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Grenzenlos und unverschämt

May Ayim

page 12 - Ein Brief aus Münster, 1984

Ich habe diesen Wunsch nicht allein. Das habe ich Mal erfahren. Es gibt so viele, die in ihrer
Identität unsicher sind, als Opfer Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, und die durch ihre
Sonderbehandlung als Frau und Exotin zusätzlich behindert werden in der Entwicklung ihrer
weiblichen Fähigkeiten und Stärken.

page 13 - Aufbruch, 1989

… Ich kann nur meine Geschichte erzählen, so wie sie sich mir eingeprägt hat, und wenn die
negative Ereignisse deutlicher in Erinnerung blieben als die positiven, bedarf es dafür keiner
Entschuldigung. Es ist einfach so. Ich werde hier also etwas vor mir preisgeben. Ohne Anklage
oder Verzeihung, ohne Anspruch auf Wirklichkeit und im Erleben von Wahrheit. Und in der
Gewißheit, dass jede/r, der oder die meine Geschichte liest, sie anders versteht.

page 54 - Eine der anderen, 1989

… Wie oft wir doch in meiner „Heimat“ von mir verlangt, dass ich mich von „Ausländern“ und
„Ausländerinnen“ abgrenze, um auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt konkurrenzfähig, d.h.
gleichberechtigt mit weißen Deutschen zu sein. Ich müßte im Grunde ständig versuchen, so „weiß“
wie möglich und so „exotisch“ wie nötig zu erscheinen, um in der Gesellschaft, in der ich geboren
und aufgewachsen bin, akzeptiert zu werden.

page 68 - Ethnozentrismus und Geschlechterollenstereotype in der Logopädie

apud DABYDEEN, David und Wilson-Tagoe, N.: A Reader’s Guide to West Indian and Black
British Literature, London 1988, S. 165. (Übersetzung aus dem Englischen von Ekpenyong Ani)

…aufgrund von Sprache wurden schwarze Menschen von der Definition von Zivilisation
ausgeschlossen und außerdem Opfer eines Genozids. Frühe Reisebücher über Afrika beschrieben
gleichzeitig die primitive9n Gewohnheiten der Eingeborenen und das Fehlen von Sprache. 1634
äußere Sir Thomas Herbert die Vermutung, daß AfrikanerInnen und Affen begatten, der Beweis
dafür sei die afrikanische Sprache, die >>eher wie die von Affen als Menschen
(colchete)klingt(colchete)… Ihre Sprache hat eher äffische als eine gegliederte Grundlage.<<

page 126 - Die Wut der Schwarzen Frauen sollte auch die Empörung der weißen Frauen sein,
1993

Jahrelang lebte ich mit dem Empfinden, in der deutschen Gesellschaft weder eine Geschichte
noch eine Zukunft zu haben, sondern eines Tages auswandern zu müssen. Daß das sehr
belastend ist, steht außer Frage. Inzwischen ist mir klar, daß dies keine Einzelerfahrung ist, und
mein Erleben exemplarisch den Umgang mit Bevölkerungsgruppe widerspiegelt, die im
Bewusstsein weiter Teile der deutschen Gesellschaft einfach nicht existent ist…

page 159 - Blues in Schwarzweiß: May Ayem (1960-1996)

May wußte, was von ihr bei Veranstaltung oder Interviews erwartet wurde. Nicht das Universal-
Menschliche, die Liebesgedichte oder ihre Alltagsreime waren gefragt; allein ihr Schwarzsein, die
Identitätssuche und ihre Arbeiten zur afro-deutschen Geschichte interessierten. May konnte ihre
Sätze längst auswendig hersagen. „Meine Kindheit habe ich nur knapp überlebt“, lächelte sie ins
Publikum. Oder: „Ich aß Seife, um weiß zu werden wie mein Bruder.“ Und: „Mein Vater kam nur
alle paar Jahre in der Pflegefamilie vorbei, wie ein schwarzer Nikolaus, vor dem ich Angst hatte.“