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Annemarie Pieper

Zarathustra als Verkünder des


Übermenschen
und als Fürsprecher des Kreises

5.1 Die zwei verschiedenen Bedeutungen des über

Im dritten Abschnitt von Zarathustra’s Vorrede (14 ff.) taucht das Wort „Übermensch“
zum ersten Mal auf, und zwar als sich Zarathustra, der nach zehn Jahren Einsamkeit aus
dem Gebirge herabgestiegen ist, unversehens mit einem Menschenauf lauf konfrontiert
sieht. In dieser Situation treffen verschiedene Faktoren zusammen, die der Lehre vom
Übermenschen den Boden bereiten. Zum einen hat sich bei Zarathustra ein Übermaß
an Weisheit angesammelt, und er brennt geradezu darauf, sein Wissen unters Volk zu
bringen. Zum zweiten ist die Gelegenheit dafür günstig, weil die Konstellation auf dem
Markt ihn Bilder finden läßt, die das, was er den Menschen mitteilen möchte, durch das
Geschehen vor aller Augen ungemein anschaulich machen.
Anlaß für die Menschenansammlung auf dem Markt ist ein Seiltänzer, der sich
anschickt, ein zwischen zwei Türmen gespanntes Seil zu überqueren. Was alle mit
emporgereckten Gesichtern sehen, ist ein Mensch hoch über ihnen, der sich auf ein
riskantes Unternehmen einläßt. Und so eröffnet Zarathustra seine Rede mit den Wor-
ten: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden
soll“ (14). Zweimal kommt in dieser ersten Äußerung Zarathustras das Präfix „über“
vor: in Übermensch und in überwinden. Die beiden fundamentalen Bedeutungsfelder,

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die sich durch eine Analyse des „über“1 erschließen lassen, sollen den Auftakt bilden zu
meinem Versuch einer Erläuterung der Lehre vom Übermenschen im Zarathustra.
Das über in „Übermensch“ hat in diesem Kontext unverkennbar eine vertikale Bedeu-
tung. Es verweist in die Höhe auf ein Oben, das dem Unten diametral entgegengesetzt
ist – so wie der Seiltänzer sich auf seinem schwankenden Seil oberhalb der gaffenden
Menge befindet, die ihrerseits unten, auf festem Boden steht. Diese vertikale Bedeutung
des über im Sinne von oberhalb ist statisch und signalisiert einen konträren Gegensatz,
dessen beide Pole einander nicht ausschließen, wie dies bei einem kontradiktorischen
Gegensatz der Fall ist, sondern Zwischengrade zulassen.2
Das über in „überwinden“ hingegen hat eine horizontale Bedeutung; es impliziert eine
Bewegung von etwas weg auf etwas hin, die Dynamik eines Hinüber, mit welcher die
Vorstellung eines Zwischenraums, einer Kluft suggeriert wird, die es zu überbrücken
gilt.
Vertikales und horizontales über werden am Beginn von Zarathustras Rede mitein-
ander verkoppelt: Der Mensch ist das zu Überwindende; sein Untergang soll durch das
Hinübergehen zu einem radikal neuen Selbstverständnis herbeigeführt werden. Dabei
fungiert der Übermensch als Leitidee, ja geradezu als Utopos, vermittels dessen ein Ziel
als das Woraufhin der Bewegung in die Zukunft projiziert wird. Der Übermensch, so
könnte man nun sagen, übersteigt den Menschen, sowohl der Idee nach – in vertika-
ler Hinsicht – als auch in bezug auf die projektierte zukünftige Praxis – in horizontaler
Hinsicht.
Zarathustra faßt die beiden unterschiedenen Dimensionen des über in dem Ausdruck
„über sich hinaus schaffen“ zusammen. Was sich selbst überwindet, entwickelt sich zu-
gleich höher, indem es in seinem Schaffen eine gesteigerte Form sowohl des Schaf-
fenden als auch des durch sein Schaffen hervorgebrachten Produkts herbeiführt. Die
Evolution ist demnach nicht als ein naturales Geschehen aufzufassen, das sich den zu-
fälligen Konstellationen eines blinden Kausalmechanismus verdankt. Vielmehr war es

1 Ludwig Klages ist schon die Bedeutung des „über“ im Zarathustra aufgefallen: „Alles in allem ist der Za-
rathustra eine schwärmerisch unheimliche Exegese des Bezugswortes ‚Über‘. Überfülle, Übergüte, Überzeit,
Überart, Überreichtum, Überheld, sich übertrinken, das sind einige aus der großen Zahl teils neugebildeter,
teils immer wieder verwendeter Überworte und ebenso viele Lesarten des einen ausschließlich gemeinten: der
Überwindung“ (Klages 1926, 204). Gianni Vattimo bringt das „über“ in einen Zusammenhang mit dem Be-
griff der Hybris, wie ihn Nietzsche in der Genealogie der Moral (GM 3, 9; 5, 357) zur Charakterisierung des
experimentellen Charakters des menschlichen Selbstverhältnisses einführt (Vattimo 1986, 49 f.). Peter Gasser
kommentiert: „Wenn ein Kräftespiel und die Ausübung der Hybris die Selbstüberschreitung auslösen und be-
gleiten, ist das Individuum selber als Experiment zu betrachten, da es über das alte Ich ständig hinweglebt in
ein neues hinein“ (Gasser 1992, 67).
2 Vgl. Müller-Lauter (1971, 15): „Dem genaueren Zusehen zeigt sich nämlich, daß Nietzsche allein jede als
absolut verstandene Gegensätzlichkeit bestreitet, in der für sich bestehende, in sich beruhende Seiende un-
vermittelt einander gegenüberstehen sollen.“ Müller-Lauter entfaltet Nietzsches gesamtes Denken als eine
„Philosophie der Gegensätze“ und stellt die Widersprüche heraus, die dieses Denken erzeugt.

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das machtvolle Über-sich-hinaus-Schaffen lebendiger Organismen, das die Evolution


vorangetrieben und den Weg von der Pf lanze über den Wurm und Affen bis hin zum
Menschen ermöglicht hat.3
Diese Bewegung hat nach Zarathustra im Menschen keineswegs ihr Ende gefunden,
auch wenn die meisten der Ansicht zu sein scheinen, der Mensch könne sich im Erreich-
ten beruhigen, es gebe nichts mehr, das auch ihn dazu nötigte, sich höher und weiter
zu entwickeln, da die Natur im humanen Wesen alles ausgewickelt habe und damit an
ihrem unüberbietbaren Höhepunkt als ihrem Letztziel angelangt sei. Aus Zarathustras
Sicht ist diese Stagnation tödlich. Was nicht mehr über sich hinaus schafft, verkümmert
und ist dem Untergang geweiht. Selbst der Einsatz der Kräfte zur Aufrechterhaltung des
bloßen Status quo fordert den Menschen zu wenig und läßt ihn auf die Stufe des Tieres
zurückfallen. Deshalb will Zarathustra den Menschen die Augen für ein höherrangiges
Ziel öffnen.
„Seht, ich lehre euch den Übermenschen!“ (Ebd.) Schaut nur hin,4 nach oben und
voraus in die Zukunft, dann werdet ihr euer Ziel in der fortgesetzten Anstrengung
des Schaffens erblicken und über euch selbst, die ihr es schon bis zum Überaffen ge-
bracht habt, hinausgelangen. Zarathustra fährt fort: „Der Übermensch ist der Sinn der
Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!“ (Ebd.) Der erste Satz
„Der Übermensch ist der Sinn der Erde“ drückt das vertikale über aus: die statische
Idee des Übermenschen, die man erblickt, wenn die horizontale Ebene geschichtlichen
Selbstwerdens ausgeblendet wird und sich der idealtypische Umriß eines Schaffenden
als bleibender Maßstab der Selbstüberwindung konturiert. Der zweite Satz „Der Über-
mensch sei der Sinn der Erde“ drückt das horizontale über aus, insofern die an den Willen
gerichtete Aufforderung beinhaltet, daß die Idee des Übermenschen verwirklicht wer-
den soll in einem konkreten Individuum, das im Schaffen über sich hinaus seiner selbst
mächtig wird und damit seinen Willen zur Macht zu verkörpern strebt.5

3 „Den Übermenschen schaffen, nachdem wir die ganze Natur auf uns hin gedacht, denkbar gemacht haben“
(N  1882/83, 4/80; 10, 137).
4 Auch Zarathustra hatte den Übermenschen geschaut, in einer Vision, für die er eine eigene Sprache und
Bilder erfand. „Also lehre ich und werde deß nicht müde: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß:
denn siehe, ich weiß es, daß er überwunden werden kann – ich schaute ihn, den Übermenschen“ (N  1883,
18/56; 10, 581).
5 „[D]as aristokratische Princip sich selber steigernd erfindet immer eine höhere Art unter den Höheren. Der
Mächtige wird immer mehr zu dem Seiner-selber-Mächtigen, Kraftausströmenden: man sieht, daß die Vornehm-
heit viele Grade hat – und etwas im Einzelnen Menschen selbst Wachsendes ist“ (N  1883, 7/101; 10, 277).
Henning Ottmann hat darauf aufmerksam gemacht, daß es Nietzsche um die agonale Kultur gegangen sei,
vermittels welcher die menschliche Natur über den Wettkampf zur Humanität geläutert werde. Auf Jacob
Burckhardt verweisend, der bereits vom „Ringen nach Übermenschlichem“ gesprochen habe, hält er fest:
„‚Übermensch‘ und Agon gehören zusammen, schon bevor Nietzsche den Begriff des Übermenschen syste-
matisch verwendet“ (Ottmann 1987, 51).

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5.2 „Der Übermensch ist/sei der Sinn der Erde.“ –


Synthesis von Leib und Seele

In der Bewegung des Seiltänzers geschieht jene Synthese von statisch-vertikalem und
dynamisch-horizontalem über, in welcher sich der Sinn menschlichen Über-sich-hin-
aus-Schaffens erfüllt. Der Seiltänzer steht nicht in ewiger Präsenz unbeweglich auf dem
Seil, sondern er geht darüber, in jedem Augenblick sein Gleichgewicht austarierend,
auch und gerade dann, wenn er für einen Moment stillsteht. Dieses Balancieren, durch
welches er sich auf dem Seil hält, indem er der Erdanziehungskraft Widerstand leistet
und sie durch eine gleich starke Konstellation von Gegenkräften überwindet, ist der
Sinn seines Tuns.
In dem Wort „Sinn“ wiederholen sich die beiden Bedeutungen des über. Zum ei-
nen meinen wir mit „Sinn“ eine alles umfassende übergeschichtliche Geltungskraft, die
vertikal von oben nach unten das faktisch Bestehende zu jedem Zeitpunkt normativ
aufwertet. So verstanden ist der Übermensch der Sinn der Erde. „Sinn“ kann aber auch
dynamisch aufgefaßt werden in der Bedeutung von nhd. sinnan = reisen, streben, gehen.
Darin gelangt der dynamische Aspekt des horizontalen Vorwärtsschreitens und Über-
windens einer Wegstrecke zum Ausdruck, wobei diese Überwindung das immanente
Ziel des Vorwärtsschreitens ist: Der Übermensch sei der Sinn der Erde. In dieser dyna-
mischen Auffassung von „Sinn“ schwingt auch noch das ahd. sinnen = mit den Sinnen
wahrnehmen mit. Wer sich bewegt, tut dies nicht mit geschlossenen Augen, sondern
offenen Blicks – für die möglichen Gefahren, aber auch für die Schönheit des im und
am Wege Liegenden.6
In dem Satz „Der Übermensch ist der Sinn der Erde“ wird die Abkehr von der christ-
lichen Metaphysik offenbar. Diese zeichnet den Menschen – qua Krone der Schöpfung –
als den Sinn der Erde aus. Damit wird eine Hierarchie gesetzt, in welcher das Obere das
Bessere und das Untere das Schlechte ist. Das Unterste und Verächtlichste der Schöp-
fung ist die anorganische Materie, über der sich die organische Natur aufbaut mit der
Spitze im Menschen. Darüber erhebt sich in unermeßlicher Transzendenz der Schöp-
fergott als der eigentliche Sinngeber und Sinngarant der Welt. Gegen diese christlich-
metaphysische Vorstellung wendet sich Zarathustras Diktum vom Übermenschen als
dem Sinn der Erde.

6 In dem Wort Uhrzeigersinn kommen noch beide Bedeutungen von Sinn zum Tragen: zum einen das Moment
der Gerichtetheit und zum anderen das der Vorwärtsbewegung. Sofern diese Bewegung kreisförmig erfolgt,
gelangt hier im Unterschied zur linearen Zeitauffassung eine in sich geschlossene, ihren Sinn in sich bergende
Vorstellung von Zeit zum Tragen, die für die Lehre von der ewigen Wiederkehr fruchtbar gemacht wird. „Die
Rede von der Reihe ist aufschlußreich. Nietzsche denkt den Kreis alles Geschehens von der Reihe her, die
auf etwas hinausläuft; die Reihe erfährt ihre Rechtfertigung durch den Kreis, der alles wiederbringt“ (Müller-
Lauter 1971, 182).

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Der Unterschied zwischen dem Menschen als Sinn der Erde und dem Übermenschen
als Sinn der Erde besteht darin, daß der Genitiv im ersten Fall als genitivus objectivus,
im zweiten Fall als genitivus subjectivus zu verstehen ist. Der Sinn der Erde statuiert als
objektiv vorhandener gedacht einen Dualismus zwischen dem Sinn, der unerreichbar
fern oberhalb der Erde angesiedelt ist, und der Erde, die von der erhabenen Dimension
des Sinns abgetrennt ist und sich allenfalls mit der Spitze ihrer hierarchisch struktu-
rierten, pyramidal geschichteten Seinsformen dem Sinnbereich anzunähern vermag. In
Zarathustras subjektiver Version des Sinns der Erde ist die Erde nicht bloße passive
Sinnempfängerin, die den Wert ihres Seins von woanders her entgegennimmt, son-
dern sie verschafft sich ihren Sinn selber, indem sie ihn aus sich heraus produziert. Der
Übermensch ist das Movens in der Bewegung der Selbstüberwindung, und er ist nichts
anderes als die Kraft, die das Individuum aufwendet, um sich ununterbrochen über sich
hinaus zu treiben.
Auch dieser Überschritt ist ein Transzendieren auf eine höhere und insofern bessere
Stufe, aber es handelt sich bei dieser Bewegung um eine immanente Transzendenz, wie
sich noch einmal am Beispiel des Seiltänzers zeigen läßt, dessen Ziel nicht darin liegt,
f liegen zu lernen, d. h. sich irgendwann einmal vom Seil loslösen zu können. Vielmehr
will er das Seil immer besser beherrschen, was ihm nur durch vollendete Körperbeherr-
schung gelingt. Für diese Bewegung einer immanenten Transzendenz, die sich durch
das Aushalten von Gegensätzen als eine gegenstrebige Harmonie erzeugt, hat Nietzsche
eine Reihe von eindrücklichen Bildern geschaffen: den Baum für das vertikale Streben,
die Fahrt auf hoher See für das horizontale Streben und den Fluß, der sich selber zum
See staut, dessen Wasseroberf läche ständig steigt, für ein sich selbst begrenzendes und
erfüllendes Streben.7
Nach christlich-metaphysischer Lehre erfolgt die Annäherung an den objektiv vor-
gegebenen Sinn durch eine Aufstiegsbewegung, für deren Stufenfolge Platons Höhlen-
gleichnis als Modell herangezogen werden kann. Ohne hier auf die zurückzulegenden
Etappen im einzelnen einzugehen, möchte ich das Augenmerk nur auf das lenken, was
bei dieser vertikalen Bewegung aus der Höhle heraus auf die obere, die Welt der Ideen
symbolisierende Erde geschieht. Es ist die Seele, die diesen Aufstieg vollzieht, und sie
bewältigt den steilen Weg nach oben nur, indem sie Stück für Stück Ballast abwirft.
Dieser Ballast setzt sich aus all dem zusammen, was mit Materie infiziert ist: zuerst die

7 „[…] es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume. Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so
stärker streben seine Wurzeln erdwärts, abwärts, in’s Dunkle, Tiefe, – in’s Böse“ (51). „Im Horizont des Unend-
lichen. – Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns, – mehr
noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schiff lein! sieh’ dich vor! Neben dir liegt der Ocean,
es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da, wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber
es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, dass er unendlich ist und dass es nichts Furchtbareres giebt, als
Unendlichkeit“ (FW  124; 3, 480). „Es giebt einen See, der es sich eines Tages versagte, abzuf liessen, und ei-
nen Damm dort aufwarf, wo er bisher abf loss: seitdem steigt dieser See immer höher. […] vielleicht wird der
Mensch von da an immer höher steigen, wo er nicht mehr in einen Gott ausfliesst“ (FW  285; 3, 528).

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sinnlichen Genüsse, dann die Sinneswahrnehmungen und schließlich das Prinzip, das
die Welt der materiellen Dinge regiert, das Kausalitätsprinzip. Nachdem die Seele sich
von allem Leiblichen gereinigt hat und nach dieser Katharsis geläutert auf der oberen
Erde eintrifft, ist sie in der Verfassung, des dort in ewiger Präsenz wesenden Sinns teil-
haftig zu werden. Sie bietet sich gleichsam als Gefäß für die übersinnlichen Ideen an,
die sie dann in einer Abstiegsbewegung vom überhimmlischen Ort in die Höhle – das
Sinnvakuum – zurücktragen soll, um diese aufzuwerten. Die gleiche Leibverachtung
findet sich denn auch in der christlichen Version der Überhöhung des Menschen durch
Vergeistigung der Seele, verbunden mit einer Abtötung körperlicher Bedürfnisse und
Begierden. Dies läßt sich ablesen an der Menschwerdung Gottes, dessen Verf leisch-
lichung als Abstieg und Opfer gedeutet wird, wohingegen die Aufstiegsbewegung mit
einem verklärten Leib erfolgt, der die Bedingung der Vergöttlichung ist.
Gegen die Chefideologen dieser Lehren richtet sich Zarathustras Polemik: „Ich be-
schwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch
von überirdischen Hoffnungen reden! […] Verächter des Lebens sind es, Absterbende
[…], deren die Erde müde ist“ (15). Er bezeichnet sie als Giftmischer, anspielend auf
die Transsubstantiationslehre, der gemäß etwas Materielles in etwas Immaterielles ver-
wandelt wird. Aber ihnen, den Priestern, wird es nicht anders ergehen als jenem ersten
Giftmischer unter den Philosophen, der dann selber durch einen Giftbecher zu Tode
gekommen ist.
Was aber hat Zarathustra den Verächtern des Lebens, die an der Erde freveln,8 ent-
gegenzusetzen? Seine Lehre vom Übermenschen als dem Sinn der Erde setzt keine
dualistische Zäsur zwischen Leib und Seele, zwischen Unten und Oben. Er wirft der
christlichen Metaphysik vor, daß die vorgebliche Wert- und Sinnlosigkeit alles Leib-
lich-Materiellen ja gerade daraus resultiert, daß die Seele sich daraus zurückgezogen
hat und – anstatt mit dem Leib zu kooperieren – es vorzieht, sich in einem fiktiven Jen-
seits mit abstrakten, toten, rein geistigen Gebilden zu erfüllen, für die es in der Empirie
kein Äquivalent gibt. Der „Übermensch“ genannte Sinn hingegen existiert nicht schon
in ewiger Präsenz, sondern muß allererst zur Existenz gebracht werden, und zwar so,
daß der Leib ihn gemeinsam mit der Seele generiert. Es gibt keinen Sinn außerhalb des
Leibes, und was am oder im Leib Seele heißt, hat nur Funktionen in bezug auf den Leib,
nicht aber solche, die ihn „mager, grässlich, verhungert“ (ebd.) sich selbst überlassen.9
Daß der Mensch aufrecht gehen kann mit erhobenem Kopf, verdankt er nicht dem
Kopf – wenn wir einmal unterstellen, daß der Kopf der Sitz der Seele samt ihrer geistigen

8 „Man sagt Lust und denkt an die Lüste, man sagt Sinn und denkt an die Sinnlichkeit, man sagt Leib und
denkt an den Unterleib – und so hat man drei gute Dinge um ihre Ehre gebracht“ (N  1882/83, 4/70; 10, 132).
Nietzsche begreift sein Philosophieren entsprechend als ein „Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und
Menschenschändung“ (EH, Tragödie 4; 6, 313).
9 „Der Mensch war es, der zwei Jahrtausende am Kreuze hieng: und ein gräßlicher Gott trieb seine Grausam-
keit und nannte sie Liebe“ (N  1883, 13/1; 10, 424).

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Aktivitäten ist –, sondern dem Zusammenspiel des gesamten Organismus, in welchem


die mentale Kraft der Seele aufgrund ihrer ordnungsstiftenden, strukturierenden und
koordinierenden Funktionen zwar eine zentrale ist, die aber gleichwohl auf ein Material
angewiesen ist, an dem sie ihre Kraft ausüben kann.10 Der menschliche Leib in seiner
vertikalen Gestalt ist das beste Beispiel dafür, daß Oben und Unten nicht als feindli-
che Entgegensetzung von Gut und Böse zu begreifen sind, sondern als gleichwertige,
einander gegenseitig bedingende Pole: Wie die Kopfregion nicht ohne einen tüchtigen
Bauch funktioniert, so entgleist die Bauchregion ohne einen klaren Kopf. Die Synthese
von Kopf und Bauch, gleichsam die Sinnmitte ihrer Wechselbezüglichkeit, ist das Herz
als der lebendige Motor, der den Organismus in seiner Vitalität erhält und seine Beweg-
lichkeit ermöglicht.
Die Formel „Der Übermensch ist/sei der Sinn der Erde“ ist demnach so zu ver-
stehen, daß die Seele im Wechselspiel mit dem Leib die Idee der Selbstüberwindung
erfindet und diese dem Leib als ein gleichsam utopisches Woraufhin vorgibt, das er
aus sich heraus anstrebt, weil es sich um eine Selbstprojektion handelt, der ein Leib
gegeben werden soll. Auch in diesem horizontalen Streben nach Verleiblichung eines
ideellen Konstrukts der Seele wird etwas als Überwundenes zurückgelassen, etwas, das
„untergeht“. Doch anders als im christlich-metaphysischen Aufstiegsmodell wird nicht
ein wesentlicher Teil des Menschseins als wertlose Materie ausgegrenzt und durch ein
übersinnliches Substrat ersetzt, vielmehr bleibt beim horizontalen Fortschrittsmodell
eine Vergangenheit zurück, die als eine in sich geschlossene, aber gleichsam abgelebte
Sinneinheit betrachtet werden kann. Und die Reihe dieser durchlebten Sinneinheiten
macht die Geschichte eines Menschen aus, die zusammengehalten wird durch jene ei-
gentümliche Dialektik des über, die Seele und Leib so zusammenspannt, daß sie sich
wechselseitig zu immer neuen Kreationen des Kunstwerks Individuum herausfordern.
Diese geschichtlich abgelebten Formen einer Sinnganzheit, in welcher sich eine ver-
suchte, mehr oder weniger gelungene Leib-Seele-Synthese dokumentiert, sind nichts
Verächtliches, sondern Stadien eines Weges, auf dem ein Mensch in immer neuem An-
lauf über sich hinaus zu schaffen sich bemüht, ohne je beim Erreichten stehenzubleiben.
So ist es z. B. immer derselbe Weg, den der Seiltänzer zurücklegt, aber mit der Zeit ge-
lingt es ihm immer besser, die Schwerkraft zu überwinden, bis er am Ende auf dem
Seil sogar tanzen kann. Der Tanz ist für Zarathustra die vollendetste Bewegung, da in
ihr vertikales und horizontales über miteinander verschmelzen.11 Der Tänzer im Vor-
wärtssprung wäre die Analogie für ein dynamisches Selbstverhältnis, das die räumlichen
Vorstellungen von Höhe und Weite, wie sie durch die Interpretationsbegriffe eines ver-

10 „Das Geistige ist als Zeichensprache des Leibes festzuhalten!“ (N  1883, 7/126; 10, 285)
11 „Dein Schritt verräth, daß du noch nicht auf deiner Bahn schreitest, man müßte dir ansehen, daß du Lust
zu tanzen hättest. Der Tanz ist der Beweis der Wahrheit“ (N  1882, 3/1; 10, 65). „Ich würde nur an einen Gott
glauben, der zu tanzen verstünde“ (ebd., 69).

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tikalen und horizontalen über nahegelegt werden, vergeschichtlicht, indem durch die
raumeröffnende und horizonterschließende Interaktion von Leib und Seele das Her-
austreten des Übermenschen aus den repressiven Strukturen der das traditionelle Men-
schenbild fixierenden Moral- und Begriffssysteme allererst möglich wird. 
Mit der Projektion des Übermenschen als dem Sinn menschlicher Praxis werden
sämtliche alten Sinnvorstellungen samt Sinngaranten obsolet. „‚Todt sind alle Götter: nun
wollen wir, dass der Übermensch lebe.‘“ (102) – mit dieser Akklamation endet das erste Buch
des Zarathustra. Für einen transzendenten Gott ist in einer Welt, die vertikal und ho-
rizontal durch das schaffende Individuum begrenzt und erfüllt wird, kein Platz mehr.
Sein Tod rückt die Dimensionen des Menschlichen wieder zurecht, insofern mit der
Korrektur des falschen, ein Diesseits und ein Jenseits statuierenden Bewußtseins auch
der Dualismus zwischen Gott und Mensch aufgehoben wird. Der Übermensch ist ein
ganz und gar menschliches Geschöpf, in welchem der Mensch sich auf seine selbst ge-
setzte und als solche willentlich affirmierte Bestimmung hin übersteigt.12

5.3 Das Selbstverhältnis des Übermenschen

Wollte man das über-menschliche Selbstverhältnis geometrisch13 beschreiben und


damit eine erste Hypothese für die Vereinbarkeit der Lehre vom Übermenschen mit
der von der ewigen Wiederkehr des Gleichen vorbereiten, so könnte man sagen:
Vertikales und horizontales über – Seele und Leib14 – bilden zwei rechtwinklig
aufeinander stehende Koordinaten. Der Nullpunkt, in dem sie sich berühren, ist jener
Ort, an welchem die Auseinandersetzung zwischen den entgegengesetzten Strebe-

12 „Der Name ‚Übermensch‘ nennt das Wesen des Menschentums, das als das neuzeitliche in die Wesensvol-
lendung seines Zeitalters einzutreten beginnt. ‚Der Übermensch‘ ist der Mensch, welcher Mensch ist aus der
durch den Willen zur Macht bestimmten Wirklichkeit und für diese“ (Heidegger 1950, 232).
13 Man kann das Wort geometrisch hier durchaus wortwörtlich auffassen im Sinne von: die Erde vermessen, um
ihr Sinn zu verleihen, den Sinn des Übermenschen.
14 Mit Leib ist in diesem Modell auf der horizontalen Achse nicht Nietzsches Begriff vom Leib als großer
Vernunft gemeint, sondern die bloße Materialität des Körperlichen als für sich gesetztes Residuum des ur-
sprünglichen Selbstverhältnisses, das durch die Figur des Kreises symbolisiert wird. Was Nietzsche unter Leib
verstanden wissen will, wird in der folgenden Graphik durch die Resultante verbildlicht, die das Streben des
Übermenschen signalisiert, Vertikalität zu horizontalisieren und damit geistige Selbstentwürfe zu verleiblichen.

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kräften ausgetragen wird.15 Die christlich-metaphysische Leibfeindlichkeit hat zur


Verkümmerung der horizontalen Leib-Koordinate und zu einer vertikal entsprechend
hoch emporschießenden Seele-Koordinate geführt.16 Zarathustra hingegen sieht die
über-menschliche Leistung im Kampf um ein Gleichgewicht zwischen beiden das
menschliche Sein bestimmenden Kraftpotentialen.
Sowohl ein einseitiger Spiritualismus als auch ein ebenso einseitiger Materialismus17
führen zur Stagnation, weil ohne einen Widerstand leistenden Gegenpol das Über-sich-
hinaus-Schaffen sich im Grenzenlosen verliert und eine Selbstüberwindung nicht statt-
findet. Mit dem Selbst-Verhältnis geht dann auch das Selbst zugrunde, das sich als pures
Seelesein im Netz leerer Ref lexionsstrukturen gefangengesetzt hat, während es sich als
pure Leiblichkeit in die Trägheit der Materie verstrickt und zur Immobilität verurteilt

15

Es ist darauf zu achten, daß die Genealogie dieses Modells im Grunde umgekehrt zu rekonstruieren ist, insofern
Nietzsche zuerst den Wiederkunftsgedanken und darauf aufbauend die Lehre vom Übermenschen entwickelt
hat, d. h. die Kreisfigur ist das Primäre; sie steht für das in sich geschlossene, als „Leib“ resp. „Erde“ materia-
lisierte Selbstverhältnis der großen Vernunft, die sich aus der Spannung ihrer Gegensätze heraus verleiblicht.
Dieser Akt der Verleiblichung des Seelischen bei gleichzeitiger Vergeistigung des Körperlichen kann durch
die Struktur des Koordinatensystems veranschaulicht werden, das die innere Dynamik des Selbstverhältnisses
sichtbar macht. Da Zarathustra die „Geschichte“ der Leibwerdung des Übermenschen so erzählt, daß sie zur
These von der ewigen Wiederkehr hinführt, gehe ich mit ihm den Weg von der Differenz (Geist-Materie,
Seele-Körper) bis zu deren Aufhebung im Sinn der „Erde“, dem zum Selbst ausgespannten „Leib“ des Über-
menschen.
16 In bezug auf die deutschen Idealisten notiert Nietzsche: „Sie sehen hinauf , ich sehe hinaus, – wir sehen nie
das Gleiche“ (N 1885, 34/135; 11, 465).
17

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hat. Diese beiden Fehlformen menschlichen Selbstseins müssen erst einmal als solche
eingesehen werden, bevor eine Konfiguration des Übermenschen ins Auge gefaßt wer-
den kann. Denn der erste Schritt dorthin besteht darin, daß die bisher dominierende
Kraft sich eine Zeitlang zurücknimmt, um der matt gesetzten Kraft die Möglichkeit
zu geben, sich von ihrer Erschlaffung zu erholen und Widerpart zu bieten. Dann erst
können sich beide Kräfte miteinander messen und aneinander ihre Potenz steigern.18
Kehren wir noch einmal zum eben beschriebenen Koordinaten-Modell zurück, um
die von Zarathustra antizipierte Bewegung auf den Übermenschen hin weiter zu ver-
anschaulichen. Stellen wir uns dabei den Seiltänzer vor, der sich über das Seil bewegt,
indem er sich mit Hilfe einer Stange oder seiner Arme im Gleichgewicht hält.19 So
balanciert auch derjenige, der sich an der Idee des Übermenschen orientiert, auf je-
ner gedachten Linie, die im Idealfall in jedem Punkt den gleichen Abstand zur Leib-
Achse und zur Seele-Achse aufweist. Je steiler die das übermenschliche Streben verbild-
lichende Linie (die Resultante) mit zunehmendem Abstand von den Achsen ansteigt,
desto stärker wird die Spannung, die ausgehalten werden muß, und mit jedem zurück-
gelegten Schritt wachsen die beiden Koordinaten im gleichen Verhältnis mit. Die Kraft
eines Menschen, seine Selbstmächtigkeit bemißt sich letztlich daran, in welchem Aus-
maß es ihm gelingt, sich vom Nullpunkt zu entfernen und auf seinem Weg die Mitte
zwischen den Ansprüchen von Leib und Seele zu finden. Denn anders als für den Seil-
tänzer, der immerhin das Seil als Richtschnur benutzen kann, entsteht für den über-
menschlichen Akrobaten der Weg erst mit jedem Schritt, den er tut. Zwar kann man
rein theoretisch jeden Punkt auf der gedachten Linie geometrisch exakt ermitteln, aber
in dieser Abstraktheit taugt das Modell nur für eine Groborientierung; die jeweilige,
geschichtlich konkretisierte Leib-Seele-Synthesis muß jedes Individuum in seiner Be-
sonderheit unter Einsatz seiner Kräfte selbst hervorbringen und sich dabei ständig dem
Risiko des Scheiternkönnens, sei es des Absturzes auf die Leib-Achse, sei es der Flucht
auf die Seele-Achse, aussetzen.
Trotz der erwähnten Abstraktheit20 des geometrischen Leib-Seele-Modells sei dieses
noch einmal herangezogen, um den angedeuteten Übergang zur Lehre von der ewi-
gen Wiederkehr des Gleichen am Kreismodell vorzubereiten. Wie wir gesehen haben,
stellen sich die geglückten Akte von Selbstüberwindung graphisch als eine Abfolge von
Punkten dar, die den gleichen Abstand zu den beiden als Leib- und Seele-Koordinate
bezeichneten Achsen aufweisen. Die durch diese Punkte gebildete Linie qua Weg des
resp. zum Übermenschen läßt im gleichen Maß, wie sie wächst, auch die beiden Ko-

18 „Ziel: Höherbildung des ganzen Leibes und nicht nur des Gehirns!“ (N 1883, 16/21; 10, 506)
19 Der Gott am Kreuz kann nicht balancieren, seine Arme sind fixiert und verweisen auf ein statisches Men-
schenbild: Selbstüberwindung als ununterbrochenes Leiden an sich selbst.
20 „Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muß man erst die Sinne zu ihr verführen“
(N 1882, 1/45; 10, 23; vgl. N 1882/83, 5/1; 10, 193).

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ordinaten mitwachsen. Da diese Ausweitung des Weges prinzipiell bis ins Unendliche
gehen kann, kommt die Tätigkeit nie zu einem Ende, bzw. das Ende der Linie wird
durch den Tod des Individuums markiert. Daraus folgt, daß man zu keinem Zeitpunkt
von einem Menschen sagen kann, er sei Übermensch,21 auch wenn er es im Über-sich-
hinaus-Schaffen noch so weit gebracht hat. Denn Übermensch ist man nur gleichsam
im Sprung, im Vollzug der Selbstüberwindung. Der Übermensch kann somit nur als
werdender begriffen werden, nie als ein erreichter Zustand im Sein. Der Übermensch
ist und bleibt Utopos.

5.4 Das Kreis-Paradigma


Was sich im Prozeß des werdenden Übermenschen mit jedem Schritt wiederholt, ist der
Kampf der Kräfte um die Vorherrschaft, der unbedingt unentschieden bleiben muß, soll
die fruchtbare Spannung22 zwischen Leib und Seele in einem Gleichgewicht der Kräfte
aufrechterhalten werden. Wenn Zarathustra den Übermenschen als den Sinn der Erde
deklariert, so kann die mit dem Sinnbegriff vermittelte Vorstellung von umfassender
Ganzheit durch die Kreisfigur verbildlicht werden, in welche die ins Unendliche hin
offene Struktur des Koordinatensystems integriert wird. Dazu muß man sich nur daran
erinnern, daß das Spannungsfeld der Kräfte ja nicht ein objektiv vorgegebenes ist, in
das der Mensch nachträglich hineingestellt wird, vergleichbar einem Stück Eisen, das
zwischen zwei Magneten gerät. Ganz im Gegenteil organisiert sich der Mensch selber
als seelisch-leibliches Kraftfeld, und je größer die Spannung, die er zwischen den beiden
Polen zu erzeugen vermag, desto größer die Selbstüberwindung und Selbstverwindung
ins Übermenschliche. „Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommne
und rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde“ (38).23

21 „Der ‚Übermensch‘ ist keine Chiffre für eine ‚Art‘; er ist ein Gleichnis vielmehr für Möglichkeiten des
Menschseins, und diese werden, wenn überhaupt, von Einzelnen verwirklicht“ (Ottmann 1987, 268).
22 „[D]ie höchste Spannung der Vielheit von Gegensätzen zur Einheit zu bringen – Ziel“ (N 1883, 17/27;
10, 547). Müller-Lauter unterscheidet zwischen zwei Typen des Übermenschen, die er für unvereinbar hält:
dem gewalttätigen und dem synthetisierenden Übermenschen (Müller-Lauter 1971, 135 ff.). Mir scheint, daß
diese beiden unterschiedenen Typen letztlich zwei gegensätzliche Aspekte des utopischen Konstrukts namens
Übermensch sind, insofern das Moment des Gewalttätigen auf die Anstrengung des Auseinanderhaltens der
Gegensätze verweist, das ja mit einem Zerreißen der Identität verbunden ist, während sich das Moment der
Synthesis auf den einheitsstiftenden Aspekt der Selbstüberwindung bezieht.
23 Der Übermensch ist der rechtwinklige Mensch, der vertikales und horizontales über in seinem Leib vereint:
„Als ich den Übermenschen geschaffen hatte, ordnete ich um ihn den großen Schleier des Werdens und ließ die
Sonne über ihm stehen im Mittage“ (N 1883, 12/17; 10, 403). Der rechtwinklige wird auch als der wohlgeratene
Mensch bezeichnet, der nicht stillsteht, sondern sich bewegt und fortentwickelt: „Der wohlgerathene Mensch
freut sich an der Thatsache ‚Mensch‘ und am Wege des Menschen: aber – er geht weiter!“ (N 1885, 34/133; 11,
465)

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 A P

Der Übermensch hat somit nur in einem zum vertikalen und horizontalen über aus-
gespannten Selbstverhältnis als der Sinn der Erde Realität. Er existiert ausschließlich
als jenes kreisförmige Kraftfeld, das der über sich hinaus schaffen wollende Mensch
aus sich heraustreibt, indem er die beiden an sich selber maßlosen Strebekräfte seiner
Natur – man könnte sie mit Schiller als Formtrieb und Stofftrieb bezeichnen24 – so auf-
einanderbezieht, daß sie, jede auf ihre eigentümliche Weise, dazu beitragen, die Selbst-
Projektion ins Übermenschliche in die Tat umzusetzen. Im Selbstwerden gründet sich
durch Zusammenspannung der auseinanderstrebenden, sich verselbständigen wollen-
den Kraftpotentiale ein Selbstverhältnis, das die Struktur immanenter Transzendenz
aufweist und in dieser gegenstrebig verfugten Harmonie jenen Sinn erzeugt, der mit
dem Wort „Übermensch“ gemeint ist. Dieser Sinn bricht nicht aus einer außermensch-
lichen, überirdischen Transzendenz in die Immanenz ein, sondern entsteht durch Aus-
weitung oder Ausdehnung der Immanenz zur Transzendenz – mittels des Willens zur
Macht, der den Menschen aus sich heraustreibt zur Selbstvervollkommnung im Über-
menschlichen.
Damit hat sich das Leib-Seele-Koordinatensystem in die Kreisfigur integriert. Der
Nullpunkt, in dem der geistige und der materielle Pol noch ungeschieden sind, wird
zum Kreismittelpunkt, und die beiden Achsen werden zu Radien. Im Mittelpunkt be-
findet sich der Mensch, der im Vollzug des Über-sich-hinaus-Schaffens vertikales und
horizontales über so entwirft, daß durch eine doppelte Spannung die kreisförmige Ge-
schlossenheit entsteht: die Dimension des Übermenschen. Zum einen ist es die Span-
nung zwischen dem Kreismittelpunkt und dem durch den Überschritt markierten Punkt
am Ende der Resultante und zum anderen die Spannung zwischen den beiden Endpunk-
ten der auseinanderstrebenden Achsen, wodurch es zur Vorstellung einer kreisförmigen
Bewegung kommt, denn der Idealfall einer geglückten, ihren Sinn erfüllenden Selbst-
überwindung liegt dann vor, wenn die vom Menschen aufgewandte Kraft einerseits
und die zwischen Leib- und Seele-Achse erzeugte Gegenkraft andererseits einander
die Waage halten, was geometrisch ausgedrückt daran kenntlich ist, daß beide Kräfte
sich in demselben Punkt treffen, und zwar in jenem Punkt, der das Ende der Resultante
ausmacht und von den Enden der beiden Achsen gleich weit entfernt ist.
Denkt man dieses Modell nicht statisch, sondern dynamisch von der Kraft der Resul-
tante her, die die beiden Achsenkräfte rechtwinklig auseinandertreibt und in gleichem
Maß aufeinander bezieht, so ergibt sich von selbst die Form eines Kreisviertels, des-
sen Peripherie durch die das Gleichgewicht der Kräfte signalisierenden idealen Punkte

24 Passenderweise wäre dann das diese beiden Triebe zusammenspannende, den Übermenschen hervor-
bringende Selbstverhältnis als „Spieltrieb“ zu charakterisieren. Zarathustra hat ja in der Rede Von den drei
Verwandlungen die Metapher des Kindes verwendet, um den Akt der Selbsthervorbringung des Übermenschen
zu beschreiben: „Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens“ (31).

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gebildet wird.25 Das Kreisviertel läßt sich mühelos zum Kreis vervollständigen, wenn
die horizontale Leib-Achse nach links, in die Vergangenheit, und die vertikale Seele-
Achse nach unten, über den Nullpunkt hinaus in die „Tiefe“ hinausgezogen wird.26 Die
Peripherie des so entstandenen Kreises kann unendlich ausgedehnt werden, je nach-
dem in welchem Ausmaß es einem Menschen gelingt, in vertikaler und horizontaler
Richtung über sich hinaus zu gelangen und damit die Immanenz seines Seins in bei-
den Hinsichten zu erweitern.27 Wer gleichsam nur im Punkt bleibt, ohne diesen durch
Selbsttranszendenz zum Kreis auszudehnen, verfehlt sich in der puren Immanenz in sei-
nem Menschsein ebenso wie derjenige, der nur eine unbegrenzte lineare Transzendenz
– sei es vertikal ins Abstrakt-Geistige, sei es horizontal ins Materialistische – gelten läßt.
Der Übermensch realisiert sich nur in jenem Raum, der durch das Gleichgewicht der
Kräfte je und je eröffnet wird, als Sinn der Erde – als ein Sinn, der in sich geschlossen
ist und dennoch ins Unendliche gesteigert werden kann.28
Auf der Folie dieses Modells will ich im folgenden zur Ergänzung und Korrektur
von Standardinterpretationen einige ausgewählte Textstellen zum Übermenschen im
Zarathustra, in Ecce homo und im Nachlaß heranziehen, um dann abschließend noch
einmal auf die Wiederkunftslehre zurückzukommen.

25

An diesem Modell läßt sich noch einmal die Fehlform des Christentums aus der Sicht Zarathustras verdeutli-
chen: Zwar kann auch das Kreuz als Koordinatensystem aufgefaßt werden, aber da sein Zentrum zu hoch liegt,
um den Mittelpunkt eines Kreises bilden zu können, wird der Sinn des Menschlichen dualistisch gespalten.
Das tote Fleisch des gestorbenen Christus zieht nach unten, während der Mast des Kreuzes nach oben in die
vertikale Transzendenz weist und damit die Richtung und die Sinnregion angibt, in die der auferstandene Leib
verschwinden wird.
26 „Der Weise als Astronom. – So lange du die Sterne noch fühlst als ein ‚Über-dir‘, fehlt dir noch der Blick
der Erkenntniß: für diese giebt es kein Über und Unter mehr“ (N 1882, 3/1; 10, 83).
27 Freunde „sollten bewundern, wohinaus einer kommt, auf dem Wege seiner Leiden – sie sollten vorwärts
und hinauf blicken lernen und nicht zurück, hinab“ (N 1883, 7/111; 10, 280; Fettdruck A. P.).
28 „Unsere Verachtung des M‹enschen› trieb uns hinter die Sterne. Religion, Metaphysik, als Symptom einer
Begierde, den Übermenschen zu schaffen“ (N 1882/83, 4/214; 10, 171).

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5.5 Selbstüberwindung als Selbstwerden


Es findet sich im Zarathustra eine Reihe von Bildern, die das Kreis-Paradigma im Hin-
blick auf das Übermensch-Werden stützen. „Pfeil der Sehnsucht“ (17): Dieses Bild des
gespannten Bogens und der gestrafften Sehne stellt sich geometrisch ziemlich genau als
das vorhin beschriebene Kreissegment dar, das durch die Leib-Seele-Koordinaten und
die Verbindung ihrer Endpunkte über den Endpunkt der Resultante gebildet wird. Die
Krümmung des Bogens bei rechtwinklig ausgezogener Sehne fungiert dabei gleichsam
als die Vorgabe für den Pfeil, der sich nach Maßgabe des Ersehnten sein Ziel sucht und
im Treffen der Mitte den Übermenschen als das Gleichgewicht von Leib und Seele zur
Erscheinung bringt. Ähnlich verhält es sich mit dem Blitz, der aus der dunklen Wolke
über den Menschen herausschießt: „dieser Blitz aber heisst Übermensch“ (18). Er er-
hellt schlagartig die in ihrer Immanenz verschlossene Nullpunktexistenz der Menschen
und weitet den Blick für eine neue Art von Transzendenz. Zarathustra sieht sich selbst
in der Rolle des Verkünders des Übermenschen: „den Regenbogen will ich ihnen zei-
gen und alle die Treppen des Übermenschen“ (26). Den „Verächtern des Leibes“ hält
er entgegen: „Ihr seid mir keine Brücken zum Übermenschen!“ (41) Regenbogen und
Brücke – halbkreisförmige Gebilde – stehen hier nicht für vorhandene Wege, die man
einfach begehen kann, um den Dualismus von Leib und Seele zu überwinden. Es sind
Wege, die erst geschaffen werden müssen, indem man sich zu sich selbst wie Bogen und
Sehne verhält und aus diesem gespannten Selbstverhältnis heraus zum Pfeil wird, der
den Hiatus überbrückt, indem er ihn hinter sich läßt. „Um die Mitte der Bahn entsteht
der Übermensch“ (N 1883, 17/56; 10, 556).29
Der Übermensch ist höchste Aktivität, kein Seinszustand.30 Wenn Zarathustra kon-
statiert, „Niemals noch gab es einen Übermenschen.“ (119; vgl. N 1883, 13/26; 10, 471),
so bedeutet dies nicht, daß es dereinst einen solchen als Gattungstypus geben wird.
Übermenschen wird es nie als Exemplare einer eigenen Gattung geben, so wie es Pf lan-
zen und Tiere gibt, auch wenn es im Zarathustra heißt: „Aufwärts geht unser Weg, von
der Art hinüber zur Über-Art“ (98).31 Es mag überraschen, daß sich nach Nietzsche

29 Zur Kreismetaphorik vgl. auch: „Des Ringes Durst, sich wieder zu erreichen – ihn dürste ich“ (N 1883, 9/13;
10, 349). „Und ewig gleich des Ringes Durst, ist auch mein Durst nach mir: sich wieder zu erreichen, dreht
und ringt sich jeder Ring“ (N 1883, 13/1; 10, 417). „‚Kreis‘ ist das Zeichen des Ringes, dessen Ringen in sich
selbst zurückläuft und so immer das wiederkehrende Gleiche erringt“ (Heidegger 1954, 103).
30 „Ihr müßt eure Auf- und Untergänge haben. Ihr müßt euer Böses haben und zeitweilig wieder auf euch
nehmen. Ihr ewig Wiederkehrenden, ihr sollt selber aus euch eine Wiederkehr machen“ (N 1882/83, 5/1; 10,
213). „Wir dürfen nicht Einen Zustand wollen, sondern müssen periodische Wesen werden wollen = gleich dem
Dasein“ (N 1882, 1/70; 10, 28). „Ein unendlicher Prozeß kann gar nicht anders gedacht werden als periodisch“
(N 1883, 15/18; 10, 483).
31 „Der Mensch sei der Ansatz zu etwas, das nicht Mensch mehr ist! Arterhaltung wollt ihr? Ich sage: Art-Über-
windung!“ (N 1882/83, 5/1; 10, 202) „Die Lehre der Wiederkehr ist der Wendepunkt der Geschichte“ (N 1883,
16/49; 10, 515).

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unserer These zufolge aus der Spezies Mensch nicht eine neue Spezies Übermensch
herausbilden soll, nachdem im Verlauf der Evolution die jeweils nächsthöhere Stufe
eine neue Spezies darstellte: die Pf lanze als Übermaterie, das Tier als Überpf lanze, der
Mensch als Überaffe. Entsprechend müßte das über in Übermensch als ein vom Men-
schen verschiedener, ihm übergeordneter eigener Typus von Lebewesen verstanden
werden. Daß dies nicht so ist, läßt sich im Hinblick auf den Gang der Evolution begrün-
den, der nach Nietzsche durch das Über-sich-hinaus-Wollen der Wesen angetrieben
wird. Schaut man sich die verschiedenen Stufen an, so zeigt sich, daß im Verlauf des
Prozesses eine fortwährende Auseinandersetzung und Ausdifferenzierung der materiel-
len und geistigen Kraftpotentiale stattfindet. Erst auf der Stufe des Menschen lassen sich
Körper und Seele vollständig voneinander abtrennen, und es bedarf eines menschlichen
Selbstbewußtseins, um den auf den vorhergehenden Stufen naturwüchsig vollzogenen
Willen zur Macht als Prinzip des Seiner-selbst-mächtig-werden-Wollens erkennen und
bejahen zu können. Erst auf der Stufe des Menschen also kommt die Struktur des recht-
winkligen Leibes voll zum Tragen – in einem Wesen, das sich zu sich selbst zu verhalten
vermag. Damit endet die Evolution als lineares Geschehen und mündet in die Selbstbe-
züglichkeit einer großen Vernunft, die die Dynamik des über in sich aufnimmt, indem
sie an die Stelle einer linearen Höherentwicklung eine kreisförmige Bewegung setzt und
durch die Tätigkeit des Über-sich-hinaus-Schaffens das Selbst unendlich auszudehnen
trachtet: Der Übermensch wird so verstanden zu einem radikalisierten Selbstverhält-
nis.32
Wie wir gesehen haben, ist mit Übermensch nicht ein feststehendes Ziel gemeint,
das linear erreicht werden kann, entweder durch einen Aufschwung ins Reich der Ideen
oder durch den Gang in eine ferne Zukunft, ans Ende der Geschichte. Vielmehr ist die
Totalität eines Sinns gemeint, der sich nur je jetzt im individuellen Vollzug einer im-
manenten Selbsttranszendenz, momentweise, nicht auf Dauer, herstellt. Entsprechend
gesteht Nietzsche: „Ziel: auf einen Augenblick den Übermenschen zu erreichen. Dafür
leide ich alles!“ (N 1882/83, 4/198; 10, 167)
Dennoch spricht nichts dagegen, daß es mehrere Individuen geben könnte, die es
durch eigene Kraftanstrengung zu einer über-menschlichen Lebensform bringen.33 In

32 Vgl. auch Gerhardt (1992, 178): „Durch den naturgeschichtlichen Vergleich darf man sich freilich nicht täu-
schen lassen: Zarathustras Vision ist keine biologistische Utopie; es wird kein Modell für eine künftige Evolution
des Menschen entworfen. Die Projektion des Übermenschen erfolgt vielmehr aus einer kulturgeschichtlichen
Diagnose und die wiederum vornehmlich aus der Sorge um das Schicksal des Menschen. Daß dabei auch das
mögliche Ende des Menschen in Rechnung gezogen wird, ist nicht mehr als realistisch. Wenn kein Gott das
Dasein des Menschen garantiert, kann es jederzeit damit zu Ende sein. Daran erinnert der Begriff des Über-
menschen in durchaus ernüchternder Weise.“
33 Vgl. hierzu N 1887/88, 11/413; 13, 191: „Der Übermensch: es ist nicht meine Frage, was den Menschen
ablöst: sondern welche Art Mensch als höherwerthige gewählt, gewollt, gezüchtet werden soll … Die Mensch-
heit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren; oder Stärkeren; oder Höheren dar; in dem Sinne, in dem es
heute geglaubt wird: der Europäer des 19. Jahrhunderts ist, in seinem Werthe, bei weitem unter dem Europäer

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 A P

diesem Sinn wäre dann Nietzsches Notiz zu verstehen: „Es muß viele Übermenschen
geben: alle Güte entwickelt sich nur unter seines Gleichen“ (N 1885, 35/72; 11, 541).
Einer allein vermag nicht auf die rechte Weise über sich hinaus zu schaffen. Er braucht
Vorbilder und das Beispiel anderer: „in deinem Freunde sollst du den Übermenschen als
deine Ursache lieben“ (78).34 Auch wenn jeder nur für sich selbst den Übermenschen als
den Sinn seines Lebens hervorbringen kann, bedarf es dazu doch der Anleitung und Un-
terstützung durch eine Lehre, wie Zarathustra sie seinen Schülern zu vermitteln sucht.
Aber auch für Zarathustra gilt, daß er nicht Übermensch ist. Zwar sagt Nietzsche in Ecce
homo in bezug auf Zarathustras zartfühlenden Umgang selbst mit seinen Feinden, den
Priestern: „Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff ‚Über-
mensch‘ ward hier höchste Realität“ (EH, Zarathustra 6; 6, 344), doch belegt dies nur,
daß es einem Menschen immer nur momentweise, aber nicht auf Dauer gelingt, sich
zum Übermenschen auszuspannen. Übermensch ist keine Seinsart, sondern die Qualität
eines unaufhebbar prozessualen Selbstwerdens. Die dabei vollzogene Bewegung charak-
terisiert Nietzsche gegenüber der alles nivellierenden Tätigkeit der Menschen, die sich
in der Nullpunktexistenz eingerichtet haben, als die „andere Bewegung: meine Bewe-
gung: [sie] ist umgekehrt die Verschärfung aller Gegensätze und Klüfte, Beseitigung der
Gleichheit, das Schaffen Über-Mächtiger. Jene erzeugt den letzten Menschen. Meine
Bewegung den Übermenschen“ (N  1883, 7/21; 10, 244).

5.6 Die Verbindung des Konzepts der ewigen Wiederkehr


des Gleichen mit der Idee des Übermenschen
als dem Inbegriff von Sinnhaftigkeit
Doch so wie Mittelpunkt und Peripherie des Kreises einander bedingen, so ist auch
der Übermensch nicht losgelöst vom Menschen existent. Der Mensch geht nicht ein
für allemal unter, sobald ein Individuum im Überschritt über sich hinaus Kreise um
sich zieht und darin den Sinn seines Lebens tätigt. Der Übermensch bleibt unaufheb-

der Renaissance; Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgend welcher Nothwendigkeit Erhöhung,
Steigerung, Verstärkung … in einem andrem Sinne giebt es ein fortwährendes Gelingen einzelner Fälle an den
verschiedensten Stellen der Erde und aus den verschiedensten Culturen heraus, in denen in der That sich ein
höherer Typus darstellt: etwas, das im Verhältniß zur Gesammt-Menschheit eine Art ‚Übermensch‘ ist. Solche
Glücksfälle des großen Gelingens waren immer möglich und werden viell‹eicht› immer möglich sein.“
34 „Der Freund als Dämon und Engel. Sie haben für einander das Schloß zur Kette. In ihrer Nähe fällt eine
Kette ab. Sie erheben sich einander. Und als ein Ich von Zweien nähern sie sich dem Übermenschen und jauch-
zen über den Besitz des Freundes, weil er ihnen den zweiten Flügel giebt, ohne den der eine nichts nützt“
(N 1882/83, 4/211; 10, 170 f.).

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bar der Sinn des Menschen35 – dies kann ein Anlaß zur Verzweif lung, aber auch Inbegriff
menschlichen Glücks sein. Nietzsche hat den Wiederkunftsgedanken vor der Lehre vom
Übermenschen gefaßt und letztere vor allem deshalb entwickelt, um erstere erträglich
zu machen.36 Die „größte Erhöhung des Kraft-Bewußtseins des Menschen als dessen, der
den Übermenschen schafft“, ist nötig, „um den Gedanken der Wiederkunft zu ertra-
gen“ (N  1884, 26/283; 11, 224 f.).37 Was macht diesen Gedanken so unerträglich, daß
Zarathustra darüber schier verzweifelte? Es ist die Vorstellung absoluter Sinnlosigkeit,
die durch den Tod Gottes heraufbeschworen wird. Wenn Gott als Sinnurheber und
Sinngarant negiert wird, fällt die ganze Last der Sinnstiftung auf den Menschen zurück,
der sich außerstande sieht, etwas hervorzubringen, das Ewigkeitsqualität besitzt, in ver-
tikaler Transzendenz untangierbar durch die naturalen Prozesse des Entstehens und
Vergehens in zeitloser Präsenz sich durchhält. Der Mensch, eingebunden in den Kreis-
lauf des Werdens, vermag nichts dem „unsterblichen“ Sinn des Gottes Vergleichbares
zu schaffen, und was immer er an dessen Stelle setzen wird, ist durch Raum und Zeit
begrenzt, eingeschlossen in die Dimension des vertikalen und des horizontalen über, die
nicht an sich je schon präsent ist, sondern in der Selbstbezüglichkeit des jedesmal wieder
bei Null beginnenden Über-sich-hinaus-Schaffens zur Existenz gebracht wird.
Wie prekär die Situation des Menschen nach dem Tode Gottes ist, verdeutlicht Apho-
rismus 125 aus Die fröhliche Wissenschaft. „Der tolle Mensch“ ist es, der dort in erschüt-
ternden Fragen die Konsequenz aufzeigt, die der Tod Gottes für uns als seine Mörder
nach sich zieht. „Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?“ (FW  125; 3, 481) In ei-
ner Vorstufe zu diesem Text hieß es noch ergänzend: „Ohne diese Linie – was wird nun
noch unsere Baukunst sein! Werden unsere Häuser noch fürderhin fest stehn? Stehen

35 „Mit diesem Namen [Übermensch] bezeichnet Nietzsche keineswegs ein Wesen, das nicht mehr Mensch
ist. Das ‚Über‘ als ‚Über-hinaus‘ ist auf einen ganz bestimmten Menschen bezogen, der in seiner Bestimmtheit
erst sichtbar ist, wenn über ihn zu einem gewandelten Menschen hinausgegangen wird“ (Heidegger 1961, 284).
36 Marie-Luise Haase hat dies ausführlich belegt und nachgewiesen, daß beide Thesen immer näher anein-
anderrücken (Haase 1984). Für Nietzsche gehörten somit beide Lehren zusammen, und die Frage nach der
Vereinbarkeit beider stellt sich für ihn gar nicht. Anders als für Löwith, der zwischen beiden Lehren einen
fundamentalen Widerspruch sieht (Löwith 1956, 13 f.), gehören für Müller-Lauter „Übermenschentum und
Wollen der ewigen Wiederkehr als das Äußerste, in dem sich Nietzsches Philosophieren ausspricht, zusam-
men“ (Müller-Lauter 1971, 143). Vgl. auch Heidegger (1954, 118 und 120): „Zarathustra lehrt als Lehrer der
ewigen Wiederkehr und des Übermenschen nicht zweierlei. Was er lehrt, gehört in sich zusammen, weil eines
das andere in die Entsprechung fordert. […] Zarathustra lehrt die ewige Wiederkehr des Gleichen, weil er der
Lehrer des Übermenschen ist. Beide Lehren gehören in einem Kreis zusammen.“
37 „Erst die Gesetzgebung. Nach der Aussicht auf den Übermenschen auf schauerliche Weise die Lehre der Wie-
derkunft: jetzt erträglich!“ (N  1883, 15/10; 10, 482) Zarathustra „vergißt sich und lehrt aus dem Übermenschen
heraus die Wiederkehr: der Übermensch hält sie aus und züchtigt damit. Bei der Rückkehr aus der Vision stirbt
er daran“ (N  1883, 10/47; 10, 378). Mit Züchtigung und Züchtung im Sinne des Sich-hinauf und -fort-Pf lan-
zens meint Nietzsche weniger einen biologischen Prozeß als eine Form der Selbsterziehung (vgl. Ottmann
1987, 246).

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wir selber noch fest? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts,
nach allen Seiten! – Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Ist es nicht kälter gewor-
den? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“ (Kommentar zu FW ; 14,
257) Ohne feststehende vertikale Transzendenz verliert der Mensch jeglichen Halt. Er
hat mit der Negation Gottes das Oben – die Sonne – ausgelöscht und damit zugleich
das Unten vernichtet, da die Trennlinie zwischen Oben und Unten – der Horizont –
verschwunden ist. Von nun an fehlt das Fundament, auf dem der Mensch seine Sinnge-
bilde errichten kann, denn mangels einer unverrückbaren ideellen Richtschnur jenseits
des Universums ist er orientierungslos geworden: Er hat kein Ziel und keinen Weg
mehr, und selbst wenn es solche noch geben sollte, könnte er sie nicht sehen, weil er die
Bedingung seines Sehenkönnens ausgeschaltet hat. Wer die Welt nicht mehr im Lichte
des Göttlichen erblickt, ist sinnblind geworden und stolpert, dem Zufall ausgeliefert,
im Chaos des Richtungslosen herum.
Was am Wiederkunftsgedanken so entsetzlich ist, daß er nicht auszuhalten ist ohne
die Vision des Übermenschen, läßt sich vielleicht am Text eines Autors veranschauli-
chen, der Nietzsche, wenn auch aus kritischer Distanz, stets bewundert hat: Ich meine
Albert Camus. Seine grandiose Interpretation des Mythos von Sisyphos auf der Folie
der absurden Befindlichkeit des modernen Menschen scheint mir eine Möglichkeit zu
sein, wie sich Nietzsches Konzept der ewigen Wiederkehr des Gleichen mit der Idee
des Übermenschen als Inbegriff von Sinnhaftigkeit verbinden läßt. Das Problem des
Sisyphos besteht ja darin, daß sein Wälzen des Felsblocks auf einen Berg, von dessen
Gipfel der unter äußersten Mühen hochgestemmte Brocken immer wieder herabrollt,
eine absolut sinnlose Tätigkeit ist. Obwohl Sisyphos eine in sich geschlossene, gleichsam
kreisförmige Bewegung vollzieht, indem er den Berg unablässig hinauf- und wieder her-
absteigt, gelingt es ihm nicht, darin einen Sinn einzuschließen, und zwar so lange nicht,
als seine Vorstellung von Sinn mit dem Liegenbleiben des Steins oben auf dem Gipfel
verknüpft ist. Solange er den Sinn statisch auffaßt als ein feststehendes Ziel am Ende
eines linear dorthin führenden Weges, muß Sisyphos verzweifeln, da seine Hoffnung
jedesmal, wenn er auf dem Gipfel angelangt ist, wieder zunichte gemacht wird und ihm
nichts anderes übrig bleibt, als trostlos, ohne Sinn wieder ins Tal zurückzukehren. In
alle Ewigkeit wird er, dem als Halbgott nicht einmal wie den Sterblichen das Ende der
nutzlosen Plackerei durch den Tod in Aussicht gestellt ist, die Wiederkehr des Sinnlosen
erleben. „Wenn die Bilder der Erde zu sehr im Gedächtnis haften, wenn das Glück zu
dringend mahnt, dann steht im Herzen des Menschen die Trauer auf: das ist der Sieg des
Steins, ist der Stein selber. Die gewaltige Not wird schier unerträglich. Unsere Nächte
von Gethsemane sind das“ (Camus 1992, 100).
Aber Camus läßt seine Version des Mythos von Sisyphos mit dem Satz enden: „Wir
müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen“ (ebd., 101). Woher kommt
dieses Glück, das doch Indiz für eine geglückte Sinnstiftung ist? Von Nietzsche her
könnte man sagen, daß Sisyphos die Idee des Übermenschen entdeckt und den Über-

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menschen als Sinn seines Lebens verwirklicht hat. Der erste Schritt dorthin besteht
darin, daß er die Götter, die dieses unmenschliche Schicksal über ihn verhängt hatten,
abschafft: „[Er] vertreibt aus dieser Welt einen Gott, der mit dem Unbehagen und mit
der Vorliebe für nutzlose Schmerzen in sie eingedrungen war[, und] macht aus dem
Schicksal eine menschliche Angelegenheit, die unter Menschen geregelt werden muß.
Darin besteht die ganze verschwiegene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm.
Sein Fels ist seine Sache“ (ebd., 100).
Auch Sisyphos sagt also: Gott ist tot. Und damit verändert sich die ganze Perspek-
tive, aus welcher er seine Tätigkeit beurteilt. War es zuvor die Perspektive eines allen
Sinn generierenden, transzendenten Gottes, aus der ihm seine Praxis als durch und
durch minderwertig erschien, da sie sich ihm als eine sinnlose Iteration erfolgloser
Überwindungen des Steins darstellte, so betrachtet er nach der Verbannung der Götter
aus seinem Universum sein Wirken mit neuen Augen. An die Stelle eines ohnmächti-
gen Auslangens nach einem unverfügbaren Sinn tritt nun die eigene Sinngebung, die
aller abgetrennten Transzendenz den Rücken kehrt und sich auf die Immanenz kon-
zentriert. Dieser neue Sinn erschließt sich nur im Gehen des Weges, denn er ist kein
übergeschichtlicher, die Menschheit insgesamt übersteigender Sinn mehr, sondern ein
werdender, prozessualer Sinn, den ein Individuum kraft seines Willens je und je hervor-
bringt. Sisyphos, so sagt Camus, sei „seinem Schicksal überlegen. Er ist stärker als sein
Fels“ (ebd., 99).
Die ewige Wiederkehr des vom Berg herabrollenden Steins ist für ihn zum bejahten,
selbst gewollten Fatum geworden. Dies zeigt sich vor allem darin, daß der Abstieg vom
Berg für ihn eine andere Bedeutung bekommen hat. War dieser für ihn zuvor Ausdruck
höchster Frustration, weil es lediglich galt, einen erneuten Fehlschlag zu konstatieren
und sich einem wiederum vergeblichen neuen Anlauf zuzuwenden, so begreift er jetzt
die Rückkehr zum Stein als die Kehrseite der Dialektik, durch die sich sein Glück voll-
endet. Das Glück des Sisyphos besteht darin, daß er den Stein, anstatt ihn als einen sein
Glück verhindernden Fremdkörper abzulehnen, als seine selbst gewählte Aufgabe über-
nimmt und über den Stein zu einem neuen Selbstverhältnis gelangt. Mittels des Steins
gelingt es ihm, sich als ein seiner selbst mächtiges, seinen eigenen Sinn hervorbringen-
des Wesen wahrzunehmen. Der Stein als solcher ist unüberwindlich, aber das Verhältnis
zu ihm kann sich ändern: Er wird nicht mehr als die menschliche Existenz belastender,
sie unausweichlich determinierender Faktor widerwillig zur Kenntnis genommen, son-
dern als Demonstrationsobjekt für den eigenen Sinnanspruch eingesetzt und damit in
das Leben integriert.
Zwar ist dieser Sinn kein objektiv-inhaltlicher mehr, sondern einer, der am Prozeß des
Selbstwerdens festgemacht werden muß, aber nachdem Sisyphos die seine Qual verur-
sachende lineare Zielvorstellung, die seine Bemühungen als immer wieder gescheiterte
Anläufe zu einer vergeblichen, da leer in sich zurückschlagenden Selbstfindung machte,
überwunden hat, fallen ihm Ziel und Weg zusammen. Es gibt keine Zäsur mehr zwi-

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schen dem Weg hinauf und dem Weg hinab. Für Sisyphos hat sich der Kreis geschlossen,
in welchem sich der Übermensch als der Sinn seines Lebens zeigt. Das Schaffen und
Gehen des Weges ist selbst der Sinn, kein von einer außermenschlichen Instanz mehr
verheißener und verweigerter Sinn, sondern ein nur mit menschlichen Mitteln gestifte-
ter Sinn. Wenn Zarathustra beschwörend an seine „Brüder“ appelliert: „bleibt der Erde
treu“ (15), so hat sich Sisyphos als ein echter Schüler erwiesen, denn Sisyphos „lehrt
uns“ – so Camus – „die größere Treue, die die Götter leugnet und die Steine wälzt. […]
Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar
noch wertlos vor. Jedes Gran dieses Steins, jeder Splitter dieses durchnächtigten Berges
bedeutet allein für ihn eine ganze Welt. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Men-
schenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen“
(Camus 1992, 101).
Auch Nietzsche spricht vom Glück. In einem Nachlaßfragment heißt es: „Darauf
erzählt Zarathustra, aus dem Glück des Übermenschen heraus, das Geheimniß daß Alles
wiederkehrt“ (N  1883, 20/10; 10, 593).38 Was für Zarathustra die These der ewigen
Wiederkehr des Gleichen so schrecklich machte, daß er den Übermenschen erfand, um
sie zu ertragen, ist die Einsicht, daß der Kreislauf des Werdens durch keine menschliche
Anstrengung, sei sie auch noch so groß, jemals zu überwinden ist und zu keinem Zeit-
punkt in einem dauerhaften, vollkommenen Sein zum Stillstand gelangt. Mit Camus
gesprochen: Der Stein wird niemals oben liegenbleiben. Wenn aber die Prozessua-
lität Prinzip alles Lebendigen ist, dann folgt daraus, daß eine Höherentwicklung der
Menschheit insgesamt nicht möglich ist, denn es wird ja alles wiederkehren, auch die
Nullpunktexistenz des letzten Menschen, dem es zu beschwerlich ist, über sich hinaus
zu schaffen. Als ganze betrachtet wird sich die Menschheit nie über das Niveau des Men-
schen erheben;39 es ist im Gegenteil sogar zu befürchten, daß sie nicht einmal die Stufe

38 „[…] diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, […],
wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt“ (N  1885, 38/12; 11, 611; Fettdruck A. P.). Dieses Glück des
Kreises ist jedoch nicht etwas, das angestrebt werden kann: „Machtgefühl. – Glück ist nicht das Ziel: sondern
eine ungeheure Kraft im Menschen und in der Menschheit will sich ausgeben, will schaffen, es ist eine fortwäh-
rende Kette von Explosionen, die keineswegs das Glück zum Ziel haben“ (N  1883, 9/48; 10, 362).
39 Vgl. N  1888, 14/133; 13, 316 f., wo Nietzsche seinen Anti-Darwinismus erläutert: „Meine Gesammtansicht. –
Erster Satz: der Mensch als Gattung ist nicht im Fortschritt. Höhere Typen werden wohl erreicht, aber sie halten
sich nicht. Das Niveau der Gattung wird nicht gehoben. Zweiter Satz: der Mensch als Gattung stellt keinen
Fortschritt im Vergleich zu irgend einem anderen Thier dar. Die gesammte Thier- und Pf lanzenwelt entwickelt
sich nicht vom Niederen zum Höheren … Sondern Alles zugleich, und übereinander und durcheinander und
gegeneinander.“

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vom Tier zum Menschen vollauf bewältigt.40 Aus diesem Grund muß die Vorstellung
einer durch das Wort „Menschheit“ suggerierten Sinnganzheit verworfen werden.41
Bedeutet dies totalen Sinnverzicht? Ein Ja auf diese Frage würde den Nihilismus in
alle Ewigkeit festschreiben und den Menschen in hoffnungslose Verzweif lung stürzen.
Daher erfindet Zarathustra den Übermenschen als den Sinn der Erde. Auch wenn es
der Menschheit als ganzer nicht gelingt, sich selbst zu überwinden, so wird es doch im-
mer einzelne geben, große Individuen, die für sich selbst, gleichsam im kleinen, das ins
Werk setzen, was im großen unerreichbar ist: die Existenzform des Über-sich-hinaus.
Daher notiert Nietzsche in den Nachlaß-Fragmenten zum Willen zur Macht: „Nicht
‚Menschheit‘, sondern Übermensch ist das Ziel!“ (N  1884, 26/232; 11, 210)42 Der alte
metaphysische Anspruch einer alles umfassenden Sinntotalität wird zurückgenommen
in die Immanenz individuellen Selbstwerdens, das sich in sich selbst vertikal und ho-
rizontal übersteigt und dabei das durch den Tod Gottes offenbar gewordene Sinnva-
kuum mit einem neuen Sinn füllt, einem Menschensinn.43 Der Wiederkunftsgedanke
wird dadurch erträglich, daß neben all den verächtlichen Typen verfehlter menschlicher
Existenz auch deren schätzenswerteste sich wiederholen wird: „‚Nicht nur der Mensch
auch der Übermensch kehrt ewig wieder!‘“ (N  1884, 27/23; 11, 281) Das Glück des Men-
schen, dem es geglückt ist, seinem Leben einen unüberbietbaren Sinn zu geben, läßt
ihn ausrufen: „‚War das das Leben? Wohlan! Noch Ein Mal!‘“ (199) Damit wird die
metaphysische Vorstellung einer unteilbaren Sinnqualität in ein naturhaft-geschichtli-
ches Werdensmodell übersetzt und quantifiziert44 .
Auch Nietzsche hat – wie sechzig Jahre später Camus – seinem Prototyp für gelebte
Übermenschlichkeit bekanntlich den Namen eines Gottes aus der griechischen Mytho-
logie gegeben: Dionysos. Das vierte Buch seines geplanten Werks Umwertung aller Werte
sollte den Titel tragen: Dionysos. Philosophie der ewigen Wiederkunft. Und in Ecce homo
bemerkt er hinsichtlich des Zarathustra: „Mein Begriff ‚dionysisch‘ wurde hier höchste

40 „Die Gefahr zur Thierheit ist da. Wir schaffen allen Gestorbenen nachträglich Recht und geben ihrem
Leben einen Sinn, wenn wir den Übermenschen aus diesem Stoffe formen und der ganzen Vergangenheit ein
Ziel geben“ (N  1882/83, 4/84; 10, 138). „Aber sicher ist, daß wenn Glücklicher- und Leidloser-werden das Ziel
wäre, das wir uns zu stecken hätten: die langsame Verthierung rationell wäre“ (N  1883, 7/73; 10, 267).
41 „Der furchtbarste Gedanke einer ewigen Wiederkehr der Vergeudung. Die vergeudete Menschheit (und
alles Ringen und Grosse ein ewig zielloses Spiel)“ (N  1883, 20/2; 10, 588). „Die Gefahr der Gefahren: Alles hat
keinen Sinn“ (N  1885/86, 2/100; 12, 110).
42 „Maaß und Mitte zu finden im Streben über die Menschheit hinaus: es muß die höchste und kraftvollste
Art des Menschen gefunden werden!“ (N  1883, 16/73; 10, 524)
43 „Das ist der Mensch: eine neue Kraft, eine erste Bewegung: ein aus sich rollendes Rad; wäre er stark genug,
er würde die Sterne um sich herumrollen machen“ (N  1882/83, 5/1; 10, 207).
44 Dieses quantifizierende Moment kommt auch darin zum Ausdruck, daß es nicht mehr das traditionelle Ein-
heitsprinzip ist, das den Sinn des Menschlichen verbürgen soll. An die Stelle der Gleichheit aller soll gerade im
Gegenteil die Ungleichheit treten: „Immer ungleicher sollen sich die Menschen werden – um des Übermen-
schen willen! – also will es meine Liebe selber!“ (N  1883, 12/43; 10, 410)

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 A P

That“ (EH, Zarathustra 6; 6, 343).45 Er charakterisiert dort auch das Entscheidende ei-
ner dionysischen Philosophie als die „Bejahung des Vergehens und Vernichtens, […] das
Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Werden, mit radikaler Ablehnung auch selbst des
Begriffs ‚Sein‘“ (EH, Tragödie 3; 6, 313). Dionysos Zagreus, von den Titanen zerrissener
Sohn des Zeus und der Persephone, der sich wiedergebärt und seine wilden Feste feiert
– er verkörpert exemplarisch den die Gegensätze seiner Natur überwindenden und zu-
gleich aushaltenden Menschentypus und damit jenen werdenden Gott, der die Grenzen
seines Seins nicht zu überspringen, sondern ins Unendliche hinauszuschieben trachtet.
Zarathustra, Dionysos, Sisyphos – sie alle sind fündig geworden bei ihrer Suche nach
Sinn, nicht außerhalb der Dimension des Menschlichen, auch nicht in der Utopie ei-
ner von allen Zwängen befreiten Weltgesellschaft am Ende der Geschichte. Sie haben
den Ursprung alles Sinns im Schaffen, in der Kreativität eines fort und fort sich neu
hervorbringenden Individuums gefunden,46 das jeden Augenblick so gestaltet, daß es
wollen kann, dieser Augenblick möge ewig genauso wiederkehren.47 „Könntet ihr ei-
nen Gott schaffen? – So schweigt mir doch von allen Göttern! Wohl aber könntet ihr
den Übermenschen schaffen“ (109). Also sprach Zarathustra.48

Literatur
Camus, Albert 1992: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde, Reinbek.
Gasser, Peter 1992: Rhetorische Philosophie. Leseversuche zum metaphorischen Diskurs in Nietzsches „Also
sprach Zarathustra“, Bern u. a.
Gerhardt, Volker 1992, 3 1999: Friedrich Nietzsche, München.
Haase, Marie-Luise 1984: Der Übermensch in „Also sprach Zarathustra“ und im Zarathustra-Nachlaß
1882 – 1885, in: Nietzsche-Studien 13, 228 – 244.
Heidegger, Martin 1950: Nietzsches Wort „Gott ist tot“, in: ders., Holzwege, Frankfurt/M., 193 – 247.
Heidegger, Martin 1954: Wer ist Nietzsches Zarathustra?, in: ders., Vorträge und Aufsätze, Pfullingen,
101 – 126.
Heidegger, Martin 1961, 3 1976: Nietzsche, 2 Bde., hier: Bd. I, Pfullingen.
Klages, Ludwig 1926: Die psychologischen Errungenschaften Nietzsches, Leipzig.
Löwith, Karl 1956: Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen (1935), 2., umgearb. u. erg.
Auf l., Stuttgart.

45 „Die übermenschliche Auffassung der Welt. Dionysos“ (N  1885, 35/73; 11, 541). „Man muß das Sein leug-
nen“ (N  1884, 25/513; 11, 147). „Daß Alles wiederkehrt, ist die extremste Annäherung einer Welt des Werdens an
die des Seins: Gipfel der Betrachtung“ (N  1886/87, 7/54; 12, 312).
46 „Das einzige Glück liegt im Schaffen: ihr Alle sollt mitschaffen und in jeder Handlung noch dies Glück haben!“
(N  1882/83, 4/76; 10, 135) „Der Trieb zur Zeugung, zum Zwecke, zur Zukunft, zum Höheren – das ist die
Freiheit in allem Wollen. Nur im Schaffen giebt es Freiheit“ (N  1883, 12/19; 10, 403).
47 „Fürchtet euch nicht vor dem Fluß der Dinge: dieser Fluß kehrt in sich selber zurück: er f lieht sich sel-
ber nicht nur zweimal. Alles ‚es war‘ wird wieder ein ‚es ist‘. Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den
Schwanz“ (N  1882/83, 4/85; 10, 139).
48 Für ergänzende Überlegungen siehe Pieper 1990, 1984 und 1991.

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Müller-Lauter, Wolfgang 1971: Nietzsche. Seine Philosophie der Gegensätze und die Gegensätze seiner
Philosophie, Berlin/New York.
Ottmann, Henning 1987, 2 1999: Philosophie und Politik bei Nietzsche, Berlin/New York.
Pieper, Annemarie 1984: Albert Camus, München.
Pieper, Annemarie 1990: „Ein Seil geknüpft zwischen Tier und Übermensch“. Philosophische Erläuterungen
zu Nietzsches erstem „Zarathustra“, Stuttgart.
Pieper, Annemarie 1991: Nihilismus und Revolte. Camus’ Nietzschekritik, in: Zeitschrift für philosophische
Forschung 45, 171 – 185.
Vattimo, Gianni 1986: Jenseits vom Subjekt. Nietzsche, Heidegger und die Hermeneutik, Graz/Wien.

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