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Ein

Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall ist klar, dass das Ende der Geschichte weiterhin auf sich warten lässt. Stattdessen wirft ein anderes
Ereignis aus dem Jahr 1989 lange Schatten: 26 Jahre nach der Fatwa gegen Salman Rushdie stellt uns der Anschlag auf das Satiremagazin
Charlie Hebdo einmal mehr vor die Frage, wie der Westen seine Werte selbstbewusst verteidigen kann – ob nun gegen Fundamentalisten,
Populisten oder die antiwestliche Rhetorik eines Wladimir Putin. Während viele Linke und Liberale durch die Logik der politischen Korrektheit
gleichsam gelähmt sind, schwingen sich Figuren wie Marine le Pen und Bewegungen wie Pegida zu Verteidigern des Abendlandes auf.
In dieser Situation plädiert Carlo Strenger für eine Haltung der zivilisierten Verachtung, mit der das aufklärerische Toleranzprinzip wieder vom
Kopf auf die Füße gestellt wird: Anstatt jede Glaubens- und Lebensform zu respektieren und diskursiv mit Samthandschuhen anzufassen,
müssen wir uns daran erinnern, dass nichts und niemand gegen wohlbegründete Kritik gefeit sein darf: »Wenn andere Kulturen nicht kritisiert
werden dürfen, kann man die eigene nicht verteidigen.«
Carlo Strenger, geboren 1958, lehrt Psychologie und Philosophie an der Universität Tel Aviv und schreibt als Kolumnist für Haaretz und die
Neue Zürcher Zeitung. Im Jüdischen Verlag erschien zuletzt Israel. Einführung in ein schwieriges Land.

Carlo Strenger
Zivilisierte Verachtung

Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit

Suhrkamp

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015


Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des edition suhrkamp Sonderdrucks 2015
© Suhrkamp Verlag Berlin 2015
edition suhrkamp
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Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn
Umschlag gestaltet nach einem Konzept von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt

eISBN 978-3-518-74132-0
www.suhrkamp.de
Inhalt

Vorwort

Das Eigentor der westlichen Kultur

Ein Testfall: Die Fatwa gegen Salman Rushdie

Die Geburt des Toleranzprinzips in der Aufklärung

Kolonialismus und zwei Weltkriege

Der Aufstieg der politischen Korrektheit

Verantwortliche Meinungsbildung: der Ärztetest

Wenn Ressentiment zur Tugend wird

Religion und zivilisierte Verachtung

Kränkungen ertragen

Die Leidenschaft für die Freiheit

Nachweise
Vorwort

Dieser Essay über das Recht und die Pflicht der freien Welt, ihre Grundwerte zu verteidigen, schwebte
mir seit Jahren vor; den vorliegenden Text habe ich im Spätsommer 2014 geschrieben. Meine Motivation
war, der relativistischen Tendenz der politischen Korrektheit, die glaubt, alle Positionen, Glaubenssätze
und Lebensformen hätten den gleichen Respekt verdient, entgegenzuwirken. Dieser oft gedankenlose
Respekt hat meiner Meinung nach vielen liberal eingestellten Menschen den Mut genommen, offensiv für
die fundamentalen Werte der offenen Gesellschaft – Freiheit, Kritik und offene Diskussion – einzutreten.
Die Gefahr, die ich sah und heute erst recht sehe, besteht darin, dass rechtsnationale Parteien und
Gruppierungen die vakante Rolle der Verteidiger der freien Welt übernehmen, dabei aber die zu
verteidigenden Werte der Aufklärung, die unsere Gesellschaften im Lauf der letzten Jahrhunderte
humanisiert haben, durch Fremdenhass und das Schüren von Ängsten untergraben.
Am 7. Januar 2015 stürmten Chérif und Saïd Kouachi in die Räume des Satiremagazins Charlie Hebdo
und erschossen dort elf Menschen: Karikaturisten, Redakteure, Kolumnisten und einen Personenschützer.
Auf der Flucht töteten sie zudem den Polizisten Ahmed Merabet. Zwei Tage später erschoss Amedy
Coulibaly bei einer Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt vier weitere Menschen. Zu diesem
Zeitpunkt war die Arbeit am Text des Essays schon sehr weit fortgeschritten, und genau wie meine
Ansprechpartner im Verlag hatte ich das Gefühl, Zivilisierte Verachtung sei für solche Ernstfälle
geschrieben worden: für Angriffe auf die Presse- und Meinungsfreiheit, aber auch für die schamlosen
Versuche rechtsnationaler Politiker wie Marine le Pen und islamophober Gruppierungen wie Pegida,
Tragödien wie das Charlie-Hebdo-Massaker für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Von den vielen Solidaritätskundgebungen, die in jenen Januartagen in Frankreich und anderen Teilen der
Welt zu sehen waren, berührte mich am tiefsten ein Plakat mit folgender Aufschrift:

JesuisCharlie
JesuisAhmed
JesuisJuif

Diese Worte machen klar, dass die Freiheit sowie das Recht zur Kritik und zur Satire keiner Ethnie,
keiner Nation und keiner Religion gehören, sondern der Menschheit als Ganzer.
Dieser Essay ist dem Andenken der Opfer der Anschläge von Paris gewidmet.
Das Eigentor der westlichen Kultur

Spätestens seit dem 11. September 2001 ist der Westen wieder mit einer Frage konfrontiert, von der man
bereits gedacht hatte, sie sei nicht mehr relevant: Wie soll und kann man die Grundwerte der freien Welt
verteidigen? Das Ende des Kalten Krieges hatte bei vielen die Hoffnung geweckt, die Geschichte,
verstanden als Schlacht der Wahrheiten und Ideensysteme, sei vorüber und die liberale Demokratie drauf
und dran, den Globus gewaltlos zu erobern. Doch diese Prophezeiung, die der US-Politologe Francis
Fukuyama nach dem Fall der Berliner Mauer ausgesprochen hatte,1 bewahrheitete sich nicht. Es brach
keine Ära des ewigen Friedens an, stattdessen ging das Gemetzel weiter – wenn auch unter anderen
Vorzeichen: Das auseinanderbrechende Jugoslawien wurde zum Schauplatz ethnischer Säuberungen, die
sich fast zu einem Genozid ausgeweitet hätten, wie er sich dann schließlich 1994 in Ruanda ereignete –
live übertragen auf dem Nachrichtenkanal CNN. Der Friedensprozess im Nahen Ostens, der sich 1993 mit
den unter anderem von Jitzchak Rabin und Jassir Arafat unterschriebenen Oslo-Abkommen anzubahnen
schien, scheiterte am Fanatismus israelischer Siedler, die keinen Zentimeter biblischen Landes aufgeben
wollten, und am Eifer der Hamas, die auf keinen Zentimeter Groß-Palästinas verzichten wollte, und fünf
Jahre später floss jüdisches und palästinensisches Blut in Strömen. Mittlerweile wird die islamische Welt
von fundamentalistischen Bewegungen sunnitischer und schiitischer Prägung beherrscht; in furchtbaren
Größenordnungen schlachten sich sowohl Syrer als auch Iraker ab. Das menschliche Bedürfnis nach
klaren Identitäten und absoluten Wahrheiten spülte die Hoffnung auf ein neues, kosmopolitisches Zeitalter
hinweg. Die Religionen erlebten ihre Rückkehr auf die Bühne der Weltgeschichte, und die Prognose des
Politologen Samuel Huntington, an die Stelle des Kalten Krieges werde ein Kampf der (religiös
geprägten) Kulturen treten,2 scheint um einiges realistischer als Fukuyamas These, die Geschichte der
politischen Ideen sei an ihr Ende gelangt und die liberale Demokratie, der Inbegriff menschlicher
Vernunft, werde triumphieren.
Konflikte mit Repräsentanten anderer Weltanschauungen sind wieder hochaktuell: Wladimir Putins
Expansionspolitik hat bisher seitens der westlichen Welt wenig Widerstand gefunden. Dschihadistische
Organisationen wie al-Qaida und der Islamische Staat haben dem Westen offiziell den Krieg erklärt, und
China scheint die Vorherrschaft über Südostasien anzustreben. Inzwischen gehen viele Politologen davon
aus, dass wir einen Wettbewerb unterschiedlicher Regimetypen erleben werden.3 Als da wären:
Autokratie à la Putin, Kapitalismus im Rahmen eines Einparteiensystems, von Clans dominierte
theokratische Regimes wie in Saudi-Arabien und den Golfstaaten, gemäßigte Autokratien wie
beispielsweise in Singapur, neosozialistische Varianten in Lateinamerika usw. – die immerhin alle dem
totalen Chaos vorzuziehen sind, das große Teile Afrikas und Mittelamerikas erfasst hat, wo Warlords und
mafiaartige Organisationen herrschen. Die liberale Demokratie und die Idee der universalen
Menschenrechte, die unabhängig von Religion, Nationalität, Geschlecht und sexueller Orientierung
Geltung beanspruchen, haben die Welt am Ende doch nicht erobert, auch wenn es in den neunziger Jahren
so aussah, als sei der Dominoeffekt der Demokratisierung nicht mehr aufzuhalten.4 (Wobei man natürlich
sehen muss, dass der Großteil der Menschheit jederzeit mit den ärmsten und machtlosesten Europäern, US-
Amerikanern, Kanadiern oder Australiern tauschen würde, weshalb ja täglich Zehntausende ihr Leben
riskieren, um aus Afrika nach Europa zu gelangen.)
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie schwer sich viele Vertreter der freien Welt (vor allem auf
der linken Seite des politischen Spektrums) damit tun, ihre Lebensform ernsthaft zu verteidigen.
Manchmal macht es beinahe den Eindruck, als bestehe das einzig mess- und vorzeigbare Verdienst des
Westens darin, Entwicklungshilfe zu leisten und ein Pro-Kopf-Einkommen zu erwirtschaften, von dem der
Rest der Welt, China eingeschlossen, auch weiterhin nur träumen kann. Hier und da kann man zwar
Selbstverteidigungsversuche beobachten, diese sind aber ihrerseits häufig hochproblematisch, wie
folgendes Beispiel zeigt.
Ich bin meistens recht stolz auf die politische Kultur der Schweiz, in der ich geboren und aufgewachsen
bin und deren Staatsbürgerschaft ich keinesfalls missen möchte. Als die fremdenfeindliche
Schweizerische Volkspartei (SVP ) 2007 eine Volksinitiative gegen den Bau von Minaretten lancierte,
konnte ich mir daher kaum vorstellen, dass die Schweizer (im Land standen zu dieser Zeit ganze drei
Minarette) diese Initiative befürworten würden, was sie dann jedoch 2009 taten. Irgendwas musst da
schiefgelaufen sein: Waren die Eidgenossen sich ihrer politischen Kultur und nationalen Identität wirklich
so unsicher, dass sie sich von ein paar Minaretten (die auf den Plakaten des Initiativkomitees als Raketen
dargestellt wurden) bedroht fühlten? Meine Überraschung war fehl am Platz. Ich hätte in Betracht ziehen
müssen, dass die Schweizerische Volkspartei seit 2003 die größte Fraktion im Nationalrat stellte und das
Land damit keineswegs ein Einzelfall war, immerhin hatte der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen bei den
französischen Präsidentschaftswahlen 2002 in der ersten Runde den Sozialisten Lionel Jospin distanziert
und es in die Stichwahl gegen Jacques Chirac geschafft. In dieser unterlag er zwar, aber er hatte
bewiesen, dass seine Partei keine Randerscheinung mehr war – eine Entwicklung, die sich unter seiner
Tochter Marine Le Pen, die mittlerweile selbst als ernsthafte Präsidentschaftskandidatin gilt, konsolidiert
hat. Der Rechtstrend in Europa darf nicht unterschätzt werden: Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und
eine tiefe Angst vor der Zukunft sind heute überall in Europa zu finden. Thilo Sarrazins 2010 erschienenes
Buch Deutschland schafft sich ab,5 in dem der Autor unter anderem behauptet, in Deutschland werde es
binnen weniger Jahrzehnte eine muslimische Mehrheit geben, wurde 2010 mit bis heute etwa
1,5 Millionen verkauften Exemplaren zu einem der erfolgreichsten Sachbücher in der Geschichte der
Bundesrepublik. Sarrazins Ängste sind insofern nicht vollkommen unbegründet, als Deutschlands
Bevölkerung (Ähnliches gilt für die meisten europäischen Staaten) konsequent schrumpft, was bedeutet,
dass die Wirtschaft ohne Einwanderung gar nicht mehr funktionieren würde. Viele von Sarrazins Thesen
(etwa zur genetischen »Inferiorität« der muslimischen Einwanderer, die dazu führe, dass sie es nie aus
den unteren Schichten herausschaffen würden) wurden von Fachleuten jedoch als vollkommen haltlos
zurückgewiesen.6 Sarrazin mag wichtige Punkte angesprochen haben, aber letztlich war der Erfolg von
Deutschland schafft sich ab eher dem Spiel mit Überfremdungsängsten geschuldet als der Stringenz und
Substanz seiner Argumentation.
Dieser Essay geht davon aus, dass die große Unsicherheit des Westens – vor allem Europas –, die in der
Stärkung von Rechtsparteien, der Islamophobie und der steigenden Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck
kommt, einen tieferen Grund hat. Die meisten Europäer, so meine These, sind nicht mehr in der Lage, für
ihre Kultur substanziellere Argumente vorzubringen als die Effizienz ihrer Volkswirtschaften und den
politischen und sozialen Frieden, der im Westen und in der Mitte des Kontinents praktisch seit dem Ende
des Zweiten Weltkriegs aufrechterhalten werden konnte. Wenn jedoch die Fähigkeit verloren geht, die
eigene Lebensform und ihre Werte argumentativ zu verteidigen, ist der Weg frei für rückwärtsgewandte
Rechtsparteien, deren Programm am Ende darauf hinausläuft, dass Deutschland den Deutschen gehört,
Frankreich den Franzosen und die Schweiz den Schweizern. Ich möchte keinesfalls irgendjemandem das
Recht bestreiten, seine Kultur zu lieben und für ihren Erhalt zu sorgen, gehe aber davon aus, dass der
Nationalismus eben nicht das Wesen des Westens ausmacht, sondern dass er im Gegenteil eine seiner
destruktivsten Erfindungen darstellt.
Der Begriff des Westens datiert aus der Periode, in der das Römische Reich in einen westlichen Teil mit
dem Zentrum Rom und einen östlichen mit dem Zentrum Konstantinopel zerbrach, und hat von diesem
Ursprung her sowohl eine religiöse als auch eine politisch-kulturelle Komponente.7 Mit dem Aufstieg des
Islam, der sich in seiner Blütezeit auf ein mehr oder weniger durchgehendes Gebiet von Spanien über den
Maghreb bis nach Zentralasien und Afghanistan ausdehnte, wurde der Begriff Westen praktisch zu einen
Synonym für Christentum, und diese religiöse Konnotation des Wortes ist bis heute von großer Bedeutung.
Der Begriff sowie das Selbstverständnis der damit bezeichneten Region haben seit dem 18. Jahrhundert
jedoch eine tiefgreifende Transformation durchgemacht. Die Aufklärung, deren Wurzeln in der
Renaissance zu finden sind, kristallisierte sich als Elitenphänomen während des 17. und 18. Jahrhunderts
heraus. Ihr zentrales Motiv war, wie Kant es prägnant ausdrückte, die Befreiung des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit. Mit Ernst Bloch gesprochen, handelte es sich um einen Prozess, in
welchem der Mensch die Angst vor und die Abhängigkeit von äußeren Autoritäten, ob religiös oder
politisch, hinter sich ließ, seine Autonomie proklamierte und zum »aufrechten Gang« fand: Die Mentalität
der Unterwerfung wurde durch den Geist der Kritik abgelöst. Das Elitenphänomen Aufklärung
transformierte den Westen im 19. Jahrhundert vollständig: Ihr unbestreitbares Erfolgsgebiet, dem sie die
stärksten Argumente für ihren Anspruch auf universale Gültigkeit verdankt, war die wissenschaftliche
Revolution, die keinen Stein auf dem anderen ließ und es dem Westen dank seiner technologischen
Überlegenheit innerhalb von zwei Jahrhunderten ermöglichte, den Status einer bedrohten Zivilisation
hinter sich zu lassen und die weltweite Vorherrschaft zu erobern. Ende des 19. Jahrhunderts beherrschten
westliche Staaten über drei Viertel der globalen Landmasse, und ihre Hoheit über die Ozeane war
uneingeschränkt. Noch 200 Jahre zuvor war dies äußerst unwahrscheinlich gewesen: 1683 belagerten die
Truppen des Osmanischen Reichs Wien. Im Jahr 1798 mussten die Ägypter dann allerdings ohnmächtig
dabei zusehen, wie Napoleon mit einer kleinen Streitmacht ihr ganzes Land erobern konnte, bevor
britische Truppen drei Jahre später die Franzosen überwältigten, ohne dass die Ägypter selbst in diesen
Ereignissen irgendeine Rolle gespielt hätten.8 Die technische und organisatorische Überlegenheit
westlicher Armeen führte zu einer derartigen Dominanz, dass etwa die Briten in der Lage waren, mit
ziemlich geringem militärischen und administrativen Aufwand den ganzen indischen Subkontinent zu
kontrollieren.
Doch das Selbstbewusstsein des Westens basierte nicht allein auf technologischer und militärischer
Überlegenheit. Rudyard Kipling sprach in seinem berühmten gleichnamigen Gedicht von der »Bürde des
weißen Mannes«, der verpflichtet sei, dem Rest der Welt die Segnungen der Zivilisation zu bringen – eine
Vorstellung, die alle europäischen Kolonialmächte teilten. Rückblickend mag dieses moralisch-
zivilisatorische Selbstverständnis als Chimäre erscheinen. Man darf aber nicht vergessen, dass die
Aufklärung ihrer Intention nach tatsächlich eine universale Geltung beanspruchte, sowohl was die Suche
nach Wahrheit als auch das Streben nach einer gerechten politischen Ordnung betrifft. Wie ich noch
genauer ausführen werde, ist dieses aufklärerische Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit im
20. Jahrhundert angesichts der Katastrophe zweier Weltkriege und der Dekolonisation von vielen als
durchsichtige Rationalisierung der imperialistischen Ausbeutung der Welt durch den weißen Mann
interpretiert worden. Nach 1945 begann dann ein Prozess der Selbstkasteiung:9 Der universalistische
Anspruch der Aufklärung wurde als grundlegende Kulturlüge diffamiert; der Westen solle seine Sünden
nun abarbeiten, indem er nicht nur konkret für die Misere der dekolonisierten »Dritten Welt« die
Verantwortung übernehmen, sondern auch jede Lebensform und jeden Glauben respektieren müsse, weil
dieses oder jenes ethnische, religiöse oder kulturelle Kollektiv so nun mal denke, glaube und lebe. Das
war die Geburtsstunde der politischen Korrektheit. Deren Grundprinzipien sind die Gleichberechtigung
aller Kulturen, Glaubenssysteme und Lebensformen sowie das prinzipielle Verbot, andere Kulturen
moralisch oder erkenntnistheoretisch zu kritisieren.10 Der westliche Mensch sei, so die These, bestenfalls
aufgefordert, in Form von Entwicklungshilfe für die Sünden der Vergangenheit monetär geradezustehen.
Kritik ist allenfalls an den eigenen Politikern erlaubt, aber auch dabei darf es nur um Managementfragen
gehen. Grundsatzfragen lassen sich angeblich überhaupt nicht rational diskutieren, da alle Meinungen und
Glaubensformen respektiert werden müssen. Die politische Korrektheit wurde bald zur Grundeinstellung
vor allem der europäischen und zum Teil auch der amerikanischen Linken, was zu einer
hochproblematischen intellektuellen Einschüchterung führte. An vielen sozial- und
geisteswissenschaftlichen Fakultäten wurde die westliche Kultur nun routinemäßig als
»phallogozentristische« Krankheit (von gr. phallus für Penis und logos für Vernunft) denunziert. Sie sei
schlicht und ergreifend das Vermächtnis von »dead white men«, toten weißen Männern, die nicht nur
andere Kulturen, sondern auch Frauen und nichtheterosexuelle Menschen dominieren wollten.11
Was folgte, war eine Reihe von Ernstfällen, die den Westen vor die Frage stellten, wie und mit welchem
Recht er sich, seine Werte und seine Lebensform verteidigen könne. Am 11. September 2001 wurden im
größten Terrorakt der menschlichen Geschichte die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers
durch zwei von Terroristen in Instrumente des Massenmords verwandelte Passagierflugzeuge zum
Einsturz gebracht. Am 11. März 2004 kamen 191 Menschen ums Leben, und weitere 2000 wurden
verletzt, als islamistische Terroristen im Madrider Bahnhof Atocha Züge in die Luft jagten. Am 7. Juli
2005 starben in London 56 Menschen bei koordinierten Bombenanschlägen auf U-Bahn-Stationen und
Busse. Die konservative US-Regierung unter George W. Bush fand unmittelbar nach dem 11. September
eine klare Antwort: Sie erklärte dem Terror und der sogenannten »Achse des Bösen«, welche die
westliche Freiheit zerstören wolle, den Krieg. Bereits wenige Wochen nach 9/11 war das Taliban-Regime
in Afghanistan gestürzt. Unter dem Vorwand, der Diktator Saddam Hussein verfolge ein geheimes
Programm zur Entwicklung und Produktion von Massenvernichtungswaffen, marschierten amerikanische
und britische Truppen – gegen wachsende Proteste in den meisten europäischen Staaten – zusammen mit
der »Koalition der Willigen« im Irak ein.
Knapp 15 Jahre später kann die Bilanz nur lauten, dass Bushs Krieg gegen den Terror ein totaler
Fehlschlag war. Afghanistan versinkt im Chaos, der Irak steht im Begriff auseinanderzubrechen. Daraus
resultiert ein gefährliches Machtvakuum. Der Irak und Syrien sind das Epizentrum einer Region, in der
radikalislamistische Terrorgruppierungen in Größenordnungen entstanden sind, welche die Reichweite,
Macht und Territorialkontrolle der al-Qaida des Jahres 2001 weit übertreffen (wobei selbst al-Qaida
derzeit besser organisiert ist denn je und von Jemen bis nach Zentralasien operiert); die Miliz Islamischer
Staat beherrscht einen Korridor, der sich vom Irak bis tief nach Syrien erstreckt. Bushs Nachfolger
Barack Obama ist gezwungen, den Krieg gegen den Terror weiterzuführen, beschränkt sich aber auf
Luftangriffe, die mit Drohnen durchgeführt werden, die von den USA aus gesteuert werden. Es zeichnet
sich ab, dass er damit auch nicht mehr Erfolg haben wird als George W. Bush mit seiner
Invasionsstrategie.
Die Frage, wie man mit dem islamistischen Terror umgehen soll, ist hochkomplex. Ich bin selbst an zwei
Projekten beteiligt, in deren Rahmen die Dynamik dieser Terrororganisationen und die Motive ihrer
Mitglieder erforscht werden, und unsere Ergebnisse sind wenig ermutigend: Bis heute hat niemand ein
überzeugendes Konzept vorgelegt, wie die Expansion solcher Gruppen gestoppt werden kann, so dass die
freie Welt mit diesem Problem noch lange zu tun haben wird.
Die Frage im Zentrum dieses Essays lautet: Wie kann der Westen die Stärken des eigenen Wertesystems
herausarbeiten und vertreten, ohne seine Ideale in diesem Konflikt zu verraten? Dass diese Gefahr nur
allzu real ist, haben wir in Guantanamo, Abu Ghuraib und im Zusammenhang mit den Ausspähpraktiken
des US-Geheimdienstes NSA gesehen. Will der Westen seine Werte und seine Lebensweise nicht nur
militärisch, sondern auch argumentativ verteidigen, besteht die einzige Möglichkeit in der Rückbesinnung
auf die Prinzipien der Aufklärung. Der Geist der Kritik, das Beharren auf individueller Autonomie, die
Ablehnung jeder Autorität, die sich weigert, sich vertraglich zu binden oder diskursiv zu legitimieren, und
das Recht auf den »aufrechten Gang« sind Ideen, die zwar im Westen formuliert wurden, die aber nicht
essenziell an bestimmte Ethnien, Hautfarben oder Religionen geknüpft sind. Dass heute auch große Denker
nichtwestlicher Provenienz am Aufklärungsprojekt mitarbeiten, zeigt ganz klar, dass diese Prinzipien nicht
nur in Europa und Nordamerika für zwingend – oder zumindest für attraktiv – gehalten werden. Die
Ideologie der politischen Korrektheit hat jedoch dazu geführt, dass weite Teile der europäischen und
amerikanischen Linken diese Grundpfeiler der Aufklärung nicht länger selbstbewusst und voller Stolz
verteidigen.12 Stattdessen kasteit man sich wegen der Sünden, die der Westen in der Vergangenheit
zweifelsohne begangen hat, permanent selbst.
Im Endeffekt läuft das darauf hinaus, dass die Verteidigung unserer Kultur an die politische Rechte
outgesourct wird. George W. Bush sprach nach dem 11. September ohne jede Scham von »unserer
Freiheit« und »unserer Lebensform«. In Europa scheinen sich nur Vertreter rechter Parteien in dieser
Rolle wohlzufühlen. Die Auswirkungen sind verheerend, weil die Rechte dabei eben nicht die
Grundpfeiler der Aufklärung im Auge hat, sondern nationale Eigenschaften und Interessen betont und
damit auf genau jene Taktik setzt, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in die Hölle der
Inhumanität geführt hat. Die Bedrohung durch islamistische Terroristen oder die aggressive russische
Außenpolitik ist das eine, doch auch der Umgang mit äußeren und inneren Gefahren birgt Risiken. Wir
müssen lernen, darauf so zu reagieren, dass am Ende nicht die politische Rechte mit ihrer Tendenz zu
Fremdenhass, Rassismus und der Abwertung bestimmter nationaler, religiöser oder kultureller Gruppen
profitiert. Verhindert werden kann dies nur, wenn sich die Linke und die Mitte gemeinsam für die
Grundwerte der freien Welt engagieren. Gerade die Linke ist aber seit Jahrzehnten durch den Imperativ
der politischen Korrektheit gelähmt, weil damit jede Kritik an anderen Kulturen sofort in die Nähe eines
eurozentrischen Imperialismus gerückt wird. Die Grundthese dieses Essays ist, dass mit dem Insistieren
auf der politischen Korrektheit ein fundamentales Prinzip der Aufklärung über Bord geworfen wurde,
nämlich dass nichts und niemand über Kritik erhaben sein darf. Die Ideologie der politischen Korrektheit
stellt, wie ich zeigen werde, eine groteske Verzerrung des aufklärerischen Toleranzprinzips dar. Dieses
zielte darauf ab, das Individuum vor staatlichen oder kirchlichen Eingriffen in ihre Gewissens- oder
Religionsfreiheit zu schützen; als Generalabsolution für alle religiösen, weltanschaulichen und kulturellen
Praktiken war dieses Prinzip nie gedacht. Indem sie es jedoch in letzterem Sinne umgedeutet haben, haben
sich viele Linke selbst entmachtet, denn: Wenn andere Kulturen nicht kritisiert werden dürfen, kann man
die eigene nicht verteidigen.
Der Glaube, die politische Korrektheit garantiere das harmonische Zusammenleben unterschiedlicher
Kulturen, hat sich als Illusion entpuppt.13 Längst zeichnet sich ab, dass es psychologisch gar nicht möglich
ist, diese Haltung dauerhaft einzunehmen. Kein Mensch kann authentisch respektieren, was er in Wahrheit
für unmoralisch, irrational oder ganz einfach dumm hält. Das unausweichliche Resultat ist mangelnde
Authentizität. Tatsächlich gibt es viele Beispiele, in denen das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen
innerhalb eines politischen Gebildes nicht funktioniert hat: Das ehemalige Jugoslawien ist durch ethnische
Säuberungen in mehr oder weniger homogene Staaten aufgesplittet worden; selbst die friedliche
Tschechoslowakei ist in zwei Länder zerfallen. Millionen muslimischer Einwanderer finden in Europa
keinen Platz; Migranten der zweiten oder dritten Generation gehen als »Dschihad-Touristen« nach Syrien
oder in den Irak. »Multikulti« habe als Modell versagt, ließen Angela Merkel und ihr britischer
Amtskollege David Cameron zuletzt verlauten. Das vielfach angeführte Gegenbeispiel, die USA, sind laut
dem Politologen Samuel Huntington nie wirklich multikulturell gewesen: Die weißen angelsächsischen
Protestanten hätten dominiert, andere Bevölkerungsgruppen seien nur dann akzeptiert worden, wenn sie
die Spielregeln der dominanten Kultur erfolgreich verinnerlicht hatten, was zuerst den Juden und in den
letzten Jahrzehnten auch Einwanderern aus Ostasien gut gelungen sei.14
Die Doktrin der politischen Korrektheit hat den Westen zudem in eine Situation gebracht, in der nicht
mehr alle Seiten mit denselben Mitteln kämpfen (können). Als Ideologie hat sie ihre Wurzeln ja nicht
zuletzt in der Einsicht, es sei an der Zeit, dass die ehemaligen Kolonialmächte für die Sünden des
Imperialismus, der Sklaverei und des Rassismus Buße tun. Der weiße Mann (noch eine Sünde! – die
weiße Frau wurde schließlich ebenfalls abgewertet) habe anderen Kulturen bislang nicht die notwendige
Wertschätzung entgegengebracht, dies müsse sich nun ändern. Respektsbekundungen, zumindest jedoch der
Verzicht auf möglicherweise verletzende oder diskriminierende Formulierungen gehörte an den
Universitäten, im politischen Diskurs oder in den Medien bald buchstäblich zum guten Ton.15 Genau das
erwies sich aber schnell als Bumerang: Viele Vertreter nicht im engeren Sinne westlicher Kulturen sind
nämlich nicht einmal ansatzweise bereit, sich ihrerseits an diese Spielregeln zu halten: Wladimir Putin
äußert sich abschätzig über die Flachheit des Westens und interpretiert die Leichtigkeit, mit der es ihm
gelang, die Krim zu annektieren und seinen Einflussbereich in die Ostukraine auszudehnen, als Beleg für
die Schwäche liberaler Staaten. Muslimische Prediger und ultraorthodoxe Rabbiner haben überhaupt kein
Problem damit, den säkularen Liberalismus als leere, unmoralische und sinnlose Lebensform zu
diffamieren – zeigen sich aber gegenüber Kritik an ihren Dogmen und Lebensformen höchst empfindlich
und finden nichts dabei, wenn ihre Anhänger darauf mit Gewalt reagieren. Wir stehen also vor der
absurden Situation, dass der vorgeblich tolerante, faire und für kulturelle Unterschiede sensibilisierte
Westen selbst zum Opfer jener Intoleranz geworden ist, die mit der Idee der politischen Korrektheit
bekämpft werden sollte. Das nenne ich ein phänomenales Eigentor.
Im Folgenden werde ich das Konzept der zivilisierten Verachtung als Alternative zur politischen
Korrektheit präsentieren. Ich definiere zivilisierte Verachtung als eine Haltung, aus der heraus Menschen
Glaubenssätze, Verhaltensweisen und Wertsetzungen verachten dürfen oder gar sollen, wenn sie diese aus
substanziellen Gründen für irrational, unmoralisch, inkohärent oder unmenschlich halten. Zivilisiert ist
diese Verachtung unter zwei Bedingungen: Sie muss erstens auf Argumenten beruhen, die zeigen, dass
derjenige, der sie vorbringt, sich ernsthaft darum bemüht hat, den aktuellen Wissensstand in relevanten
Disziplinen zu reflektieren; dies ist das Prinzip der verantwortlichen Meinungsbildung. Zweitens muss sie
sich gegen Meinungen, Glaubensinhalte oder Werte richten und nicht gegen die Menschen, die sie
vertreten. Deren Würde und grundlegenden Rechte müssen stets gewahrt bleiben und dürfen ihnen unter
keinen Umständen abgesprochen werden. Zivilisierte Verachtung ist die Fähigkeit, zu verachten, ohne zu
hassen oder zu dehumanisieren. Dies ist das Prinzip der Menschlichkeit. Von der Geisteshaltung der
Inquisition oder der iranischen Ayatollahs unterscheidet sich die zivilisierte Verachtung also insofern
fundamental, als niemand aufgrund seines Glaubens, seiner Werte oder einer Meinungsäußerung zu
Freiheitsentzug, Folter oder gar zum Tode verurteilt werden darf. Der Begriff bezeichnet vielmehr die
Fähigkeit, Zivilisationsnormen auch gegenüber jenen aufrechtzuerhalten, deren Glaubens- und
Wertsysteme man nicht akzeptiert.
Das Prinzip der zivilisierten Verachtung hat weitreichende psychologische, kulturelle und politische
Implikationen.16 Psychologisch gesehen, ist sie um einiges authentischer als die politische Korrektheit.
Sie verlangt nicht, dass Respekt geheuchelt wird, wo keiner wirklich zu haben ist. Sie fordert niemanden
auf, unmoralische Denkformen, unmenschliche Praktiken irrationale Überzeugungen oder unzivilisiertes
Verhalten zu akzeptieren, nur weil eine andere Kultur oder Religion sie vorschreibt. Auf der Ebene
kultureller Diskurse und der Kunst erlaubt sie es, sorgfältig begründeter Verachtung unverhohlen Ausdruck
zu verleihen, solange weder zu Gewalt noch zur Erniedrigung anderer aufgerufen wird – eine Fähigkeit,
die man sich freilich nur durch hartes Training aneignen kann. Politisch schließlich führt das Prinzip der
zivilisierten Verachtung dazu, dass die Grundwerte der westlichen Kultur effektiv verteidigt werden
können, wesentlich effektiver jedenfalls als durch die Maxime der politischen Korrektheit. Der Testfall,
der uns dieses Problem dramatisch vor Augen geführt hat, war die Affäre um Salman Rushdie, die wir im
nächsten Schritt näher betrachten wollen.
Ein Testfall: Die Fatwa gegen Salman Rushdie

Am 14. Februar 1989 sprach Ajatollah Chomeini, der politische und religiöse Führer der Islamischen
Republik Iran, eine Fatwa aus, in der er alle gläubigen Muslime aufforderte, den britischen Schriftsteller
Salman Rushdie sowie alle an der Publikation des Romans Die Satanischen Verse1 beteiligten Verleger
und Verlagsmitarbeiter zu töten. Das Buch, so Chomeinis Rechtsauskunft, richte sich gegen den Islam, den
Propheten Mohammed und den Koran und kränke die religiösen Gefühle aller Muslime. Wenig später
setzte eine iranische Stiftung ein Kopfgeld in Höhe von einer Million US-Dollar auf Rushdie aus. Die
Fatwa veränderte das Leben des Schriftstellers für immer: Er musste sich verstecken, lebte für Jahre unter
Polizeischutz in wechselnden Unterkünften. Sein japanischer Übersetzer wurde ermordet, der italienische
schwer verletzt, Rushdies norwegischer Verleger wurde niedergeschossen und überlebte vermutlich nur,
weil die Angreifer ihn für tot hielten.2
Im Kontext dieses Essays ist vor allem interessant, wie der Westen auf die Rushdie-Affäre reagierte.
Eigentlich hätte man erwartet, dass Großbritannien und die anderen Staaten, deren Souveränität durch
Chomeinis Fatwa infrage gestellt wurde, mit äußerster Schärfe darauf antworten würden. Bei aller
anfänglichen Rhetorik fielen die Reaktionen insgesamt jedoch eher gedämpft aus, man war in erster Linie
bemüht, die Gemüter zu beruhigen. In gewisser Hinsicht war dies durchaus verständlich: Um die
Sicherheit ihrer Bürger und die öffentliche Ordnung zu wahren, sind Politiker häufig gezwungen,
Kompromisse zu schließen. Großbritannien hatte schon damals Millionen muslimischer Bürger und wollte
jede weitere Eskalation vermeiden. Zudem war das Verhältnis des Westens zum Iran ohnehin bereits
belastet, weshalb das Interesse vorherrschte, zusätzliche Komplikationen möglichst zu vermeiden.
Rushdies Situation verschlimmerte sich weiter, als die Boulevardpresse darüber berichtete, was der
Schutz des Schriftstellers die britischen Steuerzahler kostete – ein weiterer Impuls für die Politik, die
Affäre herunterzuspielen und auszusitzen. Doch alle Hoffnungen, die ganze Sache würde schon
irgendwann im Sande verlaufen, erwiesen sich vorerst als haltlos: Es sollte fast ein Jahrzehnt vergehen,
bis die iranische Regierung sich von der Fatwa distanzierte.
Überraschender und auch enttäuschender als die Reaktion der Politik fiel die vieler Schriftstellerkollegen
aus. Vor allem der 2011 verstorbene Essayist Christopher Hitchens, der mit Rushdie eng befreundet war,
hat deren Verhalten immer wieder kritisiert.3 Eigentlich sind Intellektuelle im Westen in einer
privilegierten Situation, sie tragen keine politische Verantwortung und können sich somit klarer zu
Grundsatzfragen äußern. Die internationale Schriftstellervereinigung P. ​E. ​N. tat sich zunächst schwer,
eindeutig Position zu beziehen. Viel Aufsehen erregte die Stellungnahme des Thrillerautors John le Carré,
der sich in einem Leserbrief gegen die Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe der Satanischen Verse
aussprach; niemand habe »das gottgegebene Recht, eine großartige Weltreligion zu beleidigen und dann
ungestraft veröffentlicht zu werden«, so le Carré, der noch hinzufügte, er habe mehr Angst um die Hände
der Frau in der Poststelle von Rushdies Verlag als um die Einnahmen des Kollegen. Der Konflikt sollte
dann 1997 eskalieren, als le Carré wegen der Verwendung vermeintlich antisemitischer Klischees selbst
am Pranger stand und Rushdie in einem Leserbrief erklärte, es falle ihm schwer, sich mit jemandem zu
solidarisieren, der sich an einer vergleichbaren Kampagne gegen einen Schriftsteller beteiligt habe; le
Carré erneuerte daraufhin seine Vorwürfe und betonte, er habe damals einen »weniger kolonialistischen
und selbstgerechten Ton« in die Debatte bringen wollen.4 Dass der P. ​E. ​N. sich schließlich doch
entschieden auf die Seite Rushdies stellte und die Fatwa als inakzeptablen Versuch verurteilte, das Recht
auf freie Meinungsäußerung einzuschränken, war vor allem Susan Sonntag zu verdanken, der damaligen
Präsidentin des amerikanischen Ablegers der Schriftstellervereinigung.5
Kulturgeschichtlich ist die Affäre um Rushdies Satanische Verse symptomatisch, wobei ich an dieser
Stelle ausdrücklich betonen möchte, dass ich im Folgenden keine eurozentristische Position vertrete und
dass es mir keineswegs darum geht, die Rechte und Anschauungen weißer Christen oder Atheisten über
die der Angehörigen anderer Ethnien oder Religionen zu stellen. Schon ein Blick auf die Herkunft des
Protagonisten dieses historischen Dramas sollte dies klarmachen: Salman Rushdie wurde 1947 wenige
Wochen vor der Teilung Britisch-Indiens im indischen Bombay (dem heutigen Mumbai) geboren; wenige
Wochen nach seiner Geburt übersiedelte seine Familie ins muslimische Pakistan. Ab seinem 14.
Lebensjahr besuchte Rushdie ein College in Großbritannien, jenem Land, dessen Königin ihn Jahrzehnte
später zum Ritter schlagen sollte. Rushdie ist also alles andere als ein Vertreter des europäischen
Imperialismus, seine Identität ist auf komplexe Weise sowohl durch den indischen Subkontinent als auch
vom Westen geprägt. Seine Familie war muslimisch, der Geburtsname seines Vaters lautete Khwaja
Muhammad Din Khaliqi Dehlavi. Dieser wandte sich jedoch früh vom Glauben ab, wurde Atheist und
änderte seinen Namen im Erwachsenenalter aus Bewunderung für den (im Westen als Averroës
bekannten) spanisch-arabischen Arzt und Philosophen Ibn Ruschd in Anis Rushdie. Ibn Ruschd, 1126 in
Cordoba geboren, verfasste unter anderem einflussreiche Kommentare zu den Werken des Aristoteles.
Sein auf dessen Logik beruhender Rationalismus brachte Ibn Ruschd zeitlebens immer wieder in Konflikt
mit den islamischen Autoritäten, die damals Südspanien beherrschten. Für die Philosophiegeschichte hat
er eine enorme Bedeutung, weil die Schriften des Aristoteles im Westen damals nur über den Umweg
ihrer arabischen Übersetzungen zugänglich waren, die auch die Basis des Denkens des größten jüdischen
Philosophen des Mittelalters, Maimonides, darstellten; der wohl einflussreichste christliche Denker
dieser Zeit, Thomas von Aquin, musste teilweise ebenfalls auf lateinische Übertragungen aus dem
Arabischen zurückgreifen.
In seiner Autobiografie Joseph Anton schreibt Rushdie, sein Familienname sei das erste große Geschenk
gewesen, das sein Vater ihm gemacht habe. Er selbst habe diesen Namen stets als schicksalhaftes
Vermächtnis empfunden, da er seinen Weg als vor keiner Kontroverse zurückschreckender Freigeist
vorgezeichnet habe. Rushdies Lebenswerk ist in vielerlei Hinsicht eine liebevolle, zugleich aber
schonungslos kritische Auseinandersetzung mit seinem Geburtsland Indien sowie mit Pakistan, wo er
zunächst aufwuchs. Mitternachtskinder, der Roman, mit dem Rushdie der internationale Durchbruch
gelang und für den er 1981 den renommierten Booker Prize erhielt, ist eine magisch-realistische Allegorie
auf die Geburt Indiens; in Scham und Schande (1983) befasst er sich mit der Geschichte Pakistans, in den
Satanischen Versen mit dem Islam, der Religion, in die sein Vater hineingeboren wurde, von der er sich
löste, von der er aber zeitlebens fasziniert war – eine Faszination, die Salman übernahm. In Shalimar der
Narr (2005) geht es um Kaschmir. Rushdie hat die Liebe zu seiner Heimatregion nie verleugnet, auch
wenn der Roman, die Kunstform, der er sein Leben widmete, europäischen Ursprungs ist. Die tragischen
Verbindungen zwischen dem indischen Subkontinent und der britischen Kolonialmacht hat er immer
wieder thematisiert, allerdings betrachtete er seine Herkunftsländer nie stereotyp als Opfer des
Imperialismus.
Rushdie studierte Geschichte am King's College in Cambridge. Als dort ein Kurs über Mohammed und
die frühe Geschichte des Islam wegen mangelndem Interesse abgesagt wurde, protestierte Rushdie, so
dass er schließlich eine Art Privatissimum bei dem großen Historiker und Biografen Arthur Hibbert
absolvieren konnte, der ihm viel über historische Vorstellungskraft beibrachte. Bei dieser Gelegenheit
hörte Rushdie erstmals von der Anekdote aus der Biografie Mohammeds, laut der dieser Koranverse über
drei weibliche Göttinnen nicht vom Erzengel Gabriel, sondern vom Teufel empfangen habe. Diese
Geschichte inspirierte Rushdie zum Titel des Romans, der sein Leben für immer verändern sollte und ihn
für Jahre zu einem Dasein im Untergrund verurteilte. Als er dieses Dasein nicht länger ertrug und zu dem
Eindruck gelangte, er werde für Großbritannien zu einer Last, übersiedelte er schließlich im Jahr 2000
nach New York.
Spätestens hier gibt es gewisse Parallelen zwischen der Biografie Rushdies und der Geschichte von
Ayaan Hirsi Ali.6 Hirsi Ali wurde 1969 in der somalischen Hauptstadt Mogadischu in eine muslimische
Familie geboren. Ihr Vater war Oppositionspolitiker und wurde kurz nach ihrer Geburt inhaftiert; in seiner
Abwesenheit setzte ihre Großmutter, eine orthodoxe Muslimin, durch, dass man Ayaan der traditionellen
Klitorisbeschneidung unterzog. Später wurde sie streng muslimisch erzogen; als Frau durfte sie lediglich
eine Ausbildung zur Sekretärin absolvieren. Als sie 21 war, arrangierte ihr Vater eine Heirat mit einem in
Kanada lebenden Cousin, von dem sie noch nicht einmal gewusst hatte, dass er existierte. Auf der Reise
nach Nordamerika nutzte Hirsi Ali einen Zwischenstopp in Deutschland, um sich abzusetzen und in den
Niederlanden Asyl zu beantragen. Dabei verschwieg sie, dass sie zwischenzeitlich bereits in Kenia im
Exil gelebt hatte und über Deutschland nach Holland gelangt war – ein Fehler, der sie später teuer zu
stehen kommen sollte. 1997 wurde sie niederländische Staatsbürgerin. Sie studierte Politikwissenschaft,
wandte sich vom muslimischen Glauben ab und engagierte sich als Islamkritikerin; 2003 zog sie für eine
rechtsliberale Partei ins niederländische Parlament ein. Im folgenden Jahr produzierte sie gemeinsam mit
dem Regisseur Theo van Gogh den Kurzfilm Submission (Part I), in dem die Unterdrückung der Frauen in
der islamischen Welt angeprangert wird. Van Gogh wurde daraufhin im November 2004 am helllichten
Tag und auf offener Straße von einem islamischen Fundamentalisten marokkanischer Herkunft getötet. Mit
einem Messer befestigte der Täter an van Goghs Brust ein Bekennerschreiben, in dem er auch Hirsi Ali
mit dem Tod bedrohte.
Diese hatte bereits früher Drohungen erhalten und lebte seit längerer Zeit in Verstecken. Ähnlich wie bei
Rushdie wurden bald die Kosten für den Personenschutz zum Thema. Bis heute ist nicht klar, ob dies einer
der Gründe war, weshalb Rita Verdonk, die niederländische Ministerin für Integration und Immigration,
im Mai 2006 Hirsi Alis Einbürgerung für nichtig erklärte und ihr innerhalb kürzester Zeit die
niederländische Staatsbürgerschaft entzog, was mit den falschen Angaben im Asylgesuch begründet
wurde. Auf diese hatte Hirsi Ali selbst jedoch Dutzende Male hingewiesen, auch gegenüber Vertretern der
Regierung und ihrer Partei; die Sache war seit 2002 öffentlich bekannt.7 Die Aberkennung der
niederländischen Staatsangehörigkeit wurde zwar später rückgängig gemacht, letztendlich emigrierte Hirsi
Ali aber in die USA, wo sie eine Stelle als Fellow am konservativen Thinktank American Enterprise
Institute erhielt. 2011 heiratete sie den in Harvard lehrenden britischen Historiker Niall Ferguson; 2013
nahm sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an.
Die Fälle Rushdie und Hirsi Ali werfen eine Reihe von Fragen auf: Weshalb wurden beide in Europa für
Positionen kritisiert, die eindeutig durch das Recht auf Meinungsfreiheit geschützt waren? Sowohl
Großbritannien als auch die Niederlande atmeten schließlich auf, als Rushdie und Hirsi Ali in die USA
emigrierten. Warum waren die USA bereit, diesen Menschen Schutz und eine neue Heimat zu bieten,
während sich die europäischen Länder, deren Staatsbürgerschaft sie hatten, damit schwertaten? Es ist
wenig überraschend, dass europäische Politiker die hochkontroversen und brisanten Themen der
Islamkritik mit großer Vorsicht behandeln. In Westeuropa liegt der Anteil der Muslime an der
Gesamtbevölkerung im Durchschnitt bei etwa fünf Prozent. Ihre Gefühle sollen wie die aller anderen
Gruppen (ob Mehrheit oder Minderheit) respektiert werden. Die liberale Grundordnung beruht jedoch auf
dem Recht auf freie Meinungsäußerung, dessen Verteidigung eine der wichtigsten Pflichten liberaler
Demokratien ist. In Joseph Anton betont Rushdie mehrfach, man dürfe Die Satanischen Verse nicht auf
eine vermeintliche Beleidigung reduzieren: Es handele sich um einen komplexen, vielschichtigen Roman,
um ein Kunstwerk. Das stimmt natürlich, aber das ist gar nicht der springende Punkt. Die Idee der
liberalen Demokratie und die Grundwerte der Aufklärung können von dem Recht, intellektuelle Kritik zu
üben und Satire zu veröffentlichen, nicht getrennt werden; dass dabei mitunter die Gefühle der Kritisierten
verletzt werden, lässt sich nun mal nicht vermeiden, ändert aber an dem Recht selbst nichts, ja ist
gewissermaßen sogar ein Teil davon. Europa hat viele Jahrhunderte gebraucht, um diese Idee in
juristische und politische Realität umzusetzen. Giordano Bruno wurde im Jahr 1600 von der Inquisition
verbrannt. Spinoza wurde 1656 von der jüdischen Gemeinde Amsterdams exkommuniziert. Voltaire
musste immer wieder vor den französischen Behörden fliehen, da er beißende Kritik an der Kirche und an
der Monarchie geübt hatte; viele Menschen sahen sich durch seine Schriften verletzt, und erst als die
Gedanken der Aufklärung in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts immer populärer wurden, konnte in
seine Heimatstadt Paris zurückkehren, die ihm einen triumphalen Empfang bereitete.8
Bei Ayaan Hirsi Ali gibt es ein weiteres vielsagendes Detail: Warum wurde sie ausgerechnet vom
American Enterprise Institute, einer dezidiert konservativen Einrichtung mit engen Verbindungen zur
Republikanischen Partei, mit offenen Armen aufgenommen? Ist es nicht bedenklich, dass sich zunehmend
eher rechte Parteien und Organisationen als Hüterinnen der Meinungsfreiheit inszenieren, die angeblich
durch falsche Rücksichtnahmen und die Ideologie der politischen Korrektheit gefährdet ist? Der
niederländische Rechtspopulist und Islamkritiker Geert Wilders wurde für sein Engagement für die
Meinungsfreiheit bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.9 Seine 2006 gegründete »Partei für die
Freiheit« ist heute die drittstärkste politische Kraft in Holland. Man hat den Eindruck, als sei die
Verteidigung der freien Welt an die Rechten delegiert worden – eine Entwicklung, die Linksliberale
alarmieren sollte. Nicht zuletzt weil sie dazu führt, dass Kritik am Islam in Europa nicht länger als
zivilisierter Diskurs mit wohlabgewogenen Argumenten vorgebracht wird; stattdessen verbreiten rechte
und fremdenfeindliche Parteien und Gruppierungen mit demagogischen Mitteln Islamophobie (man denke
nur an das oben bereits erwähnte Plakat aus der Schweiz, auf dem die Minarette aussahen wie Raketen).
Die Geburt des Toleranzprinzips in der Aufklärung

Die politische Korrektheit stellt sich zunehmend als ein systematisches Eigentor heraus, und wir werden
Zeugen, wie sie die Linke, aber auch politische Kräfte des Zentrums lähmt, wenn es darum geht, westliche
Werte zu verteidigen. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, müssen wir uns den Ursprung eines
zentralen Prinzips der Aufklärung vergegenwärtigen, dass oft mit politischer Korrektheit verwechselt
wird. Die Rede ist vom Toleranzprinzip, das einst formuliert wurde, um Individuen vor politischem oder
religiösem Zwang zu schützen.1 Um es vorab zu betonen: Wenn ich mich im Folgenden auf die Geschichte
der europäischen Aufklärung konzentriere, so bedeutet das nicht, dass sich in anderen Kulturen zu anderen
Zeiten keine vergleichbaren Entwicklungen vollzogen hätten. Man denke etwa an die erste Welle der
Aufklärung im Indien des 5. vorchristlichen Jahrhunderts, die sich mehr oder weniger parallel zur
Blütezeit des antiken Athen abgespielt hat; oder an die Öffnung des Islam für die klassische Philosophie
Griechenlands zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert; oder an die tolerante Religionspolitik des
Großmoguls Akbar, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts über den Norden Indiens herrschte.2
Der Grund, warum ich mich hier auf die moderne Aufklärung in Europa und den USA beschränke, liegt vor
allem darin, dass in diesem Kontext jene Begriffe, Gedanken, Institutionen und Praktiken entwickelt
wurden, die liberale Gesellschaften in der Gegenwart kennzeichnen. Als historischer Prozess hat die
Aufklärung im Wesentlichen zwei Wurzeln: den rapiden wissenschaftlichen Fortschritt und die
Reformation. Die Reformationsbewegung stellte ab dem frühen 16. Jahrhundert die Dominanz der
römisch-katholischen Kirche über das abendländische Christentum infrage. Das Resultat waren
Religionskriege, die sich über mehr als ein Jahrhundert hinzogen und im Grauen des Dreißigjährigen
Kriegs ihren Höhepunkt fanden, durch den die Bevölkerung Europas zwischen 1618 und 1648 massiv
dezimiert wurde, in einigen Gegenden um bis zu 75 Prozent. Beendet wurde diese Katastrophe mit dem
Westfälischen Frieden, durch den einerseits die moderne Staatenordnung begründet und andererseits erste
Schritte in Richtung Religionsfreiheit und der Trennung von politischen und religiösen Fragen
unternommen wurden.3
Bis das Toleranzprinzip flächendeckend in Verfassungen und in der politischen Praxis verankert war,
sollte es jedoch noch lange dauern, wie sich beispielhaft an Spinozas Tractatus theologico-politicus aus
dem Jahr 1670 zeigen lässt. Selbst in den Niederlanden, dem liberalsten Staat des 17. Jahrhunderts,
musste die Schrift an geheimen Orten gedruckt und in den doppelten Böden von Fischfässern über
Grenzen geschmuggelt werden. Offiziell verkauft werden konnte sie nicht. Für die bestehende Ordnung
war das Buch höchst subversiv: Die Bibel sei ein Text, der wie jeder andere historisch durchleuchtet,
analysiert und verstanden werden müsse, schreibt Spinoza darin. Kein Staat habe das Recht, seinen
Bürgern einen religiösen Glauben aufzuzwingen, da dieser Privatsache sei. Grundlage jedes Staates sei
dabei ein Gesellschaftsvertrag, durch den souveräne Bürger der Exekutive (ob es sich dabei nun um einen
Monarchen oder eine andere Regierung handelt) das Recht und die Pflicht übertragen, ihre Sicherheit,
Freiheit und ihr Eigentum zu verteidigen – ein Gedanke, den Spinoza von seinem großen Vorgänger
Thomas Hobbes übernommen hatte. Auch wenn uns diese Ideen heute selbstverständlich erscheinen,
waren sie in der damaligen Zeit doch eine Provokation. Gerade als Atheist war Spinoza vielen
Zeitgenossen ein Dorn im Auge. John Locke, einer der wichtigsten Vertreter des Toleranzprinzips und
Autor des Briefes über die Toleranz (1689) schloss den Atheismus aus dem Kreis der akzeptablen
Positionen aus, und der wortgewaltige Kirchenkritiker Voltaire betrachtete ihn als Gefahr für Kultur und
Zivilisation. Die radikale Aufklärung, die von Spinoza eingeleitet wurde und die auf eine vollständige
Trennung von Religion und Politik zielte, blieb noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein
Untergrundphänomen; erst im Zuge der Französischen Revolution wurde sie wirklich salonfähig.
Das Prinzip der Toleranz in Glaubensfragen wäre aber nie politische Realität geworden, hätte nicht
parallel das kulturelle Erdbeben der wissenschaftlichen Revolution stattgefunden.4 Innerhalb eines
Jahrhunderts fand ein Quantensprung statt, der das Verständnis der Natur vollkommen veränderte:
Newtons Optik, seine drei Gesetze der klassischen Mechanik und Durchbrüche auf den Feldern der
Chemie, Anatomie und Physiologie setzten im 17. und 18. Jahrhundert einen Prozess in Gang, im Zuge
dessen die Gesetzmäßigkeiten der Natur mit rasanter Geschwindigkeit entschlüsselt wurden. Immer
deutlicher zeichnete sich ab, dass es sich bei Glauben und Wissen um zwei vollkommen unterschiedliche
Erkenntnisformen handelte, worauf auch Immanuel Kant, der große Systematiker der Aufklärung, in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts insistierte. Wo es um historische Tatsachen oder Aussagen zur
Schöpfungs- bzw. Naturgeschichte ging, zeichnete sich bald ab, dass man die Bibel nicht wörtlich nehmen
durfte. Wo diese das Alter der Erde in Jahrtausenden angab, dachten Geologen schon im späten
18. Jahrhundert in Hunderten von Millionen Jahren; heute geht man sogar von viereinhalb Milliarden
Jahren aus. Mit den biologischen Evolutionstheorien des 19. Jahrhunderts fiel dann auch noch die letzte
Verteidigungslinie der abrahamitischen Religionen: die Idee von der metaphysischen Sonderstellung des
Menschen. Dieser wurde nun als Teil der Natur und als ihren Gesetzen unterworfen verstanden.5 Die
katholische Kirche, die noch 1633 Galileo Galilei zum Widerruf des kopernikanischen Weltbilds genötigt
und im Jahr 1663 posthum die Schriften des Philosophen René Descartes verboten hatte, musste einsehen,
dass sie hier auf verlorenem Posten stand. Wie die Welt gebaut war und wie sie funktionierte, wurde nun
nicht länger mit den Mitteln der Bibelexegese entschieden, sondern mit Teleskopen, in Laboren und
mithilfe mathematischer Gleichungen. Waren die einzelnen Wissenschaftler im 18. Jahrhundert noch
innerhalb informeller Netzwerke miteinander verbunden, entwickelten sich die großen
Forschungsuniversitäten im 19. Jahrhundert zu Autoritäten, die sicherstellten, dass Fragen nach der
Beschaffenheit der Natur nur noch nach wissenschaftlichen Regeln erörtert wurden. Der aufklärerische
Geist der Kritik hatte über die Macht der Überlieferung gesiegt. Im Zuge der industriellen Revolution
manifestierte sich dieser Umbruch auch in einer radikalen Transformation der Wirtschaft und der
Gesellschaft.
Das Toleranzprinzip gründete auf drei Pfeilern: erstens dem Zurückdrängen religiöser (in Europa also vor
allem: kirchlicher) Autoritäten in weltlichen Fragen; zweitens auf den Prinzipien der Freiheit und der
Autonomie, die Kant ins Zentrum seiner Moralphilosophie gestellt hatte und die John Stuart Mill als
zentrale Werte der Politik identifizierte: alle Individuen sollten vor staatlicher oder kirchlicher Willkür
geschützt sein; und drittens auf der Überzeugung, dass keine Form der Kritik durch Repressalien zum
Schweigen gebracht werden durfte. Dies galt nicht nur für intellektuelle Schwergewichte wie die
Aufklärungsphilosophen, sondern auch für kritische Äußerungen im Rahmen von Romanen, Dramen oder
in satirischen Zeitschriften. Vom beißenden Spott Swifts und Voltaires über die Stand-up-Comedy eines
Lenny Bruce bis zu den Satiremagazinen der Gegenwart spielten und spielen Literatur und Theater
schließlich stets eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Etablierung der liberalen Grundordnung.
Kolonialismus und zwei Weltkriege

Die Ideale der Aufklärung wurden nur stockend und nicht ohne Rückschläge Realität. Die Französische
Revolution verwandelte sich bald von einem Fest der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in eine
Tyrannei1 – es war Robespierre, der das moderne Verständnis des Begriffs »Terror« prägte und diesen
systematisch als Herrschaftsmittel einsetzte. Anschließend war es ausgerechnet ein selbstgekrönter
Kaiser, der den Prinzipien der Aufklärung mit seinen Eroberungszügen in Europa (und Nordafrika)
Geltung verschaffen wollte. Ganz allgemein verbreitete sich die liberale Demokratie im 19. Jahrhundert
nicht gerade wie ein Lauffeuer: Die Politikwissenschaft geht davon aus, dass es zu Beginn des
20. Jahrhunderts lediglich acht wirkliche Demokratien gab. Auch die industrielle Revolution führte nicht
unbedingt zu einer Hochkonjunktur der Menschenrechte. Die Romane von Charles Dickens zeugen von der
Misere in den neuen Industriestädten, in denen ausgebeutete Arbeiter ihr Dasein nur mithilfe großer
Mengen Gin zu ertragen vermochten.
Die schwerste Sünde des sich als aufgeklärt und zivilisiert gebenden Westens bestand jedoch bis weit ins
20. Jahrhundert hinein darin, die Vorzüge der Freiheit und der Menschenrechte äußerst ungleich über den
Globus zu verteilen. Seit dem 16. Jahrhundert betrachteten es Portugiesen, Spanier, Briten und sogar die
liberalen Niederländer als ihr selbstverständliches Recht, die Erde, von der man nun endlich wusste, dass
sie eine Kugel war, unter sich aufzuteilen. Der Zweck (der Export des Christentums, aber auch der Import
von Rohstoffen) heiligte fast alle Mittel. Auf ganzen Kontinenten wurden Menschen unterjocht, versklavt
oder niedergemetzelt: Inkas und Azteken in Mittel- und Südamerika, indianische Ureinwohner in
Nordamerika, Afrikaner. Gerade die Hautfarbe Letzterer machte es besonders einfach, sie mit biblischen
Rationalisierungen wie nichtmenschliche Wesen zu behandeln.2 In Europa selbst wurden Juden
diskriminiert und in vielen Ländern unterdrückt und verfolgt. Im schon von der Aufklärung geprägten
19. Jahrhundert beschleunigten sich diese Entwicklungen sogar noch: In einem hektischen Wettrennen
wurden die letzten weißen Flecken auf der Landkarte kolonisiert und teils mit völkermörderischen
Praktiken ausgebeutet, man denke etwa an die grausame Ausplünderung des Kongo durch Belgien. Und
die USA, der erste moderne Staat, der explizit aus dem Geist der Aufklärung heraus gegründet worden
war, importierte bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts Sklaven aus Schwarzafrika.
Von solchen »Kleinigkeiten« abgesehen, erlebte Europa damals seine Blütezeit. Auf dem Wiener
Kongress wurden 1815 die Grundlagen für eine beispiellose Phase der politischen Stabilität gelegt;
Kolonialisierung und industrielle Revolution führten zu Wohlstand in einer vollkommen neuen
Größenordnung. In den meisten Ländern übernahm das Bürgertum nach und nach vom Adel die politische
Macht; die Hochkultur war nicht länger auf die Gunst kirchlicher oder aristokratischer Mäzene
angewiesen, überall wurden Symphonieorchester gegründet, in den Metropolen des Kontinents entstanden
Opernhäuser in nie gesehener Pracht. Mit den neuen Forschungsuniversitäten verfügten die
Wissenschaften (von der Physik über die Medizin bis hin zu neuen Disziplinen wie der vergleichenden
Philologie) über eine institutionelle Infrastruktur, die eine Explosion der Wissensproduktion ermöglichte.
Der Westen konnte voller Stolz zu dem Schluss kommen, dass er nicht nur das unangreifbare
Machtzentrum der Welt darstellte, sondern auch die am weitesten entwickelte Zivilisation in der
Geschichte der Menschheit: der Inbegriff jenes Fortschritts, den die Denker der Aufklärungszeit
vorhergesagt hatten.3
Diese europäische Selbstzufriedenheit zerfiel jedoch ab 1914 im Zuge zweier Weltkriege und der
Dekolonisation. Laut dem Historiker Niall Ferguson reicht ein vergleichender Blick auf einen Atlas von
1914 und einen von 1980, um diese Entwicklung zu veranschaulichen: Anfang des 20. Jahrhunderts waren
noch knapp zwei Drittel der globalen Landmasse unter westlicher Kontrolle; Portugal und Spanien hatten
ihre Kolonien in Südamerika zwar verloren, westliche Mächte herrschten jedoch nach wie vor über
Afrika, Australien, Indien sowie große Teile Südostasiens. Siebzig Jahre später war von diesen Imperien
so gut wie nichts mehr übrig. An sein symbolisches Ende gelangte dieser Prozess, als Großbritannien
1997 Hongkong an China übergab.
Im 20. Jahrhundert erlebte der Westen aber nicht nur die Schrumpfung der Kolonialreiche und damit einen
Verlust an Macht und Einfluss; Europa musste zudem schwere Kratzer an seinem Selbstbild als Zentrum
der Zivilisation hinnehmen. Im »Großen Krieg« von 1914 bis 1918 (wie der Erste Weltkrieg noch bis in
die vierziger Jahre hinein genannt wurde) erschien Europa nicht länger als überlegene Kulturmacht,
sondern als Kontinent des Chauvinismus und der technologischen Barbarei; am Ende war der Boden
Europas vom Blut von Millionen Soldaten getränkt. Bald musste der Große Krieg in »Erster Weltkrieg«
umbenannt werden, und der Zweite erwies sich als noch grausamer als sein Vorgänger: Er kostete noch
mehr Menschen das Leben, wobei dieses Mal überwiegend Zivilisten betroffen waren. Über Jahrzehnte
fiel es Europa schwer, diesen Kataklysmus in sein Selbstbild zu integrieren. Dies galt insbesondere für
Deutschland, den Verursacher der Katastrophe. Hatten Studenten in Harvard, Oxford oder Yale noch in
den zwanziger und frühen dreißiger Jahren davon geträumt, nach Tübingen, Heidelberg oder Berlin zu
gehen, wo eine Vielzahl von Nobelpreisträgern lehrte, war das Land 1945 nicht nur physisch zerbombt
und von den Alliierten besetzt, es hatte auch seinen Status als führende Kulturnation eingebüßt. Viele
bedeutende Wissenschaftler emigrierten in die USA; das geteilte Land war nicht nur mit dem
wirtschaftlichen Wiederaufbau beschäftigt, sondern auch mit der Frage, wie die Verbrechen der Nazizeit
aufgearbeitet werden sollten. Der Historiker Tony Judt hat überzeugend dargelegt,4 dass Deutschland
keineswegs als einziges westliches Land mit nationaler Schuld zurechtkommen musste: Frankreich war
mit der Erinnerung an Vichy und die Kollaboration bei der Ermordung der französischen Juden
konfrontiert; Italien hatte seine eigene faschistische Vergangenheit und an der Seite der Deutschen
gekämpft; in Österreich war der Anschluss begeistert begrüßt worden; entgegen der verbreiteten Annahme
hatten auch die Niederlande mit den Nazis kollaboriert; Polen hatten sich an der Ermordung von
Millionen Juden in ihrem besetzten Land beteiligt – die Liste ließe sich fortsetzen. Dazu kommt, dass die
westeuropäischen Länder sich nicht aus eigener Kraft vom Joch der Nationalsozialisten befreien konnten,
sondern nur mit Hilfe der Amerikaner.
Der Kontinent insgesamt war mit einer grundsätzlichen Frage konfrontiert: Wenn Kant, Goethe, Schiller
und Beethoven Deutschland nicht vor dem Naziregime hatten bewahren können und SS-Offiziere sich zu
Bach-Fugen entspannten; wenn Descartes, Racine, Voltaire und Victor Hugo Vichy nicht hatten verhindern
können; und wenn es möglich gewesen war, dass Dante, Michelangelo, Monteverdi und Puccini mit
Mussolini koexistierten, gab es eigentlich keinen Grund mehr, der westlichen Kultur irgendeinen höheren
Wert zuzuschreiben. Das humanistische Bildungsideal war ja nicht nur als Statussymbol für die oberen
Schichten gedacht gewesen; die westliche Hochkultur von Platon bis Brahms sollte die Menschen nicht
allein intellektuell und ästhetisch, sondern auch moralisch voranbringen.5 Nicht umsonst sprachen die
Briten – nicht ohne eine gewisse Selbstbewunderung – von der Bürde des weißen Mannes, der den
Auftrag habe, den »Wilden« die Segnungen der westlichen Kultur zu bringen. Sogar einer der großen
Denker des Liberalismus, John Stuart Mill, war gegen die Aufhebung der britischen Herrschaft über
Indien, weil er glaubte, die Menschen dort seien nicht in der Lage, aus eigener Kraft das zivilisatorische
Niveau aufrechtzuerhalten, das die Engländer dort etabliert hatten. Diese vermeintlich uneigennützige
Mission war nach 1945 endgültig als Vorwand für ein Projekt der politischen und ökonomischen
Ausbeutung diskreditiert: Der weiße Mann hatte sich als die schlimmste aller Bestien erwiesen.
Der Aufstieg der politischen Korrektheit

Zu den wenigen, die halbwegs glaubhaft behaupten konnten, sie hätten an der Orgie des Bösen nicht
teilgenommen, gehörten die Kommunisten, die der faschistischen Maschine in Westeuropa Widerstand
geleistet hatten. Unterstützt wurde ihre moralische Selbstsicherheit durch die Tatsache, dass die Rote
Armee entscheidenden Anteil am Sieg über Hitler gehabt und den höchsten Preis dafür bezahlt hatte. Der
Kommunismus stand der bürgerlichen Hochkultur von Anfang an skeptisch gegenüber und hatte in dieser
nie einen Garanten der Humanität oder Zivilisiertheit gesehen. Aus marxistischer Sicht handelte es sich
ohnehin nur um einen Überbau, der die ökonomischen Ausbeutungsverhältnisse mit dem dünnen Firnis des
falschen Bewusstseins überdeckte. Nicht umsonst hatte die Sowjetunion – in bedrückender Analogie zum
Naziregime – bürgerliche Kunst als dekadent abgetan und durch einen sozialistischen Realismus ersetzt,
der die proletarische Revolution und den arbeitenden Menschen feiern und verherrlichen sollte. Der
Marxismus-Leninismus jedenfalls wurde zum – in Raymond Arons unsterblicher Formulierung – Opium
der westlichen Intellektuellen,1 die nach dem moralischen Bankrott des Zweiten Weltkrieges krampfhaft
nach einer Wahrheit suchten, an die sie glauben konnten. Koryphäen wie Jean-Paul Sartre sahen im
Sozialismus die einzige ethisch-politische Position, die der Menschheit noch zu Wahrheit und
Gerechtigkeit verhelfen konnte. Die Linke wurde zur Moralpredigerin des Westens und schärfte diesem
ein ums andere Mal ein, wie wenig er der Welt doch zu bieten hatte angesichts der Abgründe, die sich
während der Epoche des Faschismus aufgetan hatten. Das marxistische Opium berauschte einen großen
Teil der Linksintellektuellen so stark, dass sie hellsichtigen Denkern wie Arthur Koestler, der schon
in den vierziger Jahren das Grauen des Stalinismus angesprochen, und Hannah Arendt, die früh
grundlegende Gemeinsamkeiten von Faschismus und Kommunismus herausgearbeitet hatte, kein Gehör
schenkten. Die Linke hatte nun einmal das Licht gesehen und sich darauf verlegt, die Korrumpiertheit des
Westens aus einer marxistischen Perspektive schonungslos anzuklagen.
In den sechziger und siebziger Jahren wurde diese Praxis immer problematischer. Selbst diejenigen, die
Chruschtschows Kritik an Stalin noch ignoriert hatten, mussten anhand Alexander Solschenizyns Archipel
Gulag aus dem Jahr 1973 erkennen, dass die von ihnen idealisierte Sowjetunion nicht das Paradies,
sondern in Wirklichkeit (so der deutsche Titel eines weiteren Buches des russischen Nobelpreisträgers)
Der erste Kreis der Hölle war. Nicht wenige westliche Kommunisten reagierten in dieser Situation,
indem sie noch weiter nach links rutschten und sich dem Maoismus zuwandten – was jedoch beinhaltete,
dass sie die Zustände in Mao Tse-tungs China ausblenden mussten: die Millionen Opfer des Großen
Sprungs nach vorn sowie die Schikanen und Umerziehungslager der Kulturrevolution. Das konnte nicht
lange funktionieren, und so war es in den späten siebziger Jahren für intellektuell und moralisch integere
Linke praktisch nicht länger möglich, Kommunisten zu bleiben. Viele von ihnen hatten den Habitus des
schonungslosen Kritikers des Westens allerdings derart verinnerlicht, dass sie ihn nicht einfach zusammen
mit dem Marxismus über Bord werfen konnten. Doch was blieb den Linksintellektuellen noch, wenn sie
nicht länger zeigen konnten, dass die westliche Kultur auf falschem Bewusstsein, auf Selbsttäuschung und
illegitimen Machstrukturen beruhte? Aus welcher Perspektive konnte man noch kritisieren, nachdem auch
der Marxismus seine Glaubwürdigkeit und moralische Überlegenheit eingebüßt hatte? Gab es überhaupt
noch eine Alternative zur liberalen, kapitalistischen Demokratie? In diesem Vakuum erschien vielen der
postmoderne Relativismus als letzte vertretbare Position. Die Systeme hatten allesamt versagt. Das
Einzige, was laut Jean-François Lyotard in der Postmoderne blieb,2 war die Skepsis gegenüber
sämtlichen großen Narrativen. Darunter fiel auch die Erzählung der Aufklärung, die da lautete, die
Menschen des Westens seien seit drei Jahrhunderten dabei, sich und alle übrigen Erdenbewohner aus der
selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, und hätten der Welt Fortschritt, Sicherheit und Wohlstand
gebracht. All dies galt den Postmodernen nun lediglich als ein weiteres Beispiel für die bequemen Lügen,
die man sich im Westen zurechtgebastelt hatte. Ähnlich wie zuvor das Christentum sei die Geschichte von
Aufklärung und Fortschritt nichts als ein riesiges Täuschungsmanöver gewesen, um die hegemoniale
Stellung des weißen Mannes zu verteidigen und auszubauen.3 Konnte es dafür einen besseren Beweis
geben als den Umstand, dass alle vermeintlich großen Werke der westlichen Kultur (einschließlich des
Kapitals) von weißen Europäern und vielleicht noch Amerikanern verfasst worden waren? In einer
Situation, in der selbst der Marxismus nicht mehr als Alternative zum Kapitalismus taugte, empfanden es
viele Intellektuelle nun als ihre heilige Pflicht, die Aufklärungslüge und den Mythos der universalistischen
Vernunft schonungslos zu entlarven und den »Phallogozentrismus« als machtlegitimierende Fiktion
anzuprangern.
Diese Bewegung blieb nicht auf Europa beschränkt, sie erfasste auch die USA, obgleich diese sich im
20. Jahrhundert mehrfach als Retter der westlichen Zivilisation erwiesen hatten. Ohne die Intervention
und die Opfer der Vereinigten Staaten wäre Hitlers Herrschaft über Europa womöglich nie gebrochen
worden; ohne die Luftbrücke wäre Berlin eventuell der Sowjetunion in die Hände gefallen.
Nichtsdestotrotz war auch die Bilanz der USA alles andere als makellos, wies sie doch ebenfalls
schändliche Episoden auf. Tatsächlich kritisierten seit den sechziger Jahren auch amerikanische
Linksintellektuelle zunehmend die westliche Kultur.4 Überall auf der Welt solidarisierten sich Linke mit
dem Kampf der Afroamerikaner für gleiche Bürgerrechte. Die marxistische Gleichsetzung von
Kapitalismus und Imperialismus war spätestens mit den Studentenunruhen von 1968 auch jenseits des
Atlantiks en vogue, eine Tendenz, die sich angesichts des Vietnamkriegs, des Mitwirkens der CIA beim
Sturz der Regierung Allende in Chile und der Zusammenarbeit mit dem Pinochet-Regime weiter
verstärkte.
Empirisch war diese Kritik häufig gut begründet: Die Sklaverei und die bis in die sechziger Jahre
andauernde gesetzliche Diskriminierung der Afroamerikaner war wirklich ein Grund, sich zu schämen.
Die feministische Kritik an der Konsumkultur, die Frauen mit einer Kombination aus Nylonstrümpfen,
Waschmaschinen und Valium (»Mother's little helpers«) in den goldenen Käfigen ihrer Vorstadthäuschen
einsperrte (die erfolgreiche US-Serie Mad Men vermittelt davon ein anschauliches Bild), war durchaus
überzeugend. Man musste auch kein Kommunist sein, um wie der bedeutende Wirtschaftswissenschaftler
John Kenneth Galbraith zu dem Schluss zu kommen, der militärisch-industrielle Komplex der USA habe
ein enormes Interesse an der Fortführung des Kalten Krieges, oder um den Umstand zu hinterfragen, dass
viele Amerikaner unter dem Einfluss der Werbeindustrie in Marlboro-Zigaretten, dem neuesten
Oldsmobile oder einer General-Electric-Waschmaschine den Himmel auf Erden erblickten.5
Im Endeffekt schloss sich ein großer Teil der amerikanischen Intelligenzija dem europäischen Chor an,
der die Kultur des Westens verdammte. Viele der führenden geisteswissenschaftlichen Fakultäten in den
USA übernahmen die postmoderne Kritik am Westen, die man vor allem aus Frankreich importierte. So
wurden die USA zum wichtigsten Verfechter der Ideologie der politischen Korrektheit; viele Geistes- und
Sozialwissenschaftler reduzierten den Kanon der abendländischen Kultur auf eine Liste von »dead white
men«. Das westliche Erbe wurde als eine Tradition der Unterdrückung anderer Kulturen, von Frauen und
Schwulen dargestellt. Das einzig Sinnvolle, was man damit noch machen konnte, bestand darin, es
lustvoll zu dekonstruieren.
Natürlich verdanken wir diesem Programm auch viele wertvolle Einsichten: So zeigte etwa Michel
Foucault, dass Disziplinen wie die Psychiatrie, deren eigene wissenschaftliche Gesundheit in vielerlei
Hinsicht zweifelhaft war, bestimmte Gruppen als krank kategorisierte, um die gesellschaftliche Ordnung
aufrechtzuerhalten und zu rationalisieren.6 Ein besonders überzeugendes Beispiel war hier der Umgang
mit der Homosexualität, die noch bis in die frühen siebziger Jahre als psychische Störung klassifiziert und
in vielen Ländern strafrechtlich verfolgt wurde. Erst politischer Druck führte dazu, dass sie schrittweise
entkriminalisiert und 1980 in der dritten Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental
Disorders, der von der American Psychiatric Association herausgegebenen Bibel der Psychiatrie, nicht
mehr aufgeführt wurde. Parallel zu dieser Entwicklung verhalf die feministische Literatur von Simone de
Beauvoir bis zu Naomi Wolf Generationen von Frauen zu einer bislang nicht gekannten Freiheit, indem sie
das System der Rationalisierungen dekonstruierte, die Frauen in politisch, wirtschaftlich und kulturell
untergeordneten Positionen festgenagelt hatten.
Das Problem besteht darin, dass diese wertvollen Impulse von einer vagen, dabei aber mächtigen
Ideologie überschattet wurden, die etwas viel Einfacheres und Radikaleres predigte als die
differenzierten Werke vieler Vertreterinnen und Vertreter der Postmoderne: Wahrheit, so lautete die
Maxime, gibt es nicht. Es gibt nur Standpunkte und Perspektiven. Wann immer eine Theorie,
Tatsachenbehauptung oder normative Aussage Objektivität für sich beanspruche, sei dies nichts als ein
Versuch, die eigene Position im Machtgefüge zu festigen.7 Überhaupt sei es illegitim zu behaupten,
bestimmte Wissensformen wie zum Beispiel die moderne Wissenschaft seien anderen Weltanschauungen
überlegen. Alle Weltbilder hätten denselben Anspruch auf Geltung und dürften keinesfalls kritisiert
werden – schon gar nicht vom Westen, der andere Völker und Rassen seit Jahrhunderten unterjocht und
andere Kulturen systematisch zerstört habe.8 Von nun an gelte es, jedes Glaubens- und Wertsystem zu
respektieren, und zwar schon allein deshalb, weil es ein integraler Bestandteil einer Kultur, eines Volkes
oder einer Religion und als solcher konstitutiv für die Identität der entsprechenden Gruppe sei.
Im Hinblick auf das Toleranzprinzip der Aufklärung hatte all das verheerende Folgen. Dieses war ja
ursprünglich formuliert worden, um das Individuum in Fragen der Weltanschauung gegen politischen und
kirchlichen Zwang zu schützen. Zudem gründete es auf der Einsicht, dass Glauben und Wissen zwei
verschiedenen Ordnungen angehörten. Die wissenschaftlichen Durchbrüche und der technologische
Fortschritt im Schlepptau der Aufklärung verdankten sich nicht zuletzt der radikalen Abkehr von
traditionellen Autoritäten. Nichts und niemand sollte gegen Kritik gefeit sein. Mit dem Prinzip der
politischen Korrektheit wurde dieser zentrale Grundsatz auf den Kopf gestellt: Bis auf westliche
Institutionen konnte nun plötzlich gar nichts mehr zum legitimen Objekt der Kritik werden, schon gar nicht,
wenn es einer nichtwestlichen Kultur entstammte. Entsprechende Einwände wurden reflexartig
dekonstruiert und als Ausdruck des Eurozentrismus abgefertigt.9 Das Prinzip der universalen Kritik wurde
durch das Prinzip des universalen Respekts ersetzt. Es war leicht, dies als folgerichtige Ausdehnung des
aufklärerischen Toleranzprinzips misszuverstehen: Hatte die Aufklärung nicht gefordert, dass der Glaube
der anderen respektiert werden musste? In Wahrheit ging es jedoch nicht darum, jeden Glauben und jede
Weltanschauung zu respektieren; betont wurde vielmehr das Recht jedes Individuums, nach bestem Wissen
und Gewissen zu leben und zu glauben. Geschützt werden sollte also das Individuum, nicht der Glaube,
der selbstverständlich als unverständlich, absurd oder gar lächerlich kritisiert werden konnte.
Die Kultur der politischen Korrektheit hatte ihre Machtzentren in sozial- und geisteswissenschaftlichen
Fakultäten, breitete sich ab den siebziger Jahren jedoch als Zeitgeist-Phänomen wie ein Lauffeuer aus.
Eine ganze Generation von Schülern und Studenten wurde in einer Atmosphäre erzogen, in der es nicht
mehr wichtig zu sein schien, handfestes Wissen zu erwerben. Vielmehr brachte man ihnen bei, Theorien zu
kritisieren, die sie möglicherweise gar nicht richtig kannten; sie wuchsen in dem Bewusstsein auf,
innerhalb von Strukturen wie Universitäten, Krankenhäusern oder dem Justizsystem sei jede Form der
Autorität illegitim. Die Idee kultureller und intellektueller Hierarchien sei ein Überbleibsel reaktionärer
Strukturen und gehöre auf den Schutthaufen der Geschichte. Woher nehme sich ausgerechnet die westliche
Kultur das Recht festzulegen, was wertvoll sei und was nicht?10 Gurus, die inkohärente Mischungen
aus indischem Denken, kabbalistischer Metaphysik und einem Ethos der sexuellen Befreiung (das oft mit
der Ausbeutung weiblicher Anhänger des Kultes einherging) lehrten, galten nun als mindestens genauso
bedeutend wie trockene, rationalistische und farblose Denker wie Spinoza, Kant oder Nietzsche (wobei
Letzterer – wenn auch in fragwürdigen Interpretationen – bisweilen noch als akzeptabel durchging). Die
Vorstellung, Bachs h-Moll-Messe könne wertvoller sein als irgendein Popsong oder die Musik eines
afrikanischen Stammes, fiel dem heiligen Zorn der politischen Korrektheit zum Opfer.11
All dies führte zu einer Art intellektueller Lähmung. Wenn nichts begründet, aber auch nichts kritisiert
werden konnte, war jede Meinung legitim. Obwohl sie linke Ursprünge hatte, entdeckten bald auch rechte
Gruppierungen die Vorzüge der politischen Korrektheit.12 So entstand in den Vereinigten Staaten ab den
siebziger Jahren eine neue Welle des fundamentalistischen Protestantismus; Kirchen schossen wie Pilze
aus dem Boden; innerhalb weniger Jahre entwickelten sich einige von ihnen zu Wirtschaftsimperien mit
Millionen von Anhängern. Von außen betrachtet, waren ihre Lehren oft abstrus; angeführt wurden sie
häufig von zweifelhaften Figuren, die mit einem bemerkenswert wachen politischen Instinkt begriffen,
dass auch sie im Windschatten der politischen Korrektheit Immunität gegen Kritik einfordern konnten.
Niemand sei in der Position, einem Menschen das Recht zu bestreiten, seine persönliche Heilslehre zu
verbreiten und seinen Anhängern beträchtliche Summen aus den Taschen zu ziehen, nur weil er (und in der
Regel ging es um Männer) noch vor wenigen Jahren Gebrauchtwagen verkauft hatte und über keine
theologische oder philosophische Ausbildung verfügte. So führte die Ideologie der politischen
Korrektheit in den USA zu einer unheiligen Allianz zwischen Vertretern der extremen Linken und der
extremen Rechten. Erstere kritisierten akademische und kulturelle Autoritäten, weil sie ethnische,
kulturelle, rassische oder sexuelle Minderheiten unterdrückten und die westliche gegenüber allen anderen
Lebensformen privilegierten; Letztere verwarfen jede Forderung nach einer vernünftigen Begründung von
Tatsachenbehauptungen mit dem Hinweis, niemand habe das Recht, ihren Glauben zu kritisieren, und
überhaupt seien solche Begründungsforderungen nur ein Ausdruck der liberalen Hegemonie jener
spirituell verarmten Pseudoelite, welche die großen Universitäten an der Ostküste kontrolliere.
Selbstverständlich gab es in dieser Zeit auch ganz andere Stimmen. Die Mehrheit der Akademiker, auch in
den Sozial- und Geisteswissenschaften, verfiel nie der relativistischen Position der politischen
Korrektheit. Aber die Nüchternheit derjenigen, die nach wie vor die langwierige Arbeit des vernünftigen
Begründens von Tatsachenbehauptungen und Theorien auf sich nahmen, hatte es nicht gerade leicht gegen
den Sexappeal der neuen Freiheit, zu denken, zu glauben und zu meinen, was Spaß machte und einem
einen Wohlfühleffekt verschaffte. Der Zeitgeist war egalitär, populistisch und griff jede Forderung nach
intellektueller oder künstlerischer Qualität als Symptom eines überkommenen Elitismus an. Und mit
dieser Verdammung aller Eliten leben wir in vielerlei Hinsicht bis heute, oft mit weitreichenden
Konsequenzen.
Verantwortliche Meinungsbildung: der Ärztetest

Der Egalitarismus, der keine Autoritäten mehr gelten ließ und darauf pochte, dass die Meinungen aller
Menschen denselben Respekt verdienten, hatte schwerwiegende Folgen, schließlich scheint heute selbst
in hoch entwickelten westlichen Staaten eine Mehrheit der Bürger nicht länger über die intellektuellen
Ressourcen zu verfügen, die für eine verantwortliche Meinungsbildung nötig sind (vorsichtiger
ausgedrückt: zumindest wenden sie sie nicht an). Vor einigen Jahren hat die amerikanische Autorin Susan
Jacoby dazu in ihrem Buch The Age of American Unreason (Das Zeitalter der amerikanischen
Unvernunft1) eine beängstigende Menge von Belegen zusammengetragen. Jacoby führt Studien an, laut
denen siebzig Prozent der US-Bürger im Jahr 2003 nicht in der Lage waren, den Irak auf einer Weltkarte zu
lokalisieren. Noch bedrückender war der Umstand, dass derselbe Prozentsatz der Befragten die Ansicht
vertrat, detailliertes Wissen über den Irak sei gar nicht erforderlich, um eine Meinung zu der Frage zu
haben, was dort nun geschehen solle. Doch worauf soll man politische Einschätzung sonst stützen? Das
wird im entsprechenden Diskurs nicht ganz klar. Die Antwort vieler konservativer Politiker und der
Kommentatoren rechter Medien wie zum Beispiel Fox News lautete, gute Amerikaner hätten eben
tiefempfundene Werte, und diese seien als Grundlage der politischen Urteilsfindung genauso hilfreich wie
Sachkenntnisse oder akademische Argumente. Als besonders problematisch erwies sich, dass diese
Haltung nicht nur in der amerikanischen Bevölkerung vorherrschte, sondern auch in der Regierung von
George W. Bush. Dies belegen detaillierte Schilderungen der Entscheidungsprozesse hinter der Irak-
Invasion, wie sie beispielsweise der Journalist Bob Woodward vorgelegt hat (ein damaliger Mitarbeiter
des Weißen Hauses hat diese Beschreibungen mir gegenüber bestätigt).2 Auch Bush zeichnete sich durch
einen tief empfundenen Glauben aus; die Entscheidung »Let's do this« beruhte vor allem auf moralischen
Überzeugungen. Die Konsequenzen dieser Ignoranz gegenüber der ethnischen und religiösen Komplexität
des Iraks können wir bis heute beobachten: Die Vorhersage, ein Sturz Saddam Husseins werde qua
Dominoeffekt eine Demokratisierung des gesamten Nahen Ostens bewirken, entpuppte sich als hochgradig
naiv.3 Das Gegenteil ist der Fall: Der Irak, der mit al-Qaida vor 2001 praktisch nichts zu tun gehabt hatte,
ist heute eine Hochburg dschihadistischer Organisationen.
Die Tendenz, eher Überzeugungen zu folgen als wohlbegründeten Sachargumenten, ist vollkommen
irrational. US-Truppen in den Irak zu schicken, ist schließlich eine Frage von Leben und Tod. Ist es nicht
die Pflicht eines jeden Politikers, solche Entscheidungen so verantwortlich wie irgend möglich
abzuwägen und zu begründen? Um genauer bestimmen zu können, wann welche Argumente zählen sollen,
möchte ich ein ganz einfaches Prinzip vorschlagen: den Ärztetest. Stellen Sie sich vor, ein geliebtes
Familienmitglied ist schwer krank – was erwarten Sie von dem behandelnden Arzt? Was würden Sie
sagen, wenn sie oder er die Entscheidung für eine bestimmte Darmkrebstherapie mit seinem Glauben
begründet und einschlägige klinische Studien ignoriert? Würden Sie das akzeptieren? Ich gehe stark davon
aus, dass in einem solchen Fall selbst amerikanische Rechte, die Erkenntnisse zum Klimawandel leugnen,
obwohl 97 Prozent aller Experten sich darüber einig sind,4 einen solchen Arzt wegen Fahrlässigkeit und
Missachtung seiner beruflichen Pflichten anzeigen würden. Ein zweites Thema, bei dem Menschen in der
Regel überhaupt keinen Relativismus tolerieren, ist Geld. Nehmen wir einmal an, der Direktor der Bank,
bei der Sie Ihr Konto haben, würde Ihnen eines Tages eröffnen, Ihr Kontostand sei eine Sache seiner
inneren Überzeugung, nicht das Ergebnis der exakten Saldierung von Einnahmen und Ausgaben – ich
vermute (und weiß aus Erfahrung), dass selbst die frommsten Menschen dafür keinerlei Verständnis hätten
und sofort die Polizei anrufen würden. Überträgt man das Prinzip des Ärztetests auf den Kontext der
zivilisierten Verachtung, würde dies bedeuten, dass Menschen moralisch dazu verpflichtet sind, bei
schwerwiegenden politischen, rechtlichen oder das Zusammenleben der Kulturen betreffenden Fragen
dieselben epistemischen Maßstäbe anzuwenden wie in den Bereichen der Medizin oder persönlichen
Finanzen. Wer dies nicht tut, legt eine Doppelmoral an den Tag, die es aus der Perspektive der
zivilisierten Verachtung zu kritisieren gilt.
Eine Kultur der zivilisierten Verachtung beruht somit auf einer intellektuellen Selbstdisziplin, die dazu
verpflichtet, Informationen zu sammeln und diese sorgfältig abzuwägen; und auf dem Willen, diese
Disziplin konsequent aufzubringen – genau darin besteht nämlich das Prinzip der verantwortlichen
Meinungsbildung. Zivilisierte Verachtung ist dann angebracht, wenn Menschen sich diesen Anforderungen
entziehen, weil sie es bequemer finden, Tatsachenbehauptungen zu akzeptieren, die zu ihren emotionalen
oder weltanschaulichen Präferenzen passen, selbst wenn sich leicht Indizien finden lassen, die diesen
Behauptungen widersprechen. Eine solche Tendenz zur kognitiven Verzerrung ist in allen Lagern zu
finden. Im spezifischen Fall der US-Politik ist die Aversion der amerikanischen Rechten gegen
intellektuelle Eliten recht einfach zu erklären: Demografische Untersuchungen zeigen klar, dass
Akademiker in allen Disziplinen, vor allem aber in den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften
überwiegend dem liberalen Lager zuzurechnen sind.5 Soziologisch betrachtet, hat das damit zu tun, dass
der Bezugsrahmen der Forschung in der Regel ein globaler ist, weshalb Wissenschaftler in der Regel
universalistisch orientiert sind, da ihre Ergebnisse weltweit Gültigkeit beanspruchen. Die Idee, es
gebe so etwas wie eine deutsche, amerikanische oder jüdische Wissenschaft, wurde zwar in
faschistischen Regimes wie dem »Dritten Reich« vertreten; und zu Stalins Zeiten herrschte auch in der
Sowjetunion die Ansicht vor, man könne zwischen einer sozialistischen und einer bürgerlichen
Wissenschaft unterscheiden. In der Gegenwart wäre eine solche Sichtweise jedoch absolut inakzeptabel;
man würde sie als unzulässige Einmischung in einen Bereich zurückweisen, in dem politische Argumente
nichts zu suchen haben (freilich in dem Bewusstsein, dass vollkommene politische Neutralität ein
regulatives Ideal darstellt, dass sich nie zu 100 Prozent verwirklichen lässt).
Die universalistische Ausrichtung der Forschung ist jedenfalls der Grund, weshalb die amerikanische
Rechte dazu tendiert, Wissenschaftlern eine grundsätzliche Feindseligkeit gegenüber ihren Positionen zu
unterstellen. Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat dies zur Gründung konservativer
Thinktanks geführt, die der Hegemonie der liberalen Eliteuniversitäten entgegenwirken sollten, was sicher
dazu beitrug, dass konservative politische Positionen besser durchformuliert wurden.6 An der Art, wie
Natur- und Sozialwissenschaftler mit Fakten umgehen, änderte dies zum Leidwesen vieler Konservativer
nichts. Was die amerikanische Rechte außer Acht gelassen hatte, war der Umstand, dass akademische
Studien in der Regel nicht politisch, sondern inhaltlich motiviert sind. Ergebnisse werden normalerweise
nicht manipuliert. Die Wut auf die Forschung resultiert daher oft aus dem Zorn darüber, dass man selbst
nicht aktiv an Diskussionen teilnehmen kann, wenn man die relevanten intellektuellen Mittel dazu nicht
hat – ganz unabhängig von der politischen Orientierung.
Die von Ressentiments motivierte (und von der politischen Korrektheit häufig unterstützte)
Selbsttäuschung beginnt oft bereits dort, wo es notwendig wäre, intellektuelle Anstrengungen auf sich zu
nehmen und die nötigen Kenntnisse zu erwerben, um das Kriterium der verantwortlichen Meinungsbildung
zu erfüllen. Wenn die Überzeugung vorherrscht, alle Ansichten – ob nun substanziell begründet, auf tief
empfundenen Werten beruhend oder aus dem Bauch heraus formuliert – verdienten denselben Respekt,
geht das Niveau von Debatten regelmäßig in den Keller. Das beste Beispiel ist hier die Diskussion um die
globale Erwärmung.7 Amerikanische Rechte behaupten seit Jahren, die These, wonach der Klimawandel
anthropogene Ursachen habe, sei die Erfindung einer linksliberalen Koalition, die den freien Markt
abschaffen wolle. Selbst der Hinweis, dass 97 Prozent aller Klimaforscher diese Ansicht teilen, wird als
politische Manipulation abgetan. Auf eine sachliche Debatte über empirische Ergebnisse lassen sich die
Konservativen gar nicht erst herab. Eine solche allein von eigenen Überzeugungen oder
Geschäftsinteressen motivierte Missachtung wissenschaftlicher Befunde ist ein Musterbeispiel für eine
Haltung, der wir mit zivilisierter Verachtung begegnen sollten.
Ein anderes Beispiel ist die Leugnung des Zusammenhangs zwischen dem HI-Virus und der Krankheit
Aids.8 Afrikanische Spitzenpolitiker wie der frühere südafrikanische Staatspräsident Thabo Mbeki haben
wiederholt behauptet, Armut sei die eigentliche Ursache von Aids, und der Westen habe die HIV-Theorie
erfunden, um den Kontinent auch weiterhin zu kontrollieren. Aus der Perspektive der politischen
Korrektheit könnte man diesen Unwillen, den Tatsachen ins Auge zu sehen, als Ausdruck einer anderen
Kultur respektieren. Aus der Logik der zivilisierten Verachtung heraus gilt es hingegen, diesen Standpunkt
anzuprangern, der beispielsweise dazu geführt hat, dass in den letzten zwanzig Jahren Tausende
weiblicher Teenager mit HIV infiziert wurden, weil infizierte Männer laut dem Volksglauben durch
Geschlechtsverkehr mit Jungfrauen geheilt werden können.
Die große Herausforderung besteht nun darin, Maßstäbe zu formulieren, anhand deren sich entscheiden
lässt, welcher Kenntnisstand als Minimalvoraussetzung gelten soll, um an entsprechenden Diskussionen
teilzunehmen. Wer die wissenschaftlichen Details der Debatte um den Klimawandel und die Ursachen von
Aids nachvollziehen will, muss statistische Verfahren beherrschen, mit denen Hypothesen empirisch
getestet werden und die ihrerseits mathematisches Wissen voraussetzen. Außerdem muss er über gewisse
Fachkenntnisse verfügen. Im Zeitalter hoch spezialisierter und hyperkomplexer Wissenssysteme ist dies in
vielen Fällen gar nicht mehr möglich; die wenigsten Laien sind heute noch in der Lage, alle Argumente
rund um den Klimawandel, die genetischen Grundlagen bestimmter Krankheiten oder die Existenz des
Higgs-Bosons nachzuvollziehen, geschweige denn zu überprüfen. Und das Problem ist keineswegs auf die
Naturwissenschaften beschränkt: Selbst Sozialwissenschaftlern anderer Disziplinen fällt es schwer zu
entscheiden, welche Seite in ökonomischen Fachdebatten, die uns als Bürger unmittelbar angehen, recht
hat. Das aktuell relevanteste Beispiel ist die Auseinandersetzung zwischen neoliberalen und
neokeynesianischen Wissenschaftlern über die Frage, ob man in einer Finanzkrise eher durch
Sparmaßnahmen den Staatshaushalt stabilisieren oder durch neue Schulden und Konjunkturprogramme die
Wirtschaft ankurbeln soll.
Läuft all dies darauf hinaus, dass es gar nicht möglich ist, das Kriterium der verantwortlichen
Meinungsbildung zu erfüllen? Sind die meisten Menschen in unseren hyperkomplexen Gesellschaften zur
Ignoranz verurteilt? Ich halte diese Folgerung für einen Kurzschluss. In den letzten Jahrzehnten haben wir
erlebt, wie eine Kultur der Vermittlung spezialisierten Wissens an ein breites Publikum entstanden ist.9
Bedeutende Wissenschaftler wie der Physiker Stephen Hawking, der Evolutionsbiologe Richard
Dawkins, der Psychologe Steven Pinker, der Neurophysiologe Eric Kandel und Ökonomen wie Joseph
Stiglitz und Paul Krugman haben diese Kunst auf ein neues Niveau gehoben. Ähnliches lässt sich auch in
geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie Geschichte, Philosophie oder der Biblischen Archäologie
beobachten. Nicht zuletzt weil das Internet den Zugang zu Wissen enorm erleichtert hat, haben
interessierte Laien heute ganz andere Möglichkeiten, sich zu informieren und ihre politischen Urteile auf
diese Weise zu fundieren.
Gleichwohl wäre es natürlich eine Illusion zu glauben, politische Ansichten ließen sich in jedem
einzelnen Fall wissenschaftlich eindeutig begründen. Dies ist weder in der Ökonomie noch in den
Disziplinen der Fall, in denen ich selbst arbeite (etwa in der Terrorismusforschung).10 Was man
allerdings sehr wohl kann, ist, bestimmte Dogmen anhand von Forschungsergebnissen widerlegen. So
behauptet die politische Rechte im Westen beispielsweise immer wieder, der Islam sei strukturell nicht
demokratiefähig und tendiere stärker zur Gewalt als andere Religionen; als Belege für diese Behauptung
werden dann häufig Termini wie Dschihad oder Schahid (der arabische Begriff bezeichnet einen
Märtyrer, der im Kampf für den Islam zu Tode gekommen ist) angeführt. Es ist kurios, wie leicht es
Verfechtern dieser These fällt, die Tatsache zu ignorieren, dass die größten Völkermorde der
Menschheitsgeschichte von christlich geprägten Nationen des Westens verübt wurden und keineswegs
vom Islam.11 Man benötigt auch kein übertrieben ausgefeiltes Forschungsinstrumentarium, um
herauszufinden, dass es lange Zeit die Tamilischen Tiger waren (eine nationale Befreiungsbewegung in
Sri Lanka, die mit dem Islam überhaupt nichts zu tun hat), welche die Liste der Gruppierungen anführten,
die die meisten Selbstmordanschläge verübt haben. Ähnliches gilt für Thilo Sarrazins bereits erwähnte
Behauptung, muslimische Einwanderer seien in Deutschland genetisch zu einer Existenz in der
Unterschicht verdammt – eine These, die von Sozialwissenschaftlern als empirisch vollkommen
unbegründet verworfen wurde.12
Selbst wenn der Kenntnisstand der Wissenschaft es bei vielen wichtigen Themen nicht ermöglicht,
eindeutige Handlungsanweisungen für die Praxis abzuleiten, ist es umgekehrt doch so, dass zumindest
bestimmte hartnäckige Vorurteile entkräftet werden können. Gerade das ist der Grund, warum viele
Menschen der Wissenschaft feindselig gegenüberstehen. Kollektive Identitäten basieren oft auf Mythen,
die einer kritischen Überprüfung nicht standhalten.13 Das lässt sich anhand zweier miteinander
verbundener Beispiele gut veranschaulichen: Die meisten Israelis sind seit 1948 in dem Glauben erzogen
worden, für das palästinensische Flüchtlingsproblem (nach den Kriegen von 1948 und 1967 leben heute
ca. viereinhalb Millionen Palästinenser ohne Staatsbürgerrechte in benachbarten arabischen Ländern) sei
ausschließlich die arabische Führung der späten vierziger Jahre verantwortlich.14 Diese habe die
Palästinenser damals aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen, um den Angriff der vereinigten Armeen
Syriens, Jordaniens, des Iraks und Ägyptens zu ermöglichen. Nach der Niederlage seien diese Flüchtlinge
nirgendwo eingebürgert worden, um weiterhin Argumente gegen das Existenzrecht Israels in der Hand zu
haben. Dieses Narrativ wurde Ende der achtziger Jahre dann von israelischer Seite aus infrage gestellt.
Historiker wie Benny Morris hatten nun Zugang zu israelischen Archiven und brachten Licht in das
Vorgehen der Ben-Gurion-Regierung im Zusammenhang mit der Staatsgründung im Mai 1948. David Ben-
Gurion war sich sehr wohl bewusst, dass Israels Unabhängigkeitserklärung wahrscheinlich eine arabische
Offensive auslösen würde. Seine Regierung verfolgte insgeheim den Plan, im Chaos des erwarteten
Krieges möglichst viele Palästinenser zu vertreiben. Man ging davon aus, dass man nur durch massive
ethnische Säuberungen gewährleisten konnte, dass es im neuen Staat eine jüdische Bevölkerungsmehrheit
geben würde – eine Grundvoraussetzung, um das Land später demokratisch regieren zu können. Benny
Morris, Avi Shlaim und andere Neue Historiker dokumentierten ab 1988 in einer Serie von Büchern, dass
die israelische Armee den sogenannten »Plan D« systematisch umgesetzt und die Mehrheit der 750 ​000
Palästinenser durch Massaker, Einschüchterungen und andere gewaltsame Druckmittel zur Flucht
veranlasste. Die Arbeiten der Neuen Historiker wurden von der israelischen Öffentlichkeit
erwartungsgemäß nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen. Die Identität des Landes basierte auf dem
Narrativ, Israel sei moralisch fehlerfrei und das jüdische Volk habe einen unantastbaren Anspruch auf das
Heimatland, das man nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch römische Truppen im Jahr 70
nach Christus verlassen hatte. Der ursprüngliche Slogan des Zionismus – »Ein Land ohne Volk für ein Volk
ohne Land« – zeigt, dass man die arabische Bevölkerung Palästinas seinerzeit einfach ignoriert hatte. Die
Neuen Historiker wurden bald als antizionistische Israelhasser verleumdet, und ihr führender Kopf Benny
Morris hatte Schwierigkeiten, in Israel eine Professur zu bekommen. Bis heute haben viele Israelis große
Mühe, die historischen Fakten in ihr Selbstbild zu integrieren, und die politische Rechte versucht
krampfhaft, die alte, selbstgerechte Position aufrechtzuerhalten. Die Folgen sind bekannt. Bis heute hat
keine israelische Regierung den entscheidenden Schritt unternommen, sich gemäß der UN-Resolution 242
aus dem Jahr 1967 aus allen im Sechstagekrieg eroberten Gebieten zurückzuziehen und somit den Weg frei
zu machen für einen selbstständigen palästinensischen Staat. Mit diesen Hinweisen möchte ich nicht
behaupten, dass sich aus der historischen Forschung ein Patentrezept für die Lösung des Israel-Palästina-
Konflikts ableiten lässt, aber das Beispiel zeigt doch die zentrale Bedeutung des Prinzips der
verantwortlichen Meinungsbildung für politische Entscheidungsprozesse und dass wissenschaftliche
Befunde auf Vorurteilen gegründete kollektive Identitäten infrage stellen können.
Der Selbstgerechtigkeit des israelischen Narrativs entspricht bedrückenderweise beinahe spiegelbildlich
die palästinensische Version, die von einigen Strömungen innerhalb der europäischen und amerikanischen
Linken oft unkritisch übernommen und sogar noch verstärkt wird. Hier gelten die Palästinenser
ausschließlich als Opfer, die zu keinem Zeitpunkt Einfluss auf ihr Schicksal hatten. Um zu wissen, dass
dabei ebenfalls geschichtliche Tatsachen ausgeblendet werden, muss man keine großen historischen
Untersuchungen anstellen. Schon in den zwanziger Jahren zogen die Palästinenser den antisemitischen und
nationalistischen Husseini-Clan der eher kosmopolitischen Nusseibeh-Familie vor, die seit Jahrhunderten
den Schlüssel der Grabeskirche verwahrt.15 Die palästinensische Führung unter Amin al-Husseini pflegte
enge Beziehungen zu Nazideutschland, al-Husseini lebte von 1941 bis zum Kriegsende in Berlin, von wo
aus er muslimische Einheiten der Wehrmacht und der Waffen-SS aufbaute, und erhielt von Hitler die
Zusage, man werde die »Endlösung« auch in Palästina umsetzen.16 1947 lehnten die arabischen Führer
dann den Teilungsplan der UN ab, der knapp die Hälfte des vormaligen britischen Mandatsgebiets (ohne
Transjordanien) für die Palästinenser vorsah – ein weit größeres Gebiet, als heute im Kontext der
Zweistaatenlösung diskutiert wird. Zudem leisteten auch wichtige Palästinenserführer ihren Beitrag zur
Pflege einer antisemitischen Mythologie. Mahmud Abbas, seit 2005 Präsident der Palästinensischen
Autonomiebehörde, reichte 1982 an der Patrice-Lumumba-Universität in Moskau eine Dissertation ein, in
der er behauptete, die Zionisten hätten im Zusammenhang mit der »Endlösung« mit dem »Dritten Reich«
kollaboriert, um die europäischen Juden zur Flucht nach Israel bewegen; die Zahl von sechs Millionen im
Holocaust ermordeter Juden sei überdies deutlich zu hoch17 – eine These, die nicht nur den Tatsachen
widerspricht, sondern auch stark antisemitische Untertöne aufweist (wobei erwähnt sei, dass Abbas sich
später von seiner Doktorarbeit distanzierte und den Holocaust als eines der größten Verbrechen in der
Geschichte der Menschheit bezeichnete18). Die Charta der Hamas, um ein letztes Beispiel zu nennen, ruft
ausdrücklich zur Tötung der Juden auf, übernimmt die Theorie einer Verschwörung des Weltjudentums und
bezieht sich dabei unter anderem auf die Protokolle der Weisen von Zion (ein von der Forschung längst
eindeutig als Fälschung entlarvtes Dokument).19 Als Mussa Abu Marsuk, eine der führenden Figuren der
Hamas, in einem Interview gefragt wurde, warum die Protokolle in der Charta weiterhin erwähnt würden,
antwortete er, die Zionisten hätten diesen Text geschrieben und heute verleugneten sie ihn.20 Die daraus
resultierende Dämonisierung Israels, des Zionismus und der Juden ist epistemisch unhaltbar, moralisch
inakzeptabel und hat natürlich die Konsequenz, dass große Teile der palästinensischen Bevölkerung nicht
das geringste Verständnis für Israels Situation und Mentalität haben.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beide Seiten, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, nicht
willens oder in der Lage sind, sich von nachweislich falschen Tatsachenbehauptungen zu lösen, auf denen
ihr selbstgerechtes Narrativ jeweils basiert. Der Israel-Palästina-Konflikt ist insofern ein sehr gutes
Beispiel dafür, was für eine konstruktive Rolle ein Ethos der verantwortlichen Meinungsbildung spielen
könnte, wo es darum geht, Blutvergießen und Leid zu vermeiden: Die Unfähigkeit, Fakten und damit auch
die Geschichte des anderen zu akzeptieren, vertieft diesen Konflikt seit vielen Jahrzehnten und macht
seine Lösung so außerordentlich schwierig.
Das Prinzip der verantwortlichen Meinungsbildung ist sicher kein Allheilmittel für alle kulturellen,
politischen oder religiösen Konflikte, denen die Menschheit heute gegenübersteht. Konsequent umgesetzt,
könnte es jedoch zu einer Versachlichung öffentlicher Diskussionen beitragen. Das Problem besteht darin,
dass sowohl die extreme Rechte als auch die extreme Linke in der »Ersten« als auch viele Gruppierungen
in der »Dritten Welt« dieses Prinzip nicht respektieren. Die hier skizzierten Beispiele zeigen, dass man
zwar über gewisse Grundkenntnisse verfügen muss, um sich eine fundierte, wissenschaftlich abgesicherte
Meinung zu bilden, dass das notwendige Instrumentarium, um Informationen zu finden und kritisch zu
beurteilen, den Menschen in entwickelten Volkswirtschaften jedoch prinzipiell zugänglich sein sollte.
Wirklich anwenden können sie es freilich nur dann, wenn sie zuvor zu jenem aufklärerischen
Selbstbewusstsein zurückfinden, das von der Ideologie der politischen Korrektheit zuletzt zunehmend
gelähmt wurde. Auf dieses Thema werde ich am Ende dieses Essays noch einmal zurückkommen.
Wenn Ressentiment zur Tugend wird

Sowohl die Rechte als auch die Linke haben es sich zum Prinzip gemacht, Eliten zu misstrauen.
Spezialisten in relevanten Gebieten, sei es Ökonomie, Biologie, Medizin oder Terrorforschung, werden
oft als nicht repräsentativ für den Volkswillen und als Vertreter einer distanzierten Elite wahrgenommen,
die ihre eigenen Interessen verteidigt. Natürlich kann niemand ausschließen, dass das bisweilen der Fall
ist; als pauschale Aussage über Wissenschaftler ist dieser Vorwurf allerdings unverantwortlich. Wo es
nicht um wirtschaftliche oder politische, sondern um meritokratische Eliten geht, die ihren Status durch
Leistung erworben haben, ist der Elitismus-Vorwurf meist eine Frage des Ressentiments. Dieses mag
menschlich verständlich sein, ist deswegen aber noch lange nicht akzeptabel. Jeder von uns kennt das
unangenehme Gefühl, wenn man bei Diskussionen zu bestimmten Themen nicht als gleichwertiger Partner
behandelt wird. Ich kann mich zum Beispiel gut erinnern, wie es mir ging, als ich 2003 im Vorfeld der
israelischen Parlamentswahlen im Strategieteam der Arbeiterpartei mitwirkte: Wenn es um mein
Spezialgebiet ging, hatte meine Meinung Gewicht. Standen jedoch wichtige strategische Entscheidungen
an, durfte ich nicht mitreden. Ich war oft zornig, empfand das als Missachtung meiner Positionen;
insgeheim war mir aber klar, dass es dafür gute Gründe gab. Das Team bestand hauptsächlich aus
Politikern, Meinungsforschern und PR-Leuten, die schon viele solche Kampagnen hinter sich hatten, ich
hingegen war ein kompletter Neuling. Es fiel mir nicht immer leicht, mit meinem eigenen Ressentiment
fertig zu werden, aber ich versuchte zumindest, es in Schach zu halten. Vor allem durfte ich nicht zulassen,
dass meine professionellen Ansichten durch Gefühle wie Neid verzerrt wurden.
Das Ziel der politischen Korrektheit bestand unter anderem darin, dafür zu sorgen, dass niemand Neid
oder Schmerz empfinden muss, weil andere Menschen ihr oder ihm in irgendeiner Hinsicht überlegen
sind. So nobel die dahinter stehenden Absichten auch sind, so problematisch sind die Folgen. Oft klingt es
wie ein Witz, wenn man über eine klein gewachsene Person sagt, sie sei »vertically challenged«, oder
wenn ein Mann mit Glatze (ein Thema, zu dem der Autor dieses Essays eine ganz eigene Beziehung hat)
als »hair-challenged« bezeichnet wird. Was in diesen Fällen schlimmstenfalls lächerlich wirkt, kann
großen Schaden anrichten, wo Fragen berührt werden, bei denen inhaltliche Kompetenz eine Rolle spielt.
Während der Achtundsechziger-Revolte gehörte es zum guten Ton, dass die Studierenden dem
Lehrpersonal das Recht absprachen, darüber zu bestimmen, was gelehrt und was gewusst werden sollte.
Selbstverständlich hatte es seine Vorteile, dass Hierarchien aufgeweicht und Professoren zu mehr
Flexibilität gezwungen wurden. Aber die Tendenz, jede fachliche Autorität infrage zu stellen,
kennzeichnet den Lehrbetrieb bis in die Gegenwart: Studien zeigen, dass Professoren zunehmend den
Druck verspüren, Studenten gute Noten geben zu müssen, weil diese positive Zensuren als ihr gutes Recht
verstehen, nicht als Auszeichnung, die man sich verdienen muss.1 Gleichzeitig haben Lehrende in vielen
Fächern den Eindruck, es werde immer heikler, Studenten zu kritisieren oder ihnen Leistung
abzuverlangen. Auch das hat zum Teil mit der politischen Korrektheit zu tun: Statistisch betrachtet, ist
intellektuelle Begabung (wie die meisten Persönlichkeitseigenschaften) normalverteilt. Im Klartext
bedeutet das eben, dass nicht alle Studenten gleich talentiert sind. Es lässt sich also nicht vermeiden, dass
die meisten Studenten immer wieder mit dem Schmerz konfrontiert sein werden, bestimmten
Kommilitonen unterlegen zu sein. Wir akzeptieren das im Fußball, im Showbusiness, aber auch in Fächern
wie Medizin, Jura oder den Ingenieurwissenschaften, wo Leistung sich tendenziell objektiver bewerten
lässt – in »weicheren« Fächern fällt es jedoch vielen Studierenden schwer. Ähnliche Phänomene zeigen
sich im Zusammenhang mit Einkommen: Von ihren sozialistischen Wurzeln hat die politische Korrektheit
die Neigung übernommen, sich nicht so recht mit der Tatsache anfreunden zu können, dass es so etwas gibt
wie geschäftliche Begabung und dass diese in einer liberalen Marktwirtschaft eben große Vorteile mit
sich bringt. Mir geht es hier keineswegs darum, nepotistische Eliten und undurchlässige Klassenstrukturen
zu verteidigen, aber wir müssen einsehen, dass mit der Ideologie der politischen Korrektheit etwas
erreicht werden sollte, was schlechterdings unmöglich ist: Menschen vor Gefühlen wie Neid und dem
Schmerz angesichts von Unterlegenheit zu bewahren.
Das Resultat ist eine Kultur, die das Ressentiment zur Tugend stilisiert hat.2 Man hat zwei vollkommen
unterschiedliche Themen heillos miteinander vermengt. Auf der einen Seite das Ideal der Aufklärung,
nach dem alle Menschen von Geburt an gewisse Grundrechte haben: das Recht auf freie Entfaltung,
körperliche Unversehrtheit, Meinungsfreiheit, Menschenwürde usw. Dieses Ideal zersetzte nach und nach
Gesellschaftsordnungen, in denen manche Menschen qua Stand Privilegien genossen, in denen Adlige
Bauern oder andere kleine Leute erniedrigen und ausbeuten konnten. Konsequenterweise wurden und
werden in modernen Demokratien daher Rufe nach Chancengleichheit laut, die sowohl in ethischer als
auch in praktischer Hinsicht von großer Bedeutung ist. Aus der Perspektive der politischen Korrektheit –
und damit sind wir beim zweiten Punkt – wurde daraus jedoch der Anspruch auf vollkommene Gleichheit
und die Forderung nach der Nivellierung aller Hierarchien und Unterschiede. Was hier verwechselt wird,
sind das Aufklärungsideal der Gleichheit und das Recht, niemals Neid oder Unterlegenheit empfinden zu
müssen. Letzteres ist als Recht aber überhaupt nicht realisierbar: Jeder Mensch, so begabt er oder sie
auch sein mag, wird schon rein logisch irgendjemand anderem in irgendeiner Hinsicht unterlegen sein, ob
es dabei nun um athletisches, schauspielerisches, schriftstellerisches, mathematisches oder geschäftliches
Talent geht. Nietzsches Analyse des Ressentiments bleibt in dieser Hinsicht absolut einschlägig: Wenn es
nicht gelingt, Ressentiments kulturell in Schach zu halten, wenn sie vielmehr zur Tugend gemacht werden,
hat dies einen hohen Preis.3 Es entsteht dann nämlich eine öffentliche Kultur des kleinsten gemeinsamen
Nenners, in der nichts, was irgendjemanden aus der Diskussion ausschließen könnte, erlaubt ist.
Eine solche Nivellierung der Kultur gründet natürlich immer auf einer Art Lebenslüge: Niemand will
ernsthaft in einer Kultur leben, in der nichts Außerordentliches geleistet werden kann oder darf. Jeder
will, dass die Chirurgin, die sein Kind operiert, so begabt und gut ausgebildet ist wie irgend möglich. Der
Einwand, es sei doch ungerecht, dass nicht jeder Chirurg werden kann, würde zu Recht als absurd
wahrgenommen. Und tatsächlich wäre ein Hochschul- und Gesundheitssystem ohne strenge
Auswahlkriterien für Chirurgen ein ethischer Skandal. Wir alle wünschen uns Filme von genialen
Regisseuren, hoch qualifizierte Ökonomen an der Spitze der Zentralbanken und Piloten, die harte
Prüfungen bestanden haben. Die Logik der politischen Korrektheit ist insofern einfach nicht kohärent:
Komplexe moderne Gesellschaften funktionieren ohne Spitzenleistungen nicht,4 daher müssen wir alle in
einem gewissen Ausmaß mit der Erfahrung der Unterlegenheit zurechtkommen. Gleichzeitig wird aber
permanent der krampfhafte Versuch unternommen, Qualitätsunterschiede und Hierarchien zu vertuschen,
um so die Anlässe zum Neid zu minimieren. Auch an dieser Stelle gibt es wieder eine unheilige Allianz
zwischen der extremen Rechten und der extremen Linken. Letztere hat ein Problem mit Spitzenleistungen,
weil damit in der Regel ökonomische Privilegien verbunden sind; Erstere hat die populistische Tendenz,
das Spezialwissen der Hochqualifizierten zu relativieren oder gar für irrelevant zu erklären und durch die
Meinungen, die tief empfundenen Werte, den Glauben oder das Bauchgefühl der Laien und der
Stammtischbrüder zu ersetzen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Das Resultat ist in beiden Fällen
dasselbe: Eine von Ressentiments getriebene Tendenz zur Nivellierung tritt an die Stelle der
verantwortlichen Meinungsbildung.
Die Fähigkeit, diesen Neid auszuhalten, ist ein Element einer Kultur der zivilisierten Verachtung. Jeder
von uns muss sie entwickeln, denn unabhängig davon, wie lang man geübt oder studiert oder trainiert hat,
wird es in hyperkomplexen Gesellschaften mit ausdifferenzierten Spezialgebieten immer Diskussionen
geben, von denen man nichts versteht und bei denen man nicht mitreden kann.
Die Ethik der verantwortlichen Meinungsbildung hat also nicht nur kognitive, sondern auch emotionale
Komponenten: Wir alle müssen lernen, mit Zorn, Neid und Ressentiment zu leben, ohne unsere Urteilskraft
auszuschalten. Das erfordert die Selbstdisziplin, vor dem seelischen Schmerz angesichts der
Überlegenheit des anderen nicht zurückzuschrecken, sondern uns darin zu üben, diesen Schmerz
auszuhalten.5 »Kultur der Bewunderung« klänge sicherlich netter, und die Fähigkeit zur Bewunderung
großer Leistungen und menschlicher Qualitäten ist in der Tat ein integraler Bestandteil jeder Hochkultur
und eine Eigenschaft jeder entwickelten Persönlichkeit. Mir ist es aber wichtig zu betonen, dass auch
diese Fähigkeit den Schmerz darüber, dass andere etwas besser können als man selbst, nicht zum
Verschwinden bringen wird. Diesen Schmerz aushalten zu können ist für die seelische Gesundheit von
zentraler Bedeutung, wie die folgende Analogie illustriert: Wer Sport treibt, weiß, wie wichtig es ist, sich
nach dem Training zu dehnen. Das tut weh, denn verkrampfte Muskeln wehren sich dagegen, gedehnt zu
werden. Wer diesem Schmerz entgehen will, wird mit verkrampften Muskeln nach Hause gehen, die nicht
nur wehtun, sondern auch die Bewegungsfreiheit einschränken. Wer den Schmerz des Widerstandes
erträgt, akzeptiert und sich sozusagen mit ihm anfreundet, bringt die Muskeln langsam, aber sicher dazu,
die Dehnung zu tolerieren, und gewinnt damit an Geschmeidigkeit und Wohlbefinden. Ähnliches gilt für
die Seele: Wer den Schmerz des Neides nicht erträgt und vor ihm zurückscheut, ist zur seelischen
Verkrampfung verurteilt, die sich im Ressentiment ausdrückt. Im Endeffekt wird er weder die Schönheit
noch die Größe der anderen und ihrer Leistungen genießen können und mit der bitteren Erkenntnis leben
müssen, dass er vieles nicht (so gut) kann. Die Kultur der zivilisierten Verachtung stellt sich diesem
Ressentiment – und muss entsprechend mit erheblichem Widerstand rechnen. Es ist eine unserer
Aufgaben, bei uns und bei anderen zu diagnostizieren, wann Meinungsbildung und Bewertungen von
Ressentiment motiviert sind. Verzerrungen und Selbsttäuschungen können hier schlimme Folgen haben.
Wenn eine solche Untergrabung fachlicher Autorität vorliegt, kommt das epistemische Grundprinzip der
zivilisierten Verachtung zum Tragen: Wenn du bereit bist, die Autorität des Arztes, des Bankiers oder des
Ingenieurs zu akzeptieren, wenn es um deine Gesundheit, dein Geld oder dein Haus geht, dann ist es nicht
zulässig, vergleichbare Kapazitäten in öffentlichen Diskussionen nur aus dem Grund nicht anzuerkennen,
weil du sonst nicht gleichberechtigt an einer Debatte teilnehmen kannst – eine Situation, in der sich jeder
von uns jederzeit wiederfinden kann. Besonders brisant wird das in Fällen, in denen die Fundamente der
eigenen Weltanschauung mit wissenschaftlich konsolidiertem Wissen im Konflikt stehen. Diese
Weltanschauungen können von vielen Faktoren beeinflusst sein, aber die Daten lassen keinen Zweifel:
Gemäß der größten globalen Studie der letzten Jahre fühlen sich über achtzig Prozent der Menschen einer
Religion zugehörig,6 und wir müssen uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die Mehrheit der
Menschen auf dem Globus ihre Überzeugungen vor allem aus ihrem Glauben ableiten, der mit dem Prinzip
der verantwortlichen Meinungsbildung häufig auf Kollisionskurs ist.
Religion und zivilisierte Verachtung

Jede moderne Gesellschaft muss damit zurechtkommen, dass Religionen fürs Erste ein wesentlicher
Bestandteil des sozialen Lebens bleiben werden. Wir leben, wie Jürgen Habermas sagt, in einem
postsäkularen Zeitalter. Politische Korrektheit scheint nirgends so wichtig wie im Kontext der Religion:
Über Glauben lässt sich offenbar nicht streiten. Ist es somit nicht vernünftig, den Grundsatz der politischen
Korrektheit zu akzeptieren, laut dem der Glaube der anderen immer respektiert werden sollte? Ist dies
nicht der Punkt, an dem die Idee der zivilisierten Verachtung ihre größte Schwäche zeigt? Was kann
zivilisierte Verachtung hier zum harmonischen Zusammenleben beitragen? Führt sie nicht einfach dazu,
Konflikte zwischen Religionen sowie zwischen Religionen und der liberalen Grundordnung zu
verschärfen? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall: Das Prinzip der zivilisierten Verachtung kann uns
dabei helfen, die Streitpunkte zwischen den Konfessionen und dem säkularen Liberalismus zu
identifizieren und präziser zu fassen. Meine Grundthese ist, dass wir mit dem hier entwickelten
Instrumentarium genauer feststellen können, wann eine religiöse Position der zivilisierten Verachtung
würdig ist, nämlich dann, wenn sie den Ärztetest nicht besteht. Natürlich sind Religionen genau wie alle
anderen Weltanschauungen dazu berechtigt, zu gesellschaftlichen Themen Stellung zu beziehen. Gerade
wo es um das menschliche Wohlergehen oder gar um Leben und Tod geht, entbindet sie das jedoch nicht
von der Pflicht zur verantwortlichen Meinungsbildung.
Die Religion ist das Thema, an dem das Toleranzprinzip heute an seine Grenzen zu stoßen scheint. Immer
wieder stellt sich konkret die Frage, ob religiöse Praktiken toleriert werden können, die mit zentralen
Grundwerten der Aufklärung (etwa der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz) nicht vereinbar sind.
Wie bereits dargelegt, kommt dabei ein grundlegend falsches Verständnis des Toleranzprinzips ins Spiel:
Die Aufklärer haben nie behauptet, wir seien verpflichtet, Glaubenssätze von Religionen zu respektieren,
die wir mit guten Argumenten für irrational, unmoralisch oder gar unmenschlich halten. Das
Toleranzprinzip besagte allein, dass keine kirchliche, religiöse oder staatliche Instanz das Recht hat,
Menschen einen Glauben aufzuzwingen, und dass jeder Mensch in der Lage sein soll, sein Leben nach
eigenen Vorstellungen zu leben. Eines der Argumente hinter dem Toleranzprinzip war, dass Glaubenssätze
sich nicht empirisch oder logisch begründen lassen und es daher unmoralisch wäre, Menschen zu etwas zu
zwingen, wovon man sie rational nicht überzeugen kann.
Hier sind wir bei einem Grundkonflikt zwischen dem Prinzip der Aufklärung, dem zufolge keine Autorität
über Kritik erhaben ist, und den abrahamitischen Religionen, auf die ich mich an dieser Stelle aus zwei
Gründen beschränken werde: Erstens weil mir im Zusammenhang mit anderen Religionen die Kompetenz
fehlt und weil ich durch Diskussionen mit Religionssoziologen zu dem Schluss gekommen bin, dass der
Begriff »Religion« derart von der Auseinandersetzung mit dem Judentum, dem Islam und dem Christentum
geprägt ist, dass er zum Beispiel auf einige asiatische Religionen nicht wirklich passt. Der zweite Grund
ist, dass die Fragen, die uns hier beschäftigen, vor allem von Konflikten zwischen abrahamitischen
Religionen sowie zwischen ihnen und dem Staat aufgeworfen werden, so dass eine solche Einschränkung
dem Argument nichts von seiner zeitdiagnostischen Relevanz nimmt. Die (relativ neue) Bezeichnung
»abrahamitisch« geht darauf zurück, dass die Gründerfigur des Abraham (bzw. Ibrahim im Islam) in allen
drei Religionen eine große Rolle spielt.1 Damit sind sie auch alle von einem Mythos geprägt, der einen
zentralen Aspekt des abrahamitischen Monotheismus zum Ausdruck bringt: der Opferung Isaaks (bzw.
eines nicht namentlich genannten Sohns im Islam). In dieser Episode wird Abraham bekanntlich von Gott
aufgefordert, seinen geliebten Sohn zu töten, woraufhin er sich ohne Widerspruch auf den Weg zu der
genannten Opferstätte (einem Berg im Land Morija, wie es im Alten Testament heißt) macht. Als sie den
Berg nach drei Tagen erreicht haben, lässt Abraham einen Altar errichten, auf dem der Sohn, dem er
nichts über den Zweck ihrer Wanderung erzählt hat, geopfert werden soll. Erst im letzten Moment hindert
ein Engel Abraham daran, den Sohn zu töten; stattdessen wird ein Widder geopfert.
Es gibt wohl kaum einen Mythos, der dem Ethos der Aufklärung so sehr zuwiderläuft. Das beginnt schon
damit, dass Abraham nicht nachfragt, widerspricht oder sich überlegt, ob er hier vielleicht einer
Halluzination unterliegt. Er stellt den Befehl nicht infrage und zweifelt keine Sekunde daran, dass er
Gottes Wort hört und dass dieses befolgt werden muss. Ich bin mir selbstverständlich bewusst, dass der
letzte Satz einen Anachronismus darstellt: In der Zeit, in der diese Erzählung entstand bzw. verschriftlicht
wurde, war Kritik kein Wert, im Gegenteil: In Stammeskulturen ist unbedingte Unterwerfung unter die von
den Älteren gelehrten Glaubenssätze die höchste Tugend. Hier kommen wir aber an genau den Punkt, an
dem wir nicht politisch korrekt sein dürfen: Was im 8. oder 7. vorchristlichen Jahrhundert, als diese
Erzählung vermutlich entstand, oder noch im 5. vorchristlichen Jahrhundert, als sie ediert wurde,2 noch
akzeptabel gewesen sein mag, wäre im 21. Jahrhundert hochproblematisch.
Vor fast drei Jahrtausenden hätte es gar keinen Sinn gehabt, von einer Trennung von Glauben und Wissen
zu sprechen. Religion war für Stämme, Ethnien und Nationen identitätsstiftend und -definierend; eine
funktionale Ausdifferenzierung von Gebieten wie Recht, Wissenschaft oder Politik hatte damals noch
nicht stattgefunden. Dies hat sich, vor allem im Verlauf der letzten vier Jahrhunderte, radikal geändert. In
den meisten Staaten hat sich das Justizsystem nach und nach von religiösen Institutionen emanzipiert. Die
moderne Wissenschaft basiert auf der Grundannahme, dass es rational erfassbare, universell gültige
Naturgesetze gibt, und hat so eine Erklärungskraft gewonnen, die keine alternative Weltanschauung zuvor
auch nur annähernd erreicht hätte – ganz zu schweigen von der Kontrolle über die Natur, die der
technologische Fortschritt uns seit dem 17. Jahrhundert ermöglicht hat. All das wäre nicht denkbar ohne
das Prinzip, dass keine Theorie und keine Tatsachenbehauptung über Kritik erhaben ist. Die Vorstellung
unumstößlicher Autoritäten, die sich nicht mit Argumenten rechtfertigen müssen, ist mit der Aufklärung
obsolet geworden – für die abrahamitischen Religionen ist sie hingegen zentral. Das Leitmotiv des Alten
Testaments ist das Ringen des Volkes Israel mit der Forderung nach unbedingter Unterwerfung unter das
Wort Gottes, dessen Gültigkeit auf der Überlieferung gründet, auf Geschichten über Offenbarungen und
Wunder, für die es keinerlei Belege außerhalb der tradierten Texte selbst gibt. Die Glaubwürdigkeit von
Wundern hängt allein an der Glaubwürdigkeit derer, die von ihnen berichten.3 Im Gegensatz dazu beruht
die komplette Wissenschaftstheorie, die in den letzten Jahrhunderten entwickelt wurde, auf dem
Grundsatz, dass Aussagen so strukturiert sein müssen, dass man sie unabhängig überprüfen kann.
An dieser Stelle könnte man nun einwenden, dass diese Argumentation auf einem grundlegend falschen
Verständnis von Religion beruht: Diese sei ja gerade nicht als Wissen, sondern als Glaube definiert: Von
Tertullians Credo quia absurdum bis zu Kierkegaard, der den Glauben als genuin irrationalen
existenziellen Sprung definierte, habe der überwiegende Teil der Theologie genau diese Abgrenzung von
Wissen und Glauben ohnehin vorgenommen, weshalb mein Einwand vollkommen irrelevant sei. Ich bin
gerne bereit, diesen Punkt zu konzedieren, allerdings unter einer Bedingung: Religiöse Überlieferungen
und die Aussagen kirchlicher Autoritäten enthalten nicht ausschließlich normative Sätze oder
metaphysische Spekulationen über das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen, sondern auch
Aussagen über die Entstehung der Erde und Alltagsregeln, die (zumindest indirekt) empirisch begründet
werden. Hier können Glauben und Wissen kollidieren, und ich denke, man kann sehr wohl fordern, dass
gewisse Tatsachenbehauptungen dem Ärztetest unterzogen werden. Aussagen, die ihn nicht bestehen,
sollten dann in bestimmten Kontexten keine Rolle spielen.
Es gibt mittlerweile natürlich Strömungen innerhalb der drei abrahamitischen Religionen (das
Reformjudentum beispielsweise sowie entmythologisierte Mitglieder der protestantischen
Konfessionsfamilie), die dieser Anforderung genügen, da sie praktisch keine empirischen Behauptungen
im skizzierten Sinn mehr enthalten. Es ist kein Zufall, dass sich viele dieser entmythologisierten
Strömungen in den letzten 150 Jahren entwickelt haben, als nicht mehr von der Hand zu weisen war, dass
die moderne Wissenschaft und bestimmte religiöse Narrative sowie Vorschriften intellektuell einfach
nicht kompatibel sind.
In ihrer Mehrheit haben die abrahamitischen Konfessionen und Strömungen, die in der Gegenwart
praktiziert werden, diese Entmythologisierung jedoch noch vor sich, weshalb viele der von ihnen
vertretenen Positionen den Ärztetest nicht passieren würden. Man kann nun natürlich fragen, warum sie
einen solchen Test überhaupt als legitim akzeptieren sollten? Die Antwort ist einfach: weil der
überwiegende Teil ihrer Anhänger den Ärztetest auf mehr oder weniger alle Lebensbereiche anwendet –
außer auf den eigenen Glauben. Gleichzeitig vertreten diese Religionen sehr wohl weiterhin
Tatsachenbehauptungen, die großen Einfluss auf das Wohlergehen einer Vielzahl von Menschen haben,
dem Ärztetest aber nicht standhalten. Um dies an zwei Beispielen zu illustrieren: Gemäß dem orthodoxen
Judentum dürfen Frauen vor Gericht nicht als Zeuginnen aussagen – ein Prinzip, das im Talmud mit der
Leichtgläubigkeit der Frauen begründet wird.4 In dieser Begründung steckt eine Tatsachenbehauptung, die
sich durch empirische Forschung überprüfen lässt. Im Talmud selbst werden natürlich keine Studien
zitiert, eine solche Forderung wäre ein Anachronismus in Bezug auf ein Kompendium, das in den ersten
Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung entstand. In der Spätmoderne kann man von den relevanten
Autoritäten im (ultra-)orthodoxen Judentum, welche die Benachteiligung von Frauen im Rechtssystem
verteidigen, aber sehr wohl verlangen, Positionen, die zum Ausschluss der Frauen vom öffentlichen Leben
führen, mit den verfügbaren Mitteln empirisch zu begründen. Es wird niemanden überraschen, dass auch
die heutige jüdische Ultraorthodoxie entsprechende Untersuchungen weder durchgeführt noch angestoßen
noch herangezogen hat, um ihre Einstellung gegenüber Frauen zu rechtfertigen. Dabei ist in den letzten
Jahrzehnten eine Unmenge Forschungsliteratur zu psychologischen Unterschieden zwischen den
Geschlechtern entstanden,5 die jedoch keinerlei Belege für die talmudische Behauptung zutage gefördert
hat6 – im Gegenteil: Eine enorme Anzahl von Studien hat gezeigt, dass Frauen im Durchschnitt weder
weniger intelligent noch leichtgläubiger sind als Männer.7 Die Gleichstellung der Frauen betrifft das
Wohlergehen der Hälfte der Menschheit, und daher müssen alle Behauptungen auf diesem Gebiet den
Erfordernissen der verantwortlichen Meinungsbildung entsprechen. Da orthodoxe Juden von ihren Ärzten
erwarten, dass die von ihnen angewandten Therapien dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechen,
dürfen wir dasselbe auch von ihnen verlangen, wo es um die Psychologie der Frau geht. Empirische
Behauptungen, welche die untergeordnete Position von Frauen begründen sollen, dabei jedoch allen
wissenschaftlichen Erkenntnissen eindeutig widersprechen, können legitimerweise Gegenstand
zivilisierter Verachtung sein.
Ein zweites Beispiel: Nach der klassischen Position der katholischen Kirche ist der Gebrauch von
Kondomen »verwerflich«, weil er das natürliche Ziel des Geschlechtsakts, also die Fortpflanzung,
verhindern soll. Als sich Aids dann ab den achtziger Jahren vor allem in Afrika, wo die katholische
Kirche in vielen Regionen großen Einfluss hat, rasant ausbreitete und die Krankheit zu einer humanitären
Katastrophe wurde, geriet die Kirche zunehmend unter Druck. Da Johannes Paul II. damals eine weltweite
Popularität erlangt hatte wie kein Papst vor ihm, hofften viele, er würde nun die verzweifelten Versuche
von Organisationen wie der WHO unterstützen, die afrikanische Männer zum Gebrauch von Präservativen
bewegen wollten, um die Ausbreitung des HI-Virus zu stoppen. Johannes Paul II. und sein Nachfolger
Benedikt XVI. hielten jedoch auch in diesem Fall am Kondomverbot fest. Wie lässt sich ein solches Verbot
mithilfe von Tatsachenbehauptungen begründen? Ein mögliches Argument könnte lauten, das es in
Kombination mit der Verurteilung außerehelicher sexueller Beziehungen die Promiskuität einschränken
und so die Ausbreitung der Epidemie bremsen könnte. Darin steckt freilich eine Annahme, die sich
innerhalb kürzester Zeit empirisch falsifizieren lässt. Tatsächlich sagte Johannes Paul II. 1993 im Zuge
einer Afrika-Reise, allein die eheliche Treue könne die »tragische Wunde« Aids heilen, und auch
Benedikt XVI. nahm im November 2010 diese Haltung ein: Das Verteilen von Kondomen und
Informationen zu ihrem Gebrauch seien nicht nur nicht die Lösung des Problems, sondern würden die
Epidemie sogar verschlimmern. Einzig im Fall männlicher Prostituierter sei die Anwendung von
Kondomen gerechtfertigt, da es hier ohnehin nicht um Empfängnisverhütung gehe.8 Als Aussage mit
schwerwiegenden Konsequenzen für Millionen von Menschen unterliegt diese Behauptung dem Ärztetest.
Allerdings ist mir auch in diesem Fall nicht bekannt, dass die Kirche hier wissenschaftliche Studien
zitiert oder angeregt hätte, um die Hypothese, das Kondomverbot führe zu weniger außerehelichem
Geschlechtsverkehr, zu untermauern. Die Belege, die von Ärzte- und Hilfsorganisationen gesammelt
wurden, deuten in die entgegengesetzte Richtung: Wo Frauen dazu ermuntert werden, auf dem Gebrauch
von Präservativen zu bestehen, geht die Zahl der HIV-Infektionen massiv zurück.9 Ein anderer Vertreter
der katholischen Kirche hat in diesem Kontext eine noch kuriosere Tatsachenbehauptung aufgestellt: 2003
erklärte der damalige Präsident des Päpstlichen Rates für die Familie, Kardinal Alfonso López Trujillo,10
Kondome könnten HIV nicht aufhalten, da sie kleine Löcher hätten – eine haarsträubende Aussage, die von
allen Studien zum Thema widerlegt wird.
Die Stellungnahmen Johannes Pauls II., Benedikts XVI. und Kardinal López Trujillos halten dem Ärztetest
also nicht stand und sind somit legitime Objekte der zivilisierten Verachtung. Wobei »Verachtung« hier
vielleicht ein zu milder Ausdruck ist, immerhin resultiert aus diesen Aussagen großes Leid.
Verachtenswert sind sie sogar in einem doppelten Sinn, weil ja kaum anzunehmen ist, dass die Päpste
selbst von der Wahrheit ihrer empirischen Behauptung überzeugt waren. Vermutlich glaubten sie einfach,
das Kondomverbot sei auf das Wort Gottes zurückzuführen und somit unantastbar. Dann hätten sie die
ausschließlich religiöse Begründung ihrer Position jedoch offenlegen müssen, um mit dem
wissenschaftlichen Pseudoargument eventuell nicht auch die Anhänger anderer Religionen vom Gebrauch
von Kondomen abzuhalten. Man hätte die Kirchenvertreter also fragen müssen, ob sie bereit seien, auch
für die Folgen, die ihre Äußerungen unter Umständen für Muslime oder Protestanten haben konnten, die
Verantwortung zu übernehmen. Hätten sie dies in Anbetracht der medizinischen Evidenz getan, hätten sie
den Ärztetest (und in diesem Fall ist die Bezeichnung besonders angebracht) erneut nicht bestanden.
Das sind nur zwei Beispiele, die Liste ließe sich jedoch beliebig verlängern. Ich kann an dieser Stelle nur
auf die Bücher von Autoren wie dem Biologen Richard Dawkins,11 dem Philosophen Daniel Dennett12
oder dem Essayisten Christopher Hitchens13 verweisen, die weitere Punkte anführen. Ihre Werke fanden
weltweit Beachtung, zogen jedoch auch Kritik auf sich: Die Religionskritiker verstünden die wirkliche
Natur des Glaubens nicht; sie sähen nicht, dass die Religion den Menschen eine Art von Sinn vermittle,
den säkulare Weltanschauungen ihnen nicht bieten könnten usw.14 Diese Diskussion ist ziemlich komplex,
und viele Fragen lassen sich letztendlich nicht wirklich entscheiden. Gerade deshalb möchte ich aber den
Ärztetest auch für religiöse Positionen vorschlagen, da wir mit ihm über ein leicht zu handhabendes
Instrument verfügen, um Religionen denselben Standards in puncto Verantwortlichkeit und Rationalität zu
unterwerfen, die wir auch an andere öffentliche Institutionen richten. Das im Sinne der Aufklärung
verstandene Grundrecht der Religionsfreiheit, ohne das wir ins Zeitalter der Inquisition und der
Religionskriege zurückfallen würden, wird dadurch nicht angetastet, was im Umkehrschluss allerdings
gerade nicht bedeutet, dass Religionen über alle Kritik erhaben sind: In dem Moment, in dem sie
Tatsachenbehauptungen aufstellen, die Menschenleben und die menschliche Würde betreffen, müssen sie
den Anforderungen entsprechen, welche auch die meisten religiösen Menschen an die Vertreter jenes
Berufsstandes richten, dem sie ihre Gesundheit anvertrauen. Und damit sind wir wieder beim Ärztetest.
Diese Forderung ist nicht immer leicht zu ertragen: Wie wir im nächsten Schritt sehen werden, verlangt
eine Kultur der zivilisierten Verachtung von uns allen, Kränkungen auszuhalten, die mit Kritik an unserer
eigenen Weltanschauung fast notwendigerweise verbunden sind.
Kränkungen ertragen

Der Testfall Salman Rushdie, von dem wir ausgegangen sind, und die Auseinandersetzungen um religiös
motivierte, wissenschaftlich jedoch zweifelhafte Tatsachen, die im Mittelpunkt des letzten Kapitels
standen, führen uns zu einem weiteren wichtigen Prinzip der zivilisierten Verachtung. Wirkliche Freiheit
zur Kritik, ob diese nun wissenschaftlich, poetisch oder satirisch vorgetragen wird, kann es nur dann
geben, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft fähig sind, zivilisierte Verachtung für ihre Positionen
auszuhalten und in einer bestimmten Hinsicht zu akzeptieren. Was sich leicht schreibt, ist in Wirklichkeit
eine überaus anspruchsvolle Forderung. Alle Menschen und Gruppen sind tief in ihrer jeweiligen Kultur
verwurzelt, die ihre Identität konstituiert und in der religiöse, nationale, ethnische und politische Aspekte
zusammenfließen. Nicht gekränkt zu sein, wenn Säulen der eigenen Kultur attackiert oder zum Gegenstand
von Satire werden, ist für uns alle schwierig, vielleicht sogar unmöglich. Kein Wunder, dass die
Reaktionen oft heftig ausfallen: Der Stand-up-Comedian Lenny Bruce wurde mehrere Male festgenommen
und vor Gericht gestellt, weil er Prüderie und Rassismus anprangerte und heilige Kühe der
amerikanischen Gesellschaft ins Lächerliche zog. Erst nach seinem frühen Tod 1966 wurde er zu einer
Ikone der Popkultur.
Was bedeutet es, zivilisiert, vielleicht sogar zivilisiert-verachtend auf zivilisierte Verachtung zu
reagieren? Ich möchte das an zwei Beispielen illustrieren. 1969 publizierte der damals 36-jährige
jüdisch-amerikanische Schriftsteller Philip Roth den Roman Portnoys Beschwerden. In einem
Dokumentarfilm aus dem Jahr 2013 erinnert sich Roth,1 dass er, als seine Eltern ihn unmittelbar vor der
Veröffentlichung in Manhattan besuchten, sie darauf vorbereitet habe, dass das Buch ihn berühmt machen,
aber auch einen riesigen Skandal auslösen werde. Später habe ihm sein Vater erzählt, seine Mutter sei auf
dem Heimweg in Tränen ausgebrochen – allerdings nicht weil ihr Sohn die jüdische Gemeinde
provozieren wollte, sondern weil sie glaubte, er sei größenwahnsinnig geworden. Sie dürfte erleichtert
gewesen sein, als sich seine Prognose bewahrheitete: Von dem Buch wurden innerhalb eines Jahres
mehrere hunderttausend Exemplare verkauft, die englischsprachige Ausgabe ist seither über zweieinhalb
Millionen Mal gedruckt worden. Der Skandal ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten: Die detaillierten
Beschreibungen, in denen Alexander Portnoy, die Hauptfigur, seinem Psychoanalytiker seine adoleszenten
Masturbationspraktiken schildert (in einem Fall kommt dabei eine Kalbsleber zum Einsatz, die
anschließend zum Mittagessen serviert wird), waren in den sechziger Jahren starker Tobak, und der
Roman wurde von vielen als pornografisch verdammt.
Das Epizentrum der Entrüstung war jedoch die jüdische Gemeinschaft in den USA, die schon mit Roth'
Erstlingswerk Goodbye, Columbus (1958) und seiner Darstellung ihrer Kultur und Familientraditionen
ihre Schwierigkeiten gehabt hatte: Bereits damals hatte Roth ein Tabu gebrochen, das die Juden aus dem
Schtetl mitgebracht hatten: Niemals dürfe man vor den Gojim, also Nichtjuden, schmutzige Wäsche
waschen, man müsse vielmehr aufeinander aufpassen – »Die Gojim machen uns doch schon genug
Zores!«2 Von solcherlei Rücksichtnahme wollte Roth nichts wissen, im Gegenteil. Portnoy beklagt sich
bei seinem Psychoanalytiker darüber, dass er vor lauter Schuldgefühlen, die ihm von seiner Familie
eingetrichtert worden seien, und wegen der erdrückenden Liebe seiner Mama immer versage, sobald er
mit jüdischen Frauen im Bett sei (was in plastischen Szenen ausbuchstabiert wird), weshalb er geradezu
obsessiv »Schicksen«, nichtjüdischen Frauen, hinterherjagt.
Die jüdische Gemeinde schäumte vor Entrüstung: Er ziehe alle Juden und jüdische Werte in den Dreck,
warfen ihm die extremeren Kritiker vor, und selbst renommierte, differenziert urteilende Rezensenten wie
Irving Howe, der Roth' frühere Werke positiv besprochen hatte, gingen auf Distanz zu dem Autor, der für
viele amerikanische Juden von nun an zur bête noire gestempelt war. Ob es Roth überhaupt um eine
Auseinandersetzung mit dem jüdischen Familienleben insgesamt ging oder ob er nicht vielmehr, wie
seither überzeugend argumentiert wurde, eine Satire auf die jüdischen Intellektuellen seiner eigenen
Generation im Sinn hatte, die gegen die aus Osteuropa eingewanderte Elterngeneration rebellierten und
dabei jede Menge Neurosen entwickelten, ist eine Frage, der wir hier nicht weiter nachgehen können.3
Wichtig ist, dass die Mehrheit der jüdischen Stimmen in den USA Roth zwar verurteilten, er aber nie
bedroht, exkommuniziert oder auf irgendeine andere Weise an seinem weiteren Schaffen gehindert wurde.
Diese Reaktion illustriert beispielhaft, wie mit zivilisiert vorgetragenen Kränkungen umgegangen werden
sollte: Niemand verlangt von gekränkten Personen oder Gruppen, dass sie den Provokateur respektieren
oder gar lieben; er darf verurteilt und kritisiert werden, solange niemand zur Gewalt aufruft oder
versucht, ihn durch Einschüchterungen zum Schweigen zu bringen.
Nehmen wir ein aktuelleres Beispiel: Das Musical The Book of Mormon wurde 2011 am New Yorker
Broadway uraufgeführt, erhielt zahlreiche Preise und ist auch im Londoner West End ein Riesenerfolg.
Geschrieben wurde es unter anderem von Trey Parker und Matt Stone, die schon für die satirische
Zeichentrickserie South Park verantwortlich gezeichnet hatten. The Book of Mormon ist eine
schonungslose Parodie auf den Glauben und die Lebensform der Kirche Jesu Christi der Heiligen der
Letzten Tage, auch die Geschichte der Mormonen und ihres Gründers Joseph Smith wird brutal karikiert.
Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei junge Mormonen, die als Missionare nach Uganda geschickt
werden, wo sie mit homosexuellen Regungen zu kämpfen haben und die Naivität der Einheimischen
ausnutzen. In unserem Kontext ist vor allem interessant, wie die mormonische Kirche reagiert hat. Das
Stück wurde nicht verurteilt, in den USA gab man eine kurze Stellungnahme heraus, in der es lediglich
hieß, das Musical biete Unterhaltung für einen Abend, das Buch Mormon (die gleichnamige, von Smith
verfasste heilige Schrift der Gemeinschaft) hingegen könne das Leben der Gläubigen für immer verändern,
indem es sie näher zu Gott bringe. In keinem Moment forderte die Kirche die Absetzung des Musicals
oder Änderungen am Text. Von Drohungen an die Adresse der Autoren, der Theater, die das Stück im
Programm haben, oder die Darsteller ist mir nichts bekannt. Die Kompetenz, mit solchen Kränkungen
umgehen zu können, ist eine zentrale Voraussetzung des Konzepts der zivilisierten Verachtung und ein
unverzichtbares Element der liberalen Grundordnung.
Der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 sollte all denen, die aus der Logik
der politischen Korrektheit heraus der Ansicht sind, man müsse Kränkungen nach Möglichkeit vermeiden
und Menschen, deren religiöse Gefühle verletzt wurden, verständnisvoll entgegenkommen, vor Augen
geführt haben, welche schrecklichen Konsequenzen diese Haltung haben kann. Es steht außer Zweifel,
dass Charlie Hebdo sich alle Mühe gegeben hat (und hoffentlich weiterhin gibt), religiöse Sensibilitäten
zu kränken, und zwar über alle Religionen und Konfessionen hinweg4 – das ist geradezu das
Markenzeichen dieses Magazins. Ob einem die Zeichnungen gefallen oder nicht, ist dabei unerheblich.
Bei allem Schmerz und allem Zorn über den Tod der Karikaturisten: Man kann auch ohne ihre Arbeit zu
idealisieren auf dem Recht auf freie Meinungsäußerung bestehen. Ich selbst war nie ein großer Fan dieser
Art von Humor, war über den Anschlag aber erschüttert und habe darüber seither mehrere Artikel und
Blog-Einträge geschrieben. Es geht dabei ebenso ums Prinzip wie im Fall der Karikaturen, die 2005 von
der dänischen Zeitung Jyllands-Posten veröffentlicht wurden und den Propheten Mohammed auf eine Art
darstellten, die viele Muslime verletzte.
Mir ist es wichtig, an dieser Stelle einer möglichen Fehlinterpretation vorzubeugen: Öffentlichkeit und
Medien tendieren heutzutage dazu, den Islam als Hauptproblem des Westens darzustellen, und tatsächlich
waren es in den letzten Jahren häufig die Reaktionen der Muslime (auf Rushdies Roman, den Film von
Theo van Gogh oder die dänischen Mohammed-Karikaturen), die das Problem der Meinungsfreiheit und
die Grenzen der politischen Korrektheit auf die Tagesordnung brachten. Das Konzept der zivilisierten
Verachtung zielt aber keineswegs allein oder in erster Linie auf diese Religion. Wir dürfen nicht
vergessen, dass es auch ganz andere Kontexte gibt, in denen Kritik nicht akzeptiert wird. Der russische
Präsident Wladimir Putin missbrauchte die Justiz, um den Oligarchen Michail Chodorkowski, der sich
seit dem Jahr 2000 zunehmend kritisch über das Regime geäußert hatte, unter einem Vorwand in ein
Straflager zu bringen. Auch den Oppositionellen und ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow ließ
Putin mehrfach kurzfristig inhaftieren; der Fall der Aktivistinnen von Pussy Riot, die im August 2012
wegen »Rowdytums aus religiösem Hass« zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt wurden, erregte weltweit
große Aufmerksamkeit.
In den USA greifen fundamentalistische Protestanten ebenfalls zu Gewalt; so wurden in den letzten Jahren
wiederholt Abtreibungskliniken angezündet und Gynäkologen verletzt. In Israel bin ich beinahe täglich
damit konfrontiert, dass ultraorthodoxe Rabbiner einerseits ihrer Verachtung für andere Gruppen
Ausdruck verleihen (wenn sie etwa sagen, Nichtjuden seien von Gott nur geschaffen worden, um Juden zu
dienen, wenn sie Schwule mit Tieren gleichsetzen oder betonen, säkulare Israelis dürften als Richter nicht
über gläubige Juden urteilen), andererseits aber tödlich beleidigt sind, wenn ihre Positionen als primitiv,
unmoralisch und irrational bezeichnet werden. Die Unfähigkeit, Kritik zu ertragen, kann auch hier schnell
in Gewalt umschlagen: So wurde beispielsweise Zeev Sternhell, der wie ich als Kolumnist für Haaretz
schreibt und der die israelische Besatzungspolitik wiederholt heftig attackierte, im September 2008 bei
einem Bombenattentat vor seinem Haus in Jerusalem verletzt, zu dem sich später ein ultraorthodoxer
Siedler bekannte. Im Zeitalter der Globalisierung kommen wir nicht umhin, die Kulturtechnik, Kränkungen
zu ertragen, weltweit als Garant des friedlichen Zusammenlebens zu fördern, aber auch einzufordern.
Wenn wir uns einem radikalen Islam beugen, der Karikaturen aus Dänemark und Romane aus
Großbritannien von Teheran oder Karatschi aus zum Casus Belli erklärt und damit Gewaltexzesse in
Kopenhagen, Oslo oder Paris rechtfertigt, kann nirgends mehr frei gesprochen und geschrieben werden.
Schon die Rushdie-Affäre hat uns gelehrt, dass zu viel Verständnis für religiöse Empfindlichkeiten die
falsche Taktik ist: Wenn Kollektive, ob es sich dabei nun um Muslime handelt, die sich durch Karikaturen
verletzt fühlen, um christliche Fundamentalisten, die gegen Abtreibungsärzte vorgehen, oder um
ultraorthodoxe Juden, die Frauen hinauswerfen, die sich im Bus nicht nach hinten setzen wollen, zu dem
Schluss gelangen, dass sie mit Gewalt ihre Ziele erreichen können, ist die liberale Grundordnung
insgesamt bedroht.
Die Leidenschaft für die Freiheit

Dieser Essay mag den Verdacht wecken, das Prinzip der zivilisierten Verachtung sei lediglich eine
verschleierte Version der Vorstellung von der Überlegenheit des Westens und damit nichts als ein Rückfall
in alte Sünden. Die Antwort auf diesen Einwand ist komplex: Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass
es auch außerhalb Europas Aufklärungsbewegungen gegeben hat, in denen die Fähigkeiten, Kritik
zivilisiert zum Ausdruck zu bringen und ebenso zivilisiert zu ertragen, eine zentrale Rolle spielten. Aber
ich will hier gar nicht politisch korrekt sein, denn damit würde ich meiner eigenen Grundthese untreu:
Niemand kann ernsthaft leugnen, dass die bis in die Gegenwart hinein wirksame Aufklärungsbewegung im
Europa des 17. Jahrhunderts ihren Ausgang nahm und die menschliche Zivilisation durch Wissenschaft,
Technologie, Organisationformen und politische Institutionen europäischen Ursprungs unwiderruflich
transformiert hat.1 Zudem wäre es heuchlerisch zu bestreiten, dass der Westen auch weiterhin die
Führungsposition in Wissenschaft und Technologie innehat und dass Englisch heute wie einst Latein die
Lingua Franca der akademischen Welt ist – dieses Mal allerdings auf wirklich globaler Ebene:2 Auch
russische, chinesische, japanische oder pakistanische Wissenschaftler, die Gehör finden wollen, müssen
auf Englisch publizieren, womit nicht nur Angehörige nichtwestlicher Kulturen Mühe haben, sondern zum
Beispiel auch viele Franzosen, deren Sprache die diplomatische Lingua Franca des 19. Jahrhunderts war
und die dem Status der Grande Nation bis heute nachtrauern. Schließlich wird niemand infrage stellen,
dass die politische Philosophie, welche die Grundlagen der Moderne geschaffen hat, in Europa
entstanden ist. Diese Tatsachen mögen Menschen außerhalb des Westens kränken, aber selbst die
Ideologie der politischen Korrektheit kann sie nicht aus der Welt schaffen. Die Strahlkraft westlicher
Errungenschaften ist nicht auf Europa und Nordamerika beschränkt: Selbst muslimische, jüdische oder
hinduistische Fundamentalisten wünschen sich für kranke Kinder moderne Antibiotika und
Computertomografen – leider auch Atomwaffen und lasergesteuerte Raketen für ihre Armeen – und
scheren sich in diesen Fällen recht wenig darum, woher diese Technologien stammen.
Die Frage, ob der Geist der Kritik, die Fähigkeit zur Innovation und zur effektiven Organisation spezifisch
westliche Eigenschaften sind oder ob in ihnen, wie die Aufklärung behauptet hat, eine universelle
menschliche Vernunft zum Ausdruck kommt, wird seit Jahrzehnten diskutiert3 und kann hier nicht erörtert
werden. Zu behaupten, nichtwestliche Menschen seien prinzipiell nicht in der Lage, auf diese Weise
kritisch zu denken oder Wissenschaft zu betreiben, wäre angesichts der überwältigenden Belege für das
Gegenteil sowie der Unmenge bedeutender Forscher, Künstler und Schriftsteller aus anderen
Weltgegenden rassistischer Unsinn. Natürlich besteht die Gefahr, dass unter dem Deckmantel der
zivilisierten Verachtung primitive Impulse wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder religiöse Intoleranz
versteckt werden. Im 19. Jahrhundert gab es eine Vielzahl pseudowissenschaftlicher Diskurse, bei denen
genau das geschah: Die Psychiatrie versuchte damals in verschiedenen Kontexten zu belegen, dass die
Menschen in den kolonisierten Gebieten den Weißen biologisch und intellektuell unterlegen waren. Wie
Hannah Arendt in ihrem großen Werk über die Ursprünge der totalitären Herrschaftsformen zeigte,4 sollte
der Imperialismus dadurch nicht nur legitimiert, sondern in eine moralische Pflicht umgedeutet werden. In
Europa selbst wurden ähnliche Argumente verwendet: Der Medizin- und Kulturhistoriker Sander Gilman
hat überzeugend dargestellt, dass es sich beim modernen Antisemitismus um eine Transformation des
traditionellen Judenhasses in die Sprache der Biologie handelt. Bis zu Alfred Rosenbergs Rassentheorien
und deren Umsetzung durch das Naziregime war es da nicht mehr weit. Die Gefahr, noch die primitivsten
Regungen durch pseudowissenschaftliche Thesen zu rationalisieren, ist enorm.
Dieser Missbrauch der Wissenschaft durch die Rassentheorien des späten 19. Jahrhunderts und vor allem
durch die Nazis hat viele Autoren zu dem Fehlschluss geführt, die Aufklärung habe den Keim der
Enthumanisierung und des technokratisch organisierten Massenmordes seit je in sich getragen.
Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung ist hier nur ein frühes und besonders einflussreiches
Beispiel.5 Diese These ist in großen historischen und philosophischen Untersuchungen zur Geburt des
Faschismus im Allgemeinen und der nationalsozialistischen Ideologie im Besonderen (man denke an die
Werke von George Mosse,6 Zeev Sternhell,7 Peter Gay,8 Ernest Gellner9 und vielen anderen) überzeugend
widerlegt worden: Der Faschismus entstand vor allem aus den Grundgedanken der politischen Romantik,
laut der Volk, Kultur und Boden die heilige Dreifaltigkeit der Nation darstellten. Dabei handelte es sich
letztlich um den verzweifelten Versuch, die idealisierte Konzeption einer »natürlichen« und
»bodenständigen« Gemeinschaft gegen die unausweichlichen Konsequenzen der Modernisierung zu
verteidigen, für die dann oft die entwurzelten, urbanen und geschäftigen Juden verantwortlich gemacht
wurden. Ähnliches gilt für die zweite Spielart totalitärer Regimes im 20. Jahrhundert: den Stalinismus,
der aus Marx' kritisch analysierbarer Theorie ein unantastbares Dogma machte.
Die Aufklärung ist nicht fehlgeschlagen, sondern, wie Jürgen Habermas immer wieder betont hat, ein
unvollendetes Projekt.10 Sie kann auch nicht wirklich vollendet werden: Die Idee, die Aufklärung sei eine
politische Heilslehre, die den Menschen die Erlösung bringen werde, ist eine Fehlinterpretation, die
schon oft zu katastrophalen Konsequenzen führte. Die Aufklärung im eigentlichen Sinne ist ein nie
endender Prozess, im Rahmen dessen die Menschheit sich immer wieder bewusst macht, dass es für kein
Problem eine Endlösung gibt, wobei ich den Terminus »Endlösung« hier ganz bewusst und in polemischer
Absicht benutze.11 Menschliches Wissen ist immer vorläufiger Natur, weshalb die Selbstkorrektur durch
Kritik die einzige Möglichkeit darstellt, neu auftauchende Probleme anzugehen. Das Umfeld, in dem
solche endlosen Lernprozesse am besten funktionieren, ist eine offene Gesellschaft im Sinne Karl
Poppers.12
Nur wer Aufklärung als teleologische Heilslehre versteht, die in absehbarer Zeit zur besten aller Welten
und zu jenem ewigen Frieden führt, den Kant sich erhoffte, kann ob der Tatsache, dass sie diese
paradiesischen Zustände bislang nicht herbeigeführt hat, enttäuscht sein. Genau diese Enttäuschung führte
jedoch Walter Benjamin und Theodor Adorno dazu, der Aufklärung zu misstrauen, und sie verleitete die
Postmodernen, sie als Instrument der Machtpolitik und Kontrolle zu brandmarken und zu verwerfen. Erst
ein bescheideneres Verständnis der Aufklärung und ein Bewusstsein für die Grenzen des Menschen als
eines zu Selbstbewusstsein und Zivilisation fähigen Tieres verhindert ein Abrutschen in totalitäre
Systeme.13 Das Prinzip der zivilisierten Verachtung ist als Hilfsmittel der prinzipiell unvollendeten
Aufklärung zu verstehen und muss in diesem Kontext gedacht werden. Wirklich zivilisiert ist Verachtung
aber nur dann, wenn sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und einer konsistenten Argumentation
basiert, die jederzeit stringenter Kritik unterworfen werden kann und nicht als Vorwand gebraucht wird,
um Andersdenkende zu erniedrigen und ihre Menschenrechte einzuschränken.
Ich kann im Rahmen dieses Essays nicht auf die schwierige Frage eingehen, inwieweit Aufklärungsideale
voll mit anderen Kulturen kompatibel sind und ob es überhaupt wünschenswert und legitim wäre, sie
überall zu implementieren. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die herrschende Meinung in der
Politikwissenschaft derzeit nicht davon ausgeht, dass die liberale und demokratische Markwirtschaft die
Welt erobern wird, sondern dass es eine Reihe konkurrierender Modelle gibt, die wohl auch weiterhin
bestehen werden.14 Die Idee einer liberalen internationalen Ordnung, die Kant schon Ende des
18. Jahrhunderts propagierte und die durch Institutionen wie die Vereinten Nationen realisiert werden
sollte, scheint ebenfalls in weite Ferne zu rücken. Die UNO ist bekanntlich eine weithin dysfunktionale
Organisation, welche die Idee einer universalen Rechtsordnung nicht realisiert, sondern sich in eine
Arena verwandelt hat, in der rivalisierende Großmächte und regionale Blöcke Interessenpolitik betreiben
und sich häufig gegenseitig blockieren. Die freie Welt, also die Gruppe der Staaten, die liberale
Prinzipien umgesetzt haben (freie und gleiche Wahlen, Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit und weitere
Grundrechte, Existenz einer unabhängigen Zivilgesellschaft, Kultur der verantwortlichen
Meinungsbildung), ist heute mehr oder weniger deckungsgleich mit dem, was wir als Westen bezeichnen.
Freiheitssichernde Institutionen sind heute natürlich auch in Staaten wie Japan, Südkorea und Indien zu
finden, aber wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die Ausbreitung der freiheitlichen Grundordnung den
ganzen Globus erfassen wird. Die These, dass diese Ordnung mit der westlichen Kultur verbunden ist,
welche sie historisch hervorgebracht hat, kann nicht einfach aus politischer Korrektheit verworfen
werden, immerhin gibt es viele empirische Indizien, die in diese Richtung deuten. Dies hat zum Beispiel
den großen französischen Historiker Fernand Braudel lange vor Samuel Huntington dazu veranlasst, den
Westen als eigene Zivilisation zu bezeichnen, in deren Zentrum der Begriff der Freiheit steht.15
Der Ausgangspunkt dieses Essays war aber, dass gerade die Menschen im Westen, der in einem
schmerzhaften historischen Prozess die liberale politische Philosophie und deren Institutionen
hervorgebracht hat, an großen Ideen nicht länger interessiert sind und dass sie aufgrund der Ideologie der
politischen Korrektheit die Instrumente aus der Hand gegeben haben, die nötig sind, um westliche Werte
zu verteidigen. Dieser Befund erinnert in vielerlei Hinsicht an die Position Friedrich Nietzsches, der am
Ende des 19. Jahrhunderts konstatiert hatte, die westliche Kultur stehe im Begriff, den »letzten Menschen«
hervorzubringen:

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn
man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm, denn man braucht Wärme.
Krank-werden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife.16

Es war der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der diese resignierte Diagnose nach dem Mauerfall
wieder aufnahm, als er verkündete, das schon von Hegel in Aussicht gestellte Ende der Geschichte sei
gekommen.17 Nun breche das Zeitalter von Nietzsches Letztem Menschen an, dessen höchstes Glück ein
Toyota Camry mit vier Jahren Garantie sei, ein Fahrzeug, dessen Charakter in seiner Charakterlosigkeit
besteht: zuverlässig, ökonomisch, günstig zu versichern. Ein Vierteljahrhundert später könnte man
hinzufügen: Wer braucht schon die proletarische Revolution, wenn die »Proletarier« ein iPhone, einen 50-
Zoll-Flachbildfernseher mit Hunderten Kanälen und eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio haben? Der
Letzte Mensch ist nur noch damit beschäftigt, Risiken so weit wie möglich zu minimieren, bis auch
Extremsport versicherungstechnisch abgedeckt ist und das Leben zu einem Exerzitium der
Schadensvermeidung wird, das es nach Möglichkeit gesund und ohne größere Zwischenfälle hinter sich zu
bringen gilt. Politik wird auf die Kunst des reibungslosen Managements reduziert. Die Debatte wird
komplett von Wirtschaftsthemen dominiert.18 Steuersätze und Sozialversicherungsbeiträge, minimale
Veränderungen in der Vermögenshierarchie, Stabilisierung der Währung und Abbau der Arbeitslosigkeit –
das sind in allen Wahlkämpfen die Schlüsselthemen. Der Letzte Mensch will keine große Geschichte mehr
machen oder erleben: Die bedeutet am Ende nur Instabilität, bringt die Rentenkasse ins Ungleichgewicht
und gefährdet die geplanten Ferien in der Karibik sowie die Anschaffung des neuen Wagens. Anlass zur
Sorge bietet in den Industriestaaten eigentlich nur noch die finanzielle Zukunft der Kinder, da selbst ein
Uniabschluss oder gar Doktortitel nicht mehr automatisch bedeutet, dass man eine Stelle bekommt, die ein
komfortables Auskommen und sozialen Status garantiert. Das Problem stellt sich natürlich nur, sofern man
Kinder hat: Der Letzte Mensch hat nämlich realisiert, dass Kinder in ökonomischer Hinsicht eine enorme
Belastung darstellen können. Anders als früher bedeuten sie keine zusätzlichen Arbeitskräfte auf dem Feld
oder im familieneigenen Betrieb, im Gegenteil: Man muss riesige Summen beiseitelegen, um ihnen die
Ausbildung zu finanzieren. Kinder sind auch emotional zu einer Belastung geworden, schließlich fühlen
sie sich durch die Tatsache, dass man sie in die Welt gesetzt hat, nicht länger zu lebenslangem Dank und
Respekt verpflichtet. Stattdessen machen sie einem endlose Vorhaltungen, man sei nicht feinfühlig und
verständnisvoll gewesen, und daher fänden sie nun jenes Glück nicht, das sie als ihr Geburtsrecht
betrachten.19 Angesichts solch düsterer Aussichten auf ein finanzielles und emotionales Verlustgeschäft
kommen immer mehr Letzte Menschen zu dem Schluss, das hart verdiente Geld und die beschränkte
Energie lieber in Yogakurse, Skiurlaube oder plastische Chirurgie zu investieren.
Diese Darstellung mag überspitzt sein, sie hat aber einen wahren Kern. Der Letzte Mensch möchte
eigentlich nur noch in Ruhe gelassen werden, damit er sich auf Karriere, Familie und Hobbies
konzentrieren kann, ohne politische oder sonstige Leidenschaften zu pflegen. Die großen Ideen, wie
Nietzsche sagte, berühren den Letzten Menschen nicht mehr, da er nur Sicherheit will. Aber genau diese
Sicherheit wird heute vom Zusammenstoß der Weltanschauungen und Kulturen bedroht, und der Letzte
Mensch ist mit einer Frage konfrontiert, die er liebend gerne ausblenden würde: Wie kann man die
liberale Grundordnung und die Werte des Westens mit Leidenschaft rechtfertigen und verteidigen, ohne
rückfällig zu werden und erneut alte Sünden wie Rassismus und Kolonialismus zu begehen? Sind die
Bürger liberaler Staaten dazu verdammt, apathische Letzte Menschen zu werden, die neben
Risikomanagement, Erfolg und Fun keine existenziellen Passionen mehr haben? An dieser Stelle ist
Skepsis sicher berechtigt: Psychologische und soziologische Studien lassen kaum Zweifel daran, dass
Religionen und politische Heilslehren jenen tieferen Sinn stiften können, den die liberale Ordnung
naturgemäß nicht zu bieten hat.20 Das ist das große Paradox, die intrinsische Schwäche der liberalen
Weltanschauung. Sie nahm ihren Ausgang von der Prämisse, dass Religionen und politische Ideologien
historisch zwar Identitäten und starke Kollektive geformt, aber auch unendliches Leid verursacht haben:
von allen möglichen Formen des Glaubenszwangs über die Inquisition, Glaubenskriege, die
Diskriminierung Andersdenkender bis hin zu totalitären Regimen, die im Namen der jeweils einzigen
Wahrheit die Hölle auf Erden schufen. Liberale blicken auf solche Phänomene mit Grauen zurück. Im
Fanatismus der großen Heilslehren erblicken sie, mit guten Gründen, eine schreckliche Drohung. Der
Liberalismus zieht daraus den Schluss, dass Ideologien nie wieder die Politik bestimmen dürfen. An ihre
Stelle setzt er die individuelle Freiheit sowie das Recht, sein Leben nach bestem Wissen und Gewissen
selbst zu gestalten, Meinungen offen zu äußern und sich vor keiner Autorität fürchten zu müssen.
Die Herausforderung besteht darin, dass wir für die Freiheit nur dann eine sinnstiftende Leidenschaft
entwickeln, wenn sie bedroht oder unterdrückt wird. In der frühen Moderne war das durchaus noch der
Fall. Spinoza, in vieler Hinsicht der erste wirklich moderne Philosoph, musste im Verborgenen schreiben
und beschloss, sein Hauptwerk, die Ethik, nicht zu Lebzeiten zu veröffentlichen, um sich nicht weiteren
Repressalien auszusetzen. Ein Jahrhundert später war Voltaire ständig auf der Flucht vor den
französischen Behörden, weil er die Kirche und die französische Monarchie scharf kritisierte. Immanuel
Kant, der als einer der Ersten der großen Aufklärungsphilosophen an einer Hochschule lehrte, achtete
peinlich genau darauf, Friedrich dem Großen regelmäßig die Ehre zu erweisen, um ja keine Probleme zu
bekommen.21 Auch im 20. Jahrhundert war Freiheit noch häufig ein Abenteuer, ob wir dabei an die
Mitglieder der französischen Résistance denken oder an sowjetische Dissidenten wie Andrej Sacharow
und Natan Scharansky. Ab 1945 wurde der Kampf für die Freiheit im Westen (abgesehen von
Sonderfällen wie dem Kampf um die Abschaffung der Rassentrennung in den USA und die
Entkriminalisierung der Homosexualität in einigen europäischen Staaten) jedoch nach und nach zu etwas,
worüber man in Geschichtsbüchern lesen konnte oder aus Zeitungen erfuhr, die über die Situation in
sozialistischen Ländern wie Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen berichteten oder in jüngerer Zeit
über die Revolutionen in Tunesien, Libyen und Ägypten.
Garantierte Freiheit wird selbstverständlich, und das Selbstverständliche stiftet keinen Sinn und generiert
keine Leidenschaft. Als reine Theorie ist das Gedankengut der Aufklärung anscheinend zu langweilig, um
dauerhaftes Interesse zu mobilisieren. Die politische Korrektheit war gut gemeint: Die einmal erreichte
Freiheit sollte durch gute Manieren und allseitiges Zueinander-nett-Sein gesichert werden. Man ging
davon aus, dass man hinter das Erreichte nicht mehr zurückfallen würde; man musste nur noch warten, bis
der Rest der Welt aufholte, und diese Aufholjagd aus Schuldgefühlen heraus mit Milliardenbeträgen
unterstützen. Genau hier liegt aus meiner Sicht die Gefahr: Im Westen ist Freiheit nichts Neues, nichts
Besonderes mehr; die Menschen sind nicht länger darauf ausgerichtet, für sie zu arbeiten. Sie trainieren
hart, um ihren nächsten Marathon bestreiten zu können, weil sie im Alltag sonst um nichts mehr
kämpfen müssen. Eine Gänsehaut bekommt man höchstens noch bei Reality Shows, die weltweit die
Fernsehprogramme erobert haben, oder aus Anlass von Skandalen, in die Prominente involviert sind.
Doch Freiheit ist nie sicher. Der Westen sieht schweren Zeiten entgegen: Europas Bevölkerung ist
rückläufig, die Volkswirtschaften der meisten Staaten werden ohne Zuwanderung mittelfristig
zusammenbrechen. Darüber wird nicht offen genug diskutiert, unter anderem weil Parteien der Linken und
der politischen Mitte sich aus Rücksicht auf die politische Korrektheit weigern, eine schlüssige
Einwanderungspolitik zu entwickeln, welche – wie zum Beispiel in Kanada – die kulturellen und
ökonomischen Bedürfnisse der jeweiligen Länder klar definiert. So entsteht ein sich rasch ausbreitendes
Gefühl einer vagen Bedrohung, das seinen Ausdruck in islamophoben Schreckensfantasien und im Zulauf
für rechtspopulistische Parteien findet. Als Verteidiger der eigenen Kultur gerieren sich die
Schweizerische Volkspartei oder Figuren wie Marine Le Pen in Frankreich und Geert Wilders in den
Niederlanden. Rechtspopulisten sind aber die denkbar schlechtesten Repräsentanten der Tradition, auf
welcher der moderne Westen gründet. Sie sind auf das Geschäft mit der Angst spezialisiert und verraten
die wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung: die Fähigkeit, zwischen substanziellen kulturellen
Errungenschaften und flacher Popularität zu unterscheiden; und die Freiheit des Denkens, die in einem
Klima der Hetzreden, des Fremdenhasses und der emotionalen sowie intellektuellen Enge nicht gedeihen
kann, sondern die eine Mentalität des kritischen Nachfragens voraussetzt, ohne die wissenschaftliche,
technologische und künstlerische Kreativität sich nicht entfalten können.
Die Gefahr kommt nicht nur von innen. Ich bin seit zehn Jahren für Organisationen tätig, die den globalen
Terrorismus erforschen. Die Situation ist bedrohlicher als jemals zuvor: Islamistische
Terrororganisationen versuchen nach wie vor, sich Atomwaffen zu verschaffen, was im Chaos des
Weltgeschehens leichter gelingen könnte, als wir es uns vorstellen wollen. Die Forscher, mit denen ich
zusammenarbeite, halten einen Anschlag in einer Dimension, die selbst den 11. September in den Schatten
stellen würde, nicht für unwahrscheinlich – und dabei handelt es sich keineswegs um rechte Angstmacher,
sondern um tendenziell linksliberale Wissenschaftler wie Richard Garwin, Marc Sageman, Scott Atran
und John Alderdice. Ihre Arbeit ist von der Hoffnung motiviert, zu verhindern, dass der Westen auf
Anschläge in einer Weise reagiert, die genau das zerstört, was wir verteidigen möchten: die liberale
Ordnung und die Liebe zur Freiheit. Dass diese Gefahr nur allzu real ist, haben Guantánamo, die
systematische Folter durch die CIA, die Zerstörung der Privatsphäre durch die NSA und andere
Geheimdienste sowie der Aufstieg der extremen Rechten in Europa gezeigt. Gerade deshalb ist es so
wichtig, dass Europa, die Geburtsstätte der Freiheitsideale, sich immer wieder bewusst macht, wodurch
die Freiheit bedroht wird und dass man ihre Verteidigung nicht den Rechten überlassen darf. Mit meinem
Konzept der zivilisierten Verachtung schlage ich ein Instrument vor, dass es uns erlauben würde, unsere
Werte mit schärferen Mitteln zu verteidigen.
Ich bin mir darüber im Klaren, dass dafür auch Beifall von der falschen Seite kommen könnte.
Möglicherweise klingen meine Überlegungen für den ein oder anderen Leser auch nach Paranoia oder
reaktionär-konservativer Nostalgie. Doch dies ist keineswegs meine Motivation: Vielleicht ist die
Freiheit für mich nach wie vor ein Abenteuer, weil sie im Nahen Osten eben nicht flächendeckend
verwirklicht und selbst in der liberal-demokratischen Oase Israel immer wieder von rechtsradikalen und
ultraorthodoxen Kräften bedroht wird. Während ich diese Zeilen schreibe, werden im Umkreis von 1500
Kilometern Homosexuelle und Ehebrecherinnen öffentlich hingerichtet. In Israel selbst ist die strikte
Trennung von Staat und Religion bei Weitem nicht etabliert: Wer sich wie ich und meine Frau nicht vom
orthodoxen Rabbinat vorschreiben lassen will, nach welchem Ritual geheiratet werden soll, muss sich im
Ausland trauen lassen. Liberale werden in Israel zwar nicht unterdrückt oder verfolgt, aber wir sind eine
Minderheit, die politisch immer weniger Einfluss hat. Der Kampf um die Freiheit ist in Israel sicher nicht
so akut wie in Damaskus, Beirut, Kairo oder Teheran – aber Freiheit ist auch hier in Israel nicht
selbstverständlich. Vielleicht tun Leser diesen Essay als die Panikreaktion eines Linksliberalen ab, als
Gedanken, die in der »wirklich« freien Welt schon lange nicht mehr relevant sind. Ich erlaube mir, diese
Einschätzung anzuzweifeln. Die Zukunft wird zeigen, ob die Leidenschaft für die Freiheit ein Überbleibsel
aus der Vergangenheit ist oder eine unentbehrliche Vorbereitung auf zukünftige Gefahren.
Nachweise
Das Eigentor der westlichen Kultur
1
Fukuyama, Francis, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, München: Kindler 1992.
2 Huntington, Samuel, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Politik im 21. Jahrhundert, aus dem Englischen von Holger

Fließbach, München: Goldmann 2002 [amerikanische Originalausgabe 1996].
3
Vgl. z. ​B. Kupchan, Charles, No One's World. The West, the Rising Rest, and the Coming Global Turn, Oxford: Oxford University
Press 2012.
4 Einen guten Überblick über die damaligen Hoffnungen und deren Enttäuschung vermittelt Kissinger, Henry, Weltordnung, aus dem

Englischen von Karlheinz Dürr und Enrico Heinemann, München: Bertelsmann 2014.
5 Sarrazin, Thilo, Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München: Deutsche Verlagsanstalt 2010.

6
Vgl. Haller, Michael/Niggeschmidt, Martin (Hg.), Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton bis Sarrazin: Die
Denkmuster und Denkfehler der Eugenik, Wiesbaden: Springer VS 2012.
7
Braudel, Fernand, Grammaire des civilisations, Paris: Arthaud 1987.
8
Lewis, Bernard, Der Untergang des Morgenlandes: Warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor, aus dem Englischen von
Friedel Schröder und Martina Kluxen-Schröder, Bergisch Gladbach: Lübbe 2002.
9
Bruckner, Pascal, Der Schuldkomplex. Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für Europa, aus dem Französischen von Michael
Baye, München: Pantheon 2008.
10 Finkielkraut, Alain, Die Niederlage des Denkens, aus dem Französischen von Nicola Volland, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1989.

11
Bloom, Harold, The Western Canon. The Books and School of Ages, New York: Houghton Mifflin 1994.
12 Lévy, Bernard-Henri, Left in Dark Times. A Stand Against the New Barbarism, aus dem Französischen ins Englische übertragen von

Benjamin Moser, New York: Random House 2008.
13
Taylor, Charles, Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, aus dem Englischen von Reinhard Kaiser, mit Kommentaren von
Amy Gutmann, Stephen C. Rockefeller, Michael Walzer, Susan Wolf und einem Beitrag von Jürgen Habermas, Frankfurt am Main:
Suhrkamp 2009 [1994].
14 Huntington, Samuel, Who are we? Die Krise der amerikanischen Identität, aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Ursel

Schäfer, München: Goldmann 2006 [2004].
15 Bruckner, Pascal, Das Schluchzen des weißen Mannes. Europa und die Dritte Welt. Eine Polemik, aus dem Französischen von

Christiane Kayser, Berlin: Rotbuch 1984 [1983].
16 Strenger, Carlo, The Fear of Insignificance. Searching for Meaning in the Twenty-first Century, London: Palgrave Macmillan 2011.

Ein Testfall:
Die Fatwa gegen Salman Rushdie
1
Rushdie, Salman, Die Satanischen Verse, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2006 [1988]; in Deutschland erschien das Buch im Oktober
1989 zuerst im eigens für diesen Zweck gegründeten Artikel 19 Verlag mit Sitz in Hamburg. Bis heute wird in den gängigen
Taschenbuchausgaben kein deutscher Übersetzer genannt.
2 Vgl. zu diesem Punkt und zu weiteren Angaben zur Biografie Rushdies: Rushdie, Salman, Joseph Anton, aus dem Englischen von Verena

von Koskull und Bernhard Robben, München: Bertelsmann 2012.
3 Hitchens, Christopher, The Hitch: Geständnisse eines Unbeugsamen, aus dem Englischen von Yvonne Badal, München: Blessing 2011

[2010].
4 Die Leserbriefschlacht, in die sich auch noch Christopher Hitchens einschaltete, fand auf den Seiten des Guardian statt, der die Briefe auf

seiner Website dokumentiert; Scans sind online verfügbar unter: {http://www.theguardian.com/theguardian/from-the-archive-
blog/2012/nov/12/salman-rushdie-john-le-carre-archive-1997} (Stand Januar 2015). Die Kontroverse wurde schließlich 2012 beigelegt.
5 Vgl. Hitchens, The Hitch, a. ​a. ​O., Kapitel »Salman«.

6
Hirsi Ali, Ayaan, Ich bin eine Nomadin. Mein Leben für die Freiheit der Frauen, aus dem Englischen von Norbert Juraschitz,
München/Zürich: 2010.
7
Ebd.
8
Vgl. Pearson, Roger, Voltaire Almighty. A Life in the Pursuit of Freedom, London: Bloomsbury 2006.
9 Mittelstaedt, Juliane von, »Der Angsthändler«, in: Der Spiegel 46/2009, S. 109-112.

Die Geburt des Toleranzprinzips in der Aufklärung
1
Walzer, Michael, On Toleration, New Haven: Yale University Press 1997.
2 Sen, Amartya, The Argumentative Indian: Writings on Indian History, Culture and Identity, New York: Picador 2006.

3 Vgl. dazu und zum Folgenden: Israel, Jonathan, Radical Enlightenment. Philosophy and the Making of Modernity, 1650-1750,

Oxford/New York: Oxford University Press 2001.
4
Vgl. dazu und zum Folgenden: Randall, John-Herman, Career of Philosophy in Modern Times, zwei Bände, New York: Columbia
University Press 1962-1965.
5 Gillispie, Charles Coulston, The Edge of Objectivity. An Essay in the History of Scientific Ideas, Princeton: Princeton University Press

1960.
Kolonialismus und zwei Weltkriege
1
Israel, Jonathan, Revolutionary Ideas. An intellectual History of the French Revolution from the Rights of Man to Robespierre,
Princeton: Princeton University Press 2014.
2
Vgl. Arendt, Hannah, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München: Piper
2008 [1951].
3 Hobsbawm, Eric, Das imperiale Zeitalter 1875-1914, aus dem Englischen von Udo Rennert, Frankfurt am Main: Campus 1987.

4
Judt, Tony, Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, aus dem Englischen von Matthias Fienbork und Hainer Kober, Frankfurt
am Main: Fischer 2009 [2005].
5
Gadamer, Hans-Georg, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen: Mohr (Siebeck) 1965.
Der Aufstieg der politischen Korrektheit
1
Aron, Raymond, Opium für Intellektuelle oder Die Sucht nach Weltanschauung, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1957 [1955].
2 Lyotard, Jean-François, Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, herausgegeben von Peter Engelmann, aus dem Französischen von Otto

Pfersmann, Graz/Wien: Böhlau 1987 [1979].
3
Habermas, Jürgen, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985.
4
Ein besonders prominenter Kritiker der US-Politik ist seit Jahrzehnten der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky; einen guten Überblick
bietet: Chomsky, Noam, Die Herren der Welt. Essays und Reden aus fünf Jahrzehnten, aus dem Englischen von Gregor Kneussel,
Wien: Promedia 2014.
5 Galbraith, John Kenneth, Die moderne Industriegesellschaft, aus dem Englischen von Norbert Wölfl, München/Zürich: Droemer/Knaur

1968 [1967].
6 Foucault Michel, Die Regierung des Lebendigen. Vorlesungen am Collège de France 1974-75, aus dem Französischen von Andrea

Hemminger, Berlin: Suhrkamp 2014.
7 Michel Foucault, der oft fälschlicherweise als Relativist wahrgenommen wird, verwarf diese Position ausdrücklich in seinem Aufsatz

»Was ist Aufklärung?« aus dem Jahr 1984; Foucault, Michel, »Was ist Aufklärung?«, aus dem Französischen von Hans-Dieter Gondek, in:
Foucault, Michel, Dits et Ecrits. Schriften, Vierter Band, 1980-1988, herausgegeben von Daniel Defert und François Ewald unter
Mitarbeit von Jacques Lagrange, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 687-707.
8 Bruckner, Pascal, Der Schuldkomplex. Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für Europa, aus dem Französischen von Michael

Baye, München: Pantheon 2008.
9 Finkielkraut, Alain, Die Niederlage des Denkens, aus dem Französischen von Nicola Volland, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1989.

10
Alan Bloom, Der Niedergang des amerikanischen Geistes. Ein Plädoyer für die Erneuerung der westlichen Kultur, mit einem Vorwort von
Saul Bellow aus dem Englischen von Richard Giese, Hamburg: Hoffmann und Campe 1988 [1987].
11
Strenger, Carlo, The Fear of Insignificance. Searching for Meaning in the Twenty-first Century, London: Palgrave Macmillan 2011.
12
Vgl. zum Folgenden Jacoby, Susan, The Age of American Unreason, New York: Pantheon 2008.
Verantwortliche Meinungsbildung: der Ärztetest
1
Jacoby, Susan, The Age of American Unreason, New York: Pantheon 2008.
2 Woodward, Bob, Der Angriff: Plan of Attack, aus dem Englischen von Hans Freundl, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 2004.

3 Francis Fukuyama, der fälschlicherweise mit dieser neokonservativen Prophezeiung identifiziert wurde, hat diese scharf kritisiert;

Fukuyama, Francis, Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg, aus dem Englischen von Udo Rennert, Berlin: Propyläen 2006.
4
Nuccitelli, Dana, »97 global warming consensus meets resistance from scientific denialism«, in: The Guardian (28. Mai 2013), online
verfügbar unter: {http://www.theguardian.com/environment/climate-consensus-97-per-cent/2013/may/28/global-warming-consensus-
climate-denialism-characteristics} (Stand Januar 2015).
5 Kurtz, Howard, »College faculties are a most liberal lot, study finds«, in: Washington Post (29. Mai 2005), online verfügbar unter:

{http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A8427-2005Mar28.html} (Stand Januar 2015).
6 Jacoby, The Age of American Unreason, a. ​a. ​O.

7
Vgl. dazu und zu weiteren Studien: Nuccitelli, »97 global warming consensus meets resistance from scientific denialism«, a. ​a. ​O.
8 Barnett, Tony/Whiteside, Alan (2006), AIDS in the Twenty First Century. Disease and Globalization, New York: Palgrave 2006.

9 Brockman, John, Die dritte Kultur. Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft, aus dem Englischen von Sebastian Vogel,

München: Goldmann 1996 [1995].
10
Atran, Scott, Talking to the Enemy: Religion, Brotherhood, and the (Un)Making of Terrorists, New York: Ecco 2011.
11
Ebd.
12 Haller, Michael/Niggeschmidt, Martin (Hg.), Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton bis Sarrazin: Die Denkmuster

und Denkfehler der Eugenik, Wiesbaden: Springer VS 2012.
13
Gellner, Ernest, Nationalismus: Kultur und Macht, aus dem Englischen von Markus Schupfner, Berlin: Siedler 1999 [1989].
14
Vgl. zum Folgenden das umfassende Standardwerk: Morris, Benny, Righteous Victims: A History of the Israel-Arab Conflict, 1881-
1999, New York: Knopf 1999.
15
Nusseibeh, Sari, Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina, aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Katharina Förs und
Thomas Wollermann, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009 [2007].
16 Mallmann, Klaus-Michael/Cüppers, Martin, Halbmond und Hakenkreuz: Das »Dritte Reich«, die Araber und Palästina, Darmstadt:

Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006.
17 Myre, Greg, »Soft spoken but not afraid to voice opinions«, in: New York Times (11. März 2003), online verfügbar unter:

{http://www.nytimes.com/2003/03/11/international/middleeast/11ABBA.html} (Stand 2015).
18 Vgl. Rudoren, Jodi, »Mahmoud Abbas shifts on holocaust«, in: New York Times (26. April 2014), online verfügbar unter:

{http://www.nytimes.com/2014/04/27/world/middleeast/palestinian-leader-shifts-on-holocaust.html?_r=0} (Stand Januar 2015).
19 Mishal, Shaul/Sela, Avraham, The Palestinian Hamas: Vision, Violence and Coexistence, New York: ColumbiaUniversity Press 2006.

20
Cohler-Esses, Larry, »Hamas wouldn't honor a treaty, top leader says«, in: The Jewish Daily Forward (19. April 2012), online verfügbar
unter: {http://forward.com/articles/155054/hamas-wouldn-t-honor-a-treaty-top-leader-says/?p=all} (Stand Januar 2015).
Wenn Ressentiment zur Tugend wird
1
Toby, Jackson, The Lowering of Higher Education in America. Why Financial Aid Should be Based on Student Performance, Santa
Barbara: Praeger 2012.
2
Sloterdijk, Peter, Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.
3
Nietzsche, Friedrich, Zur Genealogie der Moral. in: Nietzsche, Werke. Kritische Gesamtausgabe, herausgegeben von Giorgio Colli und
Mazzino Montinari, 6. Abteilung, Bd. 2, Berlin: de Gruyter 1968.
4
Sloterdijk, Peter, Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Berlin: Suhrkamp 2010.
5
Vgl. Strenger, Carlo, The Quest for Voice in Contemporary Psychoanalysis, Madison: International Universities Press 2002, Kapitel 6.
6 Pew Research, »The global religious landscape« (18. Dezember 2012), online verfügbar unter:

{http://www.pewforum.org/2012/12/18/global-religious-landscape-exec/} (Stand Januar 2015).
Religion und zivilisierte Verachtung
1
Jan Assmann hat eine einflussreiche Theorie der abrahamitischen Religionen als Gegenreligionen entwickelt, die alle vorherigen
Religionen negieren; vgl. Assmann, Jan, Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur, München: Hanser 1998 [1997].
2
Diese Daten sind in der Bibelforschung relativ unumstritten; vgl. für eine umfassende Analyse: Friedman, Richard Elliot, Who Wrote the
Bible?, New York: Harper 1987.
3 Bis heute unübertroffen ist David Humes klassische Kritik des Wunderbegriffes; Hume, David, Dialoge über natürliche Religion,

herausgegeben und aus dem Englischen von Norbert Hoerster, Stuttgart: Reclam 1994 (1779).
4 Meacham, Tirza, »Legal-religious status of jewish female«, Online-Enzyklopädie des Jewish Women's Archive, verfügbar unter:

{http://jwa.org/encyclopedia/article/legal-religious-status-of-jewish-female} (Stand Januar 2015).
5 Eine Metaanalyse der Forschung findet sich in Hyde, Janet Shibley, »The gender similarity hypothesis«, in: American Psychologist

(September 2005), S. 581-592, online verfügbar unter: {http://www.wisebrain.org/papers/GenderSimilarities.pdf} (Stand Januar 2015).
6 Vgl. Hyde, Janet Shibley, »Gender similarities and differences«, in: Annual Review of Psychology 65/2014, S. 373-398.

7
Zusammenfassungen der empirischen Ergebnisse bieten: Colom, Roberto/García, Luis F./Juan-Espinosa, Manuel/Abad, Francisco J., »Null
sex differences in general intelligence: Evidence from the WAIS-III«, in: The Spanish Journal of Psychology 5/1 (2002), S. 29-35;
Aluja-Fabregat, Anton/Colom, Roberto/Abad, Francisco J./Juan-Espinosa, Manuel, »Sex differences in general intelligence defined
as g among young adolescents«, in: Personality and Individual Differences 28/4 (2000), S. 813-820.
8 AFP, »Papst will Kondomverbot der katholischen Kirche lockern«, in: Zeit online (20. November 2010), online verfügbar unter:

{http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-11/papst-kondome-aids} (Stand Januar 2015).
9 Weller, Susan C./Davis-Beaty, Karen R., »Condom effectiveness in reducing heterosexual HIV transmission (review)«, in: The Cochrane

Library 4/2007, online verfügbar unter: {http://apps.who.int/rhl/reviews/langs/CD003255.pdf} (Stand Januar 2015).
10 Bradshaw, Steve, »Vatican: Condoms don't stop AIDS«, in: The Guardian (9. Oktober 2003), online verfügbar unter:

{http://www.theguardian.com/world/2003/oct/09/aids} (Stand Januar 2015).
11 Dawkins, Richard (2006), Der Gotteswahn, aus dem Englischen von Sebastian Vogel, Berlin: Ullstein 2006.

12
Dennett, Daniel C., Den Bann brechen. Religion als natürliches Phänomen, aus dem Englischen von Frank Born, Frankfurt am Main:
Verlag der Weltreligionen 2009 [2005].
13
Hitchens, Christopher, Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet, aus dem Englischen von Anne Emmert, München:
Blessing 2007.
14 Eagleton, Terry, Culture and the Death of God, New Haven: Yale University Press 2014.

Kränkungen ertragen
1
Karel, William/Manera, Livia, Philip Roth: Unmasked, Dokumentarfilm (USA 2013).
2 Vgl. dazu und zum Folgenden: Avishai, Bernard, Promiscuous. »Portnoy's Complaint« and our Doomed Pursuit of Happiness, New

Haven: Yale University Press 2012.
3
Ebd.
4
Eine Auswahl besonders böser religionskritischer Titelseiten findet sich bei: Krule, Miriam, »Charlie Hebdo's most controversial religious
covers explained«, in: Slate (7. Januar 2015), online verfügbar unter:
{http://www.slate.com/blogs/browbeat/2015/01/07/charlie_hebdo_covers_religious_satire_cartoons_translated_and_explained.html}
(Stand Januar 2015).
Die Leidenschaft für die Freiheit
1
Ferguson, Niall (2011), Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen, aus dem Englischen von
Michael Bayer und Stephan Gebauer, Berlin: Propyläen 2011.
2
Cole, Jonathan R., The Great American University. Its Rise to Preeminence, its Indispensable National Role, why it Must be
Protected, New York: Public Affairs 2012 [2009].
3 Lukes, Steven/Hollis, Martin (Hg.), Rationality and Relativism, Cambridge (Mass.), MIT Press 1982.

4
Arendt, Hannah Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München: Piper
2008 [1951].
5
Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W., Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Amsterdam: Querido 1947.
6
Mosse, George L., The Fascist Revolution. Toward a General Theory of Fascism, New York: Howard Fertig 2000 [1999].
7 Sternhell, Zeev. Les anti-Lumières. Du XVIIe siècle à la guerre froide, Paris: Fayard 2006.

8 Gay, Peter, Die Republik der Außenseiter. Geist und Kultur in der Weimarer Zeit 1918-1933, aus dem Englischen von Helmut Lindemann,

Frankfurt am Main: S. Fischer 1968.
9
Gellner, Ernest, Nationalismus: Kultur und Macht, aus dem Englischen von Markus Schupfner, Berlin: Siedler 1999 [1989].
10
Habermas, Jürgen, »Die Moderne – ein unvollendetes Projekt«, in: Habermas, Jürgen, Kleine Politische Schriften (I-IV), Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1981 [1980], S. 444-463.
11
Vgl. dazu den bewegenden Gebrauch des Begriffs »Endlösung« in Isaiah Berlins klassischer Vorlesung »Zwei Freiheitsbegriffe« aus dem
Jahr 1958; in: Berlin, Isaiah, Freiheit. Vier Versuche, aus dem Englischen von Reinhard Kaiser, Frankfurt am Main: S. Fischer 1995,
S. 197-256.
12 Popper, Karl, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, zwei Bände, aus dem Englischen von Paul Feyerabend, Bern/München: Francke

1956 [1945].
13 Berlin, »Zwei Freiheitsbegriffe«, a. ​a. ​O.

14
Kupchan, Charles, No One's World. The West, the Rising Rest, and the Coming Global Turn, Oxford: Oxford University Press 2012;
Kissinger, Henry, Weltordnung, aus dem Englischen von Karlheinz Dürr und Enrico Heinemann, München: Bertelsmann 2014.
15
Braudel, Fernand, Grammaire des civilisations, Paris: Arthaud 1987.
16
Nietzsche, Friedrich, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, in: Nietzsche, Werke. Kritische Gesamtausgabe,
herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, 6. Abteilung, Bd. 1, Berlin: de Gruyter 1968, § 5, S. 13-14.
17
Fukuyama, Francis, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, München: Kindler 1992.
18
Barber, Benjamin, Consumed! Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Bürger verschlingt, aus dem
Englischen von Friedrich Griese, München C. ​H. Beck 2007.
19
Bruckner, Pascal, L'euphorie perpetuelle. Essai sur le devoir de bonheur, Paris: Grasset 2000.
20
Strenger, Carlo, The Fear of Insignificance. Searching for Meaning in the Twenty-first Century, London: Palgrave Macmillan 2011,
Teil III.
21
Israel, Jonathan, Radical Enlightenment. Philosophy and the Making of Modernity, 1650-1750, Oxford/New York: Oxford
University Press 2001.