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Der Mann ohne Eigenschaften

Robert Musil

Robert Musil wird am 6. November 1880 in Klagenfurt geboren. Die Eltern


schicken ihn 1892 auf die Militär-Realschule und 1897 auf die Technische Militärakademie
in Wien. Musil, alles andere als ein folgsamer Sohn, bricht die von den Eltern gewünschte
Offiziersausbildung ab und studiert Maschinenbau, nebenbei betätigt er sich auch
schriftstellerisch. 1901 schließt er das Studium als Ingenieur ab und wird später
wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Hochschule Stuttgart.
Robert Musil soll sich bereits 1905 erste Notizen zu seinem Mammutroman gemacht
haben. Die eigentliche Arbeit an Der Mann ohne Eigenschaften begann er aber erst nach
1920. Zu der Zeit hatte Musil mit dem Verleger Ernst Rowohlt einen Vertrag geschlossen,
der ihm ein jährliches Honorar zusicherte, sodass er sich ganz der Arbeit an dem Roman
widmen konnte. Musil hatte Erfahrungen als Offizier im Krieg und als Techniker
gesammelt. Sein Studium der Mathematik, Philosophie und Experimentellen Psychologie
vermittelten ihm wichtige theoretische Erkenntnisse. Die Philosophien von Arthur
Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Ernst Mach, Ludwig Klages und Ralph Waldo
Emerson kommen in den Äußerungen und Selbstreflexionen von Musils Protagonisten
Ulrich zum Ausdruck. Viele der Figuren aus dem Buch sind an wirkliche Personen
angelehnt. Besonders deutlich wird das bei Dr. Paul Arnheim, der Ähnlichkeiten mit einem
deutsch-jüdischen Industriellensohn, nämlich dem Schriftsteller und späteren
Reichsaußenminister Walther Rathenau aufweist. Auch für Agathe, Walter, Clarisse und
Diotima gibt es Vorbilder in Musils Freundes- und Bekanntenkreis.
1930 veröffentlichte Robert Musil das erste Buch des Romans, 1933 Buch zwei.
Nach seinem Tod brachte seine Frau 1943 noch einen dritten Teil aus dem Nachlass
heraus. Das gesamte Romanfragment wurde dann wiederum in bearbeiteter Form, bei der
auch von Musil noch angefertigte Kapitelentwürfe einbezogen wurden, 1952 von Adolf
Frisé publiziert. Als kanonische und von Robert Musil in ihrer endgültigen Form
abgesegnete Veröffentlichungen gelten aber nur das erste und zweite Buch. Musil war für
die akribische Überarbeitung seiner Kapitel bekannt, die er teilweise bis zu 20-mal
umschrieb. Es bleibt also offen, wie das Material aus seinem Nachlass am Ende tatsächlich
ausgesehen hätte.
Obwohl der Roman Der Mann ohne Eigenschaften unvollendet blieb und sein Autor
die letzten Lebensjahre in bitterer Armut verbrachte, begründete das Werk Musils
Weltruhm. Es gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Romane des 20.
Jahrhunderts und hat durch seine Struktur mit den charakteristischen essayartigen
Einschüben Einfluss auf die Literatur ausgeübt. Das Werk wird von Kritikern oft als
deutsches Gegenstück zu Ulyssesvon James Joyce oder zu Auf der Suche nach der verlorenen
Zeit von Marcel Proust gesehen.
Ende 2004 sendete der Bayerische Rundfunk ein 20-stündiges Hörspiel auf Basis
des Romans, ein Projekt, an dem sich Künstler wie Elfriede Jelinek, Alexander
Kluge oder Volker Schlöndorff beteiligten.
Ein Mann ohne Eigenschaften. Ulrich ist ein Mann ohne Eigenschaften. Er ist 32 Jahre alt
und hat immer noch eine Art Wartehaltung gegenüber dem Leben. Von scharfem
analytischem Verstand, erkennt er sehr genau die Unzulänglichkeiten im Dasein seiner
Zeitgenossen, er selbst hat aber auch noch keinen Lebensansatz gefunden, auf den er sich
festlegen möchte. So lebt er mehr oder weniger in den Tag hinein.
Früher hatte er noch die Vision, einmal ein bedeutender Mann zu werden. Auf drei
Wegen hat er probiert, diese Idee umzusetzen: Da er in der Schule von Napoleon
beeindruckt war, versuchte er sein Glück zuerst beim Militär. Er trat einem Reiterregiment
bei, hatte Affären, duellierte sich und brachte es in kurzer Zeit bis zum Leutnant. Als er aber
mit einem Finanzmann wegen einer Frauengeschichte aneinandergeriet, gewann dieser die
Auseinandersetzung, indem er mit dem Kriegsminister sprach. Ulrich wurde
zurechtgewiesen, er erkannte, dass er es eigentlich nur zu einem betrunkenen Rabauken
gebracht hatte, und gab diese undankbare Laufbahn auf.

Als Nächstes wurde Ulrich Ingenieur. Aber auch hier stieß er nur auf viel
Borniertheit, ohne einen Lebenssinn zu finden. Die Techniker sind in seinen Augen zwar in
ihrem Bereich erfolgreich, versagen aber dabei, daraus einen überzeugenden
Lebensentwurf zu entwickeln. So sah er seine letzte Chance darin, sich als Mathematiker zu
bewähren. Auch auf diesem Feld leistete er Beachtliches und galt als Hoffnungsträger. Als
er aber eines Tages in der Zeitung las, dass ein Reitpferd als genial bezeichnet wurde, gab
er die Hoffnung auf, als Genie Zufriedenheit zu finden. Er mietete sich ein kleines
Schlösschen am Stadtrand von Wien und beschloss, ein Jahr lang „Urlaub vom Leben“ zu
nehmen.
Jugendfreunde. Gelegentlich verbringt Ulrich etwas Zeit mit seinem
Jugendfreund Walter und dessen Frau Clarisse, die ein ungewöhnliches Paar abgeben.
Clarisse hat von Jugend an geglaubt, dass sie zu Großem berufen sei. In Walter, der als
angehendes musikalisches Genie galt, sah sie ihre Chance, dieses Bestreben zu
verwirklichen. Mittlerweile hat Walter aber eine Stelle als kleiner Beamter im Kulturamt
angenommen und sein Talent ist mehr oder weniger am Versiegen. Obwohl er früher
schwülstige Musik ablehnte, schließt er sich immer öfter in sein Zimmer ein und spielt
dann am Klavier ungehemmt Wagner. Clarisse sieht das als eine Gefahr für sein Genie. Zur
Strafe verweigert sie sich ihm. Gleichzeitig will sie damit auch vermeiden, von Walter ein
Kind zu bekommen: Sie hat Angst davor, dann in der erdrückenden Enge der normalen
bürgerlichen Welt zu enden.
Der Prostituiertenmörder. In dieser Zeit findet der Prozess gegen den offensichtlich
schwachsinnigen Zimmermann Moosbrugger statt, der eine Prostituierte, von der er sich
gleichzeitig angezogen und dann wieder belästigt fühlte, auf bestialische Weise ermordet
hat. Moosbrugger hat bereits früher Gewalttaten begangen und wird nun zum Tod
verurteilt. Ulrich wohnt dem Prozess bei und findet, dass Moosbrugger eigentlich wegen
Unzurechnungsfähigkeit in die Psychiatrie hätte eingewiesen werden sollen. Er fasst vage
den Entschluss, sich irgendwie für den Verurteilten einzusetzen. Als er Clarisse von
Moosbrugger erzählt, ist diese von dessen Schicksal ungewohnt berührt. Sie setzt sich als
Ziel, irgendwie eine Begnadigung für Moosbrugger zu erwirken, und erhofft sich davon eine
innere Erlösung.
Der Brief des Vaters. Im Gegensatz zu seinem Sohn ist Ulrichs Vater ein Musterbeispiel
an Erfolg durch Anpassung an die bestehenden Machtverhältnisse. Als Hauslehrer hat er
sich beim österreichischen Adel eingeschmeichelt, obwohl er dies aufgrund seines eigenen
Vermögens nicht nötig gehabt hätte. Durch diese Beziehungen hat er es am Ende aber zu
einer Rechtsprofessur, der Mitgliedschaft in angesehenen Akademien und sogar zur
Erhebung in den erblichen Adelsstand gebracht.
Der Vater schreibt Ulrich einen Brief, in dem er ihn ermahnt, sich mehr um seine
gesellschaftliche Stellung zu kümmern. Er hat erfahren, dass Vorbereitungen für die Feier
zum 30-jährigen Thronjubiläum des deutschen Kaisers im Jahr 1918 bei österreichischen
Patrioten das Bestreben ausgelöst haben, die Deutschen durch eine im gleichen Jahr
stattfindende Feier zum 70-jährigen Thronjubiläum des österreichischen Kaisers zu
übertrumpfen. Es sei schon eine entsprechende Aktion in Wien im Gange und man habe
Ulrich bei diesem Unterfangen eine ehrenvolle Stellung zugedacht. Ulrich solle
entsprechende Verbindungen aufnehmen und auch endlich den Kontakt zum Haus
des Sektionschefs Tuzzi suchen, der es, obwohl er nur bürgerlicher Herkunft sei, im
Außenministerium zu einer einflussreichen Position gebracht habe. Dessen
Frau Ermelinda Tuzzi sei in der Gesellschaft hoch angesehen und eine entfernte Cousine
von Ulrich.
Die Parallelaktion in Kakanien. Der eigentliche Erfinder der „großen vaterländischen
Aktion“ in Österreich ist Graf Leinsdorf. Als Patriot übt der Graf in Kakanien (der k. u. k.
Monarchie) hinter den Kulissen erheblichen Einfluss aus, obwohl er kein offizielles Amt am
Hof oder im Staat bekleidet. Ein wichtiges Ziel von Graf Leinsdorf ist es, die Einheit des
Vielvölkerstaats Kakanien durch Einbindung des Großbürgertums nach dem Motto
„Bildung und Besitz“ voranzutreiben. Er sieht die inoffizielle vaterländische Aktion zur
Vorbereitung der Jubiläumsfeiern für den eigenen „Friedenskaiser“ als willkommene
Gelegenheit, die wesentlichen Volkskräfte zu einen. Als er Ulrich später kennen lernt,
ernennt er ihn zum Generalsekretär dieser „Parallelaktion“.
Ulrich macht aber zuerst seiner Cousine seine Aufwartung. Ermelinda Tuzzi (deren
eigentlicher Vorname Hermine ist) führt in ihrem Haus regelmäßig einen Salon, in dem alle
Teile der gehobenen Bevölkerungsschichten verkehren. Sie gilt als eine Art „Seelenfürstin“,
die mit Geist und Schönheit alle in ihren Bann zieht. Auch Ulrich ist von seiner Cousine sehr
angetan, die, etwas korpulent und mit langen schwarzen Haaren, dem Schönheitsideal
vieler Männer entspricht. Ulrich gibt ihr den Spitznamen Diotima, nach der berühmten
Lehrerin der Liebe.
Weil Diotima auch eine enge Freundin des Grafen Leinsdorf ist, beschließt dieser,
ihren Salon zum Mittelpunkt der Parallelaktion zu machen. So treffen sich von nun an die
wichtigsten Vertreter aus Staat, Wirtschaft und Gesellschaft regelmäßig im Hause Tuzzi,
um eine große Idee für das kaiserliche Thronjubiläum zu entwickeln. Aber leider gibt es zu
jedem Vorschlag immer irgendwelche Bedenken und die Aktion dreht sich zusehends im
Kreis.
Ein Neuankömmling. Verkompliziert wird das Ganze noch durch das Eintreffen des
preußisch-jüdischen Industriemagnaten und „Großschriftstellers“ Dr. Paul Arnheim. Von
diesem wird gemunkelt, dass er sagenhaft reich sei. Sein Vater besitzt viele Fabriken und
Handelshäuser und ist geschäftlich äußerst erfolgreich. Arnheim selbst liegt vor allem die
Verknüpfung von Seele und Wirtschaft am Herzen. Er macht Diotima seine Aufwartung,
weil er schon viel von ihr gehört hat. Sie ist von dem Neuankömmling begeistert. Die
beiden entbrennen in kurzer Zeit in platonischer Liebe zueinander und Diotima schleust
Arnheim in ihren Salon ein, wo er zunehmend Einfluss auf die Diskussionen über die
Parallelaktion gewinnt.
Sektionschef Tuzzi hat als erfahrener Diplomat weniger romantische Vorstellungen
und versucht herauszufinden, was Arnheim wirklich in seinem Haus treibt. Tuzzi hat zuerst
die Idee, dass Arnheim im Auftrag des russischen Zaren pazifistische Ideen bei den
Österreichern verbreiten soll. Wie sich später aber herausstellt, hat Arnheim es vor allem
auf die galizischen Ölquellen abgesehen. Als entsprechende Verhandlungen in die Wege
geleitet sind, zieht sich Arnheim auch tatsächlich wieder von Diotima zurück. Diese befasst
sich mittlerweile aber sowieso statt mit der Seele mit sexualwissenschaftlichen Themen
und beschließt, erst einmal ihren Mann zu einem besseren Liebhaber zu erziehen.
Weil die Parallelaktion keine große Idee zustande bringt, erregt sie im Volk
zunehmend Misstrauen. Als Graf Leinsdorf dann auch noch den gebürtigen Polen Baron
Wisnieczky zum Haupt des Propagandakomitees beruft, welches die Parallelaktion in
Kakanien populär machen soll, reagieren vor allem viele aus dem deutschen
Bevölkerungsanteil unwillig. Es kommt sogar zu einer lautstarken Demonstration vor dem
Palais des Grafen.
Die verlorene Schwester. Kurz nach diesem Aufruhr, den Ulrich im Grafenpalais
miterlebt, erhält er die Nachricht vom Tod seines Vaters. Bei seiner Reise zur Beerdigung in
der Provinzstadt wird Ulrich klar, dass er im Elternhaus auf seine jüngere
Schwester Agathe treffen wird. Die beiden haben sich in der Kindheit kaum gekannt, weil
Ulrich nach dem frühen Tod der Mutter die meiste Zeit außer Haus erzogen worden ist.
Auch bei der ersten Hochzeit seiner Schwester konnte Ulrich nicht anwesend sein, weil er
nach einem Duell mit einer Schussverletzung im Krankenhaus lag. Agathe heiratete damals
sehr jung einen Mann, den sie abgöttisch liebte, der aber noch auf der ausgedehnten
Hochzeitsreise an Typhus starb. Vor fünf Jahren hat sie dann auf Drängen ihres Vaters dem
Werben des langweiligen Mittelschullehrers Gottlieb Hagauer nachgegeben und noch
einmal geheiratet. Hagauer ist zwar eine anerkannte Autorität in Erziehungsfragen und hat
viel beachtete Bücher verfasst, Agathe findet ihn aber banal und langweilig und ist seiner
praktisch von Anfang an überdrüssig gewesen. Sie beschließt nun, nicht mehr zu Hagauer
zurückzukehren.
Für ihre erste Begegnung im Elternhaus haben beide Geschwister unabhängig
voneinander einen geschlechtslos wirkenden Hausanzug angezogen, sodass sie beim ersten
Treffen fast wie Zwillinge aussehen. Auch innerlich fühlen sie gleich eine tiefe
Seelenverwandtschaft und verbringen Stunden des Gesprächs miteinander. Ulrich erzählt
Agathe viel vom andersartigen Erleben der Mystiker. Schließlich verspricht er ihr, dass sie
beide einst zusammen in einem so paradiesischen Zustand, einem „Tausendjährigen Reich“,
leben werden.
Der Beerdigung des Vaters, zu der auch Hagauer erscheint, wohnen viele
Würdenträger bei. Anschließend überreden die Geschwister Hagauer, erst einmal ohne
Agathe in seine Provinzstadt zurückzukehren. Bevor Ulrich wieder nach Wien abreist,
vereinbaren sie, dass Agathe bis zu ihrer Scheidung bei Ulrich wohnen wird. Aus Abscheu
gegenüber Hagauer beschließt sie, das väterliche Testament so zu fälschen, dass Ulrich
alles erbt. Dadurch erhält Hagauer keinen Zugriff auf das väterliche Erbe. Ulrich gelingt es
nicht, sie vor seiner Abreise von ihrem Vorhaben abzubringen.
Die Geschwister in Wien. Nach seiner Rückkehr erfährt Ulrich, dass die
Parallelaktion immer mehr versandet. Graf Leinsdorf hat in seiner Verzweiflung über den
sich anbahnenden Misserfolg eine „Parole der Tat“ ausgegeben – aber ohne klare Ideen
sind effektive Handlungen schwierig durchzuführen.
Als Agathe in Wien ankommt, leben die Geschwister in einem innigen Verhältnis auf
engstem Raum in einem Teil des vom Bruder gemieteten Schlosses. Bei gesellschaftlichen
Anlässen erklären sich Ulrich und Agathe als „siamesische Zwillinge“. Obwohl sie es nicht
ausleben, wächst zwischen den beiden eine erotische Spannung heran. Ulrich ignoriert
Briefe von Hagauer oder antwortet ihm abweisend. Dann schreibt dieser direkt an Agathe.
Die Art und Weise, wie er ihr darlegt, dass es falsch von ihr war, ihn zu heiraten und ihn
dann ohne triftigen Grund einfach zu verlassen, erschüttert Agathe. Als Ulrich sie nicht
ausreichend in Schutz nimmt, läuft sie mit der Absicht davon, sich das Leben zu nehmen.
Nachdem sie dann doch zu Ulrich zurückkehrt, nehmen beide an der großen
Gesellschaftsveranstaltung im Hause Tuzzi teil, durch die der Parallelaktion noch einmal
Leben eingehaucht werden soll. Aber das Unterfangen misslingt. Während eines intimen
Gesprächs in der Küche werden Ulrich und Agathe von Diotima, Arnheim und anderen
gestört. Als Ulrich mit ihnen die Unterhaltung weiterführt, verlässt Agathe allein und von
ihrem Bruder unbemerkt das Haus.
Der erste Teil des Romans, der noch zu Musils Lebzeiten veröffentlicht wurde, besteht aus
zwei Büchern. Das erste Buch enthält in 19 Kapiteln „Eine Art Einleitung“, in der vor allem
Ulrich und sein Hintergrund vorgestellt werden. Darauf folgt dann unter dem Titel
„Seinesgleichen geschieht“ der zweite Teil mit über hundert Kapiteln. Dort stehen Ulrich
und die Parallelaktion im Mittelpunkt. Wie der Titel schon sagt, geschieht dabei immer das
Gleiche, die ganze Angelegenheit dreht sich im Kreis. In den Diskussionen zwischen den
Figuren gibt es keine echten Fortschritte, jede bleibt irgendwo in ihrer eigenen
Unzulänglichkeit gefangen. Der zweite Teil enthält das dritte Buch des Romans mit 38
Kapiteln. Dieser Teil trägt den zeitgeschichtlich fast prophetischen Titel „Ins
Tausendjährige Reich (Die Verbrecher)“. Hier kommt etwas Bewegung ins Leben der
Figuren: Ulrich entdeckt seine Schwester Agathe, und die schöne Diotima schreitet von
Fragen der Seele zu eher praktischen Fragen der Sexualwissenschaft fort. Stilistisch ist das
ganze Werk von höchster literarischer Brillanz. Mit präziser Sprache und feiner Ironie
präsentiert Musil jede einzelne Figur in ihrer eigenen Gedankenwelt. Die Dialoge spiegeln
die hochgestochene Sprechweise der Elite jener Zeit überzeugend wider, die Bildsprache
ist plastisch und die Analogien und Vergleiche sind von oft erstaunlicher Treffsicherheit.
Das Ganze ist also durchaus ein literarisches Lesevergnügen, auch wenn die Handlung oft
nicht recht vom Fleck kommt.
Interpretationsansätze. Der Roman bietet eine genaue Analyse des Dilemmas des
modernen Menschen, der sich in einer entzauberten Welt trotz aller Logik und
Rationalität auch nach einem tieferen Lebenssinn sehnt.
Musil nutzt vor allem das Stilmittel der „konstruktiven Ironie“, wie er es selbst nennt:
Spott und Sarkasmus sind nicht selbstgefällig gegen andere gerichtet, vielmehr können wir
uns selbst in den Schwächen und der Lächerlichkeit der Musil’schen Figuren
wiedererkennen.
Musil führt den Leser auf glaubwürdige Weise in die Gedankenwelt seiner Figuren ein.
Egal ob es sich um eine hysterische Dame, einen schwachsinnigen Mörder oder einen
feudalistischen Landbesitzer handelt – die psychologischen Studien sind genau und
treffend.
Das Werk vermittelt eine gute Einsicht in den Zeitgeist vor dem Ersten Weltkrieg. Zudem
werden in kurzen, essayartigen Einschüben wichtige philosophische Fragen aufgeworfen
und interessante Sichtweisen und Denkmöglichkeiten eröffnet.
Der Mann ohne Eigenschaften ist auch ein utopischer Roman: Die Titelfigur Ulrich bemüht
sich um die Ergründung anderer, mystischer Lebenssichten als Ausweg aus der Krise der
Moderne.
Der Roman trägt stark autobiografische Züge; vieles im Leben von Robert Musil spiegelt
sich in der Person des Ulrich wider.
Angesichts der hoffnungslosen Verzettelung Musils bei der Gestaltung des (unvollendeten)
Romans kann man das Werk, so wie es etwa Marcel Reich-Ranicki tut, auch
als gescheitertes Romanprojekt eines gescheiterten Autors sehen.