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Die Schlafwandler

Hermann Broch
Hermann Broch wird am 1. November 1886 in Wien als Sohn einer jüdischen
Textilindustriellenfamilie geboren. Den Weisungen des Vaters folgend, macht er eine
Ausbildung zum Textilingenieur. Um 1908 beginnt er, erste schriftstellerische Arbeiten zu
veröffentlichen; dabei verfasst er von vornherein sowohl philosophisch-wissenschaftliche
als auch dichterische Texte.
Broch begann wahrscheinlich 1928 mit der Arbeit an der Trilogie. 1929 arbeitete er
erste Novellenfassungen zu Romanen aus. Als Titel für die Trilogie verwarf er „Bertrand“,
„Huguenau“ und „Historischer Roman“, bevor er sich für Die Schlafwandler entschied. 1930
reichte er das Manuskript beim Fischer Verlag in Berlin ein, wo man ihm zu verstehen gab,
dass nur der erste Teil Hoffnung auf Veröffentlichung habe und er die anderen Teile im Stil
anpassen müsse. Broch wechselte daraufhin zum Rhein Verlag. Der erste Teil, Pasenow,
ging Ende des Jahres nach umfangreichen Überarbeitungen in den Druck und erschien
noch im Dezember. Esch folgte im Januar 1931, Huguenau – nun deutlich länger und um
einige Essays ergänzt – wurde im April 1932 veröffentlicht.
Den wohl größten Einfluss auf Brochs literarisches Schaffen hatte sein späterer
Freund James Joyce, doch auch André Gide und Robert Musil prägten ihn. In deren
Romanen sah Broch die Aufgabe des Dichters verwirklicht, das Irrationale im menschlichen
Leben und Erleben zugänglich zu machen. Früher war dies die Domäne der Philosophie, die
jedoch im Zuge des Positivismus ebenfalls zur Wissenshaft geworden war. So verwundert
der überall spürbare Einfluss der Philosophie in den Romanen nicht: Verweise
auf Kant, Hegel, Augustinus, Calvin, Erasmus durchziehen insbesondere die Essays im
dritten Teil.
Wirkungsgeschichte. Brochs Werk und die Heilssuche der Hauptfiguren sollten sich für
die politische Entwicklung in Deutschland als prophetisch erweisen. „Der soziale
Querschnitt, der in den drei Bänden gezogen ist, offenbart fast in allen Charakteren sich als
Nazi-Nährboden“, sagte Broch selbst später. Die in der modernen Welt orientierungslos
gewordenen Protagonisten suchen nach Führung, im dritten Roman auch als Suche nach
einem Führer ausbuchstabiert: „Deshalb wohl sehnen wir uns nach dem ‚Führer‘, damit er
uns die Motivation zu einem Geschehen liefere, das wir ohne ihn bloß wahnsinnig nennen
können.“
Während Autoren wie Thomas Mann, Hermann Hesse, Aldous Huxley, Hannah
Arendt oder Milan Kundera Brochs Werk lobten und Elias Canettiund Michel
Foucault seinen Einfluss auf ihr eigenes Werk betonten, blieb die Trilogie bis nach dem
Tod ihres Autors einem größeren Publikum unbekannt. In der Forschung waren es vor
allem Parallelen zu Autoren wie Robert Musil und Alfred Döblin, die ab den 1950er-
Jahren zahlreiche Abhandlungen anregten. Der Politologe Eric Voegelin und der
Historiker Gordon Craig unterstrichen den Beitrag, den Brochs Trilogie zum Verständnis
der Geschichte Europa leistete.
Zwischen 2007 und 2009 wurde die Trilogie vom Bayerischen Rundfunk als Hörspiel in
zwölf Teilen produziert. Anspielungen auf Brochs Werk finden sich in zahlreichen Filmen
und Romanen.
Hermann Brochs Trilogie Die Schlafwandler zählt zu den einflussreichsten
deutschsprachigen Romanen der Moderne
1888 – Pasenow oder die Romantik.Leutnant Joachim von Pasenow bekommt in Berlin
Besuch von seinem Vater und geht mit ihm ins Jägerkasino in der Friedrichstraße. Der alte
Herr flirtet mit einer Animierdame, Ruzena. Joachim ist das Verhalten seines Vaters
peinlich. Überhaupt mag er die Unordnung des zivilen Lebens nicht und fühlt sich nur in
Uniform wohl. Nach der Abreise seines Vaters trifft Joachim einen alten Bekannten, Eduard
von Bertrand, der aus dem Militär ausgeschieden und nun als Händler erfolgreich ist.
Joachim stattet auch der Baronin Baddensen einen Besuch ab – er soll deren
Tochter Elisabethheiraten. Trotzdem beginnt er eine Affäre mit Ruzena. Als Joachims
älterer Bruder bei einem Duell stirbt, wird Joachim Haupterbe und muss das Gut in Stolpin
übernehmen. Er fährt zur Beerdigung nach Hause. Seine Eltern sind von dem Verlust
schwer mitgenommen. Bertrand verschafft Ruzena unterdessen eine Stelle beim Theater.
Elisabeth versucht, sich damit anzufreunden, dass sie Joachims Frau werden soll.
Joachim lädt Bertrand ein, ihn auf dem Gut zu besuchen. In Stolpin verbringt Bertrand viel
Zeit mit dem alten Herrn von Pasenow, und Joachim bereut, den Freund eingeladen zu
haben. Er hat das Gefühl, dass Bertrand sein geordnetes Leben aus den Fugen bringt. Bei
einem Ausritt kommen Bertrand und Elisabeth, deren Eltern in der Nähe wohnen, ins
Gespräch. Weil er ohnehin bald abreist und deswegen frei von der Leber reden kann, macht
Bertrand Elisabeth Komplimente und erklärt ihr schließlich seine Liebe. Er rät ihr, sie solle
ihrem Herzen folgen.
Joachims Vater erleidet einen Nervenzusammenbruch und ist fortan ans Bett
gefesselt. Joachim ist hin- und hergerissen zwischen Ruzena, die für ihn das städtische
Leben verkörpert, und der Vision von einer Zukunft mit Elisabeth, die für ihn der Inbegriff
von Reinheit ist. Während Joachim in Stolpin ist, besucht Bertrand Ruzena, die ihm die
Schuld an der gespannten Beziehung zu Joachim gibt. Sie schießt mit einem Revolver auf
ihn und verletzt ihn dabei am Arm. Dann flieht sie. Joachim erfährt bei seiner Rückkehr
davon und befürchtet, dass sie sich das Leben nehmen werde. Er findet Ruzena, doch die
will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Über einen Rechtsanwalt klärt er ihre Versorgung.
Vater auf und bittet um ihre Hand. Der gibt seine Zustimmung. Derweil besucht
Elisabeth Bertrand im Krankenhaus. Sie liebt Joachim nicht, kann sich aber dennoch
vorstellen, ihn zu heiraten. Bertrand beteuert ihr noch einmal seine Gefühle, sie küssen sich
leidenschaftlich, doch es ist ein Abschied. Danach willigt sie in Joachims Antrag ein. Die
frisch Verlobten sprechen über Bertrand, der nicht wie sie klare Verhältnisse braucht. Die
Hochzeit findet im kleinen Rahmen statt. In der Hochzeitsnacht erscheint Joachim seine
Frau fremd und viel zu rein für ihn. Er bietet ihr an, sie freizugeben. Sie erklärt ihm, dass sie
erst vertraut miteinander werden müssen. Sie schlafen nebeneinander ein. 18 Monate
später wird ihr erstes Kind geboren.
1903 – Esch oder die Anarchie. August Esch verliert seine Stelle als Buchhalter bei der
Weinhandlung Stemberg & Co in Köln. Er besucht das Lokal von Mutter Hentjen, um sich
abzulenken. Die Witwe verabscheut die Männer, die sie Tag für Tag versorgen muss. Esch
hasst sie ein bisschen weniger, weil der ihre Küche lobt. Er trifft sich mit dem
Gewerkschaftler Martin Geyring, einem Krüppel, der versucht, ihn für seine Organisation
zu gewinnen. Martin weiß, wo Esch nach einer Stelle fragen könnte. Tatsächlich findet der
eine Anstellung bei der Mittelrheinischen Reederei in Mannheim. Die wird von Präsident
Bertrand geführt. Esch muss im Hafen eingelagerte Waren kontrollieren und mit den
Lieferlisten vergleichen. Er freundet sich mit dem Zollbeamten Balthasar Korn an, der ihm
ein Zimmer in seinem Haus anbietet. Der Junggeselle Korn lebt mit seiner unverheirateten
Schwester Erna zusammen. Diese zeigt Interesse an Esch. Als Erna und Esch zusammen ins
Varieté gehen, lernen sie dort dessen Direktor Gernerth kennen. Während der Show hat
Esch Mitleid mit dem Mädchen, das auf der Bühne dem Messerwerfer assistieren muss. Er
wird den Artisten wenig später vorgestellt: Herr Teltscher und seine
Assistentin Ilona finden sich nun ebenfalls zum Essen bei den Korns ein.
Esch verbringt seine Freizeit gern im Laden des Zigarrenhändlers Josef Lohberg,
den er zwar für einen Idioten hält, aber unterhaltsam findet. Lohberg ist Vegetarier und
warnt vor den ungesunden Folgen des Rauchens. Er hat ebenso wenig Freude an seinem
Beruf wie Mutter Hentjen an dem ihren. Eines Abends besucht Esch Erna in ihrem Zimmer.
Sie macht deutlich, dass sie nur mit ihm schlafen wird, wenn er ihr einen Antrag macht.
Darauf will sich Esch nicht einlassen. Die beiden beginnen einen Kleinkrieg. Unterdessen
fängt Ilona, die von Esch idealisiert wird und die dieser gern von ihrem Schicksal als
Messerwerfergehilfin erlösen möchte, eine Affäre mit Korn an.
Martin Geyring ist anlässlich einer Versammlung in Mannheim und besucht Esch.
Die beiden unterhalten sich über Bertrand, den Martin – anders als Esch – für einen
hochanständigen Mann hält, obwohl er das Militär verlassen hat. Die Versammlung verläuft
chaotisch und wird von der Polizei aufgelöst. Martin wird verhaftet. Esch gibt Bertrand die
Schuld, der bestimmt gemeinsame Sache mit der Polizei gemacht hat, um den unbequemen
Gewerkschaftler loszuwerden. Esch überlegt, nach Amerika auszuwandern. Dafür bräuchte
er Geld. Zusammen mit Gernerth und Teltscher will er eine Damenringkampfshow auf die
Beine stellen. Erna und Lohberg investieren in die Geschäftsidee.
Esch geht die Rechnung für seine Erlösung im Kopf durch: Er verzichtet auf Erna
und rettet stattdessen Ilona vor den Messern. Wenn er Martin gegenüber seine Pflicht tun
will, darf er nicht mehr für Bertrand arbeiten. Er kündigt und macht sich auf nach Köln, um
das Geschäft mit den Ringkämpfen aufzubauen. Er pachtet das Alhambra-Theater und
sucht und findet Mädchen für die Kämpfe. Unter ihnen ist auch Ruzena, die unter Tränen
die Probe abbricht. Esch schreibt einen Artikel, um Martin freizubekommen und Bertrand
anzuklagen. Vom Redakteur erfährt er, dass Bertrand homosexuell sein soll.
Esch fährt mit Mutter Hentjen zu einer Weinauktion, um für sie gute Preise
auszuhandeln. Auf der Fahrt kommen sie sich näher, obwohl sie sich vor ihm ekelt. Mutter
Hentjen nimmt die Entwicklung resigniert hin und widersetzt sich nicht. Bei ihr findet Esch
Erlösung. Sie träumen gemeinsam von Amerika. Mutter Hentjen müsste die Kneipe
verkaufen. Eschs Streifzüge bringen ihn auch in Lokale, in denen er sich nach Bertrands
Affären erkundigen kann. Er trifft den jungen Harry Köhler, der Bertrand liebte und von
ihm verlassen wurde. Die Ringkämpfe starten erfolgreich, doch die Einnahmen lassen bald
nach. Esch ist wütend – auf seine Kompagnons und auf Bertrand, weil Martin noch immer
in Haft ist.
Esch fährt nach Mannheim, um Erna und Lohberg ihre Einlage auszuzahlen – den
versprochenen Gewinn hält Gernerth zurück – und um Martin zu besuchen. Erna und
Lohberg sind so gut wie verlobt. Nun endlich ist sie bereit, die Nacht mit Esch zu
verbringen. Er berichtet Martin, dass er auf dem Weg zu Bertrand ist, um ihn wegen
Martins Inhaftierung zur Rede zu stellen. Martin versucht vergebens, ihm den Plan
auszureden. Wie in Trance reist Esch mit dem Zug nach Badenweiler und sucht Bertrand in
seiner Villa auf. Der empfängt ihn und sie sprechen über die Schuld, die Liebe und den Tod.
Esch kehrt zurück nach Mannheim und verabschiedet sich von seinen Freunden dort. Er ist
jetzt entschlossen, Mutter Hentjen zu heiraten. Zurück in Köln zeigt er Bertrand wegen
dessen „unzüchtigen Beziehungen“ an. Auf einem seiner Streifzüge erfährt er, dass Harry
Köhler sich das Leben genommen hat, nachdem er Bertrands Todesanzeige in der Zeitung
gelesen hatte. Bertrand selbst soll sich erschossen haben. Gernerth ist derweil mit den
restlichen Einnahmen verschwunden. Der Traum vom neuen Leben in Amerika ist damit
endgültig geplatzt. Mutter Hentjen nimmt eine Hypothek auf die Wirtschaft auf, um das
Geld in Teltschers neues Theatergeschäft zu investieren. Als Gegenleistung fordert Esch,
dass die Messerwerfernummer aus dem Programm genommen wird. Von Lohberg erfährt
er, dass Erna ein Kind erwartet. Einige Zeit später verkaufen sie die Kneipe und verlieren
das bei Teltscher investierte Geld, doch Esch findet einen neuen, besseren Job als
Oberbuchhalter.
1918 – Huguenau oder die Sachlichkeit. Der Händler Wilhelm Huguenau desertiert
gegen Ende des Krieges aus einem belgischen Schützengraben und schlägt sich in ein
kleines Städtchen an der Mosel durch. Er sucht die lokale Zeitung von August Esch auf und
schlägt vor, ihm das Blatt abzukaufen. Schnell findet Huguenau Unterstützer und
Geldgeber, nachdem er sich mit dem Kommandanten des hier stationierten Militärs, Major
Joachim von Pasenow, gut gestellt hat. Huguenau macht dem Major weiß, er sei im Auftrag
des Heeres unterwegs und solle das „bedenkliche“ Blatt übernehmen. Esch ist durch eine
Erbschaft an die Zeitung gekommen und hatte tatsächlich schon mehrfach Probleme mit
der Zensur. Er erklärt sich bereit, an Huguenau zu verkaufen, und bleibt als Angestellter im
neuen Unternehmen. Joachim von Pasenow schreibt den Leitartikel für die erste Ausgabe
unter neuer Führung. Die Ordnung des Heeres, die ihm früher so viel Halt gab, gibt es nicht
mehr. Er sucht jetzt Zuflucht im Glauben.
Im Ort befindet sich das Bezirkskrankenhaus. Hier werden Soldaten
wie Jaretzki behandelt, dessen Arm amputiert werden muss und der nicht weiß, ob er je in
ein bürgerliches Leben zurückfinden kann. Er beginnt zu trinken. Der Alkohol ist für ihn –
wie der Patriotismus – nur ein Rauschmittel. Auch der Maurer Ludwig Gödicke, der nach
einem schweren Unfall langsam ins Leben zurückkehrt, ist hier Patient.
Die Welt ist unüberschaubar geworden. Auf der Suche nach Halt verlangen die
Menschen nach Führung. Der Geist der Epoche zeigt sich in einem Baustil, der keine
Ornamente kennt. Es gibt keine universellen Werte mehr. Die Welt zersplittert in abstrakte
Wertgebiete – das des Krieges, das des Handels, das der Kunst –, die jeweils nach einer
eigenen, radikalen Logik funktionieren. Das führt zu rücksichtlosem Handeln, das innerhalb
des abgesteckten Bereiches logisch und zwingend erscheint. Das theologische
Wertgebäude, das alles auf Gott als letzten Grund ausrichtete, ist in der Renaissance
zerstört worden und in den späteren Jahrhunderten völlig verloren gegangen. Der
Protestantismus mit seinem abstrakten, autonomen Gotteserlebnis hat der Religion die
Inhalte und den festen Bezug genommen. Was bleibt, ist das einsame und orientierungslose
Individuum. Gut und Böse verlieren ohne ein absolutes Wertesystem ihre Bedeutung.
Huguenau beobachtet Esch und sendet dem Major einen Bericht, in dem er
mutmaßt, Esch treffe sich mit subversiven Elementen. Der Major ignoriert den Brief. Als
Huguenau ihn darauf anspricht, macht der Major klar, dass er die Verdächtigungen nicht
teilt. Esch tritt, beeindruckt vom Glauben des Majors, zum Protestantismus über und hält
Bibelkreise ab, zu denen auch Gödicke und später sogar der Major kommen.
Im Gefängnis der Stadt kommt es zu einem Aufstand. Die Häftlinge fordern mehr
Essen. Der Krieg erreicht seinen grausamen Höhepunkt. Der Major erhält eine Liste, die
Huguenau als Deserteur ausweist. Der Kaufmann kann ihn aber davon überzeugen, dass es
sich um ein Missverständnis handelt.
Anfang November bricht die Front zusammen. Es kommt zu einem Aufstand in der
örtlichen Papierfabrik. Der Stadtkommandant lässt die Bürger bewaffnen. Die
Aufständischen ziehen gegen das Gefängnis und die Kommandantur. Der Major wird bei
einem Unfall mit seinem Wagen schwer verletzt. Esch rettet ihn aus dem brennenden
Fahrzeug und bringt ihn in seinem Haus in Sicherheit, bevor er sich wieder in die Stadt
aufmacht, um Pasenows Leute zu informieren. Huguenau holt ihn auf der Straße ein und
sticht ihn mit einem Bajonett hinterrücks nieder. Er bietet an, den verletzten Major nach
Köln zu begleiten, und entkommt so. Er hebt das restliche Vermögen der Zeitung ab und
kehrt in seine Heimat Colmar zurück. Über den Mord denkt er nicht viel nach – die
irrationale Tat hat in seiner kaufmännischen Logik keinen Platz. Er heiratet, wird reich,
kriegt einen Bauch und nötigt die Witwe Esch, ihm seine Anteile an der Zeitung
abzukaufen.
In drei Romanen auf gut 700 Seiten taucht Hermann Brochs Werk ab in die
innersten Gedanken seiner drei Protagonisten, die nicht nur für drei unterschiedliche
Schichten, sondern auch Denkmodelle stehen. Diese werden in den Titeln der Romane
angedeutet: 1888 – Pasenow oder die Romantik, 1903 – Esch oder die Anarchie und 1918 –
Huguenau oder die Sachlichkeit. Die Erzählhaltung folgt dem zerfallenden Ordnungsgefüge
der Welt: Der erste Roman bleibt eng bei seiner Hauptfigur, selbst wenn die Perspektive
von Pasenow zu Ruzena oder Bertrand wechselt, und folgt einem stringenten Aufbau. In
Eschs Teil zerfasert die zunächst konsequent erzählte Handlung. Gegen Ende bleibt unklar,
wie Bertrand tatsächlich ums Leben gekommen ist. Der dritte Roman verlässt den Rahmen
des bürgerlichen Romans endgültig und nutzt Mittel der Montage, um filmhaft Episoden
aneinanderzureihen und das Geschehen nur noch sporadisch zu beleuchten. Es gibt 15
Einschübe eines Ich-Erzählers, die teils in Gedichtform verfasst sind; eine Szene zwischen
Esch, seiner Frau und Huguenau inszeniert Broch als Theaterstück. Dazu kommen zehn
philosophische Essays über den Zerfall der Werte, die die Einzelbiografien in einen
höheren Zusammenhang stellen. Der Stil ändert sich je nach Protagonist; mitunter wechselt
Broch unvermittelt vom Perfekt ins Präsens. Der Text ist durchsetzt von Anspielungen und
Bildern, die immer wieder aufgegriffen werden.
Interpretationsansätze. Brochs Thema ist die Macht des Irrationalen. Existenzielle
Angst, Mystik, Erotik, Wut – das Leben aller Hauptfiguren ist durchzogen von irrationalen
Gefühlen, die ihr Handeln bestimmen. Das Feld des Dichters ist gemäß einem Kommentar
von Broch der Bereich des Erlebens, „in dem der Mensch bloß gesteuert von Uraffekten,
kindlichen Haltungen, Erinnerungen, erotischen Wünschen, tierhaft und zeitlos
dahintreibt.“
Im Hintergrund des Geschehens bestimmt eine vierte Hauptfigur das Leben der
Protagonisten: Eduard von Bertrand. Im ersten Teil tritt er konkret in Erscheinung, es wird
sogar aus seiner Perspektive erzählt; im zweiten bleibt er als schwer greifbare, mächtige
Figur im Hintergrund; im dritten wirkt er nur durch die Spuren, die er im Leben der
anderen hinterlassen hat und klingt im Vornamen des Ich-Erzählers nach.
Immer wiederkehrendes Motiv der Romane ist das Streben nach Erlösung.
Ausgehend vom Titel der Trilogie ist diese Erlösung mit einer Erweckung gleichzusetzen.
Die Figuren trachten nach etwas, das kaum greifbar ist und durch den Zerfall der
Wertordnungen nur noch verschwommener wird.
Bei aller Düsterkeit endet die Trilogie mit einem hoffnungsvollen, utopischen
Ton. Das moralische Dogma, vor allem vertreten durch den Katholizismus, kann keinen
Halt mehr geben, seit es vom Protestantismus aufgeweicht wurde. An die Stelle der alten
Wertordnungen tritt die Autonomie des Einzelnen, die eine neue Ethik möglich und
notwendig macht. Bis diese da ist, bis die Wissenschaft das Irrationale erfassen kann, ist es
Aufgabe der Dichtung, die Lücke zu schließen.
Das Werk steht in der Tradition des realistischen Romans und übernimmt Elemente
des Naturalismus, bricht jedoch auch bewusst mit den stilistischen Formen. Der Zerfall
äußerer Ordnung in der Erzählung findet seine Entsprechung in der Auflösung
literarischer Konventionen.