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SHIN FUKATOKU (II)

Der Geist, der nicht erfasst werden kann

Der Geist, der nicht erfasst werden kann, ist das, worauf alle Buddhas vertrauen, denn er stellt ihre höchste und
vollendete Erleuchtung dar. Es heißt: „Der Geist der Vergangenheit kann nicht erlangt werden, am Geist der
Gegenwart kann man sich nicht festhalten, den Geist der Zukunft kann man nicht erfassen.“ Dieser Ausdruck
verweist darauf, dass der Buddha dem Geist vertraut, der nicht erfasst werden kann, so wie es alle Buddhas tun.
Sie alle sprechen vom unfassbaren Geist der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der Gedanken und der
Dinge. Wenn ihr nicht von den Buddhas und Patriarchen lernt, worauf sie vertrauen und was die große
Angelegenheit1 klärt, werdet ihr nicht die wahre Übermittlung erhalten. Lernen heißt hier ‚vom fünf Meter hohen
Körper und von einem einzelnen Grashalm lernen’2. Von den Patriarchen lernen bedeutet, ‚von ihrer Haut, ihren
Knochen und ihrem Mark zu lernen’ und ‚von ihrem Gesicht, das sich in ein breites Lächeln verwandelte’3. Ihr
solltet also diese große Angelegenheit studieren, indem ihr Antworten von einem Meister sucht, an den die
Schatzkammer des Wahren Dharma-Auges klar und richtig übertragen wurde, der also empfangen hat, was das
Geistsiegel aller Buddhas und Patriarchen direkt zum Ausdruck brachte. So werden Knochen, Mark, Gesicht und
Augen des Meisters auch an euch übertragen, und ihr werdet seinen Körper samt Haut und Haaren empfangen.
Wenn ihr nicht in die innersten Gemächer der Patriarchen vordringt, werdet ihr den Weg der Buddhas nie
verstehen. Ihr werdet weder danach fragen noch ihn irgendwie zum Ausdruck bringen können, und sei es bloß in
euren Träumen.
Als Tokusan noch nicht erwacht war, galt er schon als Experte der Diamant-Sûtra. Die Menschen nannten ihn
Chou, den ‚Erhabenen Fürsten der Diamant-Sûtra’, und er war tatsächlich der König unter achthundert Gelehrten.
Nicht nur kannte er sich mit den Kommentaren gut aus – insbesondere denen des chinesischen Gelehrten Ch’ing-
lung –, sondern er gab selbst unzählige Schriften heraus und war als Vortragender ohne Konkurrenz. Als er
hörte, dass es im Süden eine unübertroffene buddhistische Lehre gab, die von Nachfolger an Nachfolger
übertragen worden war, überquerte er, beladen mit all seinen Manuskripten, Berge und Flüsse, um dorthin zu
gelangen. Auf dem Weg zu Meister Ryûtans Tempel machte er Rast, als eine alte Frau auftauchte. Tokusan fragte
sie, wer sie sei. Die Frau erwiderte: „Ich bin eine alte Frau, die Reiskuchen verkauft.“ Tokusan fragte: „Verkaufst
du mir ein paar davon?“ Die alte Frau erwiderte: „Verehrter Mönch, warum solltet Ihr sie kaufen wollen?“
Tokusan antwortete: „Ich möchte mit deinen Reiskuchen meinen Geist erfrischen.“ Die Alte bemerkte: „Verehrter
Mönch, Ihr schleppt ja eine ganz schöne Last mit euch herum!“ Tokusan sagte: „Hast du noch nicht von mir
gehört? Ich bin der erhabene Fürst der Diamant-Sûtra. Ich habe diese Schrift so gemeistert, dass es nichts in ihr
gibt, was ich nicht verstehe. Was ich mit mir herumtrage, sind all meine Kommentare zur Diamant-Sûtra.“ Da
fragte die Frau: „Verehrter Mönch, erlaubt Ihr einer alten Frau wie mir, Euch eine Frage zu stellen?“ Tokusan
sagte: „Frag, was immer du willst.“ Und sie sagte: „Einmal hörte ich die Stelle in der Diamant-Sûtra, die lautet: ‚
Der Geist der Vergangenheit kann nicht erlangt werden, am Geist der Gegenwart kann man sich nicht festhalten,
den Geist der Zukunft kann man nicht erfassen.’ Welchen Geist gedenkt Ihr denn nun mit meinen Reiskuchen zu
erfrischen? Wenn der verehrte Mönch mir das beantworten kann, werde ich ihm ein paar Reiskuchen verkaufen.
Wenn nicht, bekommt er keine.“ Tokusan war so verdutzt, dass er kein Wort herausbrachte, woraufhin die alte
Frau sich mit einer kurzen Handbewegung von dannen machte, ohne ihm einen Reiskuchen verkauft zu haben.
Wie bedauerlich, dass einer, der Hunderte von Kommentaren verfasste und viele Jahrzehnte ein Lehrer war,
von einer armen alten Frau mittels einer mickrigen Frage durchschaut werden konnte. Das gleicht dem
Unterschied zwischen einem, der einen wahren Lehrer hat und einem, der keinen hat, oder zwischen einem, der
Antworten auf seine Fragen im Einzelgespräch mit einem wahren Lehrer sucht und einem, der dies nicht tut. Es
gibt Menschen, die den Ausdruck ‚kann nicht erfasst werden’ so verstehen, dass gar nichts erlangt werden kann;
diesen Menschen mangelt es an der Übung des Weges. Andere behaupten, es könne nicht erfasst werden, da wir
es von Anfang an besäßen. Wie aber sollte das den Kern der Sache treffen?
Bei dieser Gelegenheit verstand Tokusan jedenfalls zum ersten Mal, dass ein Reiskuchen auf einem Bild nicht
den Hunger stillen kann. Er erkannte ebenfalls, dass man in der Übung auf dem Weg der Buddhas auf jeden Fall
‚eine solche Person’4 treffen muss. Tokusan verstand, dass jemand, der sich ins Kommentieren der Schriften
verstrickt hat, nicht wahre spirituelle Stärke erlangen kann. Schließlich übte er unter Ryûtan, und nachdem sich

1
Die Erkenntnis der Wahrheit.
2
Eine Anspielung auf Buddhas „Größe“, als er nach seiner Erleuchtung aufstand, und auf die Fähigkeit, auch von den kleinsten Dingen
noch etwas lernen zu können.
3
Verweist auf Mahâkashyâpas Erleuchtungserfahrung.
4
Einen Menschen, der die Wahrheit verwirklicht hat.
der Weg von Meister und Schüler vor seinen eigenen Augen manifestiert hatte, wurde er selbst zu ‚einer solchen
Person’. Heute gilt er nicht nur als Vorfahre von Ummon und Hôgen, sondern auch als Lehrer sowohl
gewöhnlicher Menschen als auch Höherstehender.
Wenn wir heute diese Geschichte betrachten, erkennen wir, dass Tokusan zunächst die Angelegenheit noch
nicht geklärt hatte. Nun können wir zwar behaupten, die alte Frau hätte Tokusan zum Schweigen gebracht, ob sie
jedoch selbst die Wahrheit verwirklicht hatte, wissen wir nicht. Wir können vermuten, dass sie einfach dachte,
der Geist sei etwas, was man nicht besitzen kann, da sie ja den Ausdruck ‚der Geist kann nicht erfasst werden’
vernommen hatte, und dass sie dann Tokusan entsprechend befragte. Wäre Tokusan spirituell gefestigt gewesen,
hätte er eine weise Antwort geben und erkennen können, ob die alte Frau ‚eine solche Person’ war; da Tokusan
damals aber noch nicht erwacht war, konnte er dies nicht.
Auch wir haben heute Gründe, an der alten Frau zu zweifeln. Warum hat sie Tokusan nicht weiter befragt, als
er verstummte? Sie hätte sagen können: „Verehrter Mönch, Ihr seid unfähig zu antworten, also stellt doch dieser
alten Frau diese Frage, und ich werde für euch antworten.“ Wenn sie dann ihre eigene Frage aus Tokusans Mund
vernommen hätte, wäre klar geworden, ob sie wirklich erwacht war.
Wer also Knochen, Mark, Gesicht und Augen derjenigen hat, die in der Vergangenheit übten, und wer den
Glanz und die Lebendigkeit der alten Buddhas besitzt, da er sich der gleichen Übung wie sie unterzogen hat,
wird weder festhalten noch ablassen von Begriffen wie ‚Tokusan’, ‚alte Frau’, ‚nicht erlangen können’, ‚erfassen
können’, ‚Reiskuchen’ oder ‚Geist’.
‚Buddha-Geist’ ist synonym mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieser Geist und die drei Welten sind
nicht einmal ein Haarbreit voneinander entfernt. Wenn wir darüber sprechen, als wären es Dinge, die getrennt
voneinander existierten, dann sind sie weiter voneinander entfernt als achtzehntausend Haare. Wenn ich also
gefragt würde, was der Ausdruck „Dies ist der Geist der Vergangenheit“ bedeutet, dann würde ich antworten:
„Er kann nicht erfasst werden.“ Wenn ich gefragt würde, was „Dies ist der Geist der Gegenwart“ bedeutet, dann
würde ich sagen: „Er kann nicht erfasst werden.“ Und fragte man mich, was „Dies ist der Geist der Zukunft“
bedeute, dann erwiderte ich: „Er kann nicht erfasst werden.“
Wenn ich in diesem Moment von einem ‚Geist, der nicht erfasst werden kann’ spreche, dann sage ich: „Der
Geist kann in diesem Moment nicht erfasst werden.“ Ich sage nicht: „Der Geist kann nicht erfasst werden.“ Ich sage
auch nicht: „Der Geist kann erfasst werden.“ Ich sage: „Es kann nicht erfasst werden.“ Wenn ihr mich fragt: „Was
ist der Geist der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, der nicht erfasst werden kann?“, dann antworte
ich: „Es ist wie Geborenwerden und Sterben, wie Kommen und Gehen.“
Zusammengefasst ist der Buddha-Geist Zäune und Mauern, Ziegel und Steine5, und alle Buddhas in den drei
Welten erfahren ihn als etwas, an dem man nicht festhalten kann. Das, was auf dieser Erde mit ihren Bergen und
Flüssen nicht erfasst werden kann, existiert aus seiner eigenen Natur. Was in Gräsern und Bäumen, Wind und
Wasser nicht erfasst werden kann, ist ebenso Geist wie das, was nicht erfasst werden kann im Ausdruck ‚unseren
Geist nirgendwo verweilen und entstehen lassen’. Genau so ist auch der Geist jenseits des Erfassens, der die
achtzigtausend Tore mittels aller Buddhas aller Generationen zum Ausdruck bringt.
Ein anderes Beispiel: Zur Zeit des Nationallehrers Echû 6 kam der Tripitaka-Meister Daini aus dem weit
entfernten Indien in der Hauptstadt an und ließ dort verkünden, dass er die Fähigkeit besäße, die Gedanken
anderer zu lesen. Der T’ang-Herrscher Su-tsung bat den Nationallehrer, diese Behauptung zu überprüfen. Sobald
der Tripitaka-Meister aber den Nationallehrer erblickt hatte, warf er sich vor ihm nieder und begab sich dann zu
seiner Rechten7.
Da fragte ihn Echû: „Kannst du tatsächlich die Gedanken anderer lesen?“
Der Tripitaka-Meister antwortete bescheiden: „Ich wage nicht, so etwas zu behaupten.“
Der Nationallehrer sagte: „Sprich! An welchem Ort befindet sich dieser alte Mönch gerade jetzt?“
Der Tripitaka-Meister erwiderte unterwürfig: „Der verehrte Mönch ist wahrlich Lehrer dieser Nation. Warum
begibt er sich also zum westlichen Fluss8 und schaut den Leuten bei Bootsrennen zu?“
Nach einer geraumen Zeit fragte Echû erneut: „Sprich! An welchem Ort befindet sich dieser alte Mönch gerade
jetzt?“
Der Tripitaka-Meister antwortete ergeben: „Der verehrte Mönch ist Lehrer dieser Nation. Warum begibt er sich
zur Tientsin-Brücke9, um den Leuten beim Spielen mit ihren Zieräffchen zuzuschauen?“
Da fragte Echû noch einmal: „Sprich! An welchem Ort befindet sich dieser alte Mönch gerade jetzt?“
Obwohl der Tripitaka-Meister lange Zeit dort verweilte, fiel ihm keine Antwort ein.

5
All unsere Erfahrungen, aus denen wir unsere Erkenntnis zusammensetzen.
6
Echû war Berater des Kaisers und erhielt von ihm den Ehrentitel „Nationallehrer“. Ein „Tripitaka-Meister“ ist nicht notwendigerweise
ein Mönch, aber ein Experte des Schriftkanons (Tripitaka).
7
D. h., er nahm eine bescheidene Haltung der Nicht-Konfrontation ein.
8
Er fließt durch das westliche Paradies. Der Tripitaka-Meister fragt also, warum einer, der sich im Grunde schon im Paradies befindet,
noch mit gewöhnlichen Menschen verkehrt.
9
Tientsin ist der Name einer Hauptstadt, die Tientsin-Brücke eine „Brücke, die zum Himmel führt“.
Echû tadelte ihn: „O du wilder Fuchsgeist10 – wo ist denn jetzt dein Talent, Gedanken zu lesen?“
Der Tripitaka-Meister hatte noch immer keine Antwort.
Solche Dinge nicht zu verstehen ist schlimm genug, aber gar nicht davon gehört zu haben, noch bedauerlicher.
Die Ahnen Buddhas und die Gelehrten des Tripitaka sind nicht gleich, sondern unterscheiden sich wie Himmel
und Erde. Die Ahnen Buddhas, die den Buddha-Dharma geklärt haben, sind genau an diesem Ort. Die Gelehrten
des Tripitaka haben das noch nicht begriffen und sind im Grunde mit gewöhnlichen Menschen zu vergleichen
und mit solchen, die in der literarischen Welt einen Rang einnehmen wollen. Selbst wenn dieser Tripitaka-Meister
die Sprachen Indiens und Chinas und sogar das Gedankenlesen beherrschte, hatte er nicht einmal im Traum
erfasst, was ‚Körper und Geist auf dem Weg der Buddhas’ sind. Folglich wurde er im Gespräch mit dem
Nationallehrer, der selbst die Erfahrung der Ahnen gemacht hatte, von diesem durchschaut. Wenn wir den ‚Geist
auf dem Weg der Buddhas’ verstehen wollen, müssen wir erkennen, dass die Myriaden von Gedanken und
Dingen wie auch die drei Welten von Begierde, Form und Nicht-Form allesamt Geist sind. Geist ist Geist ist Geist.
Dieser Buddha ist euer ureigener Geist. Weder selbst noch andere kann als ‚Geist auf dem Weg der Buddhas’
angesehen werden. Treibt nicht vergeblich den westlichen Fluss hinab und schlendert nicht auf der Tientsin-
Brücke herum. Wer die Verantwortung für ‚Körper und Geist auf dem Weg der Buddhas’ übernimmt, muss
lernen, wie man aus weiser Einsicht in den Buddha-Weg wirkt.
Was wir ‚den Weg der Buddhas’ nennen bedeutet, dass die ganze Welt Geist ist, der von nichts verändert wird,
was entsteht oder vergeht. Der ganze Dharma ist Geist. Dieser Geist wirkt aus weiser Einsicht. Der Tripitaka-
Meister wusste das nicht, denn er war nur ein wilder Fuchsgeist. Darum erkannte er die beiden ersten Male, als
ihn der Nationallehrer zum Sprechen aufforderte, noch nicht dessen Geist. Er war ein wildes Fuchsjunges, das
müßig mit dem westlichen Fluss und der Tientsin-Brücke, mit Bootsrennen und Zieraffen spielte – wie könnte er
da den Nationallehrer erkannt haben?
Der Grund, warum er den Ort des Nationallehrers nicht erkannte, ist klar. Als er drei Mal gefragt wurde: „Wo
ist dieser alte Mönch jetzt?“, hörte er nicht auf die Worte, ansonsten hätte er ja antworten können. Hätte er den
Buddha-Dharma unmittelbar durch seine Übung erfahren, dann hätte er Echû verstanden und dessen Körper
und Geist erkannt. Da der Tripitaka-Meister aber nicht unmittelbar den Dharma erfahren hatte, indem er sich
alltäglicher spiritueller Übung unterzog, verpasste er diese Gelegenheit, ihn zu hören, obwohl er doch das Glück
hatte, einem Lehrer gewöhnlicher wie höher stehender Menschen zu begegnen. Wie traurig und
bemitleidenswert das ist!
Wie könnte sich andererseits ein weltlicher Gelehrter des Tripitaka mit der alltäglichen Übung der Buddhas und
Ahnen messen oder den Ort des Nationallehrers erkennen? Die indischen Gelehrten des Tripitaka können nie die
alltägliche Übung Echûs erfassen, doch jeder Gelehrte kann verstehen, was der Tripitaka-Meister wusste. Wie
könnte das Wissen von Lehrern des Fußvolkes oder arroganten Gelehrten sich je mit der weisen Einsicht von
Bodhisattvas oder von ‚dreimal so Weisen und zehnmal so Heiligen’11 in die Verwirklichung der Buddhaschaft
messen? Körper und Geist des Nationallehrers können nicht von einem arroganten Gelehrten erfasst werden;
nicht einmal Bodhisattvas, die kurz vor der Buddhaschaft stehen, haben dies vollständig erfasst.
Körper und Geist werden in den verschiedenen buddhistischen Traditionen so verstanden wie in den folgenden
Abschnitten. Ihr müsst sie begreifen und euer Vertrauen in sie setzen, denn der Dharma unseres großen Lehrers,
des Ehrwürdigen Shakyamuni, war nie wie die Lehren der Wildfüchse, die den beiden niederen Fahrzeugen12
oder nicht-buddhistischen Wegen folgten. Darum wurde seit alters diese Geschichte von ehrwürdigen Meistern
verschiedener Generationen studiert.
Einmal fragte ein Mönch den Meister Jôshû: „Warum erkannte der Tripitaka-Meister nicht, wo sich der
Nationallehrer beim dritten Mal befand?“ Jôshû erwiderte: „Er erkannte es nicht, weil sich der Nationallehrer auf
seiner Nasenspitze befand.“
Diesbezüglich fragte ein Mönch den Gensha Shibi: „Wo sich der Nationallehrer doch schon auf der Nasenspitze
des Tripitaka-Meisters befand – warum konnte dieser ihn da nicht erkennen?“ Shibi erwiderte: „Weil er schon zu
nah war.“
Kaie Shutan kommentierte Shibis Antwort so: „Wenn sich Echû auf der Nasenspitze des Tripitaka-Meisters
befand, wie konnte dieser dann solche Schwierigkeiten haben, ihn zu erkennen? Er wusste nicht, dass sich der
Nationallehrer innerhalb seines Auges befand.“
Shibi bemerkte außerdem, so als wolle er den Tripitaka-Meister herausfordern: „Sprich schon! Hast du es die
ersten beiden Male überhaupt erkannt?“
Dann gab es einen Mönch, der Kyôzan fragte: „Warum hat der Tripitaka-Meister den Ort Echûs beim dritten
Mal nicht erkannt, wo dieser sich doch schon so lange dort befand?“ Kyôzan erwiderte: „Die ersten beiden Male

10
Ausdruck für einen irregeleiteten Lehrer.
11
Diejenigen auf der letzten Stufe der Bodhisattvas, die unmittelbar vor der Buddhaschaft stehen.
12
Den Lehren der Shrâvakas und Pratyekabuddhas, die als Umwege gelten, weil ihnen das altruistische Ideal fehlt, erst anderen als sich
selbst zur Erleuchtung zu verhelfen.
befand sich der Geist Echûs im Bereich von Äußerlichkeiten. Dann trat er in die tiefe Meditation der Freude am
wahren Selbst ein, und der Tripitaka-Meister konnte ihn nicht mehr erkennen.“
Auch wenn diese fünf ehrwürdigen Meister das Mark treffen, übersehen sie die alltägliche Übung des
Nationallehrers. Sie reden nur von der fehlenden Erkenntnis des Tripitaka-Meisters beim dritten Mal, was den
Anschein erweckt, er hätte es die beiden ersten Male erfasst. Dies haben jene Ehrwürdigen also übersehen.
Meine Bedenken bezüglich dieser fünf alten Meister sind zweierlei Art. Zum einen erkennen sie nicht die
Absicht hinter der Weise, in der Echû den Tripitaka-Meister hinterfragt. Zum anderen erkennen sie nicht Echûs
Körper und Geist.
Zu meinen ersten Bedenken: Da ist die Frage, was Echû beabsichtigte, als er ausrief: „Sprich! An welchem Ort
befindet sich dieser alte Mönch gerade jetzt?“ Echû wollte damit feststellen, ob der Tripitaka-Meister den Buddha-
Dharma verstand. Hätte dieser den Bud-dha-Dharma vernommen gehabt, dann hätte er verstanden, dass die
Frage ‚An welchem Ort befindet sich dieser alte Mönch gerade jetzt?’ mit dem Buddha-Dharma übereinstimmte.
Diese Frage ist wie jene: „Ist es hier? Ist es da? Ist es unübertroffene Erleuchtung? Ist es die Weisheit, die ans
andere Ufer trägt? Ist es abhängig vom grenzenlosen Raum oder wurzelt es in festem Grund? Ist es die Grashütte
des Einsiedlers oder das Schatzhaus?“ Der Tripitaka-Meister erkannte diese Absicht nicht und vertrat daher die
Ansicht eines gewöhnlichen Menschen, der sein Leben in Unwissenheit verbringt oder den beiden niederen
Fahrzeugen anhängt. Echû fragte erneut: „Sprich! An welchem Ort befindet sich dieser alte Mönch gerade jetzt?“
Und der Tripitaka-Meister benutzte erneut nutzlose Worte. Wiederum forderte Echû: „Sprich! An welchem Ort
befindet sich dieser alte Mönch gerade jetzt?“ Da sagte der Tripitaka-Meister nichts mehr und eine geraume Zeit
verging, weil ihm nichts mehr einfiel. Echû tadelte ihn mit den Worten: „O du wilder Fuchsgeist – wo ist denn
jetzt dein Talent, Gedanken zu lesen?“ Doch der andere hatte immer noch nichts zu erwidern.
Wenn wir diese Geschichte genau betrachten, dann vertraten die alten Meister die Ansicht, Echû habe den
Tripitaka-Meister getadelt, weil dieser Echûs Ort zwar die ersten beiden Male, nicht aber beim dritten Mal erkannt
hatte. Doch dies ist nicht der Fall. Echû tadelte ihn vielmehr dafür, nur ein wilder Fuchsgeist zu sein, der dem
Buddha-Dharma nicht einmal im Traum begegnet war. Echû sprach nicht davon, ob der Tripitaka-Meister den Ort
die beiden ersten Male kannte oder nicht, er tadelte ihn ganz allgemein. Echû fragte sich, ob man beim Lesen der
Gedanken anderer vom Buddha-Dharma sprechen konnte. Selbst wenn das zutraf, müssten ‚andere’, ‚Gedanken’
und ‚die Fähigkeit zu lesen’ gemäß des buddhistischen Weges verstanden werden. Doch was der Tripitaka-
Meister sagte, war nicht im Einklang mit dem Weg der Buddhas, wie konnte es also Buddha-Dharma genannt
werden? Selbst wenn der Tripitaka-Meister beim dritten Mal etwas Ähnliches wie die beiden ersten Male gesagt
hätte, hätte es nicht die Prinzipien des Buddha-Dharma oder die Absicht des Nationallehrers widergespiegelt.
Darum musste dieser ihn zurechtweisen. Und er fragte wieder und wieder, um herauszufinden, ob der andere
ihn irgendwann einmal verstände.
Was die andere Sache betrifft, dass die fünf ehrwürdigen Meister nicht den Körper und Geist Echûs erkannten:
Körper und Geist des Nationallehrers waren jenseits der Auffassungsgabe des Tripitaka-Meisters und jenseits
seiner Fähigkeit, Gedanken zu lesen. Auch ‚die dreimal so Weisen und zehnmal so Heiligen’ erfassen es nicht,
und weder die, die zu Buddhas werden noch die, die gerade erwacht sind. Wie könnte es da ein gewöhnlicher
Tripitaka-Meister erkennen? Ihr müsst dieses Prinzip zweifelsfrei erfassen. Wer glaubt, der Tripitaka-Meister habe
Geist und Körper Echûs erfasst und sei diesem ebenbürtig, der hat nicht im Mindesten Geist und Körper des
Nationallehrers erlangt. Wenn ihr behauptet, dass diejenigen, die Gedanken lesen können, Geist und Körper des
Nationallehrers erfassen, können es dann auch die Anhänger der beiden niederen Fahrzeuge? Da dem nicht so
ist, werden folglich die Anhänger der beiden niederen Fahrzeuge nicht einmal in die Nähe des Nationallehrers
gelangen. Heutzutage lesen zwar viele von ihnen die Schriften des Mahâ-yâna, doch erkennen auch sie weder
Körper und Geist Echûs noch Körper und Geist des Buddha-Dharma, und das nicht einmal in ihren Träumen. Sie
mögen zwar diejenigen, die Mahâyâna-Schriften lesen und rezitieren, nachahmen, doch sie bleiben Menschen der
niederen Fahrzeuge. Körper und Geist des Nationallehrers sind jenseits von irgendetwas, das von Menschen
erfasst werden kann, die Zauberkräften nachjagen oder nur üben, um ‚spirituelle Erfahrungen’ zu sammeln.
Körper und Geist Echûs können womöglich von ihm selbst nur schwer ergründet werden. Warum ist das so?
Seine alltägliche Übung blieb frei von der Absicht, ‚ein Buddha zu werden’, darum konnte sie selbst das Auge
Buddhas nicht erkennen. Bei seinem alltäglichen Kommen und Gehen hatte er sich von seinen Spinnweben und
dunklen Ecken befreit und befand sich jenseits von etwas, was man in einem Käfig einsperren oder mit einem
Netz einfangen konnte.
Schauen wir uns genau an, was jeder der fünf Meister zum Ausdruck brachte.
Jôshu sagte: „Er konnte den Nationallehrer nicht sehen, weil dieser sich direkt auf seiner Nasenspitze befand.“
Was bedeutet dies? Wir können uns leicht irren, wenn wir schlussfolgern, ohne die Quelle dafür zu klären. Wie
konnte den Echû auf der Nasenspitze des Tripitaka-Meisters sein? Dieser hatte noch gar nicht erkannt, dass er eine
Nase besaß13. Auch wenn es schien, als hätten Echû und der andere eine Verbindung gehabt, die es ihnen

13
D. h., die Buddha-Natur besaß.
erlaubte, ‚einander zu erkennen’, gab es keinen nahe gelegenen Weg, auf dem sie sich hätten begegnen können.
Wer klaren Auges ist, wird dies erfassen.
Shibi sagte: „Weil er einfach zu nahe war.“ Dieses ‚einfach zu nahe’ mag stimmen, doch der Ausdruck verfehlt
den entscheidenden Punkt. Was nennt er denn ‚einfach zu nahe’? Was versteht er darunter? Shibi hatte das
‚einfach zu nahe’ des Tripitaka-Meisters noch nicht begriffen und nur sein eigenes ‚einfach zu nahe’ sorgfältig
untersucht. Denn wenn es um den Buddha-Dharma ging, dann war der Tripitaka-Meister am weitesten von allen
davon entfernt.
Kyôzan sagte: „Die ersten beiden Male befand sich der Geist Echûs im Bereich von Äußerlichkeiten. Dann trat
er in die tiefe Meditation der Freude am wahren Selbst ein, und der Tripitaka-Meister konnte ihn nicht mehr
erkennen.“ In Indien hätte man Kyôzan für diese Antwort überall als ‚kleinen Shakyamuni’ verehrt, doch ist seine
Bemerkung nicht gänzlich angemessen. Wenn er den Ort ihrer Begegnung von Angesicht zu Angesicht in
Äußerlichkeiten ansiedelt, dann entspricht das der Behauptung, der Ort, wo sich Buddhas und Vorfahren von
Angesicht zu Angesicht treffen, existiere überhaupt nicht. Dann sähe es so aus, als hätte Kyôzan nicht die
spirituellen Verdienste aus der Verwirklichung der Buddhaschaft empfangen, die der Buddha vorausgesagt
hatte. Kyôzan unterstellt, dass der Tripitaka-Meister die ersten beiden Male genau wusste, wo sich Echû befand.
Kyôzan hätte aber sagen sollen, dass der Tripitaka-Meister nicht die kleinste Spur der spirituellen Verdienste
Echûs erkannte.
Shibi forderte den Tripitaka-Meister mit der Bemerkung: „Hast du es die beiden ersten Male überhaupt
gesehen?“ Diese Frage ‚Hast du es überhaupt gesehen?’ scheint alles Nötige auszudrücken und beinhaltet, dass
das, was der Tripitaka-Meister erkannte, jenseits des Erkennens war. Darum trifft sie nicht genau ins Mark.
Als er diese Bemerkung hörte, sagte der klar erleuchtete Meditationsmeister Setchô: „Zum ersten Mal
durchschaut! Zum zweiten Mal durchschaut!“ Weil Setchô das, was Shibi sagte, für richtig hielt, konnte er sich so
äußern. Hätte er Shibis Fehler erkannt, hätte er anders gesprochen.
Kaie Shutan sagte: „Wenn sich Echû auf der Nasenspitze des Tripitaka-Meisters befand, wie konnte dieser dann
solche Schwierigkeiten haben, ihn zu erkennen? Er wusste nicht, dass sich der Nationallehrer innerhalb seines
Auges befand.“ Auch dies handelt nur vom dritten Mal. Da Shutan also nicht die beiden ersten Male bedenkt,
tadelt er den Tripitaka-Meister nicht aus den richtigen Gründen. Auch wenn Echû sich auf der Nasenspitze des
Tripitaka-Meisters und in seinen Augen befand – wie konnte Shutan davon wissen?
Jeder dieser fünf ehrwürdigen Meister war blind gegenüber dem, was Echû erlangt hatte. Ihre eigene fleißige
Übung des Buddha-Dharma konnte dies nicht erfassen. Ihr müsst erkennen, dass Nationallehrer Echû niemand
anderes als ein Buddha der ersten Generation war, da ihm klar Buddhas Schatzkammer des Wahren Dharma-Auges
übertragen worden war. Gelehrte der niederen Fahrzeuge, die den Tripitaka kommentieren, erkennen den Ort des
Nationallehrers nicht, wie wir an dieser Geschichte erkennen. Was die Anhänger der niederen Fahrzeuge ‚die
Fähigkeit, Gedanken zu lesen’ nennen, sollte eigentlich genannt werden: ‚die Fähigkeit, die Absicht eines anderen
zu erkennen’. Es ist ein Fehler zu glauben, die Fähigkeit eines Tripitaka-Meisters der niederen Fahrzeuge, die
Gedanken anderer zu lesen, sei stark genug, auch nur ein einzelnes oder bloß ein halbes Haar des Nationallehrers
Echû zu erkennen. Was wir hiervon lernen können ist, dass ein Tripitaka-Meister der niederen Fahrzeuge völlig
unfähig ist, den Ort der spirituellen Errungenschaften des Nationallehrers zu lokalisieren. Hätte er dies die
beiden ersten Male getan, jedoch nicht beim dritten Mal – also wenigstens zwei von drei Mal –, wäre ihm der
Tadel erspart geblieben. Selbst wenn Echû ihn dann noch zurechtgewiesen hätte, wäre es doch nicht wegen
völligen Versagens gewesen. Hätte Echû ihn aber tatsächlich getadelt, wer hätte dann noch Vertrauen in den
Nationallehrer? Echû jedoch wies den Tripitaka-Meister zurecht, weil es ihm völlig an Körper und Geist des
Buddha-Dharma mangelte. Da die fünf ehrwürdigen Meister die alltägliche Übung des Nationallehrers
überhaupt nicht verstanden, liegen sie in dieser Hinsicht ebenso falsch. Darum habe ich euch jetzt vom Geist auf
dem Weg der Buddhas erzählt, ‚der nicht erfasst werden kann’. Ihr mögt kaum glauben, dass man diesen Aspekt
der Lehre nicht verstehen, den Rest des Dharmas aber voll erfasst haben kann. Ihr solltet jedoch erkennen, dass
die alten Vorfahren ebenfalls Fehler gemacht haben können. Bemüht euch nun selbst, diese auszumerzen!
Einst fragte ein Mönch den Nationallehrer: „Was ist denn nun der Geist vergangener Buddhas?“
Der Nationallehrer erwiderte: „Zäune und Mauern, zusammen mit ihren Ziegeln und Steinen.“
Auch dies ist ‚der Geist, der nicht erfasst werden kann’.
Ein anderes Mal fragte ein Mönch: „Was ist denn nun der beständige Geist aller Bud-dhas?“
Der Nationallehrer erwiderte: „Welch ein Glück, dass du in diesen alten Mönch hineingerannt bist, der auf dem
Weg ist, dem kaiserlichen Palast einen Besuch abzustatten.“
Auch dies erklärt tiefgründig ‚den Geist, der nicht erfasst werden kann’.
Bei einer anderen Gelegenheit fragte der aufrichtige Fürst Indra den Nationallehrer: „Wie können wir uns nur
von den Folgen des Karma befreien?“
Dieser erwiderte: „O Himmlischer, Ihr könnt Euch von den Folgen des Karma befreien, indem ihr den Weg
übt.“
Da fragte Fürst Indra: „Was könnte denn dieser ‚Weg’ sein, von dem ihr sprecht?“
Der Nationallehrer antwortete: „Euer Geist ist genau jetzt der Weg.“
Fürst Indra fragte weiter: „Und was ist mein Geist in diesem Augenblick?“
Der Nationallehrer zeigte mit dem Finger und sagte: „Er ist das Podest der Erleuchtung, er ist das Perlennetz.“
Da verneigte sich Fürst Indra ehrfurchtsvoll.
Ihr werdet – Buddha auf Buddha und Vorfahre auf Vorfahre – in den Versammlungen immer wieder der Rede
von ‚Körper und Geist auf dem Weg der Buddhas’ begegnen. Wenn wir durch unsere Übung gleichzeitig von
Körper und Geist erfahren, werden sie jenseits dessen sein, was sich gewöhnliche Menschen, Weise oder Heilige
darunter vorstellen. ‚Der Geist, der nicht erfasst werden kann’, muss durch eure Übung gründlich untersucht
werden.

[An einem Tag der Sommer-Übungsperiode im zweiten Jahr der Ninji-Ära (1241).]