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M A N U E L L KOMNENOS UND SIENA

R. HIESTAND/DÜSSELDORF
Nachdem Aussagen der byzantinischen Chronisten Johannes Kinnamos und Niketas
Choniates1 lange Zeit mehr als Wunschdenken und Großmäuligkeit denn als Wirklich-
keit angesehen worden waren, ist die bedeutende Rolle, die Byzanz in der italienischen
Politik der Stauferzeit einnahm, heute allgemein anerkannt. Während H. von Kap-Herr
die Rolle von Byzanz für die Frage des westlichen Kaisertums und besonders im Schisma
von 1159 deutlich machte, was W. Ohnsorge in einer Reihe von wichtigen Studien ver-
tiefte und auf der Ebene von Kaisertum und Papsttum ins allgemeine historische Bewußt-
sein hob, haben P. Lamma und P. Classen auf die Verwicklung von Byzanz in die Aus-
einandersetzungen Friedrich Barbarossas mit den italienischen Städten hingewiesen.2 In
einem Vortrag für den XL Byzantinistenkongreß konnte Classen 1958 die finanzielle
Unterstützung der italienischen Kommunen durch den Basileus aus westlichen Quellen
bestätigen und dieses neue Bild in der Folge noch genauer nachzeichnen.3 In den letzten
Jahren sind vor allem die lange weniger beachteten Vorgänge um die Belagerung von
Ancona im Jahre 1173 genauer untersucht worden.4
Diplomatische Vorgänge gehören ihrem Wesen nach in eine meist nur wenig durch-
sichtige Sphäre, und erst durch Erfolg oder Mißerfolg werden sie je nach der Interessenla-
ge der Verhandlungspartner gelegentlich in helleres Licht gerückt. So fehlen Hinweise auf
die Personen, die die Kontakte zwischen Byzanz und den oberitalienischen Kommunen
herstellten, auf den genauen zeitlichen Ablauf, auf Aufenthalt und Verhandlungsweise
sozusagen völlig,5 wenn man von den drei Seestädten Venedig, Genua und Pisa absieht.6
Dennoch kann an einer breit angelegten diplomatischen Offensive des Basileus, in der
nicht nur Briefe ausgetauscht wurden, sondern auch Geld in großen Strömen floß und ein
weites Netz von Einflußversuchen einbeschlossen war, kein Zweifel mehr bestehen. Wie
weit aber reichten die Fäden im einzelnen, wie weit erstreckten sich die Beziehungen
auch auf eine untere Ebene, wer kam in den Genuß der byzantinischen Bemühungen?
Dies alles ist noch weitgehend unklar.
1
Johannes Kinnamos, Epitomc rerum ab loanne et Alexio Cornnenis gestarum V 9, ed. A. Meineke
(Borin 1836) 228; Niketas Choniates, Historia VII i, ed. J.-L. van Dieten, [CFHB, u, i.] (Berlin 1975)
201 und passim.
1
H. von Kap-Herr, Die abendländische Politik Kaiser Manuels mit besondciei Rücksicht auf Deutsch-
land. Straßburg 1881; W. Ohnsorge, Das Zweikaiserproblem im frühen Mittelalter. Hildesheim und die
im Sammelband ders., Abendland und Byzanz, Darmstadt 1958, zusammengefaßten Aufsätze; P. Lamma,
Comneni e Staufer. Studi storici 14-18, 22-25, Roma 1955-1957; die Arbeiten von P. Classen jetzt in
ders., Ausgewählte Aufsätze. [Vorträge und Forschungen, 28.] Sigmaringen 1983.
3
P. Classen, Mailands Treueid für Manuel Komnenos. Akten des XI. Internat. Byzantinistenkongres-
ses München 1958 (München 1960) 79-85 (ND s. Anm. 2: S. 147-53.
4
A. Carile, L'assedio di Ancona nel 1173. Contributo alla storia politica e sociale della cittä nel secolo
XII. Atti e Memorie del Comitato della Deput. di Storia patria per le Marche, VIII s. 7 (1971-73) 23-57;
ders., Federico Barbarossa, i Veneziani e l'assedio di Ancona del 1173. Studi Veneziani 16 (1974) 3-31;
P. Schreiner, Der Dux von Dalmatien und die Belagerung Anconas im Jahre 1173. Zur Italien- und
Balkanpolitik Manuels I. Byzantion 41 (1971) 285-311;]. F. Leonhard, Die Seestadt Ancona im Spätmit-
telalter. [Biblioth. des Dt. Histor. Instituts in Rom, 55.] Tübingen 1982.
5
P. Classen, La politica di Manuele Comneno tra Federico Barbarossa e le cittä itaiiane. In: Popolo e
Stato in Italia nelPetä di Federico Barbarossa (Torino 1970) 263-279, S. 271 (ND s. Anm. 2: S. 155-170,
S. 161).
6
Vgl. R.-J. Lilie, Handel und Politik zwischen dem byzantinischen Reich und den italienischen Kom-
munen Venedig, Pisa und Genua in der Epoche der Komnenen und der Angeloi (1081-1204). Amsterdam
1984; W. Heinemeyer, Die Verträge zwischen dem oströmischen Reiche und den italienischen Städten
Genua, Pisa und Venedig vom 10. bis 12. Jahrhundert. Archiv für Diplomatik 3 (1957) 79-161.

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3 /. Abteilung

Einen kleinen Lichtstrahl in dieses Dunkel wirft vielleicht eine Papsturkunde aus den
n/oer Jahren, die zwar seit langem ediert,7 jedoch nie für die abendländisch-byzantini-
schen Beziehungen herangezogen worden ist. R. Davidsohn hat in seinen Forschungen
zur Geschichte von Florenz auf sie kurz hingewiesen,8 und ein im Entstehen begriffenes
italienisches Regestenunternehmen erwähnt sie ebenfalls.9 Dennoch ist sie offensichtlich
auch Lilie für seine jüngst erschienene, umfassende Untersuchung der Beziehungen zwi-
schen Byzanz und Italien entgangen.10 Es handelt sich um ein Mandat, das Alexander III.
am 16. Mai 1177 aus Venedig an Propst und Archidiakon von Siena richtete, mit dem
Auftrag, einen gewissen Konversen des Klosters S. Michele di Monte S. Donato in Siena
zu ermahnen, das ihm für das Kloster übergebene Geld dem Abt von Passignano auszu-
händigen und diesem den geschuldeten Gehorsam zu leisten. Die zur Kongregation von
Vallombrosa gehörende Abtei Passignano, auf halber Strecke zwischen Florenz und Siena
gelegen, ist insbesondere für den Diplomatiker des lateinischen Mittelalters wegen der
unter ihren Urkunden von P. F. Kehr aufgefundenen Serie von Minuten, also Entwürfen
von Papsturkunden, die man an der Kurie wegen Auseinandersetzungen mit anderen
Kirchen und Klöstern erbitten wollte, mit Recht berühmt. 11
Doch in der Urkunde vom 16. Mai 1177, die in einer Kopie aus dem ausgehenden
12. Jahrhundert überliefert ist, geht es nicht nur um einen disziplinarischen Streit zwi-
schen einem Konversen von S. Michele di S. Donato in Siena, das, im Jahre 1109 ge§r^n~
det, im Jahre 1132 sich der Kongregation von Vallombrosa anschloß, und dem Abt der
ihr übergeordneten Abtei von Passignano.I2 Sondern der Streit geht eben, wie so oft, auch
um Geld. Doch was für Geld? Lassen wir den Wortlaut des Mandats folgen:
Significavit nobis dilectus filius noster abbas de Passiniano, quod M. conuersus mona-
sterii sancti Michaelis de monte sancti Donati, cum deberet expendere in usus prescripti
monasterii pecuniam, quam obtentu eiusdem ab illustri Constantinopolitano (Constan-
tinopolin Kopie) imperatore acquisivit, ipse memorato abbati scandala suscitare per
ciues uestros, quibus de prescripta pecunia in anime sue periculum pro sua uoluntate
largitur et in prescripto monasterio diuisiones et scissuras facere non ueretur et fratres
suos ad discordiam poruocare . . . mandamus, quatenus prefatum M., ut prescriptam
pecuniam, quam nomine prefati monasterii acquisivit, ad mandatum et dispositionem
predicti abbatis in utilitatem prescripti monasterii expendat. 13
Unsere Urkunde führt so unversehens in ein weit umfassenderes Spannungsfeld. Daß
Manuel Komnenos in seine diplomatischen Bemühungen auch die Bereitstellung von
Geldern für lateinische Kirchen einbezog, ist aus anderen Regionen bekannt. Große

7
JL. 12839; P. Kehr, Papsturkunden im östlichen Toscana. Nachrichten d. kgl. Akad. d. Wiss. zu
Göttingen, Phil.-hist. KL 1904, S. i/o Nr. 19 (ND in: Acta Romanorum pontificum 4 [Citta del Vaticano
1977] 350) und ders., Italia pontificia III (Berlin 1908) S. 110 Nr. 28; Regestum Senese I, ed. F. Schneider,
Reg. chart. Italiae (Roma 1907) S. 104 Nr. 276.
8
R. Davidsohn, Geschichte von Florenz I (Berlin 1896) 541. Im Register erscheint die Stelle bezeich-
nenderweise weder unter,Konstantinoper noch unter,Manuel Komnenos', sondern nur unter ,S. Michele
di S. Donato' und ,Passignano'. Davidsohn reiht den Vorgang - nicht die Papsturkunde - zu 1174 ein!
9
G. Prunai, I regesti delle pergamene senesi del fondo diplomatico di S. Michele in Passignano I. Bull.
Senese di Storia patria 73-75 (1966-68) 200-236, S. 206. Auch der zweite Teil dieser Arbeit, ebd. 82-83
(1975-76) 321-360, reicht nur bis 1084.
10
Wie Anm. 6.
11
P. Kehr, Die Minuten von Passignano. Eine diplomatische Miscelle, Quell, und Forsch, aus Italien.
Arch. und Biblioth. 7 (1904) 8-41 (ND in: Acta Roman, pontif. 4, S. 385-418).
12
Zu Passignano vgl. Italia pontificia III 104-115; Prunai (wie Anm. 9) und E. Conti, La formazione
della struttura agraria moderna nel contado fiorentino. I: Le campagne nell'etä precomunale. Roma 1965.
Es handelte sich 1177 nur um eine Etappe in einem seit der Unterstellung von S. Michele di Monte
S. Donato unter Passignano andauernden Konflikt, vgl. Prunai S. 207.
13
A.a.O.

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R. Hiestand, Manuel L Komnenos und Siena 31

Summen flössen in den n6oer Jahren in die Kreuzfahrerstaaten, wo Mosaikinschriften in


Bethlehem und Jerusalem das Lob des Spenders verkündeten und die politische Verbin-
dung, die auch durch zwei aufeinanderfolgende Heiraten zwischen dem Kaiserhaus und
den Königen von Jerusalem gestützt wurde, festigen sollten.14 Der Basileus hatte deutlich
erkannt, welche diplomatisch kaum abzuwehrenden Möglichkeiten eine solche mit reli-
giöser Begründung versehene Großzügigkeit politisch öffnen konnte. Wenn solche Be-
mühungen für den lateinischen Osten seit langem bekannt sind, so fehlten doch, außer
den bekannten Hilfeangeboten an Alexander III., 15 in früheren Jahrzehnten unter Manu-
els Großvater Alexios I. auch für römische Kirchen,16 entsprechende Nachrichten aus
dem Westen, von den einst byzantinischen Gebieten in Süditalien und Venedig einmal
abgesehen, bisher völlig. Doch ungefähr in den gleichen Jahren versuchten die Genuesen,
wie aus den Instruktionen für ihren Gesandten Andrea de Murta hervorgeht, vom Basi-
leus eine jährliche Zahlung für ihre Kathedrale auszubedingen. 17 Und ähnlich hatte Pisa
für seinen Dom zu sorgen versucht. 18
Die wenigen Zeilen in dem Mandat Alexanders III. bleiben freilich auch in der Überlie-
ferung von Passignano isoliert, so daß wir uns fast ausschließlich auf die Aussagen der
päpstlichen Kanzlei stützen müssen. Der Vorgang stellt sich wie folgt dar. Ausgangs-
punkt war eine Klage des Abtes von Passignano, dem das Kloster von S. Michele di
Monte S. Donato unterworfen war.19 Wunschgemäß erhielt er ein Mandat an den Propst
und an den Archidiakon von Siena, die ihm zu seinem Recht verhelfen sollten. In ihm sah
er sich dadurch verletzt, daß ein Konverse M. im Kloster S. Michele di Monte S. Donato
eine Opposition gegen Passignano angezettelt hatte und zwar mit Hilfe von anderen
senesischen Bürgern. Weil es sich um Bürger von Siena handelte, wurde das Mandat an
zwei Vertreter der dortigen Kirche gerichtet, die durch ihre Ortszuständigkeit am wirk-
samsten mit geistlichen Strafen gegebenenfalls eingreifen konnten. Offensichtlich hatte
der Konverse M. jedoch bereits früher einmal versucht, die Verwaltung des Klosters, also
wohl seines weltlichen Besitzes, in die Hand zu bekommen. Nachdem dies gescheitert
war, stachelte er nun Leute aus dem Quartier von S. Michele di S. Donato auf, sich die
Verwaltung zu usurpieren, die sie trotz des Widerstandes des Abtes von Passignano
innehalten wollten. Freilich waren solche Verbündete offenkundig nicht um Gotteslohn
zu haben, sondern man mußte mit irdischen Vorteilen nachhelfen. Der Konverse M. tat
dies auch und wohl reichlich, aber nicht aus eigener Tasche, sondern aus einer Summe
Geld, die er - und hier sind wir nun am entscheidenden Punkt - zugunsten des Klosters
vom ,,erhabenen konstantinopolitamschen Kaiser" erworben hatte. 20 Von diesem Geld

14
Vgl. F. Chalandon, Les Comnene II: Jean II Comnene et Manuel I Comnene (Paris 1912) 449 und
R.-J. Lilie, Byzanz und die Kreuzfahrerstaaten. Studien zur Politik des byzantinischen Reiches gegenüber
den Staaten der Kreuzfahrer in Syrien und Palästina bis zum vierten Kreuzzug (1096-1204),
, . (München 1981) 200.
15
Vgl. zuletzt P. Classen, Die Komnenen und die Kaiserkrone des Westens. Journ. of Mediev. Hist. 3
(1977) 207-224 (ND S. 171-185); H.-D. Kahl, Römische Krönungspläne im Komnenenhause? Ein Beitrag
zur Entwicklung des Zweikaiserproblems im 12. Jahrhundert. Arch. f. Kulturgesch. 59 (1977, ersch. 1979)
259-320.
16
Classen, Die Komnenen S. 207ff. (ND s. Anm. 2: S. 171 ff.); Kahl S. 262-75.
17
Codice diplomatico della repubblica di Genova II, ed. C. Imperiale di Sant'Angelo [Fond per la
Storia d'Italia, 79.] (Roma 1938) S. 111 Nr. 50; Lamma II 185 und zuletzt Lilie, Handel und Politik S. 84-
100.
18
G. Müller, Documenti sulle relazioni delle cittä Toscane collOriente cristiano (Firenze 1879) S. 44
Nr. 34 (griech.) bzw. S. 53 (lat.) und Lilie, Handel und Politik S. 73 nur beiläufig.
19
Zu S. Michele di Monte S. Donato vgl. Italia pontificia III 212-14 und zuletzt A. Liberati, Chiese,
monasteri e spedali senesi. Bull, senese di storia patria 66 (1959) 167-82, S. 167-69, 178-82.
20
Quam obtentu emsäem ab illustri Constantinopolitano imperatore acquisivit. Die Bezeichnung Ma-
nuels als Imperator Constantinopolitanus deckt sich mit der Terminologie im Schreiben Alexanders III. an

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}2 L Abteilung

gab er „unter Gefahr für seine Seele", wie der Papst hinzufügt, eine gewisse Summe
Bürgern von Siena und erreichte so die Bildung von zwei Parteien im Kloster, was dann
zu der bereits erwähnten Übernahme der Verwaltung durch seine Anhänger führte.
Durch das päpstliche Schreiben soll der Konverse M. nun gezwungen werden, das Geld
bestimmungsgemäß dem Abt von Passignano zugunsten einer Verwendung für S. Miche-
le di Monte S. Donato zur Verfügung zu stellen,21 jene Bürger von Siena gleichzeitig zur
Rückgabe des Klosters an Passignano. Soweit wird der Vorgang deutlich.
Aus einem Nachtrag von anderer Hand auf der Kopie des Mandats läßt sich über den
Konversen M. und die Folgen der päpstlichen Intervention ersehen, daß unser M., der
hier mit vollem Namen als Manfredus erscheint, sich offensichtlich dem Abt von Passi-
gnano unterworfen und ihm einen mit allen nur denkbaren Klauseln ausgestatteten Si-
cherheitseid über sein künftiges Verhalten geleistet hat.22 Vom Geld des Basileus ist
freilich nicht mehr die Rede. Wahrscheinlich war nach dem Vorangegangenen davon
nichts mehr vorhanden. Wer dieser Manfred von Herkunft, familiärer und sozialer Zuge-
hörigkeit war, bleibt im Dunkeln.
Damit ist jedoch ersichtlich, daß ein Bürger von Siena von Manuel Komnenos Geld für
ein Kloster in seiner Heimatstadt erhielt, dessen Konverse er war. Man wird füglich
bezweifeln können, daß der Basileus aus welchen Gründen auch immer von einem beson-
deren religiösen Interesse gerade für S. Michele di Monte S. Donato in Siena bewegt
wurde. Es ging nicht um die einzelne Kirche, über die wir herzlich wenig wissen würden,
wenn sie nicht über ihre Zugehörigkeit zu Vallombrosa der Abtei Passignano unterwor-
fen gewesen wäre.23 Das Interesse Manuels muß entweder an dem Überbringer der
Summe gelegen haben oder, was viel wahrscheinlicher ist, an einer Beziehung zur Stadt
Siena, die sich im Schisma zwar sehr früh auf die Seite Alexanders III. gestellt hatte, 24
dann aber bereits vor 1172 politisch wieder auf der Seite des Kaisers stand, schon aus der
alten Konkurrenz zum betont papstfreundlichen Florenz. Es kam so sogar Ende der
n6oer Jahre zu einem Interdikt des aus Siena stammenden Alexanders III. über seine
eigene Heimatstadt.25
Über die inneren Verhältnisse von Siena im 12. Jahrhundert sind wir freilich noch sehr
schlecht unterrichtet, doch sind die Bemühungen der Stadt unverkennbar, die Bindungen

die Antiochener vom Februar/März 1178, JL. 13020, ed. jetzt R. Hiestand, Vorarbeiten zum Oriens
pontificius III: Papsturkunden für Kirchen im Hl. Lande. Abhandl. d. Akad. d. Wiss. in Göttingen. 3. Ser.
Nr. 136 (Göttingen 1985) S. 278 Nr. i n .
21
Ut prescriptam peawiam, quam nomine prefati mondstcrü dcquisivit, dd mdnddtum et dispositioncm
predicti abbatis in utilitatem prescripti monasterii expendat.
" Bisher nicht veröffentlicht, mit der Datierung anno äomini M.C.LXXVII, mense iunii, indictione XI
(so). Darin wird unserem Manfred die Ableistung des S. Michele di Monte S. Donato schon 1174 auferleg-
ten, aber nicht vollzogenen Gehorsamseids bestätigt, vgl. Italia pontificia III (wie Anm. 7) 108 n. 19. Der
gleiche Text wurde von einer dritten Hand s. XII ex./XIII in. mit der Schrift eines Notariatsinstruments
auf der Rückseite wiederholt, während sowohl die Kopie der Papsturkunde als der folgende Text auf der
Vorderseite in Buchschrift festgehalten wurde.
23
Der Fonds von Passignano befindet sich heute im Staatsarchiv in Florenz, Diplomatico, darin auch
die S. Michele di S. Donato betreffenden Stücke. Ein eigenständiges Archiv für S. Michele di Monte
S. Donato, das sich im Staatsarchiv in Siena befinden müßte, ist nicht erhalten.
24
Eine moderne Geschichte Sienas im 12. Jahrhundert liegt nicht vor. Wichtig daher immer noch die
Ausführungen bei Davidsohn, Geschichte (wie Anm. 8), passim; dazu vgl. G. Palmieri Nuti, Storia di
Siena dalle origini al 1559, Siena 1968. R. Celli, Studi sui sistemi normativi delle democrazie comunali
secoli XII—XIV. I. Pisa-Siena (Firenze 1976) 227—363; vgl. im übrigen auch D. von der Nahmer, Die
Reichsverwaltung in Toscana unter Friedrich I. und Heinrich VI., Diss. Freiburg i.Br. (Aalen 1965)
passim; A. Haverkamp, Herrschaftsformen der Frühstaufer in Reichsitalien [Monographien zur Gesch.
des Mittelalters, i.] (Stuttgart 1970) passim.
25
Vgl. Italia pontificia III 213 n. ""4. R. Davidsohn, Siena interdetta sotto un papa senese. Bull, senese di
storia patria 5 (1898) 63—70. Ähnliche Auseinandersetzungen finden gleichzeitig in Pisa statt, vgl. David-

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R. Hiestand, Manuel L Komnenos und Siena 33

von Kirchen und Klöstern in ihrem Gebiet zu der als betonte Parteigängerin von Florenz
geltenden Abtei von Passignano zu lösen und sie lieber der während des Schismas in sich
gespaltenen Mutterabtei von Vallombrosa direkt zu unterstellen. 26 Ob Manuel mit seinen
Geldern allerdings ausgerechnet diese in der Konsequenz Byzanz schädlichen Bestrebun-
gen unterstützen wollte, ist fraglich. Vielleicht reichten hier die Informationen am Kai-
serhof doch nicht aus, um sich in dem Geflecht von Freundschaften und Feindschaften
zwischen den italienischen Kommunen auf die richtige Seite zu stellen. Oder hatte unser
Konverse etwa auch für andere Kirchen in Siena Geld ,,erworben" bzw. erhalten und es
handelte sich für S. Michele di Monte S. Donato nur um die Spitze des Eisbergs? Entspre-
chende Nachrichten oder auch nur Andeutungen fehlen freilich bisher zur Gänze.
Jedoch weitaus größere Bedeutung erhält die Nachricht über eine Geldspende Manuels L
Komnenos für Siena dadurch, daß wir über Beziehungen zwischen Konstantinopel und
Siena, ja überhaupt von Beziehungen der Senesen in das östliche Mittelmeer im 12. Jahr-
hundert bisher nichts, selbst über das 13. Jahrhundert nur ganz wenig wissen. Weder an
den Kreuzzügen noch am Orienthandel waren Einwohner der toskanischen Stadt betei-
ligt. Nicht einmal eine späte Fälschung wie für Prato, Volterra, Neapel läßt sie dem
Aufruf Urbans II. folgen.27 Sowohl im Heiligen Land als auch in Konstantinopel erschei-
nen Senesen erst seit der Mitte des 13. Jahrhunderts und vorerst noch ganz vereinzelt.28
Im Jahre 1268 freilich ließen sie sich, aufs falsche Pferd setzend, von dem letzten Staufer
Konradin Rechte in Akkon gewähren.29 Über die Person des Konversen Manfred, wie
wir ihn jetzt nennen können, der offensichtlich am Kaiserhof in Konstantinopel geweilt
hatte, kann nur vermutet werden, daß es sich vielleicht um einen Kreuzfahrer, wahr-
scheinlicher um einen Händler gehandelt hat, der, wie die folgenden Ereignisse zeigen, in
nahen Beziehungen zu anderen Bürgern der Stadt stand, die er, wenn auch gegen Geld,
für seine Zwecke gewinnen konnte. Was Manuel seinerseits mit seinem Geld unmittelbar
zu unterstützen hoffte, ob den Erwerb von Grundbesitz, wie die Worte, das Geld solle in
usum bzw. in utilitatem praescripti monasterii ausgegeben werden, nahelegen würden,
oder etwa auch für einen künstlerischen Schmuck wie für die großen Basiliken im Heili-
gen Lande, ist nicht zu erkennen. Mittelbar war es die Schaffung und Förderung einer
probyzantinischen Haltung, in jedem Fall eine Demonstration des östlichen Kaisertums.
Man kann dabei an die Bemerkung Boncompagnos erinnern, daß Gesandte Manuels 1173
ganze Städte in Italien hätten aufkaufen wollen, um sie den Bürgern nachher als Lehen
zurückzugeben. 30 Der von Manfred ausgewählte usus war sicher nicht gemeint.
Von Interesse ist freilich auch der Zeitpunkt unserer Nachricht. Sie steht nicht, wie
man sich zuerst vorstellen könnte, im Zusammenhang mit den Beziehungen Manuels mit
dem Lombardenbund in den n6oer Jahren. Im Gegenteil liegt der 16. Mai 1177 sogar
nach der Schlacht von Myriokephalon und stellt so, abgesehen von der auf byzantinische

söhn, Geschichte S. 477ff. und einige Hinweise auch bei R. Hiestand, Notarius sedis apostolicae. Ein
Beitrag zur Geschichte zum Verhältnis von Notariat und Politik, in: Tradition und Gegenwart. 175 Jahre
Notariat in Baden (Karlsruhe 1981) 36-56.
26
Davidsohn, Geschichte S. 541; Prunai I S. 207.
27
Vgl. für Prato: JL. -; Vorarbeiten zum Oriens pontificius III (wie Anm. 20) 391 Nr. 196; für Volter-
ra, R. Davidsohn, Forschungen zur älteren Geschichte von Florenz I (Berlin 1896) 65 und 170; für
Neapel, Vorarbeiten . . . III 89 Nr. 3.
2h
Nach Ausweis von R. Röhricht, Regesta regni Hierosolymitani 1097-1291. Oeniponti 1893; Addit.
1904 (RRH.), erscheinen Senesen im Hl. Land erstmals 1267 Juni 28 in einer in Akkon ausgestellten
Urkunde, Nr. 1351, ed. Bibliotheque de l'Ecole des Chartes 19 (1858) 128 Nr. 4. Vgl. auch W. Heyd,
Histoire du commerce du Levant au moyen-äge (Leipzig 1885/86) I 318.
29
RRH. Nr. 1360, ed. Müller (wie Anm. 18) S. 100 Nr. 70.
30
Boncompagno, Liber de obsidione Ancone, ed. G. C. Zimolo, RISS2 VI/3 (Bologna 1937) 34: ut
compararet quasdam civitates et bona civium et eisdem postmodum suo nomine omnia redderet infeudum.
Zu den Vorgängen vgl. außer den Anm. 4 angeführten Arbeiten Lamma II 242 ff.
3 Byzant. Zeitschrift (79) 1986

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34 I- Abteilung

Intrigen zur ckgef hrten Gefangennahme des kaiserlichen Legaten Christian von Mainz
im Jahre 11/9,31 die sp teste Nachricht ber Manuels Beziehungen zu italienischen Kom-
munen und antistaufischen Oppositionskreisen dar. Doch der Erwerb des Geldes d rfte
im Fr hjahr 1177, wie der Ablauf der Vorg nge vermuten l t, schon einige Zeit zur ck-
liegen.
o Aus dem Vorgehen
o des Kaisers gegen
o o ber anderen italienischen Verhandlung-o
partnern, die sich an ihn gewandt hatten und von ihm unterst tzt worden waren, ist nicht
auszuschlie en, da auch der Senese Manfred dem Kaiser als Gegenleistung f r die
berlassung einer Summe Geld einen Treueid leisten mu te, allein schon um die geplante
Verwendung der Mittel zu gew hrleisten. 32
Zum ersten Mal ergeben sich so Beziehungen zwischen dem byzantinischen Kaiser und
einer mittelitalienischen Stadt, die nicht zu den Hafenst dten z hlt. Selbst f r Florenz
besitzen wir bekanntlich keine solchen Nachrichten. Zu den von Classen aufgef hrten
St dten Venedig, Pisa, Genua, Mailand, Cremona, Padua, Ravenna und Ancona, auf die
die Nachrichten sich bisher allein erstreckten, auch wenn dadurch, wie Classen feststellte,
„wohl nur ein Teil der byzantinischen Aktionen erfa t wurde,"33 kann jetzt Siena hinzu-
gef gt werden. Die Beziehungen spielen sich freilich, soweit wir bisher erkennen k nnen,
nicht auf der h chsten politischen Ebene zwischen Basileus und Konsuln ab. Doch w re
es erstaunlich, wenn sich der Basileus nur auf diese beschr nkt haben sollte. Mit dem
Konversen Manfred und S. Michele di S. Donato sind wir im weltlichen wie im kirchli-
chen Bereich auf einer mittleren Ebene. Ebenso deutlich erweist sich wiederum, da das
Jahr 1171 mit dem gro en Schlag gegen die Venezianer, wie auch die Vorg nge um
Ancona 1173 zeigen, weniger scharf als Z sur anzusehen ist. Vielleicht m te sogar die
Frage gestellt werden, ob nicht manche italienische Stadt durch 1171 ihre eigenen Interes-
sen erst gef rdert sah und im Blick auf die Beteiligung am lukrativen Handel mit dem
byzantinischen Reich Morgenluft witterte. 34
Das Wort des Niketas, da es „keinen Italiener und keine dort (n mlich in Italien)
gelegene Stadt gegeben habe, mit der der Kaiser nicht in Verbindung stand"35 - eine
Aussage, die sich, wie Lamma aufgezeigt hat, mit fast der gleichen Formulierung in einer
westlichen Quelle findet36 -, erh lt eine weitere Best tigung.

31
Vgl. Davidsohn, Geschichte S. 562; Lamma II 297.
32
Zu diesem Problem vgl. Classen, Der Treueid S. 82ff. (ND s. Anm. 2: S. 150ff.); ders., La politica
S. 273 ff. (ND S. i64tf.). Classen betont zu Recht, da ein solcher Treueid in byzantinischen Augen stets
einem Untertaneneid gleichkam. Die italienischen Kommunen begannen bald die unerw nschten Impli-
kationen zu erkennen und verbleien nicht nur ihren Gesandten f r sich, sondern auch etwa tur ihre S hne
einen solchen Eid einzugehen, vgl. Codice diplomatico (wie Anm. 17) II 205 Nr. 95 und noch J. Ferluga,
La ligesse dans PEmpire byzantin. Zbornik radova 7 (1961) 97-123.
33
La politica S. 273 f. (ND S. 164).
34
Vgl. Lilie, Handel S. 489 ff. Der Bruch ist lange zu scharf betont worden. Das gilt auch f r die
lombardischen St dte, vgl. z.B. Classen, La politica S. 162.
35
Lamma (wie Anm. i) II 154-156; Annales Mellicenses, Continuatio Zwettlensis altera ad a. u80,
Mon. Germ. Scr. IX 541: Manuel cum iam fere omnes civitates Ytalie sibi pecunia adtracxisset. (Vgl.
Anonymus Laudunensis, Mon. Germ. Scr. XXVI 446.)
36
Niketas Choniates (wie Anm. i) VII S. 201: (anl lich der Belagerung von Ancona 1173) Áëë' ïõäÝ
ôéò çí ôùí ºôáëéùôßäùí Þ ôùí Ýôé ðïññùôÝñùí ðüëåùí, êáè' çí ü âáóéëåýò ïýôïò ïõê åé÷åí üìüôçí
ïßêåúïí êáé ïññïíïýíôÜ ïé ðéóôÜ.

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