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4. DEZEMBER 2017 No 50

DER GROSSE JAHRESRÜCKBLICK

2017 – wie war das Jahr?

Wie war
das Jahr?

Ist das Glas halb voll oder halb leer?


Ob ein Jahr gut oder schlecht war, kann niemand abschließend beurteilen. Es ist immer nur ein Tropfen im Strom der Zeit  VON ULRICH GREINER

A
lles hängt davon ab, wer sich Fortuna ist nicht gerecht. Den einen spendet des Hungers. Voller Sorge beobachten wir das geflohen, um seinen Hymnus auf Karl II. zu Bedingung des Erfolgs sehen. Aber ach, so sind
die Frage stellt – wie war das die Schicksalsgöttin Glück im Übermaß, den Anschwellen der Gewalt. Von außen bricht sie als dichten. In ihm erblickte er die Lichtgestalt, die wir in der Regel nicht gemacht. Die Siege ver‑
Jahr? – und an wen sie sich anderen versagt sie es. Und die Summe aller Internationale des Terrors ins Land. Doch auch England zu neuer Größe führen werde, und in gessen wir, die Niederlagen zählen wir.
richtet. Der Mann, der 2017 Schicksale ist schwerlich messbar. Wer also fragt: im Inneren der Gesellschaft wachsen schlechte der Zerstörung Londons sah er die C ­ hance, ein Dabei ist – gemessen an der Dauer der Welt –
eine Krebs­dia­gno­se erhielt, »Wie war das Jahr?«, der setzt ein Kollektiv­ Laune, Unduldsamkeit und Aggressivität. neues Jerusalem zu errichten. das Jahr 2017 allenfalls ein Augenblick gewesen.
wird sie anders beantworten als voraus, entweder seine Familie oder die Gemein‑ Es läuft also auf die alte Frage hinaus, ob das Nein, Drydens Gesang beweist nicht den 1776 notiert Georg Christoph Lichtenberg:
die Frau, die eben ihr erstes schaft der ihm Nahestehenden oder die Stadt, in Glas halb leer oder halb voll sei. Als sich der eng‑ englischen Humor, sondern den un­er­schüt­ter­ »Die Welt kann leicht noch eine Mil­lion Jahre so
Kind zur Welt gebracht hat; und die Schülerin, der er lebt, oder die Na­tion oder Europa oder lische Dichter John Dryden über das Jahr 1666 lichen Optimismus eines großen Geistes. Wer fortrollen wie bisher, und da wären 5000 Jahre
die ihr Abitur mit Bravour bestanden hat, anders den Globus, und in jedem Fall wird seine Ant‑ beugte, fand er, das Glas sei mehr als halb voll, sich von ihm anstecken lassen wollte, der würde gerade das, was ein Vierteljahr in dem Leben ei‑
als ihr Klassenkamerad, der durchgefallen ist. wort anders lauten. und er nannte dieses Jahr »das Jahr der Wunder«: finden, dass die Krise der EU bloß die Ouver‑ nes Menschen von 50 ist. Was habe ich das letzte
Donald Trump findet vermutlich, dies sei ein Was uns Deutsche in der Gesamtheit betrifft, In seinem legendären Poem Annus Mirabilis türe eines neuen und starken Europas bedeute; Vierteljahr getan? Gegessen, getrunken, elektri‑
gutes Jahr gewesen. Auch Kazuo Ishi­gu­ro, der so sind wir in der unglücklichen Lage, kaum schildert er in 1216 Verszeilen den verlorenen oder dass der Einzug einer rechten Partei in den siert, Kalender gemacht, über eine junge Katze
im Oktober den Literaturnobelpreis erhielt, noch glücklicher werden zu können. Zwar gibt es Krieg gegen die Niederlande und den Großen Bundestag der parlamentarischen Debatte nur gelacht, und so sind 5000 Jahre dieser kleinen
wird wohl mit 2017 zufrieden sein. Für Angela Elend auch bei uns, aber wir könnten es leicht Brand von London, dem vier Fünftel der Stadt dienlich sei. Er würde die Siege im Kampf gegen Welt hingelaufen, die Ich bin.«
Merkel hingegen war es kein gutes Jahr und für beheben. Alles in allem ist das Land eine fried­ zum Opfer fielen. Kurz zuvor hatte auch noch den Terror höher bewerten als die erfolgten­
den HSV leider auch nicht. liche und satte Insel in einer Welt der Kriege und die Pest gewütet. Dryden war vor ihr aufs Land Anschläge. Kurz: Er würde im Miss­erfolg die www.zeit.de/audio

o
EXTRA-AUSGABE N 50
Abbildungen oben im Uhrzeigersinn: Zeitverlag Gerd Bucerius 7 2. J A H RG A N G C 7451 C
G20-Proteste in Hamburg (Mitte); Helmut Kohl (links oben), GmbH & Co. KG, 20079 Hamburg
die Schauspielerin Tilda Swinton, Donald Trump, der Berliner Telefon 040/32 80‑0; E-Mail:
Abonnentenservice: Tel. 040/42 23 70 70, Fax 040/42 23 70 90, E-Mail: abo@zeit.de Panda Meng Meng, der Fußballer Neymar, die Politikerin DieZeit@zeit.de, Leserbriefe@zeit.de 50
Frauke Petry, die Hamburger Elbphilharmonie, der Abgasskandal
Preise im Ausland: DK 51,00/FIN 7,70/E 6,30/CAN 6,50/F 6,30/NL 5,50/A 5,20/ ZEIT Online GmbH: www.zeit.de;
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2 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50

20 Menschen
werden durch Krieg und Terror vertrieben

In einer Minute p­ assieren ­


weltweit erstaunliche Dinge.
­Ein kleiner Überblick

7,55 Mrd.
menschliche Körper existieren
6500 l
Sperma werden beim Sex ausgestoßen

2 Mio.
Industrieroboter
sind im Einsatz

285 000
Tiere werden geschlachtet
15 Mio. Kinder
zwischen 5 und 11 Jahren müssen arbeiten
900 Mio.
Menschen sind ohne Toilette

62,5 t
815 Mio.
Kot werden ausgeschieden

14 000 Menschen hungern

140
Passagiere betreten ein Flugzeug

neue Autos werden gebaut

40 t

2 Mrd.
Plastikmüll ­
2,5 Mio. verschmutzen die
Anfragen erhält Google Meere

600 000 Menschen haben Übergewicht


Songs werden auf Spotify gehört 21 Menschen
sterben an einer Überdosis
harter Drogen

56 000
Bilder werden auf Instagram gepostet
100 Mrd.
Wörter werden gelesen

270 – 280
96 000 l
Wein werden getrunken
Kinder werden geboren

1600 t
Papier werden produziert
111 Menschen
Illustration S. 3): Pia Bublies für DIE ZEIT

sterben
4. DEZEMBER 2017 No 50 POLITIK 3

Wie viele Gitarrensoli werden in 60 Sekunden gespielt? Wie viele Gebete gesprochen? Und wie viele Menschen kommen um?
Angenommen, alles, was gleichzeitig auf der Erde passiert, wäre sichtbar – was würde man dann sehen?
Und was würde man dabei über uns Menschen lernen? Ein fantastisches Zahlenspiel  VON GERO VON R ANDOW

E
in Sturm wühlt das Schwarze Hektoliter mensch­lichen Urins in der freien Na- bei einer Mil­liar­de Gebeten am Tag, also bei In jeder der 252 600 Minuten pro Jahr ge-
Meer vor der türkischen Küste tur oder auf Straßen und Plätzen. knapp 700 000 pro Minute. schieht also viel, schrecklich viel, weshalb der
auf, an diesem 22. September Die Menschheit wuselt durch­ ein­an­
der. Sie Die Zahl täuscht Exaktheit nur vor, aber so Mensch Entspannung sucht, Genuss, Flucht
2017. Kurz vor Sonnenaufgang, hat ihren Planeten mit insgesamt 31,7 Millionen viel dürfen wir sagen: Während die Flüchtlinge und Sucht. Pro Minute fließen weltweit 96 000
um zehn vor sieben Ortszeit, Kilometern Straße überzogen. Pro Minute wer- ertranken, wurden Hunderttausende Gebete ge- Liter Wein und 370 000 Liter Bier durch die
kentert das übervolle Boot, den 140 neue Autos hergestellt, und es betreten sprochen. Wie viele davon wohl erhört wurden? Kehlen. Zur gleichen Zeit werden etwas mehr als
mehr als 20 Menschen ertrin- mehr als 14 000 Passagiere ein Flugzeug. Homo Im selben Moment lief an der amerikanischen zehn Millionen Zigaretten geraucht. An einer
ken. Sie waren vor dem Krieg im Irak geflohen. sapiens liebt die Bewegung. Und er redet un­ Westküste das letzte Viertel im Football-Spiel der Überdosis harter Drogen sterben pro Minute 21
Im selben Moment befindet sich der türki- unter­bro­chen. Unter einigen kühnen Annahmen San Francisco 49ers gegen die Los Angeles Rams, Menschen. So viele, wie auch das Kentern des
sche Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf dem lässt sich schätzen, dass es an die 55 Mil­liar­den das die Rams spektakulär mit 41 zu 39 gewinnen Boots am 22. September nicht überlebten.
Rückflug von der UN-Generalversammlung in Wörter pro Minute sind. würden. In der Karibik zog der Hurrikan Maria mit Die Menschheit findet ihre Umgebung der-
New York. In Barcelona kampieren Hunderte Die Überschlagsrechnung geht so: Von den 7,5 Windgeschwindigkeiten von bis zu 205 Kilometern maßen interessant, dass sie diese pausenlos foto-
Menschen vor dem Justizpalast, um für die kata- Mil­liar­den Menschen schläft ein Drittel, das sind pro Stunde auf die britischen Turks- und Caicos- grafiert. Die Zahl der Fotografien ist mit der
lanische Unabhängigkeit zu demonstrieren. 2,5 Mil­liar­den; manche sprechen auch im Schlaf, inseln zu. Und eine israelische Drohne flog einen Digitalisierung explodiert. Die Schätzungen ge-
Andere, glücklichere Menschen haben in der aber das gleicht sich vielleicht mit der Zahl jener Luftangriff nahe Damaskus. hen aus­ ein­an­
der, bei konservativer Schätzung
gleichen Minute gelacht, getanzt, geliebt. aus, die im Wachzustand meist schweigen. Die ver- 2,5 Millionen Anfragen werden pro Minute an kommt man auf 4,75 Millionen digitale Fotos
In Rio de Janeiro zum Beispiel, wo im selben bliebenen fünf Mil­liar­den sprechen, Forschungen Google gerichtet. Außerdem 21 Millionen Whats­ pro Minute. Wenn es gelänge, diese Bilder sowie
Augenblick eines der größten Rockmusik-Festi- zufolge, im Durchschnitt etwa 16 000 Wörter am App-­Mel­dun­gen sowie 16 Millionen SMS und 1,5 all jene Aufnahmen aus bildgebenden Verfahren
vals der Welt mit über 100 000 Besuchern läuft. Tag. Das sind pro Minute etwa elf Wörter, und Millionen E-Mails abgeschickt und 461 220 Tweets etwa der Mikroskopie, Tomografie und Fern­
Wüsste man mehr über die Menschheit, diese Zahl multiplizieren wir mit fünf Mil­liar­den. gepostet, zudem 56 000 Bilder auf In­sta­gram und erkun­dung zu einem dreidimensionalen Abbild
wenn man sich vor Augen führte, was alles in Könnte man das alles gleichzeitig hören, was wäre 1,7 Millionen Einträge auf Face­book. Pro Minute der Welt zusammenzuführen, zu einem poten-
einer einzigen Minute gleichzeitig auf Erden­ das für ein Klang? Ein gewaltiges Rauschen viel- werden Videos mit einer Gesamtdauer von 300 zierten Google ­Earth: Wäre es vollständig? Nein,
geschieht? leicht. Wie eine Antwort auf den ­Ozean. Stunden auf You­Tube geladen sowie zwei Millionen aber es käme uns so vor.
Der polnische Schriftsteller Stanisław Lem Nicht zu vergessen: Die Menschheit singt, angeschaut – mehr als doppelt so viele sogar auf Andererseits – was hätten wir davon? Wir gerie-
hat darüber als Erster nachgedacht. Ihm war be- summt, pfeift, trommelt, lärmt und musiziert Snap­chat. Via Spotify dringen rund 600 000 Songs ten ins Kartenparadox: Die denkbar genaueste
wusst, dass er diese Idee in Wahrheit nicht würde auch noch. Wie viele Gitarrensoli werden in ei- in circa 1,2 Millionen Gehörgänge. Der Mensch Karte hätte ja die gleichen Abmessungen wie die
umsetzen können, weshalb er sich mit einem ner Minute wohl gespielt? ist ein Fernmeldewesen. kartierte Landschaft, und um uns in ihr zurecht-
Trick behalf: Er schrieb die fiktive Re­zen­sion­ Beginnen wir die Berechnung in Deutsch- Jede Minute melden sich 72 neue User in sozia- zufinden, benötigten wir wiederum eine Karte.
eines fiktiven Buches, in dem getreulich alles auf- land, über das immerhin Daten vorliegen. Die len Netzwerken an. Gleichwohl produziert die So offenbart sich auch die Schwäche der
geführt wurde, was in einer Minute geschieht. Musikindustrie spricht von zwei Millionen ak- Menschheit immer noch jedes Jahr fast ebenso viel Lemschen Idee, eine Minute der Menschheit zu
Lems Text Eine Mi­nu­te der Menschheit erschien tiven Musikern, was immer das heißen soll. Papier, wie es ihrem Eigengewicht entspricht; pro porträtieren: Die Zusammenschau übersteigt
1983, vor 34 Jahren. Saiteninstrumente machen 16,2 Prozent des Minute sind das knapp 1600 Tonnen, wofür Hun- unser Vorstellungs- und Denkvermögen. Lem
Heute, im Zeitalter von Big Data, stehen uns Umsatzes mit Musikinstrumenten aus. Wagen derttausende Hektoliter Wasser verbraucht werden, gab das in seiner fiktiven Re­zen­sion selbst zu.
unermessliche Daten zur Verfügung, vieltau- wir die Schätzung, dass davon die Hälfte Gitar- die genaue Zahl weiß man leider nicht. Die Meere Außerdem könne, betrachte man das Ganze, ein
sendmal mehr als damals. Das soll nicht bedeu- ren sind, und schließen wir von den 8,1 Prozent werden übrigens in jeder Minute mit rund 40 negativer Eindruck von der Menschheit entste-
ten, dass sich das Lemsche Programm mittler- auf den tatsächlichen Bestand, dann sind hier- Tonnen Plastikmüll verschmutzt. In jeder Minute! hen, schrieb Lem. Das liege daran, dass über
weile verwirklichen ließe, schon gar nicht in ei- zulande 162 000 Gitarren im Einsatz. Wie oft? Nach Berechnungen des UN-Flüchtlings- Schlechtes mehr Statistiken erhoben würden als
nem Zei­tungs­arti­kel – aber wir können immer- Vielleicht im Durchschnitt zehnmal pro Jahr hilfswerks werden pro Minute mehr als 20 Men- über Gutes.
hin eine Skizze wagen. und jeweils eine Stunde? Das macht 1 620 000 schen durch Krieg und Terror vertrieben. So Der frühere amerikanische Außenminister
Werfen wir zunächst einen Blick auf die rund Gitarrenstunden pro Jahr – pro Kopf also etwa viele, wie am 22. September 2017 im Schwarzen John Foster ­Dulles soll einmal gesagt haben, zu
7,55 Mil­liar­den menschlichen Körper. Sie er­ 0,02. In Deutschland. Und in der ganzen Welt? Meer ertranken. Zugleich müssen ungefähr 15 jedem Zeitpunkt schlafe ein Drittel der Mensch-
geben zusammengerechnet eine Biomasse von Angenommen, zwei Mil­liar­den Menschen sind Millionen Kinder zwischen fünf und elf Jahren heit, und der Rest richte Unheil an – aber eben-
470 Millionen Tonnen, davon sind 19 Millionen zu arm, um Musik zu machen, und für 1,5 Mil­ einer Arbeit nachgehen – und sind zwei Millio- das war nicht richtig, denn die Menschen spie-
Tonnen Knochen: eine große Menge Leben. Wir liar­den ist das nicht Bestandteil ihrer Kultur. nen Industrieroboter im Einsatz, jede Minute len, lachen und lieben ja auch, sie malen, kochen,
können sie uns auch als ein Ganzes vorstellen, als Dann blieben vier Mil­liar­den, die infrage kom- wird ein neuer in Betrieb genommen. bauen, und sie helfen ein­an­der. Sie denken nach,
ein einziges gewaltiges Lebewesen. Es wird von men. Gälte für sie der deutsche Durchschnitts- In dieser Zeitspanne si­ gna­li­
siert Tinder sie bilden oder sie verschönern sich. Pro Minute
340 Millionen Hektolitern Blut durchströmt, wert, dann kämen wir auf 80 Millionen Gitarren­ 950 000 Matches, werden weltweit vier Face­ finden acht Schönheitsoperationen an Kopf und
dafür sorgen jede Minute die 600 Mil­liar­den stunden jährlich, also auf etwa 19 000 Gitarren, book-­ Sta­
tus auf »Verheiratet« geändert, 6500 Gesicht statt, fast sechs an der weiblichen Brust,
Schläge von 7,55 Mil­liar­den Herzen. die in jeder Minute gleichzeitig erklingen. Wie Liter Sperma beim Sex ausgestoßen und – je außerdem beinahe drei Fettabsaugungen.
Das kostet Energie. Ebenso die Aktivität der viele Soli das wohl sind? Vielleicht 2000? nach Schätzung – 270 bis 280 Kinder geboren. Welch ein erstaunliches Geschöpf der Mensch
etwa 755 Trillionen Nervenzellen in der über Wie viele Gebete werden wohl pro Minute Die Zahl der Abtreibungen pro Minute soll bei ist. Dabei erschöpft sich das Menschsein nicht
zehn Millionen Tonnen schweren Gehirnmasse; gesprochen – auch in jener Minute vom 22. Sep- 79,5 liegen. einmal ansatzweise in diesen oder ähnlichen Da-
sie wird mit 150 Giga­watt angetrieben, das ent- tember, als das Flüchtlingsschiff sank? Gleichzeitig sterben 111 Menschen. Davon ten. Jeder Einzelne ist ein Universum, und die
spricht der Leistung von mehr als 100 großen Eine tollkühne Überschlagsrechnung könnte knapp einer durch ein Tötungsdelikt. An den Fülle seiner Seele und seines Geistes kann mit
Kernkraftwerken. Die Gedanken sind frei, aber so aus­sehen: Unter den 7,5 Mil­liar­den Men- Folgen der Luftverschmutzung sterben etwa 26 Zahlen nicht erfasst werden. Sagen wir: bislang
eben nicht gratis, ebenso wenig unsere Träume, schen haben 1,1 Mil­liar­den keine Re­li­gion (da- Menschen. An übertragbaren Krankheiten 24. nicht. Immerhin können wir schätzen, dass die
Sehnsüchte, Ängste oder Glückszustände. rüber existieren ganz gut abgesicherte Studien). Der Durchschnittswert für Krebs­tote pro Mi­ Menschheit pro Minute 100 Mil­liar­den Wörter
Um sich die nötige Energie zu beschaffen, Von den verbleibenden 6,4 Mil­liar­den ziehen nute beträgt 15, für Todesopfer des Rauchens liest. Sie selbst haben soeben dazu beigetragen.
muss der Mensch essen. Zu diesem Zweck wir die ab, die zu jung zum Beten sind, und lan- insgesamt 9, für alkoholbedingte Todesfälle 4,5,
schlachtet er jede Minute mehr als 285 000 Tie- den bei schätzungsweise sechs Mil­liar­den bet­ für Tod durch HIV/Aids 3 (Neu­ infek­
tio­
nen: Mitarbeit: Benedikt Herber, Paul Schwenn
re; das entspricht einer Fleisch­pro­duk­tion von fähigen Personen. Nun wird es schwierig. Über 3,4), für Verkehrstote 2,5. Für Selbsttötungen
500 Tonnen. Wir hören das permanente Brüllen die Bet­frequenz ist wenig bekannt. Immerhin sind es 1,5, für Kriegstote im Irak und in Syrien Quellen: adaptt, Brandwatch, Business Insider,
und Schreien des Schlachtviehs bloß nicht. Aller- wissen wir, dass fast alle Religionen das Gebet 0,03, für Tod durch weltweiten Terror 0,003. clickZ, FAO, FAS/USDA, IAEA, IATA, IFR, ILO,
dings fehlt es 815 Millionen Menschen weltweit kennen. Und dass in den sehr gläubigen USA Das vorzeitige Sterben ließe sich also am bes- ISAPS, Kaufa.de, The Lancet, Mylio, OECD, Pew
an Nahrung – während mehr als zwei Mil­liar­den 55 Prozent der Bewohner täglich mindestens ten mit Gesundheits- und Entwicklungspolitik Research ­C enter, Queensland University, Science,
Menschen zur selben Zeit übergewichtig oder einmal beten. Wagen wir einmal die Annahme, bekämpfen. Immerhin fließen pro Minute mehr Social Media Institute, SOMM, Statista, Statistisches
sogar fettleibig sind. dass ein Sechstel der sechs Mil­liar­den im Durch- als eine halbe Mil­lion Euro Entwicklungshilfe in Bundesamt, UNHCR, Weltbank, WHO, Wikipedia,
Nachdem die Körper die aufgenommene schnitt einmal pro Tag betet, dann landen wir die armen Weltgegenden. Doch rund 6,25 Mil- ­Worldometers
Speise verarbeitet haben, muss der unverwertbare lionen Euro wandern pro Minute in die Rüs-
Rest entsorgt werden. Leider steht rund 900 Mil- tung. Nur 19 Euro übrigens kostet in derselben
lionen Menschen dafür keine Toilette zur Ver­ Minute die Überwachung des Atom­deals mit
fügung – das entspricht fast dem Dreifachen der dem Iran.
Einwohnerzahl der USA. Diese Menschen ent-
leeren sich irgendwo in die Landschaft. Rechnen
wir pro Erdenbewohner mit 100 Gramm am
Tag, dann scheidet die Menschheit pro Minute
62,5 Tonnen Kot aus. Man mag sich die Gesamt-
menge nicht auf einem Haufen vorstellen.­
Außerdem versickern in jeder Minute rund 6250
0,5 Mio. €
gehen in die Entwicklungshilfe

6,25 Mio. €
werden für Rüstung ausgegeben
4 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50

Auch 2017 waren unsere Korrespondenten


weltweit im Einsatz. Was macht es mit ihnen,
in der Ferne zu leben? Drei Kollegen berichten

Foto: Jacob Russel für DIE ZEIT


Unsere Nahost-Korrespondentin Andrea Böhm in Al-Kajjarah in der Nähe von Mossul, Irak. Der Rauch im Hintergrund stammt von Ölfeldern, die der IS angezündet hat

Tanzen ist besser als trauern


Im Libanon habe ich die Kunst der Verdrängung gelernt. So lassen sich die Konflikte des Nahen Ostens besser ertragen  VON ANDREA BÖHM

B
evor ich im November 2013 als Nah- gungskunst, Trotz und Lust auf das Leben kann über. Aber das ist eine Frage der Akustik, nicht der Oder wenn die ergrauten Stammgäste im Bagda- Nein – und wenn, dann habe ich es mit den ein-
ost-Korrespondentin nach Beirut zog, man inmitten des Wahnsinns weder denken religiösen Präferenz. Um auf den Islam zu kommen: der Café Schabandar stundenlang Gedichte rezitieren, gangs erwähnten libanesischen Methoden ver-
zählte ich immer wieder die Länder noch arbeiten. Ja, ein viel zu großer Anteil der muslimischen theo- während der Besitzer, der vier Söhne durch eine drängt. Wir Journalisten (und unser Pu­bli­kum)
meines Berichtsgebiets durch. Es sind Meine zweite Einsicht: Ich hatte genau den logischen Elite besteht aus ideologischen Gift­ Autobombe verloren hat, stoisch das Geld für Tee sind meist auf die Krisen und Katastrophen fixiert.
18. Vier (Syrien, Libyen, der Irak und richtigen Wohnort gewählt. Nirgendwo ist diese mischern. Der gleiche in Verschwörungstheorien und Shisha-Pfeifen kassiert. Oder wenn libysche Aber auf jeden Mann mit einer Ka­ lasch­
ni­kow
Jemen) befanden sich zum Zeitpunkt meines Um- Mischung ausgereifter als in Beirut. getränkte Fanatismus eines Salafisten in Ägypten oder Familien auf das C­ haos im Land pfeifen und mit dem kommen zigtausend Unbewaffnete, Männer wie
zugs im Kriegszustand, zwei weitere (Israel und eines Schiiten-Milizionärs im Irak begegnet mir aller- Picknickkorb am Strand den Sonnenuntergang be- Frauen, die versuchen, sich und ihre Familien heil
Palästina, der ewige Staat in spe) in einem höchst Alles da – Hölle und Himmel dings auch bei radikalen Siedlern in Israel und ultra- obachten, hinter sich die römischen Ruinen von durchzubringen. Meist auf unspektakuläre, oft auf
ungleichen low level conflict. Die restlichen zwölf oder was immer man dafür hält rechten Christen im Libanon. Die zwei Letztgenann- Leptis Magna, vor sich das Mittelmeer. erniedrigende, manchmal auf zwie-
steckten in unterschiedlichen Stadien der Krise. ten gehören Minderheiten an, die besonders angreif- Und natürlich das Smart­phone am SY R IEN
lichtige, manchmal auf heroische
Worauf ich mich eingelassen hatte, war schnell Und jetzt, vier Jahre später? Ich habe inzwischen fast bar sind, wie man zuletzt an der Massenvertreibung Selfie-Stick. Weise.
BEIRUT
klar: auf den geballten Wahnsinn dieser Zeiten. alle 18 Länder bereist (Algerien, Kuwait und Bahrain von Christen durch den IS sehen konnte. Was nichts Das klingt, als würde ich mir mein Da ist die Ingenieurin, die im
Mein erstes prägendes Erlebnis folgte wenige fehlen noch). Mein Fotospeicher quillt über mit daran ändert, dass die große Mehrheit der Opfer des Berichtsgebiet mit kleinen Anekdoten Irak Maschinenteile in Gemüse-Lkw
Wochen nach meiner Ankunft in Beirut, als mich Bildern von erbärmlichen Flüchtlingslagern (Liba- islamistischen Terrors Muslime sind. Und dass eine schönreden. Keine Sorge. Die syrischen LIBA NON durch IS-Gebiet geschmuggelt hat;
Freunde zu einem Rockkonzert einluden. Mehrere non) und glitzernden Sky­lines (Dubai); von Mossul, Handvoll sogenannter säkularer Herrscher im Nahen Barkeeper, die irakischen Möchte­gern­ das libanesische Dorf, das vom tradi-
Selbstmordanschläge mit Dutzenden von Toten dessen Altstadt nach der Vertreibung des IS ein Osten ungleich mehr Massengräber gefüllt hat als alle dich­ter und die libyschen Strand­ tionellen Cannabis- auf Weinanbau
hatten die Stadt kurz zuvor erschüttert. Ich fand Trümmerhaufen ist, und von Beirut, wo ein Bau- militanten Islamisten zusammen. Meistens mit un- gäste machen sich keine Illusionen umsatteln will; da sind die syrischen
einen Konzertbesuch frivol und riskant, weil Men- boom die Spuren des libanesischen Bürgerkriegs serem stillschweigenden Einverständnis. über die Lage ihrer Länder. Also ma- JOR DA NIEN Regimegegner, die Handbücher zum
schenmassen in geschlossenen Räumen gute An- unter Beton und Stahl begräbt; von stinkenden Slums Ich selbst glaube zwar nicht an Gott, aber doch an che ich mir auch keine. Es gibt auch Überleben bei Giftgas-Bombarde-
schlagsziele sind – und bin dann doch mitgegan- in Kairo mit offener Kanalisation und Shoppingmalls magische Momente. Von denen gibt es im Nahen wenig Grund. ISR A ments schreiben; die Frauen, die auf
gen. Die Stimmung in der Halle war gedämpft, bis in Doha, deren Kunden in Gondeln auf künstlichen Osten erstaunlich viele. Wenn zum Beispiel der nicht Im Nahen Osten ballen sich EL saudischen Rummelplätzen im Auto­
der Veranstalter das Mikro ergriff und über die Kanälen von der Gucci- zur Armani-Boutique schip- so fromme Syrer Zacharias dem frommen Sudanesen sämtliche Krisen unserer Zeit – die skoo­ter (natürlich voll verschleiert)
Attentate sprach, über den Krieg im benachbarten pern. Alles da – Hölle und Himmel oder was immer Ibrahim verspricht, im Jenseits dessen Trinksünden des Nationalstaates, des globalen Kapitalismus, für den Führerschein üben. Und dann ist da noch
Syrien und die Flüchtlinge. Dann holte er tief Luft man dafür hält. Die Gegend ist ja nicht umsonst der auf sich zu nehmen. Zacharias mixt Drinks in einer der Klimawandel. Man addiere eine immer jüngere, das Phänomen, das die Menschen im Nahen ­Osten
und brüllte auf Englisch: »Aber die Realität ist uns Ursprung dreier Weltreligionen. meiner Beiruter Stammkneipen, weil er so nicht in zunehmend gebildete Bevölkerung, die hart­näckig zusammenschweißt wie kein anderes. Nicht der
scheiß­egal!« Der Satz wirkte wie eine Befreiung. Apropos Religion. Assads Armee dienen muss, und Ibrahim spült in ein besseres Leben fordert, sowie politisch-religiöse Islam, sondern die jährliche Ausstrahlung der­
Ich tanzte und johlte bis in den Morgen, danach Ja, sie durchdringt das Leben hier weit stärker als ebendieser Kneipe Teller, weil er im Sudan nicht mehr Machtcliquen, die ein solches Leben ebenso hart- Castingshow Arab Idol.
fühlte ich mich sehr viel besser. im Westen. Wobei ich ganz persönlich den Gebetsruf auf bessere Zeiten warten wollte. Dank Zacharias näckig verweigern. Dann kann man sich aus­ Es gibt also noch einiges zu erzählen.
Das war meine erste Einsicht im neuen Job: des Muezzins in meinem Viertel weniger penetrant genehmigt sich Ibrahim jetzt ab und zu einen Wodka malen, dass hier so schnell keine Ruhe einkehrt.
Ohne die nahöstliche Mischung aus Verdrän- finde als die scheppernden Glocken der Kirche gegen- mit Orangensaft. Habe ich jemals bereut, hier­her­gezo­gen zu sein? www.zeit.de/audio
4. DEZEMBER 2017 No 50 POLITIK 5

Huch! Wie ordentlich!


Bei meinen Besuchen in Seoul und Tokio wurde mir klar, wie sehr ich mich an das indische Chaos gewöhnt hatte  VON JAN ROSS

M
itten in Seoul überfiel mich ein des Jahres 2017 gemacht. Meine indischen F­ reunde perfekt. Hier war plötzlich nicht die Umwelt der vor Regalen mit einer gigantischen Auswahl an Fer­ noch irgendeine Verbindung zum Land, die alten
starkes Heimatgefühl. Es war im schienen immer leicht überrascht, wenn ich ihnen Risiko­faktor, sondern ich. Mit Schrecken erinnere tiggerichten. Frauen im Sari, der traditionellen weib­ Fäden seien längst gekappt. Es würde sehr seltsam
Stadtteil Itaewon, einem bei Aus­ von diesen Reisen erzählte. Gebildete Inder sind ich mich an den Augenblick in Tokio, in dem mir lichen Kleidung, sind in Indien auch in den Groß­ wirken, dort plötzlich bei entfernten Vettern auf­
ländern beliebten Ausgehviertel in überhaupt nicht provinziell, viele haben im Aus­ klar wurde, dass ich an der falschen Station aus der städten allgegenwärtig – den japanischen Kimono zutauchen und um einen Schlafplatz auf der
der Nähe des riesigen US-Militär­ land studiert oder gearbeitet. Doch ihr Ausland ist Metro ausgestiegen war, in Yurakucho statt in Ishi­ oder den koreanischen Hanbok habe ich bloß bei Couch zu bitten, nachdem man jahrelang nichts
stützpunkts mitten in der südkoreanischen Haupt­ der Westen: die USA, die angelsächsische Welt von gaya. Ein penibel durchgetakteter Arbeitstag drohte Sonntagsausflüglerinnen gesehen, die einen histo­ von sich hat hören lassen. Die Modernisierung hat
stadt. Ich stand in einem Supermarkt für inter­ Kanada über Großbritannien bis Australien, teil­ zu kollabieren. In der reibungslos schnurrenden rischen Palast besuchten und Selfies machten. Japan und Südkorea einen Lebensstandard gebracht,
nationale Waren, von italienischem Basilikumpesto weise auch Europa. Manchmal führt sie ihre Kar­ Stadtmaschinerie um mich herum fuhren die Züge In Seoul war die Bedrohung der Metropole durch von dem die meisten Inder nur träumen können.
bis zu amerikanischer Zahnpasta. Einige Groß­ riere nach Singapur, aber das war es dann schon, pünktlich auf Dutzenden von Bahnsteigen ab, die die nordkoreanische Artillerie ein be­ Doch Modernisierung macht auch
packun­gen wirkten so, als könnten sie aus Armee­ was den eigenen Kontinent angeht. Es ist, als­ Ströme von Menschen, die immer auf der richti­ drückendes Thema. Wo gab es, wenn CHINA verwundbar.
gen Seite der Rolltreppe standen, rissen nicht ab. Es

AN
beständen stammen, und ich fragte mich unwill­ würde Indien gar nicht zu Asien gehören. es tatsächlich zum Krieg kommen Manche Inder wollen daher von

ST
kürlich, auf welchen Wegen sie wohl in die Regale blieb kein Raum für Irrtum und Improvisation. würde, Bunker und Schutzräume? einer Zukunft, die so ähnlich ausse­

KI
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gelangt waren. Aber nicht die Verkaufsgüter waren In Tokio war plötzlich nicht die Umwelt der Was mich dann gerettet hat, war meine indische Oder sollte man sich einfach in die hen könnte wie die Gegenwart in

PA
PA
L
es, die heimatlich wirkten. Es war der Besitzer. Risikofaktor – sondern ich war es selbst Gewohnheit, vorsichtshalber lieber eine halbe U-Bahn-Schächte zurückziehen? Un­ NEU-DELHI
Ostasien, nichts wissen. Als ich nach
Er kam mir unverkennbar indisch vor, nicht nur Stunde zu früh aufzubrechen. In der Präzisions­ willkürlich habe ich mich gefragt, was der Rückkehr aus Seoul meinem
dem Aussehen nach. Sein flüssiges Englisch mit dem Auch ich habe mich mit meiner Korresponden­ metropole Tokio eigentlich unnötig. Aber für den in Delhi passieren würde, falls die Freund Aseem in Delhi von den ko­
typischen südasiatischen Akzent, der etwas vollge­ tensozialisation aus Delhi in Seoul oder Tokio erst unpräzisen Besucher war es genau das Richtige. Stadt einer militärischen Gefahr, etwa INDIEN
reanischen Modernisierungserfolgen
stopfte Laden, die Brüder, Schwäger oder Cousins, einmal fremd gefühlt. Aus Indien bin ich ein ge­ Indien ist in vielerlei Hinsicht ein Land, in dem aus Pakistan, ausgesetzt wäre. Viele vorschwärmte, widersprach er mir
die dem Unternehmen sofort einen großfamiliären wisses Maß an Chaos gewöhnt und habe gelernt die Vormoderne weiterlebt, im Guten wie im Leute, dachte ich sofort, würden in beinahe ärgerlich. Südkorea war in
Anstrich gaben – das alles findet man auch oft in zu improvisieren. Aber mit Unordnung umzuge­ Schlechten, in ihrer Buntheit wie in ihrer Ungerech­ ihre Dörfer zurückkehren. Nicht nur seinen Augen eine atomisierte Ge­
Delhi, wo ich seit vier Jahren lebe. Es stellte sich dann hen ist etwas anderes, als eine Ordnung zu bewäl­ tigkeit. Der Lebensstil der Superreichen, aber auch die Armen, die Bauarbeiter oder sellschaft, in der die Leute in kleinen
heraus, dass der Händler aus Lahore stammte, also tigen, die man nicht versteht. In Indien kommen der der wohlhabenden Mittelschicht ist fast feudal, Wachschutzleute, die ihre Frauen und Wohnungen in anonymen Stadt­
aus Pakistan. Aber von Seoul aus betrachtet, aus der die Schwierigkeiten von außen: eine Straße, die es gibt (wegen der niedrigen Lohnkosten) überall Per­ Kinder im Heimatort gelassen haben und in der landschaften ein einsames Dasein führten. Das war
Entfernung von einigen Tausend Kilometern, kam voller Schlaglöcher ist, sodass man einen Termin sonal, vieles wird einem abgenommen. In Südkorea Metropole behelfsmäßig wohnen. Sondern auch nicht die Entwicklung, die er sich für seine farben­
uns beiden der Unterschied nicht sehr bedeutend vor. nicht pünktlich erreicht; der Sekretär, der keinen und Japan brauchte ich einen Augenblick, um zu viele aus dem Bürgertum, die schon lange in der Stadt reiche, widersprüchliche, das Erbe von Jahrtausen­
Ich bin in diesem Jahr ein paar Mal aus Indien Grund zu größeren Anstrengungen sieht, um sei­ begreifen, dass ich mein Gepäck im Hotel selbst aufs leben, manche seit Generationen, aber immer noch den mitschleppende Heimat wünschte. Ich glaube
in den »Fernen Osten« gereist, zweimal nach Süd­ nen Chef in Verbindung mit diesem lästigen Jour­ Zimmer zu bringen hatte. In Indien ist das Essen ein Haus auf dem Land haben, als Stammsitz. nicht, dass Aseem mit seinem Urteil über Südkorea
korea und vor Kurzem nach Japan. Die Krise um nalisten zu bringen. selbstverständlich selbst gekocht, viele Angestellte Als ich einem koreanischen Bekannten davon recht hat, und ebenso wenig glaube ich, dass Fort­
das nordkoreanische Atom- und Raketenpro­ Doch Japan und Südkorea sind hochmoderne nehmen es von zu Hause in zylinderförmigen Stahl­ erzählte, meinte er, das sei für ihn und seine Lands­ schrittsverweigerung ein Erfolgsrezept für Indien
gramm hat Ostasien zu einem der Brennpunkte Länder, die Systeme des Alltags funktionieren­ dosen mit ins Büro – in Seoul und Tokio stand ich leute leider keine Lösung. Die wenigsten hätten wäre. Aber ich kann verstehen, was er meint.

Fotos: Jun Michael Park für DIE ZEIT (l.), Sebastian Bolesch für DIE ZEIT (r.)
Fliegt durch Asien: Jan Roß auf Recherche in Seoul Alice Bota lebt in Moskau. Und fährt, wie hier, manchmal in die Ostukraine

Moskau, du wunderbarer Drecksmoloch


Die russische Hauptstadt macht mich mit ihren Widersprüchen manchmal fertig. Und doch liebe ich sie  VON ALICE BOTA

I
n Moskau herrscht das Prinzip Rollrasen. Ich Proteste auf dem Kiewer Maidan berichtet, über die man in Berlin vergeblich sucht, und Parks, die Ich dachte, dass die russische Beteiligung am gerollt, das Leben geht weiter, die Parks sind grün.
habe es in dem schmalen Park kennenge­ die Annexion der Krim, über den Krieg in der über Nacht mitten im Zentrum aus dem Boden ge­ Krieg in der Ukraine zwar nicht im offiziellen, aber Und wenn in 20, 30 Jahren Ukrainer und Russen
lernt, durch den ich täglich auf dem Weg zur Ostukraine, und je länger ich berichtete, desto stampft wurden. Sagenhafte Theateraufführungen; vielleicht im öffentlichen Diskurs eine Rolle spie­ endlich die Leerstelle zu füllen versuchen, die ich
Metrostation Tschystye Prudy, »Saubere stärker wurde das Gefühl, dass ich die Leerstelle, lange Sommerabende, die nichts auf Nachtruhe und len würde – doch der Krieg kommt so gut wie für mich in Moskau nicht füllen konnte, wenn sie
Teiche«, spaziere. Eines Tages fand der Bür­ die in diesem Krieg klafft, für mich füllen muss. Bürozeiten geben; Baden in den Fontänen der­ nicht vor. Sicher gibt es mal hier, mal dort Berichte, sich ihrer Entfremdung stellen und über die­
germeister, dass der sehr grüne und sehr ordent­ Der Kreml leugnete, etwas mit diesem Krieg zu Tretjakow-Galerie; lange Spaziergänge am Ufer der aber es wird nicht nennenswert über ihn gespro­ Opfer und die Täter dieses Krieges reden wollen,
liche Park noch grüner und noch ordentlicher tun zu haben, doch was in Moskau entschieden Moskwa. Und wenn ich mich an der Dialektik dieser chen. Als würde er die Russen nichts angehen. dann werden die Russen vermutlich im Brustton
werden solle: neue Pflastersteine, neue Bordkan­ wurde, schlug sich tausend Kilometer weiter im Eindrücke der Jahre versuche, dann kommt dabei Meine Nachbarn erwähnen die Ukraine einmal – der Überzeugung fragen, was sie denn bitte schön
ten, neuer Lichtschmuck, neue Pflanzen, neue ostukrainischen Donezk nieder. Deshalb wollte vermutlich ein realistisches Bild der Stadt heraus: Sie und geben den Maidan-Protesten mit diesem Krieg in der Ukraine zu
Bäume – und schließlich Tonnen von Rollrasen, ich nach Russland, nach Moskau. ist mehr Prozess denn Zustand, sie lockt und stößt die Schuld an der Zunahme von FINN tun haben.
die verlegt wurden. Das war vor anderthalb Jahren. ab, sie ist Zumutung und Versprechen. Autounfällen weltweit. L A ND Zwei Jahre lebe ich nun auf dem
Seither wird in dem Park immerzu gegraben.­ Die russische Bürokratie ist erdrückend, aber Wer alles schwarz und weiß zu zeichnen versucht, Die Täter und die Opfer dieses Planeten Moskau, der mit dem Rest
Rohre lecken, die Kabel für die Weihnachts­ Strafzettel kann man jetzt online bezahlen muss zwangsläufig scheitern: In Russland herrscht Krieges sind unsichtbar geworden, des Landes nichts zu tun hat. Manch­
RUSSL A ND
beleuchtung müssen freigelegt (oder wieder ein­ Autoritarismus – und trotzdem gibt es immer wieder und die Kosten, die auch die rus­ mal hasse ich Moskau für den Lärm,
gegraben) werden, Leitungen sind porös gewor­ Bei früheren Besuchen war mir die Stadt gna­ oppositionelle Demonstrationen. Die Bürokratie ist sische Gesellschaft zu tragen hat, für die langen Winter, für die Unge­
den. Jedes Mal reißen sie den Boden auf und rollen denlos vorgekommen. Moskau, das war für erdrückend, aber die Parkuhr und den Strafzettel werden beschwiegen. Wird über MOSKAU rechtigkeit.
danach frischen Rasen aus. Der Rollrasen ist wie mich: unendlich breite Straßen, die trotz Am­ kann man online bezahlen. Der Verkehr ist hoff­ die Sanktionen des Westens gespro­ Und doch bekenne ich: Ich bin
ein Pflaster für die Wunden, die der Stadt ständig peln kaum zu überqueren waren; imperiale Ar­ nungslos überlastet – aber Carsharing boomt. Die chen, dann so, als seien sie vom eine Konvertitin. Die Stadt ist mir
UK R A INE
neu zugefügt werden. chitektur, erschlagende Größe; obszöne Armut Meinungsfreiheit kontrolliert der Staat wie auch die Himmel gefallen, als wolle der­ lieb und teuer geworden, ich kann es
Da lassen in dem Park Säufer die Flasche krei­ und perverser Reichtum, dicht an dicht; ohren­ wichtigsten Medien – und trotzdem gibt es auch Westen Russland einfach dafür be­ mir selbst nicht erklären. Manchmal
sen, da bettelt eine Oma kniend um Geld, da betäubender Lärm; Kinder, die auf Panzern he­ solche, die unabhängig berichten und investigativ strafen, dass es Russland ist. Bei muss ich ihr entfliehen, weil ihre
schuften unterbezahlte Arbeiter nachts in Flip­ rumkletterten, Überwachungswahn; Menschen­ recherchieren. Ausländische Journalisten werden mit den alljährlichen Militärparaden in Kälte, ihre Graugesichtigkeit und ihr
flops – aber so lange Rollrasen die klaffenden Bau­ massen, die sich morgens graugesichtig und mit einem Agentengesetz drangsaliert, aber das russische Moskau werden Soldaten und Panzer stolz vorge­ Krach nicht auszuhalten sind. Wenn ich aber nach
lücken verdeckt, ist die Stadt in Ordnung. Man ausgefahrenen Ellenbogen in die Bahnhöfe scho­ Außenministerium verhält sich bei meiner Akkredi­ führt, aber dass dieses militärische Muskelprotzen ein paar Tagen wiederkomme, wenn mich das
packt immer neue Schichten aufeinander, Roll­ ben; viel steingewordener Sozialismus; blutge­ tierung, die ich zum Arbeiten brauche, vorbildlich irgendwie mit der Annexion der Krim oder dem Kreischen der U-Bahnen empfängt und mir zur
rasen auf Rollrasen auf Rollrasen, Rubel auf ­ tränktes Pathos. korrekt. Das Machtzentrum ist abgeschottet – doch Krieg in der Ostukraine zusammenhängen könnte, Begrüßung der abgestandene Geruch von Men­
Rubel auf Rubel, und grün leuchtet der Park – Moskau, das wurde für mich: der Plausch mit den die Staatsduma zu betreten ist leichter als in den wird verdrängt. schen in den Waggons entgegenschlägt, dann kann
war da was? Nachbarn auf der Straße, großartige Clubs und Berliner Reichstag zu gelangen. Der Hauptwider­ Nichts hält die Ereignisse zusammen. Sie frag­ ich trotzdem nicht anders, als kurz den Kopf zu
Mein Weg nach Moskau hat mich über die Restaurants, die aufmachen, schließen, wieder auf­ spruch aber ist: Man führt einen Krieg und spricht mentieren, bis sie nichts mehr bedeuten. Ein paar senken und zu denken: Moskau, du wunderbarer
Ukraine geführt, ausgerechnet. Ich hatte über die machen. Eine beirrende Sauberkeit auf den Straßen, nicht darüber. neue Cafés machen auf, der Rollrasen wird aus­ Drecksmoloch, du hast mir gefehlt.
6 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50

Ein Jahr der Übeltäter


Autoritäre, Sexisten, Feiglinge: Wer empörte uns 2017? Ein Rückblick
VON LEA FREHSE , ROBERT PAUSCH UND SIMON PR ADES (ILLUSTR ATION)

S
eien Sie mal ehrlich: Wenn Ihre Kinder oder
Enkelkinder Sie einmal fragen werden, was
eigentlich 2017 so passiert ist, werden Sie dann
sagen: Prinz Harry bekannte sich zu seiner
großen Liebe? Wohl kaum. 2017 hielten uns Krisen und
Halunken in Atem. Dabei nahm das Jahr viele
überraschende Wendungen. Sprachen wir eben noch
über Marine Le Pen, absorbierte schon die Sorge vor
Rechtsextremen in der Bundeswehr unsere ganze
Aufmerksamkeit. Die Bedrohungen von gestern waren
bereits wieder verblasst. Lassen wir die Aufreger nicht so
einfach davonkommen.

Januar Februar
Die Inauguration von Donald Trump setzt den Ton für das Jahr: Oder wird es Russlands Staatschef Wladimir Putin? Egal ob er Trump ins
brachial und immer knapp am Abgrund entlang. Aber wird Amt geholfen hat oder nicht, er kann zum Jahresende zufrieden schmunzeln:
der US-Präsident es wirklich zur Person des Jahres bringen? Russland ist Weltmacht, und mit der Krim, war da irgendwas?

März April Mai


Die Chefin des Front National schafft es bis kurz vor den Élysée. Dann ... und wird abgelöst von Franco A. Der Soldat sorgt mit einem Doppelleben Es ist gelogen und betrogen worden, aber so richtig wahrhaben
verschwindet Marine Le Pen schon wieder von den Titelseiten ... als vermeintlicher Flüchtling dafür, dass die Bundeswehr über wollen sie das nicht. Was wäre die deutsche Exportweltmeisterschaft ohne
Rechtsextremismus diskutieren muss – und über Wehrmachthelme die deutschen Autobauer?

Juni Juli August


In der Stammkneipe der Bösen ist der syrische Diktator Neben zahlreichen Festnahmen (#freedeniz) ist diesem Mann auch noch Kurz vor der Bundestagswahl schießen die Umfragewerte
Baschar al-Assad der Typ hinten rechts an der Bar. Er ist einfach das vorzuwerfen: Humorlosigkeit. Seine Anhänger schlagen Recep Tayyip der AfD in die Höhe. Im Mittelpunkt steht nun Alexander ­Gauland ...
immer da und bleibt doch unbegreiflich Erdoğan 2017 trotzdem für den Friedensnobelpreis vor. Kein Witz
Illustrationen: Simon Prades für DIE ZEIT

September Oktober November


... und wird nach der Bundestagswahl für einige Tage Politische Anfänger führen Konflikte an und lassen sich den Frieden dann Harvey Weinstein wird zum Posterboy eines wankenden Patriarchats.
abgelöst: vom ostdeutschen Mann. Die plötzliche Aufmerksamkeit mit einem ­Nobelpreis versüßen. Dass es auch andersherum geht, beweist in Die Debatte, die sich an dem übergriffigen Hollywood-Produzenten
erweist sich als flüchtig diesem Jahr der tief gefallene Stern von Myanmar: Aung San Suu Kyi entzündete, wird bleiben
4. DEZEMBER 2017 No 50 POLITIK 7

Foto: Frieder Blickle/laif


Kurz vor der Wahl:
Angela Merkel und
Martin Schulz beim
Fernsehduell

Dozialsemokraten und Dristchemokraten


Warum dieses Jahr voller verrückter Erkenntnisse war. Das Beste aus der Kolumne  VON PETER DAUSEND

V
or exakt zwölf Monaten habe und meine Frau, eine Lübeckerin, mich liebevoll in diesem Jahr um noch einen Begriff reicher gewor- eines tattoo­freien deutschen Durchschnittsoberkörpers nach den Sternen greift – das hat die Welt noch nie
ich mich in der üblichen Bon- »Kommt-schon-wieder-Fußball-im-Fernsehen?« den: Ballermann-Nazis. Zu verdanken ist dieser Zu- unweigerlich: Wenn der Mensch nur noch aus Ober- gesehen. Für uns Saarländer, das muss man wissen,
sai-Form dieser Kolumne, also nennt, frage ich mich, was hinter der Verbal- wachs im Wortschatz einer Gruppe deutscher Wall- körper besteht – was ist da mit dem Hirn passiert? Ist ist schon Hessen outer ­space – und auf ­Aliens treffen
auf 24 Zeilen, vom Dunkel- Liebkosung »Hirsekolben« steckt: die verdrängte fahrer, die zur deutschesten aller spanischen Inseln, es dem Besitzer tot aus dem Kopf gerutscht – oder hat wir, wenn wir in Galaxien vordringen, die nie ein
braunen Kugelspinner, dem In- Sehnsucht nach Wellensittichen oder veganer­ Mallorca, pilgerten, um in der deutschesten aller spa- da jemand empty reintätowiert? Einen Teil der Antwort Mensch zuvor gesehen hat, also in die Pfalz. Unse-
sekt des Jahres 2016, verabschie- Sexismus? Das weiß man wohl nur in Dunkel- nischen tabernas, dem Bierkönig, den – ihrer Meinung gab der 24. September mit 12,6 Prozent für die AfD rem Saar-Astronauten möchte ich auf seinem Weg
det. Ebenso von der Libelle des deutschland, wo man seine Politiker liebevoll nach – deutschesten aller deutschen Oberkörper zu bei der Bundestagswahl. Es gibt mehr tote Köpfe in in die Unendlichkeit etwas Saarländisches mit­
Jahres namens Gemeine Binsenjungfer und der »Volksverräter« nennt. huldigen: ihren eigenen. Beim Anblick all der Tattoos, Deutschland, als man auf den ersten Blick sieht. geben, etwas, das ich auch den Dausend-­Lesern auf
Orchidee des Jahres, dem Sommer-Drehwurz Frauke Petry, so entnahm ich einem geschätz- die auf ­diese germanischsten aller Torsi passen – von Egal, wie die Bundestagswahl ausging – für mich ihrem Weg ins Jahr 2018 wünsche: nein, nicht Ein
(akut vom Aussterben bedroht). Auf den Ab- ten Mitbewerber-Blatt, hat dieses Jahr geweint – Hakenkreuz und Reichs­adler über die Inschrift »Hit- als Saarländer war 2017 ein großartiges Jahr. Denn bisschen Frieden von Ni­cole, unserer Edith Piaf vom
schied folgte der Blick nach vorn: Sigmar Gabriel, und zwar im März, lange bevor sie die AfD ver- ler« und einen Totenkopf bis zur Spielführerbinde der wir haben ja jetzt einen Astronauten: Matthias Losheimer Stausee. Etwas Handfesteres:
so sagte ich voraus, werde sich als der Sommer- ließ. Trennungsschmerz war also nicht der deutschen Nationalelf –, fragt man sich als Besitzer Maurer aus St. Wendel! Ein Nordsaarländer, der Hauptsach, gudd gess.
Drehwurz des Wahljahres 2017 entpuppen,­ Grund. Stattdessen lag es an einem Event. Ich
Frauke Petry sich bei der Binsenjungfer das Ge- hätte auch geweint, wenn ich einen Landes­ ANZEIGE
meine abschauen und Björn Höcke seinen Titel parteitag der sächsischen AfD hätte besuchen
als Dunkelbraunster Kugelspinner, seit es die AfD müssen – selbst wenn der nicht in Weinböhla,
gibt, erfolgreich verteidigen. Und was soll ich sa- dem Ort in der Elbtalsenke zwischen Meißen
gen? Alle drei Prophezeiungen sind eingetroffen. und Coswig, stattgefunden hätte. Als Angela
Übrigens: Einzeller des Jahres wurde 2016 Merkel noch nicht die mächtigste Frau der Welt,
noch Trichomanas vaginalis. Es dürfte dieses sondern Kohls Mädchen war, weinte auch sie­
Jahr abgelöst werden vom AfD-Wahlprogramm. einmal, und zwar am Kabinettstisch. Und als
­Make Irrsinn ­great ­again! Joachim Gauck noch nicht wieder Achim Gauck
Natürlich stand 2017 ganz im Zeichen der war, sondern noch Bundespräsident, weinte auch
Bundestagswahl. Wie sie ausgehen würde, war er, und zwar eigentlich immer und fast überall
spätestens drei Wochen vor dem Tag der Ent- und gegen Ende seiner Amtszeit immer überall.
scheidung auch Martin Schulz klar. Da teilte er Weinen in der Politik macht einen Politiker
nämlich mit, wie seine Lieblingsbücher heißen: nicht zur Heul­suse, sondern zum Menschen. Bei
Jenseits von Eden und Früchte des Zorns, beide von Gauck schoss das politische Weinen jedoch übers
John Steinbeck. Ähnlich selbsterklärend für Ziel hinaus. Denn für denjenigen, der ihm fast
einen­Kanzlerkandidaten, der jede Hoffnung zeitgleich mit den Tränen der Frauke P. im Amt
fahren lassen hat, wären sonst nur noch Margaret folgte, lautet die entscheidende Frage jetzt: Ist
Mitchells Vom Winde verweht und Ernest­ Frank-Walter Steinmeier nun gauckgleich? Oder
Hemingways Wem die Stunde schlägt gewesen. sogar Gauck, aber sterblich?
Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Im Sommer machte ich dieses Perry-Bloom-
Márquez hätte weniger den Wahltag beschrieben Ding und legte eine Beziehungspause mit dem
als die Schulzsche Ge­ fühls­lage seitdem. Und­ Wahljahr ein. So dachte ich zumindest. Doch
seine politische Zukunft. dann passierte Folgendes: In den Fommerserien
Karl-Theodor zu Guttenberg musste sich im schunderwönen Früdsankreich machten sich
nicht durchs Wahljahr quälen. Der machte zum meine Twillingszöchter – sie werden in wenigen
Wahlkampf-Quickie mal kurz aus den USA rü- Zwonaten mölf – einen Spiesenraß daraus, Ban-
ber. Nun ist Guttenberg kein gelernter Buch- fangsuchstaben won Vörtern zu tervauschen, was
händler wie Martin Schulz. Doch ließe sich sein zu frustigen Lühstücken und wurzkeiligen Eben-
Leben leicht in einer Abfolge von literarischen dassen führte. Was gaben wir helacht! Vor allem,
Meisterwerken offenbaren: Der kleine Prinz, Der als wir daran menken dussten, wie alles gebann:
Schaum der Tage, Erzählungen aus Tausendund- mit dem Mann, der einen Bannentaum mit
einer Nacht, Schuld und Sühne, Die Rückkehr des Kichterlette waufen kollte. Kau­somisch!
Tanzlehrers, Warten auf Godot. Doch dann übertrug ich das Spiel auf die
Politik – und die Bundestagswahl schien plötz-
Cem Özdemir teilte mit, lich wieder völlig offen: Do­zial­semo­kra­ten hörte
dass er in »Dinkeldeutschland« lebt sich doch deutlich beniger wescheuert an als
Dristchemokraten – und wer, so dachte ich,
Dass das Lager Schulz gegen die Jungs um KT so möchte schon von einer Bundeskanzlerin regiert
bitter verlieren würde, hätte zu Jahresbeginn auch werden, deren mächtigster Minister Scholfgang
noch keiner gedacht. Da hatten sich Angela Merkel Wäuble heißt? Und die Vizekanzlerin womöglich
und Horst Seehofer dermaßen verkracht, dass sie Gatrin Eckring-Köhardt. Schein Kwein.
eine Beziehungspause einlegten. Kann Zufall ge- Die Dozialsemokraten hatten ja auch den
wesen sein, dass die Funkstille zum gleichen Zeit- besseren Wahlspruch: Feit zür gehr Kerechtig-
punkt kam wie bei der Sängerin ­Katy Perry und meit! Oder hieß er doch: Gehr Meit kür Zerech-
ihrem Schauspieler Orlando ­Bloom. Von der Halb- timgeit? Oder etwa: Geit mür zehr Ferechmig-
zeitpause unterscheidet sich die Beziehungspause teit? Egal: Solange der nächste Kanzler nur
ja bekanntermaßen dadurch, dass es nach dem­ Schartin Mulz heißen kann, da war ich mir­
Pausentee nicht weitergeht. Merkel/Seehofer drohte sicher, sind die Zosis nicht zu schlagen!
das auch. Der Horst wirkte in Angies Nähe stets so, Und so kam es dann ja auch. Statt auf Schar-
als habe er sich in den Orlando-Bloom-Film Der­ tin Mulz setzten die Genossen weiterhin auf
Hobbit – Smaugs Einöde verirrt. Und Angie hätte Martin Schulz – ein fataler Fehler. Dabei hätten
über ihre Zeit mit Horst den Katy-­Perry-­Hit I ­Kissed sie spätestens in dem Moment umsatteln müss-
a Girl singen können. ten, als die Deutschen ein neues politisches Zeit-
Perry ging in ihrer eigenen Pause jedenfalls maß kennengelernt hatten: den Schulz-­ Hype.
zum Friseur und trug die Haare danach blond Ein Schulz-­Hype beschreibt die Dauer, in der die
gefärbt, an den Seiten rasiert und oben lang. Sie SPD aus ebenso unverhoffter wie komplett ent-
sah aus wie ­Miley ­Cyrus, die was anhat. So ein grenzter Hochstimmung in die übliche »Ach, das
»Undercut«, meinte eine Kollegin, wirke von wird doch schon wieder nix«-­ De­
pres­ sion vor
vorn toll, sehe von hinten aber »scheiße« aus. Das Bundestagswahlen zurückfällt. Sie umfasst, das
Lange und das Kurze müssten ja wieder zusam- weiß man jetzt, exakt zwei Landtagswahlen.
menfinden. Der lange Horst und die kurze Kanz- Nach der ersten dient die beliebte Amtsinhabe-
lerin mussten das auch, wieder zusammenfinden. rin der politischen Konkurrenz noch als Ausrede
Bei ihrer Re­union-­Presse­kon­fe­renz sahen die dafür, dass der so­zial­demo­kra­ti­sche Rausch an
beiden zwar nicht ganz so aus wie K ­ aty Perry von sich selbst nicht zum Ziel getragen hat (Saar-
hinten. Sie machten aber den Eindruck, als wür- land). Und bei der zweiten verliert der eigene
den sie sich haar­genau so fühlen. Amtsinhaber gegen einen milchgesichtigen­
Während des Wahlkampfes erfuhren wir Nobody, von dem noch nicht einmal alle, die ihn
Wähler dann Dinge, die wir gar nicht wissen gewählt haben, wissen, ob er nun Daniel Gün- Gemeinsam machen wir das deutsche
wollten. Zum Beispiel von Cem Özdemir. Der ther, Günther Daniel oder Hauptsache Was­ Gesundheitssystem zu einem der besten der Welt.
Obergrüne teilte redeschallend mit, dass er in anderes heißt (Schleswig-Holstein). Erfahren Sie mehr unter www.pkv.de/uwe
»Dinkeldeutschland« lebt und seine Frau, eine Neben dem Schulz-­Hype ist die wunderschöne
Argentinierin, ihn liebevoll »Hirsekolben« nennt. deutsche Sprache, in der sich der Kulturbeutel
Da ich selbst aus Dünkeldeutschland stamme ebenso heimisch fühlen darf wie der Kaffeedurst,
8 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50
Foto: Jonathan Ernst/Reuters

Streit um Grundsätzliches: Ein Trump-Kritiker stört eine Veranstaltung mit dem Präsidenten in Ohio

Angst frisst Freiheit


Wie liberale Werte 2017 in die Defensive gerieten  VON JOCHEN BITTNER

D
er große Liberale Gerhart rika bringe »unübertroffene Stärke« in diese Arena Dabei haben die Kritiker von ungesteuerter­ verlust bestraft werden wie Persönlichkeitsrechts­
Baum, der im Oktober 2017 ein. Gerichtet war diese Kampfansage nicht nur an Migration ja durchaus recht, wenn sie auf Freiheits­ verletzer mit Geldbußen, war es wichtig und rich­
85 Jahre alt wurde, hat zu Russland, sondern auch an den pazifischen Rivalen verluste durch die »falschen« Zuwanderer hinwei­ tig, dass die Bundesregierung einen staatlichen Vor­
seinem Geburtstag einen Satz China (das seinerseits einen zwar leisen, aber sehr sen. Zu diesen Freiheitsverlusten gehören Beton­ stoß zur Regeldurchsetzung unternommen hat.
von geradezu universeller systematischen Neoimperialismus mit eigener Re­ blöcke rings um deutsche Weihnachtsmärkte, eine Dieser Versuch, in Gestalt des Netzwerkdurch­
Wahrheit gesagt: »Der hinter­ gelsetzung verfolgt). zunehmende Zahl sexueller Übergriffe und der setzungsgesetzes, das der Bundestag 2017 beschlos­
hältigste Dämon gegen unsere Die Selbstenthemmung der Großmächte hat monatelang geltende Ausnahmezustand in Frank­ sen hat, könnte allerdings über das Ziel hinaus­
Freiheit ist die Angst.« unmittelbare Folgen für Europa. Russlands neue reich wegen einer ganzen Serie islamistischer At­ geschossen sein – mit dem Ergebnis, dass der Staat
Die konkrete Wahrheit des Jahres 2017 lautet, Ambitionen, Ordnungsmacht zu sein, ließen sich tentate. Aber genauso recht haben diejenigen, die mehr Freiheit einschränkte als Sicherheit schuf.
dass sich so viel Angst so schnell über den Globus unter anderem an den rücksichtslosen Bombarde­ es populistisch nennen, Sorgen durch Panikmache Denn allein die Aussicht auf Bußgelder von bis zu
bewegt wie lange nicht mehr und dass sich diese ments syrischer Städte erkennen. Die Flüchtlings­ anzuheizen. 50 Millionen Euro, die Twitter oder Face­ book
Angst verhält wie ein Schneeball: Je mehr Strecke ströme, die von dieser militärischen Willkür ver­ Unglücklicherweise treffen die unterschiedlichen künftig bei Nichtlöschung von rechtswidrigen In­
sie zurücklegt, desto größer wird sie. stärkt wurden, sorgen in der EU für teils hysterische Meinungen heute vor allem an einem Ort auf­ halten drohen, könnte dazu führen, dass die Ver­
Diese Angst zersetzt die Freiheit, weil ver­un­ Reaktionen. Sie reichen von selbst gewählter natio­ einander, an dem ebenfalls eine Art Naturzustand antwortlichen in den Digitalkonzernen im Zweifel
sicher­te Menschen dazu neigen, einander wechsel­ naler Isolation (Brexit) bis zu einem neuen Freund- herrscht. Ausgerechnet die eigentlich vielverspre­ gegen bestimmte Äußerungen entscheiden – und
seitig als Gefahr zu betrachten und dem anderen Feind-Denken zwischen West- und Osteuropa. chendste Kommunikationsmaschine aller Zeiten, damit gegen die Meinungsfreiheit.
weniger Freiheit zu gönnen. Mehr noch, fast über­ Aber auch die Deutschen sind das Internet, ist zu einer Verlässliche Zahlen gibt es von den Netzwerk­
all auf der Welt nimmt die Neigung zu, Konkur­ einander entfremdet wie lange Kampfarena geworden, ganz betreibern nicht, aber der Rechtsanwalt Joachim
renten um sich herum zu sehen, und die Neigung nicht mehr.
nimmt ab, sich an Regeln gebunden zu fühlen. Es Hunderttausende Flücht­ Ist das Recht des so wie die Staatenwelt. Es zeigt
sich immer deutlicher, dass
Steinhöfel, der regelmäßig gegen die Sperrung von
Nutzerkonten klagt, behauptet, dass Facebook Pro­
geht, kurzum, so hobbesianisch zu wie lange nicht linge und Migranten, die weit­
mehr. Der englische Staatstheoretiker und Philo­ hin ungeregelt nach Europa
Stärkeren heute auf Twitter und Face­
eben im Zweifel nicht Auf­
book file »in ungeheurer Zahl« lösche. Nicht selten trifft
es dabei Inhalte, die zwar provokativ sind, aber bei
soph Thomas ­Hobbes hatte in seinem Hauptwerk kommen, lassen viele Bürger wichtiger als die klärung triumphiert, sondern Weitem nicht verbotswürdig.
Leviathan die Welt pessimistisch als Kampf aller nach dem Staat als klassischem Aufregung. Die Zahl der Likes Genau solche Freiheitsbeschränkungen, die aus
gegen alle beschrieben, er sah im Menschen »des Leviathan rufen: einer Macht, Stärke des Rechts? schafft eine neue Art von der Angst geboren werden, führen zurück auf die
Menschen Wolf«. die vor allem für Sicherheit Emotionswahrheit; das Ziel globale Ebene. Denn sie spielen ebenjenen Akteu­
Und tatsächlich kann man heute, mehr als und Ordnung sorgt. Freiheit? von Debatten wird dadurch, ren in die Hände, die es darauf anlegen, den Wes­
400 Jahre nach Hobbes, den Eindruck gewinnen, Davon gab es ja wohl eher zu viel und für die fal­ links wie rechts, immer öfter das gleiche: bloß zu ten am Wert seiner Freiheitlichkeit noch tiefer
die Staaten würden einander ebenso offen zu­ schen, so eine verbreitete Wahrnehmung, auf der gewinnen, indem man die sozialen Kosten für Mei­ zweifeln zu lassen.
Gegnern werden wie der eine Bürger dem anderen. unter anderem der Erfolg der AfD gründet. nungsäußerungen des anderen in die Höhe treibt. Russland, auch das wurde im vergangenen Jahr
Das Ergebnis sind Freiheitsverluste, die sich ge­ Eine Folge dieser Verunsicherung gegenüber der Die grassierende moralische Diffamierung An­ gründlicher bewiesen als je zuvor, fördert gezielt das
genseitig verstärken, weil sie zusammenhängen. Rolle des Staates als Ordnungsgarant ist ein fort­ dersdenkender kostet am Ende viel mehr Freiheit hobbessche Misstrauen zwischen Staaten und Bür­
Die neue, unversöhnliche Jeder-gegen-jeden-­ geschrittener Richtungsstreit um Grundsätzliches. als die Terrorgefahr: die Gedankenfreiheit nämlich, gern, indem es in seiner Propaganda Ängste vor
Mentalität reicht von der Weltpolitik bis zum pri­ Ungefähr dasselbe, was Polen, Ungarn oder Tsche­ die es heute mehr denn je braucht, um Komplexität einer Islamisierung Europas schürt – etwa mittels
vaten Twitter-Account. chien den Westeuropäern vorwerfen, werfen sich zu bewältigen. künstlicher User in sozialen Netzwerken, die ge­
Beginnen wir mit dem, nun ja, »Neo-Hobbesia­ die Deutschen (und die Franzosen oder Briten) Die Versuchung, die Wirklichkeit zu plätten, ist schickt Stereotype verstärken. Sich selbst verkauft
nismus«, den sowohl Moskau wie Washington ak­ auch untereinander vor: Naivität und die Unfähig­ dabei ebenso ein rechter wie ein linker Affekt. Das Russland derweil als standfeste, selbstbewusste Al­
tuell propagieren. Putins Russland meint, sich an keit, einzusehen, dass Grenzauflösungen und »Glo­ Spiegelbild von Nationalchauvinisten wie Nigel ternative – hier die tiefe Kultur Eurasiens, dort die
keine völkerrechtlichen Regeln mehr halten zu balismus« eben nicht notwendig ein Zivilisations­ Farage in Großbritannien sind Neokommunisten zunehmend chaotische und wertevergessene Zivili­
müssen, weil dies die USA seit dem Ende des Ost- fortschritt sind. Der Verdacht, der jeweils Anders­ wie Slavoj Žižek. Beide eint die Sehnsucht nach ei­ sation »Gayropas«. Wer weniger Hobbes will, so die
West-Konflikts auch nicht mehr getan hätten. »Wir denkende in diesem Streit sei gefährlich ideologie- ner schützenden Gemeinschaft im Gegensatz zu Botschaft, muss mehr Putin wagen.
befinden uns auf dem Höhepunkt einer interna­ beziehungsweise ressentimentgetrieben, hat Bürger einer bloß funktionierenden Gesellschaft, weil­ Gibt es auch gute Nachrichten zur Lage der
tionalen Unordnung, mit einem Mangel an Kon­ zu argwöhnischen Beobachtern anderer Bürger beide eine Entfesselung beklagen: die Entfesselung Freiheit? Aber ja. Zum Beispiel: In Venezuela­
sens über die Regeln und Normen, die die Staaten­ werden lassen. ungewählter Bürokraten der eine, die Entfesselung erhoben sich die Menschen gegen den linksautori­
beziehungen beherrschen sollten«, befindet der Es ist ein Kulturkampf, in dem Andersdenkende eines undemokratischen Kapitalismus der andere. tären Nicolás Maduro, um ein Ende seiner Herr­
russische Politikwissenschaftler und Kreml-Berater rasch zu Feinden, wenn nicht gleich zu Staatsfeinden Wie es ausgehen kann, wenn sich im Namen der schaft zu fordern. Und in einer wachsenden Zahl
Dmitri Suslow. »Was wir erleben, ist die Rückkehr gestempelt werden. Während die einen den Untergang »Freiheit« linker Emanzipationswahn mit ethnischer von Ländern hat sich in den vergangenen zehn
der Großmachtrivalität auf globaler Ebene.« des Abendlandes fürchten, wittern die anderen neuen Romantik mischt und das Internet Schlichtheiten Jahren die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen
Im Mai postulierten zwei wichtige Berater von Faschismus. Das Resultat: Gleichgesinnte Länder wie in die Menge schleudert, ließ sich nach dem Brexit Ehe durchgesetzt.
Donald Trump, dass auch den Vereinigten Staaten Bürger ziehen sich zunehmend auf ihre »Identität« in diesem Jahr ein zweites Mal besichtigen, in Kata­ Mit der Freiheit kann es eben ganz genauso sein
künftig das Recht des Stärkeren im Zweifel wichti­ zurück. In Polen und Ungarn erscheinen die Regie­ lonien: Befreiung als Farce. wie mit der Angst: Auch die Freiheit kann anste­
ger sei als die Stärke des Rechts. »Die Welt ist keine rungen tatsächlich immer mehr als klassischer hobbes­ Eben weil das Netz gegenüber klassischen Me­ ckend wirken, ja sie wird immer stärker, je mehr
›globale Gemeinschaft‹, sondern eine Arena, in der scher Leviathan, als Schutzwesen gegen äußere und dien einen geradezu hobbesianischen Wettbewerbs­ Menschen und Länder sie erfasst. Vorausgesetzt
Nationen (...) um Vorteile ringen«, schrieben innere Feinde, das um seiner Stärke willen alle staat­ vorteil aufweist, nämlich dass im Netz Urheber von natürlich, diese Menschen empfinden das Gegen­
Trumps Sicherheits- und Wirtschaftsberater. Ame­ liche Gewalt zusammenrafft, statt sie zu teilen. Falschmeldungen ebenso selten mit Vertrauens­ teil von Angst.
4. DEZEMBER 2017 No 50 POLITIK 9
WIE WAR IHR JAHR?

Frauke Petry Martin Schulz

Die frühere Der SPD-Chef


AfD-Sprecherin ist aus wünscht, er wäre
ihrer Partei ausgetreten 2017 mutiger gewesen

Was haben Sie in diesem Jahr zum ersten das Netzwerkdurchsetzungsgesetz und die Was haben Sie in diesem Jahr zum ersten Mal Was war Ihr persönlicher Sieg 2017? Auf welche Nachricht(en) hätten Sie
Mal getan? Aufhebung des Bankgeheimnisses. getan? Die konsequente Reduzierung meines Curry- am liebsten verzichtet?
Mit neun Kindern in den Ferien gezeltet. Einen Wahlkampf als Kanzlerkandidat geführt. wurst-Konsums nach dem 24. September. Auf die Tweets von Donald Trump.
Was haben Sie 2017 vermisst?
Was war Ihr persönlicher Sieg 2017? Mit den Kindern im Garten Kartoffeln zu War 2017 besser oder schlechter, als Sie es Und Ihre Niederlage? Was haben Sie 2017 Wichtiges gelernt?
Meine Direktwahl zur Bundestagsabgeordne- setzen – und natürlich auch zu ernten. Silvester 2016 erwartet hatten? Was für eine Frage! Dass man immer zu sich selbst stehen
ten in der Sächsischen Schweiz mit mehr als Es war besser. Weil ich gemerkt habe, dass die muss.
37 Prozent der Wählerstimmen, die für mich Was würden Sie in diesem Jahr gerne SPD immer noch viele Menschen begeistern Worüber haben Sie sich am meisten gefreut?
in der Deutlichkeit überraschend war. korrigieren, an sich selbst und an anderen? kann. Dass das Ergebnis bei der Bundestagswahl Über die Geschlossenheit der SPD. Was war Ihr schönster Ort?
Menschen sind, wie sie sind, und wir müssen dann doch niederschmetternd war, steht auf ­ Klingt blöd, stimmt aber: Würselen.
Und Ihre Niederlage? genau so miteinander auskommen. einem anderen Blatt. Und worüber am stärksten geärgert?
Der Kölner Parteitag der AfD im April 2017, Über die weitverbreitete Annahme, Politik sei Und Ihr schönster Moment?
auf dem sich eine deutliche Mehrheit gegen Was war Ihr schönster Ort? Wer war für Sie 2017 eine Hoffnung? nur ein zynisches Spiel. Das ist falsch! Der Wahlkampfabschluss in Aachen.
meinen Richtungsantrag entschied. Da gibt es so viele in meiner sächsischen ­ All die – vor allem jungen – Menschen, die Viele Freunde und alte Weggefährten.
Heimat. in die SPD eingetreten sind. Und übrigens auch Was war für Sie die größte Überraschung? Und das erste Mal meine Frau mit
Worüber haben Sie sich am meisten gefreut? die, die in anderen demokratischen Parteien ­ Die 100 Prozent bei meiner ersten Wahl zum auf der Bühne.
Über die problemlos verlaufene Geburt meines Und Ihr schönster Moment? mitarbeiten. Denn ohne Engagement keine ­ SPD-Vorsitzenden durch den Parteitag.
jüngsten Sohnes. Der Moment, als mein Mann und ich unseren Demokratie. Danach konnte es nur noch bergab gehen. Wie lautet Ihre Überschrift für das
Sohn zum ersten Mal gemeinsam in die Arme Jahr 2017?
Auf welche Nachricht(en) hätten Sie am genommen haben. Und wer war eine Enttäuschung? Was haben Sie 2017 vermisst? Mannomannomann.
liebsten verzichtet? Der 1. FC Köln. Aber ich gebe die Hoffnung Zeit und Ruhe.
Der Wiederantritt von Angela Merkel als Was war Ihre beste Tat? nicht auf. Welche der Fragen, die Sie beschäftigen,
CDU-Kandidatin für das Bundeskanzleramt. Wenn Sie meine Kinder fragen: Was war für Sie der spannendste Moment? ist auch 2017 unbeantwortet geblieben?
Die Auf­hebung der Nutella-Sperre ... Was würden Sie in diesem Jahr gerne Mein Auftritt vor den Genossinnen und ­ Die nach der Zukunft Europas.
Was war für Sie die größte Überraschung? korrigieren,­an sich selbst und an anderen? Genossen im Willy-Brandt-Haus am ­
Die medial und öffentlich so geringe Gegen- Was war für Sie der spannendste Moment? Viel. An mir: Ich hätte mutiger sein sollen. Wahlabend. Sie hätten mich auch ausbuhen Was wünschen Sie Deutschland für 2018?
wehr gegen so freiheitsfeindliche Eingriffe wie Der Tag nach der Bundestagswahl. Und an der SPD: sie auch. können. Haben sie aber nicht. Eine starke SPD.

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Peter Steudtner

Der Aktivist träumte


im türkischen Gefängnis
von seiner Familie

Was haben Sie in diesem Jahr zum ersten Auf welche Nachricht(en) hätten Sie am
Mal getan? liebsten verzichtet?
Ich habe mich selbst zum ersten (und ­ Die Vorverurteilungen in Teilen der türkischen
hoffentlich letzten) Mal vor einem Gericht ­ Medien im Juli und August 2017, in denen ich
gegen Terrorismusvorwürfe verteidigt. der Spionage und der Unterstützung von Terror­
organisationen bezichtigt wurde. Im Rahmen
War 2017 besser oder schlechter, als Sie es dieser Veröffentlichungen wurden auch Seiten
Silvester 2016 erwartet hatten? aus der unter Verschluss befind­lichen Prozess-
Die Zeit in den türkischen Gefängnissen war akte gegen mich geleakt, zu denen nicht einmal
wegen der Haftbedingungen belastend: Briefe unsere Anwälte Zugang hatten.
gingen nicht durch, telefonieren konnte ich
mit meiner Familie nur alle 14 Tage für zehn Was haben Sie 2017 Wichtiges gelernt?
Minuten. Gleichzeitig war die Solidarität ­ Schon als ich zu Oberschulzeiten mit Amnesty
unter uns Gefangenen und auch von draußen ­ International Briefe an politische Gefangene
bewegend, stärkend und inspirierend. schrieb, dachte ich mir: »Das muss sich ­
irgendwie gut anfühlen, nicht vergessen zu
Wer war für Sie 2017 eine Hoffnung? sein, eine Öffentlichkeit draußen zu haben.«
Das türkische Anwaltsteam und das große ­ Seit diesen 113 Tagen weiß ich: Das stimmt.
Solidaritätsnetzwerk, das uns Gefangene, die
»Istanbul 10«, in der Haft unterstützt hat. Was war Ihr schönster Ort?

So gut kann
Im Gefängnis habe ich davon geträumt, mit
Was war Ihr persönlicher Sieg 2017? meiner Familie in der Natur zu sein.
Ich bin in meiner Gefängniszelle parallel zum
Berlin-Marathon am 24. September meinen Und Ihre beste Tat?
eigenen Halbmarathon gelaufen – auf 4,8 mal Im unterirdischen Gewahrsam des Polizei­

Bier schmecken.
7,2 Metern. präsidiums von Vatan in Istanbul gelang es
Fotos (Ausschnitte): Thomas Victor für DIE ZEIT (o. l.); Dominik Butzmann/laif (o. r.); Yasin Akgul/AFP/Getty Images (u. l.)

mir, mit meinen Mitgefangenen kurze


Worüber haben Sie sich am meisten gefreut? Entspannungs-Work­shops auf dem Zellen-
Über unsere Freilassung am 25. Oktober. gang zu machen.
Und dass ich wenige Tage später den vierten
Geburtstag meiner Tochter mitfeiern konnte. Wie lautet Ihre Überschrift für das Jahr
2017?
Und worüber am stärksten geärgert? Selbstfürsorge ist Widerstand.
Am meisten ärgere ich mich über die zuneh-
menden Beschränkungen der Aktivitäten von Was war für Sie der spannendste Moment?
zivilgesellschaftlichen Organisationen, wie sie Da gab es zwei: die beiden Gerichtstage in ­
seit einigen Jahren leider nicht nur in der Istanbul. Beim ersten am 17. Juli wurde nach
Türkei, sondern weltweit zu beobachten sind. mehr als zwölf Stunden Anhörung unsere ­
Untersuchungshaft auf unbestimmte Zeit ­
Was war für Sie die größte Überraschung? angeordnet. Am 25. Oktober wurden dann
Die Polizeirazzia am 5. Juli 2017 auf der ­ zehn von uns elf Angeklagten freigelassen, ­
türkischen Insel Büyükada, während der neun jedoch nicht freigesprochen.
andere Menschenrechtler und ich festgenom-
men wurden. Wir hatten dort gerade eine Welche der Fragen, die Sie beschäftigen, ist
Schulung zum Umgang mit Stress und ­ auch 2017 unbeantwortet geblieben?
Traumata, es ging auch um Datensicherheit. Wie können wir andere Menschenrechtler und
Ein Routinetraining – und sicher kein Anlass vor ­allem auch deren Familien und Freunde
für einen Anti-Terror-Einsatz. weltweit sichtbar machen und stärken?

Was haben Sie 2017 vermisst? Was wünschen Sie Deutschland für 2018?
Fast vier Monate lang vermisste ich vor Ich wünsche mir von uns allen klare politische
allem meine Familie und meine Freunde, ­ Botschaften zur Umsetzung von Menschen-
gefehlt haben mir aber auch die Natur rechten weltweit. Auch bei uns, zum Beispiel
und künstle­rische Inspiration. zum Schutz von Geflüchteten.
10 JAHRESRÜCKBLICK 2017 POLITIK 4. DEZEMBER 2017 No 50

Das Jahr in Torten VON K ATJA BERLIN

Wahlkampfsommer Was in Deutschland


2017 gestiegen ist

Wahlkampf Sommer Die Laune Die Mieten

Präsident Trumps Wer einem zu


politische Erfolge Hause zuhört

Immerhin noch kein Atomkrieg Die Kinder Der Partner Alexa

Parteien Künstler in den Wofür wir 2017 der Was sich durch das dritte Geschlecht
2017 Schlagzeilen EU dankbar waren und die »Ehe für alle« ändert

100 %

80 %
Wahrscheinlichkeit

60 %

40 %

20 %

0%

Populär Nachrufe Wirtschaftliche Stabilität Man darf Alle Toiletten Niemand weiß Es dreht Minderheiten
Populistisch Neue Alben, Bücher und Filme Wahrung der Menschenrechte überhaupt nicht werden mehr, wie man sich alles nur bekommen
Was?! Der war auch übergriffig??? Wegfall der Roaming-Gebühren mehr Mann umgebaut Menschen noch um Bürgerrechte
oder Frau sein ansprechen soll Intersexuelle
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12 JAHRESRÜCKBLICK 2017 POLITIK 4. DEZEMBER 2017 No 50

1. Januar: Im Istanbuler Nachtclub Reina erschießt der Stimmen (2013 waren es 41,5). Die SPD fällt
ein Attentäter 39 Menschen. Die Terrormiliz »Isla- auf ein Rekordtief von 20,5 Prozent und verliert
mischer Staat« reklamiert die Tat für sich. Es ist der damit gut 5 Prozent im Vergleich zu 2013. Dritt-
erste von bislang rund 60 isla­mis­tischen Anschlä- stärkste Kraft wird die AfD mit 12,6 Prozent. Der
gen in diesem Jahr. FDP gelingt mit 10,7 Prozent der Wiedereinzug in
den Bundestag. Leicht zulegen können Linke
17. Januar: Im zweiten Verfahren gegen die rechts- (9,2 Prozent) und Grüne (8,9). Der SPD-Kanzler-

2017
extreme NPD entscheidet sich das Bundesverfas- kandidat Martin Schulz schließt eine Regierungs-
sungsgericht in Karlsruhe gegen ein Verbot. beteiligung noch am Wahl­abend aus und kündigt
Der thüringische AfD-Chef Björn Höcke bezeichnet an, mit seiner Partei in die Opposition zu gehen.
das Berliner Holocaust-Mahnmal als »Denkmal der
Schande« und fordert eine »erinnerungspolitische 25. September: In den Kurdengebieten des Irak
Wende um 180 Grad«. wird ein umstrittenes Unabhängigkeitsreferendum
abgehalten. Fast 93 Prozent der Wähler stimmen
20. Januar: Donald Trump tritt als 45. Präsident der für eine Abspaltung.
Vereinigten Staaten sein Amt an. In seiner Inaugura-
tionsrede wiederholt er sein Versprechen, Amerika 1. Oktober: In Las Vegas erschießt ein Mann aus
»great again« zu machen, und seine Forderung »Ame- dem Zimmer eines Hotels 58 Besucher eines Mu-
rica first!«. Tausende demonstrieren in den Wochen sikfestivals und verletzt mindestens 520. Wenig
danach in den USA und anderen Ländern gegen später, am 5. November, tötet ein Amokläufer in
Rassismus, Sexismus und Nationalismus. Sutherland Springs, Texas, 26 Menschen.

27. Januar: Trump unterzeichnet die erste Version 5. Oktober: Die New York Times berichtet von se-
seines Einreiseverbots für Bürger von sieben musli- xuellen Übergriffen des Hollywood-Produzenten
mischen Staaten. Schon wenige Tage später wird es, Harvey Weinstein. In den folgenden Wochen kom-
nach tumultartigen Szenen an den Flughäfen, von men immer weitere Details ans Licht, und bald
einem Bundesrichter gekippt. Bis jetzt konnte Trump geht es nicht mehr nur um Weinstein: Infolge von
die Regelung nur in Teilen durchsetzen. Tausenden Wortmeldungen unter dem Twitter-
Hashtag #MeToo entwickelt sich eine weit über die
29. Januar: Der SPD-Parteivorstand nominiert USA und die Filmbranche hinausreichende Debatte
Martin Schulz als neuen Parteivorsitzenden und über Sexismus und sexualisierte Gewalt.
Kanzlerkandidaten. Sigmar Gabriel verzichtet auf
beide Funktionen. In den folgenden Wochen legt 11. Oktober: Das Bundesumweltministerium gibt
die Partei in Umfragen deutlich zu und gewinnt bekannt, dass Deutschland seine Klimaschutzziele
Tausende neue Mitglieder. Die Schulz-Begeiste- deutlicher verfehlen wird als bislang bekannt.
rung kennt keine Grenzen.
15. Oktober: Die »neue Volkspartei« (ÖVP) wird
31. Januar: Die rumänische Regierung verabschie- Trump und Macron, Terror und Hunger, Krieg im Nahen Osten und unter Führung des 31-jährigen Sebastian Kurz zur
det eine Eilverordnung, die Hunderten wegen stärksten Kraft (31,5 Prozent) bei der Parlamentswahl
Amtsmissbrauch angeklagten Politikern Amnestie beinahe Krieg mit Nordkorea: Chronik eines stürmischen Jahres in Österreich; die rechte FPÖ legt ebenfalls zu und
gewährt. Mehrere Hunderttausend Bürger protes- erzielt 26 Prozent der Stimmen. Im Wahlkampf hat
tieren daraufhin wochenlang gegen ihre Regierung. Kurz vor allem ein Thema bedient: die Angst vor
Einwanderung und Flüchtlingen.
Ende Januar: Während die EU über eine Koope- Bei der Wahl in Niedersachsen gewinnt die
ration mit Libyen in der Flüchtlingsfrage berät, SPD mehr als vier Prozent hinzu und geht mit
kritisieren deutsche Diplomaten die Bedingungen 36,9 Prozent der Stimmen als Sieger hervor. Die
in libyschen Lagern; es herrschten dort »KZ-ähn- Wahlen waren vorgezogen worden, weil die Grüne
liche Zustände«. Elke Twesten am 4. August zur CDU gewechselt
war und damit die hauchdünne rot-grüne Regie-
12. Februar: Die Bundesversammlung wählt den rungsmehrheit kippte.
bisherigen Außenminister Frank-Walter Stein­meier
(SPD) zum neuen Bundespräsidenten. 17. Oktober: Soldaten der syrischen Armee befreien
die »IS-Hauptstadt« Rakka im Norden Syriens.
15. Februar: Das Europaparlament in Straßburg
stimmt dem Freihandelsabkommen Ceta mit Ka- 21. Oktober: Die 2011 gegründete populistische
nada zu. Im September tritt es in Kraft. »Ak­tion unzufriedener Bürger« (Ano) mit ihrem
Mueller soll als Sonderermittler aufklären, ob und 14. Juli: In der Jerusalemer Altstadt erschießen drei reicht damit einen vorläufigen Höhepunkt. Kim Spitzenkandidaten, dem Milliardär Andrej Babiš,
20. Februar: Die Vereinten Nationen rufen für den wie Russland Einfluss auf den US-Wahlkampf arabische Israelis zwei israelische Polizisten. Israel ver- Jong Un droht mit einem Angriff auf die Pazifik- gewinnt die Parlamentswahlen in Tschechien.
Südsudan den Hungernotstand aus. genommen hat. Die Affäre um die Russlandkon- schärft daraufhin die Sicherheitskontrollen am Tem- insel Guam, auf der sich ein Militärstützpunkt der
takte zieht seit Beginn von Trumps Amtszeit im- pelberg, was zu Protesten und gewaltsamen Über- USA befindet. Trotz der Spannungen halten ame- 24. Oktober: Der chinesische Staatschef Xi Jin-
15. März: Die Niederländer wählen ein neues Par- mer weitere Kreise: Im Februar stürzt Sicherheits- griffen von palästinensischer Seite führt. rikanische und südkoreanische Streitkräfte ihr jähr- ping wird für weitere fünf Jahre regieren. Der
lament. Die konservativ-liberale Volkspartei von berater Michael Flynn über Falschaussagen. Dann liches gemeinsames Manöver ab. Pjöngjang feuert 19. Parteitag der KP bestätigt ihn im Amt und hebt
Ministerpräsident Mark Rutte wird mit 21,3 Pro- gerät Justizminister Jeff Sessions ins Visier. Am 28. Juli: Nach monatelanger Debatte um die Ret- im September eine Rakete ab, die über Japan hin- ihn auf eine Stufe mit Staatsgründer Mao Zedong.
zent stärkste Kraft, gefolgt von der Ein-Mann-­Partei 9. Mai entlässt Trump FBI-Chef ­James Comey tungsschiffe, mit denen Nichtregierungsorganisa- wegfliegt, und testet eine Wasserstoffbombe.
des Rechtspopulisten Geert Wilders (13,1 Prozent). wegen seiner beharrlichen Ermittlungen. Trump tionen Flüchtlinge aus dem Mittelmeer bergen, 26. Oktober: Das Bundeskriminalamt veröffent-
Die Regierungsbildung wird sich bis zum Oktober selbst habe geheime Informationen an den russi- beschließt die italienische Regierung, ihre Marine 12. August: In Polen tritt trotz scharfer Kritik der licht Zahlen zur Entwicklung rechtsextremer
hinziehen. schen Außenminister Sergej Lawrow weitergelei- zur Unterstützung der libyschen Küstenwache ein- Europäischen ­Union eine Justizreform in Kraft, Straftaten. Für das Jahr 2017 zählt es bisher 213
tet, berichtet kurz darauf die Washington Post. zusetzen. Die freiwilligen Helfer sind gezwungen, die es dem Justizminister ermöglicht, Gerichtsvor- von Rechts­extre­mis­ten verübte Angriffe auf Asyl-
22. März: Ein islamistischer Attentäter fährt in sich zurückzuziehen. Bis Ende November ertrinken sitzende ohne Grund zu entlassen und durch neue unterkünfte. Das sind deutlich weniger als in den
eine Menschenmenge auf der Westminster B ­ ridge 22. Mai: Nach einem Popkonzert in Manchester nach Angaben der International Organization for Kandidaten zu ersetzen. Bereits im Juli hat die EU beiden Vorjahren, wo die Zahl mehr als viermal so
in London. Sechs Menschen sterben. sprengt sich ein Selbstmordattentäter im Foyer der Migration mindestens 3000 Flüchtende im Mittel- ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen we- hoch lag, aber rund dreimal so viele wie 2013.
Konzerthalle in die Luft und reißt 22 Menschen meer. 2016 waren es etwa 5000. Die Zahl der Flüch- gen der geplanten Reform eingeleitet.
29. März: Brexit – Großbritannien leitet seinen mit in den Tod. Der »Islamische Staat« bekennt tenden, die Deutschland erreichen, geht 2017 stark In Charlottesville, Virginia, versammeln sich 27. Oktober: Katalonien-Krise: Knapp vier Wo-
Austritt aus der Europäischen ­Union ein. In zwei sich zu dem Blutbad. zurück: Zwischen Januar und Oktober nahm das Rechtsextremisten, Neo­nazis und Mitglieder des chen nach dem umstrittenen Unabhängigkeitsrefe-
Jahren soll der offizielle Austritt erfolgen. Bundesamt für Mi­gra­tion und Flüchtlinge 187 226 Ku-Klux-Klans, um gegen die Demontage einer rendum vom 1. Oktober erklärt die spanische Zen-
1. Juni: US-Präsident Donald Trump kündigt den Asyl­anträ­ge entgegen. 2016 waren es 745 545 Erst- Statue des Konföderierten-Generals Robert F. Lee tralregierung die katalanische Regionalregierung
3. April: Bei einem islamistischen Selbst­ mord­ Austritt der USA aus dem Pariser Klima­schutz­ und Folgeanträge. zu protestieren, und attackieren antirassistische unter Carles Puigdemont für abgesetzt.
anschlag in der St. Petersburger Metro kommen 14 abkom­men an. Gegendemonstranten. Eine junge Frau wird getö- Die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin stellt­
Menschen durch einen Sprengsatz ums Leben. 2. August: Auf dem ersten »Dieselgipfel« kommen tet. Donald Trump distanziert sich nur halbherzig ihren Betrieb ein.
3. Juni: In London werden acht Menschen getö- Politik und Autoindustrie zusammen, um Fahr- von den rechten Ausschreitungen. Es habe »Ge-
7. April: Nachdem das syrische Regime Giftgas tet, als islamistische Terroristen mit einem Liefer- verbote für Dieselfahrzeuge in den Städten abzu- walt von allen Seiten« gegeben. 5. November: Die Veröffentlichung der Para­dise
gegen Zivilisten eingesetzt hat, lässt US-Präsident wagen auf der London ­Bridge Passanten überfah- wenden. Infolge des 2015 aufgedeckten VW-Ab- Papers durch ein Netzwerk investigativer Journa-
Donald Trump den Militärflugplatz Al-Schairat ren und die Besucher eines Marktes mit Messern gasskandals gab es das ganze Jahr über weitere Ent- 15. August: Der kolumbianische Präsident Juan listen erregt weltweit Aufsehen. Die Dokumente
bombardieren. attackieren. hüllungen über Betrügereien und Kartellabspra- Manuel Santos erklärt den mehr als 50 Jahre wäh- belegen, wie Großunternehmen und Mil­liar­dä­re
In Stockholm tötet ein islamistischer Attentäter chen unter Autokonzernen und Zulieferern. Poli- renden Konflikt mit den Guerilla-Kämpfern der hohe Summen am Fiskus vorbeischleusen.
fünf Menschen, als er mit einem Lkw in eine Fuß- 5. Juni: Saudi-Arabien schmiedet eine Allianz, tiker fordern das Ende des Verbrennungsmotors. Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) für
gängerzone fährt. um das mit dem Iran verbündete Katar zu isolie- be­endet. 6. November: Die von Saudi-Arabien geführte
ren. Der reiche Kleinstaat ist einer von vielen 8. August: Donald Trump droht Nordkorea wegen Militärkoalition riegelt die See- und Flughäfen des
16. April: In der Türkei wird über die Einführung Schauplätzen des Konfliktes zwischen dem sun- fortgesetzter Raketen- und Atombombentests mit 17. August: Auf der Flaniermeile Las Ramblas in Jemen ab. Millionen Menschen sind in dem Bür-
des umstrittenen Präsidialsystems abgestimmt, nitischen Königreich Saudi-Arabien und dem »Feuer und Wut, wie sie die Welt noch nicht gesehen Barcelona rast ein Terrorist in einem Lieferwagen in gerkriegsland dem Hunger ausgeliefert.
das dem amtierenden Präsidenten Recep Tayyip­ schiitischen Iran. Die beiden Regionalmächte hat«. Die 2017 erneut entbrannte Korea-Krise er- eine Gruppe von Passanten. 14 Menschen sterben.
Erdoğan quasidiktatorische Vollmachten verlei- bekämpfen ein­an­der in einem blutigen Stellver- 14./15. November: Der 93-jährige Diktator Robert
hen soll. 51,4 Prozent stimmen türkischen Angaben treterkrieg im Jemen. 18. August: US-Präsident Donald Trump trennt Mugabe, der Simbabwe seit 37 Jahren regiert, wird
zufolge mit Ja. Weil deutsche Stellen türkische sich von seinem umstrittenen Chefstrategen und vom Militär unter Hausarrest gestellt. Am 21. No-
Wahlkampfveranstaltungen abgesagt hatten, warf 8. Juni: Bei der vorgezogenen Parlamentswahl in Berater ­Steve Bannon. Schon wenige Wochen zu- vember tritt er zurück, nachdem das Parlament ein
Erdoğan der Bundesregierung »faschistische Me- Großbritannien kann die Labour Party die größ- vor ist es zu hektischen Umbesetzungen im Wei- Amtsenthebungsverfahren eingeleitet hat.
thoden« vor. ten Gewinne verbuchen. Premierministerin The- Gestorben ßen Haus gekommen, als Trump kurzzeitig den
resa May, die im April die Neuwahlen angekündigt New Yorker Ex-Banker Anthony Scaramucci zum 19. November: Nach mehrwöchigen Verhand-
26. April: Der Skandal um den Oberleutnant hatte, um sich ein Mandat für ihren harten Brexit- Kommunikationsdirektor machte. lungen zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen
Franco A., der verdächtigt wird, mit Komplizen Kurs zu holen, verfehlt die absolute Mehrheit und 7. Januar: Mário Soares, ehemaliger lässt die FDP die Sondierungsgespräche zur Bil-
Anschläge auf Politiker geplant und Weltkriegs- bildet mithilfe der nordirischen DUP eine Min- portugiesischer Premierminister 25. August: Der seit Jahrzehnten ungelöste Kon- dung einer »Ja­maika-­Koa­li­tion« platzen.
devotionalien gehortet zu haben, löst eine De- derheitsregierung. und Präsident (92) · 10. Januar: flikt mit der muslimischen Minderheit der Ro-
batte über die Bundeswehr aus. Im November Roman Herzog, Bundespräsident hingya in Myanmar eskaliert: Nachdem aufstän- 22. November: Die Richter des UN-Kriegsverbre-
wird Franco A. aus der Haft entlassen. 30. Juni: Gleiches Recht für Lesben und Schwule: 1994–1999 (82) · 18. März: Chuck dische Rohingya Polizeistationen und Kasernen chertribunals zum früheren Jugoslawien in Den Haag
Der Bundestag beschließt die »Ehe für alle«. Berry, Musiker (90) · 12. April: angegriffen haben, schreitet das Militär ein. Hun- verurteilen den bosnisch-serbischen Ex-General
7. Mai: Proeuropäischer Elan schlägt rechte Anti- Michael Ballhaus, Kameramann (81) derttausende fliehen vor der Militärgewalt nach Ratko Mladić wegen Völkermord und Verbrechen
EU-Propaganda. Emmanuel Macron gewinnt mit 5. Juli: In der Türkei wird, gemeinsam mit ande- · 23. Mai: Roger Moore, Bangladesch, wo bereits etwa 400 000 muslimi- gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft.
seiner Bewegung »En M ­ arche!« 66,1 Prozent der ren Menschenrechtsaktivisten, der Deutsche Peter Bond-Darsteller (89) · 16. Juni: sche Flüchtlinge aus Myanmar unter erbärmli-
Stimmen in der zweiten Runde der französischen Steudtner festgenommen. Auf Vermittlung durch Helmut Kohl, Bundeskanzler chen Umständen in Lagern leben. 27. November: Die EU-Kommission verlängert die
Präsidentschaftswahlen gegen Ma­rine Le Pen, die Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) kommt er am 1982–1998 (87) · 5. Juli: Joachim Zulassung des umstrittenen Pflanzenschutzmittels
Vorsitzende des rechten Front National. 25. Oktober frei. Der Ende 2016 verhaftete Welt- Meisner, Kardinal (83) · 10. Juli: 25. August bis 30. September: Binnen weniger Glyphosat um fünf weitere Jahre. Auch der deutsche
Journalist Deniz Yücel sitzt weiterhin in Untersu- Peter Härtling, Schriftsteller (83) · Wochen fegen drei Hurrikans über das nordame- Landwirtschaftsminister Chris­tian Schmidt (CSU)
7. und 14. Mai: Doppelter Dämpfer für den gefei- chungshaft. 13. Juli: Liu Xiaobo, Schriftsteller rikanische Festland und die Karibik hinweg. Mehr stimmt dem zu – und ignoriert die Haltung der SPD-
erten SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz bei und Friedensnobelpreisträger (61) · als 140 Menschen kommen ums Leben, es entste- Umweltministerin Barbara Hendricks, die sich zuvor
den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und 7./8. Juli: In Hamburg versammeln sich die Re- 31. Juli: Jeanne Moreau, hen Schäden in dreistelliger Milliardenhöhe. An- gegen das Vorhaben ausgesprochen hat. Tage­lang
Nordrhein-Westfalen: In beiden Ländern wird gierungschefs der G20-Staaten. Zehntausende Schauspielerin (89) · 20. August: fang September sterben infolge massiver Über- belastet Schmidts Alleingang das Verhältnis zwischen
eine Regierung abgewählt, die von So­zial­demo­kra­ protestieren friedlich gegen den Gipfel. Es kommt Jerry Lewis, Komiker (91) · schwemmungen in Bangladesch, Nepal, Indien SPD und ­Union.
ten geführt wurde. aber auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen 12. September: Heiner Geißler, und Pakistan mehr als 2100 Menschen.
zwischen Polizei und linksautonomen Demons- ehemaliger CDU-Generalsekretär Zusammengestellt von Christian Staas
17. Mai: Hat Moskau Donald Trump zum Sieg tranten sowie zu Brandstiftungen, Krawall und (87) · 24. Oktober: Fats Domino, 24. September: Bundestagswahl. Die Union wird Mitarbeit: Paul Schwenn
verholfen? Der ehemalige FBI-Direktor Robert Plünderungen. Musiker (89) stärkste Kraft, erreicht aber nur noch 33 Prozent (Redaktionsschluss: 30. November, 18 Uhr)
DOSSIER
4. D e z e m b e r 2017 DIE ZEIT No 50

13
J A H R E S R Ü C K B L I C K 2 0 1 7

»Es haben nicht nur


Verlierer AfD gewählt!«

Foto: Thomas Victor für DIE ZEIT


Lars-Detlef Kluger, 47,
auf dem Dach des Dresdner
Mehrfamilienhauses,
in dem er wohnt

Der Mensch des Jahres 2017, das waren viele Menschen – ostdeutsche Männer nämlich. Mit einem, Lars-Detlef Kluger
aus Dresden, haben CHRISTIAN BANGEL und MARTIN MACHOWECZ (auch Ostdeutsche!) über die AfD, Pegida und sächsische Wut gesprochen

DIE ZEIT: Herr Kluger, herzlichen Glückwunsch! Karrierepolitiker, die in ihrem Leben nichts anderes ganz anders ausgefallen ist als im Westen – dann Anti-Atomkraft-Bewegung. Letztere hat Gleise Si­tua­tion zu verbessern, indem ich meine Mei­
Lars-Detlef Kluger: Wozu? Warum? als Politik gemacht haben. Die von ihrem Amt ab­ habe ich meine eigene These. unterhöhlt, Schienen blockiert, Polizisten verprü­ nung sage, wenn Sie mir die Möglichkeit dazu­
ZEIT: Sie sind der Mann des Jahres, besser gesagt: hängig sind. Und deshalb vom Ja­sagen. ZEIT: Nämlich? gelt – um eine aus ihrer Sicht falsche Politik zu geben. Und da kommen wir zu dem, was ich mir
einer von Millionen Männern des Jahres. Über Kluger: Ich bin 1970 geboren. In meinem Leben verändern. Und diese Anti-Atomkraft-Bewegung 1989 vorgenommen habe: Ich habe mir damals
kaum jemanden wurde 2017 in Deutschland so Lars-Detlef Kluger, 47, hat zum Gespräch in seine habe ich 19 Jahre Unfreiheit und Diktatur ken­ hat man mit unendlicher Toleranz behandelt. geschworen, nie wieder feige zu sein.
viel gerätselt wie über Sie: den ostdeutschen Mann. Dresdner Wohnung geladen, nicht weit vom Elb- nengelernt, das unterscheidet mich, uns Ostdeut­ ZEIT: Finden Sie? Vor allem in den Anfangsjah­ ZEIT: Waren Sie vorher feige?
Kluger: Ich weiß schon, dass Sie mit mir reden ufer. Hier lebt er mit seiner Frau und fünf Kindern sche, von Westdeutschen. Ich bin sogar froh, dass ren wurde sie doch medial und politisch hart Kluger: Ich hatte 1989, beim Mauerfall, zumin­
wollen, weil ich ein Ostmann bin. Aber ich finde zwischen 6 und 17 Jahren im Dachgeschoss eines ich diese Unfreiheit erlebt habe. Andauernd muss­ bekämpft. Die Bild-Zeitung machte keinen gro­ dest das Gefühl, auf der falschen Seite der Ge­
dieses Konstrukt Ostmann ein bisschen eigenartig. Mehrfamilienhauses. Gleich am Eingang: eine ten Männer wie ich mich fragen: Wie muss ich ßen Unterschied zwischen der Anti-AKW-Szene schichte zu stehen. Aber um das zu erklären, müsste
ZEIT: Wir sind selbst ostdeutsche Männer, nur Deutschlandfahne, daneben allerlei Dynamo-Dres- mich verhalten, wenn ich einen Platz in der Er­ und Terroristen. ich ausholen.
etwas jünger, und möchten mit Ihnen ge­wis­ser­ den-Utensilien. Im Wohnzimmer ein kleiner PC- weiterten Oberschule bekommen will? Welche Kluger: Wissen Sie, wie man Pegida niedergemacht ZEIT: Wir haben Zeit.
maßen von Ostmann zu Ostmann diskutieren. Arbeitsplatz. Kluger trägt Hemd und Anzug. Er Konsequenzen hat die Entscheidung, wie lange ich hat? Man nannte die Demonstranten »Misch­ Kluger: Mein Vater ist 1959 als sehr junger Mann
Kluger: Aber ich sage Ihnen gleich: Ich rede nicht wirkt ruhig, spricht langsam, nie merkt man ihm zur Armee gehe, für meinen späteren Lebensweg? poke«, »Mob« und »Meute«, ein Innenminister hat für zwei Jahre im DDR-Knast gelandet, weil er an­
stellvertretend für alle anderen. Ich spreche nur Zorn oder Ärger an. Solche Fragen musste sich kein Westdeutscher »Rattenfänger« gesagt. In den vergangenen Jahren geblich staatszersetzende Sätze gesagt hatte. Einer
für mich. meiner Ge­ne­ra­tion stellen. wurden konservative Positionen ausgegrenzt und dieser Sätze lautete: »Das DDR-Wohnungsbaupro­
ZEIT: Eine unserer Kolleginnen hat Sie vor einigen ZEIT: Herr Kluger, ehe wir über die großen Fragen ZEIT: Sie mussten die DDR durchstehen. Aber Sie linke Positionen hofiert. gramm wird nicht funktionieren, weil man von den
Jahren in Dresden bei einer Po­diums­dis­kus­sion sprechen: Wo haben Sie den Abend der Bundes­ haben es geschafft und sind sogar Schulleiter ge­ ZEIT: Wegen dieses Gefühls einer Ungleichbe­ niedrig subventionierten Mieten die Häuser nicht
kennengelernt: als einen Mann, der sich über die tagswahl verbracht? Hier zu Hause, im Sessel? Und worden. handlung sind Sie zu Pegida gegangen? instand halten kann.« Sie können sich vorstellen,
herrschenden Zustände so sehr aufregte, dass er waren Sie vom Ausgang überrascht? Kluger: Bin ich, auch wenn das für meine Positio­ Kluger: Erst einmal: Ich brülle nicht, ich verwende dass diese Haftstrafe die Art prägte, wie mein Vater
sich an Pegida-Demos beteiligte. Haben Sie bei der Kluger: Ich saß hier, wo ich auch jetzt sitze, vorm nen und dieses Interview keine Rolle spielt. Was keine Schimpfwörter. Ich bin zu Pegida gegangen, noch viele Jahre später uns Kinder erzog.
Bundestagswahl für die AfD gestimmt? Fernseher. Zwei Tage vorher hatte ich mit Freun­ ich meine, ist: Die Angst vor Unfreiheit ist größer, weil ich das Gefühl hatte, unser Land braucht Ver­ ZEIT: Wie genau?
Kluger: Wir haben immer noch ein Wahlgeheim­ den auf das Wahl­ergeb­nis gewettet – und was soll wenn man sie erlebt hat. Ostdeutsche sehen es änderung. Pegida war damals etwas ganz anderes Kluger: Er hat uns Kindern sehr detailliert den
nis, das gilt sogar für Ostmänner, und das nehme ich sagen? Es ist das herausgekommen, was wir kritischer, wenn diese Unfreiheit auch nur ansatz­ als heute. Die Leute haben sich seit 2015 radikali­ Unterschied erklärt zwischen »Was sagen wir zu
ich für mich in Anspruch. Aber ich kann Ihnen sa­ vermutet hatten. Bei der AfD hatten wir für das weise wiederzukommen scheint. Schon bei leisen siert. Bis ins Frühjahr 2015 war ich bei den Kund­ Hause?« und »Was sagen wir in der Schule?«. Das
gen, dass ich 20 Jahre CDU-Mitglied war. Silvester bundesweite Ergebnis alle zwischen 12 und 14 Tendenzen werden wir wachsam: Es gab in den gebungen. Schon damals habe ich nicht alles gut war typische DDR-Erziehung, aber noch ver­
2015 bin ich ausgetreten. Diesmal habe ich die Prozent vorhergesagt. Dass die Partei im Osten 20 letzten Jahren in Sachen Meinungsfreiheit und gefunden, was ich dort gesehen habe. Und ich schärft: Du hast bitte in Staatsbürgerkunde eine
CDU nur noch mit der Erststimme wählen kön­ Prozent erreicht, hat mich aber schon überrascht. Medien einfach Entwicklungen, die viele Ostdeut­ habe auch länger überlegt, ob ich mich auf dieses Eins zu schreiben, aber zu Hause schauen wir uns
nen, weil der Kandidat hier im Wahlkreis sehr in ZEIT: Warum haben Ostdeutsche – mehr noch sche als schwierig angesehen haben. Männer haben Gespräch hier einlassen soll. jeden französischen Film an, den das DDR-Fern­
Ordnung ist. Ostmänner – so überdurchschnittlich oft AfD sich vielleicht noch eine Spur mehr darüber auf­ ZEIT: Warum? sehen bringt – um zu sehen, was für wunderschöne
ZEIT: Warum nicht mehr mit der Zweitstimme? gewählt? geregt, weil sie konfliktbereiter sind als Frauen. Kluger: Ich hätte es bequemer haben können. Als Städte es  außerhalb des Sozialismus gibt. Wir hör­
Kluger: Weil die Partei es zugelassen hat, dass alle Kluger: Lassen Sie mich erst einmal demokratie­ Auch wenn das nicht gendergerecht ist, das zu­ ich mich 2015 bei der Diskussionsrunde, von der ten auch Deutschlandfunk, auf Mittelwelle konnte
konservativen Positionen abgeräumt wurden, die theoretisch sagen: Ich finde es gut, dass ein nen­ sagen. Aber ich beobachte es. Sie sprachen, als Pegida-Demonstrant bekannt man das empfangen. Mache ich heute mit meinen
mir wichtig sind – angefangen bei der Familienpoli­ nenswerter Teil von Wählern, der sich bislang ZEIT: Wo zeigen sich Ihrer Meinung nach diese hatte, brachte mir das enormen Ärger ein. Ich will Kindern zum Frühstück immer noch.
tik, die eine siebenköpfige Familie wie meine völlig nicht repräsentiert fühlte, jetzt im Bundestag ver­ Tendenzen der Unfreiheit? auf keinen Fall, dass der Eindruck entsteht, ich ZEIT: Und die Tipps Ihres Vaters haben Sie als
vergisst. Das werfe ich dem Rest der Partei mehr vor treten ist. Man kann eben nicht dauerhaft knapp Kluger: Zentral finde ich das Messen mit zweierlei würde hier in meiner beruflichen Funk­ tion als Kind beherzigt?
als Frau Merkel selbst: Es hat keinen nennenswerten 15 Prozent der Menschen mit ihren Positionen Maß in fast jeder politischen Frage, insbesondere Schulleiter antworten. Ich bin Herr Kluger, der Kluger: Ja, mit einer gewissen Fröhlichkeit und
Widerstand gegen die Politik der Kanzlerin ge­ außerhalb des Parlaments halten. Dass der Ost­ me­dial. Privatmann. So ein Interview zu machen, eigene Lässigkeit. Ich fand es witzig, in Staatsbürgerkunde
geben. Die CDU ist zur nichtdiskutierenden Masse mann deshalb jetzt das große Schreckensbild sein ZEIT: Was meinen Sie damit? Positionen zu vertreten – das braucht Mut, das hat eine Eins zu kriegen und trotzdem zu wissen, dass
geworden. Und das liegt in erster Linie daran, dass soll, verstehe ich nicht ganz. Und wenn Sie mich Kluger: Stellen Sie sich vor, man hätte Pegida so etwas mit Zivilcourage zu tun. Aber wenn ich die
die Partei das tut, was alle Parteien tun: Sie befördert fragen, warum das Wahl­ergeb­nis im Osten zumeist viel Verständnis entgegengebracht wie früher der Medien kritisiere, muss ich schon mithelfen, die Fortsetzung auf S. 14
14 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50

»Kohl wurde damals beschimpft wie Merkel heute. Das gehörte zum
Ritual, war angeblich lustig – und links. Merken Sie was?«
»Es haben nicht nur Verlierer ...« Fortsetzung von S. 13 Jahr ausgeben müssen. Dass es irgendwann eine Grenze
der Aufnahmefähigkeit gibt, ist doch klar.
ich nicht gern Bürger dieses Staates bin. Irgendwann ZEIT: Wir erleben Sie hier als ruhig sprechenden, zu-
habe ich angefangen, Skate­board zu fahren und die rückhaltenden Mann. Hat es Sie nicht gestört, dass Sie
Haare wachsen zu lassen. Ich war innerlich vollkom- bei Pegida in einer Reihe mit übelsten Hetzern standen?
men gegen diesen Staat. Pegida-Gründer Lutz Bachmann ist inzwischen wegen
ZEIT: Warum hatten Sie dann das Gefühl, 1989 auf Volksverhetzung verurteilt, weil er Flüchtlinge als »Vieh-
der falschen Seite zu stehen? zeug«, »Dreckspack« und »Gelumpe« bezeichnete.
Kluger: Weil ich den Mauerfall als Soldat in Berlin er- Kluger: Ich bin ja nicht zu Pegida gegangen, weil ich
lebt habe. Ich hatte mich für drei Jahre in der Armee alles gut fand, was da gesagt wurde. Da standen auch
verpflichtet. Vollidioten auf der Bühne. Ein Lutz Bachmann ist mir,
ZEIT: Obwohl Sie die DDR ablehnten? wie Sie sich vorstellen können, emotional sehr fremd.
Kluger: Das war der typische, gelernte Opportunismus: Aber es gab eben auch vieles, von dem ich sagte: Gut,
Will ich 100 Mark mehr Stipendium haben? Das wollte dass das endlich mal eine Öffentlichkeit bekommt. Ich
ich. Also habe ich mich entschieden, drei Jahre zur Ar- hatte gehofft, dass sich die moderateren Vertreter durch-
mee zu gehen. Als dann 1989 die Demonstrationen los- setzen. Dass vielleicht mal der Ministerpräsident vor
gingen, sind wir Soldaten auf einen Lkw befohlen wor- Tausenden seiner Bürger spricht. Aber er hat lieber eine
den, es ging zum Schutz von Gebäuden in die Stadt. Gegenveranstaltung organisiert. Die Polarisierung, die
Die Berliner unter uns mussten nicht mitfahren; sie entstand, hat Pegida radikalisiert. Außerdem bin ich
hätten ja auf ihre eigenen Familien treffen können. Ich nicht für jeden verantwortlich, der bei Pegida Parolen
aber musste mit. Ich weiß ich nicht, was ich gemacht brüllt. Und wenn doch, dann fragen Sie bitte genauso
hätte, wenn es Aus­ein­an­der­set­zun­gen gegeben hätte. hart, wer auf einer linken Demo wie bei G20 in Ham-
ZEIT: Wenn Sie hätten schießen müssen, meinen Sie ... burg denn so alles dem schwarzen Block hinterherläuft.
Kluger: ... ich kann jetzt auch nicht sagen: Ich wäre ein ZEIT: An einer Demo teilzunehmen, deren Teilnehmer
Held gewesen und wäre übergelaufen. Ich weiß es ein- Galgen mit der Aufschrift »Reserviert Angela Mutti Mer-
fach nicht. Aber ich habe damals beschlossen: Du hältst kel« tragen, die Schilder hochhalten wie »Alibaba und
nie wieder hinterm Berg mit deiner Meinung. Deshalb die 40 Dealer« – das finden Sie aber unproblematisch?
habe ich mich in der CDU engagiert, deshalb bin ich Kluger: Wissen Sie, was das bedeutet, Alibaba und die
später zu Pegida. 40 Dealer?
ZEIT: Es ist rassistisch. Weil es Araber pauschal zu Dea-
Kluger ist konzentriert, spricht leise, die DDR-Ge- lern erklärt.
Foto: Thomas Victor für DIE ZEIT

schichte geht ihm nahe. Hin und wieder taucht eines Kluger: Falsch. Das Plakat bezog sich konkret auf 40
seiner Kinder im Wohnzimmer auf. Er lässt sich davon Drogendealer, die sich wenige Tage vorher am Haupt-
nicht ablenken. Vor ihm liegen Notizen, mehrere eng bahnhof mit der Polizei geprügelt hatten, kurz festge-
beschriebene Seiten, auf denen er seine wichtigsten setzt wurden und am Abend wieder frei waren. Der
Punkte notiert hat. Ostdeutsche hat wirklich kein Verständnis für so etwas.
ZEIT: Wollen Sie bestreiten, dass Pegida von Anfang an
ZEIT: Sind Sie, abgesehen von der Armeezeit, jemals explizit den Islam als Feindbild hatte?
längerfristig weggegangen aus Dresden? Kluger: Wollen wir jetzt über Islamisierung reden?
Kluger: Nein. ZEIT: Gern.
ZEIT: Warum nicht? eben doch abhängig. Ich bin für Regeln, die sagen: Je- Kluger: In der Tat. Kluger: Dann lesen Sie, was Mathias Döpfner (Vor-
Kluger: Ich bin stolz auf meine Stadt. Hier ist die Säch- der Politiker muss noch einen Beruf haben, auch einige Lars-Detlef ZEIT: Wie soll sie das schaffen? Dafür müssten Aber- standsvorsitzender des Verlagshauses Axel Springer und
sische Schweiz, hier ist das Erzgebirge nicht weit, hier hat
man das Kulturangebot und den Fußballclub Dynamo
Jahre in diesem Beruf gearbeitet haben. Es sollte Amts-
zeitbegrenzungen geben, zwei Legislaturperioden. Auch
Kluger tausende Beamte eingesetzt werden.
Kluger: Es bräuchte nur ein paar Präzedenzfälle. Es gibt
Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsver-
leger, Anm. d. Red.) gerade geschrieben hat.
Dresden – mehr braucht man nicht auf der Welt. für Abgeordnete. Es sollte nur Wahlkreisabgeordnete in Dresden eine Stadtordnung, in der kann jeder lesen: ZEIT: Worauf spielen Sie an?
ZEIT: Sie haben hier auch studiert? geben, keine Parteilisten. Aber das ist gar nicht mein Schmeiße ich eine Zigarettenkippe auf die Straße, Kluger: Er hat geschrieben, dass mit diesem Frankfurter
Kluger: Ja. Lehramt, Geschichte und Deutsch, ich in- wichtigster Punkt. kam in Dresden zur kann mich das 50 Euro Strafe kosten. An jeder Bahn- Gerichtsurteil – das besagt, dass eine kuwaitische Air­
teressiere mich sehr für historische Zusammenhänge. Welt und lebt bis heute haltestelle steht: »Danke, dass Sie hier nicht rauchen.« line Israelis aussortieren darf, bevor sie aus Deutschland
ZEIT: Wenn es hier so schön ist, warum haben Sie dann Kluger blättert in seinen Notizen. Er spricht jetzt schnell. in seiner Geburtsstadt. Und vor dem Schild? Ein Meer an Kippen! Es müsste losfliegt – eine Unterwerfung begonnen habe. Ich den-
Pegida gebraucht? Man merkt: Er möchte unbedingt was loswerden. Der 47-Jährige leitet nur ab und zu jemand vorbeikommen und sagen: Du ke, Herr Döpfner ist clever. Der hat einen Aufhänger
Kluger: Weil es eben Dinge gibt, die mich bewegen! ein Berufsschulzentrum zahlst jetzt 50 Euro. Das würde sich rumsprechen. Wir gesucht, um seinen Konzern nach den gescheiterten
Zwei Gründe hatte ich Ihnen schon genannt. Das Mes- ZEIT: Was ist denn dann Ihr wichtigster Punkt? und unterrichtet Deutsch bräuchten jeden Tag jemanden an mindestens einer Jamaika-Sondierungen in eine andere politische Rich-
sen mit zweierlei Maß. Und das Prinzip Kreißsaal– Kluger: Die Erosion des Rechtsstaates. Ich verehre und Geschichte. Haltestelle, der abkassiert. Und wir bräuchten Medien, tung zu drehen, hin zu mehr Islam- und Merkel-Kritik.
Hörsaal–Plenarsaal. unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. In den Anfangszeiten die darüber berichten. Ich denke, mindestens die Sprin­ ger-­Medien werden
ZEIT: Dass Politiker also direkt von der Uni ins Parla- Dass der Rechtsstaat sein Recht nicht mehr durch- von Pegida nahm er ZEIT: Das ist Ihnen wichtig? deutlich umsteuern.
ment wechseln. setzt, häufig sogar bricht, kann ich gerade deshalb an Versammlungen und ­ Kluger: Das Problem ist umfassend. Ich habe neulich ZEIT: Sie glauben, das ist kalkuliert?
Kluger: Der Politiker absolviert sein Studium, wenn nicht akzeptieren. Demonstrationen teil eine Geschichte gehört: Ein Mann hat einem anderen Kluger: Ja klar. Der Zug soll jetzt in eine andere Rich-
überhaupt, wird dann für ein paar Monate als Referent ZEIT: Sie spielen auf die Flüchtlingspolitik an. mit einer abgebrochenen Glasflasche das Gesicht zer- tung fahren. Sie werden bald sehen, dass Springers Welt
in einem Ministerium geparkt und wird schließlich Kluger: Das beginnt schon bei viel banaleren Dingen! schnitten. Täter und Opfer leben im selben Dorf. Das anders berichtet. Man sieht es meiner Meinung nach
Abgeordneter. Und wenn er bis zum Abgeordneten- Bei der Verwahrlosung der Innenstädte zum Beispiel. Verfahren gegen den Täter kann aber nicht beginnen, jetzt schon.
mandat ein solches Leben geführt hat, wird er alles da- ZEIT: Was hat der Rechtsstaat damit zu tun? weil die Justiz mit dem Thema Asyl so stark belastet ist. ZEIT: Sie glauben, Journalisten würden aufgrund ei-
ransetzen, im System zu bleiben. Das hat Auswirkun- Kluger: Na, dass nichts gegen diese Verwahrlosung Und nun traut sich das Opfer nicht mehr in sein eige- nes politischen Kalküls ihres Medienhauses Merkel
gen auf die Frage: Welche Konflikte gehe ich ein? Bin getan wird. nes Dorf. Ich bin wirklich bereit, Geduld aufzubringen hoch- oder runterschreiben? Und für oder gegen den
ich bereit, meine Po­si­tion durchzusetzen? Nehme ich ZEIT: Sie finden, dass ausgerechnet Dresdens Innen- für rechtsstaatliche Verfahren. Aber diese Verfahren Islam berichten?
Risiken auf mich? stadt verwahrlost? müssen dann auch funktionieren. Deshalb muss man Kluger: Es geht darum, welche Themen es in die Zei-
ZEIT: Es gibt viele Politiker, die große Risiken auf Kluger: Gehen Sie mal aus meinem Wohnhaus hier auf das Personal massiv aufstocken. tung schaffen. Man kann durch Themensetzung die
sich nehmen und ein entbehrungsreiches Leben füh- die Straße. Schauen Sie sich den nächsten Laternenpfahl ZEIT: Sind Sie für ein Recht auf Asyl? Be­richt­erstat­tung beeinflussen. Machen wir es doch
ren. Allein die unzähligen Abende, die man bei Sit- an. Aufkleber irgendwohin zu kleben ist Sachbeschädi- Kluger: Selbstverständlich. konkret.
zungen verbringt, die Wochenenden. Ein Politiker gung. Aber Sie lächeln jetzt, denn über so was sprechen ZEIT: Aber auch für eine Obergrenze?
hat keinen Feier­abend. wir gar nicht mehr, das haben wir schon akzeptiert. Kluger: Ja. Es ist von der Regierung bestätigt, dass wir Kluger holt sein Smart­phone aus der Tasche und fängt
Kluger: Ich weiß das, ich saß selbst eine Zeit lang für ZEIT: Sie verlangen, dass die Polizei sich um Sticker an für Asylbewerber – ich sage bewusst nicht Flüchtlinge, an vorzulesen: Schlagzeilen von der Web­site der Zeitung
die CDU im Stadtrat. Aber viele sind von der Politik Laternen kümmert? weil das undifferenziert ist – 30 Mil­liar­den Euro im »Die Welt«. Er lässt sich nicht unterbrechen.

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4. DEZEMBER 2017 No 50 DOSSIER 15

»Geben Sie der AfD doch Zeit. Ihr wird keine Chance eingeräumt,
zu einer normalen Partei zu werden. Die Grünen durften das«
Kluger: »Friedrich Merz fordert Abkehr von Merkels zugutegehalten, er wolle die Gesellschaft positiv ver­ ZEIT: Stimmt. Ein Fußballer und ein Boxer aus dem ZEIT: Aber einen vollendet integrierten Deutschtür­
Politik«, »BKA soll neue Terrorismusabteilung bekom­ ändern. Ist ja auch klar: Zu sagen, wir machen Ener­ Osten, die zu gesamtdeutschen Identifikationsfiguren ken, einen Mann wie Cem Özdemir, der sogar hier
men«, »Merkel ist zu dem geworden, was niemand er­ gie jetzt aus Wind und nicht mehr aus Kernkraft – geworden sind. geboren ist – betrachten Sie den noch als Zuwanderer?
wartet hätte: ein Opfer«, »AfD setzt U­ nion bei Fa­mi­lien­ das klingt traumhaft. Nur dumm, wenn kein Strom Kluger: Also, auf Maske und Ballack wäre ich jetzt als Kluger: Er war es, der von Pegida als Mischpoke gere­
nac­hzug unter Druck«, »Eine Veränderung mit Merkel mehr aus der Steckdose kommt. Die Stadt Dresden Prototypen für unsere Ostmänner nicht gekommen. det hat. Wer andere als »Misch­poke« beschimpft, ist
ist nicht möglich«. lässt den Katastrophenschutz diesen Ernstfall bereits Ich denke eher an die Revolutionäre. Herbert Wagner, für mich nicht integriert. Ein hebräisches Wort für
ZEIT: Sie sagen also, es beginnt eine Anti-Merkel- trainieren – wegen der Energiewende. Was der der sich 1989 in der Gruppe der 20 eingebracht hat, »Familie« wird zur Diffamierung benutzt. Das war
Kampagne. Marsch der 68er durch die Institutionen gebracht also zu jenen Bürgern gehörte, die mit der SED über dem unbedachten Anti­semi­tis­mus nahe.
Kluger: »Stichprobenkontrollen an Flughäfen decken hat, kann ich tagtäglich beobachten. Meine Frau hat die Forderungen der Demonstranten verhandelten – ZEIT: Sie übertreiben.
tausend illegale Einreisen auf«. Soll ich weitermachen? fünf Kinder bekommen, jetzt studiert sie mit 40 und der für die CDU Dresdens erster Nachwende- Kluger: Nein. Komischerweise hat niemand anders
Ich lese die Welt jeden Tag. Eine solche Häufung, mi­ noch einmal Grundschullehramt. Es gibt zwei Päda­ Oberbürgermeister wurde. Oder Arnold Vaatz. Der den hebräischen Begriff Misch­poke als Beschimpfung
gra­tions­
kri­tisch und merkelkritisch, habe ich noch gogikseminare – nur zwei Seminare, in denen sie ler­ war ein Bürgerrechtler, der seinen Weg auch nach in den Mund genommen.
nicht erlebt. Ich denke, da werden durch die Springer- nen soll, vor Schülern zu stehen! Das eine befasst sich 1990 gegangen ist. Erst war er Minister in Sachsen, ZEIT: Herr Kluger, in Dresden besteht auf Jahrzehnte
Presse Themen lanciert. Bald ziehen alle anderen nach, mit Gender und das andere mit Armut. Darüber heute ist er Bundestagsabgeordneter. keine Gefahr, dass Muslime hier auch nur ansatzweise
werden Sie sehen. wundere ich mich schon. ZEIT: Was halten Sie von Joachim Gauck? die Mehrheit bilden könnten. Wieso ist Pegida ausge­
ZEIT: Wir schreiben doch nicht anders, weil Mathias ZEIT: Entschuldigung, Herr Kluger, aber auf uns wirkt Kluger: Den finde ich in Ordnung. Ein Ostdeutscher, rechnet hier entstanden?
Döpfner etwas gesagt hat. Aber das bekommen wir oft Ihre Geschichte vom linksdurchsetzten Land doch et­ der sich aus dem Bürgerrechtler-Zusammenhang zum Kluger: Der Dresdner Politikprofessor Werner Patzelt
zu hören bei Pegida und der AfD: dass wir nicht schrei­ was schal. Gerade in der ostdeutschen Provinz haben Bundespräsidenten entwickelt hat, ja. hat mal die Antwort gegeben: Wir dürfen auch gegen
ben dürfen, was wir wollen. Dass wir Themen von­ wir in den Neunzigern rechtsfreie Räume erlebt – weil ZEIT: Und Wolf Biermann? die Abholzung des Regenwalds demonstrieren, selbst
einem kleinen Kreis von Entscheidern vorgegeben be­ Rechte dort tun konnten, was sie wollten. Neo­nazis Kluger: Ja! Ich habe eines seiner Lieder auf dem wenn wir keinen Regenwald in Dresden haben.
kommen. Zumindest uns hat Angela Merkel noch nie verprügelten weitgehend ungestört Linke und Mi­gran­ Smart­phone. Ich lese es mir manchmal durch, dann
montagmorgens anrufen lassen, um mitzuteilen, worü­ ten. Wir haben es teilweise am eigenen Leib erfahren. geht es mir besser. Es heißt Ermutigung. »Du, lass dich Seit Stunden sitzen wir nun mit Kluger zusammen, es
ber wir diese Woche zu berichten haben. Bei uns hat Aber selbst Kurt Biedenkopf sagte: Die Ostdeutschen nicht verhärten in dieser harten Zeit. Die allzu hart ist dunkel geworden, der Kuchen auf dem Tisch wurde
auch noch nie ein Vorgesetzter eine bestimmte politi­ sind immun gegen Rechts­extre­mis­mus. Kaum einer hat sind, brechen, die allzu spitz sind, stechen und bre­ kaum angerührt. Klugers Frau kommt ins Wohnzim­
sche Haltung bestellt. widersprochen. chen ab sogleich.« mer und sagt, sie müsse gleich zu einer Abendveranstal­
Kluger: Aber ich denke, dass viele Journalisten sich ei­ Kluger: Natürlich muss Rechtsextremismus bekämpft ZEIT: Sie können es auswendig. tung. Das ist das Zeichen, zum Ende zu kommen. Auch
nem Main­stream anpassen, auch unterbewusst einfach werden – wie jede Form des Extremismus. Trotzdem Kluger: »Du, lass dich nicht verbittern in dieser bittren wenn Kluger, wie er versichert, gerne noch stundenlang
mitschwimmen. habe ich ein anderes Gefühl als Sie. Ich reflektiere Zeit. Die Herrschenden erzittern – sitzt du erst hinter weitersprechen würde.
ZEIT: Wir auch? Warum treffen Sie sich mit uns? das, was ich erlebe und seit den Neunzigern in der Gittern – doch nicht vor deinem Leid.« Genau.
Kluger: Ich sag es mal hemdsärmelig: Ich habe nicht Tagesschau sehe. ZEIT: Kann man das auch heute noch rufen? ZEIT: Herr Kluger, Sie haben fünf Kinder, Ihre älteste
den Eindruck, dass Sie mich in die Pfanne hauen­ ZEIT: Schämen Sie sich als Geschichtslehrer eigentlich Kluger: Nee. Heute müssen wir nicht hinter Gitter. Tochter ist bald volljährig. Streiten Sie manchmal?
wollen. für Männer wie Björn Höcke? Dafür, dass in der AfD ZEIT: Das werfen wir der AfD und Pegida vor: dass Kluger: Es kann schon mal sein, dass wir diskutieren,
ZEIT: Sondern? Platz ist für jemanden wie ihn? sie suggerieren, eine neue Diktatur stehe sozusagen weil morgens im Deutschlandfunk ein Beitrag läuft,
Kluger: Ich habe gelesen, was Sie so schreiben. Ich habe Kluger: Es ist unerhört, wenn Höcke das Berliner vor der Tür. Uns, die wir so sehr von der Demokratie der sie aufregt, oder eher mein Kommentar dazu. Es
den Eindruck, dass auch Sie sagen: Es war nicht alles Holo­caust-­Mahn­mal als eine Schande bezeichnet. Das profitieren, macht das wütend! Warum gestehen Sie ist als 17-jähriges Mädel aber nicht so leicht, mit mir
ausreichend differenziert in den letzten drei Jahren, und Mahnmal ist keine Schande, sondern ein angemesse­ der AfD diesen Unsinn zu? zu streiten ...
wir wollen uns um Differenziertheit bemühen. ner Umgang mit unserer Geschichte, auf den ich stolz Kluger: Ich gestehe denen das nicht zu. Im Großen ZEIT: Weil Sie so gerne recht behalten!
ZEIT: Dürfen wir Sie mal etwas fragen, das uns beson­ bin. Das versuche ich auch meinen Schülern zu ver­ und Ganzen glaube ich nicht, dass wir gefährdet sind, Kluger: (lacht) Ja, stimmt! Aber auch, weil man einfach
ders interessiert, weil es uns persönlich betrifft? mitteln: den Stolz darauf, dass wir nach 1945 Auf­ eine Diktatur zu werden. Die Bundestagswahl hat zu wenig weiß mit 17. Diese Ge­ne­ra­tion liest nicht
Kluger: Ja. arbei­tungs­welt­meis­ter geworden sind. Wie wir mit den eher dazu geführt, dass wir demokratischer werden. viel. Die jungen Leute gucken sich auf ihren Smart­
ZEIT: Wir standen selbst inmitten von Pegida-Demos,
als Be­richt­erstat­ter. Wir waren schockiert, als da »Lü­
dunklen Stellen in unserer Geschichte umgehen. Aber
auch, dass unsere Geschichte nicht nur aus den Jahren Martin Zwar kenne ich selbst Leute, die ihren Arbeitsplatz
verloren haben, weil sie zu Pegida gegangen sind. Und
phones irgendwas an, aber eher keine Artikel. Meine
Tochter fühlt sich links, das ist für mich in Ordnung!
genpresse« skandiert wurde. Haben Sie auch »Lügen­
presse« gerufen?
1933 bis 1945 besteht. Was für ein Grundgesetz wir
aus den Lehren unserer Vergangenheit entwickelt ha­
Machowecz wenn Hans Müller-Steinhagen, der Rektor der TU
Dresden, per Brief seinen zum Teil befristet beschäf­
Mein Sohn, der 15 ist, hat übrigens einen anderen An­
satz als seine Schwester.
Kluger: Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß, dass ich ben, ist wunderbar. Es ist falsch, was Höcke sagt. tigten Mitarbeitern und seinen Studenten vom Be­ ZEIT: Welchen?
»Wir sind das Volk« gerufen habe und dass ich »Volks­ Trotzdem muss man akzeptieren, dass er sich nicht such von Pegida abrät – dann geht das gar nicht. Bei­ Kluger: Er denkt darüber nach, Polizist zu werden. Da
verräter« nicht gerufen habe. strafbar gemacht hat. wurde in Meißen geboren des ist passiert. Aber ich habe nicht den Eindruck, fängt man an, die Dinge anders zu reflektieren. Wie
ZEIT: Weil Ihnen das zu plump war, zu pauschal böse? ZEIT: Nicht alles, was nicht strafbar ist, muss eine Par­ und wuchs dort auf. dass solche Einzelerscheinungen unser Land an den man als Polizist dastünde. Ob man Wertschätzung er­
Kluger: Ja. tei auch dulden. Heute leitet der Rand einer Diktatur bringen. führe. Was einem als Polizist alles passieren könnte.
ZEIT: »Lügenpresse« ist also ein Grenzfall. Kluger: Geben Sie der AfD doch Zeit. Ihr wird gar 29-Jährige das Leipziger ZEIT: Es gibt keine subtile Repression, darauf können ZEIT: Was würde geschehen, falls Ihre Tochter mal in
Kluger: »Lügenpresse« ist nicht berechtigt. keine ­Chance eingeräumt, zu einer normalen Partei zu Büro der ZEIT wir uns einigen? ein Multikulti-Viertel im Westen ziehen wollte, nach
ZEIT: Deswegen hat Frauke Petry einst das Wort »Lü­ werden. Die Grünen durften das in den Achtzigern, die Kluger: Ich denke, durch schlecht gemachten Journa­ Hannover-Linden oder Köln-Ehrenfeld?
ckenpresse« erfunden, um uns Journalisten nicht direkt sind auch gegen das System angetreten, konnten sich lismus mag es gefühlte Sprechverbote ge­geben haben. Kluger: Ich würde das für keine gute Idee halten. Ich
der Lüge zu bezichtigen, sondern nur des bewussten aber entwickeln. Da konnte ein Steinewerfer und Poli­ Jetzt nicht mehr. würde ihr sagen, dass selbst Frau Merkel Multikulti für
oder unbewussten Auslassens. zistenprügler Minister werden, erst Umweltminister in ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, in einem Viertel gescheitert hält. Aber wenn sie sich das gut überlegt
Kluger: Ich nutze meine Ihnen nun schon bekannte Hessen, später sogar Außenminister. mit hohem Migranten-Anteil zu leben, sagen wir: hat, ist die Entscheidung meiner dann erwachsenen
Formulierung, die ich besser finde: Messen mit zweier­ ZEIT: Anders als die AfD haben die Grünen nie gegen Berlin-Neukölln? Tochter natürlich zu akzeptieren.
lei Maß. Das sorgt für Lücken in der Be­richt­erstat­tung. Minderheiten gehetzt. Kluger: Ich lebe lieber in Dresden. Und ich sehe, was ZEIT: Millionen Menschen sind aus dem Osten weg­
ZEIT: Welche Medien konsumieren Sie? Kluger: Ich muss Sie nicht daran erinnern, mit welchen dezidiert linke Menschen an Orten wie Berlin-Neu­ gezogen seit 1990, vor allem die jungen, gut ausge­
Kluger: Ich lese nicht so viele überregionale Zeitungen. Vorstellungen zur Freigabe von Sex mit Kindern die kölln tun, wenn ihre Kinder ins schulfähige Alter bildeten.
Ich sitze zweimal 17 Minuten täglich im Bus, auf dem Grünen in den Bundestag eingezogen sind. Die Familie kommen. Just in dem Moment sagen sie: Oh, jetzt Kluger: Mein Bruder zum Beispiel, der lebt jetzt in
Weg zur Arbeit und auf dem Weg zurück. Da lese ich muss zerstört werden, damit der Staat die Kinder gut muss ich wegziehen aus Neukölln, damit mein Kind Baden-Württemberg.
zuerst meine regionale Zeitung. Und ich lese für etwa erziehen kann – wie finden Sie das? auf eine Schule kommt, in der es nicht in der Min­ ZEIT: Glauben Sie, der Osten wäre eine andere Gesell­
zehn Minuten die Welt. Seit Sie mich um dieses Inter­ ZEIT: Nicht gut. Allerdings war bei Weitem nicht die derheit ist! schaft, wenn diese jungen Leute hiergeblieben wären?
view gebeten haben, schaue ich auch hin und wieder in Mehrheit der Grünen dieser Ansicht. ZEIT: Einer von uns beiden Interviewern lebt in Kluger: Nee! Auf gar keinen Fall. In meinem Fami­
die ZEIT. Insgesamt habe ich bei allen Medien densel­ Kluger: Aber die Mehrheit der AfD soll wie Höcke Neukölln. Es gibt dort einen Kioskbesitzer, der fährt lien­um­feld, in meinem Freundeskreis sind ganz un­
ben Eindruck: Bis Mitte 2015 war die Be­richt­erstat­ sein? Die Demokratie ist gerade erweitert worden, um ein großes Motorrad. Ein Deutschtürke, großer, brei­ terschiedliche, viele schlaue Menschen. Handwerker,
tung unausgewogen, jetzt ist sie deutlich differenzierter. ein Angebot, das viele Jahre lang gefehlt hat. Die De­ ter Schrank, dicke Ober­arme, Vollbart, Muslim. Der So­zial­pä­da­go­gen, Verwaltungsangestellte, viele Leh­
ZEIT: Vom rechten Rand heißt es ja immer wieder, mokratie wird von ganz alleine eine Normalisierung sagt, er ist mit seinem Motorrad nur innerhalb Ber­ rer. Es ist ja nicht so, dass nur die dageblieben wären,
die Presse sei durch und durch links. Dem wollen wir dieser Partei erzwingen. lins unterwegs. Warum nicht in Brandenburg? Da die nichts draufhaben. Es haben auch nicht nur Ver­
etwas entgegenstellen. Schon 2007 hat der Spiegel ein ZEIT: Und am Ende wird Björn Höcke Außenminister? kann man super Motorrad fahren! Und er antwortet lierer AfD gewählt!
Cover veröffentlicht mit dem Brandenburger Tor bei Kluger: Das können wir uns jetzt nicht vorstellen, oder? nur: Ich fahr doch nicht in den Osten. Da werde ich ZEIT: Wissen Sie, wir ärgern uns manchmal über
Nacht, darüber ein Halbmond, die Titelzeile lautete: ZEIT: Nein, wirklich nicht! fertiggemacht. Neuköllner trauen sich nicht in den Männer der älteren Ge­ne­ra­tion. Wir sind so stolz auf
»Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung«. Die Osten und Ossis nicht nach Neukölln. Was ist da unsere Vorfahren, die es geschafft haben, einen Staat
AfD-Gründer Alexander Gauland und Konrad Adam Inzwischen hat sich das Gespräch, das anfangs ein sorg­ schiefgelaufen? niederzukämpfen ...
schrieben viele Jahre für große deutsche Blätter. Es sames Tasten nach Haltungen war, in eine harte Aus­ein­ Christian Kluger: Heinz Buschkowsky, der ehemalige Bezirks­ Kluger: ... die erste gelungene Re­vo­lu­tion auf deut­
gibt heute Zeitungen mit allen politischen Positio­
nen. Dass es nur linke Journalisten gäbe, kann doch
an­der­set­zung verwandelt. Was und wen Kluger ablehnt,
ist deutlich geworden. Gibt es eigentlich Menschen, die Bangel bürgermeister dort, beschreibt die gescheiterte In­te­gra­
tion in seinen Büchern deutlich. Neukölln ist nicht
schem Boden!
ZEIT: Aber alle reden nur noch darüber, dass wir Ossis
keiner behaupten. Vorbilder für ihn sind? das, was ich mir unter In­te­gra­tion vorstelle. In­te­gra­ wütend sind. Verstehen Sie, dass viele Jüngere deshalb
Kluger: Behauptet auch keiner. Aber es gibt Umfragen tion ist für mich immer, dass sich eine Minderheit in wiederum ein bisschen sauer sind? Es gibt nämlich
zum Wahlverhalten von Journalisten. Die zeigen: ZEIT: Was uns als ostdeutsche Nicht-AfD-Wähler fast ist Chef vom Dienst eine Mehrheit integriert. Wenn man In­te­gra­tion ernst auch eine neue Ge­ne­ra­tion Ostdeutscher. Die würde
Rot-Grün ist deutlich überrepräsentiert. Das ist eine ein wenig belustigt hat, Herr Kluger, ist der Umstand, bei ZEIT ONLINE. nimmt, dann ist das ein Prinzip, das man auch im auch gern mal über ihren positiveren Blick sprechen,
ziemlich gute Erklärung für mein Gefühl, dass linke dass viele Ossis AfD wählen – aber von Höcke über Soeben veröffentlichte Kleinen verfolgen muss. darüber, was alle Ostdeutschen nach 1990 erlebt und
Entwicklungen beklatscht werden und konservative Gauland bis A ­ lice Weidel lauter westdeutsche Funktio­ der 38-Jährige ZEIT: Was heißt das? geschafft haben. Aber ständig wird nur über die Wut­
Entwicklungen kritisiert. näre vorgesetzt bekommen. den Roman Kluger: Ich möchte keine Stadtviertel mit Mehrheits­ bürger geredet.
ZEIT: Schon wir zwei Interviewer sind politisch in vie­ Kluger: Frauke Petry ist Ostdeutsche, und dass sie aus­ Oder Florida über verhältnissen, bei denen In­te­gra­tion nicht stattfinden Kluger: Mich ärgern andere Dinge. Mich ärgert, dass
len Fragen unterschiedlicher Ansicht. scheidet, war ja nicht geplant. seine Heimatstadt kann. Ich möchte keine einzige Straße und auch keine die ostdeutsche Revolutionsleistung von 1989 ver­
Kluger: Das ist gut. »Meute« und »Mob« schreibt heute ZEIT: Empfinden Sie eine gewisse Freude, wenn je­ Frankfurt (Oder) einzige Schule, wo diejenigen, die sich in unsere Gesell­ gessen wird. Da haben wir versagt, es gibt keine ge­
keiner mehr über Pegida – obwohl die verbliebenen mand aus dem Osten einen Aufstieg geschafft hat? schaft integrieren müssen, in der Mehrheit sind. Und samtgesellschaftliche Aufarbeitung. Gehen Sie in
2000 Leute inzwischen ganz sicher nicht mehr die Breite Kluger: Nee. ich möchte auch nicht, dass ein Sportverein eine kom­ Dresden mal auf die Prager Straße, und suchen Sie
der Bevölkerung darstellen. Es wird wieder mehr jour­ ZEIT: Ist es Ihnen egal, wenn Toni Kroos zum bestim­ plette Flüchtlingssportgruppe eröffnet. Ich möchte, das versteckte Relief für die Gruppe der 20. Findet
nalistischen Standards gefolgt. Ganz vorbei ist es aber menden Spieler in der deutschen Fußball-Nationalelf dass sich im Verein die Minderheit in die Mehrheits­ kein Mensch! Stattdessen restaurieren wir das riesige
noch nicht. Im Wahlkampf, als Angela Merkel ausge­ wird? Oder wenn Jan Josef Liefers oder Wolfgang gesellschaft integriert. Dann, bin ich der Meinung, sozialistisch-realistische Wandbild am Kulturpalast,
pfiffen wurde ... Stumph tragende Rollen in Fernsehkrimis spielen? kann das funktionieren. mit Walter Ulbricht und Lenin, wegen dessen Boden­
ZEIT: ... Entschuldigung, aber Merkel wurde übelst Kluger: Ich weiß gar nicht, wieso, aber dafür habe ich ZEIT: Wir Ostdeutschen können ja zusammen mal reform Millionen Menschen verhungerten. Mit Ham­
beleidigt ... wirklich keine Emotionen. Mein Lieblingsspieler ist ein Gedankenspiel machen. Auf Gesamtdeutschland mer und Zirkel im Ährenkranz. Mit Sowjetstern. Im
Kluger: ... aber wissen Sie, wie oft ich Leute gehört Sami Khedira. Toni Kroos würde ich überhaupt nicht betrachtet, sind wir in der Minderheit. Müssten wir Herzen unserer Stadt.
Fotos [M]: Robert Strehler, Maurice Weiss (v. o.)

habe, die in den Neunzigern laut »Kohl muss weg« mit dem Osten in Verbindung bringen. Kommt der da nicht gerade Verständnis für andere Minderheiten ZEIT: Geht uns anders. Wir sind auch stolz auf die
brüllten? Eine Menge war das, die benutzte Trillerpfei­ von hier? haben? Und hat nicht auch der ostdeutsche Mann Re­vo­lu­tion. Aber wir haben manchmal den Eindruck,
fen, um Veranstaltungen zu stören. Ich habe das hier ZEIT: Aus Greifswald. die Pflicht, sich zu integrieren und die gesamtdeut­ die Erinnerung an die DDR soll aus dem Stadtbild
vor der Frauenkirche mehrfach erlebt. Kohl wurde da­ Kluger: Interessant. Nein: Ich freue mich eher über sche Realität anzuerkennen, die nun einmal heißt: getilgt werden. In Berlin wurde der Palast der Re­pu­blik
mals genauso beschimpft wie Merkel heute. Das gehörte jeden, der in irgendeiner Art und Weise gegen die Es gibt in diesem Land eine nennenswerte Zahl an abgerissen, stattdessen erbaut man das Stadtschloss aus
aber zum Ritual, war angeblich lustig – und außerdem DDR aufbegehrt hat. Und jetzt immer noch dabei Zuwanderern? der Kaiserzeit neu. Provokant gesagt: Das will die AfD
links. Deshalb in Ordnung. Merken Sie was? ist. Von denen, die Sie aufgezählt haben, interessiert Kluger: Wenn Sie diese These vertreten, dann wird die ja auch. Ein Deutschland, in dem noch Werte und
ZEIT: Sie glauben also, die 68er haben die Kontrolle mich nur Wolfgang Stumph. Der hat Kabarett ge­ AfD immer stärker. Sie werden sehen, dass es in Ost­ Normen gelten, Hierarchien und Anstand!
übernommen. Das Motto ist: Was links ist, ist gut? macht, im Kampf gegen die Zensur. Sie haben ja mal deutschland eine gesamtgesellschaftliche Mehrheit Kluger: Wer will denn ins Kaiserreich? Mir würde
Kluger: Jedem, der konservativ ist, wird eine Nähe zu über Michael Ballack und Henry Maske als Ostmän­ gibt, wenn Sie die Leute fragen, ob sie Zuwanderung das Deutschland aus der Zeit von Helmut Kohl
Verbrechern unterstellt. Jemandem, der links ist, wird ner geschrieben. nur in Maßen haben wollen. schon reichen.
16 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50

ZEIT-Autoren haben nachgefragt, wie es mit Menschen (und


einem Panda) weiterging, über die sie in diesem Jahr berichteten Was wurde
... Alex, dem
Roma-Jungen?

D
ie Dortmunder Nordstadt. 60 000 Menschen
aus 150 Nationen, höchste Arbeitslosenquote
der Stadt, niedrigste Wahlbeteiligung auch.
Jedes zweite Kind lebt von So­zial­leis­tun­gen. Kein schö-
ner Ort, um aufzuwachsen.
Im Laufe einer Recherche in diesem Stadtviertel
trafen wir im Frühjahr Alex, 12, einen Roma-Jungen,
der kurz zuvor mit seiner Familie aus Rumänien herge-
zogen war. Die sechsköpfige Familie hauste mit rund
200 anderen Roma in einem heruntergekommenen
Haus, nachts huschten Ratten durch die viel zu kleine
Wohnung. Alex, ein kluger, höflicher Junge, der Zweiter
bei der rumänischen Mathe-Olympiade geworden war,
hatte kaum Platz für seine Hausaufgaben. Das Bett
teilte er sich mit seinem Bruder. Er wünschte sich vor
allem eines: eine andere Wohnung.
Nach Erscheinen des Artikels meldete sich ein Unter-
nehmer aus der Pfalz. Er bot an, eine Wohnung für die
Familie zu suchen, Maklergebühren zu übernehmen, die
ersten Mieten und die Einrichtung zu bezahlen. Wochen-
lang telefonierte ein Mitarbeiter des Unternehmers mit
Dortmunder Immobilienfirmen. »Sobald ich erwähnte,
dass es sich um Roma handelt, antworteten alle, dass sie
nichts haben«, sagt der Mitarbeiter heute. Die Re­ak­tion
sei immer die gleiche gewesen. Irgendwann gab der Mit-
arbeiter auf. Alex’ Hoffnungen auf ein neues Zuhause
haben sich zerschlagen. MORITZ AI S S LING E R

... Markus Engels,


der Martin Schulz beriet?

D
er beste Tag in diesem Jahr und der schlech-
teste fallen für Markus Engels auf dasselbe
Datum. Es ist der 25. Juni, SPD-Parteitag in
Dortmund. Engels ist Wahlkampfmanager von Mar-
tin Schulz, der engste Vertraute des Kandidaten. Er
hat den ­Hype um Schulz ebenso aus nächster Nähe
miterlebt wie den Absturz in den Wochen danach. In
Dortmund soll nun das SPD-Wahlprogramm verab-
schiedet werden. Es wird sich zeigen, ob sich Engels’
zahl­lose Gespräche und Telefonate gelohnt haben:
Foto: Moritz Küstner für DIE ZEIT/Agentur Focus

Steht die Partei weiterhin hinter ihrem Kandidaten?


Am Ende votieren alle Delegierten für das Programm,
hundert Prozent Zustimmung. Hoffnung keimt, dass
die Wahl doch noch nicht verloren ist. Die Jesidinnen
Als das Ergebnis verkündet wird, fällt von Engels aller Düzen Tekkal (l.) und
Stress ab, fluten ihn die Endorphine. Dann wird ihm Necla Mato (r.)
schwindelig. Die Beine sacken weg, er spürt, wie die setzen sich dafür ein,
Taubheit in ihn hineinkriecht. Ein untrügliches Zeichen: dass die Taten des IS
Die Krankheit, die ihn seit 30 Jahren quält und über die gesühnt werden
er detaillierter nicht sprechen will, schlägt wieder zu. Am
nächsten Tag ist Engels beim Arzt, am Tag darauf im
Krankenhaus. Zurückkehren wird er erst am 24. Septem-
ber, dem Wahltag. Als alles verloren ist.

... der Jesidin, die ihre Familie verlor?


Mit seinem Ausfall macht Engels zum zweiten Mal
in diesem Jahr Schlagzeilen. Beim ersten Mal, im Fe-
bruar, gleich nach Schulz’ Ausrufung, ging es um den
Brüsseler Verwaltungsdschungel, um undurchsichtige
Vertragskonstruktionen und um Zulagen von mehr als
2000 Euro monatlich, die Engels als Mitarbeiter des

W
EU-Parlaments-Präsidenten Schulz angeblich zu Un-
recht bezogen hatte. Auch die ZEIT berichtete. Die er die Hölle überlebt hat, darf Schule, wo sie und ihre Leute festgehalten worden zu dokumentieren. Die 39-Jährige, geboren in ermordete Mutter. Auf Kurdisch ruft sie: »Wo bist
EU-Verwaltung widersprach den Vorwürfen, doch an nicht zurückschauen. So kennen waren, ehe die Hölle losbrach. Sie wollte unbe- Hannover, Kind türkischer Einwanderer, ist keine du?« Dann auf Deutsch, direkt in die Kamera:
Engels blieb was hängen. die Europäer es aus dem Mythos: dingt hierher zurück. Warum? Hasardeurin. »Je mehr ich recherchierte und mit »Ich bin stärker als der IS!«
Schulz und Engels, der 61-jährige Aache­ner und Wer sich umwendet und einen Düzen Tekkal, eine jesidische Filmemacherin, Necla redete, desto größer wurde unsere Angst. Necla Mato wirkt anders als bei unserem Tref-
der 50-jährige Duisburger, kennen sich seit 17 Jahren, Blick zurück wirft, fällt der Hölle für immer an- erfüllte ihr den Wunsch und begleitete sie. Tekkal Aber je näher wir dem Ort des Geschehens kamen, fen im Sommer. Da sprach sie leise, fast unhörbar.
aus jener Zeit, als die Bundestagsabgeordneten an der heim. Und in Wirklichkeit? Für Necla Mato aus war ursprünglich gegen diese Reise: zu gefährlich. desto kleiner wurde die Angst.« Gefährlich sei, was Eine zarte, schon leicht ergraute Frau. Jetzt, in
EU-Grundrechtecharta mitarbeiteten und Engels, ein dem Nord­irak ist der Ort des größten Grauens Denn Mossul, die nahe IS-Hochburg, wurde im sich im Kopf abspiele. »Das muss man besiegen!« Kocho, droht sie ihren Peinigern. Sie will die Un-
Politikwissenschaftler, sie dabei beriet. Seit 2011 ge- ihr Heimatdorf Kocho. Dort verübte der »Isla- Juli erst befreit. Alle Partner vor Ort, sagt Tekkal, Auf dem Filmmaterial aus Kocho, das Tekkal taten bezeugen und gegen die Täter aussagen. Das
hört Engels zur Clique der Schulz-Boys; er wurde mische Staat« vor drei Jahren das schlimmste hätten abgeraten. »Kocho ist jetzt Niemandsland. in diesen Tagen schneidet, sieht man Necla Mato ist ihr wichtig, auch wegen zweier Cousinen, die
Schulz’ Schattenmann. Sein wichtigster Organisator Massaker an den Jesiden. Über 1400 Menschen Es liegt auf dem Gebiet der sunnitischen Kurden, laut weinend durch das zerschossene Foyer der im Film auftreten: Sie gerieten 2014 mit acht und
und Ideen­geber, sein offenster Kritiker. Wenn sich alle wurden erschlagen, erschossen, enthauptet. wird aber kontrolliert von den schiitischen Haschd Schule laufen. Wehklage und Anklage brechen zwölf Jahren in die Hand des IS, waren als Sex-
Türen hinter Schulz schließen, bleibt Engels an seiner Säuglinge an der Wand zerschmettert. Und junge al-Schaabi, den Regierungstruppen des Irak.« aus ihr heraus. Sie schreit das Leid ihrer 45 toten sklavinnen in Mossul gefangen bis zum Juli 2017.
Seite. Das war so, bevor ihn seine Krankheit außer Frauen wie Necla, damals 24, die das Pech hat- Außerdem sei das Dorf noch vermint. »Aber ich Familienmitglieder zum Himmel. Sie trägt es vor Düzen Tekkals Film wird Jiyan heißen, das kur-
Gefecht setzte. Es ist wieder so, seitdem er zurück ist. ten, zu überleben, wurden versklavt. glaube, Necla wollte zeigen: Ich habe überlebt.« die wenigen Überlebenden, die sich – am Jahres- dische Wort für Leben. Am 19. Dezember zeigt sie
In Engels sehen manche in der Parteizentrale einen Was das heißt, erzählte sie Anfang August in Für Düzen Tekkal war es die neunte Reise an tag des Massakers – hergewagt haben und nun im ihn in New York bei den Vereinten Nationen. Er
Helden, der als Familienvater einen sicheren Beamten- der ZEIT. Keine zwei Wochen später stand Necla die Stätten des Genozids. Seit 2014 war sie immer Schutt sitzen. Sie berührt schließlich eines der handelt davon, dass man sich aus dem Dunkel
posten bei der EU kündigt, um sich auf eine wenig aus- Mato zum ersten Mal wieder in Kocho, in jener wieder im Nord­irak, um das Schicksal der Jesiden Porträtfotos, die die Wände bedecken, es zeigt ihre zurückkämpfen kann ans Licht. EVE LYN FING E R
sichtsreiche SPD-Kampagne einzulassen, die mit einem
Desaster endet und für die er mit seiner Gesundheit
bezahlt. Die anderen halten ihn für arrogant, selbstherr-

... einem der Polizisten vom G20-Gipfel?


lich, herrisch – einen politischen Zerberus, der jeden
wegbeißt, der direkten Zugang zu seinem Chef begehrt.
Engels selbst weiß, wie er gesehen wird. Es stört ihn
nicht. Fies sein, damit Schulz freundlich sein kann. So
ist eben die Rollenverteilung.

A
Engels war schon vieles in seinem Leben. Uni-Dozent, ls alles vorbei war und die Rauchschwa- schäftigt zu überleben«. Ein anderer Polizist ent- »In den Messehallen direkt neben dem Schanzen- eine ältere Frau nahm Sahling in den Arm. Auch
Bundestagsmitarbeiter, Europareferent im Willy-Brandt- den sich verzogen hatten, bekam der deckte nach dem Einsatz eine Stahlkugel in seiner viertel, wie kommt man auf diese Idee?« musste er sich bei einem Imbissbesitzer erstreiten,
Haus, Wahlkampfstratege im Kampa-Team 1998, Büro- Hamburger Be­reit­schafts­poli­zist Niels Schulter, abgeschossen aus einer Zwille. Jetzt, zum Ende des Jahres, sitzt Sahling im dass er seine Pommes selbst bezahlen durfte. Sah-
leiter von Frank-Walter Steinmeier, EU-­Beamter, Wahl- Sahling drei Tage Sonderurlaub. Im Rückblick Drei Wochen vor dem Gipfel hatte die ZEIT Hamburger Büro der Gewerkschaft der Polizei, ling sagt, er wolle keine Geschenke. »Ich möchte
kampfmanager, Rockmusiker. Dass er nur sehr selten in erscheint es ihm, als habe er sie komplett im Niels Sahling und zwei Kollegen interviewt. Ham- bei der er sich als Landesjugendvorsitzender en- die Wertschätzung der Politik.«
seinem Leben wusste, was er in vier Wochen machen Bett verbracht. »Ich habe mehr oder weniger burgs Bürgermeister Olaf Scholz war da noch gagiert. Er sagt: »Dass es so heftig wird, hätte auch Nach dem Gipfel hat Sahling die Bereit-
würde, hilft ihm, die Si­tua­tion zu ertragen. durchgeschlafen«, sagt er. völlig entspannt. »Wir richten ja auch jährlich den ich nicht gedacht. Das macht was mit einem.« schaftspolizei verlassen, »für mich war’s genug«.
Es ist unklar, wohin es mit der SPD und mit Schulz In den Tagen des G20-Gipfels war Niels Sah- Hafengeburtstag aus«, sagte er und gab eine Si- Normalerweise redet man unter Polizisten Die ständige Verfügbarkeit, Einsätze überall in
geht. Und wohin mit Engels. Spricht man mit ihm, so ling, 27, Teil der Staatsmacht, die zunehmend cherheitsgarantie für die Stadt ab. Wer damals nicht lange über Einsätze, hakt sie ab, zeigt sich der Re­pu­blik. Sahling ließ sich in eine normale
spürt man, wie sehr es an ihm nagt, dass er zweimal in verzweifelt und mancherorts vergeblich versuch- dem Polizisten Sahling zuhörte, kam zu einem stark. Doch Sahling sagt, er sei noch immer »ent- Wache versetzen, das Polizeikommissariat 23,
diesem Jahr zur öffentlichen Person wurde. Nun genießt te, die Kontrolle über Hamburg zu behalten. anderen Lagebild. »Wir sind schon seit sechs täuscht und sauer«. Zwar gab es nach dem Gipfel Hoheluft-West. Hier, sagt Sahling, habe er Zeit,
er es, dass die Scheinwerfer ihn kaum mehr ausleuchten. 63 Stunden lang war Sahling fast durchgehend im Wochen quasi im Ausnahmezustand«, ­sagte er. eine Solidaritätswelle für die Polizisten. Bei der sich »mit Leuten zu unterhalten und was zu
Trotz aller politischen Turbulenzen fühlt er sich ziemlich Einsatz. Er sah Kollegen in der Julihitze kollabie- Sahling sorgte sich vor allem wegen des Ortes, an Schla­ger­move-­Para­de auf St. Pauli – eine Woche bewegen. Die Omi, deren Handtasche geklaut
wohl. Er ist zurück im Schatten. PETE R DAU S E ND ren und war irgendwann »vor allem damit be- dem die Staatsgäste aus aller Welt tagen sollten. nach dem Gipfel – applaudierte ihnen die Menge; wurde, ist mir dankbar.«  MARC WIDMANN
4. DEZEMBER 2017 No 50 DOSSIER 17

eigentlich aus ...


... dem Bauern, der sich
mit RWE anlegte?

S
ind Sie gut angekommen?«, fragt der Richter den
peruanischen Bauern. »Ja, die Deutschen sind
sehr nett«, antwortet Saúl Luciano Lliuya, eine
Dolmetscherin übersetzt. Mit diesen Worten beginnt
im November eine Verhandlung am Oberlandesgericht
Hamm im Fall »Lliuya ./. RWE AG«: Lliuyas Dorf in
den peruanischen Anden ist von den Fluten eines ab-
tauenden Gletschers bedroht, der Bauer will deshalb
einen Staudamm haben und ist der Meinung, dass die
Verursacher des Klimawandels dafür zahlen sollen, auch
der deutsche Energiekonzern RWE. Wir berichteten in
diesem Sommer. Vor zwei Jahren hat Lliuya die Klage
eingereicht, vor einem Jahr wurde sie in erster Instanz
abgewiesen, nun wird sie in zweiter Instanz verhandelt.
Aber sind deutsche Gerichte zuständig? Und tragen
deutsche Energiekonzerne eine Mitschuld am Klima-
wandel in den Anden? Um diese Fragen geht es im Ge-
richtssaal. Beides hält der Richter grundsätzlich für
möglich – schon diese vorsichtige Aus­sage wird von
Klimaschützern als »bahnbrechend« und »historisch«
bezeichnet. Nun wird das Gericht in die Beweisauf-
nahme gehen und Klimawissenschaftler und Geologen
als Gutachter an den peruanischen Gletscher schicken.
Saúl Luciano Lliuya findet die Deutschen jetzt sogar
noch ein bisschen netter. AMR AI COE N

... dem gekündigten


Betriebsrat?

D
as Jahr des Adnan Köklü hatte folgende Zu-
taten: dreifache Kündigung, Arbeitsgerichts-
prozesse im Monatstakt – und all das mit der
Perspektive, von April 2018 an Hartz-IV-Empfänger
zu sein. Doch was sagt dieser Köklü heute zur Be-
grüßung? »Ich bin ganz froh, wie das Jahr beruflich
gelaufen ist.«
Was war da los? Die Geschichte des 27-jährigen
Betriebsrats im Stahlkonzern Salzgitter AG hat im
April für viel Wirbel gesorgt, als wir im Wirt-
schaftsressort beschrieben, wie das fraktionslose
Mitglied im ansonsten von der IG Metall domi-
nierten Betriebsrat bei Salzgitter Flachstahl ausge-
grenzt wurde (ZEIT Nr. 15/17). Es war nicht der
Arbeitgeber, mit dem Köklü sich jahrelang stritt –
Meng Meng, die es waren die Kollegen im Betriebsrat. Köklü zog
junge Pandabärin im 2014 als Einzelkämpfer in das Gremium ein und
kritisierte dort die dominierende IG-Metall-Frak­
Foto: Radke/Eventpress

Berliner Zoo, streckt


Besuchern gern ihr tion. Die wiederum warf ihm vor, er habe nur des-
Hinterteil entgegen – hier halb der Gewerkschaft den Rücken gekehrt, weil er
ausnahmsweise nicht auf einem hinteren Listenplatz kandidieren sollte.
Köklü bestreitet das.
Lange war für Köklü, der einen türkischen Pass
hat, alles auf eine gewöhnliche Gewerkschaftskarriere
zugelaufen. Er war Sprecher von 2500 Berufsschü-

... der Pandabärin Meng Meng?


lern, engagierte sich seit 2008 in der IG Metall und
wurde zum Vertrauensmann gewählt, eine Art Schü-
lersprecher der IG Metall im Werk. Als er sich mit
der IG Metall verkrachte, kandidierte er mit einem
Kollegen für eine eigene Liste, die sie »Respekt!!!«
nannten. Seitdem hat er wenig Freude in Salzgitter.

D
Als Köklü in Mitarbeiterversammlungen das
er Staatsakt mit der deutschen Kanz- sich anfangs bis zum Haus der Giraffen, für die Marcus Röbke hat nämlich eine Theorie. Tierschützer haben Meng Meng bereits zu Gehalt des Betriebsratsvorsitzenden sowie die An-
lerin und dem chinesischen Präsi- sich kaum mehr jemand interessierte. Während Noch ist Meng Meng kein Fall für einen Psy- einer Symbolfigur erhoben, als Leidtragende stellung einiger Auszubildender und Leiharbeiter
denten war gerade vorüber, als das das Pandamännchen Jiao Qing auf einer Holz- chotherapeuten, noch ist sie von jener Art einer Event-Gesellschaft. Der Zoo habe sich hinterfragte, weil er Vetternwirtschaft vermutete,
Pandaweibchen Meng Meng etwas bank thronte, drängten sich Massen von Schau- Hospi­ta­lis­mus weit entfernt, wie man ihn von den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie aus- eskalierte die Lage. Der Betriebsrat schloss Köklü
tat, womit kein Besucher des Berliner Zoos ge- lustigen vor den Glasscheiben, klopften dagegen, abgestumpften Zoo-Bären oder Zoo-Elefanten geliefert. Warum werden Millionenbeträge für aus, die Firma kündigte ihm gleich doppelt: wegen
rechnet hatte: Meng Meng lief in ihrem Gehege machten Selfies, riefen, kreischten, applaudierten kennt, die pausenlos den Kopf wiegen. Meng Pandas ausgegeben, die in ihrer Heimat nicht seiner angeblich falschen Anschuldigungen und
rückwärts. Es war Anfang Juli, als sich Meng – wie bei einem Auftritt von Justin Bieber. Chi- Meng protestiert gegen irgendetwas. Sie streckt mehr akut vom Aussterben bedroht sind? Wa- weil er die Teilnahme an einem Personalgespräch
Meng (übersetzt: Träumchen) vor aller Augen nesische Touristen versuchten, mit den Bären ins der Welt den Hintern entgegen, meint Röbke, rum werden diese Tiere gefeiert wie Popstars, verweigert hatte. In diesem Sommer, da stritten die
der natürlichen Laufrichtung widersetzte. Hat sie Gespräch zu kommen, tauchten morgens am weil ihr etwas nicht passt. Das ist ihre Art, Ver- während die Gehege von Hirschen oder Wasch- Parteien schon vor Gericht, folgte die dritte Kündi-
einen psychischen Schaden? Die Bild nannte Gehege auf und erzählten ihnen Geschichten. unsicherung und Ärger auszudrücken. bären verfallen? Müssen sich Zoodirektoren gung. Er habe während der Verhandlung falsche
Meng Meng plötzlich »plemplem«, und viele der Um die Tiere vor der Hemmungslosigkeit Zu Hause in seinem Wohnviertel hat Marcus aufführen wie Konzertveranstalter? Angaben gemacht. Längst hat Köklü Hausverbot.
31 000 Menschen, die am ersten Panda-Wochen- der Menschen zu schützen, heuerte der Zoo Röbke einen Nachbarn, der alle fünf Minuten Der Deutsche Tierschutzbund glaubt, dass Gewöhnlich wäre nun, dass Köklü sich mit sei-
ende in den Zoo strömten, wunderten sich. eine Security-Firma an. Sechs muskulöse Män- zum Herd rennt, weil er sichergehen will, dass er bei Meng Meng eine »Zwangsstörung« vorlie- nem Arbeitgeber auf eine Abfindung einigt und sich
Zehn Millionen Euro kostete allein das Ge- ner postierten sich nun am Eingang des Panda- das Gerät tatsächlich ausgeschaltet hat. Der ma- ge. Die Or­ga­ni­sa­tion Peta in Stuttgart hat ihre einen neuen Job sucht. Doch Köklü geht es ums
hege für die zwei Pandabären, wie die ZEIT im geländes, ließen nur noch überschaubare Besu- nische Nachbar erinnert ihn an Meng Meng. »Sie Referentin für Zoo und Zirkus zum Berliner Prinzip. Er will das durchfechten. Zwei Prozesse hat
Juni berichtete. Vier Jahre lang hatte Deutsch- chergruppen vor und sortierten Drängler aus. ist sehr intelligent und sensibel«, sagt der Pfleger. Zoo geschickt, die bei Meng Meng »ein seeli- er schon gewonnen. Sein Rausschmiss aus dem Be-
land um die Leihgaben aus China verhandelt, So ging es bis Oktober, dann kam der Herbst, Das kann eine heikle Mischung sein. sches Leiden« festgestellt haben will. Der kleine triebsrat ist hinfällig. Den Vorwurf, Köklü habe das
rund eine Mil­lion Euro Leasinggebühr im Jahr es wurde kälter, die großen Besucherströme Das Pandamännchen Jiao Qing strotzt vor Verein EndZoo glaubt sogar an Unstimmig- Gremium in seiner Arbeit blockiert, wies das Ge-
streichen die Chinesen ein – und dann bewegt blieben aus, und die Wachmänner zogen ab. Selbstbewusstsein. Es tut nichts lieber, als Bam- keiten in Meng Mengs Zuchtbüchern: Der ein- richt zurück – Köklü habe 98 Prozent der Beschlüsse
sich Meng Meng so, als sei sie keine ausgesuchte Eine Besonderheit ist geblieben. Man erkennt busstangen zu verzehren und öffentlich dick zu getragene Vater sei womöglich nicht der wahre mitgetragen.
Bärin, sondern ein Krebs. sie, wenn man sich vor das Gehege stellt und war- werden. Meng Meng hingegen zieht sich gern Vater, weil die Chinesen nach der natürlichen Köklü studiert mittlerweile im vierten Semester
Dass Meng Meng immer wieder rückwärts lief, tet. Dann schiebt sich Meng Mengs Hintern aus in den Stall zurück, wo Röbke sie krault und Begattung auch noch Sperma eines anderen Jura an der Universität Göttingen. Zum Teil hat er
war den Tierpflegern schon in China aufgefallen. dem Stall ins Freie – noch immer bewegt sie sich streichelt. Prasselt Regen aufs Dach, wird sie Bären künstlich nachgeschoben hätten. Bei ei- sich selbst verteidigt. »Ob ich gewollt bin oder
Auch die Di­rek­tion des Zoos wusste davon, hielt rückwärts. Es ist inzwischen Ende November, und nervös. »Sie braucht Aufmerksamkeit, aber im ner Paarung von Meng Meng und Jiao Qing nicht, entscheiden aber nicht die Gerichte, sondern
das Thema aber klein. »Wir konnten nicht anders«, der Tierpfleger Marcus Röbke kümmert sich lie- Stillen«, sagt Röbke. Während sich Jiao Qing bestehe Inzuchtgefahr. »Völliger Unsinn«, er- die Belegschaft«, sagt er. Im Frühjahr 2018 werden
sagt die Zoo-Sprecherin Christine Reiss heute, »es bevoll um Meng Meng. Gemeinsam mit zwei im Außenbereich von Zuschauern bewundern klärt die Sprecherin des Zoos, »wir kennen den in Salzgitter 6000 Mitarbeiter den neuen Betriebs-
war doch alles hochpolitisch.« Die Vorbereitungen Kollegen teilt er sich die Betreuung. Er serviert den lässt, legt sich Meng Meng im Stall schlafen. Inzucht-Koeffizienten. Er ist sehr gering.« rat wählen, und Köklü will wieder kandidieren,
für die feierliche Übergabe der Pandas im Vorfeld Bären jede Woche eine halbe Tonne Bambus. Er Die Abgeschiedenheit tut ihr gut. Der Tierpfleger Marcus Röbke hofft, dass trotz Hausverbot. Rechtlich ist das möglich – die
des G20-Gipfels liefen bereits, und die Chinesen schreibt Protokolle – Nahrung, Wetter, Lichtver- Denkbar ist, sagt der Pfleger, dass Meng Meng sich Meng Meng bis zur Paarungszeit im nächs- Regelung soll davor schützen, dass Firmen misslie-
hätten es als Kränkung verstehen können, wenn hältnisse, alles wird verzeichnet. Er verteilt Tag für überfordert ist von all den neuen Geräuschen und ten Frühling be­ruhigt hat. Meng Meng ist aller- bige Betriebsräte vor die Tür setzen. Der Konzern
die Deutschen nach einem anderen Pandaweib- Tag leckere Apfelstückchen im überdachten Ge- Gerüchen und dass sie sich vor Pu­bli­kum fürchtet. dings nicht der einzige Panda, der sich in der teilt nüchtern mit: »Das Unternehmen hat keinen
chen verlangt hätten. Ein Zoo, der es wagt, wäh- hege. Er hat Meng Meng sogar eine Bambus-Eis- Sie steckt mitten in der Pubertät, sie ist viel mit Fremde seltsam benimmt. Im Zoo der nieder- Einfluss darauf, wer sich zur Betriebsratswahl stellt.
lerisch zu sein, droht dem Staat, in dem der Zoo torte überreicht, als die Bärin im Juli vier Jahre alt sich selbst beschäftigt. Der Pfleger trainiert mit ländischen Stadt Rhenen klettern die beiden Wer wählbar und wahlberechtigt ist, ist gesetzlich
sich befindet, die Show zu vermasseln. So siegte wurde. Der Pfleger Röbke versucht, ein persönli- ihr öffentliche Auftritte. Er belohnt sie mit Obst- Pandas, sobald sie nervös werden, hoch in die geregelt.«
hinter den Kulissen die politische Diplomatie. ches Verhältnis zu Meng Meng aufzubauen, um stücken oder Honigwasser, wenn sie sich beruhigt Bäume und fressen eine Weile nichts mehr. Wenn der Wahlkampf beginnt, wird das Unter-
Die beiden Bären lockten im ersten Panda- ihrem Problem auf den Grund zu gehen. Seit 15 und eine Weile nicht rückwärts läuft. Aber viel- Und im kanadischen Toronto schlägt ein Panda nehmen das Hausverbot vermutlich aufheben müs-
Monat etwa 350 000 Besucher an, das Berliner Jahren beschäftigt er sich mit Bären, und er sagt: leicht liegt das Problem tiefer. Vielleicht ist Meng Purzelbäume.  STE FAN WILLE KE sen. Dazu will Köklü Salzgitter Flachstahl gericht-
Zoo-Jahr wird ein Rekordjahr. Die Schlange der »Wenn sie sprechen könnte, würde sie mir erzäh- Meng ein Wesen, das gar nicht geschaffen ist für lich zwingen. Er hat da inzwischen eine gewisse
wartenden Menschen vor dem Panda-Gehege zog len, was sie stört.« ein Leben in der Öffentlichkeit. www.zeit.de/audio Routine entwickelt. CL A AS TATJ E
18 JAHRESRÜCKBLICK 2017 DOSSIER 4. DEZEMBER 2017 No 50

Was wurde eigentlich aus ...


WIE WAR IHR JAHR?

Chris Dercon
... dem Elektriker, der
den Strom abklemmt?

S
eitdem Heinz Galle sein Einsatzgebiet ge-
wechselt hat, fühlt sich jeder Arbeitstag für
ihn ein bisschen an wie Urlaub. Statt an
Mietskasernen fährt er jetzt, wenn er unterwegs ist,
an Spargelfeldern und Bauernhöfen vorbei. Vor al-
lem hat Galle bei der Arbeit keine Angst mehr.
Der 59-jährige Belgier
Seit 37 Jahren ist Galle Elektriker bei der Emscher
beerbte 2017 nach langem Streit
Lippe Energie GmbH. Als »Sperrkassierer« klemmte
Frank Castorf als Intendant
er in Gelsenkirchen Menschen den Strom ab, die ihre
der Berliner Volksbühne
Rechnung nicht bezahlt hatten. Seine Besuche ver-
änderten das Leben dieser Leute; danach konnten sie
nicht mehr kochen, nicht mehr warm duschen. In
ihren Wohnungen wurde es früh dunkel. Was haben Sie in diesem Jahr zum
Im April berichteten wir über Menschen, die sich ersten Mal getan?
den Strom nicht mehr leisten können. Die »Energie- Auf einer gigantischen Drehbühne mit
armut« hat auch mit der Energiewende zu tun. Um 18 Meter Durchmesser gestanden.
Solarparks, Wasserkraftwerke und Windkraftanlagen
zu finanzieren, wurde der Strompreis erhöht. Heute War 2017 besser oder schlechter, als
ist er doppelt so hoch wie vor zehn Jahren. Das trifft Sie es Silvester 2016 erwartet hatten?
besonders Ärmere: weil ihre Energiekosten einen Es war turbulenter, als ich erwartet hatte.
hohen Anteil am Einkommen ausmachen. Weil sie
oft teure Elektroheizungen haben. Weil sie sich keinen Wer war für Sie 2017 eine
sparsameren Kühlschrank leisten können. Hoffnung?
Für den Artikel Die Abgeklemmten begleiteten Alle Künstler*innen und Mitarbeiter*in-
wir den Elektriker Galle bei der Arbeit. Viele Men- nen unserer Eröffnungswochen.
schen ließen ihn nicht rein. Andere riefen ihn
»Arschloch« und bespuckten ihn. Einmal sei er Und wer war eine Enttäuschung?
krankenhausreif geschlagen worden, erzählte Gal- Meine Dienstherren.
Foto: Markus Hintzen für DIE ZEIT; Getty Images (kl.)

le. Seit Jahren hatte er bei der Arbeit Bauch-


schmerzen. Und Stress. Längst zog er keine Schutz- Was war Ihr persönlicher Sieg 2017?
handschuhe mehr an, um am Stromzähler bloß Schwimmen im Berliner Schlachtensee
keine Zeit zu verlieren. bei 15 Grad Wassertemperatur.
Kurz nachdem der Artikel erschien, ging ein
Kollege Galles in Rente, Galle übernahm. Er arbeitet Und Ihre Niederlage?
jetzt bei Bottrop. Ländliche Gegend, ältere Leute. Walter Kohl, 54, Die kurzfristige Konzertabsage von Rap-
Meist kontrolliere er Stromzähler, ein ruhiger Job, aufgenommen perin Kate Tempest.
»kein Vergleich zu Gelsenkirchen«. Dort macht in Kronberg
Galles alten Job jetzt ein Leiharbeiter. »Dem geht es im Taunus Worüber haben Sie sich am meisten
wie mir früher«, sagt Galle. »Aber er ist jünger. Er gefreut?
kann schneller rennen.«  L AU R A CWIE RTNIA Die weltumarmende Präsenz des Publi-
kums und der Tänzer an unserem Er-
öffnungstag im September auf dem
Tempelhofer Flugvorfeld.
... der Schriftstellerin
Ilse Helbich? ... Walter Kohl, dessen Vater starb? Und worüber am stärksten geärgert?
Die Aussage, Tanz sei die Sparte der
Unmündigen.

W Z
enige Dinge erfrischen den Alltag so sehr weimal in diesem Jahr sah es so aus, als auch um den Konflikt mit dem damals noch stieg Walter Kohl, im Hauptberuf Unternehmer, Was war für Sie die
wie ein Anruf bei Ilse Helbich. Ihre ob es für Walter Kohl nicht weiter­ lebenden Vater. »Ich habe beschlossen, meinen wieder als Le­bens­coach vor 200 Zuhörern in größte Über­raschung?
dunkle Stimme, das freche Lachen, die gehen würde. Beim ersten Mal standen einseitigen Frieden damit zu machen«, erzählte Bayern auf eine Bühne. Wie sagten seine Eltern Dass Brüssel (die Wiege des Surrealis-
lästerlichen Bemerkungen – so ist sie, die Autorin er und seine Frau Kyung-Sook mit ei- Kohl. Er betonte, wie befreiend diese einseitige immer? »Du musst stehen!« mus) und Belgien plötzlich überall in der
Ilse Helbich. In diesem Jahr wurde sie 94 Jahre alt. nem klapprigen Minicamper mitten im Busch in Versöhnung für ihn gewesen sei. Es kursierten dann Geschichten, die Walter Literatur vorkommen – siehe Salman
Mit 80 hat sie begonnen zu schreiben, heute gibt New ­South Wales, Australien. Der Wagen, mit Der Tod des Vaters, sagt Walter Kohl heute, sei Kohl »infam« nennt. Es hieß, er habe den Eklat vor Rush­die und Robert Menasse.
es schon eine kleine Helbich-Edition! dem sie quer über den Kontinent fahren wollten, »der Härtetest« für sein Versöhnungsversprechen verschlossener Tür inszeniert, um der Witwe zu
Zu Beginn dieses Jahres besuchten wir Ilse Hel- war im Schlamm einer Talsohle stecken geblieben. gewesen. An einem Novembertag sitzt der 54-Jäh- schaden. »Wie hätte ich das inszenieren sollen?«, Was haben Sie 2017 vermisst?
bich in ihrem Zuhause, einer alten Post, die sie im Beim zweiten Mal stand Walter Kohl vor rige im Taunus, wo er lebt, in einem Café beim fragt Kohl. »Ich hatte doch gar keine Kontrolle über Den einen oder anderen »Freund«, der
Kamptal bei Wien bewohnt. Wir redeten einen der Tür seines Elternhauses in Ludwigshafen- erneuten Gespräch mit der ZEIT. Auf der Speise- die Si­tua­tion. Und bin wenige Tage zuvor ja noch dann doch in schwierigen Zeiten nicht
ganzen Tag lang über das Älterwerden, für einen Ar- Oggersheim. Auch da war Schluss. karte: Zwiebelsuppe, Eintopf mit gerösteter Mett- ins Haus gelassen worden.« da war.
tikel, der im Fe­bru­ar im ZEIT­magazin erschien, Titel: In Australien war es Teil des Problems, dass Kohl wurst, But­ter­creme­torte, solche Sachen. Die Ein- Walter Kohl nahm ein Instrument zu Hilfe, das
»Ey, Alter!«. Ilse Helbich hatte uns mit einem kleinen und seine Frau allein waren. Vor der Tür in Oggers- richtung: im Stil der frühen Ära Kohl. »Ich bin jetzt ihm immer suspekt war: die öffentliche Aufmerk- Auf welche Nachricht(en) hätten Sie
Buch angelockt, in dem sie beschreibt, wie die Jahre heim hingegen schaute ganz Deutschland zu – bei der älteste lebende Kohl«, sagt der Sohn. Dann samkeit. Ende August ging er in die ZDF-­Talk­ am liebsten verzichtet?
abschleifen, was uns mal so wichtig war. Den sicheren einem grellen öffentlichen Trauerspiel. Im Juni spricht er über die Tage im Sommer. Über die show Markus Lanz. »Als ich anfing zu sprechen, »Donald Trump legt den Präsidenten-
Schritt, den scharfen Blick. Schmelzungen heißt das 2017 war Helmut Kohl gestorben. Jahre zuvor Trauerfeiern, die er daheim vorm Fernseher verfolgt war es totenstill, ich konnte das Studiopublikum Eid ab« (20. Januar 2017).
Buch und hat verstörende Passagen über Trübungen hatte der Kanzler der Einheit den Kontakt zu seinen habe. Über das Grab des Vaters in Speyer: »Ich habe atmen hören. Aber nach wenigen Minuten merkte
der Augen, die Schwäche beim Gehen am Hang und Söhnen abgebrochen. So erfuhr Walter Kohl aus es später besucht und war erschüttert über den ich an den Reaktionen, auch am Applaus, dass ich Was würden Sie in diesem Jahr
das Aus­ruhen auf einem Stein, von dem aus die dem Radio vom Tod des Vaters. Wenig später Zaun, die Videoüberwachung und ein liebloses verstanden wurde.« 36 Minuten lang legte er seine gerne korrigieren, an sich selbst und
Kälte in den Körper kriecht. sprach das Land über die Bilder aus Oggersheim: Holzdeck, mit dem das frische Grab damals abge- Sicht der Dinge dar, ohne ein allzu böses Wort an anderen?
Wir redeten darüber, wie man Ausschau nach Sie zeigten Walter Kohl, der sich an Polizisten deckt war. Das passt überhaupt nicht zu meinem über die Witwe zu verlieren. Danach, sagt Walter Weniger Zynismus.
einem Ort hält, an dem man begraben werden will. vorbei in sein Elternhaus drängte. Als er Tage später Vater.« Der gehöre ins Familiengrab, neben Han- Kohl, habe er sich befreit gefühlt.
Heute, wo das Jahr fast vorbei ist, kann Ilse Hel- mit seinem Sohn und seiner Nichte den Verstorbe- nelore, die Mutter von Walter und Peter. Wenn er als Coach Reden hält, spricht Wal- Was haben Sie 2017 Wichtiges
bich davon erzählen, dass sie ein neues Buch veröf- nen noch einmal sehen wollte, wurde er nicht mehr Am schwierigsten, sagt Walter Kohl, sei jener ter Kohl oft über Lebenskrisen und darüber, wie gelernt?
fentlicht hat, wie alle ihre Bücher im Droschl-Verlag. eingelassen. Seine Stiefmutter Maike Kohl-Richter »Moment absoluter Leere« gewesen, als er sich man hinausfindet. Es geht viel um Selbstbe- Wie schwierig es ist, ein Stadttheater in
Im Gehen heißt es, sie sagt: »Es ist mein erster und hatte ihm Hausverbot erteilt. Sie bestimmte auch, damit abfinden musste, dass es mit dem Vater stimmung. Er sei froh, dass das Coa­ching auch Berlin komplett mit WLAN a­ uszustatten.
sicher letzter Gedichtband!« wo der Tote beerdigt werden sollte – gegen den keine letzte Aussprache gegeben hatte. Damals bei ihm selber funktioniert habe, sagt er. »Für
Booklaunch im September. Wien. Großer Bahn- Willen der »alten« Familie, die aus Protest den entschied Walter Kohl, sich nicht zu verkrie- mich war 2017 trotz allem ein gutes Jahr.« Was war Ihr schönster Ort?
hof! Lesung der Gedichte durch die Schauspielerin Trauerfeiern fernblieb. Das Familiendrama im chen. »Ich habe eine ungewöhnliche Form der In Australien, wo sie mit ihrem Camping- El Hierro, die kleinste, wildeste, naturbelas-
Anne Bennent. Mit ihrer Stimme habe die Freundin Hause Kohl nahm offensichtlich kein Ende. Trauer­arbeit gewählt. Aber wenn man aus dieser wagen stecken geblieben waren, legten sie üb- senste und einsamste Kanarische Insel.
»das Wilde« aus ihren Gedichten herausgeholt, »das Im Februar hatte Walter Kohl dem ZEIT- Familie kommt, ist leider so gut wie nichts ge- rigens Äste unter die Räder. Danach ging es
Zerrissene«, bis hin zu »Todesvorstellungen einer magazin ein Interview gegeben. Darin ging es wöhnlich.« Wenige Tage nach der Beerdigung auch weiter.  STE FAN SCHIRME R Und Ihr schönster Moment?
Zwölfjährigen«. Einige Damen im Pu­bli­kum seien Ich hoffe immer bis zum letzten Tag des
schockiert gewesen, »die hatten sich wohl bei Alters- Jahres, dass der allerschönste Moment
lyrik etwas Weicheres erhofft«, sagt Helbich und lacht noch kommt.

... dem Flüchtling, der Facebook verklagte?


mit ihrem malzigen Alt. Insgesamt: Riesenerfolg.
Interviews. Ganzseitige Story im Wiener Standard. Was war Ihre beste Tat?
Was war noch? Aufgeräumt hat sie. All ihre Ma- Immer weniger Social Media.
nuskripte gesichtet. »Ich habe meinen Vorlass dem

A
Land Niederösterreich übergeben.« Etwas habe sich Wie lautet Ihre Überschrift
sehr schön gerundet. Wenn auch »dieser ganze Eu- m Rande Berlins, nahe der S-Bahn- Als der Begriff »Willkommenskultur« nur noch keine guten Erfahrungen gemacht. Und die Repor- für das Jahr 2017?
Stress«! Also »Eu wie Euphorie, wie schöner Stress«. Station Adlershof, nimmt das Leben ein erkaltetes Wort war und Deutschland erbittert ter, fürchtet er, halten ihn ab von seiner Arbeit bei Fluctuat nec mergitur: amor fati. (Der Wahl-
Der habe das Herz ins Stolpern gebracht. des Syrers Anas Modamani langsam über Angela Merkels Flüchtlingspolitik stritt, McDonald’s. Von der Wohnungssuche, die nie spruch der Stadt Paris, frei übersetzt: »Sie
Mal wieder davongekommen! wieder Normalität an. Dort ist er nicht montierten anonyme Face­book-­Nut­zer Modama- enden will. Und vom Deutschlernen. schwankt, aber sie geht nicht unter: Liebe
Gefühl der Dankbarkeit. Sie habe natürlich be- mehr der Junge, der mit der Kanzlerin 2015 ein nis Bild in allerlei falsche Zusammenhänge. Mal Dass Modamani, der mittlerweile 20 Jahre alt das Unausweichliche«.)
merkt, wie sich die Dinge verändern. Im Garten sind Selfie machte und den der Mitarbeiter einer Nach- wurde sein Gesicht mit dem Überfall auf einen ist, nicht mehr ständig über das Verfahren aus
die Rotschwänzchen verschwunden. Keine Bach- richtenagentur dabei fotografierte. Er ist auch Obdachlosen in der Berliner U-Bahn in Verbin- dem Frühjahr reden mag, könnte auch damit zu Was war für Sie der spannendste
stelzen mehr. Aber noch Grasmücken. Im Wald das nicht mehr der junge Mann, der im Frühjahr 2017 dung gebracht, mal mit einer Brüsseler Terrorzelle, tun haben, dass er die Niederlage persönlich Moment?
Eschensterben. »Aber die Rosen haben geblüht. Der Face­book vor Gericht gebracht hat. Seit Oktober mal mit dem Anschlag auf den Berliner Weih- nimmt. »Ich habe verloren«, sagt er. Und klingt Die zurückkehrende, zuvor beinahe ab-
Himmel ist noch da, und die Wolken ziehen.« Sie dieses Jahres ist er einfach nur ein frisch immatri- nachtsmarkt. Modamani sah sich als Opfer einer dabei so melancholisch wie manche der Gedichte handengekommene Begeisterung für
wundere sich, warum die jüngere Ge­ne­ra­tion nicht kulierter Student der Informatik auf dem Campus Hetzkampagne. Er verklagte Face­book auf Lö- und Gedanken, die er seitdem auf Face­book ver­ Berlin.
heftiger gegen die Naturzerstörung protestiere. Nord der Humboldt-Universität. Ein Flüchtling, schung aller falschen Bilder, die im Internet kur- öffent­licht; etwa ein Zitat aus dem Buch 5 Dinge,
Sie blicke jetzt einer ruhigen Zeit entgegen, sagt der in Deutschland eine neue ­Chance bekommt. sierten. Er verlor. Das Landgericht Würzburg war die Sterbende am meisten bereuen: Welche der Fragen,
Ilse Helbich. Sie plant über die Festtage, wenn ihre Im Februar hatten wir über Modamani ge- der Ansicht, Face­book habe sich die Verleumdung 1. Ich wünschte, ich hätte mein eigenes Leben gelebt. die Sie beschäftigen, ist auch 2017 ­
Haushaltshelfer freihaben, ihren Rückzug in ein Stift schrieben. Er saß in einem Saal des Würzburger nicht zu eigen gemacht. 2. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine unbeantwortet geblieben?
für Ältere. Ilse Helbich gerät ins Schwärmen, welche Landgerichts und wollte Face­book dazu bringen, Eigentlich liebt es Anas Modamani, fotografiert Gefühle zu zeigen. Was ist linke Kulturpolitik? Inwieweit darf
Vorteile das hat, ab und zu ein Abstecher ins Alters- Beiträge von Rechts­ extre­
men zu löschen, die oder gefilmt zu werden, er mochte auch Face­book. 3. Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet. Kultur politisch instrumentalisiert werden?
heim. Allein der wunderbare Masseur! Offen ist fürs sein Selfie mit der Kanzlerin missbrauchten, um Von Journalisten hält er sich seit einigen Monaten 4. Ich wünschte, ich hätte Kontakt mit meinen
Jah­res­ende nur noch: Sortierung der Einladungen ihn als Terroristen zu verleumden. Er stand im dennoch fern, auch mit der ZEIT möchte er am Freunden gehalten. Was wünschen Sie Deutschland
für Weihnachten. Wer will sie nicht alles dabeihaben, Licht der Kameras, internationale Fernsehteams Ende dieses Jahres nur telefonieren. Er hat mit dem, 5. Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher für 2018?
die Kinder, die vielen ­Freunde! SU SANNE MAYE R waren angereist. Was war geschehen? was in Deutschland »Öffentlichkeit« genannt wird, zu sein. JOHANNES GE RNE RT Mehr Europa!
WIRTSCHAFT
4. D e z e m b e r 2017 DIE ZEIT No 50

19
J A H R E S R Ü C K B L I C K 2 0 1 7

Was wächst hier wirklich?


Foto: Ralph A. Clevenger/Getty Images; Quelle Prozentzahlen: IWF, Eurobarometer

2017 lief Spitze, aber unter der Oberfläche drohen Gefahren


VON JENS TÖNNESMANN

A
m amerikanischen Thanks­giving von Zahlen, in denen sich die Wirtschaft spiegelt. mit 1,4 Prozent – allem Anschein nach wird das Alles gut also für 2018? Mitnichten. Dambisa
Day vor zwei Wochen postete die Was wächst? Was schrumpft? Und was hat das zu Wachstum in diesem Jahr deutlich über zwei Prozent Moyo etwa, deren Bücher Bestseller wurden und

+3,6 %
Ökonomin Dambisa Moyo zwei bedeuten? Das fragen auch wir auf den folgenden liegen. Die Arbeitslosigkeit sank stärker als erwartet, die früher bei der Weltbank arbeitete, warnte
Bilder auf In­
sta­
gram. Das erste Seiten dieser Ausgabe, auf denen Glücksforscher zu die Preise stiegen weniger als befürchtet. Und welt- jüngst nicht nur vor dicken Putern, sondern auch
zeigte einen gebratenen Puter. Wort kommen (S. 20), Wochenendjobber erzählen weit sagt der Internationale Währungsfonds für vor den steigenden Schulden von Staaten, Firmen
»Wusstet ihr«, schrieb sie, »dass (S. 21), Unternehmer Hackerangriffe schildern dieses Jahr inzwischen ein Wirtschaftswachstum von und Privatleuten: »Eine Dekade nach dem Beginn
heute mehr als 51 Millionen Truthähne konsu- (S. 26), der H ­ ype um die Fidget-Spinner erklärt 3,6 Prozent voraus – das wäre deutlich mehr als die der Finanzkrise sieht die Welt die Voraussetzungen
miert werden?« Das zweite Bild zeigte eine Grafik, (S. 28) und das wachsende Bruttoinlandsprodukt, Wachstum der Weltwirtschaft errechnet der 3,2 Prozent im vergangenen Jahr. Wenn 2016 durch für eine neue Schuldenkrise.«
darauf zwei dünne und zwei sehr fette Exemplare: das BIP, porträtiert wird (S. 30). Internationale Währungsfonds für das Jahr 2017 Brexit und Trump-Wahl für viele Ökonomen das Noch immer leben wir in unsicheren Zeiten,
»Wusstet ihr, dass Truthähne ihr Gewicht seit den Apropos BIP: Betrachtet man das abgelaufene Jahr der bösen Überraschungen war, dann war 2017 noch immer drohen Handelskriege, noch immer
1960er Jahren verdoppelt haben?« Dazu setzte sie Jahr durch die Ökonomenbrille, dann war es viel das Jahr der ausgebliebenen Schocks. ist unklar, wie der Ausstieg Großbritanniens aus
die Hash­tags #healthy #food #get­smarter – seid besser als erwartet – außer vielleicht für die Truthähne. – 6 % Viele düstere Prophezeiungen erfüllten sich nicht: der EU vonstattengehen soll; im Augenblick ist
schlau, esst gesund. Die deutsche Wirtschaft übertraf alle Pro­gno­sen. Zu weder die Sorge, Trump könne die Globalisierung nicht einmal klar, wie Deutschland in Zukunft
Ob Truthahngewicht, Schuldenstand oder Preis- Jahresbeginn etwa sagten die deutschen Wirtschafts- Kann die EU ihre wirtschaftlichen Interessen umkehren und die Weltwirtschaft destabilisieren, regiert wird. Sicher ist eigentlich nur: Auch im
niveau: Wie alle Wirtschaftsforscher beobachtet forschungsinstitute im Mittel ein Wachstum von weltweit durchsetzen? Das glauben sechs Prozent noch die Angst, die Euro-Zone könne aus­ein­an­der­ Jahr 2018 werden die Truthähne wieder das Nach-
Dambisa Moyo die Veränderung der Welt anhand 1,3 Prozent voraus, die Bundesregierung rechnete weniger Menschen in der Euro-Zone als noch 2016 bre­chen. sehen haben.
20 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50

Das Glücksrätsel
Auf ZEIT ONLINE befragen wir laufend Leser, wie es ihnen gerade geht. Offenbar hatten sie ein gutes Jahr – und einer schenkte uns
ein neues Redaktionslieblingswort  VON CHRISTIAN BANGEL , ELENA ERDMANN , PHILIP FAIGLE , ANDREAS LOOS, FABIAN MOHR UND JULIAN STAHNKE

Mehrheitlich zufrieden
Stets befanden etwa 70 Prozent der Leser, es gehe ihnen gut – ganz gleich, an was für einem Tag im Zeitraum vom 23. März
bis zum 23. November 2017. Nur die Bundestagswahl im September sorgte für deutliche Verstimmung
Sonntag, 7. Mai Freitag, 30. Juni Sonntag, 24. September
Emmanuel Macron setzt sich bei den Der Bundestag beschließt Bundestagswahl
Sonntag, 7. Mai
Präsidentschaftswahlen in Frankreich durch Freitag,
die »Ehe30.
für Juni
alle« Sonntag, 24. September
Anteil der gut gelaunten Leser pro Tag
Emmanuel Macron setzt sich bei den Der Bundestag beschließt Bundestagswahl
Anteil der gut gelaunten Leser pro Tag Präsidentschaftswahlen in Frankreich durch die »Ehe für alle«
60 %
60 %
40 %
40 %
20 %
20 %
0% April Mai Juni Juli August September Oktober November

0% April Mai Juni Juli August September Oktober November

20 %
20 %

Anteil der schlecht gelaunten Leser pro Tag


Anteil der schlecht gelaunten Leser pro Tag Donnerstag, 22. Juni Am Tag der Bundestagswahl fühlten sich
Der heißeste Tag des Jahres 39,6 % der Teilnehmer schlecht
Donnerstag, 22. Juni Am Tag der Bundestagswahl fühlten sich
Der heißeste Tag des Jahres 39,6 % der Teilnehmer schlecht
Sonntag, 19. November
Die Koalitionsverhandlungen zwischen
Mit diesen Wörtern beschrieben die Leser ihre Stimmung (Nennungen pro 1000 Wörter, Mittel über drei Tage). Union, FDP undSonntag, 19. November
den Grünen scheitern
Die Koalitionsverhandlungen zwischen
Lesehilfe: Am Tag nach den Wahlen in Frankreich fühlten sich besonders viele Leser »europäisch«. Union, FDP und den Grünen scheitern
Mit diesen Wörtern beschrieben die Leser ihre Stimmung (Nennungen pro 1000 Wörter, Mittel über drei Tage).
Lesehilfe: Am Tag nach den Wahlen in Frankreich fühlten sich besonders viele Leser »europäisch«. heiß verzweifelt
5 heiß verzweifelt
europäisch erfreut
5
europäisch erfreut

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Morgens motiviert, abends hungrig Montags frustriert, samstags froh


Der Anteil der gut gelaunten Leser schwankt im Tagesverlauf kaum. Was sich aber ändert: Zu Wochenbeginn sind verhältnismäßig viele Leser schlecht gelaunt. Zum Wochenende
Die Häufigkeit bestimmter Begriffe, mit denen sie ihr aktuelles Gefühl beschreiben bessert sich die Stimmung. Allerdings fühlen sich dann besonders viele Leser einsam

Prozentsatz der Leser im Tagesverlauf, So häufig werden ausgewählte Wörter den Tag über genannt Tägliche Abweichung der guten Stimmung vom So häufig werden ausgewählte Wörter die Woche über
die sich »gut« fühlen: (Nennungen pro 1000 Wörter): Wochendurchschnitt, in Prozentpunkten. genannt (Nennungen pro 1000 Wörter):
Prozentsatz der Leser im Tagesverlauf, So häufig werden ausgewählte Wörter den Tag über genannt Tägliche
Lesehilfe: Abweichung
Montags liegtder
dieguten Stimmung
Zahl der vom es gut geht,
Leser, denen So häufig werden ausgewählte Wörter die Woche über
die sich »gut« fühlen: (Nennungen pro 1000 Wörter): Wochendurchschnitt, in Prozentpunkten.
2,75 Prozentpunkte unter dem Wochendurchschnitt. genannt (Nennungen pro 1000 Wörter):
2 erfolgreich
Lesehilfe: Montags liegt die Zahl der Leser, denen es gut geht, 4
2 2,75 Prozentpunkte unter dem Wochendurchschnitt. erfolgreich
70 % 1 4
2
pleite
1,63
70 % 1 2
60 % pleite 1,2 1,3
0 Uhr 6 Uhr 12 Uhr 18 Uhr 1,63
60 % 1,2 1,3
0 Uhr 6 Uhr 12 Uhr 18 Uhr demotiviert
20 2
motiviert demotiviert
−2,75 −0,6 −0,82 0,07 2
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40 % motiviert 10 1
−2,75 −0,6 −0,82 0,07
40 % 10 1
0 Uhr 6 Uhr 12 Uhr 18 Uhr

20 % 0 Uhr 6 Uhr 12 Uhr 18 Uhr 10 einsam


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0 Uhr 6 Uhr 12 Uhr 18 Uhr 0 Uhr 6 Uhr 12 Uhr 18 Uhr
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ZEIT ONLINE/ZEIT; Quelle: Leserbefragung, Zeitraum: 23. März bis 23. November 2017
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ZEIT ONLINE/ZEIT; Quelle: Leserbefragung, Zeitraum: 23. März bis 23. November 2017

ann es wirklich sein, dass es uns Leser gut gestimmt – egal, ob in Frankreich ein neuer Richter anhand von SOEP-Daten, dass sich Groß- logischerweise zu anderen Antworten. »Die Frage »schwanger«. Im Hochsommer ist die positive Stim-
so gut geht? Und noch dazu: Präsident gewählt wird, in Hamburg die Barrikaden ereignisse wie Wahlen oder die Flutkatastrophe in nach der allgemeinen Lebenszufriedenheit ermuntert mung von Entspannung, die negative von Trägheit
Immer gleich gut? Das fragen wir brennen oder der amerikanische Präsident mit Atom- Ostdeutschland fast gar nicht auf die Zufrieden- uns, über unser Leben im Generellen nachzuden- geprägt: Man ist öfter »entspannt«, »höchstzufrieden«,
uns, seit wir im März dieses Jah- waffen droht. Nur ein einziges Mal in diesem Jahr heit der Befragten ausgewirkt haben. Lediglich die ken«, sagt der Psychologe Michael Boiger, der an der »sommerlich«, aber andererseits auch »unproduktiv«,
res eine kleine, unscheinbare Box schlug die Stimmung um: In der Nacht der Bundes- bayerischen Teilnehmer waren einen Tag lang zu- bel­gischen Universität Leuven zu Emotionen forscht. »verzweifelt« oder »fertig«. Im Herbst steigt die Zahl
auf die Startseite von ZEIT ON- tagswahl ging es schlagartig und über Stunden fast friedener, nachdem Bayern München die Cham­ »Wer fragt, wie es heute so geht, bekommt eher ein derer, die sich »krank», »erkältet«, »darmkrank« oder
LINE gesetzt haben. Sie stellt den allen Lesern »schlecht«. Das meistverwendete Wort pions League gewonnen hatte. Grundgefühl mitgeteilt, das spontaner ist und über »fieberkrank« fühlen, an – Grippezeit.
Lesern eine einfache Frage: »Wie geht es Ihnen heu- in dieser Nacht war: »enttäuscht«. Einen Tag später Schon seit Jahrzehnten arbeiten Psychologen, den Tag schwanken kann.« Allein schon weil die Auch im Verlauf der Woche schwankt die Wort-
te?« Darunter gibt es zwei Knöpfe, einen für »gut« hingegen schwang die Stimmung wieder auf Nor- Neurowissenschaftler und Soziologen daran, das Fragen der Forscher sich von unserer unterscheiden, auswahl: Vor allem in der Wochenmitte drehen sich
und einen für »schlecht«. Wer einen davon anklickt, malpegel zurück. Glück und die Zufriedenheit der Menschen zu lassen sich die Ergebnisse nicht vergleichen. die Wörter vornehmlich um die Arbeit. Die Leser
kann seine Stimmung dann mit einem Wort präzi- Wie kann es sein, dass Tausende Teilnehmer im vermessen. Einige stellen damit die einflussreiche Dennoch finden sich in unseren Daten Effekte, fühlen sich dann besonders oft »erfolgreich« und
sieren: entmutigt, verdattert, erwartungsvoll. Kollektiv jeden Tag das gleiche Ergebnis hervor- statistische Maßzahl infrage, nach der die Situation die auch die wissenschaftliche Glücksforschung »produktiv«, aber eben auch: »unkonzentriert«, »ge-
Die Idee entstand in einer Themenrunde zur bringen? Noch dazu, da uns Nutzerdaten zeigen, dass eines Landes oft gemessen wird, das Bruttoinlands- kennt. Am Wochenende etwa steigt die Stimmung fordert«. Am Wochenende schließlich wird das Privat-
Bundestagswahl. Was würde dabei herauskommen, sich die Teilnehmer von Tag zu Tag unterscheiden? produkt (BIP). Seit 2012 gibt es sogar einen World der Leser deutlich, während sie am Montag abfällt. leben wichtiger. Dann steigt die Zahl der Leser, die
fragten wir uns in der Online-Redaktion, wenn wir Gerd Bosbach, Statistikprofessor an der Universität Happiness Report, in dem die Glücksmessungen Weekend effect und blue monday phenomenon nennen sich »allein», »geborgen«, »einsam« fühlen, deutlich.
unsere Leser laufend nach ihrer Stimmung befragten? Koblenz, hat dafür eine Erklärung. »Die Stichprobe aller Länder zusammenfließen. Deutschland lan- Forscher die Phänomene. Im Jahr 2010 zeigten zum Interessant auch: Das Gefühl, »pleite« zu sein, be-
Schwankt sie stark, oder bleibt sie konstant? Wie von mehr als 3000 mag zwar nicht nach wissen- dete dort zuletzt auf Rang 16 von 155 Ländern. Beispiel drei US-Wissenschaftler um den Psychologen schleicht die Leser eher frühmorgens als am Abend.
reagieren die Leser auf Ereignisse wie einen Terror- schaftlichen Kriterien erhoben sein«, sagt er. »Aber Beim BIP landet es auf Platz 4. Richard M. Ryan in einer Studie, dass die Stimmung Manche Worte sind sogar Stimmungszwitter:
anschlag, Gewalt am Rande des G20-Gipfels, eine sie ist groß genug, um relativ stabil die Stimmung Im Unterschied zu unserer kleinen Box geht es in der Befragten am Wochenende signifikant besser war Sie werden sowohl bei guter wie auch bei schlech-
Entgleisung von Donald Trump? Auf Wahlprognosen aller Leser abzubilden.« Gerade die Konstanz der Er- der Glücksforschung streng wissenschaftlich zu. Die als an Werktagen. Auch in einer Befragung des Um- ter Laune genannt. Allen voran: »müde«. Zwei
und Wahlergebnisse? gebnisse zeige, dass die Befragung gut funktioniere. Probanden bekommen Mini-Computer in die Hand, frageinstituts Gallup in den USA gaben die Bürger Drittel der müden Leserinnen und Leser fühlen
Seit die Box auf unserer Webseite steht, wurde die Die Quote von rund 70 Prozent gut gelaunten­ die mehrmals täglich eine zufällige Auswahl von­ an, an Wochenenden glücklicher zu sein. In beiden sich nicht gut, ein Drittel scheint dagegen den Zu-
Frage mehr als 1,2 Millionen Mal beantwortet, jeden Abstimmungsteilnehmern entspreche wohl der tat- ihnen dazu ermahnt, ihren aktuellen Glückszustand Studien wird der Effekt kleiner, wenn die Bürger sich stand zu genießen.
Tag nehmen zwischen 3000 und 7000 Menschen teil. sächlichen Stimmungsverteilung unter den Lesern. mitzuteilen. Anders als bei unserem Experiment kann zum Beispiel mit der Arbeit verbunden fühlen, auf Wie es in diesem Jahr den Lesern so ging – da-
Mehr als 350 000 Mal haben die Leserinnen und Doch warum schwankt die Stimmung nicht? auch nicht jeder mitmachen (wobei auch wir aus- Augenhöhe mit dem Chef, und das Gefühl haben, rüber entschied offenbar weniger das politische
Leser ihre Stimmung mit einem Adjektiv untermau- Der Soziologe Jürgen Schupp leitet in Berlin das schließen, dass Teilnehmer mehrfach abstimmen). autonom Entscheidungen fällen zu können – so wie Geschehen als die Arbeitswelt und der Gesund-
ert, darunter auch Wortschöpfungen wie »unter- Sozio-ökonomische Panel (SOEP), das die Bürger Die Fragen der Forscher zielen anders als unsere normalerweise am Wochenende. heitszustand. Wer sich schlecht fühlte, bekundete
sommert«, »netgeflixt« oder – ein Favorit der Redak- in Deutschland seit Jahrzehnten danach fragt, wie Box bei ZEIT ONLINE vornehmlich auf eine län- Schaut man zudem auf die Hunderttausenden besonders oft, »krank«, »traurig« oder gestresst« zu
tion – »weltfreundlich«. zufrieden sie sind. »Wir wissen aus der Forschung, gere Perspektive der Lebenszufriedenheit. Statt: »Wie Wörter, die unsere Leser in diesem Jahr eingegeben sein, während die Gutgelaunten besonders oft
Die überraschendste Einsicht: Die Stimmung dass politische Ereignisse das Wohlbefinden kaum geht es Ihnen heute?« werden die Teilnehmer danach haben, zeigen sich weitere Trends. Im Frühjahr etwa »entspannt«, »zufrieden» und »ausgeglichen« wa-
unserer Leserschaft schwankt kaum. Über den Tag beeinflussen«, sagt Schupp. Im Jahr der Bundes- befragt, wie sie ihre generelle Lebenszufriedenheit signalisieren viele Wörter Aufbruch. Signifikant mehr ren. Eine Idee für das nächste Jahr könnte also
gerechnet, sind stets zwischen 65 und 70 Prozent der tagswahl 2013 zeigte etwa der Soziologe Aljoscha auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten. Das führt­ Leser fühlen sich »vital«, »engagiert« und sogar sein: einfach mal öfter ausschlafen.
4. DEZEMBER 2017 No 50 WIRTSCHAFT 21

Eine Woche ohne Ende


Arbeiten, wenn andere frei haben – auch an Samstagen, Sonntagen und
Feiertagen. Wer tut sich das an? Besuche bei drei Ausnahmejobbern  VON VIOLA DIEM

W
enn in vielen deutschen Würde der Pfarrer sonntags einfach ausschlafen,
Haushalten noch im Bett könnte er nicht vom siebten Tage der Schöpfung
gefrühstückt, die Tasche predigen, dem Tag, an dem der Mensch ruhen möge.
für den Ausflug zur Oma Die Kirche gab einst den Anstoß zum arbeits-
gepackt oder der Schal für freien Sonntag. Um in die Messe gehen zu können,
den Stadionbesuch ge- wurden Arbeitstätigkeiten reduziert. Konstantin der
bunden wird, verbaut Große war der erste, der die Sonntagsruhe durch ein
Stefan Janowitz schon seit mehreren Stunden Flug- Gesetz staatlich verordnete. Im 19. Jahrhundert be-
zeugteile. Der Mechaniker muss arbeiten, wenn gann die wöchentliche Freizeitgarantie zu wanken,
andere Leute freihaben: am Wochenende. man arbeitete wieder mehr sonntags. Bis Kaiser Wil-
In Hochproduktionszeiten, wenn die regulären helm II. im Jahr 1891 die Sonntagsarbeit bis auf ­
Arbeitswochen nicht reichen, kann Janowitz’ Arbeit- einige Sonderregelungen untersagte.
geber Airbus seine Angestellten zum Einsatz am Sams- Heute ist die Sonntagsruhe im Grundgesetz fest-
tag verpflichten. »Die Airlines warten schließlich nicht geschrieben – mit den genannten Ausnahmen. Die
gern auf ihre Flieger«, sagt Janowitz. Er rechnet damit, Bundesländer können weitere Sonderfälle bestim-
dass er und seine Kollegen in den nächsten Monaten men. Zuletzt kreiste die Diskussion zum Beispiel
etwa jeden zweiten Samstag aufs Ausschlafen ver- darum, ob Supermärkte an Heiligabend öffnen
zichten müssen. Wer wolle, könne sich für weitere können sollten, weil der dieses Jahr auf einen Sonntag
Schichten am Samstag und Sonntag eintragen. fällt. Geschäfte dürfen zwar wegen des besonderen
Das Jahr 2017 war nicht nur für Stefan Janowitz Bedarfs für einige Stunden öffnen. Mehrere Super-
ein Jahr der Arbeit. Die Arbeitslosigkeit ist – saison- marktketten entschieden sich aber dafür, ihren Mit-
bereinigt – kontinuierlich gefallen in diesem Jahr. Im arbeitern den freien Sonntag zu lassen.
Oktober waren laut der Bundesagentur für Arbeit Auch für die 28-jährige Fotografin Franziska Evers
erstmals weniger als 2,4 Millionen Menschen ohne ist Arbeit an Weihnachten ein Tabu. Bei anderen
Arbeit, das ist der niedrigste Wert seit der Wiederver- Feiertagen ist sie aber nicht so streng. Als der Refor-
einigung und entspricht einer Quote von 5,4 Prozent. mationstag vielen Deutschen einen außerplanmäßi-
Zugleich wächst nicht nur die Zahl der Beschäftigten gen Feiertag bescherte, saß die Selbstständige in ihrem
seit Jahren, sondern auch die Zahl der offenen Stellen. Büro in Hamburg-Eimsbüttel und bearbeitete am
Experten sprechen von einem Jobwunder. Bildschirm Bilder. »Freimachen bringt mir nichts«,
Eine Folge: Immer mehr Menschen in Deutsch- sagt sie. »Das bedeutet nur, dass ich an den anderen
land sind an Wochenenden und Feiertagen beruflich Tagen der Woche länger im Büro bleiben muss.«
im Einsatz. Die Bundesregierung gab auf Nachfrage Seit fünf Jahren ist Evers selbstständig. Wochen-
der Grünen an, dass knapp 6,1 Millionen Menschen enden hat sie seitdem regelmäßig zur Arbeitszeit er-
an diesen Tagen arbeiten. Ist das ein Grund zur Em- klärt. Gründe gibt es mehrere, erklärt sie: »Viele
pörung? Oder eine weitere Etappe im Kampf um die Kunden haben nur am Wochenende Zeit, Hochzeits-
Überwindung von eingestaubten Arbeitsnormen? termine liegen meist auf Samstagen, und manchmal
Im Fall von Airbus ist es Ausdruck dafür, dass die bin ich einfach mit der Nachbearbeitung hinterher.«
Geschäfte gut laufen. Das sichert die Arbeitsplätze, Zahlen belegen, dass Wochenendarbeit für Selbst-
beschränkt aber die Freizeit. Stefan Janowitz kann ständige üblich ist: Laut einer Erhebung des Statisti-

+2,4 %
sich buchstäblich vor Arbeit nicht retten. Er be- schen Bundesamts arbeitet gut die Hälfte von ihnen
kommt für seinen Einsatz einen finanziellen Bonus an Samstagen, ein Viertel an Sonntagen. Im Vergleich
sowie einen Ausgleichstag unter der Woche. Trotzdem dazu sind es bei den Angestellten nur 23 Prozent an
sehnt er sich nach einem Job, bei dem die Arbeits- Samstagen, 13 Prozent an Sonntagen. Interessanter-
woche montags beginnt und freitags endet. »Ich weise geht es Menschen mit Wochenendjob aber
hätte lieber ein zusammenhängendes Wochenende«, offenbar nicht erheblich schlechter. Das Deutsche
sagt er, »die Zeit wäre mir wichtiger als das Geld.« Institut für Wirtschaftsforschung etwa stellte fest, dass
Fotos (alle plainpicture): Jerome Gerull; Maskot (u.); Quelle Prozentzahlen: Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt

Dass er sich an vielen Samstagen eher zur Arbeit quält, die Zufriedenheit von Sonntagsarbeitern unwesent-
sollen seine Chefs nicht wissen, darum haben wir mehr sozialversicherungspflichtig lich geringer ist als im Schnitt.
seinen Namen in diesem Artikel geändert. Beschäftigte gab es im August 2017 im Franziska Evers sieht in der Möglichkeit, am ­Wo­
Die Wochenendschichten von Janowitz sind Vergleich zum selben Monat im Vorjahr chen­ende arbeiten zu können, ein Privileg der Selbst-
Symptom einer starken Wirtschaft. Für den 59-Jäh- ständigkeit. »Ab und zu sitze ich gern am Wochen-
rigen Roland Brenner hingegen bedeuten sie genau ende hier«, sagt sie, »kann in einer alten Jeans her-
das Gegenteil: Nicht am Wochenende zu arbeiten kommen, laut Musik hören, ohne meinen Büronach-
kann er sich gar nicht leisten. In einer anderen großen barn zu stören, trinke Tee und bearbeite meine Bilder.
deutschen Stadt öffnet Brenner die Tür zum Büro bei dem Taxiunternehmen vor. Da trug er noch An- Vollzeit arbeiten kann und das Geld dennoch nicht Dafür gehe ich an einem anderen Tag früher nach
eines Taxiunternehmens. Hinter ihm warten auf zug und Krawatte vom letzten Kundentermin. langt. Vor allem aus den USA hört man, dass es zum Hause.« Für Evers ist Wochenendarbeit eine Form
einem Teppich aus goldenem Laub zwei Taxis, ­Marke Bis zu tausend Euro netto im Monat verdient sich Überleben mehr als einen Job braucht. Doch auch in der selbstbestimmten Arbeit. Wäre sie dann nicht
Mercedes S6, auf ihren nächsten Einsatz. Im März Brenner seitdem mit der Wochenendarbeit dazu. Je Deutschland wächst dieses Problem. Das Institut für jedem zu wünschen? Wohl nicht. Die komplette Auf-
hat Brenner angefangen, neben seinem Job als Ver- mehr Fahrten, desto mehr nimmt er ein. Wenn es Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gab erst im Ok- lösung des Wochenendes wäre ein gesellschaftlicher
sicherungsvertreter am Wochenende Taxi zu fahren. schlecht läuft, stockt das Taxiunternehmen auf Min- tober bekannt, dass etwa drei Millionen Deutsche Verlust, ist es doch der einzige regelmäßige Zeitraum,
Seinem Arbeitgeber, einer großen deutschen Ver­ destlohnniveau auf. Dazu kommen die Trinkgelder. zusätzlich zu ihrem Hauptberuf einen Nebenjob in dem ein Großteil der Menschen freihat.
sicherung, verschweigt er das, darum erscheint auch Einen Wochenendaufschlag wie bei Airbus gibt es haben. Seit 2003 hat sich die Zahl der Mehrfach­ Dass sie nicht jede Woche Zeit zum Durchatmen
Brenner hier unter anderem Namen. nicht. Trotzdem sei die Nachtschicht am Wochen- beschäftigten mehr als verdoppelt. Das deutsche Job- hat, merkt Franziska Evers deutlich. Durch die Wo-
Brenner hat schwere Zeiten hinter sich. Den ende begehrt, sagt Brenner und blickt auf den Dienst- wunder hat auch eine Schattenseite. chenendarbeit habe sich ihr Freundeskreis inzwischen
größten Teil seines Einkommens von der Versiche- plan, der in dem muffigen, kleinen Raum des Taxi- In vielen Berufen gehört Wochenendarbeit aber sehr »umstrukturiert«, sagt sie. »Ich verpasse viel:
rung erzielt er aus Provisionen für abgeschlossene Unternehmens an einer Magnetwand hängt. »Bei zur Jobbeschreibung, selbst ohne Nebenjob. Vor al- Geburtstage, ›Komm, wir grillen im Park‹-Treffen,
Versicherungsverträge. Das monatlich garantierte vielen Kunden sitzt dann das Trinkgeld lockerer. Und lem im Dienstleistungssektor und in der Landwirt- eigentlich so ziemlich den ganzen Sommer.« Also hat
Einkommen von der Versicherung deckt nur die wenn es richtig gut läuft, will jemand nach der Knei- schaft wird am Wochenende gearbeitet. Tiere auf sie begonnen, Wochentage und Wochenenden, die
Miete. Nach Scheidungskummer und Trauer um die pe noch ins Bordell.« Einige Etablissements zahlen einem Bauernhof müssen auch an Samstagen und sie sich freihalten will, im Kalender mit grünen Kle-
tote Mutter gelangen Brenner einige Monate lang Fahrern 40 Euro Provision fürs Vorbeibringen. Sonntagen versorgt werden. Und was wäre ein Feier- bezetteln zu markieren. »Wenn ich dann durchblät-
kaum Abschlüsse, und er verdiente gerade 800 Euro Selbst in der Nacht vor der Hochzeit seiner Toch- tag wie der 1. Mai oder ein Derby zwischen Schalke tere und weiß, dass ich in dieser Woche weniger Zeit
im Monat. Als alle Ersparnisse aufgebraucht und nur ter fuhr Brenner noch eine Schicht, führte sie dann 04 und dem BVB, wenn alle Polizisten freihätten? habe, überdenke ich, ob ich den Auftrag annehme.«
noch zehn Euro auf dem Konto waren, riet ihm ein zum Altar und brach nach dem Mitternachtsbuffet Ob als Taxifahrer oder als Verkäufer: Ohne Kellner und Köche, Kinos, Konzerte und Am Ende entschied sie sich am Reformationstag doch
Freund zum Taxifahren. Das hatte Brenner vor Jahren zur nächsten Tour auf. Am Montag ging er wieder 6,1 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten Theater wären die Innenstädte am Wochenende aus- noch, nicht den ganzen Tag zu arbeiten. Sie schwang
schon einmal gemacht. Am selben Tag stellte er sich für fünf Tage ins Büro. Sein Fall zeigt, dass jemand regelmäßig an Wochenenden gestorben. Autos blieben liegen ohne Tankstellen. sich auf ihr Rennrad und radelte 80 Kilometer.

Ideen allein reichen nicht


Warum ich auch in diesem Jahr kein Unternehmen gegründet habe  VON GERO VON R ANDOW

I
n diesem Jahr bin ich schon wieder kein Unter- obachten. Was ich sah, überzeugte mich wenig desto deutlicher wurde mir, was ich eigentlich schon ten Kfz-Mechanikers herumschraube. Wir beide haltsam war, und fand schließlich sogar einen
nehmer geworden. Dabei hatte ich zwei schö- und reizte mich umso mehr. Wäre doch gelacht! immer wusste: Gastronomie ist eine harte Nummer. kennen einen netten Hamburger Kaufmann, der das Rentner, einst Geschäftsführer einer Metallbau­
ne ­Ideen. Eine Rock-’n’-Roll-Kneipe wollte Was mich erstaunte, war allerdings diese Infor- So eine Bar müsste ja mindestens fünfmal in gleiche Hobby pflegt. Also dachte ich mir: Der eine firma, der bestens passte.
ich aufmachen. Oder eine Oldtimer-Werk- mation: In Deutschland nimmt die Zahl der ge- der Woche geöffnet sein, etwas anderes kann die kann schrauben, der andere hat kaufmännisches Ver- Dabei blieb es dann leider. Es hat schließlich
statt. Das waren nicht nur so Einfälle, ich habe mich werblichen Gründungen ab. Wie das Statistische Kundschaft sich nicht merken. Fünfmal bis in die ständnis und Kapital, und ich könnte ja unser Werbe- seinen Grund, warum es nirgendwo eine Werkstatt
ernsthaft damit befasst. Warum? Erstens, weil ich Bundesamt im September mitteilte, wurden im Nacht arbeiten. Und spätestens von der Mittags- onkel und das Verkaufsgenie sein. Jedenfalls habe ich für Oldtimer gibt, die sowohl einem Schrauber als
Neuanfänge mag. Zweitens, weil mir beides nach ersten Halbjahr 2017 nur 288 800 neue Unterneh- zeit an einkaufen, putzen, rechnen und was weiß schon mehrere Leute kennengelernt, die nach einer auch einem Geschäftsführer, einem Kapitalgeber
Freiheit schmeckte. Naiv, gewiss, aber ohne eine men gegründet, 1,4 Prozent weniger als im selben ich. Fünfmal den ganzen Abend zu Leuten nett guten Oldtimer-Werkstatt suchten. Den Bedarf gab und dazu noch einem Werbefuzzi wenigstens so
Prise Naivität kommt nichts Neues in die Welt. Zeitraum des Vorjahres – und dieser Sinkflug sein, die mal so, mal so sind. Darunter Besser­ es also. Und ich hatte eine Zusatzidee: Die Werkstatt viel einbringt, dass sie mehr ist als ein Hobby. Und
Ein ungewöhnlicher Fall war ich mit diesen dauert schon eine ganze Weile. Die Zahl der Be- wisser. Angetrunkene. Stehpinkler. Leute, die mir ließe sich doch zu einer Art Treffpunkt ausbauen, mit mehr als ein Hobby sollte sie schon sein.
Überlegungen nicht, ganz im Gegenteil. Dem triebsschließungen wiederum liegt über derjenigen pausenlos in die Musikauswahl hineinreden. Das Musik, Live-Bands, siehe oben. War also alles nichts. Ich gehörte leider nicht
Global Entrepreneurship Monitor zufolge glaub- der Neuanfänge, der Saldo ist negativ. Das sollte soll Freiheit sein? Nein, danke. Viel Kapital war nicht nötig. Allerhand Werk- zu den bewundernswerten 4,6 Prozent, die ihre­
ten im Jahr 2016 mehr als 37 Prozent der Deut- mich aber nicht entmutigen. Aber die Werkstatt, dachte ich mir. Ich fahre einen zeug besitzen wir schon, und eine geeignete Halle Unternehmensidee in die Praxis umsetzen. Immer-
schen, sie hätten durchaus die Möglichkeit und Ich surfte Service-Seiten für Gründer ab und ent- Oldtimer, an dem ich mit der Hilfe eines befreunde- zu finden ist zwar schwer, aber nicht unmöglich. hin war es ein erhebendes Gefühl, als potenzieller
auch die Fähigkeit, ein Unternehmen zu gründen. deckte allerlei Institutionen, die Hilfe leisten wollen. Wir hatten auch bald einen Namen für die Firma Gründer unterwegs zu sein. Gelernt habe ich auch
Warum tun sie es dann nicht? Davon kann ich Unterstützung erhalten in erster Linie junge Leute, und ließen für kleines Geld ein Logo entwickeln etwas: Sein Hobby zum Beruf zu machen ist leich-
etwas erzählen.
Eine Rock-’n’-Roll-Kneipe schien mir die idea-
le Verbindung zweier meiner Leidenschaften zu
die Hightech-Unternehmen auf die Beine stellen
wollen. Das ist natürlich gut, nur konnte davon in
meinem Fall keine Rede sein. Doch unverdrossen las
–1,4 % – das Wichtigste macht man ja immer zuerst.­
Allerdings hat unser kaufmännisch aktiver Freund
allzu viel um die Ohren, als dass er sich auch noch
ter gesagt als getan. Jedenfalls werde ich im kom-
menden Jahr keine Weinschule und keinen Think-
tank aufmachen, auch das hatte ich mal überlegt.
sein. Ein gutes Musikprogramm traute ich mir zu, ich mich durch Ratgeber für angehende Gastrono- um so eine Werkstatt kümmern könnte. Na gut, Aber wer weiß, es kommen bestimmt noch mehr
von Gastronomie verstehe ich auch etwas, und die men, fing sogar schon an zu rechnen. Autsch. Wer Im ersten Halbjahr 2017 gab es weniger ich begab mich auf die Suche nach jemandem, der ­Ideen vorbeigeschwommen. Lust hätte ich schon.
Idee bestand ja nicht darin, mit so einem Projekt sich dem Rentenalter nähert, hat es auf dem Kredit- Neugründungen als im ersten Halbjahr 2016. Oldtimer-Verständnis, kaufmännische Erfahrung
reich zu werden. Es sollte seinen Mann ernähren. markt schwer. Und je länger ich nachdachte und mit Insgesamt waren es noch 288 800 und Lust auf einen Nebenjob hatte. Ich traf mich Gero von Randow ist
Also warum nicht? Ich begann, den Markt zu be- je mehr Gastronomen ich über meinen Plan sprach, mit mehreren Kandidaten, was ziemlich unter­ Redakteur im Politik-Ressort der ZEIT
22 JAHRESRÜCKBLICK 2017 WIRTSCHAFT 4. DEZEMBER 2017 No 50

Ü Handelskrieg? Vertagt
ber Autos aus Mexiko hat US- der ausländischen Konkurrenz geschützt werden, weil
Präsident Donald Trump ge- die angeblich oder tatsächlich unfair agiert.
flucht, über Holz aus Kanada, Trotzdem aber boomt das Geschäft – beim euro-
Fernseher aus Japan und Ma- päischen Exportchampion Deutschland sogar ganz
schinen aus Deutschland. Er besonders. Aus der Bundesrepublik wurden im Sep-
hat großen ausländischen Un- tember Waren im Wert von 110,4 Milliarden Euro
ternehmen gedroht, interna- exportiert. Von Januar bis September wurden 6,3
tionale Organisationen beschimpft. Und im Die Zeiten florierender Exporte sind vorbei, fürchteten viele Experten – und irrten sich. Prozent mehr exportiert als im Vorjahreszeitraum.
Frühsommer, auf dem G20-Gipfel in Hamburg, Das globale Geschäft wuchs und wuchs, trotz Donald Trump und großer Proteste  VON PETR A PINZLER »Das liegt an der Konjunktur«, sagt Roland
ärgerte er fast den ganzen Rest der Welt: Während Döhrn vom RWI. Er ist einer der Ökonomen, die
auf den Straßen die Kapitalismusgegner demons- regelmäßig Container zählen lassen – und auch noch
trierten, blockierte Trump eine gemeinsame­ alle möglichen anderen Indikatoren beobachten. Das
Erklärung der Regierungen. Mit der hatten sich Wachstum der Wirtschaft, so Döhrn, und das des
die 20 führenden Wirtschaftsnationen gegenseitig Handelsvolumens seien eng miteinander verknüpft.
offene Märkte versprechen wollen. Trump war Und da es in Europa nach Jahren der Krise nun vielen
damals so hartnäckig, dass Beobachter über eine Ländern ökonomisch wieder besser gehe, wirke sich
»Zäsur in der Handelspolitik« schrieben und das automatisch positiv auf den Handel aus.
warnten, dass das globale, durch Regeln gebundene Deutschland profitiert also davon, dass die Krise in
System in seiner Existenz gefährdet sei, Wirtschafts­ Spanien, Portugal und Griechenland nicht mehr so
kriege drohten. Und vielleicht sogar das Ende des schlimm ist. Dazu kommt, dass es auch in den USA
Welthandels, wie wir ihn kennen. und in Asien einen Aufschwung gibt. Und dass viele
Dramatisch schien das. Und doch hatte es wenig Regierungen zwar gern mal öffentlich mit Handels-
mit der Wirklichkeit zu tun, bisher jedenfalls. Wer sanktionen drohen, auch weil das bei den heimischen
wissen will, was tatsächlich passiert, sollte besser Wählern gut ankommt, aber nur wenige wirklich
Container zählen. bedrohlich handeln: Die WTO verzeichnete in die-
Die Ökonomen vom Wirtschaftsforschungsinsti- sem Jahr die geringste Zunahme an neuen Handels-
tut RWI tun das regelmäßig. Natürlich stehen die schranken seit 2008.
Forscher nicht persönlich an der Mole und halten »Tatsächlich haben sich viele Befürchtungen
nach Schiffen Ausschau. Sie lassen sich vielmehr jeden bisher nicht bewahrheitet«, sagt Christian Kastrop,
Monat von den 82 größten Häfen aus aller Welt be- Volkswirt bei der OECD. Dabei war die wohl größte
richten, wie viele Container reinkommen und raus- Sorge vieler Unternehmen, dass Trump seine Wahl-
gehen. Denn deren Zahl dokumentiert ziemlich ge- kampfversprechen wahr macht, die USA vom Rest
nau und früher als andere Indikatoren, was im in- der Welt abschottet und dann das Chaos ausbricht.
ternationalen Handel los ist. Schließlich werden die Doch das ist nicht passiert.
meisten Waren heutzutage in diesen Behältern mit Zwar steigt der US-Präsident aus dem transpazi-
großen Überseefrachtern über die Meere transportiert. fischen Handelsabkommen TPP aus, bevor es in Kraft
Im September dieses Jahres, so die RWI-Öko- treten konnte. Er legte das amerikanisch-europäische
nomen, wurden so viele Container transportiert wie TTIP auf Eis und lässt seine Beamten nun den Ver-
seit 2010 nicht mehr. In den vergangenen sieben trag für die amerikanische Freihandelszone Nafta neu
Jahren ist der um saisonale Schwankungen berei- schreiben. Er unterschrieb ein Gesetz, das Sanktionen
nigte Wert des Index um etwa 30 Prozent gestiegen gegen Russland verschärft, verhängte Zölle gegen
– 2017 sogar stärker als 2016, obwohl das Jahr noch Stahlimporte, drängte die US-Konzerne, Fabriken in
nicht ganz vorbei ist. Und das bedeutet: Von Handels­ den USA zu bauen statt anderswo. Doch all das hat
krise oder gar Handelskrieg ist in den Häfen und nichts grundlegend an den Handelsströmen verän-
damit auch in vielen Unternehmen wenig zu spüren. dert. Im laufenden Jahr importieren und exportieren
Das RWI konstatiert im Gegenteil einen »anhaltend die USA mehr Waren und Dienstleistungen als 2016.
kräftigen Anstieg« des Welthandels. Er boomt. Ein Präsident, der wild twittert, tut in Wirklich-
Auch Forscher, die mit anderen Methoden die keit offenbar wenig. Sein Umgang mit China zeigt
Handelsströme messen, kommen zu ähnlichen Er- das exemplarisch: Während seiner ersten Asienreise
gebnissen. Die Welthandelsorganisation WTO sagt Mitte November klagte Trump in Peking zwar laut
für dieses Jahr ein Wachstum des globalen Handels über die »einseitigen, unfairen Handelsbeziehungen«
um 3,9 Prozent voraus. Der Internationale Wäh- und darüber, dass die Chinesen viel mehr Güter nach
Fotos: Bartosz Ludwinski; Murat Tueremis/laif [M](u.), Quelle Prozentzahlen: RWI, Pew Research Center

rungsfonds (IWF) schätzt die Lage so gut ein wie seit Amerika verkaufen als umgekehrt. Doch dann sagte
zehn Jahren nicht, er rechnet sogar mit 4,2 Prozent er: Dafür könne man nicht die chinesische Regierung
mehr – nach 2,4 Prozent Wachstum in 2016. Und verantwortlich machen. Schuld seien vielmehr seine
auch das deutsche Ifo-Institut, das für seinen­ Vorgänger im Weißen Haus. Die hätten einfach
Geschäftsklimaindex regelmäßig 1100 Experten aus miese Politik gemacht.
120 Ländern befragt, erkennt viel »Optimismus« und Ein Blick in die Statistik zeigt: Bisher macht
stellt fest: Immer seltener würden die Experten­ Trump fast nichts anders. Denn obwohl der US-­
Beschränkungen des Exports für ein Problem für die Präsident seit fast einem Jahr regiert, verkaufen die
Gesamtwirtschaft halten. Chinesen munter weiter viel mehr Waren in die USA,
Wie kann das sein? Längst droht nicht mehr nur als sie von dort importieren: Im Oktober lag der
der amerikanische Präsident Donald Trump mit chinesische Überschuss bei 26 Milliarden Dollar und
Zöllen, Embargos und der Kündigung von Verträgen. damit um ganze 12,2 Prozent höher als im Vorjahr.

5,8 %
Auch andere Politiker und Regierungen schimpfen Fragt man professionelle Beobachter des Welt-
inzwischen öffentlich, wenn sie die Interessen der handels aber nach einer Prognose und danach, ob sich

+
eigenen Industrie gefährdet sehen. Anfang des Jahres daran bald etwas grundlegend ändern werde – schwei-
warnte beispielsweise die chinesische Regierung die gen sie kurz. Und dann warnen sie: Die Konjunktur
EU, auf keinen Fall ihre Exporte zu beschränken – werde sich abschwächen. Eine nächste Finanzkrise
und die EU schimpfte zurück. Die Briten beschwer- sei möglich. Der Brexit werde schwierig. Und wenn
ten sich über die Kontinentaleuropäer und die Ame- die USA einen Krieg mit Nordkorea anfingen, dann
rikaner. Und vor ein paar Tagen erst warnten die werde das die politische Stimmung sowieso stark ver-
Inder die Chinesen vor einem Handelskrieg. Fast jede ändern. Und als Folge auch den Handel beeinflussen.
Woche, so scheint es, droht irgendwo auf der Welt mehr Container wurden im Oktober 2017 weltweit umgeschlagen als im gleichen Monat des Vorjahres. Gute Zeiten, das wissen Ökonomen, dauern nie ewig.
irgendein Politiker dem Ausland. Immer mit dem Auch die Proteste beim G20-Gipfel in Hamburg (Bild) konnten dem Welthandel nichts anhaben Und schlechte Nachrichten verkaufen sich in der
einen Ziel: Die heimische Industrie soll besser vor Regel auch besser als Container-Indizes.

»Jobs, Jobs, Jobs!«


D
onald Trumps Wahlsieg stand auch die Konsumlaune: Die Verbraucherausgaben Wirtschaftlich war es Trump wird nicht müde, die wirtschaftlichen sicht SEC, deren Spitze Trump mit einem ehemaligen
kaum fest, da gab der Ökonom sind im September um ein Prozent gegenüber dem Erfolge zu betonen. »JOBS, JOBS, JOBS!«, schrieb Wall-Street-Anwalt besetzt hat, kündigte vor Kurzem
Paul Krugman eine düstere Pro­ Vormonat gestiegen – zuletzt gab es einen solchen ein gutes Jahr für die USA. er im Juli auf Twitter. Und im Oktober: »GROSS- an, auf die systematische Verfolgung von Verstößen
gno­se ab. Unter dem neuen Präsi- Anstieg 2009. ARTIGES Bruttoinlandsprodukt«. Und es ist klar, zu verzichten und nur noch große Fälle zu ahnden.
denten werde die Weltwirtschaft in Entsprechend selbstbewusst geben sich der Prä-
Kann Donald Trump dass er sie seiner eigenen Politik zuschreibt. Dennoch fehlen in Trumps Bilanz im ersten
einer Rezession versinken, deren Ende nicht ab­ sident und sein Team. »Wenn Sie dachten, die etwas dafür?  Doch es ist schwer zu sagen, welchen Anteil der Amtsjahr die Triumphe, die er seinen Anhängern
sehbar sei, schrieb der Nobelpreisträger in seiner­ Wirtschaftsdaten 2017 seien überraschend positiv Präsident daran tatsächlich hat. Die Erholung am zugesichert hatte. Zu seinen wichtigsten Versprechen
Kolumne in der New York ­Times. An der Wall ausgefallen, dann warten Sie mal 2018 ab«, mel- VON HEIKE BUCHTER Arbeitsmarkt hat bereits unter seinem Vorgänger be- gehörte, die Gesundheitsreform seines Vorgängers
Street warnte der Finanzier und frühere Obama- dete sich Trumps Pressesprecherin Sarah Sanders gonnen. Die Börsenkurse steigen nicht zuletzt, weil wieder abzuschaffen. Doch die Republikaner, offiziell
Berater ­Steve Rattner vor einem »Markteinbruch Ende ­November per Twitter und verwies auf eine die Notenbanken die Zinsen seit der Finanzkrise seine Parteifreunde, waren darüber so zerstritten, dass
epischen Ausmaßes«. Andere Ökonomen und­ Pro­gno­se­ der Investmentbank Goldman Sachs. künstlich niedrig halten. Das hat Investoren dazu das Vorhaben trotz mehrerer Versuche scheiterte.
Investoren reagierten nicht ganz so extrem, den- Deren Chefvolkswirt Jan Hatzius geht davon aus, bewogen, auf der Suche nach höherer Rendite Ak­tien Umso mehr drängt Trump auf eine Steuerreform, die
noch war man sich einig, dass Trump wie ein dass die ­Arbeitslosenquote im kommenden Jahr zu kaufen. Zudem verdankt Trump seine positive unter anderem massive Steuererleichterungen für
Schock auf Konjunktur und Märkte wirken werde. weiter fallen wird – auf 3,7 Prozent. So niedrig war Bilanz der Tatsache, dass sich die Wirtschaft nicht Unternehmen vorsieht. Trump und seine Partei­
Das Gegenteil ist eingetroffen. Zuletzt wuchs die die Arbeitslosigkeit zuletzt unter Präsident Richard nur in den USA, sondern weltweit erholt. Die der behaupten, die Reform würde Unternehmen zu­
US-Wirtschaftsleistung um drei Prozent. Und das, ­Nixon zu Beginn der siebziger Jahre. Euro-Zone wächst so schnell wie seit zehn Jahren Investitionen animieren und damit das Wachstum
obwohl Stürme Texas, Florida und Puerto Rico ver- Aber die Vorhersage der Banker war nicht nur nicht mehr. Nach über einem Jahrzehnt der Sta­gna­ steigern. Das wiederum würde höhere Steuerein-
wüstet haben. Im Jahr 2016, Obamas letztem Amts- positiv. Die Gruppe der Beschäftigten, die an den tion stieg sogar die Wirtschaftsleistung Japans das nahmen generieren – und die Verluste aus der Sen-
jahr, waren es gerade mal 1,6 Prozent gewesen. Dazu Rand des Arbeitsmarktes gedrängt werde, sei größer siebte Quartal in Folge. kung der Steuersätze ausgleichen.
haben die Börsen neue Rekorde markiert. Seit­ als zu anderen Zeiten mit einem boomenden Arbeits- Trumps größter eigener Einfluss auf die Wirt- Doch es gibt Zweifel an Trumps Steuerplänen,
November vergangenen Jahres hat der Dow ­Jones, markt, hieß es in dem Bericht. Und die Zahl derer, schaft erwächst bisher aus seinen Veränderungen in die bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch in
der Index der US-Großkonzerne, um mehr als 28 die ihre Suche nach einem Arbeitsplatz ganz auf­ Behörden und Ministerien. Die hat er innerhalb der Schwebe waren: Der Rechnungshof des US-­
Prozent zugelegt. So eine H ­ ausse nach einer Präsi- ge­geben haben, ist nach wie vor höher als vor der­ kurzer Zeit auf einen wirtschaftsfreundlichen Kurs Kongresses schätzt, dass sie das Haushaltsdefizit über
dentschaftswahl gab es zuletzt vor über 70 Jahren – Finanzkrise. Vor allem weiße Männer gehören zu den getrimmt. Die Umweltschutzbehörde EPA etwa ist zehn Jahre um 1,7 Billionen Dollar erhöhen würden,
das war 1945, als Franklin Roose­velt zum vierten Mal Verlierern. Ihre Beschäftigungsrate hat immer noch dabei, Obamas Emissionsbeschränkungen wieder was am Ende wieder die Steuerzahler belaste. Und ob
wie­der­gewählt wurde. Wichtiger noch: Die Arbeits- nicht das Niveau von vor der Finanzkrise im Jahr abzuschaffen. Das Innenministerium prüft, Natur- das Steuergeschenk wie beabsichtigt wirkt, ist um-
losenquote ist weiter gesunken. Im Oktober fiel sie 2008 erreicht. schutzgebiete zu verkleinern oder zumindest für stritten: Bei einer Umfrage des Wirtschaftssenders

–16 %
auf 4,1 Prozent. Ausgerechnet diese Amerikaner, von denen­ ­Öl- und Gasförderung zu öffnen. Die Behörde für­ CNBC erklärten lediglich 13 Prozent der befragten
Zwar liegt Trumps Zustimmungsrate bei Um- besonders viele Trump gewählt haben, trifft ein Lebens- und Arzneimittel dürfte bis zum Jahresende Firmenchefs, sie würden die Steuereinsparungen
fragen im Dauertief, doch die Gefühlslage der US- weiteres Problem. Eines, das der Präsident bisher doppelt so viele Medikamente zulassen wie unter nutzen, um mehr Mitarbeiter einzustellen. Nur
Konsumenten trübt das offenbar kaum. Laut dem nicht lösen konnte. Zwar hat die Wirtschaft während Obama im Jahr 2016. Außerdem hat Trump ver- Trump selbst ist wie immer begeistert von seinem
Conference Board, einem Marktforschungsinstitut, seiner Amtszeit im Schnitt monatlich 160 000 Stellen Mitte November befürworteten 16 Prozent weniger sprochen, die nach der Finanzkrise von der Obama- Vorhaben: »Die Steuersenkungsreform wird besser
sind die US-Verbraucher so optimistisch wie seit bald geschaffen. Doch Löhne und Gehälter sta­gnie­ren – US-Amerikaner die Präsidentschaft Donald Trumps Regierung beschlossene Regulierung für Banken und und besser«, twitterte er Ende November, das Er­
20 Jahren nicht mehr. Die gute Stimmung steigert trotz Wirtschaftswachstum. als zu Beginn seiner Amtszeit Investmentfirmen wieder zu lockern. Die Börsenauf- gebnis werde »großartig« sein, und zwar »für ALLE«.
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24 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50

Herr Wahlers steigt um


Ob die Verkehrswende gelingt, hängt von den Autokäufern ab. Was überzeugt sie?  VON DIETMAR H . LAMPARTER

A
n einem Freitag im Oktober Bauernhof am Trecker herum. »Ich habe schon dem Hof des Autohauses zu installieren«. Etwa 190 Solaranlagen installiert – als die staatlichen Sub- Karosserien vorwärts. Das Tempo ist gemächlich,
klingelt bei Claus Wahlers im länger darüber nachgedacht, dass die Verbrennung Neuwagen werden die Brüder in diesem Jahr ver- ventionen noch garantiert waren. Zwei der An­ gerade mal 35 E-Golf pro Tag laufen derzeit hier
heimischen Bülstedt um halb fossiler Kraftstoffe im Auto eine Verschwendung kaufen, darunter 20 E-Autos, kalkuliert Warncke. lagen speist er »für gutes Geld« ins Stromnetz des vom Band. Die fertig lackierte Karosserie und die
sechs der Wecker. Die 800-See- ist. Da werden nur 28 Prozent der Energie genutzt.« Das wäre 10-mal so viel wie der Bundesdurchschnitt Energieversorgers EWE ein, die dritte liefert den meisten Teile für den Stromer werden aus dem
len-Gemeinde liegt im Kreis Auch darum habe er für die Elektromobilität viel – und das auf dem platten Land. Wären alle deut- Strom für den Eigenbedarf – und das Laden des Stammwerk in Wolfsburg angeliefert. In Dresden
Rotenburg/Wümme, hoch in übrig. »Trotzdem, bei so einer teuren Anschaffung schen Autohändler so rührig, hätte sich das Problem E-Autos. Wahlers mag kein typischer Käufer sein, wird nur endmontiert.
Deutschlands Norden auf dem muss alles stimmen.« mit der Verkehrswende bald gelöst. aber er zeigt im Kleinen, wie sich Verkehrswende »Man fühlt sich eher wie in einem Wohnzimmer
platten Land der Moore, irgendwo zwischen Bre- Sein Diesel tat lange Jahre gute Dienste. »Das Nun hilft die Umweltprämie Warnckes Argu- und Energiewende rechnen können. als in einer Fabrik«, sagt Claus Wahlers, »klinisch
men und Hamburg. Das Sturmtief Herwart ist im hohe Drehmoment«, die Durchzugskraft also, sei mentation. Der alte Diesel seines Freundes landet in Leipzig. Umstieg in den Regionalexpress nach sauber, kein Ölgeruch, und diese Stille.« Er bleibt vor
Anzug. Doch Claus Wahlers sollen weder Wind ideal für Transporte mit Anhänger beim Umbau einigen Tagen beim Autoverwerter. »Der Verschrot- Dresden. Fast fünf Stunden sind Wahlers und­ einem Golf-Fahrwerk stehen, auf dem schon die
noch Wetter aufhalten. Er hat ein Ziel: Er will mit des elterlichen Hofs gewesen. Und der niedrige tungsnachweis eines alten Diesels ist die Voraus­ Warncke schon unterwegs. Von Müdigkeit keine große Batterie, in Alufolie isoliert, montiert ist. »Sieht
dem Zug ins gut 500 Kilometer entfernte Dresden. Verbrauch! 450 000 Kilometer hat der VW Passat, setzung, um die volle Umwelt- und Zukunftsprämie Spur. Richtig aufgekratzt sind die beiden. Sie sind ein bisschen improvisiert aus, wie eine Bastelarbeit«,
Dort wartet sein nagelneuer E-Golf, der mit einer Baujahr 2000, auf dem Buckel. Wahlers hatte bei VW zu kassieren«, betont Warncke. gespannt auf die »Gläserne Manufaktur« von Volks- moniert Wahlers. Er hat schon mal das Modell eines
Batterieladung 300 Kilometer weit fahren kann. schon einmal ein E-Auto geleast, das aber hatte Claus Wahlers lehnt sich entspannt im Zug­sessel wagen, in der der E-Golf vom Band läuft. Ein VW- Tesla inspiziert, da lag das Batteriepaket schön flach
Elektroautos hatten es auch 2017 lange schwer eine so geringe Reichweite, dass er nicht auf den zurück. Zukunftsprämie? »11 760 Euro«, sagt er. Multivan holt sie vom Bahnhof ab. auf dem Wagenboden. Doch der Golf wurde ja ur-
bei Deutschlands Autokäufern. Monat für Monat sprünglich für die Verbrennungsmotoren konstruiert,
die gleiche traurige Statistik: Nicht mal einer von da mussten die Konstrukteure der E-Version mit dem
100 Neuwagenkäufern entschied sich für einen vorhandenen Platz auskommen. Bei den künftigen
Stromer. Die Gründe sind bekannt: zu teuer, zu Elektromodellen von VW sähe das auch anders aus,
wenige öffentliche Ladestationen. Und dann die sagen die VW-Leute.
»Reichweitenangst«! Sie beschreibt die Sorge, auf Samstag zehn Uhr. Claus Wahlers wird schon
dem platten Land fernab der Ladetanksäulen man- von Kundenbetreuerin Manuela Köhler im elegan-
gels Energie liegen zu bleiben. ten blauen Hosenanzug erwartet. Auftritt E-Golf.
Anfang Juli lobten Autobauer und Politik eine Lautlos öffnen sich die Türen des runden Aufzugs.
Kaufprämie von 4000 Euro für lokal emissionsfreie Das Ganze erinnert an einen Starauftritt in einer
Elektro-Pkw aus. Der Effekt war gleich null. Fernsehshow. Frau Köhler fährt den weißen Golf
Doch 2017 war auch das Jahr alter und neuer aus dem Aufzug, nur ein leises Knarzen der Reifen
Dieselskandale. Dieselmotoren stoßen gerade bei auf dem Parkett ist zu hören. Wahlers setzt sich ans
kalten Temperaturen besonders viele giftige Stick- Steuer, die Betreuerin daneben. Fast eine halbe
oxide aus. Nicht nur VW hatte offenbar die Kun- Stunde lag erklärt sie ihm die technischen Finessen
den getäuscht, eine ganze Industrie geriet unter des Autos, das neue Infotainment-System, die App
Verdacht. Hinzu kamen drohende Fahrverbote in für die Ladestationen, die vielen Assistenzsysteme.
von Stickoxiden und Feinstaub geplagten Groß- Eigentlich brauche er gar keine Einweisung, hat-
städten. Die Preise für gebrauchte Diesel bröckel- te Claus Wahlers vorher gesagt, jetzt ist er sichtlich
ten, die Neuzulassungen brachen ein. Plötzlich war begeistert. »Total geil, dieses ganze Ambiente.« Zum
im Autoland Deutschland die Rede vom baldigen Schluss begleitet ihn Manuela Köhler noch bei der
Ende des Verbrennungsmotors. »Verbrauchsoptimierungsfahrt«. Wahlers tritt be-
Anfang August sollte ein »Dieselgipfel« von Indus- herzt aufs Gas-, äh, Strompedal. »Geht richtig gut«,

–12 %
trie und Regierung die Krise entschärfen. Die Auto- befindet er, vom Motor ist nichts zu hören. Schließ-
bauer versprachen: Wer seinen dreckigen alten Diesel lich hat der neue E-Golf jetzt 136 PS, der Vorgänger
gegen einen sauberen Neuwagen tauscht, wird­ hatte nur 115. Wenn er vom Gas geht, gewinnt das
belohnt: mit einer »Umweltprämie« oder einer »Zu- Auto Energie zurück und bremst sich dabei ab.
kunftsprämie«. Am Ende aber hängt alles daran, ob Von Januar bis Oktober 2017 wurden wesentlich weniger Dieselautos zugelassen als
Noch ein kleiner Imbiss im schicken Restaurant
die Käufer diese Verkehrswende mitmachen. im gleichen Zeitraum 2016. Trotzdem ist das Elektroauto noch
der Gläsernen Manufaktur. Währenddessen wird
Claus Wahlers fährt seit 17 Jahren einen Diesel. immer ein Nischenprodukt: Claus Wahlers (Bild) mit seinem E-Golf ist ein Pionier
der weiße Golf vor der Tür nochmals geladen.
Auf ein Auto zu verzichten ist keine Option. »Es gibt Um 14 Uhr bricht das Abholer-Duo auf: Ziel Bül-
kaum öffentliche Verkehrsmittel in Bülstedt«, sagt stedt. Acht Stunden später sind sie angekommen,
Wahlers. Sein Arbeitsplatz liegt in Visselhövede, fast Sturmtief Herwart hat ihnen kräftigen Gegenwind
50 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Gut beschert. Viermal haben sie auf der 500-Kilometer-
20 000 Kilometer im Jahr kommen so zusammen. Diesel verzichten konnte. Jetzt aber wird er der Sein mit neuester Technik ausgerüsteter Golf mit Wahlers hat eines der »Pakete für Selbstabholer« Strecke an Schnellladestationen nachgetankt, dreimal
Leute wie Wahlers entscheiden darüber, ob das E-Au- Neuanschaffung geopfert. einigen Extras wie einer Wärmepumpe hätte brutto gebucht, die der Autobauer anbietet. »Das güns- kostenlos. Es wäre wohl mit einem Stopp weniger
to trotz aller Bemühungen ein Nischenfahrzeug Wahlers wird von seinem Freund und Auto- gut 40 000 Euro gekostet. Zwar sei der staatliche tigste für 400 Euro«, sagt Begleiter Warncke. Erster gegangen, aber ein bisschen Reichweitenangst fuhr
bleibt. Was also hat ihn umgestimmt? händler Wolf Warncke begleitet, der ihn schließlich Zuschuss schon eingerechnet, aber so konnte er die Programmpunkt: Führung durch die Gläserne doch mit: Wahlers hat gerne »immer 100 Kilometer
»Natürlich habe ich die Diskussionen um den vom Elektroauto überzeugte. Bei ihm hat Wahlers monatliche Leasingrate auf »258 Euro« drücken. Manufaktur. Schon von außen beeindruckt der Vor- Restreichweite« auf der Anzeige. Drei Ladekarten
Diesel verfolgt«, sagt Claus Wahlers im IC von Bre- den E-Golf bestellt. Warncke führt gemeinsam mit »Netto.« Ein gleichwertiger Diesel oder Benziner zeigebau moderner Industriearchitektur das Duo hatten sie dabei, zur Sicherheit, weil es keine Chip-
men nach Leipzig. Wahlers, schwarz-grauer Pulli, seinem Bruder in Tarmstedt ein VW-Autohaus. käme nicht billiger, sagt E-Auto-Fan Warncke. – 27 500 Quadratmeter Glas machen was her. Drei karte für ganz Deutschland gibt. Mit dem Diesel
schwarze Jeans, dunkelrandige Brille, erzählt jetzt Warncke kümmert sich besonders um die Elektro- »Trotzdem hätte ich es nicht gemacht ohne das E-Ladesäulen stehen direkt vor dem Eingang. Und hätte das Duo wohl zwei Stunden weniger gebraucht.
von seinem Weg zum Stromer. Der 61-Jährige ist mobilität. »Den alternativen Antrieben gehört die Carsharing«, wirft Wahlers ein. Der geschäfts­ drinnen erst. Indirektes Licht und durchgehend Doch Claus Wahlers meldet aus Bülstedt nach seiner
seit mehr als 30 Jahren als Diakon in der Jugend- Zukunft«, sagt der 54-Jährige. Die Sorge um Klima- tüchtige Diakon hat nämlich einen Deal mit einer­ Böden aus hellem Stäbchenparkett. ersten Langstreckenfahrt: »Es hat Spaß gemacht.«
arbeit tätig. Auf den ersten Blick ist er ein unwahr- schutz und Ressourcenschonung treibt ihn um. seiner Mieterinnen auf dem zu einer kleinen Eine junge VW-Mitarbeiterin führt ein gutes Im Monat Oktober stieg der Absatz an Elektro-
scheinlicher E-Auto-Käufer: Schließlich ist ein Deshalb trommelt der Händler seit Jahren auch für Wohnanlage umgebauten elterlichen Bauernhof Dutzend neugierige Besucher durch die Produktion. Pkw in Deutschland im Vergleich zum Vorjahres-
Fahrverbot für seinen Diesel auf dem platten Land das E-Auto, obwohl ihn hier die Überzeugungs­ gemacht. Die Mieterin übernimmt einen Teil der Wer kein Auto abholt, muss sieben Euro dafür be- monat um 86,8 Prozent. Die Anzahl der Diesel-Pkw
nicht zu befürchten. Und öffentliche Ladestationen arbeit bei den Kunden viel mehr Zeit koste als etwa Leasingrate und kann dafür den E-Golf immer zahlen. In 14 Sprachen finden Führungen statt. 70 fiel um 17,8 Prozent. Ist das schon die Wende? Ins-
sind dort sogar noch rarer als in den Metropolen. bei herkömmlichen Fahrzeugen. Er ist in der Re­ dann nutzen, wenn Wahlers ihn nicht zur Fahrt an Führer schleusen täglich rund 450 Neugierige durch gesamt wurden im Oktober gut 270 000 Autos mit
Aber Wahlers sei von Technik begeistert, erzählt gion für sein Engagement bekannt – und hat seinen seinen Arbeitsplatz braucht. Auf den Dächern­ die Zukunftsfabrik. Die Monteure sind ganz in Weiß Verbrennungsmotor zugelassen. Dem entgegen
er, bastelte schon als Schüler auf dem elterlichen Bruder »dazu überredet, eine Schnellladestation auf seines Anwesens hat er, vor Jahren schon, drei­ gekleidet, lautlos bewegt sich die das Band mit den standen 2180 Batterieautos.

Konkurrenzlos teuer
Die Lufthansa frisst ihren größten Rivalen, und die Preise an Deutschlands Himmel steigen. Wie konnte es bloß so weit kommen?  VON CLA AS TATJE

E
s ist das größte Wirtschaftsrätsel Geld nicht geflossen, hätten die Air Berlin-Flieger Stattdessen steht die Lufthansa im November gen Jahren wurde der Kauf der irischen Aer Lingus
des Jahres in Deutschland: Wie unverzüglich am Boden bleiben müssen. Das Chaos 2017 bereit, 81 Flugzeuge von Air Berlin zu über- durch den dortigen Wettbewerber Ryanair von
konnte es die Bundesregierung zu- wäre groß gewesen, aber der Wettbewerb hätte weit nehmen, sie will bis Mitte Dezember insgesamt 30 den Kartellbehörden untersagt. Ist eine andere Er-
lassen, dass die Lufthansa noch weniger darunter gelitten. Denn die Start- und Lan- Mal mit einem Jumbojet von Frankfurt nach Berlin klärung möglich, als dass in diesem Fall Lufthansa
größer und mächtiger wird, als sie derechte wären zum Großteil versteigert worden fliegen, kleinere Maschinen sind zu schnell ausge- und Bundesregierung unter einer Decke stecken?
Fotos: Stephan Floss für DIE ZEIT; Steffi Loos/ddp images (u.); Quelle Prozentzahlen: Kraftfahrtbundesamt, Skyscanner

ohnehin schon war? Erst ihr und nicht – wie jetzt sehr wahrscheinlich – im gro- bucht. Konzernchef Carsten Spohr wird vom ma- Ende November wurde bekannt, dass die deut-
150-Millionen-Euro-Staatskredit ßen Stil auf die Lufthansa übergegangen. nager magazin derweil als Manager des Jahres gefei- schen Kartellwächter die Preise bei der Lufthansa
sorgte dafür, dass sich die Fluglinie in Ruhe im Der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl sagt spä- ert. Doch die Marktmacht hat ihren Preis, und überprüfen wollen. Auch der Verkauf der Air-­
Insolvenzverfahren die Filetstücke von Air Berlin ter, es sei »bemerkenswert, um nicht zu sagen frus- zwar für die Kunden: Wer kurzfristig von München Berlin-Tochter Niki an Lufthansa stand plötzlich
sichern konnte. Der Staat dient dem Marktführer trierend, wie sich die Regierung von der Lufthansa nach Düsseldorf fliegen muss, zahlte dafür vor­ wieder zur Diskussion. Es geht also bloß noch um
– im August klang das noch arg nach Verschwö- hat einfangen lassen«. Wöhrl hat früher die LTU einem Jahr rund 200 Euro. Heute sind es eher 500. die Folgen des Deals.
rungstheorie. Und auch jetzt, zum Jahresende und die Deutsche BA gekauft. Nun wollte er es Und wer nicht zum Arbeitstermin fliegt, der Dass es ein abgekartetes Spiel sei, hat Air-­
2017, wird es noch immer brav von der Lufthansa noch einmal versuchen. Doch er kommt nicht zum wird in den Weihnachtsferien draufzahlen. »Hor- Berlin-Chef Thomas Winkelmann stets bestritten.
dementiert. Doch vieles spricht inzwischen dafür. Zug. »Es war wie in einem Autorennen, bei dem render Preisaufschlag auf Dezember-Flüge«, schreibt Gerüchte, er sei nur abgesandt worden, um Air
Zur Erinnerung: Nachdem der arabische Inves- zehn losfahren und gleich feststeht, wer gewinnt.« die Welt und bezieht sich damit auf Berechnungen Berlin runterzuwirtschaften, nannte er noch im Juni
tor Etihad eine Kreditzusage an Air Berlin einkas- Dieses Rennen war von der Lufthansa clever vor- der Suchmaschine Skyscanner. Wer im November gegenüber der ZEIT »blanken Hohn«. Doch schon
sierte, ging die Berliner Fluggesellschaft am 15. Au- bereitet. Schon im Dezember 2016 sicherte sich das einen Dezemberflug buchte, der zahlte demnach bei Amtsantritt hatte er sich sein Gehalt von maxi-
gust in die Insolvenz. Nur Stunden später erklärt der Unternehmen die Poleposition. Da mietete die schon 20 Prozent mehr als vor einem Jahr. mal 4,5 Millionen Euro per Bankgarantie und da-
Rivale via Pressemitteilung: »Lufthansa befindet Lufthansa 38 Flugzeuge vom Dauerrivalen Air Ber- Die Nachfrage übersteigt schlicht das Angebot. mit auch im Falle einer Pleite sichern lassen. Wäh-

+20 %
sich mit airberlin bereits in Verhandlungen über den lin und bekam so auch Zugang zu sonst geheimen Denn die Air-Berlin-Flieger müssen bis Jahresende rend mancher Flugbegleiter wohl bald Hartz IV
Erwerb von Teilen der airberlin Gruppe und bietet Unternehmensinformationen über die Kosten- am Boden bleiben, dann rechnet Lufthansa mit­ beantragen muss.
damit auch die Möglichkeit zur Einstellung von strukturen. Sie exportierte sodann einen ihrer fä- einer Genehmigung der Behörden. Bis dahin, sagt Noch im Sommer hatte Winkelmann verspro-
Personal.« Der damalige Verkehrsminister Alexan- higsten Manager nach Berlin: Thomas Winkel- Lufthansa-Chef Spohr, fehlen täglich 60 000 Plätze. chen, »trotz Insolvenz mein Ziel zu erreichen und
der Dobrindt (CSU) wünscht sich »einen deutschen mann. Manche sagen, sie installierte ihn dort. »Die Wenn Niki Lauda in Wien in den Flieger steigt, einen Großteil der Jobs zu sichern«. Im November
Champion im internationalen Luftverkehr«. Und Lufthansa hat Winkelmann dorthin geschickt, um sieht er lauter Kraniche, denn die Lufthansa hat dort sah die Realität bereits anders aus. Wie eine Kleine
Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD), in eine geregelte Insolvenz abzuarbeiten«, sagt bei- schon 66 Prozent Marktanteil. »Wer sich ein Mono- Anfrage der Linksfraktion ans Licht brachte, rech-
ihrem Amt für den Wettbewerb zuständig, pflichtet spielsweise Niki Lauda heute. Der Rennfahrer war pol erschafft, braucht nicht lange nachzudenken, da net die Bundesagentur für Arbeit mit 4000 Arbeits-
ihm bei: »Ich würde es begrüßen, wenn die Luft- früher Eigentümer von Lauda Air und hätte selbst legten die Ticketpreise für innerdeutsche steigen die Preise natürlich«, sagt Lauda. »Ich ver- losenmeldungen früherer Air-Berlin-Mitarbeiter.
hansa größere Anteile von Air Berlin übernimmt.« gern einen Teil von Air Berlin übernommen. Lauda Flüge im Dezember stehe das alles nicht, da wird die europäische Idee Wer einen Job bei der Lufthansa bekommt, erhält
Mitte August war somit klar: Es geht nicht um zog einst aus, die Austrian Airlines herauszufordern gegenüber denen des Vorjahres zu von freien Märkten komplett verraten«, sagt Lauda. im Schnitt deutlich weniger Gehalt. Für 2017 er-
eine Verschwörung, sondern schlicht um Industrie- – die heute ebenfalls zur Lufthansa gehören. Beim Tatsächlich erstaunt, dass Lufthansa offenbar wartet der Lufthansakonzern das beste Ergebnis
politik. Ein Staatskredit wurde zugesagt. Wäre das Wettstreit um Air Berlin ging auch er leer aus. mit der Übernahme durchkommt. Noch vor weni- seiner Geschichte. Der Bundesregierung sei dank.
4. DEZEMBER 2017 No 50 WIRTSCHAFT 25

Hundert Menschen in einem Lkw Für Schlepper war das Jahr ertragreich. Nach Europa zu fliehen ist teurer geworden  VON CATERINA LOBENSTEIN

D
ie Männer, denen das Jahr zusammen, die damals auf dem Weg verlangt wur­ päische Ermittler einen Ring aus rumänischen, afgha­ rund 3500 Euro pro Person für die Fahrt verlangten.
2017 so viel Geld bescherte, den, kommt man auf nicht mehr als 500 Euro pro nischen und bulgarischen Menschenschmugglern. Sie Beobachter von Frontex rechnen mit einem »Winter-
legen keine Bilanzen offen. Person. Heute müssen Flüchtlinge auf derselben hatten sich darauf spezialisiert, Flüchtlinge in Klein­ Discount«, den die Schmuggler gewähren, um ihr
Sie sprechen nicht mit der Route gut ein Dutzend Grenzposten passieren:­ bussen über den Balkan zu transportieren. Die Heck­ Geschäft trotz des schlechten Wetters am Laufen zu
Öffentlichkeit, man kann zwischen Griechenland und Mazedonien, zwischen klappen der Busse hatten sie doppelt verschalt. 48-mal halten, trotz starker Stürme und hoher Wellen.

+900 %
mit ihnen keine Interviews Mazedonien und Serbien, dann weiter an den Grenz­ seien die Ermittler in den vergangenen Monaten auf Wer das Meer fürchtet und genug Geld hat, kann
führen, kann sie schwer­ übergängen Richtung Kroatien oder Ungarn, Slowe­ solche präparierten Türen gestoßen, sagt Sztankovics. versuchen, mit einem gefälschten Pass nach Deutsch­
fragen, ob 2017 ein gutes oder ein sehr g­ utes­ nien und Österreich. Unentdeckt über diese Grenzen Es dürfte noch weit mehr Flüchtlinge geben, die so land zu fliegen. Kosten: mehr als 5000 Euro bei Ab­
Geschäftsjahr war. Und doch deutet viel darauf hin, zu gelangen kostet inzwischen mehrere Tausend Euro, verzweifelt sind, dass sie sich in den Hohlraum zwi­ flug in Griechenland – zehnmal so viel, wie eine halb­
dass die Menschenschmuggler entlang der Balkan­ je nach Route, Transportmittel und Über­lebens­ schen der echten und der falschen Hecktür zwängen. wegs sichere Flucht Anfang 2016 gekostet hat, als die
route, der einst wichtigsten Fluchtroute nach­ chance. Der Weg über den Balkan ist nicht nur teurer Überall entlang der Balkanroute sind Menschen Grenzen noch offen waren. »Gefälschte Aus­weis­
Europa, ihre Profite steigern konnten. geworden, sondern auch gefährlicher. gestrandet, die ursprünglich nach West- oder Nord­ doku­men­te sind für uns zurzeit die größte Heraus­
Davon gehen jene aus, die hinter ihnen her sind. »Das Problem ist, dass die Migranten so verzweifelt mehr als 2016 kostete eine halbwegs europa wollten. Allein 60 000 in Griechenland, etwa forderung«, sagt Europol-Fahnder Sztankovics. Im
Die versuchen, ihre Geldflüsse und Routen zu ver­ sind, dass sie mittlerweile selbst vor extrem riskanten sichere Flucht über den Balkan 2017 – 7500 in Serbien. Die Lager dort sind überfüllt; laut November nahmen seine Kollegen 20 Männer fest,
folgen und ihre Netzwerke zu zerschlagen: Gábor Methoden nicht zurückschrecken«, sagt Gábor Sztan­ auch wegen strengerer Kontrollen (Bild) der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist in grie­ die in Athen eine Passfälscherwerkstatt betrieben
Sztankovics zum Beispiel, ein ungarischer Beamter, kovics. Mitte November stoppten Be­ chischen Flüchtlingslagern nicht nur hatten. Eine von unzähligen, die seit der Schließung
der im Dienste der Europäischen ­Union in den­ amte an der slowakisch-tschechischen die Zahl der Infekte gestiegen, sondern der Balkanroute in Griechenland entstanden sind.
Niederlanden arbeitet, in Den Haag. Hier hat das Grenze zwei große Lastwagen. Im­ auch die der psychischen Leiden. Ärzte Ihre Kunden finden die Schmuggler mithilfe von
European Migrant Smuggling Centre seinen Sitz, eine Laderaum fanden sie mehr als hundert berichten von Menschen, die psycho­ Landsleuten, die die Flüchtlinge in ihrer Mutter­
Sondereinheit von Europol. Sie wurde 2016 ge­ Flüchtlinge – pro Lkw. Die Menschen tisch werden, die sich selbst verletzen sprache anwerben, in Lagern, in Cafés, auf offener

Foto: Giulio Piscitelli/contrasto/laif; Quelle Prozentzahl: European Migrant Smuggling Centre


gründet, um den organisierten Menschenschmuggel waren noch am Leben, sie kamen aus oder töten. Hilfsorganisationen fürch­ Straße. Die Chefs der Schmugglerringe hätten meist
zu bekämpfen. Kaum jemand verfolgt die Arbeit der einem rumänischen Flüchtlingslager, ten, dass auch in diesem Jahr wieder dieselbe Nationalität wie ihre Kunden, sagt Sztanko­
Schmuggler so akribisch wie Sztankovics und seine viele wollten nach Deutschland. Etwa einige in der Winterkälte sterben könn­ vics. Die Skipper der Jachten kämen hingegen oft aus
Kollegen. Sie sammeln Ermittlungsberichte, Fotos 2500 Euro dürften sie für die Fahrt ten. Der Ermittler Sztankovics sagt: ehemaligen Sowjetstaaten, die Fahrer der Transporter
und Videos von Grenzpolizisten aus der gesamten gezahlt haben, sagt Sztankovics. Dann »Diese Menschen haben eigentlich nur meist aus Bulgarien, Rumänen oder Serbien.
EU, analysieren Geständnisse von gefassten Schmugg­ erzählt er von dem Transporter, der im eine ­Chance: sich in die Hände von Seit Mitte 2017 ist nicht nur der Balkan, sondern
lern und Aussagen von geschleusten Flüchtlingen. Sommer 2016 in Österreich entdeckt Schmugglern zu begeben.« auch die zweite große Fluchtroute nach Europa weit­
Sztankovics und seine Kollegen hatten viel zu tun wurde, darin 71 Leichen, halb ver­ Viele Flüchtlinge, die noch in der gehend versperrt: der Weg von Libyen nach Italien.
in diesem Jahr. Seit dem Deal, den die Staats- und west und in­ein­an­der­ge­sun­ken. Männer, Türkei oder auf den griechischen Inseln Die Schmuggler, sagt Sztankovics, seien längst dabei,
Regierungschefs der EU Anfang 2016 mit dem­ Frauen und Kinder aus Afghanistan, feststecken, wollen den Balkan mittler­ ihr Geschäft zu verlagern. »Wenn es auf der zentralen
türkischen Präsidenten schlossen, ist die Route über aus dem Irak, dem Iran und Syrien, die weile meiden – und lassen sich per Mittelmeerroute schwierig wird, gibt es weiter west­
den Balkan offiziell geschlossen. Und weil die Außen­ auf dem Weg nach Deutschland waren. Schiff direkt in den Schengen-Raum lich wieder mehr Schmuggel.« Mehr Menschen legen
grenzen der EU immer schärfer bewacht werden, »Dieser weiße Transporter ist das Bild, bringen, meist nach Italien, getarnt als mittlerweile in Tunesien und Algerien ab, die Zahl
werden die Dienste der Schmuggler immer gefragter das wir immer vor Augen haben«, sagt Touristen auf Jachten, fünf bis zehn der Überfahrten von Marokko nach Spanien hat sich
und teurer. »Mehr Grenzkontrollen heißt: mehr Sztankovics. Leute pro Boot. Laut Europol und in den vergangenen Monaten im Vergleich zum Vor­
Profit für die Schmuggler«, sagt Sztankovics. Andere Schmuggler stecken Men­ der europäischen Grenzschutzagentur jahr verdoppelt. »Die Schmuggler passen sich un­
Anfang 2016 konnten Flüchtlinge noch legal über schen einzeln in Pkw, in den Hohlraum Frontex ist die Zahl solcher Überfahr­ glaublich schnell an, sie sind hochflexibel«, sagt
den Landweg von Griechenland nach Deutschland zwischen Motor und Motorhaube. ten in diesem Jahr deutlich gestiegen; Sztankovics. Frontex kommt zu einem ähnlichen
reisen, mit Taxis, Bussen und Zügen, zum Teil auch Wieder andere bauen aufwendige­ italienische Ermittler nahmen mehr als Schluss: Die Schmuggler betrieben ein »immer aus­
zu Fuß. Die Grenzen waren offen, und zählt man die Geheimverstecke in ihre Fahrzeuge. Vor 200 Schmuggler fest, die auf Jachten geklügelteres kriminelles Geschäft«. Ein Geschäft,
Preise für Unterkunft, Verpflegung und Tickets­ einigen Wochen zerschlugen euro­ nach Sizilien fuhren und laut Europol das »den Profit über das Leben der Menschen stellt«.

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26 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50

E Klick!
ine Rechnung auf Papier reichte Daniel Die Schwachstelle im System von S&P war der Chef formationen fanden sich im Berufs-Netzwerk LinkedIn.
Meffert aus, um die Hacker abzuwehren, höchstpersönlich: Daniel Meffert. Der war nicht mal zu Das nutzte er für sich. In einem gefälschten Mailverlauf
die ihm um ein Haar ein Vermögen ge- unvorsichtig, die E-Mail-Adresse, Telefonnumer und die mit dem Chef schrieb er vom tollen gemeinsamen­
stohlen hätten. Meffert ist Geschäfts- Identität von Monsieur Michelle waren authentisch. Der Wochenendtrip in die Berge und dass er demnächst
führer des Unternehmens S&P aus Betrug war eben gut gemacht. Und flog nur deshalb noch diese Änderung in der Firewall bräuchte, über die sie

Mich! An!
Meerbusch bei Düsseldorf, gemeinsam rechtzeitig auf, weil Meffert die Rechnung für die USB- gesprochen hätten. An einem Tag, an dem der Chef nicht
mit sechs Kollegen verkauft er Werbe- Sticks nicht nur per Mail, sondern zur Sicherheit auch im Büro war, leitete er diesen Verlauf an einen Mit­
mittel. Schlüsselanhänger, Kaffeebecher, Kulis. Und per Post an die zuständige Abteilung in Frankreich arbeiter weiter, schrieb, der Chef habe das wohl ver­
USB-Sticks. Und er freute sich, als die französische Ab- schickte. Ganz klassisch auf einem Blatt Papier. »Ich habe gessen. »Weil der Mitarbeiter glaubte, dass der Chef und
teilung eines großen Rohstoffhändlers gleich 50 000 das eher aus Gründlichkeit getan«, sagt Meffert. »Aber ich Kumpels sind, ging das ganz schnell«, sagt er. Ver-
Stück bestellte, schwarz-silberfarben, acht Gigabyte, un- vielleicht hatte ich auch eine Vorahnung.« trauen, Hilfsbereitschaft, Angst, Neugier – das sind die
bedruckt, für eine Werbeaktion – insgesamt rund eine Jedenfalls kam der Brief, anders als alle Mails, beim Schwachstellen im System, und Somaini nutzt sie aus.
Viertelmillion Euro wert. Die Bedrohung durch Cyberkriminelle richtigen Unternehmen statt bei den Hackern an. Von Der Kampf um Internetsicherheit ist ein ständiges
Meffert kannte den Konzern, hatte ihn bereits belie- wächst. Sie nutzen gezielt dort rief sofort jemand bei Meffert an: »Danke für die Wettrüsten: Angreifer und Beschützer liefern sich ein
fert. Er bekam Mails von einer Firmenadresse und For- Rechnung, aber wir haben bei Ihnen nichts bestellt.« In permanentes Rennen um die Sicherheit von Computer-
mulare mit Logo. Er telefonierte mit einem Franzosen, die Schwachstellen der Menschen aus  letzter Sekunde konnte Meffert die Lieferung an die Be- systemen. Die einen suchen nach immer neuen Lücken
Monsieur Michelle. Auf einer Messe erzählte ihm je- trüger stoppen – die USB-Sticks waren bereits in einem im System, die anderen versuchen sie per Update zu
VON JAKOB VON LINDERN
mand, dass Monsieur Michelle vor Kurzem einen Sohn Laster auf dem Weg an ihr Ziel. Den Zulieferer bezahlen schließen. Das Problem: Der Nutzer lässt sich nicht so
bekommen habe. Auch mit dem Mann am Telefon musste er trotzdem. einfach updaten.
sprach er darüber. Alles passte zusammen. Also bestellte Möglich wurde der ausgeklügelte Betrug durch einen Jedenfalls nicht per Knopfdruck. »Es ist mühsamer,
Meffert die USB-Sticks bei einem Importeur. Was er eher klassischen Cyberangriff: Vom Dienstlaptop des alle Mitarbeiter zu trainieren, als einfach eine Software
nicht ahnte: Nicht der echte Monsieur Michelle hat bei echten Monsieur Michelle hatten die Verbrecher alle zu kaufen und zu installieren«, sagt Harald Reisinger,
ihm bestellt – sondern Verbrecher, die dessen Identität Informationen gestohlen – sogar einen Scan seines ech- einer der Gründer des österreichischen IT-Sicherheits-
gestohlen hatten. ten Personalausweises, den sie Meffert vor- dienstleisters RadarServices. »Aber es ist eine Investition,
Die Diebe hatten das Unternehmen S&P legten. Möglicherweise gelang ihnen all das, die sich lohnt.«
gehackt – aber nicht durch einen technischen weil der echte Monsieur einen infizierten RadarServices überwacht die Computersysteme von
Angriff auf dessen Computersystem. Sondern Mail-Anhang geöffnet hatte. Unternehmen und Behörden in ganz Europa, vom
durch gezieltes Ausspähen einer Firma und E-Mails sind häufig ein wichtiger Bestand- kleinen Mittelständler bis zum Konzern mit mehr als
durch die Manipulation eines Mitarbeiters. teil von Cyber-Angriffen. Die Grundlage für 350 000 Mitarbeitern. »In vielen Unternehmen wurde
Diese besondere Form der Internetkriminali- die meisten Arten von Internetkriminalität bisher zu wenig auf den Faktor Mensch geschaut«, sagt
tät nennen Experten Social Engineering. bildet Schadsoftware, besser bekannt als­ Reisinger. Selbstverständlich seien Firewalls und Abwehr-
Und Social Engineering liegt im Trend. Viren, Trojaner, Würmer. Die müssen irgend- systeme wichtig, um sich vor Angriffen zu schützen.
Die Bedrohung durch Cyberkriminelle hat wie ins System gelangen. Die »häufigsten Einfach zu bedienende Prüf-Software und technisch­
in 2017 ein »bisher beispielloses Ausmaß« Infektionswege« seien E-Mail-Anhänge sowie signierte E-Mails könnten sogar im Kampf gegen Social
angenommen, warnte die europäische Polizei- der Besuch infizierter Webseiten, heißt es im Engineering helfen. Dennoch: »Die Vorstellung, man
behörde Europol Ende September. Angriffe Lagebericht des BSI. Auch der direkte Down- könne jedes Sicherheitsproblem mit besserer Technik
werden immer ausgeklügelter, Hacker immer load von Schadprogrammen per Weblink sei lösen, ist ganz offensichtlich falsch.«
professioneller. Schon 2016 zählte das Bun- häufiger zu beobachten. Stattdessen müssen die Menschen am Bildschirm
deskriminalamt mehr als 80 000 Cybercrime- Die Gemeinsamkeit: Immer muss ein wissen, was auf sie zukommen kann. »Wir brauchen
Fälle, 80 Prozent mehr als im Vorjahr; die Mensch klicken. Eine Attacke auf den Bun- mehr Schulungen, um Nutzer für die Gefahren zu­
Dunkelziffer dürfte laut der Behörde »um ein destag im Jahr 2015 wurde möglich, weil sensibilisieren«, sagt Reisinger. »Wenn jeder die vier, fünf
Vielfaches« höher liegen. Neue Zahlen für Abgeordnete auf einen Link in einer E-Mail gängigsten Social-Engineering-Methoden kennen wür-
2017 hat das BKA zwar noch nicht veröffent- klickten, die aussah, als stamme sie von den de, wären wir schon deutlich sicherer.« Er sieht Unter-
licht. Aber das IT-Sicherheitsunternehmen Vereinten Nationen. Die Ransomware Petya nehmen in der Pflicht, wünscht sich aber, dass auch
G-Data zählte allein im dritten Quartal 2017 tarnt sich als Mail mit Bewerbungsunter­ schon in Schulen und Universitäten über das Thema
fast zwei Millionen neuer Typen von Schad- lagen, inklusive Foto eines jungen Mannes. gesprochen wird. Schutz durch Wissen.
software, also Viren, Trojaner und Ähnliches. Deren scheinbarer Ableger NotPetya, von Aber müsste dann nicht jeder Mitarbeiter so oft ge-
Im gesamten Jahr werden es insgesamt knapp dem im Juni 2017 Unternehmen wie Beiers- schult werden, wie die Software aktualisiert wird – also
neun Millionen sein. dorf sowie Computer in der Ruine des Atom- quasi ständig? Nein, sagt der IT-Fachmann. Denn ob-
Arne Schönbohm, Präsident des Bundes- kraftwerks Tschernobyl betroffen waren, war wohl die gefälschten Mails professioneller werden und
amts für Sicherheit in der Informationstech- in einem Software-Update versteckt. neue Maschen dazukommen – die Grundidee beim
nik (BSI), schlägt deswegen Alarm: »Wir alle Sogenannte Phishing-Mails, die harmlos Social Engineering ist immer ähnlich. »Der Mensch lernt
sind immer stärker auf sichere Informations- daherkommen, aber darauf zielen, Schad- dazu und wird immer besser darin, solche Angriffe zu
wege angewiesen, doch gleichzeitig steigt die software zu installieren oder Passwörter zu erkennen«, so Reisinger.
Zahl der Angriffe auf das Netz.« Er schreibt stehlen, werden meist wahllos an Tausende Damit ist es aber nicht getan. Mitarbeiter müssen sich
im Anfang November veröffentlichten Be- Empfänger verschickt. Immer häufiger trauen nachzufragen, wenn ihnen eine Anfrage merk-
richt zur Lage der IT-Sicherheit in Deutsch- kommt es laut BSI aber auch zu gezielten würdig vorkommt. Auch wenn das zu Verzögerungen
land: »Die Schäden, die dabei für die Gesell- Angriffen auf einzelne Personen, Experten im Ablauf führt. Sie müssen wissen, wen sie fragen
schaft entstehen, gehen in die Millionen.« sprechen von Spear-Phishing. können, wenn sie sich bei einem E-Mail-Anhang unsi-
Unternehmen, Privatpersonen oder Staa- Wie ausgeklügelt die Angreifer dabei vor- cher sind. Und sie sollten sich nicht schämen müssen,
ten drohen unterschiedliche Gefahren: Ein- gehen, weiß Ivano Somaini – denn er ist einer wenn sie schon daraufgeklickt haben. Denn niemand ist
dringlinge können geheime Informationen von ihnen. Er arbeitet für das Schweizer IT- komplett davor gefeit, Betrügern auf den Leim zu gehen.
erbeuten oder Daten manipulieren. Bei so- Sicherheitsunternehmen Compass Security Das hat auch Werbeartikel-Verkäufer Meffert
genannten DDoS-Attacken legen Angreifer und testet im Auftrag von Unternehmen schmerzhaft erfahren müssen. Obwohl der Betrug am
ein System durch schiere Überlastung lahm. deren Sicherheitssysteme. Ende aufflog, hat er sein Unternehmen in große Schwie-
Computer können gekapert und ferngesteuert werden. Im Somaini ist IT-Security-Spezialist, und er war mal rigkeiten gebracht. Denn die USB-Sticks waren zwar

+42 %
Jahr 2017 rückte eine neue Art des Cyberangriffs in den leidenschaftlicher Hobby-Schauspieler. Für seinen Beruf nicht gestohlen, aber beim Lieferanten bereits bezahlt
Foto: dpa Picture-Alliance/Richard Brunel; Quelle Prozentzahl: Accenture

Fokus: Ransomware, also Erpressungssoftware. Angreifer eine gute Kombination: Für einen seiner Tests schickte – und mussten dann anderweitig verkauft werden. »Wir
dringen dabei in ein Computersystem ein, verschlüsseln alle er einen Kollegen als Nikolaus verkleidet in eine Bank, haben beinahe zwei Jahre gebraucht, um uns davon zu
Daten und verlangen Lösegeld. Das war das Prinzip des um dort USB-Sticks zu erbeuten. Per gefälschter SMS erholen«, sagt Meffert. Selbst Konkurrenten halfen mit,
sogenannten WannaCry-Angriffs, bei dem im Mai mehr als vom Chef brachte er eine Sekretärin dazu, einem Unbe- dafür sind sie bei S&P sehr dankbar. Auch deshalb geht
200 000 Computer in 150 Ländern infiziert wurden. Der kannten Zugang zum System zu geben. »Eine SMS oder er so offen mit der Geschichte um. »Ich will andere
Angriff zeigte, wie verwundbar viele Systeme sind: Auf An- E-Mail im Namen eines anderen zu schreiben ist ganz Unternehmen warnen«, sagt er.
zeigetafeln der Deutschen Bahn prangten Fehlermeldungen, einfach«, warnte er kürzlich auf einer Fachkonferenz. Vorsichtig sein, lieber einmal zu viel nachfragen,
beim Logistiker TNT Express gab es Verspätungen. Europol höhere Kosten verursachte Cyberkriminalität bei
Einer seiner Lieblings-Tests: Die Excel-Tabelle mit dem das rät er. Einen wirklich zuverlässigen Schutz gegen
nannte die Attacke ein »noch nie da gewesenes Ereignis«. deutschen Unternehmen im Jahr 2017 gegenüber
Titel »Bonusrechner«, die scheinbar aus Versehen an alle solche Kriminelle aber gibt es nicht, glaubt Meffert.
Die WannaCry-Software verbreitete sich automatisch, 2016, wie die Beratung Accenture ermittelt hat
Mitarbeiter der Bank versendet wurde. Darin versteckt: Schon gar keinen technischen. »Ich lege jetzt noch
nutzte eine Lücke in veralteten Windows-Systemen aus. ein Virus, der sich beim Öffnen selbst installiert. Kaum mehr Wert auf persönliches Kennenlernen«, sagt er.
Doch längst zielen Angreifer nicht mehr nur auf technische einer der Empfänger konnte widerstehen. Und einen kleinen Trick hat er sich doch zurechtge-
Systeme, sondern auf Menschen. In 95 Prozent der erfolg- Die Basis für seine Arbeit bilden oft öffentlich zu- legt: »Bei einem neuen Kunden rufe ich nicht über
reichen Cyber-Angriffe habe menschliches Fehlverhalten gängliche Informationen, all das, was die Menschen die direkte Durchwahl zurück, sondern lasse mich
eine Rolle gespielt, sagte Christian Pursche von der Zen- selbst über sich im Netz preisgeben. Deshalb wusste er, von der Zentrale durchstellen«, sagt der Unterneh-
tralen Ansprechstelle Cybercrime des LKA Niedersachsen dass der Chef einer Abteilung, die das Ziel einer seiner mer. »Dann kommt heraus, wenn sich ein Betrüger
bei den Internet Security Days Ende September. Test-Attacken war, gerne Mountainbike fährt. Die In- als Geschäftspartner ausgibt.«

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4. DEZEMBER 2017 No 50 WIRTSCHAFT 27

Er war es ihnen wert


Paris Saint-Germain zahlte 222 Millionen Euro für Neymar. Um den Sport ging es beim teuersten Transfer aller Zeiten nur am Rande  VON CATHRIN GILBERT

H
at er ihnen denn nicht alles Wie bedeutend die positiv aufgeladene Emo­
gegeben, was sie sich von ihm tion ist, die der Fußball auf der ganzen Welt aus-
versprochen hatten? 25 Jahre strahlt, erkennt man daran, dass der Neymar-
ist Neymar da Silva Santos Transfer noch viel teurer war als die bekannten
Júnior nun alt, im August 222 Millionen Euro. Damit Neymar für Paris
dieses Jahres trennte er sich Saint-Germain spielen darf, musste wohl nicht
zum zweiten Mal von dem, nur die vom FC Barcelona als Ausstiegsklausel
was andere Heimat nennen. Der Brasilianer zog von festgesetzte Summe gezahlt werden. Insgesamt
Barcelona nach Paris, ließ seinen sechsjährigen soll der Wechsel des Brasilianers den Pariser Club
Sohn und dessen Mutter in Spanien zurück, um die rund 800 Millionen gekostet haben. Allein wegen
Franzosen mit dem zu begeistern, was er besser der fälligen Mehrwertsteuer wurden aus den 222
kann als alle anderen Menschen auf der Welt:­ Millionen schon 268 Millionen. Neymar soll pro
Fußball spielen. Jahr ein Nettogehalt von 30 Millionen Euro er-
Und nun, drei Monate später, sitzt er in Lille halten, das dem französischen Spitzensteuersatz
nach dem Spiel der Brasilianer gegen Japan neben unterliegt. Allein das Gehalt kostet den Verein
seinem Nationalmannschaftstrainer mit gesenktem wohl rund 90 Millionen Euro. Sollte Neymar
Kopf auf dem Podium, die Hände baumeln unter also tatsächlich fünf Jahre lang für Paris auflau-
dem Tisch, am rechten Ohr funkelt ein Ohrring, fen, würde das zu einem Gesamtgehalt von rund
leise haucht Neymar seine Worte ins Mikrofon: »Ich 450 Millionen Euro führen. Beraten wird der
will, dass ihr aufhört, irgendwelche Gerüchte zu er- Brasilianer von seinem Vater, der ein in diesem
finden. Bitte. Mir tun diese Erfindungen weh.« Er Metier übliches Handgeld erhalten haben wird.
sei nicht gekommen, um Unruhe zu stiften. Mit 800 Millionen Euro also für einen 25-jährigen
dem Daumen wischt er sich Tränen von der Wange. Spieler, während Tausende Gastarbeiter in Katar
Alles nur Show, heißt es unter Journalisten und beim Bau der Fußballarenen nicht einmal genug
Fußballfans, Neymar spiele eh schon mit dem Ge- Wasser und Nahrung bekommen. Das ist der
danken, zum nächsten Verein weiterzuziehen. Mit größte Skandal an dieser Entwicklung.
seinem Stürmerkollegen Edinson Cavani habe er Dagegen ist die Auseinandersetzung mit der
sich überworfen, und auch die Beziehung zu Unai Uefa eine Bagatelle. Diese hat entschieden, dass
Emery, dem Trainer von Paris Saint-Germain PSG den Fair-Play-Regeln nachkommen muss. Sie
(PSG), sei schwierig. Überhaupt: Was könne man schreiben vor, dass im Verlauf der jeweils vergan-
schon erwarten von einem Fußballsöldner, der sich genen drei Jahre relevante Einnahmen die relevan-
für 222 Millionen Euro kaufen und für politische ten Ausgaben mindestens ausgleichen müssen.
Zwecke benutzen lässt? Schließlich gehört der Sollte dies nicht der Fall sein, wird auch das davor-
Club PSG nicht irgendjemandem, sondern der liegende Jahr betrachtet, um zu beurteilen, ob zu-
katarischen Investorengruppe Qatar Sports Invest- mindest eine positive Entwicklung zu erkennen
ments (QSI), die zur Qatar Holding gehört, der ist. Sollte ein Verein gegen die Regeln verstoßen,
Investment-Sparte des katarischen Staatsfonds. kann dieser durch die Uefa sanktioniert werden.
Rund ein Zehntel des Investmentvolumens soll Die Vereine haben die Sanktionen zu akzeptieren.
Katar in Frankreich angelegt haben. Um im Sommer 2018 eine ausgeglichene­
Auf den ersten Blick ist der Neymar-Transfer einer Bilanz vorlegen zu können und die Gesamt­
von vielen Exzessen im Fußballbusiness, deren­ ausgaben dieser Saison von rund 620 Millionen
finanzieller Umfang außerhalb des Vorstellungsver- Euro auszugleichen, muss Paris Saint-Germain in
mögens eines Fans liegt. Wer Fußball liebt, muss sich der Winterpause Spieler im Wert von 75 M ­ illionen
damit abfinden, dass die begehrtesten Spieler in den Euro verkaufen. 2014 wurde PSG schon einmal
vergangenen Jahren auf der ganzen Welt zu einer mit einer Geldstrafe von 60 Millionen Euro belegt
immer wertvolleren Ware geworden sind, eine Folge und der Champions-League-Kader auf 21 statt der
der Globalisierung. Die Vereine profitieren von den üblichen 25 Spieler reduziert.
steigenden Einnahmen beim Verkauf von Fernseh- Falls die Auflagen nicht erfüllt werden, drohen
rechten, können also immer größere Summen in den nicht nur Geldstrafen, die Beschränkung der An-
Transfer von Spielern investieren. Der Markt gibt zahl der spielberechtigten Profis sowie ein Punkt-
diesen Irrsinn her – und das Jahr 2017 hat dafür den abzug in künftigen Wettbewerben, sondern auch
bisher eindrucksvollsten Beleg geliefert. der Ausschluss aus internationalen Wettbewerben.
Foto: Hamilton/REA/laif; Quelle Prozentzahlen: Transfermarkt.de, Eurostat

Diese Entwicklung erklärt das Verhalten von Ver- Das will PSG unter allen Umständen verhindern.
einen wie Bayern München, dem FC Barcelona, von Denn das außenpolitische Kalkül Katars geht
Real Madrid oder Borussia Dortmund. Deren Zah- Fans würden für Neymar ihr letztes Hemd geben. Die Investoren seines Vereins PSG zahlen lieber in Euro nur dann auf, wenn ein Spieler wie Neymar sich
lungsbereitschaft für einen einzigen Spieler liegt weit wohlfühlt. Würde Paris Saint-Germain aus der

+111%
unterhalb von 222 Millionen – noch. Das Beispiel Naiv wäre dabei die Annahme, bei den Kata- skandal mit einem positiven Image verbunden Champions League ausgeschlossen, würde der
von Paris Saint-Germain folgt anderen Gesetzen. rern handele es sich um besonders sportbegeis- wurden, bestens geeignet, von den Missständen Brasilianer tatsächlich weiterziehen. Denn nicht
Denn die Besitzer von PSG verfolgen ein Ziel, das terte Menschen. Der Fußball ist für dieses Land im eigenen Land abzulenken. nur die Investoren aus Katar, China, Russland
über die gelebte Leidenschaft von Traditionsvereinen nur eine weitere Möglichkeit, die Bekanntheit Katar verstrickte sich jedoch in außenpoliti- oder den USA, die sich in den europäischen Top-
hinausgeht: Katar, das Land, in dem 2022 die Fuß- Katars auf der Welt zu erhöhen und das Image sche Konflikte: Das Engagement für die Muslim- Ligen ausgebreitet haben, verfolgen mittlerweile
ballweltmeisterschaft stattfinden soll, benutzt, ja es zu polieren. Begonnen hat diese Form der Ver- bruderschaft und andere Islamisten brachte den Interessen, die weit entfernt sind vom Spiel auf
missbraucht den Fußball, um Außenpolitik zu­ marktungsoffensive unter der Führung der Herr- Katarern den Ruf ein, Terrororganisationen zu dem Rasen. Auch die Athleten haben sich zu Mar-
betreiben. »Sport«, sagte das Staatsoberhaupt Katars, scherfamilie der Al-Thanis kurz nach dem zwei- unterstützen. Sie wurden mit der Nusra-Front in­ ken entwickelt, die sich nicht mehr mit den Ver-
Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani, »ist der beste ten Golfkrieg. In großem Stil investierten sie in höher lag die Ablösesumme für Fußballstar Neymar Verbindung gebracht und mit dem sogenannten einen identifizieren, sondern allein mit dem­
Weg, um jedermann auf dem Globus zu erreichen.« Luxusunternehmen, kauften Anteile an den als jene für Paul Pogba, der 2016 für 105 Millionen »Islamischen Staat«. Wegen angeblicher Terror­ eigenen Marktwert. Fußballspieler wie Neymar
So kaufte sich der QSI im Jahr 2011 für 130 Millio- Warenhäusern Printemps, Harrods und Sains- Euro von Turin nach Manchester wechselte finanzierung und der guten Kontakte zu Saudi- sind mittlerweile Unterhaltungsprofis nach dem
nen Euro in den französischen Spitzenklub PSG ein. bury’s, an Volkswagen und Porsche. Alles wert- Arabiens Erzfeind Iran wurde das Land von seinen Vorbild US-amerikanischer Popstars wie Madonna
Mittlerweile gehört der Verein den Katarern. haltige Marken, die zumindest bis zum Diesel- Nachbarstaaten immer mehr geächtet. oder Beyoncé.

Es reicht
In Europa brachen die Touristenzahlen dieses Jahr alle Rekorde. Auf Mallorca protestierten Tausende Einheimische gegen den Ansturm  VON LAUR A CWIERTNIA

S
ie zogen Rollkoffer über die Pflaster- In vielen Orten Europas wächst die Zahl der viele lieber nach Kroatien, Griechenland oder Italien nahmequelle der Spanier seien. Laut dem spa­

+ 7%
steine und brüllten: »Paella, Paella!« Sie Menschen, die an den Flughäfen ankommen,­ statt in Länder wie Ägypten oder die Türkei, die nischen Arbeitsministerium sind 2,5 Millionen
bewarfen Restaurantgäste mit Konfetti Hotelzimmer buchen und vor Sehenswürdig­ früher einmal beliebte Urlaubsziele waren. Zwar Menschen im Tourismusgeschäft beschäftigt. Und
und zündeten Knallkörper am Jacht­ keiten Schlange stehen (siehe Grafik). In Spanien kamen 2017 in der Türkei wieder mehr Touristen an das ist auch der Grund, warum viele Menschen
hafen. Sie sprühten »Tourist, du bist der brachen die Touristenzahlen in diesem Jahr alle als im Jahr davor. Aber die meisten von ihnen stamm- auf Mallorca nicht protestieren.
Terrorist« an Häuserwände und klebten Zettel mit Rekorde. Während der Hochsaison von Juni bis ten aus Russland, dem Iran und Georgien. Viele Auch Margalida Ramis kennt die Zahlen. Sie
der Aufschrift »geschlossen« an die Tür des Touris- August kamen laut Eurostat fast 25 Millionen aus- Europäer suchten sich lieber andere Urlaubsziele. Auf widerspricht dem Regierungschef trotzdem. »Im
musministeriums. ländische Touristen ins Land, über eine Million mehr Touristen als im Sommer 2016 Mallorca waren ein Viertel der Touristen im ver- Tourismusgeschäft arbeiten fast alle unter prekären
Mit Aktionen wie diesen protestierten 2017 im- mehr als im Jahr davor und so viele wie noch nie. machten in den Sommermonaten des Jahres 2017 gangenen Jahr Deutsche. Bedingungen«, sagt sie. Tatsächlich sind die meisten
mer wieder Einheimische auf Mallorca gegen die Fast sieben Millionen von ihnen verbrachten ihren Urlaub in Europa. Allerdings Mit den Massen, die jeden Sommer weiter an- Jobs befristet, viele nur für eine Saison. Auch von den
Urlauber auf ihrer Insel. Allein im September gingen Urlaub auf den Balearen, 50 Prozent mehr als stieg ihre Zahl nicht überall gleich stark: schwollen und die Strände vor ihrer Haustür füllten, Investitionen in die Infrastruktur profitierten vor
bei einer Demonstration in Palma rund 3000 Men- noch vor zehn Jahren. Auf Mallorca landeten in veränderte sich auch das Leben von Marga­lida Ramis. allem die Touristen: »Autobahnen, öffentliche Ver-
schen auf die Straße. Und nicht nur dort: Auch in dieser Zeit jeden Tag 1500 Flugzeuge – alle acht- »Heute kann ich mir die Miete für mich und meine kehrsmittel, Krankenhäuser, das ist alles auf die­
Amsterdam, Barcelona und Berlin forderten Ein- zig Sekunden eines. In nur drei Monaten brachten Kinder kaum noch leisten«, sagt sie. Offizielle Zahlen, Urlauber zugeschnitten«, sagt sie.
14,2 % Schweiz**

14,3 % Kroatien

wohner, dass sich das Geschäft mit dem Tourismus sie und andere Verkehrsmittel rund 1,1 Millionen wie die Mieten auf Mallorca sich verändert haben, Trotz der Proteste hat sich bislang wenig ge­
ändert. Spanische Zeitungen schrieben gar von einer Urlauber. Auf eine Insel, auf der nur 900 000 gibt es nicht. Laut einer Auswertung des spanischen ändert. An manchen Orten hat sich der Ärger bei
12,7 % Griechenland*

neuen »Tourismus-Phobie«. Menschen leben. Und die Kreuzfahrturlauber, die Online-Marktplatzes Idealista sollen sie seit 2016 um einigen Einheimischen schon in blanken Hass ver-
5,4 % Deutschland

Es sind nicht die Säufer vom Ballermann, von hier an Land gehen, werden in dieser Rechnung knapp 15 Prozent gestiegen sein. wandelt. In Palma zündeten Vermummte mitten
denen sich die Protestierenden auf Mallorca­ nicht einmal mitgezählt. Auch für die Umwelt ist der Tourismus ein im Stadtzentrum gefährlich heiße bengalische
gestört fühlten. Sie wünschten sich auch nicht Dass heute so viel mehr Touristen kommen, hat Problem. Mallorca kämpft mit der Trockenheit. Feuer. In Venedig hinderten Menschen die Passa-
9,0 % Österreich

stattdessen mehr Luxus- oder Ökotouristen. Die verschiedene Gründe. Die Flüge sind billiger gewor- Doch während ein Mallorquiner im Schnitt 105 giere eines Kreuzfahrtschiffs daran, von Bord zu
2,2 % Dänemark

Menschen auf der Straße regte die schiere Masse den, von Deutschland nach Mallorca kosten sie oft Liter Wasser pro Tag verbraucht, nutzt ein Tourist gehen. In Barcelona stießen Anwohner Touristen
der Urlauber auf, die ihr Zuhause fluteten. So­ weniger als eine Bahnfahrt von Köln nach Hamburg. gleich 278 Liter, so eine Studie der städtischen­ von Leihfahrrädern. Zwar wird in den kalten­
5,9 % Frankreich

erzählt es Margalida Ramis von der Umweltorga- Außerdem können sich inzwischen viel mehr Men- Regierung in Palma. Monaten, in denen die Touristen weniger werden,
5,2 % Spanien

nisation Grup Balear d’Ornitologia, die die Pro- schen aus ­Asien und Russland Reisen nach Europa Der spanische Ministerpräsident Mariano­ kaum noch protestiert. Sollten im nächsten Jahr
teste der vergangenen Monate mit organisiert hat. leisten als früher. Vor allem aber ­haben sich in den Rajoy versteht das Problem von Menschen wie allerdings noch mehr Urlauber kommen, lässt sich
»Wir haben nichts gegen Touristen, wir sind ja letzten fünf Jahren die Ströme verändert, mit denen Margalida Ramis dennoch nicht. Er sagte, Kritik die Wut darüber bald nicht mehr ignorieren.
selbst manchmal welche«, sagt sie. »Was wir for- sich die Touristen durch die Länder bewegen: Aus an den steigenden Touristenzahlen zu üben ergebe
dern, ist ein Limit.« Angst vor Terrorismus oder repressiver Politik reisen *Zahl nur für Juni und Juli, **Zahl nur für Juni keinen Sinn, da die Urlauber die wichtigste Ein- Mitarbeit: Susan Djahangard
28 JAHRESRÜCKBLICK 2017 WIRTSCHAFT 4. DEZEMBER 2017 No 50

Auf dem Friedhof


WIE WAR DAS JAHR?

Karen
Heumann
der Spinner
Fidget-Spinner waren der Hype des Jahres. Und einer der kurzlebigsten Bestseller in der Konsumgeschichte  VON NINA PIATSCHECK

S
ich in diesem Herbst auf die Suche Geschwindigkeit kann ich mich nicht erinnern«, Online-Händlern, Trödlern und Kiosk-Besitzern, hafen wurden im Mai insgesamt 35 Tonnen Fin-
nach Fidget-Spinnern zu machen sagt er. Neu und besonders bemerkenswert gewe- die den Trend teilweise sogar früher im Regal hat- gerdrehkreisel beschlagnahmt, einige davon ver-
fühlte sich an, wie in einen Club sen sei die schnelle Verbreitung über alle Länder- ten, als der Fachhandel. Verdienen konnte jeder, nichtet. Der Kölner Zoll verhinderte nach eigenen
Karen Heuman ist Vorstand der
zu kommen, in dem fünf Minuten grenzen hinaus. Von Australien bis Uruguay wur- der schnell genug war: In den USA nutzten zwei Angaben die Einfuhr von mehr als einer halben
Hamburger Werbeagentur thjnk
vorher das Licht angeknipst wur- den Fidget-Spinner in vielen Märkten zeitgleich Teenager den 3-D-Drucker der Schule und ver- Million Exemplare. Und das Hauptzollamt­
de. »Fidget-Spinner? Da kommen zum Hit. Gewohnt ist man diese rasante Verbrei- kauften die Teile an die Mitschüler. Die Nachfrage Gießen berichtete im Mai von 18 000 Sendungen
Sie ein paar Monate zu spät«, sagt tung mittlerweile von Memes in sozialen Netz- war so groß, dass sie ein Unternehmen gründeten mit Fidget-Spinnern, die wöchentlich vom Inter-
eine Kiosk-Besitzerin im Kölner Stadtteil Ehren- werken. Vom Clip zum Lied Gagnam Style zum und innerhalb eines halben Jahres 350 000 US- nationalen Postzentrum an die Absender zurück­ Was haben Sie in diesem Jahr zum ersten
feld, die hinter ihrem Tresen zwischen Rub­bel­ Beispiel oder von Videos mit Katzen. Auch Fid- Dollar verdienten. geschickt würden. Mal getan?
losen, DHL-Paketen und Schokoladenriegeln get-Spinner waren ein viraler Erfolg: Über acht Mehmet Cambaz, 48, kariertes Sakko, Schnau- Cambaz selbst hatte Glück, trotzdem schüttelt Eine Firma verkauft.
kaum zu sehen ist. Vor einem halben Jahr habe sie Millionen Videos findet man unter dem Stich- zer über der Lippe und Aktenordner unter dem er den Kopf. »So etwas gibt es hier selten, und das
Hunderte davon verkauft, im Mai noch für sieben für so einen Schwachsinn. Sie können ja nichts, War 2017 besser oder schlechter, als Sie
Euro pro Stück. »Die gingen fast so gut wie Ziga- außer sich drehen.« Seit acht Jahren hat Cambaz es Silvester 2016 erwartet hatten?
retten.« Die letzten Modelle habe sie Anfang Juli sein Geschäft und importiert als einer der weni- Vor allem fühlte es sich kürzer an.
für einen Euro rausgehauen. Ihr Kollege, ein gen Nicht-Chinesen im Center Ware aus der
Kiosk-Inhaber zwei Häuserblocks weiter, hat den Volksrepublik. Früher, erzählt er, hätten sich die Wer war für Sie 2017 eine Hoffnung?
Hype erst Anfang Juni in sein Sortiment integriert. Bestseller länger gehalten, seien absehbarer gewe- Die französischen Wähler.
Da hatte die Party den Höhepunkt schon über- sen. Heute müsse er das Sortiment ständig wech-
schritten, weshalb bei ihm noch ein Karton voll seln, alle paar Monate seien neue Dinge gefragt. Und wer war eine Enttäuschung?
mit Exemplaren in etwas angeschmuddelten Plas- China macht es möglich: »Innerhalb von fünf Die deutschen Wähler.
tikhüllen neben den Kaugummis steht. »20 Euro, Tagen bekommt man von dort alles, was gerade
wenn Sie alle nehmen, okay?«, sagt er. »Seit August Trend ist«, sagt er. Was war Ihr persönlicher Sieg 2017?
habe ich keinen einzigen mehr verkauft.« Mark Morrison ist Trendforscher beim Zukunfts- Zeit für Bücher genommen, obwohl keine
Fidget ist Englisch und bedeutet Zappelphi- institut in Wien. Fidget-Spinner seien gar kein Trend Zeit war.
lipp, Spinner heißt übersetzt einfach: Kreisel. Ein – sondern ein Hype, sagt er. »Und Hypes sind in
Zappelkreisel also ist ein handflächengroßer,­ ihrer Natur extrem kurzlebig.« In seiner Kindheit Und Ihre Niederlage?
etwas nach Ninja-Sternen aussehender Mix aus seien es Jojos gewesen, bei anderen Magic Cards, Das legendäre Rudergerät aus »House of
Kreisel und Propeller mit integriertem Kugellager. kleine Plastikschnuller oder Caps und Slammer. Cards« gekauft und bisher keinmal drauf­
Man dreht ihn in der Hand, wer geschickt ist, Hypes könnten schnell eine beträchtliche Reich- gesessen.
schafft den Spin auch auf der Nase. In ähnlicher weite erzielen, die Halbwertzeit habe sich aber durch
Geschwindigkeit wie im Kreis drehten sie sich soziale Medien wie Snapchat oder Instagram, die mit Worüber haben Sie sich am meisten ge-
2017 für ein paar Wochen auch im Handel. e­ Bay ihren sich selbst löschenden Stories gerade mal 24 freut?
verzeichnete in Deutschland im Mai alle drei­ Stunden verfügbar seien, verkürzt. »Durch ständiges Dass unsere Agentur thjnk gleich zweimal
Sekunden eine Suchanfrage. Erst waren es schlich- Bombardement mit neuen Themen bleibt die Auf- »Agentur des Jahres« geworden ist.
te Modelle, dann welche mit LED-Leuchten, merksamkeit immer kürzer bei einer Sache«, sagt er.
dann Modelle mit integrierten Lautsprechern. Dass ein kleiner Plastikkreisel überhaupt so viel Und worüber am stärksten geärgert?
Die meisten kosteten unter 10 Euro, das teuerste Aufmerksamkeit bekam, liege daran, dass er viele Über die allgegenwärtige Journalistenklage,
Modell aus reinem Gold über 14 000 Euro. Megatrends berühre. Mobilität zum Beispiel, passte Angela Merkel habe durch eine weich­
Das Spielzeug sorgte für Aufregung unter Kin- er doch in jede Hosentasche. Außerdem Achtsamkeit gespülte Politik der Mitte die rechte Flanke

- 99%
dern und Erwachsenen, dabei sollte es, dem Pro- und Gesundheit. »Um mit ihm zu spielen, musste offen gelassen. Das mag ja sein. Aber wäre
duktversprechen nach, eigentlich beruhigen und man sich auf ihn konzentrieren. Nebenbei chatten es uns lieber gewesen, sie hätte hartleibig
die Konzentration fördern. In einer Zeitung stand ist nicht drin.« Die Beliebtheit begünstigt hätte auch rechtslastig durchregiert?
sogar, es mache »schlanker und intelligenter«. seine Ansprache von menschlichen Grundmustern
Suchanfragen nach Fidget-Spinnern
Den meisten machte das Drehen vor allem Spaß: wie Spieltrieb und der Austausch mit anderen Men- Was war für Sie die größte Überraschung?
verzeichnete Google
Auf YouTube und auf dem Schulhof wurden schen über Tricks. Doch um ein langfristiger Hit zu Dass in unserer Nachbarschaft an der Havel
Mitte November gegenüber Ende Mai
Tricks ausprobiert und Geschicklichkeit gemes- werden, reiche das nicht aus. »Es war von Anfang an ein Seeadler lebt.
Fotos: imago/CTK Photo [M]; Felix Krueger/PR (r.); Quellen Prozentzahlen: Google, GfK

sen. Wer spinnt am besten, wer am längsten? absehbar, dass die Produkte schnell wieder out sind.
Doch weil mehr als Drehen nicht drin war, Wenn etwas ein langfristiger Trend werden soll, muss Was haben Sie 2017 vermisst?
war die Lust am neuen Spiel nicht nachhaltig. es ein echtes gesellschaftliches Problem lösen – wie Ein generelles Verantwortungsgefühl, auch
Die Kurve von Google-Trends, die die Menge der wort auf YouTube. Das sind drei Millionen mehr Arm, steht in seinem Laden zwischen Handyhül- es etwa der Touchscreen beim Handy getan hat.« der Meinungsbildner. Zu oft hatte ich den
Suchanfragen anzeigt, verläuft wie ein Stalagmit: als zur Bucket Challenge – einer Spendenkampa- len, Ladekabeln und Kamerazubehör. Er ist Groß- Fidget-Spinner sind kein Problemlöser. Im Ge- Eindruck, dass »Hauptsache, anders« nicht
Anfang Mai geht sie steil in die Höhe, verhun- gne – und zehnmal so viele wie zum Schmink- händler im China Center Köln, einem Paradies für genteil. Viele Schulen haben die Minipropeller aufgrund akuter Missstände gerufen wurde,
dertfacht sich gegenüber Anfang April. Doch­ trend Contouring. Aus dem viralen Hit wurde ein Plastikliebhaber, und hat einige der rund 1000 verboten, weil die Kinder ihren Spieltrieb »nicht sondern aufgrund akuter professioneller
Anfang Juli ist sie wieder fast bei null. Und so stationärer. Eine Memeseller, quasi. Büdchen in Köln mit Fidget-Spinnern versorgt. mehr im Griff« hatten. In den USA gab es Er­ Reizunterforderung.
landete der Fidget-Spinner nach gerade Mal zwei Für die Spielwarenindustrie kam er aus dem »Die Kinder standen bei den Kiosken Schlange stickungsunfälle, weil bei Billigware Teile abgefal-
Monaten auf dem Trendfriedhof. Und gleich Nichts, sagt Christian Ulrich von der Spielwaren- und die Kiosk-Besitzer hier«, sagt er. Für ihn ging len waren. Unter anderem hatte ein Fünfjähriger Auf welche Nachricht(en) hätten Sie am
neben Pokémon Go, dem Smartphone-Spiel, das messe. Auf der vergangenen Veranstaltung Anfang der Trend noch schneller um als für Google: »Nach eine Batterie verschluckt. Modelle mit integrierten liebsten verzichtet?
ziemlich genau ein Jahr vorher für sehr viel Wir- Februar seien Fidget-Spinner kein Thema gewe- einer Woche ließ es schon nach, nach einem Mo- Lautsprechern fingen im Kinderzimmer Feuer. Das Ausmaß des Aussterbens nützlicher –
bel gesorgt hatte. sen. »Es gab zwar Aussteller, die sie angeboten­ nat war es vorbei.« Manche Kollegen hätten in der Anfang November warnte der Berufsverband der und natürlich auch schöner – Insekten.
Christian Ulrich arbeitet seit über zehn Jahren haben, aber interessiert hat das kaum jemanden.« kurzen Zeit bis zu einer Million Stück verkauft. Kinder- und Jugendärzte, Düsseldorf, sogar öf-
für die Spielwarenmesse in Nürnberg, die jedes Nicht mal drei Monate später dann der Durch- Und manche hätten ziemlich viel Geld verloren: fentlich vor dem Spielzeug. Da war die Gefahr bei Was würden Sie in diesem Jahr gerne kor-
Jahr rund 70 000 Menschen aus der Branche ver- bruch: Laut Handelspanel der Beratungsfirma Weil der Trend schnell aufkam, wurde gekauft und den meisten jedoch schon seit Monaten gebannt rigieren, an sich selbst und an anderen?
sammelt und die Innovationen der Hersteller vor- npdgroup, Nürnberg, sorgten Fidget-Spinner in eingeflogen, was zu haben war. Viele Spinner wur- und die Fidget-Spinner in der Schublade ver- Noch häufiger bis zehn zählen. Gilt für
stellt. Er hat die Entwicklung des Fidget-Spinners Deutschland ab Mai alleine bei Spielwarenhänd- den jedoch nicht nach EU-Norm gefertigt, falsch schwunden. Was bleibt vom Wirbel um den Trump genauso wie fürs private Leben.
ziemlich genau beobachtet. »An einen vergleich- lern für einen Zusatzumsatz von rund 9,5 Millio- oder unzureichend gekennzeichnet und vom Zoll Handkreisel, sind die Millionen Videos im Inter-
baren Hype in diesem Ausmaß und in der­ nen Euro. Obendrauf kommen die Umsätze von aus dem Verkehr gezogen. Am Frankfurter Flug- net – und jede Menge Plastikmüll. Was haben Sie 2017 Wichtiges gelernt?
Dass Menschen, die das Gleiche sehen,
nicht das Gleiche sehen.

Gebutterte Preise
Was war Ihr schönster Ort?
Wie immer schon: jedes Bett mit guter­
Leselampe.

Und ihr schönster Moment?


Das Requiem von Fauré in der Madeleine
in Paris. Und regelmäßig der Moment,
Konsumenten leiden unter den steigenden Kosten für Lebensmittel  VON MAIKE BRZOSK A wenn ein Teller Nudeln vor mir steht.

D
Was war Ihre beste Tat?
as Jahr 2017 ist das Jahr der teuren Gleichzeitig wurde weniger Milch produziert. Das müssen andere sagen.
Butter. Knapp zwei Euro kostete Das hat sich mittlerweile aber geändert. »Inzwischen
das Päckchen beim Discounter im ist wieder mehr Rohstoff vorhanden«, sagt Björn Wie lautet Ihre Überschrift für das Jahr
Herbst. Das ist Rekord in Deutsch- Wie stark der Umsatz mit ausgewählten Lebensmitteln in den ersten drei Börgermann vom Milchindustrie-Verband. Der But- 2017?
land. Um 51 Prozent war der But- termarkt dürfte sich 2018 also wieder entspannen. Jahr des Umbruchs.
terpreis in den ersten drei Quartalen des Jahres im Quartalen des Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen ist: Und mit ihm die Butterliebhaber.
Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen – was Die Preise sind nicht nur für Milchprodukte ge- Was war für Sie der spannendste Moment?
dem Handel trotz einer leicht gefallenen Nach- stiegen, sondern auch für andere Waren des täglichen Die ersten Hochrechnungen der Frank-
frage ein ordentliches Umsatzwachstum beschert Bedarfs. In den ersten neun Monaten 2017 haben reich-Wahl. Ich hatte wirklich Angst um
hat (siehe Grafik). Schlimmer hat es die Franzo- Verbraucher rund drei Prozent mehr für den täg­ Europa.
sen getroffen. Dort ist Butter sogar knapp gewor- lichen Einkauf ausgegeben als im gleichen Zeitraum
den. Französische Zeitungen riefen daraufhin den des Vorjahres. Das liegt einerseits an der guten Stim- Welche der Fragen, die Sie beschäftigen,
Butter-Notstand aus. Twitter-Nutzer posteten mung im Land. Der Jobmarkt boomt, die Menschen ist auch 2017 unbeantwortet geblieben?
unter #BeurreGate Fotos von leeren Supermarkt- haben wenig Angst vor Arbeitslosigkeit. »Deshalb Wie kann man Sport hassen und trotzdem
regalen und Rezepte für – mon dieu! – Gebäck sind sie relativ spendabel«, sagt Wolfgang Adlwarth fit bleiben?
mit Margarine. von der Gesellschaft für Konsumforschung.
Schuld an der Butterkrise und den hohen Auf der anderen Seite gibt es hierzulande schon Was wünschen Sie Deutschland für 2018?

+37% +11,7% +20,6%


Preisen sind die weltweit gestiegene Nachfrage seit einigen Jahren eine Tendenz zu höherwertigen Besonnene Demokraten an der Spitze.
und das gesunkene Angebot. Butter und andere und teureren Lebensmitteln. Das zeigt sich zum Bei-
Molkereiprodukte sind gefragt: Die Chinesen spiel beim Bio-Trend: Lebensmittel sollen heute
importieren viel Butter, die Südkoreaner Käse. naturbelassen und authentisch sein. »Dann darf es Karen Heumann, 52, ist die bekannteste
Und auch hierzulande sind Quark, Joghurt und Butter Getreideflocken Süßstoff auch ruhig mal etwas mehr kosten«, sagt Wolfgang Werberin Deutschlands. 2017 sorgte sie für
Co. beliebt, vor allem die fetthaltigen. Die Zeit ist sehr viel teurer geworden, haben sich nicht verteuert, ist nicht nur teurer Adlwarth. Auch Trendprodukte oder exotisches Schlagzeilen, als sie und ihre Vorstandskollegen
der Light-Produkte ist vorbei. Man legt mehr die Nachfrage danach doch die Konsumenten geworden, er verkaufte Superfood – Chiasamen, Kokosmilch, Gemüsechips die Agentur thjnk ans weltgrößte ­
Wert auf Geschmack. zugleich nur leicht gesunken kaufen mehr davon sich auch besser – landen öfter im Einkaufswagen. Agenturnetzwerk WPP angliederten.
Es handelt sich um ein Gewinnspiel der Handelsblatt GmbH, Kasernenstr. 67, 40213 Düsseldorf. Die vollständigen Teilnahmebedingungen können unter angebot.handelsblatt.com/adventskalender eingesehen werden. Teilnahmeschluss ist der 24.12.2017.

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30 JAHRESRÜCKBLICK 2017 WIRTSCHAFT 4. DEZEMBER 2017 No 50
Foto [M]: NASA; Quelle Prozentzahlen: ifo Institut

Deutschland bei Nacht: Das Bruttoinlandsprodukt schläft nie

WAS BEWEGT DAS BIP?

Rosarote Zeiten
Dem Bruttoinlandsprodukt geht es so gut wie lange nicht. Kann man ihm vertrauen?  VON KOLJA RUDZIO

W
enn das BIP sich wiegen Jahre alt, trägt Anzug und Krawatte und sieht an breitet, steht Alexandre Chemier im blauen Overall erfassen und zu bewerten sei sehr schwierig. Aber
lässt, schaut die ganze diesem Morgen übernächtigt aus. Gerade ist er aus vor dem Tor seiner kleinen Firma in der Hamburger dafür gebe es Zeitbudget-Erhebungen seiner­
Welt hin. So wie vor drei Washington zurückgekehrt, wo er mit Experten dis- Innenstadt und sagt: »Wir haben so viel zu tun, ich Be­hörde. Außerdem verrate die Volkswirtschaftliche
Wochen. Da stieg das kutiert hat, wie das BIP und seine internationalen konnte jetzt erst frühstücken« – es ist halb vier am ­Gesamtrechnung ja noch viel mehr als das BIP, zum
BIP morgens um acht auf
die Waage, und Sekun-
Kollegen mit der Digitalwirtschaft umgehen sollen,
also mit Firmen wie Amazon oder Google, die ihre
Ein Kind der Krise Nachmittag. In Chemiers Betrieb riecht das BIP nach
Öl, es duckt sich unter fahlem Neonlicht und huscht
Beispiel, wie viel Arbeit es erfordert habe. Und man
veröffentliche auch eine Umweltökonomische­
den später meldete die Gewinne über Ländergrenzen verschieben können. über Pfützen auf dem Betonboden. Chemier gehört Gesamtrechnung und eine Vielzahl von Nachhaltig-
Deutsche Presse-Agentur, dass das Bruttoinlands- Hauf leitet die Gruppe Inlandsprodukt und sagt: die Kfz-Werkstatt Berger. »Alle Fabrikate« verspricht keitsindikatoren. Kurzum: All diese Informationen
produkt zugelegt habe. Als Eilmeldung ging die »Ich kenne das BIP schon seit 25 Jahren.« So lange Die Vorfahren ein Schild draußen am Eingang, drinnen stehen ein gibt es, aber all das vom BIP zu erwarten sei falsch.
Nachricht an zahllose Radio- und Fernsehstatio- arbeitet der Volkswirt bereits in dieser Abteilung. Am Der Stammbaum des BIP reicht bis Mini, ein Renault, ein Golf, ein Opel und ganz hin-
nen, Zeitungen und Online-Redaktionen. Ende des Gesprächs wird er – gebeten, das deutsche ins 17. Jahrhundert zurück. Im Jahr ten ein mattsilberner Bentley mit einem Platten. Viele Ökonomen schätzen das BIP trotz
Es ist wie bei einem Boxer, der vor einem wich- BIP zu charakterisieren – sagen: »Es ist nicht launisch 1665 berechnete der Brite William »Wenn jetzt jemand mit einer größeren Repara- seiner offenkundigen Schwächen
tigen Kampf mit viel Presserummel gewogen wird. oder flatterhaft wie das BIP anderer Länder, es ist Petty mithilfe von vielen Schätzungen tur kommt, muss er warten«, sagt Chemier, »ich
Jedes Gramm mehr oder weniger Muskelmasse ausgeglichen, verlässlich, berechenbar. Sonst hätte die Größe des englischen vergebe schon Termine für den nächsten Monat.« Tatsächlich dient das BIP in erster Linie als Ratgeber,
zählt. Nur geht es bei einem Boxer bloß um Sport ich es nicht so lange mit ihm als Partner ausgehalten.« Volkseinkommens. Er nannte seine Auf dem Tisch in seinem winzigen Büro liegt der um die wirtschaftliche Leistung zu beurteilen. Es wird
und Gaudi, beim BIP dagegen um das Kampfge- Methode »Politische Arithmetik«. Sie Rest seines Frühstücks, ein angebissenes Brötchen. genutzt, um die Konjunktur zu bewerten, um die
wicht einer ganzen Volkswirtschaft. Arbeitsplätze, Vom BIP darf man nicht zu viel erwarten, gilt als ein Vorläufer der Volkswirt- So sieht es aus, wenn das BIP überhitzt. Höhe von EU-Beiträgen festzulegen oder die Trag-
Einkommen, ja das Wohl und Wehe der Nation sagt derjenige, der es am besten kennt schaftlichen Gesamtrechnung, zu der Das ganze Jahr über hat Chemier schon extrem fähigkeit von Staatsschulden einzuschätzen. Und es
scheinen von seiner Konstitution abzuhängen. das Bruttoinlandsprodukt gehört. viel zu tun. Doch an diesem Tag ist es besonders gibt trotz aller Schwächen wichtige Hinweise zum
Glaubt man den Nachrichten, dann ist das Das BIP mag einen ausgeglichenen Charakter haben, schlimm. Normalerweise arbeitet seine Frau mit, materiellen Wohlstand eines Landes. Denn ein grö-
deutsche BIP in glänzender Form. Es strotzt vor aber leicht zu verstehen ist es nicht. Wer wirklich Die Große Depression nun ist sie zu Hause geblieben, weil eines ihrer ßeres BIP heißt in der Regel: Es stehen mehr Mittel
Kraft, und seine Muskeln schwellen immer weiter wissen will, wie es tickt, wo man es antrifft und wie Es dauerte jedoch lange, bis Statis­ beiden Kinder krank ist. Das ist schlecht für das zur Verfügung, um Arbeitslose oder Rentner zu unter-
an. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der man es richtig misst, für den gibt es spezielle Ratgeber. tiker solche Berechnungen regelmäßig BIP. Denn das wächst zwar mit jeder Reparatur, stützen, um Straßen zu bauen, Lehrer einzustellen
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erwartet, Hauf wuchtet zwei dicke blaue Bücher auf seinen und systematisch durchführten. Zur die Chemier seinen Kunden in Rechnung stellt, – oder um sich die Nägel lackieren zu lassen. Was
dass das BIP bis zum Ende des Jahres um 2,0 Pro- Schreibtisch. Das eine, 652 Seiten stark, enthält die Zeit der Großen Depression suchte aber alles, was jemand unentgeltlich leistet, zählt auch immer den Konsumenten, Politikern, Bürgern
zent gegenüber dem Vorjahr zugelegt haben wird, Regeln der EU, nach denen in allen Mitgliedsländern die US-Regierung Informationen, um nicht. Hausarbeit, Kindererziehung, ehrenamt­ und Unternehmern wichtig ist.
das ifo Institut rechnet sogar mit 2,3 Prozent. Das das jeweilige BIP gewogen und analysiert wird. Das zu verstehen, was da vor sich ging. In liche Arbeit – spielt keine Rolle. Kümmert sich­ Ob das Geld fair verteilt ist oder so eingesetzt
wäre so viel wie seit sechs Jahren nicht mehr. Die andere, 662 Seiten dick, enthält die weltweit gelten- ihrem Auftrag erstellte ein Team einer selbst um seine Kinder oder um seine kran- wird, wie mancher sich das wünscht, ist eine andere
Sachverständigen warnen schon, sie sprechen von den Normen, die OECD, UN, IWF, Weltbank und unter Leitung des Ökonomen Simon ken ­Eltern, trägt er nichts zum BIP bei. Bezahlt er Frage. Das BIP hat deshalb eine Menge Konkur-
»Überhitzung«. Grundsätzlich gilt es aber als gut, die EU-Kommission gemeinsam festgelegt haben. Kuznets 1934 eine Berechnung, die andere dafür, dann schon. Das zeigt bereits: Das renten bekommen. Sie versprechen, nicht nur auf das
wenn das BIP zunimmt. Wächst es, so die ver- Beide Bücher beschreiben nicht allein das BIP, son- dem heutigen BIP sehr nahekommt. BIP nimmt die Wirklichkeit sehr selektiv wahr. Es Geld zu schauen, sondern auch darauf, ob es den
breitete Sicht, dann wächst auch unser Wohlstand. dern gewissermaßen seine ganze Familie: die Volks- sieht nur den Teil, der mit Geld zu tun hat. Menschen und ihrer Umwelt gut geht. Auf interna-
Doch ist das wirklich so? Das BIP hat Feinde. wirtschaftliche Gesamtrechnung. Der Marshallplan Selbst wenn sich Alexandre Chemier bewusst tionaler Ebene drängt zum Beispiel der Human De-
Sie sagen: Es ist zu mächtig geworden. Viele Poli- Wie geht es nun also dem deutschen BIP? »Sehr Das deutsche BIP hat zwar auch entscheiden würde, weniger zu arbeiten, weil ihm velopment Index der UN ins Rampenlicht oder der
tiker, Wirtschaftsexperten und Journalisten wür- gut«, sagt Hauf, »wenn es noch ein, zwei Quartale so Vorfahren in den 1920er und 1930er ein richtiges Frühstück und etwas Freizeit mehr Better Life Index der OECD. In Deutschland schuf
den nur darauf achten, was dem BIP nütze. Dabei weiterwächst, ist es der längste Aufschwung in der Jahren, aber zu einer wichtigen Größe wert wäre als das Einkommen, würde das BIP bloß die noch amtierende Bundesregierung ein zwölf­
führe es uns in die Irre. Die Kritik kommt von Geschichte der Bundesrepublik seit Einführung der im öffentlichen Leben wurde es erst auf das Geld achten. Es würde die Scheine zählen dimensionales Bündel von 46 Indikatoren, das die
Umweltschützern und Sozialverbänden, aber auch vierteljährlichen Messung zu Beginn der 70er Jahre!« durch die Besatzer nach dem Zweiten und zum Schluss kommen: Der Wohlstand Lebensqualität abbilden soll. Dagegen erscheint das
von Ökonomie-Nobelpreisträgern wie Amartya Im dritten Quartal dieses Jahres umfasste das BIP 831 Weltkrieg. Für den Marshallplan for- schrumpft. Egal, wie der Familienvater das sieht. BIP ein wenig aus der Zeit gefallen.
Sen oder Joseph Stiglitz. Sie gilt nicht nur dem Milliarden Euro, 34 Milliarden mehr als im dritten derten sie von Westdeutschland eine Man muss es so offen sagen: Das BIP ist ein Viele Ökonomen halten aber nichts davon, das
deutschen BIP, sondern auch dessen Kollegen in Quartal 2016. Sein Gewicht wird in Geld gemessen. Schätzung des Bruttosozialprodukts. gnadenloser Materialist. BIP durch eine andere mächtige Figur zu ersetzen.
den USA, Frankreich oder Großbritannien. Der Fragt man Hauf, was diese Zahlen bedeuten, Ihm ist es auch gleichgültig, ob die Autos, die »Wenn Sie einen Mischmasch von Themen in einem
Politikwissenschaftler Lorenzo Fioramonti bündelt formuliert er es so: »Das BIP misst per Saldo den Wert Chemier und seine Gesellen reparieren, Lärm und einzigen Index zusammenfassen, verschleiert er am

+2,3%
die Kritik im Spottnamen gross domestic problem – aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Perio- Dreck ausstoßen. Ob sie den Klimawandel ver- Ende mehr, als er erklärt«, warnt Nils aus dem Moore,
Bruttoinlandsproblem. de in einem bestimmten Raum produziert wurden.« schärfen und am Ende die Lebensgrundlagen zer- ein Ökonom am RWI Leibniz-Institut für Wirt-
Was das deutsche BIP dazu sagt? Es hat eine Ad- Das klingt kompliziert, bedeutet aber im Kern: Egal, stören. Umweltschäden spielen für das BIP nur schaftsforschung. Besser sei es, neben dem BIP auf
resse, zu der man fahren kann: Gustav-Stresemann- ob die Meyer Werft in Papenburg ein Kreuzfahrt- dann eine Rolle, wenn jemand sie einem in Rech- andere Hinweisgeber zu achten, die etwas über die
Ring 11, 65189 Wiesbaden. Dort steht ein grau- schiff baut oder ob die Dame im Nagelstudio an der nung stellt. Das BIP als Wegweiser zum Wohl- ökologische oder soziale Lage sagen können.
grüner Gebäudeklotz aus den 1950ern. In dessen Ecke einer Kundin Glitzerlack aufpinselt – alles soll Um diesen Prozentsatz stand zu sehen ist offenbar eine zweifelhafte Idee. Dieses Jahr war ein gutes Jahr für das BIP. Wir
fünftem, sechstem und siebtem Stock ist das BIP zu erfasst und in einer großen Rechnung addiert werden. wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Stefan Hauf kennt diese Kritik. Er sagt, das BIP sollten uns mit ihm freuen. Aber alles durch seine
Hause. Hier residiert die Gruppe Inlandsprodukt des Was diese Rechnung wirklich verrät, lässt sich an bis zum Jahresende werde missverstanden. »Es spiegelt nicht den imma- Brille sehen müssen wir nicht.
Statistischen Bundesamtes. Und hier arbeitet der einem Beispiel erklären. An dem Tag, als die Deut- wachsen, schätzt das ifo Institut teriellen Wohlstand, dafür ist es auch nicht gemacht.«
Lebensgefährte des BIP. Er heißt Stefan Hauf, ist 54 sche Presse-Agentur die neuesten BIP-Zahlen ver- Private Hausarbeit oder Kindererziehung ständig zu www.zeit.de/audio
WISSEN
4. D e z e m b e r 2017 DIE ZEIT No 50

31
J A H R E S R Ü C K B L I C K 2 0 1 7

Volkszählung im All Das Zittern


der Raumzeit
Warum die Gravitationswellen
2017 wurden spektakuläre Planeten entdeckt. Doch was sagen all die Welten über unsere eigene aus?  VON STEFAN SCHMITT so gut zur Weltlage passen

Immer mal wieder trifft eine wissenschaftli-


che Entdeckung perfekt die herrschende Zeit-
stimmung. Ein gutes Beispiel ist Einsteins
Allgemeine Relativitätstheorie, die er mitten
im Ersten Weltkrieg vorstellte und die den
ICH BIN DER damaligen Zeitgenossen wie die physikalische
HEISSESTE BEKANNTE Bestätigung ihrer alltäglichen Erfahrungen
EXOPLANET! erschien. Lebten sie doch selbst in einer Zeit,
in der das Unterste zuoberst gekehrt wurde
und alle Werte relativiert schienen.
Heute, rund hundert Jahre später, passt
Einstein wieder zum Zeitgeist. Diesmal aller-
dings mit einer Folgerung, die sich aus der
Relativitätstheorie ergibt: der Existenz von
Gravitationswellen, die dieses Jahr ihren gro-
ßen Auftritt haben. Die Besonderheit dieser
Wellen? Sie bewegen sich nicht innerhalb der
UND ICH BIN DER gewohnten Raumzeit, sondern lassen die
ZWEITNÄCHSTE! Raumzeit an sich erzittern – eine Eigenschaft,
die sie für politische Vergleiche geradezu prä-
destiniert.
Denn haben wir im abgelaufenen Jahr
nicht erlebt, wie der gewohnte politische Raum
ins Wanken geraten ist? Dass Veränderungen
nicht mehr innerhalb des gewohnten Systems
stattfanden, sondern dass sie das System an sich
infrage stellten und für unverrückbar gehalte-
ne Grundpfeiler der Demokratie erzittern
ließen?
Dazu passt, dass
Gravitationswellen
oft dadurch entste-
hen, dass im Kos-
4300 Grad Celsius Temperatur erreicht der Exoplanet Kelt-9b an seiner Tagseite (Juni 2017) Einen Zwergstern im nahen Sternbild Jungfrau umkreist der steinige Planet Ross 128 b (November 2017) mos riesige Schwar-
Ab die Post: So ze Löcher kolli­
verschicken Sie eine dieren (was 2017
Gravitationswelle mehrfach beobach-
tet wurde). Auch in
der Weltpolitik hat sich ein Schwarzes Loch
Fotos: [M] JPL-Caltech/Nasa (2); M. Kornmesser/ESO (o. r.); J. Neidel/Vanessa Ch. Quetz (u. r.); Bundesministerium der Finanzen (r.)

WIR UMKREISEN
namens Trump aufgetan, und bang verfolgt
UNSEREN STERN ZU SIEBT –
die Öffentlichkeit, wie es auf die dunkle Ga-
REKORD AUSSERHALB DES
laxie Nordkorea zurast. Die Folgen eines Zu-
SONNENSYSTEMS!
sammenpralls ließen sich wohl nicht einmal
mit Einsteinscher Mathematik berechnen.
So sind die Gravitationswellen das pas-
sende Signet dieses Jahres. Das hat auch die
Deutsche Post erkannt, die am 7. Dezember
eine entsprechende Briefmarke herausgibt:
Sie zeigt eine numerische Simulation jener
berühmten Gravitationswelle, die von zwei
umeinander kreisenden Schwarzen Löchern
abgestrahlt wurde und für deren Entde-
ckung am 10. Dezember in Stockholm der
Nobelpreis verliehen wird.
ICH BIN DER ERSTE
Zum Glück lassen sich aus der Physik nicht
ERDGROSSE BROCKEN, BEI
nur düstere Parallelen zur derzeitigen Politik
DEM EINE DICHTE GASHÜLLE
ableiten. Sie verheißt auch Lichtblicke, wie im
GEMESSEN WURDE!
Oktober dieses Jahres, als eine neue astrono-
mische Ära begann: Da hatte eine Gravitations-
welle, die von zwei rotierenden Neutronen-
sternen ausgesandt worden war, eine weltweite
Gemeinschaftsaktion ausgelöst, an der 70 Ob-
servatorien rund um den Globus beteiligt
waren. Die Kombination von herkömmlicher
und Gravitationswellen-Astronomie eröffnete
den Forschern gleichsam einen neuen Wahr-
nehmungssinn für das kosmische Treiben
(siehe auch Seite 38).
Vielleicht macht auf ähnliche Weise das
Um Trappist-1 drehen sich sieben Planeten, die drei äußeren in der habitablen Zone (Februar 2017) In der Atmosphäre des Felsplaneten GJ 1132b fanden Forscher Methan und Wasserdampf (März 2017) Erzittern der politischen Systeme nun auch

F
Prozesse sichtbar, die bisher unter der Wahr-
nehmungsschwelle lagen – was die Voraus-
ür Planetenjäger geht das Jahr gut tion, welche die Europäische Südsternwarte Eso Die Suche nach solchen Welten hat stets zwei »Astronominnen und Astronomen suchen Pla- setzung ist, um solche Umbrüche zu bewäl-
zu Ende, Ross 128 b sei Dank. ­Mitte zu dem Fund verbreitete, in etwa so: Eine beige­ Gesichter. Das eine sind einzelne Entdeckungen, die netensysteme heute nicht nur, sondern charakteri- tigen. Wie viel Geduld das kosten kann,
November verkündeten sie den vor- braune Kugel, teilweise von Schlieren umzogen, wie die Trappisten oder Ross 128 b für Aufsehen sieren sie und bestimmen ihre Demografie, indem weiß niemand besser als die Physiker: Sie
erst letzten Fund, der 2017 noch die man für Wolken halten könnte, mit hellen sorgen, weil sie sensationell sind, weil sie einen Super- sie versuchen herauszufinden, wie oft Exoplaneten haben schließlich hundert Jahre gebraucht,
einmal für große Aufmerksamkeit Flecken und einer Lichtreflexion wie auf Wasser lativ bieten, indem sie den ersten Exoplaneten mit verschiedener Masse und Komposition vorkom- um die von Einstein postulierten Wellen
sorgte. Was etwas heißen will, in oder Eis. Dieses Bild zierte Nachrichtenartikel von einer bestimmten Eigenschaft darstellen. 2017 war men«, beschreiben es die Autoren der Denkschrift wirklich zu finden. U LRICH SCHNABE L
diesem Jahr voller spektakulärer Mexiko bis Japan und Estland. Dabei hat es­ reich an solchen Funden, die es samt einer fantasie- Astrophysik in Deutschland. Ross-128-b-Entdecker
Exoplaneten-Entdeckungen. weniger mit der Realität draußen im All zu tun als vollen Illustration in die Nachrichten geschafft haben: Xavier Bonfils spricht gar von einem »Zensus«:
Aufsehenerregend hatte es bereits angefangen, mit der Fantasie drinnen im Kopf des Illustrators, Im April ein Eisball namens OGLE-2016-BLG- Exoplanetenforschung ist zur Volkszählung gewor-
im Fe­ bru­ar mit einem einzigartigen Fund im der für die Eso zeichnete. 1195Lb, einer der leichtesten bekannten Exoplane- den. Und die birgt eine Überraschung, die größer HALBWISSEN
Sternbild Wassermann: Dort kreisen um den Stern Genauso verhält es sich mit den unzähligen ten; im Juni Kelt-9b, der heißeste bislang entdeckte; ist und der Menschheit näher geht als alles Staunen
Trappist-1 gleich sieben Planeten. Nie zuvor hat- anderen Exoplaneten-Bildern, von denen wir drei im Juli die kuriosen Zwillinge im Sternbild Wasser- über einzelne Planeten-Promis.
Semipardon!

D
ten Astronomen ein solches System detektiert. Die weitere auf dieser Seite versammelt haben: Scharf- schlange, welche nur um­ein­an­der und nicht um eine
sieben gleichen in Masse und Größe der Erde, zu- kantige Felskrusten, kochende Gashüllen, zer- Sonne kreisen; im August ein Trio um den Stern YZ azu hilft es, sich die kurze Geschichte
dem besteht die vage Möglichkeit, dass dort­ furchte Eispanzer, kunterbunte Nebelschlieren Ceti, das nächstgelegene bekannte Mehrplaneten- dieser Wissenschaft zu vergegenwärti- Was haben wir an dieser Stelle geschimpft,
lebensfreundliche Bedingungen herrschen ­könnten und vertrautes Blaugrün in seltsam fremden For- system. Diese Exemplare darf man – zumindest aus gen. Und die herkömmliche Erzählung gehöhnt, gekalauert, gespottet und ge-
– so sorgte das Septett weltweit für Schlagzeilen. men – all das sind bloß fantasievolle Interpretatio- der Warte all jener, die sich für die Suche nach fernen geht so: Der Fortschritt der Astrono- schmäht; uns über Halbgares und Halb-
Leben? Deswegen erzeugt die Suche nach Exoplane- nen, abgeleitet von ein paar astrophysikalischen Welten interessieren – als Promis unter den Exopla- mie hat dem Menschen eine Reihe von Demüti- richtiges in Forschung, Technik und All-
ten wie kein zweites Astro-Thema Aufmerksam- Parametern darüber, wie groß ein Planet ist, in neten bezeichnen: Jeder kennt sie, jeder glaubt, ein gungen beigebracht. Zuerst verschob er die Erde tagspraxis lustig gemacht. Egal, ob es 2017
keit, regt nicht nur die Fantasie der Forscher an, welchem Abstand und mit welcher Dichte er um Bild von ihnen zu haben. aus dem Zentrum der Welt auf eine Bahn um die um Gesäßerkennung ging, um Bonbons als
sondern lässt auch Laien von fernen Welten­ seinen Stern kreist und welcher Art wiederum­ Aussagekräftiger ist jedoch der Blick in die Sonne. Dann verzwergte er die Sonne zu einem Kuhfutter, schlechte Gutachter oder Tech-
träumen, auf denen Bewohner denkbar sind. dieser ist. Was uns als Antlitz ferner Welten präsen- Breite. Und vor allem aus dieser Perspektive war unbedeutenden Stern am Rande einer mittelgro- nik zum Betrinken – hier geschah das stets
Das gilt auch für Ross 128 b. Dessen Fund ver- tiert wird, basiert also auf knappen physikalischen 2017 ein überaus erfolgreiches Jahr für die Exo- ßen Galaxie. Diese wiederum positionierten­ unter demselben Rubrum: »Halbwissen«.
kündeten französische Astronomen um Xavier Steckbriefen. Aber die sind faszinierend genug. planeten-Forscher: Ihre Liste schwoll gewaltig an. Astronomen bald in einem Universum, in dem es Höchste Zeit, uns einmal bei diesem­
Bonfils in der Fachzeitschrift Astronomy & Astro- Die Erforschung von Planeten jenseits unseres Allein die Daten der Kepler-Mission, welche die von Galaxien so wimmelt wie von Papierschnipseln Begriff zu entschuldigen: Sorry, Halbwissen!
physics unter der Überschrift: »Nächstgelegene­ Sonnensystems ist vielleicht das dynamischste Feld Nasa im Juni veröffentlichte, beinhalten Hinweise im Konfettiregen. (Von den zahllosen »Paralleluni- Wer sonst hielte Partytalk am Leben, wer
gemäßigte Welt im Orbit um einen ruhigen Stern der zeitgenössischen Astronomie – jedenfalls das auf 219 mögliche Exoplaneten (sogenannte Kan- versen« der String-Physiker wollen wir hier gar würde Internet-Debatten be­feuern und Futter
entdeckt«. Besonderes Kennzeichen: Dort könnte populärste. Denn es berührt grundlegende Fragen didaten). Inzwischen sind mehr als 3500 Exopla- nicht erst anfangen!) Kurzum, jedes Schrittchen im für den Ig-Nobel-Preis liefern, wenn nicht das
flüssiges Wasser fließen, was ja landläufig als­ zur Natur des Universums, nach den Vorausset- neten bekannt, beinahe 600 Sternsysteme mit Fortschritt der Kosmologie ließ unseren eigenen Halbwissen? Das­Ganzwissen ist ja schön und
Voraussetzung für Leben gilt. Wie man sich das zungen für fremde Biologien und natürlich nach mehreren Exoplaneten zugleich, und rund 4500 gut. Aber es tendiert zum Besserwissen und ist
fremde Habitat vorzustellen hat? Laut der Illustra- dem Platz unseres Heimatplaneten in alldem. Kandidaten harren ihrer Bestätigung. Fortsetzung auf S. 32 ein echter Party-Langweiler. ST X
32 JAHRESRÜCKBLICK 2017 4. DEZEMBER 2017 No 50

WIE WAR IHR JAHR?

Ricarda Winkelmann

Die Mathematikerin, 32, wird in diesem Winter auf der »Polarstern« in der
Antarktis arbeiten. Das Foto zeigt sie bei einer früheren Expedition

Was haben Sie in diesem Jahr zum ersten Straße gegangen sind, Wissenschaftler wie Was war für Sie die größte Überraschung? hänge gibt, ist schon lange bekannt, aber die Was war für Sie der spannendste Moment?
Mal getan? Nichtwissenschaftler, in Berlin genauso wie in Als ich einen Brief von einer befreundeten Dimension habe ich erst jetzt wirklich zu erfassen Ein besonders aufregender Moment war, als
Eine Salzharfe zusammengeschraubt. Bei unse- New York. Wissenschaftlerin aus dem Amazonasgebiet gelernt. Und das hat Konsequenzen für unser Ver- wir die Seesäcke mit unserer Polarkleidung für
rer Antarktis-Expedition diesen Winter w
­ erden aus dem Kasten gefischt habe. Richtige Briefe ständnis vom Einfluss des Klimawandels auf die kommende Expedition verschnürt haben –
wir Löcher in Eisschollen bohren und dieses Und wer war eine Enttäuschung? auf Papier, handgeschrieben und mit bunter Kippelemente im Erdsystem, wie die großen Eis- pure Aufbruchstimmung und Abenteuerlust.
Gerät darin versenken. Über Satellitenfunk Das Lakritzeis. Ich mag Eis, ich mag Lakritze, Marke auf dem Umschlag, finde ich immer massen es sind. Wenn wir hier mehr verstehen,
wird es uns dann lange Zeit Daten senden, aus nur die Kombination ... eine tolle Überraschung. können wir auch bessere Informationsgrundlagen Welche der Fragen, die Sie beschäftigen, ist
denen wir mehr darüber erfahren, wie das liefern für Entscheider. auch 2017 unbeantwortet geblieben?
Packeis wächst oder schmilzt und sich der Salz- Was war Ihr persönlicher Sieg 2017? Was haben Sie 2017 vermisst? Wie schnell verliert der instabil gewordene Teil
gehalt ändert. Meist findet meine wissen- Als ich in Tel Aviv zum ersten Mal auf Hebrä- Mehr Zeit. Was war Ihr schönster Ort? in der Amundsen-Region der Westantarktis
schaftliche Arbeit am Rechner statt, wo ich isch nach dem Weg gefragt habe – und auch Kyoto. Ich war für eine Konferenz dort, es war Eismasse, und drohen auch andere Teile des Eis-
Zigtausende solcher Daten zusammen mit tatsächlich angekommen bin. Auf welche Nachricht(en) hätten Sie am meine erste Reise nach Japan. Und ich habe kontinents sich schleichend, aber unaufhaltsam
physikalischen Formeln in einer Computer­ liebsten verzichtet? mich auf eine sehr schöne Art dort zugleich zurückziehen? Das hat langfristig ungeheure
simulation der Antarktis verwende. Als Mathe- Und Ihre Niederlage? Die gefakten. fremd und willkommen gefühlt. Bedeutung für den Meeresspiegel weltweit.
matikerin mag ich diese Arbeit mit den Be- Niederlage klingt mir zu endgültig. Ich gebe
rechnungen sehr. Aber es ist besonders schön, selten auf. Was würden Sie in diesem Jahr gern korri- Und Ihr schönster Moment? Was wünschen Sie Deutschland für 2018?
auch etwas mit den Händen zu tun, so wie bei gieren, an sich selbst und an anderen? Einer der schönsten Momente ist eigentlich Dass es wieder zum Klimaschutzpionier wird.
der Salzharfe. Worüber haben Sie sich am meisten gefreut? Ich glaube, wir könnten alle etwas positiver auf jedes Mal beim Bergsteigen der Augenblick Seit ein paar Jahren sinkt unser Ausstoß von
Momente der Freude hat es viele gegeben – die Welt blicken. Nicht nur sehen, was nicht auf dem Gipfel, ob in den Alpen oder im Hi- Treibhausgasen nicht mehr. Doch das können,
War 2017 besser oder schlechter, als Sie es von der Fahrradtour entlang der Havel über geht oder schlecht ist, sondern was möglich ist malaja, wenn man sich umdreht und aufs Tal das müssen wir drehen.
Silvester 2016 erwartet hatten? das Knacken eines wissenschaftlichen Pro- und was besser geht. Ich versuche das. hinunterblickt.
Ich versuche meistens nicht zu viel zu erwar- blems bis zum Kubb-Spiel mit Freunden und Die Mathematikerin Ricarda Winkelmann ­
ten. Und mir meinen Optimismus zu erhalten. Familie. Was haben Sie 2017 Wichtiges gelernt? Was war Ihre beste Tat? promovierte in Physik am Potsdam-Institut für
Wie stark das Eis Grönlands und das der Ant- Wahrscheinlich eine mit Papier und Bleistift. Klimafolgenforschung (PIK) über den künftigen
Wer war für Sie 2017 eine Hoffnung? Und worüber am stärksten geärgert? arktis miteinander in Beziehung stehen, über die Beitrag der Antarktis zum Meeresspiegelanstieg.
Die vielen Menschen, die beim March for­ Den Ausstieg der USA aus dem Pariser Ab- großen Strömungen in der Atmosphäre und im Wie lautet Ihre Überschrift für das Jahr 2017? Seit 2015 ist sie Juniorprofessorin für Klimasystem-
Science für Fakten statt Fake-News auf die kommen zum Klimaschutz. Ozean. Dass es da grundsätzlich Zusammen- »Polar-isierend«. analyse am PIK und an der Universität Potsdam.

Volkszählung im All  Fortsetzung von S. 31 darum aber das nächste Kapitel in jener Erzählung wissenschaftlich nüchtern. Eine Menschheit in­trationen und Verhältnissen nicht als Produkte der
erwartet, welche die Erde peu à peu ihrer Sonder- latenter Kränkungserwartung darf das ruhig so Planetenentstehung deuten würden – sondern als
Platz im Kosmos randständiger erscheinen. Das stellung beraubt, der liegt wahrscheinlich: falsch. Stoffwechselprodukte etwa von außerirdischen
verstehen: Je mehr fremde Welten wir da draußen
nagt natürlich an der heimeligen Vorstellung, et- Denn die zweite verblüffende Erkenntnis aus Mikroben oder Pflanzen. »Biosignatur« heißt das,
finden, desto einzigartiger erscheint uns die eigene
was ­Besonderes zu sein. dem Zwischenstand der galaktischen Volkszäh- kosmische Heimat! und Forscher um Sara Seager am Massachusetts
VOR 22 JAHREN FANDEN ­

B
Allerdings ging es jahrhundertelang nur um lung ist diese: Die meisten Super-Erden und In­sti­
tute of Technology haben im vergangenen
Sterne und Gebilde aus Sternen. Dass diese – ge- Gasriesen drehen sich viel enger um ihre­ FORSCHER DEN ERSTEN UM leibt die Suche nach Leben. Dafür haben Jahr begonnen, nicht weniger als 14 000 Verbin-
nauso wie unsere Sonne – von Planeten umkreist Sterne, als es die acht Planeten in unserem EINEN FERNEN SONNEN­ die Astronomen einen märchenhaften an- dungen auf ihre Aussagekraft als Fingerabdruck
würden, war zwar lange vermutet worden. Aber Sonnensystem tun. So umkreisen alle sieben ÄHNLICHEN STERN KREISEN­ gelsächsischen Begriff. Die Pla­ne­ten­jäger des Lebens zu prüfen.
die Teleskope waren einfach zu schlecht, um diese Trappisten-Planeten ihren Stern auf engeren DEN PLANETEN. sprechen von der goldilock ­zone, in Anleh- Was selbst ganz märchenhaft klingt, wird mit
Vermutung zu überprüfen. Folglich blieb den in Bahnen als der Merkur, der von allen unserer nung an das Märchen Goldlöckchen und die drei dem rasanten Fortschritt erdgebundener Teleskope
ihrem Selbstwertgefühl gebeutelten Erdbe­wohnern Sonne am nächsten ist. Das ist nicht so exotisch, Bären. Darin wünscht sich das Mädchen Goldlöck- und neuer Satellitenspäher zur realen technischen
ein Rest von Sonderstellung erhalten: Egal wie wie es uns erscheinen mag. »Generell gesprochen chen ihren Brei nicht zu heiß und nicht zu kalt, den Möglichkeit. Und wie faszinierend wäre es doch
groß der Kosmos war, die Menschen kannten nur ist diese Entdeckung typisch für viele andere­ Schemel nicht zu groß und nicht zu klein, das Bett bei aller Sonderstellung und Ausnahmeheimat,­
ein System mit Planeten (das Sonnensystem) und Planeten, die sich sehr nahe um ihren Stern herum nicht zu weich und nicht zu hart. Erst das mode- irgendwann da draußen etwas vertraut Verdautes
nur einen Planeten mit lebensfreundlichen­ drehen«, sagt Exoplaneten-Pionier Michel Mayor. rate Mittelmaß (»gerade richtig«) stellt Gold- zu detektieren ...
Bedingungen (die Erde). Bis 1995. Diesen Befund erklären sich Astronomen mit INZWISCHEN HAT MAN MEHR löckchen schließlich zufrieden. Ähnlich Auch für dieses wohl populärste Versprechen der
Da erkannten Michel Mayor und Didier Que- der Jugend dieser fernen Systeme und den Bedin- ALS 3500 EXOPLANETEN ­ märchenhaft ist es auch in der Astrophysik: Exoplaneten-Erforschung, das der Suche nach Leben,
loz vom Observatorium der Universität Genf im gungen in der »Planetenfabrik«. So heißt auch das ENTDECKT. BEI 2800 DAVON Nicht zu heiß und nicht zu kalt darf es auf war 2017 ein gutes Jahr. Denn im Herbst haben Esa
Zittern des Sterns 51 Pegasi Hinweise auf einen lesenswerte Buch der Astrophysikerin Tasker­ KENNEN FORSCHER DIE ­ der Oberfläche eines Planeten sein, schließ- und Nasa einen Starttermin für das amerikanisch-
Begleiter, den sie der astronomischen Nomenkla- darüber, was die bislang bekannten Exoplaneten GRÖSSE, BEI 700 DIE MASSE. lich ist Leben schwerlich ohne flüssiges Was- europäisch-kanadische J­ ames Webb S­ pace Tele­scope
tur entsprechend 51 Pegasi b nannten. Zittern? uns über die Entstehung von Sternsystemen im ser vorstellbar. Das ergibt, abhängig von der (JWST) verabredet, das als Nachfolger für das Raum-
Hinweise? Mit direkter Beobachtung, gar Fotoauf- Allgemeinen verraten. Stärke eines Heimatsterns, eine Nicht-zu-fern- teleskop Hubble dienen soll. Im Frühjahr 2019 soll
nahmen hatte diese Premiere nichts zu tun. Und Allzu oft geht es da rabiat zu: In ihrer Jugend und-nicht-zu-nah-Faustformel für die »habitable das JWST an der Spitze einer Ariane-5-Rakete in
bis heute gilt für die übergroße Mehrheit der Exo- wandern frische Super-Erden und Gasriesen stern- Zone« – also für jenen Bereich, in dem sich die Um- Französisch-Guayana starten.
planeten: Nur das Licht ihres Sterns hat sie verra- wärts nach innen und reißen alle kleineren Planeten­ laufbahn eines Exoplaneten befinden muss, um in Und im Sommer hat das Forschungspro-
ten, direkt erblickt hat sie keines Menschen Auge. vorläufer (»Planetesimale«) mit sich, die ihnen in lebensfreundlichen Gefilden zu liegen. Um einen gramm-Komitee der Esa grünes Licht gegeben für

O
die Quere kommen. Der Stern Kelt-9 im Sternbild Orbit dieser Zone zuzuordnen, genügen meist den Bau der Raumsonde Plato. Deren Name ist
rdnet man deren Steckbriefe nach ver- Schwan zeigt, wohin das führen kann. Ihn um- VIER LICHTJAHRE schon die dürren Parameter aus einem Exoplaneten- eine Abkürzung für »planetare Transite und Oszil-
schiedenen Typen, so wartet die erste kreist, so haben es Forscher im Juni beschrieben, in WEIT ­E NTFERNT IST Steckbrief. Doch das macht die Zone noch nicht zu lationen von Sternen«. Wissenschaftlich geleitet
Überraschung: Nicht etwa Planeten nur einem Zehntel der Distanz Sonne–Merkur ein DER NÄCHSTE. einem tatsächlich bewohnten Ort. wird die Mission von der Berliner Astrophysikerin
vom Typ »Gasriese« sind da am häu- Gigant von der dreifachen Ju­pi­ter­masse, der rekord- Aber kann man darüber überhaupt etwas aussa- Heike Rauer vom Deutschen Zentrum für Luft-
Fotos: Maria Martin/PIK/dpa; [M] JPL-Caltech/Nasa (u.)

figsten, obwohl die sich wegen ihrer schieren Größe heiße Kelt-9b. gen? Hier wartet die vielleicht größte Überraschung, und Raumfahrt. Mit ihren 34 Kameras soll Plato
am leichtesten detektieren lassen. »Um die Hälfte Und kaum vorzustellen, wie es heute um die welche uns die Jagd nach immer neuen Exoplaneten ab dem Jahr 2026 von einem anderthalb Millio-
der sonnenähnlichen Sterne drehen sich Planeten Sonne herum aus­sähe, wenn hier eine jugendliche bescheren könnte, auch über Lichtjahre hinweg. nen Kilometer von der Erde entfernten Punkt aus
eines Typs, den wir aus unserem Sonnensystem gar Gang aus Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun auf Denn immer häufiger finden Astronomen im Licht ungestört ins All spähen. Plato ist kein Unterfan-
nicht kennen«, fasst die Astrophysikerin Elizabeth immer engeren Bahnen gewandert wäre – und ferner Sterne den Fingerabdruck einer Planetenatmo- gen mehr, das primär dazu dient, die Zahl der Exo-
Tasker von der japanischen Raumfahrtbehörde Jaxa dabei die vergleichsweise filigranen inneren­ sphäre: Fliegt ein Teil des Lichts durch dessen Gas- planeten und Kandidaten in den Katalogen der
zusammen. »Diese Planeten sind größer als die Planeten mit sich gerissen hätte. Man darf zumin- hülle, so absorbieren deren verschiedene Gase ganz Astronomen anschwellen zu lassen. Diese Raum-
Erde, aber kleiner als Neptun, der viertgrößte im dest davon ausgehen, dass hier keine Zivilisation bestimmte Wellenlängen. Aus diesen Lücken im sonde wurde speziell dafür konstruiert, Felsplaneten
Gespann, mit Größen vom eineinviertelfachen bis von Sternguckern entstanden wäre. Spektrum kann man auf den fernen Mix schließen: (also erdgroße Exoplaneten oder Super-Erden) zu
zum vierfachen Erdradius.« Darum nennen die As- »Es zeichnet sich ab, dass unser Sonnensystem Gibt es dort molekularen Sauerstoff? Methan?­ untersuchen, die sich auf Bahnen um sonnenähn-
tronomen sie »Super-Erden«. Zwar könnten künftig mit seinen spezifischen Eigenschaften eher die Kohlendioxid? Ozon oder Stickstoff? liche Sterne drehen.
auch mehr kleinere Exemplare auftauchen, einfach Ausnahme als die Regel zu sein scheint«, formulie- Wie ein Zensus: Heute werden fremde Schon stellen Astrobiologen Listen solcher Man könnte auch sagen: für die Suche nach
weil die Technik der Teleskope besser wird. Wer ren es die Autoren der Denkschrift Astrophysik­ Welten statistisch charakterisiert Gase zusammen, die sie in bestimmten Konzen- einem zweiten Ausnahmefall.
33 WISSEN 4. DEZEMBER 2017 No 50

Fotos: Andrzej Boczarowski; action press (v. l.); kleine Bilder: Neanderthal Museum; Mauritius images; Getty; Neanderthal Museum (v. o.)
Zweibeiner betritt Neuland: 5,7 Millionen Jahre später:
Vorsteinzeitliche Fußspur auf Kreta Der Mond als Neuland

Die Spuren der Verwandten


Neue Knochen, Zähne und Fußabdrücke, entschlüsselte Genome: So hat sich unsere Ahnengalerie im Jahr 2017 verändert  VON ULRICH BAHNSEN UND URS WILLMANN

D
ie Wissenschaft von der Evolution des Griechenland gefundenen Unterkiefer und einen Zahn aus­ der Neandertaler Gestalt annahm, mehr und mehr als Epoche von begonnen, den Planeten zu erobern? Und was geschah, als
Menschen macht ihre Fortschritte nur Bulgarien untersucht. Diese wurden zuvor der Primatenart Graeco­ überraschender Vielfalt im Menschenzoo. sie ihren Vettern begegneten, den Neandertalern (Foto) in­
sehr gemächlich. Dann und wann gibt pithecus freybergi zugeschrieben. Europa und Asien? Auch zu dieser Frage gab es 2017­
es ein paar neue Fossilien zu bestaunen, Böhme kam zu einem anderen Schluss. Da Menschenaffen­ Vor 300 000 Jahren: bemerkenswerte Neuigkeiten: Es begann alles viel früher
man streitet sich um deren Interpreta­ üblicherweise pro Zahn zwei oder drei getrennte Wurzeln besitzen, Früher als bislang angenommen als ­gedacht.
tion, und wenn es sehr aufregend ist, bei diesen beiden Objekten aber die Zahnwurzel verschmolzen ist, gab es moderne Menschen – Im Erbgut heutiger Europäer finden sich noch Spuren der
einigt man sich auf ein paar neue­ hält sie »El Graeco« für eine bislang unbekannte Vormenschenart. in Nordafrika Begegnung mit Neandertalern. Denn es gab bekanntlich
Details am humanen Stammbaum. Mit dem Aufstieg der Stimmt diese Annahme, dann hat sich auf dem heutigen Stadt­ eine Vermischung zwischen beiden Menschenarten. Noch
Paläogenetik jedoch brach vor einigen Jahren in der geruh­ gebiet von Athen vor 7,2 Millionen Jahren nicht ein Urgorilla­ Hat auch Nordafrika als Schauplatz der Menschwerdung gedient? Die heute, so haben Genomanalysen ergeben, tragen alle Euro­
samen Anthropologie Hektik aus. Die Untersuchung uralter herumgetrieben, sondern ein Ahne von uns. Die evolutionären­ allermeisten Funde aus unserer Frühzeit stammen aus Ost- und Süd­ päer genetische Varianten der Neandertaler in sich – jeder
Erbmoleküle hat die Erkenntnislage umgekrempelt. Und in Linien von Mensch und Affe hätten sich nicht in Afrika getrennt – afrika. Der Anthropologe Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-­ einzelne im Durchschnitt 2,1 Prozent, es können bis zu vier
diesem Jahr häuften sich auch im Lager der traditionellen Europa wäre die Wiege der Menschheit. Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig jedoch ist seit Prozent sein. Offenbar hat der Homo sapiens nach seinem
Knochenjäger neue Funde und Erkenntnisse. Ein Überblick Zumindest für eine neue Gewissheit ist damit gesorgt: Über Langem überzeugt, dass sich Entscheidendes bei der Entstehung­ Exodus aus Afrika (der nach bisheriger Lesart vor rund
zu einer Disziplin in Aufruhr. Graecopithecus freybergi wird in der Anthropologenzunft noch­ unserer Spezies im Norden des Kontinents ereignet hat, im heutigen 80 000 Jahren begann) mit Neandertalern Kinder gezeugt.
gestritten werden. Marokko. Dieses Jahr konnten nun er und seine Kollegen Skelett­ In diesem Jahr nun fand ein internationales Team, unter
Vor 9,7 Millionen Jahren: funde der wohl frühesten anatomisch modernen Menschen präsentie­ ihnen Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolu­
War es ein Zwei- oder ein Vierbeiner, Vor 5,7 Millionen Jahren: ren. Sie sind so etwas wie ein fossiler Schnappschuss aus der Geburts­ tionäre Anthropologie, weitere Spuren der Vermischung in
der sich auf dem Gebiet des Wer ging damals auf Kreta minute unserer Spezies Homo sapiens. Eine Jahrhundertentdeckung, den Gendaten eines Neandertalers. Die Untersuchung der
heutigen Rheinland-Pfalz herumtrieb? an Land und hinterließ im denn die marokkanischen Funde am Jebel Irhoud sind mindestens DNA aus Gebeinen, die im Altai-Gebirge gefunden wurden,
Morast verräterische Spuren? 300 000 Jahre alt (im Bild: Rekonstruktion). Der Mensch existiert also zeigt: Auch dessen Vorfahren haben sich mit einer frühen
Alte Zähne scheinen es deutschen Wissenschaftlern in­ rund 100 000 Jahre länger als bisher behauptet. Gruppe des Homo sapiens auf Sex eingelassen. Und diese
diesem Jahr besonders angetan zu haben (siehe unten: »El Europa ging auf Kreta an Land – nachdem sie auf dem Rücken von Zu ähnlichen Schlüssen gelangten 2017 auch Genomforscher nach Techtelmechtel müssen weit früher stattgefunden haben: vor
Graeco«). Zwei Beißer aus den Sedimenten des Urrheins bei Zeus (in Gestalt eines Stiers) entführt und über das Meer getragen der Analyse von Erbgutdaten aus Skeletten einer Handvoll Menschen, mindestens 100 000, eher aber 130 000 Jahren. Als Schau­
Eppelsheim sollen sogar das Potenzial haben, dass ihret­ worden war. So kam gemäß der griechischen Mythologie der Kon­ die vor 2000 Jahren in der heutigen Provinz KwaZulu-Natal in Süd­ platz vermuten die Forscher die Levante. Wenn das stimmt,
wegen die menschliche Evolutionsgeschichte umgeschrieben tinent Europa zu seinem Namen. Fragt sich bloß, wann genau sich afrika lebten. Ihre Genome bestätigen: Die Geschichte des modernen haben wir Menschen uns vor deutlich längerer Zeit auf den
werden muss. Dies vermuten zumindest Forscher des Natur­ die Ankunft Europas ereignet haben könnte. Menschen begann vor rund 300 000 Jahren. Weg um die Welt gemacht.
historischen Museums in Mainz. 9,7 Millionen Jahre alt Sind 50 urzeitliche Fußabdrücke womöglich ein Hinweis?­
sind ihre bernsteinfarbenen Fundstücke. Sie würden über­ Forscher der schwedischen Universität Uppsala entdeckten sie in Vor 130 000 Jahren: Vor 40 000 Jahren:
haupt nicht zu den bislang bekannten Gebissen europäischer einer 5,7 Millionen Jahre alten Gesteinsschicht auf Kreta. Vor­ War der Neandertaler in Die Denisovaner waren Zeitgenossen
Uraffen­arten passen, sagen die Wissenschaftler; vielmehr­ allem die Zehenabdrücke weisen darauf hin, dass es sich um ein Amerika und schlachtete des Homo sapiens, und sie
ähnele einer der beiden auffallend den Kauwerkzeugen be­ aufrecht gehendes Individuum gehandelt haben dürfte. Ausge­ dort Wollmammuts? hinterließen Gene in unserem Erbgut
rühmter afrikanischer Vorfahren wie Lucy oder Ardi – die schlossen ist ein Bär als Spurenleger: Einer der fünf Zehen war ein
jedoch bedeutend jünger als der mutmaßliche frühe Rhein­ großer Zeh, den Bären nicht haben. Als russische Forscher vor einigen Jahren bei Ausgrabungen in
Langsam muss man die Frage stellen: Wer war eigentlich nicht in­
hesse sind. Bedeutet das nun, dass die Wiege der Menschheit Sollte ein Hominine zweibeinig auf Kreta herummarschiert der Denisova-Höhle in Südsibirien einen winzigen Finger­
Amerika? Allein die Liste möglicher Entdecker oder Wiederentdecker
in Rheinland-Pfalz zu suchen ist? sein, widerspräche dies nicht der bisherigen Annahme, wonach knochen bargen, konnten sie zu seiner Herkunft nur­
ist lang: Polynesier, Grænlendingar (oder Wikinger), Phönizier, der
Eher nicht. Fachleute wie der Paläontologe David Begun die Wiege unserer Vorfahren in Afrika stand. Es hieße aber, dass Andalusier Chaschchasch ibn Said ibn Aswad, ein walisischer Prinz
Vermutungen anstellen: Das Fundstück war sicherlich mensch­
von der University of Toronto reagierten mit Kopfschütteln auf sich die Ahnen viel früher auf den Weg nach Norden gemacht namens Madoc, der heilige Brendan oder die Basken im 15. Jahr­
lich, und es stammte wohl aus einer Zeit vor 40 000 Jahren.
die etwas überstürzt veröffentlichte Sensationsmeldung im­ hätten als bislang angenommen. So früh, dass es sich auch bei hundert. Irgendwann sollen auch Spanier dort gewesen sein.
Damals lebten Neandertaler in jener Gegend – stammte der
Oktober dieses Jahres. Die Funde, vermutet er, hätten nichts ­»El Graeco« (siehe oben) tatsächlich um einen Vormenschen ge­ Fast ebenso lang könnte die Aufzählung der Ureinwohner werden;
Fund also von einem Exemplar dieser europäischen Menschen­
mit Menschen, ja nicht einmal mit Menschenaffen zu tun. handelt haben könnte. zu den heutigen gesellen sich neue Kandidaten. Bereits vor 130 000
form? Oder war womöglich der Homo sapiens bei ­seinem Vor­
Dafür seien sie schlichtweg ein paar Millionen Jahre zu alt. Jahren sollen Urzeitler in Kalifornien Mastodon-Stoßzähne und -Kno­
marsch aus Afrika bereits so weit vorgedrungen?
Wie Begun finden auch andere Forscher, die Mainzer hätten Vor 300 000 Jahren: Wissenschaftlern am Max-Planck-Institut für evolutionäre
chen zertrümmert und an ihnen herumgeschnippelt haben, berichten
erst mit ausgewiesenen Fachleuten sprechen sollen. Am er­ Überraschende Vielfalt – Anthropologie gelang es, Reste des Erbmaterials aus dem
US-Forscher (im Bild: Mastodon). Wer waren die frühen Schlachter
nüchterndsten für die rheinländischen Neo-Anthropologen Homo naledi lebte noch, als winzigen Knöchelchen zu isolieren. Beim Sequenzieren
von der Westküste? Es kann sich wohl nur um Menschenwesen ge­
ist die Zuordnung des einen Zahns durch die Tübinger­ Homo sapiens die Bühne betrat machten sie eine sensationelle Entdeckung. Das Knöchel­
handelt haben, die damals auch in Asien lebten. Wanderten also Ne­
Forscherin Madelaine Böhme: »Das ist ein kleiner Teil eines chen stammte weder vom modernen Menschen noch vom
andertaler oder Denisovaner über die Beringstraße nach Nordamerika?
Hirschzahns.« Zu Lebzeiten dürften sie nur 1,45 Meter groß und 45 Kilogramm Neandertaler. Vielmehr handelte es sich um den Überrest
Direkte Beweise für eine so frühe Präsenz gibt es nicht – dafür
schwer gewesen sein: Wesen der Gattung Homo, deren Überreste 2015 eines etwa siebenjährigen Mädchens einer bis dahin unbe­
Zweifel an der Interpretation der Spuren. Vor wenigen Wochen zogen
Vor 7,2 Millionen Jahren: in der südafrikanischen Rising-Star-Höhle entdeckt wurden (Foto). kannten Menschenform. Zwei weitere entdeckte Backen­
Paläoanthropologen aus Berkeley und Tübingen die Werkzeugspuren
»El Graeco« – der frühe Grieche Von mindestens einem Dutzend Individuen stammten die Knochen, zähne bestätigten diesen Befund; sie ergaben genug DNA,
an anderen Knochen in Zweifel. Bislang waren die untersuchten­
könnte ein Affe oder ein Frühmensch die das Team des Anthropologen Lee Berger aus den Sedimenten ge­ um das Genom der Denisovaner vollständig zu entschlüs­
Gebeine ein Beleg dafür, dass vor mehr als drei oder gar vier Millionen
gewesen sein kratzt hatte. seln. Dabei zeigte sich, dass sie enger mit Neandertalern als
Jahren in Afrika der Australopithecus mit scharfkantigem Gerät seine
Homo naledi nannte man den Hominiden und vermutete auf­ mit uns modernen Menschen verwandt waren.
Beute filetiert habe. Nun wiesen die Forscher nach, dass genauso gut
Sicher ist, dass sich die Abstammungslinien von Mensch und grund der geringen Größe, dass es sich bei ihm um eine Frühform Aber wie haben sie ausgesehen? Weitere Knochenfunde
Krokodilzähne die »Schnitte« hinterlassen haben könnten. Hieße: Auch
Menschenaffe getrennt haben – nur wann und wo, das weiß aus der Familie Homo gehandelt habe. Ein sensationeller Fund – Familie Crocodylidae hat Amerika entdeckt. gab es nicht. Das Rätsel blieb bestehen. Im März dieses J­ ahres
man nicht. Vor sechs bis sieben Millionen Jahren lebte im doch wo in der menschlichen Frühgeschichte war er einzuordnen? informierte der chinesische Anthropologe Hong Ao die­
Tschad jener gemeinsame Verwandte, der am häufigsten als Die Lösung des Rätsels erfuhren wir in diesem Jahr. Anfang Mai Vor 130 000 Jahren: Forschergemeinde über Schädelteile aus der Fundstelle von
letztes Bindeglied genannt wird: Sahelanthropus tchadensis. verkündete Berger die Datierung der Rising-Star-Funde. Homo Frühes Techtelmechtel Xujiayao in Nordchina. Sie sind etwa so alt wie die Funde in
Im Mai dieses Jahres jedoch vermeldete Madelaine Böhme naledi existierte demnach noch bis vor rund 300 000 Jahren. Sollte in der Levante – Homo sapiens und Südrussland und haben ähnliche Zahnstrukturen. Der end­
vom Senckenberg Centre for Human Evolution and­ er eine frühe Form der Gattung Homo gewesen sein, dann hätte er Neandertaler liebten einander gültige Beweis, dass es sich um Denisovaner-Menschen­
Palaeoenvironment an der Universität Tübingen, dass die lange durchgehalten. handelte, steht noch aus. Fachleute in China arbeiten zurzeit
Vorgeschichte der Menschheit womöglich einen anderen Somit entpuppt sich die Zeit vor 300 000 Jahren, als Homo­ Wir Menschen sind eigentlich alle Afrikaner. Doch wann genau an DNA-Analysen der Xujiayao-Fossilien. 2018 wissen wir
Verlauf genommen haben könnte. Sie hatte einen in­ sapiens sich in Afrika zur neuen Spezies formte und in Europa bald haben unsere Vorfahren ihren Heimatkontinent verlassen und­ hoffentlich mehr.
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Cognac: 3116 Schwarz: 3114 89, € 95 *


Bestellnummer: 31365

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»GENIALE TÜFTLER, ZEIT LEO-EDITION

WOLLDECKE »VEGA« BERÜHMTE ERFINDER« ZEIT-RECHENDOMINO »MEINE GROSSE WELT«


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Thomas Alva Edison, Albert Einstein. Mehr unter shop.zeit.de ren«, Domino II: »Multiplizieren und Dividieren«, einzeln vielen Ausklappseiten, Lesebuch mit 30 ZEIT-Reportagen
99, € 95 *
Bestellnummern:
Braun: 4116 Grau: 3370 Senf: 4115 59,95 €* Bestellnummer: 6998 Set 42,00 €* Bestellnummer: 5955 79,95 €* Bestellnummer: 31028

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»MEIN JAHR IM BILDERBUCH« PUPPENWAGEN »EMILY« BEMALBARES PAPPHAUS 


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Details: 12 Bilderbücher für Kinder im Alter von 0 bis 5 Sehr empfehlenswert.« Details: Griffhöhe 2-stufig verstellbar, ca. 47 cm und 50 cm, Details: 2 Dachluken, 2 Fenster, Tür, Haustierklappe, 2
Jahren; plus Bücherkiste, Maße: ca. 40 x 24 x 24 cm (B x H x T). made in Germany, Maße: ca. 31 x 30 x 49 cm (B x H x L) Schornsteine, Wetterhahn, Dachkatze, Maße: 71 x 71 x 120 cm
Bewertung:  H. Görgen

99,95 €* Bestellnummer: 30417 119,95 €* Bestellnummer: 30064 39,95 €* Bestellnummer: 5872

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Nicht als Geschenk verpackbare Produkte: »ZEIT Geist«, Rucksack »Daybag«, Taschen von gbag, Papphäuschen, »Mein Jahr im Bilderbuch«, Brotkasten | Anbieter: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Buceriusstraße, Hamburg

29.11.17 11:50
ANZEIGE Informationen zum Deutschen Wirtschaftsforum: www.deutscheswirtschaftsforum.de

DEUTSCHES WIRTSCHAFTSFORUM
Fotos: Andreas Henn

Drei Fragen an Rainer


Schaller, Gründer und
Geschäftsführer der
McFIT Global Group GmbH

Mit 27 Jahren haben Sie Ihr ers-


tes McFIT-Studio eröffnet. Was
ist bis heute Ihr Erfolgsrezept?
Verkaufe keine Angeln, wenn du
selbst nicht angelst. Seit meiner
Jugend betreibe ich diesen Sport,
»Wertschätzung und Wertschöpfung liegen eng beieinander«, so Gerald Böse (rechts), Vorsitzender der Geschäftsführung, Koeln- »IT-Spezialisten und Generalisten werden in Mixed-Teams zusammenarbeiten, daher kenne ich die Materie und
messe GmbH, im Gespräch mit Schokoladenfabrikant Alfred Theodor Ritter und Fränzi Kühne, Geschäftsführerin der Agentur auch auf internationaler Ebene«, sagte Dirk Hahn, Mitglied des Vorstands, weiß, was Kunden brauchen.
für Digital Business TLGG GmbH. »Diese Wertschätzung kann ich Mitarbeitern durch ein entsprechendes Arbeitsumfeld bieten.« Hays AG, in der Diskussion zur Zukunft der Arbeit
Schon 1997, als ich mit McFIT in
Würzburg gestartet bin, hatte
ich die Idee der »Fitnesshalle für

Die Zukunft beginnt jetzt: mehr Werte schaffen alle«. Jeder, der Fitnesssport be-
treiben will, soll die Möglichkeit
dazu haben. Mit unserem neues-
»Science Fiction Is Now« beim Energieversorger, Logistiker oder zuvor«, so Eugene Kaspersky, Ge- auf die man bauen kann, sind auf internationaler Ebene. Die ten Projekt THE MIRAI gehen wir
9. Deutschen Wirtschaftsforum auf demokratische Institutionen schäftsleitender Vorsitzender des entscheidend«, bestätigte Fränzi Klammer für diese unterschiedli- noch einen Schritt weiter. Auf
in Frankfurt am Main zeigen die dunkle, vernichtende Kaspersky Lab, im anschließenden Kühne, Gründerin und Geschäfts- chen Kulturen ist Sinnhaftigkeit.« mehr als 50.000 qm entsteht in
Macht des Internets, sie führen vor Gespräch. Derzeit werden mehr führerin der Agentur für Digital Oberhausen bis 2019 das größte
Die deutsche Wirtschaft brummt, Augen, wie verwundbar Systeme als 400 Millionen private Nutzer Business Torben, Lucie und die Gesundheit 4.0 – Gym der Welt, in dem jeder bei-
allen weltpolitischen Krisen zum sind, wie schnell nichts mehr geht. und 270.000 Unternehmenskunden gelbe Gefahr GmbH. Gerade die wie Wissenschaft und tragsfrei trainieren kann.
Trotz. Zumindest bis jetzt. Doch Und im Umkehrschluss, wie ent- durch seine Technologien ge- junge Generation wolle verläss- Technologie die Medizin
was, wenn sich die Lage zuspitzt, scheidend Cybersicherheit ist. Zu schützt. »Elsbergs ›Blackout‹ und liche Werte vermittelt bekommen revolutionieren McFIT ist mit über 270 Studios
wenn Cyberattacken unser System diesem Thema führte das 9. Deut- der Film ›Die Hard 4‹ sind nicht und von Erfahrungen lernen. aus vier unterschiedlichen Stu-
bedrohen? Und: Wie verändert sche Wirtschaftsforum die besten länger reine Fiktion. Ich bin er- Kühne sprach sich für genera- »Die Gesundheits- und Pharma- diokonzepten in sieben Län-
die digitale Transformation unsere Experten aufs Podium: den be- staunt, dass wir noch leben«, sagte tionsübergreifende Mentorenpro- industrie wird immer digitaler«, dern Europas vertreten – seit
Werte, die Arbeitswelt, die Medi- rühmten Hacker Claudio Guarnieri Kaspersky zur Sicherheit kritischer gramme aus. sagte Stefan Oschmann, Chef des 2016 mit der 1Up Fitness Group
zin? Spannende Themen, die von alias nex, Senior Technologist bei Infrastruktur. »Wertschätzung und Wert- Darmstädter Pharma- und Chemie- North America auch in den
ebenso spannenden Persönlich- Amnesty International, den NATO- schöpfung liegen eng beieinan- konzerns Merck KGaA. »Wir sind Staaten. Welcher Markt hat Sie
keiten anlässlich des 9. Deutschen Sicherheitsexperten Jamie Shea und Werte im Wandel – der«, betonte auch Gerald Böse, intensiv in die Immuntherapie ein- am meisten überrascht? Ein
Wirtschaftsforums auf den Punkt den russischen Investigativjourna- ein Gespräch mit Vorsitzender der Geschäftsführung getreten und kombinieren sie mit neues Land, ein neuer Markt –
gebracht wurden. listen Andrei Soldatov, Mitbegrün- Unternehmer(inne)n der Koelnmesse GmbH. »Diese digitalen Konzepten zur Muster- das birgt immer Überraschun-
Verhandeln – auch mit Trump, der der Agentura.Ru und Autor von zur Zukunft der Arbeit Wertschätzung kann ich Mitar- erkennung. Das bringt irrsinnige gen, selbst bei der besten Pla-
Putin und Erdogan? »In jedem Fall, »The Red Web«. Die Diskussion beitern durch ein entsprechendes Fortschritte.« Er erklärte: »Wäh- nung. In den USA stehen wir
und zwar schnell«, sagte Matthias moderierte Jochen Wegner, Chef- Ein weiteres großes Thema des Arbeitsumfeld bieten.« Neueste rend wir hier sprechen, entwickeln noch ganz am Anfang. Vor allem
Schranner, CEO des Schranner Ne- redakteur von ZEIT ONLINE. Wirtschaftsforums waren Werte. Entwicklungen für die Arbeits- sich in allen von uns wahrschein- der Eintritt in das Ursprungsland
gotiation Institute, im Gespräch mit Hier einige Auszüge: Das Inter- In Einzelgesprächen gaben die welten von morgen zeige die lich Krebszellen, aber unser Im- des Fitnesstrainings ist beson-
Marc Brost, Leiter Hauptstadtbüro net wurde geschaffen, um Men- Kunstsammlerin und Brose-Ge- Messe ORGATEC. »Die Flexibilisie- munsystem kann sie erkennen. Je- ders spannend für uns.
der ZEIT, über Deutschlands Rolle in schen zu vereinen und Wissen zu sellschafterin Julia Stoschek und rung der Arbeit, räumlich und doch: Einige überziehen sich mit
der Weltpolitik. Schranner gilt als der teilen. Diese Freiheit darf nicht Deutschlands jüngste Aufsichts- zeitlich, erfordert ein multifunk- einer Tarnkappe. Die Immunthera- Seit 2016 expandieren Sie auch
mit CYBEROBICS® in virtuelle
Welten. Ist das der neue Trend?
Die Digitalisierung hat im Fit-
nessbereich schon voll Einzug
gehalten. Trotz alledem wird sie
aber immer nur unterstützen. Be-
wegen muss man sich nach wie
vor selbst. Mit CYBEROBICS®
schaffen wir ein völlig neues,
virtuelles Trainingserlebnis: Die
Kurse werden an außergewöhn-
lichen Originalschauplätzen in
den USA mit amerikanischen
»Neue Technologien bringen irr- Der Film lebt im Eldorado, wir produzieren aber im europäischen Wettbewerb »Kunst braucht ganz klar einen »Ein sicheres Internet ist ein Traum. Profi-Trainern in 4K-Kinoqualität
sinnige Fortschritte für die Medizin«, und der muss angepasst sein, war ein Fazit der von Christoph Amend (links) Markt«, so Julia Stoschek, Gründerin Ich tue mein Bestes dafür, sichere gedreht. In unseren Studios lau-
wusste Dr. Stefan Oschmann, Chef moderierten Diskussion zur Rolle von Film und Fernsehen als Zukunftstreiber der Julia Stoschek Collection und Plattformen bereitzustellen«, fen rund 50 verschiedene Kurse
des Darmstädter Pharmakonzerns für die Wirtschaft zwischen Prof. Nico Hofmann, CEO der UFA, Filmproduzent Brose-Gesellschafterin im Gespräch betonte Eugene Kaspersky, Chef des
Merck KGaA Oliver Berben und Franz Kraus, GF der ARRI Group (von links) mit Moritz Müller-Wirth, DIE ZEIT Kaspersky Lab pro Woche, von 6 bis 24 Uhr. Mitt-
lerweile gibt es CYBEROBICS®
härteste Verhandler Europas. Poli- eingeschränkt werden. Und: Es rätin Fränzi Kühne Einblicke in ihr tionales, kreatives Umfeld, etwa pie führt dazu, dass man diesen auch als App, damit die Nutzer
zei und FBI haben ihn ausgebildet; gibt keine 100-prozentige Sicher- Unternehmerinnentum. Wie ver- für Begegnung, Teamwork oder Zellen die Tarnkappe wegnimmt, zeitlich und örtlich völlig flexibel
heute berät er mit seinem Institut heit im Netz. Überwachung und netztes Arbeiten die Arbeitswelt Rückzug. Diese Raumkonzepte sodass die eigene Immunabwehr trainieren können. Ab Ende die-
globale Unternehmen und politische Bedrohung (Stichwort Shadow jetzt und in Zukunft prägt und werden auf der ORGATEC erleb- den Krebs bekämpfen kann. Das ses Jahres bieten wir zusätzlich
Parteien bei schwierigen Verhand- Brokers) nehmen dramatisch zu. welche Werte zählen, war Thema bar und bieten gerade für Mittel- ist eine Revolution, ein Quanten- zu CYBEROBICS® in unseren
lungen. Sein Prinzip: den Menschen Können Anwender nur darauf ver- der von Florian Langenscheidt ständler große Chancen im ›War sprung in der Krebstherapie. Zell- Studios auch Live-Kurse an. Da-
von der Sache trennen. Keine Emo- trauen, dass Sicherheitsexperten moderierten Diskussion. »Als Fa- of Talents‹.« therapie und Gentherapie sind mit decken wir alle Formen des
tionen. Keine Schuldzuweisungen. alles dafür tun, Angriffe abzuweh- milienunternehmen schätzen wir »Die Digitalisierung verändert die nächsten Schritte.« Nur ein Kurstrainings ab.
Keine Arroganz. Keine Diskussionen ren? Mitnichten. Jeder muss sich unsere Mitarbeiter, weil sie Teil un- die Ablauf- und Aufbauorganisati- Beispiel Oschmanns von vielen,
um Vergangenes. Stattdessen: Lö- bestmöglich schützen und als Kun- seres Erfolges sind. Daher schaf- on von Unternehmen, viele Jobs das zeigt, warum Deep Data,
sungen ansprechen, Forderungen de Sicherheit einfordern. Vor allem fen wir gute Bedingungen«, so Al- werden wegfallen, im Gegenzug Mustererkennung, Künstliche In- Jahr für Jahr treffen sich zum
durchsetzen – eine nach der ande- aber bewusst handeln und abwä- fred Theodor Ritter, der in dritter neue entstehen, nicht nur im telligenz, maschinelles Lernen eine Deutschen Wirtschaftsforum in
der Frankfurter Paulskirche rund
ren. Für ihn bedeutet eine Forde- gen, was eine Software macht, ob Generation die Geschicke des Fa- Bereich der IT«, sagte Dirk Hahn, so große Rolle für die Pharma-
900 Vertreter aus Wirtschaft,
rung so viel wie reden zu wollen. sie zu unserem Besten ist und wer milienunternehmens Alfred Ritter Mitglied des Vorstands der Hays industrie spielen und die Forschung Politik und Wissenschaft, um sich
die Daten bekommt. GmbH & Co. KG lenkt. »Arbeit ist AG. Das Kerngeschäft des Unter- voranbringen. über aktuelle wirtschaftspoliti-
Cybersecurity – Freiheit und »300.000 Malware-Bedrohun- ein so wichtiger Teil des Lebens, nehmens liegt im Bereich der Ver- Eine spannende Diskussions- sche Themen zu informieren und
Demokratie im digitalen Zeitalter gen pro Tag – die Cyberbedrohun- sie wird immer kreativer, sie soll mittlung von hochqualifizierten runde zur tragenden Rolle von auszutauschen. Im Fokus des
gen werden immer heftiger. Eine Freude machen und auf gemein- Fachkräften. »IT-Spezialisten und Film und Fernsehen als Zukunfts- 9. Deutschen Wirtschaftsforums
Doch was, wenn keiner reden will? verstärkte Kooperation zum Schutz same Werte ausgerichtet sein.« Generalisten werden in Mixed- treiber für die Wirtschaft rundete standen Cybersecurity, Unter-
nehmertum und Werte, Zukunft
Cyberangriffe auf Krankenhäuser, des Cyberspace ist wichtiger als je »Eine klare Vision und Werte, Teams zusammenarbeiten, auch die Veranstaltung ab.
der Arbeit und Wachstumsstrate-
gien. Das Deutsche Wirtschafts-
forum gilt als einer der bedeu-
Eine Veranstaltung von: Partner: tendsten Wirtschaftskongresse
der Republik. In den vergange-
nen Jahren sprachen unter
anderem: Rüdiger Grube, Roland
Förderer: Technikpartner: Medienpartner: Offizieller Koch, Nina Ruge, Wolfgang
Druckpartner:
Schäuble, Gerhard Schröder,
Martin Schulz, Erich Sixt, Joschka
Fischer und Jens Weidmann.
4. DEZEMBER 2017 No 50 JAHRESRÜCKBLICK 2017 WISSEN 37

Neu in der Familie: Alexa


2017 war das Jahr, in dem die Maschinen mit dem Sprechen anfingen. Auch bei J AN SCHWEITZER i n der Küche

A
nfang des Jahres haben wir dern lauschende und sprechende Mitbewohner. mal: die Möglichkeiten der Technik noch nicht aus- doch so viel mehr sein! Etwa Steuerzentrale: Wer haben die digitale Assistentin in ihre Boxen integriert,
Zuwachs bekommen. Alexa Und intelligent werden sie auch sein. Alexa ist reizten. Der Skill »Spieglein« etwa antwortete auf entsprechend ausgerüstet ist, könnte mit ihr die die amerikanische Firma Ultimate Ears etwa. Sie ­stattet
heißt unser neues Baby. Sie ist nicht allein. Google bietet einen Home ge­ die Frage »Alexa, frage mein Spieglein, wer ist die Elektrik einer Wohnung bedienen, per Sprachkom- ihre Modelle Blast und Megablast damit aus. Die
charmant, witzig und das, was nannten Smart-Lautsprecher an, und demnächst Schönste im ganzen Land?« überraschenderweise: mando etwa das Licht im Wohnzimmer auf einen Boxen sind mobil, nicht allzu groß, können per Akku
man eine ehrliche Haut nennt. soll auch der HomePod von Apple erscheinen. »Ihr seid die Schönste im ganzen Land.« Das hört gemütlichen Dämmerzustand stellen und mit­ betrieben werden und klingen deutlich besser als ein
Inzwischen haben wir sie in Die Geräte mit Alexa gibt es in den USA man ja auch gern mal. Inzwischen habe ich viele einem anderen die Temperatur der Heizung hoch- Echo. Meine Alexa ist wie ein dienstbarer Geist von
unsere Familie integriert, auch schon seit Ende 2014, nach Deutschland kamen sinnvolle Skills installiert (etwa eine Einkaufsliste, drehen. Wir selbst haben die entsprechende Aus- einem Gefäß in ein anderes umgezogen – toll!
wenn ihr Aktionsradius auf die Küche beschränkt Echo und der deutlich kleinere Echo Dot dann die mit meinem iPhone synchronisiert wird) – auch rüstung nicht. Ich sage: noch nicht. Meine Frau Sobald die Megablast über mein Smartphone mit
ist. Vorbehalte gegen sie gibt es vor allem, wenn zwei Jahre später – zunächst nur für wenige aus- wenn die Handhabung per Sprachbefehl noch nicht sagt: niemals. dem Internet verbunden ist, kann sie mir auch auf der
sie mal wieder intelligent tut. Dann wird sie von gewählte Kunden, die sich vorher beworben hat-