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Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden • 58 (2009) Heft 1 – 2 • Logistik

Im Artikel über Logistik geht es


um die Geschichte und Sys-
tematik eines Begriffs, der in
Christian Mueller-Goldingen der Antike im Rahmen des grie-
chischen Bildungskanons eine
Zur Geschichte und Systematik des respektable Bedeutung hatte.
Diese ist ihm im Verlauf dieser
Epoche zwar nicht abhanden
Begriffs „Logistik“ gekommen, doch verlor der
Begriff „Logistik“ seine ur-
sprüngliche Funktion. Aus-
gehend von der Logistik als
einer praktischen Rechenkunst
im 5. vorchristlichen Jahr-
hundert bei den Griechen wird
Der Begriff „Logistik“ spielt in der moder- nicht-arithmetischen Sinne. In dieser weite- die Entwicklung des Begriffs
nen Betriebswirtschaft und in den Wirt- ren Bedeutung taucht das Wort zum ersten auch bei den Römern verfolgt.
Ein Ausblick auf die Moderne
schaftswissenschaften als ein die Verwal- Mal bei HERODOT auf. Das verweist auf den beschließt den Diskurs.
tung und den Transport von Gütern bezeich- ionischen Sprachraum, in dem „logizes-
nender Terminus eine ganz entscheidende thai“, ferner der Begriff „Logistik“ entstan- The paper considers the history
Rolle. Er meint auch die „Philosophie“ eines den ist. Von dort – HERODOT wurde be- and system of a notion which
Unternehmens, seine Strategien und die sonders in Athen bekannt – gelangte der had considerable impact in
strukturelle Seite von Unternehmens- Begriff „Logistik“ über die Region Attika ancient times within the frame-
strategien. nach Athen und konnte dann in den Bil- work of the Greek education
canon. This standing has remai-
Die Geschichte des Begriffs „Logistik“ ist dungskanon der Griechen integriert werden. ned, but we must nevertheless
zunächst freilich ganz anders verlaufen. Er Eine Bedeutung des Verbums „logizes- note that the term “logistics”
kam im 5. Jahrhundert v. Chr. im antiken thai“ wurde noch nicht erwähnt: Es kann has lost its former function.
Griechenland auf, also zur Zeit der Klassik. auch das schlussfolgernde Denken, das logi- From the starting point of logi-
Da diente er der Bezeichnung der Rechen- sche Schließen bezeichnen. So kommt es stics as a practical art of calcu-
kunst, die auf diese Weise als die „logisti- zum Beispiel bei PLATON vor. Diese Ver- lus in Greece, the appraisal
moves on to a dialectical proof
sche Kunst“, die logistikè techne, von den wendungsweise führt zu den Begriffen
of development by the Romans,
anderen Künsten abgehoben wurde. Die „Logos“ und „Logik“. Beide Begriffe hän- and concludes with a brief out-
Logistik war aber auch jener Bereich, den gen aber sachlich und sprachlich eng mit look on modern times.
man von der wissenschaftlich betriebenen „Logistik“ zusammen. Logos hat ein gewal-
Arithmetik abgrenzte. Wer rechnen konnte, tiges Bedeutungsfeld, angefangen von der
verfügte über mehr als eine der beiden ele- individuellen und der kosmischen Vernunft
mentaren Kenntnisse des Lesens und Schrei- bei HERAKLIT über das Denken der
bens. Logistik im Sinne einer Rechenkunst Menschen bzw. die Denkfähigkeit des
war in diesem Zeitraum, dem 5. vorchrist- Menschen bis hin zum Logos als dem welt-
lichen Jahrhundert, ein fester Bestandteil steuernden Prinzip bei den Stoikern. Es
des Bildungskanons der Griechen. Diese kann in der Mathematik auch innerhalb der
Kunst spielte in dem Bereich eine ähnlich antiken Proportionenlehre des Mathema-
wichtige Rolle wie die Musik, die die tikers THEAITETOS die Proportion, die
Griechen besonders in ihren Idealstaats- Analogie bezeichnen. Logos war also ein
entwürfen an herausragender Stelle expo- Schlüsselbegriff für viele Bedeutungsfelder,
nierten, so PLATON in der Politeia und ähnlich wie auch Logistik und logizesthai.
ARISTOTELES in seinem Idealstaat in den Wer rechnet, sich also der Logistik be-
Büchern 7 und 8 seiner Politik. dient, verwendet dafür den Logos als das
Aber wir müssen noch einen Schritt Organ des Denkens. Wer in der Ethik danach
zurückgehen. Die Verwendung des Begriffs fragt, wie er sich in bestimmten Situationen
„Logistik“ in der Bedeutung „Rechenkunst“ verhalten soll, macht dies in der Regel eben-
ist noch nicht die früheste. „Logistik“ falls mit dem Logos, einer Instanz, die dann
kommt von dem Verbum „logizesthai“ in in der Ethik des ARISTOTELES eine zentrale
den Bedeutungen „vernünftig sein, nachden- Bedeutung als die praktische Vernunft
ken, planen, berechnen“. Das ist also ein erlangte.
ganzes semantisches Feld an Bedeutungen. All dies sind Verwendungsweisen oder
Das Verbum kann sowohl das Rechnen mit Bedeutungen des Begriffs „Logos“, die
Zahlen als auch die praktische Tätigkeit natürlich auch mit dem hier beleuchteten
bezeichnen, eine Situation abzuschätzen, sie Begriff „Logistik“ zu tun haben.
zu „berechnen“, in einem übertragenen,

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Und die Logik? Auch sie ist in der sachlichen und natürlich keine Rolle. An seine Stelle war ein ebenfalls griechischer
auch sprachlichen Nähe von Logistik anzusiedeln. Dass sich Begriff, die Arithmetik, getreten, der bei den Griechen und
in der Geschichte des abendländischen Denkens der Begriff in deren Mathematik schon immer eine herausragende Rolle
„Logik“ und nicht „Logistik“ durchgesetzt hat, um einen gespielt hatte. Dieser Begriff prägte dann die Römische
grundlegenden Zweig der Philosophie zu bezeichnen, hat Kaiserzeit vom ersten Jahrhundert bis zum Ende der Antike.
zwei Gründe: Die doppelte Bedeutung von Arithmetik als einer prakti-
schen und einer streng mathematischen Kunst, die die
1. Der Begriff „Logistik“ war bereits seit dem 5. vorchrist- Römer von den Griechen geerbt hatten, hat am Ende der
lichen Jahrhundert festgelegt. Da er im griechischen Spätantike BOETHIUS in seinem Werk noch einmal voll zum
Bildungskanon die praktische Kunst des Rechnens Ausdruck und zur Geltung gebracht. Ihm ist es in erster
bezeichnete und der Begriff „Logik“, abgeleitet von Linie zu verdanken, dass der lateinische Begriff ins
„Logos“, für die Logik als die grundlegende Disziplin Mittelalter und ins Abendland gelangen konnte.
der Philosophie schon feststand, war die Geschichte des Der Begriff „Logistik“ hat weniger Karriere gemacht. In
Begriffs „Logistik“ bereits determiniert. Beide Künste, Form von Syllogistik von ARISTOTELES mit Bezug auf seine
die Logik und die Logistik, bedienten sich als des ent- Logik entwickelt, hat dieses Wort „Logistik“ zwar weiter
scheidenden Organs des Logos, der, wie bereits zu sehen gedauert zur Bezeichnung der praktischen Rechenkunst,
war, ein sehr großes Bedeutungsfeld hatte. aber seine heutige Verwendung und der moderne Sprach-
gebrauch lassen nur noch erahnen, wie wechselhaft und teil-
2. Sprachlich haben die Griechen den engeren Zusam- weise auch verästelt die Entstehung und Entwicklung dieses
menhang zwischen „Logos“ und „Logik“ eigentlich von Wortes bei den Griechen gewesen ist.
Anfang an gesehen. Wie hat sich nun dieser Begriff „Logistik“ auf das moder-
ne Wissenschafts- und Wissensverständnis ausgewirkt?
ARISTOTELES war dann auf der Suche nach einem neuen Man kann sagen, dass die moderne Wissenschaftssyste-
Begriff innerhalb der Logik, als er seine neue syllogistische matik diesen Begriff nicht integriert hat. Es war soeben von
Logik in den sogenannten Analytica priora entwickelte. dem Begriff „Arithmetik“ die Rede. Er hat sich im abend-
Abgeleitet vom Verbum „syllogizesthai“ entwickelte er den ländischen Denken und in der europäischen Systematik der
Begriff „Syllogistik“, der bei ihm die Kunst des Schließens Geistes-, Natur- und empirischen Wissenschaften sowie in
kennzeichnete. der Mathematik durchgesetzt. Dabei hatten die Griechen mit
Auf diese Weise kam der Begriff „Logistik“ nun im 4. ihrem sehr wachen Sinn für Wissenschaftstheorie und
vorchristlichen Jahrhundert wieder zu Ehren. Das Wissenschaftssystematik schon im 5. vorchristlichen Jahr-
Kompositum „Syllogistik“ war sozusagen noch frei, seman- hundert den Weg gewiesen, indem sie zwischen einer rein
tisch noch nicht wie der Begriff „Logistik“ festgelegt. praktischen Rechenkunst und einer Arithmetik in der
Das Verbum „syllogizesthai“ existierte natürlich schon Mathematik differenzierten. Aber auch da hat sich das
vor ARISTOTELES, jedoch in einer noch unspezifischen Lateinische durchgesetzt. „La logistique“ im Französischen
Bedeutung. Es bezeichnete zum Beispiel bei PLATON das bezeichnet vor allem den Transportnachschub. Wenn man
schlussfolgernde Denken aus bestimmten Prämissen. Der im Französischen den Begriff in einer weiteren Bedeutung
Schritt von da zur Bezeichnung einer Logik, die mit jeweils verwendet, greift man eher zu engl. Logistics. Im Eng-
zwei Prämissen operiert, um von ihnen zu schließen, war lischen und Deutschen meint der Begriff „Logistik“ hinge-
dann für ARISTOTELES gar nicht mehr so groß. gen vor allem die allgemeine Logistik eines Unternehmens.
Der Begriff „Logistik“ nun, von dem wir ausgegangen Ähnlich steht es im Spanischen und Italienischen.
sind, hat seine Bedeutung als praktische Rechenkunst in der Nach WILHELM KAMLAH und PAUL LORENZEN [1] kommt
Antike im Wesentlichen beibehalten. Allerdings gibt es zwi- in der formalen Logik der Begriff „Logistik“ zur Be-
schen Griechen und Römern einen wesentlichen Unter- zeichnung von Logikkalkülen kaum mehr vor. In dem ange-
schied: Die Römer haben den Ausdruck „Ars arithmetica“ sehenen und umfassenden Handlexikon zur Wissenschafts-
sowohl für die wissenschaftliche und mathematische theorie von HELMUT SEIFFERT und GERARD RADNITZKY [2]
Arithmetik als auch für die praktische Rechenkunst verwen- taucht „Logistik“ nicht auf. Nur ein kleiner Artikel findet
det. So taucht der Begriff „Arithmetik“ noch in der sich in dem von JÜRGEN MITTELSTRASS herausgegebenen
Spätantike bei BOETHIUS in der Introductio arithmetica auf, Lexikon der Philosophie und Wissenschaftstheorie [3].
und so wird er in dieser späten Zeit in der Regel verwendet. Auch dies ist ein Phänomen – ebenso die in der Moderne
Das hängt auch mit einer Systematik zusammen, die die völlig andere Verwendungsweise und Bedeutung des
Römer im Bereich der Bildung und mit Bezug auf die ver- Begriffs „Logistik“, als es bei den Griechen in der Antike
schiedenen Künste entwickelt haben. Im Kanon der septem der Fall gewesen ist.
artes liberales („sieben freie Künste“) stand bei den Römern
in der Trias der drei logischen Künste die Arithmetik vor der
Logik und der Geometrie. Diese Spitzenstellung im Kanon Resümee
war auch Ausdruck der Überlegung, dass die Arithmetik als
eine Rechenkunst die Grundlage für die anderen Künste Der Diskurs über einen Begriff, der besonders im 5.
darstellen kann. Diese Systematik – es fällt natürlich auch Jahrhundert v. Chr. bei den Griechen eine durchaus wichti-
die exponierte Stellung der Logik auf – entsprach einerseits ge Rolle spielte, hat Folgendes gezeigt: Die Logistik als eine
dem praktischen Denken der Römer, andererseits wollten praktische Rechenkunst wurde von den Griechen schon früh
sie in diesem Kanon natürlich auch die wissenschaftliche in den Bildungskanon aufgenommen. Als eine solche prak-
Arithmetik nicht zu kurz kommen lassen. tische Kunst und Fähigkeit wurde sie gleichzeitig von der
Der Begriff „Logistik“ spielte in diesem pädagogisch-di- Arithmetik innerhalb der Mathematik abgegrenzt. Die
daktischen und auch bildungspolitischen Zusammenhang Griechen mit ihrem ausgeprägten Sinn für Wissenschafts-

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systematik haben in dieser Logistik von Anfang an eine Planung, Organisation und Operationalisierung von Be-
Tätigkeit gesehen, die für die Praxis, nicht für die Theorie triebsabläufen und insbesondere ihre Mathematisierung.
bestimmt war. Insofern gibt es durchaus eine Brücke und Beziehung zu
Anders die Römer: In ihrem Bildungskanon, also in den einem Begriff und einer Vorstellung, die im Bildungswesen
septem artes liberales, hat die Logistik eigentlich kaum eine der Griechen und dann in Form der Arithmetik bei den
Rolle gespielt. Das hängt damit zusammen, dass sich der Römern eine tragende Rolle spielte.
Begriff „Arithmetik“ bei den Römern durchsetzte. Diese
Dominanz eines ebenfalls griechischen Begriffs hat sich von Literatur
den Anfängen bis in die Spätantike gehalten. BOETHIUS hat
dafür gesorgt, dass der Begriff „Arithmetik“ im Mittelalter [1] Kamlah, W.; Lorenzen, P.: Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen
Redens. 3. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1996
fortdauerte und von da aus seinen Weg in die Renaissance, [2] Seiffert, H.; Radnitzky, G.: Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. München: dtv,
den Humanismus und das europäische Denken nehmen 1992
[3] Mittelstraß, J. u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie.
konnte. 4 Bde. Stuttgart: Metzler, 1996
Die moderne Verwendung des Begriffs „Logistik“ ist eine
völlig andere geworden. Der Begriff findet vor allem in den Manuskripteingang: 7.7.2008
Wirtschaftswissenschaften und in den Ingenieurswissen- Angenommen am: 30.10.2008
schaften Verwendung. Er bezeichnet in diesen Bereichen die

Mueller-Goldingen, Christian
Prof. Dr. phil. habil.
Studium Klassische Philologie, Philosophie und
Theologie von 1975 bis 1981 an der Universität
Saarbrücken und der Université Libre de
Bruxelles ♦ 1985 Promotion zum Dr. phil. ♦
1992 Habilitation, Privatdozent für Klassische
Philologie ♦ seit 1994 Professor für Klassische
Philologie (Griechisch) am Institut für Klassische
Philologie, Fakultät Sprach-, Literatur- und
Kulturwissenschaften der TU Dresden

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