Politisch interessant werden diese Um-
»Das ist die Pointe der Digitalisierung«, genannten Social Credit System, einer Art wälzungen, wenn die Zahl der Verlierer
sagt Domscheit-Berg. »Ein Mensch muss Scoring-Programm, das bereits ab 2020 oder derer, die sich als künftige Verlierer
nur einmal ein Problem für die Menschheit die Bürger in allem, was sie tun, bewerten sehen, nicht mehr bloß eine Minderheit
lösen, die digitale Gesellschaft sorgt dafür, soll. Schon lange war der Regierung klar, bildet. Seit dem Brexit, Le Pen, der AfD
dass diese Lösung überall verfügbar ist, wie die Allgegenwart des Internets eine und Donald Trump muss man kein Visionär
und mit 3-D-Druckern kann dann jeder totale Überwachung möglich machen wür- sein, um zu ahnen, was dann anstünde (sie-
solche Dinge selbst herstellen.« he auch das Gespräch mit dem Schriftsteller
Das Problem am Kapitalismus sei, dass Alexander Schimmelbusch auf Seite 20).
in dessen Logik der Erfinder der künst- Wahrscheinlich ist, dass es in den nächs-
lichen Hand ein Patent anmelden und der ten Jahren um Verteilung gehen wird. Um
Hersteller 10 000 Dollar pro Exemplar ver- eine neue Verteilung von Arbeit, von Wohl-
langen müsste. Mit dem Effekt, dass sich stand, von Kapital. Von digitalen Renditen.
Millionen Menschen, die keine 10 000 Dol- Man spürt dies in den Wahlergebnissen
lar haben, keine Hand leisten könnten. überall in Europa voraus, zuletzt in Italien.
An dieser Stelle ist Domscheit-Berg sehr Ob diese Neuverteilung durch ein bedin-
für einen starken Staat oder eine starke gungsloses Grundeinkommen geschehen
Weltgemeinschaft. Irgendjemand muss ja wird, weiß niemand, sicher aber scheint,
bestimmen, was dem Gemeinwohl dient. dass die Existenzsicherung neu organisiert
»Entweder müssen wir dann enteignen oder und finanziert werden wird. Dass eine Ge-
entschädigen. Wir sagen: Du bekommst sellschaft, der die bezahlte Arbeit ausgehen
GERHARD LEBER / IMAGO

50 Millionen Dollar auf einmal, aber dafür sollte, neue Räume und neue Ideen für ein
gehört deine Innovation der Welt.« Leben – oder Lebensphasen – ohne viel
Was nutze schließlich die Möglichkeit, bezahlte Arbeit bereithalten müsste.
eine transplantierfähige Niere künftig mit Die entscheidende Frage ist nicht, ob
3-D-Druck günstig und für jeden herstel- das, was kommt, noch Kapitalismus heißt.
len zu können, wenn das Organ patent- Der Manchester-Kapitalismus vor 150 Jah-
geschützt sei und 100000 Dollar koste, fragt Soziologe Welzer ren hat mit der heutigen sozialen Markt-
Domscheit-Berg. Warum mache sich die »Die Verhältnisse zum Tanzen bringen« wirtschaft auch nicht mehr besonders viel

18
2017 (Prognose):
79 281

2010:
65 906
0,6 % des Vermögens weltweit ... 11,6% des Vermögens ...

gehören den ärmsten 50 % der Menschheit gehören den folgenden 40%

2000:
33823
1990:
23418
* nicht inflationsbereinigt
Quellen: IWF, Credit Suisse, 2017
87,8% des Vermögens ...
1980:
11112
haben die reichsten 10%
Wachsender Wohlstand und ungleiche Verteilung
Weltweites BIP in Milliarden Dollar*

gemein. Entscheidend ist, ob es gelingt, ne- bloß von dem handelten, worauf es zu die er nicht brauche, ja oft nicht einmal
ben der Sphäre des Leistungsethos, der verzichten gelte, sondern davon, was zu mehr benutze, und verkomme so zum Wa-
ökonomischen Beschleunigung und des gewinnen sei. Das bedingungslose Grund- renzwischenlager zwischen Supermarkt
Konsums eine zweite gesellschaftliche einkommen ist für ihn eine solche Gegen- und Müllkippe.
Sphäre zu begründen, in der andere Werte geschichte. Die autofreie Stadt. Eine Land- Eigentlich müsste dem dümmsten Kon-
gelten. Eine Sphäre der Solidarität, wie wirtschaft ohne Tierquälerei. sumenten dämmern, dass in diesem Im-
Kathrin Hartmann sie beschreibt. Eine Welzer stört, dass die Politik, dass die mer-Mehr kein Glück liege. Dass er dieses
Sphäre von Unternehmen, in denen die Parteien selbst kaum noch Zukunftsbilder Immer-Mehr nicht bloß mit Geld, sondern
Arbeitnehmer auch Eigentümer sind, wie hätten, die positiv sind. »Die gesamte letztlich mit seiner Lebenszeit bezahle,
sie Hans-Werner Sinn empfiehlt. Eine Politik ist geprägt davon, den Status quo meint Welzer.
Sphäre der Innovation ohne Eigennutz, irgendwie zu reparieren. Es geht immer Doch wie kommt man in eine positive
wie sie Anke Domscheit-Berg vorschwebt. nur darum, Defekte zu beheben.« Zukunft? Durch Revolution?
Eine Sphäre des abgesicherten Postkarrie- Es sei kein Wunder, dass viele Menschen Entscheidend sei nicht die eine be-
rismus, wie Richard David Precht sie denkt. im Kommenden nur eine Zeit sehen könn- sonders geniale Idee, eine wetterfeste The-
Es wäre eine Gesellschaft, die den Kapita- ten, in der sie etwas zu verlieren haben – orie, meint Welzer. Bestimmt brauche man
lismus nicht abschafft, sondern ergänzt. und dementsprechend wählten. Das Beste, keinen neuen Marxismus. Entscheidend
Das hieße, die Dynamik des Kapita- was die Parteien anzubieten hätten, sei sei eine soziale Bewegung, die wachse und
lismus, die Dynamik des Marktes und der bloß »eine möglichst lange Verlängerung stärker werde und die sich einig sei in
Digitalisierung zu erhalten und zu nutzen, der Gegenwart, aber keine Zukunft«. dem Grundgedanken, der bestehenden
aber nicht mehr zum Selbstzweck zu er- Man könne das an der politischen Rhe- Ökonomie und Alltagskultur etwas Neues
heben. Sondern, um Raum zu schaffen für torik der vergangenen Jahre gut ablesen. entgegenzustellen. Lauter schöne neue
neue Formen des Zusammenlebens, -ar- Es sei dort immer die Rede davon, dass Gegenwelten. Mikropolitische Strategie
beitens, -wirtschaftens. man »die Sorgen der Menschen« ernst neh- nennt er das.
Man könnte auch sagen: für Utopien. men müsse. So sorgenvoll sehe die Politik Und dann zitiert er doch Marx: »Man
Der Soziologe Harald Welzer sieht genau dann leider auch aus. »Was wäre«, sagt muss die versteinerten Verhältnisse da-
in diesen fehlenden Bildern einer positiven Welzer, »wenn sie endlich die Sehnsüchte durch zum Tanzen zwingen, dass man ih-
Zukunft das größte Problem der Gegen- der Menschen ernst nehmen würde?« nen ihre eigene Melodie vorsingt.«
wart. »Der Kapitalismus«, sagt er, »hat alle Und diese Sehnsüchte, meint er, gingen Markus Brauck
Alternativen zu ihm zum Verschwinden ge- doch tiefer als nur bis zum nächsten Kon-
bracht, vor allem jede Alternative zum Prin- sumwunsch.
zip des Wachstums. Diese Alternativen Welzer beschreibt das heutige Verhält- Video
Das Experiment mit
müssen wir aber entdecken, wenn wir als nis des einzelnen Menschen zur Ökono- dem Grundeinkommen
Menschheit überleben wollen.« mie als »Unterwerfung«. Und der am we- spiegel.de/sp192018kapitalismus
Es brauche Gegengeschichten, sagt Wel- nigsten freie Mensch ist für Welzer ausge- oder in der App DER SPIEGEL
zer, die verheißungsvoll seien, die nicht rechnet der Konsument. Er kaufe Dinge,

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 19


Titel

»Relikt der Rambo-Kultur«


SPIEGEL-Gespräch Der Romanautor Alexander Schimmelbusch war Investmentbanker.
Heute beklagt er das vulgäre Zurschaustellen von Reichtum.

GOETZ SCHLESER / DER SPIEGEL

Schriftsteller Schimmelbusch

Solche Biografien gibt es selten. Alexander SPIEGEL: Herr Schimmelbusch, haben Sie ran, sich eine solche Flasche Wein tatsäch-
Schimmelbusch hatte in London und Frank- schon mal eine Flasche Rotwein für 2400 lich bestellen zu können.
furt als Investmentbanker bei Credit Suisse Euro getrunken? SPIEGEL: Warum sind Sie Investmentban-
und der UBS Karriere gemacht. Heute ist Schimmelbusch: Zumindest habe ich sie ker geworden?
er Romanautor in Berlin und verarbeitet nicht selbst bezahlt. Schimmelbusch: Als ich 1998 in Wa-
literarisch, was er in den Topetagen der SPIEGEL: Victor, der Protagonist in Ih- shington mein Studium beendete, war ich
deutschen Industrie erlebt hat. In »Hoch- rem Buch, pflegt solche Angewohnhei- 22 Jahre alt und hatte keine konkreten
deutschland« (Tropen; 214 Seiten; 20 Euro) ten. Ist Ihnen ein ähnliches Verhalten in Pläne für die Zukunft. Zudem erlebten
gewährt Schimmelbusch, Jahrgang 1975, Ihrer Zeit als Investmentbanker aufge- wir eine absolute Boomphase des Invest-
Sohn des früheren Spitzenmanagers Heinz fallen? mentbankings, sodass die Banken an den
Schimmelbusch, Einblick in die Abgründe Schimmelbusch: Natürlich. Es ging den einschlägigen Universitäten sehr aggressiv
des Finanzkapitalismus – und des Polit- Kollegen dabei aber nicht ums Angeben, rekrutierten. Es war schwer, ihnen zu
populismus. sondern eher um die diebische Freude da- widerstehen …

20
SPIEGEL: … und wahrscheinlich auch der
Aussicht auf Reichtum. Wie viele Jahre
brauchte ein Investmentbanker, um im
Jahr eine Million Euro zu verdienen?
Schimmelbusch: Wer gut war, bei dem
dauerte es vielleicht acht Jahre, der war
dann ungefähr 30. Wir verdienten von An-
fang an viel Geld, aber hatten gar keine
Gelegenheit, es auszugeben. Die Bank
zahlte ohnehin fast alles: die Pekingente
vom Lieferservice oder die Zinsen für das
Darlehen beim Kauf einer Wohnung. Es
gab auch viele Annehmlichkeiten. Wir
flogen zum Beispiel in der Businessclass,
aber wenn die Reise länger als zehn Stun-
den dauerte, durften wir erster Klasse flie-

MARC-STEFFEN UNGER
gen. Da ist natürlich so mancher 23-Jähri-
ge von London nach New York über Was-
hington geflogen.
SPIEGEL: Steigt einem dieses Leben zu
Kopf?
Schimmelbusch: Man ist viel zu müde, Börse in Frankfurt am Main: »Wie ein Sektenanhänger, der deprogrammiert worden war«
als dass ein Hochgefühl aufkommen könn-
te. Der Druck ist extrem, sogar unnötig
hoch. Da kommt einer rein und sagt, bis Leben lang machen. Wahrscheinlich wäre SPIEGEL: Hat es Sie überrascht, dass die
Montag brauchen wir eine Hundert-Sei- ich aber nicht so schnell davon weggekom- Figur des Victor so böse ausgefallen ist?
ten-Präsentation für den Chef von RWE – men, wenn nicht meine Mutter schwer Schimmelbusch: Finden Sie ihn böse?
und es ist Donnerstag. In London gab es krank geworden wäre. Ich wollte die letz- SPIEGEL: Ein Sympathieträger ist er nicht.
in der Bank einen Wellnessbereich wie in ten Monate ihres Lebens mit ihr verbrin- Schimmelbusch: Sympathieträger sind
einem Hotel. Da konnte man morgens um gen und kündigte deshalb von einem Tag generell selten. In seiner Haltung zu sei-
vier Uhr in die Sauna gehen, zwei Stunden auf den anderen. Mit ein bisschen Abstand nem Beruf mag Victor ein wenig zynisch
schlafen und sich dann wieder an seinen war klar: Unter keinen Umständen würde sein, aber das ist jeder Mensch bis zu
Schreibtisch setzen. Die ersten zwei Jahre ich damit wieder anfangen. Ich fühlte mich einem gewissen Grad. In seinem Handeln
als Investmentbanker empfand ich als eine wie ein Sektenanhänger, der deprogram- jedenfalls ist Victor sehr demokratisch.
Art dystopisches Arbeitslager. miert worden war. Plötzlich war ich wie- SPIEGEL: Oder populistisch? Er entwirft
SPIEGEL: Warum üben Banken einen sol- der ein Mensch. ein Manifest, darin fordert er eine Ober-
chen Druck aus? SPIEGEL: Und Sie sind Schriftsteller ge- grenze für Vermögen bei 25 Millionen
Schimmelbusch: Das ist sicher ein Relikt worden, was andere Fähigkeiten verlangt. Euro, er will die Bildung verstaatlichen
der Rambo-Kultur an der Wall Street in Schon die Sprachwelten sind sehr unter- und den Sozialstaat ausbauen.
den Achtzigerjahren. Und dann ist es in schiedlich. Schimmelbusch: Natürlich ist er ein Popu-
der Branche eben zur Tradition geworden. Schimmelbusch: Ist das so? Als Invest- list. Mein Buch ist ja eine sogenannte
Es hat aus Sicht der Bank ja auch Vorzüge: mentbanker habe ich unzählige Präsenta- kontrafaktische Erzählung, also eine Spe-
Man findet schnell heraus, wer belastbar ist. tionen geschrieben, die alle schön und klar kulation darüber, wie das vergangene
SPIEGEL: Was hat Sie, abgesehen vom formuliert und überzeugend sein mussten. Wahljahr anders hätte verlaufen können.
Geld, im Investmentbanking gehalten? Ein britischer Vice Chairman meiner Bank Und wenn eine unattraktive populistische
Schimmelbusch: Die bizarren Erfahrun- hat in einer Rund-Mail sogar einmal die Fra- Bewegung mit schauerlichem Personal
gen, die man dort machen konnte. Ich war ge gestellt, warum das schönste Englisch im schon 13 Prozent holen konnte, dann kann
im Bereich Fusionen und Übernahmen be- ganzen Geschäftsbereich ausgerechnet aus man ja das ungeheure Potenzial einer et-
schäftigt, und diese Dienstleistung kann der Tastatur eines Deutschen komme. In- was intelligenteren populistischen Bewe-
nur ein Vorstand bestellen. Es war reizvoll vestmentbanking war meine Schreibschule. gung erahnen.
für mich als junger Mensch, auf deutschen SPIEGEL: Investmentbanker verdienen SPIEGEL: Warum hat sich das Potenzial
Vorstandsetagen Charakterstudien zu be- aber viel mehr Geld als Schriftsteller. der Populisten vergrößert?
treiben. Schimmelbusch: Deshalb bin ich ja auch Schimmelbusch: Der Graben der Bil-
SPIEGEL: Sie stammen aus einer Manager- von Notting Hill nach Kreuzberg gezogen. dungsbürger zum einfachen Volk ist viel
familie, Ihr Vater war Chef der Metall- SPIEGEL: Sie haben vor »Hochdeutsch- breiter und tiefer geworden. Ich bin in
gesellschaft. Sie hatten bereits eine Vorstel- land« drei andere Romane veröffentlicht. Frankfurt am Main aufgewachsen, und vor
lung davon, wie es in Konzernen zugeht. Warum verarbeiten Sie erst jetzt Ihre be- 20 Jahren hatte ich nicht das Gefühl, dass
Schimmelbusch: Mein Vater erzählte zu rufliche Vergangenheit? ich massiv weit entfernt war von den Men-
Hause immer viel von seiner Arbeit. Aber Schimmelbusch: Ich wollte ein Buch über schen, denen ich auf der Zeil begegnet bin.
er ist Industrieller, kein Investmentbanker. Populismus schreiben, und der Investment- Das ist heute anders, wenn ich etwa in Ber-
Er hat auch keinen ungetrübten Blick auf banker hat eine starke populistische Prä- lin mit dem Fahrrad über den Alexander-
den Finanzsektor. gung. Er akquiriert Kunden, indem er ih- platz fahre und diese Verwahrlosung sehe.
SPIEGEL: Nach fünf Jahren sind Sie aus- nen genau das gibt, was sie wollen. Die Armut und Reichtum manifestieren sich
gestiegen. Warum? Kunden wollen vom Investmentbanker heute viel greller, viel vulgärer. Früher gab
Schimmelbusch: Die Arbeit hat mich hören, dass ihr Vorhaben nicht ein hane- es zwischen dem Lehrerkind und dem Vor-
nicht gequält, aber in mir auch keine Lei- büchener Plan, sondern naheliegend und standskind keinen harten Klassenunter-
denschaft geweckt. Ich wollte das nicht ein sinnvoll ist. schied, sie gehörten beide dem Bürgertum

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 21


Titel

KRIEGER, an. Heute leben sie in völlig unterschied-


lichen Welten.

GOETZ SCHLESER / DER SPIEGEL


KÜNSTLER UND SPIEGEL: Hat das auch etwas mit den enor-
men Managergehältern zu tun?
Schimmelbusch: Einige Tätigkeiten wer-
DRUIDEN – den überbezahlt, dafür stehen viele andere
Bildungsberufe finanziell unter immensem
DIE WELT DER Druck. Das schafft eine willkürliche Ver-
zerrung. Man sieht es auch am Konsum:

KELTEN Früher verhielten sich wohlhabende Deut-


sche anders. Wer einen 560er SEL fuhr,
ließ natürlich die Typenbezeichnung weg.
Heute zeigt sich jeder Zahnarzt gern in
Schimmelbusch, SPIEGEL-Redakteure*
»Minimalhürden des Linksseins«

Intelligenz engagieren und im Silicon Val-


einem getunten Zuhälter-Mercedes. Das ley ein großes Büro eröffnen.
ist nicht mehr das Deutschland, in dem SPIEGEL: Also keine Angst vorm Staats-
Victor aufgewachsen ist, das ja eher ein kapitalismus?
230-E-Deutschland war. Am Mercedes- Schimmelbusch: Natürlich sollte man das
Design kann man im Übrigen sehr genau nicht wie in der DDR organisieren. Aber
die Entwicklung unserer Gesellschaft nach- wenn so disparate Länder wie Kuwait oder
zeichnen. Norwegen es schaffen, einen erfolgreichen
SPIEGEL: Victor meint, man müsse poli- Fonds aufzubauen, warum nicht Deutsch-
tisch handeln. land? An Daimler sind schon lange Staats-
Schimmelbusch: Das Programm, das er fonds beteiligt, das Unternehmen hat nicht
formuliert, ist populistisch zugespitzt, aber darunter gelitten.
keineswegs radikal. Es rührt nur an Wahr- SPIEGEL: Sollte der Staat eingreifen, um
heiten, die oft verdrängt werden. Es kann die Höhe der Managergehälter zu begren-
zum Beispiel nicht gut gehen, wenn der zen, wie es Victor im Manifest vorschlägt?
chinesische Staat Hunderte Milliarden Schimmelbusch: Tatsächlich möchte Vic-
Euro in Zukunftsindustrien pumpt und tor eine Vermögensobergrenze einführen.
deutsche Unternehmen mit privatwirt- Aber ich bin nicht Victor, und ich habe kein
schaftlichen Mitteln konkurrieren sollen. Sachbuch geschrieben. Victor ist ein Popu-
Das wird nicht funktionieren. list, dessen Handeln darauf ausgerichtet ist,
SPIEGEL: Im Buch wird ein »Deutschland- in der aktuellen Situation in Deutschland
Fonds« ins Spiel gebracht, ein nationaler Erfolg bei den Wählern zu haben. Die Ober-
Investmentfonds für Zukunftsindustrien. grenze ist das, was ich eine 80-Prozent-
Schimmelbusch: Andere Staaten haben Forderung nenne. In einem Referendum
so etwas schon lange, selbst kleine Wüs- würden sie wahrscheinlich 80 Prozent der
tendiktaturen wie Katar. Wenn sich China Bürger unterschreiben. Sie ist zudem eine
mit fast zehn Prozent an Daimler beteiligt, perfide Forderung, da es kaum möglich ist,
dann gilt dies als Ausdruck der freien öffentlich gegen sie zu argumentieren.
208 Seiten mit Farbbildteil Marktwirtschaft. Aber stellen Sie sich mal SPIEGEL: Praktisch hätte eine solche Forde-
Gebunden mit SU · A 20,00 (D) den Aufschrei vor, wenn der deutsche rung keine Chance, verwirklicht zu werden.
Auch als E-Book erhältlich
Staat bei Daimler eingestiegen wäre. Da Schimmelbusch: Sicher ist die Grenze
hätten dem Christian Lindner von der verfassungsrechtlich problematisch, sie be-
FDP die Haare zu Berge gestanden. Dabei rührt Eigentumsrechte. Aber bei populis-
ist China ein Land, in dem sozusagen Mil- tischen Forderungen geht es vor allem da-
Sie lebten im Mitteleuropa der lionen Menschen in Lagerhaft sitzen. rum, den jeweiligen Adressaten aus der
SPIEGEL: Es kann aber wohl kaum eine Seele zu sprechen. Wie Donald Trump mit
Eisenzeit. Sie hinterließen prächtige
sinnvolle Strategie sein, wenn der deutsche seiner Mauer, die angeblich die Mexikaner
Schätze und beeindruckendes Staat in alle Industrien einsteigt, an denen bezahlen werden. Das Handwerk der Um-
Kunsthandwerk. Die Römer fürchteten China Interesse zeigt? setzung muss der Roman nicht klären.
Schimmelbusch: Warum denn nicht? An SPIEGEL: Man darf Sie als einen Linken
ihre Krieger. Doch bis heute rätseln Volkswagen ist das Land Niedersachsen bezeichnen?
Forscher: Wer waren die Kelten? beteiligt. Die VW-Mitarbeiter werden Schimmelbusch: Wahrscheinlich schon.
Wie lebten und an was glaubten sie? auch deshalb relativ gut bezahlt. Dort sind Die Gesellschaft sollte eine gewisse Balance
doch eher die privaten Eigentümer das aufweisen, der Staat sollte in der Wirtschaft
SPIEGEL-Autoren und Experten Problem, die Familien Piëch und Porsche. eine Rolle spielen: Solche Minimalhürden
liefern neue Erkenntnisse über SPIEGEL: Deutschland soll die eigenen In- des Linksseins überspringe ich spielend.
dustrien abschotten, obwohl es selbst vom SPIEGEL: Waren Sie schon links, als Sie
eine geheimnisvolle Kultur.
freien Handel erheblich profitiert. Ist das noch als Banker gearbeitet haben?
nicht opportunistisch? Schimmelbusch: Ich empfand es jeden-
Schimmelbusch: Es geht nicht um Han- falls schon damals als unangenehm, wenn
delsbeschränkungen, sondern um Investi- sich junge Kollegen über ihren Steuersatz
tionen für die deutsche Bevölkerung. Der beschwert haben.
Fonds sollte sich auch in der künstlichen SPIEGEL: Herr Schimmelbusch, wir dan-
ken Ihnen für dieses Gespräch.
* Alexander Jung und Markus Brauck in Berlin.

www.dva.de 22 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Der Opel SUV

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Abb. zeigt Sonderausstattung.
Deutschland
»Die Situation heute ist schlimmer als im Kalten Krieg.« ‣ S. 28

STEFAN PUCHNER / DPA


Polizeieinsatz in Landeserstaufnahmeeinrichtung im baden-württembergischen Ellwangen

Abschiebungen

»Nicht angetroffen«
Die Zahl der ausreisepflichtigen Westafrikaner ist bundesweit stark angestiegen.
 Aktuelle Zahlen aus Baden-Württemberg lassen erkennen, wie allein aus Nigeria. Laut einem Lagebild aus dem Bundesinnen-
schwer es den Behörden fällt, ausreisepflichtige Ausländer abzu- ministerium hat sich die Zahl ausreisepflichtiger Nigerianer im
schieben. Laut der Jahresstatistik 2017 des Regierungspräsidiums vergangenen Jahr von knapp 2940 auf 6540 mehr als verdop-
Karlsruhe standen 3450 vollzogenen Abschiebungen 2005 pelt. Abgeschoben wurden im selben Zeitraum 602 Männer und
Abschiebeversuche gegenüber, die daran scheiterten, »dass die Frauen aus Nigeria, die meisten in diejenigen EU-Länder, die
Betreffenden nicht angetroffen werden konnten«. Gewaltsamer nach den Dublin-Regeln für ihr Asylverfahren zuständig sind.
Widerstand wie diese Woche in der schwäbischen Landeserst- Auch unter Guineern und Ghanaern ist die Zahl der Ausreise-
aufnahmeeinrichtung (LEA) Ellwangen ist indes selten, laut pflichtigen zuletzt deutlich gestiegen. Ohne Zwang gehen offen-
Innenminister Thomas Strobl (CDU) werden nur »in Einzelfäl- bar nur wenige abgelehnte Asylbewerber aus Westafrika in ihre
len durch derartige Solidarisierungen von Flüchtlingen Abschie- Heimat zurück. »Die Angebote der geförderten freiwilligen
bungen verhindert«. Von den 3450 Abschiebungen erfolgten Rückkehr werden nach wie vor nur in geringem Umfang in
lediglich 538 aus einer LEA. In Ellwangen stammen mehr als die Anspruch genommen«, heißt es in dem Lagebild des Bundes-
Hälfte der 492 Flüchtlinge aus Westafrika, mehr als ein Viertel innenministeriums. FRI, WOW

Sicherheitsgewerbe erinnert. Aufträge, sei es zur Bewachung greifbar, klagen Fahnder. Hessens Finanz-
Steuerbetrug mit von Klubs, Volksfesten oder Flüchtlings-
unterkünften, werden danach von Sicher-
minister Thomas Schäfer (CDU) fordert
jetzt in einem Brief an Bundesfinanz-
Subunternehmen heitsfirmen häufig an eine unüberschauba- minister Olaf Scholz (SPD) sowie an seine
re Kette von hintereinandergeschalteten Länderkollegen Maßnahmen gegen das
 Der rasant wachsende Markt für private Subunternehmen weitergeleitet. Am Ende Betrugsmodell. Denkbar sind Verfahren,
Wach- und Sicherheitsdienste lädt offen- der Kette stellt ein Unternehmer eine fin- die bei Umsatzsteuerkarussellen oder
bar zum Betrug am Fiskus ein. Hessische gierte Rechnung mit dem Steuerbetrag für auch in der Baubranche Erfolg zeigen.
Steuerfahnder stoßen in der Boom-Bran- die erbrachte Dienstleistung aus, führt die Durch eine Rechtsänderung könnte grund-
che – rund acht Milliarden Euro Jahres- Steuer jedoch nicht an den Fiskus ab. Für sätzlich der Leistungsempfänger oder der
umsatz – auf eine Betrugsmasche, die an das Finanzamt seien die letzten Glieder erste Auftragnehmer für die Steuerschuld
die berüchtigten Umsatzsteuerkarusselle der verschachtelten Kette oft nicht mehr verantwortlich gemacht werden. MAB

24 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Behörden in Bayern Neben der neuen Weisung sollen die exis- Bürgerbeteiligung

Kreuz und quer tierenden Regeln für Klassenzimmer und Merkel imitiert Macron
Gerichtssäle weiter gelten. Bayerischem
 In den Foyers aller bayerischen Dienst- Recht zufolge müssen sich Schulleiter um  Proeuropäische Verbände werfen
gebäude sollen laut Anordnung des eine »gütliche Einigung« mit Eltern Kanzlerin Angela Merkel vor, ihr Inte-
Innenministeriums Kreuze hängen – bemühen, wenn diese gegen ein Kreuz im resse an einem Dialog mit den Bürgern
auch in Schulen und Gerichten, in denen Klassenraum protestieren. Gelingt dies über die Zukunft der Europäischen
es oft bereits in anderen Räumen Kreuze nicht, ist »eine Regelung zu treffen, wel- Union nur vorzuschützen. Die Kritik
gibt. Ein neuer Paragraf 28 in der »Allge- che die Glaubensfreiheit des Widerspre- zielt auf die geplanten »Bürgerdialoge«,
meinen Geschäftsordnung für die Behör- chenden achtet«. Der Passus folgt dem die Merkel am Montag in einer Berliner
den des Freistaates Bayern« gibt dazu die Kruzifixurteil des Bundesverfassungsge- Schule starten will. Die Idee stammt
Anweisung: »Im Eingangsbereich eines richts von 1995 und gilt für Grundschu- von Frankreichs Präsident Emmanuel
jeden Dienstgebäudes ist als Ausdruck len, Mittelschulen und Förderzentren. Macron, der mit Bürgerkonventen die
der geschichtlichen und kulturellen Prä- Für die Gerichtssäle empfiehlt die Obers- europäische Idee wiederbeleben will.
gung Bayerns gut sichtbar ein Kreuz te Baubehörde Bayerns abnehmbare Die Europäische Bewegung Deutsch-
anzubringen.« Beschaffen sollen die Kreuze. Fühlt sich ein Prozessbeteiligter land (EBD), das größte Netzwerk für
Dienststellen die neuen Kreuze selbst, durch das Christus-Symbol gestört, kann europapolitische Interessen hierzulan-
etwaige Vorschriften zu Größe oder er vom Gericht verlangen, dass es ent- de, hatte der Bundesregierung Krite-
Material wurden bisher nicht erlassen. fernt wird. FRI rien für einen Dialog auf Augenhöhe
mit den Bürgern vorgeschlagen, die
offenbar bei der Planung der Veranstal-
tungen nicht berücksichtigt wurden.
»Die notwendige öffentliche Debatte
zur Zukunft Europas darf durch halb-
herzige und PR-orientierte Bürgerdialo-
ge nicht für Europafrust sorgen«, warnt
EBD-Präsident Rainer Wend, vormals
Bundestagsabgeordneter der SPD. »Es
braucht Kriterien für alle Veranstal-
tungsformate, damit daraus keine reine

KARL-JOSEF HILDENBRAND / DPA


PR-Nummer der Regierung wird«, for-
dert Manuel Gath, Vorsitzender der
Jungen Europäischen Föderalisten.
»Showveranstaltungen helfen nicht wei-
ter«, so Frank Burgdörfer vom Verein
»Citizens of Europe«. CSC

Kreuz in einer Schule im bayerischen Kaufbeuren

Terrorismus

Europa tige Richtung«, so Krichbaum. »Schließ-


Verdachtsfälle haben sich
Union streitet über lich hat sich jeder Staat, der einst der EU in NRW fast verdoppelt
beitrat, zur Einhaltung rechtsstaatlicher
Sanktionen Prinzipien verpflichtet. Es wird Zeit, dass  Die nordrhein-westfälische Polizei
wir dies ernst nehmen.« Oettinger hatte muss immer mehr Hinweisen zu mög-
 Zwischen CDU und CSU ist ein Streit vorgeschlagen, bei der Vergabe von För- lichen Terrorverdächtigen nachgehen.
um die Frage entbrannt, ob die Europä- dergeldern die Rechtsstaatlichkeit in den Wie aus einem Dokument des Staats-
ische Union Mitgliedstaaten finanziell Empfängerländern zu berücksichtigen. In schutzes hervorgeht, bearbeiteten die
bestrafen soll, wenn diese rechtsstaatliche Brüssel wird etwa der polnischen Regie- Beamten 2017 knapp 14 000 sogenann-
Prinzipien missachten. Florian Hahn, rung vorgeworfen, die Justiz politischer te Prüffälle zu islamistischem Terro-
europapolitischer Sprecher der CSU-Lan- Kontrolle zu unterwerfen. RAN rismus, so viele wie nie zuvor. 2014
desgruppe im Bundestag, weist einen waren es noch rund 7400 Fälle. Bei den
entsprechenden Vorschlag von EU-Kom- Vorgängen handelt es sich etwa um
missar Günther Oettinger zurück. »Es ist Hinweise von Nachbarn, die im Umfeld
immer problematisch, wenn wir in Euro- eine Radikalisierung wahrgenommen
pa mit Bestrafung arbeiten«, findet haben wollen. Auch der Attentäter vom
Hahn. »Besser wäre es, Anreize zu set- Berliner Breitscheidplatz, der Tunesier
zen. Im Übrigen wäre es gut, wenn Anis Amri, war zunächst ein solcher
wir erst einmal bestehende Sanktions- Prüffall: Ein Mitbewohner in seiner
WIKTOR DABKOWSKI / DPA

möglichkeiten ausschöpften – zum Bei- Flüchtlingsunterkunft in Emmerich hat-


spiel bei Verstößen gegen die Stabilitäts- te verdächtige Bilder auf Amris Mobil-
kriterien des Euro.« Dagegen begrüßt telefon gesehen und dies gemeldet.
der Vorsitzende des Europaausschusses Staatsschützer beklagen, dass sie der
im Bundestag, Gunther Krichbaum Flut der Tipps kaum noch Herr werden.
(CDU), den Brüsseler Vorstoß. »Oettin- Die Mehrheit der Prüffälle erweist sich
gers Vorschläge gehen absolut in die rich- Oettinger als strafrechtlich nicht relevant. JDL

25
Trinkwasser öttinger freiwillig Blutproben wird etwa bei der Herstellung
Böses Blut ab, die Ergebnisse sollen nach von Teflonpfannen verwendet

T. EINBERGER / GREENPEACE / DPA


Auskunft des Landratsamts und gelangte im Kreis Altöt-
 Bayerns SPD unterstellt aber erst im Herbst 2018 vor- ting über den Chemiepark
Ministerpräsident Markus liegen. Der SPD-Umweltex- Gendorf ins Grundwasser.
Söder (CSU), die Aufklärung perte Florian von Brunn rügt Bekannt wurde der Skandal
eines Umweltskandals im diesen Zeitplan scharf: »Die bereits 2006, als Söder bayeri-
Landkreis Altötting absichts- betroffenen Menschen wollen scher Umweltminister war. Die
voll zu verschleppen. In Alt- schnell Klarheit. Eine Veröf- Chemikalie steht im Verdacht,
ötting haben Bürger möglicher- fentlichung erst nach der Greenpeace-Protest gegen Hoden- und Nierenkrebs aus-
weise seit Jahrzehnten über Landtagswahl akzeptieren wir Verunreinigung der Alz 2006 zulösen. Die Übertragung
das Trinkwasser die ab 2020 nicht. Beim Hausarzt liegen der Chemikalie von Mutter
weitgehend verbotene Chemi- die Ergebnisse innerhalb von mit der aufwendigen Chemie- zu Kind während der Schwan-
kalie Perfluoroctansäure nur 14 Tagen vor.« Das Land- Analytik »einschließlich von gerschaft und der Stillzeit
(PFOA) aufgenommen. Bis ratsamt Altötting begründet Mehrfachmessungen und Plau- hält das Umweltbundesamt
April gaben rund 1000 Alt- die lange Auswertungsphase sibilitätsprüfungen«. PFOA für besonders kritisch. AKI

Umwelt Die Vergleichbarkeit der


Die Müllnation Kreise stößt jedoch an Gren-
zen, weil die Kommunen
 Die Abfallkarte zeigt auf unterschiedliche Daten mel-
Basis neuer Daten vom Statis- den – einige rechnen etwa
tischen Bundesamt das Haus- Gewerbeabfälle mit hinein.
müll-Aufkommen: Der meiste Möglicherweise sind also
Unrat fällt in Baden-Baden an Landkreise, die auf der Müll-
mit 780 Kilogramm pro Kopf karte gut abschneiden, nicht so
im Jahr 2016. Sieger im Müll- grün, wie sie scheinen.
vermeiden ist der Landkreis Wie viel Abfall bei Ihnen
Mittelsachsen mit 249 Kilo- anfällt, verrät Ihnen die Gra-
gramm. Der Kreis führt das phic-Story »Endlich müllfrei«

CHRISTIAN THIEL / IMAGO


auf Wertstoffhöfe und Holz- im digitalen SPIEGEL – oder
recycling zurück. Sie scannen den QR-Code. RED

Hausmüll-
aufkommen Bouffier, Kretschmann
pro Kopf 2016,
in Kilogramm Hamburg Dieselskandal nung mit bis zu 5000 Euro
442 Bußgeld pro Fahrzeug geahn-
Länder fordern det werden. VW, Porsche und
Landkreis
Friesland
Milliardenbuße Opel haben mit einem Soft-
739 waretrick dafür gesorgt, dass
Berlin  Zwei Bundesländer verlan- die Abgasgrenzwerte in et-
381 gen von Bundesverkehrs- lichen ihrer Dieselfahrzeuge
Bottrop minister Andreas Scheuer nur auf dem Prüfstand ein-
642
(CSU), hohe Bußgelder gegen gehalten werden. Von dieser
Autokonzerne zu verhängen: Manipulation sind in Deutsch-
Kassel das grün-schwarz regierte land Millionen Fahrzeuge
514 Landkreis Baden-Württemberg mit betroffen.
Mittelsachsen Ministerpräsident Winfried Die Länder wollen die
249 Kretschmann (Grüne) sowie Bußgeldeinnahmen zur
0 bis 299 das schwarz-grün geführte Finanzierung der Nachrüs-
Frankfurt 300 bis 399 Hessen mit Volker Bouffier tung von Dieselfahrzeugen
390 400 bis 499 (CDU). Dem entsprechenden nutzen. »Mit den verein-
500 bis 599 Votum der Länder haben sich nahmten Bußgeldern könn-
600 bis 699 auch der Verbraucherzentrale ten wirtschaftlich schwächere
700 bis 799 Bundesverband und die Halter bei der Absenkung
keine Daten
Quellen:
Deutsche Umwelthilfe ange- (Befreiung) des halterseitigen
Landkreis Stat. BA, schlossen. Würde der Ver- Kostenanteils von Hardware-
Kaiserslautern GeoBasis
753 DE/BKG
kehrsminister der Forderung Nachrüstmaßnahmen unter-
München nachkommen, könnten sich stützt werden«, heißt es im
Baden- 389 die Strafen für die Hersteller Länderpapier. Bislang lehnt
Baden in Milliardenhöhe addieren. Verkehrsminister Scheuer
780 kg
Die Manipulation von Autos Hardware-Nachrüstungen ab:
spiegel.de/sp192018muell darf laut einer EU-Verord- Sie seien zu kostspielig. GT

26 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


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Deutschland

Der Riss
Außenpolitik Zwischen Kriegsangst und Russlandromantik pflegen die Deutschen ein emotionales
Verhältnis zur Großmacht im Osten. Doch was ist ein vernünftiger Umgang mit Putins Reich? Seit
Minister Maas eine härtere Tonart gegenüber Moskau angeschlagen hat, streitet Deutschland wieder.

A
m vergangenen Sonntag sitzt der von Sanktionen und Gegensanktionen zu Deutschen und die russische Seele konge-
Pianist Justus Frantz in seiner durchbrechen«, heißt es darin. nial ergänzten.
Villa im Hamburger Stadtteil Justus Frantz steht stellvertretend für Deutsche und Russen, das war schon
Pöseldorf und sinniert laut über vieles, was das besondere Verhältnis zwi- immer eine besondere, eine besonders
die Deutschen und deren Verhältnis zu schen Deutschen und Russen ausmacht: emotionale Beziehung. So absurd es
Russland. Der neue deutsche Außenminis- Kriegsangst und kulturelle Nähe, Russ- scheint: Der Weltkrieg hat Deutsche und
ter, der Herr Maas, sagt Frantz, erinnere landromantik und die Sehnsucht nach Völ- Russen nicht entfremdet, sondern verbun-
ihn manchmal an Helmuth von Moltke, kerfreundschaft, gegenseitige Faszination den, bis tief in die Familiengeschichten hin-
den kriegsbereiten Chef des preußischen und der Mythos, dass sich die rationalen ein. Keine andere Nation begrüßte den
Generalstabs zu Beginn des Ersten Welt-
kriegs.
»Verantwortungslos« findet Frantz die
neue, härtere Tonlage des Ministers.
Leichtfertig gehe der Herr Maas mit Russ-
land um, setze immer noch eins drauf.
»Diese Generation weiß eben nicht mehr,
was Krieg ist.«
Für Frantz ist Russland ein Lebensthe-
ma, zu Hause spricht der 73-Jährige, der
mit der russischen Geigerin Ksenia Du-
brovskaya verheiratet ist, abwechselnd
Deutsch und Russisch. Aber schon lange
bevor er seine Frau kennenlernte, war
Frantz überzeugt, dass es eine besondere
Nähe gebe zwischen der deutschen und
der russischen Kultur. »Die Epik der russi-
schen Musik findet sich nur noch in der
Epik der deutschen Musik wieder, weder
in der französischen, der englischen noch
der amerikanischen«, schwärmt er.
Russland begleitete den Musiker wäh-
rend seiner gesamten Karriere. Als junger
Pianist lernte er 1974 bei einem Soloauf-
tritt in Moskau Dmitrij Schostakowitsch
kennen. Ende der Achtzigerjahre gründete
er die Deutsch-Sowjetische Junge Philhar-
monie, und in den Neunzigern lernte er
den aufstrebenden Vizebürgermeister von
Sankt Petersburg kennen. Sein Name:
Wladimir Putin.
»Ein kultivierter Mann«, sagt Frantz,
man unterhielt sich über Mozart, über die
»Zauberflöte« und die deutsche Kultur.
Sicher, in Russland würden Menschen-
rechte verletzt. »Aber die größte Men-
schenrechtsverletzung wäre es, wenn es
zu einer neuen kriegerischen Auseinander-
setzung zwischen Russland und dem Wes-
ten käme.«
Frantz hat einen Aufruf gestartet, den
auch Ex-Außenminister Sigmar Gabriel
unterzeichnete. Es sei notwendig, »den
Antagonismus von Provokation und
Gegenprovokation, Verdächtigung und Be-
schuldigung, Drohung und Gegendrohung,

28 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Aufbruch unter Gorbatschow zum Ende sen, eine Strafaktion nach dem Giftgas- Die neue Tonlage des Außenministers
der Sowjetunion so enthusiastisch wie die anschlag gegen den Ex-Agenten Sergej kommt in Moskau naturgemäß nicht gut
deutsche, vielleicht ist deshalb jetzt auch Skripal. In den vergangenen Jahren hat an. »Wir haben Probleme mit der Tonalität
die Enttäuschung besonders groß, dass die Deutschland Sanktionen verhängt, seine der Äußerungen einiger Politiker«, sagt
Distanz wieder wächst. Verteidigungsausgaben erhöht und im Botschafter Netschajew diplomatisch.
Kein Wunder also, dass der veränderte Rahmen der Nato Truppen im Baltikum »Wir hören da Worte, die es nie gab in der
Ton des neuen Außenministers für Debat- stationiert. Es sind Versatzstücke einer Ein- Lexik der deutsch-russischen Beziehun-
ten sorgt. Maas hatte im Gespräch mit dämmungspolitik, gleichzeitig will man gen, Worte wie ›Gegnerschaft‹ und ›feind-
dem SPIEGEL (16/2018) konstatiert, Russ- mit Russland im Gespräch bleiben. Man selig‹.«
land agiere »zunehmend feindselig«. Er müsse, heißt es immer wieder, mit Russ- Selbst unter den Russlandkritikern der
sprach sich gegen den schrittweisen Ab- land reden. Union ist man nicht glücklich über die Ver-
bau von Sanktionen aus, den seine Vor- Doch während alle vom Reden reden, balattacken des Ministers. »Man sollte das
gänger befürwortet hatten, und forderte, schlittern Russland und der Westen tiefer Gespräch mit Russland nicht unnötig er-
dass der Westen in Syrien »den Druck auf in die Krise. »Die Situation heute ist schweren«, sagt der CDU-Außenpolitiker
Russland erhöht«. Viele im Westen hätten, schlimmer als im Kalten Krieg«, sagt Ser- Norbert Röttgen. »Da die Sache ernst ge-
so Maas, die »Nase voll« von Russlands gej Netschajew, Moskaus neuer Botschaf- nug ist, sollten wir auf sprachliche Ver-
Politik. ter in Berlin. Es herrschen Misstrauen und schärfungen verzichten.«
Dabei ist die Lage angespannt genug. tiefes Unverständnis. Bundespräsident Was also tun? Die russische Frage ist
Zum ersten Mal seit dem Ende des Zwei- Frank-Walter Steinmeier warnt vor einer längst keine akademische Übung außenpo-
ten Weltkriegs hat Berlin russische Diplo- »galoppierenden Entfremdung« zwischen litischer Zirkel mehr. Seit die AfD das The-
maten ohne Spionageverdacht ausgewie- Russland und dem Westen. ma für sich entdeckt hat, kann diese Frage
Wahlen entscheiden, vor allem im Osten.
Wie umgehen mit Russland?
Ein Riss geht durch Deutschland zwi-
schen Ost und West, auch zwischen Russ-
landverstehern und Russlandkritikern.
Der Riss geht mitten durch die Volkspar-
teien, die SPD vor allem, aber auch durch
die Union, sogar die Liberalen sind gespal-
ten. Die Russlandfrage hat die Grenzen
der Parteipolitik verlassen.
Auf der einen Seite stehen Kanzlerin
Angela Merkel, große Teil der CDU, der
Grünen, Außenminister Heiko Maas, Vi-
zekanzler Olaf Scholz, FDP-Chef Chris-
tian Lindner. Sie setzen auf deutliche Kri-
tik, Härte bei den Sanktionen, das Aufzei-
gen von Grenzen.
Auf der anderen Seite stehen viele So-
zialdemokraten, Steinmeier etwa, Ex-
Außenminister Gabriel, ein Großteil der
CSU, allen voran Parteichef Horst See-
hofer, Nordrhein-Westfalens Ministerprä-
sident Armin Laschet, FDP-Vize Wolfgang
Kubicki. Sie betonen Dialog, wollen Sank-
tionen abbauen, Putin vielleicht wieder
aufnehmen in den Kreis der G 7.
Und dann sind da noch Linkspartei und
AfD, die einen gänzlich unkritischen, be-
wundernden Blick auf Russlands autoritä-
res Herrschaftsmodell pflegen.
Die einen sagen: Putin verschiebt Gren-
zen in Europa, er destabilisiert die Ukrai-
ne, will die EU spalten, führt einen ver-
deckten Cyberkrieg gegen den Westen.
»Der Westen hat auch Fehler gemacht«,
sagen die anderen. Sie betonen Deutsch-
lands historische Verantwortung gegen-
über Russland. Sie verlangen Realismus:
Man werde sich mit Russland verständigen
müssen.
Naiv sei das, sagen die einen, »Putin ver-
MARKUS SCHREIBER / AP

steht nur eine Sprache der Stärke«. »Kriegs-

Gegenspieler Putin, Merkel


»Schlimmer als im Kalten Krieg«

29
Deutsche Streitpunkte im Verhältnis zu Russland

AN DRE Y ST E N I N / P I CT URE AL L I AN C E

CARST E N KOAL L / GET T Y I MAGE S


Russischer Patriot auf der Krim Verladung von Röhrenbauteilen

Ukraine/Krim Viele Sozialdemokraten, ostdeutsche Regierungschefs, Ostseepipeline Das Projekt Nord Stream 2 soll direkte Gaslieferungen nach
aber auch führende CSU-Politiker fordern ein Ende der Sanktionen, die nach der Deutschland ermöglichen – ohne Transit durch Anrainerstaaten. Während die SPD-
Annexion der Krim gegen Russland verhängt wurden. Spitze das Vorhaben unterstützt, äußert Angela Merkel inzwischen Vorbehalte.

KHALED AK ASHA / PICTURE ALLIANCE


JA AP ARRIEN S/N URPHOTO

Netzkriegübung der Nato Mutmaßliches Giftgasopfer

Cyberwar Als mutmaßliche Urheber der Angriffe auf das Netzwerk Syrien Putins Intervention in Syrien wurde anfangs auch von einigen deutschen
des Deutschen Bundestags gelten Hackergruppen russischer Herkunft. Politikern, etwa von Armin Laschet (CDU), begrüßt. Mutmaßliche Giftgasangriffe
Ob diese Verbindungen zum russischen Geheimdienst haben, ist umstritten. des Assad-Regimes belasten aber längst das deutsch-russische Klima.

treiber«, sagen die anderen. Und: Russ- SPD dazu, auf stärkere Abgrenzung zu Schwesig führt die Maas-Kritiker in der
land sei mehr als Putin. Moskau zu setzen? SPD an. Seit sie im vergangenen Sommer
Sogar im Kanzleramt war man erstaunt Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vor-
Der Einzug ins Auswärtige Amt ist für über den neuen Minister, verwundert er- pommern wurde, hat sie die Beziehungen
jeden neuen Minister eine Herausforde- kundigten sich Merkel und ihre Leute in zu Russland zu ihrem Thema gemacht. Die
rung. Einerseits lebt die deutsche Außen- Gesprächen mit Sozialdemokraten, was erste Auslandsreise wenige Wochen nach
politik von Kontinuität und Verlässlich- ihren Außenminister treibe. Amtsantritt führte sie mit einer großen
keit, andererseits will sich jeder Neue gern Unter den Außenpolitikern in der SPD- Wirtschaftsdelegation nach Sankt Peters-
ein wenig profilieren. Das gilt auch für Fraktion gibt es Verärgerung, weil Maas burg, ein Statement.
Heiko Maas. sie in seine Kursänderung nicht eingebun- Schwesig hat Russisch in der Schule ge-
Auf der Suche nach einem Thema, um den hat. Eine Präsidiumssitzung geriet lernt, hatte es sogar als Abiturprüfungs-
sich von seinen Vorgängern Steinmeier kürzlich zu einem kleinen Tribunal. Die fach. Als der sächsische Ministerpräsident
und Gabriel abzusetzen, fiel Maas’ Wahl Ministerpräsidenten Stephan Weil aus Stanislaw Tillich im Dezember 2017 zu-
ausgerechnet auf Russland. Niedersachsen und Manuela Schwesig rücktrat, übernahm sie im Bundesrat den
Moskau bot durch den Fall Skripal aus Mecklenburg-Vorpommern warnten Vorsitz der Deutsch-Russischen Freund-
und seine Rolle im Syrienkrieg genug vor einer Rebellion der Parteibasis. Der schaftsgruppe. Doch sie wehrt sich gegen
Anlass für eine schärfere Tonlage, zu- Minister selbst war nicht anwesend – den Vorwurf, die Ostdeutschen sähen Pu-
dem schienen die Beziehungen zwischen man verständigte sich darauf, das Thema tin unkritisch.
dem Westen und Moskau bereits auf bei der nächsten Vorstandssitzung zu »Niemand ist naiv, und niemand schätzt
einem Tiefpunkt angelangt, das Risiko ei- klären. Putin falsch ein«, sagt Schwesig. Der Vor-
nes außenpolitischen Schadens also be- Inzwischen bemühen sich beide Seiten wurf werde den Ostdeutschen gern ge-
grenzt. um Schadensbegrenzung: »Ich bin zu macht, nach dem Motto: »Die Ostdeutschen
Doch Maas hatte die Sensibilität des Russland in guten Gesprächen mit Heiko haben zu lange mit den Russen hinter der
Themas unterschätzt, vor allem für seine Maas«, sagt Schwesig. Man sei sich einig, Mauer gelebt.« Aber, so Schwesig, »die Ost-
eigene Partei. Selbst jene, die sich Maas dass der Dialog mit Russland fortgeführt, deutschen sind nicht naiv, nur weil es früher
schon früh als Außenminister vorstellen aber auch Kritik angesprochen werden die deutsch-sowjetische Freundschaft gab«.
konnten, zeigen sich intern irritiert: Wie müsse. »Es geht um die Frage, was man Maas’ Kritiker halten den neuen Kurs
kommt ein Mann vom linken Flügel der stärker betont, Kritik oder Dialog.« nicht nur außenpolitisch für gefährlich.

30 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Deutschland

»Das Thema Russland treibt die Menschen lehrerin gab ihm auch Klavierunterricht,
um«, sagt Schwesig. Sie werde sehr viel
von Bürgern angesprochen. »Die Leute
Ramsauer spielte gut, zeitweise erwog
er, Konzertpianist zu werden. Geblieben Abläufe
Meine
sind alarmiert, sie machen sich Sorgen.« ist ihm die Liebe zur russischen Musik,
Stephan Weil hat aufmerksam eine ak-
tuelle Forsa-Umfrage studiert, wonach
94 Prozent der Bundesbürger gute Bezie-
zu Rachmaninow, Tschaikowski, Mus-
sorgski.
2006 war Ramsauer dabei, als in Mur-
vereinfachen?
hungen zwischen Russland und Deutsch- mansk mit deutscher Hilfe eine Anlage zur In einem System, das
land wichtig sind. Eine härtere Gangart in Entsorgung russischer Atom-U-Boote ein-
der Russlandpolitik halten 68 Prozent der geweiht wurde. Die Russen hatten einen
Bürger für falsch, unter SPD-Mitgliedern Empfang organisiert. Ein alter Admiral, so alle verbindet.
sind es sogar 81 Prozent. Er könne in der erzählt es Ramsauer, habe Tränen in den
SPD wenig Neigung dafür erkennen, die Augen gehabt: Der einstige Stolz der so-
Ostpolitik im Grundsatz zu ändern, sagt wjetischen Flotte wurde abgewrackt, aus-
Weil. gerechnet mit Unterstützung der Deut-
Der Ministerpräsident verfolgt dabei schen. »Das war für mich ein Schlüssel-
auch wirtschaftliche Interessen. Für Volks- erlebnis«, sagt Ramsauer. »Der Westen hat
wagen ist der russische Markt sehr wichtig. zu wenig versucht, sich in die russische Be-
Aber aufgeladen ist die Debatte in der findlichkeit hineinzudenken. Wir müssen
SPD vor allem deshalb, weil sie einen Kern auch versuchen, die russische Perspektive
sozialdemokratischer Überzeugungen be- zu verstehen.«
rührt: Willy Brandts Ostpolitik. »Ich halte In seiner Partei hat Ramsauer mächtige
den neuen Kurs für die SPD für nicht gut, Verbündete, Parteichef Horst Seehofer
Entspannungspolitik gehörte zu unserem etwa hat sich mehrfach für die Aufhebung
Markenkern«, sagt Matthias Platzeck, ehe- der Sanktionen gegen Russland ausgespro-
maliger brandenburgischer Ministerpräsi- chen. Der frühere bayerische Ministerprä-
dent und Vorsitzender des Deutsch-Russi- sident Edmund Stoiber pflegt seinen guten
schen Forums. Draht zu Putin, mehr als einmal versuchte
Maas’ Rhetorik, so sehen es seine Kriti- er, die Russlandpolitik der Kanzlerin zu
ker, passe nicht zu dieser Tradition. Sie konterkarieren. Im Gegenzug erwies Putin
passe auch nicht zur Sehnsucht großer Tei- bei Stoibers Abschiedsreise als Minister-
le der SPD, sich wieder als Friedenspartei präsident im Jahr 2007 Freund Edmund
zu profilieren. Doch Parteichefin Andrea eine besondere Ehre: Er ließ die Militär-
Nahles und Vizekanzler Olaf Scholz stüt- kapelle des Kreml aufspielen.
zen Maas ausdrücklich, der Außenminister In der CDU steht dagegen eine klare
hat den Umgang mit Moskau eng mit den Mehrheit hinter Merkels Kurs gegenüber
beiden abgestimmt. Russland. Was für die SPD die Ostpolitik,
Im Maas-Lager sieht man den Streit mit das ist für die CDU die Westbindung. Der
Unverständnis. »Wer die destruktive Rolle erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer,
Russlands in Syrien, den Bruch des Völ- hatte nach dem Zweiten Weltkrieg die
kerrechts auf der Krim oder die gezielte Bundesrepublik in die Europäische Ge-
Desinformationspolitik des Kreml kriti- meinschaft und die Nato geführt.
siert, sieht sich häufig mit der Forderung Es ist diese Traditionslinie, die Norbert
konfrontiert, endlich zur Ostpolitik Willy Röttgen, der Chef des Auswärtigen Aus-
Brandts zurückzukehren«, sagt Staats- schusses, verkörpert. »Deutschland hat
minister Niels Annen. Dabei werde über- gegenüber Russland keine Sonderrolle«,
sehen, dass die feste Verankerung sagt er. »Deutschland ist Teil der europäi-
Deutschlands im Westen die Grundlage schen und transatlantischen Tradition, das
für die Politik von Brandt und Bahr war. wird nicht infrage gestellt.«
»Grundlage für den notwendigen Dialog Die Nachsicht, mit der viele Sozialde-
bleibt – damals wie heute – ein klarer mokraten Putin begegnen, findet man bei
Standpunkt«, sagt Annen. Die Debatte der CDU eher selten, zumindest in ihren
zeige, dass eine nüchterne Beschreibung westdeutschen Landesverbänden. Aber
der russischen Politik »nicht immer ein- auch dort gibt es führende Politiker, die ei- Die digitalen DATEV-Lösungen vernetzen alle Ge-
fach ist«. nen anderen Blick auf Russland haben, schäftspartner mit Ihrem Unternehmen. So schaffen
etwa Nordrhein-Westfalens Ministerpräsi- Sie durchgängig digitale Prozesse und vereinfachen die
Die Nähe zu Russland steckt in der Bio- dent Armin Laschet. Er war einer der Er- Abläufe in Ihrem Unternehmen. Informieren Sie sich
grafie vieler Deutscher, von manchen sten in seiner Partei, die das russische Ein- im Internet oder bei Ihrem Steuerberater.
Politikern ist gar nicht bekannt, dass sie greifen im Syrienkrieg begrüßten.
Kenner und Liebhaber Russlands sind. Nach der Vergiftung des russischen Ex-
Einer von ihnen ist der CSU-Mann Peter Spions Skripal in Großbritannien zog La-
Digital-schafft-Perspektive.de
Ramsauer, Ex-Bundesverkehrsminister, schet die britische Darstellung in Zweifel,
heute Chef des Entwicklungsausschusses Moskau sei für den Vorfall verantwortlich.
im Bundestag. Franzosen, Amerikaner und die Bundes-
Ramsauer lernte auf einem Gymnasium regierung hatten sich auf die Seite Lon-
im Chiemgau Russisch, als Schüler reiste dons gestellt. Laschet dagegen twitterte:
er durch die Sowjetunion. Seine Russisch- »Wenn man fast alle Nato-Staaten zur So-

31
Deutschland

lidarität zwingt, sollte man dann nicht si- Büchele, ein Schwabe mit geschwunge-
chere Belege haben?« ner Haartolle und wechselvoller Manager-
Laschets Haltung speist sich unter an- karriere, hat schon in den Neunzigerjahren
derem aus der Wahrnehmung, dass in der als Osteuropachef den Chemiekonzern
Bevölkerung ein hartes Vorgehen gegen BASF durch die Höhen und Tiefen des
Russland nicht beliebt ist – oder zumindest Handels mit Russland navigiert. Einfach
sehr gut begründet sein sollte. war das nie, aber die Deutschen scheuten
das schwierige Terrain weniger als andere,
Die AfD gönnt sich inzwischen einen ganz selbst nachdem Sanktionen den Handel
eigenen, man könnte auch sagen, alterna- ab 2014 erschwerten.
tiven Blick auf Putin. In den Augen der 2017 legten die Exporte aus Deutsch-
Partei ist der Kremlchef ein Mann der Ver- land um ein Fünftel zu, auch investierten
söhnung, der leider von einer kriegslüster- hiesige Firmen wieder verstärkt in Russ-
nen Bundesregierung immer wieder pro- land, der schwache Rubel machte es attrak-

XANDER HEINL / PHOTOTHEK.NET


voziert wird. Kürzlich attackierte der AfD- tiv. »Aber die neuen US-Sanktionen ver-
Abgeordnete Hansjörg Müller im Bundes- düstern abrupt die Lage«, sagt Büchele,
tag den neuen Außenminister. Maas werde gerade in einer Phase, da man in der deut-
mit seiner »antirussischen Rhetorik« noch schen Wirtschaft hoffte, bald über einen
einen Krieg mit Russland anzetteln, Einstieg in den Ausstieg aus den Sanktio-
schimpfte Müller. »Deshalb frage ich Sie: nen reden zu können, die mit dem Mins-
In welchem Auftrag handeln Sie wirklich? ker Abkommen verknüpft sind.
Ist es die Atlantik-Brücke oder der Ger- Minister Maas In der deutschen Wirtschaft haben viele
man Marshall Fund?« Probleme mit der Tonlage den Eindruck, dass es den Amerikanern
Maas und die meisten Abgeordneten nicht mehr nur darum gehe, mit Sanktio-
der anderen Fraktionen rollten die Augen nen politischen Druck auszuüben, sondern
über Müllers Verschwörungstheorien, eine Lockerung der Sanktionen gegen Russ- um wirtschaftliche Interessen. So zielten
aber im Netz, wo die Rede schnell die Run- land drängten. Thüringens linker Minister- die jüngsten US-Sanktionen darauf ab,
de machte, waren sie wieder mal der Hit. präsident Bodo Ramelow hält die Sanktio- amerikanisches Flüssiggas in den europäi-
Viele AfD-Anhänger pflegen nicht nur ei- nen für »Kanonenbootpolitik«. Das »Russ- schen Markt zu drücken. Der Ost-Aus-
nen unkritischen Blick auf den Kreml, sie land-Bashing« erinnert ihn an den Kalten schuss schätzt den kurzfristigen direkten
bewundern den virilen russischen Präsi- Krieg. Der Außenpolitik rät Ramelow von Schaden für die deutsche Wirtschaft durch
denten, der ihnen so viel machtvoller und Konfrontation ab, man müsse »auch Russ- entgangene Geschäfte wegen der neuen
entschlossener erscheint als die zögerliche land mitdenken«. Berlin solle »auf Russ- US-Sanktionen auf einen dreistelligen
Angela Merkel. »Putin ist eine Führungs- land zugehen und Angebote machen«. Millionenbetrag. Rund 60 Unternehmen
figur, die ihr Land liebt und schützt«, In Sachsen-Anhalt geht der Riss durch dürften betroffen sein, vor allem Zulieferer
schwärmt auch Müller. »Er unterwirft sich die Union. Ministerpräsident Reiner Ha- für die Förderung und den Transport von
und sein Volk nicht fremden Interessen seloff fordert die Aufhebung der Sanktio- Öl und Gas aus Russland, aber auch Ma-
wie unsere Kanzlerin.« Ja, räumt der Ab- nen. Neben wirtschaftlichem Kalkül spielt schinen- und Anlagenbauer.
geordnete ein, Putin sei durchaus eine dabei auch das Gefühl eine Rolle, dass der »Wir halten es daher für dringend ge-
»Projektionsfläche« der Sehnsüchte vieler Westen Moskau nicht verstehe. »Wir im boten, dass Deutschland das Gespräch mit
Deutschen nach einem starken Staatenlen- Osten kennen die Russen«, sagt Haseloff. den USA sucht, um Klarheit zu schaffen«,
ker, »so wie Bismarck«. Doch in der Partei formiert sich Wider- sagt Büchele.
Damit ist Müller voll auf Linie seiner stand, Haseloffs Vorgänger, der ehemalige
Partei: Alexander Gauland war 2013 der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Nirgendwo wird der Riss deutlicher als
Erste, der für bismarcksche Methoden im Christoph Bergner (CDU), zeigte sich scho- bei dem Thema Nord Stream 2, also dem
Umgang mit Russland plädierte. Damals ckiert vom prorussischen Kurs der Ost- Streit um die Gaspipeline durch die Ostsee.
war die AfD noch eine Anti-Euro-Partei regenten. Sanktionen seien die einzige Die Meinungen gehen quer durch die Par-
unter Führung von Bernd Lucke, und das Möglichkeit, die Russen in der Ukraine teien, inzwischen wird der Streit auch zwi-
Russlandthema galt als Gaulands schräges zum Einlenken zu bewegen. schen Merkels Unionsleuten im Europa-
Hobby. Heute gehört es zum Glaubens- Doch das ist heikel: Gerade Ostdeutsch- parlament auf offener Bühne ausgetragen.
kanon der AfD, dass Deutschland an der land hat enge Wirtschaftskontakte zu Russ- Das Projekt ist nicht nur wirtschaftlich
Seite Russlands zu stehen habe und sich land. Die Total-Raffinerie in Leuna ist mit lukrativ, es ist zum Symbol für die deutsch-
aus der Abhängigkeit von den USA lösen vier Milliarden Euro Umsatz im Jahr das russischen Beziehungen geworden. Auch
müsse. »Wir Deutschen sind militärisch, mit Abstand umsatzstärkste Unternehmen deshalb liegt es Putin besonders am Her-
politisch und medial rechtlose Vasallen der Sachsen-Anhalts. 80 Prozent des dort ver- zen. In seinen Telefonaten mit der Kanz-
Amerikaner«, beklagt Müller. arbeiteten Erdöls kommen aus Russland. lerin kommt er zuverlässig auf »moja tru-
Die Wirtschaft unterhält traditionell ba« zu sprechen, »meine Röhre«, immer
Der Riss teilt Deutschland auch geogra- enge Kontakte nach Russland. Umso mehr wieder liegt er Merkel in den Ohren, wann
fisch, er verläuft entlang der alten Zonen- empfindet sie die Konflikte als zermür- endlich mit dem Bau begonnen werde.
grenze. Als die Körber-Stiftung untersuch- bend. »Deutsche Unternehmen sehen Die Kanzlerin hat das Projekt lange als
te, wie die Deutschen über Russland Russland unverändert als wichtigen Markt rein wirtschaftliche Angelegenheit bezeich-
denken, bezeichneten 30 Prozent der an«, sagt Wolfgang Büchele, Vorsitzender net, inzwischen ihre Position aber verän-
Westdeutschen Russland als »ein mir frem- des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirt- dert. Nach einem Gespräch mit dem ukrai-
des Land«, aber nur 12 Prozent der Ost- schaft. »Aber die Unsicherheit, mit wem nischen Präsidenten Petro Poroschenko
deutschen. und in welchem Rahmen Russlandgeschäf- machte sie deutlich, dass Nord Stream nur
Nicht zufällig waren es also ostdeutsche te künftig möglich sind, ist extrem belas- gebaut werden könne, wenn die Ukraine
Regierungschefs, die unlängst erneut auf tend, besonders für den Mittelstand.« Transitland für russisches Gas bleibe. Gaz-

32 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


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Bundesgebiet an. Als ein solches Fahrverbot gilt, wenn die Einfahrt in dieses Gebiet oder die Durchfahrt innerhalb des Gebietes für ein solches Dieselfahrzeug einmalig an
einem Wochentag (Werktag, Sonn- und Feiertag) untersagt wird. Die vom Fahrverbot betroffene Gemeinde befindet sich innerhalb eines Radius von 100 Kilometern um den
Wohn- oder Geschäftssitz des Fahrzeughalters zum Zeitpunkt der Erstzulassung des Fahrzeugs. Bei juristischen Personen oder Personengesellschaften kann anstelle des
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eines Leasingvertrages einen Darlehensvertrag über ein Neufahrzeug der Marke VW Nutzfahrzeuge mit der Volkswagen Bank abschließt (Bonität vorausgesetzt). Der dem neuen
Leasingvertrag/Darlehensvertrag zugrunde liegende Listenpreis inkl. Sonderausstattungen darf den Listenpreis inkl. Sonderausstattungen des bisherigen Fahrzeugs nicht um mehr
als 15 % unterschreiten. Abbildung zeigt Sonderausstattung gegen Mehrpreis.
Sowjetunion – mit Ausnahme des Balti-
kums – als seinen Cordon sanitaire, seine
Interessensphäre, betrachtet, in der es ein
Mitspracherecht fordert.
Deutschland kann das nicht offiziell an-
erkennen, aber es wäre vernünftig, wenn
es diese Interessen de facto stärker berück-
sichtigte. Das Schicksal der Ukraine zeigt,
dass es nichts nutzt, wenn der Westen auf

ANDREY RUDAKOV / BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES


seinen Prinzipien beharrt, diese aber
gegenüber einem skrupellos agierenden
Russland nicht durchsetzen kann. Berlin
braucht gegenüber Moskau einen real-
politischen Ansatz.
Das hieße auch: Es ist endlich Zeit, über
Dialog nicht nur zu reden, sondern ihn
wieder zu führen. Ein erster Schritt wäre,
die Regierungskonsultationen wiederauf-
zunehmen, wie Deutschland sie nicht nur
mit demokratischen Staaten, sondern etwa
Roter Platz in Moskau: Russland als Großmacht anerkennen auch mit China pflegt. Das könnte dazu
beitragen, den Verlust von Sprache und
Vertrauen zwischen Moskau und Berlin
prom-Chef Alexej Miller reagierte prompt. Und nun ein sozialdemokratischer zu überwinden. Voraussetzung wäre aller-
Per Twitter stellte er weiteren Transit Außenminister, der demonstrativ zuerst dings, dass Russland von der Praxis ab-
durch die Ukraine in Aussicht. in die Ukraine fährt, bevor er eine Reise lässt, die Partner durch strategische Lügen
Die Debatte um Nord Stream ist längst nach Moskau einplant. Immerhin wird in die Irre zu führen.
zu einem Streit darüber geworden, wie es Kanzlerin Merkel im Sommer nach Russ- Symbolisch wichtig wäre es, die histori-
Deutschland und Europa mit Russland hal- land reisen, es wäre ihr erster bilateraler schen Daten der kommenden zwei Jahre
ten. Aktuell dreht sich der Konflikt um die Besuch in Moskau seit der Annexion der gemeinsam vorzubereiten und zu begehen.
Frage, wer die Pipeline zu genehmigen Krim, mit Ausnahme einer kurzen Ge- Moskau ist geschichtspolitisch besonders
hat – Brüssel oder die beteiligten Staaten. denkvisite aus Anlass des 70. Jahrestags sensibel, deshalb sollte man Russland ein-
Zuletzt gelangte der juristische Dienst des Kriegsendes im Mai 2015. beziehen in die Planung für die Feierlich-
des Europäischen Rates zu der Auffassung, Im Kanzleramt will man ausloten, was keiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls
die EU-Kommission verstoße mit ihrem Putin sich für seine letzte Amtszeit im Ver- im November 2019 und zum 75. Jahrestag
Versuch, Nord Stream zu verhindern, ge- hältnis zum Westen vorgenommen hat. des Weltkriegsendes im Frühjahr 2020.
gen internationales Recht, die deutsche Vielleicht könnte darin eine Chance ste-
Botschaft in Moskau schickte die Nach- cken. Von einer »Inventur« ist die Rede. In seiner Villa in Pöseldorf setzt sich
richt des Gutachtens freudig an einen brei- Doch was Berlin braucht, ist eine Stra- Justus Frantz an den großen Steinway im
ten Verteiler weiter. tegie, eine Antwort auf die Frage, was jen- Salon und spielt die russische National-
seits von Romantik und Emotionen ein hymne: »Russland, unser geheiligter Staat,
Die Entfremdung zwischen Berlin und vernünftiger Umgang mit Russland ist. Russland, unser geliebtes Land«.
Moskau hinterlässt auch in Russlands Ge- Wer, wie offenbar der Außenminister, das Es ist dieselbe Melodie wie einst die
sellschaft Spuren. Als das Lewada-Institut deutsch-russische Verhältnis für irrepara- Sowjethymne über die »Unzerstörbare
die Bürger 2010 nach »Freunden« und bel hält, wird auf Eindämmung setzen. Union freier Völker«, der Dichter Sergej
»Feinden« Russlands in der Welt befragte, Wer glaubt, Putin wolle die Sowjet- Michalkow hat sie Anfang des Jahrtau-
ordnete nur ein Prozent der Befragten union wiederherstellen, die EU zerstören, sends nur ein wenig umgedichtet.
Deutschland als »Feind« ein, knapp ein Europa mit Flüchtlingen fluten und den Frantz spielt das Stück mit Gefühl, aber
Viertel als »Freund«. Im vergangenen Jahr Westen mit Propaganda spalten, muss auf ohne Pathos. Als der letzte Takt verklun-
verkehrte sich das Verhältnis: Nun sieht Abwehr und Konfrontation setzen. gen ist, will er es dann doch nicht so stehen
fast ein Viertel in Deutschland einen Doch wenn Russland in der Vergangen- lassen. Wieder gleiten seine Finger über
»Feind« und kaum jemand mehr einen heit aggressiv oder destruktiv agierte, war die Tasten, dieses Mal ist es die israelische
»Freund«. Nur wenige andere Länder er- das Folge einer – subjektiv empfundenen – Hymne. »Für mich ist das deutsch-russi-
fuhren eine so dramatische Umwertung. Einkreisung des Westens. Um sie zu durch- sche Verhältnis genauso besonders wie das
Aus Sicht des Kreml ist die Ablösung brechen, ist Putin jedes Mittel recht. deutsch-israelische«, sagt er.
von Sigmar Gabriel durch Heiko Maas da- Putin will nicht die Sowjetunion wieder- Melanie Amann, Christian Esch,
her eine Enttäuschung. Über die Jahre hat- herstellen. Er will, dass der Westen Russ- Annette Großbongardt, Martin Hesse,
te man sich daran gewöhnt, dass gerade lands Interessen respektiert: Er soll Russ- Christiane Hoffmann, Veit Medick,
die deutsche Sozialdemokratie besonderes land wieder als Großmacht anerkennen, Peter Müller, Ralf Neukirch, Christoph
Wohlwollen für Moskau hegt. Es schien, als weltpolitischen Akteur. Das hat Putin Schult, Steffen Winter
als lebte wenigstens in der Freundschaft in Syrien unter Beweis gestellt.
zu wichtigen Sozialdemokraten das enge Putin will, dass der Westen sich nicht
deutsch-russische Verhältnis weiter. Als in die russische Innenpolitik einmischt, Video
Putin und wir
Wladimir Putin im vergangenen Sommer und er will eine weitere Ausdehnung von
im kleinen Kreis mit Sigmar Gabriel und Nato und EU verhindern. spiegel.de/sp192018russland
Gerhard Schröder dinierte, war das wie Der Westen soll letztlich akzeptieren, oder in der App DER SPIEGEL
eine Beschwörung besserer Zeiten. dass Moskau die Staaten der ehemaligen

34 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


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Deutschland

Lockerungsübungen
nen Politikern«. Wie in vielen ostdeutschen
Regionen scheinen AfD, NPD und extre-
mistische Splittergruppen hier zu einem
Biotop verschmolzen zu sein.
Kalbitz, früher Fallschirmjäger und Re-
Parteien Die CDU ist uneins über den Umgang mit der AfD. publikaner mit zackigem Auftreten und
Die Bundesspitze will jeden Kontakt strikt vermeiden. kahl rasiertem Schädel, der sich einst bei
Doch im Osten suchen viele Unionspolitiker eine neue Strategie. der nun verbotenen »Heimattreuen Deut-
schen Jugend« tummelte, gibt sich beschei-
den: »Nichts ist schlimmer als Vorschuss-

A ls Ingo Senftleben den Satz über die


AfD zum ersten Mal sagte, lag noch
Schnee, es war Mitte Januar. Da-
mals nahm kaum jemand Notiz davon,
und Linkspopulisten ausschließt, könnte
am Ende ohne Chance auf eine Regie-
rungsmehrheit dastehen.
Der CDU-Generalsekretärin ist das stra-
lorbeeren.« Aber er genießt es sichtlich,
dass seine 400 Fans in Cottbus ihn schon
mit einem Bein in der Staatskanzlei sehen.
Senftleben hat angedeutet, dass er zwar
dass Senftleben, Vorsitzender der CDU tegische Dilemma der ostdeutschen Ver- mit der AfD reden wolle, aber nicht mit Kal-
Brandenburg, gerade das größte Tabu sei- bände bewusst, dennoch hält sie eine Öff- bitz. Doch der sagt am Rande der Demo:
ner Partei gebrochen hatte: Er werde nach nung zu den Rechtspopulisten für falsch. »Die AfD gibt es nicht ohne mich. Die
der nächsten Landtagswahl Gespräche mit »Die AfD hat in den vergangenen Monaten CDU wird mit den Leuten arbeiten müs-
allen im Landtag vertretenen Parteien füh- gezeigt, dass sie keine Partei ist, die für uns sen, die wir schicken.« Hier stoßen Senft-
ren, kündigte er an – auch mit der AfD ein Partner sein kann«, sagt Kramp-Karren- lebens Lockerungsübungen an Grenzen.
und der Linken. Drei Monate später bauer. Sie verweist auf die Präsidentschafts- Die CDU versteht sich traditionell als
wiederholte Senftleben seine Botschaft, wahl in Frankreich, die Emmanuel Macron föderale Partei, deshalb kann die Zentrale
und diesmal machte er bundesweit Schlag- mit einer eindeutigen Abgrenzung zum den Landesverbänden keinen Kurs im Um-
zeilen. Ein CDU-Spitzenmann will mit der rechten Front National gewonnen habe. So gang mit der AfD verordnen. Auch unter-
AfD sprechen – da dauerte es nicht lange, ließen sich die Rechten besiegen, nicht einander haben die Ostlandesparteien kei-
bis Senftleben einen Anruf der neuen durch Kopieren oder Kooperieren. »Ich bin ne einheitliche Strategie für den Umgang
CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp- gegen jede Zusammenarbeit mit der AfD«, mit den Rechten vereinbart, dafür ist die
Karrenbauer bekam. Sie habe ihm freund- stellt die Generalsekretärin klar. Dennoch jeweilige Ausgangslage zu unterschiedlich.
lich, aber klar gesagt, erzählt Senftleben, macht sie keinen Hehl daraus, dass ihre In manchen Ländern startet Angela Mer-
dass die Parteispitze seinen Kurs ablehne. Analyse im Fluss ist. »Wir stehen erst am kels Partei als Opposition, konkurriert also
Auch Parteichefin Angela Merkel warnte Anfang der Auseinandersetzung. Der Um- mit der AfD um die wirkungsvollste Kritik
ihn am Rande einer Vorstandssitzung vor gang mit populistischen Parteien ist eine an der Landesregierung. In Sachsen oder
den Folgen seines Tuns. immerwährende Herausforderung.« Sachsen-Anhalt will die CDU dagegen ihre
Aber Senftleben bleibt bei seiner Hal- Umso selbstbewusster gibt sich die AfD Staatskanzleien verteidigen, und ein Re-
tung: »Ich will eine neue Debattenkultur auf ihren Bühnen im Osten, wie jüngst auf gierungsamt bedeutet keineswegs einen
in der Politik«, betont er. »Gespräche aus- der Erste-Mai-Demonstration der Rechten Startvorteil.
zuschließen wäre zudem ein Versprechen, in Cottbus. »Wenn es einer verdient«, rief In Sachsen etwa, wo die CDU seit 1990
das man nach einer Wahl vielleicht gar der Moderator, »in Brandenburg den Minis- den Ministerpräsidenten stellt, war die AfD
nicht halten kann«, gibt er zu bedenken. terpräsidentenposten zu holen«, dann An- bei der Bundestagswahl zum Entsetzen der
In Umfragen vereinten AfD und Linke fast dreas Kalbitz, der AfD-Landeschef. »Er ist Union die stärkste Kraft. In Brandenburg
40 Prozent der Wählerstimmen in Bran- jemand, der jeden Tag tut und macht. Wir wiederum, wo die CDU seit der Wende nie
denburg auf sich. »Soll ich die alle aus- brauchen keine Quatscher, davon haben wir in die Staatskanzlei einziehen durfte, lag die-
schließen?«, fragt Senftleben. genug.« Im Publikum schwenken die Leute se bei der Bundestagswahl klar auf dem Spit-
Seit Gründung der AfD vor fünf Jahren jubelnd Fahnen mit dem preußischen Adler, zenplatz – obwohl Landeschef Senftleben
gilt in der CDU das Dogma, dass man we- outen sich auf T-Shirts als »Nazi« (»Nicht Merkels Flüchtlingspolitik unterstützt hatte.
der mit der neuen Konkurrenz von rechts An Zuwanderung Interessiert«) und appel- Die Parteistrategen im Konrad-Adenau-
noch mit der »SED-Nachfolgepartei« Ab- lieren an »Bundeswehr und Polizei: Befreit er-Haus bemühen sich, in den Wahlergeb-
sprachen schließen soll. Ignorieren, aus- uns endlich von den wahnsinnig geworde- nissen der AfD Muster zu identifizieren,
grenzen, keinesfalls aufwerten, das um ihre örtlichen Wahlkämpfer
war die Linie. Die Unions-Bundes- besser zu unterstützen. Sie sind
tagsfraktion hat diesen Kurs kürz- überzeugt davon, dass die CDU in
lich sogar formal beschlossen. der Fläche nur mit einer klaren Li-
Doch während man in der Par- nie siegen kann: Wenn die ört-
teizentrale eisern an der Linie fest- lichen Vertreter sich gegen Merkel
hält, gerät in den ostdeutschen positionieren, die Parteichefin aber
Landesverbänden einiges in Bewe- zugleich als Stargast buchen, wie
gung. In Thüringen, Sachsen und 2016 in Baden-Württemberg oder
Brandenburg stehen im nächsten Rheinland-Pfalz, werde der Wäh-
MARKUS HINTZEN / DER SPIEGEL

Jahr Wahlen an, und die Umfra- ler argwöhnisch. Man könne nicht
RALF HIRSCHBERGER / DPA

gen verheißen wenig Gutes für die für und gegen die Mutterpartei sein.
etablierten Parteien: In jedem die- Die CDU-Führung sieht sich
ser Ostländer liegt die AfD in Um- durch das Wahlergebnis in Sach-
fragen um die 20 Prozent, zugleich sen-Anhalt von 2016 bestätigt: Auf
könnten Grüne und FDP an der dem Höhepunkt der Flüchtlingskri-
Fünfprozenthürde scheitern. Wer se verlor die CDU hier nur gut
als CDU unter diesen Umständen Christdemokraten Kramp-Karrenbauer, Senftleben zweieinhalb Prozentpunkte, ob-
jegliche Gespräche mit Rechts- »Eine immerwährende Herausforderung« wohl die AfD aus dem Stand auf

36
HC PLAMBECK
Besucher einer AfD-Kundgebung am 1. Mai in Cottbus: »Die CDU muss mit den Leuten arbeiten, die wir schicken«

rund 24 Prozent kam. Das zeigt aus Sicht Wahl des linken Ministerpräsidenten Für die CDU wäre es hier ein Debakel,
von Kramp-Karrenbauers Team, dass man Bodo Ramelow zu verhindern. Mehrere wenn es der AfD gelänge, sie nach fast
sich gegen die Rechten behaupten kann, CDU-Abgeordnete hätten sich zeitweise 30 Jahren als stärkste Kraft abzulösen.
ohne ihre Positionen zu übernehmen. eine Kooperation mit der AfD vorstellen Ministerpräsident Michael Kretschmer
Innenminister Holger Stahlknecht, der im könnten. Mittlerweile empfiehlt Mohring hat dennoch beschlossen, keine Strategie
November auch Landeschef werden will, eine klare Abgrenzung von der AfD, aber gegen die AfD festzulegen, sondern nur
sieht es genauso. einen normalen Umgang mit deren Abge- eine für sich selbst. »Wir richten keine poli-
Und eine wichtige Gemeinsamkeit aller ordneten. tische Kampfansage gegen die AfD, son-
Ostländer konnten die CDU-Strategen in- Aber was ist ein normaler Umgang? Die dern konzentrieren uns voll darauf, stärks-
zwischen auch entdecken: Die AfD schwä- CDU ist schon uneins über die Frage, ob te Kraft zu bleiben, sodass niemand gegen
chelt überall auf lokaler Ebene. »Bei der etwa eine Landtagsfraktion Anträgen der uns regieren kann«, sagt Kretschmers
Kommunalwahl in Thüringen sind der AfD zustimmen sollte, wenn sie inhaltlich Staatskanzleichef Oliver Schenk, der frü-
AfD die Flügel gestutzt worden«, sagt den eigenen Positionen entsprechen. her selbst im Konrad-Adenauer-Hause ge-
Mike Mohring, dortiger Landeschef der Auch hier bewegt sich mancher Landes- arbeitet hat. Die Wähler seien ohnehin
CDU. So hätten die Rechtspopulisten in verband abseits der Linie der Bundespar- immer weniger interessiert an der Einord-
Erfurt den Wahlkampf fast ausschließlich tei. So sagt der Mageburger Innenminister nung in rechte oder linke Lager, hat er
gegen den geplanten Bau einer Moschee Stahlknecht: »Wir arbeiten nicht mit der beobachtet. Der Landesregierung müsse
geführt und damit nur 14 Prozent der Stim- AfD zusammen. Wir ignorieren oder be- es gelingen, glaubwürdig Lösungen für
men eingefahren. Landesweit konnten die schimpfen sie auch nicht, sondern setzen Probleme anzubieten, dann stiegen auch
Rechten für 120 Landrats- und Bürgermeis- uns politisch mit ihr auseinander.« Er sieht die Zustimmungswerte, hofft Schenk.
terposten nur 13 Kandidaten aufbieten. aber kein Problem darin, einen AfD-An- Und so touren Kretschmer und sein ge-
Ähnlich groß war ihre Schlappe bei den trag etwa zur Altersfeststellung von Flücht- samtes Kabinett derzeit durch das Land
Kommunalwahlen in Brandenburg. lingen, der auf CDU-Linie liegt, mit den für »Sachsengespräche«, bei denen die
Fünf Jahre nach ihrer Gründung ist die Stimmen der Christdemokraten zur Bera- Bürger ohne Drehbuch oder Steuerung
AfD noch wenig verwurzelt in der Fläche, tung in die Ausschüsse zu verweisen. Ent- durch Moderatoren Fragen und Beschwer-
ihre Strukturen sind fragil, ihre Konzepte scheidend ist für Stahlknecht, dass seine den loswerden dürfen. Die Sachsen neh-
für Verkehrspolitik oder Wirtschaftsförde- Leute den AfD-Anträgen bei der endgül- men kein Blatt vor den Mund – auch weil
rung oft noch vage. Zumal eine Fundamen- tigen Abstimmung nicht zustimmen. manche Leute im Publikum offenbar mit
talkritik an der Eurorettung oder Flücht- Die Bundes-CDU sieht das anders: eigener politischer Agenda gekommen
lingspolitik wenig hilft, wenn eine neue »Wir würden AfD-Anträge sogar dann ab- sind: »Mir scheint, die AfD hat versucht,
Tiefgarage im Ort gebaut werden soll. lehnen, wenn sie unser eigenes Grundsatz- durch starke Präsenz Einfluss auf die Ge-
»Wir lassen uns von der AfD weder ein- programm enthielten«, heißt es in der spräche zu nehmen«, sagt Schenk. Das
schüchtern noch provozieren«, sagt Moh- Bundestagsfraktion trotzig. klappte jedoch nicht, und die Kabinetts-
ring. Er selbst war 2014 noch bereit zu ei- So will es auch die sächsische CDU tour wird weitergehen – auch in AfD-Hoch-
nem Treffen mit dem thüringischen Lan- handhaben, der Landesverband, der im burgen.
deschef Björn Höcke und erwog damals politischen Wettstreit mit der AfD bei der Melanie Amann, Ralf Neukirch
sogar, mithilfe von dessen Fraktion die Wahl 2019 am meisten zu verlieren hat.

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 37


Deutschland

Lindner: Unsere Jugendorganisation hat

»Lupenreiner gerade einen mehrheitlich weiblichen Vor-


stand gewählt – ohne Quote. Wir disku-
tieren alle Methoden, aber die einfachsten

Populismus« und üblichen Antworten sind nicht immer


die besten.
SPIEGEL: Lassen Sie uns über die andere
große Männerpartei sprechen, die CSU.
FDP Parteichef Christian Lindner, 39, über das Frauenproblem Lindner: Das »groß« nehm ich jetzt mal
der Liberalen und ein Bündnis mit als Kompliment.
SPIEGEL: Könnten Sie sich vorstellen, mit
der »En Marche«-Partei von Emmanuel Macron der CSU nach den bayerischen Landtags-
wahlen im Herbst zu koalieren?
Lindner: Unsere Freunde in Bayern sind
SPIEGEL: Herr Lindner, was ist eigentlich ten sind. Damals war die Merkel-CDU aus gesprächsbereit. Bis zur Wahl wird die
anstrengender: eine APO-Partei zu führen Gründen des Machterhalts bereit, den Grü- CSU uns aber bekämpfen, um die absolute
oder als eine von vier Oppositionsparteien nen als selbst erklärter linker Partei weit Mehrheit zu retten. Umgekehrt heißt das,
um die Aufmerksamkeit des Publikums entgegenzukommen. Innovatives gab es wem die absolute Macht von Markus Sö-
buhlen zu müssen? nicht. Dafür wurden wir nicht gewählt. der unheimlich ist, der muss FDP wählen.
Lindner: Als außerparlamentarische Op- SPIEGEL: In der »Welt«, die die FDP in Und erst recht, wer will, dass Bayern ein
position spielen Sie keine Rolle. Politik fin- den vergangenen Jahren eher wohlwol- weltoffenes, liberales Land bleibt. Bayern
det auf Marktplätzen statt, in Hinterzim- lend behandelt hat, war kürzlich zu lesen: ist kein Gottesstaat, wie Söder jetzt glau-
mern von Gaststätten, auf der Straße. Eine »Lindner hat Enormes geleistet, aber seine ben machen will …
solche Phase ist charakterbildend, aber Themen sind fürs Erste auserzählt.« SPIEGEL: … das heißt, die FDP würde da-
auch sportlich. Im Bundestag haben wir Lindner: So? Es gibt ein Heimat- statt für sorgen, dass Kreuze in Behörden wie-
Einfluss, durch die Kraft des Arguments, eines Digitalministeriums. Das Update der abgehängt werden?
durch Anfragen an die Regierung. Dass eines lebensbegleitenden Bildungssystems Lindner: Wenn es Kreuze an der Wand
die CDU beim Thema Europa den Koali- hat nicht einmal begonnen. Der breiten gibt und niemand daran Anstoß nimmt,
tionsvertrag mit der SPD infrage stellt, hat Mitte des Landes wird nicht erleichtert, im müssen wir keinen unnötigen Konflikt auf-
auch etwas damit zu tun, dass wir Druck Leben wirtschaftlich voranzukommen. machen. Aber neue Kreuze anzubringen
machen. Denn gegen die Aufgabe finanz- Wir haben längst nicht die Integrations- ist eine Symbolhandlung, die ich ablehne.
politischer Eigenverantwortung und die und Einwanderungspolitik, die wir brau- SPIEGEL: Sie haben wiederholt gesagt,
Vergemeinschaftung von Risiken auf Kos- chen. Über solche Themen spreche ich lie- dass Sie die sicherheitspolitischen Pläne
ten der Kunden von Sparkassen und Volks- ber als Metadebatten zu führen. Emmanuel Macrons für Europa teilen.
banken würden wir vor das Verfassungs- War es ein Fehler, dass die Kanzlerin eine
gericht gehen. Beteiligung an den Luftangriffen auf Sy-
SPIEGEL: Der Wähler weiß allerdings Ihre »Macron steht uns Libe- rien abgelehnt hat?
Oppositionsarbeit noch nicht so recht zu ralen näher als Grünen, Lindner: Deutschland wurde gar nicht ge-
schätzen. In den Umfragen liegt die FDP fragt, denn der Zustand der Bundeswehr
derzeit unter dem Ergebnis der Bundes- Sozialdemokraten ist miserabel. Frau Merkel hat überflüssi-
tagswahl. Möglicherweise empfinden es und Konservativen.« gerweise eine nicht gestellte Anfrage öf-
die Bürger als naseweis, wenn Sie das gro- fentlich beantwortet, was lupenreiner
ße Wort gegen die Regierung führen, wo Populismus war. Sie hat leider in Kauf ge-
Sie doch hätten regieren können. SPIEGEL: Gern. Auf dem Parteitag Mitte nommen, dass der Westen dadurch uneins
Lindner: Wir haben uns für den harten Mai wird es auch darum gehen, wie die erschien. Es wirkte übrigens auch un-
Weg entschieden, das ist wahr. Regieren FDP es schafft, für Frauen attraktiver zu geschickt, dass innerhalb einer Woche
wäre kurzfristig leichter gewesen, mittel- werden. Macron und Merkel kurz hintereinander
fristig wäre uns der Bruch von Wahlver- Lindner: Nein, das ist ein längerer Prozess, in Washington aufschlugen. Dadurch ent-
sprechen teuer zu stehen gekommen. der erst auf dem Parteitag 2019 bespro- stand der Eindruck, Herr Trump könne
Wenn Sie sich nur kurzfristig an Umfragen chen wird. Mit moderner Gesellschafts- sich seine Gesprächspartner in Europa aus-
orientieren, sind Sie als Politiker verloren. politik und beispielsweise unseren progres- suchen. Zu allem Überfluss wurde Frau
SPIEGEL: Nur hat eben ein Unternehmer, siven Positionen zur Reproduktionsmedi- Merkel durch das amerikanische Protokoll
der die Liberalen gewählt hat, damit sie zin sind wir für Frauen eine Alternative. degradiert, obwohl wir das ökonomische
als marktliberales Korrektiv in eine Regie- Da können wir wachsen. Der Anteil unse- Powerhouse in Europa sind und Frank-
rung gehen, herzlich wenig davon, wenn rer weiblichen Wähler ist übrigens höher reich seine Hausaufgaben in der Wirt-
die FDP nun in der Opposition erklärt, als der unserer Mitglieder oder in der Füh- schaftspolitik erst noch erledigen muss.
wie sie die Dinge regeln würde. rung. SPIEGEL: Macron hat bei seinem Besuch
Lindner: Die meisten Menschen interes- SPIEGEL: Was keine große Kunst ist, wenn in Berlin auf einen Punkt hingewiesen, der
siert mehr, wie es weitergeht. Mich auch. man sich die Bundestagsfraktion anschaut. Deutschland zu einem unzuverlässigen
Nach dem Ende von Jamaika gab es plötz- Dort sitzen 61 Männer und 19 Frauen. Bündnispartner mache: den Parlaments-
lich einen personellen Generationenwech- Lindner: Deshalb kümmern wir uns um vorbehalt bei Auslandseinsätzen der
sel bei Union und Grünen. Und beide wol- die Frage. Bundeswehr.
len neue Grundsatzprogramme erarbeiten. SPIEGEL: Fast alle anderen Parteien be- Lindner: Die Bundeswehr ist eine Parla-
Das zeigt doch im Nachhinein, dass einer- schäftigen sich schon seit Jahren mit dem mentsarmee. An diesem Charakter soll
seits bei den Jamaikagesprächen noch al- Thema und sind am Ende zu dem Ergebnis sich nichts ändern.
tes Denken im Spiel war, und dass ande- gekommen, dass es ohne Quote nicht SPIEGEL: Wie soll das funktionieren, wenn
rerseits Dinge danach in Bewegung gera- gehe – selbst die CSU. Sie gleichzeitig fordern, Europa müsse in

38 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Lindner: Nein. Aber der Parteivorsitzende
von En Marche ist mit uns Liberalen auf
europäischer Ebene im Gespräch. Es be-
steht eine Chance, dass die Parteien der li-
beralen Mitte in Europa gemeinsam so
stark werden, dass sie echten Einfluss auf
die weitere Entwicklung der europäischen
Politik nehmen. Die Schwäche der Sozial-
demokratie kann dazu führen, dass die
moderate, liberale Mitte zweitstärkste
Kraft im Europäischen Parlament werden
kann.
SPIEGEL: Und dass der nächste Kommis-
sionspräsident ein Liberaler wird?
Lindner: Das hängt von der Koalition ab,
die sich nach der Wahl im Europäischen
Parlament bildet. Es wird jedenfalls nicht
so sein, dass automatisch die stärkste Frak-
tion, zumal wenn sie auf unter 30 Prozent
kommt, den Kommissionspräsidenten
stellt, wie es sich CDU und Europäische
Volkspartei wünschen. Auch in Deutsch-
land hatte Helmut Kohl 1976 fast die ab-
solute Mehrheit, und trotzdem blieb Hel-
mut Schmidt Bundeskanzler.
SPIEGEL: Zuletzt sorgte die Russlandpoli-
tik in der FDP für Wirbel. Ausgerechnet
Ihr wichtigster Verbündeter aus der Zeit
der außerparlamentarischen Opposition,
Wolfgang Kubicki, widerspricht Ihnen.
Lindner: In einem einzelnen Punkt geht
er über unseren ansonsten einstimmigen
Beschluss hinaus. Leider lenkt das davon
ab, dass die FDP insgesamt im Gegensatz
zur Bundesregierung für neues Denken in
der Russlandpolitik steht. Wir möchten
auf der einen Seite eiserne Konsequenz,
wenn es um Cyberangriffe geht oder da-
RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL

rum, Völkerrechtsverstöße zu ahnden. Auf


der anderen Seite wollen wir neue Dialog-
angebote, um eine Eskalationsspirale zu
verhindern. Wir regen zum Beispiel an,
dass die Gruppe der wichtigsten Industrie-
nationen Russland einlädt zu einem For-
mat G 7 plus 1.
SPIEGEL: Außenminister Heiko Maas
FDP-Vorsitzender Lindner: »Die einfachsten Antworten sind nicht immer die besten« lehnt das ab.
Lindner: Das ist ideenlos. Es kann kein
Entgegenkommen in der Sache ohne eine
der Sicherheitspolitik stärker zusammen- ralen näher als Grünen, Sozialdemokraten andere Politik des Kreml geben. Der Wes-
wachsen? und Konservativen. ten darf nicht schwach oder defensiv sein.
Lindner: Sie denken mir zu stark in der SPIEGEL: Das würden die genannten Par- Aber ich finde es sinnvoll, dass man wie-
Logik von spontanen Militärschlägen. Ich teien sicher bestreiten. der miteinander ins Gespräch kommt,
sehe eine europäische Armee als Vision Lindner: Es stimmt aber. Vor allem die weil dadurch Schritt für Schritt Spannun-
positiver. Mit jedem eingesetzten Euro er- Grünen vereinnahmen Macron gern für gen abgebaut werden können. Kein Kri-
zielen wir mehr Fähigkeiten als allein. dessen Europafreundlichkeit und dafür, senherd kann ohne oder gegen Russland
SPIEGEL: Wie weit gehen die Gemeinsam- dass er zum Pariser Klimaschutzabkom- gelöst werden. Wir müssen also Wege fin-
keiten mit Macron in der Europapolitik? Die men steht. Das trennt uns nicht. Im Gegen- den, aus der Konfrontationsspirale aus-
beiden FDP-Bundestagsabgeordneten Kon- satz zu den Grünen finden wir aber seine zubrechen.
stantin Kuhle und Michael Link haben sich flexiblere Arbeitsmarktpolitik, seine Steu- Interview: René Pfister, Christoph Schult
dieser Tage dafür ausgesprochen, Macrons erpolitik und seinen Reformgeist auch gut.
Partei »En Marche« nach der Europawahl Ich sehe also viele Berührungspunkte mit
im kommenden Jahr in die Fraktion der eu- der liberalen Parteienfamilie. Daher wäre Morph-Grafik
Christian Lindner
ropäischen Liberalen einzubinden. es klug, wenn En Marche mit uns koope- im Zeitraffer
Lindner: Ich sehe Gemeinsamkeiten zwi- rieren würde. spiegel.de/sp192018lindner
schen En Marche und den liberalen Par- SPIEGEL: Haben Sie darüber mit Macron oder in der App DER SPIEGEL
teien in Europa. Macron steht uns Libe- geredet?

39
Deutschland

»Alle Mittel erlaubt«


hatte die ehemalige Managerin der Unter-
nehmensberatung McKinsey einen radi-
kalen Plan. Im Visier der 46-Jährigen: das
Bundesamt für Ausrüstung, Informations-
technik und Nutzung der Bundeswehr
Rüstung Die wichtigste Beamtin Ursula von der Leyens wollte (BAAINBw) in Koblenz mit seinen bun-
mithilfe einer bundeseigenen Firma schneller Kriegsgerät desweit 9000 Beschäftigten.
beschaffen. Dabei überwarf sich Katrin Suder mit der Ministerin. Das Amt kauft so gut wie alles ein, was
die Truppe braucht: vom Unterhemd bis
zur Kampfdrohne. Suder wollte die Behör-
de privatwirtschaftlich umgestalten. Ihre
eigene Abteilung hatte das Konzept schon
erarbeitet (»Projekt Pfeil«), konkretisiert
haben es dann Experten der Unterneh-
mensberatung Ernst & Young (EY).
In ihrer vertraulichen Studie vom März
dieses Jahres schlagen sie in einer ersten
Stufe die Gründung einer Firma mit dem
unscheinbaren Namen »BWServices« vor.
Titel: »Ein Schnellboot der Rüstungsbe-
schaffung«. Das Koblenzer Amt sei eine
»unter Volllast arbeitende Megabehörde«,
der eine »zusätzliche Organisation« an die
Seite gestellt werden sollte.
Weiter sieht der Plan vor, der Firma
in der Rechtsform einer GmbH zunächst
WERNER SCHUERING / IMAGETRUST

»ausgewählte Beschaffungsprojekte mit


großer Außenwirkung« zu übertragen. Als
Beispiel nennen die Unternehmensberater

MARCO-URBAN.DE
das taktische Luftverteidigungssystem, das
die Bundeswehr als Ersatz für die bishe-
rigen »Patriot«-Raketen anschaffen will.
Seit 2004 dauert die Entwicklung nun
Ministerin von der Leyen, Staatssekretärin Suder 2015: Zum Abschied Vicky Leandros schon, in der vergangenen Legislaturpe-
riode wollte das Verteidigungsministerium
den Kaufvertrag besiegeln, damit Flug-

W en die Bundeswehr in Ehren ent-


lässt, den verabschiedet sie mit
einer Serenade. Am kommenden
Montag scheidet Staatssekretärin Katrin
stellte Verwaltung weitere Milliarden oh-
nehin nicht sinnvoll einsetzen könne.
Selbst der Wehrbeauftragte Hans-Peter
Bartels, dessen Rolle es ist, mehr Geld für
körper deutsche Soldaten vor feindlichen
Raketen schützen können.
Doch dem Koblenzer Amt ist es nicht
gelungen, den Deal abzuschließen, unter
Suder aus dem Amt, und auch diesmal die Soldaten zu fordern, spricht dem Sys- anderem weil die Beamten dem Hersteller
wird das Stabsmusikkorps der Bundes- tem die »Absorptionsfähigkeit« weiterer einen 14 000 Seiten starken Katalog mit
wehr auf dem Ehrenplatz vor dem Bend- Haushaltsmittel ab. »25 Jahre Schrumpf- Produktspezifikationen vorgelegt haben.
lerblock aufspielen und der Beamtin im kurs und insbesondere die letzte Spar- Die neue Beschaffungsfirma hingegen
Beisein von Ministerin Ursula von der Ley- reform haben die Bundeswehr nahezu soll keinen Papierkrieg führen, sondern
en musikalische Wünsche erfüllen. bewegungsunfähig gemacht«, sagt der »klein und agil« voranschreiten, mit »kur-
Suder wählte nicht die üblichen Mär- SPD-Politiker. zen Entscheidungswegen« und »Unter-
sche, sondern die wehmütigen Lieder Von der Leyens Topbeamtin sollte die nehmertum«, heißt es in der vertraulichen
dreier Frauen. Eines davon: »Ich liebe das richtige Therapie für die Truppe entwi- Expertise.
Leben«, eine schmalzige Abschiedshymne ckeln und nicht zuletzt das Überleben der Der Firma soll ermöglicht werden, die
von Vicky Leandros. »Das Karussell wird Ministerin sichern. Sie war vorbereitet, komplexen Regeln des Beschaffungswe-
sich weiterdrehen«, heißt es darin, »auch beim nächsten Rüstungsskandal zurück- sens zeitweise außer Kraft zu setzen. Dazu
wenn wir auseinandergehen.« zutreten, wie sie Vertrauten kurz nach ih- sei ein »Gesetz zur vorübergehenden Er-
Das soll versöhnlich klingen, in Wahr- rer Berufung im Jahre 2014 verriet. leichterung der Rüstungsbeschaffung« sinn-
heit jedoch haben sich die Frauen von- Nun geht Suder auf eigenen Wunsch, of- voll, schreiben die Wirtschaftsberater. Ent-
einander entfremdet. Vor vier Jahren fiziell aus familiären Gründen. Ihre Le- scheidend sei »die Zielerfüllung«. Dafür
waren sie als eingeschworenes Team ge- benspartnerin und die Kinder wohnen in gelte: »Alle Mittel sind erlaubt!«
startet, das desolate Beschaffungswesen Hamburg, das Pendeln nach Berlin werde Das Konzept sei ein ganz bewusster
der Bundeswehr zu reformieren. Bislang ihr zu viel. Alle, die mit der energischen »disruptiver Parallelweg«, schreiben die
sind sie mit der Aufgabe allerdings kaum Frau zusammengearbeitet haben und auch Rüstungsfachleute von EY. Die Führungs-
vorangekommen. Die Truppe wird mehr nach Mitternacht mit Suders SMS befeuert kräfte und Spezialisten der neuen Gesell-
denn je verspottet, weil ihre Flugzeuge wurden, nahmen ihr das nicht ab. schaft würden nicht nach dem starren Ta-
nicht fliegen und ihre Schiffe nicht Der wirkliche Grund ist ein anderer. Su- rifsystem der öffentlichen Hand bezahlt,
schwimmen. der und ihre Ministerin waren offenbar sondern »erfolgsabhängig«. Nur so sei
Und im aktuellen Streit um den Vertei- unterschiedlicher Meinung, wie und vor es möglich, gut motivierte Fachkräfte zu
digungshaushalt muss sich von der Leyen allem wie schnell das Rüstungswesen neu finden, anders als beim BAAINBw, das
vorhalten lassen, dass ihre schlecht aufge- geordnet werden soll. Für diesen Umbau 2000 Stellen nicht besetzen kann.

40
Für die Beamten aus Koblenz muss das Staatssekretärin auch über die Zukunft des
wie eine Kampfansage klingen. Die Ge- BAAINBw? Zumindest gibt es Anzeichen,
schäftsführung der bundeseigenen Firma dass sich die beiden nicht einig waren. Am
solle »weitgehend aus der Rüstungsindus- 6. April reiste die Ministerin selbst nach
trie« kommen, um deren »industrielle Ex- Koblenz. Die Personalvertreter verfassten
pertise« nutzen zu können. Ansonsten einen internen Vermerk, der Meinungsver-
müsse das Unternehmen weitgehend frei schiedenheiten zwischen Suder und von
von direktem Einfluss des Ministeriums der Leyen nahelegt.
und auch der Beschaffungsbehörde aus In der Diskussion sagte die Ministerin
Koblenz sein. laut Gesprächsvermerk, »dass ihr das
»Das Gravitationszentrum der BWSer- Pfeil-Papier erst aktuell zur Kenntnis ge-
vices muss außerhalb der bisherigen Struk- langte und dass dieses Papier nicht von
turen liegen«, so heißt es in dem Gut- ihr in Auftrag gegeben worden« sei. Sie
achten. Es gelte, so etwas wie ein Experi- würde sich »die darin enthaltenen Emp-
mentierfeld für die Umgestaltung des fehlungen auch nicht zu eigen« machen.
BAAINBw in Koblenz zu schaffen. Das Papier werde »gestrichen«. Demnach
Doch dazu dürfte es nicht kommen. Mi- hätte Suder die Pläne ohne das Wissen
nisterin von der Leyen hat sich offensicht- der Ministerin vorangetrieben. Als die
lich gegen allzu viel forschen Unterneh- Koblenzer Beamten nachfragten, distan-
mergeist in ihrem Dienstbereich entschie- zierte sich die CDU-Frau von einer kom-
den – und damit wohl auch gegen ihre pletten Privatisierung: »Wir machen aus
Staatssekretärin. So jedenfalls sieht es dem BAAINBw keine GmbH.«
nach einem Besuch der Ministerin in der Die Verteidigungsministerin hat jetzt
Beschaffungsbehörde Anfang April aus. erst einmal eine Taskforce eingerichtet,
Die Visite ging auf eine Initiative der die Vorschläge für die Zukunft des Be-
BAAINBw-Belegschaft zurück, die Wind schaffungsamtes erarbeiten soll. Ende des
von den Berliner Plänen bekommen hatte. Jahres will von der Leyen entscheiden,
wie es weitergeht. Die Personalvertreter
bleiben wachsam: »Wir haben bei der
»25 Jahre Schrumpfkurs Bundeswehr genügend Privatisierungen
haben die Bundeswehr erlebt, die kläglich gescheitert sind«, sagt
Wolfram Kamm, Vorsitzender des Verban-
nahezu bewegungsunfähig des der Beamten der Bundeswehr.
gemacht.« Der Burgfrieden, den die Ministerin mit
ihren Koblenzer Leuten geschlossen hat,
hilft ihr politisch nicht weiter. Im Gegen-
Am 6. Februar schrieb der Personalrat teil: Während ihre Kommission nach einer
einen Brief an von der Leyen (SPIEGEL grundlegenden Strukturreform Ausschau
8/2018). Die Beamten seien »sehr ver- hält, dürfte es kaum die so dringend benö-
wundert, dass wieder einmal nur das tigten Kaufentscheidungen geben. Das be-
BAAINBw Defizite in der Rüstung kom- fürchtet jedenfalls der Wehrbeauftragte Bar-
pensieren soll«. Seit vier Jahren schon wer- tels: »Die Verunsicherung bei den Beamten
de das Amt umstrukturiert. Die Personal- ist extrem groß, einen Fehler zu machen.«
vertreter forderten die Ministerin auf, nach Bartels rät von der Leyen dringend zu
Koblenz zu kommen und sich den Fragen einem Befreiungsschlag. »Das Verteidi-
der verunsicherten Mitarbeiter zu stellen. gungsministerium sollte schleunigst eine
Stattdessen meldete sich zunächst ihre große Anschaffung an den Start bringen.«
Staatssekretärin. In einer Videokonferenz Er denkt dabei an Rüstungsgüter, die von
versuchte Suder, die Sorgen der Koblenzer der Industrie bereits fertig entwickelt
Einkäufer zu zerstreuen. Die Beamten er- worden sind, etwa Hubschrauber für Sa-
fuhren allerdings auch vom »Projekt nitätseinsätze oder Versorgungsschiffe für
Pfeil«: In der Bundeswehr kursierte ein Auslandsmissionen. Die werden dringend
Ministeriumspapier (»VS – Nur für den benötigt und könnten praktisch aus dem
Dienstgebrauch«), das Suders beschwich- Katalog ausgesucht und bestellt werden.
tigende Aussagen konterkarierte. Das dürfte auch der Karriere der Minis-
Demnach stoße die bisherige Rüstungs- terin helfen. Von der Leyen wird nachge-
beschaffung an ihre »systemischen Gren- sagt, in zwei Jahren als Nato-General-
zen«: »Die strukturellen Defizite führen sekretärin nach Brüssel gehen zu wollen.
dazu, dass das Management von Großvor- Dafür braucht sie aber dringend einen ers-
haben nicht den Mindestanforderungen ten sichtbaren Erfolg in ihrem Ministeramt.
genügt«, heißt es in dem Papier. Als Lö- Den soll ihr nun keine Unternehmens-
sung schlugen die Autoren die Gründung beraterin vorbereiten, sondern ein Militär.
einer Rüstungsagentur vor, ein von Suder Auf Katrin Suder folgt Generalleutnant
schon lang gehegter Plan. Benedikt Zimmer.
Die Koblenzer Beamten fühlten sich ge- Sven Becker, Matthias Gebauer,
täuscht, und so stellt sich nun die Frage: Gerald Traufetter
Überwarfen sich von der Leyen und ihre

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SVEN DOERING / AGENTUR FOCUS
Deutschland

Die sicherste aller Welten


Statistik Die Deutschen fürchten sich vor Gewaltkriminalität. Dabei ist das Risiko, zum Opfer zu
werden, fast nirgendwo so niedrig wie hierzulande. Was tun gegen die Angst? Von Beate Lakotta

I
n jedem Frühjahr stellt der Bundes- Laut Umfragen machen sich fast 30 Pro- Gewalttaten machen dabei gerade mal
innenminister die Polizeiliche Kri- zent der Deutschen Sorgen, sie könnten drei Prozent aus. Ihre Zahl bewegt sich
minalstatistik vor. Die Präsentation Opfer eines Gewaltverbrechens werden. heute ungefähr auf dem Niveau von 2001,
ist das Hochamt der Innenpolitik, Jeder zweite glaubt, das Risiko werde stei- Tendenz fallend. Je mehr Jahre man über-
nächste Woche ist es wieder so weit. Mit gen. Am meisten sorgen sich die Anhänger blickt, desto weniger verzerren Ausreißer
ihrer Auslegung der Zahlen des Vorjahrs der AfD. Bestätigt dürften sie sich gefühlt nach oben oder unten das Bild.
gibt die Politik den Ton der Kriminalitäts- haben, als kürzlich der CDU-Politiker Jens Ein Beispiel: Zwar wies die Polizeista-
debatten vor, die unweigerlich folgen. Spahn klagte, der Staat könne nicht mehr tistik für 2016 im Vergleich zum Vorjahr
»Besorgniserregend« nannte der da- für Recht und Ordnung sorgen. 12,8 Prozent mehr Vergewaltigungen und
malige Bundesinnenminister Thomas de Menschen ein Gefühl dafür zu geben, schwere sexuelle Nötigungen aus. In abso-
Maizière im April 2017 die zunehmende wie sicher sie leben – für Politiker ist das luten Zahlen waren es aber weniger Fälle
»Verrohung der Gesellschaft«. Sie sei zu zur Herausforderung geworden, vergleich- als ein paar Jahre vor der Flüchtlingswelle,
spüren »in der Alltagskriminalität, in bar mit Integration oder Gesundheits- etwa 2012 oder sogar zehn Jahre zuvor.
der politisch motivierten Kriminalität, schutz. Eine schwierige Aufgabe, denn Im Jahr 2011 gaben in einer Befragung des
rechts, links und von Ausländern«. Mord längst hat sich die Angst vor Gewaltver- KFN 2,4 Prozent der Frauen zwischen 16
und Totschlag: plus 14,3 Prozent, Ver- brechen von der Realität abgekoppelt. und 40 Jahren an, in den vorangegange-
gewaltigung und sexuelle Nötigung: plus Das Kriminologische Forschungsinstitut nen fünf Jahren Opfer sexueller Gewalt
12,8 Prozent. Gewaltkriminalität von Niedersachsen (KFN) ist eine der Institu- geworden zu sein. Anfang der Neunziger-
Jugendlichen: plus 12 Prozent – jede Zahl tionen, die Kriminalität vermessen und jahre: 4,7 Prozent.
ein Argument für de Maizières Law-and- analysieren: Jugendgewalt, Kriminalität Je schwerer die Folgen eines Delikts, so
Order-Linie. von Zuwanderern, Radikalisierung im di- lautet eine Regel, desto näher kommt die
Wer anschließend in TV-Talkrunden gitalen Zeitalter. Fragt man KFN-Direktor Statistik der Wirklichkeit: Erfasste man in
blickte, konnte den Eindruck gewinnen, Thomas Bliesener, welche Botschaft nun den Siebzigerjahren bis zu zwölf vollen-
Deutschland versinke in Chaos und Ge- stimme, die schlechte vom vergangenen dete Sexualmorde an Kindern pro Jahr,
walt. Ein halbes Jahr später zog die AfD Jahr oder die gute aus diesem, lacht er erst sind es heute eher zwei bis vier. Noch ein-
in den Bundestag ein. mal und sagt: »Kommt darauf an, welche drucksvoller: Seit den Achtzigerjahren hat
In diesem Jahr haben die Bundesländer Strecke man überblickt.« sich die Zahl der Menschen, die durch Ge-
einen neuen Ton angeschlagen. In selte- Ohnehin bezweifeln Experten, dass die walttaten getötet werden, annähernd hal-
ner Klarheit präsentierten sie Erfolge: Polizeistatistik ein realistisches Bild der biert, vielleicht auch, weil dabei nur noch
Bundesweit ging die gemeldete Gewalt- Sicherheitslage liefert. Politiker fragen halb so oft geschossen wird. Körperverlet-
kriminalität um 2,4 Prozent zurück, in nicht weiter danach; sie nutzen das Zah- zungen kommen laut Polizeistatistik zwar
Hamburg sogar um fast 9 Prozent. In lenwerk wie Knetmasse. Aus veränderten deutlich häufiger vor als damals. Hält man
Bayern, sagt der dortige Innenminister Stellen hinter dem Komma lassen sich jedoch Opferstatistiken daneben, so wird
Joachim Herrmann, lebe man sicherer als Herausforderungen oder Erfolge model- dabei immer seltener jemand tödlich ver-
im Rest der Republik, aber auch sicherer lieren. Auf das Risiko jedes Einzelnen letzt. Experten sind sich einig, dass Men-
als im vergangenen Jahr oder vor 30 Jah- haben Einjahresschwankungen keine schen heute selbst geringfügige Gewalt-
ren. Das müsse man denen entgegen- Auswirkung, die Fallzahlen sind viel zu taten eher anzeigen als früher; Dunkelfeld-
halten, »die mit Fake News unterwegs gering. Für die Wissenschaft sind sie be- studien bestätigen das.
sind und die Mär verbreiten, alles werde deutungslos, es gibt zu viele Möglichkeiten »Nicht nur, dass die gefühlte und die
immer schlimmer«. der Verzerrung. reale Gefahr immer weiter auseinander-
Eben noch Besorgnis über zweistellige Kriminologen lassen stattdessen lange gehen«, sagt Bliesener, »es fürchten sich
Anstiege bei Gewalttaten, jetzt Entwar- Zeitreihen sprechen. In Dunkelfeldstudien auch die Falschen. Frauen und ältere Men-
nung – ob das die Bürger überzeugen fragen sie Menschen nach Opfererfah- schen mehr als junge. Die meisten Opfer
wird? rungen, auch solchen, die sie nicht bei von Gewaltkriminalität sind junge Männer,
Seit vielen Jahren weisen die Kriminal- der Polizei gemeldet haben. Sie verglei- die fürchten sich am wenigsten« – das so-
statistiken in diese Richtung: Das Risiko, chen die gefühlte mit der gemessenen genannte Kriminalitätsfurcht-Paradoxon.
Opfer einer schweren Gewalttat zu wer- Kriminalität. Diskrepanzen, zu deren Gründen es vie-
den, ist in Deutschland niedriger als in Blieseners Drucker spuckt Grafiken und le Vermutungen gibt. Ältere und Frauen
früheren Jahren. Trotzdem glauben viele Zeitreihen zu allen möglichen Delikten könnten sich eher ihrer körperlichen
Bürger, es werde immer ärger mit der aus. Anfang der Neunzigerjahre ging es Unterlegenheit bewusst sein; Krimino-
Gewalt – mehr, brutaler, rücksichtsloser. mit der Kriminalität in Deutschland deut- logen gehen davon aus, dass sich in der
Wer bei Google als Suchwort »Angst-Ort« lich nach oben, eine Wellenbewegung, Furcht vor Verbrechen viele andere Ängs-
eintippt, wird schnell fündig: Berlin- ausgelöst durch die deutsche Einheit, die te ein Ventil suchen, die schwerer greifbar
Alexanderplatz, das Oldenburger Kenne- Öffnung der Grenzen nach Osten, einen sind: Angst vor sozialem Wandel, Exis-
dyviertel, der Bahnhof im schwäbischen Einwanderungsschub von Russlanddeut- tenzängste, Angst vor dem Fremden. Da-
Horb, Stadthaus Bonn – alles Orte voller schen. Seitdem nimmt die Kriminalität für könnte sprechen, dass sich Ostdeutsche
Drogen, Dreck, Suff, Pöbeleien. in Deutschland insgesamt ab. mehr fürchten als Westdeutsche, bei ver-

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Deutschland

gleichbarer gemessener Kriminalität. Über Morde nach oben. Aber allein 72 der 373 Kriminalpolitiker – jeder hat seine eigene.
die stärkste Quelle der Kriminalitätsfurcht Opfer gingen auf das Konto des Kranken- Wer verstehen will, welche Rolle Statistik
hingegen sind sich Experten einig: »Politik pflegers Niels Högel. »Begangen hat er die dabei spielt, muss nach Konstanz fahren,
und Medien können daraus Kapital schla- Morde bis 2005«, sagt Bliesener, »ver- zu Wolfgang Heinz, dem langjährigen
gen: Quote, Auflage, Wählerstimmen«, bucht wurden sie 2016.« Leiter des Instituts für Rechtstatsachen-
sagt Bliesener. »Wir sprechen vom poli- Das Problem ist: Auch wer sich eher forschung der Universität Konstanz. Heute
tisch-publizistischen Verstärkerkreislauf.« unbegründet ängstigt, ändert sein Verhal- ist Heinz emeritiert, er bittet zum Gespräch
Medien, auch der SPIEGEL, müssen ab- ten und seine Erwartungen an die Politik. auf seine Reihenhausterrasse, zwischen
wägen: Berichten sie über diesen Teil der Laut einer Online-Umfrage wünschen sich Kirschbäumen blitzt von unten der Boden-
Wirklichkeit, verstärken sie den Mecha- 70 Prozent härtere Strafen. Und die Deut- see herauf.
nismus, ob sie wollen oder nicht. schen rüsten auf, im Privaten. Quasi im Einmannbetrieb hat Heinz
Regelmäßig ist der KFN-Direktor in Sa- Großen Ansturm, sagt Michael Hart- das »Konstanzer Inventar« aufgebaut,
chen Aufklärung unterwegs, auf Bürger- mann vom Hamburger Waffenhaus Ep- eine immense Datenbank, in der Statisti-
foren oder in Volkshochschulen. Mit seiner pendorf, habe er im Herbst 2015 erlebt ken zusammenfließen, die im Vergleich
Botschaft von einer sicherer werdenden und noch mal nach der Kölner Silvester- miteinander ein anderes Bild ergeben als
Umgebung hat er es schwer: »Wer die Bil- nacht. Hausfrauen kamen in das altein- einzeln: Daten von Polizei und Staatsan-
der aus der Berliner U-Bahn gesehen hat, gesessene Geschäft, 14-jährige Mädchen waltschaften, Strafverfolgungs-, Bewäh-
wie der Typ die Frau die Treppe runtertritt, in Begleitung ihrer Mutter, Rentner aus rungshilfe- und Strafvollzugsstatistiken.
der kriegt das nicht mehr aus »Schon klar, dass Vertreter
dem Kopf.« von Sicherheitsbehörden sich
In Endlosschleifen erörtern 1993:* Mord und Totschlag von Gewalt und Kriminalität
Talkshows Bedrohungsszena- umzingelt sehen«, sagt Heinz,
rien, die in der Lebenswelt der 1,81 erfasste Fälle auf 100 000 Einwohner »ihr Denken kreist ja permanent
meisten Menschen keine reale in Deutschland um Gefahrenabwehr, das ist ihr
Bedeutung haben – kriminelle Job. Nur mit der Wirklichkeit
Clans, entflohene Sexualstraf- hat das nichts zu tun.«
täter, Amokläufe, Terror, dazu Die Unzulänglichkeiten der
Sendungen wie »Aktenzeichen Polizeilichen Kriminalstatistik
XY … ungelöst« und immer (PKS) sind bekannt: Die PKS
noch: Bilder von der Kölner sammelt jeden Verdachtsfall,
Domplatte. aber längst nicht jeder Verdacht
Algorithmen der Suchmaschi- bestätigt sich. Die Fallzahlen
nen verzerren zusätzlich das 1992:* hängen zudem von der Anzeige-
Bild, indem sie alle möglichen
Sexualmorde der vergangenen
1,33 bereitschaft und vom Ermitt-
lungseifer der Polizei ab. Auch
Jahrzehnte präsentieren, ob- zählt die Statistik Taten, ohne
* Mitte der Neunzigerjahre:
wohl man sich nur über den ak- Zurückliegende Grenzzwischenfälle und 2016:**
zu erfassen, wie schwer ihre Fol-
tuellen Fall informieren will; ungeklärte Tötungsdelikte in Gefängnissen gen sind; eine harmlose Körper-
auch Push-Nachrichten digitaler
der DDR beeinflussen die aktuelle Statistik.
** In der Statistik 2016 sind 72 dem Kranken-
0,80 verletzung wandert in die Kate-
Medien vermitteln eine schein- pfleger Högel zugerechnete Morde enthalten. gorie »gefährlich«, allein weil
bare Häufung extrem seltener Quellen: Kriminologisches Forschungsinstitut eine Waffe im Spiel war; auch
Niedersachsen, Polizeiliche Kriminalstatistik;
Vorfälle. 1991/1992: alte Bundesländer mit Berlin festes Schuhwerk gehört dazu.
Viele Zuhörer nehmen es Fälle wie jener der fünf jun-
dankbar auf, wenn Bliesener gen Flüchtlinge, die in der Berli-
mit seinen Statistiken dagegenhält. Ande- dem feinen Blankenese, ein junges Paar ner U-Bahn beinahe einen Obdachlosen
re sagen, seine Zahlen seien falsch, die mit Kinderwagen – Menschen, die noch angezündet hätten, verzerren das Bild: »In
Polizei verschweige das wahre Ausmaß. nie in ihrem Leben einen Waffenladen be- der PKS tauchen sie auf, wie die Polizei
»Meist sind es Männer, die ein Gegenrefe- treten hatten. Ein katholischer Geistlicher sie erfasst hat, als Mordversuch«, sagt
rat halten, mit Zahlen aus dem Internet, fragte nach einer Schreckschusspistole. Heinz. »Verurteilt wurden die Täter nur
die sich vor Ort nicht überprüfen lassen.« »Da ist ein extremes Bedürfnis nach wegen versuchter gefährlicher Körperver-
Der Mord an der Freiburger Studentin, Selbstschutz«, sagt Hartmann. Er verstehe letzung. Zu Schaden kam dabei glück-
die Vergewaltigung auf der Bonner Sieg- das: »Die Leute haben schlechte Erfahrun- licherweise niemand. Nach dem Muster
aue durch einen »Machetenmann« aus gen gemacht.« überschätzt die PKS die Kriminalität.«
Ghana, der Junge, den seine Eltern zum Zum Beispiel? Aber auch Bewusstseinswandel und
Missbrauch im Internet anboten, der er- »Dass einem draußen sechs, sieben Leu- neue Gesetze bringen ein Auf und Ab, be-
stochene Schüler in Lünen – dies alles te entgegenkommen, die keinen Platz ma- sonders bei Sexualstraftaten: »In den Sech-
seien Taten, die das Sicherheitsgefühl der chen. Einfach der Verdrängungswettbe- zigerjahren war die Frau auch aus Sicht
Bürger erschütterten, auch durch die me- werb auf den Straßen, auch wenn dann von Polizei und Gericht oft selbst schuld,
diale Wiederholung, sagt Bliesener. »Aber nichts passiert ist.« wenn sie kurze Röcke trug.« Klar, dass des-
aus Sicht der Wissenschaft sind es Einzel- Ende 2017 waren in Deutschland wegen weniger Vergewaltigungen ange-
fälle. Sie erhöhen das Risiko für den Ein- 557 560 kleine Waffenscheine registriert. zeigt wurden. »In der Ehe kam die Verge-
zelnen nicht.« Damit sind eine runde Viertelmillion mehr waltigung im öffentlichen Bewusstsein bis
Ein Trend würde sich erst ab rund hun- Menschen berechtigt, Schreckschusswaf- zur Gesetzesänderung 1997 gar nicht vor.«
dert Fällen Veränderung pro Jahr abzeich- fen in der Öffentlichkeit zu tragen, als noch Aktuell sind die Zahlen für Sexualstraf-
nen, »darunter ist es schwer, Verläufe und zwei Jahre zuvor. taten wieder gestiegen, auch eine Folge
Fallzahlen zu bewerten«. 2016 schnellte Über Kriminalität gibt es viele Wahr- von Gesetzesänderungen in den vergan-
beispielsweise die Zahl der mutmaßlichen heiten. Opfer, Täter, Polizei, Strafverfolger, genen Jahren. So können sich Grapscher

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jetzt wegen sexueller Belästigung strafbar funktioniere anders, habe ihm der Vorsit- als Genugtuung bleibt, ist oft nur die Strafe
machen; bisher galt das oft nur als Belei- zende des Rechtsausschusses mal offen ins für den Täter.
digung. Gesicht gesagt. Wer versucht, das Leid der Opfer zu
Selbst wenn sich real nichts verändere, Vorlesungsthema an diesem Tag ist die würdigen, und gleichzeitig auf sinkende
sagt Heinz, »etwas Besorgniserregendes Flüchtlingskriminalität, der Hörsaal ist Fallzahlen oder mangelnde Belege für den
werden Sie in der PKS immer finden. Weil voll. Selbst unter Studierenden glaubten Nutzen von Repression verweist, steht
man ihre Daten instrumentalisiert, um da- viele, dass die Kriminalität ansteige. Spä- schnell als Zyniker da. Manchmal fragt sich
mit Forderungen und Entscheidungen zu testens seit dem Mord an der Freiburger Kinzig, ob sie irgendetwas übersehen.
begründen«. Nach mehr Polizei, härteren Studentin Maria L. spricht ganz Deutsch- »Aber den Täter, der vorher ins Strafge-
Strafen oder mehr Befugnissen für Ermitt- land über die Frage, ob Flüchtlinge krimi- setzbuch schaut, gibt’s nicht. Erst recht bei
ler wie im umstrittenen neuen bayerischen neller sind als Deutsche – und, wenn ja, Gewalt- und Sexualstraftaten ist Drohen
Polizeigesetz. was dagegen zu tun sei. Kinzigs Antwort: nutzlos, die folgen meistens dem Impuls.«
Was hingegen fehlt, sind Daten, die zei- »Kriminalität ist keine Frage des Passes, Dass trotzdem seit 20 Jahren die Sexual-
gen könnten, wie sich solche Maßnahmen sondern von Lebenslagen.« morde zurückgehen, führen Kriminologen
auswirken. Es gibt keine kontinuierlichen, Dazu passt das Ergebnis einer Studie, auf ein freieres Sexualleben zurück und
repräsentativen Dunkelfeldstudien und in der das KFN die Kriminalität Deutscher auf bessere Therapiemöglichkeiten.
nicht mal eine fortlaufend geführte Rück- mit der von Nichtdeutschen verglich. Fazit: Es gebe etwas anderes, das Gesetze
fallstatistik. »Statistisch gesehen sind wir Auch wenn man Alters- und Geschlechts- schaffen könnten: Bewusstsein. »Früher
Entwicklungsland«, sagt Heinz. haben einen die Eltern schon
»Wir leisten uns Kriminalpolitik mal geschlagen, auch wenn sie
im Blindflug.« Sexualmorde einen lieb hatten. Seit das eine
Vor mehr als zehn Jahren war Straftat ist, geht die Gewalt in
erfasste Fälle*
er an dem Versuch beteiligt, im den Familien zurück« – nicht in
in Deutschland
Regierungsauftrag Erkenntnisse der Polizeistatistik, da gehen die
über die Kriminalitätslage zu Fallzahlen für Kindesmisshand-
einem objektiven Bild zu bün- lung hoch, weil sich Nachbarn
deln, im »Periodischen Sicher- oder Verwandte heute eher an
heitsbericht«. Heinz steigt in Behörden wenden, aber wenn
den Keller und kommt mit man Opferbefragungen und
zwei telefonbuchdicken Bänden Dunkelfeldstudien heranzieht.
zurück, erstellt von Experten Gewalt, früher ein legitimes
aus Kriminologie, Soziologie 1988: Mittel zur Problemlösung, gilt
und dem Bundeskriminalamt, heute selbst als Problem, in vie-
persönlich signiert von der frü- 58 len Gesellschaften ist das so.
heren Bundesjustizministerin Aber woher kommt das?
Brigitte Zypries. Eine verblüffend simple Ant-
Das Fazit damals: »Erstens: wort lautet: von selbst. Gesell-
Wir brauchen mehr Daten. schaften altern. Im Hinblick auf
Zweitens: Wir haben Probleme die Kriminalitätsentwicklung ist
mit Kriminalität, aber im Ver- das eine gute Nachricht: weni-
* vollendete und versuchte Fälle 2016:
hältnis zu anderen Problemen ger junge Männer gleich weni-
sind sie eher gering. Drittens:
Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik,
ab 1993 mit den neuen Bundesländern 9 ger Gewaltkriminalität.
Für die Sicherheit bringen harte Aber auch junge Menschen
Strafen wenig. Viertens: Am sind heute weniger gewalttätig
nachhaltigsten verbessert Prävention die unterschiede herausrechnet, wären Nicht- als früher, jedenfalls in den westlichen In-
Sicherheit, dazu zählen Investitionen in deutsche höher mit Kriminalität belastet. dustrieländern. In Deutschland sind in den
Bildung, Lebensqualität, Städtebau.« Ganz einfach weil sie als Gruppe Merk- vergangenen zehn Jahren schwere Gewalt-
Zweimal erschien der Bericht, im Jahr male in sich vereinen, die auch bei Deut- straftaten Jugendlicher drastisch zurück-
2006 war damit Schluss. »Politik ist oft be- schen als kriminalitätsfördernd bekannt gegangen. Ob jüngste Zuwächse von Ju-
ratungsresistent«, sagt Heinz. »Manche sind, wie geringe Schulbildung oder nie- gendgewalt in einzelnen Bundesländern
Dinge will man lieber nicht wissen. Denn driger sozioökonomischer Status. Aber als auf mehr Anzeigen oder mehr Gewalt zu-
wenn man wüsste, es bringt nichts, könnte Kinzig in einem Radiointerview zum Ma- rückgehen? Schwer zu sagen, noch schwe-
man vieles nicht mehr machen.« ria-Fall den Umkehrschluss zog, dass Deut- rer, ob es sich dabei um eine Trendwende
Sommer 2017, Vorlesung an der Univer- sche auch nicht anders kriminell würden handeln könnte. Und die Gründe für den
sität Tübingen bei Jörg Kinzig. Regelmäßig als Flüchtlinge, schrieb jemand ins Hörer- langfristigen Rückgang von Gewalt? Ex-
wird der Kriminologe zu Expertenanhö- forum: »Die Welt wäre besser, hätte der perten sehen sie vor allem in der gewalt-
rungen im Bundestag gebeten. Dort geht Afghane statt der jungen Frau den Herrn freien Erziehung und dem veränderten
es um kriminalpolitische Maßnahmen wie Kinzig ersäuft.« Freizeitverhalten: Statt draußen auf irgend-
die Verschärfung der Sicherungsverwah- Es ist das Vermittlungsproblem, vor welchen Parkbänken rumzuhängen und
rung, den Warnschussarrest für Jugendli- dem jeder steht, der angesichts schreck- Unsinn zu machen, sitzen Jugendliche vor
che oder härtere Strafen für Angriffe gegen licher Taten für eine rationale Kriminal- dem Computer oder am Handy.
Polizisten. Zuletzt war Kinzig in Sachen politik eintritt: Den Opfern, mit denen sich Es gibt auch keine Belege dafür, dass
elektronische Fußfessel für Terrorunter- die meisten Menschen identifizieren, nüt- die Gewalt Jugendlicher brutaler gewor-
stützer in Berlin. »Die meisten Fachleute zen kriminologische Erkenntnisse nichts. den sei, eher im Gegenteil: Bei schweren
waren sich einig: Das bringt nichts«, sagt Es ändert nichts am Horror eines Verge- Gewalttaten wie Totschlag oder Vergewal-
Kinzig. Die Fußfessel kam trotzdem. Wis- waltigungsopfers, zu wissen, dass dieses tigung haben sich die Verurteiltenzahlen
senschaft sei das eine, aber Kriminalpolitik Delikt sehr selten ist. Was Geschädigten bei Jugendlichen und Heranwachsenden

45
Deutschland

etwa halbiert. Auf Schulhöfen beispiels- ein glückliches Leben führen. Weil Gewalt ren.« Im vergangenen Jahr war sie zu einer
weise zählten Versicherer 2016 nur noch dem im Weg steht, entwickeln sie immer Podiumsdiskussion eingeladen, Thema:
halb so oft Knochenbrüche wie Mitte der friedfertigere Formen des Zusammen- »Wie sicher ist Tübingen?« Kurz zuvor hat-
Neunzigerjahre. Dunkelfelduntersuchun- lebens. Dabei helfe unter anderem die te ein Vorfall in der Lokalzeitung Schlag-
gen zeigen, dass die Gewaltbereitschaft »Verweiblichung« von Gesellschaften. Je zeilen gemacht: Auf einem Konzert in
unter Schülern seit Jahren stetig abnimmt, mehr Macht Frauen in einer Kultur haben, einer studentischen Party-Location sollten
möglicherweise eine Folge der langjähri- so Pinker, desto stärker die Abkehr von dunkelhäutige Gäste Frauen sexuell beläs-
gen Präventionsarbeit in den Schulen. der machohaften Verherrlichung der Ge- tigt haben. Zwar hatte sich bis dahin bei
Aktuelle Daten des Kriminologischen walt. Auch mehr Bildung mache die Welt der Polizei kein Opfer gemeldet. Aber die
Forschungsinstituts Niedersachsen legen friedfertiger: Gebildetere Menschen ko- Rede war von Tübingen als »Gefahren-
nahe, dass dieser Effekt in Deutschland operieren mehr, sind weniger anfällig für zone«. Ein älterer Herr sagte, dass seine
derzeit bei den Mittzwanzigern ankommt. rassistische, sexistische, fremdenfeindliche Frau nicht mehr draußen joggen gehe.
Optimistisch gesprochen könnte es sein, Einstellungen und begehen weniger Ge- Das andere große Thema: Terror, eine
dass gerade eine friedlichere Generation walttaten – weltweit genauso wie in Ber- der größten Ängste der Deutschen. »Die
nachrückt. lin-Neukölln. Gefahr besteht, wird aber überschätzt«,
Auch global betrachtet leben wir wohl Kein Grund zum Zurücklehnen, sagt die sagt Haverkamp. Auch ihre Studenten
in der sichersten aller Welten. Allen Schre- Tübinger Kriminologin Rita Haverkamp. seien der Meinung, die Terrorgefahr sei hö-
ckensbildern aus den Medien zum Trotz »Jedes einzelne Gewaltopfer wird schwer her denn je. Tatsächlich war 2016 in West-
gibt es heute weitaus weniger europa ein schlimmes Jahr mit
Kriegstote als in früheren Jahr- 142 Terrortoten. Aber in den
hunderten. Weltweit stirbt heu- Vorsätzliche Tötungen in Europa Siebzigerjahren waren es im
te weniger als ein Prozent aller erfasste Opfer auf 100 000 Einwohner, 2015 Schnitt noch 265 pro Jahr. In
Menschen einen gewaltsamen Deutschland bewegen sich die
Tod. Noch im 20. Jahrhundert Opferzahlen für die vergange-
waren es drei Prozent. Die Russland 11,31 nen Jahre im niedrigen zwei-
Mordrate in Europa sinkt seit stelligen Bereich, »trotzdem ha-
dem 14. Jahrhundert. Litauen 5,89 ben Leute Angst auf dem Weihn-
Das Institute for Economics achtsmarkt«.
and Peace in Sydney errechnet Bulgarien 1,79 Haverkamp macht bei sol-
alljährlich einen globalen Frie- chen Gelegenheiten gern noch
Frankreich 1,53
densindex. Er erfasst Kerndaten Quellen: Eurostat; UNODC (Russland) eine andere Rechnung auf: Da-
wie Mordrate, Sicherheitsemp- Polen 1,39 nach sind die gefährlichsten
finden, Zahl der Inhaftierten, Orte die eigenen vier Wände: Je-
Zugang zu Waffen, Betroffen- Dänemark 0,99 des Jahr sterben in Deutschland
heit durch Terrorismus, Krieg fast 10 000 Menschen bei Haus-
und Bürgerkrieg, aber auch Fak-
toren wie gewalttätige Demons-
Deutschland 0,84 haltsunfällen.
Man kann solche Vergleiche
trationen, Grad der Militarisie- Italien 0,77 als polemisch abtun – nicht so
rung oder politische Stabilität. die finnische Regierung. Im Ok-
Danach ist Europa mit Ab- Schweiz 0,69 tober hat sie ein nationales Ak-
stand die sicherste Region der Österreich 0,51
tionsprogramm zur inneren Si-
Erde, Deutschland lag 2017 auf cherheit verabschiedet. Darin
Rang 16 von 163 bewerteten räumt sie dem hohen Unfallrisi-
Ländern, hinter Island, Öster- ko als öffentlicher Herausforde-
reich, Dänemark. Zum Vergleich: Die USA getroffen.« Haverkamp forscht in Sachen rung einen ebenso hohen Rang ein wie der
liegen auf Rang 114, China folgt auf Rang Sicherheit in Kommunen wie Wuppertal Kriminalität und anderen Bedrohungen.
116. Am unteren Ende der Skala: Irak, oder Stuttgart. Beliebt bei der Politik sei »Vermutlich würde es das Sicherheits-
Afghanistan, Syrien. Kriminaltechnik – Videokameras beispiels- gefühl der Menschen enorm heben, wenn
Eine international gebräuchliche Kenn- weise würden oft als Allheilmittel betrach- sie lernen würden, Risiken richtig einzu-
ziffer für die Sicherheit einer Gesellschaft tet. Haverkamp sieht das kritisch: »Kame- schätzen«, sagt Haverkamp, am besten
ist die Mordrate. Nach einer Studie der ras vermitteln Sicherheit, die so nicht ge- schon in der Schule.
Uno aus dem Jahr 2013 verlieren auf der geben ist.« Programme, die sie empfiehlt, Menschen hingegen, die niemand er-
Welt jährlich fast eine halbe Million Men- umfassen anderes: potenzielle Gewalttäter mutige, ihre Angstmuster zu überprüfen,
schen durch vorsätzliche Tötung ihr Leben. persönlich ansprechen, Kinder in prekären steckten in einem Dilemma: »Je mehr Si-
Mehr als die Hälfte von ihnen verteilt sich Verhältnissen unterstützen, die Erzie- cherheit ich habe, desto sensibler werde
auf gerade mal zehn Länder, darunter Bra- hungskompetenz junger Eltern verbessern, ich«, sagt Haverkamp. »Für Phänomene,
silien, Indien, Nigeria, Kolumbien, die Frauen aus Migrantenfamilien Kontakt die noch keine Straftaten sind, Menschen,
USA, Venezuela. und Bildung bieten. die aggressiv auftreten, lärmende Jugend-
In Venezuela lag die Rate bei 53,7 pro Kurz gesagt beruft sich Gewaltpräven- liche, Obdachlose – all das wird dann als
100 000 Einwohner. tion, wenn sie wissenschaftlich basiert ist, Bedrohung empfunden. Auch wenn nichts
Globaler Schnitt: 6,2. auf eine Art Mantra: »Gute Sozialpolitik passiert.«
In Europa: 3,0. ist die beste Kriminalpolitik.« Formuliert Dass dort nie etwas passiere, kann man
In Deutschland: 0,8. hat es der Rechtswissenschaftler Franz von von Berlin nicht behaupten. Lokalzeitun-
Folgt man dem Harvard-Psychologen Liszt, vor mehr als hundert Jahren. gen widmen Angst-Orten in der Haupt-
Steven Pinker, wird sich der globale Trend Aber was hilft gegen die Kriminalitäts- stadt ganze Kolumnen. Nicht leicht, hier
zur Gewaltlosigkeit fortsetzen. Vereinfacht furcht? Andere Perspektiven einnehmen, gegen den Strom zu denken. Tanja Knapp,
lautet seine Botschaft: Menschen wollen sagt Haverkamp. »Das kann man trainie- Kriminaldirektorin in Kreuzberg, versucht

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es trotzdem. Knapps Abschnitt 53 ist mit
dem Görlitzer Park und dem Kottbusser
Tor im Prinzip ein einziger Kriminalitäts-
Hotspot. Und was das Sicherheitskonzept
betrifft, ein Experimentierfeld.
€ 100 für Sie!
1 JAHR DEN SPIEGEL DIGITAL LESEN + PRÄMIE.
Knapp will die Probleme nicht klein-
reden: Am Kottbusser Tor, seit Jahrzehn-
ten ein sozialer Brennpunkt, tauchten vor
zwei, drei Jahren zusätzlich große Grup-
pen aus Nordafrika auf, mehr Waffen,
mehr Gewalt. An den Eingängen zum Gör-
litzer Park standen schwarze Dealer Spa-
lier. Wer nichts kaufen wollte, war schnell
mal sein Handy los. »Die Leute haben sich 100 € Amazon.de Gutschein
empört, zu Recht. Und wir haben entspre- Über eine Million Bücher sowie DVDs,
chend massiv reagiert.«
Technikartikel und mehr zur Auswahl.
Und heute? »Können Sie an beiden Or-
ten wieder normal über den Platz laufen.«
Nur: Viele Berliner meiden den Park. In
der »BZ« war mal zu lesen, für die Anwoh-
ner sei er »14 Hektar Angst, eine Tabu-Zone
mitten in ihrem Kiez«. Es ist einer dieser
Orte, an denen sich die Debatte entzündet,
ob der Staat die Kontrolle verliere. Wer sich
trotzdem hintraut, sieht: Mütter und Väter
mit Kinderwagen, Hipster, Radfahrer, Ob-
dachlose, dürre, in Cannabiswolken gehüll-
te Gestalten – und die Beamten der Brenn-
punktstreife, die in neongelben Signalwes-
ten Präsenz zeigen. Ihre Aufgabe: ansprech- € 100,– Prämie
bar sein, die gefühlte Sicherheit erhöhen. Erfüllen Sie sich einen Wunsch:
Im »Görli« läuft das Projekt einer An- € 100,– als Prämie.
wohnerinitiative, einzigartig in Deutsch-
land: Bezirksamt, Stadtreinigung, Quar-
tiersmanagement, Kreuzberger – alle zu-
sammen an einem Tisch mit der Polizei.
Die setzt im Park auf weniger statt mehr
Kontrolle. Wer anderen Angst macht oder
am Kinderbauernhof Drogen anbietet,
wird konsequent verfolgt. Aber anstatt wie
früher in Großeinsätzen Junkies zu jagen,
kooperiert die Polizei heute mit Fixpunkt, Ja, ich möchte den SPIEGEL digital lesen
einem Verein, der Suchtkranken saubere
Spritzen anbietet. und wähle eine Prämie!
Vor zehn Jahren wäre das ideologisch
verhindert worden, sagt Knapp. Dabei Ich lese 52 Ausgaben des SPIEGEL digital inklusive
sei der Kampf gegen die Drogen von der SPIEGEL DAILY für nur € 4,10 pro Ausgabe und erhalte eine
Polizei allein ohnehin nicht zu gewinnen. Prämie meiner Wahl.
»Aber wir wollen zeigen, dass wir einen
verloren geglaubten Platz zurückerobern
können.« Es scheint zu funktionieren. Ein
Parkmanager residiert in einem Bauwagen, 52 x den SPIEGEL digital lesen
eigens ausgebildete Parkläufer schlichten Bereits ab freitags, 18 Uhr
Streit um wildes Grillen und Pinkeln, der
Bezirk hat neue Lampen spendiert und Auch offline lesbar
einen Zaun um den Kinderspielplatz. Die Auf bis zu 5 Geräten
Stadtreinigung kommt jetzt öfter vorbei. Inklusive SPIEGEL-E-Books
Und die Kriminaldirektorin hofft auf den
Sommer, am Angst-Ort Görlitzer Park ist Wunschprämie dazu
Rosenzweig & Schwarz, Hamburg

ein Kulturprogramm geplant.


»Die objektive Sicherheitslage ist beru- Jetzt neu: Inklusive SPIEGEL DAILY
higt, deutlich weniger Raub und Taschen- Die neue digitale Tageszeitung
diebstähle, kaum sexuelle Belästigungen.
Ein schöner Erfolg eigentlich«, sagt Knapp.
»Jetzt müssen wir nur noch die Berliner
Jetzt bestellen:
SD18-005

davon überzeugen.«

www.spiegel.de/digital18
47
Deutschland

Im eigenen
terinärmediziner Friedhelm Jaeger, ist WDR auf. Das Ministerium hat reagiert
allerdings ein Mitarbeiter, er leitet das Tier- und die entsprechende Akte veröffent-
schutzreferat im Ministerium. Inzwischen licht. Darin finden sich Zeitungsausschnit-

Stall
darf er auch, über Abteilungen hinweg, te, Plenarprotokolle und E-Mails zu dem
eine wichtige Projektgruppe leiten. Als Fall der eigenen Ministerin.
Belohnung für sein gefälliges Gutachten? Welche Chefin wünscht sich schon Mit-
Das Ministerium bestreitet das. arbeiter, die ihr und ihrer Familie auf
NRW Tierquälerei – das ist ein Doch die Vorwürfe, dass Schulze Fö- die Finger schauen? Das Ministerium be-
hässlicher Vorwurf, erst recht für cking als Ministerin vor allem aus Eigen- streitet einen Zusammenhang zur Auf-
nutz handelt, häufen sich. Im Herbst löste lösung der Stabsstelle und teilt stattdessen
eine Umweltministerin. Und sie die Stabsstelle Umweltkriminalität auf. mit, Schulze Föcking habe erst jetzt, im
längst nicht das einzige Problem Die Stelle wurde 2004 gegründet, sie war, April 2018, von der Existenz der Akte
von Christina Schulze Föcking. so steht es in einem Aufgabenprofil, »zen- erfahren.
traler Ansprechpartner für Strafverfol- Die Ministerin sagt, die Arbeit der
gungs- und Umweltverwaltungsbehörden Stabsstelle sei zu wenig durchschlagskräf-

D ie Ställe liegen an einer Landstraße


bei Steinfurt im Münsterland. Der
Hof, zu dem sie gehören, hat eine
eigene Bushaltestelle, Föcking, benannt
auf dem Gebiet der Umwelt- und Lebens-
mittelkriminalität«.
Die Stabsstelle bestand aus zwei Per-
sonen, einem früheren Staatsanwalt und
tig gewesen. Nur darum habe sie weichen
müssen. Tatsächlich jedoch legte die Stelle
allein im vorigen Jahr 154 Aktenzeichen,
darunter rund 60 operative Vorgänge, an.
wie die Betreiber der Schweinemast. Bis einem Polizeibeamten. Im Ministerium Recherchen und Strafanzeigen führten
Juni 2017 war Christina Schulze über die Jahre zu zahlreichen Er-
Föcking gemeinsam mit ihrem mittlungen und Verurteilungen.
Mann am Hof beteiligt, dann zog Staatsanwälte und Umweltschüt-
sie sich zurück und ging nach Düs- zer sind entsetzt über das Aus der
seldorf in die Landesregierung. Stabsstelle, auch innerhalb ihres
Die CDU-Politikerin ist seitdem Ministeriums wird Schulze Föcking
Ministerin für Umwelt, Landwirt- kritisiert. Sie betreibe »Klientel-
schaft, Natur- und Verbraucher- politik«, heißt es. Schulze Föcking
schutz. Was bedeutet: Empfänge, sehe sich zuerst als Landwirtin,
Ausschüsse und Gesetzesvorlagen dann als Ministerin, ihre Verflech-
statt Mistgabeln und Gummistiefel. tungen mit der Agrar- und Jagd-
Im Kabinett von Ministerpräsident lobby bestimmten ihr Handeln.
Armin Laschet galt Schulze Fö- Die Vorwürfe sind so umfassend,
cking, 41, als junges, aufstrebendes dass die Opposition in Düsseldorf
TIERRETTER.DE
Talent. Doch das ist vorbei. In ih- mit einem Untersuchungsausschuss
rem neuen Job holt sie ihre Vergan- droht. Schulze Föcking sei »fachlich
genheit als Landwirtin ein. und moralisch nicht geeignet, das
Im Juli, wenige Tage nachdem Schweine in Schulze Föckings Betrieb: »Kannibalismus« Ministerium zu führen«, so Nor-
Schulze Föcking ihr Amt angetre- wich Rüße, Sprecher der Grünen
ten hatte, strahlte »Stern TV« Bil- für Landwirtschaft und Tierschutz.
der aus, die Aktivisten in den Stäl- Zurzeit beschäftigt sich auch das
len des Familienbetriebs aufge- Verwaltungsgericht Münster mit
nommen hatten. Die Tierschützer Schulze Föcking. Der Verein Ani-
waren nachts mit einer Videokame- mal Rights Watch hat eine Klage
ra eingedrungen. Sie filmten Tiere, eingereicht. Er will erwirken, dass
die sich offenbar gegenseitig den der Kreis Steinfurt dem Betrieb
Schwanz abgebissen hatten, und Schulze Föcking untersagt, Tiere
humpelnde Schweine mit entzün- zu betreuen. Den Schweinen seien
deten Gelenken und Beulen. »anhaltende Schmerzen zugefügt«
ROLF VENNENBERND / DPA

Tierquälerei? Im Familienbe- worden, heißt es in der Klage-


trieb der Umweltministerin? Es schrift, es habe »aggressiven Kan-
war der Anfang einer Affäre, die nibalismus« in den Ställen des
größer und größer wird, obwohl Unternehmens gegeben.
die Staatsanwaltschaft keine An- Eine Umweltministerin, deren
haltspunkte für eine Straftat sah. Familie verboten wird, Tiere zu hal-
Schulze Föcking erwies sich als Ministerin Schulze Föcking: Empfänge statt Gummistiefel ten? Sollte es so kommen, wäre
Künstlerin darin, sich selbst in die Schulze Föcking wohl keine Minis-
Bredouille zu bringen. terin mehr. Bis es so weit ist, legt
Im Herbst legte sie dem Umweltaus- waren beide angesehen, man nannte sie sie sich weiter mit Tierschützern an. Sie
schuss ein Gutachten zu den Vorwürfen »Sherlock Holmes und Dr. Watson«. Das glaubt, dass Kormorane die kommerzielle
vor. Darin hieß es, es könne »nicht nach- Duo nahm Firmen ins Visier, die Böden Fischzucht gefährden. Deswegen hat
vollzogen werden«, dass die Krankheiten und Gewässer verschmutzten oder Queck- Schulze Föcking eine Verordnung auf den
der Schweine aufgrund von »unzureichen- silber nicht umweltgerecht entsorgten. Weg gebracht: Sie will Jägern erlauben,
den Haltungsbedingungen« oder »mangel- Kurz bevor die Stabsstelle aufgelöst die Vögel rund um Gewässer in Nordrhein-
hafter Betreuung« entstanden seien. wurde, beschäftigten sich deren Mitarbei- Westfalen abzuschießen.
Mit anderen Worten: alles gut bei den ter mit der Schweinemast der Familie Maik Baumgärtner, Lukas Eberle
Schulze Föckings. Der Gutachter, der Ve- Schulze Föcking; das deckte jüngst der

48 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


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klasse B. Die angegebenen Werte sind die „gemessenen NEFZ-CO2-Werte“ i. S. v. Art. 2 Nr. 2 Durchführungsverordnung (EU) 2017/1153, die im Einklang mit Anhang XII der
Verordnung (EG) Nr. 692/2008 ermittelt wurden. Die Kraftstoffverbrauchswerte wurden auf Basis dieser Werte errechnet. Aufgrund gesetzlicher Änderungen der
maßgeblichen Prüfverfahren können in der für die Fahrzeugzulassung und ggf. Kfz-Steuer maßgeblichen Übereinstimmungsbescheinigung des Fahrzeugs höhere
Werte eingetragen sein. Die Angaben beziehen sich nicht auf ein einzelnes Fahrzeug und sind nicht Bestandteil des Angebots, sondern dienen allein Vergleichs-
zwecken zwischen verschiedenen Fahrzeugtypen. Die Werte variieren in Abhängigkeit der gewählten Sonderausstattungen. ² Unverbindliche Preisempfehlung des
Herstellers, zzgl. lokaler Überführungskosten. Andere Motorisierungs- und Ausstattungsvarianten gegen Aufpreis möglich. ³ Ein Leasingbeispiel der Mercedes-Benz
Leasing GmbH, Siemensstraße 7, 70469 Stuttgart. Stand 01.04.2018. Ist der Darlehens-/Leasingnehmer Verbraucher, besteht nach Vertragsschluss ein gesetzliches
Widerrufsrecht nach § 495 BGB. Das Angebot gilt vom 01.04. bis zum 30.06.2018 (Auftragseingang), sofern die berechnete Lieferung bis zum 31.12.2018 erfolgt.
Nur solange der Vorrat reicht und nur bei teilnehmenden smart Händlern. 4 Nicht im Leasingangebot enthalten. Abbildungen zeigen Sonderausstattungen.

Anbieter: Daimler AG, Mercedesstraße 137, 70327 Stuttgart


Deutschland

»Die Bewährungsprobe
kommt erst jetzt«
SPIEGEL-Gespräch Günter Morsch, Leiter der
KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, sieht im Kampf gegen
Antisemitismus den Staat gefordert und warnt
davor, zu stolz auf die deutsche Erinnerungskultur zu sein.

Morsch, 65, ist Historiker und lehrt am SPIEGEL: Haben wir tatsächlich nichts aus
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Geschichte gelernt?
der Freien Universität Berlin. Er leitet seit Morsch: Ich war beim Verfassen des Ver-
1993 »Gedenkstätte und Museum Sachsen- mächtnisses dabei und habe natürlich auch
hausen«, seit 1997 ist er auch Direktor der versucht dagegenzuhalten, aber es ist mir
Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. zunehmend schwergefallen. Die Men-
schen sind mir ans Herz gewachsen, es tut
SPIEGEL: Herr Professor Morsch, im Kon- mir leid, dass nicht wenige von ihnen so
zentrationslager Sachsenhausen waren resigniert starben. Ganz so schwarz darf
von 1936 bis 1945 mehr als 200 000 Men- man es zwar nicht sehen, aber ich bin froh,
schen inhaftiert, politische Häftlinge, Ju- dass die meisten nicht mehr erleben, was
den, Sinti, Roma, Zeugen Jehovas, Homo- im Moment in Europa los ist und im Deut-
sexuelle. Zehntausende wurden getötet. schen Bundestag ...
Vor zwei Wochen haben Sie den 73. Jah- SPIEGEL: ... wo nun die Rechtspopulisten
restag der Befreiung des Lagers begangen. der AfD sitzen. Was ist los in Deutschland?
Wie viele der ehemaligen Häftlinge leben Morsch: Grundfeste, die nach 1945 galten,
heute noch? die auch zur Gründung der Europäischen
Morsch: Gerade mal sieben Überlebende Union führten, sind vergessen oder infrage tene Schweineköpfe in die KZ-Gedenkstät-
sind jetzt zum Jahrestag gekommen, es gestellt. Es gibt Kräfte, die beleben genau te Wöbbelin, sie sprühten Hakenkreuze
sind wirklich nicht mehr viele, aber einen das neu, was wir glaubten, überwunden und Sprüche wie »Juden haben kurze Bei-
exakten Überblick haben wir nicht. Die zu haben: Ausgrenzung, Nationalismus, ne« auf das Mahnmal für den Todesmarsch
meisten stammen aus Osteuropa, sie ka- Verachtung der Demokratie. Eine Ursache im Belower Wald. Der Staat hat damals er-
men als Kinder nach Sachsenhausen. ist die globalisierte, neoliberale Wirtschaft, folgreich eingegriffen, auch die Zivilgesell-
SPIEGEL: Einer der Überlebenden, der sie setzt ähnlich wie die industriellen Um- schaft war mobilisiert. Doch der Hass blieb
kommunistische Widerstandskämpfer Karl wälzungen im 19. Jahrhundert Prozesse erhalten. Seit fünf, sechs Jahren beobachten
Stenzel, starb 2012. In einer seiner letzten frei, in denen alte Identitäten verschwin- wir vor allem im Süden Brandenburgs, ins-
Reden sagte er, fast flüsternd, er war wohl den und die große Frage aufgeworfen wird: besondere in Cottbus, dass die rechtsextre-
schon schwach ... Was hält die Gesellschaft zusammen? men Aktivitäten wieder massiv zunehmen.
Morsch: … er war so deprimiert! SPIEGEL: Mobbing gegen jüdische Schüler, Das wurde unterschätzt.
SPIEGEL: Er sagte: »Wir, die ehemaligen ein Israeli mit Kippa wird geschlagen, et- SPIEGEL: Warum kommt der Hass jetzt
KZ-Häftlinge, wir haben versagt. Wir ha- liche judenfeindliche Vorfälle haben eine wieder hoch?
ben geglaubt, die Welt würde aus unserer neue Antisemitismusdebatte ausgelöst. Morsch: Die Flüchtlingskrise ist wie ein
Erfahrung lernen, sie würde besser wer- Viele schienen überrascht zu sein, als sie Ventil für die Aversion gegen alles, was
den, keine Völkermorde mehr, kein Ras- durch den Eklat um den Musikpreis Echo die moderne, offene, tolerante, freiheit-
sismus, kein Antisemitismus, kein Natio- erfuhren, dass da verächtlich über Ausch- liche Gesellschaft ausmacht.
nalismus, kein Krieg mehr. Doch was hat witz-Häftlinge gerappt wird, oder als der SPIEGEL: Josef Schuster, der Präsident des
die Welt aus unseren Erfahrungen ge- Zentralrat nun Juden davor warnte, in Zentralrats der Juden, spricht von einer
macht?« Eine bittere Bilanz. Hat er recht? der Öffentlichkeit eine Kippa aufzusetzen. neuen Stufe, einer neuen »Sichtbarkeit«
Morsch: Schon in ihrem »Vermächtnis«, Haben Sie das kommen sehen? des Antisemitismus. Nehmen Sie das auch
das die Häftlingskomitees fast aller großen Morsch: So neu ist das alles ja gar nicht. so wahr?
Lager von Auschwitz über Flossenbürg, Wir hatten nach der Einheit schon einen Morsch: Umfragen zeigen seit Jahren,
Dachau bis nach Ravensbrück und Sach- massiven Schub an Rechtsextremismus, dass in Deutschland 15 bis 20 Prozent der
senhausen 2009 in Berlin dem Bundes- Antisemitismus, Rassismus, gerade auch Menschen Antisemiten oder für anti-
präsidenten übergaben, klingt das ähnlich in Brandenburg. 1992 gab es den Brand- semitische Parolen anfällig sind. Nun ha-
pessimistisch. Die Häftlinge hatten wirk- anschlag auf die jüdischen Baracken in ben die Hemmungen nachgelassen. Es
lich geglaubt, dass dies ein Zivilisations- Sachsenhausen, Angriffe mit Gaspistolen wird so offen und unverhohlen Hass geäu-
bruch war, der die Menschheit zur Umkehr auf dem Gelände, Heil-Hitler-Demonstra- ßert, wie wir es bisher nicht kannten.
bewegen würde. tionen. 2002 legten Extremisten abgeschnit- Vieles davon wird über Flüchtlinge trans-

50
Historiker Morsch in einstiger KZ-Baracke
»Der Hass blieb erhalten«

caust ein singuläres Verbrechen, von kei-


ner anderen Gruppe sollten alle, vom Kind
bis zum Greis, ausgelöscht werden. Trotz-
dem ist das Verbrechen des Nationalsozia-
lismus noch viel größer, er war ein Arma-
geddon der Spezies Mensch. Die Vernich-
tungspolitik zog unendliche Kreise, Juden,
Kranke, Missliebige, Homosexuelle, »sla-
wische Untermenschen«. In Sachsenhau-
sen hatten zeitweise sogenannte Asoziale
die höchste Todesrate.
SPIEGEL: Muss man angesichts eines neu
aufflammenden Antisemitismus, von Ras-
sismus und Hasspropaganda nicht konsta-
tieren: Das alles, diese ganze Erinnerungs-
arbeit, hat nichts genutzt?
Morsch: Ich stelle mir diese Frage seit
einiger Zeit immer häufiger. Wenn sogar
Historiker fordern, Deutschland sollte als
Europas Hegemon wieder eine Führungs-
rolle übernehmen, und dies mit unserer
Erinnerungskultur begründen, dann frage

WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL


ich mich, was ich falsch gemacht habe. Wir
wollten das Gegenteil: ein dauerhaft kriti-
sches Nachdenken über die Nation, über
staatliche Politik.
SPIEGEL: Im Ausland werden die Deut-
schen dafür gelobt, wie sie ihre Geschichte
aufarbeiten.
Morsch: Ja, wir gelten als Weltmeister der
Erinnerung, und das ist ein Problem. Tat-
portiert, meint aber eigentlich auch Juden, die NPD in die Gedenkstätte diese Plakate sächlich kann man erst ab 1995 von einer
Roma und andere. legte: »Geld für Oma statt für Sinti und seriösen KZ-Forschung sprechen. Und die
SPIEGEL: Was ist mit muslimischen Flücht- Roma«. Ich habe Anzeige erstattet wegen Täterforschung hat noch mal eine Verspä-
lingen, die Antisemitismus mitbringen? Störung der Friedhofsruhe, die Täter wa- tung von fünf bis zehn Jahren. Der Para-
Morsch: Das Judenbild vieler arabischer ren innerhalb weniger Wochen verurteilt. digmenwechsel der Gedenkstätten hin zu
Zuwanderer speist sich stark aus ihrer SPIEGEL: Gibt es aktuell Übergriffe oder modernen zeithistorischen Museen ist ein
Israelkritik oder Israelablehnung. Dennoch Schmierereien in der Gedenkstätte? Produkt der deutschen Einheit. Das Miss-
dürfen wir es nicht vom deutschen Anti- Morsch: Derzeit nicht, allenfalls mal einen trauen gegenüber der Normalisierung
semitismus trennen. Es hilft nichts, jetzt Schüler, der ein Hakenkreuz ins Besucher- Deutschlands war nur zu beseitigen, wenn
mit dem Finger auf Syrer zu zeigen. Die buch schmiert. Wir haben die Gedenkstät- es auf Dauer eine kritische Erinnerungskul-
antisemitischen Bilder, die sie im Kopf ha- ten ja verändert, es sind Orte geworden, an tur gibt, das hat Helmut Kohl als Erster er-
ben, sind dem schon sehr ähnlich, was auch denen diskutiert wird. Wir werfen Fragen kannt. Nur so konnte Deutschland zurück-
Deutsche als Antisemiten kennzeichnet. auf und setzen den Leuten kein fertiges finden in den Kreis der Nationen. Es war
SPIEGEL: Vergangene Woche trugen Men- Geschichtsbild vor. Und wir reden nicht ja auch erfolgreich. Und jetzt stellt sich der
schen in Berlin eine Kippa aus Solidarität nur über die Opfer, sondern auch über die Erinnerungsstolz ein. Als der damalige
mit Juden gegen Antisemitismus, aufge- Täter, ihre Strukturen, ihre Motive. Bundeskanzler Gerhard Schröder über
rufen dazu hatte die Jüdische Gemeinde SPIEGEL: Sie selbst machen noch immer das Holocaust-Mahnmal sagte, es müsse
selbst. War das ein starkes Zeichen? Führungen. Stellen junge Leute heute an- ein Ort sein, an den man gern geht: Da
Morsch: Ich bin eher enttäuscht über das, dere Fragen? schwang schon ein Hauch von positivem
was von der Zivilgesellschaft bisher Morsch: Das Allgemeinwissen vor allem Schlussstrich mit.
kommt. Allerdings haben wir sie in den bei Jugendlichen hat stark abgenommen. SPIEGEL: Das Denkmal nahe dem Bran-
letzten Jahren auch permanent mobilisiert Sie stellen unseren Guides echte Basisfra- denburger Tor zieht seit seiner Einweihung
und dadurch überstrapaziert. Alle sind ge- gen: Was ist die NS-Diktatur, worin unter- 2005 Millionen Touristen an. Ist es ein all-
fordert, aber wichtig ist nun konsequentes scheiden sich SA und SS? zu bequemer Ort?
staatliches Handeln. Auch Lehrer sollten SPIEGEL: Eine Umfrage zeigte 2017, dass Morsch: Ich bin Mitglied des Kuratoriums,
früher einschreiten gegen antisemitische vier von zehn Schülern nicht wussten, was daher muss ich etwas vorsichtig sein. Vie-
Parolen. In der zweiten Hälfte der Neun- Auschwitz-Birkenau war. len Angehörigen von Holocaust-Opfern
zigerjahre war das sehr erfolgreich, als Poli- Morsch: Die Zeitgeschichte muss wieder tut es weh zu sehen, wie sich Touristen
zei und Jugendrichter schnell reagierten mehr Raum bekommen im Unterricht. dort benehmen. Manche gehen nicht mehr
und Rechtsextremisten in die Schranken Wir dürfen uns aber nicht nur auf den hin, weil sie das nicht ertragen können. Es
wiesen. Das funktionierte auch 2013, als Holocaust fixieren. Natürlich ist der Holo- ist natürlich schwierig an diesem Ort, einen

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 51


Deutschland

Zaun kann man schlecht bauen. Wir disku- Gedenkstätten werden nicht leistungsge-
tieren in jeder Kuratoriumssitzung darü- recht entlohnt. Jedes Jahr haben wir allein
ber, wie wir mit den Buden umgehen, die vier internationale Workcamps mit Ju-
am Rande entstanden sind, oder darüber, gendlichen – Chinesen, Taiwanern, Afri-

WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL


dass nun so viele Stehlen kaputtgehen. kanern, Kanadiern, auch Deutschen. Von
SPIEGEL: War das Konzept doch falsch? denen sagt am Ende keiner, nun ist es mal
Morsch: Ich war nie ein Freund dieses gut mit dem Gedenken, im Gegenteil, sie
Entwurfs, das gebe ich zu. Wenn der Ar- sagen: Das muss weitergehen.
chitekt Peter Eisenman sagt, er finde es SPIEGEL: Gerade war der französische Prä-
wunderbar, wenn Kinder im Denkmal sident Emmanuel Macron in Deutschland,
spielen, kann ich das nicht nachvollzie- Kanzlerin Angela Merkel aber hat ihm
hen. In Sachsenhausen verhalten sich die statt Sachsenhausen lieber die Baustelle
allermeisten Menschen angemessen und Morsch, SPIEGEL-Redakteure* des Berliner Stadtschlosses gezeigt.
interessiert. »Es hilft nichts, jetzt auf Syrer zu zeigen« Morsch: Früher kamen viele Staatsgäste
SPIEGEL: Der Zeithistoriker Martin Sa- zu uns, jetzt werden Kränze vor dem Ho-
brow hat im »Tagesspiegel« beklagt, dass SPIEGEL: Die Berliner Staatssekretärin locaust-Denkmal niedergelegt, was ja gar
wir ritualisiert mit der historischen Schuld Sawsan Chebli, selbst Muslimin, hat gefor- kein Ort dafür ist. Das gehört für mich zu
umgehen. Die Konfrontation mit der Ver- dert, auch für Flüchtlinge und Zuwanderer diesem neuen Aufarbeitungsstolz.
gangenheit sei wohlfeil geworden, sie ver- solle es Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstät- SPIEGEL: Wie gehen Sie in Sachsenhausen
lange uns nichts mehr ab. ten geben. Ein guter Vorschlag? mit der AfD um? Die geriert sich gerade
Morsch: Die Sorge, die Erinnerungskultur Morsch: Ich bin ihr wirklich dankbar, weil als Beschützerin der Juden vor arabischem
werde hohl, gibt es vor allem bei einer Ge- sie eine Debatte angestoßen hat, die Me- Antisemitismus, nehmen Sie ihr das ab?
neration, die viel erreicht hat und sich die thode halte ich aber für falsch. Wer in der Morsch: Nein, denn gleichzeitig versucht
Frage stellt: Und jetzt? Für die Gedenk- DDR groß geworden ist, weiß, was Pflicht- sie über Anfragen ihr biologistisch-euge-
stätten kann ich das nicht bestätigen, da besuche bedeuten. Wir wollen ein offener nisches Weltbild zu transportieren und die
erleben wir eine stark wachsende Zahl von Lernort sein, zu dem Menschen freiwillig Demokratie zu unterhöhlen, indem sie das
Besuchern, die mit großem Interesse kom- kommen. Ich finde es auch nicht hilfreich, Parlament lächerlich macht. Ich habe ge-
men, mit neuen Fragen, die sie diskutieren wenn Gedenkstättenbesuche hinterher in rade mit Kollegen darüber diskutiert, was
wollen. Ich sehe das Problem eher in dem Klausuren abgefragt werden. Wir würden wir tun, wenn jetzt AfD-Parlamentarier-
Erinnerungsstolz, ja der Zufriedenheit der uns allerdings freuen, wenn wieder mehr gruppen zu uns kommen. Die haben sich
Politik. Gerade war ich wieder auf vielen Berliner Schüler zu uns kämen, deren Zah- schon angemeldet.
Gedenkveranstaltungen, da betonen na- len sinken seit Jahren, dabei war Sachsen- SPIEGEL: Und?
türlich alle Politiker ihre Betroffenheit, sa- hausen das KZ der Reichshauptstadt. Hier Morsch: Wir werden sie genauso wie an-
gen aber gleichzeitig: Wir haben es jetzt saß die Inspektion der Konzentrations- dere Besucher behandeln, aber wir haben
geschafft. Ich glaube, die wirkliche Bewäh- lager, die Verwaltungszentrale des KZ-Ter- mit unseren Guides besprochen, dass es
rungsprobe für die deutsche Erinnerungs- rors. Doch Berlin igelt sich meines Erach- klare Linien gibt und wir bei Überschrei-
kultur kommt erst jetzt. tens in der Geschichte immer mehr ein, tung vom Hausrecht Gebrauch machen.
SPIEGEL: Bald wird es keine Zeitzeugen schaut zunehmend auf sich selbst. SPIEGEL: Welche Linien sind das?
mehr geben, die vom Schrecken des Na- SPIEGEL: In etlichen islamischen Ländern Morsch: Geschichte zu leugnen, Verbre-
tionalsozialismus aus eigenem Erleben be- gilt Hitler vielen bis heute als Held; wäre chen zu relativieren, Sachsenhausen zu
richten können, auch das wird es schwie- es nicht sinnvoll, wenn Flüchtlinge von relativieren, indem man etwa nur auf das
riger machen, Geschichte zu vermitteln. dort mal eine KZ-Gedenkstätte sehen? sowjetische Speziallager abhebt, das hier
Morsch: Diese Entwicklung ist leider nicht Morsch: Ja, aber das kann nur integrativ von 1945 bis 1950 bestand.
zu ändern, aber ich sehe auch Chancen. geschehen. Das heißt, wenn Willkommens- SPIEGEL: Sie gehen in Kürze in den Ruhe-
Menschen meiner Generation, deren El- klassen mit Flüchtlingskindern zu uns kom- stand. Was macht das mit einem selbst,
tern den Nationalsozialismus erlebt haben, men, dann unbedingt mit deutschen Schü- wenn man 25 Jahre lang in einem ehema-
tragen auch ihre persönlichen Konflikte lern zusammen. Es geht darum zu zeigen, ligen Konzentrationslager arbeitet?
an diese Orte. Vielleicht wird es sogar dass alle, die anders waren, Teil der Repres- Morsch: Es gibt keine Gewöhnung, im
leichter, wenn die Identifikation mit der sion waren, wir dürfen uns nicht auf den Gegenteil, die emotionale Betroffenheit
Geschichte, die Empathie, über Menschen Judenmord fixieren. Hier saßen Häftlinge nimmt zu. Die Verbundenheit mit den
geschieht, für die es keine persönliche Ver- aus allen europäischen Ländern. Wir müs- Menschen, die dort gewesen sind, wächst.
antwortung gibt. sen uns mit dem Antisemitismus der Ge- Es haben sich Beziehungen entwickelt, die
SPIEGEL: Wie kann man das befördern? flüchteten auseinandersetzen, aber nicht man mit Vater/Sohn vergleichen kann. In
Morsch: Wir haben inzwischen viele indi- mit moralischen Vorwürfen. Wir versuchen, den letzten Jahren bin ich immer häufiger
viduelle Mahnmale in Sachsenhausen wie Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt die- gebeten worden, auf Trauerfeiern zu spre-
das für Rosa Broghammer. Die Schwarz- ser Leute zu finden, wie an die Lebenswelt chen. Ich bin als Historiker gekommen, in-
wälderin liebte einen französischen Kriegs- der deutschen Jugendlichen, die auch fra- zwischen ist es viel stärker ein persönliches
gefangenen, das war verboten. Der Mann gen: Was hab ich heute damit zu tun? Anliegen für mich geworden.
wurde erschossen, Rosa Broghammer kam SPIEGEL: Braucht es jetzt ganz neue Kon- SPIEGEL: Herr Professor Morsch, wir dan-
nach Ravensbrück und Sachsenhausen. Sie zepte, wenn die Gesellschaft derart multi- ken Ihnen für dieses Gespräch.
starb kurz nach der Befreiung des Lagers, kulturell wird?
ihren kleinen Sohn, den die Großeltern Morsch: Die brauchen wir, dafür haben
versteckten, sah sie nie wieder. Wir haben die Gedenkstätten auch schon Erfahrung 360°-Fotos
Rundgang durch die Gedenk-
eine Initiative für sie gestartet, »Rosen für gesammelt. Wichtig wäre aber auch, dafür stätte Sachsenhausen
Rosa«, daran haben sich unglaublich viele mehr Mittel frei zu machen. Pädagogen in spiegel.de/sp192018sachsenhausen
Schüler beteiligt, und noch heute kommen oder in der App DER SPIEGEL
sie hin und trauern. * Annette Großbongardt und Frank Hornig in Berlin.

52 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


DER SPIEGEL im Gespräch
über neue Medien:
Politische Meinungsbildung
oder Banalisierung?

Patrick Viebranz

Alex Janetzko
Martin Menke

Tilo Jung Sophie Passmann Eva Schulz

Auf Plattformen wie Instagram, Snapchat, YouTube, Facebook oder


Twitter entstehen immer mehr Medienformate für ein junges Publikum.
Sie klären über das politische Geschehen auf – unkonventionell und sehr erfolgreich.

Was unterscheidet sie von traditionellen Medien? Was verbindet sie?


Fördern sie die politische Meinungsbildung oder vereinfachen sie?
Droht eine Spaltung der Leser und Zuschauer?

Über diese Fragen diskutieren Tilo Jung, Sophie Passmann und Eva Schulz.
Moderation: Ann-Katrin Müller, Redakteurin im Hauptstadtbüro.

Dienstag, 8. Mai, 20 Uhr, Spiegelsaal,


Clärchens Ballhaus, Auguststraße 24, 10117 Berlin

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Eintritt: 15 Euro, ermäßigt 12 Euro, Abonnenten 12 Euro, zzgl. Gebühren. Einlass ab 19 Uhr. Änderungen vorbehalten.
Verpassen Sie keine Veranstaltung mehr, und melden Sie sich für unseren Newsletter unter spiegel-live.de an.
Gesellschaft
»Ich bin nicht ins Showbusiness gegangen, um politisch korrekt zu sein.« ‣ S. 56
2013 wurden weltweit
8,3 Milliarden Tonnen
Kohle abgebaut.

2016
waren
es 7,5.
Früher war alles schlechter
Nº 123: Kohlefördermaximum

1981:
3,9 Milliarden Tonnen

QUELLE: BP
1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015

Nachruf auf die Kohle. Sie war lange Zeit Treibstoff der indus- Auch wenn der Ruf der Kohle heute arg ramponiert ist, ist sie
triellen Revolution, ein Segen für die Menschheit. In den gut doch unbestritten ein Wohltäter der Menschheit. Das phänomena-
80 Jahren, in denen sie der globale Energielieferant Nummer eins le Wirtschaftswachstum in China ist ohne Kohle nicht denkbar,
gewesen ist, wurde fast alles erfunden, produziert, was unser Leben und wie die neue Weltmacht wollen auch die Türkei, Ägypten,
heute komfortabel macht. Kohle lieferte Wärme, Strom und Ener- die Philippinen, Japan, Bangladesch und Vietnam von ihren Vor-
gie für Fabriken, Häuser und Wohnungen. Kohle trieb Züge an, zügen profitieren und planen neue Kraftwerke. Nichtsdestotrotz
Dampfschiffe auf Flüssen und Ozeanen. Kohle verwandelte Eisen- scheint die Ära der Kohle ihrem Ende entgegenzugehen. Peak
erz in Stahl, hielt die Fließbänder der Autoindustrie am Laufen. Coal, der Höhepunkt der weltweiten Kohlenförderung, wurde nach
Erst spät, Anfang der Sechzigerjahre, verdrängte das Öl die Ansicht von Experten 2013 erreicht, seitdem stagniert sie auf
Kohle von ihrem ersten Platz. Natürlich hatte die Herrschaft der hohem Niveau, viel früher als gedacht und auf ganz andere Weise.
Kohle ihre Schattenseiten, ein Preis war zu zahlen für den wach- Nicht die Endlichkeit der Vorkommen, sondern die Überein-
senden Wohlstand. Die Kohle verpestete die Luft, vor allem in kunft aller Nationen (ausgenommen Trumps Amerika), den
den Großstädten. Qualm und Ruß beeinträchtigten die Sicht und Klimawandel zu begrenzen, führt zur Reduktion der Förderung
die Gesundheit. Lange Zeit unbeachtet, heute umso präsenter, weltweit und zum Ausbau regenerativer Energien. Es ist an der
stieg auch der Anteil des Kohlendioxids in der Atmosphäre. Zeit, sich von der Kohle zu verabschieden. uwe.buse@spiegel.de

Partnerschaft SPIEGEL: Menschen, die in der Nähe von


Bäumen leben, sollen glücklicher sein.
Gehören Bäume zu einer deutschen Hochzeit, Herr Krabbe? Erscheint Ihnen das plausibel?
Krabbe: Ja, Bäume tun uns Menschen gut.
Martin Krabbe, 60, vom Amt für Grünflä- werde ich angerufen und gefragt, wie es SPIEGEL: Haben Sie einen Baum in Ihrem
chen in Münster über den Hochzeitswald dem Baum geht. Wald gepflanzt?
der Stadt und die Symbolkraft von Bäumen SPIEGEL: Was passiert, wenn ein Baum Krabbe: Ich habe einen eigenen Garten
mal nicht anwächst? mit Bäumen, aber ja, ich habe auch im
SPIEGEL: Herr Krabbe, die Präsidenten Krabbe: Den müssen wir dann tauschen, Hochzeitswald einen Baum gepflanzt, zu
Trump und Macron haben vor Kurzem so leid es uns tut. Das macht die Paten meiner silbernen Hochzeit. Eine Buche.
zusammen einen Baum gepflanzt, im Gar- dann oft traurig, die Bindung ist stark. SPIEGEL: Warum eine Buche?
ten des Weißen Hauses. Er diente aller- SPIEGEL: Wie kommt das? Es ist Krabbe: Würden wir Menschen
dings nur als symbolische Staffage und doch nur ein Baum. nicht in die Natur eingreifen,
ANDREAS BOCK / PICTURE PRESS

wurde einige Tage später wieder ausgegra- Krabbe: Bäume haben eine gro- dann hätten wir hier im Münster-
ben. Gehen die Besucher Ihres Hochzeits- ße symbolische Kraft. Die Eiche land vor allem Buchenwälder.
walds mit Bäumen ähnlich ruppig um? beispielsweise steht für Bestän- SPIEGEL: Das ist jetzt aber eher
Krabbe: Natürlich nicht, ganz im Gegen- digkeit, für Kraft; die Linde, die pragmatisch gedacht, nicht
teil. Unsere Paten, also die Paare, die einen sich aus sich selbst heraus erneu- romantisch.
Baum pflanzen, sind sehr mit ihren Bäu- ern kann, für einen Neuanfang, Krabbe: Das kann man so
men verbunden. Auch noch nach Jahren einen neuen Abschnitt im Leben. sehen. UBU

54 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


hütten und Sand, bei der Invasion der USA im dritten Golf-
Eine Meldung und ihre Geschichte
krieg. Er, der an den Frieden für sein Land glaubte, kam nie
dort an.

Helden Jason Frei hielt eine Landkarte in den Händen, gab dem
Hauptquartier die Koordinaten per Funkspruch durch, als
eine Panzerfaust irakischer Einheiten die Beifahrertür zerriss
und Rauch alles um Frei herum verschluckte. Er musste gar
Wie ein Sohn seinem Vater, nicht an sich heruntersehen, er wusste: Dort, wo er gerade
einem Irak-Veteranen, noch die Karte umklammert hielt, hatte die Waffe ihm den
seinen rechten Arm zurückgab rechten Arm über dem Ellbogen zerfetzt. Der Schmerz, hell
und mächtig, durchzuckte ihn erst Sekunden später.
Es verging noch ein Tag, an dem Frei, den Arm abgebun-

E s war sein letztes Jahr an der Saint Louis Priory School im


westlichen US-Bundesstaat Missouri, einer katholischen
Privatschule für Jungen. Da beschloss Robert Frei, 18 Jah-
re alt und einer der klügsten seines Jahrgangs, seinem Vater
den, mit seinen Kameraden am Straßenrand lag und Gra-
naten neben ihnen herabregneten. Erst als es still war um
sie herum, brachte ein Helikopter ihn in ein kleines Lazarett,
später ins deutsche Landstuhl in Rheinland-Pfalz, zum
einen neuen Arm zu drucken, 50 Zentimeter lang, aus Plastik. größten Militärkrankenhaus der U. S. Army außerhalb der
Sein Vater, ein Fan der Cardinals, sollte wieder selbst einen Vereinigten Staaten. Viermal operierten die Ärzte ihn, zogen
Baseball werfen können, mit der rechten Hand. Zum ersten Granatsplitter aus der Wunde, vernähten Gefäße. Am
Mal seitdem er seinen Arm verloren hat, bei einem Angriff 30. März flogen sie Jason Frei zurück in die USA.
im Irak vor 15 Jahren. Robert erinnert sich nur bruchstückhaft an diesen Tag, an
Robert Frei erzählt diese Geschichte am Telefon an einem dem sein Vater wiederkam mit einer bandagierten Wunde.
Apriltag, ein halbes Jahr nach seiner Idee. Ein US-Sender Wie der die Wochen danach lernte, sich die Schuhe zu binden
hat ihn bekannt gemacht, die BBC über und ein Vater zu sein mit einer Prothese,
ihn berichtet: ein Junge mit Talent für an der ein Haken war statt einer Hand.
Maschinenbau, mit schmalem Gesicht Und er sich umschulen ließ zum Pro-
und gütiger Stimme; ein Sohn, der sei- grammmanager.
nen Vater einen Helden nennt und sein »Gejammert«, sagt Robert, »hat mein
Idol. Vater nie.« Über den Krieg habe er mit
»Meine Kindheit war normal«, sagt Stolz gesprochen. Trotzdem merkte der
Robert. Mit seinem Vater, einem Maschi- Junge, dass seinem Vater etwas fehlte. Ro-
nenbauingenieur, hat er Roboter gebaut bert baute ihm zuerst einen Adapter, da-
aus Lego, den Motor ihres Chrysler Mi- mit er den Controller für Videospiele mit
nivan repariert und sich von ihm die einer Hand bedienen konnte. Ein halbes
Aerodynamik von Flugzeugen erklären Jahr später einen ganzen Arm.
lassen, bis ihm keine Fragen mehr ein- Für die erste Erfindung brauchte
fielen. Robert drei Wochen, hinterher spielte
Als Robert in der siebten Klasse in den er das erste Mal »Mario Kart« mit sei-
Klub für Robotik aufgenommen wurde, nem Dad. Seine zweite kostete ihn 100
kaufte sein Vater einen 3-D-Drucker. Stunden. Darin filmte er sich selbst beim
Sie hatten viele gemeinsame Interessen, Werfen, sah sich die Bewegungen an, fo-
Vater und Sohn, nur manches konnte tografierte den linken Arm seines Vaters
Robert nicht mit ihm teilen: wenn der mit dem Handy, setzte die Bilder digital
Vater, einst Rechtshänder, einen Baseball zusammen. Hinterher spiegelte er die
warf mit seiner linken Hand und sein Aufnahme, entwarf mit einem Pro-
Ziel verfehlte. Oder wenn Robert »Mario gramm für 3-D-Modellierung einen Arm.
Kart« oder »The Legend of Zelda« spiel- Sohn Robert, Vater Jason Frei Stück für Stück druckte er 22 Plastikteile
te auf der Nintendo Switch, begeistert aus, es dauerte zwei ganze Tage, er ver-
von der Grafik sprach und sein Vater band sie mit 14 flexiblen Teilen, damit
stumm danebenstand, weil man den die Finger sich öffnen konnten. Dann
Controller nur mit zwei Händen bedie- hatte Robert einen Arm, eine Kopie von
nen konnte. Dann sah der Junge den Von der Website Bbc.com Jason Freis verlorenem, keinen funktio-
Schmerz in den Augen seines Vaters. nalen Haken.
Als Jason Frei seinen rechten Arm verlor, war Robert drei Es war ein Freitag im Februar, als Robert mit seinem Vater,
Jahre alt. Er verstand nichts von diesem Krieg, der bis heute der den gedruckten Arm übergestreift hatte, in den Garten
etwa 200 000 Menschen getötet hat. Er erinnert sich nur ging.
noch daran, dass uniformierte Männer mit einem Brief bei Da griff Jason nach einem Baseball mit der rechten Hand
ihnen klingelten. Als sie wieder gingen, erklärte seine Mutter und ließ ihn fallen. Beim vierten oder fünften Mal aber warf
ihm, was mit seinem Vater passiert war. er ihn über das Gras. Sein Vater schaute auf seinen Arm, ver-
Am 23. März 2003 fegte ein Sandsturm über den Highway blüfft und stolz, sagte: »Cool.«
in der irakischen Wüste, nahe Nasirija, als Jason Frei in einem Robert Frei hat die Anleitungen für seine Erfindungen ins
Humvee saß, einem Geländewagen in Tarnfarben und mit Internet gestellt, kostenfrei. Viele Menschen haben sie he-
Gewehr auf dem Dach. Frei war 31 Jahre alt, und er kom- runtergeladen, darunter ein gelähmtes Mädchen und ein ver-
mandierte 160 Marines, ausgestattet mit Geschützen, die wundeter Soldat. »Später will ich mal Ingenieur werden«,
Dutzende Kilometer weit reichen konnten. Er sollte die Män- sagt Robert. Prothesen bauen für Veteranen, die er Helden
ner von Kuwait nach Bagdad führen, vorbei an Lehmziegel- nennt – wie seinen Vater. Catrin Schmiegel

55
Gesellschaft

Die Bundesbabs
Karrieren Barbara Schöneberger ist die erfolgreichste Entertainerin im Fernsehen – und die
geschäftstüchtigste. Sie verkauft Tapeten und Koffer und moderiert, als gäbe es kein Morgen. Mit
ihr lebt die klassische TV-Unterhaltung auf – vielleicht zum letzten Mal. Von Alexander Kühn

N
och zwei Stunden bis zum Auf- Wirtschaftswunder-Anmutung als bunter zumindest so wirken. »Sie ist eine der we-
tritt. Zeit, sich in Barbara Schö- Abend für die ganze Nation. nigen Fernsehfiguren, die ich angstfrei erle-
neberger zu verwandeln. In die Umso mehr lässt Schöneberger es kra- be«, sagt Günther Jauch. »Es gibt Menschen,
aus dem Fernsehen. chen. Sie nimmt mit, was geht. Sie moderiert die total in sich ruhen. Franz Beckenbauer
Berlin, Hotel de Rome, Zimmer 202. und moderiert, als gäbe es kein Morgen. war früher so. Dem war auf sympathische
Schöneberger verschwindet im Bad, Haa- Wann immer es etwas zu verleihen gibt, ist Weise immer alles egal. So ist sie auch.«
rewaschen. Wasser rauscht, sie ruft: »Der sie da. Deutscher Radiopreis. Deutscher Schöneberger moderiert die RTL-Show
Strahl ist hart wie ein Laserschwert, damit Fernsehpreis. Deutscher Computerspiel- »Die 2«, in der Jauch und Thomas Gott-
kannst du dir einen Arm abtrennen!« preis. Deutscher Parfumpreis. Gegen Geld schalk gegen ihre Zuschauer antreten.
Auf dem Bett liegen blonde Extensions. kommt sie auch zu Firmenveranstaltungen. Jauch und sie siezen sich, was selten ist in
Schöneberger hat ihr Haar heute eigentlich Nächsten Samstag moderiert sie auf der der Branche, aber er hat eine Duz-Phobie,
so voluminös tragen wollen, wie sie es neu- Hamburger Reeperbahn wieder die ARD- sie findet’s lustig.
lich bei US-Popstar Jennifer Lopez gesehen Party zum Eurovision Song Contest, dem Sie hat keine Mission. Sie will nicht die
hat. Sie hat das Foto ihrem Visagisten ESC, am Tag zuvor erscheint ihr viertes Welt verbessern mit ihrer Kunst, sie will
weitergeleitet, er ist ihr Schatten; wer sie Album. Sie hat eine eigene Zeitschrift: den nächsten Job gut erledigen. Sie sieht
bucht, muss ihn mitbuchen. Aber vielleicht »Barbara«. Eine Tapetenkollektion. Seit sich als Dienstleisterin. Dabei gelingt es
ist das hier kein passender Anlass, um sich ein paar Wochen gibt es Barbara-Koffer. ihr, nichts von dem, was sie tut, nach Ar-
aufzubrezeln. Der Liberty Award. Eine Willst du was gelten, mach dich selten – beit aussehen zu lassen. Ist der Dienst zu
Auszeichnung für Journalisten, die aus Kri- Schöneberger hat dieses Showgesetz ins Ende, verschwindet sie rasch. Anstatt zur
sengebieten berichten. Günther Jauch mo- Gegenteil verkehrt. After-Show-Party geht sie nach einem Auf-
deriert, sie singt. Berlin, ein Freitagmorgen im Januar. tritt lieber nach Hause.
Ein Vertreter der Zigarettenfirma Vor Schönebergers Haus wartet ein Fahrer, In Hamburg stehen heute an: Termine
Reemtsma, die den Preis stiftet, hat bei der beim Verlag Gruner + Jahr, der Schöne-
Probe unten im Saal angemahnt, Schöne- bergers »Barbara«-Magazin herausgibt;
bergers Lieder sollten nicht zu flapsig sein. Schon frühmorgens danach ein Videodreh für ihren Instagram-
Kurios: Schöneberger buchen, aber sie purzeln lustige Sätze Account; eine Besprechung für eine Show
nicht lustig haben wollen. Also alles etwas zu Ehren von Paola und Kurt Felix; ein
dezenter. Sie packt ihren Petticoat weg, aus ihr heraus, kein Interview für die NDR-Sendung »DAS!«;
zieht eine weiße Bluse und einen schwarzen Publikum ist ihr zu klein. um 22 Uhr schließlich der eigentliche
Rock an. Keine Extensions. Und glatte Haa- Grund der Reise, die »NDR Talk Show«,
re, »mein Tribut an die Menschenrechte«. die sie und Hubertus Meyer-Burckhardt
Matthias, der Visagist, föhnt, bürstet, der sie nach Hamburg bringt. Der Zug, den alle 14 Tage moderieren, diesmal live.
legt ihr eine Augenmaske auf, tuscht die sie sonst für diese Strecke nimmt, fährt Warum macht sie so viel? »Ich bin nicht
Wimpern, sie lackiert ihre Nägel rot. Nach nicht, schuld ist ein Sturmtief. Um 7.20 gierig, auch wenn es so aussehen mag«,
anderthalb Stunden steht sie am Fenster, Uhr kommt Schöneberger aus dem Haus, sagt Schöneberger. »Weder nach Geld
den Kopf leicht angehoben, eine Diva im in der einen Hand eine Tasse Kaffee, in noch nach Aufmerksamkeit. Ich brauche
Abendlicht. Sie zieht den Rock ein Stück der anderen eine Tasche, sie winkt ihrem Zwänge und Termine. Wenn ich freihabe,
hoch, stimmt »Smile« von Barbra Strei- Kind, das in der Tür steht, und setzt sich komme ich ins Schlingern. Ich habe mal
sand an, ihr Visagist kniet sich vor sie und auf die Rückbank des Autos. beschlossen: Wenn schon meine Inhalte
rasiert ihre Beine. Es klopft. Ihr Auftritt. Schöneberger ist auch dann auf Sen- nicht anspruchsvoll sind, dann muss es
Schöneberger, 44, ist die einzige Enter- dung, wenn keine Kamera dabei ist. Schon wenigstens mein Arbeitspensum sein.«
tainerin im deutschen Fernsehen, die alles frühmorgens purzeln lustige Sätze aus ihr Sie kann das gut: kokettieren. Mit ihrem
kann. Und die erste, mindestens seit Cate- heraus, kein Publikum ist ihr zu klein. Bei mangelnden Tiefgang, ihrem angeblich zu
rina Valente, und das ist ein halbes Jahr- Proben oder Fototerminen redet sie auch üppigen Hintern (»Eine sehr lange Perücke
hundert her. Sie albert, talkt, singt und mal unvermittelt schwäbisch oder säch- würde helfen«). Sie ist sich auch für kaum
macht aus der lahmsten Veranstaltung eine sisch. Ist jemand in ihrem Umfeld eine Wei- etwas zu schade – sofern es der Komik
Schau. le still, bezieht sie ihn ins Gespräch ein, dient. Für »Barbara« ließ sie sich mit einer
Womöglich ist sie auch die Letzte ihrer wie in der Talkshow. Rakete auf dem Rücken fotografieren und,
Art. Das Fernsehen, für das sie steht, wird Es gibt zwei Arten von Unterhaltern. Die für eine Anti-Diät-Ausgabe, als Kuchen
es nicht mehr lange geben. Jenes, für das einen, die mit sich und der Welt hadern, futternde Marie Antoinette.
sich um 20.15 Uhr Familien auf Sofas ver- aber den Entertainer anknipsen können, Auf der Bühne ist Schöneberger eine
sammeln, weil sie das Gefühl haben, etwas sobald sie im Rampenlicht stehen. Jan Böh- mondäne Erscheinung. Doch tritt sie nie
Bedeutendem beizuwohnen. mermann gehört dazu und Hape Kerkeling. als Verführerin auf, sondern immer als Pa-
Die deutsche Fernsehunterhaltung geht Und jene – zu ihnen zählt Schöneberger –, rodie einer solchen. Räkelt sie sich beim
ihrem Ende entgegen. Jedenfalls in ihrer die auch im Alltag unbeschwert sind. Oder Singen lasziv hinterm Mikrofonständer,

56 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

Showstar Schöneberger: Diva im Abendlicht

57
Gesellschaft

dann tut sie es mit übergroßer Gestik und


Mimik. Ansonsten bemüht sie sich, nicht
zu perfekt rüberzukommen. Bei Instagram
postet sie Fotos, die sie ungeschminkt zei-
gen oder in der Maske. Bisschen blass, die
Augen klein. Mit, Selbstbeschreibung,
»den tiefsten Augenringen Deutschlands«.
Das wirkt jedes Mal, als zeigte Schöne-
berger sich ihren Fans privat. Aber natür-
lich ist sie auch dann im Dienst, nur eben
ohne Kajal. Es ist ihre Botschaft an Millio-
nen deutsche Frauen: Ich bin wie ihr.
So funktioniert auch ihr Album. Da
singt sie von Liebeskummer und Einsam-
keit und dem Wunsch, lieber eine andere
zu sein. Die Platte klingt wie eine vertonte
Frauenzeitschrift. Zwölf Lieder, zwölf fik-
tive Biografien. Alle in Ichform, als erzähl-
te Schöneberger von sich.
Manchmal tut sie das. Im Fernsehen.
Oder in ihren Videos auf Instagram. Da
verrät sie, dass sie Spargel am liebsten mit
Butter isst. Und dass sie ihre Ohren mit

IMAGO
Wattestäbchen reinigt, jedoch nicht zu tief
bohrt. In Wahrheit erfährt man: nichts. Laudatoren Schöneberger, Williams beim Deutschen Radiopreis 2012: »Die Milch schießt ein!«
Man merkt es nur nicht gleich.
Schöneberger sei zu Hause nicht anders
als draußen. Das beteuern jene, die sie nä- schwanger den Deutschen Radiopreis mo- nicht sein wollte. Hätte nur Ärger einge-
her kennen. Sie selbst zieht es vor, ihr Pri- derierte, Robbie Williams auf die Bühne bracht. So wie ihr Auftritt beim Deutschen
vatleben nicht mit dem ganzen Land zu kam und ihren Bauch küsste, rief sie: »Die Fernsehpreis im Januar in Köln.
teilen. Ihre Probleme behält sie für sich, Milch schießt ein!« Das schon. Sie würde Schöneberger eröffnete die Gala mit
ihre Tiefe weiß sie zu verbergen. So erhält auf der Bühne aber nicht »Fotze« sagen, einer Hommage an die Serie »Babylon Ber-
sie ihren Status als Star – und beschützt wie Carolin Kebekus. Erziehungssache, lin« von ARD und Sky, die in den Zwanzi-
zugleich den Menschen Schöneberger. womöglich. gerjahren spielt. Sie mit Fliege und Zylin-
Früher hat sie zumindest noch ihre Part- Schönebergers Vater war Soloklarinettist der, um sie herum Tänzerinnen mit Röck-
ner vorgezeigt. Illustriertenleser kannten der Bayerischen Staatsoper, die Mutter chen aus goldenen Bananen, nacktem
Paul, den Studenten. Oder den Berater Hausfrau. Bildung wurde hochgehalten, Oberkörper und Troddeln an den Brüsten
Mathias. Mann und Kinder bleiben heute ebenso klassische Werte. Als sie in der Pu- à la Josephine Baker. Einer der raren Hö-
unsichtbar. Der Berliner Unternehmer Ma- bertät war, sagten die Eltern: Wenn du nicht hepunkte eines recht trostlosen Abends.
ximilian von Schierstädt, »der Maxi«, mit rauchst und trinkst, bezahlen wir deinen Nicht jedoch für Anja Reschke. Die NDR-
dem sie seit 2009 verheiratet ist, meidet Führerschein. Ihren ersten Rausch habe sie Journalistin empörte sich einige Tage
die Öffentlichkeit, was wiederum die Fan- mit 32 gehabt, sagt Schöneberger. später auf Twitter über den angeblichen
tasie der Klatschblätter anregt. »Ich bin so gestrickt: Wenn einer sagt, Sexismus der Darbietung. Sie erhielt viel
»Barbara Schöneberger. Dramatische das geht nicht, dann geht das nicht. Wenn Zustimmung, auch weil nur wenige die Ein-
Trennung. Jetzt steht sie vor den Scherben es hieß, du bist um neun zu Hause, dann lage in Gänze gesehen hatten, da aus-
ihres Glücks«, titelt »Woche heute« im Ja- war ich das. Die alte Lederjacke vom Se- gerechnet der Fernsehpreis nicht im Fern-
nuar, dazu ein Foto, das sie mit Kartons condhandshop und eine zerrissene Jeans sehen übertragen wird.
auf dem Arm zeigt, aufgenommen offen- waren alles, womit ich rebelliert habe.« Sexismus beim Fernsehpreis? »Ich bin
bar in ihrer Straße. Ist ihre Ehe am Ende? Vor einigen Monaten saß sie mit ihren nicht ins Showbusiness gegangen, um poli-
Das wüsste Schöneberger auch gern. Sie Eltern vor dem Fernseher. Es lief »Hart tisch korrekt zu sein«, sagt Schöneberger.
kauft die Zeitschrift an einer Raststätte auf aber fair«, es ging um Sexismus und Femi- »Ich habe das Gefühl, man muss da ein
dem Weg nach Hamburg. Im Auto liest sie nismus. Mit manchem, was geäußert wur- bisschen dagegenarbeiten. Wenn selbst die
daraus vor, mit gespieltem Entsetzen. de, fremdelten Schönebergers, aber sie er- Openings von Eventshows unter politi-
Die Geschichte: Getrennt haben sich duldeten es. Als sich jedoch eine Teilneh- schen Gesichtspunkten durchanalysiert
nicht etwa Schöneberger und ihr Mann. merin der Talkrunde darüber beschwerte, werden, dann können wir gleich einpa-
Sondern sie und der NDR. Zumindest für dass Bauarbeiter ihr hinterherpfeifen, ent- cken. Mein Gott! Wir sind im Fernsehen,
einen Abend. Anders als in den Vorjahren schied Mutter Schöneberger, dass es Zeit da soll gefälligst eine geil aussehende Alte
moderiert sie 2018 nicht den Vorentscheid sei auszuschalten. auf die Bühne kommen!«
des ESC – aus Termingründen. Das ver- Auch Schöneberger hätte sich zu #Me- Sexistisch? War das Fernsehen gewiss in
meintliche Auszugsfoto? Zeigt, wie sie Too äußern können, Anfragen für Inter- seiner Frühzeit. Damals wurde der Job der
Päckchen abholt, die beim Nachbarn ab- views gab es, sie lehnte ab. Sie ist eine Vir- Assistentin erfunden, deren Aufgabe es war,
gegeben wurden. tuosin des Oberflächlichen, sagt aber sel- gut auszusehen. Oder dem Showmaster
Wer als Entertainer herausstechen will, ten etwas, womit sie anecken könnte. Sie Wasser und Seife zu reichen, wenn er einen
muss Grenzen austesten. Er darf sie aber geht auch nicht in Polittalks. Zur #MeToo- Hund angefasst hatte. Assistentinnen hie-
nicht überschreiten, jedenfalls nicht, wenn Debatte hätte sie allenfalls beitragen kön- ßen Gabi oder Beate, Nachnamen hatten
er Massen erreichen will. Zwei Regeln, die nen, dass sie nie mit einem Mann auf sie nie. Schönebergers TV-Karriere fing
Schöneberger beherzigt. Als sie hoch- einem Hotelzimmer war, mit dem sie dort auch noch so an, Ende der Neunziger.

58 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


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In der Show »Bube, Dame, Hörig« as-


sistierte sie Moderator und Zotenkönig El-
mar Hörig. Fünf Aufzeichnungen am Tag,
für 800 Mark. Hörig sagt, ihm seien da-
mals, anstelle eines Castings, Fotos meh-
rerer Frauen vorgelegt worden. Er habe
auf die »mit den größten Brüsten« gedeu-
tet. Schöneberger.
Heute ist sie die, auf die sich alle einigen
können. Die Bundesbabs. Womöglich hätte
sie sogar »Wetten, dass..?« retten können.
New York, Mitte April. Thomas Gott-
schalk öffnet die Tür. Er wohnt auf der an-
deren Seite Amerikas, in Malibu, ist aber
ein paar Tage zu Besuch hier, im Apart-
ment seines Sohns. Gottschalk lässt sich
auf eine große Couch fallen und schlägt die
Beine übereinander. »Ich habe Barbara erst
sehr skeptisch gesehen, weil mir klar war,
DEN FAHRER IM FOKUS
dass da eine Konkurrenz heranwächst«,
sagt er. »Als sie bei ›Wetten, dass..?‹ auf
MIT ERFAHRUNG UND HERZBLUT:
meiner Couch saß, habe ich gespürt, wie
sie brennt. Die brachte Dampf in die Bude. REIFENTESTS FÜR IHRE SICHERHEIT
Ich dachte nur: Moment! Wenn hier einer
brennt, dann ich! Und dieser Blick. Sie hat
Augen, da denkst du, die ploppen gleich
Intensiv und hoch entwickelt: Je professioneller und präziser die
raus. Und fragst dich nur noch, ob dich das Reifentests sind, desto sicherer wird die Fahrt. Doch wie umfang-
rechte oder das linke trifft.« reich werden Continental Reifen auf ihre Tauglichkeit getestet?
Gottschalk sagt, Schöneberger sei die
Einzige gewesen, die er dem ZDF als Nach-
folgerin empfohlen habe. Doch der Inten- „Die Sicherheit unserer Kunden hat bei Das ist das Wichtige bei der AIBA“,
dant wollte Hape Kerkeling, der sagte ab. uns höchste Priorität. Dafür arbeiten wir erklärt Schlenke.
Schöneberger signalisierte früh, dass sie mit Herz und Seele“, betont Andreas
nicht interessiert sei. Am Ende wurde es Schlenke, Leiter der technischen Mit mehr Transparenz
Markus Lanz.
Wettbewerbsvergleiche bei Continental. zum sicheren Ergebnis
»Wenn ein Kandidat gewettet hat, er
kann 100 Liegestütze, dann hat Markus Als Reifenentwickler und -hersteller leistet „Aber natürlich sind auch Tests von
gesagt, er schafft 90. Barbara hätte gesagt, Continental bereits seit über 140 Jahren unabhängigen Instituten wie dem ADAC
sie kann einen und hätte den auch gleich einen großen Beitrag für mehr Sicherheit hoch zu bewerten. Sie sind eine der
vorgemacht. Sie hat die Freude am Unsinn im Straßenverkehr. „Da die Reifen-Techno- wichtigsten Informationsquellen für
und dem Chaos, die zu diesem Geschäft logie permanent weiterentwickelt wird, Autofahrer“, weiß Schlenke.
gehört«, sagt Gottschalk. testen wir unsere Reifen regelmäßig“,
Ist sie trotzdem so etwas wie seine Nach-
so der 49-Jährige. „Dazu gehört
folgerin? »Wenn ich Papst war, dann ist sie
in Richtung Kardinalin unterwegs. Pech auch, dass sich unsere Prüfmetho- Ich kann nur jedem
für sie, dass im Fernsehen die Zeiten vor- den im Laufe der Zeit stets empfehlen, viele
bei sind, in denen alle Wege irgendwann mitentwickelt haben und immer Testberichte zu lesen,
nach Rom geführt haben.« Gottschalks bevor Reifen
auf dem neuesten Stand sind.“
Smartphone meldet sich. Sein Klingelton gekauft werden.“
ist »Smoke on the Water«, wirklich. Er Hausgemachte Reifentests:
muss jetzt los. Andreas Schlenke,
Contidrom und AIBA
RTL entwickelt gerade eine neue Show, Reifenentwickler von Continental
in der Gottschalk, Jauch und Schöneberger Das Contidrom – die hauseigene
gleichberechtigt antreten sollen. Sie auf Teststrecke in der Heide – gibt es bereits Es werden viele Kriterien getestet, aber
Augenhöhe mit den beiden großen alten seit 1967. Schon damals war das auch unterschiedlich bewertet. Zum
Männern des deutschen TV, nun auch of- Hochgeschwindigkeitsoval mit seiner Beispiel haben Nässeeigenschaften eine
fiziell. Aber bedeutet das noch etwas? Länge von 2,8 Kilometern imposant. Seit hohe Gewichtung, „da Eigenschaften wie
Schöneberger sagt, früher hätten Freun- 2012 testet Continental auch automatisiert Nassbremsen und Aquaplaning für die
de oder Bekannte ihr Glück gewünscht für
in der eigenen AIBA-Halle (Automated Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer hohe
große Shows. Heute erhalte sie am Tag ei-
ner wichtigen Sendung Nachrichten wie: Indoor Braking Analyzer). Dort kann ein Relevanz haben“, so Schlenke. „Ich kann
»Schon was vor heute Abend?« unbemanntes Test fahrzeug auf 120 km/h nur jedem empfehlen, viele Testberichte
Wenn die Fernsehunterhaltung ein Stern beschleunigt und auf auswechselbaren zu lesen, bevor Reifen gekauft werden“,
ist, dann ist Schöneberger ihre Supernova: Straßenoberflächen mit standardisierten sagt der Experte.
das kurze, aber heftige Aufleuchten des Belägen abgebremst werden. „Tests sind
Sterns am Ende seiner Lebenszeit. das ganze Jahr über möglich – unabhän- Weitere Infos unter
gig von den äußeren Wetterbedingungen. continental-reifen.de/reifentests
59
Gesellschaft

Sein hat Zeit


herüber. »Die haben sich dem Feldberg-Eis in den Weg ge-
stellt, aber sind einfach beiseitegeschoben worden. Deswegen
ist das jetzt hier so.« Es klingt, als sei es im vergangenen
Herbst passiert.
Lais erinnert an den »Präger Dammläufer«, einen Käfer
Ortstermin Aufzeichnungen aus und damit an einen der, wie es auf einer Tafel heißt, »Über-
Deutschlands Funklöchern (2): lebenden aus der Eiszeit«. Aber das nur am Rande.
Netzvergessenheit im Hochschwarzwald Das Problem mit dem Funkloch, sagt Kurt Lais, sei Fol-
gendes: Die Eiszeit habe nicht nur den Präger Gletscher- und
Funklochkessel geschaffen. Vorher hobelten und frästen die

D ie Welt begegnet uns immer in einer bestimmten


Weise des Angesprochenseins, des Anspruchs« –
hallo? In Todtnauberg mag das vielleicht so sein,
wo Martin Heidegger sich diesen Satz ausgedacht hat.
sechs Gletscher noch die Berge auf motorradgerechte Formen,
spitzkehrenbestückt, fein rhythmisiert in allen möglichen
Varianten algebraischer Kurven. Das lockt die Biker sogar
aus der Schweiz, und die verstauen Teile der Schalldämpfer
Aber ein paar Kilometer von der Hütte des Existenz-Philo- gleich hinter der Grenze in irgendeiner Dachrinne und
sophen entfernt, in Todtnau-Präg-Herrenschwand, begegnet black&deckern los. Denn auch die Strafzettel sind billiger in
einem die Welt vor allem als Angeschwiegensein. Als Funk- Deutschland.
loch. »Wir hören die Unfälle oben am Berg«, sagt Ramona Lais.
Am Ortsrand verschwindet der letzte Balken im Display »Dann rufen wir den Krankenwagen, weil die da keinen
und taucht erst oben hinter Herrenschwand und dann weiter Empfang haben.« Auch hochpreisige Motorräder verfügen
unten, das Tal hinab bis selten über Festnetzan-
zum Schotterwerk Bernau, schluss.
zaghaft wieder auf. Dazwi- Im Hochschwarzwald ist
schen lautet der Modus der jeder Sendemast ein Aus-
Befindlichkeit: »kein Netz«. gang aus fremdverschulde-
Wobei das nicht ganz ter Unmündigkeit. Aber die
richtig sei: »Vorn am Klet- Anbieter reden sich mit der
tergerüst, da ist ein bissle Topografie heraus und spie-
Empfang.« Ramona Lais len auf Zeit. »Ich bin selbst
denkt kurz nach. »Und da Ortschaftsrätin«, sagt Ra-
oben, sehen Sie? Die Hütte mona Lais. »Die Mobil-
in der Senke?« Sie kneift funkfirmen sagen, das wür-
die Augen zusammen und de sich nicht rechnen, so
zeigt auf einen Holzscho- ein Umsetzer oder Mast für
ber, knapp einen Kilometer 300 Leute.« Neulich habe
den Hügel hinauf. »Aber ihr eine Frau von der Tele-
sonst ist tot. Und bei kom einen neuen Handy-
schlechtem Wetter gar nix.« vertrag verkaufen wollen,
ALEXANDER SMOLTCZYK / DER SPIEGEL

Ramona Lais, gelernte am Telefon. »Ich habe ge-


Steuerfachgehilfin, kam vor sagt, den würde ich nicht
gut zehn Jahren nach Präg, brauchen, weil ich kein
als sie Frank heiratete, den Netz hätte. Das könne ja
Sohn des ehemaligen Orts- gar nicht sein, hat die Dame
vorstehers Kurt Lais, der gesagt und in ihren Compu-
jetzt 79 Jahre alt wird und ter geschaut. Ich hätte Emp-
gerade mit seinem Bruder fang, hat sie gesagt.«
und den Frauen an der Öffentliches Telefon in Todtnau-Präg-Herrenschwand Ramona Lais hat das An-
Rückwand der Scheune gebot nicht angenommen.
sitzt und Freixenet-Schaum- Sie erinnert sich, wie im
wein trinkt. Die Luft duftet warm nach Rinde und ein wenig Winter die Fremden ihre Handys auf Kniehöhe vor sich hal-
güllig. ten oder himmelwärts, als würden sie einem wirren Kult an-
Alle paar Minuten rumort ein Biker vorbei, mit undurch- hängen.
dringlichem Visier, rollt bis zum Ortsschild, um dann loszu- Im Ortschaftsrat ist schon vorgeschlagen worden, einen
röhren wie befreit. Ansonsten Amseln oder andere Vögel, der Masten vom Skilift als Sendemast zu verwenden. Das
jede Menge Gegend und Schwarzwaldhöfe mit tief herab- wolle Vodafone jetzt prüfen. Aufs Handy könne man noch
gezogenen Schindeldächern, so mächtig gebaut, als drohte verzichten, aber auf das Internet nicht, der Kinder wegen.
der Himmel einzustürzen. Von Breitbandanschluss sei jetzt die Rede. Verkehrsminis-
»Ich lag damals«, redet Ramona Lais weiter, »mit meiner ter Andreas Scheuer will alle Funklöcher stopfen. Es wird ja
ausgerenkten Schulter draußen, und es dauerte zehn Minuten, viel geredet, da draußen, wo immer Empfang ist. Wo es An-
bis meine Leute Netz hatten. Da zieht sich die Zeit in die spruch gibt. Aber wann ist es so weit damit?
Länge, glauben Sie mir.« Natürlich gebe es Festnetz, aber Kurt Lais’ Antwort ist alemannisch gefärbt und klingt, der
tagsüber sei in vielen Häusern niemand daheim, weil die Kehllaute wegen, englisch transkribiert in etwa wie: »Paw
paar Bauern auf dem Feld seien und die anderen Einheimi- Yaw ’go.«
schen weit weg auf Arbeit, in Schönau, Lörrach oder rauf bis Um welchen genauen Zeitraum es sich dabei handelt, spielt
nach Freiburg. keine Rolle. Es ist jedenfalls noch lange hin, und im Präger
»Sechs Gletscher!« Sagt Kurt Lais, der ehemalige Ortsvor- Kessel hat man gelernt, in geologischen Dimensionen zu
steher, etwas unvermittelt von der Rückwand der Scheune denken. Alexander Smoltczyk

60 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Ein grüner Garten ist ein kleines Naturwunder. Mit
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Wirtschaft
Lenkt keiner ein, knallt es, und beide erleiden womöglich einen Totalschaden. ‣ S. 64

Luftfahrt
Mit 55 Jahren,
da fängt die Rente an
 Der Streit um Einschränkungen bei
der Übergangsversorgung ihrer Piloten
bescherte der Lufthansa die härteste
Streikwelle ihrer Geschichte – und Kos-
ten von rund einer halben Milliarde
Euro. Dass es auch anders geht, zeigt
das Beispiel der Deutschen Flugsiche-
rung (DFS). Von der Öffentlichkeit
weitgehend unbemerkt haben sich
Geschäftsführung und die hauseigene
Gewerkschaft GdF im April auf eine
neue Tarifvereinbarung für die 2000
Lotsen des bundeseigenen Unterneh-
mens geeinigt. Demnach können die
Luftraumüberwacher weiterhin bereits
mit 55 Jahren den aktiven Dienst quit-
tieren und acht Jahre lang 70 Prozent

JENS KNAPPE / 360-BERLIN


ihres bisherigen Bruttoeinkommens
kassieren. »Ab diesem Alter lassen die
kognitiven Fähigkeiten einfach nach
und können nur zum Teil durch die
Strandhäuschen in Melbourne gesammelte Erfahrung kompensiert
werden«, rechtfertigt GdF-Tarifexperte
Markus Siebers die Bezüge. Bleibt ein
Dieselaffäre Mitarbeiter freiwillig bis 57, reicht das
Geld sogar bis 65. Wer früher aufhören
Australische Autofahrer will, muss Abschläge in Kauf nehmen.
Auch das Unternehmen profitiert von
der Regelung. Bislang mussten die
treiben VW in die Enge Lotsen ihren Arbeitgeber nur sechs
Monate vorher informieren, wenn sie
 Ein Prozess vor dem höchsten Bundes- tung«, sagt Geisker, bislang habe der Kon- in die Übergangsversorgung wechseln
gericht in Australien bringt Volkswagen zern lediglich in den USA Betrug zugege- wollten. Für ab 1970 Geborene gilt
im Dieselskandal in Bedrängnis. In einer ben. VW, dessen ehemaliger Chef Martin künftig eine Ankündigungsfrist von
Sammelklage wird dem Konzern und sei- Winterkorn vom US-Justizministerium drei Jahren. Das verschafft der DFS
nen Töchtern Audi und Škoda vorgewor- der Mittäterschaft beschuldigt wird, sieht mehr Planungssicherheit. DID
fen, etwa 100 000 Fahrzeuge mit einer das anders und bestreitet vor Gericht
Betrugssoftware ausgestattet zu haben. weiterhin, gegen Landesgesetze verstoßen
Wie in anderen Ländern verfügte die zu haben. Auch wehrt sich der Konzern
Motorsteuerung der Autos über zwei ver- gegen die Forderung der Kläger, die
schiedene Stufen: einen sauberen »Test- Namen der Mitarbeiter zu nennen, die an
modus« für den Prüfstand und einen der Abschalteinrichtung beteiligt waren.
»Kundenmodus« für die Straße, in dem Gleichzeitig gibt es bei VW Überlegungen,
die Abgasreinigung zurückgefahren wur- den Prozess mit einem Vergleich zu been-
de. Klägeranwalt Jason Geisker spricht den – um einen Präzedenzfall zu verhin-
von einer »sehr signifikanten Manipula- dern. Denn ein Urteil gegen VW in Syd-
tion und Täuschung«. Das Besondere an ney hätte auch Signalwirkung für Kläger
MARCO EINFELDT / SZ PHOTO

dem Prozess in Australien, der im März in Deutschland: Australien folgt denselben


begonnen hat: VW hat nach Darstellung Emissionsstandards wie Europa. VW
der Kläger erstmals eingeräumt, dass die selbst weist die Anschuldigungen auf An-
Fahrzeuge die Zulassungstests im schmut- frage zurück. Die Fahrzeuge entsprächen
zigeren Straßenmodus, also ohne Schum- den Abgasvorschriften, »gemäß derer sie
melfunktion, nicht bestanden hätten. Dies zertifiziert wurden«. Für die Sammelklage
sei ein »Eingeständnis von globaler Bedeu- gebe es keine Rechtsgrundlage. FDO, SH Fluglotsin im Tower

62
Steuern Umweltschutz senschaftler haben da Proben genommen
Olaf Scholz’ »Wir sind bereit zum und stark erhöhte Nitratwerte im Grund-
wasser gefunden, eine Folge des durch
gesammeltes Schweigen Widerstand« Kohleverfeuerung verursachten sauren
Regens. Auch die Landwirtschaft ist
 Finanzminister Olaf Scholz (SPD) Mokh Sobirin, 34, Umweltaktivist aus davon in Mitleidenschaft gezogen. Es
geht auf Distanz zu Plänen der EU- Indonesien, über den Protest gegen eine gibt aber noch eine Ungereimtheit.
Kommission für eine Digitalsteuer. geplante Fabrik von Indocement, einer SPIEGEL: Welche?
Beim Treffen der EU-Finanzminister Tochter des deutschen Baustoffkonzerns Sobirin: Offenbar aus Rücksicht auf die
vergangene Woche schwieg er demons- HeidelbergCement, in Zentraljava Industrie ist das Kendeng-Naturschutz-
trativ zu den Ausführungen der EU- gebiet stark verkleinert worden. Es gibt
Kommission, die ihr Vorhaben erläuter- SPIEGEL: Warum sind Sie gegen die jetzt allerdings Hoffnung: Eine neue Stu-
te. Auch zum Plädoyer seines franzö- Zementfabrik? die unter Federführung unseres Umwelt-
sischen Amtskollegen Bruno Le Maire Sobirin: Ursprünglich war ministeriums steht kurz
für eine Digitalsteuer sagte er nichts. die Gegend um das Ken- vor der Veröffentlichung –
Scholz sieht die Pläne, Internetunter- deng-Gebirge mit seinen und es sieht so aus, als
nehmen wie Facebook mit einer Extra- vielen Höhlen und Wasser- würde die ziemlich kritisch
Steuer zu belegen, skeptisch. Er quellen für landwirtschaft- werden.
fürchtet, die USA könnten eine solche liche und touristische Nut- SPIEGEL: Glauben Sie, den
Sonderlast ihrer Internetmultis als zung vorgesehen. Dann deutschen Konzern stop-
Vorwand für weitere protektionistische wurde auf einmal die pen zu können?
Maßnahmen nutzen. Ihm macht auch Raumplanung geändert, Sobirin: Das wird nicht
Sorge, dass andere Länder Ansprüche sodass auch Bergbau mög- leicht, aber ich werde
auf Steuerzahlungen deutscher Export- lich war. Es gibt Hinweise kommende Woche auf
firmen erheben könnten. Bislang gilt auf Bestechung von Politi- der Hauptversammlung
die Regel, dass Unternehmen dort kern, und deswegen haben sprechen. Ich werde ihnen
besteuert werden, wo Wertschöpfung wir den Fall der nationalen sagen, dass wir bereit sind
entsteht. Teilnehmer des Treffens wer- Antikorruptionsbehörde Sobirin zum Widerstand. Es ist
teten Scholz’ Zurückhaltung als Beleg, vorgelegt. absurd, dass unsere
dass er die Brüsseler Pläne noch nicht SPIEGEL: Die Unternehmen führen oft Umwelt zerstört werden soll, obwohl es
offiziell ablehnen wollte. Das Schwei- die Chancen auf wirtschaftliche Entwick- schon jetzt eine Überproduktion von
gen des Deutschen sorgte dennoch für lung an. Daran glauben Sie nicht? Zement gibt. Ich werde die Aktionäre,
Verwunderung. »Wolfgang Schäuble Sobirin: Die Frage ist, zu welchem Preis. die Banken und die Bundesregierung
hätte sich immer zu Wort gemeldet, In Westjava etwa steht ja schon eine an ihre Verantwortung für Umwelt und
auch wenn er dabei nichts gesagt hät- große Indocement-Fabrik, die enorme Menschenrechte erinnern – denn die
te«, sagte ein Teilnehmer. REI Mengen von CO2 in die Luft ablässt. Wis- endet nicht in Zentraljava. NKL

Samstagsfrage

Wann kommt die Online-Sprechstunde?


Es gibt viele Gründe, nicht zum Arzt zu gehen. Überfüllte gelassenen Mediziner haben kein Interesse an der neu-
Wartezimmer. Schniefende Sitznachbarn. Angegrabbel- en Onlinewelt, weil sie ihre Honorare als zu niedrig
te Zeitschriften. Als Patient würde man die analoge empfinden. Derzeit zahlen ihnen die gesetzlichen
Sprechstunde gern umgehen, und mit jeder Grippe- Krankenkassen für eine Videosprechstunde genau-
welle wird dieser Wunsch stärker: Warum nicht so viel wie für eine Beratung am Telefon: rund
einfach bequem von daheim mit dem Hausarzt 9,30 Euro. Dazu kommt ein Technikzuschlag von
skypen? rund 4,20 Euro, der im Quartal auf 200 Euro
In der nächsten Woche wollen die Mediziner gedeckelt ist. Zu wenig als Anreiz für die digitale
genau dies ermöglichen und den Weg für flächen- Diagnose, heißt es in der Ärzteschaft.
deckende Online-Sprechstunden frei machen. Der Ärz- Auch mit den neuen, sicheren Netzen, die alle
tetag könnte das sogenannte »Verbot der ausschließlichen Praxen, Krankenhäuser und Kliniken verbinden sollen,
Fernbehandlung« kippen. Mediziner dürften dann auch jene hadern die Mediziner. Kaum mehr als ein Zehntel der rund
Patienten online begutachten, die sie persönlich nie getroffen 100 000 Praxen ist bislang an die neue Technik angeschlossen.
haben. Für die Zunft ist das ein großer Schritt. Dabei hätte sie in der Zukunft für Patienten einen großen Vorteil:
Dass aber jeder Arzt um die Ecke künftig den Krankenschein Ihr Arzt könnte das elektronische Rezept nach der Online-Dia-
via Skype-Beratung ausstellt, wird ein Wunschtraum bleiben. Zu gnose direkt an die Apotheke weitersenden. Ganz ohne lästigen
viele Mediziner empfinden die Digitalisierung nicht als Chance, Papierkram.
sondern als Zumutung. Nur ein Beispiel: Vor zwei Jahren noch Fällt das Fernbehandlungsverbot, werden also vermutlich nur
musste die Bundesregierung mit einem »Telematikzuschlag« von die wenigsten niedergelassenen Kassenärzte freudig auf eigene,
55 Cent werben, um die Doktoren dazu zu bewegen, einen Arzt- selbst organisierte Online-Sprechstunden umsteigen. Kommerziel-
brief nicht als Kuvert, sondern elektronisch zu versenden. Auch le Anbieter aus dem Ausland wittern dagegen einen lukrativen
dieses Mal verweisen die Ärzte auf das Geld. Die meisten nieder- Markt. Cornelia Schmergal

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 63


Amerikanisches Roulette
Welthandel Donald Trump hat Europa im Zollstreit ein neues Ultimatum gesetzt.
Seine Strategie scheint erratisch, folgt aber einer inneren Logik. Gefährlich wird es, wenn
sich die Europäer auf sein Spiel einlassen.

HILARY SWIFT / NYT / REDUX / LAIF

Präsidentschaftsbewerber Trump im Wahlkampf 2016: Die Regeln schreiben und zugleich den Croupier geben

64
Wirtschaft

M
it Spielen kennt Donald Etappensiege hat Trump aus seiner Felbermayr, Direktor des Zentrums für
Trump sich aus. Der amerika- Sicht schon erreicht: Südkorea und Argen- Außenwirtschaft am Münchner Ifo-Ins-
nische Präsident betrieb in tinien haben angekündigt, ihre Stahlexpor- titut.
seinem vorherigen Leben als te in die USA zu begrenzen; Australien, In diesem spieltheoretischen Modell
Immobilienmagnat Casinos, in Spielerstäd- Brasilien könnten folgen. Und die EU ist werden zwei Gefangene, denen ein ge-
ten wie Atlantic City, Las Vegas und an- uneins über den weiteren Kurs gegenüber meinsames Verbrechen vorgeworfen wird,
derswo. Die Zockermentalität hat Trump Trump, besonders Deutschland und Frank- getrennt voneinander verhört. Schweigen
als Präsident nicht abgelegt, die Fähigkeit, reich. Kanzlerin Angela Merkel und Prä- beide, werden sie wegen eines kleineren,
seine Widersacher gegeneinander auszu- sident Emmanuel Macron vertreten unter- nachweisbaren Vergehens zu kurzer Haft
spielen, hat ihn erst in dieses Amt gebracht. schiedliche Interessen. Selbst deutschen verurteilt. Gesteht nur einer, kommt er
In dieser Woche hat Trump in dem Europaparlamentariern gehen die natio- frei, der andere erhält die Höchststrafe.
Streit um Stahl- und Aluminiumzölle er- nalen Egoismen gegen den Strich. Gestehen beide, erhalten beide eine hohe,
neut bewiesen, dass er die Politik als gro- »Wir brauchen in der Handelsfrage we- aber nicht die höchste Strafe. Das Dilem-
ßes Spiel versteht, in dem er die Regeln niger Merkel und Macron, sondern mehr ma der Gefangenen besteht darin, dass sie
schreiben und zugleich den Croupier ge- Malmström«, sagt Daniel Caspary, Han- sich nicht absprechen können. Deshalb ist
ben möchte. delsexperte und Chef der Unionsabgeord- es für jeden von ihnen rational zu geste-
Das Spielfeld der Welthandelsorganisa- neten im Europaparlament. Cecilia Malm- hen, um die Höchststrafe zu vermeiden.
tion (WTO) mit klaren Bestimmungen für ström ist die EU-Handelskommissarin, Dabei würden sich beide besserstellen,
Zölle sowie Verfahren für die Streitschlich- und sie neigt dazu, bei einer harten Hal- wenn sie kooperieren könnten.
tung verließ Trump bereits Ende März. Da- tung gegenüber Trump zu bleiben – und Genauso mag es für jedes von zwei Län-
mals drohte er der Europäischen Union auf dem Boden der WTO, die Amerikas dern rational sein, die eigene Wirtschaft
(EU) und anderen Handelspartnern hohe Präsident unverhohlen infrage stellt. durch Zölle zu schützen. Wenn jedoch das
Zölle auf Stahl und Aluminium an, sollten Das ist nicht ohne Ironie. Denn es wa- andere Land genauso entscheidet, stehen
sie nicht von sich aus ihre Exporte in die ren vor allem die USA, die nach dem beide wirtschaftlich schlechter da, es ist
USA reduzieren. Er stellte ein Ultimatum – Zweiten Weltkrieg zunächst das Allgemei- für beide vorteilhaft zu kooperieren.
und verlängerte es Anfang dieser Woche ne Zoll- und Handelsabkommen (GATT) »Gerade die wirtschaftliche Dominanz
um einen Monat. auf den Weg brachten und später die der USA in der Nachkriegswelt kann er-
Auch im Verhältnis zu China spielt WTO. Amerika und andere Staaten konn- klären, warum es für die USA und die
Trump mit Zuckerbrot und Peitsche. Er ten sich so aus einem Dilemma befreien. meisten Handelspartner sinnvoll war, sich
drohte ultimativ mit milliardenschweren »Das Gefangenendilemma erklärt im Prin- einem regelbasierten Handelsabkommen
Zöllen, schickte aber in dieser Woche eine zip die Existenz der WTO«, sagt Gabriel wie GATT und später der WTO anzu-
Delegation zu Verhandlungen nach Pe- schließen«, sagt Robert Staiger, Ökonom
king. Die WTO hat der Casino-Präsident an der amerikanischen Elite-Universität
einerseits wüst beschimpft, andererseits Handelsbilanzdefizit der USA mit … Dartmouth College in New Hampshire.
hat er Beschwerden beim Schiedsgericht Güterhandel, in Mrd. Dollar Quelle: US Census Wissenschaftler haben gezeigt, dass sich
der Organisation eingereicht, um seine kleinere Länder im Verhältnis zu größeren
Gegner im Handelsstreit zu bekämpfen. Handelspartnern oft besserstellen, wenn
All das mag erratisch wirken, als irratio- sie einseitig Importzölle erheben, statt mit
nale Zockerei sollte man Trumps Volten je- … China dem großen Partner ein Abkommen aus-
doch nicht ansehen. Ökonomen wenden zuhandeln. Verfahren alle potenziellen
gern Modelle der Spieltheorie an, um zu 2017: Handelspartner so, schadet dies der Groß-
2000:
erklären, warum Staaten Handelsabkom- macht ebenso wie den kleineren Staaten.
men schließen, sich Regeln geben – und
auch, warum sie diese brechen. So lässt
83,8 375,2 Also ließen sich die Amerikaner darauf ein,
ein multilaterales Abkommen mit Regeln
sich auch Trumps Verhalten begründen. zu schließen, die schwache und starke Län-
»Trumps wirtschaftliche Prämissen mögen der handelspolitisch gleichstellen.
falsch sein, aber innerhalb seiner Logik be- Aber Spielfeld und Teilnehmer haben
treibt er das Spiel geschickt«, sagt Christian sich seit der WTO-Gründung 1995 ge-
Rieck, Spieltheoretiker an der Frankfurt ändert. Europa gewann wirtschaftlich an
University of Applied Sciences. … der EU Gewicht, und Chinas Aufstieg als Wirt-
Das erklärte Ziel des Präsidenten ist es, schaftsmacht beschleunigte sich mit dem
das Leistungsbilanzdefizit der USA von Eintritt in die WTO 2001. »In dem Mo-
mehr als 466 Milliarden Dollar im Jahr 58,7 151,4 ment, wo Amerika seine hegemoniale
2017 zu senken. Vor allem aus China, Ja- Stellung verloren hat, begann die Unter-
pan, Deutschland und der EU insgesamt stützung für die WTO zu erodieren«, er-
importieren die Amerikaner deutlich mehr klärt Staiger.
Güter, als sie dorthin ausführen (Grafik). Trump greift die Organisation offen an.
… Deutschland
Auch wenn die Ursachen vielschichtig Er versucht sich und den Wählern weiszu-
sind, möchte Trump das Problem vor al- 2015: machen, dass die Regeln der WTO der
lem auf dem Feld der Handelspolitik lösen. 29,1 74,9 64,3 Grund für das hohe Defizit der USA im
–1
4%

Er will die Partnerländer zwingen, Ein- Handel mit dem Rest der Welt sind.
fuhrzölle für Produkte aus Amerika zu sen- Dabei kann die Politik auf dieses Phä-
ken oder Ausfuhren in die USA durch Quo- … Frankreich nomen nur eingeschränkt Einfluss neh-
ten zu begrenzen. Um das zu erreichen, men. Meist sind Überschüsse und Defizite
9,4 15,3
sät Trump Zwietracht unter den Handels- die Folge freier Entscheidungen von Kon-
partnern, versucht, bilateral zu verhandeln sumenten und Investoren. Niemand
und so die WTO zu unterlaufen. 2000 2017 zwingt Amerikaner dazu, Autos von Mer-

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 65


cedes, Audi oder BMW zu kaufen anstatt müssten für einen neuen Handelsdeal zwi- handlungen einlassen und die WTO-Re-
von General Motors. schen den USA und der EU auch die Re- geln zur Not großzügig auslegen. Erstens
Die deutschen Exportüberschüsse sind geln für den Agrarsektor überprüft wer- fürchteten sie die kurzfristig hohen Kosten
auch Folge der hohen deutschen Sparnei- den. In den vergangenen Abkommen ge- eines Handelskriegs; zweitens würden die
gung. Die Ersparnisse werden häufig in lang es den Franzosen, ihre Landwirtschaft Kosten einer ausgehöhlten WTO erst in
den USA angelegt und ähneln einem Kre- vor zu starker Konkurrenz abzuschotten. ferner Zukunft sichtbar. »Drittens funktio-
dit, mit dem die Amerikaner ihre Nachfra- Und schließlich wäre Frankreich kaum nieren die WTO und ihre Gerichte ohne
ge nach deutschen Produkten finanzieren. von den angedrohten US-Strafzöllen be- Unterstützung der USA ohnehin nicht.«
Nicht zuletzt trägt Trumps Politik selbst troffen, da es dort anders als in Deutsch- Die Wahrscheinlichkeit, dass die Euro-
dazu bei, dass das Leistungsbilanzdefizit land kaum noch Stahlwerke gibt. päer ihre Interessen über das Schiedsver-
der USA wieder wachsen könnte. Wer ei- Am Steuer sitzen aber weder Merkel fahren wahren können, sinkt, das könnte
nen schuldenfinanzierten Steuerrabatt in noch Macron, für Handelspolitik ist EU- ihr Handeln beeinflussen. Trump blockiert
Billionenhöhe unters Volk bringt, darf sich Kommissarin Malmström zuständig. die Nachbesetzung des entscheidenden
nicht wundern, dass die Importe anschwel- Sie stellt sich ungeachtet der neuen Frist WTO-Berufungsgerichts. Drei von sieben
len, weil die Amerikaner ihre Nachfrage auf einen Handelskrieg mit den Amerika- Plätzen sind bereits vakant, bis Ende 2019
auch nach ausländischen Waren steigern. nern ein. Der schmucklose Raum im Eu- laufen zwei weitere Mandate aus, dann
Der US-Präsident aber glaubt, das Defi- ropaparlament, in dem regelmäßig die würde die Institution handlungsunfähig.
zit drücken zu können, indem er einen Han- Monitoring-Gruppe USA des Handelsaus- Zudem begründet die US-Regierung die
delskrieg anzettelt. Also baue er Druck auf schusses tagt, ist zu einer Art »war room« neuen Zölle mit nationalen Sicherheits-
Handelspartner auf, von denen er sich über- geworden. Hier beugen sich Abgeordnete interessen und umgeht somit das WTO-Re-
vorteilt sieht, sagt Spieltheore- gelwerk. Ob die EU oder China
tiker Rieck. Er erklärt das Hin diese Argumentation juristisch
und Her um das Stahlultima- aushebeln können, ist ungewiss.
tum mit dem Chicken Game, Womöglich tasten sich die
dem Angsthasenspiel. Dabei drei großen Wirtschaftsblöcke
rasen zwei Autos aufeinander gerade an ein neues Handels-
zu, wer ausweicht, verliert. system heran, das nicht in ers-
Lenkt keiner ein, knallt es, und ter Linie auf einem globalen
beide erleiden womöglich ei- Abkommen wie der WTO ba-
nen Totalschaden. »Im Stahl- siert, sondern auf bi- oder tri-
zollstreit hat Trump gewisser- lateralen Absprachen.
maßen erst Gas gegeben und Man kann ihr Vorgehen als
jetzt mit der Verlängerung des Spiel betrachten, in dem die
Ultimatums erst einmal ab- Spieler ein von den Regeln ab-
gebremst«, sagt Rieck. Das weichendes Verhalten eines an-
habe seine Drohung unglaub- deren Spielers bestrafen, in-
würdiger gemacht und seine dem sie in der nächsten Runde
Verhandlungsposition ver- ebenfalls von den Regeln ab-
schlechtert. weichen. Neue Zölle werden
WOLFGANG AMMER

Andererseits sitzen im an- nach dem Motto »Wie du mir,


deren Auto mehrere Fahrer, so ich dir« mit Gegenzöllen be-
die sich uneinig sind, ob sie antwortet. »Dieses Spiel kann
ausweichen sollen. zu ganz vielen neuen Gleichge-
Auch wenn sich die Euro- wichtssituationen führen, auch
päer redlich Mühe geben, zu jenem, bei dem alle Partner
gegenüber Trump Geschlossenheit zu de- über die klein gedruckten Listen mit mög- die bestmögliche Situation realisieren, also
monstrieren, zeigen sich Risse. Besonders lichen Gegenmaßnahmen, die die EU er- das kooperative Gleichgewicht«, erklärt Fel-
zwischen Frankreich und Deutschland greifen könnte, wenn Trump Ernst macht. bermayr. Das sei auch möglich, wenn es kein
knirscht es. Die Bundesregierung signali- Die Waffen der EU sind bekannt: Sie rei- koordinierendes Forum wie die WTO gebe.
siert den USA Entgegenkommen. Sie zeigt chen von Zöllen auf Bourbon-Whiskey bis Das Zug-um-Zug-Spiel, auf das sich die
sich bereit, über die Höhe der von Trump zur Harley-Davidson. Handelsmächte jetzt womöglich einlassen,
beklagten Importzölle auf Autos zu spre- Von Erleichterung war daher wenig zu kann auch schiefgehen. Etwa, wenn es
chen, die Franzosen nicht. Der Grund: Die spüren, als die Abgeordneten am Mittwoch einem Spieler egal ist, ob er für sein Ver-
Autoindustrie und vor allem der US-Auto- mit Mitarbeitern von Malmström über die halten in ferner Zukunft bestraft wird.
markt haben für Frankreich deutlich we- Folgen der jüngsten Galgenfrist aus Washing- »Populisten mit einer Nach-mir-die-Sint-
niger Gewicht als für Deutschland. ton diskutierten. Man war sich einig, dass flut-Philosophie darf es für das Zustande-
Zudem fürchtet die französische Regie- man sich von Trump nicht erpressen lassen kommen des ›guten‹ Gleichgewichtes nicht
rung eine umfassende Neuordnung der wollte. »Wir können Trumps Druck nicht geben«, sagt Felbermayr.
Handelsbeziehungen zwischen EU und einfach nachgeben, allein schon, weil er dar- Es klingt nicht so, als könnte ein solches
USA. Dagegen setzt sich Deutschland da- auf basiert, die WTO-Regeln zu unterlau- Spiel mit dem Zocker Trump gut enden.
für ein, eine Art TTIP light vorzuschlagen, fen«, sagt Bernd Lange (SPD), Vorsitzender Martin Hesse, Peter Müller,
eine abgespeckte Version des Transatlan- des Handelsausschusses im EU-Parlament. Christian Reiermann
tischen Freihandelsabkommens. Fast wortgleich äußerte sich am Mittwoch
Warum? Während Deutschland mit den Kommissionschef Jean-Claude Juncker. ‣ Lesen Sie auch auf Seite 80: Wie die
USA einen Handelsbilanzüberschuss von Handelsexperte Felbermayr hält es den- Europäer versuchen, das Atomabkommen
50 Milliarden Euro aufweist, ist die Bilanz noch für möglich, dass sich die Europäer mit Iran vor Donald Trump zu retten
Frankreichs ausgeglichener. Außerdem noch auf Trumps Logik bilateraler Ver-

66 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Wirtschaft

Getriebener Akteur
Analyse Mit einem Milliardendeal will die Telekom ihre Wettbewerbsfähigkeit in den USA
sichern. Zugleich droht in Deutschland ein Angriff des schärfsten Konkurrenten.

E
s sollte aussehen wie einer der ganz großen Deals, Bei den US-Wettbewerbsbehörden dürfte die Neigung nicht
wie ein Geschäft, das die Deutsche Telekom AG und groß sein, die Zahl der Wettbewerber auf dem heimischen
ihre leidgeprüften Aktionäre mit einem Schlag in eine Mobilfunkmarkt von vier auf drei Player zu verringern. Die
sorgenfreie Zukunft und in die Liga der wirklich gro- Chancen, dass es der Telekom gelingen könnte, die Behörden
ßen Telefongesellschaften katapultieren würde. Telekom- in dem bis zu zwölf Monaten dauerenden Prüfverfahren von
Chef Timotheus Höttges parlierte in der vergangenen Woche der Notwendigkeit des Zusammenschlusses zu überzeugen,
sogar über einen wahrhaft »historischen Moment« für sein schätzen selbst Optimisten auf gerade einmal 50 Prozent.
Unternehmen. Zugleich erwächst Höttges auf dem Heimatmarkt in
Tatsächlich sind die nackten Zahlen beeindruckend. Im Deutschland unangenehme Konkurrenz. Hier hat die Tele-
Zuge eines Aktientauschs will die Telekom ihre US-Mobil- kom den Ausbau eines wirklich breitbandigen Internets lange
funktochter T-Mobile mit dem bisherigen Konkurrenten verschlafen. Nun wittert die britische Telefongesellschaft
Sprint fusionieren. Entstehen soll ein neues Unternehmen Vodafone eine Chance, den Ex-Monopolisten mit diesem
mit knapp 130 Millionen Mobilfunkkunden, einem Umsatz Versäumnis in Bedrängnis zu bringen.
von rund 76 Milliarden Dollar. Ein Unternehmen, das sich Für mehr als 16 Milliarden Euro will sie europäische TV-Ka-
dann auf Augenhöhe mit Telefonriesen wie AT&T oder Veri- belnetze der von Medienmogul John Malone gehaltenen Firma
zon in den Wettbewerb um Kunden, Verträge und Markt- Liberty Global kaufen. Hauptprofiteur wäre die deutsche Vo-
anteile stürzen soll. dafone-Tochter in Düsseldorf. Sie soll aus dem Kauf den in Köln
Und da die amerikanische Mobilfunktochter der Telekom ansässigen Kabelnetzbetreiber Unitymedia mit seinen Netzen
einen deutlich höheren Unternehmenswert aufweist als in Nordrhein-Westfalen und Baden Württemberg erhalten.
Sprint, kann Höttges sogar die Kontrolle Bereits vor einigen Jahren hatte Voda-
an dem neuen Unternehmen überneh- fone Breitbandnetze von Kabel Deutsch-
men, ohne auch nur einen Cent in bar da- land übernommen. Zusammen mit den
für bezahlen zu müssen. TV-Strippen von Unitymedia verfügte
Das alles klingt gut. Und dennoch ist 35,5 Vodafone als einziges Unternehmen in
der US-Deal für die Telekom, das Manage- US- Deutschland dann über ein flächen-
ment und für die Aktionäre kein unein- deckendes Breitbandnetz mit rund
geschränkter Grund zur Freude. Schaut Mobilfunkmarkt 15 Millionen Kunden und 24 Millionen
man genauer hin, tritt Höttges mit dem Marktanteile* 2017, 33,4 Anschlüssen. Es dürfte dem Festnetz der
Abschluss die Flucht nach vorn an. Er ist in Prozent Telekom in puncto Schnelligkeit und
Akteur – und gleichzeitig Getriebener *nach Kundenanschlüssen, Flexibilität noch längere Zeit überlegen
So
zweier für die Telekom bedenklicher 4. Quartal ns
tig
sein.
Entwicklungen. e Damit steigt die Wahrscheinlichkeit,
Die US-Mobilfunktochter war für die
Quellen: 12,6 17,1 dass die Telekom auf ihrem Heimatmarkt
Strategy
Telekom jahrelang ein Sorgenkind. Zu Analytics,
FierceWireless
weitere Kunden verlieren wird. Die Ab-
groß war der Abstand zu Platzhirschen hängigkeit von einem weiterwachsenden
wie AT&T oder Verizon. Zu hoch die Kos- US-Geschäft würde noch größer.
ten, um sie auf Dauer aus der Firmenzentrale zu finanzieren. Höttges kennt das Problem. Seit Wochen versuchen seine
Daran konnte auch die imposante Aufholjagd des vor sechs Leute, den sich anbahnenden Kabeldeal in Deutschland zu
Jahren angetretenen Chefs John Legere nichts ändern. torpedieren. Mit dem Kauf des Netzes, so argumentieren sie,
Notwendige Investitionen in Netzqualität, zusätzliche baue Vodafone in einigen Bereichen gefährliche Monopol-
Funkfrequenzen oder neue Technologien, wie der anstehende stellungen auf. Bei kabelgebundenen TV-Anschlüssen etwa
ultraschnelle Mobilfunkstandard 5G, hätten Milliarden ver- besitze das Unternehmen eine marktbeherrschende Stellung.
schlungen. Und so suchte die Telekom seit Jahren einen Käu- Es bestehe zudem die Gefahr, dass exklusive Fernsehrechte
fer oder Partner für das US-Geschäft, der bereit gewesen an Sportveranstaltungen, wie etwa Fußballspielen der Cham-
wäre, Kosten und Risiken mit ihr zu teilen. pions League oder Formel-1-Veranstaltungen, nicht mehr von
Doch die Interessenten waren rar, die kartellrechtlichen anderen Wettbewerbern angeboten werden können.
Hürden hoch. Zweimal untersagten US-Behörden einen Der Telekom-Chef rief die Wettbewerbshüter sogar öffent-
fertigen Deal. So blieb Höttges kaum eine andere Chance, lich dazu auf, den Zusammenschluss zu untersagen. Eine
als den Konkurrenten Sprint samt Schulden zu übernehmen. Genehmigung, so der Manager, wäre »kartellrechtlich ein
Zumal das US-Unternehmen in den vergangenen Monaten Skandal«.
schwächelte, Wert und Ansehen verlor. Das mag in der Sache nicht einmal so falsch sein. Ohne
Das Risiko für Höttges ist hoch. Zwar besitzt Sprint wert- Auflagen, wie den Verkauf oder die Öffnung bestimmter Ge-
volle Funkfrequenzen, die T-Mobile nun nicht teuer kaufen schäftsbereiche, dürfte der Deal wenig Chancen haben.
muss. Ob die errechneten Synergien in Höhe von 43 Milliar- Die für einen Dax-Chef ungewöhnliche Drohung ist denn
den Dollar in den nächsten Jahren tatsächlich gehoben wer- auch aus anderem Grund bemerkenswert. Sie zeigt, wie blank
den oder T-Mobile auf einem Schuldenberg sitzen bleibt, ist die Nerven bei der Telekom wirklich liegen – trotz des an-
offen. Genauso offen wie die Genehmigung des Deals selbst. geblich historischen Deals in den USA. Frank Dohmen

67
Wirtschaft

Kannste das mal deepln?


Start-ups Künstliche Intelligenz revolutioniert die Sprachübersetzung. Die Kölner Firma DeepL
kann das besser als GoogleTranslate. Und doch hat Übersetzer Andrew Wakeman keine Angst.

A
ndrew Wakeman sieht nicht aus
wie eine Maschine. Der gebürtige
Amerikaner, 32, der als Überset-
zer in Deutschland lebt, trägt
Bart, Ohrringe und diverse Tattoos: zwei
Blumen, die für seine beiden Töchter ste-
hen, und einen Schriftzug, der an seinen
verstorbenen Bruder erinnert; Zeichen der
Liebe und der Trauer, alles entschieden
menschlich. Guter Typ, dieser Wakeman.
Den Spitznamen »Die Maschine« hat er
von Kollegen erhalten, weil er bei der Ar-
beit äußerst systematisch vorgeht, für alles
To-do-Listen-anfertigt, weil er seine Ar-
beitstage mithilfe eines Onlinekalenders
in Halbstundeneinheiten lückenlos durch-
plant. »Das hilft mir, effizient zu sein«,
sagt er. Sein Deutsch, an der Uni in India-
napolis erlernt und mit seiner deutschen
Frau verfeinert, ist akzent- und makellos.
Aber »Die Maschine« wird vielleicht
bald von einer Maschine ersetzt. Oder
auch nicht. Man weiß es nicht.
But »The Machine« may soon be replaced
by a machine. Or not. You don’t know.
So hat das die künstlich intelligente Ma-
schine DeepL übersetzt.
Andrew Wakeman arbeitet für die Ah-
rensburger Firma Wieners+Wieners, den
Branchenführer im deutschen Sprachraum.
Er übersetzt vom Deutschen ins Englische,
und zwar alles, was Kunden eben wollen:
Gebrauchsanleitungen, Geschäftsberichte,
Scheidungsurkunden, Modekataloge, Wer-
besprüche. Wieners+Wieners hat 90 An-
gestellte, arbeitet mit 1500 freien Überset-
zern, die über 70 Fremdsprachen beherr-
schen, erledigt 40 000 Projekte im Jahr
und macht dabei 20 Millionen Euro
Umsatz in einem Markt, der global auf
43 Milliarden Dollar geschätzt wird – da-
bei aber so gut wie unsichtbar bleibt.
Denn Sprache ist kein Produkt, aber
ohne Sprache ist jedes Produkt nichts. Al-
les, womit gehandelt, worüber verhandelt
wird, braucht Sprache, braucht Beschrei-
bung, und weil die Welt zusammenwächst,
weil immer mehr Menschen miteinander
kommunizieren wollen, werden Sprachen
PATRICK RUNTE / DER SPIEGEL

immer wichtiger. »Die Grenzen meiner


Sprache bedeuten die Grenzen meiner
Welt«, hat Ludwig Wittgenstein gesagt, und
diese Grenzen werden weiter. Übersetzte
Sprache ist die Grundlage, ist das Medium
der Globalisierung und des Internets –
eigentlich eine gute Nachricht für Men-
schen wie Andrew Wakeman, oder nicht? Sprachdienstleister Wakeman: 8000 Wörter pro Tag

68
La langue traduite est la base, le médium sche Zumutung des vielsprachigen Nicht- Besonders gut waren die Resultate trotz-
de la mondialisation et de l’Internet – en verstehens auf der Welt gehörig zu lindern. dem noch nicht. Linguee arbeitete damals,
fait, c’est une bonne nouvelle pour des gens Experten schätzen, dass ein wichtiger Wen- wie alle anderen auch, mit der sogenann-
comme Andrew Wakeman, ou non? depunkt bereits überschritten ist: Schon ten statistischen Methode. Dabei zerhackt
Auch das hat DeepL übersetzt, in einem heute werden global mehr Sprachen ma- die Software die Sätze in ihre Bestandteile,
Sekundenbruchteil. DeepL, was für »Deep schinell übersetzt als von Menschen. ordnet den bilingualen Bruchstücken Paa-
Learning« steht, tiefes oder neuronales Es ist kein undenkbarer Schritt mehr rungswahrscheinlichkeiten zu und setzt
Lernen, ist eine im Netz frei verfügbare vom Onlineübersetzer zum Implantat im die Informationen in der Zielsprache neu
Übersetzungsmaschine und der Name Ohr, das alle Sprachen versteht und in zusammen. Dass dabei viel Unsinn raus-
einer kleinen, deutschen Firma mit Sitz in Echtzeit übersetzt, so wie der berühmte kommt, liegt auf der Hand. Das war die
Köln, die das Ding programmiert hat. Babelfisch aus Douglas Adams’ Science- Zeit, noch nicht lange her, als die Suche
Wenn man ein Stück Text in DeepL ein- Fiction-Roman »Per Anhalter durch die nach lustigen »Google Translate Fails«, ge-
tippt, gehen diese Daten erst mal nach Is- Galaxis«. Es gibt bereits die Google Pixel scheiterten Google-Übersetzungen, ein be-
land, wo das Rechenzentrum der Firma Buds, kabellose Ohrhörer, die genau das liebter Spaß war im Netz. Man fand sie
steht, das pro Sekunde fünf Billiarden Re- versuchen, es gibt einen seltsamen Sprach- auf ausländischen Menükarten (»Ein Ge-
chenoperationen ausführen kann. Eine Bil- stick namens »ili«, mit dem man in Japan müsehuhn bereitete sich in wok mit einer
liarde ist eine 1 mit 15 Nullen. Dann ein Bier bestellen kann, es gibt eine Live- Haselnuss vor«) oder auf Hinweisschildern
kommt der Satz in der gewünschten Spra- Dolmetscherfunktion für Skype-Konferen- bei Sehenswürdigkeiten (»Burgbesichti-
che zurück auf den Bildschirm. zen zwischen Teilnehmern, die verschie- gung nur mit Führer – Entrance only with
DeepL macht damit das Gleiche, was dene Sprachen sprechen. Funktionieren Herr Hitler«). Dann aber, vor etwa drei
GoogleTranslate oder Microsofts Bing- diese Dinge bereits perfekt? Überhaupt Jahren, kam die neuronale Übersetzung
Übersetzer schon lange machen – nur nicht. Aber sie lernen dazu. ins Spiel. Kutylowski: »Wir haben schnell
eben viel besser. Als DeepL im vorigen Die Macher der Übersetzungssoftware gesehen, dass das sehr gut funktioniert.
Jahr live geschaltet wurde, staunten Fach- DeepL sitzen nicht im Silicon Valley, son- Und dass wir die Qualität der etablierten
welt und Presse. »Kleines Start-up schlägt dern im 5. Stock eines Businessparks in Konkurrenten übertreffen können.«
Google«, »DeepL macht menschlichen Köln. Jaroslaw Kutylowski, Technischer Aber warum? Das scheint niemand
Übersetzern Konkurrenz«, so lauteten die Direktor, führt durch die Räume, es gibt wirklich erklären zu können. Die Leute
Schlagzeilen. In einem Blindtest bewerte- von DeepL selbst, die es vielleicht könn-
ten professionelle Übersetzer 100 Sätze, ten, schweigen. »Die sind ziemlich zuge-
die von DeepL und den Maschinen von »Googeln« steht ja schon knöpft«, sagt Josef van Genabith vom Ins-
Google, Microsoft und Facebook übersetzt als Verb im Duden. titut für Translationsorientierte Sprach-
worden waren. Die Sätze von DeepL, sagt technologie der Universität Saarbrücken.
die Firma, wurden dreimal so häufig am Mal sehen, ob »deepln« DeepL sei in der eng vernetzten akademi-
besten bewertet wie die der anderen. es auch schafft. schen Forschergilde der Computerlinguis-
Sprachroboter gelten seit langer Zeit als ten »bis vor Kurzem kaum bekannt gewe-
Vorhut der KI-Revolution. Jetzt sind sie da. sen«. Umso größer war in der Szene das
Die Ängste vor der Automatisierung, eine Lounge, die mit bunten Sitzsäcken Erstaunen über die Fähigkeiten des Pro-
vor der Macht der Algorithmen nehmen ein bisschen auf Google macht, es gibt gramms. Kutylowski, der den Vorwurf der
zu. Man kann das daran erkennen, dass einen Tischtennisplatte, in den Büros hän- Geheimniskrämerei öfter hört und den An-
Google, wenn man die Worte »Werden Ro- gen Whiteboard-Schreibtafeln, vollgekrit- fragen aus aller Welt erreichen, man möge
boter …« in die Suchleiste eintippt, sofort zelt mit rätselhaften Formeln. Nur 22 An- doch bitte die eigenen Erkenntnisse als Pa-
folgende Fortsetzungen vorschlägt: »… die gestellte hat DeepL, davon 10 Program- per publizieren, bittet um Verständnis:
Menschen ersetzen«, »… die Welt er- mierer. Dr. Kutylowski, 35, ein nachlässig »Zum einen ist dieses Wissen unser Markt-
obern«, »… mehr und mehr das Leben und rasierter promovierter Informatiker polni- vorsprung«, sagt er. »Zum anderen kön-
Arbeiten prägen«. Bange Fragen. Aber die- scher Herkunft, erklärt zu Kaffee und Kek- nen wir es selbst nicht restlos erklären.«
se Angst weiß noch nicht, wovor sie sich sen die Geschichte der Firma, die auch die Was er weiß, ist, dass es bereits Anwen-
ängstigt. Künstliche Intelligenz bleibt Geschichte der Maschinenübersetzung ist. der gibt, die aus DeepL ein Verb machen,
schwer fassbar, und dort, wo sie schon an- »Wir begannen vor etwa zehn Jahren. »ich hab das kurz gedeeplt«, »kannste den
zutreffen ist, etwa in Gestalt von Siri, nervt Damals gab es für Übersetzungen nur Satz mal deepln?«. »Googeln« steht ja
sie oft durch Inkompetenz. Doch wer sie Wörterbücher. Aber im Netz waren viele schon im Duden, mal sehen, ob »deepln«
kennen lernen will, diese neuen Mitbewoh- zweisprachige Texte zu finden, Überset- es auch schafft.
ner auf Erden, die neuen Mitarbeiter im zungen irgendwelcher Sätze und Begriffe, Wenn KI-Fachleute von ihren Codes
Büro, wer erahnen möchte, wozu sie fähig Millionen davon. Der Grundgedanke war: sprechen, reden sie oft wie von rätselhaf-
– und nützlich – sind, der sollte mal kurz Wenn man etwas übersetzen will, hat es ten Lebewesen, als hätten sie eine neue
DeepL ausprobieren. wahrscheinlich irgendjemand schon mal Spezies entdeckt, deren Verhalten sie im-
Pero quien quiera conocerlos, estos nuevos gemacht. Man muss es nur finden.« mer wieder erstaunt. So wurde die Szene
compañeros de piso en la tierra, los nuevos Die Firma DeepL, die bis vergangenes offenbar vor einiger Zeit davon überrascht,
empleados en la oficina, quien quiera adi- Jahr noch Linguee hieß, hat also sogenann- dass die neuronale Übersetzung auf
vinar lo que son capaces – y útiles – debería te Crawler gebaut, Programme, die das einmal sehr gute Ergebnisse für das Sprach-
probar DeepL por un momento. Internet nach übersetzten Wort- oder Satz- paar Chinesisch-Spanisch lieferte. Wie das
Der Turmbau zu Babel blieb bekannt- paaren durchkämmen. »Aber 98 Prozent Programm die Fortschritte erzielt hatte,
lich unvollendet, weil Gott schlechte Laune dieser Übersetzungen sind Mist«, sagt Ku- blieb ein Rätsel. Es kann ein wenig nervös
bekam und eine große Sprachverwirrung tylowski. Damit nur die brauchbaren übrig machen, dass eine Technologie mit so
über das Menschengeschlecht brachte, mit blieben, habe man jeweils ein paar Tau- weitreichendem Potenzial in den Händen
der wir uns bis heute herumschlagen. send Satzpaare professionellen mensch- von ein paar Mathematikern liegt, ob in
Künstliche Intelligenz, so viel darf man sa- lichen Übersetzern vorgelegt, die die Qua- Köln oder Kalifornien, die selbst nicht
gen, hat das Potenzial, die alttestamentari- lität bewerteten, die Daten korrigierten. genau wissen, was ihre Geschöpfe so trei-

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 69


Wirtschaft

ben. Im Fall von DeepL ist der Schlüssel ten in seiner Branche, verwendet Wake- Künstlich intelligente Werkzeuge ver-
zum Erfolg offenbar dieser: »Die haben man schon seit Jahren computergestützte halten sich damit ähnlich wie übermoti-
schöne, kuratierte Daten.« Josef van Ge- Übersetzungstools im Alltag. Dabei über- vierte junge Kollegen im Büro, sie liefern
nabith, der das nicht ohne Neid sagt, klingt setzt er am Bildschirm »manuell« Satz für viel und sind wahnsinnig schnell, aber sie
dabei, als würde er über einen Kaffeeher- Satz in einem Computerprogramm, das brauchen die Unterstützung von erfahre-
steller reden, der Zugang zu besonders ed- gelegentlich Vorschläge für eine Phrase nen Mitarbeitern, um das Projekt am Ende
len Bohnen hat. Aber was macht das Pro- macht oder etwas erkennt, das Wakeman in die richtige Form zu bringen. So ähnlich
gramm damit? Van Genabith spricht jetzt früher schon übersetzt hat, um es in Er- klingen derzeit viele Erfahrungsberichte
von Dingen wie »Matrix-Multiplikation«, innerung zu rufen. Diese Methode nennt aus datenintensiven Branchen, wo KI-
von »viel-linearer Algebra« und darüber, man »Machine-Assisted Human Transla- Assistenten schon zum Einsatz kommen,
dass »Worte in hoch dimensionale Vektor- tion«, maschinell unterstützte menschliche etwa bei Finanzdienstleistern, in der Juris-
räume hineingemappt werden«. Okay! Übersetzung, oder MAHT. terei, in der Medizin. Es wäre nicht
Man kommt da nur mit Metaphern wei- Der Evolutionsschritt, in dem Wakeman die schlechteste Arbeitsteilung zwischen
ter. »Daten sind das Öl der künstlich intel- sich als Arbeitskraft und vielleicht auch Mensch und Maschine.
ligenten Maschinen«, sagt van Genabith. als Mensch gerade befindet, ist der von Allerdings müssen Lektoren mehr lie-
Bei einem Vortrag hat er das neuronale MAHT zu MTPE. Letzteres steht für »Ma- fern als Übersetzer, ihr Zeilenpreis ist
maschinelle Lernen mit Prozessen im chine Translation Post-Editing«: Nachre- schlechter. Ein Übersetzer bei Wieners+
menschlichen Gehirn verglichen, »wenn digieren von maschinell übersetzten Tex- Wieners schafft etwa 2000 Wörter pro Tag,
die Muskeln im Körper angesteuert ein Post-Editor muss 6000 bis 8000
werden. Ein Kind muss beim Wald- schaffen. Es gibt zwei Theorien
spaziergang erst lernen, dass es seine zur Zukunft der Übersetzerbranche,
Füße heben muss, um nicht zu stol- eine missmutige und eine zuversicht-
pern. Bei Erwachsenen läuft diese liche, und sie gelten wohl für alle
Denkleistung im Hintergrund auto- Dienstleistungszweige, in welchen
matisch ab, da das Gehirn gelernt hat, künstliche Intelligenzen sich mit ins
wie es die Füße zu setzen hat«. Auf Büro setzen:
ähnliche Weise könnten auch neuro- 1. Die Maschine kann immer
nale Computerprogramme laufend mehr Aufgaben allein bewältigen, sie
dazulernen, auf erlernten Regeln auf- macht die Preise kaputt und drängt
bauen, ihr Wissen mehren. viele Menschen aus dem Markt.
Und DeepL kann seine Algorith- 2. Die Maschine macht den Men-
men, also sein Kind, mit besonders schen produktiver, weshalb sich
guten Daten trainieren bei diesem mehr Kunden Übersetzungen leisten
Waldspaziergang durch die Sprachen können, die Nachfrage steigt.
der Welt. Es kriegt ganze Sätze vor- Jaroslaw Kutylowski glaubt natür-
gesetzt statt einzelner Begriffe. Es lich an die zweite These, Andrew
kriegt korrekte Sätze statt unsortier- Wakeman auch. Eine zentrale Be-
tem Internetmüll. DeepL, als Kind fürchtung der Automatisierungs-
verstanden, hat schlicht die besseren debatte aber bleibt: dass die Maschi-
Lehrer als Google und die anderen. nen zwar womöglich keine Jobs zer-
Wobei auch Google und Microsoft stören – eher im Gegenteil –, dass
Fortschritte machen, und selbst Ama- sie aber auf die Gehälter drücken.
DAVID KLAMMER / DER SPIEGEL

zon bietet jetzt innerhalb seines Übersetzer werden besser bezahlt als
Cloud-Computing-Dienstes Amazon Lektoren, Ingenieure besser als Kon-
Web Services einen neuronalen trolleure, Journalisten besser als Fak-
Übersetzer an. Der Vorsprung von tenprüfer. Taxifahrer mussten mal
DeepL muss nicht lange halten. Oder ganze Stadtpläne auswendig kennen,
die Kölner werden samt ihrem Know- heute müssen sie nur noch Gas und
how einfach aufgekauft. Gibt es Bremse finden, und bald sitzen sie
schon ein Angebot von Google, Herr DeepL-Informatiker Kutylowski: Ziemlich zugeknöpft vielleicht bloß noch als Überwacher
Kutylowski? Dazu sagt der Mann, im selbstfahrenden Auto oder gleich
dass er dazu nichts sagt. Geld verdie- in der Zentrale am Monitor. Die
nen will die Firma vorerst mit der im März ten. Das Programm übersetzt zunächst al- Aufgaben werden einfacher, die Anforde-
vorgestellten kostenpflichtigen Premium- les in ein paar Sekunden, erst danach rungen an die Menschen geringer, der
version DeepL Pro, die sich Kunden auf kommt der Mensch ins Spiel, korrigiert Wert ihrer Arbeit: auch.
ihre Bedürfnisse zurechtprogrammieren Fehler, prüft den Ton, findet kulturelle The tasks become simpler, the demands
lassen können. Man habe zahlreiche An- Missverständnisse. Aus Übersetzern wer- on people lower, the value of their work:
fragen von großen Unternehmen vorlie- den Lektoren. Man könnte auch sagen: too.
gen, sagt Kutylowski. Bisher war der Computer Wakemans As- Andrew Wakeman denkt manchmal
Was bedeutet das nun für Andrew sistent, jetzt wird er zum Assistenten des darüber nach, ob er sich an literarischen
Wakeman? »Ich habe keine Angst um mei- Computers. Oder besser: zu dessen Super- Übersetzungen versuchen soll, an Roma-
nen Job«, sagt der Übersetzer. »Der Beruf visor. In gewisser Weise bleibt damit für nen, an Sprache als Kunstform, »das ist
verändert sich, ja, aber er verschwindet den Menschen der interessantere Teil der ein alter Traum von mir«. Es wäre auch
nicht.« Er betrachtet maschinelle Überset- Arbeit übrig: Raus aus den Mühen der eine Flucht. An einen Ort, an den die
zung als Hilfeleistung, nicht als Alternati- Satz- und Wortebene, hinauf auf den Hü- Maschine ihm nicht folgen kann. Noch
ve, als Werkzeug, das er in seiner Arbeit gel der Text-Übersicht. »Man wird mehr nicht. Guido Mingels
schon lange kennt und nutzt. Wie die meis- zur Kontrollinstanz«, sagt Wakeman.

70 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


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Medien

Das »Bärchen«
#MeToo Neue Vorwürfe gegen den WDR: Hat Gebhard Henke, leitender Redakteur des Senders,
seine Macht missbraucht, indem er Schauspielerinnen und Regisseurinnen sexuell belästigte?

E
in Name steht im Raum: Gebhard Po oder an den Bauch gefasst habe, wie Henke ist seit 1987 Fernsehredakteur
Henke. Fernsehfilmchef des WDR er angedeutet habe, sie zu fördern, und beim WDR. Er hat die Karriere von Regis-
und »Tatort«-Koordinator, eine dafür offenbar körperliche Zuwendungen seuren wie Sönke Wortmann und Tom Tyk-
mächtige Figur der Film- und erwartete oder wie er immer wieder aus wer entscheidend vorangebracht und Filme
Fernsehbranche, aber auch ein Mann, der seiner professionellen Rolle gefallen sei. wie »Kleine Haie« und »Lola rennt« mitfi-
eigentlich hinter den Kulissen arbeitet, ein Die Vorwürfe reichen von 1990 bis min- nanziert. Er gilt als Förderer des deutschen
Mann, dessen Name dem breiten Publi- destens 2015. Bewiesen ist nichts, das Bild Films, als kompetent und kreativ.
kum nichts sagt. Normalerweise. Am ver- aber stimmig. Als Hauptabteilungsleiter stehen über
gangenen Sonntag aber wurde bekannt, Im September 2015, so berichtet die ihm beim WDR nur noch Fernsehdirektor
der WDR habe einen hochrangigen Mit- Schauspielerin Yvonne Timm*, habe sie Jörg Schönenborn und Intendant Tom
arbeiter freigestellt, gegen ihn lägen Vor- nach einer Filmpremiere in einem Restau- Buhrow. Seit 1998 ist Henke »Tatort«-Ko-
würfe sexueller Übergriffe vor. rant neben Henke gesessen. Sie kannte ordinator für die gesamte ARD. Seine
Es war der siebte Fall beim WDR, der den Fernsehfilmchef seit Jahren. Es sei Machtfülle sucht im öffentlich-rechtlichen
in den vergangenen Wochen publik wurde. eine größere Runde gewesen: der Regis- Fernsehen ihresgleichen.
Erst Anfang April war bekannt geworden, seur, der Kameramann, der Produzent, Der WDR mit seinen 4117 Planstellen
dass ein Auslandskorrespondent des WDR alle mit am Tisch. und mehr als 15 000 freien Mitarbeitern
Mitarbeiterinnen und Praktikantinnen be- Plötzlich habe sie Henkes Hand auf ihrem ist der größte Sender der ARD mit einem
lästigt hatte. In den folgenden Wochen Oberschenkel gespürt. Sie habe laut aufge- Jahresetat von 1,6 Milliarden Euro. Ein
wurden ähnliche Beschuldigungen gegen lacht und die Hand weggeschoben. Nur ein tendenziell linksliberales Haus, das, so
andere WDR-Mitarbeiter erhoben. paar Minuten später habe Henke seine Hand heißt es in den Programmgrundsätzen,
Ein weiterer, wegen vergleichbarer Vor- wieder auf ihren Oberschenkel gelegt und »die tatsächliche Gleichstellung von Män-
würfe freigestellter Mitarbeiter, das wäre zu ihr gesagt: »Du bist ja unsere neue Haupt- nern und Frauen fördern« soll.
kein Einzelfall mehr. Das wäre ein weiterer rollenspielerin.« Tatsächlich war Timm ge- Ein hehres Ziel. Auch für Gebhard
Fall, der die größte deutsche Fernsehanstalt rade zum ersten Mal für eine Hauptrolle ge- Henke?
betrifft. Dann hieße es plötzlich: #WDR. castet worden, ein großer Karrieresprung. Glaubt man den Frauen, die sich unter-
Am vergangenen Montag beschleunig- Also habe sie sich »für das Vertrauen des einander nicht alle kennen, war Henke
ten sich die Ereignisse. Henke, das ist der Senders« bedankt – und Henke demonstra- nicht gewalttätig wie angeblich Produzent
bis dahin anonyme Mitarbeiter, ging in die tiv am Handgelenk gepackt, um seine Hand Harvey Weinstein und Regisseur Dieter
Offensive, ließ über seinen Anwalt, den Ber- zurückzuschieben. Doch Henke habe wie- Wedel, deren Fälle in den vergangenen
liner Peter Raue, eine Größe seines Fachs, der zugelangt und dabei gefragt: »Übernach- Monaten öffentlich wurden. Henke wird
seinen Namen mitteilen – und beteuerte, test du auch hier im Hotel?« Timm habe be- nicht vorgeworfen, sich mit Gewalt genom-
er habe sich nichts zuschulden kommen las- jaht und sich entschuldigt, sie müsse zur Toi- men zu haben, was er wollte. Aber er wollte
sen. 16 Regisseurinnen, Schauspielerinnen lette. Bei ihrer Rückkehr habe sie sich näher offenbar ziemlich viele Frauen und nutzte
und Agentinnen setzen sich inzwischen mit zu den anderen gesetzt und sich mit dem dabei anscheinend seine Machtposition aus.
einer Petition öffentlich für ihn ein, sie Rest der Gruppe unterhalten. Es wäre ein exzessiver Machtmissbrauch.
»schätzen ihn, seine Arbeit und seine Inte- Irgendwann im Laufe des Abends habe Eine, die davon berichten kann, ist
grität«. Was exakt aber der WDR Gebhard Henke erneut neben ihr gesessen. Wieder Charlotte Roche, 40. Die Autorin des Best-
Henke vorwirft, blieb der Öffentlichkeit bis- habe er seine Hand auf ihren Oberschen- sellers »Feuchtgebiete« habe Henke bei
lang verborgen – womöglich weiß nicht ein- kel gelegt, zum vierten Mal an diesem der Werkstattlesung zu Beginn der Ar-
mal Henke selbst, worum es ganz genau Abend, und gesagt: »Du willst doch be- beiten an der Verfilmung ihres Romans
geht. Es hatte ihm wohl niemand gesagt. stimmt Hauptrollenspielerin bleiben, »Schoßgebete« im März 2013 in Köln kurz
Der SPIEGEL hat in den vergangenen oder?« Sie ging ins Hotel, allein. kennengelernt, sagt sie. Er sei ihr vorge-
zwei Monaten mit mehr als 60 deutschen Hat Henke nur angedeutet, Timm kön- stellt worden. »Er gab mir die rechte Hand
Schauspielerinnen und Schauspielern, Re- ne das neue Gesicht des WDR werden, um und legte mir die linke gleichzeitig fest mit-
gisseurinnen und Regisseuren gesprochen, sie ins Bett zu kriegen, hatte es in Wahrheit ten auf den Po.« Darum herum hätten min-
mit Agentinnen, Casterinnen, Produzentin- aber nie vor? Hat Timm den Abend in fal- destens drei Personen gestanden. Sie habe
nen und Produzenten, mit Mitarbeiterinnen scher Erinnerung? versucht, sich wegzubewegen, doch er
und Mitarbeitern von Rundfunkanstalten, Henke bestreitet die Vorwürfe. Er habe habe sich mitbewegt, sagt sie. »Das war
mit Dozentinnen und Filmstudentinnen. nie einer Schauspielerin viermal die Hand schlimm und dauerte gefühlt ewig.«
Das Ergebnis: Sexuelle Belästigung durch auf den Oberschenkel gelegt, lässt er Bis heute, so Roche, mache sie sich Vor-
Fernsehredakteure ist im Film- und Fernseh- durchseinen Anwalt ausrichten, noch habe würfe, nichts gesagt zu haben. Aber es
geschäft Alltag – offenbar auch bei Henke, er jemals einer Schauspielerin eine Rolle ging um die Verfilmung ihres Buches, sie
entgegen seinen öffentlichen Aussagen. angeboten, verbunden mit der Frage, ob habe an dem Abend unter Druck gestan-
Sechs Frauen berichten in diesem Text, sie auch im Hotel übernachte. den: »Ich war total nervös und wollte kei-
wie sie von Henke, 62, betatscht und be- nen Aufruhr«, sagt sie. Das sei falsch ge-
grapscht worden seien, wie er sie an den * Name geändert. wesen, deshalb spreche sie jetzt. »Viel-

72 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


MARINA ROSA WEIGL / DER SPIEGEL
SVEN SIMON

MARC SCHULTZ-COULON / T&T

WDR-Mann Henke, Zeuginnen Roche, Petri: »Fest mitten auf den Po«

73
Medien

leicht hilft das ja, dass andere sich auch Zimmer. Ein paar Minuten später, Koch ger ergriffen, erst gestreichelt, dann mas-
trauen, etwas zu sagen.« schlief noch nicht, habe es an der Hotel- siert. Stetten sagt, sie habe das gar nicht
Diese Woche schilderte sie dem WDR zimmertür geklopft. Es sei Henke gewesen. einordnen können. Sie hätten ein gutes
ihre Begegnung mit Henke. Der WDR hat- Er habe hineingewollt. Verhältnis gehabt, konnte es sein, dass er
te sie am vergangenen Wochenende kon- »Wenn ich mich als ängstliche Frau zei- sich nichts dabei dachte? Irritiert habe sie
taktiert, sie gebeten, Auskunft zu geben. ge, habe ich in der Branche keine Chance«, weitergeredet, die Hand aber nicht weg-
Sie hinterlegte ihre Aussagen schriftlich, habe sie gedacht, sagt Koch. Und Angst gezogen. Als sie mit ihren Ausführungen
inklusive der Ankündigung, auch eine habe sie nicht gehabt, schon gar nicht vor fertig gewesen sei, habe Henke gefragt:
eidesstattliche Versicherung abzugeben. Henke. Also habe sie ihn reingelassen. Der Ȇbernachtest du hier, oder fliegst du nach
Henke bestreitet Roches Schilderung. habe sich ohne Umschweife auf ihr Bett Hause?« Stetten flog nach Hause.
Viele Frauen, die nicht so prominent wie gelegt, sich hin und her gerollt und dabei Mehrere Wochen später habe die zustän-
Roche sind, wollen ihren Namen nicht gesagt: »Ich bin ein kleines Bärchen, ich dige Casterin bei Stettens Agentin angeru-
publik machen. Sie fürchten eine Schlamm- möchte gekuschelt werden. Ich brauche fen: Alle seien von Stetten überzeugt gewe-
schlacht oder gar Klagen, mit denen ihnen das ganz dringend.« Sie habe cool reagiert, sen. Doch dann habe Henke entschieden:
verboten würde, ihre Geschichte zu erzäh- sagt Koch. »Gebhard, ich will nicht mit dir Nein, Stetten wolle er nicht. Er wolle doch
len, egal ob sie stimmt oder nicht. Dass schlafen.« Daraufhin sei er so gekränkt ge- lieber eine Frau mit einer anderen Haarfar-
Henke seinen Namen selbst öffentlich ge- wesen, dass er ihr fast leidgetan habe. Hen- be für die Rolle. Das soll viele Beteiligte
macht hat, lesen sie als Drohung. Und sie ke habe sich noch ein paarmal auf dem nachhaltig irritiert haben. Das nächste Mal
haben Sorge um ihre Karriere, ihren Ruf Bett hin und her gerollt, dann habe er sei sie Henke bei einer Filmpremiere begeg-
oder den ihrer Familie. kleinlaut das Zimmer verlassen. net. Die Filmcrew sei auf den roten Teppich
Auch Timm, die Frau, die viermal Hen- »Ich wäre niemals auf die Idee gekom- gebeten worden, Fototermin vor der Spon-
kes Hand auf ihrem Oberschenkel gespürt men, dass diese Episode negative Konse- sorenwand. Plötzlich habe Henke neben
haben will, möchte ihren richtigen Namen quenzen für mich haben könnte«, sagt ihr gestanden, der WDR hatte mitfinanziert.
deswegen nicht im SPIEGEL lesen. Öffent- Koch jetzt. Doch seit dieser Nacht in Marl Sie habe in die unzähligen Kameras gelä-
lich machen will sie ihre Erfahrungen aber. sei alles anders gewesen. Immer wieder chelt, als sie Henkes Stimme gehört habe:
Sie sei enttäuscht, dass sie damals nicht bes- habe sie beim WDR angefragt und um »Darf ich?« Im gleichen Moment habe sie
ser reagiert habe, sagt sie heute. Sie gerate Unterstützung für Filmförderung gebeten, seine Hand auf ihrem Po gespürt, sagt sie.
immer wieder in Konflikt mit Kollegen, die sei aber nicht mal mehr zu Henke durch- Sie habe sich kurz sammeln müssen, um
Berichte über Machtmissbrauch abtäten, gestellt worden, sagt sie. Lange habe sie im Scheinwerferlicht nicht die Fassung zu
das System sei eben so. »Wir Schauspieler gedacht, es liege an ihrem mangelnden Ta- verlieren, dann habe sie weiter lächelnd,
sind doch auch das System, wenn wir die- aber bestimmt gesagt: »Nein!« Henke habe
ses Verhalten tolerieren«, findet Timm. seine Hand wieder weggezogen.
Gebhard Henke scheint seine Macht offen- »In der Branche Henke streitet alles ab. Eine Schauspie-
bar schon seit Jahrzehnten auszunutzen. sollte man sich Gebhard lerin habe ihn mal bei einem Casting ge-
Davon kann die Regisseurin Sylvia beten, ihre Hand zu massieren, da sie Pro-
Koch* berichten. Im Sommer 1990, Henke Henke nicht bleme und Schmerzen an der Hand gehabt
ist erst seit drei Jahren Fernsehredakteur, zum Feind machen.« habe. Ob er jemals eine Schauspielerin ge-
habe sie, damals 30 Jahre alt, mit ihm in fragt habe, ob sie in der Stadt bleibe, wisse
einem Münchner Café gesessen. Koch hat- er nicht. Der insinuierte sexuelle Hinter-
te gerade ihren Uni-Abschlussfilm an die lent. Bis sie mit anderen Regisseurinnen grund der Frage sei frei erfunden. Außer-
WDR-Reihe »Avanti Debütanti« verkauft, gesprochen habe, die ähnliche Erfahrun- dem habe er noch nie eine Schauspielerin
die Henke ins Leben gerufen hatte. Nun gen mit ihm gemacht hätten. aufgrund der Haarfarbe nicht engagiert.
habe Henke ihr gegenübergesessen und Die Vorwürfe bezeichnet Henke als »al- An die Anzahl der Gruppenfotos auf
geschwärmt, sie sei das Talent, das er im- bern« und »frei erfunden«. Die »Zweier- einem roten Teppich könne er sich nicht
mer gesucht habe. Mit ihr werde er jeden situation« habe es nie gegeben. erinnern, ebenso wenig daran, einer
Film machen, wirklich jeden, habe er ihr Henke ist seitdem immer mächtiger ge- Schauspielerin an den Po gefasst zu haben.
versprochen. Dann plötzlich habe er das worden, er wurde Leiter der Abteilung – Der Dialog sei frei erfunden.
Thema gewechselt: Die Rolle, die sie in ih- und gegenüber Frauen offenbar immer Der WDR-Mann belästigte offenbar
rem Film gespielt habe, sei ja so sexy, die dreister: nicht mehr nur Avancen in Cafés auch außerhalb seiner Tätigkeit beim Sen-
Beine, diese Stiefel, dazu die Stimme. und auf Hotelzimmern. Irgendwann soll der Frauen. Seit 2001 lehrt er an der Köl-
Wow! Koch sagt, sie habe schnell über et- Henke begonnen haben, auch öffentlich ner Kunsthochschule für Medien (KHM).
was Unverfänglicheres gesprochen. zuzugreifen. Vor einer Woche landete beim SPIEGEL
Henke widerspricht dem. Einen »so Vor einigen Jahren tauchte Henke bei ei- ein anonymes Schreiben, in dem explizit
dummen Satz« habe er auch vor 30 Jahren nem Casting für eine WDR-Produktion auf. auf den »Prof. Gebhard Henke« verwiesen
nicht von sich gegeben. Das ist sehr ungewöhnlich. Zwar segnen wird und auf die Filmstudentinnen an der
Einige Monate später wurde Koch zu Fernsehredakteure jede Entscheidung ab – KHM: »Zahlreiche Schauspielerinnen, jun-
einer Tagung ins Grimme-Institut nach wer eingeladen wird, wer die Rollen am ge Produzentinnen und viele Filmstuden-
Marl eingeladen. Sie und Christoph Schlin- Ende bekommt –, aber beim Casting sind tinnen leiden seit Jahren.« Das sei kein Ge-
gensief trafen dort als junge Talente auf sie eigentlich nicht anwesend, vor allem heimnis. »Aber durch seine Position trauen
Redakteure – darunter Henke – und spra- nicht die Chefs. Die Schauspielerin Jessica sich die Frauen nicht an die Öffentlichkeit.«
chen über Qualität im Fernsehen. Abends Stetten* sprach für eine der Hauptrollen vor. Die Regisseurin Tanja Sonntag*, die an
trafen sich die Tagungsteilnehmer an der Sie kennt Henke seit vielen Jahren, hatte der KHM mehrere Jahre als künstlerisch-
Hotelbar. Henke habe immer wieder die schon davor für den WDR gearbeitet. Des- wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitete,
Nähe Kochs gesucht. Irgendwann löste halb sei sie in der Pause zu Henke gegangen, berichtet, dass Henke ihr gegenüber dort
sich die Gruppe auf, jeder ging auf sein um über ihre Ideen zu reden, sagt sie. immer wieder übergriffig geworden sei.
Doch während sie über die Rolle sprach, Kurz nachdem sie ihre Arbeit dort be-
* Name geändert. habe er kommentarlos ihren kleinen Fin- gonnen hatte, habe Henke sie zum Essen

74 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


eingeladen. Beim Abschied seien seine eine Karriere, um sie zugleich sexuell zu Wie viel die Sendeanstalten von dem
Hände auf ihrem Po gelandet. Sie habe belästigen. Andere greifen massiv in das wissen, was ihre Redakteure so treiben, ist
ihn gewarnt, er habe seine Hände darauf- Drehbuch und die Rollenbesetzung ein, unklar. Der WDR will jetzt dringend auf-
hin weggenommen. Henke bestreitet die ohne dies wirklich begründen zu müssen. klären, was Henke sich in den vergange-
Vorwürfe, fügt allerdings vorsorglich hin- Sie stellen das Budget, basta. nen 30 Jahren in seiner Position als Reprä-
zu: »Hätte es diese Szene gegeben«, so sei Die Schauspielerin Julia Thurnau, sentant der Spielfilmabteilung hat zuschul-
sie doch ein Beleg dafür, dass er »den 43, erzählt von einer ZDF-Produktion, den kommen lassen. Mitte nächster Woche
Willen der Frau respektiert« habe. bei der sie eine Frau spielen sollte, die will der Sender Henke zur Anhörung la-
Die beiden hätten sich lange gekannt, in einer Szene etwas zu lasziv fürs Büro den und ihn mit den Aussagen konfrontie-
es habe eine gewisse Vertrautheit gegeben. gekleidet ist. Im Drehbuch stand eine ren, die Betroffene hinterlegt haben. Fern-
Wangenküsschen seien erlaubt gewesen, Anspielung auf den tiefen Ausschnitt der sehdirektor Jörg Schönenborn sei »über-
mehr nicht. Aber Henke habe immer wie- Kollegin. Zur Kostümprobe erschien der rascht« von den Anschuldigungen. Er ar-
der versucht, sie auf den Mund zu küssen, zuständige Redakteur und segnete die beite seit Jahren »sehr eng und vertrau-
seine Hand auf ihren Bauch gelegt, nahe Wahl des Oberteils ab: ein T-Shirt mit ent- ensvoll« mit Gebhard Henke zusammen.
an ihrem Busen. Laut protestiert habe sie sprechendem Ausschnitt. Und er änderte Eine Entlastung von den Vorwürfen schlie-
deshalb nie. »Ich hatte immer nur kurz- über Nacht das Drehbuch, auf einmal ße er nicht aus, allerdings halte er die Schil-
fristige Verträge. Die Verlängerung war standen dort lauter Brüstewitze. »Das derungen der Frauen für »gravierend und
kompliziert und musste jedes Mal von war so peinlich«, sagt Thurnau heute. glaubwürdig«.
einer Kommission genehmigt werden.« In Sie sei froh, dass die Regie beim Schnitt Zuletzt war Henke senderintern zustän-
dieser Kommission saß Henke. Außerdem viele dieser Sprüche einfach habe wegfal- dig für die Aufklärung im Fall Wedel. Die-
sei klar gewesen: »Wenn man weiterhin in len lassen. ser Regisseur, dem zahlreiche Schauspie-
der Branche arbeiten will, sollte man sich Eine Regisseurin, heute 45 Jahre alt, er- lerinnen sexuelle Belästigung bis hin zur
Gebhard Henke nicht zum Feind machen.« zählt, wie sie 2010 von einem Arte-Re- Vergewaltigung vorwerfen, hat auch für
Es gehe um eine feine Grenze, die man
selbst in der Situation als unangenehmen
Übergriff wahrnehme, aber aus einer Mü-
cke keinen Elefanten machen wolle, sagt
die Frau heute. »Die Wahrheit ist: Man
kann auch von tausend Mücken in den
Wahnsinn getrieben werden.«
Die Schauspielerin Nina Petri, 54, sagt,
Henke begrüße sie seit Jahrzehnten grund-
sätzlich mit anzüglichen Sprüchen: »Na,
Süße?« Oder: »Boah, hast du wieder hohe
Schuhe an.« Herabwürdigend findet Petri das.
Es sei doch eine Qual, dass man mit so einem
hohen Tier nicht vernünftig reden könne.
Henke kann nicht ausschließen, eine

HERBY SACHS / WDR


Schauspielerin mit diesen Worten begrüßt
zu haben. Es sei in der Filmbranche nicht
unüblich, dass er selbst von einer Schau-
spielerin als »mein Süßer« begrüßt werde.
Allerdings scheint Henke nicht der ein- Intendant Buhrow, Fernsehdirektor Schönenborn*: »Überrascht« von den Anschuldigungen
zige derart übergriffige Redakteur im Fern-
sehgeschäft zu sein. Zu ihm haben sich
zwar bislang die meisten Frauen geäußert, dakteur bedrängt worden sei. Nach einer den WDR inszeniert. Als das »Zeit Maga-
aber auch andere nehmen sich offenbar Filmpremiere habe sie ihn zum Hotel ge- zin« im Januar über die Vorwürfe gegen
immer wieder besondere Rechte heraus. fahren, als er plötzlich an ihrem Nacken Wedel berichtet hatte, benannte der WDR
Das wurde in den vielen Hintergrund- und Oberschenkel herumfummelte. In der Henke zum internen Aufklärer. »Ausge-
gesprächen deutlich. Hotellobby habe er ihr dann unvermittelt rechnet der«, lästerten Mitarbeiter damals,
Zwar wurden bei den öffentlich-recht- an die Brust und zwischen die Beine ge- der Flurfunk über Henke sei doch eindeu-
lichen Sendern über die Jahre in allen Ab- griffen. Sie wies ihn ab. In den folgenden tig. Buhrow verkündete im Februar dann,
teilungen Stellen und Führungspositionen Wochen habe er ihr immer wieder SMS Henke habe in den Akten des WDR nichts
mit Frauen besetzt: Monika Piel war jahre- geschickt. In einer E-Mail stellte sie klar, gefunden. Er habe nur bei einer Produk-
lang Intendantin des WDR. Chefredakteu- dass sie nur an einer beruflichen Zu- tion Hinweise auf »systematische Herab-
rin des Senders ist derzeit Sonia Mikich, sammenarbeit interessiert sei und nicht an würdigung« entdeckt, dem gehe man noch
Tina Hassel leitet das Berliner Büro. Trotz- einer Beziehung. nach.
dem scheint es, als stammten die Regeln Vier Jahre später reichte sie ein Dreh- Auf Anfrage teilt der WDR mit, dass
dieser Zunft noch immer aus der Frühzeit buch bei Arte ein. Sie bekam keine Ant- die Personalabteilung die Aufarbeitung
des Fernsehens, als so mancher Mann wort. Im April 2016 sah sie den Redakteur der Wedel-Produktion überprüfen werde,
glaubte, sich gegenüber Frauen fast alles bei einer Premiere und sprach ihn wieder- wenn sich die Vorwürfe gegen Henke be-
erlauben zu können. holt auf das Drehbuch an. Er sei »sehr stätigen sollten.
Einige dieser Männer machen angeblich, nachtragend«, habe er gesagt. »Soll ich Laura Backes, Lars-Olav Beier,
wie offenbar Henke, Frauen Hoffnung auf mich noch mal bei dir melden?«, habe er Ann-Katrin Müller
sie aber direkt gefragt. Sie beendete das Mail: laura.backes@spiegel.de, lars-olav.beier@
* Mit stellvertretender Intendantin Eva-Maria Michel Gespräch. Aus der Verfilmung des Pro- spiegel.de, ann-katrin.mueller@spiegel.de
und Hörfunkdirektorin Valerie Weber. jekts mit Arte wurde nichts.

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Ausland
»Im Königreich werden Prinz Harry und Meghan Markle der Sternenstaub sein.« ‣ S. 92

ELLIOTT ERWITT / MAGNUM PHOTOS / AGENTUR FOCUS


Regierungschef Castro (M.), Journalistin Howard mit Comandante René Vallejo 1964

Kuba zu den Regierungen John F. Kennedys und seines Nachfolgers


Lyndon B. Johnson wurde schließlich von der CIA gekappt.

Geheime Mittlerin Howard führte ein erstes Interview mit Castro im April 1963 auf
Kuba, wenige Monate nach der Raketenkrise. Aus dem Treffen
entwickelte sich eine tiefe Verbindung bis zu Howards Tod. Die
 Fidel Castro suchte während des Kalten Krieges geheime Demokratin war Antikommunistin, in ihren Gesprächen kritisier-
Kontakte zur US-Regierung – und bediente sich dabei einer ame- te sie Castros »Polizeistaatsmethoden«, sie war eine glaubwür-
rikanischen Journalistin, mit der er auch eine Liebesbeziehung dige Mittlerin. Die Allianz mit den Kommunisten sei »unsicher«,
unterhielt. Das geht aus vor Kurzem freigegebenen geheimen schrieb sie an Kennedy. Falls er die Wirtschaftssanktionen
Regierungsdokumenten und Tagebuchaufzeichnungen der 1965 aufhebe, sei Castro »bereit, alles zu diskutieren: den Rückzug
verstorbenen ABC-Journalistin Lisa Howard hervor. Der Draht der Sowjet-Truppen, ein Ende des Exports der Revolution«. JGL

Pakistan verkäufe der Amerikaner an den Rivalen tischen Forderungen, etwa den Druck auf
Indien verfünffachten sich dagegen in Extremisten zu erhöhen.
Lügen und täuschen den vergangenen zehn Jahren. Der beste Trump hatte schon zu Jahresbeginn
 Pakistans Verhältnis zu den USA war Freund Pakistans ist China: Seit Jahren milliardenschwere Militärhilfe der USA an
immer schwierig, doch das Land war ange- bereits ist Peking mit Abstand der größte Pakistan eingefroren und Islamabad
wiesen auf militärische Unterstützung aus Waffenlieferant Pakistans und bietet fast beschimpft, im Krieg gegen die Taliban
Washington. Das ändert sich gerade: Die ebenso hoch entwickelte Waffensysteme »zu lügen und zu täuschen«. Allerdings
US-Waffenexporte nach Pakistan redu- an wie die Amerikaner, darunter bewaff- benötigen die USA die Unterstützung
zierten sich laut Angaben des Internatio- nete Drohnen, U-Boote und den Kampf- Pakistans beim Kampf ihrer Truppen in
nalen Friedensforschungsinstituts (Sipri) jet JF-17. Der ist zwar nicht ganz so wen- Afghanistan. Zugleich haben die Politiker
in Stockholm seit 2010 von einer Milliar- dig wie das amerikanische Kampfflugzeug in Washington immer weniger Druck-
de Dollar auf nur noch 21 Millionen F-16, dafür stellen die Chinesen im Gegen- mittel, um Islamabad zur Kooperation zu
Dollar im vergangenen Jahr. Die Waffen- satz zu den Amerikanern aber keine poli- bewegen. SUK

78 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Griechenland Chappatte

Leere Versprechen
 Bis Ende September will die Regie-
rung in Athen die Zahl der Flüchtlinge
in den überfüllten Lagern der Ägäis
mehr als halbieren. Migrationsminister
Dimitris Vitsas sagte bei einem Besuch
auf Lesbos: »Die Zahl der Asylsuchen-
den wird auf 6500 verringert, damit
sie der Aufnahmekapazität der Lager
entspricht. Ich gehe eine Wette ein,
dass uns das gelingt.« Allein im Lager
Moria auf Lesbos sind derzeit etwa
7000 Flüchtlinge untergebracht, dop-
pelt so viele wie vorgesehen. Wie also
soll das gelingen?
Um den Asylprozess zu beschleuni-
gen, sollen Hunderte Fallbearbeiter ein-
gestellt werden. Darüber hinaus ver-
sucht Griechenland zusammen mit ande-
ren Mittelmeer-Anrainerstaaten, Druck
in der EU für eine gerechtere Verteilung
der Migranten aufzubauen. Dazu laufen
gerade Verhandlungen in Brüssel.
Kritiker bezweifeln jedoch, dass die
Athener Pläne geeignet sind, die Ursa-
chen für die humanitäre Katastrophe in
den Camps zu beseitigen. Denn gemäß
dem Pakt der EU mit der Türkei von
vor zwei Jahren muss Griechenland die Kommentar
Zuwanderer auf den Inseln so lange
festhalten, bis ihre Asylanträge bearbei-
tet sind. Da aber immer mehr Flücht-
linge aus der Türkei ankommen, wer-
Rausch der Freiheit
den sie weiter in den unzureichend aus-
gelegten Hotspots dahinvegetieren. Am Warum der Protest in Armenien allein noch keine Demokratie herstellt
Donnerstag besuchte Premierminister
Alexis Tsipras Lesbos, er versprach In- Wenn die Bürger eines Landes gemein- testführer Nikol Paschinjan müsse
vestitionen, Infrastrukturprojekte und sam ihre Unmündigkeit ablegen, dann ist sofort Interimspremier werden, noch vor
finanzielle Hilfen für die Inselbewohner. das ein glücklicher Augenblick. Den jeglichen Neuwahlen, forderten die
Diese jedoch hießen ihn mit einem Rausch neuer Freiheit durchlebt gerade Demonstranten. Und weil die Mehrheit
Generalstreik und Demonstrationen die armenische Hauptstadt Eriwan. In im Parlament fehlte, machten sie Druck
willkommen. GEC der bitterarmen, von Korruption geplag- mit Straßenblockaden. Nun ist auch die-
ten Kaukasusrepublik haben Bürger auf ser Anspruch so gut wie erfüllt. Sargs-
der Straße verteidigt, was ihre gewählten jans Regierungspartei hat sich bereit
Vertreter im Parlament verraten haben: erklärt, am kommenden Dienstag im Par-
das heilige Prinzip der Demokratie näm- lament für Paschinjan zu stimmen. Wie-
lich, dass Macht nur auf Zeit verliehen der gab es Jubel auf den Straßen.
wird. Sie haben Ex-Präsident Sersch Paschinjan, der sich für ein wenig mehr
Sargsjan dafür gestraft, dass er sich an die Distanz zu Russland und eine Annähe-
Macht klammerte. rung an die EU einsetzt, schreitet damit
Weil er nach zwei Amtszeiten nicht von Triumph zu Triumph, doch die Wen-
abermals kandidieren durfte, hatte Sargs- dung hat auch etwas Problematisches.
ORESTIS PANAGIOTOU / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK

jan die Machtfülle seines Amts einfach Denn aus einem Protest, der den Geist
per Verfassungsänderung auf das Amt der Verfassung verteidigte und die Rechte
des Premiers verschieben lassen. Dann aller Bürger, ist ein Protest für einen ein-
ließ sich der Ex-Präsident selbst zum Pre- zelnen Politiker geworden. Das Land hat
mier wählen. Es war ein durchsichtiger mit Paschinjan einen neuen Politik-Star
Trick, den die Demonstranten gestoppt bekommen, der mit seiner charismati-
haben. Sargsjan musste zurücktreten. schen Person eine funktionierende Op-
So weit, so demokratisch. Aber wie position eher ersetzt als anführt. Arme-
der Appetit beim Essen kommt, so kom- nien braucht mehr Demokratie, darauf
men die Wünsche beim Demonstrieren. können sich wohl alle Bürger einigen.
Aus der Losung »Weg mit Sersch« ist die Ob es wirklich mehr Paschinjan braucht,
Losung »Weg auch noch mit seiner Par- darüber dürfen sie jedoch unterschied-
Flüchtlingslager auf Lesbos tei« und »Nikol ins Amt« geworden. Pro- licher Meinung sein. Christian Esch

79
Ausland

Das Ultimatum
Diplomatie Donald Trump will den »schlechtesten Deal aller Zeiten« aufkündigen, das Atom-
abkommen mit Iran. Das würde zur nächsten Krise im Nahen Osten führen. Bis zur letzten
Minute versuchen die Europäer daher, den US-Präsidenten umzustimmen. Können sie es schaffen?

A
m 12. Mai soll es in Washington nald Trump sich entscheiden könnte, hilft Mann, der das Abkommen als »verrückt«
eher wolkig sein, die Botschaften es, zurückzukehren zum 12. Januar dieses und »irrwitzig« bezeichnet hatte, als
der EU-Länder laden zum »Tag Jahres. »schrecklich« und »Katastrophe«.
der offenen Tür«, und Donald Zwei Stunden bevor Donald Trump an Die Aufgabe an jenem 12. Januar war
Trump wird vermutlich im Oval Office diesem Tag öffentlich androhte, den Deal klar: Die Europäer würden nun vier Mo-
sitzen. Er dürfte am Morgen wieder ein aufkündigen zu wollen, wurde eine kleine nate Zeit haben, um den »schlechtesten
paar Tweets abgefeuert haben wie »Der Gruppe europäischer Spitzendiplomaten Deal aller Zeiten« nachzubessern und
Iran-Nukleardeal ist furchtbar«. Und ir- über seine Entscheidung informiert. Trump umzustimmen.
gendwann an diesem Tag werden wo- Brian Hook aus dem US-Außenminis- Neben den USA, Russland und China
möglich sein Außenminister und sein terium meldete sich bei den Europäern sind Frankreich, Großbritannien sowie
Nationaler Sicherheitsberater den Raum und las ihnen das drei Seiten lange State- Deutschland Vertragspartner des Iran-Ab-
betreten und die entscheidende Frage ment des Präsidenten am Telefon vor. Weil kommens plus die EU. Im Wesentlichen
stellen: Mister President, unterschreiben ein Satz, der sich auf die Europäer bezog, waren es vier Spitzendiplomaten, die nun
Sie – ja oder nein? fehlerhaft war, ließ Hook ihn aus dem Text die Aufgabe hatten, den Deal zu retten: ein
Wenn Donald Trump unterschreibt, streichen. Die Runde auf der anderen Seite Brite, ein Franzose und zwei Deutsche –
dann wird die Welt aufatmen. Dann hat der des Atlantiks freute sich darüber, auch des- Helga Schmid als EU-Vertreterin sowie An-
US-Präsident die Nuklearsanktionen gegen halb, weil ihr Gegenüber damit seinen Ein- dreas Michaelis, seit Kurzem Staatssekretär
Iran ein weiteres Mal für 120 Tage ausge- fluss im Weißen Haus bewies. Sie redeten im Auswärtigen Amt, für Deutschland.
setzt. Und damit den Deal mit Iran am Le- also mit dem Richtigen. Es war aber nur Seither haben in London, Paris, Berlin
ben erhalten. Dieses 159-seitige Papier mit ein kleiner Sieg. Denn an Trumps Ultima- und Washington europäisch-amerikani-
dem komplizierten Namen »Joint Compre- tum war nichts mehr zu ändern. sche Verhandlungsgruppen getagt, es gab
hensive Plan of Action«, kurz JCPOA, und Für die Europäer war das besonders bit- fast tägliche Telefonkonferenzen. Emma-
dem schlichten Grundgedanken: Wenn Iran ter. Lange Zeit galt der Nukleardeal als ihr nuel Macron und Angela Merkel sind nach
endgültig damit aufhört, den Bau einer Meisterstück. Die Vereinbarung sollte den Washington gereist, um auf den US-Präsi-
Bombe zu ermöglichen, dann macht die Beweis liefern, dass ein Problem wie die denten Einfluss zu nehmen. Was man se-
Welt wieder Geschäfte mit dem Land. iranische Atombedrohung durch Gesprä- hen konnte, war, wie sehr Donald Trump
Wahrscheinlich ist das jedoch nicht. che und wirtschaftliche Anreize besser ge- diese Aufmerksamkeit genoss. Was man
Wahrscheinlicher ist, dass der Präsident löst werden kann als durch Militärschläge noch nicht weiß: Hat es genutzt?
nicht einfach unterschreibt, so hat er es ja und Strafen. Die Welt feierte die Einigung. Mit dem Statement im Januar hatte
vor vier Monaten angedroht. Da sagte er: Dann wurde Donald Trump gewählt. Der Trump den Europäern eine Art Hausauf-
»Entweder werden die desaströsen Mängel
des Abkommens behoben, oder die USA
steigen aus.« Die Frage lautet daher: Wird
sich Donald Trump in letzter Minute auf
einen Kompromiss einlassen – und wie
könnte dieser aussehen?
Setzt er die Sanktionen wieder ein,
wäre das Nuklearabkommen schwer be-
schädigt, womöglich würden die Iraner
das als Bruch werten – und ihrerseits aus-
steigen. Sie könnten dann erneut begin-
nen, Uran hoch anzureichern und die
Bombe zu bauen. Dann stünde die nächste
Krise im Nahen Osten bevor. Es wäre auch
AMOS BEN GERSHOM / GPO / POLARIS / LAIF

ein Sieg des nationalen Egoismus über die


Diplomatie, ein schwer zu kittender Bruch
zwischen Amerika und Europa.
Oder, wie Ex-Außenminister Sigmar
Gabriel sagt: »Wenn wir nicht aufpassen,
droht uns im Nahen Osten ein neuer Drei-
ßigjähriger Krieg.«
Um nicht weniger geht es also.
Ob diese Krise noch abzuwenden ist, ist
auch wenige Tage vor der Entscheidung
offen. Aber um nachzuvollziehen, wie Do- Iran-Gegner Netanyahu: Neue Dokumente, alte Geschichte

80
TOM BRENNER / THE NEW YORK TIMES / LAIF
Präsidenten Trump, Macron auf dem Landsitz Mount Vernon: »Die Choreografie verändert«

gabenliste gegeben. Sie sollten »neue mul- auf gemeinsame Formulierungen zu ver- Die Europäer verweisen jedoch darauf,
tilaterale Sanktionen« zusagen für den ständigen. dass Iran sich auf die »ausschließlich fried-
Fall, dass Iran Langstreckenraketen entwi- Inzwischen gibt es ein Hauptdokument liche« Nutzung der Kernenergie verpflich-
ckelt, Inspektionen seiner Anlagen verhin- sowie zwei Nebenpapiere. Das eine ent- tet habe. So steht es in der Einleitung des
dert oder Fortschritte beim Bau einer nu- hält neue Sanktionen gegen das iranische Abkommens. Sie halten die Bedenken der
klearen Waffe macht. Außerdem verlangte Raketenprogramm; das andere beschäftigt Amerikaner daher für übertrieben.
Trump »stärkere Schritte mit uns, um Irans sich mit dem gemeinsamen Vorgehen ge- Eine »breakout time« festzulegen, wie
andere bösartige Aktivitäten anzugehen« – gen den iranischen Einfluss im Jemen, in es die Amerikaner wollen, wäre ein Ein-
darunter die Förderung von Milizen im Li- Syrien, im Libanon und im Irak. griff in den bestehenden Deal – also sehr
banon, in Syrien und im Jemen. Es ist eine Gratwanderung. Die Euro- schwierig. Denn die iranische Führung hat
In vielen Runden mit dem US-Diploma- päer versuchen, das Abkommen zu erhal- die Vereinbarung kategorisch für »nicht
ten Hook haben die europäischen Unter- ten, indem sie es ergänzen. So wollen sie neu verhandelbar« erklärt.
händler versucht, auf Trumps Forderungen die Amerikaner zufriedenstellen, ohne die Problem Nummer zwei betrifft eine For-
einzugehen, ohne Teheran zu verprellen. Iraner zu verschrecken. derung der Europäer. Die USA sollen »ein
Einer von ihnen beschreibt diese Arbeit als Aber zwei wichtige Probleme sind noch klares Bekenntnis« zum Atomdeal abge-
»Marsch auf der Rasierklinge«. Erfolg sei immer nicht gelöst, und das nur eine Wo- ben. Das ist aus europäischer Sicht wichtig,
nur dann möglich, »wenn wir nicht nach che vor Ablauf von Trumps Ultimatum. um die moderaten Kräfte in Iran zu stär-
links in Richtung USA und nicht nach Problem Nummer eins ist die Forderung ken, die sich für das Abkommen eingesetzt
rechts in Richtung Iran kippen«. der Amerikaner, die »breakout time« auf haben. Denn die dortigen Hardliner mö-
Die Annäherung zwischen Europäern mindestens zwölf Monate festzuschreiben. gen den Deal genauso wenig wie Trump.
und Amerikanern war ungewöhnlich müh- Diese »Ausbruchzeit« besagt, wie lange ein »Der Druck nimmt zu«, berichtet ein
sam, auch auf der Arbeitsebene, wie aus Land braucht, um eine Atombombe bauen hoher EU-Beamter. »Es gibt in Iran Kräfte,
Gesprächen mit Beteiligten hervorgeht. zu können. Zurzeit liegt Irans Ausbruchzeit die sagen, die iranische Seite habe sich da-
Als auf der Grundlage von Trumps bei 15 Monaten. Aber weil die Iraner von ran gehalten, unsere Seite aber nicht.«
Statement die wichtigsten Themen defi- 2025 an – laut Abkommen – ihr Nuklear- Die iranische Regierung beklagt, dass
niert waren, schrieben beide Seiten ihre programm schrittweise wieder hochfahren dem Land die Früchte des Abkommens
Vorstellungen dazu erst einmal getrennt dürfen, könnte diese Zeitspanne schrump- vorenthalten werden, weil Amerika die
auf. Erst nach und nach gelang es, sich fen. Das wollen die Amerikaner verhindern. Unsicherheit schüre. Außenminister Mo-

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 81


Ausland

hammad Javad Zarif sagte vor zwei Wo- Plan.« Der Chef des Atomprogramms gebe es »starke Kräfte, die die Bombe wol-
chen: »Die Vereinigten Staaten halten un- droht, »in nur vier Tagen« könne er die len, nicht um sie einzusetzen, sondern um
sere Wirtschaftspartner davon ab, sich in Urananreicherung hochfahren. Die Zeitung den Einfluss Saudi-Arabiens und anderer
Iran zu engagieren. Das ist eine Politik, »Javan«, Sprachrohr der Revolutionswäch- in der Region zurückzudrängen«.
die aufhören muss.« ter, drängt auf »eine nukleare Umkehr«. Aber die Gegner des Abkommens sit-
Denn die Bilanz des Deals fällt für die Eigentlich zählt Rohani zu den Refor- zen nicht nur in Washington, sondern auch
Iraner gemischt aus. mern, die schlechte Wirtschaftslage setzt in der Region: Benjamin Netanyahu und
Obwohl die Sanktionen, die etwa ihn jedoch unter Druck, hatte er doch ver- Mohammed bin Salman. Der eine ist der
wegen illegaler Waffenverkäufe oder der sprochen, der atomaren Beschränkung israelische Premier, der andere der saudi-
Unterstützung von Terroristen verhängt werde eine deutliche Verbesserung folgen. sche Kronprinz – einst tief verfeindet, in
worden waren, weiterhin in Kraft blieben, »Rohani und seine Anhänger wollen die ihrer Ablehnung des Nuklearabkommens,
konnte die iranische Wirtschaft seit Januar Bombe nicht, weil sie wissen, dass es der ja überhaupt in ihrem Misstrauen gegen-
2016 etwas aufatmen. Auf internationalen endgültige Bruch mit dem Westen wäre über Iran allerdings sehr einig.
Konten eingefrorenes Geld floss zurück. und die Isolation Iran immer weiter wirt- Der Kronprinz, der starke Mann des
Der Ölexport verdoppelte sich, der fran- schaftlich schwächt«, sagt Sigmar Gabriel, Königreichs, das mit Iran um die Vorherr-
zösische Energiekonzern Total und ein chi- der bis zu seinem Ausscheiden als Außen- schaft im Nahen Osten konkurriert, reiste
nesisches Unternehmen vereinbarten ei- minister im März intensiv an den Iran-Ver- kürzlich durch die USA. In Interviews
nen Vertrag über vier Milliarden Euro zur handlungen beteiligt war. »Und sie sehen beschrieb er Iran als Reich des Bösen,
Erschließung eines riesigen Erdgasvorkom- auch die Gefahr, dass es zu einem Militär- Revolutionsführer Ali Khamenei sei
mens. Und trotzdem haben sich viele Hoff- schlag der Israelis und der Amerikaner »schlimmer als Hitler«. Ähnlich sieht das
nungen der Iraner nicht erfüllt. kommen könnte.« Auf der anderen Seite auch Netanyahu, er warnt ebenfalls schon
Ein Beispiel dafür ist der lange vor Iran und seinen
geplante Kauf von Hunder- Atomplänen; gegen das Nu-
ten Airbus- und Boeing-Flug- Iranisches Atomprogramm klearabkommen war er von
zeugen. Nach dem Ende der Anfang an. Am Montag die-
Nuklearsanktionen hatten Urananreicherung ser Woche unternahm er wie-
vor dem Abkommen:
die Konzerne iranische Groß- über 19000 Zentrifugen der einmal den Versuch, die
aufträge erhalten. Aber die Welt zu überzeugen: In ei-
nach 2015:
Ungewissheit der Firmen nem Fernsehauftritt stellte er
und Banken, inwieweit sie Fordo sich vor einen Nachbau des
noch über 1000 IR-1-
vielleicht bestehende oder Karadsch Teheran Zentrifugen in der Anlage »iranischen Atomarchivs«,
künftige Sanktionen brechen ein Regal voller Aktenordner
Arak Natans
könnten, hat dazu geführt, noch rund 5000 IR-1- und eine Vitrine mit 183 Da-
dass es mit den Lieferungen Reaktorbau in Zentrifugen in Betrieb ten-CDs. Allesamt streng ge-
nicht vorangeht. Inzwischen derzeitiger Form heime Unterlagen, die der
eingestellt Quelle: IAEA
schaut sich Iran nach russi- Isfahan Saghand Mossad in einer spektaku-
schen Flugzeugen um. Ardakan lären Aktion nach Israel ge-
Zudem ist das Land schafft haben soll.
nach wie vor wirtschaftlich IRAN Das Material sollte bewei-
schwach, das zeigt sich im Forschungsreaktor Buschehr sen, dass die Iraner mit ihrem
dramatischen Währungsver- Nuklearprogramm immer
Atomkraftwerk
fall. Am 9. April mussten die Gaschin nur eines im Sinn hatten: die
Iraner auf dem Schwarz- Atommülllager Atombombe zu bauen. »Iran
markt schon 61 000 Rial für Forschungslabor, Produktionsstätte lied«, Iran habe gelogen, sag-
einen US-Dollar zahlen, was 500 km te Netanyahu. Über die heu-
Uranmine
gut ein Drittel über dem amt- tigen Nuklearaktivitäten ge-
lichen Wechselkurs lag. Die ben die Unterlagen allerdings
Regierung sah sich genötigt, keine Auskunft. So beeindru-
den Kurs zwangsweise fest- ckend der Geheimdienst-
zulegen und jeden zu verhaf- coup im Feindesland ist, die
ten, der es wagte, davon ab- gezeigten Dokumente erzäh-
zuweichen. Viele Wechsel- len eine alte Geschichte. Und
stuben in der Hauptstadt dass Iran einst eine Atom-
stellten tagelang ihr Geschäft bombe anstrebte, davon sind
ein. Auch das erklärt die ohnehin die meisten Exper-
Schärfe der iranischen Äuße- ten überzeugt – daher ja der
rungen zum Nuklearabkom- Nukleardeal.
men derzeit. Die Frage ist nun, ob die
Monatelang hörten sich die Europäer mit ihren nüch-
Iraner Trumps Attacken auf ternen Argumenten gegen
MOHAMMAD BERNO / AP

den Deal recht gelassen an, diesen emotionalen Auftritt


sie setzten auf die weitere Zu- durchdringen können. Wem
sammenarbeit mit Europa, Trump also am Ende glauben
wenn Amerika aussteigt. wird.
Aber das ist vorbei. Präsident
Hassan Rohani sagt: »Wir ha- * Mit dem Chef des iranischen Atom-
ben für jedes Szenario einen Iranischer Präsident Rohani*: »Für jedes Szenario einen Plan« programms Ali Akbar Salehi 2015.

82
Dramatisch wäre es in jedem Fall, wenn habe der Präsident das glatt abgelehnt. Er
der US-Präsident am 12. Mai das Ende des habe deshalb »die Choreografie verän- PLAN B
Abkommens besiegelte. Denn die Exper- dert«, um Trump entgegenzukommen. SAMSTAG, 5. 5., 17.35 – 18.05 UHR | ZDF
ten sind sich einig: »Es funktioniert.« So Das bedeute: Man tue so, als schaffe man
sagt es Helga Schmid, Generalsekretärin den Deal ab, der aber im Grunde lediglich Mahlzeit! Köstliche
des Auswärtigen Dienstes der EU, die den erweitert werde, versehen mit einer ande- Kantinenküche
Deal entscheidend mitverhandelt hat. »Ich ren Hülle. Deshalb sprach Macron in Wa- Einheitsbrei, Tiefkühlkost – Haupt-
hoffe, dass auch die USA weiter zu dem shington auch von einem »new deal«. sache billig. Betriebskantinen haben
Abkommen stehen. Es beruht nicht auf Der französische Präsident hofft, dass nicht den besten Ruf. Doch zahl-
Vertrauen. Es beruht auf Fakten sowie Kon- er mit seiner Charmeoffensive Erfolg hatte; reiche Kantinen kochen ausgewoge-
trolle und Überwachung durch die IAEA.« überzeugt gab er sich jedoch nach seinem ne und leckere Gerichte.
Die Inspektoren der IAEA, der Interna- Treffen nicht. Das schlimmste Szenario
tionalen Atomenergiebehörde in Wien, be- wäre es, so Macron zum SPIEGEL, wenn
stätigen regelmäßig, dass Iran alle Aufla- Trump einfach aus dem Deal ausstiege: SPIEGEL TV MAGAZIN
gen erfüllt. Selbst das US-Außenministe- »Das heißt, wir würden die Büchse der SONNTAG, 6. 5., 22.45 – 23.30 UHR | RTL
rium fand in einem soeben veröffentlich- Pandora öffnen, es könnte Krieg geben.«
ten Report über das Iran-Abkommen Aber, ergänzt er: »Ich glaube nicht, dass Anja Lovén und die Hexenkinder
nichts an der Vertragstreue zu bemängeln. Donald Trump Krieg möchte.« Vor zwei Jahren geht ein Foto um
Deshalb sagt auch der Luxemburger Doch die Europäer bereiten sich schon die Welt: Die Dänin Anja Ringgren
Außenminister Jean Asselborn: »Herr auf das Ende des Abkommens vor. Sie Lovén gibt einem stark unter-
Trump sollte das Atomabkommen nicht überlegen etwa, wie ihre Unternehmen vor ernährten Jungen Wasser zu trinken.
zerschlagen. Immerhin ist es Europa, das den Folgen neuer US-Sanktionen zu schüt- Dies ist nur ein Ausschnitt einer
in Reichweite iranischer Raketen liegt.« zen wären. Dabei könnte die Europäische großen dramatischen Geschichte,
Und Sigmar Gabriel sagt: »Wir müssen Investitionsbank eine Rolle spielen, um Ge- denn in Nigeria werden viele Kinder
alles tun, um folgendes Worst-Case-Szena- schäfte mit Iran abzusichern. »Wir arbeiten
rio zu verhindern: Die USA kündigen den an einer Reihe von Vorschlägen, die euro-
JCPOA, niemand wird dann mehr in Iran päische Firmen schützen könnten«, sagt
investieren. Dadurch gerät die Regierung ein hochrangiger EU-Beamter.
Rohani unter Druck und wirft das Atom- Allerdings geben die europäischen
programm wieder an. Das wiederum könn- Unterhändler zu, dass diese Programme
te Israelis und Amerikaner dazu bringen, wahrscheinlich nicht viel bringen werden.
mit einem Militärschlag zu antworten.« Wichtig sind sie aus einem anderen Grund:

ANJA LOVEN
Bis vor wenigen Wochen hatten die Eu- Als symbolische Geste für die Iraner, die
ropäer zumindest noch Hoffnung, dass Do- deutlich machen soll, dass Europa weiter
nald Trump einlenken könnte. Bis dahin in ihrem Land investiert. Dass der Deal Helferin Lovén in Nigeria
war Rex Tillerson als Außenminister im auch ohne die USA nicht sofort tot ist.
Amt. »Tillerson war immer der Überzeu- Auch die iranische Regierung ist dabei, zu Hexen oder Hexern erklärt, ge-
gung, dass das Abkommen erhalten wer- Szenarien für die Zeit nach dem 12. Mai quält und ermordet. Die Reportage
den kann«, sagt Gabriel. »Die zwingende durchzuspielen. Foad Izadi, der an der Te- begleitet Lovén bei der Rettung die-
Voraussetzung war für ihn, dass auch die heraner Universität Internationale Bezie- ser Kinder und zeigt ihren Kampf ge-
Europäer Iran mit den anderen kritischen hungen lehrt und den Außenminister be- gen den unfassbaren Aberglauben.
Themen konfrontieren.« rät, hält einen »weichen Ausstieg« für am
Doch nun ist Tillerson weg, und sein wahrscheinlichsten. Das würde bedeuten:
Nachfolger Mike Pompeo gilt als Hardliner, Trump unterzeichnet zwar nicht, lässt aber SPIEGEL TV REPORTAGE
vor allem aber als absolut Trump-treu. andere Sanktionen außer Kraft, um den DIENSTAG, 8. 5., 23.10 – 0.15 UHR | SAT.1
In einem letzten Anlauf versuchten Europäern Zeit zu geben, Iran weitere Zu-
auch noch Angela Merkel und Emmanuel geständnisse abzuverlangen. In diesem Neue Heimat Bulgarien –
Macron, den US-Präsidenten für die euro- Fall, so Izadi, werde Teheran aus dem Deal Flucht vor der Altersarmut
päische Position zu gewinnen. aussteigen. Spottbillige Häuser, minimale Lebens-
Der Iran-Deal war eines der großen The- Umso mehr komme es auf die Europäer haltungskosten: Die Reportage zeigt
men beim Staatsbesuch des Franzosen in an. »Es hängt am Ende von ihnen ab, wie Deutsche, die nach Bulgarien um-
Washington Ende April. In kleiner Runde stark sie dem Druck aus den USA nach- siedeln, weil hierzulande die Rente
sagte Macron, es sei »sehr traurig«, wenn geben und was ihnen dieses Abkommen nicht reicht. Das vermeintliche
die US-Regierung ein von den Vorgängern wert ist«, sagt Izadi. Altersparadies hat aber Tücken.
ausgehandeltes Abkommen jetzt als »Ka- Irans Revolutionsführer Khamenei sag-
tastrophe« oder »Albtraum« bezeichne te vor einigen Tagen einen Satz, den man
und es aufkündigen wolle. Deshalb habe auch als Warnung verstehen kann: »Wir SPIEGEL GESCHICHTE
er versucht, durch eine persönliche Bezie- müssen in unseren Beziehungen mit der FREITAG, 11. 5., 21.05 – 21.50 UHR | SKY
hung seinen Einfluss auf Trump auszubau- Welt ganz sicher weise, klug und ent-
en. Denn bei Trump komme es nicht so schlossen sein.« Er setzte hinterher: »Die Killerkommandos der Nazis –
sehr darauf an, von welchen Beratern er Welt ist groß.« Sie bestehe »nicht bloß Teil 1: Die Massengräber
umgeben sei. Er sei »eigenwillig, bei ihm aus Amerika und einigen europäischen Als die deutsche Wehrmacht im Juni
besteht Politik aus einer ganz persönlichen Ländern«. 1941 die Sowjetunion überfällt, set-
Herangehensweise«. Julia Amalia Heyer, Susanne Koelbl, zen die sogenannten Einsatzgruppen
Schon im September, so Macron, habe Peter Müller, Dietmar Pieper, die nationalsozialistische Rassen-
er auf Trump eingewirkt, am JCPOA fest- Christoph Schult ideologie in die Tat um und ermor-
zuhalten und ihn zu ergänzen. Damals den Hunderttausende Menschen.

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 83


Ausland

Jenseits von Eden


Nahost Die palästinensische Familie Yassin-Khalout möchte am Nakba-Tag Gaza für immer
verlassen und den israelischen Zaun überwinden, der sie von ihrem Dorf Niilya trennt.
Es ist der Versuch einer Rückkehr, von der sie seit 70 Jahren träumt. Von Alexander Osang

E
s wirkt wie ein Zauberwort. Es er- nesische Hospital im Norden Gazas, wo Vater begleitet den Sohn. Der Junge sagt:
hellt Räume. Es gibt allem einen sein Vater als Pfleger arbeitet. Yahia al- »Verzeih mir, Vater.« Dann verliert er das
Sinn. Es ist das Ziel. Die Richtung. Khalout behandelt gerade einen Jungen, Bewusstsein. Sie operieren fünf Stunden,
Die Lösung. Als Yahia al-Khalout als er sieht, wie sein blutender Sohn in die ein Arzt erscheint im Warteraum und sagt:
das Wort an diesem Nachmittag ausspricht, Notaufnahme getragen wird. Abdullah hat »Es gibt wenig Hoffnung, Yahia.« Nach
scheint ein Licht im Innern dieses dunklen starke innere Blutungen. Er steht unter weiteren fünf Stunden wird Abdullah noch
Mannes anzugehen. Das Wort ist Niilya. Schock. Sie geben ihm mehrere Transfu- einmal wach, um zu sagen: »Sag Mutter,
Khalout ist 55 Jahre alt, er hat einen sionen und bringen ihn ins Shifa-Hospital, sie solle mir vergeben.« Schließlich: Am
grauen Schnauzer und schwarze Augen, das größte Krankenhaus von Gaza. Der Mittag des nächsten Tages erscheint ein
die die meiste Zeit schauen, als hätten sie
in bodenlose Abgründe geblickt. Er sitzt
mit einem Dutzend Männer im Rohbau
eines Hauses in Dschabalia, dem größten
Flüchtlingscamp des Gazastreifens. Drau-
ßen regnet es. Die Männer tragen Trai-
ningsanzüge, sie haben sich um ein Bett
versammelt wie um eine Opferstätte. Im
Bett liegt der schwer verletzte Sohn von
Yahia al-Khalout. Er heißt Abdullah und
ist 23 Jahre alt; er ist blass und in eine
flauschige, farbenfrohe Decke gehüllt. Er
wurde beim Protest am Grenzzaun zu
Israel von einer Kugel getroffen. Abdullah
ist noch zu schwach. Deswegen erzählt sein
Vater die Geschichte seines Überlebens.
Sie klingt wie eine Ballade. Ein Partisanen-
lied.
Das geht so: Am Morgen des ersten
»Marsches der Rückkehr« machen sich drei
Freunde auf den Weg an den Zaun. Die
Sonne ist gerade aufgegangen. Sie haben
eine palästinensische Fahne dabei. Alle drei
sind Anfang zwanzig. Es geht nach Hause.
Ins Heimatland, von dem sie wissen: Es ist
wunderschön. Jeden Freitag wollen die Pa-
lästinenser von nun an in einer friedlichen
Demonstration auf ihre Lage in Gaza auf-
merksam machen, wo es an allem mangelt.
An Lebensmitteln, Wasser, Arbeit, Freiheit.
Die Freitagsmärsche sollen sie immer dich-
ter an den Grenzzaun zu Israel führen, am
15. Mai dann, Nakba, dem schwarzen Tag
des palästinensischen Volkes, werden sie
den Zaun erreichen. Wie es von da aus
weitergeht, kann niemand sagen, aber die
drei Männer machen einen Anfang.
Als sie 200 Meter vom Zaun entfernt
sind, fällt der erste Schuss. Er trifft den
Fahnenträger ins Bein. Der Nächste hebt
die Fahne, läuft ein Stück und wird eben-
falls ins Bein getroffen. Nun nimmt der
dritte Mann die Fahne Palästinas und trägt
sie weiter. Das ist Abdullah al-Khalout.
Der Schuss des israelischen Snipers trifft
ihn in die Brust. Sie bringen ihn ins Indo-

84 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Operateur im Warteraum, nimmt den Va- lächeln jetzt, auch der, den die Hamas ge- Alle kennen die Größe des Landes ihrer
ter bei den Schultern und ruft: »Gott hat schickt hat, um zu kontrollieren, dass die Vorfahren, mit den Umständen der Ver-
deinen Sohn gerettet!« Weltöffentlichkeit angemessen informiert treibung aus dem Paradies sind sie nicht
So war es. Die Gebetskette in Khalouts wird. Niilya heißt das Dorf, aus dem die so vertraut. 1948, im Zuge des arabisch-
Hand klickert. Sein Sohn nickt schwach. Familie kommt. Es liegt knapp 20 Kilo- israelischen Krieges, flohen die Bewohner
»Wir kämpfen seit 70 Jahren gegen die meter entfernt, jenseits der Grenze. Ein vieler palästinensischer Dörfer nach Gaza.
Ungerechtigkeit der israelischen Okku- kleiner Ort südlich von Aschkelon, das Die Auslöser dieser Flucht – ein Krieg, in
pation«, ruft Yahia al-Khalout. »Meine Fa- sie Majdal nennen. Yahia al-Khalout war den auch die arabischen Nachbarstaaten
milie hat 60 Märtyrer hervorgebracht. 60. nie da. Keiner der Männer im Raum hat eingriffen, weil sie sich nicht mit einem
Ich habe fünf Jahre in einem israelischen Niilya je gesehen. Aber alle können es unabhängigen jüdischen Staat an ihrer Sei-
Gefängnis in der Negev gesessen für diesen beschreiben. Die Häuser, die Felder, die te anfreunden konnten, weil sie den Tei-
Kampf um die Rechte meines Volkes. Bäume. lungsplan der Uno für Palästina nicht ak-
Mein Sohn Abdullah hat diesen Kampf »Wir hatten Orangen und Trauben«, zeptierten – haben sie vergessen oder ver-
fortgesetzt. Wir sind jetzt fast da.« sagt Yahia. drängt, oder sie sind überlagert von all
Wo? »Mandeln«, sagt ein anderer Mann. dem anderen Unheil, das über das paläs-
»In unserer Heimat«, sagt Yahia al-Kha- »Melonen.« tinensische Volk kam. Die Kriege, die Blo-
lout. »In Niilya.« »Aprikosen.« ckaden, das ständige Leben in einer Über-
Das Licht in seinem Innern geht an. Er »Und Getreide«, sagt Yahia. »Wir haben gangsgesellschaft, in Flüchtlingscamps,
lächelt, auch die schwarzen Augen lächeln. es in Majdal auf den Markt gebracht und deren Zelte zu Hütten wurden und schließ-
Das Wort hat aus einem wütenden einen verkauft. Mein Großvater hatte 150 Du- lich zu Häusern. Geblieben ist nur das
glücklichen Mann gemacht. Alle Männer num Land.« Das wären 15 Hektar. Gefühl einer großen Ungerechtigkeit, die
ihren Anfang vor 70 Jahren nahm, am
Nakba-Tag.
»Niilya: ethnisch gesäubert vor 25 280
Tagen«, steht auf der palästinensischen
Website, die die Vertreibung in Zahlen
fasst.
»Arabischer Landbesitz im Jahr 1948:
4929 Dunums«, steht da. »Jüdischer Land-
besitz im Jahr 1948: 0 Dunums.«
Im November 1948 wurde Niilya ge-
räumt. 297 Häuser hatte das Dorf damals,
sie wurden alle zerstört bis auf eines. Aber
die Familien von Niilya sind noch da. Sie
sind gewachsen. Aus den 1520 Palästi-
nensern, die 1948 Niilya verließen, sind
heute, so schätzt man, etwa 60 000 ge-
worden. Sie leben auf der ganzen Welt,
in Amerika, Deutschland und Saudi-Ara-
bien, aber die meisten leben in Gaza. Al-
lein Yahias Familie ist heute tausendköp-
fig, verwunden mit einer anderen Familie
aus Niilya, den Yassins. Ein riesiger Clan,
die Verwandtschaftsverhältnisse sind mit-
unter schwer zu entwirren. Es gibt 10-Jäh-
rige, die die Onkel von 40-Jährigen sind,
und Geschwister, deren Geburtsjahre
30 Jahre auseinanderliegen. Aber alle
kommen am Ende aus diesem Traumdorf.
Aus Niilya.
Es hält die Menschen mit all den ver-
schiedenen Namen und Gesichtern zusam-
men. Es ist wie ein Weg, der durch die Rie-
senfamilie führt.
Wenn es eine Art zentralen Platz auf die-
sem Weg gibt, eine Kreuzung, dann ist das
vielleicht Sad Aladin Yassin, ein entfernter
Schwager von Yahia al-Khalout. Yassin ist
68 Jahre alt, in Gaza geboren, in einem
JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL

Zelt; ein Jahr, nachdem seine Familie Niilya


verlassen hatte. Sein Vater war Bauer und
besaß ebenfalls 150 Dunum Land, sagt Sad
Aladin gleich zu Anfang. Dann kommen

Palästinenser im Gaza-Protestcamp
Es mangelt an Wasser, Arbeit und Freiheit

85
JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL
Pfleger Khalout, Verwandte: »Meine Familie hat 60 Märtyrer hervorgebracht«

die Orangenbäume, der Schatten, der Frie- »Sie können uns gern besuchen. Von Zeit so verschoben worden, und es gibt speziel-
den. Und das Lächeln. zu Zeit«, sagt er. »Wir wollen keinen Krieg. le Klassen, in denen die verletzten Schüler
Sad Aladin wuchs mit drei Brüdern und Sie müssen es der Welt sagen, auch den den Unterrichtsstoff nachholen können.
zwei Schwestern auf. Inzwischen hat er 60 deutschen Lesern. Die zionistischen Medien Bislang sind unter den Verletzten der Frei-
Enkel, einen langen Bart, einen Stock und kontrollieren die Weltmedien. Sie sprechen tagsmärsche 490 Minderjährige. Mahdi
ein Samsung Galaxy, mit dem er sich mehr in verschiedenen Zungen. Sie sind die wah- und Yahia sind jetzt seit vier Wochen zu
beschäftigt als mit seiner Gebetskette. ren Aggressoren. Zwei meiner Neffen sind Hause. Die Verletzung von Mahdi verheilt
Ständig will jemand was von ihm. Sad Ala- während der friedlichen Demonstrationen ganz gut. Yahias Wunde ist immer noch
din ist Imam der Moschee von Dschabalia, angeschossen worden. Kinder noch.« entzündet. Er braucht zusätzliche Opera-
wo auf 1,4 Quadratkilometern 120 000 Ein antisemitischer Anfall, wie ein Reiz- tionen, weil das Gelenk beeinträchtigt ist.
Menschen leben. Sie ist eine der größten husten, dann lächelt der Imam wieder. Am Sein Orthopäde sagt, er werde nie wieder
Moscheen von Gaza. Auf dem Bildschirm- Nachmittag, nach dem Gebet, lädt er in richtig laufen können. Dreimal in der Wo-
schoner seines Handys sieht man ein Selfie sein Haus ein, um die Familie vorzustellen, che kommen zwei Pfleger von Doctors
des Imams, über dem steht: Jerusalem ist die Kinder von Niilya. Worldwide, einer türkischen Hilfsorgani-
die Hauptstadt Palästinas. Die beiden verletzten Jungen sitzen zwi- sation, die seit drei Jahren in Gaza arbeitet,
An einem Vormittag zwischen zwei schen den Männern. Sie tragen ihre banda- und wechseln die Verbände der Jungs.
Märschen sitzt Sad Aladin Yassin in einem gierten Beine wie Pokale. Stolz, Schmerz- Yahia verzieht keine Miene, als der Pfle-
der Zeltlager, die an der Grenze aufgebaut tabletten, Aufmerksamkeit. Yahia Khalil ger ihn behandelt. Er möchte unbedingt
worden sind, und erzählt vom nahen 15. Yassin ist 11 Jahre alt und der Onkel von seine Verletzung zeigen. Der Fuß ist ge-
Mai, dem Schicksalstag. Der Zaun ist von Mahdi Yassin, der 16 ist. Der kleine Onkel schwollen. Am Spann ein kleines Loch, an
hier etwa 500 Meter entfernt. Sie werden wurde während des ersten Freitagsmar- der Ferse ein größeres, mit einer wilden
ihn überwinden, sagt der Imam. Es gibt sches angeschossen. Sein Neffe am Sams- Naht geflickt. Er strahlt.
Prognosen, dass sich am Nakba-Tag Hun- tag danach. Beide waren weit weg vom »Das ist das, was die Okkupation mit
derttausende Palästinenser auf die Sand- Grenzzaun, sagen sie. Bei Kindern schie- uns macht«, sagt er.
wälle zubewegen werden, auf denen die ßen die Israelis auf die Füße, sagt Mahdi, Bevor die Pfleger gehen, unterschreibt der
israelischen Scharfschützen liegen. In den bei Größeren auf die Knie, um sie für im- elfjährige Junge routiniert ihre Formulare.
Plänen der Organisatoren halten sich alle mer unbeweglich zu machen. Er würde Wie stark sind die Schmerzen?
an den Händen. am Freitag wieder zurückgehen, mit den »So lala«, sagt Yahia und lacht.
Und dann? Gehen sie dann gleich weiter Krücken, aber die Familie erlaubt es nicht. »Er lacht sogar, wenn er weint«, sagt sei-
nach Niilya? Sein Vater schüttelt den Kopf. Der ne Mutter.
»Es ist unser Land«, sagt der Imam. Imam lächelt. Die beiden Jungen verpas- Inzwischen sitzen etwa 20 Familienmit-
»Wir werden zurückgehen. Bald.« sen die Schule und die Prüfungen. Die Ab- glieder im Wohnzimmer; Onkel, Tanten,
Und was passiert mit den Leuten, die schlussarbeiten in diesem Sommer sind in Brüder, Schwestern. Es gibt Tee, Kaffee
jetzt dort leben? Gaza wegen des Nakba-Jubiläums sowie- und Waffeln. Zwischen den verletzten Jun-

86 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Ausland

gen sitzt der Imam. Yahia, der kleine Onkel, dass er von Hitler beeindruckt sei. »Ein »Richtig«, sagt die Schwägerin aus Bre-
beschreibt die Heimat: kühl, ruhig, ein al- großer Mann. Nicht wegen seines Verhält- men. »Wir hatten früher Schafe hier, als
tes Haus, umgeben von Orangenbäumen. nisses zu den Juden, jedenfalls nicht in ers- das Haus noch kein Dach hatte.«
Es ist etwas, worauf er sich freuen kann. ter Linie«, sagt Halawi. Ihn habe begeis- Und den Schlüssel?
Eine Art Zukunft. Yahia ist gut in der Schu- tert, mit welcher Energie und Entschlos- »Schafe fressen alles«, sagt der Bruder
le, sagen sie, aber was bringt es? Seine äl- senheit Hitler sein Volk aus der Depression des Imams. Niemand lächelt. Die Schafe ha-
teren Cousins, Neffen und Brüder haben geführt habe. Krem Halawi saß von 1986 ben die Dokumente gefressen. So war es.
alle keine Arbeit. Manche haben studiert – bis 1991 in einem israelischen Gefängnis, »Schlüssel oder nicht«, sagt der Imam.
die meisten erstaunlicherweise irgendwas wegen seiner politischen Arbeit für die »Es ist unser Land. Das Land bleibt. Das
mit Medien –, sitzen aber nun den ganzen Fatah, sagt er. Sie hätten ihn gefoltert, sagt wollen wir zurück. Und eine Entschädi-
Tag zu Hause rum und warten, dass etwas er. Er redet so entspannt davon, als hätte gung. Der Koran sagt, dass die Okkupation
passiert. Die Arbeitslosigkeit der jungen es sich um eine Ausbildung gehandelt. Spä- eines Tages vorbei sein wird. Und die Ju-
Erwachsenen von Gaza liegt bei 70 Pro- ter hat er für die palästinensische Verwal- den wissen das. Sie wissen, dass sie uns be-
zent. Niemand von ihnen ist je gereist. Sie tung gearbeitet, bis 2006 die Hamas über- zahlen werden. Sie fürchten es. Deswegen
sitzen in einem Käfig, auf drei Seiten Zäu- nahm. Seitdem hat er keine Arbeit. Er versucht die zionistische Weltbewegung,
ne und auf einer das Meer, in dem man trägt einen Anzug und ein gebügeltes die islamistische Bewegung zu zerstören.«
nicht baden darf, weil es verseucht Gibt es denn gar nichts, was die
ist von den ungefilterten Abwäs- Familie damals aus Niilya mitge-
sern, die aus Gaza abfließen. Die bracht hat?
größte Hoffnung ist, dass es so Ghada Khalout sagt, dass sie
schön wird wie früher. noch ein Kleid hat, das ihrer Groß-
Der Einzige im Raum, der noch mutter gehörte. Es ist schwarz und
in Niilya geboren wurde, ist Mo- mit traditionellen Motiven bestickt.
hammed Ibrahim Yassin, älterer Sie kann es aber leider nicht zeigen.
Bruder des Imams. Er ist 71 Jahre Sie hat es in Bremen gelassen, bei
alt und war ein Jahr alt, als sie gin- einer Verwandten. Das letzte Stück
gen. Er hat natürlich keine Erinne- Niilya hängt in einem Bremer Klei-
rungen an die Flucht, war aber spä- derschrank. Zurückgelassen auf
ter, in den Sechzigern, noch einmal dieser ewigen Flucht. Sie sind wirk-
mit seinem Vater da. Er war so lich schon sehr lange unterwegs.
glücklich, auf der Heimaterde zu Ghada Khalout fällt ihre Groß-
stehen, sagt er. Er fand es noch tante Halima ein, die noch etwas ha-
schöner als die Geschichten, die er ben könnte. Sie war ja schon eine
von seinen Eltern gehört hatte. erwachsene Frau, als sie flohen. Sie
Es ist ganz still im Raum. ist das Ende des Weges durch die
»Ich will nur 100 Quadratmeter, Großfamilie Yassin-Khalout. Oder
um mir ein Haus darauf zu bauen. der Anfang. Das Orakel von Niilya.
Und einen kleinen Garten«, sagt Halima Hussein al-Kahlout ist
JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL

Mohammed Ibrahim Yassin. 95 Jahre alt. Sie liegt unter einer


Es ist der konkreteste Plan für dieser bunten, flauschigen Decken
eine Zukunft jenseits des Zaunes, in einem kleinen, abgedunkelten
den man in der Familie zu hören Raum. Sie ist klein und dünn, ihr
bekommt. Es scheint oft, als wür- Körper zeichnet sich unter der
den sie sich nicht vorstellen kön- Decke kaum ab, ihre Augen sind
nen, was wirklich passiert, wenn trübe, aber ihr Geist ist wach. Sie
der Zaun fällt. war 24 Jahre alt, als sie Niilya ver-
»Das Essen in Niilya war so viel Sohn Abdullah im Krankenbett: »Verzeih mir, Vater« ließen.
besser als hier«, sagt Yahias Mutter. Sie hat 1948 keinen Juden zu
»Wir hatten Feigenbäume.« Gesicht bekommen, sagt sie. Kei-
»Trauben.« Hemd. Jeden Tag. Er hält sich bereit. Er nen Soldaten. Sie sind vor den Gerüchten
»Zitronen.« hat jetzt eine Frau, die Deutsch spricht und geflohen, vor den Geschichten, die sie aus
Yahias Augen leuchten. diese Niilya-Geschichte mitbringt. Palästi- dem Norden hörten, von vorbeiziehenden
»Keine Sorge, du wirst es bald sehen, nensische Traditionen sind verwickelt. Er Palästinensern, die aus Jaffa kamen. Viel-
Yahia«, sagt seine Schwester Ghada Kha- hat in diesen Traum eingeheiratet. Es leicht gab es auch Schüsse aus Majdal, sagt
lout. Sie ist mindestens 30 Jahre älter als macht nichts, dass er Niilya nie gesehen sie. Das kann schon sein. Aschkelon, das
ihr Bruder. Sie hat 13 Jahre lang in Deutsch- hat, das haben die anderen ja auch nicht. sie Majdal nennen, war ja so nah. Sie ha-
land gelebt, in Bremen, Graubündener Inzwischen sind etwa 30 Leute im Raum. ben das Markttreiben aus ihrem Garten
Straße, sagt sie. Ihr Mann war Ingenieur Außer ihm nur Khalouts und Yassins. Es gehört. Sicher ist sie nicht. Sie erinnert
dort, ein Bruder von Yahia Khalout. Auch gibt warmes Brot, Oliven, Gewürze und sich nur an ein Gefühl der Gefahr. Des-
er starb an Krebs. Da ist sie zurückgekom- süßen Saft. wegen haben sie sich auf den Weg ge-
men nach Gaza, 2013. Man kann sich nicht Der Imam sagt: »Wir haben Dokumen- macht nach Süden, Richtung Gaza. Oli-
so frei bewegen wie in Europa, aber die te und auch den Schlüssel zu unserem ven, Früchte und Brot als Wegzehrung.
Familie ist hier. Und die Erinnerungen an Haus in Niilya.« Alles zu Fuß. Sie und ihre drei Kinder.
die goldene Zeit sind hier wacher. Kann er das zeigen? Zwei Jungen und ein Mädchen. Der ältes-
Ghada hat jetzt einen neuen Mann. »Ich weiß nicht genau, wo sie sind.« te Sohn war sechs Jahre alt. Unterwegs
Kreem Halawi. Der sitzt auch hier. Weil Sein Bruder Mohammed sagt: »Das ha- haben sie ihren Mann getroffen, der mit
wir gerade über Bremen reden, sagt er, ben doch die Schafe gefressen.« dem Eselfuhrwerk in Gaza gewesen war,

87
Ausland

Aus 500 Meter Entfernung kriecht ein


Neubaugebiet heran. Fünf- und zehn-
stöckige Häuser, Dutzende Kräne. Dahin-
ter sieht man die Skyline von Aschkelon,
der Stadt, in der Halimas Kinder zur Schu-
le gingen und wo sie ihr Obst verkaufte.
Die erste Schule von Niilya bauten sie
1948, aber sie wurde nie eingeweiht. Sie
wurde gleich abgerissen, zusammen mit
den anderen Häusern. Auch die Moschee
und die Begräbnisstätte sind weg. Es gibt
einen neuen Friedhof, auf dem vor allem
russische Juden begraben sind.

JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL


Zwei Beduinen treiben ihre Herde aus
Schafen und Ziegen über die Steppe. Sie
kommen aus Arad, das 75 Kilometer wei-
ter südöstlich liegt, in der Wüste am Toten
Meer. Da gebe es gar kein Gras für ihre
Tiere, nur Sand. Deswegen seien sie hier,
sagen sie. Weil die Tiere zu fressen hätten.
»Palästinenser?«, fragt einer der beiden
Ruinen im Dorf Niilya: Die Einwohner sind geflohen, die Häuser zerstört, die Wege verwischt Schäfer. »Gibt’s hier nicht. Hier gibt’s nur
Juden.«
Man kann Jogger oder Hundebesitzer
um dort Getreide zu verkaufen. Er hat sie Jahre lang mehr oder weniger friedlich zu- nach der Geschichte dieser unwirtlichen
dann mitgenommen. Es war Herbst. sammengelebt.« Landschaft fragen, aber sobald das Wort
Sie schweigt. Ein leichter Luftzug weht Saleh war die rechte Hand des Hamas- Palästinenserdorf fällt, werden sie wort-
durch den Raum. Vielleicht ist sie einge- Führers, er leitet heute das »Haus der Weis- karg, laufen weiter. Es ist wie verwunsche-
schlafen. Doch dann redet sie weiter. Ein heit«, einen Thinktank, wie er sagt. Er re- nes Indianerland. Als spukte es dort.
Bewusstseinsstrom aus der Vergangenheit. sidiert im 13. Stockwerk eines Hochhauses, Vor etwa vier Wochen haben die Archäo-
Erinnerungen an das Leben in Niilya, un- das direkt am Strand von Gaza steht. An logen der Israelischen Altertumsbehörde
getrübt von den Erwartungen ihrer Enkel. den Wänden Porträts von Gandhi, Mande- hier ein Lager aufgeschlagen. Sie graben
»Ich war zwölf Jahre alt, als ich geheira- la, Martin Luther King und Angela Merkel, jetzt im Boden Niilyas, und vielleicht finden
tet habe«, sagt sie. »Die Hände waren mit in den Regalen Mitbringsel von seinen Rei- sie Beweise, dass sie zuerst hier waren. Es
Henna gefärbt.« sen um die Welt. Saleh trägt eine Uniform, ist wie überall im Land. Wo es keine richti-
»Es gab viel Land, wir haben Getreide die aussieht, als habe sich der Schneider gen Argumente gibt, suchen sie nach den
und Früchte angebaut. Das haben wir in von Kim Il Sung, Bertolt Brecht und Daniel Scherben, die ihre Geschichte bestätigen.
Majdal auf dem Markt verkauft. Bei uns Libeskind inspirieren lassen. Er sitzt auf ei- Was suchen sie dort in Niilya?
gab es keinen Markt. Wir haben Körbe und nem thronartigen Sessel im Himmel wie Die Ausgrabungsbehörde antwortet
Krüge auf dem Kopf getragen. Die Briten der Gott von Gaza. Aber der Fahrstuhl in nicht. Ihr Zaun ist mit Warnschildern be-
haben uns verboten, Messer zu besitzen, seinem Himmelreich fährt nur alle halbe hängt, es gibt Bewegungsmelder und eine
aber einer meiner Brüder hatte eine Waffe Stunde, weil der Strom knapp ist. Drohne am Himmel. Es wirkt alles ziem-
versteckt. Eines Tages kamen die Briten Draußen im Salon wartet ein schwedi- lich bizarr in dieser Einöde. Die Kräne am
und stellten das ganze Haus auf den Kopf, scher Professor, ein Freund des palästinen- Horizont, der Müllgeruch, die Dornbüsche,
sie fanden aber nichts. Die Briten waren sischen Volkes. Saleh erzählt davon, wie Eidechsen, die sich auf alten Steinen son-
dumm, aber gerissen. Wir haben Teile des ihn das Zusammenleben der Menschen in nen, und Jungs, die auf Crossmotorrädern
Landes bei einem Orangengeschäft mit ei- der Schweiz beeindruckt. Die Schweiz über staubige Wege heizen. Und doch mi-
nem Briten verloren. Er hat uns Reichtum wäre ein Vorbild für Palästina, sagt er. schen sich hier Vergangenheit, Gegenwart
versprochen, aber dann verfaulte eine gro- Die Schweiz. Mit anderen Worten: Gott und Zukunft. Die Auftraggeber der Archä-
ße Orangenladung auf seinem Schiff, weil weiß auch nicht weiter. ologen wissen, dass kein neues Haus auf
es in einen Sturm geraten war. Ich bin mir Sein Zimmer ist vollgestopft mit Ma- diesem umkämpften Grund Tatsachen
sicher, er wusste es vorher.« trjoschkas, indischen Elefanten und Gandhi- schafft, auch nicht, wenn es 20 Stockwerke
Erinnert sie sich noch an ihr Haus? Porträts, aber sein Denken endet am Zaun hoch ist. Nicht die Besitzurkunde oder der
»Es war einfach. Alle schliefen auf der zu Israel. Sie haben keine Vorstellung vom alte Wohnungsschlüssel von Sad Aladin
Erde. Der Boden war aus Lehm, die Wän- Paradies. Sie stehen immer kurz davor. Yassin sind entscheidend, es geht um die
de waren aus Lehm. Es gab keine Fenster.« Niilya wurde am 4. November 1948 ent- bessere, die ältere Geschichte.
Ihre Nichten, Enkel und Töchter sitzen völkert. Es hat keinen Platz auf israelischen Die Einwohner sind geflohen, die Häu-
am Bettrand, der Blick gesenkt. Landkarten. Es gibt kein Ortsschild, es gibt ser zerstört, die Wege verwischt, die Bäu-
Erzähl von den Bäumen, Mutter. Den kein Haus, das man suchen könnte. Es gibt me verdorrt, die Karten gelöscht. Aber der
blühenden Gärten von Niilya. Bitte. die Koordinaten. Man findet sie auf Wiki- Name, er ist nicht totzukriegen. Niilya.
Auch die Organisatoren der Märsche pedia. Sie lauten: 31°38'46" N, 34°34'18" E.
enden in ihren Zukunftsvisionen oft in der Sie haben Ihr Ziel erreicht, sagt das Na-
Vergangenheit. Fragt man Dr. Yousef Sa- vigationsgerät an einer verstaubten Kreu- Video
Spurensuche
leh, der so was ist wie ein Chefideologe zung. Links und rechts struppige Hügel, im Sehnsuchtsdorf
der Hamas, wie er sich ein Zusammenle- in denen wilde Aprikosenbäume, stachlige spiegel.de/sp192018gaza
ben mit den Juden vorstellt, sagt er: »Es Sträucher wachsen und Müllberge. Hier oder in der App DER SPIEGEL
ist Platz für alle da. Wir haben ja 3000 und da findet man Reste alter Fundamente.

88 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Flexibel bleiben:>ğťğō^ĴğĚğō
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Der SPIEGEL jede Woche


frei Haus:
Ja, ich möchte den SPIEGEL lesen!
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Rosenzweig & Schwarz, Hamburg

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Ausland

Die Stormy-
schen, die derzeit im Weißen Haus lodern. Entscheidend ist lediglich, dass es ein-
Seit Mittwoch sieht es so aus, als sei Giu- gesetzt wurde, um den Wahlkampf zu
liani eher der Brandbeschleuniger. Trumps Gunsten zu beeinflussen.

Saga
In dem ersten Interview mit dem Sen- Am Donnerstag betonte Trump in of-
der gab der Jurist überraschend zu, dass fenbar von Juristen vorformulierten Twit-
sein Klient Donald Trump die Schweige- ter-Nachrichten, er habe dem Anwalt die
geldzahlungen übernommen hatte, die Summe als Privatmann erstattet. »Geld
USA Präsident Donald kurz vor der Präsidentschaftswahl an von der Wahlkampagne oder Spenden
Trump gerät wegen der Stormy Daniels geflossen waren. Trumps spielten keine Rolle in dieser Transaktion«,
Affäre um eine Anwalt Michael Cohen hatte der Frau da- schrieb Trump. Das zeigt, wie sehr der Prä-
mals 130 000 Dollar überwiesen, um si- sident unter Druck geraten ist.
Pornodarstellerin juristisch cherzustellen, dass sie nicht über die Affä- Die verhängnisvolle Affäre begann im
massiv unter Druck. re redet. »Cohen ließ die Sache verschwin- Sommer 2006, als sich Trump und Clifford
den. Er hat seinen Job gemacht«, sagte bei einem Wohltätigkeitsgolfturnier in Ne-
Giuliani in der Sendung »Fox & Friends«. vada kennengelernt hatten. Clifford sagt,

P enthouse« ist eines dieser klebrigen


Herrenmagazine, die man längst auf
dem Altpapierstapel der Geschichte
vermutet hätte. Viel Haut auf Hochglanz-
Das war deshalb eine verrückte Wen-
dung, weil Trump und seine Berater mo-
natelang das Gegenteil postuliert hatten.
Noch vor vier Wochen behauptete Trump,
sie habe nach dem Turnier Sex mit Trump
gehabt, ein einziges Mal, eine ziemlich un-
spektakuläre Angelegenheit. Erst im Okt-
ober 2016 ging Michael Cohen mit einer
papier, wenig Text, die nackten Frauen hei- von der Zahlung nichts zu wissen. Auf die Verschwiegenheitserklärung und einem
ßen »Pets«, Haustiere, als wäre die Zeit in Frage einer Journalistin, ob er sagen kön- Scheck auf Clifford zu.
den Achtzigerjahren stehen geblieben. ne, warum Cohen die Überweisung über- Für Rudolph Giuliani ist die Clifford-
Und doch druckt das Magazin für die haupt angeschoben hatte, antwortete er: Affäre die erste große Probe in einer täg-
nächste Ausgabe, die kommenden Diens- »Na, da müssen Sie Michael Cohen fragen, lich eskalierenden, immer chaotischer wer-
tag erscheint, wegen der hohen Nachfrage er ist mein Anwalt.« denden Präsidentschaft. Innerhalb weni-
bereits hektisch eine zweite Auflage. Hätte Cohen die 130 000 Dollar tatsäch- ger Tage wurde er zu Trumps innigstem
Auf dem Cover wird eine Frau sein, die lich auf eigene Faust während des Wahl- Verteidiger im Fernsehen, zu seinem Spre-
die USA seit Monaten in Atem hält: die kampfs an Stephanie Clifford ausgezahlt cher und Leibjuristen. Die Erwartungen
Pornodarstellerin Stephanie Clifford, Künst- und dies nicht als Spende deklariert, könn- an den früheren New Yorker Staatsanwalt
lername Stormy Daniels. Clifford ist wie te das als illegale Wahlkampfhilfe gewertet sind riesig. Trump hat ihn als Wunderwaf-
»Penthouse«: Sie verschwindet einfach werden. Ohnehin liegt die Summe über fe zu sich geholt, nachdem in den vergan-
nicht. Ausgerechnet diese Frau ist für der Obergrenze für Spenden von Privat- genen Monaten einige seiner Anwälte ent-
Trump inzwischen so gefährlich geworden personen. Mehrere Rechtsinitiativen ha- nervt gekündigt hatten.
wie Sonderermittler Robert Mueller. ben Beschwerden gegen den Präsidenten Giulianis Auftritte zeigen, wie verzwei-
Das neueste Kapitel in der Stormy-Saga laufen. Mit der Aussage, Trump habe den felt Trump geworden ist, wie gleichgültig
begann am Mittwochabend, als Rudolph Anwalt privat entschädigt, hoffte Giuliani es ihm ist, als Lügner enttarnt zu werden.
Giuliani dem Sender Fox News eines von vermutlich, dass die Untersuchungen ein- Giuliani ist der Gegenentwurf zu einem
mehreren Interviews gab. Giuliani war bis gestellt würden und die Sache aus der vorsichtig abwägenden Juristen, er hat die
2001 Bürgermeister von New York, seit Öffentlichkeit verschwinde. Die meisten Rolle von Trumps Kampfhund angenom-
Kurzem vertritt er Donald Trump als An- Rechtsexperten glauben allerdings, dass men. Seit Beginn der Präsidentschaft ist
walt unter anderem in den Russland- Giuliani Trumps Probleme verschlimmert Trump der Ansicht, ihm fehle ein bissiger
Untersuchungen. Im Grunde besteht seine hat – weil es rechtlich gesehen keine Rolle Jurist, der ihn vor den Russland-Ermitt-
Aufgabe darin, die vielen Brände zu lö- spielt, aus welcher Kasse das Geld kam. lungen in Schutz nimmt. Der frühere Bür-
germeister soll diese Lücke nun füllen,
aber womöglich war das ein Eigentor.
Die Stormy-Daniels-Affäre zeigt, mit
welchen zweifelhaften Charakteren sich
der Präsident umgeben hat. Im April lie-
ßen Staatsanwälte aus New York das Büro
und die Privaträume von Trumps Anwalt
Michael Cohen durchsuchen. Vermutlich
wollten die Ermittler Informationen über
Cohens Zahlungen an Stormy Daniels
erhalten und über seine Beziehung zu
Donald Trump, für den er als eine Art Aus-
putzer jahrelang alles Mögliche erledigt
hat. Es heißt, die Staatsanwälte arbeiteten
daran, Cohen zu einer Aussage gegen
Trump zu bewegen.
Seit kurzer Zeit bezeichnet der Präsi-
JOHN ANGELILLO / IMAGO

dent Michael Cohen übrigens nicht mehr


als »meinen Anwalt«, sondern nur noch
als »einen Anwalt«.
Christoph Scheuermann
Twitter: @chrischeuermann

Klägerin Clifford: Eine täglich eskalierende Präsidentschaft

90 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Ruhe dank
Yoga
Whistleblower Ein Jahr
nach ihrer Freilassung besucht
Chelsea Manning
Berlin und erzählt von ihrer
Zeit in Haft.

F ür Chelsea Manning war es eine lan-


ge Reise. Die US-Whistleblowerin ist

DOMINIK BUTZMANN / LAIF


zum ersten Mal seit ihrer Freilassung
im Ausland. An ihrem dritten Tag in Berlin
holt sie der Jetlag ein. Sie habe kaum ge-
schlafen, sagt sie entschuldigend, müde
und blass lehnt sie in einem runden Klub-
sessel.
Am Vortag war Manning auf der Netz- Berlin-Gast Manning: »Ich glaube an die Macht von zivilem Ungehorsam«
konferenz re:publica zu Gast. Die Frau,
die vor acht Jahren als Obergefreiter Brad-
ley Manning berühmt wurde, weil sie verurteilten Manning zur Freiheit verhalf. Ihr Verhältnis zur Technologie, sagt
knapp 500 000 vertrauliche Dokumente Nach sieben Jahren Haft verkürzte der Manning, habe sich verändert, die Technik
über die Kriege im Irak und in Afghanistan scheidende Präsident Barack Obama ihre bereite ihr nun manchmal Unbehagen:
an die Enthüllungsplattform WikiLeaks Strafe. »Ich war früher immer die komische Per-
weitergegeben hatte, wurde in Berlin be- »Natürlich habe ich damals überlegt, son, die ständig am Mobiltelefon hing.
jubelt wie ein Popstar. mich in einer Holzhütte im Wald zu ver- Einen mobilen Browser zu benutzen war
Jetzt gibt Manning ihr erstes Interview stecken, mich nicht mehr politisch zu en- damals merkwürdig. Jetzt machen das alle
in Deutschland, in einem alten Fabrikge- gagieren und einfach zur Ruhe zu setzen«, und kleben an ihren Smartphones. Ich
bäude in Kreuzberg. Unter den hohen De- sagt Manning. »Aber alle Dinge, die mich bin da im Vergleich gar nicht mehr so
cken wirkt sie noch zierlicher als sonst. Sie zu meinen Taten getrieben haben, sind schlimm.«
trägt eine schwarze Hose, ein schwarzes während meiner Haftzeit noch viel schlim- Dennoch ist sie auf sozialen Netzwer-
T-Shirt und schwarze Schuhe mit klobigen mer geworden.« Nicht nur in den USA sei ken bemerkenswert präsent, schon kurz
Plateausohlen, die ein paar Zentimeter da- der Überwachungsapparat des Staates wei- nach ihrer Freilassung begann sie zu twit-
zumogeln. Ohne Plateau ist Manning 1,57 ter ausgebaut worden. Der Datenskandal tern. Ein Instagram-Foto ihrer Turnschuhe
Meter groß. Um ihren Hals hängt eine klei- um Facebook und die umstrittene Analy- beschrieb sie mit den Worten: »Erste
ne silberne Kette mit einem Raute-Zei- sefirma Cambridge Analytica zeige eben- Schritte in Freiheit.« Den zahlreichen
chen, wie es auf Twitter für Hashtags ver- falls, wie es um die Privatsphäre der Bür- Hass-Kommentatoren und Internet-Trol-
wendet wird. ger bestellt sei, sagt sie. len begegnet Manning auffallend freund-
Chelsea Manning ist heute 30 Jahre alt, Wie fand sie den Auftritt von Facebook- lich – und mit vielen Emojis. »Nach allem,
sieben davon war sie in einem US-Militär- Gründer Mark Zuckerberg, der vor dem was ich erlebt habe, sind das Kinkerlitz-
gefängnis, teils in Isolationshaft. Die Jahre US-Kongress Rede und Antwort stehen chen. Ich wurde in einem Stahlkäfig in der
in Haft haben Spuren hinterlassen, sie muss? Wüste gefangen gehalten und war nahezu
weiß das. »Ich habe nahezu mein gesamtes »Eine Scheinveranstaltung«, sagt Chel- ein Jahr lang allein in einer Zelle. Trolle
Erwachsenenleben im Gefängnis und beim sea Manning. »Wir können uns nicht da- können mir nichts mehr anhaben«, sagt
Militär verbracht«, sagt sie. »Ich beginne rauf verlassen, dass die Regierung große sie.
gerade erst zu begreifen, wie sehr mich die Tech-Firmen wie Google oder Facebook Hat sie noch Kontakt zu WikiLeaks-
Haftzeit beeinträchtigt hat.« einhegt.« Gründer Julian Assange?
Sie habe jetzt mit Yoga angefangen, er- Auf der ganzen Welt seien autoritäre Manning winkt ab. »Wir hatten einen
zählt sie, so versuche sie, zur Ruhe zu kom- Regime auf dem Vormarsch. »Wir können einzigen Berührungspunkt.« Sie habe im
men. Nach ihrer Freilassung habe sie er- nicht mehr warten, wir steuern auf einen Urlaub in den USA damals eigentlich die
kannt, dass sie auf sich selbst achten müsse. Punkt ohne Rückkehr zu«, sagt Manning. »Washington Post« und die »New York
Zu Hause in Bethesda, Maryland, hat sie, Die technologische Entwicklung wirke wie Times« kontaktiert, doch die Zusammen-
die früher nie von ihrem Handy lassen ein Brandbeschleuniger. Sie betont die Ver- arbeit habe nicht geklappt.
konnte, einen Raum als technikfreie Zone antwortung des Einzelnen. »Mir lief die Zeit davon«, sagt Manning,
eingerichtet. »Ich glaube an die Macht von zivilem nur deshalb habe sie die Dokumente an
Ihren politischen Kampf will sie weiter- Ungehorsam. Als solchen sehe ich mein WikiLeaks weitergegeben. Wie drastisch
führen, sie bewirbt sich für die Demokra- ganzes Tun, von den Leaks 2010 bis hin die Konsequenzen für sie sein würden,
ten um einen Sitz im US-Senat. Für Präsi- zu meiner Arbeit im Gefängnis und da- habe sie damals nicht geahnt. »Ich dachte,
dent Donald Trump ist sie eine »Verräte- nach. Wir müssen die Sache selbst in die ich würde nur aus der Armee rausge-
rin«, so hat er sie genannt. Es war Trumps Hand nehmen, statt nur nach Veränderung schmissen.« Angela Gruber
Vorgänger, der der zu 35 Jahren Gefängnis zu rufen.«

91
KIRSTY WIGGLESWORTH / AP
Prinz Harry bei einer Gedenkveranstaltung für gefallene Soldaten*: Ins Leben gestürzt, im Fettnapf gelandet

Sei ein Frosch


Großbritannien Die Märchenhochzeit von Prinz Harry mit der US-Schauspielerin Meghan Markle
wird ein Weltspektakel. Über einen, der vergebens versuchte, ein normales Leben zu führen.

S
elbst Prinzen müssen bisweilen trie übertroffen: Rund 300 000 Kilometer bechern. Künstler wetteifern mit Öl- und
Opfer bringen. Von Harry heißt Zellstoff werden am 19. Mai um zwölf Uhr Wasserfarben, manchmal auch Teppichres-
es, er habe Bier und Burgern mittags die Tränen der Welt trocknen. ten, um das schönste Porträt der Verlobten.
abgeschworen und halte es nun Es sind verrückte, entrückte Tage, die Und die Hoteliers in und um Windsor,
eher mit Quinoa und Kohl. Drei Kilo- das Vereinigte Königreich seit dem ver- wo die Hochzeitssause steigen wird, wit-
gramm habe er schon abgespeckt, mun- gangenen November erlebt. Damals gab tern das Geschäft ihres Lebens. Einzelne
keln Hofberichterstatter. Seine Verlobte der Königshof offiziell bekannt, dass die Bed-and-Breakfast-Zimmer wurden für
Meghan Markle habe ihn dazu gedrängt. Beziehung mit der US-Schauspielerin 1600 Pfund angeboten. Pro Nacht. Nach
Es soll halt alles perfekt sein, wenn die bei- Meghan Markle etwas Ernstes sei und da- konservativen Schätzungen wird dieser
den demnächst ihr Jawort hauchen – und her bald geheiratet werde. eine Eheschluss dem Land eine halbe Mil-
der halbe Globus dabei zuschaut. Seither vergeht auf der Insel kein Tag, liarde Pfund an Einnahmen bescheren. Und
Eine öffentlichere Hochzeit gab es noch ohne dass die Boulevardpresse die Öffent- endlich mal wieder positive Schlagzeilen.
nie. Bei Charles und Dianas Eheschließung lichkeit mit neuesten Details über die Hoch- Die Romanze von Harry und Meghan
sahen 1981 vergleichsweise läppische 750 zeitstorte, das Hochzeitskleid, die Hoch- ist das Märchen, auf das die Briten in diesen
Millionen Menschen zu. Wenn Prinz Harry zeitskutsche beglückt. Die Nippes-Industrie tristen Zeiten gewartet haben. Während das
und Meghan Markle heiraten, sollen es drei flutet Touristenshops mit Harry-&-Meghan- Gesundheitssystem kollabiert, Häuser zu
Milliarden werden. Und wenn stimmt, was Teelöffeln, Gedenkmünzen und Porzellan- Mondpreisen gehandelt werden und die Re-
die Macher einer Hochzeits-App errechnet gierung sich in einen quälenden Scheidungs-
haben, dann wird das Glück des Brautpaars * Vor der Westminster Abbey in London am 9. Novem- prozess mit der Europäischen Union ge-
nur noch von dem der Taschentuchindus- ber 2017. stürzt hat, ist diese royale Eheschließung

92 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Ausland

eine willkommene Ablenkung selbst für gern, vor dem es kein Entkommen gibt. bald 70 Jahren regiert, ist berüchtigt für
hartgesottene Republikaner. Und dass nun Eine gewisse Tragik liege darin, findet so- seine Veränderungsresistenz. Rollenvor-
ausgerechnet einer das Land verzaubert, gar Larcombe: »Die sozialen Medien ha- bild für die meisten Royals waren allzu
der lange als hoffnungsloser Fall galt, macht ben aus Harry den Gefangenen gemacht, lange ihre eigenen Duplikate bei Madame
die Geschichte noch wunderbarer. den alle in Diana sahen – aber das mal Tussauds: wächsern, hüftsteif, adrett. Der
Es ist ein langer Weg, den Prince Henry zehn.« Kontakt mit dem gemeinen Volk fällt vie-
Charles Albert David Mountbatten-Wind- So kam es, dass eine der bestdokumen- len noch immer schwer.
sor in 33 Jahren zurückgelegt hat. Er lässt tierten Pubertäten aller Zeiten die eines Und dann war da plötzlich dieser vogel-
sich ganz gut an den Etiketten ablesen, die Vertreters des Hauses Windsor ist. Die wilde Rotschopf, der sich mit Leidenschaft
ihm von klein auf angeheftet wurden: Welt sah zu, wie Harry soff und kiffte, sich ins Leben stürzte und dabei regelmäßig im
»Einsamer Prinz«, »Rüpel-Prinz« »Party- prügelte, mit Freunden durchs Nachtleben Fettnapf landete. Einer, der als Sechster in
Prinz«, »Playboy-Prinz«, »Nackter Prinz« zog und sich volltrunken die Kleider vom der Thronfolge zwar nie König werden
»Nazi-Prinz«, »Krieger-Prinz« – und jetzt Leib schälte. Wie er also das tat, was man wird, aber das Zeug dazu hat, das Königs-
eben Prinz der Herzen. So viele Prinzen- als Jugendlicher, als britischer zumal, so haus nachhaltig zu beschädigen. Der sein
Rollen. Und dahinter doch nur: ein tut. Nur dass niemand sonst am nächsten Recht auf Spaß einforderte, weil er das von
Mensch, dessen größter Wunsch es ist, »so Morgen den eigenen entblößten Hintern seiner Mutter so gelernt habe – »es ist der
normal wie möglich zu sein«. in der Zeitung entdecken muss. Er würde Versuch, die Leere zu füllen«, sagt Harry.
Harry ist der Prinz, der wieder Vermutlich haben seine Ausfälle
Frosch sein möchte. dem Hause Windsor auch deshalb
Und den alle dabei beobachten. nie geschadet. Im Gegenteil. So
Dass die Welt unter allen Um- sehr die Presse auch auf ihn einprü-
ständen an seinem Leben Anteil gelte, die Menschen sahen in ihm
nehmen würde, musste er auf die meist nur die einsame Halbwaise.
denkbar brutalste Weise lernen. Je mehr er über die Stränge schlug,
Die Bilder hat fast jeder noch vor desto mehr schien ihn das Volk zu
Augen. Wie der Zwölfjährige im lieben. Kein Brite ist derzeit popu-
viel zu großen schwarzen Anzug lärer. Nicht Harry Potter. Und noch
durch London läuft, vor sich den nicht mal Harrys Oma.
Sarg seiner Mutter Diana, neben Das gilt erst recht in Windsor,
und hinter sich mehr als eine Mil- eine Zugstunde westlich von Lon-
lion stumme Zeugen. Das war im don, wo die Oma lebt und manch-
September 1997. mal auch der Enkel. Im dortigen
Wenig später begann, einen hal- Two Brewers Pub sitzen an einem
ben Erdball entfernt, in Meghans Dienstagnachmittag Alex und Mi-
Heimat USA, ein Unternehmen na- chael, Schotte der eine, Ire der an-
mens Google seinen Aufstieg. Seit- dere, aber beide schon lange hier
her wird Privatheit neu definiert. zu Hause. Im Kamin knistert ein
Wer heute »Prince Harry« und gemütliches Feuer, die Flasche
»Diana« googelt, erhält rund zwei Chardonnay auf dem Tisch ist fast
Millionen Treffer. Noch mehr gibt leer, als beide vom berüchtigtsten
es mit der Kombination »Prince Sohn der Stadt schwärmen.
Harry« und »normal life«. »Harry ist einer von uns«, sagt
MATT DUNHAM / AP

»Er spricht immer davon, Prinz der 59-jährige Alex. Und die Nazi-
zu sein sei das Päckchen, das er uniform? »Ein Ausrutscher.« Die
zu tragen habe«, sagt Duncan Lar- Saufgelage? »Wer weiß, wie oft ich
combe. Der Journalist hat ein Buch schon halb nackt durch die Gegend
über den Prinzen geschrieben, Verlobte Meghan, Harry: Finaler Akt der Auflehnung getorkelt bin.« Und dass er jetzt
»Prince Harry – The Inside Story«. eine geschiedene Frau heiratet, sei
Larcombe kennt Harry und dessen überhaupt das Tollste: »Ich war
älteren Bruder William seit 15 Jahren. Er viel darum geben, nicht mehr Prinz zu schon fünfmal verheiratet, also da bin ich
gehört zu jener Nischenart von Reportern, sein, sagte Harry 2007: »Ich würde wahr- komplett auf Harrys Seite.« Die Umsitzen-
die den Royals an jedem Ort der Welt auf- scheinlich in Afrika leben … vermutlich den nicken.
lauern und wie Seismografen jede ihrer wäre ich Safari-Guide.« Weit weg von al- Die meisten Briten blicken tatsächlich
Bewegungen aufzeichnen und deuten. lem. Vom Gejagten zum Jäger. auf zu dem Prinzen. Das war in den ver-
Larcombe und seine Kollegen von der Stattdessen versteckte er sich für einige gangenen Monaten überall dort zu be-
»Sun« haben über Jahre bestens gelebt von Jahre in der Armee, wo er als »Captain obachten, wo Harry seiner Verlobten das
Harrys Eskapaden. Sie waren es, die ihn Wales« so etwas wie Gleicher unter Glei- künftige gemeinsame Königreich zeigte.
2005 vorführten, als er auf einem Kostüm- chen war. Dummerweise lief einmal eine In Schottland, Wales und Nordirland ju-
fest mit Hakenkreuzbinde und Rommel- Kamera mit, als der Prinz einen Kamera- belten sie dem Prinzen zu, der mit Obama
Korps-Uniform feierte. Und sie waren es, den im Scherz »unseren kleinen Paki- befreundet ist, mit Usain Bolt um die
die ihm Frauengeschichten an- und wieder Freund« nannte. Schon war Harry der Wette läuft und im Namen seiner Groß-
abdichteten. Es ist wie eine Großwildjagd, »Rassisten-Prinz«. mutter immer häufiger Commonwealth-
und Larcombe ist gut darin. Für eine Monarchie sind das alles kleine Nationen bereist. »Königliches Zeug ma-
Das Geschäft aber ist schwerer gewor- Sargnägel. Zumal für die britische, die sich chen«, nennt er das.
den mit der Zeit. Längst sind nicht mehr nur sehr langsam von dem Beben erholte, Mit seinem Schalk, seinem rebellischen
nur Leute wie er hinter dem Prinzen her, das der Tod Lady Dianas ausgelöst hatte. Verhalten und seinen Fehltritten hat
sondern ein riesiges Heer von Handyträ- Der Hof von Königin Elisabeth II., die seit Harry die britische Monarchie wie verse-

93
Ausland

hentlich im Alleingang entstaubt. Durch Harry und sein Bruder William seien rassistisch unter anderem über Markles
ihn wirkt sie frecher, unberechenbarer. »ein gutes Zweigespann«, sagt der Histo- »exotische DNA« schrieben und damit auf
Wenn schon nicht sein eigenes Leben, so riker Steven Gunn von der Universität ihre afroamerikanische Herkunft anspiel-
hat er doch das Königshaus als Ganzes Oxford. In der Geschichte gebe es etliche ten, handelten sie sich einen royalen Wut-
normalisiert. Beispiele für Monarchien, die in Schief- ausbruch ein. Auch das hatte es vorher
»Ich fühle mich zwar immer noch, als wür- lage gerieten, als sie den Kontakt mit den noch nie gegeben.
de ich in einem Goldfischglas leben, aber einfachen Leuten verloren. William und Für Harry ist Meghan, die er 2016 ken-
ich kann damit jetzt besser umgehen«, sagte Harry hätten völlig neue Zugänge eröff- nenlernte, vor allem ein Glücksfall. Und
er 2017 in einem »Newsweek«-Interview. net. Die Rolle des jüngeren Prinzen sei das nicht zuletzt, weil er hinter seiner schil-
Zusammen mit seinem Bruder William wol- dabei, »die gleichen Probleme zu haben lernden, im Umgang mit der Presse erfah-
le er die britische Monarchie modernisieren. wie andere junge Leute und das gleiche renen Partnerin in Deckung gehen kann.
Beide nutzen dazu gezielt die sozialen Me- Vermögen, nach Fehltritten weiterzu- In der Hierarchie des Königshauses wer-
dien, von denen sie sich so lange bedrängt machen«. den die beiden – vermutlich als Herzog
fühlten: Die Brüder haben 170 000 Face- Ein Problem sehe er jedoch, sagt Gunn: und Herzogin von Sussex – zwar nur eine
book-Likes, 3,6 Millionen Instagram- und »Wenn die Magie irgendwann ganz ver- untergeordnete Rolle spielen. Aber Men-
1,3 Millionen Twitter-Follower. schwinden sollte, könnten die Leute zu schen wie der Biograf Duncan Larcombe
Wie Lady Diana liebt Harry die großen dem Schluss kommen, dass die Monarchie sind überzeugt, dass sie für die magischen
und kleinen Tabubrüche, die Aufgabe der nichts Besonderes mehr ist.« Momente sorgen werden, wenn die Queen
irgendwann nicht mehr sein sollte: »In
Charles’ Königreich werden sie der Ster-
nenstaub sein.«
Bislang jedenfalls machen beide traum-
wandlerisch alles richtig. Bei ihren Tou-
ren durchs Land haben sie mit Besuchen
von Jugend- und Sozialprojekten Ak-
zente gesetzt, die die britische Regierung
seit Langem vermissen lässt. Zu ihrer
Hochzeit haben sie nicht nur Prominente
aus aller Welt eingeladen, auch 1200 ein-
fache Briten aus dem gesamten König-
reich dürfen sie hautnah erleben. Auf
Gäste aus der Politik, sogar die Obamas,
verzichteten sie, auch um keine diploma-
tische Krise mit dem Mann im Weißen
Haus auszulösen.
Allen anderen haben sie zugerufen,
dass sie sich statt Geschenken Spenden
an wohltätige Organisationen wünschen,
darunter eine für Obdachlose – ein Hin-
weis darauf, was Harry und Meghan vom
Versuch des Stadtrats in Windsor halten,
zur Hochzeit alle Obdachlosen aus der
AP

Lady Diana mit Sohn Harry um 1996: Gefangene der öffentlichen Meinung Stadt zu vertreiben.
»Ein feiner Zug«, sagt der 45-jährige
Keith, der an einem bitterkalten Früh-
royalen Zurückhaltung: Als er im vergan- Eine Gefahr, die fürs Erste zumindest jahrstag vor McDonald’s auf der Thames
genen Jahr öffentlich erzählte, dass er den gebannt scheint, seitdem Harry seine Street hockt. So wie jeden Tag, seit sieben
Tod seiner Mutter nur dank therapeutischer Meghan fand. Ein finaler, im Grunde un- Jahren. Gleich gegenüber, hinter der stei-
Hilfe verarbeitet habe, jubelte die Psychia- erhörter Akt der Auflehnung gegen ver- nernen Mauer des Schlosses Windsor,
terzunft, niemand habe dem Thema in den staubte monarchische Traditionen. Verkör- liegt die St George’s Chapel, auf die sich
vergangenen Jahrzehnten einen größeren pert die 36-Jährige doch vieles, was bri- am 19. Mai die Augen der Welt richten
Dienst erwiesen. Mit der von ihm ersonne- tische Traditionalisten verachten: Sie ist werden.
nen Sportveranstaltung »Invictus Games« Amerikanerin, Schauspielerin, geschieden Sollte er Harry zufällig sehen, werde
hat er seine Landsleute auf das Schicksal und noch dazu emanzipiert. Meghan er ihn fragen, »ob er 20 Kröten für mich
im Krieg verwundeter Soldaten aufmerk- Markle streitet als Uno-Aktivistin für Frau- hat«, sagt Keith. Der Rest sei ihm egal.
sam gemacht. Und vermutlich wissen viele enrechte oder gegen moderne Sklaverei. »Ich verstehe nicht, warum das so ein be-
Briten nur dank ihres Prinzen, dass es Sie ist damit das Gegenteil der braven sonderer Tag sein soll. Das ist ein ganz
ein Land namens Lesotho gibt. Dort half Kate, die hinter ihrer Rolle als bloßer Gat- normaler Typ, der eine ganz normale
er, die Kinderhilfsstiftung »Sentebale« zu tin des künftigen Königs William mittler- Hochzeit feiert.« Jörg Schindler
gründen – übersetzt »Vergiss mich nicht«. weile nahezu verschwunden ist. Ganz so, Mail: joerg.schindler@spiegel.de
Kranke, Versehrte, Entwurzelte: Ganz wie es die Konvention verlangt.
bewusst folgt Harry dem Vorbild Dianas, Stellvertretend für alle Vorgestrigen
über die er sagt: »Sie war einfach nur eine ätzte der konservative »Spectator«: »Vor Morph-Grafik
Prinz Harry im
normale Frau, die meinen Vater geheiratet 70 Jahren wäre Meghan Markle die Art Zeitraffer
hat und dann die Königin der Herzen wur- Frau gewesen, die sich der Prinz als Ge- spiegel.de/sp192018harry
de – schlicht deshalb, weil sie ihre Stellung liebte genommen hätte und nicht als oder in der App DER SPIEGEL
auf gute Weise genutzt hat.« Ehefrau.« Als andere Medien unverhohlen

94 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Sport
Auch Beckenbauers Entourage wurde von der Sonne seiner Erfolge gewärmt. ‣ S. 100

Weltmeistertitel seit 1950 in ausgewählten Sportarten (Herrenteams)


SLOWAKEI 1
ENGLAND 1 TSCHECHOSLOWAKEI 1 USA 1
TSCHECHOSLOWAKEI JUGOSLAWIEN 1
FINNLAND 2
UNGARN 2 2 CHINA KROATIEN 1 FRANKREICH SOWJETUNION/
TSCHECHOSLOWAKEI 4
RUSSLAND
SCHWEDEN
20 SPANIEN 2 6 TSCHECHIEN 6
5 DEUTSCHLAND
27
Tischtennis 2 Handball Eishockey
37 Turniere 24 Turniere SCHWEDEN
65 Turniere
SOWJETUNION/ SCHWEDEN 10
JAPAN RUSSLAND 4
ARGENTINIEN
Basketball URUGUAY 1
7 3 RUMÄNIEN KANADA
SPANIEN 1 ENGLAND 1
USA 4 BRASILIEN 14
1 SPANIEN 1
BRASILIEN 5 5
2 FRANKREICH 1

Basketball Fußball
ITALIEN
SOWJET- 17 Turniere 17 Turniere
UNION 2
3 JUGOSLAWIEN ARGENTINIEN DEUTSCHLAND
5 2 4

Chinas Tischtennisspieler haben in den vergangenen zwei Männer aus China. Ähnlich erfolgreich waren sonst nur die
Jahrzehnten ihre Titelkämpfe dominiert, wie es selten zuvor Eishockeyspieler aus der Sowjetunion, die von 1963 an neunmal
einem anderen Land in einer der populären Sportarten gelungen in Serie Weltmeister wurden. Auch die Basketballer der USA
ist. Zuletzt hat Schweden im Jahr 2000 die Mannschaftswelt- könnten wohl ihre Sportart beherrschen – wenn sie stets ihre
meisterschaft im Tischtennis gewonnen, danach siegten stets die besten Profis zu den Titelkämpfen abstellen würden.

Magische Momente super Start, und aus Schwächen haben


wir die richtigen Schlüsse gezogen.
»Wechselkleidung habe ich immer dabei« SPIEGEL: Und abseits des Platzes?
Funkel: Es gibt keine Eifersüchteleien,
Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel, 64, über seinen sechsten Aufstieg und auch im Trainerteam sind wir
auf einer Wellenlänge. Die Führung einer
SPIEGEL: Sie kehren nach SPIEGEL: Welche Bausteine haben den Mannschaft ist ein komplexes Thema,
acht Jahren zurück in Aufstieg möglich gemacht? und wenn die Chemie nicht stimmt, dann
die Fußballbundesliga. Funkel: Wir haben einen Vorsitzenden, bringen selbst Weltklassespieler nichts.
Was bedeutet Ihnen der vieles umgesetzt hat, was ich mir Das hat sich ja auch bei Bayern München
dieser Aufstieg? gewünscht habe. Die Neuverpflichtungen gezeigt.
Funkel: Es ist sehr schön schlugen sportlich wie menschlich ein, SPIEGEL: Sie spielen auf Carlo Ancelotti
als Lohn für die harte Arbeit, die Mischung aus jungen und erfahrenen und Jupp Heynckes an?
weil wir nicht zu den Favoriten gehörten Spielern stimmt, mit neun Siegen aus Funkel: Mit seiner Art hat Jupp die Bay-
RALF IBING / FIRO SPORTPHOTO

und weil ich im März 2016 eigentlich zur den ersten elf Spielen hatten wir einen ern wieder stark gemacht. Fußballer sind
Fortuna gekommen war, um den Absturz auch nur Menschen. Die wollen gestrei-
in die Drittklassigkeit zu verhindern. chelt werden, brauchen aber auch mal
SPIEGEL: Sind Sie eigentlich ein Feier- einen Tritt in den Hintern. In den 27 Jah-
biest? ren meiner Trainertätigkeit habe ich mit
Funkel: Ich könnte sehr lange durchhal- Spielern nie Probleme gehabt.
ten, lasse das Team aber bewusst irgend- SPIEGEL: Sie werden kommende Saison
wann allein weiterfeiern. Ohne mich der älteste Trainer der Liga sein.
SEBASTIAN KAHNERT / DPA

sind die Jungs ausgelassener, und ich will Funkel: Na und? Die Diskussion um alte
auch gar nicht alles mitkriegen. und junge Trainer nervt mich. Es gibt
SPIEGEL: Was halten Sie von den übli- keine alten und jungen Trainer – es gibt
chen Bierduschen? nur gute und schlechte. Alle müssen
Funkel: Ich bin kein Freund davon, bin kurzfristig Ziele erreichen, und wenn
aber mittlerweile gut darauf vorbereitet. der Erfolg ausbleibt, werden wir zur
Wechselkleidung habe ich immer dabei. Düsseldorf-Profis am vorigen Samstag Verantwortung gezogen. PK

95
Sport

Bunter Mond
Fußball Acht Spielfelder, ein Schwimmbad und Essen vom Sternekoch – in der Talentakademie
des FC Bayern sollen die Stars der Zukunft heranwachsen. Die Kandidaten
der Kaderschmiede träumen von der großen Karriere – und haben keinen Plan B.

DIETER MAYR / DER SPIEGEL

Nachwuchsspieler Denk im Waschraum des FC Bayern Campus: »Lauf dem Geld nicht hinterher«

96 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


W
enn ich die Spieler in der
Bundesliga sehe, denke ich
mir immer, dass ich das
auch schaffen will. Und die
Chance ist da. Ich bin schon so weit ge-
kommen.«
An einem Samstag im Februar hat Luca
Denk bereits viel getan für seinen Traum.
Der 15-Jährige wohnt im Internat der Ta-
lentakademie des FC Bayern München. Er
ist früh aufgestanden, war im Kraftraum,
beim Physiotherapeuten, er hat zum Früh-
stück in der Mensa Obst und Müsli geges-
sen. Mit Nüssen. Nüsse sind gut. Das Öl
in Walnüssen soll das Immunsystem stär-
ken, das Öl der Haselnuss den Muskelauf-
bau fördern, so steht es auf den Infotafeln

HERBERT STOLZ
an der Müslitheke.
Das Nachwuchsleistungszentrum des
FC Bayern liegt am nördlichen Stadtrand
Münchens, sechs Rasenplätze, zwei Kunst- FC Bayern Campus in München: Nachschub für den Kommerzfußball
rasenplätze, eine Trainingshalle, ein Sta-
dion für 2500 Zuschauer. Es gibt ein
Schwimmbad, eine Arztpraxis, Massage- um seine Muskulatur zu regenerieren. ehrgeizig und sehr diszipliniert.« Die Trai-
räume, ein Fitnesscenter. Das Essen in der Wenn er mal was anderes sehen will als ner schwärmten von ihm. Junge, sagten
Mensa wird von einem Team des Sterne- Fußball, kann er in der Players Lounge Bil- sie, du kannst es wirklich schaffen.
kochs Alfons Schuhbeck zubereitet. lard spielen. Wenn Denk jemanden zum Aber irgendwann sei er nur noch »dau-
Die Anlage hat den Verein rund Reden braucht, stehen ihm ein Pädagoge ererschöpft« gewesen. Vielen Jungs aus
100 Millionen Euro gekostet, fast doppelt oder ein Sportpsychologe zur Verfügung. dem NLZ sei es ähnlich gegangen. »Wir
so viel wie Corentin Tolisso, der teuerste Fehlt ihm irgendwas? saßen oft in der Kabine und hatten alle
Einkauf der Bayern-Geschichte. Zur offi- »Freunde, die Familie«, sagt Denk, aber keine Lust mehr. An ganz schlechten Ta-
ziellen Eröffnung des Campus im Sommer er komme schon klar. gen habe ich mich gefragt, ob es das alles
kam Horst Seehofer, es spielte eine Blas- Alle deutschen Profiklubs müssen nach wert ist.« Eines Tages verletzte sich Dur-
kapelle, und Präsident Uli Hoeneß erklär- einer Auflage des Deutschen Fußball-Bun- gut. Er stürzte auf die linke Schulter. Ope-
te, im Zeitalter eskalierender Transfer- des ein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) ration. Sechs Monate Pause. Er kämpfte
summen werde der Klub seine Stars künf- unterhalten. An 54 Standorten, die unter- sich zurück. Aber die Leichtigkeit war weg.
tig einfach selbst ausbilden. Mia san mia. schiedlich aufwendig ausgestattet sind, Ihn plagte die Angst, dass er sich wieder
Luca Denk aus Döckingen in Mittelfran- wird der Nachschub für den Kommerzfuß- verletzen könnte. Er schmierte in der Schu-
ken wurde als einer der Ersten für dieses ball herangezogen. Man kann sich dort le ab. Irgendwann hatte er keine Energie
Experiment ausgewählt. Er wohnt seit Juli nicht einfach anmelden und mittrainieren, mehr. Er ging zu seinem Trainer und sagte,
2017 in einem Zimmer im ersten Stock des man wird berufen. Wer zu den Auserko- dass er aufhören werde.
angeschlossenen Internats, zwölf Quadrat- renen gehört, bekommt die beste Ausbil- Seinen Abschied empfindet Durgut
meter, ein Schreibtisch, ein Schrank, ein dung, die man sich als Fußballer vorstellen noch heute als Befreiungsschlag. »Ich
kleiner Sessel, FC-Bayern-Bettwäsche, Du- kann. Aber wenn die Trainer meinen, ein konnte an dem Abend früh schlafen gehen,
sche. Fernseher ist nicht erlaubt. Auf einem Spieler sei nicht mehr gut genug, muss die- bin am nächsten Morgen fit aufgewacht.
Regal steht ein Foto seiner Eltern, die er ser die Traumfabrik wieder verlassen. Das kannte ich gar nicht mehr. Ich hatte
nur noch selten sieht. Es werden viele Herzen gebrochen in plötzlich Zeit für Freunde, Familie. Das
Denk ist ziemlich groß für sein Alter, deutschen Talentakademien. Leben hat sich plötzlich wie ein einziger
1,84 Meter. Er spielt in der U 16, zentrales Für Jugendliche, die in einem NLZ trai- Urlaub angefühlt.«
Mittelfeld. Bei den Profis des FC Bayern nieren, ist Fußball nicht mehr nur ein Spiel. Inzwischen studiert er Jura in Bielefeld.
ist der spanische Nationalspieler Thiago Denk hat bereits einen Spielerberater, Seine Fußballsachen liegen im Keller. In
Alcántara auf dieser Position gesetzt. einen Ausrüstervertrag und einen Profil- einem blauen Sack.
Er würde sich nie mit Thiago vergleichen, eintrag bei Transfermarkt.de. Es geht für War er nicht gut genug? Nicht hart ge-
sagt Denk mit dünner Stimme. Fünf- bis ihn jeden Tag darum, sich zu beweisen, die nug? Nicht besessen genug?
siebenmal in der Woche hat er Training. Trainer zu überzeugen, Erwartungen zu Profiklubs betreiben einen absurden Auf-
Am Samstag und manchmal auch am Sonn- erfüllen, den nächsten Schritt zu machen. wand, um die besten Spieler zu bekommen.
tag sind Spiele, drei Wochen im Jahr ist frei. Cenk Durgut, 19, hat auch mal gedacht, Heerscharen von Scouts suchen in Dorf-
Die Schule, die Denk besucht, liegt ganz in dass er das hinkriegen würde. Der Junge vereinen und bei regionalen Sichtungs-
der Nähe des Campus. Er fährt mit dem mit den großen, dunklen Augen sitzt in turnieren nach Perlen. Reiche Vereine wer-
Bus, für die Bayern-Akademie wurde einem vietnamesischen Restaurant in ben bei weniger reichen Toptalente ab, mal
eigens eine Haltestelle eingerichtet. Denk Hamburg und trinkt Minztee. mit Geld, mal mit riesigen Versprechungen.
will nächstes Jahr den Realschulabschluss Mit 13 Jahren kam er ins Nachwuchs- Europäische Großklubs haben Abkommen
machen. Wenn er einmal Probleme in leistungszentrum des FC St. Pauli. Durgut mit sogenannten Farmteams in Asien, Afri-
einem Fach hat, organisiert der Schulbeauf- trainierte wie verrückt. Der neue Werbe- ka und Südamerika, die ihre besten Nach-
tragte des Campus die Nachhilfe. Wenn sei- slogan der deutschen Nationalmannschaft wuchsspieler nach Europa schicken.
ne Beine vom Training schwer sind, steigt lautet: »Best never rest«. Für ihn galt die- Laut Fifa-Regularien ist es untersagt,
er im Fitnesszentrum in ein Kühlbecken, ses Motto schon damals. »Ich war extrem Fußballer unter 18 Jahren aus dem Aus-

97
Sport

land in ein Internat zu locken. Bei einem gang, um sich aufzuwärmen. Er ist viel erkennen, »wer es nicht schafft«. Wenn
Wechsel innerhalb der EU müssen sie min- unterwegs. Er sagt, es gebe eine Menge ein Spieler Schwächen bei der Ballannah-
destens 16 sein. Real Madrid oder der FC junger Fußballer mit einem riesigen Poten- me hat, nicht gut. Wenn einer Zweikämpfe
Barcelona zielen dennoch bereits auf zial. Aber auch sehr viele, die sich über- verliert, weil er nicht schnell genug ist,
12-Jährige, die besondere Anlagen zeigen. schätzten, vor allem beim FC Bayern. ganz schlecht.
Die Vereine holen die Kinder samt Familie Jochen Sauer, der Campusleiter, sitzt in Die Schnelligkeit ist ein entscheidender
nach Spanien und behaupten anschlie- seinem Büro im Internatsgebäude, drau- Faktor. Schwarz misst regelmäßig, wie fix
ßend, der Umzugswunsch sei allein von ßen auf der Anlage sind die Flutlichter an- seine Spieler unterwegs sind. Wer die
den Eltern ausgegangen. gegangen, das Vereinswappen des FC Bay- 30 Meter in 3,7 Sekunden läuft, ist sehr
Wenn die Klubs in einem Kicker einen ern leuchtet am Campusstadion wie ein gut. Wer 4,0 Sekunden braucht, ist gut.
neuen Ronaldo sehen, sind sie bereit, hohe bunter Mond. Wer 4,4 Sekunden benötigt, ist zu lang-
Summen zu investieren. RB Leipzig wollte Sauer ist Jurist, arbeitet Förderverträge sam. »Da muss eine Steigerung kommen,
im Januar für einen 16-jährigen Stürmer aus, plant mit den Coaches die Kader und sonst hat der Spieler ein Problem, egal wie
namens Umaro Embaló von Benfica Lis- führt regelmäßig Perspektivgespräche mit gut der kicken kann.«
sabon 15 Millionen Euro bezahlen. Der den Fußballern und ihren Familien, was Schwarz war früher selbst Profi, beim
Deal platzte, weil dem Agenten des Jun- manchmal anstrengend ist. Er erlebt Spie- VfB Stuttgart, bei 1860 München. Er weiß,
gen das Angebot nicht gut genug war. ler, die schon mit einem Waschbeutel von wie sehr die Spieler für ihren Traum bren-
Auf dem FC Bayern Campus trainieren Gucci und dem Ego eines Arjen Robben nen. Man merkt Schwarz an, dass er seine
elf Mannschaften, von der U 9 bis zur U 23. herumlaufen, Väter, die nach ein paar pas- Jungs mag. Das macht für ihn den Job
Im Internat ist Platz für 60 Spieler, derzeit sablen Spielen des Sohnes über Geld und nicht leichter. Im April und Mai ist die Zeit,
sind 32 Zimmer mit Fußballern belegt. Luca einen neuen Vertrag reden wollen. in der in den Nachwuchsleistungszentren
Denk wechselte vom 1. FC Nürnberg nach Was ist eigentlich los mit den Leuten? ausgesiebt wird. Schwarz sagt: »Es fließen
München, seine Zimmernachbarn kommen Sauer versteht dieses Anspruchsdenken immer Tränen.«
aus Trier und Rostock, aus Luxemburg, Ös- nicht. Nur die allerwenigsten Spieler, die in Das NLZ des FC St. Pauli ist nicht halb
terreich und Holland. Ein Stürmer wurde einer Akademie ausgebildet werden, sind so groß wie das des FC Bayern und nicht
aus Südkorea hierher verpflanzt, er heißt tatsächlich gut genug für einen Profikader. so schick, aber man lernt auch hier, wie
Jeong Woo Yeong, ist 18 Jahre alt, dünn In der Regel gelingt einem Spieler pro Jahr- man richtig Fußball spielt. Roger Stilz lei-
wie ein Langstreckenläufer, versteht kaum gang der Sprung in den Bezahlfußball. tet die Einrichtung seit Sommer 2016. Er
ein Wort Deutsch und soll schon über Sauer erlebt es immer wieder, dass Spie- sagt, der Moment des Abschieds aus einer
100 000 Euro im Jahr verdienen. ler zum Training der Profis eingeladen wer- Akademie sei für jeden Spieler bitter.
An einem Wochenende Mitte Februar den und sich erst einmal an das Tempo bei »Und keinem Verein gelingt das Tschüss-
trifft die U 16 des FC Bayern in einem Test- den Stars gewöhnen müssen. Das Einzige, sagen auf die gute Art, denn die Botschaft
spiel auf Manchester United. Es ist saukalt. was Sauer den Talenten auf dem Campus bleibt am Ende dieselbe.«
Auf Höhe der Mittellinie verfolgt ein Dut- versprechen kann, ist: »Wer bei uns aus- Wenn es für einen Spieler nicht weiter-
zend Männer mit Notizblöcken die Partie, gebildet wird, der spielt in jedem Fall gut geht, versucht Stilz, es »immer direkt und
es sind Scouts anderer Vereine und Spie- genug für die Regionalliga.« ehrlich« zu kommunizieren: »Du bist ein
lerberater. Die Stürmer aus Manchester Vierte Liga. Würde ihm das reichen? toller Junge, du konntest hier viel mitneh-
sind pfeilschnell. Ein Innenverteidiger der »Hm«, sagt Luca Denk. men, aber es zeichnet sich ab, dass wir
Bayern verteilt Bälle mit der Ruhe und Ge- An einem Donnerstagabend trainiert dich sportlich nicht weiter mitnehmen kön-
nauigkeit eines Jérôme Boateng. Die No- die U 16 auf einem der Campus-Rasenplät- nen.« Die Reaktionen seien immer unter-
tizblöcke der Männer klappen auf und zu. ze. Zwei Teams spielen auf einem verklei- schiedlich. Einige bedanken sich für die
Raphael Ott, der Agent von Luca Denk, nerten Feld gegeneinander, nur eine Ball- Offenheit, andere hadern: Ich spiele ein-
hat sich einen dicken Schal um den Hals berührung ist erlaubt. Bei U-16-Spielern fach nur auf der falschen Position.
gewickelt. Der ehemalige Bayern-Ligaspie- könne man noch nicht sehen, welcher Fuß- Der ehemalige Profifußballer Uwe
ler, der in Salzburg Sportmarketing stu- baller das Zeug zum Profi habe, sagt Chef- Harttgen, der nach seiner Karriere Psycho-
diert hat, arbeitet für die Agentur Karl trainer Danny Schwarz, aber man könne logie studierte, hat ein Buch über die Talent-
M. Herzog Sportmanagement. Ott ist spe-
zialisiert auf den Nachwuchsfußball, hat ein
gutes Auge für Talente. Aber die Konkur- Die teuersten Transfers von bis zu 18-jährigen Nachwuchsspielern
renz ist groß. Allein auf dem FC Bayern Vinícius Júnior Luke Shaw Wayne Rooney Renato Sanches Antonio Cassano
Campus sind über ein Dutzend Agenturen Real Madrid Manchester United Manchester United Bayern München AS Rom
aktiv. Manche von ihnen steuern bereits
Zwölfjährige an, um sie zu verpflichten.
G I L S O N B O R BA / D D P ; A D R I A N D E N N I S / A F P ; J E D W E E / S P O RT I N G P I CT U R E S

Spielerberater gelten in vielen Akade-


mien als Plage. Sie brächten den Kids kei-
nerlei Nutzen, seien nur auf eine fette Pro-
vision aus. Ott sagt: »Es ist wichtig für die
Spieler und deren Eltern, jemanden zu ha-
ben, der den Markt kennt.« Kürzlich flog
einer seiner Klienten aus einem NLZ raus,
weil er mehrfach unentschuldigt das Trai-
ning versäumt hatte. Ott und sein Chef
Herzog brachten den Spieler umgehend
Quelle:
in einer anderen Akademie unter. transfermarkt.de
Das Testspiel gegen Manchester plät- Saison 2018/19 2014/15 2004/05 2016/17 2001/02
schert so dahin. Ott geht ins »Vereins-
heim«, ein Bistro neben dem Hauptein- 45,0 Mio. € 37,5 37,0 35,0 28,5
98 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018
Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Sie
versuchte, die Spieler aus ihrem Alltag
herauszuholen, ging mit ihnen wandern,
organisierte Kochkurse. Und immer und
immer wieder bimste sie ihren Schütz-
lingen ein, nicht nur auf den Fußball
zu setzen, sondern »einen Plan B und C
parat zu haben, denn man weiß nie, was
kommt«.
Luca Denk hat ein großes Vorbild: Paul
Pogba, den Superstar von Manchester
United. Denks Lieblingsverein ist der FC
Bayern, hier wolle er später unbedingt als

FC BAYERN / GETTY IMAGES


Profi spielen.
Er schlendert im dicken Anorak vom
Internat ins Campusstadion, es gibt dort
ein Spiel der Uefa Youth League. In die-
sem Wettbewerb wird die Champions
League für den Nachwuchs der internatio-
Fitnesszentrum der Bayern-Talentakademie: Fünf- bis siebenmal die Woche Training nalen Topklubs quasi simuliert, inklusive
aufwendiger Reisen zu Auswärtsspielen
und TV-Übertragungen. Ein Trainer sagt:
förderung geschrieben. Es basiert auf einer Druck von außen, die eigenen Erwartun- »Spätestens hier wird den Jungs komplett
Studie, für die er mit Kollegen Nachwuchs- gen, die Pubertät. Das Ausmaß der Ver- der Kopf verdreht.«
spieler bei Profiklubs anonym befragt hat. zweiflung habe niemand absehen können. Die U 19 des FC Bayern spielt gegen
Dabei kam heraus, dass fast alle nur auf Wie wichtig ist der Fußball? Wann wird Real Madrid. Uli Hoeneß verfolgt die Par-
das eine Ziel fixiert waren: die Bundesliga, der Wunsch, Profi zu werden, für ein Kind tie in einer Loge, zur Delegation aus Spa-
die ganz große Bühne. Harttgen fragte die zur Obsession? nien gehört der ehemalige Weltstar Raúl.
Spieler, wie sie reagieren würden, wenn Die Psychologin Caja Schöpf, eine ehe- Es gibt Fangesänge, die Spielerberater und
sie es nicht schaffen würden. Es kamen malige Weltcupteilnehmerin im Freestyle- Scouts sind auch wieder da. Die Fußballer
Antworten wie: »An das denke ich gar Skilaufen, arbeitete von 2014 bis 2017 im geben alles, sie kämpfen für ihren Traum.
nicht«, »dann habe ich versagt«, »dann Nachwuchsleistungszentrum der TSG Hof- Die Spieler aus Madrid, die am Ende 3:2
hat das Leben keinen Sinn«. fenheim. Zum Trainerstab gehörte damals gewinnen werden, haben bereits ihren Na-
2014 kam es in einem Nachwuchsleis- Julian Nagelsmann. Ihr Job war es, die men auf dem Trikot. Sie heißen Ramos,
tungszentrum in Süddeutschland zu einer Spieler einerseits mental stärker zu ma- Zabarte, De la Fuente, Calderón, Fernán-
Katastrophe, ein Spieler nahm sich das chen, andererseits »die Jungs in Balance dez, Gómez. Muss man sich diese Fuß-
Leben, kurz nachdem die Trainer ihm zu bringen«. baller merken? Oder verschwinden sie
gesagt hatten, dass es für ihn in der Aka- Schöpf befragte die Fußballer im Rah- bald in der Versenkung?
demie nicht weitergehen werde. Der Fall men der Persönlichkeitsbildung nach ih- Aus dem Nachwuchs des FC Bayern
bewegt die Mitarbeiter bis heute. Wie rem Selbstbild, oft kam zurück: »Nett, schaffte es in den vergangenen Jahren kein
konnte es dazu kommen? Sie hatten mehr- freundlich, Familientyp.« Super, bleibt so, Spieler dauerhaft in den Profikader des
fach Gespräche mit dem Jugendlichen gab sie zurück. »Aber bitte nicht auf dem Rekordmeisters. Die Campusmitarbeiter
geführt, um ihn auf den Abschied vorzu- Platz. Nett reicht da nicht, schon gar nicht müssen hoffen, dass der künftige Bayern-
bereiten. für ganz oben.« Trainer Niko Kovač auf die Jugend setzt,
Der Leiter des NLZ erzählt, bei dem Schöpf fiel auf, wie geschlaucht die Ju- ansonsten hätte die Akademie, die jedes
Jungen sei viel zusammengekommen, gendlichen waren. Manche klagten über Jahr eine zweistellige Millionensumme
verschlingt, keinen Sinn.
Die Trainer auf dem Campus meinen,
der 2003er-Jahrgang sei vielversprechend.
MAG I C S, M AR KUS U LM ER / ACT I O N P R E SS; SI LV I A I ZQ UI E R DO / PI CTU R E AL L I AN CE ; G E T T Y I MAG E S

Paulinho Alexandre Pato Sergio Agüero Pietro Pellegri Cristiano Ronaldo Es ist der Jahrgang von Luca Denk. Er sitzt
Bayer Leverkusen AC Mailand Atlético Madrid AS Monaco Manchester United auf einer Couch im Akademiegebäude, auf
seiner Trainingsjacke prangt das Vereins-
wappen des FC Bayern. Sein Förderver-
trag läuft bis 2022, im ersten Jahr be-
kommt er monatlich 300 Euro. Alles okay,
er sei zufrieden. Sein Berater hat ihm ge-
sagt: »Lauf dem Geld nicht hinterher, es
wird irgendwann dir hinterherlaufen.«
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Als das Gespräch vorbei ist, steht
Denk auf und humpelt davon. Um sein
rechtes Knie hat er eine Manschette. Im
Januar ist ihm bei einem Hallenturnier ein
Kreuzband gerissen. Seine Ärzte sagen, im
2018/19 2007/08 2006/07 2017/18 2003/04 Sommer könne er wieder ins Training ein-
steigen. Gerhard Pfeil, Antje Windmann
26,4 22,0 21,7 21,0 19,0
99
Sport

Schamlos
Funktionäre Bislang unbekannte
Dokumente belegen: Der DFB hat
über Jahre sowohl den Manager
als auch den Finanzberater
von Franz Beckenbauer bezahlt.

M arcus Höfl ist kein Mann für all-


tägliche Fälle. Wer die Website
seiner MHM-Group besucht,
den versucht der gelernte Kommunika-
tionswirt mit einem großspurig-holprigen
Satz zu ködern: »Wir vermitteln nicht,
sondern wir gestalten.«
Worauf der Sportvermarkter Höfl sein
Selbstbewusstsein offenbar stützt, wird
Sekunden später klar. Auf der Homepage
schiebt sich Franz Beckenbauer ins Bild,
der Fußballkaiser, den Höfl seit 15 Jahren

SCFRANK ROLLITZ / SCHNEIDER-PRESS


vertritt und der den Netzauftritt der
MHM-Group dominiert wie der FC Bay-
ern München die Bundesliga. Eher kurz
sieht man eine weitere Klientin Höfls:
seine Ehefrau, die Skilegende Maria Höfl-
Riesch, bevor der Kaiser wieder alles
überstrahlt: im Bayern-Dress, mit Meis-
terschale und Siegerblick.
Seit 2003 ist Marcus Höfl an Becken- Geschäftspartner Höfl, Beckenbauer*: »Wir vermitteln nicht, sondern wir gestalten«
bauers Seite. Zunächst als Assistent, spä-
ter als Manager einer Lichtgestalt, die un-
antastbar war und dafür gesorgt hat, dass Beckenbauer »administrative Unterstüt- Ein Privileg, das Theo Zwanziger und
auch seine Entourage von der Sonne sei- zung« an »seinem Wohnort in Kitzbühel« Wolfgang Niersbach, Beckenbauers Nach-
ner Erfolge gewärmt wird. gebraucht, wie es in den Unterlagen heißt. folger im Exekutivkomitee der Fifa, nicht
Wie schamlos Beckenbauer dabei vor- Doch das war allem Anschein nach eine hatten, wie der DFB einräumt: »Mit Blick
ging, zeigen bislang unbekannte Abrech- Mogelpackung. Krebs selbst hatte in sei- auf ihre internationalen Ämter« hätten
nungsunterlagen des Deutschen Fußball- nem dem DFB übersandten Vertragsent- beide nur »Unterstützung durch jeweils
Bundes (DFB). Sie belegen, in welchem wurf eine umfassende Wirtschafts- und einen hauptamtlich in der DFB-Adminis-
Maße der Kaiser den DFB finanziell aus- Rechtsberatung für Beckenbauer als Zah- tration angestellten Mitarbeiter« gehabt.
genommen hat – als Präsident des Orga- lungsgrund genannt – und damit Leistun- Die Frage, warum es beim Duo Becken-
nisationskomitees (OK) für die WM 2006 gen, die von OK-Mitarbeitern erbracht bauer/Höfl anders lief, ließ der DFB un-
und als Mitglied des Exekutivkomitees des werden konnten. beantwortet.
Weltfußballverbands Fifa. Konfrontiert mit diesen Zahlungen, gibt Mehr als 400 000 Euro hat Höfl, dem
Im Herbst 2016 hatte der SPIEGEL ent- sich die aktuelle DFB-Spitze ahnungslos: Vertrag zufolge, bis zu Beckenbauers Ab-
hüllt, dass Beckenbauer, von dem es bis Man wisse nicht, »auf welcher Grundlage schied aus dem Exekutivkomitee im März
dahin geheißen hatte, er habe ehrenamt- die Summe damals berechnet wurde«. 2011 kassiert. Allzu viel arbeiten musste
lich für das WM-OK gearbeitet, für seine Gleiches gelte »für die Formulierungsfin- er dafür offenbar nicht: Zu seinen Pflichten
Tätigkeit üppig entlohnt worden war: mit dung des Vertragsgegenstands«. Im Klar- zählten die »Veranlassung der Vorberei-
5,5 Millionen Euro, Geld eines Sponsors, text: Auch wenn die OK-Funktionäre da- tung von Entscheidungsunterlagen« oder
das offiziell für die WM-Kasse bestimmt war. mals gemauschelt haben – ist uns das heu- die »Beschaffung von Sitzungsunterlagen«.
Wie aus den Dokumenten nun hervor- te ziemlich egal. Wie großzügig die DFB-Spitze war,
geht, haben der DFB und sein WM-OK Ebenso anrüchig ist der Vertrag, den der wenn es galt, Beckenbauer zu charmieren,
auch Beckenbauers Privatmanager Höfl DFB im März 2007 mit Beckenbauers Ma- zeigt ein weiteres Beispiel aus dem Jahr
und seinen Finanzberater Wilfried Krebs nager Höfl schloss. Für die »Unterstüt- 2006. Obwohl der Kaiser für sein Wirken
über Jahre freigehalten – mit hohen sechs- zung« Franz Beckenbauers »als Mitglied im WM-OK üppig entlohnt worden war,
stelligen Summen für Arbeiten, die mit des FIFA Exekutiv Komitees« garantierte überwies der DFB noch einmal rund
dem DFB oder der WM wohl wenig bis der Verband dessen privatem Berater 600 000 Euro an die Franz-Beckenbauer-
nichts zu tun hatten. ein »monatliches Pauschalhonorar von Stiftung – als Prämie »für acht Jahre ehren-
Den Papieren zufolge erhielt Krebs in den 10 000 Euro«, plus 25 000 Euro für die amtliches Wirken im Sinne der WM«, wie
Jahren 2003 bis 2006 insgesamt 546 000 »Erstausstattung des Büros«. es in den Unterlagen heißt.
Euro vom WM-OK – als »pauschale Abgel- Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp,
tung der Personalkosten und Büroinfrastruk- * Mit Höfls Ehefrau Maria Höfl-Riesch bei einer After- Gunther Latsch, Jörg Schmitt
turkosten«. Angeblich habe OK-Präsident Golf-Party im September 2014 in Going bei Kitzbühel.

100 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Z T I M
JET DEL
HAN

DAS GANZE SEHEN –


MIT CAPITAL.
Wissenschaft+Technik
Wie wir uns immer noch gern fühlen: als Überlebende. Stolz, deutsch und ängstlich. ‣ S. 104

SONGDA CAI
Perfekte Blitztechnik bringt diesen jungen Meeraal und seine potenzielle Beute, ein Krebstierchen, vor den
Philippinen zum Leuchten. Noch befindet sich das zarte Geschöpf im »Weidenblatt«-Larvenstadium, aus-
gewachsen können manche Meeraale eine Länge von bis zu drei Metern erreichen. Entsprechend vergrößert
sich ihre Lieblingsspeise: Sie stehen dann auf große Fische und Kalmare. Der chinesische Fotograf Songda
Cai gewann mit dem Bild einen zweiten Preis beim »Underwater Photographer of the Year«-Wettbewerb.

Einwurf

Adieu, Friedrich Wilhelm


Warum die Unterschrift in der modernen Geschäftswelt ein Anachronismus ist
Diese Nachricht trifft Traditionalisten ins Herz: Die großen Kredit- Mondfahrt« in der Stadtbücherei kommt man mit der Unterschrift
kartenanbieter Visa und Mastercard haben in Nordamerika gerade wohl nicht weit. Und ob es gefällt oder nicht: Der nächste Schritt
damit begonnen, auf die handgeschriebene Signatur zur Authenti- in der Authentifizierungsaufrüstung ist schon da. Beim neuen
fizierung von Transaktionen zu verzichten; American Express sogar iPhone X von Apple melden sich Nutzer nicht nur per Gesichts-
weltweit. Im 21. Jahrhundert, so glauben die Unternehmen, taugt erkennung an – sie kaufen mit der »Face ID« auch Musik, Filme
der sogenannte Friedrich Wilhelm als Nachweis der Identität nicht und Bücher. Und wo sind eigentlich die Autogrammjäger geblieben?
mehr. Für Kulturpessimisten und konservative Fortschrittsver- Ganz genau, die neue Währung der Promifans ist das Selfie.
ächter ist das ein Schlag. Gilt nicht die Unterschrift seit dem Barock Wer die gute alte Zeit noch erleben möchte, muss einen deut-
als Ausweis und höchste Beglaubigung des Individuums? schen Supermarkt besuchen. Dort versuchen manche Kassierer
Genau da beginnt das Problem. Im modernen Geschäftsverkehr mit dem Inspektionseifer früherer DDR-Grenzer, die von Kaffee-
ist der hingekritzelte Name auf einem Bon ungefähr so zeitgemäß flecken und mehreren Waschgängen in der Maschine unleserlich
wie jene verlausten Perücken, mit denen einst der Barockkomponist gewordenen Unterschriften auf Kredit- und Girokarten zu ent-
Georg Friedrich Händel sein Haupt bedeckte. Selbst im Jahr 2018 ziffern – als gälte es, ein grafologisches Gutachten zu erstellen.
beim Ausleihen eines zerschlissenen Bandes von »Peterchens Frank Thadeusz

102 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


Forscherkarrieren ungefähr gleich gut abgeschnitten, doch
Immer Gewinner der eine Teil dieser Forscher lag knapp
oberhalb der strengen Punktegrenze und
 »Wer hat, dem wird gegeben wer- bekam die beantragten Summen, der
den« – dieses Phänomen, nach einem andere Teil der Forscher lag knapp darun-
Gleichnis aus dem Matthäusevangelium ter und scheiterte. In den folgenden acht
»Matthäuseffekt« genannt, gilt auch für Jahren wurde die Kluft immer größer: So
die Karriere von Wissenschaftlern. konnten die knapp erfolgreichen Jung-
Das stellten Mathijs de Vaan von der forscher in diesem Zeitraum mehr als
University of California in Berkeley und doppelt so viel an Forschungsgeldern
Kollegen aus den Niederlanden fest, die einsammeln wie die knapp gescheiterten,
den Erfolg niederländischer Wissenschaft- und die Wahrscheinlichkeit, eine volle
ler bei der Akquise von Forschungsgel- Professur zu bekommen, lag bei ihnen
dern untersuchten. De Vaan nahm junge um 47 Prozent höher. Damit wertvolle
Wissenschaftler in seine Studie auf, die Forschung nicht chancenlos bleibt,
sich um Gelder aus einem öffentlichen schlägt de Vaan vor, Forschungsgelder in
Fördertopf beworben hatten. Eine Grup- Zukunft ohne Wissen über früher ein-

GETTY IMAGES
pe von Studienteilnehmern hatte dabei geworbene Gelder zu vergeben. VH

Medizin Astronomie

»Mitunter lebensbedrohlich« Der nasse Teil


des Mondes
Der Gesundheits- ben, um die Nebenwirkungen eines
wissenschaftler Jörg anderen Medikaments zu bekämpfen –  Liegt deutlich mehr gefrorenes Was-
ROLAND BRINKMANN

Schaaber, 64, von zum Beispiel wenn ein hoher Blut- ser unter der Mondoberfläche verbor-
der Zeitschrift »Gute druck zu stark gesenkt wurde und der gen, als man bislang wusste? Das lässt
Pillen – Schlechte dadurch auftretende Schwindel dann die Analyse eines vom Erdtrabanten
Pillen« über das soge- mit einem weiteren Medikament stammenden Meteoriten vermuten.
nannte Deprescribing: bekämpft wurde. Japanische Wissenschaftler entdeckten
die schwierige Frage, wie man Medi- SPIEGEL: Funktioniert das in der in dem Gesteinsbrocken Mogánit, ein
kamente, die einem einmal verschrieben Praxis? Mineral, das sich nur im Beisein von
wurden, wieder loswird Schaaber: In Studien ließ sich bislang Wasser bilden kann. Wahrscheinlich,
zwar kaum ein handfester Nutzen des so die Forscher, habe ein Meteoroid
SPIEGEL: Eigentlich nimmt man Arz- Deprescribing nachweisen, aber durch oder Asteroid später das Mogánit aus
neimittel, weil sie helfen. Warum sie diese Studien wissen wir immerhin, dass dem Mond herausgeschlagen und gen
wieder absetzen, wenn die Krankheit es schwieriger ist, als wir dachten, Medi- Erde geschleudert. Sollten auf dem
bleibt? kamente zu reduzieren. Viele Ärzte Mond tatsächlich größere Wasservor-
Schaaber: Gerade alte Menschen müssen haben große Angst davor, etwas in der räte lagern, könnte dies entscheidend
oft sehr viele Medikamente einnehmen, Behandlung zu versäumen. Sie denken dazu beitragen, bemannte Missionen
die häufig auch noch von verschiedenen kaum daran, dass sie durch das, was sie zum Mars zu versorgen: Das Nass lässt
Ärzten verordnet worden sind. Viele kau- tun, auch Schaden anrichten können. sich wegen der geringeren Anziehungs-
fen zudem selbst Nahrungsergänzungs- Dabei muss es immer eine Abwägung kraft unseres Trabanten viel leichter
mittel oder pflanzliche Präparate dazu. sein: Überwiegt der Nutzen des Medika- von dort ins All befördern. VH
Am Ende hat sogar der Hausarzt oft ments den Schaden? Zugegeben, diese
keinen Überblick mehr. So kann es zu Abwägung kann sehr schwierig sein.
Nebenwirkungen kommen und mög- Aber manchmal eben auch ganz einfach:
licherweise zu gefährlichen, mitunter zum Beispiel wenn Magensäureblocker Fußnote

4
lebensbedrohlichen Wechselwirkungen während eines Krankenhausaufenthalts
der Mittel untereinander. nur prophylaktisch verordnet wurden.
SPIEGEL: Und hier kommt »Deprescri- Da könnte man hinterher schauen, ob die
bing« ins Spiel? Was genau soll das überhaupt noch gebraucht werden – man
sein, und wie hilft es gegen solche miss- muss nur daran denken. VH
lichen Umstände? Prozent der Seiten US-amerikanischer
Schaaber: Medikamente einfach auf eige- College-Lehrbücher für Biologie, Che-
ne Faust abzusetzen kann sehr riskant mie und Physik sind dem Klimawandel
sein. »Deprescribing« heißt nichts ande- und erneuerbaren Energien gewidmet.
BERNHARD CLASSEN / VARIO IMAGES

res, als dass Arzt und Patient sich in Auf diesen Durchschnittswert kam die
regelmäßigen Abständen zusammen- Biologin Rachel Yoho von der Miami
setzen, um festzustellen, welche Medi- University in Ohio, als sie die aktuellen
kamente der Patient gerade aus welchen Ausgaben von 16 Standardlehrwerken
Gründen nimmt, und um zu überlegen, auswertete. Dies lasse »daran zwei-
welche der Mittel vielleicht entbehrlich feln«, schließt Yoho, dass im Studium
sind. Manche Substanzen, stellt man diesem »drängenden gesellschaftlichen
dann vielleicht fest, wurden nur verschrie- Problem Sichtbarkeit verliehen wird«.

103
Wissenschaft

Weltenbrand
Geschichte Es war eine Zeit der religiösen Wirrungen und der
Fake News, der Flüchtlingsdramen und Wetterkapriolen – der
Dreißigjährige Krieg, der vor 400 Jahren begann, wirkt
erstaunlich aktuell. Warum ist diese deutsche Urkatastrophe
weitgehend aus der Gedenkkultur verschwunden?

D
a standen sie nun und fürchteten lief Gefahr, getötet oder zumindest gefol-
sich, weil alles Beten und Büßen tert zu werden. Das Reich stand in Flam-
nichts geholfen hatte. Etwas Un- men, und weil irgendwann kein Korn
heimliches war am Winterhim- mehr auf den Feldern wuchs und die Tiere
mel zu sehen, strahlend hell und mit lan- alle geschlachtet waren, litten die Men-
gem Schweif. schen Hunger. Einige seien in ihrer Not zu
Die Rute Gottes musste das sein, ein Kannibalen geworden, hieß es.
Zeichen, durch das der Allmächtige seinen Der Dreißigjährige Krieg, der am
Zorn offenbarte. Mit Schlechtwetter und 23. Mai 1618, sechs Monate vor Erscheinen
Missernten hatte der Herr sie in den Vor- des Kometen, mit dem Prager Fenstersturz
jahren schon gestraft, mit Hunger und und einem protestantischen Aufstand in
Ruhr und Pestilenz. Nun aber drohte weit Böhmen begonnen hatte, breitete sich bald
größeres Unheil; davon waren die Men- aufs beinahe ganze Reich aus (siehe Grafik
schen überzeugt, die damals in den Städt- Seite 106 und die Zeitleiste ab Seite 108).
chen und Sprengeln des Heiligen Römi- Er kostete wohl mindestens fünf Millionen
schen Reiches Deutscher Nation lebten. Menschen das Leben; es gab, gemessen an
Sie sollten recht behalten. der Gesamtbevölkerung, mehr Opfer als
Es war ein Komet, der am Firmament im Zweiten Weltkrieg, und nur ungefähr
zu sehen war, einer der größten Schweif- ein Siebtel davon wurde auf dem Schlacht-
sterne aller Zeiten. Welch zynischer Zufall, feld getötet: Der Dreißigjährige Krieg
dass er ausgerechnet im November 1618 tobte vor allem in den Städten und Dör-
auftauchte, zu Beginn des Dreißigjährigen fern, in Weilern und auf Bauernhöfen; er
Krieges, einer der grausamsten menschen- wurde in erster Linie dort geführt, wo es
gemachten Katastrophen der Weltge- etwas zu essen, zu plündern, zu brand-
schichte. schatzen gab.
Die Menschen hielten Kometen und an- Was als Religionskrieg begann, wuchs
dere Himmelserscheinungen damals noch sich über die Jahre zu einem Raubkrieg
für Vorboten großer Umwälzungen und aus, den es in dieser Form nie zuvor gege-
langen Elends, genauso wie Sturmfluten, ben hatte und bis heute nicht mehr gab.
Hagel oder andere Starkwetterereignisse. In einigen Landstrichen starben und
Sogar Astronom Johannes Kepler, einer flohen 70 Prozent der Einwohner, etwa
der klügsten Köpfe seiner Zeit, sah in dem 1500 Städte und 18 000 Dörfer sollen
Kometen, der bis in den Januar hinein mit damals zerstört oder schwer beschädigt
bloßem Auge beobachtet werden konnte, worden sein, oft riss es auch alle Betriebe,
eine Art Menetekel. Äcker und Tiere mit ins Verderben. Der
Als er am frühen Morgen des 29. No- Viehbestand sank in einigen Regionen
vember samt Teleskop aufs Dach seines auf unter zehn Prozent der Vorkriegs-
Linzer Wohnhauses stieg und den gewal- menge.
tigen Schweifstern das erste Mal erblickte, Darüber, wie einschneidend die ökono-
war er fasziniert. Aber er fürchtete sich mischen und demografischen Folgen die-
auch und prophezeite, dass das Spektakel ses Krieges waren, herrscht weitgehende
am Himmel giftige Dämpfe verbreiten und Einigkeit. Manche Historiker üben sich in
Seuchen auslösen werde. Superlativen und sprechen, wie der Erlan- und Michael Stürmer, lasse sich der Ur-
Die Welt ging zwar nicht unter, nach- ger Geschichtsprofessor Axel Gotthard, sprung der »German Angst« verorten.
dem der Komet wieder verschwunden war. vom »schlimmsten Krieg der Weltgeschich- Kann das sein? Wurde in dem Inferno,
Aber sie stürzte in ein Chaos, das apoka- te«. Während sich Wirtschaftskraft und Be- das vor allem auf dem Gebiet des heutigen
lyptischer anmutete als alles, was die völkerungszahl jedoch in vielen Gebieten Deutschlands tobte, jene Mentalität gebo-
Menschheit zuvor erlebt hatte. nach etwa 100 Jahren dem Vorkriegsniveau ren, die sich bis heute in einer Sehnsucht
Heerscharen von Mördern, Vergewalti- wieder angeglichen hatten, währten die nach Recht, Ordnung und einem reibungs-
gern und Räubern zogen jahrzehntelang psychologischen Effekte viel länger. los funktionierenden Staat offenbart? War
durch die Lande. Wer nichts hatte oder Im Dreißigjährigen Krieg, glauben die das »Preußische«, das die deutsche Ge-
nicht sofort hergeben wollte, was er besaß, Geschichtswissenschaftler Georg Schmidt schichte weit über 100 Jahre lang domi-

104 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


HENDRIK SCHMIDT / DPA

Massengrab in einer Ausstellung in Halle 2015: Wie Müll in der Grube entsorgt

nierte, eine direkte und logische Konse- Feind – und wie sich Frieden anfühlt. Als verschwunden ist. Die Rezeption bleibt
quenz des Wahnsinns, der so lange nicht der Krieg 1648 für beendet erklärt wurde, meist an der Oberfläche, oft erscheint es,
enden wollte? gab es Millionen Kinder, Jugendliche und als ginge es um etwas Fernes, Verwehtes,
Die Geschehnisse in der Zeit zwischen junge Erwachsene, die nichts kannten als etwas, das sich in einigen Stunden Ge-
1618 und 1648 hatten ohne Zweifel das den Krieg. Nun bildeten sie den Kern der schichtsunterricht in der siebten Klasse ab-
Potenzial, Millionen Menschen zu trauma- Gesellschaft – und vererbten die Angst, handeln lässt wie der Trojanische Krieg –
tisieren. Das Volk litt unter totalem Kon- mit der sie groß geworden waren. und nicht um eine Katastrophe, die die
trollverlust und einer ewigen Furcht vor Umso erstaunlicher ist es, dass der Drei- deutsche Historie entscheidend prägte.
Willkür, Schmerz und Tod. Niemand wuss- ßigjährige Krieg, der vor 400 Jahren be- Der Dreißigjährige Krieg wirkt nach,
te mehr so recht, wer Freund ist und wer gann, aus der Gedenkkultur weitgehend noch immer. Und der überragende Erfolg

105
Wissenschaft

von Daniel Kehlmanns Roman »Tyll«, der ten Schlachten des gesamten Dreißigjäh- stammten, und man konnte beweisen, dass
das Grauen fast unerträglich anschaulich rigen Krieges. Beim Kampf eines kaiser- ein großer Teil von ihnen in Kindheit und
macht, zeigt, dass es einen Resonanzboden lich-sächsischen Heeres gegen die schwe- Jugend Stressphasen durchlebt hatte. Bei
für eine neue Erzählung dieser alten Apo- dische Armee verloren bis zu 9000 Men- der Untersuchung stieß man auf abgenutz-
kalypse gibt – das Buch hält sich seit schen ihr Leben. Die meisten der Leichen te Gelenke, die auf lange Gewaltmärsche
30 Wochen auf den Spitzenplätzen der verscharrte man damals wohl an Ort und hindeuten, und man fand zahlreiche Ver-
SPIEGEL-Bestsellerliste. Stelle, aber genau wissen es die Historiker letzungen, die nie richtig behandelt wor-
In vier Kapiteln einer Vergangenheit, die nicht, da nie gezielt nach den Opfern ge- den waren. So konnten Forensiker erhär-
Historiker inzwischen mit neuen Metho- sucht wurde. Außerdem dürften sich viele ten, wovon schon viele Quellen berichtet
den ausleuchten können, lässt sich erklä- der menschlichen Überreste nahezu voll- hatten: Die Heere des Dreißigjährigen
ren, warum dieser Krieg so besonders war. ständig aufgelöst haben, weil der Boden Krieges lebten unter katastrophalen hygie-
Und wie er den Boden bereitet hat dafür, über die Jahrhunderte von den heimischen nischen Bedingungen, wurden medizi-
wie wir uns immer noch gern fühlen: als Landwirten reichlich bearbeitet wurde nisch schlecht versorgt und waren Multi-
Überlebende. Stolz, deutsch und ängstlich. und sehr sauer ist. »Wir waren froh, dass kulti-Trupps, die sich von ihren Befehlsha-
Die Toten helfen. Sie kommen zurück wir noch einige Gebeine sichern konnten«, bern nur schwer bändigen ließen.
und erzählen ihre Geschichten. sagt Antje Zeiger. Im 17. Jahrhundert gab es noch so gut
Der Fund in Wittstock, bei dem die Ske- wie keine stehenden und steuerfinan-
Hungriger Soldat, lette und Knochen von 88 getöteten Män- zierten Armeen aus Wehrpflichtigen oder
grausames Heer nern der schwedischen Armee freigelegt gut ausgebildeten Zeitsoldaten. So muss-
wurden, ist nicht der einzige seiner Art. ten permanent Freiwillige aufgetrieben
Ein Baggerfahrer grub im März 2007 bei An etlichen Orten Deutschlands wurden werden, die bereit waren, in den Krieg zu
Wittstock/Dosse nach Kies für den Neu- in den vergangenen Jahren Gebeine von ziehen.
bau einer Autobahnbrücke. Plötzlich wa- Opfern des Dreißigjährigen Krieges gebor- Die Aufgabe wurde auch an Unter-
ren Menschenknochen in der Schaufel, die gen, in Brandenburg an der Havel, Stral- nehmer wie Ernst von Mansfeld oder Al-
seltsam porös aussahen. So wurde nicht sund, Alerheim, Lützen. Mittlerweile ver- brecht von Wallenstein delegiert, die Geld
die Kriminalpolizei informiert, sondern fügt die Forschung über forensische Mög- mit Mietarmeen verdienten. Der böhmi-
Antje Zeiger, Leiterin des »Museums des lichkeiten, den Skeletten ihre Geheimnisse sche Geschäftsmann Wallenstein, dem der
Dreißigjährigen Krieges«, das es in der zu entlocken. Astronom Kepler bereits 1608 in einem
Stadt gibt. Die Historikerin hatte den Bag- Im Labor konnte durch die Oberflächen- Horoskop bescheinigt hatte, habgierig,
gerfahrer und seine Kollegen zuvor darauf struktur der Knochen belegt werden, dass grausam und irgendwann Anführer einer
aufmerksam gemacht, dass sie auf Gebei- mehr als die Hälfte derer, die im Witt- unzufriedenen »Rotte« zu werden, geriet
ne stoßen könnten. stocker Massengrab bestattet wurden, un- so zu einer prägenden Gestalt des Krieges;
Westlich der Kiesgrube, in einer Senke ter Parasiten und viele wohl auch unter er war ein knallharter Kapitalist und ver-
zwischen sanften Hügeln, ereignete sich Syphilis litten. Man fand in den Zähnen stand es besonders gut, Söldner zu rekru-
am 4. Oktober 1636 eine der verlustreichs- Hinweise darauf, woher die Soldaten tieren.
Heute wird übers Internet gesucht, da-
mals schickte man Pfeifer und Werbe-
SCHWEDEN trommler los, die dann lautstark durch Dör-
Konfessionen um 1618* DÄNEMARK
fer und Städte zogen. Religionszugehörig-
katholisch
keit spielte bei der Söldnerverpflichtung
protestantisch allenfalls zu Beginn des Krieges eine Rolle.
Schlachten des Dreißig- Das Angebot, in die Schlacht zu ziehen,
jährigen Krieges nahmen viele Europäer zwischen 15 und
Wittstock 60 Jahren wohl aus purer Not und Perspek-
Lutter am Berlin POLEN tivlosigkeit an. Die »Kleine Eiszeit« be-
ENGLAND Barenberge
Osnabrück Magdeburg herrschte damals Mitteleuropa, eine natür-
Münster liche Kälteperiode, die in manchen Jahren
Breitenfeld
Leipzig noch im Frühsommer Schnee über die Fel-
Lützen der wehte. Das schadete der Landwirtschaft
Köln HEILIGES
RÖMISCHES REICH und trieb die Preise für Brot und andere
Prag
DEUTSCHER NATION Güter des täglichen Bedarfs nach oben.
Weißer
Berg Tausende »Hexen« und andere, die an-
Heidelberg geblich mit dem Teufel im Bunde standen,
Regensburg
Paris Nördlingen hatte man als vermeintlich Schuldige so-
Rain am Lech Wien genannten peinlichen Befragungen unter-
Kloster Andechs
München zogen und auf Scheiterhaufen verbrannt,
doch die Wetterkapriolen wollten einfach
FRANKREICH kein Ende nehmen.
Die Armee bot in dieser Situation zu-
mindest ein Minimum an Versorgung. Für
»unterbürgerliche Schichten« aus ganz Eu-
ropa sei das Söldnerleben daher eine »ak-
OSMA- zeptierte Form der Daseinssicherung« ge-
*mehrheitlich NISCHES wesen, schreibt der Militärhistoriker Bern-
Quelle: Haus der Bayerischen REICH hard Kroener. So strömten Zehntausende
Geschichte, Peter Wolf und
Stefan Lippold Männer und unbegleitete Minderjährige
ins Reich, die keinerlei Bindung zu Land

106 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


SVEN DÖRING / DER SPIEGEL
Ehemaliges Schlachtfeld bei Wittstock: Ein Tross von Söldnern, Gauklern, Wahrsagern und Prostituierten

und Leuten hatten; es war ihnen egal, was schon in einem schlechten Zustand, als er wen und Waisen, deren Zahl naturgemäß
mit dem Heiligen Römischen Reich Deut- rekrutiert wurde; man war nicht sehr wäh- größer wurde. Außerdem reisten Marke-
scher Nation passierte, es ging ihnen ums lerisch bei der Anwerbung, zumal jeder tender mit, Handwerker, Gaukler, Wahr-
eigene Wohlergehen. Neuling eine Provision einbrachte. sager, untaugliche Ex-Soldaten und soge-
Es liegt auf der Hand, dass sich – genau- Der Schotte plagte sich mit schweren nannte Sudler, die kleine Garküchen und
so wie heute beim »Islamischen Staat« – Entzündungen im Mund, litt wegen Vita- Schankwirtschaften betrieben. Stattlich
auch Kriminelle und Psychopathen unters min-D-Mangels unter schmerzhafter Ra- muss auch die Zahl der Prostituierten ge-
Kriegsvolk mischten. Schließlich bot dies chitis und trug wohl schlecht sitzende Stie- wesen sein, denn der Feldwebel, der für
die Chance, düstere Triebe auszuleben fel, die auf Dauer seine Schienbeine rui- die Ordnung im Tross zuständig war, wur-
und das auch noch als Teil einer Heilsge- nierten. So geschwächt, wie er war, eignete de ganz offiziell »Hurenweibel« genannt.
schichte zu feiern. Der Kulturhistoriker er sich gar nicht fürs Schlachtfeld. Er hätte Je länger der Krieg dauerte, desto mehr
Gustav Freytag drückte es drastisch aus: in ein Krankenhaus gehört. Menschen schlossen sich an, die durch
»Fast alle Völker Europas sandten ihre Doch eine angemessene medizinische Söldner und Marodeure alles verloren
schlechtesten Söhne in den langen Krieg.« Versorgung gab es in den meisten Heeren, hatten: Geplünderte, die nun selbst plün-
Weil jede Region der Welt einen geo- wenn überhaupt, nur für die Offiziere. dern mussten, um überleben zu können.
chemischen Fingerabdruck hat, konnte Männer wie der junge Brite konnten allen- Anfang der 1630er-Jahre stromerten so
durch die Analyse von Strontium-Isotopen falls auf eine Knochensäge zählen, wie sie über eine halbe Million Menschen durchs
im Zahnschmelz nachgewiesen werden, im Wittstocker Museum zu sehen ist. Das Land. Damit überhaupt ansatzweise eine
dass manche der in Wittstock Bestatteten Werkzeug kam beispielsweise zum Ein- Aussicht bestand, all die hungrigen Mäu-
von den Britischen Inseln stammten, ge- satz, wenn Kugeln in den Extremitäten ler zu stopfen, wurden die Heere meist in
nauer: aus Schottland. Darunter ein Mann steckten und eine Blutvergiftung drohte. Gruppen auf mehrere Dörfer verteilt. Die
von etwa 20 Jahren, dem sich die Forensi- Es müssen zum Teil katastrophale Be- Soldaten und ihr Anhang fraßen ganze
ker aufgrund seiner multiplen Verletzun- dingungen geherrscht haben in den Lagern, Landstriche kahl, und sie brachten oben-
gen besonders intensiv widmeten. die immer nur provisorisch aufgeschlagen drein noch die Pest und andere Krank-
Der junge Kerl war auf dem Schlacht- wurden. Oft gab es nur einige »Scheiß- heiten.
feld nach einem Schuss in den Oberarm, löcher« im Boden, das musste reichen für Wie brutal der Schwarze Tod der Bevöl-
einem Klingenhieb auf seinen Schädel die Großgruppen, die in einigen Fällen aus kerung zusetzte, lässt sich am Beispiel
und einem Stich in die Kehle gestorben; 100 000 Menschen bestanden und so etwa Wittstock sehen. Laut dem dortigen Kir-
post mortem bekam er noch einen hefti- vier Tonnen Exkremente pro Tag produ- chenbuch wurden im Jahr 1638 fast
gen Tritt auf den Unterkiefer, vielleicht zierten. Das lockte Fliegen und Ratten 1600 Menschen beerdigt; ein Bevölke-
von einem Pferdehuf. Der Mann hatte of- an, Krankheitsüberträger, und machte das rungsverlust von 80 Prozent, denn zuvor
fenbar ein erbärmliches Leben hinter sich. Leben besonders für die mitreisenden hatte die Stadt wohl gut 2000 Einwohner
Als Kind litt er immer wieder Hunger, zu- Kinder gefährlich. gezählt.
mindest deutet die Analyse seines Zahn- Die Söldner zogen oft gemeinsam mit Die Kriegsgesellschaften waren mörde-
schmelzes darauf hin. Vermutlich war er ihren Familien umher. Hinzu kamen Wit- rische Landplagen, auch, weil das Geld

107
Wissenschaft

fehlte, sie zu bezahlen. Im Wesentlichen Wolfes und der Aufschrift »Ich dürste nach wenn sie Rache übten. Doch das Inferno
funktionierte die Heeresfinanzierung nach Beute«. von Magdeburg sticht heraus – nicht nur
einem Prinzip, das Dichterfürst Friedrich Johann Tserclaes von Tilly führte das wegen der Opferzahl, sondern auch in der
von Schiller in seinem Drama »Wallen- Heer, ein asketisch lebender Marienvereh- späteren medialen Aufarbeitung.
stein« auf die prägnante Formel »Der rer mit kantigem Gesicht, der damals schon Nicht alle Menschen, die in der Stadt wa-
Krieg ernährt den Krieg« gebracht hat. 72 Jahre alt war. Monatelang wurde über ren, kamen ums Leben; es konnten auch
Die Landbesitzer, auf deren Grund die eine Kapitulation der protestantischen einige flüchten, meist gegen Geldzahlungen.
Heere sich breitmachten, hatten »Kontri- Trutzburg verhandelt. Doch die Städter Dennoch ist sich die Forschung einig, dass
butionen« zu entrichten und die Verpfle- waren widerspenstig; sie hofften, dass Gus- mindestens 20 000 Männer, Frauen und
gung zu gewährleisten, was mit zunehmen- tav II. Adolf mit seinen Mannen zu Hilfe Kinder ermordet oder Opfer des verheeren-
der Dauer des Krieges immer schwieriger eilen würde. Der Schwedenkönig hatte den den Brandes wurden, der in der Stadt wü-
wurde. Militärhistoriker haben ausgerech- kaiserlichen Truppen nach seinem Kriegs- tete. Magdeburg verwandelte sich in eine
net, dass ein Heer von 40 000 Mann täg- eintritt 1630 schwere Niederlagen zugefügt Hölle, die viele Menschen der damaligen
lich 40 Tonnen Brot, 20 Tonnen Fleisch und dadurch eine komplette Rekatholisie- Zeit von den apokalyptischen Gemälden
und 120 000 Liter Bier brauchte, um satt rung des Reiches verhindert. Doch der Mon- Hieronymus Boschs und anderer Künstler
und betrunken genug zu sein. Der Begleit- arch blieb fern, und so kam es, dass Tillys kannten, deren Werke in den Kirchen hin-
tross hatte keinen Anspruch auf Unterstüt- Unterkommandant General Gottfried Hein- gen – die Kunst wurde unfassbare Realität.
zung, er musste sich selbst versorgen und rich zu Pappenheim, ein gefürchteter Offi- Als das Tor offen war, standen die Söld-
tat dies unter anderem, indem er nach zier, am frühen Morgen des 20. Mai eine ner unter Zeitdruck. Wohl auf Geheiß Pap-
einer Schlacht die Toten plünderte. Extraportion Wein an seine Männer aus- penheims waren Widerstandsnester in
Solche Heere zu unterhalten wäre auch schenken ließ. Anschließend ging es, betrun- Brand gesetzt worden. Das Feuer breitete
einem Land mit brummender Wirtschaft ken und enthemmt, zum nördlichen Magde- sich schnell aus, weil ein starker Wind
und reichen Ernten schwergefallen. Einem burger Festungswall hinüber. durch die Straßen brauste und die Häuser
Reich, das aus dem Krieg nicht mehr he- Die »Pappenheimer«, wie man sie nann- vornehmlich aus Holz gebaut waren.
rausfand und mit den Auswirkungen der te, standen schnell unter starkem Beschuss. Die Eindringlinge gewannen bald die
Kleinen Eiszeit zu kämpfen hatte, war das Doch es glückte ihnen, über die Stadtmau- Oberhand. Die Einwohner flüchteten in
schlicht unmöglich. Hinzu kam, dass die er zu klettern, gleichzeitig drangen zwei ihre Häuser, doch geschützt waren sie dort
Militärs viele Landstriche systematisch zer- Schwadronen »Kroaten« durch eine Pforte nicht. Söldner und Mitglieder des Trosses
stören ließen, um dem Gegner den Nach- am Fischerufer in die Stadt ein. Zunächst schlugen die Türen ein und suchten nach
schub abzuschneiden. war der Ausgang des Kampfes ungewiss, Geld, Schmuck, Stoffen und allem, was
So wuchsen Monster heran, und kein aber dann gelang es Tillys Söldnern, von sonst wertvoll erschien. Beute zu machen
Gebet half, sie aufzuhalten. innen das »Krökentor« zu öffnen. war eine Überlebensfrage, auch für die Be-
Draußen warteten sie schon: Tausende fehlshaber – wegen ständiger Geldnot
Blutrausch in Magdeburg hungrige Männer. konnten sie nur unregelmäßig Sold aus-
Der Exzess gehörte zum Dreißigjährigen zahlen, sie standen in der Pflicht.
Etwa 25 000 Söldner belagerten im Früh- Krieg. Söldner und Marodeure verübten Solange die Hausbewohner etwas her-
ling des Jahres 1631 die Stadt Magdeburg, zahllose Überfälle auf Städte, Dörfer, Bau- zugeben hatten, gab es den Rest einer
unter ihnen Ungarn, Polen, Italiener, Spa- ernhöfe und Flüchtlingstrecks; sie plünder- Chance zu überleben, danach so gut wie
nier, Franzosen, Wallonen; dazu kam ein ten, mordeten und marterten, um an Beute gar nicht mehr. Der Versuch, den fremd-
Tross, der vermutlich noch größer war. zu gelangen oder weil es ihnen Spaß berei- sprachigen Soldaten klarzumachen, dass
Die Armee hatte schon vor mehreren tete; sie kippten ihren Opfern »Schweden- nichts mehr da war, endete oft tödlich. Tau-
Monaten ihre Zelte aufgeschlagen, mitten trunk« in den Rachen, eine Mischung aus sende Menschen, die die Einbrüche über-
im strengsten Winter, als die Vorräte der Jauche, Exkrementen und Wasser. »Sie ha- standen hatten, verbrannten oder erstickten
umliegenden Dörfer und Weiler zur Neige ben die Leute um die Köpfe mit Seilen ge- später, weil sie sich aus Angst nicht mehr
gingen. So gab es im Umland kaum einen knebelt, dass ihnen das Blut aus den Ohren auf die Straße trauten. Dort wurde nicht
Bauern, der noch etwas abgeben konnte, gelaufen; ihnen die Geschlechtsteile jäm- nur getötet, sondern auch vergewaltigt.
nicht einmal unter Folter. Gierig schauten merlich gebrannt. Sie haben ihnen die Mus- »Hurr, hurr«, skandierten Soldaten in-
die hungrigen Söldner auf Magdeburg, keten an die Lippen geschraubt und daran mitten des Infernos, und einige ließen den
eine der reichsten und bedeutendsten Städ- bis zur schrecklichen Zerreißung hängen bedrohlichen Worten Taten folgen.
te des Reiches. Kavalleristen aus Südost- lassen«, schreibt ein Pfarrer nach einem »Vor der Peterskirche lag ein Haufen ge-
europa, die in der Bevölkerung als be- Massaker, das er beobachtet hatte. schändeter und getöteter Frauen«, notierte
sonders grausam verschrien waren und Söldner und Marodeure zeigten viel ein Jesuit namens Gaspard Wiltheim.
kollektiv als »Kroaten« bezeichnet wur- Fantasie beim Töten und Foltern, und die Einige waren »mit dem Kopf in ein großes
den, hissten eine Fahne mit dem Bild eines Bauern waren oft nicht weniger grausam, Braufass voller Wasser gestürzt und er-

Der Dreißigjährige Krieg und seine Vorgeschichte


1555 1608/1609 1618 – 1623
Der Augsburger Religions- Nach dem Reichstag 1608 sehen sich Bereits 1617 wird der spätere aus dem Fenster der Prager
frieden legt fest, dass die Protestanten in ihrem Misstrauen Kaiser Ferdinand II. König Burg geworfen werden: Der
katholisches und lutherisches gegenüber dem katholischen Kaiser von Böhmen. Dort macht der Krieg beginnt. Der böhmische
Glaubensbekenntnis gleich- bestätigt. Evangelische Fürsten und Gegenreformator mehrere Adel wählt den protestanti-
berechtigt sind. Der jeweilige Städte schließen sich unter kurpfäl- Rechte der überwiegend schen Kurfürsten der Pfalz
Landesherr bestimmt die zischer Führung zu einem Defensiv- protestantischen Stände rück- Friedrich V. zum König. Sein
Religion seiner Untertanen. bündnis zusammen, der Protestanti- gängig. Dies führt schließlich Heer wird 1620 in der Schlacht
schen Union. Als Reaktion darauf grün- zum Prager Fenstersturz, bei am Weißen Berg vor den Toren
det sich 1609 die Katholische Liga. dem Ferdinands Statthalter Graf Tilly
AKG

108 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


wohner tot, bis Heerführer Tilly befahl,
die Plünderungen einzustellen. Das einzi-
ge Gebäude, das er konsequent hatte schüt-
zen lassen, war der einstmals katholische
Dom gewesen, eine der prächtigsten goti-
schen Kathedralen des Reiches. Am
25. Mai ließ Tilly dort eine Dankesmesse
feiern. Die Straßen Magdeburgs lagen da
noch voller Leichen, viele davon zerstü-
ckelt. Pappenheim notierte: »Es ist gewiss
seit der Zerstörung Jerusalems kein gräu-
licheres Werk und Strafe Gottes gesehen
worden. Alle unsere Soldaten sind reich
geworden. Gott mit uns.«
Papst Urban VIII. war begeistert vom
Zerstörungswerk »seiner Soldaten«.
»Wenn er die Vergeltung sieht, freut sich
der Gerechte; er badet seine Füße im Blut
des Frevlers«, schrieb er in einem Gratu-
lationsbrief an Tilly. Der hochgelobte
Heerführer ließ die Leichname auf Wagen
laden und in die Elbe werfen, doch der
Fluss, voller Strudel, hatte Mühe, die To-
ten fortzutragen. Daher sind »viele da lan-
ge herumgeschwommen, haben theils die
Köpfe aus dem Wasser gehabt, theils die
Hände gleichsam gen Himmel gereckt«,
schrieb ein Augenzeuge. Es war Otto von
Guericke, einer der bekanntesten Physiker
der deutschen Geschichte, der durch Ex-
perimente zum Luftdruck bekannt wurde.
Guericke überlebte den Sturm auf Mag-
deburg, weil er sich als reicher Bürger frei-
kaufen konnte. Später half er als Bürger-
meister, die Stadt wieder aufzubauen,
SVEN DÖRING / DER SPIEGEL

doch er erlebte es nicht mehr, dass sie zu


alter Größe kam. Laut einer Zählung hatte
Magdeburg 1632, ein Jahr nach der Ver-
heerung, 449 Einwohner. 54 Jahre später,
als Guericke starb, waren es etwa 20 000;
gut 10 000 weniger als vor dem Krieg.
Magdeburger Stadtmauer: Kleine Mädchen zu Tode vergewaltigt
Fake News und Albträume
tränkt worden, hingen aber mit dem hal- »Jene Überzähligen, anderswo nicht Ge- Es gibt Selbstgebrautes und Schweinshaxe,
ben Körper und den Beinen heraus, was brauchten, die in den Heeren Zuflucht dazu ein bisschen Oktoberfeststimmung
ein erbärmlicher Anblick war«, schreibt gefunden hatten, ›bewiesen‹ nun einer und eine niedliche Kirche mit Zwiebel-
ein Augenzeuge, der während des Infernos Zivilgesellschaft, die auf Söldner mit wach- turm. Im Andenkenladen werden Postkar-
erst zwölf Jahre alt war. sender Verachtung herabsah, die Über- ten mit Alpenpanorama, Devotionalien
Kinder wurden nicht verschont. So be- legenheit der eigenen Lebensform«, für Volksfrömmler und Maßkrüge mit
obachteten einige Prämonstratensermön- schreibt der Historiker Gotthard über den Metalldeckel verkauft. Welcher Ort wäre
che, wie sechs Soldaten im Innenhof ihres Blutrausch in Magdeburg. bayerischer als das Kloster Andechs?
Klosters ein kleines Mädchen zu Tode ver- Es dauerte drei Tage, da waren fast alle Das idyllisch auf einem Hügel gelegene
gewaltigten. Häuser abgebrannt und die meisten Ein- Benediktineranwesen ist dank seiner Brau-

1625 – 1629 1630 – 1635


Prags von den kaiserlich- Dänenkönig Christian IV. der Bevölkerung Schwedenkönig Gustav II. und dringen nach
katholischen Truppen unter sieht sein Reich bedroht (Kontributionszahlun- Adolf will den Protestantis- Süddeutschland vor.
General Tilly vernichtend ge- und greift in den Krieg gegen gen) finanziert. mus im Norden Europas In der Schlacht bei
schlagen. Spanisch-habs- die Katholische Liga und Die Dänen unterliegen schützen und sich die Vor- Rain am Lech
burgische Truppen erobern Ferdinand II. ein. Aufseiten 1626 in Lutter am machtstellung an der Ost- besiegen sie Tilly
B R I D G E M A N I M AG E S

die Pfalz, die protestantischen des Kaisers kämpft ein Barenberge der Liga. see sichern. erneut, der dabei
Heerführer fliehen nach Nord- Söldnerheer unter General Tilly und Wallenstein 1631 schlagen die Schwe- tödlich verwundet
deutschland. Wallenstein, das dieser besetzen Nord- den die Katholische Liga wird.
General Wallenstein selbst durch Ausbeutung deutschland. bei Breitenfeld vernichtend

109
Wissenschaft

erei eines der beliebtesten Ausflugsziele sie zu verspeisen. »Die Gewaltschilderun- es nie zu einem Blutbad wie in Magdeburg
des Freistaats. Es lockt jedes Jahr weit gen unterlagen dem Überbietungseifer«, kam.
über 800 000 Ausflügler an, darunter über schreibt Historiker Schmidt in seinem neu- Es geht in vielen Tagebüchern und Ge-
30 000 Wallfahrer, die sich von einem en Buch »Die Reiter der Apokalypse«. schichten aus dem Dreißigjährigen Krieg
Zweig aus der Dornenkrone Christi und Bei einigen Texten handelte es sich um um das quälende Gefühl, niemals in Si-
anderen Reliquien Heilung oder Erleuch- Übertreibungen, oft um Fake News, die – cherheit zu sein. Die Furcht nahm zu,
tung erhoffen. ideologisch gefärbt – die Gräben zwischen wenn sich Heere samt Tross näherten, und
Etwas abseits des touristischen Trubels katholischer und protestantischer Öffent- wurde kleiner, wenn sie sich wieder ent-
hängt in der Alten Bibliothek das Bild eines lichkeit weiter vertieften. Und unabhängig fernten.
Mannes mit Dreitagebart und besorgter von ihrem Wahrheitsgehalt verstärkten sie Ganz verschwand die Angst aber nie.
Miene. Es zeigt den ehemaligen Abt Mau- die Angst. Sie blieb auch, als es ab Anfang 1640
rus Friesenegger und kündet von einer Zeit, Die Andechser Mönche sahen schon etwas ruhiger wurde in und um Andechs.
als der Alltag im Kloster nicht viel mit Le- Tage vor Ankunft des protestantischen In Frieseneggers Tagebuch geht es nun um
bensfreude und Andacht, sondern mit Heeres, wie gnadenlos es brandschatzte. Plagen, die man auch aus Friedenszeiten
einem Gefühl zu tun hatte, das mächtiger »Alle Nächte« habe man im Frühling 1632 kannte: um Blitze, die in den Kirchturm
sein kann als alle anderen: Angst. schon »von weitem vier, fünf und noch einschlagen, und Wölfe, die »überhand
Die Chronik, die Friesenegger schrieb, mehr Feuersbrünste« gesehen, schreibt nehmen«, wie der Benediktiner schreibt.
ist eines der bewegendsten Zeugnisse des Friesenegger. Das Grauen, das man bisher Vermutlich fraßen sie sich auch an den
Dreißigjährigen Krieges. Sie beginnt im nur aus den Zeitungen kannte, kam näher, überall liegenden Leichen fett.
Jahr 1627, als der damals 38-Jährige zum Kilometer um Kilometer. Diejenigen, die Es vergingen sechs halbwegs friedliche
Pfarrvikar in Erling befördert wurde, das die Kraft dazu hatten, flüchteten ins Alpen- Jahre, dann überbrachte im Jahr 1646 ein
zum Herrschaftsbereich des Klosters zähl- vorland oder versteckten sich in den Wäl- Eilbote die Anweisung, die kostbaren Re-
te. Es geht zunächst nicht um den Krieg, dern, und als sie sich Mitte Juni wieder her- liquien des Klosters so schnell wie möglich
sondern um die Ernten und um die Pest, austrauten, gab es Erling quasi nicht mehr. in die gut gesicherte Stadt München zu
die im Dorf »einschleichte«, wie der »Das obere Wirtshaus, das schöne Rich- bringen – ein untrügliches Zeichen dafür,
Mönch schreibt. Dann jedoch marschierte terhaus, das neue Schulhaus« – alles »lag dass der Krieg mit voller Härte zurück-
im Frühjahr 1632 Schwedenkönig Gus- in Asche«, ist in Frieseneggers Tagebuch kommen würde. Friesenegger gehorchte,
tav II. Adolf in das katholische Bayern ein. zu lesen. Von den 140 Pferden seien nur und nachdem einige seiner Mönche den
Er wolle den »Totalruin« des Landes, ließ noch drei übrig geblieben, notierte der Klosterschatz abgeliefert hatten, packte
er verkünden. Der Feind solle bluten und Mönch, »Schaf, Schwein, und das gesamte auch er seine Sachen und machte sich auf
büßen, wohl auch für Magdeburg. Geflügel, war ganz und gar verloren«. Die den Weg gen Süden. Derweil habe sehr
Man darf annehmen, dass man in Erling Feinde, so stellte er fest, legten eine viel »Landvolk« schutzsuchend vor den
vom Massaker an der Elbe erfahren hatte, »sonderbare Grausamkeit« speziell gegen Stadtmauern Münchens ausgeharrt, im-
denn der Dreißigjährige Krieg war eines die Alten und »Einfältigen«, die in Erling mer in der Angst, dass von hinten der Tod
der ersten medial begleiteten Ereignisse geblieben waren, an den Tag. Zwölf von kommen könnte.
der Weltgeschichte. Etwa 10 000 Flug- ihnen seien »Schlachtopfer« der skandina- »Die einigen wurden mit Schlägen von
schriften sind im Zusammenhang mit ihm vischen Söldner geworden. den Toren getrieben, und die andern muss-
gezählt worden, und ein damals schon re- Auch die eigene kaiserlich-katholische ten ihren Eintritt mit Geld erkaufen«,
lativ dichtes Post- und Kommunikations- Armee machte den Menschen in Andechs schrieb Friesenegger. »Viele Familien muss-
netz mit Transportkarossen und Express- in den Jahren nach 1632 das Leben zur ten bei sehr kaltem Wind mit ihren Kin-
reitern gewährleistete, dass Nachrichten Hölle; »sie raubten, plünderten, und dern auf ihren Wägen und Karren zubrin-
auch in entlegene Winkel des Reiches ge- marterten ohne zu denken, dass sie Men- gen, wobei viele Kleine halb und ganz er-
langten. schen sind, und mit Menschen umgehen«, starrten und andere vom Viehe zertreten
Es gab seriöse und eher nüchterne Pu- schrieb Friesenegger. wurden.«
blikationen, aber auch Veröffentlichungen Hunderte Bauern und andere Dörfler Zwei Jahre später war der Krieg endlich
mit drastischen Texten und Zeichnungen suchten immer wieder Schutz im Kloster beendet, zumindest offiziell. Es war eine
von Menschen, die gevierteilt wurden und brachten ihre Pferde mit, ihr Vieh und Art Erschöpfungsfrieden, der im Oktober
oder kniend um Gnade bettelten. Fast ge- die Getreidevorräte, die ihnen geblieben 1648 in Osnabrück und Münster nach
nüsslich widmen sich einige Schriften der waren; manchmal kamen über 1000 Flücht- rund vierjähriger Verhandlung verkündet
Folterlust der Soldateska, speziell jener linge auf 35 Mönche. Die Menschen schlie- wurde. Kurfürst Maximilian I., Gründer
der »Kroaten«. Zudem wurde über Men- fen dicht an dicht und gerieten jedes Mal der Katholischen Liga, gab den Befehl, ein
schen berichtet, die – vom Hunger ge- in Panik, wenn jemand Einlass begehrte. Friedensfest zu feiern. Auch in Andechs
plagt – Leichen wieder ausbuddelten oder Es ist wohl auch dem Verhandlungs- gehorchte man brav. Einige der Soldaten
sogar ihre Familienmitglieder töteten, um geschick der Mönche zu verdanken, dass fanden eine Art Anschlussanstellung und

1635 – 1648
Gegen Wallenstein endet Im selben Jahr besiegt Der Konfessionskrieg wieder die Ober- 1648 beendet der
die Schlacht bei Lützen ein katholisches Heer bei wird zum Kampf um hand im Norden. Westfälische Frieden
1632 ohne klaren Sieger, Nördlingen die Schweden, die Vormachtstellung In den folgenden den Krieg: Die Religions-
jedoch stirbt Gustav II. Adolf. die sich aus Süddeutschland in Europa: Frankreich zwölf Jahren ver- freiheit des Augsburger
PHOTOAISA / INTERFOTO

Wallenstein selbst wird zurückziehen müssen. verbündet sich mit wüsten Raub, Friedens von 1555 wird
1634 ermordet, nachdem den Schweden. Letz- Plünderungen erweitert. Der Glaube der
der Kaiser ihm zunehmend tere gewinnen in der und die Pest das Landesfürsten soll nicht
misstraut hatte. Schlacht bei Wittstock Reich. mehr die Religion ihrer
Gustav II. Adolf Untertanen bestimmen.

110 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


SVEN DOERING / DER SPIEGEL
Diorama der Schlacht von Lützen*: Inferno als Ursprung der »German Angst«?

zogen weiter ins benachbarte Ausland, wo Massengrab von Lützen. Es wurde im Jahr findet es sich im Depot des Landesmu-
es neue Kriege gab. Andere jedoch blieben 2011 bei Forschungsarbeiten entdeckt. seums für Vorgeschichte in Halle, und man
im Reich und raubten noch eine Zeit lang Rundherum hatte im Jahr 1632 bei dich- fragt sich, warum es nicht längst zugäng-
weiter, oft unterstützt von den Waisen, die tem Nebel eine der bekanntesten Schlach- lich ist für jedermann, ausgestellt dort, wo
im Tross groß geworden waren. ten des Dreißigjährigen Krieges getobt. die Menschen, deren Knochen wir sehen,
Was Söldner und Kriminelle nicht ver- Mehr als 6000 Männer starben bei dem ihren Tod gefunden haben.
mocht hatten, erledigte am 3. Mai 1669 Gemetzel, darunter Gustav II. Adolf und Die Chancen, dass das Museum kom-
das Wetter. 14 Jahre nach Frieseneggers General Pappenheim. men wird, sind gut, aber es gibt ein Rest-
Tod schlug ein Blitz in den Kirchturm ein, Die 47 Skelette, die bis zu zwei Meter risiko. Das Land hat zwar schon eine För-
mal wieder. Ein Feuer brach aus, und An- unter der Erde lagen, wurden nicht einzeln derzusage für den wohl knapp drei Millio-
dechs wurde fast komplett zerstört. ausgegraben; man entschied, die Ruhestät- nen Euro teuren Bau gegeben, doch die
Der Wiederaufbau begann sofort und te im Block zu heben. Nach einer aufwen- Stadt, Lützen, müsste den Unterhalt be-
dauerte sechs Jahre. Dabei entstand eine digen anthropologischen Untersuchung reitstellen. Ein Umstand, der einigen Kom-
Kirche, die mit dem eher schlichten goti- und Präparierung lässt sich das Massen- munalpolitikern missfällt. Sie halten das
schen Gotteshaus, das zuvor zum Kloster grab nun als Quader aufstellen, geschützt von ihnen als »Knochenmuseum« titulier-
gehört hatte, nicht mehr viel zu tun hat. durch eine Glasscheibe. Es bietet einen te Ausstellungshaus für eher überflüssig
Den Neubau schmücken farbenfrohe Bil- Anblick, den man nie wieder vergisst: Die und glauben, dass das Geld an anderer
der und reiche Altäre, Putten, Gold, Stuck. Gebeine drängen sich dicht an dicht, einige Stelle besser angelegt wäre.
Ist die barocke Pracht eine Antwort auf auf dem Rücken, andere auf dem Bauch, Rosenbaum glaubt, dass Lützen durch
die dunkle Zeit des langen Krieges? manche längs, manche quer. das Museum nicht nur touristisch attrak-
Nachdem die Söldner geplündert worden tiver wird, sondern auch einen überfälligen
Vergessen waren, wurden sie wie Müll in der Grube Beitrag zur deutschen Gedenkkultur leis-
entsorgt, vermutlich von Bürgern. Auffällig ten kann. Die Präsentation würde »ein
Lützen in Sachsen-Anhalt, an einem kal- ist das Skelett des Mannes, der nachweislich Gegengewicht schaffen« und verdeut-
ten Tag Anfang 2018. Der Blick geht weit als Letzter im Grab landete. Er liegt mit aus- lichen, dass es in erster Linie einfache Leu-
übers ebene Land. Schneematsch am Stra- gebreiteten Armen da, wie gekreuzigt. te waren, die während des Dreißigjährigen
ßenrand, Krähen in kahlen Bäumen. An »Kann sein, dass das ein Zufall ist«, sagt Krieges litten und ums Leben kamen: Bau-
einer kleinen Kirche biegt Katja Rosen- Rosenbaum. »Möglich ist aber auch, dass ern, Handwerker und Soldaten, die mit
baum mit ihrem dunklen Kombi auf einen jemand ein Zeichen setzen wollte.« den Heeren zogen, weil sie sonst keine
Parkplatz. Es ist der Ort, an dem die His- Spätestens der Gekreuzigte, von den Chance gehabt hätten zu überleben.
torikerin Gerechtigkeit herstellen will, ge- Forschern »Individuum 13« genannt, ver- In Lützen wird bisher nur an eines der
gen alle Widerstände. wandelt das 3,5 mal 4,6 Meter große Mas- Schlachtfeldopfer erinnert: an Schweden-
Dort, wo sie ihren Wagen abgestellt hat, sengrab in ein Mahnmal. Momentan be- könig Gustav II. Adolf, jenen Mann, der
soll ein Ausstellungshaus für eine archäo- seinen Männern die Vernichtung Bayerns
logische Sensation gebaut werden: das * Im Schlossmuseum Lützen. befahl und damit einen Massenmord aus-

111
Wie wird man zum löste. Die Kapelle neben Rosenbaums
Parkplatz in Lützen ist eine Gedenkstätte

glücklichen
für den in Schweden noch immer kultisch
verehrten Monarchen. 1991 war sogar
Königin Silvia von Schweden zu Besuch,
ihre Tochter Victoria legte Blumen an dem
Findling ab, der angeblich den Fundort des

Hobby-Handwerker? toten Herrschers markiert.


Gustav II. Adolf ist nicht der einzige
zwiespältige Protagonist des Dreißigjähri-
gen Krieges, dem noch immer gehuldigt
wird. In Gedenken an Johann Tserclaes
von Tilly, dessen Männer Magdeburg aus-
löschten, wird jedes Jahr ein »Tillyfest« im

t z t l e sen, oberpfälzischen Breitenbrunn gefeiert, das

Je s e lber
dem Söldnerführer als Lehen übergeben
worden war. Im bayerischen Altötting, wo
u n d
lernen chen!
seine Gebeine liegen, gibt es eine »Tilly-
Kapelle«. In einem nahen Gotteshaus wur-
ma de bis ins Jahr 2009 hinein jeden Tag eine
Messe explizit für den Katholiken gelesen,
der 1632 an den Folgen einer Schussver-
letzung gestorben war.
Auch der 1634 ermordete Kriegsunter-
nehmer Albrecht von Wallenstein kommt
zu großen Ehren. Alle vier Jahre veranstal-
tet ein Verein in Memmingen die »Wallen-
steinfestspiele«, bei denen bis zu 5000 Män-
ner und Frauen in originalgetreuen Gewän-
dern das Heer- und Trossleben zelebrieren,
inklusive einer Schlacht mit Musketen, Ka-
nonen und gespielten Schmerzensschreien.
Es nimmt an diesem Kriegsspiel im All-
gäu auch eine Männertruppe teil, die die
Kürassiere von General Gottfried Heinrich
zu Pappenheim darstellt. Eine martia-
lische, vom Publikum bestaunte Reiterei
ist das, mit Hengsten, schwarzen Brust-
panzern und schwarzen Helmen.
Mit Pomp und öffentlichen Geldern
wird bis heute Verbrechern gedacht, die
sich an dem Wahnsinn des Dreißigjährigen
Krieges bereicherten. Für die Abertausen-
den armen Teufel aus dem Heer, für die
Männer, Frauen und Kinder, die zu Millio-
nen gefoltert, vergewaltigt, abgeschlachtet
wurden, die an der Pest verreckten oder
den Hungertod starben, gibt es kein einzi-
ges Denkmal.
Das Land hat seine Toten vergessen, es
blendet sie aus, zumindest die namenlosen.
Es verharmlost eine Katastrophe. Dabei
hat der Krieg, der vor genau 400 Jahren
begann, die Deutschen geformt.
ISBN 978-3-54837-755-1

Die »German Angst«, sie ist immer


noch da. Vielleicht können wir nun begin-
nen, uns ihrer Ursprünge gewiss zu wer-
den. Um sie irgendwann hinter uns zu las-
sen. Denn die Welt weiß: Der ängstliche
Deutsche ist ein gefährlicher Deutscher.
Guido Kleinhubbert

Video
Europas Trauma

spiegel.de/sp192018krieg
oder in der App DER SPIEGEL

112
Wissenschaft

Pflanzen, die sich nur selbst bestäubten, fie- pflanzen folgen Monate der Ödnis. Dem
Lass len die Früchte eher kümmerlich und knollig
aus; zudem verdarben sie schneller.
Notstand wäre leicht abzuhelfen: mit Bü-
schen und Blühstreifen entlang der Felder,
Wo Insekten auf den Blüten herumwu- mit Blumenwiesen. Aber ein insekten-
summen seln, wird die Fruchtbildung offenbar stär-
ker stimuliert: Ein wichtiges Hormon, das
freundliches Milieu finden Bienen heute
eher in der Stadt. Irgendwas steht dort im-
diese steuert, fand sich bei den bekrabbel- mer in Blüte, von Februar bis Oktober.
Landwirtschaft Eine neue ten Pflanzen in höherer Konzentration. Ausgerechnet unter Städtern steigt auch
Internetplattform vermietet Bienen Im Alten Land, dem größten Obstbau- die Zahl der Imker seit einigen Jahren
von Imkern an Bauern – die gebiet Deutschlands, kommen von jeher stark an. Platz für einen Bienenstock fin-
Bienen als Saisonarbeiter zum Einsatz. det sich notfalls auch auf dem Dach oder
Völker sollen Apfelbäume und Gut 4000 Völker von auswärts bestäuben dem Balkon. Die urbanen Imker halten
Erdbeerpflanzen bestäuben. in jedem Frühjahr Äpfel, Kirschen und Bir- meist nur wenige Völker; auf den Honiger-
nen. »Fast die Hälfte wird von Berufs- trag kommt es ihnen nicht unbedingt an.
imkern aus Bayern angeliefert«, sagt Bie- Aber in der Summe bilden sie eine ökolo-

D ie Apfelblüte begann in diesem


April etwas plötzlich – fast gleich-
zeitig, so schien es, sprangen überall
die Knospen auf. Claus-Peter Münch,
nenvermittler Trenk.
Solche Imker, die von ihren Bienen le-
ben, gibt es aber nicht viele – in ganz
Deutschland vielleicht 500. Und von den
gische Macht, nur eben am falschen Ort.
Auch diese Kleinimker möchte die Fir-
ma Beesharing fürs Bestäuben mobilisie-
ren. Mitmachen könne, wer mindestens
Obstbauer im Alten Land nahe Hamburg, rund 130 000 Freizeitimkern wandern die zehn Völker zu bieten habe, sagt Trenk:
hatte zum Glück vorgesorgt. Mehr als eine wenigsten mit ihren Völkern der üppigsten »Damit lassen sich bei uns schon gut
Million Honigbienen, geordert übers Inter- Blüte hinterher. In einem Jahr wie diesem, 1000 Euro im Jahr dazuverdienen.«
net, schwärmten aus, all die blühende
Pracht zu bestäuben.
Die Einsatzkräfte waren mit dem Last-
wagen gekommen, verteilt auf 100 Kisten,
allesamt gesund und hoch motiviert. Zwei
Wochen flogen die fleißigen Sumsen zwi-
schen Bauer Münchs Apfelbäumen herum,
dann kehrten sie zurück in die Heimat, ins
Oderland östlich von Berlin. Dort leben
die Bienen in der Obhut der Imkerei Keisel.
In diesem Jahr haben sie erstmals auswärts
für Geld bestäubt. Imkerin Julie Gaworski
kann mit einigen Tausend Euro rechnen.
Den Auftrag verdankt Gaworski der
Hamburger Firma Beesharing, die im
Internet eine Art Jobbörse für Honigbie-
nen betreibt. Otmar Trenk, 30, Student
der Politikwissenschaft, hat die Plattform
mit zwei Imkerfreunden aufgebaut.
Unter www.beesharing.eu können Bie-
nenhalter ihre Völker für den mobilen Ein-
satz anbieten. Landwirte wiederum mel-
den dort ihren Bedarf an Bestäubern:
wann, wo, wie viele? Die Firma organisiert
dann den Bienenverleih. Auf Wunsch Beesharing-Team im Einsatz: Wann, wo, wie viele?
übernimmt sie auch den Transport und
das Aufstellen der Stöcke im Zielgebiet.
»Da gibt es einiges zu beachten«, sagt wo eine jähe Obstblüte auf einen kühlen Der Markt des Bestäubens war den
Trenk. »Deshalb haben wir drei uns zu Be- Frühling folgte, werden gebietsweise schon Kleinen bislang verschlossen, denn Land-
stäubungsimkern fortbilden lassen.« mal die Bestäuber knapp. wirte brauchen in der Regel weit größere
Die Kosten für den Apfelbauern begin- Früher oder später könnte der Mangel Bienengeschwader. Dank der Vernetzung
nen bei 60 Euro pro Volk, dem Imker blei- chronisch werden. Die Wildbienen, eben- über Beesharing könnte sich das ändern
ben davon rund 45 Euro. Das ist etwa das falls wichtige Pollenverteiler, sind bedroht. – gut 14 000 Völker sind dort schon regis-
Doppelte der Preise, die noch vor andert- Und die Varroamilbe richtet in jedem Win- triert. Aus diesem Pool kann die Firma
halb Jahrzehnten für solche Dienste üblich ter viele Honigbienenvölker zugrunde. Einsatzteams in gewünschter Stärke zu-
waren. Und sie dürften weiter steigen. Eine Studie, finanziert von der EU, er- sammenstellen. Wenn der Geschäftsplan
Denn auch andere Nutzpflanzen profitie- rechnete schon fürs Jahr 2010 ein erheb- aufgeht, wird sie damit zu einer Schalt-
ren von bestäubenden Insekten – darunter liches Bestäubungsdefizit: Nur 30 Prozent stelle im mobilen Bestäubungsmanage-
Buchweizen und Raps, Ackerbohnen, Son- der im Idealfall benötigten Honigbienen ment.
nenblumen und Blaubeeren. Zwar kommen stünden in Deutschland noch zur Verfügung. »Allein im Stadtgebiet von Hamburg
sie zur Not mit Wind- oder Selbstbestäu- Dort, wo die Bienen gebraucht werden, leben rund 5000 Bienenvölker«, sagt
bung aus. Aber dann setzen sie meist klei- können sie aber kaum mehr leben. Die Trenk. »Damit könnten wir theoretisch
nere Früchte oder weniger Samenkörner an. ausgeräumten Flächen der Landwirtschaft die gesamte Obstblüte im Alten Land be-
Forscher an der Uni Göttingen haben das bieten ihnen nur kurzzeitig Nahrung. Auf wältigen.« Manfred Dworschak
am Beispiel der Erdbeere untersucht. Bei eine Massenblüte der angebauten Nutz-

DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018 113


Wissenschaft

WILDLIFE
Genetikwunder Axolotl

Im Dunkeln
einsetzen. »Das ist schon Luxus«, sagt
Biologe Bleidorn, »so einfach war es noch
nie.«
Daher häufen sich die Einsätze der
Biologie Das Erbgut des Menschen, vieler Tiere und Pflanzen ist Wunderkästchen:
‣ Es waren solche Nanopore-Geräte, mit
entschlüsselt. Oder nicht? Große Teile, so zeigte sich, entzogen sich
denen Wissenschaftler bei der Ebola-
unserem Blick. Nun ergründen Forscher die letzten Rätsel der Zelle. Epidemie 2015 in Westafrika vor Ort
der Frage nachgingen, wie sich das Virus
veränderte und ausbreitete.

U niversität Göttingen, Abteilung


Evolution und Biodiversität der Tie-
re: Hier entstehen Labore für Chris-
toph Bleidorn und seine Mitarbeiter. Der
steht für einen gewaltigen Umbruch, der
sich gegenwärtig in der Genomforschung
vollzieht. Wissenschaftler vieler Fachrich-
tungen von der Evolutionsbiologie bis zur
‣ 2016 gelang der US-Astronautin Kate
Rubins auf der Internationalen Raum-
station mit dem »MinION« die erste Se-
quenzanalyse im Weltall.
Biologe wechselt gerade aus Spanien auf Krebsforschung erhoffen sich Antworten ‣ Ein britischer Lebensmittelkonzern
seinen neuen Lehrstuhl. auf ihre drängendsten Fragen. plant gemeinsam mit der University of
Noch sind die Räume leer. Keine Zen- Denn manche Geräte der neuen Gene- Warwick ein Verfahren zu entwickeln,
trifugen, keine Pipetten, keine Brutschrän- ration sind nicht nur – im Vergleich zu mit dem sich falsch etikettiertes Fleisch
ke, keine Flaschen oder Chemikalien- ihren Vorgängern – winzig und leicht zu aufspüren lässt.
behälter. Nur Bleidorns Büro ist bereits bedienen. Sie geben auch den Blick frei ‣ Innerhalb der nächsten zehn Jahre wol-
eingerichtet. auf Bereiche der Erbsubstanz, für die Gen- len Molekularbiologen unter anderem
Trotzdem kann der Forscher, der sich forscher bisher blind waren. mit solchen Geräten die DNA von allen
vor allem für die genetischen Stammbäu- So auch der »MinION«, eine Erfin- bekannten Tier-, Pflanzen-, Pilz- und
me von bestimmten Würmern, Insekten dung der britischen Biotechfirma Oxford Einzellerarten auf der Erde entschlüs-
und Bakterien interessiert, schon Erbgut- Nanopore Technologies, der jetzt auf seln: 1,5 Millionen Erbgutsätze werden
analysen durchführen. »Das geht am Bleidorns Tisch steht. Er liest die Abfol- am Ende des »Earth BioGenome Pro-
Schreibtisch«, sagt er und legt eine silbrige ge der DNA-Bausteine G, A, T und C ject« vorliegen, eines gigantischen
Metallbox vor sich hin, keine hundert direkt ab, während das isolierte Erbgut Unterfangens, das Forscher um Harris
Gramm schwer, mit USB-Anschluss. durchläuft. Lewin von der University of California
Das Kästchen ist ein Sequenziergerät Auch weil die Vorbehandlung von Pro- in Davis Mitte April vorstellten.
der sogenannten dritten Generation. Und ben im Labor weniger kompliziert ist, kön- Genomanalysen von allem und jedem,
so unscheinbar es auch wirken mag, es nen Forscher das Gerät praktisch überall ausgeführt von Forschern oder gar von wis-

114 DER SPIEGEL Nr. 19 / 5. 5. 2018


senschaftlichen Laien, an jedem Ort der gleich längere Abschnitte entziffern: »Min- senschaftler je vorgenommen haben: das
Welt inklusive All – welch ein unglaublicher ION«-Sequenzschnipsel sind bis zu knapp des Axolotls. Verliert der Schwanzlurch
Fortschritt angesichts dessen, dass der einer Million DNA-Bausteine lang. So ein Bein, sprießt nach kurzer Zeit an der-
Mensch erst vor gut vier Jahrzehnten müh- bleibt den Forschern immer noch ein selben Stelle ein perfekter Ersatz. Selbst
seligst das erste Virusgenom enträtselt hat. Puzzle, aber eben eines mit viel weniger durchtrenntes Rückenmark oder zerstör-
An der Entschlüsselung des mensch- Teilen. tes Netzhautgewebe im Auge stellt das
lichen Genoms tüftelten Hunderte Wissen- Für Bleidorn ist das wichtig, weil er end- Amphibium mit dem Riesengenom – es
schaftler viele Jahre lang. Als es im Jahr lich Lücken im Erbgut eines seiner For- ist etwa zehnmal so groß wie das des Men-
2003 endlich vorlag, hatte die Jagd nach schungsobjekte schließen kann: Das Bak- schen – wieder her.
diesem heiligen Gral in der Zelle mindes- terium Wolbachia ist eine weltweit ver- Und es kommt Erbsubstanz ans Licht,
tens 500 Millionen Dollar verschlungen. breitete Mikrobe. Ihr Genom war bislang deren vermeintliches Fehlen Biologen Rät-
Seither sind die Methoden schneller, ein- im Vergleich zu anderen Bakterien schwer sel aufgab. So gingen Forscher lange davon
facher und billiger geworden – und das in zu sequenzieren. aus, dass Vögel im Laufe der Evolution
schwindelerregendem Tempo. Bleidorn hofft nun auf Erkenntnisse, Genmaterial über Bord geworfen haben –
Der jüngste Quantensprung betrifft die wie der Siegeszug dieses Einzellers in der ihnen schienen im Vergleich zu Säuge-
Qualität der Daten. Denn das bisher ent- Evolution verlaufen ist – und wie dieser tieren viele Gene zu fehlen. Biologen um
schlüsselte menschliche Erbgut ist nicht dabei zu seinen bizarren Eigenschaften ge- Fidel Botero-Castro von der Münchner
komplett – ebenso wenig wie die bis heute langte: Das Bakterium kann in die Fort- Ludwig-Maximilians-Universität haben
veröffentlichten Genome vieler Tiere, Pflan- pflanzung seiner Wirte eingreifen und zum entdeckt, dass dieses Erbgut durchaus da
zen und Mikroorganismen. Mehr als ein Beispiel männliche Insektenembryonen in ist – offenbar konnte es bisher nur nicht
Viertel des Erbguts, schätzen Experten, weibliche verwandeln. sequenziert werden.
kann bei manchen Spezies mit den derzeit Wissenschaftlern um Karen Miga von Wenn 10 bis 20 Prozent der Gen-Aus-
gängigen Methoden durchs Raster fallen. der University of California in Santa Cruz stattung übersehen würden, sagt Castro,
Der Grund: Bei dem heute üblichen glückte unlängst ein Durchbruch in der Er- »dann fehlen wichtige Informationen für
Sequenzierablauf wird die DNA in kleine forschung menschlicher Genome: Sie ver- die Erforschung der Evolution verschiede-
Abschnitte von mitunter weniger als öffentlichten den ersten Bauplan eines ner Arten«.
hundert Bausteinen zerhackt. Für ein voll- Centromers. Das ist jener Bereich eines Auf ein ähnliches Phänomen stieß un-
ständiges Genom sind dann viele Schnip- Chromosoms, an dem seine Hälften wäh- längst Adam Hargreaves von der Univer-
sel nötig, das des Menschen zum Beispiel rend der Zellteilung miteinander verbun- sity of Oxford. Ihn interessiert Psammo-
umfasst rund drei Milliarden Bausteine. den sind. mys obesus, die Fette Sandratte. Die Wüs-
Die Fragmente werden analysiert und von Im Centromer finden sich besonders tenbewohnerin kommt in der Natur mit
Computerprogrammen an jenen Stellen viele jener Wiederholungen, die bislang wenig Wasser und knapper Nahrung aus.
wieder zusammengesetzt, wo ihre Enden kaum zu enträtseln waren. Zugleich aber Stellt man ihr in Gefangenschaft kalo-
überlappen. ist die Region entscheidend für die Zell- rienreiches Nagerfutter vor die Nase, wird
Das klappt gut, solange der Buchstaben- teilung. Landet zu viel oder zu wenig Erb- sie dick und zuckerkrank. Stoffwechsel-
salat genügend Unterschiede aufweist. substanz in einer der beiden Tochterzellen, forschern dient sie daher als Modell für
Doch wenn sich Abfolgen oft wiederholen, kann das fatale Folgen haben. Verstünden die Entstehung von ernährungsbedingtem
lassen sie sich keinem eindeutigen Platz sie besser, was im Centromer vor sich geht, Diabetes.
zuordnen. Das sei, sagt Forscher Bleidorn, glauben die Wissenschaftler, wüssten sie Macht seine genetische Ausstattung das
»als wollten Sie ein Puzzle legen, hätten auch mehr darüber, warum Krebs entsteht Tier besonders anfällig für das Leiden?
aber den Karton verloren, und zu allem oder wie genau Zellen altern. Um diese Frage zu klären, suchte Har-
Übel zeigt das Bild ganz viel blauen Him- Forscher aus Dresden, Heidelberg und greaves nach einem bestimmten Gen, das
mel«. Wien untersuchen jetzt viel genauer als den Insulinhaushalt steuert. Zu seiner
»MinION« dagegen – und ein weiteres zuvor, wie Gewebe regeneriert. Mit der Überraschung besaß das Nagetier dieses
neues Prinzip, das die kalifornische PacBio-Methode haben sie gerade das Gen gar nicht. Jedenfalls sah es so aus, bis
Firma PacBio ersonnen hat – kann un- größte Genom entschlüsselt, das sich Wis- Hargreaves mit anderen Methoden da-
nach fahndete. Nun kann er klären, wie
es sich von jenen anderer Nager unter-
Wie eine Nanopore funktioniert scheid